The Project Gutenberg EBook of Amok, by Stefan Zweig

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Title: Amok
       Novellen einer Leidenschaft

Author: Stefan Zweig

Release Date: September 5, 2018 [EBook #57850]

Language: German


*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AMOK ***




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                               Die Kette
                           Ein Novellenkreis


                            Der erste Ring:
                            Erstes Erlebnis
                       Geschichten aus Kinderland


                            Der Zweite Ring:
                                  Amok
                      Novellen einer Leidenschaft






                                  Amok


                      Novellen einer Leidenschaft


                                  Von
                              Stefan Zweig


                    Im Insel-Verlag zu Leipzig 1922


                           1. bis 10. Tausend


                            Frans Masereel,
                 dem Knstler, dem brderlichen Freunde

                        Salzburg, Frhling 1922






   Tu auf dich, Unterwelt der Leidenschaften:
   Gestalten ihr, getrumt und doch empfunden,
   Lat eure Lippen hei an meinen haften,
   Trinkt Blut von Blut und Atem mir vom Munde!

   Brecht vor aus euren Zwielichtfinsternissen
   Und schmt euch nicht der Qual, die euch umschattet!
   Wer Liebe liebt, will nicht ihr Leiden missen,
   Was euch verstrt, ists, was mich zu euch gattet.

   Nur Leidenschaft, die ihren Abgrund findet,
   Lt deine letzte Wesenheit entbrennen,
   Nur der sich ganz verliert, ist sich gegeben.

   So flamm dich auf! Erst wenn du dich entzndet,
   Wirst du die Welt in deiner Tiefe kennen:
   Erst wo Geheimnis wirkt, beginnt das Leben.




                             Der Amoklufer


Im Mrz des Jahres 1912 ereignete sich im Hafen von Neapel bei dem
Ausladen eines groen berseedampfers ein merkwrdiger Unfall, ber den
die Zeitungen umfangreiche, aber sehr phantastisch ausgeschmckte
Berichte brachten. Obzwar Passagier der Oceania, war es mir
ebensowenig wie den andern mglich, Zeuge jenes seltsamen Vorfalles zu
sein, weil er sich zur Nachtzeit whrend des Kohlenladens und der
Lschung der Fracht abspielte, wir aber, um dem Lrm zu entgehen, alle
an Land gegangen waren und dort in Kaffeehusern oder Theatern die Zeit
verbrachten. Immerhin meine ich persnlich, da manche Vermutungen, die
ich damals nicht ffentlich uerte, die wirkliche Aufklrung jener
erregenden Szene in sich tragen, und die Ferne der Jahre erlaubt mir
wohl das Vertrauen eines Gesprches zu nutzen, das jener seltsamen
Episode unmittelbar vorausging.

                   *       *       *       *       *

Als ich in der Schiffsagentur von Kalkutta einen Platz fr die Rckreise
nach Europa auf der Oceania bestellen wollte, zuckte der Clerk
bedauernd die Schultern. Er wisse noch nicht, ob es mglich sei, mir
eine Kabine zu sichern, das Schiff wre jetzt knapp vor dem Einbruch der
Regenzeit immer schon von Australien her ausverkauft, er msse erst das
Telegramm von Singapore abwarten. Am nchsten Tage teilte er mir
erfreulicherweise mit, er knne mir noch einen Platz vormerken, freilich
sei es nur eine wenig komfortable Kabine unter Deck und in der Mitte des
Schiffes. Ich war schon ungeduldig heimzukehren: so zgerte ich nicht
lange und lie mir den Platz zuschreiben.

Der Clerk hatte mich richtig informiert. Das Schiff war berfllt und
die Kabine schlecht, ein kleiner, gepreter, rechteckiger Winkel in der
Nhe der Dampfmaschine, einzig vom trben Blick der kreisrunden
Glasscheibe erhellt. Die stockende, verdickte Luft roch nach l und
Moder: nicht fr einen Augenblick konnte man dem elektrischen Ventilator
entgehen, der wie eine toll gewordene sthlerne Fledermaus einem surrend
ber der Stirne kreiste. Von unten her ratterte und sthnte wie ein
Kohlentrger, der unablssig dieselbe Treppe hinaufkeucht, die Maschine,
von oben hrte man unaufhrlich das schlurfende Hin und Her der Schritte
vom Promenadendeck. So flchtete ich, kaum da ich den Koffer in das
muffige Grab aus grauen Traversen verstaut hatte, wieder zurck auf
Deck, und wie Ambra trank ich, aufsteigend aus der Tiefe, den slichen
weichen Wind, der vom Lande her ber die Wellen wehte.

Aber auch das Promenadendeck war voll Enge und Unruhe: es flatterte und
flirrte von Menschen, die mit der flackernden Nervositt eingesperrter
Unttigkeit unausgesetzt plaudernd auf und nieder gingen. Das
zwitschernde Geschker der Frauen, das rastlos kreisende Wandern auf dem
Engpa des Decks, wo vor den Sthlen der Schwarm in schwatzhafter Unruhe
vorbeiwogte, um sich unablssig zu begegnen, tat mir irgendwie weh. Ich
hatte eine neue Welt gesehen, rasch ineinanderstrzende Bilder in
rasender Jagd in mich eingetrunken. Nun wollte ich mirs bersinnen,
zerteilen, ordnen, nachbildend das hei in den Blick Gedrngte
gestalten, aber hier auf dem gedrngten Boulevard gab es nicht eine
Minute Ruhe und Rast. Die Zeilen in einem Buch zerrannen vor den
flchtigen Schatten der Vorberplaudernden. Es war unmglich, mit sich
selbst auf dieser schattenlosen wandernden Schiffsgasse allein zu sein.

Drei Tage lang versuchte ichs, sah resigniert auf die Menschen, auf das
Meer, aber das Meer blieb immer dasselbe, blau und leer, nur im
Sonnenuntergang pltzlich mit allen Farben jh bergossen. Und die
Menschen, sie kannte ich auswendig nach dreimal vierundzwanzig Stunden.
Jedes Gesicht war mir vertraut bis zum berdru, das scharfe Lachen der
Frauen reizte, das polternde Streiten zweier nachbarlicher hollndischer
Offiziere rgerte nicht mehr. So blieb nur Flucht: aber die Kabine war
hei und dunstig, im Salon produzierten unablssig englische Mdchen ihr
schlechtes Klavierspiel bei abgehackten Walzern. Schlielich drehte ich
entschlossen die Zeitordnung um, tauchte in die Kabine schon nachmittags
hinab, nachdem ich mich zuvor mit ein paar Glsern Bier betubt, um das
Souper und den Tanzabend zu berschlafen.

Als ich aufwachte, war es ganz dunkel und dumpf in dem kleinen Sarg der
Kabine. Den Ventilator hatte ich abgestellt, so schwlte die Luft fettig
und feucht an die Schlfen. Meine Sinne waren irgendwie betubt: ich
brauchte Minuten, um mich an Zeit und Ort zurckzufinden. Mitternacht
mute jedenfalls schon vorbei sein, denn ich hrte weder Musik noch den
rastlosen Schlurf der Schritte: nur die Maschine, das atmende Herz des
Leviathans, stie keuchend den knisternden Leib des Schiffes fort ins
Unsichtbare.

Ich tastete empor auf Deck. Es war leer. Und wie ich den Blick aufhob
ber den dnstenden Turm des Schornsteins und die geisterhaft glnzenden
Spieren, drang mit einmal magische Helle mir in die Augen. Der Himmel
strahlte. Er war dunkel gegen die Sterne, die ihn wei durchwirbelten,
aber doch: er strahlte; es war, als verhllte dort ein samtener Vorhang
ungeheures Licht, als wren die sprhenden Sterne nur Luken und Ritzen,
durch die jenes unbeschreiblich Helle vorglnzte. Nie hatte ich den
Himmel gesehen wie in jener Nacht, so strahlend, so stahlblau hart und
doch funkelnd, triefend, rauschend, quellend von Licht, das vom Mond
verhangen niederschwoll und von den Sternen und das irgendwie aus einem
geheimnisvollen Innen zu brennen schien. Weier Lack, flimmerten im
Monde alle Randlinien des Schiffes grell gegen das samtdunkle Meer, die
Taue, die Rahen, alles Schmale, alle Konturen waren aufgelst in diesem
flutenden Glanz: gleichsam im Leeren schienen die Lichter auf den Masten
und darber das runde Auge des Ausgucks zu hngen, irdische gelbe Sterne
zwischen den strahlenden des Himmels.

Gerade aber zu Hupten stand mir das magische Sternbild, das Sdkreuz,
mit flimmernden diamantenen Ngeln ins Unsichtbare gehmmert, schwebend
scheinbar, indes nur das Schiff Bewegung schuf, das leise bebend sich
mit atmender Brust nieder und auf, nieder und auf, ein gigantischer
Schwimmer, durch die dunklen Wogen stie. Ich stand und sah empor: mir
war wie in einem Bade, wo Wasser warm von oben fllt, nur da dies Licht
war, das mir wei und auch lau die Hnde bersplte, die Schultern, das
Haupt mild umgo und irgendwie nach innen zu dringen schien, denn alles
Dumpfe in mir war pltzlich aufgehellt. Ich atmete befreit, rein, und
jh beseligt sprte ich auf den Lippen wie ein klares Getrnk die Luft,
die weiche, gegorene, leicht trunken machende Luft, in der Atem von
Frchten, Duft von fernen Inseln war. Nun, nun zum ersten Male, seit ich
die Planken betreten, berkam mich die heilige Lust des Trumens, und
jene andere sinnlichere, meinen Krper weibisch hinzugeben an dieses
Weiche, das mich umdrngte. Ich wollte mich hinlegen, den Blick hinauf
zu den weien Hieroglyphen. Aber die Ruhesessel, die Deckchairs waren
verrumt, nirgends fand sich auf dem leeren Promenadendeck ein Platz zu
trumerischer Rast.

So tastete ich weiter, allmhlich dem Vorderteil des Schiffes zu, ganz
geblendet vom Licht, das immer heftiger aus den Gegenstnden auf mich zu
dringen schien. Fast tat es schon weh, dies kalkweie, grell brennende
Sternenlicht, ich aber hatte Verlangen, mich irgendwo im Schatten zu
vergraben, hingestreckt auf eine Matte, den Glanz nicht an mir zu
fhlen, sondern nur ber mir, an den Dingen gespiegelt, so wie man eine
Landschaft sieht aus verdunkeltem Zimmer. Endlich kam ich, ber Taue
stolpernd und vorbei an den eisernen Gewinden bis an den Kiel und sah
hinab, wie der Bug in das Schwarze stie und geschmolzenes Mondlicht
schumend zu beiden Seiten der Schneide aufsprhte. Immer wieder hob,
immer wieder senkte sich der Pflug in die schwarzflutende Scholle, und
ich fhlte alle Qual des besiegten Elements, fhlte alle Lust der
irdischen Kraft in diesem funkelnden Spiel. Und im Schauen verlor ich
die Zeit. War es eine Stunde, da ich so stand, oder waren es nur
Minuten: im Auf und Nieder schaukelte mich die ungeheure Wiege des
Schiffes ber die Zeit hinaus. Ich fhlte nur, da in mich Mdigkeit
kam, die wie eine Wollust war. Ich wollte schlafen, trumen und doch
nicht weg aus dieser Magie, nicht hinab in meinen Sarg. Unwillkrlich
ertastete ich mit meinem Fu unter mir ein Bndel Taue. Ich setzte mich
hin, die Augen geschlossen und doch nicht Dunkels voll, denn ber sie,
ber mich strmte der silberne Glanz. Unten fhlte ich die Wasser leise
rauschen, ber mir mit unhrbarem Klang den weien Strom dieser Welt.
Und allmhlich schwoll dies Rauschen mir ins Blut: ich fhlte mich
selbst nicht mehr, wute nicht, ob dies Atmen mein eigenes war oder des
Schiffes fernpochendes Herz, ich strmte, verstrmte in diesem ruhelosen
Rauschen der mitternchtigen Welt.

                   *       *       *       *       *

Ein leises, trockenes Husten hart neben mir lie mich auffahren. Ich
schrak aus meiner fast schon trunkenen Trumerei. Meine Augen, geblendet
vom weien Geleucht ber den bislang geschlossenen Lidern, tasteten auf:
mir knapp gegenber im Schatten der Bordwand glnzte etwas wie der
Reflex einer Brille, und jetzt glhte ein dicker, runder Funke auf, die
Glut einer Pfeife. Ich hatte, als ich mich hinsetzte, einzig
niederblickend in die schaumige Bugschneide und empor zum Sdkreuz,
offenbar diesen Nachbarn nicht bemerkt, der regungslos hier die ganze
Zeit gesessen haben mute. Unwillkrlich, noch dumpf in den Sinnen,
sagte ich auf deutsch: Verzeihung! Oh, bitte ... antwortete die
Stimme deutsch aus dem Dunkel.

Ich kann nicht sagen, wie seltsam und schaurig das war, dies stumme
Nebeneinandersitzen im Dunkeln knapp neben einem, den man nicht sah.
Unwillkrlich hatte ich das Gefhl, als starre dieser Mensch auf mich
genau wie ich auf ihn starrte: aber so stark war das Licht ber uns, das
weiflimmernd flutende, da keiner von keinem mehr sehen konnte als den
Umri im Schatten. Nur den Atem meinte ich zu hren und das fauchende
Saugen an der Pfeife.

Das Schweigen war unertrglich. Ich wre am liebsten weggegangen, aber
das schien doch zu brsk, zu pltzlich. Aus Verlegenheit nahm ich mir
eine Zigarette heraus. Das Zndholz zischte auf, eine Sekunde lang
zuckte Licht ber den engen Raum. Ich sah hinter Brillenglsern ein
fremdes Gesicht, das ich nie an Bord gesehen, bei keiner Mahlzeit, bei
keinem Gang, und sei es, da die pltzliche Flamme den Augen wehtat oder
war es eine Halluzination: es schien grauenhaft verzerrt, finster und
koboldhaft. Aber ehe ich Einzelheiten deutlich wahrnahm, schluckte das
Dunkel wieder die flchtig erhellten Linien fort, nur den Umri sah ich
einer Gestalt, dunkel ins Dunkel gedrckt und manchmal den kreisrunden
roten Feuerring der Pfeife im Leeren. Keiner sprach, und dies Schweigen
war schwl und drckend wie die tropische Luft.

Endlich ertrug ichs nicht mehr. Ich stand auf und sagte hflich Gute
Nacht.

Gute Nacht, antwortete es aus dem Dunkel, eine heisere, harte,
eingerostete Stimme.

Ich stolperte mich mhsam vorwrts durch das Takelwerk an den Pfosten
vorbei. Da klang ein Schritt hinter mir her, hastig und unsicher. Es war
der Nachbar von vordem. Unwillkrlich blieb ich stehen. Er kam nicht
ganz nah heran, durch das Dunkel fhlte ich ein Irgendetwas von Angst
und Bedrcktheit in der Art seines Schrittes.

Verzeihen Sie, sagte er dann hastig, wenn ich eine Bitte an Sie
richte. Ich ... ich ... -- er stotterte und konnte nicht gleich
weitersprechen vor Verlegenheit -- ich ... ich habe private ... ganz
private Grnde, mich hier zurckzuziehen ... ein Trauerfall ... ich
meide die Gesellschaft an Bord ... Ich meine nicht Sie ... nein, nein
... Ich mchte nur bitten ... Sie wrden mich sehr verpflichten, wenn
Sie zu niemandem an Bord davon sprechen wrden, da Sie mich hier
gesehen haben ... Es sind ... sozusagen private Grnde, die mich jetzt
hindern unter die Leute zu gehen ... ja ... nun ... es wre mir
peinlich, wenn Sie davon Erwhnung tten, da jemand hier nachts ... da
ich ... Das Wort blieb ihm wieder stecken. Ich beseitigte rasch seine
Verwirrung, indem ich ihm eiligst zusicherte, seinen Wunsch zu erfllen.
Wir reichten einander die Hnde. Dann ging ich in meine Kabine zurck
und schlief einen dumpfen, merkwrdig verwhlten und von Bildern
verwirrten Schlaf.

                   *       *       *       *       *

Ich hielt mein Versprechen und erzhlte niemandem an Bord von der
seltsamen Begegnung, obzwar die Versuchung keine geringe war. Denn auf
einer Seereise wird das Kleinste zum Geschehnis, ein Segel am Horizont,
ein Delphin, der aufspringt, ein neuentdeckter Flirt, ein flchtiger
Scherz. Dabei qulte mich die Neugier, mehr von diesem ungewhnlichen
Passagier zu wissen: ich durchforschte die Schiffsliste nach einem
Namen, der ihm zugehren konnte, ich musterte die Leute, ob sie zu ihm
in Beziehung stehen knnten: den ganzen Tag bemchtigte sich meiner eine
nervse Ungeduld, und ich wartete eigentlich nur auf den Abend, ob ich
ihm wieder begegnen wrde. Rtselhafte psychologische Dinge haben ber
mich eine geradezu beunruhigende Macht, es reizt mich bis ins Blut,
Zusammenhnge aufzuspren, und sonderbare Menschen knnen mich durch
ihre bloe Gegenwart zu einer Leidenschaft des Erkennenwollens
entznden, die nicht viel geringer ist als jene des Besitzenwollens bei
einer Frau. Der Tag wurde mir lang und zerbrckelte leer zwischen den
Fingern. Ich legte mich frh ins Bett: ich wute, ich wrde um
Mitternacht aufwachen, es wrde mich erwecken.

Und wirklich: ich erwachte um die gleiche Stunde wie gestern. Auf dem
Radiumzifferblatt der Uhr deckten sich die beiden Zeiger in einem
leuchtenden Strich. Hastig stieg ich aus der schwlen Kabine in die noch
schwlere Nacht.

Die Sterne strahlten wie gestern und schtteten ein diffuses Licht ber
das zitternde Schiff, hoch oben flammte das Kreuz des Sdens. Alles war
wie gestern -- in den Tropen sind die Tage, die Nchte zwillingshafter
als in unseren Sphren -- nur in mir war nicht dies weiche, flutende,
trumerische Gewiegtsein wie gestern. Irgend etwas zog mich, verwirrte
mich, und ich wute, wohin es mich zog: hin zu dem schwarzen Gewind am
Kiel, ob er wieder dort starr sitze, der Geheimnisvolle. Von oben her
schlug die Schiffsglocke. Dies ri mich fort. Schritt fr Schritt,
widerwillig und doch gezogen, gab ich mir nach. Noch war ich nicht am
Steven, da zuckte pltzlich dort etwas auf wie ein rotes Auge: die
Pfeife. Er sa also dort.

Unwillkrlich schreckte ich zurck und blieb stehen. Im nchsten
Augenblick wre ich gegangen. Da regte es sich drben im Dunkel, etwas
stand auf, tat zwei Schritte, und pltzlich hrte ich knapp vor mir
seine Stimme, hflich und gedrckt.

Verzeihen Sie, sagte er, Sie wollen offenbar wieder an Ihren Platz,
und ich habe das Gefhl, Sie flchteten zurck, als Sie mich sahen.
Bitte, setzen Sie sich nur hin, ich gehe schon wieder.

Ich eilte, ihm meinerseits zu sagen, da er nur bleiben solle, ich sei
blo zurckgetreten, um ihn nicht zu stren. Mich stren Sie nicht,
sagte er mit einer gewissen Bitterkeit, im Gegenteil, ich bin froh,
einmal nicht allein zu sein. Seit zehn Tagen habe ich kein Wort
gesprochen ... eigentlich seit Jahren nicht ... und da geht es so
schwer, eben vielleicht weil man schon erstickt daran, alles in sich
hineinzuwrgen ... Ich kann nicht mehr in der Kabine sitzen, in diesem
... diesem Sarg ... ich kann nicht mehr ... und die Menschen ertrage ich
wieder nicht, weil sie den ganzen Tag lachen ... Das kann ich nicht
ertragen jetzt ... ich hre es hinein bis in die Kabine und stopfe mir
die Ohren zu ... freilich, sie wissen ja nicht, da ... nun sie wissens
eben nicht, und dann, was geht das die Fremden an ...

Er stockte wieder. Und sagte dann ganz pltzlich und hastig: Aber ich
will Sie nicht belstigen ... verzeihen Sie meine Geschwtzigkeit.

Er verbeugte sich und wollte fort. Aber ich widersprach ihm dringlich.
Sie belstigen mich durchaus nicht. Auch ich bin froh, hier ein paar
stille Worte zu haben ... Nehmen Sie eine Zigarette?

Er nahm eine. Ich zndete an. Wieder ri sich das Gesicht flackernd vom
schwarzen Bordrand los, aber jetzt voll mir zugewandt: die Augen hinter
der Brille forschten in mein Gesicht, gierig und mit einer irren Gewalt.
Ein Grauen berlief mich. Ich sprte, da dieser Mensch sprechen wollte,
sprechen mute. Und ich wute, da ich schweigen msse, um ihm zu
helfen.

Wir setzten uns wieder. Er hatte einen zweiten Deckchair dort, den er
mir anbot. Unsere Zigaretten funkelten, und an der Art, wie der
Lichtring der seinen unruhig im Dunkel zitterte, sah ich, da seine Hand
bebte. Aber ich schwieg, und er schwieg. Dann fragte pltzlich seine
Stimme leise:

Sind Sie sehr mde?

Nein, durchaus nicht.

Die Stimme aus dem Dunkel zgerte wieder. Ich mchte Sie gerne um etwas
fragen ... das heit, ich mchte Ihnen etwas erzhlen. Ich wei, ich
wei genau, wie absurd das ist, mich an den ersten zu wenden, der mir
begegnet, aber ... ich bin ... ich bin in einer furchtbaren psychischen
Verfassung ... ich bin an einem Punkt, wo ich unbedingt mit jemandem
sprechen mu ... ich gehe sonst zugrunde ... Sie werden das schon
verstehen, wenn ich ... ja, wenn ich Ihnen eben erzhle ... Ich wei,
da Sie mir nicht werden helfen knnen ... aber ich bin irgendwie krank
von diesem Schweigen ... und ein Kranker ist immer lcherlich fr die
andern ...

Ich unterbrach ihn und bat ihn, sich doch nicht zu qulen. Er mge mir
nur erzhlen ... ich knne ihm natrlich nichts versprechen, aber man
habe doch die Pflicht, seine Bereitwilligkeit anzubieten. Wenn man
jemanden in einer Bedrngnis sehe, da ergebe sich doch natrlich die
Pflicht zu helfen ...

Die Pflicht ... seine Bereitwilligkeit anzubieten ... die Pflicht, den
Versuch zu machen ... Sie meinen also auch, Sie auch, man habe die
Pflicht ... die Pflicht, seine Bereitwilligkeit anzubieten.

Dreimal wiederholte er den Satz. Mir graute vor dieser stumpfen,
verbissenen Art des Wiederholens. War dieser Mensch wahnsinnig? War er
betrunken?

Aber als ob ich die Vermutung laut mit den Lippen ausgesprochen htte,
sagte er pltzlich mit einer ganz andern Stimme: Sie werden mich
vielleicht fr irr halten oder fr betrunken. Nein, das bin ich nicht --
noch nicht. Nur das Wort, das Sie sagten, hat mich so merkwrdig berhrt
... so merkwrdig, weil es gerade das ist, was mich jetzt qult, nmlich
ob man die Pflicht hat ... die Pflicht ...

Er begann wieder zu stottern. Dann brach er kurz ab und begann mit einem
neuen Ruck.

Ich bin nmlich Arzt. Und da gibt es oft solche Flle, solche
verhngnisvolle ... ja, sagen wir Grenzflle, wo man nicht wei, ob man
die Pflicht hat ... nmlich, es gibt ja nicht nur eine Pflicht, die
gegen den andern, sondern eine fr sich selbst und eine fr den Staat
und eine fr die Wissenschaft ... Man soll helfen, natrlich, dazu ist
man doch da ... aber solche Maximen sind immer nur theoretisch ... Wie
weit soll man denn helfen? ... Da sind Sie, ein fremder Mensch, und ich
bin Ihnen fremd, und ich bitte Sie, zu schweigen darber, da Sie mich
gesehen haben ... gut, Sie schweigen, Sie erfllen diese Pflicht ... Ich
bitte Sie, mit mir zu sprechen, weil ich krepiere an meinem Schweigen
... Sie sind bereit, mir zuzuhren ... gut ... Aber das ist ja leicht
... Wenn ich Sie aber bitten wrde, mich zu packen und ber Bord zu
werfen ... da hrt sich doch die Geflligkeit, die Hilfsbereitschaft
auf. Irgendwo endets doch ... dort, wo man anfngt mit seinem eigenen
Leben, seiner eigenen Verantwortung ... irgendwo mu es doch enden ...
irgendwo mu diese Pflicht doch aufhren ... Oder vielleicht soll sie
gerade beim Arzt nicht aufhren drfen? Mu der ein Heiland, ein
Allerweltshelfer sein, blo weil er ein Diplom mit lateinischen Worten
hat, mu der wirklich sein Leben hinwerfen und sich Wasser ins Blut
schtten, wenn irgendeine ... irgendeiner kommt und will, da er edel
sei, hilfreich und gut? Ja, irgendwo hrt die Pflicht auf ... dort, wo
man nicht mehr kann, gerade dort ...

Er hielt wieder inne und ri sich auf.

Verzeihen Sie ... ich rede gleich so erregt ... aber ich bin nicht
betrunken ... noch nicht betrunken ... auch das kommt jetzt oft bei mir
vor, ich gestehe es Ihnen ruhig ein, in dieser hllischen Einsamkeit ...
Bedenken Sie, ich habe sieben Jahre nur fast zwischen Eingeborenen und
Tieren gelebt ... da verlernt man das ruhige Reden. Wenn man sich dann
auftut, flutets gleich ber ... Aber warten Sie ... ja, ich wei schon
... ich wollte Sie fragen, wollte Ihnen so einen Fall vorlegen, ob man
die Pflicht habe zu helfen ... so ganz engelhaft rein zu helfen, ob man
... brigens ich frchte, es wird lang werden. Sind Sie wirklich nicht
mde?

Nein, durchaus nicht.

Ich ... ich danke Ihnen ... Nehmen Sie nicht?

Er hatte irgendwo hinter sich ins Dunkel getappt. Etwas klirrte
gegeneinander, zwei, drei, jedenfalls mehrere Flaschen, die er neben
sich gestellt. Er bot mir ein Glas Whisky, an dem ich flchtig nippte,
whrend er mit einem Ruck das seine hinabgo. Einen Augenblick stand
Schweigen zwischen uns. Da schlug die Glocke: halb eins.

                   *       *       *       *       *

Also ... ich mchte Ihnen einen Fall erzhlen. Nehmen Sie an, ein Arzt
in einer ... einer kleineren Stadt ... oder eigentlich am Lande ... ein
Arzt, der ... ein Arzt, der ...

Er stockte wieder. Dann ri er sich pltzlich den Sessel heran zu mir.

So geht es nicht. Ich mu Ihnen alles direkt erzhlen, von Anfang an,
sonst verstehen Sie es nicht ... Das, das lt sich nicht als Exempel,
als Theorie entwickeln ... ich mu Ihnen meinen Fall erzhlen. Da gibt
es keine Scham, kein Verstecken ... vor mir ziehen sich auch die Leute
nackt aus und zeigen mir ihren Grind, ihren Harn und ihre Exkremente ...
wenn man geholfen haben will, darf man nicht herumreden und nichts
verschweigen ... Also ich werde Ihnen keinen Fall erzhlen von einem
sagenhaften Arzt ... ich ziehe mich nackt aus und sage: ich ... das
Schmen habe ich verlernt in dieser dreckigen Einsamkeit, in diesem
verfluchten Land, das einem die Seele ausfrit und das Mark aus den
Lenden saugt.

Ich mute irgendeine Bewegung gemacht haben, denn er unterbrach sich.

Ach, Sie protestieren ... ich verstehe, Sie sind begeistert von Indien,
von den Tempeln und den Palmenbumen, von der ganzen Romantik einer
Zweimonatsreise. Ja, so sind sie zauberhaft, die Tropen, wenn man sie in
der Eisenbahn, im Auto, in der Rikscha durchstreift: ich habe das auch
nicht anders gefhlt, als ich zum erstenmal herber kam vor sieben
Jahren. Was trumte ich da nicht alles, die Sprachen wollte ich lernen
und die heiligen Bcher im Urtext lesen, die Krankheiten studieren,
wissenschaftlich arbeiten, die Psyche der Eingeborenen ergrnden -- so
sagt man ja im europischen Jargon -- ein Missionar der Menschlichkeit,
der Zivilisation werden. Alle, die kommen, trumen denselben Traum. Aber
in diesem unsichtbaren Glashaus dort geht einem die Kraft aus, das
Fieber -- man kriegts ja doch, mag man noch so viel Chinin in sich
fressen -- greift einem ans Mark, man wird schlapp und faul, wird weich,
eine Qualle. Irgendwie ist man als Europer von seinem wahren Wesen
abgeschnitten, wenn man aus den groen Stdten weg in so eine verfluchte
Sumpfstation kommt: auf kurz oder lang hat jeder seinen Knax weg, die
einen saufen, die andern rauchen Opium, die dritten prgeln und werden
Bestien -- irgendeinen Schu Narrheit kriegt jeder ab. Man sehnt sich
nach Europa, trumt davon, wieder einen Tag auf einer Strae zu gehen,
in einem hellen steinernen Zimmer unter weien Menschen zu sitzen, Jahr
um Jahr trumt man davon, und kommt dann die Zeit, wo man Urlaub htte,
so ist man schon zu trge, um zu gehen. Man wei, drben ist man
vergessen, fremd, eine Muschel in diesem Meer, auf die jeder tritt. So
bleibt man und versumpft und verkommt in diesen heien, nassen Wldern.
Es war ein verfluchter Tag, an dem ich mich in dieses Drecknest verkauft
habe ...

brigens: ganz so freiwillig war das ja auch nicht. Ich hatte in
Deutschland studiert, war recte Mediziner geworden, ein guter Arzt sogar
mit einer Anstellung an der Leipziger Klinik; irgendwo in einem
verschollenen Jahrgang der Medizinischen Bltter haben sie damals viel
Aufhebens gemacht von einer neuen Injektion, die ich als erster
praktiziert hatte. Da kam eine Weibergeschichte, eine Person, die ich im
Krankenhaus kennen lernte: sie hatte ihren Geliebten so toll gemacht,
da er sie mit dem Revolver anscho, und bald war ich ebenso toll wie
er. Sie hatte eine Art, hochmtig und kalt zu sein, die mich rasend
machte -- mich hatten immer schon Frauen in der Faust, die herrisch und
frech waren, aber diese bog mich zusammen, da mir die Knochen brachen.
Ich tat, was sie wollte, ich -- nun, warum soll ichs nicht sagen, es
sind acht Jahre her -- ich tat fr sie einen Griff in die Spitalskasse,
und als die Sache aufflog, war der Teufel los. Ein Onkel deckte noch den
Abgang, aber mit der Karriere war es vorbei. Damals hrte ich gerade,
die hollndische Regierung werbe rzte an fr die Kolonien und biete ein
Handgeld. Nun, ich dachte gleich, es mte ein sauberes Ding sein, fr
das man Handgeld biete, ich wute, da die Grabkreuze auf diesen
Fieberplantagen dreimal so schnell wachsen als bei uns, aber wenn man
jung ist, glaubt man, das Fieber und der Tod springt immer nur auf die
andern. Nun, ich hatte da nicht viel Wahl, ich fuhr nach Rotterdam,
verschrieb mich auf zehn Jahre, bekam ein ganz nettes Bndel Banknoten,
die Hlfte schickte ich nach Hause an den Onkel, die andere Hlfte jagte
mir eine Person dort im Hafenviertel ab, die alles von mir
herauskriegte, nur weil sie jener verfluchten Katze so hnlich war. Ohne
Geld, ohne Uhr, ohne Illusionen bin ich dann abgesegelt von Europa und
war nicht sonderlich traurig, als wir aus dem Hafen steuerten. Und dann
sa ich so auf Deck wie Sie, wie alle saen und sah das Sdkreuz und die
Palmen, das Herz ging mir auf -- ah, Wlder, Einsamkeit, Stille, trumte
ich! Nun -- an Einsamkeit bekam ich gerade genug. Man setzte mich nicht
nach Batavia oder Surabaya, in eine Stadt, wo es Menschen gibt und Klubs
und Golf und Bcher und Zeitungen, sondern -- nun der Name tut ja nichts
zur Sache -- in irgendeine der Distriktstationen, zwei Tagereisen von
der nchsten Stadt. Ein paar langweilige, verdorrte Beamte, ein paar
Halfcast, das war meine ganze Gesellschaft, sonst weit und breit nur
Wald, Plantagen, Dickicht und Sumpf.

Im Anfang wars noch ertrglich. Ich trieb allerhand Studien; einmal, als
der Vizeresident auf der Inspektionsreise mit dem Automobil umgeworfen
und sich ein Bein zerschmettert hatte, machte ich ohne Gehilfen eine
Operation, ber die viel geredet wurde, ich sammelte Gifte und Waffen
der Eingeborenen, ich beschftigte mich mit hundert kleinen Dingen, um
mich wach zu halten. Aber all dies ging nur, solang die Kraft von Europa
her in mir noch funktionierte: dann trocknete ich ein. Die paar Europer
langweilten mich, ich brach den Verkehr ab, trank und trumte in mich
hinein. Ich hatte ja nur noch zwei Jahre, dann war ich frei mit Pension,
konnte nach Europa zurckkehren, noch einmal ein Leben anfangen.
Eigentlich tat ich nichts mehr als warten, stilliegen und warten. Und so
se ich heute noch, wenn nicht sie ... wenn das nicht gekommen wre.

                   *       *       *       *       *

Die Stimme im Dunkeln hielt inne. Auch die Pfeife glimmte nicht mehr. So
still war es, da ich mit einem Male wieder das Wasser hrte, das sich
schumend am Kiel brach, und den fernen, dumpfen Herzsto der Maschine.
Ich htte mir gern eine Zigarette angezndet, aber ich hatte Furcht vor
dem grellen Aufschlag des Zndholzes und dem Reflex in seinem Gesicht.
Er schwieg und schwieg. Ich wute nicht, ob er zu Ende sei, ob er
duselte, ob er schlief, so tot war sein Schweigen.

Da schlug die Schiffsglocke einen geraden, krftigen Schlag: ein Uhr. Er
fuhr auf: ich hrte wieder das Glas klingen. Offenbar tastete die Hand
suchend zum Whisky hinab. Ein Schluck gluckste leise -- dann pltzlich
begann die Stimme wieder, aber jetzt gleichsam gespannter,
leidenschaftlicher.

Ja also ... warten Sie ... ja also, das war so. Ich sitze da droben in
meinem verfluchten Nest, sitze wie die Spinne im Netz regungslos seit
Monaten schon. Es war gerade nach der Regenzeit, Wochen und Wochen hatte
es auf das Dach gepltschert, kein Mensch war gekommen, kein Europer,
tglich, tglich hatte ich dagesessen mit meinen gelben Weibern im Haus
und meinem guten Whisky. Ich war damals gerade ganz _down_, ganz
europakrank: wenn ich irgendeinen Roman las von hellen Straen und
weien Frauen, begannen mir die Finger zu zittern. Ich kann Ihnen den
Zustand nicht ganz schildern, es ist eine Art Tropenkrankheit, eine
wtige, fiebrige und doch kraftlose Nostalgie, die einen manchmal packt.
So sa ich damals, ich glaube ber einem Atlas, und trumte mir Reisen
aus. Da klopft es aufgeregt an die Tr, der Boy steht drauen und eines
von den Weibern, beide haben die Augen ganz aufgerissen vor Erstaunen.
Sie machen groe Gebrden: eine Dame sei hier, eine Lady, eine weie
Frau.

Ich fahre auf. Ich habe keinen Wagen kommen gehrt, kein Automobil. Eine
weie Frau hier in dieser Wildnis?

Ich will die Treppe hinab, reie mich aber noch zurck. Ein Blick in den
Spiegel, hastig richte ich mich ein wenig zurecht. Ich bin nervs,
unruhig, irgendwie geqult von unangenehmem Vorgefhl, denn ich wei
niemanden auf der Welt, der aus Freundschaft zu mir kme. Endlich gehe
ich hinunter.

Im Vorraum wartet die Dame und kommt mir hastig entgegen. Ein dicker
Automobilschleier verhllt ihr Gesicht. Ich will sie begren, aber sie
fngt mir rasch das Wort ab. Guten Tag, Doktor, sagte sie auf englisch
in einer flieenden (etwas zu leicht flieenden und wie im voraus
eingelernten) Art. Verzeihen Sie, da ich Sie berfalle. Aber wir waren
gerade in der Station, unser Auto hlt drben -- warum fhrt sie nicht
bis vors Haus, schiet es mir blitzschnell durch den Kopf -- da
erinnerte ich mich, da Sie hier wohnen. Ich habe schon so viel von
Ihnen gehrt, Sie haben ja eine wirkliche Zauberei mit dem
Vizeresidenten gemacht, sein Bein ist wieder tadellos _allright_, er
spielt Golf wie frher. Ah, ja, alles spricht noch davon drunten bei
uns, und wir wollten alle unseren brummigen Surgeon und noch die zwei
andern hergeben, wenn Sie zu uns kmen. berhaupt, warum sieht man Sie
nie drunten, Sie leben ja wie ein Joghi ...

Und so plappert sie weiter, hastig und immer hastiger, ohne mich zu
Worte kommen zu lassen. Etwas Nervses und Fahriges ist in diesem
talkigen Geschwtz, und ich werde selbst unruhig davon. Warum spricht
sie soviel, frage ich mich innerlich, warum stellt sie sich nicht vor,
warum nimmt sie den Schleier nicht ab? Hat sie Fieber? Ist sie krank?
Ist sie toll? Ich werde immer nervser, weil ich die Lcherlichkeit
empfinde, so stumm vor ihr zu stehen, bergossen von ihrer prasselnden
Geschwtzigkeit. Endlich stoppt sie ein wenig, und ich kann sie
hinaufbitten. Sie macht dem Boy eine Bewegung, zurckzubleiben, und geht
vor mir die Treppe empor.

Nett haben Sie es hier, sagt sie, in meinem Zimmer sich umsehend. Ah,
die schnen Bcher! die mchte ich alle lesen! Sie tritt an das Regal
und mustert die Bchertitel. Zum erstenmal, seit ich ihr
entgegengetreten, schweigt sie fr eine Minute.

Darf ich Ihnen einen Tee anbieten? fragte ich.

Sie wendet sich nicht um und sieht nur auf die Bchertitel. Nein,
danke, Doktor ... wir mssen gleich wieder weiter ...: ich habe nicht
viel Zeit ... war ja nur ein kleiner Ausflug ... Ach, da haben Sie auch
den Flaubert, den liebe ich so sehr ... wundervoll, ganz wundervoll, die
>_Education sentimentale_< ... ich sehe, Sie lesen auch franzsisch ...
Was Sie alles knnen! ... ja, die Deutschen, die lernen alles auf der
Schule ... Wirklich groartig, so viel Sprachen zu knnen! ... Der
Vizeresident schwrt auf Sie, sagt immer, Sie seien der einzige, dem er
unter das Messer ginge ... unser guter Surgeon drben taugt gerade zum
Bridgespiel ... brigens wissen Sie -- (sie wendete sich noch immer
nicht um) heute kams mir selbst in den Sinn, ich sollte Sie einmal
konsultieren ... und weil wir eben vorberfuhren, dachte ich ... nun,
Sie haben jetzt wohl zu tun ... ich komme lieber ein andermal.

Deckst du endlich die Karten auf! dachte ich mir sofort. Aber ich lie
nichts merken, sondern versicherte ihr, es wrde mir nur eine Ehre sein,
jetzt und wann immer sie wolle, ihr zu dienen.

Es ist nichts Ernstes, sagte sie, sich halb umwendend und gleichzeitig
in einem Buch bltternd, das sie vom Regal genommen hatte, nichts
Ernstes ... Kleinigkeiten ... Weibersachen ... Schwindel, Ohnmachten.
Heute frh schlug ich, als wir eine Kurve machten, pltzlich hin, _raide
morte_ ... der Boy mute mich aufrichten im Auto und Wasser holen ...
nun, vielleicht ist der Chauffeur zu rasch gefahren ... meinen Sie
nicht, Doktor?

Ich kann das so nicht beurteilen. Haben Sie fter derlei Ohnmachten?

Nein ..., das heit ja ... in der letzten Zeit ... gerade in der
allerletzten Zeit ... ja ... solche Ohnmachten und belkeiten.

Sie steht schon wieder vor dem Bcherschrank, tut das Buch hinein, nimmt
ein anderes heraus und blttert darin. Merkwrdig, warum blttert sie
immer so ... so nervs, warum schaut sie unter dem Schleier nicht auf?
Ich sage mit Absicht nichts. Es reizt mich, sie warten zu lassen.
Endlich fngt sie wieder an in ihrer nonchalanten, plapperigen Art.

Nicht wahr, Doktor, nichts Bedenkliches das? Keine Tropensache ...
nichts Gefhrliches ...

Ich mte erst sehen, ob Sie Fieber haben. Darf ich um Ihren Puls
bitten ...

Ich gehe auf sie zu. Sie weicht leicht zur Seite.

Nein, nein, ich habe kein Fieber ... gewi, ganz gewi nicht ... ich
habe mich selbst gemessen jeden Tag, seit ... seit diese Ohnmachten
kamen. Nie Fieber, immer tadellos 36.4 auf den Strich. Auch mein Magen
ist gesund.

Ich zgere einen Augenblick. Die ganze Zeit schon prickelt in mir ein
Argwohn: ich spre, diese Frau will etwas von mir, man kommt nicht in
eine Wildnis, um ber Flaubert zu sprechen. Eine, zwei Minuten lasse ich
sie warten. Verzeihen Sie, sage ich dann geradewegs, darf ich einige
Fragen ganz frei stellen?

Gewi, Doktor! Sie sind doch Arzt, antwortet sie, aber schon wendet
sie mir wieder den Rcken und spielt mit den Bchern.

Haben Sie Kinder gehabt?

Ja, einen Sohn.

Und haben Sie ... haben Sie vorher ... ich meine damals ... haben Sie
da hnliche Zustnde gehabt?

Ja.

Ihre Stimme ist jetzt ganz anders. Ganz klar, ganz bestimmt, gar nicht
mehr plapprig, gar nicht mehr nervs.

Und wre es mglich, da Sie ... verzeihen Sie die Frage ... da Sie
jetzt in einem hnlichen Zustande sind?

Ja.

Wie ein Messer scharf und schneidend lt sie das Wort fallen. In ihrem
abgewandten Kopf zuckt nicht eine Linie.

Vielleicht wre es da am besten, gndige Frau, ich nehme eine
allgemeine Untersuchung vor ... darf ich Sie vielleicht bitten, sich ...
sich in das andere Zimmer hinber zu bemhen?

Da wendet sie sich pltzlich um. Durch den Schleier fhle ich einen
kalten, entschlossenen Blick mir gerade entgegen.

Nein ... das ist nicht ntig ... ich habe volle Gewiheit ber meinen
Zustand.

                   *       *       *       *       *

Die Stimme zgert einen Augenblick. Wieder blinkert im Dunkel das
gefllte Glas.

Also hren Sie ... aber versuchen Sie zuerst einen Augenblick sich das
zu berdenken. Da drngt sich zu einem, der in seiner Einsamkeit
vergeht, eine Frau herein, die erste weie Frau betritt seit Jahren das
Zimmer ... und pltzlich spre ichs, es ist etwas Bses im Zimmer, eine
Gefahr. Irgendwie berliefs mich: mir graute vor der sthlernen
Entschlossenheit dieses Weibes, die da mit plapprigen Reden
hereingekommen war und dann mit einemmal ihre Forderung zckt, wie ein
Messer. Denn was sie von mir wollte, wute ich ja, wute ich sofort --
es war nicht das erstemal, da Frauen so etwas von mir verlangten, aber
sie kamen anders, kamen verschmt oder flehend, kamen mit Trnen und
Beschwrungen. Hier aber war eine ... ja, eine sthlerne, eine mnnliche
Entschlossenheit ... von der ersten Sekunde sprte ichs, da diese Frau
strker war als ich ... da sie mich in ihren Willen zwingen konnte, wie
sie wollte ... Aber ... aber ... es war auch etwas Bses in mir ... der
Mann, der sich wehrte, irgendeine Erbitterung, denn ... ich sagte es ja
schon ... von der ersten Sekunde, ja, noch ehe ich sie gesehen, empfand
ich diese Frau als Feind.

Ich schwieg zunchst. Schwieg hartnckig und erbittert. Ich sprte, da
sie mich unter dem Schleier ansah -- gerade und fordernd ansah, da sie
mich zwingen wollte zu sprechen. Aber ich gab nicht so leicht nach. Ich
begann zu sprechen, aber ... ausweichend ... ja unbewut ahmte ich ihre
plapprige, gleichgltige Art nach. Ich tat, als ob ich sie nicht
verstnde, denn -- ich wei nicht, ob Sie das nachfhlen knnen -- ich
wollte sie zwingen, deutlich zu werden, ich wollte nicht anbieten,
sondern ... gebeten sein ... gerade von ihr, weil sie so herrisch kam
... und weil ich wute, da ich bei Frauen nichts so unterliege als
dieser hochmtigen kalten Art.

Ich redete also herum, dies sei ganz unbedenklich, solche Ohnmachten
gehrten zum regulren Lauf der Dinge, im Gegenteil, sie verbrgten
beinahe eine gute Entwicklung. Ich zitierte Flle aus den klinischen
Zeitungen ... ich sprach, ich sprach, lssig und leicht, immer die
Angelegenheit ganz wie eine Banalitt betrachtend und ... und wartete
immer, da sie mich unterbrechen wrde. Denn ich wute, sie wrde es
nicht ertragen.

Da fuhr sie schon scharf dazwischen, mit einer Handbewegung gleichsam
das ganze beruhigende Gerede wegstreifend.

Das ist es nicht, Doktor, was mich unsicher macht. Damals, als ich
meinen Buben bekam, war ich in besserer Verfassung ... aber jetzt bin
ich nicht mehr allright ... ich habe Herzzustnde ...

Ach, Herzzustnde, wiederholte ich, scheinbar beunruhigt, da will ich
doch gleich nachsehen. Und ich machte eine Bewegung, als ob ich
aufstehen und das Hrrohr holen wollte.

Aber schon fuhr sie dazwischen. Die Stimme war jetzt ganz scharf und
bestimmt -- wie am Kommandoplatz.

Ich _habe_ Herzzustnde, Doktor, und ich mu Sie bitten, zu glauben,
was ich Ihnen sage. Ich mchte nicht viel Zeit mit Untersuchungen
verlieren -- Sie knnten mir, meine ich, etwas mehr Vertrauen
entgegenbringen. Ich wenigstens habe mein Vertrauen zu Ihnen genug
bezeugt.

Jetzt war es schon Kampf, offene Herausforderung. Und ich nahm sie an.

Zum Vertrauen gehrt Offenheit, rckhaltlose Offenheit. Reden Sie klar,
ich bin Arzt. Und vor allem nehmen Sie den Schleier ab, setzen Sie sich
her, lassen Sie die Bcher und die Umwege. Man kommt nicht zum Arzt im
Schleier.

Sie sah mich an, aufrecht und stolz. Einen Augenblick zgerte sie. Dann
setzte sie sich nieder, zog den Schleier hoch. Ich sah ein Gesicht, ganz
so wie ich es -- gefrchtet hatte, ein undurchdringliches Gesicht, hart,
beherrscht, von einer alterslosen Schnheit, ein Gesicht mit grauen
englischen Augen, in denen alles Ruhe schien und hinter die man doch
alles Leidenschaftliche trumen konnte. Dieser schmale, verprete Mund
gab kein Geheimnis her, wenn er nicht wollte. Eine Minute lang sahen wir
einander an -- sie befehlend und fragend zugleich, mit einer so kalten,
sthlernen Grausamkeit, da ich es nicht ertrug und unwillkrlich zur
Seite blickte.

Sie klopfte leicht mit dem Knchel auf den Tisch. Also auch in ihr war
Nervositt. Dann sagte sie pltzlich rasch:

Wissen Sie, Doktor, was ich von Ihnen will, oder wissen Sie es nicht?

Ich glaube es zu wissen. Aber seien wir lieber ganz deutlich. Sie
wollen Ihrem Zustand ein Ende bereiten ... Sie wollen, da ich Sie von
Ihrer Ohnmacht, Ihren belkeiten befreie, indem ich ... indem ich die
Ursache beseitige. Ist es das?

Ja.

Wie ein Fallbeil zuckte das Wort.

Wissen Sie auch, da solche Versuche gefhrlich sind ... fr beide
Teile ...?

Ja.

Da es gesetzlich mir untersagt ist?

Es gibt Mglichkeiten, wo es nicht untersagt, sondern sogar geboten
ist.

Aber diese erfordern eine rztliche Indikation.

So werden Sie diese Indikation finden. Sie sind Arzt.

Klar, starr, ohne zu zucken, blickten mich ihre Augen dabei an. Es war
ein Befehl, und ich Schwchling bebte in Bewunderung vor der dmonischen
Herrischkeit ihres Willens. Aber ich krmmte mich noch, ich wollte nicht
zeigen, da ich schon zertreten war. -- Nur nicht zu rasch! Umstnde
machen! Sie zur Bitte zwingen, funkelte in mir irgendein Gelst.

Das liegt nicht immer im Willen des Arztes. Aber ich bin bereit, mit
einem Kollegen im Krankenhaus ...

Ich will Ihren Kollegen nicht ... ich bin zu Ihnen gekommen.

Darf ich fragen, warum gerade zu mir?

Sie sah mich kalt an.

Ich habe kein Bedenken, es Ihnen zu sagen. Weil Sie abseits wohnen,
weil Sie mich nicht kennen -- weil Sie ein guter Arzt sind, und weil Sie
... jetzt zgerte sie zum ersten Male -- wohl nicht mehr lange in
dieser Gegend bleiben werden, besonders wenn Sie ... wenn Sie eine
grere Summe nach Hause bringen knnen.

Mich berliefs kalt. Diese eherne, diese Merchant-, diese
Kaufmannsklarheit der Berechnung betubte mich. Bisher hatte sie ihre
Lippen noch nicht zur Bitte aufgetan -- aber alles lngst auskalkuliert,
mich erst umlauert und dann aufgesprt. Ich sprte, wie das Dmonische
ihres Willens in mich eindrang, aber ich wehrte mich mit all meiner
Erbitterung. Noch einmal zwang ich mich sachlich -- ja fast ironisch zu
sein.

Und diese grere Summe wrden Sie ... wrden Sie mir zur Verfgung
stellen?

Fr Ihre Hilfe und sofortige Abreise.

Wissen Sie, da ich dadurch meine Pension verliere?

Ich werde sie Ihnen entschdigen.

Sie sind sehr deutlich ... Aber ich will noch mehr Deutlichkeit. Welche
Summe haben Sie als Honorar in Aussicht genommen?

Zwlftausend Gulden, zahlbar auf Scheck in Amsterdam.

Ich ... zitterte ... ich zitterte vor Zorn und ... ja auch vor
Bewunderung. Alles hatte sie berechnet, die Summe und die Art der
Zahlung, durch die ich zur Abreise gentigt war, sie hatte mich
eingeschtzt und gekauft, ohne mich zu kennen, hatte ber mich verfgt
im Vorgefhl ihres Willens. Am liebsten htte ich ihr ins Gesicht
geschlagen ... Aber wie ich zitternd aufstand -- auch sie war
aufgestanden -- und ihr gerade Auge in Auge starrte, da berkam mich
pltzlich bei dem Blick auf diesen verschlossenen Mund, der nicht
bitten, auf ihre hochmtige Stirn, die sich nicht beugen wollte ... eine
... eine Art gewaltttiger Gier. Sie mute irgend etwas davon fhlen,
denn sie spannte ihre Augenbrauen hoch, wie wenn man jemand Lstigen
wegweisen will: der Ha zwischen uns war pltzlich nackt. Ich wute, sie
hate mich, weil sie mich brauchte, und ich hate sie, weil ... weil sie
nicht bitten wollte. Diese eine, diese eine Sekunde Schweigen sprachen
wir zum erstenmal ganz aufrichtig zueinander. Dann bi sich pltzlich
wie ein Reptil mir ein Gedanke ein, und ich sagte ihr ... ich sagte ihr
...

Aber warten Sie, so wrden Sie es falsch verstehen, was ich tat ... was
ich sagte ... ich mu Ihnen erst erklren, wie ... wieso dieser
wahnsinnige Gedanke in mich kam ...

                   *       *       *       *       *

Wieder klirrte leise im Dunkel das Glas. Und die Stimme wurde erregter.

Nicht da ich mich entschuldigen will, mich rechtfertigen, mich
reinwaschen ... Aber Sie verstehen es sonst nicht ... Ich wei nicht, ob
ich je so etwas wie ein guter Mensch gewesen bin, aber ... ich glaube,
hilfreich war ich immer ... In dem dreckigen Leben da drben war das ja
die einzige Freude, die man hatte, mit der Handvoll Wissenschaft, die
man sich ins Hirn gepret, irgendeinem Stck Leben den Atem erhalten zu
knnen ... so eine Art Herrgottsfreude ... Wirklich, es waren meine
schnsten Augenblicke, wenn so ein gelber Bursch kam, blauwei vor
Schrecken, einen Schlangenbi im hochgeschwollenen Fu, und schon
heulte, man solle ihm das Bein nicht abschneiden, und ich kriegte es
noch fertig, ihn zu retten. Stundenweit bin ich gefahren, wenn irgendein
Weib im Fieber lag -- auch so wie diese es wollte, habe ich geholfen,
schon in Europa drben an der Klinik. Aber da sprte mans wenigstens,
da dieser Mensch einen _brauchte_, da wute mans, da man jemand vom
Tode rettete oder vor der Verzweiflung -- und das braucht man eben
selbst zum Helfen, dies Gefhl, da der andere einen braucht.

Aber diese Frau -- ich wei nicht, ob ich es Ihnen schildern kann -- sie
regte mich auf, reizte mich von dem Augenblick, da sie scheinbar
promenierend hereinkam, durch ihren Hochmut zu einem Widerstand, sie
reizte alles -- wie soll ichs sagen ... sie reizte alles Gedrckte,
alles Versteckte, alles Bse in mir zur Gegenwehr. Da sie Lady spielte,
unnahbar khl ein Geschft entrierte, wo es um Tod und Leben ging, das
machte mich toll ... Und dann ... dann ... schlielich wird man doch
nicht schwanger vom Golfspielen ... ich wute ... das heit, ich mute
pltzlich mit einer -- und das war jener Gedanke -- mit einer
entsetzlichen Deutlichkeit mich daran erinnern, da diese Khle, diese
Hochmtige, diese Kalte, die steil die Augenbrauen ber ihre sthlernen
Augen hochzog, als ich sie nur abwehrend ... ja fast wegstoend
anblickte, da die sich zwei oder drei Monate vorher hei im Bett mit
einem Mann gewlzt hatte, nackt wie ein Tier und vielleicht sthnend vor
Lust, die Krper ineinander verbissen wie zwei Lippen ... Das, das war
der brennende Gedanke, der mich berfiel, als sie mich so hochmtig, so
unnahbar khl, ganz wie ein englischer Offizier anblickte ... und da, da
spannte sich alles in mir ... ich war besessen von der Idee, sie zu
erniedrigen ... von dieser Sekunde sah ich durch das Kleid ihren Krper
nackt ... von dieser Sekunde an lebte ich nur im Gedanken, sie zu
besitzen, ein Sthnen aus ihren harten Lippen zu pressen, diese Kalte,
diese Hochmtige in Wollust zu fhlen so wie jener, jener andere, den
ich nicht kannte. Das ... das wollte ich Ihnen erklren ... Ich habe
nie, so verkommen ich war, sonst als Arzt die Situation zu nutzen
gesucht ... Aber diesmal war es ja nicht Geilheit, nicht Brunst, nichts
Sexuelles, wahrhaftig nicht ... ich wrde es ja eingestehen ... nur die
Gier, eines Hochmuts Herr zu werden ... Herr als Mann ... Ich sagte es
Ihnen, glaube ich, schon, da hochmtige, scheinbar khle Frauen von je
ber mich Macht hatten ... aber jetzt, jetzt kam noch dies dazu, da ich
sieben Jahre hier lebte, ohne eine weie Frau gehabt zu haben, da ich
Widerstand nicht kannte ... Denn diese Mdchen hier, diese zwitschernden
kleinen zierlichen Tierchen, die zittern ja vor Ehrfurcht, wenn ein
Weier, ein Herr, sie nimmt ... sie lschen aus in Demut, immer sind
sie einem offen, immer bereit, mit ihrem leisen, glucksenden Lachen
einem zu dienen ... aber gerade diese Unterwrfigkeit, dieses Sklavische
verschweint einem den Genu ... Verstehen Sie jetzt, verstehen Sie es,
wie das dann auf mich hinschmetternd wirkte, wenn da pltzlich eine Frau
kam, voll von Hochmut und Ha, verschlossen bis an die Fingerspitzen,
zugleich funkelnd von Geheimnis und beladen mit frherer Leidenschaft
... wenn eine solche Frau in den Kfig eines solchen Mannes, einer so
vereinsamten, verhungerten, abgesperrten Menschenbestie frech eintritt
... Das ... das wollte ich nur sagen, damit Sie das andere verstehen ...
das, was jetzt kam. Also ... voll von irgendeiner bsen Gier, vergiftet
von dem Gedanken an sie, nackt, sinnlich, hingegeben, ballte ich mich
gleichsam zusammen und tuschte Gleichgltigkeit vor. Ich sagte khl:
Zwlftausend Gulden? ... Nein, dafr werde ich es nicht tun.

Sie sah mich an, ein wenig bla. Sie sprte wohl schon, da in diesem
Widerstand nicht Geldgier war. Aber doch sagte sie:

Was verlangen Sie also?

Ich ging auf den khlen Ton nicht mehr ein. Spielen wir mit offenen
Karten. Ich bin kein Geschftsmann ... ich bin nicht der arme Apotheker
aus Romeo und Julia, der fr >_corrupted gold_< sein Gift verkauft ...
ich bin vielleicht das Gegenteil eines Geschftsmannes ... auf diesem
Wege werden Sie Ihren Wunsch nicht erfllt sehen.

Sie wollen es also nicht tun?

Nicht fr Geld.

Es wurde ganz still fr eine Sekunde zwischen uns. So still, da ich sie
zum erstenmal atmen hrte.

Was knnen Sie denn sonst wnschen?

Jetzt hielt ich mich nicht mehr.

Ich wnsche zuerst, da Sie ... da Sie zu mir nicht wie zu einem
Krmer reden, sondern wie zu einem Menschen. Da Sie, wenn Sie Hilfe
brauchen, nicht ... nicht gleich mit Ihrem schndlichen Geld kommen ...
sondern bitten ... mich, den Menschen, bitten, Ihnen, dem Menschen, zu
helfen ... Ich bin nicht nur Arzt, ich habe nicht nur Sprechstunden ...
ich habe auch andere Stunden ... vielleicht sind Sie in eine solche
Stunde gekommen ...

Sie schweigt einen Augenblick. Dann krmmt sich ihr Mund ganz leicht,
zittert und sagt rasch:

Also wenn ich Sie bitten wrde ... dann wrden Sie es tun?

Sie wollen schon wieder ein Geschft machen -- Sie wollen nur bitten,
wenn ich erst verspreche. Erst mssen Sie mich bitten -- dann werde ich
Ihnen antworten.

Sie wirft den Kopf hoch wie ein trotziges Pferd. Zornig sieht sie mich
an.

Nein, -- ich werde Sie nicht bitten. Lieber zugrunde gehen!

Da packt mich der Zorn, der rote, sinnlose Zorn.

Dann werde ich fordern, wenn Sie nicht bitten wollen. Ich glaube, ich
mu nicht erst deutlich sein -- Sie wissen, was ich von Ihnen begehre.
Dann -- dann werde ich Ihnen helfen.

Einen Augenblick starrte sie mich an. Dann -- o ich kann, ich kann nicht
sagen, wie entsetzlich das war -- dann spannten sich ihre Zge, und dann
... dann _lachte_ sie mit einem Male ... lachte sie mir mit einer
unsagbaren Verchtlichkeit ins Gesicht ... mit einer Verchtlichkeit,
die mich zerstubte ... und die mich berauschte zugleich ... Es war wie
eine Explosion, so pltzlich, so aufspringend, so mchtig losgesprengt
von einer ungeheuren Kraft dieses Lachen der Verchtlichkeit, da ich
... ja da ich htte zu Boden sinken knnen und ihr die Fe kssen.
Eine Sekunde dauerte es nur ... es war wie ein Blitz, und ich hatte das
Feuer im ganzen Krper ... da wandte sie sich schon und ging hastig auf
die Tr zu.

Unwillkrlich wollte ich ihr nach ... mich entschuldigen ... sie
anflehen ... meine Kraft war ja ganz zerbrochen ... da kehrte sie sich
noch einmal um und sagte ... nein, sie _befahl_:

Unterstehen Sie sich nicht mir zu folgen oder nachzuspren ... Sie
wrden es bereuen.

Und schon krachte hinter ihr die Tre zu.

                   *       *       *       *       *

Wieder ein Zgern. Wieder ein Schweigen ... Wieder nur dies Rauschen,
als ob das Mondlicht strmte. Und dann endlich wieder die Stimme.

Die Tr schlug zu ... aber ich stand unbeweglich an der Stelle ... ich
war gleichsam hypnotisiert von dem Befehl ... ich hrte sie die Treppe
hinabsteigen, die Haustr zumachen ... ich hrte alles, und mein ganzer
Wille drngte ihr nach ... sie ... ich wei nicht was ... sie
zurckzurufen, oder zu schlagen oder zu erdrosseln ... aber ihr nach ...
ihr nach ... Und doch konnte ich nicht. Meine Glieder waren gleichsam
gelhmt wie von einem elektrischen Schlag ... ich war eben getroffen,
getroffen bis ins Mark hinein von dem herrischen Blitz dieses Blickes
... Ich wei, das ist nicht zu erklren, nicht zu erzhlen ... es mag
lcherlich klingen, aber ich stand und stand ... ich brauchte Minuten,
vielleicht fnf, vielleicht zehn Minuten, ehe ich einen Fu wegreien
konnte von der Erde ...

Aber kaum da ich einen Fu gerhrt, war ich schon hei, war ich schon
rasch ... im Nu eilte ich die Treppe hinab ... Sie konnte ja nur die
Strae hinabgegangen sein zur Zivilstation ... ich strze in den
Schuppen, das Rad zu holen, sehe, da ich den Schlssel vergessen habe,
reie den Verschlag auf, da der Bambus splittert und kracht ... und
schon schwinge ich mich auf das Rad und sause ihr nach ... ich mu sie
... ich mu sie erreichen, ehe sie zu ihrem Automobil gelangt ... ich
mu sie sprechen ...

Die Strae staubt an mir vorbei ... jetzt merke ich erst, wie lange ich
oben starr gestanden haben mute ... da ... auf der Kurve im Wald knapp
vor der Station sehe ich sie, wie sie hastig mit steifem geradem Schritt
hineilt, begleitet von dem Boy ... Aber auch sie mu mich gesehen haben,
denn sie spricht jetzt mit dem Boy, der zurckbleibt, und geht allein
weiter ... Was will sie tun? Warum will sie allein sein? ... Will sie
mit mir sprechen, ohne da er es hrt? ... Blindwtig trete ich in die
Pedale hinein ... Da springt mir pltzlich quer von der Seite etwas ber
den Weg ... der Boy ... ich kann gerade noch das Rad zur Seite reien
und krache hin ...

Ich stehe fluchend auf ... unwillkrlich hebe ich die Faust, um dem
Tlpel eins hinzuknallen, aber er springt zur Seite ... Ich rttle mein
Fahrrad hoch, um wieder aufzusteigen ... Aber da springt der Halunke
vor, fat das Rad und sagt in seinem erbrmlichen Englisch: _You remain
here._

Sie haben nicht in den Tropen gelebt ... Sie wissen nicht, was das fr
eine Frechheit ist, wenn ein solcher gelber Halunke einem weien >Herrn<
das Rad fat und ihm, dem >Herrn<, befiehlt, dazubleiben. Statt aller
Antwort schlage ich ihm die Faust ins Gesicht ... er taumelt, aber er
hlt das Rad fest ... seine Augen, seine engen, feigen Augen sind weit
aufgerissen in sklavischer Angst ... aber er hlt die Stange, hlt sie
teuflisch fest ... _You remain here_, stammelt er noch einmal. Zum
Glck hatte ich keinen Revolver bei mir. Ich htte ihn sonst
niedergeknallt. Weg, Kanaille! sage ich nur. Er starrt mich geduckt
an, lt aber die Stange nicht los. Ich schlage ihm noch einmal auf den
Schdel, er lt noch immer nicht. Da fat mich die Wut ... ich sehe,
da sie schon fort, vielleicht schon entkommen ist ... und versetzte ihm
einen regelrechten Boxerschlag unters Kinn, da er hinwirbelt. Jetzt
habe ich wieder mein Rad ... aber wie ich aufspringe, stockt der Lauf
... bei dem gewaltsamen Zerren hat sich die Speiche verbogen ... Ich
versuche mit fiebernden Hnden sie geradezudrehen ... Es geht nicht ...
so schmeie ich das Rad quer auf den Weg neben den Halunken hin, der
blutend aufsteht und zur Seite weicht ... Und dann -- nein, Sie knnen
nicht fhlen, wie lcherlich das dort vor allen Menschen ist, wenn ein
Europer ... nun, ich wute nicht mehr, was ich tat ... ich hatte nur
den einen Gedanken: ihr nach, sie erreichen ... und so _lief_ ich, lief
wie ein Rasender die Landstrae entlang vorbei an den Htten, wo das
gelbe Gesindel staunend sich vordrngte, einen weien Mann, den Doktor,
_laufen_ zu sehen.

Schweitriefend kam ich in der Station an ... Meine erste Frage: Wo ist
das Auto? ... Eben weggefahren ... Verwundert sehen mich die Leute an:
als Rasender mu ich ihnen erscheinen, wie ich da na und schmierig
ankam, die Frage voranschreiend, ehe ich noch stand ... Unten an der
Strae sehe ich wei den Qualm des Autos wirbeln ... es ist ihr gelungen
... gelungen wie alles ihrer harten, grausam harten Berechnung gelingen
mu.

Aber die Flucht hilft ihr nichts ... In den Tropen gibt es kein
Geheimnis unter den Europern ... einer kennt den andern, alles wird zum
Ereignis ... Nicht umsonst ist ihr Chauffeur eine Stunde im Bungalow der
Regierung gestanden ... in einigen Minuten wei ich alles ... Wei, wer
sie ist ... da sie unten in -- nun in der Regierungsstadt wohnt, acht
Eisenbahnstunden von hier ... da sie -- nun sagen wir, die Frau eines
Grokaufmannes ist, rasend reich, vornehm, eine Englnderin ... ich
wei, da ihr Mann jetzt fnf Monate in Amerika war und nchster Tage
eintreffen soll, um sie mit nach Europa zu nehmen ...

Sie aber -- und wie Gift brennt sich mir der Gedanke in die Adern hinein
-- sie kann hchstens zwei oder drei Monate in andern Umstnden sein
...

                   *       *       *       *       *

Bisher konnte ich Ihnen noch alles begreiflich machen ... vielleicht
nur deshalb, weil ich bis zu diesem Augenblicke mich noch selbst
verstand ... mir als Arzt immer die Diagnose meines Zustands selbst
stellte. Aber von da an begann es wie ein Fieber in mir ... ich verlor
die Kontrolle ber mich ... das heit, ich wute genau, wie sinnlos
alles war, was ich tat; aber ich hatte keine Macht mehr ber mich ...
ich verstand mich selbst nicht mehr ... ich lief nur in der Besessenheit
meines Ziels vorwrts ... brigens warten Sie ... vielleicht kann ich es
Ihnen doch begreiflich machen ... Wissen Sie, was Amok ist?

Amok? ... ich glaube mich zu erinnern ... Eine Art Trunkenheit bei den
Malaien ...

Es ist mehr als Trunkenheit ... es ist Tollheit, eine Art menschlicher
Hundswut ... ein Anfall mrderischer, sinnloser Monomanie, der sich mit
keiner andern alkoholischen Vergiftung vergleichen lt ... ich habe
selbst whrend meines Aufenthaltes einige Flle studiert -- fr andere
ist man ja immer sehr klug und sehr sachlich -- ohne aber je das
furchtbare Geheimnis ihres Ursprungs freilegen zu knnen ... Irgendwie
hngt es mit dem Klima zusammen, mit dieser schwlen, geballten
Atmosphre, die auf die Nerven wie ein Gewitter drckt, bis sie einmal
losspringen ... Also Amok ... ja, Amok, das ist so: Ein Malaie,
irgendein ganz einfacher, ganz gutmtiger Mensch, trinkt sein Gebru in
sich hinein ... er sitzt da, stumpf, gleichgltig, matt ... so wie ich
in meinem Zimmer sa ... und pltzlich springt er auf, fat den Dolch
und rennt auf die Strae ... rennt geradeaus, immer nur geradeaus ...
ohne zu wissen wohin ... Was ihm in den Weg tritt, Mensch oder Tier, das
stt er nieder mit seinem Kris, und der Blutrausch macht ihn nur noch
hitziger ... Schaum tritt dem Laufenden vor die Lippen, er heult wie ein
Rasender ... aber er rennt, rennt, rennt, sieht nicht mehr nach rechts,
sieht nicht nach links, rennt nur mit seinem gellen Schrei, seinem
blutigen Kris in dieses entsetzliche Geradeaus ... Die Leute in den
Drfern wissen, da keine Macht einen Amoklufer aufhalten kann ... so
brllen sie warnend voraus, wenn er kommt: Amok! Amok!, und alles
flchtet ... er aber rennt, ohne zu hren, rennt, ohne zu sehen, stt
nieder, was ihm begegnet ... bis man ihn totschiet wie einen tollen
Hund oder er selbst schumend zusammenbricht ...

Einmal habe ich das gesehen, vom Fenster meines Bungalow aus ... es war
grauenhaft ... aber nur dadurch, da ichs gesehen habe, begreife ich
mich selbst in jenen Tagen ... denn so, genau so, mit diesem furchtbaren
Blick geradeaus, ohne nach rechts oder links zu sehen, mit dieser
Besessenheit strmte ich los ... dieser Frau nach ... Ich wei nicht
mehr, wie ich alles tat, in so rasendem Lauf, in so unsinniger
Geschwindigkeit flog es vorbei ... Zehn Minuten, nein, fnf, nein zwei
... nachdem ich alles von dieser Frau wute, ihren Namen, ihr Haus, ihr
Schicksal, jagte ich schon auf einem rasch geborgten Rad in mein Haus
zurck, warf einen Anzug in den Koffer, steckte Geld zu mir und fuhr zur
Station der Eisenbahn mit einem Wagen ... fuhr, ohne mich abzumelden
beim Distriktsbeamten ... ohne einen Vertreter zu ernennen, lie das
Haus offen stehen und liegen wie es war ... Um mich standen Diener, die
Weiber staunten und fragten, ich antwortete nicht, wandte mich nicht um
... fuhr zur Eisenbahn und mit dem nchsten Zug hinab in die Stadt ...
Eine Stunde im ganzen, nachdem diese Frau in mein Zimmer getreten, hatte
ich meine Existenz hinter mich geworfen und rannte Amok ins Leere hinein
...

Geradeaus rannte ich, mit dem Kopf gegen die Wand ... um sechs Uhr
abends war ich angekommen ... um sechs Uhr zehn war ich in ihrem Haus
und lie mich melden ... Es war ... Sie werden es verstehen ... das
Sinnloseste, das Stupideste, was ich tun konnte ... aber der Amoklufer
rennt ja mit leeren Augen, er sieht nicht, wohin er rennt ... Nach
einigen Minuten kam der Diener zurck ... hflich und khl ... die
gndige Frau sei nicht wohl und knne nicht empfangen ...

Ich taumelte die Tre hinaus ... Eine Stunde schlich ich noch um das
Haus herum, besessen von der wahnwitzigen Hoffnung, sie wrde vielleicht
nach mir suchen ... dann nahm ich mir erst ein Zimmer im Strandhotel und
zwei Flaschen Whisky auf das Zimmer ... die und eine doppelte Dosis
Veronal halfen mir ... ich schlief endlich ein ... und dieser dumpfe,
schlammige Schlaf war die einzige Pause in diesem Rennen zwischen Leben
und Tod.

                   *       *       *       *       *

Die Schiffsglocke klang. Zwei harte, volle Schlge, die noch im weichen
Teich der fast reglosen Luft zitternd weiterschwangen und dann verebbten
in das leise, unaufhrliche Rauschen, das unter dem Kiele und zwischen
der leidenschaftlichen Rede beharrlich mitlief. Der Mensch im Dunkeln
mir gegenber mute erschreckt aufgefahren sein, seine Rede stockte.
Wieder hrte ich die Hand hinab zur Flasche fingern, wieder das leise
Glucksen. Dann begann er, gleichsam beruhigt, mit einer festeren Stimme.

Die Stunden von diesem Augenblick an kann ich Ihnen kaum erzhlen. Ich
glaube heute, da ich damals Fieber hatte, jedenfalls war ich in einer
Art berreiztheit, die an Tollheit grenzte -- ein Amoklufer, wie ich
Ihnen sagte. Aber vergessen Sie nicht, es war Dienstag nachts, als ich
ankam, Samstag aber sollte -- dies hatte ich inzwischen erfahren -- ihr
Gatte mit dem P. & O.-Dampfer von Yokohama eintreffen, es blieben also
nur drei Tage, drei knappe Tage fr den Entschlu und fr die Hilfe.
Verstehen Sie das: ich wute, da ich ihr sofort helfen mute, und
konnte doch kein Wort zu ihr sprechen. Und gerade dieses Bedrfnis, mein
lcherliches, mein tollwtiges Benehmen zu entschuldigen, das hetzte
mich weiter. Ich wute um die Kostbarkeit jedes Augenblickes, ich wute,
da es fr sie um Leben und Tod ginge, und hatte doch keine Mglichkeit,
mich nur mit einem Flstern, mit einem Zeichen ihr zu nhern, denn
gerade das Strmische, das Tlpische meines Nachrennens hatte sie
erschreckt. Es war ... ja, warten Sie ... es war, wie wenn einer einem
nachrennt, um ihn zu warnen vor einem Mrder, und der andere hlt ihn
selbst fr den Mrder, und so rennt er weiter in sein Verderben ... sie
sah nur den Amoklufer in mir, der sie verfolgte, um sie zu demtigen,
aber ich ... das war ja der entsetzliche Widersinn ... ich dachte gar
nicht mehr an das ... ich war ja schon ganz vernichtet, ich wollte ihr
nur helfen, ihr nur dienen ... einen Mord htte ich getan, ein
Verbrechen, um ihr zu helfen ... Aber sie, sie verstand es nicht. Als
ich morgens aufwachte und gleich wieder hinlief zu ihrem Haus, stand der
Boy vor der Tr, derselbe Boy, den ich ins Gesicht geschlagen, und wie
er mich von ferne sah -- er mute auf mich gewartet haben --, huschte er
hinein in die Tr. Vielleicht tat er es nur, um mich im geheimen
anzumelden ... vielleicht ... ah, diese Ungewiheit, wie peinigt sie
mich jetzt ... vielleicht war schon alles bereit, mich zu empfangen ...
aber da, wie ich ihn sah, mich erinnerte an meine Schmach, da war ich es
wieder, der nicht wagte, noch einmal den Besuch zu wiederholen ... Die
Knie zitterten mir. Knapp vor der Schwelle drehte ich mich um und ging
wieder fort ... ging fort, whrend sie vielleicht in hnlicher Qual auf
mich wartete.

Ich wute jetzt nicht mehr, was tun in der fremden Stadt, die an meinen
Fersen wie Feuer glhte ... Pltzlich fiel mir etwas ein, schon rief ich
einen Wagen und fuhr zum Vizeresidenten, zu demselben, dem ich damals in
meiner Station geholfen, und lie mich melden ... Irgend etwas mu schon
in meinem uern Wesen befremdend gewesen sein, denn er sah mich mit
einem gleichsam erschreckten Blick an, und seine Hflichkeit hatte etwas
Beunruhigtes ... vielleicht erkannte er schon den Amoklufer in mir ...
Ich sagte ihm kurz entschlossen, ich erbte meine Versetzung in die
Stadt, ich knne auf meinem Posten nicht mehr lnger existieren ... ich
msse sofort bersiedeln ... Er sah mich ... ich kann Ihnen nicht sagen,
wie er mich ansah ... so wie eben ein Arzt einen Kranken ansieht ...
Ein Nervenzusammenbruch, lieber Doktor, sagte er dann, ich verstehe
das nur zu gut. Nun, es wird sich schon richten lassen; aber warten Sie
... sagen wir vier Wochen ... ich mu erst einen Ersatz finden. Ich
kann nicht warten, nicht einen Tag, antwortete ich. Wieder kam dieser
merkwrdige Blick. Es mu gehen, Doktor, sagte er ernst, wir drfen
die Station nicht ohne Arzt lassen. Aber ich verspreche Ihnen, da ich
noch heute alles einleite. Ich blieb stehen, mit verbissenen Zhnen:
zum erstenmal sprte ich deutlich, da ich ein verkaufter Mensch, ein
Sklave sei. Schon ballte sich alles zu einem Trotz zusammen, aber er,
der Geschmeidige, kam mir zuvor: Sie sind menschenentwhnt, Doktor, und
das wird schlielich eine Krankheit. Wir haben uns alle gewundert, da
Sie nie herkamen, nie Urlaub nahmen. Sie brauchen mehr Geselligkeit,
mehr Anregung. Kommen Sie doch wenigstens diesen Abend, wir haben heute
Empfang bei der Regierung, Sie finden die ganze Kolonie, und manche
mochten Sie lngst kennen lernen, haben oft nach Ihnen gefragt und Sie
hierhergewnscht.

Das letzte Wort ri mich auf. Nach mir gefragt? Sollte sie es gewesen
sein? Ich war pltzlich ein anderer: sofort dankte ich ihm hflichst fr
seine Einladung und sicherte mein Kommen pnktlich zu. Und ich war auch
pnktlich, viel zu pnktlich. Mu ich Ihnen erst sagen, da ich, von
meiner Ungeduld gejagt, der erste in dem groen Saale des
Regierungsgebudes war, schweigend umgeben von den gelben Dienern, die
mit ihren nackten Sohlen wippend hin und her eilten und mich -- wie mir
in meinem verwirrten Bewutsein dnkte -- hinterrcks belchelten. Eine
Viertelstunde war ich der einzige Europer inmitten all der
geruschlosen Vorbereitungen und so allein mit mir, da ich das Ticken
der Uhr in meiner Westentasche hrte. Dann kamen endlich ein paar
Regierungsbeamte mit ihren Familien, schlielich auch der Gouverneur,
der mich in ein lngeres Gesprch zog, in dem ich beflissen und, wie ich
glaube, geschickt antwortete, bis ... bis ich pltzlich, von einer
geheimnisvollen Nervositt befallen, alle Geschmeidigkeit verlor und zu
stammeln begann. Obzwar mit dem Rcken gegen die Saaltr gelehnt, sprte
ich mit einem Male, da sie eingetreten, da sie anwesend sein mte:
ich knnte Ihnen nicht sagen, wieso mich diese pltzliche Gewiheit
verwirrend fate, aber noch whrend ich mit dem Gouverneur sprach, den
Klang seiner Worte im Ohr, sprte ich im Rcken irgendwo ihre Gegenwart.
Glcklicherweise endete der Gouverneur bald das Gesprch -- ich glaube,
ich htte mich sonst pltzlich brsk umgewandt, so stark war dieses
geheimnisvolle Ziehen in meinen Nerven, so brennend gereizt meine
Begier. Und wirklich, kaum da ich mich umwandte, sah ich sie schon ganz
genau an jener Stelle, wo sie unbewut mein Gefhl geahnt. Sie stand in
einem gelben Ballkleid, das ihre schmalen, reinen Schultern wie mattes
Elfenbein vorleuchten lie, plaudernd inmitten einer Gruppe. Sie
lchelte, aber doch, mir war, als htte ihr Gesicht einen gespannten
Zug. Ich trat nher -- sie konnte mich nicht sehen oder wollte mich
nicht sehen -- und blickte in dieses Lcheln, das gefllig und hflich
um die schmalen Lippen zitterte. Und dieses Lcheln berauschte mich von
neuem, weil es ... nun weil ich wute, da es Lge war, Kunst oder
Technik, Meisterschaft der Verstellung. Mittwoch ist heute, fuhr mir
durch den Kopf, Samstag kommt das Schiff mit dem Gatten ... wie kann sie
so lcheln, so ... so sicher, so sorglos lcheln und den Fcher lssig
in der Hand spielen lassen, statt ihn zu zerkrampfen in Angst? Ich ...
ich, der Fremde ... ich zitterte seit zwei Tagen vor jener Stunde ...
ich, der Fremde, lebte ihre Angst, ihr Entsetzen mit allen Exzessen des
Gefhls mit ... und sie ging auf den Ball und lchelte, lchelte,
lchelte ...

Rckwrts setzte die Musik ein. Der Tanz begann. Ein lterer Offizier
hatte sie aufgefordert, sie lie mit einer Entschuldigung den
plaudernden Kreis und schritt an seinem Arm gegen den andern Saal zu, an
mir vorbei. Wie sie mich erblickte, spannte sich pltzlich ihr Gesicht
gewaltsam zusammen -- aber nur eine Sekunde lang, dann nickte sie mir
mit einem hflichen Erkennen (ehe ich mich noch zu gren oder
nichtgren entschlossen hatte) wie einem zuflligen Bekannten zu:
Guten Abend, Doktor und war schon vorbei. Niemand htte ahnen knnen,
was in diesem graugrnen Blick verborgen war, und ich, ich selbst wute
es nicht. Warum grte sie ... warum erkannte sie mich nun mit einmal
an? ... War das Abwehr, war es Annherung, war es nur die Verlegenheit
der berraschung? Ich kann Ihnen nicht schildern, in welcher Erregtheit
ich zurckblieb, alles war aufgewhlt, war explosiv in mir
zusammengepret, und wie ich sie so sah, lssig walzend am Arme des
Offiziers, auf der Stirne den khlen Glanz der Sorglosigkeit, indes ich
doch wute, da sie ... da sie so wie ich nur _daran_ ... daran dachte
... da wir zwei hier allein ein furchtbares Geheimnis gemeinsam hatten
... und sie walzte ... in diesen Sekunden wurde meine Angst, meine Gier
und meine Bewunderung noch mehr Leidenschaft als jemals. Ich wei nicht,
ob mich jemand beobachtet hat, aber gewi verriet ich mich in meinem
Verhalten noch viel mehr, als sie sich verbarg -- ich konnte eben nicht
in eine andere Richtung schauen, ich mute ... ja, ich mute sie
ansehen, ich sog, ja ich zerrte von ferne an ihrem verschlossenen
Gesicht, ob die Maske nicht fr eine Sekunde fallen wollte. Und sie
mute diesen starren Blick unangenehm empfunden haben. Als sie am Arme
ihres Tnzers zurckschritt, sah sie mich im Blitzlicht einer Sekunde
an, scharf befehlend, wie wegweisend: wieder spannte sich jene kleine
Falte des hochmtigen Zornes, die ich schon von damals kannte, bse ber
ihrer Stirn.

Aber ... aber ... ich sagte es Ihnen ja ... ich lief Amok, ich sah nicht
nach rechts und nicht nach links. Ich verstand sie sofort -- dieser
Blick hie: sei nicht auffllig! bezhme dich! -- ich wute, da sie ...
wie soll ich es sagen? ... da sie Diskretion des Benehmens hier im
offenen Saal von mir wollte ... ich verstand, da, wenn ich jetzt
heimginge, ich morgen gewi sein knne, von ihr empfangen zu werden ...
da sie es nur jetzt, nur jetzt vermeiden wollte, meiner aufflligen
Vertraulichkeit ausgesetzt zu sein, da sie -- und wie sehr mit Recht --
von meinem Ungeschick eine Szene frchtete ... Sie sehen ... ich wute
alles, ich verstand diesen befehlenden grauen Blick, aber ... aber es
war zu stark in mir, ich mute sie sprechen. Und so schwankte ich hin zu
der Gruppe, in der sie plaudernd stand, schob mich -- obwohl ich nur
einige der Anwesenden kannte -- ganz an den lockeren Kreis heran nur aus
Begier, sie sprechen zu hren, und doch immer scheu mich duckend wie ein
geprgelter Hund vor ihrem Blick, wenn er kalt an mir vorbeistreifte,
als sei ich eine der Leinenportieren, an der ich lehnte, oder die Luft,
die sie leicht bewegte. Aber ich stand, durstig nach einem Wort, das sie
zu mir sprechen sollte, nach einem Zeichen des Einverstndnisses, stand
und stand starren Blickes inmitten des Geplauders wie ein Block.
Unbedingt mute es schon auffllig geworden sein, unbedingt, denn keiner
richtete ein Wort an mich, und sie mute leiden unter meiner
lcherlichen Gegenwart.

Wie lange ich so gestanden htte, ich wei es nicht ... eine Ewigkeit
vielleicht ... ich _konnte_ ja nicht fort aus dieser Bezauberung des
Willens. Gerade die Hartnckigkeit meiner Wut lhmte mich ... Aber sie
ertrug es nicht lnger ... pltzlich wandte sie sich mit der
prachtvollen Leichtigkeit ihres Wesens gegen die Herren und sagte: Ich
bin ein wenig mde ... ich will heute einmal frher zu Bett gehen ...
Gute Nacht! ... und schon streifte sie mit einem gesellschaftlich
fremden Kopfnicken an mir vorbei ... ich sah noch die hochgezogene Falte
auf der Stirn und dann nur mehr den Rcken, den weien, khlen, nackten
Rcken. Eine Sekunde lang dauerte es, bevor ich begriff, da sie
fortging ... da ich sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen knnte
diesen Abend, diesen letzten Abend der Rettung ... einen Augenblick lang
also stand ich noch starr, bis ichs begriff ... dann ... dann ...

Aber warten Sie ... warten Sie ... Sie werden sonst das Sinnlose, das
Stupide meiner Tat nicht verstehen ... ich mu Ihnen erst den ganzen
Raum schildern ... Es war der groe Saal des Regierungsgebudes, ganz
von Lichtern erhellt und fast leer, der ungeheure Saal ... die Paare
waren zum Tanz gegangen, die Herren zum Spiel ... nur an den Ecken
plauderten einige Gruppen ... der Saal war also leer, jede Bewegung
auffllig und im grellen Licht sichtbar ... und diesen groen weiten
Saal schritt sie langsam und leicht mit ihren hohen Schultern durch, ab
und zu einen Gru mit ihrer unbeschreiblichen Haltung erwidernd ... mit
dieser herrlichen erfrorenen hoheitlichen Ruhe, die mich an ihr so
entzckte ... Ich ... ich war zurckgeblieben, ich sagte es Ihnen ja,
ich war gleichsam gelhmt, bevor ich es begriff, da sie fortging ...
und da, als ich es begriff, war sie schon am andern Ende des Saales
knapp vor der Tre ... Da ... oh, ich schme mich jetzt noch, es zu
denken ... da packte es mich pltzlich an und ich _lief_, -- hren Sie:
ich lief ... ich ging nicht, ich _lief_ mit polternden Schuhen, die laut
widerhallten, quer durch den Saal ihr nach ... Ich hrte meine Schritte,
ich sah alle Blicke erstaunt auf mich gerichtet ... ich htte vergehen
knnen vor Scham ... noch whrend ich lief, war mir schon der Wahnsinn
bewut ... aber ich konnte ... ich konnte nicht mehr zurck ... Bei der
Tr holte ich sie ein ... Sie wandte sich um ... ihre Augen stieen wie
ein grauer Stahl in mich hinein, ihre Nasenflgel zitterten vor Zorn ...
ich wollte eben zu stammeln anfangen ... da ... da ... _lachte_ sie
pltzlich hellauf ... ein helles, unbesorgtes, herzliches Lachen, und
sagte laut ... so laut, da es alle hren konnten ... Ach, Doktor,
jetzt fllt Ihnen erst das Rezept fr meinen Buben ein ... ja, die
Herren der Wissenschaft ... Ein paar, die in der Nhe standen, lachten
gutmtig mit ... ich begriff, ich taumelte unter der Meisterschaft, mit
der sie die Situation gerettet hatte ... griff in die Brieftasche und
ri ein leeres Blatt vom Block, das sie lssig nahm, ehe sie ... noch
einmal mit einem kalten, dankenden Lcheln ... ging ... Mir war leicht
in der ersten Sekunde ... ich sah, da mein Irrsinn durch ihre
Meisterschaft gutgemacht, die Situation gewonnen ... aber ich wute auch
sofort, da alles fr mich verloren sei, da diese Frau mich um meiner
hitzigen Narrheit hate ... hate mehr als den Tod ... da ich nun
hundertmal und hundertmal vor ihre Tr kommen knnte und sie mich
wegweisen wrde wie einen Hund.

Ich taumelte durch den Saal ... ich merkte, da die Leute auf mich
blickten ... ich mu irgendwie sonderbar ausgesehen haben ... Ich ging
zum Bfett, trank zwei, drei, vier Glser Kognak hintereinander ... das
rettete mich vor dem Umsinken ... meine Nerven konnten schon nicht mehr,
sie waren wie durchgerissen ... Dann schlich ich bei einer Nebentr
hinaus, heimlich wie ein Verbrecher ... Um kein Frstentum der Welt
htte ich jenen Saal nochmals durchschreiten knnen, wo ihr Lachen noch
gell an allen Wnden klebte ... ich ging ... genau wei ichs nicht mehr
zu sagen, wohin ich ging ... in ein paar Kneipen und soff mich an ...
soff mich an wie einer, der sich alles Wache wegsaufen will ... aber ...
es ward mir nicht dumpf in den Sinnen ... das Lachen stak in mir,
schrill und bse ... das Lachen, dieses verfluchte Lachen konnte ich
nicht betuben ... Ich irrte dann noch am Hafen herum ... meinen
Revolver hatte ich zu Hause gelassen, sonst htte ich mich erschossen.
Ich dachte an nichts anderes, und mit diesem Gedanken ging ich auch heim
... nur mit diesem Gedanken an das Schubfach links im Kasten, wo mein
Revolver lag ... nur mit diesem einen Gedanken.

Da ich mich dann nicht erscho ... ich schwre Ihnen, das war nicht
Feigheit ... es wre fr mich eine Erlsung gewesen, den schon
gespannten kalten Hahn abzudrcken ... aber wie soll ich es Ihnen
erklren ... ich fhlte noch eine Pflicht in mir ... ja, jene Pflicht zu
helfen, jene verfluchte Pflicht ... mich machte der Gedanke wahnsinnig,
da sie mich noch brauchen knnte, da sie mich brauchte ... es war ja
schon Donnerstag morgens, als ich heimkam, und Samstag ... ich sagte es
Ihnen ja ... Samstag kam das Schiff, und da _diese_ Frau, diese
hochmtige, stolze Frau die Schande vor ihrem Gatten, vor der Welt nicht
berleben wrde, das wute ich ... Ah, wie mich solche Gedanken
gemartert haben an die sinnlos vertane kostbare Zeit, an meine
irrwitzige bereilung, die jede rechtzeitige Hilfe vereitelt hatte ...
stundenlang, ja stundenlang, ich schwre es Ihnen, bin ich im Zimmer
niedergegangen, auf und ab, und habe mir das Hirn zermartert, wie ich
mich ihr nhern, wie ich alles gutmachen, wie ich ihr helfen knnte ...
denn da sie mich nicht mehr vorlassen wrde in ihrem Haus, das war mir
gewi ... ich hatte das Lachen noch in allen Nerven und das Zucken des
Zornes um ihre Nasenflgel ... stundenlang, wirklich stundenlang bin ich
so die drei Meter des schmalen Zimmers auf und ab gerannt ... es war
schon Tag, es war schon Vormittag ...

Und pltzlich schmi es mich hin zu dem Tisch ... ich ri ein Bndel
Briefbltter heraus und begann ihr zu schreiben ... alles zu schreiben
... einen hndisch winselnden Brief, in dem ich sie um Vergebung bat, in
dem ich mich einen Wahnsinnigen, einen Verbrecher nannte ... in dem ich
sie beschwor, sich mir anzuvertrauen ... Ich schwor in der nchsten
Stunde zu verschwinden, aus der Stadt, aus der Kolonie, wenn sie wollte:
aus der Welt ... nur verzeihen sollte sie mir und mir vertrauen, sich
helfen lassen in der letzten, der allerletzten Stunde ... Zwanzig Seiten
fieberte ich so hinunter ... es mu ein toller, ein unbeschreiblicher
Brief wie aus einem Delirium gewesen sein, denn als ich aufstand vom
Tisch, war ich in Schwei gebadet ... das Zimmer schwankte, ich mute
ein Glas Wasser trinken ... Dann erst versuchte ich den Brief noch
einmal zu berlesen, aber mir graute nach den ersten Worten ... zitternd
faltete ich ihn zusammen, fate schon ein Kuvert ... Da pltzlich fuhrs
mich durch. Mit einem Male wute ich das wahre, das entscheidende Wort.
Und ich ri noch einmal die Feder zwischen die Finger und schrieb auf
das letzte Blatt: Ich warte hier im Strandhotel auf ein Wort der
Verzeihung. Wenn ich bis sieben Uhr keine Antwort habe, erschiee ich
mich.

Dann nahm ich den Brief, schellte einem Boy und hie ihn das Schreiben
sofort berbringen. Endlich war alles gesagt -- alles!

                   *       *       *       *       *

Etwas klirrte und kollerte neben uns. Mit einer heftigen Bewegung hatte
er die Whiskyflasche umgestoen: ich hrte, wie seine Hand ihr suchend
am Boden nachtastete und sie dann mit einem pltzlichen Schwung fate:
in weitem Bogen warf er die geleerte Flasche ber Bord. Einige Minuten
schwieg die Stimme, dann fieberte er wieder fort, noch erregter und
hastiger als zuvor.

Ich bin kein glubiger Christ mehr ... fr mich gibt es keinen Himmel
und keine Hlle ... und wenn es eine gibt, so frchte ich sie nicht,
denn sie kann nicht rger sein als jene Stunden, die ich von vormittag
bis abends erlebte ... Denken Sie sich ein kleines Zimmer, hei in der
Sonne, immer glhender im Mittagsbrand ... ein kleines Zimmer, nur Tisch
und Stuhl und Bett ... Und auf diesem Tisch nichts als eine Uhr und
einen Revolver und vor dem Tisch einen Menschen ... einen Menschen, der
nichts tut als immer auf diesen Tisch, auf den Sekundenzeiger der Uhr
starren ... einen Menschen, der nicht it und nicht trinkt und nicht
raucht und sich nicht regt ... der immer nur ... hren Sie: immer nur,
drei Stunden lang ... auf den weien Kreis des Zifferblattes starrt und
auf den kleinen Zeiger, der tickend den Kreis umluft ... So ... so ...
habe ich diesen Tag verbracht, nur gewartet, gewartet, gewartet ... aber
gewartet wie ... wie eben ein Amoklufer etwas tut, sinnlos, tierisch,
mit dieser rasenden, geradlinigen Beharrlichkeit.

Nun ... ich werde Ihnen diese Stunden nicht schildern ... das lt sich
nicht schildern ... ich verstehe ja selbst nicht mehr, wie man das
erleben kann ohne ... ohne wahnsinnig zu werden ... Also ... um drei Uhr
zweiundzwanzig Minuten ... ich wei es genau, ich starrte ja auf die Uhr
... klopft es pltzlich an die Tr ... Ich springe auf ... springe, wie
ein Tiger auf seine Beute springt, mit einem Ruck durch das ganze Zimmer
zur Tr, reie sie auf ... ein ngstlicher kleiner Chinesenjunge steht
drauen, einen zusammengefalteten Zettel in der Hand, und whrend ich
gierig darnach greife, huscht er schon weg und ist verschwunden.

Ich reie den Zettel auf, will ihn lesen ... und kann ihn nicht lesen
... Mir schwankt es rot vor den Augen ... denken Sie die Qual, ich habe
endlich, habe endlich das Wort von ihr ... und nun zittert und tanzt es
mir vor den Pupillen ... Ich tauche den Kopf ins Wasser ... nun wirds
mir klarer ... Nochmals nehme ich den Zettel und lese:

Zu spt! Aber warten Sie zu Hause. Vielleicht rufe ich Sie noch.

Keine Unterschrift auf dem zerknllten Papier, das von irgendeinem alten
Prospekt abgefetzt war ... hastige, verworrene Bleistiftzge einer sonst
sicheren Schrift ... ich wei nicht, warum mich das Blatt so
erschtterte ... Irgend etwas von Grauen, von Geheimnis haftete ihm an,
es war wie auf einer Flucht geschrieben, stehend an einer Fensternische
oder in einem fahrenden Wagen ... Etwas Unbeschreibliches von Angst, von
Hast, von Entsetzen schlug kalt von diesem heimlichen Zettel mir in die
Seele ... und doch ... und doch, ich war glcklich: sie hatte mir
geschrieben, ich mute noch nicht sterben, ich durfte ihr helfen ...
vielleicht ... ich durfte ... oh, ich verlor mich ganz in den
wahnwitzigsten Konjekturen und Hoffnungen ... Hundertemal, tausendemal
habe ich den kleinen Zettel gelesen, ihn gekt ... ihn durchforscht
nach irgendeinem vergessenen, bersehenen Wort ... immer tiefer, immer
verworrener wurde meine Trumerei, ein phantastischer Zustand von Schlaf
mit offenen Augen ... eine Art Lhmung, irgend etwas ganz Dumpfes und
doch Bewegtes zwischen Schlaf und Wachsein, das vielleicht
Viertelstunden dauerte, vielleicht Stunden ...

Pltzlich schreckte ich auf ... Hatte es nicht geklopft? ... Ich hielt
den Atem an ... eine Minute, zwei Minuten reglose Stille ... Und dann
wieder ganz leise, so wie eine Maus knabbert, ein leises aber heftiges
Pochen ... Ich sprang auf, noch ganz taumelig, ri die Tr auf --
drauen stand der Boy, ihr Boy, derselbe, dem ich den Mund damals mit
der Faust zerschlagen ... sein braunes Gesicht war aschfahl, sein
verwirrter Blick sagte Unglck ... Sofort sprte ich Grauen ... Was ...
was ist geschehen? konnte ich noch stammeln. _Come quickly_, sagte er
... sonst nichts ... sofort raste ich die Treppe herunter, er mir nach
... Ein Sado, so ein kleiner Wagen, stand bereit, wir stiegen ein ...
Was ist geschehen? fragte ich ihn ... Er sah mich zitternd an und
schwieg mit verbissenen Lippen ... Ich fragte nochmals -- er schwieg und
schwieg ... Ich htte ihm am liebsten wieder ins Gesicht geschlagen mit
der Faust, aber ... gerade seine hndische Treue zu ihr rhrte mich ...
so fragte ich nicht mehr ... Das Wgelchen trabte so hastig durch das
Gewirr, da die Menschen fluchend auseinanderstoben, lief aus dem
Europerviertel am Strand in die niedere Stadt und weiter, weiter ins
schreiende Gewirr der Chinesenstadt ... Endlich kamen wir in eine enge
Gasse, ganz abseits lag sie ... vor einem niedern Hause hielt er an ...
Es war schmutzig und wie in sich zusammengekrochen, vorne ein kleiner
Laden mit einem Talglicht ... irgendeine dieser Buden, in die sich die
Opiumhuser oder Bordelle verstecken, ein Diebsnest oder ein
Hehlerkeller ... Hastig klopfte der Boy an ... Hinter dem Trspalt
zischelte eine Stimme, fragte und fragte ... Ich konnte es nicht mehr
ertragen, sprang vom Sitz, stie die angelehnte Tr auf ... ein altes
chinesisches Weib flchtete mit einem kleinen Schrei zurck ... hinter
mir kam der Boy, fhrte mich durch den Gang ... klinkte eine andere Tr
auf ... eine andere Tre in einen dunklen Raum, der bel roch von
Branntwein und gestocktem Blut ... Irgend etwas sthnte darin ... ich
tappte hin ...

                   *       *       *       *       *

Wieder stockte die Stimme. Und was dann ausbrach, war mehr ein
Schluchzen als ein Sprechen.

Ich ... ich tappte hin ... und dort ... dort lag auf einer schmutzigen
Matte ... verkrmmt vor Schmerz ... ein sthnendes Stck Mensch ... dort
lag sie ...

Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen im Dunkel ... Meine Augen waren noch
nicht gewhnt ... so tastete ich nur hin ... ihre Hand ... hei ...
brennend hei ... Fieber, hohes Fieber ... und ich schauerte ... ich
wute sofort alles ... sie war hierher geflchtet vor mir ... hatte sich
verstmmeln lassen von irgendeiner schmutzigen Chinesin, nur weil sie
hier mehr Schweigsamkeit erhoffte ... hatte sich morden lassen von
irgendeiner teuflischen Hexe, lieber als mir zu vertrauen ... nur weil
ich Wahnsinniger ... weil ich ihren Stolz nicht geschont, ihr nicht
gleich geholfen hatte ... weil sie den Tod weniger frchtete als mich
...

Ich schrie nach Licht. Der Boy sprang: die abscheuliche Chinesin brachte
mit zitternden Hnden eine ruende Petroleumlampe ... ich mute mich
halten, um der gelben Kanaille nicht an die Gurgel zu springen ... sie
stellten die Lampe auf den Tisch ... der Lichtschein fiel gelb und hell
ber den gemarterten Leib ... Und pltzlich ... pltzlich war alles weg
von mir, alle Dumpfheit, aller Zorn, all diese unreine Jauche von
aufgehufter Leidenschaft ... ich war nur mehr Arzt, helfender,
sprender, wissender Mensch ... ich hatte mich vergessen ... ich kmpfte
mit wachen, klaren Sinnen gegen das Entsetzliche ... Ich fhlte den
nackten Leib, den ich in meinen Trumen begehrt, nur mehr als ... wie
soll ich es sagen ... als Materie, als Organismus ... ich sprte nicht
mehr sie, sondern nur das Leben, das sich gegen den Tod wehrte, den
Menschen, der sich krmmte in mrderischer Qual ... Ihr Blut, ihr
heies, heiliges Blut berstrmte meine Hnde, aber ich sprte es nicht
in Lust und nicht in Grauen ... ich war nur Arzt ... ich sah nur das
Leiden ... und sah ...

Und sah sofort, da alles verloren war, wenn nicht ein Wunder geschehe
... sie war verletzt und halb verblutet unter der verbrecherisch
ungeschickten Hand ... und ich hatte nichts, um das Blut zu stillen in
dieser stinkenden Hhle, nicht einmal reines Wasser ... alles, was ich
anrhrte, starrte von Schmutz ...

Wir mssen sofort ins Spital, sagte ich. Aber kaum da ichs gesagt,
bumte sich krampfig der gemarterte Leib auf. Nein ... nein ... lieber
sterben ... niemand es erfahren ... niemand es erfahren ... nach Hause
... nach Hause ...

Ich verstand ... nur mehr um das Geheimnis, um ihre Ehre rang sie ...
nicht um ihr Leben ... Und -- ich gehorchte ... Der Boy brachte eine
Snfte ... wir betteten sie hinein ... und so ... wie eine Leiche schon,
matt und fiebernd ... trugen wir sie durch die Nacht ... nach Hause ...
die fragende, erschreckte Dienerschaft abwehrend ... wie Diebe trugen
wir sie hinein in ihr Zimmer und sperrten die Tren ... Und dann ...
dann begann der Kampf, der lange Kampf gegen den Tod ...

                   *       *       *       *       *

Pltzlich krampfte sich eine Hand in meinen Arm, da ich fast aufschrie
vor Schreck und Schmerz. Im Dunkeln war mir das Gesicht mit einemmal
fratzenhaft nah, ich sah die weien Zhne, wie sie sich bleckten in
pltzlichem Ausbruch, sah die Augenglser im fahlen Reflex des
Mondlichts wie zwei riesige Katzenaugen glimmen. Und jetzt sprach er
nicht mehr -- er schrie, geschttelt von einem heulenden Zorn:

Wissen Sie denn, Sie fremder Mensch, der Sie hier lssig auf einem
Deckstuhl sitzen, ein Spazierenfahrer durch die Welt, wissen Sie, wie
das ist, wenn ein Mensch stirbt? Sind Sie schon einmal dabeigewesen,
haben Sie es gesehen, wie der Leib sich aufkrmmt, die blauen Ngel ins
Leere krallen, wie die Kehle rchelt, jedes Glied sich wehrt, jeder
Finger sich stemmt gegen das Entsetzliche, und wie das Auge aufspringt
in einem Grauen, fr das es keine Worte gibt? Haben Sie das schon einmal
erlebt, Sie Miggnger, Sie Weltfahrer, Sie, der Sie vom Helfen reden
als von einer Pflicht? Ich habe es oft gesehen als Arzt, habe es gesehen
als ... als klinischen Fall, als Tatsache ... habe es sozusagen studiert
-- aber _erlebt_ habe ichs nur einmal, miterlebt, mitgestorben bin ich
nur damals in jener Nacht ... in jener entsetzlichen Nacht, wo ich sa
und mir das Hirn zerprete, um etwas zu wissen, etwas zu finden, zu
erfinden gegen das Blut, das rann und rann und rann, gegen das Fieber,
das sie vor meinen Augen verbrannte ... gegen den Tod, der immer nher
kam und den ich nicht wegdrngen konnte vom Bett. Verstehen Sie, was das
heit, Arzt zu sein, alles wissen gegen alle Krankheiten -- die Pflicht
haben, zu helfen, wie Sie so weise sagen -- und doch ohnmchtig bei
einer Sterbenden zu sitzen, wissend und doch ohne Macht ... nur dies
eine, dies Entsetzliche wissend, da man nicht helfen kann, ob man sich
auch jede Ader in seinem Krper aufreien mchte ... einen geliebten
Krper zu sehen, wie er elend verblutet, gemartert von Schmerzen, einen
Puls zu fhlen, der fliegt und zugleich verlischt ... der einem
wegfliet unter den Fingern ... Arzt zu sein und nichts zu wissen,
nichts, nichts, nichts ... nur dazusitzen und irgendein Gebet stammeln
wie ein Hutzelweib in der Kirche, und dann wieder die Fuste ballen
gegen einen erbrmlichen Gott, von dem man wei, da es ihn nicht gibt
... Verstehen Sie das? Verstehen Sie das? ... Ich ... ich verstehe nur
eines nicht, wie ... wie man es macht, da man nicht mitstirbt in
solchen Sekunden ... da man dann noch am nchsten Morgen von einem
Schlaf aufsteht und sich die Zhne putzt und eine Kravatte umbindet ...
da man noch leben kann, wenn man das miterlebte, was ich fhlte, wie
dieser Atem, dieser erste Mensch, um den ich rang und kmpfte, den ich
halten wollte mit allen Krften meiner Seele ... wie der wegglitt unter
mir ... irgendwohin, immer rascher wegglitt, Minute um Minute und ich
nichts wute in meinem fiebernden Gehirn, um diesen, diesen einen
Menschen festzuhalten ...

Und dazu, um teuflisch noch meine Qual zu verdoppeln, dazu noch dies ...
Whrend ich an ihrem Bett sa -- ich hatte ihr Morphium eingegeben, um
die Schmerzen zu lindern, und sah sie liegen, mit heien Wangen, hei
und fahl -- ja ... whrend ich so sa, sprte ich vom Rcken her immer
zwei Augen auf mich gerichtet mit einem frchterlichen Ausdruck der
Spannung ... Der Boy sa dort auf den Boden gekauert und murmelte leise
irgendwelche Gebete ... Wenn mein Blick den seinen traf, so ... nein,
ich kann es nicht schildern ... so kam etwas so Flehendes, so ... so
Dankbares in seinen hndischen Blick, und gleichzeitig hob er die Hnde
zu mir, als wollte er mich beschwren, sie zu retten ... verstehen Sie:
zu mir, zu mir hob er die Hnde wie zu einem Gott ... zu mir ... dem
ohnmchtigen Schwchling, der wute, da alles verloren ... da ich hier
so unntig sei wie eine Ameise, die am Boden raschelt ... Ah, dieser
Blick, wie er mich qulte, diese fanatische, diese tierische Hoffnung
auf meine Kunst ... ich htte ihn anschreien knnen und mit dem Fu
treten, so weh tat er mir ... und doch, ich sprte, wie wir beide
zusammenhingen durch unsere Liebe zu ihr ... durch das Geheimnis ... Ein
lauerndes Tier, ein dumpfes Knuel sa er zusammengeballt knapp hinter
mir ... kaum da ich etwas verlangte, sprang er auf mit seinen nackten
lautlosen Sohlen und reichte es zitternd ... erwartungsvoll her, als sei
das die Hilfe ... die Rettung ... Ich wei, er htte sich die Adern
aufgeschnitten, um ihr zu helfen ... so war diese Frau, solche Macht
hatte sie ber Menschen ... und ich ... ich hatte nicht Macht, ein
Quentchen Blut zu retten ... O diese Nacht, diese entsetzliche Nacht,
diese unendliche Nacht zwischen Leben und Tod!

Gegen Morgen ward sie noch einmal wach ... sie schlug die Augen auf ...
jetzt waren sie nicht mehr hochmtig und kalt ... ein Fieber glitzerte
feucht darin, als sie, gleichsam fremd, das Zimmer abtasteten ... Dann
sah sie mich an: sie schien nachzudenken, sich erinnern zu wollen an
mein Gesicht ... und pltzlich ... ich sah es ... erinnerte sie sich ...
denn irgendein Schreck, eine Abwehr ... etwas ... etwas Feindliches,
Entsetztes spannte ihr Gesicht ... sie arbeitete mit den Armen, als
wollte sie flchten ... weg, weg, weg von mir ... ich sah, sie dachte an
_das_ ... an die Stunde von damals ... Aber dann kam ein Besinnen ...
sie sah mich ruhiger an, atmete schwer ... ich fhlte, sie wollte
sprechen, etwas sagen ... Wieder begannen die Hnde sich zu spannen ...
sie wollte sich aufheben, aber sie war zu schwach ... Ich beruhigte sie,
beugte mich nieder ... da sah sie mich an mit einem langen, gequlten
Blick ... ihre Lippen regten sich leise ... es war nur ein letzter
erlschender Laut, wie sie sagte ...

Wird es niemand erfahren? ... Niemand?

Niemand, sagte ich mit aller Kraft der berzeugung, ich verspreche es
Ihnen.

Aber ihr Auge war noch unruhig ... Mit fiebriger Lippe ganz undeutlich
arbeitete sie's heraus.

Schwren Sie mir ... niemand erfahren ... schwren.

Ich hob die Finger wie zum Eid. Sie sah mich an ... mit einem ... einem
unbeschreiblichen Blick ... weich war er, warm, dankbar ... ja,
wirklich, wirklich dankbar ... Sie wollte noch etwas sprechen, aber es
ward ihr zu schwer. Lang lag sie, ganz matt von der Anstrengung, mit
geschlossenen Augen. Dann begann das Entsetzliche ... das Entsetzliche
... eine ganze schwere Stunde kmpfte sie noch: erst morgens war es zu
Ende ...

                   *       *       *       *       *

Er schwieg lange. Ich merkte es nicht eher, als vom Mitteldeck die
Glocke in die Stille schlug, ein, zwei, drei harte Schlge -- drei Uhr.
Das Mondlicht war matter geworden, aber irgendeine andere gelbe Helle
zitterte schon unsicher in der Luft, und Wind flog manchmal leicht wie
eine Brise her. Eine halbe, eine Stunde mehr, und dann war es Tag, war
dies Grauen ausgelscht im klaren Licht. Ich sah seine Zge jetzt
deutlicher, da die Schatten nicht mehr so dicht und schwarz in unsern
Winkel fielen -- er hatte die Kappe abgenommen, und unter dem blanken
Schdel schien sein verqultes Gesicht noch schreckhafter. Aber schon
wandten sich die glitzernden Brillenglser wieder mir zu, er straffte
sich zusammen, und seine Stimme hatte einen hhnischen, scharfen Ton.

Mit ihr wars nun zu Ende -- aber nicht mit mir. Ich war allein mit der
Leiche -- aber allein in einem fremden Haus, allein in einer Stadt, die
kein Geheimnis duldete, und ich ... ich hatte das Geheimnis zu hten ...
Ja, denken Sie sich das nur aus, die ganze Situation: eine Frau aus der
besten Gesellschaft der Kolonie, vollkommen gesund, die noch abends
zuvor auf dem Regierungsball getanzt hat, liegt pltzlich tot in ihrem
Bett ... ein fremder Arzt ist bei ihr, den angeblich ihr Diener gerufen
... niemand im Haus hat gesehen, wann und woher er kam ... man hat sie
nachts auf einer Snfte hereingetragen und dann die Tren geschlossen
... und morgens ist sie tot ... dann erst hat man die Diener gerufen,
und pltzlich gellt das Haus von Geschrei ... im Nu wissen es die
Nachbarn, die ganze Stadt ... und nur einer ist da, der das alles
erklren soll ... ich, der fremde Mensch, der Arzt aus einer entlegenen
Station ... Eine erfreuliche Situation, nicht wahr? ...

Ich wute, was mir bevorstand. Glcklicherweise war der Boy bei mir, der
brave Bursche, der mir jeden Wink von den Augen las -- auch dieses gelbe
dumpfe Tier verstand, da hier noch ein Kampf ausgetragen werden msse.
Ich hatte ihm nur gesagt: Die Frau will, da niemand erfhrt, was
geschehen ist. Er sah mir in die Augen mit seinem hndisch feuchten und
doch entschlossenen Blick: _Yes, Sir_, mehr sagte er nicht. Aber er
wusch die Blutspuren vom Boden, richtete alles in beste Ordnung -- und
gerade seine Entschlossenheit gab mir die meine wieder.

Nie im Leben, das wei ich, habe ich eine hnlich zusammengeballte
Energie gehabt, nie werde ich sie wieder haben. Wenn man alles verloren
hat, dann kmpft man um das Letzte wie ein Verzweifelter -- und das
Letzte war ihr Vermchtnis, das Geheimnis. Ich empfing voll Ruhe die
Leute, erzhlte ihnen allen die gleiche erdichtete Geschichte, wie der
Boy, den sie um den Arzt gesandt hatte, mich zufllig auf dem Wege traf.
Aber whrend ich scheinbar ruhig redete, wartete ... wartete ich immer
auf das Entscheidende ... auf den Totenbeschauer, der erst kommen mute,
ehe wir sie in den Sarg verschlieen konnten und das Geheimnis mit ihr
... Es war, vergessen Sie nicht, Donnerstag, und Samstag kam ihr Gatte
...

Um neun Uhr hrte ich endlich, wie man den Amtsarzt anmeldete. Ich hatte
ihn rufen lassen -- er war mein Vorgesetzter im Rang und gleichzeitig
mein Konkurrent, derselbe Arzt, von dem sie seinerzeit so verchtlich
gesprochen und der offenbar meinen Wunsch nach Versetzung bereits
erfahren hatte. Bei seinem ersten Blick sprte ichs schon: er war mir
Feind. Aber gerade das straffte meine Kraft.

Im Vorzimmer fragte er schon: Wann ist Frau ... -- er nannte ihren
Namen -- gestorben?

Um sechs Uhr morgens.

Wann sandte sie zu Ihnen?

Um elf Uhr abends.

Wuten Sie, da ich ihr Arzt war?

Ja, aber es tat Eile not ... und dann ... die Verstorbene hatte
ausdrcklich mich verlangt. Sie hatte verboten, einen andern Arzt rufen
zu lassen.

Er starrte mich an: in seinem bleichen, etwas verfetteten Gesicht flog
eine Rte hoch, ich sprte, da er erbittert war. Aber gerade das
brauchte ich -- alle meine Energien drngten sich zu rascher
Entscheidung, denn ich sprte, lange hielten es meine Nerven nicht mehr
aus. Er wollte etwas Feindliches erwidern, dann sagte er lssig: Wenn
Sie schon meinen, mich entbehren zu knnen, so ist es doch meine
amtliche Pflicht, den Tod zu konstatieren und ... wie er eingetreten
ist.

Ich antwortete nicht und lie ihn vorangehen. Dann trat ich zurck,
schlo die Tr und legte den Schlssel auf den Tisch. berrascht zog er
die Augenbrauen hoch:

Was bedeutet das?

Ich stellte mich ruhig ihm gegenber:

Es handelt sich hier nicht darum, die Todesursache festzustellen,
sondern -- eine andere zu finden. Diese Frau hat mich gerufen, um sie
nach ... nach den Folgen eines verunglckten Eingriffes zu behandeln ...
ich konnte sie nicht mehr retten, aber ich habe ihr versprochen, ihre
Ehre zu retten, und das werde ich tun. Und ich bitte Sie darum, mir zu
helfen!

Seine Augen waren ganz weit geworden vor Erstaunen. Sie wollen doch
nicht etwa sagen, stammelte er dann, da ich, der Amtsarzt, hier ein
Verbrechen decken soll?

Ja, das will ich, das mu ich wollen.

Fr Ihr Verbrechen soll ich ...

Ich habe Ihnen gesagt, da ich diese Frau nicht berhrt habe, sonst ...
sonst stnde ich nicht vor Ihnen, sonst htte ich lngst mit mir Schlu
gemacht. Sie hat ihr Vergehen -- wenn Sie es so nennen wollen -- gebt,
die Welt braucht davon nichts zu wissen. Und ich werde es nicht dulden,
da die Ehre dieser Frau jetzt noch unntig beschmutzt wird.

Mein entschlossener Ton reizte ihn nur noch mehr auf. Sie werden nicht
dulden ... so ... nun, Sie sind ja mein Vorgesetzter ... oder glauben es
wenigstens schon zu sein ... Versuchen Sie nur, mir zu befehlen ... ich
habe mirs gleich gedacht, da ist Schmutziges im Spiel, wenn man Sie aus
Ihrem Winkel herruft ... eine saubere Praxis, die Sie da anfangen, ein
sauberes Probestck ... Aber jetzt werde _ich_ untersuchen, _ich_, und
Sie knnen sich darauf verlassen, da ein Protokoll, unter dem mein Name
steht, richtig sein wird. Ich werde keine Lge unterschreiben.

Ich war ganz ruhig.

Ja -- das mssen Sie diesmal doch. Denn frher werden Sie das Zimmer
nicht verlassen.

Ich griff dabei in die Tasche -- meinen Revolver hatte ich nicht bei
mir. Aber er zuckte zusammen. Ich trat einen Schritt auf ihn zu und sah
ihn an.

Hren Sie, ich werde Ihnen etwas sagen ... damit es nicht zum uersten
kommt. Mir liegt an meinem Leben nichts ... nichts an dem eines andern
-- ich bin nun schon einmal soweit ... mir liegt einzig daran, mein
Versprechen einzulsen, da die Art dieses Todes geheim bleibt ... Hren
Sie: ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da, wenn Sie das Zertifikat
unterfertigen, diese Frau sei an ... nun an einer Zuflligkeit
gestorben, da ich dann noch im Laufe dieser Woche die Stadt und Indien
verlasse ... da ich, wenn Sie es verlangen, meinen Revolver nehme und
mich niederschiee, sobald der Sarg in der Erde ist und ich sicher sein
kann, da niemand ... Sie verstehen: _niemand_ -- mehr nachforschen
kann. Das wird Ihnen wohl gengen -- das _mu_ Ihnen gengen.

Es mu etwas Drohendes, etwas Gefhrliches in meiner Stimme gewesen
sein, denn wie ich unwillkrlich nhertrat, wich er zurck mit jenem
aufgerissenen Entsetzen, wie ... wie eben Menschen vor dem Amoklufer
flchten, wenn er rasend hinrennt mit geschwungenem Kris ... Und mit
einemmal war er anders ... irgendwie geduckt und gelhmt ... seine harte
Haltung brach ein. Er murmelte mit einem letzten ganz weichen
Widerstand: Es wre das erstemal in meinem Leben, da ich ein falsches
Zertifikat unterzeichnete ... immerhin, es wird sich schon eine Form
finden lassen ... man wei ja auch, was vorkommt ... Aber ich durfte
doch nicht so ohne weiteres ...

Gewi durften Sie nicht, half ich ihm, um ihn zu bestrken -- (>Nur
rasch! nur rasch!< tickte es mir in den Schlfen) -- aber jetzt, da Sie
wissen, da Sie nur einen Lebenden krnken und einer Toten ein
Entsetzliches tten, werden Sie doch gewi nicht zgern.

Er nickte. Wir traten zum Tisch. Nach einigen Minuten war das Attest
fertig (das dann auch in der Zeitung verffentlicht wurde und glaubhaft
eine Herzlhmung schilderte). Dann stand er auf, sah mich an:

Sie reisen noch diese Woche, nicht wahr?

Mein Ehrenwort.

Er sah mich wieder an. Ich merkte, er wollte streng, wollte sachlich
erscheinen. Ich besorge sofort einen Sarg, sagte er, um seine
Verlegenheit zu decken. Aber was war das in mir, das mich so ... so
furchtbar ... so geqult machte -- pltzlich streckte er mir die Hand
hin und schttelte sie mit einer aufspringenden Herzlichkeit.
berstehen Sie's gut, sagte er -- ich wute nicht, was er meinte. War
ich krank? War ich ... wahnsinnig? Ich begleitete ihn zur Tr, schlo
auf -- aber das war meine letzte Kraft, die hinter ihm die Tr schlo.
Dann kam dies Ticken wieder in die Schlfen, alles schwankte und
kreiste: und gerade vor ihrem Bett fiel ich zusammen ... so ... so wie
der Amoklufer am Ende seines Laufs sinnlos niederfllt mit zersprengten
Nerven.

                   *       *       *       *       *

Wieder hielt er inne. Irgendwie frstelte michs: war das erster Schauer
des Morgenwinds, der jetzt leise sausend ber das Schiff lief? Aber das
gequlte Gesicht -- nun schon halb erhellt vom Widerschein der Frhe --
spannte sich wieder zusammen:

Wie lang ich so auf der Matte gelegen hatte, wei ich nicht. Da rhrte
michs an. Ich fuhr auf. Es war der Boy, der zaghaft mit seiner devoten
Geste vor mir stand und mir unruhig in den Blick sah.

Es will jemand herein ... will sie sehen ...

Niemand darf herein.

Ja ... aber ...

Seine Augen waren erschreckt. Er wollte etwas sagen und wagte es doch
nicht. Das treue Tier litt irgendwie eine Qual.

Wer ist es?

Er sah mich zitternd an wie in Furcht vor einem Schlag. Und dann sagte
er -- er nannte keinen Namen ... woher ist in solch einem niedern Wesen
mit einmal so viel Wissen, wie kommt es, da in manchen Sekunden ein
unbeschreibliches Zartgefhl derlei ganz dumpfe Menschen beseelt? ...
dann sagte er ... ganz, ganz ngstlich ... _Er_ ist es.

Ich fuhr auf, verstand sofort und war sofort ganz Gier, ganz Ungeduld
nach diesem Unbekannten. Denn sehen Sie, wie sonderbar ... inmitten all
dieser Qual, in diesem Fieber von Verlangen, von Angst und Hast hatte
ich ganz an >ihn< vergessen ... vergessen, da da noch ein Mann im
Spiele war ... der Mann, den diese Frau geliebt, dem sie
leidenschaftlich das gegeben, was sie mir verweigert ... Vor zwlf, vor
vierundzwanzig Stunden htte ich diesen Mann noch gehat, ihn noch
zerfleischen knnen ... Jetzt ... ich kann, ich kann Ihnen nicht
schildern, wie es mich jagte, ihn zu sehen ... ihn ... zu lieben, weil
sie ihn geliebt.

Mit einem Ruck war ich bei der Tr. Ein junger, ganz junger blonder
Offizier stand dort, sehr linkisch, sehr schmal, sehr bla. Wie ein Kind
sah er aus, so ... so rhrend jung ... und unsglich erschtterte michs
gleich, wie er sich mhte, Mann zu sein, Haltung zu zeigen ... seine
Erregung zu verbergen ... Ich sah sofort, da seine Hnde zitterten, als
er zur Mtze fuhr ... Am liebsten htte ich ihn umarmt ... weil er ganz
so war, wie ich mirs wnschte, da der Mann sein sollte, der diese Frau
besessen ... kein Verfhrer, kein Hochmtiger ... nein, ein halbes Kind,
ein reines, zrtliches Wesen, dem sie sich geschenkt.

Ganz befangen stand der junge Mensch vor mir. Mein gieriger Blick, mein
leidenschaftlicher Aufsprung machten ihn noch mehr verwirrt. Das kleine
Schnurrbrtchen ber der Lippe zuckte verrterisch ... dieser junge
Offizier, dies Kind mute sich bezwingen, um nicht herauszuschluchzen.

Verzeihen Sie, sagte er dann endlich, ich htte gerne Frau ... gerne
noch ... gesehen.

Unbewut, ganz ohne es zu wollen, legte ich ihm, dem Fremden, meinen Arm
um die Schulter, fhrte ihn, wie man einen Kranken fhrt. Er sah mich
erstaunt an mit einem unendlich warmen und dankbaren Blick ... irgendein
Verstehen unserer Gemeinschaft war schon in dieser Sekunde zwischen uns
beiden ... Wir gingen zu der Toten ... Sie lag da, wei, in den weien
Linnen -- ich sprte, da meine Nhe ihn noch bedrckte ... so trat ich
zurck, um ihn allein zu lassen mit ihr. Er ging langsam nher mit ...
mit so zuckenden, ziehenden Schritten ... an seinen Schultern sah ichs,
wie es in ihm whlte und ri ... er ging so wie ... wie einer, der gegen
einen ungeheuren Sturm geht ... Und pltzlich brach er vor dem Bett in
die Knie ... genau so, wie ich hingebrochen war.

Ich sprang sofort vor, hob ihn empor und fhrte ihn zu einem Sessel. Er
schmte sich nicht mehr, sondern schluchzte seine Qual heraus. Ich
vermochte nichts zu sagen -- nur mit der Hand strich ich ihm unbewut
ber sein blondes, kindlich weiches Haar. Er griff nach meiner Hand ...
ganz lind und doch ngstlich ... und mit einemmal fhlte ich seinen
Blick an mir hngen ...

Sagen Sie mir die Wahrheit, Doktor, stammelte er, hat sie selbst Hand
an sich gelegt?

Nein, sagte ich.

Und ist ... ich meine ... ist irgend ... irgend jemand schuld an ihrem
Tode?

Nein, sagte ich wieder, obwohl mirs aufquoll in der Kehle, ihm
entgegenzuschreien: Ich! Ich! Ich! ... Und du! ... Wir beide! Und ihr
Trotz, ihr unseliger Trotz! Aber ich hielt mich zurck. Ich wiederholte
noch einmal: Nein ... niemand hat schuld daran ... es war ein
Verhngnis!

Ich kann es nicht glauben, sthnte er, ich kann es nicht glauben. Sie
war noch vorgestern auf dem Balle, sie lchelte, sie winkte mir zu. Wie
ist das mglich, wie konnte das geschehen?

Ich erzhlte eine lange Lge. Auch ihm verriet ich ihr Geheimnis nicht.
Wie zwei Brder sprachen wir zusammen alle diese Tage, gleichsam
berstrahlt von dem Gefhl, das uns verband ... und das wir einander
nicht anvertrauten, aber wir sprten einer vom andern, da unser ganzes
Leben an dieser Frau hing ... Manchmal drngte sichs mir wrgend an die
Lippen, aber dann bi ich die Zhne zusammen -- nie hat er erfahren, da
sie ein Kind von ihm trug ... da ich das Kind, sein Kind, htte tten
sollen, und da sie es mit sich selbst in den Abgrund gerissen. Und doch
sprachen wir nur von ihr in diesen Tagen, whrend derer ich mich bei ihm
verbarg ... denn -- das hatte ich vergessen, Ihnen zu sagen -- man
suchte nach mir ... Ihr Mann war gekommen, als der Sarg schon
geschlossen war ... er wollte den Befund nicht glauben ... die Leute
munkelten allerlei ... und er suchte mich ... Aber ich konnte es nicht
ertragen, ihn zu sehen, ihn, von dem ich wute, da sie unter ihm
gelitten ... ich verbarg mich ... vier Tage ging ich nicht aus dem
Hause, gingen wir beide nicht aus der Wohnung ... ihr Geliebter hatte
mir unter einem falschen Namen einen Schiffsplatz genommen, damit ich
flchten knne, ... wie ein Dieb bin ich nachts auf das Deck
geschlichen, da niemand mich erkennt ... Alles habe ich zurckgelassen,
was ich besitze ... mein Haus mit der ganzen Arbeit dieser sieben Jahre,
mein Hab und Gut, alles steht offen fr jeden, der es haben will ... und
die Herren von der Regierung haben mich wohl schon gestrichen, weil ich
ohne Urlaub meinen Posten verlie ... Aber ich konnte nicht leben mehr
in diesem Haus, in dieser Stadt ... in dieser Welt, wo alles mich an sie
erinnert ... wie ein Dieb bin ich geflohen in der Nacht ... nur ihr zu
entrinnen ... nur zu vergessen ...

Aber ... wie ich an Bord kam ... nachts ... mitternachts ... mein Freund
war mit mir ... da ... da ... zogen sie gerade am Kran etwas herauf ...
rechteckig, schwarz ... ihren Sarg ... hren Sie: ihren Sarg ... sie hat
mich hierher verfolgt, wie ich sie verfolgte ... und ich mute
dabeistehen, mich fremd stellen, denn er, ihr Mann, war mit ... er
begleitet ihn nach England ... vielleicht will er dort eine Autopsie
machen lassen ... er hat sie an sich gerissen ... jetzt gehrt sie
wieder ihm ... nicht uns mehr, uns ... uns beiden ... Aber ich bin noch
da ... ich gehe mit bis zur letzten Stunde ... er wird, er darf es nie
erfahren ... ich werde ihr Geheimnis zu verteidigen wissen gegen jeden
Versuch ... gegen diesen Schurken, vor dem sie in den Tod gegangen ist
... Nichts, nichts wird er erfahren ... ihr Geheimnis gehrt mir, nur
mir allein ...

Verstehen Sie jetzt ... verstehen Sie jetzt ... warum ich die Menschen
nicht sehen kann ... ihr Gelchter nicht hren ... wenn sie flirten und
sich paaren ... denn da drunten ... drunten im Lagerraum zwischen
Teeballen und Paranssen steht der Sarg verstaut ... Ich kann nicht hin,
der Raum ist versperrt ... aber ich wei es mit allen meinen Sinnen,
wei es in jeder Sekunde ... auch wenn sie hier Walzer spielen und Tango
... es ist ja dumm, das Meer da schwemmt ber Millionen Tote, auf jedem
Fubreit Erde, den man tritt, fault eine Leiche ... aber doch, ich kann
es nicht ertragen, ich kann es nicht ertragen, wenn sie Maskenblle
geben und so geil lachen ... diese Tote, ich spre sie, und ich wei,
was sie von mir will ... ich wei es, ich habe noch eine Pflicht ... ich
bin noch nicht zu Ende ... noch ist ihr Geheimnis nicht gerettet ... sie
gibt mich noch nicht frei ...

                   *       *       *       *       *

Vom Mittelschiff kamen schlurfende Schritte, klatschende Laute: Matrosen
begannen das Deck zu scheuern. Er fuhr auf wie ertappt: sein zerspanntes
Gesicht bekam einen ngstlichen Zug. Er stand auf und murmelte: Ich
gehe schon ... ich gehe schon.

Es war eine Qual, ihn anzuschauen: seinen verwsteten Blick, die
gedunsenen Augen, rot von Trinken oder Trnen. Er wich meiner
Anteilnahme aus: ich sprte aus seinem geduckten Wesen Scham, unendliche
Scham, sich verraten zu haben an mich, an diese Nacht. Unwillkrlich
sagte ich:

Darf ich vielleicht nachmittags zu Ihnen in die Kabine kommen ...

Er sah mich an -- ein hhnischer, harter, zynischer Zug zerrte an seinen
Lippen, etwas Bses stie und verkrmmte jedes Wort.

Aha ... Ihre famose Pflicht, zu helfen ... aha ... Mit der Maxime haben
Sie mich ja glcklich zum Schwatzen gebracht. Aber nein, mein Herr, ich
danke. Glauben Sie ja nicht, da mir jetzt leichter sei, seit ich mir
die Eingeweide vor Ihnen aufgerissen habe bis zum Kot in meinen Drmen.
Mein verpfuschtes Leben kann mir keiner mehr zusammenflicken ... ich
habe eben umsonst der verehrlichen hollndischen Regierung gedient ...
die Pension ist futsch, ich komme als armer Hund nach Europa zurck ...
ein Hund, der hinter einem Sarg herwinselt ... man luft nicht lange
ungestraft Amok, am Ende schlgts einen doch nieder, und ich hoffe, ich
bin bald am Ende ... Nein, danke, mein Herr, fr Ihren gtigen Besuch
... ich habe schon in der Kabine meine Gefhrten ... ein paar gute alte
Flaschen Whisky, die trsten mich manchmal, und dann meinen Freund von
damals, an den ich mich leider nicht rechtzeitig gewandt habe, meinen
braven Browning ... der hilft schlielich besser als alles Geschwtz ...
Bitte, bemhen Sie sich nicht ... das einzige Menschenrecht, das einem
bleibt, ist doch: zu krepieren wie man will ... und dabei ungeschoren zu
bleiben von fremder Hilfe.

Er sah mich noch einmal hhnisch ... ja herausfordernd an, aber ich
sprte: es war nur Scham, grenzenlose Scham. Dann duckte er die
Schultern, wandte sich um, ohne zu gren, und ging merkwrdig schief
und schlurfend ber das schon helle Verdeck den Kabinen zu. Ich habe ihn
nicht mehr gesehen. Vergebens suchte ich ihn nachts und die nchste
Nacht an der gewohnten Stelle. Er blieb verschwunden, und ich htte an
einen Traum geglaubt oder an eine phantastische Erscheinung, wre mir
nicht inzwischen unter den Passagieren ein anderer aufgefallen mit einem
Trauerflor um den Arm, ein hollndischer Grokaufmann, der, wie man mir
besttigte, eben seine Frau an einer Tropenkrankheit verloren hatte. Ich
sah ihn ernst und geqult abseits von den andern auf und ab gehen, und
der Gedanke, da ich um seine geheimste Sorge wute, gab mir eine
geheimnisvolle Scheu: ich bog immer zur Seite, wenn er vorberkam, um
nicht mit einem Blick zu verraten, da ich mehr von seinem Schicksal
wute als er selbst.

                   *       *       *       *       *

Im Hafen von Neapel ereignete sich dann jener merkwrdige Unfall, dessen
Deutung ich in der Erzhlung des Fremden zu finden glaube. Die meisten
Passagiere waren abends von Bord gegangen, ich selbst in die Oper und
dann noch in eines der hellen Cafs an der Via Roma. Als wir mit einem
Ruderboot zu dem Dampfer zurckkehrten, fiel mir schon auf, da einige
Boote mit Fackeln und Azetylenlampen das Schiff suchend umkreisten, und
oben am dunklen Bord war ein geheimnisvolles Gehen und Kommen von
Karabinieris und Gendarmerie. Ich fragte einen Matrosen, was geschehen
sei. Er wich in einer Weise aus, die sofort zeigte, da Auftrag zum
Schweigen gegeben sei, und auch am nchsten Tage, als das Schiff wieder
friedfertig und ohne Spur eines Zwischenfalles nach Genua weiterfuhr,
war nichts an Bord zu erfahren. Erst in den italienischen Zeitungen las
ich dann, romantisch ausgeschmckt, von jenem angeblichen Unfall im
Hafen von Neapel. In jener Nacht sollte, so schrieben sie, in unbelebter
Stunde, um die Passagiere nicht durch den Anblick zu beunruhigen, der
Sarg einer vornehmen Dame aus den hollndischen Kolonien von Bord des
Schiffes auf ein Boot gebracht werden, und man lie ihn eben in
Gegenwart des Gatten die Strickleiter herab, als irgend etwas Schweres
vom hohen Bord niederstrzte und den Sarg mit den Trgern und dem
Gatten, die ihn gemeinsam niederhiten, mit sich in die Tiefe ri. Eine
Zeitung behauptete, es sei ein Irrsinniger gewesen, der sich die Treppe
hinab auf die Strickleiter gestrzt habe, eine andere beschnigte, die
Leiter sei von selbst unter dem bergroen Gewicht gerissen: jedenfalls
schien die Schiffahrtsgesellschaft alles getan zu haben, um den genauen
Sachverhalt zu verschleiern. Man rettete nicht ohne Mhe die Trger und
den Gatten der Verstorbenen mit Booten aus dem Wasser, der Bleisarg aber
ging sofort in die Tiefe und konnte nicht mehr geborgen werden. Da
gleichzeitig in einer andern Notiz kurz erwhnt wurde, es sei die Leiche
eines etwa vierzigjhrigen Mannes im Hafen angeschwemmt worden, schien
fr die ffentlichkeit in keinem Zusammenhang mit dem romantisch
reportierten Unfall zu stehen; mir aber war, kaum da ich die flchtige
Zeile gelesen, als starre pltzlich hinter dem papierenen Blatt das
mondweie Antlitz mit den glitzernden Brillenglsern mir noch einmal
gespenstisch entgegen.




                      Die Frau und die Landschaft


Es war in jenem heien Sommer, der durch Regennot und Drre
verhngnisvolle Miernte im ganzen Lande verschuldete und noch fr lange
Jahre im Andenken der Bevlkerung gefrchtet blieb. Schon in den Monaten
Juni und Juli waren nur vereinzelte flchtige Schauer ber die
drstenden Felder hingestreift, aber seit der Kalender zum August
bergeschlagen, fiel berhaupt kein Tropfen mehr, und selbst hier oben,
in dem Hochtale Tirols, wo ich, wie viele andere, Khlung zu finden
gewhnt hatte, glhte die Luft safranfarben von Feuer und Staub.
Frhmorgens schon starrte die Sonne gelb und stumpf wie das Auge eines
Fiebernden vom leeren Himmel auf die erloschene Landschaft, und mit den
steigenden Stunden quoll dann mhlich ein weilicher drckender Dampf
aus dem messingenen Kessel des Mittags und berschwlte das Tal.
Irgendwo freilich in der Ferne hoben sich die Dolomiten mchtig auf, und
Schnee glnzte von ihnen, rein und klar, aber nur das Auge fhlte
erinnernd diesen Schimmer der Khle, und es tat weh, sie schmachtend
anzusehen und an den Wind zu denken, der sie vielleicht zur gleichen
Stunde rauschend umflog, indes hier im Talkessel eine gierige Wrme
nachts und tags sich zudrngte und mit tausend Lippen einem die Feuchte
entsog. Allmhlich erstarb in dieser sinkenden Welt welkender Pflanzen,
hinschmachtenden Laubes und versiegender Bche auch innen alle lebendige
Bewegung, mig und trge wurden die Stunden. Ich, wie die andern,
verbrachte diese endlosen Tage fast nur mehr im Zimmer, halb entkleidet,
bei verdunkelten Fenstern, in einem willenlosen Warten auf Vernderung,
auf Khlung, in einem stumpfen, machtlosen Trumen von Regen und
Gewitter. Und bald wurde auch dieser Wunsch welk, ein Brten, dumpf und
willenlos wie das der lechzenden Grser und der schwle Traum des
reglosen, dunstumwlkten Waldes.

Aber es wurde nur noch heier von Tag zu Tag, und der Regen wollte noch
immer nicht kommen. Von frh bis abends brannte die Sonne nieder, und
ihr gelber, qulender Blick bekam allmhlich etwas von der stumpfen
Beharrlichkeit eines Wahnsinnigen. Es war, als ob das ganze Leben
aufhren wollte, alles stand stille, die Tiere lrmten nicht mehr, von
weien Feldern kam keine andere Stimme als der leise singende Ton der
schwingenden Hitze, das surrende Brodeln der siedenden Welt. Ich hatte
hinausgehen wollen in den Wald, wo Schatten blau zwischen den Bumen
zitterten, um dort zu liegen, um nur diesem gelben, beharrlichen Blick
der Sonne zu entgehen; aber auch diese wenigen Schritte schon wurden mir
zu viel. So blieb ich sitzen auf einem Rohrsessel vor dem Eingang des
Hotels, eine Stunde oder zwei, eingepret in den schmalen Schatten, den
der schirmende Dachrand in den Kies zog. Einmal rckte ich weiter, als
das dnne Viereck Schatten sich verkrzte und die Sonne schon heran an
meine Hnde kroch, dann blieb ich wieder hingelehnt, stumpf brtend ins
stumpfe Licht, ohne Gefhl von Zeit, ohne Wunsch, ohne Willen. Die Zeit
war zerschmolzen in dieser furchtbaren Schwle, die Stunden zerkocht,
zergangen in heier, sinnloser Trumerei. Ich fhlte nichts als den
brennenden Andrang der Luft auen an meinen Poren und innen den hastigen
Hammerschlag des fiebrig pochenden Blutes.

Da auf einmal war mir, als ob durch die Natur ein Atem ginge, leise,
ganz leise, als ob ein heier, sehnschtiger Seufzer sich aufhbe von
irgendwo. Ich raffte mich empor. War das nicht Wind? Ich hatte schon
vergessen, wie das war, zu lange hatten die verdorrenden Lungen dies
Khle nicht getrunken, und noch fhlte ich ihn nicht bis an mich
heranziehen, eingepret in meinen Winkel Dachschatten; aber die Bume
dort drben am Hang muten eine fremde Gegenwart geahnt haben, denn mit
einem Male begannen sie ganz leise zu schwanken, als neigten sie sich
flsternd einander zu. Die Schatten zwischen ihnen wurden unruhig. Wie
ein Lebendiges und Erregtes huschten sie hin und her, und pltzlich hob
es sich auf, irgendwo fern, ein tiefer, schwingender Ton. Wirklich: Wind
kam ber die Welt, ein Flstern, ein Wehen und Weben, ein tiefes,
orgelndes Brausen und jetzt ein strkerer, mchtiger Sto. Wie von einer
jhen Angst getrieben, liefen pltzlich qualmige Wolken von Staub ber
die Strae, alle in gleicher Richtung, die Vgel, die irgendwo im Dunkel
gelagert hatten, zischten auf einmal schwarz durch die Luft, die Pferde
schnupperten sich den Schaum von den Nstern, und fern im Tale blkte
das Vieh. Irgend etwas Gewaltiges war aufgewacht und mute nahe sein,
die Erde wute es schon, der Wald und die Tiere, und auch ber den
Himmel schob sich jetzt ein leichter Flor von Grau.

Ich zitterte vor Erregung. Mein Blut war von den feinen Stacheln der
Hitze aufgereizt, meine Nerven knisterten und spannten sich, nie hatte
ich so wie jetzt die Wollust des Windes geahnt, die selige Lust des
Gewitters. Und es kam, es zog heran, es schwoll und kndete sich.
Langsam schob der Wind weiche Knuel von Wolken herber, es keuchte und
schnaubte hinter den Bergen, als rollte jemand eine ungeheure Last.
Manchmal hielten diese schnaubenden, keuchenden Ste wie ermdet wieder
inne. Dann zitterten sich die Tannen langsam still, als ob sie horchen
wollten, und mein Herz zitterte mit. Wo berall ich hinblickte, war die
gleiche Erwartung wie in mir, die Erde hatte ihre Sprnge gedehnt: wie
kleine, durstige Muler waren sie aufgerissen, und so fhlte ich es auch
am eigenen Leibe, da Pore an Pore sich auftat und spannte, Khle zu
suchen und die kalte, schauernde Lust des Regens. Unwillkrlich
krampften sich meine Finger, als knnten sie die Wolken fassen und sie
rascher herreien in die schmachtende Welt.

Aber schon kamen sie, von unsichtbarer Hand geschoben, trge
herangedunkelt, runde, wulstige Scke, und man sah: sie waren schwer und
schwarz von Regen, denn sie polterten murrend wie feste, wuchtige Dinge,
wenn sie aneinander stieen, und manchmal fuhr ein leiser Blitz ber
ihre schwarze Flche wie ein knisterndes Streichholz. Blau flammten sie
dann auf und gefhrlich, und immer dichter drngte es sich heran, immer
schwrzer wurden sie an ihrer eigenen Flle. Wie der eiserne Vorhang
eines Theaters senkte sich allmhlich bleierner Himmel nieder und
nieder. Jetzt war schon der ganze Raum schwarz berspannt,
zusammengepret die warme, verhaltene Luft, und nun setzte noch ein
letztes Innehalten der Erwartung ein, stumm und grauenhaft. Erwrgt war
alles von dem schwarzen Gewicht, das sich ber die Tiefe senkte, die
Vgel zirpten nicht mehr, atemlos standen die Bume, und selbst die
kleinen Grser wagten nicht mehr zu zittern; ein metallener Sarg,
umschlo der Himmel die heie Welt, in der alles erstarrt war vor
Erwartung nach dem ersten Blitz. Atemlos stand ich da, die Hnde
ineinandergeklammt, und spannte mich zusammen in einer wundervollen
sen Angst, die mich reglos machte. Ich hrte hinter mir die Menschen
herumeilen, aus dem Walde kamen sie, aus der Tr des Hotels, von allen
Seiten flchteten sie, die Dienstmdchen lieen die Rollden herunter
und schlossen krachend die Fenster. Alles war pltzlich ttig und
aufgeregt, rhrte sich, bereitete sich, drngte sich. Nur ich stand
reglos, fiebernd, stumm, denn in mir war alles zusammengepret zu dem
Schrei, den ich schon in der Kehle fhlte, den Schrei der Lust bei dem
ersten Blitz.

Da hrte ich auf einmal knapp hinter mir einen Seufzer, stark
aufbrechend aus gequlter Brust und noch mit ihm flehentlich
verschmolzen das sehnschtige Wort: Wenn es doch nur schon regnen
wollte! So wild, so elementar war diese Stimme, war dieser Sto aus
einem bedrckten Gefhl, als htte es die drstende Erde selbst gesagt
mit ihren aufgesprungenen Lippen, die gequlte, erdrosselte Landschaft
unter dem Bleidruck des Himmels. Ich wendete mich um. Hinter mir stand
ein Mdchen, das offenbar die Worte gesagt, denn ihre Lippen, die
blassen und fein geschwungenen, waren noch im Lechzen aufgetan, und ihr
Arm, der sich an der Tr hielt, zitterte leise. Nicht zu mir hatte sie
gesprochen und zu niemandem. Wie ber einen Abgrund bog sie sich in die
Landschaft hinein, und ihr Blick starrte spiegellos hinaus in das
Dunkel, das ber den Tannen hing. Er war schwarz und leer, dieser Blick,
starr als eine grundlose Tiefe gegen den tiefen Himmel gewandt. Nur nach
oben griff seine Gier, griff tief in die geballten Wolken, in das
berhngende Gewitter, und an mich rhrte er nicht. So konnte ich
ungestrt die Fremde betrachten und sah, wie ihre Brust sich hob, wie
etwas wrgend nach oben schtterte, wie jetzt um die Kehle, die
zartknochig aus dem offenen Kleide sich lste, ein Zittern ging, bis
endlich auch die Lippen bebten, drstend sich auftaten und wieder
sagten: Wenn es doch nur schon regnen wollte. Und wieder war es mir
Seufzer der ganzen verschwlten Welt. Etwas Nachtwandlerisches und
Traumhaftes war in ihrer statuenhaften Gestalt, in ihrem gelsten Blick.
Und wie sie so dastand, wei in ihrem lichten Kleide gegen den
bleifarbnen Himmel, schien sie mir der Durst, die Erwartung der ganzen
schmachtenden Natur.

Etwas zischte leise neben mir ins Gras. Etwas pickte hart auf dem
Gesims. Etwas knirschte leise im heien Kies. berall war pltzlich
dieser leise surrende Ton. Und pltzlich begriff ichs, fhlte ichs, da
dies Tropfen waren, die schwer niederfielen, die ersten verdampfenden
Tropfen, die seligen Boten des groen, rauschenden, khlenden Regens.
Oh, es begann! Es hatte begonnen. Eine Vergessenheit, eine selige
Trunkenheit kam ber mich. Ich war wach wie nie. Ich sprang vor und fing
einen Tropfen in der Hand. Schwer und kalt klatschte er mir an die
Finger. Ich ri die Mtze ab, strker die nasse Lust auf Haar und Stirn
zu fhlen, ich zitterte schon vor Ungeduld, mich ganz umrauschen zu
lassen vom Regen, ihn an mir zu fhlen, an der warmen knisternden Haut,
in den offenen Poren, bis tief hinein in das aufgeregte Blut. Noch waren
sie sprlich, die platschenden Tropfen, aber ich fhlte ihre sinkende
Flle schon voraus, ich hrte sie schon strmen und rauschen, die
aufgetanen Schleusen, ich sprte schon das selige Niederbrechen des
Himmels ber dem Walde, ber das Schwle der verbrennenden Welt.

Aber seltsam: die Tropfen fielen nicht schneller. Man konnte sie zhlen.
Einer, einer, einer, einer, fielen sie nieder, es knisterte, es zischte,
es sauste leise rechts und links, aber es wollte nicht zusammenklingen
zur groen rauschenden Musik des Regens. Zaghaft tropfte es herab, und
statt schneller zu werden, ward der Takt langsam und immer langsamer und
stand dann pltzlich still. Es war, wie wenn das Ticken eines
Minutenzeigers in einer Uhr pltzlich aufhrt und die Zeit erstarrt.
Mein Herz, das schon glhte vor Ungeduld, wurde pltzlich kalt. Ich
wartete, wartete, aber es geschah nichts. Der Himmel blickte schwarz und
starr nieder mit umdsterter Stirn, totenstill blieb es minutenlang,
dann aber schien es, als ob ein leises, hhnisches Leuchten ber sein
Antlitz ginge. Von Westen her hellte sich die Hhe auf, die Wand der
Wolken lste sich mhlich, leise polternd rollten sie weiter. Seichter
und seichter ward ihre schwarze Unergrndlichkeit, und in ohnmchtiger,
unbefriedigter Enttuschung lag unter dem erglnzenden Horizont die
lauschende Landschaft. Wie von Wut lief noch ein leises, letztes Zittern
durch die Bume, sie beugten und krmmten sich, dann aber fielen die
Laubhnde, die schon gierig aufgereckt waren, schlaff zurck, wie tot.
Immer durchsichtiger ward der Wolkenflor, eine bse, gefhrliche Helle
stand ber der wehrlosen Welt. Es war nichts geschehen. Das Gewitter
hatte sich verzogen.

Ich zitterte am ganzen Krper. Wut war es, was ich fhlte, eine sinnlose
Emprung der Ohnmacht, der Enttuschung, des Verrats. Ich htte schreien
knnen oder rasen, eine Lust kam mich an, etwas zu zerschlagen, eine
Lust am Bsen und Gefhrlichen, ein sinnloses Bedrfnis nach Rache. Ich
fhlte in mir die Qual der ganzen verratenen Natur, das Lechzen der
kleinen Grser war in mir, die Hitze der Straen, der Qualm des Waldes,
die spitze Glut des Kalksteines, der Durst der ganzen betrogenen Welt.
Meine Nerven brannten wie Drhte: ich fhlte sie zucken von elektrischer
Spannung weithinaus in die geladene Luft, wie viele feine Flammen
glhten sie mir unter der gespannten Haut. Alles tat mir weh, alle
Gerusche hatten Spitzen, alles war wie umzngelt von kleinen Flammen,
und der Blick, was immer er fate, verbrannte sich. Das tiefste Wesen in
mir war aufgereizt, ich sprte, wie viele Sinne, die sonst stumm und tot
im dumpfen Hirne schliefen, sich auftaten wie viele kleine Nstern, und
mit jeder sprte ich Glut. Ich wute nicht mehr, was davon meine
Erregung war, und was die der Welt; die dnne Membran des Fhlens
zwischen ihr und mir war zerrissen, alles einzig erregte Gemeinschaft
der Enttuschung, und wie ich fiebernd hinabstarrte in das Tal, das sich
allmhlich mit Lichtern fllte, sprte ich, da jedes einzelne kleine
Licht in mich hineinflimmerte, jeder Stern brannte bis in mein Blut. Es
war die gleiche malose, fiebernde Erregung auen und innen, und in
einer schmerzhaften Magie empfand ich alles, was um mich schwoll,
gleichsam in mich gepret und dort wachsend und glhend. Mir war, als
brenne der geheimnisvolle, lebendige Kern, der in alle Vielfalt einzeln
eingetan ist, aus meinem innersten Wesen, alles sprte ich, in magischer
Wachheit der Sinne den Zorn jedes einzelnen Blattes, den stumpfen Blick
des Hundes, der mit gesenktem Schweife jetzt um die Tren schlich, alles
fhlte ich, und alles, was ich sprte, tat mir weh. Fast krperlich
begann dieser Brand in mir zu werden, und als ich jetzt mit den Fingern
nach dem Holz der Tr griff, knisterte es leise unter ihnen wie Zunder,
brenzlig und trocken.

Der Gong lrmte zur Abendmahlzeit. Tief in mich schlug der kupferne
Klang hinein, schmerzhaft auch er. Ich wendete mich um. Wo waren die
Menschen hin, die frher hier in Angst und Erregung vorbeigeeilt? Wo war
sie, die hier gestanden als lechzende Welt und der ich ganz vergessen in
den wirren Minuten der Enttuschung? Alles war verschwunden. Ich stand
allein in der schweigenden Natur. Noch einmal umgriff ich Hhe und Ferne
mit dem Blick. Der Himmel war jetzt ganz leer, aber nicht rein. ber den
Sternen lag ein Schleier, ein grnlich gespannter, und aus dem
aufsteigenden Mond glitzerte der bse Glanz eines Katzenauges. Fahl war
alles da oben, hhnisch und gefhrlich, tief drunten aber unter dieser
unsicheren Sphre dmmerte dunkel die Nacht, phosphoreszierend wie ein
tropisches Meer und mit dem gequlten wollstigen Atem einer
enttuschten Frau. Oben stand noch hell und hhnisch eine letzte Helle,
unten mde und lastend eine schwle Dunkelheit, feindlich war eines dem
andern, unheimlich stummer Kampf zwischen Himmel und Erde. Ich atmete
tief und trank nur Erregung. Ich griff ins Gras. Es war trocken wie Holz
und knisterte blau in meinen Fingern.

Wieder rief der Gong. Widerlich war mir der tote Klang. Ich hatte keinen
Hunger, kein Verlangen nach Menschen, aber diese einsame Schwle hier
drauen war zu frchterlich. Der ganze schwere Himmel lastete stumm auf
meiner Brust, und ich fhlte, ich knnte seinen bleiernen Druck nicht
lnger mehr tragen. Ich ging hinein in den Speisesaal. Die Leute saen
schon an ihren kleinen Tischen. Sie sprachen leise, aber doch, mir war
es zu laut. Denn mir ward alles zur Qual, was an meine aufgereizten
Nerven rhrte: das leise Lispeln der Lippen, das Klirren der Bestecke,
das Rasseln der Teller, jede einzelne Geste, jeder Atem, jeder Blick.
Alles zuckte in mich hinein und tat mir weh. Ich mute mich bemeistern,
um nicht etwas Sinnloses zu tun, denn ich fhlte es an meinem Pulse:
alle meine Sinne hatten Fieber. Jeden einzelnen dieser Menschen mute
ich ansehen, und gegen jeden fhlte ich Ha, als ich sie so friedlich
dasitzen sah, gefrig und gemchlich, indessen ich glhte. Irgendein
Neid berkam mich, da sie so satt und sicher in sich ruhten, anteillos
an der Qual einer Welt, fhllos fr die stille Raserei, die in der Brust
der verdurstenden Erde sich regte. Alle griff ich an mit dem Blick, ob
nicht einer wre, der sie mitfhlte, aber alle schienen stumpf und
unbesorgt. Nur Ruhende und Atmende, Gemchliche waren hier, Wache,
Fhllose, Gesunde, und ich der einzige Kranke, der Einzige im Fieber der
Welt. Der Kellner brachte mir das Essen. Ich versuchte einen Bissen,
vermochte aber nicht, ihn hinabzuwrgen. Alles widerstrebte mir, was
Berhrung war. Zu voll war ich von der Schwle, dem Dunst, dem Brodem
der leidenden, kranken, zerqulten Natur.

Neben mir rckte ein Sessel. Ich fuhr auf. Jeder Laut streifte jetzt an
mich wie heies Eisen. Ich sah hin. Fremde Menschen saen dort, neue
Nachbarn, die ich noch nicht kannte. Ein lterer Herr und seine Frau,
brgerliche ruhige Leute mit runden gelassenen Augen und kauenden
Wangen. Aber ihnen gegenber, halb mit dem Rcken zu mir, ein junges
Mdchen, ihre Tochter offenbar. Nur den Nacken sah ich, wei und schmal
und darber wie einen Stahlhelm schwarz und fast blau das volle Haar.
Sie sa reglos da, und an ihrer Starre erkannte ich sie als dieselbe,
die frher auf der Terrasse lechzend und aufgetan vor dem Regen
gestanden wie eine weie, durstende Blume. Ihre kleinen, krnklich
schmalen Finger spielten unruhig mit dem Besteck, aber doch, ohne da es
klirrte; und diese Stille um sie tat mir wohl. Auch sie rhrte keinen
Bissen an, nur einmal griff ihre Hand hastig und gierig nach dem Glas.
Oh, sie fhlt es auch, das Fieber der Welt, sprte ich beglckt an
diesem durstigen Griff, und eine freundliche Teilnahme legte meinen
Blick weich auf ihren Nacken. Einen Menschen, einen einzigen empfand ich
jetzt, der nicht ganz abgeschieden war von der Natur, der auch mitglhte
im Brande einer Welt, und ich wollte, da sie wisse von unserer
Bruderschaft. Ich htte ihr zuschreien mgen: Fhle mich doch! Fhle
mich doch! Auch ich bin wach wie du, auch ich leide! Fhle mich! Fhle
mich! Mit der glhenden Magnetik des Wunsches umfing ich sie. Ich
starrte in ihren Rcken, umschmeichelte von ferne ihr Haar, bohrte mich
ein mit dem Blick, ich rief sie mit den Lippen, ich prete sie an, ich
starrte und starrte, warf mein ganzes Fieber aus, damit sie es
schwesterlich fhle. Aber sie wendete sich nicht um. Starr blieb sie,
eine Statue, sitzen, khl und fremd. Niemand half mir. Auch sie fhlte
mich nicht. Auch in ihr war nicht die Welt. Ich brannte allein.

Oh, diese Schwle auen und innen, ich konnte sie nicht mehr ertragen.
Der Dunst der warmen Speisen, fett und slich, qulte mich, jedes
Gerusch bohrte sich den Nerven ein. Ich sprte mein Blut wallen und
wute mich einer purpurnen Ohnmacht nahe. Alles lechzte in mir nach
Khle und Ferne, und dieses Nahsein, das dumpfe, der Menschen erdrckte
mich. Neben mir war ein Fenster. Ich stie es auf, weit auf. Und
wunderbar: dort war es ganz geheimnisvoll wieder, dieses unruhige
Flackern in meinem Blute, nur aufgelst in das Unbegrenzte eines
nchtigen Himmels. Weigelb flimmerte oben der Mond wie ein entzndetes
Auge in einem roten Ring von Dunst, und ber die Felder schlich
geisterhaft ein blasser Brodem hin. Fieberhaft zirpten die Grillen; mit
metallenen Saiten, die schrillten und gellten, schien die Luft
durchspannt. Dazwischen qukte manchmal leise und sinnlos ein Unkenruf,
Hunde schlugen an, heulend und laut; irgendwo in der Ferne brllten die
Tiere, und ich entsann mich, da das Fieber in solchen Nchten den Khen
die Milch vergifte. Krank war die Natur, auch dort diese stille Raserei
der Erbitterung, und ich starrte aus dem Fenster wie in einen Spiegel
des Gefhls. Mein ganzes Sein bog sich hinaus, meine Schwle und die der
Landschaft flossen ineinander in eine stumme, feuchte Umarmung.

Wieder rckten neben mir die Sessel, und wieder schrak ich zusammen. Das
Diner war zu Ende, die Leute standen lrmend auf: auch meine Nachbarn
erhoben sich und gingen an mir vorbei. Der Vater zuerst, gemchlich und
satt, mit freundlichem, lchelndem Blick, dann die Mutter und zuletzt
die Tochter. Jetzt erst sah ich ihr Gesicht. Es war gelblich bleich, von
derselben matten, kranken Farbe wie drauen der Mond, die Lippen waren
noch immer, wie frher, halb geffnet. Sie ging lautlos und doch nicht
leicht. Irgend etwas Schlaffes und Mattes war an ihr, das mich seltsam
gemahnte an das eigene Gefhl. Ich sprte sie nher kommen und war
gereizt. Etwas in mir wnschte eine Vertraulichkeit mit ihr, sie mchte
mich anstreifen mit ihrem weien Kleide, oder da ich den Duft ihres
Haares spren knnte im Vorbergehen. In diesem Augenblick sah sie mich
an. Starr und schwarz stie ihr Blick in mich hinein und blieb in mir
festgehakt, tief und saugend, da ich nur ihn sprte, ihr helles Gesicht
darber entschwand und ich einzig dieses dsternde Dunkel vor mir
fhlte, in das ich strzte wie in einen Abgrund. Sie machte noch einen
Schritt vor, aber der Blick lie mich nicht los, blieb in mich gebohrt
wie eine schwarze Lanze, und ich sprte sein Eindringen tiefer und
tiefer. Nun rhrte seine Spitze bis an mein Herz, und es stand still.
Ein, zwei Augenblicke hielt sie so den Blick an und ich den Atem,
Sekunden, whrend derer ich mich machtlos weggerissen fhlte von dem
schwarzen Magneten dieser Pupille. Dann war sie an mir vorbei. Und
sofort fhlte ich mein Blut vorstrzen wie aus einer Wunde und erregt
durch den ganzen Krper gehen.

Was -- was war das? Wie aus einem Tode wachte ich auf. War das mein
Fieber, das mich so wirr machte, da ich im flchtigen Blick einer
Vorbergehenden gleich ganz mich verlor? Aber mir war gewesen, als htte
ich in diesem Anschauen die gleiche stille Raserei gesprt, die
schmachtende, sinnlose, verdurstende Gier, die sich mir jetzt in allem
auftat, im Blick des roten Mondes, in den lechzenden Lippen der Erde, in
der schreienden Qual der Tiere, dieselbe, die in mir funkelte und bebte.
Oh, wie wirr alles durcheinander ging in dieser phantastischen schwlen
Nacht, wie alles zergangen war in dies eine Gefhl von Erwartung und
Ungeduld! War es mein Wahnsinn, war es der der Welt? Ich war erregt und
wollte Antwort wissen, und so ging ich ihr nach in die Halle. Sie hatte
sich dort niedergesetzt neben ihre Eltern und lehnte still in einem
Fauteuil. Unsichtbar war der gefhrliche Blick unter den verhangenen
Lidern. Sie las ein Buch, aber ich glaubte ihr nicht, da sie lese. Ich
war gewi, da, wenn sie fhlte wie ich, wenn sie litt mit der sinnlosen
Qual der verschwlten Welt, da sie nicht rasten knnte im stillen
Betrachten, da dies ein Verstecken war, ein Verbergen vor fremder
Neugier. Ich setzte mich gegenber und starrte sie an, ich wartete
fiebernd auf den Blick, der mich bezaubert hatte, ob er nicht
wiederkommen wolle und mir sein Geheimnis lsen. Aber sie rhrte sich
nicht. Die Hand schlug gleichgltig Blatt um Blatt im Buche, der Blick
blieb verhangen. Und ich wartete gegenber, wartete heier und heier,
irgendeine rtselhafte Macht des Willens spannte sich, muskelhaft stark,
ganz krperlich, diese Verstellung zu zerbrechen. Zwischen all den
Menschen, die dort gemchlich sprachen, rauchten und Karten spielten,
hub nun ein stummes Ringen an. Ich sprte, da sie sich weigerte, da
sie es sich versagte, aufzuschauen, aber je mehr sie widerstrebte, desto
strker wollte es mein Trotz, und ich war stark, denn in mir war die
Erwartung der ganzen lechzenden Erde und die drstende Glut der
enttuschten Welt. Und so wie an meine Poren noch immer die feuchte
Schwle der Nacht, so drngte sich mein Wille gegen den ihren, und ich
wute, sie mte mir nun bald einen Blick hergeben, sie mte es.
Rckwrts im Saale begann jemand Klavier zu spielen. Die Tne perlten
leise herber, auf und ab in flchtigen Skalen, drben lachte jetzt eine
Gesellschaft lrmend ber irgendeinen albernen Scherz, ich hrte alles,
fhlte alles, was geschah, ohne aber fr eine Minute nachzulassen. Ich
zhlte jetzt laut vor mich hin die Sekunden, whrend ich an ihren Lidern
zog und sog, whrend ich von ferne durch die Hypnose des Willens ihren
strrisch niedergebeugten Kopf aufheben wollte. Minute auf Minute rollte
vorber -- immer perlten die Tne von drben dazwischen -- und schon
sprte ich, da meine Kraft nachlie -- da pltzlich hob sie mit einem
Ruck sich auf und sah mich an, gerade hin auf mich. Wieder war es der
gleiche Blick, der nicht endete, ein schwarzes, furchtbares, saugendes
Nichts, ein Durst, der mich einsog, ohne Widerstand. Ich starrte in
diese Pupillen hinein wie in die schwarze Hhlung eines photographischen
Apparates und sprte, da er zuerst mein Gesicht nach innen zog in das
fremde Blut hinein und ich wegstrzte von mir; der Boden schwand unter
meinen Fen, und ich empfand die ganze Se des schwindelnden Sturzes.
Hoch oben ber mir hrte ich noch die klingenden Skalen auf und nieder
rollen, aber schon wute ich nicht mehr, wo mir dies geschah. Mein Blut
war weggestrmt, mein Atem stockte. Schon sprte ich, wie es mich
wrgte, diese Minute oder Stunde oder Ewigkeit -- da schlugen ihre Lider
wieder zu. Ich tauchte auf wie ein Ertrinkender aus dem Wasser,
frierend, geschttelt von Fieber und Gefahr.

Ich sah um mich. Mir gegenber sa unter den Menschen, still ber ein
Buch gebeugt, blo mehr ein schlankes junges Mdchen, regungslos,
bildhaft, nur leise unter dem dnnen Gewand wippte das Knie. Auch meine
Hnde zitterten. Ich wute, da jetzt dieses wollstige Spiel von
Erwartung und Widerstand wieder beginnen sollte, da ich Minuten
angespannt fordern mute, um dann pltzlich wieder so in schwarze
Flammen getaucht zu werden von einem Blick. Meine Schlfen waren feucht,
in mir siedete das Blut. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Ich stand
auf, ohne mich umzuwenden, und ging hinaus.

Weit war die Nacht vor dem glnzenden Haus. Das Tal schien versunken,
und der Himmel glnzte feucht und schwarz wie nasses Moos. Auch hier war
keine Khlung, noch immer nicht, berall auch hier das gleiche,
gefhrliche Sichgatten von Drsten und Trunkenheit, das ich im Blute
sprte. Etwas Ungesundes, Feuchtes, wie die Ausdnstung eines
Fiebernden, lag ber den Feldern, die milchweien Dunst brauten, ferne
Feuer zuckten und geisterten durch die schwere Luft, und um den Mond lag
ein gelber Ring und machte seinen Blick bs. Ich fhlte mich mde wie
nie. Ein geflochtener Stuhl, noch vom Tag her vergessen, stand da: ich
warf mich hinein. Die Glieder fielen von mir ab, regungslos streckte ich
mich hin. Und da, nur nachgebend angeschmiegt an das weiche Rohr,
empfand ich mit einemmal die Schwle als wunderbar. Sie qulte nicht
mehr, sie drngte sich nur an, zrtlich und wollstig, und ich wehrte
ihr nicht. Nur die Augen hielt ich geschlossen, um nichts zu sehen, um
strker die Natur zu fhlen, das Lebendige, das mich umfing. Wie ein
Polyp, ein weiches, glattes, saugendes Wesen umdrngte mich jetzt,
berhrte mich mit tausend Lippen die Nacht. Ich lag und fhlte mich
nachgeben, hingeben an irgend etwas, das mich umfate, umschmiegte,
umringte, das mein Blut trank, und zum erstenmal empfand ich in dieser
schwlen Umfassung sinnlich wie eine Frau, die sich auflst in der
sanften Ekstase der Hingebung. Ein ses Grauen wars mir, mit einem Male
widerstandslos zu sein und ganz meinen Leib nur der Welt hinzugeben,
wunderbar war es, wie dies Unsichtbare meine Haut zrtlich anrhrte und
allmhlich unter sie drang, mir die Gelenke lockerer lste, und ich
wehrte mich nicht gegen dieses Lawerden der Sinne. Ich lie mich
hingleiten in das neue Gefhl, und dunkel, traumhaft empfand ich nur,
da dies: die Nacht und jener Blick von frher, die Frau und die
Landschaft, da dies eins war, in dem es s war, verloren zu sein.
Manchmal war mir, als wre diese Dunkelheit nur sie, und jene Wrme, die
meine Glieder rhrte, ihr eigener Leib, gelst in Nacht wie der meine,
und noch im Traume sie empfindend, schwand ich hin in dieser schwarzen,
warmen Welle von wollstiger Verlorenheit.

Irgend etwas schreckte mich auf. Mit allen Sinnen griff ich um mich,
ohne mich zu finden. Und dann sah ichs, erkannte ichs, da ich da
gelehnt hatte mit geschlossenen Augen und in Schlaf gesunken war. Ich
mute geschlummert haben, eine Stunde oder Stunden vielleicht, denn das
Licht in der Halle des Hotels war schon erloschen und alles lngst zur
Ruhe gegangen. Das Haar klebte mir feucht an den Schlfen, wie ein
heier Tau schien dieser traumhaft traumlose Schlummer ber mich
gesunken zu sein. Ganz wirr stand ich auf, mich ins Haus zurckzufinden.
Dumpf war mir zumute, aber diese Wirrnis war auch um mich. Etwas grlte
in der Ferne, und manchmal funkelte ein Wetterleuchten gefhrlich ber
den Himmel hin. Die Luft schmeckte nach Feuer und Funken, es glnzten
verrterische Blitze hinter den Bergen, und in mir phosphoreszierte
Erinnerung und Vorgefhl. Ich wre gern geblieben, mich zu besinnen, den
geheimnisvollen Zustand genieend aufzulsen: aber die Stunde war spt,
und ich ging hinein.

Die Halle war schon leer, die Sessel standen noch zufllig durcheinander
gerckt im fahlen Schein eines einzelnen Lichtes. Gespenstisch war ihre
unbelebte Leere, und unwillkrlich formte ich in den einen die zarte
Gestalt des sonderbaren Wesens hinein, das mich mit seinen Blicken so
verwirrt gemacht. Ihr Blick in der Tiefe meines Wesens war noch
lebendig. Er rhrte sich, und ich sprte, wie er mich aus dem Dunkel
anglnzte, eine geheimnisvolle Ahnung witterte ihn noch irgendwo wach in
diesen Wnden, und seine Verheiung irrlichterte mir im Blut. Und so
schwl war es noch immer! Kaum da ich die Augen schlo, fhlte ich
purpurne Funken hinter den Lidern. Noch glnzte in mir der weie,
glhende Tag, noch fieberte in mir diese flirrende, feuchte, funkelnde,
phantastische Nacht!

Aber ich konnte hier im Flur nicht bleiben, es war alles dunkel und
verlassen. So ging ich die Treppe hinauf und wollte doch nicht.
Irgendein Widerstand war in mir, den ich nicht zu zhmen wute. Ich war
mde, und doch fhlte ich mich zu frh fr den Schlaf. Irgendeine
geheimnisvolle, hellsichtige Witterung verhie mir noch Abenteuerliches,
und meine Sinne streckten sich vor, Lebendiges, Warmes zu ersphen. Wie
mit feinen, gelenkigen Fhlern drang es aus mir in den Treppengang,
rhrte an alle Gemcher, und wie frher hinaus in die Natur, so warf ich
jetzt mein ganzes Fhlen in das Haus, und ich sprte den Schlaf, das
gemchliche Atemgehen vieler Menschen darin, das schwere, traumlose
Wogen ihres dicken schwarzen Blutes, ihre einfltige Ruhe und Stille,
aber doch auch das magnetische Ziehen irgendeiner Kraft. Ich ahnte
irgend etwas, das wach war wie ich. War es jener Blick, war es die
Landschaft, die diesen feinen purpurnen Wahnsinn in mich getan? Ich
glaubte irgend etwas Weiches durch Wall und Wand zu spren, eine kleine
Flamme von Unruhe in mir zitterte und lockte im Blut und brannte nicht
aus. Widerwillig ging ich die Treppe hinauf und blieb doch immer stehen
auf jeder Stufe und horchte aus mir heraus; nicht mit dem Ohr nur,
sondern mit allen Sinnen. Nichts wre mir wunderlich gewesen, alles in
mir lauerte noch auf ein Unerhrtes, Seltsames, denn ich wute, die
Nacht konnte nicht enden ohne ein Wunderbares, diese Schwle nicht enden
ohne den Blitz. Noch einmal war ich, wie ich da horchend auf dem
Treppengelnder stand, die ganze Welt drauen, die sich reckte in ihrer
Ohnmacht und nach dem Gewitter schrie. Aber nichts rhrte sich. Nur
leiser Atem zog durch das windstille Haus. Mde und enttuscht ging ich
die letzten Stufen hinauf, und mir graute vor meinem einsamen Zimmer wie
vor einem Sarg.

Die Klinke schimmerte unsicher aus dem Dunkel, feucht und warm zu
fassen. Ich ffnete die Tr. Rckwrts stand das Fenster offen und tat
ein schwarzes Viereck von Nacht auf, gedrngte Tannenwipfel drben vom
Wald und dazwischen ein Stck des verwlkten Himmels. Dunkel war alles
auen und innen, die Welt und das Zimmer, nur -- seltsam und
unerklrlich -- am Fensterrahmen glnzte etwas Schmales, Aufrechtes wie
ein verlorener Streifen Mondschein. Ich trat verwundert nher, zu sehen,
was da so hell schimmerte in mondverhangener Nacht. Ich trat nher, und
da regte sichs. Ich erstaunte: aber doch, ich erschrak nicht, denn etwas
war in dieser Nacht in mir wunderlich dem Phantastischesten bereit,
alles schon vorher gedacht und traumbewut. Keine Begegnung wre mir
sonderbar gewesen und diese am wenigsten, denn wirklich: sie war es, die
dort stand, sie, an die ich unbewut gedacht, bei jeder Stufe, bei jedem
Schritt in dem schlafenden Haus, und deren Wachheit meine aufgefunkelten
Sinne durch Diele und Tr gesprt. Nur als einen Schimmer sah ich ihr
Gesicht, und wie ein Dunst lag um sie das weie Nachtgewand. Sie lehnte
am Fenster, und wie sie dastand, ihr Wesen hinausgewandt in die
Landschaft, von dem schimmernden Spiegel der Tiefe geheimnisvoll
angezogen in ihr Schicksal, schien sie mrchenhaft, Ophelia ber dem
Teiche.

Ich trat nher, scheu und erregt zugleich. Das Gerusch mute sie
erreicht haben, sie wendete sich um. Ihr Gesicht war im Schatten. Ich
wute nicht, ob sie mich wirklich erblickte, ob sie mich hrte, denn
nichts Jhes war in ihrer Bewegung, kein Erschrecken, kein Widerstand.
Alles war ganz still um uns. An der Wand tickte eine kleine Uhr. Ganz
still blieb es, und dann sagte sie pltzlich leise und unvermutet: Ich
frchte mich so.

Zu wem sprach sie? Hatte sie mich erkannt? Meinte sie mich? Redete sie
aus dem Schlaf? Es war die gleiche Stimme, der gleiche zitternde Ton,
der heute nachmittag drauen vor den nahen Wolken geschauert, da mich
ihr Blick noch gar nicht bemerkt. Seltsam war dies, und doch war ich
nicht verwundert, nicht verwirrt. Ich trat auf sie zu, sie zu beruhigen
und fate ihre Hand. Wie Zunder fhlte sie sich an, hei und trocken,
und der Griff der Finger zerbrckelte weich in meiner Umfassung. Lautlos
lie sie mir die Hand. Alles an ihr war schlaff, wehrlos, abgestorben.
Und nur von den Lippen flsterte es nochmals wie aus einer Ferne: Ich
frchte mich so! Ich frchte mich so. Und dann in einem Seufzer
hinsterbend wie aus einem Ersticken: Ach, wie schwl es ist! Das klang
von ferne und war doch leise geflstert wie ein Geheimnis zwischen uns
beiden. Aber ich fhlte dennoch: sie sprach nicht zu mir.

Ich fate ihren Arm. Sie zitterte nur leise wie die Bume nachmittags
vor dem Gewitter, aber sie wehrte sich nicht. Ich fate sie fester: sie
gab nach. Schwach, ohne Widerstand, eine warme, strzende Welle fielen
ihre Schultern gegen mich. Nun hatte ich sie ganz nahe an mir, da ich
die Schwle ihrer Haut atmen konnte und den feuchten Duft ihres Haares.
Ich bewegte mich nicht, und sie blieb stumm. Seltsam war all dies, und
meine Neugier begann zu funkeln. Allmhlich wuchs meine Ungeduld. Ich
rhrte mit meinen Lippen an ihr Haar -- sie wehrte ihnen nicht. Dann
nahm ich ihre Lippen. Sie waren trocken und hei, und als ich sie kte,
taten sie sich pltzlich auf, um von den meinen zu trinken, aber nicht
drstend und leidenschaftlich, sondern mit dem stillen, schlaffen,
begehrlichen Saugen eines Kindes. Eine Verschmachtende, so fhlte ich
sie, und so wie ihre Lippen sog sich ihr schlanker, durch das dnne
Gewand warm wogender Krper mir ganz so an, wie frher drauen die
Nacht, ohne Kraft, aber voll einer stillen, trunkenen Gier. Und da, wie
ich sie hielt -- meine Sinne funkelten noch grell durcheinander --
sprte ich die warme feuchte Erde an mir, wie sie heute dalag, drstend
nach dem Schauer der Entspannung, die heie, machtlose, glhende
Landschaft. Ich kte und kte sie und empfand, als geniee ich die
groe, schwle, harrende Welt in ihr, als wre diese Wrme, die von
ihren Wangen glhte, der Brodem der Felder, als atmete von ihren
weichen, warmen Brsten das schauernde Land.

Doch da, wie meine wandernden Lippen zu ihren Lidern emporwollten, zu
den Augen, deren schwarze Flammen ich so schauernd gefhlt, da ich mich
hob, ihr Gesicht zu schauen und im Anschauen strker zu genieen, sah
ich berrascht, da ihre Lider fest geschlossen waren. Eine griechische
Maske aus Stein, augenlos, ohnmchtig, lag sie da, Ophelia nun, die
tote, auf den Wassern treibend, bleich das fhllose Antlitz gehoben aus
der dunklen Flut. Ich erschrak. Zum erstenmal fhlte ich Wirklichkeit in
dem phantastischen Begeben. Schaudernd berfiel mich die Erkenntnis, da
ich da eine Unbewute nahm, eine Trunkene, eine Kranke, eine
Schlafwandlerin ihrer Sinne in den Armen hielt, die mir nur die Schwle
der Nacht hergetrieben wie ein roter, gefhrlicher Mond, ein Wesen, das
nicht wute, was es tat, das mich vielleicht nicht wollte. Ich erschrak,
und sie ward mir im Arme schwer. Leise wollte ich die Willenlose
hingleiten lassen auf den Sessel, auf das Bett, um nicht aus einem
Taumel Lust zu stehlen, nicht etwas zu nehmen, was sie vielleicht selbst
nicht wollte, sondern nur jener Dmon in ihr, der Herr ihres Blutes war.
Aber kaum fhlte sie, da ich nachlie, begann sie leise zu sthnen:
La mich nicht! La mich nicht! flehte sie, und heier sogen ihre
Lippen, drngte ihr Krper sich an. Schmerzhaft war ihr Gesicht mit den
verschlossenen Augen gespannt, und schauernd sprte ich, da sie wach
werden wollte und nicht konnte, da ihre trunkenen Sinne aus dem
Gefngnis dieser Umnachtung schrieen und wissend werden wollten. Aber
gerade dies, da unter dieser bleiernen Maske von Schlaf etwas rang, das
aus seiner Bezauberung wollte, war gefhrliche Lockung fr mich, sie zu
erwecken. Meine Nerven brannten vor Ungeduld, sie wach, sie sprechend,
sie als wirkliches Wesen zu sehen, nicht blo als Traumwandlerin, und um
jeden Preis wollte ich aus ihrem dumpf genieenden Krper diese Wachheit
zwingen. Ich ri sie an mich, ich schttelte sie, ich klemmte die Zhne
in ihre Lippen und meine Finger in ihre Arme, damit sie endlich die
Augen aufschlge und nun besonnen tte, was hier nur dumpf ein Trieb in
ihr geno. Aber sie bog sich nur und sthnte unter der schmerzhaften
Umklammerung. Mehr! Mehr! stammelte sie mit einer Inbrunst, mit einer
sinnlosen Inbrunst, die mich erregte und selbst sinnlos machte. Ich
sprte, da das Wache bereits nahe in ihr war, da es aufbrechen wollte
unter den geschlossenen Lidern, denn sie zuckten schon unruhig. Nher
fate ich sie, tiefer grub ich mich in sie ein, und pltzlich fhlte
ich, wie eine Trne die Wange hinabrollte, die ich salzig trank.
Furchtbar wogte es, je mehr ich sie prete, in ihrer Brust, sie sthnte,
ihre Glieder krampften sich, als wollten sie etwas Ungeheures sprengen,
einen Reif, der sie mit Schlaf umschlo, und pltzlich -- wie ein Blitz
war es durch die gewitternde Welt -- brach es in ihr entzwei. Mit
einemmal ward sie wieder schweres, lastendes Gewicht in meinen Armen,
ihre Lippen lieen mich, die Hnde sanken, und wie ich sie zurcklehnte
auf das Bett, blieb sie liegen gleich einer Toten. Ich erschrak.
Unwillkrlich fhlte ich sie an und tastete ihre Arme und ihre Wangen.
Sie waren ganz kalt, erfroren, steinern. Nur an den Schlfen oben tickte
leise in zitternden Schlgen das Blut. Marmor, eine Statue, lag sie da,
feucht die Wangen von Trnen, den Atem leise spielend um die gespannten
Nstern. Manchmal berrann sie noch leise ein Zucken, eine verebbende
Welle des erregten Blutes, doch die Brust wogte immer leiser und leiser.
Immer mehr schien sie Bild zu werden. Immer menschlicher und kindlicher,
immer heller, entspannter wurden ihre Zge. Der Krampf war entflogen.
Sie schlummerte. Sie schlief.

Ich blieb sitzen am Bettrand, zitternd ber sie gebeugt. Ein friedliches
Kind lag sie da, die Augen geschlossen und den Mund leise lchelnd,
belebt von innerem Traum. Ganz nahe beugte ich mich herab, da ich jede
Linie ihres Antlitzes einzeln sah und den Hauch ihres Atems an der Wange
fhlte, und von je nher ich auf sie blickte, desto ferner ward sie mir
und geheimnisvoller. Denn wo war sie jetzt mit ihren Sinnen, die da
steinern lag, hergetrieben von der heien Strmung einer schwlen Nacht,
zu mir, dem Fremden, und nun wie tot gesplt an den Strand? Wer war es,
die hier an meinen Hnden lag, wo kam sie her, wem gehrte sie zu? Ich
wute nichts von ihr und fhlte nur immer, da nichts mich ihr verband.
Ich blickte sie an, einsame Minuten, whrend nur die Uhr eilfertig von
oben tickte, und suchte in ihrem sprachlosen Antlitz zu lesen, und doch
ward nichts von ihr vertraut. Ich hatte Lust, sie aufzuwecken aus diesem
fremden Schlaf hier in meiner Nhe, in meinem Zimmer, hart an meinem
Leben, und hatte doch gleichzeitig Furcht vor dem Erwachen, vor dem
ersten Blick ihrer wachen Sinne. So sa ich da, stumm, eine Stunde
vielleicht oder zwei ber den Schlaf dieses fremden Wesens gebeugt, und
allmhlich ward mirs, als sei es keine Frau mehr, kein Mensch, der hier
abenteuerlich sich mir genaht, sondern die Nacht selbst, das Geheimnis
der lechzenden, gequlten Natur, das sich mir aufgetan. Mir war, als
lge hier unter meinen Hnden die ganze heie Welt mit ihren
entschwlten Sinnen, als htte sich die Erde aufgebumt in ihrer Qual
und sie als Boten gesandt aus dieser seltsamen, phantastischen Nacht.

Etwas klirrte hinter mir. Ich fuhr auf wie ein Verbrecher. Nochmals
klirrte das Fenster, als rttelte eine riesige Faust daran. Ich sprang
auf. Vor dem Fenster stand ein Fremdes: eine verwandelte Nacht, neu und
gefhrlich, schwarzfunkelnd und voll wilder Regsamkeit. Ein Sausen war
dort, ein furchtbares Rauschen, und schon baute sichs auf zum schwarzen
Turm des Himmels, schon warf sichs mir entgegen aus der Nacht, kalt,
feucht und mit wildem Sto: der Wind. Aus dem Dunkel sprang er, gewaltig
und stark, seine Fuste rissen an den Fenstern, hmmerten gegen das
Haus. Wie ein furchtbarer Schlund war das Finstere aufgetan, Wolken
fuhren heran und bauten schwarze Wnde in rasender Eile empor, und etwas
sauste gewaltttig zwischen Himmel und Welt. Weggerissen war die
beharrliche Schwle von dieser wilden Strmung, alles flutete, dehnte,
regte sich, eine rasende Flucht war von einem Ende zum andern des
Himmels, und die Bume, die festgewurzelten in der Erde, sthnten unter
der unsichtbaren, sausenden, pfeifenden Peitsche des Sturmes. Und
pltzlich ri dies wei entzwei: ein Blitz, den Himmel spaltend bis zur
Erde hinab. Und hinter ihm knatterte der Donner, als krachte das ganze
Gewlk in die Tiefe. Hinter mir rhrte sichs. Sie war aufgefahren. Der
Blitz hatte den Schlaf von ihren Augen gerissen. Verwirrt starrte sie um
sich. Was ists, sagte sie, wo bin ich? Und ganz anders war die
Stimme als vordem. Angst bebte noch darin, aber der Ton klang jetzt
klar, war scharf und rein wie die neugegorene Luft. Wieder ri ein Blitz
den Rahmen der Landschaft auf: im Flug sah ich den erhellten Umri der
Tannen, geschttelt vom Sturm, die Wolken, die wie rasende Tiere ber
den Himmel liefen, das Zimmer kalkwei erhellt und weier als alles ihr
blasses Gesicht. Sie sprang empor. Ihre Bewegungen waren mit einemmal
frei, wie ich sie nie an ihr gesehen. Sie starrte mich an in der
Dunkelheit. Ich sprte ihren Blick schwrzer als die Nacht. Wer sind
Sie ... Wo bin ich? stammelte sie und raffte erschreckt das
aufgesprengte Gewand ber der Brust zusammen. Ich trat nher, sie zu
beruhigen, aber sie wich aus. Was wollen Sie von mir? schrie sie mit
voller Kraft, da ich ihr nahe kam. Ich wollte ein Wort suchen, um sie zu
beruhigen, sie anzusprechen, aber da merkte ich erst, da ich ihren
Namen nicht kannte. Wieder warf ein Blitz Licht ber das Zimmer. Wie mit
Phosphor bestrichen, blendeten kalkwei die Wnde, wei stand sie vor
mir, die Arme im Schrecken gegen mich gestemmt, und in ihrem nun wachen
Blick war grenzenloser Ha. Vergebens wollte ich im Dunkel, das mit dem
Donner auf uns niederfiel, sie fassen, beruhigen, ihr etwas erklren,
aber sie ri sich los, stie die Tre auf, die ein neuer Blitz ihr wies,
und strzte hinaus. Und mit der Tr, die zufiel, krachte der Donner
nieder, als seien alle Himmel auf die Erde gefallen.

Und dann rauschte es, Bche strzten von unendlicher Hhe wie
Wasserflle, und der Sturm schwenkte sie als nasse Taue prasselnd hin
und her. Manchmal schnellte er Bschel eiskalten Wassers und ser,
gewrzter Luft zum Fensterrahmen herein, wo ich schauend stand, bis das
Haar mir na war und ich troff von den kalten Schauern. Aber ich war
selig, das reine Element zu fhlen, mir war, als lste nun auch meine
Schwle sich in den Blitzen los, und ich htte schreien mgen vor Lust.
Alles verga ich in dem ekstatischen Gefhl, wieder atmen zu knnen und
frisch zu sein, und ich sog diese Khle in mich wie die Erde, wie das
Land: ich fhlte den seligen Schauer des Durchrtteltseins wie die
Bume, die sich zischend schwangen unter der nassen Rute des Regens.
Dmonisch schn war der wollstige Kampf des Himmels mit der Erde, eine
gigantische Brautnacht, deren Lust ich mitfhlend geno. Mit Blitzen
griff der Himmel herab, mit Donner strzte er auf die Erbebende nieder,
und es war in diesem sthnenden Dunkel ein rasendes Ineinandersinken von
Hhe und Tiefe, wie von Geschlecht zu Geschlecht. Die Bume sthnten vor
Wollust, und mit immer glhenderen Blitzen flocht sich die Ferne
zusammen, man sah die heien Adern des Himmels offen stehen, sie
sprhten sich aus und mengten sich mit den nassen Rinnsalen der Wege.
Alles brach auseinander und strzte zusammen, Nacht und Welt -- ein
wunderbarer neuer Atem, in den sich der Duft der Felder vermengte mit
dem feurigen Odem des Himmels, drang khl in mich ein. Drei Wochen
zurckgehaltener Glut rasten sich in diesem Kampf aus, und auch in mir
fhlte ich die Entspannung. Es war mir, als rauschte der Regen in meine
Poren hinein, als durchsause reinigend der Wind meine Brust, und ich
fhlte mich und mein Erleben nicht mehr einzeln und beseelt, ich war nur
Welt, Orkan, Schauer, Wesen und Nacht im berschwang der Natur. Und
dann, als alles mhlich stiller war, die Blitze blo blau und
ungefhrlich den Horizont umschweiften, der Donner nur mehr vterlich
mahnend grollte und das Rauschen des Regens rhythmisch ward im
ermattenden Wind, da kam auch mich ein Leiserwerden und Mdigkeit an.
Wie Musik fhlte ich meine schwingenden Nerven erklingen, und sanfte
Gelstheit sank in meine Glieder. Oh, schlafen jetzt mit der Natur und
dann aufwachen mit ihr! Ich warf die Kleider ab und mich ins Bett. Noch
waren weiche, fremde Formen darin. Ich sprte sie dumpf, das seltsame
Abenteuer wollte sich noch einmal besinnen, aber ich verstand es nicht
mehr. Der Regen drauen rauschte und rauschte und wusch mir meine
Gedanken weg. Ich fhlte alles nur mehr als Traum. Immer wollte ich noch
etwas zurckdenken von dem, was mir geschehen war, aber der Regen
rauschte und rauschte, eine wunderbare Wiege war die sanfte, klingende
Nacht, und ich sank in sie hinein, einschlummernd in ihrem Schlummer.

Am nchsten Morgen, als ich ans Fenster trat, sah ich eine verwandelte
Welt. Klar, mit festen Umrissen, heiter lag das Land in sicherem,
sonnigem Glanz, und hoch ber ihm, ein leuchtender Spiegel dieser
Stille, wlbte der Horizont sich blau und fern. Klar waren die Grenzen
gezogen, unendlich fern stand der Himmel, der gestern sich tief hinab in
die Felder gewhlt und sie fruchtbar gemacht. Jetzt aber war er fern,
weltenweit und ohne Zusammenhang, nirgends rhrte er sie mehr an, die
duftende, atmende, gestillte Erde, sein Weib. Ein blauer Abgrund
schimmerte khl zwischen ihm und der Tiefe, wunschlos blickten sie
einander an und fremd, der Himmel und die Landschaft.

Ich ging hinab in den Saal. Die Menschen waren schon beisammen. Anders
war auch ihr Wesen als in diesen entsetzlichen Wochen der Schwle. Alles
regte und bewegte sich. Ihr Lachen klang hell, ihre Stimmen melodisch,
metallen, die Dumpfheit war entflogen, die sie behinderte, das schwle
Band gesunken, das sie umflocht. Ich setzte mich zwischen sie, ganz ohne
Feindlichkeit, und irgendeine Neugier suchte nun auch die Andere, deren
Bild mir der Schlaf fast entwunden. Und wirklich, zwischen Vater und
Mutter am Nebentisch sa sie dort, die ich suchte. Sie war heiter, ihre
Schultern leicht, und ich hrte sie lachen, klingend und unbesorgt.
Neugierig umfate ich sie mit dem Blick. Sie bemerkte mich nicht. Sie
erzhlte irgend etwas, das sie froh machte, und zwischen die Worte
perlte ein kindliches Lachen hinein. Endlich sah sie gelegentlich auch
zu mir hinber, und bei dem flchtigen Anstreifen stockte unwillkrlich
ihr Lachen. Sie sah mich schrfer an. Etwas schien sie zu befremden, die
Brauen schoben sich hoch, streng und gespannt umfragte mich ihr Auge,
und allmhlich bekam ihr Gesicht einen angestrengten, gequlten Zug, als
ob sie sich durchaus auf etwas besinnen wollte und es nicht vermchte.
Ich blieb erwartungsvoll mit ihr Blick in Blick, ob nicht ein Zeichen
der Erregung oder der Beschmung mich gren wrde, aber schon sah sie
wieder weg. Nach einer Minute kam ihr Blick noch einmal, um sich zu
vergewissern, zurck. Noch einmal prfte er mein Gesicht. Eine Sekunde
nur, eine lange gespannte Sekunde, fhlte ich seine harte, stechende,
metallene Sonde tief in mich dringen, doch dann lie ihr Auge mich
beruhigt los, und an der unbefangenen Helle ihres Blickes, der leichten,
fast frohen Wendung ihres Kopfes sprte ich, da sie wach nichts mehr
von mir wute, da unsere Gemeinschaft versunken war mit der magischen
Dunkelheit. Fremd und weit waren wir wieder einander wie Himmel und
Erde. Sie sprach zu ihren Eltern, wiegte unbesorgt die schlanken,
jungfrulichen Schultern, und heiter glnzten im Lcheln die Zhne unter
den schmalen Lippen, von denen ich doch noch vor Stunden den Durst und
die Schwle einer ganzen Welt getrunken.




                          Phantastische Nacht


Die nachfolgenden Aufzeichnungen fanden sich als versiegeltes Paket im
Schreibtisch des Barons Friedrich Michael von R..., nachdem er im Herbst
1914 als sterreichischer Reserveoberleutnant bei einem Dragonerregiment
in der Schlacht bei Rawaruska gefallen war. Da die Familie nach der
Titelberschrift und blo flchtigem Einblick in diesen Blttern nur
eine literarische Arbeit ihres Verwandten vermutete, bergaben sie mir
die Aufzeichnungen zur Prfung und stellten mir ihre Verffentlichung
anheim. Ich persnlich halte diese Bltter nun durchaus nicht fr eine
erfundene Erzhlung, sondern fr ein wirkliches, in allen Einzelheiten
tatschliches Erlebnis des Gefallenen und verffentliche unter
Unterdrckung des Namens seine seelische Selbstenthllung ohne jede
nderung und Beifgung.

                   *       *       *       *       *

Heute morgens berkam mich pltzlich der Gedanke, ich sollte das
Erlebnis jener phantastischen Nacht fr mich niederschreiben, um die
ganze Begebenheit in ihrer natrlichen Reihenfolge einmal geordnet zu
berblicken. Und seit dieser jhen Sekunde fhle ich einen
unerklrlichen Zwang, mir im geschriebenen Wort jenes Abenteuer
darzustellen, obzwar ich bezweifle, auch nur annhernd die Sonderbarkeit
der Vorgnge schildern zu knnen. Mir fehlt jede sogenannte
knstlerische Begabung, ich habe keinerlei bung in literarischen
Dingen, und abgesehen von einigen mehr scherzhaften Produkten im
Theresianum habe ich mich nie im Schriftstellerischen versucht. Ich wei
zum Beispiel nicht einmal, ob es eine besonders erlernbare Technik gibt,
um die Aufeinanderfolge von uern Dingen und ihre gleichzeitige innere
Spiegelung zu ordnen, frage mich auch, ob ich es vermag, dem Sinn immer
das rechte Wort, dem Wort den rechten Sinn zu geben und so jene Balance
zu gewinnen, die ich von je bei jedem rechten Erzhler im Lesen unbewut
sprte. Aber ich schreibe diese Zeilen ja nur fr mich, und sie sind
keineswegs bestimmt, etwas, was ich kaum mir selber zu erklren vermag,
andern verstndlich zu machen. Sie sind nur ein Versuch, mit irgendeinem
Geschehnis, das mich ununterbrochen beschftigt und in schmerzhaft
quellender Grung bewegt, in einem gewissen Sinne endlich einmal fertig
zu werden, es festzulegen, vor mich hinzustellen und von allen Seiten zu
umfassen.

Ich habe von dieser Begebenheit keinem meiner Freunde erzhlt, eben aus
jenem Gefhl, ich knnte ihnen das Wesentliche daran nicht verstndlich
machen, und dann auch aus einer gewissen Scham, von einer so zuflligen
Angelegenheit dermaen erschttert und umgewhlt worden zu sein. Denn
das Ganze ist eigentlich nur ein kleines Erlebnis. Aber wie ich dies
Wort jetzt hinschreibe, beginne ich schon zu bemerken, wie schwer es fr
einen Ungebten wird, beim Schreiben die Worte in ihrem rechten Gewicht
zu whlen, und welche Zweideutigkeit, welche Miverstndnismglichkeit
sich an das einfachste Vokabel knpft. Denn wenn ich mein Erlebnis ein
kleines nenne, so meine ich dies natrlich nur im relativen Sinn, im
Gegensatz zu den gewaltigen dramatischen Geschehnissen, von denen ganze
Vlker und Schicksale mitgerissen werden, und meine es andererseits im
zeitlichen Sinne, weil der ganze Vorgang keinen greren Raum umspannt
als knappe sechs Stunden. Fr mich aber war dies -- im allgemeinen Sinn
also kleine, unbedeutsame und unwichtige -- Erlebnis so ungeheuer viel,
da ich heute -- vier Monate nach jener phantastischen Nacht -- noch
davon glhe und alle meine geistigen Krfte anspannen mu, um es in
meiner Brust zu bewahren. Tglich, stndlich wiederhole ich mir alle
seine Einzelheiten, denn es ist gewissermaen der Drehpunkt meiner
ganzen Existenz geworden, alles, was ich tue und rede, ist unbewut von
ihm bestimmt, meine Gedanken beschftigen sich einzig damit, sein
pltzliches Geschehen immer und immer wieder zu wiederholen und durch
dieses Wiederholen mir als Besitz zu besttigen. Und jetzt wei ich auch
mit einemmal, was ich vor zehn Minuten, da ich die Feder ansetzte,
bewut noch nicht ahnte: da ich mir dies Erlebnis nur deshalb jetzt
hinschreibe, um es ganz sicher und gleichsam sachlich fixiert vor mir zu
haben, es noch einmal nachzugenieen im Gefhl und gleichzeitig geistig
zu erfassen. Es ist ganz falsch, ganz unwahr, wenn ich vorhin sagte, ich
wollte damit fertig werden, indem ich es niederschreibe, im Gegenteil,
ich will das zu rasch Gelebte nur noch lebendiger haben, es neben mich
warm und atmend stellen, um es immer und immer umfangen zu knnen. Oh,
ich habe keine Angst, auch nur eine Sekunde jenes schwlen Nachmittags,
jener phantastischen Nacht zu vergessen, ich brauche kein Merkzeichen,
keine Meilensteine, um in der Erinnerung den Weg jener Stunden Schritt
fr Schritt zurckzugehen: wie ein Traumwandler finde ich jederzeit
mitten im Tage, mitten in der Nacht in seine Sphre zurck, und jede
Einzelheit sehe ich darin mit jener Hellsichtigkeit, die nur das Herz
kennt und nicht das weiche Gedchtnis. Ich knnte hier ebensogut auf das
Papier die Umrisse jedes einzelnen Blattes in der frhlingshaft
ergrnten Landschaft hinzeichnen, ich spre jetzt im Herbst noch ganz
lind das weiche staubige Qualmen der Kastanienblten; wenn ich also noch
einmal diese Stunden beschreibe, so geschieht es nicht aus Furcht, sie
zu verlieren, sondern aus Freude, sie wiederzufinden. Und wenn ich jetzt
in der genauen Aufeinanderfolge mir die Wandlungen jener Nacht
darstelle, so werde ich um der Ordnung willen an mich halten mssen,
denn immer schwillt, kaum da ich an die Einzelheiten denke, eine
Ekstase aus meinem Gefhl empor, eine Art Trunkenheit fat mich, und ich
mu die Bilder der Erinnerung stauen, da sie nicht, ein farbiger
Rausch, ineinanderstrzen. Noch immer erlebe ich mit leidenschaftlicher
Feurigkeit das Erlebte, jenen Tag, jenen 7. Juni 1913, da ich mir
mittags einen Fiaker nahm ...

Aber noch einmal, spre ich, mu ich innehalten, denn schon wieder werde
ich erschreckt der Zweischneidigkeit, der Vieldeutigkeit eines einzelnen
Wortes gewahr. Jetzt, da ich zum ersten Male im Zusammenhange etwas
erzhlen soll, merke ich erst, wie schwer es ist, jenes Gleitende, das
doch alles Lebendige bedeutet, in einer geballten Form zu fassen. Eben
habe ich ich hingeschrieben, habe gesagt, da ich am 7. Juni 1913 mir
mittags einen Fiaker nahm. Aber dies Wort wre schon eine
Undeutlichkeit, denn jenes Ich von damals, von jenem 7. Juni, bin ich
lngst nicht mehr, obwohl erst vier Monate seitdem vergangen sind,
obwohl ich in der Wohnung dieses damaligen Ich wohne und an seinem
Schreibtisch mit seiner Feder und seiner eigenen Hand schreibe. Von
diesem damaligen Menschen bin ich, und gerade durch jenes Erlebnis ganz
abgelst, ich sehe ihn jetzt von auen, ganz fremd und khl, und kann
ihn schildern wie einen Spielgenossen, einen Kameraden, einen Freund,
von dem ich vieles und Wesentliches wei, der ich aber doch selbst
durchaus nicht mehr bin. Ich knnte ber ihn sprechen, ihn tadeln oder
verurteilen, ohne berhaupt zu empfinden, da er mir einst zugehrt hat.

Der Mensch, der ich damals war, unterschied sich in Wenigem uerlich
und innerlich von den meisten seiner Gesellschaftsklasse, die man
besonders bei uns in Wien die gute Gesellschaft ohne besonderen Stolz,
sondern ganz als selbstverstndlich zu bezeichnen pflegt. Ich ging in
das sechsunddreiigste Jahr, meine Eltern waren frh gestorben und
hatten mir knapp vor meiner Mndigkeit ein Vermgen hinterlassen, das
sich als reichlich genug erwies, um von nun ab den Gedanken an Erwerb
und Karriere gnzlich mir zu erbrigen. So wurde mir unvermutet eine
Entscheidung abgenommen, die mich damals sehr beunruhigte. Ich hatte
nmlich gerade meine Universittsstudien vollendet und stand vor der
Wahl meines zuknftigen Berufes, der wahrscheinlich dank unserer
Familienbeziehungen und meiner schon frh vortretenden Neigung zu einer
ruhig ansteigenden und kontemplativen Existenz auf den Staatsdienst
gefallen wre, als dies elterliche Vermgen an mich als einzigen Erben
fiel und mir eine pltzliche arbeitslose Unabhngigkeit zusicherte,
selbst im Rahmen weitgespannter und sogar luxuriser Wnsche. Ehrgeiz
hatte mich nie bedrngt, so beschlo ich, einmal dem Leben erst ein paar
Jahre zuzusehen und zu warten, bis es mich schlielich verlocken wrde,
mir selbst einen Wirkungskreis zu finden. Es blieb aber bei diesem
Zuschauen und Warten, denn da ich nichts Sonderliches begehrte,
erreichte ich alles im engen Kreis meiner Wnsche; die weiche und
wollstige Stadt Wien, die wie keine andere das Spazierengehen, das
nichtstuerische Betrachten, das Elegantsein zu einer geradezu
knstlerischen Vollendung, zu einem Lebenszweck heranbildet, lie mich
die Absicht einer wirklichen Bettigung ganz vergessen. Ich hatte alle
Befriedigung eines eleganten, adeligen, vermgenden, hbschen und dazu
noch ehrgeizlosen jungen Mannes, die ungefhrlichen Spannungen des
Spiels, der Jagd, die regelmigen Auffrischungen der Reisen und
Ausflge, und bald begann ich diese beschauliche Existenz immer mehr mit
wissender Sorgfalt und knstlerischer Neigung auszubauen. Ich sammelte
seltene Glser, weniger aus einer inneren Leidenschaft als aus der
Freude, innerhalb einer anstrengungslosen Bettigung Geschlossenheit und
Kenntnis zu erreichen, ich schmckte meine Wohnung mit einer besonderen
Art italienischer Barockstiche und mit Landschaftsbildern in der Art des
Canaletto, die bei Trdlern zusammenzufinden oder bei Auktionen zu
erstehen voll einer jagdmigen und doch nicht gefhrlichen Spannung
war, ich trieb mancherlei mit Neigung und immer mit Geschmack, fehlte
selten bei guter Musik und in den Ateliers unserer Maler. Bei Frauen
mangelte es mir nicht an Erfolg, auch hier hatte ich mit dem geheimen
sammlerischen Trieb, der irgendwie auf innere Unbeschftigtkeit deutet,
mir vielerlei erinnerungswerte und kostbare Stunden des Erlebens
aufgehuft, und hier allmhlich vom bloen Genieer mich zum wissenden
Kenner steigernd. Im ganzen hatte ich viel erlebt, was mir angenehm den
Tag fllte und meine Existenz mich als eine reiche empfinden lie, und
immer mehr begann ich diese laue, wohlige Atmosphre einer gleichzeitig
belebten und doch nie erschtterten Jugend zu lieben, fast ohne neue
Wnsche schon, denn ganz geringe Dinge vermochten sich schon in der
windstillen Luft meiner Tage zu einer Freude zu entfalten. Eine
gutgewhlte Krawatte konnte mich fast schon froh machen, ein schnes
Buch, ein Automobilausflug oder eine Stunde mit einer Frau mich restlos
beglcken. Ganz besonders wohl tat mir in dieser meiner Daseinsform, da
sie in keiner Weise, ganz wie ein tadellos korrekter englischer Anzug,
in keiner Weise der Gesellschaft auffiel. Ich glaube, man empfand mich
als eine angenehme Erscheinung, ich war beliebt und gerne gesehen, und
die meisten, die mich kannten, nannten mich einen glcklichen Menschen.

Ich wei jetzt nicht mehr zu sagen, ob jener Mensch von damals, den ich
mir zu vergegenwrtigen bemhe, sich selbst so wie jene anderen als
einen Glcklichen empfand; denn nun, wo ich aus jenem Erlebnis fr jedes
Gefhl einen viel volleren und erfllteren Sinn fordere, scheint mir
jede rckerinnernde Wertung fast unmglich. Doch vermag ich mit
Gewiheit zu sagen, da ich mich zu jener Zeit keineswegs als
unglcklich empfand, blieben doch fast nie meine Wnsche unerfllt und
meine Anforderungen an das Leben unerwidert. Aber gerade dies, da ich
mich daran gewhnt hatte, alles Geforderte vom Schicksal zu empfangen
und darber hinaus nichts mehr ihm abzufordern, gerade dies zeitigte
allmhlich einen gewissen Mangel an Spannung, eine Unlebendigkeit im
Leben selbst. Was sich damals unbewut in manchen Augenblicken der
Halberkenntnis in mir sehnschtig regte: es waren nicht eigentlich
Wnsche, sondern nur der Wunsch nach Wnschen, das Verlangen, strker,
unbndiger, ehrgeiziger, unbefriedigter zu begehren, mehr zu leben und
vielleicht auch zu leiden. Ich hatte aus meiner Existenz durch eine
allzu vernnftige Technik alle Widerstnde ausgeschaltet, und an diesem
Fehlen der Widerstnde erschlaffte meine Vitalitt. Ich merkte, da ich
immer weniger, immer schwcher begehrte, da eine Art Erstarrung in mein
Gefhl gekommen war, da ich -- vielleicht ist es am besten so
ausgedrckt -- an einer seelischen Impotenz, einer Unfhigkeit zur
leidenschaftlichen Besitznahme des Lebens litt. An kleinen Zeichen
erkannte ich dieses Manko zuerst. Es fiel mir auf, da ich im Theater
und in der Gesellschaft bei gewissen sensationellen Veranstaltungen
fter und fter fehlte, da ich Bcher bestellte, die mir gerhmt worden
waren und sie dann unaufgeschnitten wochenlang auf dem Schreibtisch
liegen lie, da ich zwar mechanisch weiter meine Liebhabereien
sammelte, Glser und Antiken kaufte, ohne sie aber dann einzuordnen und
mich eines seltenen und langgesuchten Stckes bei unvermutetem Erwerb
sonderlich zu freuen.

Wirklich bewut aber wurde mir diese bergangshafte und leise
Verminderung meiner seelischen Spannkraft erst bei einer bestimmten
Gelegenheit, der ich mich noch deutlich entsinne. Ich war im Sommer --
auch schon aus jener merkwrdigen Trgheit heraus, die von nichts Neuem
sich lebhaft angelockt fhlte -- in Wien geblieben, als ich pltzlich
aus einem Kurorte den Brief einer Frau erhielt, mit der mich seit drei
Jahren eine intime Beziehung verband und von der ich sogar aufrichtig
meinte, da ich sie liebe. Sie schrieb mir in vierzehn aufgeregten
Seiten, sie habe in diesen Wochen dort einen Mann kennengelernt, der ihr
viel, ja alles geworden sei, sie werde ihn im Herbst heiraten, und
zwischen uns msse jene Beziehung zu Ende sein. Sie denke ohne Reue, ja
mit Glck an die mit mir gemeinsam verlebte Zeit zurck, der Gedanke an
mich begleite sie in ihre neue Ehe als das Liebste ihres vergangenen
Lebens, und sie hoffe, ich werde ihr den pltzlichen Entschlu
verzeihen. Nach dieser sachlichen Mitteilung berbot sich der aufgeregte
Brief dann in wirklich ergreifenden Beschwrungen, ich mge ihr nicht
zrnen und nicht zuviel an dieser pltzlichen Absage leiden, ich solle
keinen Versuch machen, sie gewaltsam zurckzuhalten oder eine Torheit
gegen mich begehen. Immer hitziger jagten die Zeilen hin: ich solle doch
bei einer Besseren Trost finden, ich solle ihr sofort schreiben, denn
sie sei in Angst, wie ich diese Mitteilung aufnehmen wrde. Und als
Nachsatz, mit Bleistift, war dann noch eilig hingeschrieben: Tue nichts
Unvernnftiges, verstehe mich, verzeihe mir! Ich las diesen Brief,
zuerst berrascht von der Nachricht und dann, als ich ihn durchblttert,
noch ein zweites Mal und nun mit einer gewissen Beschmung, die sich
bewut werdend rasch zu einem inneren Erschrecken steigerte. Denn nichts
von allen den starken und doch natrlichen Empfindungen, die meine
Geliebte als selbstverstndlich voraussetzte, hatte sich auch nur
andeutungshaft in mir geregt. Ich hatte nicht gelitten bei ihrer
Mitteilung, hatte ihr nicht gezrnt und schon gar nicht eine Sekunde an
eine Gewaltttigkeit gegen sie oder gegen mich gedacht, und diese Klte
des Gefhls in mir war nun doch zu sonderbar, als da sie mich nicht
selbst erschreckt htte. Da fiel eine Frau von mir ab, die Jahre meines
Lebens begleitet hatte, deren warmer Leib sich elastisch dem meinen
aufgetan, deren Atem in langen Nchten in meinen vergangen war, und
nichts rhrte sich in mir, wehrte sich dagegen, nichts suchte sie
zurckzuerobern, nichts von all dem geschah in meinem Gefhl von dem,
was der reine Instinkt dieser Frau als selbstverstndlich bei einem
wirklichen Menschen voraussetzen mute. In diesem Augenblicke war mir
zum ersten Male ganz bewut, wie weit der Erstarrungsproze in mir
fortgeschritten war -- ich glitt eben durch wie auf flieendem,
spiegelndem Wasser, ohne irgend verhaftet, verwurzelt zu sein, und ich
wute ganz genau, da diese Klte etwas Totes, Leichenhaftes war, noch
nicht umwittert zwar vom faulen Hauch der Verwesung, aber doch schon
rettungslose Starre, grausam-kalte Fhllosigkeit, die Minute also, die
dem wahren, dem krperlichen Sterben, dem auch uerlich sichtbaren
Verfall vorangeht. Seit jener Episode begann ich mich und diese
merkwrdige Gefhlsstarre in mir aufmerksam zu beobachten wie ein
Kranker seine Krankheit. Als kurz darauf ein Freund von mir starb und
ich hinter seinem Sarge ging, horchte ich in mich hinein, ob sich nicht
eine Trauer in mir rhre, irgendein Gefhl sich in dem Bewutsein
spanne, dieser mir seit Kindheitstagen nahe Mensch sei nun fr immer
verloren. Aber es regte sich nichts, ich kam mir selbst wie etwas
Glsernes vor, durch das die Dinge hindurchleuchteten, ohne jemals innen
zu sein, und so sehr ich mich bei diesem Anla und manchen hnlichen
auch anstrengte, etwas zu fhlen, ja mich mit Verstandesgrnden zu
Gefhlen berreden wollte, es kam keine Antwort aus jener inneren Starre
zurck. Menschen verlieen mich, Frauen gingen und kamen, ich sprte es
kaum anders wie einer, der im Zimmer sitzt, den Regen an den Scheiben,
zwischen mir und dem Unmittelbaren war irgendeine glserne Wand, die ich
mit dem Willen zu zerstoen nicht die Kraft hatte.

Obzwar ich dies nun klar empfand, so schuf mir diese Erkenntnis doch
keine rechte Beunruhigung, denn ich sagte es ja schon, da ich auch
Dinge, die mich selbst betrafen, mit Gleichgltigkeit hinnahm. Auch zum
Leiden hatte ich nicht mehr genug Gefhl. Es gengte mir, da dieser
seelische Defekt auen so wenig wahrnehmbar war, wie etwa die
krperliche Impotenz eines Mannes nicht anders als in der intimen
Sekunde offenbar wird, und ich setzte oft in Gesellschaft durch eine
knstliche Leidenschaftlichkeit im Bewundern, durch spontane
bertreibungen von Ergriffenheit eine gewisse Ostentation daran, zu
verbergen, wie sehr ich mich innerlich anteilslos und abgestorben wute.
uerlich lebte ich mein altes behagliches, hemmungsloses Leben weiter,
ohne seine Richtung zu ndern; Wochen, Monate glitten leicht vorber und
fllten sich langsam dunkel zu Jahren. Eines Morgens sah ich im Spiegel
einen grauen Streif an meiner Schlfe und sprte, da meine Jugend
langsam hinber wollte in eine andere Welt. Aber was andere Jugend
nannten, war in mir lngst vorbei. So tat das Abschiednehmen nicht
sonderlich weh, denn ich liebte auch meine eigene Jugend nicht genug.
Auch zu mir selbst schwieg mein trotziges Gefhl.

Durch diese innere Unbewegtheit wurden meine Tage immer mehr
gleichfrmig trotz aller Verschiedenheit der Beschftigungen und
Begebenheiten, sie reihten sich unbetont einer an den anderen, wuchsen
und gilbten hin wie die Bltter eines Baumes. Und ganz gewhnlich, ohne
jede Absonderlichkeit, ohne jedes innere Vorzeichen, begann auch jener
einzige Tag, den ich mir wieder selbst schildern will. Ich war damals am
7. Juni 1913 spter aufgestanden, aus dem noch von der Kindheit, von den
Schuljahren her unbewut nachklingenden Sonntagsgefhl, hatte mein Bad
genommen, die Zeitung gelesen und in Bchern geblttert, war dann,
verlockt von dem warmen sommerlichen Tag, der teilnehmend in mein Zimmer
drang, spazierengegangen, hatte in gewohnter Weise den Grabenkorso
berquert, zwischen Gru und Gru bekannter und befreundeter Menschen
mit irgendeinem von ihnen ein flchtiges Gesprch gefhrt und dann bei
Freunden zu Mittag gespeist. Fr den Nachmittag war ich jeder
Vereinbarung ausgewichen, denn ich liebte es insbesondere, am Sonntag
ein paar unaufgeteilte freie Stunden zu haben, die dann ganz dem Zufall
meiner Laune, meiner Bequemlichkeit oder irgendeiner spontanen
Entschlieung gehrten. Als ich dann, von meinen Freunden kommend, die
Ringstrae querte, empfand ich wohltuend die Schnheit der besonnten
Stadt und ward froh an ihrer frhsommerlichen Geschmcktheit. Die
Menschen schienen alle heiter und irgendwie verliebt in die
Sonntglichkeit der bunten Strae, vieles einzelne fiel mir auf und vor
allem, wie breitumbuscht mit ihrem neuen Grn die Bume mitten aus dem
Asphalt sich aufhoben. Obwohl ich doch fast tglich hier vorberging,
wurde ich dieses sonntglichen Menschengewhls pltzlich wie eines
Wunders gewahr, und unwillkrlich bekam ich Sehnsucht nach viel Grn,
nach Helligkeit und Buntheit. Ich erinnerte mich mit ein wenig Neugier
des Praters, wo jetzt zu Frhlingsende, zu Sommersanfang, die schweren
Bume wie riesige grne Lakaien rechts und links der von Wagen
durchflitzten Hauptallee stehen und reglos den vielen geputzten
eleganten Menschen ihre weien Bltenherzen hinhalten. Gewohnt, auch dem
flchtigsten meiner Wnsche sofort nachzugeben, rief ich den ersten
Fiaker an, der mir in den Weg kam, und bedeutete ihm auf seine Frage den
Prater als Ziel. Zum Rennen, Herr Baron, nicht wahr? antwortete er mit
devoter Selbstverstndlichkeit. Da erinnerte ich mich erst, da heute
ein sehr fashionabler Renntag war, eine Derbyvorschau, wo die ganze gute
Wiener Gesellschaft sich Rendezvous gab. Seltsam, dachte ich mir,
whrend ich in den Wagen stieg, wie wre es noch vor ein paar Jahren
mglich gewesen, da ich einen solchen Tag versumt oder vergessen
htte! Wieder sprte ich, so wie ein Kranker bei einer Bewegung seine
Wunde, an dieser Vergelichkeit die ganze Starre der Gleichgltigkeit,
der ich verfallen war.

Die Hauptallee war schon ziemlich leer, als wir hinkamen, das Rennen
mute lngst begonnen haben, denn die sonst so prunkvolle Auffahrt der
Wagen fehlte, nur ein paar vereinzelte Fiaker hetzten mit knatternden
Hufen wie hinter einem unsichtbaren Versumnis her. Der Kutscher wandte
sich am Bock und fragte, ob er scharf traben solle; aber ich hie ihn,
die Pferde ruhig gehen zu lassen, denn mir lag nichts an einem
Zusptkommen. Ich hatte zu viel Rennen gesehen und zu oft die Menschen
bei ihnen, als da mir ein Zurechtkommen noch wichtig gewesen wre, und
es entsprach besser meinem lssigen Gefhl, im weichen Schaukeln des
Wagens die blaue Luft wie Meer vom Bord eines Schiffes lindrauschend zu
fhlen und ruhiger die schnen, breitgebuschten Kastanienbume
anzusehen, die manchmal dem schmeichlerisch warmen Wind ein paar
Bltenflocken zum Spiele hingaben, die er dann leicht aufhob und
wirbelte, ehe er sie auf die Allee wei hinflocken lie. Es war wohlig,
sich so wiegen zu lassen, Frhling zu ahnen mit geschlossenen Augen,
ohne jede Anstrengung beschwingt und fortgetragen sich zu empfinden:
eigentlich tat es mir leid, als in der Freudenau der Wagen vor der
Einfahrt hielt. Am liebsten wre ich noch umgekehrt, mich weiter wiegen
zu lassen von dem weichen, frhsommerlichen Tag. Aber es war schon zu
spt, der Wagen hielt vor dem Rennplatz. Ein dumpfes Brausen schlug mir
entgegen. Wie ein Meer scholl es dumpf und hohl hinter den aufgestuften
Tribnen, ohne da ich die bewegte Menge sah, von der dieses geballte
Gerusch ausging, und unwillkrlich erinnerte ich mich an Ostende, wenn
man von der niederen Stadt die kleinen Seitengassen zur Strandpromenade
emporsteigt, schon den Wind salzig und scharf ber sich sausen fhlt und
ein dumpfes Drhnen hrt, ehe dann der Blick hingreift ber die weite
grauschumige Flche mit ihren donnernden Wellen. Ein Rennen mute
gerade in Gang sein, aber zwischen mir und dem Rasen, auf dem jetzt wohl
die Pferde hinflitzten, stand ein farbiger drhnender, wie von einem
inneren Sturm hin und her geschttelter Qualm, die Menge der Zuschauer
und Spieler. Ich konnte die Bahn nicht sehen, sprte aber im Reflex der
gesteigerten Erregung jede sportliche Phase. Die Reiter muten lngst
gestartet, der Knuel sich geteilt haben und ein paar gemeinsam um die
Fhrung streiten, denn schon lsten sich hier aus den Menschen, die
geheimnisvoll die fr mich unsichtbaren Bewegungen des Laufes mitlebten,
Schreie los und aufgeregte Zurufe. An der Richtung ihrer Kpfe sprte
ich die Biegung, an der die Reiter und Pferde jetzt auf dem lnglichen
Rasenoval angelangt sein muten, denn immer einheitlicher, immer
zusammengefater drngte sich, wie ein einziger aufgereckter Hals, das
ganze Menschenchaos einem mir unsichtbaren Blickpunkt entgegen, und aus
diesem einen ausgespannten Hals grlte und gurgelte mit tausenden
zerriebenen Einzellauten eine immer hher gischtende Brandung. Und diese
Brandung stieg und schwoll, schon fllte sie den ganzen Raum bis zum
gleichgltig blauen Himmel. Ich sah in ein paar Gesichter hinein. Sie
waren verzerrt wie von einem inneren Krampf, die Augen starr und
funkelnd, die Lippen verbissen, das Kinn gierig vorgestoen, die Nstern
pferdhaft geblht. Spaig und grauenhaft war mirs, nchtern diese
unbeherrschten Trunkenen zu betrachten. Neben mir stand auf einem Sessel
ein Mann, elegant gekleidet, mit einem sonst wohl guten Gesicht, jetzt
aber tobte er, von einem unsichtbaren Dmon beteufelt, er fuchtelte mit
dem Stock in die leere Luft hinein, als peitschte er etwas vorwrts,
sein ganzer Krper machte -- unsagbar lcherlich fr einen Zuschauer --
die Bewegung des Raschreitens leidenschaftlich mit. Wie auf Steigbgeln
wippte er mit den Fersen unablssig auf und nieder ber dem Sessel, die
rechte Hand jagte den Stock immer wieder als Gerte ins Leere, die linke
knllte krampfig einen weien Zettel. Und immer mehr dieser weien
Zettel flatterten herum, wie Schaumspritzer gischteten sie ber dieser
graudurchstrmten Flut, die lrmend schwoll. Jetzt muten an der Kurve
ein paar Pferde ganz knapp beieinander sein, denn mit einem Male ballte
sich das Gedrhn in zwei, drei, vier einzelne Namen, die immer wieder
einzelne Gruppen wie Schlachtrufe schrien und tobten, und diese Schreie
schienen wie ein Ventil fr ihre delirierende Besessenheit.

Ich stand inmitten dieser drhnenden Tobsucht kalt wie ein Felsen im
donnernden Meer und wei noch heute genau zu sagen, was ich in jener
Minute empfand.

Das Lcherliche vorerst all dieser fratzenhaften Gebrden, eine
ironische Verachtung fr das Pbelhafte des Ausbruches, aber doch noch
etwas anderes, das ich mir ungern eingestand -- irgendeinen leisen Neid
nach solcher Erregung, solcher Brunst der Leidenschaft, nach dem Leben,
das in diesem Fanatismus war. Was mte, dachte ich, geschehen, um mich
dermaen zu erregen, mich dermaen ins Fieber zu spannen, da mein
Krper so brennend, meine Stimme mir wider Willen aus dem Munde brechen
wrde? Keine Summe konnte ich mir denken, deren Besitz mich so anfeuern
knnte, keine Frau, die mich dermaen reizte, nichts, nichts gab es, was
aus der Starre meines Gefhls mich zu solcher Feurigkeit entfachen
knnte! Vor einer pltzlich gespannten Pistole wrde mein Herz, eine
Sekunde vor dem Erstarren, nicht so wild hmmern, wie das in den
tausend, zehntausend Menschen rings um mich fr eine Handvoll Geld. Aber
jetzt mute ein Pferd dem Start ganz nahe sein, denn zu einem einzigen,
immer schriller werdenden Schrei von tausenden Stimmen gellte jetzt wie
eine hochgespannte Saite ein bestimmter Name empor aus dem Tumult, um
dann schrill mit einem Male zu zerreien. Die Musik begann zu spielen,
pltzlich zerbrach die Menge. Eine Runde war zu Ende, ein Kampf
entschieden, die Spannung lste sich in eine quirlende, nur noch schlaff
nachschwingende Bewegtheit. Die Masse, eben noch ein brennendes Bndel
Leidenschaft, fiel auseinander in viele einzelne laufende, lachende,
sprechende Menschen, ruhige Gesichter tauchten wieder auf hinter der
mnadischen Maske der Erregung; aus dem Chaos des Spiels, das fr
Sekunden diese Tausende in einen einzigen glhenden Klumpen geschmolzen
hatte, schichteten sich wieder gesellschaftliche Gruppen, die
zusammentraten, sich lsten, Menschen, die ich kannte und die mich
grten, fremde, die sich gegenseitig khl-hflich musterten und
betrachteten. Die Frauen prften sich gegenseitig in ihren neuen
Toiletten, die Mnner warfen begehrliche Blicke, jene mondne Neugier,
die der Teilnahmslosen eigentliche Beschftigung ist, begann sich zu
entfalten, man suchte, zhlte, kontrollierte sich auf Anwesenheit und
Eleganz. Schon wuten, kaum aus dem Taumel erwacht, all diese Menschen
nicht mehr, ob dies promenierende Zwischenspiel oder das Spiel selbst
der Zweck ihrer gesellschaftlichen Vereinigung war.

Ich ging mitten durch dies laue Gewhl, grte und dankte, atmete wohlig
-- war es doch die Atmosphre meiner Existenz -- den Duft von Parfm und
Eleganz, der dies kaleidoskopische Durcheinander umschwebte, und noch
freudiger die leise Brise, die von drben aus den Praterauen, aus dem
sommerlich durchwrmten Walde manchmal ihre Welle zwischen die Menschen
warf und den weien Musselin der Frauen wie wollstig-spielend
betastete. Ein paar Bekannte wollten mich ansprechen, Diane, die schne
Schauspielerin, nickte einladend aus einer Loge herber, aber ich ging
keinem zu. Es interessierte mich nicht, mit einem dieser mondnen
Menschen heute zu sprechen, es langweilte mich, in ihrem Spiegel mich
selbst zu sehen, nur das Schauspiel wollte ich umfassen, die
knisternd-sinnliche Erregung, die durch die aufgesteigerte Stunde ging
(denn der anderen Erregtheit ist gerade dem Teilnahmslosen das
angenehmste Schauspiel). Ein paar schne Frauen gingen vorbei, ich sah
ihnen frech, aber ohne innerliches Begehren auf die Brste, die unter
der dnnen Gaze bei jedem Schritt bebten und lchelte innerlich ber
ihre halb peinliche, halb wohlige Verlegenheit, wenn sie sich so
sinnlich abgeschtzt und frech entkleidet fhlten. In Wirklichkeit
reizte mich keine, es machte mir nur ein gewisses Vergngen, vor ihnen
so zu tun, das Spiel mit dem Gedanken, mit ihren Gedanken machte mir
Freude, die Lust, sie krperlich zu berhren, das magnetische Zucken im
Auge zu fhlen; denn wie jedem innerlich khlen Menschen war es mein
eigentlichster erotischer Genu, in anderen Wrme und Unruhe zu erregen,
statt mich selbst zu erhitzen. Nur den Flaum von Wrme, den die
Gegenwart von Frauen um die Sinnlichkeit legt, liebte ich zu fhlen,
nicht eine wirkliche Erhitzung, Anregung blo und nicht Erregung. So
ging ich auch diesmal durch die Promenade, nahm Blicke, gab sie leicht
wie Federball zurck, geno ohne zu greifen, befhlte Frauen ohne zu
fhlen, nur leicht angewrmt von der lauen Wollust des Spiels.

Aber auch das langweilte mich bald. Immer dieselben Menschen kamen
vorber, ich kannte ihre Gesichter schon auswendig und ihre Gesten. Ein
Sessel stand in der Nhe. Ich setzte mich hin. Ringsum begann in den
Gruppen eine neue wirblige Bewegung, unruhiger schttelten und stieen
sich die Vorbergehenden durcheinander; offenbar sollte ein neues Rennen
wieder anheben. Ich kmmerte mich nicht darum, sa weich und irgendwie
versunken unter dem Kringel meiner Zigarette, der sich weigekruselt
gegen den Himmel hob, wo er heller und heller wie eine kleine Wolke im
Frhlingsblau verging. In dieser Sekunde begann das Unerhrte, jenes
einzige Erlebnis, das noch heute mein Leben bestimmt. Ich kann ganz
genau den Augenblick feststellen, denn zufllig hatte ich gerade auf die
Uhr gesehen: die Zeiger kreuzten sich, und ich sah ihnen mit jener
unbeschftigten Neugier zu, wie sie sich eine Sekunde lang berdeckten.
Es war drei Minuten nach drei Uhr an jenem Nachmittag des 7. Juni 1913.
Ich blickte also, die Zigarette in der Hand, auf das weie Zifferblatt,
ganz beschftigt mit dieser kindischen und lcherlichen Betrachtung, als
ich knapp hinter meinem Rcken eine Frau laut lachen hrte, mit jenem
scharfen, erregten Lachen, wie ich es bei Frauen liebe, jenem Lachen,
das ganz warm und aufgeschreckt aus dem heien Gebsch der Sinnlichkeit
vorspringt. Unwillkrlich bog es mir den Kopf zurck, schon wollte ich
die Frau anschauen, deren laute Sinnlichkeit so frech in meine sorglose
Trumerei schlug wie ein funkelnder weier Stein in einen dumpfen,
schlammigen Teich -- da bezwang ich mich. Eine merkwrdige Lust am
geistigen Spiel, am kleinen ungefhrlichen psychologischen Experiment,
wie sie mich oft befiel, lie mich innehalten. Ich wollte die Lachende
noch nicht ansehen, es reizte mich, zuerst in einer Art Vorlust, meine
Phantasie mit dieser Frau zu beschftigen, mir sie vorzustellen, mir ein
Gesicht, einen Mund, eine Kehle, einen Nacken, eine Brust, eine ganze
lebendige atmende Frau um dieses Lachen zu legen.

Sie stand jetzt offenbar knapp hinter mir. Aus dem Lachen war wieder
Gesprch geworden. Ich hrte gespannt zu. Sie sprach mit leichtem
ungarischen Akzent, sehr rasch und beweglich, die Vokale breit
ausschwingend wie im Gesang. Es machte mir nun Spa, dieser Rede nun die
Gestalt zuzudichten und dies Phantasiebild mglichst ppig
auszugestalten. Ich gab ihr dunkle Haare, dunkle Augen, einen breiten,
sinnlich gewlbten Mund mit ganz weien starken Zhnen, eine ganz
schmale kleine Nase, aber mit steil aufspringenden zitternden Nstern.
Auf die linke Wange legte ich ihr ein Schnheitspflsterchen, in die
Hand gab ich ihr einen Reitstock, mit dem sie sich beim Lachen leicht an
den Schenkel schlug. Sie sprach weiter und weiter. Und jedes ihrer Worte
fgte meiner blitzschnell gebildeten Phantasievorstellung ein neues
Detail hinzu: eine schmale mdchenhafte Brust, ein dunkelgrnes Kleid
mit einer schief gesteckten Brillantspange, einen hellen Hut mit einem
weien Reiher. Immer deutlicher ward das Bild, und schon sprte ich
diese fremde Frau, die unsichtbar hinter meinem Rcken stand, wie auf
einer belichteten Platte in meiner Pupille. Aber ich wollte mich nicht
umwenden, dieses Spiel der Phantasie noch weiter steigern, irgendein
leises Rieseln von Wollust mengte sich in die verwegene Trumerei, ich
schlo beide Augen, gewi, da, wenn ich die Lider auftte und mich ihr
zuwendete, das innere Bild ganz mit dem ueren sich decken wrde.

In diesem Augenblick trat sie vor. Unwillkrlich tat ich die Augen auf
-- und rgerte mich. Ich hatte vollkommen daneben geraten, alles war
anders, ja in boshaftester Weise gegenstzlich zu meinem Phantasiebild.
Sie trug kein grnes, sondern ein weies Kleid, war nicht schlank,
sondern ppig und breitgehftet, nirgends aus der vollen Wange tupfte
sich das ertrumte Schnheitspflsterchen, die Haare leuchteten
rtlichblond statt schwarz unter dem helmfrmigen Hut. Keines meiner
Merkmale stimmte zu ihrem Bilde; aber diese Frau war schn,
herausfordernd schn, obwohl ich mich, gekrnkt im trichten Ehrgeiz
meiner psychologischen Eitelkeit, diese Schnheit anzuerkennen wehrte.
Fast feindlich sah ich zu ihr empor; aber auch der Widerstand in mir
sprte den starken sinnlichen Reiz, der von dieser Frau ausging, das
Begehrliche, Animalische, das in ihrer festen und gleichzeitig weichen
Flle fordernd lockte. Jetzt lachte sie wieder laut, ihre festen weien
Zhne wurden sichtbar, und ich mute mir sagen, da dieses heie
sinnliche Lachen zu dem ppigen ihres Wesens wohl im Einklang stand;
alles an ihr war so vehement und herausfordernd, der gewlbte Busen, das
im Lachen vorgestoene Kinn, der scharfe Blick, die geschwungene Nase,
die Hand, die den Schirm fest gegen den Boden stemmt. Hier war das
weibliche Element, Urkraft, bewute, penetrante Lockung, ein
fleischgewordenes Wollustfanal. Neben ihr stand ein eleganter, etwas
fanierter Offizier und sprach eindringlich auf sie ein. Sie hrte ihm
zu, lchelte, lachte, widersprach, aber all das nur nebenbei, denn
gleichzeitig glitt ihr Blick, zitterten ihre Nstern berall hin,
gleichsam allen zu: sie sog Aufmerksamkeit, Lcheln, Anblick von jedem,
der vorberging und gleichsam von der ganzen Masse des Mnnlichen
ringsum ein. Ihr Blick war ununterbrochen wanderhaft, bald suchte er die
Tribnen entlang, um dann pltzlich, freudigen Erkennens, einen Gru zu
erwidern, bald streifte er -- whrend sie dem Offizier immer lchelnd
und eitel zuhrte -- nach rechts, bald nach links. Nur mich, der ich,
von ihrem Begleiter gedeckt, unter ihrem Blickfeld lag, hatte er noch
nicht angerhrt. Das rgerte mich. Ich stand auf -- sie sah mich nicht.
Ich drngte mich nher -- nun blickte sie wieder zu den Tribnen hinauf.
Da trat ich entschlossen zu ihr hin, lftete den Hut gegen ihren
Begleiter und bot ihr meinen Sessel an. Sie blickte mir erstaunt
entgegen, ein lchelnder Glanz berflog ihre Augen, schmeichlerisch bog
sie die Lippe zu einem Lcheln. Aber dann dankte sie nur kurz und nahm
den Sessel, ohne sich zu setzen. Blo den ppigen, bis zum Ellbogen
entblten Arm sttzte sie weich an die Lehne und ntzte die leichte
Biegung ihres Krpers, um seine Formen sichtbarer zu zeigen.

Der rger ber meine falsche Psychologie war lngst vergessen, mich
reizte nur das Spiel mit dieser Frau. Ich trat etwas zurck an die Wand
der Tribne, wo ich sie frei und doch unauffllig fixieren konnte,
stemmte mich auf meinen Stock und suchte mit den Augen die ihren. Sie
merkte es, drehte sich ein wenig meinem Beobachtungsplatze zu, aber doch
so, da diese Bewegung eine ganz zufllige schien, wehrte mir nicht,
antwortete mir gelegentlich und doch unverpflichtend. Unablssig gingen
ihre Augen im Kreise, alles rhrten sie an, nichts hielten sie fest --
war ich es allein, dem sie begegnend ein schwarzes Lcheln zustrahlten
oder gab sie es an jeden? Das war nicht zu unterscheiden, und eben diese
Ungewiheit irritierte mich. In den Intervallen, wo wie ein Blinkfeuer
ihr Blick mich anstrahlte, schien er voll Verheiung, aber mit der
gleichen stahlglnzenden Pupille parierte sie auch ohne jede Wahl jeden
anderen Blick, der ihr zuflog, ganz nur aus koketter Freude am Spiel,
vor allem aber, ohne dabei fr eine Sekunde scheinbar interessiert das
Gesprch ihres Begleiters zu verabsumen. Etwas blendend Freches war in
diesen leidenschaftlichen Paraden, eine Virtuositt der Koketterie oder
ein ausbrechender berschu an Sinnlichkeit. Unwillkrlich trat ich
einen Schritt nher: ihre kalte Frechheit war in mich bergegangen. Ich
sah ihr nicht mehr in die Augen, sondern griff sie fachmnnisch von oben
bis unten ab, ri ihr mit dem Blick die Kleider auf und sprte sie
nackt. Sie folgte meinem Blick, ohne irgendwie beleidigt zu sein,
lchelte mit den Mundwinkeln zu dem plaudernden Offizier, aber ich
merkte, da dies wissende Lcheln meine Absicht quittierte. Und wie ich
jetzt auf ihren Fu sah, der klein und zart unter dem weien Kleide
vorlugte, streifte sie mit dem Blick lssig nachprfend ihr Kleid hinab.
Dann, im nchsten Augenblick hob sie wie zufllig den Fu und stellte
ihn auf die erste Sprosse des dargebotenen Sessels, so da ich durch das
durchbrochene Kleid die Strmpfe bis zum Knieansatz sah, gleichzeitig
schien aber ihr Lcheln zu dem Begleiter hin irgendwie ironisch oder
malizis zu werden. Offenbar spielte sie mit mir ebenso anteillos wie
ich mit ihr, und ich mute die raffinierte Technik ihrer Verwegenheit
havoll bewundern; denn whrend sie mir mit falscher Heimlichkeit das
Sinnliche ihres Krpers darbot, drckte sie sich gleichzeitig in das
Flstern ihres Begleiters geschmeichelt hinein, gab und nahm in einem
und beides nur im Spiel. Eigentlich war ich erbittert, denn ich hate
gerade an anderen diese Art kalter und boshaft berechnender
Sinnlichkeit, weil ich sie meiner eigenen wissenden Fhllosigkeit so
blutschnderisch nahe verschwistert fhlte. Aber doch, ich war erregt,
vielleicht mehr im Ha wie in Begehrlichkeit. Frech trat ich nher und
griff sie brutal an mit den Blicken. Ich will dich, du schnes Tier,
sagte ihr meine unverhohlene Geste, und unwillkrlich muten meine
Lippen sich bewegt haben, denn sie lchelte mit leiser Verchtlichkeit,
den Kopf von mir wegwendend, und schlug die Robe ber den entblten
Fu. Aber im nchsten Augenblick wanderte die schwarze Pupille wieder
funkelnd her und wieder hinber. Es war ganz deutlich, da sie ebenso
kalt wie ich selbst und mir gewachsen war, da wir beide khl mit einer
fremden Hitze spielten, die selber wieder nur gemaltes Feuer war, aber
doch schn anzusehen und heiter zu spielen inmitten eines dumpfen Tags.

Pltzlich erlosch die Gespanntheit in ihrem Gesicht, der funkelnde Glanz
glomm aus, eine kleine rgerliche Falte krmmte sich um den eben noch
lchelnden Mund. Ich folgte der Richtung ihres Blicks: ein kleiner,
dicker Herr, den die Kleider faltig umplusterten, steuerte eilig auf sie
zu, das Gesicht und die Stirn, die er nervs mit dem Taschentuch
abtrocknete, von Erregung feucht. Der Hut, in der Eile schief auf den
Kopf gedrckt, lie seitlich eine tief heruntergezogene Glatze sehen
(unwillkrlich empfand ich, es mten, wenn er den Hut abnehme, dicke
Schweiperlen auf ihr brten, und der Mensch war mir widerlich). In der
beringten Hand hielt er ein ganzes Bndel Ticketts. Er prustete frmlich
vor Aufregung und sprach gleich, ohne seine Frau zu beachten, in lautem
Ungarisch auf den Offizier ein. Ich erkannte sofort einen Fanatiker des
Rennsportes, irgendeinen Pferdehndler besserer Kategorie, fr den das
Spiel die einzige Ekstase war, das erlauchte Surrogat des Sublimen.
Seine Frau mute ihm offenbar jetzt etwas Ermahnendes gesagt haben (sie
war sichtlich geniert von seiner Gegenwart und gestrt in ihrer
elementaren Sicherheit), denn er richtete sich, anscheinend auf ihr
Gehei, den Hut zurecht, lachte sie dann jovial an und klopfte ihr mit
gutmtiger Zrtlichkeit auf die Schulter. Wtend zog sie die Brauen
hoch, abgestoen von der ehelichen Vertraulichkeit, die ihr in Gegenwart
des Offiziers und vielleicht mehr noch der meinen peinlich wurde. Er
schien sich zu entschuldigen, sagte auf ungarisch wieder ein paar Worte
zu dem Offizier, die jener mit einem geflligen Lcheln erwiderte, nahm
aber dann zrtlich und ein wenig unterwrfig ihren Arm. Ich sprte, da
sie sich seiner Intimitt vor uns schmte und geno ihre Erniedrigung
mit einem gemischten Gefhl von Spott und Ekel. Aber schon hatte sie
sich wieder gefat, und whrend sie sich weich an seinen Arm drckte,
glitt ein Blick ironisch zu mir hinber, als sagte er: Siehst du, der
hat mich, und nicht du. Ich war wtend und degoutiert zugleich.
Eigentlich wollte ich ihr den Rcken kehren und weitergehen, um ihr zu
zeigen, da die Gattin eines solchen ordinren Dicklings mich nicht mehr
interessiere. Aber der Reiz war doch zu stark. Ich blieb.

Schrill gellte in dieser Sekunde das Signal des Starts, und mit einemmal
war die ganze plaudernde, trbe, stockende Masse wie umgeschttelt, flo
wieder von allen Seiten in jhem Durcheinander nach vorn zur Barriere.
Ich hatte eine gewisse Gewaltsamkeit ntig, nicht mitgerissen zu werden,
denn ich wollte gerade im Tumult in ihrer Nhe bleiben, vielleicht bot
sich da Gelegenheit zu einem entscheidenden Blick, einem Griff,
irgendeiner spontanen Frechheit, die ich jetzt noch nicht wute, und so
stie ich mich zwischen den eilenden Leuten beharrlich zu ihr vor. In
diesem Augenblick drngte der dicke Gatte gerade herber, offenbar um
einen guten Platz an der Tribne zu ergattern, und so stieen wir beide,
jeder von einem andern Ungestm geschleudert, mit so viel Heftigkeit
gegeneinander, da sein lockerer Hut zu Boden flog und die Ticketts, die
daran lose befestigt waren, in weitem Bogen wegspritzten und wie rote,
blaue, gelbe und weie Schmetterlinge auf den Boden staubten. Einen
Augenblick starrte er mich an. Mechanisch wollte ich mich entschuldigen,
aber irgendein bser Wille verschlo mir die Lippen, im Gegenteil: ich
sah ihn khl mit einer leisen, frechen und beleidigenden Provokation an.
Sein Blick flackerte eine Sekunde lang unsicher auf von rot
aufsteigender, aber ngstlich sich drckender Wut hochgeschnellt, brach
aber feige zusammen vor dem meinen. Mit einer unvergelichen, fast
rhrenden ngstlichkeit sah er mir eine Sekunde in die Augen, dann bog
er sich weg, schien sich pltzlich seiner Ticketts zu besinnen und
bckte sich, um sie und den Hut vom Boden aufzulesen. Mit unverhohlenem
Zorn, rot im Gesicht vor Erregung, blitzte die Frau, die seinen Arm
gelassen hatte, mich an: ich sah mit einer Art Wollust, da sie mich am
liebsten geschlagen htte. Aber ich blieb ganz khl und nonchalant
stehen, sah lchelnd ohne zu helfen zu, wie der berdicke Gemahl sich
keuchend bckte und vor meinen Fen herumkroch, um seine Ticketts
aufzulesen. Der Kragen stand ihm beim Bcken weit ab wie die Federn
einer aufgeplusterten Henne, eine breite Speckfalte schob sich den roten
Nacken hinauf, asthmatisch keuchte er bei jeder Beugung. Unwillkrlich
kam mir, wie ich ihn so keuchen sah, ein unanstndiger und
unappetitlicher Gedanke, ich stellte ihn mir in ehelichem Alleinsein mit
seiner Gattin vor, und bermtig geworden an dieser Vorstellung,
lchelte ich geradeaus in ihrem kaum mehr beherrschten Zorn. Sie stand
da, jetzt wieder bla und ungeduldig und kaum mehr sich beherrschen
knnend, -- endlich hatte ich doch ein wahres, ein wirkliches Gefhl ihr
entrissen: Ha, unbndigen Zorn! Ich htte mir diese boshafte Szene am
liebsten ins Unendliche verlngert; mit kalter Wollust sah ich zu, wie
er sich qulte, um Stck fr Stck seiner Ticketts zusammenzuklauben.
Mir sa irgendein schnurriger Teufel in der Kehle, der immer kicherte
und ein Lachen herauskollern wollte -- am liebsten htte ich ihn
herausgelacht oder diese weiche krabbelnde Fleischmasse ein wenig mit
dem Stock gekitzelt: ich konnte mich eigentlich nicht erinnern, jemals
so von Bosheit besessen gewesen zu sein, wie in diesem funkelnden
Triumph der Erniedrigung ber diese frechspielende Frau.

Aber jetzt schien der Unglckselige endlich alle seine Ticketts
zusammengerafft zu haben, nur eines, ein blaues, war weiter fortgeflogen
und lag knapp vor mir auf dem Boden. Er drehte sich keuchend herum,
suchte mit seinen kurzsichtigen Augen -- der Zwicker sa ihm ganz vorne
auf der schweibenetzten Nase --, und diese Sekunde bentzte meine
spitzbbisch aufgeregte Bosheit zur Verlngerung seiner lcherlichen
Anstrengung: ich schob, einem schuljungenhaften bermut willenlos
gehorchend, den Fu rasch vor und setzte die Sohle auf das Tickett, so
da er es bei bester Bemhung nicht finden konnte, so lange mirs
beliebte, ihn suchen zu lassen. Und er suchte und suchte unentwegt,
berzhlte dazwischen verschnaufend immer wieder die farbigen
Pappendeckelzettel: es war sichtlich, da einer -- meiner! -- ihm noch
fehlte, und schon wollte er inmitten des anbrausenden Getmmels wieder
mit der Suche anheben, als seine Frau, die mit einem verbissenen
Ausdruck meinen hhnischen Seitenblick krampfhaft vermied, ihre zornige
Ungeduld nicht mehr zgeln konnte. Lajos! rief sie ihm pltzlich
herrisch zu, und er fuhr auf wie ein Pferd, das die Trompete hrt,
blickte noch einmal suchend auf die Erde -- mir war es, als kitzelte
mich das verborgene Tickett unter der Sohle, und ich konnte einen
Lachreiz kaum verbergen -- dann wandte er sich seiner Frau gehorsam zu,
die ihn mit einer gewissen ostentativen Eile von mir weg in das immer
strker aufschumende Getmmel zog.

Ich blieb zurck ohne jedwedes Verlangen, den beiden zu folgen. Die
Episode war fr mich beendet, das Gefhl jener erotischen Spannung hatte
sich wohltuend ins Heitere gelst, alle Erregung war von mir geglitten
und nichts zurckgeblieben als die gesunde Sattheit der pltzlich
vorgebrochenen Bosheit, eine freche, fast bermtige Selbstzufriedenheit
ber den gelungenen Streich. Vorne drngten sich die Menschen dicht
zusammen, schon begann Erregung zu wogen und, eine einzige, schmutzige,
schwarze Welle, gegen die Barriere zu drngen, aber ich sah gar nicht
hin, es langweilte mich schon. Und ich dachte daran, hinber in die
Kriau zu gehen oder heimzufahren. Aber kaum da ich jetzt unwillkrlich
den Fu zum Schritt vorwrts tat, bemerkte ich das blaue Tickett, das
vergessen am Boden lag. Ich nahm es auf und hielt es spielend zwischen
den Fingern, ungewi, was ich damit anfangen sollte. Vage kam mir der
Gedanke, es Lajos zurckzugeben, was als vortrefflicher Anla dienen
knnte, mit seiner Frau bekannt zu werden; aber ich merkte, da sie mich
gar nicht mehr interessierte, da die flchtige Hitze, die mir von
diesem Abenteuer angeflogen kam, lngst in meiner alten Gleichgltigkeit
ausgekhlt war. Mehr als dies kmpfende, verlangende Hin und Her der
Blicke verlangte ich von Lajos Gattin nicht -- der Dickling war mir doch
zu unappetitlich, um Krperliches mit ihm zu teilen -- den Frisson der
Nerven hatte ich gehabt, nun fhlte ich blo mehr lssige Neugier,
wohlige Entspannung.

Der Sessel stand da, verlassen und allein. Ich setzte mich gemchlich
nieder, zndete mir eine Zigarette an. Vor mir brandete die Leidenschaft
wieder auf, ich horchte nicht einmal hin: Wiederholungen reizten mich
nicht. Ich sah la den Rauch aufsteigen und dachte an die Meraner
Gilfpromenade, wo ich vor zwei Monaten gesessen und in den sprhenden
Wasserfall hinabgesehen hatte. Ganz so war dies wie hier: auch dort ein
mchtig aufschwellendes Rauschen, das nicht wrmte und nicht khlte,
auch dort ein sinnloses Tnen in eine schweigend-blaue Landschaft
hinein. Aber jetzt war die Leidenschaft des Spiels beim Crescendo
angelangt, wieder flog der Schaum von Schirmen, Hten, Schreien,
Taschentchern ber die schwarze Brandung der Menschen hin, wieder
quirlten die Stimmen zusammen, wieder zuckte ein Schrei -- nun aber
andersfarbig -- aus dem Riesenmaul der Menge. Ich hrte einen Namen,
tausendfach, zehntausendfach, jauchzend, gell, ekstatisch, verzweifelt
geschrien: Cressy! Cressy! Cressy! Und wieder brach er, eine gespannte
Saite, pltzlich ab (wie doch Wiederholung selbst die Leidenschaft
eintnig macht!). Die Musik begann zu spielen, die Menge lste sich.
Tafeln wurden emporgezogen mit den Nummern der Sieger. Unbewut blickte
ich hin. An erster Stelle leuchtete eine Sieben. Mechanisch sah ich auf
das blaue Tickett, das ich zwischen meinen Fingern vergessen hatte. Auch
hier die Sieben.

Unwillkrlich mute ich lachen. Das Tickett hatte gewonnen, der gute
Lajos richtig gesetzt. So hatte ich mit meiner Bosheit den dicken Gatten
sogar noch um Geld gebracht: mit einem Male war meine bermtige Laune
wieder da, nun interessierte es mich zu wissen, um wieviel ihn meine
eiferschtige Intervention geprellt. Ich sah mir den blauen Pappendeckel
zum erstenmal genauer an: es war ein Zwanzigkronen-Tickett, und Lajos
hatte auf Sieg gesetzt. Das konnte wohl schon ein stattlicher Betrag
sein. Ohne weiter nachzudenken, nur dem Kitzel der Neugierde folgend,
lie ich mich von der eilenden Menge in die Richtung zu den Kassen
hindrngen. Ich wurde in irgendeinen Queue hineingepret, legte das
Tickett vor, und schon streiften zwei knochige, eilfertige Hnde, zu
denen ich das Gesicht hinter dem Schalter gar nicht sah, mir neun
Zwanzigkronenscheine auf die Marmorplatte.

In dieser Sekunde, wo mir das Geld, wirkliches Geld, blaue Scheine
hingelegt wurden, stockte mir das Lachen in der Kehle. Ich hatte sofort
ein unangenehmes Gefhl. Unwillkrlich zog ich die Hnde zurck, um das
fremde Geld nicht zu berhren. Am liebsten htte ich die blauen Scheine
auf der Platte liegen lassen; aber hinter mir drngten schon die Leute,
ungeduldig, ihren Gewinn ausbezahlt zu bekommen. So blieb mir nichts
brig, als, peinlich berhrt, mit angewiderten Fingerspitzen die Scheine
zu nehmen: wie blaue Flammen brannten sie mir in der Hand, die ich
unbewut von mir wegspreizte, als gehrte auch die Hand, die sie
genommen, nicht zu mir selbst. Sofort bersah ich das Fatale der
Situation. Wider meinen Willen war aus dem Scherz etwas geworden, was
einem anstndigen Menschen, einem Gentleman, einem Reserveoffizier nicht
htte unterlaufen drfen, und ich zgerte vor mir selbst, den wahren
Namen dafr auszusprechen. Denn dies war nicht verheimlichtes, sondern
listig weggelocktes, war gestohlenes Geld.

Um mich surrten und schwirrten die Stimmen, Leute drngten und stieen
von und zu den Kassen. Ich stand noch immer reglos mit der
weggespreizten Hand. Was sollte ich tun? An das Natrlichste dachte ich
zuerst: den wirklichen Gewinner aufsuchen, mich entschuldigen und ihm
das Geld zurckerstatten. Aber das ging nicht an, und am wenigsten vor
den Blicken jenes Offiziers. Ich war doch Reserveleutnant, und ein
solches Eingestndnis htte mich sofort meine Charge gekostet; denn
selbst wenn ich das Tickett gefunden htte, war schon das Einkassieren
des Geldes eine unfaire Handlungsweise. Ich dachte auch daran, meinem in
den Fingern zuckenden Instinkt nachzugeben, die Noten zu zerknllen und
fortzuwerfen, aber auch dies war inmitten des Menschengewhls zu leicht
kontrollierbar und dann verdchtig. Keinesfalls wollte ich aber auch nur
einen Augenblick das fremde Geld bei mir behalten oder gar in die
Brieftasche stecken, um es spter irgend jemandem zu schenken: das mir
seit Kindheit so wie reine Wsche anerzogene Sauberkeitsempfinden ekelte
sich vor jeder auch nur flchtigen Berhrung mit diesen Zetteln. Weg,
nur weg mit diesem Gelde, fieberte es ganz hei in mir, weg, nur
irgendwohin, weg! Unwillkrlich sah ich mich um, und wie ich ratlos im
Kreise blickte, ob irgendwo ein Versteck sei, eine unbewachte
Mglichkeit, fiel mir auf, da die Menschen von neuem zu den Kassen zu
drngen begannen, nun aber mit Geldscheinen in den Hnden. Und der
Gedanke war mir Erlsung. Zurckwerfen das Geld an den boshaften Zufall,
der es mir gegeben, wiederum hinein in den gefrigen Schlund, der jetzt
die neuen Einstze, Silber und Scheine, gleich gierig hinunterschluckte
-- ja, das war das Richtige, die wahre Befreiung.

Ungestm eilte, ja lief ich hin, keilte mich mitten zwischen die
Drngenden. Nur zwei Vordermnner waren noch vor mir, schon stand der
erste beim Totalisator, als mir einfiel, da ich gar kein Pferd zu
nennen wute, auf das ich setzen knnte. Gierig hrte ich in das Reden
rings um mich. Setzen Sie Ravachol? fragte einer. Natrlich
Ravachol, antwortete ihm sein Begleiter. Glauben Sie, da Teddy nicht
auch Chancen hat? Teddy? keine Spur. Er hat im Maidenrennen total
versagt. Er war ein Bluff.

Wie ein Verdurstender schluckte ich die Worte ein. Also Teddy war
schlecht, Teddy wrde bestimmt nicht gewinnen. Sofort beschlo ich, ihn
zu setzen. Ich schob das Geld hin, nannte den eben erst gehrten Namen
Teddy auf Sieg, eine Hand warf mir die Ticketts zurck. Mit einem Male
hatte ich jetzt neun rotweie Pappendeckelstcke zwischen den Fingern
statt des einen. Es war noch immer ein peinliches Gefhl; aber immerhin,
es brannte nicht mehr so aufreizend, so erniedrigend wie das knitterige
bare Geld.

Ich empfand mich wieder leicht, beinahe sorglos: jetzt war das Geld
weggetan, das Unangenehme des Abenteuers erledigt, die Angelegenheit
wieder zum Scherz geworden, als der sie begonnen. Ich setzte mich lssig
in meinen Sessel zurck, zndete eine Zigarette an und blies den Rauch
gemchlich vor mich hin. Aber es hielt mich nicht lange, ich stand auf,
ging herum, setzte mich wieder hin. Merkwrdig: es war vorbei mit der
wohligen Trumerei. Irgendeine Nervositt stak mir knisternd in den
Gliedern. Zuerst meinte ich, es sei das Unbehagen, unter den vielen
vorbeistreifenden Leuten Lajos und seiner Frau begegnen zu knnen; aber
wie konnten sie ahnen, da jene neuen Ticketts die ihren waren? Auch die
Unruhe der Menschen strte mich nicht, im Gegenteil, ich beobachtete sie
genau, ob sie nicht schon wieder nach vorne zu drngen begannen, ja ich
ertappte mich, wie ich immer wieder aufstand, um zur Fahne zu blicken,
die bei Beginn des Rennens hochgezogen wurde. Das also war es --
Ungeduld, ein springendes, inneres Fieber der Erwartung, der Start mge
schon beginnen, die leidige Angelegenheit fr immer erledigt sein.

Ein Bursche lief vorbei mit einer Rennzeitung. Ich hielt ihn an, kaufte
mir das Programm und begann unter den unverstndlichen, in einem fremden
Jargon geschriebenen Worten und Tips herumzusuchen, bis ich endlich
Teddy herausfand, den Namen seines Jockeis, den Besitzer des Stalles und
die Farben rotwei. Aber warum interessierte mich das so? rgerlich
zerknllte ich das Blatt und warf es weg, stand auf, setzte mich wieder
hin. Mir war ganz pltzlich hei geworden, ich mute mir mit dem
Taschentuch ber die feuchte Stirn fahren, und der Kragen drckte mich.
Noch immer wollte der Start nicht beginnen.

Endlich klingelte die Glocke, die Menschen strmten hin, und in dieser
Sekunde sprte ich entsetzt, wie auch mich dieses Klingeln gleich einem
Wecker erschreckt von irgendeinem Schlaf aufri. Ich sprang vom Sessel
so heftig weg, da er umfiel, und eilte -- nein, ich lief -- gierig nach
vorne, die Ticketts fest zwischen die Finger gepret, mitten in die
Menge hinein und wie von einer rasenden Angst verzehrt, zu spt zu
kommen, irgend etwas ganz Wichtiges zu versumen. Ich erreichte noch,
indem ich Leute brutal beiseite stie, die vordere Barriere, ri
rcksichtslos einen Sessel, den eben eine Dame nehmen wollte, an mich.
Meine ganze Taktlosigkeit und Tollwtigkeit erkannte ich sofort an ihrem
erstaunten Blick -- es war eine gute Bekannte, die Grfin R., deren
hochgezogen zornigen Brauen ich begegnete --, aber aus Scham und Trotz
sah ich an ihr kalt vorbei, sprang auf den Sessel, um das Feld zu sehen.

Irgendwo weit drben stand im Grnen an den Start gepret ein kleines
Rudel unruhiger Pferde, mhsam in der Linie gehalten von den kleinen
Jockeis, die wie bunte Polichinelle aussahen. Sofort suchte ich den
meinen darunter zu erkennen, aber mein Auge war ungebt, und mir
flimmerte es so hei und seltsam vor dem Blick, da ich unter den
Farbenflecken den rotweien nicht zu unterscheiden vermochte. In diesem
Augenblick klang die Glocke zum zweiten Male, und wie sieben bunte
Pfeile von einem Bogen flitzten die Pferde in den grnen Gang hinein. Es
mute wunderbar sein, dies ruhig und nur sthetisch zu betrachten, wie
die schmalen Tiere galoppierend ausholten und, kaum den Boden
anstreifend, ber den Rasen hinfederten; aber ich sprte von all dem
nichts, ich machte nur verzweifelte Versuche, mein Pferd, meinen Jockei
zu erkennen, und fluchte mir selbst, keinen Feldstecher mitgenommen zu
haben. So sehr ich mich bog und streckte, ich sah nichts als vier, fnf
bunte Insekten, in einen fliegenden Knuel verwischt; nur die Form sah
ich allmhlich jetzt sich verndern, wie das leichte Rudel sich jetzt an
der Biegung keilfrmig verlngerte, eine Spitze vortrieb, indes
rckwrts einige des Schwarms bereits abzubrckeln begannen. Das Rennen
wurde scharf: drei oder vier der im Galopp ganz auseinandergestreckten
Pferde klebten wie farbige Papierstreifen flach zusammen, bald schob
sich das eine, bald das andere um einen Ruck vor. Und unwillkrlich
streckte ich meinen ganzen Krper aus, als knnte ich durch diese
nachahmende, federnde, leidenschaftlich gespannte Bewegung ihre
Geschwindigkeit steigern und mitreien.

Rings um mich wuchs die Erregung. Einzelne Gebtere muten schon an der
Kurve die Farben erkannt haben, denn Namen fuhren jetzt wie grelle
Raketen aus dem trben Tumult. Neben mir stand einer, die Hnde
frenetisch gereckt, und wie jetzt ein Pferdekopf vordrngte, schrie er
fustampfend mit einer widerlich gellen und triumphierenden Stimme:
Ravachol! Ravachol! Ich sah, da wirklich der Jockei dieses Pferdes
blau schimmerte, und eine Wut berfiel mich, da es nicht mein Pferd
war, das siegte. Immer unertrglicher wurde mir das gelle Gebrll
Ravachol! Ravachol! von dem Widerling neben mir; ich tobte vor kalter
Wut, am liebsten htte ich ihm die Faust in das aufgerissene schwarze
Loch seines schreienden Mundes geschlagen. Ich zitterte vor Zorn, ich
fieberte, jeden Augenblick, fhlte ich, konnte ich etwas Sinnloses
begehen. Aber da hing noch ein anderes Pferd knapp an dem ersten.
Vielleicht war das Teddy, vielleicht, vielleicht -- und diese Hoffnung
befeuerte mich von neuem. Wirklich war mir, als schimmerte der Arm, der
sich jetzt ber den Sattel hob und etwas niedersausen lie auf die
Kruppe des Pferdes, rotfarben, er konnte es sein, er mute es sein, er
mute, er mute! Aber warum trieb er ihn nicht vor, der Schurke? Noch
einmal die Peitsche! Noch einmal! Jetzt, jetzt war er ihm ganz nahe!
Jetzt, nur eine Spanne noch. Warum Ravachol? Ravachol? Nein, nicht
Ravachol! Nicht Ravachol! Teddy! Teddy! Vorwrts Teddy! Teddy!

Pltzlich ri ich mich gewaltsam zurck. Was -- was war das? Wer schrie
da so? Wer tobte da Teddy! Teddy!? Ich selbst schrie ja das. Und
mitten in der Leidenschaft erschrak ich vor mir. Ich wollte mich halten,
mich beherrschen, inmitten meines Fiebers qulte mich eine pltzliche
Scham. Aber ich konnte die Blicke nicht wegreien, denn dort klebten die
beiden Pferde knapp aneinander, und es mute wirklich Teddy sein, der an
Ravachol, dem verfluchten, aus brennender Inbrunst von mir gehaten
Ravachol hing, denn rings um mich gellten jetzt andere lauter und
vielstimmiger in grellem Diskant: Teddy! Teddy!, und der Schrei ri
mich, den fr eine wache Sekunde Aufgetauchten, wieder in die
Leidenschaft. Er sollte, er mute gewinnen, und wirklich, jetzt, jetzt
schob sich hinter dem fliegenden Pferde des andern ein Kopf vor, eine
Spanne nur, und jetzt schon zwei, jetzt, jetzt sah man schon den Hals --
in diesem Augenblick schnarrte grell die Glocke, und ein einziger Schrei
des Jubels, der Verzweiflung, des Zornes explodierte. Fr eine Sekunde
fllte der ersehnte Name den blauen Himmel ganz bis zur Wlbung. Dann
strzte er ein, und irgendwo rauschte Musik.

Hei, ganz feucht, klopfenden Herzens stieg ich vom Sessel herab. Ich
mute mich fr einen Augenblick niedersetzen, so wirr war ich vor
begeisterter Erregung. Eine Ekstase, wie ich sie nie gekannt,
durchflutete mich, eine sinnlose Freude, da der Zufall so sklavisch
meiner Herausforderung gehorcht; vergebens versuchte ich mir
vorzutuschen, es sei wider meinen Willen gewesen, da dieses Pferd
jetzt gewonnen habe, und ich htte gewnscht, das Geld verloren zu
sehen. Aber ich glaubte es mir selbst nicht, und schon sprte ich ein
grausames Ziehen in meinen Gliedern, es ri mich magisch irgendwohin,
und ich wute, wohin es mich trieb: ich wollte den Sieg sehen, ihn
spren, ihn fassen, Geld, viel Geld, blaue knisternde Scheine in den
Fingern spren und dies Rieseln die Nerven hinauf. Eine ganz fremde bse
Lust hatte sich meiner bemchtigt, und keine Scham wehrte mehr, ihr
nachzugeben. Und kaum da ich mich erhob, so eilte, so lief ich schon
bis hin zur Kasse, ganz brsk, mit gespreizten Ellenbogen stie ich mich
zwischen die Wartenden am Schalter, schob ungeduldig Leute beiseite, nur
um das Geld, das Geld leibhaftig zu sehn. Flegel! murrte hinter mir
einer der Weggedrngten; ich hrte es, aber ich dachte nicht daran, ihn
zu fordern, ich bebte ja vor unbegreiflicher, krankhafter Ungeduld.
Endlich war die Reihe an mir, meine Hnde faten gierig ein blaues
Bndel Banknoten. Ich zhlte zitternd und begeistert zugleich. Es waren
sechshundertundvierzig Kronen.

Hei ri ich sie an mich. Mein nchster Gedanke war: jetzt weiter
spielen, mehr gewinnen, viel mehr. Wo hatte ich nur meine Rennzeitung?
Ach, weggeworfen in der Erregung! Ich sah um mich, eine neue zu
erstehen. Da bemerkte ich zu meinem namenlosen Erschrecken, wie
pltzlich alles rings auseinanderflutete, dem Ausgang zu, da die Kassen
sich schlossen, die flatternde Fahne sank. Das Spiel war zu Ende. Es war
das letzte Rennen gewesen. Eine Sekunde lang stand ich starr. Dann
sprang ein Zorn in mir auf, als sei mir ein Unrecht geschehen. Ich
konnte mich nicht damit abfinden, da jetzt, da alle meine Nerven sich
spannten und bebten, das Blut so hei wie seit Jahren nicht mehr in mir
rollte, alles zu Ende sein sollte. Aber es half nichts, mit trgerischem
Wunsch die Hoffnung knstlich zu nhren, dies sei nur ein Irrtum
gewesen, denn immer rascher entflutete das bunte Gedrnge, schon glnzte
grn der zertretene Rasen zwischen den vereinzelt Gebliebenen.
Allmhlich empfand ich das Lcherliche meines gespannten Verweilens, so
nahm ich den Hut -- den Stock hatte ich offenbar am Tourniquet in der
Erregung stehengelassen -- und ging dem Ausgang zu. Ein Diener mit
servil gelfteter Kappe sprang mir entgegen, ich nannte ihm die Nummer
meines Wagens, er schrie sie mit gehhlter Hand ber den Platz, und
schon klapperten scharf die Pferde heran. Ich bedeutete dem Kutscher,
langsam die Hauptallee hinabzufahren. Denn gerade jetzt, wo die Erregung
wohlig abzuklingen begann, fhlte ich eine lsterne Neigung, mir noch
einmal die ganze Szene in Gedanken zu erneuern.

In diesem Augenblick fuhr ein anderer Wagen vor; unwillkrlich blickte
ich hin, um sofort wieder ganz bewut wegzusehen. Es war die Frau mit
ihrem behbigen Gatten. Sie hatten mich nicht bemerkt. Aber sofort
berkam mich ein widerlich wrgendes Gefhl, als sei ich ertappt. Und am
liebsten htte ich dem Kutscher zugerufen, auf die Pferde einzuschlagen,
nur um rasch aus ihrer Nhe zu kommen.

Weich glitt auf den Gummirdern der Fiaker dahin zwischen den vielen
andern, die wie Blumenboote mit ihrer bunten Fracht von Frauen an den
grnen Ufern der Kastanienallee vorbeischaukelten. Die Luft war weich
und s, schon wehte von erster Abendkhle manchmal ein leiser Duft
durch den Staub herber. Aber das frhere wohlig-trumerische Gefhl kam
nicht wieder: die Begegnung mit dem Geprellten hatte mich peinlich
aufgerissen. Wie ein kalter Luftzug durch eine Fuge drang es mit einmal
in meine berhitzte Leidenschaft. Ich dachte jetzt noch einmal nchtern
die ganze Szene durch und begriff mich selbst nicht mehr: ich, ein
Gentleman, ein Mitglied der besten Gesellschaft, Reserveoffizier,
hochgeachtet, hatte ohne Not gefundenes Geld an mich genommen, in die
Brieftasche gesteckt, ja dies sogar mit einer gierigen Freude, einer
Lust getan, die jede Entschuldigung hinfllig machte. Ich, der ich vor
einer Stunde noch ein korrekter, makelloser Mensch gewesen war, hatte
gestohlen. Ich war ein Dieb. Und gleichsam, um mich selbst zu
erschrecken, sagte ich mir mein Urteil halblaut hin, whrend der Wagen
leise trabte, unbewut im Rhythmus des Hufschlags sprechend: Dieb!
Dieb! Dieb! Dieb! Aber seltsam, wie soll ich beschreiben, was jetzt
geschah, es ist ja so unerklrlich, so ganz absonderlich, und doch wei
ich, da ich mir nichts nachtrglich vortusche. Jede Sekunde meines
Gefhls, jede Oszillation meines Denkens in jenen Augenblicken ist mir
ja mit einer so bernatrlichen Deutlichkeit bewut, wie kaum irgendein
Erlebnis meiner sechsunddreiig Jahre, und doch wage ich kaum, diese
absurde Reihenfolge, diese verblffende Schwankung meines Empfindens
bewut zu machen, ja ich wei nicht, ob irgendein Dichter, ein
Psychologe das logisch zu schildern vermchte. Ich kann nur die
Reihenfolge aufzeichnen, ganz getreu ihrem unvermuteten Aufleuchten
nach. Also: ich sagte zu mir Dieb, Dieb, Dieb. Dann kam ein ganz
merkwrdiger, ein gleichsam leerer Augenblick, ein Augenblick, wo nichts
geschah, wo ich nur -- ach, wie schwer ist es, dies auszudrcken -- wo
ich nur horchte, in mich hineinhorchte. Ich hatte mich angerufen, hatte
mich angeklagt, nun sollte dem Richter der Angeschuldigte antworten. Ich
horchte also, und es geschah -- nichts. Der Peitschenschlag dieses
Wortes Dieb, von dem ich erwartet hatte, es werde mich aufschrecken
und dann hinstrzen lassen in eine namenlose, eine zerknirschte Scham,
weckte nichts auf. Ich wartete geduldig einige Minuten, ich beugte mich
dann gewissermaen noch nher ber mich selbst -- denn ich sprte zu
wohl, da unter diesem trotzigen Schweigen etwas sich regte -- und
horchte mit einer fieberhaften Erwartung auf das ausbleibende Echo, auf
den Schrei des Ekels, der Entrstung, der Verzweiflung, der dieser
Selbstanschuldigung folgen mute. Und es geschah wiederum nichts. Nichts
antwortete. Nochmals sagte ich mir das Wort Dieb, Dieb, nun schon
ganz laut, um endlich in mir das schwerhrige, das gelhmte Gewissen
aufzuwecken. Wieder kam keine Antwort. Und pltzlich -- in einem grellen
Blitzlicht des Bewutseins, wie wenn pltzlich ein Streichholz
angezndet und ber die dmmernde Tiefe gehalten wre -- erkannte ich,
da ich mich nur schmen _wollte_, aber nicht schmte, ja, da ich in
jener Tiefe irgendwie geheimnisvoll stolz, sogar beglckt war von dieser
trichten Tat.

Wie war das mglich? Ich wehrte mich, jetzt wirklich vor mir selbst
erschreckend, gegen diese unerwartete Erkenntnis, aber zu schwellend, zu
ungestm wogte das Gefhl aus mir auf. Nein, das war nicht Scham, nicht
Emprung, nicht Selbstekel, was so warm mir im Blut grte -- das war
Freude, trunkene Freude, die in mir aufloderte, ja funkelte mit hellen
spitzen Flammen von bermut, denn ich sprte, da ich in jenen Minuten
zum erstenmal seit Jahren und Jahren wirklich lebendig, da mein Gefhl
nur gelhmt gewesen und noch nicht abgestorben war, da irgendwo unter
der versandeten Flche meiner Gleichgltigkeit also doch noch jene
heien Quellen von Leidenschaft geheimnisvoll gingen und nun, von der
Wnschelrute des Zufalls berhrt, hoch bis in mein Herz hinaufgepeitscht
waren. Auch in mir, auch in mir, in diesem Stck atmenden Weltalls,
glhte also noch jener geheimnisvolle vulkanische Kern alles Irdischen,
der manchmal vorbricht in den wirbelnden Sten von Begier, auch ich
lebte, war lebendig, war ein Mensch mit bsem und warmem Gelst. Eine
Tr war aufgerissen vom Sturm dieser Leidenschaft, eine Tiefe aufgetan
in mich hinein, und ich starrte in wollstigem Schwindel hinab in dies
Unbekannte in mir, das mich erschreckte und beseligte zugleich. Und
langsam -- whrend der Wagen lssig meinen trumenden Krper durch die
brgerlich-gesellschaftliche Welt hinrollte -- stieg ich, Stufe um
Stufe, hinab in die Tiefe des Menschlichen in mir, unsglich allein in
diesem schweigenden Gang, nur berhht von der aufgehobenen grellen
Fackel meines jh entzndeten Bewutseins. Und indes tausend Menschen um
mich lachend und schwatzend wogten, suchte ich mich, den verlorenen
Menschen, in mir, tastete ich Jahre ab in dem magischen Gang des
Besinnens. Ganz verschollene Dinge tauchten pltzlich aus den
verstaubten und erblindeten Spiegeln meines Lebens auf, ich erinnerte
mich, schon einmal als Schulknabe einem Kameraden ein Taschenmesser
gestohlen und mit der gleichen teuflischen Freude ihm zugesehen zu
haben, wie er es berall suchte, alle fragte und sich mhte; ich
verstand mit einemmal das geheimnisvoll Gewitternde mancher sexuellen
Stunden, verstand, da meine Leidenschaft nur verkrmmt, nur zertreten
gewesen war von dem gesellschaftlichen Wahn, von dem herrischen Ideal
der Gentlemen -- da aber auch in mir, nur tief, ganz tief unten in
verschtteten Brunnen und Rhren die heien Strme des Lebens gingen wie
in allen andern. Oh, ich hatte ja immer gelebt, nur nicht gewagt zu
leben, ich hatte mich verschnrt und verborgen vor mir selbst: nun aber
war die geprete Kraft aufgebrochen, das Leben, das reiche, das
unsglich gewaltsame hatte mich berwltigt. Und nun wute ich, da ich
ihm noch anhing; mit der seligen Betroffenheit der Frau, die zum
erstenmal in sich das Kind sich regen sprt, empfand ich das Wirkliche
-- wie soll ich es anders nennen -- das Wahre, das Unverstellte des
Lebens in mir keimen, ich fhlte -- fast schme ich mich, solch ein Wort
hinzuschreiben -- wie ich, der abgestorbene Mensch, mit einemmal wieder
_blhte_, wie durch meine Adern Blut rot und unruhig rollte, Gefhl sich
im Warmen leise entfaltete und ich aufwuchs zu unbekannter Frucht von
Se oder Bitternis. Das Tannhuserwunder war mir geschehen mitten im
klaren Licht eines Rennplatzes, zwischen dem Geschwirr von Tausenden
miger Menschen: ich hatte wieder zu fhlen begonnen, er grnte und
trieb seine Knospen, der abgedorrte Stab.

Von einem vorberfahrenden Wagen grte ein Herr und rief -- offenbar
hatte ich seinen ersten Gru bersehen -- meinen Namen. Unwirsch fuhr
ich auf, zornig, gestrt zu sein in diesem srieselnden Zustand des
sich in mich selbst Ergieens, dieses tiefsten Traumes, den ich jemals
erlebt. Aber der Blick auf den Grenden ri mich ganz von mir weg: es
war mein Freund Alfons, ein lieber Schulkamerad und jetzt Staatsanwalt.
Mit einemmal durchzuckte es mich: dieser Mensch, der dich brderlich
grt, hat jetzt zum erstenmal Macht ber dich, du bist ihm verfallen,
sobald er dein Vergehen kennt. Wte er um dich und deine Tat, er mte
dich aus diesem Wagen ziehen, weg aus der ganzen warmen brgerlichen
Existenz, und hinabstoen auf drei oder fnf Jahre in die dumpfe Welt
hinter vergitterten Fenstern, zum Abhub des Lebens, zu den andern
Dieben, die nur die Peitsche der Not in ihre schmierigen Zellen
getrieben. Aber nur einen Augenblick lang fate mich kalt die Angst am
Gelenk meiner zitternden Hand, nur einen Augenblick lang hielt sie den
Herzschlag an -- dann verwandelte auch dieser Gedanke sich wieder in
heies Gefhl, in einen phantastischen, frechen Stolz, der jetzt
selbstbewut und beinahe hhnisch die andern Menschen ringsum musterte.
Wie wrde, dachte ich, euer ses kameradschaftliches Lcheln, mit dem
ihr mich als euresgleichen grt, anfrieren um die Mundwinkel, wenn ihr
mich ahntet! Wie einen Kotspritzer wrdet ihr meinen Gru wegstuben mit
verchtlich gergerter Hand. Aber ehe ihr mich ausstot, habe ich euch
schon ausgestoen: heute nachmittags habe ich mich herausgestrzt aus
eurer kalten knchernen Welt, wo ich ein Rad war, ein lautlos
funktionierendes, in der groen Maschine, die kalt in ihren Kolben
abrollt und eitel um sich selber kreist -- ich bin in eine Tiefe
gestrzt, die ich nicht kenne, doch ich bin lebendiger gewesen in dieser
einen Stunde als in den glsernen Jahren in eurem Kreis. Nicht mehr euch
gehre ich, nicht mehr zu euch, ich bin jetzt auen irgendwo in einer
Hhe oder Tiefe, nie mehr aber, nie mehr am flachen Strand eures
brgerlichen Wohlseins. Ich habe zum erstenmal alles gefhlt, was in den
Menschen an Lust im Guten und Bsen getan ist, aber nie werdet ihr
wissen, wo ich war, nie mich erkennen: Menschen, was wit ihr von meinem
Geheimnis!

Wie vermchte ich es auszudrcken, was ich in jener Stunde fhlte, indes
ich, ein elegant angezogener Gentleman, mit khlem Gesicht grend und
dankend zwischen den Wagenreihen durchfuhr! Denn whrend meine Larve,
der uere, der frhere Mensch, noch Gesichter fhlte und erkannte,
rauschte innen in mir eine so taumelnde Musik, da ich mich
niederdrcken mute, um nicht etwas herauszuschreien von diesem tosenden
Tumult. Ich war so voll von Gefhl, da mich dieser innere Schwall
physisch qulte, da ich wie ein Erstickender die Hand gewaltsam an die
Brust pressen mute, unter der das Herz schmerzhaft grte. Aber Schmerz,
Lust, Erschrecken, Entsetzen oder Bedauern, nichts fhlte ich einzeln
und abgerissen, alles schmolz zusammen, ich sprte nur, da ich lebte,
da ich atmete und fhlte. Und dieses Einfachste, dieses urhafte Gefhl,
das ich seit Jahren nicht empfunden, machte mich trunken. Nie hatte ich
mich selbst auch nur eine Sekunde meiner sechsunddreiig Jahre so
ekstatisch als lebendig empfunden als in der Schwebe dieser Stunde.

Mit einem leichten Ruck hielt der Wagen an: der Kutscher hatte die
Pferde angezgelt, wandte sich vom Bock und fragte, ob er nach Hause
fahren solle. Ich taumelte aus mir heraus, hob die Blicke ber die Allee
hin: mit Betroffenheit merkte ich, wie lange ich getrumt, wie weit die
Trunkenheit ber die Stunden sich ausgegossen hatte. Es war dunkel
geworden, ein Weiches wogte in den Kronen der Bume, die Kastanien
begannen ihren abendlichen Duft durch die Khle zu atmen. Und hinter den
Wipfeln silberte schon ein verschleierter Blick von Mond. Es war genug,
es mute genug sein. Aber nur nicht jetzt nach Hause, nur nicht in meine
gewohnte Welt! Ich bezahlte den Kutscher. Als ich die Brieftasche zog
und die Banknoten zhlend zwischen die Finger nahm, liefs wie ein leiser
elektrischer Schlag mir vom Gelenk in die Fingerspitzen: irgend etwas in
mir mute noch wach sein also vom alten Menschen, der sich schmte. Noch
zuckte das absterbende Gentlemansgewissen, doch ganz heiter bltterte
schon wieder meine Hand im gestohlenen Gelde, und ich war freigebig aus
meiner Freude. Der Kutscher bedankte sich so berschwenglich, da ich
lcheln mute: wenn du wtest! Die Pferde zogen an, der Wagen fuhr
fort. Ich sah ihm nach, wie man vom Schiff noch einmal auf einen Strand
zurckblickt, an dem man glcklich gewesen.

Einen Augenblick stand ich so trumerisch und ratlos mitten in der
murmelnden, lachenden, musikberwogten Menge: es mochte etwa sieben Uhr
sein, und unwillkrlich bog ich hinber zum Sachergarten, wo ich sonst
immer nach der Praterfahrt in Gesellschaft zu speisen pflegte und in
dessen Nhe der Fiaker mich wohl bewut abgesetzt hatte. Aber kaum da
ich die Gitterklinke des vornehmen Gartenrestaurantes berhrte, berfiel
mich eine Hemmung: nein, ich wollte noch nicht in meine Welt zurck,
nicht mir in lssigem Gesprch diese wunderbare Grung, die mich
geheimnisvoll erfllte, wegschwemmen lassen, nicht mich loslsen von der
funkelnden Magie des Abenteuers, der ich mich seit Stunden verkettet
fhlte.

Von irgendwoher drhnte dumpfe verworrene Musik, und unwillkrlich ging
ich ihr nach, denn alles lockte mich heute, ich empfand es als Wollust,
dem Zufall ganz nachzugeben, und dies dumpfe Hingetriebensein inmitten
einer weich wogenden Menschenmenge hatte einen phantastischen Reiz. Mein
Blut grte auf in diesem dicken quirlenden Brei heier menschlicher
Masse: aufgespannt war ich mit einemmal, angereizt und gesteigert wach
in allen Sinnen von diesem beizend qualmigen Duft von Menschenatem,
Staub, Schwei und Tabak. Denn all dies, was mich vordem, ja selbst
gestern noch, als ordinr, gemein und plebejisch abgestoen, was der
soignierte Gentleman in mir ein Leben lang hochmtig gemieden hatte, das
zog meinen neuen Instinkt magisch an, als empfnde ich zum erstenmal im
Animalischen, im Triebhaften, im Gemeinen eine Verwandtschaft mit mir
selbst. Hier im Abhub der Stadt, zwischen Soldaten, Dienstmdchen,
Strolchen, fhlte ich mich in einer Weise wohl, die mir ganz
unverstndlich war: ich sog die Beize dieser Luft irgendwie gierig ein,
das Schieben und Pressen in eine geknulte Masse war mir angenehm, und
mit einer wollstigen Neugier wartete ich, wohin diese Stunde mich
Willenlosen schwemmte. Immer nher gellten und schmetterten vom
Wurstelprater her die Tschinellen und die weie Blechmusik, in einer
fanatisch monotonen Art stampften die Orchestrions harte Polkas und
rumpelnde Walzer, dazwischen knatterten dumpfe Schlge aus den Buden,
zischte Gelchter, grlten trunkene Schreie, und jetzt sah ich schon mit
irrsinnigen Lichtern die Karusselle meiner Kindheit zwischen den Bumen
kreisen. Ich blieb mitten auf dem Platze stehen und lie den ganzen
Tumult in mich einbranden, mir Augen und Ohren vollschwemmen: diese
Kaskaden von Lrm, das Infernalische dieses Durcheinander tat mir wohl,
denn in diesem Wirbel war etwas, das mir den innern Schwall betubte.
Ich sah zu, wie mit geblhten Kleidern die Dienstmdchen sich auf den
Hutschen mit kollernden Lustschreien, die gleichsam aus ihrem Geschlecht
gellten, in den Himmel schleudern lieen, wie Metzgergesellen lachend
schwere Hmmer auf die Kraftmesser hinkrachten, Ausrufer mit heisern
Stimmen und affenhaften Gebrden ber den Lrm der Orchestrions
schreiend hinwegruderten, und wie alles dies sich quirlend mengte mit
dem tausendgeruschigen, unablssig bewegten Dasein der Menge, die
trunken war vom Fusel der Blechmusik, dem Flirren des Lichts und von der
eigenen warmen Lust ihres Beisammenseins. Seit ich selber wach geworden
war, sprte ich auf einmal das Leben der andern, ich sprte die Brunst
der Millionenstadt, wie sie sich hei und aufgestaut in die paar Stunden
des Sonntags ergo, wie sie sich aufreizte an der eigenen Flle zu einem
dumpfen, tierischen, aber irgendwie gesunden und triebhaften Genu. Und
allmhlich sprte ich vom Angeriebensein, von der unausgesetzten
Berhrung mit ihren heien leidenschaftlich drngenden Krpern ihre
warme Brunst selbst in mich bergehen: meine Nerven strafften sich,
aufgebeizt von dem scharfen Geruch, aus mir heraus, meine Sinne spielten
taumelig mit dem Getse und empfanden jene verwirrte Betubung, die mit
jeder starken Wollust unweigerlich gemengt ist. Zum erstenmal seit
Jahren, vielleicht berhaupt in meinem Leben, sprte ich die Masse,
sprte ich Menschen als eine Macht, von der Lust in mein eigenes,
abgeschiedenes Wesen berging: irgendein Damm war zerrissen, und von
meinen Adern gings hinber in diese Welt, strmte es rhythmisch zurck,
und eine ganz neue Gier berkam mich, noch jene letzte Kruste zwischen
mir und ihnen abzuschmelzen, ein leidenschaftliches Verlangen nach
Paarung mit dieser heien, fremden, drngenden Menschheit. Mit der Lust
des Mannes sehnte ich mich in den quellenden Scho dieses heien
Riesenkrpers hinein, mit der Lust des Weibes war ich aufgetan jeder
Berhrung, jedem Ruf, jeder Lockung, jeder Umfassung -- und nun wute
ichs, Liebe war in mir und Bedrfnis nach Liebe wie nur in den
zwielichthaften Knabentagen. Oh, nur hinein, hinein ins Lebendige,
irgendwie verbunden sein mit dieser zuckenden, lachenden, aufatmenden
Leidenschaft der andern, nur einstrmen, sich ergieen in ihren
Adergang; ganz klein, ganz namenlos werden im Getmmel, eine Infusorie
blo sein im Schmutz der Welt, ein lustzitterndes, funkelndes Wesen im
Tmpel mit den Myriaden -- aber nur hinein in die Flle, hinab in den
Kreisel, mich abschieen wie einen Pfeil von der eigenen Gespanntheit
ins Unbekannte, in irgendeinen Himmel der Gemeinsamkeit.

Ich wei es jetzt: ich war damals trunken. In meinem Blute brauste alles
zusammen, das Hmmern der Glocken von den Karussells, das feine
Lustlachen der Frauen, das unter dem Zugriff der Mnner aufsprhte, die
chaotische Musik, die flirrenden Kleider. Spitz fiel jeder einzelne Laut
in mich und flimmerte dann noch einmal rot und zuckend an den Schlfen
vorbei, ich sprte jede Berhrung, jeden Blick mit einer phantastischen
Aufgereiztheit der Nerven (so wie bei der Seekrankheit), aber doch alles
gemeinsam in einem taumeligen Verbundensein. Ich kann meinen
komplizierten Zustand unmglich mit Worten ausdrcken, am ehesten
gelingt es noch vielleicht mit einem Vergleiche: wenn ich sage, ich war
berfllt mit Gerusch, Lrm, Gefhl, berheizt wie eine Maschine, die
mit allen Rdern rasend rennt, um dem ungeheuren Druck zu entlaufen, der
ihr im nchsten Augenblicke schon den Brustkessel sprengen mu. In den
Fingerspitzen zuckte, in den Schlfen pochte, in der Kehle prete, an
den Schlfen wrgte das angehitzte Blut -- von einer jahrelangen Lauheit
des Gefhls war ich mit einemmal in ein Fieber gestrzt, das mich
verbrannte. Ich fhlte, da ich mich jetzt auftun mte, aus mir heraus
mit einem Wort, mit einem Blick, mich mitteilen, mich ausstrmen, mich
weggeben, mich hingeben, mich gemein machen, mich lsen, -- irgendwie
retten aus dieser harten Kruste von Schweigen, die mich absonderte von
dem warmen, flutenden, lebendigen Element. Seit Stunden hatte ich nicht
gesprochen, niemandes Hand gedrckt, niemandes Blick fragend und
teilnehmend gegen den meinen gesprt, und nun staute, unter dem Sturz
der Geschehnisse, sich diese Erregung gegen das Schweigen. Niemals,
niemals hatte ich so sehr das Bedrfnis nach Mitteilsamkeit, nach einem
Menschen gehabt, als jetzt, da ich inmitten von Tausenden und
Zehntausenden wogte, rings angesplt war von Wrme und Worten, und doch
abgeschnrt von dem kreisenden Adergang dieser Flle. Ich war wie einer,
der auf dem Meere verdurstet. Und dabei sah ich, diese Qual mit jedem
Blick mehrend, wie rechts und links in jeder Sekunde Fremdes sich
anstreifend band, die Quecksilberkgelchen gleichsam spielend
zusammenliefen. Ein Neid kam mich an, wenn ich sah, wie junge Burschen
im Vorbergehen fremde Mdchen ansprachen und sie nach dem ersten Wort
schon unterfaten, wie alles sich fand und zusammentat: ein Gru beim
Karussell, ein Blick im Anstreifen gengte schon, und Fremdes schmolz in
ein Gesprch, vielleicht um sich wieder zu lsen nach ein paar Minuten,
aber doch es war Bindung, Vereinigung, Mitteilung, war das, wonach alle
meine Nerven jetzt brannten. Ich aber, gewandt im gesellschaftlichen
Gesprch, beliebter Causeur und sicher in den Formen, ich verging vor
Angst, ich schmte mich, irgendeines dieser breithftigen Dienstmdchen
anzureden, aus Furcht, sie mchte mich verlachen, ja ich schlug die
Augen nieder, wenn jemand mich zufllig anschaute, und verging doch
innen vor Begierde nach dem Wort. Was ich wollte von den Menschen, war
mir ja selbst nicht klar, ich ertrug es nur nicht lnger, allein zu sein
und an meinem Fieber zu verbrennen. Aber alle sahen an mir vorbei, jeder
Blick strich mich weg, niemand wollte mich spren. Einmal trat ein
Bursch in meine Nhe, zwlfjhrig, mit zerlumpten Kleidern: sein Blick
war grell erhellt vom Widerschein der Lichter, so sehnschtig starrte er
auf die schwingenden Holzpferde. Sein schmaler Mund stand offen wie
lechzend: offenbar hatte er kein Geld mehr, um mitzufahren, und sog nur
Lust aus dem Schreien und Lachen der andern. Ich stie mich gewaltsam
heran an ihn und fragte -- aber warum zitterte meine Stimme so dabei und
war ganz grell berschlagen? --: Mchten Sie nicht auch einmal
mitfahren? Er starrte auf, erschrak -- warum? warum? -- wurde blutrot
und lief fort, ohne ein Wort zu sagen. Nicht einmal ein barfiges Kind
wollte eine Freude von mir: es mute, so fhlte ich, etwas furchtbar
Fremdes an mir sein, da ich nirgends mich einmengen konnte, sondern
abgelst in der dicken Masse schwamm wie ein Tropfen l auf dem bewegten
Wasser.

Aber ich lie nicht nach: ich konnte nicht lnger allein bleiben. Die
Fe brannten mir in den bestaubten Lackschuhen, die Kehle war verrostet
vom aufgewhlten Qualm. Ich sah mich um: rechts und links zwischen den
strmenden Menschengassen standen kleine Inseln von Grn,
Gastwirtschaften mit roten Tischtchern und nackten Holzbnken, auf
denen die kleinen Brger saen mit ihrem Glas Bier und der sonntglichen
Virginia. Der Anblick lockte mich: hier saen Fremde beisammen,
verknpften sich im Gesprch, hier war ein wenig Ruhe im wsten Fieber.
Ich trat ein, musterte die Tische, bis ich einen fand, wo eine
Brgerfamilie, ein dicker, vierschrtiger Handwerker mit seiner Frau,
zwei heitern Mdchen und einem kleinen Jungen sa. Sie wiegten die Kpfe
im Takt, scherzten einander zu, und ihre zufriedenen, leichtlebigen
Blicke taten mir wohl. Ich grte hflich, rhrte an einen Sessel und
fragte, ob ich Platz nehmen drfe. Sofort stockte ihr Lachen, einen
Augenblick schwiegen sie (als wartete jeder, da der andere seine
Zustimmung gebe), dann sagte die Frau, gleichsam betroffen: Bitte!
Bitte! Ich setzte mich hin und hatte gleich das Gefhl, da ich mit
meinem Hinsetzen ihre ungenierte Laune zerdrckte, denn sofort lag um
den Tisch herum ein ungemtliches Schweigen. Ohne da ich es wagte, die
Augen von dem rotkarierten Tischtuch, auf dem Salz und Pfeffer schmierig
verstreut zu sehen war, zu heben, sprte ich, da sie mich alle
befremdet beobachteten, und sofort fiel mir -- zu spt! -- ein, da ich
zu elegant war fr dieses Dienstbotengasthaus mit meinem Derbydre, dem
Pariser Zylinder und der Perle in meiner taubengrauen Krawatte, da
meine Eleganz, das Parfm von Luxus auch hier sofort eine Luftschicht
von Feindlichkeit und Verwirrung um mich legte. Und dieses Schweigen der
fnf Leute drosselte mich immer tiefer nieder auf den Tisch, dessen rote
Karrees ich mit einer verbissenen Verzweiflung immer wieder abzhlte,
festgenagelt durch die Scham, pltzlich wieder aufzustehn, und doch
wieder zu feige, den gepeinigten Blick aufzuheben. Es war eine Erlsung,
als endlich der Kellner kam und das schwere Bierglas vor mich
hinstellte. Da konnte ich endlich eine Hand regen und beim Trinken scheu
ber den Rand schielen: wirklich, alle fnf beobachteten mich, zwar ohne
Ha, aber doch mit einer wortlosen Befremdung. Sie erkannten den
Eindringling in ihre dumpfe Welt, sie fhlten mit dem naiven Instinkt
ihrer Klasse, da ich etwas hier wollte, hier suchte, was nicht zu
meiner Welt gehrte, da nicht Liebe, nicht Neigung, nicht die
einfltige Freude am Walzer, am Bier, am geruhsamen Sonntagsitzen mich
hertrieb, sondern irgendein Gelst, das sie nicht verstanden und dem sie
mitrauten, so wie der Junge vor dem Karussell meinem Geschenk mitraut
hatte, wie die tausend Namenlosen da drauen im Gewhl meiner Eleganz,
meiner Weltmnnischkeit in unbewuter Feindlichkeit ausbogen. Und doch
fhlte ich: fnde ich jetzt ein argloses, einfaches, herzliches, ein
wahrhaft menschliches Wort der Anrede zu ihnen, so wrde der Vater oder
die Mutter mir antworten, die Tchter geschmeichelt zulcheln, ich
knnte mit dem Jungen hinber in eine Bude schieen gehen und kindlichen
Spa mit ihm treiben. In fnf, in zehn Minuten wrde ich erlst sein von
mir, eingehllt in die arglose Atmosphre brgerlichen Gesprchs, gern
gewhrter und sogar geschmeichelter Vertraulichkeit -- aber dies
einfache Wort, diesen ersten Ansatz im Gesprch, ich fand ihn nicht,
eine falsche, trichte, aber bermchtige Scham wrgte mir die Kehle,
und ich sa mit gesenktem Blick wie ein Verbrecher an dem Tisch dieser
einfachen Menschen, gehllt in die Qual, ihnen mit meiner verbissenen
Gegenwart noch die letzte Stunde des Sonntags verstrt zu haben. Und in
diesem hingebohrten Hinsitzen bte ich all die Jahre gleichgltigen
Hochmuts, an denen ich an abertausend solchen Tischen, an Millionen und
Millionen brderlicher Menschen ohne Blick vorbergegangen war, einzig
beschftigt mit Gunst oder Erfolg in jenem engen Kreise der Eleganz; und
ich sprte, da mir der gerade Weg, die unbefangene Sprache zu ihnen,
jetzt, da ich ihrer in der Stunde meines Ausgestoenseins bedurfte, von
innen vermauert war.

So sa ich, ein freier Mensch bisher, qualvoll in mich geduckt, immer
wieder die roten Karrees am Tischtuch abzhlend, bis endlich der Kellner
vorbeikam. Ich rief ihn an, zahlte, stand von dem kaum angetrunkenen
Bierglase auf, grte hflich. Man dankte mir freundlich und erstaunt:
ich wute, ohne mich umzuwenden, da jetzt, kaum da ich ihnen den
Rcken zeigte, das Lebendig-Heitere sie wieder berkommen, der warme
Kreis des Gesprchs sich schlieen wrde, sobald ich, der Fremdkrper,
ausgestoen war.

Wieder warf ich mich, aber nun noch gieriger, heier und verzweifelter,
in den Wirbel der Menschen zurck. Das Gedrnge war inzwischen lockerer
geworden unter den Bumen, die schwarz in den Himmel berfluteten, es
drngte und quirlte nicht mehr so dicht und strmend in den Lichtkreis
der Karussells, sondern schwirrte nur schattenhaft mehr am uersten
Rand des Platzes. Auch der brausende, tiefe, gleichsam lustatmende Ton
der Menge zerstckte sich in viele kleine Gerusche, die immer gleich
hingeschmettert wurden, wenn jetzt die Musik irgendwo gewaltig und
rabiat einsetzte, als wollte sie die Fliehenden noch einmal heranreien.
Eine andere Art Gesichter tauchte jetzt auf: die Kinder mit ihren
Ballons und Papierkoriandolis waren schon nach Hause gegangen, auch die
breithinrollenden sonntglichen Familien hatten sich verzogen. Nun sah
man schon Betrunkene johlen, verlotterte Burschen mit lungerndem und
doch suchendem Gang sich aus den Seitenalleen vorschieben: es war in der
einen Stunde, in der ich festgenagelt vor dem fremden Tische gesessen,
diese seltsame Welt mehr ins Gemeine hinabgeglitten. Aber gerade jene
phosphoreszierende Atmosphre von Frechheit und Gefhrlichkeit gefiel
mir irgendwie besser als die brgerlich-sonntgliche von vordem. Der in
mir aufgereizte Instinkt witterte hier hnliche Gespanntheit der Begier;
in dem vortreibenden Schlendern dieser fragwrdigen Gestalten, dieser
Ausgestoenen der Gesellschaft, empfand ich mich irgendwie gespiegelt:
auch sie wilderten doch mit einer unruhigen Erwartung hier nach einem
flackernden Abenteuer, einer raschen Erregung, und selbst sie, diese
zerlumpten Burschen, beneidete ich um die offene, freie Art ihres
Streifens; denn ich stand an die Sule eines Karussells atmend gepret,
ungeduldig, den Druck des Schweigens, die Qual meiner Einsamkeit aus mir
zu stoen und doch unfhig einer Bewegung, eines Anrufs, eines Worts.
Ich stand nur und starrte hinaus auf den Platz, der vom Reflex der
kreisenden Lichter zuckend erhellt war, stand und starrte von meiner
Lichtinsel ins Dunkel hinein, tricht erwartungsvoll jeden Menschen
anblickend, der vom grellen Schein angezogen fr einen Augenblick sich
herwandte. Aber jedes Auge glitt kalt an mir ab. Niemand wollte mich,
niemand erlste mich.

Ich wei, es wre wahnwitzig, jemandem schildern oder gar erklren zu
wollen, da ich, ein kultivierter eleganter Mann der Gesellschaft,
reich, unabhngig, mit den Besten einer Millionenstadt befreundet, eine
ganze Stunde in jener Nacht am Pfosten eines verstimmt quiekenden,
rastlos sich schwingenden Praterkarussells stand, zwanzig, vierzig,
hundertmal dieselbe stolpernde Polka, denselben schleifenden Walzer mit
denselben idiotischen Pferdekpfen aus bemaltem Holz an mir
vorberkreisen lie und aus verbissenem Trotz, aus einem magischen
Gefhl, das Schicksal in meinen Willen zu zwingen, nicht mich von der
Stelle rhrte. Ich wei, da ich sinnlos handelte in jener Stunde, aber
in dieser sinnlosen Beharrung war eine Spannung des Gefhls, eine so
sthlerne Ankrampfung aller Muskeln, wie sie Menschen sonst vielleicht
nur bei einem Absturz fhlen, knapp vor dem Tod; mein ganzes, leer
vorbeigelaufenes Leben war pltzlich zurckgeflutet und staute sich bis
hinauf zur Kehle. Und so sehr ich geqult war von meinem sinnlosen Wahn,
zu bleiben, zu verharren, bis irgendein Wort, ein Blick eines Menschen
mich erlse, so sehr geno ich diese Qual. Ich bte etwas in diesem
Stehen an dem Pfahl, nicht jenen Diebstahl so sehr, als das Dumpfe, das
Laue, das Leere meines frheren Lebens: und ich hatte mir geschworen,
nicht frher zu gehen, bis mir ein Zeichen gegeben war, das Schicksal
mich freigegeben.

Und je mehr jene Stunde fortschritt, um so mehr drngte die Nacht sich
heran. Eines nach dem andern losch in den Buden das Licht und immer
strzte dann wie eine steigende Flut das Dunkel vor, schluckte den
lichten Fleck auf dem Rasen ein: immer einsamer war die helle Insel, auf
der ich stand, und schon sah ich zitternd auf die Uhr. Eine
Viertelstunde noch, dann wrden die scheckigen Holzpferde stillestehn,
die roten und grnen Glhlampen auf ihren einfltigen Stirnen abknipsen,
das geblhte Orchestrion aufhren zu stampfen. Dann wrde ich ganz im
Dunkel sein, ganz allein hier in der leise rauschenden Nacht, ganz
ausgestoen, ganz verlassen. Immer unruhiger blickte ich ber den
dmmernden Platz, ber den nur ganz selten mehr ein heimkehrendes
Prchen eilig strich oder ein paar Burschen betrunken hintaumelten: quer
drben aber in den Schatten zitterte noch verstecktes Leben, unruhig und
aufreizend. Manchmal pfiff oder schnalzte es leise, wenn ein paar Mnner
vorberkamen. Und bogen sie dann, gelockt von dem Anruf, hin zum Dunkel,
so zischelten in den Schatten Frauenstimmen, und manchmal warf der Wind
abgerissene Fetzen grellen Lachens herber. Und allmhlich schob sichs
um den Rand des Dunkels frecher hervor, gegen den Lichtkegel des
erhellten Platzes, um sofort wieder in die Schwrze zurckzutauchen,
sobald im Vorbergehen die Pickelhaube eines Schutzmannes im Reflex der
Laterne schimmerte. Aber kaum da er weiterging auf seiner Runde, waren
die gespenstigen Schatten wieder da, und jetzt konnte ich sie schon
deutlich im Umri sehen, so nahe wagten sie sich ans Licht, der letzte
Abhub jener nchtigen Welt, der Schlamm, der zurckblieb, nun da sich
der flssige Menschenstrom verlaufen: ein paar Dirnen, jene rmsten und
ausgestoensten, die keine eigene Bettstatt haben, tags auf einer
Matratze schlafen und nachts ruhlos streifen, die ihren abgebrauchten,
geschndeten, magern Krper jedem fr ein kleines Silberstck hier
irgendwo im Dunkel auftaten, umsprt von der Polizei, getrieben von
Hunger oder irgendeinem Strolch, immer im Dunkel streifend, jagend und
gejagt zugleich. Wie hungrige Hunde schnupperten sie allmhlich vor zu
dem erhellten Platz nach irgend etwas Mnnlichem, nach einem vergessenen
Nachzgler, dem sie seine Lust ablocken knnten fr eine Krone oder
zwei, um sich dann einen Glhwein zu kaufen in einem Volkskaffee und den
trb flackernden Stumpf Leben sich zu erhalten, der ja ohnehin bald
auslscht in einem Spital oder einem Gefngnis. Der Abhub war dies, die
letzte Jauche von der hochgequollenen Sinnlichkeit der sonntglichen
Masse -- mit einem grenzenlosen Grauen sah ich nun aus dem Dunkel diese
hungrigen Gestalten geistern. Aber auch in diesem Grauen war noch eine
magische Lust, denn selbst in diesem schmutzigsten Spiegel erkannte ich
Vergessenes und dumpf Gefhltes wieder: hier war eine tiefe, sumpfige
Welt, die ich vor Jahren lngst durchschritten und die nun
phosphoreszierend mir wieder in die Sinne funkelte. Seltsam, was diese
phantastische Nacht mir pltzlich entgegenhielt, wie sie mich
Verschlossenen pltzlich auffaltete, da das Dunkelste meiner
Vergangenheit, das Geheimste meines Triebes in mir nun offen lag!
Dumpfes Gefhl stieg auf verschtteter Knabenjahre, wo scheuer Blick
neugierig angezogen und doch feig verstrt an solchen Gestalten
gehaftet, Erinnerung an die Stunde, wo man zum erstenmal auf knarrender,
feuchter Treppe einer hinaufgefolgt war in ihr Bett -- und pltzlich,
als ob Blitz einen Nachthimmel zerteilt htte, sah ich scharf jede
Einzelheit jener vergessenen Stunde, den flachen ldruck ber dem Bett,
das Amulett, das sie auf dem Halse trug, ich sprte jede Fiber von
damals, die ungewisse Schwle, den Ekel und den ersten Knabenstolz. All
das wogte mir mit einem Male durch den Krper. Eine Hellsichtigkeit ohne
Ma strmte pltzlich in mich ein, und -- wie soll ich das sagen knnen,
dies Unendliche! -- ich verstand mit einemmal alles, was mich mit so
brennendem Mitleid jenen verband, gerade weil sie der letzte Abschaum
des Lebens waren, und mein von dem Verbrechen einmal angereizter
Instinkt sprte von innen heraus dieses hungrige Lungern, das dem meinen
in dieser phantastischen Nacht so hnlich war, dies verbrecherische
Offenstehn jeder Berhrung, jeder fremden zufllig anstreifenden Lust.
Magnetisch zog es mich hin, die Brieftasche mit dem gestohlenen Geld
brannte pltzlich hei ber der Brust, wie ich da drben endlich Wesen,
Menschen, Weiches, Atmendes, Sprechendes sprte, das von andern Wesen,
vielleicht auch von mir, etwas wollte, von mir, der nur wartete, sich
wegzugeben, der verbrannte in seiner rasenden Willigkeit nach Menschen.
Und mit einmal verstand ich, was Mnner zu solchen Wesen treibt,
verstand, da es selten nur Hitze des Blutes ist, ein schwellender
Kitzel ist, sondern meist blo die Angst vor der Einsamkeit, vor der
entsetzlichen Fremdheit, die sonst zwischen uns sich auftrmt und die
mein entzndetes Gefhl heute zum erstenmal fhlte. Ich erinnerte mich,
wann ich zum letztenmal dies dumpf empfunden: in England war es gewesen,
in Manchester, einer jener sthlernen Stdte, die in einem lichtlosen
Himmel von Lrm brausen wie eine Untergrundbahn und die doch
gleichzeitig einen Frost von Einsamkeit haben, der durch die Poren bis
ins Blut dringt. Drei Wochen hatte ich dort bei Verwandten gelebt,
abends immer allein irrend durch Bars und Klubs und immer wieder in die
glitzernde Musikhall, nur um etwas menschliche Wrme zu spren. Und da
eines Abends hatte ich so eine Person gefunden, deren Gassenenglisch ich
kaum verstand, aber pltzlich war man in einem Zimmer, trank Lachen von
einem fremden Mund, ein warmer Krper war da, irdisch nahe und weich.
Pltzlich schmolz sie weg, die kalte schwarze Stadt, der finstere
lrmende Raum von Einsamkeit, irgendein Wesen, das man nicht kannte, das
nur dastand und wartete auf jeden, der kam, lste einen auf, lie allen
Trost wegtauen: man atmete wieder frei, sprte Leben in leichter
Helligkeit inmitten des sthlernen Kerkers. Wie wunderbar war das fr
die Einsamen, die Abgesperrten in sich selbst, dies zu wissen, dies zu
ahnen, da ihrer Angst immer doch irgendein Halt ist, sich
festzuklammern an ihn, mag er auch berschmutzt sein von vielen Griffen,
starrend von Alter, zerfressen von giftigem Rost. Und dies, gerade dies
hatte ich vergessen in der Stunde der untersten Einsamkeit, aus der ich
taumelnd aufstieg in dieser Nacht, da irgendwo an einer letzten Ecke
immer diese Letzten noch warten, jede Hingabe in sich aufzufangen, jede
Verlassenheit an ihrem Atem ausruhen zu lassen, jede Hitze zu khlen fr
ein kleines Stck Geld, das immer zu gering ist fr das Ungeheure, das
sie geben mit ihrem ewigen Bereitsein, mit dem groen Geschenk ihrer
menschlichen Gegenwart.

Neben mir setzte drhnend das Orchestrion des Karussells wieder ein. Es
war die letzte Runde, die letzte Fanfare des kreisenden Lichts in das
Dunkel hinaus, ehe der Sonntag in die dumpfe Woche verging. Aber niemand
kam mehr, leer rannten die Pferde in ihrem irrsinnigen Kreis, schon
scharrte und zhlte an der Kasse die bermdete Frau die Lsung des
Tages zusammen, und der Laufbursche kam mit den Haken, bereit, nach
dieser letzten Runde knatternd die Rollden ber die Bude herabzulassen.
Nur ich, ich allein, stand noch immer da, an den Pfosten gelehnt, und
sah hinaus auf den leeren Platz, wo nur diese fledermausflatternden
Gestalten strichen, suchend wie ich, wartend wie ich, und doch den
undurchdringlichen Raum von Fremdheit zwischeneinander. Aber jetzt mute
eine von ihnen mich bemerkt haben, denn sie schob sich langsam her, ganz
nah sah ich sie unter dem gesenkten Blick: ein kleines, verkrppeltes,
rachitisches Wesen ohne Hut, mit einem geschmacklos aufgeputzten
Fhnchen von Kleid, unter dem abgetragene Ballschuhe vorlugten, das
Ganze wohl allmhlich bei Hkerinnen oder einem Trdler zusammengekauft
und seitdem verscheuert, zerdrckt vom Regen oder irgendwo bei einem
schmutzigen Abenteuer im Gras. Sie schmeichelte sich heran, blieb neben
mir stehen, den Blick wie eine Angel spitz herwerfend und ein
einladendes Lcheln ber den schlechten Zhnen. Mir blieb der Atem
stocken. Ich konnte mich nicht rhren, nicht sie ansehen und doch mich
nicht fortreien: wie in einer Hypnose sprte ich, da da ein Mensch um
mich begehrlich herumstrich, jemand um mich warb, da ich endlich diese
grliche Einsamkeit, dies qulende Ausgestoensein mit einem Wort,
einer Geste blo wegschleudern knnte. Aber ich vermochte mich nicht zu
rhren, hlzern wie der Balken, an dem ich lehnte, und in einer Art
wollstiger Ohnmacht empfand ich nur immer -- whrend die Melodie des
Karussells schon mde wegtaumelte -- die nahe Gegenwart, diesen Willen,
der um mich warb, und schlo die Augen fr einen Augenblick, um ganz
dieses magnetische Angezogensein irgendeines Menschlichen aus dem Dunkel
der Welt mich berfluten zu fhlen.

Das Karussell hielt inne, die walzernde Melodie erstickte mit einem
letzten sthnenden Laut. Ich schlug die Augen auf und sah gerade noch,
wie die Gestalt neben mir sich wegwandte. Offenbar war es ihr zu
langweilig, hier neben einem hlzern Dastehenden zu warten. Ich
erschrak. Mir wurde pltzlich ganz kalt. Warum hatte ich sie fortgehen
lassen, den einzigen Menschen dieser phantastischen Nacht, der mir
entgegengekommen, der mir aufgetan war? Hinter mir lschten die Lichter,
prasselnd knatterten die Rollbalken herab. Es war zu Ende.

Und pltzlich -- ach, wie mir selbst diesen heien, diesen jh
aufspringenden Gischt schildern? -- pltzlich -- es kam so jh, so hei,
so rot, als ob mir eine Ader in der Brust geplatzt wre -- pltzlich
brach aus mir, dem stolzen, dem hochmtigen, ganz in khler,
gesellschaftlicher Wrde verschanzten Menschen wie ein stummes Gebet,
wie ein Krampf, wie ein Schrei, der kindische und mir doch so ungeheure
Wunsch, diese kleine, schmutzige, rachitische Hure mchte nur noch
einmal den Kopf wenden, damit ich zu ihr sprechen knnte. Denn ihr
nachzugehen war ich nicht zu stolz -- mein Stolz war zerstampft,
zertreten, weggeschwemmt von ganz neuen Gefhlen --, aber zu schwach, zu
ratlos. Und so stand ich da, zitternd und durchwhlt, hier allein an dem
Marterpfosten der Dunkelheit, wartend wie ich nie gewartet hatte seit
meinen Knabenjahren, wie ich nur einmal an einem abendlichen Fenster
gestanden, als eine fremde Frau langsam sich auszukleiden begann und
immer zgerte und verweilte in ihrer ahnungslosen Entblung -- ich
stand, zu Gott aufschreiend mit irgendeiner mir selbst unbekannten
Stimme um das Wunder, dieses krppelige Ding, dieser letzte Abhub
Menschheit mge es noch einmal mit mir versuchen, noch einmal den Blick
rckwenden zu mir.

Und -- sie wandte sich. Einmal noch, ganz mechanisch blickte sie zurck.
Aber so stark mute mein Aufzucken, das Vorspringen meines gespannten
Gefhls in dem Blick gewesen sein, da sie beobachtend stehen blieb. Sie
wippte noch einmal halb herum, sah mich durch das Dunkel an, lchelte
und winkte mit dem Kopf einladend hinber gegen die verschattete Seite
des Platzes. Und endlich fhlte ich den entsetzlichen Bann der Starre in
mir weichen. Ich konnte mich wieder regen und nickte ihr bejahend zu.

Der unsichtbare Pakt war geschlossen. Nun ging sie voraus ber den
dmmerigen Platz, von Zeit zu Zeit sich umwendend, ob ich ihr nachkme.
Und ich folgte: das Blei war von meinen Knien gefallen, ich konnte
wieder die Fe regen. Magnetisch stie es mich nach, ich ging nicht
bewut, sondern strmte gleichsam, von geheimnisvoller Macht gezogen,
hinter ihr her. Im Dunkel der Gasse zwischen den Buden verlangsamte sie
den Schritt. Nun stand ich neben ihr.

Sie sah mich einige Sekunden an, prfend und mitrauisch: etwas machte
sie unsicher. Offenbar war ihr mein seltsam scheues Dastehen, der
Kontrast des Ortes und meiner Eleganz, irgendwie verdchtig. Sie blickte
sich mehrmals um, zgerte. Dann sagte sie in die Verlngerung der Gasse
deutend, die schwarz wie eine Bergwerksschlucht war: Gehn wir dort
hinber. Hinter dem Zirkus ist es ganz dunkel.

Ich konnte nicht antworten. Das entsetzlich Gemeine dieser Begegnung
betubte mich. Am liebsten htte ich mich irgendwie losgerissen, mit
einem Stck Geld, mit einer Ausrede freigekauft, aber mein Wille hatte
keine Macht mehr ber mich. Wie auf einer Rodel war mir, wenn man an
einer Kurve schleudernd, mit rasender Geschwindigkeit einen steilen
Schneehang hinabsaust und das Gefhl der Todesangst sich irgendwie
wollstig mit dem Rausch der Geschwindigkeit mengt und man, statt zu
bremsen, sich mit einer taumelnden und doch bewuten Schwche willenlos
an den Sturz hingibt. Ich konnte nicht mehr zurck und wollte vielleicht
gar nicht mehr, und jetzt, wie sie vertraulich sich an mich drckte,
fate ich unwillkrlich ihren Arm. Es war ein ganz magerer Arm, nicht
der Arm einer Frau, sondern wie der eines zurckgebliebenen skrofulsen
Kindes, und kaum da ich ihn durch das dnne Mntelchen fhlte, berkam
mich mitten in dem gespannten Empfinden ein ganz weiches, flutendes
Mitleid mit diesem erbrmlichen, zertretenen Stck Leben, das diese
Nacht gegen mich gesplt. Und unwillkrlich liebkosten meine Finger
diese schwachen, krnklichen Gelenke so rein, so ehrfrchtig, wie ich
noch nie eine Frau berhrt.

Wir berquerten eine matt erleuchtete Strae und traten in ein kleines
Gehlz, wo wuchtige Baumkronen ein dumpfes, belriechendes Dunkel fest
zusammenhielten. In diesem Augenblick merkte ich, obwohl man kaum mehr
einen Umri bemerken konnte, da sie ganz vorsichtig an meinem Arm sich
umwandte und einige Schritte spter noch ein zweitesmal. Und seltsam:
whrend ich gleichsam in einer Betubung in das schmutzige Abenteuer
hinabglitt, waren doch meine Sinne furchtbar wach und funkelnd. Mit
einer Hellsichtigkeit, der nichts entging, die jede Regung wissend bis
in sich hineinri, merkte ich, da rckwrts am Saum des berquerten
Pfades schattenhaft uns etwas nachglitt, und mir war es, als hrte ich
einen schleichenden Schritt. Und pltzlich -- wie ein Blitz eine
Landschaft prasselnd wei berspringt -- ahnte, wute ich alles: da ich
hier in eine Falle gelockt werden sollte, da die Zuhlter dieser Hure
hinter uns lauerten und sie mich im Dunkel an eine verabredete Stelle
zog, wo ich ihre Beute werden sollte. Mit einer berirdischen Klarheit,
wie sie nur die zusammengepreten Sekunden zwischen Tod und Leben haben,
sah ich alles, berlegte ich jede Mglichkeit. Noch war es Zeit zu
entkommen, die Hauptstrae mute nahe sein, denn ich hrte die
elektrische Tramway dort auf den Schienen rattern, ein Schrei, ein Pfiff
konnte Leute herbeirufen: in scharf umrissenen Bildern zuckten alle
Mglichkeiten der Flucht, der Rettung in mir auf.

Aber seltsam -- diese aufschreckende Erkenntnis khlte nicht, sondern
hitzte nur. Ich kann mir heute in einem wachen Augenblick, im klaren
Licht eines herbstlichen Tages das Absurde meines Tuns selbst nicht ganz
erklren: ich wute, wute sofort mit jeder Fiber meines Wesens, da ich
unntig in eine Gefahr ging, aber wie ein feiner Wahnsinn rieselte mir
das Vorgefhl durch die Nerven. Ich wute ein Widerliches, vielleicht
Tdliches voraus, ich zitterte vor Ekel, hier irgendwie in ein
Verbrechen, in ein gemeines, schmutziges Erleben gedrngt zu sein, aber
gerade fr die nie gekannte, nie geahnte Lebenstrunkenheit, die mich
betubend berstrmte, war selbst der Tod noch eine finstere Neugier.
Etwas -- war es Scham, die Furcht zu zeigen, oder eine Schwche? --
stie mich vorwrts. Es reizte mich, in die letzte Kloake des Lebens
hinabzusteigen, in einem einzigen Tage meine ganze Vergangenheit zu
verspielen und zu verprassen, eine verwegene Wollust des Geistes mengte
sich der gemeinen dieses Abenteuers. Und obwohl ich mit allen meinen
Nerven die Gefahr witterte, sie mit meinen Sinnen, meinem Verstand
klarsichtig begriff, ging ich trotzdem weiter hinein in das Gehlz am
Arm dieser schmutzigen Praterdirne, die mich krperlich mehr abstie als
lockte und von der ich wute, da sie mich nur fr ihre Spiegesellen
herzog. Aber ich konnte nicht zurck. Die Schwerkraft des
Verbrecherischen, die sich nachmittags im Abenteuer auf dem Rennplatze
an mich gehangen, ri mich weiter und weiter hinab. Und ich sprte nur
mehr die Betubung, den wirbeligen Taumel des Sturzes in neue Tiefen
hinab und vielleicht in die letzte: in den Tod.

Nach ein paar Schritten blieb sie stehen. Wieder flog ihr Blick unsicher
herum. Dann sah sie mich wartend an: Na -- und was schenkst du mir?

Ach so. Das hatte ich vergessen. Aber die Frage ernchterte mich nicht.
Im Gegenteil. Ich war ja so froh, schenken, geben, mich verschwenden zu
drfen. Hastig griff ich in die Tasche, schttete alles Silber und ein
paar zerknllte Banknoten ihr in die aufgetane Hand. Und nun geschah
etwas so Wunderbares, da mir heute noch das Blut warm wird, wenn ich
daran denke: entweder war diese arme Person berrascht von der Hhe der
Summe -- sie war sonst nur kleine Mnze gewohnt fr ihren schmutzigen
Dienst --, oder in der Art meines Gebens, des freudigen, raschen, fast
beglckten Gebens mute etwas ihr Ungewohntes, etwas Neues sein, denn
sie trat zurck, und durch das dicke, belriechende Dunkel sprte ich,
wie ihr Blick mit einem groen Erstaunen mich suchte. Und ich empfand
endlich das lang Entbehrte dieses Abends: jemand fragte nach mir, jemand
suchte mich, zum erstenmal _lebte_ ich fr irgend jemanden dieser Welt.
Und da gerade diese Ausgestoenste, dieses Wesen, das ihren armen
verbrauchten Krper durch die Dunkelheit wie eine Ware trug und die,
ohne den Kufer auch nur anzusehen, sich an mich gedrngt, nun die Augen
aufschlug zu den meinen, da sie nach dem Menschen in mir fragte, das
steigerte nur meine merkwrdige Trunkenheit, die hellsichtig war und
taumelnd zugleich, wissend und aufgelst in eine magische Dumpfheit. Und
schon drngte dieses fremde Wesen sich nher an mich, aber nicht in
geschftsmiger Erfllung bezahlter Pflicht, sondern ich meinte, irgend
etwas unbewut Dankbares, einen weibhaften Willen zur Annherung darin
zu spren. Ich fate leise ihren Arm an, den magern rachitischen
Kinderarm, empfand ihren kleinen verkrppelten Krper und sah pltzlich
ber all das hinaus ihr ganzes Leben: die geliehene schmierige
Bettstelle in einem Vorstadthof, wo sie von morgens bis mittags schlief
zwischen einem Gewrm fremder Kinder, ich sah ihren Zuhlter, der sie
wrgte, die Trunkenen, die sich im Dunkel rlpsend ber sie warfen, die
gewisse Abteilung im Krankenhaus, in die man sie brachte, den Hrsaal,
wo man ihren abgeschundenen Leib nackt und krank jungen frechen
Studenten als Lehrobjekt hinhielt, und dann das Ende irgendwo in einer
Heimatsgemeinde, in die man sie per Schub abgeladen und wo man sie
verrecken lie wie ein Tier. Unendliches Mitleid mit ihr, mit allen
berkam mich, irgend etwas Warmes, das Zrtlichkeit war und doch keine
Sinnlichkeit. Immer wieder strich ich ihr ber den kleinen magern Arm.
Und dann beugte ich mich nieder und kte die Erstaunte.

In diesem Augenblick raschelte es hinter mir. Ein Ast knackte. Ich
sprang zurck. Und schon lachte eine breite, ordinre Mnnerstimme. Da
haben mirs. Ich hab mirs ja gleich gedacht.

Noch ehe ich sie sah, wute ich, wer sie waren. Nicht eine Sekunde hatte
ich inmitten all meiner dumpfen Betubung daran vergessen, da ich
umlauert war, ja meine geheimnisvolle wache Neugier hatte sie erwartet.
Eine Gestalt schob sich jetzt vor aus dem Gebsch und hinter ihr eine
zweite: verwilderte Burschen, frech aufgepflanzt. Wieder kam das
ordinre Lachen. So eine Gemeinheit, da Schweinereien zu treiben.
Natrlich ein feiner Herr! Den werden wir aber jetzt Hopp nehmen. Ich
stand reglos. Das Blut tickte mir an die Schlfen. Ich empfand keine
Angst. Ich wartete nur, was geschehen sollte. Jetzt war ich endlich in
der Tiefe, im letzten Abgrund des Gemeinen. Jetzt mute der
Aufschlag kommen, das Zerschellen, das Ende, dem ich halbwissend
entgegengetrieben.

Das Mdel war von mir weggesprungen, aber doch nicht zu ihnen hinber.
Sie stand irgendwie in der Mitte: anscheinend war ihr der vorbereitete
berfall doch nicht ganz angenehm. Die Burschen wiederum waren
rgerlich, da ich mich nicht rhrte. Sie sahen einander an, offenbar
erwarteten sie von mir einen Widerspruch, eine Bitte, irgendeine Angst.
Aha, er sagt nix, rief schlielich drohend der eine. Und der andere
trat auf mich zu und sagte befehlend: Sie mssen mit aufs
Kommissariat.

Ich antwortete noch immer nichts. Da legte mir der eine den Arm auf die
Schulter und stie mich leicht vor. Vorwrts, sagte er.

Ich ging. Ich wehrte mich nicht, weil ich mich nicht wehren wollte: das
Unerhrte, das Gemeine, das Gefhrliche der Situation betubte mich.
Mein Gehirn blieb ganz wach; ich wute, da die Burschen die Polizei
mehr frchten muten als ich, da ich mich loskaufen konnte mit ein paar
Kronen, -- aber ich wollte ganz die Tiefe des Grlichen auskosten, ich
geno die grausige Erniedrigung der Situation in einer Art wissender
Ohnmacht. Ohne Hast, ganz mechanisch ging ich in die Richtung, in die
sie mich gestoen hatten.

Aber gerade das, da ich so wortlos, so geduldig dem Licht zuging,
schien die Burschen zu verwirren. Sie zischelten leise. Dann fingen sie
wieder an, absichtlich laut miteinander zu reden. La ihn laufen,
sagte der eine (ein pockennarbiger kleiner Kerl); aber der andere
erwiderte, scheinbar streng: Nein, das geht nicht. Wenn das ein armer
Teufel tut wie wir, der nix zum Fressen hat, dann wird er eingelocht.
Aber so ein feiner Herr -- da mu a Straf sein. Und ich hrte jedes
Wort und hrte darin ihre ungeschickte Bitte, ich mchte beginnen, mit
ihnen zu verhandeln; der Verbrecher in mir verstand den Verbrecher in
ihnen, verstand, da sie mich qulen wollten mit Angst und ich sie
qulte mit meiner Nachgiebigkeit. Es war ein stummer Kampf zwischen uns
beiden, und -- o wie reich war diese Nacht! -- ich fhlte inmitten
tdlicher Gefahr, hier mitten im stinkenden Dickicht der Praterwiese,
zwischen Strolchen und einer Dirne, zum zweitenmal seit zwlf Stunden
den rasenden Zauber des Spiels, nun aber um den hchsten Einsatz, um
meine ganze brgerliche Existenz, ja um mein Leben. Und ich gab mich
diesem ungeheuren Spiel, der funkelnden Magie des Zufalls mit der ganzen
gespannten, bis zum Zerreien gespannten Kraft meiner zitternden Nerven
hin.

Aha, dort ist schon der Wachmann, sagte hinter mir die eine Stimme,
da wird er sich nicht zu freuen haben, der feine Herr, eine Wochen wird
er schon sitzen. Es sollte bse klingen und drohend, aber ich hrte die
stockende Unsicherheit. Ruhig ging ich dem Lichtschein zu, wo
tatschlich die Pickelhaube eines Schutzmannes glnzte. Zwanzig Schritte
noch, dann mute ich vor ihm stehen. Hinter mir hatten die Burschen
aufgehrt zu reden; ich merkte, wie sie langsamer gingen; im nchsten
Augenblick muten sie, ich wute es, feig zurcktauchen in das Dunkel,
in ihre Welt, erbittert ber den milungenen Streich, und ihren Zorn
vielleicht an der Armseligen auslassen. Das Spiel war zu Ende: wiederum,
zum zweitenmal, hatte ich heute gewonnen, wiederum einen andern fremden,
unbekannten Menschen um seine bse Lust geprellt. Schon flackerte von
drben der bleiche Kreis der Laternen, und als ich mich jetzt umwandte,
sah ich zum erstenmal in die Gesichter der beiden Burschen: Erbitterung
war und eine geduckte Beschmung in ihren unsichern Augen. Sie blieben
stehen in einer gedrckten, enttuschten Art, bereit, ins Dunkel
zurckzuspringen. Denn ihre Macht war vorber: nun war _ich_ es, den sie
frchteten.

In diesem Augenblick berkam mich pltzlich -- und es war, als ob die
innere Grung alle Dauben in meiner Brust pltzlich sprengte und hei
das Gefhl in mein Blut berliefe -- ein so unendliches, ein
_brderliches_ Mitleid mit diesen beiden Menschen. Was hatten sie denn
begehrt von mir, sie, die armen hungernden, zerfetzten Burschen, von
mir, dem bersatten, dem Parasiten: ein paar Kronen, ein paar elende
Kronen. Sie htten mich wrgen knnen dort im Dunkel, mich berauben,
mich tten, und hatten es nicht getan, hatten nur in einer ungebten,
ungeschickten Art versucht, mich zu schrecken um dieser kleinen
Silbermnzen willen, die mir lose in der Tasche lagen. Wie konnte ich es
da wagen, ich, der Dieb aus Laune, aus Frechheit, der Verbrecher aus
Nervenlust, sie, diese armen Teufel, noch zu qulen? Und in mein
unendliches Mitleid strmte unendliche Scham, da ich mit ihrer Angst,
mit ihrer Ungeduld um meiner Wollust willen noch gespielt. Ich raffte
mich zusammen: jetzt, gerade jetzt, da ich gesichert war, da schon das
Licht der nahen Strae mich schtzte, jetzt mute ich ihnen zuwillen
sein, die Enttuschung auslschen in diesen bittern, hungrigen Blicken.

Mit einer pltzlichen Wendung trat ich auf den einen zu. Warum wollen
Sie mich anzeigen? sagte ich und mhte mich, in meine Stimme einen
gepreten Atem von Angst zu qulen. Was haben Sie davon? Vielleicht
werde ich eingesperrt, vielleicht auch nicht. Aber Ihnen bringt es doch
keinen Nutzen. Warum wollen Sie mir mein Leben verderben?

Die beiden starrten verlegen. Sie hatten alles erwartet jetzt, einen
Anschrei, eine Drohung, unter der sie wie knurrende Hunde sich
weggedrckt htten, nur nicht diese Nachgiebigkeit. Endlich sagte der
eine, aber gar nicht drohend, sondern gleichsam entschuldigend:
Gerechtigkeit mu sein. Wir tun nur unsere Pflicht.

Es war offenbar eingelernt fr solche Flle. Und doch klang es irgendwie
falsch. Keiner von beiden wagte mich anzusehen. Sie warteten. Und ich
wute, worauf sie warteten. Da ich betteln wrde um Gnade. Und da ich
ihnen Geld bieten wrde.

Ich wei noch alles aus jenen Sekunden. Ich wei jeden Nerv, der sich in
mir regte, jeden Gedanken, der hinter der Schlfe zuckte. Und ich wei,
was mein bses Gefhl damals zuerst wollte: sie warten lassen, sie noch
lnger qulen, die Wollust des Wartenlassens auskosten. Aber ich zwang
mich rasch, ich bettelte, weil ich wute, da ich die Angst dieser
beiden endlich erlsen mute. Ich begann eine Komdie der Furcht zu
spielen, bat sie um Mitleid, sie mchten schweigen, mich nicht
unglcklich machen. Ich merkte, wie sie verlegen wurden, diese armen
Dilettanten der Erpressung, und wie das Schweigen gleichsam weicher
zwischen uns stand.

Und da sagte ich endlich, endlich das Wort, nachdem sie so lange
lechzten. Ich ... ich gebe Ihnen ... hundert Kronen.

Alle drei fuhren auf und sahen sich an. So viel hatten sie nicht mehr
erwartet, jetzt, da doch alles fr sie verloren war. Endlich fate sich
der eine, der Pockennarbige mit dem unruhigen Blick. Zweimal setzte er
an. Es ging ihm nicht aus der Kehle. Dann sagte er -- und ich sprte,
wie er sich schmte dabei: Zweihundert Kronen.

Aber hrts auf, mengte sich jetzt pltzlich das Mdchen ein. Ihr
knnts froh sein, wenn er euch berhaupt etwas gibt. Er hat ja gar nix
getan, kaum da er mich angerhrt hat. Das ist wirklich zu stark.

Wirklich erbittert schrie sie's ihnen entgegen. Und mir klang das Herz.
Jemand hatte Mitleid mit mir, jemand sprach fr mich, aus dem Gemeinen
stieg Gte, irgendein dunkles Begehren nach Gerechtigkeit aus einer
Erpressung. Wie das wohl tat, wie das Antwort gab auf den Aufschwall in
mir! Nein, nur jetzt nicht lnger spielen mit den Menschen, nicht sie
qulen in ihrer Angst, in ihrer Scham: genug! genug!

Gut, also zweihundert Kronen.

Sie schwiegen alle drei. Ich nahm die Brieftasche heraus. Ganz langsam,
ganz offen bog ich sie auf in der Hand. Mit einem Griff htten sie mir
sie wegreien knnen und in das Dunkel hinein flchten. Aber sie sahen
scheu weg. Es war zwischen ihnen und mir irgendein geheimes
Gebundensein, nicht mehr Kampf und Spiel, sondern ein Zustand des
Rechts, des Vertrauens, eine menschliche Beziehung. Ich bltterte die
beiden Noten aus dem gestohlenen Pack und reichte sie dem einen hin.

Danke schn, sagte er unwillkrlich und wandte sich schon weg.
Offenbar sprte er selbst das Lcherliche, zu danken fr ein erpretes
Geld. Er schmte sich, und diese seine Scham -- oh, alles fhlte ich ja
in dieser Nacht, jede Geste schlo sich mir auf! -- bedrckte mich. Ich
wollte nicht, da sich ein Mensch vor mir schme, vor mir, der ich
seinesgleichen war, Dieb wie er, schwach, feige und willenlos wie er.
Seine Demtigung qulte mich, und ich wollte sie ihm wegnehmen. So
wehrte ich seinem Dank.

Ich habe Ihnen zu danken, sagte ich und wunderte mich selbst, wieviel
wahrhaftige Herzlichkeit aus meiner Stimme sprang. Wenn Sie mich
angezeigt htten, wre ich verloren gewesen. Ich htte mich erschieen
mssen, und Sie htten nichts davon gehabt. Es ist besser so. Ich gehe
jetzt da rechts hinber und Sie vielleicht dort auf die andere Seite.
Gute Nacht.

Sie schwiegen wieder einen Augenblick. Dann sagte der eine Gute Nacht,
dann der andere, zuletzt die Hure, die ganz im Dunkel geblieben. Ganz
warm klang es, ganz herzlich wie ein wirklicher Wunsch. An ihren Stimmen
fhlte ich, sie hatten mich irgendwo tief im Dunkel ihres Wesens lieb,
sie wrden diese sonderbare Sekunde nie vergessen. Im Zuchthaus oder im
Spital wrde sie ihnen vielleicht wieder einmal einfallen: etwas von mir
lebte fort in ihnen, ich hatte ihnen etwas gegeben. Und dieses Gebens
Lust erfllte mich wie noch nie ein Gefhl.

Ich ging allein durch die Nacht dem Ausgang des Praters zu. Alles
Geprete war von mir gefallen, ich fhlte, wie ich ausstrmte in nie
gekannter Flle, ich, der Verschollene, in die ganze unendliche Welt
hinein. Alles empfand ich, als lebte es nur fr mich allein und mich
wieder mit allem strmend verbunden. Schwarz umstanden mich die Bume,
sie rauschten mir zu, und ich liebte sie. Sterne glnzten von oben
nieder, und ich atmete ihren weien Gru. Stimmen kamen singend von
irgendwoher, und mir war, sie sngen fr mich. Alles gehrte mir mit
einem Male, seit ich die Rinde um meine Brust zerstoen, und Freude des
Hingebens, des Verschwendens schwellte mich allem zu. O wie leicht ist
es, fhlte ich, Freude zu machen und selbst froh zu werden aus der
Freude: man braucht sich nur aufzutun, und schon fliet von Mensch zu
Menschen der lebendige Strom, strzt vom Hohen zum Niedern, schumt von
der Tiefe wieder ins Unendliche empor.

Am Ausgang des Praters neben einem Wagenstandplatz sah ich eine Hkerin,
mde, gebckt ber ihren kleinen Kram. Bckereien hatte sie,
berschimmelt von Staub, und ein paar Frchte, seit Morgen sa sie wohl
so da, gebckt ber die paar Heller, und die Mdigkeit knickte sie ein.
Warum sollst du dich nicht auch freuen, dachte ich, wenn ich mich freue?
Ich nahm ein kleines Stck Zuckerbrot und legte ihr einen Schein hin.
Sie wollte eilfertig wechseln, aber schon ging ich weiter und sah nur,
wie sie erschrak vor Glck, wie die zerknitterte Gestalt sich pltzlich
straffte und nur der im Staunen erstarrte Mund mir tausend Wnsche
nachsprudelte. Das Brot zwischen den Fingern trat ich zu dem Pferde, das
mde an der Deichsel hing, aber nun wandte es sich her und schnaubte mir
freundlich zu. Auch in seinem dumpfen Blick war Dank, da ich seine rosa
Nster streichelte und ihm das Brot hinreichte. Und kaum da ichs getan,
begehrte ich nach mehr: noch mehr Freude zu machen, noch mehr zu spren,
wie man mit ein paar Silberstcken, mit ein paar farbigen Zetteln Angst
auslschen, Sorge tten, Heiterkeit aufznden konnte. Warum waren keine
Bettler da? Warum keine Kinder, die von den Ballons haben wollten, die
dort ein mrrischer, weihaariger Hinkfu in dicken Bndeln an vielen
Fden nach Hause stelzte, enttuscht ber das schlechte Geschft des
langen heien Tages. Ich ging auf ihn zu. Geben Sie mir die Ballons.
Zehn Heller das Stck, sagte er mitrauisch, denn was wollte dieser
elegante Miggnger jetzt mitternachts mit den farbigen Ballons? Geben
Sie mir alle, sagte ich und gab ihm einen Zehnkronenschein. Er torkelte
auf, sah mich wie geblendet an, dann gab er mir zitternd die Schnur, die
das ganze Bndel hielt. Straff fhlte ich es an dem Finger ziehn: sie
wollten weg, wollten frei sein, wollten hinauf in den Himmel hinein. So
geht, fliegt, wohin ihr begehrt, seid frei! Ich lie die Schnre los,
und wie viele bunte Monde stiegen sie pltzlich auf. Von allen Seiten
liefen die Leute her und lachten, aus dem Dunkel kamen die Verliebten,
die Kutscher knallten mit den Peitschen und zeigten sich gegenseitig
rufend mit den Fingern, wie jetzt die freien Kugeln ber die Bume hin
zu den Husern und Dchern trieben. Alles sah sich frhlich an und hatte
seinen Spa mit meiner seligen Torheit.

Warum hatte ich das nie und nie gewut, wie leicht es ist und wie gut,
Freude zu geben! Mit einem Male brannten die Banknoten wieder in der
Brieftasche, sie zuckten mir in den Fingern so wie vordem die Schnre
der Ballons: auch sie wollten wegfliegen von mir ins Unbekannte hinein.
Und ich nahm sie, die gestohlenen des Lajos und die eigenen -- denn
nichts empfand ich mehr davon als Unterschied oder Schuld -- zwischen
die Finger, bereit, sie jedem hinzustreuen, der eine wollte. Ich ging
hinber zu einem Straenkehrer, der verdrossen die verlassene
Praterstrae fegte. Er meinte, ich wolle ihn nach irgendeiner Gasse
fragen und sah mrrisch auf: ich lachte ihn an und hielt ihm einen
Zwanzigkronenschein hin. Er starrte, ohne zu begreifen, dann nahm er ihn
endlich und wartete, was ich von ihm fordern wrde. Ich aber lachte ihm
nur zu, sagte: Kauf dir was Gutes dafr, und ging weiter. Immer sah
ich nach allen Seiten, ob nicht jemand etwas von mir begehrte, und da
niemand kam, bot ich an: einer Hure, die mich ansprach, schenkte ich
einen Schein, zwei einem Laternenanznder, einen warf ich in die offene
Luke einer Backstube im Untergescho, und ging so, ein Kielwasser von
Staunen, Dank, Freude hinter mir, weiter und weiter. Schlielich warf
ich sie einzeln und zerknllt ins Leere auf die Strae, auf die Stufen
einer Kirche und freute mich an dem Gedanken, wie das Hutzelweibchen bei
der Morgenandacht die hundert Kronen finden und Gott segnen, ein armer
Student, ein Mdel, ein Arbeiter das Geld staunend und doch beglckt auf
ihrem Weg entdecken wrden, sowie ich selbst staunend und beglckt in
dieser Nacht mich selber entdeckt.

Ich knnte nicht mehr sagen, wo und wie ich sie alle verstreute, die
Banknoten und schlielich auch mein Silbergeld. Es war irgendein Taumel
in mir, ein sich Ergieen wie in eine Frau, und als die letzten Bltter
weggeflattert waren, fhlte ich Leichtigkeit, als ob ich htte fliegen
knnen, eine Freiheit, die ich nie gekannt. Die Strae, der Himmel, die
Huser, alles flutete mir ineinander in einem ganz neuen Gefhl des
Besitzes, des Zusammengehrens: nie und auch in den heiesten Sekunden
meiner Existenz hatte ich so stark empfunden, da alle diese Dinge
wirklich vorhanden waren, da sie lebten und da ich lebte und da ihr
Leben und das meine ganz das gleiche waren, eben das groe, das
gewaltige, das nie genug beglckt gefhlte Leben, das nur die Liebe
begreift, nur der Hingegebene umfat.

Dann kam noch ein letzter dunkler Augenblick, und das war, als ich,
selig heimgewandert, den Schlssel in meine Tre drckte und der Gang zu
meinen Zimmern schwarz sich auftat. Da strzte pltzlich Angst ber
mich, ich ginge jetzt in mein altes frheres Leben zurck, wenn ich die
Wohnung dessen betrete, der ich bis zu dieser Stunde gewesen, mich in
sein Bett legte, wenn ich die Verknpfung mit all dem wieder aufnahm,
was diese Nacht so schn gelst. Nein, nur nicht mehr dieser Mensch
werden, der ich war, nicht mehr der korrekte, fhllose, weltabgelste
Gentleman von gestern und einst, lieber hinabstrzen in alle Tiefen des
Verbrechens und des Grauens, aber doch in die Wirklichkeit des Lebens!
Ich war mde, unsagbar mde, und doch frchtete ich mich, der Schlaf
mchte ber mir zusammenschlagen und all das Heie, das Glhende, das
Lebendige, das diese Nacht in mir entzndet, wieder wegschwemmen mit
seinem schwarzen Schlamm, und dies ganze Erlebnis mge so flchtig und
unverhaftet gewesen sein wie ein phantastischer Traum.

Aber ich ward heiter wach in einen neuen Morgen am nchsten Tage, und
nichts war verronnen von dem dankbar strmenden Gefhl. Seitdem sind nun
vier Monate vergangen, und die Starre von einst ist nicht wiedergekehrt,
ich blhe noch immer warm in den Tag hinein. Jene magische Trunkenheit
von damals, da ich pltzlich den Boden meiner Welt unter den Fen
verlor, ins Unbekannte strzte und bei diesem Sturz in den eigenen
Abgrund den Taumel der Geschwindigkeit gleichzeitig mit der Tiefe des
ganzen Lebens berauscht gemengt empfand, -- diese fliegende Hitze, sie
freilich ist dahin, aber ich spre seit jener Stunde mein eigenes warmes
Blut mit jedem Atemzuge und spre es mit tglich erneuter Wollust des
Lebens. Ich wei, da ich ein anderer Mensch geworden bin mit anderen
Sinnen, anderer Reizbarkeit und strkerer Bewutheit. Selbstverstndlich
wage ich nicht zu behaupten, ich sei ein besserer Mensch geworden: ich
wei nur, da ich ein glcklicherer bin, weil ich irgendeinen Sinn fr
mein ganz ausgekhltes Leben gefunden habe, einen Sinn, fr den ich kein
Wort finde als eben das Wort Leben selbst. Seitdem verbiete ich mir
nichts mehr, weil ich die Normen und Formen meiner Gesellschaft als
wesenlos empfinde, ich schme mich weder vor andern noch vor mir selbst.
Worte wie Ehre, Verbrechen, Laster haben pltzlich einen kalten,
blechernen Klangton bekommen, ich vermag sie ohne Grauen gar nicht
auszusprechen. Ich lebe, indem ich mich leben lasse von der Macht, die
ich damals zum erstenmal so magisch gesprt. Wohin sie mich treibt,
frage ich nicht: vielleicht einem neuen Abgrund entgegen, in das hinein,
was die andern Laster nennen, oder einem ganz Erhabenen zu. Ich wei es
nicht und will es nicht wissen. _Denn ich glaube, da nur der wahrhaft
lebt, der sein Schicksal als ein Geheimnis lebt._

Nie aber habe ich -- dessen bin ich gewi -- das Leben inbrnstiger
geliebt, und ich wei jetzt, da jeder ein Verbrechen tut (das einzige,
das es gibt!), der gleichgltig ist gegen irgendeine seiner Formen und
Gestalten. Seitdem ich mich selbst zu verstehen begann, verstehe ich
unendlich viel anderes auch: der Blick eines gierigen Menschen vor einer
Auslage kann mich erschttern, die Kapriole eines Hundes mich
begeistern. Ich achte mit einemmal auf alles, nichts ist mir
gleichgltig. Ich lese in der Zeitung (die ich sonst nur auf
Vergngungen und Auktionen durchbltterte) tglich hundert Dinge, die
mich erregen, Bcher, die mich langweilten, tun sich mir pltzlich auf.
Und das merkwrdigste ist: ich kann auf einmal mit Menschen auch
auerhalb dessen, was man Konversation nennt, sprechen. Mein Diener, den
ich seit sieben Jahren habe, interessiert mich, ich unterhalte mich oft
mit ihm, der Hausmeister, an dem ich sonst wie an einem beweglichen
Pfeiler achtlos vorberging, hat mir jngst vom Tod seines Tchterchens
erzhlt, und es hat mich mehr ergriffen als die Tragdien Shakespeares.
Und diese Verwandlung scheint -- obzwar ich, um mich nicht zu verraten,
mein Leben innerhalb der Kreise gesitteter Langweile uerlich fortsetze
-- allmhlich transparent zu werden. Manche Menschen sind mit einemmal
herzlich mit mir, zum drittenmal in dieser Woche liefen mir fremde Hunde
auf der Strae zu. Und Freunde sagen mir wie zu einem, der eine
Krankheit berstanden hat, mit einer gewissen Freudigkeit, sie fnden
mich verjngt.

Verjngt? Ich allein wei ja, da ich erst jetzt wirklich zu leben
beginne. Nun ist dies wohl ein allgemeiner Wahn, da jeder vermeint,
alles Vergangene sei immer nur Irrtum und Vorbereitung gewesen, und ich
verstehe wohl die eigene Anmaung, eine kalte Feder in die warme
lebendige Hand zu nehmen und auf einem trockenen Papier sich
hinzuschreiben, man lebe wirklich. Aber sei es auch ein Wahn -- er ist
der erste, der mich beglckt, der erste, der mir das Blut gewrmt und
mir die Sinne aufgetan. Und wenn ich mir das Wunder meiner Erweckung
hier aufzeichne, so tue ich es doch nur fr mich allein, der all dies
tiefer wei, als die eigenen Worte es ihm zu sagen vermgen. Gesprochen
habe ich zu keinem Freunde davon; sie ahnten nie, wie abgestorben ich
schon gewesen, sie werden nie ahnen, wie blhend ich nun bin. Und sollte
mitten in dies mein lebendiges Leben der Tod fahren und diese Zeilen je
in eines andern Hnde fallen, so schreckt und qult mich diese
Mglichkeit durchaus nicht. Denn wem die Magie einer solchen Stunde nie
bewut geworden, wird ebensowenig verstehen, als ich es selbst vor einem
halben Jahre htte verstehen knnen, da ein paar dermaen flchtige und
scheinbar kaum verbundene Episoden eines einzigen Abends ein schon
verloschenes Schicksal so magisch entznden konnten. Vor ihm schme ich
mich nicht, denn er versteht mich nicht. Wer aber um das Verbundene
wei, der richtet nicht und hat keinen Stolz. Vor ihm schme ich mich
nicht, denn er versteht mich. Wer einmal sich selbst gefunden, kann
nichts auf dieser Welt mehr verlieren. Und wer einmal den Menschen in
sich begriffen, der begreift alle Menschen.




                        Brief einer Unbekannten


Als der bekannte Romanschriftsteller R. frhmorgens von dreitgigem
erfrischendem Ausflug ins Gebirge wieder nach Wien zurckkehrte und am
Bahnhof eine Zeitung kaufte, wurde er, kaum da er das Datum berflog,
erinnernd gewahr, da heute sein Geburtstag sei. Der einundvierzigste,
besann er sich rasch, und diese Feststellung tat ihm nicht wohl und
nicht weh. Flchtig berbltterte er die knisternden Seiten der Zeitung
und fuhr mit einem Mietautomobil in seine Wohnung. Der Diener meldete
aus der Zeit seiner Abwesenheit zwei Besuche sowie einige Telephonanrufe
und berbrachte auf einem Tablett die angesammelte Post. Lssig sah er
den Einlauf an, ri ein paar Kuverts auf, die ihn durch ihre Absender
interessierten; einen Brief, der fremde Schriftzge trug und zu
umfangreich schien, schob er zunchst beiseite. Inzwischen war der Tee
aufgetragen worden, bequem lehnte er sich in den Fauteuil,
durchbltterte noch einmal die Zeitung und einige Drucksachen; dann
zndete er sich eine Zigarre an und griff nun nach dem zurckgelegten
Briefe.

Es waren etwa zwei Dutzend hastig beschriebene Seiten in fremder,
unruhiger Frauenschrift, ein Manuskript eher als ein Brief.
Unwillkrlich betastete er noch einmal das Kuvert, ob nicht darin ein
Begleitschreiben vergessen geblieben wre. Aber der Umschlag war leer
und trug so wenig wie die Bltter selbst eine Absenderadresse oder eine
Unterschrift. Seltsam, dachte er, und nahm das Schreiben wieder zur
Hand. _Dir, der Du mich nie gekannt_, stand oben als Anruf, als
berschrift. Verwundert hielt er inne: galt das ihm, galt das einem
ertrumten Menschen? Seine Neugier war pltzlich wach. Und er begann zu
lesen:

                   *       *       *       *       *

Mein Kind ist gestern gestorben -- drei Tage und drei Nchte habe ich
mit dem Tode um dies kleine, zarte Leben gerungen, vierzig Stunden bin
ich, whrend die Grippe seinen armen, heien Leib im Fieber schttelte,
an seinem Bette gesessen. Ich habe Khles um seine glhende Stirn getan,
ich habe seine unruhigen, kleinen Hnde gehalten Tag und Nacht. Am
dritten Abend bin ich zusammengebrochen. Meine Augen konnten nicht mehr,
sie fielen zu, ohne da ich es wute. Drei Stunden oder vier war ich auf
dem harten Sessel eingeschlafen, und indes hat der Tod ihn genommen. Nun
liegt er dort, der se, arme Knabe, in seinem schmalen Kinderbett, ganz
so wie er starb; nur die Augen hat man ihm geschlossen, seine klugen,
dunkeln Augen, die Hnde ber dem weien Hemd hat man ihm gefaltet, und
vier Kerzen brennen hoch an den vier Enden des Bettes. Ich wage nicht
hinzusehen, ich wage nicht mich zu rhren, denn wenn sie flackern, die
Kerzen, huschen Schatten ber sein Gesicht und den verschlossenen Mund,
und es ist dann so, als regten sich seine Zge, und ich knnte meinen,
er sei nicht tot, er wrde wieder erwachen und mit seiner hellen Stimme
etwas Kindlich-Zrtliches zu mir sagen. Aber ich wei es, er ist tot,
ich will nicht hinsehen mehr, um nicht noch einmal zu hoffen, nicht noch
einmal enttuscht zu sein. Ich wei es, ich wei es, mein Kind ist
gestern gestorben -- jetzt habe ich nur Dich mehr auf der Welt, nur
Dich, der Du von mir nichts weit, der Du indes ahnungslos spielst oder
mit Dingen und Menschen tndelst. Nur Dich, der Du mich nie gekannt und
den ich immer geliebt.

Ich habe die fnfte Kerze genommen und hier zu dem Tisch gestellt, auf
dem ich an Dich schreibe. Denn ich kann nicht allein sein mit meinem
toten Kinde, ohne mir die Seele auszuschreien, und zu wem sollte ich
sprechen in dieser entsetzlichen Stunde, wenn nicht zu Dir, der Du mir
alles warst und alles bist! Vielleicht kann ich nicht ganz deutlich zu
Dir sprechen, vielleicht verstehst Du mich nicht -- mein Kopf ist ja
ganz dumpf, es zuckt und hmmert mir an den Schlfen, meine Glieder tun
so weh. Ich glaube, ich habe Fieber, vielleicht auch schon die Grippe,
die jetzt von Tr zu Tr schleicht, und das wre gut, denn dann ginge
ich mit meinem Kinde und mte nichts tun wider mich. Manchmal wirds mir
ganz dunkel vor den Augen, vielleicht kann ich diesen Brief nicht einmal
zu Ende schreiben -- aber ich will alle Kraft zusammentun, um einmal,
nur dieses eine Mal zu Dir zu sprechen, Du mein Geliebter, der Du mich
nie erkannt.

Zu Dir allein will ich sprechen, Dir zum erstenmal alles sagen; mein
ganzes Leben sollst Du wissen, das immer das Deine gewesen und um das Du
nie gewut. Aber Du sollst mein Geheimnis nur kennen, wenn ich tot bin,
wenn Du mir nicht mehr Antwort geben mut, wenn das, was mir die Glieder
jetzt so kalt und hei schttelt, wirklich das Ende ist. Mu ich
weiterleben, so zerreie ich diesen Brief und werde weiter schweigen,
wie ich immer schwieg. Hltst Du ihn aber in Hnden, so weit Du, da
hier eine Tote Dir ihr Leben erzhlt, ihr Leben, das das Deine war von
ihrer ersten bis zu ihrer letzten wachen Stunde. Frchte Dich nicht vor
meinen Worten; eine Tote will nichts mehr, sie will nicht Liebe und
nicht Mitleid und nicht Trstung. Nur dies eine will ich von Dir, da Du
mir alles glaubst, was mein zu Dir hinflchtender Schmerz Dir verrt.
Glaube mir alles, nur dies eine bitte ich Dich: man lgt nicht in der
Sterbestunde eines einzigen Kindes.

Mein ganzes Leben will ich Dir verraten, dies Leben, das wahrhaft erst
begann mit dem Tage, da ich Dich kannte. Vorher war blo etwas Trbes
und Verworrenes, in das mein Erinnern nie mehr hinabtauchte, irgendein
Keller von verstaubten, spinnverwebten, dumpfen Dingen und Menschen, von
denen mein Herz nichts mehr wei. Als Du kamst, war ich dreizehn Jahre
und wohnte im selben Hause, wo Du jetzt wohnst, in demselben Hause, wo
Du diesen Brief, meinen letzten Hauch Leben, in Hnden hltst, ich
wohnte auf demselben Gange, gerade der Tr Deiner Wohnung gegenber. Du
erinnerst Dich gewi nicht mehr an uns, an die rmliche
Rechnungsratswitwe (sie ging immer in Trauer) und das halbwchsige,
magere Kind -- wir waren ja ganz still, gleichsam hinabgetaucht in
unsere kleinbrgerliche Drftigkeit -- Du hast vielleicht nie unseren
Namen gehrt, denn wir hatten kein Schild auf unserer Wohnungstr, und
niemand kam, niemand fragte nach uns. Es ist ja auch schon so lange her,
fnfzehn, sechzehn Jahre, nein, Du weit es gewi nicht mehr, mein
Geliebter, ich aber, oh, ich erinnere mich leidenschaftlich an jede
Einzelheit, ich wei noch wie heute den Tag, nein, die Stunde, da ich
zum erstenmal von Dir hrte, Dich zum erstenmal sah, und wie sollte ichs
auch nicht, denn damals begann ja die Welt fr mich. Dulde, Geliebter,
da ich Dir alles, alles von Anfang erzhle, werde, ich bitte Dich, die
eine Viertelstunde von mir zu hren nicht mde, die ich ein Leben lang
Dich zu lieben nicht mde geworden bin.

Ehe Du in unser Haus einzogst, wohnten hinter Deiner Tr hliche, bse,
streitschtige Leute. Arm wie sie waren, haten sie am meisten die
nachbarliche Armut, die unsere, weil sie nichts gemein haben wollte mit
ihrer herabgekommenen, proletarischen Roheit. Der Mann war ein
Trunkenbold und schlug seine Frau; oft wachten wir auf in der Nacht vom
Getse fallender Sthle und zerklirrter Teller, einmal lief sie, blutig
geschlagen, mit zerfetzten Haaren auf die Treppe, und hinter ihr grlte
der Betrunkene, bis die Leute aus den Tren kamen und ihn mit der
Polizei bedrohten. Meine Mutter hatte von Anfang an jeden Verkehr mit
ihnen vermieden und verbot mir, zu den Kindern zu sprechen, die sich
dafr bei jeder Gelegenheit an mir rchten. Wenn sie mich auf der Strae
trafen, riefen sie schmutzige Worte hinter mir her und schlugen mich
einmal so mit harten Schneeballen, da mir das Blut von der Stirne lief.
Das ganze Haus hate mit einem gemeinsamen Instinkt diese Menschen, und
als pltzlich einmal etwas geschehen war -- ich glaube, der Mann wurde
wegen eines Diebstahls eingesperrt -- und sie mit ihrem Kram ausziehen
muten, atmeten wir alle auf. Ein paar Tage hing der Vermietungszettel
am Haustore, dann wurde er heruntergenommen, und durch den Hausmeister
verbreitete es sich rasch, ein Schriftsteller, ein einzelner, ruhiger
Herr, habe die Wohnung genommen. Damals hrte ich zum erstenmal Deinen
Namen.

Nach ein paar Tagen schon kamen Maler, Anstreicher, Zimmerputzer,
Tapezierer, die Wohnung nach ihren schmierigen Vorbesitzern reinzufegen,
es wurde gehmmert, geklopft, geputzt und gekratzt, aber die Mutter war
nur zufrieden damit, sie sagte, jetzt werde endlich die unsaubere
Wirtschaft drben ein Ende haben. Dich selbst bekam ich, auch whrend
der bersiedlung, noch nicht zu Gesicht: alle diese Arbeiten berwachte
Dein Diener, dieser kleine, ernste, grauhaarige Herrschaftsdiener, der
alles mit einer leisen, sachlichen Art von oben herab dirigierte. Er
imponierte uns allen sehr, erstens weil in unserem Vorstadthaus ein
Herrschaftsdiener etwas ganz Neuartiges war, und dann, weil er zu allen
so ungemein hflich war, ohne sich deshalb mit den Dienstboten auf eine
Stufe zu stellen und in kameradschaftliche Gesprche einzulassen. Meine
Mutter grte er vom ersten Tage an respektvoll als eine Dame, sogar zu
mir Fratzen war er immer zutraulich und ernst. Wenn er Deinen Namen
nannte, so geschah das immer mit einer gewissen Ehrfurcht, mit einem
besonderen Respekt -- man sah gleich, da er Dir weit ber das Ma des
gewohnten Dienens anhing. Und wie habe ich ihn dafr geliebt, den guten
alten Johann, obwohl ich ihn beneidete, da er immer um Dich sein durfte
und Dir dienen.

Ich erzhle Dir all das, Du Geliebter, all diese kleinen, fast
lcherlichen Dinge, damit Du verstehst, wie Du von Anfang an schon eine
solche Macht gewinnen konntest ber das scheue, verschchterte Kind, das
ich war. Noch ehe Du selbst in mein Leben getreten, war schon ein Nimbus
um Dich, eine Sphre von Reichtum, Sonderbarkeit und Geheimnis -- wir
alle in dem kleinen Vorstadthaus (Menschen, die ein enges Leben haben,
sind ja immer neugierig auf alles Neue vor ihren Tren) warteten schon
ungeduldig auf Deinen Einzug. Und diese Neugier nach Dir, wie steigerte
sie sich erst bei mir, als ich eines Nachmittags von der Schule nach
Hause kam und der Mbelwagen vor dem Hause stand. Das meiste, die
schweren Stcke, hatten die Trger schon hinaufbefrdert, nun trug man
einzeln kleinere Sachen hinauf; ich blieb an der Tr stehen, um alles
bestaunen zu knnen, denn alle Deine Dinge waren so seltsam anders, wie
ich sie nie gesehen; es gab da indische Gtzen, italienische Skulpturen,
ganz grelle, groe Bilder, und dann zum Schlu kamen Bcher, so viele
und so schne, wie ich es nie fr mglich gehalten. An der Tr wurden
sie alle aufgeschichtet, dort bernahm sie der Diener und schlug mit
Stock und Wedel sorgfltig den Staub aus jedem einzelnen. Ich schlich
neugierig um den immer wachsenden Sto herum, der Diener wies mich nicht
weg, aber er ermutigte mich auch nicht; so wagte ich keines anzurhren,
obwohl ich das weiche Leder von manchen gern befhlt htte. Nur die
Titel sah ich scheu von der Seite an: es waren franzsische, englische
darunter und manche in Sprachen, die ich nicht verstand. Ich glaube, ich
htte sie stundenlang alle angesehen: da rief mich die Mutter hinein.

Den ganzen Abend dann mute ich an Dich denken; noch ehe ich Dich
kannte. Ich besa selbst nur ein Dutzend billige, in zerschlissene Pappe
gebundene Bcher, die ich ber alles liebte und immer wieder las. Und
nun bedrngte mich dies, wie der Mensch sein mte, der all diese vielen
herrlichen Bcher besa und gelesen hatte, der alle diese Sprachen
wute, der so reich war und so gelehrt zugleich. Eine Art berirdischer
Ehrfurcht verband sich mir mit der Idee dieser vielen Bcher. Ich suchte
Dich mir im Bilde vorzustellen: Du warst ein alter Mann mit einer Brille
und einem weien langen Barte, hnlich wie unser Geographieprofessor,
nur viel gtiger, schner und milder -- ich wei nicht, warum ich damals
schon gewi war, Du mtest schn sein, wo ich noch an Dich wie einen
alten Mann dachte. Damals in jener Nacht und noch ohne Dich zu kennen,
habe ich das erstemal von Dir getrumt.

Am nchsten Tage zogst Du ein, aber trotz allen Sphens konnte ich Dich
nicht zu Gesicht bekommen -- das steigerte nur meine Neugier. Endlich,
am dritten Tage, sah ich Dich, und wie erschtternd war die berraschung
fr mich, da Du so anders warst, so ganz ohne Beziehung zu dem
kindlichen Gottvaterbilde. Einen bebrillten gtigen Greis hatte ich mir
getrumt, und da kamst Du -- Du, ganz so, wie Du noch heute bist, Du
Unwandelbarer, an dem die Jahre lssig abgleiten! Du trugst eine
hellbraune, entzckende Sportdre und liefst in Deiner unvergleichlich
leichten knabenhaften Art die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf
einmal nehmend. Den Hut trugst Du in der Hand, so sah ich mit einem gar
nicht zu schildernden Erstaunen Dein helles, lebendiges Gesicht mit dem
jungen Haar: wirklich, ich erschrak vor Erstaunen, wie jung, wie hbsch,
wie federnd-schlank und elegant Du warst. Und ist es nicht seltsam: in
dieser ersten Sekunde empfand ich ganz deutlich das, was ich und alle
anderen an Dir als so einzig mit einer Art berraschung immer wieder
empfinden: da Du irgendein zwiefacher Mensch bist, ein heier,
leichtlebiger, ganz dem Spiel und dem Abenteuer hingegebener Junge, und
gleichzeitig in Deiner Kunst ein unerbittlich ernster, pflichtbewuter,
unendlich belesener und gebildeter Mann. Unbewut empfand ich, was dann
jeder bei Dir sprte, da Du ein Doppelleben fhrst, ein Leben mit einer
hellen, der Welt offen zugekehrten Flche, und einer ganz dunkeln, die
Du nur allein kennst -- diese tiefste Zweiheit, das Geheimnis Deiner
Existenz, sie fhlte ich, die Dreizehnjhrige, magisch angezogen, mit
meinem ersten Blick.

Verstehst Du nun schon, Geliebter, was fr ein Wunder, was fr eine
verlockende Rtselhaftigkeit Du fr mich, das Kind, sein mutest! Einen
Menschen, vor dem man Ehrfurcht hatte, weil er Bcher schrieb, weil er
berhmt war in jener anderen groen Welt, pltzlich als einen jungen,
eleganten, knabenhaft heiteren, fnfundzwanzigjhrigen Mann zu
entdecken! Mu ich Dir noch sagen, da von diesem Tage an in unserem
Hause, in meiner ganzen armen Kinderwelt mich nichts interessierte als
Du, da ich mit dem ganzen Starrsinn, der ganzen bohrenden
Beharrlichkeit einer Dreizehnjhrigen nur mehr um Dein Leben, um Deine
Existenz herumging. Ich beobachtete Dich, ich beobachtete Deine
Gewohnheiten, beobachtete die Menschen, die zu Dir kamen, und all das
vermehrte nur, statt sie zu mindern, meine Neugier nach Dir selbst, denn
die ganze Zwiefltigkeit Deines Wesens drckte sich in der
Verschiedenheit dieser Besuche aus. Da kamen junge Menschen, Kameraden
von Dir, mit denen Du lachtest und bermtig warst, abgerissene
Studenten, und dann wieder Damen, die in Autos vorfuhren, einmal der
Direktor der Oper, der groe Dirigent, den ich ehrfrchtig nur am Pulte
von fern gesehen, dann wieder kleine Mdel, die noch in die
Handelsschule gingen und verlegen in die Tr hineinhuschten, berhaupt
viel, sehr viel Frauen. Ich dachte mir nichts Besonderes dabei, auch
nicht, als ich eines Morgens, wie ich zur Schule ging, eine Dame ganz
verschleiert von Dir weggehen sah -- ich war ja erst dreizehn Jahre alt,
und die leidenschaftliche Neugier, mit der ich Dich umsphte und
belauerte, wute im Kinde noch nicht, da sie schon Liebe war.

Aber ich wei noch genau, mein Geliebter, den Tag und die Stunde, wann
ich ganz und fr immer an Dich verloren war. Ich hatte mit einer
Schulfreundin einen Spaziergang gemacht, wir standen plaudernd vor dem
Tor. Da kam ein Auto angefahren, hielt an, und schon sprangst Du mit
Deiner ungeduldigen, elastischen Art, die mich noch heute an Dir immer
hinreit, vom Trittbrett und wolltest in die Tr. Unwillkrlich zwang es
mich, Dir die Tr aufzumachen, und so trat ich Dir in den Weg, da wir
fast zusammengerieten. Du sahst mich an mit jenem warmen, weichen,
einhllenden Blick, der wie eine Zrtlichkeit war, lcheltest mir -- ja,
ich kann es nicht anders sagen, als: zrtlich zu und sagtest mit einer
ganz leisen und fast vertraulichen Stimme: Danke vielmals, Frulein.

Das war alles, Geliebter; aber von dieser Sekunde, seit ich diesen
weichen, zrtlichen Blick gesprt, war ich Dir verfallen. Ich habe ja
spter, habe es bald erfahren, da Du diesen umfangenden, an Dich
ziehenden, diesen umhllenden und doch zugleich entkleidenden Blick,
diesen Blick des gebornen Verfhrers, jeder Frau hingibst, die an Dich
streift, jedem Ladenmdchen, das Dir verkauft, jedem Stubenmdchen, das
Dir die Tr ffnet, da dieser Blick bei Dir gar nicht bewut ist als
Wille und Neigung, sondern da Deine Zrtlichkeit zu Frauen ganz
unbewut Deinen Blick weich und warm werden lt, wenn er sich ihnen
zuwendet. Aber ich, das dreizehnjhrige Kind, ahnte das nicht: ich war
wie in Feuer getaucht. Ich glaubte, die Zrtlichkeit gelte nur mir, nur
mir allein, und in dieser einen Sekunde war die Frau in mir, der
Halbwchsigen, erwacht und war diese Frau Dir fr immer verfallen.

Wer war das? fragte meine Freundin. Ich konnte ihr nicht gleich
antworten. Es war mir unmglich, Deinen Namen zu nennen: schon in dieser
einen, dieser einzigen Sekunde war er mir heilig, war er mein Geheimnis
geworden. Ach, irgendein Herr, der hier im Hause wohnt, stammelte ich
dann ungeschickt heraus. Aber warum bist Du denn so rot geworden, wie
er Dich angeschaut hat, spottete die Freundin mit der ganzen Bosheit
eines neugierigen Kindes. Und eben weil ich fhlte, da sie an mein
Geheimnis spottend rhre, fuhr mir das Blut noch heier in die Wangen.
Ich wurde grob aus Verlegenheit. Blde Gans, sagte ich wild: am
liebsten htte ich sie erdrosselt. Aber sie lachte nur noch lauter und
hhnischer, bis ich fhlte, da mir die Trnen in die Augen schossen vor
ohnmchtigem Zorn. Ich lie sie stehen und lief hinauf.

Von dieser Sekunde an habe ich Dich geliebt. Ich wei, Frauen haben Dir,
dem Verwhnten, oft dieses Wort gesagt. Aber glaube mir, niemand hat
Dich so sklavisch, so hndisch, so hingebungsvoll geliebt als dieses
Wesen, das ich war und das ich fr Dich immer geblieben bin, denn nichts
auf Erden gleicht der unbemerkten Liebe eines Kindes aus dem Dunkel,
weil sie so hoffnungslos, so dienend, so unterwrfig, so lauernd und
leidenschaftlich ist, wie niemals die begehrende und unbewut doch
fordernde Liebe einer erwachsenen Frau. Nur einsame Kinder knnen ganz
ihre Leidenschaft zusammenhalten: die anderen zerschwtzen ihr Gefhl in
Geselligkeit, schleifen es ab in Vertraulichkeiten, sie haben von Liebe
viel gehrt und gelesen und wissen, da sie ein gemeinsames Schicksal
ist. Sie spielen damit, wie mit einem Spielzeug, sie prahlen damit, wie
Knaben mit ihrer ersten Zigarette. Aber ich, ich hatte ja niemand, um
mich anzuvertrauen, war von keinem belehrt und gewarnt, war unerfahren
und ahnungslos: ich strzte hinein in mein Schicksal wie in einen
Abgrund. Alles, was in mir wuchs und aufbrach, wute nur Dich, den Traum
von Dir, als Vertrauten: mein Vater war lngst gestorben, die
Mutter mir fremd in ihrer ewig unheiteren Bedrcktheit und
Pensionistenngstlichkeit, die halbverdorbenen Schulmdchen stieen mich
ab, weil sie so leichtfertig mit dem spielten, was mir letzte
Leidenschaft war -- so warf ich alles, was sich sonst zersplittert und
verteilt, warf ich mein ganzes zusammengepretes und immer wieder
ungeduldig aufquellendes Wesen Dir entgegen. Du warst mir -- wie soll
ich es Dir sagen? jeder einzelne Vergleich ist zu gering, -- Du warst
eben alles, mein ganzes Leben. Alles existierte nur insofern, als es
Bezug hatte auf Dich, alles in meiner Existenz hatte nur Sinn, wenn es
mit Dir verbunden war. Du verwandeltest mein ganzes Leben. Bisher
gleichgltig und mittelmig in der Schule, wurde ich pltzlich die
Erste, ich las tausend Bcher bis tief in die Nacht, weil ich wute, da
Du die Bcher liebtest, ich begann, zum Erstaunen meiner Mutter,
pltzlich mit fast strrischer Beharrlichkeit Klavier zu ben, weil ich
glaubte, Du liebtest Musik. Ich putzte und nhte an meinen Kleidern, nur
um gefllig und proper vor Dir auszusehen, und da ich an meiner alten
Schulschrze (sie war ein zugeschnittenes Hauskleid meiner Mutter) links
einen eingesetzten viereckigen Fleck hatte, war mir entsetzlich. Ich
frchtete, Du knntest ihn bemerken und mich verachten; darum drckte
ich immer die Schultasche darauf, wenn ich die Treppen hinauflief,
zitternd vor Angst, Du wrdest ihn sehen. Aber wie tricht war das: Du
hast mich ja nie, fast nie mehr angesehen.

Und doch: ich tat eigentlich den ganzen Tag nichts als auf Dich warten
und Dich belauern. An unserer Tr war ein kleines messingenes Guckloch,
durch dessen kreisrunden Ausschnitt man hinber auf Deine Tr sehen
konnte. Dieses Guckloch -- nein, lchle nicht, Geliebter, noch heute,
noch heute schme ich mich jener Stunden nicht! -- war mein Auge in die
Welt hinaus, dort, im eiskalten Vorzimmer, scheu vor dem Argwohn der
Mutter, sa ich in jenen Monaten und Jahren, ein Buch in der Hand, ganze
Nachmittage auf der Lauer, gespannt wie eine Saite und klingend, wenn
Deine Gegenwart sie berhrte. Ich war immer um Dich, immer in Spannung
und Bewegung; aber Du konntest es so wenig fhlen wie die Spannung der
Uhrfeder, die Du in der Tasche trgst und die geduldig im Dunkel Deine
Stunden zhlt und mit, Deine Wege mit unhrbarem Herzpochen begleitet
und auf die nur einmal in Millionen tickender Sekunden Dein hastiger
Blick fllt. Ich wute alles von Dir, kannte jede Deiner Gewohnheiten,
jede Deiner Krawatten, jeden Deiner Anzge, ich kannte und unterschied
bald Deine einzelnen Bekannten und teilte sie in solche, die mir lieb
und solche, die mir widrig waren: von meinem dreizehnten bis zu meinem
sechzehnten Jahre habe ich jede Stunde in Dir gelebt. Ach, was fr
Torheiten habe ich begangen! Ich kte die Trklinke, die Deine Hand
berhrt hatte, ich stahl einen Zigarrenstummel, den Du vor dem Eintreten
weggeworfen hattest, und er war mir heilig, weil Deine Lippen daran
gerhrt. Hundertmal lief ich abends unter irgendeinem Vorwand hinab auf
die Gasse, um zu sehen, in welchem Deiner Zimmer Licht brenne und so
Deine Gegenwart, Deine unsichtbare, wissender zu fhlen. Und in den
Wochen, wo Du verreist warst -- mir stockte immer das Herz vor Angst,
wenn ich den guten Johann Deine gelbe Reisetasche hinabtragen sah --, in
diesen Wochen war mein Leben tot und ohne Sinn. Mrrisch, gelangweilt,
bse ging ich herum und mute nur immer achtgeben, da die Mutter an
meinen verweinten Augen nicht meine Verzweiflung merke.

Ich wei, das sind alles groteske berschwnge, kindische Torheiten, die
ich Dir da erzhle. Ich sollte mich ihrer schmen, aber ich schme mich
nicht, denn nie war meine Liebe zu Dir reiner und leidenschaftlicher als
in diesen kindlichen Exzessen. Stundenlang, tagelang knnte ich Dir
erzhlen, wie ich damals mit Dir gelebt, der Du mich kaum von Angesicht
kanntest, denn begegnete ich Dir auf der Treppe und gab es kein
Ausweichen, so lief ich, aus Furcht vor Deinem brennenden Blick, mit
gesenktem Kopf an Dir vorbei wie einer, der ins Wasser strzt, nur da
mich das Feuer nicht versenge. Stundenlang, tagelang knnte ich Dir von
jenen Dir lngst entschwundenen Jahren erzhlen, den ganzen Kalender
Deines Lebens aufrollen; aber ich will Dich nicht langweilen, will Dich
nicht qulen. Nur das schnste Erlebnis meiner Kindheit will ich Dir
noch anvertrauen, und ich bitte Dich, nicht zu spotten, weil es ein so
Geringes ist, denn mir, dem Kinde, war es eine Unendlichkeit. An einem
Sonntag mu es gewesen sein, Du warst verreist, und Dein Diener
schleppte die schweren Teppiche, die er geklopft hatte, durch die offene
Wohnungstr. Er trug schwer daran, der Gute, und in einem Anfall von
Verwegenheit ging ich zu ihm und fragte, ob ich ihm nicht helfen knnte.
Er war erstaunt, aber lie mich gewhren, und so sah ich -- vermchte
ich Dirs doch nur zu sagen, mit welcher ehrfrchtigen, ja frommen
Verehrung! -- Deine Wohnung von innen, Deine Welt, den Schreibtisch, an
dem Du zu sitzen pflegtest und auf dem in einer blauen Kristallvase ein
paar Blumen standen, Deine Schrnke, Deine Bilder, Deine Bcher. Nur ein
flchtiger, diebischer Blick war es in Dein Leben, denn Johann, der
Getreue, htte mir gewi genaue Betrachtung gewehrt, aber ich sog mit
diesem einen Blick die ganze Atmosphre ein und hatte Nahrung fr meine
unendlichen Trume von Dir im Wachen und Schlaf.

Dies, diese rasche Minute, sie war die glcklichste meiner Kindheit. Sie
wollte ich Dir erzhlen, damit Du, der Du mich nicht kennst, endlich zu
ahnen beginnst, wie ein Leben an Dir hing und verging. Sie wollte ich
Dir erzhlen und jene andere noch, die frchterlichste Stunde, die jener
leider so nachbarlich war. Ich hatte -- ich sagte es Dir ja schon -- um
Deinetwillen an alles vergessen, ich hatte auf meine Mutter nicht acht
und kmmerte mich um niemanden. Ich merkte nicht, da ein lterer Herr,
ein Kaufmann aus Innsbruck, der mit meiner Mutter entfernt verschwgert
war, fter kam und lnger blieb, ja, es war mir nur angenehm, denn er
fhrte Mama manchmal in das Theater, und ich konnte allein bleiben, an
Dich denken, auf Dich lauern, was ja meine hchste, meine einzige
Seligkeit war. Eines Tages nun rief mich die Mutter mit einer gewissen
Umstndlichkeit in ihr Zimmer; sie htte ernst mit mir zu sprechen. Ich
wurde bla und hrte mein Herz pltzlich hmmern: sollte sie etwas
geahnt, etwas erraten haben? Mein erster Gedanke warst Du, das
Geheimnis, das mich mit der Welt verband. Aber die Mutter war selbst
verlegen, sie kte mich (was sie sonst nie tat) zrtlich ein- und
zweimal, zog mich auf das Sofa zu sich und begann dann zgernd und
verschmt zu erzhlen, ihr Verwandter, der Witwer sei, habe ihr einen
Heiratsantrag gemacht, und sie sei, hauptschlich um meinetwillen,
entschlossen, ihn anzunehmen. Heier stieg mir das Blut zum Herzen: nur
ein Gedanke antwortete von innen, der Gedanke an Dich. Aber wir bleiben
doch hier? konnte ich gerade noch stammeln. Nein, wir ziehen nach
Innsbruck, dort hat Ferdinand eine schne Villa. Mehr hrte ich nicht.
Mir ward schwarz vor den Augen. Spter wute ich, da ich in Ohnmacht
gefallen war; ich sei, hrte ich die Mutter dem Stiefvater leise
erzhlen, der hinter der Tr gewartet hatte, pltzlich mit
aufgespreizten Hnden zurckgefahren und dann hingestrzt wie ein
Klumpen Blei. Was dann in den nchsten Tagen geschah, wie ich mich, ein
machtloses Kind, wehrte gegen ihren bermchtigen Willen, das kann ich
Dir nicht schildern: noch jetzt zittert mir, da ich daran denke, die
Hand im Schreiben. Mein wirkliches Geheimnis konnte ich nicht verraten,
so schien meine Gegenwehr blo Starrsinn, Bosheit und Trotz. Niemand
sprach mehr mit mir, alles geschah hinterrcks. Man nutzte die Stunden,
da ich in der Schule war, um die bersiedlung zu frdern: kam ich dann
nach Hause, so war immer wieder ein anderes Stck verrumt oder
verkauft. Ich sah, wie die Wohnung und damit mein Leben verfiel, und
einmal, als ich zum Mittagessen kam, waren die Mbelpacker dagewesen und
hatten alles weggeschleppt. In den leeren Zimmern standen die gepackten
Koffer und zwei Feldbetten fr die Mutter und mich: da sollten wir noch
eine Nacht schlafen, die letzte, und morgen nach Innsbruck reisen.

An diesem letzten Tage fhlte ich mit pltzlicher Entschlossenheit, da
ich nicht leben konnte ohne Deine Nhe. Ich wute keine andere Rettung
als Dich. Wie ich mirs dachte und ob ich berhaupt klar in diesen
Stunden der Verzweiflung zu denken vermochte, das werde ich nie sagen
knnen, aber pltzlich -- die Mutter war fort -- stand ich auf im
Schulkleid, wie ich war, und ging hinber zu Dir. Nein, ich ging nicht:
es stie mich mit steifen Beinen, mit zitternden Gelenken magnetisch
fort zu Deiner Tr. Ich sagte Dir schon, ich wute nicht deutlich, was
ich wollte: Dir zu Fen fallen und Dich bitten, mich zu behalten als
Magd, als Sklavin, und ich frchte, Du wirst lcheln ber diesen
unschuldigen Fanatismus einer Fnfzehnjhrigen, aber, -- Geliebter, Du
wrdest nicht mehr lcheln, wtest Du, wie ich damals drauen im
eiskalten Gange stand, starr vor Angst und doch vorwrts gestoen von
einer unfabaren Macht, und wie ich den Arm, den zitternden, mir
gewissermaen vom Leib losri, da er sich hob und -- es war ein Kampf
durch die Ewigkeit entsetzlicher Sekunden -- den Finger auf den Knopf
der Trklinke drckte. Noch heute gellts mir im Ohr, dies schrille
Klingelzeichen, und dann die Stille danach, wo mir das Herz stillstand,
wo mein ganzes Blut anhielt und nur lauschte, ob Du kmest.

Aber Du kamst nicht. Niemand kam. Du warst offenbar fort an jenem
Nachmittage und Johann auf Besorgung; so tappte ich, den toten Ton der
Klingel im drhnenden Ohr, in unsere zerstrte, ausgerumte Wohnung
zurck und warf mich erschpft auf einen Plaid, mde von den vier
Schritten, als ob ich stundenlang durch tiefen Schnee gegangen sei. Aber
unter dieser Erschpfung glhte noch unverlscht die Entschlossenheit,
Dich zu sehen, Dich zu sprechen, ehe sie mich wegrissen. Es war, ich
schwre es Dir, kein sinnlicher Gedanke dabei, ich war noch unwissend,
eben weil ich an nichts dachte als an Dich: nur sehen wollte ich Dich,
einmal noch sehen, mich anklammern an Dich. Die ganze Nacht, die ganze
lange, entsetzliche Nacht, habe ich dann, Geliebter, auf Dich gewartet.
Kaum da die Mutter sich in ihr Bett gelegt hatte und eingeschlafen war,
schlich ich in das Vorzimmer hinaus, um zu horchen, wann Du nach Hause
kmest. Die ganze Nacht habe ich gewartet, und es war eine eisige
Januarnacht. Ich war mde, meine Glieder schmerzten mich, und es war
kein Sessel mehr, mich hinzusetzen: so legte ich mich flach auf den
kalten Boden, ber den der Zug von der Tr hinstrich. Nur in meinem
dnnen Kleide lag ich auf dem schmerzenden kalten Boden, denn ich nahm
keine Decke; ich wollte es nicht warm haben, aus Furcht, einzuschlafen
und Deinen Schritt zu berhren. Es tat weh, meine Fe prete ich im
Krampfe zusammen, meine Arme zitterten: ich mute immer wieder
aufstehen, so kalt war es im entsetzlichen Dunkel. Aber ich wartete,
wartete, wartete auf Dich wie auf mein Schicksal.

Endlich -- es mu schon zwei oder drei Uhr morgens gewesen sein -- hrte
ich unten das Haustor aufsperren und dann Schritte die Treppe hinauf.
Wie abgesprungen war die Klte von mir, hei berflogs mich, leise
machte ich die Tr auf, um Dir entgegenzustrzen, Dir zu Fen zu fallen
... Ach, ich wei ja nicht, was ich trichtes Kind damals getan htte.
Die Schritte kamen nher, Kerzenlicht flackte herauf. Zitternd hielt ich
die Klinke. Warst Du es, der da kam?

Ja, Du warst es, Geliebter -- aber Du warst nicht allein. Ich hrte ein
leises, kitzliches Lachen, irgendein streifendes seidenes Kleid und
leise Deine Stimme -- Du kamst mit einer Frau nach Hause ...

Wie ich diese Nacht berleben konnte, wei ich nicht. Am nchsten
Morgen, um acht Uhr, schleppten sie mich nach Innsbruck; ich hatte keine
Kraft mehr, mich zu wehren.

                   *       *       *       *       *

Mein Kind ist gestern nacht gestorben -- nun werde ich wieder allein
sein, wenn ich wirklich weiterleben mu. Morgen werden sie kommen,
fremde, schwarze, ungeschlachte Mnner, und einen Sarg bringen, werden
es hineinlegen, mein armes, mein einziges Kind. Vielleicht kommen auch
Freunde und bringen Krnze, aber was sind Blumen auf einem Sarg? Sie
werden mich trsten und mir irgendwelche Worte sagen, Worte, Worte; aber
was knnen sie mir helfen? Ich wei, ich mu dann doch wieder allein
sein. Und es gibt nichts Entsetzlicheres, als Alleinsein unter den
Menschen. Damals habe ich es erfahren, damals in jenen unendlichen zwei
Jahren in Innsbruck, jenen Jahren von meinem sechzehnten bis zu meinem
achtzehnten, wo ich wie eine Gefangene, eine Verstoene zwischen meiner
Familie lebte. Der Stiefvater, ein sehr ruhiger, wortkarger Mann, war
gut zu mir, meine Mutter schien, wie um ein unbewutes Unrecht zu
shnen, allen meinen Wnschen bereit, junge Menschen bemhten sich um
mich, aber ich stie sie alle in einem leidenschaftlichen Trotz zurck.
Ich wollte nicht glcklich, nicht zufrieden leben abseits von Dir, ich
grub mich selbst in eine finstere Welt von Selbstqual und Einsamkeit.
Die neuen, bunten Kleider, die sie mir kauften, zog ich nicht an, ich
weigerte mich, in Konzerte, in Theater zu gehen oder Ausflge in
heiterer Gesellschaft mitzumachen. Kaum da ich je die Gasse betrat:
wrdest Du es glauben, Geliebter, da ich von dieser kleinen Stadt, in
der ich zwei Jahre gelebt, keine zehn Straen kenne? Ich trauerte und
ich wollte trauern, ich berauschte mich an jeder Entbehrung, die ich mir
zu der Deines Anblicks noch auferlegte. Und dann: ich wollte mich nicht
ablenken lassen von meiner Leidenschaft, nur in Dir zu leben. Ich sa
allein zu Hause, stundenlang, tagelang, und tat nichts, als an Dich zu
denken, immer wieder, immer wieder die hundert kleinen Erinnerungen an
Dich, jede Begegnung, jedes Warten, mir zu erneuern, mir diese kleinen
Episoden vorzuspielen wie im Theater. Und darum, weil ich jede der
Sekunden von einst mir unzhligemale wiederholte, ist auch meine ganze
Kindheit mir in so brennender Erinnerung geblieben, da ich jede Minute
jener vergangenen Jahre so hei und springend fhle, als wre sie
gestern durch mein Blut gefahren.

Nur in Dir habe ich damals gelebt. Ich kaufte mir alle Deine Bcher;
wenn Dein Name in der Zeitung stand, war es ein festlicher Tag. Willst
Du es glauben, da ich jede Zeile aus Deinen Bchern auswendig kann, so
oft habe ich sie gelesen? Wrde mich einer nachts aus dem Schlaf
aufwecken und eine losgerissene Zeile aus ihnen mir vorsprechen, ich
knnte sie heute noch, heute noch nach dreizehn Jahren, weitersprechen
wie im Traum: so war jedes Wort von Dir mir Evangelium und Gebet. Die
ganze Welt, sie existierte nur in Beziehung auf Dich: ich las in den
Wiener Zeitungen die Konzerte, die Premieren nach nur mit dem Gedanken,
welche Dich davon interessieren mchte, und wenn es Abend wurde,
begleitete ich Dich von ferne: jetzt tritt er in den Saal, jetzt setzt
er sich nieder. Tausendmal trumte ich das, weil ich Dich ein einziges
Mal in einem Konzert gesehen.

Aber wozu all dies erzhlen, diesen rasenden, gegen sich selbst
wtenden, diesen so tragischen hoffnungslosen Fanatismus eines
verlassenen Kindes, wozu es einem erzhlen, der es nie geahnt, der es
nie gewut? Doch war ich damals wirklich noch ein Kind? Ich wurde
siebzehn, wurde achtzehn Jahre -- die jungen Leute begannen sich auf der
Strae nach mir umzublicken, doch sie erbitterten mich nur. Denn Liebe
oder auch nur ein Spiel mit Liebe im Gedanken an jemanden andern als an
Dich, das war mir so unerfindlich, so unausdenklich fremd, ja die
Versuchung schon wre mir als ein Verbrechen erschienen. Meine
Leidenschaft zu Dir blieb dieselbe, nur da sie anders ward mit meinem
Krper, mit meinen wacheren Sinnen, glhender, krperlicher,
frauenhafter. Und was das Kind in seinem dumpfen unbelehrten Willen, das
Kind, das damals die Klingel Deiner Tre zog, nicht ahnen konnte, das
war jetzt mein einziger Gedanke: mich Dir zu schenken, mich Dir
hinzugeben.

Die Menschen um mich vermeinten mich scheu, nannten mich schchtern (ich
hatte mein Geheimnis verbissen hinter den Zhnen). Aber in mir wuchs ein
eiserner Wille. Mein ganzes Denken und Trachten war in eine Richtung
gespannt: zurck nach Wien, zurck zu Dir. Und ich erzwang meinen
Willen, so unsinnig, so unbegreiflich er den andern scheinen mochte.
Mein Stiefvater war vermgend, er betrachtete mich als sein eigenes
Kind. Aber ich drang in erbittertem Starrsinn darauf, ich wolle mir mein
Geld selbst verdienen und erreichte es endlich, da ich in Wien zu einem
Verwandten als Angestellte eines groen Konfektionsgeschftes kam.

Mu ich Dir sagen, wohin mein erster Weg ging, als ich an einem nebligen
Herbstabend -- endlich! endlich! -- in Wien ankam? Ich lie die Koffer
an der Bahn, strzte mich in eine Straenbahn -- wie langsam schien sie
mir zu fahren, jede Haltestelle erbitterte mich -- und lief vor das
Haus. Deine Fenster waren erleuchtet, mein ganzes Herz klang. Nun erst
lebte die Stadt, die mich so fremd, so sinnlos umbraust hatte, nun erst
lebte ich wieder, da ich Dich nahe ahnte, Dich, meinen ewigen Traum. Ich
ahnte ja nicht, da ich in Wirklichkeit Deinem Bewutsein ebenso ferne
war hinter Tlern, Bergen und Flssen als nun, da nur die dnne
leuchtende Glasscheibe Deines Fensters zwischen Dir war und meinem
aufstrahlenden Blick. Ich sah nur empor und empor: da war Licht, da war
das Haus, da warst Du, da war meine Welt. Zwei Jahre hatte ich von
dieser Stunde getrumt, nun war sie mir geschenkt. Ich stand den langen,
weichen, verhangenen Abend vor Deinen Fenstern, bis das Licht erlosch.
Dann suchte ich erst mein Heim.

Jeden Abend stand ich dann so vor Deinem Haus. Bis sechs Uhr hatte ich
Dienst im Geschft, harten, anstrengenden Dienst, aber er war mir lieb,
denn diese Unruhe lie mich die eigene nicht so schmerzhaft fhlen. Und
geradeswegs, sobald die eisernen Rollbalken hinter mir niederdrhnten,
lief ich zu dem geliebten Ziel. Nur Dich einmal sehen, nur einmal Dir
begegnen, das war mein einziger Wille, nur wieder einmal mit dem Blick
Dein Gesicht umfassen drfen von ferne. Etwa nach einer Woche geschahs
dann endlich, da ich Dir begegnete, und zwar gerade in einem
Augenblick, wo ichs nicht vermutete: whrend ich eben hinauf zu Deinen
Fenstern sphte, kamst Du quer ber die Strae. Und pltzlich war ich
wieder das Kind, das dreizehnjhrige, ich fhlte, wie das Blut mir in
die Wangen scho; unwillkrlich, wider meinen innersten Drang, der sich
sehnte, Deine Augen zu fhlen, senkte ich den Kopf und lief blitzschnell
wie gehetzt an Dir vorbei. Nachher schmte ich mich dieser
schulmdelhaften scheuen Flucht, denn jetzt war mein Wille mir doch
klar: ich wollte Dir ja begegnen, ich suchte Dich, ich wollte von Dir
erkannt sein nach all den sehnschtig verdmmerten Jahren, wollte von
Dir beachtet, wollte von Dir geliebt sein.

Aber Du bemerktest mich lange nicht, obzwar ich jeden Abend, auch bei
Schneegestber und in dem scharfen, schneidenden Wiener Wind in Deiner
Gasse stand. Oft wartete ich stundenlang vergebens, oft gingst Du dann
endlich vom Hause in Begleitung von Bekannten fort, zweimal sah ich Dich
auch mit Frauen, und nun empfand ich mein Erwachsensein, empfand das
Neue, Andere meines Gefhls zu Dir an dem pltzlichen Herzzucken, das
mir quer die Seele zerri, als ich eine fremde Frau so sicher Arm in Arm
mit Dir hingehen sah. Ich war nicht berrascht, ich kannte ja diese
Deine ewigen Besucherinnen aus meinen Kindertagen schon, aber jetzt tat
es mit einmal irgendwie krperlich weh, etwas spannte sich in mir,
gleichzeitig feindlich und mitverlangend gegen diese offensichtliche,
diese fleischliche Vertrautheit mit einer anderen. Einen Tag blieb ich,
kindlich stolz wie ich war und vielleicht jetzt noch geblieben bin, von
Deinem Hause weg: aber wie entsetzlich war dieser leere Abend des
Trotzes und der Auflehnung. Am nchsten Abend stand ich schon wieder
demtig vor Deinem Hause wartend, wartend, wie ich mein ganzes Schicksal
lang vor Deinem verschlossenen Leben gestanden bin.

Und endlich, an einem Abend bemerktest Du mich. Ich hatte Dich schon von
ferne kommen sehen und straffte meinen Willen zusammen, Dir nicht
auszuweichen. Der Zufall wollte, da durch einen abzuladenden Wagen die
Strae verengert war und Du ganz an mir vorbei mutest. Unwillkrlich
streifte mich Dein zerstreuter Blick, um sofort, kaum da er der
Aufmerksamkeit des meinen begegnete -- wie erschrak die Erinnerung in
mir! -- jener Dein Frauenblick, jener zrtliche, hllende und
gleichzeitig enthllende, jener umfangende und schon fassende Blick zu
werden, der mich, das Kind, zum erstenmal zur Frau, zur Liebenden
erweckt. Ein, zwei Sekunden lang hielt dieser Blick so den meinen, der
sich nicht wegreien konnte und wollte, -- dann warst Du an mir vorbei.
Mir schlug das Herz: unwillkrlich mute ich meinen Schritt
verlangsamen, und wie ich aus einer nicht zu bezwingenden Neugier mich
umwandte, sah ich, da Du stehengeblieben warst und mir nachsahst. Und
an der Art, wie Du neugierig interessiert mich beobachtetest, wute ich
sofort: Du erkanntest mich nicht.

Du erkanntest mich nicht, damals nicht, nie, nie hast Du mich erkannt.
Wie soll ich Dir, Geliebter, die Enttuschung jener Sekunde schildern --
damals war es ja das erstemal, da ichs erlitt, dies Schicksal, von Dir
nicht erkannt zu sein, das ich ein Leben durchlebt habe, und mit dem ich
sterbe; unerkannt, immer noch unerkannt von Dir. Wie soll ich sie Dir
schildern, diese Enttuschung! Denn sieh, in diesen zwei Jahren in
Innsbruck, wo ich jede Stunde an Dich dachte und nichts tat, als mir
unsere erste Wiederbegegnung in Wien auszudenken, da hatte ich die
wildesten Mglichkeiten neben den seligsten, je nach dem Zustand meiner
Laune, ausgetrumt. Alles war, wenn ich so sagen darf, durchgetrumt;
ich hatte mir in finstern Momenten vorgestellt, Du wrdest mich
zurckstoen, wrdest mich verachten, weil ich zu gering, zu hlich, zu
aufdringlich sei. Alle Formen Deiner Migunst, Deiner Klte,
Deiner Gleichgltigkeit, sie alle hatte ich durchgewandelt in
leidenschaftlichen Visionen -- aber dies, dies eine hatte ich in keiner
finstern Regung des Gemts, nicht im uersten Bewutsein meiner
Minderwertigkeit in Betracht zu ziehen gewagt, dies Entsetzlichste: da
Du berhaupt von meiner Existenz nichts bemerkt hattest. Heute verstehe
ich es ja -- ach, Du hast michs verstehen gelehrt! -- da das Gesicht
eines Mdchens, einer Frau etwas ungemein Wandelhaftes sein mu fr
einen Mann, weil es meist nur Spiegel ist, bald einer Leidenschaft, bald
einer Kindlichkeit, bald eines Mdeseins, und so leicht verfliet wie
ein Bildnis im Spiegel, da also ein Mann leichter das Antlitz einer
Frau verlieren kann, weil das Alter darin durchwandelt mit Schatten und
Licht, weil die Kleidung es von einemmal zum andern anders rahmt. Die
Resignierten, sie sind ja erst die wahren Wissenden. Aber ich, das
Mdchen von damals, ich konnte Deine Vergelichkeit noch nicht fassen,
denn irgendwie war aus meiner malosen, unaufhrlichen Beschftigung mit
Dir der Wahn in mich gefahren, auch Du mtest meiner oft gedenken und
auf mich warten; wie htte ich auch nur atmen knnen mit der Gewiheit,
ich sei Dir nichts, nie rhre ein Erinnern an mich Dich leise an! Und
dies Erwachen vor Deinem Blick, der mir zeigte, da nichts in Dir mich
mehr kannte, kein Spinnfaden Erinnerung von Deinem Leben hinreiche zu
meinem, das war ein erster Sturz hinab in die Wirklichkeit, eine erste
Ahnung meines Schicksals.

Du erkanntest mich nicht damals. Und als zwei Tage spter Dein Blick mit
einer gewissen Vertrautheit bei erneuter Begegnung mich umfing, da
erkanntest Du mich wiederum nicht als die, die Dich geliebt und die Du
erweckt, sondern blo als das hbsche achtzehnjhrige Mdchen, das Dir
vor zwei Tagen an der gleichen Stelle entgegengetreten. Du sahst mich
freundlich berrascht an, ein leichtes Lcheln umspielte Deinen Mund.
Wieder gingst Du an mir vorbei und wieder den Schritt sofort
verlangsamend: ich zitterte, ich jauchzte, ich betete, Du wrdest mich
ansprechen. Ich fhlte, da ich zum erstenmal fr Dich lebendig war:
auch ich verlangsamte den Schritt, ich wich Dir nicht aus. Und pltzlich
sprte ich Dich hinter mir, ohne mich umzuwenden, ich wute, nun wrde
ich zum erstenmal Deine geliebte Stimme an mich gerichtet hren. Wie
eine Lhmung war die Erwartung in mir, schon frchtete ich stehenbleiben
zu mssen, so hmmerte mir das Herz -- da tratest Du an meine Seite. Du
sprachst mich an mit Deiner leichten heitern Art, als wren wir lange
befreundet -- ach, Du ahntest mich ja nicht, nie hast Du etwas von
meinem Leben geahnt! -- so zauberhaft unbefangen sprachst Du mich an,
da ich Dir sogar zu antworten vermochte. Wir gingen zusammen die ganze
Gasse entlang. Dann fragtest Du mich, ob wir gemeinsam speisen wollten.
Ich sagte ja. Was htte ich Dir gewagt zu verneinen?

Wir speisten zusammen in einem kleinen Restaurant -- weit Du noch, wo
es war? Ach nein, Du unterscheidest es gewi nicht mehr von andern
solchen Abenden, denn wer war ich Dir? Eine unter Hunderten, ein
Abenteuer in einer ewig fortgeknpften Kette. Was sollte Dich auch an
mich erinnern: ich sprach ja wenig, weil es mir so unendlich beglckend
war, Dich nahe zu haben, Dich zu mir sprechen zu hren. Keinen
Augenblick davon wollte ich durch eine Frage, durch ein trichtes Wort
vergeuden. Nie werde ich Dir von dieser Stunde dankbar vergessen, wie
voll Du meine leidenschaftliche Ehrfurcht erflltest, wie zart, wie
leicht, wie taktvoll Du warst, ganz ohne Zudringlichkeit, ganz ohne jene
eiligen karessanten Zrtlichkeiten, und vom ersten Augenblick von einer
so sicheren freundschaftlichen Vertrautheit, da Du mich auch gewonnen
httest, wre ich nicht schon lngst mit meinem ganzen Willen und Wesen
Dein gewesen. Ach, Du weit ja nicht, ein wie Ungeheures Du erflltest,
indem Du mir fnf Jahre kindischer Erwartung nicht enttuschtest!

Es wurde spt, wir brachen auf. An der Tr des Restaurants fragtest Du
mich, ob ich eilig wre oder noch Zeit htte. Wie htte ichs
verschweigen knnen, da ich Dir bereit sei! Ich sagte, ich htte noch
Zeit. Dann fragtest Du, ein leises Zgern rasch berspringend, ob ich
nicht noch ein wenig zu Dir kommen wollte, um zu plaudern. Gerne,
sagte ich ganz aus der Selbstverstndlichkeit meines Fhlens heraus und
merkte sofort, da Du von der Raschheit meiner Zusage irgendwie peinlich
oder freudig berhrt warst, jedenfalls aber sichtlich berrascht. Heute
verstehe ich ja dies Dein Erstaunen; ich wei, es ist bei Frauen blich,
auch wenn das Verlangen nach Hingabe in einer brennend ist, diese
Bereitschaft zu verleugnen, ein Erschrecken vorzutuschen oder eine
Entrstung, die durch eindringliche Bitte, durch Lgen, Schwre und
Versprechen erst beschwichtigt sein will. Ich wei, da vielleicht nur
die Professionellen der Liebe, die Dirnen, eine solche Einladung mit
einer so vollen freudigen Zustimmung beantworten, oder ganz naive, ganz
halbwchsige Kinder. In mir aber war es -- und wie konntest Du das ahnen
-- nur der wortgewordene Wille, die geballt vorbrechende Sehnsucht von
tausend einzelnen Tagen. Jedenfalls aber: Du warst frappiert, ich begann
Dich zu interessieren. Ich sprte, da Du, whrend wir gingen, von der
Seite her whrend des Gesprches mich irgendwie erstaunt mustertest.
Dein Gefhl, Dein in allem Menschlichen so magisch sicheres Gefhl
witterte hier sogleich ein Ungewhnliches, ein Geheimnis in diesem
hbschen zutunlichen Mdchen. Der Neugierige in Dir war wach, und ich
merkte aus der umkreisenden, sprenden Art der Fragen, wie Du nach dem
Geheimnis tasten wolltest. Aber ich wich Dir aus: ich wollte lieber
tricht erscheinen als Dir mein Geheimnis verraten.

Wir gingen zu Dir hinauf. Verzeih, Geliebter, wenn ich Dir sage, da Du
es nicht verstehen kannst, was dieser Gang, diese Treppe fr mich waren,
welcher Taumel, welche Verwirrung, welch ein rasendes, qulendes, fast
tdliches Glck. Jetzt noch kann ich kaum ohne Trnen daran denken, und
ich habe keine mehr. Aber fhl es nur aus, da jeder Gegenstand dort
gleichsam durchdrungen war von meiner Leidenschaft, jeder ein Symbol
meiner Kindheit, meiner Sehnsucht: das Tor, vor dem ich tausende Male
auf Dich gewartet, die Treppe, von der ich immer Deinen Schritt erhorcht
und wo ich Dich zum erstenmal gesehen, das Guckloch, aus dem ich mir die
Seele gespht, der Trvorleger vor Deiner Tr, auf dem ich einmal
gekniet, das Knacken des Schlssels, bei dem ich immer aufgesprungen von
meiner Lauer. Die ganze Kindheit, meine ganze Leidenschaft, da nistete
sie ja in diesen paar Metern Raum, hier war mein ganzes Leben, und jetzt
fiel es nieder auf mich wie ein Sturm, da alles, alles sich erfllte und
ich mit Dir ging, ich mit Dir, in Deinem, in unserem Hause. Bedenke --
es klingt ja banal, aber ich wei es nicht anders zu sagen --, da bis
zu Deiner Tr alles Wirklichkeit, dumpfe tgliche Welt ein Leben lang
gewesen war, und dort das Zauberreich des Kindes begann, Aladins Reich,
bedenke, da ich tausendmal mit brennenden Augen auf diese Tr gestarrt,
die ich jetzt taumelnd durchschritt, und Du wirst ahnen -- aber nur
ahnen, niemals ganz wissen, mein Geliebter! -- was diese strzende
Minute von meinem Leben wegtrug.

Ich blieb damals die ganze Nacht bei Dir. Du hast es nicht geahnt, da
vordem noch nie ein Mann mich berhrt, noch keiner meinen Krper gefhlt
oder gesehen. Aber wie konntest Du es auch ahnen, Geliebter, denn ich
bot Dir ja keinen Widerstand, ich unterdrckte jedes Zgern der Scham,
nur damit Du nicht das Geheimnis meiner Liebe zu Dir erraten knntest,
das Dich gewi erschreckt htte --, denn Du liebst ja nur das Leichte,
das Spielende, das Gewichtlose, Du hast Angst, in ein Schicksal
einzugreifen. Verschwenden willst Du Dich, Du, an alle, an die Welt, und
willst kein Opfer. Wenn ich Dir jetzt sage, Geliebter, da ich mich
jungfrulich Dir gab, so flehe ich Dich an: miversteh mich nicht! Ich
klage Dich ja nicht an, Du hast mich nicht gelockt, nicht belogen, nicht
verfhrt -- ich, ich selbst drngte zu Dir, warf mich an Deine Brust,
warf mich in mein Schicksal. Nie, nie werde ich Dich anklagen, nein, nur
immer Dir danken, denn wie reich, wie funkelnd von Lust, wie schwebend
von Seligkeit war fr mich diese Nacht. Wenn ich die Augen auftat im
Dunkeln und Dich fhlte an meiner Seite, wunderte ich mich, da nicht
die Sterne ber mir waren, so sehr fhlte ich Himmel -- nein, ich habe
niemals bereut, mein Geliebter, niemals um dieser Stunde willen. Ich
wei noch: als Du schliefst, als ich Deinen Atem hrte, Deinen Krper
fhlte und mich selbst Dir so nah, da habe ich im Dunkeln geweint vor
Glck.

Am Morgen drngte ich frhzeitig schon fort. Ich mute in das Geschft
und wollte auch gehen, ehe der Diener kme: er sollte mich nicht sehen.
Als ich angezogen vor Dir stand, nahmst Du mich in den Arm, sahst mich
lange an; war es ein Erinnern, dunkel und fern, das in Dir wogte, oder
schien ich Dir nur schn, beglckt, wie ich war? Dann ktest Du mich
auf den Mund. Ich machte mich leise los und wollte gehen. Da fragtest
Du: Willst Du nicht ein paar Blumen mitnehmen? Ich sagte ja. Du nahmst
vier weie Rosen aus der blauen Kristallvase am Schreibtisch (ach, ich
kannte sie von jenem einzigen diebischen Kindheitsblick) und gabst sie
mir. Tagelang habe ich sie noch gekt.

Wir hatten zuvor einen andern Abend verabredet. Ich kam, und wieder war
es wunderbar. Noch eine dritte Nacht hast Du mir geschenkt. Dann sagtest
Du, Du mtest verreisen, -- oh, wie hate ich diese Reisen von meiner
Kindheit her! -- und versprachst mir, mich sofort nach Deiner Rckkehr
zu verstndigen. Ich gab Dir eine _Poste restante_-Adresse -- meinen
Namen wollte ich Dir nicht sagen. Ich htete mein Geheimnis. Wieder
gabst Du mir ein paar Rosen zum Abschied -- zum Abschied.

Jeden Tag whrend zweier Monate fragte ich ... aber nein, wozu diese
Hllenqual der Erwartung, der Verzweiflung Dir schildern. Ich klage Dich
nicht an, ich liebe Dich als den, der Du bist, hei und vergelich,
hingebend und untreu, ich liebe Dich so, nur so, wie Du immer gewesen
und wie Du jetzt noch bist. Du warst lngst zurck, ich sah es an Deinen
erleuchteten Fenstern, und hast mir nicht geschrieben. Keine Zeile habe
ich von Dir in meinen letzten Stunden, keine Zeile von Dir, dem ich mein
Leben gegeben. Ich habe gewartet, ich habe gewartet wie eine
Verzweifelte. Aber Du hast mich nicht gerufen, keine Zeile hast Du mir
geschrieben ... keine Zeile ...

                   *       *       *       *       *

Mein Kind ist gestern gestorben -- es war auch Dein Kind. Es war auch
Dein Kind, Geliebter, das Kind einer jener drei Nchte, ich schwre es
Dir, und man lgt nicht im Schatten des Todes. Es war unser Kind, ich
schwre es Dir, denn kein Mann hat mich berhrt von jenen Stunden, da
ich mich Dir hingegeben, bis zu jenen andern, da es aus meinem Leib
gerungen wurde. Ich war mir heilig durch Deine Berhrung: wie htte ich
es vermocht, mich zu teilen an Dich, der mir alles gewesen, und an
andere, die an meinem Leben nur leise anstreiften? Es war unser Kind,
Geliebter, das Kind meiner wissenden Liebe und Deiner sorglosen,
verschwenderischen, fast unbewuten Zrtlichkeit, unser Kind, unser
Sohn, unser einziges Kind. Aber Du fragst nun -- vielleicht erschreckt,
vielleicht blo erstaunt --, Du fragst nun, mein Geliebter, warum ich
dies Kind Dir alle diese langen Jahre verschwiegen und erst heute von
ihm spreche, da es hier im Dunkel schlafend, fr immer schlafend, liegt,
schon bereit fortzugehen und nie mehr wiederzukehren, nie mehr! Doch wie
htte ich es Dir sagen knnen? Nie httest Du mir, der Fremden, der
allzu Bereitwilligen dreier Nchte, die sich ohne Widerstand, ja
begehrend, Dir aufgetan, nie httest Du ihr, der Namenlosen einer
flchtigen Begegnung, geglaubt, da sie Dir die Treue hielt, Dir, dem
Untreuen, -- nie ohne Mitrauen dies Kind als das Deine erkannt! Nie
httest Du, selbst wenn mein Wort Dir Wahrscheinlichkeit geboten, den
heimlichen Verdacht abtun knnen, ich versuchte, Dir, dem Begterten,
das Kind fremder Stunde unterzuschieben. Du httest mich beargwohnt, ein
Schatten wre geblieben, ein fliegender, scheuer Schatten von Mitrauen
zwischen Dir und mir. Das wollte ich nicht. Und dann, ich kenne Dich;
ich kenne Dich so gut, wie Du kaum selber Dich kennst, ich wei, es wre
Dir, der Du das Sorglose, das Leichte, das Spielende liebst in der
Liebe, peinlich gewesen, pltzlich Vater, pltzlich verantwortlich zu
sein fr ein Schicksal. Du httest Dich, Du, der Du nur in Freiheit
atmen kannst, Dich irgendwie verbunden gefhlt mit mir. Du httest mich
-- ja, ich wei es, da Du es getan httest, wider Deinen eigenen wachen
Willen --, Du httest mich gehat fr dieses Verbundensein. Vielleicht
nur stundenlang, vielleicht nur flchtige Minuten lang wre ich Dir
lstig gewesen, wre ich Dir verhat worden -- ich aber wollte in meinem
Stolze, Du solltest an mich ein Leben lang ohne Sorge denken. Lieber
wollte ich alles auf mich nehmen, als Dir eine Last werden, und einzig
die sein unter allen Deinen Frauen, an die Du immer mit Liebe, mit
Dankbarkeit denkst. Aber freilich, Du hast nie an mich gedacht, Du hast
mich vergessen.

Ich klage Dich nicht an, mein Geliebter, nein, ich klage Dich nicht an.
Verzeih mirs, wenn mir manchmal ein Tropfen Bitternis in die Feder
fliet, verzeih mirs -- mein Kind, unser Kind liegt ja da tot unter den
flackernden Kerzen; ich habe zu Gott die Fuste geballt und ihn Mrder
genannt, meine Sinne sind trb und verwirrt. Verzeih mir die Klage,
verzeihe sie mir! Ich wei ja, da Du gut bist und hilfreich im tiefsten
Herzen, Du hilfst jedem, hilfst auch dem Fremdesten, der Dich bittet.
Aber Deine Gte ist so sonderbar, sie ist eine, die offen liegt fr
jeden, da er nehmen kann soviel seine Hnde fassen, sie ist gro,
unendlich gro Deine Gte, aber sie ist -- verzeih mir -- sie ist trge.
Sie will gemahnt, will genommen sein. Du hilfst, wenn man Dich ruft,
Dich bittet, hilfst aus Scham, aus Schwche und nicht aus Freudigkeit.
Du hast -- la es Dir offen sagen -- den Menschen in Notdurft und Qual
nicht lieber, als den Bruder im Glck. Und Menschen, die so sind wie Du,
selbst die Gtigsten unter ihnen, sie bittet man schwer. Einmal, ich war
noch ein Kind, sah ich durch das Guckloch an der Tr, wie Du einem
Bettler, der bei Dir geklingelt hatte, etwas gabst. Du gabst ihm rasch
und sogar viel, noch ehe er Dich bat, aber Du reichtest es ihm mit einer
gewissen Angst und Hast hin, er mchte nur bald wieder fortgehen, es
war, als httest Du Furcht, ihm ins Auge zu sehen. Diese Deine unruhige,
scheue, vor der Dankbarkeit flchtende Art des Helfens habe ich nie
vergessen. Und deshalb habe ich mich nie an Dich gewandt. Gewi, ich
wei, Du httest mir damals zur Seite gestanden auch ohne die Gewiheit,
es sei Dein Kind, Du httest mich getrstet, mir Geld gegeben, reichlich
Geld, aber immer nur mit der geheimen Ungeduld, das Unbequeme von Dir
wegzuschieben; ja, ich glaube, Du httest mich sogar beredet, das Kind
vorzeitig abzutun. Und dies frchtete ich vor allem -- denn was htte
ich nicht getan, so Du es begehrtest, wie htte ich Dir etwas zu
verweigern vermocht! Aber dieses Kind war alles fr mich, war es doch
von Dir, nochmals Du, aber nun nicht mehr Du, der Glckliche, der
Sorglose, den ich nicht zu halten vermochte, sondern Du fr immer -- so
meinte ich -- mir gegeben, verhaftet in meinem Leibe, verbunden in
meinem Leben. Nun hatte ich Dich ja endlich gefangen, ich konnte Dich,
Dein Leben wachsen spren in meinen Adern, Dich nhren, Dich trnken,
Dich liebkosen, Dich kssen, wenn mir die Seele danach brannte. Siehst
Du, Geliebter, darum war ich so selig, als ich wute, da ich ein Kind
von Dir hatte, darum verschwieg ich Dirs: denn nun konntest Du mir nicht
mehr entfliehen.

Freilich, Geliebter, es waren nicht nur so selige Monate, wie ich sie
voraus fhlte in meinen Gedanken, es waren auch Monate voll von Grauen
und Qual, voll Ekel vor der Niedrigkeit der Menschen. Ich hatte es nicht
leicht. In das Geschft konnte ich whrend der letzten Monate nicht mehr
gehen, damit es den Verwandten nicht auffllig werde und sie nicht nach
Hause berichteten. Von der Mutter wollte ich kein Geld erbitten -- so
fristete ich mir mit dem Verkauf von dem bichen Schmuck, den ich hatte,
die Zeit bis zur Niederkunft. Eine Woche vorher wurden mir aus einem
Schranke von einer Wscherin die letzten paar Kronen gestohlen, so mute
ich in die Gebrklinik. Dort, wo nur die ganz Armen, die Ausgestoenen
und Vergessenen sich in ihrer Not hinschleppen, dort, mitten im Abhub
des Elends, dort ist das Kind, Dein Kind geboren worden. Es war zum
Sterben dort: fremd, fremd, fremd war alles, fremd wir einander, die wir
da lagen, einsam und voll Ha eine auf die andere, nur vom Elend, von
der gleichen Qual in diesen dumpfen, von Chloroform und Blut, von Schrei
und Sthnen vollgepreten Saal gestoen. Was die Armut an Erniedrigung,
an seelischer und krperlicher Schande zu ertragen hat, ich habe es dort
gelitten an dem Beisammensein mit Dirnen und mit Kranken, die aus der
Gemeinsamkeit des Schicksals eine Gemeinheit machten, an der Zynik der
jungen rzte, die mit einem ironischen Lcheln der Wehrlosen das Bettuch
aufstreiften und sie mit falscher Wissenschaftlichkeit antasteten, an
der Habsucht der Wrterinnen -- oh, dort wird die Scham eines Menschen
gekreuzigt mit Blicken und gegeielt mit Worten. Die Tafel mit Deinem
Namen, das allein bist dort noch Du, denn was im Bette liegt, ist blo
ein zuckendes Stck Fleisch, betastet von Neugierigen, ein Objekt der
Schau und des Studierens -- ah, sie wissen es nicht, die Frauen, die
ihrem Mann, dem zrtlich wartenden, in seinem Hause Kinder schenken, was
es heit, allein, wehrlos, gleichsam am Versuchstisch, ein Kind zu
gebren! Und lese ich noch heute in einem Buche das Wort Hlle, so denke
ich pltzlich wider meinen bewuten Willen an jenen vollgepfropften,
dnstenden, von Seufzer, Gelchter und blutigem Schrei erfllten Saal,
in dem ich gelitten habe, an dieses Schlachthaus der Scham.

Verzeih, verzeih mirs, da ich davon spreche. Aber nur dieses eine Mal
rede ich davon, nie mehr, nie mehr wieder. Elf Jahre habe ich
geschwiegen davon, und werde bald stumm sein in alle Ewigkeit: einmal
mute ichs ausschreien, einmal ausschreien, wie teuer ich es erkaufte,
dies Kind, das meine Seligkeit war und das nun dort ohne Atem liegt. Ich
hatte sie schon vergessen, diese Stunden, lngst vergessen im Lcheln,
in der Stimme des Kindes, in meiner Seligkeit; aber jetzt, da es tot
ist, wird die Qual wieder lebendig, und ich mute sie mir von der Seele
schreien, dieses eine, dieses eine Mal. Aber nicht Dich klage ich an,
nur Gott, nur Gott, der sie sinnlos machte, diese Qual. Nicht Dich klage
ich an, ich schwre es Dir, und nie habe ich mich im Zorn erhoben gegen
Dich. Selbst in der Stunde, da mein Leib sich krmmte in den Wehen, da
mein Krper vor Scham brannte unter den tastenden Blicken der Studenten,
selbst in der Sekunde, da der Schmerz mir die Seele zerri, habe ich
Dich nicht angeklagt vor Gott; nie habe ich jene Nchte bereut, nie
meine Liebe zu Dir gescholten, immer habe ich Dich geliebt, immer die
Stunde gesegnet, da Du mir begegnet bist. Und mte ich noch einmal
durch die Hlle jener Stunden und wte vordem, was mich erwartet, ich
tte es noch einmal, mein Geliebter, noch einmal und tausendmal!

                   *       *       *       *       *

Unser Kind ist gestern gestorben -- Du hast es nie gekannt. Niemals,
auch in der flchtigen Begegnung des Zufalles hat dies blhende, kleine
Wesen, Dein Wesen, im Vorbergehen Deinen Blick gestreift. Ich hielt
mich lange verborgen vor Dir, sobald ich dies Kind hatte; meine
Sehnsucht nach Dir war weniger schmerzhaft geworden, ja ich glaube, ich
liebte Dich weniger leidenschaftlich, zumindest litt ich nicht so an
meiner Liebe, seit es mir geschenkt war. Ich wollte mich nicht zerteilen
zwischen Dir und ihm; so gab ich mich nicht an Dich, den Glcklichen,
der an mir vorbeilebte, sondern an dies Kind, das mich brauchte, das ich
nhren mute, das ich kssen konnte und umfangen. Ich schien gerettet
vor meiner Unruhe nach Dir, meinem Verhngnis, gerettet durch dies Dein
anderes Du, das aber wahrhaft mein war -- selten nur mehr, ganz selten
drngte mein Gefhl sich demtig heran an Dein Haus. Nur eines tat ich:
zu Deinem Geburtstag sandte ich Dir immer ein Bndel weie Rosen, genau
dieselben, wie Du sie mir damals geschenkt nach unserer ersten
Liebesnacht. Hast Du je in diesen zehn, in diesen elf Jahren Dich
gefragt, wer sie sandte? Hast Du Dich vielleicht an die erinnert, der Du
einst solche Rosen geschenkt? Ich wei es nicht und werde Deine Antwort
nicht wissen. Nur aus dem Dunkel sie Dir hinzureichen, einmal im Jahre
die Erinnerung aufblhen zu lassen an jene Stunde -- das war mir genug.

Du hast es nie gekannt, unser armes Kind -- heute klage ich mich an, da
ich es Dir verbarg, denn Du httest es geliebt. Nie hast Du ihn gekannt,
den armen Knaben, nie ihn lcheln gesehen, wenn er leise die Lider
aufhob und dann mit seinen dunklen klugen Augen -- Deinen Augen! -- ein
helles, frohes Licht warf ber mich, ber die ganze Welt. Ach, er war so
heiter, so lieb: die ganze Leichtigkeit Deines Wesens war in ihm
kindlich wiederholt, Deine rasche, bewegte Phantasie in ihm erneuert:
stundenlang konnte er verliebt mit Dingen spielen, so wie Du mit dem
Leben spielst, und dann wieder ernst mit hochgezogenen Brauen vor seinen
Bchern sitzen. Er wurde immer mehr Du; schon begann sich auch in ihm
jene Zwiefltigkeit von Ernst und Spiel, die Dir eigen ist, sichtbar zu
entfalten, und je hnlicher er Dir ward, desto mehr liebte ich ihn. Er
hat gut gelernt, er plauderte Franzsisch wie eine kleine Elster, seine
Hefte waren die saubersten der Klasse, und wie hbsch war er dabei, wie
elegant in seinem schwarzen Samtkleid oder dem weien Matrosenjckchen.
Immer war er der Eleganteste von allen, wohin er auch kam; in Grado am
Strande, wenn ich mit ihm ging, blieben die Frauen stehen und
streichelten sein langes blondes Haar, auf dem Semmering, wenn er im
Schlitten fuhr, wandten sich bewundernd die Leute nach ihm um. Er war so
hbsch, so zart, so zutunlich: als er im letzten Jahre ins Internat des
Theresianums kam, trug er seine Uniform und den kleinen Degen wie ein
Page aus dem achtzehnten Jahrhundert -- nun hat er nichts als sein
Hemdchen an, der Arme, der dort liegt mit blassen Lippen und
eingefalteten Hnden.

Aber Du fragst mich vielleicht, wie ich das Kind so im Luxus erziehen
konnte, wie ich es vermochte, ihm dies helle, dies heitere Leben der
oberen Welt zu vergnnen. Liebster, ich spreche aus dem Dunkel zu Dir;
ich habe keine Scham, ich will es Dir sagen, aber erschrick nicht,
Geliebter -- ich habe mich verkauft. Ich wurde nicht gerade das, was man
ein Mdchen von der Strae nennt, eine Dirne, aber ich habe mich
verkauft. Ich hatte reiche Freunde, reiche Geliebte: zuerst suchte ich
sie, dann suchten sie mich, denn ich war -- hast Du es je bemerkt? --
sehr schn. Jeder, dem ich mich gab, gewann mich lieb, alle haben mir
gedankt, alle an mir gehangen, alle mich geliebt -- nur Du nicht, nur Du
nicht, mein Geliebter!

Verachtest Du mich nun, weil ich Dir es verriet, da ich mich verkauft
habe? Nein, ich wei, Du verachtest mich nicht, ich wei, Du verstehst
alles und wirst auch verstehen, da ich es nur fr Dich getan, fr Dein
anderes Ich, fr Dein Kind. Ich hatte einmal in jener Stube der
Gebrklinik an das Entsetzliche der Armut gerhrt, ich wute, da in
dieser Welt der Arme immer der Getretene, der Erniedrigte, das Opfer
ist, und ich wollte nicht, um keinen Preis, da Dein Kind, Dein helles,
schnes Kind da tief unten aufwachsen sollte im Abhub, im Dumpfen, im
Gemeinen der Gasse, in der verpesteten Luft eines Hinterhausraumes. Sein
zarter Mund sollte nicht die Sprache des Rinnsteins kennen, sein weier
Leib nicht die dumpfige, verkrmmte Wsche der Armut -- Dein Kind sollte
alles haben, allen Reichtum, alle Leichtigkeit der Erde, es sollte
wieder aufsteigen zu Dir, in Deine Sphre des Lebens.

Darum, nur darum, mein Geliebter, habe ich mich verkauft. Es war kein
Opfer fr mich, denn was man gemeinhin Ehre und Schande nennt, das war
mir wesenlos: Du liebtest mich nicht, Du, der Einzige, dem mein Leib
gehrte, so fhlte ich es als gleichgltig, was sonst mit meinem Krper
geschah. Die Liebkosungen der Mnner, selbst ihre innerste Leidenschaft,
sie rhrten mich im Tiefsten nicht an, obzwar ich manche von ihnen sehr
achten mute und mein Mitleid mit ihrer unerwiderten Liebe in Erinnerung
eigenen Schicksals mich oft erschtterte. Alle waren sie gut zu mir, die
ich kannte, alle haben sie mich verwhnt, alle achteten sie mich. Da war
vor allem einer, ein lterer, verwitweter Reichsgraf, derselbe, der sich
die Fe wundstand an den Tren, um die Aufnahme des vaterlosen Kindes,
Deines Kindes, im Theresianum durchzudrcken -- der liebte mich wie eine
Tochter. Dreimal, viermal machte er mir den Antrag, mich zu heiraten --
ich knnte heute Grfin sein, Herrin auf einem zauberischen Schlo in
Tirol, knnte sorglos sein, denn das Kind htte einen zrtlichen Vater
gehabt, der es vergtterte, und ich einen stillen, vornehmen, gtigen
Mann an meiner Seite -- ich habe es nicht getan, so sehr, sooft er auch
drngte, so sehr ich ihm wehe tat mit meiner Weigerung. Vielleicht war
es eine Torheit, denn sonst lebte ich jetzt irgendwo still und geborgen,
und dies Kind, das geliebte, mit mir, aber -- warum soll ich Dir es
nicht gestehen -- ich wollte mich nicht binden, ich wollte Dir frei sein
in jeder Stunde. Innen im Tiefsten, im Unbewuten meines Wesens lebte
noch immer der alte Kindertraum, Du wrdest vielleicht noch einmal mich
zu Dir rufen, sei es nur fr eine Stunde lang. Und fr diese eine
mgliche Stunde habe ich alles weggestoen, nur um Dir frei zu sein fr
Deinen ersten Ruf. Was war mein ganzes Leben seit dem Erwachen aus der
Kindheit denn anders, als ein Warten, ein Warten auf Deinen Willen!

Und diese Stunde, sie ist wirklich gekommen. Aber Du weit sie nicht, Du
ahnst sie nicht, mein Geliebter! Auch in ihr hast Du mich nicht erkannt
-- nie, nie, nie hast Du mich erkannt! Ich war Dir ja schon frher oft
begegnet, in den Theatern, in den Konzerten, im Prater, auf der Strae
-- jedesmal zuckte mir das Herz, aber Du sahst an mir vorbei: ich war ja
uerlich eine ganz andere, aus dem scheuen Kinde war eine Frau
geworden, schn wie sie sagten, in kostbare Kleider gehllt, umringt von
Verehrern: wie konntest Du in mir jenes schchterne Mdchen im
dmmerigen Licht Deines Schlafraumes vermuten! Manchmal grte Dich
einer der Herren, mit denen ich ging, Du danktest und sahst auf zu mir:
aber Dein Blick war hfliche Fremdheit, anerkennend, aber nie erkennend,
fremd, entsetzlich fremd. Einmal, ich erinnere mich noch, ward mir
dieses Nichterkennen, an das ich fast schon gewohnt war, zu brennender
Qual: ich sa in einer Loge der Oper mit einem Freunde und Du in der
Nachbarloge. Die Lichter erloschen bei der Ouvertre, ich konnte Dein
Antlitz nicht mehr sehen, nur Deinen Atem fhlte ich so nah neben mir,
wie damals in jener Nacht, und auf der samtenen Brstung der Abteilung
unserer Logen lag Deine Hand aufgesttzt, Deine feine, zarte Hand. Und
unendlich berkam mich das Verlangen, mich niederzubeugen und diese
fremde, diese so geliebte Hand demtig zu kssen, deren zrtliche
Umfassung ich einst gefhlt. Um mich wogte aufwhlend die Musik, immer
leidenschaftlicher wurde das Verlangen, ich mute mich ankrampfen, mich
gewaltsam aufreien, so gewaltsam zog es meine Lippen hin zu Deiner
geliebten Hand. Nach dem ersten Akt bat ich meinen Freund, mit mir
fortzugehen. Ich ertrug es nicht mehr, Dich so fremd und so nah neben
mir zu haben im Dunkel.

Aber die Stunde kam, sie kam noch einmal, ein letztes Mal in mein
verschttetes Leben. Fast genau vor einem Jahr ist es gewesen, am Tage
nach Deinem Geburtstage. Seltsam: ich hatte alle die Stunden an Dich
gedacht, denn Deinen Geburtstag, ihn feierte ich immer wie ein Fest.
Ganz frhmorgens schon war ich ausgegangen und hatte die weien Rosen
gekauft, die ich Dir wie alljhrlich senden lie zur Erinnerung an eine
Stunde, die Du vergessen hattest. Nachmittags fuhr ich mit dem Buben
aus, fhrte ihn zu Demel in die Konditorei und abends ins Theater, ich
wollte, auch er sollte diesen Tag, ohne seine Bedeutung zu wissen,
irgendwie als einen mystischen Feiertag von Jugend her empfinden. Am
nchsten Tage war ich dann mit meinem damaligen Freunde, einem jungen,
reichen Brnner Fabrikanten, mit dem ich schon seit zwei Jahren
zusammenlebte, der mich vergtterte, verwhnte und mich ebenso heiraten
wollte wie die andern und dem ich mich ebenso scheinbar grundlos
verweigerte wie den andern, obwohl er mich und das Kind mit Geschenken
berschttete und selbst liebenswert war in seiner ein wenig dumpfen,
knechtischen Gte. Wir gingen zusammen in ein Konzert, trafen dort
heitere Gesellschaft, soupierten in einem Ringstraenrestaurant, und
dort, mitten im Lachen und Schwtzen, machte ich den Vorschlag, noch in
ein Tanzlokal, in den Tabarin, zu gehen. Mir waren diese Art Lokale mit
ihrer systematischen und alkoholischen Heiterkeit wie jede Drahrerei
sonst immer widerlich, und ich wehrte mich sonst immer gegen derlei
Vorschlge, diesmal aber -- es war wie eine unergrndliche magische
Macht in mir, die mich pltzlich unbewut den Vorschlag mitten in die
freudig zustimmende Erregung der andern werfen lie -- hatte ich
pltzlich ein unerklrliches Verlangen, als ob dort irgend etwas
Besonderes mich erwarte. Gewohnt, mir gefllig zu sein, standen alle
rasch auf, wir gingen hinber, tranken Champagner, und in mich kam mit
einemmal eine ganz rasende, ja fast schmerzhafte Lustigkeit, wie ich sie
nie gekannt. Ich trank und trank, sang die kitschigen Lieder mit und
hatte fast den Zwang, zu tanzen oder zu jubeln. Aber pltzlich -- mir
war, als htte etwas Kaltes oder etwas Glhendheies sich mir jh aufs
Herz gelegt -- ri es mich auf: am Nachbartisch saest Du mit einigen
Freunden und sahst mich an mit einem bewundernden und begehrenden Blick,
mit jenem Blicke, der mir immer den ganzen Leib von innen aufwhlte. Zum
erstenmal seit zehn Jahren sahst Du mich wieder an mit der ganzen
unbewut-leidenschaftlichen Macht Deines Wesens. Ich zitterte. Fast wre
mir das erhobene Glas aus den Hnden gefallen. Glcklicherweise merkten
die Tischgenossen nicht meine Verwirrung: sie verlor sich in dem Drhnen
von Gelchter und Musik.

Immer brennender wurde Dein Blick und tauchte mich ganz in Feuer. Ich
wute nicht: hattest Du mich endlich, endlich erkannt, oder begehrtest
Du mich neu, als eine andere, als eine Fremde? Das Blut flog mir in die
Wangen, zerstreut antwortete ich den Tischgenossen: Du mutest es
merken, wie verwirrt ich war von Deinem Blick. Unmerklich fr die
brigen machtest Du mit einer Bewegung des Kopfes ein Zeichen, ich
mchte fr einen Augenblick hinauskommen in den Vorraum. Dann zahltest
Du ostentativ, nahmst Abschied von Deinen Kameraden und gingst hinaus,
nicht ohne zuvor noch einmal angedeutet zu haben, da Du drauen auf
mich warten wrdest. Ich zitterte wie im Frost, wie im Fieber, ich
konnte nicht mehr Antwort geben, nicht mehr mein aufgejagtes Blut
beherrschen. Zuflligerweise begann gerade in diesem Augenblick ein
Negerpaar mit knatternden Abstzen und schrillen Schreien einen
absonderlichen neuen Tanz: alles starrte ihnen zu, und diese Sekunde
ntzte ich. Ich stand auf, sagte meinem Freunde, da ich gleich
zurckkme, und ging Dir nach.

Drauen im Vorraum vor der Garderobe standest Du, mich erwartend: Dein
Blick ward hell, als ich kam. Lchelnd eiltest Du mir entgegen; ich sah
sofort, Du erkanntest mich nicht, erkanntest nicht das Kind von einst
und nicht das Mdchen, noch einmal griffest Du nach mir als einem Neuen,
einem Unbekannten. Haben Sie auch fr mich einmal eine Stunde,
fragtest Du vertraulich -- ich fhlte an der Sicherheit Deiner Art, Du
nahmst mich fr eine dieser Frauen, fr die Kufliche eines Abends.
Ja, sagte ich, dasselbe zitternde und doch selbstverstndliche
einwilligende Ja, das Dir das Mdchen vor mehr als einem Jahrzehnt auf
der dmmernden Strae gesagt. Und wann knnten wir uns sehen? fragtest
Du. Wann immer Sie wollen, antwortete ich -- vor Dir hatte ich keine
Scham. Du sahst mich ein wenig verwundert an, mit derselben
mitrauisch-neugierigen Verwunderung wie damals, als Dich gleichfalls
die Raschheit meines Einverstndnisses erstaunt hatte. Knnten Sie
jetzt? fragtest Du, ein wenig zgernd. Ja, sagte ich, gehen wir.

Ich wollte zur Garderobe, meinen Mantel holen.

Da fiel mir ein, da mein Freund den Garderobenzettel hatte fr unsere
gemeinsam abgegebenen Mntel. Zurckzugehen und ihn verlangen, wre ohne
umstndliche Begrndung nicht mglich gewesen, anderseits die Stunde mit
Dir preisgeben, die seit Jahren ersehnte, dies wollte ich nicht. So habe
ich keine Sekunde gezgert: ich nahm nur den Schal ber das Abendkleid
und ging hinaus in die nebelfeuchte Nacht, ohne mich um den Mantel zu
kmmern, ohne mich um den guten, zrtlichen Menschen zu kmmern, von dem
ich seit Jahren lebte und den ich vor seinen Freunden zum lcherlichsten
Narren erniedrigte, zu einem, dem seine Geliebte nach Jahren wegluft
auf den ersten Pfiff eines fremden Mannes. Oh, ich war mir ganz der
Niedrigkeit, der Undankbarkeit, der Schndlichkeit, die ich gegen einen
ehrlichen Freund beging, im Tiefsten bewut, ich fhlte, da ich
lcherlich handelte und mit meinem Wahn einen gtigen Menschen fr immer
tdlich krnkte, fhlte, da ich mein Leben mitten entzweiri -- aber
was war mir Freundschaft, was meine Existenz gegen die Ungeduld, wieder
einmal Deine Lippen zu fhlen, Dein Wort weich gegen mich gesprochen zu
hren. So habe ich Dich geliebt, nun kann ich es Dir sagen, da alles
vorbei ist und vergangen. Und ich glaube, riefest Du mich von meinem
Sterbebette, so kme mir pltzlich die Kraft, aufzustehen und mit Dir zu
gehen.

Ein Wagen stand vor dem Eingang, wir fuhren zu Dir. Ich hrte wieder
Deine Stimme, ich fhlte Deine zrtliche Nhe und war genau so betubt,
so kindisch-selig verwirrt wie damals. Wie stieg ich, nach mehr als zehn
Jahren, zum erstenmal wieder die Treppe empor -- nein, nein, ich kann
Dirs nicht schildern, wie ich alles immer doppelt fhlte in jenen
Sekunden, vergangene Zeit und Gegenwart, und in allem und allem immer
nur Dich. In Deinem Zimmer war weniges anders, ein paar Bilder mehr, und
mehr Bcher, da und dort fremde Mbel, aber alles doch grte mich
vertraut. Und am Schreibtisch stand die Vase mit den Rosen darin -- mit
meinen Rosen, die ich Dir tags vorher zu Deinem Geburtstag geschickt als
Erinnerung an eine, an die Du Dich doch nicht erinnertest, die Du doch
nicht erkanntest, selbst jetzt, da sie Dir nahe war, Hand in Hand und
Lippe an Lippe. Aber doch: es tat mir wohl, da Du die Blumen hegtest:
so war doch ein Hauch meines Wesens, ein Atem meiner Liebe um Dich.

Du nahmst mich in Deine Arme. Wieder blieb ich bei Dir eine ganze
herrliche Nacht. Aber auch im nackten Leibe erkanntest Du mich nicht.
Selig erlitt ich Deine wissenden Zrtlichkeiten und sah, da Deine
Leidenschaft keinen Unterschied macht zwischen einer Geliebten und einer
Kuflichen, da Du Dich ganz gibst an Dein Begehren mit der unbedachten
verschwenderischen Flle Deines Wesens. Du warst so zrtlich und lind zu
mir, der vom Nachtlokal Geholten, so vornehm und so herzlich --
achtungsvoll und doch gleichzeitig so leidenschaftlich im Genieen der
Frau; wieder fhlte ich, taumelig vom alten Glck, diese einzige
Zweiheit Deines Wesens, die wissende, die geistige Leidenschaft in der
sinnlichen, die schon das Kind Dir hrig gemacht. Nie habe ich bei einem
Manne in der Zrtlichkeit solche Hingabe an den Augenblick gekannt, ein
solches Ausbrechen und Entgegenleuchten des tiefsten Wesens -- freilich
um dann hinzulschen in eine unendliche, fast unmenschliche
Vergelichkeit. Aber auch ich verga mich selbst: wer war ich nun im
Dunkel neben Dir? War ichs, das brennende Kind von einst, war ichs, die
Mutter Deines Kindes, war ichs, die Fremde? Ach, es war so vertraut, so
erlebt alles, und alles wieder so rauschend neu in dieser
leidenschaftlichen Nacht. Und ich betete, sie mchte kein Ende nehmen.

Aber der Morgen kam, wir standen spt auf, Du ludest mich ein, noch mit
Dir zu frhstcken. Wir tranken zusammen den Tee, den eine unsichtbar
dienende Hand diskret in dem Speisezimmer bereitgestellt hatte, und
plauderten. Wieder sprachst Du mit der ganzen offenen, herzlichen
Vertraulichkeit Deines Wesens zu mir und wieder ohne alle indiskreten
Fragen, ohne alle Neugier nach dem Wesen, das ich war. Du fragtest nicht
nach meinem Namen, nicht nach meiner Wohnung: ich war Dir wiederum nur
das Abenteuer, das Namenlose, die heie Stunde, die im Rauch des
Vergessens spurlos sich lst. Du erzhltest, da Du jetzt weit weg
reisen wolltest, nach Nordafrika fr zwei oder drei Monate; ich zitterte
mitten in meinem Glck, denn schon hmmerte es mir in den Ohren: vorbei,
vorbei und vergessen! Am liebsten wre ich hin zu Deinen Knien gestrzt
und htte geschrien: Nimm mich mit, damit Du mich endlich erkennst,
endlich, endlich nach so vielen Jahren! Aber ich war ja so scheu, so
feige, so sklavisch, so schwach vor Dir. Ich konnte nur sagen: Wie
schade. Du sahst mich lchelnd an: Ist es Dir wirklich leid?

Da fate es mich wie eine pltzliche Wildheit. Ich stand auf, sah Dich
an, lange und fest. Dann sagte ich: Der Mann, den ich liebte, ist auch
immer weggereist. Ich sah Dich an, mitten in den Stern Deines Auges.
Jetzt, jetzt wird er mich erkennen! zitterte, drngte alles in mir.
Aber Du lcheltest mir entgegen und sagtest trstend: Man kommt ja
wieder zurck. Ja, antwortete ich, man kommt zurck, aber dann hat
man vergessen.

Es mu etwas Absonderliches, etwas Leidenschaftliches in der Art gewesen
sein, wie ich Dir das sagte. Denn auch Du standest auf und sahst mich
an, verwundert und sehr liebevoll. Du nahmst mich bei den Schultern:
Was gut ist, vergit sich nicht, Dich werde ich nicht vergessen,
sagtest Du, und dabei senkte sich Dein Blick ganz in mich hinein, als
wollte er dies Bild sich festprgen. Und wie ich diesen Blick in mich
eindringen fhlte, suchend, sprend, mein ganzes Wesen an sich saugend,
da glaubte ich endlich, endlich den Bann der Blindheit gebrochen. Er
wird mich erkennen, er wird mich erkennen! Meine ganze Seele zitterte in
dem Gedanken.

Aber Du erkanntest mich nicht. Nein, Du erkanntest mich nicht, nie war
ich Dir fremder jemals als in dieser Sekunde, denn sonst -- sonst
httest Du nie tun knnen, was Du wenige Minuten spter tatest. Du
hattest mich gekt, noch einmal leidenschaftlich gekt. Ich mute mein
Haar, das sich verwirrt hatte, wieder zurechtrichten, und whrend ich
vor dem Spiegel stand, da sah ich durch den Spiegel -- und ich glaubte
hinsinken zu mssen vor Scham und Entsetzen -- da sah ich, wie Du in
diskreter Art ein paar grere Banknoten in meinen Muff schobst. Wie
habe ichs vermocht, nicht aufzuschreien, Dir nicht ins Gesicht zu
schlagen in dieser Sekunde -- mich, die ich Dich liebte von Kindheit an,
die Mutter Deines Kindes, mich zahltest Du fr diese Nacht! Eine Dirne
aus dem Tabarin war ich Dir, nicht mehr -- bezahlt, bezahlt hattest Du
mich! Es war nicht genug, von Dir vergessen, ich mute noch erniedrigt
sein.

Ich tastete rasch nach meinen Sachen. Ich wollte fort, rasch fort. Es
tat mir zu weh. Ich griff nach meinem Hut, er lag auf dem Schreibtisch,
neben der Vase mit den weien Rosen, meinen Rosen. Da erfate es mich
mchtig, unwiderstehlich: noch einmal wollte ich es versuchen, Dich zu
erinnern. Mchtest Du mir nicht von Deinen weien Rosen eine geben?
Gern, sagtest Du und nahmst sie sofort. Aber sie sind Dir vielleicht
von einer Frau gegeben, von einer Frau, die Dich liebt? sagte ich.
Vielleicht, sagtest Du, ich wei es nicht. Sie sind mir gegeben und
ich wei nicht von wem; darum liebe ich sie so. Ich sah Dich an.
Vielleicht sind sie auch von einer, die Du vergessen hast!

Du blicktest erstaunt. Ich sah Dich fest an. Erkenne mich, erkenne mich
endlich! schrie mein Blick. Aber Dein Auge lchelte freundlich und
unwissend. Du ktest mich noch einmal. Aber Du erkanntest mich nicht.

Ich ging rasch zur Tr, denn ich sprte, da mir Trnen in die Augen
schossen, und das solltest Du nicht sehen. Im Vorzimmer -- so hastig war
ich hinausgeeilt -- stie ich mit Johann, Deinem Diener, fast zusammen.
Scheu und eilfertig sprang er zur Seite, ri die Haustr auf, um mich
hinauszulassen, und da -- in dieser einen, hrst Du? in dieser einen
Sekunde, da ich ihn ansah, mit trnenden Augen ansah, den gealterten
Mann, da zuckte ihm pltzlich ein Licht in den Blick. In dieser einen
Sekunde, hrst Du? in dieser einen Sekunde, hat der alte Mann mich
erkannt, der mich seit meiner Kindheit nicht gesehen. Ich htte hinknien
knnen vor ihm fr dieses Erkennen und ihm die Hnde kssen. So ri ich
nur die Banknoten, mit denen Du mich gegeielt, rasch aus dem Muff und
steckte sie ihm zu. Er zitterte, sah erschreckt zu mir auf -- in dieser
Sekunde hat er vielleicht mehr geahnt von mir als Du in Deinem ganzen
Leben. Alle, alle Menschen haben mich verwhnt, alle waren zu mir gtig
-- nur Du, nur Du, Du hast mich vergessen, nur Du, nur Du hast mich nie
erkannt!

                   *       *       *       *       *

Mein Kind ist gestorben, unser Kind -- jetzt habe ich niemanden mehr in
der Welt, ihn zu lieben, als Dich. Aber wer bist Du mir, Du, der Du mich
niemals, niemals erkennst, der an mir vorbergeht wie an einem Wasser,
der auf mich tritt wie auf einen Stein, der immer geht und weiter geht
und mich lt in ewigem Warten? Einmal vermeinte ich Dich zu halten,
Dich, den Flchtigen, in dem Kinde. Aber es war Dein Kind: ber Nacht
ist es grausam von mir gegangen, eine Reise zu tun, es hat mich
vergessen und kehrt nie zurck. Ich bin wieder allein, mehr allein als
jemals, nichts habe ich, nichts von Dir -- kein Kind mehr, kein Wort,
keine Zeile, kein Erinnern, und wenn jemand meinen Namen nennen wrde
vor Dir, Du hrtest an ihm fremd vorbei. Warum soll ich nicht gerne
sterben, da ich Dir tot bin, warum nicht weitergehen, da Du von mir
gegangen bist? Nein, Geliebter, ich klage nicht wider Dich, ich will Dir
nicht meinen Jammer hinwerfen in Dein heiteres Haus. Frchte nicht, da
ich Dich weiter bedrnge -- verzeih mir, ich mute mir einmal die Seele
ausschreien in dieser Stunde, da das Kind dort tot und verlassen liegt.
Nur dies eine Mal mute ich sprechen zu Dir -- dann gehe ich wieder
stumm in mein Dunkel zurck, wie ich immer stumm neben Dir gewesen. Aber
Du wirst diesen Schrei nicht hren, solange ich lebe -- nur wenn ich tot
bin, empfngst Du dies Vermchtnis von mir, von einer, die Dich mehr
geliebt als alle, und die Du nie erkannt, von einer, die immer auf Dich
gewartet und die Du nie gerufen. Vielleicht, vielleicht wirst Du mich
dann rufen, und ich werde Dir ungetreu sein zum erstenmal, ich werde
Dich nicht mehr hren aus meinem Tod: kein Bild lasse ich Dir und kein
Zeichen, wie Du mir nichts gelassen; nie wirst Du mich erkennen,
niemals. Es war mein Schicksal im Leben, es sei es auch in meinem Tod.
Ich will Dich nicht rufen in meine letzte Stunde, ich gehe fort, ohne
da Du meinen Namen weit und mein Antlitz. Ich sterbe leicht, denn Du
fhlst es nicht von ferne. Tte es Dir weh, da ich sterbe, so knnte
ich nicht sterben.

Ich kann nicht mehr weiter schreiben ... mir ist so dumpf im Kopfe ...
die Glieder tun mir weh, ich habe Fieber ... ich glaube, ich werde mich
gleich hinlegen mssen. Vielleicht ist es bald vorbei, vielleicht ist
mir einmal das Schicksal gtig, und ich mu es nicht mehr sehen, wie sie
das Kind wegtragen ... Ich kann nicht mehr schreiben. Leb wohl,
Geliebter, leb wohl, ich danke Dir ... Es war gut, wie es war, trotz
alledem ... ich will Dirs danken bis zum letzten Atemzug. Mir ist wohl:
ich habe Dir alles gesagt, Du weit nun, nein, Du ahnst nur, wie sehr
ich Dich geliebt, und hast doch von dieser Liebe keine Last. Ich werde
Dir nicht fehlen -- das trstet mich. Nichts wird anders sein in Deinem
schnen, hellen Leben ... ich tue Dir nichts mit meinem Tod ... das
trstet mich, Du Geliebter.

Aber wer ... wer wird Dir jetzt immer die weien Rosen senden zu Deinem
Geburtstag? Ach, die Vase wird leer sein, der kleine Atem, der kleine
Hauch von meinem Leben, der einmal im Jahre um Dich wehte, auch er wird
verwehen! Geliebter, hre, ich bitte Dich ... es ist meine erste und
letzte Bitte an Dich ... tu mirs zuliebe, nimm an jedem Geburtstag -- es
ist ja ein Tag, wo man an sich denkt -- nimm da Rosen und tu sie in die
Vase. Tu's, Geliebter, tu es so, wie andere einmal im Jahre eine Messe
lesen lassen fr eine liebe Verstorbene. Ich aber glaube nicht an Gott
mehr und will keine Messe, ich glaube nur an Dich, ich liebe nur Dich
und will nur in Dir noch weiterleben ... ach, nur einen Tag im Jahr,
ganz, ganz still nur, wie ich neben Dir gelebt ... Ich bitte Dich, tu
es, Geliebter ... es ist meine erste Bitte an Dich und die letzte ...
ich danke Dir ... ich liebe Dich, ich liebe Dich ... lebe wohl ...

                   *       *       *       *       *

Er legte den Brief aus den zitternden Hnden. Dann sann er lange nach.
Verworren tauchte irgendein Erinnern auf an ein nachbarliches Kind, an
ein Mdchen, an eine Frau im Nachtlokal, aber ein Erinnern, undeutlich
und verworren, so wie ein Stein flimmert und formlos zittert am Grunde
flieenden Wassers. Schatten strmten zu und fort, aber es wurde kein
Bild. Er fhlte Erinnerungen des Gefhls und erinnerte sich doch nicht.
Ihm war, als ob er von all diesen Gestalten getrumt htte, oft und tief
getrumt, aber doch nur getrumt.

Da fiel sein Blick auf die blaue Vase vor ihm auf dem Schreibtisch. Sie
war leer, zum erstenmal leer seit Jahren an seinem Geburtstag. Er schrak
zusammen: ihm war, als sei pltzlich eine Tr unsichtbar aufgesprungen,
und kalte Zugluft strme aus anderer Welt in seinen ruhenden Raum. Er
sprte einen Tod und sprte unsterbliche Liebe: innen brach etwas auf in
seiner Seele, und er dachte an die Unsichtbare krperlos und
leidenschaftlich wie an eine ferne Musik.




                          Die Mondscheingasse


Das Schiff hatte, durch Sturm verzgert, erst spt abends in der kleinen
franzsischen Hafenstadt landen knnen, der Nachtzug nach Deutschland
war versumt. So blieb ein unerwarteter Tag an fremdem Ort, ein Abend
ohne andere Lockung als die einer melancholischen Damenmusik in einem
vorstdtischen Vergngungslokal oder eines eintnigen Gesprches mit den
ganz zuflligen Reisegenossen. Unertrglich schien mir die Luft in dem
kleinen Speiseraum des Hotels, fettig von l, dumpf von Rauch, und ich
fhlte doppelt ihre trbe Unreinlichkeit, weil noch der reine Atem des
Meeres mir salzig-khl auf den Lippen lag. So ging ich hinaus, aufs
Geratewohl die helle breite Strae entlang zu einem Platz, wo eine
Brgergardenkapelle spielte, und wieder weiter inmitten der lssig
fortflutenden Woge der Spaziergnger. Anfangs tat es mir gut, dieses
willenlose Geschaukeltsein in der Strmung gleichgltiger und
provinziell geputzter Menschen, aber bald ertrug ich es doch nicht mehr,
dieses Anwogen von fremden Leuten und ihr abgerissenes Gelchter, diese
Augen, die mich angriffen, erstaunt, fremd oder grinsend, diese
Berhrungen, die mich unmerklich weiterschoben, dies aus tausend kleinen
Quellen brechende Licht und unaufhrliche Scharren von Schritten. Die
Seefahrt war bewegt gewesen, und noch grte in meinem Blut ein taumliges
und sanfttrunkenes Gefhl: noch immer sprte ich Gleiten und Wiegen
unter meinen Fen, die Erde schien wie atmend sich zu bewegen und die
Strae bis auf in den Himmel zu schwingen. Schwindlig ward mir mit einem
Male von diesem lauten Gewirr, und um mich zu retten, bog ich, ohne nach
ihrem Namen zu blicken, in eine Seitenstrae ein und von da wieder in
eine kleinere, in der dies sinnlose Lrmen allmhlich verebbte, und ging
nun ziellos weiter ins Gewirr dieser wie Adern sich verstelnden Gassen,
die immer dunkler wurden, je mehr ich mich vom Hauptplatz entfernte. Die
groen elektrischen Bogenlampen, diese Monde der breiten Boulevards,
flammten hier nicht mehr, und ber die sprliche Beleuchtung hin begann
man endlich wieder die Sterne zu sehen und einen schwarzen verhngten
Himmel.

Ich mute nahe dem Hafen sein, im Matrosenviertel, das fhlte ich an dem
faulen Fischgeruch, an diesem slichen Duft von Tang und Fulnis, wie
ihn auch die von der Brandung ans Land gerissenen Algen haben, an diesem
eigentmlichen Dunst verdorbener Gerche und ungelfteter Stuben, der
sich dumpfig in diese Winkel legt, bis einmal der groe Sturm kommt und
ihnen Atem bringt. Das ungewisse Dunkel tat mir wohl und diese
unerwartete Einsamkeit, ich verlangsamte meinen Schritt, betrachtete nun
Gasse um Gasse, eine immer anders wie ihre Nachbarin, hier eine
friedfertige, dort eine buhlerische, alle aber dunkel und mit einem
gedmpften Gerusch von Musik und Stimmen, das aus dem Unsichtbaren, aus
der Brust ihrer Gewlbe so geheimnisvoll aufquoll, da kaum die
unterirdische Quelle zu erraten war. Denn alle waren sie verschlossen
und blinzelten nur mit einem roten oder gelben Licht.

Ich liebe diese Gassen in fremden Stdten, diesen schmutzigen Markt
aller Leidenschaften, diese heimliche Anhufung aller Verfhrungen fr
die Matrosen, die von einsamen Nchten auf fremden und gefhrlichen
Meeren hier fr eine Nacht einkehren, ihre vielen und sinnlichen Trume
in einer Stunde zu erfllen. Sie mssen sich verstecken irgendwo in
einer Niederung der groen Stadt, diese kleinen Seitengassen, weil sie
so frech und aufdringlich sagen, was die hellen Huser mit blanken
Scheiben und vornehmen Menschen in hundert Masken verbergen. Musik
klingt und lockt hier aus kleinen Stuben, Kinematographen verheien mit
grellen Plakaten ungeahnte Prchte, kleine viereckige Lichter ducken
sich unter die Tore und zwinkern mit vertraulichem Gru eine sehr
deutliche Einladung zu, zwischen dem aufgetanen Spalt einer Tr
schimmert nacktes Fleisch unter vergoldetem Flitter. Aus den Cafs
grlen die Stimmen der Berauschten und poltert der Zank der Spieler. Die
Matrosen grinsen, wenn sie hier einander begegnen, ihre stumpfen Blicke
werden grell von vieler Verheiung, denn hier ist alles, Weiber und
Spiel, Trunk und Schau, das Abenteuer, das schmutzige und das groe. All
dies aber ist scheu und doch verrterisch gedmpft hinter den
heuchlerisch gesenkten Fensterlden, alles nur innen, und diese
scheinbare Verschlossenheit reizt durch die doppelte Verfhrung von
Verborgenheit und Zugnglichkeit. Diese Straen sind gleich in Hamburg
und Colombo und Havanna, gleich da und dort wie auch die groen Avenuen
des Luxus, denn das Oben und Unten des Lebens hat die gleiche Form.
Letzte phantastische Reste einer sinnlich ungeregelten Welt, wo die
Triebe noch brutal und ungezgelt sich entladen, ein finsterer Wald von
Leidenschaften und Dickicht und voll triebhaften Getiers sind diese
unbrgerlichen Straen, erregend durch das, was sie verraten, und
verlockend durch das, was sie verbergen. Man kann von ihnen trumen.

Und so war auch diese, in der ich mich mit einem Male gefangen fhlte.
Aufs Geratewohl war ich ein paar Krassieren nachgegangen, die mit ihrem
nachschleifenden Sbel ber das holprige Pflaster klirrten. Aus einer
Bar riefen Weiber sie an, sie lachten und schrien ihnen grobe Scherze
zu, einer klopfte an das Fenster, dann fluchte eine Stimme irgendwo, sie
gingen weiter, das Gelchter wurde ferner, und bald hrte ich sie nicht
mehr. Stumm war wieder die Gasse, ein paar Fenster blinkten unklar in
einem Nebelglanz von mattem Mond. Ich stand und sog atmend diese Stille
ein, die mir seltsam schien, weil hinter ihr etwas surrte von Geheimnis,
Wollust und Gefahr. Deutlich sprte ich, da dieses Schweigen eine Lge
war und unter dem trben Dunst dieser Gasse etwas glimmerte von der
Fulnis der Welt. Aber ich stand, blieb und lauschte ins Leere. Ich
fhlte die Stadt nicht mehr und die Gasse, nicht ihren Namen und nicht
den meinen, empfand nur, da ich hier fremd war, wunderbar losgelst in
einem Unbekannten stand, da keine Absicht in mir war, keine Botschaft
und keine Beziehung und ich doch all dies dunkle Leben um mich so voll
fhlte wie das Blut unter der eigenen Haut. Dies Gefhl nur empfand ich,
da nichts fr mich geschah und doch alles mir zugehrte, dieses
seligste Gefhl des durch Anteilslosigkeit tiefsten und wahrsten
Erlebens, das zu den lebendigen Quellen meines innern Wesens gehrt und
mich im Unbekannten immer berfllt wie eine Lust. Da pltzlich,
horchend wie ich in der einsamen Gasse stand, gleichsam erwartungsvoll
auf irgend etwas, das geschehen mte, etwas, das mich fortschbe aus
diesem mondschtigen Gefhl des Lauschens ins Leere, hrte ich gedmpft
durch Ferne oder eine Wand, sehr trbe von irgendwo ein deutsches Lied
singen, jenen ganz einfltigen Reigen aus dem Freischtz: Schner,
grner Jungfernkranz. Eine Frauenstimme sang ihn, sehr schlecht, aber
doch eine deutsche Melodie war es, deutsch hier irgendwo in einem
fremden Winkel der Welt und darum brderlich in einem so eigenen Sinne.
Es war von irgendwoher gesungen, aber doch, wie einen Gru fhlte ichs,
seit Wochen das erste heimatliche Wort. Wer, fragte ich mich, spricht
hier meine Sprache, wen treibt eine Erinnerung von innen, in
verwinkelt-verwilderter Gasse dies arme Lied sich wieder aus dem Herzen
zu heben? Ich tastete der Stimme nach, ein Haus nach dem andern von all
denen, die halbschlafend hier standen, mit geschlossenen Fensterlden,
hinter denen es aber verrterisch blinzelte von Licht und manchmal von
einer winkenden Hand. Auen klebten grelle berschriften, schreiende
Plakate, und Ale, Whisky, Bier verhie hier eine versteckte Bar, aber
alles war verschlossen, abweisend und doch wieder einladend. Und
dazwischen -- ein paar Schritte tnten von fern -- immer wieder die
Stimme, die jetzt den Refrain heller trillerte und immer nher war:
schon erkannte ich das Haus. Einen Augenblick zgerte ich, dann trat ich
gegen die innere Tr, die mit weien Gardinen dicht verhangen war. Da
aber, als ich mich entschlossen hinbeugte, ward etwas im Schatten des
Flurs jh lebendig, eine Gestalt, die offenbar eng an die Scheibe
gepret dort gelauert hatte, zuckte erschrocken auf, ein Gesicht,
begossen vom Rot der berhngenden Laterne und doch bla im Entsetzen,
ein Mann starrte mich mit aufgerissenen Augen an, murmelte etwas wie
eine Entschuldigung und verschwand im Zwielicht der Gasse. Seltsam war
dieser Gru. Ich sah ihm nach. Etwas schien sich noch im entschwindenden
Schatten der Gasse von ihm zu regen, aber undeutlich. Innen klang die
Stimme noch immer, heller sogar, wie mirs schien. Das lockte mich. Ich
klinkte auf und trat rasch ein.

Wie von einem Messer zerschnitten fiel das letzte Wort des Gesanges
herab. Und erschrocken sprte ich eine Leere vor mir, eine Feindlichkeit
des Schweigens, gleichsam als ob ich was zertrmmert htte. Mhlich erst
fand mein Blick sich in der Stube zurecht, die fast leer war, ein Schank
und ein Tisch, das ganze offenbar nur Vorgemach zu andern Zimmern
rckwrts, die mit halbaufgelehnten Tren, gedmpftem Lampenschein und
bereiten Betten ihre eigentliche Bestimmung rasch verrieten. Vorn am
Tisch lehnte auf den Ellbogen gesttzt ein Mdchen, geschminkt und md,
rckwrts am Schank die Wirtin, beleibt und schmutziggrau mit einem
andern nicht unhbschen Mdel. Mein Gru fiel hart in den Raum, ganz
spt kam ein gelangweiltes Echo zurck. Mir wars unbehaglich, so ins
Leere getreten zu sein; in ein so gespanntes des Schweigen, und gern
wre ich sofort wieder gegangen, doch fand meine Verlegenheit keinen
Vorwand, und so setzte ich mich resigniert an den vorderen Tisch. Das
Mdel, jetzt sich seiner Pflicht besinnend, fragte mich, was ich zu
trinken wnschte, und an ihrem harten Franzsisch erkannte ich sofort
die Deutsche. Ich bestellte ein Bier, sie ging und kam wieder mit jenem
schlaffen Gang, der noch mehr Gleichgltigkeit verriet als das Seichte
ihrer Augen, die schlaff unter den Lidern glommen wie verlschende
Lichter. Ganz mechanisch stellte sie nach dem Brauch jener Stuben neben
das meine ein zweites Glas fr sich. Ihr Blick ging, wie sie mir
zutrank, leer an mir vorbei: so konnte ich sie betrachten. Ihr Gesicht
war eigentlich noch schn und ebenmig in den Zgen, aber wie durch
eine innere Ermattung maskenhaft und gemein geworden, alles fiel schlaff
nieder, die Lider waren schwer, locker das Haar; die Wangen, fleckig von
schlechter Schminke und verschwemmt, begannen schon nachzugeben und
warfen sich mit breiter Falte bis an den Mund. Auch das Kleid war ganz
lssig umgehngt, ausgebrannt die Stimme, rauh von Rauch und Bier. In
allem sprte ich einen Menschen, der mde ist und nur aus Gewohnheit,
gleichsam fhllos weiterlebt. Mit Befangenheit und Grauen warf ich eine
Frage hin. Sie antwortete, ohne mich anzusehen, gleichgltig und stumpf
mit kaum bewegten Lippen. Unwillkommen sprte ich mich. Rckwrts ghnte
die Wirtin, das andere Mdel sa in einer Ecke und sah her, gleichsam
wartend, bis ich sie riefe. Gern wre ich gegangen, aber alles an mir
war schwer, ich sa in dieser satten, schwelenden Luft, dumpf torkelnd
wie die Matrosen, gefesselt von Neugier und Grauen; denn diese
Gleichgltigkeit war irgendwie aufreizend.

Da pltzlich fuhr ich auf, erschreckt von einem grellen Gelchter neben
mir. Und gleichzeitig schwankte die Flamme: am Luftzug sprte ich, da
jemand die Tr hinter meinem Rcken geffnet haben mute. Kommst du
schon wieder? hhnte grell und auf deutsch die Stimme neben mir.
Kriechst du schon wieder ums Haus, du Knauser du? Na, komm nur herein,
ich tu dir nichts.

Ich fuhr herum, zuerst ihr zu, die so grell diesen Gru schrie, als
brche ihr Feuer aus dem Leib, und dann zur Tr. Und noch ehe sie ganz
aufgetan war, erkannte ich die schlotternde Gestalt, erkannte den
demtigen Blick dieses Menschen, der vorhin an der Tr gleichsam geklebt
hatte. Er hielt den Hut verschchtert in der Hand wie ein Bettler und
zitterte unter dem grellen Gru, unter dem Lachen, das wie ein Krampf
ihre schwere Gestalt mit einem Male zu schttern schien und von
rckwrts, vom Schanktisch, mit raschem Geflster der Wirtin begleitet
wurde.

Dort setz dich hin, zur Franoise, herrschte sie den Armen an, als er
jetzt mit einem feigen, schlurfenden Schritt nher trat. Du siehst, ich
habe einen Herrn.

Deutsch schrie sie ihm das zu. Die Wirtin und das Mdel lachten laut,
obwohl sie nichts verstehen konnten, aber sie schienen den Gast schon zu
kennen.

Gib ihm Champagner, Franoise, den teuern, eine Flasche, schrie sie
lachend hinber, und wieder hhnisch zu ihm: Ists dir zu teuer, so
bleib drauen, du elender Knicker. Mchtest mich wohl umsonst anstarren,
ich wei, du mchtest alles umsonst.

Die lange Gestalt schmolz gleichsam zusammen unter diesem bsen Lachen,
der Buckel schob sich schief empor, es war, als wollte das Gesicht sich
hndisch verkriechen, und seine Hand zitterte, als er nach der Flasche
griff, und verschttete den Wein im Eingieen. Sein Blick, der immer
aufwollte zu ihrem Gesicht, konnte nicht weg vom Boden und tastete dort
im Kreise den Kacheln nach. Und jetzt sah ich erst deutlich unter der
Lampe dies ausgemergelte Gesicht, zermrbt und fahl, die Haare feucht
und dnn auf beinernem Schdel, die Gelenke lose und wie zerbrochen,
eine Jmmerlichkeit ohne Kraft und doch nicht ohne Bsartigkeit. Schief,
verschoben war alles in ihm und geduckt, und der Blick, den er jetzt
einmal hob und gleich wieder erschreckt zurckwarf, gekreuzt von einem
bsen Licht.

Kmmern Sie sich nicht um ihn, herrschte mich das Mdel auf
franzsisch an und fate derb meinen Arm, als wollte sie mich
herumreien. Das ist eine alte Sache zwischen mir und ihm, ist nicht
von heute. Und wieder mit blanken Zhnen, wie zum Bisse bereit, laut zu
ihm hinber: Horch nur her, du alter Luchs. Mchtest hren, was ich
rede. Da ich eher ins Meer gehe als mit dir, habe ich gesagt.

Wieder lachten die Wirtin und das andere Mdel, breit und blde. Es
schien ein gewohnter Spa fr sie, ein alltglicher Scherz. Aber mir
wars unheimlich, jetzt zu sehen, wie sich dies andere Mdel pltzlich in
falscher Zrtlichkeit an ihn drngte und ihn mit Schmeicheleien abgriff,
vor denen er erschauerte ohne den Mut, sie abzuwehren, und ich erschrak,
wenn sein Blick im Auftaumeln mich traf, ngstlich verlegen und
kriecherisch. Und mir graute vor dem Weib neben mir, das pltzlich aus
ihrer Schlaffheit aufgewacht war und so voll Bosheit funkelte, da ihre
Hnde zitterten. Ich warf Geld auf den Tisch und wollte fort, aber sie
nahm es nicht.

Geniert er dich, dann werfe ich ihn hinaus, den Hund. Der mu parieren.
Nimm noch ein Glas mit mir. Komm!

Sie drngte sich heran mit einer jhen, fanatischen Art von
Zrtlichkeit, von der ich sofort wute, da sie nur gespielt war, um
jenen anderen zu qulen. Bei jeder dieser Bewegungen sah sie rasch
schief hinber, und es war mir widerwrtig zu sehen, wie bei jeder ihrer
Gesten zu mir es in ihm zu zucken begann, als sprte er Brandstahl an
seinen Gliedern. Ohne auf sie zu achten, starrte ich einzig ihn an und
schauerte, wie etwas jetzt in ihm wuchs von Wut, Zorn, Neid und Gier,
und sich doch gleich niederduckte, wandte sie nur den Kopf. Ganz nahe
drngte sie sich nun zu mir, ich sprte ihren Krper, der zitterte von
der bsen Lust dieses Spiels, und mir graute vor ihrem grellen Gesicht,
das nach schlechtem Puder roch, vor dem Dunst ihres mrben Fleisches.
Sie von meinem Gesicht abzuwehren, griff ich nach einer Zigarre, und
whrend mein Blick noch den Tisch nach einem Streichholz absuchte,
herrschte sie ihn schon an: Bring Feuer her!

Ich erschrak mehr noch als er vor dieser gemeinen Zumutung, mich zu
bedienen, und mhte mich rasch, mir selbst eines zu finden. Aber schon
von ihrem Worte wie mit einer Peitsche aufgeknallt, kam er mit seinen
schiefen Schritten torkelnd herber und legte rasch, als knnte er sich
mit einer Berhrung des Tisches verbrennen, sein Feuerzeug auf den
Tisch. Eine Sekunde kreuzte ich seinen Blick: unendliche Scham lag darin
und eine knirschende Erbitterung. Und dieser geknechtete Blick traf den
Mann, den Bruder, in mir. Ich fhlte die Erniedrigung durch das Weib und
schmte mich mit ihm.

Ich danke Ihnen sehr, sagte ich auf deutsch -- sie zuckte auf -- Sie
htten sich nicht bemhen mssen. Dann bot ich ihm die Hand. Ein
Zgern, ein langes, dann sprte ich feuchte, knochige Finger und
pltzlich krampfartig einen jhen Druck des Dankes. Eine Sekunde
leuchteten seine Augen in die meinen, dann duckten sie sich wieder unter
die schlaffen Lider. Aus Trotz wollte ich ihn bitten, bei uns Platz zu
nehmen, und die einladende Geste mute wohl schon in meine Hand
geglitten sein, denn sie herrschte ihn eilig an: Setz dich wieder hin
und stre hier nicht.

Da packte mich pltzlich der Ekel vor ihrer tzenden Stimme und vor
dieser Qulerei. Was sollte mir diese verrucherte Spelunke, diese
widrige Dirne, dieser Schwachsinnige, dieser Qualm von Bier und Rauch
und schlechtem Parfm? Mich drstete nach Luft. Ich schob ihr das Geld
hin, stand auf und rckte energisch ab, als sie mir schmeichelnd nher
kam. Es ekelte mich, mitzuspielen bei dieser Erniedrigung eines
Menschen, und deutlich lie ich durch die Entschlossenheit meiner Abwehr
spren, wie wenig sie mich sinnlich verlocken konnte. Jetzt zuckte ihr
Blut bs, eine Falte kroch ihr gemein um den Mund, aber sie htete sich
doch, das Wort auszusprechen, und wandte sich mit einem Ruck
unverstellten Hasses gegen ihn, der aber, des rgsten gewrtig, eilig
und wie gejagt von ihrer Drohung in die Tasche griff und mit zitternden
Fingern eine Geldbrse herauszog. Er hatte Angst, jetzt allein mit ihr
zu bleiben, das war sichtlich, und in der Hast konnte er die Knoten der
Brse nicht gut lsen -- eine Brse war es, gestrickt und mit Glasperlen
besetzt, wie die Bauern sie tragen und die kleinen Leute. Mhelos war es
zu merken, da er ungewohnt war, Geld rasch auszugeben, sehr im
Gegensatz zu den Matrosen, die es mit einem Handschwung aus den
klimpernden Taschen hervorholen und auf den Tisch werfen; er mute
offenbar gewohnt sein, sorglich zu zhlen und die Mnzen zwischen den
Fingern zu wgen. Wie er zittert um seine lieben sen Pfennige! Gehts
zu langsam? Wart! hhnte sie und trat einen Schritt nher. Er schrak
zurck, und sie, als sie sein Erschrecken sah, sagte, die Schultern
hochziehend und mit einem unbeschreiblichen Ekel im Blick: Ich nehm dir
nichts, ich spei auf dein Geld. Wei ja, sie sind gezhlt, deine guten
Pfennigchen, darf keines zuviel in die Welt. Aber erst -- und sie
tippte ihm pltzlich gegen die Brust -- die Papierchen, die du da
eingenht hast, da sie dir keiner stiehlt!

Und wirklich, wie ein Herzkranker im Krampf sich pltzlich an die Brust
greift, so fate fahl und zitternd seine Hand an eine bestimmte Stelle
des Rockes, unwillkrlich tasteten seine Finger dort an das heimliche
Nest und fielen dann beruhigt zurck. Geizhals! spie sie aus. Aber da
flog pltzlich eine Glut in das Gesicht des Gemarterten, er warf die
Geldbrse mit einem Ruck dem andern Mdel zu, die erst aufschrie im
Schreck, dann hell lachte, und strmte vorbei an ihr, zur Tr hinaus wie
aus einem Brand.

Einen Augenblick stand sie noch aufgerichtet, hell funkelnd in ihrer
bsen Wut. Dann fielen die Lider wieder schlaff herab, Mattigkeit bog
den Krper aus der Spannung. Alt und mde schien sie in einer Minute zu
werden. Etwas Unsicheres und Verlorenes dmpfte den Blick, der mich
jetzt traf. Wie eine Trunkene, die aufwacht, dumpf mit dem Gefhl einer
Schande stand sie da. Drauen wird er jammern um sein Geld, vielleicht
zur Polizei laufen, wir htten ihn bestohlen. Und morgen ist er wieder
da. Aber mich soll er doch nicht haben. Alle, nur gerade er nicht!

Sie trat zum Schank, warf Geldstcke hin und strzte mit einem Schwung
ein Glas Branntwein hinunter. Das bse Licht glimmerte wieder in ihren
Augen, aber trb wie unter Trnen von Wut und Scham. Ekel fate mich vor
ihr und zerri mein Mitleid: Guten Abend, sagte ich und ging. _Bon
soir_, antwortete die Wirtin. Sie sah sich nicht um und lachte blo,
grell und hhnisch.

Die Gasse, sie war nur Nacht und Himmel, als ich hinaustrat, eine
einzige schwle Dunkelheit mit verwlktem, unendlich fernem Glanz von
Mond. Gierig trank ich die laue und doch starke Luft, und das Gefhl des
Grauens lste sich in das groe Erstaunen vor der Mannigfaltigkeit der
Geschicke, und ich sprte wieder -- ein Gefhl, das mich selig machen
kann bis zu Trnen --, da immer hinter jeder Fensterscheibe Schicksal
wartet, jede Tr sich in Erlebnis auftut, allgegenwrtig das
Mannigfaltige dieser Welt ist und selbst der schmutzigste Winkel noch so
wimmelnd von schon gestaltetem Erleben wie die Verwesung vom eifrigen
Glanz der Kfer. Fern war das Widerliche der Begegnung und das gespannte
Gefhl wohltuend gelst in eine se Mdigkeit, die sich sehnte, all
dies Gelebte in schneren Traum zu verwandeln. Unwillkrlich blickte ich
suchend um mich, den Weg nach Hause durch diese Wirrnis verwinkelter
Gchen zu finden. Da schob sich -- unhrbar mute er nahegetreten sein
-- ein Schatten an mich heran.

Verzeihen Sie, -- ich erkannte sogleich die demtige Stimme -- aber
ich glaube, Sie finden sich hier nicht zurecht. Darf ich ... darf ich
Ihnen den Weg weisen? Der Herr wohnt ...?

Ich nannte mein Hotel.

Ich begleite Sie ... Wenn Sie erlauben, fgte er sogleich demtig
hinzu.

Das Grauen fate mich wieder. Dieser schleichende, gespenstische Schritt
an meiner Seite, unhrbar fast und doch hart an mir, das Dunkel der
Matrosengasse und die Erinnerung des Erlebten wich allmhlich einem
traumhaft wirren Gefhl ohne Wertung und Widerstand. Ich sprte die
Demut seiner Augen, ohne sie zu sehen, und merkte das Zucken seiner
Lippen, ich wute, da er mit mir reden wollte, tat aber nichts dafr
und nichts dagegen aus der Taumligkeit meines Empfindens, in dem die
Neugier des Herzens mit einer krperlichen Benommenheit sich wogend
mengte. Er rusperte sich mehrmals, ich merkte den erstickten Ansatz zum
Wort, aber irgendeine Grausamkeit, die von diesem Weib geheimnisvoll auf
mich bergegangen war, freute sich dieses Ringens der Scham und
seelischen Not: ich half ihm nicht, sondern lie dieses Schweigen
schwarz und schwer zwischen uns. Und unsere Schritte klangen, der seine
leise schlurfend und alt, der meine mit Absicht stark und rauh, dieser
schmutzigen Welt zu entrinnen, wirr zusammen. Immer strker sprte ich
die Spannung zwischen uns: schrill, voll inneren Schreis war dieses
Schweigen und schon wie eine bermig gespannte Saite, bis er es
endlich -- und wie entsetzlich zagend zuerst -- durchri mit einem Wort.

Sie haben ... Sie haben ... mein Herr ... da drinnen eine merkwrdige
Szene gesehen ... verzeihen Sie ... verzeihen Sie, wenn ich noch einmal
davon rede ... aber sie mute Ihnen merkwrdig sein ... und ich sehr
lcherlich ... diese Frau ... es ist nmlich ...

Er stockte wieder. Etwas wrgte ihm dick die Kehle. Dann wurde seine
Stimme ganz klein, und er flsterte hastig: Diese Frau ... es ist
nmlich meine Frau. Ich mute aufgefahren sein im Erstaunen, denn er
sprach hastig weiter, als wollte er sich entschuldigen: Das heit ...
es war meine Frau ... vor fnf, vor vier Jahren ... in Geratzheim drben
in Hessen, wo ich zu Hause bin ... Ich will nicht, Herr, da Sie
schlecht von ihr denken ... es ist vielleicht meine Schuld, da sie so
ist. Sie war nicht immer so ... Ich ... ich habe sie geqult ... Ich
habe sie genommen, obwohl sie sehr arm war, nicht einmal die Leinwand
hatte sie, nichts, gar nichts ... und ich bin reich ... das heit,
vermgend ... nicht reich ... oder ich war es wenigstens damals ... und,
wissen Sie, mein Herr ... ich war vielleicht -- sie hat recht -- sparsam
... aber frher war ich es, mein Herr, vor dem Unglck, und ich
verfluche es ... aber mein Vater war so und die Mutter, alle waren so
... und ich habe hart gearbeitet um jeden Pfennig ... und sie war
leicht, sie hatte gern schne Sachen ... und war doch arm, und ich habe
es ihr immer wieder vorgehalten ... Ich htte es nicht tun sollen, ich
wei es jetzt, mein Herr, denn sie ist stolz, sehr stolz ... Sie drfen
nicht glauben, da sie so ist, wie sie sich gibt ... das ist Lge, und
sie tut sich selber weh ... nur ... nur um mir wehe zu tun, um mich zu
qulen ... und ... weil ... weil sie sich schmt ... Vielleicht ist sie
auch schlecht geworden, aber ich ... ich glaube es nicht ... denn, mein
Herr, sie war sehr gut, sehr gut ...

Er wischte sich die Augen und blieb stehen in seiner bermchtigen
Erregung. Unwillkrlich blickte ich ihn an, und er schien mir mit einem
Male nicht mehr lcherlich, und selbst diese merkwrdige servile Anrede,
mein Herr, die in Deutschland nur niedern Stnden zu eigen ist, sprte
ich nicht mehr. Sein Antlitz war ganz von der inneren Bemhung zum Wort
durchbildet, und der Blick starrte, wie er schwer jetzt wieder vorwrts
taumelte, starr auf das Pflaster, als lse er dort im schwankenden
Lichte mhsam ab, was sich dem Krampf seiner Kehle so qulend entri.

Ja, mein Herr, stie er jetzt tiefatmend heraus, und mit einer ganz
andern, dunklen Stimme, die irgendwie aus einer weicheren Welt seines
Innern kam: Sie war sehr gut ... auch zu mir, sie war sehr dankbar, da
ich sie aus ihrem Elend erlst hatte ... und ich wute es auch, da sie
dankbar war ... aber ... ich ... wollte es hren ... immer wieder ...
immer wieder ... es tat mir gut, diesen Dank zu hren ... mein Herr, es
war so, so unendlich gut, zu spren, zu spren, da man besser ist ...
wenn ... wenn man doch wei, da man der Schlechtere ist ... ich htte
all mein Geld dafr gegeben, es immer wieder zu hren ... und sie war
sehr stolz und wollte es immer weniger, als sie merkte, da ich ihn
forderte, diesen Dank ... Darum ... nur darum, mein Herr, lie ich sie
immer bitten ... nie gab ich freiwillig ... es tat mir wohl, da sie um
jedes Kleid, um jedes Band kommen mute und betteln ... drei Jahre habe
ich sie so geqult, immer mehr ... aber, mein Herr, es war nur, weil ich
sie liebte ... Ich hatte ihren Stolz gern, und doch wollte ich ihn immer
knechten, ich Wahnsinniger, und wenn sie etwas begehrte, so war ich bse
... aber, mein Herr, ich war es gar nicht ... ich war selig jeder
Gelegenheit, sie demtigen zu knnen, denn ... denn ich wute gar nicht,
wie ich sie liebte ...

Wieder stockte er. Ganz torkelnd ging er. Offenbar hatte er mich
vergessen. Mechanisch sprach er, wie aus dem Schlaf, mit immer lauterer
Stimme.

Das ... das habe ich erst gewut, wie ich damals ... an jenem
verfluchten Tag ... ich hatte ihr Geld verweigert fr ihre Mutter, ganz,
ganz wenig ... das heit, ich hatte es schon bereitgelegt, aber ich
wollte, da sie noch einmal kme ... noch einmal mich bitten ... ja, was
sagte ich? ... ja, damals habe ich es gewut, als ich abends nach Hause
kam und sie fort war und nur ein Zettel auf dem Tisch ... >Behalte dein
verfluchtes Geld, ich will nichts mehr von dir< ... das stand darauf,
sonst nichts ... Herr, ich bin drei Tage, drei Nchte gewesen wie ein
Rasender. Den Flu habe ich absuchen lassen und den Wald, Hunderte habe
ich der Polizei gegeben ... zu allen Nachbarn bin ich gelaufen, aber sie
haben nur gelacht und gehhnt ... Nichts, nichts war zu finden ...
Endlich hat mir einer Nachricht gesagt vom andern Dorf ... er habe sie
gesehen ... in der Bahn mit einem Soldaten ... sie sei nach Berlin
gefahren ... am selben Tage bin ich ihr nachgereist ... ich habe meinen
Verdienst gelassen ... Tausende habe ich verloren ... man hat mich
bestohlen, meine Knechte, mein Verwalter, alle, alle ... aber, ich
schwre es Ihnen, mein Herr, es war mir gleichgltig ... Ich bin in
Berlin geblieben, eine Woche hat es gedauert, bis ich sie auffand in
diesem Wirbel von Menschen ... und bin zu ihr gegangen ... Er atmete
schwer.

Mein Herr, ich schwre es Ihnen ... kein hartes Wort habe ich ihr
gesagt ... ich habe geweint ... auf den Knien bin ich gelegen ... ich
habe ihr Geld geboten ... mein ganzes Vermgen, sie sollte es verwalten,
denn damals wute ich es schon ... ich kann nicht leben ohne sie. Ich
liebe jedes Haar an ihr ... ihren Mund ... ihren Leib, alles, alles ...
und ich bin es ja, ich, der sie hinabgestoen hat, ich allein ... Sie
war bla wie der Tod, als ich hereinkam, pltzlich ... ich hatte ihre
Wirtin bestochen, eine Kupplerin, ein schlechtes, gemeines Weib ... wie
der Kalk war sie an der Wand ... Sie hrte mich an. Herr, ich glaube,
sie war ... ja, sie war beinahe froh, mich zu sehen ... aber als ich vom
Gelde sprach ... und ich habe es doch nur getan, ich schwre es Ihnen,
um ihr zu zeigen, da ich nicht mehr daran denke ... da hat sie
ausgespien ... und dann ... weil ich noch immer nicht gehen wollte ...
da hat sie ihren Liebhaber gerufen, und sie haben mich verlacht ...
Aber, mein Herr, ich bin immer wiedergekommen, Tag fr Tag. Die
Hausleute haben mir alles erzhlt, ich wute, da der Lump sie verlassen
hatte und sie in Not war, und da ging ich noch einmal hin ... noch
einmal, Herr, aber sie fuhr mich an und zerri einen Schein, den ich
heimlich auf den Tisch gelegt hatte, und als ich doch wiederkam, war sie
fort ... Was habe ich nicht getan, mein Herr, sie wieder auszuforschen!
Ein Jahr, ich schwre es Ihnen, habe ich nicht gelebt, nur immer
gesprt, habe Agenturen besoldet, bis ichs endlich erfuhr, da sie
drben sei in Argentinien ... in ... in einem schlechten Hause ... Er
zgerte einen Augenblick. Wie ein Rcheln war das letzte Wort. Und
dunkler wurde seine Stimme.

Ich erschrak sehr ... zuerst ... aber dann besann ich mich, da ich,
nur ich es sei, der sie da hinabgestoen hatte ... und ich dachte, wie
sehr sie leiden msse, die Arme ... denn stolz ist sie vor allem ... Ich
ging zu meinem Anwalt, der schrieb an den Konsul und sandte Geld ...
ohne da sie erfuhr, wer es gab ... nur da sie zurckkme. Man
telegraphierte mir, da alles gelungen sei ... ich wute das Schiff ...
und in Amsterdam wartete ich ... drei Tage zu frh war ich gekommen, so
brannte ich vor Ungeduld ... Endlich kam es, ich war selig, wie nur der
Rauch vom Dampfer am Horizont war, und ich glaubte es nicht erwarten zu
knnen, bis er heranfuhr und anlegte, so langsam, langsam, und dann die
Passagiere ber den Steg kamen und endlich, endlich sie ... Ich erkannte
sie nicht gleich ... sie war anders ... geschminkt ... und schon so ...
so, wie Sie es gesehen haben ... und wie sie mich warten sah ... wurde
sie fahl ... Zwei Matrosen muten sie halten, sonst wre sie vom Steg
gefallen ... Sobald sie am Land war, trat ich an ihre Seite ... ich
sagte nichts ... meine Kehle war zu ... Auch sie sprach nichts ... und
sah mich nicht an ... Der Trger trug das Gepck voran, wir gingen und
gingen ... Da pltzlich blieb sie stehen und sagte ... Herr, wie sie es
sagte ... so schmerzend weh tat es mir, so traurig klang es ... >Willst
du mich noch immer zu deiner Frau, jetzt auch noch?< ... Ich fate sie
bei der Hand ... Sie zitterte, aber sie sagte nichts. Doch ich fhlte,
da nun alles wieder gut war ... Herr, wie selig ich war! Ich tanzte wie
ein Kind um sie, als ich sie im Zimmer hatte, ich fiel ihr zu Fen ...
trichte Dinge mu ich gesagt haben ... denn sie lchelte unter Trnen
und liebkoste mich ... ganz zaghaft natrlich nur ... aber Herr ... wie
es mir wohltat ... mein Herz zerflo. Ich lief treppauf, treppab,
bestellte ein Diner im Hotel ... unser Vermhlungsmahl ... ich half ihr,
sich anzuziehen ... und wir gingen hinab, wir aen und tranken und waren
frhlich ... Oh, so heiter war sie, ein Kind, so warm und gut, und sie
sprach von Hause ... und wie wir alles nun wieder besorgen wollten ...
Da ... Seine Stimme wurde pltzlich rauh, und er machte mit der Hand
eine Geste, als ob er jemanden zerbrechen wollte. Da ... da war ein
Kellner ... ein schlechter, gemeiner Mensch ... der glaubte, ich sei
trunken, weil ich toll war und tanzte und mich berkollerte beim Lachen
... whrend ich doch nur so glcklich war ... oh, so glcklich, und da
... als ich bezahlte, gab er mir zwanzig Francs zu wenig zurck ... Ich
fuhr ihn an und verlangte den Rest ... er war verlegen und legte das
Goldstck hin ... Da ... da begann sie auf einmal grell zu lachen ...
Ich starrte sie an, aber es war ein anderes Gesicht ... hhnisch, hart
und bse mit einem Male ... >Wie genau du noch immer bist ... selbst an
unserem Vermhlungstag!< sagte sie ganz kalt, so scharf, so ...
mitleidig. Ich erschrak und verfluchte meine Peinlichkeit ... ich gab
mir Mhe, wieder zu lachen ... aber ihre Heiterkeit war fort ... war tot
... Sie verlangte ein eigenes Zimmer ... was htte ich ihr nicht gewhrt
... und ich lag allein die Nacht und sann nur nach, was ihr kaufen am
nchsten Morgen ... sie beschenken ... ihr zeigen, da ich nicht geizig
sei ... nie mehr gegen sie. Und am Morgen ging ich aus, ein Armband
kaufte ich, ganz frh, und wie ich in ihr Zimmer trat ... da war ... da
war es leer ... ganz wie damals. Und ich wute, auf dem Tisch wrde ein
Zettel liegen ... ich lief fort und betete zu Gott, es mge nicht wahr
sein ... aber ... aber ... er lag doch dort ... Und darauf stand ...

Er zgerte. Unwillkrlich war ich stehen geblieben und sah ihn an. Er
duckte den Kopf. Dann flsterte er heiser:

Es stand darauf ... >La mich in Frieden. Du bist mir widerlich --<

Wir waren beim Hafen angelangt, und pltzlich rauschte in das Schweigen
der grollende Atem der nahen Brandung. Mit blinkenden Augen, wie groe
schwarze Tiere lagen die Schiffe da, nah und ferne, und von irgendwo kam
Gesang. Nichts war deutlich und doch vieles zu fhlen, ein ungeheurer
Schlaf und der schwere Traum einer starken Stadt. Neben mir sprte ich
den Schatten dieses Menschen, er zuckte gespenstisch vor meinen Fen,
flo bald auseinander, bald kroch er zusammen im wandelnden Licht der
trben Laternen. Ich vermochte nichts zu sagen, nicht Trost und hatte
keine Frage, sprte aber sein Schweigen an mir kleben, lastend und
dumpf. Da fate er mich pltzlich zitternd am Arm.

Aber ich gehe nicht fort von hier ohne sie ... Nach Monaten habe ich
sie wiedergefunden ... Sie martert mich, aber ich will nicht mde werden
... Ich beschwre Sie, mein Herr, reden Sie mit ihr ... Ich mu sie
haben, sagen Sie es ihr ... mich hrt sie nicht ... Ich kann nicht mehr
so leben ... Ich kann es nicht mehr sehen, wie Mnner zu ihr gehen ...
und drauen warten vor dem Haus, bis sie wieder herunterkommen ...
lachend und trunken ... Die ganze Gasse kennt mich schon ... sie lachen,
wenn sie mich warten sehen ... wahnsinnig werde ich davon ... und doch
jeden Abend stehe ich wieder dort ... Mein Herr, ich beschwre Sie ...
sprechen Sie mit ihr ... ich kenne Sie ja nicht, aber tun Sie es um
Gottes Barmherzigkeit ... sprechen Sie mit ihr ...

Unwillkrlich wollte ich meinen Arm befreien. Mir graute. Aber er, wie
ers sprte, da ich mich gegen sein Unglck wehrte, fiel pltzlich
mitten auf der Strae in die Knie und fate meine Fe.

Ich beschwre Sie, mein Herr ... Sie mssen mit ihr sprechen ... Sie
mssen ... sonst ... sonst geschieht etwas Furchtbares ... Ich habe mein
ganzes Geld verbraucht, sie zu suchen, und ich lasse sie nicht hier ...
nicht lebendig ... Ich habe mir ein Messer gekauft ... Ich habe ein
Messer, mein Herr ... Ich lasse sie hier nicht mehr ... nicht lebendig
... ich ertrage es nicht ... Sprechen Sie mit ihr, mein Herr ...

Er wlzte sich wie rasend vor mir. In diesem Augenblick kamen zwei
Polizisten die Strae her. Ich ri ihn mit Gewalt auf. Einen Augenblick
starrte er mich entgeistert an. Dann sagte er mit ganz fremder,
trockener Stimme:

Die Gasse dort biegen Sie ein. Dann sind Sie bei Ihrem Hotel. Einmal
noch starrte er mich an mit Augen, in denen die Pupillen zerschmolzen
schienen in ein grauenhaft Weies und Leeres. Dann verschwand er.

Ich wickelte mich in meinen Mantel. Mich frstelte. Nur Mdigkeit sprte
ich, eine wirre Trunkenheit, gefhllos und schwarz, einen wandelnden,
purpurnen Schlaf. Ich wollte etwas denken und all das besinnen, aber
immer hob sich diese schwarze Welle von Mdigkeit aus mir und ri mich
mit. Ich tastete ins Hotel, fiel hin ins Bett und schlief dumpf wie ein
Tier.

Am nchsten Morgen wute ich nicht mehr, was davon Traum oder Erlebnis
war, und irgend etwas in mir wehrte sich dagegen, es zu wissen. Spt war
ich erwacht, fremd in fremder Stadt, und ging eine Kirche zu besehen, in
der antike Mosaiken von groem Ruhme sein sollten. Aber meine Augen
starrten sie leer an, immer deutlicher stieg die Begegnung der
vergangenen Nacht auf, und ohne Widerstand triebs mich weg, ich suchte
die Gasse und das Haus. Aber diese seltsamen Gassen leben nur des
Nachts, am Tage tragen sie graue, kalte Masken, unter denen nur der
Vertraute sie erkennt. Ich fand sie nicht, so sehr ich suchte. Mde und
enttuscht kam ich heim, verfolgt von den Bildern des Wahns oder der
Erinnerung.

Um neun Uhr abends ging mein Zug. Mit Bedauern lie ich die Stadt. Ein
Trger hob mein Gepck und trug es vor mir her dem Bahnhof zu. Da
pltzlich, an einer Kreuzung, ri michs herum: ich erkannte die
Quergasse, die zu jenem Hause fhrte, hie den Trger warten und ging --
whrend er zuerst erstaunt und dann frechvertraulich lachte -- noch
einen Blick zu tun in diese Gasse des Abenteuers.

Dunkel lag sie da, dunkel wie damals, und im matten Mond sah ich die
Trscheibe jenes Hauses glnzen. Noch einmal wollte ich nher treten, da
raschelte eine Gestalt aus dem Dunkel. Schauernd erkannte ich ihn, der
dort auf der Schwelle hockte und mir winkte, ich mge nher kommen. Doch
ein Grauen fate mich, ich flchtete rasch fort, aus der feigen Angst,
hier verstrickt zu werden und meinen Zug zu versumen.

Aber dann, an der Ecke, ehe ich mich wandte, sah ich noch einmal zurck.
Als mein Blick ihn traf, gab er sich einen Ruck, raffte sich auf und
sprang gegen die Tr. Metall blitzte in seiner Hand, da er sie jetzt
eilig aufri: ich konnte aus der Ferne nicht unterscheiden, ob es Geld
war oder das Messer, das im Mondlicht zwischen seinen Fingern
verrterisch glitzerte ...




                                 Inhalt


                    Der Amoklufer                 9
                    Die Frau und die Landschaft   87
                    Phantastische Nacht          121
                    Brief einer Unbekannten      209
                    Die Mondscheingasse          269






                        INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG

                                --------

                      Dichtungen von Stefan Zweig

    Die frhen Krnze. Gedichte. Dritte Auflage.

    Erstes Erlebnis. Vier Geschichten aus Kinderland. 12. bis
    15. Tausend.

    Brennendes Geheimnis. Novelle. (Insel-Bcherei Nr. 122.)
    36. bis 45. Tausend.

    Das Haus am Meer. Schauspiel in zwei Teilen.

    Tersites. Ein Trauerspiel in drei Aufzgen. Zweite Auflage.

    Der verwandelte Komdiant. Ein Spiel aus dem deutschen
    Rokoko. Zweite Auflage.

    Jeremias. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern. 19.
    bis 23. Tausend.

    Legende eines Lebens. Ein Kammerspiel in drei Aufzgen.

    Der Zwang. Novelle (in 470 Ex. mit Holzschnitten von Frans
    Masereel).

    Die Augen des ewigen Bruders. Novelle. (Insel-Bcherei Nr.
    349.) 10. Tausend.

    Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski. 9. bis 12. Tausend.

    Die gesammelten Gedichte (in Vorbereitung).

                                --------

                  Von Stefan Zweig wurden bertragen:

    Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern. 26. bis 30.
    Tausend.

    Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 36. bis 40.
    Tausend.

    Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bcherei Nr.
    5.) 41. bis 50. Tausend.

                                --------

                  Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:

    Charles Dickens: Ausgewhlte Romane. -- Dostojewski: Smtliche
    Romane und Novellen. -- Arthur Rimbaud: Leben und Dichtung.
    -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben. -- Marceline
    Desbordes-Valmore: Das Lebensbild einer Dichterin. -- Paul
    Verlaine: Gesammelte Werke.


                      Druck vom Bibliographischen
                          Institut in Leipzig


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen, zum Teil unter Zuhilfenahme anderer Ausgaben
(vorher/nachher):

   [S. 86]:
   ... hohen Bord niederstrzte und den Sarg mit dem Trger ...
   ... hohen Bord niederstrzte und den Sarg mit den Trgern ...

   [S. 160]:
   ... von mir gehatem Ravachol hing, denn rings um mich ...
   ... von mir gehaten Ravachol hing, denn rings um mich ...

   [S. 165]:
   ... ein Mensch mit bsem und warmen Gelst. Eine Tr ...
   ... ein Mensch mit bsem und warmem Gelst. Eine Tr ...

   [S. 171]:
   ... inmitten einer weichwogenden Menschenmenge hatte einen ...
   ... inmitten einer weich wogenden Menschenmenge hatte einen ...

   [S. 177]:
   ... fr dieses Dienstbotengasthaus mit meiner Derbydre, ...
   ... fr dieses Dienstbotengasthaus mit meinem Derbydre, ...

   [S. 249]:
   ... -- ah, sie wissen es nicht, die Frauen, die ihren ...
   ... -- ah, sie wissen es nicht, die Frauen, die ihrem ...

   [S. 280]:
   ... Gesten mir zu es in ihm zu zucken begann, als sprte ...
   ... Gesten zu mir es in ihm zu zucken begann, als sprte ...






End of the Project Gutenberg EBook of Amok, by Stefan Zweig

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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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