The Project Gutenberg EBook of Die Siedler von Hohenmoor, by Max Dreyer

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Title: Die Siedler von Hohenmoor
       Ein Buch des Zornes und der Zuversicht

Author: Max Dreyer

Release Date: September 9, 2018 [EBook #57872]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SIEDLER VON HOHENMOOR ***




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                               Max Dreyer
                       Die Siedler von Hohenmoor




                              Die Siedler
                             von Hohenmoor


                                Ein Buch
                     des Zornes und der Zuversicht


                                  von
                               Max Dreyer


                     L. Staackmann Verlag, Leipzig
                                  1922


                        Alle Rechte vorbehalten
            Copyright 1922 by L. Staackmann Verlag, Leipzig


               Gedruckt bei Dr. Kurt Suberlich, Leipzig




                              Die Baracke


Er schritt durch die Winternacht ber die Heide. Von Kristall war die
Mondwelt, die Luft klirrte und klang.

Nach der Hgelkette, die ihm zur Seite blieb, sah er hinauf, die
Goldberge hieen die Hhen -- Geheimnisse schliefen in ihrem Scho.

Nun lie er seinen Weg und stieg auf die Gipfel. Hier stand er und
blickte ins Land, auf das Reich seines Schaffens.

Sein Reich -- eben hatte er den letzten Kampf bestanden, es sich und den
Seinen zu gewinnen. Er kam aus der Kreisstadt. Nach endlosen
Verhandlungen war es ihm heute gelungen, deren Vter, die trgen, die
belwollenden, die argwhnischen Gemter sich zu beugen. Die verfallene
Ziegelei, die niemand kaufen, niemand pachten wollte, war samt dem
Gelnde jetzt ihm und seiner Siedler-Mannschaft gesichert. Damit erst
war das ganze Siedlungswerk auf festen Grund gestellt.

Die Ziegelei mit ihren Tonfeldern, auf der anderen Seite das Moor und
sein Torfstich, ein Stck Kiefernwald, bereit, die Balken und Bretter zu
liefern, reichlich Kulturboden und weites Heideland zum Urbarmachen --
was brauchte man mehr zum Bauen und Hausen!

Die Brust schwoll ihm, tief tranken seine Lungen die mondhelle Luft.

Im Osten strahlte die See, vom Himmel beleuchtet bis an den Saum des
Horizonts. Kein Schiff war zu sehen, kein Dampfer, kein Segler -- das
tote deutsche Meer.

Da zuckte es schmerzhaft durch ihn hin, und er wandte sich wieder
landeinwrts. Schritt herab von der Hhe, schritt wieder seinen Weg ber
die Heide. Er warf den Druck von sich, seine Sehnen federten wie im
Marsch. Das Lied der deutschen Jugend, das durch die Seelen zog, kam ihm
in den gestrafften Sinn, und er sang sich die Worte:

   Wir sind die Jungen, in Not gesthlt,
   in Schmerzen geworden, in Schmerzen erwhlt.
   Deutsche Erde, die uns erschuf,
   deutsche Erde, uns gilt dein Ruf.
   Wir sind geweiht, wir schlieen die Reih'n!
   Frei sollst du sein!

   Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen
   du bist der Ausgang, du das Beginnen.
   Nicht einen Bissen von deutschem Korn,
   nicht einen Tropfen aus deutschem Born,
   Deutschland, da wir nicht dchten dein!
   Frei sollst du sein!

   Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,
   jede Faser gestrafft und gerafft,
   wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
   siehst du die nchtigen Wolken lohen?
   Wir sind des Frhrots lachender Schein!
   Frei sollst du sein!

   Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen!
   Wir sind die Jungen, wir strmen, wir siegen!
   Unter die Fe den tckischen Ha,
   seine Ketten zerspringen wie Glas.
   Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
   Frei sollst du sein!
         Wir machen dich frei!

Er war am Ziel. Die Baracke, die an den kiefernbestandenen Hang sich
lehnte, war sein Quartier.

Der Bretterbau lag dunkel, die Kameraden hatten nicht mehr auf ihn
gewartet. Er klopfte im Dreischlag, der Mann, der die Wache hatte, war
gleich zur Hand, steckte eine Kerze an und ffnete ihm.

Guten Abend, Runge, oder Guten Morgen! grte der Eintretende.

Guten Abend, Herr Hauptmann.

Wir haben jetzt auch die Ziegelei.

Das ist famost! In dem verschlafenen viereckigen Gesicht des
Wachmannes tanzten freudig die kleinen Augen wie feurige Punkte.

Dann berichtete er nichts zu melden, Herr Hauptmann, und jeder ging in
sein Losament. Der Wachthabende in das kleine Gemach rechts vom Eingang,
Hauptmann Horst Oldefeld in sein Zimmer, das gegenber lag.

Ein kahler, niedriger, einfenstriger Raum, in dem nichts als ein Tisch,
zwei Sthle und ein eiserner Ofen stand. Das Bett war ein
Bretterverschlag an der Wand, mit Strohsack und wollener Decke. Lag es
sich hart und kalt darin, hatte er die Bannworte bereit: Schtzengraben
und Champagne! Durch Dreck geschleift -- in Dreck verkrustet! Und er
kuschelte sich ein voll unbndigen Behagens.

Morgens war er der erste auf. Holte sich die groe blecherne
Waschschssel voll Schnee, und rieb sich mit der himmlischen Frische ab
von Kopf zu Fen. Dann im Mantel an den Tisch zum Schreibwerk, und er
dampfte von Wrme in dem ausgekhlten Raum.

Nicht lange, da trat der Hauptmann Dankwart Hamerslag bei ihm ein. Hart,
ernst, wortkarg. Das Lid ber dem rechten Auge infolge eines
Kopfschusses halb gesenkt, der linke Arm steif, ein Granatsplitter stak
noch in der Schulter.

Morgen, Junge, grte ihn Horst. Also die Stdter htten wir jetzt
auch erschlagen.

Hrte schon.

Endlich die freie Bahn! Nun geht's aber auch mit heidi! Heut werden
also Bume gefllt.

Ja.

Ich will selbst den ganzen Tag dabei sein. Du bernimmst dann das
Bureau.

Gern. Nur --

Was?

Ich bin mit meiner technischen Berechnung noch nicht durch --

Fr die Kraftanlage?

Ja.

Das geht natrlich vor. Dann mu Gisbert den Schreibkram hier machen.
Ich wollte die beiden Jungen sonst mit rausnehmen.

Die beiden Jungen waren die Oberleutnants Gisbert Hegendorf und Kunz
Rutenberg. Sie schliefen und hausten in einem Gela.

Gisbert in seinem Verschlag war der erste, der sich rhrte. Langsam
fanden seine schweren Traumaugen den Weg in den Morgen. Die langen
Finger tasteten, der Wirklichkeit ungewi, wie fragend nach dem Kopf,
dann zuversichtlich geworden, fuhren sie glttend ber das weiche blonde
Haar. Und nun reckten sich die schlanken Glieder ins Wache, ins Leben.

Kunz schlief noch fest. Wie ein kleiner Junge lag er, den harten,
kurzgeschorenen Kopf in den runden Arm geborgen. Zu Fen seines Lagers
hatte Muz sich hingerollt, ein junger Schferhund, nicht ganz rein von
Rasse, aber um so reiner von Gesinnung, wie sein Herr kritischer Schrfe
der Betrachtung zu wehren liebte.

Gisbert streckte die langen Beine in den kalten Weltenraum und rief:
Kunz! Kunz machte den Arm noch runder und schlief weiter.

Gisbert prustete von der Waschschssel auf: Kunz! Kunz knurrte und
schmatzte und schnalzte nach einem Schimpfwort, gurgelte es zurck und
schnarchte wieder ein.

Jetzt aber trat Muz in Ttigkeit. Erhob sich, zog sich lang und lnger
die Hinterfe aus dem Leib und schleifte sich so zu dem Lager des
Unerbittlichen. Wie trstend legte er die Schnauze auf die Schlafdecke
und lie den Schwanz pendeln gleich einem Perpendikel. Es ist Zeit, es
ist Zeit, es ist Zeit -- und allmhlich immer lebhafter: es ist hohe,
hohe Zeit! es ist hohe, hohe Zeit!

Diese leise Weckuhr brachte den Schlfer zuverlssig zur Besinnung.
Seine Finger fhlten sich zu dem weichen Ohr der Uhr, streichelten das
samtene Fell, sie bekamen ihre Regsamkeit und lsten den ganzen Leib aus
seiner Starre. Und jetzt landete Kunz Rutenberg mit schnellem Sprung aus
dem Bett auf dem harten Dasein und schimpfte sich hier vollends
bodenstndig.

Bande, rief er, Bande! Und ghnte und schalt. Was wollt ihr
eigentlich von mir, was hab ich eigentlich bei euch zu suchen --
ihr Eisenfresser der Pflicht -- ihr Barackenheilige -- ihr
Kartoffelsuppenspartaner -- ihr Strohsackasketen -- ihr Flagellanten der
Arbeit -- was soll ich bei euch -- in eurer Arche dsterster
Enthaltsamkeit!

Die gekeuchten Worte gaben den Takt, nach dem er sich wusch und sich
frottierte.

Das Licht ist, was ich liebe -- das Licht ist, was ich suche -- Geigen
sollen schwirren -- prickelnde, knisternde Weisen will ich --
Farbenfunken sollen sprhen -- ber duftendes Frauenhaar -- das perlende
Leben will ich, aus dem Glas, von den Lippen -- nicht die dunkle,
hundekalte, muffige de eures elend ungehobelten Bretterstalls!

Er schnob gewaltig.

Gisbert lchelte schweigend hinein in seine langen, feinen, edel
gebogenen Zge. Dieses Geschmetter in den Morgen brachte ihm an sich
keine berraschung. Damit pflegte Kunz, der hurtige, Tag fr Tag sich
den Mund auszusplen. Was dem stilleren Stubengenossen eine leise Freude
gab, war die scheinbare Unerschpflichkeit des Sprachschatzes, der
tglich neue Gaben ausschttete.

Kunz war zuerst mit dem Anzug fertig und drngte nun zum Tageswerk. Er
nannte das -- um sich vor sich selber treu zu bleiben -- den Tag
schupsen, da er eher zu Ende gehe.

Gisberts sorgliche Genauigkeit bekam jetzt von ihm die Peitsche, und
bald standen auch die beiden bei Horst im Zimmer. Hier hrten sie gleich
von dem Erwerb der Ziegelei, der die Erlsung brachte. Niemand strahlte
froher als Kunz. Und wie leuchteten die Augen bei diesem Sybariten des
Wortes, als er hrte, da er mit zu der harten Arbeit des Baumfllens
ausersehen sei.

Mit dem Glockenschlag versammelten sich alle in der Halle zum Frhstck,
alle Siedler, Fhrer und Mannschaft gemeinsam -- es waren im ganzen
ihrer dreiundzwanzig.

Sie saen ohne irgendwelche Rangordnung durcheinander. Der
kameradschaftliche Grundsatz herrschte durchaus vor. Freiwillig hatten
die Mnner sich zusammengefunden zu schwerem, ernstem, gemeinsamem Werk,
von dem sie meinten, es knnte vorbildlich sein. Von dem sie hofften, es
knnte Hilfe bringen dem armen, ach so bedrftigen Vaterland -- geringe
nur durch die Leistung selbst, doch grere durch das Beispiel. Ein
Werk, in dem eine Freudigkeit des Glaubens atmete, ein gehobener Wille.

Bauen, bauen wollen wir -- aufbauen -- was gibt es, das freier wre, das
mehr in die Hhe ginge, das dem Gttlichen nher kme!

Und in lebendiger Gemeinsamkeit schaffen wir -- einer so ntzlich, so
ntig, so unentbehrlich wie der andere -- alle uns gleich durch die
gleiche Pflicht, den gleichen Stolz, die gleiche Liebe zu dem, was wir
schaffen -- wie Glieder eines lebenden Wesens, das denkt und sorgt und
wirkt!

Heimsttten bauen wir, aus deutscher Erde, auf deutschem Land. So
unglckselig arm ist das Vaterland geworden, nur eins ist sein Reichtum,
das sind seine Kinder. Die drngen zu ihm hin, die schmiegen sich an
seine Brust, sie wollen, sie mssen bei ihm bleiben. Wie sie alle
kommen, wie sie sich mehren, es fehlen die Herde sie zu wrmen und zu
hten. Deutsche Herde wollen wir bauen! Helfen wollen wir, da kein
Deutscher heimatlos sei im deutschen Land.

Als wir in Wohlfahrt lebten, in bermtigem, gedankenlosem Glck, haben
wir so manche Strecken deutschen Bodens nicht geachtet oder gar
verachtet, haben wir ber dland die Achseln gezuckt.

Nun bietet diese arme Erde sich dar, auch sie mchte ntzen und helfen.
Und ist sie noch arm, da solche Kraft in ihr lebt? Uns liegt es ob, die
Kraft zu lsen und zu mehren, durch unserer Hirne, unserer Hnde,
unserer Herzen Walten und Wirken. Ist das nicht wie Schpfung? Ist das
nicht Gottesnhe? Ein andchtiges, ein tiefes, ein heiliges Werk.

Etwas von dieser Weihe lag auf jedem der Mnner, die solchem
tiefinnerlichen Dienst an der deutschen Erde sich ergeben hatten.




                  Der Herr von Moorhof und die Siedler


Sie waren zum Teil Regimentskameraden vom Kriege her, alle aber hatten
sie dann einem Freikorps angehrt, das gegen die spartakistischen
Umtriebe sich einsetzte.

Gerade dieser Kstenstrich hatte schwere Erschtterungen gesehen. Mehr
noch als anderswo hatten sich hier Verbrecherhorden mit den
Schwarmgeistern gemischt. Auf den Gtern vornehmlich gab es Raub, Brand
und Mord.

Da wurde ein Kommando hierhergelegt, Horst Oldefeld der Fhrer, Dankwart
Hamerslag als Offizier ihm zur Seite, Gisbert und Kunz standen als
Gemeine mit im Glied. Es waren dreiig Mann. Ihr Hauptquartier hatten
sie in Moorhof, dessen Herr, Baron von Borkhus war es, der ihnen dann
das Hauptgelnde fr die Siedelung zuwies.

Das war ein alter Recke und Haudegen, der geborene Huptling -- htten
die Raubgesellen ihn nicht angeschossen bei ihrem berfall, er wrde
ganz allein mit seinen Leuten die Landschaft von dem Gesindel reingefegt
haben.

So war das geschehen, das mit dem berfall, dem schwere Tat entsprang.

Zwei Autos rattern auf den Hof, bespickt mit Matrosen und Abenteurern in
Marineuniform. Vorne flattert die rote Fahne. Sie springen aus dem
Wagen, an die fnfzehn Mann, schwingen ihre Handgranaten, besetzen die
Tren von Haus und Stallungen.

Der Fhrer ein junger, schlanker Mensch mit geistigem Gesicht,
schwarzen, kaltfanatischen Augen und schmalem hhnischen Mund. Er und
zwei Begleiter, die Pistole in der Hand, die Granaten im Grtel, begeben
sich ins Herrenhaus.

Die Mdchen halten sich versteckt, der alte Diener erscheint zaghaft im
Treppenhaus.

Wollen den Besitzer sprechen.

Wen darf ich melden?

Die drei lachen. Der sogenannte Besitzer hat sich bei uns zu melden.
Aber pltzlich. Warten tun wir nicht lange. Der Fhrer klopft mit dem
Pistolengriff auf den Tisch.

Schon kommt Baron von Borkhus die Treppe herunter, mit schwerem
wuchtigen Schritt, der gewaltige Mann. Er geht mhsam, sein rechtes Bein
ist von Ischias gekrmmt, die er in den Karpathen sich geholt hat. Er
knpft sich den Uniformrock zu. Mit Bedacht hat er sich den angelegt,
als er von seinem Zimmer aus diesen Besuch erblickt.

Seine mchtigen Augen ber den Trnenscken sehen mit einer unheimlich
groen Gelassenheit auf die Gste.

Der Fhrer geht ihm entgegen, die beiden anderen sind im Anschlag.

Sie wnschen? fragt der Herr.

Der Sprecher redet etwas von einem fantastischen Furagekommando, dann
tritt er nahe an den Baron hinan, der unbewaffnet und ungefhrlich vor
ihm steht.

Sie erlauben wohl! Wir sind hier doch nicht aufm Maskenball! Und die
frechen Finger greifen nach den Achselstcken.

Hund! brllt es ihm entgegen wie ein Orkan, in den glotzenden Augen
ist Wut und Blut, die mchtigen Pranken schlagen sich um die Kehle des
Angreifers und wrgen ihn -- wrgen ihn --

Die anderen -- erst wie betubt -- wollen zuspringen -- wollen wieder
die Waffen nicht aus den Hnden geben -- trauen sich nicht zu schieen,
weil der Gefhrte da in den Hnden des Berserkers hin und her baumelt --
inzwischen sind durch die Hintertr bewaffnete Gutsleute vom Inspektor
hereingefhrt -- Hnde hoch! schreien sie von beiden Seiten -- dann wird
geschossen -- die zwei Matrosen strzen hinaus -- der Baron ist
zusammengezuckt -- aber seine Hnde wie verkrampft in dem einen Willen
und gezwungen, sie lassen nicht los und wrgen -- wrgen --

Drauen haben die beiden Wirtschaftseleven mit ein paar mutigen Leuten
die eingedrungenen unter Feuer genommen.

Zwei, drei werden getroffen -- nun gibt es kein Halten mehr -- sie
strzen in die Wagen -- kurbeln an -- lassen Fhrer Fhrer sein -- und
rasen davon.

Wie der Inspektor zurckkommt ins Gutshaus, kauert der Herr in einem
Stuhl des Vestibls. Um ihn wogt das Grauen.

Auf dem Teppich liegt die Leiche des erwrgten Fhrers -- wie sie
hingesunken ist.

Sie sind fort, berichtet der Inspektor kurz. Er ist ein langer,
sehniger Mann mit harten Zgen und kalten Augen. Die blicken nicht
leidig zurck.

Jetzt sieht er Blut ber den rechten Stiefel des Herrn sickern. Er
steigt ber die Leiche, die ihm ein Hindernis ist und weiter nichts.

Herr Baron, Sie sind verwundet.

Bin ich? und als sei dieses unwesentlich, rhrt er sich nicht, starrt
und versinkt in die Worte: erwrgt hab' ich ihn.

Nun ja -- ein Toter -- es ist Aufruhr, es ist Krieg. Empfindeleien kennt
der Inspektor nicht. Er bleibt bei der Sache. Beordert ein Fuhrwerk in
die Stadt, den Arzt zu holen -- fhrt den Herrn in das nchste Zimmer --
entkleidet ihn -- verbindet die Wunde.

Grad in das infame Bein, sthnt jetzt der Baron. Nun es geht in einem
hin. Aber er bleibt nicht lange bei sich selber und starrt dann wieder.

Drei Tage spter kam Horst mit seinem Trupp.

Der Arzt hatte den Baron ins Bett gesteckt. Die Wunde, an sich nicht
schlimm, verlangte Schonung. Horst sa an seinem Lager.

Sie sprachen vom Krieg. Aus der unsglichen Schmach dieser Zeit
flchteten sie in die blanken Tage der Ehren.

Der Baron hatte als Major an der Somme gefochten, durch alle Grauen war
er gewatet, durch die Schlammbche in ihrer Hochflut von Blut, die mit
Tornistern und Kochgeschirr Leichenfetzen und zerrissene Glieder
mischte.

Welch ein Gefhl der Weihe hatte sie doch getragen, da all dies
Entsetzen sie nicht mit Wahnsinn schlug!

Und zwischendurch hielt er inne und sprach schwer: Haben Sie schon mal
einen Menschen erwrgt -- erwrgt mit eigenen Hnden?

Nein, Herr Major --

Einen Deutschen! Ein Deutscher einen Deutschen! Eine Zeit
apokalyptischer Greuel!

Dann steuerten sie hart und schnell einen anderen Kurs. Zwangen sich zur
Nchternheit. Sprachen von wirtschaftlichen Dingen.

Was wird aus all den entlassenen Offizieren und Unteroffizieren, aus all
den Kmpfern, die der Krieg erwerbslos gemacht hat?

Land wird gebraucht. Ein eigenes Stck Erde -- ist das nicht der
Inbegriff des sozialen Heils, weil hier ein seelisches Gut
eingeschlossen ist?

Siedlungsland mssen die groen Gter hergeben. Ich will der erste sein
und ein Beispiel, sagte Herr von Borkhus.

Er hatte gesehen, welch leuchtende Augen der Gedanke an das eigene Land
in Horst Oldefeld entzndete, dem armen, verwehten Offizier, ohne
Heimsttte, ohne Familie.

Er hatte ihn liebgewonnen in den wenigen Stunden. Wenn Sie wollen,
sollen Sie sich hier anbauen.

Und im Laufe der Tage wurde schnell das Ntigste abgemacht. Baron
Borkhus gab freudig. Einen krftigen Zipfel schnitt er ab von seinem
Besitztum -- Kulturland und Heide zum Urbarmachen, ein Kieferngehlz und
ein groes Stck Moor.

Die Ziegelei von der Stadt mssen wir dazu haben, dann knnen Sie
selber bauen. Herrgott -- und wenn der Tangentiener noch die kleine Ecke
hergeben wollte, dann htten Sie ein rundes Reich fr sich!

Horst war in Geschmack gekommen. Meinen Sie, da ich einmal mit Herrn
von Tangentien rede?

Mit Klaus Tangentien? Der Baron lchelte. Soll ich Ihnen sagen, wie
der ist? Ich stehe mit ihm auf meinem Acker, nicht weit von unserer
Feldscheide. Da mu er Wasser lassen. Was tut er? Luft er nicht nach
seinem Feld hinber und besorgt es da? Da seinem Boden nicht das
Ammoniak verloren gehe? So ist Klaus Tangentien. Und nun reden Sie mit
ihm.

Horst dankte. Aber Herr von Borkhus lie es sich angelegen sein, fr die
wirtschaftliche Sicherstellung das Ntige zu besorgen.

Die Siedler selbst brachten ein Grundkapital zusammen. Am meisten hatte
Gisbert in die Suppe zu brocken, den sie den reichen Jngling nannten,
und er gab mit vollen Hnden. Auch Dankwart steuerte tchtig bei.
Weniger hatte Kunz zu geben, am wenigsten Horst, der so gut wie
mittellos war. Von den anderen Kameraden beteiligte sich dieser oder
jener mit kleinen Betrgen.

Aber diese ganze Summe htte nur fr den Anfang gereicht. Borkhus
brachte einen greren Fonds zusammen. Er selbst lieh her, soviel er
vermochte. Sobald er wieder auf den Wagen konnte, machte er sich auf die
Walze. Bei Parteifreunden und Nachbarn warb er mit einigem Erfolg --
Landschaft und Regierung versagten. Immerhin, in ein paar Wochen stand
das Unternehmen auf leidlich festen Fen.

Und er hatte sich selbst einigermaen wiedergefunden in solchem
Liebeswerk. Die Freude, die er machte, leuchtete ihm heraus aus dem
Dunst, mit dem diese Tage ihn ersticken wollten.

Was bevorstand, trat ein: das Freikorps wurde aufgelst. Horst und die
drei Offiziere blieben. Dazu neunzehn von den Leuten, die ernsthaftesten
und besten, alte Unteroffiziere in der Mehrzahl.

Horst war der geborene Fhrer. Er trug etwas von dem Glanz des
Unzerstrbaren, Unverlierbaren in sich. Er hatte die klare, reine Linie
und hielt sie um so fester, als er um sie kmpfen mute.

Denn er war von Haus aus eigentlich ein Trumer gewesen und hatte viel
bunte Mrchen gelebt -- daher kam sein Lachen und seine Gte. Aber im
Grunde seiner Art sa wieder eine starke Sehnsucht nach Verantwortung,
eine Inbrunst fr das Ziel, eine leidenschaftliche Liebe zur harten Tat.
Und daher stammte sein Ernst.

Dann die Offenheit seines Auges, die Unbefangenheit seines Wesens, das
von verstecken nichts wute und auch bei den anderen mit unbekmmertem
Griff aus den Hhlen und der Heimlichkeit herausholte, was das grelle
Tageslicht mied. Wenigen wie ihm taten sich so die Herzen auf. Darum
kannte er auch die Herzen, ihre Kraft, ihre Hoheit wie ihre Tcken und
Ncken. Und eben seines Wesens aufsprende Innigkeit feite ihn gegen
Groll und Gift. Er hatte nun einmal von den groen Eigenschaften, gegen
die es keine Rettung fr kleinere Geister gibt -- als die Liebe.

Machte das Hartsinnige, die starre Unbedingtheit den Fhrer aus, wre
Dankwart Hamerslag dafr der geeignetste gewesen. Ihm hatte das Feste,
Sprde, Brchige seiner Art ein grausames Geschick noch hrter
geschmiedet. Als frischer Ehemann war er ins Feld gezogen. Wie er auf
Urlaub nach Hause kam, hatte seine Frau, die er vergtterte, die
kindlich junge, schwrmende, haltlose aus der Ehe sich beurlaubt. Davon
trug sein Leben die Wunde, die nicht verharschen konnte, und die sein
Blut mit Bitternis durchschwrte.

Er war der Techniker des Kreises, nicht genial und von groen Ideen,
dazu fehlte es ihm an Herz und an Feueratem, aber von beispiellosem
Scharfsinn und reicher Erfindungsgabe.

Und auch in dieser Seele brannte ein Altar. Das war die Liebe zu seinem
heimatlichen Westfalen. Stunden des Heimwehs hatte er, da die Augen ihm
bergingen. Dann wetterte er gegen sich selbst. Er, sentimental, er, den
sie die Maschine nannten! Doch dies Gefhl ertrank erst wieder in dem
groen Schmerz um die groe deutsche Heimat.

Das Westfalenland, das Sachsentum, es schlang ein zrtliches Band um die
ungleichsten der Brder, um ihn und Kunz Rutenberg.

Er, der Mathematiker von Geblt, und Kunz der geschworenste aller
Zahlenfeinde, der einmal erklrte: Es mu ein Leben nach dem Tode
geben! Ich mu mir -- mu mir den Mann bei Licht besehen knnen, der die
Logarithmentafeln gebaut hat!

Kunz mit den frischen Backen, mit den munteren roten Blutkrperchen,
trotz dem Elend, das auch an ihm fra, nicht weniger als an den
Kameraden. Er war ganz gewi nicht der leichte Obenauf. Genug des
schweren niederschsischen Sinnes war seinem jungen Frohmut beigemischt.
Und wenn die anderen sich mehr an ihm freuen und ber ihn lachen
wollten, als er hergeben konnte, durfte er ernstlich sagen: Kinder --
wenn ich auch der Clown bin in eurem Zirkus, Komiker sind keine lustigen
Menschen!

Das ist ja wahr, der Versunkenheit und dem Kultus mystischer Weltflucht,
dem sein Stubengenosse Gisbert oft genug erlag, setzte er leicht eine
unbarmherzige Frhlichkeit entgegen. Nicht mit bser Absicht -- dann
htte in Gisbert irgendeine wenn auch noch so unbewute Komdie am Werke
sein mssen. Und dessen Sauberkeit ahnte nun ganz und gar nichts von
Pose. Es geschah aus einer unwillkrlichen aber um so lebhafteren
Reaktion, die Kunz selber schmerzte. Namentlich dann, wenn sein bermut
eine Ironie hineinpfefferte.

Gisbert, gewi der zarteste von ihnen allen, hatte im Kriege das
Schwerste durchgemacht. Vier Tage und drei Nchte lang war er
verschttet gewesen, alles um ihn war nach und nach verrchelt. Als der
einzig Lebende kam er ans Tageslicht. Die Retter betteten einen
Verklrten, in Visionen Schauernden. Als sie ihn wegtrugen, hob er den
fast schon Seele gewordenen Leib, streckte die fliegenden unkrperlichen
Hnde inbrnstig zurck -- und hauchte: Nicht fort -- ich mu -- ich
mu -- wieder hinein -- dort hab ich Gott geschaut -- --

Es stimmte schon, was Horst Oldefeld einmal sagte: Wir alle haben
Wunden, Gisbert aber hat Wundenmale.

Unter den neunzehn Mnnern, die mit den vier von ihnen selbst gewhlten
Fhrern an dem langen Brettertisch beim Morgenkaffee saen, fiel einer
besonders auf. Nicht weil er der grte und lngste war, sondern weil er
was groes in den Augen hatte. Es war in ihnen die helle Zuversicht der
kindlich reinen Gottesglubigkeit entzndet.

Er hatte die ganze niederdeutsche treuherzige Unbeholfenheit in den
schlaksigen Gliedern, ber dem kantigen, noch ganz jungen Gesicht,
leuchtete grauwei sein Haar, das eine Sappenexplosion im Schtzengraben
entfrbt hatte. Der tchtigste Arbeiter wie er der bravste Soldat
gewesen war. In den Muestunden hielt er sich viel allein, las, nein,
forschte in der Bibel, schrieb nach Hause an seine Mutter, seine Braut.
Gustav Elbenfried war Zimmermann seines Zeichens, sie nannten ihn mit
neckendem Respekt den heiligen Josef.

Das Wort fhrte von der einen Ecke aus der ranke, schmeidige Fritz
Eggert. Er war gelernter Barbier und hie darum Balbutz. Aber das
sagte im Grunde nichts von seinem Wesen und Leben. Kaum einen Beruf gab
es, den er nicht gebt htte. Durch alle Lnder Europas war er gewalzt.
Hatte auch sattsam geabenteuert, hatte in den sdlichen gelben
Halunkenlndern seinem Anfangsberuf getreu manch einen ber den Lffel
barbiert und lieber selbst Hlse abgeschnitten, als sich begaunern
lassen. Kurz vor Ausbruch des Krieges war ihm Europa zu klein geworden,
er wollte Afrika auch einmal was Gutes gnnen. So war er nach Algier
gekommen. Von da trieb es ihn, als der Kriegsruf ihn traf, zu den Fahnen
-- unter beispiellosen Listen, Finten, Entbehrungen und Gefahren
erreichte er deutschen Boden. Dies schuf ihm unter den Brdern seinen
Wert und sein Geprge.

Also Kinder, so gab Horst die Tageslosung aus, heut werden Bume
gefllt. Wenn wir bers Jahr trockene Bretter haben wollen, wird es
Zeit. Arbeitsleiter ist Elbenfried.

So war es ausgemacht und Gesetz, da bei jedem Werk der fachmnnisch
Zustndige das Kommando hatte. Fr das Gemeinsamkeitsgefhl gab es
keinen besseren Boden.

Und nun scharwerkten all die jungen fleiigen Arme in dem Kieferngehlz
am Bergeshang. Die Gedanken und Herzen schlugen fr die Heimsttte und
fr die groe Heimat.

Schwere Nebel zogen von der See her ber die Flur. In Nebel und Not war
das Vaterland. Aber hell und stark klangen durch den Dunst und Daak Sge
und Axt. Und fast froh flammten die Rufe durch die Schatten und Wolken.
Es waren die Stimmen der Arbeit.




                         Nieder mit dem Wrger!


Nebel wogten durchs deutsche Land, Nebel und Rauch von Feuersbrnsten
und Scheiterhaufen. Ein giftig schwelender Brodem zerfra die Augen, die
Hirne, die Herzen.

Baron Borkhus und Horst fuhren im Jagdwagen nach der Kreisstadt zu einer
politischen Versammlung. Der Herr kutschierte, neben ihm sa Horst,
hinter ihnen Strempel, der alte Kutscher.

Was sind wir fr ein Volk! so wlzte Borkhus an seiner Last. Da
Unsersgleichen nicht auf Erden ist, wer will es uns jetzt noch
bestreiten! Die grten Helden sind wir -- ja -- aber auch die grten
Hunde! Hat je ein Volk erst sich selbst heimtckisch gemeuchelt -- dann
sich selber begeifert und bespien -- mit einer Art Wollust schmutzigster
Exhibition sich selbst vor aller Welt an den Schandpranger gestellt! Da
selbst die schwarzen Bestien sich scheckig lachen vor unbndigem
Vergngen!

Wir sind krank -- wir sind im Fieber --

Fieber -- seit wann macht Fieber ehrliche Kerle zu Lumpenhunden!

Er war schon in der gehrigen rhetorischen Stimmung und im
ffentlichkeitsfeuer. Er brauchte auch Publikum und dessen Widerhall. Da
Horst nachdenklich schwieg, wandte er sich hinterwrts an sein Faktotum.

Hab ich recht, Strempel, oder nicht?

Komplett, Herr Baron, kaute der zurck, mit seinem breiten, malmenden
Mund.

Borkhus hatte eine Zrtlichkeit fr diesen verschmitzten, verkniffenen
alten Knaben, die Horst nicht begriff. Ihm waren in die Falten des
knochigen, eckugigen, vergilbten und gegerbten Bereitergesichts alle
Tcken der Welt gest.

Es ist gut, dachte im brigen Horst Oldefeld, dem Baron zugewandt, da
du vor der Versammlung von dem grbsten dich entldtst! Dein Zorn hat
recht, so weit Zorn recht haben kann. Denn Zorn allein kann nicht
helfen, und Hilfe ist, was wir wollen.

Horst, der selber oft genug seinen Ingrimm mit beiden Hnden bndigen
mute, blieb heute in der Ruhe und strebte in die Tiefe.

Er sprach davon, wie Deutschland von je das Schlachtfeld gewesen sei,
das blutige, das zerwhlte, nicht nur fr alle Heere der Erde, auch fr
alle groen Ideen der Welt, die alle, alle sein schmerzensreicher Scho
getragen und geboren hatte. Aufs Tiefste und Schmerzlichste zerpflgt
das Land vom Schwert und vom Geist. Alles, alles Menschliche umspannen
seine Lebenskrfte, das Niederste bleibt ihnen nicht fremd, bis zu den
reinsten Hhen beschwingen sie sich. Das Niederste, ja, warum es
leugnen? Warum muten wir uns immer wieder die Ohren und die Sinne
betuben mit dem lauten Sang von deutscher Treue! Auch deutsche Untreue
gibt es mehr als genug! Aber vom Allererbrmlichsten greift die Spanne
deutschen Wesens bis zum Erlauchtesten empor. Das ist sein Reichtum, ist
seine Gre -- das ist sein Schicksal, sein Fluch. Das ist seine Passion
und -- seine Verklrung!

So sprach Horst zu Borkhus.

Ganz gewi haben Sie darin recht, antwortete der, da wir uns immer
viel zu viel vorgesungen haben! Was wir fr Kerle seien! Wie
geruschvoll haben wir uns immer unsere Tugenden beteuert! Und mit welch
triefender Empfindsamkeit! Kam einem das alles nicht manchmal vor wie
eine knstlich auf Flaschen gezogene, knstlich kalt gestellte
Sentimentalitt, die wir festlich entkorkten, mit der wir feierlich
anstieen und feierlich uns besoffen? Als Idealisten taumelten wir uns
in die Arme! Wieviel fader Muff war doch in diesem Idealismus!

Horst sah ihn an, ein scharfes Lcheln im Auge. Und jetzt -- verfallen
wir jetzt nicht in den entgegengesetzten Fehler --?

Sie meinen?

Haben wir uns frher verhimmelt, bereiten wir uns jetzt ein System
daraus, uns selbst zu beschimpfen!

Soll das auf mich gehen? Aber ich schimpfe ja nur darauf, da wir uns
jetzt so herabziehen, und mit Schmutz beschmieren -- ebenso wie ich
darauf schimpfe, da wir selber uns einst so in den siebenten Himmel
gehoben haben! Natrlich beides aus derselben dreimal verdammten
Empfindelei! So lange wir die mit uns herumschleppen -- ehe wir diesen
schmierigen Fetzen nicht von uns abreien, kommen wir nicht wieder
fufrei auf die Beine. Wie haben unsere Feinde es geschafft! Dadurch,
da sie brutal sind -- brutal im Denken, im Handeln -- brutal ihre
Energie, brutal ihre Grausamkeit, ihre Tcke, ihre Feigheit, ihre
Verlogenheit! Noch immer hat Gewalt mit Verbrecherhnden die Weltpolitik
gemacht -- wir aber faseln, auch heute noch, von Weltgewissen. Als ob
das Gewissen der Welt nicht der schamlose Nutzen wre! Und faseln wir
nicht, keifen wir, wie Weiber auf der Treppe.

Tust du letzteres nicht selbst ein wenig, mute Horst wieder denken. Er
blickte auf den gewaltigen Mann, der in drohender Haltung neben ihm sa,
den Kopf gehoben, die mchtigen Augen geweitet, keuchend wie zum Kampf.
Ehrlich in jeder Faser -- und sah doch in seinem ehrlichen Zorn an etwas
vorbei, das er selber in sich trug.

Auch einer von denen, die so gern, so gern brutal sein wollten und
konnten es nicht. Dies unser Grimmen und Fluchen -- ist es nicht ein
Sich-Wehren gegen die weiche Stelle in uns, die wir alle haben, die nur
nicht das Mchtige werden darf ber uns, ohne die wir aber in unserem
Wesen verstmmelt wren!

Und Horst will es ihm sagen: wir werden sie nicht los unsere
Empfindsamkeit. Sie gehrt zu uns. Sie ist ein Teil unserer Kraft. So
drfen wir sie auch nicht bekmpfen, und sie und uns damit schwchen --
nur in die rechte Bahn, in den starken Strom unseres Lebens sollen wir
ihre Quellen leiten, und sie hilft uns zu unserem groen Werk. Ohne sie
knnen wir nicht siegen, sie wird dabei sein, sie mu dabei sein -- und
der Triumph der Empfindsamkeit ist auch der Triumph und die Freiheit des
deutschen Geistes, des deutschen Volkes! So werden wir siegen!

Er formte noch an den Worten, da sie eindringlich sprechen sollten, da
tauchten schon die Lichter der Stadt vor ihnen auf. Borkhus dachte an
die Versammlung und lie sich den Anfang seiner Rede durch den Kopf
gehen.

Dann wandte er sich zu Horst, mit treuherzigem Lachen und das Herrische
war im Versinken: wissen Sie, da ich einen heillosen Bammel habe?

Wovor?

Nun vorm ffentlichen Auftreten! Lieber ins Trommelfeuer, in einen
Gasangriff als auf die Rednerbhne! Ein Zustand, in dem man sich nach
einem Schlaganfall sehnt --

Dann --

Wrden Sie es lassen, wollen Sie sagen!

Ich meinte eigentlich, damit bringen Sie doch der Partei ein groes
Opfer.

Nicht so ganz. Es ist doch hier wie berall ein gehriger Schu
Eitelkeit dabei. Und der rger, da man diese Angst, diesen kleinen
Schweinhund, nicht unterkriegt. Die jungen Pferde gingen unruhig in
seiner Hand. Sehen Sie, meinen Tatterzustand merken selbst die Rsser.

In dem Gasthof, dessen Saal fr die Versammlung bestimmt war, spannten
sie aus. Der Wirt, gar nicht unterwrfig, ein trockener, grader, ernster
Mann mit soldatischem Blick nahm den Baron gleich beiseite.

Ich habe die Rednerbhne eben noch umstellen lassen.

Warum?

Sie stand doch an der Wand unter dem Altan.

Nun ja -- und?

Die Galerie hat unser Janhagel besetzt.

Ja so. Und nun meinen Sie, aller Segen kommt von oben!

Ich trau ihren Taschen nicht und nicht ihren Manieren, solange die
Berliner Hetzer hier herumwirken.

Die Hetzer. Da haben wir sie wieder. Aber in des Barons unwillig mde
Zge war jetzt etwas freudig Gespanntes getreten, eine Kampfeslust. Sein
Kulissenfieber war gebannt.

Der Saal fllte sich, Brger, Arbeiter, Frauen. Ein paar Mtter kamen
mit Kindern angeschleift. Versteckten sie dann aber, doch bedenklich
geworden, zwischen ihren Knien.

Behutsam fanden sich jetzt auch einzelne Honoratioren und Akademiker
ein, Herren vom Gericht und vom Gymnasium. Ihre Damen waren wohlweislich
zu Hause geblieben.

Gar nicht behutsam aber trat Dr. Georg Stump auf den Plan. Er gab
Deutsch, Religion und Turnen am Gymnasium, war mit seinem ungebrdigen
Draufgngertum ein Schrecken des Direktors, aber ein Abgott der jngeren
Jungen.

Er musterte die Arena, hob den kurzgeschorenen Bulldoggenkopf mit den
groen runden Augen zu der Galerie empor, auf der sich die knallrote
Jungmannschaft, von zwei Berliner Spartakisten betreut, mit
weltberlegener Grandezza hinlmmelte. Aha, sagte er sich, da seid ihr
also! Eure Anwesenheit, eure Haltung und Fhrung verspricht Erlebnisse.

Jetzt erschien ein Trupp, der auf der Galerie Bewegung weckte. Siedler
waren es, die von Hohenmoor zu Fu gekommen, zehn Mann, Elbenfried und
Eggert unter ihnen. Dankwart, der sich von seinen Tabellen nicht trennen
konnte, und Gisbert, der im Dienst war, hatten Kunz bewegen wollen,
mitzugehen. Der aber erklrte: Politische Versammlung -- nee Kinder!
Lieber 'n Geburtshilfekursus in Ostgalizien! Pfiff seinem Muz, nahm die
Bchsflinte und suchte zwischen Schnee und Mondschein jagdbares Wild.

Auf der Bhne versammelte sich jetzt das Komitee, Mitglieder der
brgerlichen Parteien, die wohlmeinend und ganz allgemein zu einer
Aussprache der Vaterlandsfreunde eingeladen hatten. Auch die
Sozialisten hatten zwei Redner gemeldet.

Vorsitzender war Herr Holzhndler Dobbertien, ein ergrauter Demokrat
guten alten Schlages, mit gesundem vaterlndischen Empfinden.
Treuherzig, gemtlich, gtig, gerecht, von erklecklicher Ruhe, der
rechte Mann am rechten Platze -- durften nur die Wogen nicht allzu hoch
gehen.

Er erffnete die Versammlung.

Mnner und Frauen, begann er. Da unterbrach ihn quarrendes
Kindergeschrei. Und Kinder mte ich eigentlich fortfahren. Aber das
knnen Sie wirklich nicht verlangen. Wir sind hier kein Suglingsheim.
Ich mu Sie bitten, die Kleinen zu Bett zu bringen.

Da klang es von der Galerie: Die haben keen Kinderfrulein zu Hause,
und der erste Kampfruf, der erste Auftakt fr die Feindseligkeiten hatte
sich eingestellt.

Die Mtter brachten die Kinder hinaus. Der Vorsitzende sprach unbeirrt
weiter. Sprach davon, da es jetzt heie, alle Mann an Bord -- alle zu
gemeinsamem Tun! Denn das Schiff sei leck gesprungen, die Stangen
niedergebrochen -- es treibe vorm Winde. Es msse, msse wieder
segelfertig werden, msse dem Steuer wieder gehorchen, sonst gerieten
wir rettungslos auf Grund und mten untergehen, allesamt. Und nur eine
Hilfe gbe es aus der groen Not, da wir allesamt Hand anlegten zu
gemeinsamem Werk. Allesamt, das wre die Losung. So htten sich hier
heute aus allen Parteilagern deutsche Mnner und Frauen
zusammengefunden, die alle Zwistigkeiten vergessen wollten und Fhlung
miteinander nehmen fr die eine groe vaterlndische Aufgabe.

Der Ton dieser einfachen Ansprache war echt und warm. In diesem und
jenem Frauenauge glnzte es feucht.

Die Worte hatten noch nicht ausgeschwungen, da sprang Dr. Stump in die
Hhe.

Darf ich ums Wort bitten -- zur Geschftsordnung!

Bitte!

Oder vielmehr zur Hausordnung. Es ist nicht angemessen und nicht
gebruchlich, da in solchen Versammlungen geraucht wird.

Quatsch! schmetterte einer von oben.

Ich ersuche den Herrn Vorsitzenden, im Interesse der Redner das Rauchen
zu verbieten. Georg Stump war selbst ein leidenschaftlicher Raucher. Er
rgerte sich, da er sich anstndig benahm, whrend die anderen pafften.

Der Vorsitzende zauderte. Seine Unentschlossenheit entfesselte die
Galerie.

Rauchfreiheit! brllte einer. An alles wird Freiheit als Schwanz
gehngt. Und ein anderer schrie gebietend: Wenns mir roochert, rooche
ich!

Abstimmen! Abstimmen! riefen nachdrcklich ein paar Volldemokraten von
der heiligen Majoritt.

Die Glocke des Vorsitzenden drang durch. Ich will kein Verbot
aussprechen, erklrte er mit richtiger Taktik, ich bitte die
Anwesenden im Interesse der Redner und der Damen --

Weiter ging es nun wirklich nicht. Warum mute Vater Dobbertien auch so
altfrnkisch sein!

Die Damen schmkern ja selbst! mute er sich von unten belehren
lassen, wo mehr als eine ihre Rauchkringel durch die Luft drehte.

Horst schttelte bedenklich den Kopf. Der Kasten wackelt, ganz
lcherlich wackelt er. Wenn es so weiter geht, fllt er zusammen.

Immerhin erreichte die Ermahnung des Prsidenten, da die meisten ihre
Zigarre beiseite legten. Nur die souverne Lebensart der Bergpartei
lachte ob so zager Rcksichtnahme.

Ich werde als ersten Redner jetzt Herrn Baron von Borkhus das Wort
erteilen, bestimmte der Versammlungsleiter. Das werde war falsch. Es
lie Mglichkeiten offen.

Ein Murren rollte dumpf -- dann durchschnitt wieder der unsterbliche Ruf
zur Geschftsordnung! die sich spannende Atmosphre.

Ein Sozialist erhob sich. Wir sollten doch nicht in den alten Fehler
verfallen. Es gbe keine Privilegierten mehr, und da jemand, der der
alten Oberschicht angehrte, den Vortritt vor den anderen Rednern htte,
entsprche nicht dem Geist der Zeit.

Mehrfache Bravos stimmten ihm zu. Aber gerade aus dem sozialistischen
Heerbann erstand ihm ein Widerpart. Die Herren vom berwundenen
Standpunkt sollten sich nur zuerst aussprechen! Es wre schon die
richtige Anordnung: erst die alte, veraltete Zeit -- dann die neue! Der
das letzte Wort gebhre.

Und noch ein Dritter wollte hierzu reden. Horst schlug sich aufs Knie,
da es knallte.

Ein junges Mdchen, das neben ihm sa, machte eine unwillige Bewegung.
Er hatte sie bisher gar nicht bemerkt. Jetzt wandte er sich wie zur
Entschuldigung an sie: Sind wir nicht wieder einmal unsglich deutsch!
Vor lauter Geschftsordnung kommen wir nicht zum Geschft.

Ein Paar groe Schwrmeraugen glhten ihm ins Gesicht. Ein heier,
hhnischer Mund sprach: Deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff.
Dann drehte die Sprecherin sich ablehnend zur Seite.

Eine Deutsche war sie -- nicht die Spur eines fremden Lautes war in
ihrer Mundart. Und nun diese leidenschaftliche Absage! In den Worten
schlug Stahl auf Stein -- wie sprhten die Funken!

Horst lehnte sich lchelnd zurck -- womit hatte er solchen Zorn erregt?
Und sprte den flammenden Odem einer fremden Welt.

Er besah sich die feindliche Nachbarin. Was mit den Augen, diesen
brausenden Feuern, sich gegen ihn gewandt hatte, war ein ziemlich
breites Gesicht gewesen, mit vollen Nstern und fleischigen Lippen.

Wie zart dagegen, wie fein und edel die Linien des Profils. Ein Genu,
sie mit den Augen nachzuzeichnen. Der schlanken Biegung des Nackens zu
folgen, bis zu dem schweren, dunklen Haarknoten.

Der ganz erlesene Geschmack ihrer schlichten schwarzen Kleidung zog die
Gedanken noch lebhafter an.

Wer war sie?

Aus seiner Frage warf ihn ein Tumult.

Sie saen immer noch in der Geschftsordnungsdebatte. Da war in der
anderen Ecke des Saales jemand aufgesprungen. War dann auf den Tisch
gestiegen, eine junge, knabenhafte Gestalt, und eine helle, schmetternde
Stimme verkndete: Was treiben wir hier fr Albernheiten! Was dreschen
wir hier fr Stroh!

Sie haben nicht das Wort, rief eindringlich der Vorsitzende.

Drauen strmt der Geist der Zeit! gellte die Stimme ungestrt weiter.
Die neue Revolution! Die volle Arbeit macht! Ohne die falsche verlogene
Sentimentalitt! Die uns die erste verpfuscht hat! Das Chaos brauchen
wir! Fr die neue Saat --

Die Neugierde und Spannung hatte dem eigenwilligen Redner Frist gewhrt.
Jetzt drang der Unmut der Ordnungsliebenden durch. Die Glocke vom
Vorstandstisch bertnte die schreiende Willkr des einen.

Und nun geschah etwas Bezwingendes mit frhlichem Einklang. Der Riese
der Stadt, ein mchtiger Bierfahrer, nahm schmunzelnd den immer noch
Redenden wie ein Kind auf den Arm und setzte ihn vom Tisch.

Ein Lachen ging durch den ganzen Saal, das die Galerie auf eine Minute
wehrlos machte. Dann setzten die wilden Rufe ein: Ausreden lassen! --
Redefreiheit! -- Haut den langen Laban! Aber sie verpufften in dem
Raum, den der Humor ausgepolstert hatte.

Herr von Borkhus aber durfte der Erwgung sich berlassen, ob es noch
ernstlich lohne, hier ernstlich zu reden! Eine Versammlung? Nein, ein
zwangloses, durch Ulk gewrztes Beisammensein! Der kleine Schweinhund in
ihm gab ihm sehr lebendig recht. Aber schlielich, die Menge wollte ihre
Sensation. Die zu Gast geladenen wollten ihr Bratenstck. Schon griffen
aller Augen nach ihm, dem unleugbar Kraft- und Saftvollsten unter den
Politikern hier, dem Gefeierten und Gescholtenen, dem Verehrten und
Gehaten. Sie alle wollten ihn hren, die Freunde und erst recht die
Feinde.

So trat die groe schwere Stille ein, als der Vorsitzende verkndete:
Das Wort hat jetzt als erster Redner Herr von Borkhus!

Der Redner erhob sich langsam und trat ruhig vor mit seinen wuchtenden
Schritten. Die Nerven schlugen in dem mchtigen Krper -- in gleichem
Ma schwangen die Fieber all der Menschen, die da unten sich ihm
entgegenspannten. Die Fhlung war hergestellt, der Gleichtakt der Pulse
in Liebe und Ha.

Mit Orgelklang umfing die Hrer das schwellende Organ, und etwas wie
Feier war in dem, was er sprach.

Volksgenossen! Dies ist das deutsche Schicksal, dies der Herzschlag der
deutschen Geschichte: da nichts auf der Welt die Kinder der deutschen
Erde ber alle die Unterschiede, die die einzelnen voneinander trennen
oder gar miteinander verfeinden, zu einer festen Gemeinschaft
zusammenschlieen kann -- nichts auf der Welt, als das grimmigste Leid!
Immer nur aus der tiefsten Not wird unsere Einheit geboren. Wann aber
ist unsere Not je so tief gewesen wie heute? Wann hat sie sich je so
tief in unsere Seelen eingefressen -- wann war ihr jemals soviel Schmach
beigemischt! Und darum mssen gerade unsere Tage, trotz aller Wirren und
Zerwrfnisse, uns in eine Zusammengehrigkeit schmieden, wie unsere
Geschichte sie noch nicht gesehen hat! Unsere Zusammengehrigkeit -- das
ist die groe lebendige Macht, das ist der mchtige lebendige Wall, den
wir der Hrigkeit entgegenzusetzen haben, mit der die Feinde uns
bedrohen!

Mit lautem Bravo grten diese Rhetorik Gesinnungsgenossen und Freunde
der Wortprgung. Aber solche allzu frhe laute Anerkennung war
bedenklich. Schon kam Bewegung in die Reihen der Gegner. Horst sah, wie
es im Nacken seiner Nachbarin zuckte, wie feindlich die Nasenflgel
witterten. Die Lippen zogen sich kurz zusammen und entblten die
spitzen, grausamen Zhne. Ein bses schnes Raubtier spannte sie sich.

Der Redner sprte die Wellenbewegung wohl -- er wollte sie zwingen!

Er sprach mit Hingebung von der Nation -- da das Volkstum erst das
Leben des Staates sei. Es sei aber auch das Leben der Menschheit. Eine
andere Menschheit als die der Vlker gbe es nicht. Nur als Deutsche
sind wir Menschen und knnen wir Menschen sein.

Hier fingen die Internationalen an, sich gemaregelt zu fhlen, und ein
schon lebhaftes Murren rollte dumpf durch den Saal.

Der Redner wute, da er ein heikles Gebiet betreten hatte, aber die
Gefahr steigerte und strkte ihn. Mit hoch erhobener Stimme fhrte er
den Hammerschlag: Und wir -- wir Deutsche haben unsere Menschenwrde
nur in unserem deutschen Empfinden!

Das schmetterte nieder auf die empfindlich gewordenen. Ein dumpfes
Aufsthnen von Zorn und Wut -- dann brandete lauter Unwille gegen die
Rednerbhne. Die Geister erhitzten sich mehr und mehr und hetzten sich
leidenschaftlich auf. Menschenwrde -- dies Wort wurde zum Verhngnis.

Du willst von Menschenwrde reden! rief es von oben, und dann brllte
einer durch den Saal: Du Wrger!

Jetzt hatten sie den Kampfruf, den vernichtenden! Und wieder schrie es:
Wrger -- und dann tobten sie da auf der Galerie im Chor und im Takt:
Wrger! Wrger! Wrger!

Borkhus zuckte zusammen, schmerzlich wild weiteten sich seine mchtigen
Augen. Wie Messer stachen die Rufe weiter auf ihn ein, da die Tobenden
sahen, da er litt! Die Grausamkeit berauschte sich. Die Bestie hatte
die Pranken gezuckt. Blutdunst legte sich auf die Sinne.

Alle hatte es aufgezogen von ihren Sitzen. Die einen zum Sturm, die
anderen zur Wehr.

Eher als Horst war seine Nachbarin aufgesprungen. Ihre Glieder flogen,
Stichflammen brachen aus ihren Augen, durch die Lippen ging ein
zitterndes Schlrfen. Die ganze Gestalt war verzckte Gier. Ihm erschien
sie fast als Dmon dieser Stunde.

Ihre Finger krallten sich um die Stuhllehne -- im gleichen Augenblick
brach und splitterte Holz auf dem Balkon -- Borkhus, der unter der Wucht
des furchtbaren Wortes sich gebeugt hatte, war jetzt aufgereckt -- die
Arme gestreckt, die Brust geweitet, wie zum Kampf trat er an den
uersten Rand der Bhne.

Da in tosendem Wettersturm brach es ber ihn her, Trmmer von Sthlen
prasselten von der Galerie auf ihn nieder, zerschlugen ihm Kopf und
Gesicht -- ber Augen und Schlfen rann ihm das Blut.

Frauenstimmen kreischten und gellten auf.

Horst war gleich an des Wunden Seite. Auch ihm flogen noch Geschosse auf
Schulter und Nacken.

Schon aber war Dr. Stump fast ber die Kpfe hinweg zur Tr geflogen --
fnf von den Siedlern, der Balbutz und der heilige Josef voran, brachen
ihm nach -- sie wollten die Burschen da oben einsperren und dingfest
machen.

Im Saale brauste das Meer. Die Glocke des Prsidenten, immerfort
geschwungen, hauchte sich aus in klglichem Wimmern. Ein Fels in der
Brandung, stand der Riese, der Bierfahrer, die machtvollen Flossen
gehoben, drohend und beschwichtigend zugleich. Sie sagten, was Worte in
dem Tosen nicht vermochten; hier unten Hnde in Ruh!

Die einzelnen Gegner standen wie die jungen Hhne, Auge in Auge, Nase an
Nase -- sie zischten, schrien, keuchten sich ihre Wut ins Gesicht --
aber die Fuste blieben gebndigt.

Und das rinnende Blut dort oben beschwor. Allmhlich ebbte die Zornflut
ab --

Da tnten Schsse auf dem Gang -- wieder die gellenden Frauenschreie im
Saal -- mit Schreck und Grauen zog vollends die Besinnung ein.

Drauen aber zerstob ein erbittertes Handgemenge -- die eingeschlossenen
hatten den Treppenausgang forciert, brachen mit bermacht durch, einer
scho auf den feindlichen Stotrupp, Dr. Stump kriegte einen Streifschu
am Ohr -- was seine Fuste den Fliehenden mitgaben, wurden die in
Monaten nicht wieder los.

Herr von Borkhus wurde von einem Arzt, der zur Stelle war, im Wohnzimmer
des Wirtes verbunden. Horst, der Handreichung leistete, blieb an seiner
Seite. Im Saal verliefen sich die Wasser. Ein Pltschern war es nur noch
-- schon konnten sie ber das Geschehene sprechen, das hinter ihnen und
unter ihnen lag.

Der Wirt besah sich den Schaden, auf der Galerie, auf der Bhne, und
drehte das Licht aus. Nur eine mde Flamme ber dem Podium blieb
brennen.

Und aus dem Dunkel, wie ein Spuk, schlrfte ein altes gebcktes Weib mit
Scheuertuch und Eimer. Stieg keuchend auf die Bhne und wusch
kopfschttelnd und brummig das Blut von den Dielen.




                       Frei und gut ist dasselbe


Es war nicht weit von Mitternacht, als Herr von Borkhus mit Horst den
Wagen wieder bestieg. Strempel mute fahren.

Der Mond leuchtete die menschenleere Strae ab. In dem Torweg, dem
Gasthof gegenber stand eine Frauengestalt.

Ein junges schlankes Weib -- mehr konnte Horst nicht erkennen, zumal der
Verwundete ihn in Anspruch nahm. Dann aber, da sie abfuhren, blitzte es
ihm durch den Sinn: das ist deine Nachbarin, wer sonst! Was will sie
hier! Und wieder: wer ist sie? Wollte sie sehen, wie es mit dem
Verletzten stand? Um den sich sonst, im ganzen Orte niemand mehr
kmmerte? Sie als die einzige -- was trieb sie dazu?

Borkhus hatte sich lngst wiedergefunden. Die Schmerzen drckten ihn
nicht nieder, sie hoben ihn. Da er selber litt, daran wuchs seine
Kraft, sein Trotz, das bannte den Schatten.

Ich wrde es immer wieder tun, sagte er, der Wrger, frei und stark.
Wer mir an die Offiziers- und Mannesehre geht -- wie ich ihn fasse, so
mu er dran glauben! Immer tt ich es wieder!

Jetzt dachte er an die vielen beschimpften, entehrten Kameraden. Und
das tat ich fr euch alle!

Horst sann nach und nickte dster und sprach: Da wir zum Symbol werden
-- jeder nach seines Wesens Bestimmung -- das ist unseres Lebens Sinn!

Borkhus nahm seine Hand. Das ist das Wort! Zum Symbol werden! Wie ein
Ruf erging es an mich! Welt gegen Welt! Und -- ich konnte gar nicht
anders.

Es war dann, als kme Mdigkeit ber ihn. Wieder aber regte er sich
lebhaft, und es klang frhlich: War ich nicht heute abend auch ein
Sinnbild: zerschlagen von den Stuhlbeinen der Galerie! Gibt es was
Erhabeneres? Hten Sie mich Horst, da ich nicht grenwahnsinnig
werde!

Doch jetzt brauchte er seine Ruhe und sprach nicht mehr.

Horst aber tauchte zurck in den Abend, mit Trauer, Schmerz, mit Zorn
und mit Scham.

Deutschland -- machst du es deinen treuen Shnen nicht allzu schwer?
Sind deine Feinde, deine Folterknechte dir nicht blutig, nicht roh,
nicht feige, nicht heimtckisch genug -- mut du dir selbst der
tckischste, der feigste Feind von allen sein!

Ein deutscher Mann spricht die selbstverstndlichen deutschen Worte! Er
sagt, da du, Deutschland, deutsch bist und deutsch sein mut. Was
geschieht? Er wird aus dem Hinterhalt gemeuchelt!

In welchem Lande der Welt wre so etwas denkbar -- dann vor allem
denkbar, wenn die Feinde, schlimmer als es im Kriege geschieht, dieses
Land zerfleischen und zertreten! In Guatemala nicht, bei keinem Stamme
der Maoris!

Soll man sich immer wieder damit trsten, da du das Land ohne Beispiel
bist, ohnegleichen im Groen wie im Armseligen, im Guten wie im
Verruchten? Und wie lange soll dieser Trost vorhalten?

Ist es zu verwundern, wenn man schlielich da landet, wo diese
rtselhafte Fremde sich angebaut hat? Wie sagte sie doch, hhnend und
hart: Deutsch ist mir ein zu unwesentlicher Begriff!

International also -- pazifistisch -- eine Kommunistin offenbar.
Freilich, er hatte sich die Petrolsen anders gedacht.

Ob sie in der Stadt ansssig war? In der, wie er wute, seit geraumer
Zeit ein Agitationsherd brannte, mit lichterlohen roten Flammen.

Ihr Gesicht wurde ihm lebendig. In diesem reizvollen Gegensatz zwischen
seinem Vorn und der Seite. Diese fast derbe, sinnlich grausame
Leidenschaftlichkeit der vollen Zge -- so viel feine sprde Geistigkeit
im Profil. Und in dem Ausdruck des Ganzen ein Schmerzliches -- zu der
flammenden Anklage eine stille Klage.

Jetzt war er dicht daran, sich auszulachen. Faselt dir nicht deine
Fantasie was vor? Deine Weibentwhntheit treibt mit dir ihren
Schabernack, den sie als weiberfest dich rhmen.

Zum Teufel mit dem ganzen Weiberkram! Da der sich immer wieder
ungerufen melden mu! Und ist doch kein Platz fr ihn, jetzt in dem
Siedlungswerk.

Er denkt an die Genossen, die heute auch dabei waren -- die sich wieder
mal einsetzten mit Leib und Leben, wenige gegen viele. Da man an diesen
deutschen Jungen seine Freude hat, ist das nicht der Inbegriff!

Wre es nur nicht deutsch gegen deutsch gegangen! Gegen undeutsch, ja!
Aber gegen dieses Undeutsch, das nun einmal so verteufelt deutsch ist!
War so und wird so sein! Ist unser Fluch! Und stammt aus unseres Wesens
Tiefe!

Und wieder schlug ihn der groe Schmerz. Und der Schmerz schlug ihn
hart.

So heit es aus dem Fluch Segen bereiten! Vielleicht, da wir sonst
einschlafen wrden und in Faulheit ersticken! Nun heit es fr uns,
nimmer mde sein! Wachen und schaffen! Und schaffen und wachen! So heit
es! Und so soll es sein!

Horst fand die Freunde und die ganze Mannschaft noch auf den Beinen.
Fast gleichzeitig mit ihm waren die Fugnger eingetroffen. Jetzt ging
es an ein Erzhlen. Horst lie mit Bedacht den Genossen das Wort.

Der Balbutz bernimmt freudig den Bericht. Schildert mit einer
Anschaulichkeit, die keine falschen Farben ntig hat, der Handlung
Verlauf. Bemht sich sachlich zu bleiben, bis der Schlu mit seiner
Klopffechterei ihm Gemt und Stil bewegt und die Schleusen seines
Wortschatzes zieht.

Die feigen Halunken und elenden Hundeseelen -- diese Ausrufe seines
Zornes wecken Widerspruch. Mulitz, der Maurer, schttelt den breiten
Kopf, in den eckigen Augen zuckt etwas auf. Das mut nicht sagen,
Balbutz! Ein paar hatten einen Mordsschneid! Und -- Gesinnung ist
schlielich Gesinnung.

Gesinnung -- Stuhlbeine -- viele gegen einen -- der ahnungslos und
wehrlos ist -- das ist Gesinnung? Schweinkram ist es!

Fnf stimmen ihm lebhaft zu. Andere nicken gelassener. Einer ruft: der
heilige Josef soll reden! Bei dem geht es ins Hhere und Tiefere, aber
sowas wollen sie jetzt.

Gustav Elbenfried errtet wie ein Mdchen. Ich soll --

Ja, du sollst, rufen jetzt viele.

Der also Bestellte rudert mchtig mit den Armen durch die Luft, wie ein
groer Vogel, dem der Aufflug nicht gelingt. Dann erst kommt er in
Schwung, und seine Kinderaugen leuchten innig auf.

Ihr hrt von mir immer das alte Lied. Was ist Schuld an dieser Tcke,
an diesem bsartigen Ha? Das, was die ganze Welt krank macht und
verdirbt. Das Geld ist es, der Reichtum. Vom Geld kommt deshalb alles
ble, weil es das Lieblose ist. Darum macht es die Menschen bse.
Christus wute schon, was er vom Reichtum sprach. Was hat die Kirche,
die selber Schtze sammelt -- was hat sie von je gerade hieran
herumgedeutet! Aber dies Wort mssen sie doch lassen stahn!

Gisbert ist zu dem heiligen Josef getreten. Er sieht in der einen Ecke,
wo der Schreiber Metzling sitzt, so etwas wie mitrauische Blicke.
Unterschicht -- Oberschicht. Als ob die Offiziere schwiegen, um die
Leute auszuhorchen. Nun nimmt er selbst das Wort. Er spricht schlecht,
aber in dem, was er sagt, ist seine Seele.

Da Elbenfried recht habe! In Reichtum und Macht kann niemals der Mensch
sich ausleben, sich ausstrahlen, sich verwirklichen! In seinem Besitz,
in seinen Genssen, ist er auf sich selbst beschrnkt, sein eigener
Gefangener. Und so verdorrt er. Darum -- er mu, mu heraus aus seinem
Selbst. Nur so wird er frei, nur so wird er gut -- denn frei und gut ist
dasselbe. Und so befreit, in selbstloser Hingabe und Gte, gehren wir
nicht uns, gehren wir allen. So erst sind die Kerkermauern unserer
Endlichkeit durchbrochen. So erst haben wir teil an dem All, so erst
sind wir vereinigt mit dem Wirken des Ewigen.

Dankwart rckt auf dem Stuhl, als brenne Feuer darunter, in seinem
schweren Augenlid wettert es mit Macht.

Kunz aber springt in die Hhe. Seine Glieder fliegen. Etwas
Ungebndigtes zittert in seinen heien Augen. Alle und das All --
wollen wir herumhampeln im luftleeren Raum! Wollen wir im ther
vereisen! Deutschland ist das All! Wit ihr, da wir die Feinde im Lande
haben -- den Franzmann im Lande haben! Da er uns das Mark aus den
Knochen zieht! Und da wir wehrlos sind! Entwaffnet! Entwaffnete
deutsche Mnner! Knnt ihr das aus- und zu Ende fhlen! Wollt ihr
darber eure sdasiatische Weisheit kleistern! Das eine will ich jetzt
wissen, ist ein einziger unter uns, der heut und morgen, so lange er
lebt und leibt, nicht mit Jubel und Hurra und Hosianna dem Landesfeind
an den Kragen geht, sobald der Tag der Erlsung naht! Und sich darauf
freut! Das sollt ihr mir jetzt sagen -- Du, Gisbert -- und Gust
Elbenfried, Du -- und Du, Maurer Mulitz. Seid ihr bereit und freut ihr
euch darauf?

Die Antworten waren ehrlich und schnell. Das ist ja ganz was anderes!
-- Selbstverstndlich ist das! -- Und natrlich freut sich jeder
darauf!

Gut, sagte Kunz und wischte sich die zornig feuchten Augen, und es
lste sich aus ihm wie ein Schluchzen. Nach eurer Religionsphilosophie
brauchte ich das. Ich mute das hren! Ich wre sonst nicht einen Tag
lnger in der Gemeinschaft geblieben.




                               Frau Tilde


Mit dem Morgengrauen waren sie wieder alle Mann beim Bumefllen. Auch
Gisbert tat heute hier Arbeit, und er tat fast des Guten zu viel. Was
seine feinen Glieder hergeben wollten, holte er heraus. So
leidenschaftlich war er am Werk, mehr als einmal mute Elbenfried, der
Arbeitsfhrer, ihm Ruhepause auferlegen. Sie wuten alle -- und alle
waren ihm herzlich zugetan -- wie sehr er noch immer seine Krfte zu
schonen hatte.

Kunz war schlecht gelaunt. Er war heute beim Mundaussplen zu kurz
gekommen. Denn mhsamer als je war das Weckeramt von Gisbert und Muz
verlaufen. Unruhige Trume hatten ihn allzu schwer heimgesucht.

Dir verdanke ich das, so klagte er Gisbert an, Dir und Deinem
Hindutum. Die ganze Nacht habe ich es mit der Seelenwanderung gehabt.
Und Muz, der auf nchtiger Insektenjagd mit den Schenkeln die Diele
klopfte, gab den Takt dazu. Wisse es: meine Seele fuhr in einen Floh.

Oh! echote Gisbert munter.

Auf Muzens Fell trieb ich mich um, und in was fr einer Gesellschaft --
was fr schwarze Seelen waren da beisammen! Weibliche zumeist. Da war
die Frau Potiphar und Herodias und Messalina und die Maintenon und Ninon
de Lenclos, Lola Montez und die Pepita. Die faten sich an und tanzten
um mich herum im Ringelreihn. Und die dicke Messalina zog mich beiseite.
>Was bist Du fr ein ndlicher kleiner Flohhengst<, sagte sie, >aber so
schchtern! So schchtern!< Und wei Gott, ich wurde verlegen. Floh sein
ist schon nicht so leicht. Aber ich sag euch, ein Floh in Verlegenheit
--! --

Die zuhrten, muten lachen. Auch Muz freute sich. Und tat, was er dann
immer tat. Er drehte sich um sich selbst im Wirbel und spielte Greif mit
seinem Schwanz.

Gisbert aber hatte genug. Er sphte, wo er sonst Hand anlegen konnte,
und brachte sich auf Hrweite in Sicherheit.

Du -- Gisbert -- das Wahre kommt ja erst! rief Kunz ihm nach. Aber
Gisbert schlug schon mit der Axt, und die Spne sprangen.

Kunz sgte mit dem Balbutz. Da waren die richtigen Kumpane beisammen,
doch die Arbeit flog.

So sind sie nun, die Bramaputraleute. Kunz schnob vor sich hin. Jedes
Lebewesen ist heilig! hat er mir eingeprgt. Und wiederum hat er mir
eingeprgt: in jedem unserer Trume ist eine Wahrheit. Nun also! Und
jetzt nimmt er Reiaus vor seiner eigenen Glaubenslehre.

Gisbert lie im Arbeitseifer nicht nach. Eben weil sie ihn fr einen
Trumer hielten -- wie gern nannte Kunz ihn die Lotosblume -- eben
deshalb wollte er hier seinen Mann stehen.

Horst nahm sich den heiligen Josef vor. Wir mssen uns nach dem
Befinden unseres Patrons erkundigen. Wollen wir nicht unseren Gisbert
dazu bestimmen! Er ist ja wie im Fieber und schuftet sich hier glatt
zuschanden.

Gisbert zuckte mit den Brauen bei dem Auftrag -- er fhlte eine
Bevorzugung und Entlastung. Aber die Disziplin sa ihm im Blut. Das Wort
des Werkfhrers galt. Nun war er auf dem Weg nach dem Gutshaus. Bald,
nach einer kleinen Stunde schon, kam er zurck. Wie schreitet er blo,
dachte Kunz. Als ob er auf Wolken wandele. Und weiter forschte Kunz, der
ihn so gut kannte: Was hat er in den Augen? Ist das nicht wie ein groer
seliger Schreck?

Und dann bestellte Gisbert, dem Herrn von Borkhus ginge es gut, seine
Tochter, Frau von Mnkhov wre gekommen. Beide bten Horst, Dankwart,
Kunz und ihn selber, abends eine Tasse Tee im Gutshaus zu trinken.

Die Tochter des Herrn von Borkhus -- nun wute Kunz, wovon sein Gisbert
so selig, bis in die Seele erschrocken war. --

Sie machten sich fein zu dem Abend, Horst, Gisbert und Kunz. Dankwart
konnte von seinen Modellen und Tabellen nicht fort.

Borkhus war auf den Beinen und empfing sie. Seine schweren Augen
leuchteten gesund unter dem weien Turban des Verbandes.

Der Aderla hat mir gut getan, sagte er. Meine Ischias hat sich
verblutet. Ich kann laufen wie ein besserer Fabinder.

Und dann hatte er seine Tilde bei sich, seine Tochter.

Sie hatte etwas still Verhaltenes, fast mdchenhaft Scheues, diese
schlanke, zarte, grougige Frau, als sie den Herren gegenbertrat. Mit
kindlich verlegener Bewegung strich sie die Strhne zurck, die aus
ihrem reichen hellbraunen Haar sich lste.

Was sagt die Welt, so erklrte der alte Herr die Sachlage, die
wildesten Gerchte ber mich verheeren das Land! Setzt sich dieses
Mdchen nicht -- und sie soll Haus und Hof hten, denn ihr Mann ist
nicht daheim -- setzt sie sich nicht vor Morgengrauen in den Schlitten
und lt die Traber glattweg die fnfzig Kilometer fressen!

Es ist eine glnzende Bahn, entschuldigte sich Frau Tilde. Und auch,
wenn wir die nicht htten -- sie fate still ihres Vaters Hand.

Die drei jungen Mnner musterten sich. Wie verndert sie waren! Welch
ein Glanz auf ihnen lag, welche Farben sie trugen -- von dem Wesen der
Frau. Sie, die das harte, graue, lichtlose, lustlose Barackenleben
einschlo. Nun rieselte es ber sie von der hellen Wonne.

Und listig lauerte auch wohl jeder, wie die anderen ihre eigenen Farben
spielen lieen, zum Werben. Nur da Gisbert sich schnell und ganz begrub
in die Mrchenferne dieser Frauenaugen.

Worber sprachen sie bei Tisch? ber Deutschlands Wunden, in der Andacht
ihres Schmerzes. Von ihrer Unfreiheit, ihrer Knechtschaft, ihrer
Schmach. Frau von Mnkhov sagte: Nun haben wir es nicht mehr, das
stolze Wort: mein Haus ist meine Burg. Jetzt mssen wir uns schon an
Meister Ekkart halten, der uns lehrt, da unsere Seele unser Brglein
sei.

Wie schwang und klang es in Gisbert auf. Welch ein Lichtband schlang
sich um ihn und diese innige Frau.

Horst aber gab seine harte Zweckmigkeit darein: Nur sollen in diesem
Brglein nicht zu viel der frommen Trume umgehen.

Ihnen ist es ums Schaffen. Mir auch. Aber das bleibt nun die Wahrheit:
produktiv sind wir nur solange als wir religis sind.

Kunz aber kaute schon wieder an seinem Zorn. Da wir uns vor lauter
Geistigkeit nicht zu lassen wissen, das ist unser Verderb!

Und der alte Herr, in einer Art mitleidiger Angst, meinte: Gut, da
Achim, Dein Mann, Dich nicht hrt! -- Fr den war Religion das rote
Tuch. Religion, so nennen die Menschen ihre Alterserscheinung --!

Mit Achim von Mnkhov kamen sie zu den Tagesereignissen. Er hatte seinen
Koch auf den Schub gebracht, und der spielte jetzt in der Kreisstadt
unter den Radikalsten eine Hauptrolle.

Der Vater wollte Einzelheiten hren. Hier griff die Politik in die
Familie. Zgernd und ungern erzhlte Frau Tilde. Der Mann sei von Tag zu
Tag aufsssiger geworden, bedrohlich zuletzt. Da habe ihn Achim
kurzerhand hinten am Rockkragen genommen, ihn vor sich her immer mit
steifem Arm, zum Hause hinaus ber den Hof bis zum Tor geschoben. Und
ihm unterwegs in seiner eiskalten Ruhe gesagt: Zum Lohn fr Ihre
unvergessenen Wildpasteten besorge ich dieses eigenhndig.

Die Zuhrer wollten dies als ein sehr sauberes Stcklein gelten lassen.
Tilde aber schttelte ablehnend den Kopf. Nichts auf der Welt macht so
bses Blut wie diese blen Handgreiflichkeiten. Und wollen wir uns
untereinander denn immer mehr erbittern!

Ihre Augen mchten der Mrtyrerkrone ihres Vaters liebes erweisen. Aber
dann erschrak sie vor dem Schatten in seinem Blick. Und der Gedanke an
seine eigene schwere Tat trbte ihr den Sinn. War es nicht die wildeste
aller Handgreiflichkeiten, was auf ihm selber lastete?

Aber schon war Kunz zur Stelle. Gndige Frau, es gibt einen alten
niederschsischen Spruch:

   Wur all dat anner beden nich dest,
   dor beden am besten de beiden Fest.

Diese betenden beiden Fuste -- sie gehren nun einmal zum Inventar der
deutschen Welt. Und fr mich gibt es keine Religion ohne die. Mir soll
nun einmal keiner den Christus nehmen, der das Schwert gebracht hat und
dem seine Mannen Heeresfolge leisteten! So wenig wie den Gott, der Eisen
wachsen lie.

Sie sah den Sprechenden an mit ihren weiten Augen, nicht verweisend,
nicht zustimmend, gtig und doch fern. Vielleicht bin ich zu mde
geworden fr das alles. Sie mute wohl diesem lohenden Kreise die
Blsse erklren, die sie selber fhlte. Vielleicht habe ich mich erst
zu erholen von den vier langen Jahren der Angst. Um die vier, die ich im
Felde hatte. Von denen zwei nicht wiedergekommen sind.

Die zwei waren ihre Brder. Der Vater legte die Hand auf ihren Arm. Sie
strich sich das Haar aus der Stirn. Ihre Augen blieben tapfer.

Dann suchten und fanden sie alle festen und gesunden Boden in dem
Nchstliegenden, dem Siedlungswerk.

Frau von Mnkhov begann sich fast freudig zu beleben. Jeder Winkel des
Gelndes war ihr vertraut. Sie machte Horst noch besonders auf eine
Mergelgrube aufmerksam, die lngst nicht richtig ausgenutzt sei. Wobei
ihr Vater das komisch lange Gesicht eines Getadelten aufsetzte.

Diese groen Augen der stillen Frau, sie waren jetzt heimgekehrt aus
ihren Fernen, sie hatten einen nahen vertrauten Glanz gewonnen.

Gisbert sa wie ein Betender.

Und jetzt fragte sie fraulich, mtterlich nach dem Wohngela der
Siedler.

Wir haben es sehr gut, sagte Horst.

Wunderbar haben wir's! erklrte Gisbert. Ihm hatte schon ihre bloe
Frage aus dem Holzstall ein Feenschlo bereitet.

Nur Kunz machte ein beschauliches Gesicht. Ich wei nicht, bemerkte
er, ob es fantastisch ist, bei einer Bettstatt an gehobelte Bretter zu
denken. Ein so rhriger Schlfer, wie ich es nun einmal bin, darf
getrost sein Fell nchstens einem Holzhndler zur Ausbeute berlassen.

Frau Tilde, lchelnd, erkundigte sich jetzt nach der Bekstigung, nach
der Kche.

Unser Essen ist gut, bestimmte Horst.

Herrlich! sang Gisbert aus seiner Hhe.

Kunz aber starrte wie entseelt vor sich hin.

Borkhus, dem er Spa machte, weckte ihn und forderte genuschtig: Sie
mssen auch Ihr Sprchlein sagen.

Soll ich? O Du mein! Unser Koch ist Installateur von Beruf. Die
Wasserleitung ist sein Leben. Teekesselfett ist sein Element. An seiner
unsterblichen Kartoffelsuppe hat er unverzagt solange gearbeitet, da er
jetzt imstande ist, sie sogar ohne Kartoffeln herzustellen.

Danach sehen Sie eigentlich nicht aus, meinte Frau Tilde.

Oh, wenn ich mir nicht dann und wann ein paar Gabelbissen
zusammenwilderte --

Lassen Sie sich nicht dabei kriegen! drohte Borkhus. Und wer bereitet
Ihnen wo diese Leckereien zu?

Das sag ich nicht. Ein Schlingel verkroch sich in seinen Augenwinkeln.

Aber erschrecklich unsozial ist das doch! gab Frau Tilde darein, mit
scherzendem Ernst.

Kunz schmunzelte: Eine Krickente -- dreiundzwanzig Kostgnger -- und
die soziale Frage! Da ess' ich den Vogel todesmutig allein. Aber ich
werd mir jetzt alle Mhe geben, genossenschaftlicher zu schieen, und
mir einen Hirsch langen.

Das wird Ihnen leid, knurrte Borkhus, dem es jetzt doch ber die Leber
lief.

Seine Tochter aber wollte noch mehr von dem Barackenleben wissen, zumal
von seinem geistigen Bau. Und Horst berichtete kurz von ihrem kleinen
Staat. Ein Wahlknig steht an der Spitze. Von den Mannen erkoren -- und
absetzbar, sobald er versagt. Bei den einzelnen Arbeiten sachverstndige
Leiter. Im brigen keine Rangunterschiede. Jeder hat den Wert seiner
Kraft.

Womit die Rangunterschiede gegeben sind! knurrte der politische alte
Herr.

Dazu Horst: Wer kann die Unterschiede aus der Welt schaffen? Die
Unterschiede sind die Welt. Dafr wandeln sich ihre Grenzen und
bergnge. Gerade in ihrer Beweglichkeit sind sie das Lebendige und das
Ewige. Und darum auch der Inbegriff aller Freiheit. Deren Tod ganz
einfach die Gleichheit wre.

In Gisbert drngten seine Empfindungen zum Worte. Er wute, wie schwer
er die Rede meisterte. Die natrliche Scheu des Mannes, vor einer Frau
-- und nun gar vor dieser Frau! -- seine Mngel zu zeigen, lag schwer
genug auf ihm. Aber, was er fhlte, wollte ans Licht.

Unterschiede -- warum sprechen wir so gerne von den Unterschieden?
Warum nicht lieber von dem Gemeinsamen! Von der groen Sehnsucht, die in
allen lebt. Und in der sich alle zusammenfinden. Wie alle Wasser zum
Strome, wie alle Strme zum Meere flieen. Derselbe Zug in uns allen.
Suchende, Wandernde wir alle, die der Schmerz unserer Endlichkeit
treibt. Warum uns stren, uns hindern und bekmpfen mit den armseligen
Gegenstzen, statt die groe Gemeinschaft uns tragen zu lassen! Zu
unserer aller Ziel -- dem Gemeinsamen! Hinein in das Bewutsein und den
Besitz der Unendlichkeit!

Er rang an den Worten, mit den Worten, in denen mehr war als das karge
ihrer Allgemeinheit. Der Reichtum war in ihrem Klang, und dieser Klang
war Seele von seiner Seele und war wie der Glanz seiner inbrnstigen
Augen. Heilig war ihm, was er bekannte -- aber dann erschrak er, da er
bekannte. Und die kleinen Fragen kamen: wollten sie das hren -- und
gehrte das hierher?

Und verlegen fhlte er sich zu Kunz zurck, dem Freunde, dem so anders
beflgelten, aber dem Freunde doch. Der ihn liebevoll aufnahm mit
offenen Augen, wenn auch der lchelnde Unmut nicht schwieg. Die
Lotosblume! Kann das Leuchten nicht lassen!

Frau Tilde horchte in sich hinein. Da in der Tiefe luteten dieselben
Glocken. Sie hatte es bisher vermieden, in der Scheu vor dem
Gleichgearteten, dessen sie auf den ersten Blick sich bewut war,
Gisbert die Arme aufzutun. Jetzt aber, wo der Gleichgestimmte Zeugnis
ablegte, umfate sie ihn mit einer Art wehen Zrtlichkeit und blieb an
seiner Seite.

Ich fhle wie Sie, sagte sie einfach und fest. Und was die Zeit auch
von uns fordert, es ist etwas da, was ber der Zeit ist. Dahin schauen
wir, dahin ziehen wir --

Horst sprach: Wir wollen uns die Sterne nicht nehmen lassen. Auch sie
gehren zu der Erde. Aber der Festtag sind sie. Und heute, wenn wir
unser Leben leben wollen -- auch den Festtag mssen wir zum Alltag
machen! Es gibt keine Feste! Hart, eng, unerbittlich und rauh wurde Ton
und Gedanke. Er stockte und schwieg.

Kunz aber packte unter dem Tisch seine Hand. Es gibt keine Sterne!
Solange es kein Deutschland gibt, gibt es keine Sterne!

Und das Zeugnis dieser Schwurgenossen, lauter, nher, trotziger als jene
Seelenrufe und voll Bitternis, es blieb Herr ber die Geister. Sie alle
bannte es, denn in ihnen allen war das zitternde Schwingen der einen
Not.

Herr von Borkhus brauchte Ruhe. Die Gste brachen auf.

Mte ich nicht morgen wieder nach Hause, so wandte sich Frau Tilde an
Horst, wrde ich mir Ihren Bau einmal ansehen. Und Ihre Kartoffelsuppe
probieren. Und Ihnen -- jetzt kam Kunz an die Reihe -- wrde ich aus
unserem Handwerkskasten einen Hobel mitbringen.

Fr mein Fell oder fr meine Seele? gab der zurck und verbeugte sich
lchelnd.

Gisbert bekam keine Munterkeit zu hren, ihm gab sie nur still die Hand.

Und nun schritten die drei Mnner durch die Winternacht heimwrts.

Heimwrts? Das Wesen der Frau geleitete sie wie ein Glanz. Ihre
Zartheit, das Gepflegte des Krpers wie des Geistes, die Kultur Leibes
und der Seele -- von ihrer Stimme der Klang, dies Aufleuchten ihrer
groen Augen aus wehmtiger Tiefe zu strahlender Sicherheit, der
Pulsschlag ihres lebendigen Wortes, der gtige gebende Druck ihrer
feinen sorgenden Hand -- alles das war mit ihnen. Das Frauliche war um
sie. Von der Mutter her, von der Geliebten her, das Gehegtsein, das
Umfangenwerden, das geborgene Hausen -- diese Klnge begleiteten den
Takt ihrer Schritte.

Was winkte ihnen? Der kalte, dstre, niedere Stall. Wo jeder
eingepfercht war in der lieblosen Verlassenheit seiner Schlafbucht.

Die Weichheit war bei ihnen allen, das Heimweh.

Horst machte sich traumfest. Er zog, wie immer dann, den Buckel krumm
gleich einem Tier zum Sprunge und warf sich nun schonungslos in die
Wirklichkeit der Pflichten.

Kunz aber beschwor mit Bedacht einen weniger holden Geist gegen die
Lichtgestalt, die mit ihnen schwebte: Wer mag dieser Achim sein, dieser
Ehegatte? Was wei man sonst von ihm, als da Religion ihm
Gehirnverkalkung ist? Und er einen Koch im steifen Arm verhungern lt?

Gisbert machte keinen Buckel und beschwor keine Geister -- er zog seine
Lichtbahn.

Wie die Baracke vor ihnen aufdrohte und die beiden -- hinein ins
Verderben! -- ihre Schritte beschleunigten, blieb er zurck und im Takt
seiner Musik. Als Kunz sich nach ihm umdrehte, erklrte er: Ich gehe
noch einmal an die See.

Sie lieen ihn und sprachen von der Arbeit, von morgen.

Wir mssen Pferde kaufen, Kunz. Die Preise steigen ins Schwindelhafte.

Kunz, der von der Kavallerie her kam, war ein gewiegter Rotuscher und
jedem Pferdeschmeier und Viehhndler gewachsen.

Gisbert ging an die See. Der abnehmende Mond, schwer in dunklem Gold,
stieg aus der Flut. Langsam, wie lastend, rollte der rote Schein ber
die gebndigten Wellen. Wie in Trunkenheit wiegte sich die leise
Brandung, erschrak, wenn sie rauschte, und gewann das Schweigen.

Die helle Nacht trank alles in sich auf, was noch sprach und flsterte.
Alle Stimmen, alle Schwingungen der Welt mndeten in die groe
Sternenstille.

Und Gisbert, was er mit sich trug, was ihn erfllte und qulte und
bewegte, was in ihm klagte und jubelte -- es lste sich ihm alles in die
lichte Unendlichkeit dieser hohen Ruhe.

Was die letzten Stunden ihm geschenkt hatten, das Wissen von dieser
Frau, ihre Nhe, die Gemeinschaft mit ihr -- ich fhle wie Sie, so
hatte sie gesprochen -- das alles blieb nicht in der Verzckung und in
der Begehrlichkeit des Rausches. Es stieg auf aus der Tiefe, befreite
sich von der Blutwrme, von dem Zittern der Sinne, verklrte sich in
diesem reinen kalten Licht ber dem Leben und ging ein in das All.

Und unter Schauern wird es ihm gewi, ich habe den Weg, die Bahn steht
mir offen -- ich kenn' es und kann es, das Stirb und Werde!

So stand er, verzaubert.

Dann aber, als wre es ihm um diese Sicherheit gewesen, zerbrach er die
Starrheit, reckte die Arme, und da er zurckschritt ber die Heide, sang
seine Jugend ihr Lied.

Sang das Lied dieser Frau.

Hier meine Hand -- ihre Finger haben sie umschlossen. Meine Hand --
sieh, Mond, du lieber, dummer, du gescheidter, meine Hand ist dies!
Meine glckselige Hand ist dies! Siehst du, wie sie leuchtet! Und so
leuchte ich selbst! Ganz und gar leuchte ich so.

Auf Flgelschuhen schritt er, den Kopf gehoben, die Brust geschwellt.
Jauchzend die Seele.

Ich fhle wie Sie! Ich fhle wie Sie!

Und dann strmte er jungenhaft ber die Halde -- sprang ber einen
erratischen Block -- fiel in den Schnee -- wlzte sich wie ein Fllen,
alle Viere gestreckt, und lachte wie ein Narr, wie ein Kind.

Lebhaft trat er in sein Gela. Kunz war im Einschlafen. Ward ungehalten
und lallte ihn an: Was fllt Dir ein -- Du trampelnder Mondstrahl -- Du
brllende therwelle -- Du -- Du tobschtig gewordener Bltenhauch --
--

Von dem Bltenhauch durfte er sich betuben lassen zu ruhigem Schlaf.
Der konnte etwas ergiebiger sein, denn morgen war Sonntag.




                            Die fremde Frau


Der Vormittag gehrte jedem fr seine Briefe und eigenen Geschfte. Nach
Tisch gingen Horst und Kunz auf den Pferdekauf.

Es war ein erfolgloser Weg. Zuerst war ein Bauernhof an der Reihe. Von
den Pferden kam hier eins in Frage. Das andere, ein Blender, hatte
schlechte Beine. Der Bauer wollte nur beide zusammen verkaufen. So
konnte aus dem Geschft nichts werden.

Auf dem Rittergute Buchhof, wohin sie dann gepilgert waren, gedachte
ihnen der Administrator -- der Herr war nicht zu Hause -- ein Paar
tiefsinnige uralte Kracken zu versetzen. Horst dankte khl. Kunz aber
konnte sich den Zusatz nicht versagen: Wir wollen nmlich Pferde kaufen
und keine Philosophen. Wir wollen mit den Tieren pflgen und Mist fahren
und uns nicht Memoiren von ihnen erzhlen lassen.

Blieb noch Claus von Tangentien, der aber nur der Form wegen auf der
Liste stand. Denn zum Pferdehandel mit diesem alten Ammoniakiter -- wie
Kunz ihn getauft hatte -- zogen sie keine zehn Pferde.

Die Dmmerung fiel schon ein, als die beiden weidlich verdrossen, den
Fu auf Moorhofer Gebiet setzten. Die Abendsonne hatte sich in den
Nebeln berm Moor verblutet. Von den schneeigen Feldern zogen hungrige
Krhen mden Fluges nach dem Kiefernwald, bumten dort auf und richteten
sich klagend und frierend ein fr die Nacht. Da hinten die See hauchte
eisigen Daak ber Dnen und Heide.

Horst war ungehalten ber den verlorenen Nachmittag. Er mute noch etwas
ausrichten, so konnte er nicht nach Hause. Das Moor da unten
beschftigte ihn.

Ich will jetzt doch endlich mal den alten Torfmeister aufsuchen. Kommst
Du mit, Kunz?

Alte Torfmeister sind mir zu wenig Sonntagsvergngen. Ich werd mich
aufs Stroh werfen und lesen.

Sie trennten sich. Kunz ging geradeaus weiter nach der Baracke zu, Horst
bog links ab die Strae, die am Dorf vorberfhrte.

Aus dem Boden stiegen die Nebel, vom Himmel fielen sie, das Wasser, das
Moor sandte sie her -- so schlugen sie ber dem Schreitenden zusammen.
Voll Klage und Schauer war die Welt. Unbndiger als je zwang die
Schwermut ihn nieder. Er fiel in seine dunkle Stunde. Das wozu? und
wofr? sa ihm an der Kehle. War nicht doch alles umsonst und alles
verloren?

Was hockt er hier -- in diesem kmmerlichen Tun! Was wird damit
geschafft? Was helfen all diese armen Kleinigkeiten, wo selbst das Groe
uns nicht retten knnte! Das Groe! Wenn wir es htten! Wenn es
aufstnde unter uns, das Gewaltige, Allbezwingende, das im Sturm uns
fortreit, in dem einen machtvollen Fhlen und Glhen! Uns alle, alle --
das Befreiende, die heilige Flamme, das heilige Licht --!

Was wrde geschehen mit diesem Groen? Wrden wir selber es dulden?
Wrden wir selber es uns nicht in Stcke zerschlagen!

Wir Deutsche -- wir Deutsche! Wir die ewigen Vandalen an uns selbst!
Wir, die geborenen Zertrmmerer unserer eigenen Gre.

Deutschland, das ewige Trmmerfeld -- nach unserem eigenen
fluchbeladenen Willen.

Wozu bauen, was wir selbst doch wieder einreien!

Und was ich hier bauen will -- ist es nicht Kinderkram, wie aus der
Spielzeugschachtel! Was soll der Tand! Was soll der ntzen! Ein Beispiel
sollte es sein, ein Gleichnis, ein Symbol -- ja --

Aber ein Symbol der Arbeit? Wer will das! Wer leistet dem Gefolge! Nehmt
das goldene Kalb und setzt die Dirne drauf oder den Magier, den
Geisterbeschwrer von Geschft, und ihr habt die Leidenschaften der Zeit
mit ihrem Heerbann.

Was kaure ich hier unter dem Schutt! Ein Fremder in meinem Vaterland.
Warum dann nicht lieber hinaus in die Fremde! Nach dem Sden, dem
purpurnen! In die Klarheit des Nordens! Nur, da man sein Brandmal
trgt, den Galeerenstempel! Die Peitschenstriemen auf dem Rcken! Ein
Deutscher -- wehrlos, ehrlos. Wer will ihn! Welches Land ffnet ihm
seine Grenze!

Vom Leuchtturm auf der Halbinsel ruft das Nebelhorn -- Tne fernher, wie
aus anderer Zeit, aus anderen Welten. Sthnende Stimmen von
Urzeitriesen, Flche, Verwnschungen, Todesschreie. Vor mir, um mich das
Niflheim! O ging es hinein in das eisige Vorweltchaos!

Wie ein Ertrinkender erlebt er noch einmal sein Leben.

Die jubelnde Jugend unter den strahlenden Augen, der frhlichen Klugheit
der Mutter, die gesammelte Kraft des Soldatentums, trotz all dem
Kleinlichen und Lachhaften die ganze Gre des ich dien. Die Jahre auf
der Kriegsakademie in Berlin, wo Kunst und Liebe ihn so reich
beschenkten, und reich auch die stille Lampe bei seiner Wissenschaft.
Oft haben ihn die Kameraden Schuster gescholten, wenn er des Wsten
und der Ausgelassenheit satt in seiner Werksttte sich einschlo. Und
gerne sa er bei seinem Leisten, der Kriegsgeschichte. Eine Monographie
von ihm ber die Schlacht von Saalfeld wurde gedruckt und trug ihm
brieflichen Verkehr mit Universittsprofessoren ein. Dann hatte die
Strategie des Groen Kurfrsten es ihm angetan -- da kam der Krieg.

Der Krieg! Der Krieg! Und nun ri das Grandiose, das Glorreiche, das
Ruhm- und Weihevolle -- ja, ja, das ist es bei allem, das bleibt es bei
allem, und dafr leben und sterben wir! -- wie ri es ihn pltzlich aus
seiner Verlorenheit in Nebel und Not!

Und jetzt kroch er nicht mehr, er chzte nicht mehr -- er hatte den Kopf
wieder hoch und schalt sich aus. Schm dich, Horst Oldefeld --
Neurastheniker mit Nebelhornbegleitung! Nun fat du wieder Schritt und
tust, was du sollst und mut -- und glaubst an dein Mssen -- und lt
die Ausflge ins Niflheim und in das eisige Urweltchaos. Du bleibst
hbsch suberlich auf deutschem Grund in deinem Arbeitsschritt, du
bleibst in deiner Pflicht. Und wenn du das Kleine schaffst, denkst du,
da aus Kleinem Groes wird, da darum das Kleine mehr ist als das
Groe! Siehst du! Und das denkst du, lachend und zufrieden! Und bist
einer und dnkst dir was! So, mein Junge, und jetzt ist es Abend, du
darfst ausruhen und mde sein. Die Tagesfahrt hat dich enttuscht --
sind nicht Enttuschungen die Schwungfedern des Erfolges?

Und ist dir fr heute nicht noch etwas Sonderliches beschieden? Ein
Sonderling steht dir bevor, der Erdgeist dieses Landes, der
Schatzgrber, der die alten Geheimnisse des Moores ans Licht bringt,
zugleich der Totengrber des Kirchspieles, der neue Geheimnisse in die
Erde senkt. Lud Uhlenbrook, Torfmeister und Friedhofswrter seines
Zeichens. Ein besonderer Mann.

Wohl mu man sich traumhaft feierlich stimmen, ihm zu begegnen. Und die
Brille zur Hand haben fr Geister und Gespenster.

Sind wir nicht hier an der Kirchhofsmauer? Jetzt steigt die Strae,
jetzt kann man hinberblicken.

Schwer hngen Dmmer und Nebel in den Struchern, den kahlen Ulmen, den
bereiften Edeltannen und ersticken das matte Schneelicht, das noch von
den Grbern und Wegen aufsteigen will.

Was huscht da und flattert zwischen den Grabhgeln? Ein Krperliches?
Ein Schatten? Verschwindet hinter den Bumen -- schwebt wieder aus dem
Nebel -- eine irrende Seele --? --

Eine schwarze Gestalt -- jetzt hlt sie der Blick -- eine Frau --

Horst kommt an der eisernen Pforte vorbei -- da tritt die Gestalt von
innen an die Kirchhofstr und rttelt an den eisernen Stangen. Eine
Gefangene der Totensttte -- --

Er geht hinzu. Ich hab mich versptet -- man hat mich hier
eingeschlossen! sagt die Stimme von drben, mehr ungehalten als
ngstlich und bittend.

Ein bekannter Klang -- und jetzt sieht er die Zge: die Dame von der
Versammlung ist es.

Ich werde den Schlssel besorgen, sagt Horst mit schneller
Bereitschaft.

Bei ihr ein Zgern. Sie betrachtet sich die Pforte, den Mauerpfeiler.
Wenn Sie mir helfen wollen, komme ich so hinber, erklrt sie kurz
entschlossen.

Er reicht ihr die Hand, sie setzt den Fu zwischen die Stbe, dann auch
den anderen -- Horst sttzt und streckt den Arm -- sie klettert auf die
Mauer -- beugt sich -- legt die Hnde auf seine Schultern und springt zu
Boden. Das alles in einer khlen Ruhe, ohne betonte Zurckhaltung, ohne
regere Verbindlichkeit.

Einfach spricht sie ihren Dank, verneigt sich und wendet sich nach der
Chaussee, die zur Stadt fhrt.

Es wird unheimlich dunkel -- und eine Dame jetzt allein den weiten Weg
-- er ist an ihrer Seite.

Mir tut niemand etwas.

Wenn ich Sie begleiten darf --

Das ist sehr freundlich. Aber ich kann wirklich allein gehen.

Hierin ist nun, bei aller Gelassenheit des Tones, die deutliche
Ablehnung. Horst verbeugt sich und wandert seine Strae. Ein wenig
beschmt -- ein wenig rgerlich, ber sich, ber sie. Aber dann schilt
ihn nur noch die Ungehaltenheit ber sich selbst.

Aufdringlich -- ja, ja -- er ist es gewesen und ist ihr so erschienen.
Immer dieselben Funken, wo die beiden Geschlechter in Spannungsnhe
geraten. Die Eitelkeit entzndet sich, die Eroberungslust, die Habsucht.

Hatte er es nicht ausnutzen wollen, da er ihr den Dienst erwiesen?

Gewi, sie hat etwas, was ihn reizt. Ihre Persnlichkeit, die
schleierhafte Persnlichkeit --? Natrlich das Weib! Persnlichkeit --
auch so einer von diesen Zauberapparaten, mit denen wir uns selbst
Kunststcke vorfhren!

Sie war auf dem Kirchhof. Es gibt Menschen, die fr Kirchhfe eine
Leidenschaft haben -- heit, so lange sie selbst munter herumspazieren.
Ist sie von denen?

Da sie ein Grab hier htte, sie, die landfremde --?

Und da fhrt es ihm durch den Sinn: der junge Mann liegt hier begraben,
den Borkhus erdrosselt hat! Gro geht es in ihm auf, bis zur Gewiheit:
ja, ja -- sie war an seinem Grabe -- hier ist der Zusammenhang!

Er hatte es nicht begriffen, was damals aus ihren Augen brach, als
Borkhus in der Versammlung vor ihr auftrat. Das war mehr gewesen als
politischer Ha. Jetzt verstand er dieses Mehr. Der Rachegeist war es
eines vernichteten Lebens, das Blutgericht einer zerstrten Liebe, die
Tod wollte gegen Tod.

Und wieder ging Horst einen schweren Schritt.

Ein Schicksal -- und so erst mute ihm dies zu Bewutsein kommen. Wie
gedankenlos hatte er bisher diesen Todesfall abgetan. Wie leichtherzig
hatte er ihn als was Gleichgltiges, hchstens als ein Unbehagliches von
sich gewiesen.

Erst in den Augen dieser Frau mute sich das Geschehene spiegeln.

Und es wuchs, ber das Grauen der einen Tat, hinein in die groe
Tragdie des Volkes.

Herr von Borkhus selbst hatte es gefhlt, vergraben in die Schauer,
hatte es ausgesprochen, nur vor tauben Ohren: Ein Deutscher erwrgt
einen Deutschen mit eigenen Hnden! In unseren Tagen gemeinsamer Not!
Die Zeit der apokalyptischen Greuel kehrt zurck.

Nicht der einzelne -- und doch wieder der einzelne! Denn aus den
einzelnen wird das Volk, und in dem einzelnen ist das Erleben.

Eines Mannes Ende -- eines Weibes Verlassenheit und Todestrauer. Eine
Nacht nur solcher Verzweiflung -- nur die wenigen, die langen Stunden
einer einzigen, einer langen, langen Nacht!

Nun ist man im Fhlen, und das Herz schlgt mit.

Eine Frau!

Der endlose Zug der Frauen in schwarzen Gewndern wallt vorber, der
Mtter, der Gattinnen, der Brute, der Schwestern -- viele, viele wie
die Schatten, denn ihr eigenes Leben gaben sie dahin.

Doch geheiligt sind sie, die Weihe ist ber ihnen, die Weihe des Opfers,
das die Liebe brachte, die Liebe zum deutschen Land.

Was aber jetzt im Trauerkleide diesem Todeszug sich anschliet, ber
denen leuchtet nicht der Segen der Hingabe, sie tragen den Fluch und den
Ha. Um sie zuckt und schwelt das wahnsinnigste aller Verbrechen, der
Brgerkrieg -- Land- und Eidgenossen morden sich selbst!

O dieser namenlose Frevel an der deutschen Kraft -- an der Kraft der
deutschen Seele, an der Kraft unserer Wehr.

Jetzt -- jetzt, wo wir so bitter ntig Eisen und wieder Eisen ins Blut
haben mten, gerade jetzt spritzen wir uns Gift in die Adern!

Eisen! Wo ist er, der Fhrer! Der Held von Eisen! Der groe Rufer im
Streit! Der Lindwurmtter! Der erst die Drachen im eigenen Lande
erschlgt. Und dann die Hllenhunde da drauen.

Der Feind ist im Land! Das ist der Ruf! Der gellt in die Ohren, er
greift an die deutschen Herzen, und wren sie noch so zag, noch so trge
und weich geworden, noch so dumpf und so niedrig!

Der Feind ist im Land! Wo ist der Heerknig! Seine Fahne soll wehen! Wir
kommen alle, wir folgen dir alle! Ein Meer brandet auf, ein Flammenmeer
-- eine Sturmflut von Feuer, so brausen wir ber die Feinde!

Kreuzfahrer sind wir, geweihte, in Frommheit entbrannte, heilig, heilig
ist unser Kampf fr das heilige deutsche Land!

Sie haben Maschinen -- was sind Maschinen -- wir haben den Geist! Und
Gott ist der Geist! In Feuersulen wandelt er vor uns.

So brennen wir rein -- die deutsche Erde -- von ihren Schndern -- in
prasselnden Flammen -- so brennen wir rein -- in jubelndem Feuer -- den
deutschen Namen -- von seiner Schande.

Der Welt stockt der Atem -- und die uns geschmht -- sie jauchzen uns
zu!

In hohen Sprngen war Horst vorwrts gestrmt. Nun stand er keuchend. Wo
ist er, der groe Mann! Warum fehlt uns der Fhrer in der schwersten
Stunde! Warum bin ich selbst ein so armseliger Zwerg!

Wieder krochen die Nebel um ihn zusammen, wieder wollte er schmerzlich
und schwer in den alten Trott sinken. Da tauchte am Rande des Moores der
strohgedeckte Katen des Torfmeisters vor ihm auf, und das Ziel hob
seinen Blick ins Feste, Grade und Helle.




                            Der Torfmeister


Ein sprliches Licht aus einem der Fenster grte mhsam durch den
Abendnebel. Horst ffnete die Pforte des Heckenzaunes, der einen kleinen
Vorgarten einhegte, und trat dann durch die Haustr auf die dunkle
Diele. Links war das Licht, er klopfte, eine Stimme, die wie Donner
rollte, rief einladend: Jawoll!

In dem niedrigen verrucherten Zimmer hockte ein grauhaarbuschiger
Riese, der Leib war in einen mchtigen schwarzen Wachstuchlehnstuhl
versunken, die Beine durchquerten den ganzen Raum, auf da die Fe, in
ungeheueren Filzstiefeln, mit dem offenen Ofenfeuer treuliche
Nachbarschaft hielten.

Guten Abend! grte Horst.

'n Abend, polterte der Alte mit unglaublich gemtlichem Grollen
zurck. Und dann sthnte er: Wollen Sie sich setzen. Eh ich
aufgestanden bin, haben Sie lngst vergessen, was Sie von mir wollen.

Horst holte sich einen von den schweren eichenen Holzsthlen. Er sagte,
da er von der Siedlung kme.

Hab ich mir gedacht. Und wissen Sie, da wir Feinde sind!

Feinde?

ber 'n Zehntel von meinem Moor haben Sie mir genommen! Aus meinem
Leben ist das rausgeschnitten. Denn mein Moor ist mein Leben.

Jetzt sthnte er wirklich und aus der Tiefe. Die Hausbalken chzten.
Seit der Zeit hat es mich gepackt. Und nun ist nichts mehr mit mir los.
Haben Sie 'ne Ahnung, was Moorpodagra ist?

Nein.

Danken Sie Ihrem Schpfer. Aber -- jetzt rieb er sich die
unermelichen Vorderflossen -- vielleicht erleb ich's noch, da Ihr
Siedler das auch abkriegt! Wr das -- wr das ein Schtzenfest!
Hahahaha! Das Haus lachte mit, die Wnde, die Dielen, die Mbel.

Mit dieser Verwnschung hatte seine Galle sich entgiftet. Die Augen,
groe Spitzbuben von Natur und jung trotz der roten wimperlosen Lider,
waren schon wieder geneigt, das ganze Leben als eine erkleckliche
Schalksnarrheit halb ausgelassen, halb wehmtig zu betrachten. Er rhrte
sein Fuwerk, sehr behutsam, es ging besser als er dachte. Torfwasser!
Fnfzig Jahre Torfwasser! Torfwasser ist 'ne eigne Mixtur, kann ich
Ihnen sagen. Leichen erhlt's. Lebendiges frit es an.

Er hatte die Kniee krumm. Na wollt ihr raus? sprach er zu seinen
Stiefeln hinunter. Und da sah Horst aus jedem Schaft ein Kpfchen lugen
-- die grellen Augen stachen nach ihm.

Was haben Sie da? fragte er berrascht.

Die fressen den Gichtwurm, gab ihm der Alte zu wissen. Werden selbst
aber nicht satt davon. Meine Wiesel sind das. Na lauft! Die
fadenschlanken Tierchen schlpften aus dem Fugehuse, liefen an dem
Riesen in die Hhe, umkreisten spielend seinen Nacken und schlngelten
sich dann hintereinander in ein Loch der Diele.

Nun stand der Alte, reckte sich, nsterte und schnob, fegte mit seinem
Haarschopf die Decke, hinkte zu einem Wandschapp und holte eine
Schnapsflasche mit zwei Glsern.

Sie saen an dem klobigen Eichentisch. Selbst gebrannt. Wacholder,
erklrte der Alte.

   Ht' dich vor snd'gem Wandel,
   vermeide den Machandel!

Na Prost!

Er sthnte wie ein Ur.

Horst sagte ihm, da die Siedler seinen Rat und seine Hilfe brauchten.

Wirklich! Erst nhmen sie ihm das Beste weg, und zum Lohn dafr sollte
er helfen! Christenlehre! Reit dir einer die Tabakspfeife aus der Hand
-- gib du ihm Feuer, da er sie sich auch anrauchen kann! Hahahaha!

Die Stube schttelte sich, der Eichentisch tanzte Ballett.

Dann schimpfte er auf die ganze Moorwirtschaft hier. Nie htte er
gekonnt, wie er wollte. Der Besitzer, Herr von Borkhus, htte nun mal
keinen Sinn frs Moor. Was ein Gemtsfehler wre. Seine Tochter, Frau
von Mnkhov, htte diesen Sinn -- und wre die nicht, gb es hier den
Torfmeister Lud Uhlenbrook lngst nicht mehr.

Das Zwanzigfache htte sich allein aus dem Torfstich herausholen lassen.
Aber keine Unternehmungslust, kein Blick, kein Verstand. Selbst fr die
kmmerlichsten Abfuhrstraen htte er bis aufs Blut kmpfen mssen.

Und das Moor ist so brav, so fleiig im Nachwachsen, im Nachschaffen, es
gibt und schenkt so gern. So treu ist es gegen die, die es kennen und
liebhaben -- bse nur gegen die, die nichts von ihm wissen und nichts
von ihm wissen wollen. Ob er etwas von ihm wisse?

Nein.

Dann solle er sich nur nicht einfallen lassen, in einer Sturmnacht bers
Moor zu wandern. Wenn ihn die Schlnde und Grnde nicht verschluckten,
all das, was dann aufgeschreckt wre aus den Tiefen -- heillos wrde es
ihm die Sinne verstren.

Arm und zu bedauern sei er, da er nichts vom Moore wisse. Nichts vom
schlafenden Moor -- nichts von seinen Trumen -- nichts von seinem
Erwachen. Von den Moornebeln nichts, nichts von dem Moorleuchten. Von
seiner Frhlingspracht nichts, wenn die unzhligen goldenen Blumen es
bestirnten -- nichts von all dem Summen und Zirpen und Tirilieren, von
seiner Musik, so vielstimmig und so abgetnt wie keine auf der Welt.

Und die Abenddmmer, die an das Geschwundene rhrten -- die hellen
Nchte, da der Mond die Elfen ruft -- die schwarzgrollenden
Unwetternchte, in denen die geizigen Zwerge und Gnome mit ihren
Irrlichtern nachsuchen, wohin die Blitze ihr Gold gestreut.

Was ruht alles im Scho des Moores! Kmpfer und Helden, die das Gewoge
der Schlacht hier hineinstie. Knige, die der Ruhm hier im Grabe
bettete. Selige selbstvergessene Frauen, die im Traumschritt
hinberwandelten, und die der Tod hinabzog, selbst wie ein Traum --
Unselige, die der Gram hier versenkte.

Das Meer, das grausame, zerstrt. Alles, was es hinabschlingt, gibt es
der Verwesung preis, den Zhnen seiner Bewohner, und wirft und speit die
eklen Reste wieder von sich -- das Moor sorgsam und sanft, balsamiert
alles ein, bewahrt dem Toten die Schnheit des Lebens, hat Freude an der
Form und Lust am Erhalten.

So ist das Moor, denn das Moor hat ein Herz!

Dies war der Klang, in dem der Alte sich vernehmen lie, auf seine Art.
Und diese Art stieg ber ihn selbst hinaus, da er dem, was ihm ans Leben
gewachsen war, seine Hymnen sang.

Horst hatte seine Freude an dem Alten. Er wute, da sie beide auch
jenseits vom Moor sich nahe kommen wrden. Ich will mich bemhen,
sagte er, Ihren Freund zu verstehen. Und womglich auch Freundschaft
mit ihm zu schlieen.

Sie sprachen dann ber die Torflieferung fr den Ziegeleibetrieb. Dem
Siedlungswerk an sich war der Torfmeister zugetan, und er versprach ihm
seine Frderung.

Und dann strmte auch ihr Fhlen und ihr Gesprch in die groe deutsche
Not. Der Torfmeister hatte seine festen Gedanken. Dies war kein grader
Krieg -- schief kam er und aus der Ecke! Was ging uns um Haut und Haar
das an, was da unten bei den Mausefallenhndlern passierte! Ich war 66
und 70 dabei -- da wuten wir, was wir wollten! Aber hier wuten wir
nicht mal, was die anderen wollten. Und darum, es war krumm und dumm von
vornherein. Und doch krmmer und dmmer, was wir all die Jahre vorher
angestellt haben, uns all die vielen Feinde aufzuhalsen.

Hierber brauchten die beiden sich nun nicht weiter zu verstndigen. Sie
landeten jetzt bei dem Heute, bei dem, was diesem Landstrich beschieden
war.

Hier hat es schon vor dem Kriege gezuckt und getuckt, sagte der Alte.
Gewi, vieles, was so von Leuteschinderei geredet werde, sei Hetze und
Geschwtze. Aber mancher Gutsherr habe doch sein Teil auf dem Kerbholz.
Das Volk wre ducknackig und trge viel, aber es fre alles in sich
hinein, und verge nie. Da htte sich also schon was angesammelt. Und
jetzt, wo die Funken durchs Land flgen --!

Wie es in Moorhof aussehe?

Herr von Borkhus gehre nun gewi nicht zu den Gewaltherrn. Er habe ein
Herz fr die Arbeiter. Aber er behandele sie nicht gleichmig. Leicht
risse sein heies Herrenblut ihn fort -- hinterher tte es ihm leid, und
berschwenglich verwhnte er dann die Leute. So aber bekme man sie
nicht in die Hand.

Sie meinen also auch, uns steht hier noch verschiedenes bevor?

Ganz gewi. Wo jetzt die heftigen Brder von auswrts kommen und das,
was hier glimmt, mit vollen Backen anblasen.

In der Stadt hat sich ja jetzt was zusammengetan.

Ja. Seit da nun noch der rote Magistrat die Fuchtel schwingt.

Und nun ist Horst wieder bei seiner Revolutionrin. Sagen Sie mal, Sie
sind doch auch der Friedhofswrter?

Ja -- und?

Wissen Sie, da da eben eine Dame eingesperrt war?

Nein. Wer?

Horst beschreibt sie. Und jetzt kommt eine fliegende Erregung ber den
grauen Riesen. Das sei Lona Grahl gewesen! Seine kleine Freundin! Die
habe das Grab ihres Geliebten besucht! Und nun mte er, der Alte, mit
seinem kranken Beinwerk gerade den Schlssel nicht haben! Die
Ksterdirn, die dumme, die sich vor Gespenstern frchte, habe natrlich
in dem Nebel vor Abend schon blindlings zugeschlossen und danach
spornstreichs Reiaus genommen. Aber sonst pflegte Lona doch immer nach
ihrem Kirchhofsbesuch bei mir einzusehen! Sollten Sie sie mir vergrmt
haben!

Fast zornig flammte es aus den alten jungen Augen gegen Horst.

Der erhebt sich. Es tut mir leid. Sie wei, da ich politisch ihr
Todfeind bin. Sie wei auch um meine freundschaftliche Gesinnung fr
Herrn von Borkhus.

Die schwere Pranke des Alten legt sich auf den Arm seines Gastes. Die
Aufwallung reut ihn.

Bleiben Sie noch sitzen. Die Kleine steht mir nahe. Ich hab sie als
Kind auf dem Arm gehabt. Sie stammt aus unserer Gegend. Ihr Vater war
Pastor in Unkvitz. -- Sie sehen die Kirche sdwrts vom Moor. Das war
ein Mann -- was haben wir den geliebt! Zu dem gingen wir alle und nicht
zu unserem Pastor hier. Jung war er und frhlich -- und wenn man ihn
blo ansah, wurde man schon ein besserer Mensch. Und was konnte er die
Orgel spielen! Jeden zweiten Sonntag gab er ein Kirchenkonzert. Was
Beine hatte und Ohren drngte sich dazu. Und seine Frau sang, wie ein
Engel aus dem Himmel sang sie. Die war eine berhmte Sngerin gewesen,
aber ihren Mann hatte sie lieber als all ihren Ruhm. Und ganz pltzlich
-- ich wei nicht, was der Herrgott sich dabei gedacht hat -- pltzlich
stirbt dieser Mann. Hatte an einem Krankenbett sich angesteckt. Die Frau
wurde wahnsinnig. Verwandte holten das Kind. Es war damals zwei Jahr.
Ich ging auch gerade zur Bahn. Da habe ich das Wurm den ganzen Tag
getragen. Und das war der Anfang unserer Freundschaft. Dann habe ich die
ganze Zeit nichts von ihr gesehen und gehrt. Jetzt ist sie wieder
aufgetaucht. Und schlimm genug ist das, was sie wieder in die Heimat
gefhrt hat.

Der Alte sthnte und schwieg eine Weile.

Als wir ihren Freund hier begruben -- sie war sein einziges Gefolge.
Der Geistliche, der hier damals amtierte -- unser Pastor Wrmann lag
noch verwundet im Lazarett -- na ja, er gab wohl her, was er konnte,
aber schlielich -- der Tote ein Revolutionr. Und sie die Geliebte
eines Revolutionrs. Die wahre Liebe und der wahre Trost war es nicht.
Ich hab dann die Kleine mit nach Hause genommen. Und an meiner Brust hat
sie sich ausgeweint.

Horst hrte hingegeben zu. Und nun sah er sie hilfsbedrftig in den
Armen dieses alten Mannes. Hilfsbedrftig -- das reimte sich ihm so
wenig zu ihrer Art. Und ihre Augen in Trnen -- diese Augen mit ihren
wilden Brnden und ihrer schaurigen Erloschenheit.

Er wollte mehr wissen, aber er brauchte nicht zu fragen. Der Torfmeister
war mit dem Recht seiner Jahre redselig geworden.

Jetzt will sie hier bleiben. Sie hat sich in der Stadt niedergelassen.
Als Musiklehrerin. Aber die Musik -- na, vor allem macht sie jetzt hier
die Musik der Revolutionsmnner mit. Ihr Freund war Maler, und sie kommt
von der Musik her, und sie hat mir gesagt, was so die Jungen von der
Kunst wren, die wren alle revolutionr -- oder sie wren taube Nsse.

Wir haben auch noch eine andere Jugend! sagte Horst lchelnd, mit
Bedacht.

Davon verstehe ich nichts. Aber -- bei alledem ist mir nicht behaglich.
Sie bleibt nicht blo hier, um das Grab zu pflegen. Sie hat noch etwas
anderes im Sinn. Was manchmal in ihren Augen umgeht! Und wenn man daran
denkt, da ihre Mutter im Wahnsinn geendet hat --! --

Horst packte zu. Sie meinen, sie will sich rchen.

Der Alte sah ihm ins Gesicht. Dann sprach er unumwunden: Ja. Und wo
hier jetzt die politischen Brandstifter herumwirken --

Die beiden Mnner schwiegen. Und das Grauen rhrte an sie, das durch die
deutschen Lande schlich.




                               Winternot


Der Februar brachte eine Brenklte. Was schimpfte Kunz in dem
bereiften, vereisten Schuppen! Gisbert hatte seinen Ohrenschmaus.

In Berlin haben sie vorgestern die hundertsiebenundsechzigste Tanzdiele
aufgemacht! Und mir frieren hier die Zehen ab. Hat deshalb die Schpfung
in mir alle menschlichen Reize zusammengehuft, da ich zu Puppenlappen
verfrieren mu!

Gisbert blieb unanfechtbar, schwebend, ber den Dingen.

Und Du, sag mal, hast Du immer noch Lust, ins All aufzugehen? Der Natur
-- von minus zwanzig Grad -- Dich einzuverleiben? Getreu Deinen Brdern
am Indus, Ganges und Brahmaputra? Die sich da in die Sonne hinlmmeln
und sich die Bananen oder sonstwas in den Rachen wachsen lassen. Wir,
die wir hier in Schneehtten und Erdhhlen hausen, Herrgott -- wir
mssen uns schon ganz in uns selbst hineinkonzentrieren! Da wir
wenigstens etwas Warmes in den Leib kriegen! Der Unterschied zweier
Welten! Aber Du -- Du mit Deinem Astralgebein!

Dann kam Tauwetter, eine Regenperiode mit niedertrchtigen westlichen
Winden. Und ein bser Gast fand in der Baracke sich ein, die Grippe.
Fast alle lagen sie auf der Nase. Horst, der noch soeben an einer
Lungenentzndung vorbeischrammte, blieb auf den Fen, pflegte, half und
gab das Steuer nicht aus der Hand.

Und wie eine Seuche liefen jetzt, wo sie ihre frische Arbeit nicht
hatten, die Unlust, der berdru, die fahnenflchtigen Gedanken durch
die Reihen. Von Schimpfen, Sthnen und Fluchen ber das Barackendasein
klang der Bau.

Wohl hatte Kunz das Instrument auf diesen Ton gestimmt. Und auch ihm
kamen bitterliche Stunden, in denen er Horst sein Herz ausschttete.
Ich mach nicht mehr mit, -- in diesem elenden Kasten -- wie ein Sarg
ist er -- ein Bretterkahn ist er, der in den Orkus hineinfuhrwerkt --
ich steig aus! Nach der Grostadt will ich. Mll kutschieren will ich
oder den Gummibesen ber den Straenasphalt schieben!

Du bist grenwahnsinnig, erklrte Horst dazu.

Dann gab er sich. Er mochte auch nicht zu dem Chorus gehren. Und da
Trbsal und Bitternis nicht abreien wollten, warf er sich in seinen
alten bermut, hielt sein Lachen parat, zornig und rttelnd, und wusch
die Kpfe.

Hat das bichen Schnupfen uns zu Jammerlappen aufgeweicht? Fr die
Braven und Zukunftsstarken schleppte er Rum herbei, ihnen braute er
heilsamen Grog -- wen gab es da, der nicht zukunftsstark wre?

Mit seiner Zupfgeige zigeunerte er an den Krankenbetten. Muz sa
andchtig dabei und hatte gespitzte Ohren. Dichtete an seinen Liedern
vom heimlich-unheimlichen Suff und sang sie ihnen.

   Jetzt sing ich euch das Lied vom Muselmanne,
   er betete getreulich seine Suren,
   zuweilen aber kriegt er seine Touren,
   und flchtete zu seiner Fuselkanne.

Oder er warf ihnen so aus dem Handgelenk ganze Bndel Singsangreimereien
vor.


                                Prost!

   Herrgott in unserm Schuppen,
   da ist der Deubel los,
   wir haben all den Schnuppen,
   wie leuchten unsre Kuppen,
   im Hals da sitzt 'n Klo.
   Ich niese, du niesest, wir niesen,
   uns kriegen am Kragen die Krisen,
   und keiner und keiner sagt prost!

   Der Arzt verordnet Suppen,
   er sagt, die ist famos.
   Der Kunz besorgt uns Druppen,
   die Schuppen-Schnuppen-Druppen,
   wir saufen sie aus Tubben,
   Das ist 'ne andre Schos.
   Der Alte mit der Hippe,
   das gierige Gerippe,
   und seine Zippe, die Grippe,
   die kamen angetost.
   Doch unsere Schnuppen-Druppen,
   die Schuppen-Schnuppen-Druppen,
   sie, die gesund uns schrubben,
   die schlagen dem Tod 'n Knubben!
   Wir schwingen unsre Tubben,
   er mu von dannen huppen,
   und alle brll'n wir prost!

Den Rundreim fate Muz jedesmal so auf, da er sich um sich selbst zu
drehen und nach seinem Schwanz zu jagen habe. Und er tats mit Lust.

Die Krankheit war erloschen. Aber eine Mattigkeit blieb, Unmut und
Dsternis wichen nicht so bald. Heute kam einer von der Mannschaft zu
Horst ins Schreibzimmer. Ich mchte aus dem Verbande austreten,
erklrte er, still, gedrckt. Leicht wurde es ihm nicht, das zu sagen.

In Horst schrak etwas auf. Aber er blickte fest und gelassen. Er wollte
den Mann halten -- wieviel kam darauf an, da die Reihe, jetzt in den
Anfngen, geschlossen blieb! Er mute ihn halten! Dann aber, gerade
darum, in seiner Sprdheit, in der Schamhaftigkeit seines Gemts,
verschmhte er jedes werbende Wort.

Wenn es Ihr klarer Wille ist --

Ich kann eine gute Stelle in einem Bankgeschft bekommen. Man darf doch
seinem Glck nicht im Wege stehen.

Das darf man nicht.

Es war einer von den Lauen, von den Strohfeuermnnern, von den weichen
Tieren. Aber einer der Geschicktesten und Arbeitsamsten, auch im
Schreibwerk zu Hause.

Kunz trat darber zu, der heute Bureaudienst hatte. Der das hren und
ohne jede Schamhaftigkeit den Mann sich vornehmen! Das drfen Sie
nicht, Radatz, und das tun Sie auch nicht. Gewi, wir haben hier kein
Mnchsgelbde abgelegt -- aber wir wollen was zustande bringen. Man hat
die Augen auf uns gerichtet. Man glaubt an uns. Und -- was die
Hauptsache ist -- wir glauben an uns selbst. Darum gibt es bei uns kein
Abbrckeln. Gibt es nicht. Unsere ganze Siedlung ist ein Beispiel -- und
so ist jeder einzelne von uns ein Beispiel. Sie, Radatz, wie wir alle.
Und was wollen Sie jetzt wohl fr ein Beispiel geben?

Kunz, der sonst so wortfreudige, sprach nchtern und trocken. Der also
Bedachte schielte nach einer befreienden Ausgelassenheit und fand sich
gefangen in dem harten zwingenden Ernst. Es gab wei Gott fr Kunz auch
etwas, worin nicht mit ihm zu spaen war.

Glauben Sie, da sich uns andern nicht auch Aussichten auftun? Vor
allem unserm Baas, Herrn Oldefeld, der vier lebende Sprachen spricht und
darum, wie schon Napoleon sagte, allein so viel ist wie vier Menschen
--

Horst winkte heftig ab.

Nun ja, das alles erzhlen Sie sich am besten selbst. Und jetzt werden
Sie tun, was Sie wollen. Sie werden also bleiben!

Der Mann bedachte sich nicht lang. Ich will nicht der erste sein, der
hier abbaut. So bleibe ich denn.

Hab ichs nicht gesagt. Und jetzt ziehen Sie sich mal Ihren
Sonntagsnachmittagschen wieder aus und vertreten Sie mich heute im Bro.
Ich will uns auf der See 'n paar Wasservgel schieen -- Jrgens und
Wendland nehme ich heute mit. Es soll genug werden fr den ganzen Tisch.
Rekonvaleszenten haben Anspruch auf Geflgel.

Radatz empfahl sich.

So wie Du, htte ich nun eigentlich sprechen mssen, meinte Horst. Im
Grunde bist Du mehr Fhrer als ich.

Jetzt fngt der auch an!

Freilich mu ich wieder fragen: wird es vorhalten? Und hat es berhaupt
Zweck?

Zweck -- ja willst Du blo Unsterblichkeiten? Vorlufig haben wir den
Mann wieder.

Horst strich sich ber die Stirn. Da mir das so in die Glieder
gefahren ist! Herrgott, man bleibt doch der alte dumme Junge mit seinen
Illusionen. Natrlich werden wir mit diesem und jenem unserer
Bundesbrder noch manches erleben. Wenn nur nicht in einem selbst etwas
abbrckelt -- es klang mde und verzagt.

Horst!

Hast recht. Man hat wohl noch von dem Krankheitsgift im Leibe.
Vielleicht ist man doch dichter dran gewesen, als man dachte. Der Hades
hat abgefrbt. Der macht immer sensibel. --

Die drei Jger kamen am Abend mit erklecklicher Jagdbeute heim. Elf
Enten brachten sie und vier Hasen.

Horst musterte die Vierfler mit strengem Blick. Wasserwild --? --
fragte er mibilligend.

Hast Du nie von Seehasen gehrt? Aber mit seinen Witzen kam Kunz hier
nicht durch.

Du weit, wie ich ber Wildern denke.

Drck mal 'n Auge zu. Die Viecher sind aus dem Dnengelnde. ber die
Jagdberechtigung streiten sich seit Anno Priemtobak Stadt und Staat. Wem
habe ich sie also weggeknallt? Keinem. Die Jagd ist strittig -- die
Hasen sind es nicht. Habemus.




                       Lona und die Landarbeiter


Die Roten legten sich krftig ins Zeug. Zur Grndung eines
Landarbeiterbundes wurde in dem zweiten groen Saale der Stadt eine
Versammlung abgehalten. Horst lie es sich nicht nehmen, sie zu
besuchen. Der heilige Josef und der Balbutz begleiteten ihn.

Sie kamen spt und fanden in einer Ecke noch notdrftig Platz. Hier
walteten keinerlei Gedanken an ein Rauchverbot. Hllenkruter waren
entbrannt. Verzweifelt kmpften Nase und Augen und erlagen ehrenvoll.

Es saen fast nur Mnner im Saal. Die wenigen Frauen duckten und
verkrochen sich, als wren sie auf gefhrlichen Abwegen. Auch von den
Mnnern hockten einige Alte da wie ein Haufen Unglck. Ganz unheimlich
war ihnen diese Staatsaktion. Mehr als einer bangte wohl um Kopf und
Kragen.

An einem Tisch hatten sie sich erst Mut trinken mssen, zu so
schauerlicher Verschwrung. Und befreiten sich mit sachten Witzen aus
ihrer Beklemmung. Korl Du moest betahlen. Ick hw mien Portmonee to
Huus vergeten -- wiel nicks in is!

Auf einen alten unanfechtbaren Sinnierer redeten Jngere glaubenseifrig
ein: Nu sast sehn, Vadder Jahn -- nu wad allens mrhrt, un denn wad 't
anners in de Welt.

Er schttelte den Kopf. Anners? Rhrt ji so veel ji willt. Fett
schwemmt mmer baben!

Munter lrmend aber gaben sich die Jungen. Sie hatten ihre politische
Weisheit aus dem Schtzengraben mit nach Hause gebracht und fhlten
jeder Lage sich gewachsen.

Jetzt erscheinen durch eine Nebentr die Einberufer der Versammlung und
nehmen auf der Empore Platz. Lona ist unter ihnen.

Es sind ihrer fnf. Der Vorsitzende, ein schlanker, aufrechter Mann mit
scharfen wie gemeielten Zgen, mit eigentmlich grellen und packenden
Raubvogelaugen. Der Fhrer steht ihm im Gesicht geschrieben. Er ist aus
der Hauptstadt gekommen. Rechts von ihm sitzt Lona, links der Koch. Er
hat nichts Gemstetes, ist trocken und kantig, der Schdel ist oben
kahl, nur in der Mitte, ber der Stirn, brennt eine einsame rothaarige
Flocke. Die Augen stechen und sind hei. Sein Nachbar ist der zierliche
knabenhafte Mann, der auf der Borkhus-Versammlung die kurze Brandrede
hielt, und den der Bierfahrer vom Tisch heruntersetzte. Er hat ein
hektisches und verbittertes Frauengesicht. Alle Glieder sind bei ihm in
fiebernder Bewegung, in den Augen tobt die Unruhe. Lona hat zu ihrer
anderen Seite einen sehr behbigen, angegrauten, breitstirnigen Herrn,
der offenbar nicht ausgeschlafen hat, und sich ein paarmal die Hand vor
den ghnenden Mund hlt. Zwischendurch tiefsinnig vor sich hinblickt und
mit den Elementen der Fingerngelpflege sich befat. Aber in den kleinen
lauernden Augen ist etwas, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. So
oft er sich regt, stt er die Nase vor wie ein witterndes Wild.

Lona blickt unter halbgesenkten Lidern ber die Versammelten. Dann
starrt sie -- Horst hat sich eben seitwrts zum Balbutz gewandt -- jetzt
wird er in die Bahn ihrer Augen gezwungen, die in seine Ecke, die auf
ihn geheftet sind.

Sie beugt sich ans Ohr des Vorsitzenden, das Falkenauge stt jetzt auch
auf ihn -- dann erhebt sich der Mann sofort. Klingelt kurz. Stille.

Durch Horst zuckt es hin: wollt Ihr mir zuleibe? Gut, ihr Leute! Kommt
an!

Arbeiter und Arbeiterinnen, so spricht der Vorsitzende, das ist meine
Anrede -- Ehre, wem Ehre gebhrt! Die Einladung zu dieser Versammlung
ist lediglich an Euch ergangen. Eure Angelegenheiten sollen hier
besprochen und geordnet werden. Die Anwesenheit von Leuten, die nicht
darauf Anspruch erheben knnen, Landarbeiter zu sein, ist nicht
erwnscht.

Ich bin auch Landarbeiter auf meine Art, denkt Horst mit innerem
Schmunzeln. Er soll mir schon deutlicher kommen.

Ich mu deshalb alle diejenigen, die nicht diesem Stande angehren,
ersuchen, den Versammlungsraum zu verlassen.

Seine Blicke geben aller Augen die Richtung. Viele sind aufgesprungen,
alle stieren sie in die bezeichnete Ecke. Horst rhrt sich nicht. Erst
recht nicht, da jetzt in Lonas Zge ein hlich Feindseliges sich
einwhlt.

Falkenauge aber lt nicht locker. Wie ich hre, ist der Leiter der
Hohenmoorer Siedlung hier anwesend.

Jetzt erhebt sich Horst.

Spitzel! ruft ein Zwanzigjhriger. Mit diesem Wort dnkt der Junge
sich auf der Hhe und blickt stolz um sich her.

Wollen Sie mir ein paar Worte gestatten, beginnt Horst.

Bitte.

Wir Mitglieder der Siedlung arbeiten genossenschaftlich gemeinsam an
unserem Werk. Ich selbst bin unter allen Umstnden Siedler oder, wie man
sonst sagt, Kolonist. Ich mach ein Stck Land urbar, ich helfe Neuland
schaffen. Wenn einer sich Landarbeiter nennen darf, sind es meine
Genossen und ich. Kurz und bndig.

In die Gesellschaft ist Bewegung gekommen, es wird dafr und dagegen
gemurmelt. Horst sieht den grauen Schopf des Torfmeisters wackeln und
hrt seine gedmpfte Stimme wie schweres unterirdisches Rollen.

Falkenauge holt zum zweiten Schlage aus. Diese Einwendungen sind doch
sehr anfechtbar. Die Siedlung ist ein Unternehmen. Ihr Leiter ein
Arbeitgeber. Und wenn diese Persnlichkeit nun noch aus dem -- jetzt
glcklicherweise abgeschafften -- Offizierstande herkommt und vor allem
mit dem Besitzer von Moorhof, der uns hier in mehr als einer Hinsicht
beschftigt, in freundschaftlicher Beziehung steht --! --

Dies soll das Henkerbeil sein. Horst aber hlt mit dem Nacken ganz und
gar nicht still. Darf ich noch einmal?

Bitte. Doch diese Gewhr sieht schon einer schroffen Ablehnung gleich.

Horst schmunzelt innerlich. Meine Klinge will ich wenigstens schlagen!
Was einer frher war, kann heute und hier doch unmglich in Frage
kommen -- ebensowenig wie der Umgang und Verkehr jedes einzelnen der
hier Erschienenen zur Untersuchung steht. Es handelt sich doch ganz
ausschlielich um den jetzigen Beruf. Und wenn ich fr meine Person
gefragt werde, welchen Beruf ich heute ausbe, habe ich gar keine
Mglichkeit etwas anderes zu sagen als: ich bin Landarbeiter,
Landarbeiter in einem genossenschaftlichen Arbeiterverbande, der, wenn
Arbeitgeber, doch sein eigener Arbeitgeber und in demselben Mae sein
eigener Arbeitnehmer ist. Der Herr Vorsitzende hat die Erklrung
abgegeben, da die Anwesenheit von Leuten, die nicht Landarbeiter sind,
nicht erwnscht wre. Wenn hiernach wirklich verfahren wird, mten, so
weit ich ber den Stand und Beruf der Herrschaften unterrichtet bin, die
da oben am Tisch der Versammlungsleitung sitzen, diese zunchst einmal
samt und sonders ihre Sachen zusammenpacken und den Saal verlassen.

Ohorufe, erst einzeln, dann anschwellend, werden laut zu diesem
umgedrehten Spie. Aber viele denken: ein verfluchter Kerl, und manch
einer grient im Stillen. Horst aber hat sein unbndiges Behagen an dem
Flammentanz auf den Gesichtern da oben -- auch die viereckige Stirn des
Phlegmatikers droht -- an dem furioso in den Augen der Musiklehrerin.

Doch die wetterfeste politische Kultur der geschulten Volksmnner ist
gleich an der Arbeit. Zuerst und vor allem nieder mit jeder
Mitrauensregung! Der Koch bittet ums Wort und spricht: Ich bin anderer
Meinung als unser verehrter Herr Vorsitzender. Er wnscht einen engen
geschlossenen Kreis. Wir haben hier keine Geheimnisse. Im Gegenteil! Ich
wnschte, es htten sich hier recht viele von den Unternehmern, den
Arbeitgebern, den Herren Gutsbesitzern eingefunden. Was sie hier zu
hren kriegten -- ja, die Ohren wrden ihnen schon davon gellen! Aber
vielleicht wrden sie uns dann der Arbeit berheben, einmal mit der
Faust an ihre Tr klopfen zu mssen!

Bravo! Jetzt ist der Wagen auf dem richtigen Gleis. Der Fall Horst liegt
sacht in der Versenkung. Die Tagesordnung steigt.

Der Vorsitzende spricht ber die Notwendigkeit der Arbeiterorganisation.
Die Landarbeiter, die einzigen, die bisher nicht organisiert wren.
Rckstndig wren sie. Arbeiter und rckstndig, das gbe es aber nicht!
Das Rckstndige wre bei denen da oben zu Hause, und mit denen rumte
die neue Zeit jetzt grndlich auf. Herren und Knechte -- das wre deren
Weisheit und Wille, aber das htte aufgehrt! Menschenwrde!

Horst fuhr zusammen. Wieder das Wort!

Und in Eure eigenen Hnde ist die Menschenwrde gelegt. Ihr habt jetzt
dafr zu sorgen, da hier auf dem Lande auch menschenwrdige
Verhltnisse eintreten. Das erste ist hhere Lhne! Und wenn Ihr alle
einig seid -- die, die auf den Kornscken und den Geldscken sitzen,
knnen, werden und mssen sie zahlen!

Dies ist der Faden. Und er hat sie an der Strippe.

Horst hrte hellugig zu. Der Mann ist ein Knstler in seiner Art, er
hat die rechten Finger fr das Masseninstrument.

Jetzt wird noch ein Stck in Moll gebraucht. Sie verstehen sich schon
auf Konzertprogramme. Lona nimmt das Wort.

Zagend steht sie auf, aber dann entfaltet sich das, was sie spricht, wie
eine Knospe zum Blhen und Glhen.

Sie sei ein Kind dieses Landes. Als Kind habe sie es verlassen. Nun, da
sie wiedergekommen sei, habe es ihr den Sinn bewegt, wie wenig Menschen
hier den Kopf hoch tragen. Kaum hebt einer den Blick vom Boden. Das ist
es: sie tragen eine eigene Not und sie zieht eine eigene Sehnsucht. Von
der Erde stammt ihre Not, und ihr Sehnen geht zu der Erde. Darum ist auf
sie, ob sie's selber nicht wissen, ihr schwerer Blick gesenkt. Ein
eigenes Stck Land, so brennt es in ihrem Herzen. Mit dem Boden sind sie
verwachsen, durch ihr Schaffen sind sie ihm angetraut. Denn nur die
Arbeit flicht den lebendigen Bund. Und sie arbeiten nicht fr sich
selbst. Sie drfen es ja nicht. Ihnen gehrt die Erde -- und sie gehrt
ihnen nicht. Das liegt auf ihnen wie ein Fluch. Diesen Fluch gilt es zu
lsen. Ihr sollt nicht mehr dulden um die Erde, Ihr sollt leben mit
ihr, in ihr -- ja Ihr sollt leben!

Das greift ihnen mit fester und doch linder Hand an die innersten
Seiten, an ihre heiligen Wnsche. Das ist wie Musik, das ist Seele und
Sieg. Sie sind alle bezwungen.

Auch ber Horst geht ein Zauber. Von der Innigkeit eines wahren Fhlens,
die wie ein Stern leuchtet durch den dicken Brodem der Versammlung.

Kaum hat er das in ihr gesucht. Nicht, da dieser Schein aufsteigen
knnte, dieser stille Schein aus den lohenden Flammen ihres Wesens.

Ein Unrecht bittet er ihr ab, da er sie bei den wilden Schlagwrtern
gesucht hat, bei den knalligen Feuerwerkern von Beruf mit ihren hohlen
Kanonenschlgen, ihren verpuffenden Raketen und windigen Leuchtkugeln.

Und sie knnen es nun doch nicht lassen, sie sorgen schon wieder dafr,
da die Stille und Andacht nicht bleibt. Der Knabenhafte hat das Wort
bekommen. Lange schon hat es in ihm gefressen. An dem Gedmpften, dem
Ruhigen, Sanften erstickt er. Mit den Armen fhrt er durch die Luft.
Zwei brandrote Flecken leuchten auf den hageren Backen.

Ja, Ihr sollt leben! Aber leben heit kmpfen! Des sollt Ihr eingedenk
sein, Tag und Nacht und zu jeder Stunde! Und Eurer Kampfgenossen sollt
Ihr gedenken, in Treue bis zum Tod -- und in Zuversicht! Nie hat die
Menschheit ein greres Heer gesehen! Das Heer der Menschheit ist es!
Verbrdert als Eidgenossen alle Proletarier der Welt! Gibt es was
Gewaltigeres? Wer kann uns widerstehen! So mssen wir fhlen -- und die
Welt ist unser! Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heit! Unser
Vaterland ist die Erde!

Seine Stimme schrillt wie eine zersprungene Saite. Junge Kehlen brllen
ihr Bravo. Durch Horst zuckt der Schmerz. Er kennt den Text und die
Weise -- er will lcheln und es wird eine Grimasse.

In die Versammelten blickt er. Tuscht er sich? Rollt dort nicht ein
Kopfschtteln durch die Reihe -- prgen sich hier nicht Unmutsfalten in
alten ernsten Gesichtern?

Und jetzt -- eine mchtige Stimme rauscht auf in der Mitte des Saales --
langsam hat sich der Torfmeister erhoben -- formelle Einwnde des
Vorsitzenden orgelt er nieder -- er spricht, also hat er das Wort.

Das htte der kleine Mann da oben nicht sagen mssen, da wir kein
deutsches Vaterland kennen. Was kennen wir denn, wenn wir Deutschland
nicht kennen? Blo Deutschland kennen wir, und ein Stck deutsche Erde
ist ja, was wir wollen! Kann man das Land auf den Nacken nehmen und
rausschleppen in die weite Welt? Hier ist das Land, und hier sind wir!
Blo das geht uns was an, und das ist, wofr wir leben und streben!
Gewi, die Unterdrckung soll aufhren, die Knechtung und Unbill. Freie
Mnner wollen wir sein! Aber, wo knnen wir das anders sein, als auf
einem eigenen Stck freier deutscher Erde!

Horst fhrt in die Hhe -- er wr am liebsten ber all die Kpfe
gesprungen, htte den alten Moorriesen ans Herz gedrckt und sich alle
Rippen an ihm verbogen.

Beifallsgemurmel in den Reihen. Die Schreier sind verdutzt. Dann aber
neue Kampfrufe aus jungen Kehlen. Vaterland -- quatsch! --
Proletarier aller Lnder! -- Hoch die Internationale!

Heier wird das trge Blut, Feindschaften entbrennen, tiefer ziehen sich
die Risse -- die Leiter sind auf der Wacht. Jetzt ist der Behbige und
Verschlafene, der Mann mit dem viereckigen Schdel, hell bei der Sache.
Er stt die Nase vor und spricht.

Genossen! Wir begehen den alten Fehler, da wir an Worten uns erhitzen.
Und da unsere Gedanken uns so weit fortfliegen. Darin hat mein
geschtzter Vorredner recht: Hier, wo wir sind, hat unsere Arbeit
einzusetzen. Das Nchste ist Trumpf. Ich spreche nicht von Deutschland,
ich gehe noch viel weiter. Oder richtiger, ich gehe ins Nhere und
Engere. Von unserer Provinz rede ich. Von unserm Kreis. ber die
Verhltnisse, gegen die wir hier anzukmpfen haben, will ich Euch ein
Licht aufstecken. Mit Hilfe von Zahlen, die beweisen!

Wozu hat man seine Statistik? Er nimmt ein Blatt aus seiner Mappe, und
lt seine Ziffern sprechen. Die Leute hren glubig zu, Unmut und Zorn
finden ihre Weide. Sie rufen aha und pfui Deubel und nieder mit den
Ausbeutern!

So also, Genossen, sieht die Welt hier aus. Und mit dieser Welt werden
wir aufrumen. Das Frhjahr steht vor der Tr, der Frhling soll alles
neu machen. Mit der Frhjahrsbestellung werden wir unsere eigene Saat
sen, die Saat unserer gerechten Sache. Das soll heien: werden die
neuen Lohnstze, ber die wir uns noch verstndigen mssen, nicht
bewilligt, dann wird gestreikt!

Bravo! -- Bravo!

Dann sollen die Herren allein ihr Land bestellen! Wollen sehen, wie sie
damit fertig werden! Pat auf, sie kommen auf den Knieen zu uns
angerutscht. Denn was ist ihr Land ohne uns! Ihr Land? Unser Land!

Bravo! -- Bravo! -- Bravo!

Dazu ist aber ntig, da wir einig sind. Dafr ist die Organisation der
Landarbeiter die Lebensbedingung. Sie wird heute geschaffen. Die Listen
liegen hier aus. Ich wei, da Ihr Euch alle hier einzeichnet! Alle ohne
Ausnahme! Geschlossen wird unsere Reihe sein. Und unsere Parole fr den
bevorstehenden Kampf: Der Frhling macht alles neu!

Sie knnen's, das mu Horst sich wieder und wieder besttigen. Er sieht
den Zug, der zu den Listen sich drngt. Einige stehen gesondert,
zaudern, blicken sich ins Gesicht aus schweren, aus scheuen, aus
widerspenstigen Augen. Dann zieht die Masse sie an, und sie fgen sich
ein. Wenige nur schleichen sich abseits, ein paar gehen frei, hart und
stolz aus dem Saal, ihren eigenen Weg.

Als Horst auf die Strae kam, stand da der Torfmeister mit Lona im
Gesprch. Er schritt grend vorber, da rief der Alte ihn an.

Gehen Sie nach Hause?

Ja.

Wollen Sie mich mitnehmen?

Gern. Horst blieb stehen.

Sie Beide kennen sich ja wohl, sagte der Torfmeister. Da sprach Horst
zu Lona ein Wort, aus Artigkeit, doch auch von Herzen.

Von dem, was Sie heute gesagt haben, knnte ich jedes Wort
unterschreiben.

In ihrem Auge stand ein brskes: habe ich Sie gefragt! Aber ihr Ton war
farblos, als sie zurckgab: Und doch werden Sie, wenn es hier zum
Klappen kommt, nicht auf der Seite der Bedrngten stehen.

Fr mich gibt es nur eine Bedrngnis.

Deutschlands. Der Hohn war mde, und dennoch, vielleicht gerade
deshalb fra er sich ihm bis ins Mark.

Gewi. Mein erster Gedanke ist, das Land vor Schaden zu bewahren.

Gut, da es verschiedene -- Gedankenwelten gibt. Sie verneigte sich,
reichte dem Alten die Hand und wandte sich heimwrts.

Die drei Siedler waren unterwegs mit dem Moormeister. Er hatte sich
schnell mit dem Balbutz angefreundet. Sie sprachen lebhaft. Horst und
der heilige Josef wanderten still und versunken.

Horst ist bei Lona. Warum lt diese Frau ihn nicht los? Was ist bler
an ihr, ihre Geistesverfassung, ihre Gesinnung oder diese verstiegene
Selbstberhebung? Wie hat sie ihre Gedankenwelt betont, die hohe und
weite, gegen sein enges, kmmerliches, monomanes -- so schilt man es
ja wohl -- gegen sein deutsches Gedenken. Soll er nicht lachen und
lachend sie abtun, ein fr allemal? Was mu er immer wieder mit dem
Erschtternden ihres Schicksals sie sich aufdrapieren!

Er will nicht in eigenen Erlebnissen whlen. Wie viel Entsetzlicheres
hat er selber gesehen. Warum nur lt er von diesen Greueln sich nicht
bannen, warum mu ihr Los das Bezwingende sein!

Was ist's, das ihn so lockt an dieser Frau! Da er ihr Leben ergrnden
will, wissen und fhlen von ihrem Wesen, dem verborgenen. Ja, dem
verborgenen. Hier sind Tiefen, in die er blicken mu -- er fhlt es, er
wei es, er wird es.

Da sie so zur Sphinx ihm wird -- oh, mit dem vollen Grusel, dem
rieselnden vor der ttlichen Rtselhaftigkeit -- sind es nicht blo die
Sinne, die dieses Bild ihm schaffen und schmcken? Die Sinne, die groen
Lgner dieses Lebens. Ist es in seiner weibverlassenen Einde dieser
junge schne Leib, was ihn betrt?

Kunz hat ihn den Eisheiligen getauft, weil er kein Schrzenjger ist.
Was wei der von seinem Eis, von seiner Heiligkeit.

Ja, ja -- warum sich selbst was erzhlen! In seine Sinne sind die Funken
geflogen. Ihr Wesen -- was ist an dem weiter zu entrtseln? Es offenbart
sich ja. Es wirkt, es strmt. Es geht ihm ins Blut.

Was wollen ihre Augen? Was will ihr Mund, mit dem heien Rot von ihm?
Was will er -- er von ihren schwellenden Lippen?

Er ist ins Laufen geraten. Der heilige Josef, sein Begleiter, trottet
brav neben ihm her. Schweigend wie er.

Der Alte kann nicht mit. Weit bleibt das andere Paar hinter ihnen
zurck. Da rollt ein Wagen des Wegs, er hlt, der beinmde Torfmeister
steigt auf und fhrt nun grend an ihnen vorber.

Horst hat jetzt die beiden Kameraden an seiner Seite. Nun ist er in
einer anderen Welt. Der heilige Josef trgt an etwas, seine Hnde
schnappen in die Luft, er findet noch nicht die Sprache.

Nun, Elbenfried? fragte Horst, ihn zu beflgeln.

Ich hatte so vieles auf der Seele und hab es nicht gesagt -- immer
diese Trgheit des Geistes -- diese Feigheit des Herzens. Eine Schuld
ist das! Denn wir sollen Zeugnis ablegen -- immer wieder! Bekennen
sollen wir und immer wieder bekennen!

Aber wir sollen auch nicht unsere Perlen vor die Sue werfen! Fritz
Eggert zeigt seine Bibelfestigkeit und mchte sich damit von weiteren
pastoralen Ergssen loskaufen.

Gustav schttelt den schweren Apostelkopf. Mit keinem Wort der Schrift
betrgen wir uns mehr. ber nichts tuschen wir uns so sehr wie ber
das, was Perlen, und das, was Sue sind.

Ganz gewi߫, ermuntert ihn Horst.

Ich htte sprechen mssen. Immer und immer wieder mu man das Licht
entznden. Schlielich leuchtet es doch durch all den Rauch. Und der
eine und andere brennt sich sein eigenes Licht daran an. Von Brdern
sprechen sie. Nur in diesem Kreise sprechen sie von Brdern. Aber
hinwiederum, Brder sind nur und nur die Proletarier. Und es wird eine
Brderschaft des Hasses. Warum knnen sie sich den Blick nicht weiter
machen und nicht das Herz! Warum knnen sie die Hnde nicht
herausreichen ber die Hecke, hinter die sie sich einsperren! Und wenn
diese Hnde hundertmal leer zurckkommen -- schlielich werden sie doch
einmal ergriffen, und der Bund der Geister nimmt seinen Anfang.

Nun ja -- auf den Anfang kommt es an. Aber wer soll anfangen? Immer
sagt der andere, da es der eine sein mu!

Da der Ha so leicht ist und die Liebe so schwer! Wie soll man
sprechen, was soll man tun, da die Herzen sich ffnen! Wie soll man die
Augen erheben, die immer nur die Not des Leibes sehen! Nicht die
Seelennot aller gequlten Geschpfe! Wie sie fhren, da sie in der
groen Liebe die Heilung suchen auch fr die kleinen Leiden.

Sie verlangen viel, Gustav Elbenfried.

Wir sollen viel verlangen, spricht er in Verzckung. Wir mssen das
Hchste wollen, nur so werden wir des Niederen Herr!

Sie schweigen. In diesem Bekenntnis lebt das Beste von ihnen allen.




                         Besuch in der Baracke


Es ging auf den Mrz zu. Nach Erde roch es und zerflieendem Schnee. Vom
Frhling schwirrte und klirrte schon dies zitternde Ahnen durch die
Luft, dieses Surren, in dem die Nerven schwingen und das Blut singt.

Jetzt wurde der Siedlerbaracke ein sonderlicher Festtag beschieden, Frau
Tilde machte ihr den versprochenen Besuch. Es war gegen Mittag, da kam
sie mit dem Vater die Hhe herabgeschritten.

Die Siedler marschierten von den Rumungsarbeiten auf der Ziegelei die
Chaussee daher -- Gisbert in dem Arbeitstrott wandelte pltzlich mit
gestreckten Armen wie auf eine Erscheinung zu, er hatte sie zuerst
gesehen. Kunz sprte, wie er ihnen entrckt wurde, und ging seinen
Blicken nach. Und jetzt lief es durch die Reihen: Damenbesuch. Alles
war befeuert, hob sich und spannte sich.

Viel Staat war ja nicht mit ihnen zu machen. Wie die Mllkutscher sahen
sie alle aus, und den eitlen unter ihnen war das peinlich. Gisbert
dachte nicht an sein Kleid, Kunz schon eher, er zog und ordnete und
brstete unwillkrlich mit den Hnden. Als aber die Augen dieser Frau
vor ihnen aufleuchteten, da flog jedwedes uerliche ber alle Berge,
und sie atmeten wie in einer Lichtflut.

Es geschah von selbst, da Gisbert gleich an ihrer Seite war. Und sie
nahm ihn auf, ganz so, als gehre er zu ihr. Er mute ihr all die
Herrlichkeiten zeigen -- denn Herrlichkeiten waren es, da ihre Augen
darauf fielen. Er und sie -- Mitlufer die anderen.

Die Stallungen kamen zuerst an die Reihe. Sie waren ein Teil der
Baracke, alles lag unter einem Dach, wie bei einem niederdeutschen
Bauernhaus. Die Stlle hatten lngst noch nicht die ihnen zugedachten
Bewohner. Sie besaen bisher ein Pferd, ein alter Fliegenschimmel war
es, wehmtig aber treu. Dann zwei Khe und sieben ganz kleine Ferkel.
Diese sieben die junge Frhlichkeit des Baues, mit denen Muz seine
ausgelassenen Spiele trieb, von dem Quieken und den frohlockenden
Ringelschwnzchen zu immer neuen Tollheiten begeistert.

Nebenan aber thronte etwas erschtternd Einsames. Hier in dem
Hhnerstall sa nichts als ein groer schwarzer Hahn in der tragischen
Erhabenheit seines verlorenen Schicksals.

Gibt es was Jammervolleres als einen Hahn ohne Hhner?

Muz konnte keinen Blick in diesen Stall tun, ohne mit gesenkten Ohren
trostlos winselnd zu verzagen.

Kunz, der als Conferencier sich in erreichbarer Nhe hielt, mute nun
doch sein Sprchlein hersagen. Dies ist nun unser heiliges Tier. Den
Zusatz aber, der ihm auf die Zunge wollte: das Wappentier unserer
Barackenaskese -- den tat er angesichts der Besucherin doch lieber in
seine Sparbchse.

Frau Tilde aber war auch ohne irgendwelche Errterungen reichlich
bewegt. Der arme Kerl -- in Einzelhaft -- was hat denn der nur
verbrochen! Er soll Gesellschaft haben. Und sie versprach als Stiftung
sieben Hennen von der Mnkhover Zucht, die im Lande berhmt war.

Zum Lohn dafr aber mssen Sie mich heute zu Mittag einladen, sagte
sie munter.

Das pat groartig! rief Kunz. Es gibt Kartoffelsuppe.

Die verleugnete nun ihre Blutsverwandtschaft mit der Wasserleitung
auch heute nicht. Aber wer achtete darauf? Die Wirte nicht und nicht die
Gste.

Es war die strahlende Kraft dieser Frauenseele, was sie alle emportrug
ber die Dinge. Sie hatte ihren Platz zwischen dem heiligen Josef und
dem Balbutz, und Weltkind wie Prophet sahen zu ihr auf als wie zu
unserer lieben Frau. Sie hatte so viel Freude an all diesen braven
Jungen. Sie meinte, da in dieser harten, ernsten und stillen
Arbeitsgemeinschaft so etwas wie das Herz Deutschlands schlage. Und leid
tat es ihr, da sie wie die Strflinge hausten, in dieser lieblosen
Kahlheit, dieser Farblosigkeit und drftigen Enge.

Hier wollten ihre Hnde schmcken und beseelen. Wohnlicher sollt Ihr es
haben, Ihr armen Verwaisten und Heimatlosen! Diese traurigleeren
Fenster, die wie tote Augen starrten -- sie hatte Stoff zu Vorhngen,
mit denen wollte sie anfangen, das tote Bretterhaus zu beleben.

Und Blumen sollen Sie jetzt im Frhling haben. Einen kleinen Vorgarten
legen wir uns an. Mit Tausendschnchen, Priemeln, Stiefmtterchen. Da
etwas Leuchtendes Sie in Empfang nimmt, wenn Sie von Ihrer schweren
Arbeit nach Hause kommen.

Und all die Blicke der Mnner und ihre Herzen erbauten sich an einer
Lichtgestalt. Um den feinen zarten Kopf mit diesen tiefen, versunkenen
Augen, die aus ihrer Versunkenheit ihre Schtze hoben, stand es wie ein
Schein, dieses wunderbar Festliche und Frauliche zugleich -- ein Schein,
vor dem man andchtig ward.

Herr von Borkhus indessen lie sich von Horst ber die
Arbeiterversammlung berichten. Natrlich, sie wetzen die Messer. Wir
sollen das Schleifen hren, und wir hren es. Vielleicht, da es mehr
ist als Drohung. Haben auch die meisten von uns ein gutes Gewissen --
manch einer hier im Kreise rutscht doch mit der Hose ganz gehrig auf
Grundeis. Hier wird die Rechnung prsentiert werden und -- wie die Sache
nun einmal liegt -- nicht hier allein. Da nun schon -- wer hat es gesagt
-- Frauen, Dummkpfe und politische Bewegungen zu verallgemeinern
lieben.

Den Organisierten wird ja auch nichts anderes brig bleiben, bemerkte
Horst.

Die mden Zge des Herrn von Borkhus -- sie erschienen Horst noch nie so
schmerzlich abgespannt -- erhellte jetzt die junge glubige Phantastik
seiner Augen. Ich wei, auch von meinen Leuten hat der grere Teil
sich eingeschrieben. berzeugungen glauben nun einmal erst dann an sich
selber, wenn sie abgestempelt sind. Jeder mu nun mal seinen Schein
haben -- wie knnte er sonst auf ihm bestehen! Aber, wenn es ernst wird,
dann sind solche Scheine Papier. Der Herzschlag ist dann der Ton, der
die Musik macht. Und -- ich kenne meine Leute, so gut wie sie mich
kennen!

Er warf den Kopf zurck, nun ganz ein froher, sieghafter Fhrer. Sein
Gesicht belebte sich frisch, dunkler und heier leuchteten die Augen.
Hier frohlockte eine Zuversicht, die aus der Tiefe seines Wesens quoll,
aus der glckhaft frohen Treue seines eigenen Fhlens.

Zagend, mit leiser Sorge blickte Horst in diesen berschwang feuriger
Gewiheit. Er hatte seinen Argwohn, und er fhlte, da Enttuschungen
hier ins Leben greifen mten. In dieses Leben, getragen von dem
Selbstvertrauen des Huptlings, das durch Geschlechter angezchtet war.

Selbstgewiheit! Und kommt es nicht darauf an? Ist das nicht der Kern
alles Wesens, alles Werdens, alles Schaffens! Ist das nicht die
lebendige Urkraft, die schlielich ins Ewige uns finden lt und zu Gott
-- die Gewiheit, das Gewissen! Beides dasselbe! Des Glaubens Inbegriff!
Des Menschen Seele!

War ihm, Horst, genug von dieser Urkraft gegeben, genug zur
Fhrerschaft? Immer wieder die Zweifel. Und die Gefahr des Zerbrckelns.
Ja, wir sind mrbe geworden. Verwittert haben uns die Zeitenstrme. Hab
ich selbst noch so viel innern Halt, den anderen ein Halt zu sein?

Wie hat es mich geworfen, als die erste Regung zur Fahnenflucht in
unsere Reihen brach. War es ein Gefhl eigener Schuld? Hatte ich die
Fahne nicht tapfer, nicht stark und treu genug getragen? Waren nicht
meine eigenen Gedanken auf der Flucht gewesen? Wie oft hatte ich mich
gesehnt -- ja gesehnt nach meinen Bchern, nach Forschung, nach
Wissenschaft, nach geistigen Fernsichten. Nach Einsamkeit auch, nach den
Freuden stiller Entdeckungen, nach den Verzckungen und Verzauberungen
in ungestrten Trumen.

Ja -- wie an Ketten trug ich oft an meiner Pflicht. Und nur, weil ich
selber schwankte und treulos werden konnte, kam dieses Wanken in die
Reihe.

Ist es nicht eine erlesene Schar, die auf mich blickt? Ein Vorbild fr
mich, die ich ihr Vorbild sein soll. Und so ist es recht. Nur so ist die
starke Gemeinschaft da. Wir haben sie. Hat Herr von Borkhus sie mit
seinen Leuten? Ich frchte, er trumt zu leicht. Hat er nicht ein
reichliches Ma dieser lieben Leichtglubigkeit, die so kindlich ist und
ach, so deutsch!

Wie hat er sich selbst die Mannestreue des alten Strempel herausgeputzt,
bei dem aus jeder Pore seines gelben Felles der kalte listige
Gelegenheitsmacher schielt. Und richtig, jetzt ist der auch schon als
Kronzeuge da.

Lieber Horst, Sie kennen eigentlich von meinen Leuten nur den alten
Strempel. Knnen Sie sich denken, da der bermorgen zu mir sagt: >Sie
mssen sich allein anspannen, ich fahre Sie nicht!< Knnen Sie sich das
vorstellen? In seinen Blicken war eine unauslschliche Heiterkeit.

Horst mute wenigstens soviel sagen: Meine Vorstellungswelt ist nun mal
ein wenig aus dem Gelenk wie die ganze Welt berhaupt --

Hier drfen Sie sie getrost wieder einrenken. Er winkte fast mitleidig
mit der Hand. Und nun habe ich eine Bitte an Sie. Mich persnlich
berhrt ja der angeblich drohende Streik am wenigsten. Aus politischen
Grnden aber habe ich die Herren aus dem Umkreis fr heute nachmittag zu
einer Besprechung gebeten. Sie waren auf der konstitutionellen
Versammlung des Arbeiterverbandes -- Ihre Eindrcke sind uns von Wert.




                             Die Gutsherren


Als Horst nach vollbrachtem Tagwerk in das Beratungszimmer trat, waren
die Herren in voller Ttigkeit.

Junkerliches Ungestm hatte zuerst die Errterungen verwirrt. Nun war
ein parlamentarisches System errichtet. Herr von Trent fhrte den
Vorsitz.

Sein gelbes krnkliches Marquisgesicht blickte mit kummervoll wartenden
Augen in die Weite. Aber er hielt die Zgel in kundigen Hnden.

Zuerst hatten die Besorgnisse das Wort gefhrt. Allerdings in halben
Tnen. Angstmeierei war gerade in diesem Kreise nicht eben daheim. Bald
hatten Eigenwille und eine betonte Sprdigkeit gegen neue soziale
Operationen gewonnenes Feld. Vergeblich bemhten sich die Nchternen und
Sachlichen um eine Gegenorganisation der Besitzer. Umsonst brach der
Kabelsdorfer als Befrworter eines Landbundes seine letzte Lanze.
Formlos, ungepflegt, ein brtiger Mann mit klugen und warmen braunen
Augen. Ein Brgerlicher und manchem der Junker nicht nach der Mtze.
Aber sicher einer von denen mit dem reinsten Gewissen.

Nehmen Sie es mir nicht bel, meine Herren -- von all den Dummheiten,
die die Deutschen stammesmig begehen -- und wir Landleute fhlen uns
ja als besonders gute Deutsche -- ist die grte die, da wir von
unseren Gegnern nichts lernen. Tun wir nicht und wollen wir nicht. Was
erleben wir jetzt hier? Von denen, die sich in unseren Betrieben zum
Kampfe gegen uns rsten? Sie machen das, was das einzig Verstndige ist.
Mssen wir -- wir darum das einzig Unverstndige machen? Nur geschlossen
knnen wir der Geschlossenheit begegnen. Aber nein! Wir laufen ihnen
zuliebe einzeln im Gelnde herum, damit sie uns einzeln zur Strecke
bringen und ihr frhliches Halali haben!

Der dicke Poggenhagener mit den schiefen Kalmckenaugen, der sticken
mute, wenn er seine Witze nicht loswurde, beugte sich zu seinem
Nachbarn, dem Tangentiner. Es heit nicht lali, es heit le lit, das
frhliche, und er meckerte wie eine Bekassine.

Bei dem berlebenslangen, himmelan vertrockneten Ammoniakiter fand er
indessen keine Gegenliebe. Der lachte nicht, denn Lachen war eine
Ausgabe. Aber in solchen Unterhaltungen zeigte sich immerhin, wie wenig
noch von einer gemeinsamen Aktion die Gemter band.

Was hier noch an ngstlichkeit herumkroch, nahm die Maske vor,
versteckte sich hinter groen Worten und greren Gesten. Und gerade die
Schlotterhosen, die ganz wenigen, plusterten sich auf zu prunkender
Forschheit.

Dies war die Stimmung, in die nun Horst hineingeriet. Lebhaft begrte
man ihn. Ein Teil von den Herren hatte fr das Siedlungswerk auf
Betreiben des Herrn von Borkhus opferwillig Beitrge gezeichnet. Alle
aber schenkten sie der Siedlung ihr Wohlwollen. In diesem Artikel kannte
hier wie anderswo die Freigebigkeit keine Grenzen -- nur der Tangentiner
hielt auch seine kostenlosen Regungen zu Rate.

Herr von Gldenbek, der Mann der Saatkartoffeln, strich durch seinen
grauen, in konservativer Unbeschnittenheit wallenden Vollbart, legte die
vterliche Hand auf Horstens Schulter und sprach gewinnend: Solche
Mnner wie Sie braucht das Vaterland. Und der Nebengedanke war bei ihm
wie bei manchem andern: auch wir brauchen Dich, Deine Mannschaft und
Eure Maschinengewehre, wenn es hier zum Ausstand und zu Unruhen kommen
sollte.

Gleich wurde denn auch wie auf Stichwort der eben ergangene
Regierungserla ber die Waffenablieferung besprochen.

Horst erklrte: Ich mu die Hnde kennen, in die ich meine Waffen
liefern soll. Ich kenne diese Hnde nicht. Da nickten ihm alle lebhaft
zu, freudig und beruhigt.

Und dann wurde der sogenannten Regierung aufgespielt. Dies war die
Weise, auf die man sich hier verstand. Wie oft hatte man auch dem alten
geheiligten Regiment frondiert. Und nun dieses _rgime de canaille_!
Den schiefen Abstzen dieser Usurpatoren den Nacken hinhalten --! So
sagte Herr von Seddewitz, und es funkelte sein scharfes, abgewetztes
Gesicht.

Hoch gingen die Wellen. Teilnahmlos wie all die Stunden schon blieb Herr
von Borkhus. Immer wieder waren durch seine tiefen Augen die Schatten
gezogen. Dann sprach er leise: Wie gleichgltig im Grunde, wer da oben
sitzt -- wer die Satrapen sind ber unserem Sklavenvolk.

Damit ist die groe Fuge der deutschen Passion angeschlagen. Und sie
zittert durch die Seelen. All diese Mnner -- ihrem Eigenwillen fehlt es
gewi nicht an Eigennutz. Von grter Unbefangenheit sie alle in der
Bejahung ihres Besitzes, ihres Herrentums. Sie knnen gar nicht aus
ihrer Haut. In der sie so grad gewachsen sitzen. Nicht alle haben sie
die Hnde reingehalten. Aber jeder von ihnen hat dem Vaterlande mit Leib
und Leben gedient. Jeder von ihnen ist im Felde gewesen. Kaum einer, der
nicht fr Deutschland geblutet hat. Der deutsche Klang bebt in jedem
Herzen. Selbst in dem, was von dem Tangentiner noch nicht ganz verdorrt
ist, brennt es wund und tdlich schmerzhaft von Schande und Ingrimm.

Unerschpflich Neues trugen sie zusammen von den unaufhrlichen, tglich
sich mehrenden Erpressungen, Blutsaugereien, Schndungen und Folterungen
an dem wehrlosen deutschen Volk. Wie durch einen Wald rauschte der
mchtige Zorn durch die versammelten Mnner.

Einer sa stumm, wohl der Jngste von ihnen. Horst hatte den Namen nicht
verstanden. Aufgefallen waren ihm gleich die geradezu klassisch
geprgten kraftvollen und edlen Zge des bartlosen Gesichts. Ebenso das
wunderbare Ebenma des mittelgroen Wuchses. Wie von Bronze die ganze
Gestalt. Aber in den Augen, so fest und hart sie greifen konnten, war
doch ein Verlorenes, Zerstrtes. Auch ein Gezeichneter der Zeit. Jetzt,
wo ein Nachbar sich laut an ihn wandte, erfuhr Horst, wer er war --
Achim von Mnkhov, Frau Tildes Mann. Prfend gingen die Gedanken von ihm
zu ihr.

Nun sprach er. Etwas seltsam Graues, Trockenes, unwillig Starres hatte
die Stimme. Wie Asche lag es auf all seinen Worten.

Grer ist Deutschland niemals gewesen -- im Reden. Wie sieht dagegen
unser Leben aus. In lauter armselige kleine egozentrische Kreise ist es
zerfallen. Von groen Ideen ist nur eine geblieben: das groe
Einmaleins.

Die Widersprche strzten nur so ber ihn. Er blieb unbewegt. Wollen
uns doch nichts vormachen. Es gibt bei uns drei Sorten Menschen. Solche,
die sich selbst betrgen, solche, die die anderen betrgen, und solche,
die beides tun. Zu welch letzteren neunundneunzigdreiviertel Prozent
gehren. Nun wollen wir uns jeder seinen Platz suchen und uns begraben
lassen.

Das alles in dem unerbittlich grauen Ton. War es der Nihilismus einer
dsteren Stunde? War es das Weltbild eines erloschenen Lebens?

Herr von Trent, der wie ein mder Marquis aussah, hatte sich erhoben.
Behutsam machte er ein paar Schritte -- er hatte Beine wie ein
Rokokombel. Wandernd suchte er nach Worten, die Entrstung zu
beschwren, und er fand sie. Wir wissen, da unsere Moral
reparaturbedrftig ist. Was die Moral brigens zu allen Zeiten war --
was vielleicht recht eigentlich zum Wesen aller Moral gehrt. Gewi,
unser Niveau ist gesunken. Aber die Anstndigeren unter uns oder -- mit
einem Zucken des Lids zu Achim hinber -- die weniger Unanstndigen
unter uns werden dies Niveau wieder heben. Trotz Ihrer Verneinung, die
absolut ist, wenn sie sich auch in der Abstufung hellschwarz, schwarz,
dunkelschwarz gefllt. Um des Himmels willen nur hier die Loslsung von
dem Losgelsten, dem Absoluten! In der Ethik hat schon immer die
Relativittstheorie gegolten. Und die Besseren unter uns -- so sage ich
nach wie vor -- werden heute mehr als je an einer groen sittlichen Idee
ihren Halt und ihren Mittelpunkt haben. An der Idee des Vaterlandes.

Und worauf luft Ihre groe sittliche Idee des Vaterlandes hinaus?
fragte Achim, und die Asche seiner Stimme beizte. Auf die grte
Unsittlichkeit, die Rache.

Oho, dachte Horst. So ruft sich nun der Nihilismus den hchsten
Positivismus zur Hilfe.

Jetzt lie Herr von Borkhus sich vernehmen. Die Rache ist mein, spricht
der Herr. Gut, ihm wollen wir sie anvertrauen. Er unser Fhrer! Das
Werkzeug seiner Rache sein, mehr wollen wir nicht. Aber Rache -- der
Herr spricht ja selbst davon. Und wenn wir sie brauchen fr unser Leben!
Wenn sie unsere Rettung ist! Wenn wir elend verrecken -- im Dreck und in
Schande -- ohne diese befreiende Hilfe! Ein Teil unseres Gottesglaubens
ist diese Rache!

Er hob sich wie ein Priester. Seine Brust keuchte, seine Augen kreisten
in Flammen. Dann sank er zurck und blickte wieder dumpf vor sich hin,
leidend und matt.

Horst wollte nicht lnger schweigen. Doch hielt er sich mit Bedacht in
niederer Flugbahn. Wir haben ein Wort: >die Scharte auswetzen<. Gibt es
ein Mannesleben ohne den treibenden Pulsschlag, Erfolg auf einen
Mierfolg zu setzen? Schimpf mit Ehre auszulschen, Verachtung mit Ruhm?
Und wie der Mann, so das Volk. Was ist die Schwungkraft, die die
Geschichte der Vlker bewegt? Vergeltung! Und immer wieder Vergeltung!
Sofern wir berhaupt ein Volk sind, sofern wir nicht auerhalb der
Geschichte stehen, wir uns selbst nicht auerhalb der Geschichte stellen
-- so lange noch der leiseste Hauch eines lebendigen Atemzuges durch
dieses Volk geht und noch ein Mannesherz aufzucken lt, Vergeltung ist
der Odem des Lebens! Vergeltung sein Wert und seine Hhe!

Jetzt brausten die Geister und brausten ihm zu. Nur Achim blickte
teilnahmlos und gefroren. Selbst der Tangentiner, der ein wenig abseits
mit dem Saatkartoffelbaron der deutschen Seele auf dem Felde der
Kartoffelpreisbildung nachzuspren gedachte, ging steil empor. Wre
Alarm geblasen gegen den Landesfeind, der erste wre er auf dem Gaul
gewesen. Man mochte sagen gegen ihn, was man wollte -- aber jeder Zoll
seines langen Leibes war Kurage.

Mit diesem Akkord klang die Besprechung aus. Mitteilungen von Horst ber
die Landarbeiterversammlung wurden nicht mehr verlangt. Zu politischen
Entschlssen war man nicht gekommen und wrde man vorerst nicht kommen.
Der Entwicklung der Dinge sah man mit geziemendem Mnnermut entgegen.
Abwarten, Teetrinken! -- mit diesem deutschen Worte des Heils ging man
auseinander.




                                 Achim


Horst blieb noch mit Herrn von Borkhus und Achim zusammen.

Nun ja, sagte der alte Herr, unser Hornburger Schieen mssen wir nun
einmal haben. Aber es ist mir lieb, da ich Sie mit den Herren bekannt
machen konnte. Vielleicht wird doch der eine oder andere Hilfe ntig
haben. Wenn es ernst wird.

Es wird ernst, Vater.

Achim --! Er hob lchelnd die Hand. Das hie: ein Schwarzseher wie Du.

Zum Frhjahr haben wir hier den Ausstand. Wir werden von der Tcke der
Bevlkerung was erleben.

Sie ist nicht tckisch, mein Junge. Wir haben sie nur nicht immer
richtig behandelt. Er sprach jetzt sehr schonend und mild mit ihm, wie
mit einem Kranken.

Achim war schon nicht mehr bei der Sache. Er ging, sich nach seiner Frau
umzusehen. Borkhus sprach mit Horst ber ihn.

Das Herz blutet einem. Was haben Krieg und Frieden aus dem Jungen
gemacht. Man spricht manchmal bei mir von Vertrauensseligkeit --

Horst nickte innerlich dazu.

Seligkeit -- du lieber Gott --! Bei dem Jungen war es Seligkeit! So was
von einem frohlockenden Zutrauen zu allem und jedem, das Himmel und
Hlle bezwang! Das ber jede Enttuschung hellauf lachte, wie ber
Scherz und neue Lebenslust. Seine Augen htten Sie sehen mssen! Und
jetzt entfrbt, entseelt zu dieser griesen Klte. Bleifarben. Und wie
sieht es in ihm aus! Zum Heulen!

Er hielt klagend inne. Horst rttelte trstend an ihm. Ihr Sohn ist
jung, er hat seine Ttigkeit, er hat Sie und hat die wundervolle Frau.

Das ist ja das Furchtbare. Man kommt nicht mehr zu ihm. Nichts von dem,
was ihm lieb war, rhrt noch an ihn. In uns allen ist ja etwas in
Trmmer gegangen. Aber, da in ihm nur noch Schutt liegt! Argwohn --
Ablehnung -- Gleichgltigkeit -- eine vllige Gefhlsumnachtung.

Ist Herr von Mnkhov schwer verwundet gewesen, schwer verletzt?

Seinem Krper ist nichts geschehen. Nicht die Haut ist ihm geritzt. Und
er war vorne von Anfang bis zu Ende. Sein Krper -- er ist gewachsen wie
ein Gott -- als ob die Kugeln den wie ein Heiligtum gescheut htten.
Dafr ist ihm nun die Seele in Fetzen gegangen. Die letzten Kmpfe haben
ihm den Rest gegeben, da zwischen Aisne und Marne. Wie das Unglck hier
herausbrach aus den Wldern von Villers-Cotterets, das Verhngnis, das
Verderben. Er wute, jetzt ging es um Deutschlands Leben, um
Deutschlands Tod. berladen zum Zerspringen von der ganzen gewaltigen
Inbrunst seines letzten Hoffens und Glaubens und Wollens -- und da
zerri es in ihm. Das Grauenhafteste hat er erlebt -- den berlauf
ganzer Scharen -- den Verrat der vielen! Wie ein Irrsinniger hat er vor
sich hingelacht -- stundenlang. Er hat es gesehen mit eigenen
ersterbenden Augen, wie Deutschland erschlagen, wie Deutschland
gemeuchelt ward. Dies ist Achims Schicksal.

Die Mnner schwiegen, versunken, vergraben. Ein gut Teil ihres eigenen
Lebens war so zerbrochen und verdorben.

Und nun, Horst, mssen Sie auch noch mehr hren. In der Schlacht war es
zum Handgemenge gekommen, mit Amerikanern. Mannschaften zerschossener
Tanks. Gewehr und Pistole waren leer. Mit den Fusten gehen Achim und
ein amerikanischer Offizier auf einander los. Einen regelrechten
Boxkampf liefern sie sich, in _fair play_. Inmitten der rasenden Hlle,
des Feuerorkans, der tosenden Geiser und Wirbel giftiger Wolken auf der
zerwhlten, zerrissenen, brllenden, verzweifelt ihre Fetzen um sich
werfenden Erde. Kmpfen wie auf dem Podium. Angestiert von der verblfft
glotzenden Umgebung. Die Amerikaner haben vielleicht gewettet. Und Achim
schlgt den Gegner nieder. Der Amerikaner ist geworfen -- aber -- es
gibt keine Symbole mehr -- Amerika wirft uns. Und jetzt passen Sie auf,
von diesem sieghaften Zweikampf her hat er einen Lichtschein mitgenommen
in seine Dmmerung. Der einzige, den er hat. Und er htet ihn mit einer
Leidenschaft. Er hat von jeher mit Hingabe Sport getrieben, am liebsten
den, bei dem es ganz und allein auf die eigenen Glieder ankommt. Im
Boxen war er immer ein Meister. Jetzt gibt es kaum fr ihn etwas anderes
auf der Welt. Sein Tagewerk beginnt mit stundenlangem Training. Immer
hat er Besuch von Professionals und von Amateuren, mit denen er
stundenlang bt. Auch sein Diener -- der ihn ein Vermgen kostet -- ist
ein alter erfahrener Faustkmpfer von Beruf. Seines Geistes Nahrung: die
Sportberichte und Sportzeitungen. Fr die Wirtschaft bleibt so gut wie
nichts brig. Und -- das Leben meiner Tochter knnen Sie sich
vorstellen.

Frau Tilde mit ihrer zarten Geistigkeit, ihrer stillen Empfindungskraft
und Tiefe! Wie vieles von der Klage ihrer Augen, von dem wehen Lcheln
um ihren Mund ward Horst verstndlich.

Eine Leidenschaft -- wie die Spielerleidenschaft, die auch auf Trmmern
wuchert. Und auch unausrottbar ist. So schlo Herr von Borkhus, stark
bewegt.

Das Ehepaar kam ins Zimmer. Sie wollten gleich nach Mnkhov
zurckfahren. Frau Tilde begrte Horst in aller Freundschaft. Es ist
mir ein wahrer Trost, da Vater Sie alle in der Nhe hat. Ihr seid hier
am dichtesten bei der Stadt und hier wird es zuerst losgehen.

Und wieder Herr von Borkhus mit seiner berlegenen Zuversicht: Kinder,
ich rat Euch sehr, an Euch selbst zu denken! Die Ihr mit Eurem Koch eine
Brandfackel in diese Welt geworfen habt. Mir unter meinen Leuten kann
und wird nichts geschehen. Und in seinen Augen strahlte auf, was noch
an Licht in ihnen war.




                       Mrzenglanz -- Herzentanz


In die deutsche Not jubelte ein frher Frhling hinein. Ein zrtlicher
Hauch lutete die Schalmeien der Primeln, der Leberblmchen und
Anemonen. ber der Heide in Frohlocken taten die Lerchen ihren
Sonnendienst. Knisternde Seide war die Luft. Wer an sie rhrte, dem
gingen prickelnde Schauer durchs Blut.

Ein Sonntag. Die jungen Siedler zogen nachmittags in die Stadt, auf die
Drfer zum Tanz und suchten sich was zum liebhaben.

Kunz in holdem Ungestm dunkler Sehnsucht streifte durch die Welt. Ihm
war's, es mte ihm heut ein Wunder geschehen. Er schritt allein, ohne
Muz -- auch der war heute auf Frhlingsabenteuer aus. Und nun sang er
sich den Knickbusch entlang, der hier zwischen Wiese und Heide lief,
trumte sich in Kinderspiele hinein und in Mrchen.

So in gedankenlosem Stammeln und Dammeln geriet er auf die Dorfstrae.
Und kam an dem Pfarrhausgarten vorber. Wie er ber die Rotdornhecke
blickte, sah er etwas, was ihn stillstehen hie.

Ein kleiner Turnplatz war hier eingerichtet. Eine Mdchengestalt, zum
Entzcken geschmeidig, im Turnanzug, hing am Reck. Jetzt machte sie die
Schwungstemme, leidlich. Sie war selbst nicht zufrieden und wiederholte
die bung.

Kunz hatte es nicht mehr drauen gelitten. Er war kurzen Fues durch die
Pforte eingetreten, stand schon im Sand der Arena und riet
sachverstndig, als die ihm abgekehrte zur zweiten Wiederholung sich
anschickte: Das Kreuz mehr durchdrcken. Und den Kopf weiter zurck.

Sie sah hngend ber die Schulter zu ihm hin, gar nicht erschreckt, fast
ungestrt. Machte den Aufschwung, um nach oben, auf ihre Stange und in
die richtige Position gegen Eindringlinge und Unberufene zu gelangen.
Setzte sich oben hin, den Arm um den Pfosten, und blickte vernichtend
herab auf den Strenfried.

Er hatte geglaubt, ein Kind vor sich zu haben -- nun brach er zusammen
vor so viel damenhafter Ablehnung und Unnahbarkeit.

Kunz war nur zweimal in seinem immerhin bewegten Leben verlegen gewesen.
Dies war der dritte Fall. Und er fragte etwas, wie ein Schuljunge, wute
selbst nicht wonach: ob er hier zum Herrn Pastor kme?

Da oben der geschrzte Mund bewegte sich nicht, die Augen blieben
drohend -- nur durch das rechte Bein ging ein kurzer Ruck, und die
Fuspitze wies den Weg nach rechts.

Kunz wurde ratlos. Ratlosigkeit war ihm das Weltenfernste. So wurde er
sinnverwirrt, und seine Haltung zerfiel. Er wollte lachen, aber es wurde
nur so ein geohrfeigtes Lcheln, und eine Heftigkeit stieg ihm in die
Kehle. So kam es denn stoend heraus: Sagen Sie mal, sind Sie stumm?
Oder verbergen Sie einen Zungenfehler?

Nun wurde aus dem eisigen Drohen da oben eine spitze Niedertrchtigkeit.
O nein -- aber ich kann die dicken Menschen nicht leiden.

Kunz, der Arme! Dieses war nun tdlich. Hier gab es keine Rettung. Jetzt
lag er platt auf der Nase. Ein Kbel Eiswasser war ihm ber den Schdel
gegossen. Schauernd lief es ihm die Rckenrille hinunter. Bis in Mark
und Seele fror es ihn aus. Ntzten ihm die verzweifelten Hilferufe
seiner Selbstgesprche? Dick -- dick! Ich bin nicht dick! Da ich diesen
unglckseligen Kartoffelkopp habe --! Aber meine Glieder -- knnt ich
die zeigen! Ja -- geschlemmt hab ich ja wohl ein wenig -- in Wildbraten
-- gewildertes schlgt besonders gut an -- aber dick -- um des Himmels
willen -- dick --! --

Der Mantel ist schuld! Dieser elende Sack, den sein Vetter, der bauchige
Generalstrebler, ihm vererbt hat!

Runter mit den Lumpen! Reit den Mantel ab -- wirft die Mtze hin --
strzt sich auf das Reck -- nur die eine Wiedergeburt seiner Ehre gibt
es -- die schnippische Sylphide da oben flattert entsetzt auf und hngt
dann bebend an dem einen eng umarmten Pfosten -- Kunz hat die Stange
ergriffen -- schon fliegen die Beine hoch -- fliegen zurck -- und nun
in tadellosem Riesenschwung schlgt der gestreckte Leib Rad durch die
Luft -- einmal -- zweimal -- dreimal -- viermal --

Da aber, in dem wtenden Eifer, versagen die Hnde -- sie gleiten von
der glatten Stange -- in hohem Bogen wird der Krper weit
fortgeschleudert und fllt schwer wie ein Klumpen in dem Gestruch dumpf
auf die Erde.

Mit geisterhaften Eulenaugen hockt die Turnerin da oben -- wie in eine
Vision geschreckt und gebannt -- dann gleitet sie zu Boden in die
Wirklichkeit -- jetzt wei sie, was geschehen ist -- ein Unfall -- dem
Gestrzten helfen --! --

Sie luft in das Gebsch -- da sitzt er, mitten in einem dornigen
Stachelbeerstrauch -- die eine Backe ist blutig geritzt -- er fhlt mit
den Fingern hin -- dann beschmiert er sich lustig indianermig das
Gesicht mit Kringeln und Schleifen -- legt die Arme bereinander wie ein
Gtzenbild -- verbeugt sich im Sitzen vor der scheu sich Nahenden und
verkndet hohl: Mein Name ist Rutenberg.

Dann lacht er laut und herzhaft mit seinem wunderhbschen Mund.

Da denkt sie, was ist das fr ein lieber frhlich verrckter Junge, und
sie lacht zurck. Haben Sie sich auch nichts getan?, fragt sie sorgend
und hilfsbereit.

Er schttelt hchst munter den Kopf. Aber den Seismographen in den
Erdbebenwarten habe ich gehrig eins ausgewischt.

Sein Platz scheint ihm immer noch zu gefallen. Er macht keine Miene,
sich zu erheben, und spricht belehrend weiter: In unserer Reiterhorde
war ich wegen meines losen Sitzes berhmt. Jetzt wei ich doch, da ich
auch im festen Sitz Vorbildliches leiste. Und damit versucht er
aufzustehen. Es geht langsam, aber dafr tut es weh.

Sie greift zu, ihn zu sttzen, da gibt er sich einen gewaltigen Ruck,
der ihm durch alle Knochen fhrt. Doch damit hat er sich beisammen und
ist wieder fest auf den Fen.

Nun der Sorge um ihn ledig, sieht die Kleine die Stelle sich an, wo er
so unsanft den Planeten erschttert hat. Der Stachelbeerbusch ist
heillos verwstet. Da zieht sich ihr feines Gesicht in die Lnge. Oh,
das ist einer von Vaters neuesten und besten -- im Jahre 17 gepflanzt,
als er auf Urlaub hier war -- ein blood hound. Nun mssen wir hin zu ihm
und ihm gleich alles sagen. Sonst geht es uns schlecht.

Wir -- und uns -- so war die Freundschaft geschlossen zwischen Vita
Waermann, dem Pfarrertchterlein, und Kunz Rutenberg, dem Siedler und
Soldaten, dem Wilderer und Turner, der eher die Erde zertrmmerte, als
da er dick sein wollte.

Und nun standen sie vor dem Pastor, einem geraden, schlank gewachsenen,
hellugigen Mann, der viel eher soldatisch, als geistlich sich hielt. Er
war zuerst als Feldprediger drauen gewesen, dann hatte er als Offizier
in der Front gestanden. Jetzt ging er nach schwerer Verwundung am Stock.
Erst vor acht Tagen hatte Vita ihn aus dem Genesungsheim abgeholt und
seit heute, Sonntag, versah er wieder sein Amt.

Unter den Gottesgelehrten zhlte er nicht zu den Gekrnten. Aber in der
Obstzucht war er Baas und ein Vorkmpfer fr die Fruchtweinkultur als
eine fruchtbare Erwerbsquelle auf deutschem Boden. Berhmt war sein
eigener Stachelbeerwein, so da ein zungenfertiger Amtsbruder ihn also
gefeiert hatte: Ein Pastor und ein Wehrmann und auch ein
Stachelbeermann.

Diesen geradezu leidenschaftlich zrtlichen Vater seiner Strucher mute
man schonend vorbereiten. Er vernahm alle Einzelheiten, wie das junge
Freundespaar die Bekanntschaft geschlossen hatte -- das Auergewhnliche
sollte seine Vorstellung auflockern fr Ungeahntes, Unsgliches. Aber
die Katastrophe, die seinen Busch zerschlagen hatte, fuhr ihm doch ins
Gekrse.

Spornstreichs stakte er los in den Garten. Die beiden blieben zurck,
zwei gescholtene, zitternde Kinder -- blieben beieinander, miteinander,
als trgen sie beide an der Schuld. Und durch Kunz strmte die
Glckseligkeit der Gemeinschaft, die sie auf sich genommen hatte -- fr
ihn.

Der Vater Stachelbeermann kam kopfschttelnd zurck. Gerade auf den
blood hound. Vorwurfsvoll: Und es ist doch so viel Platz im Garten!
Aber, wenn Sie schon eine Sitzgelegenheit in meinen Ribitzeln suchten,
warum haben Sie sich nicht lieber dem Schoe der Queen Mary oder der
smiling beauty anvertraut?

Hiermit ging es nun schon schalkhafter zu. Und jetzt flog das letzte des
lngst schon lchelnden Unmuts davon, und die Gastfreundschaft ffnete
vllig und warm dem Besucher, der mit einem Riesenschwung in das Leben
des Pfarrhauses sich befrdert hatte, die Arme.

Kriegserinnerungen das erste und die leuchtenden Flammen -- und dann das
wrgende Grau der Friedensnot. Und jetzt Glaube und Wille und Gelbnis.
Wir werden sie zerbrechen, unsere Handschellen! Und dann -- ein gutes
Werk werden unsere freien Hnde verrichten -- gute deutsche Arbeit
werden sie tun! Ja, ihr lieben Feinde Deutschlands -- die Zeit kommt --
sie kommt, sie kommt, und es fluscht mal wieder!

Jetzt mssen wir wieder nach einem anderen Katechismus beten, sagte
Pastor Waermann. Jetzt hol ich mir wieder meinen alten Ernst Moritz
Arndt hervor.

Wer Zwingherrn bekmpft, ist ein heiliger Mann! Wer bermut steuert,
tut Gottes Dienst! Das ist der Krieg, welcher dem Herrn gefllt! Das ist
das Blut, dessen Tropfen Gott im Himmel zhlt! -- So der Alte und so
jetzt wir Neuen. Dies, dies ist unsere Glaubenslehre. Und keine andere
verkndige ich, bis der neue Tag anbricht.

Kunz htte ihm um den Hals fallen mgen. Mit groen, glcklichen Augen
sitzt er da. Wir haben ihn, den Seelsorger, den wir brauchen! So Gutes
ist uns Siedlern beschieden! Und ich habe ihn gefunden -- an der Hand
des wonnesamsten Mgdeleins. Ich wute ja, da mir ein Frhlingswunder
geschehen wrde! O du gebenedeite, verunglckte Riesenwelle am Reck, die
in diesen Lichtkreis mich fliegen lie. Mich, den Entdecker, mich, den
Boten des Heils fr die Kameraden.

Vita, jetzt ganz als das Hausmtterchen angetan, das sie in ihrem
Hauptberufe war, brachte den Kaffee. Was hat sie fr wundervolle Augen,
denkt Kunz. Nichts als Augen, Augen das ganze holdselige Gesicht.
Graugrn sind sie, wach, hell, gro und weit, und sehen alles, sehen bis
auf den Grund. Katzenaugen sind es, die schnsten der Welt.

Wie kruselt sich dieses rotbraun flammende Haar in Lckchen, in
goldigem Flaum um die schmale trotzige Stirn! Wieviel eigenwillige Kraft
spannt sich um diese leicht geschwungenen, ein wenig hhnisch
geschrzten Lippen.

Sehr ernst und verantwortungsvoll ist jetzt ihr Gesicht, ein wenig
altklug wirkt so viel Wrde, denn ihre Erscheinung hat immer noch etwas
Kindliches trotz ihrer achtzehn Jahre.

Der Vater fhrt ihr ber die Stirn, die kraushaarige. Meine Katz im
Schrzenlatz! Ist das nun so schlimm?

Ach ja, Vater.

Dieses ach ja hat es in sich. Sie verwnscht ihr Geschlecht. Als es
in den Krieg ging, wollte sie absolut mit. Vierzehn Jahre und ein Mdel.
Festbinden mute man sie.

Ich wr da drauen schon was nutz gewesen. Und htte ich Euch blo
Kugeln in die ersten Reihen getragen. Wie die Johanna Stegen.

Ich trau Dir nicht. Du httest mitgeschossen.

Vielleicht. Und dann sagte sie: Nun, das nchste Mal.

Das nchste Mal. Dieses unheimlich groe Wort -- in der kindlichen
Leichtherzigkeit, die es sprach, war doch der Klang aus tiefster Qual.
Die die Mdchenseele schlug, wie die Mnnerherzen.

Das nchste Mal! Wie ein Denkmal stand vor ihnen dieses Wort. Furchtbar
und erhaben. Gebaut aus schwerster Not und dsterster Notwendigkeit und
gekrnt mit Flammen.




                             Die Goldberge


Lud Uhlenbrook hatte ein Grab geschaufelt. Frhling der Mrder -- mit
allem, was nur noch wenig Leben hat, macht er ohn Erbarmen kurzen
Proze.

Auf dem Kirchhof war der Alte mit Lona zusammengetroffen. Sie begleitete
ihn nach Hause. Es gab sonst in ihren Gesprchen keine Politik. Aber
hier, wo die Luft und alles, was sie atmete, mit Hochspannung geladen
war, sprach die Politik von selbst.

Kommt nun der Streik? fragte der Alte.

Er kommt.

Hier auch?

Hier zuerst.

Und hier haben die Leute es noch am besten.

Eben deshalb zuerst hier.

Da blickte der alte Lud nun doch in dunkle, ihm unbehagliche Grnde, und
er schttelte den Kopf. Aber er rhrte nie an anderer Leute Glauben und
Tun, und lie sich selbst nicht daran rhren.

So viel kann ich Euch sagen, ich mache nicht mit.

Lud -- dies ungleiche Paar nannte sich beim Vornamen und duzte sich --
hier gibt es nur ein entweder oder!

Dann also oder.

Und damit stehst Du auf der Seite der andern.

Ich steh fr mich allein.

Das gibt es nicht. Ein Allein gibt es nicht. Denn hier ist Krieg, und
hier ist Feind und Freund. Du aber bist unser Freund -- der Freund der
Unterdrckten -- Du selbst ein Mihandelter.

Sie war nun anders, sie rhrte schon an den Glauben anderer mit ihrem
Fanatismus, der ganz von selbst Proselyten machen mute. Und der
Hochschwall der Propaganda brach ber den Alten herein.

Er schttelte Schopf und Fell und sprhte den Wasserfall wieder von
sich. Ich hab jetzt 'ne Arbeit, die mir Spa macht. Und darum bleibe
ich bei der Arbeit. Ich zeig den Siedlern, was Torf ist. Und die Jungs
mag ich leiden.

Sie rannte nicht mehr an gegen diesen eigenwilligen Zyklopen. Er hatte
seine Hhle, die Einsamkeit. Wenn man ihn strte, kroch er in den
Schlund. Aber ihre Wut durfte sie befeuern gegen die Siedler, sie, die
gefhrlichsten der Gegner, die festesten, die gewappneten und bewehrten.

In der letzten Zusammenkunft, als der Ha gegen diesen Trupp der
Reaktion die Gemter aufwhlte, hatte Genosse Knubart, der lauernd
Schlfrige mit der viereckigen Stirn und der sichernden Nase, in seiner
lssigen Art bemerkt: Ihre Burg ist eine Holzbaracke. Und Holz brennt
so leicht!

Seit der Zeit fieberte der Gedanke in ihr: den roten Hahn ihnen aufs
Pappdach! Ein paar Handgranaten, geworfen in der Nacht bei
Frhlingssturm --! --

Wie standen diese Mnner ihr im Wege bei dem Werk ihrer langsamen,
kalten Rache an dem Zerstrer ihres Lebens -- nicht weniger als bei der
groen Tat der Volkserneuerung.

Lud, der gute, fhlte es, wie die giftige Glut wieder in ihr auflohen
wollte. Er nahm mit seiner vollen zrtlichen Pranke ihren Arm.
So, Ltt, jetzt kommst Du mit rein, wir kochen uns einen
Sonntagsnachmittagskaffee. Und Du lt Dir vom Moor etwas
vormusizieren.

Als sie beisammensaen, klopfte es, und Horst trat in die Stube. Der
Alte, der ihm zugetan war, hie ihn herzlich willkommen. So setzte er
sich zu ihnen. Zuerst heizten sie mit Torf die Unterhaltung. Horst
brachte eine gute Nachricht. Die alte Schlickeysensche Torfmaschine, die
lange unbrauchbar gelegen hatte, weil niemand hatte entdecken knnen,
was ihr eigentlich fehlte, war von einem seiner Leute wieder instand
gesetzt worden. Jetzt konnten sie also krftig ins Zeug gehen!

Horst war frhlich und frisch. Mit einer kleinen bewuten Grausamkeit
lie er diesen Erfolg der Siedlung ausklingen. Er wute, da alles, was
mit ihr zusammenhing, Lona zuwider war, die abgekehrt und verschlossen
dasa. Mit diesem hochmtigen Gesicht und den in sich gekehrten, den
umgekehrten Augen, die er kannte. Sein Frohmut sollte der Abhngigkeit
wehren.

Das Weib in ihr hatte lngst gesprt, da sie auf ihn wirkte. Ebensogut
empfand sie, wie er jetzt dieser Wirkung widerstrebte. Da er sich
schtzen wollte, bestrkte sie im Bewutsein ihrer Machtmittel. Aber sie
war nicht verschlagen, nicht verschmitzt und tckisch genug, um
erotische Listen in den politischen Kampf zu tragen. Judithregungen
kleineren oder greren Formats lagen ihrer Natur fern. Ehrlich wie ihr
Schmerz um den getteten Freund, ehrlich wie ihre kommunistische
berzeugung war ihre Feindschaft, ihr Ha, ihre Rachsucht. Vielleicht,
da aus dieser Wahrhaftigkeit die Kraft stammte, der Horst sich nicht
entziehen konnte.

Schon war sein Mitleid wieder obenauf, strker als der Hang, an ihrem
Hochmut, dem unleidlichen, sich auszulassen. Und wieder lockten ihn die
Geheimnisse ihres Wesens, ihres Lebens, ihres Wirkens.

Heut brech ich den Bann! Ist sie nicht auch ein Mensch, ein Weib, ein
junges Weib -- mehr als Dogma, als Klage, als Anklage und Rache? Atmet
sie nicht den Frhling wie wir? In dieser Breite, die ihre Heimat ist!

Wer kann von der Heimat sich lsen? Niemand, auch sie nicht. Hat etwas
die Macht, diesen einen Klang in uns auszulschen? Nichts auf der Welt,
kein Unglaube, kein Glaube, kein Fanatismus in Gedanken und Gefhlen,
keine Ekstase, keine Verdumpfung -- selbst in unsern Wahnsinn tnt der
Klang hinein. Und mag sie noch so gefangen sitzen in ihrem starren
System -- was sind Mauern fr diesen Klang?

Sie ist in der Heimat, die vom Frhling erschauert. Was bleibt bestehen
von der Welt, die sie sich aufgebaut hat in der knstlichen Mhsal
keuchender Gedanken! Hier ist nun einer, der den Frhling Deiner Heimat
mit Dir atmet -- er pocht an Deine Verschlossenheit. Wird ihm nicht
aufgetan?

Sprichst Du nicht mit deutscher Zunge wie er? Ist nicht in Dir wie in
ihm deutsches Leben -- ob es an ungleich gestimmte Saiten rhrt? Sind
nicht beide in Not, er wie Du! Sind beide nicht Suchende, Klimmende,
Steigende -- wenn auch auf verschiedenen Wegen, wenn fr den einen der
andere auch in die Irre geht!

Und vor Horst leben die Worte Gisberts auf -- was reden wir immer und
immer von den Unterschieden! Das Gemeinsame sollen wir suchen, des
Gemeinsamen sollen wir uns bewut sein, immer und immer!

Du sprichst deutsch und ich spreche deutsch -- wir sollten nicht
miteinander sprechen knnen? Und Horst richtet das Wort an Lona.

Kennen Sie unsere Goldberge hier?

Ja.

Haben Sie sich einmal von da oben die Welt angesehen, jetzt im
Frhlingsglanz?

Nein.

Das sollten Sie tun. Die See -- das Dnengelnde -- die gotischen Trme
der Stadt -- all die Drfer, eingebettet in Grten -- ein Schimmer von
Grn haucht schon aus dem Grau. Und wie hierher nach Westen das hglige
Feld in die Moorniederung verrinnt -- man sieht nicht viel so Schnes in
unserm Norden.

Sie ging artig darauf ein, wenn auch khl und freudlos. Damit machen
Sie einem beinahe Lust. Leider aber bin ich so einigermaen
landschaftsblind.

Das glaube ich nicht.

Nicht?

Nein. Weil Sie doch in der Musik leben.

Sie stutzte. Was weit Du und was willst Du von mir? Dann ging sie den
Zusammenhngen in seinen letzten Worten nach.

Horst aber, da er jetzt bei musikalisch war: Uhlenbrook -- Meister --
die Goldberge klingen ja -- deutlich hab ich das gehrt! Jungenaugen
glnzten dazu, wie voll von leuchtendem Mrchenschreck.

Wenn Sie das gehrt haben, sagte der Alte, dann sind Sie auch einer
von den Erlesenen.

Erlesen? Wozu?

Jetzt will ich Euch erzhlen, was das mit den Goldbergen ist. Wie die
Sage sa er in seiner Tabakswolke. Da liegt ein Knig begraben, ein
Heerknig, ein Seeknig. Der Mchtigste, den es gegeben hat. Der
Reichste an Taten, an Ehren und an Schtzen. Alle Meere hat er befahren,
von allen Ksten brachte er Gold und Gut nach Hause. Das deutsche Meer
aber war sein Reich, hier durfte niemand fahren ohne seinen Willen. Mehr
Jahre hat er gesehen, als die anderen Menschen und war darum auch weiser
als sie. Und wie es zum Sterben mit ihm ging, da befahl er, da alle
seine Schtze mit ihm ins Grab gesenkt wrden. Schtze darf man
erwerben, aber nicht vererben. Er sah seinen Nachfolger -- und sah den
Verfall seines Reichs. Mit einem Fluch ber jede gierige Hand, die an
das begrabene Gold rhren wrde, streckte er sich auf sein Sterbelager.
Denen aber, die nichts fr sich selber wollen und begehren, die alles,
was sie selber haben und selber sind, dem Volke darbringen, denen
klingen die Stimmen aus dem Grunde. Denen singt das versenkte Gold. Ihre
reinen Hnde sollen es heben, ihnen soll es die Macht mehren, da sie
dem Volke helfen zu alter Herrlichkeit.

Horst berlief es wie leise zitternde Runen. Lona aber blickte wieder
voll Hohn.

Und das Reich des alten Knigs zerfiel. Und das deutsche Meer war nicht
mehr deutsch. Sein Nachfolger wollte mit habschtigen Hnden die Schtze
sich heraufholen, da erschlug ihn ein Nebenbuhler. Den aber meuchelte
ein anderer. Die Herrlichkeit kam nicht wieder herauf. Weil die Sinne
gierig waren und die Hnde nicht rein. Und wie um den Kyffhuser die
Raben, fliegen die Raubmven um diesen Berg. Wenn aber eines Menschen
Fu seine Hhe betritt, zu altheiligen Zeiten, zu Frhlingsanfang, zur
Tag- und Nachtgleiche, in der Thomasnacht, der lngsten des Jahres, der
ersten der wilden Nchte -- und es tnt dann das Klingen zu ihm auf, so
ergeht an ihn der Ruf. Zum Helfer bist Du erkoren! Bleib getreu und
halte Dich bereit!

Bleib getreu und halte Dich bereit, so klang es nach in Horst. Und ihn
strten ganz und gar nicht Lonas hochgezogene Lippen.

Sie schwiegen eine Weile. Jeder blieb bei seinen Gedanken. Das deutsche
Meer soll wieder deutsch werden! so flammte und lebte es in Horst.

Jetzt nimmt Lona das Wort. Es spricht ja wohl so mancherlei fr den
alten Herrn Deiner Sage. Obwohl sein groartiger Standpunkt: das Gold
ist verflucht, stiehl Du also mglich viel fr Dich zusammen, damit es
den andern nicht schadet -- obwohl dieser Standpunkt ein Ma von Edelmut
bekundet, wie ihn nur der Kapitalismus aufbringen kann. Im brigen --
warum die Deutung seines Vermchtnisses nun gerade in Patriotismus und
in Hurra auslaufen mu? Reine Hnde und das Wohl der Gemeinschaft -- was
heit das anderes, als da sich niemand mit eigenem Besitz besudeln
soll!

ber Horst leuchtete eitel Friedfertigkeit. Ist das nicht das
Wundervolle an unseren Sagen, da sie mehr sind als ihre Deutungen? Da
sie alle beschenken, alle beglcken!

Lona gab nichts darauf. Sie lehnte sich zurck und sagte dann in ihrer
laschen berlegenheit: Der eine Gedanke, mu ich ja sagen, macht mir
gerade hierbei ganz besonderen Spa. Wie Ihr Teutonen immer ber die
Juden herzieht mit ihrem goldenen Kalb. Und ber ihre Psalter mit dem
Golde aus Reich Arabien. Seht Euch doch einmal Eure eigenen
berlieferungen an. Um was geht es denn bei Euch? Nur und immer! Da ist
das Rheingold -- da ist der Nibelungenhort. Im Waltarilied -- diese
begeisternden Kmpfe Eurer Urzeithelden, in denen sie sich frohlockend
Arme und Beine glatt mit dem Schwerte abschlagen, um was werden diese
Heldenkmpfe gefhrt? Um den Hunnenschatz, den der edle Walter dem alten
Etzel ausgespannt hat. Und dann im ganzen Mittelalter, diese Knig- und
Kaiserkmpfe! Wer den Kronschatz hat, hat auch die Mannentreue. Die
Geschichte dieses Buschkleppertums -- luft sie nicht weiter durch die
folgenden Jahrhunderte? Und geht es nicht in derselben Tonart fort bis
in unsere Tage? Was sagt Ihr dazu, Ihr Weisen aus dem Abendlande? Wie
heit doch Euer Sprichwort? Treu wie Gold!

Verdrossen winkte sie selber sich ab, und Horst hatte keine Neigung nun
gro sein Streitro aufzuschirren. Wogegen? Gegen eine blendende uere
Dialektik, die an dem tieferen Wesen der Dinge vorbeijongliert?

Er sagte nur ein bedchtiges Wort, das nicht angriff: Solange das Gold
konzentriertes Brot ist --! Und solange der Mensch Brot zum Leben ntig
hat --! Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Sie wollten beide nicht die Klingen kreuzen. Auch in ihr kam eine
Sehnsucht nach Stille auf, eine Lust, sich zu dehnen und die leisen
Schwingungen des Frhlings aufzunehmen wie ein streichelndes Heilmittel
fr die wehen Nerven und das mde Blut.

Lud Uhlenbrook hatte die Blicke auf seinem Moor. Dabei sthnte er
unsglich. So brllt nur das Glck. Rehwild zog send an dem Waldrande
hin. Durch die leichten Zirruswolken streute die Nachmittagssonne
wehende Lichter wie Bltenflocken auf den grnlichen Dmmer der
erwachenden Grser. Frhlich kreisend schwangen sich Kibitze ber den
Wiesen.

Der Alte paffte seinen Knasterdampf vor sich. Dadurch sah ihm seine Welt
noch zauberhafter aus. Mit einer frhlich herben Absage an die beiden:
Wenn ich dies hier habe -- was geht mich das da drauen an! Ich pfeif
auf Euren Kram! Schlagt Euch die Kpfe ein, da ich was zu begraben
kriege! Der Moordeubel bin ich, und der Torfdeubel bleib ich und dem
lieben Gott sein Lieblingsdeubel dazu! So -- und wenn einer gegen mein
Moor was sagt --! --

Lona regte sich. Ich sag was, Lud Uhlenbrook. Du stehst vor Deinem Moor
wie der Ausrufer vor seiner Schaubude. Aber lauter Freud und Wonne ist
es wirklich nicht mit ihm. Ich bin da vor kurzem ganz gefhrlich in den
Sumpf geraten -- ein paar Schritte weiter, und Du httest mich in Deinem
Rarittenkabinett gehabt.

Ja -- und nun wurde der Alte grougig angstvoll und warnte schwer,
wie darfst Du auch weglos auf ihm herumabenteuern! Die Pfeife wollte
ihm ausgehen.

Und ganz bel, fuhr Lona fort, ist dieser Flu, der sich da
hindurchwindet, schwarz, trge und drohend. Ein Flu, der nicht fliet,
der tckisch schleicht -- er pltschert nicht, er rieselt nicht, er
schult nur immer dster nach einem hin. Und seine angefaulten Weiden,
denen alle struppigen Haare sich struben -- menschenfreundlicher machen
sie ihn nicht.

Horst, der ihr mit weiten Wimpern zuhrte: Und Sie wollen keinen Sinn
fr Landschaft haben?

Hchstens da, wo die Landschaft -- fr mich so lebhaften Sinn hat. Aus
einer Art Notwehr. Ich kann mir nicht helfen, unheimlich ist mir das
Moor geworden.

Der Torfmeister sah ihr durch und durch. Du hast die Moorangst, Kind!
Da Du es nie ohne mich betrittst! Wer vorm Moore bangt, wird von ihm
gelangt! Er hatte jetzt etwas Gewaltiges in den Augen. Und seine Worte
zwangen.

Halb unwillig sagte Lona: Wie ein alter Zauberer bist Du. Aber ein
Nachdenkliches blieb ber ihr.




                              Orgelklnge


Lona machte sich zum Heimweg fertig. Auch Horst wollte gehen. Heute
widerstrebte sie seiner Begleitung nicht.

Erst sprachen sie von dem Alten. Sie hatten Scheu, den neutralen Boden
zu verlassen, den einzigen wohl, den es fr sie gab. Dann aber wurde
Horst mutiger. Er wollte von ihrem Leben wissen. Er fragte.

Sie hatte erst die groen Augen, erstaunt, unwillig. Dann aber -- er war
ihr nun doch schon in grere Nhe gerckt -- dann hrte er von ihr. Da
sie als Schwester im Felde gewesen war, all die Jahre. Hinausgegangen
mit dem flammenden deutschen Herzen -- heimgekehrt in der Seele den Ha
und den Fluch auf den Krieg, auf das nationale Wten, den nationalen
Frevel, daran die Menschheit sich zerreit und zerfleischt und
verblutet.

In wieviel brechende Augen hab ich gesehen, wieviel letzte Worte hab ich
gehrt! Unwahr ist, was in Euern Bchern steht! Von der Verklrung in
Opferwilligkeit! Von dem letzten Licht, dem letzten Gedanken: frs
Vaterland! Nichts hab ich gefunden als Klage, Groll, als Verzweiflung
und Verwnschung!

Sie rief es in Ekstase.

Wie hast Du Dich selbst betrogen, dachte Horst. Nur, was Du sehen
wolltest, hast Du gesehen! Ich wei auch von brechenden Augen! Ich wei
auch, wie deutsche Mnner gestorben sind! Da der Tod vorm Feinde ihnen
des Lebens Erfllung war!

Das groe Sterben -- es war zuviel fr Deine Frauenseele. So bist Du
verstrt, so ist sie irre geworden. Und in Horst schwang das alte
Mitleid.

Sie selbst wollte auch jetzt keinen Kampf der Meinungen. Von ihrer
eigenen inneren Wandlung sprach sie nun, offen und mitteilsam. Da
alles, was sie an Gottesglauben mit herausgetragen habe, ihr im Felde
zertrmmert worden.

Ich konnte einmal beten -- ich hatte meine Zweifel und kehrte zur
Andacht zurck -- dann aber hatte ich nur noch ein Lachen fr mein
Gebet.

Es war an der Aisne, in der Osterzeit. Unser Feldlazarett war berfllt
-- wir betteten eine groe Anzahl weniger schwer Verwundeter in der
Dorfkirche. Ein paar Operationen waren gemacht. Alle schienen gerettet,
alle, die hier lagen, hofften und trumten sich ins volle Leben hinein.
Der Ostersonntag. Drauen ein geradezu jubelnder Frhling. Da baten sie
mich, ich mchte ihnen doch die Orgel spielen. Ich tat es freudig, ich
selbst war dankbar und fromm. Das Auferstehen war in meinen Klngen. Und
voll Dankbarkeit und Frmmigkeit war das Gotteshaus. Nie ist reinere
Andacht gen Himmel gestiegen. Und pltzlich -- in die innigste Feier der
Seelen hinein -- das Grausigste, das Grausamste an wilder Vernichtung.
Ein Volltreffer aus schwerstem Geschtz. Die Decke strzt ein. Die
Hilflosen, Schmerzensreichen, ans Kreuz Geschlagenen werden
zerschmettert, verschttet, zermalmt. Hosianna in der Hhe! Ich mit der
Orgel hnge in dem Geblk. Ich kann mich nicht rhren, kann nicht
hinunter. Kann nicht helfen. Und niemand kommt. Die Zeit erstarrt in
Grauen. Abenddunkel. Die letzten Schreie sterben, das letzte Rcheln der
Gemarterten erlischt. Ich -- allein. Und -- eine andere geworden --

Sie schwiegen. Worte hatten hier nichts zu sagen.

Verstehen! Das war es, um was Horst im Innersten rang. Und die Frau, die
zerwhlte, zerqulte, wurde ihm vertrauter. Ihrer Welt, der fremden,
feindlichen, verschlo er sich nicht mehr in eigenem Glauben, eigenem
Willen, eigenem Werk.

Sie aber fhlte, da hier Schranken fielen. Da es fr sie beide, ber
ihre Gegnerschaft und ihre Gegenstze hinaus, ein Schwingen gab, dem sie
nicht mehr widerstrebte. Einen Klang, auf den etwas in ihr lauschen
mute. Also doch etwas Gemeinsames?

Und wohl blinkte es in ihr auf: sind hier nicht die Keime einer Macht?
Einer Macht ber den Feind? Ihn immer mehr lsen aus dem Selbstgefhl,
der Sicherheit seiner feindlichen berzeugung! Ihn herber ziehen -- ihn
gewinnen -- ihn bezwingen --

Ein fernes Licht, am fernen Horizont. Aber doch ein Ausblick, ein Ziel
-- ein Trumen noch -- und doch ein ahnungsvolles Hintasten nach der
Wirklichkeit, der Erfllung --

Und wieder ein trotziges Sichzurckziehen. Nichts gibt es zwischen uns!
Nichts als den Kampf auf Leben und Tod. Der Du auf der Seite meines
Todfeindes stehst. Sein Schtzling -- und sein Beschtzer. Und darum
gehat von mir, Du wie er!

Und doch wieder das Hinneigen. Und das hingegebene Horchen auf das, was
schwang.

Wieder schwieg alles, was streitbar gegen ihn sich regen wollte. Sie
vergrub sich wieder in sich selbst, in die eigene Wandlung. Sprach mit
einer wehen Offenheit von ihren Kindertagen. Da sie mit der Orgel gro
geworden sei. Wie sie mit der Orgel Gott gefunden habe -- den sie mit
der Orgel verloren.

Sie wollte heraus, aber sie sank zurck. Und das Entsetzen whlte sich
wieder durch sie hin. Orgelklnge -- des Ewigen Ehre zu loben hat man
sie beflgelt -- ich hab ihm so meinen Fluch ins Gesicht geschrien! Den
Fluch und die Vernichtung! Die Gottesflucherin! Die Gottesmrderin! Nur,
wenn ich Dich glaube, lebst Du! Ich glaube Dich nicht, ich glaube Dich
nicht! Und damit tte ich Dich! Langsam -- qulend -- und mit Bedacht
--

ber ihrem Auge lag es wie eine blinde Haut, es flogen ihre Glieder, so
fror ihr das Grauen im Gebein. So schttelte sie der Wahnsinn. So sank
sie in die tiefe kalte Nacht.

Horst nahm ihre eisigen Hnde. Da wachte sie auf. Und ihn traf ein fast
dankbarer Blick. Als wollte ihr einer Hilfe bringen in ihrer furchtbaren
Erstorbenheit -- als gbe es fr sie Hilfe.

Dann strich sie das Haar so straff aus der Stirn, da sie schmerzhaft
zuckte. Klopfte die beiden Schlfen mit beiden Zeigefingern und blickte
jetzt klarer und sprach jetzt still. Mit dmpfender Ironie. Warum
soviel stilistische Erregung! Wenn man innerlich mit sich im reinen
ist!

Wer ist das! Wann sind wir das! Dies im reinen halte ich meinerseits
nun -- Verzeihung -- fr reine Stilistik.

Sie sieht ihn fest an. Und doch, der groe Gottesknder, auf den Ihre
Welt eingeschworen ist, fordert nicht gerade er das Unbedingte? Immer
hat mich dieses Ja, ja -- nein, nein erschreckt. Das Grausamste, was
es gibt. Haben wir nicht im Grunde ein Recht auf Zweifel, auf Abwege,
auf Umwege, auf Irrtmer und Kmpfe?

Wir habens! Und darum gibt es, solange Sie leben, auch fr Sie keine
religise Totenstarre.

Zu dem Wort hob sie die Lippen wie zu einem Heiltrank. Aber dann
verschlo sie sich wieder, lehnte Horst ab, ging zu ihrer Musik und fand
eine mde Ruhe. Wer hat die Musik die Kunst der Erinnerung genannt? Und
soll die Erinnerung selbst nicht Kunst sein? Erhaben ob dem Geschehenen?
Jenseits der Erschtterungen? So hab ich doch auch lngst wieder die
Orgel spielen knnen. Es war zuletzt ganz Spiel um des Spieles willen.
Und die Tne waren ber dem Leben.

Horst mute denken, ob Du nicht so wieder heimfindest?

Er sprach dann von sich selbst, was ihm das Orgelspiel immer gewesen
war. Im Schatten der mchtigsten Kirche einer alten Hansestadt steht das
Wohnhaus seiner Kindheit. Gedmpfte Orgelklnge begleiteten seine ersten
Trume. Was seine Jugend ersehnte, was durch seine junge Seele strmte
und brauste, jeder Brand, jede Inbrunst seines Herzens -- alles zitterte
und lebte von dem Orgelklang, alles war von ihm durchwebt, von ihm
gehalten und geweiht von ihm.

Fr mich ist das Orgelspiel Heimat. Und Heimweh. Da sah sie ihn gro
an, und ihre Augen verstanden ihn.

Und es bebte in Horst, als er sie bat: Darf ich Sie nicht einmal Orgel
spielen hren?

Sie zuckte zusammen, von der persnlichen Berhrung in diesem Wunsche.
Er und sie -- zu meiden hatten sie sich, sich zu bekmpfen, sich zu
vernichten.

Ein Waffenstillstand? Mit Orgelmusik?

War nicht die Fremdheit, die Feindschaft von ihnen abgefallen? Wo sie so
miteinander sprachen, hatte sich nicht fast ein Vertrautes eingestellt?

Und sie gab die Antwort auf seine Bitte. Ja, wenn sie mich hier noch in
die Kirche lieen! Dann erzhlte sie: mit dem alten weihaarigen
Organisten von Sankt Nikolai wre sie gut Freund. Er htte ihr mehrmals
die Schlssel zur Kirche gegeben. Die Orgel wre ein vorzgliches Werk
von dem alten Zacharias Hildebrand.

Und jetzt?

Jetzt hat die Geistlichkeit Einspruch erhoben. Sie verteidigt, der Zeit
zum Trotz, mit achtbarem Mut ihre Gotteshuser. Ich darf mit meinen
umstrzlerischen Hnden das heilige Instrument nicht mehr berhren.

Sie sollen diese Ihre hohen Stunden wiederhaben. Ich werde mich dafr
einsetzen, da Sie wieder Orgel spielen knnen. Und zur Belohnung darf
ich Ihnen zuhren, nicht wahr?

Er hielt ihr die Hand hin, sie schlug ein. Und so trennten sie sich.

Was war geschehen? Zwei Menschen, die das Leben zum Kampfe aufgeboten
hatte, die ein Vernichtungskrieg gegeneinander entflammte, die beiden
hatten eine Stunde des Friedens, der Gemeinschaft gefunden. Sie hatten
ausgeruht ineinander. Sie hatten sich beide beschenken knnen. Und
jetzt?

Jeder ging wieder zurck in seine Schlachtreihe. Jeder nahm wieder den
Platz ein in seiner Front. Nur, da sie beide das stille bereinkommen
geleitete, dieses Beisammensein wrde sich wiederholen. Wieder wrden
sie denselben stillen Weg gehen und aufsteigen zu derselben sanft
belichteten Anhhe, die ber den Wolken des Tages lag.

Den Feind verstehen, heit die Welt begreifen.

Wie lange aber, wie lange war ihnen die Nhe beschieden? Wrde der Krieg
ihnen nicht bald genug diesen friedlichen Hang verwsten?

Oder -- gab es hier etwas zu retten fr sie beide? Etwas, was mehr war
als die Zwietracht ihrer Gedanken, was ber ihrer Feindschaft war und
ihrem Kampf?

Sie trugen beide an dem Druck ihrer Hnde, mit dem sie voneinander
geschieden waren. --

Zwei Einsame saen in der Baracke und hteten das Haus. Dankwart
Hamerslag arbeitete an seinen Modellen, Gust Elbenfried forschte in der
Schrift. Auch hier war im Schaffen, im Suchen, im Sehnen ein
Auferstehen.

Einsam auch, ein Schwebender, zog Gisbert durch die Frhlingsheiligkeit.
Gen Osten pilgerte er -- da lag Mnkhov. Die Rhythmen der schnen,
tnenden See begleiteten seine Schritte. In den Dnen machte er Rast,
auf dem hchsten Gipfel schlug er seinen Thron auf, den Thron seiner
Sehnsucht.

Unverwandt schauten seine Blicke nach Osten. Ganz unkrperlich seine
Sehnsucht, nicht einmal das Bild der Ersehnten nahm Gestalt an. Jenseits
von der Form blieb alles. Ein Lichtnebel die Welt, ein webender Glanz.
Und in ihm atmete das Glck.

Da Du lebst! Und da ich wei von Deinem Leben! Was will ich mehr? Was
brauche ich mehr? Ich fhle Deine Nhe, durchleuchtet bin ich von der
seligen Sicherheit meiner Habe. Wer kann mir von ihr etwas rauben? Wie
reich bin ich und wie stark!

Du bist die Geliebte meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken
Dich zu fassen, das Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein
Ohr zu fllen, Deine Finger mit der Hand zu umspannen. Nur wissen will
ich Dich, nur wissen, da Du bist, nur das Glck fhlen, da Du lebst!

Rhren Worte an die Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken.
ber allem Sagen und Fragen, wortlos, gedankenlos ein sinnenfreies
Schwimmen im Himmelsraum, ein Ertrinken in Licht --

So sa Gisbert in starrer Entrcktheit ein gttlich Entschlafener auf
der Dnenhhe, dieweil ber die Meerflut hin der junge Frhling
schauerte.

Erst die flsternde Dmmerung weckte ihn aus seinem seligen Schlaf. Und
nun schlich es doch von Frhlingsangst in seine Jugend, seine junge
Jugend. Was fing so an zu singen in seinem Blut -- leise, leise und sang
doch immerfort.

Und ein Taumeln, da er sich erhoben hatte, ward sein Schreiten, das nach
Osten ging -- wo er doch westwrts wollte, nach seiner Arbeitsstatt, der
Baracke. Wie er sich umwandte, keuchte er, beladen auch er von der Se
und Schwere des Frhlings.

Die Arbeit! Die Arbeit auch seine Zuflucht. Ihr mute alles zum besten
dienen, alles Fhlen, alle Andacht, aller Kult, auch von Frhling und
Frau -- alles mute einmnden und aufgehen in den Gottesdienst der
deutschen Arbeit.




                                Ausstand


Die Ziegelei war im Betrieb. Der erste Ziegelstein war gebrannt. Wie
eine Erstgeburt wurde er betrachtet und gefeiert, wie ein Tufling ging
er von Hand zu Hand. Eine helle Freude gab das und ein strammes Hurra --
Muz kreiste singend um sich selbst und bi sich in den Schwanz, da die
Haare stoben.

Bauen, bauen -- war jetzt Losung und Feldgeschrei. In diesem Sommer noch
sollte das erste Haus unter Dach kommen. Fr das Fundament galt es,
Findlingsblcke zu sprengen, die reichlich im Gelnde lagen. So
erfrischte und befeuerte eine Ttigkeit die andere. Im Siedlerhaus war
frohmtiges Wesen.

Dankwart hatte das Modell einer Mhle konstruiert, die die Kraft des
Windes in Akkumulatoren aufspeichern sollte. Er hoffte auf ein Patent,
das die Finanzen der Siedlung strken wrde. Mit denen stand es nicht
zum besten. Aber auch die Sorgenfalten Mndners, ihres Rechnungsrats,
bgelte die Frhlingssonne aus.

Die Sprengschsse in der Felshalde lockten ein paar scheue Gestalten auf
die Hhen -- Miggnger, Beobachter? Das Knallen war ihnen nicht
behaglich, Ursache und Zweck schienen sie nicht vllig zu beruhigen.

Was sind das da oben fr lauernde Vgel? fragte Kunz. Was bedeutet
ihr Erscheinen! Ich schliee auf Sturm.

Und es ballten sich die Wolken. Die Provinzhauptstadt entsandte ihre
Agitatoren und Organisatoren. Jetzt, wo es mit allen Hnden an die
Frhjahrsbestellung gehen sollte, ward gebohrt und gewhlt. Der
Landarbeiterstreik kam ins Rollen.

Immer noch hatte Herr von Borkhus sein berlegen glubiges Lcheln.
Seine Leute waren wie immer. Still, gehorsam -- gehalten, zugeriegelt
und ducknackig. Wr das nicht ihre Art gewesen, htte es Verdacht wecken
knnen. Aber so --! --

Da tritt eines Morgens sein langer, straffsehniger Inspektor bei ihm
ein. Ein Herr sei unten. Einer von den Roten offenbar. Er wolle mit
Herrn von Borkhus ber die Lohnverhltnisse in Moorhof sprechen.

Was? Der Hetzer mit mir -- ber die Lohnverhltnisse meiner Leute?
Sagen Sie dem Herrn, da ich mit meinen Leuten ber meine und ihre
Angelegenheiten selber zu sprechen pflegte. Da ich mir seine
Vermittlung verbte. Da ich ihn ersuchte, meinen Hof -- nein, meinen
Gutsbezirk sofort zu verlassen! Aber sofort!

Schnaubend geht der Baron im Zimmer auf und ab. Der Inspektor setzt noch
seinen eigenen Trumpf auf die Bestellung. Herr Knubart -- dies ist der
abgewiesene Besucher -- zieht sich wohl ingrimmig vom Hofe zurck, auf
dem die Leute gerade zur Mittagspause sich befinden. Aber von ihnen
begleitet, macht er auf der Dorfstrae vor dem Hoftor halt, lehnt sich
an die Mauer und spricht zu den Umstehenden mit einer Ruhe, in der es
hhnisch und boshaft brodelt: Euer Herr und Gebieter hat mich des
Landes verwiesen. Wie es bei Herrn und Gebietern so Mode ist, wird er
jetzt, wo ich hierbleibe, wohl die Hunde auf mich hetzen.

Er kennt das Volk. Er kennt die springenden Funken. In den Jungen flammt
es wild: dat sall he maken! Die Alten blicken dster und dumpf, auch
in ihnen schwelt es.

Vielleicht zeigt der Herr Baron mir aber, so fhrt der Sprecher fort,
wie ich Euch besuchen kann, ohne den Grund und Boden, den er sein Eigen
nennt, zu betreten. Oder darf keiner zu Euch kommen, ohne seinen Willen?
Seid Ihr Eingesperrte! Seid Ihr Strflinge!

Dat wier noch beder! Hier schreit etwas auf.

Sein Grund und Boden. Auf dem stehen wir ja allerdings. Und daran ist
nichts zu ndern. Wenn Ihr nichts daran ndert.

Da ist er wieder, der groe, berauschende Fernblick. Die Sinne taumeln.
Und das Feld ist wohl bereitet, als der Baron jetzt mit dem Inspektor
hier drauen erscheint.

Ich dulde es nicht, so tritt er dem Fhrer entgegen, der ihn bla,
aber in eiskalter Gelassenheit erwartet, ich dulde es nicht, da Sie
hier auf meinem Gutsboden mir meine Leute aufputschen! Sie werden sich
auf der Stelle entfernen.

Ich werde es, sobald die Leute sich nicht mehr mit mir zu unterhalten
wnschen. Wir befinden uns hier auf einer ffentlichen Strae --

ber die ich aber die Polizeigewalt habe! Und die ich zu politischen
Hetzereien und zu politischen Ansammlungen nicht mibrauchen lasse!

Von politischer Versammlung ist mir nichts bekannt. Und jetzt gab er
der Sache die gehrige Wendung. Wollt Ihr Leute, da ich, der ich Euer
Gast bin und Euch meinen Rat erteilen mchte, noch mit Euch
zusammenbleibe --? --

Ja! Ja! Hierbleiben! Wi snd noch nich farig!

Herr von Borkhus hatte das Spiel verloren. Alles krampfte sich in ihm
zusammen -- er konnte nicht auf die Leute einreden, konnte die alten
Bande nicht schrzen, konnte nicht um ihre Seelen werben -- auch wenn
sein Stolz es nicht verschmht htte, die Sprache htte ihm versagt.

Aber, da es um ihre Seelen zu werben galt -- gegen den Fremden, den
Volksverfhrer -- da seine Mannen von ihm abfallen wollten -- wie hatte
er auf ihre Treue gepocht vor sich und den andern -- wie hatte er eine
Welt aufgebaut auf dieser Treue -- nun lag diese Welt in Trmmern.

Der Inspektor aber -- ihm dankte der Herr einen groen Teil der
Abtrnnigkeit seiner Leute -- wollte die Karre nicht im Dreck stehen
lassen. Hier konnte nur ein Lachen helfen. Und er rief grinsend:
Volksbelustigung! Wanderprediger! Kurpfuscher! Anreier und Hausierer
gehren auf die Landstrae! Unsere Leute wissen schon, was sie von dem
Schwindel zu halten haben.

Er fhrte mit heldenhafter Miene den Baron, der mhsam sich aufsttzte,
nach dem Herrenhaus zurck. Die anderen fhlten den Sieg. Das erhitzte
ihnen das Blut. Knubart aber wute, da er das Eisen zu schmieden hatte.
Und er schwang den Hammer.

Nach einer Viertelstunde hatte er sie soweit. Sie faten den Beschlu --
die paar Alten, die Scheuen oder Hartnckigen wurden verngstigt oder
berrannt -- zwei sollten als Abordnung zu dem Gutsherrn gehen und
verlangen, da er Knubart als ihren Vertrauensmann empfinge und mit ihm
die Verhandlung fhrte. Weigerte er sich: Ausstand mit dem
Glockenschlag!

Und so geschah es. Die Abordnung, zwei von den jngsten Schreiern, flog
hinaus, am Nachmittag ging niemand mehr zur Arbeit.

Herr von Borkhus sa allein und grbelte dumpf vor sich hin. Die
wirtschaftlichen Gedanken, mit denen der Inspektor ihn berschttete,
hatte er von sich getan. Seinem Leben hing er nach.

Was war ihm noch geblieben? Das Vaterland in Schutt gelegt, und jetzt
sein eigenes Haus, das Reich seines eigenen Schaffens unterhhlt und im
Verfall. Ein Krppel war er! Die Arme, die ach so mden und doch immer
noch hoffnungsvollen -- waren sie ihm nicht glatt vom Leibe gehauen! Ein
Stumpf war er, nutzlos -- nur da das Herz noch in ihm schlug, und in
dem Herz schlug der tdliche Gram.

Und wenn er nicht so ein Tor gewesen wre! Ein Narr! Ein Kinderspott!
Meine Leute! Wie verwachsen sind sie mit mir! Und nun dieser
hergelaufene Fremde, dieser kaltugige, kaltschnuzige Gesell, lehnt
sich an die Hofmauer, und von oben hin zieht er all die Mnner an der
Nase zu sich her. Lt sie tanzen, wie er pfeift. Alle, all die Getreuen
ihres Herrn!

Nach Horst, dem jungen Freunde, ruft seine Seele. Vor dem hat er am
meisten sich gerhmt. Aber der ist ihm gut gesonnen, vor dem braucht er
sich nicht zu schmen.

Horst findet Strempel, den schrgugigen, bei dem Baron. Mit seinem
komplett hat er aufs neue der Meinung und dem Willen des Herrn sich
zugeschworen. Eine kleine Genugtuung ist das. Und die Dumpfheit ist
wenigstens im weichen. Horst aber findet, da in den schiefen Lidern und
all den Falten des verkniffenen Gesichtes etwas lauert. Darf er es
sagen?

Die Herren sitzen beisammen. Ja, Horst, ich gehre nicht mehr in die
Zeit. Abgetan -- spurlos. Mitleidlos. Nun selbst zum Schutt, zu den
Scherben geworfen.

Horst kam von der Zyklopenarbeit des Felsenrckens. Seine Muskeln
zitterten. Sie wuten von Mnnerkraft und Mnnerglauben.

Ein glatter berfall ist dies. Krieg um des Krieges willen. Die
Verstndigung planmig hintertrieben. Sie wollen den Bruderkampf. Wir
mssen ihnen das Handwerk legen.

Auch hier gelte es, ein Beispiel zu liefern! Und den Arbeiterfhrern,
die die Welt unter sich zu verteilen anfingen, sollte denn doch um ihre
Gotthnlichkeit bange werden.

Horst stellte dem Baron seine Siedler als Nothelfer zur Verfgung. Alle
wrden sie Hand anlegen, die meisten von ihnen wren mit der
Landwirtschaft vertraut. Die Frhjahrsarbeit sollte weitergehen -- und
lange Gesichter wrden ihr zuschauen!

Und in die groen schweren Augen des Barons kehrte ein Leuchten zurck,
abendlich und weh, aber sie hatten doch wieder lebendigen Schein. Die
alte Kampfnatur reckte sich in die Hhe. Er gab als Herr seine
Anordnungen fr den folgenden Tag.

Horst brachte in seiner Krperschaft die Angelegenheit zur Sprache.
Helle Hilfsbereitschaft leuchtete auf. Nur in Mulitz, dem Maurer, und in
Metzling regten sich genossenschaftliche Widerstnde. Aber die
Einmtigkeit verschlang sie. Schon in der Nacht fanden die ersten
Siedler auf dem Hof sich ein, das Vieh zu besorgen. Mit dem Morgengrauen
war die Mannschaft auf den Kartoffelckern. Die Pflanzmaschinen waren in
Betrieb gesetzt, frhlich ging die Arbeit von statten. Am Wegrand
zeigten sich verdrossene und drohende Gesichter. Streikende
Landarbeiter, denen ihre Macht aus den Hnden geschlagen war.

Kunz sang ihnen lustige Kartoffellieder vor. Wie Knollen flogen die
knolligen Reime ihnen um die Ohren. Wtend schlichen sie beiseite.

Dann rotteten sie sich zu Hauf. Den Siedlern, diesen gottverdammten
Hunden sollte es ans Leder gehen. Die Hitzigsten wollten auf der Stelle
gegen sie losbrechen. Den Bedchtigen gelang es, den Sturm zu
beschwren. Aber am Abend, in der Dunkelheit, sollte es den
Heimkehrenden eingetrnkt werden! Da sie das Wiederkommen vergen!

Horst hatte die Augen und Ohren berall. Er ahnte nichts Gutes. Wilde
Drohworte flogen ihnen zu. Er mute auch um die Baracke sorgen. Ein
giftiges Geschwr hatte sie einer genannt, tobend mit geiferndem Mund
-- ein Geschwr, das ausgebrannt werden mte!

Die wachsende Wut verhie auch dem Hof bles fr die Nacht. Da bestimmte
Horst, da die Maschinengewehre hervorgeholt wrden. Zwei kamen nach dem
Gut, zwei wurden vor der Baracke aufgestellt. Die Arbeiter schumten.

Die Siedler waren bewaffnet, als sie abends heimzogen. In der Dmmerung,
aus dem Knickbusch wurden sie beschossen. Kunz, der den Zug fhrte, lie
sofort das Feuer erwidern, dann den Busch strmen. Die Meuchler hatten
sich in dem Dunkel zerstreut. Von ein paar Streifschssen war Blut
geflossen. Das Blut gab jetzt dem Groll die berhand und der
Kampfbegier.




                                 Feurio


Gisbert war mit einem Schutztrupp auf dem Hofe zurckgeblieben.
Verdchtige Gestalten schlichen um die Mauer. Dankwart fand sich ein und
richtete vor dem Maschinengebude aus altem Material einen Scheinwerfer
her. Es war Krieg.

Ruhig verliefen die Nachtstunden. Die Mannschaft wurde schlfrig, da es
auf den Morgen zuging. Der Himmel sternenlos, dunstig die Luft und
schwl, unheimlich warm fr die Jahreszeit. Kein Hauch regte sich.

Da zuckt etwas durch die Nacht. Ein leichter Windsto. Tastend, wie
fragend. Und wieder ein leiser Ruck. Und dann ein kurzes Schnauben. Und
wieder Stille. Und dann holt der Wind tief Atem, und nun pustet er vor
sich hin. Erst noch gemchlich, wie zum Spa und wie fr sich selber.
Dann aber blst er mit voller Lunge, da auch die andern was haben.

Noch ist es dunkel, noch wird er des Dunstes und der Wolken nicht Herr.
Aber der Widerstand reizt ihn und jetzt faucht er zornig sie an. Ein
junger Frhlingssturm braust in die Welt.

Da -- ein Bersten -- ein Krachen -- als wenn Granaten splittern -- was
ist es, das sein Ungestm zerbricht? Ist es an den Gebuden, ist es an
den Bumen des Parkes?

Herrgott! Flammen schlagen auf! Da auf dem Strohdach der Scheune! Es
sind wirklich Granaten gewesen.

Feuer! brllt der Ruf. Alles ist gleich auf den Beinen. Nach dem
Spritzenhaus!

In fressenden Streifen peitscht der Wind die Glut ber das Dach.

Der Inspektor, halb angezogen, ist zur Stelle. Herr von Borkhus
erscheint am Fenster -- hinkt eiligst zum Hof hinunter -- der Diener, im
Hemd, folgt mit den Kleidern -- notdrftig zieht der Herr sich an.

Der Diener hat das Feuerhorn von der Wand im Flur gerissen. Nun blst er
von der Schwelle in die Nacht -- immer im weien wehenden Hemd -- wie
einer der Cherubim anzusehen.

In der Baracke hren sie den Ruf, der Torfmeister hrt ihn, durch die
Dorfstrae wlzt sich der Schall.

Helfer kommen. Die Spritze ist am Werk. Der Inspektor befiehlt.

In wilder Arbeit -- all die rotbegluteten Gestalten -- die feurigen
Gesichter verzerrt in fiebernder Mhsal -- das Scheunendach eine
prasselnde Flamme -- ganze Bndel Feuer reit der Wind ihm aus -- und
streut sie auf die Stlle -- die gilt es zu retten, auf ihre Dcher den
Wasserstrahl! Pumpen! Pumpen!

Und das Vieh in Sicherheit bringen!

Wenn nur der Sturm nicht so mit Flugfeuer wtete.

Ungebrdig die Tiere. Die Pferde keilen und steigen. Angeschirrt sind
sie, da man sie halten kann. Wie die Wahnsinnigen toben sie in der
Sturmflut des Lichtes und der Lohe, reien an den Zgeln, wollen zurck
in den Stall. Wie soll man sie bndigen?

Und der Sturm peitscht weiter die Feuer in fliegenden Fetzen --

Pumpen! Sie pumpen sich die Seele aus dem Leib.

Der Pferdestall ist der Scheune am nchsten. Schon siedeln sich
Feuerkreise an auf seinem Dach. Wie lange noch wird der Strahl sie
austilgen knnen? Das Wasser verdunstet im Gluthauch.

Und gewaltiger wird der Hllenschlund der brennenden Scheuer.
Feuerwolken wallen aus ihr empor. Durch die glhenden leckenden Sparren.
Das Getreide ist in Brand geraten und ballt und wirbelt seine Lohe nach
oben. Wie soll man den Pferdestall schtzen gegen diesen Orkan von
fegenden Gluten?

Mnner sind aufs Dach gestiegen -- der heilige Josef sitzt zu oberst.
Ein Junge ist der Handlanger. Gewandt wie ein Kletteraffe. Eimer werden
gereicht. Sie gieen und gieen. Gieen sich selbst Wasser ber den
Kopf, ber den Leib. Unertrglich ist die Hitze.

Sie mssen hinunter. Der Junge will nicht. Herunterzerren mssen sie
ihn. Nun taumeln sie auf den Boden, ausgemergelt, welk, kraftlos,
verdorrt. Auch der Stall ist verloren.

Die hellen Flammen sitzen auf dem Dach und die Mnner pumpen, pumpen.

Ist hier nicht alles Tun umsonst? Gegen Sturm und Feuer im Bunde? Der
Pferdestall -- er wird das Feuer in den Schafstall weitergeben -- von
dem brausen die Flammen zum Kuhstall hinber -- und diesem einen groen
Meer von fressenden Gluten -- wird das Herrenhaus ihm widerstehen? Die
Vernichtung bricht herein ber Moorhof.

Herr von Borkhus steht selbst an der Pumpe -- auch der Torfmeister ist
da -- auch der lahme Pastor Waermann. Man fragt nicht nacheinander, man
sieht sich kaum. Man arbeitet nur -- man pumpt und pumpt --

Keiner auch spricht ein Wort, mit den keuchenden, ausgedrrten Lippen.
Nur kurze, trockene Kommandos des Inspektors schallen, der als
Brandmeister waltet.

Jetzt -- ein krachendes Getse -- das Dach der Scheune bricht zusammen
-- einen Hllentanz vollfhren die aufgestberten, befreiten Gluten in
der tosenden Luft --

Zerstrung -- unaufhaltsame -- zu schwach sind sie, zu wenig -- kommt
keine Hilfe -- von den andern Gtern -- von der Stadt?

Mehr Spritzen werden gebraucht. Weithin sichtbar das Feuer! Viele Meilen
in der Runde! Aber auf den Gtern -- auch da wird gestreikt -- sind da
die Mannschaften zur Stelle? Wagen es die Herren, ihre Feuerspritzen
fortzuschicken? Droht nicht auch ihnen der rote Hahn? Der Farbenbruder,
der Parteignger und Verbndete der roten Gesellen?

Hufschlge auf dem Pflaster des Hofes -- ist das die fremde Hilfe? Nein
-- Pferde, die sich losgerissen haben -- sie strmen, voran ein
mchtiger Fuchs, hinein in den brennenden Stall.

O Grauen! Die unglckseligen Geschpfe! Es wogt durch die Mnnerreihen!
Vielleicht ist es noch nicht zu spt --

Zwei Mnner strzen den Tieren nach. Nasse, wollene Halstcher um den
Kopf geschlungen. Man kennt sie nicht gleich. Alle starren sie, von
Grauen festgebannt.

Jetzt heit es: Gisbert und der heilige Josef --

Auch zwei Menschen in dem brennenden Gebude! Sie pumpen fieberhaft --
die Augen quellen ihnen aus den Hhlen -- die Gesichter sind
rauchgeschwrzt -- wie bende Dmonen sehen sie aus, wie verdammte
Seelen --

Und starren alle auf die Tr des brennenden Stalles. Da -- ein Paar
Tiere werden hinausgejagt -- ein Paar hinausgefhrt von den beiden
Mnnern, die sich nicht auf den Fen halten -- sie brechen zusammen --
die Tiere haben sich losgerissen -- sie strmen im Kreise und dann mit
gestrubten Mhnen und selbst feuerschnaubend hinweg ber die beiden
hingesunkenen Mnner wieder hinein in die Tr, die schon anfngt, Feuer
zu speien -- wiehernd hinein in den Flammentod.

Jetzt sind Helfer bei den liegenden, berrannten, zertretenen Gefhrten.
Gust Elbenfried steht mhsam auf -- aber Gisbert -- was ist mit Gisbert?
Aus tiefer Kopfwunde blutet er und ist besinnungslos.

Horst hlt seinen Kopf. Gisbert -- Du Freund aller Kreatur -- Du
lieber, armer Junge -- und immer unser Sorgenkind -- --

Sie tragen ihn ins Haus. Ein Sanitter verbindet ihn. Die Wunde ist
bse.

Ein Arzt mu her zu meinem Jungen! Mag hier der Plunder verbrennen! Die
Huser -- das Vieh! Um Gisbert geht es!

Horst holt sich ein Pferd und jagt in die Stadt. An den Goldbergen
galoppiert er vorber. Zuschauer stehen auf den Hhen. Feindlich
gesinnt, da sie nicht helfen. Voll bser Gedanken, mit Verwnschungen.

Dort auf dem einsamen Hnengrab, dem Hgel abseits, eine einzige
Frauengestalt -- dunkel -- fahl beleuchtet von der fernen Feuersbrunst.
Kauernd, vornbergebeugt, mit all ihren Sinnen, all ihrem Willen
schrend in dem Feuerwerk der Vernichtung. Wie der bse Geist des
nchtigen Unheils.

Vorber! Was ist ihm das Weib! Nicht sich mit Gedanken beladen! Leicht
und schnell in die Stadt -- und mit Hilfe zurck zum Jungen. Nur der --
nur der!

Der Gaul ist verstrt von der Feuersbrunst -- so unruhig -- nur ein
mchtiges Nervenbndel -- und er selbst -- auch ihm zucken alle Fasern
-- sich zusammenhalten -- sich und das Tier -- --

                   *       *       *       *       *

Und jetzt auf dem Hof -- da Gisberts Blut strmte und die Pferde sich
hinopferten -- als wre das Schicksal vershnt -- ein Wunder geschieht
-- die Flammen brausen nicht mehr vorwrts -- sie steigen himmelan --
sie wenden sich -- der Wind hat sich gedreht -- ein groes, tiefes,
freies Atmen geht durch all die stickenden Mnnerlungen -- beschworen
das Unglck -- gerettet -- gerettet --

Nun donnern Wagen den Hof herauf. Die Feuerwehr aus der Stadt --

Sie ist willkommen. Ablsung ist not. Und der Brand ist noch lngst
nicht erloschen.

Auf der Diele des Herrenhauses ist ein Bfett hergerichtet. Hier werden
jetzt Strkungen ausgeschenkt. Strempel ist der Marketender und besser
hier am Platz als da drauen.

Jetzt, wo die Gefahr bewltigt ist, kann der Baron als Wirt die Ehren
machen. Noch fiebernd von dem Kampf, geschwrzt wie all die
Kampfgenossen, gehoben durch die Gemeinschaft ber alle Gedankennot. Er
kippt mit dem Torfmeister einen krftigen Korn. Und fast frhlich bebt
ihm der Sinn, als der Alte von selbst erzhlt: junge Arbeiter aus der
stdtischen Eisengieerei wren hier mit Handgranaten im Gelnde
herumgeschlichen -- das wren die Brandstifter, nun und nimmermehr
Moorhofer Leute!

Da drckte er die Flosse des Alten: Ich wut es. Und da Du, Alter, bei
mir bliebst! Und Strempel auch! Mit der Treue ist es wie mit dem
Verstand -- sie ist immer nur bei wenigen gewesen. Beruhigt blickte er.

Mnner kamen und gingen, alle schwarz wie die Teufel. Ein Negerdorf
sind wir, sagte Borkhus, und hatte Lust zu lachen.

Eben brachte Kunz einen Negerjungen herein -- der da oben auf dem
Dachfirst des Pferdestalles fr drei herumhantiert hatte -- und war doch
ein Mdchen, Vita, das Pfarrertchterlein im Turnanzug. Ihr Vater
stelzte hinterher. Da gab es ein Erkennen und Lobsprche, ungemessen,
auf die Heldenjungfrau.

Ihr aber ging das nicht ein. Ist das Heldentum, was einem Spa macht?
Heldentum ist, wenn ich Kaffee kochen mu.

Kunz sprang zu Gisbert hinauf. Er brachte den traurigen Bescheid, da
die Besinnung immer noch nicht wiedergekehrt sei. Er werde sich mit
Horst, der jetzt bei ihm sitze, in der Wache bei dem Freunde teilen. Und
die Schatten der Todesnhe legten sich mit dunkler Ruhe ber die
aufgestrten noch immer nicht gesammelten Gemter.




                     Heil dir, du deutsche Jugend!


Horst sa an Gisberts Lager und umfate seine Hand. Mit aller Inbrunst,
die das Leben des zu Tode Getroffenen halten wollte. Der Schdel war
angeschlagen und zersplittert, eine schwere Gehirnerschtterung hatte
ihn in Nacht geworfen. Der Arzt gab leise Hoffnung.

Wchsern von dem Blutverlust war das feine Gesicht. Starr gestreckt,
leblos lagen die edlen schlanken Hnde. Frauenhnde. Und hatten all die
Zeit so schwer und treu gearbeitet an mnnlichem Werk.

Du darfst mir nicht sterben, Junge, Du lieber -- so grub und dachte
Horst ohn Unterla. Sein Wille whlte und flehte und zwang.

Drauen leuchtende Frhlingsmorgenlust. Durch den geffneten
Fensterspalt drangen die Lieder aus schmetternden Finkenkehlen.

Vom Hof her gedmpfte Menschenstimmen. Den Rauch und Ruch von der
Brandsttte verwehte der Wind nach anderer Richtung. Das da drauen, der
Ausstand, der Aufruhr -- wie fern lag das alles dem pflegenden Freund.

Bin ich ein Fhrer? Die Sache will mich -- die Mannschaft wartet meiner.
Versunken die Sache, die Pflicht, der Beruf. Hier mu ich fhren -- die
gelste Seele wieder ins Leben fhren, das ist mein Amt.

In meiner Hand, die Dich hlt, ist mein Wille -- und mein Wille hat
seine Kraft -- Leben ist mein Wille -- in Deine entseelten Finger strm
ich es ein --

Die Finken schmettern ohn Unterla in den aufleuchtenden Morgen -- stark
ist das Leben und froh --

Zuversicht -- des Glaubens Frohheit ist des Willens Odem und Herzschlag
-- ich will, da Du lebst -- ich glaube, da Du uns lebst -- Gisbert, Du
geliebter Junge!

Und sieh -- ist da jetzt nicht ein leises Schwingen -- ganz leise unter
der kalten Haut Deiner Finger -- nur meiner htenden, Dir ganz ergebenen
Hand vernehmbar -- aber es ist -- es ist!

Und da -- Hufschlge vor dem Haus -- ein leichter Wagen fhrt auf die
Rampe -- wenn es das ist, wenn eine Nhe mir hilft, Dich zu beleben --
eine Nhe, die Du ahnst, die Du fhlst -- die Dich zurckruft,
zurckschmeichelt in das Diesseits --

Ja, eine neue Kraft ist erschienen -- ist ins Haus gekommen -- eine neue
Hilfe, eine bessere, strkere --

Steigt nicht ein leichtes Rot in Dein Gesicht? Beben nicht Deine Lippen?
Zuckt es nicht in den gesenkten Lidern?

Jetzt -- die Tr tut sich auf -- Frau Tilde tritt ein -- jetzt wei ich
es, Du wirst gehalten, Du wirst gewahrt, Du wirst gerettet! In ihre Hand
leg ich Deine Finger. Ihrer Sorge, ihrem Willen, ihrem Glauben
berantworte ich Dich. Jetzt habe ich die Gewiheit, da Du lebst!

Tilde ist allein mit Gisbert. Schon hat der Schlaf ihn in die Arme
genommen, an das Leben ihn wieder auszuliefern. Der Atem fngt an, ruhig
zu gehen. Der Puls setzt nicht mehr so bedrohlich aus.

Augen wachen ber ihm, in die seines eigenen Daseins Licht sich
eingesenkt hat. Seines Schicksals Sternenglanz bestrahlt ihn. Jetzt hebt
und trgt es ihn diesem Schein entgegen.

Seine Lider zittern. Ein dnner Spalt -- scheu, angstvoll, unglubig
noch lugt der Blick hindurch in die entrckte, unfabare Wirklichkeit.

Aber jetzt trufelt und tropft es hinein von dem seligen Glanz -- ein
glckhaftes Erschrecken -- gro im Offenbarungsschauer tut das Auge sich
auf -- und jauchzt in den Schein -- und schliet sich dann wieder, mde
von des Glckes Unendlichkeit.

So gaben Frau Tildes Augen dem todwunden Gisbert das Leben wieder.

Jetzt nach diesem Rettungswerk braucht auch der Vater ihre Hilfe. Von
all den Erregungen und der krampfhaften Anspannung der Krfte ist er
doch zusammengeklappt. Tapfer gibt er sich. Aber die Tochter sieht
tiefer.

Sie will ein paar Tage hierbleiben. In Mnkhov sei es nicht so schlimm.
Nur ein Teil der Leute habe die Arbeit niedergelegt.

Und bei mir alle im Ausstand. Und im Aufstand. Wie viel Schmerz birgt
sich unter dem Lcheln.

Ihr seid hier bei der Stadt. Und Du bist der groe Politiker. Du bist
ein Programm. Du, unser Eckpfeiler, wirst am heftigsten berannt.

Das gefllt dem alten Kmpen nun wieder. Und er schmunzelt auf: Gut
denn! Ehre, wem Ehre gebhrt.

Er hielt sich aufrecht, solange Tilde im Hause war. Die wie ein guter
Geist hier wirkte. Nur, da auch sie mit den Leuten keine Fhlung
gewann. Als ob die sich schmten vor ihr, zogen sie sich trotzig und
verbissen noch mehr zurck.

Weiter halfen die Siedler. Und sie huldigten begeistert ihrer lieben
Frau.

Dann wurde ein Teil von ihnen auf einem Nachbargut begehrt. Auch hier
drohten Gewaltttigkeiten. So ging ein Maschinengewehr dorthin ab.

Fr die Feldarbeit aber fand junge Hilfe aus der Stadt sich ein. Doktor
Georg Stump erschien mit seinen Gymnasiasten, seinen Turnern auf dem
Plan. Mit dem Lied der Jugend an die deutsche Erde kamen sie angerckt.

   Wir sind die Jungen! In unserm Sinnen
   Du bist der Ausgang, Du das Beginnen!
   Nicht einen Bissen von deutschem Korn,
   nicht einen Tropfen aus deutschem Born,
   Deutschland, da wir nicht dchten Dein!
   Frei sollst Du sein!

Horst ging das Herz auf. Er liebte die Jugend. Und diese nun, unsere
Jugend! Was grbt sich an Nachdenklichkeit, an Bitternis, an heiligem
Zorn um den Frohmut der hellen Augen.

   Wir sind die Jungen, in Not gesthlt,
   In Schmerzen geworden, in Schmerzen erwhlt!

Doktor Stump tritt wie zur Meldung vor Horst. Nur zwei seiner Zglinge
haben sich ausgeschlossen -- der eine aus ehrlicher, verzehrender
berzeugung, der andere aus ebenso ehrlicher, verfressener
berzeugungslosigkeit. Der Herr Direktor, Freund der Gesten und Feind
dem Festen, einer von den hochbeinigen Leisetretern habe gewarnt und
abgewinkt. Aber es seien Ferien, und eigene Entschlsse gelten.

Horst teilt die Jungmannschaft in Trupps und weist diese den einzelnen
Gtern zu, die am ntigsten Arbeitskrfte brauchen. An die Spitze der
kleinen Schar, die fr Moorhof bleibt, setzt er sich selbst.

Er nimmt sie gehrig heran. Sie mssen Dung fahren und streuen. Er
selbst ihr Vorarbeiter -- die Knochen werden nicht geschont.

Sie bleiben die Nacht auf dem Hof. Ein Heuboden ihre Ruhestatt. Sie
sehen das Bild der Zerstrung. Die jungen Seelen fhlen, wer im Grunde
die Schuld trgt. Woher die Verzweiflung stammt, die hier gewtet, die
den Bruderkrieg entfesselt hat. Fluch den Zerstrern deutschen Lebens!
Dem altbsen Feind!

Zum Feierabend fhrt Horst sie auf die Goldberge. Erzhlt ihnen, was der
Alte ihm verraten. All die jungen Augen und Ohren lauschen. Und lauschen
jetzt, ob es in dem Berge klingt. Ja, ja ihnen allen tnt es aus dem
Grunde!

Sie alle, alle sind berufen! Jubelnd umschlingen sie sich. Blutbrder
sind sie. Und singen Schwertlieder.

   Stahl, von Mnnerfaust gezwungen,
   rettet einzig dies Geschlecht!

Ein berschwang von Kraft, von Stolz, von Freude steigt himmelan. Mit
keuchender Brust, die Augen voll Trnen, verwnscht einer die
Dmonenbrut.

   So lang sie in Germanien trotzt,
   ist Ha mein Amt und meine Tugend Rache!

Und ein anderer, verzckt in die Weihe seines Schwures -- wir wollen
nicht, knnen nicht als Knechte leben! Und knnen wir nicht siegen, wir
wollen ihnen zeigen, wie man stirbt!

   Nicht der Sieg ist's, den der Deutsche fodert,
   hilflos, wie er schon am Abgrund steht.
   Wenn der Krieg nur fackelgleich entlodert,
   Wert der Leiche, die zu Grabe geht!

Heiliger junger berschwang! Auch Horst werden die Augen feucht. Heil
Dir, Du deutsche Jugend -- so jauchzt und schluchzt es in ihm -- heil
dir, du deutsche Zukunft!

Eine Freundschaft ist geschlossen zwischen den Jungen und Horst, dem
Mann. Gehrtet im Feuer der flammenden Herzen.

Horst bespricht sich mit Dr. Stump. Die Jungen sollten wiederkommen.
Auch wenn der Ausstand vorber wre. Wchentlich einmal zu einer Art
Felddienstbung. Und Kriegsgeschichte wollte er sie lehren im Freien.
Sie selbst sollten die Schlachten der Vergangenheit sich darstellen. Und
sollten sich damit entwickeln fr die mchtigen Aufgaben der Zukunft.
Horst, der Doktor, die Jungen -- sie alle waren Feuer und Flamme.

Hier habe ich nun ein neues Feld! Horst atmete tief. Und wenn die alte
Pflicht mir zu schaffen macht, diese neue wird mir helfen, beide zu
tragen. Mnden sie nicht beide in mein groes Lebenswerk? Die allgemeine
Arbeitsdienstpflicht mit vorzubereiten! Und aus ihr eine Stamm- und
Lehrtruppe herauszuschulen, als Mittelpunkt der Miliz, die Deutschland
haben mu, wenn es leben soll!

Gegen eigene Ermdung, gegen Verzagtheit, gegen Fahnenflucht -- diese
junge Mannschaft als eine Art Schutztruppe ziehe ich mir heran.

Eine Schutztruppe auch gegen die schweifenden Gedanken. Die als
Forschungstrieb, als Mitgefhl, als Seelenanalyse hinaussegeln -- und
doch das Weib um seiner Selbst willen suchen.

Hier oben, hier auf den Goldbergen hat er sie zuletzt gesehen. Gestern
in der Brandnacht. Im Schein der Gluten, die ihr Wille, ihr Rachetrieb
geschrt. Die Feindin! Die im Vernichtungskampf steht gegen seine
Freunde, gegen ihn! Eine Priesterin jener Glaubenslehre, die Deutschland
verdirbt, wie sie jede Volksgemeinschaft zerrtten mu.

Zu Euch, Ihr jungen Freunde! Euch und mir und uns gehren diese
Goldberge. Wie ein Spuk, ein Nachtgespenst schwebte sie ber diesen
Boden, als ich hier vorbeijagte. In dieser grauenhaften Nacht. Vorber,
vorber --! --




                          ber Grber vorwrts


Frau Tilde war bei Gisbert. Er hatte schon das Bett verlassen und sa im
Stuhl, so schnell ging es mit ihm nach oben. Dankbar war Gisbert.
Dankbar trank er das Leben in sich auf. Und leuchtend sprach er: Wie
sagt der groe chinesische Weise? Was ist der Inbegriff aller Erkenntnis
und ihrer Freude? Ich atme bewut. Und wem danke ich es? Zu ihr hob
sich seine Hand.

Nichts Heimliches, nichts gesucht Vertrauliches -- die ganze groe
mutige Selbstverstndlichkeit sprach. Sie waren beieinander, als htten
sie sich von je gekannt.

Tilde sah ihn an, mit der weiten wehen Klarheit ihrer Augen. Von Vater
hrte ich eben das Gegenteil. Das but intoxication. Wie ist er anders
geworden! Man ist hellsehend bei denen, die man liebt. Und ich sehe --
das Schlimmste.

Ich fand ihn erfrischt -- durch den Kampf.

Das ist der Rausch, von dem er selber spricht. Wie lange kann ein
Rausch dauern? Ich frchte mich vor dem Erwachen.

Schwerer wurden ihre Augen. Ich bin immer -- schon als Kind -- diesem
leidenschaftlichen Hang zur Einsamkeit nachgegangen. Das Leben straft
uns an unseren Leidenschaften. Nun werde ich bald niemanden mehr haben.

Gisbert bewegte sich zur ihr hin, Ergebenheit bis in den Tod reichten
seine Blicke ihr dar.

Und ich hab noch keinem Glck gebracht -- fast warnend sprach sie es
aus -- keinem, der mir etwas war -- der mich befreite von meiner Sucht,
mich in mich selbst zu begraben. Als ob alle es htten ben mssen.

Gndige Frau --

Ich wei, das ist wie eine lcherliche Eigenwichtigkeit. Aber, warum
mute alle, aber auch alle, die mir nahe standen, diese Zeit
verschlingen oder zerbrechen?

Sind wir nicht alle zerbrochen?

Doch nicht so, bis ins Lebensmark. Die mir geblieben sind -- mein
Vater, mein Mann -- bloe Schatten. Und alles andere ist mir gestorben.
Meine Freundin, die einzige, die ich hatte -- der Gram um ihren
gefallenen Mann hat sie ihm nachgezogen. Meine besten Freunde waren
meine Brder -- sie sind nicht wiedergekommen. So sieht es um mich aus.

Du sollst nicht klagen, Du sollst nicht traurig sein -- machtvoll
sehnschtig klang es in Gisbert auf. Und ein Glck trug ihn empor. Da
Du so zu mir sprichst! Dich so mir offenbarst! Ich bin Dir etwas -- Du
fhlst, wie alles, was ich bin, Deinem Wesen zustrmt! Dir dienen will
ich, mit allem, was ich bin! Dir geben, alles, was ich habe! Dir, Dir,
Du Schmerzensreiche, Du Gebenedeite!

Sie sprte die schwrmende Glut. Sie selbst mute ihr wehren. Ihre
Sehnen strafften sich. Gut, da die Arbeit auf einem liegt. Unser alter
Inspektor ist der Sache nicht mehr gewachsen. Und Achim -- ein weher
Zug grub sich ein -- bereitet sich auf ein groes Match vor. Dennoch
htte ich Vater gern was von seiner Bedrngnis abgenommen. Wir sind
glimpflich davon gekommen. Obwohl wir uns das Schlimmste vermuteten.
Oder deshalb? Wie ist Vater, der gutglubige, fr seine Einbildungen
gestraft.

Herr von Borkhus kam jetzt, sich selbst nach Gisbert umzusehen. Er war
aufrecht, in fester Haltung, berichtete von dem Ausstand, da die
Nothilfe der Gymnasiasten die Wut frisch aufgepeitscht habe, und als
Neuestes -- ein ehernes Lachen klang in seinen Worten -- da Strempel
sich weigere anzuspannen und den Herrn zu fahren.

Strempel! Wie geisterhaft tnte es zurck aus Frau Tildes Mund. Ihre
Augen forschten erschreckt in des Vaters Zgen. Die blieben hart.

Ja, Kind. Oh, wir brauchen noch viel Belehrung. Geradezu ausgelassen:
Sag Mdel, bin ich nicht einfach gereist auf den Mann? Schaubudenhaft?
Habe ich mich nicht mit ihm dem Publikum gezeigt? Hier seht Ihr es,
meine Herrschaften! Es gibt ein Glck des Gehorchendrfens! Sofern der,
der befiehlt, auch selber am rechten Ort zu gehorchen wei. Es kann ein
freies und stolzes Wort sein: >ich dien<! Ja, Kind, nun ist die
Schaubude umgeweht. Komplett. Und er lachte ehrlich.

Vater --

Und jetzt -- Herrgott, ganz jung wird man wieder! Was war fr mich als
kleinen Bengel die grte Lust? Selber anspannen! So tue ich's also
jetzt wieder und fhl mich als Junge. Ich mu heute noch nach Trent.
Besprechung der Besitzer. Der Korpsgeist hat nun den Sto, den er
braucht.

Ich fahre Dich, Vater.

Kannst mitkommen. Du gehrst ja auch dahin. Oder ist Achim da?

Nein. Achim -- bt.

Nun, dann komm. Auf Wiedersehen, Herr Hegendorf! Und weiter steife
Ohren. --

Der Ausstand war zusammengebrochen. Die Fhrer wteten. Die
Industriearbeiter in der Stadt hhnten. Es fehlte diesen Landlmmeln
doch an Schwungkraft und Kampfdisziplin.

Doch aller Ha und Zorn brandete gegen die Siedler. Diese Klopffechter
des Rckschritts, die der dunklen Sache den Sieg verschafft hatten. Aber
wir werden es Euch eintrnken! Wenn wir die Fhrer nur fassen! Und wir
fassen sie. Und dann an die Chausseebume mit ihnen!

Die Moorhofer Leute fanden sich wieder zur Arbeit ein. Mit einem Lcheln
sah Herr von Borkhus dem allen zu. Aber seine mchtigen Augen froren
darber hin, wie ber ein Schauspiel, das ihm innerlich nichts zu geben
hatte. Und das Lcheln, wie vereist, schwand kaum mehr aus seinem
Gesicht.

Nicht als Strempel sich wieder zum Dienst meldete, hndisch, verbogen
und verkniffen. Sie wren alle komplett verrckt gewesen.

Steinern machte Herr von Borkhus noch einmal die Runde ber seinen
verwsteten Hof. Wie er dann abends bei Tisch sa, der Horst, Kunz und
die neuen Helfer von der Siedlermannschaft als Gste sah, war er der
liebenswrdigste Wirt, dankte seinen Freunden, sprach aber sonst kein
Wort von dem, was seinem Moorhof geschehen war. So da auch die andern
davon schwiegen.

Statt des, mit einer eigenen eisenkalten, eisenharten Ruhe, wie der Wut
zum Trotz, die all die Zeit in ihm gebrannt und gefressen hatte, fhrt
er selbst die Rede zu dem, was die deutschen Herzen zermalmt. Blickt er
selbst mit groen, freien, klaren Augen, in denen der unzhmbar wilde
Grimm sonst whlte, dem Erbfeind ins Gesicht. Eine schmerzlich stille
berlegenheit ist in seinen Worten. Ein fast verklrter Trieb, der
Wahrhaftigkeit ein letztes Opfer zu bringen.

Man wird gestraft an dem, wofr man seine Schwche hat. Was sind wir
dem Franzmann immer nachgelaufen! Wer von uns, der nicht -- oft unter
eigenem Widerstreben -- eine Art Zrtlichkeit fr Frankreich gehabt
hat!

Ich! rief Kunz frei und hell. Stets habe ich wie unser Blcher
gefhlt: >dies Volk ist mir zuwider<.

Borkhus hielt, Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit, fest an seinem Gedanken.
Und doch frage ich: auf wen haben die geistigen Reize Frankreichs nicht
gewirkt? Nicht nur die Stilkraft seiner Mode -- die ganze heitere
Beweglichkeit seines impulsiven Wesens, das in allen Widersprchen
schillert!

Horst stand ihm bei. Wei Gott, langweilig war das Volk nie. Dem alles
ins Schrankenlose, ins Absolute sich berspannt. Absolut in seiner
Mathematik, seinem Rationalismus, absolut in seiner Mystik. Das Land des
absoluten Csarentums und der absoluten Freiheit. Im Absolutismus
knieend, wie mit Bewutsein, um sich im Individualismus zu befreien.
Immer taumelnd von Aktion zur Reaktion, aber immer aktiv und immer
radikal. Immer das Umschlagen von der Hingabe zur Auflehnung, von der
Piett zum Umsturz. Stets im Gegensatz zu sich selber.

Und dabei immer auf Wirkung bedacht, und immer der Wirkung sicher,
ergnzte ihn Borkhus wieder. Der glnzendste Regisseur seiner selbst.
Denn Theater -- Theater ist ihm nun einmal die Welt, die Geschichte.
Gewi, das ist kokett, gefallschtig --

Weibisch! schmetterte Kunz darein.

Ohne Frage, vermittelte Horst. So wahr die Frau stets im Mittelpunkt
der franzsischen Kultur, auch der franzsischen Politik und Geschichte
gestanden hat. Aber auch hier eine Spannweite, wie sie monumentaler
nicht gedacht werden kann -- von einer Jeanne d'Arc ber die Heloise zur
Maintenon! Auch hier die klassischen Extreme. Auch hier die Gre der
Antithese. Und in der Bewegung, die sie berwindet, der leichte,
unbekmmerte, heitere, spielende Flug.

Fr Kunz war das Ma zum berlaufen voll. So sind wir also einmal
wieder objektiv. Und die deutsche Gerechtigkeit darf sich in die Brust
werfen. Gut. ber das Frankreich von einst mag man so denken. Wer aber
heute bei uns von der >Schwche fr dieses Volk< nicht geheilt ist --
er sprach mit ungehemmter Leidenschaft -- der ist vermorscht und
verfault durch die Knochen hindurch bis ins Mark.

Sie lieen gern sein ehrliches Ungestm gewhren. Der Baron fragte dann:
Sie haben in der franzsischen Gefangenschaft ihre besonderen
Erfahrungen machen knnen?

Das habe ich. Und ich freue mich, da ich der grande nation so habe an
den Puls fhlen knnen. Ehre und wiederum Ehre der deutschen Sprache,
da sie kein Wort hat fr das, was Franzosen an deutschen Gefangenen
verbt haben! An wehrlosen, kranken, blutenden, hungernden Gefangenen.
Die Franzosen haben ein Wort dafr. Sie nennen sich >ritterlich<, sie
nennen sich >gromtig<. Gegrt seist du, franzsische Ritterlichkeit!
Die Gefangenen, verdurstet, verwundet, lahm, zerlumpt -- mhselig wanken
sie vorwrts durch die Gassen. Das Volk strmt herbei -- Mnner, Weiber,
Pfaffen, Kinder -- mit Steinen, mit Schmutz, mit Spaten, mit Kntteln
werden die Hilflosen bearbeitet. Wer am Boden liegt, wird ausgeraubt.
Ein Triumphgeheul der Sieger in so gloriosem Kampf! Sei gegrt,
franzsische Gromut! In Kellern, die unter Wasser stehen, auf
Mistlagern ist das Nachtquartier. In schmierigen Konservenbchsen wird
stinkige Brhe gereicht, die der Ekel fortschttet. Und die
Wachmannschaft -- die Soldaten -- Kmpfer, die Kmpfer geleiten -- nicht
wahr, unter der Waffe ist Ehre -- sie wehren dem Graus? O nein, sie
grinsen dazu -- sie grinsen. Sei gegrt, franzsische Ritterlichkeit!
Ihr mt sie ja kennen, ihr Franzosen, die ihr sie benennt! Aber hoch
preise ich mich, da auch ich das Brandmal trage, von franzsischer
Gromut mir eingepret. Immer brennt es, immer flammt es in
Feuerschrift! Bei mir, wie bei Tausenden! Niemals, so lange wir atmen,
werden wir aufhren, Zeugnis abzulegen von franzsischem Geist! Denen,
die nicht sehen wollen, werden wir in den Augen liegen mit unserem
Flammenmal! All denen, die nicht mit dem zufrieden sind, was sie hier zu
Lande jetzt am eigenen Leibe erleben! Und heil uns, heil Deutschland,
da wir diesen, diesen Nachbarn haben! Was die deutsche Seele nicht aus
sich selbst vermag, er, er wird es vollbringen! An franzsischer
Ritterlichkeit wird die deutsche Seele genesen und sich erheben!

Borkhus -- wo war die Verklrung geblieben, die objektive Erhabenheit?
-- er reichte Kunz mit brennenden Augen stumm ber den Tisch seinen
machtvollen Hndedruck.

Und weiterhin lie Kunz seine Munterkeit aufmarschieren.

Natrlich fehlte es uns nicht an Komdien. In diesem Lande der
Komdianten. Wir kamen als Gefangene nach Sdfrankreich, in ein altes
Kastell. Sein Kommandant ein uriger Knochen, giraffenlang, mit ewig
wiederkauenden Kinnladen -- seine Untergebenen nannten ihn denn auch
>cam lopard< -- die blaue Nasenspitze whlte in dem verbasten grauen
Schnauzbart, nie machten die tranigen Augen die Lden auf -- und immer
in Sprit! Ein doller Don Quichotte. Und kam sich als der Kriegsgott vor.
Hatte denn auch als wahrhaft solcher seine Geistesgegenwart in allen
Schlachten durch Abwesenheit des Krpers dokumentiert. Nun waren auer
mir noch ein paar schwere Jungen da -- Hatz von der Brah, der bekannte
Rennreiter, der Munterste. Und in einer Nacht heckten wir wieder einmal
was aus. Eine klobige Metallsache -- als Zauber im Morgennebel gedacht,
dem Alten zu Ehren. Alle eisernen fen wurden mobil gemacht, samt allen
Ofenrohren. Kanonen wurden aufgebaut in dem Hof. Unter den Schlafdecken
machten Kameraden die Gule, die wir bestiegen, unsere blechernen
Waschschsseln als Stahlhelme auf den Huptern, die eisernen Ofenhaken
als Schwerter zu Hnden. Die wachthabenden poilus hielten sich den Bauch
ob dem hahnebchenen Ulk, sie gnnten ihrem Leopardenkamel unseren
Streich. Und jetzt, wie wir uns aufgestellt haben, da brllen wir los
Deutschland, Deutschland ber alles! Da oben, der Alte ans Fenster,
visionr klappen die blden Glotzaugen auf -- Entsetzen -- er schreit:
aux armes! aux armes! -- fhrt in die Kleider, verliert das Herz in die
Hosen und die Hosen mit dem Herzen. Erst als seine Soldateska sich
ausgekugelt hat und wir wieder unschdlich gemacht sind, traut er sich
in unser Verlie. Wie es sich gehrt, kommen die beltter ins Prison,
wir Rdelsfhrer in schweres. Und das ist unser Glck -- Hatz und ich
brechen aus. Wie wir uns dann zur Front zurckgefunden haben -- durch
Mittelfrankreich hindurch, das ist ein Kapitel fr sich. Und das
Verdienst von Hatz. So was wie den hat die Welt nicht mehr gesehen. Der
hlichste Kerl, und hatte doch alle Weiber am Bndel. Frhlich wie ein
Buchfink, sittenlos wie ein Sperling -- und ein Sprachgenie. Sobald er
ein Mdel gekt hatte, redete er ihre Mundart. Sein Patois war unser
Schutzengel. Nun, von dem allen erzhle ich ein nchstes Mal.

Es gab noch Dienstliches anzuordnen. Die Siedler verabschiedeten sich
und brachten ihre Maschinengewehre nach Haus. Horst war der Letzte bei
Herrn von Borkhus.

Er hatte das Gefhl, als wollte der Baron ihn noch bei sich behalten und
mit ihm sich aussprechen. Die Hand und auch die Augen lieen ihn nicht
gleich los. In denen war wieder diese stille Gehobenheit, diese geklrte
Ferne. Und dann drngte es in ihnen wie ein Bekennenwollen.

Jetzt aber versank Borkhus ganz in sich hinein und sprach leise zu dem
jungen Freund: Sie sind mde -- es waren harte Tage. Ich bin es auch --
sehr mde. Damit sagten sie sich Lebewohl.

Gleich nach Mitternacht war es, da wurde Gisbert durch einen Schu
geweckt. Im Hause war er gefallen. Trumte etwas nach in seinem Ohr?

Ein stilles Lauschen in allen Rumen -- dann lebt es auf, da und dort --
Tren gehen -- ber die Dielen huscht es -- jetzt ein erstickter
Aufschrei -- aus dem Arbeitszimmer des Herrn --

Gisbert soll noch nicht aufstehen. Aber es duldet ihn nicht auf dem
Lager. Er kleidet sich notdrftig an. Geht auf den Korridor. Da kommt
ihm der Diener entgegen mit irrem Blick -- Herr Baron -- erschossen --
stammelt er -- fassungslos irrt er um sich selbst --

Gisbert geht in das Zimmer. Hier liegt Herr von Borkhus den Kopf auf dem
Schreibtisch. Aus der Schlfe strmt das Blut. Der Krper ist starr und
tot.

Gisbert kann sich kaum auf den Beinen halten. Aber das Geschehene spannt
ihn ein. Er gibt die Anordnungen. Zu Frau von Mnkhov, zu Horst soll
geschickt werden. Auch zum Arzt, obwohl hier nichts mehr zu helfen ist.

Und nun kauert er nieder, er selbst zum Hinsterben schwach, der Kopf
hohl, das Herz tonlos und flackernd. Selbst ohne Besinnung starrt er auf
den Entseelten und hlt, ein Lebloser, die Totenwacht.

So findet ihn Horst. Der nichts eher zu tun hat, als ihn ins Bett zu
schaffen und ins Leben zurckzurufen. Dann, da der Puls wieder Dienst
tut, wenn auch noch unwillig, kehrt Horst in das Totenzimmer zurck.

Das Personal hilft ihm, die Leiche aufs Ruhebett legen. Er drckt die
schweren Lider zu ber die machtvollen Augen, die grauenhaft klagenden
und drohenden Augen. Und hlt stille Andacht.

Dann geht er an den Schreibtisch, den blutberstrmten. Ein Album liegt
da, schwarzgebunden. Auf die Bltter sind Drucksachen geklebt.
Zeitungsausschnitte zumeist. All die Dokumente der Erniedrigung, der
Beschimpfung, der Entehrung, der Plnderung, Verstmmelung und
Folterung, die dem wehrlosen Deutschland angetan -- tagtglich -- von
den trunken zuckenden und gierenden Feindeshnden -- sorgsam gebucht
seit Anbeginn.

Ein Blutbach hat sich ber das weie Papier ergossen, das vom Schwarz
des Einbanddeckels gerahmt ist. Von selbst zog es Horst durch den Sinn:
schwarz-wei-rot -- die schwarz-wei-rote Not! Sie hat Dich zum Sterben
gebracht.

Neben dem Album liegt eine Zeitung. Eine Stelle ist angestrichen,
bestimmt fr die Sammlung, aber nicht mehr hineingelangt. Das letzte --
heut abend hat er es gefunden.

In Boppard a. Rh. wurde eine Schlerin vor den Augen ihrer in Grauen
erstarrten Mutter von einem der schwarzen Franzosen genotzchtigt.

An den Rand hatte in wildem, ehrlichen, gedankenlosem Ungestm seine
Hand die Worte geworfen: Hin nach Boppard! Wie mute es gezuckt haben
in der Hand, in dem Herzen!

Herrgott ja, und wem gehen dabei nicht die Sinne durch. Und nur eines,
eines nur von endlos vielem! Dies war es, was Hartwig von Borkhus
berwltigte, was ihn in Verzweiflung warf und aus dem Leben.

Das Blutbuch -- der Zeuge Deines Unterganges. Um Deutschland bist Du
gestorben -- und auch fr Deutschland! Wir werden Dein gedenken!

Wie einen Frsten haben sie Hartwig von Borkhus beigesetzt. Die ganze
Landschaft hatte zur Trauerfeier sich eingefunden. Pastor Waermann
sprach die Abschiedsworte. So klangen sie aus: Dein Tod ist ein Schrei,
ist ein Ruf, der niemals verhallen wird. Deutsches Ohr wird ihn
weitergeben an deutsche Lippen. In deutschen Herzen werden sich die
Feuer sammeln. Bis der Tag kommt, wo die Flammen zum Himmel auflodern.
Die Geister der Entschlafenen werden mit uns sein! Ihr Heerbann wird uns
voranleuchten! Fr uns aber, die Lebenden, die wir nichts vergessen, die
wir treu bleiben jedem, der unser war, heit die Losung, die harte und
gerade: ber Grber vorwrts!




                               Verstehen!


Gisbert, nach der Todesnacht, war immer noch nicht auer Gefahr. Auf dem
Friedhof, whrend der Grabrede, war es pltzlich wie ein wahnsinniger
Schreck blitzartig durch Frau Tildes verdstertes Gemt gefahren: der
Tote zieht den kranken Hausgenossen nach sich. Und durch all ihre
Trauer, ihren Gram immer wieder dieser zuckende Gedanke. Es lag ihr auf
der Seele, dies Furchtbare: alle sterben sie mir hin! Und es hetzte sie
aus dem Schmerz in die Angst.

Wie sie nach Hause kommt, geht sie gleich zu ihm hinauf. Sie findet
ihren Kranken in tiefstem Schlaf. Der Arzt, der im Trauergefolge ist,
und noch einmal vorspricht, erklrt ihr, wenn etwas, gbe dies die
Aussicht auf Wiederherstellung. Jetzt kann sie gleichsam wieder ausruhen
in ihrem Schmerz um den Vater.

Sie blieb in Moorhof. Achim fuhr noch am selben Abend nach Mnkhov
zurck. Nun sa sie am Arbeitstisch des Vaters, an dem Platz, wo er
lieber seine Form zerbrochen hatte. Sie fing an, gedankenlos, mit
leeren Augen und mden Hnden die Schriftstcke zu ordnen. Da lie Horst
sich melden. Er bat um die Erlaubnis, sich noch einmal nach Gisbert
umsehen zu drfen, kam zurck mit dem Bescheid, da der immer noch fest
schlafe, und sa nun auf Frau Tildes Gehei bei ihr nieder.

Immer wieder sprachen sie von dem Toten. Von seinem groen
sozialpolitischen Gedanken: der Ernhrung des deutschen Volkes aus
deutscher Scholle. Ein Zweig dieses Baumes war seine Zrtlichkeit fr
den Siedlungsgedanken gewesen.

Horst war schwer betubt. Ihm fehlte der Freund, seinem Werk der Vater
und Berater. Wieder fiel die Schwermut ihn an. Und die alten inneren
Zerwrfnisse kamen. Erst kmpfend erhob er sich zu der Kraft: nun gerade
aushalten! Jetzt doppelten Einsatz des Wollens und Schaffens! Gilt es
nicht auch, ein Vermchtnis hier zu erfllen?

Und von einem Vermchtnis sprach auch Frau Tilde. Wenn etwas, sei von
der Hinterlassenschaft des Vaters das Siedlungswerk ihr ans Herz
gewachsen. Und so viel an ihr liege, wolle sie an ihm mitarbeiten, nach
ihrem schwachen Vermgen. Dankbar kte ihr Horst die Hnde. --

Er hatte heute noch einen Krankenbesuch zu machen, der alte Torfmeister
hatte sich gelegt.

Ein Grab hatte er diesmal nicht zu schaufeln gehabt, die Borkhus besaen
ihr gemauertes Erbbegrbnis. Aber gewi htte er bei der Bestattung
seines Lehnsherrn nicht gefehlt, wre ihm nicht das mrderischste
Frhjahrsrheuma in die alten Gelenke gefahren.

Horst fand ihn hilflos hingestreckt. Das kommt, weil meine Wieselchen,
meine Hermnnchen, mir aus den Stiefeln gewutscht sind -- hinaus in den
weiten Frhling. Nun ist der Giftwurm bis in die Scharniere gekrochen. O
Du Grundgtiger -- es ist zum Posaunenblasen schn!

Der Alte durfte nicht so allein bleiben. Vielleicht, da Lona der Pflege
sich annehmen konnte. Horst, den geschftliche Besprechungen in die
Stadt riefen, bernahm es, sie zu benachrichtigen.

Durch den strahlenden Frhlingsnachmittag schreitet er. Wie leuchtet der
Himmel, wie segnet er die Fluren! Wie schn ist das deutsche Land!
Sollen Sklaven es bewohnen?

Immer das eine! Und immer daran denken! Und immer, immer davon reden!
Eine Nation, die es nicht wagt, khn zu sprechen, wird es noch viel
weniger wagen, khn zu handeln.

Wir haben die Worte, unsere Groen haben sie uns vorgedacht, uns
vorgesprochen -- wir haben die Taten, unsere Helden haben sie uns
vorgelebt. Wir brauchen ihnen nur zu folgen, sie nehmen uns ja an die
Hand.

Welches Volk hat eine Sprache, die so viel sagen kann, so viel singen
wie unsere. Und seine Geschichte -- ist sie nicht seiner Sprache wert!
Wie seine Denker und Snger sind seine Helden!

Was sind wir reich! Wir brauchen nur die Hnde aufzumachen, und sie
quellen ber von Schtzen! An die uns die Ruber nicht rhren knnen!
Was sind wir stark! Unsere Lungen atmen die Kraft unserer Geschichte --
in unserem Blut brausen die Flammen, die in den Augen unserer Helden
brannten!

Dasselbe Feuer, dieselbe Tat! Wie knnen wir -- wir in der Knechtschaft
bleiben. Eure Ketten zerbrechen wie Glas!

An den Goldbergen kommt Horst vorbei. Um den hchsten Gipfel fliegen die
Raubmven. Noch fliegen sie. Aber die Stunde der Auferstehung naht. Das
deutsche Meer wird wieder deutsch sein. In deutscher Flut werden die
weien Fittiche sich spiegeln. Deutsch das Meer und deutsch das Land --
Deutschland, mein Deutschland!

In der Stadt traf Horst viele von seinen jungen Freunden. Leuchtende
Augen grten sich. Die Siedlungsgeschfte, die er zu besorgen hatte,
zeigten heute ein weniger unfreundliches Gesicht. Er trat guten Muts,
unbefangen, ohne zu grbeln und zu whlen den Weg zu Lonas Wohnung an.

Sie hatte zwei Zimmer in einem der alten malerischen Huser, die von
Kletterrosen besponnen an das alte Tor sich lehnen und mit trumenden
Augen ber die verfallene Stadtmauer lugen.

Ihre Wirtin, eine flsternd beredte Ksterwitwe mit blendend weiem
Scheitel, hatte ungefragt nur Lobsprche fr Lona, obschon deren
politisches Treiben sie mit unsglichem Entsetzen erfllte. Da ihr
ganzes Herz den Armen gehre. Ohne Entgelt gebe sie begabten
Volksschlern Klavierunterricht. Jetzt sei sie Tag und Nacht als
Pflegerin ttig, da in der Stadt eine Kinderkrankheit herrsche. Sie habe
eben Bescheid geschickt, da sie auf ein paar Stunden nach Hause kommen
werde.

Als Horst an die Wirtin die Bitte des Alten ausgerichtet hatte und sich
verabschieden wollte, trat Lona auf den Flur. Sie fhrte den Besuch zu
sich hinein, whrend die Hausfrau in die Kche ging, das Essen zu
bereiten.

Mde vom Nachtwachen lagen ihre Augen. Wie geht es Ihren Kranken?
fragte Horst.

Zwei Kinder sind mir gestorben. Dann blickte sie fest gradaus und sie
sagte hart, bewut, wie gerstet: Und auch Sie haben einen Todesfall.
Sie hielt nun einmal nicht hinter dem Berge.

Nie hat Horst so wechselnde Empfindungen in eines Menschen Antlitz
gesehen. Hier war der blutige Rausch einer Genugtuung -- ein wildes
Hochgefhl, darob, da die Inbrunst eigenen Wnschens, eigener
Verwnschung das Schicksal gelenkt hatte -- und wieder eine Angst ob
dieser dunklen Macht -- die Mdigkeit einer Sttigung -- ein Zug scheuer
sich versenkender Reue -- und ber allem blieb etwas von der Charitas,
ein Priesterliches, das der Umgang mit dem Tode verleiht.

Horst war auf den ersten Blick zurckgefahren und hatte sich verschanzt
in sich selbst. Tot der Freund -- und hier dessen Todfeind, ber den Tod
hinaus. Was kann es fr ihn geben als zornige Abkehr und ein Schweigen
in Ha!

Aber das, was in ihren Zgen, in ihrem Wesen selbst die Erlsung suchte
aus einer Qual, das blieb nun doch das Mchtige ber ihn.

Ha -- Ha gegen Dich -- Du bist eine Deutsche! Ich habe keinen Ha fr
Volksgenossen. Ich will sie verstehen, nicht sie verfolgen. Mitleid kann
ich mit ihnen haben, ja ich kann mich ihrer schmen und darum gegen sie
mich auflehnen. Aber hassen -- unsern Ha halten wir fein suberlich zu
Rate, er gehrt den andern!

Und ihr gemeinsamer Freund Lud Uhlenbrook fhrte sie beide nun gar auf
denselben Weg.

Diese Nacht, so beantwortete sie die Bestellung, msse sie noch
hierbleiben. Bei einem Kinde, einem Zgling von ihr, gehe es auf Leben
und Tod. Morgen komme sie dann zu dem Alten. Und sie wolle sich so
einrichten, da sie mehrere Tage bei ihm hausen und ihn gesund pflegen
knne.

Sie sprachen beide zrtlich ber den alten Lud. Ihre Gemeinschaft gab
Horst ein Recht, sich in dem Zimmer umzusehen.

Die Wnde waren mit Bildern bedeckt -- vom jngsten Geiste waren sie --
er wute, von wem sie stammten. Von ihrem Freunde, dem hier getteten,
dem hier begrabenen.

Sie fing die Blicke des Beschauers auf, sie fand in ihnen das
Befremdete, das unsichere Flackern, das Ratlose -- das Verstndnislose,
wie sie es sich nannte. Erst wollte sie mitleidig schweigen. Aber Horst
war ihr nun einmal immer nher gekommen -- galt er ihr nicht eines
Bekehrungsversuches wert? War hier nicht vielleicht das Tor, das am
ehesten sich auftun lie, ihn hineinzuziehen in ihre Welt? Die
Proselytenmacherin regte sich nun doch.

Sie wissen mit dieser Kunst nichts anzufangen? fragte sie, eine
gewisse Hilfsbereitschaft im Ton.

Da ich meinerseits hier durchaus in den Anfngen bin, mu ich schon um
Nachsicht bitten. Zunchst dringt es wie ein Geschrei von Farben auf
mich ein. Von Farben, die die Form verschlingen. Und -- sie wieder von
sich speien. Er nahm ganz und gar kein Blatt vor den Mund. Sie aber
konnte das gut vertragen.

Fr den Anfang ist das gar nicht so schlecht, sagte sie. Wenn Sie
nher hinsehen, werden Sie erkennen, wie die Farben es sind, die die
Form sich schaffen -- Sie werden die Visionen, die Gesichte der Farben
erleben, und dann fassen Sie den richtigen Grund.

Horst vertiefte sich mit bereitwilliger Unbefangenheit. Ich gebe zu,
ich sehe hier eine Energie, die ber den Raum hinauswill --

Das ist es, sagte sie lebhaft, beinahe freudig. Und werbend fgte sie
hinzu: Darauf kommt es ja an, auf die berwindung der Krperlichkeit,
des empirischen Daseins. Mit Naturerlebnissen, mit Sinnenerlebnissen hat
die wahre, die geistige Kunst nichts zu schaffen. Fr sie gilt nur der
Genius innerer Gesichte. Sie hat mehr als das Schne, Glatte, Abgeklrte
der Natur, als die artikulierten Laute der Sinnenwelt. Sie lebt in der
gewaltigen, noch unentwirrten, rtselvollen, gespensterhaften
Unwirklichkeit. Chaotik ist ihr Wesen. Nur in dieser kosmischen
Vitalitt kann spirituelle Kunst atmen!

Sie war ganz hingenommen von ihrer Lehre und deren beredtem Rstzeug,
sie stand in der Glut ihrer Worte, der Glut und dem Rauch, halb
Priesterin, halb Dozentin. Und ein Junges, Mdchenhaftes war dabei --
freudig nahm Horst es hin -- etwas vom Fanatismus der hheren
Tchterschule.

Er verga erst die groen Worte ob diesem Reiz fast verschmter
Glaubensleidenschaft. Dann aber stiegen ihre Worte wieder empor, in der
unerbittlichen Groartigkeit.

Chaotik -- klang es ihm im Ohr. Chaotik -- reimt sich auf Gotik -- und
ist als Schlagwort gewollt und gemnzt. O was fr gewaltige Blcke
werden hier gewlzt, titanenhaft. Nur mssen sie als Trmmer liegen
bleiben -- es wird nicht gebaut. Bauen ist rumlich, ist Form. Die reine
Kunst aber und was mit ihr zusammenhngt, mu formlos sein oder sie ist
nicht!

Schwer schttelt Horst den Kopf -- auf den er sich stellen mte, um
hier mitgehen zu knnen. Formung, Bindung, das ist und bleibt ihm aller
Kunst Wesenheit. Das Stammeln von Urlauten ist ihm keine Sprache.

Aber, da er sich aufs neue in die Bilder versenkt, rumte er ein,
gutwillig und gerecht: Ganz gewi spre ich hier eine machtvolle
Sehnsucht -- einen, sagen wir, strmenden berschwang des Fhlens --

Nun also!

Aber es ist nun mal -- wie sag ich -- die Verzckung einer Qual -- eine
krampfartige, fallschtige Verzckung -- wie ein Sichselbstzerreien und
wie ein Tauchen der Hnde ins eigene Blut!

Recht so! Nur so, nur so kann man schaffen!

Etwas, was uns jagt und verfolgt! Wovor man sich schtzt! Was tue ich
mit einer Kunst, wenn ich mich von ihr mit Hnden und Fen befreien
mu! Die Kunst soll mich befreien!

Sie hob abwehrend die Hand. Wie alt ist das! Ein Golgatha ist die Kunst
und soll auch unser Golgatha sein. Nur kein irdisches, ein kosmisches
Golgatha. Aber ich geb Sie lngst nicht verloren. Hier ist nun der
Scheideweg fr alle denkenden Wesen. Nicht blo in der Kunst, auch im
Leben. Und mit einem Schlagwort mute sie schlieen. Jeder hat sich zu
entscheiden, ob er die Kosmik will oder die Kosmetik. Ob das
Nivellieren, das Glatt- und Schnmachen in den hbschen Kompromissen von
Gesellschaft, Staat und Kirche -- ob das Ausschwingen des Geistes in
Weltenweite!

Kosmik -- Kosmetik -- das nenne ich einen Abgang, dachte Horst. Sie
verlieen das Gesprch, da die Wirtin kam.

Es sollte nicht das letzte Wort gesagt sein. Beim Torfmeister wollten
sie sich weiter aussprechen. Mit einem Auf Wiedersehen schieden sie.

Horst wanderte heimwrts. Das Gesprch mit dieser Frau, der ber alle
Feindschaft hinweg er die Hand gereicht hatte, begleitete ihn. Er fing
an, immer mehr von ihr zu begreifen. Ihr geistiges Gesicht gewann fr
ihn Leben. Ihre Gefhls- und Anschauungswelt tat ihm Fernblicke auf, vor
denen er nicht mehr unmutig und zornvoll die Augen schlo.

War es nur, weil sie, eine Frau, die als Weib auf ihn wirkte, das neue
Land ihm zeigte?

Und wie ein Messerschnitt durchzuckte es ihn wieder: heute morgen hab
ich den Freund begraben. Am Nachmittag sitz ich bei ihr, die seinem
Dasein geflucht, deren Rache wie ein Vampir an seinem Mark gezehrt hat.
Ist dies nun ein Verrat? Ist es einer, so wei ich doch nichts von ihm.
Oder will ich nur nichts von ihm wissen?

Gerecht sein! Um das er von je gerungen hat! Gerechtigkeit!

Da die Blutrache unter Deutschen umgeht -- Ihr seid es schuld, die Ihr
Deutschland in die sinnlose, selbstmrderische Verzweiflung gestrzt
habt! Aus hysterischer Lustgier, wie aus unsglicher hosenschlotternder
Angst. Und diese Angst tuscht Euch nicht -- die Abrechnung kommt,
darauf drft Ihr Euch verlassen!

Was Ihr aber in Deutschland gegeneinander gehetzt habt in dem
wahnsinnigsten aller Bruderkmpfe, es wird sich wieder vershnen. Wird
sich vereinen und verschmelzen in dem einen groen, dem einzig
lebendigen Gedanken: ein freies Volk auf freiem Grunde!

Nur, da jeder helfe an dem Sichverstehen! Dies ist das Erste! Verstehen
mssen wir uns -- einander durchdringen! Immer und immer will ich daran
denken, immer und immer daran schaffen! An der deutschen Brderlichkeit!

Du, Lona, hast mir heute etwas offenbart, was auf den ersten Blick mich
zurckstie. Aber jetzt frag ich mich, ist nicht auch all dies Neue so
deutsch, so ganz und ursprnglich deutsch? Dieser unaufhaltsame,
machtvolle, aus dem Innersten hervorbrechende Selbstbekenntnistrieb --
die Schpferkraft unserer jngsten Kunst, ist sie nicht schlechthin
germanisch? Nur deutschem Geist, nur deutschem Fhlen springen diese
Quellen. Deutsch -- deutsch auch dies -- und auch dies zum Liebhaben!
Und -- was hier auch krank sein mag, in der kranken Zeit, dies Wirre und
Aufgepeitschte, das wild Zusammengeballte, dies berhitzte und Fiebernde
-- sollte man nicht um so eher eine sachte und sorgende Hand daran legen
und zrtlich hegende Gedanken?

Da Du, Lona, mir der Dolmetsch warst fr diese Sprache, die bisher
nicht an mein Ohr geklungen ist, hab ich es Dir nicht zu danken? Und ist
in dem Dank nicht ein Band, das uns, so lose es sein mag, miteinander
verknpft?

Nun will ich Dich spielen hren! Nun sollst Du auf der Orgel zu mir
sprechen! Von Deines Wesens Tiefe, seinen Nten, seinen Lichtern! Ich
werde mehr von Dir lernen, mehr von Dir erfassen, mehr von Dir wissen,
von Dir und den Deinen. Und immer mehr von der Feindschaft wird
abfallen. Deutsch und deutsch soll sich gesellen und einig sein!

Nichts will ich beschnigen. Du hast es mir leicht gemacht, dadurch, da
Du ein reizvolles junges Weib bist. Gewi htte ich zu einem anderen
Lehrer und Erklrer nicht den Weg gefunden -- oder mich ihm gar aus
Leibeskrften widersetzt.

Die Sinne -- nun ja -- warum sie als Helfer verschmhen. Sie sind da,
und so sollen, so mssen sie getrost teilhaben an unserm Werk! So wahr
sie ein Teil von uns selber sind! Sinnlos, sie zu bekmpfen! Wird nicht
von ihnen beflgelt, was wir wollen?

Ihr seid ein Teil der Kraft, darum seid gelobt! Wrt Ihr mir lhmend
ber den Kopf gewachsen, httet Ihr mich verstrt und gestrt und
verstrickt -- unter die Fe htte ich Euch genommen. Jetzt aber, als
meine Freunde -- als meine Freunde seid gelobt!

Morgen gehe ich zu Pastor Waermann. Er soll Dir erlauben, da Du die
Moordorfer Orgel spielst. Der Pastor ist heftig und streng, vielleicht
auch eng. Aber mein Mittleramt, das ins Grere greift, wird er gelten
lassen.




                                 Krisen


Getragen schritt Horst durch den Frhlingsabend. Es war so viel
Hoffnung, so viel Glubiges in der Natur. Im Westen der letzte
Feuerstrich, eine freudige Verkndigung neuer Sonnentage. Darber der
breite, topasfarbige Streif, irisierend, wie zitternd von dem Zauber der
Frhlingsnchte, der auf die Erde tropfen will. Und wann wlbt der
Himmel, der sich bestirnende, so wie jetzt in diesen Tagen des jungen
Lichtes sich auf zu der Hhe trostreicher Unendlichkeit?

Mit reiner Freude gedachte Horst seiner Arbeit und der Kameraden. Neue
organisatorische Gedanken gingen ihm auf. Neue geschftliche Plne.
Schichten eines erlesenen Tpfertones waren in dem Ziegeleigelnde
gefunden. Unter den Kameraden war ein gelernter Scheibentpfer, ein
geschickter und geschmackvoller Keramiker. Kacheln und Geschirr wollten
sie herstellen. Eine aussichtsreiche Industrie, die ihre Finanzen, die
immer bedrftigen, strken wrde.

Vor ihm liegt die Baracke, die gelobte, die geschmhte, im Dunkel. Nur
sprlicher Lichtschein aus einzelnen Fenstern.

Da -- wie ein Schatten schleicht eine Gestalt den Weg entlang. In Mantel
und stdtischem Hut, einen Reisekoffer in der Hand. Scheu wie ein
Flchtling --

Es fhrt Horst durch den Kopf: ist das nicht Radatz, der unsichere?
Natrlich ist er's! Und heimlich reit er jetzt aus -- da der Fhrer
nicht im Bau ist. Soll er laufen, so weit die Beine ihn tragen! Mit
solchen Brdern hab ich nichts zu schaffen! Schade um jedes Wort, das
man an euch verliert!

Aber, da meine Mannschaft sich nun so zersetzt! Und verstecke ich mich
nicht selbst, wenn ich den Mann so an mir vorberschleichen lasse? Keine
vornehme Bequemlichkeit! Ihn stellen! Bin ich der Fhrer oder nicht? Er
soll wenigstens Hals geben! Ich verkriech mich nicht mit ihm zusammen in
Heimlichtuerei!

Radatz, sind Sie das?

Jawohl, Herr Hauptmann. Die Stimme knickte ein.

Wollen Sie verreisen?

Ja.

Haben Sie Urlaub?

Ich -- ich habe eine traurige Nachricht von zu Hause. Mein Onkel ist
gestorben -- Der Mann log.

Beruhigen Sie sich. Er ist nur scheintot, sagte Horst mit
berwltigender Khle.

Der Ausreier stand, eingekeilt zwischen Beschmung und Unmut. Horst
lie ihn stehen. Eine kurze Wendung. Reisen Sie glcklich! Er hatte
ihm den Rcken gedreht.

Gleich berief Horst eine Versammlung der Siedlerschaft.

Kameraden. Der frhere Siedler Radatz hat sich heimlich entfernt. Da
er sich entfernt hat, ist seine Sache. Da er es heimlich tat, seine und
unsere. Nichts schlgt so wie dies dem Geiste unserer Gemeinschaft ins
Gesicht. In der vollen Freiheit, vollen Ehrlichkeit ist sie aufgebaut.
Und so frei und ehrlich soll sie bleiben. Wir glauben an unser Werk. Zum
Glauben gehren Opfer -- wir bringen sie freudig. Dies unsere Gesinnung
-- oder ist sie es nicht mehr? Leicht ist unsere Arbeit, unser Leben
nicht. Lockende Rufe von drauen kommen zu manchem von uns. Und nun will
ich Euch fragen, ist noch einer oder der andere hier, der nicht mit
ganzem Herzen weiterschafft an unserer Arbeit -- offen soll er es sagen.
Wir wollen ihn gewi nicht hindern, da er geht -- frdern wollen wir
ihn auf seinem neuen Weg. Aber Offenheit wollen wir! Lassen wir den
Betrug sich bei uns einnisten, dann strzt unser Bau zusammen!

Die Worte wirkten, der Ton zwang. Alle gelobten sich aufs neue dem
Siedlungswerke zu.

Wir sind seit langem wieder einmal in grerem Kreise beisammen. Hat
einer sonst noch was auf dem Herzen?

Maurer Mulitz meldete sich. Ich kann mir nicht helfen -- da wir damals
nach Mehrheitsbeschlu allesamt gegen den Streik uns einsetzen muten --
das halte ich nicht fr richtig.

Gegenrufe: Wieso? -- Allesamt! Bei uns gibt es nur ein Allesamt! --
Kameraden sind wir!

Ich hab da etwas gegen mein Gewissen tun mssen -- als Streikbrecher
bin ich mir vorgekommen --

Lcherlich! -- Was war das fr ein Streik! -- Ein wilder
allerhchstens. -- Mit Brandstiftung! -- Mit berfall aus dem
Hinterhalt.

Mulitz lie sich nicht beirren. Ich bin der Meinung, da wir andere
Aufgaben haben. Auch zum Polizeidienst sind wir nicht da. Sollte sich so
etwas wiederholen, mu ich mir ausbitten, da ich hier in der Siedlung
bei meiner Arbeit bleiben darf.

Kunz wurde erregt. Lieber Mulitz, wir haben uns stets als geschlossenen
Verband betrachtet! Einer fr alle, alle fr einen! Wollen wir den
Mordbrennern zuliebe uns in unsere Bestandteile auflsen? Und einpacken
mit unserem gemeinsamen Siedlungswerk? Und was haben Sie, gerade Sie
gegen Mehrheitsbeschlsse? Damit mte sich doch Ihr gewerkschaftliches
Gewissen am ersten beruhigen.

Wir sind hier keine Gewerkschaft. Eine Arbeitsgemeinschaft sind wir, in
der jeder persnlichen berzeugung Freistatt gewhrt ist.

Die sich aber doch jederzeit einheitlich zur Nothilfe organisieren
kann.

Um Nothilfe ging es hier doch gar nicht. Handelte es sich hier
vielleicht um lebenswichtige Betriebe --?

Wenn wir schon den neuen Staatskatechismus gelten lassen -- erst recht
handelt es sich hier darum! Was ist jetzt lebenswichtiger, als da die
deutsche Erde bestellt wird? Und dann die Brandstiftung -- ist das nicht
unmittelbare Lebensbedrohung!

Es gab parlamentarische Erregung. Die meisten waren fr Kunz, wenige fr
Mulitz. Immerhin bildeten sich Parteien. Die Augen hingen an Horst. Er
nahm das Wort.

Ich kann den Standpunkt vom Kameraden Mulitz nicht ablehnen. Kunz hebt
die Schultern, das Lid von Dankwardt zuckt. Gewissensnte mssen wir
unter allen Umstnden ehren. Natrlich liegt mir an nichts so viel, wie
an unserer Einheit. Und tatschlich -- wie es auch diesmal geschehen ist
-- wird ein groer Zug die Bedenken der einzelnen mit sich reien. Auch
die Kameradschaftlichkeit von Mulitz hat sich noch immer bewhrt. Aber
wir mssen grundstzlich anerkennen, da in solchen und hnlichen Fllen
jemand seiner berzeugung treubleiben darf, ohne sich damit auer dem
Rahmen unseres Verbandes zu bewegen. ber die sogenannten inneren Feinde
sind verschiedene Auffassungen mglich. Nur ber den ueren nicht!

Kleister! schalt Kunz in seinem Gemt. Er war bse auf Horst. Aber seine
Disziplin hie ihn hier schweigen. Unter vier Augen wrde das Weitere
sich finden.

Noch eins darf ich zur Sprache bringen, bemerkte Mulitz, der jetzt
Oberwasser hatte. Es scheint sich hier so etwas wie Schnffelei
ausbilden zu wollen. Man hat mir meinen Verkehr aufgemuzt -- da ich
manchmal in der Stadt mit einem alten Freund zusammenkomme. Der ist
allerdings eingefleischter Kommunist. Aber wenn man darin nicht mehr
freie Hand haben soll --!

Natrlich hat man die, erklrte Horst. Wir sind hier doch nicht in
einer Kleinkinderbewahranstalt. Und dann fgte er mit Bedacht hinzu,
und es grub sich die gerade Falte zwischen seinen Brauen: brigens bin
ich in hnlicher Lage wie Sie. Auch ich -- suche sogar den
Gedankenaustausch mit kommunistischen Kreisen. Ich meine, wir sollen und
mssen ergrnden, was in deutschen Geistern vorgeht. Nur so knnen wir
deutsche Arbeit leisten. --

Die drei Offiziere saen in Dankwarts Zimmer. Kunz wrgte an seiner
Erregung. Nun sind wir so weit. Der Zersetzungsproze beginnt! Wenn
erst dieses Phrasengespenst, die Gewissensfreiheit bei uns herumspukt!
Mit dem jeder seinen Privatunfug treibt! Dienstpflicht, verdammte, haben
wir und Kameradschaft. Und Kameradschaft und Dienstpflicht. Vorbildlich!
Und weiter nichts auf der Welt -- es ist wahrlich genug. Und vor allem
keine Gespenster!

Du gehst durch die Wand, Kunz!

Dann ist die Wand danach! Ich bleib dabei, so lange wir immer und immer
wieder den sozialen Knppel unserer vaterlndischen Empfindung zwischen
die Beine werfen lassen, so lange, kann ich nur sagen, verdienen wir
wahrlich den Knppel!

Dankwart nickte mit der starren Asketenmiene. Alles in allem -- da es
nun mal ohne Politik nicht geht -- knnen sich eben nur Glaubensgenossen
in einer Gemeinschaft wie unserer zusammenfinden. Die meisten stehen ja
glcklicherweise auf unserem Boden. Die paar andern -- hinaus! Und
geeigneten Ersatz! Es gibt brave Kerle genug ohne Dach -- die gerne
kommen!

Horst warf heftig den Kopf. Nein -- nein. Das ist ja das
Allerverkehrteste! Damit werden wir ja blo ein Klngel mehr! Ein
Hufchen Partei und weiter nichts! Wir haben doch wahrlich was Greres
im Sinn gehabt! Alles, was deutsch ist im Denken und Wollen -- ist nicht
Gust Elbenfried mit seinem kommunistischen Christentum, mit diesem
rhrend innerlichen Kommunismus der Herzen, einfach eine Notwendigkeit
in unserm Kreis? Etwas wie ein klein Deutschland wollen wir sein! Und
nun verschont mich geflligst mit Ketzergerichten!

Kunz lachte hhnend. Ein Deutschland -- ohne Ketzergerichte? Wie
unvollstndig bleibt Dein Abbild!

Dankwart aber, und die Bronze seines Gesichtes dunkelt unmutig: Du
wirst immer mehr zum Schwrmer, Horst. Und das macht mir Sorge. Mir und
uns.

So sgt mich ab.

Dankwart weiter -- und das schwere Lid hob sich auf zu besonderem
Vorsto. Du hast selbst davon gesprochen, von Deinem Verkehr mit der
Kommunistendame. Darf ich Dir meine Ansicht sagen?

Bitte.

Als Fhrer ttest Du besser, diesen Verkehr einzustellen.

Lieber Dankwart --

Man wird Dich nicht verstehen. Und ein Fhrer -- soll verstndlich
sein.

Wohl. Aber vor allem soll er doch selbst verstehen, mein ich. Und
mglichst viel. Meine Methoden mt Ihr mir schon lassen. Er hielt die
Ruhe, aber ein wehrhafter Ton meldete sich.

Dankwart, den bitteren Mund verzogen, mit seinem gelinden Zynismus:
Lieber Horst -- httest Du gesagt: meine weibliche Privatsache, Hnde
davon -- gut! Oder: wenn ich einen Gegner so oder so unschdlich mache,
seid mir doch dankbar -- besser! Aber ein >geistiger Austausch< -- geht
dabei etwas verloren, trifft das auch uns. Und darum --

Horst wurde es der Errterung zuviel. Sprdigkeit, Stolz, ritterlicher
Sinn wehrten sich gegen die ganze Art dieser Betrachtung. Wir geraten
da nach meinem Geschmack zu sehr ins Persnliche. Meinen Standpunkt in
der Sache hab ich Euch bezeichnet.

In den festen Worten war ein metallenes Klingen. Das bedeutete Schlu
der Vorstellung, die Freunde wuten es.

Kunz, der am ersten sich umstimmte, suchte erfreuliche Mitteilungen in
das Schweigen zu bringen.

Ein Paar Pferde habe ich gestohlen.

Was? Gestohlen -- wo?

Dem Roggendorfer habe ich sie abgeknpft. Zwei zhe ostpreuische
Schecken. Kosten so gut wie nichts.

Kunz --

Horst -- sei Du der Organisator des Sieges. Ich sei der Organisator des
Geschfts. Zwei Schlpflge hab ich uns auch gelangt. In Sldemitz. Auf
Abzahlung. Ohne Termin. Na -- und da wir keine hastigen Orientalen sind
--

Natrlich drfen wir nicht --

In allem Ernst, Horst -- die lieben Leute haben von uns so unendlichen
Nutzen gehabt -- da erlauben wir ihnen eben gtigst, sich ein klein
bichen erkenntlich zu zeigen. Manus manum. Und weil ich auf diese
Manikr mich verstehe --

Was uns aber nicht an ordnungsmiger Abrechnung hindern wird. Horst
erhob sich. Und morgen also zuerst ins dland. Gut Nacht! Er reichte
den Freunden die Hand und ging.

Die beiden blieben noch eine Weile zusammen.

Die Hhe hat er, sagte Kunz, und was ihn ihm zrnte, wurde von der
Anerkennung verschlungen. Weshalb wir jetzt auch gegen ihn Stimmung
machen. Und an ihm strzen werden.

Das tut er ja leider allein. Dankwarts Auge war wie Nacht.
Knochenerweichung geht weiter.

Kunz schrak auf. Und was soll werden? Wer soll uns fhren? Kannst Du
es?

Nein.

Kann ich es? Strammheit allein -- lcherlich. Dazu gehrt dies gewisse
Etwas. Was er hat -- und keiner von uns.

Dann rckte er sich krftig zurecht. Unsinn! Wir bertreiben. Und
machen Verschwrung. Verschwrer bertreiben immer. Es renkt sich alles
wieder bei ihm ein. Gesunder Kern -- also!

Wenn nicht ein Weib dahinter steckte. Heiser die Worte, vor
Bitterkeit, hchstem Mitrauen und tiefster Verachtung.

Das bichen Weib. Kunz lchelte, er war noch leidlich unbeschwert.
Dann schlug er lebhaft mit den Flgeln. Wenn man ihm das Weib auf
irgendeine Art vom Halse schaffte!

Sehr abenteuerliche Gedanken brausten ihm durchs Hirn.




                      Die Schlacht an der Katzbach


Die Siedler arbeiteten im Felde. ber ihnen die klingende
Frhlingsweite. Kunz pflgte mit seinen Schecken. Er war zufrieden und
sang. Die Morgenluft hatte alles aus seinem Schdel geweht, was da noch
dumpf von Krisenstimmung und Palastrevolution herumrumorte.

Und Horst war von der Verantwortung getragen. Jetzt, wo alle Betriebe
lebten, die Landarbeit, die Ziegelei, der Torfstich, wo alle Fden in
seiner Hand zusammenliefen, war er mehr als je der Fhrer. Er selbst
betonte sich die Fhrerschaft, geflissentlich und hart.

Es war da etwas gegen ihn aufgestanden -- in sein Empfindungsleben
hatten sie greifen wollen -- was im Grunde um so plumper ist, je
rcksichtsvoller es sich gebrdet! Und wenn nun gar die Freundschaft ihr
Lied hineinsingt --! Solches lehne ich ab! Ich bin, wer ich bin! Wollt
Ihr mich nicht so -- ich will mich so! Und es gilt den Kampf.

Er fhlte sich allein. So ist die Hhe. Und stark ist die Einsamkeit.

Nach dem Torfstich wandte er sich, zum Moor. Er wrde Lona sehen. Durfte
er? Mute er dafr nicht einen Genossenschaftsbeschlu in der Tasche
haben? Ein Lcheln. Und er dachte an sie mit einer Art trotziger
Innerlichkeit.

Beim kranken Torfmeister fand er sie. Ihre Pflege hatte Wunder getan,
der Alte war fast ohne Schmerzen. Die zwei saen nebeneinander beim
Fenster. Sie schauten und horchten aufs Moor. Er hatte seine Pranke auf
ihren Unterarm gelegt, der eine Schnheit war. So zogen seine alten
Glieder sich die Heilkraft aus ihrem jungen Leib.

Mein Ltt ist mein Segen, sagte er. Und wenn sie sich nun noch aufs
Moor verstnde -- und das Moor sich auf sie --! -- Dies war sein
Kummer. Denken Sie, sagte er zu Horst, sie kann hier nicht schlafen.
Wie kann man hier nicht schlafen, wenn das Moor neben einem atmet.

Aber es sthnt im Schlaf, rief sie. Wie ein Riese, der sich den Magen
verdorben hat.

Der alte Lud schttelte den vermoosten Schdel. So kommt Ihr Euch nicht
bei.

Lona trotz ihrer Schlaflosigkeit blickte aus klareren Augen in die Welt.
Von der Gte der Pflegschaft lag es weich um ihren herben Mund. Etwas
wie friedliche Versonnenheit war ber sie gebreitet.

In Horst ging es auf: ist sie nicht wie befreit, von einer inneren Not,
einem Druck, einem Zwang? Da die furchtbare Pflicht von ihr genommen ist
-- die Pflicht ihrer Rache!

Er mute an sich halten. Grber wlzten sich gegen ihn, deutsche Grber.
Aber das Goethewort hallte in ihm nach: ber Grber vorwrts!

Pastor Waermann hatte es gesprochen. Und hier war eine -- auch ein
darbendes Kind der deutschen Erde -- die auch vorwrts schritt, auch
hinaus strebte aus dem Fluch, aus den Fesseln des Vergangenen und enger
Gelbnisse. Der sie jetzt die Orgel nicht gnnen wollten, die ihre
Erhebung war, die auf den Weg zum Ewigen ihr leuchtete.

Morgen am Sonntag rede ich darber mit Pastor Waermann.

Und er sagte es ihr. Sie hatte dafr einen dankbaren Blick. Ob ich aber
gerade bei Pastor Waermann Gegenliebe finde?

Bei ihm am ersten.

_Pax vobiscum_ beten die Christen -- _bellum aeternum_ den Pazifisten!

Darin ist er nun wie ich: um --isten und sowas kmmert er sich nicht,
auf Endungen gibt er nicht viel. Und der Kern der Sache --

Ist, da Ltt Orgel spielt! rollte Lud Uhlenbrook dazwischen.
Bedanken sollen sie sich, der Pastor und der Herrgott und die Kirche
und jedeiner, der mit seinen langen Ohren einen Ton davon aufzuschnappen
kriegt!

Lud, was weit Du von meinem Spiel! Ganz mdchenhaft war ihre Abwehr.

Ich hab Deinen Vater spielen hren. Und in meiner besten Stube -- er
schlug sich an die Brust -- ist seit der Zeit Festesfreude. Wenn sie
Dich nicht spielen lassen -- wir strmen die Kirche -- was, Herr
Oldefeld?

Seine Pranke hob sich zu mchtigem Schlag und ruhte dann wieder aus auf
der kstlichen Armrundung seines Lieblings.

Dann lud er Horst ein, morgen den Sonntagnachmittag bei ihnen zu
verbringen. Freudig sagte der zu, ganz glckhaft vergessen. Pltzlich
fiel es ihm ein: ich kann ja nicht. Und er lie sie es wissen. Seine
Jungen kmen morgen aus der Stadt heraus zu ihm.

Was wollen die? fragte der Alte.

Soldat spielen. Horst hielt nicht hinterm Berge. Er sah, da es um
Lonas Mund zuckte. Jugendverfhrer! mochte das heien. Er konnte es
nicht ndern -- o nein und wollte es auch ganz gewi nicht.

Natrlich, knurrte der Alte in zustimmendem Behagen. Was wollen
Jungen sonst! Wir haben es so gemacht, und solange die Welt steht, wird
sie's so machen. Jungs sind Soldaten und wollen Soldaten sein. Und warum
ist es so? Hier fat er dem groen Weltgeheimnis an den Puls. Weil die
kleinen Mdchen es so wollen!

Lud, das ist nun mig. Lona lehnte sich auf, aber sie lie ihm ihren
Arm. Frauen kennen Besseres als rasselnde Sbel.

Das war ganz gewi auch auf Horst gemnzt. Der aber schwieg.

Ltt, Ihr Aufgeregten guckt so oft an der Welt vorbei -- und glaubt
dann, sie ist anders. Aber sie bleibt wie sie ist, und Soldat ist und
bleibt Trumpf fr die Frau. Und ich kann Dir auch verraten, wovon das
ist. Guck, alles knnt Ihr Frauen meinetwegen werden -- Doktor und
Apotheker und Advokat und Priester und Kster. Blo nicht Soldat. Und
weil das das richtig Mnnliche ist, darum ist das auch das Richtige fr
die Weiber.

   Denn das Hchste, Hchste ist fr mich ein Reiter,
   und das Leben labt und lebt und liebt sich weiter!

Horst brauchte keine Reiterlieder anzustimmen. Von dem blanken
Mannesmut, dem die Frauenhuld gehrt. Die totsichere -- die
lebenssichere Gewhr dafr, da dieser Geist sich auch fortpflanzt und
nun und nimmermehr ausstirbt. Er freute sich daran, wie der Alte die
Klinge schlug. Und war es zufrieden, da er selbst im Hintergrund
bleiben konnte -- jetzt, wo Lona, die Gebndigte, selber in der
Beschaulichkeit sich hielt.

So sagten sie sich still und friedfertigen Sinnes Lebewohl. Horst
verhie, er wrde Sonntag abend nach dem Manver noch herberkommen und
den Kirchenschlssel bringen. --

Die Jungen strmten heraus mit singenden Lungen und hochschlagenden
Herzen.

Sie lagern am Fue der Goldberge. Horst, in der Mitte des Kreises, hlt
ihnen Vortrag. Mag das ganze eine Kinderei sein, ein Stammeln im Geiste.
Aber gleichviel -- auf den Geist kommt es an.

Wir haben hier -- so spricht Horst -- ein ausgezeichnetes
Katzbach-Gelnde. Da, die beiden Rinnsale, die von dem Sdhang sich
abzweigen und ins Moor flieen: Katzbach und Neie. Drber die
Hochebene. Also heute: die Schlacht an der Katzbach!

Begeisterte Zustimmung leuchtet aus all den jungen Augen.

Wie Horst nun begann die Kriegslage zu erlutern, fand auch Kunz sich
ein. Aber er blickte nicht auf das Schlachtgelnde, drehte der Strategie
den Rcken und hielt mit den Augen die Moordorfer Strae.

Horst erklrte: Napoleon hat versucht, mit groer bermacht Blcher in
Schlesien zu stellen. So dumm ist der Alte nicht -- er weicht aus, geht
vom Bober hinter die Katzbach zurck und wartet, bis der Kaiser mit
einem Teil seiner Armee nach Sachsen zurck mu, da das bhmische Heer
anmarschiert. Macdonald erhlt den Befehl ber die achzigtausend Mann,
die den -- natrlich! -- >in Auflsung begriffenen Feind< weiter
verfolgen und vernichten sollen. Bei Blcher haben Russen den rechten
und linken Flgel, unter Sacken und Langeron. Das Zentrum befehligt
York. Er hlt sich hinter Anhhen versteckt -- ahnungslos steigen die
Franzosen zu dem Plateau empor. Blcher befiehlt: lat so viel Feinde
herauf, wie Ihr wieder hinunterschmeien knnt! So geschieht's. Dann
beginnt die preuische Brigade Hhnerbein den Tanz, mit Bajonett und
Kolben fegt und schmettert sie die Franzosen den Abhngen zu. Aber
Macdonald treibt immer neue Massen auf die Hhe. Ein preuischer
Kavallerieangriff unter Jrga verpufft. Da strmt der Alte selbst und
sein Liebling Katzeler mit preuischen und russischen Reiterscharen
gegen den Feind. Krftig hilft die Infanterie Yorks und Sackens nach --
whrend Ehren-Langeron es vorzieht, Gewehr bei Fu zu bleiben. Der
Franzose wird ins Neietal geworfen, in den brausenden Strom. Der Sieg
ist errungen.

So die kurze Erluterung. Nun wandern sie durch das Schlachtgebiet.
Frhlich schmunzelt die Fantasie zu den reienden Gebirgswassern. Die
einzelnen Stellungen werden bezeichnet. Dann geht es an das Einteilen
der Heerkrper, an die Ernennung der Fhrer.

Natrlich will niemand Franzose sein. Erst wie Horst die Rolle
Macdonalds bernimmt, bekommt er sein Heer zusammen. Auch die Russen
sind nicht begehrt. Kunz mu sich erst zu dem Jammerkerl, dem Langeron,
entuern. Allerdings hat er dafr den Vorzug, auch sein eigener
Heerkrper zu sein -- zum Nichtstun bedarf es keiner weiteren Krfte --
und in trumerischer Einsamkeit die Spitze des Moordorfer Kirchturms und
die Strae vom Dorf, die so freundlich verheiende, zu betrachten.

Auch hat der Posten, der ihm zugewiesen ist, alle Anwartschaft darauf,
nicht mit rhrender Treue gehalten zu werden. Vielleicht, da dieser
Frhlingssonntag doch noch etwas anderes mit ihm im Sinne hat, als da
er hier den traurigsten aller Wutkigenerale an den Pranger der
Unsterblichkeit stellen mu.

Die Moordorfer Strae -- eine Strae wie die andern auch. Vom grauen
Staub bedeckt, von grauen Bumen mrrisch bewacht, die der Frhling noch
nicht hat entznden wollen. Und heute ein grauer Himmel ber allen
Dingen.

Wie aber wird dieser graue tote Weg, auf dem heute niemand geht und
niemand fhrt, wie wird er zu leuchten anfangen, ein goldener Streif,
eine Sonnenbahn, wenn zwei Mdchenfe ihn betreten!

Wartest Du, Strae, nicht auf diese Fe? Ja, ja -- Du bist nichts als
ein Warten, als ein Dichdarbieten, als ein Sietragenwollen! Was gibt es
auch Herrlicheres fr einen Weg, als von dieser unsagbaren Anmut zu
federn und zu schwingen!

Nicht wahr, Du, Strae, sehnschtig wie ich, Du fhrst sie mir her, sie
wei ja, da hier heute Kriegsspiel ist. Was gibt es Lockenderes fr
sie? Und sie ist mein Kamerad. Wenn ich dabei bin, mu sie doch auch
dabei sein! Strae, gedenke Deines Berufes! Trag ihre Schritte! Bring
sie mir her!

Der Ehrgeiz der Jungen warb um die Fhrerstellen. Blcher war natrlich
Dr. Georg Stump -- an den greisen Marschall htte auch ihre Bewunderung
kaum zu rhren gewagt. Eher schon trauten sie an York sich hinan -- der
primus omnium, ein ernster, kantiger und steifnackiger Junge ward
auserlesen.

Am meisten umworben war Blchers Verzug, Katzeler, der khnste und
verschlagenste aller Reiterobersten. Als solcher durfte Fritz Rder vor
seinen Schwadronen bergan traben, ein Junge, rosig, leichtsinnig,
sorglos und liebenswrdig verschmitzt -- seine Besonderheit war, listig
sich mit der Kamera lustig verfngliche Situationen zu greifen.

Und nun ist Krieg. Die feindlichen Heere haben sich aufgestellt.
Horst-Macdonald klimmt mit seinen Scharen die Hhe hinan, die Aufklrung
versagt plangem, in breiter Linie fluten sie auf den Gipfel.

Wie ein unbndiges Meer wogt die versteckte Brigade Hhnerbein. Schwer
ist sie zu halten. Jetzt! Das Kommando! Sie brechen vor auf die Feinde
--

Ein erbittertes Handgemenge. In Paaren kugeln sie auf den Boden. Die
Franzosen mssen zurck. Aber Macdonald -- zu spaen ist nicht mit dem
schlachtenerprobten Marschall, dem Helden von Wagram -- er fhrt neue
Truppen ins Feuer -- der Kampf steht --

Jetzt ist die Stunde der Reiterei gekommen. Wie das Donnerwetter
preschen Blcher und Katzeler mit den Regimentern gegen die
Anstrmenden. Und Yorks Infanterie gibt ihren Senf dazu.

Aber -- aber die gerufenen Geister -- so leicht sind sie nicht los zu
werden. Ist es die Schwrmerei fr Horst, ihren Fhrer, ist es der Zorn,
da sie die Franzosen sein mssen -- Macdonalds Soldaten stehen und
verbeien sich. In Einzelkmpfen. Sie sind die gewandteren Ringer und
bleiben oben. Der groe Kavallerie-Angriff und mit ihm das ganze
Programm droht in die Brche zu gehen. Kommandos und Signale werden in
der Kampfeswut nicht mehr gehrt, die Franzosen dringen erbittert weiter
vor, das Bild der Katzbacher Schlacht beginnt, sich heillos zu
verschieben und zu verzerren --

Da -- was begibt sich? Man wei, wie oft in die Entscheidungsschlachten
der Vlker berirdische Mchte, himmlische Erscheinungen eingegriffen
haben -- Erzengel mit dem Flammenschwert, die Geister sagenhafter Helden
oder heilige Frauen im Glorienschein.

Und hier -- eine Elfengestalt -- ein Wesen aus einer anderen Welt -- an
die Spitze der wankenden Preuen tritt sie -- eine Begeisterung,
bermchtig, braust durch die Herzen. Die Reihen schlieen sich, sie
strmen vor, unaufhaltsam, sie siegen, sie siegen. Und der Feind liegt
am Boden.

Kunz, wo hast Du Deine Augen gehabt? Hast Du so lange auf die
Straenlinie gestarrt, wie das Huhn auf den Kreidestrich, da Du davon
eingeschlafen bist?

Vita, Deine Vita ist ja lngst zur Stelle. Mit ihrem Vater ist sie
gekommen, der heute hier auch nicht fehlen darf. Jetzt steht Horst bei
ihr und drckt ihr die Hand, da sie die geschichtliche Wahrheit
gerettet hat. In scheuer Verehrung umkreisen sie die Jungen.

Kunz findet sich schnell hinzu -- es zwickt ihn wie die bittere Wehmut
einer leichten Eifersucht, es liegt ihm ganz und gar nicht, berflssig
zu sein. Sie begrt ihn mit ihren hellen eifrigen Augen. Wie
durchrieselt ihn die Freude an ihrer Kindlichkeit. Die ihm, ihm einmal
erwachen soll!

Eine Pause gibt es. Wieder lagern sie alle. Die Kritik ist mhelos
erledigt. Jeder bekommt seinen Wischer. Nur die Vision wird gefeiert,
der Geist und des Geistes Tochter, die Begeisterung.

Die drei Mnner, Horst, Pastor Waermann, Dr. Georg Stump unterhalten
sich ber das Leben in Blchers schlesischem Hauptquartier -- der eine
wei dies, der andere das. Die Jungen hren zu mit drstender Hingabe.
Hier ist Trank aus deutschen Quellen.

Wie um den Alten, den sie den rohen Husaren, den Landsknecht
schalten, das regste geistige Leben blhte. Nichts mehr von dem alten
bildungsfeindlichen, plumpen Hohn des Kasernentons. Die Helden dieses
Kreises, Gneisenau voran, Rhle von Lilienstern, mit Heinrich von Kleist
innig befreundet, Schack, Brandenburg, Oppen, -- Offiziere von weitestem
Horizont. Und auch die Haudegen Horn, der preuische Bayard, Jrga,
Sohr, Katzeler, der tolle Platen, dem nie die Pfeife ausging -- sie alle
beileibe keine bloen Plempenschwinger. Wei man, da die Offiziere in
Blchers Hauptquartier Shakespeares Dramen mit verteilten Rollen lasen?
Und wieviel Leuchtkraft strahlte von den Schriftgelehrten Karl von
Raumer, Friedrich Steffens, Friedrich Eichhorn aus! Keine Dumpfheit gab
es hier, keine Enge, keine Verketzerung! Freimut die Losung! Alles
Ehrliche galt, alles Faule wurde ausgebrannt, bei Frsten wie bei
Untertnigen!

O Du, unser Vater Blcher, auch heute noch -- heute mehr noch als je
unser Vater! Wie sang Pastor Waermann sein Lied!

Bewut und gro! Erfllt war sein Bewutsein von der Sklavennot seines
Volkes, seiner eigenen unertrglichen Not! Bewut war er sich seiner
Fhrerschaft, seiner Kraft, die Fesseln zu brechen -- bewut der Liebe
seines Volkes, der Liebe seines Heeres, der Bereitschaft seiner
Getreuen, mit ihm in den Tod zu gehen. Keiner ist so klarugig wie er,
mit so unverwstlichem Vertrauen wie er, der Frische, der Kraft, der
Freiheit deutscher Art sich innegewesen -- gro war er im Glauben! Und
so -- bewut und gro hat er die Volksseele gelst, gehoben, beflgelt
zum Freiheitsflug. Jeder Blutstropfen in ihm war Freiheit, jeder Hauch
seines Atems rief nach Freiheit. Der groe bewute Freiheitsheld seines
Volkes ist er gewesen. Und ist er uns geblieben, unser Schirmherr, unser
Bannerherr, uns, seinen Urenkeln, auf die wiederum die Knechtschaft fiel
-- und die wiederum die Knechtschaft zerbrechen werden! In unserer Seele
brennen und leuchten seine Worte: Trage Fesseln wer will, -- ich nicht.
Ich bin frei geboren und mu auch so sterben!

Es bebten die jungen Herzen, es zuckten die Augen.

Turnspiele folgten. Militrische bungen. Horst sprach noch einiges ber
Technik in der neuesten Kriegsfhrung. Dann trennte man sich. Die Jungen
waren vollgesogen bis ins Mark von sthlenden Erlebnissen. Sie hatten
Eisen ins Blut bekommen. Am nchsten Sonntag wollten sie mit tausend
Freuden sich wieder einfinden.

Singend zogen sie der Stadt zu, singend das Trostlied ihrem Deutschland:

   Wir sind die Jungen, wir sind die Kraft,
   jede Faser gestrafft und gerafft.
   Wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
   siehst Du die nchtigen Wolken lohen?
   Wir sind des Frhrots lachender Schein!
   Frei sollst Du sein!

Horst, der Pastor, der Doktor, Vita und Kunz gingen eine Strecke im
Takte mit. Der Doktor sprach mit Horst. Er war stolz darauf, da von
seinen Jungen wieder nur die beiden rudigen Schafe fehlten.

brigens der eine von diesen, der Kommunist, ein unheimlich begabter
Mensch. Ein musikalisches Genie. Lebte als reiche Waise im Hause einer
halb verrckten Tante, die ihn frei gewhren liee. Jetzt htte er
Klavierstunde genommen bei der Nihilistin, die die Stadt unsicher
machte.

Lona also. Diese letzte Wendung gefiel Horst nicht. Aber Doktor Stump
sagte noch mehr von ihr. Natrlich sei der Junge rasend verliebt in sie.
Eine Gefahr nicht blo fr ihn. Eine Gefahr, die weitere Kreise ziehen
knne. Hchstwahrscheinlich lasse sie alle Minen springen, um Bresche zu
legen in die Reihe der Primaner. Fr die sie natrlich etwas lockend
Geheimnisvolles und Verbotenes sei.

Horst trug an einem Unbehagen. Aber die Vertraulichkeit einer
Entgegnung, einer Auseinandersetzung widerstrebte ihm. Und der Doktor,
so ehrlich wie befangen, ging weiter im Text. Von all den Aufwieglern in
der Stadt sei sie ohne Frage die Bedrohlichste, schon als die geistig
Bedeutendste. Und ihr Zauber, um den die mnnliche Jugend zu kreisen
geneigt ist --! --

Wer wei, rief der Lehrer erbost, ob ich Ihnen das nchste Mal noch
all diese Jungen wieder hinausbringe!

Sie meinen --! --

Nicht unmglich, da sie ein pazifistisch-musikalisches Jugendkrnzchen
mobil macht, gegen unsere vaterlndische Jungmannschaft! Die Erregung
gegen sie ist im Wachsen. Vielleicht steht ihr so mancherlei bevor!

Nun richtete Horst sich steil auf. Sie ist eine Frau, eine Dame --!

Sie macht Politik. Und Politik ist geschlechtslos --

Die anderen traten hinzu, sie wollten umkehren. So verabschiedete man
sich.

Horst ging versunken den Weg zurck. Die drei Andern sprachen lebhaft,
er blieb mit sich allein.

Lona -- sie laufen Sturm gegen Dich. Wren wir im Mittelalter, machten
sie Dir als Hexe den Proze. Denn Du trgst Dein Mal. Dein
unglckseliges zerrissenes Leben, Dein zerwhltes Gemt, Deine flammende
Sehnsucht, die der Zeit voran fliegen will, hat Dir das Hexenzeichen
aufgeprgt.

Ich versteh es, ich seh es, wie die Primanernacken nach Dir sich wenden.
Wieviel Reiz ist in der blhenden Schlankheit Deines Wuchses, in dem
Doppelleben Deiner Zge, in der Auferstehung Deiner Augen aus
vergrabener Tiefe. Wer begreift es nicht, da gerade junge Fantasie an
Dir sich entzcken mu!

Dazu Deine Kunst und -- abenteuernden Sinnen ein Zauber -- Deine wilde
fanatische Kampfstellung, auf geistiger Hhe.

Und nun -- einen Wettstreit soll es zwischen uns geben, um die Seelen
der Jungen? Ist es das, was mir am nchsten geht? Oder ist es der
Wettstreit, den ich um Dich auszufechten habe -- mit allen, deren Blicke
und Gedanken um Dich streichen und werben, ob es die Jungen sind, ob die
andern alle! Ob der Alte seine haarige Flosse auf Deinen leuchtenden
Unterarm legt -- was hat sie da zu liegen! Ob Deine Parteigenossen
Deiner begehren und Dich umgirren!

Er kmpfte schon wie um ein eigenes Besitztum, zornig und hei.

Was hatte der Schulmeister vorhin gesagt? Da sie sich nicht scheuen
werde, ihre Reize spielen zu lassen, um so die Jungen zu sich herber zu
ziehen!

War das nicht wie eine Beschimpfung? Wie hatte er das hinnehmen knnen!
Und heftig fast wandte er sich jetzt an Pastor Waermann. Er habe eine
Bitte. Eine ihm bekannte Dame, Knstlerin, Meisterin auf der Orgel,
mchte dann und wann in der Moordorfer Kirche spielen drfen. Kunz
spitzte die Ohren.

Das soll sie! Der Pastor gab gern seine Einwilligung.

In der Stadt macht man ihr Schwierigkeiten, erklrte Horst ehrlich.
Weil sie Kommunistin ist.

Pastor Waermann wute von ihr. Ich mu offen gestehen -- unbehaglich
ist sie mir ja -- aber darum --!

Horst, der empfindlich gewordene, wollte gegen das unbehaglich sich
ins Zeug werfen. Dann aber griff er es willig auf. Sie ist sich selbst
nicht behaglich -- zerqult, vom Leben zerschlagen. Nur in ihrer Kunst
kann sie sich wiederfinden. Und gerade die Orgel trgt sie auf andere
Bahn. Es dmmern Bekehrungsmglichkeiten --

Dann brach er jh und unwirsch ab. So was wie gemeinsames Rettungswerk
widerstrebte ihm aufs tiefste. Und da er von Wandlungsmglichkeiten
sprach, verriet er hier nicht heimliche Hoffnungen?

Kunz mit Vita lie seinem Unmut die Zgel frei. Lngst hatte er vor ihr
keine Geheimnisse mehr. Eine selbstverstndliche Vertraulichkeit band
die jungen Herzen. Horst orgelt sich da selbst in etwas hinein. Solche
innere Mission frbt immer ab. Er soll die Finger davon lassen. Er
braucht -- wir brauchen seine reinen Hnde!

Schwer ging seine Brust. Vita sah, wie er litt, an qulender Sorge. Sie
nahm seinen Arm. Da durchrann ihn das Glck. Und er hob sich frhlicher.
Das Siedlungswerk soll nicht untergehen! Deutsche Augen -- deutscher
Glaube sind auf uns gewandt. Wenn Horst uns versagt -- er darf es nicht,
denn alles hngt an ihm -- aber wenn, wenn -- Dankwart ist zu sonnenlos
und Gisbert, der jetzt kaum noch was Irdisches hat, schwimmt in seinen
Unendlichkeiten. Dann mu ich -- ich wachsen an meinen Pflichten!

Sie blickte zu ihm empor. Alles Kindliche, Spielerische fiel von den
beiden ab. Eine Weihe der Kraft schlo die jungen Menschen zusammen.




                                Heimweh


Horst brachte Lona den Kirchenschlssel. Sie hatte die Erlaubnis, morgen
Montag zu einer ihr genehmen Stunde auf der Moordorfer Orgel zu spielen.

Sein Lohn wurde ihm zugesichert, er sollte, wenn sein Tagewerk beendet
wre, am spten Nachmittag -- diese Stunde whlte sie -- ihr zuhren.

Horst war hinterm Pfluge gegangen. Er hatte Furchen gezogen durch
deutsche Erde, der Duft der umbrochenen Schollen hing ihm im Haar, lebte
noch in seinen Lungen und sthlte ihm das Herz. Er fhlte sich sicher
und reich. Wie ein Gebender erschien er sich, nicht als einer, der
suchte und beschenkt werden sollte, da er den Weg zur Moordorfer Kirche
antrat.

Die Luft prickelte und schumte wie Wein von den Krften und Sften des
Frhlings. Dann und wann -- wie ein Mdchenlachen, keck und sprde
zugleich, zitterte es stoend und kurz, hhnend und befeuernd durch den
schweren seidenen Glanz des sinkenden Nachmittags.

Er dachte an Lonas Lippen, die vollen, farbigen, denen die
schmerzverbissenen Kiefer so schwer zu schaffen machten, die so bitter
in weher Ironie sich spannten. Hatte er jemals ein Lcheln, ein weiches,
vergessenes Lcheln um diesen Mund gesehen? Und war doch der rote,
blhende, lebensheie Mund eines jungen Weibes.

Er warf die Arme. Ist es nicht aller Weisheit Anfang und Ende, nicht die
Erlsung aus allen Nten: die Sprache Mund auf Mund -- gibt es eine
andere zwischen Mann und Weib? Durch seine Sinne rieselte es. Was gehen
ihre Gedanken mich an, ihre Dogmatik, ihr Geistesleben, ihr politisches
Toben!

Vom Verstehen habe ich immer gesprochen, in so schnen Worten
theoretischer Gesinnung. Was schwatz ich mich so herum um die einzige
Verstndnismglichkeit, die gegebene, die gebotene, die notwendige? Die
einzig wahrhaftige, von der all die verlogenen Mtzchen wie weggeblasen
werden! Gibt es Waffenstillstand fr uns, warum sollen diese Stunden
sich nicht fllen mit allen Gaben der guten Lebensgeister? Die gut sind,
weil sie nur fhlen, nicht denken. Macht nicht das Denken erst bse?

Und er summte und trumte im Frhlingsrausch.

Wie er sie beim Torfmeister fand, war sie anders als das Bild seiner
Wnsche. Auf ihrem Gesicht eine krankhafte Blsse, sie sprach wieder von
schlafloser Nacht, und da sie das Moor nicht vertrage.

Dem Torfmeister ging es besser, morgen wollte sie in die Stadt zurck.

Nun wanderten die zwei zum Dorf. Eine Befangenheit war um sie. Beide
empfanden sie strker als je das Ungewhnliche ihres Beisammenseins.
Eine Heimlichkeit vor den Freunden -- und auch eine Heimlichkeit vor
ihnen selbst, vor ihrem eigenen Wollen, ihren Kmpfen, ihren
Lebenszielen. Wie ein Verbotenes, wie eine Schuld. Und wieder mit allen
Reizen des Heimlichen und Schuldhaften.

So suchten und mieden sich verstohlene Blicke und Wnsche in wachsender
Scheu. Kaum, da sie ein Wort miteinander sprachen.

An der Kirchentr erwartete sie ein halbtauber Junge, der die Blge
treten sollte. Nun gingen sie in das Gotteshaus, darin schon die
Abendschatten geisterten. Die rostige Stimme der Uhr mahnte sie
mrrisch: es ist schon sechs! Der geduckte, karge Raum mit seinen
gedrungenen Sulen und der dsteren Tflung gab den Eindruck einer
trotzigen verbissenen Frmmigkeit.

Horst setzte sich in einen der schweren Sthle, Lona ging die Treppe zur
Orgel hinauf -- es war ein Instrument mit freistehendem Spieltisch --
und machte sich bereit. Die Windladen fllten sich. Liebevoll legten
sich die dankbaren Finger auf die Tasten.

Leise, im Hauch spielte Lona ein paar Passagen -- die Tne waren
ungleich, viele grau, alt und qukend. In trockener, starrer, linearer
Khle fgte sich Ton an Ton -- drr klang es, mechanisch, wie wenn
Letter an Letter gesetzt wird zu einem mhsam drftigen Wortgebilde.
Jetzt aber fand sie es, die Orgel hatte doch Seele, sie konnte lebendig
werden, konnte sprechen und Zeugnis geben.

Um Horst aber schauerte die Andacht seiner Sehnsucht.

Und es begann. Ein dumpfes Rauschen begann es, aus weiter Ferne,
gebndigt von Nacht und Finsternis. Wolken schoben sich, ballten sich,
formten sich gespenstisch. Ein Chaos wie von sich selber trumend, kaum
seiner selbst sich bewut. Und es wird ein Schein -- ein Wollen, eine
Kraft, ein Licht. Und das Licht schafft sich Schatten, die ihm dienen
mssen -- die vor ihm fliehen wollen -- die sich auflehnen im Kampf --
die Feuerodem dem Lichte entreien -- und mit ihm sich beseelen. Krper,
Wesen, Lebende, Leidende, aus Licht und Finsternis geworden. Menschen.
Da sie leben wollten, sind sie dem Tode verfallen. In den Wolken, auf
schwarzen Fittichen rttelnd, steht der Wrgengel. Unter ihm die
Kreatur, sie verkriecht sich in Klften, sie winselt, sie schreit. Und
auf wen der Wrgengel stt, in dem erlischt das Licht, er wird wieder
zum Schatten. Nun aber, da er gelebt, ist er schuldbeladen -- und des
Schattens wartet das letzte Gericht, furchtbarer noch als der dstere
Todesengel. Von Grauen gepeitscht sind die Seelen -- Gewitterstrme
donnern hernieder ber das Weltmeer -- Blitze zerreien die Finsternisse
der Himmel -- an die Rnder der Wolken klammern sich die gehetzten
Schatten -- es gibt einen Tod noch ber dem Tod -- und was ist das Leben
-- was ist sein Sinn -- was ist es mit dem guten Sinn des Lebens? Ein
Hohngelchter in tausendfachem Echo gellt von den irdischen Abgrnden zu
den zerklfteten Wolken -- entsetzte Seelenschatten flattern durch den
erbarmungslosen Raum --

Horst erfror vor dem erhabenen Grauen dieser trostlos verzweifelten
Visionen. Sie alle getaucht in die schreienden Tinten ihrer neuen Kunst.
Kosmisches Urweltgestammel ber allem. Und doch ein gewaltiges Ringen in
und zur Wahrhaftigkeit, ein Sichselbstzerwhlen nach den letzten
Offenbarungen des Ich.

Findet sie keinen Trost, keinen Ausblick, keine Helle? Wo ist das Licht,
das doch sein mu, damit die Schatten sein knnen!

Jetzt -- fgte sich, baute sich, wlbte sich nicht etwas in ihren Tnen?
ber den weichenden Wolken? Die groe Kuppel, das Firmament, der
Himmelsdom. Und Sterne gebiert die Nacht -- sie leuchten, sie knden,
sie loben.

Wie ein Ausruhen ging es jetzt durch ihr Spiel, wie ein Aufatmen, ein
Erinnern. Regten sie sich, die Klnge des Heimwehs? Wollte die Kindheit
lebendig werden -- und der Kindheit glubige Traumwelt?

Ein Gebetlallen in stammelnder Torheit, gedankenlos verloren, glckhaft
versunken -- und dann die wachsende Klarheit, wie ein Sonnenaufgang der
Zuversicht --

Tiefe Klnge aus Bachschen Messen und Kantaten, die eine leuchtende
Lichtspur ziehen -- und schon jauchzt es auf in dem atemlos gebannten
Horst: sie findet sich -- sie findet zurck -- sie findet heim --

Pltzlich aber -- was zngelt in die Himmelsklarheit der Tne? Ein
berdru -- ein Spott -- ein Hohn --?

Und Horst sthnt auf. Fngt sie nicht an, Bach zu travestieren? Ihm das
Kppchen der Selbstgeflligkeit aufzusetzen? Verzerrt sie nicht die
Frmmigkeit zur Frmmelei, die Herzenseinfalt in ein kokett bigottes
Schmachten? Lt sie die pausbckigen Engelsjungen sich nicht sich
selber verlachen und Koboldsfratzen schneiden --

Und dann ein Schluchzen -- ein wildes Weinen -- die Verzweiflung des
Zweifels -- ich kann nicht -- ich komm nicht auf -- ich mu wieder
versinken -- ich bleib in der Tiefe. Und ein Trotz -- eine wilde
Bitterkeit -- und wieder das Schluchzen.

Und pltzlich das tonlose Verhauchen -- das Ersterben in Nichts -- das
Verstummen. Das Schweigen.

Horst kauert im Gesthl, niedergezwungen von seiner Erschtterung.
Langsam lst er sich -- er wartet auf Lona -- sie kommt nicht -- da geht
er, wie tastend erst, die Treppe zur Orgel hinauf -- sie ist ber die
Klaviatur hingesunken und liegt in Ohnmacht.

Lona -- flstert er an ihrem Ohr, er nimmt ihre Schulter, er richtet
sie auf -- da kommt sie langsam zu sich. Ein Blick seltsam trauriger
Hingebung bricht aus ihrem Auge -- dann aber aus seiner Verlorenheit
findet er die alte feste Richtung seines Ausdrucks. Und nun pret sie
ihre Schlfen, sie schttelt den Kopf und stellt sich auf die Fe.

Es spielt sich so schwer -- das Pedal bringt einen um -- ich bin
einfach mde zusammengeklappt. Unwahres sprach sie. Horst aber rhrte
nicht an ihre Zerrissenheit.

Es war ein Anfang -- und alles in allem, ein Schein ist aufgegangen. In
qualvollem Ringen. Ein Frhschein soll es sein -- es soll, es soll! Nur
diesem mhsam glimmenden Licht nicht zu nahe kommen. Da die zarteste
Hoffnung nicht erlischt. Und heute nur daran denken, mit welcher Macht
die Kunst in ihr braust! Dankbar daran denken!

Wie hat es ihn geworfen zwischen Himmel und Hlle! Welch eine Windsbraut
hat ihn als Weltenwanderer getragen, entfhrt, gewirbelt, ihm die
Fittiche gestrubt, das Hirn ihm betubt. Da Schwindel und Ohnmacht ihn
selber packten!

Und er griff ihre Hand. Was knnen Sie spielen! Ich selbst bin
umhergeworfen -- von einem Weltenrausch --

Er suchte nach Worten. Sie versagten sich ihm. Schweigend packte er noch
einmal ihre Hand, in zgellos heftigem Druck.

Er hatte sie zum Torfmeister heimgebracht. Nun taumelte er durch den
Abend.

Dies, Kunz und Dankwart, konnte die Baracke nun nicht mir geben! Wit
Ihr, da dies zu mir gehrt, da dies mir gehren mu, fr mein Leben,
mein Schaffen, mein Ziel! Ihr habt die Augen starr auf den einen Punkt
gerichtet. Bewut, stier und stur. Ich tadele euch nicht darum! Ihr seid
gut fr unser Land, ihr seid notwendig. Ich aber mu um mich blicken
knnen, frei und weit. Und mit gestrkten, geschrften, vertieften
Blicken suche ich dann wieder das Ziel, das meines wie euer, das unser
ist! Ich mu mich umtun knnen im deutschen Land, im deutschen Geist, in
allen Registern der deutschen Not und Qual. Und wenn ihr meint, ich
erweiche mich so -- ich sage euch, eben so werde ich fest zu meinem
Beruf.

Und wenn die, deren tiefsten Erschtterungen ich gelauscht habe, die um
die Wahrheit ringt und an ihrer Wahrhaftigkeit leidet, mir das Herz
bewegt -- um so krftiger schlgt dieses Herz fr unseres Lebens Sinn.
Fr des deutschen Lebens Inbegriff und Inbrunst. Alles, alles mu dem
einen zum besten dienen.

So zog Horst ohne Scheu die Gehetzte, Gepeinigte, Zerwhlte, auch
Verfehmte und Geschmhte an sich. Immer blieb ihr Auge bei ihm, wie es
aus der Ohnmacht zu ihm erwachte, die erschrockene Zrtlichkeit, die
schmerzliche Innigkeit -- wie lebte es davon in seinem Blut!

Er sah die Lichter des Moorhofer Gutshauses. Da lag sein Gisbert noch
immer in Pflege. In diesen Tagen, morgen, bermorgen sollte er in die
Baracke heimkehren. Es zog Horst zu dem Jungen. In dessen weiter Seele
fand er den Widerhall, den die planmig verwahrte Enge von Dankwart und
Kunz ihm versagte. Und das, was in ihm wuchs und ward, es mute sich
ausschwingen -- ohne Worte, nur in dem Beisammensein.

Gisbert sa mit Frau Tilde. Sie hatte als Gutsherrin schwer gearbeitet,
nun lehnte sie mde im Sessel. Horst wurde herzlich begrt.

Sie sprach von dem Wiederaufbau der niedergebrannten Stallungen. Einen
greren Posten Balken und Bauholz habe sie bei Gelegenheit gekauft.
Davon werde etwas brig bleiben, das sollte die Siedlung bekommen fr
ihr erstes Haus.

Welch eine seltene Frau! Diese berirdischen Augen, die Zeugen ihres
fernen, hohen Fluges -- und dabei doch die feste zugreifende Hand, und
in ihrer berstrmenden Gte die kluge Sorge fr den Tag.

Je eher sie an ein eigenes Haus die Hand legen, um so mehr frohe
Sicherheit ist bei ihnen.

Der Diener brachte eine Depesche. Sie ffnete sie, nach leiser
berwindung, mit zagender Hand. Um ihre Augen zog ein schwerer Schatten.
Dann legte sie das Blatt beiseite.

Sie sprach weiter ber den Bau, und wie die Sehaftigkeit der Herren ihr
ein Trost sei, deren Nachbarschaft ihr eine Hilfe und Freude. Dann
zuckte es in ihrer Hand.

Und da wir in einer Gemeinschaft stehen -- da wir mehr oder weniger
aufeinander angewiesen sind, soll auch volle Offenheit zwischen uns
sein. Dies hier -- ihre Finger griffen wieder nach dem Telegramm --
gehrt so zu meinem Leben und zu meiner Ttigkeit, ich mu mit Ihnen
darber reden.

Sie gab die Drahtnachricht an Horst. Er las: Bin Amateur-Boxmeister von
Deutschland. Gegner mit groer Technik, gutem Auge und ausgezeichnetem
Linken landete mehrfach hart, wurde aber schlielich durch rechten
Kinnhaken zu Boden gestreckt. Kampfdauer drei Minuten vierundvierzig
Sekunden. Achim.

Horst gab auf ihre Bitte an Gisbert die Nachricht weiter. Dann sagte
sie: Es ist eine Eitelkeit in uns, die mit unserem Unglck Versteck
spielt. Ich will mich ganz frei von ihr machen. Sie wissen ja ohnehin,
da ich meinen Mann schwer erkrankt aus dem Felde zurckbekommen habe.
Man hofft immer wieder auf eine Wendung. Und immer geringer wird die
Hoffnung.

Gndige Frau, sagte Gisbert, und seine Worte leuchteten wie seine
Augen, lassen Sie erst wieder mehr Sonne in Deutschland sein -- sie
kommt auch zu ihm und erlst auch ihn.

Mehr Sonne, Gisbert? entgegnete sie, schmerzlich spannte sich ein
Lcheln um ihren Mund. Wir werden noch sehr viel mehr Finsternis in
Deutschland haben. Und -- auch die Sonne kann Zerstrtes nicht wieder
lebendigmachen.

Gisbert und auch Horst suchten nach Zuspruch. Mit weher Klarheit fuhr
sie fort. Es ist nun mal alles Empfindungsleben in ihm zunichte
geworden. Und -- was das Schlimmste ist -- man darf selbst auch nicht
mit irgendeiner Empfindung ihm nahe kommen -- als ob sie Ansprche auf
einen Widerhall erhbe, den es nun einmal nicht geben kann. Die
erschreckten, gequlten, kranken Augen dann -- das Herz steht einem
still. Und so ist er nun rettungslos versunken -- in diese rohe
Spielbetubung des Gladiatorentums.

Ihre Hnde nahmen wieder das Telegramm. Dies ist nun eine
Siegesnachricht. Ich soll an ihr teilhaben -- und darf doch auch wieder
keinerlei Freude zeigen. Er wei ja, da sie nicht echt sein kann, und
wrde noch mitrauischer werden. Und wenn ich ganz mich zurckhalte --
man sucht doch schlielich immer noch nach einem Rettungsfaden! Und wir
gehren doch zusammen. Unhrbar fast klang es aus.

Eine Freundschaft schlo das Leid dieser Frau um die drei. Da sie aus
ihrer leisesten Innigkeit sich so ihnen offenbarte, wie eine unsgliche
Kostbarkeit empfanden die beiden Mnner so viel Zuneigung und Vertrauen.
In Gisberts blassem Gesicht fluteten die Blutwellen. Das Fieber seiner
Augen hob und lste sich in der Verklrung eines unerhrten Glcks.

Mit ihrer stillen Tapferkeit war Frau Tilde schon wieder bei der
Gutswirtschaft, sprach davon, da sie den Siedlern noch eine Milchkuh
berlassen knnte, und bat Gisbert, der in den letzten Tagen ihr als
eine Art Privatsekretr bescheidene Dienste geleistet hatte, in den
Bchern festzustellen, wie viel Thomasschlacke fr das Siedlungsland
brig sei. Sie redete dann fachmnnisch mit Horst ber die Bestellung
und versprach ihm, sie wolle sich selbst bald einmal nach der
dlandkultur umsehen.

Dankbar nahm Horst von ihr Abschied. Welch ein Schicksal! dachte er. Wie
klagt das deutsche Leid in immer neuen Weisen, an immer mehr versteckte
deutsche Grber stt unser Fu.

Und seine Gedanken gehen zu Lona. Kann hier der Schmerz dem Schmerz
nicht helfen, wrden diese beiden Frauen, die ungleichsten der Welt,
sich nichts zu geben haben, beide so reich an seelischem Gut und beide
so bedrftig! Wrden sie den Weg nicht zueinander finden -- ber den
Abgrund, den das Leben zwischen ihnen aufgerissen hat?

Wenn ich Lona zu ihr fhre! Dieser Gedanke, so khn und doch so
natrlich, so notwendig, lt ihn nicht los. Ihr beide -- eben weil ihr
aus verschiedenen Welten seid, um so mehr habt ihr euch zu offenbaren,
und je tiefer ihr grabt, euch zu verstehen, um so mehr Schtze werdet
ihr ans Licht heben. Ihr werdet euch verstehen und werdet mithelfen an
der groen deutschen Vershnung! Ihr aus den feindlichen Heerlagern --
und doch zwei deutsche Frauen!

Und Dich Lona -- aus Deiner Einsamkeit gilt es, Dich zu befreien, aus
Deiner Abgeschiedenheit von dem, darin Dein Leben seine Wurzeln hatte.
Mchtest Du nicht selbst zurck? Schluchzte nicht leise die Sehnsucht
auf in Deinem sturmgewaltigen Orgelspiel, das Heimweh? Mchtiger wird es
ber Dich werden! Und zwischen uns beiden, wird nicht bald mehr zwischen
uns sein als dieser mhsame Waffenstillstand? Lona, Du rtselhaft liebe
Du!

Er bebte in der Zrtlichkeit seines Blutes. Und es zogen durch ihn die
Schatten, die das Schicksal wirft.

Zu Frau Tilde, zu Gisbert wollten seine Gedanken zurckkehren. Die Augen
des Freundes lebten vor ihm auf, in ihrer unbegrenzten verlorenen
Glckseligkeit. Auch hier zogen die Schatten --




                             Vor dem Sturm


Es war ein neuer Befehl der Regierung ergangen, da alle Heereswaffen
abgeliefert werden sollten. Militrische Kommandos gingen um und
berwachten die Erfllung.

Die Siedler hielten Rat. Und hnlich wie frher sprach Horst: Wer sind
jetzt unsere Landpfleger?

Landplger, nannte sie Kunz.

Wer sind sie heute, wer sind sie morgen? Sie selber wissen es nicht.
Und ich kenne sie nicht. Und ehe ich nicht wei, in wessen Hnde ich
meine Waffen liefere -- behalte ich sie lieber selbst.

Sie stimmten ihm zu. Und -- die Waffensuche ging an ihnen vorber.

In der Stadt war man sehr strenge gefahren. Aus mehreren Kellern, unter
Fabrikarbeiterwohnungen, wurden Maschinengewehre ans Tageslicht gezogen.

Die Arbeiter wteten. Man wute, da die Siedler ihre Maschinengewehre
behalten hatten. Man zeigte sie an, bei dem Offizier, der das Kommando
befehligte. Der hatte fr die Denunzianten nur ein frostiges Schweigen.

Natrlich! Die Bande hlt zusammen wie Pech und Schwefel! Das alte
System! Wenn wir's leiden, verdienen wir's nicht besser!

Das Falkenauge ist wieder einmal in der Kreisstadt. Es grt aufs neue,
jetzt mit dem Frhling, in dem elend wunden und siechen deutschen
Volkskrper. Die betrogenen Proletarier wollen endlich ihr Recht.
Wollen Abrechnung mit den sozialreaktionren Verrtern. Im Ruhrgebiet,
in Mitteldeutschland bereitet sich etwas vor. berall im Lande mssen
die Flammen auflodern! Je mehr Herde, um so besser. Um so sicherer der
groe Schlag und der Sieg.

Auch hier mssen wir zupacken! Unter dieser Parole tagten die Fhrer in
Knubarts Wohnung hinter verschlossenen Tren. Das Falkenauge, Kittel der
Buchbinder, Struk der Koch, ein Werkfhrer aus der Eisengieerei -- er
war Feldwebelleutnant drauen und ist der Feldherr des Kreises -- und
Lona. Auch sie ganz im Panzer ihrer Parteigesinnung.

Das Falkenauge hat die Gesamtlage umrissen. Einzelaktionen werden
verlangt, berall. Hier mit der Stadt als Operationsbasis lt sich ein
Vorsto machen. Hier kann das Heil fr die ganze Provinz entzndet
werden.

Wenn uns die Siedler nicht als Pfahl im Fleisch sen! heit es
dagegen.

Stahlboom, der Werkfhrer, spricht. Er ist schlank und gut gewachsen,
trgt sich kavaliermig, wenn auch mit der Nuance des Fadenscheins, hat
im Blick etwas fraglos Mutiges und Befehlendes, unterstreicht aber
unntig sein Selbstbewutsein und zeigt zu oft kriegerisch seine
zementplombierten Zhne.

Uns hat man die Maschinengewehre genommen. Die Siedler haben sie
behalten. Das erste mu sein, da wir diese Maschinengewehre uns holen.
Ehe wir die nicht haben, liegen wir im Wurstkessel und bleiben da
liegen! Darum -- die Baracke wird gestrmt! Die ntigen Leute haben wir.
Gewehre und Handgranaten sind noch da. Noch sage ich. Die nchste
Waffensuche kann uns auch die nehmen, und was dann!

Sturm auf die Baracke! fordert Kittel mit dem gellend pfeifenden Brand
seiner Rede. Er war nur noch Feueratem und flammende Augen, sein Leib
zerfallen, sein ganzes Wesen jetzt vollends von lauter Dynamitgngen
ausgehhlt.

Machen wir uns das eine klar! betont das Falkenauge -- er hat den
Weitblick, die Zusammenhnge, das konsequente Denken, mit diesem Sturm
auf die Baracke ist es nicht getan. Wenn er gelingt, verpflichtet er zu
der greren Aktion. Milingt er aber, ist damit fr unbestimmte Zeit
unsere Unternehmungskraft hier zerschlagen.

Sie berieten. Es wurde beschlossen, da sie es wagen sollten. Stahlboom
brachte den Plan in der Tasche mit. Am Abend sollte der Handstreich
ausgefhrt werden. In der Nacht wrden sie dann das stdtische Rathaus
besetzen. Die Stadt wre reif. Gbe es einen Menschen in ihr, der
zufrieden wre? Und wre es einer, wr er feige. Auf den Mut kme es an,
auf die Tat! Nur die Tat zwingt die Herzen.

Vorbereitungen sind natrlich zu treffen. Aber diese Tage, die auch
anderswo die Entscheidung bringen, mssen uns am Werke finden!

Vorbereitungen -- dazu redet Knubart, und er wittert bedachtsam. Wir
haben es mit einem gefhrlichen Feind zu tun. Kerle sind sie alle, die
Siedler. Und ihr Fhrer, der Hauptmann Oldefeld -- Lona, Sie kennen ihn
ja persnlich. In seinem Blick ist die lauernde Klte.

Lona hebt frei die Augen. Ja, er ist mir bekannt.

Sie kommen fter mit ihm zusammen --

Nun widerstrebt sie doch, wie einem Verhr. All die Augen, die sich auf
sie wenden, gebrden die sich nicht wie Richter ber sie?

Und ist in ihrem eigenen Gewissen nicht eine Stelle, darin etwas sich
regt -- wie ein Argwohn gegen sich selber? Darf sie sich wundern, wenn
in den andern, den Freunden, den Schwurgenossen ein Mitrauen aufzieht?

Mitrauen! Ich bin unserer Sache treu! Was mit mir verwachsen ist, durch
mein Denken, mein Fhlen, mein Leben -- nichts von meinem heiligen
Glauben habe ich verloren, nichts von ihm habe ich preisgegeben! Wie
kann ich das, ohne mich selbst zu verlieren! Ich bin bei der Fahne, ich
bin bei dem Schwert -- bei dem Schwert unserer Fehme, wie nur je ich es
war! Ich kmpfe mit Euch, mein Leib und Leben fr unseren Kampf!

Nur Schleichwege drft Ihr mich nicht schicken wollen!

Aber in Knubarts trgem, laschem Auge ist die Tcke.

Man wartet auf ihre Antwort. Sie zwingt ihren Unmut nieder. Ohne Frage
haben die Genossen Anspruch auf ihre Ehrlichkeit. Und wieder schliet
sich etwas in ihr, wie um ein stilles Besitztum, das von allem Lauten
entwertet wird. Das an jeder Berhrung sterben mu -- das sie jetzt
selbst berhren und zerstren soll!

Ein Heiligtum also! Zum Lachen! Es gibt fr mich kein Heiligtum, auer
meiner heiligen Sache! Deren Feind Du bist, Horst Oldefeld! Todfeinde
wir! Todfeind -- man hat das Wort so oft gesprochen, wie eine
abgegriffene Mnze ist es, deren Schrift man kaum mehr kennt. Hier ist
aber das Wort ehern ins Leben gegossen.

Eure Baracke wird von uns gestrmt! Hier hat nun jeder zu zeigen, wer er
ist. Hier gibt es keine Empfindungsflausen, keine Gefhlskunststcke,
keine Gedankenspreizungen im Rahmen unserer gutgespielten
Friedenskomdie -- hier gelten jetzt die echten Sakramente: Leib und
Blut!

So hart macht sie sich selbst, so bitter hart -- und sie spricht hastig,
sich berstrzend die Antwort auf Knubarts trchtige Frage: Herr
Oldefeld hat bewirkt, da ich in Moordorf die Orgel spielen darf -- er
hat auch schon einmal zugehrt. Wir haben einen gemeinsamen Freund, den
alten Torfmeister. Bei dem auch er Sonntags nachmittags sich einzufinden
pflegt --

Sonntag nachmittag, wiederholt Knubart schwer. Und alle begreifen
gleich.

Der Werkfhrer erklrt: Dieser Sonntag -- um Neumond herum sind wir,
dunkel ist es -- der Abend ist fr den Sturm die gegebene Zeit. Der
liebe Sonntag ist ja den lieben deutschen Seelen als Ruhetag in Fleisch
und Blut bergegangen -- den Tag zum Biertrinken und Spazierengehen, den
suchen wir uns aus. Und wenn der Fhrer dann auch bis zum spten Abend
aus dem Hause ist --

Weiter kein Wort. Ein Blick auf Lona, und sein Instinkt warnt ihn, mehr
zu sagen. Sie alle fhlen es: kein Wort mehr. Sie kennen Lona -- ihre
klare Hrte -- die so sprde ist, wie das zarteste Kristall. Nichts von
ihr, als was ihr Wesen selber ihr befiehlt, im Augenblick der klaren,
harten Entscheidung. Blank und ehrlich ist nur die Tat.

Militrische Besprechungen schlossen die Tagung. Nachrichten aus den
andern Lagern sollten abgewartet werden. In zwei Tagen mute es sich
endgltig entscheiden, ob der angesetzte Schlag Sonntag gefhrt werden
sollte.

Dann kam es: die endgltige Entscheidung fiel auf den Sonntagabend. --

Gisbert war wieder in der Baracke. Er war noch nicht ganz genesen, aber
wie aus Selbsterhaltungstrieb sehnte sich grade das Zerflieende seiner
Art nach dem Bandeisen harter Arbeit.

Die Aufsicht ber die Stallungen war ihm jetzt zuerteilt. Der Erste war
er in der Frhe auf den Beinen, auch heute am Sonntag fand das Morgenrot
ihn wach. Er lie die Hhner aus dem Stall, sie stammten meistens aus
Mnkhov, ein Geschenk von Frau Tilde. Es war seine Freude, fr seine
Gedanken, die lngst bei ihr waren, in allem, was um ihn lebte,
Trabanten, Pagen und Schleppentrger zu finden.

Jetzt ging er in die Heide. Auf einen ihrer Hgel stellte er sich. Seine
Blicke beteten zur aufgehenden Sonne. Unwillkrlich breitete er die
Hnde aus, die Gnadenspende des Lichtes zu empfangen. Dann setzte er
sich und lehnte sich hin. Und seine Sinne hoben sich in den wachsenden
Schein. Sie gingen den Weg ins Tor der Unendlichkeit.

Ich suche das Ewige. In mir ist es und um mich ist es. Da sich beides
vereine und durchdringe ist des Lebens, ist meines Lebens Sinn.

Das Bewutsein des Unendlichen in mir! Das gehrt zu mir, wie das Licht
zu der Flamme, die in mir brennt.

Der Unendlichkeit! Der ewigen Freude, ja der Freude, aus der alle Wesen
geboren sind. Durch die sie erhalten werden. In die sie wieder eingehen.

So befreie ich mich aus dem Schmerz, dem Gefhl der Endlichkeit in die
Gte des Alls. So lse ich mich in mein greres Selbst.

Dahin trug Gisbert die Morgenandacht seiner Seele. Wir sind Nichts, was
wir suchen ist Alles!

Und wie er zurckkehrte in die Welt krperlicher Gedanken, empfing ihn
das Glck: ich suche ja nicht allein diese Strae des Lichts, Deine
Sehnsucht, Du meine Freundin, geht denselben Weg.

In seinem Herzen, auf seinen Lippen formten sich die Worte seines
Hohenliedes.

Die Gesnge meiner Gedanken, solange sie atmen, suchen sie Dich! Ich
gre den Morgen, mit der Frohheit des Wachens -- mit den selig sachten
Schatten der Mdigkeit gr ich den Abend, den Vater der Nacht, mit
seinen Enkeln, den Trumen. Meine Trume flstern Deinen Namen und
lauschen seinem Klange nach, und flstern ihn wieder und lauschen -- und
flstern und lauschen. So ist meine Nacht beseelt von Deinem Wesen, wie
mein Tag erfllt ist von der Gewiheit Deiner Nhe, von der Seligkeit,
da Du bist --

Aber nun, all seine Sinne schwingen ein in den Rhythmus, und ihre
Stimmen singen leise mit. Das Bild der geheiligten geliebten Frau
zaubern sie herbei. Ihrer Augen tiefe Gewalt leuchtet auf, das weiche
Haar fllt ber die mdchenhaft versonnene Stirn, die feine Hand mit den
seltsam festen Linien streicht es zurck. Ihre Hand -- wie oft, wie
lange kann er still liegen und nur an ihre Hand denken -- in der ihre
Seele ist und auch die Kraft ihres Schaffens. Diese Hand, so voll von
Musik und doch fr sichere Zgelfhrung begabt.

Und wie in seinen Trumen flstern jetzt die wachen bewuten Lippen den
Namen Tilde -- Tilde --

Ein Schritt pocht auf die Erde. Gisbert fhrt zusammen -- wendet sich
um. Kunz steuert auf ihn zu, in mdem Schlendern. Hockt sich dann neben
ihn und ghnt sich erst einmal aus.

So frh heute und das am Sonntag! fragt Gisbert.

Wei der Frhling, was das mit mir ist! Mich flieht der Schlaf -- mich!
Was liegt da in der Luft? Du mut es wissen, der Du selbst in der Luft
liegst, Du therbewohner. Er blickt um sich: Ist das ein bses, rotes
Licht da auf der Heide! Zeichendeuter wird man -- Geisterseher -- was
hat man blo! Dann schlang er den Arm um den Freund und sah ihm
herzlich ins Auge. Du, lieber Junge, wirst nun allerdings immer
magischer. Darf man Dich denn schon wieder frei herumlaufen lassen?

Warum nicht?

Man wird nun mal die Sorge um Dich nicht los. Sehr viel Blut hast Du
nicht mehr herzugeben. Er nahm seine blasse Hand. Und dann --

Was noch?

Die Angst -- ich kann mir nicht helfen -- Du knntest Dich nun ganz --
drei Kreuze vor dem Wort und vor der Sache! -- im Pazifismus Dich
verblutet haben.

Pazifismus -- ich frchte mich nicht vor Worten, Kunz.

Bei dem kam das Unwirsche seiner Morgenfrhe jetzt obenauf. Ah! Wir
wollen Siedler sein? Arbeiter eines Geistes an einem deutschen Werk?
Eine politische Menagerie sind wir nchstens. Wegwerfend schmi er die
Hand nach der Baracke zu. Alle Gattungen findest Du jetzt in dieser
Arche Noh beisammen. Wenn ich nicht Schimpfworte vermiede, wrde ich
sagen, wir sind ein Parlament!

Gisbert schwieg. Kunz brstete weiter seinen Grimm. Weltanschauungen!
Haha! Was haben wir blo fr Weltanschauungen im deutschen Land! Alle,
die es gibt und nicht gibt. Blo die deutsche nicht. Seit Horst zum
Universalgenie geworden ist, flattern wir nun alle lieblich im gtigen
All. Leb wohl, deutsche Erde!

Gisbert schwieg noch immer. Das machte Kunz nicht freundlicher. Warum
legen wir Siedlungsmnche denn nicht ehrlich und vorbildlich das Gelbde
des Geprgeltwerdens ab! Warum kleben wir nicht das Wappen der
friedfertigen Seligkeit an unser Haus, die geschwollene rechte und auch
linke Backe! Ohrfeigengesichter wir, als Vorkmpfer des deutschen
Pazifismus! Denn wenn es nichts mehr gibt, einen deutschen Pazifismus
gibt es! Und weit Du, wie der geht? Wir vershnen uns, vershnen uns
mit den andern -- und die andern dreschen auf uns los! Das ist deutscher
Pazifismus, nach unserem eigenen und der ganzen Welt Beschlu!

Der zuckende Zorn lief durch seine Glieder. Gisbert wute, wie er litt,
er sprach jetzt mit seinen stillen, ein wenig hilflosen Worten: Wir
wollen ja dasselbe, Kunz. Nur auf anderem Wege wollen wir zu demselben
Ziel. Es ist gut fr Deutschland, da es Euch gibt. Aber auch uns gibt
es nun einmal. Und wir mssen uns ergnzen --

Mssen wir, was wir nicht knnen! Ergnzen heit ganz machen! Ganz --
mit Euch, durch Euch, die Ihr uns zermrbt! Nihilisten seid Ihr, die
passiven, die schlimmere Sorte! Was habt Ihr Euch in Asien
herumzutreiben! Die wir heute mehr als je -- die wir heute nur und nur
und immer und weiter nichts als zu uns selbst kommen mssen! Was nehmt
Ihr uns die Heimat des Herzens! Was verdnnt Ihr uns bis zur
Erschlaffung mit Euren dreimal vermaledeiten Wassern des Ganges unser
ehrliches eisenhaltiges deutsches Herzblut! Seine Hnde packten ins
Heidekraut, rissen die Bschel aus und warfen sie in die Luft.

Da Gisbert ihn unbeirrt ansah -- Du verzeihst mir, mit Deinen
Gazellenaugen. Gtig seid Ihr und liebevoll, aber nur aus Schwche seid
Ihr es. So geschieht's, da Ihr fr alles Verzeihung habt, nur nicht fr
Tugenden, fr mnnliche! Nur nicht fr Kraft! Und darum -- gefhrlich
mgt Ihr sein, aber an den Kern unseres Wesens, nein, an den rhrt Ihr
uns nicht!

Nun hatte Kunz sich vollends wieder. Ihr haltet unsereinen fr dumm. An
unserer Dummheit liegt es dann wohl, da Eure Klugheit uns nicht
aufgehen will. Herrgott, ist das eine baumwollene Weisheit, die Ihr aus
dem Lande der Baumwolle bezieht! Phrasen! Nichts als Redensarten von
platzend hohler Allgemeinheit! An ihrer Spitze die groe Heilslehre:
Gutsein heit das Leben aller Leben! Oder die erlsende Antwort auf
die ewige Frage: welches ist der Weg zur Wahrheit? Die wechselseitige
Durchdringung unseres Wesens mit allen Dingen! O verfluchter Tiefsinn
heiliger Abstraktion! Was soll ich damit? Wo ist hier Leben, Wrme,
Licht, wo ist hier Liebe? Und Ihr wollt uns das verbrauchte
Christentum ersetzen! Gebt mir, so gebt mir doch aus Eurer Flle! Habt
Ihr etwas, in dem groen heimatlosen Weltraum Eurer leer leuchtenden
Unendlichkeit, was gegen den kmmerlichsten Lichtstumpf des rmsten
Tannenbaums in deutscher Htte nicht hilflos verblat und erlischt und
erstirbt!

Alles Licht leuchtet dem Einen --

Alles -- ja -- wo nichts ist, da sagt man alles! Und fhlt sich
gerettet. Luft -- Luft gebt Ihr statt Brot. Und wr diese Luft nicht
noch mit Getse erfllt! Ihr Stillen des ewigen Friedens, gut, Ihr habt
wenigstens Stil. Aber diese Brller des Pazifismus! Die mit furchtbar
krampfhaften Verrenkungen des Leibes, der Seele und des Worts, Schaum
vorm Munde und in ihren Versen, ihre Flche und ihr Wehe schreien!
Schnaubende Racheengel, tosende Kriegsfurien der Friedfertigkeit! O Du
Grundgtiger! Wer einen Bauch hat, hlt ihn sich!

Gisbert blickte still in den Freund hinein. Du nennst mich
berschwenglich, Kunz -- bist Du es nicht auch? Und wenn nun unser
berschwang aus einer Quelle fliet --

Verallgemeinere mich nicht! sthnte Kunz zornig.

Verallgemeinern --? Ist es so schlimm fr Dich, wenn ich uns beide
zusammenspanne?

Gisbert hatte den reinen Herzenston. Kunz war bezwungen. Kerl -- wenn
Du nicht so ein unwahrscheinlich anstndiger Mensch wrst! Hauen mchte
man Dich manchmal -- und haut dann lieber sich selbst. Herrgott -- la
Dich meinetwegen schaukeln von der Rhythmik der Ewigkeit, aber brauch
auch die Fuste, die Dir Gott verliehen hat! Du darfst nicht so viel mit
Dir selbst zusammenhocken! Mit Dir und mit Deiner Gesinnungsgenossin!
Dieser herrlichen Frau von Mnkhov! Sie ist herrlich -- aber Eure
Seelennhe schadet Dir.

Kunz -- man hrte in Gisbert die feinsten Saiten schwirren.

Verzeihung -- ich wei -- _mulier taceat in ecclesia_ -- ber die Frau
schweigt man wie in der Kirche. Aber sieh, Freundschaft mu nun einmal
reden. Und nun will ich Dir was sagen. Komm heute nachmittag mit mir ins
Moordorfer Pfarrhaus.

Das will ich gern.

Du sollst Vita kennen lernen. Ihr werdet erschrecken voreinander. Du
vor der fanatischen Enge ihres geistigen Ziellebens, vor der jungenhaft
trainierten Muskulatur ihres vaterlndischen Sinnes. Sie vor Deinem
berweltlichen Sonnenkultus. Aber wenn Ihr beiden feindlichen Mchte --
wenn Ihr Euch gegenseitig einander in die Arme schrecktet --! --

Er hielt inne, sein Atem setzte aus, seine Augen waren qualvoll. Gisbert
ahnte, da hier eine Leidenschaft sich grausam gegen sich selbst
entflammte, er nahm wortlos Kunz bei der Hand. Und der Hndedruck sagte:
Dein liebes Mdchen ist sie, und ich bin Dein Freund -- und dann --
lngst hat mein Geschick sich erfllt.

Dankwart tauchte auf. Wandelte durch die Morgenluft, erfrischte seine
Erfinderstirn. Er bog auf sie zu. Wie sieht die Heide aus? Sie dampft
in dem roten Schein. Blutdampf sagt man dazu bei uns zu Hause. Jede
Heide hat Blut gesehen. Raucht sie so rot, gibt es neue Bluttaten.

Die Heide, die seine Heimat war, machte ihn redselig und phantastisch.
Er hatte seine Ahnungen, wie Kunz. Gisbert aber war mit seinem Geist
ber den irdischen Visionen, die aus dem Boden rauchen. Dankwart
erzhlte, der Balbutz war gestern in der Stadt. Er hat die feine Nase.
Und hat sowas von Verschwrung gerochen -- Verschwrung gegen uns.

Es war dann an der Morgentafel davon die Rede. Die Anzeichen wurden
geprft. Horst nahm sie nicht schwer. Was sollte ihnen geschehen? Die
Maschinengewehre bereitgestellt -- stets die ntige Mannschaft in oder
bei der Baracke -- die andern immer in erreichbarer Nhe -- dann mten
die Angreifer schon zu Hunderten ber sie einbrechen. Das aber sei der
groe Brgerkrieg, und der komme nicht ber Nacht.

Immerhin -- die Vorsicht wollten sie natrlich nicht auer acht lassen.
Und je mehr heute am Sonntag huslich blieben, um so besser.




                                 Kampf


Horst ging am Nachmittag zum Torfmeister. Lona wrde da sein. Kme sie
nicht, wrde das freilich zu denken geben. Wre etwas gegen die Siedlung
geplant, sie wte davon. Und niemals wrde sie durch ihr Erscheinen ihn
in Sicherheit wiegen.

Dann also hie es auf der Hut sein. Aber erst dann.

Die Sonne hatte sich versteckt. Die Luft war still, grau und lustlos.
Die Singvgel schwiegen und hielten sich verborgen. Von der Niederung
her riefen grmlich unsichtbare Brachvgel. Ein Turmfalk rttelte ber
der Heide.

Nach den Dnen wandte sich Horst. Er wollte einen Blick ber die See
werfen. Tckisch lag sie da, wie tot. Ein blinder Glanz war ber sie
gegossen, bleiern und giftig -- gebndigt, gefesselt, gestorben der
freie Rhythmus des groen Wassers.

Das war keine Erhebung. Er kehrte schwer und traurig in die Heide
zurck. Sonne htte ich heute gebraucht und schumende Wellen unter
blauem Himmelslicht! Wie mit Asche bestreut ist die Welt. Wir ben --
wir ben --

Und er schritt dumpf und gebckt --

Dann hob er sich empor. So darfst Du nicht weiterschreiten. Du willst
helfen und keuchst selbst trostlos unter Hilfsbedrftigkeit. Freimachen
willst du und schleppst dich lahm an deinem Verzagen. Wenn irgendwo,
brauchst du hier deine glubige Kraft.

Lona -- ja -- um Dich geht es jetzt. Ich wei, da Deine Starrheit von
Dir abfallen will. Du selbst suchst, was Dein Dogma Dir nicht geben
kann. Wrme brauchst Du -- Zrtlichkeit brauchst Du -- denn Du bist ein
Weib, ein junges Weib. Und meine Zrtlichkeit wirbt um Dich.

Ich betrge mich selbst nicht lnger mit dem, was Dir lngst kein
Geheimnis mehr ist. Und was Du selbst nicht mehr von Dir weisest, ob Du
zuerst ihm widerstrebtest. Wir wollen zueinander. Es ist etwas, was uns
zueinander zwingt.

Und -- ist etwas, was Dich herausschauen lt aus der Gedankenwelt, in
der Du Dich verbarrikadiert hast mit dem Hagefhl, das jetzt gestillt
worden -- etwas, was Dich erhebt ber die Mauern, das Schanzwerk --
etwas, was die Burggrben Dich berfliegen lt. Du bist dabei, Deine
Welt zu berwinden. Diese Welt, aus Papier gebaut, aus Gedanken gefgt.
Ein System! Das Heimweh, das deutsche Heimweh ist in Dir.

Und an meiner Hand wirst Du hinausgefhrt werden in das deutsche Leben!
Ich will Dir helfen. Meine Sinne sollen sich bescheiden. Es gibt mehr in
mir als Begehrlichkeit, die in den laschen Seelen das Starke ist --
Besseres, Machtvolleres. Erst die geistige Erfllung soll auch den
Sinnen das Glck bescheren.

Aber sie drfen hoffen, sie drfen wnschen. Sie leben und haben ihr
Recht am Leben. So trug es jetzt seine Tritte. --

Kunz wollte mit Gisbert am Nachmittag im Moordorfer Pastorenhaus den
Besuch machen. Da sah er etwas, was ihm nicht gefiel.

Einzelne Ausflgler aus der Stadt wurden auf den Goldbergen sichtbar.
Beschauten sich die Gegend, zeigten sich dies und das. Betonten ihre
Naturliebe, legten die schne Aussicht sich wechselseitig ans Gemt.
Mglich, da sie harmlos waren. Mglich auch, da sie Kundschaft
trieben. Halten wir die Augen offen! Warten wir, ob es einen Gang der
Handlung geben wird.

Nun zwei Familien mit Kindern -- sogar ein Kinderwagen ist dabei --
steuern treuherzig auf die Baracke zu. Lagern sich unweit von ihr im
Freien -- wozu es eigentlich noch zu khl ist, da die Sonne fehlt. Holen
ihre Atzung hervor, ziehen Thermophorflaschen aus den Kinderwagenkissen.

Die Kleinen laufen herum, sehen die Hhner und den vornehm wie ein
ehernes Bildwerk ruhenden Muz. Zutraulich kommen sie nher, mit dem Hund
mchten sie spielen. Der aber ist nicht kinderlieb und blickt sie nur
wachsam unnahbar an. Mit den stumpfsinnigen Hhnern lt sich keine
Kameradschaft schlieen -- die Kinder mchten wissen, was fr Getier da
hinter den Stallwnden sitzt. Sie drngen sich vertrauensvoll an die
Bretter und hoffen auf eine Ritze.

Jetzt treten die Erzeuger in Ttigkeit. Sie kommen die Anhhe herunter.
Drft ihr denn das? Und dann wenden sie sich hflich zu Kunz, der zum
Ausgehen fertig vor der Baracke sitzt und auf Gisbert wartet. Er fat
sie ins Auge -- Arbeiter aus der Stadt offenbar -- anstndig gekleidet,
gewandt.

Entschuldigen Sie, sagt der Kleinere und Lebhaftere, wenn die Bengels
Ihnen lstig fallen. Aber wenn sie Pferde riechen, sind sie nicht zu
halten.

Das ist recht! erklrt Kunz, und frhlich leuchtet er ihnen ins
Gesicht. Die sollen einmal zur Kavallerie!

Die Nasen in den gesinnungstchtigen Gesichtern werden lang. Da riecht
an! denkt Kunz, wie Eure Jungens an dem Pferdemist. Aber sie behalten
sich in Zucht und haben offenbar noch etwas auf dem Herzen. Ist es
unbefangene Wibegier? Oder wollen sie tatschlich spionieren?

Beginnen ein Gesprch. Wie ntzlich das Siedlungswerk sei. Und die
Baracke so praktisch angelegt. Hier Stallungen und die Wohnrume da.
Aber schwere Arbeit! Und die Sonntagserholung, der Sonntagsausgang
doppelt ntig.

Zwei Teufel streiten sich, die Kunz reiten mchten. Der eine, mehr von
der guten Sorte, will da mit ihm hin: Seht euch ihn mal an, unsern Bau!
Kommt mal mit herein! Die meisten Siedler tun, was sie immer Sonntag
nachmittags tun, nach ihrem schweren Alltagswerk. Sie liegen in ihren
Kojen und schlafen. Sie sind und bleiben zu Haus. Und am Abend sind sie
auf den Beinen. Hier auf den Gngen aber, da stehen unsere
Maschinengewehre. Kampfbereit. Vier Stck. Fr jede Himmelsrichtung
eins. Und sind im Handumdrehen vor der Tr. Und wenn einer Lust hat, zu
erleben, was Feuerbereich ist --!

Und dann sitzt der andere, der sehr bsartige Teufel ihm im Genick und
flstert ihm ins Ohr: Lat die Bande doch herauskommen heute abend!
Warn sie nicht, str sie nicht! Sag ihnen, alle sind ausgegangen, sich
zu amsieren -- und kommen vor Morgengrauen nicht nach Hause. Du und
Gisbert -- da kommt er gerade -- ihr seid nun die letzten, die gehen!
Schlie vor ihren Augen die Haustr zu! Und wenn ihr unterwegs seid --
von den Goldbergen knnt ihr es sehen -- die marschieren schnurstracks
mit Kind und Kegel in die Stadt und bringen den Genossen Nachricht! Und
was dann am Abend wird --! --

Solche Einflsterung gibt Kunz dann freilich nicht an die Ausfrager
weiter. Aber was sie nun damit anfangen, da sie ihn, nachdem er sich
nicht unfreundlich verabschiedet hat, mit Gisbert sich entfernen sehen,
das bleibt ihre Sache.

Zum Pfarrhaus aber, so zaubermchtig es ihn zog, begaben sie sich doch
nicht. Auf den Goldbergen, ihren heiligen Hhen, den weisenden,
wissenden machten sie halt. Und als sie sich nach der Baracke umdrehten,
gewahrten sie in der Tat, da die Ausflgler, wie es schien, in
beschleunigter Gangart heimwrts zogen.

Jetzt wurde Kunz hell und hart, ganz Verantwortung, ganz Dienst. Wir
bleiben zu Hause, Gisbert. Wenigstens ich. Vielleicht bekommen wir heute
abend nun doch Besuch. Und Besuch -- will empfangen werden. --

Horst fand den Torfmeister allein. Lud Uhlenbrook war wieder tapfer auf
den Beinen. Jedes Jahr acht Tage Lona, und ich sterbe berhaupt nicht!

Der Alte wunderte sich, da sie noch nicht da war. Sie wollten mit dem
Kaffee auf sie warten -- Kaffee aus Moorwasser ist der beste, den es
gibt -- kommen tte sie bestimmt. Auch vorgestern htte sie sich
versptet. Sie htten da in der Stadt offenbar wieder mit Sitzungen so
viel zu tun. Dazu seufzte der Alte, da der Dachfirst es sprte. Und er
machte einen seiner grimmigen Witze: all die vielen Sitzungen in
Deutschland seien Schuld, da es nicht wieder aufstehe!

Bravo, alter Lud! sagte Horst und schlug ihm auf die Schulter, da
seine Hand an den Mammutknochen zerschellte.

Der Abend lugte schon in die graue, glasige Welt. Nebel zogen ber das
Moor, es deckte sich zu mit dem Flaum, es wollte schlafen. Die Mnner
waren schweigsam geworden. Sie lauschten auf den Schritt, der nicht
hallen wollte.

Nun ri es pltzlich an Horst. Eine Mahnung, ein Alarm, ein Kampfruf!
Sie kommt nicht mehr, sprach er schrill. Dies war bedeutsam. Dies
verkndete Unheil. Das hie, ich mu jetzt gehen. Auf meinen Posten mu
ich!

Sie kommt, sagte der Alte. Und Horst lie sich noch einmal nieder.
Aber es wogte und wirrte in ihm. Sie sprachen dies und das. Vom
Torfstich, von der Bestellung des dlandes. Doch, es litt ihn nicht
mehr. Diese Moornebel da drauen waren sein Tod.

Er sprang vom Stuhl. Ich will jetzt doch nach Hause. Da lauschten sie
auf. Sie blickten in den Vorgarten. Lona war es.

Ich komme spt, sagte sie. In ihrer Stimme war ein gehaltener Klang.

Was war denn? fragte Lud.

In der Kirche war ich --

Sie haben Orgel gespielt? --! rief Horst schmerzlich.

Es wurde mir schon dunkel in der Kirche. Wr ich erst hierhergegangen,
htte ich zuviel Zeit verloren. Und ich brauchte das Spiel heute so.

Und ich hab nicht dabei sein drfen! Darin war leidenschaftliche
Klage.

Htten Sie es auch so ntig gehabt -- --

Sie meinen, ich htte es fhlen mssen, da Sie da waren! fiel er
gleichgestimmt ein, mit hellen, brennenden Augen.

Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen. Sie sprach dann
still mit Lud.

In Horst flog es. Was sie sagte -- und der Klang ihrer Worte -- zitterte
nicht ein Vorwurf darin, ein Entbehren, eine Enttuschung? Das Gefhl
einer Zusammengehrigkeit -- es lebte in ihr, wie in ihm es lebte! Mehr
noch in ihr, da seine Ahnung versagt hatte --? --

Ich habe mich vor der Kirche nach Ihnen umgesehen! Sie hatte erwartet,
da er da sein wrde. Ja, er gehrte dazu! Fr ihn wollte sie spielen.
Ganz gewi nicht fr sich allein.

Ich brauchte es so! Hie das nicht auch, ich wollte Dich bei mir haben?
Du solltest mich hren, ich wollte zu Dir sprechen! Wollte mich Dir
offenbaren aus meines Wesens Tiefe! Dir -- der einzige bist Du, dem ich
mich so bekenne. Denn wir sind uns nah.

Ich hab nach Dir gerufen -- und Du bist nicht gekommen. Wie
schmerzlich-zrtlich wallte es in ihm auf unter dieser Klage. Das
Gewissen peitschte sein Gefhl in heien Wellen.

Du sollst nicht an mir zweifeln -- nicht an dem Zug meines Lebens, der
mich zu Dir zwingt. Um so schmerzhaft inniger, da es jetzt wie eine
Schuld auf mir liegt. Eine Schuld gegen Dein Empfinden.

Aber sieh, es sind so starke Strungen, die die Leitung hemmen und
erschweren. Der Kampf, der Bruderzwist mit seinen Trbungen, seinem
Wirrsal, seinem Argwohn und Verdacht. Von diesem Gewhl -- wann wird
unser Gefhl sich davon losmachen?

Jetzt sind wir soweit, da unsere Hnde sich nehmen -- sie erschrecken
nicht mehr voreinander. Und unsere Hnde sollen sich halten und immer
mehr sich beschenken. An einer Gabe soll die andere sich beseelen.

Wie still versonnen, wie mdchenhaft scheu hockte sie bei dem alten Lud.
Dessen Augen in sie wie in einen goldenen Becher sahen, dessen schwere
ehrliche Hand sich mit einer so heilig behutsamen Zrtlichkeit auf ihren
Arm legte, voll dankbaren Glcks.

In die niedrige Stube bettete die Dunkelheit sich ein. ber dem Moor
braute der Abend. Hohl rief ein Kauz aus dem Erlengestrpp.

Da richtete Lona sich auf. Jetzt ist es Zeit fr mich. Horst sah in
ihrem Auge eine groe Angst, die er nicht begriff, dann ein
schmerzliches Irren, und wieder waren sie wie nach Innen gewandt. Und
als sie dann wieder ins Leben blickten, hatten sie den kalten Schein,
der ihm so schmerzlich war.

Sie nahmen Abschied von dem Alten. Zrtlicher als sonst umfate sie ihn,
da er wie ein Betrunkener taumelte und grunzte und herumfuhrwerkte.
Dann ging sie mit Horst.

Bis zur Mhle nehmen Sie mich mit, nicht wahr? fragte er. Wir wollen
hier auf dem Waldweg bleiben.

So lieen sie die Baracke weit ab liegen. Lona machte eine Bewegung,
dann aber folgte sie seiner Fhrung.

Lind und still ist um sie der Abenddmmer. Die Luft schweigt. Nur von
fernher aus dem Innern des Waldes tnt das Gurren wilder Tauben, die
ihre Schlafbume aufsuchen, in den sanften Rhythmen wie mrchenverloren.

Und es verliert sich der Raum in diesem grauen Rinnen und Rieseln, es
verliert sich die Zeit. In Vergessenheit schreiten sie, in Wolken, in
Schweigen. Wie Traumgestalten.

Ein Ausruhen ist es ihnen in Krperlosigkeit, wohltuend nach dem
Ungestm, den Zuckungen, den Brandungen, in die sie die Zeit geworfen.

Sie haben eine Scheu, dies Land zu verlassen, ngstigen sich vor dem
leibhaftigen Wort, wandern weiter in Schweigen.

Die Welt von uns abtun -- alles da drauen versinken lassen -- vergessen
die Zeit, die Bedrngnis des Geschehens -- nichts wollen, nichts denken
-- nichts wissen -- --

Dann aber, da sie immer tiefer und gedankenloser hinabgleitet, geht
durch ihn, durch sein wallendes Blut der leise Schlag des Erwachens.

Sie ist bei dir, allein sind wir miteinander. Um uns ist der gtige
Abend. Kostbar ist die Zeit, kostbar und inhaltschwer. Jede Minute atmet
schicksalsvoll, in jeder Sekunde pocht das Glck.

Ich bin ausgezogen, Dich zu gewinnen! Herberholen will ich Dich zu mir!
Gerade weil Du etwas Eigenes bist, mit eigenem starken Willen und Leben!
Ob ich sonst um Dich werben wrde?

So aber werbe ich um Dich!

Und sein Wort leuchtet sieghaft auf: Ich kehre nicht um bei der Mhle,
noch weiter gehe ich mit Ihnen, Lona! Nun ist sie erschrocken wach.

Ich will den Abend bei Ihnen sein! drngt er weiter.

Bei mir -- nicht bei den Kameraden -- nicht auf Deinem Posten --! -- So
habe ich Dich in der Hand. Und mu ich nicht -- mu ich Dich nicht in
der Hand haben! Da Du fern bleibst von Deinen Kameraden!

Unsere Feinde seid Ihr. Unschdlich sollt Ihr gemacht werden!
Entwaffnet! Das soll und mu sein. Wenn etwas, liegt das in meinem
Willen.

Nun sind sie eine Truppe ohne Fhrer. Das ist gut. Damit haben wir, wir
das Spiel gewonnen.

Und da ich die Macht ber Dich habe! Sie auskosten, den Triumph durch
alle Sinne sich flammen, sich jagen lassen, durch alle Nerven, alle
Fasern!

Noch immer ist die Rache in mir, ungestillt! Und wenn etwas von Deinem
Wesen ins Blut mir gehen will -- was bildest Du Dir ein! Trumst Du von
zrtlicher Regung! Grausamkeit ist, was sich regt. Wie sie in den Krieg
gehrt! Grausamkeit, die Lust am Qulen! --! --

Denn Krieg ist und bleibt zwischen uns! Darum -- Dein Leben zerstren
ist das nicht mir aufgegeben -- und mein Wille!

Und wie wird Dein Leben zerstrt sein! Da der Schlag gegen Dein Haus
gefhrt wird, Du htest es nicht! Du hast Dich von ihm entfernt -- um
eines Weibes willen. So wirst Du es Dir nennen, und wirst daran
vergehen.

Und das Weib bin ich!

Uns hat etwas zueinander getrieben, machtvoll, hindurch durch die
Fluten, die zwischen uns brausten. Was war es -- was ist es? Gleichviel,
was es ist! Wir stehen im Kampf!

Du bist ehrlich gegen mich gewesen, offenherzig, weitherzig und warm,
ganz anders wie Deine Gesinnungsgenossen sind. Und es gab einen Klang
zwischen uns. Gleichviel -- wir stehen im Kampf. Soll ich meine Freunde
verraten um Deinetwillen! Meinen Glauben! Der erste wrst Du, der mich
verachtete!

Der mich verachtete -- und wenn ich nun weiter mit Dir wandere durch den
Abend in die Nacht -- bedachtsam -- da ich wei, was Euch bevorsteht --
und Dich fortschaffe von dem Geschehnis, in das Du gehrst mit Blut und
Leben -- wird das, was brig bleibt, nicht der Fluch sein auf mich und
-- meine Tcke.

Tcke! Darf ich unser Geheimnis Dir preisgeben! Die Freunde soll ich in
Eure Hnde liefern! Soll den Tod ber sie bringen -- um Deinetwillen!
Wahnsinn!

Es braust in ihren Ohren. Sie hrt nicht die Worte, mit denen Horst sie
jetzt umfngt. Aber sie fhlt seine Hand, wie sie ihre Finger nimmt mit
festem Druck.

Was ist es, da sie sie ihm lt! Mu sie ihre Rolle weiterspielen? Oder
hlt sie ehrlich ein ehrliches Geschenk, das sie freut, ein Gefhl, dem
sie sich neigt im Gleichklang der Sinne und der Seele?

Immer war Waffenstillstand zwischen uns, immer der Friede. Wir waren
ber unserem Kampf. Knnen wirs nicht bleiben? Vergessen die andern --
die Welt -- alles da drauen vergessen. Allein sein miteinander --
allein auf der Welt --

Da -- wie seine Hand ihren Arm greift, bumt sie sich zurck -- ist es
der Widerstand des Weibes, die Furcht vor dem Erliegen -- kurz, hastig,
wie bellend stt sie hervor: Sie sollten heute abend lieber in der
Baracke sein -- und nicht hier bei mir!

Horst steht und starrt, betubt. Dann -- ein Blitz zerreit die Wolken.
Er sieht das Geschehen -- er fliegt in die Hhe, als wolle er durch die
Luft. Und dann in wilden Sprngen strmt er -- ber den Sturzacker -- in
die Heide --

Und Lona, wie im Ertrinken, greift nach dem Gedanken: so ist nun ehrlich
die Fehde zwischen uns angesagt -- ich will zu den Freunden!




                           Blut auf der Heide


Gradenwegs rennt Horst nach seinem Ziel. Vom Abendhimmel fllt jetzt ein
leichter Schein. Wind hat sich aufgemacht, hat die Wolken ausgesponnen,
durch den Dunst schimmert es von der feinen Mondsichel und dem
helljubelnden Liebesstern.

Einzelne Gestalten -- wie Indianer auf dem Kriegspfad -- heben sich vom
westlichen Horizont -- war das da hinten nicht ein kleiner geschlossener
Trupp --? Und in dem schwarzen Kieferngehlz -- ein paar mchtige
Glhwrmchen zucken hin und her -- Taschenlampen -- das Waldstck ist
besetzt. Die Baracke wird planmig eingekreist.

Horst fliegt ber die Heide. Bricht ein paarmal in die Knie. Da --
Mnner vor der Baracke -- Kameraden -- sie sind auf der Wacht.

Keuchend wankt er vor sie hin. Raus mit den Maschinen!

Gott sei Dank! begren sie ihn. Dankwart, Kunz, Gisbert sind da. In
Kunz ist das harte Feuer: Wir werden ihnen die Reizhne zeigen!

Jeder bewaffnet sich fr alle Flle mit Pistole und Gewehr. Horst
befiehlt: Warnungsschsse natrlich. Nur Warnungsschsse. Bis zum
letzten. Und noch einmal schrft er ihnen ein: Bis zum letzten.

Heit, bis die andern uns mit 'ner Kugel holen! knurrt Dankwart.

Schad nix. Sterben wir in Schnheit! knurrt Kunz zurck. An unserer
Sisasentimentalitt.

Die Feinde zgern. Blockhaus -- Rothute. Ganz nickkartermig wird
einem zu Mut.

Zu lange zgern die Feinde. Die diesige Luft klrt sich auf. Der Himmel
gibt Sternenschein. Jetzt sind nur noch zwei Seiten gefhrlich. Das
weite Schufeld der Heide vor ihnen bietet keine berrumpelungs-, keine
Angriffsmglichkeiten mehr. Wenn die Feinde strmen, kommen sie den Hang
herunter und brechen aus den Knickbschen zur Rechten.

Und nun -- sie brechen aus den Knickbschen. Horst durchzuckt es: nur
von der einen Seite -- nicht auch zugleich von den Hgeln -- soll das
eine Kriegslist sein?

Es war eine List. Diese kleine Schar sollte ablenken. Der Hauptsto
sollte von oben erfolgen --

Tak -- tak -- tak -- tak -- tak -- das Maschinengewehr gegen die
Strmenden. Dieses tdlich unheimliche Tacken -- der scharfe
Pendelschlag des Verderbens -- die Herzen stocken -- die Reihen wanken
-- Rufe -- Schreie -- gereckte Arme -- wirbelnde Glieder -- fliehend
stieben sie auseinander.

Jetzt das Gros von der Hhe -- mit wildem Hurra -- das Brllen soll das
Tak-Tak bertnen. Aber scharf reien diese Todestaktschlge hindurch --
zwei Maschinen auf dieser Seite -- sie arbeiten gegeneinander auf --
berbieten sich -- wetteifern im Verderben --

Wer kann dagegen an! Auch hier stocken die Reihen -- wogen durcheinander
-- fluten zurck -- zerflattern in rasender Flucht -- ber ihnen pfeifen
die Kugeln --

Nur ein kleiner Stotrupp, fnf, sechs Mann sind mutig vorgestrmt --
zwei Handgranaten fliegen -- Knall, Rauch, sprhender Sand, Fetzen von
Erde -- Handgemenge -- mit einem Kolbenschlag wirft Horst den nieder,
der gegen ihn anspringt.

Die andern werden berwltigt und entwaffnet. Vier Siedler sind
getroffen, nicht schwer. Der Gegner von Horst liegt besinnungslos. Die
Entwaffneten stehen dumpf, geduckt, verbissen. Geht nach Haus und grt
Eure Gromutter! sagt ihnen Kunz.

Wir wollen -- unsern Genossen mitnehmen! fordert der eine.

Horst hat Umschau gehalten. Von den Feinden ist nichts mehr zu sehen.
Sie fluten nach der Stadt zurck. Von denen ist nichts mehr zu besorgen.

Jetzt trat er ruhig zu dem Besinnungslosen. Ich glaube nicht, da er
transportfhig ist, sagte er bestimmt. Sie mssen ihn schon
hierlassen.

Er soll mit. Wir tragen ihn -- erklrten die Genossen.

Was jetzt soll, sage ich hier. Nicht Sie. Er bleibt. Ich hoffe, er ist
zu retten. Aber nur so. Einer von Ihnen kann ja seine Pflege mit
bernehmen.

Die Mnner berieten. Wir mssen uns fgen.

Ja, das mssen Sie. So blieb einer zurck, ein Krauskopf mit
Mulattengesicht. Die andern gingen wortlos von dannen. Kunz aber, der
Abschiedsworte liebte: Wir bedanken uns auch bei Euch! Da Ihr uns
nicht in Pflege zu nehmen braucht!

Horst war mit Sellmann, ihrem tchtigen Sanitter um den Liegenden
beschftigt. Schwere Gehirnerschtterung, sagte der Medizinmann. Der
Schdel ist offenbar ganz geblieben. Sie trugen ihn hinein.

Wir werden das Feld jetzt noch absuchen, zur Sicherung, beorderte
Horst. Und dann -- hoch genug haben wir ja gehalten -- aber vielleicht
ist doch noch diesem oder jenem etwas geschehen.

Kunz fhrte die Streife. Horst ging in seinen Raum. Er warf sich lang
auf sein Bett. Ein paar Minuten Ruhe! Seine Nerven flogen.

Der rasende Lauf durch das Gelnde -- dann der Kampf -- und nicht
weniger als dies der jhe Sturz aus der Traumwelt, in der er gewandelt
-- Lona -- von Deiner Seite in den blutigen Kampf mit Deinen Brdern,
Mann gegen Mann!

Und Du warst es, die mich warnte. Mich, der ich wie blind neben Dir
herlief. Der ich mit Dir weiterwandern wollte, hinein in die Stadt. Um
bei Dir zu sein, die Du mir lieb geworden bist!

Und wie lieb mu ich Dir sein, da Du mich wecktest aus meiner
Gedankenlosigkeit und auf den Weg meiner Pflicht mich fhrtest. Meine
Pflicht -- die gegen Deine Sache streiten, die ihr die Wunde schlagen
mute! Meine Pflicht, gegen die Deine eigene Pflicht sich erhob.

So hast Du mir Dich aufgeopfert! Und hast Du so Deine Welt nicht hinter
Dir gelassen? Keine Heimat gibt sie Dir mehr. Die Fden sind zerrissen.
Du gehrst uns. In mein Leben gehrst Du. Eigenes Heimweh hat in meine
Welt, hat zu mir Dich gezogen -- nun halt ich Dich fest! Nun bist Du
mein!

Hohl klingt ein Murmeln an die Wand des Schuppens. Wlzt sich dumpf,
dster und schwer. Legt sich ihm auf die Brust wie ein Mar. Was friert
ihm so ins Blut? Was schauert ihm so durch die Seele?

Er springt auf und tritt hinaus in den Gang, tritt vor die Tr. Die
Streife kehrt zurck. Sie tragen jemanden. Kunz geht voran. Horst ist
bei ihm. Eine Frau, sagt Kunz, weiter nichts. Seine Augen sagen mehr.
Horst aber wei es lngst, was er jetzt sieht. Lona. Und sie ist ohne
Leben.

Er wei es, er sieht es -- und glaubt es wieder nicht. Seine Hnde irren
ber ihr eisiges Gesicht -- sie wollen sich irren -- sie rhren, sie
fassen den Tod.

Lo-na. Seine Zhne klappern. Lo-na. Zerrissen ihr Name. Ihr Wesen
zerfallen. Zerbrochen ihre Form. Ihre Seele entflogen.

Ein Schu mitten durchs Herz.

Und jetzt die Fragen der andern: War sie selbst unter den Strmenden
gewesen? Dann am alleruersten Flgel. Oder hatte sie als Zuschauerin
abseits gestanden? Kugeln irren sich so gern.

Horst hatte seine Antwort. Hergeworfen -- hergewirbelt hat es Dich --
nicht ein Gefhl allein -- Du mutest dabei sein -- nicht blo sehen, es
mit erleben -- ein Schuldbewutsein flocht Dich in die Reihen der
Genossen -- und doch Deine Gedanken flogen ihnen voraus. Sie waren bei
mir -- sie suchten mich -- in schmerzlichem Verlangen --

So war es. Steht es nicht so in Deinem Gesicht geschrieben? Ist all das
Zerwhlte nicht zur Ruhe gebracht? Schwebt darber nicht etwas wie die
weiche, bebende, sorgende Zrtlichkeit des Weibes?

In der Halle war die Leiche niedergelegt. Horst hielt bei ihr die
Totenwacht.

Unwirklich war ihm noch alles. Wie trunken machte ihn der Schmerz. Seine
Fieber taumelten wie in den Visionen einer Dichtung.

So umgeisterte ihn alles, was er mit Lona erlebt hatte -- seit der
ersten Stunde, da sie sich fanden. Wie er sie das schne, bse Raubtier
sich nannte, in der Versammlung -- als sie zum Sprunge gegen Herrn
Borkhus sich duckte, den Zerbrecher ihres jungen Glcks. Wie sie ihre
berhitzte Schulmeinung ihm ins Gesicht sprhte: deutsch ist mir ein zu
unwesentlicher Begriff! Blieb sie in der de solcher Verstiegenheit?
Fing sie nicht an, auf ihre heimatlichen Wurzeln sich zu besinnen?
Langsam -- Geduld mute man mit ihr haben --

Als er aus der Kirchhofshaft sie befreite, da starrte sie noch in Waffen
gegen ihn. Aber wie der alte Lud dann ihr Wesen ihm gedeutet hatte -- je
mehr er sie begriff, um so nher rckte sie ihm, um so nher rckte er
ihr. Was sie auf der Landarbeiterversammlung sprach, Klnge aus der
Tiefe, die in ihm widerhallten. Und wie sie beide bei Lud sich fanden,
sich etwas zu sagen und zu geben hatten -- bis sie in der groen
Offenbarung ihres Orgelspiels mit allem, was in ihrer Seele flutete und
brauste und kmpfte, verzweifelte und zum Licht sich aufbumte, mit den
schmerzvoll heiligen Feuern ihrer Seele ihn berwltigte.

Du suchtest den Weg, der Dir verschttet war -- Du fandest ihn ber
Trmmer, einen schmalen Pfad -- ich durfte die Hand Dir
entgegenstrecken, Du wolltest sie ergreifen --

Und jetzt abgestrzt -- zerschmettert -- zerbrochen --

Und nicht mehr rollten die Bilder an ihm vorber, wie Szenen eines
Schauspiels, das ihm als Zuschauer den Atem versetzte -- die
Wirklichkeit ri ihn aus dem Rausch der Todesnhe, das Leben, sein Leben
packte ihn an -- ein Teil von seinem Leben war ihr Tod. Ein Teil von ihm
war mit ihr gestorben.

Lona -- er umspannte ihre kalten, welken Finger. Vor ein paar Stunden
hatte er sie noch gehalten -- wie pulsten sie in seiner Hand, wie pochte
ihr Blut an das seine! Jetzt ist der groe Abgrund zwischen uns, ber
den nur die Todesfittiche tragen. Und Du bist auf der geistigen Seite.

Du blasse Lona -- nicht mehr das schne, bse Raubtier -- o nein -- ein
schner, guter, verklrter Geist -- nicht mehr ans Irdische gefesselt,
nicht mehr dem Krper verhaftet, jetzt hast Du Dir das Jenseits erobert,
das Dich so qulte. Jetzt sind die Schleier gefallen, die Geheimnisse
enthllt -- jetzt siehst Du den Sinn der Welt. Des Lebens! Des Lebens
vor dem Leben. Des Lebens nach dem Sterben.

Und hat das alles seinen Sinn -- was ist sinnvoll anders als gut? Der
gute Sinn, der groe gute Sinn des Lebens, der groe gute Sinn der Welt.

Kann der Tod ihn uns verdunkeln? Fhrt er nicht gerade, was in uns, den
berlebenden, stark und echt und treu ist an Liebe und Kraft, an Fhlen,
Denken und Wollen, empor zu der Hhe eines Gelbnisses!

Sich treu bleiben! Seinem Fhlen und Willen treu bleiben! In seinem
Fhlen und Willen sich klren! In seinem Fhlen und Willen sich
vollenden!

Wieviele Kameraden hat Horst begraben! Vor jedem Toten hat er so
gestanden, gehoben, gesteigert, beflgelt in seinem Wesen, gefestigt in
einem Schwur. So strmt uns neue Kraft zu von unseren Toten. So sind die
fr uns gestorben, die uns lieb waren.

So bist auch Du fr mich gestorben, Lona. Die Du mir feind warst, die
ich Dich lieb gewonnen. Trnen schauerten durch ihn hin. Da machte er
sich hart.

Sich treu bleiben, seinem Fhlen, seinem Willen treu bleiben. Und so in
die Hhe wachsen, aus sich, in sich, zu sich selbst empor! Er stand
aufrecht und frei, von seiner Andacht geweiht.

Kunz kam herein. Er berichtete, der Verletzte wre zu sich gekommen,
finge an zu toben, wollte nicht lnger bleiben.

Horst ging zu ihm. Er lag, den Oberkrper aufgerichtet, die Hnde
krampfhaft aufgestemmt -- das wirre Haar hing ihm in irre Augen -- ich
la mich nicht einsperren -- schlagt mich tot -- ich la mich nicht
qulen --!

Jeder sah, da an ein Fortschaffen nicht zu denken war. Auch der Mulatte
schttelte den kugelrunden Kopf.

Horst sprach ruhig auf ihn ein. Sie sind krank und hilfsbedrftig --
wer wird Ihnen was zuleide tun! Sie werden hier gesund gepflegt. Wenn
Sie sich ruhig verhalten, knnen Sie vielleicht morgen schon nach
Hause.

Ruhiger wurde er, von den Worten, von dem Stimmklang. Aber in den Augen
ging es noch weiter um. Dann sah und erkannte er den Genossen. Was tust
Du hier? Bist Du auch gefangen -- schmst Dich nicht -- kannst rumlaufen
-- ich -- den schweren Kopf -- den -- schweren -- Kopf --

Jetzt sank er zurck, zuckte noch, und dann kam der Schlaf ber ihn.

In der Baracke ging man zur Ruhe. Ein guter Teil der Nacht war vorber.
Horst mit zwei Kameraden hatte die Wache bis zur Frhe bernommen. Die
beiden machten es sich im Eingang bequem. Er, im Mantel, setzte sich auf
die Bank vor der Tr und wartete den Morgen entgegen.

Mde gingen seine Gedanken ein in die groe Sternenstille. Mde und
demtig. Ihr Sterne, ich kann Euch nicht einmal zhlen. Wie soll ich
Euch begreifen? Funken der Ewigkeit ihr --! --

Mein Erdenschicksal -- ein Staubkorn nur dieser kleinen Erde und mir so
wichtig und schwer --

Und doch -- ich bin nicht verloren -- ich bin in der Unendlichkeit --
und darum die Unendlichkeit ist in mir -- in mir das Ewige -- den Stolz
des Lebens, ich darf ihn fhlen. So darf ich in die unermessene Hhe
sehen, ohne zu verzagen. Darf an ihr wachsen, in sie wachsen, denn sie
ist mein.

Im Osten zog sich ein fahler Streif, an dem die Sterne verblaten. Der
Morgen rieb sich die Augen. Vom Westen her, wo das nchtige Dunkel noch
fest lag, schob sich langsam eine mchtige Gestalt. Ein dumpfes Murmeln,
gebndigt und doch ein Donnerrollen, verkndete ihr Nahen. Nur einer
konnte so brummen -- und jetzt kam er in Sicht -- Horst stand auf, ihn
zu empfangen. Lud Uhlenbrook war es.

Konnte er wissen, was geschehen war? Zog ihn nur dunkle Ahnung her? Es
war Ungewiheit, was ihn qulte. Froh packte er Horstens Hand. Was hab
ich blo zurecht getrumt -- von Schlacht und Schieerei. Hin und her
hat es mich gewlzt. Gut, da ich Sie finde!

Nun stutzte er ber des Freundes Haltung. Der sagte dann still: Sie
haben nicht getrumt.

Und ist was passiert?

Ja. Dies eine Wort, so schwer von dem Geschehenen, ffnete ihm den
Blick.

Was mit Lona?

Wir haben sie hier.

Der alte Mann sank vornber -- seine gewaltigen Hnde jappten hilflos
wie zwei Riesenfischkpfe auf Land. Dann trottete er chzend ins Haus.
Horst ihm nach fhrte ihn in die Halle. Der Morgendmmer zeigte ihm die
Tote.

Lud Uhlenbrook sthnte auf, einmal -- dann summte es in ihm, so wie der
Wind in hohen Drahtleitungen summt -- dann ward er selbst totenstill.

Und jetzt, mit einer urlangsamen Selbstverstndlichkeit nahm er die Tote
wie eine Puppe auf den Arm. Nichts Wildes war dabei, nichts Wirres. Nur
die groe Sicherheit seines Tuns.

Wortlos trug er sie hinaus. Trug sie ber die Heide. Fahl und wie
klagend zog der Morgenschein hinter ihm her -- den bermenschlichen,
gespenstigen Leichentrger.

In Horst lehnte es sich auf. Mein Eigen -- ich la es mir nicht nehmen!

Ihm nachstrzen will er -- und erschrickt vor seiner Jachheit. Soll ich
ihn niederwerfen -- ihn mit der Toten! Soll ich um sie mich balgen mit
dem alten Mann!

Wallt er nicht dahin, so wie die Notwendigkeit schreitet! An die sich
nicht rhren lt --! Und ist hier nicht Liebe am Werk? So wollen wir in
der Gemeinschaft bleiben, wir drei.

Recht ist ja, was Du fhlst und tust! Nicht in die Baracke gehrt sie,
die ihr verhat und die ihr feindlich gesinnt war -- in Dein stilles
Haus, das ihr eine Heimat gewesen. Da soll sie aufgebahrt werden. Da
wollen wir ihr die Totenfeier rsten. --

An diesem Tage erholte sich der Betubte so weit, da er das Siedlerhaus
verlassen konnte. Es war der Leiter des berfalles selbst, der
Werkfhrer Stahlboom.

Die Siedler hatten den ganzen Tag hart gearbeitet, auf dem Felde, in der
Ziegelei, auf dem Moor. Gedenkreden auf den gestrigen Tag hatte das
Schaffen befeuert. Man erzhlte sich, da die Angreifer mehrere
Verwundete heimgeschleppt htten. Das eine Maschinengewehr gegen den
Abhang hatte nun doch nicht hoch genug gehalten. Wer hat auch in solchen
Augenblicken Nerv und Hand so in der Gewalt? Der Tod hatte nur das eine
Opfer sich geholt -- die Frau -- Lona.

Mehr als ein Auge suchte Horst wieder auf. Der war am Werk wie nur je,
selbst der Fleiigste und Hrteste. Da sein Gesicht bla war, da die
gerade Falte zwischen den Brauen sich tiefer prgte -- wer von ihnen
trug nicht an dieser Nacht! Und enger waren sie aneinander gerckt,
dichter war die Reihe geschlossen, Kameradschaft war Trumpf.

Wie sie Feierabend gemacht hatten, trafen sie den Pflegling bei
Gehversuchen vor der Tr. Als der Anfhrer wute er, was er sich
schuldig war. Er wartete auf Horst, trat ihm in guter Haltung festen
Auges entgegen und sagte klar: Ich danke fr Pflege und Quartier. Mein
Wunsch ist, einmal -- Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Es war nichts Verstecktes darin, kein lauernder Hohn, es hatte seine
offene Bedeutung. Und Horst gefiel diese Art. Saubere, ehrliche
Feindschaft! Damit lie sich etwas anfangen. Darauf lie sich sogar
aufbauen. Nur das Heimtckische zerrttet.




                                 Feier


Und jetzt kam fr die Siedler ein groer, freudenvoller Tag. Der
Grundstein zum ersten Siedlungshaus wurde gelegt. Findlingsblcke sein
Fundament.

Es gab eine stille Feier, zu der Frau Tilde, Pastor Waermann und Vita
sich einfanden. Horst sprach: Auf Steinen wirst Du errichtet, Du unser
erstes Haus, die der Norden uns zugefhrt hat. Der Norden, die groe
Heimat der deutschen Stmme. Der harte, helle Norden, der noch heut die
deutsche Art am treuesten hegt. Wo die Mnner von je frei, stolz und
ungebeugt den Nacken hielten. Keine Knechtschaft duldet der
Nordlandschein. Reden sollt ihr, ihr Steine! Zeugen sollt ihr uns sein,
Eidhelfer! Ein deutsches Haus sollt ihr tragen! Deutsche freie Mnner
sollen in ihm wohnen!

Pastor Waermann sagte seinen Spruch: Auf diesem Fels wollen wir eine
Kirche bauen! Eine deutsche Kirche! Jede Andacht, jedes Gebet in ihr,
jeder Gedanke, jeder Wille in ihr: die deutsche Freiheit!

Und Frau Tilde weihte das Haus: ber dem Altar der Spruch der
Gemeinsamen: Ich lebe in Dir -- Du lebst in mir!

Vita aber flammte empor: Der Altar dieser Kirche soll ein Ambo sein!
Schwerter zu schmieden! Ihre Katzenaugen sprhten von funkelndem
Phosphor, die Worte sprangen und splitterten in ihrer mutierenden
Knabenstimme. Alle freuten sich ihres berschwanges, der so kindlich war
und doch aus schmerzlicher Tiefe loderte.

Die Maiensonne meinte es gut. Sie saen zu einem kleinen Imbi vor der
Baracke im Freien nieder. Von dem Kampf sprachen sie, von Lonas Tod. Ein
Schweigen ehrte die Heimgerufene. Keine Frage rhrte an Horstens
Versunkenheit. Jetzt gab Pastor Waermann zu bedenken: dieser Waffengang
werde weithin alle Geister beschftigen. Wollte die Siedlung ihre
Maschinengewehre retten, mte sie sie verstecken.

Kunz stimmte lebhaft zu. Er wute die Pltze dafr -- zwischen den
Steinplatten der Hnengrber, die wieder zugeschttet wrden -- in der
Gruft bei Herrn von Borkhus, unter seinem Sarge.

Horst lehnte ab. Wir verstecken die Waffen nicht. Die Linie zwischen
den Brauen gab Zeugnis.

Dankwart und Kunz schttelten den Kopf. War Lonas Tod ein Gewinn?

Dann lie es Frau Tilde sich nicht nehmen, in die Stallungen einen Blick
zu tun. Gisbert, der hier Zustndige, bernahm die Fhrung.

Ein braunweies Kalb hatten sie, das war ihr Stolz. Ihre beiden
Milchschafe, erlesener friesischer Rasse, hatten je zwei Lmmer
geworfen. Zehn Kken purzeln und trippeln und schieen herbei nach den
Lockrufen der Mutter Henne. Zwei andere Hennen noch brten in den
Krben, feierlich in der gewlbten Ruhe ihres heien, breit gefalteten
Gefieders, heizend und erhitzt, bse die Augen gegen die Welt, von
Halbschlaf benommen, versunken in das eigene geheimnisvolle Werk,
scharlachrot von der Inbrunst des Schaffens der Kopf, der klein geworden
ist gegen den machtvollen, lebenspendenden Leib.

Frau Tilde sieht alles, prft alles und ist zufrieden. Glcklich macht
Gisbert die Anerkennung. Bienenstnde mssen Sie noch haben, die
gehren zu Ihrem Heideland.

Und dann begleitet Gisbert die Freundin nach Hause. Die Herrin -- er
fhlt sich ganz als ihr Wirtschaftseleve. Immer wird er Landmann
bleiben, nie mehr wird die Stadt ihn sehen, in der die Menschen
versteinern. Die Naturandacht sein Leben. Seines Daseins Licht diese
Frau, die nicht mde wird, ihn zu beschenken. Nie mehr kann er von ihrer
Seite gehen.

Sie blicken von der Hhe ber das Land. Obstbume blhen an dem Wege,
der zum Moorhofer Herrenhause fhrt. Wie groe weie Blumenstrue
stehen sie da, der Knigin dieses Reiches ein Fest zu bereiten. Auf dem
Hgel auerhalb der Parkmauer, der weite Ausschau gewhrt, steht ein
mchtiger Ahorn mit runder Bank. Da setzen sie sich nieder. Leuchtende
Wolken, erhaben und schpferisch bildhaft, ziehen ostwrts, von der
sinkenden Sonne beleuchtet.

Sie schauen hinauf, pltzlich fragt Tilde: Sind Sie sehr
shakespearefest?

O nein, ganz und gar nicht.

Dann kann ich es wagen, sagt sie und streicht sich ein mdchenhaftes
Zagen aus der Stirn. Ich denke an die Szene, wie Hamlet den Hflingen
Rosenkranz und Gldenstern die Wolke zeigt -- sie nach dem Bilde fragt
-- ihnen die Antwort in den Mund legt. Sieht sie nicht aus wie ein
Kamel, wie ein Walfisch, wie ein Wiesel -- fr die bestialische
Reihenfolge wird keine Gewhr bernommen. Ich mu sagen, da ich mit
dieser Szene nie das Rechte habe anfangen knnen.

Weil die Wolken so vieldeutig sind --

Ja. Ganz gewi fr Menschen, die nichts miteinander gemein haben. Da
die Wolkenumrisse so schnell zerflieen -- eine ganze wandernde
Menagerie kann man einem Fremden suggerieren. Der darum noch gar nicht
liebedienerisch ja zu sagen braucht. Menschen aber, die sich nahe sind
und miteinander leben -- es ist berraschend, wie sie in den Wolken ganz
zu gleicher Zeit dieselben Gesichte haben.

Gisbert blickt in die Wolken, die sollen ein Bild ihm zeigen.

Wie oft, spricht Frau Tilde weiter, haben wir als Kinder, mein Bruder
Volker und ich, so den Himmel abgesucht. Dann fanden wir etwas --
gemeinsam -- faten unsere Hnde -- sagten es uns. Und immer war es
dasselbe. Eine Walkre mit Flgelhelm und wallendem Haar -- ein alter
Rabbi mit langem Bart -- ein Indianer auf der Bffeljagd -- ein
buckeliger Pierrot -- eine knieende Beterin. So eng hingen wir beide
zusammen.

Durch Gisbert zieht ein stilles Leuchten. Und wir beide? Wie nahe bist
Du mir -- und mir, ich wei es, mir gibst auch Du Deine Nhe. Ich fhle
wie Sie -- immer, immer fhrt unter dieser Flagge mein Lebensschiff.
Und was reichst Du tglich meinem Dasein an Geschenken!

Eine Zuversicht hebt ihn, bis in den Himmel. Was die Wolken mir jetzt
zeigen, ich wei es, Du siehst es mit mir. Und wie er jetzt suchend
wieder den Kopf aufrichtet, tut sie es auch. Leicht hebt er die Hand --
nun zittert er doch in allen Fasern, da die Gewiheit droht -- und leise
ist sein Wort: Ein Schwan --

Er fliegt. In die Sonne fliegt er. Ihre Stimme hat den stillen Glanz
des Selbstverstndlichen. Sie sieht, was er sieht.

Und auf dem Kopf --

Eine Krone.

Eine Krone von Gold.

Sie sehen dasselbe, sie fhlen dasselbe, ein und dasselbe sind sie. In
Gisbert braust es und jauchzt es. Mein gekrntes Glck! -- -- --

Vita und Kunz gingen ber die Heide. Der Wind trug ihnen den herben Duft
der Wacholderbsche zu. Auf die Dnen zog es sie. Hartblau war die Flut.
Sie sphten ber die See.

Wieder kein Schiff, rief Vita klagend schrill.

Und wr eins da, es wr kein deutsches.

Kommen Sie. Wenn man einmal nicht traurig oder zornig genug ist, geht
man hierher. Aber meist ist man es ja.

Zurck in die Heide. In Wolkenhhe kreiste ein Raubvogel. Kann man den
schieen? fragte Vita.

Mit einer gewhnlichen Jagdbchse kaum.

Aber mit dem Armeegewehr?

Ja.

Wrden Sie ihn treffen?

Schwerlich, ich bin kein Scharfschtze.

Aber ich mchte es werden. Ich will schieen lernen. Sie sollen mich
mit auf die Jagd nehmen.

Es gibt jetzt blo nichts zu jagen. Hchstens Raubzeug.

Um so besser. Und die Augen sprhten ihre grnen Funken.

Kunz lchelte dazu. Was bist Du fr ein Kind, dachte er. Wie lange mu
ich noch auf Dich warten?

Dann aber gab es einen Ri, einen bedrohlichen fast. Ihren Hund aber
mssen Sie zu Hause lassen! erklrte sie.

Meinen Muz?

Hunde kann ich nicht leiden.

Er starrte in ihre graugrnen Lichter. Bist Du es nun doch, eine Katze
auf der Seelenwanderung! Dann sprach er beruhigt, mit siegender
Gelassenheit: Sie haben noch nie in ein Hundeauge gesehen.

Ich mag die Kter nun einmal nicht. Nicht ihren Geruch. Nicht ihr
Schweifgewedel, nicht ihre geprgelte Treue.

Kunz lehnte sich zurck, heftig, ber das Gleichgewicht und taumelte
ratlos benommen. Eine Rede der Verteidigung? Was ntzt hier -- und
anderswo -- alles reden. Erleben soll sie Dich, Muz. Und sich zu Dir
bekehren. Aber seinen Sto hatte er weg. Und seine Zrtlichkeit trug
eine Wunde.

Die mute erst ausheilen. Heute wrde es nun doch nicht mehr das Rechte
mit ihm und seinem Mdchen. Er war nicht trostlos, als der Pastor und
Horst ihnen in den Wurf kamen, die nach Moordorf zuschritten. Lieferte
das Kind an den Vater ab und zog allein seine Strae. Er sehnte sich
nach Muz, nach seinem Auge. --

Allein wanderte dann auch Horst weiter. Zum Torfmeister und zu Lona ging
sein Weg. Sein Schritt war langsam und schwer.

Mit Feldblumen hatte der Alte die Tote bedacht und besteckt. Blumen aus
dem Moor, sagte er. Im Tode haben die beiden sich gefunden.

Er wirkte und wallte umher wie ein Priester. Von der Leiche trennte er
sich nicht, er gab sie nicht her fr Horst zu einsamer Andacht. Manchmal
scho auf den, wie auf einen Fremden, einen Eindringling, einen Feind,
ein fast bser drohender Blick aus den roten Lidern.

Horst stand vor der Toten. Nicht erlst sind Deine Zge. Um Deinen Mund
das Lcheln -- es hat nichts Verklrtes -- leidenschaftlich und leidend.
Dein Los hat sich Dir nicht erfllt. Sehr viel Sehnsucht trgst Du mit
hinaus. Auf den dunklen Fittichen qulender Fragen bist Du
emporgerauscht. Jetzt -- jetzt wandelst Du im Lichte der Antwort.

Der Alte zog herum und lie ihm nicht die Stille. Der Pastor soll sie
nicht zum Begrbnis haben! murmelte er drohend. Eine Kriegstrompete
ist er geworden. Was soll die hier? Hier blst sie vorbei. Und er strt
sie blo. Und sie sollen Dich nicht stren! Alle haben sie Dich geqult.
Deine Freunde, durch ihr Wten, Deutsche gegen Deutsche! Und Deine
Feinde -- dieselbe sinnlose Wut! In diese Brandung bist Du geraten, so
bist Du verdorben!

Schuld seid Ihr ja -- gegen Westen hob er jetzt in jhem Ruck die
mchtige haarige Faust -- Ihr Hllenhunde da drben! Ihr mit all Euren
Bundesgenossen, all Euresgleichen -- nur in Rudeln jagt das feige
Gesindel -- Ihr habt heimtckisch Deutschland zur Strecke und in das
Elend gebracht! Und in unserm Grauen kehrt unsere Wut sich gegen uns
selbst. Auch mein Kind habt Ihr feige und tckisch gemordet. Es wird
Euch heimgezahlt!

Wie ein Seher und Rcher steht er da mit berweltlichen Augen! Horst
zwingt es zu ihm hin. Er nimmt die furchtbar bebende Hand. Er grt den
deutschen Herzschlag, der ihm selber die Adern sprengt.

Dann erlischt in den alten Augen die Flamme. Und ein Mitrauen wehrt dem
jungen Freund. Du willst teilhaben an meinem Totenfest. Du hast sie
lieb gehabt, meinst Du. Hast Du sie lieb gehabt, ohne etwas von ihr zu
wollen? Ich aber liebte sie und wollte nichts von ihr, und darum ist
meine Liebe grer als Deine. Darum bin ich mehr als Du und hab mehr
Rechte als Du. Ich allein begrab sie mir.

Und da Horst eine Bewegung macht -- bist Du nicht als Feind im Kampf
mit ihr gewesen! Hat eine von Euren Kugeln sie nicht getroffen! Hast Du
-- Du sie nicht gettet! So gut wie mit eigener Hand! Da Du Feuer
befohlen hast! Und Du willst sie mir streitig machen!

Die Augen kreisen, Flammenrder einer eiferschtigen Angst, eines
eiferschtigen Zornes. Die beschwichtigende Hand des Nebenbuhlers wird
mit einem Kopfschtteln abgetan. Aber damit kehrt schon seine Ruhe
wieder. Doch die Ruhe schrft und hrtet sich.

Hoch richtet er sich auf. Die verkrampften Hnde packen die Brust: Ich,
der Totengrber Lud Uhlenbrook -- der einzige, der diese Tote lieb
gehabt hat -- und der einzige auch, den die Tote lieb gehabt hat -- nur
mir gehrt sie -- nur mir gehrt ihr Begrbnis -- nur mir gehrt ihr
Grab. Allein bestatte ich sie. Niemand soll dabei sein. Mein Moor soll
sie bewahren. Und die Sttte zeige ich keinem. Mein Moor balsamiert
Deinen Krper ein und rettet Deine Schnheit. Das Moor lt keine Wrmer
an Dich hinan. So gut wie lebendig bleibst Du mir. Mir -- die Du mir
gehrst!

Es wirft ihn nieder -- er kniet zu ihr hin, er legt die alten,
blutroten, trnenblinden Augen auf ihre kalte Hand.

Horst hat die Stube verlassen. -- --

Zwischen den Findlingstrmmern, eine einsame Birke ber sich -- wie
duftete das junge Laub! -- sa Kunz mit Muz, seinem Tier, und sprach zu
ihm. Steil gestellt waren die hohen spitzen Ohren, in den groen
goldbraunen Augen war alle Klarheit, alle Weisheit, alle Gte, alle
Wehmut der Welt versammelt.

Jemand hat Dich gelstert, mein Tier, und ich habe ihn nicht gettet.
Ein Weib -- nein, ein Junge, ein Kind. Nein, eine Katze.

Nun drehst Du den Kopf. Das Wort geht Dir ins Blut. Dies Wort verstehst
Du, sagen die Einfltigen. Als ob Du nicht jedes Wort verstndest, das
ich zu Dir spreche.

Nur, da Du mir nicht antworten kannst in unserer Sprache. In der
Sprache der Menschen, diesem grten von allen unseren Mysterien. Unsere
Freiheit, in der wir geknechtet sind, unser Glck, daran wir gekreuzigt,
der Segen, zu dem wir verdammt worden, die Wahrheit, die uns mit Lge
schlgt.

Was da in Deinem Auge, dem unermelich tiefen, dem unermelich scheuen
vor der eigenen unergrndlichen schwermtigen Klarheit, was da spricht
und schweigt -- heit das: ich klage und traure, da ich nicht Worte
habe wie ihr, euch zu antworten, wie ihr mich fragt?

Oder heit es ganz anders! Ist es Dein Schmerz, da wir, wir mit der
Sprache gesegnete Verfluchten nicht Deine Augen haben! In denen die
Seele ist, die wir auf die Zunge heben und so veruerlichen! Die wir in
leeren Schall zerflattern lassen!

Heilig sind Deine Augen, fromm machen Deine Augen! Sie soll
hineinblicken, das Weib, das Kind und Katze ist. Und soll niederknien!

Das ist ja wahr, Muz, auer Deinen Augen bist Du noch so mancherlei.
Eine Bestie, ein Bandit, ein Herumtreiber, ein Hund mit einem Wort. Ein
Lumpenhund von einem Hund!

Von Deinen Liebeshndeln will ich nichts sagen, obwohl sie heftig dazu
herausfordern. Aber -- hast Du mir nicht vorgestern erst aus meiner
ahnungslosen Jacke, die bei der Arbeit sich mit der Maiensonne nicht
vertrug, mein Frhstck gestohlen! Das Papier mit Zhnen und Pfote
weggefetzt und die Stulle verputzt! Meine, Deines Herrn und Gebieters
Frhstcksstulle. Der redlich und rechtschaffen hungrig war.
Amerikanisches Schmalz war darauf -- Du lieber Gott, in der Not frit
der Deubel Amerikaner. Du fraest, und mich lieest Du den Daumen
lutschen, Du ungetreuestes aller Mistviecher Du.

Aber Deine Augen -- und wieder und immer wieder Deine Augen! Heilig,
heilig sind sie und Andacht sollen sie lehren das Weib, das ein Kind,
ein Junge und eine Katze ist!

Muz, Muz, Du kennst meine Vita. Du hast sie gesehen, freilich nur aus
der Ferne. Denn Du drngst Dich denen nicht auf, die Dich nicht wollen.
Ist sie nicht ein verschlossen und verzaubert Kstliches!

Vita, noch schlft alles Leben in Dir! Ich will es mir wecken, mir
sollst Du einmal auferstehen. Eine Knospe bist Du, hart und spitz. Und
die Knospe sticht. Die mir, mir ihre Blte verheit und bewahrt.

Einfltig bist Du, ja, so einfltig kannst Du sein, da man manchmal Rad
schlgt vor Schreck und vor Freude -- wie wirst Du Dich mir entfalten!
Ein dummer Junge oft -- ich ruf es mir wach, das liebe kluge Mdchen!
Ich kss' es mir auf!

Und Kunz schlgt die Arme um sich und umarmt die Luft. Entsetzt fhrt
Muz in die Hhe -- zum Tierarzt! ist sein erster Gedanke. Der Mann ist
verrckt!

Aber schon ist der Mann wieder friedsam geworden, kauert sich zu dem
Hund, lt die samtenen Ohren sich durch die Hnde gehen und erzhlt ihm
weiter.

Ja, mein Tier -- Dir sag ich alles. Du verstehst jedes Wort und birgst
es in der Seele. Du willst nicht alles besser wissen und schwtzest
nicht dazwischen, wie diese entsetzlichen Klookschieter von Menschen!

Froh bin ich, Muz, und kann lachen. Und hab klug reden, wenn die andern
auf unseren Stall schimpfen und gern ausreien mchten. Wo mein Glck
hier neben mir wohnt!

Was aber wird aus Horst? Jetzt, wo die Frau aus seinem Leben genommen
ist, die auf andere Bahnen ihn zog -- auf verschlungene Pfade, die
abseits lagen von unserer geraden Strae. Wird er den Weg zurckfinden?
Wird sie als Geist ihn weiter bannen? Haben sich nicht die Schatten zu
tief in ihn eingefressen? Kann er uns wieder der Alte sein in alter
Helle?

Anfllig Horst auch Du -- seid Ihr nicht alle krank geworden am
deutschen Leid? Bin ich nicht der einzige gesund geblieben, ich, der
Dickfellige, in bekmmlicher Gedankenarmut!

Auch Gesundheit steckt an! Nicht mde werden will ich, Euch mit meinem
Gesundheitsstoff zu infizieren! Dich, Horst, Dich, Gisbert, und
Dankwart, auch Dich! Du Mann mit dem verlorenen Lachen. Lachen sollst Du
wieder knnen oder doch lcheln. Denn, wenn wir nicht lachen, wir Wachen
im deutschen Lande, so schaffen wir es nun und nimmermehr.




                                Ingeborg


Bitterlich zu kmpfen gilt es ja um das Lachen.

Am andern Tage, die Maisonne jubelte grausam, kam aus der
Provinzialhauptstadt ein hoher Beamter mit militrischer Begleitung. Er
und der Offizier Mnner mit den schmerzweiten Augen, wie sie durch
Deutschland klagen -- beide nur an Bord geblieben, damit das Schiff
nicht ohne Mannschaft sei, abgeneigt der Fhrung des Fahrzeuges, ohne
Vertrauen zu seiner Steuerung und doch gehalten von der Disziplin des
Gehorsams, der dem Vaterlande gilt. Mit halbem Herzen fhrten sie den
Auftrag aus. Nur das Ntigste wurde gesprochen. Vier Maschinengewehre
sind hier am Sonntag abend in Ttigkeit gewesen. Die Maschinengewehre
gehren dem Staat. Sie haben sie abzuliefern. Wir sind hier, sie in
Empfang zu nehmen.

Horst sagte ein ruhiges: Bitte.

Weiter mchte ich Sie ersuchen, mir ber die Vorgnge am Sonntag abend
Auskunft zu geben. Ich mu sie zu Protokoll nehmen. Horst berichtete,
was er wute.

Wo befindet sich die Tote?

Im Hause des Torfmeisters zu Moordorf.

Kein berflssiges Wort. Was man fhlte, wurde in Schweigen eingesargt.
Wenige waren dabei. Kunz als der Waffenmeister, drei von den Siedlern,
die Hausdienst hatten. Die andern waren beim Bau und auf den Feldern.

An der Mittagstafel natrlich bewegte dies die Geister aufs tiefste.
Unsere Burg ist geschleift, sagte Kunz. Das war der Grundton.

Wir sind und bleiben Soldaten! rief einer. Und ein Soldat ohne Waffen
-- was ist das? Die Hunde heben das Bein dagegen auf!

Es ging ihnen nicht blo an den Stolz, an die Ehre der Wehrhaftigkeit.
An das Gefhl der Sicherheit griff es. Jetzt knnen sie uns mit
Knppeln totschlagen.

Metzling, der Grundstzliche, versuchte eine Rede. Der Zorn der andern
wre ja gerade durch die Maschinengewehre erregt worden. Sie empfanden
es als Ungerechtigkeit, da wir welche hatten und sie nicht --

Und als Gerechtigkeit htten sie es dann empfunden, wenn sie sie
gekriegt htten und gingen uns damit zu Leibe! Ein Einwurf, den das
Lachen der meisten billigte und trug. Fr die Minderheit aber, die
theoretischen Schwrmer, wurde die Gerechtigkeit nun doch zum Kampfruf.
Gleiche Waffen -- gleiche Waffenlosigkeit. Nur so kann der Bruderkrieg
aufhren, nur so eine Mglichkeit der Verstndigung und Eintracht.

O Ihr weichen Seelen -- schalt Kunz dagegen -- o Ihr erweichten Hirne!

Mit der Idee kam die Erhitzung in die Gemter, es gab Streit und
Zerklftung. Zum erstenmal grub sich ein tieferer Ri durch die
Siedlerschaft.

Und wieder an Horst hngten sich die Augen. Er hatte finster dagesessen,
wie abgekehrt, bewegungslos und ehern. Jetzt belebte er sich. Und nahm
das Steuer in die Hand.

So geraten wir uns also selbst in die Haare. Wollt Ihr einander dies
eine Euch klarmachen. Sie haben uns die Waffen genommen. Sie sagen, da
die nicht uns, da die dem Staate gehren. Dem Staat -- wir wollen sie
nicht fragen, wer das ist. Aber bleiben sie dem Staat? Liefert der sie
nicht an unsere Feinde aus? Daran denkt! Und denkt daran, wie nicht blo
unsere Waffen, wie auch unsere Arbeit dem Feinde ausgeliefert wird.
Alles, was wir schaffen, alle Werte, die wir erzeugen. Unser Haus --
auch das bauen wir fr die Feinde. Es wird kein deutsches, es wird ein
franzsisches Haus. Wenn wir nicht einig sind! Wenn wir nicht einig und
gro uns erheben! Daran denkt, nur daran! Alles -- alles hat dem zu
dienen.

Es ist der alte Klang in seinem Wort, der alte Fhrergeist in seiner
Rede Tat. Und seine Augen haben den Mut seiner Worte. Dem beugen sich
alle, dem folgen sie alle. Und in Kunz glht es: er hat die Hhe, er hat
auch die Hand. Da er den Willen behalte und die Kraft!

Sie gehen an ihr Tagewerk. Wir fronen nicht! Wer unsere Gedanken hat,
unseren Willen, unseren Mut, der arbeitet frei an freiem deutschen Werk,
Deutschland zur Ehr, Deutschland zur Wehr!

Wir weben am Schicksal des Vaterlands. Schicksal -- was ist Schicksal?
Was wir schaffen ist Schicksal! So bndigen unsere Hnde das Geschick,
unsere Zuversicht, die Kraft unserer Sehnsucht, unseres begeisterten
Willens schafft eine neue Wirklichkeit.

Dieser Glaube, von Horst bezeugt, dem Fhrer, dem Propheten, lebte in
ihrer Arbeit. Ihr Werk gedieh und strkte sie durch sein Wachstum.

Horst aber -- und Kunz wurde seines Mitrauens nicht Herr -- blieb wie
zugeriegelt und suchte die Einsamkeit.

Der alte Hne im Moor hatte sein Kind allein begraben. Niemand hatte die
Stunde gewut, niemand erfuhr die Stelle. Die Genossen hatten eine groe
Leichenfeier gewollt. Die Blutzeugin fr die groe Sache! Wie konnte die
Strae ihrer entbehren! Sie kamen zu dem Alten und forderten. Er wies
sie ab. Sie drohten, da jagte er sie zum Teufel.

Und als sie zum drittenmal anrckten, mit Verfgungen der Behrde, da
war es zu spt, da war die Tote nicht mehr ber der Erde. Die Behrde
hatte wichtigeres zu tun, als gegen den alten Narren gesetzlich
vorzugehen. So behielt Lud Uhlenbrook recht, und das Moor behielt Lona,
sein Kind.

Fremd war der Alte fr Horst geworden. Er und sein Moor. Da sie den
letzten Abschied von Lona, von Lonas Bild ihm versagt hatten. Den
Grberkult hatte der Krieg ihm abgewhnt, er brauchte auch hier keine
Sttte des Gedenkens. Aber die Gesinnung des Alten, sein eiferschtiger
Ha -- er konnte das bse Auge des wilden Druiden nicht vergessen -- war
nicht ein Feindseliges darin?

Bald wrde er ja dafr sein Lcheln haben, aber noch schwrte etwas.
Vielleicht, weil er den Riesen so gut begriff, wie ein Verwandtes. Weil
er sich sagte, ich htte es auch getan -- htte es auch tun mgen.

Er trug nun mal die leere Stelle in sich, da Lona von ihm gegangen war.
Weit voneinander standen die Pfeiler unseres Glaubens. Aber da sie
wuchsen aneinander, aufstrebten gegen einander, wlbten sie sich nicht
einander entgegen? Htten sie nicht zu einem Kuppelbau helfen knnen fr
das eine groe deutsche Wollen?

Von mir zu Dir sollte die groe Einheitslinie reichen. Gewi, wrest Du
nicht ein Weib gewesen, mir ein Wohlgefallen und eine Sehnsucht, meine
Blicke htten nicht immer und immer zu Dir den Weg genommen, unbeirrt,
hinber ber all die Fluten, die zwischen uns und gegen uns brandeten.

Zu Herrn Knubart htten sich von mir nicht diese Fden gesponnen.

Nun, da Du hinsankst, ist die Brcke eingestrzt -- ob sie leicht war,
von schnen Trumen gehalten, sie war doch, und fester wre sie
geworden, und einmal htte sie getragen. Die Brcke ist zerstrt und die
Fluten branden weiter.

Hat es Sinn, gegen sie anzukmpfen, sie einzudmmen, mit neuen Brcken
sie zu berspannen? Der innere Feind! Steht er nicht als Verhngnis in
den Sternen uns geschrieben? Unser unabwendbares Verderben?

Das Tagewerk lag hinter ihm. Schwer und ehrlich hatten sie wieder
gescharwerkt. Er ging an den jungen dem dland abgerungenen Feldern
vorber. Das Moorkorn, der Hafer, spro, auch die Kartoffeln zeigten
schon ihre krftigen, bewuten, schwarzgrnen Schlinge. Es lag wie ein
Segen auf den Breiten, und er war nicht froh. Eine Kraft war nun einmal
von ihm gegangen, ein Teil seines Lebens war verdorrt, und wieder warf
das Verzagen ihn nieder.

Was knnen wir noch, was wollen wir noch? Haben die ngste, die Nte,
die Qualen, die Schauer des Krieges und die schlimmeren des Friedens
nicht unser Wesen welk und bla unser Blut gemacht? Wir haben nichts und
knnen uns nichts geben, so viel und heftig wir bei uns anpochen! Sind
wir nicht die bekannten Bettler, die an eigenen Tren betteln? Kann von
uns der Erlser kommen?

Er wanderte nach Westen. ber den Himmel zog, da die Sonne sich neigte,
der Perlmutterglanz eines brechenden Auges. Da vor ihm lag das Moor.
Schatten schreckten ber ihn hin, er kehrte sich um und ging zurck, den
Goldbergen entgegen. Belastet schritt er und geduckt und blickte nicht
auf.

Was huscht da, zuckt und zupft an seinen gesenkten Wimpern? Ein
Lichtschein von Osten, da es Abend wird?

Augenflimmern eines berreizten Gehirns -- er hlt es der Mhe nicht
wert, die Lider zu heben. Aber das Licht pocht und klopft und fordert.
Es ist, als wenn jemand das Sonnenlicht mit einer Spiegelscheibe
auffngt und ihm schrg gegen den Sehnerv peitscht.

Nun mu er mit dem Blick in die Hhe und da -- oben auf den Goldbergen
-- hier sprudelt des Glanzes Quell -- eine Lichtgestalt -- ein
Strahlendiadem zu Hupten -- ein weibliches Wesen -- ist es erdgeboren?

Hoch und schlank und kniglich -- nie hat auf Erden eine solche
Haarkrone geleuchtet! Mit den Lichtern ihres Hauptes spielen die
Sonnenstrahlen wie mit Schwestern.

Verzaubert in dem Lichtkegel steht Horst. Jetzt bewegt sich die Gestalt
schreitet herab, in den Schatten, die Sonne lst sich aus den Flechten,
der Strahlenbann erlischt, Horst ist wieder im Menschenland.

Er geht der hellen Frau entgegen, immer noch tastend, geblendet und
unfrei. Sie aber ist die leuchtend junge Unbefangenheit und nimmt ihren
Weg gradaus zu ihm.

Da sie vor ihm steht, atmet er erleichtert auf -- all dies berirdische
und Vollkommene hat sich zu einer annehmbaren Wirklichkeit gewandelt.
Beruhigende Mngel zeigen sich, das Gesicht hat gar nichts Erhabenes und
Verklrtes, die Zge sind nicht einmal schn, nur herzerfrischend offen,
und die stahlblauen Augen nicht gro, nicht tief, aber daseinsinnig, die
alles, was sie sehen, als eigenes mehr oder weniger selbstverstndliches
Geschenk an sich nehmen. Die Nase erscheint breiter als sie ist, weil
ein kleiner Sattel von Sommersprossen sie deckt. Die prachtvollen,
weitlufig gestellten Zhne in dem vollen Mund schlrfen die Lebensluft
wie einen kstlichen Trank.

Ein daseinsfrohes, daseinsstarkes, freies, gerades Menschenkind wie
andere auch -- nur das Haar, das wundervolle, in dem das Licht alle
Goldfarben aufklingen lt, von der Waberlohe des Braungold bis zu dem
stillen schweren Glanz des reifenden Weizens bleibt in mrchenhafter
Hhe.

Sie spricht, die Stimme ist hell, ein wenig hart fr einen Mdchenmund.
Das behutsame Schriftdeutsch, das zuerst etwas nach dem Fremdenfhrer
schmeckt, hat nordischen Klang.

Verzeihen Sie mir, mein Herr. Sind Sie bekannt in dieser Gegend?

O ja, wenn ich mich Ihnen zur Verfgung stellen darf.

Ich bin nun einmal so abscheulich pedantisch -- ich mu von allen
Sachen den Namen wissen -- besonders in geographischen Dingen -- meine
Freundinnen sagen, da ich recht eigentlich nach Deutschland gehre.

Wo alles so schrecklich pedantisch ist.

Sie errtet und bekommt ein liebes verlegenes kindliches Gesicht. Ich
wollte damit sagen, weil es das Land der Geographie ist. Der groen
Geographen und der Atlanten. Ich will nichts Bses sagen gegen Ihr
Deutschland. Jetzt am allerwenigsten. Ich habe Deutschland lieb. Mehr,
als viele Deutsche es haben.

Nun fliegt Horst mit ganzem Herzen zu ihr. Ich habe Deutschland lieb!

Sie gehen auf den hchsten der Hgel. Er hrt von ihr, da sie Schwedin
sei, mit ihrem Vater unterwegs, der eine Studienreise mache.
Kriegsgeschichtler sei er -- also ein Fachgenosse, denkt Horst. Im
Archiv der Kreisstadt seien wichtige Dokumente aus der Schwedenzeit.
Auch im Pfarrarchiv von Moordorf. Sie htten hier ein kleines Landhaus
an der See gemietet und wollten wochenlang bleiben. Dann fhren sie in
ihrer Jacht wieder nach Hause.

Horst vergilt Offenheit mit Offenheit. Bald wissen sie voneinander wie
alte Bekannte.

Ich mchte, da Sie Vater kennen lernten, sagt Ingeborg Thorild. Er
ist zu dem Herrn Pfarrer nach Moordorf gegangen. Ich soll ihm
entgegenkommen. Wollen Sie mich begleiten?

Ob Horst das will! So geht er mit ihr den Weg zurck, den er gekommen
ist in Dsternis. Jetzt ist Licht um ihn her, er kann aus seinem
seelisch zerwhlten Gesicht in die Welt blicken wie ein glcklicher
Knabe.

Sie mit ihrer jungen unbekmmerten Wichtigkeit fhrt das Gesprch.
Erzhlt von ihrer Heimat, die sie leidenschaftlich liebt. Auf einem
alten halb verfallenen Edelsitz in Sdermanland wohne sie. Ihr Vater mit
seinem Bruder, beide alte Offiziere, haben ihn billig gekauft. Nun werde
er so nach und nach wieder aufgebaut. Bis heute seien die bewohnbaren
Rume fast ganz von der Bcherei ihres Vaters eingenommen. Die
Gutswirtschaft fhre ihr Onkel. Aber der sei krnklich, und der Arbeit
sei es zu viel fr ihn.

Kennen Sie Schweden?

Nein.

Seltsam -- dieser Landstrich hier knnte auch bei uns sein. Die Heide,
das Moor, die Findlingsblcke. Nur haben wir mehr, und sie sind
mchtiger. Und dsterer sind unsere Wlder.

Sie kommen an dem Moor vorber, das all seine goldenen Blumen entzndet
hat. Die Abendfeuer sprhen ber sie hin.

Ingeborg bleibt stehen. Jetzt fngt wohl auch mein Moor zu blhen an.
Als wir abfuhren, schlief es noch. Es ist eine Zrtlichkeit in den
Worten, und Horst, in dem ein Dunkles aufsteigt, fragt: Sie haben zu
Ihrem Moor ein besonderes Verhltnis?

Ja, das hab ich. Es ist wie ein alter Freund. Niemand erzhlt mir so
schne Geschichten.

Jetzt denkt Horst an die Frau, die hier im Moorgrund liegt. Die immer
nur Schauer vor dem Moore erlebt hat. Wie sagte der Alte damals? Wer
vorm Moore bangt, wird von ihm gelangt! An diese leuchtende, lachende
Nordlnderin rhrt solches Grauen nicht. Wie gut habt Ihrs gehabt,
weitab von Kriegsnot und Friedensleid, daran unsere deutschen Frauen
vergehen.

Ihr habt gut Lachen und Leuchten, Ihr Fremden -- ja, Ihr Fremden! Und
eine Absage, ein Widerstand, fast eine Feindschaft erhebt sich in Horst
gegen dieses vom Glck gepflegte Mdchen. Bei Lona sind seine Gedanken,
der deutschen Frau, die das deutsche Schicksal zerschlug und zerbrach.

Was gehst Du mich an, Du Fremde, in Deinem Glanz? Kalt ist er mir,
kalter und ferner Nordlandschein.

Und der alte Herr, der uns da entgegenkommt -- ja lauf ihm nur in die
Arme! Was kmmert Ihr mich, Ihr beide!

Dokumente aus der Schwedenzeit will er hier aufstbern. Und sie sagt
das mit ihrem strahlenden Gleichmut. Die Schwedenzeit! Wit Ihr nicht,
da sie ein Brandmal ist und ein Schandmal! Fr uns das eine, das andere
fr Euch. Wie habt Ihr die deutschen Lande gebrandschatzt, ihre Bewohner
gefoltert, die deutschen Seelen gepeinigt und verheert. Was habt Ihr als
Raubgut ber die Ostsee verfrachtet! Das ausgeplnderte Deutschland,
Eure Schlsser, Eure Geschlechter hat es reich gemacht.

Und nun kommst Du, der Erforscher dieser verruchten und verfluchten Zeit
-- fast so verrucht und verflucht wie die unsere! Kommst Du nicht mit
einem Kopf daher, der wie geschnitten ist aus einem Bild jener zehnfach
vermaledeiten Tage! Den Du noch barhaupt trgst, mit dem Hut in der
Hand, ihn besonders zu bekrftigen!

Das graue Haar hngt lang bis auf den breiten Klappkragen hinab -- warum
ist es kein Spitzenkragen? Der pate schon zu dem betonten Knebelbart!
Und der Reiterobrist in Baners oder Torstensons Heerschar wre fertig.
Weht an dem grauen Schlapphut nicht die Strauenfeder?

Will dieser Mann einen alten Schweden uns vormimen? Will er uns hhnen
mit dem dreiigjhrigen Krieg, will er -- was noch schlimmer wre --
unsere heutige hllenbse Zeit mit ihm trsten?

Gewappnet tritt Horst dem Herrn entgegen. Aber, wie er ihm in die Augen
sieht, machen die ihn wehrlos. Von so junger, fast jungenhafter
Treuherzigkeit sind sie und von so inniger Kraft reifen Denkens und
ehrlichen Glaubens. Hier ist nichts von Schaustellung, von Pose und
Geste. Ganz natrlich ist das Geprge des Gesichts hineingewachsen in
die Zeit, in die seine Arbeit sich vertieft. Der vornehme Kopf eines
ernsten Forschers neigt sich grend von der hohen, sehnigen Gestalt zu
Horst herber.

Das gemeinsame Fachgebiet fhrt sie gleich enger zusammen. Mitteilsam,
wie seine Tochter, erzhlt Oberst Thorild, da er hier den Spuren Bauers
nachgehe, dessen Leben und Kriegskunst seine letzten Untersuchungen
behandeln.

Wie frei und froh sie sich aussprechen, diese glcklichen, unberhrten,
von Krieg und Not und Schmach nicht zu Tode geschundenen Menschen! Was
hat das Elend, die Unehre, die Schande aus uns gemacht! Was sind wir
karg und schweigsam geworden, mrrisch, mitrauisch, verschlossen und
verkrochen! Und mit Neid blickt er die beiden an, und wieder mit einem
Zorn.

Dann aber, als auch der Vater sein Bekenntnis fr Deutschland ablegt,
hebt sich sein Sinn wieder hher und flammt und schlgt dem Bekenner
entgegen.

Der alte Herr hlt sich tapfer zurck. Nicht zu viel seines Mitgefhls
gibt er mit einem Male her, um das Bejammernswerte nicht allzu
schmerzlich hervorzukehren. Dafr mu erst noch ihre Freundschaft
wachsen.

Ermutigendes spricht er. In dem Siedlungswerk sieht er ein Heil.
Auch bei ihnen in Schweden sei es not, neue Wohnungs- und
Erwerbsmglichkeiten zu schaffen und die Menschen bodenstndig zu
machen, zu erdfesten eigenen Herren. Er selbst sei in der
Siedlungsbewegung ttig und habe eigenes Land hergegeben. Gern wrde er
sich einmal die Hohenmoorer Niederlassung ansehen. Dann bat er Horst,
sie in ihrem nahen Landhause zu besuchen. Und Ingeborg fgte hinzu:
Nicht wahr, Sie kommen bald!

So klang in dem Lebensakkord von Horst ein neuer Ton auf. Die Freunde
hoben den Kopf, als er heute abend heimkam. Kunz, dem Gisbert immer mehr
entglitt, schnaufte frhlich vor sich hin. Man gewhnte sich schon
daran, unter Schemen und Gespenstern hinzugleiten -- wollen wir jetzt
wieder an unsere Blutwrme glauben, an unsere Muskeln?

Und nun weiter zum Krieg gegen die Friedensnot! Freudig hart werde unser
Sinn, hart wie unsere Hnde!




                             Die Liebenden


Gisbert war auf dem Wege nach Moorhof zu Frau Tilde. Er hatte heute
wieder schwer gearbeitet, bei dem Neubau des Hauses. Seine Frauenhnde
waren voller Schwielen, aber sein Sinn wurde nicht hart, nicht so, wie
Kunz es wollte.

Auf Tildes Schultern lag die ganze Last zweier Gutswirtschaften. Mit dem
Morgengrauen war sie auf den Beinen und des Abends rechtschaffen mde.
Manch stille Stunde saen die beiden Menschen zusammen und ruhten
ineinander aus. Sie waren sich so nahe und vertraut, da in ihrem
Schweigen die tiefsten Harmonien klangen.

Heute traf Gisbert eine Gutsnachbarin bei ihr, die umfangreichste Dame
des Umkreises, seelisch angefllt von Viehpreisen und Fragen der
Milchwirtschaft. Zum Glck war sie im Begriff zu gehen.

Als sie hinausgewuchtet war, sann Frau Tilde der Masse nach, schttelte
den Kopf und sprach still vor sich hin: Das Goethewort: Materie nie
ohne Geist! Das war scherzhaft milde gemeint, und doch horchte Gisbert
auf. Denn zum ersten Mal fand er so etwas wie Bitterkeit und Schrfe in
Wort und Wesen der vergtterten Frau. Und seine Knabenaugen starrten
ratlos auf die leise Unruhe, in der sie bebte.

Immer nur hatte sein eigenes Glck ihm geschienen, immer hatte er in
dessen Widerschein die Herrin gesehen. Immer war das Gefhl der
Gemeinsamkeit ber ihm -- was er selbst empfand, lie er auch sie
empfinden. Wollte der Dienende sein, und lie nur sein Eigenleben
leuchten. Hatte er je den feinen Schattierungen ihres Fhlens
nachgesprt? Wieviel an Schicksal trug doch diese Frau.

Und nun -- an einer leisen Regung bei ihr -- ward es ihm bewut, wie
sehr ihr Leben Mangel litt, und er mute sich fragen: was habe ich, ich
ihr zu geben? Was kann die Blsse meines Gedankentums ihr sein?

Vor dieser Frage aber erschrak er tief. In seine junge Ahnungslosigkeit
griff das Grauen: werde ich sie halten knnen, mu ich sie nicht
verlieren? Sie halten? Wer war er! Hatte er ein Recht auf sie? Ihr
Knecht war er, ihr treuer Fridolin, in Stcke lie er sich fr sie
zerhauen. Und wenn der Geistesflug in gleiche Bahnen sie fhrte, blieb
er nicht auch hier nur als Knappe ihr zur Seite?

Unbarmherzig sah er das Leben, strich die Schwrmerei aus Augen und
Sinnen und packte die harte Wirklichkeit an.

Was ist das Los dieser reichsten, herrlichsten, innigsten der Frauen?
Mit einem gemtskranken Mann mu sie das Leben teilen. Und lag nicht das
Unglck auf all ihren Wegen? Sind nicht alle von ihr gegangen? Um die
ihre Liebe sich schlang?

Wo ist die Hand, die in ein neues Dasein sie reit! Die kraftvolle
Mnnerhand, die sie erlst! Ins Glck sie erlst! Nur so, nur so kann
ihr Leben sich erfllen! Und schonungslos betrachtete er sich selbst,
wie wenig er selber hatte von kraftvoller Hand, von einem Erfller und
Vollender.

Dann wieder regte es sich glubig in seinem jungen Herzen. Bin ich nicht
noch im Werden, im Wachsen! Und wie kann ich wachsen, gerade am Wesen
dieser Frau! Und eben in diesem jungen Herzen sprhten jetzt die Funken:
wie schn ist sie! Und die Flammen erschreckten ihn, er mute sie
zerdrcken und austilgen mit allen Krften seiner Seele.

Es war eine Rettung, da Frau Tilde von ihrer fleischigen Nachbarin zu
reden anfing. Die htte, ber ihre Buttermaschinen hinaus, ihr die
Einladung zu einer spiritistischen Sitzung gebracht. Nun lachte Gisbert
hell auf. Frau Tilde, aus den Hhen und Weihen ihrer spirituellen
Einsamkeit, der allein sich das bersinnliche auftun konnte,
hineinversetzt in die beklagenswerte Runde tischrckender Sekten!

Beklagenswert -- das war der Grundton in Tildes Betrachtung. Diese armen
Menschen! Und dieser armen Menschen arme Geister! Die auf Tischbeinen
einherspazieren und die belsten Trivialitten den verzckten Glubigen
in die offenen Mnder fliegen lassen.

Wer nicht den innersten Trieb hat mit seinen Geistern allein zu sein,
wer ein Gesellschaftsspiel mit ihnen vollfhrt, wer sie sich erst durch
die Hirne anderer, ob krankhaft ob nicht, hindurchfiltrieren lassen mu,
wie unsagbar traurig sieht es in solchen Seelen aus!

Mir allein gehren meine Geister, zu mir allein sprechen sie, nie werden
sie die anderen vernehmen lassen, was uns verbindet. Nicht nur meine
Trume, die nur meine sind, fhren sie zu mir, nicht nur die Andacht
meiner Nchte, auch die drstende, an der Sphre saugende Sehnsucht
meiner wachen Stunden. Und sie kommen zu mir, im Waldesschatten, im
Quellengemurmel, aus den Sonnenkreisen des Buchengrundes steigen sie
auf, von den lichtumsumten Wolkenbildern schweben sie zu mir nieder.
Und sie sprechen zu mir, nur zu mir, denn nur ich verstehe ihre Sprache.
Und ich wei, da sie sind -- so wahr ich bin und so wahr ich sein werde
wie sie.

Nun aber, nach diesem milden Bedauern, stieg ein ehrlicher Zorn auf.
Mein Mitleid allen dumpfen Gehirnen, die nur im Dunst des Herdentums
ihre Regungen haben! Duldung auch den gutglubigen Priestern und
Hohenpriestern dieses fr mich armseligsten und schwachsinnigsten aller
Kulte. Was aber soll man zu den Ausbeutern sagen, die sich hier eine
Macht und eine Industrie aus geistig Bedrftigen bereiten! Gewi, trbe
Neurastheniker zum Teil, die sich suggerieren, sie glauben das, was sie
die andern glauben machen wollen. Die vielen aber unsaubere Scharlatane
von Beruf, die mit Bewutsein die Seelen und Brsen in ihre schmierigen
Erpresserhnde nehmen und froh sind, sich ins Unkontrollierbare gerettet
zu haben.

So Frau Tilde. Nie hatte Gisbert solch harte Worte von ihr gehrt. Waren
es eigene Erlebnisse, die so steil und spitz sie aufrichteten? Und
wieder, an ihrem Zorn wie vorhin an ihrer Bitterkeit, empfand er etwas
von der Lcke, die durch ihr Leben ging.

Er hatte, wenn er sie nicht bei der Arbeit sah, sie versenkt gefunden in
ihre glubige Gte, erhoben in ein abgeklrtes Schauen. Jetzt, wo die
Erregung sie durchpulste und in ihren Augen Feuer zuckten, flo es hei
durch ihn selber hin und seine Sinne loderten. Wieder die singenden
Flammen!

Und wie er heimwrts schritt, sang das Feuer in ihm weiter. Und ber ihm
immer die eine Frage. Meine Herrin darbt und ist in Not. Sie friert in
ihrer Hhe. Lutet nicht irdisches Sehnen auch in ihrem jungen Herzen?
Was kann ich ihr sein? Was kann ich ihr geben?

Dann wies er diese Frage, diese rohe Frage von sich. Die alles in das
Elend der werbenden Sinne zog. Und er hob sich empor auf den Schwingen
seiner alten selig reinen Liebesweise.

Ich lebe in dem Gedanken, da Du bist. Ich atme die Gewiheit Deiner
Nhe. Meine Trume flstern Deinen Namen -- beseelt ist mein Dasein von
Deinem Wesen -- --

Aber das Lied verklang im Entstehen, seine Melodien starben hin, seine
Macht ging unter in dem Rauschen des Blutes.

Und bei ihm blieb das groe Grauen, wie schn sie war. --

In Gisberts und Kunzens Verschlag flatterten diese Nacht flgelschwere
Trume.

Kunz hatte von der Jagdstreife mit seiner Vita ein blutunterlaufenes
Auge nach Hause getragen.

Dies eine war ihm gleich das erstemal aufgegangen: mit seinem Mdchen
als Scharfschtz war es nichts und konnte es nichts werden. Schon auf
dem Scheibenstand hatten Auge und Hand versagt. Die Pappe ist nichts
fr mich! war ihre Ausrede, und die grnen Augen gleiten, jagdbares
Wild mu ich vor dem Lauf haben!

Kunz nickte ihr zu, listig und anfeuernd. Dann soll es aber auch gleich
einen Massenmord geben! Wir wollen uns die Kaninchen beibiegen, die da
oben in der Kiefernschonung wimmeln. Kommen Sie, Vita. Herrin ber den
Tod.

In ihrem Auge war Zorn. Scherzreden vertrug sie nicht, weil sie unsicher
war.

Durch Hochwald mssen sie, durch Eichen, Buchen, Edeltannen. Still
schmiegt sich das Sonnenlicht um die unbewegten Wipfel. Da, ein
Schaukeln in den Zweigen, ein Rauschen. Sie blicken auf. Vita sieht nur
die geschnellten ste. Holen Sie sich den! ruft Kunz. Sie wei noch
nicht, was er meint. Endlich, da sie seinem Finger folgt, gewahrt auch
sie das Eichhrnchen.

Das soll ich schieen?

Natrlich.

Sie nimmt die Bchsflinte an die Backe -- zielt -- schlgt an -- und
fehlt. Schnalzend hpft das Tier weiter. Hohn sind diese Zungenlaute.
Die Jgerin stampft mit dem Fu auf.

So neugierig still hat der Nager gesessen. Besser htte es ihr gar nicht
werden knnen. Sie wei es selbst, schielt nach Kunz, der sich nichts
merken lt, und gerade so reizt er ihre Wut. Und sie spricht
Unbedachtes. Es war ein Seelisches dabei.

So.

Ich hab die Eichktzchen so gern.

Versteh ich. Obschon sie die mordgierigsten aller Waldruber sind.

Gleichviel. Ich lieb sie. Und wenn es keine bestimmte Absicht war, da
ich vorbeischo -- eine innere Stimme sprach mit.

Nun, bei den Kaninchen wird keine innere Stimme mitsprechen. Er sieht
todernst aus, feierlich. Und Vita hat ihn.

Sie nhern sich dem Kiefernbestand, den sandigen Anhhen. Da hoppeln
schon ein paar von den gottvergessenen Grauen ber die Schneise. Vom
Wege her, der die Schonung umsumt, leuchten die Goldtupfen der
blhenden Ginsterstruche ihnen zu.

Da setzen wir uns hin, sagt Kunz. Dann haben wir eine ganze Kolonie
dieses fidelen Gesindels vor uns. Und sie kauern sich unter die
Bltenpracht. Was ist Kunz das Jagen? Vita aber will tten. Und die
Kreatur des Waldes lt es an sich nicht fehlen.

Eine unterirdische Stadt der whlenden Kobolde liegt ihnen gegenber.
Bei dem sonnigen Wetter sind viele vor den Toren, sen, springen,
spielen, punktieren mit den weien Schwanzlichtern frhlich den
Waldesdmmer. Kunz ldt das Gewehr. Jetzt wollen wir also Verhngnis
sein.

Diese dummen hohen Worte in der absichtlichen Tonlosigkeit -- wei er
nicht, wie sehr die sie stren, wie unsicher die sie machen! Ist das
noch Freundschaft!

Trotzig reit sie die Flinte an sich, schiet -- und macht wieder, mit
all den Schrotkrnern, nur Lcher in die Luft. Die Tiere hat die gute
Mutter Erde eingeschluckt.

Wie ein Lmmerschwanz schlgt ihr das kleine Herz. So heftig bse ist
sie, zerbeit sich die verschluckten Trnen im Munde und zischt sie von
sich.

Kunz aber, der verkehrt Trostreiche, spricht: Das war nun erstmal die
Warnung! So sind wir, denn blindes Schicksal sind wir nicht. Nun soll
aber den Ersten, den Frechsten, der sich wieder zeigt, das verdiente Los
treffen.

Wieder steckt er die Patrone in den Lauf. Sie lehnt in dem Ginstergold.
Was da irisiert in ihren Augen -- ist nicht ein Schmerz dabei, eine
Klage, ein Zagen, ein Bedrftiges, eine Demut? Aber hastig greift sie
nach der geladenen Waffe, wie nach ihrem Recht, ihrer Rechtfertigung,
ihrem Ausweis. Diesmal mu es gelingen!

Sie liegen auf der Lauer. Noch sind die Viecher vergrmt. Hier und da
lugen ein paar scheue runde Augen aus den Erdrhren.

Da -- ein Neugierling hebt den Kopf zum Bau heraus -- dreht ihn und lugt
-- hebt ihn weiter -- die Vorderfe kommen nach -- nun steht der
Bursche auf vier Beinen -- blickt sich noch einmal um und putzt sich
dann sorglos die Nase.

Ein Knall --

Er bleibt sitzen, ganz erstaunte Frage. Macht seine Mnnchen zu Ende --
Vita hrt die Bestie kichern -- und flitzt dann erst wieder in sein
Erdloch.

Nun ist es mit der Jgerin aus und vorbei. Sie hat sich ins Gras
geworfen, drckt das Gesicht in die Halme, und nur die trommelnden Beine
fhren eine beredte Sprache ihrer Herzensnot.

Hier ist jetzt der redliche Trost am Platz. Kunz redet ihr zu. Liebe
kleine Vita -- das Schieen fordert nun einmal eine gewisse plumpe
Begabung -- wie das Bauchreden und das Mitdenohrenwackeln. Wer dies
nicht kann oder das nicht kann -- braucht der sich der Verzweiflung zu
ergeben?

Und nun erzhlt er und lgt er ihr vor aus dem Schatz seiner Unbildung.
Wissen Sie, da Lykurgos, der groe spartanische Kriegsheld, dem Titus
Livius zufolge im Bogenschieen als Junge das Mitleid aller seiner
Mitschler in der Arena erregte? Karl der Groe war auf der Jagd ein
hchst miger Speerwerfer, whrend Karl der Dicke nie ein Wild fehlte.
Wenn Prinz Eugen eine Reiterpistole zur Hand nahm, duckte sich nicht
blo seine Umgebung, meilenweit in der Runde alle sterreichischen
Regimenter duckten sich. Und der alte Zieten kniff beim Zielen immer das
verkehrte Auge zu. Aber viel hilft das alles nicht, Vita bleibt
verstockt in ihrem Schmerz, fhlt sich immer mehr gekrnkt, je mehr er
sie trstet, und schlielich durch ihn gekrnkt, den Trster, der auch
ihr Lehrmeister gewesen. Ein schner Lehrmeister! An ihm liegt die
Schuld!

Und alles, was so in dem Kpfchen herumtanzt an Wirbel und Wolken, das
schlgt sich dann nieder. Sie starrt in die Weite, sucht irgendeine
Zuflucht, sehnschtig vertieft sich das Grn der Augen zu tiefstem
Smaragd, und Perlen leuchten auf seinem Grunde, richtige Trnen.

Dies ist die Stunde, von Schnheit gesegnet, die letzte ihrer lieben
lcherlichen Kinderschmerzen -- jetzt wird in ihr das Magedin geboren!
Von jetzt an wird sie mein Mdchen sein.

Und Kunz zieht sich nher zu ihr hinan. Seine Hand nimmt innig ihre
spitze Knabenschulter. Steil setzt sie sich hin, zur Abwehr und Gewhr.
Kunz aber fackelt jetzt nicht lange. Ihren Nacken umschlingt er, ihren
Kopf, ihre Lippen beugt er sich zu.

Da aber -- ein Schreck, glckhaft und furchtbar in seiner Seligkeit --
und dann ist alles phosphoreszierende Wildheit und fauchendes Ungestm.
Sie greift das Gewehr mit beiden Hnden, hlt es breit ihm entgegen,
Schlagbaum, trennende Grenze soll es sein -- er achtet den
Trennungsstrich nicht und dringt siegreich lachend auf sie ein -- da
stt sie blindlings den schweren Stab zwischen den beiden Fusten ihm
entgegen, hart trifft das Schlo das Stirnbein ber dem Auge -- die
Funken sprhen ihm -- unwillkrlich zuckt er zurck -- da springt sie
auf und rennt von ihm -- kehrt halbwegs wieder um, zu sehen, was sie ihm
getan -- und will ihm helfen und kann es nicht -- und strzt in hohen
Sprngen waldeinwrts.

Und Kunz -- Kunz ist vor den Kopf geschlagen. Dann verfllt er in
schweres Sinnen. Ich dachte, es wre soweit. Und nun war es zu frh. Und
was ich jetzt angerichtet habe! War ich ein Unhold gegen pastorale
Sitten? Er fat sich an den Kopf.

   O du Penthesilea
   Mein Aug tut immer weha.

Wie hab ich von holdseligem Liebesleben getrumt! Aber fr ein
Liebesleben mit Dir mu man erst einen Kursus bei Achim, dem
Knochenkrachim, nehmen.

Was wird nun werden? Mdchenseelen sind von Kristall! Er hrt es in
der Trompetenstimme seiner nunmehr antiker Form sich nhernden
jungfrulichen Tante Olga, die es ganz gewi wissen mute. Hat er hier
etwas zerschlagen und zersplittert?

Was wird nun werden? Und der nackenfeste Kunz schleicht doch jetzt etwas
geduckt nach Hause.

O Kater Kunz, was hat Dein Ktzchen Dich gestriegelt! Und seine Trume
sind voll Krallen.




                                Das Haus


Weidlich gezaust und gekraust wachte er am andern Morgen auf und war
ganz in der Verfassung, mit Dankwart, dem Skeptiker, in den kommenden
Tag sich hineinzugrimmen.

Dessen Gedanken waren wie ihrer aller bei dem Haus, das krftig und frei
und stolz in die Hhe ging, aber er hatte seine bsen Beklemmungen, die
er los werden mute. Stoweise kam es hervor. Das Haus -- wird man
seiner recht froh? Wenn auch alle ihre frmmsten und kugelrundesten
Augen dazu machen.

Das la sie. Kunz blies in dasselbe Horn. Immer gefhlvoll -- wie
knnen wir auch anders! Es gibt eine Franzosenkrankheit, und es gibt
eine deutsche Krankheit -- und unsere ist die Sentimentalitt. Das Haus
-- die holde Sttte des Friedens. Und das eine ist selbstverstndlich:
jetzt kommt das Vielliebe auch ber uns, sie, die ganze soziale Wonne.

Mit der Frage, wer dieses Haus beziehen soll.

Die eigentlich keine Frage ist.

Du meinst, Horst gehrt da hinein.

Natrlich. Und Du mit Deiner Werkstatt. Und das Bureau.

Das meinst Du. Aber die andern meinen auch. Und sie meinen anders. Wird
unser heiliger Zimmermann nicht predigen?

Natrlich wird er das. >Die Ersten sollen die Letzten sein!< wird er
predigen. Wobei man sich immer fragt: wie lange, nachdem nun die Letzten
die Ersten geworden sind! Und unser praktischer Maurer wird daraus die
ihm genehme Forderung ziehen. Und mein Liebling, der Metzling, grinst
als Abgesang seine sozialwissenschaftlichen Theorien herunter -- hol der
Deixer den Feixer! Aber, Du lieber Gott -- was wollen die! Horst hat ja
doch schlielich alles in der Hand.

Ja. Wenn er die Hand noch htte! berall und auch hier kommt erst mal
das Geistige -- frher htte er so gesprochen!

Das wird er ihnen auch heute sagen. Und das wollen sie ja hren. Sie
sehnen sich danach, gerade die am meisten, die ihre armselige Materie
herauskehren. Fhrerschaft ist, was sie wollen! Was sie brauchen!

Blo Horst -- will er denn noch seine eigene Fhrerschaft?

Wie kannst Du das sagen! Er hat sich doch lngst wieder beisammen.

Nein, Kunz, das hat er eben nicht. Und das kriegt er auch nicht. Und
darum kriegt er auch uns hier nicht mehr zusammen. Du wirst es ja sehen.
Und nun la mich. Ich hab die eine Schraube noch nicht.

Er arbeitete an einem Flugzeugmodell mit ganz neuem Propeller-System und
zog sinnend ber die Heide. Und Kunz blieb allein. Nie waren seine
Gedanken so schwer ber Liebe und Leben. Aber stecken blieb er nicht in
dem zhen Brei. Es gab etwas zu tun. ber Horst zu reden, das lag ihm
weniger. Mit Horst wollte er sprechen, frei von der Leber.

Horst sa in dem engen Verschlag, der sich Bureau nannte, ber den
Rechnungsbchern.

Nun, wie stehen die Papiere? fragte Kunz.

Kmmerlich.

Wie knnen sie hier anders als kmmern. Zum Rechnen gehrt auch ein
genius loci. Hier aber ist mehr locus als genius. Im neuen Haus wirst Du
den angemessenen Raum haben.

Ich -- im neuen Haus? Und einen Bureauraum! Die Stimmung ist anders.
Er sagte es dumpf und unfroh.

Stimmung -- was Stimmung! Stimmung wird gemacht und Du wirst sie
machen!

Horst sah ihn an mit groen Augen. Sie waren nicht ganz bei der Sache.
Ihr Ausdruck war mde. Dann sprach er still und fest: Gerade hier will
ich nicht eingreifen. Es geht Dir um Selbstverstndliches -- mir im
Grunde auch. Aber eben deshalb lasse ich die Sache an mich herankommen.
Ein Fhrer braucht etwas, was ihn trgt.

Weiter war er nicht zu sprechen, der Rechnungsabschlu drngte. Kunz
aber fragte sich: ist das ein Wort, ein Manneswort? Ist es einer Ausrede
hnlich? Wie schlimm, da solches Mitrauen an einem schmarutzt! Aber --
hat Dankwart nicht recht und bleibt es nicht dabei, da Horst nicht mehr
der Alte ist? --

Sitzung der Siedler. In vierzehn Tagen etwa steht das Richtfest des
Hauses bevor. Sie wollen sich heute schlssig werden, wer es beziehen
soll. Fr zwei Familien ist es berechnet. Darum ist auch Familie das
Merkwort fr die Geister.

Horst nimmt vorher die Freunde beiseite. Wir wollen die Leute ruhig
sich ausdenken und ausreden lassen.

Kunz erhebt Einwand. Ausreden, Du lieber Gott! Soll hier jeder wieder
seinen Ochsenmaulsalat bereiten! Gut -- wir sind hier an
Mehrheitsbeschlsse gebunden. Wir sind in der Politik. In der Politik
aber gilt die Agitation und nichts Dmmeres gibt es hier als die sprde
Vornehmheit.

Doch der Wunsch von Horst bleibt bestehen. Soviel Kunz auch schilt: nun
horstet er wieder in seiner Erhabenheit. Und es kommt im wesentlichen,
wie Dankwart es angekndigt hat.

Horst spricht die einleitenden Worte: es sei davon die Rede gewesen, zu
losen. Aber dies blde, blinde Ungefhr sei ihrer nicht wrdig. Whlen
wollten sie. Er bitte um Vorschlge.

Maurer Mulitz ist treulich zur Stelle. Sie htten sich das durch den
Kopf gehen lassen. Zwei Kameraden wren so gut wie Familienhupter.
Zuerst Lders, der mit einer Witfrau, Mutter von zwei Kindern, verlobt
wre. Und dann Hofmann, dessen Braut ein Kind erwarte. Beides Kameraden,
gegen die niemand etwas einzuwenden htte. Sie, so wre die Meinung,
htten die erste Anwartschaft auf das neue Siedlerhaus.

Ist die Begrndung fr alle zwingend? Aber Meinung ist jedenfalls
Meinung. Und Klassensinn bleibt Klassensinn.

Gegenvorschlge tragen ihr Mal an der Stirn. Und Kunz, der sie macht,
befindet sich schon deshalb im Nachteil, weil er zornig ist. Ich habe
ja gewi nichts gegen Lders und Hoffmann einzuwenden. Auch fr Brute
und Witwen mit und ohne Kinder habe ich eine fhlende Brust. Aber bei
jedem Werk ist nun mal die Leitung die Hauptsache, und der Kopf mu
besser und hher liegen als die Beine. Darum und um dessentwillen: unser
erstes Haus gehrt zuerst einmal dem Grnder und Fhrer unserer
Siedlerschaft fr seine Arbeit an unserem Werk. Da er nicht alle Rume
fr sich braucht, mag er sich seinen oder seine Hausgenossen aussuchen!

In den Worten, deren Ton mhselig die Grenze wahrt, schnaubt seine
Erregung. Und die ist es, die Widerhall und Widerstand erweckt. Die
Meinung steift sich gegen ihn, in dem sattsam gehegten und gepflegten
Zeichen des Sozialen. Und der schlaue Metzling wei wohl, was er
spricht: Wir mchten, da Herr Oldefeld sich selbst hierzu uert. Wenn
es sein ausdrcklicher Wunsch ist -- Die Pause ist inhaltschwer.

Darauf Horst sehr gehalten: Ich soll hier einen Wunsch aussprechen, der
von mir ausgesprochen kein Wunsch mehr ist.

Kunz schlgt sich aufs Knie und blickt zuckend zu Dankwart hinber. Nun
hat er sich von dem Feixer auf den Leim locken lassen und spricht
Feinheiten. Und noch schlimmer, empfindet sie. Die andern aber haben es
nicht ntig, sie zu verstehen. Wenn sie berhaupt Sinn dafr haben. Um
so bereitwilliger fliegt ihr Verstndnis den letzten Worten von Horst
entgegen: Im brigen bin ich dadurch, da ich an der Spitze stehe,
bevorzugt genug. Und dieser Vorzug nimmt gern die kleinen
Unbequemlichkeiten in Kauf. Auerdem sollen bei uns ganz gewi auch die
Rangverhltnisse des Bedarfes und der Bedrftigkeit gelten. Die beiden
Kameraden brauchen zuerst ein Nest -- sie sollen es haben.

In den Worten, die immer bestimmter wurden, fehlte etwas von dem alten
Herzenston, der sonst die Gemter zwang. Aber die Wirkung blieb nicht
aus, die Augen leuchteten ihm zu.

Dankwarts harte Drftigkeit grollte: Ist er jetzt wie einer, der bei der
Masse sich schustern will! Immer schwerer, aus ihm klug zu werden!

Gisbert, treu bei der Sache, sobald er seine Gedanken in die Erdenbahn
gezwungen, stand lebhaft auf und drckte Horst die Hand. Kunz aber
sthnte laut auf zu diesem lebenden Bild, zu solcher politischen Gruppe.
Nun ist er bei der Lotosblume angelangt, jetzt wird er mit dem
Hinduknaben sich weiter zerpflcken und zerfasern. Sein Grimm, der
Scheltworte brauchte, benannte die beiden vor Dankwart die
Indiafaserkompagnie, und der quittierte mit gezerrtem Lachen. Und Kunz
klagte sich aus: so bleibt also wieder mal die Empfindsamkeit Trumpf,
und wie ist sie uns so not, so bitter not, die gesunde Rohheit unserer
Urnatur!

Die beiden, Horst und Gisbert, gingen in den Abend hinein. Mit ganzer
Zrtlichkeit umfing Horst den jungen Freund. Er fand in dessen Augen,
die sonst so glubig sich verklrten, die Tiefen einer dunklen Angst. Er
ahnte wohl, was ihn so qulte und umtrieb. Aber war dies nicht zarter
und feiner, als da hieran selbst Gedanken rhren durften!

Sie wanderten still. Horst war auf dem Wege zu dem Landhaus der
Schweden, wo er den Abend verbringen sollte. Er dachte nicht anders, als
da Gisberts Ziel das Moorhofer Herrenhaus sei. Aber wie ihre Wege sich
trennten, ging er die Hhen hinauf, nach den Dnen zu, an die See.

Sie alle badeten am Tage, meist in der Morgenfrhe. Er war der einzige,
der den Abend dazu whlte. Wie alles bei ihm Naturandacht war, so auch
sein Schwimmen.

Hineintauchen in die Dunkelheit, mit dem weien Leib die schwarze Flut
beseelen, der Lichtbahn eines Sterns sich hingeben, dem Staub der Erde
entfliehen, aufgehen in das schweigende, sternenhohe, gtig verhllte,
gndig sich entschleiernde selige All -- das war seines Schwimmens
heilige Lust.

Er hatte wie keiner die Kunst, sich auf die Flut zu legen, sich von ihr
tragen zu lassen, ohne da er ein Glied rhrte, auszuruhen auf ihr in
Schlaf und Traum. Wie eine Mutter hielt ihn das Meer in den Armen.

Noch war es ihm zu frh fr sein Bad. Auf einem der Hgel lie er sich
nieder, hier sah Horst ihn sitzen, die Hnde verschrnkt um die Knie,
und mit zurckgebeugtem Antlitz in den Abendstern, den der Osten
emportrug, sich hineinheben.

Der Abendstern, der Morgenstern, der Liebesstern -- aller Zeiten der
Stern bist Du!

Und Du, Gisbert, flchtest Du Dich nicht bewut aus der Sinnenwelt in
diesen Sternenglanz?

Lange noch sah Horst die Silhouette gegen den Abendhimmel -- die feine
berschlanke Gestalt, diese zarten in die Dmmerung gestrichelten, mit
der Dmmerung sich lsenden Linien, die schon nichts Krperliches mehr
hatten.

Und Horst stockte der Fu auf seinem Weg. Da geh ich nun zu den Fremden
-- und Gisbert, mein lieber Junge, schwindet uns hier unter den Hnden.
Mu ich -- ich vor den andern ihn nicht halten und hegen!

Wr nicht diese Scheu um ihn, diese sprdeste Wehr, und in ihm dies
Rhrmichnichtan, das vor jedem Wort versteinert, das schon vor einem
Ahnen des andern zusammenschauert. Was hat es zu leiden, das deutsche
Blut!

Wie kann er dem Freunde helfen, da er nur erschrecken und wehtun wrde.
Und ist in ihm selbst nicht diese Scheu? Dieses Heiligtum der
Schweigsamkeit, das niemand betreten darf?

Jetzt fhrt ihn sein Weg zu den Fremden, denen aufs neue er widerstrebt.
Was will er bei ihnen, was soll er bei ihnen? Blutsverwandte ja -- aber
wie weit blieben sie vom Schu! Diese lieben germanischen Neutralen! Wie
haben sie sich gepflegt, da die Not uns verzehrte, wie wohl lassen sie
es jetzt sich sein, da Elend und Schande uns zerfressen. Was soll ich
bei diesen Menschen mit den wohlig satten Muskeln und den gut genhrten
Gehirnen?




                           Freunde in der Not


In Freundschaft aber lste dieser Abend allen Unmut und Unwillen.

Eine Flut von Licht empfing ihn, in dem einfachen hellen Landhaus mit
seinen strahlenden Birkenmbeln. Alle Lampen brannten, auch die in den
unbenutzten Rumen. Das liebte Herr Thorild so. Wieder bei Horst so
etwas wie Zorn: nun ja, sie haben es und knnen es, denn sie haben die
Valuta.

Aber auch in diesen Menschen brannte alles Licht ihrer Herzlichkeit. Und
sein Mitrauen, das dagegen aufflackerte, als ob hier zuviel Gte und
Mitleid wre, war bald im Erlschen.

Wie gut sprachen sie von Deutschland, wie gut verstanden sie deutsche
Art, das deutsche Leid, die deutsche Schuld, das bresthafte deutsche
Dasein.

Mehr als einmal schttelte Oberst Thorild schwer den Kopf. Da Ihr aus
der Parteizerrissenheit nicht herauskommt, nicht aus Eurer
Selbstzerfleischung! Die Fremden peitschen Euch in Wut -- und Ihr geht
Euch selber an die Gurgel. Nicht leicht ist es, Euch zu begreifen. Kein
Land hat soviel Herz und Hirn -- kein Land, dank seiner Parteipolitik,
so viel herzlose Rechner und hirnwtige Verbrecher.

Horst nickte dazu mit dsteren Augen.

Euer groer Physiker hat mit dem von ihm gefundenen Gesetz das deutsche
Wesen auf die rechte Formel gebracht: innere Wrme entldt sich in
uere Bewegung. Vielleicht ist es Euer Fluch, da Ihr zu viel innere
Wrme habt, da die sich in zu viel uere Bewegung umsetzt, die Euch so
heillos in Fetzen zerreit. Das Stillhalten freilich ist nie unsere, der
Germanen Sache gewesen. Im Draufgehen waren wir gro und im Dulden klein
-- schon Tacitus hat es uns bezeugt.

In diesem uns war ein Bekenntnis.

Und dann schlo er diese Gedankenreihe: Im Ertragen von Leiden sind
Euch die Serben, die Franzosen und andere Vlkerschaften nun schon
berlegen. Die Franzosen zumal, das femininste aller Mischvlker, das in
den Wehen sich schon eher zu Hause fhlt. So feminin sind Eure lieben
Nachbarn, da sie es nicht einmal fertiggebracht haben, fr >Mann< ein
Wort zu besitzen. Wo sie es nicht gut entbehren knnen, begngen sie
sich stolz wie immer mit dem nichtssagenden, bedeutungslosen >Mensch<!

So sprach Ivar Thorild, der Schwede. Und der Deutsche Horst Oldefeld
fhlte sich nicht veranlat, ihm zu widersprechen. So wenig, wie das
alte Lied von Hysterie und weibischer Grausamkeit nun noch besonders
anzustimmen.

Da Ihr jetzt, in der furchtbarsten Not, nicht zur Einigkeit gelangen
knnt! hob der schwedische Oberst wieder an. Wir sind auch hier mitten
in einer Schuldfrage. Denn es gibt auch eine Schuld nach dem Kriege. Und
brdet sie nicht dem Feindesbund auf, der Euch vergewaltigt! Httet Ihr
den Bund im eigenen Land, brauchtet Ihr Euch nicht knechten zu lassen.
All die Schndungen und Verbrechen -- Sanktionen heit der erhabene
Name dafr -- ich sage nur Rheinland, Saargebiet, Oberschlesien -- die
groe heilige Zornwelle eines gewaltig sich erhebenden einigen Volkes
htte diesen Frevel hinweggesplt! Aber, Ihr habt was Besseres zu tun,
Ihr mt Euch untereinander begeifern, abwrgen und zu Boden schlagen.

Wahrheit, alte, immer neue, nicht oft genug zu predigende Wahrheit!

Und jetzt die andere, die viel berufene Schuldfrage. Die bekannte groe
Schuldlge. Hier beschrnke ich mich nun nicht auf vlkerpsychologische
Glossen. Hier kann ich mit freundschaftlich praktischer Arbeit
aufwarten. Ich bin nicht ganz unbeteiligt an der neutralen
unparteiischen Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen. Sie hat
demnchst an Herrn Poincaree einige Fragen zu richten, auf deren
Beantwortung oder -- Nichtbeantwortung wir gespannt sind. Da die
deutsche Regierung nicht blankzieht, da sie immer nur den Flschern im
eigenen Lager das Wort lt, das ist wieder etwas, was wir nun und
nimmer begreifen! Vielleicht ist dies das Unbegreiflichste von allem!
Herrgott -- und nun spricht der ehrliche Zorn des Blutsverwandten, den
gemeinsame Sache bewegt -- wollt Ihr denn das gemeinste und verlogenste
Unrecht von der Welt stillschweigend dulden! Die Ihr berhaupt nicht zum
Dulden erschaffen seid. Nicht dulden knnt! Und nicht dulden werdet!
Unrecht am letzten! So bodenlos verlogenes Unrecht am letzten!

In diesen Worten brauste ein Kampf- und Kriegsruf. Horst stimmte ein mit
schmerzlich, freudig zuckendem Herzen. Von auen mu uns solches
verkndet werden. Nicht blo Feinde hat Deutschland auf Erden! Und noch
mehr Freunde wrden wir haben, wenn wir selbst noch mehr unsere Freunde
wren, unsere starken, glubigen, wagemutigen Freunde!

Und weiter Herr Thorild: Was laufen auf unserem Planeten fr Geister
zweibeinig herum! Da sie die hirnverbrannteste aller Faseleien sich
aufbinden lassen! Deutschland hat den Krieg vorbereitet. Nicht die
anderen Gromchte der Erde haben Deutschland eingekreist, nein,
Deutschland hat die Welt eingekreist -- Deutschland hat eingekreist! Ist
es nicht zum Radschlagen! Aber grandios einfach die Genialitt der
politischen Scharlatane, die mit diesem beispiellosen schlechthin
bldsinnigen Schwindel Geschichte -- und ihre Geschfte machen. Derselbe
unsgliche Schwindel, mit dem die edlen Franzosen jetzt nach dem Kriege
vor sich und der Welt als die Sieger, als die Sieger schlechthin
paradieren. Dieselbe Nation, die Ihr in ehrlichem Kampfe Volk gegen Volk
derartig zusammengedroschen httet, da nichts von ihr briggeblieben
wre -- nachdem sie in diesem schmachvollen Wrgekrieg mit all den
andern Mchten als Spiegesellen Euch durch das Massengewicht
naturnotwendig erdrckt hat, o Glorie ohne Ende! -- diese Nation
entbldet sich nicht, als die Siegerin sich in die Brust zu werfen! Da
die andern soviel Schamgefhl besitzen, dieses Sieges sich nicht eben zu
rhmen, darf sie allein das Maul vollnehmen von victoire und gloire! Da
selbst ihre Verbndeten fr solche -- Bescheidenheit nur noch ein
Lcheln haben.

Auf all die schmerzlichen Erschtterungen, die durch Horst hinbebten,
legte Ingeborg warm den vollen Glanz ihrer jungen lebensinnigen Augen.
Welche Heilkraft strmte von diesem blonden, leuchtenden Mdchentum aus.
Wie Genesung fhlte Horst es durch die wunden Nerven, durch die kranke
Seele rinnen. Was sagt Kunz, der Lebenskundige? Gesundheit steckt an.
Wann war Horst das Blut in so vollen, reichen, krftigen, frisch
brausenden Wogen durch die Adern geflutet!

Die Mnner sprachen dann ber ihre kriegsgeschichtlichen Forschungen.
Mein Material huft sich bergehoch, klagte Herr Thorild, und ich
werde mit meiner Arbeit nicht fertig. Einen Kompagnon brauche ich. Ich
komme nicht einmal dazu, meine Bcherei zu ordnen --

Hier rutschte Ingeborg auf ihrem Stuhl und machte ein lngliches,
wundervoll schelmisch gescholtenes Gesicht.

Denn mehr als je hat mich, sobald es Frhling wurde, mein Famulus im
Stich gelassen.

Vater -- nach dem langen Winter!

Dem Winter -- mit seinen Eissegelfahrten und seinem
Schlittschuhlaufen! lchelnd nahm der Vater ihr Kinn.

Horst sah sie in der farbenjauchzenden dalekarnischen Landestracht mit
fliegenden Zpfen ber das Eis ihre Bogen schlagen! Welch ein Bild.

Er selbst war ein leidenschaftlicher und kunstvoller Eislufer. Wieviel
blanke blitzende Kindheits- und Jugenderinnerungen zuckten durch ihn
hin. Wie frhlich jung er wieder war! Was hatte er diesen beiden
Menschen zu danken!

Und jetzt schlug der Oberst schlankweg auf den Tisch. Wie wr es, Herr
Oldefeld, wenn Sie hier einmal Atem holten. Wenn Sie sich einmal unser
Land anshen, Ihrer Urvter Heimat. Und mein kleines Landgut, mein Haus,
meine Bcherei. Sie sollen auch kein miger Zuschauer sein. Ja, als
Lehrmeister brauche ich Sie! Ich sagte Ihnen, da wir auch siedeln
wollen. Die Gedanken, die Sie mir entwickelt haben, und an denen Sie
hier arbeiten -- vorzglich! Ich brauche Sie, Herr Oldefeld! Und wre
Ihnen herzlich dankbar fr Ihre Hilfe. Und Sie wrden vielleicht neue
Kraft sammeln fr Ihren schweren Dienst -- an ihrem Lande.

Jetzt fiel auch Ingeborg ein, und wie klang ihrer Worte Melodie! Sie
fahren mit uns, nicht wahr? Sie kommen in unsere schnste Zeit. Das
Summen unter unseren Sommerlinden sollen Sie erleben. Lindheim heit
unser Gut. Nirgendwo auf der Welt gibt es solche Linden. Nur noch in der
Heldensage findet man ihresgleichen.

Horst konnte nur leise, mit hochatmender Brust den Kopf schtteln zu so
herzbetrender Lockung. Es soll ja noch heute nicht sein, sagte er
tonlos, gehalten zwischen Wehmut und Sehnsucht, sich selbst zu leisem
Trost.

In vierzehn Tagen bin ich hier fertig, erklrte der Oberst.

Nun inzwischen werden wir uns ja hoffentlich noch fter sehen! Horst
bat die beiden, doch einmal die Siedlung zu besuchen. Ob Sie nicht am
Sonntag kommen mchten? Dann wren auch seine jungen Freunde aus der
Stadt da. Kriegsspiele wrde es geben. Die Schlacht bei Grogrschen
wre an der Reihe.

Ei der Tausend! Da kommen wir natrlich mit doppelter Freude. --

Am Sonntag, da die Schler nach Hohenmoor hinauszogen, trug nicht die
alte Freude ihre Schritte. Ihre Mienen und ihre Lieder waren voll Trotz.

Dr. Georg Stumps ehrliche Bulldoggenaugen waren blutunterlaufen, so
hatte er sich gebost. Auf den Stachelspitzen seiner Haare tanzten
Elmsfeuer. Das Provinzialschulkollegium hatte eine Verfgung erlassen
und dem gesinnungstchtigen Direx des Gymnasiums die entschlossene
Direktive gegeben. Alle militrischen oder den militrischen hnlichen
bungen der Schler waren streng verboten. Aber immerhin, Singen und
Turnen durften sie noch -- wie lange freilich, das wei kein Mensch! Und
so mute es drauen, am Fue der Goldberge, vorlufig bei Turnspielen
bleiben.

Auch Horst ballt zu dem Ukas die Fuste. Welch eine Beschmung vor den
schwedischen Gsten! In diesem Sklavenland -- wie soll man das Leben
weiter und auf die Dauer ertragen!

Mit einigen der Jungen, die technische Neigungen haben, ist Dankwart
angefreundet. Sie besuchen ihn in seiner Werkstatt. ber neue
Flugzeugprobleme belehrt er sie, zukunftsglubig vor diesen jungen
Augen. Fr die nchste Zeit schon verheit er ihnen den Probeflug seines
neuen kleinen Modells.

Ingeborg kommt, zunchst ohne den Vater, der noch dem Moordorfer
Pfarrarchiv einen Besuch zu machen hat. Wie erfrischend diese nordische
Ungezwungenheit und Unbefangenheit, mit der sie unter all die Mnner
tritt.

Kunz, der Wchter von Horstens Seele, gibt sich berwunden und gefangen.
Dankwart verschanzt sich, angstvoller noch und mitrauischer als vor
Frau Tilde hinter dem Eisenwerk seiner Konstruktionen -- welch eine
Huldigung fr die Frau! Und auch in Gisberts weltflchtigen Augen lehnt
sich etwas an die warme, licht- und farbenprchtige Erdennhe.

Sie tritt Horst zur Seite, als gehre sie zu ihm. Gleich fhlt sie, da
eine neue Wunde ihn brennt. Was ist? fragt sie leise und vertraut.

Er schttelt leicht den Kopf. Die Erniedrigungen nehmen kein Ende.

Und schon tritt ein Gendarm auf den Plan, Bitterkeit in dem hellen Auge,
Schwermut in dem hngenden Schnauzbart. Sein Auftrag kommt ihm selbst
hart genug an. Sein eigener Schmerz ist mehr als all die subalterne
Wichtigkeit.

Er macht vor Horst militrische Ehrenbezeugung. Befehl der Regierung.
Soll Herrn Hauptmann Oldefeld darauf hinweisen, da die militrischen
bungen mit den Gymnasiasten der Kreisstadt unliebsames Aufsehen erregt
haben und nicht zulssig seien. Soll darber wachen, da der heutige
Sonntag nicht wieder zu solchen unerlaubten Veranstaltungen benutzt
werde.

Jetzt also unter Polizeiaufsicht. Auf wessen Gehei? Horst hat eine
Ahnung. Wollen und knnen Sie mir sagen, wem wir hier unliebsam
geworden sind?

Der Beamte besinnt sich eine Weile. Dann spricht er offen, ein
Gleichgesinnter, und seine Brauen ziehen sich zusammen. Die
Ententekommission hat sich an die Regierung gewandt. Jetzt stockt er,
und mhselig kommt es ber die zusammengezogenen Lippen. Bei den
Feinden ist von unserer eigenen Bevlkerung hier Anzeige eingelaufen.

Die Mnner sehen sich an, schmerzlich bohren sich ihre Augen ineinander.
Sie schweigen tief und lange. Dann sagt Horst gehalten: Ihr Dienst ist
wahrhaftig nicht leicht. Ich will ihn Ihnen ganz gewi nicht erschweren.
Es wird hier heute nichts Verbotenes geschehen. Darf ich Sie bitten, in
der Baracke unser Gast zu sein.

Nun, da er mit Ingeborg allein ist, rttelt der ganze Schmerz an ihm.
Dazu die tiefe Demtigung, da sie, die Auslnderin, von diesem
unsglichen deutschen Schandwerk hren mute! Da Deutsche bei den
Landesfeinden Deutsche denunzieren! Der Denunziant -- an sich schon der
grte Schuft im ganzen Land! Aber auf die eigenen Volksgenossen die
Fronvgte hetzen! Die eigenen Brder den Folterknechten ans Messer
liefern!

Und gerade in dieser Stunde wird sie ihm erst recht wie ein Freund, und
in der Vertraulichkeit kommen ihm die schmerzensreichsten aller Worte:
O Deutschland! Deutschland!

Sie sieht, wie er leidet, sie greift mit der Hand nach seinem Arm. Ich
kann Ihnen nicht sagen, wie nah mir das alles geht.

Ja -- manchmal ist es einem wirklich, als mte man den Verstand
verlieren!

Die Verzweiflung grbt sich in seine zerspannten Zge, die Augen starren
leer und verlassen. Sie aber, von ihrem Mitgefhl durchflutet und
hilfreich beseelt, gewinnt ihn lieber und lieber. Und zrtlicher neigt
sie sich zu ihm hin.

Da gibt es ein Blhen in seinem Blut und ein Frohlocken in seinem
Herzen. Warum rei ich sie nicht an mich, dieses liebreizendste aller
Geschpfe -- als meinen Halt, meine Rettung, meine Genesung, meine
Kraft, meine Seligkeit!

Er fhlt es: wenn ich Dich nehme, gehrst Du mir! Und Du willst, da ich
Dich nehmen soll.

Aber dann klingt in ihm der Ruf aus der dunklen Tiefe -- Deutschland, o
Deutschland! Und wie gegen eine Verfhrerin wendet er sich gegen das
junge, das herrliche Weib, die Fremde, mit der lockenden Ferne, die ihn
heimatlos, die ihn untreu machen will.

Ein weher Schreck durchfhrt ihre Hand, von der er sich lst, und es
klagt auf in ihren Blicken. Da gibt er ihr ein liebes Wort. Ich denke
so viel an den Platz unter Ihren Linden.

Er wartet auf Sie. Und nicht wahr -- Sie lassen ihn nicht warten!

Der Vater tauchte in der Ferne auf. Die Jungen hatten sich inzwischen
zum Abmarsch aufgestellt. Sie wollten sich an einer langen
Strandwanderung, so gut es ging, schadlos halten.

Sie haben die Jungen mir und mich den Jungen verboten. Aber den Geist
btteln sie doch nicht tot! Er raffte sich hoch, aber mhsam trug er den
Kopf auf gesteiftem Nacken.

ber die Goldberge zogen die Jungen. Sie sangen, dann auf der Hhe
verstummte das Marschlied. Dem Klang aus dem Grunde lauschten sie. Wohl
hatten sie ihn vernommen, denn machtvoller, sieghafter, zuversichtlicher
und stolzer rauschte jetzt ihr Gesang, da sie den jenseitigen Hang zur
See hinunterschritten.

   Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen!
   Wir sind die Jungen, wir strmen, wir siegen!
   Unter die Fe den tckischen Ha,
   seine Ketten zerspringen wie Glas.
   Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
   Frei sollst du sein!
         Wir machen dich frei!

Ihr werdet den Zauber lsen, der in den Bergen schlft. Ihr werdet
Deutschlands Freiheit wiedersehen! Ob wir noch, die wir heute Mnner
sind? Es ist so schwer, so bitter schwer von dem Gedanken sich zu
scheiden!

Ihr aber werdet sie nicht mehr sehen, ihr Grauen und Mden! Was ist das
fr eine kleine mhselige Schar von Alten, Gebckten und Beladenen, die
da im Staub des Heidewegs zu den heiligen Hhen herangepilgert kommen?
fter schon haben einzelne Wallfahrer hier gekniet und gebetet, das
Wunder wach zu flehen, das hier unter den Hgeln ruht. Das Wunder der
Erlsung des armseligen deutschen Volkes. Heute finden sich wohl ein
Dutzend der Glubigen ein. Mnnlein und Weiblein, alle so elend
verwittert, alle so gramvoll sehnschtig. Hilf uns doch, Du Retter, Du
Ritter, Du Schlafender! So bitter ntig haben wir Dein Erwachen!

Zum Liebhaben sie alle. Aber man darf sie nicht stren. Still mssen sie
mit mummelndem Munde ihre Formeln sprechen. Horst wendet sich ab und
zwingt an seinen Trnen. Deutschland -- mein Deutschland --!

Und jetzt war auch Herr Thorild bei Ingeborg und Horst. Der mute sich
begngen, den Gsten und Freunden die Siedlung zu zeigen. Er verschwieg
nicht die schwere wirtschaftliche Not, gegen die sie rangen. Aber sie
wollten und muten durch! Und hier setzten seine willenshellen Augen
wieder die alten Lichter auf.

Eine Flle von Anregungen gewann der Oberst aus seinen Eindrcken. Und
alles klang wieder aus in dem Wunsch und der Bitte: Sie mssen zu uns
kommen!

Wie eine Rhrung wogte es durch Horst. Was haben diese Menschen an Dir?
Und wieder der Gedanke: So sind wir Deutschen doch nicht schlechthin im
Ausland die Verachteten, die Verfehmten. Nur unsere Wrde sollen wir
wahren. Und Treue ist Wrde! Treue auch zum Unglck! Ja, sein Unglck
lieben -- nur so wird man seiner Herr!

In solchem Selbstgefhl durfte er den Freunden frei die Hand reichen.
Ich empfange nicht blo, ich gebe so gut wie Ihr.

Aber die Schatten blieben. Und schwerer und dunkler zogen sie. Es kam
fr die Siedlung ein schwarzer Tag.




                       Und die Not nimmt berhand


Gisbert, der ihrer aller Liebling war, lste sich immer mehr von ihnen.
Wie ein Nachtwandler war er, den man zu rufen sich scheute.

Der einzige, der immer noch fest zupackte, war Kunz. Aber auch er griff
jetzt immer mehr ins Leere. Und dann, er hatte genug mit eigener
Herzenserschtterung zu tun. Vita war ihm entschwebt. Wie ein Traumbild
war sie ihm zerronnen. Wohin hatte er sie geschreckt?

So trbte sich Kunz der Blick fr des Gefhrten Schicksal, den die Not
seiner Liebe immer mehr von dem Irdischen trennte. Von der Erde, die,
seit sie ihn verschttet, begraben, erstickt hatte, seinen entrckten
Sinnen nie mehr die rechte Heimat gewesen war.

In Gisbert selbst tastete noch etwas nach dem Gegenstndlichen dieser
Welt, nach Freundeshand, nach Zwiesprache, nach Austausch der
Empfindungen. Und so klammerte sich etwas von ihm an Kunz, gerade heut.

Der Wind trug am Nachmittag den Glockenhall von Moordorf herber.
Wollen wir zusammen in die Kirche? fragte er Kunz, mit knabenhaften
Augen, fromm von kindlichen Gedanken.

Der hatte schon ein Ja auf der Zunge. Da fuhr es ihm durch den Sinn:
in Vitas Bereich! Wenn ich mich hineinbegebe, mu ich allein es tun!
Denn fr alles, was hier geschehen kann, brauch ich meine Einsamkeit.
Und er schttelte den Kopf zu dem Vorschlag. So ging Gisbert ohne ihn.
Und es trug ihn wie ein Abschiednehmen -- er wute nicht wie.

Er wute auch nicht, was eigentlich in die Kirche ihn zog. Halbe
Wirklichkeit war in allem. Der Raum, die Andchtigen, der Gesang, der
Prediger --

Wirklichkeit -- was ist das? Es gibt etwas ber der Wirklichkeit. Das
ist seine Herrin. Das ist dieser Abend, der ihn zu ihr fhrt.

Schall ohne Sinn war ihm auch erst Pastor Waermanns hell aufstrebende
Predigt. Der wieder der Mittler seines geliebten Ernst Moritz Arndt war,
des deutschen Stimmfhrers aller Zeiten.

Du mut Gott bitten, da er dir gebe einen stillen freundlichen und
festen Geist, da du alle deine deutschen Brder zu dir versammeln
magst.

Denn durch der Herzen Zwietracht ist das Unheil gekommen, und durch die
Torheit der Feigen plagen fremde Henker dich.

Und ihr sollet euch wieder brderlich gesellen zueinander, alle, die ihr
Deutsche heiet und in deutscher Zunge redet, und den Trug bejammern,
der euch solange entzweit hat.

Und sollet in Einmtigkeit und Friedseligkeit erkennen, da ihr einen
Gott habet, den alten treuen Gott, und da ihr ein Vaterland habet, das
alte treue Deutschland.

Und sollet gedenken, wie ihr ein freies Land von euren Vtern empfangen
habet, und wie ihr euren Kindern und Kindeskindern die Freiheit
hinterlassen mt!

Das klang denn doch in Gisbert nach, das weckte in ihm schlummernde
Stimmen. Die Stimmen, die sein Dasein begleitet hatten, die seiner
Arbeit Melodie gewesen waren. Sie schlangen das Band zwischen ihm und
den Kameraden, den Freunden. Und er ruhte aus in diesen Harmonien.

Aber sie hielten ihn nicht, sie trugen ihn nicht, und er entschwebte
wieder in seine Welten. Und alles, die Siedlung, das Vaterland, die
Gefhrten wie der Kirchgang, der Gottesdienst wurden ihm nur zu einer
alten Weise wehmtiger Erinnerungen.

Ein paar schrille Weckrufe: zwei Mdchenaugen hngten sich an ihn, von
so heller und scharfer fast heftiger Daseinskraft. So viel gesammeltes
Leben -- es brannte und stach. Den Traumfernen erreichte die fragende
Leidenschaft. Bleiben sollst Du und Rede mir stehen! Allein bist Du! Wo
hast Du den andern! Ich will ihn nicht! Aber, wo ist er? Das will ich
wissen! Und warum er Dich allein hat kommen lassen! Ich will ihn nicht!
Will nicht seine packende Hand, seinen drstenden Mund! Aber, er soll
mich suchen! Suchen soll er mich, da ich ihn abweisen kann, ihn von mir
stoen! Was tut er's nicht!

Und Gisbert wute es, dieses Mdchen, das nichts ist als Augen, nichts
als fordernde, starrende, bannende, naturkindliche Leidenschaft der
Augen, es konnte nur Vita sein, das Mdchen seines Kunz.

Jetzt war der Freund doch ganz nahe bei ihm. Von dem er ahnte, da er um
das Mdchen litt. Helfen -- ihm, dem lieben, getreuen -- und auch ihr,
in deren Augen der sehnschtige Trotz einer Qual Fieber und Bitterkeit
wirkte.

Predigen -- von der Liebe predigen! Hier, wo der Ort dafr war! Von der
Liebe, die mehr ist als ein Gefhl. Von der Liebe, die die Wahrheit ist.
Die Wahrheit und die Freude, aus der jede Kreatur, aus der das All, die
Unendlichkeit ihr Leben hat.

Aber die Worte dafr -- immer ist das Wort mit seiner Erdenschwere
hinter ihm zurckgeblieben. Nun hat es ihn ganz verlassen. Das lichte
Schweigen ist um ihn.

Und mit dem Wort, das er nicht findet, versinkt ihm all das, was ihn
eben noch gerufen und bewegt hat. Ob er es halten mchte, es schwindet
ihm hin. Und wieder wie ein Traumwandler zieht er seine Strae, die zu
seiner Herrin ihn fhrt.

Das Auto, das ihm auf der Chaussee entgegenrast, der Staub, den es
emporwirbelt, die Hupentne, die es ausstt -- all das bleibt weit,
weit unter ihm.

Er wei nichts von der Erde, er sieht auch den Himmel nicht, nicht seine
grne Abendflut, die wie brennende, schmelzende Patina ist. Erst wie er
in Tildes Zimmer steht, wird er erlst aus seiner blutleeren
Wesenlosigkeit.

Und wieder ist es ein Klagendes in ihren Augen, was ihn erdhaft macht.
Keine Wehmut und Weichheit, die nach Mitleid ausblickt. Eine Bitterkeit,
die sich immer mehr verhrtet, und die Hrte als Hilfe braucht. Wie ein
Trotz ist es aufgestiegen aus der Tiefe dieser Augen. Die schwere Arbeit
der Tage, das berma der Pflichten schmiedet ihres Wesens Metall.

Hilflos, wie verschchtert sitzt wieder Gisbert vor ihr. Und wieder die
Frage ber ihm: was kann ich Dir sein? Ich, der ich mich verblutet habe
-- ich wei es selbst -- dem das Beste seiner Jugend, seiner jungen
Kraft zerronnen ist -- Gedankenblsse, das ist das Wort! Das ist der
Stempel, den ich trage. Ein Schatten, ein Schemen, schwebe ich vor Dir.
Und je tiefer sein feines Spren in die Augen der Frau sich einsenkt --
lebt in ihnen nicht eine fast zornige Forderung an das Leben auf?

ber wirtschaftliche Dinge spricht die Herrin mit ihm, trocken,
geschftlich. Dazwischen mde Pausen des Ausruhens und des Schweigens.
Sie plant noch ein paar Neubauten und hat Budgetsorgen. Er kann sie nur
anhren, kann nicht raten.

So einsam ist diese Frau. Der natrliche Gehilfe und Berater,
wahnbefangen, der Arbeit verloren, hlt sich fern.

Zugleich mit ihm kommt ihr -- wie sind sie sich doch nahe -- der Gedanke
an den, der ihr fehlt. Achim war eben im Auto hier -- nur auf eine
Minute. Er ist gleich zur Bahn gefahren. Er will nach Holland zu einem
internationalen Match.

Die Worte reihen sich gleichmig auf, fast unbewegt von dem Schicksal,
das durch sie hindurchgeht. Und wieder ist das Schweigen um sie beide,
gut, heilend und treu. Dann sagt sie: Kommen Sie, Gisbert. Ich mchte
noch ein wenig in den Park.

Sie gehen hinein in den lichten Abend. Es ist die Johanniszeit, die
hellsten, lngsten Tage herrschen, die Kraft der Sonne durchwebt die
Dmmerung, webt durch die Nacht hindurch dem Morgen entgegen und nimmt
sich selbst wieder in Empfang.

Heut ist des Sommers heilige Nacht, sagt Frau Tilde. Ihre Blicke ruhen
auf dem jungen Freund. Ist er nicht wie der Heilige dieser Helle? Er
selbst so durchsichtig, so unirdisch, so verklrt. Und wehklagend zieht
es durch sie hin: Armer, lieber Junge. So hast Du Dein Leben
hingestrmt! Und ist nicht wie Du ein groer Teil der deutschen Jugend
-- viele, die unter uns hinschweben, kaum etwas anderes als die Schatten
Erschlagener!

Die Johannisnacht beschftigt ihn. Er spricht von den Sonnwendfeiern,
erzhlt von einem sanften Brauch, den Frau Tilde nicht kennt -- sie wei
nur von den Feuern und Flammentnzen dieser Nacht -- von dem Johannisbad
erzhlt er, dem Blumenopfer, das man den Flssen darbringt. Und gar
nicht bedeutungsschwer, mit einer leisen Frhlichkeit fgt er hinzu: In
dieser Nacht werden die Lose der Menschen geworfen.

Sie haben den Park durchschritten. Da vor dem Tor ragt auf der kleinen
Anhhe der mchtige Ahorn in den grnglasigen Abendhimmel. Hier auf der
runden Bank haben sie damals gesessen, in die Wolken geblickt und von
ihnen beide dasselbe vernommen. Und wieder lassen sie sich hier nieder.

ber die Felder gleiten die Blicke. In Tilde regt sich die Landfrau.
Wie gut der Roggen steht! Bis zu ihren Fen zittert das grne Meer in
dem Hauch, den die See landeinwrts sendet. Was htte Vater fr eine
Freude daran gehabt! Nun ist sie bei ihren Toten und in groer
Verlassenheit.

Ach, lieber Junge! sagt sie dann und streicht ihm bers Haar. Was ist
alles in ihren Augen, so viel Mtterliches, sorgend und schtzend, und
wieder ein Frauliches, das zrtlich nach Hilfe ruft. Und er starrt in
diese wogende Tiefe.

Dann nimmt sie seinen Kopf in die Hnde und kt ihn auf die Stirn, und
kt ihn auf den Mund. Schon hat sie sich erhoben und reicht ihm die
Hand. Und jetzt Gut Nacht, sagt sie einfach. Und weiter nichts.
Schreitet zum Park, tritt in das Tor und verschwindet unter den Bumen.

Gisbert bleibt, bewegungslos. Alle Stimmen seines Lebens klingen
zusammen in dieses letzte Wort. All seine Schmerzen, seine Seligkeit,
seine Hoffnungen und Enttuschungen, seine Taten und Leiden, sein
Trumen, seine Visionen, seines Wesens Beginn, seines Daseins Ausklang
--

Aber auf den Lippen -- da brennt es -- ein Feuer -- so wie eine
Todeswunde brennt -- schmerzlich und berschmerzlich, bestrahlt schon
von den ewigen Wonnen.

Ein Feuer, das bleibt und brennt. Davon das Blut ihm kocht und braust.
Das wenige Blut, das noch durch seine Adern flutet.

Ich sehne mich, sehne mich nach Dir! Mit allem, was an Kraft und Leben
in mir ist, sehne ich mich nach Dir.

Und Du -- jetzt wird alles, was in ihm Leben hat, Glut und Glanz eines
stolzen Glckes -- singt und schluchzt und jauchzt nicht in Dir dieselbe
Weise? Sind wir nicht wiedergeboren einer in des andern Herzen? Mu ich
nicht bei Dir sein und Du bei mir! Warum bist Du gegangen! Was lt Du
mich allein!

Fliehst Du mich, da ich Dich suchen soll? So fiebert es grell in ihm
auf. Und dann: oder lchelt sie ber mich? Lchelt sie, da ich so
weltenfern, so im bersinnlichen meine Kreise ziehe!

Nun entsetzt er sich, da er so in die Niederung gert! Mit den Gedanken
an diese Frau. Und berwindet den Schreck und blickt mutig dem Leben ins
Gesicht, mit seinen Knabenaugen.

Den Wirbel sieht er, der Lachen mit Grauen mischt, den Wirbel um das
Mysterium Weib. Er flieht vor ihm -- und seine Gedanken werden immer
mehr hineingezogen in den Taumel.

Wenn dieser Tanz mich erlst aus meiner Verlorenheit? Wenn ich gesund
werde -- ein gesundes, junges Blut? Und habe meine Geliebte, habe mein
Weib --

Eines andern Weib -- Untreue, Betrug -- das Grauen fllt ber ihn her!
Was wird geschehen? Was wird sein!

Und es peitscht ihn das Entsetzen vor der den, schalen
Geschlechtlichkeit -- die Verzweiflung, da er das Bild seiner Herrin in
diesen Wust herabzieht. Das strahlende, heilige, beseligende Bild der
Gnade!

Wie hat er zu ihm gebetet, zu ihm aufgesungen: Du bist die Geliebte
meiner Seele. Nicht treibt es mich, mit den Blicken Dich zu fassen, das
Auge in Dein Auge zu legen, mit Deiner Stimme mein Ohr zu fllen, Deine
Finger mit der Hand zu umspannen. Nur wissen will ich Dich, nur wissen,
da Du bist, nur das Glck fhlen, da Du lebst! Rhren Worte an die
Herrlichkeit dieses Besitzes? Nicht einmal Gedanken!

Nun haben die Gedanken doch an sie gerhrt -- das Begehren hat nach ihr
gegriffen, das gemeine Begehren.

Er ist fortgestrmt, hinein in die dmmernden Weiten. Der Dnensand
hemmt seinen Lauf. Nun steht er atemlos -- vor ihm schauert das Meer im
Hauch der Nacht.

Und dort im Osten aus dem Dunst ber der Flut hebt sich der Mond,
dunkel, glhend, gro und tief. Drohend und schwl. Feindlich, grausam
und bse. Wie ein Schicksalsspruch, wie ein Gericht ber Snde und
Schuld, wie der Henker im Scharlachmantel.

Gesenkten Hauptes steht Gisbert. Er trgt den Leib wie eine Last. Dann
hebt er sich auf, die Sterne sucht er, noch sind sie bleich -- erst
allmhlich entznden sie ihre Kraft, ihre Hilfe, ihren Trost. Jetzt aber
haben sie die Macht ihrer Sprache. Und Gisbert liest die Verse des
Firmaments, die Dichtung des Himmels, die Hymne der Nacht, der Allmutter
Nacht. Und er ist daheim.

Der Nacht antwortet das Meer. Und alles klingt zusammen in dem groen
Sphrengesang: Gte und Freude ist alles -- alles geht aus von der
Freude -- alles geht ein in die Freude -- gut, gut ist das Leben, gut
ist das Ewige, ewig das Leben, ewig die Freude --

Der Mond ist emporgetaucht aus dem dumpfen blutigen Dunst -- alles Bse
hat er abgetan, er hat sein gutes helles Licht gewonnen. Ich bin die
Gte, ich bin ein Freund! Und eine Strae baut er ber die andchtig
stille und ergebene Meerflut.

Gisbert ist am Strande. Zu seinem nchtlichen Bade entkleidet er sich.
Vor seine Fe wallt diese leuchtende Strae. Wohin fhrt sie? Wohin
will sie mich leiten? In das All und seine Freude --

Ja, Du strahlender, Du guter Weg -- Dir vertrau ich mich an. Du kennst
mein Ziel, Du offenbarst mir meine Bestimmung, meine Erfllung und
Vollendung. Abtun will ich meine Schlacken -- der reinen Freude will ich
ins Antlitz sehen --

Er schwimmt -- schwimmt in der lichtgesttigten Flut -- in alle Poren
dringt der Glanz -- die Lungen leuchten -- das Herz ist voll Schein --
ein verzitterndes Lichtbeben sein Schlag --

Ein Lichtstrahl gleitet sein Leib durch die goldene Flut, hinein in die
Wellen des schimmernden thers -- hinein in das All -- in die gute groe
freudige Heimat -- -- --

Die Mnner standen vor der Baracke -- Horst, Dankwart und Kunz. Wie
Deutschland Deutschland verrt, das geht ihnen durchs Gemt. Der Gendarm
hat erzhlt, Ententeoffiziere wren in der Provinz auf Waffensuche
unterwegs. Sie htten selbst erklrt, da sie sich vor deutschen
Denunziationen nicht retten knnten. Der englische Hauptmann htte
heftig dazu ausgespuckt.

Diese letzten Worte wollen Horst nicht aus dem Ohr. Immer hrt er sie in
dem trockenen, schmerzlich heiseren Tonfall des Gendarms. Wo er geht und
steht, krchzen sie ihm nach.

Bei Kunz ist der Grimm schon weitergestrmt. Wenn die Henker zu uns
kommen -- wenn sie bei uns schnffeln -- wenn sie frech werden -- was
geschieht dann! Was tun wir dann! Wild schlgt es in seinen Stirnadern.
Seine Fantasie schwelgt.

Horst ist allein in die Dnen gegangen. Wie soll man das alles ertragen.
Zu der Last, unter der man schon zusammenbricht -- immer mehr wird zu
ihr aufgepackt. Ich kann nicht -- kann nicht mehr! Und will auch nicht
mehr!

Gegen den Schmutz, die niederste Gemeinheit kmpfen, welch ein bler
Irrsinn! Der Schmutz lt sich nicht besiegen, und man selbst -- nicht
nur, da man unterliegt, besudelt unterliegt man! Und der Ekel wrgt
einen ab.

Nach Norden blickt er. Dort auf der Landzunge steht das Haus, in dem
seine Freunde wohnen. Und blickt man weiter, in derselben Richtung,
hinter dem deutschen Meer liegt Nordland, liegt Schweden.

   Meine Gedanken wandern ber die See,
   Weie Schwne sind sie, leuchtend wie Schnee.

Heraus aus dem Schmutz, dem Ekel, an dem ich vergehe! Ein anderes Land
ffnet mir die Arme, eine neue Heimat winkt mir -- keine neue, die alte,
die unserer Ahnen. Der klare Norden mit seinem Stolz, seiner Ehre,
seiner Sauberkeit, seiner gesunden Kraft. Aufrecht! Wieder einmal
aufrecht stehen und gehen! Liebe Menschen nehmen ihn dazu an die Hand.

Liebe Menschen -- und hier? Die Kameraden hier? Kunz, Dankwart -- hat
sich zwischen ihnen und ihm nicht eine Kluft befestigt? Lngst ist er
ihnen nicht stur genug, nicht der Unbedingte, der Strmer nicht, den sie
wollen. Mit halbem Herzen nur folgen sie ihm, der ihnen nicht als Ganzer
gilt. Sollte er ihnen nicht die Siedlung berlassen! Da sie sie neu
bauten in ihrem Geiste! Ein Stotrupp hartdeutscher Gesinnung -- warum
nicht! Vielleicht das beste.

Denn der linke Flgel, die Mulitz und Metzling, fangen an, bedenklich zu
werden, weil ihre Macht ganz unverhltnismig anwchst. Durch meine
Schuld? Weil ich das Steuer nicht fest genug halte? Nicht mit der
sichern, glubigen Hand, nicht unter dem klaren, unbeirrten, weiten
Blick?

Unleugbar, die Widersprche, die Zerwrfnisse mehren sich. Droht dem
Werke der Zerfall -- weil ich ihn nicht hindere? Der ich meiner Arbeit
mich entfremde -- aus berdru an meinem Vaterland!

Entfremdet meiner Arbeit -- entfremdet den Kameraden -- und dem einen,
dem Jungen, dem Gisbert untreu, der wenn einer mich braucht! Um den
meine Sorge so viel gewacht, an den sie so oft dachte in diesen letzten
Tagen -- nur da sie nicht zugriff, wie es sich gehrte.

Wie ntig hat der Junge den treuen, festen Freundesarm, Muskeln und
Knochen -- er, der sich ganz hinausgeistern will aus dieser krperlichen
Welt -- nun noch gesteigert, getragen, erhht und zugleich gescheucht
und flchtig von der Schwrmerei fr diese Frau, die selbst hier keine
rechte Heimat hat. Bist Du nicht wie entleibt unter uns gewandelt? Wo
gibt es ein solches Sichlsen, Sichentuern, Sichbefreien und
Sichbeseelen als in deutschen Herzen? Nennt es Kraft, weil es eine
Inbrunst, nennt es Unkraft, weil es ein Zerflieen ist. Und ist nicht
ein Stck Gisbert in uns allen?

Seine Augen schweifen ber das Wasser. Jetzt nimmt die leuchtende Strae
seine Blicke an sich. Die Flut, vom Licht gebndigt, sanft und geduldig,
wie hingegeben trgt sie die goldene Brcke zum Mond.

Da hinten aber -- weit, weit dem Himmel nahe -- was ist es, was sich da
bewegt, in Wellen des Glanzes, in blitzenden Strahlen -- ein Dunkles,
das jetzt in dem Schimmern verzittert? Schon hat das Licht die Wasser
wieder geglttet -- war es ein mondtrunkener Delphin? Glatt gefgt
spannt sich wieder die leuchtende Brcke.

Und weiter nach dem nrdlichen Vorsprung zieht es seine Blicke. Dort auf
der uersten Spitze -- ist es ein Zauber dieser hellen Nacht -- eine
weie Mdchengestalt --? -- Trug! Welches Menschenauge kann so weit
sehen --

Und doch! Was flammt denn zu Hupten dieser Gestalt! Und hebt sie selbst
in den Glanz? Nur eins gibt es auf Erden, was so leuchtet, Ingeborgs
Haar.

Ein Leuchtfeuer -- das nach Norden weist und ruft -- das Leuchtfeuer
seiner Zukunft --

Und doch ein Trugbild? Horst will wissen, ob diese krzeste der Nchte,
die zauberkrftige, ihn narrt. Er schreitet die Dnen hinunter, am
Strande entlang, der Landzunge entgegen. Da sieht er ein Dunkles auf dem
weien Sande -- Kleider -- eines Badenden -- im Wasser ist niemand zu
erblicken.

Es fhrt ihm durchs Hirn -- das Krperliche, das vorhin da in dem
Mondstreif sich zeigte -- und sein zweiter Gedanke: Gisbert, der
Abendschwimmer --

Prfend betrachtet er die Kleider -- ja, Gisbert gehren sie. Er spht
ber die Flut, die der Nachtglanz ableuchtet -- da hinten ein Segel, ein
einziges Boot, ruhend in der Windstille, gespensterhaft -- sonst nichts,
nichts so weit das Auge greift. Das leidenschaftlich forschende, jetzt
erstarrende Auge. Und eisig schneidet es ihm durchs Hirn: Gisbert ist
von uns gegangen.

Helfen -- Hilfe holen -- wie sollen sie helfen, und wem! Wenn er es war,
der da hinten, am Horizont in dem Mondstreifen trieb, in die Lichtbahn
sich lste --! --

Leer ist die Mondstrae, leer ist die Flut ringsum --

Aber, da man nichts tun kann, nicht wei, was man tun soll, da man
hilflos ist -- wie furchtbar dieses Alleinsein mit dem Geschehenen! Die
Kameraden -- Kunz mu es wissen, er mu es hren, mu was sagen, mu
dabei sein!

Schon ist Horst nach der Baracke unterwegs. Er holt sich Kunz aus dem
Verschlag. Nun stehen sie beide an den Kleidern und forschen ber die
See.

Dann stehen beide schweigend, und halten eine eigene Totenwacht.

Ruckweis befreit sich Horst von dem Schmerz, der ihn lhmen will. Er
hat es geschafft. Auch einer, der zu schade war -- fr das was uns
beschieden ist.

Sollen wir so sprechen? Kunz macht der erste Schmerz nur noch hrter,
wehrhaft, wahrhaft, unerbittlich. Zu schade? Er spielt wie grausam mit
dem Wort. Zu sehr beschdigt. Zu wund und zu weich. Und noch rauher
gegen den eigenen, zuckenden Gram: Was welk ist in Deutschland, geht
ein.

Dann ist es fast, als kehrt er sich, wie zur Ablenkung, gegen Horst, den
selbst nicht mehr Wurzelfesten. So da etwas in ihrem Schmerz die beiden
Mnner gegeneinander entflammt.

Schon aber fhrt in Horst der Leitende das Wort, der seine Anordnungen
trifft, bis zum uersten. Er hat keine Hoffnung mehr, aber das letzte
mu getan werden. Ins Boot. Das Wasser absuchen. Nicht unmglich, da
er mde geworden ist, und der Segler da hinten hat ihn an Bord.

Sie gehen nach dem Vorsprung zu. Da liegen Boote am Strand. Sie schieben
eins ins Wasser und rudern hinaus, schweigend, mit gleichmig mchtigem
Schlag. Und suchen, suchen -- hoffnungslos und doch treu.

Jetzt sind sie schon weit drauen. Auf das Segelboot halten sie zu.
Immer mit der Umschau, immer in der Erwartung, der Entseelte msse
auftauchen.

Ein Fischerboot, das mit klatschenden Segeln daliegt. Hat es den
Ermdeten aufgenommen? Ein letzter Schimmer --

Die Insassen, verschlafen, drusen dem Morgenwind entgegen. Von einem
Schwimmer haben sie nichts bemerkt. Einen treibenden Krper haben sie
nicht gesichtet.

Die Suchenden wenden und fahren zurck an Land. Jetzt ist es gewi, die
See hat ihn genommen. Wird sie seinen Leib wieder hergeben?

Gisbert ist tot! So pulst es in ihrem Herzen. Das ist der Takt ihres
Ruderschlages. Gisbert ist tot. Sie starren in eine Leere. Jetzt ist die
groe Klage um sie und fgt sie zusammen. Und nichts kehrt sie gegen
einander. Geschlossen, vershnt der Unterschied, der Zwiespalt ihres
Fhlens. Nur der Schmerz um den Freund bewegt ihre Seele. Gisbert ist
tot. Wie klein sind alle Worte, die seiner gedenken wollen -- sie
scheuen sich und schweigen.

Die Mnner landeten wieder. Und da sie die harte Erde betraten, kamen
Forderungen an sie. Gemeinsame, so dachte Kunz. Er mit seiner
lebensfesten Hand nahm die Kleider auf, packte sie zu einem Bndel und
wandte sich heim. Das ber Grber vorwrts lag ihm im Blut.

Er meinte nicht anders, als da Horst mit ihm gehen wrde. Der aber
blieb, versonnen, versponnen. Kunz wartete -- dann ein fragender Blick,
aber kein Wort -- dann etwas wie ein leichtes Achselzucken, in dem der
alte Schmerz bebte: man lasse die Trumer den Trumen -- und er ging
allein. Da war es wieder, was in ihm nagte: auch von Horst geht immer
mehr verloren. Die Sorge um die Siedlung lie ihn von jetzt ab nicht
mehr los.

Wieder war der Miklang zwischen den beiden, das Mitrauen, das nun
einmal gerufen war -- tiefer griff es in die Gemter, die der Schmerz
zart und feinfhlig gestimmt hatte. In der Empfindsamkeit des Grames
fand es neue Nahrung.

Horst sprte es, er wute, was in Kunz sich von ihm abwandte. Das ri an
den gespannten Saiten, und wieder gab es den Zorn, die Bitterkeit, die
eigene trotzige Abkehr und Selbstverschanzung.

Ich bin Euer Fhrer, ich hab Euch etwas geschaffen, etwas gegeben -- zum
Lohn dafr haltet Ihr Gericht ber mich, beobachtet mich, nehmt mich
unter Aufsicht. So war es schon, und es mehrt sich zur Unleidlichkeit.

Ihr solltet wissen, da ich das nicht ertrage. Ihr solltet mir meine
Arbeit, die mir wahrlich nicht leicht fllt, nicht noch erschweren. Sie
mir nicht verbittern! Kein besseres Mittel knnt Ihr dafr finden.

Wen hab ich nun noch in der Siedlung? Da Gisbert mir fehlt. Er, mit dem
zarten, zerschlagenen, blutleeren Leib, der Wrmste, der Innigste von
Euch allen. Und darum auch allen unentbehrlich, da er zwischen allen die
seelischen Fden wob. Allein steh ich jetzt. Er war es, der mich verband
mit den Schwrmern, den blinden Heispornen, den khlen Rechnern, den
Gleichmtigen, den Matten und Trgen. In ihm fanden sie sich alle, denn
alle hatten ihn lieb. Ist mit ihm nicht das Licht der Siedlung
erloschen? Ein blasses Licht, ja -- aber vielleicht, da gerade die
unirdische Blsse die Herzensandacht schuf!

Gewi, es war allzuwenig von dem landlufig Gesunden in Dir, gar nichts
Lebensstarkes und Robustes. Ein Kind noch warst Du, als Du ins Feld
zogst. Die Puberttsjahre verschlang der Krieg, nun kam, krankhaft
versptet, verfeinert und gesteigert die ganze Empfindsamkeit der
Jnglingschaft ber Dich -- und zerbrach an Weibesliebe. So fein und
edel zart, wie es nur deutscher Jugend, die deutsches Leid versehrt,
geschehen kann.

Und jetzt steh ich allein. Die Kameradschaft durchlchert und im
Verfall. Argwohn -- belwollen. Jetzt, wo alles sich ergeben sein mte
auf Leben und Tod! Und die Jungen haben sie mir verwehrt! Neue Ketten
schmieden sie. Die Luft im Bagno -- wie soll ich sie lnger atmen! Und
wr nicht die ganze deutsche Luft verpestet -- verpestet von Verrat!
Rein mu ich atmen knnen! Ich ersticke hier, ich verderbe in dem Dunst
-- ich will nicht verderben!

Und wieder suchen seine Blicke die Landzunge. Da steht sie noch immer
die weie Gestalt und schaut auf die See. Jetzt haben die Augen das
sichere Bild. Kein Trug -- Ingeborg ist es. Zu ihr will ich! In ihrem
Schein gesund mich atmen.

Er wandert mit eiligen, mit festlichen Schritten. Sein Leuchtfeuer zieht
ihn, ruft ihn, grt ihn. Er steigt die Dnen hinan, klimmt dann den
Abhang empor.

Da oben steht sie. Und sie sieht ihm entgegen, als habe sie ihn
erwartet. Sie streckt ihm die Hand zu. Die Freude ihres Blickes trbt
sich, da sie von seinen Zgen das Unheil abliest. Und er sagt ihr, was
geschehen ist. Dann, da er seinen Trost findet in dem treuen Druck ihrer
Finger, in dem feuchten Glanz ihrer Augen, schttet er sein Herz ihr
aus.

Immer mehr lst sich von mir, eins nach dem andern fllt von mir ab,
vereinsamt bin ich in meinem Heimatland, kraftlos -- was bin ich ihm
nutz? Kann ich so dem Vaterlande dienen?

Und immer klarer spricht er so zu sich selbst. Ich brauche meine Kraft!
Wo kann ich sie wiederfinden -- wo als in der nordischen
Gastfreundschaft! Da werd ich gesund und stark, von da werd ich
zurckkehren mit ungetrbtem Wikingermut. Frei von allem, was mich hier
lhmt -- selbst frei und ein Befreier!

Sie sitzen beieinander, Ingeborg und Horst. Die helle Zaubernacht ist um
sie. Er birgt sich in den Glanz ihrer Flechten, wie in einen Goldpanzer
hllt er sich, allem Trben, allem Dstern, allem blen und Niedern eine
Wehr. Er nimmt ihre Hand. Wenn Sie wollen, hre ich nun doch noch in
diesem Sommer das Summen unter Ihren Linden. Da sind ihre Augen voll
Seligkeit.




                             Das Richtfest


Den Feinden der Siedlung war das neue Haus ein Dorn im Auge. Es schwoll
ihr Zorn, je hher es wuchs.

Steinerne Zwingburgen errichten sie, so lrmten die Schlagwrter in
dem Konvent. Und Zwingburgen werden niedergelegt! forderte die
Nutzanwendung.

Es war ihnen bekannt, das eine hochnotpeinliche Waffensuche unter
Aufsicht von Ententeoffizieren den Kreis bedrohte.

So wissen wir also, wo wir unsere Handgranaten zu verwenden haben --
ehe sie uns genommen werden! rief Kittel, der Buchbinder, und gellend
pfiff der Atem aus seiner schmalen keuchenden Brust.

Stahlboom wandte sich dagegen. Er wollte alle Waffen aufgespart haben
fr die groe Aktion, die bevorstand. Die Suche glte auch nicht ihnen,
den Proletariern, sondern den monarchistischen, den reaktionren
Banditen. Sie selbst drften beruhigt sein. Da sprach einer ein Wort
furchtbarer Wahrheit: Wenn die Verrter nicht wren! Wer ist jetzt in
Deutschland vor Verrat sicher? Und das Grausige, das hier aufschrie,
verwilderte wiederum die Gemter.

Die Wsten waren nicht zu bndigen. Das Richtfest am nchsten Sonntag --
sie wollten ihren Trumpf daraufsetzen, es sollte den Siedlern gesegnet
werden! Und der schwarze, der blutige Sonntag vom Mai wrde seine Shne
finden.

Die Siedler arbeiteten mit verdoppelter Kraft. Zu frh war der Termin
fr die Richtung des Hauses angesetzt worden -- es war ihr Ehrgeiz, ihn
inne zu halten. Alles, was die Seelen bewegte und erregte, der Tod
Gisberts, Horst in seiner Verschlossenheit, die zur Abkehr und Abweisung
sich schrfte und anfing bses Blut zu machen, die Reibungen,
Quertreibereien, Scheidungen und Zerwrfnisse innerhalb der Baracke --
alles ward dem einen Gedanken untertan, dem Gedanken an das Haus und
seine Vollendung.

Ein groer Tag sollte es werden. Alle, denen das Siedlungswerk etwas
bedeutete, sollten mit feiern. Was einer an Freundschaft hatte, wollte
er bitten, jeder Biedermann sollte geladen sein. Ein Volksfest! Mit
eifriger Hingabe sie alle bei der Vorbereitung. Kein Wort gab es, das
nicht von der Richtfeier sprach. Wie Kinder vor dem Weihnachtsfest waren
die Mnner.

Horst berief Dankwart und Kunz zu einer Unterredung. Er sprach ohne
Umschweif, mutig und frei. Die schweren Worte wurden von einer harten,
hellen Entschlukraft wie emporgeschnellt. Ich gebe mit dem Richtfest
das Siedlungswerk in Eure Hnde. Ich hab mit der Grndung meine Kraft
aufgebraucht. Ich kann hier nicht mehr wirken, nichts mehr leisten, ich
bin nur noch im Wege. Erst mu ich mich selbst erneuern. Das kann ich
nicht in dieser Luft. Darum will ich eine Zeitlang auer Landes gehen.
Meine neuen schwedischen Freunde haben mich eingeladen. Ich fahre mit
ihnen.

So weit war er also! Die Kameraden hatten ja sein Wanken gesprt. Da er
jetzt ganz von ihnen wich, da er sie und seine Sache verlassen wollte
-- wenn sie es auch in dunklen Stunden gefrchtet hatten, jetzt traf es
sie wie ein jher Schlag. Keinem von den beiden lag es, zu klagen, zu
jammern, zu bitten, ob sie gleich wuten, was ber die Siedlung
hereinbrach. Waren sich auch wohl klar darber, da mit Flehen und
Winseln hier nichts zu schaffen sei.

Dankwart, finster, sprach in sich versunken ein klanglos leeres Wort:
Das ist sehr zu beklagen. Kunz, beweglicher, weiter greifend,
heftiger: Dann knnen wir hier also einpacken!

Was heit das! Horst lehnte sich dem entgegen. Das Werk bleibt. Und
wenn ich nicht bleibe -- jeder ist zu ersetzen. Vielleicht ist es meine
Sache, etwas anzuregen, etwas in die Wege zu leiten. Aber es fest an der
Hand zu halten -- das ist mir offenbar nicht gegeben. Ihr seid die
Stetigen, die Beharrlichen, die Harten -- fhrt Ihr das Werk weiter.

Kunz war in die Hhe gesprungen. Ob das wahr ist, ob das falsch ist --
ich habe die eine Frage, die Du immer gestellt hast! Wo bleibt das
Beispiel, frage ich! Bist Du es nicht, auf den alles blickt!

Man blickt auf mich, sagst Du -- nun, so wie ich bin, darf ich mich
nicht lnger zeigen. Ich mu wieder anders werden -- ehrlich will ich
mich darum mhen. Ich will ja auch nicht fr immer fort. Und nun
schlugen seine Arme wie gehemmte, verschnittene Flgel. Nur ein Ausflug
soll es sein -- aber ich brauche den Flug!

Darauf Kunz, seine Stimme pfiff wie eine Klinge: Horst -- Du kommst
nicht wieder. Hierin war soviel Klage, soviel Zorn, soviel Schmerz, die
Mnner zuckten zusammen, alle drei. Und ein Schweigen schlo sie ein.

Horst ri sich auf. Eine leichtere Haltung gab er sich, einen lchelnden
Ton. Wenn Du es sagst --! -- Aber es zersprang etwas in ihm. Ein
Schmerz schnitt ihm durchs Mark. Und brchig ward, was er weiter sprach,
aber er gab nicht nach. Dies das Hauptschliche. Meinen Entschlu kennt
Ihr. Das einzelne besprechen wir noch.

Er hatte Bestimmungen zu treffen, der Tagesdienst holte ihn. Dankwart
und Kunz blieben allein.

Beide starrten sie, dumpf, hohl, dster. Dann stie Kunz rauh und
krchzend hervor: Wie die Siedlung erschlagen ward. Kein Heldenlied ist
dies.

Gut. Dankwart hat sich schmerzlich fest wieder beisammen. Wir stehen
auf verlorenem Posten. Aber Posten ist Posten. Und wir halten ihn. Bis
in uns nichts mehr hlt!

Jetzt ist Kunz an seiner Seite. Ja, Dankwart, ja. Die Sache will es.
Wir wollen es. Und so geschieht's! Mag denn die alte Siedlung
zusammenbrechen -- eine neue gilt es zu schaffen. Und dann also lustig!
Mit dem Groreinemachen zu Hause fangen wir an.

Auch Dankwart rief es zu der Arbeit. Sein letztes Wort, heiser und
bitter, war das: Und auch hier wieder ein Weib!

Ingeborg -- der Gedanke war bei Kunz gekommen und gegangen. Jetzt sa er
fest bei ihm. Natrlich war sie es, die den Ausschlag gab.

Und seine eigene Liebesnot packte ihn immer grausamer an. Hatte er nicht
sein Mdchen verloren! Verloren, da er nicht gleich den Weg zu ihr
gefunden, da die Stunden, die ungenutzten, immer mehr Hindernisse
aufgebaut, immer mehr an Trotz und Scheu. Konnten sie beide noch hinber
-- und wollten sie es noch? Das war ja das Schlimmste: wollten sie es
noch? War nicht das Kstliche gestorben?

Und gegen Horst wandte sich seine Wut. Du verstehst es, Dir es besser zu
bereiten. Was habe ich frher gefabelt von Deiner Weiberfestigkeit,
Deinem Weiberstolz -- alles, alles bitt ich Dir ab! Wer so wie Du
Gelegenheiten wahrnimmt! Wer wie Du in allen mglichen Stteln gerecht
ist!

Wie hast Du um Lona Dich angestellt! Und jetzt, wo das schne blonde
Schwedenmdchen Dir in den Wurf kommt -- dieses weie, blonde, und
dieses reiche, dieses reiche, ja!

Er suchte sein Ventil, in seine Reimereien giftete er sich hinein:

   Den einen nahm der Brahmaputra --
   Den andern langt sich die Valuta.

Und entgiftete sich wieder, denn hier erschrak er nun doch vor sich
selbst, vor des Hasses Hlichkeit.

Nein, Horst -- das ist es nicht. Soweit ist es nun doch nicht mit Dir.
Aber ist es nicht weit genug? Und kommt nicht eins zum andern!

Ist es nicht genug, da Du von uns gehen willst! Uns im Stich lassen --
ja, ja, so nenn ich es! Uns untreu werden und Dir selber.

Wie habe ich immer zu Dir aufgeschaut! Und was bist Du mir gewesen!
Wohl, nicht immer war, was Du tatst und lieest, mir nach dem Herzen.
Aber die groe Linie Deines Wesens -- wie zwang sie mich immer wieder zu
Dir hin. So gut wie sie alle bezwang, wie sie all unseren Krften die
Richtung gab, das gemeinsam starke, gemeinsam freudige Ziel.

Nun ist sie verbogen, geknickt, gebrochen. Da Du Dein eigenes Werk
verlt und verrtst. Ja, und tausendmal ja, verrtst! Ein
Fahnenflchtiger bist Du! Nichts wird hier beschnigt, verschleiert,
bemntelt. Ein Verrter bist Du! Und Dein Werk geht an Dir zugrunde.

Dankwart und ich, die wir bleiben -- er hat es richtig bezeichnet, auf
verlorenem Posten stehen wir. Und das Beste unseres Lebens wird hier
zerschellen.

Nicht steht es in unserer beider Macht, was Du vermochtest, als Du noch
bei Dir und auch bei uns warst, das Auseinanderstrebende, das sich
Widerstrebende zu binden! Gewi, da dies das Hhere, das Grere war!
Wir beide, wir werden zerklften, zerreien -- der Kampf im eigenen
Hause, das ist es, was wir bedeuten! Aber hast Du nicht selbst gesagt,
ein Kleindeutschland soll dies hier sein! Nun, so sei es das auch ganz,
mit der vollen Zerrttung im Bruderzwist! Der Wahn eines wilden
vernichtenden Hohnes brach aus seinen Augen.

Wir werden unterliegen, gewi, denn die Masse siegt. Aber besser
untergehen, als Masse sein! Die Mulitz und Metzling werden uns zu Boden
treten -- sollen sie! Aber Dir werden wir es gedenken, denn dies alles
danken wir Dir! Und wieder ruft es in ihm: Verrter! Wilder und wilder
brausen in seinem Schdel die Flammen, der nur noch mhsam in seinen
Nhten festsitzt. Von der Hirnwut, die durch die deutschen Lande rast,
befllt es auch ihn. Und es whlt sich etwas in ihn ein.

Sichtbar sind wir, wir haben die Pflicht der Hhe! Er hat es immer am
meisten gepredigt, mit Brustton verkndet, er, der uns jetzt im Stich
lt. Der jetzt sich in Sicherheit bringt, der ins Ausland flchtet, vor
der wachsenden deutschen Not. Ein Verrter!

Und wir -- wer sind wir, die wir den Verrat in unseren Reihen dulden!
Nein, nicht in unseren Reihen! Den Verrat unseres Fhrers! Sind wir
damit nicht seiner wert! Sind wir damit nicht schuldig wie er!

Verrter wie er, wenn wir ihn ziehen lassen! Und es frit sich ihm ins
Blut: er darf nicht fort! Und wenn es auf Tod und Leben geht -- er darf
nicht fort!

Was wr bei den Rmern geschehen, was bei den alten Germanen! Sollen wir
der Vter nicht wrdig sein -- heut mehr als jemals! Sollen unseren
Jungen nicht Vorbilder leuchten! Und sie blicken auf uns! Auf mich! Ich
habe meine Sendung.

Das Unerbittliche brauchen wir. Das Unerbittliche. Jetzt, wo alles
fliet in Deutschland, fliet und zerrinnt. Wenn nur einer hart ist und
treu! Ein Kern nur -- ein Kern wird gebraucht -- und sei er noch so
klein!

Richtfest ist am Sonntag. Das Wort brennt sich ihm in die Sinne.
Richtfest -- Gerichtstag wird gehalten! Wir werden richten! Ich -- ich!
Wie ein Wchter steht Kunz, ehern, in Gluten gehrtet. Das Herz leer,
dem die Freundschaft starb, dem die Liebe verklang.

Die Siedlermannschaft erfuhr nichts von dem Entschlu des Fhrers. Nach
der Einweihung sollten sie es hren. Da etwas in der Luft lag,
versprten wohl die feineren Nasen. Aber man hing dem nicht nach. Die
Festgedanken fieberten durch die Seelen.

Und jetzt zieht der festliche Sonntag auf. Noch die Nacht hindurch haben
sie gearbeitet, das Morgenrot sieht den Rohbau mit dem Dachgerst
vollendet, der Tag gehrt der Feier.

Laubgewinde wird gebunden, eine mchtige Krone wird geflochten und mit
farbigen Bndern geziert.

Vier von den Mnnern schleichen geheimnisvoll abseits, verkriechen sich
in das Dickicht und ben hier noch einmal das Quartett, mit dem sie die
Gefhrten berraschen wollen. Die tiefste Einsamkeit sucht Mulitz, der
Maurerpolier, der die Kranzrede halten soll. Noch einmal memoriert er,
was er mit Benutzung alter Sprche fr die Weihe des Hauses sich
aufgesetzt hat.

Die Sonne segnet den Tag. Fr die Bewirtung der geladenen Gste werden
noch Tische und Bnke im Freien gezimmert -- groe Sprnge knnen die
Siedler nicht machen, mehr als Bier wird nicht verzapft, und auch das
schon reit ein bergroes Loch in die Finanzen. Aber was hilft es,
Vornehmheit verpflichtet. Und heute wollen sie einmal alle Sorgen dem
Wind vor die Fe schmeien!

Am frhen Nachmittag soll die Feier beginnen. Als die ersten finden die
Jungen aus der Stadt sich ein. Fragen, ob sie noch irgendwie helfen
knnen. Fritz Rder und zwei andere noch haben ihre Kameras mitgebracht.
Sie wollen alle Einzelheiten des Festes verewigen und viele
Gruppenaufnahmen machen. Damit sind sie besonders willkommen.

Dankwart holt seine jungen Freunde zu sich herein. Sein Modell ist
flugfertig. Es soll ber dem Bau kreisen, wenn die Weiherede steigt.
Ganz hingegeben erklrt er ihnen noch einmal das Neue der Konstruktion.
Ebenso hingegeben hrten die jungen Kpfe zu. Wie freuen sich alle auf
diese so hohe berraschung. Wie sind sie getragen von dem Geheimnis, das
sie feierlich bewahren.

Siedler empfangen ihre Eingeladenen. Im weiteren Umkreise werden
Zuschauer sichtbar. Neugierige machen sich nher heran, andere lagern
sich abseits im Heidekraut.

Von Moorhof her kommt eine Frau, schwarz gekleidet, in Begleitung von
Pastor Waermann. Die Patronin der Siedlung ist es, Frau Tilde. Wie ein
Flor wallt es um sie her. Ernst wird es allen zu Sinn. Verehrungsvoll
verneigen sich die Mnner. Einer macht sich gleich auf den Weg, Meldung
an Horst auszurichten, der in seinem Raum immer noch mit der Ordnung von
Schriftstcken beschftigt ist. Er tritt sofort heraus, den erlesenen
Besuch zu empfangen.

In voller Uniform mit Ordensschmuck ist er, dem Tage die Ehre zu geben,
wie Dankwart und Kunz auch, wie die meisten der Siedler. Horst trgt nur
das kurze Seitengewehr. Dankwart und Kunz haben auch die Pistole im
Grtel.

Horst reicht Tilde still die Hand, bei Gisbert sind ihrer beider
Gedanken. Seit er ihr die Nachricht vom Tode des Freundes berbracht,
haben sie sich nicht mehr gesehen. Edelsteinhart sind ihre Augen
geworden, nur von Pflicht und Arbeit wissen sie. Um ihren beseelten Mund
hat ein starrer Zug sich gegraben. Sie versteinert von dem Fluch der
Einsamkeit, dem ihr Leben erliegt.

Kunz findet sich zur Begrung ein. Horst und er sehen sich heute zum
erstenmal. Sie mustern sich wie zwei Kmpfer, kalt, feindlich. Seit
Tagen ist kein Wort zwischen ihnen geredet.

Horst spricht mit Tilde, der Pastor mit Kunz. Warum habe ich Sie so
lange nicht gesehen? fragt Waermann.

Kunz schweigt. Wo hast Du Vita? will es ihm auf die Lippen. Aber dann
denkt er, wie gleichgltig ist dies. Gegen das, was hier geschieht. Und
sein Blick greift zu Horst hinber. Der Pastor sieht diesen Blick, und
schrickt zusammen. Was ist mit Kunz? Hier ist mehr als Schmerz und Klage
um den toten Freund. Etwas Wildes, grausam Gewaltsames zngelt hier.
Etwas wahnhaft Verbohrtes whlt hier. Und wieder gewahrt er das in dem
Blick, mit dem Kunz die neuen Gste, die Schweden aufnimmt. Was geht
hier vor?

Oberst Thorild und seine Tochter sind dem Pastor bekannt, Frau Tilde
werden sie vorgestellt. Kunz lst sich von der Gruppe, um die ein
gemeinsames Gesprch sich schlingt. Er starrt vor sich hin, in seinem
Gehirn ist eine leere tote Stelle.

Dann schweifen seine Augen mechanisch ber die Versammelten ringsum. Er
sieht ein paar Gesichter, die ihm nicht gefallen -- Bekannte, von dem
Barackensturm her? Wie ein Schleier liegt es ber allem.

Und dann doch die Frage: Was wollen die hier? Wie wach und hell htte
ihn frher dieser Gedanke gemacht. Wie htte der all seine Krfte
angespannt. Jetzt schleichen sie trge. Nur, da durch ihn das eine
hinblitzt: fhrten sie doch etwas im Schilde! Kme es doch wieder zu
blutigem Kampf! Nur Blut knnte hier heilen! Und wrde hier alles
zerstrt und dem Boden gleich gemacht -- vielleicht das beste! Besser
ein ganzes Nichts als dies halbe Dasein des kmmernden Werks! Und er
selbst wird in dem Untergang begraben und ist frei und erlst, ist ledig
aller Pflichten -- aller Taten --

Ein Schleier liegt ihm ber der Welt, ein rtlicher Dunst ist ber den
Dingen.

Der alte Torfmeister wuchtet zu ihm her -- spricht gewaltig auf ihn ein
-- seine Ohren drhnen, die leere Stelle in seinem Hirn fllt sich mit
tosenden Schmerzen -- er nickt benommen zu allem, was er hrt, und wei
von nichts und starrt in die verschleierte Welt. Den Schleier zu
zerreien -- mir liegt es ob!

Jetzt tritt Mulitz, der Polier, zum Bericht vor Horst. Es sei alles fr
die Feier vorbereitet. Wenn es recht sei, knne sie beginnen.

Dann wollen wir also! bestimmt Horst. Wie matte Bronze ist sein
Gesicht, verbissen sein Mund, um seine Augen sind Schatten, aber er ist
fest und bereit.

Und bereit ist auch Kunz.

Zwischen Ingeborg und Oberst Thorild geht Horst, da sie nun alle zum
Neubau wandern. Die beiden wissen, wie Schweres er trgt. Es ist
abgemacht, da sie gleich nach der Feier abfahren. Die Segeljacht ist
bereit. Ihre Koffer haben sie gepackt. Aber sie wollen nicht daran
erinnern, nicht davon sprechen.

Doch Horst bringt selbst die Rede darauf. Darf ich fragen, Herr Oberst,
ob es bei dem Reisetermin bleibt?

Wenn Sie einen Aufschub wnschen --

Aber ich bitte. Meine Sachen sind geordnet. Ich bin freudig dabei.

Ingeborgs Augen strahlen zu ihm empor.

Sein Fhrerblick bersieht den Kreis. Ganz dahinten -- eine besondere
Gruppe fllt ihm auf. In ihr ist lebhafte Bewegung. Einer redet jetzt
eben -- gestikuliert verzweifelt -- ein anderer beschwichtigt -- hlt
zurck -- bndigt -- beschwrt. Die Kpfe sind nicht zu erkennen. Doch
nach der Haltung, der Bewegung, der Gestalt -- der Bndiger, der Lange,
ist das nicht Stahlboom? Die Kommunisten -- was wollen sie hier?
Bereiten sie sowas wie einen Anschlag vor? Er behlt sie im Auge.

Hat die schwarz-wei-rote Fahne sie erregt, die eben ber dem First des
Neubaus an dem Flaggenmast in die Hhe steigt, von Sonne und Wind mit
Jubel gegrt?

Von der Baracke her ist Dankwart mit den Jungen erschienen. Sie tragen
sein Flugzeugmodell. Auf die Goldberge steigt er mit ihnen und bringt
den Apparat in Stellung.

Vor dem Hause machen Mulitz und der heilige Josef die Ehren. Die
Versammelten -- eine groe Schar ist es geworden -- stellen im Halbkreis
sich auf. Der Polier will ins Haus, will das Gerst unter der Krone
besteigen und die Kranzrede halten. Da, wie jetzt das Schweigen sich
ber sie breitet, knattert ein Automobil in der Nhe. Sie horchen auf.
Kommt noch hoher Besuch?

Jetzt hrt es sich an, als wolle es auf der Strae, die man von hier aus
nicht sehen kann, vorberfahren. Dann hlt es. Dann nimmt es eine neue
Richtung. Jetzt kommt es querfeldein ber die Heide. Wen bringt es?
Uniformen blitzen darin.

Das Gelnde wird sandig und hglig. Der Wagen stockt und steht. Die
Insassen steigen aus. Ententeoffiziere. Ein franzsischer, ein
englischer Hauptmann. Sie schreiten auf die Versammelten zu. Zwei
franzsische Sergeanten hinter ihnen.

Ein Todesschweigen ber all den Menschen. Eine Stille ringsum, als halte
die Welt den Atem an. Als drehe die Erde sich nicht mehr. Nur die
schwarz-wei-rote Fahne rauscht im Winde.

Der franzsische Kapitn, geschniegelt, kokett, bewut, der Ranglteste
und Wortfhrer, greift sich mit den Blicken Horst heraus, den er gleich
als die leitende Persnlichkeit erkennt. Mustert ihn, in seiner
deutschen Offiziersuniform, mit unverschmten Blick, von Kopf zu Fen.
Erklrt dann in einer Art leutseligen Gesprchigkeit: sie htten heute
am Sonntag eigentlich nur einen Vergngungsausflug vorgehabt -- _ votre
ocan_ -- und die Frechheit ist wieder obenauf. _Mais maintenant votre
noir-blanc-rouge nous a attir. On revient toujours -- vous savez -- 
ses premires amours!_ Horst steht khl, aufrecht, in voller Hhe vor
ihm und wrdigt ihn keiner Antwort. Sein Blick ist dem Franzmann
unangenehm. Er weicht ihm aus und spricht jetzt herrisch und giftig: da
sie nun einmal hier wren, wollten sie das Ntzliche mit dem
Angenehmen verbinden -- er schlgt mit dem Handstock seine
Ledergamasche -- und hier an Ort und Stelle gleich die Waffensuche
vornehmen. _S'il vous plat_ -- wendet er sich an den Englnder, der
schlfrig dasteht und aus seiner kurzen Shagpfeife pafft. Kaum hlt er
es fr ntig, mit dem Kopf zu nicken oder ein _yes_ zu kauen.

Der Franzose sieht sich im Kreise um, er mustert das Publikum bei diesem
Schauspiel, dessen Hauptheld er ist, da trifft von den Goldbergen her
ein Flimmern sein Auge. Das Flugzeugmodell blitzt in der Sonne.

Er setzt den Feldstecher an. _Ah -- un modle d'aroplane! voil des
essais, qu'il faut surveiller avant tout!_ Er wendet sich an den
englischen Hauptmann -- _vous arrange -- t-il?_ -- und schreitet auf
die Hhe zu. Der Englischmann grunzt und bleibt an seiner Seite. Die
Sergeanten folgen.

Horst auf anderem Wege berholt sie. Dies alles geht ihn natrlich
zuerst an. Kunz ist an seinen Fersen. Der eiserne Ring, der ihm um die
Brust sa, ist gesprengt. Eine neue Tonart spielt das Leben. Er kann
wieder Luft holen. Er trinkt sie tief in sich ein. Bis in den Hals
schlgt ihm das Herz.

Mit Dankwart zusammen nehmen Horst und Kunz die Feinde in Empfang.

Die Menge ist an den Fu der Goldberge gestrmt. All die Kpfe sind
gehoben, all die Gesichter, die Augen glnzen auf zu der Hhe. In allen
Herzen klopft es: was wird geschehen? Da hier etwas geschehen wird, sie
fhlen, sie wissen, sie fordern es alle. Und so sind sie einig,
geschlossen, eine groe Gemeinschaft in diesem einen Gefhl. Von Pastor
Waermann, dem Freiheitshelden, bis zu Stahlboom, dem Kommunisten -- in
Frau Tilde, in Oberst Thorild, Ingeborg, dem Torfmeister, in allen
Siedlern, allen Geladenen und Ungeladenen -- in allen, allen pulsen die
Nerven denselben Takt.

Auch in den frommen Wallern, die heute wieder erschienen sind -- zuerst
haben sie sich gesondert gehalten und ferne -- in scheuer Andacht -- wie
eiferschtig auf ihre Sehnsucht -- jetzt rcken sie nher -- und bald
werden sie sich ganz dem groen Chore einverleibt haben. Ist nicht in
allen dieselbe Not, dasselbe Gebet? Werden nicht die vielen vereinten
Hnde, geeinten Herzen am ersten das Wunder beschwren? Am ersten ein
Zeichen erwirken? Ein Zeichen des Trostes, und wenn nur ein kleines, das
Hoffnung gibt auf die Erlsung!

Da oben, eingespannt in den hellen, vollen, harten, wahrhaftigen Glanz
der Sonne, stehen sie -- deutsche Offiziere -- feindliche Offiziere. Im
Schmuck ihres Kleides, im Glanz ihrer Waffen, ihrer Ehren. Stehen sich
gegenber -- Welt gegen Welt. Was wird geschehen?

Was entspinnt sich da? Der Kapitn besichtigt das Modell. _Instrument
de guerre_, erklrt er. _Vous le briserez sur le champ moi prsent!_

Dankwart hat dafr kein Wort. Er wendet dem Heischenden den Rcken und
legt beide Arme auf die Maschine.

Der Franzose zischt wie eine Natter -- packt Dankwarts Schulter -- der
schttelt ihn ab, da er taumelt.

Da, in maloser Wut hebt der Franzose den Stock und schlgt Dankwart
ber den Kopf! Dankwart, den Krppel!

Ein dumpfer Aufschrei pret sich aus all den Herzen, den Kehlen --

Horst -- schon hat er den Burschen am Kragen -- holt ihn sich hintenber
-- reit ihm den Stock aus der Hand -- legt ihn sich bers Knie und lt
seine Hiebe auf ihn hageln.

Blitzschnell das alles. Der Englnder steht regungslos. Die Sergeanten
wollen zuspringen. Die Hand mit der Shagpfeife weist sie zurck. _Fair
play!_ Um den breiten Mund ist das Lcheln einer ehrlichen kleinen
Teufelei.

Blitzschnell ist es vorber. Atemlos, im Bann, in verzcktem Schweigen
-- so haben all die Herzen, die Hirne das Bild getrunken. Sie haben es,
sie halten es, verwachsen ist es mit ihnen.

Jetzt, da Horst den Gezchtigten beiseite geschmissen hat -- da dieser
mit schumendem Mund und irrem Auge die Pistole aus dem Grtel reit --
mit donnerndem Hurra sind all die Siedler den Berg hinaufgestrmt.

Der englische Hauptmann hat den Arm des Verstrten genommen. Sein _we
shall see!_ kaut er und fhrt ihn gemessen den Berg hinunter, zu ihrem
Auto.

Ein Jubel hat sich aufgemacht wie eine Windsbraut. Das groe Meer des
Zornes eines edlen, mchtigen, geknechteten, geschndeten Volkes -- hier
schlgt es seine Wellen empor, himmelan. Sie klatschen in die Hnde, sie
umarmen sich, sie brausen, sie taumeln unter Weinen und Lachen. Muz wie
ein Feuerrad rast um sich selbst -- man sieht nur ein tosendes Rund und
sprhende Funken. Ein donnerndes Rollen steigt zum Firmament. Lud
Uhlenbrook lacht und lacht aus vollem Herzen -- so brllt das Glck.
Auer Rand und Band ist die ganze sonnenselige Welt. Das blanke hohe
Himmelszelt spannt sich zum Zerspringen -- zerreit es nicht -- bricht
nicht ein Blitz aus dem Blau -- ein Gottesantlitz?

Horst ber ihnen allen, strahlend wie Michael, die Augen geweitet, die
Nstern geblht, ein unergrndlich glckliches Lcheln um den Mund. Noch
meiden sie ihn, wie ein Hheres, ein Heiliges.

Dann aber strzen die Jungen zu ihm. Fritz Rder -- will es schreien --
und erstickt an seiner Seligkeit -- und stt es dann mhsam aus
verschluckten Trnen hervor -- ich hab es geknipst! Und zwei andere
stammeln ich auch! Und Fritz verkndet es heiser, lallend,
zusammenbrechend -- ein Bild ist das -- ein Titelbild -- fr die
Geschichte -- in alle Lande, in alle Stdte, in alle Drfer soll es
fliegen -- fr die Weltgeschichte -- fr die deutsche Geschichte -- ein
Titelbild -- ich hab es geknipst --

Wie ein vom Strick Losgeschnittener steht Kunz. Zu heftig hat sich die
hohle Stelle in seinem Brgen wieder gefllt. Noch blickt er verbldet.

Da schleicht von hinten etwas zu ihm, springt ihn an, drckt ihm die
Lider zu mit kindlichen Hnden -- wer ist es? -- was fragt er, da er es
fhlt?

Und sein Mdchen schenkt ihm der deutsche Jubel! In seinen Armen hngt
Vita und kt ihn mit fast mnadenhafter Glut. Da er aufs neue
verbldet. Aber pltzlich ist er so hell und gescheit wie noch nie in
seinem Leben und packt zu und hlt fest. Und ist der bedeutendste und
mchtigste aller Menschen.

Und ist wieder der Junge, ganz der Junge -- schreit auf wie ein
Verrckter -- schlgt Purzelbume, sieben hintereinander und brllt
zwischendurch zu seiner Vita hinber: Bin ich dick?

Dann bleibt er besinnlich im Grase sitzen. Ist das ein Tag -- eine Tat.
Ich mu sie besingen. Die Welt erwartet es von mir. Ein Heldenepos! Ich
hab auch schon einen Titel: der Bchsenspanner Seiner Majestt des
deutschen Volkes. Nein, ein Volkslied mu es werden. Ein Kutschkelied.
Und soll noch von den Enkeln gesungen werden in allen Gauen.

   Da sprach der Horst, das ist mir Worst,
   Und haut ihm, da die Hose borst.

Ingeborg ist bei Horst. Sie lt das Glck ihrer Augen leuchten, wenn es
auch schwer dahinter dmmert. Sie packt seine Hand mit beiden Hnden.
Das wiegt alle Worte auf. Dann spricht sie leise: Aber nun wird Ihnen
hier Schweres bevorstehen.

Wer das nicht frhlich auf sich nimmt --! Gleichwohl schweifen ihre
Blicke zur See hinunter und etwas in ihnen spricht: da liegt unsere
Jacht segelfertig. Du tust gut, Gras wachsen zu lassen ber das, was
hier geschehen ist! Komm jetzt! Fahr mit uns! Mit mir!

Doch, wie sie das Auge wieder voll zu ihm wendet, erschrickt sie vor
diesem eigenen versteckten Denken und Wnschen. Ich wrde es selbst
nicht wollen, da Du Dich von hier entfernst! Da Du mit uns fhrst. Ich
wrde Dich selbst so nicht wollen! Und ein harter reiner Schmerz bndigt
ihre Flammen.

Oberst Thorild tritt hinzu. Ein Wahrzeichen -- ein Wappen -- eine Fahne
sind Sie geworden! Seine Augen sind voll Feuer.

So darf man denn das -- Abgedroschene, das Triviale gelten lassen, weil
es die strkste Anschaulichkeit, die grte Bildkraft hat. Dafr werden
die Abstrakten im Lande Zeter ber mich schreien.

Die lassen Sie nur.

Und die ntzlich ngstlichen noch mehr. Ich hr es schon in ihren
Blttern rauschen. Kostspielig wird die Sache -- schdlich
verbrecherisch ist Deine Tat! Nur ein Volksfeind konnte so handeln!

Die lassen Sie erst recht. Ich sag Ihnen, noch ein Dutzend solcher
symbolischen Handlungen, und das Volksgewissen bekommt sein Mousseux,
seinen Aufstieg. Ich glaube es lohnt, in diesem Volksgewissen zu leben!
Dafr aber, mein Freund -- so darf ich Sie nennen -- sind wir, Ingeborg
und ich, jetzt die Leidtragenden. Da Sie jetzt nicht mit uns fahren.

Ich denke, wir werden uns damit nicht verlieren.

Niemals. So wie wir uns gefunden haben! Aber jetzt mssen wir Sie mit
Ihren Kameraden allein lassen. Leben Sie wohl!

Mit starkem Hndedruck nehmen sie Abschied voneinander. Lange liegt
Ingeborgs Hand in der seinen. Dann bleiben ihre Augen nicht mehr fest,
und sie wendet sich jh von ihm.

Horst blickt den Schreitenden nach. Oft noch dreht Ingeborg sich um und
winkt mit dem Tuch. Er mu bitter hart die Zhne aufeinander beien.
Wieder ist eine Kraft von ihm gegangen. Wieder eine Saite in ihm
zersprungen. Aber, was er noch hat, treu mu er es bewahren, denn es
gehrt nicht ihm allein.

Und wie er jetzt die Kameraden sucht, da tritt jemand vor ihn hin, ein
Unerwarteter. Stahlboom, der Kommunist. Der Feind, mit dem er gekmpft
auf Leben und Tod. Der Feind -- der Landsmann jetzt, der Deutsche.
Reicht ihm die Hand, schnell, hastig -- aber Hand ruht doch in Hand. Ob
heimlich, wie beilufig, rgerlich fast -- die Hnde haben sich doch
gefunden! Wahrhaftig und notwendig! Die Hnde und die Herzen! In diesem
Zeichen wachsen sie zusammen.

Da leuchtet es nun erst ber Horst hin -- der Lichtstrahl der
glckhaften Erfllung! Die deutsche Einheit -- die Front ihrer Streiter
-- sie ist kein Traum -- sie kann sein -- sie wird sein -- sie ist! Nur
braucht sie ihr Signal! Die rechte Fahne mu wehen! Dafr leben und
sterben!

Horst ist mit den Kameraden zusammen. Ja, sagt Horst, ob Ihr mich bei
Euch behaltet? Ob Ihr nicht die Suppe, die ich auch Euch eingebrockt
habe, mich lieber allein auslffeln lat --! -- Da lachen all die
Siedler laut hinweg, was er sonst noch htte sagen knnen.

Kunz packt seine Hand und reit ihn zur Seite. Und mit einem
unbeschreiblichen Blick, in dem ein Bekenntnis liegt voll aller
Dsternis und aller Helle dieser Welt, mit seinem lchelnden Knabenmund:
Ich dank Dir auch, Horst -- dank Dir, da ich Dich nicht hab um die
Ecke zu bringen brauchen.

Horst blickt in diese Tiefen und versteht den Freund, und ihre
Freundschaft ist geheiligt.

Und jetzt weihen wir unser Haus! Ihr Jungen, singt Deutschland Euer
junges Lied! Wir stimmen mit ein.

Und zur Sonne empor braust es:

   Wir sind die Jungen! Wir sind die Kraft,
   jede Faser gestrafft und gerafft,
   wir sind die Jungen, wir sind die Frohen,
   siehst du die nchtigen Wolken lohen?
   Wir sind des Frhrots lachender Schein!
   Frei sollst du sein!

   Wir sind die Jungen -- die Herzen fliegen!
   Wir sind die Jungen, wir strmen, wir siegen!
   Unter die Fe den tckischen Ha,
   seine Ketten zerspringen wie Glas.
   Unser Gebet, unser Feldgeschrei:
   Frei sollst du sein!
         Wir machen dich frei!




                     Vom gleichen Verfasser erschienen
                            in demselben Verlag

                             Die Ecke der Welt

                      Eine Erzhlung. -- 5. Tausend.

   Mit _groer dichterischer Kraft_ hat Dreyer hier die Geschichte
   von einer Frau und drei Mnnern erzhlt, und er erweist sich auch
   jetzt wieder als ein _Meister der Epik_, als unerschrockener
   Seelenknder. Das ganze Geschehen ist von der herben
   Landschaftsstimmung des nordischen Kstenlandes umhllt; im
   knappen Aufbau der Erzhlung verrt sich die dramatische Schulung
   und die Schilderung erreicht eine seltene Farbigkeit und
   psychologische Klarheit, die Gabe eines unserer _feinsten
   Dichter_.

                                               (Hamburger Nachrichten)

                                     *

                                 Die Insel

                Geschichten aus dem Winkel. -- 5. Tausend.

   Sieben _feine, kleine Geschichten_, anmutig in ihrer schlichten,
   zu Herzen gehenden Art, eine Insel, auf die wir uns flchten wollen
   in den Wirren dieser Zeit. Die Naturschilderungen, die nicht
   breit und platznehmend, dennoch vielfach im Vordergrund stehen,
   sind von _schner Kraft_. Die Skizzen sind _liebevoll ausgefhrt_
   und haben zumeist einen Humor, der welterkennend lchelnd ber
   den Dingen steht.

                                 (Eva Duncker im Abendblatt, Berlin)

                                     *

                                 Nachwuchs

                           Roman. -- 5. Tausend.

   In eigenartiger Weise behandelt Max Dreyers neues Buch das
   Problem, das nach einem an Blutopfern berreichen Kriege fr jedes
   Volk das wichtigste ist: Die Frage nach dem Ersatz fr alle die
   Jnglinge und Mnner, die ihr Leben dem Vaterlande hingegeben
   haben. _Krftiger Realismus vermhlt sich in dem packend
   geschriebenen Roman mit einer den feinsten Seelenregungen
   nachsprenden psychologischen Kunst._

                                           (Hannov. Courier, Hannover)


                     Vom gleichen Verfasser erschienen
                        frher in demselben Verlag

                            Der deutsche Morgen

                          Das Leben eines Mannes
                               15. Tausend.

                                     *

                                 Ohm Peter

                                   Roman
                               18. Tausend.

                                     *

                             Lautes und Leises

                            Ein Geschichtenbuch
                               11. Tausend.

                                     *

                                  Strand

                            Ein Geschichtenbuch
                                3. Auflage.

           Einen ausfhrlichen Prospekt ber die Werke von _Max
             Dreyer_ liefert jede Buchhandlung oder der Verlag
                                kostenlos.


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 20]:
   ... ihn unter den Brdern seinen Wert und sein Geprge. ...
   ... ihm unter den Brdern seinen Wert und sein Geprge. ...

   [S. 27]:
   ... warm. In diesem und jenen Frauenauge glnzte es ...
   ... warm. In diesem und jenem Frauenauge glnzte es ...

   [S. 51]:
   ... -- es lste sich ihm all in die lichte Unendlichkeit dieser ...
   ... -- es lste sich ihm alles in die lichte Unendlichkeit dieser ...

   [S. 94]:
   ... Die Widersprche strzen nur so ber ihn. Er blieb ...
   ... Die Widersprche strzten nur so ber ihn. Er blieb ...

   [S. 98]:
   ... Diener -- der ihm ein Vermgen kostet -- ist ein alter ...
   ... Diener -- der ihn ein Vermgen kostet -- ist ein alter ...

   [S. 102]:
   ... auch nichts getan, fragt sie sorgend und hilfsbereit. ...
   ... auch nichts getan?, fragt sie sorgend und hilfsbereit. ...

   [S. 237]:
   ... in dieser Gegend. ...
   ... in dieser Gegend? ...

   [S. 298]:
   ... ich hab es geknipst -- ...
   ... -- ich hab es geknipst -- ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Siedler von Hohenmoor, by Max Dreyer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE SIEDLER VON HOHENMOOR ***

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The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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