The Project Gutenberg EBook of Schwedenklees Erlebnis, by Bernhard Kellermann

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Title: Schwedenklees Erlebnis

Author: Bernhard Kellermann

Release Date: April 8, 2019 [EBook #59222]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHWEDENKLEES ERLEBNIS ***




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                         Schwedenklees Erlebnis


                                  von
                          Bernhard Kellermann


                                  1923
                      S. Fischer / Verlag / Berlin


                        Erste bis zehnte Auflage
       Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der bersetzung
           Copyright 1923 by S. Fischer, Verlag A.-G., Berlin




                         Schwedenklees Erlebnis




                                   1


Es gibt Menschen, die vom Glck geradezu verfolgt werden. Sie wachsen in
angenehmen Verhltnissen auf, behtet von Eltern und Verwandten, ihre
Gesundheit ist vorzglich, sie sind begabt genug, um ohne besondere
Anstrengungen und Qualen ihre Erziehung zu beenden. Sie haben gerade
soviel Leidenschaftlichkeit, als dazu gehrt, das Leben zu genieen,
allen wirklichen Konflikten aber weichen sie instinktiv aus -- oder
weichen die Konflikte vor ihnen zurck? Was immer sie anpacken, gelingt,
sie kommen nach Monte Carlo und setzen auf eine ganz unmgliche Nummer,
schon schiebt ihnen der Croupier zur Verblffung der ergrauten
Serienspieler einen Haufen Banknoten zu. Aber sie, diese vom Schicksal
Verwhnten, finden das vollkommen in Ordnung, so sehr sind sie an die
Ovationen des Glcks gewhnt. Es kann vorkommen, da solch ein
Umschmeichelter einmal aufs Trockene gert, schon wird ihm der Atem
etwas kurz -- aber da stirbt im rechten Augenblick irgendein Verwandter,
den man vllig vergessen hatte ...

Wie fangen diese Auserwhlten es an, da das Glck ihnen wie ihr
Schatten folgt? Tragen sie einen Talisman auf der Brust? Vielleicht die
Konstellation der Gestirne --?

Wie kommt es, das ist die Antwort, da ein Vogel als Papagei am
Amazonenstrom zur Welt kommt, dem Paradies der Vgel, in einer Luft,
schwirrend von Insekten, warm selbst in den kalten Jahreszeiten -- und
ein anderer Vogel wird als Sperling in einer Dachrinne Berlins oder
Londons geboren, wo jeder Tag ein Problem ist und jeder Winter ein Kampf
auf Leben und Tod?

                   *       *       *       *       *

Zu jener Klasse von Umschmeichelten gehrte ohne Zweifel der Architekt
Philipp Schwedenklee. Schwedenklee war wohlhabend, ohne gerade ein
Rothschild zu sein. Er konnte es sich jedenfalls, zum Beispiel, leisten,
einer jungen Dame ein Paar der elegantesten Lackschuhe zu schenken, nur
dafr, da sie einen Abend mit ihm bei einer Flasche Wein verplauderte.
Er besa ein schnes Wohnhaus im alten Westen von Berlin, daneben einige
groe Baupltze am Kurfrstendamm, auf denen seit Jahren Scharen von
Mbelwagen standen. Diese Baupltze verzinsten sich mit nur drei
Prozent, aber ihr Wert hatte sich im Laufe der Jahre verdreiigfacht.
Daneben besa er ein Landgut in Mecklenburg -- aber Schwedenklee
kmmerte sich wenig um seine Reichtmer. Sie schimmerten beruhigend im
Hintergrund seines Bewutseins, genug.

Schwedenklee hatte sein Vermgen von seinem Vater geerbt. Der alte
Schwedenklee hatte schon mit fnfzehn Jahren im Schweie seines
Angesichts die Maurerkelle geschwungen, zehn Stunden tglich. Mit
fnfunddreiig heiratete er eine reiche Gastwirtstochter und wurde
Bauunternehmer, und im Alter von fnfundvierzig hatte er bereits einen
ganzen Straenzug einer Provinzstadt in der Mark aufgebaut. Mit fnfzig
kam er nach Berlin, und damals erwarb er das schne Wohnhaus im alten
Westen, etwas spter, spottbillig, die Baupltze, deren Wert sich
seitdem verdreiigfacht hatte.

Die Begabung des alten Schwedenklee, aus Mauerflchen, Fenstern und
Tren ein Haus zusammenzustellen -- so sahen seine Bauten aus --, war
verfeinert in das Blut des Sohnes bergegangen. Philipp Schwedenklee
wurde Architekt. Er war ber den Durchschnitt begabt, in der Sauberkeit
und Reinheit seiner Zeichnungen bertraf er alle seine Kameraden. Er
hatte auch kaum seine Studien beendet, als er sich schon auszeichnete.

Eines Tages nmlich verffentlichte die kleine Stadt in der Mark, die
der alte Schwedenklee zum Teil aufgebaut hatte, ein Preisausschreiben:
Eine alte Apotheke sollte in ein kleines Provinzmuseum umgebaut werden.
Der alte Schwedenklee machte seinen Sohn auf den Wettbewerb aufmerksam.
Und siehe da, schon hatte Philipp Schwedenklee -- unter vierzig
Bewerbern! -- das Preisausschreiben gewonnen. Nun aber zgerte der alte
Schwedenklee nicht lnger. Er bertrug seinem Sohn die Aufgabe, ihm die
Plne fr eine Villa in Schmargendorf, wo er seine Tage zu beschlieen
gedachte, zu entwerfen. Die Villa war im Rohbau kaum fertig, als ein
Nachbar, ein Ofenfabrikant, den jungen Schwedenklee ebenfalls mit dem
Entwurf einer Villa beauftragte. Dann kam ein Gastwirt, bei dem der alte
Schwedenklee zweimal in der Woche Kegel spielte. Dieser Gastwirt wollte
sich vergrern und wnschte die Entwrfe zu einem Tanzlokal, in einem
ganz besonderen, heiteren Stil, mit chinesischen Anklngen. Philipp
Schwedenklee aber lehnte diesen Auftrag ohne Umstnde ab! Er wollte sich
nicht verzetteln, denn, bei Gott, er hatte hhere Plne, als Tanzlokale
mit chinesischen Anklngen zu entwerfen. Der alte Schwedenklee stimmte
ihm bei. Philipp reiste zur weiteren Ausbildung nach Italien, und von
Italien nach Paris. Einige Jahre blieb er im Ausland. Er gab viel Geld
aus, man hrte wenig von ihm. Einmal wurde erzhlt, da er in Paris wie
ein wahrer Zigeuner lebe, da er in sozialistischen, ja sogar
anarchistischen Kreisen verkehre. Aber das war offenbar eine
Verleumdung, denn er kehrte aus Paris sehr elegant und als
ausgezeichneter Billardspieler zurck.

Philipp Schwedenklee nahm sofort fieberhaft den Umbau der
Parterrewohnung in dem alten Haus im Westen in Angriff. Wnde, Tren und
Fenster ri er heraus, zuletzt stand nichts mehr auf dem alten Fleck.
Ja, er wollte Berlin, dieser Kapitale des Kitsches, zeigen, was
Architektur war! Umbau und Einrichtung dauerten ber zwei Jahre: nun
aber war jeder Raum, jedes Mbelstck genau nach seinem Geschmack!
Fhrende Zeitschriften verffentlichten Photographien von Schwedenklees
Wohnung. Zusammen mit einem befreundeten Architekten baute er dann ein
Riesenhaus am Kurfrstendamm, ein Palais mit Marmortreppen und
Marmorsulen, das groes Aufsehen erregte. Beinahe wre das Unternehmen
eine finanzielle Katastrophe geworden, aber nur beinahe! Die
Kinematographie war eigens zu dem Zwecke erfunden worden, um
Schwedenklee vor dem Ruin zu bewahren. Sein Palast wurde in ein Kino
umgebaut und er verdiente Unsummen.

Schwedenklee wurde spter in den Zeitungen noch als der Erbauer eines
Elektrizittswerkes voller Achtung genannt, er baute eine Reihe von
Bureauhusern und Villen. Dann hrte man nichts mehr von ihm. Seine
Laufbahn als Architekt, die so verheiungsvoll begonnen, schien zu Ende
zu sein.

Er hatte sich in seine Parterrewohnung zurckgezogen und arbeitete, wie
verlautete, an einem Werke ber Stdtebau. Es hie, da er Berlin von
Grund auf umbauen wolle! Dieses ganze Berlin war vllig falsch angelegt!
Er verschob Straenzge, ganze Stadtviertel. Sollte jemals aus Berlin
etwas werden, so mute man seinen Schwerpunkt an die Flulufe verlegen!
Der Reiz anderer Grostdte -- Paris, London, Neuyork -- bestand darin,
da sie von den Flulufen aus sich entwickelt hatten. Berlin hatte
unglcklicherweise seinen Aufschwung in einer Zeit genommen, da die
Frachten der Bahnen kaum hher waren als jene der wenig entwickelten
Fluschiffahrt. Es hatte sich in die Sandwste des Westens
hinausgeschoben und das landschaftlich schnste Gelnde untergeordneten
Vororten berlassen. Nun er, Schwedenklee, wrde jedenfalls versuchen zu
retten, was zu retten war. Ganz besondere Aufmerksamkeit widmete er dem
Wirrwarr der Berliner Verkehrsverhltnisse. Auch in dieser Hinsicht
wrde er eine Lsung finden.

Jahrelang beschftigten Schwedenklee diese Probleme. Er tat
geheimnisvoll -- eines Tages wrde er Berlin mit seinem Werke
berraschen! Zuweilen schlug er sogar einen etwas berheblichen Ton an.

Der alte Schwedenklee jedenfalls erlebte die Verffentlichung des Werkes
nicht mehr.




                                   2


Schwedenklee pflegte spt aufzustehen, da er hufig, wie er dem Mdchen
sagte, bis zum frhen Morgen arbeitete. Gegen zehn Uhr, wunderbar
ausgeschlafen, ausgehhlt vom Hunger, frhstckte er mit Genu: Kaffee,
Weibrot, Honig, Butter, Schinken, Eier, abwechselnd gekocht und
gebraten. Nach dem Frhstck zog er sich in die geheiligten Rume,
Bibliothek und Arbeitszimmer, zurck, wo ihn niemand stren durfte. Hier
legte er sich noch etwas auf die Ottomane und las ausfhrlich die
Zeitungen -- er war sogar auf die Frankfurter Zeitung abonniert, die
dreimal tglich erscheint. Er arbeitete an seinen Zeichnungen,
telephonierte, sah nach dem Wetter, schrieb einen Brief -- schon war es
zwlf Uhr geworden. Schwedenklee ging spazieren, um das Leben zu
betrachten.

Ohne jeden Tadel, fast etwas auffallend elegant gekleidet, das zart
gepuderte runde Kinn in den Pelzkragen gedrckt, in Schuhen der letzten
Mode, schwang er sich dahin, mit der Miene eines Menschen, der sich
seines Wertes wohl bewut ist. Zuweilen erschien er auch -- ohne jeden
Anla -- im glnzenden Zylinder. Sein rascher, etwas kecker Blick
streift Mdchen und Frauen, whrend ein zufriedenes Lcheln seine vollen
Lippen umspielt. Er beobachtet sich, wie er, etwas voll, durch den
schwarzen Glanz der Spiegelscheiben schreitet -- sein Pelzkragen, seine
koketten Schuhe. Voller Genu zieht er die Luft in die breite Brust.
Eine anziehende junge Dame geht an ihm vorber und Schwedenklee folgt
ihr eine Weile in angemessener Entfernung, voller List, um sich keine
Ble zu geben. Einen Augenblick spter sieht man ihn in einem
Antiquittengeschft, eine kleine blaue Vase in den Hnden.

Um zwei Uhr a er zu Mittag. Er hatte das Glck gehabt, eine
ausgezeichnete Kchin zu finden, ein Wunder von einer Kochknstlerin:
Augusta, die sein Hauswesen fhrte. Sie hatte nur den einen Fehler, da
sie zuweilen Weinkrmpfe bekam, die Kchendnste und das Stehen vor dem
Herde hatten ihre Nerven ruiniert. Und er, Schwedenklee, der nichts so
sehr hate als Trnen! Aber schlielich ging es immer wieder vorber.
Vollkommen war ja nichts auf dieser Welt.

Schwedenklee liebte es, gut zu essen, und er machte gar kein Hehl
daraus. Er hatte einen ausgezeichneten Appetit und einen noch besseren
Magen. Sein Magen -- lieber Himmel, was fr einen Magen hatte
Schwedenklee! Diese Veranlagung verdankte er seiner Mutter, Tochter
eines Provinzwirts. Er konnte essen, so oft und so viel er wollte. Er
konnte, fr gewhnlich war er mig, auch trinken, so viel es sein
mute. Wenn andere schon lallten, begann Schwedenklee erst zu tanzen!
Diese Veranlagung verdankte er dem alten Schwedenklee, der Tag fr Tag
schon von sechs Uhr morgens an mit allen denkbaren Getrnken den Kampf
gegen den Baustaub aufgenommen hatte. Schwedenklee, es mu ausdrcklich
betont werden, stammte nicht von wohlhabenden Eltern ab, die das
Wohlleben schon verweichlicht hat, die ihren Kindern mit ihrem Gelde
degenerierte Organe hinterlassen, o nein, er wuchs mit beiden Fen
direkt aus der Scholle. Seine Gesundheit war ausgezeichnet.

Nach Tisch schlief Schwedenklee bis vier Uhr, dann schlrfte er den Tee,
whrend er sich ber seine Zeichnungen beugte oder die Abendzeitungen
las. Zuweilen spielte er auch in der Dmmerstunde Geige. In den letzten
Jahren allerdings seltener. Schwedenklee war ein ganz ausgezeichneter
Dilettant! Seine Eltern, vernarrt in den Knaben, hatten keine Ausgabe
fr seine Erziehung gescheut. Zwei Jahre lang hatte Schwedenklee jeden
Mittwoch und Sonnabend mit einigen Musikschlern, die er sehr gut
bezahlte, Quartett gespielt. Die Musik erschien ihm damals als das
Herrlichste auf der Welt, herrlicher noch als die Frauen! In dieser Zeit
hatte er sich sogar mit dem Gedanken beschftigt, Geiger zu werden. Er
vernachlssigte seine Projekte vollkommen -- wie nebenschlich
erschienen sie ihm doch! -- und bte tglich mehrere Stunden. Er
trumte, ganz im geheimen, davon, wie er im Konzertsaal erscheinen
wrde, umbrandet vom Beifall. Die Damen steigen auf die Sthle und
schwingen die Taschentcher: Schwedenklee, Schwedenklee! Oft gab er sich
diesen Ausschweifungen hin.

Indessen, die Quartettabende fielen schlielich ganz aus, die Geige
ruhte in ihrem Kasten, nur zuweilen -- wie gesagt -- nahm er sie noch
heraus, nicht ohne Sehnsucht, Inbrunst, Reue ...

Um sieben Uhr ging Schwedenklee wieder etwas an die frische Luft, um
das Leben zu betrachten, um acht Uhr a er zu Abend, mit Genu und
Appetit. Dann wusch er sich, polierte die Ngel und erschien heiter und
strotzend von guter Laune in seinem Stammcaf in der Potsdamer Strae.

In den frheren Jahren noch hatte er hufig Theater und Konzerte
besucht, in der letzten Zeit aber verbrachte er die Abende fast
ausschlielich im Caf.

Acht Jahre verkehrte er in diesem Caf. Nach drei Jahren gab ihm der
Oberkellner den Titel Herr Baurat. Nach fnf Jahren Herr Oberbaurat.
Jedermann nannte ihn so, die Kellner, die Gste. Also selbst seinen
Titel hatte Schwedenklee ohne Mhe erworben! Wie lange Jahre sitzt
mancher Beamte in einer Behrde, bis er einen solch herrlichen Titel wie
Oberbaurat erhlt? Schwedenklee erhielt ihn vom Oberkellner eines
Cafs in der Potsdamer Strae, und er war genau so gut, als ob ihn ein
Ministerium verliehen htte.

Schwedenklee war heute fnfundvierzig Jahre alt. Die Anstrengungen
seines Berufes hatten ihn fast smtliche Haare gekostet -- nur im
Nacken, der sich feist ber den weien Kragen schob, stand noch ein
dnner fahlblonder Saum. Die Pflege, die er geno, hatte ihm eine
gewisse vornehme Wohlbeleibtheit verliehen. Seine Wangen waren rund und
leuchtend rot wie die eines Prlaten. Das Kinn fett und glnzend. Was er
tief beklagte, war, da sich sein Bauch nur noch schlecht in der elegant
geschnittenen Kleidung verbergen lie. Mit bekmmerten Blicken
beobachtete er sich oft im Spiegel.

brigens, sonderbar: Schwedenklees Augen -- einst frmliche Lampen --
schienen von Jahr zu Jahr kleiner zu werden. Wie war es nur mglich?
Seit einiger Zeit sah er auch schlechter. Er war gentigt, beim Lesen
eine Hornbrille zu tragen.




                                   3


In den letzten Wochen allerdings war Schwedenklee, der immer Heitere,
Strahlende, der Sieghafte, vom Glck Umschmeichelte, verndert. Er war
zerstreut, nachdenklich. Nur noch selten waren seine lauten Lachsalven,
die jedermann mit fortrissen, zu hren. Sprach man ihn unvermutet an, so
ffnete er erschrocken und hilflos den Mund, oft gab er berhaupt keine
Antwort. Allen Stammgsten des Cafs fiel die Vernderung auf.

Der Herr Oberbaurat scheinen in der letzten Zeit nicht ganz wohl,
sagte der von schlaflosen Nchten bleiche Oberkellner, ein alter Wiener.
Also selbst ihm fiel die Vernderung auf!

Etwas abgearbeitet. Schwedenklee runzelte die Stirn.

Ich habe gelesen, der Herr Oberbaurat haben einen Vortrag im
Architektenhaus gehalten.

Schwedenklee seufzte.

Nichts als Plackereien, die nichts einbringen.

Ja, so hatte man zu tun. Schwedenklee hatte ber Moderne
Bahnhofsarchitektur gesprochen -- ein ganzer Winter Arbeit!

Schwedenklees Stammcaf war scheinbar ein Caf wie jedes andere. Ein
altes Berliner Caf mit Gold und Stuck, verruchert, die Plschsofas
zusammengesessen, die Kellner in befleckten Frcken und ausgetretenen
Schuhen. Unten sa das gewhnliche Publikum, Familien, Liebespaare,
einsame Zeitungsleser. Eine vergoldete Treppe mit Plschgelnder fhrte
zu dem groen Billardsaal empor, wo sechs Billards standen, und erst
wenn man den Billardsaal durchquert hatte, gelangte man in das
Allerheiligste: das Spielzimmer! Hier waren von fnf Uhr nachmittags an
bis zum grauenden Morgen einige Spieltische, umgeben von Kiebitzen, im
Gange, und hier kannte ein Gast den andern. rzte, Rechtsanwlte,
Kaufleute, ein Bassist von der Oper, ein bekannter Pianist und einige
junge Herren, die keinen ausgesprochenen Beruf zu haben schienen. Die
Karten wurden gemischt, die Zigarren qualmten, die Kellner flogen mit
Kaffeegeschirr und Bierglsern hin und her. Einzelne der Stammgste
kamen hierher schon um fnf Uhr und blieben bis drei Uhr nachts. Andere
kamen nach dem Essen, wie Schwedenklee, nach Schlu der Theater und
Konzerte kam noch ein Trppchen Nachzgler. Es wurde in Schichten
gearbeitet, fieberhaft und ohne jede Pause.

Die Billardblle knallten nebenan im Saal. Zuweilen verirrte sich sogar
eine Dame mit ihrem Freund in den Billardsaal und einer der Spieler
machte es bekannt.

Haben Sie die hbsche Person im Billardsaal gesehen?

Der eine oder der andere der Kartenspieler warf einen Blick durch die
Tr, whrend die Karten neu gegeben wurden, oder er machte sogar rasch
einen Gang durch den Saal, wenn es sich lohnte. Eine verteufelt hbsche
Person, und Augen hat sie!

Aber es geschah nur sehr selten, da eine Dame sich zu den Billards
hinan verirrte. Sonst gab es im Spielzimmer keinerlei Ereignisse. Das
Spielzimmer ignorierte Berlin und die groe Welt, wie Berlin und die
groe Welt das Spielzimmer ignorierten. Nur flchtig wurden besondere
Ereignisse gestreift: ein Krieg irgendwo, ein Sensationsproze, ein
Schneesturm, eine Stockung der elektrischen Bahnen -- blitzschnell
flogen die Karten ber die grnbespannten fleckigen Tische.

Es gab sogar Stammgste, die noch lnger als Schwedenklee im Caf
verkehrten. Ein Rechtsanwalt war zwlf Jahre lang Stammgast, und der
Bassist kam schon seit fnfzehn Jahren hierher. In den Sommermonaten
zerflatterten die Gste auf einige Wochen, aber es blieb doch immer ein
Spieltisch wenigstens im Gange.

So also sah Schwedenklees Heim aus, wo er seine Abende verbrachte,
anstatt Museen, Bahnhfe und Kaufhuser zu entwerfen, wie er es frher
plante.

Schwedenklee spielte vorzglich Karten! Er war als Gegner gefrchtet,
als Partner gesucht. Er war frisch und gut ausgeruht, natrlich, whrend
zum Beispiel die Rechtsanwlte und rzte, die schon seit acht Uhr
morgens in den Gerichtsslen und Kliniken arbeiteten, manchmal vor
Mdigkeit einschliefen, wenn die Karten gemischt wurden.

Zuweilen war man der Karten berdrssig. Man machte ein Spiel auf dem
groen Matchbillard, und der Kellner mute das sorgfltig
eingeschlossene Privatqueue Schwedenklees aus dem Schrank holen. Dann
und wann auch spielte Schwedenklee mit dem Bassisten eine Partie Schach.

Gegen drei Uhr, vier Uhr morgens leerte sich das Spielzimmer, die
letzten Kiebitze verlieen den Kartentisch, und schlielich riefen auch
die leidenschaftlichsten Spieler, dem Erschpftsein nahe, nach dem
Zahlkellner.

Schwedenklee blieb selten lnger als bis zwei Uhr. Nur whrend einer
ganz kurzen Periode hatte der Spielteufel so heftig von ihm Besitz
ergriffen, da er jede Nacht hindurch bis sechs Uhr morgens Bakkarat
spielte. Doch das war schon einige Jahre her, und nicht er allein war
schwach geworden, die smtlichen Spieler hatte pltzlich eine Art
Besessenheit befallen.

Um zwei ging Schwedenklee nach Hause, um tief und ohne Pause zu
schlafen, ganz allein in einem groen zweischlfrigen Bett mit einem
hellgrnen Seidenhimmel.

Schwedenklee war Junggeselle, natrlich. ber Frauen und Ehe hatte er
seine ganz besonderen Ansichten!

Ein einziges Mal hatte er den Kopf so weit in der Schlinge, da er das
Schlimmste befrchtete! Es war die furchtbarste Zeit seines Lebens,
wie er sagte. Er hatte sich mit einer hbschen Base eingelassen, nettes
Gesichtchen, plapperte erfrischend, und die Sache war gerade deshalb so
verzweifelt, weil die ganze Verwandtschaft, die er jahrelang vllig
ignoriert hatte, dabei im Spiele war. Schwedenklee verlor den Appetit
und verbrachte die Nchte ohne Schlaf. Er entwarf hundert
Abschiedsbriefe, ohne den Mut zu haben, die Base zu verabschieden. Es
war ja ganz unmglich, ein so entzckendes Geschpf blozustellen. Das
Wunderbare ereignete sich in dieser Periode: Schwedenklee hielt der
Braut die Treue, so schwer es ihm auch zuweilen wurde! Eine herrliche
Sache ist die Treue, pflegte er in dieser Zeit zu sagen, aber sie
kostet Nerven, mein Freund! Eines Tages aber bersandte das entzckende
Geschpf ihm einen Abschiedsbrief! Voller Zerknirschung und Trnen: sie
hatte sich auf einer Bahnfahrt in einen Offizier verliebt.

Gott sei gelobt! Glck zu, Schwedenklee!

Ja, in der Tat, es war eine furchtbare Zeit!

Schwedenklee schlief prachtvoll unter seinem hellgrnen Seidenhimmel,
obschon neben ihm noch recht gut Platz gewesen wre.

                   *       *       *       *       *

Wie gesagt, aber in den letzten Tagen gefiel Schwedenklee den
Kartenspielern nicht mehr! Wer sollte sich sonst um ihn kmmern, wenn
nicht sie? Etwa Augusta? Nein, Augusta wich ihm aus, floh ihn direkt,
wenn sie merkte, da er in schlechter Laune war, mit Rcksicht auf ihre
zerstrten Nerven. Augusta hatte nur beobachtet, da eines Tages ein
Brief mit einem schwarzen Trauerrand angekommen war, und Schwedenklee
die Augen rollte. Die Kartenspieler aber, sie kannten ja jeden Zug in
seinem feisten, leuchtenden Gesicht. Und wenn ein gewiegter Spieler wie
Schwedenklee ein angesagtes Solo verlor, soviele Buben, soviele Asse,
Knige, Damen, eine Farbe blank -- was sollte man dann sagen? Wie? Ja,
nun war es offenbar, nicht mehr wegzuleugnen: etwas war bei Schwedenklee
nicht in Ordnung!

Es entstand eine solch furchtbare Aufregung, da man eine Runde
aussetzte und die Kellner aus dem Billardsaal zusammenliefen.

Schwedenklee war sogar erbleicht, als das Solo so katastrophal
zusammenbrach! In all den Jahren hatte niemand beobachtet, da
Schwedenklee erbleichte. Heute aber, in der Tat, war das Blut aus seinen
roten Wangen gewichen, und seine Nasenspitze war fr eine Sekunde
schneewei geworden.

Es ntzte Schwedenklee nichts, da er seine bekannte Lachsalve loslie.
Die rzte, die Notare blickten prfend und argwhnisch in sein Gesicht.

Schwedenklee hatte trotz der geheuchelten Heiterkeit immer noch einen
verwirrten Gesichtsausdruck. Sein Blick war flackernd, nicht unbekmmert
und etwas keck wie gewhnlich. Nun errtete er sogar. Er tat, als schme
er sich, ein mit solch triumphierendem Lcheln angesagtes Solo verloren
zu haben.

Die Erregung verflog. Die Kiebitze, die aufgesprungen waren, saen
wieder ruhig auf ihren Sthlen, der Wollust hingegeben, die Chancen des
Spielers besser zu kennen als die einzelnen Spieler, die groe
berraschung, die jede Sekunde offenbar werden mute, schon lange vorher
genieend. Hinter Schwedenklees breitem Rcken verschanzt saen drei
Kiebitze dicht nebeneinandergedrngt. Schwedenklees Spiel interessierte
heute abend am meisten. Er erhielt eine groe Karte nach der andern, er
spielte nunmehr konzentriert, fhrte jedes Spiel in groem Stil durch
und gewann. Er wurde rot, sooft er die Karte aufnahm: so wie heute hatte
ihn das Glck noch nie umschmeichelt. Den Kiebitzen aber fiel es auf,
da er gepret atmete, sooft er ein groes Spiel gewonnen hatte.

Pltzlich aber -- mitten in der Glcksserie! -- zog er die Uhr und erhob
sich ohne alle Umstnde, zum Erstaunen der Spieler, zur Enttuschung der
erregten Kiebitze. Er entschuldigte sich hastig mit dringlichen
Arbeiten. Sofort sprang ein anderer Spieler, der schon eine Stunde
lauerte, fr ihn ein. Der Pikkolo lief mit seinem berzieher herbei.

Begleitet von einem der Kiebitze, dem bekannten Nervenarzt Wittmann,
einer Kapazitt, durchschritt Schwedenklee, in Gedanken versunken, das
Billardzimmer. Und er erbleichte tatschlich an diesem Abend zum
zweitenmal! Es war heute wirklich alles wie verhext, es gibt solche
Tage. Auf dem Mittagsspaziergang hatte er jene ganz in sich
zusammengekrmmte Bettlerin auf der Potsdamer Brcke getroffen, die wie
eine Verknderin von Unheil an jenen Tagen auftauchte, da irgend etwas
Unangenehmes sich ereignen wrde. Nun dieses Gesicht! Es sa gegenber
der Tr des Spielzimmers im Billardsaal an einem kleinen
Marmortischchen. Das Gesicht eines zermrbten, alternden, grauhaarigen
Knstlers, eines vllig Hoffnungslosen, eines Bittstellers, fahl, mit
dunkeln, fiebernden Augen, und diese Augen streiften seinen Blick scheu
und tastend. Vielleicht hatte dieser Hoffnungslose, Hungrige voller Neid
beobachtet, wie Schwedenklee seinen Kartengewinn in die Tasche steckte?
Jedenfalls gehrte dieses Antlitz voller Gram und Elend zur Klasse jener
Gesichter, die Schwedenklee frchtete, denen er aus dem Wege ging. Sie
verdarben ihm die gute Laune und riefen in ihm augenblicklich die
tausend Unannehmlichkeiten wach, groe und kleine, die ihm das Leben
getrbt hatten.

Sie sind nervs, Schwedenklee, sagte der berhmte Nervenarzt, die
Kapazitt, mit einem mahnenden Blick hinter dem schiefsitzenden Kneifer.
Sie sollten etwas fr Ihre Nerven tun. Die ganzen Tage fiel mir schon
Ihr Wesen auf. Ich mchte fast vermuten, da irgend etwas
Auergewhnliches -- ich will nicht aufdringlich erscheinen ...

Schwedenklee schlug den Pelzkragen hoch, um sein Frsteln -- dieser
Nervenarzt! -- zu verbergen. Dann reckte er sich ein wenig und lachte
laut heraus, whrend er stehen blieb. Was soll ich haben? rief er
etwas zu laut. Bedenken Sie, schon morgens um sieben Uhr kommt ein
falscher telephonischer Anruf. Ich hatte nachts gearbeitet und nur
wenige Stunden geschlafen. Dann kommen allein am Vormittag drei
unangenehme Besuche. Es ist ein Wahnsinn, in dieser Stadt zu leben!

Ja, dieses Berlin ist eine Hlle!

Eine vllig sinnlose Hlle -- eine Hlle ohne jeden Scharm. Bedenken
Sie dagegen, zum Beispiel, Paris, eine Hlle mit Reizen ...

Mit frchterlichen Reizen, Schwedenklee! Vielleicht ist Swedenborgs
Ansicht berechtigt, da diese Erde berhaupt nichts anderes ist als eine
Art Fegefeuer, eine Vorhlle ...?

Swedenborg?

Ja, Swedenborg.

Schwedenklee gestand nicht ein, da er diesen Namen heute zum erstenmal
hrte.

Oft scheint es mir, als ob diese Grostdte Exponenten der
Swedenborgschen Hlle seien: riesenhafte Kloaken, in die Tag und Nacht,
ohne Unterbrechung, der Schmutz rinnt, Bordelle, Mrdergruben,
infernalische Verneinungen des gttlichen Gedankens!

Der kleine Arzt frstelte.

Ja, in der Tat, vielleicht leben wir mitten in der Hlle, ohne es zu
wissen! Vielleicht sind all unsere Freunde, die jetzt da droben Karten
spielen, nichts als Teufel, Gespenster, Verdammte, Verfluchte ...
Bleich und erschpft von der Stubenluft blinzelte der berhmte
Nervenarzt in Schwedenklees rotes Gesicht.

Pltzlich lchelte Schwedenklee und streckte dem Arzt die Hand hin.
Hlle hin, Hlle her! rief er mit einem sieghaften Lcheln. Das Leben
ist doch schn! Gute Nacht, Doktor!

Trotzdem -- der Arzt berhrte wohlwollend Schwedenklees rmel --
sollten Sie sich etwas Ruhe gnnen. Gehen Sie doch in Ihre Villa an der
Ostsee!

Jetzt, im April? Sie ahnen nicht, Doktor, wie entsetzlich kalt es da
oben ist. brigens regnet es immer. Nein, danke herzlich!

Schwedenklee stand und sah dem kleinen, unsicher gehenden Arzt, der
Kapazitt, betroffen nach. Welch eindringliche Ermahnungen! Und
Fegefeuer, Gespenster --?

Ja, sagte Schwedenklee, vielleicht hat er sogar recht! Aber, was fr
eine Welt wre das -- ein Betrug, nichts sonst! Und doch --?

In tiefes Nachdenken versunken ging er weiter. Es half nichts, da er
die vorbergehenden Frauen musterte, um sich zu zerstreuen. Ein Paar
herrische, schne Augen leuchteten aus der feuchten Dunkelheit der Bume
-- vergebens.

Schwedenklee atmete die laue Luft ein, er blickte in das knospende Gest
der hohen Bume empor, sah die Sterne durch das leichte, schillernde
Gewlk am Himmel jagen -- aber seine Gedanken wurden dsterer und
dsterer. Immer schwerer wurde die Last auf seinem Herzen.

Endlich blieb er stehen und holte tief Atem.

Ja, sagte er halblaut vor sich hin, vielleicht sind wir in der Tat
von Gespenstern umgeben und vielleicht ist es _wahr_, da die Toten nach
mir greifen! Und er nickte ein paarmal schwer mit dem Kopfe.

Wie? Schwedenklee?

Wie ist es mglich, da gerade er, Schwedenklee, der immer gut Gelaunte,
Strahlende, der vom Glck Umschmeichelte, von der Melancholie bermannt
wird?




                                   4


Beruhigend brennt die grne Schirmlampe auf dem riesigen
Diplomatenschreibtisch. Besnftigend blicken all die vertrauten Dinge
des Arbeitszimmers. Dort die Bste der Nubierin. Sie lchelt
vertraulich, fast etwas verschmt.

Schon scheint das Dstere nicht mehr so drohend.

In weichen geftterten Hausschuhen gleitet Schwedenklee ber den
Teppich, sein Blick wandert ber die Decke. Schwedenklee schttelt
abwehrend den Kopf. Es ist ja alles Unsinn! sagt er zu sich. Diese
pathetische Phrase von den Toten -- und auch das mit dem kalten Hauch!

In der letzten Zeit war es ihm zuweilen gewesen, als ob ihm ein kalter
Hauch ins Genick blase.

Alles Unsinn! Es sind deine Nerven, mein Freund! Wie kann ein Brief,
ein unsinniger Brief -- ja, wie ist es nur mglich?

Schwedenklee bleibt stehen und mustert entschlossen den riesigen
Diplomatenschreibtisch. Pltzlich steuert er mit zwei, drei groen
Schritten auf den Schreibtisch zu und zieht, etwas asthmatisch atmend,
die unterste Schublade heraus.

Es ist das beste! Er war entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen,
da es sich als unmglich herausstellte, darber hinwegzugleiten. Es war
feige, keine Worte, _nicht nachzuforschen_! Nein, heute hatte es ihm bei
den Karten keine Ruhe mehr gelassen ...

Diese Schublade stellte er auf einen niedrigen Rauchtisch und
betrachtete, schon wieder etwas mutlos, den Wust von Karten, Bildern,
Briefen, Theaterzetteln. Sogar eine graue Seidenschleife befand sich
darunter.

Schwedenklee warf sich in einen Sessel und streckte die Hand nach einem
der vergilbten Briefe aus. Aber schon erhob er sich wieder. Er entkorkte
eine Flasche Bordeaux und zndete sich umstndlich -- um Zeit zu
gewinnen -- eine Zigarre an.

Ja, nun war er bereit!

Eine von euch weilt also nicht mehr unter den Lebenden! sagte er laut,
um sich Mut zu machen, und blies heftig in die Zigarre. Eine leise, aber
nicht qulende, ja fast angenehme Trauer berkam ihn. Ja, es ist
sonderbar, er fhlte sich sogar als eine gewissermaen wichtige
Persnlichkeit, weil eine jener Frauen, die er geliebt hatte, schon ins
Reich der Schatten entwichen war.

Und sie gedachte meiner noch in ihrer letzten Stunde! Wieder schwebte
Schwedenklee in den geftterten Hausschuhen hin und her. Dann aber warf
er sich in den Sessel und griff entschlossen mitten in die vergilbten
Briefe hinein.

Dieses graue Seidenband -- o, so deutlich erinnerte er sich -- vor
Jahren schmckte es Lissis blonden lockeren Haarschopf. Und es fiel ihm
ein: wie sie einmal unerwartet in sein Zimmer strmte, es war im Winter,
Schneegestber. Ihr Pelz war dick mit Schnee bedeckt -- und so, wie sie
war, im beschneiten Pelz, schlo er sie in die Arme. Noch heute fhlte
er die stechende Klte der einzelnen Schneekristalle ... Und hier ist
eine Karte von Lissi, aus Oberhof, Lissi im Skikostm.

Nein, Lissi, die Heitere, war es gewi nicht! Lissi kann nicht sterben!
Sie sa jetzt irgendwo in Nizza oder Gardone in der Diele eines Hotels
und blies lchelnd den Rauch der Zigarette in die Luft.

Schwedenklee zog einen vergilbten Brief aus der Lade und begann ihn mit
hochgezogenen Brauen zu lesen. Er erinnerte sich an diesen Brief nicht
mehr! Wie? Er erinnerte sich auch nicht, jemals auf der Rennbahn in
Karlshorst gewesen zu sein? Der Brief war signiert: M. Z.? Wer war M.
Z.? Vorwrfe, Beteuerungen, Verdchtigungen, Ksse -- voller Interesse
las er den Brief vom Anfang bis zum Ende.

Aber wie merkwrdig -- und er erinnerte sich gar nicht mehr!

Schwedenklee schlug die Schenkel behaglich bereinander und machte es
sich im Sessel bequem: Diese Briefe, diese Erinnerungen waren weder so
langweilig, noch so erschreckend, noch so unangenehm, wie er es
befrchtet hatte.

Wo mochte, zum Beispiel, jetzt diese Martha sein, die ihn Sonnabend ein
Viertel vor acht im Foyer des Lessingtheaters erwartete? Sie hatte wohl
einen kleinen Beamten geheiratet und schlief jetzt Seite an Seite mit
ihrem Gatten. Breit und weich waren ihre Hften, eine schneeweie, etwas
volle Bste hatte sie, und pltzlich erinnerte er sich an den Geruch
ihres Krpers: se, frischgemolkene Milch. Martha schwrmte frs
Theater, wchentlich zweimal fhrte er sie aus. Dann soupierten sie
irgendwo, um bei ihm noch eine Tasse Kaffee zu trinken. Nie hatte er
eine bescheidenere, sanftere Frau gekannt.

So geht das Leben dahin! sagte Schwedenklee und legte die Karte zur
Seite.

Wer war Otti? Unmglich, sich rasch an alles zu erinnern. Sie schrieb
etwas von Halensee -- ja, o richtig, es war Otti mit der Matrosenbluse!
Eine zierliche Stenotypistin, mit der er vor Jahren eine kleine Liebelei
unterhielt. Otti liebte es, in zweitklassigen Lokalen zu tanzen und sich
den frechen Blicken der Mnner preiszugeben, die sie erregten. Sie war
eitel auf ihre Beine, edle, rassige Beine, glatt und hart wie Elfenbein,
und diese Beine stellte sie gern zur Schau. Auf Zurufe antwortete sie
mit seltener Schlagfertigkeit, wobei sie das Stupsnschen keck in die
Luft warf. Unaufhrlich wanderten die Blicke ihrer groen blassen Augen,
unausgesetzt auf der Suche nach neuen Abenteuern, neuen Erregungen.
Sobald aber er auch nur einen Seitenblick wagte --! Verwirrend s, die
Ungerechtigkeit der Frauen!

Ihre Lippen waren breit und weich, dachte Schwedenklee, und sie standen
immer vor Erregung etwas offen. Ihre Brste aber waren klein und spitz,
die Knospen waren deutlich unter der Bluse zu erkennen und gerade darauf
war Otti stolz.

Hoffentlich aber haben wir Ottis Abschiedsbrief noch! Ja, er erinnerte
sich jetzt pltzlich, da sie ihm einen solch amsanten Abschiedsbrief
geschrieben hatte, seinerzeit, und er suchte ihn hastig in heiterster
Laune.

Er hatte damals, als er mit dem Kompagnon das Haus am Kurfrstendamm
baute, das ihn beinahe ruiniert htte, Otti in sein Bureau genommen. Ein
unverzeihlicher Fehler! Otti erschien, wann es ihr behagte, sa rauchend
bald auf diesem, bald auf jenem Zeichentisch, kokettierte mit dem
Kompagnon, zeigte allen Besuchern ihre schnen Beine -- kurz und gut, er
mute, so leid es ihm tat, eines Tages ein offenes Wort mit ihr reden.
Es gab eine schreckliche Szene, an die er sich jetzt voller Behagen
erinnerte. Diese kleine Otti bebte vor Wut, und ehe er es sich versah,
schlug sie ihm mit ihrer kleinen, festen Hand ins Gesicht. Ja,
tatschlich! Und dann schrieb sie ihm einen Brief, er entsann sich
genau, einen uerst drolligen Brief.

Hier ist er!

Laut auflachend las Schwedenklee diesen Brief.

Ja, sie, Otti, wute es schon vom ersten Tage an, da sein Wesen im
Grunde genommen ordinr war, obgleich er sich immer so aufspiele. Und
wie geizig er doch sei: welche Vorwrfe -- ein Dutzend Seidenstrmpfe,
zwei Paar Tanzschuhe, ein Sommerhut -- nein, nicht geizig, einfach
schmutzig war er! Ja, sie, Otti, wrde wohl nicht so verrckt sein und
ihm die tausend Mark, die er ihr geliehen hatte, zurckzahlen, nein, fr
so wahnsinnig werde er sie gewi nicht halten. Was die Ohrfeige
betrifft, schlo Otti, so wird es mir noch in meiner letzten Stunde
eine Befriedigung sein, da ich Dich in Dein hochmtiges, aufgeblasenes
Gesicht geschlagen habe, auf das Du Dir so viel einbildest.

Noch in ihrer letzten Stunde! Schwedenklee lachte so laut, da er husten
mute und seine rote Zunge herausfuhr. Auf deine Gesundheit, Otti!

Schwedenklee hatte nie Mangel an Frauen gelitten. Er war wohl keine
Schnheit, aber er war auch nicht hlich, und wenn er lchelte -- seine
Lippen waren voll und schn geschwungen --, so erhielt sein Gesicht
sogar einen angenehmen Ausdruck. Er war elegant und er hatte stets Geld.
Er besa eine schne, behagliche Wohnung und er war gesund. In der Tat,
Schwedenklee konnte den Frauen etwas bieten. Schon als Student hatte er
vor den Kameraden einen nicht zu unterschtzenden Vorsprung gehabt. Er
verstand es ja ebenso gut wie sie, schne Worte zu machen und
schlagfertig zu antworten, aber es reichte bei ihm noch etwas weiter: zu
einem kleinen Blumenstrau, zu einer Einladung in eine Konditorei --
siehst du!

Schwedenklee whlte fr gewhnlich die Frauen aus der sozialen Schicht,
die gerade etwas unter der seinen lag. Diese Frauen schienen ihm am
umgnglichsten. Natrlich gab es auch Ausnahmen, und zuweilen mute er
alle seine Energie aufbieten, um sich nicht zu verlieren. Man denke an
die Base!

Nein, nein, Schwedenklee hatte geschworen, seine Freiheit nie
aufzugeben! Man konnte als Junggeselle tun und lassen, was man wollte.
Willst du ein Theater besuchen, so gehst du, ziehst du im letzten
Augenblick doch das Caf vor, nun so wendest du noch im Foyer um. Du
willst ein paar Tage reisen, gut, du reisest, du whlst Reisetag und Zug
ganz nach deinem Belieben. Einmal verheiratet, ist es mit aller Freiheit
vorbei. Jeder deiner Schritte wird beobachtet, wann du dich niederlegst,
wann du aufstehst, alles. Deine Frau erkrankt, das Kind hustet, schon
telephonierst du erschrocken nach dem Arzt. Es knnte ein Unglck
geschehen -- nein, daran wollte er gar nicht denken! Als er die Mutter
verlor, war er ein leichtsinniger Student, der es nicht allzu schwer
nahm -- als sein Vater starb, war er schon gereift genug, um sich zu
beherrschen. Es war sein letzter wirklicher Schmerz. Nein, nein,
Schwedenklee hatte alles genau durchdacht, es war am besten so, wie es
war, und damit genug! Er wollte keine Aufregungen, keine Spannungen,
keine Qualen.

Konnte man -- um nur etwas zu sagen -- als Ehemann mitten in der Nacht
in einem bequemen Sessel sitzen, bei einer Flasche Wein und einer
Zigarre, und in alten Liebesbriefen und Erinnerungen whlen?

Wie? Versuch' es. Und dazu, solange man wollte, es konnte Morgen werden
...

Da war noch diese und jene Freundin -- diese und andere, in Rom, in
Paris, in Wien -- alle zogen sie vorber: jung, heiter, strahlend.
Tanzfeste, Ausflge, eine Reise im Schlafwagen, eine Dampferfahrt nach
Kopenhagen, ein kleiner Abstecher ins Hollndische ...

Alle diese Freundinnen gehrten mit wenigen Ausnahmen jener bequemen
sozialen Schicht an, die um ein Etwas tiefer lag als Schwedenklees
Gesellschaftsklasse. Es waren Stenotypistinnen, Modistinnen,
Erzieherinnen, kleine Schauspielerinnen, Tnzerinnen, sogar eine Dame
vom Variet war dabei. Sie alle waren gierig nach dem Leben, wollten
zuweilen in einem eleganten Restaurant dinieren, wie feine Damen,
wollten zu einem Rennen fahren, im Auto ber den Kurfrstendamm rollen,
wollten eine Oper besuchen, um vor ihren Freundinnen damit prahlen zu
knnen. Eine kleine Reise, lieber Himmel, wie wunderbar, ein Paar
Sommerschuhchen mit Seidenstrmpfen, herrlich! Ein Ausflug aufs Land,
mein Gott, sie wurden sofort um Jahre jnger, dreizehn, plapperten wie
Kinder. Sie genossen jede Kleinigkeit, das Nichts selbst, diese guten
Geschpfe, schlrften, waren berauscht. Sie schrien vor Erregung, wenn
das Pferd, auf das sie gesetzt hatten, mit einer vollen Lnge in den
Einlauf einbog, und zerbrachen den Sonnenschirm, wenn es knapp vor dem
Ziel noch geschlagen wurde.

Es war nicht schwierig, ihre Bekanntschaft zu machen. Schwedenklee war,
es ist die Wahrheit, in gewissem Sinne schchtern, und das Herz schlug
ihm im Halse vor jedem Abenteuer, aber es gelang fast immer. Schwieriger
war es schon, sie, wie er es nannte, in der rechten Distanz zu halten.
O, oft war es eine Kunst! Sie durften in ihren Gefhlen und Ansprchen
niemals eine gewisse Linie berschreiten, die Beziehungen muten leicht
und immer unverbindlich bleiben. Und doch lag es im Wesen dieser
Sehnschtigen, diese Linie stndlich, in jeder Minute zu verletzen.

Das schwierigste aber war es, sie zu verabschieden! Ein unerfreuliches
Kapitel. Wirkliches oder geheucheltes Erkalten der Empfindungen, eine
vorgebliche Geschftsreise, etwas Schauspielerei -- und, wenn es sein
mute, sogar Hrte! Es fiel Schwedenklee nicht leicht, Hrte zu zeigen.
Zorn, Trnen, verzweifelte Briefe, Drohungen. Nein, nicht immer ging es
so leicht und einfach wie bei Otti, die einfach auf ihn einschlug und
einen rasenden Brief schrieb.

Schwedenklee sa hingestreckt in dem bequemen Ledersessel, die Beine
bereinandergeschlagen, die Zigarre im Mund, und sah zur Decke empor.
Der Wein ging zur Neige, er war in eine warme, heitere Laune geraten.
Die Stunden flogen. Lchelnd, trumerisch war Schwedenklees Miene.

Gestehen wir es nur, er hatte es verstanden, sein Leben zu genieen!
Seine Freundinnen waren alle gute, liebe Geschpfe gewesen, auch Otti
natrlich, er hatte wenige, fast keine Enttuschungen mit ihnen erlebt.

Sonderbar, er hatte sie fast alle vergessen! Er erinnerte sich kaum noch
an ihr Aussehen, die Zge waren in seinem Gedchtnis verblat. Welche
Farbe hatten, zum Beispiel, ihre Augen? Die Farbe der Haare war
einigermaen haften geblieben, hnlich wie die Haare sich in den Grbern
am lngsten erhalten, wenn alles andere lngst vermodert ist. Einzelne
hatten nicht den geringsten Eindruck hinterlassen, von anderen wute er
nur, da sie gro oder da sie klein und zierlich waren. Von Otti hatte
er am klarsten die Matrosenbluse in Erinnerung und, wie gesagt, die
herrlichen Beine. Von einer Tnzerin wute er noch, da sie hohe
Straenstiefelchen trug, aus einem Leder wie graue rauhe
Glachandschuhe. Von einer Franzsin war kaum mehr in seinem Gedchtnis
verblieben, als da sie einen Bleistift mit den nackten Zehen hochheben
konnte.

Fr eine gewisse Ellen, eine Schauspielerin, hatte er fortwhrend Villen
und Landhuser entwerfen mssen, mit einem Schwimmbassin, das in ein
Palmenhaus eingebaut war. Er erinnerte sich an Ellens zarte
Fingerspitzen, die leise bebten, wenn sie ihn berhrte. Diese Ellen
errtete leicht und sehr merkwrdig. Ihre Haut war sehr zart, und die
Rte berflog ganz unvermittelt wie ein Gluthauch ihr Gesicht und
bedeckte auch Hals und Nacken. Nichts sonst fiel ihm in dieser Sekunde
von Ellen ein.

Eine andere qulte ihn eiferschtig, und ihre schwarzen Augen funkelten.
Die Tnzerin sah er vor sich, wie sie im Variet auftrat, abwechselnd
kalkgrn und korallenrot beleuchtet. Ihre Zge waren ihm entfallen, aber
er erinnerte sich, da sie beim Souper nach dem Theater immer noch etwas
Farbe von der Schminke um die Augenlider hatte. Das sah ungeheuer
interessant aus.

Berta mit dem pechschwarzen, schnurgeraden Scheitel hatte die Unart an
sich, in den Restaurants unbemerkt kleine Brotkugeln nach den
Nachbartischen zu werfen. Sie trug eine Narbe von einer
Blinddarmoperation am Leibe, und diese silbrige Narbe sah er ganz scharf
vor sich. Die Dame vom Variet, die er bald verabschiedete, weil sie
tglich grere Ansprche stellte, liebte es, eine schwermtige Miene
anzunehmen, whrend sie ihn mit ihren glasig-glnzenden braunen
Tieraugen ansah, um dann seufzend zu lcheln und ihr herrliches Gebi zu
zeigen.

Hier, siehst du, Schwedenklee, ist ein kleines, von schwarzen Haaren
umflattertes Gesichtchen, das groe Trnen in den schnen Augen hat. Und
hier, Schwedenklee, da ist sie, wie hie sie doch gleich, sie konnte so
wunderbar lachen! Sie war eine Virtuosin im Lachen, sie steckte die
Nachbartische an, sie gab Gastspiele im Lachen -- ach Gott, wie hie sie
denn? Sie ging von dir zu einem Karikaturenzeichner ber, der sie dann
hundertmal zeichnete, in allen Witzblttern war sie zu sehen. Es wird
ihr wohl nicht schlecht ergangen sein -- wir wnschen es ihr.

Und da: Hanny im Schlafwagen -- mit der kleinen blauseidenen Nachthaube
...

Schwedenklee sa und trumte. Er war so tief in Gedanken versunken, da
er regungslos zur Decke blickte und in der Tat mehr schlief als wachte.
Aus seinem vollen, satten Gesicht stieg kerzengerade der Rauch der
Zigarre.

Die Gesichte glitten ineinander; ein Rcken wie aus frischgefallenem
Schnee geformt, ein Haarschopf, der im Nacken funkelt, rasche,
flchtende nackte Fe, ein Knie, wie aus der Hand Rodins, zitternde
Hnde, die das Haar aufstecken ...

Sonderbar! Schwedenklee sah fast keine seiner Freundinnen wieder, sobald
er sich von ihnen getrennt hatte. Berlin verschlang sie, die Welt, das
groe Leben verschlang sie, ohne da sie je wieder auftauchten. Sie
verwehten wie die Bltter im Walde.

Schwedenklee sitzt inmitten einer Wolke von Trumen, der Zauber
versunkener Herrlichkeiten hat ihn gebannt. Das Leben! Gab es etwas
Wunderbareres als dieses verwirrende, unverstndliche, dreimal
verfluchte, dreimal gepriesene Leben? Er lchelt, und sein Lcheln
verndert sich nicht mehr. Er ist glcklich.




                                   5


Aber Rosa?

Pltzlich sprang Schwedenklee auf und ging mit erregten Schritten in den
geftterten Hausschuhen hin und her. Es war schon zwei Uhr morgens. Erst
in diesem Augenblick war ihm wieder eingefallen, aus welchem Anla er
nach den verblaten Briefen gegriffen hatte.

Aber Rosa? Wer ist diese Rosa?

Unter all den Frauen gab es ja keine Rosa weit und breit! Wer war also
diese Rosa, von der ihm dieser Unbekannte geschrieben hatte?

Geschrieben hatte --? Also hatte Augusta, die sonst wenig scharf
beobachtete, doch recht, da ein Brief -- irgendein sonderbarer Brief --
die Vernderung in Schwedenklees Laune hervorgerufen hatte!

Wie kommt dieser Unglckselige berhaupt dazu, mir, einem Unbekannten,
zu schreiben? fuhr Schwedenklee fast drohend fort.

In groer, ja frmlich unbegreiflicher, krankhafter Erregung eilte
Schwedenklee im Zimmer auf und ab.

Wie kommt dieser Unbekannte dazu?

Vielleicht aber hat diesen Unglckseligen der Verlust seiner Gattin um
den Verstand gebracht -- wie?

Rosa? Rosa? Aber, zum Satan, es gibt ja keine Rosa!

Vielleicht habe ich sie einmal gekannt, mglich -- ganz flchtig,
vielleicht gab sie einen falschen Namen an -- alles ist mglich!

Mglich, ja, natrlich! Was sollte sie dann aber bewegen, sich nach
Jahren, in der Stunde ihres Todes, meiner zu erinnern --?

Ja, unbegreiflich, unverstndlich, ganz unerklrlich!

Oder --? Schwedenklee blieb mit einem triumphierenden Lcheln stehen.

O ja! Auch das war recht gut denkbar!

Vielleicht war dieser Unglckselige gar kein fassungsloser Ehemann, der
seine Frau betrauerte? Wie? Vielleicht war er nicht mehr und nicht
weniger als ein Schwindler, der einen Pumpversuch schlau einleitete? Ein
Erpresser? Schwedenklee war geneigt, sich wegen seines Scharfsinns
selbst zu bewundern. Man braucht nur die Zeitungen zu ffnen, beim
groen Gott, welche Sorte von Spitzbuben haust in diesem Berlin! Sie
simulieren epileptische Anflle in der Untergrundbahn, um die
mitleidigen Reisenden ungestrt ausplndern zu knnen -- sie verfallen
auf die unmglichsten Dinge! Ein Freund bersendet dir ein Billett zur
Oper, du gehst hin, und unterdessen plndern sie dir die Wohnung aus.

Nein, mein Freund, du bist an den Unrechten gekommen. So einfach ist
die Sache mit mir nicht! rief Schwedenklee mit berlegenem Lcheln aus.
Aber schon klang sein Lachen wieder unsicher, schon wurde er wieder
nachdenklich.

Der _Ton_ dieser Briefe! Denn Schwedenklee hatte ja nicht einen, er
hatte _eine Reihe_ von Briefen erhalten -- seit Wochen erhielt er
Briefe! Und diese Briefe waren es ja, die in der letzten Zeit seinen
Gemtszustand so sehr beeinfluten. Der _Ton_ dieser Briefe war ohne
Zweifel -- _echt_!

Prfen wir, berlegen wir, rief Schwedenklee eifrig, schon etwas
berauscht -- weshalb diese unsinnige Beunruhigung? Wir werden, wenn es
nicht anders geht, den Unglckseligen selbst aufsuchen. Ja, selbst, das
wird das allerbeste sein!

In dieser Minute war Schwedenklee auergewhnlich mutig und
entschlossen. Er kam sich in seiner Entschlossenheit fast verwegen vor
-- beinahe wie Don Juan, der mitten in der Nacht im Friedhof das
Standbild des Comturs zu Tische ldt.

Gehen wir der Sache auf den Grund!

Aus einem Winkel der Bibliothek zog er einen Sto Briefe hervor.

Fast berkam ihn wieder Kleinmut. Wozu schlielich? Was kmmerte ihn das
Schicksal dieses Unbekannten?

Schwedenklee hatte diese Briefe nie richtig gelesen -- nur durchflogen,
unwillig, ungehalten -- und doch im Tiefsten, ohne ersichtlichen Grund!
erschrocken. Drohung des Schicksals ging von diesen Blttern aus und
dumpfe Traurigkeit. Sie rochen nach welken Krnzen, und diesen Geruch
hatte er noch deutlich in der Erinnerung von der Beerdigung des alten
Schwedenklee her. Er hate diesen Geruch von Moder, er hate diese
Krnze in den Blumengeschften, mit den Aufschriften in bleicher
Silberschrift auf den schwarzen Seidenbndern. Er schlo sogar die
Augen, wenn er an einem jener Geschfte mit den hlichen plumpen Srgen
vorbeiging, deren ffentliche Ausstellung die Polizei, die sich sonst in
alles mischt, verbieten sollte. Diese Srge waren in der Tat solch
unglaubliche Monstrositten, da Schwedenklee sich einmal die Mhe
genommen hatte, einige Srge zu entwerfen, die nobel und wrdig
aussahen, wie sie eigentlich sein sollten. Er hate wie gesagt alles,
was mit dem Tode und den Zeremonien der Bestattung zusammenhing. Vor
zwei Jahren war einer der Kartenspieler gestorben, der Doktor Helm, ein
Landgerichtsrat, ein sympathischer Mann -- einige der Spieler waren zur
Beerdigung gegangen, aber Schwedenklee hatte sich wohl gehtet.

Er liebte es nicht, an den Tod zu denken, nein, ganz im Gegenteil, diese
Gedanken hate er! Manchmal erwachte er mitten in der Nacht und mute
daran denken, da auch er einmal sterben mute! Diese entsetzliche
Stunde wird kommen, so sicher wie etwas -- er sah sich liegen, er
rchelte noch, eine Pflegerin stand am Bett mit einer Kompresse. Oh, es
konnte auch ganz anders sein! Zum Beispiel, ein Autobus konnte ihn auf
der Potsdamer Strae zermalmen. Diese Gedanken folterten ihn zuweilen
derart, da er Licht machen mute. Und doch, die Menschen lebten dahin,
lachten, rauchten Zigarren, spielten Billard, tanzten -- unbegreiflich!

Aus all diesen Grnden machte er sich hart und gefhllos gegen das
Geschick dieses Unglcklichen, den der Schmerz gezwungen hatte, an ihn,
Schwedenklee, zu schreiben.

Nun wohl, sagte Schwedenklee und setzte sich, ergeben in sein
Schicksal, zurecht. Dieser hier, ohne Trauerrand, war der erste!

Schwedenklee holte tief Atem.

Mein Herr! Schon diese fahrige Schrift, diese Gespenster von
Buchstaben! Ich fhle mich gedrngt, Ihnen mitzuteilen, da eine Frau,
die wir beide geliebt haben -- heute abend nach langem Krankenlager zur
ewigen Ruhe heimgegangen ist. Das edelste Frauenherz hat aufgehrt zu
schlagen. Rosa hielt ein Leben lang die Freundschaft, die sie einst mit
Ihnen verband, hoch in Ehren. Es wird Ihnen gewi ein Bedrfnis sein,
der edlen Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Beisetzung
findet am Freitag, den 21., statt ... In tiefstem Schmerz -- Edgar
Blank, ehemaliger Hofopernsnger.

Schwedenklee las den Brief mit fast der gleichen Verwunderung,
Verblffung, dem gleichen leisen Grauen, wie vor Wochen, da er ihn
erhalten hatte. In einer Art von leichter Lhmung hielt ihn der Sessel
fest.

Was sagt man dazu? Er war natrlich nicht zur Beerdigung gegangen, wie
sollte es ihm in den Sinn kommen -- eine ihm vllig Unbekannte! Als er
seinen Vater begraben hatte, hatte er sich geschworen, nie mehr einer
solchen Zeremonie beizuwohnen, wenn es sich irgendwie vermeiden lie.
Unvergelich war ihm dieser schreckliche Vormittag. Der alte
Schwedenklee lie sich verbrennen. Im Krematorium warteten schon mehrere
Parteien, und Schwedenklee geriet, noch heute empfand er die
Peinlichkeit, zuerst in eine falsche Gruppe von Seidenhten. Alle hatten
Eile. Dann sank der Sarg in die Versenkung. Der alte Schwedenklee hatte
noch im Alter den typischen Kopf eines Maurers gehabt, mit etwas zu
langem Schnurrbart, etwas abstehenden Ohren und verwittertem Gesicht.
Als der Sarg sank, verwandelte sich, so schien es Schwedenklee, der
ganze Sarg in den Kopf des Vaters. Schwedenklee jagte voller Schrecken
nach Hause, und noch heute sah er, wie der langsam sinkende Sarg sich in
den Kopf des Vaters verwandelte, noch heute hrte er das frchterliche
kalte Klirren der sich schlieenden Eisenplatten.

Der zweite Brief des Unglcklichen schilderte ausfhrlich die Beerdigung
der Unbekannten. Wir haben heute Rosa zu Grabe getragen. Sie sind nicht
gekommen! Es htte die Tote geehrt. Aber vielleicht sind Sie gar nicht
in Berlin. Vielleicht hat mein erster Brief Sie berhaupt nicht
erreicht! Wir waren nur zwei im Trauergefolge, von den Trgern
abgesehen. Ein jmmerliches Trauergefolge -- und doch jubelten Rosa
frher auf der Bhne Tausende zu -- vergessen und einsam ging sie zur
Ruhe, und selbst Sie, den sie ihren Freund nannte, sind nicht gekommen
...

Diesen Brief hatte Schwedenklee vor Wochen, als er ihn empfing, entsetzt
zur Seite gelegt, ohne ihn zu Ende zu lesen. Der Briefschreiber verlor
sich selbstqulerisch in all die traurigen Einzelheiten: der Regen, der
Schmutz, die Grabsteine, der Trott der Sargtrger, das lehmige Grab --.

-- ich schme mich nicht, Ihnen zu bekennen, da mich der Schmerz
bermannte, als der Sarg hinabglitt. Ich schrie und fiel zu Boden ...

Schwedenklee war erbleicht und wischte sich die Stirn ab. Er ging auf
und ab in seinen weichen Schuhen und suchte Beruhigung bei einer neuen
Zigarre. Man durfte nicht vergessen, da ein Unglcklicher diesen Brief
schrieb!

Aber Rosa? Ja, bei Gott, wer sollte --?

Vielleicht war es ein Miverstndnis, eine Verwechselung --? Aber nein,
nein, in einem der Briefe schrieb der Unglckliche, da Rosa mit
Schwedenklee in dem und dem Jahre in Paris zusammengetroffen sei. Er,
Schwedenklee, habe damals im Hotel Panthon gewohnt. Alles stimmte.

In einem der zuletzt eingetroffenen Briefe drckte der Unbekannte seine
Verwunderung darber aus, da Schwedenklee sich in Stillschweigen hlle.
Ich habe mir in meinem letzten Brief, schrieb er, die Freiheit
genommen, anzudeuten, da ich glcklich wre -- so weit ich es in dieser
Zeit sein kann -- wenn ich Sie aufsuchen drfte. Ich habe zwei Wochen
vergebens gewartet. Sie zgern, aus welchem Grund? Ich wei, da Sie in
Berlin sind. Vielleicht erscheine ich aufdringlich. Befrchten Sie
nichts. Ich befinde mich in tiefer Not, ich bin ein Bettler, aber nichts
lge mir ferner, als Rosas freundschaftliche Beziehung zu Ihnen zu
beflecken. Was ich wnsche, ist, einen Menschen zu sprechen, der Rosa
kannte, den Rosa liebte -- ich wiederhole: liebte!

Schwedenklee schttelte den Kopf. Immer wirrer, dunkler schien das
Labyrinth. Ein Unglcklicher wollte sich in seinem Schmerze an ihm
aufrichten!

Den Rosa liebte --? War es mglich, da eine der vielen, die durch sein
Leben gegangen waren, noch nach zwanzig Jahren seiner gedachte? Da eine
der vielen, die er in der ntigen Distanz hielt, fr ihn eine
wirkliche Liebe empfunden haben sollte?

Ich werde ihn besuchen, beschlo Schwedenklee mit feierlichem Ernst.
Morgen -- und wenn es morgen nicht geht, sptestens bermorgen. Er war
pltzlich von schwerer Mdigkeit berwltigt worden. Der Wein, die
Zigarren ...

Fast augenblicklich schlief Schwedenklee hinter den hellgrnen
Seidenvorhngen ein.




                                   6


Schwedenklee hatte in dieser Nacht verworrene, aber angenehme Trume:
Fremde, phantastische Landschaften, transparente Wlder, glhende Meere,
fremde, bezaubernd schne Stdte, unwirklich, wie aus Alabaster
geschnitten, sonderbare Begegnungen, seltsame Abenteuer, Frauen,
bekannte und fremde, eigenartig, aber alle in Tun und Gefhl nach ihm,
Schwedenklee, strebend. Er war umdrngt von Zuneigung, von Bewunderung,
von Liebe, es war ein groer und einziger Reichtum, man verschwendete
sich an ihn. Er geno diese Bevorzugung, sie schien ihm
selbstverstndlich, und gerade der Umstand, da sie selbstverstndlich
schien, erfllte seine Seele mit Ruhe und Heiterkeit.

Trotz der angenehmen Trume erwachte Schwedenklee spt am Morgen in
gereizter Laune und mit schmerzenden Schlfen. Er nahm sein Bad, und von
der Badewanne aus gab er das dreimalige Klingelzeichen zum Frhstck, so
scharf und hart, da Augusta genau wute, woran sie war. In grau- und
weigestreiftem seidenen Pyjama betrat Schwedenklee das Speisezimmer.
Beschwrend hatte Augusta den Frhstckstisch gedeckt: Lachs und
Appetitsild, Oliven und gekochte Eier.

Schwedenklee nherte sich dem Tisch mit gerunzelten Brauen. Ein Brief!
Wieder ein Brief mit den Gespensterbuchstaben! Mit zitternder Hand nahm
ihn Schwedenklee auf.

Sie verschmhen es, mir zu antworten. Sie ahnen wohl kaum, da ich
Ihnen unter Umstnden Mitteilungen machen knnte, die fr Sie von
Wichtigkeit wren. Ich werde mir die Freiheit nehmen, bei Ihnen
anzurufen, und hoffe, da Sie einer Begegnung nicht lnger ausweichen.

Schwedenklee war an diesem Morgen schonungsbedrftig. Er hatte in der
Nacht eine Flasche schweren Bordeaux getrunken -- hingerissen von den
Erinnerungen, er hatte ein halbes Dutzend Zigarren geraucht. Er war
bernchtig, abgespannt, und seine Schlfe schmerzten.

Ohne zu denken, ohne die Herrlichkeiten des Frhstckstisches zu
beachten: Lachs, Appetitsild, Oliven, strzte er an den Schreibtisch und
schrieb mit wtender Hand, ihn endlich geflligst mit diesen sinnlosen
Zuschriften verschonen zu wollen. Sie mgen der Ansicht sein, da Sie
mir wichtige Mitteilungen zu machen haben, behalten Sie diese
Mitteilungen fr sich, ich lege nicht den geringsten Wert darauf.

Fort, Rohrpost -- augenblicklich!

Augusta zitterte, sie hatte ihren Gebieter nie mit solch zornrotem
Gesicht gesehen.

Das berschreitet doch alle Grenzen! schrie Schwedenklee wtend.

Welche unverschmte Zudringlichkeit! Besuchen, habe ich gesagt, ich
will ihn besuchen? -- Aber ich bin doch kein Narr!

Nun, nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, schmeckten all die
Leckerbissen des Frhstckstisches pltzlich wunderbar. Der rger
verflog, und Schwedenklee vertiefte sich in die Zeitung.

Sein Unmut verrauchte vollends. Der Ausbruch von Raserei kam ihm nun
selbst lcherlich vor. Als er das Frhstckszimmer verlie, hatte er
sich soweit wiedergefunden, da es ihn befriedigte, den zudringlichen
Brief noch einmal in die Hand zu nehmen. Offenbar hatte der Unbekannte
dieses letzte Schreiben in der grten Erregung hingeworfen. Die
Buchstaben waren kaum zu entziffern. Mit einem verchtlichen Lcheln ri
Schwedenklee den Brief mitten durch -- die Antwort wrde ihre Wirkung
nicht verfehlen, er htte schon lange Schlu machen sollen.

Zu seinem Erstaunen entdeckte er aber pltzlich auf der Rckseite des
Briefbogens eine Nachschrift!

Ihr mir so unverstndliches Verhalten, Ihre unbegreifliche
Gleichgltigkeit kann ich mir nur so erklren, da Sie sich offenbar
nicht mehr entsinnen, wer Rosa ist -- oder leider -- war, dieser Gedanke
zuckt eben durch mein _krankes_ Gehirn! Rosa, meine geliebte Frau, die
ich, selbst dem Tode nahe, betrauere, war eine geborene Rosa Ellen
Frhlich, ihr Bhnenname lautete Rosa Froh.

                   *       *       *       *       *

Eine leise Lhmung befiel die Hand, die den Brief hielt. Ellen
Frhlich! sagte Schwedenklee leise. Dieses reizende Geschpf! Sie also
...

Ein leises flchtiges Bedauern, andere Empfindungen der Trauer lste
diese Mitteilung nicht aus. Diese lebenslustige Frau, fr die er Villen
und das berhmte Schwimmbassin entwerfen mute! Sie, die so sonderbar
rasch errtete, die Rte berzog sogar den Nacken -- diese Arme, sie
schien nicht glcklich geworden zu sein ...

Und er, dieser Trichte, der sein Gehirn selbst ein _krankes_ Gehirn
nannte, htte er ihm nicht schon frher sagen knnen, wer sich hinter
dieser Frau Rosa Blank versteckte?

Schwedenklee fhlte sich ordentlich erleichtert. Die Ungewiheit, das
Grbeln wider Willen hatten ihn gemartert. Was hatte er weiter mit der
ganzen Sache zu schaffen? Er hatte vier Wochen lang, oder vielleicht
sechs, eine Liebschaft mit dieser Frau gehabt, eine kleine reizende
Liebelei, vor achtzehn, zwanzig Jahren -- damals in Paris -- das war
alles.

Er instruierte Augusta, da heute vormittag ein gewisser Herr Blank
anrufen werde. Sie mge sagen, er sei auf unbestimmte Zeit verreist.

In bester Laune kleidete er sich an, um auszugehen. Seit langen Tagen
kam endlich die Sonne wieder durch.

Schwedenklee war gerade mit der Toilette fertig, als das Telephon
klingelte.

Er ffnete die Tre und hrte Augusta mit weinerlicher Stimme einigemal
wiederholen, da der Herr Oberbaurat verreist sei. Offenbar gab sich
Blank mit dieser Auskunft nicht zufrieden.

Augusta geriet in groe Erregung. Unverschmte Leute gibt es schon!
rief sie aus, als sie abgehngt hatte.

So und damit ist die Sache erledigt, dachte Schwedenklee und begab
sich in ausgezeichneter Laune zu seinem Schneider in der
Charlottenstrae.

Bei diesem Schneider in der Charlottenstrae -- einer groen Firma --
war eine junge Dame, ein Frulein Wiedehopf, als Buchhalterin ttig. Die
dicken, glnzend braunen Flechten turmartig ber dem heiteren, offenen
Gesicht aufgebaut, die Fingerngel glnzend poliert, duftend nach
Frische, wie aus dem Ei geschlt, ohne das kleinste Staubkrnchen -- auf
diese junge Dame hatte Schwedenklee seit einiger Zeit ein Auge geworfen.

Ich lebe zu stumpfsinnig, sagte er zu sich, als er dahinschlenderte.
Immer das ewige Kaffeehaus. Dieses Leben bekommt dir nicht,
Schwedenklee. Wir werden diese kleine Wiedehopf heute abend zu >Figaros
Hochzeit< einladen.

Unterwegs lste er Karten zur Oper, und obwohl die Schar der Verkufer
und Zuschneider diesen weiblichen Schatz mit eiferschtigen Blicken
bewachte, hatte er Frulein Wiedehopf, ohne da es irgendwie auffiel,
beim Hinausgehen zu >Figaros Hochzeit< eingeladen. Man mute es nur
verstehen.




                                   7


Eine ganze Woche blieb Schwedenklee dem Kaffeehause fern. Theater,
Ballhuser, Bars, sogar in ein Kino fhrte er die junge Dame mit den
turmartig aufgebauten Haaren und den glnzenden Fingerngeln.

Diese kleine Wiedehopf war verlobt, nahezu verlobt, der Auserwhlte war
zur Zeit auf Reisen -- wie oft hatte er das schon gehrt! Sie spielte
die Dame, lie sich verwhnen, lockte an, wehrte ab -- sie tat, bei
Gott, wie eine Generalstochter ...

Als Schwedenklee nach so langer Abwesenheit wieder das Kaffeehaus
aufsuchte, fand er die Spielergesellschaft von einer neuen Spielwut
besessen wieder. Man hatte die Karten verlassen und war zum Billard
bergegangen.

Man spielte vom roten. Jeder Billardspieler kennt dieses Spiel. Die
Karambolage wird nur dann gezhlt, wenn der rote Ball zuerst getroffen
wurde. Es spielten drei bis vier der besten Spieler, und auf sie wurde
gesetzt wie auf Pferde.

Die rzte, die Rechtsanwlte, die Kaufleute, Spieler und Kiebitze,
Kellner saen und standen in dichten Reihen um das Matchbillard herum,
in atemloser Spannung jeden Sto verfolgend.

Schwedenklee wurde freudig begrt.

Wie gut Sie aussehen, Schwedenklee! rief der Nervenarzt Wittmann. Sie
waren also doch verreist!

Nein, ich war hier, habe gearbeitet und abends ein bichen
Zerstreuung.

Sie haben Ihr altes Aussehen wiederbekommen, prchtig!

Ah, der Herr Oberbaurat. Nun wird es interessant! Kellner, das Queue
des Herrn Oberbaurat!

Sofort stiegen die Einstze ums Dreifache.

Einige Abende hintereinander spielte Schwedenklee hier vier, fnf
Stunden vom roten. Es wurden hohe Summen umgesetzt. Seine Kopfste,
Rckzieher, Zwei- und Dreibnder riefen lautes Hndeklatschen hervor.

Schwedenklee war bei bester Laune. Selbst das graue kreidige Antlitz des
alternden Knstlers, der nun hufiger ins Caf kam, strte ihn in seinem
jetzigen Gemtszustande nicht mehr. Er geno den Triumph. Nach dem
dritten Abend lie er seinen schwarzseidenen weitrmeligen Billardkittel
von Augusta ins Kaffeehaus bringen, und nun konnte man fast meinen, es
mit einem Billardchampion zu tun zu haben. Er mute seinen Gegnern
zuerst zwei Points auf zehn vorgeben, sodann drei. Je lnger er spielte,
desto vollendeter wurde sein Spiel.

Schwedenklee ist in groer Form! Man tuschelte.

Es war Schwedenklee uerst angenehm, fr einige Abende Zerstreuung
gefunden zu haben: es war gewi das beste Mittel, den Hochmut der
kleinen Wiedehopf zu beugen, wenn er eine Woche lang nichts von sich
hren lie. Diese Methode nannte er die Methode des Aushungerns, im
Gegensatz zur Methode der Belagerung, die darin besteht,
ununterbrochen um die geliebte Frau zu werben, so da sie -- wie
Schwedenklee sich ausdrckte -- berhaupt nicht mehr zur Besinnung
kam.

In der Tat, die Methode des Aushungerns schien Erfolg zu versprechen.
Frulein Wiedehopf wurde mrbe, schrieb ein violettes Krtchen: Weshalb
hrt man nichts mehr von Ihnen? Sind Sie verstimmt?

O nein, nein, gar nicht verstimmt, gndiges Frulein Wiedehopf. Ganz im
Gegenteil! In vorzglicher -- ich wiederhole: vorzglicher Laune.

Zwei Tage beantwortete Schwedenklee das Billett gar nicht. Dann schrieb
er einige hfliche Zeilen: gesellschaftliche Verpflichtungen -- in
einigen Tagen aber wrde er wieder zur Verfgung sein.

Sonderbare Wesen sind doch diese Frauen! dachte Schwedenklee, als er
nach dem Billardspiel nach Hause ging und den gleienden Vollmond ber
den Dchern betrachtete. Zeigt man ihnen seine Verliebtheit, so neigen
sie augenblicklich dazu, ihre Macht zu mibrauchen, zeigt man
Zurckhaltung, so lassen sie sofort wieder alle ihre Knste spielen.
Merken sie, da man sich zurckziehen will, so entdecken sie pltzlich
ihre groe Liebe. Ja, wie soll man sich bei ihnen zurechtfinden?

Heiratet man sie, so ist man vollkommen verloren! Sieh dich doch um,
Schwedenklee -- die Ehen all deiner Bekannten und Freunde, mit ganz
vereinzelten Ausnahmen? Gleichgltigkeit, Untreue, Kampf bis aufs
Messer, Lge.

Ja, wie soll man es anstellen? Etwas ist hier sicher nicht in Ordnung,
das Leben ist zu kompliziert.

Es war gegen Abend etwas Schnee gefallen -- der Vollmond brachte die
Klte mit -- Schwedenklee steckte das rasierte Kinn wohlig in den
Pelzkragen, whrend er langsam zwischen den hohen Bumen am Kanal
dahinschlenderte. Die Strae war fast menschenleer, nur hinter ihm, in
einiger Entfernung, kroch eine hagere, zusammengekrmmte Gestalt, die
zuweilen scharf hstelte. Die dnne Schneeschicht war an den Sohlen der
Passanten haften geblieben, so da eine Anzahl geisterhafter schwarzer
Fuspuren kreuz und quer ber die Strae lief, aus dem Unbekannten
kommend, ins Unbekannte verschwindend, verwirrend, wenn man sie lange
betrachtete.

Pltzlich blies ein kalter Hauch in Schwedenklees Genick, ja, so schien
es ihm wenigstens. Er blieb erschrocken stehen und frstelte. Kalte
Schauer berrieselten seinen Rcken. Weshalb mute er gerade in diesem
Augenblick an die tote Ellen Frhlich denken? Und weshalb hatte die
Erinnerung an diese Frau den Beigeschmack einer leisen, unerklrlichen
Scham?

Unergrndlich ist das Leben, und auch sein Herz, Schwedenklees Herz, war
ein unerforschtes Labyrinth. Weshalb? Weil die Fuspuren schwarz kreuz
und quer liefen? Ja, nur aus diesem Grunde! In Paris fllt selten Schnee
-- aber einmal hatte er Ellen abends nach Hause gebracht, und durch ihre
verschneite einsame Strae liefen genau dieselben schwarzen verwirrenden
Fustapfen. Er sah sie in dieser Sekunde, zierlich, in ihren weiten
Mantel eingehllt, klar vor sich, Schneekristalle glitzerten auf ihren
Haaren, und aus dem dunklen Gesicht glnzten heiter und lebensfreudig
die Augen. Fast zwanzig Jahre lang hatte diese Erinnerung in seinem
Kopfe geschlummert.

Fragend, lauschend waren diese Augen gewesen, sie waren bernsteingelb,
wenn das Licht voll in sie fiel, dunkel, fast schwarz, wenn sie
beschattet waren -- Schwedenklee gab sich mit einer gewissen Wehmut der
Erinnerung hin, obgleich ihn dieses unerklrliche Schamgefhl im
Innersten peinigte. Er hatte sich jedoch nichts vorzuwerfen, o nein, er
erinnerte sich sogar, da er ihr spter zwei- oder dreimal noch geholfen
hatte, als sie sich an ihn wandte. Sie war damals Anfngerin und hatte
noch zu kmpfen.

Pltzlich kroch eisige Klte an ihm empor. Vielleicht -- wer wei es --
schritt ihr Geist in der Tat neben ihm? Schwedenklee war sehr
aberglubisch.

Ellen Frhlich! sagte er leise zu sich, etwas betreten. Ich habe
keine Furcht, an dich zu denken!

Klar bis in die kleinsten und unscheinbarsten Einzelheiten stand vor ihm
die erste Begegnung mit Ellen. Er sitzt an einem kleinen Marmortisch auf
den groen Boulevards, zwei Damen, Mdchen, nehmen neben ihm Platz. Sie
sprechen deutsch, sie sprechen ungeniert und vergessen ganz oder wissen
es nicht, da auf den groen Boulevards in Paris jeder vierte Mensch
deutsch versteht. Ihre Ungezwungenheit entzckt Schwedenklee: die jungen
Damen sprechen mit einer gewissen Khnheit von unschuldigen
Liebesabenteuern. Eine hat wunderbar warme und weiche Augen, die
offenbar die Farben wechseln, von hell zu dunkel leuchten. Zuweilen
streifen diese fragenden Augen, lchelnd, voller bermut, Schwedenklees
absichtlich khl beobachtenden Blicke. Das ist Ellen Frhlich! Die
Freundin ist eine Schwedin, eine Bildhauerin.

Die jungen Damen gehen. Sie wandern zu Fu durch die wimmelnden Straen
bis zum Boulevard Raspail. Die Schwedin verabschiedet sich von der
Freundin, die in ein kleines Hotel verschwindet. Es ist sieben Uhr. Als
sie um neun Uhr das Hotel wieder verlt -- wer tritt ihr in den Weg?
Schwedenklee.

Ein Landsmann, der das Vergngen hatte, Ihr Gesprch heute nachmittag
im Caf zu belauschen, bittet tausendmal um Entschuldigung --

Ihr Blick gesteht, da sie ihn wiedererkennt. Sie ist verwirrt. Er habe
also alles gehrt? Ja. Sie bricht in Lachen aus.

Aber, sagt sie -- wie kommt es, da Sie hier sind?

Ich wartete auf Sie!

Es ist nicht schn von Ihnen, so etwas zu sagen, selbst wenn Sie es
getan haben sollten. Sie htten sagen sollen: zufllig!

Gut -- also zufllig!

Schwedenklee war ja nicht zwei Stunden auf und ab gegangen, so war es
nicht gerade. Gegenber lag eine kleine Speisewirtschaft, und hier a er
zu Abend; dann trank er Kaffee, und gerade als er gezahlt hatte, war sie
wieder aus dem Hotel getreten.

Jedenfalls aber -- sie verzieh -- sie hatte nichts vor, und er brachte
sie in ein Tanzlokal, das er als uerst anstndig kannte.

Museen, Ausstellungen, Ausflge, Tanzlokale -- wie Ellen Frhlich geno!
Sie saugte die Eindrcke in sich, sie staunte, wunderte sich,
bewunderte. Ellen sprhte auf, berauscht, verwandelt, verhundertfacht.

Und Schwedenklee, obgleich weniger schwrmerisch, lebt und atmet
leichter und heiterer in ihrer Nhe.

Ja, es war die Jugend, nichts sonst. Die Sonne schien, man fuhr auf dem
Dach des Omnibusses, unvergleichlich, herrlich, als sei man nie auf dem
Omnibus im Sonnenschein gefahren.

Die Jugend, nichts anderes! dachte Schwedenklee. Wie herrlich! Ein
Zauber! Ist die Jugend ein Zauber?

Ein Ausflug nach St. Cloud. Vorfrhling. Das erste Grn, einige
versteckte Blmchen, die Knospen glnzen, die schwarzen Baumstmme
schwitzen Feuchtigkeit. Rasch schnellen die hohen Wasser der Seine
dahin. Auf dem Dampfer einige Prchen -- er und Ellen unter ihnen, zu
den Prchen gehren sie! Ein junger Geck mit einem dnnen
Spazierstckchen amsiert smtliche Passagiere. Ellen klemmt zu ihrem
Vergngen ein Monokel ins Auge, der junge Geck macht ihr den Hof, und
Ellen mustert ihn durchs Monokel und spielt etwas Theater. Wie sie
lachten, die Prchen. Ja, worber lachten sie so furchtbar? Und damals
gehrten sie zu den Prchen und waren jung wie die anderen.

Der frische Wind hat ihre Gesichter gertet, die reine Luft hat den
Glanz in ihren Augen entfacht. Ihre Stimmen sind klar und laut geworden.
Ellen wirbelt und tanzt. Sie kriecht in die triefenden Bsche und findet
unter dem faulenden Laub Veilchen und gelbe Sternblumen. Sie steht auf
einem Stein und spricht voller Inbrunst ein paar wundervolle Verse, die
er vergessen hat. Sie essen zu Abend in einer kleinen Wirtschaft mit
fleckigen Tischtchern und feuchter Tapete. Der Kellner bringt eine
verstaubte Macon in einem Krbchen.

Sie plaudern. Ellens schner frischer Mund steht nicht eine Sekunde
still. Sie lachen den ganzen Abend. Worber? Wie herrlich war dieser
Tag, wie lang! War es nicht sonderbar, die Tage der Jugend schienen so
lang, sie nahmen kein Ende. Was war heute ein Tag? Nichts. Kaum hatte er
begonnen, war er schon zu Ende.

Es ist die Jugend, nichts anderes! Es gibt keine andere Erklrung
dafr, rief Schwedenklee aus. Sie verleiht dem Unscheinbarsten einen
zauberhaften Glanz. Ja, wie lang war dieser Tag doch. Reich an
Erlebnissen, an guten Einfllen, an schnen Gefhlen. Und Ellen mit dem
Monokel auf dem Dampfer! Ja, die Jugend! Und das da, was dahinten keift
und hustet -- Schwedenklee drehte sich um, emprt, da man ihn in
seiner Trumerei strte -- das ist das Alter! Das hliche Alter!

Die hagere, zusammengekrmmte Gestalt, die den ganzen Weg hinter ihm
herkroch, stand wenige Schritte hinter ihm, mit der Hand an einen Baum
gesttzt, geschttelt von einem Hustenanfall.

Das abscheuliche Alter! In zwanzig Jahren wirst du auch so hlich
husten, und die Jngeren, die nicht gestrt werden wollen, werden dich
verfluchen. Oh, wie boshaft und grausam ist dieses Leben eingerichtet!

Aber Schwedenklee schttelte die dsteren Gedanken ab. Ellen! Wo waren
wir doch gleich geblieben?

Ellen klagte ber ihr Hotel. Schwedenklee, befreundet mit dem Pfrtner,
Kellner und der Besitzerin seines Hotels, arrangierte alles aufs
vorzglichste. Er trat Ellen sein groes bequemes Zimmer ab und bezog
eine kleine danebenliegende Kammer. Ellen staunte, wie billig ihr
schnes Zimmer war! Ja, man mute nur Freunde und Beziehungen haben!

Wir werden Ihren Einzug feiern, Ellen, und heute abend zu Hause
speisen. Sie sollen sehen. Lassen Sie mich nur machen.

Schwedenklee besorgt den ganzen Nachmittag lang alles, was Paris an
leckeren Dingen zu bieten vermag. Gerstete Hhnchen und Hummer,
Vorspeisen und Nachtisch, Frchte. Auch Blumen vergit er nicht.

Mu man in Abendtoilette kommen?

Es wird gebeten, Ellen!

Von sieben bis acht ist Schwedenklee fieberhaft ttig. Punkt acht Uhr
klopft Ellen -- herein! Ellen ist im Abendkleid, er im Frack -- und
schon lachen sie, da sie kaum die Tr zu schlieen vermgen.

Der Hausknecht, der im Kamin nachlegte -- Ellen sollte es recht
behaglich haben -- wird von der Heiterkeit mit fortgerissen. Der
Kellner, der den Wein angeschleppt bringt, wird ebenfalls angesteckt,
und so lachen sie alle -- weshalb? Gott allein wei es.

Ellen steht und staunt: Jetzt sehe ich, da Sie ein Knstler sind,
Schwedenklee! ruft sie aus. Mein Gott, wir sind ja Hunderte von
Personen!

Sie sind in groer Gesellschaft, Ellen!

Dank Schwedenklees Freundschaft mit dem Pfrtner und Hausknecht war es
ihm mglich gewesen, einige groe Spiegel und Leuchter aus anderen
Zimmern des Hotels auszuleihen fr den Abend. Die Kerzen blendeten, und
infolge der Spiegelung glaubte man in einem langen, sonderbar gebauten
Saale voller Lichter und Blumen zu sein. Schwedenklee fhrte seine Dame
zum Sessel -- und im gleichen Augenblick geleiteten Dutzende von
befrackten Kavalieren ihre Dame in heller Seide zu Tisch. Er sah Ellen
gleichzeitig von allen Seiten, und nie kam ihr herrlicher schmaler
Nacken mit dem braunroten Haarknoten reizvoller zur Geltung ... Ellens
Augen richteten sich blitzend im Schein der Kerzen auf ihn, und
augenblicklich funkelten Dutzende von gleichen Augen von allen Seiten
ihm entgegen.

Das Diner kann beginnen, Ellen -- aber ich habe vergessen -- und er
erhebt sich und kt Ellen auf den Mund.

Willkommen!

Sie errtet. Auch ihr Busen wird behaucht von flchtigem Rot.

Das Diner kann beginnen, wiederholt sie mit einem verwirrten Lcheln,
mit etwas matter Stimme.

                   *       *       *       *       *

Schwedenklee war bei seinem Hause angelangt. Automatisch stieg er die
Treppe empor, automatisch schlo er auf.

So tief war er in die Erinnerung dieses Diners versunken, da die Kerzen
ihn in der Tat blendeten und Ellens zarter wunderbarer Nacken aus all
den blitzenden und flammenden Spiegeln ihm entgegenleuchtete.

Und zu denken, da ich zwanzig Jahre lang nicht an diesen Abend
dachte! sagte er seufzend, als er in das kalte finstere Haus trat, und
begann zu pfeifen, um seine melancholische Anwandlung zu berwinden.

In diesem Augenblick glaubte er das hastige, ungeduldige Scharren eines
raschen Schrittes drauen auf der Treppe zu vernehmen. Irgend jemand,
der die Gelegenheit benutzen wollte, ins Haus zu kommen.

Aber auch das ist nicht vllig sicher. Jedenfalls wute Schwedenklee nie
zu erklren, was in dieser Sekunde vorgegangen war. Hatte er diesen
hastig scharrenden Schritt gehrt oder nicht? Es schien ihm spter, als
ob er in der Tat gar nichts gehrt habe, aber ein gnzlich
unverstndlicher, ja mysteriser Zwang ihn veranlat habe, das Haustor
nochmals zu ffnen.

Jedenfalls, Schwedenklee ging, ohne viel zu denken, zur Tre, ffnete
sie ...

Kaum aber hatte Schwedenklee das Tor geffnet, da erschrak er so heftig,
da er zurckprallte und am ganzen Krper entlang einen Schlag
versprte, wie von einem schweren Eisenstab. Spter erinnerte er sich
deutlich, da sich ihm die Haare im Nacken gestrubt hatten, eine
Erscheinung, die er bisher nur fr eine leere Redensart gehalten hatte.

Dicht vor ihm war ein Gesicht erschienen, eine gespenstische
Erscheinung, etwas grer als er, die offenbar in diesem Augenblick
ausholte, um zu pochen. Gerade diese Geste hatte etwas ungeheuer
Drohendes und Erschreckendes an sich gehabt.

Die Erscheinung prallte ebenfalls erschrocken zurck und tastete sich
hastig rckwrts die Stufen hinab. Das unter einem weichen, flachen
Filzhut verborgene Gesicht der Erscheinung glitt durch den Lichtschein
der Straenlaterne, und in diesem Augenblick erkannte Schwedenklee das
Gesicht: es war das bleiche, vergrmte Antlitz jenes alternden,
verbrauchten Knstlers, das ihm zuweilen unangenehm und strend im
Billardsaal des Cafs aufgefallen war.

Am Fue der Treppe blieb die hagere, etwas zusammengekrmmte Gestalt
stehen und griff hastig nach dem flachen Hut. Es sah aus, als wollte sie
den Hut im Winde festhalten.

Im Augenblick, da Schwedenklee das Gesicht erkannte, lie das tdliche
Erschrecken nach. Er ffnete das Tor vllig und machte einen
entschlossenen Schritt vorwrts, obgleich der Schrecken noch in all
seinen Gliedern zitterte.

Was wnschen Sie? fragte er, unntig laut, und seine Stimme bebte noch
vor Erregung.

Der Hagere wich noch einen kleinen unsicheren Schritt zurck, die Hand
aufs Herz gepret. Es schien Schwedenklee, als ob er heftig zittere.
Deutlich hrte er seinen hastig keuchenden Atem.

Was wollen Sie von mir? wiederholte Schwedenklee, weniger laut, aber
hrter im Ton. Er erkannte die vllige Gefahrlosigkeit der Situation.

Der Hagere nahm den Filzhut ab und verbeugte sich, den Hut gegen die
Brust pressend. Sein graues wirres Haar bewegte sich im Winde.

Ich heie Blank! stammelte er, ganz Demut. Seine Stimme klang leise,
kaum vernehmbar, heiser dazu. Aber Schwedenklee verstand den Namen
augenblicklich!




                                   8


Schwedenklee hatte schon manches erlebt. Nicht ohne weiteres wird man
fnfundvierzig Jahre alt! Einmal, zum Beispiel, war in einer hellen,
heien Sommernacht ein Herr auf ihn zugetreten und hatte in
liebenswrdigstem Ton gefragt, ob er die Ehre habe, mit Herrn
Schwedenklee zu sprechen? Schwedenklee aber hatte kaum bejaht, als der
Liebenswrdige schon den Stock gegen ihn schwang. Es stellte sich
heraus, da er der Gatte einer schnen Frau war, mit der Schwedenklee
zuweilen im Bristol Tee trank. Damals war es zu einer regelrechten
Schlgerei gekommen, und der Eiferschtige brachte sogar die Passanten
gegen ihn auf. Erst als Schwedenklee heilige Eide schwor, da die
bewute Beziehung vllig platonisch sei, war der Rasende ruhiger
geworden. Die schne Frau hatte ganz einfach gelogen, um ihren Gatten
bis aufs Blut zu reizen. Immerhin, Gestndnis und Eide in der Bedrngnis
waren so peinlich, da Schwedenklee den Auftritt als einen dunkeln
Schatten in seinen Erinnerungen empfand.

Ja, schon mancherlei hatte er erlebt, Herr Schwedenklee -- nie aber
hatte er sich in einer Situation befunden, die peinlicher und
unbehaglicher war.

Die unverstndlichen Briefe Blanks schossen ihm wirr durch den Kopf,
auch sein brutaler Rohrpostbrief, der ihm im Augenblick noch weitaus
brutaler erschien, auch jene alberne, pathetische Phrase: Die Toten
greifen nach dir!

Und hier unten also, dieser Grauhaarige, der sich demtig verbeugte und
vor Erregung kaum stammeln konnte, das war also Ellens Gatte -- der ihn
aus unerklrlichen Grnden zu sprechen wnschte ...

Schwedenklee hatte das Gefhl, langsam in den Boden zu sinken. Es schien
ihm spter, wenn er an diese unbehagliche Szene dachte, als habe er fr
Sekunden das Bewutsein verloren gehabt. Er glaubte sich auch zu
erinnern, wie seltsame Ahnungen, da diese Begegnung ungeheure Bedeutung
fr sein Leben gewinnen sollte, ihn erfllten und erschreckten.
Jedenfalls empfand er deutlich die Ungewhnlichkeit dieser nchtlichen
Begegnung, anders wre sein Verhalten nicht zu erklren.

Verlegen und unschlssig starrte Schwedenklee auf die hagere Gestalt,
die unter ihm stand. Vor kaum fnf Minuten -- sonderbar genug! -- hatte
er sich der Erinnerung an Ellen hingegeben. Er konnte Blanks Gesicht nur
sehen, wenn ein schwankender Zweig das Licht des Mondes durchlie.
Gleich verlegen und hilflos starrten Blanks dunkle Augen aus dem
bleichen Gesicht zu ihm empor.

Schwedenklees Empfindungen waren Chaos. Er wollte die Tre wtend ins
Schlo werfen, wollte seiner Emprung, da Blank es wagte, ihn zu
verfolgen, unverblmt Ausdruck geben -- aber er tat nichts dergleichen.

Im Gegenteil! Herr Blank? sagte er nach einer Weile, mit einer
unsicheren und unterwrfigen Stimme, deren er sich spter schmte, und
einer verstmmelten Verbeugung.

Sie haben mir geschrieben, Herr Blank? fuhr er fort, nur um das
unertrgliche Schweigen zu unterbrechen.

Blank antwortete mit einer Verbeugung. Er erwiderte nichts.

Ratlos stand Schwedenklee auf der Treppe. Nacht ringsum, kein Mensch auf
der Strae. Und ohne Unterbrechung fhlte er Blanks Blick auf sich
gerichtet. Schwedenklee trat wieder etwas mehr in das Haustor zurck.

Vielleicht erklren Sie mir --, begann er von neuem.

Endlich bewegte sich Blank.

Ich handle unter einem geheiligten Willen, begann er leise, mit
heiserer Stimme, aber doch verstndlich, ja sogar etwas deklamatorisch,
wie Schauspieler es hufig zu tun pflegen. Schwedenklee sah deutlich,
da er hin und her schwankte und nach Atem rang.

Ich bitte um Verzeihung! Ich persnlich wrde es ja nie gewagt haben.

Die Hand Blanks fuhr in die Rocktasche, er zog einen hellen
Briefumschlag heraus.

Hier, sagte er, sehr leise. Ich bitte. Und er streckte Schwedenklee
mit flatternder Hand den Briefumschlag hin. Die Tote hat mich
beauftragt.

Schon streckte Schwedenklee die Hand aus, aber er zog sie sofort wieder
erschrocken zurck. Eine tdliche Klte strmte ihm von diesem
Briefumschlag entgegen. Und Schwedenklee sammelte sich zu einem letzten
Widerstand. Jene gewisse Brutalitt, die, meist schlummernd, einen Teil
seines Wesens bildete, erwachte pltzlich und formte seine Gedanken zu
einer letzten Abwehr.

Mein Herr! Sie besaen die Khnheit, mir eine Anzahl von Briefen zu
schreiben, obgleich Sie mir vllig unbekannt sind. Sie verfolgen mich
und sind unverfroren genug, mich vor meinem Hause zu berfallen! Ihre
Unverschmtheit berschreitet alle Grenzen. Lassen Sie mich geflligst
in Ruhe mit Ihrem Brief, lassen Sie mich berhaupt zufrieden. Scheren
Sie sich zum Teufel!

Das also war es, was Schwedenklee dieser zitternden, hageren Gestalt,
die demtig vor ihm stand, entgegenschrie, in uerster Emprung. Aber
was geschah? Blank wagte es, die Treppe emporzusteigen -- und
Schwedenklee selbst war es, der ihm hflich das Tor ffnete -- Blank
verbeugte sich mit groer Frmlichkeit und trat ein.

Schwedenklee hatte diese Ansprache ja nur in Gedanken gehalten. In
Wirklichkeit aber hatte er hflich, ergeben in sein Schicksal, wie sein
wahres Wesen es ihm befahl, Blank gebeten einzutreten.

So geschah es, da der unheimliche Gast, die Erscheinung, wie
Schwedenklee in seiner ersten Verwirrung gedacht hatte, zur groen
Verwunderung Schwedenklees sich ins Haus tastete.

                   *       *       *       *       *

Nun wohl, dachte Schwedenklee, als er das Licht in der Diele andrehte,
halb benommen im Kopf, es mu wohl so sein. Irgend etwas Merkwrdiges,
Unabwendbares ist hier im Spiel. Im brigen vergessen wir nicht, da
dieser arme Teufel Ellens Gatte ist. Nun, wir werden ja sehen, komme,
was kommen soll ...

Ein fadendnner berzieher mit einem abgeschabten lcherlich schmalen
Pelzkragen und zu kurzen rmeln, ein schmales, fast schnes, wachsfahles
Gesicht, von hundert kleinen Fltchen zerknittert wie Papier, mit einer
hohen, mchtigen Stirn, die graue Haarstrhnen umflatterten, mit
blulichen Lippen und fiebrisch glnzenden, dunkeln, aber gutartigen, ja
gtigen Augen -- so sah die Erscheinung aus, als Schwedenklee sie bei
Licht besah. Ein ins Elend geratener, vergrmter Knstler mit der Miene
fatalistischer Hoffnungslosigkeit -- sein erster, obwohl flchtiger und
unbewuter Eindruck war vllig richtig gewesen. Vielmehr noch: ein
krperlich und seelisch vollkommen Erschpfter, der in dem berheizten
Zimmer von heftigen Hustenanfllen geschttelt wurde, whrend er mit
heiserer, bescheidener Stimme Entschuldigungen stammelte.

Schwedenklee betrachtete das Abenteuer schon mit ruhigeren Augen. Die
Erscheinung hatte gnzlich ihre Unheimlichkeit eingebt -- ein Kranker,
ein Hilfsbedrftiger, das war alles, was von ihr geblieben war. Ja,
schon empfand Schwedenklee, der brutale Schwedenklee, der Leute, die ihn
strten, zum Teufel schickte, Mitleid mit seinem Gast.

Wie hatte Blank seinerzeit geschrieben? Mein _krankes_ Gehirn.
Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich, war manches nicht mehr ganz in
Ordnung bei ihm. Er erweckte ohne Zweifel den Eindruck, besonders diese
_leuchtenden_ gtigen Augen! Wir werden sehen, hflich, freundlich, um
ihn nicht zu erregen, und dann wird sich ja alles weitere von selbst
finden.

Schwedenklee setzte also eine alltgliche, freundliche Miene auf, als
sei berhaupt nichts Ungewhnliches geschehen.

Ich bitte doch abzulegen, Herr Blank! sagte er mit groer
Liebenswrdigkeit.

Blank schlte sich, verwirrt und zerstreut um sich blickend, aus dem
fadenscheinigen berzieher. Sein Anzug war so jmmerlich, da
Schwedenklee sich betroffen abwandte.

Ich werde ihm helfen! dachte er nun schon. Ich habe ja genug alte
Kleider, Herrgott noch einmal!

Mein Benehmen --, stammelte Blank, whrend er zu einem Sessel
schwankte, mein Benehmen mu aufdringlich und unverstndlich
erscheinen. Eine abscheuliche Rolle, die ich nie in meinem Leben spielte
-- die ich verabscheue ...

Ich bitte, Herr Blank.

Blank erhob sich wieder aus dem Sessel und tastete nach Schwedenklees
Hand. Jedenfalls Dank, da Sie mich nicht abweisen, Herr Schwedenklee!
sagte er mit einem heien Blick der dunklen Augen. Allein das teuerste
Wesen, das ich besa, eine Tote, befiehlt und ich gehorche!

Eine Zigarre vielleicht? Wollte er doch aufhren, von Toten zu
sprechen, dachte Schwedenklee, um Gottes willen!

Nein, unmglich -- mein Husten --

Schwedenklee war bestrebt, die Peinlichkeit der Situation, die noch
immer, wenn auch gemildert, bestand, durch eine zerstreute
Geschftigkeit zu verwischen.

Blank sa im Sessel, die Hnde auf die Lehne gelegt, und versuchte, ein
Zittern, das seinen kranken Krper ohne Aufhren durchlief, zu
verbergen. Wie sein Gesicht waren auch die Hnde von hundert Fltchen
zerknittert, wie weiches Papier. Sie waren lang, wachsfahl und peinlich
gepflegt.

Ich zittere noch immer! begann Blank, seine Schwche verspottend.
Aber Sie ahnen ja nicht, welche Angst ich hatte, als ich Ihnen folgte,
fuhr er flsternd, bekennend fort. Kaum, da mich die Fe trugen.
Schon gestern, vorgestern folgte ich Ihnen, aber ich wagte es nicht.
Gestern wollte ich Ihren Namen rufen, aber die Stimme versagte. In der
letzten Nacht nun mahnte mich ein Gesicht -- er hielt inne, als erwarte
er, da Schwedenklee etwas sagen werde, aber Schwedenklee sagte nichts
--, ich legte ein Gelbde ab, und so wagte ich es heute, obschon die
Furcht mich fast ttete. Nie werde ich wissen, woher ich den Mut nahm
--

Ich bitte Sie, sich nicht zu erregen, Herr Blank, entgegnete
Schwedenklee, vielleicht wrde ein Glschen Wein Sie beruhigen? Hastig
war Schwedenklee bemht, den Gast von dem unheimlichen Thema abzulenken.
Ohne jede Frage, eine sehr peinliche Geschichte! Aber es wrde
sich ja wohl nach einiger Zeit Gelegenheit bieten, den Gast
hinauszukomplimentieren.

Blank errtete flchtig, als er die zitternde Hand nach dem Glase
ausstreckte. Sein Handgelenk war von einer erschreckenden Magerkeit, wie
Schwedenklee es noch nie beobachtet hatte. Langsam und bedchtig
schlrfte Blank den Wein, der ihn augenblicklich zu erfrischen schien.
Das Zittern seines Krpers lie nach, ruhig glitt sein Blick durch
Schwedenklees Bibliothek.

Was fr ein herrlicher Raum, sagte er, indem er mehrmals nickte und
die Lippe hob, als versuche er zu lcheln. Ich verstehe wohl, da Sie
das Unglck meiden.

Schwedenklee wurde blutrot vor Scham.

Ich verstehe wohl, da Sie die Armut meiden.

Verzeihen Sie ..., stammelte Schwedenklee.

Ich verstehe alles so gut. Ich bin ja selbst nicht anders gewesen --
frher!

Ich bin, wenn ich offen sein darf, verteidigte sich Schwedenklee,
etwas stotternd, aus Ihren Briefen nicht recht klug geworden. Zuerst
glaubte ich berhaupt an ein Miverstndnis. Ich dachte -- dazu war ich
sehr berarbeitet in dieser Zeit.

Blank nickte und hob abwehrend die Hand.

Meine Briefe waren wohl sehr verwirrt? Heute noch bin ich nicht
imstande, einen Gedanken zu Ende zu denken. Ich verstehe Sie jetzt,
heute vollkommen, Herr Schwedenklee! Vielleicht dachten Sie sogar, ein
Bettler -- oder noch schlimmer: ein Erpresser ...

Aber nein! Schwedenklee lachte verlegen. Wie knnen Sie so etwas
denken. Ich wte nicht -- endlich kam Schwedenklee der rettende
Einfall --, ich ahnte ja nicht -- Sie schrieben mir erst ganz zuletzt,
welche Geborene Ihre Frau Gemahlin war.

Ich nahm in meiner Verwirrung, meinem Schmerze an, jeder Mensch msse
es wissen! Ich glaubte auch, es schon geschrieben zu haben. Habe ich es
nicht in der ersten Mitteilung geschrieben?

Ich bitte Sie, sich jedenfalls in meine Lage versetzen zu wollen, Herr
Blank.

Blank schttelte den Kopf und hob beide Hnde beschwichtigend empor.

Kein Wort mehr, ich bitte Sie herzlich. Wer hier um Verzeihung zu
bitten hat, das bin ich und nicht Sie! sagte er mit einer Verbeugung.
Zum erstenmal, seit er das Zimmer betreten hatte, blickte er
Schwedenklee ins Gesicht. Sie erinnern sich nicht mehr, da wir uns
schon einmal trafen? begann er nach einem langen, wie es Schwedenklee
schien, forschenden Blick, mit etwas vernderter, leichterer Stimme.

Wir? Schwedenklees Blick wurde unsicher. Nun wird sich das Geheimnis
enthllen, dachte er voller Spannung und sofort wieder erregt.

Ja, ich hatte schon einmal die Ehre -- vor vielen Jahren. Vor etwa
zwanzig Jahren.

Zwanzig --? rief Schwedenklee erschrocken aus, als sei so etwas
gnzlich unmglich.

Ja, vor mehr als zwanzig Jahren.

Mehr als zwanzig!

Ja, es war in Mnchen. Erinnern Sie sich an den Maler Pfitzner?

Pfitzner? Aber natrlich. Ein guter alter Freund!

Pfitzner hatte damals seinen ersten Portrtauftrag erhalten und gab
seinen Freunden ein Atelierfest, das drei Tage und drei Nchte dauern
sollte. Aber schon am ersten Abend gab es Zwistigkeiten. Einer der Gste
war auf Pfitzner eiferschtig geworden, es kam nahezu zu Ttlichkeiten
--

Richtig, nun dmmert es in mir! Aber Sie, Herr Blank -- ich mu offen
gestehen ...

Vielleicht entsinnen Sie sich noch, da einer der Gste sang?

Ein junger Mann, jawohl.

Er sang den Prolog von >Bajazzo<.

Ja! Deutlich erinnere ich mich. Der Snger stand dicht in meiner Nhe,
ich hre heute noch, in diesem Augenblick, seine prchtige, kernige
Stimme. -- Aber es ist doch wohl nicht mglich, Herr Blank, da Sie
...? rief Schwedenklee mit naivem Erstaunen aus und sprang auf.

Blank nickte. Doch, ich war dieser Snger! sagte er errtend, und die
Heiserkeit seiner Stimme drckte tiefste Traurigkeit aus.

Sofort sah Schwedenklee ein, da er eine ganz unbegreifliche
Taktlosigkeit begangen hatte. Ist es mglich, rief er hastig aus, vor
zwanzig Jahren, sogar mehr als zwanzig Jahren, sagen Sie? Um Gottes
willen, wohin sind diese zwanzig Jahre nur gekommen? Ja, wunderbar haben
Sie damals gesungen -- es ist volle Wahrheit, was ich Ihnen sage, all
die Jahre habe ich den Klang Ihrer Stimme im Ohr behalten. Merkwrdig,
und Sie erinnern sich meiner noch? Das finde ich erstaunlich.

Ich erinnere mich noch ganz deutlich an Sie. Sie haben sich nicht sehr
verndert.

Nicht sehr?

Sie sind etwas voller geworden und etwas breiter. Ich habe Sie auch
sofort wiedererkannt, als ich Sie vor Wochen auf der Strae sah.

Als Sie mich auf der Strae sahen?

Ja, vor Ihrem Hause, gestand Blank errtend.

Ich erinnerte mich ganz besonders an Sie, weil Sie auf Pfitzners
Atelierfest eine Theorie vortrugen, die mich lange und oft
beschftigte.

Ich -- eine Theorie, sagen Sie?

Ja, Sie erklrten, es sei an der Zeit, eine ber den Staaten stehende
Republik der freien Geister und Knstler zu grnden.

Ich htte --? Schwedenklee war uerst erstaunt.

Ja, Sie fhrten diesen Gedanken bis ins einzelne aus und wir hrten
voller Interesse zu. Sie sprachen sehr ketzerische und revolutionre
Gedanken aus, und wir waren um so mehr erstaunt, als Sie ja aus
Norddeutschland kamen.

Schwedenklee fllte die Glser. Sonderbare Einflle hat man in der
Jugend! rief er lachend aus. Ja, ganz verrckte Gedanken!

Sie gingen bald darauf nach Paris. Als ich Pfitzner wieder eines Tages
im Atelier besuchte, sagte er mir: Schwedenklee ist nach Paris gegangen,
um seine berstaatliche Republik der freien Geister und Knstler zu
grnden.

Hier lachte Schwedenklee laut und belustigt auf.

Im nchsten Jahre wurde ich nach Nrnberg engagiert, fuhr Blank fort,
und seine Stimme vernderte sich wieder. Und hier war es, wo ich Rosa
Frhlich traf, schlo er leise.

Ja, sie ging damals nach Nrnberg, ich entsinne mich, warf
Schwedenklee etwas unsicher ein. Er war pltzlich rot geworden.

Ich kam mit ihr ins Gesprch und sie sagte mir gleich, da sie aus
Paris kme. Aus Paris? Haben Sie vielleicht zufllig einen Bekannten von
mir, einen Architekten Schwedenklee getroffen? -- Nie werde ich Rosas
verblfftes, ja entgeistertes Gesicht vergessen ...

Ist das Leben nicht sonderbar?

Ohne da Sie es ahnten, haben Sie, Herr Schwedenklee, rasch unsere
Freundschaft vermittelt.

Welch merkwrdige Zuflle es gibt!

So also begann es. Mit Ihrem Namen! sagte Blank leise und nickte vor
sich hin. So also begann es! wiederholte er, die Stimme von Trauer
berschattet.

Sein Blick verlor sich ins Unbestimmte. Er bewegte die dnnen blutleeren
Lippen und feuchtete sie mit der Zunge an. Er schien noch um einen Grad
bleicher geworden zu sein.

Schwedenklee erhob sich und bewegte sich lautlos ber die Teppiche.
Diese ganze Erde sei in der Tat nichts als ein groes Bauerndorf! Und er
erzhlte hastig und mit halblauter Stimme einige hnliche Erlebnisse,
die ihm begegnet waren und seine Ansicht besttigten, da die Erde
nichts als ein Bauerndorf sei. Blank antwortete nicht, er schien gar
nicht zuzuhren.

Mit aller Umstndlichkeit machte sich Schwedenklee eine Zigarre zurecht.
Wieder bewegte er sich lautlos ber die Teppiche. Und was ist
eigentlich aus Pfitzner geworden? Er blieb stehen.

Aber Blank hrte ihn gar nicht. Er sa, den verschleierten Blick ins
Ungewisse verloren. Er hatte vergessen, wo er war, wandelte in einer
fernen, unbegreiflichen Welt. Ein wundes Lcheln spielte um seine
Lippen. Die schmalen gepflegten Hnde lagen regungslos auf den Lehnen
des Sessels, sie zitterten nicht mehr, nur sein gebeugter Oberkrper
schwankte leise hin und her.

Verstohlen blickte Schwedenklee auf die Uhr. Da erwachte Blank aus
seiner tiefen Versunkenheit. Er atmete tief auf und blickte sich
verstrt um.

Verzeihung, sagte er und schttelte sich, als friere er.

Schwedenklee streckte sich in den Sessel.

Und nun, Herr Blank, begann er mit einer Stimme, die seinen Gast
ermutigen sollte, Sie hatten mir etwas mitzuteilen?

Blank erschrak heftig. Die nervse Hand zuckte, seine dunkeln Augen
weiteten sich.

Mitzuteilen --? stammelte er, anscheinend tief betroffen.

Schwedenklees Miene, der etwas leichtfertige und gutmtige
Gesichtsausdruck, versuchte ihn zu beruhigen.

Ja, sagte Schwedenklee, sich lchelnd vorbeugend. Sie schrieben mir
in einem Ihrer Briefe, Sie htten mir Mitteilungen zu machen, die fr
mich unter Umstnden von Interesse sein knnten.

Schrieb ich das? Blank erhob sich erregt, lie sich aber sofort wieder
in den Sessel fallen. Nein, nein, mein Herr, fuhr er hastig fort,
zuweilen errtend, was ich zu tun habe, ist, Sie tausendfltig um
Entschuldigung zu bitten, das ist alles. Ich befinde mich in einem
Zustande der Verwirrung, der Verzweiflung -- ja, des, Sie verzeihen, es
klingt wie Pose, des Irrsinns. Ich mu um Nachsicht bitten. Ich wei
nicht mehr, was ich in diesen furchtbaren Wochen sagte oder schrieb.
Verzeihen Sie mir. Aber, mitzuteilen? Nein, bei Gott, nein! Ich habe
Ihnen nichts mitzuteilen. Rote fieberische Flecke erschienen unter den
Augen des fahlen Gesichts.

Blank war in groer, ganz unbegreiflicher Erregung. Aber allmhlich
beruhigte er sich.

Was ich Ihnen gerne sagen mchte, wenn Sie noch eine Minute Geduld mit
mir haben wollen, fuhr er mit ruhigerer, feierlicher Stimme fort, ist
dies -- Er holte tief Atem und senkte den Blick zu Boden. Meine
Gattin, deren Verlust mich nahezu um meine Sinne gebracht hat, sagte mir
wenige Stunden vor dem Tode: Gehe zu Schwedenklee und gre ihn von mir.
Sage ihm, da ich ihm nicht mehr grolle.

Nicht mehr grolle --? Schwedenklee horchte auf.

Ja, so sagte sie. Vielleicht aber habe ich auch die Worte verwirrt.
Sage ihm, da ich ihm stets gut war und noch heute gut bin --

Hier wurde Schwedenklee pltzlich ergriffen.

Sagte sie das wirklich? flsterte er.

Ja, und sie beauftragte mich, Ihnen dies Bild zu bringen. Es wrde Sie
freuen, dachte sie. Eine Erinnerung aus der Pariser Zeit. Blank schlug
sich an die Stirn. Ja, dieses Bild, das war ja die Ursache meines
Besuches! Schon habe ich es wieder vergessen, ich sitze hier und
plaudere --

Blank erhob sich und tastete nervs die Taschen des berrocks ab.

Mein Himmel, ich werde es doch nicht drauen verloren haben! rief er
in uerstem Schrecken. Nein, hier, gottlob, hier ist es. Das ist ja
der eigentliche Grund, weshalb ich Sie aufsuchte.

                   *       *       *       *       *

Eine verblate Photographie, in Paris aufgenommen -- seinerzeit. In
irgendeiner bermtigen Stunde.

Eine zierliche Dame, in einem groen Hut -- das Gesicht kaum
erkenntlich. Daneben er, Schwedenklee, zwanzig Jahre jnger, mit einem
flotten kleinen Schnurrbart. Schwedenklee zerbrach sich den Kopf, wo das
Bild aufgenommen sein konnte. Er erinnerte sich nicht mehr.

Er trat unter die Lampe und nahm eine Lupe vom Schreibtisch.

Nun erkannte er die Zge der jungen Dame wieder, die in all den vielen
Jahren nur selten, flchtig und verblat in seiner Erinnerung wieder
auflebten. Ein wehmtiges Gefhl berkam ihn -- da diese herrliche
Jugendzeit vorbei war fr immer.

Ellen Frhlich! sagte er vor sich hin.

Sie hatte zwei Namen, warf Blank mit verletzter, fremder Stimme ein.
Da Sie sie Ellen genannt hatten, whlte ich ihren anderen Namen. Ellen
fr Sie, Rosa fr mich!

Schwedenklee blickte ihn verstndnislos an.




                                   9


Als Schwedenklee am nchsten Morgen, etwas mde und abgespannt, in
seinem breiten Himmelbett erwachte, fiel ihm augenblicklich ein, da er
Blank fr heute zum Abendessen eingeladen hatte.

Was fr ein Dummkopf bin ich doch, dachte er, unzufrieden mit sich
selbst, immer diese alte Gutmtigkeit. Ich bin wtend ber einen
Menschen und doch kann ich es mir nicht versagen, den Liebenswrdigen zu
spielen. Aber sofort erinnerte er sich auch, da es ganz unmglich war,
Blank, der Begriffe wie Zeit und Nachtruhe nicht zu kennen schien, auf
andere Weise zu verabschieden. Er hatte sich auch in der verflossenen
Nacht hin und her berlegt, wie er Blank seine Hilfe anbieten knnte,
aber keine Mglichkeit gefunden. Da war ihm der Einfall der Einladung
gekommen.

Lieber Himmel, dachte er pltzlich erschreckend und setzte sich auf, wie
mag dieser arme kranke Mensch in der Nacht nach Hause gekommen sein?
Nach dem Osten. Ob er wohl, wie er ihm riet, eine Droschke genommen
hatte? Aber vielleicht hatte er gar nicht das Geld dazu? Ich selbst
htte ihm eine Droschke holen und den Kutscher bezahlen sollen -- aber
dieser Einfall kam reichlich spt.

Etwas Gutes hatte die gestrige Begegnung auf jeden Fall. Schwedenklee
fhlte sich erleichtert! Das im Hintergrund lauernde Schicksal, wie er
sich ausdrckte, hatte sich entschleiert. Obgleich Schwedenklee
eigentlich nicht an Gott, an ein zweites Leben, an Auferstehung,
Seelenwanderung und derartige Dinge glaubte, glaubte er doch an
mystische Einflsse, an ein Fatum, das unheilvoll in das Leben eines
Menschen eingreifen konnte. In den zwei letzten Jahren hatte er sich
unsicher gefhlt. Es war ihm, als wre er von heimtckischen Gefahren
umlauert. Einer seiner Bekannten starb pltzlich am Herzschlag, und
schon dachte er: wer wei es, ob du morgen erwachen wirst? Zuweilen sah
er sich alt und krank als Bettler auf der Strae stehen und der Wind
blies eisig. Oder ein unheilbares Leiden befiel ihn, zum Beispiel Krebs.
Ganz deutlich sprte er die fortwhrende Drohung feindseliger Mchte,
und nur so -- nicht anders -- lt es sich erklren, da die Briefe
Blanks auf ihn einen solch ungeheuren Eindruck machten. Nun also kam es,
heimtckisch schlich es nher, um ihn zu umstricken und zu vernichten!
Deutlich witterte er die Vorboten eines bsen Schicksals, das seine
Demtigung und Vernichtung beschlossen hatte.

An diesem Morgen atmete er seit vielen Wochen befreit auf, seine
dsteren Grbeleien erschienen ihm unsinnig und albern. Seine
Hilfsbereitschaft fr Blank entsprang ebenfalls, ohne da er sich dessen
bewut wurde, diesem Gefhl der Erleichterung und einer gewissen
Dankbarkeit gegen das Schicksal, das sich ihm nicht ungndig gezeigt
hatte.

Werde ich ihm denn abgelegte Kleider geben knnen? dachte er. Vielleicht
aber wird es ihn verletzen? Also Geld. Aber wieviel und in welcher Form?

Man knnte ihm auch einen Korb mit Frchten und guten Sachen schicken,
eine Flasche Kognak dazu. Das war ein ausgezeichneter Einfall, und
Schwedenklee beschlo, noch heute den Korb zurecht machen zu lassen.

Den ganzen Vormittag war Schwedenklee mit dem gestrigen Abenteuer
beschftigt. Blank hatte ihm, mit einer gewissen Schwatzhaftigkeit, im
Laufe der Nacht sein Herz ausgeschttet, er hatte ihm jede Einzelheit
seines Lebens erzhlt -- und all das nur aus dem Grunde, weil er einige
Wochen lang eine Liebschaft mit seiner Frau gehabt hatte! Notabene: noch
bevor sie berhaupt seine Frau war ...

Schwedenklee konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er ging an den
Schreibtisch und nahm -- seine Hand zitterte etwas -- das verblichene
Bild aus dem Schubfach.

Bei Tageslicht war das Gesicht unter der Lupe etwas deutlicher zu
erkennen. Lange, mit einer Art furchtsamer Neugierde, betrachtete er das
Bild, und sonderbarerweise begann sein Herz stark zu klopfen, als wre
es frevelhaft, dieser Toten ins Gesicht zu sehen.

Je lnger er das verblate Bild betrachtete, desto klarer formte es sich
in seiner Phantasie, und pltzlich stand es, wie durch ein Wunder,
lebendig vor ihm.

Ellen hatte Grbchen in den Wangen gehabt, auf der einen Wange war das
Grbchen um ein geringes tiefer als auf der andern -- das fiel ihm jetzt
ein, obschon die Grbchen auf dem verblaten Bild nur dann zu erkennen
waren, wenn man wute, da sie existierten. Er erinnerte sich an ihre
schnen weien Zhne, die sich beim Lachen ganz entblten, als lachten
sie mit -- und wie scharf waren diese Zhne gewesen! Er erinnerte sich
an die Gltte ihrer Haut, die er nie wieder gefunden hatte bei einer
Frau, an die Ebenmigkeit ihres zarten Krpers, die weiche Biegsamkeit
ihrer schlanken Taille. Klar sah er in diesem Augenblick die
Modellierung ihrer sanften Schultern vor sich.

Zartheit, Behutsamkeit, Stille und unendliche Sanftheit ging von dieser
Frau aus. Ihr Schritt war still, die Berhrung ihrer Hand leise.
Schmiegte sie sich an ihn, so war es kaum zu fhlen, und doch war die
Berhrung unsagbar innig.

Ja, jetzt in dieser Sekunde fhlte er deutlich ihre zrtliche
Liebkosung.

Sein Herz wurde schwer und er legte das Bild zurck. Ein rhrendes
Wesen, in der Tat, sagte er. Vorbei -- tot! Ja, das Leben ist eine
hllische Einrichtung!

Traurig das Schicksal dieser Frau, die das Leben so hei geliebt hatte.
Von Paris war sie in ein Sommerengagement nach Nrnberg gegangen. Daran
erinnerte er sich noch deutlich. Sie hatten noch einige kurze Briefe
gewechselt, bis die Korrespondenz pltzlich ohne jeden sichtbaren Grund
einschlief. In Nrnberg hatte sie Blank kennengelernt, der sie -- wie er
selbst gesagt hatte -- liebte, bevor er sie sah.

Ich sah sie noch gar nicht. Die Tr ging auf -- ihre Seele strmte vor
ihr her. Wer kommt hier? dachte ich. Und ich liebte diese Frau, die im
Begriffe stand, ber die Schwelle zu treten, bevor ich sie berhaupt
sah. Es ist mir heute noch rtselhaft!

Blank sollte in Kln gastieren. Sie begleitete ihn. Er sang um Rosa.
Er gefiel, zweijhriger Kontrakt, auch Ellen wurde engagiert. Sie
heirateten auf Grund dieses Engagements. Drei Jahre hier, zwei Jahre
dort, in kleineren und greren Provinzstdten -- ein Nomadendasein,
frhlich und heiter ertragen, obwohl voller Sorgen. Pltzlich aber ging
es in die Hhe: Mnchen, Mannheim, endlich Dresden! Blank hatte den
Gipfel erreicht. Das Dasein der beiden war ohne Sorgen -- einen
Pelzmantel mit Brenkragen trug Blank, wie er sagte. Sie reisten im
Sommer nach der Schweiz, ans Meer.

Nie gab es wohl zwei glcklichere Menschen als uns beide! Ein Kreis
prchtiger Freunde, immer Blumen in den Zimmern, und ein Heim, das
widerhallte von der herrlichsten Musik! Der und der spielte Cello, der
und der Geige, der und der den Flgel -- erste Knstler, die in der
ganzen Welt konzertierten. Berhmte Dirigenten aen bei uns zu Abend.
Und Rosa im Mittelpunkt, Rosa umschwrmt, bewundert, geliebt ...

In Dresden aber holte Blank das Geschick ein. Eine Erkltung, wenig
beachtet. Eine Wucherung an den Stimmbndern. Blanks Laufbahn als Snger
war besiegelt. Ellen dagegen spielte noch, sie erhielt ihn Jahre
hindurch. Kuren, rzte. Der Niedergang begann. Schlielich erkrankte
auch Ellen, die Lunge. Das war das Ende.

Furchtbarer Sturz in das tiefste Elend. Auch Blank wurde brustkrank.

Wir liefen um die Wette nach dem Tode, Rosa und ich. Sie hat das Ziel
zuerst erreicht, aber ich bin nicht weit hinter ihr.

Gestorben an der Schwindsucht, zwei Menschen trugen sie zu Grabe ...

Arme Ellen! sagte Schwedenklee und legte das Bild zurck in das
Schubfach.

Er war in solch melancholische Stimmung geraten, da er, was selten
vorkam, schon am Nachmittag das Stammcaf aufsuchte.

Hier sa er an einem kleinen Marmortisch und sah lustlos zu, wie der
Rechtsanwalt Cohnstamm mit dem Polizeileutnant Hammerstein eine
Cadrepartie auf dem Matchbillard ausfocht. Er war wortkarg und
zerstreut, trank ohne Genu seine Tasse Kaffee. Der Rechtsanwalt erbat
seinen Rat bei einer schwierigen Stellung. Sprang Schwedenklee auf, wie
es sonst seine Art war, um sein Licht leuchten zu lassen? Er zuckte
gleichgltig die Achseln.

Und zu denken, wie diese Ellen lachen konnte! Wie sie es verstand, auch
das Nichtigste zu genieen! Und wie drollig sie sein konnte! Immer
bereit zu einem bermtigen Streich!

Der Oberkellner nherte sich, zutraulich: Es seien schon groe Betrge
auf Herrn Oberbaurat fr heute abend gesetzt.

Ich werde heute abend nicht spielen, sagte Schwedenklee, mit Falten in
der Stirn. Ich habe Gste zu Hause.

Schon um einhalb acht Uhr begab sich Schwedenklee nach Hause. Er freute
sich auf Blanks Besuch. Ja, er freute sich, ist es zu glauben?

Und gestern zerbrach ich mir den Kopf, wie ich ihn loswerden knnte!

                   *       *       *       *       *

Schwedenklee bekmmerte sich eigentlich nie um die Wirtschaft. Seine
ganze Ttigkeit bestand darin, jeden Monat das Wirtschaftsbuch
nachzuprfen. Er nahm sich natrlich nie die Mhe, das Buch wirklich
nachzusehen, da aber Augusta den Eindruck gewinnen solle, als ob er
ganze Nchte hindurch rechne, so lie er das Buch stets einige Tage
liegen. Einmal half ihm der Zufall. Er addierte eine Seite, eigentlich
aus Zerstreutheit, es stimmte nicht.

Sie haben sich hier zu Ihren Ungunsten getuscht, Augusta!

Es war wirklich eine Fgung des Himmels, geschehen vor drei Jahren. Seit
dieser Zeit ffnete Schwedenklee dieses furchtbare Wirtschaftsbuch
berhaupt nicht mehr.

Seine Anordnungen pflegte Schwedenklee in lakonischer Krze zu erteilen,
hufig schrieb er sie auch auf einen Zettel. Ja, er liebte Scherereien
nicht, Schwedenklee. Es ging wunderbar.

Auf den heutigen Abend aber hatte er Augusta besonders hingewiesen. Es
war seine Absicht, Blank mit der grten Sorgfalt zu bewirten. Dieser
arme Teufel sollte noch einmal eine Freude haben in seinem Leben ...

Das Unglaubliche geschah. Schwedenklee inspizierte das Speisezimmer.
Augusta hatte sich wirklich Mhe gegeben. Man konnte jedermann
empfangen, einen Frsten, wenn es sein mute.

Und wie war das eigentlich, auf dem Atelierfest von Ellens Freundin,
der schwedischen Bildhauerin, wie hie sie doch -- sagen wir: Frulein
Svenska? fragte sich Schwedenklee, als er, in der Bibliothek auf und ab
gehend, auf Blank wartete.

Es war da jemand, der die Mundharmonika spielte, und man sa, da nicht
genug Sthle da waren, auf dem Boden -- nicht wahr? Es war ein
Kostmfest!

Mein Gott, was konnte man doch damals alles machen. Man drehte den Rock
um, band sich ein Taschentuch um den Hals: schon war man ein Apache!

Es war eine ungeheure Hitze in dem Atelier, ganz richtig. Man trank
schwedischen Punsch, und schon nach dem ersten Glas nderte sich der
Glanz von Ellens Augen.

Ja, jetzt fiel es ihm ein: Sie, Ellen, fhrte ihn in einen Winkel neben
eine der mit nassen Tchern verhngten Tonbsten und schlang die Arme
zart und weich um seinen Hals. Dich werde ich ewig lieben! flsterte
sie.

Da ertnte die Klingel: Blank!

Schwedenklee sprte noch Ellens weiche Arme, ihre Stimme flsterte dicht
an seinem Ohr, als Blank eintrat.

Er errtete, als er Blank die Hand reichte.




                                   10


Blank hatte sich in groe Gala geworfen. Er trug unter dem fadendnnen
berzieher mit dem abgeschabten Pelzkragen einen grauen, dnnen Gehrock,
einen schlechtgebgelten Kragen, eine alte flotte graue Binde. Die
Knpfe der altmodischen Weste waren aus Glas und einer fehlte. Seine
Hnde waren gepflegt, wie gestern, die Manschetten ausgefranst, aber
peinlich sauber.

Wie glcklich ich bin! rief er mit seiner heiseren Stimme etwas
theatralisch aus und drckte Schwedenklee die beiden Hnde, mit einer
Herzlichkeit, die Schwedenklee in Verlegenheit brachte.

Ich freue mich, da Sie heute viel wohler aussehen, erwiderte
Schwedenklee, der das Bedrfnis empfand, seinem Gaste seinerseits etwas
Angenehmes zu sagen. In der Tat, die Leichenblsse, die Blank gestern
zeigte, schien heute etwas gemildert.

Wohler? Blank lchelte und schttelte den Kopf. Ich lag den ganzen
Tag mit Fieber zu Bett.

Und Sie haben nicht einfach angerufen?

Dieses bichen Fieber sollte mich abhalten? Bei meinem
Gesundheitszustand ist es ja vllig einerlei, ob ich mich schone oder
nicht. Knnten Sie auch nur ahnen, wie ich mich auf das Zusammensein mit
Ihnen freute!

Beim Anblick der gedeckten Tafel blieb Blank vor Erstaunen auf der
Schwelle stehen.

Ist es mglich? rief er aus.

Augusta hatte sogar einen Strau Maiglckchen in die Mitte des Tisches
gestellt. Das helle Speisezimmer war von einem herrlichen Duft erfllt.

Ist es mglich? Fr mich diese Mhe! Nie werde ich Ihnen das
vergessen. Und wieder drckte er Schwedenklees beide Hnde, whrend er
bemht war, seine Ergriffenheit zu verbergen. Lebhaft fuhr er fort: Ich
wei ja wohl, da Sie ein Knstler im Arrangement von Festen sind! Rosa
erzhlte mir, da Sie ihr einst in Paris -- Himmel, da ich Sie nicht
belauschen konnte! -- ein Abendessen gaben, mit Dutzenden von Kerzen,
deren Glanz sich in geschickt aufgestellten Spiegeln verhundertfachte.
Vielleicht erinnern Sie sich noch? Ja, Sie erinnern sich -- ich sehe es
--

Sonderbar, gerade dieser Tage --

Verzeihen Sie mir, ich sehe, da es Ihnen nicht angenehm ist, an
vergangene Zeiten erinnert zu werden. Ich mu Sie um Nachsicht bitten,
wenn ich im Laufe des Abends dann und wann auf das Vergangene
zurckkomme. Ich frchte, ich kann nicht anders, denn gerade die Qual,
die ich bei jeder Erinnerung empfinde, ist mir eine Wollust. Ich darf
Ihnen wohl sagen, da Rosa mir alles aus ihrem Leben erzhlte, jede
Einzelheit. Ich bitte auch, obschon es unntig genug erscheint, erklren
zu drfen, da nicht das geringste Arg gegen Sie in meinem Herzen ist.
Wie sollte es auch? Einmal war ich ja sehr eiferschtig auf Sie --
Blank lchelte schmerzlich -- furchtbar eiferschtig, ich gestehe es
Ihnen offen. Ich hate Sie, Sie ahnen nicht, wie ich Sie hate. Blank
errtete und seine dunkeln Augen glhten -- allein bei der Erinnerung an
diesen Ha.

Ich begreife nicht, weshalb haten Sie mich?

So wahnsinnig hatte mich die Eifersucht gemacht. Ich hatte natrlich
nicht den geringsten Grund. Nun, es ist lange her -- zwanzig Jahre.
Heute empfinde ich fr Sie nur Freundschaft und Zuneigung, ohne zu
erwarten, da Sie meine Gefhle erwidern. Darf ich dieses Glas auf Ihre
Gesundheit leeren?

Mit einem tiefen, wunderbar warmen Blick der dunkeln Augen und einem
schnen Lcheln des verwsteten Gesichts hob Blank das Glas ins Licht.

Wenn jemand hier Ursache htte, bse zu sein, fuhr er mit groer
Lebhaftigkeit, leise lchelnd, fort, so wren ja wohl Sie es!

Ich? Aber, ich bitte --

Gewi, Sie! Denn ich war es ja, der Ihnen diese wundervolle Frau
entfremdete -- in einer Zeit, da sie noch sehr an Ihnen hing.

Schwedenklee hob verwundert den Blick vom Teller. Noch an mir hing?
fragte er, errtend und geschmeichelt.

Ja! Es war nicht so einfach, wie es heute aussieht ...

Nicht so einfach?

Nein, ganz im Gegenteil -- es war sehr schwer!

Reden wir nicht mehr davon, brummte Schwedenklee.

Nichts mehr von der Peinlichkeit des gestrigen Abends. Man plauderte wie
alte Bekannte. Blank, dessen krankhafte Erregung gestern Schwedenklee
folterte, war heute viel ruhiger und beherrschter. Er zeigte sich als
ein Mann von den besten gesellschaftlichen Formen, wenn er auch seine
weltmnnischen Allren etwas zu stark betonte. Schwedenklee liebte es
nicht, bei Tisch viel zu reden, er antwortete nur trge und zerstreut.
Blank dagegen sprach mit groer Lebhaftigkeit, die Rede, begleitet von
lebhaften Gesten, schien ihm eine wahre Wohltat zu sein. Seine Wangen
frbten sich, seine Augen sprhten. Er fhlte sich wohl, er fhlte sich
fast wie zu Hause, nach dem zweiten Glas nannte er Schwedenklee, der
zuweilen seine Sicherheit verlor, sogar manchmal lieber Freund. Ja,
dann und wann hatte Schwedenklee den Eindruck, als spielte Blank den
berlegenen.

Augusta hatte sich in der Tat alle Mhe gegeben und ein vorzgliches
Men zusammengestellt. Sie servierte aber schmollend. Sobald sie Blank
erblickt hatte -- sie starrte frmlich auf die ausgefransten Manschetten
-- hatte sie nur verchtliche Bewegungen. Jede Geste von ihr sagte: und
wegen dieses Bettlers lassen Sie mich den ganzen Tag herumrennen?

Eine Flasche Selters, Augusta, sagte Schwedenklee mit einer gewissen
rgenden Schrfe, und Augusta zog brummend ab.

Trotz des vorzglichen Mens und des herrlichen Weins fhlte sich
Schwedenklee nicht recht behaglich, ja vorbergehend war er sogar den
Anwandlungen einer schlechten Laune unterworfen. Die Lebhaftigkeit
Blanks strte ihn. Er htte Blank gerne -- so albern es ihm selbst
vorkam -- bescheidener und demtiger gesehen. Nein, von den
ausgefransten Manschetten wollte er natrlich nicht sprechen, aber da
Blank, den er gestern von der Strae aufgelesen hatte, den er aus purer
Gutmtigkeit zum Essen eingeladen hatte, ihn lieber Freund nannte --
war das ganz in Ordnung? Mit einem gewissen Neid prfte er zuweilen mit
verstohlenen Blicken Blanks Erscheinung. Ohne Zweifel mute er vor
Jahren von groer, ja seltener Schnheit gewesen sein. Noch jetzt wirkte
sein grogeformter Musikerkopf imposant. In dem bleichen, zerknitterten
Gesicht glhte ein Paar wundervoller Augen. Was fr Augen habe ich
dagegen? dachte Schwedenklee. Diese dunkeln Augen schienen das einzig
Lebendige -- berlebende -- in dem wachsfahlen Gesicht zu sein. Sie
waren Feuer, Gedanke, Seele, Jugend, sie waren dreiigjhrig, das
Gesicht fnfzig-, hundertjhrig, wenn man will.

So oft Schwedenklee von einer dieser Anwandlungen schlechter Laune
ergriffen wurde, verbarg er sie hinter ausgesuchtester Hflichkeit:
Bitte zuzugreifen -- bitte sich zu bedienen!

Ich sehe, ich ermde Sie mit meinem Redestrom, rief Blank aus. Ich
mu auch in dieser Hinsicht um Ihre Nachsicht bitten. Seit Jahren habe
ich fast nie mehr mit einem gebildeten Menschen gesprochen. Sie ahnen
nicht, welcher Genu fr mich Ihre Gesellschaft ist. Bedenken Sie, diese
Menschen, mit denen ich noch zusammenkomme -- oh, mein Gott, welches
Niveau! Sie, mein verehrter Freund, der es wagte, einen Bettler ins Haus
zu laden ...

Jeder Mensch kann einmal eine unglckliche Periode -- murmelte
Schwedenklee.

Einen Bettler, sage ich, was bin ich sonst? Sie verkehren mit einem vom
Unglck Gezeichneten auf gleich und gleich -- unterbrechen Sie mich
nicht -- wer tut das noch? Es ist das _Allerauergewhnlichste_ in der
heutigen Gesellschaft! Sie bewirten einen Mann, der gewissermaen an
einem Wendepunkt Ihres Lebens als Ihr Rivale auftrat. Wie gut Rosa Sie
doch kannte! Sie kennen keine Vorurteile, keine kleinlichen Gefhle.

Ich bitte! stammelte Schwedenklee, aufs tiefste beschmt. Nichts ist
ja peinlicher, dachte er, als derartige Lobeshymnen anhren zu mssen.
Mein Himmel, diese liebe Ellen, was fr Vorstellungen sie wohl von mir
gehabt haben mag!

                   *       *       *       *       *

Dieses Glas dem Gedchtnis Rosas! sagte Blank feierlich nach dem
dritten Glase und lie den Wein im Licht funkeln. Obschon den Tod im
Antlitz, sah er schn aus in diesem Augenblick. Spter, wenn
Schwedenklee sich an den Abend erinnerte, sah er Blank immer in dieser
Geste vor sich.

Schwedenklee tat ihm Bescheid.

Aber Blank erhob sich vom Sitze, und so konnte auch Schwedenklee, dem
jede Exaltiertheit ein Greuel war, nicht sitzenbleiben. Wenn er nur
diese theatralischen Manieren sein liee, dachte er, tief unglcklich.

Lange verharrte Blank in Schweigen und Versunkenheit. Aber seine Augen,
ohne Blick auf einen Stich an der Wand gerichtet, leuchteten verklrt.

Augusta servierte mit verdrossener Miene den Nachtisch.

Pltzlich fhlte Schwedenklee Blanks Auge auf sich gerichtet. Er hob die
Lider und begegnete einem forschenden, sonderbar und befremdend
forschenden, grbelnden, bohrenden Blick, dessen Ausdruck sich indessen
augenblicklich nderte.

Ich dachte eben -- begann Blank mit sonderbar leiser, heiserer,
zerstreuter Stimme.

Sie dachten --?

Ja. Blank sammelte sich. Ich dachte: wie merkwrdig es ist, da wir
beiden hier beisammensitzen.

Was ist daran so merkwrdig? sagte Schwedenklee, schon etwas
gelangweilt. Was kmmerte ihn schlielich dieser Blank, was kmmerte ihn
schlielich diese Ellen? Nichts, letzten Endes gar nichts. Er fing an,
die Einladung zu bereuen.

Merkwrdig ist natrlich ein falscher und vllig unzulnglicher
Ausdruck, fuhr Blank mit leiser Stimme fort. Dieser Augenblick
bedeutet mehr! Er ist erhaben, nichts anderes als erhaben! Wir drei --
geeint -- in diesem Augenblick!

Wir drei? Geeint?

Ja! Blanks Augen weiteten sich. Nur uns beide, Sie und mich, hat
diese wunderbare Frau in ihrem Leben geliebt. Hier sitzen wir beide nun
-- und sie -- sie ist bei uns! Und sie ist glcklich!

Es entstand eine Pause.

Glauben Sie denn an diese Dinge? fragte Schwedenklee dann betroffen
und etwas bleich.

Ob ich daran glaube? Es ist fr mich Gewiheit, da sie in diesem
Augenblick gegenwrtig ist. Ich empfinde es deutlich. Ein Strom von
Glck durchrinnt mich. Sie segnet uns aus einer unbegreiflichen,
vollkommeneren Welt.

Schwedenklee schttelte den Kopf.

Der Gedanke wre unertrglich, da Verstorbene uns beobachten. Er
erhob sich sogar vor Erregung.

Weshalb unertrglich? Blank lchelte voller Nachsicht.

Ja, unertrglich! wiederholte Schwedenklee an Stelle einer Antwort und
sah gereizt aus. Er ist doch wahnsinnig, dachte er, ganz im geheimen.

Blank schwieg und versank in Gedanken. Sie war ein Genie der Liebe,
hub er nach langer Pause, als sprche er fr sich, von neuem an.
Stellen Sie sich eine Pflanze vor, die tglich neue Blten treibt,
immer schnere, immer herrlichere Blten -- so war sie! Sie konnte
lieben, wie nie ein Mensch liebte! Die Liebe machte sie genial,
schpferisch. Denken Sie, sie wachte eine ganze Nacht, sa aufrecht
neben mir und sagte am Morgen: ich wollte dich eine ganze Nacht lang
atmen hren! Denken Sie: Rosa war eine leidenschaftliche Raucherin. Sie
rauchte zwanzig bis dreiig Zigaretten am Tage. Wenn ich aber verreiste,
auf ein Gastspiel, und sie konnte nicht mitkommen -- all die zwanzig
Jahre waren wir zusammengerechnet nicht vier Wochen voneinander
getrennt! -- so rauchte sie nicht. Das sind natrlich nur geringfgige
Beispiele, schlecht gewhlt dazu. Tausende solcher Zge knnte ich Ihnen
berichten. Sie war ein unerschpfliches Wunder. Nein, mein verehrter
Freund, Sie haben sie nicht gekannt! -- Gottlob, sage ich, fgte er mit
einem eigentmlichen, verletzenden Lcheln hinzu, denn sonst wren Sie
_seinerzeit nicht eine Stunde lnger in Paris geblieben. Nicht eine
Minute!_ Triumphierend rief Blank dies pltzlich mit seiner heiseren
Stimme Schwedenklee ins Gesicht.

Schon keimte ein sonderbares Gefhl des Neides in Schwedenklee auf. Und
Unmut ber das Betragen seines Gastes. Man soll mit Leuten vom Theater
nichts zu tun haben, dachte er. Diese Pathetik, diese Theatralik, die
Bhne verdirbt den Menschen! Er wurde dunkelrot im Gesicht.

Blank entging diese Vernderung Schwedenklees vllig.

Rosa erwartete Sie damals! fuhr er geheimnisvoll und erregt fort. Ich
sagte Ihnen ja, in der ersten Minute -- unvergelicher Augenblick! --
fiel Ihr Name. Ihr Name war es ja, der rasch eine Verbindung zwischen
uns herstellte, erst spter begriff ich es. >Schwedenklee,< sagte sie,
>oh, Sie kennen ihn? Er wird wohl in den nchsten Tagen ebenfalls hier
sein!<

Sie glaubte also, da ich kommen wrde?

Sie uerte diesen Gedanken wiederholt. Aber Sie kamen nicht. Vierzehn
Tage lang wurden Sie erwartet. Dann sprach sie nicht mehr davon. Aber
ich fhlte deutlich, da sie litt.

Litt?

Ja. Ich -- ohne Besinnung vor Eifersucht -- fhlte es allzu deutlich.

Ich hatte seinerzeit -- bestimmte Studien hielten mich in Paris fest
--

Spttisch war Blanks Blick. Ich zitterte -- ich spreche offen -- jeden
Tag, da Schwedenklee eintreffen knne. Aber Schwedenklee _kam nicht_!

Nein! warf Schwedenklee mit schwankendem Blick ein. Er kam nicht!

Und da fhlte ich -- beruhigt, da Sie Rosa in Wahrheit nicht liebten.
Sie waren ja unabhngig, Sie konnten reisen --

Ich? Wieso? Woraus schlieen Sie, da ich Rosa oder Ellen nicht
liebte? Schwedenklee setzte sich zur Wehr.

Weil Sie nicht kamen! triumphierte Blank.

Das sagt nichts, knurrte Schwedenklee.

Doch, es sagt alles! ereiferte sich Blank, unter dessen Augen rote
Flecke erschienen, in groer Erregung. Sie htten kommen _mssen_!

Aber Sie sehen ja, da ich nicht _kam_! rief Schwedenklee, ebenfalls
auerordentlich erregt.

Ja! Blank lehnte sich triumphierend zurck. Sein Auge funkelte. In
der Tat, Sie kamen nicht! Sie waren leichtsinnig, Sie ahnten gar nicht
die Bedeutung dieser Tage! Sie ahnten gar nicht, da es um das Glck
Ihres Lebens, um Ihr Lebensglck ging --

Sie werden mir mehr und mehr unverstndlich, Herr Blank, entgegnete
Schwedenklee und zog die Brauen hoch.

Wieso? Aber ich bin ja der einzige, der ermessen kann, was Sie
weggegeben, was Sie verschwendet, was Sie achtlos fortgeworfen haben.
Ich! Ich allein! Zwanzig Jahre Glck -- wissen Sie, was das bedeutet?
rief Blank triumphierend aus. Verstehen Sie, was zwanzig Jahre Glck
bedeutet? Als Rosa starb, kte ich sie, und ich fhlte, wie sie
versuchte, mich wiederzukssen, obschon sie halb bewutlos war. Ich
kte sie, als sie schon erkaltete. Das ist das Glck von zwanzig
Jahren! Verstehen Sie? Ich kte sie in den Tod. Und wenn ich sterbe --
bald! -- so werde ich ihr meine Ksse _entgegensenden_! Das ist das
Glck von zwanzig Jahren. So steht es also. Sie sind reich -- ich bin
ein Bettler und wei nicht, wovon ich morgen leben soll. Und doch: ich
wrde fr nichts mit Ihnen tauschen, fr nichts!

Hier wurde Schwedenklee wirklich bse.

Schweigen Sie doch endlich! schrie er, indem er aufsprang, rot vor
Zorn.

Blank, der sich in der Erregung ebenfalls erhoben hatte, taumelte, wie
von einem Schlage getroffen, zurck. Er rang nach Atem. Dann streckte er
Schwedenklee flehend die mageren Hnde entgegen, er rang diese Hnde,
da die Finger knackten.

Verzeihen Sie mir! schrie er. Ich wei nicht, was ich tue! Er war
einer Ohnmacht nahe. Ein Glas Wasser! stammelte er, und Schwedenklee
sah, da sich ganz pltzlich Blanks von hundert Fltchen zerknitterte
Stirn mit unzhligen kleinen Schweiperlen bedeckt hatte.

Mit zitternden Hnden griff er nach dem Glas Wasser. Sein Blick war
scheu, Vergebung heischend. Der Blick eines Menschen, der Jahre hindurch
sich demtigen mute -- oh, wie abscheulich!

                   *       *       *       *       *

Ja, grausam und unerbittlich sind die Menschen. Ein Mensch mit 39 Grad
Fieber kommt zu ihnen -- trotz dem Fieber! Sie sind gerhrt. Aber wenn
der Fiebernde sich nicht wie ein normaler Mensch benimmt, gleich
verwnschen sie ihn.

Als man bei Kaffee und Likren in der Bibliothek sa, hatte Blank sich
vollkommen wiedergefunden. Man plauderte ber Theater, Oper,
Bhnenknstler, Dirigenten, und Blank wute anregend zu erzhlen. Der
Name Rosa-Ellen fiel nicht mehr.

Schlielich erhob sich Blank und ging an den Flgel.

Einmal noch wollen wir es versuchen! sagte er, und seine langen
blassen Finger glitten scheu und zgernd, als fehle ihm der richtige
Mut, ber die Tasten.

Groer Ernst war ber sein weies Antlitz gebreitet. Er sang. Eine
italienische Romanze, schwermtig, mit Anlufen der Hoffnung, zuweilen
geheuchelt heiter. Schwedenklee verstand nicht ganz den Text.

Blanks Stimme klang anfangs heiser und kraftlos, bald aber leuchteten
einzelne Tne klar und hell auf, und schlielich flo die Stimme gro
und gleichmig dahin. Mit Inbrunst, erschttert sang Blank, und seine
Augen fllten sich mit Trnen.

Welch herrliche Stimme er gehabt haben mu, dachte Schwedenklee, der
sich bedrckt in eine Ecke zurckgezogen hatte.

Da machte ein hartnckiger Hustenanfall Blanks Gesang ein Ende. Er
fhrte das Taschentuch an die Lippen.

Entmutigt und still erhob sich Blank, den Blick zu Boden gerichtet.

Er reichte Schwedenklee die Hand.

Leben Sie nun wohl, Herr Schwedenklee, und Dank fr diesen Abend!
sagte er und wandte die glnzenden Augen Schwedenklee zu.

                   *       *       *       *       *

Auch Schwedenklee griff nach dem Hut.

Ich bitte dringend, sich nicht bemhen zu wollen.

Ich habe das Bedrfnis, noch ein paar Schritte zu gehen.

Schweigend gingen sie die dunkle Strae hinab.

Wie lau die Luft ist, sagte Schwedenklee, sich verlegen ruspernd, es
wre Zeit, da der Frhling endlich kme.

Es wre wirklich Zeit! antwortete Blank in Gedanken.

Endlich fate sich Schwedenklee ein Herz. Er begann damit, wie erfreut
er wre, ihn, Blank, nher kennengelernt zu haben. Wie gesagt, er hoffe,
da sein Gesundheitszustand sich bald bessere. Nun wisse er ja wohl, da
es ihm zur Zeit schwierig sei, seinem Krper jene Pflege angedeihen zu
lassen, wie es geboten sei. -- Kurz und gut, Schwedenklee nahm einen
Brief aus der Tasche.

Blank hatte argwhnisch auf Schwedenklees Rede gelauscht und fuhr nun
entsetzt zurck. Nie, nie werde ich unser freundschaftliches Verhltnis
beflecken, rief er mit groer Geste aus.

Aber gerade, wenn Sie das Wort Freundschaft gebrauchen --

Nie, niemals.

Schwedenklee hatte wie gewhnlich in seiner Unbeholfenheit nicht die
richtige Form gefunden. In der letzten Minute, er wollte den Brief schon
entmutigt einstecken, fielen ihm die rechten Worte ein. Er sprach davon,
da man einem Freunde die Erlaubnis einrumen msse, in besonderen
Fllen ein bescheidenes Darlehen --.

Blank schien zu schwanken.

Wenn ich Ihr groherziges Anerbieten annehme, so geschieht es aus
Grnden, die ich Ihnen nicht auseinandersetzen kann! sagte er dann mit
einem tiefen, langen Blick und nahm den Brief unter Dankesversicherungen
in Empfang.

Sobald ich in der Lage sein werde ...

Keine, nicht die geringste Eile!

Es gelang schlielich Schwedenklee sogar, Blank in eine Droschke zu
stopfen, deren Kutscher er entlohnte.

Und wenn Sie einmal einen freien Abend haben, Herr Blank?

Ich werde Ihre Gte nicht mibrauchen. Dank und leben Sie wohl -- fr
immer! rief Blank. Und dann, schon in der Droschke, fgte er noch
einige Worte hinzu, denen Schwedenklee an diesem Abend keinerlei
Bedeutung beima. Er sagte: Ich bin glcklich, Sie nher kennengelernt
zu haben. _Wie wichtig das fr mich ist, werden Sie vielleicht einmal
erfassen._ Aber, wie gesagt, Schwedenklee beachtete diese Worte an
diesem Abend kaum.

Blanks bleiche Hand winkte aus dem Fenster. Die Droschke rollte davon
und im Nu war sie unter anderen Gefhrten untergetaucht.

Nun, Gott sei Dank, das wre berstanden! sagte Schwedenklee zu sich
selbst. Groer Gott, was fr Elend gibt es auf dieser Welt.

Schwedenklee fhlte sich erleichtert und befreit von einem
Schuldbewutsein, das ihn qulte, ohne da er bestimmte Ursachen htte
angeben knnen.

Das Schicksal seiner Mitmenschen, ja sogar seiner Bekannten und Freunde,
kmmerte Schwedenklee, der immer mit sich selbst beschftigt war, nicht
allzusehr. Von Zeit zu Zeit hatte er das Bedrfnis, diese
Gleichgltigkeit, die er recht wohl als Mangel empfand, durch irgendeine
gute Handlung zu shnen. Er schenkte, zum Beispiel, einer armen Frau,
die fnf Kinder hatte, eine Summe Geldes, einen Posten Wsche und
Kleider.

So hatte er Blank heute eine ziemlich groe Summe aufgedrngt, um Ruhe
zu finden vor peinigenden Gedanken, Reflexionen ber die heutige
Gesellschaft, Ungerechtigkeit der sozialen Schichtung und andere
peinliche Dinge.

Beruhigt ging er zu Bett.

Sein Schlaf indessen war unruhig. Er trumte von Ellen. Sie hatte ihren
Koffer gepackt, bereit abzureisen. Er brachte sie in einem Wagen zur
Bahn, aber schon angesichts der glhenden Uhr des Bahnhofs befahl sie
dem Kutscher zu wenden und zum Hotel zurckzufahren. Spter, da stand
sie schon im Zuge, der Zug fuhr schon an, aber sie sprang im letzten
Moment -- zum Erstaunen und Schrecken aller Reisenden, die laut
aufschrien -- aus dem Zuge. Ich kann nicht, ich kann nicht, schrie sie.
Da verfiel Schwedenklee -- im Traum -- auf einen infamen Gedanken. Er
beschwtzte Ellen, da er mit ihr reisen werde. Sie war berglcklich,
und sie fuhren zusammen. Bei der ersten Station verlie er heimtckisch
den Zug. Es war eine Station voller Dunkelheit und Dster, und er sah
das schne glckliche Gesicht der Ahnungslosen an sich vorbergleiten.

Hier erwachte Schwedenklee. Er war hei, unruhig und voller ngste. Die
Nacht war finster und lang. Vielleicht, dachte er, wre ich mit dieser
Frau glcklich geworden? Vielleicht hat er recht, vielleicht habe ich
das Glck meines Lebens leichtsinnig fortgeworfen?

Am Morgen erinnerte er sich deutlich an den Traum. Wie sonderbar, dachte
er, Ellen reiste in der Tat schwer ab. Wir telegraphierten sogar an das
Theater, jetzt erinnere ich mich. Aber ich wnschte, da sie reiste,
denn -- ich hatte ja schon eine Verabredung mit ihrer Freundin, dieser
rotbckigen, stupsnsigen Schwedin -- wie hie sie? -- Frulein Svenska.
Ja, leichtsinnig ist die Jugend.

Welch ein Schuft bist du doch gewesen, Schwedenklee! sagte er zu sich.
Und diese Frau hat dich vielleicht wirklich geliebt!




                                   11


Ellen -- Blank -- schon nach kurzer Zeit streifte Schwedenklee das
immerhin nicht alltgliche Erlebnis nur noch selten in seinen Gedanken.
Er hatte die Verbindung mit Frulein Wiedehopf wieder aufgenommen, und
seine Beziehungen zu der jungen Dame waren rasch vertraut geworden, in
viel krzerer Zeit, als er anfnglich beabsichtigt hatte. Er hatte
Verpflichtungen, war wenig zu Hause, seine Gedanken waren durch die neue
Freundschaft hinlnglich beschftigt.

Etwa zwei Wochen nach jenem Abendessen, als er nachmittags gerade das
Programm zu einem Ausflug entwarf, klopfte Augusta und meldete Blank.

Herr Blank wartet mit einem Wagen vor der Tre.

Wer?

Herr Blank. Der Herr von neulich!

Unglubig und etwas verwirrt starrte Schwedenklee auf Augusta -- schon
kam ihm Blank mit ausgestreckten Hnden entgegen.

Ich hatte gelobt, Ihre Liebenswrdigkeit nicht mehr zu mibrauchen!
rief er lebhaft aus. Sie sehen, ich bin schwach geworden. Wenn Sie mich
nicht tief unglcklich machen, krnken wollen, mssen Sie mir erlauben,
Sie zu einer Wagenpartie nach dem Grunewald einzuladen.

Ich bin leider gerade sehr beschftigt, Herr Blank.

Nein, nein, verletzen Sie mich nicht, ich bitte Sie! Geben Sie mir
Gelegenheit, mich fr Ihre Einladung zu revanchieren.

Schwedenklee fand sich noch immer nicht zurecht. Wagen -- Grunewald --
und wie sah Blank aus? Er war kaum wiederzuerkennen!

Er trug einen noch recht ordentlich aussehenden dunkeln Ulster, einen
neuen Hut, neue Schuhe -- und seine Blsse war vllig verschwunden. Sein
Gesicht war leicht und gleichmig gertet, wie das eines gesunden,
glcklich erregten Menschen. Erst spter fand Schwedenklee, da diese
Rte von hohem Fieber herrhrte.

Blanks Augen strahlten vor Freude, es war Schwedenklee ganz unmglich,
ihn zu enttuschen. Er bat noch um eine Minute Geduld.

Ich werde dem Kutscher unterdessen Bescheid sagen. Sie essen doch im
Grunewald mit mir?

Nun rollten sie dahin.

Mein Freund! rief Blank unter lebhaften Gesten aus. Ich sehe, Sie
sind auerordentlich erstaunt. Ich bin es ja selbst! Noch immer kann ich
es nicht fassen. Wissen Sie denn, was geschehen ist? Niedergebrochen,
erschpft, in Verzweiflung, habe ich pltzlich neuen Lebensmut bekommen.
Ahnen Sie, was das bedeutet? Neuen Lebensmut? Ich fange wieder an zu
hoffen. Vielleicht -- ja wer wei es, aber ich habe immerhin die
Hoffnung --, vielleicht hat das Schicksal in einer guten Laune
beschlossen, mir so etwas wie einen Nachsommer zu schenken! He,
Kutscher, fahren Sie doch etwas hurtiger, nicht so langsam!

Ich freue mich aufrichtig, Sie zuversichtlicher zu sehen!

Und das kam so, mein lieber und verehrter Herr Schwedenklee! Hren Sie
nun. Sie, mein verehrter Freund, Sie sind die Ursache! Ja! Ihr, wie
sagten Sie in Ihrer groen Gte, Ihr Darlehen -- damit begann es. Mein
Himmel, was ist seitdem alles geschehen! Ich bin verwirrt, kindisch
geradezu. Ich hatte den Mut, die Selbstberwindung, Ihren Brief nicht
sofort zu ffnen. Bei jeder Laterne kmpfte ich mit mir. Nein, sagte
ich, du bist kein Bettler! Zu Hause ffnete ich Ihren Brief und --
glauben Sie mir -- ich war vor Erstaunen minutenlang betubt. Morgen,
sagte ich, bringe ich ihm das Geld zurck. Morgen! Aber am Morgen dachte
ich anders. Pltzlich -- es war wie ein Wunder, stieg wieder, nach
Monaten, ein Gefhl der Hoffnung in meinem Herzen empor. Ich sagte mir:
wenn Gott dir einen gtigen Freund in den Weg gesandt hat, weshalb
willst du diesen Wink des Himmels nicht verstehen? Gut, ich brachte das
Geld nicht zurck!

Ich handelte! Ich raffte mich auf! Ich lste meine Kleider aus -- hier,
diese Kleider. Ich ging zu einem Friseur. Ich ging in eine Badeanstalt.
Ich ging in ein Restaurant und a. Ich wurde pltzlich ein anderer
Mensch! Hoffnungen beflgelten mich. Ich ging in die Filmbrse. Waren
Sie schon in der Filmbrse? Ein Kaffeehaus in der Friedrichstrae?

Schwedenklee schttelte den Kopf.

Gehen Sie nicht hin. Sie werden nie so viel Elend, offenes und
verborgenes, schlecht verborgenes Elend, auf einer Stelle finden. Ich
gehe hin -- ich bin gesttigt, anstndig gekleidet, ich bestelle Kaffee.
Glckt es heute nicht, so glckt es morgen. Ich fhle Ihr Kuvert in
meiner Tasche, ich habe keine Eile, ich fhle mich sicher.

Was denken Sie? Regisseure kommen herein. Sie haben das ja nie
beobachtet. Man kennt diese Regisseure, die Herren und Damen strzen
sich frmlich auf sie --! Aber auf _mir_ ruht sein Blick, der Blick des
Allmchtigen. Ich tue, als kmmere es mich nicht im geringsten. Er
geruht an meinen Tisch zu kommen. Er stellt sich vor, denken Sie,
obschon ihn hier jedermann kennt und er es genau wei. Was denken Sie,
was geschieht? Er verpflichtet mich fr zwei Filme, zwei -- bei sehr
gutem Honorar! Zwei Filme! Blank lachte laut heraus und breitete die
Arme den Vorbergehenden entgegen.

Ich hatte frher eine Verachtung fr den Film, mssen Sie wissen. Er
erschien mir wie eine Profanierung der Kunst. Ich war immer Idealist,
das heit ein Dummkopf -- werde es bleiben bis an mein Lebensende, kann
nicht anders. Ich lehnte frher, da ich noch auf hohem Rosse sa, jedes
Engagement ab. Spter aber gab sich es bescheidener und war zufrieden,
in der Komparserie zu filmen, bis ein Regisseur schrie: Bedauere, Sie
_verhusten_ mir ja jede Aufnahme. Ja, so sagte er: Sie verhusten ...
hahaha!

So laut war Blank, so froh erregt, da Schwedenklee der berzeugung war,
er sei etwas angeheitert.

Zwei Filme also, fuhr Blank lebhaft fort, Sie sehen, das Unfabare
war geschehen. Ein Wunder hat sich ereignet! Das Schicksal hatte mich
vllig vergessen, pltzlich aber lie es sein Auge wieder in Gnaden auf
mir ruhen. Ich filme bereits eine ganze Woche, heute, am ersten freien
Tag, eilte ich zu Ihnen, um Ihnen die groe Neuigkeit zu verknden. --
Im ersten Film, der zur Zeit gedreht wird, spiele ich die Rolle eines
Gnstlings der groen Katharina, der an schleichendem Gift, das ihm sein
Rivale, ein franzsischer Abb, eingab, dahinsiecht. >Die Rolle ist
Ihnen wie auf den Leib geschrieben, Blank<, sagte der Regisseur. Sie
sehen! Ja, eine herrliche Sache: ich sieche dahin, drei Akte hindurch.
Meine erlauchte Geliebte lt mich fallen im Augenblick, da ich den
Stempel des Todes auf der Stirn trage. Aber ich rche mich ...

Blank nahm eine Schachtel aus der Tasche und bot Schwedenklee eine
Zigarette an. Ich habe nicht vergessen, da Sie ein leidenschaftlicher
Raucher sind, hoffentlich schmeckt Ihnen die Marke. He, Kutscher, lieber
Freund, halten Sie einen Augenblick! Und Blank bot mit fliegender Hand
Feuer. Und nun, lassen Sie das Pferdchen wieder laufen!

Wohlig stie Blank die Rauchwolken in die durchsonnte Luft, indem er
fortfuhr:

Weitaus amsanter ist der andere Film, den wir in acht Tagen drehen
werden. Er wird Sie erheitern, mein verehrter Freund. Ich bin also ein
heruntergekommener Graf und sitze an der Strae als Bettler! Eine Dame,
die mich in meinem frheren Leben kannte, eine Tnzerin, reicht mir --
sie ist eben im Begriff, in ihr Auto einzusteigen -- ein Goldstck. Aber
siehe da, schon erkennt sie mich. Sie nimmt mich in ihren Wagen. Die
Menge der Neugierigen, die sich ansammelte, spendet ihrem mitleidigen
Herzen Beifall. Ich werde gefttert, gepflegt -- und schon bin ich
wieder ein Graf, ein hochfeudaler, etwas hinflliger Greis. Die Tnzerin
unterbreitet mir einen Ehekontrakt. Sie will meinen Adel heiraten, und
ich soll nach der Trauung, laut Kontrakt, verschwinden fr immer. Aber
was glauben Sie? Ich tue es nicht, ich bin nun wieder an das gute Leben
gewhnt, drohe, verteidige meine Ehre, werfe die Liebhaber die Treppe
hinunter, sperre meine schne Gattin in die Bgelkammer. Hahaha! Ist es
nicht lustig? Ja, auch Sie mssen lachen. Ich sehe sogar, da Sie
gespannt sind, wie es endet, aber Sie schmen sich zu fragen. Habe ich
recht?

Ja, Sie haben recht.

Nun, so sollen Sie hren. Meine Gemahlin ist schlauer als ich. Sie ldt
eine Nichte ein, ein ses Geschpf -- ich bin tricht genug, mich zu
verlieben, werde bei einem zrtlichen Tete-a-tete ertappt -- Scheidung!
Meine Aktien stehen schlecht, ich bin gentigt, mich zu verabschieden,
stecke die Abfindungssumme ein, und in der Schluszene sehen Sie mich
als alten Gecken flanieren. Ich mache Bekanntschaft, Sekt, meine Dame
stiehlt mir die Abfindungssumme und die Kellner werfen mich auf die
Strae -- hahaha!

Aber Kutscher, unterbrach Blank pltzlich seinen Redeschwall und
berhrte, erschrocken aufspringend, die Schulter des Kutschers, ist es
denn ntig, da Sie uns mitten in den See hineinfahren? Augenblicklich
aber sah Blank seine Tuschung ein. Verzeihung -- ja, es war eine
Sinnestuschung. Ich sehe ja, es ist der Himmel, der sich im Asphalt
spiegelt, es war nur eine vorbergehende -- wie soll ich sagen --?

Ich glaube, fuhr Blank nach einer Pause mit der gleichen Lebhaftigkeit
fort, mein Glck hat mich schwindlig gemacht! Ich fiebere in diesen
Tagen sehr stark, aber ich fiebere, weil ich wieder hoffe. Ich empfinde
dieses Fieber geradezu angenehm! Ja, merkwrdig und geheimnisvoll ist
dieses Leben! Ist es nicht sonderbar, da schon frher einmal Sie, ja
gerade Sie, verehrter Freund, Sie und kein anderer es waren, der in
einem Augenblick der grten Verlegenheit entscheidend in mein Leben
eingriff? Soll man da nicht an Mysterien, an wunderbare, geheime
Zusammenhnge glauben?

Schwedenklee war uerst erstaunt. Ich sollte schon frher einmal --?

Ja! Blank rckte vertraulich nher und lachte. Ja! Ein Gestndnis.
Ich habe Ihnen erzhlt, da ich Rosa in Nrnberg kennenlernte. Mein
Engagement in dieser Stadt war geradezu klglich, und ich war ziemlich
abgerissen. Nun schrieb mir ein Kollege aus Kln, da dort eine Vakanz
sei. Kln! Aber wie nach Kln kommen, ohne Geld, in diesem Aufzuge --
zum Verzweifeln. Ich sprach mit Rosa, und Rosa sagte, ich werde an
Schwedenklee schreiben.

Schrieb sie denn?

Ja. Sie flunkerte ein bichen, da sie notwendige Garderobe brauche.
Und Sie sandten postwendend tausend Franken.

Tausend Franken! Reise, Anzug, Hotel, oh, wie wichtig ist das -- Sie
ahnen es nicht, da Sie das Theater nicht kennen. Alles war pltzlich
ermglicht! brigens haben wir Ihnen die tausend Franken nach zwei
Monaten zurckgeschickt, sagte Blank voller Genugtuung.

Ja -- was fr merkwrdige Zusammenhnge! Und nun wieder! Fhlen Sie,
wie wunderbar die Luft ist! schwrmte Blank, whrend sie in den
Grunewald hineinrollten. Und die Sonne wrmt schon ordentlich! Sie
ahnen nicht, wie glcklich ich bin ...

Blank lehnte sich behaglich in den Wagen zurck. Er nahm den Hut ab und
lie die heie Stirn im Luftzuge khlen.




                                   12


Frulein Nelly Wiedehopf -- die Dame mit den turmartig aufgebauten
Haaren und den glnzend polierten Fingerngeln -- hatte ihre
Eigenheiten. Es ging nicht alles so, wie Schwedenklee gedacht hatte.
Einmal erschien sie hchst erregt -- ihr Polarfuchs war gestohlen worden
oder sie hatte ihn verloren. Jedenfalls, der Polarfuchs war
verschwunden. Sie redete tagelang von dem Polarfuchs, war in
schlechtester Laune, so da sich Schwedenklee endlich entschlo, ihr
einen neuen Polarfuchs zu kaufen. Kaum aber hatte er den Pelz gekauft,
da fand sich der alte Polarfuchs wieder! Und nun lie sie den alten
Polarfuchs in einen Muff umarbeiten, mit Seidenfutter und einer
eleganten Innenausstattung fr Spiegel und sonstige Kleinigkeiten --
vergebens wies Schwedenklee darauf hin, da der Sommer vor der Tre
stand.

Krzlich aber passierte folgende, immerhin etwas peinliche Sache: Nelly
erschien mit rotgeweinten Augen. Ihre Tante in Lbeck war gestorben. Sie
brauchte ein Trauerkostm, Reisegeld und, da die Tante sehr arm war,
noch einen Zuschu zu den Beerdigungskosten. Ich kann die Schwester
meiner Mutter unmglich wie eine Armenhuslerin begraben lassen auf
stdtische Unkosten! Nelly war vllig aufgelst. Schwedenklee griff in
die Brieftasche. Besonders der Zuschu zu den Beerdigungskosten
schmerzte ihn. Ging es nicht etwas sehr weit, da er sogar die
Bestattungskosten einer Tante tragen sollte, von deren Existenz er erst
in dem Augenblick etwas erfuhr, da sie starb?

Er empfahl Sparsamkeit, die wahre Trauer zeige sich nicht in
uerlichkeiten. Er, fr seine Person, wrde zum Beispiel gern mit einer
einfachen Holzkiste zufrieden sein -- er wrde sie einem der
entsetzlichen Srge sogar vorziehen! berhaupt mache man zu groe
Scherereien mit Verstorbenen, die ja nur den einen Wunsch htten, da
man sie in Ruhe lasse.

Nelly nannte ihn herzlos. Natrlich, rief sie aus, du hast ein
herrliches Leben genossen, was kmmert es dich, wenn du in einer
billigen Kiste begraben wirst? Aber Leute, denen es kmmerlich ging im
Leben, wollen wenigstens als Tote einigermaen wohlhabend erscheinen.
Aber das wirst du nie begreifen.

Immer wurde Nelly sofort ausfallend!

Um es gleich zu sagen: die ganze Sache mit der verstorbenen Tante war
eine Lge. Nelly fuhr nach Lbeck, das ist wahr. Sie erschien nach etwa
einer Woche wieder, in ihrem schwarzen Trauerkostm, das die Blsse
ihres Gesichtes herrlich hervorhob, kokettierte sie nach allen Seiten --
spter aber verplapperte sie sich. Es kam an den Tag, und sie gestand:
es war ein Einfall von ihr, dem sie nicht widerstehen konnte.

Schwedenklee war verstimmt und zog sich zurck. Das ging denn doch zu
weit. Und dazu hatte Nelly richtig geweint, aus Schmerz ber den Tod
einer Tante, die gar nicht existierte. Diese Frauen waren wirklich ein
Rtsel!

Nein, nein, sagte Schwedenklee zu sich, dir kann man ja schon alles
aufbinden! Seine Eitelkeit war tief verletzt.

Aber Nelly hatte ihre Vorzge, ohne Zweifel. So war sie, zum Beispiel,
sehr leidenschaftlich. Sie zitterte, wenn man sie nur mit den Lippen
berhrte. Aber vielleicht ist auch das nur Komdie? dachte Schwedenklee,
unsicher geworden. Man wei wirklich nicht mehr, woran man bei diesen
Frauen ist!

Sodann war Nelly interessant! Ihr Teint war bleich, und je nher man sie
betrachtete, desto bleicher erschien ihr Teint. Sie hatte kleine
rtliche Sommersprossen, die den Teint noch durchsichtiger erscheinen
lieen. Sie hatte scharfe, helle Vogelaugen, die Brauen wuchsen leicht
zusammen, und wenn man sie ganz nahe betrachtete, erschien ihr Gesicht
in der Tat fast gespenstisch.

Nelly verstand es, sich zu kleiden -- mit nichts! Mit nichts tuschte
sie den Luxus einer reichen Auslnderin vor. Man nahm an, da
Schwedenklee Tausende fr sie ausgab. Das schmeichelte Schwedenklees
Eitelkeit immerhin.

Nelly verstand es, sich zu benehmen. Man konnte mit ihr getrost in
ersten Hotels dinieren -- die Kellner wichen ersterbend zurck. Ein
Lcheln von ihr entzckte den Direktor, die Herren verdrehten die Hlse.
(Und doch war sie nur Buchhalterin in einem Herrenschneidergeschft!)
Wie sie ihren Fu setzte -- das allein war ein Roman!

Aber was zuviel ist, ist zuviel. Schwedenklee zog sich zurck. Er
erkaltete. Aus purer Bosheit reiste er nach Lbeck -- zu Studienzwecken
-- und sandte ihr eine Ansichtskarte.

Als er zurckkehrte, fand er einen kurzen, aber zu seiner grten
Verwunderung herzlich und warm gehaltenen Brief von Nelly vor. Dazu ein
Paar antiker goldener Ohrringe, die er ihr geschenkt hatte.

Schwedenklee war beschmt. Er hatte kaum den Mantel abgeworfen, so
schrieb er Nelly schon einen langen Brief. Das mit den Ohrringen wrde
er ihr nie verzeihen!

Am nchsten Tage schon kam Nelly. Sie strzte in seine Arme und bi ihn
so stark in die Wange, da man tagelang ihre Zhne sah. Das zur
Strafe! sagte sie. Nach Tisch begann sie pltzlich zu singen -- nun,
kurz und gut, es stellte sich heraus, da man whrend seiner Abwesenheit
ihre Stimme entdeckt hatte! Sie wollte sich ausbilden lassen. Sie war in
grter freudiger Erregung. In Wirklichkeit, Nelly hatte eine krftige,
wenn auch etwas grelle Stimme.

Du hast jene unerklrliche Nebenschwingung in der Stimme, sagte
Schwedenklee sachverstndig, jenes Timbre, das nur groe Sngerinnen
haben, dazu hat deine Stimme Umfang. Du hast auch die bezeichnende,
etwas belegte Sprechstimme -- wei Gott, wieso ich deine Stimme nicht
frher erkannte.

Weil du kein wirkliches Interesse fr mich hast!

Schwedenklee tat gekrnkt. Die Vershnung war vollstndig. Schon in den
nchsten Tagen lud Schwedenklee den Bassisten von der Oper -- mit dem er
zuweilen Schach spielte -- zu sich zum Abendessen. Er sollte sein Urteil
abgeben.

Wiederum hatte Augusta sich alle Mhe gegeben. Sie liebte Nelly, denn
Nelly lief immer in die Kche, umarmte Augusta, die von der Hitze des
Herdes schwitzte, und kte sie sogar auf die Backe.

Der Bassist a mit vorzglichem Appetit und trank ganz allein eine
Flasche teuren Rheinwein. Dann sang Nelly zu Schwedenklees Begleitung.

Herrlich, wunderbar! schrie der Bassist begeistert und klatschte mit
den fetten Hnden. Die Patti, die Hempel, die Farrar -- in zwei Jahren
werden Sie in Neuyork singen!

Siehst du? sagte Nelly mit einem triumphierenden Blick.

Man schmiedete Plne, entwarf Programme, whlte Lehrer, der Bassist bot
sich fr die stimmtechnische Ausbildung an. Und zwar ohne jegliches
Honorar! Aber Schwedenklee protestierte energisch und erklrte Schwarz
klipp und klar, da er ihm Nellys Ausbildung nur dann anvertrauen wrde,
wenn der Snger sie zu seinen gewohnten Bedingungen als Schlerin
annehmen wrde. In die Ecke gedrngt, willigte Schwarz endlich ein.
Schwedenklee war in gehobener Laune und holte neuen Wein aus seinem
Geheimschrank.

Nelly hauchte ihm in einer Sekunde zehn kleine verliebte Ksse auf die
Glatze. Es blieb alles beim alten. Trotzdem -- die Sache mit der Tante
konnte Schwedenklee nie ganz vergessen.

                   *       *       *       *       *

Es wurde schon hei. Die Kartentische leerten sich langsam. Die
Rechtsanwlte, rzte, Kaufleute fuhren mit ihren Familien aufs Land. Nur
in dieser Zeit wurde man pltzlich gewahr, da fast alle Stammgste und
Spieler Familienvter waren. Gewhnlich hielt man sie fr Junggesellen
ohne jegliche Verpflichtungen.

Schwedenklee reiste mit Nelly auf vier Wochen nach Heringsdorf. Der
Bassist Schwarz -- der die stimmtechnische Ausbildung bernommen hatte
-- begleitete sie. Schwedenklee hatte ein kleines Gut an der Ostsee, und
Nelly, der er zuweilen von dem Landgut vorgeschwrmt hatte, wollte
zuerst dort den Urlaub verbringen. Sie trumte von Hhnern, Schweinen,
Leiterwagenpartien. Aber Schwedenklee setzte pltzlich die Besitzung
herab -- das Haus sei feucht! Die Kinder des Pchters htten
Diphtheritis! Aus irgendeinem Grunde -- das fhlte Nelly -- wollte er
sie nicht in Siebenbirken haben.

Aber sie trstete sich schlielich mit Heringsdorf. Sie brachte ein
halbes Dutzend von Badekostmen mit, die Aufsehen erregten, so khn
waren sie. Und woraus waren sie gemacht? Aus _nichts_!

Nelly feierte Triumphe. Nach drei Tagen schon war sie eine der
bekanntesten Erscheinungen in Heringsdorf. Man beneidete Schwedenklee um
diese Frau, er fhlte es deutlich. (Und doch war sie nur Buchhalterin in
einem Herrenschneidergeschft!)

Die stimmtechnische Ausbildung nahm ziemlich viele Stunden des Tages in
Anspruch. Es gab sogar kleine Eifersuchtsszenen, obschon es
Schwedenklees oberstes Prinzip war, nie zu zeigen, da ihm eine Frau so
viel wert war, da er eiferschtig werden knnte. Denn dann, pflegte
er zu sagen, bist du verloren, mein Sohn!

Es war ja selbstverstndlich, da Schwedenklee die Hotelrechnungen des
Bassisten bezahlte -- sonstige Honorare forderte Schwarz whrend des
Badeaufenthalts nicht. Er tat es aus Begeisterung fr Nellys Stimme.

Nun, Gott sei Dank, auch diese Wochen gingen vorber, und nun sa Nelly
wieder -- duftend, wie aus dem Ei geschlt -- in der Herrenschneiderei.

Nellys Unterricht bei Schwarz ging natrlich ohne Unterbrechung weiter
-- in nchster Zeit begann auch der dramatische Unterricht bei einem
Schauspieler.

Alles hat schlielich seine Grenzen, dachte Schwedenklee, als er die
letzten Stundengelder bezahlte.




                                   13


Schwedenklee hatte im Laufe des Sommers kaum mehr an Blank gedacht. Bei
seiner Rckkehr fand er einen Brief vor, voller Dankesbeteuerungen --
die geliehene Summe lag bei -- bei Heller und Pfennig.

Auch das hatte Schwedenklee vergessen, als der Winter anbrach.

Er dachte gar nicht mehr an Blank. Pltzlich aber erhielt er einen
Brief: Blank war erkrankt. Sein Nachsommer hatte ein rasches Ende
gefunden. Eine Lungenentzndung hatte seiner Ttigkeit als
Filmschauspieler ein rasches Ende bereitet. Er war in grter Not, in
Verzweiflung. Selbstverstndlich zgerte Schwedenklee nicht, ihm
beizuspringen. Er fhlte sich frmlich verpflichtet dazu.

Dann hrte er nichts mehr von Blank.

Nelly deutete an, da sie ihre Stellung in der Herrenschneiderei
aufgeben wolle. Aber sie fand bei Schwedenklee nur taube Ohren. Eine
Frau von ihrer wirtschaftlichen Basis loslsen -- was bedeutete das?
Nein, dafr war Schwedenklee nicht zu haben, sein Verantwortungsgefhl
war zu gro.

Also blieb Nelly in ihrer Stellung. Sie schmollte indessen, sie warf
Schwedenklee vor, da er nicht grozgig sei, ja geradezu geizig, eine
Krmerseele. Wenn ich nur einen deiner Baupltze htte, die heute
Millionen wert sind, sagte sie, da solltest du sehen, wie ich meine
Freunde behandeln wrde! Da knntest du etwas lernen.

So sind die Frauen, dachte Schwedenklee, unersttlich!

Er bezahlte die Stunden bei Schwarz, wchentlich vier, und diese Snger
hatten ja unerhrte Honorare! Neuerdings kam dazu der dramatische
Unterricht, und er hatte herausgefunden, da Nelly mindestens die Hlfte
der Stunden zuviel notieren lie. So viel freie Zeit erlaubte ihr ja
ihre Stellung in der Schneiderei gar nicht!

berdies mifiel ihm das Verhltnis zwischen Schwarz und Nelly. Es
schien eine etwas sonderbare Vertraulichkeit angenommen zu haben. Er
hatte einmal einen kleinen, gnzlich unscheinbaren Blick zwischen den
beiden aufgefangen. Nun, er, Schwedenklee, war kein heuriger Hase, er
wute genau, zu genau, was solch ein Blick unter Umstnden bedeuten
konnte! Er behandelte den Snger um einige Grade khler.

Ich habe den Eindruck, sagte der Bassist mit gekrnkter Miene, da
Ihnen meine Honorare zu hoch sind?

Ihre Honorare? Aber ich bitte Sie, Verehrtester, ich wnsche doch
nicht, da Sie mir besondere Preise machen. Miverstehen Sie mich nicht
-- die Ausgaben fr Nellys Ausbildung im allgemeinen ...

Aber ich bitte Sie, Verehrtester -- fr solch eine Stimme!

Zugegeben! Aber Sie ahnen nicht, welche Betrge ich monatlich zu
bezahlen habe. Jetzt taucht schon die Frage der Kostme auf ...

Gut. Der Bassist bearbeitete mit der Kreide kunstgerecht das Leder des
Billardqueues -- die Unterredung fand im Billardsaal des Cafs statt --
Ich werde also knftighin kein Honorar mehr fordern. Ich unterrichte
aus Interesse fr diese ungewhnliche Begabung.

Schwedenklee protestierte mit groer Beredsamkeit. Unmglich konnte er
diesen Vorschlag annehmen, ganz unmglich! Er geriet sogar in Erregung.
Alles blieb beim alten.

Schlielich aber hat alles seine Grenzen, dachte Schwedenklee, whrend
er sorgfltig mit der Spitze des kunstvoll aufgesttzten Queues nach dem
Ball zielte.

                   *       *       *       *       *

Der Winter war lau. Nebel, Dunst, Regen. Nur dann und wann lag schwarzer
Schnee auf den Dchern. Im Februar aber setzte pltzlich eine solch
grimmige Klte ein, da die Dampfheizung nicht mehr gengte.
Schwedenklee mute seinen elektrischen Ofen zu Hilfe nehmen, um nicht zu
frieren. Nichts hate er mehr als Klte.

Gerade als Schwedenklee sich nach Tisch etwas niedergelegt hatte, die
Decke ber den Knien, den elektrischen Ofen neben der Ottomane, wurde er
von Augusta aufgeweckt.

Eine Krankenschwester wnscht Sie dringend zu sprechen.

Eine Krankenschwester? fragte Schwedenklee ziemlich mrrisch.
Pltzlich, schnell erwachend, erschrak er. Mich? Ja, was in aller Welt
--? Vielleicht Nelly, dachte er. Ah, mit diesen Frauen hat man nie
Ruhe.

Schon trat die Schwester ein, ohne viele Umstnde zu machen. Sie war ein
groes, ungeschlachtes Mdchen mit weigelbem Haar.

Herr Schwedenklee? Ihre Stimme klang gefhllos und herrisch.

Rgend ruhte Schwedenklees Blick auf ihren unfrmigen Gummischuhen, die
sie mit ins Zimmer brachte und die seinen Teppich beschmutzten.

Ich bitte vielmals um Entschuldigung, brummte er, whrend er die Decke
vllig von sich warf. Ich bin nicht ganz wohl, etwas erkltet.

Die Schwester ignorierte seine Erkltung, seine Verlegenheit, seinen
deutlichen Unwillen ber die Strung.

Ich komme von Herrn Blank, sagte sie laut und mit vllig gefhlloser
Stimme, als bitte ihn Blank zu einer Partie Billard. Er liegt im
Sterben.

Wie sagen Sie --? Schwedenklee sprang erschrocken auf. Er erbleichte.
Sterben, Tod ...

Die Schwester erklrte, da Blank den dringenden Wunsch habe, ihn zu
sehen.

Was will er von mir? stammelte Schwedenklee.

Das wei ich nicht. Es geht mich auch nichts an. Er hat im Fieber viel
von Ihnen gesprochen. Ich habe den Eindruck, da er Ihnen etwas
Wichtiges mitteilen mchte.

Mir? Mitteilen? Etwas Wichtiges?

Was wei ich? Es interessiert mich auch nicht. Sie werden also kommen?

Ja, gewi werde ich kommen. Schwedenklee htte gar nicht den Mut
besessen, dieser energischen Person etwas abzuschlagen.

Ich schreibe Ihnen hier die Adresse auf. Im Osten. Bei der Frankfurter
Allee.

Sie gehen, Schwester?

Ich kann ihn nicht allein lassen.

Schon war sie fort.

Eine unangenehm energische Person! dachte Schwedenklee. Gott soll
mich davor behten, da ich in meiner Sterbestunde solch ein Wesen, mit
so groen Fen, um mich habe!

Augusta!

Schwedenklee war sehr erregt. Einen Augenblick dachte er sogar trotz
seiner Zusage daran, nicht hinzugehen. Der Gedanke entsetzte ihn
pltzlich, in ein Sterbezimmer treten zu mssen. Armut dazu, vielleicht
war es schlecht gelftet? Aber nein, das war ja Feigheit. Ein
Sterbender! Lieber Himmel, dieses Leben ist in der Tat eine hllische
Erfindung. Er starrt zur Tre, wartet auf ihn, den Todesschwei auf der
Stirn. Nein, unmglich! Ein Sterbender ist ein heiliges Wesen -- jeden
Wunsch mu man ihm erfllen.

Aber in welchem Anzug geht man zu einem Sterbenden? Schwedenklee kam in
seiner Aufregung auf den unglcklichen Einfall, einen Zylinder
aufzusetzen -- um die Feierlichkeit zu betonen.

Mitzuteilen? Ja, was in aller Welt mochte er ihm mitzuteilen haben?
Schwedenklee erinnerte sich pltzlich jenes Briefes, in dem Blank
seinerzeit schrieb, da er ihm unter Umstnden wichtige Mitteilungen zu
machen habe.

Und spter hatte er widerrufen ...

Ich werde nie Ruhe vor diesem Menschen haben!

In groer Erregung eilte Schwedenklee auf die Strae. Die unmgliche
Adresse hielt er in der Hand. Es war ja ganz undenkbar, hier an der
Potsdamer Brcke einem Chauffeur _diese_ Adresse zu nennen. Schwedenklee
ging zu Fu bis zum Potsdamer Platz, um sich zu sammeln.

Nein, eine unangenehmere Sache konnte man sich beim besten Willen nicht
ausdenken. Und dazu -- pltzlich blieb Schwedenklee verwirrt stehen --
dazu sollte Nelly um sechs Uhr zum Tee kommen! Schlielich konnte er ja
telephonieren ... Und diese eisige Klte, die sich wie Sure in die Haut
fra.

Am Potsdamer Platz hatte Schwedenklee folgende Entschlsse gefat.
Erstens: ich werde hingehen. Zweitens: ich werde bis zum Alexanderplatz
mit der Untergrundbahn fahren und dort eine Droschke nehmen -- dort
fllt es nicht auf -- drittens: ich werde Augusta telephonieren, fr den
Fall, da ich bis sechs Uhr nicht wieder zurck sein sollte. Viertens
werde ich jetzt erst einen Kaffee trinken.

Es dmmerte schon, als Schwedenklee in der bezeichneten Strae ankam.
Das Auto, der Herr im Pelz und Zylinder erregten groes Aufsehen.
Beklemmend war diese dstere Strae voll schleichender, hstelnder
Menschen, die seinen Zylinder und Pelz anstarrten, mit gierigen,
hhnischen, erstaunten Augen. Frech streiften Schwedenklee die Blicke
halbwchsiger Mdchen.

Das bezeichnete Haus strmte Armut und Verzweiflung aus. Es stand und
schwieg, wie ein dsteres Gesicht mit zusammengebissenen Zhnen.

Schwedenklee betrat es klopfenden Herzens.

Das Stiegenhaus war erfllt von fernem, wirrem Lrm. Geznk,
Kinderweinen, schlagende Tren. Ein saurer, unangenehmer Geruch stieg
von der schmutzigen Treppe auf -- hier roch es nicht nach Lack und dem
feinen Parfm emporschwebender Pelze wie im Westen.

Schwedenklee hatte von solchen Husern bis jetzt nur _gelesen_. Hier
wurde gemordet, tagelang lagen Verstorbene in den kalten Wohnungen,
bevor man sie fand, Hoffnungslose lsten den Gasschlauch --

Pst -- mein Herr -- wollen Sie zu Frulein Lisa? Zischeln unter ihm.

Schwedenklee kletterte rascher die Treppe empor, sein Herz klopfte
erschrocken.

Pst -- pst -- mein Herr!

Achtunggebietend rusperte sich Schwedenklee, von Ekel und Furcht
ergriffen.

Er floh an den Tren vorber, hinter denen sich unbegreifliche
Schicksale verbargen, die zu erfahren ihn nicht gelstete.

Lrm empfing ihn im nchsten Stockwerk. Die Tre ffnete sich und eine
korpulente Dame, offenbar in festlicher hochzeitlicher Kleidung, trat
zigarettenrauchend, anscheinend etwas angeheitert, auf den Flur. Drinnen
lrmten und schrien ausgelassen die Hochzeitsgste.

Schwedenklee griff an die Krempe des Zylinders.

Guten Abend! sagte die zigarettenrauchende Braut und warf Schwedenklee
einen langen verfhrerischen Blick zu. Langsam schlo sie die Tre,
whrend sie Schwedenklee, der sich nicht enthalten konnte
zurckzublicken, mit zusammengekniffenem Auge zulchelte. Der Lrm der
Hochzeitsgste klang ferner.

Schrfer stieg wieder der schlechte Geruch aus den feuchten
ausgetretenen Treppenstufen.

Da hielt Schwedenklee den Schritt an: an einer Tre klebte ein Zettel.
Leise klopfen, ein Schwerkranker! Man bittet auf der Treppe nicht zu
lrmen. Schwester Anna.

Hier also war es. Schwedenklees Herz stockte. Ein schweres, rtselhaftes
Schnarchen, ein Sgen wie das Schnarchen eines Riesen ertnte hinter der
Tre. Augenblicklich -- obschon er nicht weiter darber nachdachte, was
das sonderbare Schnarchen zu bedeuten habe -- ergriff Schwedenklee die
Flucht.

Er stieg bis zur Hochzeitsgesellschaft hinab. Dann wandte er um. Wie
feige ich doch bin! dachte er.




                                   14


Zaghaft pochte Schwedenklee, und sofort, lautlos, ffnete ihm die
weiblonde, ungeschlachte Pflegerin mit den eckigen Hften.

Sie kommen zu spt, flsterte sie vorwurfsvoll, mit einem
mibilligenden Blick auf Pelz und Zylinder. Noch vor einer halben
Stunde hat er nach Ihnen gefragt. Jetzt hat er das Bewutsein verloren.
Er nannte sie den Sterbenden, er -- nicht mehr wert ist ein Mensch,
der stirbt.

Der gleiche rchelnde, furchtbare Schnarchton --. Schwester Anna schob
Schwedenklee resolut durch die Tre.

Hier, diese Tre! sagte sie.

In groer Befangenheit trat er ein.

Da sah Schwedenklee, da dieser rchelnde Schnarchton aus dem weit
geffneten Munde eines im Bett halb aufrecht sitzenden leichenfahlen
Mannes mit groen, glsernen Augen kam.

Da sah Schwedenklee -- nie wute er spter zu sagen, was er frher
gesehen hatte, den Sterbenden oder das _Andere_ -- das Wesen, das vor
dem Bette kniete ...

Das Zimmer war nicht hell. Eine kleine Petroleumlampe ohne Schirm stand
irgendwo auf dem Tische. Der Sterbende sa in den Kissen eines grau und
elend aussehenden Bettes. Seine Brust keuchte in kurzen Sten, sein
gemarterter Atem stie Rauchsulen in die eisige Luft, sein
eingefallenes Gesicht blendete von Schwei.

Vor dem Bett aber kniete ein Wesen -- ein Geschpf, etwas
Unbegreifliches, Wunderbares, vielleicht nur eine Vision seiner
aufgeschreckten und verwirrten Sinne? -- ein Mdchen, die Hnde betend
verkrampft, die Augen auf das Antlitz des Sterbenden gerichtet -- ein
Wesen, verklrt, unfabar -- _Ellen Frhlich_, dieselbe Ellen Frhlich,
die er in Paris gekannt hatte -- nur jnger und seltsam verklrt!

Fassungslos stand Schwedenklee und schlo die Augen. Er tastete mit der
Hand nach der Wand, da er fhlte, wie er schwankte ...

                   *       *       *       *       *

Wie lange dauerte dieses furchtbare Rcheln? Stunden, eine Ewigkeit. Und
immerfort, unbeweglich kniete dieses verklrte Wesen, die Hnde betend
verkrampft vor dem Bette.

Zuweilen nahm die Schwester ein feuchtes Tuch und wischte die Stirn des
Sterbenden ab.

Zuweilen hrte man den heiteren, trunkenen Lrm der
Hochzeitsgesellschaft fern und wirr durch die Decke.

Schwedenklee hatte nie gesehen, wie ein Mensch starb. Der Tod seiner
Mutter war ihm telegraphisch mitgeteilt worden. Als der alte
Schwedenklee im Sterben lag, hatte man ihm telegraphiert, und als er
ankam, war schon alles vorbei.

Schwedenklee stand versteinert, regungslos in der Ecke, das
unbeschreibliche, unbegreifliche Wesen kniete, die Schwester tauchte
zuweilen mit ihren feisten Hnden das Handtuch in das Waschbecken -- und
der Sterbende rchelte.

                   *       *       *       *       *

Das Rcheln wurde schwcher, pfeifender, und pltzlich -- nach einer
unfabaren Stille -- schrie eine ganz unbegreiflich entsetzte Stimme,
die Stimme eines Mdchens, eines Kindes: Papa! Papa!

Augenblicklich, ins innerste Herz getroffen durch den Ton des Mdchens
-- der Kinderstimme, diesen Ton der letzten menschlichen Qual --
augenblicklich wandte Schwedenklee sein Gesicht zur Wand. Nie in seinem
Leben hat er diesen Schrei vergessen. Er war totenbleich und zitterte an
allen Gliedern.




                                   15


Die Schwester zog Schwedenklee in einen feuchten, eisigen Vorraum, eine
Art Kche mit Ausgu, die Fenster waren gefroren.

Man hat ihm, sagte sie, whrend er schon todkrank lag, die letzten
Habseligkeiten gepfndet. Noch gestern kam die Hauswirtin und machte
eine solch frchterliche Szene, da es zu Ttlichkeiten zwischen mir und
ihr kam. Sie holte die Polizei, die Polizei aber hatte doch mehr
Einsicht, als sie den Kranken sah, und zog ab.

Wie schn von Ihnen! stammelte Schwedenklee ergriffen. Er drckte der
Schwester bewundernd die Hand Was fr eine prchtige Frau sind Sie
doch! Diese ungeschlachte, kalte Person, ja, es gab immer noch
Menschen! Ich komme fr alles auf, Schwester Anna, stotterte er
verlegen. Immer noch zitterte er am ganzen Krper, und seine Zhne
klapperten. Seine Nerven hatten vllig versagt.

Wir haben nichts, auch nicht einen Pfennig, nur Schulden.

Nun, so nehmen Sie, bitte. Ich gehe. Morgen frh bin ich wieder hier,
ich habe heute nicht lnger Zeit.

Einen Augenblick! sagte Schwester Anna und nahm ein Pckchen Briefe
von einem verstaubten Brett.

Das hier ist fr Sie, und hier ist ein Brief, den Blank gestern
schrieb.

Danke, stammelte Schwedenklee und strzte mit seinem Zylinder die
Treppe hinab.

Noch heute wute Schwedenklee nicht zu sagen, wie er wieder in sein
Stadtviertel zurckgekommen war. Er erwachte aus einer Art von geistiger
Starre, als der Chauffeur die Tre des Autos ffnete. Zu seinem groen
Erstaunen stand das Auto vor seinem Stammcaf.

In einem vllig verstrten, entgeisterten Zustand kam Schwedenklee in
den Billardsaal. Ohne zu denken hatte er offenbar dem Chauffeur das
Stammcaf genannt.

Niemand sprach ihn an, der Kellner wagte kaum guten Abend zu sagen --
jeder fhlte, da mit Schwedenklee etwas Auergewhnliches geschehen
war.

Lieber Freund! Hinter einer Zeitung verborgen, zitternd an allen
Gliedern, zuweilen Kaffee schlrfend, um seine Erregung zu verbergen,
entzifferte Schwedenklee Blanks letzten Brief.

Lieber Freund! Ich habe groe Eile. Schon umhllen mich die Schleier
des Todes. Ich verbrenne vor Qual. Der Gedanke an Sie ist mein einziger
Trost, und ich klammere mich an Sie.

Erbarmen Sie sich meiner Tochter Ellen! Beim Andenken Ihrer Mutter --
erbarmen Sie sich meines Kindes. Ich bergebe Ellen Ihrem Schutz!

Schwedenklee zitterte, totenbleich im Gesicht, hinter seiner Zeitung.

Der Bassist Schwarz nherte sich.

Nelly ist bitterbse auf Sie! schrie er laut lachend. Sie hat eine
Stunde auf Sie gewartet, mein Gott, wie bse sie war!

Schwedenklee wich dem Blick des Sngers aus.

Verzeihen Sie, sagte er leise und stockend, bebend vor verhaltener
Erregung. Ich komme soeben vom Sterbebett eines Freundes.

Oh, ich bitte um Entschuldigung, stammelte Schwarz und begab sich
rasch zu den Kartentischen.

Ich bergehe Ellen Ihrem Schutz ...

Hei stieg ein heiliges Gelbde aus Schwedenklees Herzen. Pltzlich nahm
er Pelz und Zylinder, und mit einem verwirrten Lcheln auf dem
verstrten Gesicht eilte er zum groen Erstaunen der Gste rasch die
Treppe hinab.

                   *       *       *       *       *

In den folgenden Tagen sah man Schwedenklee sehr geschftig: im
Zylinder, schwarzem berzieher. Er fuhr im Auto ab, er kehrte im Auto
zurck. Den ganzen Tag war er unterwegs, er a in der Stadt. Er sprach
fast nichts, seine Miene war ernst, feierlich.

Stundenlang ging er, tief in Gedanken versunken, durch die Zimmer seiner
Wohnung. Endlich war er ins reine gekommen. Er klingelte Augusta.

Augusta, sagte er, wir mssen diese Zimmer umrumen. Sagen Sie dem
Portier, da er mir morgen frh helfen soll. Ich -- er verlor unter
Augustas Blick die Sicherheit -- wir werden Besuch bekommen. Die
Tochter meines verstorbenen Freundes wird bei uns wohnen.

Augusta legte den Kopf auf die Seite, zog den Mund breit und betrachtete
ihn vom Kopf bis zu den Fen. Dann wandte sie sich hastig ab und schlug
die Tre zu. Das war Augustas Antwort.

Nun gut, dachte Schwedenklee, soll sie gehen, die alberne Gans!

An einem Nachmittag fuhr ein Auto vor Schwedenklees Haus vor. Zuerst
stieg Schwedenklee aus, sehr erregt, scheue Blicke um sich werfend, und
dann eine schmchtige, ganz in Schwarz gekleidete, tief verschleierte
junge Dame, die eine armselige kleine Handtasche trug und den Blick auf
den Boden heftete.

Unbeweglich, hilflos stand die junge verschleierte Dame auf der Treppe,
whrend Schwedenklee den Chauffeur entlohnte.

Augusta! rief Schwedenklee. Aber niemand regte sich, das Haus schien
verlassen.

Schwedenklee war uerst verlegen und sehr aufgeregt.

Er hatte zwei kleine Zimmer seiner Wohnung mit antiken Mbeln hbsch und
anheimelnd eingerichtet, so da ein junges Mdchen von Geschmack daran
Gefallen haben mute. Sogar einen kleinen elektrischen Ofen hatte er
angeschafft, damit sein Gast nicht frieren solle.

Ich habe diese kleinen Zimmer fr Sie eingerichtet, Ellen, sagte
Schwedenklee mit unsicherer Stimme. Hoffentlich fhlen Sie sich wohl
hier. Auf jeden Fall, Sie sind hier ganz zu Hause.

Danke, sagte die tief verschleierte junge Dame tonlos, ohne einen
Blick in die Zimmer zu werfen, die Augen zu Boden gerichtet,
unbeweglich.

Jedenfalls vergessen Sie nicht, da Sie hier ganz zu Hause sind,
wiederholte Schwedenklee verwirrt und ging zur Tre. Sie werden gleich
Tee bekommen. Ich denke, Sie wollen allein sein, und werde Ihnen Augusta
schicken.

Das Mdchen in schwarzer Kleidung wandte sich ihm zu.

Dank fr alles, was Sie fr Papa getan haben, flsterte sie tonlos,
ohne den Blick zu heben. Sie zitterte heftig. Und pltzlich fiel sie vor
Schwedenklee in die Knie. Dank!

Schwedenklee hob den schlanken, zarten Krper auf. Er war aufs tiefste
erschttert.

Sie sollen nicht so sprechen. Es ist ja alles selbstverstndlich.
Rasch verlie er das Zimmer.

Jetzt ist sie hier! Jetzt ist sie bei mir! flsterte Schwedenklee, als
er die Tre seines Zimmers hinter sich geschlossen hatte, und ein Strom
von Glckseligkeit durchrann ihn.




                                   16


Immer noch sah er sie vor sich, wie sie, die schlanken Hnde verkrampft,
mit dem Ausdruck letzter Inbrunst, Andacht, Aufgelstheit vor dem Bette
kniete, das bleiche, schne Antlitz verklrt von unbegreiflichem
Schmerz. Eigentlich, sagte er sich, sah sie aus, als ob sie grenzenlos
erstaunt wre, ja, Staunen, Verwunderung -- nein, ich wei nicht, es ist
jedenfalls nicht in Worten auszudrcken.

Unauslschlich hatte sich dieses Bild in sein Gedchtnis eingegraben.

Er liebte es, sich diesem Anblick hinzugeben, obschon ihn die Dampfwolke
peinigte, die aus dem verzerrten Munde des Sterbenden ber die rauhe
Wolldecke fuhr.

Dann sah er sie, in letzter Schrfe, in ihrer Trauerkleidung vor sich.
Das schwarze Htchen, der schwarze Schleier, der ihr Gesicht ganz
durchsichtig erscheinen lie -- ihre Lippen, ihr atmender Mund, ihr
scheues Tierauge, die Grbchen in ihren glatten Wangen -- und wie bei
ihrer Mutter war das Grbchen auf der rechten Wange etwas tiefer als auf
der linken. Die schwarze Halskrause, aus der ihr feiner Nacken stieg,
ganz wie Ellens, der Mutter, Nacken. Und nun war sie hier!

Lieber Himmel, Schwedenklee war ganz verwirrt!

Es war nicht leicht gewesen, Ellen, die der Schmerz fassungslos gemacht
hatte, in ein Magazin fr Trauerkleider zu bringen. Hundertmal
wiederholte Schwedenklee mit unendlicher Geduld: Aber Sie knnen doch
nicht _so_ Ihren Vater beerdigen, seien Sie doch vernnftig!

Endlich lie sie sich bewegen. Aber sie wnschte das Kleid so einfach
wie nur mglich. Die Verkuferinnen, gerhrt von ihrer Schnheit und
Hilflosigkeit, bemhten sich um sie. Schlielich stand sie fertig
angekleidet vor dem Spiegel. Sie blickte hinein und errtete!
Blitzschnell ergo sich die Rte, zart, wie ein Hauch, ber ihr Gesicht
und ihren Nacken -- ganz wie bei ihrer Mutter. Sie errtete, weil sie
sich in der Trauerkleidung gefallen hatte.

Und nun neue Schuhe, Ellen!

Sie sah ihn verstndnislos an, whrend sie im Wagen weiterfuhren.

Aber Sie knnen doch nicht in diesen abgetretenen Schuhen --?

Aber weshalb sorgen Sie sich um mich? fragte sie unwillig, die kleine
Stirn zerknittert, und prete die Hnde an die zarten Schlfen.

Sie vergessen es immer wieder: ich bin ein Freund Ihrer Mutter und
Ihres Vaters.

Ellen nickte. Ich verga es, ja!

Nun will ich alles tun, wie Sie es wnschen, sagte sie und schmiegte
sich an ihn, in kindlicher Aufwallung, obschon sie neunzehn, zwanzig
Jahre alt sein mute. Ich will gehorsam sein.

Schwedenklee sagte ihr, da sie sich wegen ihrer Zukunft keine Sorgen zu
machen brauche.

Sie sah ihn ohne jedes Verstndnis an. Ich mache mir ja keine Sorgen.

Ich verstehe wohl. Sie mssen aber doch irgendwo bleiben.

Bleiben? Feindselig blendete ihr Blick.

Ja, natrlich. Sie mssen essen, trinken, schlafen.

Nein, nein -- unterbrach sie ihn -- nein, das mu ich nicht!

Sie haben mir versprochen, an all diese Dinge fr Sie denken zu
drfen.

Ja!

Nach einer Pause fhlte er ihren Blick.

Papa ist sehr arm gewesen, aber er war trotzdem ein groer Knstler!

Ein groer Knstler!

Ellens scheues, verstrtes Tierauge wanderte ruhelos.

Fragmente ihrer kurzen Gesprche fielen Schwedenklee ein, Blicke,
Bewegungen. Als man den Sarg abholte, kniete Ellen in der Ecke der
Stube. Bei der Beerdigung war Ellen gefat. Sie stand wie versteinert,
den Blick zu Boden gerichtet. Sie waren nur zu dritt. Ellen, er, die
weiblonde Schwester, die heftig weinte.

Bei ihrer Mutter waren es nur zwei, dachte Schwedenklee: Blank und
Ellen. Und er erinnerte sich, da Blank ihm schrieb, er habe sich auf
die Erde geworfen ...

Augusta servierte mit feuchten Augen, mit reuevoller Weichheit, das
Abendessen.

Sie werden uns also nicht im Stich lassen? fragte Schwedenklee,
kauend, ohne vom Teller aufzusehen.

Sagte ich denn das? Schon weinte Augusta, diese gute Seele. Ich habe
ihr zugeredet, und sie hat eine Tasse Tee getrunken. Nun will ich sehen,
da sie noch ein Ei it, dieses arme Kind!

Schwedenklee verbrachte den Abend zu Hause. Die Aufregungen der letzten
Tage hatten ihn so sehr mitgenommen, da es ihm unertrglich gewesen
wre, Menschen zu sehen. Er geno jede Minute des Alleinseins. Seit
vielen Jahren hatte er einen solch zufriedenen, ausgeglichenen Abend
nicht gehabt. Er strich an seiner Bibliothek entlang. Ich werde ein
schnes Buch lesen, ja! Seit Jahren hatte er nicht mehr die Sammlung
besessen, sich auf ein umfangreicheres Werk einzulassen.

Er zog eine Reihe von Bchern heraus, ohne sich entschlieen zu knnen.
Die erotische Abteilung betrachtete er mit einem verchtlichen
Lcheln.

Augusta? Schwedenklee erschien in der Kchentr! Was macht unser
Gast?

Sie hat jetzt den Hut abgenommen. Sie will versuchen zu schlafen, sagte
sie.

Hat sie das Ei gegessen?

Sie versprach es zu essen.

Schwedenklee klopfte an Ellens Tre.

Ich will Ihnen gute Nacht sagen, sagte er mit vterlicher Wrme, indem
er den Kopf ins Zimmer streckte. Haben Sie noch irgendwelche Wnsche?

O nein, danke, antwortete Ellens kleine Stimme, ganz fern.

Ellen hatte wirklich den Hut abgenommen. Sie stand mitten im Zimmer und
wandte ihm ihr scheues, helles Auge zu.

Schlafen Sie wohl. Und wenn Sie Wnsche haben, so klingeln Sie.

Ich habe keine Wnsche, danke!

Hier ist jener Brief, den Ihr Vater mir hinterlie. Ich lege ihn
hierher, vielleicht haben Sie jetzt Sammlung genug, ihn zu lesen.

Danke! Regungslos stand Ellen.

                   *       *       *       *       *

Das Leben hat merkwrdige Einflle, dachte Schwedenklee verwundert und
triumphierend zugleich. Ist es nicht sonderbar, da Ellens Tochter, die
wiedergeborene und verjngte Ellen, bei mir ist? Wer htte sich das je
trumen lassen?

Dank einer Fgung des Schicksals habe ich, ohne mein Zutun, pltzlich
eine Tochter bekommen -- ein wunderbares Wesen, ein Kleinod dazu -- den
angebeteten Liebling unglcklicher Eltern ...

Ja, in der Tat, es war das alte Glck Schwedenklees, immer noch folgte
es ihm wie sein Schatten. Wie man sich erinnern wird, erhielt er den
Titel eines Oberbaurats vom Oberkellner des Cafs, ohne jede
Anstrengung -- ohne jedes Verdienst hatte ihn das Schicksal pltzlich,
gnzlich unerwartet, mit einer Tochter beschenkt.

Schwedenklee war ganz erfllt von seinem Glck. Als Blank, dieser gute,
arme Blank, dachte er, mir seinerzeit auflauerte, ahnte ich damals
nicht, da diese merkwrdige Begegnung eine besondere Bedeutung fr mein
Leben haben wird? Wie? Und Blanks unverstndliche Bemerkungen,
Anspielungen, seine prfenden Blicke -- ja, nun verstehe ich alles. Sie
ist in guten Hnden bei mir, teuerster Freund -- unwillkrlich hatte er
Blanks Tonfall nachgeahmt, als er teuerster Freund sagte.

Schwedenklee hatte die Briefe, die ihm Schwester Anna als ein
Vermchtnis Blanks in der eisigen Kche berreichte, schon flchtig
durchflogen. Nun aber war er in der ausgeglichenen, ruhigen Verfassung,
sie genauer zu lesen.

Es waren im ganzen sechs Briefe, krzere und lngere, die er an Ellen
von Paris aus geschrieben hatte. Er erkannte seine Handschrift wieder --
seine Handschrift vor zwanzig Jahren --, heute schrieb er etwas
krftiger und klarer.

In dem ersten Briefe nach Ellens Abreise schrieb er ihr, da er in ihr
Zimmer gezogen sei (im Hotel Panthon) und da sie gegenwrtig sei in
Mbeln und Wnden und tausend kleinen Dingen.

Es lag ja so nahe, dies zu schreiben! Aber, sagte sich Schwedenklee,
welch bodenlose Verlogenheit! Um 9 Uhr abends reiste Ellen, ich wei es
noch genau -- um 10 Uhr speiste ich mit Frulein Svenska, mit der
rotbckigen Schwedin, in diesem Zimmer -- und am nchsten Morgen schrieb
ich diesen Brief.

Und hier, das war offenbar die Antwort auf einen Brief Ellens, in dem
sie ihm fr ein Darlehen dankte.

Kein Wort, liebste Freundin, schrieb er, ich bin glcklich, Dir
gefllig sein zu knnen. Es ist ja so selbstverstndlich! Es gibt eine
Solidaritt des Adels, der Reichen, sollte es nicht auch eine
Solidaritt der Knstler und geistig Schaffenden geben?

Lesen wir dies nochmals, sagte Schwedenklee, habe ich wirklich diese
Phrasen geschrieben? Ja, er hatte Ellen ganze tausend Franken geschickt
und auf ihren Dankesbrief mit derartig hochtrabenden Worten geantwortet!

In einem anderen Brief entwickelte er mit groer Beredsamkeit und vieler
Wrme ein System, wie die Knstler und geistig Schaffenden zu leben
htten! Wie Mnche, nicht anders, arm, anspruchslos, materielle Gensse
und Gter verachtend, nur ihrer Kunst ergeben, in einer
kameradschaftlichen Gemeinschaft. Alle, die dem Orden angehrten,
htten ihre Einnahmen der Gemeinschaft zu berweisen -- um der Welt ein
Beispiel zu geben, wie die Menschen eigentlich leben sollten. Es sollte
knftig nicht mehr Maler geben, die Millionen verdienten, whrend ihre
Kollegen darbten -- nein, die Millionen der Erfolgreichen sollten in die
Kasse der Gemeinschaft der Maler flieen. Wie bei den Malern, so bei den
Musikern, den Schriftstellern --

Sind das meine Worte, wahrhaftig? Habe ich je solchen Anschauungen
gehuldigt?

Schwedenklee war erstaunt, ja frmlich verblfft, auf diesen ihm
gnzlich fremden, jungen Schwedenklee zu stoen.

War dieser Einfall vielleicht schlecht? O nein, nein!

War es nicht im Gegenteil ein herrlicher Gedanke? Und was ist daraus
geworden?

Nichts, nichts.

Schwedenklee erhob sich, verlegen. Wirklich nichts! Ich habe diese Idee
ganz einfach -- _vergessen_.

Je lnger er in den Briefen las, desto mehr erkannte er, da der frhere
Schwedenklee und er eigentlich zwei vllig verschiedene Personen waren.
Schwedenklee der Jngere, der leidenschaftlich soziale Probleme
errterte, dessen Religion, wie er schrieb, die Kameradschaft war --
und Schwedenklee der ltere, der sich, Gott wei es, den Kopf nicht mehr
mit derartigen Dingen zerbrach. Ja, in der Tat: zwei Welten. Ein
behaglicher Bourgeois war aus dem jungen Schwedenklee geworden, gestehen
wir es nur -- ein Bourgeois wie die andern, mit genau den gleichen
Ansichten wie der Kaufmann Jaffe, der Kinderkleider fabriziert.

O ja, wahr! Wahr!

hnliche Anschauungen kehrten in all den Briefen wieder. Tapfer hatte
sich Schwedenklee der Jngere den Problemen entgegengeworfen.

Vorurteilslosigkeit und Mut brauchen wir, schrieb er, um dem Leben
entgegenzugehen, das vor uns liegt ...

Schwedenklee las und staunte. War er das wirklich? Etwas wie ein leises
Schamgefhl berkam ihn.

In einem Briefe fand sich diese Stelle: Ich finde ja an und fr sich,
da wir schon korrumpiert sind. Wir Knstler mten gekleidet sein wie
Monteure und Arbeiter, in Manchesterhosen, wir mten _betonen_, da wir
und die Bourgeoisie verschiedene Welten sind.

Er? Er, Schwedenklee in Manchesterhosen? Er bekam einen roten Kopf.

Ja, was ist doch aus diesem Schwedenklee geworden? Mit einem verlegenen
Lcheln erhob sich Schwedenklee. Was ist aus mir geworden? Sein ganzes
Leben, das Leben der letzten zehn, zwanzig Jahre erschien ihm pltzlich
unverstndlich ...

                   *       *       *       *       *

Herr Schwedenklee!

Jemand pochte an der Tre. Es war Augustas Stimme.

Schwedenklee streifte die Uhr mit einem Blick. Es war schon spt in der
Nacht.

Was wollen Sie, Augusta? fragte Schwedenklee, weich und vershnlich
gestimmt.

Es ist etwas nicht in Ordnung mit dem Frulein.

Wie --?

Ja, es ist etwas nicht in Ordnung!

Augenblicklich erschien Schwedenklees fahles Gesicht in der Tre.

Erst sthnte sie so eigentmlich und jetzt antwortet sie nicht mehr.

Tdlich erschrocken eilte Schwedenklee an Ellens Tre und pochte. Erst
leise, dann ohne jede Rcksicht.

Nichts regte sich, kein Laut. Aber durch das Schlsselloch schimmerte
Licht.

Schwedenklees Blicke begegneten dem entsetzten Auge Augustas. Das Haus
schwankte.

Rasch, ohne zu denken, eilte er durch die Zimmer und klinkte die Tr
auf, die vom Speisezimmer in Ellens Rume fhrte. Diese Tre war offen:
Auf das Sofa gekauert sah er Ellen, in ihren Trauerkleidern, bleich,
still, die blutleeren Lippen schmerzvoll geffnet, die Augen
erschrocken, wie die eines berraschten Tieres, auf ihn gerichtet. Ihre
kleine Hand hing herab, wie gebrochen ... es tropfte und rieselte --

Sofort bersah Schwedenklee alles.

Aber mein Kind! rief er aus und berhrte die schmale Schulter. Er war
selbst totenbleich und zitterte an allen Gliedern. In diesem Augenblicke
erkannte er ganz die Gre der Leidenschaft, die ihn fr dieses Wesen
erfat hatte.

Mit den gleichen Augen eines berraschten, erschrockenen Tieres blickte
ihn Ellen an.

Verzeihen Sie mir, flsterte sie, ohne jede Regung.

Mit der Scherbe eines zerschlagenen Glases hatte Ellen sich die Pulsader
geffnet.

Um den Teppich nicht zu beflecken, hatte sie eine Blumenvase unter die
herabhngende Hand gestellt.

Im Hause wohnte ein Arzt. In kaum zehn Minuten war er da. Es bestand
keine Gefahr fr Ellens Leben.

Schwedenklee schlo die ganze Nacht kein Auge. Kreidebleich, zuweilen in
Ellens Zimmer lauschend, schlich er schwankend in seiner Wohnung hin und
her. Er zitterte und fror entsetzlich. La sie leben, groer Gott im
Himmel! Ja, in der Tat, Schwedenklee betete.

Und wieder stand er im dunkeln Speisezimmer und lauschte gegen die
offene Tr. Sie schlief -- ruhig und langsam ging ihr Atem. Der Arzt
hatte ihr Morphium gegeben. Unbegreiflich schn schien es ihm, hier zu
stehen, im dunkeln Zimmer, und ihren leisen Atemzgen zu lauschen.




                                   17


Die Tren zu Ellens Zimmer standen immer offen. Am Tage behtete sie
Augusta und in der Nacht Schwedenklee. Er hatte die Schlsser von Ellens
Tren abgeschraubt. Jede Nacht wachte er, lesend, rauchend, mit sich
plaudernd, Gedanken hingegeben, bis er Augusta am Morgen in der Kche
hrte.

Ellen genas rasch. Eines Tages sa sie in ihrem Bett aufrecht, die
Wangen gertet, wie in leichtem Fieber, das brnette lockere Haar, das
einen Anflug ins Rtliche hatte, lssig um den zart, gleichsam
zerbrechlich geformten Kopf geschlungen, und _lchelte_. Zum erstenmal
sah Schwedenklee sie lcheln. Ihr Gesichtsausdruck war verndert. Ihr
Auge vertrumt, voller Glanz und Hoffnung.

Schrauben Sie die Schlsser wieder an, sagte sie klar und wach, ich
verspreche Ihnen --

Kann man Ihnen vertrauen? fragte er lchelnd.

Ja! Sie nickte beschwrend. Ich gebe Ihnen mein Wort. Sie winkte ihn
heran. Jetzt erst verstehe ich Papa! sagte sie, ihn ernst und gro
anblickend, und berhrte seine Hand mit leisen, zarten Fingern. Er hat
mir viel von Ihnen erzhlt. Ein paarmal sagte er mir: wenn du
irgendeinen Rat brauchst, man wei ja nicht, wie es kommen kann -- so
gehe getrost zu Herrn Schwedenklee. Er ist gtiger als alle Menschen.

Schwedenklee brachte keine Silbe ber die Lippen. Er errtete und schlug
rasch die Augen nieder.

Jetzt erst verstehe ich Papa! wiederholte Ellen nickend und zog sich
mit leisen Hnden an ihn heran. Wie soll ich Ihnen danken?

Schwedenklee lachte, um seine Verlegenheit zu verbergen.

Sie knnen mir danken, Ellen, indem Sie mir vertrauen. Sprechen Sie mit
mir, wie mit -- beinahe htte er Vater gesagt -- wie mit einem Bruder.
Verfgen Sie ber mich und versprechen Sie, immer Vertrauen zu mir zu
haben, was es auch sei.

Ich verspreche es Ihnen, erwiderte Ellen mit einem ernsten, hellen
Blick. Ich war so unglcklich! setzte sie flsternd hinzu und drckte
leise, kaum merklich, seine Hand, und er fhlte, da ihre Finger
zitterten.

Schwedenklee sagte nichts. Verwirrt und scheu verlie er ihr Zimmer.

                   *       *       *       *       *

Schwedenklee hatte ber eine Woche das Haus nicht verlassen. Er sprach
mit niemanden, er htete sein Geheimnis! Natrlich war es nicht zu
umgehen gewesen, da er Nelly von den Ereignissen der letzten Wochen
unterrichtete. Er hatte sie gebeten, ihn fr einige Zeit zu
entschuldigen -- bis alles in Ordnung gebracht sei. Telephonisch hatte
er ihr alle Einzelheiten erzhlt -- besonders den Selbstmordversuch
Ellens hatte er ausfhrlich und mit allen Einzelheiten berichtet, obwohl
er sich seiner Schwatzhaftigkeit schmte, noch whrend er am Telephon
stand. Aber es war doch notwendig, Nelly zu berzeugen, da er fr
einige Zeit ans Haus gebunden sei.

Nelly telephonierte tglich. Der Patient sei noch immer nicht recht in
Ordnung. Er ermahnte sie, ihren Gesangsunterricht nicht zu
vernachlssigen und den dramatischen Unterricht ja nicht zu
unterbrechen. Er sei auch damit einverstanden, da sie als dramatischen
Lehrer doch Dunker nehme -- ein ziemlich junger, hbscher Schauspieler,
der wegen seiner Liebesabenteuer berhmt war.

Schwedenklee hatte keine Eile, Nelly zu sehen.

Eines Tages aber trat Nelly ohne jede telephonische Anmeldung bei ihm
ein.

Sie erschien Schwedenklee fremd, sozusagen unbekannt. Er erblickte sie
wie aus weiter Ferne -- ihre Zge, ihre interessante Blsse und die
turmartige Frisur, diese schweren Flechten, lieen ihn vllig
unberhrt.

Nelly verstand seinen Blick sofort: diese unverschmte Gleichgltigkeit
eines erkaltenden Geliebten! Sie war auerordentlich freundlich,
teilnahmsvoll.

Es ist merkwrdig, sagte sie, du hast mir nie gesagt, da du so
intime Freunde httest. Im Gegenteil, du klagtest ja immer, du habest
keine Freunde!

Sie hielt die Teetasse auf den Fingerspitzen, spielte die Dame auf
Teebesuch.

Schwedenklee behandelte sie mit grausamer Hflichkeit. Er spielte den
Herrn, der eine Dame auf Teebesuch bewirtet.

Natrlich habe ich Freunde -- von frher her. Wir alle haben Freunde
nur von frher her, aus der Jugend. Es ist allerdings wahr, meine
Freunde haben sich wenig um mich bekmmert, und es ist ebenso wahr, da
ich mich wenig um sie bekmmerte.

Er sprang auf und reichte ihr Feuer fr die Zigarette.

Sie dankte. Ich bin dir sehr dankbar, da du mir so lebhaft zu Dunker
geraten hast!

Ist er also doch tchtig?

Oh! Nelly lchelte sonderbar, indem sie die Augen zur Decke hob. Er
ist ein wirklich moderner Knstler! Aber er ist keck --! Schwedenklee
sagte nichts. Er ist sehr keck. Er verfolgt mich unaufhrlich mit
seinen Antrgen.

Aber du bist ja kein Kind mehr, Nelly! Oh, wie gleichgltig klang hier
Schwedenklees Stimme!

Welch bsen Blick sie ihm gab! Aber sofort lchelte sie wieder
gleichmtig. Ich sagte ihm: spielen Sie Theater auf der Bhne!

Sehr gut! lobte Schwedenklee und lachte.

Pause. Nelly forschte in seinem Gesicht.

Du bist gar nicht eiferschtig? Nelly lachte.

Eiferschtig? Ich kenne dich ja, Nelly! sagte Schwedenklee im Tone
unerschtterlichen Vertrauens.

Nelly kokettierte ber die Teetasse.

Vielleicht kennst du mich doch nicht? Er ist ein netter Junge! Erst
fnfunddreiig. Sie lchelte anmutig.

Schwedenklee ignorierte diesen impertinenten Angriff. Dabei war er
berzeugt, da Nelly sich gar nichts aus Dunker machte -- es war ihm
brigens vllig gleichgltig.

Er ist nett. Und was das Reizendste an ihm ist, er ist solch ein Kind.
Er ist -- trotz allem -- ein kleiner Junge!

Wirklich? Schwedenklee lachte anerkennend. Gerade diese Naivitt
liebe ich bei Mnnern.

Hier richtete sich Nelly in ihrem Sessel auf. Sie gab ihrem Kopf einen
Ruck und schleuderte die Tasse auf den Teppich. Sie stand auf.

Aber Nelly? sagte Schwedenklee, scheinbar vllig erstaunt und gut
gelaunt.

Was zuviel ist, ist zuviel! Nellys Brauen flogen in die Hhe.

Aber ich bitte dich, Nelly!

Wenn du mich loshaben willst --, schrie Nelly mit funkelnden Augen.

Einen Augenblick .. Schwedenklee schlo eine Tre.

Ach so! sagte Nelly, voller Hohn.

Schwedenklee wurde rot, seine Schlfe zuckte.

Sie ist ein Mdchen, sagte er beruhigend, aber seine Stimme zitterte
etwas, im Gefhl der Befriedigung, ihren impertinenten Angriff von
vorhin mit gleicher Impertinenz erwidert zu haben. Sie soll sich
erholen, und ich mchte jede Aufregung von ihr fernhalten.

Oh, welche Rcksichtnahme! Jede Aufregung von ihr fernhalten --!

Bitte, Nelly! sagte Schwedenklee lchelnd, beschwichtigend.

Seine Ruhe und Gleichgltigkeit versetzten sie in Raserei. Ja,
Schwedenklee war als Gegner nicht zu verachten, wenn es darauf ankam.

Bitte, Nelly, ffte sie ihm nach. Ich mchte jede Aufregung von ihr
fernhalten. Ja, ja! Halte mich nicht fr so tricht ...

Schwedenklee sandte ihr einen warnenden Blick zu. Er wute -- und er
empfand es triumphierend --, da sie jetzt verspielen wrde.

Du hast dich in ein kleines Mdchen verliebt, das ist alles, schrie
Nelly auer sich. Und alles andere -- das mit dem Freunde, mit der
Doppelwaise, mit dem Selbstmordversuch, ist einfach eine dumme Komdie!

Sie ist verloren, dachte Schwedenklee mit Befriedigung -- und schon mit
einem gewissen Mitleid.

Nelly! sagte er beruhigend, beschwrend. Ich schwre dir, alles ist
Wahrheit. Du bist heute sehr erregt --

Ja, Nelly war verloren. Sie schrie, sie verleumdete, beschimpfte. Sie
tobte und verlie rasend das Haus.

Schwedenklee tat aufs tiefste gekrnkt und machte keinen Versuch, sie
zurckzurufen.

Es ist sehr schade, sagte Schwedenklee, als er allein war und sich mit
zitternden Fingern eine Zigarette anzndete. Es ist sehr schade, da
man mit Frauen nicht offen sprechen kann. Nun gut, da es zu Ende ist!
Fort mit ihr! Fort mit allen -- ich will sie _alle_ nicht mehr sehen --
Gott sei Dank!

Schwedenklee horchte an Ellens Tre. Kein Laut. Ellen hatte von der
ganzen Szene nichts gehrt.

Einige Wochen spter aber sagte Ellen: Es war einmal eine Dame bei
Ihnen. Sie war sehr erregt. Ich mchte nicht irgendwie im Wege sein.

Aber Ellen! Wie knnen Sie so etwas denken. Sie sind zu jung, um das zu
verstehen!




                                   18


Schwedenklee hatte sich vllig verndert. In all den Wochen von Ellens
Genesung hatte er kaum das Haus verlassen. Ins Stammcaf kam er nicht
mehr. Man wunderte sich. Gerchte schwirrten. Ein Stammgast berichtete,
Schwedenklee habe in einer Nacht, da er aus dem Caf kam, eine junge
Dame -- eine Lebensberdrssige -- aus dem Kanal gezogen und zu sich ins
Haus genommen.

Er wies auf eine Notiz hin, die in den Zeitungen erschienen war.
Architekt S. rettete eine Lebensberdrssige, die aus Liebeskummer in
den Landwehrkanal sprang.

Kurzum, Schwedenklee erschien nicht mehr im Caf, und eine Woche spter
war er schon vergessen: ganz als ob er tot wre.

Schwedenklee holte seine groen Mappen aus der Bibliothek. In der
Bibliothek befanden sich besondere Schrnke, und in diesen Schranken
standen die Mappen, die er vor Jahren hatte anfertigen lassen. Es waren
zehn graue Mappen, herrlich gebunden -- manche enthielten gar nichts,
manche enthielten ein, zwei Skizzen, andere mehrere. Die Mappe
Fabriken war besonders umfangreich, die Mappe Warenhuser ebenso.
Die dickste Mappe hatte die Aufschrift Stdtebau -- Verkehr.

ber diese Mappe gebeugt sa Schwedenklee in all den Nchten, da er den
Schlummer Ellens bewachte.

Vor Jahren hatte er sich, man wird sich erinnern, mit
verkehrstechnischen Problemen Berlins intensiv beschftigt. Es waren
seinerzeit sogar einige Notizen darber in den Zeitungen erschienen. Es
gab in Berlin ein halbes Dutzend Bahnhfe: die Bahnhfe der Stadtbahn,
den Lehrter Bahnhof, den Potsdamer, Anhalter, Schlesischen Bahnhof -- es
war, mit einem Wort, ein vlliges Durcheinander.

Schwedenklee aber hatte in der Arbeit vieler Jahre eine Lsung gesucht
und gefunden: von jedem beliebigen Punkte Berlins aus sollte man bequem
jede Reiseroute antreten knnen!

Schwedenklee plante einen Riesenbahnhof, der gegenber dem
Reichstagsgebude, mitten im Tiergarten, gelegen war und, ber und unter
der Erde, im Zusammenhang stand mit smtlichen bereits vorhandenen
Bahnhfen.

Dieses interessante Problem fesselte ihn von neuem. Es schien ihm noch
schwieriger, noch interessanter geworden zu sein. Ganze Nchte hindurch
zeichnete er. Er plante die Verffentlichung einer Broschre, die
Berlin, die Behrden verblffen sollte.

Ellen genas.

Der Arzt sagte: Sobald die Witterung es erlaubt, heraus aus der Stadt.
Sie haben doch, hre ich, eine Besitzung auf dem Lande?

Ja.

Nun gut, dann sobald wie mglich aufs Land.

Es war noch kalt, noch fiel Schnee, und schon machte Schwedenklee Plne.

Augusta, sagte er, halten Sie sich bereit. Wir werden bald aufs Land
gehen. Ich hoffe, Sie haben gengend eingekocht --

Zu Ellen sagte er: Liebe Ellen, der Arzt will, da du aufs Land in
frische Luft kommst. Wir werden bald reisen. Aber, liebes Kind, wir
mssen dich etwas ausstaffieren.

Herrliche und ganz wundervolle Tage fr Schwedenklee, da er mit Ellen
einkaufte!

Wsche, Kleider, Schuhe. Sie besa ja _nichts_!

Ellen strubte sich.

Aber, erlaube doch, sagte Schwedenklee, so bestimmt, da Ellen nicht
zu widersprechen wagte, wir leben nun einmal in dieser Welt! Du mut
Kleider haben, Mntel, Hte, Schuhe ...

Wochenlang waren sie in den Geschften unterwegs.

Er stattete sie aus wie eine Braut, als ob sie seine Tochter wre, die
er zu verheiraten htte.

Obschon nur Junggeselle, wute Schwedenklee ganz genau, was eine junge
Dame alles brauchte -- von den Taschentchern angefangen bis zu den
Unterleibchen und Grteln, an denen die Strumpfbnder befestigt sind.
Schwedenklee wute genau, wie Taschentcher einer Dame gearbeitet sein
mssen, wie der Besatz eines Hemdes auszusehen hatte.

Es war Schwedenklees hchste Freude, wenn er sah, wie Ellen errtete,
weil sie sich in einem Kostm, einem Mantel gefiel. Oder, wenn sie
erregt wurde beim Befhlen von Linnen und Batist.

Ellen war uerst bescheiden, sie widerstrebte, aber zuletzt gelang es
ihm doch stets, sie umzustimmen. Zu Hause beobachtete er beglckt, wie
sie Hte und Mntel vor dem Spiegel aufprobierte und die Erregung ihre
Wangen frbte.

Es war ihm ein Genu, mit Ellen auf der Strae zu gehen. Niemand ging
vorber, ohne da sein Blick gefesselt auf ihrem Gesicht geruht htte.
Voller Stolz kassierte er all ihre Erfolge ein, die sie nicht einmal
bemerkte. Sie ging leicht, ihr Schritt war leise, wie der ihrer Mutter,
nie hatte er einen solch schwebenden Gang, eine solche natrliche Wrde
bei einer Frau beobachtet. Sie ging wie ein Tier, eine Katze vielleicht,
unbewut und schn, ihre schmalen Hften spielten.

In einigen Geschften gebrauchte man die Redensart: Das gndige
Frulein, Ihre Tochter --

Schwedenklee wurde verlegen, zuweilen blutrot -- Ellen lachte wie ein
Kind. Sie hatte die Gewohnheit, wenn sie schelmisch lachte, die oberen
Zhne in die Unterlippe zu drcken und etwas mit den Augen zu blinzeln.

Einige Sommerkleider fr Ellen lie Schwedenklee bei einer Schneiderin
Henrietta anfertigen, die er von Nelly her kannte.

Ich begreife nun, weshalb Nelly so rasend eiferschtig ist, flsterte
die Schneiderin eines Tages in unverschmt zutraulichem Tone.

Ich bitte Sie, die Kleider, so wie sie sind, sofort an mich zu senden
und Rechnung vorzulegen, schrieb Schwedenklee am gleichen Tage, emprt,
da die unverschmte Person Nelly und Ellen in einem Atem zu nennen
gewagt hatte. Ja, diesem Volke mute man Manieren beibringen!




                                   19


Endlich waren alle Einkufe beendet. Koffer wurden gepackt. Der Tag der
Abreise aufs Land wurde festgesetzt.

Der Zug verlie den Bahnhof.

Nun gehrst du ganz mir, dachte Schwedenklee triumphierend, und seine
Erregung war so gro, da seine Hnde zitterten.

Was denkst du? fragte Ellen, verwirrt durch seinen Blick.

Ich frchte, Ellen wird sich langweilen, erwiderte Schwedenklee
lchelnd, um seine Erregung zu verbergen.

Ich? Auf dem Lande? Oh, nie! rief Ellen aus. Dann sa sie still, mit
groen Augen, die erfllt waren von Genugtuung, diese grauen Hauswnde,
zwischen denen der Zug sich durchzwang, hinter sich zu lassen.

Gott sei Dank! flsterte sie und atmete auf, als die Stadt zu Ende war
und die Wiesen kamen.

Allmchtiger! dachte Schwedenklee. Wie wird es sein, wenn ich mit ihr
allein sein werde?

                   *       *       *       *       *

Schwedenklees Landgut Siebenbirken lag an der Ostsee, ganz in der Nhe
von Warnemnde. Es lag nicht direkt am Meer, gewhrte aber eine
herrliche Aussicht ber die See.

Der Name stammte von Schwedenklee selbst. Frher hatte dieses Bauerngut
berhaupt keinen Namen gehabt, nur eine Hausnummer. Aber da gerade
sieben Birken vor dem Hause standen, hatte Schwedenklee den Besitz sehr
poetisch Siebenbirken genannt.

In einer Anwandlung von Weltflucht hatte Schwedenklee vor Jahren
Siebenbirken gekauft. Er wollte allein, zurckgezogen, wie ein Bauer
leben. Damals. Er hatte das Bauernhaus und die Wirtschaftsgebude
gelassen, wie sie waren, etwas krumm, plump, mit Stroh gedeckt, und ein
Haus auf einem Punkte errichtet, der die schnste und vollkommenste
Aussicht ber die See bot. Seit Jahren hatte er sich nicht mehr um
Siebenbirken gekmmert. Er hatte einige Monate -- damals als er
weltflchtig war -- auf dem Landsitz verbracht und den Bau des
Landhauses geleitet. Als der Bau fertig dastand, war er noch eine Woche
geblieben. Aber am Ende der Woche hatte ihn das Grauen der Einsamkeit
erfat. Noch in der Nacht hatte er gepackt: es war ja nicht auszuhalten!
Mit dem Frhzug schon war er nach Berlin gefahren. Nur einige Male war
er noch auf zwei, drei Tage in all den Jahren nach Siebenbirken
gekommen, und stets hatte ihn das Gefhl trostloser Langeweile wieder
vertrieben. Nein, nein, er hatte kein Talent, einsam zu leben!
Verschiedenen Anwandlungen, das Landgut zu verkaufen, hatte er nur aus
Trgheit nicht nachgegeben.

Ahnte ich etwas? sagte er sich heute, in sein Inneres horchend.

Der Bauer, an den das Gut verpachtet war, holte sie in einem wackligen
Stuhlwagen ab.

Der Wagen war so klein, da Augusta mit den Koffern und Kisten auf der
Station warten mute.

Wie wunderbar! Wie herrlich! rief Ellen mit leuchtenden Augen aus, als
sie durch die scharfe Mrzluft dahinfuhren. In den Wldern lag noch da
und dort Schnee.

Wird es dir hier gefallen?

Ellen nickte freudig.

Am ersten Tage htte Schwedenklee nahezu die gute Laune verloren: die
Mahlzeiten schienen ihm etwas sehr lndlich. Augusta ging mit Trnen in
den Augen, fiebernd, aufgelst, in der vllig kahlen Kche hin und her.
Es ist ja nichts da, gar nichts da! sagte sie. Ellen hatte sich eine
von Augustas Schrzen umgebunden und versuchte durch ihre Munterkeit
Augustas Verzweiflung zu verscheuchen.

Am nchsten Tage fuhren Augusta und Ellen zur Stadt, um einzukaufen.
Bepackt mit Tpfen, Schsseln, Kochlffeln, Sieben, Porzellan, Glsern
kehrte der Wagen zurck. Augusta strahlte.

                   *       *       *       *       *

Auf Siebenbirken lebten der Bauer mit seiner Familie, ferner zwei
Pferde, drei Khe, ein Rudel Schweine, etliche dreiig Hhner, einige
Familien Gnse und Enten. -- Es gab einen Hund, eine Art Schferhund,
fahlgelb mit dunkelgrauen Rckenhaaren, mit Namen Strolly. Diesen Hund
hatte Schwedenklee aufgezogen, zur Zeit, da er baute, und obschon er nur
zwei-, dreimal auf das Gut zurckgekehrt war, hatte der Hund ihn
wiedererkannt. Das rhrte Schwedenklee. Strolly, furchtbar bissig und
rasend allen Fremden gegenber, war liebenswrdig, untergeben, sittsam
und von uerstem Entgegenkommen gegen Freunde. Schon am ersten Tage war
er zu Ellen bergegangen, obschon ihn sein Feingefhl hinderte, es allzu
deutlich zu zeigen. Sooft er Schwedenklee sah, tat er so, als ob er ihm
die gleiche Anhnglichkeit bewahrt habe. Sobald aber Ellen nur sichtbar
wurde, zeigte sich offen seine Heuchelei.

Es gab einen schwarzen, dicken Kater, Munki, der es liebte, sich auf den
Schultern spazierentragen zu lassen, ein menschenliebendes Tier, das
sich an den Beinen rieb, sobald man sich zeigte. Dick, befriedigt,
glcklich sa der Kater auf Ellens schmaler Schulter. Am dritten Tage
schon war auch er zu Ellen bergegangen.

Es gab eine Stute Lotte, die -- ein Phnomen -- mit der Zunge eine
Trklinke hob, sobald sie neben dem Pferdestall Stimmen hrte.

Es gab zwei Hhne, einen dicken alten, mit in hundert Schlachten
zerzausten Federn, und einen jungen -- schlank, grazis, mit den
Bewegungen eines Fechters --, die sich wie Teufel bekmpften. Zuweilen
wurde der jngere von dem alten bis tief hinein in den Wald gejagt.

Es gab ein kleines Schwein, das zrtlich war wie ein Hund und sich gerne
den Kopf graulen lie. Das waren die Besonderheiten von Siebenbirken,
sonst war es ein Landgut wie jedes andere. Nicht zu vergessen eine Gans,
die -- ein Einzelgnger, nicht auf dem Hof gebrtet -- von den brigen
Gnsen verleugnet und gehat wurde und den Menschen wie ein Hund folgte.
Sonst wie berall: Geschrei, Gegacker, Lrm, Blken, und die Jauche rann
aus den Stllen in den groen Misthaufen des Wirtschaftshofes.

Beglckt beobachtete Schwedenklee, da Ellen auf dem Gute auflebte. Vom
Morgen bis zum Abend war sie unterwegs in Stllen und Scheunen. Munki,
der schwarze Kater, sa auf ihrer Schulter, Strolly sprang ihr bis an
die Ohrlppchen -- und sie zankte den fetten Hahn aus, der sich gegen
den jungen, den sie Spanier nannte, albern und eiferschtig benahm.
Die Blsse ihres Gesichtes verlor sich, zartrotes Geder erschien auf
den Wangen. Ihre Stimme zwitscherte frhlich.

Nur dann und wann sa sie in sich versunken abseits, den Blick geqult
in die Ferne gerichtet. An diesen Tagen sprach sie nur selten, leise,
die Stirn zerknittert. Ihr Blick war verschleiert von Schwermut, die
Gedanken ferne.

Ein Zittern durchrieselte sie, wenn man sie berhrte. Abends brannten
dann zwei Kerzen in ihrem Zimmer, und am Morgen erschien sie bleich,
verstrt, mit gerteten Augen. Aber immer seltener wurden diese Anflle
schwerer Traurigkeit, die Schwedenklee, besonders anfangs, sehr
beunruhigten.

Ellen interessierte sich fr alles, was in der Wirtschaft vorging. Sie
war als Stadtkind nur flchtig mit dem Lande in Berhrung gekommen. Was
fr Futter erhielten Hhner und Schweine, weshalb wurde der Acker
gewalzt, wie kam es, da der Klee zwei, drei Jahre stand, was war
eigentlich Winterroggen, von dem so viel die Rede war -- ber all das
konnte sie nicht ausfhrlich genug mit dem Bauer sprechen, und sie
fragte auch Schwedenklee unausgesetzt, Schwedenklee, der kaum Weizen von
Roggen zu unterscheiden vermochte.

Als die Pferde zum erstenmal auf die Koppel durften, war es ein
richtiger Festtag fr Ellen. Sie selbst brachte die Pferde in den Stall
zurck. Sie lernte sogar das Melken der Khe. Schwedenklee hatte sich
nie berwinden knnen, das Euter einer Kuh zwischen die Finger zu
nehmen.

Dir gefllt es hier? Seine grte Sorge war, da es ihr schlielich
doch nicht gefallen knnte. Allein, fern von allen Menschen wollte er
sie haben. Ja, so mute es sein, grenzenlos war sein Egoismus, das
Schicksal hatte gesprochen.

Wir werden also hierbleiben? Du wirst sehen, es ist gar nicht zu
langweilig. Wenn erst die Badegste kommen werden.

Ellen zog die Braue hoch, ihre feine nervse Braue. Ich will keine
Menschen sehen!

Wie dankbar war Schwedenklee.

Du willst also vorlufig nicht nach Berlin zurckkehren?

Berlin? Ellen war entsetzt. Ich will bei Strolly und Munki bleiben!

Schwedenklees Gesicht wurde dunkel: er war eiferschtig auf die Tiere
...




                                   20


Schwedenklee hatte sich von dem Dorftischler einen groen Zeichentisch
nach eigener Angabe anfertigen lassen. Hingegeben an seine Idee
zeichnete er: er hatte nun den groen Berliner Zentralbahnhof weiter in
den Tiergarten hinein verlegt. Er brauchte -- ja, was er brauchte, das
war vor allem Platz! Monumentalitt, Raum, Auffahrts- und
Abfahrtsalleen! Nicht, da man nach zehn Jahren sagte: bei aller
Genialitt, Schwedenklee hat es nicht verstanden, zehn, zwanzig, fnfzig
Jahre in die Zukunft zu blicken. Eine Stadt wie Berlin ging wie eine
Mine hoch! Also Raum -- immer tiefer hinein in den groen Tiergarten --.

Aber schon nach kurzer Zeit beschftigte ihn eine neue Idee
leidenschaftlich.

Das Landhaus war zu klein! Es war nur fr ihn, Schwedenklee, berechnet.
Er hatte es seinerzeit mit Absicht so klein gehalten: anders wrden ihn,
hatte er befrchtet, fortwhrend Bekannte berlaufen! Von einem kleinen,
sehr bescheidenen Gastzimmer abgesehen, das unter dem Dache lag,
enthielt es nur drei Zimmer. Schwedenklee hatte sich auf einen Raum
beschrnkt, Ellen bewohnte das andere Zimmer, dazwischen lag die
Halle, die als Speiseraum diente. In dem Giebelzimmer hauste Augusta.

Schwedenklee beschlo, das Landhaus in groem Stil auszubauen. In groem
Stil? Nein, in allergrtem Stil, mochte es kosten, was es wollte.
Tagelang tat er geheimnisvoll. Als er mit sich im reinen war, rief er
Ellen an den Zeichentisch.

Sie kam, den schwarzen Kater auf der Schulter. Strolly sah eiferschtig
zum Fenster herein und winselte flehentlich.

Lieber Himmel, was fr ein stattliches Gebude das Landhaus pltzlich
geworden war! Nach beiden Seiten und nach der Hhe baute Schwedenklee
aus.

Ellen stimmte allen Plnen zu. So und so -- erklrte Schwedenklee. Und
du sollst ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer haben -- mit einer kleinen
Loggia.

Oh, wie fein! rief sie aus. Aber ich brauche alles gar nicht. Ich bin
so zufrieden mit meinem Zimmer!

Und hier, siehst du, werden wir das Badezimmer hinausbauen!

Schwedenklee schwebte eine Art Glashaus vor: in der Mitte ein versenktes
Bassin, ringsum eine Art Gewchshaus mit Palmen, Blattpflanzen, Kakteen.
Schwedenklee sprach mit auffallend unsicherer, stotternder Stimme. Ellen
war hell begeistert.

Schwedenklee verlor sich in Einzelheiten. Erschrocken und fast mystisch
erregt erinnerte er sich, da er die gleichen Plne, ganz die gleichen,
mit Ellens Mutter, der unglcklichen Ellen, in vielen Stunden
durchgesprochen hatte! Sein Atem stockte. Wie viele Jahre ist es her?
Und nun steht sie hier, ihre Tochter --! Jetzt aber sollten die Plne
Wirklichkeit werden!

Und dann, sagte er, atemlos vor Erregung -- denn Ellen schmiegte sich,
zrtlich, mdchenhaft, an seine Schulter -- weit du, wenn alles fertig
ist, was ich dann tun werde?

Ihr schnes reines Auge blendete. Nein.

Dann werde ich Siebenbirken der kleinen Ellen schenken.

Ich will es nicht haben! rief Ellen aus, und ihr Blick verriet
Unsicherheit und Argwohn. Sie lste leise die Hnde von seiner Schulter
und lief verlegen lachend davon.

Meine Freude! stammelte Schwedenklee und erhob sich schwankend, indem
er ihr mit den Blicken folgte.




                                   21


Schon in der nchsten Woche kamen die Werkleute, und der Umbau und
Ausbau des Hauses begann. Es wimmelte auf Siebenbirken pltzlich von
Handwerkern.

Schwedenklee erhob sich schon am frhen Morgen. Er ging mit dem
Meterstab hin und her. Er fertigte fr Maurer und Zimmerleute und
Tischler Detailzeichnungen an.

Man mu es zugeben, in den letzten Jahren war Schwedenklee die
Entschlukraft einigermaen abhanden gekommen. Er sollte zum Beispiel
einen wichtigen Brief schreiben. Er konnte sich nicht dazu aufraffen. Da
ist dieser Brief, dachte er, es wird hchste Zeit! Aber die Tinte war
dick geworden. Der Brief unterblieb.

Schwedenklee hatte sich sehr gendert. Er sieht, da eine Latte an einem
Zaun lose ist. Sofort holt er Hammer und Ngel und hmmert, da es
lustig widerhallt.

Da steht ein alter Fliederbusch, dessen Bltter matt herabhngen.
Schwedenklee htte frher nie einen Finger gerhrt. Jetzt holte er
sofort einen Hammer und einen langen Zimmermannsnagel und meielt Lcher
in den zementharten Lehm rings um den Stamm.

Was tust du? staunt Ellen, hingerissen und voll uerster
Verwunderung.

Schon schleppt Schwedenklee Wasser heran und giet die Lcher voll,
sorgfltig, geduldig, bis der Zement sich erweicht. Schon am zweiten
Tage stellen sich die matten Bltter des Fliederbusches steif und prall.
Und Ellen staunt!

Schwedenklee lie sich wiegen -- auf derselben Wage, wo die Schweine, in
einem Holzverschlag, gewogen wurden. Sein Gewicht war auerordentlich
hoch. Er verschwieg es! Aber man sah ihn nun schon am frhen Morgen mit
dem Spaten im Garten. Er arbeitete im Schweie seines Angesichts den
ganzen Tag ber. Nach einer Woche hatte er bereits fnf Pfund verloren.

Nun begann Schwedenklee schwere Steine, Feldsteine, die in Massen an
einer Hecke angehuft waren, zu schleppen und zu rollen. Er hatte
beschlossen, einen Steingarten zu bauen. Der Schwei rann ihm in Strmen
von der Stirne.

In dieser Woche nahm er acht Pfund ab. Schon waren ihm die Hosen zu
weit. Sein Gang war leichter, er lief sogar zuweilen, allerdings nicht
lange, da ihm der Atem kurz wurde. In seine schlaffen Arme kam wieder
Kraft.

Zuweilen strichen Radfahrer flink an Siebenbirken vorbei. Mit einem
merkwrdigen Interesse sah Schwedenklee diesen flinken Radfahrern nach.

Kannst du radfahren, Ellen? fragte er eines Tages, voller
Entschlossenheit.

Nein!

Vielleicht wre es hbsch, Partien zu machen?

Oh!

Schon fuhr Schwedenklee in die Stadt und brachte zwei funkelnagelneue
Rder mit.

Ja, bei Gott, vielleicht hatte Schwedenklee sich doch etwas zuviel
zugemutet! Er fuhr vor etwa zwanzig Jahren Rad und glaubte nicht, da es
mglich wre, diese Kunst zu verlernen? Kaum aber hatte er das Rad
bestiegen, als er schon auf der anderen Seite in das Gras hinabstrzte.
Augusta lachte, Ellen lachte, die Handwerker lachten. Wurde Schwedenklee
bse? O nein, auch Schwedenklee lachte. Khn fuhr er einige zwanzig
Meter geradeaus, um bei einem Holzhaufen zu kentern.

Ellen, zierlich, leicht, gewandt, kletterte in das Rad, und Schwedenklee
fhrte die Maschine voller Vorsicht. Ellen schrie, lachte -- und wenn
sie fallen sollte, landete sie an Schwedenklees Schulter.

Schon am vierten Tage nach den ersten bungen unternahmen sie eine
kleine Radtour, die so reich an Erlebnissen war, da sie tagelang
darber sprachen.

Schwedenklee wurde in der Tat tglich schlanker. Sein Blick wurde
offener, freimtiger. Seine dicken roten Prlatenwangen wurden flchig
und braun, sein Krper straffte sich. Seine Stimme bekam einen
metallischen Klang.

Schwedenklee trug beim Lesen eine Hornbrille. Einmal trat Ellen ein, die
ihn nie mit dieser abscheulichen Brille gesehen hatte. Sie lchelte, ja
sie mute laut herauslachen.

In Zukunft trug Schwedenklee diese Brille nicht mehr. Die frische Luft,
die Bewegung strkten seine Augen in wenigen Wochen so sehr, da er
keine Brille mehr brauchte.

                   *       *       *       *       *

Eine ganze Woche regnete es. Schwedenklee zeichnete wieder an seinem
Zentralbahnhof.

Dann packte er die Geige aus und begann, lustlos anfangs, Instrument und
Klang entfremdet, ganz leise zu spielen.

Da erschien Ellen pltzlich -- ganz entgeistert! -- in der Tre.

Du spielst Geige? rief sie malos berrascht aus. Freude stand in
ihren hellen Augen.

Du spielst ja sehr gut! sagte sie, noch mehr berrascht.

Schwedenklee kam in Verlegenheit. Er erinnerte sich an die Zeit -- viele
Jahre war es her -- da er begeistert mit den Musikstudenten zweimal in
der Woche musizierte, da er sogar den Ehrgeiz besessen hatte, Geiger zu
werden -- still!

Es stellte sich heraus, da auch Ellen Geige spielte. Ihr Vater hatte
sie unterrichtet.

So spiele.

Nein. Ich werde ben, wenn du nicht zuhrst. Ich habe lange nicht
gespielt.

Weshalb nicht?

Ellen errtete.

Papa verkaufte seine Geige.

Ja, weshalb denn?

Er verkaufte sie, als Mama starb. Wir hatten so groe Ausgaben damals.

Schwedenklee fragte nichts mehr.

Es ist keine besondere Geige, sagte er. Aber wenn du mir eine Freude
bereiten willst, Ellen, so nimm sie als Geschenk an.

Alles, alles wollte er ihr schenken, nur um ein freudiges Feuer in ihren
Augen zu entznden. Zart und khl war die Haut ihrer Schultern. Sie war
nicht schner als andere Frauen, oh, keineswegs, aber sie war jung und
unerfahren, das war alles, was sie anderen Frauen voraus hatte. Es war
die Jugend, nicht mehr, nicht weniger.

                   *       *       *       *       *

Er bemhte sich, Ellens Wnsche und Plne zu erforschen. Sie war scheu,
sprach nie von sich und den Dingen, die sie im Innersten beschftigten.
Sie errtete, wenn man sie nach ihren Wnschen fragte, und erklrte, sie
wnsche nichts. Vielleicht aber hatte sie irgendwelche Neigungen, Lust
zur Musik, zu irgendeinem Berufe? In allen Dingen wollte er ihr wie ein
Freund zur Seite stehen.

Endlich berwand Ellen ihre Scheu und erschlo sich. Es fand sich, da
Ellen lngst einen Entschlu gefat hatte. Verlegen und errtend
bekannte sie, da sie zur Bhne gehen wolle. Mehr als das, es stellte
sich heraus, da ihre Ausbildung bei verschiedenen Lehrern bereits so
weit gefrdert war, da sie schon in diesem Sommer, wre der Todesfall
nicht eingetreten, in ihr erstes Engagement in einen kleinen Badeort
htte gehen sollen.

Schwedenklee, der frchtete, da das Theater sie ihm entfremden knne,
versuchte sie umzustimmen. Aber Ellen hing voller Leidenschaft an dem
gewhlten Berufe. Sie war fest entschlossen, denselben verfhrerischen
und gefhrlichen Weg zu gehen wie ihre Eltern.

Nun gut, dachte Schwedenklee. Ich habe gute Beziehungen zu den
Theatern in Berlin. Sie wird es leichter haben, soll es leichter haben,
als andere. Freilich: das Theater -- lieber wre mir ein anderer Beruf
-- lieber wre mir gar kein Beruf ...

Ellen hatte einen hellen, ergreifenden Sopran: vielleicht Sngerin?

Nun, sie sollte whlen, sie sollte werden, was sie wollte!

Tagelang stand eine berraschung in Schwedenklees Augen. Ellens
Neugierde war aufs hchste gestiegen.

Eines Tages wurde ein kleiner funkelnagelneuer Stutzflgel vor dem Hause
abgeladen. Es war ein Glck, da Ellen im Walde war! Als sie zurckkam,
fand sie den Flgel im Speisezimmer. Ein kleiner Strau von
Frhlingsblumen stand darauf, und an der Vase lehnte eine Karte, auf die
Schwedenklee geschrieben hatte: der kleinen Ellen fr ihre neue
Wohnstube.

Ellen war berglcklich. Sie schlang ihre weichen, nach Gras und Wald
duftenden Arme um seinen Hals. Die Berhrung ihrer Arme war leise und
doch unsagbar innig.

Am Abend fand das erste Konzert statt. Schwedenklee spielte aus
bekannten Opern, und er spielte auerordentlich aufgeregt. Er spielte
Klavier keineswegs so gut wie Geige. Aber er spielte ohne Mhe, las
gewandt, und zudem konnte er die meisten Opern auswendig. Schon nach
wenigen Tagen hatte er sich wieder eingespielt, und der kleine Flgel
sang und donnerte wie ein Provinzorchester, das sich alle Mhe gibt. Nun
begann er auch einzelne Partien halblaut zu singen.

Ellen war wie verzaubert. Mit glnzenden Augen sa sie da, den Mund
offen, die Ohren leuchteten purpurrot. Ihre Kindheit erwachte, da sie in
einer Luft von Musik aufwuchs.

Bald aber -- wie angezogen -- stand sie hinter Schwedenklees Stuhl und
begleitete ihn mit leiser, erregt bebender Stimme.

Fast jeden Abend wurde musiziert. Drauen die Nacht, der Mond klettert
in den samtschwarzen Himmel empor, die Bume brausen.

Mehr und mehr verlor Ellen ihre Scheu, und ihre Stimme strmte klar,
rhrend, voller Leidenschaft. Sie glhte vor Erregung.

Vielleicht werden wir doch noch eine Sngerin aus dir machen, Ellen?

Papa sagte, meine Stimme sei zu klein, erwiderte Ellen, errtend ber
das Lob.

Nun, wir werden ja sehen. Schon war auch Schwedenklee vom Fieber
ergriffen: oft sah er sie, Ellen, seine Ellen, auf der Bhne stehen,
umbrandet vom Beifall.




                                   22


Ellen verbarg nicht ihre Dankbarkeit fr Schwedenklees Frsorge und
Anteilnahme an allem, was sie betraf. Sie hielt diese Frsorge fr
vllig uneigenntzig, der tiefen Freundschaft entspringend, die ihn mit
ihren Eltern verbunden hatte. Natrlich verriet ihr ihr weiblicher
Instinkt, da er sie gern um sich sah. Wirkliches und aufrichtiges
Vertrauen aber empfand sie erst seit den letzten Wochen, da er sich so
lebhaft fr ihre Plne interessierte.

Er hatte ihr eine kleine Bibliothek, die sie fr ihre Studien brauchte,
besorgt.

Mit allem Eifer gab sie sich der Arbeit hin. Jeden Morgen verschwand sie
nach dem Frhstck in den Wald, der an Schwedenklees Acker grenzte. Erst
gegen Mittag kehrte sie zurck, die Wangen gertet, Glanz und den
Widerschein frohen Erlebens in den Augen.

Neugierig schlich ihr Schwedenklee eines Tages nach. Er htte sie nie
finden knnen, wenn nicht der Hund ihr Versteck verraten htte. Auf
einer Kuppe des Waldes war eine kleine, von Erlen umgebene Lichtung, so
dicht abgeschlossen, da es nahezu unmglich war, die Lichtung zu
finden.

Dies war Ellens Versteck. Er beobachtete, wie sie mit dem Buche in der
Hand auf und ab ging. Sie sprach, deklamierte, ohne da er die Worte
verstanden htte. Sie spielte! Sie kniete flchtig nieder, hob die Arme,
sie flchtete, sie wehrte unsichtbare Feinde ab, erstarrte in Qualen,
lste sich befreit -- wieder klang ihre Stimme.

Was mag sie wohl spielen? dachte Schwedenklee neugierig in seinem
Versteck. Nie kam sie ihm seltsamer, rhrender vor als in diesem Moment.

Offenbar war sie nicht zufrieden. Wieder kniete sie nieder, ihre dnnen,
zarten Hnde flehten, ihre ganze Gestalt, die Arme, die Neigung ihres
Kopfes. Wieder wich sie zurck -- herrlich und wunderbar erschien sie
ihm, leidenschaftlich hingegeben ihrem Werke, inmitten der Einsamkeit
und Heiligkeit des Waldes.

Strolly, der Hund, gewhnt an ihr wunderliches Gebaren, lag im Grase,
den Kopf zwischen die Pfoten gesteckt. In der Gabel eines Astes
entdeckte Schwedenklee den schwarzen Kater.

Bei einer lebhaften Geste schreckte der Hund auf und sprang an ihr
empor. Sie umarmte ihn, kte ihn und beide wlzten sie sich im Grase.
Hell und herzlich klang Ellens Gelchter.

Heute, morgen, bermorgen belauschte sie Schwedenklee klopfenden
Herzens. Aber der Hund lief hin und her, bellte -- endlich stutzte
Ellen, unterbrach ihre Deklamation und lauschte. Sie machte Miene, dem
Hund zu folgen.

Schwedenklee entfloh und belauschte sie fortan nicht mehr.

Trotz dem kameradschaftlichen, harmlosen und nahezu kindlichen Tone, der
zwischen ihnen herrschte, bewahrte Ellen immer noch eine gewisse Scheu
und Fremdheit. Zuweilen sprach sie von ihren Hoffnungen in der Zukunft,
niemals, oder fast niemals rhrte sie an die Vergangenheit.

Bis zum Alter von ungefhr fnfzehn Jahren hatte sie wohl ein ziemlich
sorgloses, ja heiteres Leben gefhrt. Dann kam die Krankheit der Mutter.
Ellen, ein Kind noch, fhrte den Haushalt, die Sorge trat ihr ganz nahe.
Frh gereift in manchen Dingen, hatte die Schwere dieser Jahre sie in
ihrer seelischen Entwicklung in anderer Beziehung gehemmt.
Unentwickelter als Mdchen ihres Alters, die sorglos und heiter
erblhten, war sie in anderen Dingen.

Oft beobachtete Schwedenklee, wie sie mit den Tieren plauderte. Sie
sprach mit ihnen wie mit kleinen Geschwistern, so naiv glubig und
zrtlich. Die Tiere aber schienen sie vllig zu verstehen.

Wie rhrend sie ist! dachte Schwedenklee, und ein tiefes Gefhl der
Dankbarkeit und des Glckes erfllte ihn.




                                   23


Sterne, das Rauschen der Bume, der laue Wind haucht, das Gras flstert
unter den Bschen, eine Eule schreit schwingend in der Finsternis. Die
Dunkelheit berauscht, die Seele ist trunken von der Stille.

Unfabar war Schwedenklee diese wundervolle, weiche Dunkelheit, die in
den Stdten ausgestorben ist, vertrieben vom elektrisch glhenden
Kohlenfaden. Jeden Abend berraschte sie ihn aufs neue. Unfabar die
Stille. Unfabar die Sterne, die auf ihn herabstrzten, wenn er das Auge
zum Firmament hob. Matter Glanz lag auf dem Meere, ein feiner roter
Lichtfunke glitt irgendwo in die Weite.

Wie ein Verzauberter, sich selbst fremd, wanderte Schwedenklee in der
Dunkelheit hin und her, sobald Ellen sich zurckgezogen hatte. Beglckt
hrte er zuweilen ihre Stimme in die Stille dringen. Sie sprach mit dem
Hunde, der in ihrem Zimmer schlief. Ellen schlo die Lden ihres Zimmers
nicht, wenn sie sich entkleidete. Diese Reinheit rhrte ihn, und er
htete sich wohl, ihrem Fenster zu nahe zu kommen. Nur aus der Ferne,
durch die Bsche hindurch, wagte er zuweilen einen kurzen Blick: ihre
Arme ordneten die Haare, sie schritt im Nachtgewand zur Kerze, spitzte
den Mund und blies das Licht aus. Ihr schnes mdchenhaftes Profil blieb
noch lange in der Dunkelheit haften, zuletzt verschwand der kindlich
gespitzte Mund.

Schwedenklee setzte sich auf die Treppe des Hauses. Hingegeben, voller
Andacht atmete er Stille und Dunkelheit ein. Zu denken, da es Menschen
gab, die in dieser Stunde in rauchigen Kaffeehusern saen und
schmutzige Karten mischten! Zu denken, da er vor Jahren gerade vor
dieser Dunkelheit und Stille die Flucht ergriffen hatte! Unvorstellbar
der Gedanke, da er einmal wieder in diese Hllenstadt zurckkehren
wrde.

In der Tat, war sein Leben bisher nicht leer, sinnlos? Welche
Freudlosigkeit, Nchternheit, Betubung, Unrast, Lrm, Flucht vor sich
selbst.

Wunderbare Wendung, die sein Leben genommen hatte! Deutlich erkannte er
die Hand eines wohlwollenden Schicksals.

Schwedenklee blickte in die Dunkelheit und berlie sich seinen
Empfindungen. Schon fhlte er die Schwere nicht mehr, schon schien er zu
schweben, schon schien er zu segeln auf den Fittichen der Nacht.

                   *       *       *       *       *

Mitten in einer lauten Nacht -- die Zweige peitschten gegen das Fenster
und der Vollmond flog rasend dahin -- erwachte Schwedenklee pltzlich,
von einem Gedanken gepeinigt. Dieser Gedanke qulte ihn so sehr, da
sein Herz schmerzte. Es war ein Gedanke, den er in all den Wochen
verscheucht hatte, so oft er sich nahte.

Er erhob sich, in Schwei gebadet, warf den seidenen Schlafrock ber und
ging in dem schattigen, von Lichtschwertern durchzuckten Zimmer hin und
her, immer hin und her.

Und wenn sie doch mein Kind wre? flsterte er. Da! Nun war er
ausgesprochen, der Gedanke!

Schwedenklee taumelte, so stark erschtterte ihn der Gedanke.

Die arme Ellen, sie war damals von Paris nach Nrnberg gefahren und
hatte dort schon in den ersten Tagen Blank kennengelernt. Blank hatte
sich sofort in sie verliebt und sie hatten -- nach anfnglichem Zgern
Ellens -- geheiratet. Anfangs Januar des nchsten Jahres war die kleine
Ellen geboren worden.

Soweit die Tatsachen -- gnzlich unverfnglich, wie man zugeben wird,
von dem verhltnismig frhen Termin der Geburt des Kindes abgesehen.
Ja, wann zum Beispiel hatte Ellen Frhlich Paris verlassen? April, Mrz,
frher? Ja, mein Gott, _man lebte damals in den Tag hinein_ -- wer
dachte an solch abenteuerliche Mglichkeiten?

Nein, der Termin der Geburt war ohne Bedeutung. Leidenschaftlich und
rasch ist die Jugend, hatte er nicht selbst in dieser Hinsicht genug
Erfahrungen gesammelt?

Aber Schwedenklee erinnerte sich noch heute deutlich an eine Andeutung
im ersten Brief, den Ellen Frhlich von Nrnberg aus schrieb, eine
Andeutung, die ihm sofort die Hitze ins Gesicht getrieben hatte. Er
hatte diese Andeutung ignoriert, und in den folgenden Briefen war nicht
mehr die Rede davon gewesen. Spter hatte er sich seiner Feigheit
geschmt, und gerade aus diesem Grunde erwachte ein leichtes, nicht
abzuschttelndes Gefhl der Scham in ihm im Augenblick, da die
Erinnerung an Ellen Frhlich unerwartet in ihm geweckt wurde. Es war
natrlich auch mglich, da er diese Andeutung, jene dunkel klingende
Bemerkung, vllig miverstanden hatte?

Und doch, um ehrlich zu sein, augenblicklich hatte er sich an diese
seltsame Andeutung erinnert, als Blank ihm seinerzeit schrieb:
vielleicht habe ich Ihnen Mitteilungen zu machen, die Sie interessieren
knnten!

Es gab aber ein weiteres gewichtiges Argument: Weshalb hatte Blank, der
ihm alle Einzelheiten seines Lebens anvertraute, _nie mit einer Silbe
erwhnt, da er eine Tochter besa_? Ja, weshalb, bei allen Gttern?

Schwedenklees Herz blieb stehen. Der Schwei brach erneut aus seiner
Stirn.

Ja, war es nicht das allersonderbarste, da Blank nie von seiner Tochter
sprach? Wie?

War es -- mehr noch! -- nicht auffallend, da Blank kurz vor seinem Tode
alle Papiere, die er besa, vernichtete?

Es steht fest, resmierte Schwedenklee, zitternd vor Erregung, Ellen
ist deine Tochter! Ich will es dir beweisen!

Nehmen wir es einmal an: sofort ist Blanks sonderbares Benehmen, sind
all seine Worte und Anspielungen sonnenklar.

Ellen Frhlich trug dein Kind unter dem Herzen, als sie von Paris kam.
Sie machte eine Andeutung, sie war berzeugt, du wrdest auf diese
Anspielung hin sofort zu ihr eilen. Blank berichtete ja, da sie dich
bestimmt erwartete. Du ignoriertest die Andeutung, du kamst nicht. Sie
hate dich! Lie sie dir nicht bestellen: Sage ihm, da ich ihm nicht
mehr grolle! Grolle? Oh, ja, nun wurde es klar. Blank liebte sie rasend,
er nahm das Kind als sein Kind entgegen. Das war das Geheimnis ihrer
Ehe! Aus welchem anderen Grunde solltest du zwanzig Jahre hindurch in
dieser Ehe diese wichtige Rolle gespielt haben? Weshalb verga man dich
nicht? Nun, sehr einfach, weil man dich nicht vergessen konnte! Das Kind
...

Als Ellen fhlte, da ihre Krfte zu Ende gingen, war es da angesichts
der wirtschaftlichen Not nicht naheliegend, da die beiden im Interesse
des Kindes beschlossen, das Geheimnis preiszugeben? Blank sollte zu dir
kommen, dich sprechen, dir das Geheimnis enthllen. Aber du wolltest ihn
nicht empfangen -- er war gezwungen, Anspielungen zu machen, die dich
stutzig machen sollten. Ja, ja -- so ist es und nicht anders!

Er kam zu dir -- aber im Augenblick, da er dich sah, war es ihm gnzlich
unmglich, aus rasender Liebe fr das Kind, aus rasender Eifersucht, die
entscheidenden Worte zu sprechen. Aus diesem Grunde sprach er nie von
seiner Tochter ...

Es ist ja nur selbstverstndlich: wre mit der jungen Ellen nicht ein
Geheimnis verknpft, so wrde Blank in der ersten Stunde zu allererst
nur von ihr erzhlt haben ...

Alles, alles erklrt sich!

Schwedenklee schwankte durch das Zimmer. Ja, sagte er zu sich,
inbrnstig, bis zu Trnen erregt, ohne jeden Zweifel -- sie ist dein
Kind! Und morgen werde ich es ihr sagen. Von morgen an werden unsere
Beziehungen einen anderen Charakter tragen.

Schon aber blieb Schwedenklee verwirrt stehen. Obwohl es hei im Zimmer
war, zitterte er vor Frost. Nein, das, gerade das war ja gnzlich
unmglich!

Oder werde ich es ihr lieber nicht sagen --? flsterte er, aufs
uerste erregt.

Oder werde ich es ihr _nie_ sagen?

Aber selbst: wenn ich es ihr sagen wrde, wie wrde ich sie
_berzeugen_ knnen?

Nie wrde ich sie berzeugen knnen! Sie wird mich fr einen Betrger
halten. Sie wird mich hassen, weil ich das Andenken ihrer Eltern schmhe
...

Schwedenklee trat an das Fenster und blickte lange, ratlos, verqult,
zum rasend fliehenden hellblinkenden Mond empor. Dann tauchte er wieder
in das warme Dunkel des Zimmers zurck.

Es ist ja alles Unsinn! dachte er und nahm die Wanderung wieder auf.
Vlliger Unsinn! Sie ist _nicht_ dein Kind!

Nein, nun werde ich es dir beweisen! Die Sache ist ja so einfach, wenn
man sie ruhig betrachtet, und alles andere sind leere Spekulationen.

Ellen Frhlich war lange leidend. Sie lebte wie alle schwer Leidenden,
fast ausschlielich in der Erinnerung. Ihre Erlebnisse, wie die der
meisten Frauen, einfach, klar und nicht chaotisch, lieen sich leicht
berblicken, und so konnte sie nicht umhin, an das Erlebnis in Paris zu
denken. Sie fand das verblate Bild. Vielleicht sagte sie zu Blank:
bring es ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, gre ihn von mir. Ich
grolle ihm nicht mehr -- weil er mich damals so schwer enttuschte ...

Blank konnte auch recht gut ganz von selbst auf den Gedanken gekommen
sein! Verlassen, arm, krank, suchte er Anlehnung, Sttze. Nichts wre
verstndlicher. Der Gedanke an die Zukunft seines Kindes marterte ihn.
Mit dem Starrsinn eines Verzweifelten klammerte er sich an dich.
Vielleicht, sicher, hatte ihm auch seine Frau nahegelegt, da in der
letzten Not du dich wohl als Freund erweisen wrdest.

Ich reagierte nicht auf seine Briefe. Er machte bedeutsam klingende
Anspielungen, um meine Neugierde zu reizen -- Anspielungen, die er
augenblicklich widerrief, als er seine Absicht, mich kennenzulernen,
erreicht hatte.

Whrend er harmlos zu plaudern versuchte, whrend er zu lcheln
versuchte, marterte ihn vielleicht der Gedanke: kann man diesem da --
wenn es zum uersten kommen sollte --, kann man diesem da, diesem
Schwedenklee, das Kind anvertrauen? Wird er nicht, teilnahmslos und
gleichgltig, die Bitte eines Unglcklichen verhallen lassen?

Nun schien auch pltzlich die Bemerkung Sinn zu bekommen, die er machte,
als er nach dem Abendessen in der Droschke fortrollte: einmal werden Sie
vielleicht begreifen, welche Bedeutung es fr mich hat, Sie nher
kennengelernt zu haben.

Weshalb aber sprach er nicht von Ellen? Aus Scheu, aus Scham -- aus
letzter Scham ...

So und nicht anders ist die Sache, wiederholte Schwedenklee, und
alles andere sind nervse Konstruktionen --

Und ein Argument gibt es, wichtiger als alle, unwiderlegbar!

Nehmen wir an, Ellen wre deine Tochter -- htte der sterbende Blank,
der ja noch die Kraft hatte, dir zu schreiben, htte er in dieser
furchtbaren Stunde nicht die Wahrheit bekannt? Schon um sicher zu sein,
da du Ellen gut aufnehmen wrdest?

Mit dem Tod vor Augen -- nein, nein, ganz unmglich!

Sie ist natrlich nicht deine Tochter! rief Schwedenklee beglckt aus.

Er wischte sich den Schwei vom Gesicht. Die Erregung hatte ihn vllig
erschpft.

Wie albern die Menschen doch sind! dachte er befreit und leicht. Wie
albern! Mit welchem Unsinn sie sich die Kpfe angefllt haben! Es ist ja
schlielich hchst einerlei, ob sie nun mein Kind ist oder nicht. Das
wesentliche ist ja doch, da sie bei mir ist! Sie ist mein, sie wird
mein sein, sie wird meine Geliebte, meine Frau sein -- ja, selbst wenn
ich es wte, da sie mein Kind ist! Ich werde glcklich sein. Was
kmmert mich schlielich alles andere?

Schon graute der Tag. Abgezehrt, verhrmt sank der Mond, eine blasse,
zerfressene Scheibe, in den Morgennebel, der aus den Feldern stieg. Ein
frher Vogel schrie geisterhaft.

Spt am Morgen erwachte Schwedenklee. Als er sich ankleidete und durchs
Fenster blickte, sah er Ellen hoch oben auf einem Wagen herrlich
gehobelter Bretter sitzen, der so eben von einem Gespann starker
Bauernpferde in den Hof gezogen wurde. Es war der Fuboden des Anbaues.
Sie lachte mit dem Kutscher. Strolly, der Hund, tanzte wie rasend vor
den Nasen der Pferde. Ellen erblickte ihn am Fenster, und ihr zarter Arm
winkte, whrend die Sonne auf ihren Wangen funkelte.

Verflchtigt waren die Nachtgespenster.




                                   24


Die Saat scho aus der Erde, ber Nacht wuchs das Gras auf der Wiese.
Die Wlder standen pltzlich in dichtem Grn. In Schwedenklees
verwahrlostem Garten erblhten pltzlich Scharen von Lilien, Ponien,
Stauden aller Art, Schlingrosen -- vor Jahren hatte er sie gepflanzt und
vllig vergessen. Der kleine Obstgarten, Pflaumen und Birnen, war eine
einzige schneeige Wolke, zwischen Haus und Wald gebettet. Ellen war
nichts als seliges Staunen.

Hei und pltzlich setzte der Sommer ein. Reichtum quoll aus der Erde,
Grser, Blumen, Unkraut. Schon wogte das junge Getreide, der Klee stand
einen Schuh hoch. Bis an die Knie standen die Khe im Gras, die Pferde
grasten in der grnen Koppel, die Schweine grunzten auf dem schwitzenden
Misthaufen. Die Hhner gackerten lrmend, und Scharen von Kken
wimmelten um die Glucken. Der Bauer schnitt die erste Mahd, und der
Schwei rann ihm ber das braune Gesicht.

Ellen hatte bis jetzt fast immer dunkle Kleider getragen. Sie
vertauschte sie nun endgltig mit hellen Sommerkleidern. So erschien sie
pltzlich weltlicher, reizender, strahlender -- Schwedenklees Blicke
hingen an ihr, wie sie durch den Garten schritt, in den Wald lief, sich
zu einer Blume bckte, das lockere Haar mit der Hand in den Nacken warf.

Schwedenklee schien grer geworden zu sein, da er sich besser hielt.
Sein Bauch war fast vllig verschwunden, sein Gesicht, wenn auch noch
massig und viereckig, war straff und braun, niemand konnte leugnen, da
er sich um zehn Jahre verjngt hatte.

Er war in diesem Frhling und Sommer nicht mig gewesen. Zusammen mit
Ellen hatte er einen neuen Obstgarten angelegt, gegen hundert Bume, er
hatte eine Bewsserungsanlage von fnfzig Meter Lnge gebaut. Er hatte
Wege ausgehoben, Bauschutt und Sand gefahren und festgestampft. Nun war
er dabei, eine Laube zu zimmern, die eine herrliche Aussicht bot. Er
hatte Schwielen an den Hnden, ganz wie der Bauer. Am Abend sank er
todmde ins Bett, um wie ein Stein zu schlafen.

Sie waren viel auf den Rdern unterwegs. Ein wenig auer Atem folgte
Schwedenklee Ellen, die wie ein Rennfahrer dahinfuhr. Ellen hatte auch
kutschieren gelernt, etwas ngstlich noch sa sie, die Peitsche in der
Hand, in steifer Haltung auf dem Bock, und die Pferde trappelten hurtig
dahin. Schwedenklee hatte ihr einen kleinen eleganten Wagen gekauft.

Das kameradschaftliche Verhltnis zwischen Ellen und Schwedenklee hatte
an Herzlichkeit gewonnen. Sie lachten und schwatzten zusammen -- nicht
wie Erwachsene eigentlich, eher wie Kinder. Sie umarmte ihn, schmiegte
sich an ihn, er gab ihr einen Gutenachtku, wenn sie schlafen ging.

Bald!

Schwedenklee war in groer Erregung. Oft ging er, verwirrt und unruhig,
mit groen Schritten im Garten hin und her und sprach halblaut mit sich
selbst.

Bald! Bald! Tausend Kosenamen hatte er fr Ellen in Gedanken, zrtliche
Namen, deren er sich vor Wochen noch geschmt htte.

                   *       *       *       *       *

Der Sommer stand in voller Glut, die Mckenschwrme tanzten ber den
Wegen, in den Augen glnzte Schwei. Vom Strande unten stiegen an den
Abenden hufig bunte Leuchtkugeln in den Nachthimmel empor, der Strand
wimmelte von Menschen. Die Saison stand auf der Hhe.

Der Anbau war fertig, ein mit Bndern geschmckter Tannenbaum funkelte
auf dem First.

Schwedenklee hatte den Handwerkern ein Fa Bier gestiftet, am Abend aber
sollte das Ereignis im Hause gefeiert werden. Schon seit einer Woche war
das Programm errtert worden.

Heute abend um sieben, Ellen, mache dich schn! sagte Schwedenklee.

Augusta hatte ihr letztes hergegeben. Allerlei Leckerbissen als
Vorspeise, eine gttliche Suppe mit Leberklchen, gebratene Hhnchen
mit dem herrlichsten Salat der Welt. Trtchen von Walderdbeeren, Ellen
hatte sie gesammelt. Sekt im eisigen Wasser des Brunnens gekhlt. Im
Speisezimmer brannten zwei Dutzend Kerzen. Zur Feier des Tages durften
Strolly und Munki bei Tisch gegenwrtig sein. Sie benahmen sich anfangs
gesittet, aber, ganz wie Kinder bei auerordentlichen Anlssen, wurden
sie mehr und mehr ausgelassen: zuletzt sprang der Kater, von
unbezwinglicher Begierde fortgerissen, mitten auf den Tisch und
versuchte ein Hhnchen zu stehlen.

Ellen war in der herrlichsten Laune. Die Katze kauerte aufgeregt auf
ihrer Schulter. Der Hund sa, ganz Spannung und Bereitschaft, an ihrer
Seite -- ihre Augen blendeten vor Freude.

Schwedenklees Frhlichkeit klang anfangs etwas gezwungen. Ein Schatten
war ber sein Gesicht gebreitet. Gewi, alles war wunderbar, es war ein
Abend, auf den er sich seit Wochen freute, ein Abend von ganz besonderer
Bedeutung, ein Schicksalsabend, und nur um die Feierlichkeit dieser
Stunde zu betonen, ohne jeden Nebengedanken, hatte er die zwei Dutzend
Kerzen angezndet. Aber als Ellen eintrat, strahlend, den Widerschein
der Kerzen in den klaren Augen, mute er sich pltzlich an das Diner
erinnern, das er seinerzeit in Paris Ellens Mutter gab, mit den
Spiegeln, im Hotel Panthon.

Unvollkommen ist das menschliche Gehirn eingerichtet, dachte er, voller
Vorwurf gegen den Schpfer, gnzlich unvollkommen. Die Erfindung eines
Pedanten. Kaum zndet man ein paar Kerzen an, schon ist man gezwungen,
an Dinge zu denken, die zwanzig Jahre zurckliegen -- weshalb? Etwas
steif und melancholisch sah sein Gesicht anfangs aus, etwas
melancholisch und dunkel klang seine Stimme. Mit einem Faltengekrusel
in der gebrunten Stirn sa er inmitten der vierundzwanzig Kerzen.
Vielleicht ist es Vermessenheit? dachte er, und sein Herz wurde
pltzlich dster. Vielleicht hat ein Mensch wie ich gar nicht mehr das
Recht, die Hand auszustrecken nach ...! Ellen -- die Liebliche -- sie
ahnte nichts, wie sollte sie?

In diesem Augenblick aber sprang Munki auf den Tisch und versuchte ein
gerstetes Hhnchen mit der Kralle zu angeln. Ellen gelang es gerade
noch in der letzten Sekunde, den Kater abzufangen. Sie warf ihn ein
paarmal hoch in die Luft, um ihn dann an ihr Herz zu drcken und seinen
wilden struppigen Kopf mit Kssen zu bedecken. Ihr Lachen klang so
heiter und glcklich, da Schwedenklee augenblicklich mit fortgerissen
wurde. Der Kater hatte den Abend gerettet.

Schwedenklee erhob sich und fllte mit der groen Geste des erfahrenen
Zechers die Kelche. Fort mit den trichten Gedanken, fort! Gehen wir dem
Schicksal beherzt entgegen ...

Auf deine Gesundheit, Ellen! rief er und lie das Glas im Lichte der
Kerzen funkeln.

Sekt? sagte Ellen. Ich habe noch nie Sekt getrunken, es ist das
erstemal!

Versuch' es nur! Es ist noch niemand daran gestorben.

Er kitzelt! rief Ellen und lachte.

In wunderbarer Laune verlief das Diner. Schwedenklee wurde gesprchig.
Sie tranken auf Ellens Zukunft, ihren Ruhm, sie tranken auf ihre
Freundschaft und auf die Herrlichkeit dieses Sommers. Der Sekt hatte
Schwedenklees Gesicht gertet, seine Augen glnzten, sein Gebi
leuchtete jung und stark. Er fhlte sich wieder als derselbe lebensfrohe
Schwedenklee, der er in Paris war, seinerzeit. Zwanzig Jahre -- was
sollen sie bedeuten, es ist nur ein albernes Vorurteil ... Nein, damals
gab es nichts Unmgliches fr ihn -- und heute?

Schwedenklee leerte den Kelch und warf ihn lachend gegen die Wand.

Ellen sa mit blendenden Augen, umweht vom Schein der Kerzen. Ihre Haut
leuchtete wie Blten. Hufig khlte sie die heien Wangen mit den Rcken
der schmalen Hnde. Sie lachte bermtig, und schon nach dem dritten
Glas lachte sie ausgelassen ber die geringste Kleinigkeit. Sie ftterte
die Tiere mit Leckerbissen, und Strolly, obschon ein groer Hund, durfte
auf ihrem Scho sitzen.

Unser Haus ist also glcklich fertig! sagte Schwedenklee. Nun beginnt
die Einrichtung. Es soll wunderbar werden, warte nur! Ein so behagliches
Nest wollen wir uns bauen, und hrst du, ein Bett soll Ellen bekommen --
wie ein Traum!

Ja, wie eine Muschel soll es sein und ganz in Spitzen eingehllt --

O, wie fein! lachte Ellen.

Und dann werden wir hier in Mecklenburg herumfahren und antike hbsche
Mbel zusammenkaufen.

Ausfhrlich besprachen sie die Einrichtung des Hauses. Schwedenklee
wurde nicht mde, neue Vorschlge zu machen.

Und welche Farbe soll dein Schlafzimmer bekommen, Ellen?

Ellen dachte lange nach. Rosa! rief sie. Weit du, so ein zartes
Rosa, wie Korallen.

Und dein Wohnzimmer?

Himmelblau!

Schwedenklee lchelte. Ob wohl die Farben zusammenstimmen wrden?

Weshalb sollten sie nicht zusammenstimmen?

Gut also -- und dann das Badezimmer. Blattpflanzen, Palmen, Gummibume,
Farne, Kakteen -- es wird wie ein Palmenhaus sein, Ellen!

Wohl eine volle Stunde wurde ber das Badezimmer gesprochen, das das
schnste und originellste in ganz Deutschland werden wrde. Dafr sollte
sein, Schwedenklees Name brgen!

Aber Arbeit! Viel Arbeit. Bis alles soweit ist, wird auch schon der
Herbst da sein, Ellen!

Oh, weh!

Ja. Und dann werden wir nach Berlin zurckkehren und du wirst deine
Studien wieder aufnehmen. Ich werde dich zu den ersten Lehrern bringen.
Viele kenne ich ja persnlich. Schwedenklee renommierte ein wenig mit
seinen Bhnenbekanntschaften.

Ellen war hell begeistert. Wie ich mich auf die Arbeit freue!
Hoffentlich enttuscht mein Talent nicht.

Weshalb sollte dein Talent enttuschen? Ich sage dir nur eines --
Schwedenklee lchelte vielsagend und zwinkerte ein wenig mit den Augen
-- du hast mehr Talent, als du je ahnen kannst, ja!

Mein Himmel! Ellen wirft erregt die Hnde in die Luft.

Du wirst also deine Studien aufnehmen. Aber wir werden immerhin noch
Zeit haben, um im Winter auf vierzehn Tage nach St. Moritz zu fahren.

St. Moritz?

Ja. Es ist phantastisch im Winter. Es gibt dort Huser, zehnstckig --
wie in Neuyork. Du wirst sehen. Es ist wunderbar. Am Tage Sport, abends
Tanz.

Und dann, fuhr Schwedenklee fort, im Frhling fahren wir auf einige
Wochen nach Florenz. Du sollst Florenz sehen! Ein Schmuckkstchen! Ein
Museum! Die Straen allein sind schon ein Museum!

Wie herrlich!

Schwedenklee entwarf Plan um Plan. Schn und berauschend stand die
Zukunft vor ihm.

Augusta hatte lngst abserviert. Die Kerzen erloschen, es brannten nur
noch drei. Da sah man auch pltzlich den dunkeln Nachthimmel, flimmernd
von Sternen, in der offenen Tre stehen. Es funkelten die groen
Sternbilder, deren Namen Schwedenklee sich nie merken konnte.
Berauschend strich der Atem der Sommernacht ins Zimmer, die Grillen
feilten. Wolken von Dften hoben sich aus der trchtigen Erde.

Pltzlich knatterte es und am Himmel erschienen farbige Leuchtkugeln und
Feuerrder. Rote Lohe schlug aus dem Meer empor, und die Sterne wurden
bleich und unscheinbar.

Nein, Ellen hatte noch nichts von der Welt gesehen, noch gar nichts.
Aber ihre Augen weiteten sich, hei vor Begierde, wenn er erzhlte.
Hher noch schwang sich die feine Braue, und die Lippen atmeten erregt.

Er also war ausersehen, er, ihr die Wunder der Erde zu zeigen, ihr
keusches Staunen, ihre reine Verzcktheit zu genieen! Er! Dank den
erhabenen Gttern ...

Dann also wrde er ihr Paris zeigen: wimmelnde Stadt, immer auf den
Beinen, ohne Schlaf, bebend von Lrm, widerhallend von Freude,
schwimmend in Licht.

Und dann also --

Erregt ging Schwedenklee hin und her, von den groen Sternbildern zu
Ellen mit den glnzenden Augen und heien Wangen, immer hin und her.

Auch auf einem groen Dampfer war sie ja noch nicht gewesen: surrend und
tobend Tag und Nacht, das khle gischtende Meer durchschneidend,
angefllt mit Luxus und Behaglichkeit. Meer, Wolken -- unbeschreiblich
herrlich! Nein, sie hatte ja noch nichts, gar nichts gesehen -- wie
glcklich er war!

So wrden sie also dahinfahren, Tag um Tag. Indien! Japan!

Japan? rief Ellen und schlug die kleinen Hnde zusammen.

Ja, Japan. Ich bin ja auch noch nicht dagewesen, aber es soll ein
einziges Wunder sein. Man fhrt in kleinen Wagen dahin, von braunen,
flinken Burschen gezogen -- die Teehuser, die Tempel -- und die ganze
Bevlkerung in Kimonos und auf hohen Stckelschuhen. Da gibt es einen
Berg, den man immer auf den Holzschnitten abgebildet sieht -- wie heit
er doch? Fujiyama! Diesen Fujiyama wollen wir besteigen!

Wie Ellen sich freute zu reisen, die Welt zu sehen! Denn sie hatte ja
bis jetzt nichts gesehen. Sie kannte nur Dresden, Berlin, und einmal war
sie in Potsdam gewesen.

Man hre! Schwedenklee lachte laut heraus.

Und wieder ging Schwedenklee erregt hin und her, von den groen
Sternbildern zu Ellen, von Ellen zu den groen Sternbildern. Immer
grer wurden seine Schritte. Seine Stimme klang pltzlich unsicher.

Sie wrden also reisen, und er versprach, ihr die Welt zu zeigen, so
wahr er hier auf und ab gehe.

Aber, begann Schwedenklee tastend, in welcher Form -- ich meine, in
welchem gegenseitigen Verhltnis werden wir zusammen reisen?

Ellen verstand nicht.

Ich meine, in welcher Eigenschaft wirst du mit mir reisen?
Schwedenklee blieb stehen, sein Herz pochte.

In welcher Eigenschaft? Ellen sa mit offenen Lippen. Sie konnte gar
nicht begreifen.

Ja. Aus lauter Hilflosigkeit runzelte Schwedenklee die Stirn. Du
kannst doch nicht etwa als meine Nichte mit mir reisen, oder als meine
Sekretrin.

Ellen lachte laut heraus!

Ihr Lachen ermutigte Schwedenklee wieder. Er verlor etwas seine
Befangenheit. Auch als meine Tochter doch wohl nicht? fragte er.

Nein! Ellen schlug sofort die Augen nieder.

Mutig ergriff Schwedenklee ihre beiden Hnde. Er bemhte sich, seiner
Stimme einen heiteren, harmlosen Klang zu geben, als er fortfuhr: Dann
bleibt ja nur eines, Ellen --?

Gro und hell bis in die tiefsten Tiefen waren Ellens Augen auf ihn
gerichtet. Sie errtete, ein zarter Gluthauch berzog blitzschnell
Gesicht und Nacken. Ja, nun hatte sie verstanden. Ihre Arme begannen
leise zu zittern. Sie zog die Hnde an sich, schob den Sessel weit
zurck und stand auf.

Sprich nicht! rief sie und hielt sich die Ohren zu, da sie sah, da
Schwedenklee Miene machte, weiterzusprechen. Sie schttelte hastig den
Kopf, in entzckender Verwirrung. Nicht heute, nicht jetzt, frage nicht
-- stammelte sie -- wie sollte ich heute antworten knnen? Sprich
nicht -- morgen ...

Gut, dann morgen. Ich wollte dich nicht erschrecken, Ellen. Gute
Nacht. Er streckte ihr die Hand hin.

Sie nahm seine Hand. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, so sanft, da
er sie kaum fhlte, und bot ihm -- zum erstenmal -- die Lippen zum
Gutenachtku. Ihr Mund war hei und weich.

                   *       *       *       *       *

Fiebernd, mit heiem Kopf, trat Schwedenklee ins Freie.

Ihr Sterne! sagte er zu den groen Sternbildern, trunken vom Sekt,
berauscht von seinem Glck, und blickte lange zum flimmernden Firmament
empor. Du grundgtiger Himmel, herrlich und wunderbar ist das Leben!

Es war ja wohl kein Zweifel, da sie einwilligen wrde. Immer noch
fhlte er ihren heien, weichen Mund auf seinen Lippen. So zart, wie ein
Hauch nur.

Ja, dies ist die Lsung, und ich werde glcklich sein!

Mit glhenden Schlfen ging Schwedenklee lautlosen Schrittes durch das
taunasse Gras. Der Schwei rann ihm ber das Gesicht. Khle hauchte vom
Walde her. Sternschnuppen schossen ber den Himmel.

Schwedenklee trumte, die Augen weit geffnet. Und immer wird sie um
mich sein, flsterte er, am Morgen, am Mittag, in der Nacht. Immer
werde ich sie sehen, fhlen, sie wird plaudern, und ich werde entzckt
sein, nur ihre Stimme zu hren.

Ich werde mit ihr reisen. Ich habe ja Geld, ich kann alles, alles
bezahlen! Wenn es sein mu, verkaufe ich die Baupltze! Die Menschen
werden auf der Strae, in den Dielen der Hotels die Hlse verdrehen. Und
meine Bekannten werden sagen: Seht an, Schwedenklee, ja, das ist ein
Bursche!

Schwedenklee, geschworener Gegner der Ehe, wird also pltzlich
heiraten? Seht an! Nun, la sie reden. Eine junge Frau, die reizendste
Frau der Erde werde ich haben -- und glcklich sein -- la sie reden
--!

Vielleicht aber --?

Schwedenklee ging hastig weiter, ber ein gemhtes Kleefeld, im
silbernen Licht der Sternennacht.

Vielleicht aber werde ich Kinder haben? Kinder? Ich, der Vter, die
ihre Sprlinge spazieren fhren, immer ungeheuer komisch fand -- nun
weshalb nicht? Man wird sie baden, pudern, pflegen -- sie werden
schreien -- aber was schadet es, la sie nur schreien. Sie werden s
sein. Und Ellen -- dieses se Wesen, selbst noch ein Kind -- Mutter!

Schwedenklee blieb erschttert stehen. Sternschnuppen fegten ber ihn
hin.

Eins, zwei, drei -- zhlte Schwedenklee. Also drei Kinder! Gut!

Sie, die selbst noch so zart ist, ein Kind fast --!

berlegen wir: mein bisheriges Leben -- nein, keine Reue, keine
Vorwrfe -- was geschehen ist, ist geschehen -- aber es wird von nun an
_Sinn_ in mein Dasein kommen, dieses In-den-Tag-hinein-Leben hat ein
Ende.

Ein Verzauberter, ging Schwedenklee ber die Felder. S stieg der
Geruch der Erde auf. Nie in seinem Leben hatte er diesen Glanz der
Gestirne gesehen.

Und wir werden reisen, und alle werden mich beneiden! Welch ein junges,
herrliches Wesen er sich erobert hat, werden sie sagen, seht an, dieser
tolle Knabe! Und sie -- Ellen -- eine schlechte Partie wird sie ja nicht
machen. Nein, das kann wohl niemand behaupten ...

Und wodurch habe gerade ich dieses Glck verdient? fragte
Schwedenklee. Durch nichts, durch nichts ...

Durch nichts! rief er triumphierend und herausfordernd. So ist das
Leben!




                                   25


Schwedenklee schlief in dieser Nacht wunderbar! Er trumte angenehm: er
packte Koffer, Koffer, streute Trinkgelder um sich, Scharen von Kellnern
dienerten, Autos rollten, Dampfer tuteten, beglckt fhlte er Ellens
Gegenwart in jeder Sekunde, ohne da er sie eigentlich je sah -- sie
waren unterwegs.

Spt am Morgen erwachte er, dampfend und erfrischt vom Schlaf. Es war
fast schon neun Uhr. Ellen hatte soeben gefrhstckt und erhob sich vom
Tisch, als er eintrat.

Sie errtete, rasch und tief -- augenblicklich mute er wieder an ihre
heien, weichen Lippen denken -- flchtig, mit einer gewissen Hast,
berhrten ihre khlen Finger seine Hand.

Was fr Langschlfer wir doch sind! rief sie lachend aus. Ich habe
einen richtigen Katzenjammer! Und sie strich sich mit den Fingerspitzen
ber die Schlfen, so da die Hnde ihr Gesicht verbargen. Und was fr
trichte Dinge ich wohl geschwatzt haben mag, heute nacht?

Schon war sie zur Tre hinaus.

Schwedenklee fand ihre mdchenhafte Verwirrung entzckend. Sie schmte
sich, ohne jeden Grund. Wie herrlich, diese Reinheit!

Nein, er hatte natrlich nicht erwartet, da sie ihm um den Hals fallen
wrde, keineswegs. Sie war ein junges Mdchen, vor eine bedeutsame Frage
gestellt, sie mute Zeit zur berlegung haben -- er wrde weder mahnen
noch drngen, nicht, da man einmal sagen knnte, er habe sie
berrumpelt.

Und doch ...

Nein, nein, Schwedenklee war gewissermaen dankbar, da sich die erste
Begegnung nach seinem Antrag so und nicht anders abgespielt hatte.

Er frhstckte mit gutem Appetit. Aber, whrend er ein Ei in der Hand
aufschlug, konnte er doch den Gedanken nicht unterdrcken, da es
schlielich nicht ntig war fr Ellen, so rasch, so verwirrt und
verlegen wegzulaufen. Nein, nein, ganz unter uns, er htte es hbscher
und richtiger gefunden, wenn sie ihm zum Beispiel beim Frhstck
Gesellschaft geleistet htte.

Mit einer kleinen Falte in der Stirn zerlegte er eine Sardine.

Schwedenklee begann den Tag mit einer gewissen Feierlichkeit. Er ging
bedchtig durch die Stlle, was er selten tat, er sprach lange und fast
freundschaftlich mit dem Pchter, er stand und blickte ber Felder und
cker. Hell glnzte der Tag, eine Lerche schmetterte im Sonnendunst,
sein Herz wurde heiter und froh.

Trotzdem -- je lnger er stand und in den hellen Tag hineinblickte --
desto leerer und verwirrter wurde es in seinem Herzen. Er fhlte sich
vereinsamt, verlassen, der Glanz des Tages bedrckte ihn. Obschon er
sich geschworen hatte, Ellen in ihrem Versteck im Walde nie mehr zu
belauschen, trieb ihn doch ein unwiderstehliches Verlangen, sie zu
sehen, hinein in den Wald. Er pirschte sich vorsichtig durch das
Erlengebsch, erschreckend bei jedem Knacken eines Astes. Die Naturbhne
aber war verlassen. Ellen war nicht da.

Schwedenklee kehrte enttuscht in den Garten zurck und nahm, um die
Langeweile zu verscheuchen, die Leere, mit bertriebenem Eifer seine
Arbeit auf. Der Garten, mu man wissen, stieg von der Eingangspforte zur
Treppe des Hauses sanft an. Schwedenklee beabsichtigte, diese Steigung
in zwei Terrassen abzubauen, die, mit Stauden und Sommerblumen
bepflanzt, dem Vorgarten ein heiteres und reprsentatives Geprge geben
sollten. Schon seit Wochen war er mit dieser Terrassierung beschftigt,
die Arbeit wrde noch Wochen beanspruchen.

Eifrig handhabte er den Spaten. Die Sonne stach scharf ins Genick. Und
Ellen, wo war sie?

                   *       *       *       *       *

Pltzlich hrte er eine Stimme, eine kernige, helle, etwas
selbstbewute, ja arrogante Mnnerstimme.

Erlauben Sie mal, hren Sie mal! rief diese Stimme.

Schwedenklee richtete sich auf. Ein dicker Schweitropfen lief ber
seine Nase.

An der Gartentre stand ein junger Mann. So unangenehm ihn der
selbstbewute, herrische Ton der Stimme berhrt hatte, so sympathisch
erschien ihm zu seiner berraschung das Aussehen des jungen Mannes. Er
war ein hbscher, groer Bursche mit gebruntem Gesicht und hellen
blauen Augen, blonden, strhnigen Haaren, die flott zurckgebrstet
waren. Das Gesicht strahlte Jugend, Gesundheit und Selbstvertrauen. Er
trug einen lichtgrnen Touristenanzug, graue Wickelgamaschen, gelbe
Schuhe und einen weichen, breiten Kragen. Keinen Hut. Ein Badegast,
dachte Schwedenklee. Hufig verirrten sich Badegste an seine Tre.

Sind wir hier richtig? rief die helle, selbstsichere Stimme. Ist dies
die Residenz des Herrn Schwedenklee?

Schwedenklee, etwas verwundert, nickte.

Nun wohl, Dank den erhabenen Gttern!

Der junge Mann klinkte die Tre auf und stieg die Stufen empor.

In der Geste des Aufklinkens der Pforte, in der Art des Eintretens
erkannte Schwedenklees geschultes Auge sofort die Bhne.

Etwas unwillig stach er den Spaten in die Erde und wischte sich den
Schwei vom Gesicht.

Und wo, teurer Freund, fuhr der Eindringling mit strahlender Miene und
einer hflichen Verbeugung fort, wo knnen wir diesen sagenhaften
Millionr Schwedenklee finden?

Schwedenklee, das bin ich.

Lachend, mit bertriebenem Erstaunen trat der Gast einen Schritt zurck.
Sie? Verzeihen Sie, man sagte mir: ein _lterer Herr_! Es ist mir eine
Ehre, mich Ihnen zu Fen zu legen: Richard Pohl -- nicht zu verwechseln
mit dem berhmten Nord- oder Sdpol gleichen Namens -- Mitglied der
Vereinigten Sommertheater in Hamburg. Krftig und zutraulich schttelte
er Schwedenklees Hand. Also Sie sind es, dessen Gte die Himmel rhmen?
Es ist mir eine hohe Freude!

Seit einigen Tagen bin ich hinter Ihnen her, fuhr Pohl gesprchig und
lebhaft fort. Sie sehen eine Art Odysseus vor sich! Ja, in der Tat, es
ist nicht leicht, Sie zu finden, Ehrwrdiger, und selbst hier im Ort
hatte ich noch Mhe. Aber nicht Sie suche ich eigentlich, obschon es
sich der Mhe lohnte, sondern eine Dame: Ellen Blank!

Aus der weitschweifigen Erzhlung erfuhr Schwedenklee, da Pohl mit der
Familie Blank schon seit der Dresdener Zeit bekannt war. Er war der Sohn
eines Musikers der Dresdener Oper, und Blank war sein erster Lehrer
gewesen. Zufllig hatte er in einer Fachzeitung von Blanks Tod gelesen.
Er schrieb einen Brief an Ellen nach Berlin, bekam ihn aber als
unbestellbar zurck, mit einem zweiten Brief erging es ihm ebenso.
Sobald seine Ttigkeit es ihm erlaubte, fuhr er nach Berlin, um Ellens
Spur aufzufinden, was ihm erst nach vieler Mhe gelang, nachdem er die
Hilfe der Polizei in Anspruch genommen hatte. Ja, und nun also war er
endlich hier, und er strahlte vor Freude und Genugtuung, sein Ziel
erreicht zu haben.

Schwedenklee hrte ihm mit zerstreuter Miene zu. Ganz offen gestanden,
zu keiner Zeit htte ihm der Besuch ungelegener kommen knnen als gerade
heute, an einem solch ungeheuer bedeutsamen Tage.

Welcher Teufel fhrt ihn gerade heute hierher! dachte er, whrend Pohl
seiner Bewunderung ber die herrliche Aussicht beredten Ausdruck
verlieh. Diese Aussicht ri ihn derart hin, da er Miene machte zu
singen. Gerade heute, da ich auf Ellens Bescheid warte und nicht wei,
was ich vor Ungeduld tun soll! Die berschumende Frhlichkeit und
heitere Natrlichkeit des Sngers -- trotz seiner etwas erknstelten
Redeweise -- shnten ihn indessen rasch wieder aus. Nun gut, er wird
ber Mittag bleiben, und am Abend sind wir ihn wieder los!

Einen kleinen Imbi werden Sie wohl nicht abschlagen? Immer wenn
Schwedenklee in Verlegenheit war, bot er seinen Gsten zu essen oder zu
trinken an.

Pohl a mit vorzglichem Appetit. Er hatte seit Tagen, whrend seiner
Irrfahrt, nur sehr wenig zu sich genommen. Mit Genu schlrfte er eine
kleine Flasche Bordeaux.

Ellen war noch immer nicht zurckgekehrt.

Pohl wollte sie im Walde suchen, aber Schwedenklee machte ihm klar, da
der Wald tief und labyrinthisch sei und Ellen ihre geheimen
Schleichpfade habe.

Gut, so werden wir sie rufen!

Schwedenklee lchelte.

Aber Pohl kmmerte sich nicht darum. Er trat einen Schritt vor, reckte
sich in die Hhe und legte die Hnde an die Wangen. Dann pumpte er die
breite Brust voller Luft und schrie: Ellen! Schwedenklees Ohren
gellten, der Ruf fuhr hell dahin, das Echo klang aus dem Walde. In der
Ferne arbeiteten Landleute auf dem Felde, sie alle hoben die Kpfe.

Sie werden sehen, es wird nicht lange dauern und wir haben sie hier. --
Ellen! Noch lauter hallte der Ruf. Die Luft schmetterte, der ganze Wald
hallte. Laut und hell antwortete das Echo. Die Pferde, die in der Koppel
grasten, blieben stehen und blickten neugierig herber.

Das Sonderbare geschah: kurz nach Pohls drittem Rufe erschien etwas
Gelbes zwischen den Bschen. Es war Strolly, hoch auf den Beinen
stehend, den Kopf gehoben. Dann teilten sich die Brombeerstauden, und
Ellen sprang auf den Acker. Ihr weies Kleid flatterte im Winde.

Pohl rief und schwenkte die Arme. Ellens Haltung war ganz Staunen. Sie
erkannte ihn nicht. Pltzlich aber stie Ellen einen hohen Schrei aus
und winkte und begann zu laufen. Wie der Wind flog der blonde junge
Bursche ihr entgegen, und whrend er lief, lachte und rief er.

Schwedenklee kehrte, etwas belgelaunt, zu seinem Terrassenbau zurck.
Er wollte bei der Begrung nicht stren.

                   *       *       *       *       *

Ellen erschien bei ihm. Sie umschlang ihn freudig mit den Armen. Ich
habe Besuch bekommen! rief sie, glhend vor Erregung. Richard ist
gekommen! Ich mu Augusta verstndigen. Er hat Zeit bis zum Frhzug.
Augusta mu ihm ihr Zimmer abtreten. Du bist doch einverstanden, da er
bei uns bleibt? Ich kenne Richard schon seit sieben Jahren.

Du bist ja die Herrin im Haus! antwortete Schwedenklee schweitriefend
und strich etwas verlegen ber ihre heie Wange.

Ellen strzte ins Haus.

Das Mittagessen verlief in ausgelassener Stimmung. Ellen konnte kaum
einen Bissen ber die Lippen bringen, so sehr mute sie ber Pohls
Schnurren und seine drollige Ausdrucksweise lachen. Er hatte eine Anrede
fr Schwedenklee gefunden, die sie begeisterte! Er nannte Schwedenklee,
etwas keck und zutraulich nach einer so kurzen Bekanntschaft: Don
Philipp!

Don Philipp! Wie herrlich der Name zu dir pat! lachte sie, indem sie
sich an ihn schmiegte.

Nach Tisch legte sich Schwedenklee aufs Ohr. Er war noch mde vom
gestrigen Abend. Nach einstndigem Schlaf erwachte er: in vorzglicher
Laune. Er war nunmehr direkt erfreut ber Pohls Besuch! Seit vielen
Wochen war er mit Ellen allein, ihre Gesprche waren etwas monoton
geworden, viele Gesprchsstoffe nahezu erschpft. Oft war es etwas sehr
still auf Siebenbirken, nicht fr ihn, o nein, er liebte die Ruhe, aber,
wie er fand, fr Ellen. Der Besuch regte sie an. Es war sehr wohltuend,
da ein Hauch der Umwelt in das Leben auf Siebenbirken strich.

Don Philipp, Edler von Siebenbirken -- Pauken und Tusch! begrte ihn
Pohl, der mit Ellen in der hellen Sonne auf einem Heuhaufen der gemhten
Wiese sa. (Schon mute Ellen wieder laut herauslachen!) Habt die
Gnade, das Programm entgegenzunehmen, das wir fr Euch, um unsere
Ergebenheit zu bezeigen, entworfen haben: Zuerst die olympischen Spiele,
die sofort ihren Anfang nehmen. Sodann Festtafel bei Don Philipp mit
kniglichen Weinen. Hierauf Festvorstellung im Hoftheater Euer
Durchlaucht: Figaros Hochzeit. Spter Divertissements, Empfang, Defil,
Cour. Genehm? -- Anfang! Don Philipp befiehlt den Beginn! Pagen heran!
Zurck der Pbel!

Ich starte, fgte Pohl rasch hinzu, nimm die Uhr, Ellen. Los! Wie
ein fliehender Hirsch umrundete er die Wiese. Nie in seinem Leben hatte
Schwedenklee solch einen Lufer gesehen.

Ellen Blank! schrie Pohl. Und Ellen lief. Schwedenklee war ergriffen,
als er sie laufen sah. Sie schleuderte die Knie, da man ihre Wsche
sah. Ihr Haarschopf fiel herunter und sie steckte ihn im Laufen auf.
Whrend sie lief, schrie sie aber ununterbrochen vor Vergngen und
Erregung.

Nun kam die Reihe an Schwedenklee. Er tat sein Bestes, um sich nicht zu
blamieren. Blutrot und schwitzend kam er an.

Don Philipp hat gewonnen! entschied Pohl. Er behauptete allen Ernstes,
da Schwedenklee ihn um zwei Sekunden geschlagen habe, und berreichte
ihm mit feierlicher Ansprache einen Birkenzweig.

Es ist eine Tatsache, da Erwachsene viel kindischer sein knnen -- in
besonderen, seltenen Stunden -- als Kinder, und es kann als Mastab
ihrer Unverdorbenheit und Gte gelten, wenn sie diese Fhigkeit noch
besitzen.

Jedenfalls, je lnger die olympischen Spiele whrten, desto
ausgelassener wurden die drei.

Pohl war unerschpflich an Erfindungen. Es gab Lufe, Sprnge, Hpfen
auf einem Bein. Dann mute man mit einer Hand an einem Aste hngen.
Schwedenklee hing, bis er blau im Gesicht wurde. Er schlug alle Rekorde.

Zuletzt kam der Sprung in den Strohhaufen -- vom Dache des Stalles aus,
drei Meter tief. Pohl sprang im Hechtsprung, als sprnge er ins Wasser.
Ellen sprang mit festgehaltenen Kleidern, schreiend und lachend.
Schwedenklee riskierte einen Purzelbaum. Kaum aber war er ins Stroh
versunken, so sprte er, wie die beiden ber ihn herfielen und ihn immer
wieder mit Stroh bedeckten. Vllig auer Atem (und fast etwas bse!)
whlte er sich endlich heraus. Er war mit Strohhalmen gespickt und sah
so komisch aus, da Ellen laut herauslachen mute.

                   *       *       *       *       *

Pohl kniete vor ihm. Don Philipp, nehmet mein Haupt!

Schwedenklee hatte seine gute Laune schon wiedergefunden.




                                   26


Nach dem Abendessen -- diesmal hatte Ellen die Kerzen angezndet! --
wurde programmig Figaros Hochzeit aufgefhrt.

Richard sang Figaro -- vollendet, mit einer frischen, kernigen Stimme,
er agierte, als stnde er auf der Bhne. Ellen hatte -- sehr erregt --
Susanna und Cherubino bernommen. Sie sang schn, rhrend, mit leicht
zitternder Stimme. Was brigblieb, fiel Schwedenklee zu, der sich recht
und schlecht aus der Affre zog.

Es war -- alles in allem -- ein wundervoller Sommertag, ein Tag, der
kein Ende zu nehmen schien. Die Divertissements fielen aus. Ellen wurde
ins Bett geschickt, da ihre Augen vor Mdigkeit fieberten.

Die Herren aber saen noch bei einer Flasche Wein.

Eine neue Flasche, Don Philipp!

Sofort!

Nach der dritten Flasche bot Pohl Schwedenklee die Brderschaft an. Sie
stieen an.

Selten habe ich einen solch prachtvollen Menschen kennengelernt wie
dich, Don Philipp! schrie Pohl, indem er begeistert aufsprang.

Schwedenklee kletterte nun selbst in den Keller, um einen ganz
besonderen Rheinwein zu holen, einen seltsamen Jahrgang.

Und nun Schlu mit all den Dummheiten! rief der Snger aus. Ein
ernstes Wort. Da du dich des armen Blank erbarmt hast, das soll dir
ewig unvergessen bleiben! Da du dich aber wie ein Vater Ellens
annahmst, das wird dir Gott im Himmel persnlich danken! Dafr la dich
umarmen, bester aller Menschen!

Pohl drckte Schwedenklee an seine Brust und kte ihn. Beide hatten
Trnen in den Augen.

Es war das erstemal, da Schwedenklee von einem Mann gekt worden war.




                                   27


Am gestrigen Tage hatte sich wahrhaftig keine Gelegenheit geboten, mit
Ellen ber die Dinge zu sprechen, die Schwedenklee so sehr am Herzen
lagen. Dieser unglaubliche Bursche, der wie ein Meteor vom Himmel
gefallen war.

Heute -- um die Wahrheit zusagen --, Schwedenklee war mit etwas schwerem
Kopf aufgestanden, er war mde, verschlafen, apathisch und freute sich
whrend des ganzen Tages schon auf die Stunde des Schlafengehens. Welch
ein Glck, da dieser Pohl, so amsant er auch war, am Mittag wieder
abreiste!

Aber trotz seiner Mdigkeit beobachtete Schwedenklee, oder sollte er
sich tuschen? -- da mit Ellen seit gestern eine Vernderung vor sich
gegangen war. Sie schien merkwrdig erregt, sie lachte ohne jeden Grund,
zerstreut lief sie hin und her, den ganzen Nachmittag war sie mit ihrer
Wsche und Garderobe beschftigt.

Von der Antwort auf die bewute wichtige Frage war nicht die Rede!
Vergebens wartete Schwedenklee auf ein Wort, einen Blick. Sie stammelte
erregt, wenn sie mit ihm sprach, ihr Blick flackerte, sie errtete,
schlug die Augen nieder. Es schien ihm sogar, als ob sie ihm auswiche
...

Am nchsten Tage aber glaubte Schwedenklee zu seinem nicht geringen
Staunen zu beobachten, da Ellen ernsthaft damit beschftigt war,
einzupacken.

Die Sache war, kurz gesagt, die: der Direktor der Vereinigten
Sommertheater in Hamburg war Pohls bester Freund. Es bestand, wie Pohl
versichert hatte, gar kein Zweifel, da er Ellen engagieren wrde. Im
Sommer sollte sie sich in kleineren Rollen einspielen, um im Herbst mit
dem Ensemble nach Bremen berzusiedeln. Ein gutes, ein vorzgliches
Theater! Der Zufall hatte ihr eine herrliche Gelegenheit geboten, eine
geradezu selten gnstige Gelegenheit, ihre Laufbahn zu beginnen. War
Ellens glckliche Verwirrtheit nicht verstndlich?

Natrlich. Oh, Schwedenklee verstand ja wohl manches, er verschlo sich
keineswegs vernnftigen Grnden, er wute nur zu gut, da eine Frau, die
sich die Bhne in den Kopf gesetzt hatte, durch nichts abzubringen war.
Aber, hatte sie, Ellen, denn ganz vergessen, da sie ihm auf eine
bestimmte Frage eine bestimmte Antwort schuldig war?

Er bemhte sich, die Sache von der scherzhaften Seite zu nehmen. Du
hast ja noch Zeit, Ellen, wozu diese Aufregung?

Ich mu bereit sein, wenn das Telegramm kommt! schrie Ellen.

Ja, sie schien es in der Tat ganz vergessen zu haben. Allen Andeutungen,
die er wagte, wich sie aus. So oft er sie antwortheischend ansah --
oh, sie verstand seinen Blick sehr wohl! --, geriet sie in hilflose
Verwirrung. Sie lenkte sofort errtend ab, sie sprach von ihren Plnen,
Erwartungen, und beschwor ihn, nicht nach Hamburg zu kommen, wenn sie
das erstemal auftrat. Sie wrde auf der Bhne kein Wort hervorbringen
knnen. Aber er mute ihr versprechen zu kommen, sobald sie einigermaen
eingespielt wre.

Aber, ich sehe schon, du wirst nicht kommen, Don Philipp. Du wirst mich
rasch vergessen! sagte sie mit hochgezogener Braue.

Also, er wrde _sie_ vergessen? Schwedenklee fand vor Erstaunen kein
Wort der Entgegnung.

                   *       *       *       *       *

So vergingen zwei Tage in Unruhe und Spannung. Dann aber sah Ellen den
Depeschenboten an der Gartentre, und sie rannte ihm entgegen.

Strahlend vor Freude schwenkte sie das Telegramm.

Sie umarmte Schwedenklee. Er hat mich engagiert! schrie sie in grter
Erregung. Der Direktor war verreist, daher die Versptung! Rasch lste
sie sich aus der Umarmung und strzte zu Augusta und beschwor sie, ihr
zu helfen, sie wisse weder aus noch ein.

Mein Gott, Augusta, ob die Wsche noch trocknen wird?

Schwedenklee fhlte, da er erbleichte: er wute nun, da sie ihn
verlassen wrde.

War es zu glauben: in diesen wenigen Tagen hatte Ellen alles vergessen,
das Badezimmer mit den Palmen, Florenz, Paris, Japan -- sie dachte gar
nicht mehr daran. Sie hatte auch ganz vergessen, da sie ihm versprochen
hatte, auf eine gewisse Frage zu antworten ...

Aber nein, nein, sie hatte nicht vergessen. Sie dachte vielleicht jede
Sekunde daran! Sie stammelte, errtend, verlegen, voller Scham: Du
verstehst mich doch? Ich freue mich, ttig zu sein, ich freue mich
_anzufangen_. Es ist ja so schn bei dir, du weit es, aber --! Ich mu
ja zusehen, mir mein Leben selbst zu gestalten. Du verstehst mich doch?

Schwedenklee verstand alles!

Ich verstehe sehr wohl! sagte er, lchelnd, nachsichtig, verzeihend.

Aber diese Nachsicht schien sie zu qulen. Nein, du verstehst mich
vielleicht doch nicht?

Doch, ich verstehe dich, Ellen.

Ihr Blick ruhte gro und voller Scheu auf ihm, whrend ihre Hnde seine
Wangen streichelten. Genau so zart und sanft, mit zitternden Fingern,
wie die Hnde ihrer Mutter -- seinerzeit in Paris ...




                                   28


Schwedenklee sitzt in der Nacht auf der Treppe des Hauses. Das Haus ist
dunkel, schwarz der Wald, Schwedenklee sitzt in vlliger Finsternis.
Zuweilen schlgt Feuer aus der Treppe des Hauses: das ist Schwedenklees
Zigarre, die Funken stiebt.

Heute, morgen, bermorgen sitzt Schwedenklee in der Nacht, und nur
zuweilen fahren wilde Funken aus seiner Zigarre.

Ruhelos rennt der Hund hin und her, die Nase am Boden. Durch den Garten,
ber die Felder, in den Wald, immer die Nase am Boden, alten Spuren
nach. In der Nacht fllt Regen, und nun ist der Hund pltzlich ruhiger.

Ellen also war ins Engagement abgereist ...

Er hatte nicht mehr erwartet, da sie ihm auf die gewisse Frage
antworten wrde -- und doch, sie hatte es getan! Auf dem kleinen
Bahnhof, der wimmelte von lauten Badegsten, hatte sie zart seinen Arm
berhrt und ihn mit einem Blicke angesehen -- ja, was fr ein Blick war
es doch?

Das war ihre Antwort! Schwedenklee atmete tief -- ja! Und er hatte sie
verstanden. Sie sagte: Es wre ja alles so wunderbar gewesen, aber
siehst du -- es ist nicht so einfach ...

Nun, er hatte verstanden, vollkommen. O gewi, es war nicht so einfach
...

Es ist ja mglich, dachte Schwedenklee, da ihr, die hilflos und
vereinsamt im Leben steht, im ersten Augenblick eine Verbindung mit dir
erwgenswert erschien. Es ist wahrscheinlich, da sie auf deinen
Vorschlag eingegangen wre, da sie einen anderen Ausweg nicht fand! Da
aber erschien Pohl! Seine Stimme weckte pltzlich die Stimmen ihrer
Jugend. Und was die Hauptsache ist: er zeigte ihr einen Ausweg, in einem
Augenblick, da sie ratlos war, keinen Ausweg fand, ja nicht einmal mehr
an die Mglichkeit eines Ausweges dachte. Daher ihre unverstndliche
Erregung. Blitzschnell folgte sie ihren Instinkten.

Aber wozu die vielen Worte? sagte Schwedenklee zu sich. Es gibt eine
viel einfachere Erklrung: sie liebte dich nicht! Sie fhlte, da diese
Verbindung fr sie nie glcklich sein konnte. Ja, die Wahrheit ist
zuweilen bitter!

Und dann kam da vielleicht noch etwas hinzu ...

Schwedenklee lchelte.

Sie versteht es ja heute noch nicht, weshalb sie so begierig war, nach
Hamburg zu reisen -- die Reine, Wundervolle! flsterte er. Spter,
spter! Ich habe vom ersten Augenblick an alles geahnt!

Da ich noch das Wettrennen um die Wiese mitmachte! Und an dem Ast hing
ich so lange, da mir heute noch der Arm weh tut!

Funken fuhren aus Schwedenklees Zigarre.

Jeden Abend sa Schwedenklee in der Dunkelheit auf der Treppe des
Hauses, und die Funken stoben. Es war Neumond.

Am Tage arbeitete er an seiner Terrasse.

Diese fnfzig Kubikmeter Erde werden wir schon bewltigen! sagte er,
selbstbewut, und der Schwei rann ihm ber das Gesicht.

Es darf indessen nicht verschwiegen werden, da Schwedenklee in diesen
Tagen sich hufig selbst in den Weinkeller begab.

Es gibt Menschen, die einen Sto in die Herzgrube ohne besondere
Erschtterung ertragen, sie sind sehr selten, andere, die lamentieren
und ein groes Geschrei machen, und wieder andere, die einfach eine
Flasche aufziehen, sich ruspern und eine Zigarre anznden ...

Schwedenklee stand in diesen Tagen sehr spt auf und ging erst schlafen,
wenn der Morgen graute. Augusta betrachtete ihn mit vorwurfsvollen
Blicken. Er a ihr zu wenig.

Ja, diese Augusta, sie war keineswegs so albern, wie er glaubte. Sie sah
in sein eingesunkenes, verstrtes Gesicht und sagte sich: Diese
Frauenzimmer, wie sie ihm zusetzen -- es ist schon eine Schande!

Der Neubau war fertig. Er roch nach Kalk, Gips und Glaserkitt. Auch das
Badezimmer -- das alle Badezimmer Deutschlands schlagen sollte -- war im
Rohbau fertig. Die versenkte Wanne war vier Meter lang und zwei Meter
breit, die Hhne blitzten. Eines Tages mhte sich ein Fuhrwerk, ein
kleiner Wald auf Rdern, die Strae herauf: die Blattpflanzen kamen. Sie
hatten ein Vermgen gekostet.

Stellen Sie sie einfach in den Baderaum! sagte Schwedenklee. Da
standen sie, bis sie verkamen.

Weshalb aber, zum Teufel, war es in diesem Neubau so kalt? Strmte der
Putz diese Klte aus? Schwedenklee betrat den Neubau nicht mehr.

                   *       *       *       *       *

Zart und fein stieg die Mondsichel aus dem Meer empor.

Schwedenklee sa im Dunkel auf der Treppe des Hauses und rauchte.

Er hatte heute den ersten Brief Ellens erhalten. Dank, Dank -- du wirst
mich verstehen -- du bist mir gewi nicht bse ...

Ja, gewi, Schwedenklee gehrte zur Klasse jener Menschen, die alles
verstehen und daher alles vergeben, denen nichts Menschliches fremd ist
-- gewi, er verstand alles. Mehr als sie ahnte! Und bse? Nein, bse
konnte Schwedenklee berhaupt nicht werden.

Und doch, gerade an diesem Abend wurde Schwedenklee von starker Unruhe
erfat. Er ging auf und ab, die Funken sprhten aus seiner Zigarre.
Schwei brach aus seiner Stirn.

Seine Augen sanken ein. _Wenn sie nun aber doch mein Kind wre?_ sagte
er voller Gram. Auch die Krankenschwester, du erinnerst dich, sagte,
sie glaube, Blank habe dir besondere Mitteilungen zu machen ...

Htte ich Gewiheit -- alles wre ja anders!

Verraten wir es: Schwedenklee ging in die Dunkelheit, wo sie am
schwrzesten war, um hier, ganz im Dunklen, obschon niemand in der Nhe
war, die Finger in die Augen zu drcken und zu sthnen.

Ja, Schwedenklee hatte heute einen schlechten Tag. Er strich die ganze
Nacht in der Finsternis hin und her, frstelte im Nachtnebel.

Gerade als ich die Hand nach ihr ausstreckte --! sagte er, aber er
sprach nicht weiter.




                                   29


Am nchsten Tage gab Schwedenklee pltzlich seine Arbeit an der Terrasse
auf. Er stach den Spaten in die Erde, und hier mochte er steckenbleiben,
bis er verfaulte, wenn ihn der Pchter nicht unter Dach nahm.

Schwedenklee hatte einen neuen resedafarbenen Anzug, den er noch nie
getragen hatte. Diesen Anzug legte er an. Er rasierte sich sorgfltig
und begab sich in den Badeort.

Hier sa er auf der Terrasse des Kasinos und betrachtete mit finsterer
und verchtlicher Miene die promenierenden Badegste. Was fr
entsetzliche Frauen! Dick, formlos, lcherlich, unverschmt in ihrer
Einbildung, grotesk in ihrer Eitelkeit, mit falschen Haaren, gemalt, die
meisten krummbeinig -- ah, Schwedenklee war zur Zeit nicht gut auf die
Frauen zu sprechen.

Am dritten Tage -- seine Miene war gleich geringschtzig und abweisend
-- hrte er pltzlich eine Frauenstimme: Ist es mglich, Herr
Schwedenklee? Und ein heiteres Lachen.

Zwei flachsblonde Frauen in dnnen Sommerkleidern standen vor ihm,
Schwestern. Er hatte die eine der Schwestern gekannt, bevor sie
verheiratet war, die Unverheiratete lernte er heute erst kennen.

Schwedenklee lchelte verlegen und wich etwas auffllig zurck. Zu nahe
drangen ihm Atem und Parfm der beiden Damen. Die heitere Stimme klang
ihm zu laut ins Ohr. Nichts hate er mehr als die Aufdringlichkeit der
Frauen, die der Ansicht waren, da eine vorbergehende Verliebtheit eine
Freundschaft frs ganze Leben bedeute.

Knapp und khl klangen Schwedenklees Antworten. Die Flachsblonden aber
schienen seine Zurckhaltung gar nicht zu merken und lachten frhlich
und laut.

Schwedenklee erhob sich und ging. Ein paar Tage vergrub er sich in
Siebenbirken. Dann aber erschien er wieder im Badeort, und schon nach
einigen Tagen ruderte er die beiden Flachsblonden hinaus in die See.

Von nun an begab sich Schwedenklee schon am Morgen in seinem
resedafarbenen Anzug in den Badeort. Er a im Kasino und kehrte erst
spt nach Siebenbirken zurck.

Nach einer Woche reisten die flachsblonden Schwestern nach Berlin
zurck.

Schwedenklee blieb zu Hause. Er beschftigte sich wieder mit seinem
Zentralbahnhof, rauchte, trank, lebte in den Nchten. Kaum hatte er aber
einen Brief aus Berlin erhalten, der ihn sehr heiter stimmte, so befahl
er Augusta zu packen.




                                   30


Es regnete leise, als Schwedenklee nach Berlin zurckkehrte. Die Stadt
dampfte. Seine Wohnung umfing ihn mit Behagen.

Vielleicht ist es doch das beste so! Wer wei, wozu es gut war --!
sagte er sich, indem er in den weichen Hausschuhen auf und ab ging.

Dann telephonierte er lange in bester Laune.

Augusta, sagte er, morgen abend drei Gedecke, lassen Sie es an nichts
fehlen!

Gewi, Schwedenklee erhielt Briefe von Ellen und schrieb ihr wieder. Die
erste Firma Berlins mute auf seine Kosten Ellens Bhnengarderobe
anfertigen, und Schwedenklee selbst berwachte die Fertigstellung der
Kostme.

Schwedenklee wute sehr wohl, was er versprochen hatte. Eines Tages
packte er einen Handkoffer und fuhr nach Bremen. Er fand Ellen heiter,
strahlend, wunderbar erblht, er beobachtete, befriedigt fast, da die
beiden, Pohl und Ellen, einander um vieles nhergekommen und sehr
glcklich waren.

Don Philipp, herrlichster aller Menschen! schrie Pohl begeistert und
umarmte ihn, als sie im Bremer Ratskeller in spter Nacht eine Flasche
leerten.

                   *       *       *       *       *

_Und wenn sie doch dein Kind wre?_

Auch diese Frage, die ihn oft in den Nchten gemartert hatte, da er
schlaflos auf und ab ging, die sein Herz verbrannte -- auch diese Frage
verblate allmhlich in Schwedenklees Herzen -- --

Als der erste Schnee fiel, erschien Schwedenklee eines Abends wieder um
neun Uhr in seinem alten Stammcaf. Sein Rcken schien etwas gebeugt,
sein Gesicht hatte die Prlatenrte eingebt und schien etwas fahl, die
dnnen Haare waren grauer -- sonst aber war es ganz der alte
Schwedenklee. Mit lauter Herzlichkeit wurde er von den Spielern
empfangen. Nach einer Viertelstunde aber war es, als sei er nicht eine
Stunde abwesend gewesen. Schon sa er an einem der Pokertische, und drei
Kiebitze rckten ihre Sthle hinter seinen Sessel.


                                  Ende




                     Werke von Bernhard Kellermann


                             Yester und Li

                          Roman. 152. Auflage


                                Ingeborg

                          Roman. 115. Auflage


                                Der Tor

                           Roman. 50. Auflage


                                Das Meer

                           Roman. 87. Auflage


                               Der Tunnel

                          Roman. 227. Auflage


                            Der 9. November

                           Roman. 51. Auflage


                              Die Heiligen

                                Novelle

                     Illustriert von Magnus Zeller

                              12. Auflage


             Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




                     Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 17]:
   ... Die Anstrengungen seines Berufes hatten ihm fast smtliche ...
   ... Die Anstrengungen seines Berufes hatten ihn fast smtliche ...

   [S. 103]:
   ... sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparerie ...
   ... sich es bescheidener und war zufrieden, in der Komparserie ...

   [S. 180]:
   ... deren Namen Schwedenklee nie merken konnte. ...
   ... deren Namen Schwedenklee sich nie merken konnte. ...






End of Project Gutenberg's Schwedenklees Erlebnis, by Bernhard Kellermann

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

