The Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 1, by Albrecht Schaeffer

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Title: Helianth. Band 1
       Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der
       norddeutschen Tiefebene

Author: Albrecht Schaeffer

Release Date: August 9, 2018 [EBook #57661]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HELIANTH. BAND 1 ***




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                                HELIANTH


                                 Bilder
                             aus dem Leben
                       zweier Menschen von heute
                  und aus der norddeutschen Tiefebene
                      in neun Bchern dargestellt

                                  von
                           Albrecht Schaeffer


                         Der drei Bnde erster


                       Im Insel-Verlag zu Leipzig
                                  1920




                                Widmung


              In Lebens leichter Unbestndigkeit
              Warst du der Sichre, der auch mich gefeit.

              Und wie das Sternheer strahlt, auch unsichtbar
              Am Tag: dein Bild mir dauernd' Sternbild war.

              So tritt vor dieses Werk auch hin im Geist,
              Das nun zu Nachfahrn und Geschlechtern reist.

              Ihr, teuren Namens Zeichen, flammt und seid
              Gewhr und Brgen seiner Dankbarkeit!

                                        Kurt Albert Gerlach




                              Erstes Buch.
                             Hochsommertag
                                  oder
                               Die Kinder


                            Glanz und ruhm! so erwacht unsre welt
                            Heldengleich bannen wir berg und belt
                            Jung und gro schaut der geist ohne vogt
                            Auf die flur auf die flut die umwogt.

                                                         STEFAN GEORGE


                             Erstes Kapitel


                                 Wiese

Ununterbrochen feilten die Grillen.

Georg, zum Abgrunde des Sommers hinabgesunken, lag in der Tiefe des
Grillenmeers. ber ihm hoch, in einer schnen Ewigkeit gab es einen
Vormittag, Insel der Sonnenfriedlichkeit, und mglicherweise war es doch
dort, wo sein Leichnam angenehm ruhte, in jenen farbigen, brodelnden
Wiesen, von dem unzhlbaren Zirpen des unsichtbaren Getiers dergestalt
berfllt, da alles von ihm zitterte und schwoll wie von einer
unsichtbaren, stampfenden Maschine, oder als brchten zehntausend
Sonnenstrahlen an den geschliffenen Spitzen der Grser dies Gerusch
hervor, das fortebbte und erstarb und schon wieder von anderswo sich
erhob und berschwoll und wieder hinsank und in Ewigkeit nicht
verstummte -- grn, grn, grn -- und die flirrenden Stimmen. Georg
bemerkte, den Kopf hebend, da er allerdings inmitten jener Wieseninsel
lag, sanft berflutet von Glut, und, geblendet vom Licht, gewahrte er
durch die Spalte der Lider unendlich fern seine Beine und Fe in
braunen Schnrstiefeln mit Messinghaken und Reitgamaschen, eine Art
braunen Gebirges, umringt von bebenden Zitterhalmen und roten
Sauerampferstauden wie von Zypressen und Kiefern, zu denen, klein
vogelgleich, unablssig die roten Fliegen und Perlmutterfalter
phantastisch heranflogen. Hummeln stimmten mit tiefem Gelut dazwischen.
Unermelich fern und fein sang eine gedengelte Sense. Khe, die in der
Ewigkeit grasten, brllten von dort herber, selten nur und mit
Seelenruhe. Die See hinterm Deich war nicht zu hren.

Helenenruh, dachte Georg, ach Helenenruh! Wenn ich nur wte, ob es auch
so schn war, wie ich geboren wurde!

Er legte sich an die Seite und war an den Grund eines Urwalds geraten.
Alle Halme, die Margeriten, Federnelken und Sauerampfer -- Georg dachte:
Auersampfe, trumerisch -- waren zu einer sonnigen Lichtung geworden,
wrmedurchrieselt, bebendes Gold in der Himmelsblue. Er wlzte sich auf
den Bauch herum und betrachtete die Stelle, wo sein Kopf das Gras
plattgedrckt hatte. Eine Ameise arbeitete sich schwierig daraus hervor,
kletterte, immer wieder einbrechend, aber nicht verzweifelnd, darber
hinweg und verschwand. Hinter dem Grserwald stand der Himmel wie blaues
Glas. Dahinter stiegen Kfer auf, schlugen einen Bogen, fielen, waren
fort. Grillen schnellten wie abgebrannte Schwrmer in die Hhe, fielen,
waren fort. Schn wrs, jetzt durch die blaue Glasscheibe zu greifen,
die da ins Gras gestellt war -- warum tat man sowas nur niemals? -- die
ja nicht zerbrechen wrde, sondern im Gegenteil, sie wrde ganz weich
sein, ungefhr wie warme Luft, aber die Hand wrde gnzlich blau
dahinter aussehn. Jetzt wackelte ein Urwaldsbaum aufgeregt mit dem
Wipfel; an seiner Wurzel arbeiteten mit Stricken und xten wild
aussehende Kerle, mit Waffen bestarrt von oben bis unten, in befransten
Leggins, mit Schlapphten, unter denen sie Tcher um den Kopf gewickelt
hatten; ihre Pferde knabberten in der Nhe, legten jeden Augenblick die
Ohren zurck, hatten bse Augen und mihandelte Muler von den
pfundschweren Gebissen; ihre Sttel waren wie Kamelsttel, nmlich tief,
unbeschreiblich tief im kanadischen Urwald. Oder brasilianischen. Oder
wars vielleicht der Arkansas, der in der Nhe durch die Schnellen ging?
Von Arkansas kam man nach Tennessee und so weiter durch die Staaten, die
sich unerhrt ausbreiteten. Wie das schon klang, wenn man sagte: Staaten
... Arkansas war auch ein fabelhaftes Wort, ebenso wie Rio de la Plata,
-- o grenzenlose, stille Wasserflchen! O Papageienschreie! Die Savanne,
die Savanne ... Welch unsterblich kolumbische Worte, durch Ferne und
Abenteuer zu strahlender Glasur gebrannt, Fayencen der Unsterblichkeit!
Womglich bezaubernder, als wenn man Tasso sagte. -- Du siehst mich
lchelnd an, Eleonore. -- Wem es gelnge, einen solchen Anfang zu
erfinden! Sieh, Ameise, da bist du ja! Ist es dir gelungen? Warum jetzt
diese Sauerampferpappel ersteigen, Ameise? Indiana, das war auch so ein
entzckendes Staatenwort. Emma -- warum steht jetzt Emma ins Gras
geschnitten, so gro, so fett, so ausdrucksvoll? Die Mwen sehn alle
aus, als ob sie Emma hieen ... bewahre, das ist ja kein Grasboden, das
ist ja tintig und lcherig, das ist das alte Klassenpult unter dem Bilde
von Herkulanum. Ach, das wird nun wohl berhobelt sein, und die schn
gemalte Tulpe Pilsener ist verschwunden, ebenfalls der unsterbliche Vers
oben links in der Ecke unterm Lesevereinszirkel: Wer hier einschlft und
nicht erwacht -- Den hat der Daniel umgebracht. O Direx, o Daniel, o
Gewesenheit! O wie schn sie nun dasteht, aufrecht und echt und
dursterregend, die Tulpe Pilsener aus schnem Glase mit breitem
Goldrand, zur obern Hlfte mit Schnee, zur untern mit klarem Honig
gefllt, und darunter, auf dem mit Zigarrenasche bestreuten Tischtuch
--, -- Georg las die mit Bleistift zierlich geschriebene Strophe
Platens: Wer wte je das Leben recht zu fassen ...

Ja, wer wte je? O schwierige Fragen. Der Ernst des Lebens trat nun an
einen heran. Man war ein Prinz, was hatte dies zu bedeuten,
insbesondere? Wie gings weiter?: Wer hat die Hlfte nicht davon verloren
... Ja, ein Viertel war schon hin, zwlf bittre, griechische Jahre und
noch sechs, dulde nur aus, mein Herz! Im Spiel, im Fieber, im Gesprch
mit Toren. Das kann stimmen, ach Gott, wie faul bin ich heute! Nur die
Ameisen mssen immer arbeiten. Nun wieder hinunter den Auer... In
Liebesqual, in leerem Zeitverprassen ... Verprassen ist ein wunderbarer
Ausdruck, das spritzt so! In Liebesqual ... in -- -- Liebes... was heit
das? -- Wer hier einschlft und nicht ... Du siehst mich lchelnd an ...

Wieso ist auf einmal alles rot? Sonnenuntergang? Nein! O verschlafene
Tage! O Grillengezirp! O vergessene Geschichtszahlen! Ah, jetzt wird es
bunt, das kommt vom Schlafen, ich habe eine kleine halbe -- hu -- ah! --
halbe Stunde geschlafen, da liefen Ameisen in mir hin und her, ich
glaube, ich war ein ganzer Ameisberg, so warm und voll Geruch von Erde,
Kiefernadeln und kleinen Lusen, die gemelkt werden, es dampfte, es
kribbel-- es kribbelt noch immer, da am Ohr, wo sie ein und aus laufen
...

Georg fate nach seinem linken Ohr, bekam einen Grashalm zwischen die
Finger, hrte das Lachen einer Gttin vom Zenit und wachte ganz auf.

Da sa sie! Bei Gott, da sa dieses Mdchen ganz stille bei ihm! -- Er
konnte mit trnenden, geblendeten Augen nichts wahrnehmen als einen
riesigen, weien Kleidflecken, auf dem rote und grne Scheiben
durcheinanderliefen. Sein Herz klopfte stark. Aufgerichtet, in seinen
Hemdsrmeln dasitzend, juckte er sich die Schultern, indem er das Hemd
darauf hin und her schob, ghnte riesig und dachte: Was zuckte ich eben?
Ich bin gezuckt, weil sie gekommen ist, weil sie nach mir gesucht hat,
weil sie ... Er ghnte noch einmal, um mglichst gleichgltig zu
erscheinen, und bemerkte, er sei so schlaftrunken. Da er keine Antwort
bekam, sagte er nach einer Weile: Weit du, Anna, wie mir zumut ist?
Als wr ich soeben geboren worden. Als htt ich hier tausendundachtzehn
Jahre im Grillengezirp geschlafen, blo die letzten zehn habe ich einen
schnen Unsinn getrumt. Weit du, es giebt ein Bild, du wirst es nicht
kennen, es ist von -- von Philipp Otto Runge und heit: Der Morgen. Ein
kleines Kind liegt in einem Rbenfeld und streckt die Arme nach oben. So
-- Gott bin ich mde! -- so komm ich mir auch vor!

Whrend er sich in einem endlosen Ghnkrampf zusammenkrmmte, sah er
doch das zarte Lcheln in den Fltchen ihrer Augenwinkel, dazu die roten
Hitzeflecken ber den fast brauenlosen Augenbuckeln, hrte sie auch
etwas sagen von seinem Gesicht, das wie eine Rbe ausshe, die ein
bichen Wasser ausschwitzte, wo die Augen sen, und es klebte eine
Mcke auf seiner linken Backe.

Mcken, sagte er, sind gut. Und dann dachte er, indem er sie sitzen
sah, auf der Seite nach weiblicher Art und mit angezogenen Fen:
Kleines, weies Mdchen! Kleines gesticktes Mdchen von siebenzehn! Du
lieber Gott, was kleine braune Schuhe! Und diese herrliche Stickerei,
die das halbe Kleid bedeckt! Und dieser weiliche Flaum auf den Armen,
die schon braun werden! Und diese groen, braunen Eleonorenaugen! Und
die breite, schne Stirn! Und diese Biegung des groen Florentinerhuts,
und wie das Gesicht darunter im Schatten ist, und berhaupt alles! --
Zrtlichkeit zog sein Herz zusammen, ringsum waren die Wiesen, rote
Smpfe von Sauerampfer, Gefilde weier Sternblumen, und darber dies
unablssige Geschwirre, auf und ab Fliegen und Schnellen und Schweben
von Flgeln, eine ungeheure Bewegung, und doch so still ...

Wieder lag er auf dem Rcken, starrte in die blendende Blue, blinzelte
und dehnte sich innerlich, da die Knochen knackten. Er hrte einen
trocknen Zweig taktmig gegen seine linke Gamasche schlagen. Die
Grillen feilten. Die Hummeln summten. In einer eigentmlichen
ngstlichkeit bemht, fortzukommen, war er wieder dabei, sich einen Weg
quer durch die Staaten zu bahnen, die Rifle in der Linken, das
Bowiemesser in der Rechten, den Tasso in der Revolvertasche (Reclam).

Pltzlich wagte ers und fragte, woher sie kme. Spazieren, sagte sie. Ob
sie ihn gesucht htte. Gefunden, sagte sie. Und so redeten sie
vielleicht noch viele Worte, bis er khn wurde und mit Herzklopfen
sagte: Ich wei jetzt! Du warst eine kleine Wolke, die vom Dent de la
Neige heruntergeflogen kam. Hast du wohl die himmlischen Khe gesehn und
die Engel, die blaues Gras mhten?

O Georg, sagte sie vorwurfsvoll, darum bist du auch in Mathematik
durchgefallen. Schm dich was! Ein Prinz und durchfallen!

Wenn er doch nie regieren braucht!

Wie hast du das blo angestellt?

Angestellt? Der alte Kaffer fragte nach geometrischen Reihen, aber
Fischer hatte mir gesagt -- wir wurden an zwei Tagen geprft, in zwei
Gruppen, weit du --, die htte er am ersten Tage gefragt gehabt, und
deshalb hatte ich blo noch schnell die Formeln fr die arithmetischen
Reihen bergelernt, und da sagte ich die her. Da setzte er mir eine
halbe Stunde auseinander, das wren die arithmetischen und nicht die
geometrischen, und was ich denn nun davon wte. Mehr nicht, sagte ich,
und da fragte er Dieckmann, und da war ich durchgefallen, und das war
vorauszusehn. Es war sehr bequem.

Da sa sie und dachte. Was denkt so ein Mdchen, wenn es auf seiner
glatten Stirn mhselig eine kummervolle Falte erzeugt? Halb ist ihr
Kleid Tlldurchbruch -- wie kann man eigentlich sowas anziehn, wie mu
das wohl sein? -- und die Bluse ist halb Tlldurchbruch -- und halb ist
sie gar nicht; man kann sie in die Westentasche stecken, wie warm sie
sein mu! -- Da wurde ihm innerst hei, unter der Sonnengluthaut, und er
dachte unbestimmt Zrtliches. Wenn ich nur wte, was sie jetzt denkt,
dachte er.

Georg, woran denkst du jetzt? fragte sie.

Ach, sie hatte an gar nichts gedacht! -- Er sagte, er htte gedacht, was
sie jetzt dchte. O, mu man immer denken? antwortete sie seelenvoll.

Wie wars denn nun, fragte er, an der Adria? Erzhle mal! Erzhle aus
Genf, aus Venedig! Warum seid ihr nicht bis Griechenland gekommen, ich
htte euch alles gezeigt. Griechenland ist viel schner. Sag, hast du in
Innsbruck auch immer morgens, wenn du auf die Strae kamst, gedacht, es
wre schlecht Wetter, und dann warens die grauen Berge, und man mute
sich den Kopf ausrenken, um den Himmel oben zu sehn? Berge sind so
scheulich ... Er lie nachdenklich den Kopf zur Brust hngen, die
Hnde links und rechts neben sich ins Gras gesttzt. -- Wie spt es sei
... Er merkte, da sie schon zum zweitenmal fragte, zog, ohne die
zugefallnen Augen zu ffnen, die Uhr an ihrem Lederriemchen aus der
Westentasche und hielt ihr die glatte Seite hin, die er fr das
Zifferblatt hielt.

Halb elf, hrte er sie ganz fern sagen, komm frhstcken!

Georg nahm sich zusammen und hatte das bedrohliche Gefhl, da auf
einmal Zeit da war. Halb elf, unweigerlich. Etwas hrte auf.

Er erhob sich umstndlich, nahm die Jacke aus dem Grase, die dalag wie
ein schlafender Jagdhund, zog sie an, stlpte den Panama auf, klopfte
die Hose ab und stampfte mit dem rechten Fu, da etwas braune Erde vom
Spornrade fiel. Dann gingen sie ber die Fenne, vor sich die riesig
aussehende, majesttische Wand des Wldchens, zerklftete und
durchrissene Wipfel, ber ein Knicktor, wieder ber eine Fenne, durchs
Gatter, und waren, von pltzlichem Brombeeraroma umwogt, in der dunklen,
schattigen Eichenallee, in deren entfernter, runder ffnung lichtes
Grn, oben ein wenig Blau und dazwischen Weies war vom Haus. Waren
hindurch und gingen ber die ganz grne, geschorene Wiesenflche gerade
auf die Terrasse los, die glitzernd wei zur linken Hlfte, zur rechten
dunkelgrau, vom Schatten des Sdflgels bedeckt, mit Brstungen und
groen, grauen, von rotem Geranium oder gelbroter Kapuzinerkresse
berwucherten Steinurnen vor dem blendendweien Hause mit seinen weit
vorgreifenden Flgeln, den grnen Lden, schwarzen Dchern und zwei
Trmchen lag, an dessen einem die goldnen Uhrzeiger blitzten. Ach, in
dem wundervollen Grasboden unhrbar, das war eine Wonne zu gehn, so
schlfrig, hier und da stolpernd, in den heien Hosentaschen die
glhenden Hnde, den Kopf gegen die Sonne gesenkt, durch
halbgeschlossene Lider auf die braunen Stiefel hinuntersehend, die sich
da unten sonderbar selbstndig vor und zurck bewegten, und links die
kleineren braunen Fe, die -- -- ach, es war zu schn!

Auf den Beetstreifen unterhalb der Terrasse blhten die Stockrosen
vielfarbig, und oben sa Papa unterm rot und wei gestreiften
Leinenschirm am Tisch hinter der Brstung zeitunglesend. Aus der Glastr
trat der Diener, eine Figur aus undurchsichtigem blauen Glase, der
gedrehte Flgel entsandte einen scharfen Goldblitz, er setzte einen
funkelnden Silberkorb und Glser auf den Tisch, und pltzlich ergraute
alles und losch aus und schien verkleinert -- oben hatte eine kleine
Wolke sich vor die Sonne gestellt. Seltsam sachlich und wirklich
erschien von rechts her auf dem Weg unter der Terrasse ein Unbekannter
in einem grauen Anzug, blieb einen Augenblick vor einem Stock
weirosiger Rosen -- Capitaine Christy? -- stehn, ging sachte weiter,
die zweimal vier Stufen hinauf, und wurde vom Herzog mit liebenswrdigem
Eifer begrt. Georg dachte: Wer ist das? -- Das Mdchen fragte
dasselbe. Da waren sie angelangt.


                                Terrasse

Anna Magdalena ging um den Tisch zu dem wie immer sitzenden Herzog, der
sie auf die Stirn kte und nach den Trumen der ersten Nacht wieder im
Vaterhause fragte (doch gab es keine bestimmten, blo ein Errten) und
dann ihr und Georg den Fremden vorstellte, nmlich den Maler Benvenuto
Bogner, dessen Bild oben im Klaviersaal Georg kenne. Er erweist uns die
Ehre seines Besuches und hat auch einen Freund mitgebracht, der aber
leider krank ist.

Ach, das schne Bild mit dem (sonderbaren wollte er sagen) Vers
darunter! sagte Georg erfreut, whrend er eine feste Hand zu fassen
bekam und in ein ziemlich langes, bartloses Gesicht mit fast
unsichtbaren hellen kleinen Augen in sehr groen Hhlen blickte.

Alsbald saen sie um den runden Tisch und frhstckten Spiegeleier und
allerlei Kstliches. Der Herzog erinnerte den Maler an ihr erstes
Zusammentreffen in Paris, das war bald fnfzehn Jahre her.

Ja, sieh, mein Sohn, sagte er, sieh dir diesen wohlwollenden Mann an.
Damals war das ein Bursch wie du, verschlossen, boshaft, mager wie ein
Hering, in seiner Dachkammer gedrrt, die mit den greulichsten
Bildstcken angefllt war, und er wie ein ertappter Lustmrder mitten
drin sah aus, als ob er vor Hunger und Gewissensbissen umfallen wollte.
Und er verkaufte nichts, keinen --

Hat Papa Sie damals schon eingeladen? redete Georg vergngt
dazwischen. Na, Sie haben sich Zeit genommen!

Der Maler, sacht mitlchelnd, meinte, nein, er sei vielmehr gekommen, um
das Bild mit dem -- er machte genau Georgs eigne Pause vor dem Wort --
Vers abzumalen. Georg wollte berlegen, wie aus dem Lustmrder dieser
findige und vornehme Mensch geworden sein mochte, hrte seinen Vater
sagen: I, Kleines, du it ja wie'n Vogel! und sah sie langsam an. Sie
blickte, mit dem Rcken zur Hauswand sitzend, ber die Brstung und
sagte: Da kommt Papa, rot werdend. Jenseit des Rasenovals erschien im
lichtgrnen Loch des Eichenwldchens ganz klein das weie Pferd mit dem
Verwalter, kam rasch nher, sich vergrernd, umtrabte den Rasenplatz
nach rechts hin. Der Maler hatte sich umgedreht. Der groe Chalybus,
bemerkte der Herzog halblaut wie zu sich selber und fgte hinzu: mein
Verwalter. Der war jetzt auf dem Seitenweg hinter Bumen und Gebsch
verschwunden, tauchte wieder auf in einer Lcke, grad vor der Tr des
halbverborgenen Verwalterhauses und stieg ab. Der Stallbursche war da
und fhrte den Schimmel weg, aus der Haustr kam ein Herr die Stufen
herunter, begrte sich mit dem Riesen, dem er kaum zur Brust reichte,
und verschwand wieder. Bald darauf erschien die gewaltige Gestalt auf
dem Wege unter der Terrasse, ber deren Brstung das schiefe grne
Htlein eben entlang schwebte, und wie er nun im langen Rock und
Stulpstiefeln die Treppe heraufkam, wurde er immer grer, so da selbst
Georg wieder erstaunte. Ungeheuerlich ber den Sitzenden ragend, lpfte
er hoch oben das verschossene Htlein von der hohen Stirn und den
grauweien Schlfenbscheln, dem auf ihn zutretenden Maler die Hand
reichend.

Ob er auch Besuch bekommen habe, erkundigte sich der Herzog, als er
neben seiner Tochter sa. Chalybus, den dicken Schnurrbart mit beiden
Hnden windend und drehend, da die Spitze der schn gebogenen Nase sich
krmmte, lchelnd und nach allen Seiten blitzend mit Zhnen und blauen
Augen, bejahte mit herrlicher Tenorstimme, begrte zunchst Georg in
homerischer Sprache, weil der in Griechenland gewesen sei, im Lande der
Hellenen, verga vllig die Frage des Herzogs, die in Magdas ngstlich
unbestimmtem Blick brannte, und strzte sich mit Feuereifer in seinen
Bericht ber den Morgenritt, den Stand irgendwelcher Feldarbeit und
betrunkene Polen. Es hrte wohl niemand zu.

Georg trumte. Kleine Wolken wie Schmetterlinge, wei und mit wunderbar
leichten Schatten, tauchten ber den Eichenwipfeln auf. Er sah wieder
die Grasebenen und die Linie des Deiches, leer, wehend, blumenreich. Er
ging drberhin, in der Ferne war etwas Weies, Io vermutlich, die
jungfruliche Kuh; er ging ungezhlte Sommermittagsstunden darauf zu, es
war Anna, sie sa im Grase und lie blutrote Spinnen, wie Punkte klein,
ber ihre Hnde laufen, die sie drehte, als wnde sie einen Kranz.
Pltzlich war ihr Kleid ber und ber bedeckt mit roten Punkten, die
durcheinanderwimmelten wie ein Firmament, und sie sang leise: Spinn am
Mittag, Glck am dritten Tag ... unaufhrlich die gleichen Worte. Es
wehte ber die Wiesen, es wehte; warm, zitternd kam die Luft, Heugeruch
war darin, ferne ging die Stimme des groen Chalybus sonor auf und
nieder, zehntausend rote Spinnen wimmelten ber das Mdchen hinweg, o
Gott, wie hei es war! Deutlich hrte er ihren Vater sagen:
Kinematograph ...

Georg kam zu sich, begann zuzuhren und fate den Maler ins Auge, der
ihm gegenber Honig aus der Porzellandose schpfte und auf Semmel
flieen lie, indem er den Hornlffel drehte. Er gefiel Georg beraus.
Das Gesicht war graubraun, weniger hager als fest; die Knochenrnder der
groen Augenhhlen waren unter der Haut erkennbar -- so wie bei manchen
Affen, ja, und auch dies Traurige wie bei ihnen war zwischen den Brauen
manchmal. Die ernste Nase, das Kinn, der schmale Mund mit einer scharf
gegrabenen Falte links und rechts, wie war all das ruhig und
geschlichtet -- geschlichtet ja, und das gescheitelte Haar war vllig
grau gesprenkelt, so da er an Vierzig schien, aber vor fnfzehn Jahren
hatte Papa gesagt, war er so alt wie ich ... Georg dachte, er habe noch
nie einen so stillen Menschen gesehn, geschweige einen, der zugleich so
vielwissend aussah, ja so -- kostbar innerlich.

Der groe Chalybus erzhlte tnend von seinem Besuch, einem Bekannten
von _old times_, einem Schauspieler, der jetzt fr den Film mime.

Alte Erinnerungen, sagte er, fnfzig Erinnerungen, die schleppt so
ein Mensch in seinen Taschen daher und merkts nicht. Auch ich war ein
Mime im lockigen Haar, sagte er. Er zieht sie mit dem Schnupftuch
heraus, da sie wie eine Mottenwolke aufflattern, er schneuzt sich in
sie, er schenkt sie in sein Glas, er verschenkt sie gra--ties! Er
braucht sie nicht, ein Mensch, der lebt, was braucht der Erinnerungen,
ich aber mu danach schnappen, ich lebe nicht, ich zehre, ich habe meine
Zeit versumt.

Wieso? fragte der Herzog.

O Durchlaucht drfen nicht glauben, da ich je Ihre Gte zu
unterschtzen vermchte! Ja, ich lebe auch hier, habe Amt, nehme Anteil
an tausend Dingen, aber -- der hat nie auf den Brettern gestanden, der
sie jemals vergessen konnte, wie der Matrose seinen breiten Gang
beibehlt -- ah Durchlaucht, jene Bretter sind schwankender als die
einer Brigg, die sich im Seegang um Kap Horn herumwirft. Der groe
Chalybus war wundervoll im Fahrwasser. Ich bin zu spt geboren,
Durchlauchten! sagte er pomps.

Georg fragte: Wieso?

Durchlaucht, Sie kennen mein Unglck. Ich verlor meine Stimme. Er
rusperte sich, dankbar lchelnd mehrmals mit dem Kopf nickend, da er
Georg unglubig dreinblicken sah. Ah Durchlaucht, Sie hren mich reden
und bezweifeln meine Worte. Dies sind beschmende berbleibsel. Einst
htten Sie mich hren sollen, einst, als ich Tasso spielte, Tasso! und
den gttlichen Posa. Ich darf mich ja nun rhmen, des Verlorenen darf
man sich rhmen, und meine Stimme war ein Donner, Georg, ein Donner!
Ach, was ist sie jetzt! Aber hren Sie, was ich sagen wollte -- ich war
auch ein Mime. Mitterwurzer sah ich in der Loge sitzen und weinen, wenn
ich seine Rollen spielte, aber was half mir diese Gabe, als die Stimme
brach! Jetzt knnte ich sie verwenden, jetzt spielt man ohne Worte, Herr
Herzog, jetzt hat man den Kinematographen. Ich aber bin alt geworden
...

Magda, wie frher auch in Verlegenheit bei den vterlichen Rodomontaden,
stand sacht auf, flsterte Georg zu, da sie ihr Reitkleid anziehn und
die Pferde bestellen wolle, und entlief, die Terrasse hinunter. Ihr
Vater unterbrach sich, sah ihr trumerisch nach, murmelte: Wie eine
Elfe! und fuhr fort:

_Le thatre est mort, vive le cinma!_ Man spielt nicht mehr zwischen
pappenen Kulissen, kaschierten Mbeln, flatternden Tren, gemalten
Bumen und vor dem Souffleurkasten, sondern drauen in der herrlichen
Gottesnatur! Die Anforderungen der Phantasie wurden ungeheure und
sublime --

Der Herzog fand und forderte den Maler zur Beistimmung auf, die
Phantasie sei ein unseliger Greis geworden, den man zur Lust reizen
msse wie den Knig von Mnster weiland.

Dies wollte der Chalybus dahingestellt sein lassen, die Hauptsache
bleibe: Alles mu echt sein. Wirklich mu es sein, freie Natur, echter,
windiger Wald, natrliche Zimmer und Pferde, vor allem Pferde. Ach, wer
mchte nicht einmal drei Millionen Schimmel sehn! Die ganze Welt, sehn
Sie her, ist zur Bhne geworden, Entfernungen? Wie? Der Raum schrumpft,
der D-Zug bringt den Schauspieler an jeden verlangten Ort,
Hotelvestible wechseln mit Ozeandampferpromenadendecks,
Hafeneinfahrten, Freiheitsstatue und Spreewaldlandschaften. Das Bro
eines Rechtsanwalts verwandelt sich, schneller als ich die Hand umdrehe,
in diese Terrasse, diese Treppen hinunter treten wir in ein Warenhaus,
Segelschiffe ziehn bers Meer, durch den Tubus eines Leuchtturmwchters
gesehn, der Spielsaal von Monte-Carlo, Zypressen, Vesuv, das Zimmer
einer Kokotte, Karlshorst vor den Tribnen, die Kulissen eines Va-- --
also die Steepler fliegen vorber, alles, alles fliegt, saust,
verwandelt sich, reit ab, setzt meilenfern an und ist in atemlosem
Endspurt vorbeigerast, abgewickelt, siebenhundert Meter Film in zehn
Minuten -- es mu eine Lust sein, darin zu leben!

Und das Ganze ist denn wie an die Wand gepit, sagte der Herzog mit
Nachdruck, fgte jedoch begtigend hinzu, da er Chalybus ja gern
entbinde; er wolle ihn nicht hindern zu leben. --

Georg schien sein Vater, wie stets, wallensteinischer auszusehn bei
einer derartigen Bewegung oder musketiermiger, mit dem beweglichen,
starken schwarzen Bartzapfen am scharf rasierten Kinn, und er
betrachtete gegen das des Malers dies brtige Gesicht, die kupfrige
Haut, die ber den schrecklich gestrubten Schnurrbart hngende schiefe
Nase, jenes Wahrzeichen der Trassenberge, das er selber entbehren mute,
die kleinen, seltsam glhenden und durchdringenden Augen und das breit
und schrge Dach der Stirn; kugelrund der ganze Schdel und voll von
Haar, schwarzem, glanzlosem. Beim Maler -- freilich -- schien alles
Innere vor langer Zeit stille geworden, um sich nur zu rhren, wenn er
es wnschte; beim Vater schien alles gebndigt, dabei sich wehrend,
immerfort bereit, sich frei zu machen. Das war der Unterschied.

Der groe Chalybus fuhr derweil fort:

Sehnsucht, Durchlaucht, ist besser als Erfllung. Ich bin zu alt
geworden. Bedenken Durchlaucht die Anforderungen an den Krper bei
solcher Bhne. Zwar bin ich Offizier gewesen, Beuglenburger Dragoner,
Herr Bogner, aber das interessiert Sie nicht, und ich habe unter den
Augen von -- -- nun, was ich sagen wollte, da erzhlt mir mein Freund,
wie er in einem Drama Der Mann mit der eisernen Maske (_l'homme au
masque de fer!_) -- mehrere Kilometer weit durch die Trassenheide hat
reiten mssen, und zwar reiten: in einer schweren eisernen
Plattenrstung, mit geschlossenem Visier, rckwrts und mit auf den
Rcken gefesselten Hnden aufs Pferd gebun--

Verdammt kompliziert! meinte der Herzog und sah zu Georg auf, der sich
erhob.

Ich mchte zu Mama gehn, sagte er halb fragend, sie ist doch schon
aufgestanden?

Geh nur -- ihr wollt reiten? fragte sein Vater, allwissend wie immer.
Ich mchte dich eine halbe Stunde vor dem Essen auf meinem Zimmer
sprechen, richtet euch bitte danach ein.

Er nickte ihm zu; Georg grte den Maler und ging ins Haus.


                                  Saal

Georg durchschritt den Vogelsaal, stieg die breit und frei sich wendende
Treppe empor und betrat den Klaviersaal, dessen vier Fenster nach dem
Park weit offen standen, und es war wie im Freien. Nach rechts sich
wendend, sah er gleich berm hellbraunen Harmonium das groe, farbig
leuchtende Gemlde, trat davor und las wieder den, auf eine
Messingplatte im untern Rahmen gravierten Zweizeiler:

   Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf, das Geliebte.
   Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Gtter vollbrachtens durch
      ihn.

Die Tiefe des breiten Bildes, fast die ganze linke Hlfte, war mit
Landschaft erfllt, entfernter, tief liegender Landschaft: sanft
fallenden Wiesen, einem Hain, dem Stck eines blauen Flusses am Grunde,
in der Ferne blulichen Hgeln, von violetten Bergrcken berhht, all
dies gelbgrnlich im hellsten Sonnendunst verschwimmend und glsern.
Schrg ber das Bild, diese Landschaft abschneidend, zog sich der obere
Teil einer Balustrade von gelbem Marmor, neben der, auf einer
lehnenlosen Bank von gleichem Stein, nahezu lebensgro scheinend, ein
Mdchen sa, in der rechten Bildhlfte, den einen Arm auf der breiten
Platte der Brstung. Ihr Antlitz lag, scheinbar aus dem Hinabschaun ber
die Schulter in die Gegend, flach nach oben gewandt, das Haupt tief im
Nacken, die Zge fast unkenntlich durch die Verkrzung. Das, wonach sie
zu sehn schien, war selber nicht sichtbar, aber sein Schatten, der eines
Schmetterlings, lag blulich und deutlich umrissen dicht vor ihrer Hand
auf dem Stein. Ihr Gewand nahm das leichte Violettblau der Berge mit
tieferem, rterem Ton wieder auf, durchsichtig, indem alle Stellen, die
am Krper fest anlagen, rtlich schimmerten, und das alles, ohne Schwarz
gemalt, glhte durchscheinend in blendender Hellfarbigkeit, wie von
innen erleuchtet.

Keinen Zusammenhang zwischen Bild und Vers bekam Georg heraus. Leise
angeweht von der allgemeinen Stille des Gemalten und dem unendlich in
sich gekehrten Zauber des Augenblicks -- so flchtig und doch, als knne
sie durch Jahrhunderte so sitzen -- sah er irgendwo das fremde und
bedeutende Gesicht des Malers, ber welcher Erscheinung er sich nun
gentigt sah, nach einer Jahreszahl zu sphn. In der rechten Bildecke
entdeckte er sie neben einem kleinen roten Rad in roten Ziffern, doch
war die letzte leider unleserlich, es schien 1897, und nun mute er
lcheln, wie klein er noch gewesen war, als das Bild gemalt wurde,
worauf er sich losri und augenblicks mit dem blichen Herzklopfen zur
nchsten, offen stehenden Tre ging, dann weiterhin durch die geffneten
Zimmer bis ins letzte, das dmmrig lag bei geschlossenen Vorhngen.
Dahinter wars, das schwarze Zimmer, der Turm ... Er schauderte, zauderte
leicht, nahm sich zusammen, trat zur verschlossenen Tr, klopfte an,
ffnete, trat, sich schmal machend, durch den Spalt und schlo hinter
sich.

Die Finsternis, in der er stand, traf ihn fast eisig nach der heien
Luft vorher, er blickte hastig nach oben, um ein Raumgefhl zu erlangen,
sah den dnnen Lichtfaden weilich aus der Laterne des Turms
herabrinnen, hrte den groen Ventilator summen und gleich darauf die
leise gleitenden Schritte seiner Mutter. Nun glaubte er auch ihren
Schatten, schwarz in der Schwrze des Raumes, zu sehn, der wie eine
Berghhle tief und unterirdisch war. Der Schatten glitt nher, dort
mute die Wand sein, der Schein eines weien Gesichts dmmerte, schwand
pltzlich, und der Schatten glitt fort. Er hrte den Hauch eines
Seufzers, der Schatten kam wieder und hielt nach einer Weile in seiner
Nhe an. Georg drckte seine Stimme herunter:

Wie geht es, Mutter?

Danke, schon besser, antwortete sie kaum hrbar; dann fragte sie:

Was giebt es Neues, mein Junge?

Es ist Besuch gekommen. Der Maler des Bildes im Klaviersaal, Bogner.
Vater lt es dir sagen, und ob du ihn heut abend sehn knntest.

Ich hoffe. Ist es ein angenehmer Mensch?

Sehr, Mama. Er spricht nicht viel, aber sein Schweigen scheint so klug
und bedeutend. -- Es ist sehr warm heut. Magda und ich wollen etwas
reiten.

Heie den Maler auch von mir willkommen. Ja, ich denke, ich werde heut
abend mit euch essen knnen. Wie geht es Papa?

Gut, Mama, wie immer. Vielleicht giebt es auch ein Gewitter, das wre
doch schn fr dich.

So, ein Gewitter? Ja, das wre mir sehr gut. Nun, gr Vater, mein
Junge! Und Magda. Geh, mein Junge.

Der Schatten war dicht an ihn herangekommen, auf einmal sehr gro und
ganz weilich; er ergriff eine eiskalte Hand, die aus der Dmmerung kam,
kte sie schaudernd, als wre es eine Pflanze, und tastete sich nach
der Tr. Er wartete wegen des einfallenden Lichts, bis der bleiche
Schatten ganz fern von ihm war, ffnete die Tr, schlpfte durch die
Spalte und schlo sofort hinter sich wie vorhin. Drauen starrte er
geblendet gegen das Lichtviereck der gegenberliegenden Tr, in dem er
nach einiger Zeit einen vergoldeten Sessel, dann unten den roten Zipfel
eines Teppichs und oben ein Stck eines unkenntlichen Bildnisses
erkannte, und nun ging er weiter bis vor die Saaltr, ohne Gefhl und
Gedanken, wie betubt, wie entronnen.

Langsam trstete ihn der friedliche Anblick der drei, vor der drben
liegenden Schmalseite des Saales stehenden braunen Tafelklaviere, die
sich still verhielten wie gute Tiere, und nun erst, da er dachte, da
eines von ihnen ein Geschenk des fltespielenden Knigs war, wie seine
Mutter ihn einmal genannt hatte, tauchte aus allem Unbestimmten und
Verworrenen des Gefhls sie selber und wirklich wieder auf, er fhlte
sie an seiner Hand, fhlte den Druck ihres ewigen, wtenden
Kopfschmerzes auf der Stirn und trat hastig von der Tr zurck ans offne
Fenster. Wie warm es nur war! Er beugte sich hinaus.

Weit links sa sein Vater unter dem Sonnenschirm, seinen Sto Zeitungen
auf dem Stuhl neben sich, selber verborgen hinter der papiernen Wand vom
Manchester Guardian, und nicht weit von ihm sa jetzt allein, den
Rcken zur Hauswand, Doktor Birnbaum, Onkel Salomon, und frhstckte.
Georg konnte die rechte, im Kauen auf- und niedergehende Hlfte des
hngenden braunen Schnurrbarts sehn, darber die nicht minder hngende,
stark gebogene Nase, die rote, feste Wange und die eine der krftigen,
hochgezogenen Brauen. Er hatte sein Glas Milch vor sich stehn, schnitt
auf dem Teller eine schinkenbelegte Brotscheibe in Streifen und Wrfel
und steckte sie in den Mund.

Ach, dachte Georg, nun tief bekmmert, meine Eltern, meine armen Eltern!
Da sitzt nun Papa wie ein Riese, braun wie ein Seefahrer, und nach einer
Weile wird Egloffstein mit den Stcken kommen, und auf vier
stelzendrren Beinen wird er weghumpeln, aber -- aber selbst dann ist er
wie ein Meermann auf dem Lande, der seinen Fischschwanz hinter sich
herschleppen mu, ja, so ist es, als gbe es ein andres Element, in dem
er sich frei und herrscherlich ... und es giebt das ja auch, er hat
seinen Geist, aber da in ihrem Turm hinter vermauerten Fenstern luft
meine Mutter in ihrer Finsternis auf und ab, von brennendem Feuer im
Kopf gejagt, tagaus tagein, und jahraus jahrein, sie kann nicht einmal
denken, vielleicht abends eine Stunde. Vater ist so gelehrt und klug, er
erfindet sich Flgel fr die zerschmetterten Fe, aber meine Mutter,
sie hatte doch auch einmal eine schn fliegende Seele, oder ist sie noch
da, ist sie wirklich noch da? -- Schamvoll den Gedanken zerdrckend,
meinte er: Vielleicht fliegt sie um mich, wo ich bin, und trgt, wenn
ich schlafe, meine Trume zu den vollkommenen Sternen.

Unten wurde gesprochen. Georg setzte sich auf die Fensterbank, den
Rcken rechts gegen den Rahmen lehnend, doch konnte er von drunten
nichts verstehn, da Onkel Sal von ihm abgewandt sprach. Langsam drang
die Wrme wieder ganz in ihn ein, er dachte, hier zu warten, bis Anna
und die Pferde kmen, und nun hrte er pltzlich, whrend der obere
Zipfel der Zeitung langsam sank und dahinter das brtige Gesicht seines
Vaters, ruhig mit ein wenig ironischem Blick auf den Sekretr gerichtet,
zum Vorschein kam, ihn sagen:

Wenn es sich wirklich um politische Dinge dabei handelte. Sie sehen ja
nur die Anlsse, Bester. Die Grnde aber sind schon beinahe
metaphysisch.

Wovon redet er denn? dachte Georg. Onkel Sals Antwort blieb
unverstndlich, seines Vaters Gesicht verschwand wieder hinter der
Zeitung, und da er so weiterredete, war wieder nichts zu verstehn.
brigens gengte die Sonne, und Georg lie langsam die Lider sinken.
Fern, aber deutlich hrte er die Stimme seines Vaters wieder:

Es handelt sich um das Recht der Jugend, das ist das Ganze. Frankreich
lie sich von Camille Desmoulins und den andern leider enthaupten ...

Napoleon --, hrte Georg von der andern Stimme.

Napoleon war kein Franzose, tnte deutlicher die Stimme des Herzogs,
war ein italienischer Abkomme von Condottieres und berdies eine jener
Gestalten -- Georg entging das Nchste, er versank tiefer in Wohlsein,
Magdas Gestalt erschien ihm.

Aber das Recht, wo ist denn das Recht? schrie Onkel Sal. No -- nun
sagen Sie mir ...

Was fr ein Recht meinen Sie? Das, zu sein -- aus dem sich als nchstes
ergiebt: vor und ber den andern zu sein. Jenes Recht, das -- ich wei
nicht, ob es moralisch ist, aber das jedenfalls den Rmern bei Cann,
den Griechen bei Marathon, den Ungarn vor Wien und den Preuen bei
Gravelotte half.

Sie sprechen vom Kriege, dachte Georg im Halbschlaf,
neunzehnhundertund... es ist zu komisch! Halt, was sagte Onkel Salomon?
No, sagte er, er sagte immer no.

No -- und das bestreite ich eben! Die Stimme kreischte etwas wie
schlecht gelt. Sind wir denn keine christliche Nation?

Das sind sie alle, versetzte der Herzog auflachend, was wollen Sie
daraus beweisen? Auerdem ist er Jude, der gute Onkel, dachte Georg
schlfrig, aber was hat er fr eine christliche Seele!

Eine Weile schien alles still, lange Zeit sprach jemand mit
unterdrckter Stimme. Georg wars, als ginge eine Tr, er fuhr pltzlich
auf, da seines Vaters Stimme unten ganz laut ertnte:

Fr jeden Alternden kommt einmal der Augenblick der groen Schlacht.
Der Augenblick, wo er angreifen mu, wenn der wirkliche Angreifer, der
Junge, auch zgert. Auch England ist in merkwrdiger Geschwindigkeit
gealtert und liegt jetzt -- ich habe immer diese etwas groteske
Vorstellung, mit einer Fuspitze auf England, mit der andern auf
gypten, mit einer Hand auf Indien, mit der andern auf Australien, und
so ist es, nur damit beschftigt, sich in dieser scheulichen Lage zu
halten, fett geworden, aber dies beilufig, denn wenn es aufsteht, wird
es immer noch einen frchterlichen Kerl abgeben, wenn wir einmal dran
glauben mssen, und das werden wir. Aus welchen Ursachen und wer dann
angreift, ist so gleichgltig wie -- na wie unser Gerede darber. Die
andern sind die Alten, Jugend ist Angriff _eo ipso_, drehen Sies --.
Ein dumpfer Hundelaut blaffte, Georg ri die Augen auf, es flimmerte
alles, er rieb heftig die Lider und sah endlich Magda im schwarzen
Reitrock und weier Bluse ber den Treppenstufen stehn und, eine Semmel
in der Hand brckelnd, Krumen ber die Stufen streuen, auf denen zwei
schillernde Tauben und ein paar Spatzen auf und ab hpften. Unten lief
der weie Pfau hin und her, suchte, was fr ihn herunterkam, und verga
keinen Augenblick Anmut und die zierliche Wrde von Kopf und Schleppe,
dieweil neben Doktor Birnbaum Benedikt stand, der hellrote Hhnerhund,
mit schiefer, erwartungsvoller Kopfhaltung, ganz still, nur das Ende der
gebogenen Rute ging leise hin und her, und Georg wute, da Onkel Sal
von Qualen zerrissen war, weil er doch selber auch was essen mute.
berdem zog die Erinnerung an seine Mutter schattenhaft schwermtig
durch Georgs Herz, er dachte wieder: Helenenruh, ach Helenenruh! -- und
die Zeit stand ihm still.

Pltzlich drehte Anna sich um, lie die Blicke suchend ber die Hauswand
gleiten und nickte herauf, sonderbarerweise aber nicht nach ihm, sondern
nach einem Fenster weiter links. Georg stand auf, trat in den Saal
hinein, und da sah er hinter dem Vorhang des letzten Fensters ein Stck
von einem Menschen, Bein und Knie, und da wars Maler Bogner, der
friedfertig auf der Fensterbank sa und eine kleine Pfeife rauchte, als
wre er zu Hause. Nun sah er Georg still, ein wenig fremd, an und begann
langsam und auf unbeschreibliche Weise mit den Augen zu lcheln. Georg
trat zu ihm und sagte verlegen ein paar entzckte Worte ber das Bild,
die der Maler nicht zu hren schien. -- Ob es hier Khe gbe, fragte er,
und ob es erlaubt sei, sie sich anzusehn. Georg versicherte, es wimmle
von Khen berall und der Maler mte sich hier wie zu Hause fhlen.
Schon im Forteilen, denn er hrte die Pferde, wurde ihm das Unpassende
seiner Zusammenstellung klar, er wurde rot, suchte eine Entschuldigung,
fand keine, glaubte, noch etwas sagen zu mssen, und fragte:

Wo sind Sie daheim, wenn ich fragen darf?

Das ist auch verkehrt, versetzte der Maler freundlich, ich bin
nirgend daheim.

Georg, dunkler errtend, fhlte sich wider Willen in eine neue Frage
verstrickt:

Aber Ihre Eltern, wenn ich fragen darf, leben doch noch?

Bogner versetzte, da er es hoffe. Dies gab Georg den Rest, er glhte,
fand kaum die Tr und rannte die Treppe hinunter.

Als er die Terrasse wieder betrat, sa die Anna schon auf ihrem kleinen,
hellbraunen Pferde. Ihr Vater ging um den groen, schwarzbraunen Hunter
des Prinzen, zog am Sattelriemen und beschimpfte den Stallburschen, der
statt Vorderzeug Matingal aufgelegt hatte, ob er, Chalybus, vielleicht
nebenher laufen solle, um den Sattel festzuhalten, ob er, Stallbursch,
immer noch nicht wisse, da das Aas von Unkas den Sattel auf die
Hinterhand schbe. Der Bursche sah wie eine Geraniumblte aus, starrte
betubt Magda an, wagte es aber, als Georg aufstieg und er sich an den
rechten Bgel hngen mute, zu flstern da am Vorderzeug eine Schnalle
durchgerostet sei.

Georg nickte ihm zu. Am Frhstckstisch war niemand mehr. Sie trabten
nach Westen in den Park hinein. Der Sattel fing an zu rutschen.


                            Zweites Kapitel


                                 Deich

Georg, innerlich mit ihm selber kaum bewuten Dingen verworren
beschftigt, schwieg lange Zeit, lachte endlich leicht auf und sagte:

Weit du, was mir einfllt? Einmal war Onkel Salomon auf einer
Dienstreise in Altenrepen, besuchte mich und brachte mich ein Stck
Weges zur Schule. Da kaufte er in einem Zigarrenladen eine besondere
Sorte, so ganz groe, du kennst sie ja, sein einziger Luxus, und wie er
aus der Tr kam, hatte ich inzwischen irgendwen von den Jungens
getroffen, drei oder vier, ich wei nicht mehr, der lange Fischbeck war
dabei, und schon gab er jedem dreie von seinen Kostbaren, eine einzige
behielt er in der Westentasche. Und erinnerst du dich, wie Papa mal
erzhlte, wieviel Existenzen er schon mit seinem bichen Gelde gegrndet
hat, Leute, die jetzt Warenhuser besitzen, und er bleibt der
unbekannte, kleine Sekretr, freilich, er wird mit keinem
Grosiegelbewahrer tauschen wollen -- Grosiegelbewahrer ist doch ein
enormes Wort, nicht? Aber -- was ich sagen wollte -- da redeten sie eben
vom nchsten Krieg zusammen, und Papa behauptete unchristlich, es gbe
morgen wieder einen, er aber war frchterlich dagegen, sagte: No! und
sprach von christlichen Nationen. Ich glaube, wenns einen richtigen
Christen giebt, dann ist ers. Aber wo sind wir denn eigentlich?

Die Pferde standen still auf dem schmalen Fuweg am Weiher, der
leuchtend grn von Wasserpflanzen in der Sonne lag.

Wohin wolltest du denn? fragte Anna gleichmtig.

In den Schatten, sagte Georg, drehte sein Pferd um, und antrabend
ritten sie zurck, bogen nach links und traten alsbald in die schattige
Eichenallee neben dem Wldchen ein, zur Linken die Wiesenflchen, zur
Rechten das undurchdringliche Dickicht von Unterholz, Farnen und
Brombeergestrpp, aus dem hier und da der lichtgrne fedrige Wipfel
einer Eberesche und die seltenen, riesigen und grauen Sulen der Eichen
aufragten. Lautlos gingen die Pferde, so langsam sie konnten, auf dem
weichen Erdboden. Georg, jetzt sehr wach, blinzelte insgeheim nach
links, allein Annas zartes Profil schien sehr fr sich allein. Sie sah
vor sich hin. Angenehm beklommen war ihm um die Brust.

brigens, sagte er, ein merkwrdiger Mensch dieser Maler.

Wieso?

Oben im Saal sprach ich mit ihm. Ob seine Eltern noch leben, wei er
nicht. Wo er zu Haus ist, wei er nicht. Ob er wohl wei, was die Verse
unter seinem Bilde bedeuten? Warum kommt er auf einmal her und wills
abmalen?

Davon hat dein Papa etwas erzhlt. Als er vor drei oder vier -- nein,
es war in dem Winter, wo ich Lungenentzndung hatte, also neunzehn-- na
egal! -- Drei Jahre mssens her sein, da wurde in Berlin der Nachla von
einem Bankier Oster -- sterheld oder so versteigert, und dein Papa fand
dies Bild darunter. Als er dann wieder auf Trassenberg war, bekam er
einen Brief von Bogner; er wre zur Zeit der Auktion nicht in Berlin
gewesen, sonst wrde er selber das Bild zurckerworben haben, woran ihm
aus gewissen Grnden besonders viel --

Na, deine gewissen Grnde! hhnte Georg. Weit du nichts Genaueres?
Natrlich gewisse Grnde!

Dein Vater wei auch nicht mehr.

Na, und denn?

In dem Brief erinnerte er deinen Vater an seine alte Einladung --

Also doch, der Schurke!

-- und bat um Erlaubnis, das Bild kopieren zu drfen. Dein Vater
schrieb ihm dann, das Bild wre hier, und er mge nur kommen, er ist
aber nicht gekommen und hat heute morgen erst aus Bhne pltzlich
telegraphiert, er habe auf der Durchreise mit einem kranken Freunde
Aufenthalt in Bhne nehmen mssen, und ob er wohl kommen drfe. Und da
hat der Herzog zurcktelegraphiert, er schickte einen Wagen, und den
Freund solle er mitbringen. Domina hat ihn brigens gesehn und sich vor
ihm gegrugt, ich wei nicht warum.

Wieder standen die Pferde, fnf Schritt vor ihnen lag das Gatter. Georg
faltete die Hnde vor sich auf dem Sattel und sah ber die Weideflchen
hin, die, von ihren Knicks durchzogen, nach links und rechts flach sich
ausdehnend, gegen Norden -- den Deich, das Meer -- langsam anstiegen,
und dort, mit der schnurgeraden Linie des Deichs, schien die Welt ein
fr allemal zu Ende. berall waren die weien und schwarzen Flecken der
Rinder; Wolkenschatten wimmelten in sachter Schwebe darber hin; links,
fern im Sden, wo der Deich tief ins Land hineingebogen schien, stand
der Schattenri eines Fohlens einen Augenblick auf der Horizontlinie und
sprang wieder hinunter; ziegelrot leuchtete das Dach des Fohlenhofs, auf
den Himmelsrand gesetzt, in der Sonne. Georg atmete auf. O wie fern das
war! O wie weit! Norddeutsche Tiefebene, dachte er mit einem sondren
Gefhl von Sehnsucht, obwohl er mitten darin war. Er sah, nach Osten
blickend, die Windmhle als unbewegliches, schwarzes Kreuz auf Ldersens
Deich; dann merkte er, wie aus dem unsichtbaren Meer die Wolken stiegen;
wei und schattig, immer fetter schwellend, zogen sie schweigsam,
ungedrngt sich verschiebend, wie weidende Herden ber die himmlischen
Auen; auf den untern Weiden ihre leichten Schatten; davon leuchteten
streckenweis die Wiesen sonnengelb; es wehte ber den Norddeich,
unablssig, schwellend, singend; sonst wars still, der letzte Vogelruf
des Jahrs schon verstummt.

Georg zuckte zusammen. Anna mit ihrem Pferde schwebte im Sprung ber das
Gatter hoch in der Luft, landete, und nach zwei, drei Stzen hielt sie
drben still und blickte ernsthaft herber. Unkas stampfte, schien als
gebter Springer den Abstand zum Ansprung weit genug zu befinden und
sprang. Noch wurde der Sattel vom Matingal gehalten. Als sie dann
Schritt vor Schritt schweigsam ber die Wiesen und den Deich
hinanritten, die Pferde die hangenden Kpfe schaukelten, zuweilen, das
Kinn vorstreckend, an den Zgeln ruckten, nur die Gebisse leise
klirrten, wurde die Beklemmung um Georgs Brust enger und ser.

Da lag die See, herzbewegend immer wieder durch ihre pltzliche
Erscheinung, glatt, graublau mit silbrigen Streifen. Unten leckten
winzige Wellen gegen den gemauerten Fu des Deichs, die letzten,
halbtoten Seesterne behutsam fortnehmend. Der Horizont war nah. Vor
Georgs Augen nahm die Bewegung der mchtig hochquellenden Wolken an
Heftigkeit und Gewalt zu; fast bescheiden in seiner Friedfertigkeit
verhielt sich der Meeresspiegel darunter. Unerschpflich wogte es aus
der Tiefe, schwankte, entformte, wandelte, lste und verteilte sich
langsam und unaufhrlich, ein Segel erschien pltzlich, ein riesiger
Arm. Fern hinten und leise nur sangen die unermdlichen Grillen.

Die Pferde waren bis an den Rand des Deichs herangetreten, senkten die
Hupter und machten lange Hlse, um Gras zu rupfen. Georg stieg ab, half
Anna aus dem Sattel, drngte die Pferde zurck und warf sich, die
Zgelriemen in der linken Hand, am Deichrande nieder; als er zu dem
Mdchen aufblickte, setzte sie sich -- erschreckend folgsam, mute er
denken, und da er sie nun still, mit vergrerten Augen ber die See
gegen das Gewlk blicken sah, stieg ihm ein sonderbares Angstgefhl in
die Kehle, -- fast da er fror. Dann strte ihn das Klappen der Gebisse
zwischen den Zhnen der fressenden Pferde, er sprang unwirsch auf, ri
ihnen die Kopfzeuge herunter und merkte zu spt, da er dem Unkas wegen
des am Sattelgurt hngenden Matingals nun auch den Sattel abnehmen
mute. Als er fertig war, hatte seine Angst zugenommen, und das Mdchen
lag der Lnge nach auf dem Rcken, die Hnde unterm Kopf, die Augen
geschlossen. Er setzte sich neben sie und fing eilfertig an zu reden.

Hast du gehrt, Anna, da sie vom Krieg sprachen? Es giebt natrlich
keinen, aber mir ist etwas Merkwrdiges eingefallen. Hre, kannst du dir
etwas unter -- deutschem Geist vorstellen?

Eine Weile verging; pltzlich lagen da ihre Augen ganz gro offen im
zarten Gesicht, den Blick weit von ihm fort gegen den Himmel gerichtet,
so da sein Auge unwillkrlich dort hinging, doch war da nichts. Er
hrte sie leise: ja sagen, sammelte seine Gedanken und fuhr fort:

So -- sieh mal --, so gab es einst einen hellenischen Geist, der --
aber erst weiter --, und einen rmischen, jenen, der unsrer Welt die
brgerlichen Staatsbegriffe und Gesetze gab, und einen Geist des
Humanismus, der schon eine Art Europa war, einen franzsischen Geist und
einen englischen, den Kaufmannsgeist und der ueren Gesittung, und nun
-- ja, was wollte ich sagen? Auf den rechten Arm gesttzt, auf der
Seite neben ihr, fast ber ihr liegend, fuhr er eifriger fort: Ja, also
an dem hellenischen Geist war das Sonderbare, da er allein von den
andern, abgesehen vom Humanismus, am strksten dann glhte, als keine
uere Macht mit ihm verbunden war, nmlich unter der Herrschaft Roms.
Eine ganze Gedankenkette hastig berspringend, schlo er: Ob mit ihm
der deutsche Geist das gemein haben soll, da er die Welt von innen
beherrschen wird? Vater sagte so etwas wie, da Deutschland an der Reihe
wre, und deshalb dachte er an den Krieg, aber -- ob es wirklich nicht
ohne das ginge? Im Prometheus, in unserm Leseverein, weit du, hatten
wir mal eine schne Streiterei darber, nach einem Vortrag von mir ber
ein neues europisches Reich deutschen Geistes, so wie Rmisches Reich
Deutscher Nation weit du, und ich erinnre mich noch -- Er verstummte.
Sie lag geschlossenen Auges nach wie vor. Hrte sie zu? Ich rede von
Europa, sagte er nach einem langen Schweigen khl und innerst gekrnkt.

Langsam ging ihr linker Fu in die Hhe und senkte sich wieder; sie
bewegte den Kopf und sagte endlich sanft und abgeneigt:

Ach, Georg, was geht mich Europa an!

Das Verlangen, sich ber sie zu legen und sie zu kssen, berfiel ihn
so, da sein aufgesttzter Arm heftig zitterte, allein gleichzeitig mit
diesem machte ein andrer, schon seit langem erfundener Drang sich
bemerkbar, und diesem, schien es, mute durchaus und unabweislich
nachgegeben werden, allein -- es war peinlich. Georg legte sich
hintenber ins Gras, jedoch da war nichts zu wollen, er stand auf, und
nach einer Weile schlenderte er davon, am Deichrand hin.

Wieder kehrte die Brustbeklemmung, doch erschien ihm nun pltzlich das
Klassenzimmer an jenem beklommensten aller Wintermorgen, am Examenstag,
grau, kalt, dster, passend fr Leichenbegngnisse. Diese blassen,
krampfhaften Gesichter, diese Unruhe, dies innerliche Zerspringenwollen,
und warum wird geflstert? Und keiner hlt es nur eine Minute am selben
Platz aus, sie wandern alle umher, sitzen, stehn, sehn aus dem Fenster,
und zwischen alldem sitzt auf dem Katheder Barkhausen ber hundert
Notizenzetteln aus allen Fchern, den Kopf zwischen den Fusten und
lernt und murmelt und sieht auf, die Lippen bewegend, verglast und
verloren wie ein Delinquent ...

Georg wandte sich zurck. Von Anna war nichts zu sehn als ein kleiner,
weier Fleck, sie mute noch immer liegen -- aber er hielt es doch fr
besser, die schrge Mauerwand ein Stck hinabzuklettern; um Halt zu
haben, mute er die linke Hand aufgesttzt lassen und die Fuspitzen in
die Ritzen der Quadern stellen, als in welcher verfluchten Stellung er
denn tat, was zu tun war, dieweil er immerfort unsinnig dachte: _Nil
humanum, nil humanum_ ... Unterweil erblickte er unten am Mauerfu einen
angeklebten groen Seestern, der noch einen Zacken bewegte, zgerte und
stieg groherzig und behutsam zu ihm in die Tiefe, machte ihn, der sich
noch anklammerte, los und schleuderte ihn krftig in die Flut. Dann
sprang er auch das letzte Stck auf den Streifen wasserfreien Sandes
hinunter und schlenderte langsam zurck. Bruchstcke von
Erinnerungsbildern, andre Wintermorgen schwammen zuckend durch sein
Gedchtnis, er sah das Gaslicht im Klassenzimmer, das in die Augen
brannte, die Bankreihen, die verschlafenen, gedankenlosen, verheimlicht
grinsenden, roten Gesichter, er hrte die Stille und die entsetzliche
Eintnigkeit der Stimme, die an der bersetzung herumnagt, und an den
Wnden die alten Bilder! Das graugrne Amphitheater von Verona bei
Mondschein mit dem schattenwerfenden Einsamen in der Mitte, die
olympischen Gipsbsten, ganz schwarz von Staub -- aber nun war er auf
einmal auf dem Tennisplatz, nicht dem in Athen unter lbumen und mit
Prinzessinnen und Hofdamen, sondern dem am Waldrand, unter dem groen
Plankenzaun, hinter dem die Motorrder der trnierenden Steher in Pausen
herumknatterten, und sie saen zu vieren auf einer Bank, Lbell und die
Mdchen, und die Altenreperinnen, die auf den Pltzen vor ihnen
umhersprangen, hatten alle so groe Fe, blo Iris Runge nicht, die ihn
heimlich liebte, aber wer htte sich das trumen lassen, und da kam
schon das Examen. Ach, und die Nachtstunden mit stillem Lampenlicht und
schauerlichen Aufsatzdispositionen -- -- wie ist das Verhalten Egmonts
gegen Albanien im zweiten Aufzuge -- oder wars der vierte? -- und die
unendlichen Thukydidesperioden, die Cosinuszeichen und vllig
unbegreiflichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen -- ach, aber auch Stunden
gab es immerhin ber herrlichen Blttern, auf die man schreiben konnte,
was das Herz wollte, skandierte Dinge, die unermeliche Geschehnisse zum
Ausdruck brachten ...

Wie mittellndisch es heute aussieht, dachte Georg, gegen das Meer
gewandt stehenbleibend. In Sizilien, das war wunderbar, die vier Frauen,
wie sie mit antiken Krgen auf den Kpfen an der Felswand den Weg
schrge emporstiegen, wie Mdchen aus Olympia, aus Lokris, aus olien.
Und die Bark mit dem schiefen rostbraunen Segel, bis zum Sinken
berlastet mit Bergen goldgelber Limonen, und die Mnner darin, wie von
Feuerbach gemalt, braun und in Hosen halbnackt, trugen die rote,
phrygische Mtze.

Georg kletterte vorsichtig den Deich wieder hinauf und sah sich um.
Richtig, da lag sie, etwas zu weit war er gegangen, sie lag wie zuvor.
Er stand auf, sie wandte den Kopf zu ihm hin und lchelte schmelzend.

Da liegst du, sagte er, und ich vollbringe Lebensrettungen.

Wen hast du denn --? fragte sie leicht erschreckt.

Einen Seestern, sagte er und legte sich hin.

Als er eine Minute spter vorsichtig nach ihr hinsphte, lag sie, die
Augen wieder zu, auf der Seite. Wie das doch seltsam war, ein
schlafendes Mdchen! Schlief sie tatschlich? Wie rhrend schutzlos sie
aussah! Die dnne Bluse spannte sich ber der sanften Brust; darunter
senkte und hob sichs und straffte den Batist in langsamen Pausen,
peinigend geheimnisvoll. Warum, fragte er sich, warum nur so s, so
schaurig auf einmal, nachdem ich sie seit meinen ersten Lebenstagen
kenne? Es ist doch nur ein Mdchen. Oder wrde es anders sein als jetzt,
wo er es nur sah, doch es war zum Fhlen, er wute es, woher? Er kannte
es nicht. Alle Mdchen kannte er nur so. War das >kennen<? Das Blitzen
ihrer Augen, aus gnzlich unverstndlichen Ursachen, diese immer
verhaltnen Bewegungen, als wrden sie zuviel verraten, dies ganze
Anderssein, Weiblichsein, konnte das je -- er suchte --, nein, konnte
man je darin sein, nicht sich, sondern nur das andre fhlen, mehr als
das: sein, wirklich sein? Wie still sie vor ihm lag! Wenn aber eine
einmal seine Frau sein wrde, Anna Magdalena -- ja -- o, war das
mglich? Dann wrde sie noch anders liegen und -- um Gottes willen
berhaupt --: wenn jetzt Dieckmann oder Graf Lbell oder der schne
Spiegelberg, dieser Frauenheld, oder -- um von diesen verdammten
Pennlern loszukommen -- der schne dnische Urne, der Botschafter --
wenn einer von denen jetzt er wre, wrde er etwas tun? Was wrde er
tun?

Da schnrte ihm Angst das Herz zu vor dem, was er tun sollte und um
alles in der Welt nicht gekonnt htte; er warf sich ins Gras zurck,
machte die Augen zu, und ein seliges Mitleid mit diesem Mdchen brach in
seiner Brust auf und bersplte ihn mit Zittern und unbeschreiblicher
Bangigkeit. Waldwege! O Waldwege! Da ging er, da ging sie neben ihm, wie
eng war der Gang, sie blieb stehn, sie berhrten sich, er legte seinen
Arm um ihre Schultern, er fhlte etwas, ja, da fhlte er es nun ...
Nichts. Und er stie ihren Namen hervor, rauh und dumm klang es, und er
richtete sich auf und sah nach ihr.

Sekunden danach ffnete sie die Lider -- ach du mein Herrgott, da war
einer in Genf, ein Student, ein Pennler, ein Infantrist, an den hatte
sie all die Zeit gedacht! Aber sein Herz stand vllig still, als er
erkannte, da die verdunkelten Pupillen mit unweigerlicher Se auf ihn
gerichtet waren, ja -- es sah aus, als wren sie schon hinter den Lidern
lange so eingestellt und so s zu ihm gewesen. Sie lchelte wie eine
Nymphe und hielt seine Augen mit diesem Lcheln fest, sein ganzes Herz
mit diesem Netz aus Honig und Nachtigallen, eine Minute, eine Ewigkeit,
-- da wars fort, Herrgott, fort! War es gewesen, war dies, dieses, dies
nun gewesen?

Sie ward langsam rot, richtete sich auf, strich ihr Kleid ber die Fe
und sagte: Wie hei es ist!

Findest du? fragte er unbeholfen und schwindelnd. Na, nun erzhl mir
mal was, kleines Mdchen, sagte er dann brderlich und packte ihren
linken Fu.

Was denn?

Irgendwas aus Genf, aus eurer Pension. In Pensionen macht man doch
immer Streiche, -- aber hr mal, du hast ja gar keine Reitstiefel an!

Sie sa, die Hnde zu beiden Seiten neben sich aufgesttzt, den Kopf im
Nacken und bemerkte nichts als: Kaputt!

Warum nahm sie blo den Fu nicht fort? Das war ja bengstigend, wie sie
sich alles gefallen lie. Er drehte den Fu hin und her. Dieser kleine
Fu in schwarzem Lack, und der Schuh, wie er ber den Zehen etwas
eingedrckt war, wie das rhrend aussah, und diese runde, kindliche
Spitze!

Pfui Deubel, Anna, du hast ja grne Strmpfe an! sagte er und hatte
ihre Ferse im Schuhabsatz gelockert, schob nun den Schuh im Takt auf und
ab und summte dazu alles vergessend: Stiebelrin, stiebelraus,
stiebelrin, stiebelraus! berdem kam ihm ein Einfall, derart khn, da
er augenblicks an die Ausfhrung ging, um nicht andern Sinnes zu werden.
Er lie den Fu mit einer Hand los, fate in die Brusttasche, nahm ein
Pckchen Papiere heraus, legte sie ins Gras, suchte aus den Gedichten
eines heraus, faltete es klein zusammen, zog leise ihren Hacken aus dem
Schuh, schob das Papier hinein und den Schuh wieder fest. Gottlob, das
war getan, nun konnten die Folgen eintreten!

Mit einem Ruck hatte sie den Fu unter sich gezogen und mit der rechten
Hand danach gefat. Er erwischte sie jedoch und hielt sie fest.

Georg, was hast du da gemacht? herrschte sie ihn an.

Gar nichts!

La gleich meine Hand los!

Gott bewahre!

Ich will wissen, was du da gemacht hast!

Keine Idee!

Wirst du jetzt loslassen?

Ich hab Zeit!

Sag mirs doch, Georg!

Nchste Woche um elf!

Georg, du bist grlich!

Wei ich lngst!

Bitte, bitte, Georg, la los!

Warum?

Georg!!!

Ja, was ist denn, Kleines?

Loslassen! Du sollst loslassen!

Pltzlich hatte sie nach heftigem Ringen ihre Hand freibekommen,
versteckte sie im Kleid, zog sie aber gleich hervor und zeigte sie ihm,
hoch atmend und emprt.

Da sieh nun mal, was du gemacht hast! Wie kann man so roh sein!

Bestrzt sah er die roten Striemen. Mein Gott, roh war er gewesen, wer
htte das gedacht? Mit erstickter Stimme bot er ihr flugs an, sagen zu
wollen, was er in den Schuh gesteckt habe, aber das war ihr nun egal. Er
versuchte, sie durch die Mitteilung zu verlocken, da es ein Gedicht
sei, aber sie meinte wegwerfend: Meinetwegen sieben Gedichte! Dann
stand sie auf, hob ihren verbeulten Panamahut aus dem Gras, drckte ihn
auf den Kopf und ging zu ihrem Pferde; dabei hob sie mit einem
pltzlichen Knicks das Kopfzeug aus dem Grase und schleifte es hinter
sich her. Er verfolgte sie mit gesenkten Lidern. Jetzt, jetzt wrde sie
es herausnehmen und wegwerfen. Wenn sie das tat ... wenn sie das tat
...! Kalt vor Aufregung drehte er sich nach der See hin und sah die
Wolkenmassen in ungestmer Schnelle heraufstrmen. Als er es endlich
wagte, sich umzudrehn, stand sie neben ihrem Pferde, das, ganz gerade
stehend, zuzuhren schien, und las. Er wartete; sie las und las,
zwanzigmal mute sie es schon gelesen haben, und um genau zu wissen, da
sie gelesen haben mute, sagte er selber sich vor:

   Wrs dennoch mglich: Wenn ich einsam bin,
   Nachdenklich in Verlassenheit, so gleitet
   Ein liebes Wort aus einem lieben Sinn
   Zu mir herber, sicher hergeleitet.

   Und wie es naht, entfaltet sich aus ihm
   Die ganze Seele, schne, flgellose
   Gestalt von einem blassen Seraphim,
   In Hnden haltend, sonder Dorn, die Rose.

   So bin ich nicht vereinsamt, wie es scheint,
   Weil deine Seele lieblich vor mir steht.
   Fast knnt ich hren, wie ihr Atem geht,
   Fast knnt ich fhlen, wie sies gtig meint ...

Georg zuckte jhlings zusammen. Herr des Himmels, das war ja -- --! Ganz
unverfnglich mit einem lieben Sinn fing es an, und da, am Ende, da
hie es: deine Seele! Deine Seele, o Herrgott, daran hatte er ja gar
nicht gedacht, ach, was nun? Und er hatte es doch nicht einmal fr sie
geschrieben, sondern vor einem halben Jahr und eigentlich fr niemand,
nur so aus Sehnsucht und im Gedanken an Adriane Ziehrer, die zuweilen
auf der Strae ... Ja, nun war das Unglck geschehn, was kam nun?

Ganz still faltete sie den Zettel zusammen, bckte sich, schob ihn in
den Schuh, stampfte mit dem Fu auf, und whrend Georg in einem wilden
Seligkeitstaumel zu ihr hinlief, war sie schon auf dem Pferdercken und
jagte, ohne erst das Knie bers Horn zu legen, mit der linken Hand sich
anklammernd, ber die Fenne deichabwrts gegen das Wldchen zurck.


                                 Weiher

Georg geriet in schaurige Wut. Das konnte ja Nacht werden, ehe er den
Unkas gesattelt und gezumt hatte! Und als er alles mit fliegenden
Fingern in Ordnung gebracht hatte, sah er Anna grade am Gatter absteigen
und zwar -- wie ihm schien, bemerkenswerterweise -- an dem sdlich
gelegenen, vor der ueren Allee. Sie war jedoch verschwunden, als er
aufgesessen war, und schon nach den ersten Sprngen merkte er, da dies
elende Vieh von Unkas sich natrlich beim Satteln aufgeblasen hatte wie
ein Schwein und der Sattel nur so schlotterte. Also zog er die Fe aus
den Bgeln und strmte weiter, aber im selben Augenblick, wo der Wallach
mit ungeheurem Satz das Gatter nahm, erstarrte sein Herz: sie schrie aus
dem Wldchen, oder schon dahinter, die Allee war leer, sie schrie
gellend, schrie seinen Namen, einmal, zweimal, dann: Hlfe! Hlfe! --
Groer Gott, was war das? Im Aufsprung rutschte der Sattel
glcklicherweise ganz ber den Widerrist, aber im Weiterjagen merkte er,
da er sich nicht halten konnte, er sank rechts herunter, Unkas sprang
und bockte, der Matingal wickelte sich ihm um den Hals, Georg lag unten,
sprang auf und lief weiter.

Im Ausgang der Allee sah er den Weg hinunter den Weiher vor sich liegen,
scheinbar still, auch die Insel mit ihren groen Bumen, dem Pavillon
und kleiner Brcke, aber ber das sichtbare Stck grner Wasserflche
strmte von rechts her auf die Brcke zu der Artaxerxes, der schwarze
Schwan, gekrmmten Halses, rauschender, wtender Flgel, in einer
glitzernden Wasserbahn. Georg rannte um die Ecke der Gebsche, und da
war Anna, die ihr kleines Pferd bis an den Hals in den Teich
hineingetrieben hatte, aber Gott Lob und Dank, sie sa oben, es handelte
sich nicht um sie, denn das Pferd stand artig still, und sie hielt, tief
heruntergebckt etwas Schweres und Schwarzes ber Wasser, ngstlich
umherblickend. Georg lief in die Flut, die voll war von Pflanzen und
Sumpfgras, erreichte sie schwierig genug, und zusammen brachten sie
einen leblos scheinenden Krper ans Ufer. Magda sprang vom Pferd; soweit
sie im Wasser gewesen waren, Magda bis zum Grtel, Georg bis unter die
Arme, waren sie mit Streifen von stinkendem, grnem Tang und den
erbsengroen Blttchen des Entenflotts bedeckt. Am Boden sahen sie das
schneebleiche, kleine, ihnen fremde Gesicht eines Menschen in schwarzer,
wie die ihre besudelte Kleidung; schlaff und triefend lag er da. Anna
bckte sich sofort und ri ihm Weste und Kragen auf; ein Perlmutterknopf
sprang ab und rollte ins Gras der flachen Uferbschung.

Georg dachte, da sie alle drei bis nach Helenenruh stnken, und wollte
Anna nach Hause schicken, da rauschte es ber ihnen laut und heftig, und
als sie zusammenfahrend aufsahen, zog der schwarze Schwan -- ja, waren
ihm denn die Flgel nicht beschnitten? -- prachtvoll und strmisch ber
ihren Huptern, ber die Bume hin und war gleich darauf mit mchtig
ausgreifenden Fittichen sdwrts verschwunden. -- Nach Sden! -- dachte
Georg, der ihm nachstarrte, und: Australien! das ihm in Gestalt einer
dreieckigen Briefmarke mit dem Bilde eines schwarzen Schwanes erschien.
Sie blickten sich stumm an; aus Annas groen, schwarz gewordenen Augen
sah er Trnen laufen, whrend ihr Mund geisterhaft lchelte.

Nun la nur, Kind, sagte er, ich wei, wie man Scheintote behandeln
mu, reite zum Schlo, schick Leute, und zieh dich um oder leg dich ins
Bett!

Sie erhob sich, lie sich ohne Widerstreben aufs Pferd helfen und ritt
davon. Georg kniete sich ber den Leblosen und machte die
vorgeschriebenen Bewegungen mit seinen Armen so lange, da darber Annas
Vater zu Pferde, ein paar Feldarbeiter und zuletzt der Maler Bogner
anlangten, als welcher sogleich seinen Freund in dem Fremden erkannte.
Nach einstndigem Bemhen gelang es, ihn zum Atmen zu bringen; er
nieste, schlug die Augen auf, erkannte das Alte und murmelte unwillig
und matt: Nicht mal sterben lassen sie einen!

Der Maler lchelte, die beiden Arbeiter grinsten, der groe Chalybus
machte ein mibilligendes Gesicht, Georg, ber und ber zitternd von der
Anstrengung, mute stoend lachen, alle fnf richteten sich auf und
sahen sich erleichtert an. Dabei entdeckte Georg ganz in der Nhe das
groe, braune, mit den schwarzen Mhnenzotteln wst aussehende Haupt des
vortrefflichen Unkas, der sacht herangekommen war und nun wartete. Den
Sattel unterm Bauch und das Kopfzeug schief ber Stirn und Ohren, sah er
verwegen aus wie ein betrunkener Student.

Whrend die andern den Kranken auf eine, mit rotkarierten Bettstcken in
der Eile beladene Kornkarre legten und damit abschoben, nahm Georg Rock
und Weste vom Boden auf. Er bebte und hatte starke Rckenschmerzen,
bemerkte, da er einen Manschettenknopf verloren hatte, und bemhte sich
eine Weile schwerfllig, mit der klaffenden Manschette ins rmelloch zu
gelangen, bis einer der Arbeiter aufmerksam wurde und zusprang. Der
groe Chalybus, seinen Trompeterschimmel an der Trense, ging neben der
Karre einher und ermahnte zur Vorsicht. Georg brachte Unkas' Kopf- und
Sattelzeug notdrftig in Ordnung und folgte den Andern mit dem Maler,
den Gaul hinter sich, der ungefhrt nachtappte, wie ers gewohnt war. Die
Stunde war glhend und schwl, sonnenlos und farblos; die Flche des
Weihers hatte sich lngst beruhigt, lag blaugrn mit den matten
Spiegelungen der Inselbume und rhrte sich nicht.

Der Teich, dachte Georg, mu vom Teufel besessen gewesen sein, und der
ist, wtend ber den Selbstmord, in den schwarzen Artaxerxes und in die
Lfte gefahren. -- -- Vor ihm fiel jetzt ein brennendes Zndholz ins
Wasser, da die Flamme erlosch und es kleine Kreise gab, und Georg sah,
da der Maler sich fr die Arbeit mit einer Pfeife belohnt hatte.

Sie stinken unprinzlich, sagte er, sind Sie wenigstens trocken?

Georg bejahte; die Wrme und die Anstrengung hatten ihn schon
getrocknet. Er erklrte Bogner nun, whrend sie am See weitergingen, den
Zusammenhang, innerlich an einer verfluchten Kette von eisernen
Schlssen zerrend. Sie mu instinktiv hineingeritten sein, sagte er,
instinktiv! als ob das Wort alles verdeutlichte.

Immerhin, meinte Bogner, knnen Sie sich ja freuen, da Frulein
Chalybus diese Sache auf sich genommen hat.

Wieso meinen Sie? fragte Georg erschrocken, denn er hatte am Gegenteil
herumgearbeitet.

Wenn einer, sagte der Maler, mit einem neuen Streichholz an seiner
Pfeife bemht, mit seinem Dasein fertig zu sein glaubt und wirft es
weg -- zur Verdeutlichung scheinbar flog, whrend dem Pfeifenkopf
Qualmwolken, s duftend, entstiegen, das halbverbrannte Streichholz ins
Wasser wie das erste -- und es kommt ein Andrer, fuhr der Maler fort,
hebts auf und giebt es ihm wieder, und er sagt: Nicht mal sterben ...
wird er dann dem nicht die Verantwortung dafr zuschieben?

Bogner lchelte mit den Augen; ein herrliches Lcheln, dachte Georg,
sich dumpf um das Gehrte bemhend. Was war das fr eine Seite, von der
dieser Maler eine Errettung vom Tode ansah? Der Mensch war ein
Selbstmrder, -- das Wort unzurechnungsfhig flog aus einer
Zeitungsspalte vor Georg auf. Freilich, freilich, ihm schien -- der
Maler sah die Angelegenheit eigentlich. Einer wollte sterben und sollte
nicht. Ja, wie konnte man ihm nun beweisen, da dies Streichholz von
Leben keineswegs abgebrannt, sondern ... Georg wurde es siedendhei, und
um diesen bldsinnigen Gedankengang loszuwerden, packte er den, mit dem
er sich vorher herumgeschlagen hatte, blieb stehn und fragte den Maler
grimmig, auf den Matingal seines Pferdes deutend, ob er wisse, was das
sei. Der Maler verneinte.

Dies, sagte Georg, dieser Riemen, der hier unterm Pferdebauch vom
Sattelgurt her zwischen den Vorderbeinen hindurch nach oben luft, sich
in diese zwei kleinen Riemen teilt und mit den weien Ringen hier am
Kandarenzgel hngt, nennt man einen Matingal, und nun passen Sie auf.
Wenn ich dem Pferde das Kopfzeug abnehmen will, so hngt der Matingal
fest, und ich mu, damit das Pferd Freiheit hat, den Sattel
losschnallen, und das tat ich, als ich mit Anna, mit Magda Chalybus --
ich nenne sie Anna, wissen Sie, seit unsrer Kindheit, weil ich das
besser aussprechen konnte -- also, als ich mit ihr oben am Deich sa.
Warum tat ichs? Weil es mich nervs machte, das Pferd hinter mir mit dem
Gebi fressen zu hren. Warum machte es mich nervs? Wei Gott --
steckenbleibend -- denn hier schien ein Haken -- starrte er Augenblicke
lang ins Gesicht des Malers, der anscheinend nicht wute, warum er
nervs gewesen war. Nun aber, fuhr Georg hitziger fort, das Pferd
trgt sonst keinen Matingal, ich reite es immer nur auf Trense, das
heit mit einem Zgel, dem hier, es bekommt aber ein sogenanntes
Vorderzeug, Riemen, am Sattel angeschnallt, die ihn festhalten, damit er
nicht rutscht, und bei diesem Pferde rutscht er, weil es einen
eingesunkenen Rcken hat und sich auerdem beim Satteln aufblst wie ein
Schwein. Solch ein Vorderzeug htte ich nicht abnehmen brauchen,
verstehen Sie? Warum hatte es kein solches Vorderzeug? Weil eine
Schnalle dran durchgerostet war! Warum reite ich aber ein solches Pferd?
Weil ich gern galoppiere und querfeldein, und weil hier tausend Grben
und Knicks und Gatter sind, wo ich nicht immer absteigen kann, darum
liebe ich dies alte Aas von Hunter, den sie in England als Jagdpferd fr
Ausdauer und Springen gezchtet haben, -- da sehen Sie die dicken
Gelenke und die klobigen Hufe. Nun rechnen Sie mal all das zusammen,
und Sie bekommen heraus, was fr eine verrckte Anzahl von
Nichtswrdigkeiten ntig war, damit ich Anna, die vorangeritten war --
er stockte, denn da war wieder der Haken! -- -- weil ich mit dem
Satteln zuviel Zeit verlor, nicht einholen konnte.

Ja, und dann die andre Seite erst, hrte er den Maler sagen, ohne es
zu verstehn. Atem schpfend sttzte er sich unauffllig auf den Nacken
des Pferdes; ihn schwindelte, und die Knie knickten ihm ein nach all der
Anstrengung, dem Schrecken und der Grbelei. Der Maler bewegte leise den
Kopf hin und her, indem er die dicken Gelenke des Braunen betrachtete.
Langsam erschienen vor Georgs Augen wieder das Rasenoval, vor dem sie
angelangt waren, und hinter den Bumen rechts die Dcher des
Wirtschaftshofes und der Sdflgel von Helenenruh mit seinem Turm an der
Stelle, wo er an den Stirnbau stie. Das schwarz und goldne Zifferblatt
oben zeigte ein Viertel nach zwlf Uhr, -- so frh war es noch?


                                  Hof

Das Rasenoval schien kleiner als je und von dem umgebenden Laubwerk enge
umgrenzt; die verdunkelte Beleuchtung des wolkigen Himmels rckte alles
umher zusammen; auch die Terrasse und das Haus schienen kleiner,
bescheiden und geduckt, und jetzt fuhr ein pltzlicher Westwind in die
Bume, da sie sich erschrocken schttelten, der weirote Schirm wankte
und blhte sich, der Rasen schillerte grausilbern in breiten, wie von
einer Riesenhand gekmmten Streifen; der Wind war hei und trocken.

Es wird ein Gewitter geben, sagte Georg erwachend, ja, ich mu nun
nach rechts.

Sie trennten sich. Georg ging durch die Bume bis ans offene Hoftor
zwischen den Stllen und Scheunen, entlie dort Unkas mit einem Klaps
auf die Hinterhand und sah ihn mit leicht stelzendem und ratlos
scheinendem Gang in den Wirtschaftshof hineingehn. Vor einem Schwarm
gelber, links und rechts auseinander stiebender Orpingtonhhner --
zwischen denen ein schneeweier Hahn ungemein erzrnt und aufgebracht
war -- blieb er stehen, warf den Kopf auf und nieder und sah sich klug
und fragend nach Georg um. Dann bog er nach links und ging, den Kopf
hngend und schaukelnd, auf seinen Stall zu und hinein, nun ganz sicher
dahingelenkt. Ringsherum sahen die Erntearbeiter zu, die auf Bnken an
den wei und blauen Wnden der Fachwerkgebude saen und ihr Mittagbrot
vertilgten. Das Licht war hier womglich noch greller und dumpfer, der
Mistgeruch wie ein starker und wilder Extrakt vom Sommer.

Was ist mir denn? dachte Georg. Mir ist auf einmal ganz sonderbar! Habe
ich das alles schon einmal erlebt, oder trume ichs? Diese Dinge sind
auf einmal alle so erschreckend nah und drohend oder wie ... Wie stark
der Geruch hier ist, und die Blechgefe der Arbeiter und die roten
Kopftcher, das Geflgel und der Truthahn und das Pferd, ja, vor allem
das Pferd, wie ich es gehen sah, das war, als ob ich aufwachte. Wie es
den Kopf aufwarf und die Ohren zurcklegte, und welch einen tastenden
Gang es hatte, -- aber so gehen die Pferde immer, wenn man sie allein
lt und sie den Weg noch nicht wissen und mit einmal auf eigene
Verantwortung gehen sollen, -- merkwrdig willenlos und unbewut mssen
doch diese Geschpfe sein, und so gnzlich verschworen auf den Menschen,
denn eine Kuh, die geht so lange, bis was im Weg ist, -- und doch wieder
-- als ob sie das, das Andre nur nicht gelernt htten, und man merkt
sofort, alle Sicherheit ist geschwunden, und sie verlassen sich noch
immer darauf, da noch etwas kommt, ja, und dann wars der Geruch vom
eignen Mist aus der Stalltr und die dunkle, innerliche Ahnung von
Richtigkeit, von Gewohnheit eines hundertmal beschrittenen Weges ... Das
bemerke ich, warum auf einmal heut? Freilich das macht die Gewohnheit --
ja, du lieber Gott, wie dem Unkas eben, so ists ja auch mir ergangen!
Wie er dahinging, einsam, seiner innersten, vermummten Ahnung folgend,
da mu er doch einmal er selber gewesen sein, mu eine Art von Gefhl,
von Erkennen seines Ich oder -- seiner Welt gehabt haben, und so fand
ich auch mit einemmal -- mich! -- Und ist dies so, ja, was ist denn das,
was mich pltzlich los und allein gehen lie? Wer war mein Reiter und --
wird er wiederkommen, oder -- ist -- er -- nicht -- schon? Wie sich doch
alles wieder schliet und ist wie zuvor! Und war das Erlebnis dran
schuld mit dem Toten, dem -- --, Erlebnis? war das nun ein Erlebnis?
Ach, wenn man es selber durchmacht, vollzieht sich jedes so und ist gar
nicht anders als alles, kommt eines wie das andre aus der gleichen
Minute ... ich -- nein, diese Anna ...

Georgs Gedanken wurden hier so flchtig, da sie sich ihm aus den
letzten, kaum noch haltbaren Begriffen entwanden ins Undenkbare, als ob
eine Blume sich in ihren Duft auflste, und so zog sich auf einen
Pulsschlag alles vor ihm in den brennenden Hofgeruch zusammen, er
wankte, ging rckwrts, wieder vorwrts, der Geruch verschwand, er
bemerkte, da er vor den Rosenstcken unter der Terrasse stand. Eilig
lief er die Treppe hinauf ins Haus und weiter zu seinem Zimmer, wo er
sich gedankenlos umkleidete, um den Kranken aufzusuchen, oder Anna ...


                            Drittes Kapitel


                                Gewitter

Als Georg den Nordflgel an seinem Ende betreten wollte, ri ihm ein
jher Windzug die Tr aus der Hand und schlug sie lrmend gegen die
Innenwand der kleinen Halle; hinter ihm rauschte der Park murrend auf,
der Pfau schrie irgendwo ganz fern, und ein verlorener Regentropfen traf
ihn na und warm am Halse; es donnerte schwach und entfernt, whrend er
die Tre schlo.

O diese gttliche Khle! -- Die von drauen mit hereingedrungene heie
Luft verflchtigte sich schnell unter die dmmrige, weigetnchte
Wlbung empor, in die gleich neben Georg die stille Wendeltreppe sich
mit sanfter Aufforderung nach oben schwang, whrend zur Rechten der
Korridor, still und dmmrig, mit weien, geschlossenen Tren sich
entfernte. Links hinter der Glastr, die auch ins Freie fhrte, waren
die grnen Strucher nahe heran- und zusammengetreten, als horchten sie
herein; eine Art Lakaienhand von Wind packte sie hinterrcks und ri sie
fort, aber sie lieen sich nicht wegschtteln und standen wie vorher,
etwas zitternd nur und unwillig. Aber dort oben in der Wendeltreppe, wo
es dunkelte, dicht an der weigelben Wand, dort stand ja Anna, wei und
bla. Wie eine Erscheinung stand sie wortlos, sah auf ihn hinunter und
wartete. Er fand nichts zu sagen und stieg zu ihr.

Willst du auch zu ihm? fragte sie leise, mit ihm hher steigend.

Du httest dich doch niederlegen sollen, Anna, wie bla du bist, sagte
er nun, berronnen von unaussprechlicher Zrtlichkeit, und Mitleid, und
Sucht, sie in die Arme zu schlieen.

Mir gehts gut, -- das bichen laue Wasser ... meinte sie lchelnd.
Komm, ich wei, wo sie wohnen.

Whrend sie den oberen, an der rechten Seite von Fenstern erhellten Flur
neben den weien Tren hinabgingen, hrte Georg den Donner abermals und
etwas nher, und dann ...

Hre blo! sagte sie und blieb in der Fensterhelle stehn, den Finger
erhoben. ber dem Dach war ein rauher, trompetender Schrei laut
geworden, den Georg erst nicht verstand, eine, in ein wildes, zorniges,
brllendes Gerhre bergehende Tierstimme, die schreiend gro und
ungestm dahergeflogen war und fernhin verhallte.

Das war er, flsterte sie, er schreit, ich wei, so schreien die
wilden Schwne. O hast du gehrt, wie seine Flgel donnerten, als er
ber uns fort brauste? Er ist wiedergekommen, er kann noch nicht fort.

Kann noch nicht fort? wiederholte Georg, was meinst du damit?

Nein horch! -- Und noch einmal, noch lauter kam der groe Schrei ber
ihnen dahergefegt, warf sich gegen das Dach, quoll durch die Fugen und
schwoll herein, brnstig, gellender als Hirschbrllen und wiederum
melodischer, posaunenhnlich, ja, wie die Heerhrner beim Jom Kippur.
Dahinter glomm schwach der erste Blitz; spt kam der Donner. Magda
klopfte leise an eine Tr, sie hrten drinnen das Herein von der Stimme
des Malers, und Georg atmete auf.

Der Maler, der den Sitz in Fensterbnken zu lieben schien, sa in der
linken der beiden Fensternischen, erhob sich, eine Zigarette
hinauswerfend, und schlo das Fenster; drinnen blieb ein angenehmer
feiner Duftrest von Tabak. Die Tr zum Nebenzimmer rechts stand halb
offen, so da Georg das weie Fuende eines Bettes in tiefer Dmmerung
erkannte, sowie die rechte Hlfte eines zartfarbigen, englischen
Kupferstichs auf der rtlich gemusterten Tapete.

Haben Sie das Geschrei gehrt? fragte Georg den Maler.

Ja, herrlich, sagte der. Ich sah ihn fliegen, er schlug ein paar
groe Kreise, dann stand er einen Augenblick dort vor der Wetterwand,
pechschwarz in seinen Fittichen, mit hochgerecktem Hals. Der
schlngelnde Blitzfaden lief von oben nach unten durch ihn hin; dann war
er verschwunden.

Magda war an das Fenster rechts getreten hinter die Seitenlehne des
breiten, schwarzen Rohaarsofas und faltete die Hnde ber dem Riegel.
Georg sah an ihr vorber die Wetterwand, die sich im Nordosten
aufgestellt hatte, darunter die Bume, wie mit Grnspan berzogen, und
grellrot zwei Dcher vom Dorf. Auf Ldersens Deich nordwrts stand die
Windmhle als schwarzes Andreaskreuz; pltzlich hrte er im Zimmer das
Meer.

Er sagte:

Knnte man doch einmal eine Ahnung von dem Gefhl dieses Vogels haben!
Wie der Schrecken in ihn fuhr, wie er aufscho --, dies: auf einmal
fliegen! Auf einmal fliegen zu knnen! Da ist er jahrelang zwischen
seinen Rasenufern und Binsen herumgerudert, nur manchmal im Halbflug
ber die Flche streifend, ahnend, was fliegen ist, und nun auf einmal
losgerissen von der alten Kette, kein Schwimmvogel mehr, vielleicht
zuerst entsetzt ber die gewaltige nderung seiner Bahn, seines
Elements, seiner Welt -- wie es unter ihm versinkt, wie die Baumwipfel
gegen ihn anstrmen, wie er sie berstrmt, besinnungslos, nur hoch --
hoch! -- Und dann, mit einmal, der Flug ... das Fliegen _knnen_, das
von oben Schaun, heraus aus aller Gewohnheit, neugeboren, wie gttlich!
Georg schlo, innerlich erschreckt von dem Worte Gewohnheit, in
seltsamer Erinnerung an das, was er vorhin auf dem Wirtschaftshof
gedacht hatte. Magda, die sich halb nach ihm umgewandt hatte, sagte nach
einer Pause:

Und der da drinnen liegt, -- ist er nun auch neugeboren? Gott!
flsterte sie vor sich hin, ich habe es getan, wie kam ich nur dazu?

Georg sah sie betroffen an. Was dachte sie denn?

Ich mchte ihn nun sehn, sagte sie leise, glitt mit einer pltzlichen,
geschmeidigen Bewegung um den Sofatisch und ging auf den Zehenspitzen
ins Nebenzimmer. Georg folgte ihr.

ber ihre Schultern hinweg nahm er in der Dunkelheit des
handtuchschmalen Raums ein kindlich kleines, todbleiches Gesicht wahr,
aber mit schrecklich altkluger, schwer hngender Stirn unter wirrem,
schwarzem Haar, ohne Augen. Die weien Kissen standen spitz rechts und
links davon empor. Unter der Decke bewegte der Krper sich unruhig, auch
das Gesicht drehte sich unaufhrlich, von einem schlaflosen Geiste
bewegt.

Ist er das? fragte Magda ergriffen und fassungslos. Noch standen sie
beklommen beieinander, als der Name Angelika durch das Zimmer schwebte,
leicht wie ein Gedanke, zart wie Laubduft von den fiebernden Lippen
abgelst, und kaum da sie recht bedachten, was der Name hie, fllte
sich mit Engelsgestalten und Lilien der geweitete Raum.

Magda legte Georg leicht die Hand auf den Arm und drngte ihn mit sich
hinaus; die Tr schlo sie zu. Der Maler sa in einem Stuhl am Fenster,
rauchte seine Pfeife und sah hinaus. Voller Regen schlug krftig gegen
die Scheiben, da sie fr Augenblicke erblindeten; durch das tosende
Rauschen war die grere Stimme der fernen Meeresbrandung deutlich zu
hren; es blitzte unaufhrlich, auch der Donner war jetzt laut geworden,
noch rollend und gromtig, aber jeden Augenblick war zorniges Knattern
und Schmettern zu erwarten. -- Magda blieb mit dem Rcken an der Tr;
Georg, im Zimmer stehend, sagte:

Haben Sie es gehrt? Er sprach einen Namen aus.

Nein, soeben nicht; aber es wird der Name sein, den er immer spricht,
wenn er sich vergit.

Kennen Sie diese -- diese --

Man kann sie nicht kennen, sie ist tot; das ist ungefhr alles, was ich
von ihr wei.

Knnen Sie uns auch von Ihrem Freunde sonst nichts sagen?

Er ist nicht mein Freund. Was ich von ihm wei, will ich Ihnen gern
erzhlen, es ist nicht viel.

Es war finster geworden. Magda zog sich hinter den Tisch in das Sofa
zurck, Georg setzte sich in der Nhe der Flurtr auf einen Stuhl, sah
die vielen kleinen Pferdeportrte an den Wnden bei jedem Blitzschein
hell aufspringen und hrte des Malers ruhige, ungetrbte Stimme,
manchmal vom Donner bertnt oder unterbrochen, von diesem Jason al
Manach erzhlen.

Jason al Manach, ja, so heit er, wie Almanach, aber auf der zweiten
Silbe betont, das will er so. Ich lernte ihn vor lngerer Zeit in Paris
flchtig kennen, in einem Kaffeehaus, und es stellte sich heraus, da
wir beide aus Altenrepen stammen, sogar in dieselbe Schule gegangen
sind, aber er ist ein paar Jahre jnger. Ein paar Jahre? dachte Georg,
ich dachte, er wre siebzehn! -- Er sprach wenig und schien
schwermtig. Dann traf ich ihn vor einigen Wochen wieder im
Eisenbahnabteil auf der Fahrt von Paris nach Kln, wo wir das Unglck
mitgemacht haben, an das Sie sich wohl erinnern.

Ich wei nicht, fuhr der Maler nach einer Pause fort, durch die sich
eine Kette von Geknatter des Donners spannte, ob Sie sich eine
Vorstellung von einem Zugzusammensto bei Nacht machen knnen. Nun. Wir
saen einander gegenber, der al Manach und ich, hatten jeder die Beine
neben den Sitz des Andern auf die Polster gelegt, ich war gerade
aufgewacht, frstelnd, weils gegen Morgen ging, und war fast erschreckt
von seinen Augen, die mich ansahen wie zwei Kohlenstcke ohne Blick, so
da ich nach der blauen Halbkugel der verschleierten Lampe ber mir
emporsah. Da flog ich ohne weiteres gegen die Wand gegenber und
quetschte mir die Brust, so da mir der Atem verging; mit der Stirn
schlug ich gegen das eiserne Gepcknetz, aber es war alles nicht
schlimm, und ich dachte nur: Jetzt! Jetzt! -- Ja, dann war das Geschrei,
dagegen war mein eigenes Entsetzen gar nichts, das war -- grausig. Nun.
Im Abteil war ein queres Durcheinander von Leibern, aus denen Gesthn
und Schreien quoll, brigens ist niemandem etwas geschehn. Auf einmal
hatte ich den Trgriff in der Hand, ffnete und sprang ins Freie, sehr
tief, aber weich ins Gras der Bschung, die ich ganz hinunterkugelte.
Nun war alles hoch ber mir. Unser Wagen hing die Bschung schrg
hinunter; es war der vorletzte; der letzte lag unten, ein schwarzes
Gewimmel kroch daraus hervor, dahinter war schwarzes Feld, und ein
grnes Licht, und schwache Morgenrte. An der andern Seite lag die
vordere Hlfte des Zuges in hellen Flammen, die berall hervorschlugen.
In dem Feuerschein sah ich ganz fern die Lokomotive, hoch in der Luft
wie ein bumendes Pferd, das auf ein anderes draufgesprungen ist,
dahinter noch ein schwrzliches Durcheinander von Wagen und Stangen.
Kleine Flammen zngelten heraus. Es war ein Gterzug. Aus den brennenden
Abteilen strzten schwarze, weie und brennende Krper heraus, die
entsetzlich schrien. Einer rollte die Bschung hinunter, stand in
Flammen auf und lief als lohende Fackel querfeldein -- nun. Nun nahm ich
mich also zusammen, kletterte die Bschung hinauf, nun -- und dann half
ich, so gut es ging, Flammen ausdrcken und so.

Nun Jason -- -- Ja, eins will ich noch sagen, weil es das
Schrecklichste war, was ich erlebte. Da hielten zwei Mnner eine
wahnsinnig schreiende Frau. Ihr Kind lag im Abteil, das brannte, und ich
wickelte mir, ohne da ich dachte, mein Taschentuch um die Hand, ri die
zugeschlagene Wagentr auf, sie war glhend, ich merkte es an der Hand,
nachdem mein Tuch wie Zunder geschmolzen war, den Schmerz fhlte ich
erst viel spter. Drinnen war roter und schwarzer Qualm, und ich warf
meinen Rock ber ein brennendes Bndel, das auf der Bank lag, -- ja, ich
htte es wohl besser liegen lassen sollen. Denn als ich der Frau dies --
nun, dies Kind auf die Arme legte, starrte sie es an, und dann mich, und
dann warf sies an die Erde und schlug auf mich los. Danach habe ich
lange Zeit mich um nichts gekmmert. Ich glaube, ich habe irgendwo
gesessen und geweint.

Als ich spter aufstand und umhersah, brannten die Flammen aus, und ich
ging ein Stck auf dem Bahndamm weiter, um vielleicht noch zu helfen. Da
sah ich dort den al Manach sitzen. Zwischen den Knien hatte er den
Oberkrper eines Mdchens, dem die Brust zerquetscht war. Sie atmete
noch, und mit jedem Atemzug kam eine Welle Blut. Er streichelte sie
unaufhrlich und redete ihr gut zu, und ich stand davor und sah zu. Die
nannte er auch Angelika. Auf einmal kam kein Blut mehr, und sie atmete
nicht mehr. Wie er das merkte, packte er ihren Kopf mit beiden Hnden,
starrte in ihr Gesicht und sthnte so merkwrdig. Dann lie er sich von
mir wegfhren und sonst mit sich tun, was ich wollte. So nahm ich ihn
mit nach Kln. Er war stumpf, sa nur da, a kaum, brtete vor sich hin.
Spter murmelte er bestndig. Meist redete er mit jener unbekannten
Angelika, dazwischen sagte er lange Stcke aus Dichtern auf mit einem
merkwrdigen Gedchtnis, aber alles durcheinander. Als ich mit meinem
Auftrag in Kln fertig war, las ich in der Zeitung, da der Herzog hier
wre. Ich hatte Zeit das Bild zu kopieren, und weil ich dachte, die
Landschaft hier wre vielleicht angenehm fr den Kranken, nahm ich ihn
mit. Ich hielt ihn ja fr ruhig und gewissermaen unschdlich. Bogner
schwieg.

Ein heftig auflodernder Blitz setzte alle Winkel des Zimmers in Flammen,
es war blendend hell, vor der blauflammenden Fensterfllung erschien das
Profil des Malers fast schartig, mit einem Ausdruck von groer Geduld.
Georg wunderte sich, wie er mitten in den Blitz hineinzusehn schien.
Anna hatte das Gesicht in Hnden, aber Georg wagte nicht, sich zu
rhren, zumal, alles Vorhergegangene zerschmeiend und austilgend, ein
frchterlicher Donnerschlag ber das Dach hinschmetterte, immer weiter
tobend, knatternd, dann langausrollend wie ein zornig hinfahrender Gott.

Als nur wieder der Regen langmtig herabgo, das Mdchen wieder aufrecht
sa, still und wie es schien ganz friedfertig, fragte Georg dumpf und
gezwungen:

Ist das nun Schicksal? Einer will sterben, er hat -- er meint, den
Willen zu haben. Da greift ein andrer ein, ein ganz Fremder, ganz
Unwissender, der wollte, da er lebe -- ich meine: war das sein
verlorener Wille zum Leben, der eine andere Seele ergriff und zwang, fr
ihn zu handeln, der sich verloren hatte ...

Das ist alles so schaurig verwickelt, dachte Georg hlflos, und
pltzlich fiel ihm ein, da er vorher, als er jene Kette nichtiger
Notwendigkeiten zusammenfgte, ja nur die eine Seite gekannt hatte.
Welche Reihe von Zuflligkeiten sah er nun auf der andern Seite am Werk,
um diesen Maler mit dem al Manach einen Tag nach Annas Rckkehr ...
Herrgott! schttelte er dies von sich, das ist, glaub ich, das
Schreckliche an mir, da ich immer alles denken, sehen, begreifen,
durchschauen mu. Da geht die ganze Wirkung verloren, weil das Denken
mich mehr bewegt als das Fhlen, -- arme, kleine Anna! -- Indem sagte
sie ganz leise:

Gott wei wohl mehr von uns, und wie wir zusammengehren, und er fhrt
den einen zum andern, wenn ers fr gut hlt.

Da, als ein sanfterer Donner hinter diesen Worten einherrollte, stieg in
ihm das Gefhl. Ihm war, als htte ein himmlisches Tor sich fr eine
Minute geffnet, eine Stimme sang die guten Engelsworte heraus, das Tor
fiel rollend zu.

Das Gewitter, dachte Georg, macht uns alle seltsam, und wir sitzen wie
beratende Gtter zusammen. -- So schien ihm wenigstens dieser langmtige
Maler.

Kinder, sagte der ernst, was wit ihr denn, was glaubt ihr denn, sei
Tod, Verantwortung und Schuld? Man tut, was sich anbietet, das Nchste.
Wir gehn ber die Strae, wir fahren mit der Bahn, mit dem Schiff, und
keiner denkt, da er im nchsten Augenblick bei den Gestorbenen sein
kann. Gewi, sonst bliebe alles ungetan, Gutes und Bses.

Und doch, widersetzte sich Georg, knnten wirs denken, wir wrden uns
auch der Schuld bewut sein, die hinter uns unshnbar zurckbleibt.

Shne giebt es nicht, sagte der Maler.

Aber whrend Georg betroffen fragte: Wieso? hrte er Magda seine
eigenen Worte fortsetzen:

Und die Liebe, und die Verzeihung, die auch hinter uns zurckbleibt,
bei den Andern, wrden wir daran nicht auch denken?

Nach einem Schweigen sagte der Maler:

Liebe vergeht, Schuld besteht. Schuld ist Tat, und Tat wirkt so fort,
was soll da Shne! Alles bleibt unverndert.

Georg sprang auf.

Aber tun! rief er, tun mu man doch etwas!

Gewi, antwortete der Maler, das verlangt die Natur.

Georg setzte sich wieder, sttzte die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf
in die Hnde und ergab sich; dieser Maler war ein Fels. Da hrte er
Magdas Stimme, irgendwie verndert, blickte vom Boden auf und sah sie
dicht vor Bogner stehn; schlank, wei, die Hnde vorm Scho
zusammengelegt, stand sie mit leicht geneigtem Kopf wie eine Bittende.

Herr Bogner, sagte sie, ich mchte Ihnen gern etwas sagen, Sie etwas
-- fragen, denn ... Ich hab auf einmal solches Vertrauen zu Ihnen ...

Also nicht zu mir? fragte Georg sich gekrnkt.

Ich hab Angst, Gott, ich hab solch wahnsinnige Angst! stammelte sie
pltzlich. Beide sprangen auf und traten zu ihr, aber sie wehrte ab und
sagte sanft, es sei schon vorbei.

Darf ich es sagen? fragte sie wieder. Es ist freilich sehr sonderbar.
Es ist -- mir ist einmal von einer Zigeunerin prophezeit worden, aus der
Hand, und das fngt jetzt an einzutreffen.

Sie setzte sich in die Sofaecke wie erschpft. Es war wieder still im
Zimmer, das Gewitter lie nach. Bogner ffnete ein Fenster; wundervoll
flo da, gleich erbtig, die Erfrischung herein. Der Regen ging in
geradem, leichtem Strom drauen nieder, alle Ferne war darin
verschwunden bis auf den Schatten des Windmhlenkreuzes. Als habe der
Maler ihr mit dem ffnen des Fensters eine beruhigende Antwort gegeben,
fuhr das Mdchen nun fort.

Es war auf einem Ausflug mit unsrer Genfer Pension, da trafen wir
Zigeuner, in einem franzsischen Dorf. Sie lieen sich alle aus der Hand
prophezeien, auch die Lehrerinnen, und sie bekamen alle nette
Weissagungen, Briefe und Heiraten und Geld, und es pate immer, was jede
heimlich gewnscht hatte. Ich mochte das gelbe Weib nicht mit den weien
Flecken im Gesicht, aber dann drngten die andern mich, und sie nahm
meine Hand und sah sie erst gleichgltig an wie die andern Hnde, aber
es klang schon so merkwrdig, was sie murmelte: _Coeur de fleures_ ...
ich behielt es gleich wie einen Vers: _Coeur de fleures, -- coeur sans
peur_ ... Aber dann sah sie mich scharf an und sagte, da wre wenig
Freude zu sehn, das Schlimme aber erfhr ich ja frh genug, wenn es
kme. Nun wollte ich auf einmal mehr wissen, da zog sie mich abseit und
flsterte mir zu, sie wrde mich schon finden, wenn ich allein wre, und
damit lief sie weg. Als ich nun ein paar Tage spter mit Renate, mit
meiner Freundin, im Garten auf und ab ging, stand sie auf einmal am
Gitter. Und dann hat Renate zugehrt, wie sie aus den Linien hier in
meiner Hand las, und sie sagte mir erst aus meinem vergangenen Leben
genau Bescheid, -- ich wei nicht, woher sie das erfahren haben soll --
von Papa und dem Herzog und dir, Georg, und von Mamas Tode, was sonst
keiner wei --

Georg, unter einer angenehmen Empfindung errtend, sagte mglichst
vernnftig: Sag mal, sollte sie das nicht aus dir herausgefragt haben?

Vielleicht, aber -- darauf kommt ja nichts an. Sie prophezeite mir
nmlich, ich wrde dreimal einem Menschen das Leben retten --

Anna!

Aber das dritte Mal wrde es mir das Leben kosten, schlo sie tapfer.

Georg schumte innerlich vor Wut. Dies verruchte Weib! Anna lachte auf
einmal hell.

Weit du noch, Georg, wie du das von dem Seestern sagtest? -- da
erschrak ich so merkwrdig, -- und nachher dachte ich an gar nichts. Es
kam ja alles so schnell, so pltzlich, wie er da im Wasser schwamm, und
der Schwan schlug mit den Flgeln und sah hin. Erst als ich hineinritt,
erschrak er und brauste davon. Die Prophezeiung ist mir erst viel spter
eingefallen. Als Artaxerxes davonflog, fiel sie mir pltzlich ein. So
sind Sie doch auch in das brennende Abteil gesprungen, ohne zu denken,
und nun bin ich auf so viele Gedanken gekommen und fing an, mich zu
frchten, oder ob das Gewitter ... denn ich wollte mich nicht frchten,
gewi nicht, ich dachte, als ich nebenan vor seinem Bett stand, wo er so
kindlich aussah, ich wollte es gewi gern tun, dreimal, wenn es sein
mte, und auch selbst dabei ...

Sie brach ab, weinte auf, legte hell jammernd das Gesicht in die Hnde
und auf den Tisch, und eine lange Zeit war sie nicht zu beruhigen, auch
verzweifelte Georg an sich selber, weil er, sie in den Armen haltend,
alle mglichen Empfindungen hatte. Schlielich ward sie doch stiller,
trocknete ihr Gesicht, stand auf, nickte den Beiden durch nasse Schleier
lchelnd zu und ging schnell und leise hinaus.


                              Zwiegesprch

Georg hatte, als Anna gegangen war, gedankenlos die Uhr gezogen; es war
etwas nach halb zwei, und so blieb immer noch eine halbe Stunde bis zur
Unterredung mit seinem Vater, auch wenn er berechnete, da er sich fr
das Mittagessen noch anziehen mute -- was ich eben schon htte tun
knnen, dachte er.

Er steckte die Hnde fest in die Rocktaschen, sie nach vorn drckend,
lief ein paarmal auf und ab und mute pltzlich losbrechen:

Verstehen Sie denn das alles? Nun liegt die Geschichte ja noch anders,
als ich Ihnen vorgerechnet hab, Ihr Eisenbahnunglck kommt auch noch
dazu, und das Bild, das Sie doch seit Jahren htten abmalen knnen, und
das alles, damit eine gottverdammte Prophezeiung eintrifft, das ist ja
zum Haarausraufen! Glauben Sie eigentlich daran?

Prinz, sagte Bogner, ob wir daran glauben, das ist hier wie immer
wohl nebenschlich. Es scheint: sie glaubt daran. Was man glaubt, pflegt
zu geschehn.

Sie mu wohl, knurrte Georg, wenn es doch schon eintrifft. Da sie
vorher nicht daran glaubte, haben Sie ja selbst gehrt. Es ist ja
grauenhaft!

Leider!

Das sagen Sie so, als ob ...

Ich will mich gern erklren, uerte der Maler willfhrig. Mir fielen
antikische Weissagungen ein, Achilleus, Odysseus, dipus. Das waren, wie
soll ich sagen, Opfer der Phantasie, Opfer ihres Volkes, die es mit dem
Schauerlichsten oder Erhabensten belud, wovon ihnen selber nichts zuteil
wurde. Aber warum, meinen Sie, bekamen diese Erhabenen stets die
Weissagung obenein?

Ich verstehe schon, meinte Georg, Sie denken an das Vorherwissen
ihres Schicksals, die Unabnderlichkeit des Erfllenmssens, ja dies
Erfllen, wo die andern einfach betroffen wurden. Nun, dafr waren jene
eben Helden.

Keineswegs. Sondern eben dadurch wurden sie es. Dem einfachen Menschen
ist das Vorherwissen -- damals wie heute -- ein -- manchmal verlockender
-- in Wahrheit immer grauenvoller Gedanke, und jene wurden, die
erhabenen Einzelnen wurden zu Helden, weil sie diese Ausnahme ertrugen
und in ihr Schicksal sahn. Sie hatten ihr Schicksal, ber den Vielen,
die das Schicksal hatte.

dipus etwa?

dipus war doch kein Held, Prinz.

Georg schwieg eine Weile und fand endlich das erlsende: Das beweist
gar nichts. Anna ist keine Penelope, kein -- kein Heldenweib.

Woher wissen Sie denn das? Wird man zum Helden geformt, gestempelt und
eingetragen, wie Herr Chalybus: Tenor alles in allem? Sie begehen auch
eine Verwechselung, glaube ich. Penelope und andre, auch mnnliche
Berhmtheiten waren schne Gestaltungen des Durchschnitts. Sie taten das
Ntige, aber sie glnzten, weil sie im Glanze standen. Troja und der
groe Krieg, Odysseus und die wilden Fahrten berglnzten alles, was
drin auftauchte --

Ja, unterbrach Georg ihn erregt, da wurden sie Gleichnisse fr
Menschenleid aller Art, erhabene Sinnbilder, geadelt von ihren Dichtern.
Die andern, die Gezeichneten, Verfluchten, trugen auf ihren Stirnen
Blitzfeuer vom Himmel oder vielmehr vom Schicksal, das ihretwegen aus
der Nacht vorgetreten war.

Gewi, Sie wissen alles sehr gut, sagte der Maler. Georg, ein wenig
stutzend bei dieser Antwort, betrachtete den Maler eingehend, der sich
inzwischen an den Tisch gesetzt hatte und im Sprechen eine flache, als
Aschenbecher dienende Perlmutterschale hin und her drehte. Auf einmal
schien ihm klar, da, whrend er selber hervorsprudelte, was der
Augenblick ihm eingab, der Maler wie von Schrnken oder Sofakissen
seiner Kinderzeit redete, Dingen, die sich in alle Ewigkeit nicht
verndern, und die voll und fertig da sind, wenn man nur dran denkt.

Ich glaube, murmelte er, es wre mir und Anna lieber, wenn sie ein
simples Dasein ohne Gre und Glorien haben knnte.

Der Maler sah sich nach ihm um und lchelte sein bezauberndes Lcheln.

Ich war Ihnen gleich gut, Prinz, sagte er freundlich, dafr plage ich
mich gern mit Ihnen. Nicht wahr, Sie glauben an die Dichter. Das ist
wacker, blo -- es verdirbt ein wenig die Anschauung. Was die Dichter
sagen, das glnzt, haben Sies nie bemerkt, und was sie glnzend machen,
das lodert zum Himmel. Aber wie ich schon sagte: was hilft es der
kleinen Chalybus, ob ich und Sie an ihre Zigeunerin glauben, und was
hilft es ihr, ob jemand anders ihre Taten gro und ihr Dasein glorreich
sieht. Sie hat ihr Leben, wie ich meines habe, wie Ihr Vater, Ihre
Mutter, Sie selber. Fr die Zuschauer kommt es ja nun immer auf die
Beleuchtung an, das ergiebt dann spter Geschichte, und daraus schpfen
Ihre Dichter das Glnzende.

Georg, dem es irgendwie schien, als wolle der Maler auf etwas noch
andres hinaus, als was seine Worte angaben, unterbrach ihn.

Ich verstehe ja, Sie sind ein Maler, Sie dozieren die malerische Ethik,
nein, nein! rief er glhend und gengstet, ich bitte Sie, sagen Sie
mir, ob Sie selber dran glauben. Glauben Sie, da ihr dies geschehen
wird?

Da wrde ich mich an Ihrer Stelle doch an die Tatsachen halten,
versetzte Bogner khl.

Warum weichen Sie mir aus?

Bogner schwieg, zog einen kleinen Bleistift aus der Westentasche, schob
ihn einmal in seiner gelbgegriffenen Blechhlse hin und her, steckte ihn
wieder fort und schien frische Langmut geschpft zu haben.

Wer, liebe Durchlaucht, sagte er, wer giebt Ihnen eigentlich das
Recht, meine Gedanken gehrt zu bekommen?

War das grob? -- -- Nein, grob nicht, nur anders.

Ich dachte nur, brachte Georg zgernd und bescheiden vor, im Gesprch
sagt man, was man denkt, oder man lgt. Sie aber, verzeihen Sie, wenn
ich das sage, Sie -- Sie sprechen eigentlich nicht, sondern Sie
antworten, Sie sind ein Schweig--

Ja, sehen Sie, unterbrach Bogner ihn ganz erfreut, ich sagte ja, Sie
wten alles sehr gut! Georg wurde verlegen und froh, als er den Maler
fortfahren hrte: Ich meinte ja nur, es wrde Ihnen nichts ntzen, zu
hren, was ich denke. Was ich wirklich denke, hren Sie ja doch nicht,
sondern nur, was Sie gern wollen, da ich denke. Das Wort ist insofern
eine groe Lgenbrcke.

Georg war begeistert und gab ihm strahlend recht. So ist es, sagte er.
Ich drcke meine Gedanken in Worten aus, und Sie meine Worte wieder in
Gedanken, dabei geht natrlich das meiste verloren, es ist sehr
traurig.

Das Wort ist gut, entgegnete der Maler, sagen Sie nichts gegen das
Wort. Bedauerlich sind allenfalls die Menschen. Jeder will vom Andern
hren, was er selber denkt; bekommt er das nicht, glaubt er, der andre
will ihm seine Meinung aufreden, und das will der ja auch meist. Sie
wollen einander berreden, dann zanken sie sich, und die Verstndigung
ist beim Teufel. Aber im Verkehr so untereinander, da entsteht ein
halbes Begreifen, ein Mittelding zwischen Gesagtem und Gehrtem, das
gengt.

Nein, das gengt mir freilich nicht, seufzte Georg und dachte an
Tasso. Es rhrte ihn, sich mit Tasso, den Maler mit Antonio zu
vergleichen. Ach, dachte er, Eleonore hat ihn auch nicht verstanden!
Giebt es aber nicht wenigstens auserlesene Stunden, giebt es kein
Zusammenfluten unter den Brcken? Mu man vielleicht schweigen lernen?
Ah, das gbe am Ende einen Schlu auf die Entstehung des Kusses! Meine
se Anna, dachte er betrbt, was ist mit dir? -- Die Sehnsucht
bermannte ihn, er dachte an ein sgoldenes Verstehn und wurde
trauriger, weil sie nicht ihm sich anvertraut hatte, sondern diesem
Antonio. Da raffte er sich noch einmal auf.

Aber Kunst, sagte er, ist Kunst nicht auch eine Sprache? Sie sind ein
Knstler, behaupten Sie nicht, diese seelenverkndende Sprache zu
besitzen, zu ahnen, zu erraten, was in uns, was in allen Dingen vorgeht,
was fr ein Sinn darin ist oder so, achten Sie nicht auf die Ausdrcke!
Die Seele, Art, Leid, was Sie wollen, -- dies zu sagen, zu offenbaren?

Der Maler schwieg eine Weile, wie es schien bedeutend nachsinnend.

Nein, sagte er endlich. Er winkte mit der Hand und wiederholte: Nein,
das ist nichts. Die Dilettanten sagen das immer, und alle, die ber die
Dinge nachdenken. Ich will damit nicht sagen, da ich nicht auch ab und
an etwas dchte, aber wissen Sie -- Der Maler war augenscheinlich nicht
nur um Worte, sondern um alles verlegen und schlo pltzlich kurz: Man
malt eben.

Er lachte leise und innerlich und setzte dann hinzu:

Es giebt so wenig Seelen; am besten sitzt man fr sich allein und
bastelt so herum. Manchmal wirds was, manchmal nicht.

Das war ja schrecklich banal! Georg war tief enttuscht, da alle
Aufschlsse ausblieben. Und dieser Mensch, der so klug, der geradezu
verschlagen geredet hatte, -- nun, wo er ber seine Kunst, sein
Innerstes reden konnte -- --, oder tat er nur so? Wollte er nicht? Er
mute es noch einmal versuchen.

Ich verstehe, wie Sie es meinen, sagte er bescheidenlich. Sie malen,
wenn ich so sagen darf, Ihre Seele in Ihr Bild, und der Betrachter sieht
die seine heraus, nicht wahr? Es ist genau wie mit der Sprache eben.

Ja, sagte dieser Mensch hocherfreut, genau so ist es! Es ist ganz
einfach, ich sagte es ja: man malt eben. Man kann etwas, das ist
selbstverstndlich; und man hat eine Seele, das ist auch
selbstverstndlich; nachher ist man denn Holbein oder vielleicht
Vermeer. Andre wieder sind nachher vergessen. Was verstehen Sie brigens
unter Seele? Es geht etwas in einem vor, es bewegt sich, eine gewisse
Neigung nach Ewigkeit, und fr das, was einen bewegt, findet man in der
Umwelt die Belege gewissermaen, die Gleichnisse ...

Wir erkennen uns selber im Spiegel der Umwelt, sagte Georg
gedankenvoll.

Oh! rief der Maler aufspringend und ans Fenster tretend, wenn Ihnen
mit Schlagworten gedient ist, wei ich ein ausgezeichnetes, das ich mir
selber ausgedacht hab, nmlich: Kunst ist zu scheinbarer Objektivitt
gesteigerte Subjektivitt. -- Praktisch ist natrlich alles umgekehrt.

Wieso? fragte Georg, verdutzt vom Stuhl an der Tr zu ihm aufsehend,
der sich mit dem Rcken ins Fenster lehnte und die Ellbogen in die Hnde
nahm.

Weil es da die Beispiele, die Belege drauen sind, an denen man sich
selber zu erkennen glaubt; das geht so hin und her.

Ja, fuhr Georg verstehend fort, alles ist Spiegel, alle
Erscheinungen, und wir selber sind tausendfach gebrochene
Spiegelbilder.

Und dies, hrte er den Maler langsam sagen, dies sind denn wohl so
die Dinge, von denen man reden kann.

Und die wirklichen, was wren die?

Ach, so viel, sagte Bogner. Eine Kontur, so ein Kobaltblau in der
Dmmrung, oder die Kerbe eines Blattes, und der Ansatz am Stiel, oder
eine Nasenwurzel, -- ja, das sind schon Dinge, schon Dinge ... schlo
er ganz nachdenklich.

Eigentlich aber, sagte er, den Kopf hebend und den ebenfalls sehr
nachdenklich gewordenen Georg voll anblickend, obgleich der, weil er
gegen das Fenster sah, seine Augen nicht erkennen konnte, eigentlich
aber wollte ich Ihnen nicht dieses sagen. Er verstummte und sprach nach
einer Pause sehr freundlich, fast liebevoll weiter.

Es ist so schwer, sagte er langsam. Ich kann es Ihnen freilich sagen,
denn Sie werden ja trotzdem tun, was Sie mssen, und sich um mich nicht
kmmern. Es ist ja so schn, wie Sie alles, was um Sie her sich
ereignet, in Angriff nehmen und durchdenken, aber -- ich meine: es ist
wie mit den griechischen und lateinischen Dichtern und mit Schiller in
der Schule, an denen die grammatischen Regeln und der Aufsatz gelernt
werden, wozu sie doch -- eigentlich -- nicht da sind. So benutzen Sie,
wie alle guten jungen Leute, die Schicksale der Andern, um daran denken
zu lernen.

Er schwieg. Georg, ziemlich betroffen, sah ihn mit wagrechtem Finger
sich unter der Nasenspitze reiben und hrte ihn fragen: Kennen Sie
Indien? Ich habe einmal gehrt, da die jungen Mnner dort nicht in
Schriftstellern und Algebra unterrichtet werden, sondern in --
Lebensfertigkeit gewissermaen, wenn auch die geistige Arbeit dortzuland
sich wohl vorwiegend mit dem Leben nach, nicht mit dem vor dem Tode
beschftigt, aber nun -- sie brauchen sich ja dort nicht vor Fahrplnen
und elektrischen Bahnen in acht zu nehmen.

Georg, in dem Glauben, da noch etwas kommen solle, schwieg
ehrfurchtsvoll und zugleich auf eine ihm schmeichelnde Weise gehoben, da
der Maler zuletzt sich so viel ernsthafter gegeben zu haben schien, da
es ihm vorkam, als sei er selber lter geworden whrend ihres Gesprchs.

Danke schn! sagte er nun aufspringend und lachte, nun mu ich aber
fort.

Wenn Sie meinen, sagte der Maler mitlachend und ihm die gereichte Hand
drckend, da ich Ihnen jetzt doch meine Gedanken offenbart htte, dann
irren Sie sich. Es waren nur die von heute vormittag; die richtigen, die
von voriger Woche, die hab ich fr mich behalten.

So ging denn Georg, nicht ohne starke Zweifel am zuletzt Gehrten, die
er sich schuldig zu sein glaubte.


                             Schreibzimmer

_Coeur de fleures -- coeur sans peur_ ... Der Vers geriet im Augenblick,
wo Georg die Tr hinter sich schlo, in sein Gedchtnis, whrend sich
zugleich eine so heftige Beklemmung um seine Brust legte, da er sich,
gedankenlos den Flur in irgendeiner Richtung hinuntergehend, nach ihrem
Grunde fragte und alsbald herausbekam, da er Annas erschtterndes,
vielleicht zu -- sonderbares Erlebnis whrend der letzten halben Stunde
vergessen hatte; vergessen, obgleich er nur deswegen geredet und so auf
den Maler eingedrungen war. Er stieg die Treppe hinunter und fand sich
gleich darauf im strmenden Regen. Er htte trockenen Fues durch das
Haus gehen knnen, aber er gnnte es sich, na zu werden, wie Jakobsens
Fennymore sich den Schnee, als ihr Mann tot lag und der elende Lhyne
bers Eis kam. Was hatte der Maler gesagt? Schiller und Herodot und
dergleichen ... Hatte er recht? Gegen die wild heruntergieende Strmung
ankmpfend, erinnerte ihn der Anblick des im Regen schattenhaften Turms
auf der Ecke an seine Mutter, der nichts so wohl tat wie die elektrische
Luft beim Gewitter, whrend ihr Herz eine regelrechte Behandlung mit
elektrischen Strahlen nicht vertragen hatte, und dies erleichterte ihn
wieder. Die leere Flche der Terrasse, auf die er zuging, ohne Mbel und
Sonnenzelt, lag brunlich und schtternd wie eine Wasserflche mit den
Kreisen der tanzenden Regenjungfern bedeckt; es pltscherte ber die
Stufen, auf dem dunkelbraun gewordenen Wege darunter kreuzten sich
hundert bewegliche Rinnsale und Schnellen; die kleinen, weien, dunkel
und rosaroten Wolken der Rosenstcke schwammen in den Regenschleiern hin
und her, aufgeregt wie die bunten Kinderballons im Winde; einzelne
Bltter trieben flackernd davon und segelten auf den Regenbchen,
whrend oben in den Steinurnen die roten Geraniumranken in sich geduckt
geduldig stillehielten. Alles wie frisch, wie lebendig und khlig, --
ja, und nun mute er obendrein vor der verschlossenen Tr stehn und
warten, bis auf sein Klingeln ein Diener kommen wrde. Sonderbar war der
Anblick des dmmrigen Saals durch das nasse Glas, wo in den sechs
deckenhohen Nischen auf vielen Konsolen bereinander die hundert kleinen
Vogelfiguren aus Meiener Porzellan in ihren bunten Farben leise
leuchteten, hier das satte Rot eines Dompfaffen, das Gelb eines Pirols,
das Grn eines Zeisigs oder Wellensittichs, und wie still hockten sie
alle!

Nasser geworden als vorhin im Teich, so kams ihm vor, konnte er endlich
eintreten und ging, das Gesicht mit dem Taschentuch abtrocknend, links
hinber zur Tr, hinter der es von Schreibmaschinen klapperte. Er
ffnete und trat, noch die Hnde trocknend, durch die Spalte -- schon
wtend angerasselt vom wetteifernden Geklapper der beiden Maschinen --
in den groen, hellen Raum mit drei Fenstern.

Das Mdchen am mittleren Fenster, das ihm den Rcken wandte, sah sich
flchtig um und fing an, auf ihrem Diktatblock zu lesen. Fern drben am
dritten Fenster bewegten sich fuchsrote Wellenscheitel in die Hhe, und
dieses Wesen Fliddridd sah ihn blicklos an aus ihrem runden, weien
Gesicht. Sie kniff dabei die winzigen Augenschlitze zwischen dicken
Lidern fast zu, whrend zwischen den Zhnen und leuchtend geraniumroten
Lippen hervor langsam die Zungenspitze zum Vorschein kam, wieder von
einem andern Rot, mehr blulich, worber Georg sich wunderte, auch ber
die Art, wie ihr ganzes Gesicht nun wie eine Seifenblase lautlos in
Lachen zerplatzte.

Gans! -- Georg wandte sich ab und sah an der langen Wand der Aktenregale
voller Ordnungsmappen den Doktor sitzen, breitbrstig und stmmig vor
seinen zusammengeschobenen, mit einem entsetzlichen Wirrwarr von
Papieren beladenen Schreibtischen. Ach, was hatte der Mann doch fr ein
prchtiges Gesicht, so von der Seite besonders! Georg sah die vollen,
gerundeten und gerteten Wangen, das starke Kinn, den hngenden
braungrauen Schnurrbart, den mchtigen Uhuschnabel der Nase und den
nachdenklichen Blick der feurigen, braunen Augen mit starken
Trnenscken unter hochgezogenen Brauen auf die schreibende Feder
gerichtet, -- und nun, da er sich umwandte, hatte er die volle Ansicht
von vorn: den Nasenrcken grade und streng und lang, die krftig roten
Wangen und die majesttische Giebelung der Stirn mit den
hochgeschwungenen Brauen, whrend er mit seinem, immer gleichsam
kniglich erstaunten Ausdruck und nicht ganz anwesenden Geistes
gleichwohl sehr erfreut lchelte.

No -- Georg? fragte er, noch immer ausbleibenden Geistes, doch
teilnehmend immerhin.

Du siehst doch aus wie Knig Saul, sagte Georg nher zu ihm tretend.
Er zog die Brauen noch hher, wiegte den Kopf jdisch und hob die
Schultern, lachte und sagte, langsam zurckkehrenden Geistes, halb
geschmeichelt, aber abwehrend: Ich soll wissen, wie ich ausseh! worauf
er mit der Hand in die Brusttasche griff, eine braunlederne
Zigarrentasche mit Metallrndern hervorholte, ffnete und sie Georg
hinhielt, indem er die Klappe mit der Hand zurckbog.

No -- o, du rauchst doch 'ne Zigarre, Georg? sagte er, und, da Georg
sein Zigarettenrauchen vorschtzte, no -- was das schon heien soll!
-- er wiegte wieder, seiner Sache gewi, den Kopf -- ich wei doch, was
ich wei! und lachte, da Georg jetzt zugriff, verschleimt und heiser,
hustete sich aus -- siehst du wohl! mit triumphierendem Kopfschtteln
und lachte vor sich hin, indem er, auf der Suche nach irgendwas, Papiere
und Aktendeckel aufwarf, ber der Tischplatte tastete und schlielich
eine Streichholzschachtel und eine abgeschliffene, gelbliche kleine
Zigarrenschere zum Vorschein brachte, -- allein nur uerlich, innerlich
lngst wieder bei seinen Sachen. Whrend Georg seine lange Zigarre
beschnitt, nahm er selber eine, entzndete sie beide mit einem
Streichholz, setzte sich breit und rund im Armstuhl zurck und schlug
die Beine bereinander.

Das Gesicht des Malers erschien Georg, seltsam anders gegen dies soviel
prchtigere; und, woher, mute er sich fragen, kommt wohl dieses? -- Er
sah an der Wand von Doktor Birnbaums Wohnzimmer in Trassenberg die
groe, graue Vergrerung einer Photographie des Vaters Birnbaum, der
Synagogenhter gewesen war, aber sein Gesicht mit wallendem, lockigem
Vollbart glich ungemein dem des Kaisers Friedrich: die Nase freilich
wrde von der Seite wohl den Haken gehabt haben, den Georg eben vor sich
sah.

No -- Georg, fragte unterweil seine breite, etwas nasale Stimme, was
ist das mit Magda? Mir wird da gesagt -- -- was wei ich? Er berlie
seinen fragenden Augen das Ende des Satzes.

Georg wehrte ab, es sei gar nichts, jemand, ein Fremder, ein Bekannter
des Malers, den er wohl gesehn habe, sei in den Teich --, Georg brach
ab, da ein unsichtbares Telephon anzirpte. Doktor Birnbaum warf wieder
alles mgliche zur Seite und bereinander, Aktenbogen, blaue und gelbe
Mappen und offene Briefe, griff den Telephonhrer von der Gabel und
sagte, den Ellbogen auf die Platte sttzend, hinein: Ja?

Immer sagt er blo ja ins Telephon, bemerkte Georg halblaut zu
Fliddridd hinber, die lachte: Nich wahr?

Flora? hrte Georg ihn weiter sprechen, mit Magda? Ja, das frage ich
ja eben.

Er lachte, drehte sich im Hren zu Georg und redete, ihn mit seitwrts
horchenden Augen anblickend, weiter, so da Georg das Gefhl hatte, er
und seine Frau drben redeten gleichzeitig.

Ja ... ja. Georg ist eben da. -- -- Ja. -- -- Ich frage ja eben, er
sagt ... No, was wirds denn schon sein? Gar nichts wird es -- -- Was?
Hineingeritten? No, er kann dirs ja selber ... Wie? ... Er kann dirs ja
selber, sag ich ... No, also schon gut. Erkltung? Ach, wo wird sie sich
gleich erklten! Das Wasser -- -- -- was? -- -- das Wasser ist ja ganz
warm. Also -- -- Seine Stimme mit den breiten Altenrepener A-Lauten
wurde allmhlich kleiner, er sagte nur noch eine halbe Minute lang: Ja
-- -- ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja -- --

Auf einmal legte er den Hrer hin, hatte sich aber kaum zu Georg
zurckgewandt, der behaglich wie im Schauspiel den feinen Rauch seiner
Zigarre schluckte, so fltete es wieder, er nahm den Hrer wieder, sagte
sein: Ja? und nach einer Weile schmolz sein ganzes Antlitz langsam in
groen, verklrenden Glanz auseinander, sein ganzes, krftiges Gesicht
triumphierte, er lehnte sich breit zurck wie ein Bankdirektor und
schrie, whrend Georg schon verging vor Wibegier:

Also wer -- -- also wer hat das gesagt? Was hab ich gesagt,
Durchlaucht, was hab ich --? Er klopfte, aufgeregt Zeugnis ablegend,
mit den Fingerspitzen der linken Hand auf den Rockaufschlag, so da der
Aschenklumpen von der Zigarre ber den Handrcken fiel und zerstubte,
und, den Kopf in zufrieden gekrnktem Triumphgefhl wiegend, redete er
fort:

Heute morgen, hab ich gesagt, wrde er -- Georg lauschte angespannt,
um etwas zu erraten, heute morgen, sagt ich, wiederholte er
beschwrend, wrde er -- -- -- also, no! Wer hat also recht gehabt? Er
lachte nachgiebig: Ich wei doch, was ich wei ... Und, nachdem er
gehorcht hatte: Ich wei doch, was ich wei, sag ich! Wann will er denn
-- --, ich meine, wann soll er -- --, ist denn nichts vom -- --

Ja, da sa nun dieser Patriarch und konnte nicht einen einzigen Satz
zustande bringen, so sehr waren diese Geschftsleute gewohnt, sich mit
Anschnitten zu begngen, aus denen sich alles mgliche erraten lie, was
der andre nun grade wollte, und Georg, da er wieder abbrach, schrie
wutentbrannt: Was ist denn los, Onkel?

Georg will wissen, was -- -- schrie der Doktor in die Sprechmuschel,
wie beliebt? Ja, Georg ist eben da, er -- -- -- soll er? -- -- -- Er
kommt selber zu Ihnen? Also schn! No, -- no, -- also ich gratu -- wie?
-- -- ich gratuliere, sag ich! Also ... Ja -- -- ja -- -- ja -- -- ja --
-- Es war zum Haarausraufen.

Georg strzte zur Tr, aber als er neben Fliddridd vorbei wollte, fhlte
er, wie sein Rock sich straffte; sie hielt ihn fest, ohne da sie selber
sich bewegte. Sich umdrehend sah er Onkel Salomon schon vertieft, mit
beiden Hnden tastend in seinen Papieren suchen.

Was giebts denn? fragte er ungeduldig.

Wann gehts denn fort, Durchlaucht? fragte sie, ohne ihn anzusehn.

Herrgott, ich bin ja grade gekommen! rief er mit unterdrckter Stimme
und setzte, da sie fortfuhr, still vor sich nieder zu blicken,
achselzuckend hinzu: Keine Ahnung!

Wo gehts denn hin? fragte sie wieder.

Auch keine -- das heit -- vielleicht nach Mnchen.

Jetzt bekam er ein feuchtes Geglitzer aus den Augenschlitzen zugeblitzt,
whrend sie fragte, ob er ihr eine Ansichtskarte schriebe. Georg sah das
bleiche und trockne Mdchen gegenber, die sich ber ihren Diktatblock
beugte, als sagte sie innerlich: Diese alberne Gans! --

Natrlich! Zweie! versicherte er.

Tchh! sagte sie pltzlich, die linke Hand hinhaltend als spitzes
hartes Dach mit angeklemmtem Daumen, aber ehe er ihre Fingerspitzen
berhrte, zuckte sie zurck, sie sprang auf, lief zur Flurtr, warf sich
mit dem Rcken dagegen, lachte ihn hell an, steckte die Zunge heraus und
wirbelte nach drauen, die Klinke mit dem Ellbogen herunterdrckend.

So Mdchen, dachte Georg, sich zur Tr wendend, so Mdchen sind doch zu
merkwrdig! Warum sind sie wohl so? --

Damit ffnete er die Tr, die ledergepolsterte zweite dahinter und trat
bei seinem Vater ein.


                            Viertes Kapitel


                             Vater und Sohn

Georg -- seiner Zigarre nicht vllig sicher -- zgerte an der Tr und
schlo langsam, whrend er durch den groen, wie das Schreibzimmer
dreifenstrigen Raum nach seinem Vater sphte, der in einem tiefen Sessel
unter dem mchtigen grauen und wappengeschmckten Sandsteindach des
Kamins sa, und zwischen den Fingern der von der Lehne hngenden linken
Hand steckte ein dicker, trg qualmender Zigarrenstumpf. Die Rechte
glttete ein Telegrammformular auf der dicken Lederpolsterung der andern
Lehne, von dem der Herzog nun langsam aufsah und Georg anblickte, indem
er langsam lchelte und die Zigarre zum Munde fhrte; Georg schien er
trotzdem nicht -- oder auf eine sehr fremde Weise zu sehn, so da er
langsam zum Drehstuhl vor dem riesigen, frei den Fenstern
gegenberstehenden Schreibtisch trat. Bluliche Rauchschwaden schwammen
wagerecht in der Luft und um die Zacken des geweihgeflochtenen
Kronleuchters mit dem buntgemalten Hubertus. Es war sehr hell; der Raum
wie eine offene Arkade, da die sehr hohen und rundgewlbten Fenster nur
schmale Wandstreifen zwischen sich hatten. Georgs Blick glitt noch ber
die regelrechten Reihen von Bocksgehrnen an den Wnden, als sein Vater
ihm nun das Telegramm hinstreckte und bemerkte: Lies nur!

Erste Versuche gnstig abgelaufen, las Georg, steige wenn mglich
noch mittags auf eintreffe nachmittags Helenenruh. Leutnant Kaspar. --
Der Dreidecker, Papa? Das ist ja herrlich! Na da gratulier ich aber!

Der Herzog lie sich die Hand schtteln, wobei er ein wenig sarkastisch
zu Georg auflchelte und bemerkte: Keine Ursache! und: Zimmermann hat
das Verdienst, bitte, ich habe nur die Anregung ...

Schn, wie du willst, Papa! sagte Georg, innerlich besser berzeugt.
Ja, dann werden wir fliegen! setzte er frhlich hinzu.

Du meinst -- die Menschheit? fragte sein Vater langsam.

Keineswegs, Papa! Ich meinte vielmehr dich und mich.

Sein Vater antwortete nicht, sog an seiner Zigarre und sah nach den
Fenstern.

Aber setz dich doch, sagte er nach einer Weile erwachend und hastig.
Georg drehte den Schreibtischsessel herum und setzte sich, zwischen den
peinlich geordneten, mit marmorierten Felsbrocken oder geschliffenen,
farbigen Steinplatten beschwerten Stapeln von Papieren und Mappen die
schwere glserne Aschenschale voller Zigarrenreste heranziehend, und
pltzlich waren seine Gedanken bei seiner Mutter. Auf einmal wurde ihm
erschreckend klar, da, wenn er an sie dachte, dies viel mehr mit Kummer
geschah als mit Liebe. Da ging sie auf ihrem schmalen Teppichstreifen
hin und her an der Wand, im Dunkel, in Gefangenschaft, rastlos wie eine
Pantherin, unfhig zu denken, sie, die doch die klgste Frstin in
Europa sein knnte und ein ganzes Land allein regiert htte ... Ihre
kalten Hnde, -- wann hatte nur der Schauder vor ihnen angefangen? Und
wenn er ihrer gedachte, so sprte er ihren Kopfschmerz peinigend in der
eigenen Stirn. Ach, und sie war gengsam, sie hatte wohl sein
verheimlichtes Widerstreben gemerkt, wie sollte sie nicht, aber sie
begngte sich mit dem Zwischenraum, er wute es lngst, es schmerzte
ihn, es war nicht zu ndern, dann ward es Gewohnheit. Und er war ja auf
Schulen und selten zu Hause. -- Wie geht es heute, Mutter? -- Danke,
besser, mein Junge. -- Und sie glitt auf und ab, und er schlich hinaus.

berdem fhlte Georg die kleinen, einander nahen und glhenden Augen
seines Vaters von fern auf sich geheftet, errtete und erinnerte sich
hastig der Worte, die er schon gehrt hatte, whrend vor seinen Augen
eine daliegende blanke Achatplatte mit schn gezogenen weien und roten
Ringen zu schweben begann. Ja, er wrde morgen seinen achtzehnten
Geburtstag begehn; es wrden Leute kommen, eine kleine Feier, und darum,
sagte der Herzog, habe er den heutigen Tag gewhlt, um ihn vorm Beziehen
der Universitt einige Dinge vorzutragen und ans Herz zu legen.

Er begann darauf mit einem Rckblick ber die letzten Lebens- und
Lernjahre Georgs, hervorhebend, wie er von Anfang an, indem er ihn schon
in die Dorfschule geschickt hatte, bestrebt gewesen sei, ihn mit der
Welt der Andern in Verbindung zu halten, jenen Andern, die durch Sitte
und Gewohnheit als unter ihm stehend betrachtet wrden, die aber jeder
Verstndige -- es gbe nicht viel davon -- als ebenbrtig mit seiner
eigenen, des Herzogs Stellung ansehn msse, ausgenommen die Faulenzer,
-- und der Herzog streifte sein Prinzip von der Gleichheit durch
Leistung. Jeder, der das volle Ma der ihm verliehenen Krfte und
Mglichkeiten erschpfe, habe vollen Menschenwert. Es gbe
Standesunterschiede, allerdings, durch Erziehung, Geburt und so weiter,
sichtbar in uerer Gestaltung und Gehaben, das sei gut so, ebenso wie
die Kultur, die innere, ererbte des Einzelnen. Das aber seis gewesen,
was sein Sohn habe erkennen sollen: den Einzelnen, den berall, den
Unklassifizierten. Masse, sagte er, ist ein Begriff, wie Staat,
Gesellschaft, Religion und dergleichen. Fassen lassen sie sich nur durch
Erkenntnis des Gegenstndlichen, des Lebendigen, des einzelnen Menschen.
Es ist deine Aufgabe, sie zu finden, sie kommen nicht von selber.

Sein Vater erinnerte ihn nun an jene Lebenserinnerungen seines Ahnherrn
gleichen Namens, die er ihm seinerzeit als Konfirmationsgeschenk habe
drucken lassen, und aus denen er sich erinnern werde -- Georg tat es
schwach --, da jener Georg der Siebente, letzter regierender Herzog der
Landschaft Trassenberg, trotz auerordentlicher und sonderbarer
Beziehungen zu Napoleon, aus einem verborgenen Grunde -- wie denn der
eigentliche Charakter des Astrologen niemals entrtselt wurde -- dem
Rheinbund nicht beigetreten sei; da also damals Trassenberg an das, zum
Groherzogtum aufrckende kleinere Beuglenburg kam, da der Herzog nur
die Titulatur mit dem in Trassenberg bewahrte, da schlielich hieran
bei der Wiederherstellung der alten Reichsordnung auf dem Wiener Kongre
scheinbar nichts gendert wurde. Nun htten seitdem die Nachfahren eine
andre, friedliche Eroberung des eigenen Landes begonnen, indem sie durch
Vermgen und durch Verwandtschaftung, als Frsten von Diemarck, Grafen
von Fichtel, Rosenstein ltere Linie, Siberndorf und Flanau, Freiherren
und Herren auf Dannel-Biebereck, Trahndorf, Lesum und Kochel und so
weiter die gesamte Landschaft bis auf kleine Ausnahmen wieder in ihren
Sitz brachten, Stdte, Drfer, Flecken und Weiler, teils, wie schon
gesagt, mit Hlfe des Kapitals, durch Ausgleich ihrer ursprnglichen
Besitzungen mit der Erwerbung von Drfern, Landsitzen, Mhlen, Marschen,
Wldern und ckern, teils durch Industrie, teils, freilich auch hier mit
Kapitalskrften, durch Teilnahme am technischen Fortschritt der Zeit,
indem sie anlegten: Straen, Brcken, Eisenbahnen und Kanle, Werften
und Docks, Hafen, Maschinenfabriken ... Georg hrte eine ganze Zeitlang
Namen und Bezeichnungen von seines Vaters Lippen tropfen, deren
Gegenstnde sich wie ein groer Reichtum um ihn her zu hufen begannen:
neuer Auftrieb oder Erschlieung von Bergwerken, Silber, vor allem
Kohlenminen, Aktiengesellschaften zur Ausbeutung der Erdschtze,
Salinen, Bohrtrme, Steinbrche und Tongruben, samt deren Verarbeitung
in Fabriken; Genossenschaften, Moor- und Heidekulturen, Torfgewinnung,
Urbarmachung versumpfter Strecken und Berieselungen. Fabriken wurden
gegrndet, Industrien ins Leben gerufen, als da sind: Zucker, Spiritus,
Majolika, Leder, Porzellan, Pumpen und Wagen, Chemikalien, Zelluloid,
Spinnereien und hundert andre Verwertungsarten der gleichen Stoffe, wie
Steinkohle in Gas, Koks, Teer, Antimon und so weiter; ferner Glashtten,
Sgewerke, dann: Druckereien -- Zeitungen -- Gasanstalten,
berlandzentralen und dergleichen mehr. Sie hatten saniert, hatten
Spitler, Irren- und Armenhuser, Badeanstalten, Waisenhuser, Krippen,
Kliniken, Bibliotheken und Theater erbaut oder aus ihren Schatullen
unterhalten, ebenso wie die Universitt, die Handels-, Tierarznei- und
technische Hochschule, wie zahlreiche andre Forschungsanstalten und
Institute nur durch ihre Schenkungen aufgeblht und die damit
verbundenen Rechte tatschlich ihr Eigentum wurden. Und sie hatten
Straen gepflastert, die Stdte erweitert, Arbeiterviertel und
Schmuckpltze, Erholungsheime, Frsorgeanstalten, Schulen und
Gemeindehuser gebaut oder angelegt, und sie waren wahre
Industrieritter, Diplomaten, Abgeordnete, konomen, Zchter, Reeder,
Plantagenbesitzer in andern Erdteilen, Gelehrte, mit einem guten und
schlichten Wort: Arbeiter geworden, -- warens noch heute.

Georg sa im berflu und staunte. Wenn er auch immer gewut hatte, da
dies so war, und da all das ihnen gehrte, so begann es doch zum
erstenmal lebendigen Ausdruck dadurch zu gewinnen, da er pltzlich sah:
dies war nicht von Ewigkeit gewesen, sondern war geworden, nein, es war
vielmehr gemacht. Gemacht von seinen Vtern oder, wie es ihm augenblicks
schien, durch diesen seinen dasitzenden Vater allein, von dem ja so viel
wenigstens feststand, da er es gewesen war, der den jahrhundertalten
Besitz aus seiner Zerstreutheit und Verworrenheit zu einer gewaltigen
Masse, zu dieser einzigen, riesenhaften, Geld unerschpflich
hervorsprudelnden Maschine zusammengeschlossen hatte, aufgebaut aus
zehntausend Teilchen, Kolben, Rdern, Riemen und Pumpen, eine ungeheure
Fruchtbarkeitsanlage, die aus dem, in dampfender Ttigkeit brausenden
Lande Kraft sog und wieder hinabregnen lie. Da sah er es, da fing es an
sich zu entfalten vor seinen ergriffenen Augen. Langsam fhlte er sich
erhht, unendliche Aussicht erffnete sich, unter glorreicher Sonne
gewaltiges, schnes Menschenland, von einer ungeheuren Betriebsamkeit
erfllt. Die Ebene schwoll hoch auf, die Marschen, die Fennen, von
Hunderten von Knicks durchzogen, belebt von Trinkgruben und dem
weidenden Vieh, von Windmhlen, Gehften und unzhligen, silbernen
Wasseradern bis an den dunstig schimmernden Geist des Meers. Jenseits
dort blhten die farbigen Segel, wehten die Rauchfahnen der Dampfer,
schimmerten die sonnigen Mauern der Kais, die leise schaukelnden
Mastenwlder der Hfen, -- diesseits, drinnen im Land, tauchten Stdte
ber den Himmelsrand, grne Trme und Kathedralen, die Straen liefen
daraus hervor ins Land, friedfertige Pilgerzeilen der Pappeln oder
Obstbume, bevlkert mit Reisenden, Wandrern, Wagen und Automobilen, von
den schnurgeraden Dmmen der Bahnlinien geleitet oder berkreuzt, und
die tausendfltigen Gerusche des Verkehrs schollen gedmpft, dann mit
dem Einzug in die Stdte dumpfbrausend wie Meeresbrandung zu ihm herauf.
Da, eine brennende Fabrik! Schwarze Rauchsulen, darin die Riesenessen,
und eine, sauber und sulenschlank fr Augenblicke aus dem Qualm
erscheinend, ffnete sich pltzlich lautlos in der Mitte wie aus Sand,
und die obre Hlfte strzte wie ein Krper von oben in die Tiefe.
Gestalten erschienen, Redner vor grnberzogenen Tischen im Kreise
lauschender Charakterkpfe, das Getmmel der Fraktionen im Wandelgang,
und ein Bronzedenkmal glitt aus der Hlle, fremdartig kupfern und
dunkel, die Menge schrie, Hte flogen, Uniformen und schngekleidete
Frauen schritten Stufen empor im Gesprch mit Brgermeistern und
Weibrten in Frcken und Ordensbndern, die lchelten, alle lchelten.
Karossen fuhren vor, Heiducken und Jger mit Mnteln und Decken sprangen
ab, da stand der Kaiser und lachte, es erschienen Vestible und
Terrassen, schweigsame Gnge zwischen Glasksten der Museen und
Gemldegalerien. Sle der Kliniken lagen da, blitzende Kchen der
Bewahrungsanstalten, Lehrsle, getnchte, dmmrige Korridore, die
kleinen, zierlichen Hfe mit langsam umhergehenden Gestalten in
blauweigestreiften Anzgen. Der ungeheure lampenberste Kronleuchter
eines Theaters schien von oben zu strzen, indes er aufglomm und in den
erhellten Rngen und Logen hundert Gesichter wahrnehmbar wurden,
befiederte, groe Hte, lange Handschuh, Juwelen und Abendmntel. Schon
flogen Werksttten, Maschinenhallen scharenweise dahin, und da war sein
alter Schulhof mit den kleinen Kugelakazien; Sekundaner standen um einen
langen Menschen, der einen flachen Stein nach einem Baum jenseit des
Flusses schleuderte, eine schwarze Krhenwolke wirbelte daraus empor. Er
stand in einer der Galerien im Schlosse Trassenberg, oder Rosenstein.
Die Gesichter der Ahnen sahen aus dem Dster herab, durch einen
Schwertgriff, ein Pergament, einen Hut, eine Krause, einen Spitzenkragen
kenntlich nach ihrer Zeit. Die Nesseln wucherten unter den Eichen im
trocknen Graben um den alten Pallas; es war still, Kfer summten, der
Park rauschte, eine uralte Stimme sagte: 1645. Allein wieder brodelten
die Kessel der Stdte, tauchten, wie von Scheinwerfern aus erst
bodenloser Finsternis heraufgesaugt, erleuchtete Nachtpltze auf, mit
schwankenden Bogenlampen, blitzend die Spiegelscheiben der Restaurants,
grau und verschwiegen die Rollden vor den Auslagen, hoch schwebend die
gelb leuchtenden Riesenlettern: Bahlsen Keks; Automobilkutschen, innen
erleuchtet, kleine Kabinette, kreuzten rasselnd und schwankend die
Gleise der Straenbahn, und pltzlich wimmelte Charing Cro mit hundert
umliegenden Straen von Hamsons nach Theaterschlu, -- nein, blo weg
aus diesem London! -- Aus einem Kaffeehaus ertnte Streichmusik, und ein
Herr, der heraustrat, Doktor Bdeker, fhrte Georg durch viele dunkle,
laternenerleuchtete Straen in das stille Zimmer des Nachtredakteurs
ber den bodenlosen Hfen, doch schimmerte aus der Tiefe noch ein
Lichtschein aus dem Setzersaal. Es ward Tag, die Ungetme der
Rotationspressen schwangen unsichtbar ihre Rder, schlangen durch den
ganzen Krper den meilenlangen Papierstreifen, kleine, gefaltete
Zeitungen regneten ihnen unaufhrlich aus dem Maul. Ein Fabriktor,
drauen vor der Stadt, ward aufgeschlagen, und der staubige Feldweg
bedeckte sich mit eitlem Gewimmel von Radfahrern, von Mnnern mit blauen
Blechflaschen, Frauen mit gestreiften Schrzen, barhaupt in gefransten
Umschlagetchern, alle mit unschnen, durch Sorge, schlechte Luft, enge
Wohnungen, durch Leidenschaft oder Unlust oder Gehssigkeit entstellten
Gesichtern, und hoch ber ihnen durch die glsern scheinende Abendluft
fegten die Schreie der groen Pfeifen ... Fnfundvierzig Fabrikessen
standen jenseit des Flusses fern, und von allen fnfundvierzig strichen
die Rauchwolken wagerecht nach Sdosten, so feierlich und gelassen, da
nichts zu ahnen war vom ohrbetubenden Getmmel in den Hallen der
Maschinen und in den Arbeitsslen zu ihren Fen. Das war die Arbeit!
die Arbeit.


                      Vater und Sohn (Fortsetzung)

Georg legte die bitter schmeckende Hlfte seiner Zigarre in die
Glasschale und faltete, halb zu den Fenstern hinbergedreht, die Hnde
um das bergeschlagene rechte Knie. Der Regen hatte aufgehrt.
Hervorbrechende Sonnenstrahlen vergoldeten Terrasse und Wiese, umdampft
standen die Urnen, fern glitzerten die Wipfel, unter dem Fenster rauchte
die Nsse von der Steinflche empor. Georg, noch in Blitz und Donner
seiner Phantasien gehllt, hrte deutlicher wieder die Stimme seines
Vaters, der ihm, ohne da er ihn ansah, jhlings erschreckend riesenhaft
erschien, so klein er dort sa, Herrscher, der er war, ber diese
Riesenmasse von Betriebsamkeit. berdem merkte er, da sein Vater irgend
etwas Sonderbares sagte, wandte sich trumerisch nach ihm um, begegnete
einem, ja -- einem geheimnisvollen Lcheln, wurde wach und staunte. Sein
Vater hatte gesagt: Es sei nun also so weit, da dies Trassenbergsche
Geschlecht sozusagen alles wieder besitze, was es einst aufgab. Von
allen Schlssern oder Landsitzen blicke es wieder ber eigenen Boden;
diese Schlsser oder Landsitze brgen gleichsam unterirdische Brunnen,
von denen aus ein unendliches Netz kluger Kanle das Land durchwssere,
es fruchtbar und deshalb ihnen leibeigen machte. Mglich sei es deshalb,
durch einen uerlichen Akt die tatschliche Herrschaft wieder
anzutreten, wie es nmlich ein gewisses Geheimschriftstck ermglichte,
das Georg der Siebente hinterlie und das jedem Erstgeborenen bei der
Mndigkeitserklrung vorgelegt sei und noch werde, nmlich:
Geheimvertrag zwischen dem Astrologen und Beuglenburg aus dem Jahre
Achtzehnhundertundsechs, wonach die Zugehrigkeit Trassenbergs zum
Groherzogtum nach hundert Jahren auf den Tag -- erlsche. Er lasse aus
einem privaten Grunde seinen Sohn schon heute davon wissen; wissen, da
der Astrolog -- Georgs Vater lchelte vor sich hin -- vielleicht? -- in
bewuter Absicht das Eroberungswerk begonnen habe, welches nun --
mglicherweise -- ein einziger Federstrich beschlieen knne, derjenige
nmlich, der das in vor dem Trassenberg wieder in das alte von
verwandle. Der Herzog schwieg.

Das war ja sehr sonderbar! Was bedeutete das?

Georg sah sich in einem offenen Fenster stehn. Ja, das war im alten
Pallas der Stammburg; zur Linken streckte sich der Sdflgel, hoch auf
Felsen liegend, ber den alten Wipfeln des Waldes mit zwei, in der
Abendsonne tiefrot glhenden und goldblitzenden Fensterreihn. Unter ihm
brauste das grne, rtlich umrauchte Meer der Eichen und Buchenkronen;
er war ein Knabe, wie es schien, es dunkelte, der Himmel ber dem Westen
ward bla, er hrte hinter sich im verdunkelten Zimmer die alten Bilder
schweigen, die vorher so unerschtterlich ernst zu den Geschichten
dreingeblickt hatten, welche die sanftmtige Kinderfrau aus dem alten
Buche vorlas, alte, se und blutige, gespenstische und mrderische
Begebnisse; von Weissagungen und Verfluchungen, von Gebeten, vom
Kampfgeschrei, von Trompeten, vom Knirschen der Hrigen, vom Stampfen
der Streithengste, Rasseln der Zugbrcken, vom sanfteren Tritt der
Frauenzelter, von Kinderliedern, Mnchsgesngen, Trinkliedern, Glocken,
Orgeln und Brnden tnende Geschichten. Ja, damals gab es wohl blo
Schwert und Becher, aber die Frauen hielten immer eine kleine Blume in
der Hand, sahen so fremd aus und sprachen mit dienender Stimme. Spter
lagen sie in Stein oder Eisen auf ihren Sarkophagen, die spitzen
Eisenschuh der Ritter standen unerbittlich nach oben, zwischen ihren
Schenkeln streckte sich das Schwert, die Hnde der Frauen waren spitz
wie kleine gotische Bgen gegeneinandergestellt, die Gesichter waren wie
die Gesichter von Frchten, so gerundet und wenig geformt und innen s.
An ihnen glitt alles vorber, wie Mama waren sie nicht, sie waren nur
geduldig, ihnen wuchsen die vielen Shne schlankweg ber das Haar,
schnell wie Pappeln, die Tchter gingen frh aus dem Haus, selten kam
eine heim, verweint und verschleiert, um bald fr immer hinter Mauern,
hinter Gittern zu verschwinden, und das war eine der wenigen Wonnen,
vorm Altar zu liegen und bei der Segnung des geschmckten, goldenen
Priesters bei sich zu flstern: Mein Sohn -- der mir den Segen spendet!
O verschwenderische Zeit! Ein Wort ward mit dem Leben billig genug
bezahlt, der Mord ging gleichgltig aus und ein, sa an allen Tischen
mit, spie in die Becher, blies in das Licht, blies in die Wiege, Licht
aus, Augen aus. Drfer brannten leer, Kirchen strzten ein. Sie bauten
wie fr die Ewigkeit und schlugen es andern Tages in Trmmer, sie wuten
nicht, was Zeit ist, der Himmel war nah, das Leben wie neun Monde im
Mutterleib, dann kam das wirkliche, das ewige Leben.

Warum sah er das alles im Abendrot, in den brennenden Fenstern, im
frauenblassen Himmel, im Dunkel unter den Bumen? Sahs, selber schwank
und kmmerlich sich dabei vorkommend, kleine, gefiederte Pflanze ber
dem ungeheuren Grabe seines Geschlechts. Darum sah ers; er gehrte ja
dazu! Auf einmal begriff ers. Er war aus diesem gewachsen, unbekannt und
unbegreiflich wie, gewachsen, mit dnnen Wurzelfden hebend und saugend
aus hundertfltig dahingestrmtem, dahingestrztem, abgestorbenem Leben,
aus vergossenem Blut, aus geopfertem Blut, aus vieler Schuld, aus
Trgheit, aus Snde, aus Se, mehr Ha als Barmherzigkeit, aus einem
sonderbaren Christentum, aus Gewaltsamkeit, aus Schlaf. Bald,
erschauernd, fhlte er die unterirdischen Strme des Blutes sich
verzweigen und in seinen Adern sich feiner und feiner versteln, fhlte
seinen riesenhaften Zusammenhang und den Brodem der Toten. Ihm, einem
schlanken, behenden Sprling, mit den schmalen Fen und geschmeidigen
Hnden der Sptlinge, aber der breiten Stirn und dem anmutigen Mund
seines Geschlechts -- nur ohne die Nase --, ihm war es verliehen, all
dies hinter sich zu haben, viel Hnde zu fassen, viel Gestalt aus sich
kommen oder in sich schwinden zu sehn. Da verwandelten sich die
Trassenbergischen Eichenwipfel, unter ihm rauschend, in eine unruhige
Volksmenge, die wartete. Wartete -- auf ihn, doch er selber? Auf eine
zarte, weie Gestalt, die aus dem Dunkel hinter ihm an seine Seite
treten wrde, sanft und gtevoll, aber doch unhnlich den Frauen der
alten Bilder, klger, beweglicher als sie, nicht so fremd, so abseits
vom Leben, so ngstlich. Dann wrden sie Beide sich dem wartenden Volke
zeigen, ber Fackeln und aufsteigendem Gesang, unter Glocken, ber
Fahnen, Herzog und Herzogin von -- ah, wie romantisch das war und
herzschaudernd schn! Jawohl, dies war sein Schicksal, seine Bestimmung
-- achtzehnhundert bis neunzehnhundert -- war eine rechte Vorhersagung,
keine sinnlose und alberne wie die der Zigeunerin. Zu vollenden, was
einer vor Jahrhunderten ihm dadurch aufgetragen, da er begann im
Vertrauen auf die, seinem Stamme innewohnenden Krfte, im Vertrauen auf
mehr als ein Lebensschicksal, -- gab es Auerordentlicheres, Stolzeres,
Beschwingteres? Nun dem lngst Verstorbenen die Hand hinberzureichen,
den Ring zu schlieen, -- Georg wnschte sehr, jener tote Ahn mge an
jenem Tage aufstehn und ihn dem Volke vorfhren, und da der fragliche
Ahn sich vor kaum einem Jahrhundert zur Ruhe begeben, so dnkte es Georg
palicher, da einer von den granitenen oder gueisernen Herzgen sich
erhebe und herwandle, auf den Zweihnder gesttzt, steif in
Harnischplatten rasselnd, mit den dolchspitzen Eisenschuhn, den Topfhelm
im Arm, -- und siehe da Anna, die den Topfhelm aus vollen Hnden mit
gelben Primeln fllte, so da ihm das Herz hpfte, wie die gelben
Schlssel durch die Einschnitte fr Nase und Augen herausquollen und zu
Boden fielen.

Unterweil aber sa dort sein Vater und war eigentlich derjenige, der all
das gemacht und den Ring geschlossen hatte, und der jetzt ziemlich
unteilnehmend bemerkte, er habe ihm dies gesagt, weil er es ihm habe
sagen wollen; brigens mchte er es getrost vergessen, mit alledem seis
nicht weit her, und Georg glaube ja wohl nicht, bisher etwas vollbracht
zu haben, was ihn berechtige ...

Georg errtete. Nein, bei Gott, er hatte nichts getan. Ja, nun sollte er
wohl drei Jahre Zeit haben, um ... Nein, meistens hatte er sich nur
oberflchlich prpariert, auf die Sauarbeit geschimpft, sich auf den
Vordermann verlassen und die Gleichungen mit fnf Unbekannten von
Rauscher abgeschrieben -- da sank ihm das Herz. Lieber Gott, unermelich
war die Welt, was tun, wo eingreifen? Nun, dies wiederum war
vorgeschrieben, es wrde sich zeigen. Freilich, ber dem Volk zu stehen,
das war berauschend und erhebend wie Beethovens Fnfte oder die Zweite
Ungarische, aber unterm Volk, ja gleichsam durch das Volk, Gedanken,
Plne, Werke zu erzeugen ... und berhaupt kannte er eigentlich doch nur
die Mitschler und im brigen einige Mdchen, Oberlehrer, zwei Knige,
einen Groherzog, sehr flchtig den Kaiser, Tante Henriette und den
Kellner Frithjof -- ja, der fiel ihm grade noch ein. Wie war ihm
jhlings alles unbekannt! Da waren die Kreise des Lebens wie hier die
roten und weien auf der Achatplatte. Man mute wohl, wollte man was
leisten, heraus aus dem seinen und so quer hindurch, aber wie
herauskommen aus dem ewigen Rundherum und Ineinander?

Mein Sohn, sagte der Herzog, alles das ist ein groer Unsinn. Das
sind alte Namen, alte Grenzen, alte Schmucksachen. Schn, aber mehr zum
Ansehn. Sie nennen mich, wie du weit, in meinen Kreisen den Genossen
Trassenberg. Das ist ein nettes Schmuckstck, so aus einer neuen
Legierung, die nicht viel wert ist, aber irgendwie macht mirs Spa. Heut
nachmittag kommt der Leutnant mit dem Pelikan, und was heit das? Wir
fliegen. Ich nicht, wir. Da lehrt uns die Vogelschau, da die Erde
ungemein flach ist und die Trme sie nicht hher machen und die Throne
auch nicht. Es wird lange nicht mehr geherrscht, es wird nur noch, wie
in Urzeiten, geordnet, und im brigen: besessen. Von dem, was ich hier
fr mich allein brauche an Leibesbedrfnissen, davon kann ich kein
Siebentel im eigenen Lande hervorbringen, aber, wie wir von aller Herren
Lnder, von aller Hnde Arbeit abhngig sind, so besitzen wirs auch,
denn wir sind Geist. Die Staaten und Fraktionen gehen meines Willens
dahin, wohin die Religionen und die Aberglauben voraufgingen: in die
Tradition. _Man mu sie gehabt haben._

Nein, herzlich gern gewi, aber so schnell konnte Georg sich nicht
bekehren. Er versuchte es redlich, das Segel umzuwerfen und gegen den
Wind zu kreuzen, aber es milang, er hockte beschmt und gedankenlos am
Steuer, whrend die Leinwand gegen den Baum schlug und der Anblick der
vor seinen Augen langsam verschwimmenden rot und weien Wellenringe ihn
immer tiefer in eine angenehme Leere hinabzog.

Eigentum, hrte er seinen Vater sagen, ist ein gutes Wort. Bedenke,
da du ein riesiges Erbe vor dir hast und ein riesiges Vermgen. Das
weit du, das sagt dir zweierlei. Das eine, das Erbe: da du tausendmal
mehr als die andern zu arbeiten hast, um einigermaen ein Gleichgewicht
in dir herzustellen -- gegen dein Erbe. Das andre, das Geld, das heit
die uere Erleichterung: da du tausendmal mehr als die Andern
innerlich zu arbeiten, zu forschen, zu lernen und -- zu leiden hast, --
weil dir das so leicht gemacht ist. Wir haben das Land fruchtbar
gemacht, es dankt uns. La uns nun stolzer sein auf das Selbsterworbene
als auf Angestammtes, auf diese Namen. Die Welt teilt falsche Namen wie
Orden mit vollen Hnden aus. Uns nennt sie die >in< Trassenberg, und das
ist nun zufllig richtig. Das >in< ist richtig, denn es bezeichnet den
Kern, und die Herzge sind richtig. Wie unsre Ahnen vor dem Heerbann
einherzogen, so la uns Fhrer sein in der Zeit, Neuerer, Eroberer
schner, ewiger Bezirke, vorn auf der Lokomotive.

Georg fhlte mit zitterndem Kinn, da ihm pltzlich Trnen in die Augen
traten. Uns hatte er gesagt, dieser herrliche Mensch, la uns Fhrer
sein, -- und Georg wandte den verschleierten Blick von jenem dunklen,
geliebten, brtigen Gesicht ab, dessen nahstehende Augen ihn
durchglhten, und ihm erschien das glserne Zifferblatt der Standuhr,
undeutlich Zeiger und Ziffern, doch erkannte er nun, da es erst
zwischen halb und dreiviertel drei war, und -- und ja, ein ganzes
Gewitter, ein andres als jenes wirkliche drauen, war um ihn
niedergegangen in dieser halben Stunde. Liebe und Segen und ...

Ich wnsche keine Antwort von dir, sagte sein Vater, da er eine
Bewegung machte und den Mund sprachlos ffnete, ich wnsche, da du
eine gute Erinnerung an diese Stunde behltst. Hier ist eine alte
Ausgabe des Benvenuto Cellini -- Der Herzog holte zwei kleine Bnde
neben sich aus dem Sitz hervor, stie sie ihm in die Hand, whrend Georg
aufsprang, und fuhr fort: die dich auch uerlich freuen wird. Lies
darin die Geschichte von der Ohrfeige, die der alte Cellini dem jungen
gab, damit er sich an ein bedeutendes Ereignis erinnere. Setz dich, ich
schenke sie dir, die Ohrfeige, du bekommst noch genug. Du hast noch
alles vor dir, nimmst dir alles vor, du bist ja herrlich jung. Versuche
aber, zu denken, da alles Zinsen trgt, was du ntzest, alles Zinsen
von dir fordert, was du vergeudest, -- allerdings scheinst du dich ja
mit allem Mathematischen nicht in wnschenswerter Weise beschftigt zu
haben, der Durchfall war unntig, immerhin habe ich auch darber meine
besonderen Gedanken. Er lchelte.

Georg setzte sich, die beiden Bnde verlegen auf- und wieder zuklappend,
wieder in den Drehstuhl und behielt sie im Scho. Sein Vater sprach
weiter:

Nachdem du ... Ich habe dir Gelegenheit gegeben, ein wenig von der Welt
zu sehn. Du hast Landschaft, Leute und Sitten, hast Gastlichkeit und
Freundschaft, Autoritt und -- vermutlich -- ihr Widerpart, Schnheit,
Wissen und Aufgeblasenheit und Schablone im Klassenzimmer kennengelernt,
im ganzen ein kleines und oberflchliches Abbild der groen Welt. Nun
habe ich dir ein paar Monate Zeit gegeben, grndlich zu faulenzen,
meinetwegen zu vergessen, zu reisen, Ballast abzuwerfen, Verse zu
machen. Auerdem riet ich dir, dich um die Gutswirtschaft zu bekmmern,
und ich hoffe, du hast wenigstens so viel begriffen, da nicht so wenig
dazu gehrt, nur ein kleines Gut instand zu halten das Jahr ber,
geschweige ein Herzogtum. Ich habe nun die Absicht, dich auf meine
diesjhrige Aufsichtsreise mitzunehmen, mit der ich wie stets Anfang
August beginnen werde. Dann kommt so langsam das Semester heran. Bist du
einverstanden?

Georg dachte: Anna -- Abschied -- Briefschreiben -- Heimweh --
Wiederkommen -- und dankte lebhaft aus gepretem Herzen. Sein Vater
erklrte, die Reise wrde die allgemeinen Kenntnisse Georgs erweitern,
dann wre ber die Universitt zu reden. brigens wisse er ja, da
Fakultt oder Disziplin ihm gleich sei; ein bestimmter, einfacher Weg
aber sei ntig, sonst gebe es Zersplitterungen. Ein Examen brauche er
nicht zu machen, es handle sich um die Sache. Titel und Wrden seien fr
Alberne, und zu weiter sei ein Examen in diesem Falle ja nichts ntze.
Er wrde sehen. -- Der Herzog blickte auf die Uhr und sagte:

In einer Viertelstunde wird gegessen, und du mut dich noch anziehn.
Noch eins zum Abschied.

Da ich einen tchtigen Menschen an dir haben will, versteht sich von
selbst. Aber ich mchte, da du einsiehst, was die Menschen treibt,
erhlt und strzt, und ich mchte deshalb, da du dir deinen Umgang
nicht unter den Miggngern und Sorglosen suchst, sondern unter denen,
die sich bemhn. Schwer haben wirs alle; die Kunst ist, oder vielmehr
verlangt wird: es sich schwer zu machen.

Der Herzog nahm seine Stcke, die neben ihm lehnten, und stand auf,
ergriff dann beide Stcke mit der Linken, winkte Georg zu sich, ergriff
dessen Rechte und sagte, aufgesttzt und ein wenig gebckt ber ihm
stehend und ihn fest anblickend:

Mein letztes Wort ist: Begieb dich in Gefahr. Das Gegenteil im
Sprchwort hat deinen Vtern und deinem Vater nie gefallen. Begieb dich
wissend in Gefahr, du entgehst ihr doch nicht. Wahrhaftigen Gott, es ist
mir auch lieber, du kommst eines Tages zerbrochen und entsetzt nach
Hause, als da du ber alles hinwegsuselst, nicht weit, was gut und
bse ist, nur verekelt bist und frs ganze Treiben kein andres Wort
weit, als: alles ist kuflich. Nichts ist kuflich, Junge, ich werde
dich doch noch ohrfeigen mssen. Nichts von Wert war je kuflich, auer
fr Schwei und Blut. Wenn dein Vater selber irgend etwas auf der Welt
besitzt, so bedenke, da ers zuvor bezahlte mit zwei zerschmetterten
Fen. Das Leben ist keine Hure und keine rollende Kugel, das Leben ist
die Gefahr. Das Leben -- es giebt das gar nicht, Begriffe sind das, es
giebt nur: dich. Du bist das Leben und bist die Gefahr. Nun hole dich
der Teufel, wenn du dir die Syphilis holst. Von der Liebe mag ich nichts
reden, du wirst das alles selber sehn, sie ist ein Teil vom Ganzen, der
schnste, kostbarste, wenn du willst; nicht das Ganze. Leidenschaft ist
zu allen Dingen das Tor, den Hter kennst du noch nicht, der heit
Selbstzucht; er ist genau so schwer, wie er auszusprechen ist, denn
immer wird Selbstsucht daraus. Solltest du ihn verfehlen, giebt es
Frauen. Weiber kenne ich nicht. Das Dasein ist kein Heiligtum und kein
Ballhaus, aber es giebt Heilige so gut darin wie Zuhlter. Ich sagte
schon im Anfang: gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne.
Denk an deinen Vater, der -- Der Herzog, der zuletzt mit frchterlichen
Augen geschrien hatte, verstummte, stie noch keuchend hervor: Mit
Gott, mein Sohn, feire frhlich und sorglos deinen Geburtstag. Ich hatte
keinen Vater, der -- -- schau, da d' weiterkimmst! drehte ihn herum
und schob ihn weg.

Georg, noch von seinen Hnden umklammert, blieb stehn und wiederholte
willenlos noch einmal, was er die ganze letzte Minute lang bei jedem
Absatz geflstert hatte: Ja, Papa! Ja, Papa! Er hatte, whrend die
Stze an sein Ohr schlugen, Satzglieder, Wortbilder, Gestalten
erschienen und verschwanden vor neuen, die sich in aber neue wandelten,
doch nichts gehrt, sondern allein gesehen. Gesehen nahe ber ihm das
aufgeregte, mhsam gebndigte Gesicht, so nahe und genau zu erkennen wie
vielleicht nie zuvor. Und haftend, hineingeflochten mit beiden Blicken
seiner Augen in die auf ihn niederglimmenden Blicke der dunkelbraunen
Pupillen, gewahrte er doch mit unablssigen, geringsten Schwankungen und
Kreiswindungen des Schauns all das Kleine und Kleinste umher. Er
gewahrte den beweglichen Adamsapfel unten im Schatten des Kinns, in der
weiten ffnung des Kragens, und dessen breit umgeschlagene Klappen, und
eine winzige weie Faser an einer der Klappen; den blaugrnen Knoten des
Schlipses und das Schillern in den Falten, den helleren Glanz der
besonnten dunkelblauen Schultern und das beschattete rechte Ohr; den
Bartzapfen am Kinn, der mit ihm auf und nieder ging, und das eine weie
Haar darin, die auseinandergestrubten dicken Haare des Schnurrbarts und
unter ihnen die innerlich gedrehten, die an Lockenhaarnadeln erinnerten,
und die grauen darunter und jenes, das an der Wurzel schwarz war und
dann wei wurde. Und er sah die Umrilinien des geschwungenen Mundes,
und wie sie sich bewegten, und durch die Barthaare die beschattete Haut;
die Haut am Kinn, wo sie schwrzlich war vom Wegrasierten, und wo sie
rtlich war, und braun, und heller, und die schief hngende Nase, den
glnzenden Hcker und die Poren, und das brunliche Mal an der linken
Nster; sah die goldenen Tupfe und Linien im Braun der Pupillen, ihre
blulichen Rnder so genau, und im gelblichen Wei die gesprungenen
roten Adernste, und das blulich Verschleierte der schwarzen
Mittelpunkte, und sah in diesem und in jenem Auge winzig und gebogen
sein eigenes Spiegelbild. Sah die Falten der Stirn, die Einsenkungen der
Schlfen, die Runzeln, die sich bewegten, die Haare der Brauen, schwarze
und graue, krumme und grade borstige, das Haar ... Und nicht dies im
einzelnen, nein, sondern immer auf einmal alles, und er sah es nicht, o
nein, er fhlte, er fhlte es, fhlte, da es alles zitterte und sich
bewegte und zusammengerissen war von einer unsichtbaren Gewalt im
Inneren dieses fremden Krpers vor ihm, und da diese Gewalt ihn
anstrmte, sich ber ihn ergo, Leben, Leben immerfort, Atem und Blick
und Bewegung und Wort, und doch nicht dieses, nein, sondern zusammen all
dieses und mehr: Unsichtbares, Fhlbares, immer Lebendigkeit, die
auerhalb seiner selbst war, aber an der er hing, die ihn fesselte, ihn
umflutete, und aus der immer wieder, um noch einmal, noch deutlicher
sich kenntlich zu machen, da ers nicht verga, dies Einzelne auftauchte
gleich Wellen und Tropfen der Welle, Perlen und Blasen, Durchsichtigkeit
und Glanz und Farbe und Tiefe und Kontur einer Welle: Augapfel und
Braue, Kinn und Barthaar, Mund --, und jhlings wieder dieser ganze, ihm
zugewandte, wie ein Bild vor seine Augen gedrngte Kopf eines
Reiterfhrers aus dem Dreiigjhrigen Kriege, -- welcher Ausdruck, den
nicht er erfunden, sich ihm zeigte und fters hervorwinkte aus allem
brigen des Sichtbaren und Fhlbaren, dem er auf eine Minute ausgesetzt
war wie einem stetig sausenden Sturm ...

Ja, Papa! sagte Georg, aufs tiefste und hchste verwirrt, entzckt und
gedemtigt, kte ihm hastig die Hand und ging hinaus.


                                Spiegel

Leer lag der weite Flur, und Georg konnte sich das berma seiner Wonne
durch eine Geste erleichtern, indem er die Arme von sich stie, sich auf
die Zehenspitzen erhob und nach ungeheurem Dehnen vornber
zusammensinken lie, wobei ihm einer der reizenden kleinen Cellinibnde
entfiel, so da ein halb Dutzend Eselsohren in die Seiten kamen. Indem
er ihn beschmt aufhob, sah und fhlte er pltzlich die Befreitheit
seiner rechten Hand vom vterlichen Griff, und indem er sie verwirrt
anblickte und die roten und weien Striemen daran vom krampfhaften Druck
gewahrte, erschien ihm das Antlitz seines Vaters, so da es ihm war, als
habe er whrend der letzten Minute das Gesicht gar nicht gesehn, sondern
nur es gefhlt durch die Hand, um die sich die andre Hand und mit ihr
ihr ganzes Dasein, sein Wille und Leben gepret hatten. Und jetzt erst
wute er, was dies alles bedeutet hatte. Da es Liebe gewesen war, ja
da er an einen gewaltigen Starkstrom von Liebe angeschlossen gewesen
war, der noch nachzuckte in ihm und ihn betubte, so da er im selben
Augenblick, wo er selig und vertrumt den Kopf hngen lassen wollte, im
Gegenteil davonlief, wie ein Tertianer mit der Palme von Marathon, am
Treppenhaus vorber den Flur hinab durch das Billardzimmer im Turm, und
wieder ein Stck Flur hinunter in sein Schlafzimmer.

Der Diener wartete, hatte glcklicherweise schon den Schorock
zurechtgelegt, auch einen Schlips dazu, der aber Georg nicht gefiel, und
er fand einen lavendelblauen von hinreiender Schnheit und Palichkeit
zu der sahnefarbenen Weste, schickte den Diener fort, zog sich aus,
stand minutenlang in Unterhosen, sich besinnend, was in aller Welt nun
vor sich gehen solle, kam endlich auf den Einfall: Waschen! tats, fand
lange kein Handtuch, zog Hosen, Weste, Stiefel, Rock an, und nun hatte
er Kragen und Schlips vergessen, zog alles wieder aus, Hose aus, einen
Stiefel aus, es war unerhrt, er dachte an tausend Dinge, aber das mit
dem Wiederausziehn wie zum Schlafengehn, das war symbolisch, denn:

   Wir aber wollen uns zur Ruh
   Hinlegen, dieser unser Tag ist voll --

sagte Vollmller im -- nein, nicht im Parzival, da stand vielmehr:
Meine Mutter heit Herzeleide ... Trnen traten ihm pltzlich in die
Augen, aber er beherrschte sich, da er vor den Spiegel trat, um den
Schlips zu knpfen, und auf einmal sah er sein Gesicht.

ber einem mnnlichen Krper in graugestreiften Beinkleidern mit
Hosentrgern berm weien Hemde sahen ihn fremde Augen so absonderlich
bestimmt und bedeutsam an, da er, um ihrem Blick zu entgehn, sich nher
zum Spiegelglas beugte, um das ganze Gesicht zu sehn, mit dem Gedanken,
es auf seine Verwandtschaft mit dem vterlichen zu prfen, aber er fand
es so anders, da es ihm beklagenswert schien. Es war schmal und noch
ganz zart und erschreckend bartlos -- obwohl er nie einen Bart zu tragen
gedachte -- die Augen blaugrau, das linke um einen Hauch kleiner als das
rechte, die Brauen kaum erst angedeutet, die Stirne rund, das
gescheitelte Haar, wohl von Mama, braun und ein wenig glnzend, nur der
Mund -- er verzog ihn ein wenig -- war wohl dem des Vaters hnlich, und
die Nase -- sie war vllig entartet, da sie -- zu schweigen von Schiefe
und Krummheit -- vielmehr einfltig herunter und am Ende eher ein wenig
nach oben ging, und das Ganze ... Versstcke Rilkes fielen ihm ein:

   ... als Zusammenhang nur erst geahnt ...
   ... als wre mit zerstreuten Dingen
   Von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant ...

so hie es ja wohl, und so war es. Da fhlte er wieder den eigenen Blick
auf sich geheftet, prfend und auf eine unbegreifliche Weise vllig
unverstndlich, -- ein fremder Mensch, von dem er nicht wute, was er
wollte, und der nichts uerte, sondern ihn einfach ansah, und schwieg,
und jetzt anfing zu lcheln, und die ganze Zeit mit zwei Hnden unterm
Kinn zwei blaue Schlipsstreifen bereinanderhielt. Noch einen Augenblick
wie gelhmt, als wolle ers drauf ankommen lassen, was der im Spiegel
jetzt anfinge, halb entschlossen, nicht mitzutun, schttelte er die
Hnde, knotete eilfertig und an sich vorbeisehend und wandte sich ab.

Ans Fenster tretend, sah er lange hinaus, ohne etwas zu gewahren, und
sammelte einige Gedanken.

Wird es wirklich so schwer sein? dachte er bescheiden. Schuld an allem
ist, frcht ich, nur der Grenwahn und die Begrifflichkeit. Ja, wie
Vater sagte: _das_ Leben sagt man und: _die_ Welt, und man denkt, man
htte die Alpen und alle Millionen Europas und Asiens vor und gegen
sich, und all die riesenhaften und blendenden Vorbilder, deren jedem man
etwas nachtun mchte -- wie soll man da sich selber finden, sich und den
kleinen, schmalen Weg, den man in Wirklichkeit zur Verfgung hat! Und
dabei begegnet uns ein halbes Hundert Menschen auf der ganzen Strecke,
und Dreien oder Vieren davon kommt man ein wenig nher, vielleicht bis
ans Herz, ach, nur Einem ans Herz. Warum also solche Furcht, solche
Anspannungen, so ungeheuerliche Erwartungen? Die erzeugten nur diese
Enttuschungen, die verbittern, erzeugten diese Menschen wie Annas Vater
und seine alten Lehrer und Professor Prager. Der arme Benno, ob heute
endlich der Brief kam? Und wie gut waren sie doch alle zu ihm! Der Maler
hatte ordentlich zu reden angefangen, dieser Schweigsame, dieser
Unbekmmerte, was ging er den an? Zwar war er nicht verschwiegen mit
Absicht, -- er war mehr sparsam, wrtlich: wort-karg, -- ob ich das auch
einmal werde? -- -- Dies schien ihm erstrebenswert, und so ging er
hinunter.


                            Fnftes Kapitel


                              Mittagstafel

Beim Betreten des Speisezimmers stand Georg einen Augenblick geblendet
vom Licht, sah bei zusammengekniffenen Lidern die hohe Glastr drben
stehn, empfand die Schnheit des gerundeten, groen Raums mit den matten
Frbungen und Figuren seiner gewebten Wandmalereien und sah nun, da die
runde Tafel bis auf zwei Sthle schon besetzt war. Aber sieh, gegenber,
in der zum Vogelsaal fhrenden Tr stand Anna, und von ihrem blaroten
Leinenkleid schien das sonderbare Licht auszugehn, ihre Gestalt
leuchtete ber und ber, ihr Gesicht war vllig beruhigt, die Augen
schimmerten dunkel wie gebadete Juwelen. Nun gewahrte er auch, durch die
Glastr blickend, durch die man im Winkel auf die Terrasse hinaustrat,
die Wetterwand berm Park, von der das Sonnenlicht grell und flammend
abprallte und den Raum so stark erfllte; von allem Farbigen wurde es,
von Magdas Kleid, den Gesichtern, dem Tafeltuch und Silber, dem Grn und
Gelb und Rot des Fruchtaufsatzes fest eingesogen, und alles schien zu
leuchten von innen.

berdem sah er Magdas Vater und einen mittelgroen Fremden im Frack mit
breitem, rasiertem Gesicht aufstehn und auf sich zukommen; er reichte
ihm die Hand; der groe Chalybus sagte vorstellend: Oberregisseur und
einen russisch klingenden Namen. -- So, das war der Besuch, den sein
Vater, gastlich wie immer, eingeladen hatte. -- Georg sa nun zwischen
ihm und dem Maler, an den sich der Herzog anschlo, und weiterhin Anna
neben ihrem beiderseitigen Nennonkel Salomon, dem sie im Niedersitzen
leicht einen Arm um die Schulter gleiten lie, worauf er mit seinem
kniglich staunenden Lcheln sich herumwandte, zuletzt ihr Vater wieder
neben seinem Freund. Ihm gefielen sie im Augenblick alle, um so mehr, da
er Anna gegenber und abgewandt vom Licht sa, darin sie thronte wie das
Glck. Whrend sie den Tafelaufsatz ein wenig nach links, eine
Kristallvase mit gelben Rosen ein wenig nach rechts rckte, um ihm durch
die Lcke himmlisch zuzunicken, hrte er den Mimen sagen:

Mit gndigster Erlaubnis, Durchlaucht und schnstes Frulein, fahre ich
fort, ich --

Basch, Theurer, unterbrach der groe Chalybus, reizend mit Augen und
Zhnen umherlchelnd, seinen Freund mit nachsichtiger aber tnender
Stimme, du bist ja grade angekommen! Worauf ber alle Gesichter im
Kreise sich jenes Lcheln bewegte, das Georg an seinen Gesichtsmuskeln
zerren fhlte, und das sich merkwrdigerweise nicht abschtteln lie,
sondern -- wie berall -- eine Weile stehenblieb.

Der Mime indessen war perplex. Niemals sah Georg eine solche
Perplexitt. Eben noch ber seine Suppe geneigt, sah er jetzt den groen
Chalybus von unten an, und sein kahles Gesicht war eine Platte
geworden, aus der die Nase einsam vorsprang wie ein stehengebliebener
Springer auf dem Brett, dieweil die Augen dasaen wie zwei blindgeborene
Hunde, hlflos miefzend in sich selbst gerollt, und was vllig
verschwunden war zwischen zwei Granitblcken von Kinn und Oberlippe, das
war der Mund. Nun aber entfaltete er sich wie eine Qualle, aufblhend zu
nicht endenwollender Gre, formte sich zu einer feinsinnigen Spitze,
ffnete sich wieder und, jhlings zwei durchbohrende Blickblitze in
Georgs Augen schleudernd -- baff! -- raunte er geheimnisvoll:

Auch ich, Durchlaucht, beginne von vorn.

Georg, verwirrt wie in der Tragdie, stammelte etwas, auf das hin der
Mime sich verneigte, hastig einen Lffel Suppe verschluckte und begann:

Ich erzhlte, Durchlaucht, von Matkowsky eine kleine Schnurre ...

Dieser Oberregisseur steckte wahrhaftig voll von kleinen, feinen
berraschungen. Schnurre -- dies mute das geheimnisvollste Wort von der
Welt sein; Georg klang es, als habe er es nie gehrt, so beladen war es
mit seiner Bedeutung, wie denn niemand gerechter gegen die deutsche
Sprache verfahren konnte, als dieser ihr Oberregisseur. Dies war ein
Diphthong, habt acht: kloine ... dieses dagegen ein Vokal, ein e, ein
gerechtes, unverflschtes e, nicht  wie in >erzhlte<, was ein vllig
neuer Begriff ist, die Konsonanten aber waren in preuischen
Kasernenstuben gedrillt und so akkurat wie ein Prsentiergriff vor
Majestt ber die Regimentsfront. Georg hatte nie so etwas gesehn; es
schien ihm erstaunlich.

Matkowsky also sollte als Gast an einer kleinen Provinzbhne den Kean
spielen und nahm vorm Beginn den Darsteller eines gewissen vorkommenden
Barbiers beiseite, um ihm zu erklren, an einer Stelle im Stck, da habe
er, Matkowsky, eine kleine Nuance ...

Der groe Chalybus bemerkte hier kaltlchelnd, dies wre eine uralte
Geschichte, es wre aber nicht Matkowsky, sondern Dring, der berhmte
Schauspieler Dring gewesen und dessen Kollege Pape, brigens nicht
Kean, sondern Othello und Jago. Daraufhin legte der Schauspieler, der
unterweil hurtig seine Suppe verschlungen hatte, den Lffel hin, ergriff
sein Rotweinglas, trank daraus und bemerkte sorglos: Chlupp, erzhl
du!

Sie fhren zusammen etwas auf, dachte Georg und versuchte Annas Augen zu
erhaschen, die indes hingerissen am Munde des Mimen hingen. Dieser
sprang nach der Unterbrechung kaltbltig mitten in die Szene hinein.

Da nehme er nmlich, sagte Mattkoffsk, den Barbier beim Kragen und
werfe ihn ber die dastehende Chaiselongue in die nchste Kulisse
hinein. -- Sehr wohl, Herr Mattkowffsk, erwiderte darauf jener Barbier,
das ist enne uerst feine Nangse. Nun shn Se, da will ich Sie nur
gleich sagen, da hab ich Sie nemlich ooch enne gleene Nangse. Da gomm
ich neemlich wieder herein aus der Gulisse und -- Pause -- und --
weitausholend -- und haue Ihnen eene herunder! -- -- Schlu, Tableau,
groe Apotheke, sagte der Erzhler und trank aus. Deutlich rauschte
ringsum der innere Beifall.

Der Oberregisseur begann lebhaft den Untergang des alten
echten Komdiantentumes zu beklagen. Wo gebe es noch richtige
Komdiantennaturen, wo sei die entzckende Zeit geblieben, wo die Frauen
im Dorf, wenn der Thespiskarren auftauchte, einander zuschrien: Nehmt
die Wsche weg, die Komdianten kommen! -- Heutzutage, sagte er, ist
jeder ein Hausbesitzer, Steuerzahler und Familienvater, mit Ausnahme
allerdings der zwanzigtausend im Deutschen Reich, die brotlos sind.

Die Zahl erregte Verblffung.

Sehen Sie, flsterte Georg Bogner zu, das hier ist Ihre gesteigerte
Subjektivitt, da haben wirs, ja prost die Mahlzeit!

Bogner lchelte, und zwar, deutlich zu bemerken, mit dem Munde und nicht
mit den Augen, und gerhrt dachte Georg: Er hat zwei Lcheln, eins auf
Verlangen und eins fr seine liebe Seele, und das erinnerte -- woran
erinnerte es nur? -- an etwas Blhendes, ja, an eine schne atmende
Meduse in einem sonnigen Aquarium, -- so quoll und dehnte sichs aus den
lichten Augentiefen, whrend sich hundert Fltchen ringsum
zusammenzogen. Indem hob der Schauspieler sein Glas gegen ihn und sagte
fein:

Durchlaucht konnten meinen Namen nicht verstehn, das bekmmert mich. Er
lautet: Baschkirtseff! Herr du meines Lebens, wie das pfiff und
schmetterte! Frher, fuhr Herr Baschkirtseff fort, hatte ich zwar
einen andern, auch sehr guten Namen, aber den hat jetzt mein Vater.

Was das wohl bedeute, fragte Anna, worauf Baschkirtseff melancholisch
wurde und erzhlte, wie er sich durch Ausziehn des schnen
Beuglenburgischen Dragonerkollers den Fluch seines Vaters und den
Verlust des Namens zugezogen habe. -- War das Schwindel? Nein, Chalybus
selber war Knigsulan und Schauspieler gewesen. Baschkirtseff wollte
nunmehr zu vertrauteren Familienszenen bergehen, lie sich jedoch vom
Herzog auf kinematographisches Gebiet hinberziehn und begann sogleich,
sich, soweit es ging, zum Herzog hinberlegend, so da seine vereinsamte
weie Frackhemdbrust krachte, ihm zu erklren, er habe eine entzckende
Idee fr einen Film, das heit, gehabt habe er sie schon lange, jetzt
aber beim Anblick dieses reizvollen Landsitzes habe sie Gestalt
gewonnen, -- ja, ob es wohl mglich sei, vom Herzog die Erlaubnis zu
erlangen, diese Gegend fr den Film, der eine Vollkommenheit der
Illusion gestatten ...

No! schnob, weit aufrecht zurck sich lehnend, der Knig Saul, feurige
Blicke des nicht begreifenden Staunens schieend, Vollkommenheit der
Illusion, was das schon heien soll. Ich nenne das -- verzeihen Sie
meine Spracharmut -- aber ich nenne das einen groen Schwindel frs
Publikum, jawohl, so nenne ich es, und ich hoffe, Sie pflichten mir
bei. Onkel Salm hatte immer naive Vorstellungen von der Nachgiebigkeit
der Menschen.

Nanu? sagte Baschkirtseff, in einem Ansatz zur Perplexitt verbindlich
steckenbleibend.

Soll ichs Ihnen beweisen? -- Photographieren Sie doch mal ein kleines
Zimmer von der Tr aus, was wirds? Ein Saal wirds. Photographieren Sie
einen Platz, wird er meilenlang, und ich verpflichte mich, jawohl -- er
scho emprte und beteuernde Blicke auf den Herzog, ich verpflichte
mich, von dem kleinen Weiher im Park zwanzig verschiedene Aufnahmen zu
machen, so da Sie denken, es wren zwanzig Seen in allen Erdteilen und
die reinste Urwaldvegetation -- no -- ich kenn doch die Welt! Mit einem
Stck Binsenwald und Artaxerxes allein erzeuge ich Ihnen ganz Australien
-- ich wei doch, was ich --

Whrend dem unterbrechenden Baschkirtseff erklrt wurde, was Artaxerxes
sei, war Georg zusammengefahren und suchte heimlich Annas Gesicht.
Richtig, sie war bla geworden und fhrte mechanisch die Gabel zum
Munde, verga dann das Kauen. Georg, fr Augenblicke gedankenstarr,
hrte langsam die Stimme des Mimen nher kommen und verstndlich werden.

... und das eben ist der Kniff! Mit den geringsten Mitteln die
fabelhafteste Illusion, und ich sehe mich nun gentigt, meine Filmidee
zu entwickeln oder vielmehr die kleine Anekdote mitzuteilen, die ich
zugrunde legen mchte. Dann erzhlte er mit angenehmer Schlichtheit:

Dr. Young, ein englischer Geistlicher, der berhmte Verfasser der
>Nachtgedanken<, spielte vortrefflich auf der Flte. Als er einmal mit
einigen Damen, die er ins Vauxhall fhren wollte, ber die Themse fuhr,
wurde er wegen seines schnen Spieles von einem andern Fahrzeug, das
voller junger Offiziere war, verfolgt. Es war ihm peinlich, und er
steckte seine Flte wieder ein. Einer von den jungen Leuten fragte ihn
darauf: >Warum hren Sie zu spielen auf?< -- >Aus eben der Ursache,<
antwortete Young, >warum ich zu spielen anfing.< -- >Und welche war
das?< -- >Weil es mir so gefiel.< >Gut denn,< antwortete der Offizier,
>spielen Sie fort, oder ich werfe Sie in die Themse.< Young gab nach,
verlor seinen Beleidiger aber nicht aus den Augen, und da er ihn abends
in einer Allee allein fand, so stellte er ihn in einem festen und
ruhigen Tone: >Mein Herr, aus Furcht, Ihre und meine Gesellschaft zu
beunruhigen, habe ich Ihrer Impertinenz nachgegeben; aber um Ihnen zu
beweisen, da Herzhaftigkeit ebensogut unter einem schwarzen wie unter
einem roten Kleide wohnen knnen, ersuche ich Sie, sich morgen vormittag
um zehn Uhr im Hydepark einzufinden. Sekundanten brauchen wir nicht, der
Streit geht blo uns an, und es wre unntig, Fremde hineinzumischen. Da
wollen wir uns auf den Degen schlagen.< Der junge Kriegsmann nahm die
Forderung an. Sie fanden sich beide zur bestimmten Stunde ein. Der
Offizier zog seinen Degen und setzte sich in Positur, Young aber setzte
ihm eine Pistole auf die Brust. >Wollen Sie mich umbringen?< schrie der
Offizier. >Nein,< antwortete Young ganz kalt, >aber Sie mssen so gtig
sein, Ihren Degen auf der Stelle einzustecken! Dann sollen Sie ein
Menuett tanzen, oder Sie sind auf der Stelle des Todes.< Der Offizier
machte einige Umstnde, aber die Kaltbltigkeit und der Ton seines
Gegners wirkten, so da er gehorchte. Nach beendigtem Menuett sagte
Young: >Sie zwangen mich gestern wider meinen Willen Flte zu spielen,
ich habe Sie heute wider Ihren Willen tanzen lassen, wir sind quitt.
Sind Sie indessen noch nicht zufrieden, so will ich Ihnen alle
Genugtuung geben, die Sie verlangen.< Statt aller Antwort fiel ihm der
Offizier um den Hals und bat um seine Freundschaft.

Sehr fein! lobte der Herzog, sehr amsant und vollkommen. Darf ich
auf Ihr Wohlsein -- Auch Georg hob sein Glas, alle, sogar Knig Saul,
wieder vershnt, tranken dem nach allen Seiten verbindlich dankenden
Erzhler zu, whrend Georg es endlich glckte, Annas Augen zu erhaschen.
Sie nickte und winkte mit ihrem Glase, und unterweil hrte er den Mimen:

Und daraus, sagte er, daraus mache ich den Herrschaften die
entzckendste Idylle. Ich verlege den Schauplatz von der Themse auf
einen englischen Landsitz, das heit -- mit Erlaubnis -- hierher. Nun
fehlt natrlich die Hauptsache ...

Onkel Salomon schnaubte. Gott soll mich bewahren, Herr, wenn Sie an
dieser Geschichte etwas ndern, begehen Sie ein Verbrechen. Sie hat so
was -- no -- so was Mustergltiges mcht ich sagen, nicht wahr, Georg,
nicht wahr, Magda? Diese Sparsamkeit, diese -- -- beinah grandios ist ja
das! Ich wei doch --

Natrlich fehlt etwas, sagte Magda hinterlistig. Eine Dame.

Selbstverstndlich! schlo der Baschkirtseff kurz ab. Das ist ja
klar. Es fehlt das belebende Element. Es fehlt ein Ingredienz der Luft,
ohne welches das Publikum sie nicht atmen kann. Es fehlt das erotische
--

Die Kientoppluft, sagte Onkel Salomon. Nach dem kleinen Gelchter der
Andern setzte der Schauspieler in die Stille hinein mit Nachdruck die
Worte:

Wenn Sie glauben, da ich eine Type bin, dann irren Sie sich.

Ich? schrie der Doktor tief emprt. Ich glaube Ihnen berhaupt
nichts!

Die Bratenteller verschwanden, die Diener reichten Butter und Kse. Der
groe Chalybus sagte mit leiser sittlicher Entrstung gegen seinen
Freund gespitzt, er finde es doch zu merkwrdig, da es nie und nirgend
ohne Liebe abginge. Onkel Salomon ereiferte sich. Chalybus lse zu viel
Romane. Im wirklichen Leben spiele diese Liebe nicht im entferntesten
die Rolle wie in Ullsteinbchern und so. Es werde alles grlich
bertrieben ...

Lieber Doktor, meinte der Herzog zu Georgs Staunen, da mu ich Ihnen
widersprechen. Ich finde, grade weil die Liebe im Lebensgefge und zumal
unter den kleinen Menschen im Werkeltag das einzige Wunder ist, das
Seltene, das so unbegreiflich ist und insofern nur mit dem Tode zu
vergleichen und ein Gegengewicht gegen ihn, deshalb haben die Poeten sie
mit Recht sich -- wie soll ich sagen -- als die Flamme ausgesucht, die
Sonne ist wohl der richtigste Ausdruck, in deren Schein alles andre erst
sichtbar wird und Schatten, Leben und Wirklichkeit bek--

Aber gern, gndiger Herr, sollen sie ja, sollen sie! Blo -- in Romanen
ist sie leider nicht das Einmalige, Besondere, Seltene, sondern ist das
Ganze von Anfang bis Ende und -- wie soll man das sagen? -- No, ich
meine eben: immer und immer das ewige Liebesgequassel, es ist ja zu
langweilig ist es ja, seit Jahrhunderten nun schon!

Georg suchte Annas Augen, bekam sie aber nicht. Der Baschkirtseff
meinte, der Doktor sei blo ein der Misogyne. Der groe Chalybus stie
mit ihm an und meinte, mit einmal vllig andern Sinnes als zuvor, er sei
total bergeschnappt. Magda verspottete ihn: das solle Tante Flora
hren.

Shakespeare und Dickens, sagte er funkelnd wie ein Lwe, behandelten
sie nach Gebhr.

Romeo und Julia, sagte Magda leise.

Also no! da haben wirs, mein Kind! Als der Englnder einmal ein groes
Lied von ihr singen wollte, verlegte er den Schauplatz in den Sden, in
romanisches Gebiet. Das Feuer, dessen er bedurfte, gab es in England
denn doch nicht. brigens halte ich mich nach wie vor an die Pick--

Nu redt er vom Feuer, sagte der Baschkirtseff hoch erstaunt, und eben
behauptet' er, es wr eine Tranfunzel!

Onkel Salomon lachte verlegen. Georg dachte: Dennoch! Wo ist das
allumfassende Gefhl, das mich fhlen macht, fhlen die Sonne und die
Sterne, die Ebene und die Brandung und -- -- berdem fing er einen Blick
Annas auf, sah sie zgernd ihr Glas heben -- es war nichts darin --, ihm
zulcheln und die Neige trinken, whrend ihre Blicke in den seinen
haften blieben und sie langsam errtete. Der Herzog sagte leise: Nun,
Magda?

Sie verstand und hob verwirrt und anmutig die Tafel auf.


                                Pelikan

Georg war ungestm entschlossen, irgend etwas Einsames mit Anna zu
verabreden; whrend sie aber in den Vogelsaal voranging, um sich dort
mit dem Kaffee zu beschftigen, mute er als letzter zurckbleiben und
betrbt, hinter seinem Vater gehend, dessen kraftlos und kmmerlich nach
oben stehende Fe -- wie Entenfe -- sehn, whrend die Stcke sich
unter der Last des schweren Mannes bogen. Die Sonne war inzwischen in
Flle hervorgekommen, die Wetterwand verschwunden, der Saal schwamm in
reichem Nachmittagslicht, die hundert bunten Flgel in den Nischen
glitzerten und auf den kleinen Tischen das Silber der Kannen,
Likrflaschen und Kuchenkrbe. Die Diener verschwanden. Wie sie alle
umherstanden -- nur der Herzog sa am nchsten Fenster -- in ihren
Schorcken, fhlte Georg sich fr einen Augenblick nach Somerset
versetzt und wunderte sich, da Magda umherging, um den Herren kleine
Tassen zu berreichen, anstatt da im Gegenteil sie bedient wurde.
Zuletzt kam sie zu ihm, aber nun hatte er natrlich seine eigenen
Pflichten vergessen, denn da stand der Maler und betrachtete die
Zigarettenksten. Baschkirtseff nahm eine lange Zigarre; in seinem,
allzusehr mit seidenen Aufschlgen und Samtkragen strahlenden Frack sah
er aus, als ob er etwas deklamieren sollte. Georg nahm eine Zigarre fr
seinen Vater, schnitt die Spitze ab und brachte sie ihm, der leise mit
dem neben ihm stehenden Sekretr etwas besprach. Nun sa Anna auf einem
Stuhl, und der Baschkirtseff, zierlich ber die Lehne geneigt, setzte
ihr auseinander, wie er die Dame in seine Filmidee hineinpraktiziere,
das heit natrlich da, wo das Menuett getanzt wrde. Dazwischen hrte
Georg den groen Chalybus bedeutsam die grne sagen und sah ihn
riesig ber den Maler ragend, in der linken Hand eine Kristallflasche
mit gelber, in der rechten eine mit grner Chartreuse, die er mit
strahlenden blauen Augen verglich.

Und nun kommt es natrlich darauf an, raunte der Baschkirtseff, als ob
er mit Magda ber die Schlafzimmereinrichtung in ihrem demnchst zu
begrndenden Haushalt sprche, ob die Geschichte komisch oder tragisch
werden soll. Nehmen wir eine Frau des Pfarrers oder eine Tochter, das
ist die Frage. Er blickte sie, prfend ins Tiefste ihres Gewissens, von
oben an.

Indem sah Georg, jetzt schlfrig vom Weingenu und der reichlichen
Mahlzeit, da Egloffstein sich drben ihm gegenber in wartender Haltung
aufgestellt hatte, dessen eine schwarzseidene Hosenseite, den Fenstern
zugekehrt, wei glnzte, und daneben blitzte ein silbernes Brettchen,
das er nun, auf Georgs Augenwink herantretend, ihm hinhielt. Richtig,
ein Brief mit Bennos Handschrift. Georg sah sich um, ob er wohl
beiseitetreten drfe, und gewahrte Anna, die in eigentmlicher Weise,
aufrecht stehend, durch das Fenster nach oben blickte.

O seht mal, was ist das? rief sie im nchsten Augenblick. Ein Schatten
glitt von oben ber das Zimmer, und Georg sah hinaus. Siehe da, auf dem
weiten Rasenoval hatte sich ein weies Ungetm aufgestellt, es hpfte
noch vorwrts und stand, -- riesenhafte Leinwandflchen in Stockwerken
bereinander, zwischen denen es schattig war, viele Schnre und
Metallgestnge, vorn eine mchtige, braunhlzerne Schiffsschraube,
dahinter ein gewaltiger schwarzer Stern von Motorzylindern. Eine
schwarzlederne Gestalt erhob sich jetzt im schattigen Innern, und ein
Arm schwenkte eine lederne Mtze. Das Ganze stand auf dnnen Beinen wie
eine Wasserspinne; kleine Rder waren darunter.

Tausend! sagte der Herzog in das schweigsame Staunen der andern, die
sich alle den Fenstern zugewandt hatten, tausend, das ist mein
Pelikan! nahm seine Stcke und humpelte, so schnell er konnte, auf die
Terrasse hinaus. Georg, dicht hinter ihm, besorgt, ihn im Notfall zu
sttzen, verlor fr Augenblicke alle Schlfrigkeit aus den Gliedern,
trotz Hirn und Augen blendender Mittagsglut, die sich hinter dem
Gewitter geschlossen hatte, als sei es nicht gewesen.

Whrend sie allesamt die Treppe hinuntergingen, kletterten zwei Lederne
aus dem Flugzeug heraus, von denen der eine ber die Wiese heransprang.

Glatt gelandet, Durchlaucht! rief er, wunderbare berfahrt, einmal
mitten durchs Gewitter, aber schnell wieder jetrocknet!

Nun gab es einen Wirrwarr von Beglckwnschungen. Der Leutnant stand wie
ein heruntergefallener Mondbewohner, berschlank und vllig von Leder,
im Kreise der andern, lachte mit blitzenden Raffzhnen, hatte eine
hakige Nase, langes Kinn und lange Oberlippe, beide schwarzblau vom
Rasieren, schien also mit Onkel Salomon und doch auch wieder mit dem
Herzog verwandt. Das ist so eine moderne Mischung, dachte Georg und
erinnerte sich an seines Vaters neue Legierung. Der Leutnant fhrte
nun die Gesellschaft um den Apparat und erklrte alles. Bescheiden, ganz
still und bla abseit, der Techniker bekam eine Handvoll Gold vom Herzog
und sagte vor Schreck kein Wort.

Ja, nun sollte geflogen werden. Der Apparat war fr groe Lasten
bestimmt, dafr aber noch nicht geprft, doch konnte an Stelle des
Monteurs jemand mitfahren. Georg zuckte, aber ein stilles Lcheln und
wehmtiges Kopfschtteln seines Vaters erinnerte ihn an die Mutter und
an sein eigenes Schweigen, eine Stunde zuvor im Arbeitszimmer, nachdem
er gesagt hatte: Die Menschheit? und bezwang sich. Der Leutnant
verbrgte sich gromtig fr unbedingte Sicherheit. berhaupt, sagte
er, man bindet einen Motor unter eine alte Kchentr und fliegt, gar
nichts zu machen, meine Herrn! -- Allein der Baschkirtseff fragte, ob
er sich auch fr das Fortkommen seiner Witwe und Waisen verbrgte, und
das wollte der Leutnant nicht. Der groe Chalybus trug seinen
Riesenleib staunend immer im Kreise um den Apparat. Bogner war gern
bereit, wenn kein andrer sich melde. Georg sah Anna dastehn und ihren
Vater mit den Augen verfolgen, die Stirn runzelnd, als ob sie erwarte,
da er ihr die Fahrt schenke. Dann entlief sie pltzlich in der Richtung
des Verwalterhauses.

Der Herzog, Chalybus und Baschkirtseff mit Onkel Salomon stiegen die
Treppe wieder hinauf, um die Abfahrt von oben zu genieen; der Grtner
und ein paar Knechte, die sich in der Nhe aufgestellt hatten, wurden
herangerufen und muten helfen, den Pelikan umzudrehn und dicht an die
Terrasse zu schieben, damit der Anlauf gro genug wrde. Pelikan, dachte
Georg faul und fast schon wieder zufrieden, unten bleiben zu mssen,
Pelikan ist ein schner Name fr dies Ungetm, -- und ghnte heftig,
indem er sich in den Schatten des Giganten stellte; der Leutnant holte
ihm einen kleinen Koffer aus dem Magen.

Schon sa der Maler, mit Lederjoppe und Mtze des Monteurs bekleidet,
hinter dem Leutnant, als Magda ber die Wiese gelaufen kam, mit den
rmeln eines Mantels kmpfend, den sie im Laufen anzog, ein Tuch fest um
den Kopf gewickelt. Bogner mute wieder heraus, sie beschwor ihn
flehentlich, sie kme im ganzen Leben nicht wieder dazu, und er sollte
blo schnell machen, damit ihr Vater es nicht zu frh merkte. Der kam
mit Baschkirtseff und frischen Zigarren aus dem Saal, grade als sie im
Apparat verschwunden war, aber der Herzog, der auf der Terrasse sa,
verriet nichts.

Der Monteur warf die Schraube an. Sie flog ein paarmal schwankend im
Kreis und war verschwunden.

Deubel, sagte Georg, wo ist die Schraube hingeflogen? worauf der
Monteur sanft lachte und von der ungeheuren Geschwindigkeit der Drehung
sprach, was Georg inzwischen selber eingefallen war, auch wurde ein
Glitzern sichtbar, und am Boden wehten und verbogen sich die Halme tief
und in heftiger Aufregung. Da brauste der Motor strmisch auf, die
Mnner sprangen weit zurck, langsam rollte der weie Kasten ber die
grne Wiese, schien ins Wldchen zu wollen, erhob sich jedoch unvermerkt
und -- ein wenig nach links geneigt -- schwang er sich mit pltzlichem
Willen ber die Wipfel empor, steuerte der Ferne zu, beschrieb einen
langen Bogen, so schn und leichtgemut sich umlegend, da Georgs
Zwerchfell zitterte und er lachen mute, nach oben blinzelnd mit
geblendeten Augen, -- kehrte zurck, schwebte drohend und riesenhaft
ber den unten Stehenden, senkte sich, zog einen Kreis von wunderbarster
Ruhe und Genauigkeit ber Dach und Trmen von Helenenruh, prchtig
donnerte der Motor, -- stieg in langen, herrlichen Schraubengngen
hher, pltzlich blitzte der ganze Kasten von der Sonne getroffen auf,
eine mchtige, schneeweie Masse, schwenkte wieder herum, erlosch und
zog von neuem dicht ber den Parkwipfeln hin, dann in schnurgerader
Bahn, schrg gegen den strahlend blauen Himmel hinan, schimmernd und
seelenvoll dem Unendlichen zu. Als er ber den Baumkronen fortgeglitten
war, hatte es Georg geschienen, als ob eine schwarze Gestalt daraus
emporgetaumelt und von der Schraube zurckgeworfen sei, ein paar Dohlen
wohl.

Ja -- -- nun -- --, da war sie fortgeflogen. An ihn, der unten bleiben
mute, hatte sie nicht gedacht, ihm nicht einmal zugenickt, oder htte
die Zeit wirklich nicht dazu gereicht? Nein, das war keine Liebe,
sicherlich nicht! Ein Kind war sie, spielte blo und tat, was ihr
einfiel, und vielleicht fiel es ihr ab und zu ein, da sie ihn liebte,
das heit, wenn sie jemand haben wollte, um ihn verfhrerisch
anzulcheln. Und sein Gedicht, was war aus seinem Gedicht geworden? Sie
machte sich wohl doch nichts daraus. Das war ein herber Schmerz, eine
giftige Enttuschung, und Georg beeilte sich, sein ganzes Wesen damit zu
trnken, bis es berflo, bis die Welt im Trben schwamm und er ein
Mrtyrer wurde, der mit Wonne zu leiden begann. Sollte er auf sie
warten? In dieser unangenehmen Sonnenhitze? -- Nein, sagte er, ich werde
Bogner Gedichte vorlesen und ihr nicht. Lieber wre er freilich einsam
gewesen, um sich ganz seiner Galle zu berlassen, -- und am liebsten
htte er sich irgendwo in den Schatten gelegt, um zu schlafen -- aber
dies war noch herber, und also fragte er den Maler, der gern bereit war,
nur noch einmal nach al Manach sehen wollte, worauf sie denn
verabredeten -- da Georg pltzlich Bennos Brief einfiel --, da der
Maler in einer halben Stunde auf Georgs Zimmer kommen wolle. Georg
berlegte noch, ob er den Grtner beauftragen solle, dem Pelikan
aufzupassen und Anna Bescheid zu sagen, wo er wre, unterlie es aber
aus Bosheit.

Auf dem Wege in sein Zimmer tauchte wieder und wieder Annas Gesicht vor
ihm auf, wie er es sah, als sie sich im Flugzeug zurechtsetzte und
voraus blickte, absonderlich ernst, erregt und entschlossen. Vorher war
es ihm ein ser, goldener Spiegel gewesen; jetzt war er pltzlich
daraus fort, und sie spiegelte Land und Meer selig aus der Vogelschau.
Freilich, sollte er ihr das nicht gnnen? -- Angst prete jhlings
seinen Brustkasten zusammen --, ja, hatte er denn alles vergessen, was
mit ihr war? Das Gesprch mit seinem Vater, ja, diese brennende Stunde
hatte alles verzehrt, was vorher war. Und doch -- war seine Liebe nicht
gewachsen unterweil, sie, die keiner Zufhrung bedurfte, die eigenwillig
war und ... vielleicht steckte sein Gedicht doch noch im Schuh. Oder
hatte sie es beim Anziehn der weien Schuh an ihrer Brust verborgen?
Welch himmlischer Gedanke! Aber wie war er doch verlassen! Wie war alles
de auf einmal und abgeblat! Und die Zeit -- die Zeit stand entsetzlich
still.


                               Ein Brief

In seinem zweifenstrigen kleinen Zimmer angelangt, ergriff Georg vom
Schreibtisch unter den Fenstern das elfenbeinene Briefmesser und setzte
sich im Winkel neben dem Schreibtisch in den alten, grovterlichen
Wangenstuhl mit Rohaarbezug und Sumen weier Knopfreihen, nachdem er
den darauf liegenden Band des Grnen Heinrich aufgenommen und auf den
Schreibtisch gelegt hatte. Dann sa er minutenlang mit geschlossenen
Augen, innerlich rieselnd von Schlaf, bis er sich wieder ermunterte, die
Augen aufri, sich ghnend reckte, den Brief ffnete und las:

                                               Altenrepen, am 29. Juli

   Mein lieber Georg:

   Die drei Wochen Frist, die Deine liebevolle Weisheit mir lie,
   sind verstrichen, und ich zweifle fast, da ich Dir geschrieben
   htte, wenn nicht --

Also nichts! schnob Georg. Es ist ein Elend, ein Elend! -- Die rechte
Hand geballt, las er verbissen weiter:

   -- wenn nicht heute auf dem Mittagsheimweg Iris Runge mir in der
   Langenlaube begegnet wre und sich sofort -- hocherrtend, des
   darfst Du gewi sein! --

Georg, inmitten seiner Erzrntheit leise geschmeichelt, dachte unwirsch:
Ach, was geht mich Iris Runge und die ganze Altenrepener Sippschaft an!
--

   -- gewi sein! -- auf mich gestrzt htte mit Fragen: Wo ist
   Georg? Ist er wieder in Deutschland? Haben Sie Nachricht? Wann?
   usw. -- Ja, Georg, Du hasts doch gut! Htte sichs um einen von
   uns gehandelt, da wrde ihre Mdchenscheu sich wohl gehtet
   haben, nur eine Andeutung von Wibegier sichtbar werden zu
   lassen, Du aber genieest diese schne Vogelfreiheit, da jeder
   sich von Herzen mit Dir beschftigen darf, und ich sonne mich
   bescheiden in diesem Glanz, der oft genug die Menschen mit ihren
   zutraulichen und unschuldigen Fragen an mich lockt ...

Guter Benno, welch holde Seele bist du doch!

   Und nun -- mu ich nach diesem Eingang erst wirklich noch von mir
   sprechen, Grnde, die alten Grnde -- denn was sollte sich
   verndert haben in diesem halben Jahr? -- von neuem aufzhlen?
   Ich bin doch recht mde von diesem letzten Kampf, er war schlimm.
   Nicht, da ich zu meinen Eltern noch einmal ein Wort geuert
   htte, wozu? Der letzte Kampf war der, ob ich gegen ihren Willen
   handeln sollte und -- ich habe gesiegt. Nun bin ich freilich
   mde.

   Wir mssen die Menschen verstehen, Georg. Wenn Vater selber das
   Geld htte, glaubst Du, er wrde mir nicht meine Musik lassen?
   Ja, wenn ers mit doppelter Arbeit und mit noch mehr Entbehrung
   schaffen knnte, da er nicht alles auf sich nehmen wrde? Er hat
   einmal in seinem Leben ein Opfer gebracht, einmal im Leben
   gezeigt, da Stolz und Festigkeit ihm mehr galten als
   Vorgesetzte, Amt und Brot. Die Folge war das jahrzehntelange
   Elend des kleinen Beamten, Sorgen und Sorgen, dann Zerwrfnisse
   mit Mama, Feindschaft und all die Unertrglichkeit, die Du zum
   Teil mit erlebtest, dazu die langsame Verkncherung,
   Verbitterung, und nun, von aller einstigen Mannhaftigkeit nun
   als letzter Rest der Stolz, da der Sohn eines beuglenburgschen
   Beamten nicht auf fremder Menschen Kosten, nein, warum den Ton
   auf Kosten legen? -- durch fremder Menschen Gte das bekommen
   soll, was er selber ihm nicht schaffen kann. Er glaubt ja an
   nichts mehr, wie soll er an die Zukunft einer so unsicheren
   und obendrein ihm innerst so fremden Sache wie meine musikalische
   Begabung glauben? Er denkt, Dein Vater wird sein Geld an mich
   wegwerfen, und auch das lt sein Stolz nicht zu ...

Georg knirschte. Stolz und immer Stolz, und der demtige Benno, der ihn
und alles immer begreift! Da die Dummheit der Aufgeblasenen auch immer
die Dummheit der Edelmtigen neben sich haben mu, an der sie sich
auslassen knnen! Ja, wenns sich doch um Vernageltheit handelte, um pure
Boshaftigkeit eines verrckten und vertrockneten Alten, dann solltest du
mir mal kommen, mein Benno! Aber berall nur Schwachheit und
Schwchlichkeit hben und drben, die zu einem elenden Brei
zusammenfliet. Der eine lt aus Schwchlichkeit das Bse zu, der andre
unterlt aus Schwche das Gute. Nun wird er mir noch einen langen
Sermon schreiben ber seine arme Mama, die natrlich auch liebend gerne
den grten Kapellmeister in ihm sehn wrde, die aber keinen eigenen
Willen hat, und die krank ist, so da er ihr nicht das Leid antun darf,
gegen ihren vermeintlichen, das heit gegen den Willen ihres Mannes zu
handeln. Und da dieser ein elender Tyrann ist, der jenes einstige Opfer
lngst durch Knechtung und Erstickung alles Blhenden und Zarten und
Liebevollen um sich herum lngst doppelt und dreifach wettgemacht hat,
davon natrlich kein Wort! Ja, was hilft mir denn nun mein riesenhaftes
Erbe und alle Ahnen und alle Fabriken des Herzogtums, was hilft einem
denn das Geld, wenn man der Dummheit nicht mit ihm den Schlund stopfen
kann! Es ist nicht zu sagen, nicht zu sagen ist es ja!

Georg war aufgesprungen, lief mit schwingenden Armen und mchtigen
Schritten im Zimmer hin und her und blieb mit pltzlicher Rhrung vor
der, ber dem Lehnstuhl schwebenden kleinen Alabasterschale mit
goldgrnem Mispelkranz, an einem Dreieck von Ketten hngend, stehen.
Armer Benno, dachte er, so schwebt deine zarte, blasse, durchscheinende
Seele mit ihrem immer grnen Kranz in ... Die Fortsetzung des
Gleichnisses blieb ihm aus, er bckte sich, hob den zu Boden gefallenen
Brief auf, zauderte, ob er weiterlesen solle, legte den ersten Bogen auf
den Schreibtisch und begann den zweiten.

   So hab Dank, Georg, noch einmal innigsten Dank Dir und Deinem
   edlen Vater fr diesen letzten Versuch, und haltet mich nicht fr
   undankbar, bitte nur das nicht!

Ja, auch das noch! murrte Georg. Er trieft natrlich von Seele und
Edelmut. Immer am unrechten Platze. Undankbarkeit! Der Alte ist ein
undankbarer Schurke! Warum hab ich denn vier Jahre das Gejammer und
Geunke und die Nrgeleien und Streitereien ausgehalten? La sehen,
schrieb er nicht davon auch was? -- Georg nahm den ersten Bogen wieder
vor, suchte und fand die noch nicht gelesene Stelle:

   Fr ihn wars nur ein Zeichen seiner Verlorenheit vorm Schicksal,
   da mit dem Augenblick, wo durch Dich endlich ein wenig
   Erleichterung des Lebens und Aufhren der schlimmsten Geldsorgen
   ins Haus kommen sollte, Mama sich mit der Krankheit niederlegen
   mute, die alles berschssige wieder einschlang, -- ach auch das
   weit Du ja alles, aber weil ich Dich bitten mchte, gerecht zu
   sein, sage ich es Dir noch einmal.

Freilich wei ichs, knurrte Georg, und ich habe durch die Wand und halbe
Tren oft genug die Vorwrfe und die schlecht unterdrckten Anspielungen
auf die Last dieser offenbar halb geheuchelten Krankheit gehrt, -- ach,
was fr Menschen es giebt, was fr Menschen! -- Seufzend griff Georg
wieder nach dem zweiten Bogen und las weiter:

   Es ist ja auch noch nicht alles verloren. Sowie ich ausgelernt
   hab in der Bank -- zu studieren in Altenrepen hatte ja wirklich
   keinen Zweck, da mir an keiner Art Studien etwas liegt, und ich
   so auf die erste Weise zur Brotstellung komme -- dann darf ich ja
   wohl wieder auf die Gte Deines Vaters rechnen, der mir eine
   Stellung wird verschaffen knnen, die mir Zeit fr mich lt.
   Daran la uns denken und hoffen.

Schne Hoffnungen! Bis mittags um drei Diskonto- und Lombardgeschft und
dann Kontrapunkt und Harmonielehre und was wei ich in der Hochschule,
und auerdem vier bis sieben Stunden Klavierben am Tag und die halbe
Nacht Komponieren, -- ja, es wird reizend werden!

   Die Tage sind ja nun so wunderbar, und fr was trstet nicht die
   Natur zumal im Sommer! Leider bin ich ja kein guter Mensch, ich
   bin voll von gemeinen und schwarzen Gedanken, und Blume, Wolke
   und Vogel mssen ihre ganze bernatrliche Langmut und Se
   manchmal aufwenden, um nur einen Tropfen Honig in die Galle
   gelangen zu lassen. Ich bin viel gewandert an allen freien Tagen,
   in die Haide hinaus, die schon linde anfngt, sich zu frben, in
   die grne und gelbe Ebene, und ich glaube, ich habe ihn gesehn,
   den alten Atlas, wie er mit riesigen, erdenen Schultern das
   Himmelsgewlbe trgt. O die Ebene, Georg, die Ebene! Sie ist doch
   der Inbegriff, die groe Mtterlichkeit, Scho und Reichtum, und
   o ich liebe sie, diese norddeutsche Tiefebene, so da schon diese
   beiden Worte einen delphischen Brodem um mich aushauchen knnen,
   ich fange an, Noten zu lallen, es tnt ... Eine Symphonie soll es
   werden, Georg -- da ist es verraten! -- und sie wird: die Ebene
   heien, -- keine Programmusik natrlich mit Waldesrauschen und
   Grillengezirp, sondern es wird die Ebene sein, wie -- _sit venia
   verbo!_ -- die Eroica ein Heldenleben ist. Ja, der schnen Plne
   sind viel! Ich habe die alte F-Dur-Sonate wieder vorgenommen --
   erinnerst Du das langsame Thema mit dem Schluchzen? und die alten
   Bruchstcke klirrten metallisch s und leise, -- bald sollen sie
   mir wieder schmelzen. Dann sind auch Deine Lieder, ich hre oft
   die allerzartesten Stimmen wie ein Geflster von Wolken in
   unendlicher Blue einsam, -- halten lie sich noch nichts. Genug
   davon!

   Die Jungens sind nun alle in den ersten Ferien wieder hier,
   Lbell schon mit Schmissen, Barkhausen, Veit, Spiegelberg, Haman,
   alle fragten nach Dir, und ob Du nicht zum Schulfest im August
   herber kmest. Auch Frulein Runge fragte natrlich!

   Ich schliee, meine Gre durch die ihren beflgelnd. Empfiehl
   mich von Herzen Deinem Vater! Das Beste in meinem Leben war und
   wird doch immer die Freundschaft mit Dir bleiben, und ihrer
   gedenkend fhlt sich -- wie wre er sonst schlecht! -- beglckt
   und im Frieden Dein alter

                                                         Benno Prager.

Das Ende klingt wie Abschied vom Leben, seufzte Georg gerhrt, legte den
Bogen zusammen, sa einen Augenblick trbsinnig nach vorn gebeugt, erhob
sich und legte den Brief auf den Schreibtisch, der auf seiner
grnberzogenen Flche nur eine Schreibunterlage mit Lschpapier, ein
altes messingnes Tintenzeug, eine viereckige Aschenschale aus Kristall
und ein gerahmtes Bild von Stefan George trug. Dastehend, die Hnde auf
der Platte, sah Georg zum linken Fenster hinaus, und der Anblick des
Himmels erinnerte ihn mit leisem Schmerz an eine Entflogene.

Ganz rein war der Himmel und leuchtete. Das tiefe und starke
Nachmittagslicht ergo sich nun schrg von oben; strker grnte der
erfrischte Rasen, von dessen gewaltigem Oval Georg nicht mehr als den
letzten Rundabschnitt sehen konnte. Gegenber schimmerte mit Lden und
Fensterreihen die weie Wand des Nordflgels, altersschwarzes Dach und
die flachen Vorwlbungen der Ochsenaugen, links daneben die Gestruche
und Bume, die das Verwalterhaus teilweise verdeckten. Aber nun wurde
von rechts, von der unsichtbaren Terrasse her, die Rckseite des, wie
ein Schirm hochaufgespannten weien Pfauenschweifs sichtbar, die
Beinkeulen darunter, aufgeregt hoch und nieder und rckwrts tretend,
und Georg gewahrte, sich vorbeugend, oben auf der Treppenbreite eine
kleine schwarze Katze, in sich zusammengeduckt, den Kopf hin und her
wendend, als sei der Vogel unten gar nicht vorhanden. Georg hrte ihn
aufschreien, whrend er das Fenster ffnete, -- die langen und biegsamen
Federn schwankten, die Katze war pltzlich auf der Brstung, strich
flachangedrckt darberhin, verschwand hinterm grnen und roten Gerank
einer Urne und kam nicht wieder zum Vorschein. Alsbald drehte der Pfau
sich langsam um und zeigte, ber den Rasen davongehend, die kostbare
Majestt seiner Vorderseite, schn verjngten Hals und gekrnten kleinen
Kopf im Riesenrad der schimmernd weien Augen, darauf in eleganter
Verwandlung mit dem langsamen Sinkenlassen des zusammenrauschenden
Schweifs das neue Bild des ruhigen Vogels, der, ein wenig tricht, mit
kleinen pickenden Schrittrucken, die wagerecht hingestreckte Schleppe
zierlich und wrdig davontrug.

Lau und s und weich in die Lungen flutete die Nachmittagsluft. Weies
blitzte oben in der Blue, eine weie Taube schwang sich ausgebreitet
zum First des Daches und nahm hastig ihr rundliches und albumhaftes
Taubenaussehen an, whrend sie auf den scharfumrissenen, mit langer
schwarzer Spitze auf der Ecke des Gebudes stehenden weigetnchten Turm
zuschritt. Das goldene Licht triefte, alles war still und leer, ein
wenig de wie Sonntagnachmittag und mit einem Hauch von Bangigkeit.
Georg fielen pltzlich die Augen zu. Er zog die Mittellade auf, nahm
sein, in schweres, schngemasertes Leder gebundenes Versbuch heraus,
bltterte eine Weile darin, lie es, da die Lider wieder sanken, offen
liegen und sich selbst mit einer trgen Drehung wieder in den
Ohrensessel fallen.


                            Sechstes Kapitel


                               Al Manach

Georg erwachte. Ohne gleich zu wissen, was war, konnte er doch stracks
und munter die Augen ffnen, fand sich erquickt vom kurzen Trunk
traumlosen Schlafs, erinnerte sich aber jetzt, da es geklopft hatte.
Indem ertnte das Pochen wieder von der Tr her, Georg, sich erhebend,
rief: Herein! die Tr ffnete sich, und es stand eine Gestalt von eben
mittlerer Gre unerwartet darin, in einem feinen schwarzen Anzug; fast
erschreckend aber war im ungemein zarten und weien kleinen Antlitz die
Erscheinung zweier Augen von tiefstem Kohlschwarz, deren Blick Georg
erst Sekunden spter auf sich ruhen fhlte, -- linde, kam es ihm vor,
beraus linde. Dahinter sah er nun auch den Maler.

Ah Herr al Manach, rief Georg erfreut und verwirrt, wie schn von
Ihnen! Treten Sie nher!

Selber vorgehend, streckte er die Hand aus, fhlte sie von einer
merklich kleinen, sehr glatten und weichen Hand kaum einen Augenblick
ergriffen und fest umschlossen, und im nchsten schon sich selbst
zurckgedrngt, ganz wie er war, auf fast unbegreifliche Weise
unkrperlich, gleich als habe sein Wesen vom ganzen Wesen des Fremden
einen magischen Druck erhalten, der ihn zurckwies.

Welch angenehmer Aufenthalt! erklang es jetzt melodisch. Der al Manach
blickte sich freundlich um. So schne Gegenstnde! sagte er und
umfate mit rundem, gleitendem Blick alles umher von der Alabasterschale
hinter Georg ber den grauen Rupfenvorhang der Bcherwand rechts zum
kleinen Rundtisch, dicht neben dem Eingetretenen, -- von gelber Kirsche
mit eingelegtem Stern -- vor dem breiten Mahagonisofa mit grner
Ripsbespannung, und wieder links hinber zur Servante zwischen den
beiden schwarzgoldenen, mit rtlichen Stricken umknoteten japanischen
Reisekoffern am Boden. Und diese Dinge -- Georg zu gewohnt, als da er
sie noch zu sehen pflegte -- richteten sich nacheinander vor ihm auf und
prsentierten sich freundlich und frisch.

Nehmen Sie doch Platz, bat Georg ein wenig verlegen, und der Fremdling
ging mit leichter Bewegung durch die leere Zimmermitte zum Schreibtisch,
wo er einen Augenblick durch das Fenster blickte, sagte: Auch drauen,
alles freundlich! Ein roter Hund kommt die Treppe hinab und geht ber
die Wiese ... und begann, einen Arm auf die Platte gesttzt, in dem
offen daliegenden Handschriftbuche zu lesen. -- Ja, Verse waren wohl
Allgemeingut ...

Der Maler trat unterweil nher zur Servante und besah stillschweigend
die schwarzen Widderkpfe mit vergoldeten Hrnern an den oberen Ecken,
danach auf den zwei Brettern bereinander die kleine Sammlung von ein
paar Frankenthaler und Hchster Gruppen, rmischen Perlmuttglsern,
Ludwigsburger und Meiener Figuren, einer Mndener Terrine und einer
groen himmelblauen Perlbrse mit Silberfransen, dieweil Georg erklrte,
das wren so Dinge, die er im Hause zusammengerubert habe. Nachdem er
dem Maler eine kleine Gemseverkuferin mit buntgeblmtem Rock in die
Hand gegeben hatte, zog der sich in das Sofa zurck, die Figur vor sich
auf die blanke Tischplatte stellend.

Georg holte eine Zigarettenschachtel hinter dem Rupfen hervor nebst
Streichhlzern; er und Bogner begannen zu rauchen, der al Manach winkte
lchelnd ab.

Noch immer war es still.

Um etwas zu uern, sagte endlich Georg, an den Bchervorhang gelehnt
mit dem Gefhl, al Manach sei nun der Eigentmer dieses Zimmers und er
selber nur Gast darin, -- sagte, gleichsam vor sich hin, in bezug auf
die Sachen umher: Es ist ja nichts Besonderes, gar nichts Besonderes.

Ererbte Dinge sind schn, hrte er einen Augenblick spter die sehr
melodische Stimme. Ist es nicht so? Die Gegenstnde, solange sie jung
sind, haben alle den mehr leiblichen Glanz des Gemachten, und Jahrzehnte
des Gebrauches erst, des Geliebtseins und liebenden Betrachtetwerdens
frdern langsam die liebliche Seele an die Oberflche und breiten ihr
edles Leuchten darber aus. Sehr arm ist die alterslose Marktware; ihre
Seele stirbt, ehe sie sich auswuchs, und oft ist die beklagenswerte in
ihrer Gebrochenheit traurig zu sehn.

So ruhig und vllig zufriedenstellend klang das Gesagte, da Georg kein
Wort darauf wute.

Und dann, fuhr die sachte Stimme fort, dann giebt es wohl solche
Augenblicke, wie den des Hereinkommens fr mich, wo einem unvermutet und
schn die Idee aufgeht und zuwinkt. Das schne Wunder des Seins an sich
-- an all unsern Dingen --, das wir niemals ausbegreifen, und die
einzelnen selber, die Ideen der Sachen, -- auch Seelen drfen Sie sagen
--, stellen sich gern einmal dar, durchaus nicht zu reden von
Kostbarkeiten, nein vom Gewhnlichsten, von Fenster und Tisch, Sofa,
Schrank und dem Bett. Von alledem wird ja niemals gesprochen, wer htte
es je bedacht, -- und doch wrde eine Naturgeschichte der Gegenstnde
soviel liebenswrdiger zu lesen sein als ein Cuvier oder Brehm. Das
Wunder des Naturgewachsenen, nicht wahr, erklrt sich immer wieder als
Wunder eben aus sich selbst, -- die Dinge jedoch --, bedenken Sie
gtigst: ein Tisch ... was mochte ntig sein vom ersten Beginn bis zu
dem dort! War es nicht ein Baumstumpf zuerst, vom Blitz zersplittert,
mhsam mit der Steinaxt geglttet? Und dann war es ein Klotz, ein
plumper Wrfel endlich, aber wo, ja wo war der edle Erfinder, der -- wie
jener andre aus der Scheibe des Rades die Speichen schnitt -- den
unsterblichen Gedanken erfate, das ganze Innere einfach wegzunehmen,
die Beine der Herumsitzenden bequem und traulich unterhalb zu vereinen
und deshalb den ganzen Tisch gleichsam fortzunehmen bis auf sein
uerstes, Gehhltes, die vierbeinige Platte! Bis dann ein feiner
Sptling am Ende das Ganze verdrehte und jene glnzende Blume mit flach
entfaltetem Kelch auf ihrem einzigen Stiel bildete ...

Ach, sagte Georg und blickte betroffen seinen Tisch an. -- Unangelehnt
vor der graden Rckwand seines Sessels aufrecht sitzend, machte der
Sprecher eine Pause, die Hnde gefaltet um das eine, bergelegte Knie.
Er hatte, dieweil er sprach, unablssig dahin und dorthin geschaut, auf
die Wnde, ein Bild, auf Georg und den Maler, ein wenig unruhvoll und
doch unruhig eigentlich nicht, und Georg, der die Augen nicht von ihm
wenden konnte, nicht von diesem verschwindend schmalen und zarten
blaroten Mund, der sich bewegte, -- Georg hatte nun bemerkt, da die
auerordentliche Schwrze seiner Augen vor allem daher rhrte, da die
Pupillen, fast wie bei Tieren bergro, das Weie im Auge nahezu
verdeckten. Die sehr weie Haut des Gesichts war gleichwohl nicht
bleich, sondern in der, dem Licht zugewandten Wange schimmerte innerlich
ein zartes Blut. Fein wie Seide war das schwarze, gescheitelte Haar ber
der schrecklich schweren, rund gebuckelten Stirn, wie nach vorn gehhlt
vom unablssigen Nagen anwogender Gedanken. Georg bemerkte noch, da die
schwarzen Beinkleider nicht wie sein eignes sich zum Knchel hinunter
verengten, sondern im Gegenteil weit auseinander fielen, vom Knie erst
ab -- Georg hatte es entdeckt, als al Manach durchs Zimmer ging --, so
da nun die weiten Trichter ber den feinen Kncheln und schwarzlackenen
Halbschuhn sich wlbten. Unsommerlich war das alles und ging doch ein
Hauch von Khle fast erfrischend davon aus.

Fahren Sie doch fort, hrte er sich selber unbewut sagen.

Gewi, gern, war die lchelnde Antwort. Von den Sachen, ja? wovon
mgen Sie hren? Allein ich glaube, der Herr Maler kam, um Gedichte zu
hren? Nun, wie Sie wollen, denn da liee sich ja manches vom Fenster
erzhlen, oder wre es nicht verwunderlich, da hchste Kulturen kamen
und gingen, die babylonische und gyptische, die jdische, griechische
und die rmische, ohne gewut zu haben, da man ffnungen ins Haus zu
anderm Zweck schneiden knne, als um das Licht hereinzulassen und Rauch
hinaus? Und er sogar, der das glserne Fenster, der das Geheimnis des
Aus- und Einsehens entdeckte, was bewog ihn, warum trbte er knstlich
die seelenvolle Scheidewand, als sei es verwehrt, das traute Heiligtum
der Familie fremdem Auenblick auszusetzen oder die Vorbergehenden auf
der Strae der Belstigung geheimer Augen im Haus? Wann lebte er, wo
ward er geboren, der den Traum vom glsernen Glase trumte, den Menschen
die gebrechliche Wand vor das Antlitz setzte, die doch keine war fr den
Blick, er, der Augen gab, ja ein ganzes Antlitz dem blicklos umdsterten
Haus? Welch ein Beglcker, nicht wahr? -- Und nun knnten wir ja vom
Bett reden, auf das noch niemand die erhabene Epope dichtete, von jener
sichersten aller Galeeren, jenem vorzglich bewhrten Tauchboot im
gewaltigen Atlant unsrer Trume. Warum befragte noch niemand das Wunder
dieser einzigen und wahren Herberge auf Erden, wo die einzig gttlichen
Gste uns aufsuchen, in Hnden die drei Gastgaben tiefster
Lebensvorgnge: Geburt, verhllt und blutig und schn mit der noch
unangezndeten Fackel, Tod, verhllt und ernst mit der erloschenen, und
Liebe, hllenlos mit der brennenden neben dem Vorhang?

Ja, nun ist es wohl an der Zeit, in Versen zu reden, sagte er nach
einer kleinen Pause und begann zu des staunenden Georg erschrockenerem
Staunen eines seiner Gedichte, das im Buch aufgeschlagene vermutlich,
auswendig herzusagen:

                              Der Heilige

   Er war schon der Vollendung fast ganz nah,
   Sein Blick entrckt und schon wie abgetan;
   Schon trugen Fluten ihn, und er war Schwan.
   Sie lauschten, wann sein Sterbesang geschah.

   Fast war er nur noch Lied. Sein Krper glich
   Der Fackel, die von innen sich verzehrt;
   Und sichtlich war er auch von Gott geehrt,
   Der Ngel Male duldend und den Stich.

   Dann, sagt man, sei sein Leib hinweggenommen
   Von Gott, denn da ein Weib ihn nchtig stie
   Von Ihrer Pforte, keiner wute dies,
   Und da sein Leichnam nach dem Meer geschwommen.

   Keiner gewahrte ja das rote Glhen
   Am letzten Tag im dunklen Fensterglas.
   Er sah allein im heiligen Gela
   In der Madonna Bild die Lippen blhen.

Georg war hingerissen, so wundervoll klang es, -- nicht das Gedicht --
Georg verstand, ja hrte nicht einmal ein einziges Wort, -- sondern der
Strom der Sprache, der unsglich mhelos, ohne die leisesten Erhebungen,
von zartester Melodik in sich selbst, dahinflo und verhallte.

Ja, aber, fragte er nun verstrt, woher knnen Sie das?

Mein Gedchtnis wnscht es so, sagte al Manach ein wenig
entschuldigend. Ich las es vorhin, und nun -- was ich auch lese, ich
behalte es immer gleich auswendig, wenn Sie wollen auch andersherum,
und er fing an: Blhen Lippen die Bild Madonne der in Gela heiligen
--

Um Gottes willen, schrie Georg, das ist ja entsetzlich!

Nicht wahr? Und nun werde ich Ihren verwirrten Anmutston nicht eher
wieder los als im Grabe.

Sie rmster! klagte Georg, aber was heit verwirrter Anmutston?

Das ist der Ton, in dem Sie dichten. Ihre Gedichte sind kstlich,
allein man versteht sie nicht.

Die Selbstverstndlichkeit, mit der das gesagt wurde, verhinderte Georg,
sich gekrnkt zu fhlen; immerhin fragte er: Verstehen Sies auch nicht,
Herr Bogner?

Ehe aber der in seiner wsten Schweigsamkeit die Oase eines Sprchleins
entdeckt hatte, hrte Georg den al Manach wieder:

Gewi, Sie und ich, wir verstehens, aber -- das ist ja nicht: man.

Georg lchelte schwach. Dieser sanfte Trke war scharf wie die
Damaszenerklinge Sultan Aladdins, mit der er vor den Augen des
lwenherzigen Richard ein seidenes Kissen spaltete.

Ich will ja gern zugeben, sagte er, da manches in diesem Gedicht
anfangs dunkel bleibt, aber ...

Dunkel? Sollten Sie nicht: unklar meinen oder deutlicher: konfus? Sie
knnen ja soviel! Die schmeichelnde Rilkeweis', Hofmannsthals
Schwermutston, und Georges Tempelton haben Sie auch gut gehrt.

Ja, das Gedchtnis! seufzte Georg beschmt, aber davon wissen Sie ja
mehr als ich! Nein, sagen Sie mir, was verstehen denn Sie unter
poetischer Dunkelheit, denn die ich meine, deckt sich eigentlich nicht
mit Konfusion. Aber ich frchte, Herrn Bogner wird das Theoretisieren
kaum gefallen?

Theoretisieren ist schn, sagte al Manach. Theorien, nicht
aufgestellt als richtende Gtzen, sondern gezogen als Essenzen,
formulierte Erfahrungen ...

Sie haben es gut ausgedrckt, sagte Georg eifrig, ich meinte immer
-- Ein Blick der sanften Augen lie ihn schweigen.

Ich drcke alles gut aus, sagte al Manach.


                        Knig, Dame, A und Bube

Es klopfte leise, Georg rief: Herein! Anna stand in du Tr. Er hatte
sie vergessen.

Mein Gott, wie sah sie aus! Sie hatte sich umgezogen, trug ein Kleid aus
schilfgrnem Tllberwurf ber Weiem, ein weies Fichu ber der Brust
gekreuzt, und ihr rosiges Gesicht mit den dunkelbraunen Augen war
erleuchtet von innerer Seligkeit.

Verzeihen Sie, wenn ich stre, sagte sie, zog dann ein wenig
kurzsichtig die Augen zusammen und erkannte al Manach, der sich erhoben
hatte. Da lchelte sie, tief errtend, und ging mit leicht befangenen
Bewegungen der Arme auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, fast grer als
er, sah Georg, da er ihre Augen mit den seinen ergriffen hatte, da er
durch die Augen mit ihr redete, beraus leise, ganz ernst. Sie legte
beide Arme um seinen Nacken und die Stirn auf seine Schulter. Er
lchelte still vor sich hin. Georg mute sich ruspern und empfand
Scheu.

Nun, sagte al Manach, als sie sich sacht wieder von ihm entfernt
hatte, von einem zum andern blickend, da sind wir ja alle vier wie
Knig, Dame, A und Bube im Kartenspiel.

Georg zerbrach sich einen Augenblick den Kopf, wer nun hier Knig und
wer der Bube war, denn al Manach -- kein Zweifel -- war das A, und zwar
Treff, wie es Georg vorkam.

Nun? wiederholte al Manach indessen schon, Magda anblickend, wie war
es denn?

Ach, himmlisch! Sie ging und lehnte sich wie Georg, der von seinem
Rupfen nicht loskam, an den Vorhang. Nein, Georg, das kann man nicht
sagen! Nur mute ich immer denken, da du unten bleiben mutest! (Georg
hatte es ja immer gewut, sie war ein Seraph!) und denk dir nur, als wir
berm Wldchen hinflogen, fuhr auf einmal der arme Artaxerxes daraus
hervor, -- er war doch nicht fortgekommen -- und da traf ihn die
Schraube und --

Also hatte ich doch recht gesehn! rief Georg, was ist aus ihm
geworden?

Ich wei nicht; er strzte, mehr konnt ich nicht sehn, und ich war so
traurig, da ich gar keine Lust mehr hatte, aber dann wars doch zu
schn, und wir sind aufs Meer hinausgewesen, aber dann bat ich den
Leutnant, zu landen. In der Nhe des Wldchens in den Wiesen gingen wir
nieder, ach das war eigentlich greulich, wie im Lift, weit du, wenn man
so durch seinen eigenen Leib herunterfllt ... Und dann hat er mir noch
geholfen, Artaxerxes zu suchen, aber wir haben ihn nirgend mehr gesehn.
Gewi ist ein Flgel gebrochen, und Papa wird ihn erschieen, er kann ja
nichts Krankes leiden ...

Georg versprach, sich ins Mittel legen zu wollen. Wie hbsch sie nun in
seiner Nhe stand, die Hnde hinterm Rcken, genau wie er.

Oh, sagte sie jetzt, das offene Gedichtbuch entdeckend, hast du
Gedichte gelesen? Und ich war nicht dabei ...

Ihr Blick fiel ab, irrte am Boden, da schob sie den linken Fu im weien
Schuh vor und rief: Ach, Georg, mein Schuhband ist auf!

Georg, jeden Zusammenhang glckselig erratend, war froh, fr sein
dunkles Errten das lange Bcken beim Zubinden verschieben zu knnen,
als er aber schlielich aufsah, stand die Anna und blickte dem wieder
sitzenden al Manach tief und s in die Augen. War sie nicht eine
Teufelin?

Sie fragte al Manach, ob die Gedichte ihm gefallen htten. -- Eins,
sagte er, knnte er auswendig, und das wre herrlich schn. Ja, jedes
Wort wre ganz ausgezeichnet, und wie sie so alle zusammengeraten wren,
das sei nun gar fabelhaft. -- Jetzt mache er sich lustig ber ihn,
schalt Georg, er aber widersprach. Da sei Gott vor, er habe sich in
seinem ganzen Leben noch niemals lustig gemacht, und Georg sah es ein.

Ach, sagte er, da fllt mir unser Tischgesprch ein, um von etwas
andrem zu reden, -- Sie knnen mich gewi aufklren ber etwas, worber
...

Ja, das kann ich.

Reizend! lachte Georg bei solch engelhafter Zuversicht. Wir sprachen
nmlich von der Liebe, und Onkel Salm, unser, Annas und mein
Kindheitsonkel, Papas Sekretr, war so ungehalten, da die ganze
Literatur blo von ihr handle, was Papa -- und auch ich -- wieder fr
ganz berechtigt hielt, -- nur wei ich im Grunde nicht recht, warum.

Der al Manach hub an.

Giebt es denn etwas Andres als Liebe? Zwei Irrtmer, Durchlaucht. Ihr
Hintergrund -- wre unser dualistisches Wesen, allein das fhrt zu weit.
Die lesende Bevlkerung nun ist des Glaubens, der Dichter, der ihr etwas
erzhlen wolle, nehme einen Stoff, tue ihn als Inhalt in eine Form, die
er sich herlange, und sie trinke ihn -- lesend -- wieder heraus. Dem
Dichter dagegen handelt es sich um die Form allein, die nicht er hat,
sondern von der er wei, da sie dem Stoff innewohnt, wie die Wrme etwa
in der Kerze. Der Stoffe wiederum giebt es nicht soviel, dieweil sie
alle beim Durchforschen in einen Grundstoff bergehen, nmlich das Leid,
das die Erde ist. Die Glut endlich, die Flammenkraft, welche den Stoff
verzehrt und im Verzehren schmilzt und seine Form herausschmilzt, die
ist das Liebesempfinden. Ein Liebesempfinden, das im Daseinsganzen so
ist wie das Blut in Ihrem Krper: wo Sie ihn auch ritzen mgen, tritt es
hervor; als Kraft und im Wesen einzig, in Erscheinungen tausendfltig,
ist es das Ursprngliche, alles Erfllende, bei allem Mitwirkende, alles
Beherrschende, immer und immer wieder aber am wundervollsten kenntlich,
wie die Winternacht am Orion, an den wandellosen Gestalten des Liebenden
und der Geliebten.

Er schien eine Pause zu machen. Georg sah Anna -- und es verwunderte ihn
-- nicht mit Augen an dem redenden Munde haften, sondern still vor ihre
Fe niederblicken, mit so gesammelten Zgen jedoch, da sie ihm so von
oben und von der Seite -- da sie den Kopf gesenkt hielt -- wie
zusammengezogen schienen von innerer Gespanntheit.

Al Manach fuhr fort, von neuem, wie ein Zauberknstler ein meilenlanges
Band aus dem rmel, den unendlich scheinenden Faden sanft gleitender
Rede aus der Brust hervorzuziehen.

Sie, Durchlaucht, haben alles gelesen, haben daher, wenn Sie >die
Welt<, wie man zu sagen pflegt, betrachten, nicht die wirkliche vor
sich, sondern die in der Literatur beschriebene, und zwar die Europas.
Da leuchtet Ihnen nun die romanische Art oder Form besonders ins Auge,
weil sie die der Sensation und Affekte, oder sagen wir, der Schreckungen
und Erregtheiten ist, die der Gipfelungen, die theatralische, die
in nichts einen so flammenden Ausdruck finden kann als in
Liebesleidenschaft. Ja, da ist alles einmalig und abgeschlossen,
diesseits nichts noch jenseits, das Leben splt nicht hindurch, sondern
fngt damit an und endet. Romeo und Julia; Tristan und Isolde. Ja, wre
der Deutsche aber nicht der groe Mannigfaltige? Dann knnte auch ihm
die einzige Gestalt des Paolo-und-Francescischen, ewig umschlungen
dahinwirbelnden Liebespaares gengen, aber das tut es freilich nicht,
denn er wei, dieser hundertfltige Deutsche, was ich bereits sagte: die
Einzigkeit, aber Tausendfrmigkeit unserer Liebe. Darum hat er auch die
epische Art -- wo nicht die lyrische -- hat die Ebene, das Schweigen,
das Unendliche. Dieser seltsame Hebbel, nicht wahr, dieser Ebenensohn,
da mute er nun seine gesteigerten Ideen in Griechen und Juden
verkrpern, wir aber leben ja wohl wie die Menschen des geliebten
Theodor Storm, einsam, schweigsam, immer unterdrckend, was uns am
feurigsten zur Erffnung treibt, nicht aufbrausend, sondern alternd,
nicht erkmpfend, sondern verzichtend, -- und immer geht es weiter,
keine Welle erstarrt zur bleibenden Form, es sei denn Erinnerung, -- ja,
wir sind die Menschen der Erinnerung, das breite Volk, das wie ein
Meergreis aus ungeheurer Sage stieg. Nun wchst es in der Ewigkeit
langsam und blht wie die Aloe einmal alle hundert Jahr. Ach, nichts hr
ich doch so gern wie die einzigen sen Zeilen des armen Schlemihl, der
ein Deutscher sein wollte und nicht durfte: Ich denk als Kind mich
zurcke -- Und schttle mein greises Haupt ...

Er schlo verhallend, ein wenig verwirrt, schien es Georg, schon gegen
Ende seiner Rede, aber jetzt, whrend Georg innerlich an die Stelle von
der Ebene in Bennos Brief geraten war, hrte er den al Manach wieder
sprechen, hrte eine Weile zu und erschrak. Es war ein sinnloses
Durcheinander von halben Stzen und Worten, und er selbst sa schief da,
der Kopf hing, die Augen starrten schrg an den Boden, die Lippen
bewegten sich unaufhrlich. Anna trat vor und streckte die Arme aus. Er
schien dies zu bemerken, fuhr mit einem Ruck in sich zusammen und empor,
lallte etwas, sah lchelnd umher und sagte leise und ganz schnell, als
ob es eile:

Es war sehr tricht von mir, Gedichte zu lesen und Verse zu sagen, nun
kommt das Zitieren, ja, ich habe das so, es kommt vom Gedchtnis, es ist
ein Anfall, ein Katarrh, eine Cholera, es ist nicht so schlimm, es kommt
zuweilen, dann will alles wieder heraus, wo soll es auch alles bleiben,
bitte, haben Sie wohl ein Lexikon?

Aussehend, als ob er niesen oder sich bergeben msse, stand er auf,
trat zur Bcherwand, raffte den Vorhang auf, nahm ein groes Buch unten
heraus und sagte: Das Homerlexikon von Seiler-Kapelle fr den
Schulgebrauch, das ist sehr gut, ich lerne es auswendig, wenden Sie sich
spter bitte an mich, wenn Sie es verlieren sollten, und lief zur Tr.
Klein, schwarz und geduckt stand er dort einen Augenblick, den Trgriff
in der Hand, drehte sich um, kam auf Georg zu, krampfhaft beflissen,
ohne aufzuschaun, fate seinen obersten Westenknopf, und es war, als ob
seine Augen aus ihren Hhlen kriechen und dort hinein wollten, whrend
er eilfertig flsterte:

Poetische Dunkelheit, da ichs nicht zu sagen unterlasse, sonst plagt
es mich in die Ewigkeit, wird auch von sonst klugen Kpfen hufig
miverstanden, nmlich sie, die wirkliche, ruht hinter den dargestellten
Dingen als der mystische Grund, die miverstandene dagegen ist vor sie
gehngt als verwirrender Schleier. Unter poetischer Dunkelheit also
verstehe ich die Kunst, ahnen zu lassen, anstatt zu sagen, die Andeutung
des Tieferen, Eigentlichen, die Kunst, den Schein zu setzen an Stelle
--

Georg, recht verzweifelt, suchte den Strom zu unterbrechen, indem er
sagte: Natrlich, natrlich, ich verstehe Sie recht gut, nur meine ich,
grade das auch erreicht, ich meine bezweckt --

Nein, dann haben Sie mich nicht verstanden, ging es unaufhaltsam
weiter. Sie haben die Absicht gehabt, den Leser im Ungewissen, im
Halbklaren zu lassen, ihn selbst erraten zu lassen, was mit Ihren
Heiligen geschieht, Sie mochten das nicht deutlich sagen, und das ist
das Konfuse, denn das htten Sie eben grade einfach erzhlen sollen, und
das wre hier die Sache selbst gewesen, hinter der Sie das Geheimnis,
das Mystische, die Seelenzustnde, die Metaphysik, die Symbolik, die
poetischen Schauer, die Ahnungen, die Ahnfrau und das Kloster von
Sendomir hintenrum, _postume, eheu fugaces_! Er schluchzte jammervoll
und schlich, die Knie gekrmmt, mit hngenden Armen und Kopf, das
schwere Buch unten an der linken Hand hangen lassend, hinaus.

Magda stand und sah ihm nach. Einen Augenblick spter begann sie heftig
zu zittern, wandte sich von Georg, der die Arme hob, ab, warf die ihren
hoch und gegen den Bchervorhang und legte das Gesicht dagegen. Selbst
Bogner sa und betrachtete das bunte Figrchen in seiner Hand berm
Tisch auf absonderlich vertiefte Art. Georg drehte sich um, trat an den
Schreibtisch und sah hinaus. Niemand sprach.

Auf einmal sah er, zufllig sich berbeugend, den kleinen schwarzen
Jason ganz rechts aus der hohen Glastr des Speisesaals im Winkel der
Terrasse heraustreten, die Tr sorglich hinter sich schlieen und --
nicht anders zusammengesunken und hangend als eben durchs Zimmer -- ber
die Steinfliesen zur Treppe und schrge hinunterschlrfen. Wie ein
groer Affe sah er aus, ja, so grauenvoll war er, der wie ein zarter
Cherub ins Zimmer getreten war, zurckverwandelt worden. Da war er ein
Stck in den Rasen hineingelaufen, blieb, als drfe er das nicht,
pltzlich stehn, drehte um, ging zum Wege zurck und mitsamt seinem
Schatten im Bogen unter dem Nordflgel her bis ans Ende, wo er um die
Ecke verschwand.

Georg hrte Magdas Stimme hinter sich, sehr leise und innig verzweifelt:

Wie ist das wohl zu verstehn? Als ich vor seinem Bett stand am Mittag,
da dacht ich, es wre ein Kind. Als ich vorhin hereinkam und er mich
ansah, das war -- als wenn er vor Jahrhunderten schon gelebt htte ...
Und -- nun ist es aus ...

berdem war Jason die Wendeltreppe heraufgestiegen -- Georg hatte seinen
Schatten in der Fensterscharte wohl gesehn -- und erschien nun, hinter
dem ersten Fenster vorberschleichend, hinter dem zweiten -- -- Georg
atmete auf. Er hatte in sein Zimmer gefunden.


                                 Musik

Georg zerbrach sich vergebens den Kopf, gleichzeitig um zu erfahren, was
alles jetzt in Annas Innern vor sich gehn mochte, und etwas zu erfinden,
um sie davon abzulsen und zu erleichtern. Alles mgliche kreuzte durch
sein Hirn hin und her. Wie dichterisch dieser seltsame Eindringling doch
zu Anfang gesprochen hatte und wie lehrhaft am Ende, Bennos Brief und
die Worte vom himmeltragenden Atlas, Iris Runges berschlanke
Erscheinung im Tanzkleid, Ballgetmmel, und auf einmal der Name
Angelika, fern, fremdartig, dann der andre Jason al Manach, diese
merkwrdige Mischung von trkisch und griechisch -- whrend er selber
doch von sich als Norddeutschem gesprochen hatte --, war es ein
Pseudonym? -- und jetzt sah er den Umschlag des dicken Romans Jettchen
Gebert mit der Biedermeiergestalt der Henriette -- ihr Onkel hie ja
doch Jason ... Ja, konnte denn Bogner nicht etwas sagen?

Als Georg endlich wagte, sich umzudrehn, sah er Anna erst gar nicht,
dann hinter der Bcherwand einen Streif des lichtgrnen Kleiderrocks;
sie war in den Rahmen der Tr zum Schlafzimmer zurckgewichen und
blickte unbestimmt auf das Porzellanfigrchen, das Bogner noch immer in
der Hand drehte und betrachtete.

Er sah aber jetzt auf, rusperte sich, stellte die Figur nieder, klopfte
mit der rechten Hand gegen die Brusttasche und sagte:

Ich mchte wohl, wenn es Ihnen recht wre, Ihnen etwas vorlesen. Er
lchelte. Keine Gedichte, nein, nur einen -- er holte seine
Brieftasche hervor und schlug sie auf, -- einen Brief. Und er nahm
einige bluliche, zusammengelegte Bogen hervor, ffnete, sah hinein und
legte sie vor sich.

Magda glitt in die andre Ecke des Sofas neben der Tr, legte die Hnde
zwischen den Knien zusammen, die Arme fest andrckend, und sagte mit
zusammengezogenem Munde leise: Ach bitte!

Georg hatte sich kaum in dem Lehnstuhl niedergelassen, als Bogner,
Erklrungen augenscheinlich vergessend, zu lesen begann.

Ich denke oft, fr die Menschen, die keine Kunst hervorbringen, sondern
nur empfangen knnen, ist die Musik soviel, wie der Himmel mit Wolken
und Sternen, ein Vergleich, den ich heut einmal weiter ausfhren mchte.

Die verschiedenen Knste bauen uns, mcht ich sagen, eine wunderbare
Stadt. Architektur natrlich baut die Huser darin, legt Brcken,
Alleen, die Pltze und Kanle an. Der Bildhauer schmckt die Fassaden,
die Pltze mit springenden Brunnen und nackten Statuen, fahrende Snger
ziehn durch die Tore ein und versammeln das Volk auf den Pltzen, in den
Theatern drhnen die Stimmen des tragischen Chors, die Malerei ziert
Sle und Gemcher, und es ist Handel und Wandel, Schiffe legen an den
Kais an, ein unaufhrliches, fruchtbares und eiferndes Getriebe
herrscht, soviel Leben, kstliche Unrast, Genu, Arbeit und tausend
Freuden. Lnder dienen der Stadt wie Frsten, an den fernsten Ksten
denkt man an sie, sehnt sich nach ihr, sie ist die Heimat. Sie ist im
Ganzen eine richtige Menschenstadt, eine schne wie Hamburg oder
Kopenhagen oder Budapest. Eine Stadt aber ohne Himmel.

Ach, es giebt keinen Himmel in Berlin, lieber Freund! Jetzt, wo ich ein
paar Wochen heraus bin, wei ich es ganz. Liebster, haben Sie je, wenn
Sie in eine kleine Stadt irgendwo tief im Land gewandert waren, Lneburg
oder Braunschweig oder auch Maulbronn, haben Sie auch bemerkt, wie
wundervoll es ist, in allen Fenstern den verdunkelten Widerschein des
Himmels mit den Wolken zu sehn, entzckend, wie sie sich durch die
Gardinen bewegen? weil die Huser niedrig sind, die Straen breiter
scheinen. Und ber allen Dchern sehn wir ihn ja stehn, den Himmel, und
die Wolken sieht man, ohne erst den Kopf danach verdrehen zu mssen. Und
bei Nacht, die kein Lichtergewimmel zu einem lgnerischen Tage macht,
hat man in den Bumen seines Gartens die wirklichen Sterne, die im
Gezweige stehn und einem so gut gehren wie der liebe Baum. Dann geht
man nur auf die Strae, so steht der Sternenhimmel mit allen vier Ecken
auf der Erde -- das ist die einzig wunderbare Kuppel der Musik, der
gttliche Bau in ewig unbegreiflichen, in unbegreiflich ewigen Gesetzen.

In einer solchen Stadt atmet sichs! Das Bewutsein, da der Himmel da
ist, erwrmt das Blut, wir werden leicht. Ach, ich habe nie begriffen,
was Kant damit will: die Gestirne ber sich und -- --. Nun, was kann da
noch fr irgendein Und kommen, wenn er schon das ber sich hat!

Schn, schn ist ja auch das Andre, Bilder -- wei ichs nicht, mein
Freund? --, die uns nur staunen lassen, da ein Mensch dies gemacht hat,
aber dennoch meine ich -- zrnen Sie mir nicht, es ist ja doch nur
Armut, die das meint -- die Musik macht uns schweben. Nicht schweben, es
ist mehr, es ist -- -- denken Sie einmal an das, was sogar Sie rhrte,
an die ersten, aus der Ewigkeit fallenden Tropfen der letzten Symphonie!
-- sie sind ja wie der Beginn der Schpfung. Nicht das: Es werde Licht!
nein, viel frher, das erste, vertrumte Aufwachen Gottes aus dem langen
Schlaf, in dem er alles trumte, was werden sollte. Denken Sie daran,
und sogar Sie werden fhlen: es ist, als ob die Erde unter uns wegsinkt,
als wrde der Boden sanft unter uns --

Ja, ja, um Gottes willen! schrie Magda auf, sich vorwerfend, so wars!
so war es, als wir flogen, ich konnt es ja nicht beschreiben! Bitte,
lesen Sie weiter!

-- als wrde der Boden sanft unter uns, es weicht und giebt sich uns
zugleich hin wie ein Frhling, es ist, als ob die alte harte Erde die
Anziehungskraft leise wegnhme, so da wir leicht werden wie die Tauben,
als htten wir Luft um alle Glieder gehllt, und wir denken doch nicht
an Fliegen, eher wir sinken, und alles, alles schmilzt.

Magda sa mit gefalteten Hnden, tief atmend, mit den Augen erregte
Kreise ziehend auf der Platte des Tisches.

Die beseligende Leichtigkeit verbreitet wunderbare Heiterkeit, in
Unendlichkeit mgen Gut und Bse liegen und alle moralischen Begriffe,
wir sehn unter uns ewige Lnder in der Tiefe hinschwimmen, die schne
Stadt vielleicht in der Sonne, mit wandelnden Wolkenschatten bedeckt,
das blaue Meer in Meilentiefe mit winzigen Segeln, bald nur noch
marmornes Blau und der Gesang der Engel, die in Scharen durch alle
Fernen ziehn.

Verstehen Sie mich, lieber Freund: unendlichen Reichtum geben uns alle
Knste, doch ist er noch schwer; wir mssen ihn tragen, wie der Herbst,
wie alles Irdische getragen sein will. Der Himmel lt sich nicht
tragen, er hebt, er trgt uns. Leicht sein ist alles.

So weit, sagte Bogner, faltete seine Briefbltter zusammen, nahm die
Brieftasche wieder hervor, legte die Bltter hinein und steckte sie
fort. Magda sah ihn dankbar an und wagte zu fragen, wer das geschrieben
habe.

Die mit dem Schatten des Falters -- dort! sagte er, in der Richtung
des Klaviersaals deutend. Dabei schien Magda, die eben den Mund ffnete,
etwas einzufallen, sie erschrak leicht und fragte: Bitte, wie spt
ists, Georg! Deine Mama bat mich, gegen fnf etwas Harmonium zu
spielen.

Es sei eben fnf Uhr gewesen, sagte Georg, und sie stand auf und ging,
jedem der beiden zulchelnd, schneller hinaus, als da Georg htte
fragen knnen, ob sie nicht mitkommen drften.

Nun war es noch stiller geworden. -- Eine Frau hatte das geschrieben?
Welch sonderbarer Geist! Nun sa sie fr ewig dort und sah empor, wo der
unsichtbare Falter flog. Aber wie dieser Bogner das wieder heilsam
getroffen hatte mit seinem Vorlesen! -- berdem sah Georg, der sich im
Sitzen nach dem Fenster, nach dem Klaviersaal hinbergewandt hatte, wo
alle Vorhnge gegen die Sonne geschlossen waren, den uersten linken
sich bewegen, er teilte sich und glitt auseinander, Anna erschien, das
Fenster aufriegelnd und drauen einhakend. Sie schwand, und gleich
darauf wurde das Brausen des Harmoniums in der stillen Leere hrbar.

Sie sind wohl nicht musikalisch? fragte Georg den Maler. Der
verneinte, erklrte aber, Musik gern zu hren.

Dann, sagte Georg erleichtert, knnen wir ja auch hinbergehn. Anna
hat viel gelernt, und voraussichtlich wird es Bach sein; Mama liebt ihn
besonders, er ordne ihre Gedanken, sagt sie, Sie wissen ja, wie krank
sie ist.

Bogner erwiderte nichts, und so gingen sie stillschweigend ber Flure
und Billardzimmer hinber.


                           Siebentes Kapitel


                               Erzhlung

Magda wandte, als sie den Saal betraten, den Kopf nach ihnen, lchelte
und spielte weiter. Bogner setzte sich auf den Klaviersessel vor dem
mittleren der drei Flgel drben. Alle Tren zur Herzogin standen offen
wie stets; in den verhangenen Gemchern herrschte goldener Schatten mit
etwas einfallendem Sonnenlicht am Boden hier und da und gldenen
Streifen Sonnenstaubes. Georg nahm einen Stuhl und setzte sich neben das
geffnete Fenster, wo es hell war, whrend die jenseitige Hlfte des
Saals mit den Klavieren in der Dmmerung der goldgelben Vorhnge blieb.

Magda spielte eine kleine halbe Stunde mit geringen Pausen zwischen den
einzelnen, sehr einfachen alten Stcken. Endlich nahm sie die Hnde von
den Tasten, und eine Weile herrschte Stille. Fern wurde eine Tr
geschlossen.

Georg, Annas Augen folgend, die zu dem Bilde ber ihr emporblickten,
fragte, in unbestimmte Gedanken verloren, zum Maler hinber:

Warum sind Sie eigentlich nicht musikalisch?

Eine trichte Frage! -- Allein der Maler ffnete nach einer Weile den
Mund und gab, ebenfalls zu seinem Bilde schauend, eine ganz richtige
Antwort.

Sie, sagte er, hat mich einmal genau so gefragt. Ich wute es
natrlich nicht, aber sie hat es mir dann selbst erklrt. Ich wre
zentripetal, sagte sie, und das wren alle Dichter. Die Musik und die
Tondichter dagegen wren zentrifugal (Zentrifugalisch, verbesserte Georg
im stillen.) Nmlich die andern Knste drngten den Menschen auf seinen
Kern zusammen, die Musik dagegen lste auf. Sie fand es ja nun schn,
da ich unmusikalisch bin. Es wre so reinlich, sagte sie. Dann klagte
sie ber sich selbst, da sie von allen Knsten was verstehe, aber von
keiner was Rechtes, und keine ausben knne, abgesehn von ihrem bichen
Klavierspiel. Ihre Fertigkeit war ja nun glnzend, aber ihr Spiel lie
kalt. Die Leute sagten, es wre sehr geistreich, aber sie htte kein
Gefhl. Sie hatte schon Gefhl, aber sie konnte es nicht anbringen, das
wars.

Bogner legte langsam ein Bein ber das andre, faltete die Hnde und
sttzte einen Ellbogen auf den Klavierdeckel, doch erwies sich der als
zu hoch, da das alte Klavier bis vorn geschlossen war; er ffnete es,
legte den Deckel leise zurck und nun den Ellbogen auf den vorderen Rand
vor die vergilbten Tasten.

Sah sie so aus wie auf diesem Bilde? fragte Magda, die sich mit dem
Drehsessel umgewandt hatte.

Nein, die hnlichkeit wre sehr gering, entgegnete der Maler zerstreut.

Eine Minute verging mit Schweigen. Im Augenblick dann, wo Georg dachte,
nun wrde er wohl anfangen, etwas zu erzhlen, begann Bogner.

Judith sterreicher hie sie und war das einzige Kind eines verwitweten
Bankiers in Berlin. Sie war schmal und mager, ihre Hand empfindsam und
beweglich, nicht schn, zu dnn. Ihr Kinn stand vor. Es und die Stirn
und die flach aufliegende Nase bildeten eine schrge Flche. Im Profil
sah sie besonders jdisch aus. Die Augen lagen tief und waren grau, die
Haut gelblich, die Brauen schwarz und hart, das Haar orientalisch schn,
schwarz, fest und reich. So sah sie aus. Sie war fnfundzwanzig Jahre
alt, als ich sie kennen lernte. Ich war etwas ber zwanzig.

Ihren Charakter kennen Sie ein wenig aus dem Brief. Sie hatte alles
mgliche studiert, Kunstgeschichte, Bibliothekswissenschaft, Literatur,
auch Sozialistisches, und Musik. Immer hrte sie Vortrge und
Vorlesungen. Ins Theater ging sie nicht, auer zur groen Oper. Sie
hate das Theater. Sie hate stark, zu lieben hatte sie nie viel. Dann
wurde sie weicher, spter. Ihr Verstand war unmig scharf, sie sagte
nie etwas Unlogisches, im Gesprch blieb sie bei der Stange wie ein
Mann, ihr Geist wurde durch nichts Weibliches beeintrchtigt. Oder
gemildert. Sie war unweiblich. Zum Beispiel las sie nie Aufstze und
dergleichen, was ber etwas handelt. Sie hate Briefsammlungen und
Biographien. Das lsen die Menschen nur aus einem idealischen
Klatschbedrfnis. Ein Knstler war fr sie kein Mensch. Der Mann ist
tot, sagte sie, ihm ist nicht mehr zu helfen. Sein Leben war natrlich
schwer, alle sind schwer, und groes Wachstum will harte Arbeit. Aber
die innern Kmpfe waren schwerer als die uern, sagte sie, und die
lerne ich aus den Werken besser kennen, wo Schnheit und Klarheit daraus
geworden ist. So etwas klang aber sanfter, wenn sie es sagte. Sie hatte
eine schne, melodische und tiefe Stimme. Am liebsten waren ihr
Radierungen, Stiche, Schwarzweisachen und Holzschnitte, in die sie sich
mit der Lupe stundenlang, unermdlich vertiefte. Dann die Japaner, die
festen, gesparten Linien und die genhrten, unumstlichen Farben. ber
einen schwarzen Flecken, ein schwarzes Kleid mitten in einer
Teehausszene von Hieroshige oder Utamaro geriet sie auer sich vor
Wonnen. Dann war sie wohl wie ein Kind, ganz ausgelassen. Sie
beherrschte alle Fachausdrcke, sah einer Radierung von Vogeler an, der
wievielte Abzug es sei, und einem Buch, wer die Type gezeichnet hatte.
Ihre Kleider machte eine Schneiderin, und sie saen, das war alles. Mit
sich selbst wute sie nichts anzufangen. Ihr Gehaben war so weiblich,
wie der Verstand mnnisch. Sie war launisch, oft migelaunt,
berschwnglich bald und bald kalt. Vor allem aber wute sie selber
immer und jeden Augenblick, wie sie war und was sie war, also, was sie
nicht war. Immer sah sie sich im Spiegel und gefiel sich durchaus nicht.
Von sich selber beobachtet Tag und Nacht, alles verstehend, alles
zersetzend, auflsend, immer unzufrieden mit sich selbst, weil alles in
Fetzen ging, zu weiblich, um es sammeln zu knnen, immer das Fehlende,
das Negative sehend, sich selbst verachtend und doch sich selber liebend
-- das Leben ist ihr eine bse Qual gewesen.

Bogner schwieg. Georg, ins Hren emsig verloren, die Augen auf den
Wandstreifen zwischen den beiden Klavieren rechts geheftet, sah dort
undeutlich die Gestalt der Fremden erscheinen; wie ihm schien, war es
ein Samtkleid, was sie anhatte und das ihm sonderlicherweise deutlicher
war als ihr Gesicht, denn da strten ihn die hellen Farben und die
Undeutlichkeit der Zge auf dem Bilde. Die langsamen Worte des Malers,
der eine Pause lie hinter jedem seiner kurzen Stze, banden ihn
seltsam. Nun, da er schwieg, seinen Bleistift wieder aus der
Westentasche holte und darauf niedersah, wie er ihn vorm Scho in seiner
Hlse hin und her schob, merkte Georg, da er sprach, wie wenn er malte
oder zeichnete: eine Linie zog -- und einen Bogen daran setzte, eine
andre Linie an ganz andrer Stelle des Blattes, und ganz von unten herauf
eine dritte, langsam hin und her gebogene, und pltzlich alle drei noch
zusammenhanglosen und unkenntlichen zusammengriff mit einer vierten, und
absonderlich war aus drei und vier Unverstndlichkeiten eine Klarheit,
ein Bild und ein Sinn geworden; ja, ein Gesicht -- auf einen Augenblitz
erschien es Georg in seiner dunklen Abgeschlossenheit -- ein Leben,
Blick und Gebrde, und Erinnerung schon, Gewordensein und Vergangenheit.
Georg sah deutlich das Blatt, auf dem der Maler zeichnete; es lag auf
seinem rechten Knie, er sah darauf nieder und sprach und zeichnete
gleichzeitig, und das war nun merkwrdig, da seine Worte und seine
Zeichnung aneinander hinliefen, unverbunden ... Georg, da der Maler noch
immer schwieg, htte gern den Mund geffnet und gesagt, wenn er es htte
sagen knnen, wie ihm soeben klar geworden sei, da alles Gedachte,
aller Sinn gar nicht in den Worten bestehe, in denen er gefat wurde,
sondern ganz fern dahinter sich selbst gestalte -- denn diese
Wahrnehmung schien ihm bedeutsam zu dem zu passen, was er vor Stunden
mit dem Maler gesprochen hatte, weil das Bild, das der Maler im Innern
hatte, und das, welches Georg sich selber herstellte aus des Malers
Worten, gewi einander ungemein fremd waren, lose zusammenhangend, o so
lose nur in der Schilderung ...

In diesem Augenblick hob Bogner das Gesicht, sein Blick traf auf Georgs
Gesicht von ferne, glitt wie von einer leeren Flche davon ab und zu dem
Gemlde berm Harmonium, wo er einen Augenblick anhielt, und der Maler
sprach weiter.

Nun mu ich sagen, wie ich sie kennenlernte. Irgendwie war ich von
Paris nach Berlin verschlagen -- so -- mein Vater war Sanittsrat und
ist es wohl noch; ich mute mit siebzehn Jahren das Haus verlassen. Ein
Freund untersttzte mich eine Weile, nun -- das tut nichts zur Sache,
jedenfalls -- -- es kam jener Winter in Berlin, wo ich Schnee geschippt
habe. Ein gefallenes Pferd, dem wir aufhalfen, warf mich gegen einen
Laternenpfahl. Mit Frhlingsanfang kam ich aus der Klinik und hatte nun
nichts mehr. Nun ... Nun war ich sehr schwach, irgendwie vergingen noch
ein paar Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Eines Tages bekam
ich auf einer Bank im Tiergarten einen Schwcheanfall, und als ich
erwachte, hatte ich zwei Taler in der Tasche. Der eine reichte eine
Zeitlang fr Essen, fr den andern gab ich eine Anzeige auf, ganz dumm,
eine Heiratsannonce. Junger Knstler, dicht am Verhungern. Wie man so
ist. Ich bekam drei Briefe. Einer war Ulk, in einem war ein
Hundertmarkschein, den dritten bringe ich wohl noch zusammen ... Ihre
Annonce im Anzeiger ist so eigenartig, da ich nicht wei, ob ich mehr
ber sie staune oder ber mich, die sie beantwortet. Sollte sie die
Wahrheit enthalten, so scheint mir Eile das Notwendigste zu sein, das
heit, Ihnen mu geholfen werden. Ich bitte Sie deshalb, mir zu
schreiben ... hier kam ein Postamt und eine Chiffre ... wo ich Sie
kennenlernen kann. Drunten standen die Initialen Jot O und eine
Nachschrift: Vielleicht eilt es wirklich, ich werde deshalb morgen
vormittag um elf Uhr in der Nhe des Luisendenkmals im Tiergarten sein.
Ich zweifle nicht, da wir uns erkennen werden.

Sie erkennen Judith sterreicher. Ich war ja nun ein Stockfisch, ich
wollte mir nicht helfen lassen, ich wollte heiraten und das Vermgen der
Frau mit Ruhm bezahlen, und nun hatte ich doch hundert Mark. Aber ich
ging hin. Sie hatte ein braunes Samtkleid an, und ich erkannte sie
gleich. Sie stand, auf ihren Sonnenschirm gesttzt, vor einem
Rhododendrongebsch mit dicken Knospen. Welches Mdchen stellt sich wohl
auf, wenn es bei einem Stelldichein wartet! Nun ging ich auf sie zu,
nahm den Hut ab und sagte steif, ich wre es, es wre aber ein Irrtum,
und ich wollte nun nicht mehr heiraten, wobei sie mich entgeistert
anstarrte. Sie knnen sich ja vielleicht vorstellen, wie ich ausgesehn
haben mag. Dann wurde sie aber wtend und sagte, ich sollte sofort still
sein, sonst liefen die Leute zusammen, packte mich beim Schlafittchen,
zog mich in eine Allee und fing an, dergestalt auf mich einzureden, da
ich weinte. Da trstete sie mich.

Ihr Vater war reich und sehr kunstliebend, ein kleiner, dicker,
jdischer Mann mit einer schnen hohen Stirn und schwermtigen Augen. Er
besa eine kleine Galerie mit damals unbeachteten Sachen von Leibl,
Schuch und Hagemeister. Nun wurde mir ein Atelier eingerichtet, und sie
erzog mich. Immer hatte ich bers Handwerk gegrbelt, ber die neuen
Wege, wie man tut, wenn man ganz jung ist. Nun bekam ich Bcher zu
lesen, mute meine Meinung von ihnen ausformen, womglich schriftlich,
wurde im allgemeinen wie ein Genesender und im besondern wie ein gutes
Kind behandelt, das durch Krankheit geistig zurckgeblieben ist.

Sie war nur gtig zu mir, hartnckig im Verfolgen ihres Planes, aber
milde und freundlich. Sie lehrte mich Erfahrungen erkennen und schrieb
jeden Tag das groe Warum auf die Tafel. Schwerfllig war ich sehr, ich
konnte begreifen, aber nur langsam. Was ich dann hatte, hielt ich fest.
Zum Beispiel Manieren, daraus machte ich mir gar nichts, aber sie bewies
mir, da jede einen kleinen feinen Sinn hatte, und das gefiel mir.
Gemalt hab ich lange Zeit gar nicht. Also ich wurde gereinigt, gelftet,
leer geblasen und ordentlich >renoviert<. Judith durchschaute mich
vollstndig, und alles, was sie tat, war richtig. So bin ich wohl
einigermaen ein Mensch geworden.

Nun ... Nun, das brige ist gleichgltig.

Nun der Schlu.

Ich wei nicht, wer von uns dem Andern damals mehr gewesen ist. Da ich
weniger war, werde ich ihr wohl mehr gewesen sein. Dies ist so. Frher
war sie ein Mdchen gewesen, ihr Vater war ihr alles, hatte sie
unterrichtet, erzogen und gebildet, sie hatte nie einen andern Freund
gehabt als ihn. Ihm zuliebe wahrte sie die alten Gebruche und liebte
sie. An den Freitag Abenden brannten die Kerzen, lag das weie Brot
unter der roten Samtdecke, das Glas Wein ging herum, und ich habe keinen
Freitag erlebt, an dem sie nicht zu Hause gewesen wre.

Nun bekam sie mich, wie einen Sohn, gewi. Sie war ein weiblicher
Hieronymus. Das dacht ich oft, wenn ich in ihr Zimmer kam, abends, wenn
sie bei der Stehlampe sa, umschlossen von den beschatteten Wnden hoher
Bcherregale. Ihr Leben war ohne Schmerz und ohne Sorge verlaufen, nie
hatte es fremde Willkr gelenkt, sondern vterliche Zartheit und die
eigne klare Absicht. Sie liebte es wie ein hbsches Kunstwerk, und sie
hate es, weil es unfruchtbar sei. Eine Zeitlang tuschte ich sie
darber hinweg, ich meine, es trstete sie, mir geben zu knnen. Dann
wurde sie mitrauisch und fing davon zu reden an, da ich ber kurz oder
lang meiner Wege gehn werde. Das war richtig, daran war nichts zu
ndern. Der Tag mute kommen, wo sie mir alles gegeben hatte. Sie hatte
ja nur Wissen fr mich. Freilich auch Gte, wie Mtter, aber immer
wollen die Shne allein gehn und suchen sich ihre Wege.

Nun, vorlufig lebten wir miteinander wie Pallas Athene und Odysseus,
und wenn sie einmal schlechte Reden fhrte, versprach ich ihr, sie zu
malen als jenes Mdchen, das der Dulder im Phakenlande am Brunnen traf
und das ihm den Weg zeigte. Es war ein schner Abend in den Wiesen, und
sie trug den vollen Krug auf der Achsel, gab ihm zu trinken und wies ihm
den Weg in die Stadt und zu den Mnnern, die ihn heimbrachten. -- Ja, so
wre es, sagte sie, sie knnte mir den Weg nach Hause zeigen, aber sie
kme nicht hinein.

Ach, Kinder, sie war gut, sie war gut. Sie war bescheiden, sie lehrte
mich und lie es mich nicht merken, sie wute es immer so darzustellen,
als ob sie beschenkt wrde, als ob sie alles erst durch mich recht von
Grunde kennenlernte. Ich erinnere mich an schne Abende bei der Lampe.
Schon als Junge hatte ich Silhouettenschneiden geliebt, und sie stellte
mir Aufgaben. Sie trennte beliebige Stcke, groe und kleine, aus dem
schwarzen Bogen, dachte sich etwas aus, und dann mute ich es
herausschneiden, damit ich lernte den Raum ausnutzen wie ein Japaner.

Nun das Malen ...

Bogner war still. Er schien nachzudenken; auf einmal holte er, vor sich
hinblickend, seine Pfeife aus der Tasche, dazu einen Beutel aus rotem
Gummi, stopfte sie langsam, tat den Beutel fort, nahm Streichhlzer und
rauchte. Schlielich fing er an:

Also ich wollte sie malen ...

Georg kam es vor, als ob er etwas ganz andres, das er sich unterweil im
stillen vorgesagt und das von ihm selber und der Malkunst handelte,
verschwiege.

Als wir eines Tages, sagte er, am geffneten Fenster saen -- sie
hatte einen Arm auf der Fensterbank und sprach zu mir ins Zimmer hinein
und dann wieder zum Fenster hinaus --, hielt sie auf einmal inne und
sagte: Da! indem sie den Kopf wandte, nach oben, so wie dort. Ich sah
aber nur den Schatten des Schmetterlings auf der Fensterbank, ihn selber
erst spter, wie er im Garten herumschaukelte, ein weies Stckchen. Ich
wei nun nicht, wie sehr ihr Wesen in dem gewesen sein mu, was sie
grade sagte, so da es dann pltzlich ganz in diese Bewegung
hineinschlug, mit der sie sich unterbrach. Jedenfalls -- dies blieb aber
hngen, nur wurde lange Zeit gar nichts daraus. Es kam der Sommer, der
zweite, seit wir uns kannten. Judith verreiste, sie mute eine erkrankte
Schwester ihres Vaters nach der Riviera bringen. Ich war einige Wochen
auf Sylt, aber lange vor ihr wieder in Berlin.

Der Maler hatte ein paar neue Briefbogen hervorgenommen. In jener
Zeit, sagte er, bekam ich den Brief, den ich Ihnen vorlas, und unter
andern auch den folgenden:

Heute mchte ich einen Rat von Ihnen, lieber Freund. Das heit, es wird
wohl darauf hinauskommen, da ich mir Rat schreibe, statt ihn zu
bekommen. Ich habe einen Brief erhalten von einem Mann in Transvaal, der
mich zur Frau haben will. Schon vor einem Jahr, als er fortging, fragte
er an, ich habe aber um Bedenkzeit gebeten bis jetzt. Er schreibt nun,
seine Aufgabe -- er ist Ingenieur -- sei beendet, er habe es in der
Hand, nach Europa zurckzukehren oder einen Bau in einem andern Weltteil
zu leiten, was er von mir abhngig macht. Was schreibe ich ihm?

Nein, Sie knnen mir natrlich nicht helfen. O wie traurig das macht,
nicht zu wissen, was gut fr uns sein wird! Wissen Sie, was mein Leben
bisher gewesen ist? Gut war es, reich, liebevoll und angefllt mit
tausend schnen Dingen. Klingt es nicht lcherlich, zu sagen, da ich
oft sehr unglcklich bin und darbe? Mein Leben ist wie ein blaues
Wsserlein hingeflossen, wohin rinnt es? Mu es nicht irgendwo
hinlaufen, all seine kleinen Schtze zusammenraffen und sagen: Da!? --
Niemals wird es das knnen. Ich habe ja nichts, ich habe alles ja nur
fr mich, es bleibt in mir und bringt weiter nichts hervor. Das bichen
Gutsein mit Uto (das bin ich) meinen Sie, das gilt? Nichts kann ich
ordentlich. Ein bichen zeichnen, ein bichen malen, ein bichen
schreiben und ein bichen Klavier spielen. Dafr wei ich freilich
entsetzlich viel, was hilft mir das? Ich bin doch eine Frau, und die
will, was sie auch habe, immer nur drei Dinge, das Allereinfachste:
einen Menschen liebhaben, fr ihn sorgen -- da hab ich ja nun Uto -- und
so viel Kinder haben, wie sie kriegen kann. Ich werde niemals Kinder
haben knnen, weil ich als Mdchen einmal krank gewesen bin und operiert
werden mute. So hab ich denn mein Leben nur fr mich allein. Mit keinem
andern Leben kann ich es verbinden und weitergeben, ich kann hier nicht
bleiben, wenn meine Zeit um ist, ich gehe ganz fort, wie ich allein
gewesen bin. Nur die Erinnerung bleibt vielleicht eine Weile.

Hier, sagte der Maler, legte ich damals den Brief fort. Ich hatte
inzwischen das Bild dort angefangen und sa davor, als ich den Brief
las, und an dieser Stelle fing ich wieder an zu malen, als ob irgend
etwas mich antriebe, fertigzumachen. Ich arbeitete auch einige Tage,
mute aber wieder aufhren, weil ...

Er unterbrach sich: Ich will eben zu Ende lesen.

Nun, schreibt sie, bin ich also bei diesem Briefe aus Afrika angelangt.
Mein Vater ist ja so reich, da schon frher, so unglaublich es scheint,
Leute gekommen sind, die mich mit in Kauf nehmen wollten. Als Juden
waren sie aber patriarchalisch gesinnt, wollten also Erben haben, und
wenn mein Vater ihnen in meinem Auftrage sagte, da sie darauf bei mir
nicht zu hoffen htten, gingen sie wieder. Ich glaube auch, da kein
ordentlicher Mann, der eben nicht eine Frau ber alles liebt, sie
heiraten wird bei der Gewiheit, da die Ehe kinderlos bleiben wird. Nur
dieser Christ hier ist standhaft geblieben. Er ist ein guter, ernster,
tchtiger Mensch, er teilt auch meine Neigungen in seiner Art, wir
wrden uns gewi vertragen.

Denken Sie, mein guter Junge, das ist nun das erstemal, da man mich
vor einen Entschlu gestellt hat. Ja, und hier, wo es einmal aufs Leben
ankommt, habe ich also nichts gelernt. Was werde ich ihm schreiben? Noch
nie habe ich einem Menschen etwas geschrieben, das ihn traurig machen
konnte. Es mu aber wohl sein ... Nun und so weiter.

Der Maler faltete den Brief, steckte ihn ein und schwieg.

berdem ward Georg inne, da seine Gedanken, wie seine Augen, schon seit
geraumer Zeit an Anna hafteten. Ob sie wohl ganz verstand, was der Maler
gelesen hatte, ob sie es empfunden hatte? -- Er sah ihren am Boden
stehenden linken Fu im weien Schuh und das sichtbare Stck des sanft
gerundeten weien Beins, wie es im hellen Schatten des Rockes
verschwand, und er frstelte leicht, auf einmal, da seine Augen hher
gingen, im Unsichtbaren, denn er konnte sich keine rechte Vorstellung
machen von dem Bein und seiner Bekleidung, nur da dort alles s und
ser und atembeklemmend wurde, empfand er. Abgleitend, verwirrt, sah er
mit klterem Schauder ihr liebliches Gesicht, gesenkt, Schatten der
Lider unter den unsichtbaren Augen, den blassen, zarten Mund und das
seltsam lebendige Haar, in dem ein Hauch, ein Gold und ein Wesen war,
das Sehnsucht erregte, das es so anders machte als jedes andre Haar, als
sein eignes vor allem, dergestalt da es sinnlos schien, es mit ein und
demselben Namen zu nennen. War nicht -- ja, war nicht seines nur
gewachsen, um den Kopf zu bedecken, -- aber das ihre war Verlockung ber
und ber. Seine Haut im Nacken krauste sich, es durchloderte ihn, sie an
sich zu drcken, ganz und gar, ihren Leib zusammenzudrcken, alles zu
wissen, alles ... Und sie? dachte er, dies abschttelnd. Ach, was dachte
sie, was dachte sie nun? Flog sie vielleicht -- nur scheinbar, nur mit
ihrer Haltung lauschend -- ber Meer und Inseln, Wolken zu, von Wolken
beschattet, unbegreiflich hoch ber der festen Erde? Dachte sie an ihn?
fhlte sie ihn? --

Magda hob langsam die Lider, langsam das Gesicht, und pltzlich waren da
ihre Augen, dunkel und fremd, auf ihn gerichtet -- und dann lchelte sie
-- und wurde wieder ernst -- und jetzt -- jetzt errtete sie ganz
langsam, aber immer tiefer ...

Georg hrte die Stimme des Malers, zwang sich fortzusehn und zu hren,
erinnerte sich der Judith, sah einen fernen, unbestimmten Frauenkopf in
einer Dmmrung, -- was hatte sie geschrieben? ... mich in Kauf nehmen
wollten, so unglaublich es scheint ... O, das war hart wie eine
Stahlfeder! -- Der Maler sagte:

Nun also das Ende. Ende September ... So, ich mu erst noch sagen, da
ich inzwischen ein Atelier in der Nhe von Judiths Wohnung bezogen
hatte. Ende September also schrieb sie mir den Tag ihrer Ankunft aus
Mnchen. Am Tage vor dem fr ihr Kommen angesetzten wurde ich durch
einen Boten zu ihr gerufen. Sie war schon da, war zwei Tage eher
gekommen. Nun war ein Unglck geschehn, sie war berfahren worden, sie
lag im Sterben.

Wie das zugegangen war, klrte sich eigentmlich auf. Ein Augenzeuge
des Unfalls war ein Bekannter des Hauses. Er hatte, besonders von
weitem, eine gewisse hnlichkeit mit mir in Gang und Haltung. Judith war
kurzsichtig. Nun hatte dieser Herr Judith an einer Straenkreuzung auf
dem jenseitigen Gehsteig herankommen sehn -- zwischen ihrer und meiner
Wohnung. Er hatte gesehn, da sie ihn bemerkte und ihm lebhaft zuwinkte,
was ihn verwunderte -- es galt aber mir --, und sie war dann, ohne
achtzugeben, ber den Damm gelaufen und von einer Straenbahn zu Boden
geschleudert.

Sie konnte noch ein paar Tage leben. Am Morgen des folgenden Tages kam
sie zu Bewutsein, sprach mit ihrem Vater, schickte ihn hinaus und blieb
mit mir allein. Sie wute, wie es mit ihr stand, und sprach ruhig davon.
Ich habe Papa beauftragt, dafr zu sorgen, da du nie wieder Mangel
leidest, sagte sie. Es fiel uns nicht auf, da sie mich du nannte. Dann
kam ein Augenblick der Schwche, wo sie die Hand ber die Augen legte,
etwas weinte und gestand, das Sterben sei so bitter. Nun sterbe ich aber
doch durch eine gute Torheit, sagte sie, ich, die ich so viel
nichtsnutzige Klugheiten konnte. Um deinetwillen bin ich auf einen
fremden Menschen zugelaufen, aber wir laufen immer auf fremde Menschen
zu, und dann liegen wir unter den Rdern. Sonderbar geht es zu im Leben
... Und sie fand es sehr gut, da ich noch viel trichter gewesen sei
und nicht gemerkt hatte, da eine Frau einen Mann ber alles lieben mu,
fr den sie das tut, was sie fr mich getan hatte. Sie wute alles, und
alles -- Bogner lchelte fremdartig vor sich hin -- alles konnte sie
ausdrcken wie der al Manach. -- --

Was sie sonst sagte, war nur fr mich.

Nun fragte sie nach ihrem Bilde. Als ich sagte, es sei unterlegt,
verlangte sie, da ich es fertig machte. Sie wollte vor ihrem Tode noch
wissen, sagte sie, da doch ein Hauch von ihr hier oben bliebe, wo es
hell und warm sei. -- Ihr Schlafzimmer war gro und licht, das Bild
wurde hereingeschafft, ich fing auch gleich an ...

Aber vorwrts kam ich nicht. Das Fenster war offen, ich hrte die
Bienen und Kfer unter den Kronen der Bume summen und konnte nichts
sehn, bis ich fhlte, wie die Zeit fortrann. Vom Bett her hrte ich sie
mehrmals etwas sagen, -- ich sollte doch rauchen, sonst wrde es wohl
nie etwas werden. So ward es denn alltglicher.

Sie starb, aber daran durfte nicht gedacht werden. Nicht gedacht, das
ist es. Aber das Sterben war im Zimmer, es war in meinen Augen und
meiner Hand, und es ist auf die Leinwand gekommen, und -- und so sieht
es nun aus. -- --

Die Nacht wurde schlimm, nun -- alles das braucht nicht gesagt zu
werden. Ich begann zu malen am andern Morgen, als sie noch schlief,
malte bis zum Nachmittag, und dann wurde ich lahm. Nur ihr Gesicht
fehlte. Ich konnte es nicht mehr finden. Das war schlimm.

Sie selbst war schon sehr verndert, ihr Gesicht sah kindlicher aus und
ganz klein, die Augen wollten sich nicht mehr ffnen. Nebenan hrte ich
ihren Vater ber den Teppichen auf und ab laufen. Wenn ich ihr Gesicht
in der Dmmrung hinter den Bambusrohren und fliegenden Reihern ihres
japanischen Wandschirms betrachtete, konnte ich sehn, wie das Leben
gleich dnnen Schalen davon weggenommen wurde. Als sollte berhaupt
nichts brigbleiben. Einmal fate ich mir ein Herz und redete sie an, in
der Hoffnung, sie mchte noch einmal die Augen ffnen, aber sie konnte
nicht. Die Zeit verging, und dann half es ja nichts, ich ging zur
Staffelei und ffnete ihre Augen.

Das wurde es, was Sie da sehn. Sie ist es nicht. Ich wei nicht, was es
ist. Es ist das, was ich gemacht habe.

Gegen Abend wars fertig. Ich trug es in die Nhe ihres Bettes, sie
erwachte, sagte, es sei so bunt, -- und schlief noch einmal fr eine
Stunde ein.

Spter sprach sie noch mit uns, aber -- -- nun, das reichte fr viele
Jahre. Sie schwieg, wir warteten noch auf ein letztes Wort, aber es kam
nur das langsame Kaltwerden.

Der Maler war still. Es war dunkler geworden, und Georg sah, da die
Sonne hinter einem riesigen Gemuer von wei und grauem Gewlke stand,
gerade in der ffnung der Allee durch das Wldchen. Magda hatte sich mit
ihrem Stuhl wieder herumgedreht und sah zu dem Bilde auf. Bogner erhob
sich, kam langsam durch den Saal bis zu Georgs Fenster und klopfte seine
Pfeife aus auf dem ueren Sims. Eine Weile spter sagte er,
hinausschauend:

Sie war so dunkel und traurig innen. Aber das Bild, das von ihr gemalt
wurde, ist Sonne, Wrme und kein Schatten als der eines Falters, der
vorberfliegt. Ich habe es nicht gemalt; durch mich wurde es gemalt. Sie
war der Gottheit lieb. Ihr Sterbliches liegt auf irgendeinem Friedhof
bei irgendeiner wilden Stadt. Es ist eine schmerzliche Frmmigkeit in
der Welt, -- sie hat keinen Namen. Sie war in ihr und in dem, der dies
gemacht hat. Das gengt.

Georg hatte vor verdunkelten Augen undeutlich die Schrift auf dem
Bilderrahmen, und es zog ihm, seltsam einschnrend, durch die Brust:
Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf ... Vorgebeugt sah
er von weitem einen Schein des Gemalten. Es leuchtete selbsteigen und
zeigte geheimnisvoll sein unsterbliches Eigentum, den Schmelz von Dauer
und Vergngnis auf einem Gesicht, das die goldene Luft berhrt.

Augenblicke spter merkte er, da ein berstarker Seufzer seine Brust
anfllte, er mute sich zurcklehnen und ihn langsam und vorsichtig
entlassen, damit er nicht hrbar wrde.

Im gleichen Augenblick gewahrte er, da der Maler neben ihm sich
zusammenraffte, einen Schritt zurcktrat und sich tief verbeugte. Georg
wandte sich. Seine Mutter stand in der Tr.


                              Die Herzogin

Fr Georg ging von der Erscheinung seiner Mutter ein Licht aus --
Schreck und Staunen --, das er im ersten Augenblick kaum begriff. Sie
stand da, voll in einem tiefen Sonnenglanz, gekleidet in ein gelbliches
Gewlk, das an ihr rieselte, schlank, unverhofft gro, jedoch zierlich,
und ber dem sehr schlanken, freien Halse schwebte das schmale und
zarte, hagre Gesicht mit gebogener Nase, zu deren Seiten, unter starken,
schmerzlichen Brauen, die unbeschreiblich klugen und dunklen, braunen
Augen leuchteten, -- und aus dem dunkelbraunen Haupt kurzgeschnittener
Locken fiel hinter der linken Ohrmuschel hervor die eine, kostbar lang
und schwer gewundene bis hinunter am Hals in den Ausschnitt des Kleides.
Ja, so stand sie, schwebend; Georg erinnerte sich nicht, sie je so
gesehen zu haben, -- freilich -- wie oft hatte er sie gesehn in den
letzten Jahren? keine sechsmal, und das letzte war Monate her. --
berdem streckte sie nun lchelnd den rechten Arm nach Bogner hin aus,
und whrend der sich zum Ku auf diese pltzlich erschienene kleine
Anmutslinie, diese Welle von Fingern, Fingergliedern und Kncheln,
Handrcken, Handgelenk und Arm beugte, eilte Magda von der Seite heran,
um an ihrer linken Hand zusammenzusinken, die vom leicht und schrg
emporgesttzten Unterarm so leicht herabwehte wie ein Blatt, worauf sie
das Mdchen an sich zog, mtterlich mit dem Arm umschlo und kte.

Wie schn, Herr Bogner, da ich Sie gleich zuerst treffe! sagte sie,
nicht wahr, Sie sind der Maler? Und, wieder zu Magda gewandt: Nun,
mein Kleines, was giebt es denn Gutes?

Ach, Tante Helene, etwas Herrliches! Ich bin geflogen, denke dir, mit
einem Flugapparat, den Onkel Woldemar erfunden hat, er ist hier, ja, du
kannst ihn sehn, wenn du magst, er steht gleich hinterm Wldchen auf der
Wiese!

Aber natrlich, den mu ich sehn. Stiefeln wir los! sagte sie munter,
ist noch Zeit vor dem Abendessen?

Georg blickte auf die Uhr, fand, da es halb acht war, und sagte, es sei
noch eine halbe Stunde. Seine Mutter nahm Magdas Arm und wandte sich zum
Gehn, indem sie, den Maler mit einem zweiten, womglich noch
kstlicheren Lcheln beschenkend, zu ihm sagte, sie liebe sein Bild
sehr, weil auf ihm das Allervergnglichste zu so viel Stille und Ruhe
geworden sei; immer sei es wie der trstliche Wink eines holden Geistes,
sooft sie daran vorbergehe.

Und nun, sagte sie, ber die Schulter den Kopf zu dem Bilde hinwendend
und wieder zurck, nun mssen Sie mir gleich etwas erklren. Wie ist
das mit der Kontur? Darber wird doch heut so viel gestritten, und die
einen sagen, es gebe gar keine ...

So ist sie nun ... dachte Georg. Einmal alle hundert Jahr kommt sie zum
Vorschein und wei alles --, aber was sagte denn dieser Maler da, dieser
unglaubliche Mensch?

Hoheit, sagte der Maler, wenn ich bei meiner Malerei je einen
Grundsatz befolgt habe, so wei ich von diesem Augenblick an, da er
recht war ...

Ach, meinte sie lchelnd, von diesem Augenblick? das ist reizend! Und
nun den Grundsatz!

Alles, was lebt, Hoheit, leuchtet -- wie es beleuchtet von auen wird
-- von innen, und wo das uere Licht mit dem inneren sich mischt, da
ist die Kontur. Sie ist sehr flchtig, sie ist der Augenblick, in dem
Gegenwart aus Vergangenheit und Zukunft besteht, die Ruhe auf der
Flucht. Bin ich zu verstehn, Hoheit? Die Linie, wo das uere Licht
Seele wird und die innere Seele zu Licht, das ist die Kontur.

Sie sah ihn ernsthaft an. -- wo das uere Licht Seele wird?
antwortete sie. Aber wie wird es Seele?

Ja, sagte er nicht minder ernst, und wie wird die innere Seele zu
Licht?

Das war eine schne Antwort, nickte sie, im langsamen Vorwrtsgehn
mittlerweil an der Saaltre angelangt, die der Maler ffnete. Georg
wollte folgen, als ihn pltzlich ein Zufallsblick auf Bogners Gemlde
zurckhielt. Er ging rasch darauf zu, trat darunter und sphte
angestrengt zu ihm empor.

Nein, sagte er bei sich selber, sie sieht doch nicht wie Mama aus, wie
kam ich nur darauf?

Ihm war auf einmal sonderbar ngstlich zumut. Er suchte, weshalb das so
war; vor seinen wieder gesenkten Augen flimmerten die auf dem Tapet
liegenden Noten, er setzte sich auf den Drehstuhl, drckte
gefhlsverloren eine Taste nieder, und minutenlang verging ihm alles in
Leere.

Ja, nun wei ich schon, sagte er aufschreckend und aufatmend. Hoheit,
sagte er, und sie war nur ein Freifrulein aus Schleswig, und wie hatte
er doch recht! Einen Tropfen kniglichen Abenzerragenbluts soll sie
freilich haben, ja einen Hauch womglich von Boabdil el Chico her, aber
--, den Zusammenhang einen Augenblick ber phantastischen Vorstellungen
versunkener, alhambrischer Herrlichkeiten verlierend, glhte er wieder
auf. So sieht sie aus, so tritt sie hervor aus ihrem Dunkel, und dies
Dunkel ist ihr Leben, da mu sie begraben sein, und es ist kaum einer,
der es wei und danach fragt. Ein Tier kann sich klaglos verkriechen und
untergehn, aber mit ihr -- -- es ist doch --, ja, sollte man nicht
meinen, da mit dem Augenblick ihres Untergangs ein ganzer Hofstaat mit
Damen und Rittern und Trabanten und Sklaven versinken sollte? Aber wie
komm ich darauf? Ach! Boabdil el Chico, er zog ja wohl mit dem Untergang
seines Reiches in den Berg ein, wo sie alle mit ihm schlafen, um in
Mondnchten einmal zu geisterhaftem Leben zu erwachen ...

Wieder emporsehend aus seiner Beklemmung, gewahrte er noch immer und
unwandelbar die leuchtende Fremde ber sich sitzen.

Ja und du, sprach er vor sich hin, dich hatten wir gleich wieder
vergessen, und ich wei nicht einmal: ist das, was er von dir erzhlte,
wirklich gewesen oder nur erfunden, als knnte ich es in einem Buch
gelesen haben? Nein, nein, es ist nur so mit dir: sprechen kann man
nicht mehr von dir, kein noch so gutes Wort macht dich lebendig, alles,
was von dir brigblieb und lebt, das bist du dort oben. Wre das dein
Leben gewesen, was er erzhlte? Begriffe warens doch, Auszge,
erklrende Exzerpte aus dem Lebensbuch, nicht das Leben selbst. Nicht
Feuer des Auges und Luft beim Gang und Eintreten ins Zimmer, nicht die
schlaflosen Nchte selbst und das Ankleiden am Morgen, wenn alles fremd
scheint, und man wei nicht, wozu. Die Stimme nicht, nur ein paar
Gedanken, eine Flaumfeder des Daseins, -- es war ja nur Bogners Stimme,
war nur sein Ohr, sein Auge und Herz, die von alledem einen Abdruck
genommen hatten und uns nun fhlen lieen mit schlecht empfindendem
Finger. Was fehlte nicht alles an Wirklichkeit! All das unwichtig
Scheinende grade, das doch das Allerwichtigste ist! -- da -- ja was?
Man vergit es ja, so leicht ist es, aber da, wenn sie sagte: Wir
wollen zum Garten gehn, -- sie eben davon nichts sagte, oder etwas
sagte, das gar nichts galt, denn da war die Gebrde, in der schon der
Garten war, an der man schon erriet, was sie wollte, eine Wendung des
Halses, zu der sie vielleicht sagte: Wie wrs ... Oder: es ist ganz klar
geworden, wir knnen am Ende ... Ach, und so war ihr Hauch fern an ihm
vorbergezogen, lebend und sterbend, aber ihr Leben und ihr Sterben, die
hatten ihn nicht getroffen, die waren ja lange abgetan, sondern da der
Maler sagte: Es ist eine schmerzliche Frmmigkeit ... Nein, nicht einmal
das, sondern: Das gengt ... Oder -- auch dies nicht, sondern wie er es
sagte, wie er die Pfeife ausklopfte und dann dastand und aus dem Fenster
sah, und wie zu fhlen war, da wieder in ihm lebte, was er einst getan
und litt, und wie er das nun am Ende alles, alles zusammengriff und
knotete in diese zwei Worte: Das gengt ... Und dann? Ja dann stand Mama
in der Tr ... Lieber Gott, wie furchtbar, wie seltsam ist nur das Leben
...

Pltzlich fiel Georg ein, da er sich ja zum Essen anzukleiden hatte, er
schrak zusammen und lief hinaus.

Wie er aber den Flur hinunter am Treppenhaus vorbereilte, gewahrte er
pltzlich unterhalb, in der ersten Biegung des Gelnders Maler Bogner,
der sein Skizzenbuch darauf gelegt hatte und darin zeichnete. Georg trat
einen Schritt nher und blieb stehn, gleich darauf hob der Maler unten
den Kopf, sagte: Sie sinds, machte wieder einen Strich und rief auf
einmal, erwacht und emporsehend: Achtunddreiig Jahre, nicht wahr,
Durchlaucht?

Wie? fragte Georg unverstehend.

Der Maler richtete sich auf, schlug sich mit der Hand auf die Stirn und
sagte: Welch abscheuliche Taktlosigkeit! Ich fragte nach dem Alter der
Herzogin.

Georg lachte. Ja, das kann stimmen, sie ist drei oder vier Jahre jnger
als Papa, und der ist im Februar --

Ich wute es ja, sagte Bogner, der ganz hei und rot aussah, wie Georg
jetzt entdeckte. Eine Frau von achtunddreiig Jahren, wenn sie schn
ist, ist der Inbegriff.

Ist Mama denn schn? fragte Georg, nicht weil er es nicht glaubte,
sondern um es zu hren. Der Maler zog die Brauen hoch und lchelte.

Dummheiten, sagte er. Schnheit ist das einzige, was es nie gegeben
hat!

Nanu? -- Ihre Stimmen hallten im Treppenhaus. Was ist denn Schnheit,
bitte?

Sie giebts ja nicht, sag ich doch. Oder -- -- ich will Ihnen sagen --
-- es steht im Faust. Wissen Sie die Stelle? Wie fngt es gleich an?

   Wie alles sich zum Ganzen webt,
   Eins in dem andern wirkt und lebt ...

Hren Sie wohl, junger Mensch? Eins in dem andern wirkt und lebt!

   Wie Himmelskrfte auf und nieder steigen
   Und sich die goldnen Eimer reichen!
   Mit segenduftenden Schwingen
   Harmonisch all das All durchklingen!

Harmonisch, haben Sie es gehrt? Vollendung in sich selbst, Ordnung,
Harmonie, etwas andres hat es nie gegeben. Warum giebt es uns denn,
Maler, Dichter und so weiter? Damit wir sie herstellen. Wir sehen sie,
und wir stellen sie her, indem wir das eine weglassen und das andre
betonen, jene Teile betonen, welche die Harmonie ergeben. Wir breiten
das Kleid der Muttergottes und ordnen die Engel herum, wir ziehen aus
einem Bndel Suppenkraut, einem Tontopf und einer gewrgten Ente drei
Tupfen von erlauchtem Grn, und da fhlen Sie sich wohlgetan an Ihrer
pltzlich sehenden Seele! Was aber schn ist, leuchtet aus ihm selbst!
Haben Sie das nie gelesen? Unglaublich! Achtunddreiig Jahre alt und die
Mutter dieses Knaben!

Er lachte, aber merkwrdig verwirrt. Georg lachte mit, an seiner ganzen
Seele geschmeichelt und getrstet, da die Mama einen solchen Feuerbrand
in diesen Maler geworfen, vielmehr Wasser aus dem Felsen geschlagen
hatte, denn wie strahlte er auf einmal von Beredsamkeit. Jetzt, da er
sich schon zum Tiefersteigen gewendet hatte, kam der Maler hingegen die
zehn Stufen heraufgelaufen, blieb unter Georg stehn und sagte:

Haben Sie das eigentlich gesehn? Die rechte Hand, mit dem Arm, wie ich
sie bekam, und wie das flo! Und die linke erst, wie der Oberarm nach
unten ging, und der Unterarm wieder nach oben, und dann die Hand und die
Finger herabflatterten wie ein Weinblatt, und wie all das flo aus der
Gestalt und wieder zurck, und dann die Locke, haben Sie vielleicht die
Locke berhaupt gesehn? Ach, sieh an, waren Sie das nicht, der mich heut
fragte, was eine Seele wre? Haben Sie sie nun gesehn, diese Seele eines
Armes und einer Hand? Herzogtmer! rief er, und ich werde es malen!

Wenn sie nicht so leidend wre ... sagte Georg traurig und leise.

Ach, meinte Bogner, der sich um das Leiden nicht zu kmmern schien,
es brauchten ja keine endlosen Sitzungen sein! Eine gute Photographie
tte es auch, und wenn ich die Herzogin nur noch dreimal, nur noch
einmal sehn knnte ...

Georg nickte lebhaft. Bitten jedenfalls mssen Sie darum! Es wird sie
ja so freuen! Wir mssen uns hinter Papa stecken, wissen Sie! Er mu
sich das Bild als Geschenk ausbitten, aber es wird hchste Zeit, wir
sind beide noch nicht im Frack, entschuldigen Sie, und auf Wiedersehn!

Aufgeregt und entzckt und beklommen entlief er.

Nach dem Waschen, ntiger Befriedigung sonstiger Bedrfnisse und dem
Ankleiden, womit er, vom Diener untersttzt, in Minuten fertig wurde,
fand Georg, da seine Erregtheit einen hohen Grad von Klte und
seltsamer Starrheit angenommen hatte. Er mute die Brust dehnen und tief
atmen, allein es half nichts, die Pressung, die Atemnot blieb, die
Hnde, obwohl blank und trocken, schienen ihm feucht, seine Gedanken
irrten, er dachte fortwhrend, in solchen Bruchstcken jedoch, da ihm
selber nichts mehr bewut wurde, doch dachte er an Anna. Die Uhr
einsteckend, bemerkte er, da noch ein paar Minuten an acht fehlten, und
trat, um sich zu sammeln, noch einmal in sein Zimmer und am Schreibtisch
vorber vor das rechte Fenster, das er ffnete. Die Hnde flogen ihm
pltzlich dabei, sein ganzer Oberkrper zitterte nach, in heftigster
Angst neigte er sich vor, um nach ihr zu sehn ...

Aus den vielen Schatten umher war unterweil alles Schatten und Abend
geworden. Ringsum standen die Wipfel in schner Glut, die sie von Westen
durchbrach; das Gerusch des Meers war in der Ferne hrbar, die Luft war
kaum bewegt und schon khl. Auf der Terrasse war der Abendtisch gedeckt.
An der Brstung lehnte Onkel Salomon mit einer Zeitung und las.
Egloffstein, alt, rasiert und gebckt, ging lautlos um die Tafel, rckte
an den Sthlen und drckte eine gefaltete Serviette zusammen; pltzlich
glnzte der Atlas seiner Kniehosen ganz rot auf der einen Seite. --
Sonst war niemand zu sehn.

Wie einsam bin ich auf einmal! dachte Georg. Ja -- bin ich es nicht
immer, wir alle? Aber der Abend! Es ist so fremd und verworren alles,
aber der Abend dringt so einfach und so sanft in das Blut. -- Wieder von
innerem Frost geschttelt, grub er sich heftiger ins Gedachte. -- Das
Wirkliche, ja -- wie ist es immer so fern und wie verschollen,
unbegreiflich wie die Toten und ihre Erinnerung, wie diese Judith, die
gewi allen glcklich schien, -- so wie Mama, wenn sie einmal erscheint,
-- und die lebte, damit ihre scheidende Seele in die Farbe eines
glckseligen Bildes schmelze, ach, eines Bildes, das trstet und belebt,
wie Mama doch sagte. So ber alle Maen stark ist das einfach Sichtbare
und das Leuchtende, das Schne! --

Georg sah die rote Sonnenscheibe pltzlich durch die alten Baumwipfel
glhn. Gereinigt lag alles da, atmete sanften Eifers und ward dunkel.

Ach, da gehen die Beiden! -- Hinausgebeugt sah Georg weit zur Linken ein
paar ganz goldene Stmme am Rande des Hains, ein Busch daneben stand in
feurig roter Lohe, unbegreiflich stille brennend und unverzehrt. Wohl
von der ueren Allee her, die Georg nicht mehr sehen konnte, kamen die
beiden Frauengestalten langsam Arm in Arm, auf den Busch zu und vorber,
die weilichgelbe und die lichtgrne, und jetzt, da sie vor die Lichtung
der Mittelallee gekommen waren und stehenblieben, flammten sie,
glutbergossen, rtlich und golden auf; dann bewegten sie sich wieder,
erloschen und wanderten im Bogen um den riesigen grnen Platz unter dem
Nordflgel einher, so da Georg nun auch die Gesichter sehen konnte.
Hoch darber, in seliger Lautlosigkeit brannte ein feuerdurchronnener
Wipfel. Der Himmel war nun weit aufgetan und nur Licht. Georg hrte die
Tauben auf dem Dache unsichtbar, dort, wo es noch ganz hell war; unten
der Schatten ... Geliebte und Mutter, beide wie fremd, wie schn, wie
verzaubert! Da schien ihm der Garten unten ein magischer Garten, eine
Gegend, wo Abgeschiedene sich ergehn, die mehr still als glcklich sind,
obgleich von vieler Schwere befreit. Er, oben darber, konnte nicht
hinein, -- und wollte er vielleicht?

Ach, das war der Schein, das war der Abend! Nun war sie fr eine Stunde
von den grbsten Qualen befreit, fr eine Stunde ... Du lieber Gott, es
gab ja viel rmere, immer noch rmere! solche, die unter Brckenbogen
schliefen, und Zuchthusler und Sibirien und entsetzliches
Menschendasein, zu Dutzenden in einem Zimmer, mit allem Schmutz und
allen Verrichtungen zusammengepfercht, und dies war der Grund der Welt,
abgrndig in immer tieferes Leiden hinunter, und er hier oben, nach
Thronen und Kronen lstern, wie rechtlos!

Da erinnerte er sich. Ja, habe ich das denn ganz vergessen? fragte er
sich fast entsetzt. Warum verga ich denn das so? -- berdem aber
erschien ihm das Gesicht seines Vaters whrend der letzten Minute ihres
Beisammenseins, erschien ihm Zug um Zug, wie eingebrannt in die Luft,
und pltzlich mute er denken: Aber wie sonderbar, da er immer nur von
mir sprach! Das bedachte ich ja gar nicht! Von meiner Grojhrigkeit
sprach er, und da dann die Jahrhundertfrist abgelaufen sein wrde, --
und brigens, warum lchelte er fortwhrend so geheimnisvoll? Und warum
will er selber, er ist doch kein alter Mann, warum also will er selber
nicht zur Regierung? Er hielt ja freilich vom Ganzen nicht viel, aber
mich wollte er doch, scheints, dazu haben! Seine Lahmheit? Oder ist es
der Kummer um Mama, die an nichts mehr teilnehmen kann? Ja, wrde es
anders sein, wenn er, wenn sie Beide gesund wren -- --?

Indem erschienen der groe Chalybus und Baschkirtseff vom
Verwalterhause her und trafen mit den Frauen, die sich umgewandt hatten,
zusammen. Der Mime verneigte sich vielmals. Er wird sie belustigen,
dachte Georg, und sie wird ihn am Halfter haben wie ein Maultier. Jetzt
wurde in der weit offenen Tr zum Vogelsaal der Herzog sichtbar, wankte,
mit den Stcken vorausfuend, eilig zum Tisch und setzte sich;
Egloffstein trug die Stcke ins Haus.

Georg, Anna mit einem Blick streifend, mute pltzlich die Augen
schlieen. Es brandete rot, grne Kreise erschienen, und whrend sie
sich vor und zurck dehnten, zwang er Anna, zu erscheinen, sie kam,
nein, sie lag an ihm, er sprte ihren ganzen Leib, Brust und Knie, ihr
Kopf lag an seiner Schulter, von bermigem Durst erfllt, beugte er
sich darauf, es zerging ...

Der Leutnant, grn und rot in Jgeruniform, kam mit Bogner um die Ecke
des Nordflgels, Magda ging ihnen entgegen, Georgs Mutter stieg eben die
Terrasse hinauf; an Doktor Birnbaum, ihm zunickend, vorber ging sie um
den Tisch zu ihrem Mann und kte seine Stirn, whrend er sich halb
erhob. Nun haben sie Beide Mitleid miteinander, dachte Georg und konnte
sich, verschwimmenden Auges, nicht losreien vom Hinsehn. Ist das Leid,
fragte er sich, vielleicht noch trauriger, wenn es so schn ist? -- Ach,
du, du, du, herrschte er sich an, du siehst ja immer nur zu, und was zum
Teufel liegt daran, wie etwas aussieht, oder was es bedeutet, da doch
ganz blind ist, wer leidet, und nichts sieht als die Qual, tage- und
jahrelang!

So entschlo er sich, aufzustehen, und ging hinaus.


                               Abendtisch

Also darum? Merkwrdig! dachte Georg, als er, anstatt durch das Haus zu
gehn und vom Vogelsaal her die Terrasse zu betreten, um die Ecke des
Flgels kommend, Magda allein zur Seite der Treppe bei den Rosenstcken
stehn sah, in der Absicht scheinbar, eine zu pflcken, derweil oben ber
der Brstung eben die Andern sich um den Tisch niederlieen, so da von
ihnen alles verschwand, whrend Georg nher ging, bis auf Kpfe und
Schultern. Eiskalt, von Schaudern Zitterns innerlich mehr als uerlich
fortwhrend berlaufen, klopfte ihm strker das Herz bei dem Gedanken,
da sie und er jetzt von keinem gesehen wurden. Als er den Weg von der
Seite her auf sie zuging, blickte sie um, errtete sonderbar und
lchelte. Georg, nach einem Einfalle jagend fr eine Verabredung nach
dem Essen, fand nichts und sagte schlielich stockend, auch von einer
pltzlichen und sen Reue ergriffen: Du mut mir noch von deinem Fluge
erzhlen, ja?

Da hatte sie sich wieder dem weien Rosenstock zugewandt, der etwas
niedriger war als die andern; das Gras um ihn her war wie bei den andern
mit abgefallenen Blttern bedeckt, und von den Blten am Strauch waren
nur wenige noch vollkommen, auch diese, weit offen, zeigten ihre gelben
Staubgefe. Er sah das alles, neben ihr stehend, whrend sie nur leise,
ohne zu antworten, den Kopf hin und her bewegte, dann, vom Wege sich
etwas berbeugend, den Stamm erfate und leicht schttelte, so da noch
Regentropfen und eine Menge Bltter abflatterten; gleichzeitig, als ob
sie allein wre, sah sie nach oben, wo Stimmengewirr und Gelchter tnte
und ganz rechts der Kopf von Georgs Vater im Profil sichtbar war, links
von ihm Kopf und grner Rcken des Leutnants. -- Sie wollte nun eine
noch halb geschlossene Rose ablsen, aber der Stiel war zh, Georg sah
versunken zu, wie sie heftiger zerrte, -- Bltter ber Bltter
entflatterten bestndig, er dachte, sie macht Schmetterlinge ... endlich
hatte sie die weie Blte in der Hand, nahm sie in die andre, bemerkte
einen roten Tropfen am Mittelfinger der rechten, drehte sich langsam zu
Georg und streckte ihm lchelnd den Finger entgegen, sanft damit ber
seine Lippen streichend, so da der Tropfen sich vermischte. Ihr Kopf
sank allgemach auf die Brust ...

Anna! -- Ist dir etwas? -- Anna! brachte er heiser hervor.

Sie sah verwirrt auf, schien pltzlich zu begreifen, wo sie war, lachte
hell auf.

Nachher! Nachher! rief sie ihm zu, whrend sie den Weg hinab, um die
Ecke und die Treppe hinauflief. Georg begriff nichts und sprang
hinterdrein; die letzten Stufen ersteigend, sah er, wie sie die Rose, um
den Tisch laufend, vor Bogner auf den Teller warf. Georgs Mutter neben
ihm sah auf, lchelte und nickte erst Magda, dann ihm selber zu, und er
setzte sich auf den freien Stuhl ihr gegenber zwischen den Leutnant und
Magdas Vater. Noch sah er, wie sie, links von seiner Mutter sich
setzend, sich vorneigte, um dem Maler zuzunicken, dann glitt ihr Blick
zu ihm herber, und als er ihn traf, verste ihr ganzes Gesicht mit
einem innern Erschrecken sich dergestalt, da ihm das Herz stillstand.
Sie schlug die Augen nieder. Nun wute er alles, alles! Einen Augenblick
war alle Angst verflogen, das Se, das er bekommen hatte, durchsickerte
ihn, langsam kehrte die Angst, und heftiger nur, zurck, aber nun
lauerten Ahnungen, berwltigend schon von fern, in der Tiefe, Triumphe,
von denen er den Blick wegwenden mute, um alles aufzusparen, und so sa
er denn in sich selbst wie in einem schtteren Gehus von Gluten und
Frost, a derweil, nahm von Schsseln und Platten, die links von ihm
erschienen, und a Salat, oder Mayonnaise, kalten Braten, oder was es
nun war, sa und brauste, und war umbraust von vor- und rckwrts
bewegten Gesichtern, Augen, die ihn streiften, lachenden Mndern,
Gabeln, die auf und nieder gingen, Glsern, sah dazwischen pltzlich das
Gesicht von Franz, der, eine Schssel reichend, mit unerschttertem
Ernst und teilnahmslos darauf niederblickte, und schon war alles
vergangen, eine Wasserflche schien vor ihm zu sein, in die bestndig
kleine Steine geworfen wurden, so da es Ringe gab, die sich ausdehnten,
einander kreuzten, aufhrten und wieder begannen, bis das Wasser
schaukelte und Wellen schlug. Tief unten darin war vielleicht Annas
Gesicht oder ein Rosenstrauch und ein durchdringendes Auge in ihm.

Einmal hrte er lauter Gelchter aus dem Wirrwarr, jedes einzeln, Annas
leichtes, reines, Baschkirtseffs prchtiges, schn abgedmpftes
Bhnengelchter und das helle, ehrliche des Leutnants. Einmal war da
Bogners Gesicht, einsam, irgendwie dunkler als die andern und wie aus
Erz. Einmal dachte er, sie schssen unablssig mit kleinen Pfeilen
aufeinander ber den Tisch, und eine Weile spter merkte er, dies
Pfeileschieen war die Unterhaltung. Richtig, wie Federblle,
ungefhrlicher als Pfeile, flogen die Reden hin und her, wurden
aufgefangen und zurckgeschlagen, wobei der Auffangende sich mitunter
weit hintenberlegen mute, und brigens schienen mehr Blle im Spiel zu
sein, als verwandt werden konnten, denn nicht selten kam es vor, da
einer ganz unbeachtet blieb und irgendwo auf die Tischkante fiel und
hinunter, wobei nur der, welcher ihn geschlagen hatte, ihm nichtssagend
nachlachte. Ja, was war das nun eigentlich?

Da sah er sie alle um den Tisch sitzen, aus der ganzen Windrose schienen
sie zusammengeweht: Leutnant und Mime, junges Mdchen und Maler, Papa,
Mama, Onkel Salomon und der groe Chalybus, und doch war dies ein
schnes und glattes Hin und Her, und war ein Wetteifer dabei, so wars
der, mglichst sicher zu werfen, nicht zu gewinnen, sondern im Gegenteil
es dem Mitspieler leicht zu machen, aber wie brachten sie das fertig bei
ihrer Verschiedenartigkeit, und wie hatten sie sich mittags gestritten,
wo es doch noch weniger waren?

Warum so still, mein Junge? hrte er indem seine Mutter sagen und sah
sie auf einmal zu ihm herbernicken.

Freilich, natrlich! Sie war das Ganze. Mittags waren es ja lauter
Mnner gewesen -- unter denen Anna kaum gelten konnte. Dies aber war ein
Gewebe, und seine Mutter war die Meisterin davon. Sie hatte den Aufzug
unsichtbar bereitet, sie hielt alle Fden des Einschlags in der Hand und
lie sie hineingleiten, ohne da jemand es merkte, als htte sie sich in
alle verteilt und lenkte sie von innen, in jedem erratend, was pate,
und mochte sie sich einmal geirrt haben, so war sie es wieder, die es
mit unmerklichem Griff vernderte, so da es pate und im Gewebe
verschwand. Sogar der Baschkirtseff hatte alle Selbstndigkeit
aufgegeben; zwar glaubte Georg sich zu erinnern, da er eine Schnurre
von Kainz und ihm selber erzhlt hatte, aber sie war ganz klein, und ein
Anekdotenerzhler mit Maen durfte in einer richtigen Gesellschaft ja so
wenig fehlen wie der Narr im mittelalterlichen Hofstaat. -- Und bei
alledem hatte sie es noch fertiggebracht, seine Schweigsamkeit zu
bemerken ...

Mein Sohn Georg, sagte sie jetzt, war gewi sehr traurig, da er
nicht mit Ihnen fliegen konnte, Herr Leutnant! Meine kleine Magda war ja
auer sich vor Entzcken. War denn das aber nicht zu gefhrlich, auf die
See hinaus ...

Ach, sagte der Leutnant, das Meer war immer vorne, weil ich aber doch
mit geistigem Auge immer hinter mir war, hab ichs gar nicht gesehn.

So, sie sa hinter Ihnen, bemerkte die Herzogin leicht, wie zur
Erklrung fr sich selber, whrend der Leutnant Magda anlachte, die
dunkelrot wurde, aber tapfer erwiderte, davon htte sie nichts gemerkt,
er htte ihr blo die Aussicht weggenommen mit seinem Lederrcken und
auerdem ihren Schwan berfahren.

O, war das Ihrer, Gndigste? Ich lasse sofort einen neuen kommen. Wo
bekommt man die?

Die Herzogin wies ihn an Doktor Birnbaum, der wisse alles, und er sagte
gleich: No -- in Alfeld, oder jedenfalls bei Hagenbeck.

Hagenbeck? sagte der Baschkirtseff, von der Herzogin angesehn, der
hat ja blo Apen und Boren, und auf einem Pappfelsen hat er einen Kondor
angebunden, ich hab mal 'n Plakat --

Wer war bei Hagenbeck? fragte die Herzogin. Ich mu wissen, ob er
Pinguine hat. Die sollen ja die klgsten Tiere sein, und seit mein Mann
das Buch von Anatol France gelesen hat, wnscht er sich immer Pinguine
zu Weihnachten.

Sie blickte auf Chalybus, und richtig, der hatte sie gesehn. Sie gingen
hin und her, sagte er, und wackelten mit dem Kopf. Sie shen wie Dekane
aus und knnten nicht mal fliegen.

Man wird es ihnen beibringen, erklrte der Leutnant Georg gromtig,
whrend seine Mutter sagte:

Ich frchte, Woldemar, Herr Leutnant Kaspar wird beim Fortfliegen noch
die Wetterfahne von Helenenruh mitnehmen oder ...

Die Wetterfahne, Helene? Ein Leutnant und Wetterfahnen? So was mut du
nicht sagen. Wenn noch -- Georg hrte den Baschkirtseff einen Vers
aufsagen, in dem sich Mensch auf wetterwendsch und uerst wenig
vaterlndsch reimte, whrend der Herzog zu Ende sprach: -- der alte
Stechlin lebte, der sammelte ja welche, da knnte er sie hinbringen.

Also, Chalybus, da mssen Sie aufpassen! mahnte die Herzogin.

Ums Himmels willen, Durchlaucht! Ich habe eine erwachsene Tochter, man
wird sie mir ber Nacht entfhren, samt Wetterfahne und allem!

Was fr Zeiten! klagte sie. Frher kamen Gtter in Schwanengestalt,
heute werden Schwne berfahren, wobei mir die Leda von Klinger
einfllt. Hat er nicht jetzt ein Wandbild in Leipzig gemalt? Kennen Sie
es, Herr Bogner?

Bogner war seines Wissens nie in Leipzig gewesen.

Dann mute Georg es wissen, und, von seiner Mutter lchelnd angeblickt,
merkte er sich schon den Mund ffnen und erklren, es wre eigentlich
kein Bild, sondern mehr eine groe Illustration.

Was fr einen klugen Sohn ich doch habe, sagte seine Mutter und hob
die Tafel auf. -- --

Zu Georg sagte sie dann, als er zum Handku zu ihr kam, er drfe jetzt
einmal eine Weile verschwinden, sie habe mit seinem Papa ein paar Worte
zu reden, und er merkte an ihrem Lcheln tief gerhrt, da es sich um
seinen Geburtstag handle, -- auch daran dachte sie. Anna, die pltzlich
neben ihm stand, meinte leichthin, sie knnten vielleicht noch ein
Stckchen gegen den Deich gehn, zu Lornsens Mhle, und sehn, wie der
Mond aufginge.

Schie Muse! Georg! rief sein Vater, bleibt aber nicht zu lange,
sonst trinken wir die Bowle allein!

Georg nickte und lachte, sich erinnernd, da von einer Pelikanbowle
die Rede gewesen war, und hrte im Enteilen noch seine Mutter ihm
nachrufen, er solle Stiefel anziehn, da es gewi noch na in den Wiesen
sei.

ber Treppen und Flure gestrmt, schpfte Georg Atem auf einem Stuhl im
Ankleidezimmer. Jetzt kam es, jetzt, jetzt! Alles stand in ihm
still, Leere war, furchtbare Beklommenheit, die selig machte.
Aufspringend, whlte er sich in den Kleiderschrank und fand einen
pfefferundsalzfarbenen Rock mit Taschen, Klappen, Riegeln und
Hornknpfen, den er anzog, whrend er mit dem Fu die Tren zum
Stiefelschrank ffnete. Eine Minute spter stand er vllig besinnungslos
auf dem Flur und suchte in allen Abgrnden seines Gedchtnisses, was er
vergessen hatte. Endlich fiel ihm das Teschin ein, er lief die Treppe
hinab und durchs Billardzimmer in die Gewehrkammer, wo er sich dreimal
im Kreise drehte, ahnungslos, was er hier wollte, das kleine Jagdgewehr
in der Ecke stehn sah, einen Schrank aufri, eine Handvoll
Schrotpatronen heraus, und sie in die Tasche stopfte. Den Flur ging er
langsam hinunter, jetzt in groer Furcht. Er merkte, da er, das Gewehr
in der Linken, eine Patrone in der Rechten, bestndig beide miteinander
verglich, ohne ihren Zusammenhang zu erraten, doch ging er ihm nun auf,
er schob die Patrone in den Lauf, sicherte und hrte sich halblaut und
zitternd murmeln, was er innerlich schon die ganze Zeit gemurmelt hatte:
Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...


                             Achtes Kapitel


                            Sonnenuntergang

In der Haustr am Ende des Flgels blieb Georg stehn; er mute Atem
schpfen. Sieh, es dmmerte schon ... Still zog von rechts, vom Rasen
her, der Sandweg vorber, nach links zu den leeren Wiesen mit wenigen
Baumgruppen hin. Gegenber lag das Wldchen stille und dmmrig; im
Innern dunkelte es und wurde schon farblos. Hoch oben grnten noch die
Wipfel, umrieselt, selbst verrieselnd, vom Licht. Georg ging nun
vorsichtig um die Bsche und den Rasenstreif am Haus nach rechts, sah
Annas lichtes Kleid drben in der Dmmerung der Gebsche, und von der
Terrasse her den Maler ber den Rasen kommen. Also tat Georg, als habe
er es beraus eilig und fragte den Maler, vor ihm vorberlaufend, zu
seinem eignen Entsetzen, ob er auch mitwolle; er hrte ihn etwas von
Khen und im Dunkeln ansehn murmeln, rief ihm albernerweise zu, er
mchte die Khe von ihm gren, und lief weiter, doch hatte ihn durch
diesen seinen Zuruf eine bodenlose Lustigkeit und ein teufelsmiger Mut
berfallen, die ganze Welt zu umarmen, -- was verschlug darin ein
kleines Mdchen wie Anna! -- Die sagte, als er herankam: Da kommt der
Musemrder! und war scheinbar ebenso fidel wie er.

Whrend sie nun Seite an Seite die Allee hinabschlenderten, zerbrach
Georg sich den Kopf, wie er es anstellen knne, sie -- so ganz
unauffllig, aus irgendeinem triftigen Grunde -- beim Arm oder
unterzufassen. Er mute so tun, als ob irgendein Einfall ihn dergestalt
erregte, da er ihn herausschleudern und sie dabei zu fassen kriegen
mute, wie man so tut im Eifer des Gefechts, aber aus dem Nachdenken
geriet er nur an die Frage, wie wunderlich das sei, da er heute und
jetzt einen Grund brauche, sie anzurhren, whrend frher ... Da ri er
sich zusammen, wollte eben hervorstoen -- und ihren linken Ellbogen,
der schon fast seine Brust berhrte, so dicht ging er hinter ihr,
erfassen --: Weit du eigentlich, Anna, da ich Herzog werden kann?
Allein, im letzten Augenblick noch besann er sich und dachte, er behalte
es besser fr sich, bis sie ihm ganz gehre, -- und auerdem -- dies
alles schien ihm im Augenblick so unglaubhaft, so entlegen und auch so
nebenschlich, da er schwieg.

Warum hast du denn eigentlich diesem Maler eine Rose geschenkt, he?
fragte er pltzlich zu seinem eigenen Erstaunen. Welch verfngliche
Frage!

Sie blieb stehn und sah ihn an. Den Ausdruck ihres Gesichts verstand er
nicht. Er schien so, als sei er nicht fertig geworden, Ansatz nur zu
allem mglichen, liebevoller Vorwurf vielleicht, oder auch Spott ... Sie
schwieg aber, warf die Schultern ein wenig und ging weiter, ja -- und
nun war der Frost und die Angst, -- alles war wieder da.

Hast du ihn denn nicht auch gern? hrte er sie jetzt fragen und
erschrak s ber die Verschleiertheit ihrer Stimme, ber die Abbitte
darin und die Demut, -- was alles ihn anduftete aus ihrem unsichtbaren
Gesicht, das sie abgewandt hatte von ihm, ohne es dabei aus seiner
graden Richtung nach vorn zu bewegen ...

Gern? fragte er mit rauher Stimme. Ach Anna --

Jetzt, da wars! Er packte ihren Ellenbogen, den sie augenblicks krmmte,
um die Hand an den Halsausschnitt zu legen, so da sie im selben Nu
untergefat gingen, whrend er eifrig und erregt redete:

Weit du, Anna, was ich an Bogner gelernt habe? Sag, hast du ihn wohl
lcheln gesehn? Ja, aber hast du auch gesehn, da er zwei Lcheln hat?
Sie schttelte sacht den Kopf. Eins mit dem Munde und eins mit den
Augen, und das eine ist fr die Leute, das andre fr -- also fr seine
eigene Seele, wenn sie lcheln mu, aber wie schn das ist, das hast du
doch gesehn? Sie nickte.

Da waren sie am Gatter und blieben stehn. Vor ihnen lagen die
ansteigenden Wiesen dunkel, ergraut, im Zwielicht, hinter dem der
durchsichtige goldene Westhimmel stand, hher in brennendes Wei und
Gelb und langsam ber Wei und himmlisches Grn in lichtes Blau
berschmelzend, und Georg sahs und trank den Geruch der feuchten Wiesen
und Blumen, whrend er weiterhastete mit Worten, Leib und Seele
durchstrmt vom Gefhl ihres Beieinanderstehns in der Einsamkeit und
Enge des Wiesenlandes, in dessen breites Fenster diese sanfte
Unsterblichkeit verglhender Farben hingelagert war.

Nun hre, sagte er. Ja Jensens -- Johannes Vau, nicht Wilhelm! --
also in Jensens Gletscher kommt das vor, wie der Mensch, der Urmensch
zum ersten Mal lchelt. Er jagt eine Frau -- sie sind noch ganz wild,
weit du, und fressen sich -- und wie er sie niederwirft und schon den
Mund aufreit, sie zu beien, da lt er den Mund offen stehn, weil er
auf einmal sieht, da sie ein Weib ist und so schn, -- und das, sagt
Jensen, war das erste Lcheln, das dann beibehalten wurde: er zeigt die
Zhne, zum Zeichen, da er nicht beit, nicht beit, verstehst du,
ungefhr so, wie man sagt: Hunde, die bellen, beien nicht ...

Da ging ihm der Atem aus. Htte er nicht den Mund geschlossen, wrden
die Zhne aufeinander geschlagen sein, und auch von dem, was er noch
sagen wollte, war keine Spur mehr zugegen, nur eine eisige Leere im
Gehirn, whrend er merkte, da sie sich von ihm losmachte, an das Gatter
trat und die Arme darauf legte. Er wute nichts, als ebenso zu tun, und
konnte nach einer Weile fortfahren.

Und siehst du nun, dies erste Lcheln, dies mit den Zhnen, das ist --
sagen wir Zivilisation, der erste Anfang des Menschen. Das Lcheln in
den Augen aber, das ja nicht er allein hat, sondern wir alle, -- wir
sind ja nur gewohnt, auch gleichzeitig mit dem Munde zu lcheln, ja --
er trat nher zu ihr, -- wie duftete auf einmal ihr Haar! -- ja, denke
einmal nach, versuche einmal, wirklich zu lcheln, etwas Schnes zu
denken und zu lcheln, dann tust du nicht wie auf der Strae, wenn
jemand grt, der dich nichts angeht, da du die Zhne zeigst, sondern
es fngt in den Augen an, und sie ziehn sich zusammen, tus mal, tus doch
mal ...

Sie wandte langsam den Kopf herum, sah ihn an und lchelte. Ihre Lider
zitterten, nun hoben sich bebend die Mundwinkel, schon wollte er sich
darber herstrzen, als sie pltzlich in helles Lachen ausbrach.

Ja, du kannst blo lachen! sagte er trotzig, warf die Flinte am Riemen
von der Schulter und hngte sie mit Nachdruck ber den Pfosten, indem er
sich von Anna abwandte. Und so blieb er stehn.

Bist du bse? hrte er sie nach einer Weile leise bitten.
Erbarmungswrdiges Mitleid schnrte ihm die Kehle zu, aber er schwieg.
Das Herz klopfte ihm im Halse. Was sie jetzt sagte, darauf kams an! --
noch konnte er nicht, noch konnte er ...

Soll sie da hngenbleiben? hrte er sie nach einer endlosen Minute mit
gewhnlicher Stimme fragen.

Ja! sagte er.

Ist sie geladen?

Ja!

Wenn sie nun wer findet, und sie geht los? Nein, nimm sie mal
geflligst mit! befahl sie und schrie im selben Augenblick leicht auf:
Hu, da kommt schon was!

Georg fuhr herum. Aus dem Buschwerk, links vom Wege kroch raschelnd ein
schwarzes Untier hervor, eine schwarze Krte, gro wie ein Hund, und
schleppte sich mhselig, von einem Fu sich auf den andern werfend,
dahin, -- Artaxerxes, der schwarze Schwan; der eine Flgel schleifte am
Boden nach.

Ach Gott, ach Gott, das arme Tier! jammerte Anna und nherte sich ihm,
aber er reckte sich sofort auf, blhte sich, schlug mit dem gesunden
Flgel, sperrte den blutroten Schnabel auf und fauchte.

Frher fra er mir aus der Hand, klagte sie, wenn die Leute krank
werden, werden sie bsartig, Tante Irmintrut war auch so. Meinst du, da
er am Leben bleiben kann? Er wird sich doch erholen, und Futter bekommt
er ja von uns. Versprich mir, Georg, da er leben bleibt!

Georg tat es gern, dem unseligen Tier nachblickend, das inzwischen
weitergewatschelt war, hin und wieder zornig nach dem herunterhngenden
Flgel hackend, wobei er dann vornberfiel, bis er die Allee berquert
hatte und ins Dickicht eintauchte und rauschend verschwand.

Komm, la uns gehn, flsterte Magda. Er nahm schweigsam seine Flinte
wieder, ffnete das Gatter, und sie gingen wortlos durch das hohe Gras
bis ans nchste Knicktor, einem aufrechten Brett ber drei Stufen. Georg
half ihr die schmale Treppe empor; oben blieb sie stehn, noch auf seine
Hand gesttzt, und rief: O, ich kann die Sonne noch sehn! Gleich
verschwindet sie im Dunst! Ach, welch herrliche Farben!

Georg, emporblickend, sah ihren Kopf, der allein in das Licht ragte,
hell gertet Antlitz und Haar unter einer feinen Aureole goldener
Hrchen.

Ach, Georg! seufzte sie nach einer Weile aus tiefstem Herzen, es ist
himmlisch!

Was denn, mein Kind? fragte er vterlich aus seiner Schattentiefe nach
oben.

Ach -- alles! sagte sie berzeugt, lie seine Hand los und legte die
freigewordene ihre auf seine Schulter, um drben hinabzuspringen. Er
folgte, ergriff einfach ihre Hand, und so schlenderten sie weiter, die
Hnde ab und zu im Gehen schwingend, wortlos; nur als sie die letzte
Deichschrgung hinaufkletterten, meinte Georg, es wrde Flecke geben.

Nun waren sie oben. Violetter Rauch lagerte ber der See, die sie
anatmete mit ihrer ganzen, riesigen Weite, darber rtliches Gewlk,
dann lange, feuergoldene und scharlachne Streifen, dazwischen ganz
ferne, grne, wie ewige Wiesen. Spiegelblank war die See, eine
durchsichtige Glasplatte ber einem milchigen, blulichen Etwas, -- doch
nein, es war nicht die See, die war weit drauen, der rosige Streifen,
das war die kleine Brandung, die rauschte, -- und dies war nur der nasse
Ebbeschlamm, der graue Schlick, der glitzerte, an vielen Stellen mit
Lachen Wassers bedeckt.

Die unendliche Farbigkeit und die Stille verstrkten Georgs
Beklommenheit. Leise sagte er: Anna! hrte ein schwaches: Ja ... und
sah, da sie das Gesicht ein wenig zu ihm wandte, ohne ihn anzusehn.

Du hast so schne Gedanken, sagte sie auf einmal vor sich hin. -- Sie
meinte wohl das, was er von Bogner ...

Sie machte ihre Hand aus der seinen los. Die Sonne war verschwunden,
berm Horizont ergrauten die Farben, aber seliger noch und tiefer und
stiller schwelgten die andern ihre purpurne und lichtgelbe und
silbergrne Seele aus in die himmlische Leere. Es wehte strker aus
Nordwesten.

Und nun standen sie am Rande der Welt. Nur Farben, die sich wandelten,
sich auslebten in Stille. Sie waren die einzigen Menschen, und dies war
fr sie eine ewige Aussicht in die andere Welt, die sich dort erging in
Wesen der Farbe, die lchelnd ewige Spiele bten, nur leise lchelnd,
weil sie wuten, es sahen zwei ihnen zu.

Georg empfand noch dies. Dann fragte er, s fhlend, wie das Reuegefhl
sein Herz umkrampfte:

Bist du mir noch bse?

Bse? fragte sie sinnlos und hob die Achseln. Auch ihre Stimme war
halb erstickt. Und, o Gott, diese Bewegung der Schultern! Es bermannte
ihn, -- und wie sie atmete, so tief, so schwer, so unregelmig! Ach,
noch nicht, noch nicht, noch diese Ewigkeit des Herankommens, des
Zgerns, des Ahnens! Ihr Haar zu sehn, ihren Mund, in dem es zuckte,
ihre Augen so von der Seite, den Blick darin, ihre Nase, ihre Wangen, in
denen das Licht erlosch! -- Da erfate er leise wieder ihre Hand, sie
lie sie ihm, sie drckte sogar seine Finger, und er htte die Besinnung
verloren, wenn er nicht htte bemerken mssen, da er dachte: Jetzt! --
wie Bogner beim Eisenbahnunglck, aber die Sekunden verrannen,
verrannen, und nichts geschah, bis endlich sein Kopf vornbersank und
die Lippen auf ihrer Schulter ein Ende fanden.

Warm, -- wie warm war das! Nun? -- nichts! Ach, nur so liegen, so mde,
so zum Einschlafen mde ... Bewegte sichs? Das Warme, Feste unter seinen
Lippen bewegte sich leise -- fr einen Nu durchzuckte ihn die Seligkeit,
da er sie kte, und da sie es geschehen lie, da sie sich kssen
lie von ihm! -- die geschlossenen Lider zitterten ihm, er fhlte ihre
Schulter steigen, fhlte jetzt auch an seiner rechten Schlfe eine
Berhrung, ein leises Kitzeln, einen Hauch, ihr Haar ... und nun drckte
es sich zusammen, nun fhlte er ihre Schlfe, sie ruhte auf der seinen,
ach, ach! Sie hatte den Kopf auf seinen herabsinken lassen! Da nahm er
ihre linke Hand, die er mit der rechten hielt, in die Linke, suchte ihre
rechte Hand hinter ihrem Rcken, fand sie, legte sie langsam auf ihre
Hfte, vorsichtig und voll rasender Angst, hob endlich ihren Kopf mit
dem seinen behutsam empor und lie ihn an seiner Wange vorber auf seine
Schulter sinken ...

Ach! -- -- da war es nun! Ihr Gesicht, da lag es an seiner Schulter,
ganz nah dem seinen, ihm zugewandt, mit geschlossenen Augen und nichts,
nichts auf der Welt, das solchen Duft ausstrmte, solch einen Odem von
Se aus seiner Khle, die sich betrachten lie, -- die sesten aller
Wimpern, die herabgesenkten Lider, alles, so nah, so nah!

Und furchtbar zusammenzuckend prete er sie mit aller Kraft an sich und
fhlte ihren Mund mit den Lippen, fest und ganz kalt, einen fremden
Mund, den er kte, so da sein lange schon steigendes Geschlecht sich
bumte, whrend die fremden Lippen warm wurden und weich und schmelzend
und sich lsten und wieder kamen und in die seinen vergingen und er
darin versank und nichts mehr dachte.


                              Mondaufgang

Georg merkte, da Arme um seinen Nacken geschlungen waren, und tauchte
aus der Versunkenheit nach oben und in die Umarmung eines weiblichen
Wesens. Also dies war die Ewigkeit ... Er fhlte ihre Glieder, die an
ihm hingen, ihre Brust, ihre Knie, welche an die seinen rhrten. Er
konnte seine Augen wieder aufbringen, er kte ihr ganzes Gesicht
trunken hundertmal, aber keines war wie das erste. Pltzlich fhlte er
sein Gesicht von festen Hnden umgriffen, ihre Augen gruben sich in die
seinen, berschtteten ihn mit einem Strom von Liebe, sie stammelte, die
Lider sanken ihr, sie murmelte etwas von fliegen und ruhte aus. Die
Augen waren wieder zu im stillen Gesicht, Georg blickte darauf nieder,
als ginge drinnen etwas vor, das er sehen knnte, und nun bewegte sich
etwas unter den Lidern hervor, drngte die Wimpern empor, glitzerte und
rann, ein Tropfen, und ebenso jetzt aus dem andern Auge, und schneller
kamen immer mehr unaufhaltsam geflossen. Sie weinte ja ... Als aber
Georg sich wunderte, warum das so glnzte und blitzte, und das Gesicht
nach der See hinaus wandte, erschrak er vor einem ungeheuer groen,
dunkelgelben Monde, dessen runde, vollkommene Scheibe aus dem
schwarzblauen, unsichtbaren Grunde in die mattblaue Luft rollte, aber
still hielt, als er hinsah. -- Wieder wandte er sich zu Annas Gesicht
und sah in einem runden Tropfen, der an der Wimper hing, deutlich des
Mondes winziges Spiegelbild.

Sie lieen sich los.

Gieb mir dein Taschentuch, sagte sie leise, ich hab keins.

Sie lchelte, als ers ihr reichte. Ja, da hatten sie auf einmal die
Gebrauchsgegenstnde gemeinsam. Waren sie so eines geworden, oder war es
nur wie frher? ... Sie trocknete ihre Trnen, schneuzte sich und gab es
zurck.

Sieh, da ist ja der Mond, sagte sie. --

Und die Fledermuse, meinte er, da er einen Schatten durch den Mond
huschen sah. Sie schaute ihn mit einem langen Blick an, warf sich
ungestm an seine Brust und brach in ein unendliches, schttelndes
Schluchzen aus.

Das ist so ... das ist so ... dachte Georg gerhrt, ohne es ganz zu
begreifen, streichelte leise ihr Haar und wunderte sich ber den
fleiigen Lornsen, der so spt noch die Mhle gehn lie, die unfern im
Norden stand, gro und schwarz in ihren riesig ausholenden Armen;
gleichmig und eisern hieben sie im Kreis herum nach dem Monde, der
sanft und ahnungslos oder jedenfalls unbekmmert dicht unter ihr
heraufrckte und langsam golden und glnzend ward.

Annas Weinen ward ebenso langsam ruhiger und hrte endlich ganz auf.

Frag nicht, warum ich weine, bat sie nachschluchzend, ich wei es
selber nicht. Komm, wir mssen gehn.

Er war nicht dieser Ansicht, widersprach aber nicht, trocknete ihr
Gesicht selber mit dem Tuch, kte sie, und dann gingen sie umschlungen
als ein Liebespaar, das sie nun waren, in der Richtung der Mhle,
rutschten zusammen den Deich landeinwrts hinunter, kten sich, gingen
weiter, krochen durch eine Hecke und kten sich lange. Auch wenn einer
von ihnen etwas gesagt hatte, kten sie sich, aber als sie wieder durch
eine Hecke gekrochen waren und sich, im Aufrichten stecken bleibend,
gekt hatten, fanden sie sich drei Schritte hinter Maler Bogner, der
dort in der Dunkelheit ganz still sa, glcklicherweise mit dem Rcken
nach ihnen, auf einem Stuhlstock, der Betrachtung von zwei Khen
hingegeben, von denen die schwarze mit dem breiten Rcken nach ihm hin
im Grase lag, whrend ber ihren Beinen die andre stand, mit groen,
geisterbleichen Placken, die Kinnbacken in mahlender Bewegung, den
groen, tricht hochfahrenden Blick des dunklen Auges auf den Maler
richtend, ohne zu merken, da der Mond es sich auf ihrem Rcken breit
machte. Welch seltsame Erscheinung im Dunkel der Wiesen! Rechts dahinter
schwang die groe Mhle auf ihrer Anhhe in mchtiger Lautlosigkeit die
Arme herum.

Georg, einen Augenblick betroffen anhaltend, wollte Anna stillschweigend
davonziehn, aber da lachte sie leise, der Maler sah sich um, -- oder er
wollte es tun, doch sah Georg, da sein Gesicht nach rechts gewandt
stehenblieb, wo die Pappelreihe nach der Mhle hin fhrte, und dorthin
blickend gewahrte Georg vor den Bumen in den Wiesen eine Gestalt, die
sich bewegte, schwarzwei, oben mit einem Hemd, unten mit schwarzen
Hosen bekleidet. Sie warf die Arme, als ob sie der Windmhle nachahmte,
lief und --

Wer ist denn das? sagte Georg halb belustigt, ist der verrckt?

Der Maler stand auf und sagte: Das ist doch al Manach.

Indem stie die Gestalt einen brllenden Schrei aus, whrend
gleichzeitig Georg sich am Arm ergriffen fhlte. Mit rudernden Armen, an
denen die breitoffenen Manschettrmel flatterten, strzte der Mensch auf
die Mhle zu, laut schreiend und wahnsinnig. Der Maler setzte sich in
Bewegung und lief, um ihm den Weg abzuschneiden, war aber ersichtlich zu
weit entfernt, um zu verhindern -- -- ja, was denn, was denn? Wollte er
in die Mhlflgel ...? Georg, noch immer verstndnislos, starrte hin,
der Maler lief wie ein Wiesel die Anhhe empor, aber der Andre sprang in
langen flatternden Stzen gegen die Flgel hin, Georg erschrak, sie
sausten wie schwarze Keulen herunter. Indem zerrte eine Hand an seinem
Gewehrriemen, Annas Hand, die schon den Flintenkolben an die Schulter
setzte, zielte und abdrckte. Klein und scharf peitschte der Knall und
zerstiebte, oben warf die Gestalt im Rennen die Arme in die Hhe und
brach zusammen, vornber schlagend, whrend der eben heruntersausende
Flgel mit sichtbarer Erleichterung an der andern Seite wieder
hochschwang. Georg starrte das Mdchen an. Sie stand todbla,
schauderte, schwankte, schlo die Augen und fiel um. Er fing sie auf,
lie sie ins Gras gleiten, zog seinen Rock aus und bettete sie darauf.
Sie lag still; wie eine abgebrochene Blume sah sie aus.

Georg blickte beklommen auf sie herunter. Er dachte, man msse ihr Kleid
ffnen, kniete neben ihr ins Gras, hielt aber inne, als seine Hand ihre
warme Brust am Kleiderausschnitt berhrte, -- fast htte er
hineingegriffen. -- Nun fing er langsam an zu verstehn. Sich umwendend,
sah er oben undeutlich eine gebckte Gestalt, wohl den Maler. Was hatte
sie denn getan? Geschossen, -- aber wohl -- -- in die Beine geschossen
... Es war Schrot. Hatte sie das bedacht? Im einen Augenblick alles
bedacht und ... Jhlings entsetzt, sprang er auf und drehte sich
schwindelnd. Etwas entfernt standen die beiden Rinder weit voneinander,
drehten die Schwnze her und sahen sich um. Dann hob eine das Maul, ein
dumpfer, klagender Laut kam hervor mit einem Sto weien Dampfs. Georg
sah die Mhlenflgel gro und abgestorben herunterkommen und aufsteigen;
sie begannen, vor seinen Augen sich zu vervielfltigen und zu flimmern,
die Mondscheibe zog sich zu einer Reihe von ineinandergeschobenen,
silberblanken Monden auseinander, und sein Blick fiel wieder auf die
Liegende, die in ihrem blagrnen Kleid auf der dunklen Flche lag, als
sei sie vom Himmel gestrzt und er habe, zufllig des Weges kommend, sie
hier gefunden.

Es ist ja wahr, schrie er innerlich, es ist wahr, sie hat es tun mssen,
es ist ein Wahnsinn, was soll das heien, wie kommt man auf so etwas,
auf einen Menschen schieen, um ihn zu retten, und ich immer dabei, --
aber sie mute, sie mute, es gab nichts andres, warum bin nicht ich
darauf gekommen? Eben weil nicht ich verlangt wurde, sondern --
verlangt? Ihm wurde unheimlich zumut, das Grauen schttelte ihn jetzt,
er warf bei erstickter Kehle den Kopf gegen den Himmel oben zurck und
sah in der milchigen Blsse oben die Sterne, ein paar verlorene,
weilich flimmernde Tropfen. Er stammelte: Anna! Um Gottes willen,
Anna!

Da schlug sie langsam die Augen auf, sah ihn seltsam erwacht und lange
an, bewegte die Hand und hauchte: Ist er tot?

Georg warf sich neben ihr auf die Knie und schrie: Nein! nein! Legte
den Kopf in ihr Kleid und glaubte, weinen zu mssen. Dann kam er zur
Besinnung, sprang auf und sagte, so fest er konnte:

Sei ganz ruhig, mein Herz, ich trage dich nach Haus.

Sie lchelte schwach, er richtete ihren Oberkrper ein wenig auf, nahm
seinen Rock vom Boden, zog ihn an, bckte sich und nahm sie auf die
Arme. Einen Augenblick verwundert, da solch ein Mdchenleib so schwer
war, merkte er doch gleich, da er ganz leicht zu tragen war, und eine
Sekunde empfand er seine Krperkraft trstlich. Also trug er sie ber
die Wiese davon auf den Sandweg zu, den die Pappeln bis auf den Hof des
Verwalterhauses geleiteten, kaum drei Minuten zu gehn. Unterwegs rhrte
sie sich einmal, legte die Arme um seinen Nacken und das Gesicht gegen
seine Brust. Einmal mute er sich mit dem Rcken an einen Stamm lehnen
und eine halbe Minute ruhn. So erreichte er das Haus.

Auf der Bank neben der Tr sa die alte Domina, glatthaarig, stand
wortkarg wie immer in derartigen Fllen auf und ging ins Haus und die
Treppe voran in Magdas Zimmer, wo Georg sie auf das schon zur Nacht
aufgedeckte Bett legte. Sie ergriff seine Hand und kte sie schnell und
leise, pltzlich flammte die kleine Stehlampe mit grnem Schirm neben
Georg auf dem Nachttischchen auf, sie schlo geblendet die Augen,
whrend Georgs Blick auf das groe alte Bild an der Wand fiel, einen
grauen Stahlstich, -- er hatte ihn lange nicht gesehn, diesen Engel, der
ein totes Kind zum Himmel trug. Die Erinnerung an Magdas Mutter, die ein
halbes Jahr nach der Geburt eines Knaben fast mit ihm zusammen gestorben
war, zog durch ihn hin, whrend er sie flstern hrte, er mchte zur
Mhle gehn und ihr Bescheid bringen. Seltsam, dies kleine Zimmer in der
Dmmerung ... das groe, weilackierte Metallbett mit dem langen
Nachthemd schrg darber, auf das er das Mdchen gelegt hatte.

Drauen vor der Tr im Dunkel stand er noch eine Minute, angeatmet vom
Reinen, Duftlosen dieses Raumes hinter ihm, der anders war, sonderbar
anders als jedes Zimmer, das er je betreten hatte.


                             Rheinweinbowle

Auf dem offenen, nur von Gebschen und ein paar Bumen umringten
Hofplatz blieb Georg stehn, trocknete sich die Stirn und bemhte sich,
etwas zu denken. Der Mond, von hier aus gesehn, stand hinter der Mhle,
die gewaltig schwarz, mit zwei stillstehenden Flgeln wie ein
riesenmiger Hase in weilichem Glanze sa, der hinter ihr vom Monde
ausstrahlte; schwarz stieg die lange Pappelreihe, sehr ernste Gestalten,
von der Anhhe den Weg herab.

Also es trifft ein, eins nach dem andern trifft ein, sogar an einem
Tage, -- ja, wird es nun noch eine Feuersbrunst geben? dachte er
beklommen. Und sogar zum zweitenmal dieser al Manach! -- Da setzte das
Denken wieder aus, es war totenstill umher, in den Bumen oben raschelte
es, als bewegten sich dort Vgel. Georg ging durch die helle
Mondesdmmerung auf die Mhle zu und die eiserne, schwarze Linie des
Horizonts, ber der weier Flimmer in gelbliche und rtliche Hauche
verging, und bei der Wegbiegung sah er wieder den Mond dicht neben dem
Mhlkrper, klein und reinsilbern. Am Fue der Anhhe wurden auf einmal
zwei schattenhafte Gestalten sichtbar, eine kleinere, dunkle, jetzt mit
weier Brust, daneben eine lange, graue, die langsam weilich wurde, der
Mllerknecht, der den al Manach auf den Armen trug wie eben er die Anna;
Bogner daneben im Frack. Als sie sich begegneten, blieben sie stehn, der
Christian grinste verlegen und sagte: Da bringen wir ihn gebracht! die
Brde wie ein Kind in den Armen hher rckend. Al Manachs Gesicht war
wieder geschlossen und klein geworden. -- Sie gingen nach Helenenruh
zurck, schweigsam, nachdem der Maler erklrt hatte, der Schu htte
sich ber beide Unterschenkel ausgestreut, aber es sei wohl ganz
ungefhrlich und habe kaum geblutet.

Whrend die beiden Andern zum Gastflgel abbogen, ging Georg wieder zum
Verwalterhaus, traf die Domina im Flur und trug ihr, da sie sagte, Magda
schlafe, auf -- falls sie erwachen sollte --, da alles gut sei.

Auf die Terrasse zugehend, sah er ihre rechte Hlfte erleuchtet.
Schatten mit beleuchteten Gesichtern saen um den runden Tisch, in
dessen Mitte eine Lampe mit buntgeblmtem Schirm brannte; ringsum war
tiefe Nacht. Die Steinstufen hinansteigend, machte er seinen Schritt
leise, um erst nachzusehn, ob seine Mutter noch da sei, doch entdeckte
er nur das Gesicht seines Vaters hinter dem Tisch, der seitwrts sa,
wie er pflegte, rechts von ihm den Leutnant in Grn und Rot, dann --
nach einem leeren Stuhl -- Annas Vater, der rauchend und vertrumt in
die Lampe blickte, die Oberlippe ber den Zhnen wie stets etwas
angezogen, so da sie im Lampenlicht farbig blitzten; dann den
Baschkirtseff, der weit im Stuhl zurcklag und mit gedmpfter Stimme
etwas zu deklamieren schien. Georg, ber das Gelnder der Treppe
emporgereckt, blieb eine Weile stehn, willenlos versinkend in diese
friedliche Gesellschaft. Auch den Rcken von Onkel Salomon entdeckte er
nun dicht hinter der Brstung; er sa, Georgs Vater zugewandt, gebckt,
schrge zum Tisch. Dunkelgrne Rmer standen vor jedem, jeder leise an
einer Stelle der Wlbung und der Riffelung des Fues blitzend, noch im
Schatten; der bunte Schirm lie nur einen kleinen Kreis in der Mitte des
Tafeltuches hell. Glserne Aschenschalen glnzten farbig hier und da;
seltsam rtlich waren alle Gesichter. Sekundenlang festgebannt, schien
es Georg unmglich, nur eine Bewegung zu machen oder das Gesicht
abzuwenden. Erst als er den Mimen mit steigender Stimme sagen hrte:
Unchristlich oder christlich! und weiter:

   Ist doch die Welt, die schne Welt
   So gnzlich unverwstlich!

ergriff ihn der rger, da sie hier saen und Verse deklamierten,
dieweil ... Also scharrte er mit den Fen, um sich hrbar zu machen,
und stieg die letzten vier Stufen hinan.

Alle wandten die Gesichter ihm zu, der Leutnant stand auf.

Na endlich! sagte sein Vater und, ein wenig ironisch: Es ist wohl
nicht besonders ersprielich, im Dstern zu jagen!

Der Schu war also gehrt worden ... Einen Augenblick unfhig, etwas zu
sagen, fhlte Georg das eben Vorgefallene auf einmal verschwinden, ihm
entgleiten, als habe er es getrumt, und er mute sich wahrhaftig
besinnen, ob es gltig sei, um davon zu reden. Wieder von dem Gleichmut
und der Ahnungslosigkeit der Dasitzenden gergert, fing er an: Es ist
etwas sehr Seltsames geschehn ... merkte jedoch, da eben diese Worte
nun gnzlich alles Erschtternde und Fremde und Unheimliche fortnahmen.
Wenn es sich schon erzhlen lie, was war es denn? Allein -- lie es
sich denn erzhlen? -- Nun fuhr er gergerter fort:

Dieser al Manach -- -- er wollte in die Windmhle laufen, oben,
Lornsens Mhle, und weil wir zu weit weg waren, hat Anna, Magda, ihn in
die Beine geschossen, mit meiner Flinte.

Er schlo, die Zhne zusammenbeiend, weil er fhlte, da er lachen
wollte, unweigerlich lachen, o, war es nicht zum Tollwerden! Und da
saen sie alle und lchelten.

Bitte, Chalybus, sagte er kalt, ich habe sie in ihr Zimmer gebracht,
sie wurde ohnmchtig hinterher, stren Sie sie aber nicht, sie schlft
jetzt. Ja, da konnten sie ernst werden! Wollen Sie so gut sein und
Doktor Rei telephonieren, damit er nach Herrn al Manach sieht.

Nun fing Chalybus an zu lamentieren, war drauf und dran, dem Herzog
Vorwrfe zu machen, da er Verrckte beherberge, besann sich und
jammerte ber seine Tochter, die auch verrckt geworden wre. Einen
erwachsenen Menschen in die Beine zu schieen! Und was zum Teufel sie
sich um fremde Selbstmrder zu kmmern htte, worauf ihn ihre Ohnmacht
bis zu Trnen rhrte, und er bedauerte das mutterlose Kind, dem er die
Hterin nicht ersetzen knne ... Dann wollte er sich von keiner Macht
auf Erden abhalten lassen, an ihrem Bett zu sitzen und ihre Hand zu
halten. -- Onkel Salomon war unterweil schon im Haus verschwunden, Georg
sah im Schreibzimmer das Licht aufflammen, dann ihn selber zum
Schreibtisch gehn und den Telephonhrer abheben. Der groe Chalybus
trank sein Glas aus und ging mit groen Schritten davon. Georg rief ihm
nach, Doktor Birnbaum telephoniere bereits, und dann wurde es still. Der
Leutnant fllte leise ein Glas aus dem, neben der Tr auf einem
Tischchen stehenden Bowlenkbel und setzte es vor Georg auf den Tisch,
der selber gedankenverloren auf den Stuhl davor glitt. Indem er trank,
hrte er die hellen, rasselnden Schlge der Uhr im Turm, zhlte zehn und
dachte erschreckt: Erst zehn Uhr? Eine Stunde seit dem Essen? Was war
denn alles seitdem? Ach, ich habe sie gekt, sie liebt mich, wir lieben
uns, das ist nun alles vorbei ... Sein Vater fragte einiges, er
antwortete und trank in kleinen Schlucken das se und eiskalte
Weingetrnk, allein pltzlich ertrug er das Dasitzen nicht, stammelte
eine Entschuldigung, sprang auf, lief die Treppe hinunter und in den
Park in der Richtung des Weihers.


                            Neuntes Kapitel


                                 Dunkel

Die Nacht war warm, und nun, erhitzt nach dem langen Frieren zuvor,
bewegte Georg sich in einem heien Branden von Gedanken, die zergingen,
ehe er sie fate. Als er aber neben dem Ende des Nordflgels vorber
wollte, raschelte es rechts im Wldchen, rauschte, ein schwarzer,
fallender Klumpen schleppte sich, ungetm und schauerlich anzusehn, in
das halbe Licht und auf den Weg, Artaxerxes. Verflucht, da ist der
schwarze Bote schon wieder! schnob Georg ergrimmt, besnftigte sich
aber, indem er gerhrt denken mute: So weit ist er inzwischen gekommen,
geradeswegs auf seinen Weiher zu! Der Hals zngelte hervor, unbekmmert
um Georg zog er seine Strae beschwerlich, arbeitete sich den Weg
hinunter und verschwand im Dunkel der Wiese vor dem Weiher. -- Und wenn
er uns da oben nicht begegnet wre, dachte Georg, htte ich die Flinte
vielleicht hngen lassen! Verdammtes Vieh, schrie er ihm nach, mut
du einem denn berall in die Quere kommen! -- Ach, auch er tat, wozu es
ihn trieb, da lag sein Weiher, -- in einer graden Linie, wie ein Pferd,
das nach Hause geht, war er darauf zugegangen, -- was fr eine
Dmonszhigkeit! Und Georg ging weiter, lachte wtend und dachte: Der
Schwan ist bei Gott der bewegende Teufel in alledem! Sie scheuchte ihn
auf, als sie in den Teich ritt, und dann brach sie ihm den Flgel in der
Luft, und dafr erschien er uns und zwang mich, die Satansflinte
mitzunehmen. Sie ist also selber dran schuld, warum wollte sie fliegen!
--

Pltzlich stand er am Teich, durch einen meterbreiten Grasstreifen nur
vom Wasser getrennt, das er roch, schlug sich mit der Faust vor die
Stirn, verfluchte sich und knirschte sich an, ob er denn zu nichts fhig
sei als zu diesen Jmmerlichkeiten! Zu keinem guten, graden Gefhl!
Immer Mimut statt Demut, rger statt Traurigkeit, Wut statt Schmerz. Da
lag sie nun oben! Wachte sie? Was ging in ihr vor? War ihr angst? Ach,
wie sollte ers wissen, war sie nicht ein fremdes, unbegreifliches Wesen?
Und er hatte sie gekt!

Da war, im Dunkel absonderlich geisterhaft, die kleine Brcke zur Insel,
deren schwarze, gewaltige Baumkronen in den groen und finstren,
gestirnten Himmel ragten. Einen Augenblick dachte Georg, hinberzugehn,
jedoch -- was sollte er dort? Anna -- womglich wurde sie krank, und sie
konnten nicht zusammen in dem halbverfallenen Liebespavillon der Insel
sitzen ... Da rannte er um den Teich in das kleine, niedre
Fichtengehlz, zwngte sich mhsam durch Nadelste und Spinneweben,
innerlich sich beschimpfend, verteidigend, stolperte in einen trocknen
Graben und ins Freie, ins helle Mondlicht auf die Chaussee, nach Bhne.

Hier war Totenstille; in weiter Ferne rollte ein Wagen. Auf der andern
Seite der Landstrae standen die Garben im vollen Silberglanz auf den
Stoppelfeldern, weithin grenzenlos dahinter lag schlafendes Land,
weitfern, im silbrigen Dunst, waren graue Schatten von Bumen, kleinen
Gehlzen. Unfern zur Linken stand die scharf silberne Mondscheibe kaum
haushoch ber der Flche und dem Dorf, dessen weie Huserwnde,
schwarze Dcher und weier Kirchturm mit schwarzer Haube allmhlich
deutlicher zum Vorschein kamen. Kein Licht war mehr dort. Wogen der
Stille, Wogen der Nachtwrme, der Nachtkhle kamen und verhauchten. Das
Wagenrollen ward ein wenig lauter, -- gewi war es schon der Doktor aus
Bhne. Georg wute eine Bank in der Nhe am Waldrand und suchte sie auf.
Und dort sa er, erschlafft und gedankenmatt, bis das Wagenrollen nahe
kam, die Laternenlichter erschienen und der Sandschneider vorberrollte
mit dem kleinen, krummen Doktor auf dem Rcksitz hinter dem kerzengraden
Kutscher. Georg hrte ihn eine Minute spter von der Landstrae auf den
Kies vor der Helenenruher Rampe einbiegen und auf dem Fahrweg um das
Haus verhallen.

O wie still es war! Wie sanft, wie arglos diese schlafende Welt! -- --
--

Ob sie schlief? Ob er -- --

Erinnerungsbilder des Tages begannen einen zuckenden, zerrissenen
Vorbertanz. Auf einmal war der grne Teich da mit Anna darin zu Pferd,
die silberne Wasserbahn, die der schwarze Vogel aufri, Gewitterregen
strmte, der Schwan schrie, am Fenster war Bogners Gesicht, Bogner sa
im Dunkel vor zwei Khen, da lag Anna, in ihrem Zimmer, der graue Engel
schwebte mit Blumen und dem Kind, da stand seine Mutter frstlich in der
Tr, Judith stand in braunem Samt vor einem Gebsch, Jason al Manach
sa, liebreizend anzusehn, und sprach ber Gedichte, Onkel Salomon, der
Baschkirtseff, Georgs Vater -- im Zickzack hin und wider durchfuhr er
den Tag, stand auf einmal unwollend auf, ging in der Richtung des
Schlosses, unter der Rampe her, dachte, er mte doch einmal nach ihr
sehn, vielleicht hatte sie Licht, womglich konnte er leise rufen und
fragen, bei welchem Gedanken er einen ganz andern Wunsch als unziemlich
zerdrckte, es trieb ihn vorwrts, er sehnte sich, verlangte nach ihrem
Mund, ihren Gliedern, sein Kopf brannte ... wie fremd, fest, wie khl
ihr Mund zuerst gewesen war!

Nun stand er unterhalb des langen Gastflgels im Heckengang und blickte
empor. Drei Fenster waren erleuchtet im Oberstock, -- vielleicht sollte
er auch nach al Manach sehn und vom Arzt hren ... Aber da tnte die
Angel der Haustr, Schritte knirschten ber Stufen, er hrte die
berschnappende wohlbekannte Stimme des Doktors nach dem Kutscher rufen,
stand und rhrte sich nicht. Es dauerte endlos, bis er die Wagenrder im
Sande knirschen hrte, er erschrak, der Wagen wrde ja den Heckengang
herunterkommen! und so diebisch und unwrdig er sich vorkam, mute er
durch das altbekannte Loch in der Hecke kriechen, und da er einmal im
Bcken war, schlich er so weiter, whrend innerhalb der Wagen ihm
entgegen und vorber rollte, das Licht der Laterne ihn streifte.

Einen Augenblick spter ffnete er die kleine Lattentr an der Ecke des
Verwalterhauses, ging zwischen den hohen Stockrosen und Sonnenblumen den
Gang hinunter, unhrbar im Gras, und stand an der Hinterseite des Hauses
im Grasboden des Obstgartens eine Minute still, ohne zu atmen. Endlich
entfernte er sich noch ein paar Schritte vom Hause unter die kleinen
Bume und sah, da in allen Stockwerken alle Fenster mit Lden oder
weien Rouleaus verschlossen waren, bis auf das Annas, dessen glserne
Flgel nach auen offen standen; dazwischen bewegte sich das
heruntergelassene weie Rouleau leise im Luftzug.


                                 Rausch

Lange Zeit verging. Georgs Herz klopfte schwere, dicke, langsame
Schlge. Hin und wieder hielt er den Atem an. Die Nacht war hell. Die
geweiten Stmme glnzten. Manchmal drehte der Nachtwind ein paar
Bltter hin und her, erst hier, dann dort, als suche er etwas darunter.
Georg starrte verschwimmenden Auges auf das weie Rechteck des Vorhangs,
hin und wieder zitternd, wenn er sich bewegte, geheimnisvoll, als msse
jemand dahinter stehn. Wenn er emporsah, flackerten zwei kleine, weie
Sterne im Laubwerk und verschwanden auf ein Weilchen, von Blttern
verdeckt. Er bebte heftiger in angstvoller Erwartung, flsterte ihren
Namen, wnschte sie herbei, doch nichts kam, nichts, als da nach einer
Zeit ein sehr natrlicher Wunsch seines Krpers sich bemerkbar machte,
und so entfernte er sich leise in die Tiefe des Gartens, bis er den
Lattenzaun erkennen konnte, -- sich verwnschend: mu einem das denn
immer dazwischen kommen! -- wagte aber nicht, sich umzudrehn, als knne
grade in dieser Minute sich etwas ereignen, fuhr, sein Geschft
verrichtend, fort, nach dem Hause zu sphn, und richtig, kaum da er
hinter seinem Baum wieder vortrat, sah er den Vorhang sich nach oben
bewegen, hrte er deutlich das Quietschen der Rolle unter der laufenden
Vorhangschnur. Lautlos trat er nher und nher. Sie stand im Fenster,
wei, da verschwand sie wieder ... nein, sie hatte sich auf die
Fensterbank gesetzt, den Rcken an den Rahmen lehnend. Nun sah er das
Dunkle ihres Haars und eine Flechte, die ber Schulter und Brust vorn
herunterhing. Sie lste sie auf bis oben hin, legte den Kopf zurck,
bewegte ihn leise hin und her und begann die Strhnen neu zu flechten.

Sie konnte nicht schlafen! -- Warum? -- Seinetwegen oder ... Ach, sie
war es wirklich, kein Geist, kein Traum, sie flocht ihr Haar, sie hatte
nichts an als ihr langes Nachthemd, und sein Herz begann wild und
regellos zu hmmern in einer schrecklichen Angst, whrend Gedanken sich
in ihm herumstieen. Im Obstgarten mute doch irgendwo eine Leiter ...
Ja, und dann? Pltzlich war alles leer in ihm, und auf einmal war er ins
Freie vorgetreten und hatte ihren Namen geflstert.

Er sah, da sie die Hnde auf das steinerne Sims sttzte und sich
herunterbeugte; dann hrte er seinen Namen durch das Sausen in seinem
Gehr. Da stand ja die Leiter am Baum! Er holte sie und legte sie an;
sie reichte bis unter das Fenstersims, und er stieg hinauf. Nun sah er
ihre Augen, dunkle Flecke mit einem unkenntlichen Blick darin. Oben
empfing sie ihn, legte die Arme um seinen Nacken, kte ihn, o, wie
kte sie ihn denn? Wollte sie ihn verzehren? Sie stammelte etwas, das
er nicht verstand, er fhlte ihre Schlankheit, ihre Schultern, die sich
bewegten, und da sie ganz nackt unter dem Hemd war, ihre linke Brust,
-- und er packte mit der einen Hand ihr eines Knie und prete es. Da lag
sie still, ihr Kopf sank langsam zurck, er dachte, eilig zu fliehn, wie
er sich aber zurckbewegte, fhlte er die Festigkeit der Arme, die ihn
umschlossen, und ri sie an sich, legte das Knie innen auf die
Fensterbank und stieg, so behutsam er konnte, hinein. Ihm war eiskalt.
Wie er noch stand und sie hielt, flog Erinnerung vorber an Pappeln und
den Sandweg, -- zum zweitenmal trug er sie zu ihrem Bett, nun war es
unordentlich, die Steppdecke zurckgeschlagen, und er legte sie hinein
und deckte sie zu.

O Gott, wie entsetzlich langsam ging das Auskleiden vor sich! Er
krampfte sein Hirn zusammen, um nur ja nichts zu denken, und was an
grlichen Gedankenstcken von wst unpassender Art hindurchscho,
zerdrckte er, wie mit den zusammengepreten Augenlidern. Endlich war er
fertig, hrte seine nackten Sohlen tappen, als er zu ihr schlich, und
dann lag er in der Wrme neben ihr, umschlang sie und war, so heftig
sein Herz klopfte, ruhig und beinah khl, so da es ihm im nchsten
Augenblick schon zu hei unter der Decke war und er sie fortstie.

Frierst du nicht! fragte er leise, sich aufsttzend. Die Dmmerung war
schon so hell vor seinen Augen, da er die ihren deutlich in dem unter
ihm liegenden Gesicht erkannte. Da mute er wieder denken, da dies Anna
war, seine Kindheitsschwester, und, gewaltsam den Gedanken zerpressend,
warf er sich ber sie, fhlte sich umschlungen, noch vergingen
schauerliche Minuten des Tastens und Suchens nach dem Eingang, er hrte
sie leise aufsthnen, fhlte selber Schmerz, war ratlos, aber da kam die
anschluchzende Sekunde, und jhlings fhlte er sich von der unsichtbaren
Riesenfaust zu rasenden Zuckungen der Lust schlotternd und schlagend
zusammengerttelt in sich selbst und verging sich im magischen Krampf.

Aus vlliger Leere und Schlaffheit sich aufrichtend, kte er leise ihre
linke Achsel aus einer Art Pflichtgefhl und mit dem verdrckten
Gedanken, da sie ihm gleichgltig war. Neben ihr liegend, gelang es
ihm, einen Tropfen Mitgefhls, den er Liebe nannte, zu sammeln, sie an
sich zu ziehn und zu streicheln, allein er wute nicht, was er hier noch
sollte, und zudem fing ein heftiges Verlangen nach einer Zigarette an,
ihn immer wtender zu peinigen.

Ja -- ich mu nun wohl gehn ... flsterte er. Sie richtete sich auf,
strich das Haar aus der Stirn, sttzte dann eine Hand neben sich auf und
sah auf ihn herunter. Auf einmal merkte er, da sie ganz wenig lchelte,
und als er fragte, warum, warf sie sich ber ihn und flsterte unter
lauter kleinen Kssen auf Nase, Kinn, Wangen und Hals, er she so s
aus, wie er daliege. Dies erleichterte ihn freilich sehr, er lachte
leise und sagte: Was frn Unsinn, Anna! innerst hchlich erstaunt: wie
sie sich gleich hineingefunden hat ... Dann kte er sie wieder, schob
sie dann leise von sich, stand auf, ging zu seinen Kleidern und zog sie
eilig an. Danach trat er noch einmal an ihr Bett, wo sie noch so lag wie
zuvor, ohne sich nur bewegt zu haben, die Arme ausgebreitet, so da die
eine Hand ber den Bettrand hing, die unterwrts mit Leinen bespannte
Steppdecke bis zu den Knien nur heraufgezogen. Als er sich ber sie
beugte, kte sie ihn leidenschaftlich, er lie es eine Weile ber sich
ergehn, machte sich sanft los und verlie das Zimmer, wie er gekommen
war. Aus dem Obstgarten entkam er ber den Zaun und gelangte so auf
einen engen Gang im Dickicht des Wldchens, wo er hastig Zigaretten und
Streichhlzer hervorzog und rauchte.


                              Tagesanbruch

Georg stand am Gatter der Mittelallee, die Arme auf dem obersten dnnen
Balken, und sah ber die grauen Wiesen hin in die helle, weigestirnte
Sommernacht. Ihm war so absonderlich leicht in allen Gliedern, da er es
kaum begriff, doch meinte er, das sei wohl so ... Irgend etwas, schien
ihm, war fort aus ihm, fortgenommen, -- eine Wrme, -- oder er aus der
Wrme, -- und ihm war seltsam kalt. Er wute nicht, was es war ...
Heiter war er nicht, auch nicht unfroh, eher ernst, vielleicht
schwermtig, -- doch auch Gefhle und Gedanken hatten diese flchtige
Leichte, und eigentlich war er ganz und gar leer. Wenn er an Anna
dachte, empfand er einen kleinen Stich Mitleid und Dankbarkeit, und
nachdem er den Gedanken, warum er sie eigentlich liebe, und ob er es
berhaupt tue, einmal gedacht hatte, so htete er sich, ihn noch einmal
zu denken. Die Nacht war ja sehr schn, wundervoll still und lau.
Schlfrig war er gar nicht, er dachte, noch einmal auf den Deich zu gehn
und nach der Flut auszuschaun, dann dachte er, es msse schn sein, im
Wiesenpark auf einer Bank zu sitzen, in der Mondhelle die Schattenzacken
der Fledermausflgel zu sehn und einzudmmern, -- jedoch Lust hatte er
zu nichts, stand nur und stand, bald zu keiner Bewegung mehr fhig.

O du Kindermund, o du Kindermund ... unbewuter Weisheit froh ... Es
summte in ihm, eine ganze Weile schon, ferne und wehmutvoll. Wie kam er
nur darauf? -- --

Dies war es nun gewesen? War das wirklich alles? Er hatte Lust, daran zu
zweifeln, doch lauerte hier wieder die Frage nach der Tiefe oder
Wirklichkeit seiner Liebe zu ihr, und er bog von diesem Gedankenweg ab,
fand aber keinen neuen, stand auf einmal im Ungewissen und gab nun dem
Verlangen nach, auf der Erde zu liegen. Er ffnete das Gatter, ging zwei
Schritt in die Wiese hinein und legte sich hin.

Ach, das war wundervoll! Ach, war das wunderbar! Die Erde, diese Erde,
wie sie ihn trug! Wie ber alle Maen kstlich das war, sie zu fhlen am
ganzen Rcken, am Hinterkopf, an den Schenkeln und Fersen! Er breitete
die Arme und fhlte mehr und krftiger sich getragen, ganz wie wenn er
auf dem gewaltigsten Riesen lge. Diese Ruhe, o, endlich einmal nicht
mehr dies immer Aufrechtsein und wagerecht sehen! Liegen und doch das
ganze ungeheure Oben, den Nachthimmel, die Sterne voll in den Augen zu
haben, einmal in andrer Richtung zu leben, einmal nach oben die Brust zu
dehnen, statt immer nach vorn, und tiefer im Genieen, lie er sich noch
einmal die ganze Unlust des Aufrechtseins empfinden, alles Hngende der
Beine und Arme, die Schwierigkeit des dnngesttzten und so schweren
Kopfs, der vornber wollte, und nun -- -- da lag er, da lag er! Da war
die Natur, die gute, starke, mchtige, die ihn wortlos in Empfang nahm,
ihr breites Lager auftat und -- -- da liege ich, ach! da liege ich, --
da liege ich, -- da liege ich ...

Endlich merkte er doch, da er na wurde, da alle Halme trieften, und
er setzte sich auf. Sieh, was war denn das fr ein Lichtschein? War noch
jemand auf der Terrasse? Es war ein buntfarbiges Licht, es mute der
Lampenschirm sein. Er zog die Uhr und las auf das Haar genau Mitternacht
von dem glsern in der Nacht blinkenden Zifferblatt. Ja, spter konnte
es auch wohl noch nicht sein.

Georg stand auf und ging durch das Gatter die Allee hinunter. Das
Rosenoval erschien mondhell, graugestreift von Tau; der Mond selber hoch
oben am Himmel zwischen den Helenenruher Trmen, die er, wie das Dach,
mit Silberglanz belegte. Aber der Lampenschirm schien vllig mit sich
allein zu sein und war also wohl nur vergessen. Georg berschritt die
Wiese, ging die Treppe hinan, und siehe da -- Maler Bogner! ganz einsam
sa er, tief in einen Peddigrohrsessel hineingesunken neben dem Tisch,
die Beine bergeschlagen, sein Skizzenbuch auf dem Schenkel, malte darin
und hatte seine kleine, leise qualmende Pfeife im Mundwinkel stecken.
Als Georg nher trat, hob er das nachdenklich gesenkte Gesicht, blickte
ihm entgegen, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, steckte sie in den
andern und sagte durchaus nichts.

Ganz allein? fragte Georg heiser und hatte das unbehagliche Gefhl,
Bogner wisse alles. -- Der Maler nickte, griff, sich etwas hochrckend,
nach dem neben ihm stehenden Rmer, bemerkte, da er leer war, und sah
sich um. Georg entdeckte auf dem Tischchen an der Tr das Bowlengef
nebst einem Brett voller Glser, ging hin, nahm ein abseit stehendes,
das ihm unbenutzt schien, und schenkte es aus dem Bowlenrest voll,
danach auch das Glas des Malers. Sie hoben die Glser gegeneinander und
tranken, Georg im Stehen.

Ah, dies war nun wieder herrlich! Diese eiskalte, nach wenig, aber
kostbar schmeckende Flssigkeit, die in ihn hinabstrzte wie ein weier
Gebirgsquell. Er trank das ganze Glas aus, holte das Bowlengef und
stellte es auf den Tisch, fllte sein Glas abermals und dachte, da es
wunderbar sein msse, hier den Rest der Nacht zu versitzen in ernsten
und tiefen Gesprchen. Aber ob dieser Maler dazu zu bringen war? Georg
setzte sich mit dem Blick ber die Wiese.

Zeichnen Sie? fragte er.

Nein, sagte Bogner, ich mache blo so Krickelkrackel.

So, er machte Krickelkrackel. Er lie sich auch nicht stren, rauchte,
schwieg und trank. Georg fllte die Glser mehrere Male. Es ward khler,
es ging langsam auf Morgen. Auf einmal kam es ihm vor, als msse die Uhr
seit Stunden aufgehrt haben, zu schlagen, die Augen fielen ihm zu, er
bekam pltzlich einen Ruck und merkte, da sein Kopf im Einschlafen nach
vorn gekippt war.

O, er liebte sie doch, gewi liebte er sie! Nun war sie ihm ja wieder
s und er sehnte sich nach ihr, trumte wieder, bei ihr zu liegen, ihre
Schulter zu kssen und jene weichste Stelle an der Achsel. Alles kam
noch einmal und war doch sehr schn gewesen und erlosch nun, losch hin
wie Nacht und Mond ins Morgengrau und die umherschaudernde Khle. Ach,
dieser ganze Tag, wie er und alles nun gewesen, alles sich nun gleich
war, alles gleich, alles traumhaft und wallend und vergehend! O, stille
sein, nichts denken, dieser Tag ist aus! Alles wird sich finden, alles
wird kommen, wie es mu, die Zeit verrinnt, auch diese Stunde, sie
verrinnt, der Maler trank allein allen Wein aus, Georg sah pltzlich
einen Schatten hoch ber der Lampe, die Bowle bewegte sich, Georg
versuchte die Augen zu ffnen, da sie zufielen, er vermochte es nicht.

In einer nachtfinstren Gasse traf er Bogner, der dort umhersuchte.
Georg, um ihm zu helfen, fragte, was er suche. Meinen Bleistift, fluchte
Bogner, Gott solle ihn verdammen, sein Bleistift wre fort. Dies schien
Georg ein unseliger Verlust, und so suchten sie zusammen, bis Georg an
eine Tr geriet, ein groes Vestibl, das von innen strahlend erleuchtet
war, eine Menge Menschen ging Treppen hinauf, und auf einer Estrade
stand Onkel Salomon und winkte und zeigte den Bleistift, so gro wie ein
Spazierstock. Nun aber war da ein Theaterparkett und Georg wute, er
gehrte zu den Auffhrenden, er mute hier hindurch zum Bhneneingang,
Frauen und Offiziere standen in Gruppen zusammen, keine Sitze waren da,
und dazwischen ging Georgs Vater herum und teilte Hndedrcke aus. Also
kann er doch gehen! dachte Georg, ich wute ja, da es ein Irrtum war.
Er wollte zu ihm hin, aber das Menschengedrnge war merkwrdig zh, er
zwngte sich nur mit grter Mhe hindurch, und auf einmal wars finster.
Es war ein Lichtspieltheater, die Leinwand flammte grell auf, es
erschien der Maskenzug aus Kellers Grnem Heinrich, aber Georg wute,
da es nur scheinbar ein Lichtbild war; in Wirklichkeit war die Leinwand
durchsichtig, und die Menschen zogen krperlich dahinter vorbei, es
wurde nun aber hchste Zeit fr ihn, an seinen Platz zu kommen, jedoch
hielt Onkel Salomon ihn am rmel fest, er erschrak, nein, das war ja der
groe Chalybus, der ihn fr irgend etwas zur Rechenschaft ziehen wollte
und immerfort wiederholte: Der Kientopp ist das groe Hurra! und das
erschien Georg eine unerhrte Weisheit. Aber ich komme nicht hinein,
schrie er aufgeregt, und zum Donnerwetter, lassen Sie doch meinen Arm
los! Nun spaltete er das finstre Getmmel, da es krachte, doch wurde es
ein schwarzes Meer von Schultern und beleuchteten Gesichtern, die sich
alle nach ihm umwandten und sagten: Er hats schuld! er hats schuld! Nun
kmpfte er mit den Menschen, sie verdeckten ihm etwas, wollten ihn nicht
durchlassen, er schlug wst um sich, da lag in einem glsernen Sarge
Anna in ihrem blaroten Kleide, das Gesicht zur Seite geneigt, und war
tot. Entsetzen packte Georg, er schluchzte, warf die Hnde empor und sah
sie, schaudervoll erschrocken, die sich losgerissen hatten und ber ihm
in der grellen Lichtstrae, die gegen die Leinwand strmte, sich
krmmten, riesengro und kalkbleich, und er erwachte.

Erwachend erschrak er wiederum, denn vor ihm war wirklich eine bleiche
Hand, seine eigene im Scho, auf die sein Kopf hinabgesunken war.
Verstrt sich aufrichtend, bemerkte er, da die Luft grau war, dann
rasselte es in der Hhe, der Glockenhammer fiel einmal, der Schall
verhallte, -- nach ein paar Sekunden sagte Bogners Stimme: Halb drei;
es wird Tag ...

Der Maler lehnte ihm gegenber mit dem Rcken an der Terrassenbrstung;
es kam Georg vor, als habe er ihn beobachtet, whrend er schlief. Der
Maler stopfte seine Pfeife aus dem roten Gummibeutel, gleich darauf
flammte eine Streichholzflamme grell und blendend auf, Georg erhob sich,
fhlte sich zerschlagen, seine eine Wange glhte, ihn fror. Sich
streckend und ghnend, trat er an den Treppenrand und sah, da die Wiese
im Morgennebel schwamm; nur hoch oben ragten schwarz die Wipfelspitzen
heraus. Ihn frstelte heftiger, die Lider fielen zu, Bogner stand neben
ihm, streckte ihm die Hand hin und sagte:

Gratuliere zum neuen Lebensjahre, Prinz!

Gedankenlos die Hand ergreifend, fragte Georg: Wieso? besann sich auf
seinen Geburtstag, dankte und fhlte ein unbegreifliches Schamgefhl in
sich aufsteigen. Zum Umfallen mde, nahm er sich zusammen und sagte
spttisch verlegen:

Also fangen wir das neue Jahr mit Schlafen an, Herr Bogner! Guten
Morgen.

Ferne, heiser, krhte ein Hahn. Einer der Helenenruher Hhne antwortete
nahebei, verschlafen und krchzend. Der Maler ging die Stufen hinunter,
bog aber nicht ab nach rechts, sondern schritt geradeswegs ber die
Wiese, in deren Nebelsee er eine schnurgerade, dunkle Furche zog. Ich
glaube, der will baden, murmelte Georg, als die Gestalt im Nebel
verschwand.

Er drehte sich um. Da war der bunte Lampenschirm, aber er leuchtete
nicht mehr, war gedrucktes Zeug mit Farben und trkischen Arabesken,
sehr kalt, erloschen und trocken. Und Georg wandte sich ab von ihm und
ging die Stufen hinunter.

Er fand, da ein meilenlanger Weg und hundert Treppenstufen bis zu
seinem Zimmer zurckzulegen waren, entkleidete sich irgendwo und
irgendwie, sank in die Kissen und schlief im Augenblick ein, whrend die
Hhne hufiger und lauter krhten, der Nebel sich verdichtete, die Sonne
heraufstieg, den Nebel wegschmolz, Starenkehlen weckte und auf allen
Wiesen die Grillen, die wieder zu feilen begannen, tausendstimmig und
ununterbrochen.


    Hier enden des ersten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele
                                Stunden.




                             Zweites Buch.
                             Haus Montfort
                                  oder
                        Die Brcken des Herzens


                         Erstes Kapitel: August


                 Renate von Montfort an Magda Chalybus

                                        Waldhausen bei A., am 29. Juli

Liebste und (vorlufig noch!) Einzige!

Haus Montfort steht in goldenen Lettern ber dem Eingang des kleinen
grauen Barockpalastes, in den ich soeben eingezogen bin, -- dreieckige
und jene, in der Mitte zerstckten Bogensimse ber den Fenstern,
Erdgescho und zwei Stockwerke, kleine Figuren auf dem Dachrand, ein
schmaler Garten davor, ein groer dahinter. In einer halben Stunde soll
gegessen werden, ich habe den Reisestaub abgebadet und sitze, wie ich
der grnen Fliesenwanne entstieg -- das heit: getrocknet! -- aber
herrlich unbekleidet nieder, um Dir mit fliegender Feder zu sagen, da
ich Dich liebe und wie und wo ich mich befinde.

Wie und wo? Es kann nur Beides in Einem gelten. Aber wo fang ich an?
Beim Schreibtisch? Er ist schwarz, ein ebenhlzerner Mohr mit
perlmutternen Schlomulern. Beim Fenster links neben mir, das -- der
Schreibtisch steht ber Eck -- weit offen Juliblue, Sonne, Wipfelgrn
und sanften Wind ber meinen Rcken rieseln lt, so da die ganze
hellbraune Mhne meines Haars, auf dessen Spitzen ich sitze, sich hinter
mir bauscht, und ach, wie das kitzelt! (Gott behte, hereinsehn kann
niemand als die Sonne, wir befinden uns im ersten Stock, und kein
Gegenber ist nirgend!) Oder beim Sofa rechter Hand? Es ist
tiefdunkelblau und von glatter Seidenbespannung mit graden Lehnen. Oder
bei den schilfgrnen Wnden? Oder bei den zwei Tnzen von Hofmann in
weien Leisten, groe, weie Rechtecke berm Sofa? Oder beim hellgrauen
Teppich am Boden mit erdbeerfarbenen Girlanden? Oder den sonstigen
Mbeln -- grauahorn? Oder bei mir, die auer sich ist -- teils wegen
dieser unverhofften Kleinode um sie herum, teils weil sie soeben von
einem berlebensgroen, dreiteiligen Kurtisanenspiegel herkam, der mir
Dinge sagte, Dinge ... Solche Spiegel gab es in Genf freilich nicht,
auch in keinem Bacharacher Pastorenhause, und so wei ich wahrhaftig
erst seit heute richtig, da ich von oben bis unten so rosig und wei
bin wie eine einzige Magnolienblte! Und ferner, da ich darunter noch
braun bin, braun wie ein Fell vom gttlichen Hauche der Adria -- Magda,
ist es erst vier Tage her, da wir in ihr herumschwammen? -- und abermal
darunter ganz golden, ja, als wre ich eine goldene Statue innen, ich
hab es gesehen und kann es beschwren! Und ich wei, da ich einen
ganzen Mantel von Haar habe, wie drres Buchenlaub braun, und da ich
Augen habe wie Meerwasser und Flammen blau, welche aber -- ohne es grad
heute gesehen zu haben, wei ichs -- auch blau sein knnen wie Trkise,
wenn ich die Sonne auf eine gewisse Art durch die Wimpern fallen lasse,
und auch schwarz, nmlich bei elektrischem Licht, und auch grn wie
Wiesen, wenn ich die Sonne grade hineinscheinen lasse, -- Magda, kleine
Schwesterseele, dies ist nun ein Augenblick des Entzckens, wie sie das
Leben mitunter beschert --, wo die Welt so vollkommen scheint wie eine
goldene Kugel, so da man stundenlang Fangens mit ihr spielen mchte,
und da wei ich nun wie noch nie, da ich jung bin und gesund und
gesegnet mit Verstand und unbndig schn, ja unbndig, und voll Kunst
der Schnheit, die ich zu brauchen gedenke, nicht heute noch morgen,
aber in allen groen Lagen des Lebens -- -- es klopft! Mittagessen, und
noch mu ich mich anziehn, und noch schrieb ich kein Wort von der
erstaunlichen Herme dieses Hauses, meinem bisher noch vllig unbekannten
Vetter Josef, aber Geduld, ich komme gleich wieder!

                                                    Eine Stunde spter

Siehst Du, Liebste, anstatt da ich mich, wieder zur Ariadne verwandelt,
in die blaue Himmelshhle meines Sofas schlafen lege, wende ich mich
wieder zum Papier, hei wie ich bin von Sommerwrme, von ein ganz wenig
Bacchus, und von meines Vetters Josef berwltigender Erscheinung.
(Beilufig, Du erinnerst Dich vermutlich, da mein Papa, bis zum Tode
seines Vaters vor ein paar Jahren, ausgeschlossen war aus seinem Hause,
da ich also Onkel Augustin nur vor einem Jahre, bei Papas Begrbnis
einmal sah und damals auch Vetter Erasmus; Josef war damals auf Reisen.)
Nun -- Du kennst Onkel Augustin, rosige und weihaarige Miniatre in
goldener Brilleneinfassung; denke sie weg, denke sie weit weg ins
Imaginre, wenn Du eine Vorstellung von seinem Sohne Josef bekommen
willst, Josef, dem groen Hexenmeister -- ja hre!

Josef, von seinem Vater beauftragt, einen Trinkspruch auf mich oder ein
Teil von mir zu erdichten, dachte nicht erst nach, strich mit flacher
Hand -- seine Geste -- bers ganze Gesicht hinunter bis zur Oberlippe,
so da es darunter hervorkam, unkenntlich verwandelt zur bleichen Maske
mit runden, nachdenklich mich anstaunenden Augen, worauf er diese ganze
Maske wegschleuderte, um, triumphierend er selber, zu sprechen:

   Dies Auge -- unbestritten --
   Ist geschnitten --
   Aus dunklem -- blauen --
   Klaren Nordseewogenhgel -- --
   Seele blitzt heraus, zu schauen
   Tief im Spiegel,
   Wie geschwungner Mwenflgel -- --
   In kristallner Wasserfrische
   Tummeln sich phantastsche Fische,
   Ziehn beschattet, ziehn in Scharen
   Tiefer -- nach dem Wunderbaren ...

Ei ja, herrlich, nicht wahr? Aber es ist noch keineswegs alles! Denn da
ich -- Notzeichen frcht ich von mir gebend wie ein brennendes Schiff
auf hoher See -- ihn bat, mir diese Verse aufzuschreiben, so schrieb er
sie -- wir saen zu dritt am runden Speisetisch auf der Veranda --
zwischen sich und mich auf das weie Tafeltuch mit leichtester Hand, und
dann malte er zwei Fabeltiere herum, Delphine, unterhalb zusammenstoend
mit dicken Kpfen, links und rechts nach oben steigend mit den
verjngten, glatten Leibern, mit tief gespaltener Schwanzflosse, und nun
auf einmal war das Ganze, durchspannt von dnnen Verszeilen -- eine
Leier ...

Hierzu aber, hierzu denke ihn, Gesicht und Gestalt, freilich von
keineswegs arionischer Zartheit, vielmehr: Gro, so gro wie alle Mnner
sein sollten, dann wre es ein Geschlecht! doch dies beilufig, --
ferner: breit in den Schultern, gro auch von Gesicht, die Haut
brunlich, der ganze Ausdruck sehr beeinflut von einer kleinen
schwarzen Bartfliege am Kinn -- schwarzes, krftig gelocktes Haar -- so
wie Feuerbachs, an den auch die Bartfliege erinnert -- schrge, breite
Stirn, nach oben geschwungene Brauen, Nase von der Seite krumm, Augen
schwarzbrunlich, nicht eben gro und so erstaunlich weit voneinander
gesetzt, da es mitunter scheint, als blickte jedes allein dich an, --
Nachtmaren und dergleichen mssen solche Augen haben, -- der Mund ein
wenig zu breit, die Lippen geschwungen dnnschalig, beim Sprechen leicht
sich vorwlbend und krmmend wie die halb offen aufeinander liegenden
Rnder einer Muschel. Und dazu Haltung und Gebrden, die sich kaum
abschildern lassen, aber jedenfalls: unendlich gepflegt, leicht
herablassend, immer gebndigt, ruhig, beraus ruhig, auch die verhaltene
Stimme, brigens verwegen; nicht prahlerisch -- und doch prahlerisch;
ohne eine Spur von Roheit und ohne eine Spur von Herz, -- alles in
allem: Alcibiades, wie er leibt und lebt! Wer htte gedacht, ihm hier zu
begegnen im norddeutschen Altenrepen, zweihunderttausend norddeutsche
Einwohner, Huser rot, gelb und allesamt ruig von Hunderten von
Fabriken im Westen, brigens eine muntere, betriebsame Stadt, aber
norddeutsch ganz und gar, so da mein ganzes mtterlich rheinisches Blut
und der Rest vom franzsischen sich krftig bemerkbar macht, um so mehr
angesichts dieses ppigen Josef. Denn es ist sehr wundervoll und
trstlich, einmal einen Menschen zu sehn, der in seiner ganzen Gestalt
hin _lebt_, wie man die Griechen sich gelebt haben denkt, oder die
Heroen, Hektor, oder Pentheus oder Perseus, -- der eine gewisse Angst
einzuflen imstande ist, die schne Angst des Meeres oder der
Stromschnellen, den Schwindel nur reiend sich verstrmenden Lebens, der
es, was mich anbelangt, freilich an sich hat, mich so sicher und khl
aufrauschen zu lassen wie einen Zederbaum.

Noch fllt mir ein: erinnerst Du Dich aus meiner Monographie einer
Studienzeichnung Feuerbachs, eigentlich wohl nur Gewandstudie: eine
stehende Iphigenie in sinnender Haltung? Josef und sein Vater schworen,
ich sei gemeint, die sinnende Haltung jedenfalls, -- na, Du weit
vielleicht besser als ich, ob ich es liebe, so dazustehn, die rechte
Hand am Kinn, den Ellbogen in der Linken, und so schreibe ich es Dir --
weshalb? Ach, weshalb! -- Zwei ganze Bogen sind voll, ich mu den Rand
zu Hlfe nehmen, um Dir -- trotzdem aus innerstem Herzen -- tausend
innige Gre zu sagen. Leb wohl, leb wohl! Vier Stunden von Dir getrennt
und doch heitern Herzens, o pfui! Schreibe gleich! Vom Vater, von Georg,
Herzog und Herzogin, Khe, Hhner, Schweine, alles. In Liebe

                                                                Renate


                            Renate an Magda

                                             (Telegramm auf 5. August)

Liebste, ich bin sehr beunruhigt durch Dein Schweigen, bitte
telegraphiere gleich. Liebevoll besorgt

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                              (Telegramm am 5. August)

Brief unterwegs

                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                             5. August

Nun, Mdchen, was hat dies zu bedeuten? Acht Tage kein Brief, kein
Zeichen, ich verzehre mich in Ahnungslosigkeit und Ungeduld, ich
telegraphiere und bekomme diese Antwort? Ich hte mich zu fragen, warte
geduldig oder ungeduldig auf den versprochenen Brief und begnge mich
mit der kmmerlichen Versicherung meines innigsten Gedenkens! Ach, wre
nur der Brief schon da! Anbei schicke ich Dir die Zeilen, die ich vor
ein paar Tagen fr Dich schrieb, gebe Gott, da Du sie wieder sichern
Herzens lesen kannst! In unendlicher Liebe und Sorge Deine

                                                                Renate

                                                            Am 2. Aug.

Liebste und -- trotz Josefs immer noch Einzige!

Nun mu ich Dir vom Schnsten schreiben. Zuvor aber mu ich versuchen,
Dir die Wohnung und alles Drumherum zu schildern. Male mir ebenso
Helenenruh, ich erwarte es gewi; Deine Erzhlungen -- ich merke jetzt
erst, welche unbestimmte Vorstellungen sie ergeben haben, wo ich Dich in
der Ferne suche und nichts sehe als Meer und Wiesen, und nicht wei, ob,
was ich in der Ferne gewahre, eine weie Kuh ist oder dein weies Kleid,
und warum nicht weie Kuh? Sie haben den Vorzug der Seltenheit, und ich
kann mir kaum Schneres vorstellen als Io, die jungfruliche Geliebte
des Zeus.

Meine Zimmer kennst Du, -- das heit, das Schlafzimmer ist wei, sieht
wenigstens so aus, da die weie Decke fast ein Drittel Wandhhe
herabgezogen ist; die Bespannung ist hellgrauer Seidenstoff mit
einzelnen, silbernen, dnn- und langstieligen Mohnblumen, die Schrnke
grauer Ahorn mit Perlmutter, Spiegel wei und das Bett -- Himmel, das
Bett ist ja kein Bett, sondern eine flache und in die Lnge gezogene
Muschel mit welligem Rand, von dunkelbraunem Mahagoni und ruhend auf
goldnen Delphinen; das sieht nach Empire aus, aber da man dergleichen
frher denn doch nicht machte, verdchtige ich Josef ... Von hoch oben
darber fllt im Dreieck ein Sturz von wasserblauem und weiem Flor, --
nie sahst Du so Khles! -- Dazu gehrt noch ein Badezimmer mit
Fliesenwanne im Boden, in die Stufen hinabfhren -- o Allermdchentraum!
-- Das ganze Haus wurde in den achtziger Jahren gebaut und eingerichtet,
und da das Kunstgewerbe damals auf gichtischen Beinen stand, war Onkel
Augustin fein genug, um ein entzckendes Durcheinander von Empire,
Biedermeier und ein wenig Rgence herzustellen, das sich nicht nher
beschreiben lt. In der Mitte ist eine groe Halle mit Kamin, im Sommer
dster, da die groe Veranda davor -- mit breiter Treppe zum Garten --
rundum von wildem Weinlaub zugewachsen und auch davon bedacht ist. Vor
der Veranda ist ein schner, groer Rasenplatz mit einer sandsteinernen
Sonnenuhr nicht weit von der Treppe, rundum dichte Gebsche und allerlei
Bume, lustig anzusehn. Ein Zaun trennt unsern Garten von dem hintern
Teil eines groen Bier- und Kaffeegartens, der nach einem alten
Festungsturm, der noch zu sehn, der Dhrenerturm heit und links sich
ins Freie senkt in Gestalt einer Wiese, die auf unsrer Seite von einem
Wsserlein, gegenber von einem schnen alten Friedhof mit seiner
trmchengekrnten Mauer begrenzt ist. Zwischen beiden, nmlich Bach und
Kirchhofsmauer, ist ein Zaun ausgespannt, und von da aus strecken sich
weite, weite Wiesen, die Maschwiesen heien, und ganz hinten sieht man
Eisenbahnbrcken und noch ferner die Trme und die Fabrikschornsteine
und den Rauch von Altenrepen.

Und nun hre das Einzige! Am Nachmittag nach meiner Ankunft fhrten
Onkel und Vetter Josef mich im Garten herum, und auf einmal standen wir
vor einem altertmlichen Gebude, einer Kapelle mit drei hohen gotischen
Fenstern. Da zog der Onkel einen zierlichen Schlssel aus der Tasche,
bergab ihn mir mit Feierlichkeit und dem Bemerken, dies sei mein
Allerheiligstes, das er fr mich erbaut habe. Gott, flogen mir die
Hnde, ich glaubte schon zu ahnen, ich schlo auf, so gut ich konnte,
und richtig! Es war eine Orgel!

Kind! Liebstes! Magda! Mdel! Eine Orgel! Denke nur, eine richtige,
groe, herrliche Orgel, und ein wundervolles Instrument. Ach, es ist
doch zu wunderschn, wenn man eine Art Nabob ist!

Und ist es nicht rhrend von meinem Onkel? Nun siehst Du, wie schlecht
ich gewesen bin, wieviel ich ihm abzubitten habe, denn Du erinnerst Dich
gewi, wie bse ich war damals, als er mich gleich nach Papas Tode in
eine Pension steckte, weil ich mir schon viel zu alt und erwachsen und
gelehrt vorkam und auch gedacht hatte, nicht grade unter ganz fremde
Menschen mit meinem Schmerz gehn zu mssen. Da Onkel seine Grnde haben
msse, da er viel zu viel zu tun hat, um sich um meine Ausbildung
kmmern zu knnen, da es besser fr mich war, den Schmerz
zurckzudrngen und im Innern rein und schn zu erhalten, daran dachte
meine damals siebzehneinhalbjhrige Erwachsenheit natrlich nicht. Er
aber, der doch in den paar Tagen beim Begrbnis eigentlich nichts an mir
entdecken konnte als ein verweintes, unbedarftes Pastorentchterlein,
hat sich mein bichen Orgelspiel auf meiner lieben alten, heisern
Dorforgel so zu Herzen genommen, da er, anstatt sich ein Landgut oder
ein Automobil zu kaufen, ein geradezu unchristliches Geld fr eine Orgel
zum Fenster hinauswirft.

Also mein Entzcken! Natrlich war ich den ganzen Tag nicht aus der
Kapelle zu bringen, nachdem ich unter reichlichen Trnen mit Papas
Lieblingslied Mein glubiges Herze, frohlocke, sing, scherze begonnen
hatte. Auerdem besitzt Josef unter seinen vielen Talenten auch das, ein
musikalisches Genie zu sein, das heit, er spielt Klavier, Geige und
Cello gleichmig, wenn auch nicht gleichmig gut. Herrlich ist nur
sein Vortrag, aber die Lufe kommen meist gewischt oder so
andeutungsvoll, blo Triller kann er schlagen wie eine Lerche. Immerhin
brachte er die groe Cellosonate, die ich gleich aufs Tapet legte, mit
Anstand zu Ende.


                            Magda an Renate

                                              Helenenruh, am 5. August

Meine einzige Renate!

Warum ich so lange geschwiegen habe, hre ich Dich schon lange fragen;
-- ich war krank. Ja, sechs Tage hab ich gelegen und recht gelitten. Es
kam grade an dem Tage, wo ich Dir schreiben wollte, daher das lange
Schweigen. O bitte, erschrick nicht, es ist nun alles vorber und still
geworden. Aber Geduld mut Du haben und lange zuhren, ich habe Dir
soviel zu sagen -- und auch zu fragen. Am liebsten wre ich ja zu Dir
gefahren, aber ich kann hier nicht fort, Du sollst gleich hren,
weshalb.

Ja, nun ist es doch eingetroffen -- nein, so kann ich nicht anfangen,
also von vorn. Nein, eine Frage mu ich gleich erst noch an Dich
richten: Kennst Du oder Deine Familie in Altenrepen die Familie eines
Sanittsrats Bogner? Ein Sohn von ihnen mu schon vor langer Zeit sein
Vaterhaus verlassen haben, um Maler zu werden. Du mut mich nicht
auslachen, ich wei, wie gro Altenrepen ist, aber es wre doch mglich,
da Du sie kennst, und ich habe das Gefhl, als knnte es mich trsten,
wenn Du -- nein, nun will ich anfangen.

Einen Tag nach meiner Ankunft hier bekam der Herzog Besuch von einem
Maler Benvenuto Bogner. Ach, Renate, der wrde Dir gewi gefallen, und
Ihr wrdet Freunde werden, wenn Ihr Euch kenntet. Ich bin ja solch ein
unbedeutendes Wesen. Man meint, wenn man ihn reden hrt, das, was er
sagt, sei gewi das Letzte, was man ber eine Sache sagen kann. Ach, und
dann hat er uns etwas aus seinem Leben erzhlt -- aber das kann ich
nicht wiedergeben. Ich habe aber gleich solches Zutrauen zu ihm
gewonnen, da ich -- ach Gott, wovon rede ich?

Eben habe ich ein Weilchen am Fenster gestanden und die Stare im
Obstgarten beobachtet; sie machen einen furchtbaren Lrm. Gott, wer bald
mit ihnen fliegen knnte, wie Dumelinchen auf der Schwalbe, weit Du?
nach Sden, nach Altenrepen. Ach, Du weit ja noch gar nicht, da ich
geflogen bin, richtig geflogen, mit einem Flugapparat, den der Herzog
erfunden hat. Es war ganz sicher, o ein Riesentier wars, und das ging!!
Nein, ich kanns nicht beschreiben, wrst Du mit gewesen! Und denke Dir
nur, unser schwarzer Schwan -- ach Gott!

Nun merkst Du schon, da ich Angst habe. Ich komme und komme nicht dazu,
Dir das zu schreiben, was ich will. Wenn ich nur nicht wieder einen
Weinkrampf bekomme. Ja, Rena, acht Tage habe ich immerlos geweint und
geweint, ich bin ganz entstellt. Als Kind hab ichs schon mal gehabt --
nein, nun mut Du Dich ja schrecklich sorgen bei meinen fortwhrenden
Andeutungen.

Der Maler war mit einem Bekannten gekommen, der sich aber nicht sehn
lie; er hatte ihn auch eigentlich nicht mitbringen wollen, denn er war
gemtskrank, wie wir spter hrten, aber Du weit ja, wie gastfreundlich
unser Herzog ist. Nun waren Georg und ich nach dem Frhstck ans Meer
geritten, und als wir zurckkehrten, ich wei nicht, wie es kam, war ich
weit vorauf, und ob ich schon unruhig wurde, oder -- jedenfalls fing ich
auf einmal an zu galoppieren, durch das Wldchen nach dem Weiher
(vielleicht erinnerst Du Dich nach meinen Beschreibungen), und dadrin
schwamm ein Mensch. Nun ging alles so furchtbar schnell, da ichs kaum
noch wei, Rottraut flog ganz von selber in den See hinein, und ich
kriegte einen rmel zu fassen und schrie, und dann kam auch Georg, und
so brachten wir ihn ans Land. Er lebte und ist leben geblieben, und der
Maler, der dazu kam, erkannte seinen Bekannten. Er heit sonderbar,
nmlich: Jason al Manach, und er ist auch aus Altenrepen.

Renate, weit Du, was das bedeutet? Denkst Du noch an die Zigeunerin in
Ayres-au-Mont? An die Prophezeiung? O lchle nicht, es tut mir so weh,
wenn Du lchelst, Du weit ja nicht, was noch alles kam.

Verzeih, siehst Du, da sind die Trnen wieder, sie laufen so von selbst,
aber ich mu jetzt weiterschreiben, ich habe ja niemanden auf der Welt
als Dich.

Das Wasser hat erst nicht geschadet, es war ja so warm, ich hab mich nur
umziehn brauchen. Nur Deine schne Stickerei ist hin; ich hatte die
Bluse an mit dem Kreuzstichmuster, das ich Dir abgebettelt hatte; der
eine rmelbesatz ist zerrissen, ich wei nicht, wie es gekommen ist. Am
andern Tage war dann die Erkltung da. --

Von dem, was noch am Tage passierte, kann ich weiter nichts sagen. Da
ich geflogen bin, weit Du, es war nachmittags. Ich war so in Erregung,
und alles war so seltsam, ein Gewitter gab es -- es geht mir jetzt alles
durchhin, und es ist ja auch gleichgltig. Nur von Artaxerxes mu ich
noch schreiben. Er ist nmlich aufgeflogen, als ich in den See
hineinplantschte. Spter, beim Gewitter, kreiste er noch ber Helenenruh
und schrie dabei, und es war so sonderbar, als ob irgendein Zusammenhang
zwischen mir und ihm -- -- ach, liebe Renate, Du mut Dich nicht
wundern, da ich so verrckte Sachen denke, es ist alles in mir so
verstrt, die ganze Welt ist anders geworden. Und der Schwan ist doch
nicht fortgeflogen, und das war sein Unglck, denn als wir ber das
Wldchen flogen, wurde er von der Schraube getroffen, brach einen Flgel
und strzte hinunter. Wie schrecklich, nicht, Renate? Nun konnte er
fliegen, und da warfen wir ihn wieder hinunter. Papa hat ihn richtig
erschieen wollen, weil er sich doch nur qulen mte, und Papa ist ja
so, -- aber Georg -- ich hatte ihn gebeten -- hat es erreicht, da er
leben bleiben durfte, und er scheint sich wieder zu erholen, und
verhungern wird er schon nicht.

Ich kann nicht mehr schreiben. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht.

                                                             6. August

Und nun wurde es Abend. Georg und ich gingen noch einmal an das Meer.
Vor Dunkelwerden kamen wir in die Gegend von Ldersens Deich und der
Windmhle, die dort steht, und wir hatten grade den Maler getroffen, da
ereignete sich das Schreckliche. In der Nhe der Mhle, auf dem Weg von
Helenenruh erschien auf einmal al Manach, der den ganzen Tag im Bett
gelegen hatte, er machte ganz wahnsinnige Gebrden, und dann strzte er
sich auf die Mhle zu, es war ganz klar, da er in die Flgel
hineinlaufen wollte, um sich umzubringen, und Bogner lief gleich hin,
wre aber viel zu spt gekommen, und da habe ich Georg sein Teschin
weggenommen und habe al Manach in die Beine geschossen -- o, ich kann
schieen! -- und dicht vor den Flgeln ist er zusammengebrochen. Da bin
ich ohnmchtig geworden.

Und doch, doch, eh ich anlegte, und so schnell alles wieder ging, hrte
ich deutlich eine Stimme in mir rufen: Tus nicht, es ist das zweite Mal!
Aber da ging der Schu los. Geschadet hat er nicht viel, es war ja
Schrot. Und siehst Du, am folgenden Tage sagte Papa immer, es wre doch
hahnebchen, einem lebendigen Menschen eine ganze Schrotladung in die
Beine zu geben, und das war so komisch, da ich furchtbar an zu lachen
fing; ich konnte gar nicht aufhren, und dann ist ein Weinkrampf draus
geworden. Nun ist es endlich still.

Tausend, tausend Dinge htt ich Dir noch zu sagen, aber ich komme nicht
weiter, und Du verstehst ja auch alles. O die Gedanken, die Gedanken! Es
mu noch stiller, viel stiller werden. Schreibe mir bald und viel und
von Dir! Vergieb, da ich gar nicht nach Dir und den Deinen fragte, aber
was Du schriebst, berstrahlt ja alle Fragen. Davon mut Du mir mehr
erzhlen, und es wird mich mehr beruhigen als alles andere. Tausend
innige Gutenachtksse von Deiner

                                                                 Magda


                             Magda an Georg

                                                 Helenenruh, 7. August

Liebster Georg!

Fr Deine lieben, lieben Zeilen sei tausendmal bedankt! Ja, ich bin ganz
wiederhergestellt, nur noch ein wenig schwach, aber das wird bald
vorbergehn. Nein, ich schelte nicht, da Du das Bild gestohlen hast,
Papa hat es bei meinem Kranksein wohl gar nicht gemerkt, gesagt hat er
jedenfalls nichts, und ich habe ihm jetzt ein andres aus demselben
Dutzend hingestellt. Behalte es lieb, mein Bild, Du mut Dich nicht
wundern, da ich das sage, denn, mein lieber Junge, Du darfst mir nicht
mehr schreiben, und ich werde es auch nicht tun. Papa wrde es nicht
gern sehn -- aber das ist freilich nicht der Grund.

O Georg, zrne mir nicht, wenn ich Dir jetzt kalt und herzlos scheine!
Glaube immer, da ich Dich lieb habe, da ich keinen Menschen in der
Welt so liebe wie Dich, aber Du darfst nicht mehr an mich denken. Nein,
schreibe mir nicht, frage nicht, sei still, o versuche so still zu sein,
wie ich es werden mu, damit ich das Leben ertragen kann, -- auch wenn
Du mich nicht verstehen kannst. Dir wird es ja gewi auch leichter
fallen, Du bist unter den vielen Menschen und siehst soviel und erlebst
soviel, was mehr Raum in Deinem Leben beansprucht, was Du auch mehr
brauchst und was Dir viel mehr geben wird, als ein kleines, armes
Mdchen, wie ich, Dir geben kann, und -- und das Beste hast Du ja schon
bekommen.

Nein, Georg, Du darfst nicht fragen. Du wrdest mich nicht verstehn, was
ntzt es, Dir zu sagen, da es mit der Prophezeiung zusammenhngt. Du
wrdest versuchen, mir solche Gedanken auszureden, und das, siehst Du,
das wrde mir doch weh tun. Tragen helfen kannst Du mir doch nicht, ich
wrde Dir nur eine Last sein, das kann auch kein andrer Mensch, ich mu
es ganz allein versuchen. O lieber Georg, ich mu manchmal denken, wie
gut es ist, da wir uns so fremd sind. Als ich zu Bett lag, hab ich das
immer denken mssen. Es klingt vielleicht sonderbar, da ich mit meinen
siebzehn Jahren das sage, aber die Gedanken sind wohl da und kmmern
sich nicht viel darum, von wem sie gedacht werden. Du weit ja auch
nicht, was ich in dieser letzten Zeit erlebt habe. Mir ist, als wre ich
viele Jahre lter geworden, und Du bist jung und hast unendlich viel
Schnes vor Dir. Ich aber, Georg, ich darf an nichts mehr denken. O es
war schn, als wir zwei auf dem Deich standen! Die Sonne sank, und der
Mond kam herauf, wie die beiden Eimer in einem Brunnen, und mir war, als
stnden wir am Rande der Welt, als wren wir weit aus dem Leben
herausgetreten. Und siehst Du, Liebster, nur Du bist wieder
zurckgegangen, ich bin drauen geblieben. Ich mu nun alles mit andern
Augen ansehn, mir ist, als gehrte ich nicht mehr dazu, und wenn ich
auch noch eine kleine Weile unter den Andern zu sein scheine, so bin ich
es doch nicht mehr. Ich habe vielleicht noch ein wenig zu tun ... da ist
der arme al Manach, der recht krank geworden ist und gepflegt sein will,
das mu ich doch nun verantworten. Du bist gesund und jung und stark und
kannst allein gehn und Dich wehren; ich mu mich nach denen umsehn, die
leiden und traurig sind, die alles verstehn und alles kennen und nur
Schlimmes erfahren haben.

Ach, la mich aufhren, ich finde die Worte nicht! Mein Bild sollst Du
liebbehalten und zuweilen ansehn, so als wre ich gestorben, weit Du,
und das will ich auch sein fr Dich. Nun geh, mein lieber, lieber Junge,
vielleicht wirst Du mich einmal verstehn und nicht mehr mit Kummer
denken an Deine Dich immer, immer liebende

                                                                  Anna

Und nicht schreiben, nicht antworten, wenn Du mich lieb hast!


                            Renate an Magda

                                              Altenrepen, am 9. August

Mein gutes Mdchen,

da ich alles verstehe, da und wie sehr ich mit Dir fhle und leide,
das braucht Dir Deine Renate nicht erst zu versichern, denn das hast Du
schon gesprt, als Du mir schriebst, nicht wahr? Es schmerzt mich sehr,
da ich nicht bei Dir sein kann, ich werde auch ganz gewi versuchen,
mich auf ein paar Tage loszumachen, aber Onkel hat in meiner Erwartung
bereits die Haushlterin entlassen, und nun habe ich das ganze Haus um
die Ohren. Dazu erwarten wir jeden Tag meinen Vetter Erasmus aus Marburg
-- es tut mir so schrecklich leid! Denn ich wei ja, wie wenig mit dem
Schreiben getan ist. Wenn man trsten will, macht das Papier alles kalt,
und die Worte sinds ja auch nicht, ich mte Dich ansehn, und Du mtest
mir glauben.

Ich stelle mir Deine Gedanken vor -- denn wir mssen doch versuchen,
tapfer zu sein, und der Sache ins Auge sehn -- und versuche, zu denken
wie Du. Nun schreibst Du von Eurem Schwan, der sich den Flgel gebrochen
habe und erschossen werden sollte, Du aber hast fr sein Leben gebeten
und es auch erhalten. Ja, hr mal, was heit das anders, als da Deine
Prophezeiung schon ganz erfllt ist, nur die letzte Folgerung, die sich
auf Dich selbst bezieht, die ist ausgeblieben. Nein, Kind, Du darfst
durchaus nicht glauben, da ich die Sache so ins Leichte und
Oberflchliche ziehn will. Sieh mal, es kann doch fr vernnftige
Menschen (und das sind wir doch!) nur zwei Mglichkeiten geben. Entweder
man glaubt nicht daran und sieht alles fr Zufall an -- nun, dann gehrt
auch der Schwan dazu, und die Prophezeiung war eben gelogen. Oder man
glaubt, und ich selbst bin weit entfernt davon, irgendwelche
Zusammenhnge zu leugnen, fr die uns vielleicht nur ein Gefhl abgeht,
das andre Menschen, wie die Zigeunerin, doch haben knnen. Oder also,
man glaubt daran, ganz ernsthaft und berzeugt -- dann gehrt wieder der
Schwan dazu, denn dann ist nichts geringfgig, ein Tier ist so gut wie
ein Mensch. Und kennen wir nicht aus der Schule eine Menge Weissagungen
und Orakel, die eintrafen, aber in einem ganz andern Sinne, als sie
aufgenommen wurden? Wie war doch das mit Xerxes, oder wie er hie, dem
geweissagt wurde, er wrde ein groes Reich zerstren, wenn er ber
einen gewissen Flu ginge, und hernach wars sein eignes Reich, das er
zerstrte. -- Du wirst es genauer wissen, Du hattest ja immer ein Faible
fr Geschichte.

Liebling! Mein Vater sagte bei jeder Gelegenheit, wo es pate, das Beste
in der ganzen Welt wre die Logik. Ich lasse das dahingestellt sein,
habe aber jedenfalls versucht, der Sache auf mglichst natrliche Weise
auf den Grund zu kommen. Du siehst, was herauskam: es ist eingetroffen
und ist nicht eingetroffen. Da ich beinah anderthalb Jahre lter bin als
Du, so habe ich natrlich recht. Das Rechthaben allein ntzt freilich
nichts, aber sollte ich Dich nicht ein bichen berzeugt haben?

Vorlufig bitte ich Dich, ber das, was ich sagte, hbsch weise
nachzudenken. Du bist immer ein braves Kind gewesen und folgsam, und
damit Dirs leichter wird, schicke ich Dir ein sehr ehrbares Bild von
mir, das Onkel Augustin gleich nach meiner Ankunft hat machen lassen.
Das mut Du fleiig dabei ansehn.

Nun zur Beantwortung Deiner Fragen. ber eine Familie al Manach gibt der
Adrekalender (verzeih das Wortspiel, ich lerne so was von Onkel, der
freilich mit etwas feinerem Witz begabt ist als ich) keine Auskunft. Den
Sanittsrat Bogner habe ich nicht nur im Adrebuch gefunden (er wohnt
brigens in Waldhausen wie wir, zwei Straen von uns), sondern auch von
zwei Menschen etwas ber ihn gehrt, von Onkel und noch jemand (davon
gleich!). Onkel erinnerte sich, da Dein entlaufener Maler mit meinem
Vetter Erasmus in die Schule gegangen ist, er schien auch mehr zu
wissen, sagte aber nichts. Der alte Bogner bt brigens, wie ich
erfahren habe, keine Praxis mehr aus, er leidet selbst an den Augen und
droht zu erblinden, das sag nur Deinem Maler. Und nun mu ich Dir von
einer kleinen Freundin erzhlen, die ich schon bekommen habe. Wirst Du
auch eiferschtig?

Am Abend hatte ich mich noch mal zu meiner Orgel geschlichen und so
recht in Phantasien und Wehmut geschwelgt und war, als ich noch ganz
fromm und trbe zurckging, in den Gemsegarten geraten, da sehe ich
ber den Zaun aus dem Nachbargarten zwei unmenschlich groe Kinderaugen
auf mich gerichtet. Kinderaugen, dachte ich erst, aber das kleine Wesen
ist schon achtzehn Jahr alt, wie ich nun wei, und ziemlich gro, auch
entzckend ausgewachsen; es trgt aber die Haare kurzgeschnitten, wie
Deine Herzogin, aber in den reizendsten rotgoldenen Lckchen, und ein
Gesichtlein sa darin, nein, so etwas Liebliches, ngstliches und so
etwas von Verweintheit -- kannst Du rmste gewi sehn, wenn Du in den
Spiegel schaust, aber das mut Du nicht. Das tat nun gleich ein
zitterndes Mndlein auf und sagte recht innig und freundlich aus seinem
grnen Buschwerk heraus: Ach verzeihen Sie nur, haben Sie eben so
wunderschn gespielt? Ich bekannte mich dazu, und da hat mich die
Kleine gebeten, zuweilen so am Zaun stehn zu drfen und zuzuhren. Gott,
diese Unschuld, die sogar um Erlaubnis bittet, nassauern zu drfen. Eh
ich dann noch weiter mit ihr reden konnte, war sie entwischt, und ich
sah nur noch, da sie ein sehr schlecht sitzendes schwarzes Kleid und
statt eines Grtels einen -- Rosenkranz trug, dessen Kreuz ihr nachflog.
-- Ein paar Tage spter fiel mir mitten im ben ein, die Kleine mchte
wieder am Zaun stehn, ich brach sofort ab, lief hin, und richtig, da
stand sie, hatte ihren Rosenkranz in der Hand und sah wie eine kleine
Heilige aus. Da half nun kein Widerstreben, ich nahm einen Gartenstuhl,
schwang ihn ber den Zaun zu ihr hinber und befahl ihr bei Todesstrafe,
zu mir herberzuklettern, und siehe da, sie machte es viel geschickter
und natrlicher, als ich gedacht htte.

Nun scheint es einmal so, da ich fr alle Menschen die Beichtmutter
abgeben mu, in der Pension kamen sie ja auch immer alle zu mir. Die
Kleine jedenfalls schmolz zu Trnen in meinem Scho und flehte mich
himmelhoch an, ich sollte ihr helfen, ihr raten, sie knnte das Leben
nicht ertragen.

Sie heit Irene von Herzbruch, aber die Geschichte erzhle ich Dir ein
andermal, mein Herzekind, heut nur noch eins. Wie ich jetzt aus Deinem
Briefe sehe, war es zu derselben Stunde, wo sich die Kleine bei mir
ausweinte und mich auch ein wenig getrstet und hoffnungsvoll verlie,
da Du meiner bedurft httest und gewi an mich gedacht hast. Nun siehst
Du, sollte es Dich nicht ein wenig freuen knnen, da die kleine Irene
das bekommen hat, was Dir fehlte? Ich denke wenigstens, so gleicht sich
alles ein wenig aus. Ahnen knnte man ja freilich immer, da es so ist,
aber das gilt nicht viel, und hier kannst Dus einmal wissen. Ich habe es
Irene schon gesagt, und sie schickt Dir einen schnen Gru, und sie
htte es an Deiner Statt angenommen, wenn Du es erlaubtest. Erlaubst Du?

Nun genug, mein Liebling, Du mut ja diesen Brief morgen noch haben.
Schreibe bald, wie es Dir geht, versuche bitte! ich wei, wie schwer es
ist, aber versuche, das Heilsame zu denken und nicht das Giftige! Ich
spiele die Orgel fr Dich, mein Kind, und habe Dich von ganzem Herzen
lieber als alle Andern!

                                                          Deine Renate

Es kommt ein Nachwort: Vergi nicht, mir von Deinem Prinzen zu
schreiben, er scheint ja gar nicht vorhanden zu sein. brigens mu ich
Dir ja noch sagen, da mir Irene erzhlt hat, sie habe als kleines
Mdchen mit einer Schwester Deines Malers gespielt, die aber schon frh
gestorben ist. Er war damals schon davongelaufen.


                            Magda an Renate

                                                            20. August

Ach, Renate, Du hast gewi recht, wenn Du sagst, da er auf und davon
gegangen ist, und so wird es damals auch gewesen sein, aber es ist doch
nicht das rechte Wort. Und wenn er seinen Eltern damit auch Schlimmes
angetan hat, so hat er dafr auch jahrelang das Schlimmste erduldet,
Hunger und alle Entbehrungen und dann die Verlassenheit und tausend
Zweifel, und die Sorge, ob er auch das Rechte tat, und keine
Anerkennung, nicht einmal bei sich selber. Und sie hatten doch auch noch
andre Kinder. Du mut nicht denken, da er sich dessen nun rhmt oder
berhaupt davon spricht, aber man sieht ihm an, was er gelitten hat, und
woher die Ruhe stammt, die jetzt in ihm wohnt. Nicht an seinem grauen
Haar und nicht an den hundert Falten um seine Augen, sondern, so
sonderbar das klingen mag, an seinem Lcheln. Hast Du einmal beobachtet,
wie Menschen lcheln? Wie Du selbst lchelst, wenn Du liebenswrdig sein
willst? Dann hebst Du die Oberlippe, da man die Zhne sieht, und ziehst
die Augen zusammen. Bei ihm aber kommt es ganz von innen, die Mundwinkel
bewegen sich kaum, aber in den Augen fngt es frmlich an zu rieseln, es
ist ganz unbeschreiblich. Das sieht freilich nicht jeder, Papa zum
Beispiel sprach neulich von seinem malitisen Lcheln, das kommt eben,
weil er nur die Mundwinkel gesehn hat. Ich habe auch gewagt, ihn zu
fragen, wie er nun jetzt ber sein Davonlaufen denkt (Du mut wissen:
der Herzog und Georg sind Anfang des Monats abgereist, Georg macht die
Aufsichtsreise seines Vaters mit, die er in jedem Jahr um diese Zeit
unternimmt, und wird dann nach Mnchen gehn, um Nationalkonomie zu
studieren; der Maler aber und al Manach sind hier geblieben, der Herzog
hat sie gebeten, seine Gste zu sein, solange es ihnen gefllt, und
Bogner will jetzt die Herzogin malen). Also, da lchelte er so, wie ich
es eben beschrieb, und sagte: Kein Mensch knne bei irgend etwas, das er
tue, ganz abmessen, welche Wirkung es haben wrde, und am wenigsten die
Wirkung auf sich selbst, und er habe damals, als er sich zum Davonlaufen
entschlo, nur mit einer Abwesenheit von ein paar Jahren gerechnet. So
schnell, sagte er, dachte ich damals ein fertiger Mensch zu werden, aber
nun habe ich freilich nur gelernt einzusehn, da ich tausend Jahre alt
werden kann, um das zu erreichen. -- Ja, Renate, ich glaube, man wird
hart bei solchem Leben, hart, wenn man auf sich allein angewiesen ist,
und am hrtesten gegen sich selbst. Kannst Du begreifen, wie
frchterlich es sein mu, sich ganz allein zu lieben? O Schwester,
Schwester, mich graut vor dem Leben!

                                                            24. August

Drei Tage lang habe ich den Brief liegen lassen, ich frchtete mich vor
dem Weiterschreiben. Nun wird es immer stiller in mir. Ich lese Deinen
Brief immer wieder, er ist so lieb, so ganz Du, so klug und gut, und das
Schnste steht zwischen den Zeilen wie in Geschichten von Storm. Ja, es
hat mich ein wenig getrstet, von Deiner neuen Freundin zu hren, aber
nicht viel, und ich habe recht weinen mssen, es ist damit aber das
letztemal gewesen, und sage ihr nur, wie herzlich ich ihre Gre
erwidere. Vergi auch ja nicht, mir mehr von ihr zu erzhlen.

Ach ja, Orgelspiel! Du mut nun denken, da ich so heimlich wie die
kleine Irene am Baum stehe und zuhre. Ich habe ja hier das Meer, mit
der Orgel kannst Du doch nicht wetteifern.

                                                                spter

Ich wei nun, wie ich dazu gekommen bin, mich mit dem Schwan zu
vergleichen. Vielleicht sag ichs Dir bald. Er hat sich brigens selbst
zu seinem Weiher zurckgefunden, er scheint sich zu erholen, ich fttere
ihn tglich selber, Du solltest nur sehn, er ist ganz sonderbar
geworden. Er versucht immer wieder zu schwimmen, aber sein gebrochener
Flgel hngt schwer im Wasser und hindert ihn, dann wird er pltzlich
ganz wild und hackt mit dem roten Schnabel in den Flgel, so grausam,
da die Federn fliegen, er wird schon ganz kahl. Nein, nein, nein,
Renate, ich glaube nicht an _Deinen_ Schwan, ich habe eine Angst, eine
Angst! O, mein Gott, ich frchte mich wahnsinnig! Hilf mir, Schwester,
hilf mir! Was soll aus mir werden? Ich dachte, ich sei schon ganz ruhig
geworden, ganz ergeben, aber ich habe nur gegrbelt und bin klger
geworden, o, lieber Gott, so klug, da es mich graut vor meiner
Klugheit. Sieh, da ist der Schwan, dem ist es gegangen wie mir. O, nun
mu ich Dir endlich das Schreckliche beichten.

                                                                nachts

So, nun ist es still; nun endlich ist es still geworden. Heute
nachmittag konnte ich -- Gott sei Dank! -- nicht weiterschreiben, die
Herzogin bat mich, Harmonium zu spielen, und das war mir recht gut.

Du weit wohl, da ich Georg immer liebgehabt habe, wenn wir auch nie
davon sprachen, aber ich habe ihn wohl schon geliebt, als ich noch ganz
klein war. Nun habe ich an demselben Tage, wo das mit al Manach
passierte, gemerkt, da er anders zu mir war als frher. Das machte mich
so glcklich, und dann bin ich ihm entgegengekommen. Weit Du aber auch,
weshalb? Das erste Unglck war schon geschehen, und ich habe gedacht,
ich wei gar nicht mehr, wie ich es fertiggebracht habe, so
ungeheuerlich scheint es mir jetzt, -- ja, ich habe einfach gedacht:
wenn denn die Prophezeiung in Erfllung gehen sollte, so wollte ich doch
noch ein klein wenig von der Welt vorher haben. Nur wissen wollte ich,
ob er mich auch lieb htte, und da habe ich es so eingerichtet, da wir
noch abends allein auf den Deich gegangen sind. Nun, und da ist es so
gekommen, wie ich hoffte, das kann man nicht schreiben, nicht? Du weit
es auch so, und nun, siehst Du, einen Augenblick durfte ich alles
vergessen und nur selig sein, aber einen Augenblick spter kam das mit
der Windmhle, und da wute ich, ich hatte es nicht tun drfen, ich
hatte schon kein Recht mehr auf mich und erst gar nicht auf ihn. Nein,
kein Recht mehr auf mich, ich konnte ihm alles geben -- Gott, was
schreibe ich denn? -- Ach, das zu denken, das war eine Last!

Ich habe versucht, es wieder gutzumachen. Ich war ja klug geworden und
konnte so viel mehr denken, auch, da es Georg nicht so schwer werden
wrde, mich zu vergessen, weil ich ihm doch eigentlich ganz fremd bin,
und so habe ich ihm geschrieben.

Ja, damals war ich noch stark und glaubte, alles ertragen zu knnen,
jetzt kommt nun die bse Sehnsucht, jetzt mu ich nur denken, da ich
wie der Schwan auf meinem kleinen, bescheidenen Weiher herumgeschwommen
bin, und wie den Schwan hat mich der Schrecken aufgescheucht, da ich zu
fliegen wagte; ja, ich bin geflogen, und es brauste mich fort ber das
Meer, aus dem der Mond kam, und in das die Sonne versank. Da zerbrach
mir der Flgel, und ich habe nicht einmal meinen Teich wiedergefunden,
mit meinem lahmen Flgel, den ich nicht abhauen kann, denn mein Herz ist
darin, und ohne Herz kann man doch nicht leben, oder kann man?

Es wird mir doch noch das Herz abdrcken. Das Sagen erleichtert mich
zwar ein wenig, und die Nacht ist so still -- ich habe frher nie
gewut, wie still die Nacht sein kann. Ich habe immer nur mich selbst
gefhlt, und wenn ich zufrieden war, so wars gut. Meine kleine Lampe
brennt, ich glaube, ich kann sehn, da sie es gut mit mir meint, und
auch die Wnde sind freundlich, sind hell und so nah um mich, da ich
mich fast sicher fhle. Und Du bist ja auch da. Georg ist fort, ich habe
ihn vor seiner Abreise nicht mehr gesehn, das wird fr uns Beide nur gut
gewesen sein.

Das mit dem Maler, da er sich selbst geliebt habe, wie ich mirs dachte,
das ist nun auch falsch gewesen, oder ich wei nicht ... Man hrt etwas
von einem Menschen, und dann macht man sich eine Vorstellung, aber fr
ihn selber ist es doch ganz, ganz anders gewesen. Ich fragte ihn
nmlich, wie man es anfangen knnte, sich selbst zu lieben, aber das
verstand er gar nicht. Ja, wie man denn das knnte ... Wie ich nun
verlegen wurde und ungefhr zusammenbrachte, was ich von ihm gedacht
hatte, da meinte er, ich htte wohl recht, denn er htte immer nur fr
sich allein gelebt und gearbeitet, und nun knnte ich es mir ja so
vorstellen, da er der Kunst wie einer Gttin gedient und geopfert habe,
und indem er sie genhrt und vollendet habe, habe er sich selber
gedient. Aber siehst Du, das ist es ja, er selbst hat es doch nicht
gewut, hat es nie bedacht! Er hat es einfach getan, -- ach, Renate, wie
himmlisch mu das sein, das Rechte einfach tun zu knnen! Aber ich bin
nun ganz durchhin, und er selber sagte noch beinah hart zu mir: An ihn
drfte ich auf keinen Fall denken, er htte es leicht gehabt, und
berhaupt drfte man nichts verallgemeinern. Ja, was soll ich nun tun?
Ich mu doch lernen, mu doch erkennen, und ja -- einen kurzen
Augenblick war mir himmlisch zuversichtlich ums Herz. Weit Du, wie es
war? Wie bei einem Gewitter des Nachts, wenn man aus dem Fenster sieht.
Da, bei einem Blitz, leuchtet der Garten drauen und die Bume und Wege
und Bsche hell auf, da man sie alle erkennt, nur seltsam fremd und
verndert sehen sie aus. Das wei man aber: da am andern Morgen, wo es
hell und sonnig ist, der alte Garten wie neu und frischgebadet und
funkelnd unter dem Fenster liegen wird, und man wird hineingehen knnen,
er wird einem gehren, und man wird in ihm zu Hause sein.

Gute Nacht, liebe, liebe Renate! Ich bin so mde! Schreibe mir gleich,
von Dir, von Irene, erzhle mir viel, ich denke immer an Dich und bin
fr Dich immer Deine alte

                                                                 Magda


                       Zweites Kapitel: September


                            Renate an Magda
                    (mit einer Schachtel voll Rosen)

                                                       Am 3. September

Liebste Magda,

diese Rosen hat Onkel Augustin mir fr Dich gegeben. Er zchtet sie
selber; dies sind wohl die letzten vom Jahr, Souvenir de la Malmaison
heien sie, und Onkel meinte, sie shen aus, wie blasse kleine Mdchen.
Hoffentlich kommen sie frisch an.

Mein geliebtes Kind! Ich habe gesucht und gesucht nach einem Wort fr
Dich, aber immer wieder, wenn ich nur an Deinen Brief denke, wird alles
wertlos und kleinlich, selbst das, was ich Dir doch sagen will, ein Wort
meines guten Vaters. Du weit, da ich erst zehn Jahre alt war, als
meine liebe Mama starb, ich konnte aber doch verstehen, was mir genommen
war, und ich war sehr zornig auf Gott, denn ihn verstand ich nicht. Da
sprach Vater mir zu, mit Worten, die fr ein Kind paten, und ich habe
es wohl behalten, und dies war der Sinn:

Zuerst fragte er mich, wie das letzte Gebet des Menschensohns hiee, und
ich sagte: Nicht mein Wille geschehe, mein Vater, sondern der deine. Ja,
sagte er, das war es, und dies Gebet ist von vielen Menschen, die sich
fr rechte Christen hielten, arg mibraucht worden, als ob es hiee, man
solle auf eignen Willen verzichten und alles Gott berlassen. Das heie
es aber durchaus nicht, sondern: Mach, Gott, da ich deinen Willen
erkenne! da ich wollen kann, was du willst, da dein Wille in mir ist.
Das, sagte ich damals einfach, das kann ich nicht.

Ich habe vergessen, wie er mich damals zurechtgewiesen hat, und auch Du
wirst sagen, Du kannst nicht, und dies sei das Allerschwerste.

Nein, mein Herz, ich will es Dir nicht leicht machen. Ich will nur, da
Du nicht in diesen schrecklichen Grbeleien versinkst, und ich wei aus
mir selber: es ist besser, an Gott zu rtteln wie an einem Felsen, als
in sich selber hinabzustrzen. Er ist freilich berall, Leid aber macht
blind, und das ist das Furchtbare daran.

Ach, Briefe sind unselige Zugbrcken! Wenn man sie aus dem Schlosse des
Herzens ber den Abgrund tastend hinabsinken lt, wei man doch nie, ob
sie drben den Rand wirklich erreichen oder nicht, und sich selber sieht
man mit ihnen ganz schief berm Bodenlosen schweben und -- genug des
Gleichnisses! Du weit, wie ichs meine ...

Nun lebe fr heute wohl! Schreibe nur, wenn Du magst, und nimm einen
innigen Ku von Deiner armseligen

                                                                Renate

Ich lege Dir ein, was ich von Irene Herzbruch fr Dich geschrieben habe.
Es ist eine Art Geschichte geworden; als ich anfing zu schreiben, fiel
mir so allerlei ein, ich habe ja auch von jeher einen fabelhaften Ruhm
als Mrchen- und Geschichtenerzhlerin genossen, auch bekanntlich als
Dreijhriges schon Verse gemacht von dieser Art:

   Die Fledermaus fliegt um die Huser
   Und sucht sich ihre Fledermuser.

         Irenes Geschichte nebst einer historischen Einfhrung

In der Entwicklung des Geschlechts derer von Herzbruch, deren letztes
Zweiglein unsre Irene darstellt, lt sich eine hnliche Linie verfolgen
wie in dem der Montforts. Beide sind von ltestem Adel, beide muten aus
ihrer Heimat auswandern, die Herzbruchs aus Salzburg als Protestanten,
die Montforts aus der Ile de Paris als Hugenotten. (N. b. Ich erzhlte
Dir wohl von unserm Stammsitz Montfort l'Amaury bei Rambouillet, nicht
weit von Paris, den ich mit meinem Papa kurz vor seinem Tode besuchte,
und da zwei aus unserm Geschlecht Connetables von Frankreich waren,
einer Kreuzfahrer und einer, Simon, Graf von Leicester, Schwager
Heinrichs III. und Regent und Protektor von England. Das ist lange Jahre
her, aber nun -- -- Vetter Josef htte weder der Englnderin, noch dem
Kreuz, noch der Oriflamme Schande gemacht.) Die Herzbruchs hielten sich
lngere Zeit auf der sogenannten Hhe des Daseins, als Soldaten,
Marschlle, Kmmerer, Kommandanten und dergleichen, verarmten aber mit
der Zeit, und der Rest ist nun ein mit dem Majorstitel pensionierter
Hauptmann nebst Gattin und Tochter. Diesem Schicksal entging allerdings
ein Zweig der Familie, indem ein Ottokar von Herzbruch seine eigene
Schuldenlast und die allgemeine Last Deutschlands, nmlich Napoleons
Regime, hinter sich lie und nach den Vereinigten Staaten ging, das
heit als loyaler Mann in englischen Diensten. Er focht dann siegreich
gegen die Union in verschiedenen Schlachten, zuletzt aber muten die
Englnder bekanntlich doch Frieden machen, die Union anerkennen, und er
ging nach dem Knigreich, machte eine reiche Heirat und kehrte Anfang
der zwanziger Jahre nach Deutschland zurck, wo es ihm als englischem
Untertan leicht wurde, in Hannover den Verlag und die Hofbuchhandlung
(des Herzogs von Cambridge), die damals ein Schotte namens Max Grew
besa, zu kaufen. Demnach scheinen seine kriegerischen Gelste mit der
Zeit nachgelassen zu haben. Sein Sohn trat in die jetzige
Verlagsbuchhandlung hier in Altenrepen, heiratete die Tochter des
damaligen Besitzers, bernahm das Geschft spter, und dessen Enkel
namens Otto ist jetzt Inhaber des Verlags. Der Grovater Ottokar hatte
seinen Adel eingebt, war aber protestantisch geblieben, whrend der
adlig gebliebene Zweig mittlerweile katholisch geworden war, seit ein
andrer Herzbruch, der gegen Napoleon mit der deutschen Legion in Spanien
gefochten hatte, dort dies Bekenntnis angenommen hatte, nmlich einer
wunderschnen Andalusierin zuliebe, die Dolores hie, wie alle
Spanierinnen, die nicht Carmen heien.

Nun zu den Montforts. Die hatten das Leben anders angreifen mssen,
wurden gleich nach der Auswanderung Hndler und Kaufleute und haben
schon seit ber hundert Jahren an ihre adlige Vergangenheit keine andere
Erinnerung mehr als ihren Nachnamen nebst einer Vorliebe, ihm zuweilen
einen franzsischen Vornamen zuzugesellen, und deshalb heit mein Onkel
Augustin. In ihm scheint freilich mit diesem Vornamen eine Nachdmmerung
des alten Glanzes mit heraufgekommen zu sein. Seine Ttigkeit als
Eigentmer der chemischen Werke scheint er nur notgedrungen als einziger
Sohn auf sich genommen zu haben; dies erbte er vom Vater; von den Vtern
dagegen waren ihm von frh auf zu eigen: eine Neigung zu galanter
Lebensfhrung, zu schnen Frauen (seine zweite Frau war ganz herrlich,
leider hat nur sie, eine Jdin, ihre Schnheit vererbt), zu
schngeistigen Studien, zu Rosenzucht und zur Musik, welche
Eigenschaften smtlich nie bertrieben, sondern immer durch natrliches
Pflichtgefhl in schnen Maen gehalten, gewrzt mit einer feinen Dosis
gallischen Witzes, den echten Franzosen darstellen wrden, wre nicht
infolge eines sonderbaren Zufalles sein Aussehen, das heit seine Zge,
bei alledem so deutsch wie nur mglich, und deutsch war wohl auch die
gewisse Trgheit oder Passivitt, die ihn wohl noch mehr als kindliche
Piett verhinderte, einen Bruch herbeizufhren und sich ganz seinen
Neigungen zu widmen. Du siehst, da er auch ein Verschwender sein kann;
fr sich ist ers freilich nie gewesen. Jetzt ist er lngst ein stiller,
alternder Mann und lebt allein in seiner Arbeit. --

Aber was rede ich eigentlich von den Montforts? So -- ich kam darauf,
weil in meinem Onkel Augustin ebenso wie in Irene von Herzbruch ein
Tropfen alten Blutes wieder zum Vorschein kam. Bei ihm die franzsische
Haltung, bei ihr die Flamme der Religiositt, um deretwillen einst das
Geschlecht in die Verbannung ging. Sonderbar spielt freilich das
Schicksal. Denn wie gesagt sind die Herzbruchs katholisch geworden, und
um dieses Glaubens willen hat jetzt die kleine Irene zu leiden, whrend
damals die Hrte des Protestantismus das Schicksal des Hauses
vernderte.

Bei ihrer Geburt, die sehr schwer war, besann sich ihr Vater, als die
Mutter bereits in Todesenden lag, auf seinen mit der Zeit recht lau
gewordenen katholischen Glauben und verfiel darauf, den Sohn, der
naturgem erwartet wurde, der Kirche zu geloben, und das war, so Gott
mir helfe, eine ordentliche Tat, denn damit mute das adlige Haus
Herzbruch erlschen. Nun wurde es eine Tochter, und das erleichterte die
Sache, sollte man meinen; mit der Zeit kam es anders. Die Verzweiflung
war in Wonne umgeschlagen, die Mutter war genesen, das Kind wuchs auf,
wurde reizend, die einstige Verzweiflung verschwand gnzlich hinter den
Horizont der Zeit, und von Jahr zu Jahr dachten die Eltern weniger an
das Gelbde, schlielich vergaen sie es ganz. Anders Irene. Sie wuchs
mit dem Gelbde auf, das sie frh durch die gut katholische Kinderfrau
erfahren hatte, die Eltern wuten gegen ein bichen Frmmigkeit gewi
nichts einzuwenden, besonders da nichts reizender war als die kleine
Irene an ihrem kleinen Betpult, ber ihren Katechismus gebeugt, oder den
Rosenkranz zwischen den Fingern, oder wenn sie mit zarter Stimme sang,
neben der Mutter am Flgel stehend, wie auf einem Bilde von Whistler.
Gleichwohl ging sie nun nicht in Frmmigkeit auf, obgleich auch ihre
Spiele, solang sie klein war, frommen Geschichten und Legenden entnommen
wurden; besonders beliebt war das Fronleichnamsspiel, wobei Mamas
Nhtischthron, das Sofa im Salon, Papas Schreibtisch und das Kinderbett
die verschiedenen Stationen abgeben muten. Trotz Singen und Beten aber
war sie ein ungebrdiges, weil leicht erregbares Kind, das freilich mit
ebenso groer Wonne Bue tat und sich zerknirschte, mit der sie das
verbotene Eingemachte vertilgt oder die neuen Frhjahrsbeete zertrampelt
hatte. Mit zwlf, dreizehn Jahren stieg die Weltlust am hchsten, die
Gebete beschrnkten sich auf den Morgen und Abend, und die Spiele waren
jetzt folgender Art: sie begab sich mit einer Freundin Arm in Arm auf
die Strae, wo das geistvolle Paar versuchte, vor mglichst vornehm
aussehenden erwachsenen Personen einherzugehn und etwa diese
Unterhaltung anzuspinnen: Reitest du heut? Ach, ich wei noch nicht
recht ... den Fuchs hab ich gestern etwas beranstrengt, der mu heute
etwas Ruhe haben, und der Schimmel ... Na, der Schimmel ist nun auch
nicht mehr sehr schn. Ja, wir wollen ihn ja auch verkaufen,
vielleicht bekomme ich ein paar Jucker dafr. Wahrhaftig? Habe ich dir
brigens schon erzhlt, da mir mein Cousin eine Reitpeitsche mit
Silbergriff geschenkt hat? Ich will ihn aber vergolden lassen, es sieht
doch entschieden vornehmer aus. Na, und so weiter ...

So wurde sie denn allmhlich fnfzehn Jahre alt, die Zeit der Firmung
kam und mit ihr die Backfischzeit, die der Schwrmerei, der holden
Extreme, der Vergtterung von Personen, gleichviel welchen Alters und
Geschlechts. Nun hatte Irene, zumal von dem elterlichen Gelbde seit
langem nicht mehr gesprochen war, niemals einen andern Gedanken gehabt,
als sei es selbstverstndlich und gar nicht der Rede wert, da sie den
Schleier nehme, und ich glaube wirklich, da sie sich ihre weltlichen
Albernheiten heimlich immer selbst erlaubte mit der Absicht, spter
redlich fr diese vergeudeten Weltjahre Bue zu tun. Damals nun kam es
zu den ersten Kmpfen. Sie sprach mit ihrem Pfarrer ber ihren Eintritt
in ein Kloster. Der, welcher der Meinung war, da dies mit dem
Einverstndnis der Eltern geschehen solle, bestrkte sie anfangs, nach
einer Unterredung mit den Eltern aber, wo diese, ich wei nicht unter
welcher Begrndung, die Erfllung ihres Gelbdes durchaus ablehnten,
wurde auch er anderer Meinung, denn er war oder gab vor, ein
weltmnnischer Mensch zu sein, wollte natrlich hier oben, in dem
kleinen katholischen Sprengel, wo es darauf ankam sich zu vertragen,
keinen Lrm erregen und es berhaupt mit den Eltern halten. So begann er
denn, dem Kinde das vierte Gebot vorzuhalten, aber nun brach alles, was
an Eigenwillen, Widerspruchsgeist, wahrer Frmmigkeit und Inbrunst in
ihr war, hervor, sie hielt ihm Christi eignes Gebot von der Nachfolge
entgegen, es gab Jammer und Trnen, sie, wenn die Eltern es nicht taten,
wollte deren Gelbde halten, und ich kann mir die Verzweiflung der
Kleinen wirklich denken, die sich aller menschlichen Obrigkeit ganz
allein zu widersetzen getraute und an den himmlischen Geboten festhielt.

Eines Tages war sie verschwunden. Still, ohne Abschiedswort, was zuerst
Verzweiflung, spter den heftigen Groll der Eltern erregte, aber sie hat
mir gestanden, wie es ihr unmglich gewesen wre, ein Wort des Grues zu
finden oder eine Bitte um Verzeihung, -- sie war schon ganz ekstatisch
und dem Himmel nher als der Erde. Durch polizeiliche Nachforschungen
ergab es sich dann, da sie nach Prag und zum Nonnenkloster Mariabrunn
gelangt war, man setzte ihr nach, aber sie war dort nicht mehr, es
schien, sie war wirklich verschwunden, und die Nonnen verweigerten die
Auskunft. Sie hatten die Kleine mit Frohlocken aufgenommen, -- nun,
damals erregte die Geschichte viel Aufsehn, es kam heraus, da Irene
nach Italien gebracht war, schlielich mute unsre Gesandtschaft und der
Papst selber zu Hlfe geholt werden, -- pltzlich war Irene wieder in
Prag, und nun gaben die ganz verstrten Eltern nach und erlaubten ihr,
vorlufig dort zu bleiben. Ich kann nicht beurteilen, ob das der rechte
Weg war, es war ja mglich, da sie ruhiger wurde; den Eltern wurde
versichert, da die frommen Schwestern nichts tun wrden, um sie an sich
zu locken ... Schlielich, als dann das Noviziat beendet war, half
nichts als Gewalt. Die Eltern -- nun, man wei, wie solche im Grunde
lauen Menschen bei so fremdartigen Vorkommnissen sich zeigen. Ich habe
den Major gesehen, einen langen, hagern, knochigen Mann mit weiem
Schnurrbart und stark beschrnkter Stirn; die Mutter war wohl einmal
hbsch und zierlich, mu aber frh vertrocknet sein und kennt, wie es
beim Brgertum blich, keinen Willen als den ihres Mannes. Beide haben
wahrscheinlich whrend der langen Dauer des Streites dessen ganze Grnde
vergessen, sahen nur noch eine widerspenstige Tochter und nannten das
eigene Verlangen, die Hartnckigkeit des Kindes zu brechen, nicht beim
richtigen Namen, sondern hatten dafr alle mglichen andern, wie
Elternliebe, Pflicht und dergleichen; indem sie vorgaben, ihr Kind vorm
klsterlichen Absterben zu retten, folgten sie halt ihrer Selbstsucht,
die nicht kinderlos werden wollte. Irene kam zurck und glaubte, vor
Jammer sterben zu mssen. So weit sind wir nun.

Dies alles erfuhr ich natrlich nicht von ihr allein, besonders ber die
Vorgnge whrend ihres Aufenthaltes in Mariabrunn und Italien hat sie
nichts erfahren, da aber, wie ich sagte, die Sache damals viel Staub
aufgewirbelt hat, hrte ich alles Nhere von Onkel und Josef. Wenn Du
mich aber fragst, wie ich selber mich zu der ganzen Geschichte verhalte,
und was ich der armen Irene gesagt habe, als sie mich zur Beichtmutter
erkor, so bin ich durchaus in Verlegenheit. Ich bin sicherlich
berzeugt, da man Gott auch in Kirchen und Klstern dienen kann -- -- o
weh! Das ist ja ein wildes, unchristliches Paradox, aber so gehts, wenn
man sich recht przis ausdrcken will und obendrein einen Vater gehabt
hat, der die Natur fr Gottes einzigen Tempel ansah, und zwar in rein
gotischem Stile erbaut, wie er mir mehr als einmal auseinandersetzte.
Irenes Wesen ist mir gar nicht klar. Das Kindliche, ja Kindische darin
scheint ihrer Verstndigkeit -- sie hat einen geradezu scharfen Geist --
zu widersprechen, und diese wieder ihrer so empfindsamen
Heilandsverehrung; zurzeit ist sie noch ein rechtes Chaos, aus dem alles
werden kann, ob aber eine Nonne oder eine Mutter, das zu entdecken,
reicht mein Scharfsinn nicht aus. Und als sie mich so flehentlich um Rat
bat, da hab ich, meine Verlegenheit mit Mhe bemntelnd und anstatt ihr
irgend Tatschliches vorzuschlagen, gedacht, mit meiner eigenen,
bescheidenen Persnlichkeit auf sie zu wirken; habe sie gebeten, sich zu
beruhigen, etwas Zeit hingehen zu lassen, mich recht oft zu besuchen,
die Orgel zu hren, eine Weile einfach und beschrnkt hinzuleben und
dabei ein bichen in sich selbst hinabzuhorchen. Den himmlischen
Stimmen, die, wie sie behauptet, bestndig nach ihr riefen, das Ohr zu
verschlieen, sich die gute Erde anzusehn und zu warten, ob es nicht
ganz allmhlich stiller in ihr wrde, lauter simple Dinge, mein
Magdakind, bei denen ich, glaub ich, mehr an Dich gedacht habe als an
sie.

Als ich aber das getan hatte und allein war, da mute ich das tun, was
ich auch eben wieder lange Zeit getan habe. Ans Fenster gehn, den Himmel
ansehn und denken: Wer bin denn ich? Wer bin denn eigentlich ich, die
andern Leuten Dinge vorredet? Was habe ich schon geleistet, welche
Erfahrungen berechtigen mich? Was, ja was berechtigt mich zu dem Dasein,
das ich fhre, und das mir einfach gegeben ist? Trug ich auch nur das
Geringste dazu bei? Und wenn ichs nicht tat, -- ja, wer bin ich denn?
Wer bin ich, Magda, wer bin ich?

Gute Nacht, mein Herz! Schlafe gesund! Gute Nacht!

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                                         12. September

Liebste!

Ich kann Dir noch nicht schreiben. O tausend, tausend Dank Dir und
Deinem lieben Onkel fr die wunderbaren Rosen! Wie gut seid Ihr alle zu
mir! So viele Menschen sind jetzt gut zu mir. Die Rosen waren nur ganz
wenig erschlafft und haben sich herrlich erholt. Wenn ich in mein Zimmer
komme, ist es ganz voll Duft, und des Nachts, wenn ich aufwache,
schimmern sie im Dunkel so feierlich, da ich ordentlich beruhigt wieder
einschlafe, als ob jemand im Zimmer sei, der Wache hlt. Bald schreibe
ich mehr. Gre Irene! Die Arme, wie mag man sie geqult haben! Ach, ich
wei schon, wir sind so selbstschtig im Schmerz, als wren wir es ganz
allein, die zu leiden haben, und doch ist es so: es ist Schmerz in der
Welt, und jeder mu seinen Zoll bezahlen, und jeder mu vor allem ihn
aus sich zu lutern versuchen, das ist das einzige Mittel, ihn aus der
Welt zu schaffen.

Eben bekomme ich dies von Georg. Ich schreibe es Dir ab. Nun sieh nur,
wie gut er ist, wie er mich versteht, ohne zu fragen. Ach, ich bin wohl
weit entfernt davon, so zu sein, aber es hat mich etwas tapfrer gemacht,
zu denken, da ich einmal so sein knnte, und ich will mir das Gedicht
als Wegweiser aufheben.

Viele, viele innige Gre von Deiner

                                                                 Magda

                                 Fr A.

   Sie trgt ihr Herz nun offen in der Hand
   Wie eine Lampe, liebreich im Verspenden,
   Seitdem sie wei: durchstochen und verbrannt,
   Ihm kann nichts mehr geschehn von fremden Hnden.

   Jedoch das Leuchten, das tief innen blieb,
   Mag viele blinde Pilger noch erquicken,
   Da sie sich sanfter in ihr Schicksal schicken,
   Das ihre Stirn mit dunkler Pflicht beschrieb.

   Und manchmal, wenn sie lange mit dem Wind
   Geflstert, groen Auges nachgelenkt
   Den Wolkenfahnen, die er droben schwenkt,
   Blht ein Gefhl, als trge sie ein Kind:
   Ein s Gereiftes regt sich leis mit Lallen,
   Hirten und Himmlischen ein Wohlgefallen.


                            Renate an Magda

                                                      am 21. September

Meine liebe Magda!

Gestern ist nun auch mein Vetter Erasmus gekommen. Er ist Privatdozent
fr physikalische Chemie -- der Himmel mag wissen, was das ist! -- in
Marburg und ist so fleiig, da er die ganzen Ferien bis jetzt
gearbeitet hat. Das ist gewi ein guter, tchtiger Mensch, aber es ist
schade fr ihn, wenn er sich mit seinem Bruder zusammen zeigt. Den habe
ich Dir ja ungefhr beschrieben, -- er ist sieben oder acht Jahre
jnger, Erasmus bald Mitte Dreiig. Von ihm hatte ich von Papas
Begrbnis her nur eine sehr dunkle Ahnung, wie an eine Art Fabelriesen,
und er ist unendlich lang, mager, aber schwer gebaut; seine Stirn ist
kolossal, besonders weil das Haar weit auf den Kopf zurckgewichen ist,
die Augen sind sehr gro, von unbestimmt heller Farbe und berquellend;
er ist bartlos und sieht fr gewhnlich finster aus; unbeholfen ist er
nicht, obgleich zu jeder Eleganz, auch in der Kleidung, ungeeignet; sein
Auftreten ist vielmehr von einer Art Khnheit, er hat etwas von diesen
ritterlichen Bergschotten, weit Du, wie Allan M'Aulay in Scotts Sage
von Montrose, an den er mich lebhaft erinnert. Bei unsrer Begrung
kte er mich einfach auf die Stirn; sein Mund war khl, aber es brannte
doch unangenehm, dieweil ich, wie Du weit, die Angewohnheit habe, mich
nicht von fremden Mnnern anrhren zu lassen. Mit seinem Bruder spricht
er nicht, ist berhaupt verschlossen und schweigsam, als ob ihm
irgendetwas am Herzen se und es zuhielte, und wenn er einmal etwas
sagt, so ist der Gegenstand damit fr ihn abgetan, was nicht grade zur
Gemtlichkeit beitrgt. Sein Vater giebt sich Mhe, ihm zu zeigen, da
er ihn achtet und hochhlt, wie man eben einen Menschen ehrt, der nichts
tut als seine Pflicht und sich ruhig verhlt. Josef hat natrlich seines
Vaters ganze Liebe, denn in ihm kann er sich verjngt sehn und verschnt
obenein. Und nun will ich Dir gleich etwas erzhlen, das ich gradezu ein
Abenteuer nennen mchte, und wenigstens wars ein abenteuerlicher
Vorgang. Da wirst Du sehn, zwischen was fr Menschen ich lebe.

brigens geniet Josef, der alles zu wissen scheint, das Vorrecht, auch
alles sagen zu drfen, denn er sagt es geschickt. Man nimmts nicht
ernst, nimmt die hbsche Form zu sich und freut sich, aber dem
zweckmigen Erasmus scheint so etwas nichtsnutzig. (Er wrde mir leid
tun, wenn ich nicht ganz gut wte, da man auf die Dauer -- also etwa
angenommen, man wre gentigt, einen von beiden zum Ehegemahl zu
erwhlen -- auf die Dauer eher mit Erasmus leben knnte als mit seinem
Bruder.)

Es war also am Abend nach der Ankunft des Erasmus; er hatte mich
gebeten, Orgel zu spielen, wir waren alle vier in der Kapelle, und
nachdem ich ein schnes Ungewitter aller tnenden Stimmen hatte ber sie
hinsausen lassen, fiel Josef mit dem Cello ein und zwang mich mit
Zauberei, ihn zu den wilden Phantasien oder Harlekinaden zu begleiten,
die er aus seinem chzenden Instrument hervorholte, brigens unter einem
erbrmlichen Gesichterschneiden, als obs er selber wre, den die Teufel
qulten -- jene, die nachher in die Suherde hinunterpfiffen, weit Du
--, und Onkel entfloh alsbald. Als ich gleichfalls genug hatte, war auch
Erasmus nicht mehr zu sehn, Josef seufzte auf, als ob er aus Ohnmacht
und grausigen Gesichtern zu sich kme, sah sich dann hinter sich um wie
der Intrigant in der Tragdie und bemerkte trbe: Armer hlzerner
Erasmus! -- Warum hlzern? sage ich unwirsch. -- Deswegen, sagt er, weil
er so gemacht ist. Hast dus nicht gesehn? Man kanns doch deutlich sehn,
wie er gemacht worden ist, wiederholt er hartnckig. Aus einem krftigen
Pfahl Eibenholz, nicht trocknem, sondern vielmehr ganz frischem, ist er
herausgeschnitten, Leib, Arme, Kopf, Nase und alles samt den glsernen
Augen. Ja, wie mu das wohl geblutet haben! sagt er ganz vertieft. Und
das Schlimmste, fhrt er nachdenklich fort, das Schlimmste ist, da es
noch immer blutet, wenn er sich einmal richtig bewegen will wie wir
Andern, denn -- -- Allein hier gebot ich ihm Schweigen und pustete zum
Zeichen der Verabschiedung das eine meiner beiden Lichter aus. Da beugt
er sich pltzlich in seinem Stuhl zu mir vor, ugt mich satanisch von
unten an -- alles Schauspielerei natrlich! -- und flstert wie eine
Warnung vor den Iden: La brennen, liebe Seele, la ja brennen! Du
wirst es noch brauchen. -- Das klang so unsinnig geheimnisvoll, da ich
ganz kindisch sagte: Nun grade! das andre Licht ausblies und die Stufen
vom Podium hinunter gegen das Zwielicht der Tr lief. Er blieb mir aber
wie ein Teufel an der Schleppe hngen, und als wir drauen im Garten
standen, hielt er mich am Arm fest und sagte: Sieh mich doch einmal an,
Renate! Ja, sagte ich, ich wei schon, du bist ein Adonis. Genau
das wollte ich hren, versetzte er. Sehe ich nicht aus wie ein Gott
gegen meinen Bruder? Ha! sagte er, wie die Menschen bei E. T. A.
Hoffmann, whrend ich ihn entgeistert anstarrte, ha! dazu sind die
Gtter von diesen Sklavenseelen erfunden, da sie sie mit allen
Eigenschaften behngen, die ihnen fehlen, mit Leichtigkeit, mit
Heiterkeit, mit Atmosphre, -- mit reinem Gelchter, mit Spott und
nichtsnutzigen Spielen. Es giebt aber Kaine darunter, die bringen Gtter
um. Du mut nicht alles so wrtlich nehmen, Kleine, sagte er auf einmal
ganz ruhig, und ich fiel ein: Nein, Gott soll mich bewahren, da ich
dich jemals wrtlich nehme! So meine ich es auch wieder nicht,
erklrte er unerschtterlich und berreichte mir eine groe, schwarzrote
Georgine, die ich nun verwundert in der Hand hielt, und deshalb mute
ich fragen, ohne es zu wollen: Wie meinst du es denn? Lassen wirs,
Herze, sagte er nun, aber eins will ich dir sagen. Ich wei nicht, wo
ich meinen Ursprung habe, hier aber ist er nicht, nicht bei diesen
Menschen und nicht in diesem Lande. Ich pflege das fr mich zu
behalten, aber du dauerst mich, weil du -- Nun, die folgenden
Schmeichelhaftigkeiten schenke ich mir, sie waren aber hbsch anzuhren,
das kann ich Dir sagen, denn er hat eine unwiderstehliche Art, ehrlich
zu scheinen. Ich daure dich? frage ich nur wie benommen, und er
versetzt: Es ist in diesem Hause (ich wiederhole seinen Satzbau) etwas
Unterirdisches im Gange, das ich ahne vermge meines eben angedeuteten
Ursprungs, und ich mchte nicht, da es dich ungewarnt trfe. Nein,
sagte er eilig -- ich mchte wohl wissen, wie ich ihn angesehn haben mu
-- ich wei nichts Bestimmtes, ich empfinde nur, ich habe eine
Wnschelrute, die schlgt aus, sowie ich einen Menschen berhre, und
dann ahne ich freilich nur Unangenehmes, das haben die Propheten
bekanntlich so an sich. Du aber kannst dich beruhigen, denn es steht
geschrieben, da du mich niemals heiraten wirst. Komm ins Haus, schlo
er befehlerisch, es ist Nacht. Ich sah, da es finster geworden war,
und mute, whrend ich auf dem schmalen Wege vor ihm herging, bestndig
denken, wie hell und wei ich mit meinem weien Kleide in dieser
Dunkelheit schien, dazu die schwarze Blume, die ich vor mir her trug wie
-- ich wei nicht was, und berdies, da er das so eingerichtet habe,
hinter mir zu gehn und die Wirkung des Ganzen zu beobachten. Auf einmal
schauderte michs, ich warf die Blume fort und lief wie gejagt ins Haus.

Ist das nicht ein horribles Abenteuer? Du siehst, wie khl und humorvoll
ich jetzt daran denke, sonst htte ich es Dir ja nicht geschrieben, und
es ist auch kaum ein Hauch Wirklichkeit davon in mir zurckgeblieben,
auer da ich ab und an die Menschen betrachten mu, besonders Erasmus,
aber auch Andre, und mich dann schmen, als she ich verbotenerweise in
ein Fenster. Und sind das nicht hchst unwahrscheinliche, oder wie
Hoffmann sagen wrde, skurrile Sachen von Deiner sonst so vernnftigen

                                                               Renate?


                            Magda an Renate

                                                         30. September

Nun fallen die Bltter. Es wird hier so frh und eilig Herbst. Der
Schwan schwimmt nun lngst wieder umher; wie eine schwarze Trauergondel
sieht er aus mit seiner schwarzen Flgelschleppe unter den bunten
Bumen. Ich bin unruhig und verstrt, ich kann die Gedanken nicht mehr
halten und binden, es ist so windig in mir, oft fhle ich es, wie der
Wind mich durchstreicht, als wre ich durchlssig, und die Bltter, die
auf den Wegen an mir vorber und weit auf die Wiesen fliegen, taumeln so
dahin, als wren sie von mir abgefallen.

Oft stehe ich am Fenster und hre das Meer und das Brllen der Khe,
wenn der Wind es herbertreibt -- das klingt so bang und de! -- und
sehe den vielen Wolken so lange nach, bis mich schwindelt. Ach, Gott ist
so hoch, Renate, ich kann ihn nicht mehr erreichen, jetzt, wo ich
gefallen bin und nicht mehr fliegen kann. Ich kann nicht beten: dein
Wille geschehe! Ich habe nicht in den Garten zurckgefunden, wie ich
dachte, es ist ja auf einmal Herbst geworden. Der Garten ist ein
Fremder, der an mich nicht denkt; er lt gleichgltig seine Bltter
fallen, vielleicht ein wenig nachdenklich, aber wenn sie am Boden
liegen, hat er sie schon vergessen und sieht den andern nach und vergit
sie.

Bogner hat nun ganz mit seinem Bilde zu tun, spricht nicht mehr, er
sieht uns berhaupt nicht mehr; malen tut er nicht viel, er sitzt und
raucht, das Essen mu man ihm beinah einfttern, er luft viel allein
umher. Papa fing einmal von Georg an; er ist doch in Mnchen, das
Wintersemester fngt ja nun bald an, ich kann mir also denken, da er
viel Zerstreuungen hat. Die Herzogin ist seit acht Tagen fort. Der al
Manach sitzt meist auf seinem Zimmer, ich wei nicht, was er dort macht;
sonst ist er mit Bogner zusammen, sitzt bei ihm, luft neben ihm her. Er
hat gar keinen Blick in den Augen, man knnte sich frchten, aber man
gewhnt sich ja an alles. Papa schimpft allerdings, da der Herzog ihn
uns aufgehalst habe, und er fiele ihm entsetzlich auf die Nerven,
obgleich er ihn kaum einmal am Tage zu sehn bekommt. In den nchsten
Tagen will Papa wie immer nach Beendigung der Ernten nach Gastein; ich
habe ihn gebeten, hierbleiben zu drfen, er widersprach kaum und wird
wohl froh sein, mal allein sein zu knnen. Bald wird alles kahl, dann
kommt der Winter, und meinen Garten finde ich niemals mehr.

Wenn ich auch manchmal denke, ich wei es wieder, was ich vor kurzem so
hell, so blitzend gesehn habe, so hat das doch nun keinen Wert mehr,
denn es sieht nun belanglos und so kmmerlich aus, da ich nicht
begreife, wie ich jemals hab drber staunen knnen.

Sieh, das ists: Warum habe ich nicht damals schon, als ich die
Prophezeiung bekam, glauben und sie verstehen knnen? Andern als Retter
dienen -- was bedeutet denn das andres, als da ich mich nach solchen
umsehn sollte! Wre nicht die schnste, die einzige Erfllung die
gewesen, die ich selber herbeigefhrt htte? Htte ich nicht hingehen
sollen, wo Kranke und Trostbedrftige, wo die am Leben Verzweifelnden
sich qulen, um sie zu heilen, zu erquicken, zurckzufhren? Andre
retten, hie es, ich aber dachte nur an mich. O mein Himmel, ja, das
heit zu Gott gehn, das heit, Gott an sein Herz nehmen, wie im
Evangelium: Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht ... Der
Gott da oben ist weit weg ber den eiligen Wolken, der aber hier unten,
der ist, wo das leidende Leben wohnt. Ich selber leide, wir alle leiden,
Gott ist im Leiden, und Gott ist in der Trstung, o wie schlecht, wie
gedankenlos, wie gewissenlos bin ich gewesen, denn ich bin
vorbergegangen, wie soll er nun jemals in mein Herz einkehren? Ach, es
ist zu spt, viel zu spt geworden!

Nicht, da ich dchte, der Mensch, dem ich schon zweimal geholfen habe,
al Manach ist hier geblieben, und wir mssen Beide auf das dritte Mal
warten! O nein, ich denke vielmehr: Was soll denn das nun eigentlich,
wozu denn diese Anstrengung? Er lebt ja gar nicht, nur im Dasein habe
ich ihn festgehalten. Renate, Renate, wenn ich das knnte! Wenn ich ihn
auch dem Leben wiederschenken, wenn ich ihn ganz heilen knnte, wie gern
wrde ich dafr mein Leben hingeben. Ich bin so schrecklich mde.

                                                                nachts

Damals htte ich die Wahrheit hren sollen, aber ich habe sie verlacht.
Ach, meinst Du, Schwester, da Gott mir verzeihen wird, weil ich ja noch
jung war und nichts gelernt hatte? War ich wirklich noch ein Kind? Wie
lange mu das her sein! War ich ein Kind? Durfte ich ungehorsam sein?
Ja, sag mir, o bitte, sag mir, drfen Kinder ungehorsam sein?

Auch Du schreibst so anders. Ich habe mehrmals gelesen, was Du ein
Abenteuer nennst. Es klingt mir nicht gut, wie Du schreibst, ich kann
nicht sagen wie, aber ich ngstige mich um Dich.

Bogner zeigte mir eine Menge Studienkpfe von der Herzogin. Das ist
wieder so seltsam. Jeder scheint ein ganz andrer Kopf, manchmal ist die
hnlichkeit kaum erkennbar, und gleich darauf scheint sie grade dort am
geheimnisvollsten hervorzudmmern. Kannst Du das verstehn? O Renate, wer
sind wir? Wer sind wir, da ein Andrer tausend Bilder von uns machen
knnte! Lach nicht, ich mute eben dran denken, wie mir vor einiger Zeit
die kinematographischen Bilder erklrt wurden, wo eine einzige Bewegung
aus einer Kette von Bildchen besteht, und so denke ich, sind wir
Menschen auch, und wenn man sich eine Vorstellung von einem machen
wollte, so wrde es eine unendliche Reihe von Bildern sein, die sich
bestndig auseinander- und wieder zusammenziehn, mich schwindelt, wenn
ichs ausdenke. Bogner hat auch die Hnde der Herzogin gemalt, so da man
darber weinen mchte; sie sehen aus wie gefrorene Blumen, man mchte
sie auftauen mit Trnen und Kssen.

Nun mu ich Dir noch schreiben, da die Obsternte in diesem Jahr nicht
besonders ausgefallen ist. Papa wird Euch einen Korb Schner von Bosko
und Parmnen schicken, vielleicht auch ein paar Gravensteiner, aber sie
sind gar nicht schn. Reinetten giebts kaum, und die Kaiserbirnen kann
man am Baum zhlen. Kochpfel sollt Ihr auch haben, Papa rt Euch aber,
die andern nicht mit ihnen zu verwechseln, sie wrden wohl alle
gleichmig nach gar nichts schmecken. Wenn Ihr trotzdem mehr haben
wollt, so schreibe mirs bitte, aber Ihr bekommt vielleicht anderswo
bessere. Vor ein paar Tagen war ein heftiger Sturm, der Obstgarten sieht
traurig aus, es soll brigens einen strmischen Herbst und Winter ohne
Schnee geben. Die letzten Rosen sind zerstrt, so da ich Dein Geschenk
leider nicht erwidern kann, nach Astern fragst Du wohl nicht viel. Von
wem ist das:

   Wenn die Rosen deiner Wangen,
   Liebste, lieblich blhn,
   Denk ich, wie mein Lenz vergangen,
   Seh den Herbst verglhn.
   Deine Rosen, deine Blten,
   Ach, ich kann sie nicht behten,
   Alles ...

Das Ende wei ich nicht, und ich meinte auch nur den Anfang. Wenn die
Rosen deiner Wangen ... Das klingt so freundlich, ich denke an Dich
dabei und freue mich leise.

Bleibe gut Deiner

                                                                     M


                        Drittes Kapitel: Oktober


                            Renate an Magda

                                                            am dritten

Gleich, gleich, gleich mu ich Dir schreiben, mit Dir sprechen, Dich an
mein Herz drcken, o Du Liebe, Du Arme, Du Trichte, Du Verstrte! Ich
habe ja immer gewut, da das kommen mute, ich habe so darum gebetet,
ein wenig anders hatte ich es mir wohl gedacht, aber warte nur, es geht
vorber, dies geht vorber, und alles wird gut werden. Ja, Kind, es ist
gekommen, und Du hast es nicht erkannt, wre ich nur bei Dir, knnte ich
Dir Dein Grtlein zeigen, wie ich es sehe, Gott schenke Dir nur einen
einzigen schnen, feierlichen Herbsttag, mit flatterndem Gold in
reinblauer Luft, mit leuchtenden, starken Farben, mit mildttiger Sonne,
da Du den rechten Herbst erkennst. Du trichtes Kind! fragst, ob Du
hast Kind sein drfen, Du, die so frh herausgerissen wurde. Jetzt aber
frage Dich einmal, ehrlich und tapfer, denn ich will Dich tapfer haben,
mein Kind, und an Deine Mdigkeit glaube ich nicht, -- frage Dich:
Besitzest Du Dein Leben noch, das frhere, das kindische, leichte,
gottglubige? Du sagst, Du habest den Weg in Deinen Garten verloren, und
gestehst zugleich, da nur der Garten verwandelt sei. Das Leben ist Dir
freilich nicht verloren, aber das, welches Dir das einzige schien, hat
sich in ein andres verwandelt, in ein besseres, das sollst Du mir wohl
glauben! Achtzehn und ein halbes Jahr bist Du alt, der Frhling, den die
Leute an Dir sehn und Du selber, wenn Du in den Spiegel schaust, ist
noch lang nicht vorber, fhle aber im Herzen Frchtezeit und bitte nur
Gott, sie krftig zu gesegnen, und der Himmel verzeih mir, wenn ich
jetzt an sprliche Reinettenernte denke.

Liebste! Nur um Dirs zu sagen, schreibe ich all das auf. Ich bin nicht
tppisch genug, um Dich schnurstracks berzeugen zu wollen. Ich bitte
Dich nur, es anzuhren, Dich darum zu bemhn, und ohne da Du es merkst,
wird es eingezogen und Beherzigung geworden sein.

Magda! Ich wrde so nicht mit Dir reden, wenn ich nur im entferntesten
glaubte, Deine Verstrtheit knnte anhalten, sich gar in Schwermut
verwandeln; dazu glaube ich Dich zu gut zu kennen, und wie ich Dich
kenne, bist Du gesund im Kern. Darum glaube ich felsenfest, dies ist
eine von den Krankheiten, die zur Reinigung ntig sind. Das ist mein
letztes Wort. Man mu nicht alles wissen wollen. Denn was heit: alles?
Nichts, heit es, nur sagt man immer zu dem, was man grad haben will,
alles und mchte an der ganzen Welt verzweifeln, von der man nicht das
geringste wei auer der Winzigkeit, an die man sich grad klammert. Das
Notwendige ist nicht das, was man in dem und jenen Augenblick dafr
hlt, und ich sage Dir (Du weit, auch ich habe schon mein, wenn auch
bescheidenes Pcklein zu tragen bekommen) --: solange der Mensch nur
imstand ist, ber sich nachzudenken, solang er nicht ber sich hinweg
denken kann, solang ist er blo ein grner Frosch, der bei schlecht
Wetter unten auf der Leiter hockt und wartet, bis er das Gutwetter in
sich steigen fhlt. Sela.

                                                            4. Oktober

Gestern lie ich den Brief liegen, um ihn mir heut noch einmal anzusehn.
Ich merke nun freilich, da ich alles bedeutend besser htte ausdrcken
knnen, aber lassen wirs schon so. Aus einem andern Grunde ist mirs
lieb, den Brief heute noch dazuhaben; ich kann nun etwas von Irene
hinzufgen, das so seltsam und schn ist, da es, denk ich, auch Dir
wohltun wird, es zu hren.

Gestern abend noch spt kam sie zu mir; sonderbar feierlich waren ihre
Augen; ihr Wesen liee sich musikalisch etwa darstellen: Portamento im
Viervierteltakt. Sie zog mich hinber in die Kapelle, blieb in der Mitte
stehn, sah sich andchtig um und sagte: Ja, hier war es. Hier erschien
sie. Dort, wo die Orgel steht, -- die aber war nicht da, sondern ein
goldenes, dunkles Wasser, in dem es sich bewegte wie von kleinen
Gesichtern. Ich spreche von der Mutter Maria, sagte sie einfach (immer
sagt sie Mutter, nicht anders). Letzte Nacht erschien sie mir im Traum,
Lilien im Haar, aber sie war Ihnen ganz hnlich. Und ich kniete hier an
einem Betpult. Nun zog sie einen Vorhang zur Seite, und da wurde ein
schlafender Mensch sichtbar. Ich konnte sein Gesicht nicht sehn, wute
nur, da er krank war. Gleich wars finster, ich glaubte noch Orgelgetn
zu hren, aber da wacht ich schon und wute gleich, was dieser Traum
bedeutete: ich sollte hingehn und den kranken Mann pflegen. Es war schon
spt am Morgen, die ganze Nacht hatte ich gebetet, nun war mir so
leicht, und dann hrte ich auch das Orgelspiel aus dem Traum ganz fern,
-- Sie warens, nicht wahr? -- Ich nickte nur, so wunderbar schien mirs,
da sie, die von allen religisen Dingen sonst immer mit soviel
mystischer Schwrmerei gesprochen hatte, jetzt mit der natrlichsten
Schlichtheit redete. Und wie das Natrlichste auf der Welt setzte sie
hinzu: Mein Vetter Otto Herzbruch ist krank, Mama sagte es heut morgen
beim Kaffee, es soll Lungenentzndung sein. Ich bin schon dort gewesen,
seine Eltern sind tot, er wohnt bei seiner verheirateten Schwester; ihr
Mann ist Arzt und sehr gut, ich darf dableiben.

Ja, was soll man dazu sagen? Es giebt natrlich zehntausend Kranke in
der Welt, und ebenso natrlich ists, da sie diesen einen zu pflegen
hat, in Gottes Namen, ich habe ihr viele Ksse auf den Weg gegeben. Es
wird schon gut fr sie werden.

Darf ich Dir noch einen Rat geben, Kleines? Ich vermute, da Du ziemlich
unttig dahinlebst, es ist aber durchaus notwendig, da Du Dich
beschftigst. Wie ist es nun mit Deiner Stimme? Sie mu krftig genug
sein, um die Anfnge der Ausbildung vertragen zu knnen, und gewi giebt
es in Bhne eine pensionierte Sngerin oder einen Kantor, der sie prft,
und bei dem Du anfangen kannst, atmen zu lernen. Willst Dus nicht
versuchen? Mir zuliebe? Du weit, wieviel ich von Deiner Stimme halte!

Da wir pfel bekommen sollen, freut uns sehr, ich bitte um einen
schnen Gru und vielen Dank fr Deinen Papa!

Leb wohl fr heute! Sei geduldig und getrost!

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                               Helenenruh, 10. Oktober

Liebe Renate!

Mir fllt ein, da ich mich niemals fr Dein schnes Bild bedankt habe.
Das kam wohl, weil es mir gleich so vertraut war, nachdem es nur einen
halben Tag auf meinem Schreibtisch gestanden hatte. Heut habe ich es
Bogner gezeigt, und er sagte: Ach, du lieber Gott! -- Du httest es
hren sollen! Als wenn das grte Unglck passiert wre. Dann strich er
immerzu mit der flachen Hand ber das Glas, aber es wollte
augenscheinlich nicht weggehn. Schn? fragte ich nur. Schn? sagte er.
Schn wie Maria Stuart. -- Warum denn die? frage ich erstaunt. Ein
Stmper, sagt er, kann sie malen, und es wird immer ein Wunder bleiben.
Dann fragte er, wie Deine Augen wren, und ich sagte, blau und auch grn
und mit goldenen Tupfen. Und das Haar? Wie die Mhne von Rottraut, sage
ich, -- das ist mein kleines Pferd, ein Hellfuchs, aber Du wrdest
sagen, ein Brauner. Ach, du lieber Gott! seufzte er da nur wieder, mit
dem Ton auf lieber, weit Du! -- -- --

Ich will geduldig sein, Renate. Ja, das kann ich Dir versprechen, wie
ich es Maler Bogner heut versprochen habe. Sein Bild von der Herzogin
ist nun fertig. Als ich heut nachmittag in den Saal kam, wo er malt, um
etwas Harmonium zu spielen -- das mag er gern --, hatte er keinen Kittel
an, und die Malsachen lagen alle so sauber und in feierlicher Ordnung
wie heilige Gerte, mir aber gab er einen in rote Farbe getauchten
Pinsel in die Hand und befahl mir ganz ernst, unten in die rechte Ecke,
wo schon ein rotes Datum stand, ein Rad hinzumalen, das heit, einen
kleinen Kreis mit vier Speichen, was ich mit Herzklopfen tat, und er
erklrte mir, das wre sein Zeichen, eigentlich zwei B mit dem Rcken
gegeneinander, ich aber dachte an das Rad im Angelus Silesius und sagte
ihm den Vers:

   Nichts ist, was dich bewegt, du selber bist das Rad,
   Das aus sich selbsten luft und keine Ruhe hat.

Und er sagte, das wre ein guter Spruch, und ich sollte ihn beherzigen.
Ich will doch versuchen, Dir das Bild zu beschreiben, denn es hat mich
so -- ich wei nicht, eben wollte ich >erschreckt< schreiben, aber es
war fast: enttuscht. Denke Dir ein ganz gelbes Bild, lauter Gelb, auch
Braun und brunliches Gelb, und denke Dir ein sehr breites Fenster, das
niedrig scheint, weil der obere Rahmen nicht sichtbar ist; in der Mitte
steht eine Sule aus gelbem Stein, und die Fensterbank ist auch
dunkelgelb. Drauen sieht man ein Stck unseres Parkes, wie vom Fenster
des Saales aus, hellgelbe Herbstwiesen und rotgelbe Bume wie die
verdorrten Eichenbltter im November und schweren, graugelben Himmel,
und nun erst auf einmal sieht man den Kopf der Herzogin, der in der
rechten Hlfte des Bildes dicht ber der Fensterbank ist -- als wenn das
Fenster hoch in der Wand se, und es scheint, als wre sie pltzlich
von der Seite ganz still herangetreten, um hinauszusehn, so da man nur
das dunkelbraune Haar und den Hauch vom Profil und ein Auge sieht, und
ihr Kopf ist so gro und fremd geformt, und doch alles von so
wunderbarer hnlichkeit, da ich wohl deshalb so erschrocken bin. In der
andern Fensterhlfte steht noch ein Blumentopf mit Goldlack; der ist so
schn, da man gar nicht wegsehn mag, wenn man ihn erst entdeckt hat.

O, und es ist ein solches Schweigen in dem Bild, solche Totenstille,
obgleich jedes Einzelne so lebt und atmet, als wre niemals eine
Bewegung dort, kein Luftzug im Park, kein Windhauch an den samtenen
Blttern vom Goldlack; als kme nie ein Mensch dorthin, als knnte
nichts diese grenzenlose Einsamkeit stren, in die sie hineingetreten
ist, die nun nie wieder zurck kann. Keine Zeit ist da, auch kein Licht,
das wir kennen, es kommt aus den Dingen selbst wie auf ganz alten
Bildern. Den ganzen Nachmittag habe ich davorgesessen und kaum noch
gewut, da ich lebe.

Bogner war fortgegangen. Spter hrte ich ihn wieder hinter mich treten
und sah, da er sein Skizzenbuch in der Hand hatte. Dann mute ich eine
halbe Stunde still sitzen, und er ging um mich herum und zeichnete mich
von allen Seiten. Ich war recht rgerlich, denn er sah so abgefallen
aus, und nun wollte er womglich schon wieder was Neues anfangen, als
ich ihm aber etwas sagte, hrte er gar nichts. Hinterdrein stellte ich
ihn dann, aber er meinte nur, das wre so eine Angewohnheit, wenn etwas
fertig wre, gleich einen Grund fr ein Neues zu legen. Es wrde einem
ja angst und bange, setzte er mit einem Blick nach dem Bilde hinzu, wie
so etwas fertig und immer nichts als fertig wre, das sollte der Teufel
aushalten. Da schien mir auch das Bild auf einmal ungeheuer ernst und
ganz drohend, und ich kann mir wohl denken, da es schwer zu ertragen
sein mu, so etwas gemacht zu haben.

Und nun denke Dir, von meinem Gesicht hatte er eine Unmenge Zeichnungen
gemacht, manche so zart wie die Linien einer Meereswelle im Schlick, die
flchtigsten Neigungen und Verkrzungen, und andres wieder so hart und
bertrieben, fast wie Karikatur; ein Stck Nase hier mit der Augenbraue
daran so deutlich, da ich vor mir selber erschrak, als wre es aus
meinem Gesicht fortgenommen, und dann wieder nur ein Ausdruck an einem
ganz fremden Mund, von dem ich nie etwas gewut habe ...

O Renate, Renate, was ist das mit der Kunst, ist sie wirklich so
entsetzlich? Haben wir nicht auch etwas davon zu verstehn geglaubt mit
unserm bichen Zeichnen und Aquarellieren? Und dann erst die Menschen,
die von den grten Dingen so reden, als ob sie sich von selbst
verstnden, wie Papa, der blo fragte -- freilich war Bogner nicht dabei
--, was denn wohl der Blumentopf da sollte, und warum man die Herzogin
von hinten she, und der Kopf wre ganz verzeichnet. Ach, und da greift
solch ein Mensch in die Herzen hinein wie in Staub und macht wie der
liebe Gott mit etwas Wasser ein Ding daraus, da man sich nicht zu
fassen wei. Wie kommt er dazu, sage mirs nur, wie kommt er dazu, von
mir solche Dinge zu wissen, und wo nimmt er denn nur das Recht her, dies
alles von einem abzunehmen und hinzulegen wie -- wie eine Apfelschale?
Das ganze Schicksal, und ich glaube, er kennt die Kindheit der Herzogin
wie seine eigne.

Ich aber komme mir doch wieder recht beschtzt vor in seiner Nhe, denn
er selber ist einfach, gro und stark, und ich mu dran denken, wie ich
als Kind, wenn ich so allein war, mir nichts Schneres vorstellen
konnte, als beim frchterlichsten Regenwetter in dem Schilderhaus
gegenber zu stehn und nur durch das kleine Guckloch zu sehn, wie der
groe Posten drauen auf und nieder ging, Gewehr ber und den
Mantelkragen hoch geschlagen.

Gute Nacht! Dank fr Irenes Geschichte, schreibe mir ja, was weiter aus
ihr wird. Und gre Deinen Onkel!

                                                           Deine Magda


                            Renate an Magda

                                                        am 15. Oktober

Liebstes Herz,

das hat mich sonderbar betroffen, was Du da von Deinem Maler, dem Bilde
und von der Kunst geschrieben hast, und nun ist mir auf einmal die
Bedeutung dieser unheimlichen Klte aufgegangen, mit der C. F. Meyers
seltsames Gedicht Nach einem Niederlnder schliet. Hier hab ichs,
erinnerst Du Dich? Zu einem hollndischen Maler kommt ein Junker mit
seiner geputzten Tochter, um sie malen zu lassen. Der Meister malt
gerade ein kleines zartes Bild, und so schliet das Gedicht:

   Sie treten lustig vor die Staffelei:
   Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt
   Ein feiner Mdchenkopf. Der Meister setzt
   Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch
   Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand.

-- Nach der Natur? -- Nach der Natur. Mein Kind. Gestern beerdigt.
Herr, ich bin zu Dienst.

>Mit leichter Hand ...< Ja, begreifst Du nun schon, weshalb Du so
erschrocken bist vor dem Bilde der Herzogin? Das war das Mitleidlose.
Das wars, da Du einmal gesehn hast: der Mensch -- im Dichter oder
Knstler -- mag schaudern vor dem, was er darzustellen hat, ob es nun
fremdes oder eignes Leid sein mag; der Knstler bleibt ungerhrt, der
kennt kein Mitleid, der ist herzlos, der malt mit leichter Hand. Sonst
sehn wir ja immer nur das Kunstwerk und nicht die Lebenswurzel, aus der
es kam; nun sprtest Du einmal den sichern Griff der Hand, die ein
Unbekanntes aus Deinem eigenen Antlitz nahm, -- o nein, darber sollten
wir nicht erschrecken, sondern schn ist es, rein und wunderbar, weil es
diesen Sinn hat, da es Dinge giebt, ja, da der Mensch wie ein Gott
Dinge machen kann, die so voll Unschuld und Unwissenheit sind wie der
Baum, der aus einem Grabe wchst, wie der Vogel, der im Baume singt.
Ach, woher denn sonst diese Magie unsrer Musik, die uns nimmt und
wegfhrt, ganz fort, von allem fort, weit hinaus ber Frohsinn und
Traurigkeit, ber Gut und ber Bse in ein Unschuldsland, wo das Herz
allein glcklich ist. Wir knnen uns erlsen, siehst Du, wir knnen es,
denn wir knnen -- ach, braucht es denn immer Kunst zu sein? -- wir
knnen reine Taten tun, die von nichts wissen, vom Schicksal, vom Blut,
vom Schmerz nichts wissen, und dies sind wohl die ewigen Gebete, die bis
in Gottes Herz gelangen und ihm immer wieder sagen, da wir Menschen es
doch wert sind, da er uns gemacht hat.

Nun ist tiefer Herbst; ein goldener Tag. Ich sitze am offenen Fenster,
manchmal dreht ein kleiner Lufthauch die Bltter des aufgeschlagenen
Buches um, drauen im Garten sind alle jubelnden Farben versammelt, mir
ist so wohl, ich wnschte von ganzem Herzen, Dir abgeben zu knnen! Nun,
wenigstens kann ich Dir so lange schreiben, wie ich will, und da ich
nicht immer schn weise Reden halten kann, will ich Dir ein bichen was
erzhlen.

Da bin ich gestern nachmittag in einem Jungmdchentee gewesen, und es
war nicht besonders, bis ein Menschenkind sich an das Klavier setzte,
das ich schon vorher heimlich beobachtet hatte, denn sie hatte Haltung
und eine uerst liebliche Sicherheit, hatte wundervolles, dunkelrotes
Haar, porzellanene Haut und die krftigsten Brauen. Setzt sich hin und
spielt die Aquarellen von Gade, Gott bewahre uns! Und wie hat sie
gespielt! Wie ein Dmon. Nicht etwa seelenvoll, oder mit dem, was man
so Temperament nennt, sondern einfach mit einer unerhrten Rhythmik,
die mich geradeswegs zittern machte. Dann das erste Prludium von
Chopin, -- wie ein Wassersturz. Hinterher sollte ich spielen, wagte aber
natrlich nicht, die Tasten anzurhren. Und denke Dir, wie wir
aufbrechen, kommt sie zu mir und fragt, ob wir nicht zusammen gehn
wollten. Nun mu ich erst noch sagen, da sie Ulrika Tregiorni heit,
das heit, eigentlich heit sie wie ihr Mann -- ich htte geschworen,
sie sei unverheiratet -- nmlich Hoeck, aber da sie sich beim Auftreten
-- sie ist Pianistin -- mit beiden Namen nennt, so lassen ihre Bekannten
meist den Hcker fallen, wie mir die Mdchen sagten. Lange spielt sie
brigens noch nicht ffentlich, sonst wrde ich sie ja auch kennen.

Nun, wir kamen denn bald vom Hundertsten ins Tausendste. Sie sagte mir
einfach, sie htte von meiner Orgel gehrt, und nun werde ich ihr heut
nachmittag vorspielen (auf der Orgel hab ich ja Mut!). Vielleicht
arbeiten wir dann miteinander und lehren uns alle Geheimnisse. Kannst Du
Dir denken, wie ich mich freue?

Nun was Romantisches!

Ich steh mit dem Grtner heut frh im Vorgarten, da kommt eine Droschke,
hlt, heraus steigt ein Riese mit einem weien Turban als Kopf, dahinter
mein Vetter Josef. Wer ist der Riese? Mein Vetter Erasmus. Und der
Turban ist ein Verband; ein Auge zwinkert grad heraus, selbst das vllig
verschwollen! Gott bewahre mich! Josef hinter seinem Rcken will sich
totlachen. Ich, brennend vor Neubegier, will ihn ausfragen, da tut er
entsetzlich geheimnisvoll: das knnte er mir nur in seinem Zimmer
erzhlen, -- also was halfs? Ich mute mit hinauf -- hatt es ihm auch
schon lange versprochen -- und nun gehts nicht anders, nun mut Du erst
die Beschreibung hren.

Stelle Dir vor, Du ffnest die oberste Tr in einem Treppenhaus und
siehst Dich einem groen, gotischen Fenster gegenber, das entfernt von
Dir steht, und das eine einzige, spitzgewlbte Flche von
unbeschreiblich milde leuchtendem, grnlichem Glase ist, in kleine,
quadratische Felder geteilt und vom Fuboden bis nahe unter die Decke
steigend. Ja, da stehst Du und staunst. -- Das Zimmer nun liegt der
Lnge nach vor Dir, das Fenster steht in einem Erker: es scheint
dmmrig, obwohl es in Wirklichkeit, wenigstens an lichten Tagen wie
heute, schn hell ist, und da siehst Du in Deiner Nhe eine Vitrine,
angefllt mit den kstlichsten Porzellanen, und an den langen Wnden
links und rechts sind Bchergestelle mit grnseidenen Vorhngen, die bis
zu Schulterhhe etwa emporreichen, und einen Fubreit darber hngen
nebeneinander viele japanische Holzschnitte, uralte, von den erlesensten
Tnungen. Ein groer, niedriger Tisch, rund und mit grner,
langzipfeliger Decke steht noch im Zimmer, ein paar tiefe Sessel darum
und im Erker ein Lehnstuhl mit hoher und steifer Rckwand, grau bespannt
voll Silberstickerei. Dahinein darfst Du Dich setzen und eins von den
kleinen Quadraten in der schnen Fensterwiese aufmachen, dann siehst Du
weit ins Land hinein, siehst weit hinten die Stadt mit Kuppel und Trmen
in ihrem Rauch, siehst unten die groen Wiesenflchen und den Bahndamm
und den ganzen, groen Herbsthimmel mit allen Wolken!

Du magst aber gehn oder stehn im Zimmer, wo Du willst, immer ist das
unsagbare Grn, diese weite Flche im gotischen Rahmen um Dich her, als
wrest Du in einer Wolke, und wenn Du lngst wieder drauen bist unter
den gewhnlichen Dingen, merkst Du es pltzlich an Deinen Augen und mut
mit der Hand darber fahren, und es kommt Dir vor, als wre alles milder
geworden.

Das ist dieser Josef ... Nun aber hre Erasmus dagegen -- das heit, ich
mu ganz von vorn anfangen.

Ein paar Meilen von hier wohnt auf ihrem Gute die steinalte Frau Rdiger
nebst ihrer Adoptivtochter Virgo. Onkel Augustin steht mit ihr in
Verbindung wegen ihrer Rosenzucht, und wir sind einmal hingefahren. Der
Gutshof ist ein schnes, altes Schlo, und sie kam uns in der Torfahrt
entgegen, vllig unkenntlich freilich, denn sie trug Kniehosen, einen
Jgerrock, uralt wie sie selber -- klein aber sehnig -- ein grnes
Htlein auf dem Kopf und rauchte eine kleine Pfeife. In ihrem Wesen war
von alledem nun keine Spur, sie war eine richtige alte Frau, hat aber
ihr Leben lang die eigentmlichsten Marotten gepflegt, wovon die
eigentmlichste wohl die sein drfte, da sie Waisenkinder aufzog, und
zwar nicht blo so gewhnliche, sondern gewissermaen exquisite, nmlich
Kinder von Verbrechern, Trunkenbolden, Hingerichteten und
Gottwasweiich. Das letzte Kind war Ulla Steinbrech, die wurde selber
umgebracht, denn sie war mannstoll, kriegte mit sechzehn Jahren ein
Kind, ihre Pflegemutter zwang sie, dessen Vater zu heiraten, da gab sie
ihm ein schleichendes Gift, und die Pflegemutter bestand darauf: sie
mute auf das Schafott. Ja, so war sie, nun ist sie sanfter geworden,
die alte Rdiger. Ihr jetziges Kind, die kleine Virgo, ist ein kleines,
zartes Wesen von achtzehn Jahren mit den allergrten schwarzen Augen
und einem schwarzen Tituskopf, denn die alte Rdiger kann lange Haare
nicht leiden.

Nun aber hat sie sich -- Virgo -- vor einiger Zeit in einen Studenten,
einen Italiener, einen Conte oder Marchese, verliebt (italienischer
Adel, sagt Josef, wre >mau<!), aber wie er ihre Pflegemutter um ihre
Hand bittet, so sagt sie, es wre ein Irrtum, da sie Virgo adoptiert
htte, und sie bekme dreitausend Mark im Jahr; worauf der Conte hinging
und die Kleine zu einer Entfhrung berredete, aber wie sie in tiefer
Nacht die Treppe zum Bahnsteig hinaufgehn, so kommt ihnen Virgos Bruder
entgegen, gerade aus dem Vlissinger Schnellzug von Irland her.

Nun dieser Bruder, der hat auch seine Geschichte. Gestern brachte ihn
der Erasmus, dessen Schulkamerad er ist, zum Mittagessen mit. Er
erschreckte mich ein wenig, denn er ist ganz schwarz, hat eine
fleischige Nase unter schweren schwarzen Brauen und eine merkwrdig
schlanke und breitschultrige Figur; bald sah ich dann die tiefe Gutheit
seiner Augen, und da er einen schnen Mund mit schwingenden
Rednerlippen und ein noch schneres Kinn hat -- Du weit vielleicht, wie
selten bei Mnnern ein gutes Kinn ist --, ein rundes, sorgfltig
gedrehtes, und er ist eitel genug, sich eine schwarze Bartfrse darunter
um den Hals zu hngen, was ihn merkwrdig verfinstert. Er ist mit zwlf
Jahren dem Waisenhaus entsprungen, auf ein Schiff gegangen, spter mit
etwas Geld aus Amerika wiedergekommen, irgendwo in der Lehre gewesen,
hat gleichzeitig Sprachen und Mathematik und was sonst ntig war,
gelernt, um in die Sekunda des Gymnasiums zu gelangen, worauf sich wohl
Erasmus' Vater seiner angenommen hat. Nun ist er nationalkonomischer
Doktor, Volksredner, Sozialdemokrat und will in den Reichstag. O,
tchtig, tchtig!

Die alte Rdiger liebt ihn nicht, und er darf seine Schwester nur selten
sehn. -- Nimmt sie also bei der Hand und will sie schn nach Hause
bringen, da springt der Conte dazwischen, und -- wie Josef es ausdrckte
-- nachdem Klemens -- so heit er -- ihn wieder aufgehoben hatte, gab es
eine Forderung. Heute morgen sind sie mit Sbeln aufeinander
losgegangen.

Das folgende ist nun schwierig zu erklren. Du weit, da bei Duellen
Sekundanten gebraucht werden, deren Obliegenheiten mir dunkel sind, aber
Josef hat mir erklrt, da es bei studentischen Duellen mglich ist, da
die Sekundanten sich gegenseitig erzrnen und beleidigen, und da es ein
neues Duell zwischen ihnen giebt, das schnurstracks ausgefochten werden
mu. Ach, weit Du, Kindlein, das Ganze erinnert mich so herzlich an
meinen guten Neger, hab ich Dir das mal erzhlt? Wie ich in Genua auf
der Kaimauer sa und aquarellierte und eine ungeheure Volksmenge sich um
mich versammelte, vermutlich weil ich so wei in Schleiern und blond
war? Und wie sie zudringlich wurden, und pltzlich ein ungeheurer Mohr
seine Jacke auszieht und auf die Erde wirft, sich die blauen Hemdrmel
aufstreift und im schauderhaftesten Italienisch erklrt, da es eine
Schande wre, eine Lady derartig zu behandeln, und dann anfngt zu
boxen, da es grlich anzusehn war? Ja, daran erinnerte mich der
Erasmus, denn er war der Sekundant seines Freundes Klemens, und er und
der Andre, sagt Josef, wren aufeinander losgegangen wie die Teufel. O
Mnner, o Mnner!

Nun lebe wohl, Herz, ich hab mich ganz lahm geschrieben, hoffentlich
bringt all der Unsinn Dich ein klein wenig zum Lachen. Lebe tausendmal
wohl! In inniger Liebe Deine

                                                                Renate

P. S. Der Brief blieb versehentlich liegen; nun mu ich ihn doch noch
einmal ffnen, um meiner Begeisterung fr Ulrika Tregiorni die Zgel
schieen zu lassen, die eben wieder gegangen ist. Sie hat mir eine
Klavierbearbeitung der Violinchiaconna von Busoni mitgebracht (viel
schner als die von Brahms!) und vorgespielt, da es mich einfach
hinweggefegt hat. Dann kam meine Orgel, und Gott sei Dank, ein klein
wenig ist sie auch weg gewesen, und so wetteiferten wir denn.
Zwischendurch hatten wir die herrlichsten Gesprche, von Bruckner, den
ich nicht kenne, von Bach und Beethoven, den sie immer nur den Nabob
nennt. Das pat auch vortrefflich, und Du httest sie hren mssen, wie
sie das erklrte, wie Beethoven eine solche ppigkeit sei, gewaltige
Weinberge, beladen mit ungeheuren und sen Dingen wie mit riesigen
Trauben, allein -- denke Dir, sie gab im Herzensgrunde Bach den Vorzug,
allerdings wohl nur aus Egoismus, weil Beethoven kein Klavierkomponist
war. Du wirst sie bald kennenlernen mssen. Dann wirst Du eher wissen,
als ich, warum sie ein Mdchen ist und keine Frau.

Und nun adieu!


                            Magda an Renate

                                                           24. Oktober

Es war nichts, Herz! Ja, ich bin lustig gewesen, ich habe sogar viel
mehr ber Deinen lieben Brief gelacht, als mir selber begreiflich war,
das rcht sich nun, und mir ist wieder elend. Bogner gehts auch
schlecht, er sitzt stundenlang vor seinem Bild und raucht und sagt, es
wre die grte Schande seines Lebens, und er verstnde nicht, wie er
das jemals wieder gutmachen sollte. Und wie glcklich knnte er sein,
er, der doch immerfort sein Leben in Werke umsetzt, der wie kein Mensch
sonst sieht, da er etwas gemacht, da sein Tag nicht umsonst war, nicht
umsonst die Schlaflosigkeit der Nchte, und Essen und Trinken und
Sichanziehn, alles nicht umsonst, weil etwas da ist, das er gemacht hat.
Wir gleiten so dahin, verbrauchen das Heute, um uns Kleider fr morgen
zu machen, und die Stunden fallen uns nur so aus der Uhr, -- kling --
klang, wieder eine abgelaufen.

Dann hat mir auch der arme Jason wieder einen Schrecken eingejagt. Er
schien ja wieder ganz wohlauf zu sein, nur sprach er kein Wort und ging
gebckt umher, die Hnde in den Taschen, und schien eigentlich nichts zu
sehn. Dann merkte ich, da er immer vor sich hinmurmelt, und heut abend
-- jetzt ist es Nacht --, wie Vater und Bogner und ich bei der Lampe
sitzen und lesen, fngt auf einmal seine Stimme im Schatten an, und er
sagt ein wundervolles Gedicht, das ich leider vergessen habe. Nach einer
kleinen Pause fngt er ein andres an, und dann hrt er nicht wieder auf,
und es war wohl eigentlich wunderbar, er sprach nur leise, aber mit
solchem Ausdruck, da die Worte leuchteten wie Frchte und Blumen, und
dann wars der sanfteste Regen, und dann warens auf einmal nur noch
Worte, und es ging immer geschwinder, atemlos, unaufhrlich, ganz
monoton, wie ein Uhrwerk, bis Bogner endlich aufstand, zu ihm trat, ihm
die Hand auf die Schulter legte und ganz ruhig sagte: Nun ists genug. --
Da wagte ich erst, zu ihm hinzusehn, und er sa da, in sich versunken,
aber sein bleiches Gesicht war mit einer solchen Verzweiflung, solcher
Sterbensmdigkeit und auch mit solch kindlicher Ratlosigkeit zu Bogner
emporgedreht, als ob der alles wte und gleich helfen knnte, -- o, es
war schaurig! Da sagte Bogner, er sollte ihm nun einmal ruhig erzhlen,
was ihm eigentlich fehlte, und er blickte ihn auch ganz gehorsam an und
sagte: Das Gedchtnis, nur das Gedchtnis. -- Was denn damit sei? -- Ja,
sagte er, es hat alles gefressen. -- Ach, Renate, es ist zum Weinen, wie
kindisch er das alles vorbrachte!

                                                                spter

Er sagte, er sei als kleiner Knabe einmal auf den Kopf gefallen, und
daher sei es wohl gekommen, da er alles, was er lese, behalten mte,
und was er zweimal gelesen htte, das wrde er nie mehr los. O, sagte er
wieder etwas muntrer, ihr mt nicht denken, da dieses nicht auch seine
Vorzge hatte, nichts auf der Welt ist ohne Vorzge, und ich zum
Beispiel, ich spreche alle Sprachen der Welt. Ich habe sie alle
auswendig gelernt. Und er erklrte uns das, und sagte auch, er habe ja
den eigentlichen Schaden erst nach Jahren bemerkt, wie das immer so
gehe, wie auch mit Kindern, die alle erst herrlich gefunden wrden, und
spter taugten sie gar nichts. Aber erst, wie er schon fast erwachsen
gewesen sei -- ja, denke Dir, er ist schon ber dreiig und sieht kaum
wie zwanzig aus -- habe es sich zu einer richtigen Krankheit entwickelt,
einem Katarrh, einer Cholera, und erst in Zwischenrumen von Monaten,
dann immer hufiger habe er Anflle, die manchmal wochenlang dauerten,
da gefalle es dieser Charybdis von Gedchtnis, alles Eingesogene wieder
auszustrmen, und damit verfahre es ja nun ganz methodisch, indem es
sich immer in gewissen Grenzen halte, mit kleinen, niedlichen
Variationen, und wenns einmal Gedichte wren, so wrens ein andermal
Dramen, auch halte es sich streng an die Sprachen und verwechsele
Englisch niemals mit Finnisch, obgleich eins so greulich wre wie das
andre. O, sthnte er dann laut, wenn doch endlich, endlich einer kme,
der mir mit einem einzigen Beilhieb diesen Schdel entzweispaltet wie
eine Nu, da ich das Ganze herausnehmen und zerquetschen kann, -- aber
-- und da fiel er wieder zusammen -- ihr habts ja nicht gewollt.

Ja, da bin ich freilich auch zusammengefallen und konnte nur noch in
mein Zimmer hinaufgehn und mich aufs Bett legen.

Ich, Renate, ich, ich bin es doch gewesen, die ihn zweimal verhindert
hat, sich zu erlsen, ich, in meinem Unverstand, ich habs nicht
zugelassen, da er sich ausruhn drfte, und nun sage mir, ja, sage mir,
wenn Dus weit, wie ich das jemals wieder gutmachen soll!

                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                        Am 24. Oktober

Auf einmal, wie ich vor der Orgel sitze, sehe ich im kleinen Spiegel
ber mir, da Irene mitten in der Kapelle steht. Ich breche ab, frage:
Irene? Ist er wieder gesund? -- Sie steht da, hat die Augen
niedergeschlagen und lacht. Dann wird sie nachdenklich und sagt: Die
Wege des Himmels sind auerordentlich ... Und lacht wieder. Ich ahne
sonderbare Dinge und herrsche sie an: Steh Rede, Irene! -- Was meinst
du, fragt sie da mit tdlichem Ernst, ob ich ihn wohl heiraten soll? --
Wie kann ich das wissen, Irene, du mut doch wissen, ob du es willst! --
Ja, ich will wohl, sagt sie, wenn das gengt, er will auch. -- --

Ja, ja, Magdachen, die Wege des Himmels sind auerordentlich ...

Wobei mir einfllt, da ich ganz vergessen habe, Dir von einem Freunde
zu schreiben, ja, Freunde, kann ich wohl sagen, obwohl wir uns erst drei
Tage kennen. Du siehst, er ist mir schon so gewohnt, da ich verga, Dir
von ihm zu erzhlen. Wie er aussieht? -- Er wird dreiig Jahre alt sein,
ist ziemlich gro, aber mager, Kopf und Gesicht sind klein, aber zart,
zart auch das blonde Haar und die Nase, die im Profil mit Stirne und
Kinn eine schrge Linie bildet, und die hellblauen Augen sitzen ein
wenig flach und sind lnglich geschnitten. All das, mit der hohen
Kopfform, ist ein wenig fremdartig, wie von einem mir unbekannten Volke.
Der Ausdruck ist sehr ernst, sein Gehaben still, seltsam innig sein
Lcheln. Ja, so sieht er wohl aus. Im Konzert blickte er mich vom weiten
an, ganz ruhig, anders als die andern Menschen, und hinterher kam er,
verbeugte sich und sagte irgend etwas wie: Er htte das Gefhl, als ob
er mir dienen knne, oder so. Womit aber? fragte ich, doch einigermaen
verwundert, worauf er mir freundlich meine Garderobemarke aus der Hand
nahm und sagte: Augenblicklich wohl dadurch, da ich Ihren Mantel hole.
-- So hatten wir uns kennengelernt. Auf dem Wege zu meinem Wagen waren
wir schon so in ein musikalisches Gesprch vertieft, da ich den Wagen
wegschickte und den ganzen Weg nach Hause -- gut dreiviertel Stunden --
mit ihm zu Fu durch die Nacht ging und nachher noch eine halbe Stunde
vor dem Hause auf und ab, und dann hat er noch bei mir Tee getrunken.
Mglicherweise ist es mein verstorbener kleiner Bruder Albrecht. Er
spielt Geige, aber sein Beruf ist das nicht. brigens wei ich nicht
einmal, ob er einen Beruf hat; er bemerkte nur einmal gelegentlich, er
beschftige sich mit Geschichte. -- -- Ja -- so: er heit Saint-Georges.
Den Vornamen wei ich nicht, und es machte sich schon so, da ich ihn
Georges nannte.

                                                                Am 26.

Dies schrieb ich vorgestern, nun ist Dein Brief da, und ich wei nicht,
was ich sagen soll. Wenn ich denken mte, wenn ich frchten mte, da
die Dunkelheit jener Stunde, in der Du mir schriebst, anhalten sollte,
so hielt ichs nicht aus vor Angst. Ich bitte Dich, schreibe mir gleich
ein paar Zeilen, ob es so ist, dann komme ich sofort, es mu gehn, was
ntzt Schreiben! Ich mu bei Dir sein, und wenn ich Dir selbst nicht
helfen knnte, so wte ich doch, da Du nicht allein bist. Ich bitte
Dich, schreib! In Liebe und Sorge

                                                                Renate


                       Viertes Kapitel: November


                            Magda an Renate

                                                           4. November

Was soll ich schreiben? Deine Briefe lese ich oft, das ist so gut, als
wrest Du bei mir. Du bist glcklich und heiter unter lieben Menschen,
was solltest Du hier? Man mu doch mit allem allein fertig werden.

Mit mir will es nicht so recht vorwrts. Der Herbst frstelt mich so.
Des Nachts wache ich oft auf und gehe ans Fenster. Es ist windig und
ganz schwarz drauen, ich wei, da drauen alles voll Trmmer liegt.
Dahinter steht das schwere Tosen der See, manchmal glimmen Sterne und
erlschen schrecklich jh. Dann rauscht der Regen, endlos. Ich mache
Licht, liege, denke. Manchmal, halb im Traum, scheint mein kleines,
erleuchtetes Zimmer mir die Kajte von einem groen Meerschiff, das
unendlich fern von euch durch die schwere, nchtliche See strzt.
Manchmal sehe ich schreckliche Dinge und kann doch die Augen nicht
abwenden. Ich sehe einen Menschen, der langsam in einen Sumpf versinkt.
Alles ist meilenweit mit Nebel bedeckt, tdliche de, und er sinkt und
sinkt, und ich sehe zuletzt nur noch einen Arm, der um Hlfe flehend
grlich herausragt. Ach, so versinkt mir jeder Tag, und es giebt keine
Hlfe. Und dann diese Nchte, dies verzweifelte, dumpfe Sthnen der
Natur, die ohn Unterla den entsetzlichen Kampf kmpft bis gegen Morgen,
die ganze, schwere, verworrene Nacht. Dann wei ich: der Tag wars, der
sich daraus hervorgerungen hat. Da liegt er nun halb entseelt,
sterbensmde und hat zerbrochene Augen.

Wunderst Du Dich, da ich dies so verstehe? Mich wunderts selbst, denn
frher kannte ich die Natur ja nicht. Sie war etwas Liebes, Schnes, zum
Drinherumgehn und sich Freuen. Nun ist mir alles so furchtbar verwandt
geworden, und was ihr geschieht, fhl ich am eigenen Leibe.

Jason schleicht hinter Bogner her den ganzen Tag und erzhlt ihm auf
Schritt und Tritt. Einmal mute ich so lachen, es kam mir so vor -- der
berlaufende Jason hinter Bogner -- wie der aufgeschnittene Hirsebeutel
in Andersens Mrchen, den die Prinzessin um den Hals hat, als der groe
Hund sie zum Soldaten trgt. Haben wir nicht einmal Mrchen gelesen? Das
mu viele, viele Jahre her sein.

Abends sitzen wir alle zusammen und hren Jason zu. Vater und Bogner
trinken ihren Grogk; ich sticke ein wenig. Ich glaube, ich werde den
Winter lang durch die ganze Literatur kommen, Hebbels Dramen haben wir
schon alle gehabt, jetzt hren wir Storm. Es geht seit einiger Zeit
merkwrdig im Zickzack. Als er Frau Marie Grubbe kaum angefangen hatte,
geriet er auf einmal ins Dnische, da mute Bogner ihn abstellen, und
auf einmal merkte ich, da er in _Aquis submersis_ war. Ich freu mich
schon auf Keller, von dem ich nur das Sinngedicht kenne.

Alles nimmt mich so hin! Neulich war noch ein schner Tag, so leicht und
blulich, da ich mich gar nicht frchtete vor aller Kahlheit. Da ging
ich gegen Abend den Sandweg auf Ldersens Deich gegen die Windmhle
hinauf. Ach, wie mute ich pltzlich stehenbleiben und nach den Birken
sehn, an denen noch ganz wenig zitterndes Gold hing und tropfte;
zwischen ihnen war der Himmel, aus reinem Purpur und ganz nah, und davor
trieben leise, leise die goldenen Flocken herunter. Alle Schwere schien
mir da fortgenommen, ich dachte, so mssen die Hnde von Sterbenden
sein, die schon erleichtert sind innerlich von der ganzen Leichtigkeit
eines neuen Daseins. Ja, das war die letzte Zrtlichkeit des Jahres. Und
wie ich da pltzlich den Weg vor mir steigen sah, grade in den leeren
Abendhimmel hinein, als ob er jenseit des Hgels, anstatt hinabzusinken,
schweben wrde, -- ach, wunschlos sein! riefs da in mir, so wunschlos
dem Ende hingegeben! Ich breitete die Arme aus, als sollte es mich nun
erfllen mit Stille und Frieden und Dankbarkeit, -- zu jedem Dienst wre
ich ja bereit gewesen!

Es kam natrlich nichts. Nur die Nacht.

Alles, alles, alles ist verndert. Was ewig stille zu stehn schien, das
entgleitet mir nun leicht wie ein Kahn, -- nein! Ich selber treibe
mitten im Flieenden, tief drin, als sei ich schon unendlich weit
hergekommen. Reifen wrd ich, schriebst Du vor Ewigkeit; warum? wozu?
Und wenn ichs tte -- mir wre es herzlich unwillkommen; hart scheint
mirs und sehr, sehr verfrht.

                                                              Dienstag

Heute morgen bin ich doch vor mir selber erschrocken. Mein Haar war mir
so schwer geworden, ich wollte mich anders frisieren, da sehe ich
pltzlich meinen Mund im Spiegel. Der war so hei und so dunkel, ich
mute an eine Wunde denken, habe freilich noch keine gesehn. O wer hat
mir die zugefgt? Kein Mensch, o nein! Solche Wunden sind ja nicht
menschlich, es mu wohl das Leben selbst gewesen sein, weil es mich
hat; es hat mich ja lngst aus seinem Gebiet gestoen, und doch lebe
ich noch immer. O, und ich schme mich, unter die Andern zu gehn mit
meinem Munde, mit dem Zeichen der Verstoenen. Er sah so gierig aus.
Mich graute.

                                                             Sonnabend

Wieder ein paar Tage hingebracht. Nein, Du sollst nicht kommen, auch Du
wrst viel zu laut und schn; wo Du bist, ist Musik, wer mchte hier
wohl tanzen? Sie mten sich alle wundern. Jason ist mit Storm fertig,
alles hre ich ja leider nicht, weil er auch tagsber spricht, wenn ich
zu tun habe, nun hren wir die Seldwyler, einen nach dem andern, es ist
sehr lustig.

Auch Bogner geht es schlecht. Mein Bild krnkt ihn, an dem er nun malt,
o ich wei wohl, woher das kommt! Er will mich lebendig auf seiner
Leinwand haben, und das soll ihm nicht gelingen. Ich sitze ihm fast
jeden Tag ein paar Stunden, aber er malt fast gar nichts, nur der ganze
Saal fllt sich allmhlich mit Studien, ich wei nicht, wann er die
macht, fast denk ich, nachts im Dunkeln, er ist ja ein Zauberer. Er
nimmt alles aus mir heraus, Stck fr Stck. Mchte wissen, wie lange es
noch dauert, bis ich leer bin. Ich frchte, Jason mit seinen Geschichten
fllt mich immer wieder ganz heimlich. Denn der sitzt immer dabei, redet
und redet, manchmal lauter, manchmal leiser. Auch ist er nun oft
verstrt und gleitet von einem ins andre -- schlielich giebt es ja kein
Wort, das nicht auch wo anders stnde -- und wir lassen ihn nun in
Frieden.

Oft ist es in solchen Stunden doch ganz still. All das Leben, von dem
Jason erzhlt, braust in der Ferne wie Meeresbrandung, aber ich fhle
wohl, da ich irgendwie hinein verflochten bin, da es auch mein Blut
ist, das in diesen Menschen litt, und wenn ich recht darber nachdenke,
so erleichtert michs auch, Zusammenhang zu fhlen. Haben die Menschen
frher nicht leidenschaftlicher gelebt? Und die Dichter, knnen sie dies
alles erlebt haben? Ich glaube, ihnen erging es so wie mir, tiefer als
Andre fhlen sie den Zusammenhang ihres Blutes mit allem andern; im
eigenen Blut hren sie alle Stimmen, alles Schreien, alles Weinen, sehn
das goldenste Lcheln und so schne Landschaft, wie wir nie zu sehn
bekommen, weil wir immer ber uns hinwegsehn, nicht in unser Blut, wo
alles erst wirklich wird. O, dann ist es s, auf das Leben zu lauschen,
wenn man drauen ist, es ist wie Weihnachten, wenn man durch die Ritze
spht und sieht, wie drinnen die Lichter an zu brennen fangen.

Bald ist Weihnachten. Spitze Dich nicht auf ein Geschenk, gute Renate,
ich hab eins angefangen, aber ich komme nicht vorwrts, und die Herzogin
mu doch ihre Kleinigkeit haben wie jedes Jahr, und das geht wohl vor.
Unsre Freunde knnen ja fr uns darben.

Nun will ich diesen Brief doch abschicken, obwohl ich ihn eigentlich fr
mich allein geschrieben habe.

Und ich darbe. Schwesterlein, ich darbe, ich darbe sehr!

                                                           Deine Magda


                            Renate an Magda

                                                          12. November

Um Gottes willen, Kind, Kind, was ist das mit Dir! Ich habe wie eine
Verzweifelte auf einen Brief gewartet, dann wurde ich ruhiger, nun
dieser heute! Gott, weit Du denn berhaupt, _was_ Du schreibst? Und nun
ist das Schrecklichste, da ich selber mit Influenza daliege, schon seit
vier Tagen, und acht kann es noch dauern. Knntest Du denn nicht kommen?
Ich _bitte_ Dich, komm zu mir, ich habe eine Angst um Dich, da ich den
ganzen Tag weine. Bitte, bitte, komm, Bogner kann Dich ja herbringen.
Gieb um Gottes willen _gleich Nachricht_ Deiner verzweifelten

                                                                Renate


                            Magda an Renate

                                                          15. November

Nein, Liebste, Du mut nicht so in Sorge sein meinetwegen! Ich bin
freilich krank geworden und hab mich ins Bett legen mssen, es spukte
mir wohl schon in den Gliedern. Es ist aber nur ein Bronchialkatarrh und
gar nicht gefhrlich, und Du mut nicht erschrecken, wenn ich Dich
trotzdem bitte, diesen Zettel zu verbrennen, da es immerhin _mglich_
ist, da es Diphtheritis werden kann. Von Herzen Deine

                                                                 Magda


                              Ferngesprch

_Stimme hben_: Hier ist Frulein von Montfort. Knnte ich wohl Frulein
Chalybus sprechen?

_Stimme drben_: Ja, unser Frulein ist leider krank --

_Hben_: Krank? Um Gottes willen, was fehlt ihr denn?

_Drben_: Wie bitte?

_Hben_: Was ist? Ich verstehe kein Wort! Was fehlt ihr?

_Drben_: Ich wei nicht, ich will --

_Hben_: Rufen Sie doch bitte Herrn Chalybus oder, -- warten Sie! Sind
Sie noch dort?

_Drben_: Jawohl!

_Hben_: Ist Herr Bogner vielleicht da?

_Drben_: Ich will mal nachsehn.

                            (_Lange Stille_)

_Drben_: Ja, hier ist Bogner.

_Hben_: Hier ist Renate Montfort. Guten Tag, Herr Bogner!

_Bogner_: Guten Tag, gndiges Frulein. Ja, die kleine Magda hat sich
leider hinlegen mssen. Sie schrieb Ihnen gestern einen Zettel. Es ist
aber nicht bedenklich. Es ist nicht Diphthe--

_Das Amt_: Sprechen Sie noch?

_Renate_: Jawohl, ich spreche noch! Bitte, Herr Bogner, ich verstehe
kein Wort! Was ist mit Magda?

_Bogner_: Nur Bronchitis! Es ist nicht bedenklich.

_Renate_: Ach Gott, es ist schon Unheil genug, da sie berhaupt krank
geworden ist, zu allem andern! Bitte, sagen Sie ihr doch tausend liebe
Gre von mir!

_Bogner_: Ich verstehe nicht ...

_Renate_: Gren! Vielmals gren! Sie wissen doch, wer ich bin?

_Das Amt_: Sprechen Sie noch?

_Renate_: Jawohl! Bitte, Frulein, seien Sie so gut und unterbrechen Sie
nicht fortwhrend! Sind Sie noch dort?

_Bogner_: Jawohl! Und ich wei genau, wer Sie sind!

_Renate_ (nach einem Schweigen): Ich mchte noch -- -- Herr Bogner, ich
werde, wenn meine Gesundheit es erlaubt, in einigen Tagen Ihre Mutter
kennenlernen; in einer Gesellschaft.

_Bogner_: Wen? Ich kann nichts verstehn.

_Renate_: Ihre Mutter!

_Bogner_: So. Ja, bitte, gren Sie von mir!

_Renate_: Sonst darf ich ihr nichts ausrichten?

_Bogner_ (nach einer kleinen Stille): Ja, bitte -- wie meinen ...

_Renate_: Ich verstehe kein Wort.

_Bogner_: Ich verstehe Sie auch nicht, gndiges Frulein.

_Renate_: Ach, das ist abscheulich mit diesem Telephon! Also viele Gre
an Magda. Adieu!

_Bogner_: Wie bitte? -- -- -- Sind Sie noch dort?

_Das Amt_: Sprechen Sie noch?

                                _Stille_


                            Ferngesprch II

_Renate_: Ist dort jemand?

_Bogner_: Hier ist Bogner. Guten Abend, gn--

_Renate_: Herr Bogner? Das ist ja rtselhaft! Hier ist Renate Montfort.

_Bogner_: Rtselhaft? Ich finde gar nicht. Wenn ich nicht grade im
Arbeitszimmer Chalybus' etwas im Konversationslexikon gesucht htte,
wrde niemand das Telephon gehrt haben.

_Renate_: Aber es war doch so sonderbar! Ich wollte Sie sprechen, und
kaum da ich das Amt um die Verbindung gebeten habe, kommt auch schon
Ihre Stimme. Sie mssen wissen: Unser Gesprch am Montag hat mich
schrecklich gewurmt. Es war eine unselige Art, unsre Bekanntschaft zu
machen. Durch das Geschrei und die Zwischenfragen fortwhrend kam ich
mir ganz verzerrt vor; als mten Sie mich in einem Hohlspiegel gesehn
haben. Den ganzen Tag hat mich mein linkes Ohr geschmerzt, und immerzu
hrte ich Sie: Ja, bitte -- sagen. Kein Wort war zu verstehn. Warum geht
es denn nun so herrlich?

_Bogner_: Sie riefen doch grade um die Brsenzeit an, wo alle Leitungen
berladen sind. Jetzt, mitten in der Nacht, ist es natrlich still.

_Renate_: Mitten in der Nacht? Es ist kaum neun --

_Das Amt_: Drei Minuten! Ich breche --

_Renate_: Aber ich bitte Sie, Frulein, Sie sollen durchaus nicht
abbrechen, bis ich das Zeichen gebe! -- -- Sind Sie noch dort?

_Bogner_: Jawohl.

_Renate_: Wie schn beruhigend das heute klingt. Wir wollen unser
Gesprch von neulich wieder gutmachen. Ich htte Lust zu einem kleinen
Nachtgesprch.

_Bogner_: Ich auch, wahrhaftig! Setzen wir uns!

_Renate_: Danke, ich sitze bereits. Sie stehen hoffentlich nicht an
einer Wand?

_Bogner_: Nein, das war neulich, wo ich an den Nebenanschlu fr die
Dienstboten im Keller geriet. Jetzt sitze ich an einem vornehmen
Schreibtisch. Und Sie?

_Renate_: Ich sitze auch am Schreibtisch. In meinem eignen Zimmer.

_Bogner_: Wie mag das wohl aussehn? Ich habe immer gern eine Vorstellung
...

_Renate_: Es hat ganz lichte Wnde, und vor mir steht eine kleine Lampe
mit gelber Stoffkuppel.

_Bogner_: Welch freundliche Erscheinung in der Nacht! Aber bitte, was
ist >licht<?

_Renate_: Also schilfgrn. Und kleine weie Bilder, die Tnze von
Hofmann, und auch Zeichnungen Ihres Namensvetters.

_Bogner_: Cellini? Der Schurke, da hat er Zeichnungen fr Sie gemacht,
und niemand wei davon ...

_Renate_: Ach, Unsinn! Ich meine natrlich Genelli, Bonaventura! Ich
verwechsele das immer. Aber nun berichten Sie mir erst von Magda! Am
Telephon wird mir jeden Tag gesagt, es sei nicht schlimm ...

_Bogner_: Es ist auch so. Die Temperatur ist noch nie ber
achtunddreiig sieben oder acht gestiegen. Allerdings liegt sie ganz
teilnahmslos.

_Renate_: Ach, es ist so schrecklich mit ihr! Wre nur meine Influenza
erst ganz vorbei! Sie wissen ja nicht, was in ihr vorgeht.

_Bogner_: Ich wei, da sie heftig erschttert worden ist.

_Renate_: Sie mutens wohl merken ... Ich wollte, Sie knnten ihre
Briefe lesen. Sie selber hat an Ihren Studien erkannt, wie sehr Sie um
ihr inneres Gesicht wissen. Auch das ist leider nicht gut fr sie
gewesen.

_Bogner_ (nach einem Schweigen): Sie sollten das recht verstehn. Die
Arbeit hat sonderbare Satzungen. Nun war das Gesicht der Kleinen jeden
Tag ein andres. Das hat meinen Pinsel dermaen erbittert, da ich erst
in diesen Tagen der Unttigkeit recht eingesehn habe, wie gewaltsam ihre
Zge von innen heraus verndert worden sind.

_Renate_: Sie sind ein furchtbarer Mensch! Kennen Sie denn nun blo
krperliche, aber keine seelische Anatomie?

_Bogner_: Bisher malte ich nur Selbstportrte. Vor der seelischen
Anatomie habe ich mich gehtet, seit ich einmal einen Menschen malen
mute, der im Sterben lag. Tatschlich verhlt es sich so, da der
innere seelische Aufbau sich in so klaren uern Linien und Flchen
absetzt, da er nicht im entferntesten die Aufmerksamkeit beansprucht
wie der krperliche. Die Seele geht immer unverhllt. Wenige wissen es.

_Renate_: Knnte ich dann nur begreifen, woher Sie ein solches Wissen um
die Menschen haben!

_Bogner_: Sollten Sie sich nicht tuschen? Sehende Augen sind eine Gabe,
zusammenhanglos, und sind ein Gesetz, das man befolgt, widerspruchslos.
Meine Augen kmmern sich nicht um meine Seele, gesetzt, ich besitze
eine.

_Renate_: Ich hoffe doch ... (Nach einer Stille.) Es ist seltsam, wie
wir unbekannte Menschen nun ber die Meilen hin miteinander sprechen.
Zwischen uns ist der Berg der Nacht; hier ist Schweigen, selten einmal
rauscht der Nachtwind, und bei Ihnen ist das Meer.

_Bogner_: Wir wrden, frcht ich, weniger leichtherzig gegeneinander
reden, wenn wir Auge in Auge stnden. Da wir unsichtbar sind wie zwei
Gtter, so halten wir uns auch fr gromtig.

_Renate_: Sollte soviel Gttliches schon im Unsichtbaren liegen?

_Bogner_: Ja; im Unheimlichen. -- Ich mchte Sie aber wirklich bitten,
Magdas wegen keine Sorge zu haben. Im Gegenteil, meinetwegen kann diese
Krankheit gar nicht schwer genug sein. Sie mu malos gegrbelt haben.
Nun macht ihr Krper sie matt; es giebt eine Pause.

_Renate_: Malos gegrbelt, freilich! Und sich selbst beobachtet wie in
einem Spiegel. Ich erinnere mich, da sie einmal schrieb, sie habe ber
irgend etwas mehr gelacht, als sie selber habe begreifen knnen. Wer
bemerkt so etwas -- in ihrem Alter? Ich mchte Ihnen wirklich ihre
Briefe schicken. Ich bin selber ganz ratlos, und zu Ihnen hat sie ein so
rhrendes Vertrauen ... Ich bin sicher, da sie sich an Sie gewandt
htte, wenn nicht zufllig ich dagewesen wre.

_Bogner_: Ich bin sehr ungewandt im Umgang mit Menschen. -- -- --
Sprachen Sie meine Mutter?

_Renate_: Noch nicht -- morgen.

_Bogner_: Mir schwant, Sie haben romantische Vorstellungen.

_Renate_: Vielleicht habe ich Vorstellungen, die Ihnen romantisch
vorkommen mgen. Was wissen wir voneinander?

_Bogner_: Oho! Da mu ich sehr bitten! Ich kenne Ihre ganze
Lebensbeschreibung.

_Renate_: Und ich die Ihre. Da kennen wir was Rechtes!

_Bogner_: Aber Sie haben Vorstellungen. Vterliche Verfluchung; fnfzehn
Jahre; endliche Heimkehr ... Glauben Sie, da ich verkleinern will?

_Renate_: Ich verstehe wohl: Sie wollen nur die Meinung -- oder das
Empfinden, einer Fremden abwehren, weil es -- willkrlich ist.

_Bogner_: Ich habe nicht das Gefhl, als ob Sie sich aufdrngten ...

_Renate_: Ihre Mutter tut mir leid! Magda erzhlte mir viel von Ihnen,
da konnte Teilnahme nicht ausbleiben. Da sie sich nun uert, das
bringt freilich ein vllig neues Moment hinein.

_Bogner_: Sind wir Feinde? Ich bin jedem guten Menschen gern zu Willen.

_Renate_ (nach einem Schweigen): Was soll ich Ihrer Mutter sagen?

_Bogner_: Auch meine Mutter und ich sind keine Feinde.

_Renate_: Und Ihr Vater?

_Bogner_: Es kommt mir vor, als wre ich nachts beim Schlafen an die
Kette eines tiefen Brunneneimers angeschlossen, und nun mu ich ihn ganz
heraufziehn. Er ist voll von eitel Gutherzigkeit.

_Renate_: Redensarten, Freund! Ich habe den Eindruck, an einen
Starkstrom angeschlossen zu sein. Aber Sie schalten bestndig
Widerstnde ein.

_Bogner_ (nach einem Schweigen): Niemand war mehr im Recht als mein
Vater vor fnfzehn Jahren. Er hatte einen struppigen, unmanierlichen,
faulen und verlogenen Burschen vor sich und folgte seiner Pflicht, einen
Brger aus ihm zu machen. Dies ntigte mich, zu beweisen, da er im
Unrecht war gleichwohl. Nun htte ich nach drei, nach fnf, nach zwlf
Jahren zurckkommen knnen, und es wre alles unverndert gewesen wie im
ersten Jahr. Menschen sind nicht von Eisen, mein Vater htte mir meinen
Willen gelassen, aber ich htte ihm nichts bewiesen. Wir haben
verschiedene Wertmesser. Der meine ist das eingesetzte Leben und die
Leistung vor -- sagen wir vor Gott. Den seinen nennt er Brgerwert und
tglich Brot. Die Notwendigkeit, da er leben mu, braucht er sich nicht
zu beweisen, denn er hat Frau und Kinder; die Notwendigkeit meines
Lebens kann ich ihm nicht beweisen, aber ich kann ihm zeigen, da ich zu
essen habe. Wenn ich heute heimginge, wrde mirs geschehen wie dem
Leonhardt Hagebucher ...

_Renate_: In Abu Telfan?

_Bogner_: Als er eintrat, herrschte groe Freude. Dann hie es: Was
bringst du mit? Wenn ich nichts bringe, werde ich vor dem alten Mann
stehn, als wre ich siebenzehn. Ich htte nicht gelebt inzwischen.
Keinen Aufstand gbe es deshalb, ebensowenig wie es heute noch Groll in
ihm und Trotz in mir giebt. Niemand ist von Eisen. Aber er wrde recht
behalten haben.

_Renate_: Sind Sie nicht schon ganz schn berhmt?

_Bogner_: Freilich! Ein kleiner Federhut von Zeitungspapier.

_Renate_: Sie Unwahrscheinlicher! Haben Sie nie an Ihre Mutter gedacht?
Haben Sie denn nie Heimweh gehabt?

_Bogner_: Heimweh? Nein. Mit Mttern ist das wohl seltsam und nicht zu
beantworten. Sie sind so selbstverstndlich. Es fhlt sich an, als
knnte man, seis wo es sei, jeden Augenblick in ihr Zimmer treten. Mit
einer Mutter lt sich nicht rechten. Begreifen Sie nicht, Kind, da ich
die ersten fnf -- acht Jahre wie ohne Besinnung gewesen bin? Soll ich
Ihnen von der barbarischen Wut eines Zwanzigjhrigen erzhlen, der Jahre
und Jahre hingehn sieht, und der alte Mann ist noch immer im Recht?
Doppelt im Recht, denn weder vor den Leuten gilt man was, noch vor sich
selber. -- -- Die Nacht ist schweigsam und gro -- soll ich zu Ihnen
hinberrufen, wie das ist, wenn man mit dem Engel ringt und er einem auf
die Hfte schlgt? Giebt es nicht bsere Dinge als Heimweh? Als die Wut
verraucht, als es klarer, stiller geworden war, hatte ich das Heimweh
verloren. Seitdem sitzt es in meinen Fingern und mischt sich in alle
Farben. Sagen Sie meiner Mutter, ich kme im Frhjahr.

_Renate_ (nach einer Stille leise): Warum im Frhjahr?

_Bogner_: Gute Bedrngerin, dann werden die drei Freskobilder fertig
sein, die der Herzog wnscht. Sein Gegengeschenk bietet mir fr den Rest
meines Lebens --

_Renate_: Wrde es nicht -- -- wrde es nicht gengen, wenn ich Sie
bte, meine Orgelkapelle auszumalen? Und Onkel hat so viele Beziehungen,
er wrde Ihnen sicher eine Ausstellung ermglichen ...

_Bogner_: Danke tausendmal! Ich fhle, da Sie sehr gtig sind! Aber ich
mchte nichts ausstellen. Auch frher gab ich nur hier und da einmal ein
Bild her, damit meine Eltern vielleicht eine Kritik lsen. Bisher habe
ich nur fr mich allein gemalt. Die Fresken sind nun die Probe. Ich male
sie auf die Wand, da lt sich nichts abkratzen. Wenn ich sie gelten
lassen kann, ist es gut. Eher hab ich keine Sicherheit in mir selbst und
kein Recht, nach Hause zu gehn. Tun Ihnen die Ohren noch nicht weh?

_Renate_: Ja, das linke schmerzt mich schon ein wenig.

_Bogner_: Das linke? Sie hren mit dem linken? Wie nett! Da sind Sie
wohl auch taub auf dem rechten?

_Renate_: Nein, Gott bewahre! Aber Sie? Dann haben Sie wohl doch ab und
an mit dem rechten Ohr hergehrt? -- Also ich sage Ihrer Mutter --?

_Bogner_: Im Frhjahr.

_Renate_: Und viel Liebes fr Magda! Ich schicke Ihnen ihre Briefe.

_Bogner_: Haben Sie auch Dank! Es war eine schne Stunde. Gute Nacht!

_Renate_: Gute Nacht.

                               _Stille._


                        Herzog Woldemar an Georg

                                           Trassenberg am 15. November

Mein lieber Sohn!

Wenn ich heute mit meiner alten Gewohnheit -- die beilufig aufs Haar so
alt ist wie Du -- keine Briefe zu schreiben, breche, so geschieht das
aus keinem bestimmten, sondern vielmehr aus jenem, von verschiedenen
Grundlosigkeiten gebildeten Grunde, der in seiner Unbestimmtheit um so
schwerer zu wiegen pflegt, bei kleinen Taten wie bei groen. Mehr
rgernisse am Tage als blich, die gewhnliche Schlafunbedrftigkeit
hinterdrein, der alte Mangel, nicht auf und ab laufen zu knnen, das
Umherflattern ungefestigt bleibender Gedanken, berdies eine kleine
Sonderursache, auf die ich gleich kommen werde, schlielich doch auch
die unablssigen Gedanken und Besorgnisse um Dein Ergehen, die sich
einmal verdichten und sich sagen lassen wollen, -- Grnde genug, sich
verfhren zu lassen, und der letzte soll gelten!

Nicht, als ob Deinetwegen Befrchtungen gegenstndlich geworden wren.
Da Du die verabredeten, wchentlichen Kartenberichte an Mama so
pnktlich innehieltest, ist ja keine Tatsache von Belang, sei aber
immerhin lobend erwhnt. Mama lt Dir frs erste halbe Dutzend
liebevoll danken, freut sich im brigen auf Weihnachten und begeht
wieder einmal >Advent!<sonntage. -- Mein Empfinden gegenber der
Nachricht auf einer Deiner Karten, da Du im Schwabenkorps aktiv
geworden bist, entsprach genau der von Dir gebrauchten Wendung: Gegen
Papas zwar nicht ausdrcklichen Wunsch -- Du weit, ich habe nach wie
vor keine -- aber doch inneres Widerstreben. Da Du so freundlich warst,
mich zu erwhnen, so erlaube mir heute ein Wort zur Sache.

Der Betrieb im Korps ist mir ja aus zwei Studiensemestern bekannt, wo
ich Konkneipant der Preuen in Bonn war, und er wird sich, da seit
Jahrhunderten ziemlich ungewandelt, auch in den seither vergangenen
zwanzig Jahren kaum verndert haben. Ich habe ferner im Leben unter
ehemaligen Angehrigen des S.-C. ebensoviel Unleidliche und Brauchbare
gefunden, wie sie im ganzen Daseinskreise verteilt zu sein pflegen. Im
brigen schien mir das Korps da zu sein: einerseits fr die ganz
Windigen, deren vllige Zerblasenheit zu verhindern mir das Korps
immerhin imstande zu sein schien; andrerseits als Manierenanstalt fr
die aus irgendeinem Grunde unerzogen gebliebenen Shne der Oberklassen.
Bleiben noch die Vereinzelten, darunter jene, die sich gedrngt fhlen,
leitende Stellen einzunehmen, anzuordnen, zu herrschen, und jene, denen
das Korps heute noch bedeutet, was es ursprnglich war, nmlich
Gelegenheit, kameradschaftlichen Anschlu zu finden. Im ganzen also eine
Zuchtanstalt, in der wie in jeder andern der Begabte -- mit Lebenskraft
begabte -- gut besteht, der Mittelmige sich durchdrckt, der Verlorene
sich verliert.

So ist die Frage, aus welchem Grunde Du sie aufgesucht haben magst, wohl
unausbleiblich. Vielleicht beantwortest Du sie mir gelegentlich
mndlich; neugierig bin ich nicht. Setze deshalb noch hinzu, da ich
mich zu erinnern glaube, Dir stets, wie auch in einem eindringlicheren
Gesprch am Vortage Deines letzten Geburtstages, den Vorschlag gemacht
zu haben, Du mgest Dich dorthin begeben, wo sich Menschen -- oder sagte
ich, reiche Menschen? -- nun jedenfalls Menschen aufhielten, nicht
Leute. Den Einzelnen riet ich Dir und beanstande freilich in keiner
Weise die Mglichkeiten, da auch im studentischen Korps deren zu finden
sind.

Und nun zu der oben erwhnten Ursache!

Da habe ich Dir zunchst herzlich Dank zu sagen, da Du fortfhrst, wie
frher durch Bchersendungen mir den Erwerb von Kenntnissen in schner
Literatur zu erleichtern und zu frdern. Nun fand ich im letzten Paket
ein Buch, das vermutlich auch Du gelesen haben wirst, fr dessen
Bekanntschaft ich Dir ganz besonders verbunden bin, das mich whrend der
letzten Wochen begleitete und ein reicher Quell von Freuden und
Erkenntnissen fr mich wurde, ich meine -- vielleicht hast Du es schon
erraten -- die Pilgerfahrt Sebald Soekers von Knoop. Freilich ein Buch,
dessen humane Werte -- obgleich ich mir _in litteris_ ja kein Urteil
anmae -- die knstlerischen mir zu berwiegen scheinen, oder findest Du
die Menschen darin nicht auch ein wenig bllich, schattenhaft, mit
wenigen Ausnahmen wie dieser famose kleine Freiherr Skarpl? Auch denke
ich besonders an den zweiten Teil, die Erinnerungen Sebald Soekers,
deren Stil und Charakter, deren ganzes Leben und Regen mir in
wundervoller Weise die Gestalt eines wahrhaft aristokratischen Menschen
vor Augen stellten. Und was die erwhnte Bllichkeit anbelangt, so
scheint dieser Schatten mir immerhin wieder auf einen Vorzug vor den
meisten Bchern unserer Tage zurckzugehen, nmlich auf eine Abneigung
gegen das >Psychologische<, wo sich denn bei allen derartigen
Erzeugnissen das Wort Psychologie mit Seelenforschung ohne
Menschenliebe wohl bersetzen liee. Und mit dem berhandnehmen des
Psychologischen scheint mir auch der demokratische Zug in die Literatur
eingedrungen zu sein und der, freilich lange bla und vielfach
abgeschmackt gewordene aristokratische daraus sich entfernt zu haben.

Du erinnerst Dich vielleicht eines Reisegesprches aus unsern
Augustfahrten ber aristokratisches und demokratisches Wesen; und
erinnerst Dich auch, da wir im Kern des Aristokraten ein Beruhen, in
dem des Demokraten die Bewegung fanden. Wir einigten uns auf die
demokratische Tendenz alles Geistigen und kamen zu dem Schlu, da, wenn
es den Vorzug des Aristokraten bilde, vertrauensvoll auf eine Tradition,
auf das gesicherte Gewordene zurckzublicken, der des Demokraten eine
unbegrenzte Glubigkeit an das Kommende sein msse. So knne also,
meinten wir, wenn ein Charakter von annhernder Vollkommenheit sich
bilden solle, eines das andre niemals ausschlieen, sintemal
verharrender Blick auf das Vergangene sinnlos und albern wre ohne den
Blick darber hinweg in eine, das Aufgespeicherte ntzende und
fortbildende Zukunft, ebenso wie fr das Zukunftsvertrauen unerllich
sei der Glaube an einen, von Vergangenheit wohlvorbereiteten und
gesicherten Boden. Aristokratischer im Kerne vielleicht -- nur
vorsichtiger Demokrat -- glaubten wir, solle der Mensch sein unter
Menschen, der Ttige; demokratischer der Geist, beweglicher,
leichtherziger gegen den Boden als gegen seine Flgel und Flge.

Ich wrde mich freuen, wenn wir mit neuem Anla und in neuen Richtungen
das alte Gesprch zu Weihnachten wieder aufleben lassen knnten. Nun,
jedenfalls, die Besttigung fr alles eben Gesagte fand ich im Knoop und
in ihm den wahren, inneren Aristokraten in vorzglicher Reinheit. Da
fllt mir das ausgezeichnete Wort ein: Die eigentlichen, inneren
Aristokraten werden von den Weltbegebenheiten selten zur Macht gefhrt;
sie wnschen es auch gar nicht, halten sich zart und hochgemut
beiseite. Wohin, mein Sohn, schreiben wir uns dieses? Hinter die Ohren
schreiben wir es uns. Und dann das andre Wort -- wahrhaftig, wenn ich an
jenem Tage, wo ich, nach alter Vterweise, versuchte, etliche eigene
Erfahrungen in nicht allzu lehrhaften Lehren fr Dich zu
kristallisieren, dies Buch gekannt htte, so wrde ich nicht unterlassen
haben, Dir das vollkommene Wort vorn in den Cellini hineinzuschreiben,
jene wahrhaft erstaunliche Erklrung des Begriffes Freiheit, als welche
sei: Gebunden sein an sich selber und an die hheren Mchte; nur nicht
an seinesgleichen! -- Nun immerhin -- was jene Stunde anlangt, so halfen
da ja keine Worte, und ihre Bestandteile waren, wenn nicht der Zustand,
in den sie als Ganzes Dich versetzte, Dir eine untilgbare Narbe
einbrannte, sicherlich nichtswrdig.

Womit es genug sei fr diese Nacht. Allein noch eins. Doktor Birnbaum
stellte fest, da Knoop in Mnchen lebt. Suche ihn auf; ich hoffe, er
wird Dich nicht abweisen. Man wei ja nicht, in welchen Verhltnissen er
lebt. Vielleicht lieen sich aus der Bekanntschaft mit ihm Vorteile von
hohem geistigen, oder sei es auch von tatschlichem Werte ziehn;
vielleicht gehts ihm schlecht, und ihm mu geholfen werden. Kennst Du
niemand, der Dich einfhrte? Ich denke, auch nur ein Besuch bei ihm
mte fr Dich hchst gewinnbringend sein.

Dieser Brief erheischt naturgem, freiwillig, wie er sich einstellt,
keinerlei Erwiderung. Du wirst genug mit Dir zu tun haben. Bleibe
gesund, mein Junge, vor allem gesund, in diesem Wunsche gipfeln all
meine Besorgnisse auch um Deine seelische Erhaltung. Eben kommt Mama
herein und will ihren Namen darunter kritzeln -- der Blinde zum Lahmen!
Jagt mich ins Bett und ist selber nicht drin! Gute Nacht, Junge!

                                                                  Dein
                                                                 Vater

Papa und Birnbaum >wetteifern seit einiger Zeit einmal wieder in
Nokturnos<, wie Dein Freund Morgenstern sagt. Gute Nacht, mein Freund!
Deine

                                                                Helene


                         Georg an seinen Vater

                                               Mnchen am 19. November

Mein guter Papa:

Die Mama setzt einen doch immer wieder in Erstaunen! Ein einziges Mal im
Leben habe ich ihr nun eine halbe Stunde lang Morgenstern vorgelesen --
zu ihrem hchsten Vergngen, kannst Du Dir denken! -- und wie es
scheint, hat sie ihn auswendig behalten und tritt glnzend damit hervor.
Lieber Gott, was seid Ihr doch fr zwei Menschen! Ich wei, Papa, ich
wei, da derlei Ausrufe die natrlichen, den Gefhlen gesetzten
Schranken durchaus berschreiten, aber mgen sie einmal!

Erlaube im brigen, da ich mit einer leichten Verlegenheit die Feder
ergreife. Auch sie ist, wie der Grund Deines vereinsamten und um so
freudiger begrten Schreibens, aus mannigfachen Anlssen
zusammengestckt, von denen ich ein paar herzhlen zu drfen bitte:
Verbundener Kopf mit 37 Nadeln und einem Knochensplitter von drei
Zentimetern (innerlich gleichwohl schon wieder klar; es war am
Samstag!); ferner nicht unerheblich Deine Auslassungen ber Korps usw.
Alsdann ein Gewisses, eben schon Erwhntes, wovon gemeinhin unter uns
nicht die Rede zu sein pflegt, -- ich meine -- Gefhle, und zwar sowohl
solche Deines Briefes selbst -- in und zwischen den Zeilen -- als auch
solche, mit denen ich ihn las. Und von diesen gestatte noch ein Wort,
das anstands- und vorsichtshalber in der Bildersprache geredet sei.
Nmlich:

Zwei Erinnerungsbilder erschienen mir whrend des Lesens mit besonderer
Deutlichkeit nacheinander. Das eine aus dem ersten Jahr meines
Altenrepener Lebens und aus dem Pragerschen Hause, -- kurz: Benno bekam
eine Ohrfeige von seinem Vater; Obertertianer waren wir; den Grund
verga ich. Es war die erste dergleichen, die ich sah, und ich wei noch
genau, in welche Freundschaftsngste mich die zuversichtliche Einbildung
versetzte, Benno scheide mit diesem Augenblick entweder fr immerdar aus
dem vterlichen Hause, oder aber jedes Gefhlsband zwischen ihm und dem
Alten sei unheilbar zerrissen. Freilich -- keines von beiden; es war nur
meine erste -- nicht Bennos erste Ohrfeige. Die letzte allerdings; ich
glaube, mein Gesicht, als ich sie bekam, hat der Alte nicht vergessen.

Das andere Bild stellt Caligula dar, nicht den Kaiser, sondern
Oberlehrer Karlchen Mller, den wir so nannten, weil Caligula
Stiefelchen bedeutet, und so sah er aus. Im brigen ehrten wir ihn
uerst, aus weiter keinem Grunde, als weil er, wenn er einmal etwas
nicht wute, die Gewohnheit hatte, zu sagen: Tscha, das wei ich nu mal
gleich nich; das mu ich erscht nachschlo'n. -- Dies Zugestndnis der
Unwissenheit machte immer von neuem tiefsten Eindruck auf uns.

Guter und groherziger Papa, mu ich noch Beziehungen aufdecken?
Verwandtschaften und Gegenstze? Denn nicht umsonst bist Du ja der kluge
Vater eines so begabten Sohnes und weit, da nichts den Glanz des
Wissens derart zu vertiefen imstande ist wie die gelegentlichen und
sprlichen Eingestndnisse des Nichtwissens; und weit, da kein Kaiser
seinen Nachkommen tiefer in Beschmung zusammenrtteln kann, als wenn er
ihn -- als Kaiser, den kommenden, behandelt; als seinesgleichen.

Nun erst zum Besten, ja zu einer der kostbarsten Stunden meines Lebens,
als die ich sie immer zu bewahren hoffe. Ich war bei Knoop. Es traf
sich, da ich bereits von Dr. Bdeker, dem Redakteur des Altenrepener
Kurier, eine Empfehlung an ihn bekommen hatte. Ich zgerte noch, ihn zu
behelligen, da kam Dein Brief, und ich ging.

Nein, leider, ihn uns zu verbinden, wird auf keine Weise gelingen. Ich
fand -- in einer schnen Brgerwohnung -- einen kranken Mann mittleren
Alters, klein, gebrechlich aussehend, mit einem hngenden,
schwarzgerandeten Kneifer, schlichtem, dunklem Haar, -- und irgend etwas
an ihm mutete mich japanisch an, was, kann ich nicht sagen. In seinem
Gesicht aber fand ich -- wenn es in seinen Augen zu rieseln begann und
die Lippen sich ber den sehr schlechten Zhnen verzogen -- etwas
Herrliches wieder: das Lcheln Maler Bogners. Hast Dus gesehen, Papa? Du
mut es gesehen haben! Ach, es war vielleicht noch kostbarer bei Knoop,
denn -- es war schmerzlich, und es war, als ob der tief aus innen
quellende Glanz der vollkommenen Leidensgte mich ganz berrieselte,
wenn dieser kleine, kranke Mensch hinter seiner Stuhllehne stand -- er
bat gleich, seines Leidens wegen stehen zu drfen -- und hin und wieder
zu seinen Worten lchelte. -- Ja, der kann nun wieder nicht sitzen, --
und ich hockte da in meiner Gesundheit und pries mich glcklich und
dachte an Mama und an Dich, und da irgendein furchtbarer Ri von
Verkehrtheit in der Welt sein mu -- -- ja.

Er fhrte mich bald ins Nebenzimmer, wo ein groer, huslicher Tisch war
mit einem Samowar und groen russischen Teeglsern in schweren
Silbereinstzen, und am Tisch seine Frau, ein junges Mdchen, deren
Zugehrigkeit mir dunkel blieb, und ein Gast, wie es schien ein Kaufmann
aus Ruland. Auch seine Frau war verehrungswrdig, mit fabelhaft
lebensvollen, klugen und guten braunen Augen in einem blassen, nicht
eben schnen Gesicht, das aber ganz leuchtend war von prachtvoller
Frauenhaftigkeit und tiefem Leben, -- wohl hoch in den Dreiigern alt.
An irgend etwas, ber das wir sprachen, kann ich mich nicht mehr
erinnern. Nur an sein Lcheln. Und so gewi es ist, da es Lebensstunden
des bermaes giebt, des Glckes, der Freude, die unvergelich bleiben
mssen, so gewi glaube ich zu fhlen, da keine sich tiefer einbrennen
kann, ja vor allem keine in spteren Jahren eine so leuchtende und
herztrstliche Wiederkehr feiern kann wie diese stille, in nichts
faliche, die ich neben dem armen kranken Manne Gerhard Ouckama Knoop
verleben durfte.

Deine Erinnerungen an unser, mir freilich hchst gewrtiges
Reisegesprch haben ein zweites zutage gefrdert, das ich aus Anla
Deiner Briefuerungen mit einem reizenden Menschen hatte: Ernesto von
Riesa, bei uns i. a. C. B. -- leider bereits! -- studiert
Literaturgeschichte vorwiegend, vollendet eben eine dickleibige
Doktorarbeit ber ein Thema aus der Theatergeschichte und hat vor,
Intendant zu werden. Geruhe vielleicht, Dir den Namen zu merken. Einige
aphoristische, oder besser fragmentarische Auslassungen, die unser
Gesprch abwarf, und die ich zu Papier brachte -- ohne mehr genau sagen
zu knnen, auf wessen Kosten von uns Beiden dieses oder jenes darin
kommt -- fge ich bei.

Der Eintritt ins Korps war -- seis gestanden! -- soweit sich das heute
schon bersehen lt, nicht viel mehr als eine Eselei. Zwar bin ich zu
Ausschweifungen uerlicher Art hchstens nur in sehr sporadischer Form
geneigt, und so hat es in diesem Betracht keine Gefahr, zumal, trotz
Trinkzwang, wer sich in Ausschweifungen strzt, dies auf eignen Trieb
hin tut, -- allein Zeitvergeudung ist auch ein Fehler, und hier haben
wir ihn. Mich bestrickte der Anschein eines gewhlten Kreises von
gutgewachsenen, freundlichen und gesitteten jungen Leuten, die meine
Lebensneigungen -- in freilich so berraschender Weise zu teilen
schienen, da es mich htte stutzig machen sollen. Nicht da sie logen,
natrlich! Vielmehr verfgen diejenigen, die den meinen entsprechende,
also vorwiegend literarische Neigungen betonten, wirklich ber etwas
derart. (Es giebt ja heutzutage so viel gute Bcher, da schon etwas
dazugehrt, niemals einem begegnet zu sein und diese Bekanntschaft am
passenden Ort zu erwhnen!) Und da sie mich keilen wollten, holten sie
alles hervor, was sie hatten, dieweil sie selber und zur Zeit besonders
ganz andre Bahnen wandeln. Immerhin -- Menschen fehlen -- siehe Ernesto
Riesa -- nicht vllig, und Wert oder Unwert steckt, wie ja in keiner
Sache selber, so auch nicht in dieser, sondern wird sich an mir zeigen,
wenn ausgelffelt ist, das heit -- nchste Ostern.

Der Schdel aber macht sich nun doch mit ein wenig Hitze bemerkbar.
_Nota bene_ meine zweite Mensur, da ich ja schon in A. gut fechten
gelernt habe, was mir nun zugute kommen wird, dieweil ich so eher C. B.
werde. Die erste endigte mit Abfuhr auf Gegenseite nach dreieinviertel
Minute; dafr bekam ich diesmal einen hrteren Gegner, alle Hiebe
glcklicherweise auf den Kopf.

Nun innige Gre an die arme Helene! In Ehrfurcht, Begeisterung und
Liebe wie stets Dein Sohn

                                                                 Georg

   Einige Feststellungen ber den Unterschied von aristokratischem und
                           demokratischem Wesen

Der Unterschied von aristokratischem und demokratischem Wesen liegt im
Besitz.

Besitz verleiht Macht, Macht verleiht Freiheit, Freiheit Sicherheit,
Sicherheit Haltung und Haltung Adel. Besitz von mtern, Wrden, Ahnen
(von Vergangenheit), von besonderen, vereinzelten oder seltenen
Eigenschaften, etwa ritterlichen Tugenden, von Menschen und von Erde.

Besitz von Erde: der schlichteste, weil natrliche; der tiefste, weil
voll Geheimnis; der schnste, weil unendlich reich an Pflichten. Knoops
Seebald Soeker: >Am adeligsten aber ist Bauernadel.< Denn das Leben des
Bauern ist Beschftigung mit dem >lebendigen Kleide der Gottheit<. Durch
seine Hnde fliet alljhrlich das goldene, mit dem Worte Gottes
tausendmal eng bestickte Band des ausgeseten Kornes.

Gleichwohl fand Bauernadel nur selten einen Ausdruck in Vornehmheit, in
adliger Erscheinung und Gehaben, und zwar dies aus unterschiedlichen
Ursachen, darunter vorzglich: Abwesenheit einer hervorragend
aristokratischen Eigenschaft, des Vertrauens. Der Adlige, sicher seiner
selbst, verlangt, da man sich auf ihn, auf sein Wort, seine Ehre
verlt. Sein Wort ward Eid. Er wei, da der Herr, dem er dient, dies
tut, bringt daher das gleiche Vertrauen auch denen entgegen, die ihm
dienen, bis zur Torheit, bis zur Tollheit. Auch hier berlieferung, Wert
des Gealterten, Vererbten: wie schon seine Ahnen dem Frsten dienten, so
dienten die Vter seiner Knechte seinen Ahnen, so wre Mitrauen
entehrend. Beschtzertum und Dienstpflicht sind beide undenkbar ohne
Vertrauen. (Hartmann von Siebeneichen; Volksballade vom Knecht, der den
Herrn erschlug.)

Aber der Bauer -- solang er leibeigen war, brigens ohne Besitz -- ist
zu doppeltem Mitrauen gentigt. Mitrauen gegen die Natur, durch die er
lebt, deren Gunst oder Ungunst er niemals sicher ist, die ihn tausendmal
enttuschte, zu hintergehen schien; und Mitrauen gegen den Menschen,
Knecht und Magd, die nicht besitzenden Unfreien, die widerwillig
schaffen, weil fr den Herrn, nicht fr sich selber, die deshalb
unablssige berwachung, unablssiges Mitrauen erfordern. Mitrauen ist
ein Charakterzug aller Kpfe alter Bauern.

                   *       *       *       *       *

Der einzige Besitz, der nie und nirgend Adel verlieh, ist Geld.

Noch hat der Mensch nicht vergessen, da zum Begriff des Besitzes Dauer
und daher Eigentum, das Persnliche, unerllich sind, um ihn vollkommen
zu machen. Folglich ist Besitz nur mglich im Geistigen und im
Gegenstndlichen, Irdischen. Geld gehrt jedermann und wechselt unter
jedermann bestndig. Patrizieradel hat in andern Besitztmern seine
Ursprnge, auch er zuerst in dem von Geschlechtsalter.

                   *       *       *       *       *

Zum Wesen des Nichtbesitzenden, des Demokraten, gehrt das Streben, das
Verlangen nach Besitz, also die Ansicht von unrechter oder ungerechter
Verteilung -- um der eigenen Rechtfertigung willen --, also Mitrauen.
Immer haftet ein Schatten demokratischen Wesens den Allzugeistigen an,
jenen, die zwar erwerben, aber nichts besitzen, weil sie nichts
schaffen.

Wurzel jeglichen Denkens allerdings ist der Zweifel. Was ich glaube,
brauche ich nicht zu prfen, zu untersuchen, zu durchforschen. Jegliche
geistige Durchforschung aber ist gelenkt vom Streben nach irgendeiner
Handgreiflichkeit, einem Bodensatz, einem Ende, einer Verwirklichung,
einer endlichen Undurchlssigkeit fr den rastlos bohrenden Gedanken.
Der Allzugeistige nun findet immer Mglichkeiten, immer andre Sehwinkel
und Aussichten, nirgendwo ein Aufhren, einen Halt, verwickelt in ein
Gewebe unendlichen Mitrauens.

Aristokratisches Wesen ist undenkbar ohne einen festen Zug von
Beschrnkung (Beschrnktheit). Beschrnkung = das Freiwillige; ich
_will_ nicht weiter. Beschrnktheit = das Unfreiwillige; ich _kann_
nicht weiter.

Wo aber andrerseits ein Geist nach geistigen Besitztmern unablssig
strebt, tief bewut des eigentlichen Eigentumes, nmlich des Strebens,
da entstehen innerhalb so demokratischen Verflieens Ruhe, Freiheit,
Vertrauen, Haltung, Sicherheit, Einsamkeit und Stolz, die alle vornehme
Dinge sind. Wer nun der Meinung ist: im Anfang war der Geist, -- der
kann hierin den adeligsten Adel erblicken.

                   *       *       *       *       *

Zum Wesen des Aristokraten gehrt Stolz, das ist das Empfinden der
eigenen Seltenheit, der Vereinzelung, der Einsamkeit oder aber der
Notwendigkeit fr Andre. Die Welt mu aristokratischer gewesen sein vor
der Zeit der Stdte, als der Menschen noch weniger waren. Die
Unsicherheit, die vielfache Not des Daseins schuf gleichzeitig Mitrauen
und Vertrauen. Mitrauen so lange, bis eine Treue sich erprobt, eine
Macht sich als verllich erwies. Dann vertraute der Bauer seinem
adeligen Schirmherrn, dieser seinem frstlichen Oberhaupt, ein fr
allemal, sein Vertrauen beweisend, indem er es auch auf Nachkommen und
Erben fraglos bertrug, bis etwa deren Schwchung, deren verminderte
Persnlichkeit ebenso wie zunehmende Macht des freiwillig Unterworfenen
zum Mitrauen zurckfhrten. Freiwillig -- dies war und bleibt
notwendig, denn Zwang in jedem Betracht ist die Wurzel des Zweifels.

Mitrauen ist die Ursache der politischen Demokratie, des Verlangens
nach Republik und Prsidentschaft. (Abgesehen von der Entartung, vom
Verfall des Adels in Frankreich, hat deshalb auch nur dessen Fehlen --
wie in Amerika -- zur Grndung von Republiken fhren knnen.) Vielzahl
mitraut der Kraft des Einzelnen oder der Wenigen, der Fhigkeit des
Einzelnen, das allgemeine Gute und Ntzliche zu erkennen und zu wollen.
Vielzahl fhlt sich als Majoritt, als berlegen.

Die franzsische Republik endete an demselben Tage, wo Der erschien, der
strker war als die Massen, weil er ihnen die Empfindung einzuflen
verstand, es sei fr sie das Beste und Ntzlichste, ihm zu gehorchen,
wobei es in seinem Wesen lag, da er ihre Neigungen nach Freiheit und
Gleichheit -- Emporkommen des Tchtigen -- aufnahm. Das franzsische
Kaiserreich bestnde noch heute, wenn die Nachkommen Napoleons lauter
Bonapartes gewesen wren. Denn das Volk ist nur dumpf; ihm ist die Form
gleich, es will den Gehalt; gleichviel wie -- es will gut regiert
werden.

Der Deutsche, von Natur fr Treue und Vertrauen gleichermaen veranlagt
(es sei erinnert an den bermigen Hang romanischer Vlker zur
Eifersucht), Treue auch in der Neigung zum Beharren, zum
Konservativismus, zur Erhaltung des berlieferten, das er lieber fnfzig
Male verndert, ehe er es vernichtet, -- der Deutsche haftet noch immer
ganz und gar am dynastischen Gedanken.

Zudem glaubt er wohl, an geistiger Freiheit ein zu strahlendes und alle
andern berwiegendes Besitztum zu haben, um nicht auf den Schein der
politischen zu verzichten zugunsten des eingeborenen Vertrauens auf den
angestammten, einst von Gott eingesetzten Herrscher.

                   *       *       *       *       *

Humor finden wir eher als Eigenschaft des Aristokraten als des
Demokraten.

Schopenhauer legte als Ursache des Lachens (nicht des Humors)
einleuchtend die Inkongruenz fest; Inkongruenz einer Tatsache oder
Erscheinung mit dem Begriff, den wir, ob unbegrndet oder begrndet, von
ihr haben. (Eulenspiegels Streiche.)

Humor ist die schwierige Kunst des vom Schicksal, von Not, von
irgendeinem Unglck Heimgesuchten, zu lachen ber die Inkongruenz seiner
wirklichen Lage mit der, die er eigentlich fr seiner angemessen, oder
fr ihn bestimmt, oder erhofft, oder erwartet hielt. So liegt Verzicht
im Humor. Gelchter beendet, immerhin frs erste.

Abenteurer, Vagabunden, leichte Vgel, die auf alles verzichteten mit
Ausnahme des Rechtes ber alles zu lachen, vornehmlich ber sich selber,
gewinnen in dieser letzten (Vogel-) Freiheit der auf nichts gestellten
Sache, der Sicherheit des Nichts-zu-verlieren-Habens, stets einen Schein
von Vornehmheit, von erlauchter Lebensfhrung, jedenfalls von, noch so
lumpigen, aristokratischen Allren. Aus der Erkenntnis des Alles ist
eitel, der _vanitas vanitatum_, der Wertlosigkeit irdischer Gter
sowie aller Bemhungen um sie, entsprang im Volke jene, mit Verachtung
und Grauen ebenso wie mit geheimer Ehrfurcht gemischte Vorliebe fr
dergleichen Typen.

Je mehr einer wahrhaft zu besitzen glaubt, auf desto mehr darf er
verzichten und den Verlust, sollte er ihn dennoch schmerzen, verlachen.
So spotten ihrer selber humorige Adlige, die im Laufe der Zeit alles
Reale ihres Standes verloren -- bis auf das Bewutsein ihres Alters,
ihrer Wrde. Aber der immer beschftigte, an alles gebundene, unfreie,
begehrliche, immer strebende Geistesdemokrat gelangte nicht zum Humor,
weil nie zum Verzicht.

Der Demokrat Freiligrath begriff nicht die Inkongruenz seines brtig
deutschen Wesens mit seiner Lwenrittsphantasie, die uns heute so
lcherlich vorkommt. Andrerseits sah der Revolutionr Friedrich Reuter
sich gentigt, die Tragik seines Lebens in humoristischen Fabeln und
Figuren zu gestalten -- mit Hlfe der Bauernsprache.

Wenn gar nichts andres, so macht der Humor zum Herrn der Lage.

Ein Lord in einer adligen Tischgesellschaft bekam einen zu heien Bissen
in den Mund und sagte, gentigt, ihn auf den Teller zurck zu speien, zu
den entsetzten Umsitzenden mit vollkommener Seelenruhe: _A fool, who
would swallowed it._ Herr der Lage.

                   *       *       *       *       *

Um nher auf das Wesen des Humors eingehen zu knnen, wre zuvrderst
eine Entwickelung des Wesens von Tragik vonnten, die nicht gegeben
werden kann. Soviel sei gesagt:

Humoristen in diesem, im tragischen Sinne gab es: Jean Paul, Dickens,
Wilhelm Raabe, Thackeray, Gottfried Keller, Wilhelm Busch, Christian
Morgenstern, Sterne.

Humor ist eine germanische Angelegenheit.

Auch Tragik ist -- seit den Griechen -- eine germanische Angelegenheit.

Die Welt ist nunmehr eine germanische Angelegenheit.

                               _Schlu!_

Privates Nachwort fr meinen Papa:

Solange ich dergleichen Dinge denken kann, ist mir nie etwas natrlicher
erschienen als der Umstand, da, da Du schon ein Herzog bist,
demokratischen Neigungen huldigst.

Folgerichtige Erweiterung aus diesem:

Der Natur-Aristokrat habe demokratische Neigungen; der Natur-Demokrat,
der Geistmensch, der Dichter habe aristokratischen Kern.


                            Renate an Magda

                                                           Am 24. Nov.

Mein Krankes:

Dein Vater sagte mir heut am Telephon, da Deine Augen angegriffen
seien. So darf ich Dir wohl nur ein paar Zeilen und alle liebenden
Wnsche schicken. Onkel Augustin fgt die seinen und seine letzten Rosen
hinzu. Alles Gute, mein Herz! Ich rufe jeden Tag an und frage, wie Dirs
geht. Mir ist schon wieder ganz wohl, aber ich mu noch mehrere Tage das
Haus hten. Soll ich dann kommen? -- Immer zrtlich bei Dir Deine

                                                                Renate

P. S. Weit Du, da ich Deinen Maler kenne? Nach einem abscheulichen,
miverstndlichen Telephongesprch hatten wir neulich ein andres am
Abend, und das war schn. Ich mute daran denken, wie Du neulich Dein
Zimmer mit einer Schiffskajte verglichen hattest; auch ich in meinem
kleinen, leuchtenden Raum kam mir so viel tiefer in der Nacht vor als
sonst; als se ich auf einem Leuchtturm und htte Verbindung mit solch
einem dauerhaften, alten Segler, der nach der Einfahrt zum Hafen fragte.
Was hat er doch fr eine ruhige, gedmpfte Stimme! Heute abend ist
Verlobung bei Herzbruchs, da werde ich seine Mutter kennenlernen. Nun
adieu!

                                                                    R.

Noch eine Nachschrift? -- --

Sage mir -- --

Ich wei nicht, soll ich weiter schreiben oder nicht?

Also sage mir, ob Bogner vielleicht die Gewohnheit hat, lautlos zu
lachen, indem er das Kinn anhebt und den Mund leicht ffnet ...

Hr zu! Das, wovon ich Dir frher einmal erzhlte, ohne es Dir beweisen
zu knnen, -- es hat sich wieder gezeigt: mein phantastisches Gesicht.
Ganz schwach schon einmal -- so da ich darber hinglitt -- in den
ersten Tagen meines Hierseins, wo ich an einem Abend, anstatt da ich,
wie ich glaubte, mein Zimmer betrat, aus einer Waldffnung ber ein
dstres, abenddmmriges Tal von ungeheurer Gre hinaustrat, in dessen
Ferne grauschwarze Berge sich zusammenschoben, zwischen denen ein
erschreckendes Rot, ein trbes, qualmiges, wahres Weltuntergangsrot
brannte; am Grunde des Tals tanzten undeutliche Gestalten -- sonderbar
blitzten die Goldschellen in den Rndern ihrer Tamburine, whrend im
blaugrauen Himmel ein vllig grner Stern aufleuchtete, mit Josefs Augen
lchelte und entschwand samt der Landschaft.

Nun heute wieder, es macht mich doch nachdenklich ...

Denn wenn ich denke, da ich diese Gesichte immer nur daheim, im Haus
oder Garten hatte, nie auf einer Reise, in keiner noch so geringen Ferne
-- darum auch in der ganzen Zeit unseres Zusammenseins nicht -- und nun
hier im Hause von meines Vaters Bruder wieder, -- welche Vernietung des
Blutes! -- Da fllt mir auch ein, da ich nach Papas Begrbnis sieben
Tage, ohne Lebenszeichen, wie ein Steinbild auf meinem Bett gelegen
habe, whrend meine Seele -- -- nun, erwachend wute ich freilich nicht
mehr, wo sie gewesen war, doch waren es wohl die Toten.

Gute Na-- nein, da sehe ich ja, da ich die heutige Erscheinung zu
beschreiben verga!

Ich kam am Nachmittag in mein Zimmer und fand einen schnen, mchtig
groen Adler darin, der ganz goldenbraun war. Er sa auf der Lehne eines
Sessels, seine kleinen Augen waren blau mit goldenen Linien wie
Lapislazuli. Ich trete sehr erfreut auf ihn zu und schiebe gleich meine
rechte Hand zwischen seinen Leib und die linke Flgelschulter tief ins
warme Gefieder, indem ich denke, das wird er gern haben ... Ah
wie das lebte, warm war und so -- mehlig! Wie die weich
bereinandergeschichteten Federn sich zusammendrcken lieen! Indem aber
fhle ich schon, den Kopf langsam senkend, da wir fliegen. Ich hebe
wieder den Kopf und sehe ihn ber mir fliegen, -- ah wie das wundervoll
war, einen groen Vogel einmal so nahe fliegen zu sehen, wie die
gewaltigen Fittiche nach vorn ausgreifen und sich spannen, Feder um
Feder, wie sie krachend und knatternd, in immer demselben langen, steten
Schwunge ausholend, nach hinten schlagen, die biegsamen Schwingenenden
peitschend ganz an seinen Leib sich anpressen, da er wie flgellos
vorwrts schiet! Und ich dicht unter ihm, sitze in starken Seilen, die
seine Krallen halten, in den Tiefen unter mir rollen goldene Lnder, von
Wolkenschatten, von den Hieben der Goldspeichen am Sonnenrade riesig
durchfegt, und wie ich jetzt, ganz lusterfllt, zu dem Adler aufsehe,
ffnet er den Schnabel und lacht lautlos. Ich senke das Gesicht, denke
an Bogner, und darber vergeht alles.

                                                                Renate


                Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

                    Waldhausen bei Altenrepen, Gntherstr. 5, 24. Nov.

Lieber Herr Bogner,

Hier sind Magdas Briefe. Sie drfen annehmen, da mein Vertrauen zu
Ihnen nicht geringer ist als das Magdas, wie Sie es in diesen Briefen
erkennen werden.

Ein gar nicht unfeiner Mensch, nmlich mein Vetter Josef, sagte einmal
zu mir, meine Erscheinung sei von solcher Art, da alles andre vor ihr
seine Gltigkeit verlre. Das mag Sinn haben oder Unsinn: es gesagt zu
hren reizt, und das Gleichgewicht wird gestrt. Daher, seit ich wute,
da ich einmal so mit Ihnen zu reden haben wrde, wie ich es tat, bin
ich seelenfroh, diesen Telephonausweg gefunden zu haben und Ihnen in
Unsichtbarkeit gegenbertreten zu knnen. Ich fand, wir waren Beide
unangreifbar in jener Stunde, auer dort, wo wir selber es zulieen.

Aber Sie erinnern mich an den einzigen Mann, der mich einmal angerhrt
hat. Es war in Tirol, und der Mann war ein Kardinal, ein schner, weier
Schdel mit funkelnden, braunen Augen. Er legte mir zwei Finger unter
das Kinn und sagte etwas von einer holden Alpenrose. Damals mute ich
mich so zusammenreien wie vor Ihnen am Telephon. Soll ich Ihnen sagen,
wie ich damals triumphierte? O kniglich! Indem ich einen Ring vom
Finger zog, ihn fest und mit tiefster Verneigung in seine Hand drckte
und auf seinen hchlich erstaunten Blick in meiner bescheidensten
Haltung antwortete: Umsonst, Eminenz, pflegen Diener Ihrer Kirche doch
nie ihre segnende Hand aufzulegen!

Gestern abend sprach ich mit Ihrer Mutter, sah auch Ihren Vater, ohne
da er mich htte sehen knnen freilich, denn nach einem jahrelangen
Augenleiden ist er nun am Erblinden. In einiger Zeit soll noch eine
Operation versucht werden, auf die aber -- es ist grner Star -- niemand
Hoffnung setzt.

Ihre Mutter soll sich seit vielen Jahren kaum verndert haben, so
brauche ich sie nicht zu beschreiben. Ihr Haar ist fast wei geworden
freilich, dafr hat sie aber die lebhaftesten braunen Augen und scheint
sich eine unaufhrliche Bereitschaft zur Heiterkeit zugeschworen zu
haben. Ich konnte sie allein sprechen und Ihre Gre ausrichten. Sie
erschrak ein wenig, schwieg aber und lie mich erklren, auf welche
Weise ich Sie kennenlernte. Als ich sagte, Sie dchten daran, im
Frhjahr zu kommen, sagte sie nur: So? Ja, es ist ja nun spt
geworden. -- Ich blickte nach Ihrem Vater hin und fragte, es sei wohl
hchste Zeit. -- Ach, meinte sie ruhig, vor zehn Jahren wre es Zeit
gewesen. Nun hat man sich ja daran gewhnt. -- Ich habe natrlich nicht
all ihre Worte behalten, erinnere mich aber, da sie auf mein Befragen
anfing zu erzhlen und bald sagte, da es fr sie nur in den ersten
Jahren hart gewesen sei. Er war doch noch ein Junge, der nichts von der
Welt wute, und sicher hat er gehungert, sagte sie, und das war wohl
das Schrecklichste fr mich, neben seinem Vater wach liegen zu mssen
und zu hren, wie er selber wach lag und oft sthnte, und nicht weinen
zu drfen. Dann gewhnte man sich schon daran, und dann starb unsere
kleine Erika -- die Nachricht erhielten Sie wohl? -- und da fing alles
wieder von vorn an, und als dann auch Herbert sein Examen gemacht hatte
und fortging, waren wir ganz allein. Aber dann, sagte sie, htte sie ja
wohl merken mssen, da zwischen Ihnen und Ihrem Bruder gar kein
Unterschied sei, denn der sei die ersten Jahre wohl noch in den Ferien
gekommen, dann aber immer seltner und zuletzt nur noch Weihnachten, und
so sei es wohl mit den Shnen. Freilich htte sie fr Herbert ja immer
noch sorgen knnen, seine Wsche besorgen und ihm das und jenes
schicken, auch htte er ja immer fleiig geschrieben. Nein, sie drfe
sich gar nicht beklagen, nur ihr Mann wre zu bemitleiden, weil er von
hartem Charakter wre, alles in sich verschlossen htte und nur immer
stiller geworden sei. Wer htte auch gedacht, da er ganz fortbleiben
wrde, Vater htte ihn ja gerne wieder aufgenommen, wenn er ihm nur
gezeigt htte, da es ihm Ernst war mit dem Malen. Nein, sie selber
habe gewi am wenigsten gelitten, und schlielich sagte sie, wenn man
wei, er ist am Leben und kommt vorwrts und ist zufrieden mit seinem
Dasein, -- was kann man denn mehr wnschen? brigens habe sie auch
Nachforschungen nach Ihnen angestellt, gestand sie; sie lachte herzlich,
als sie erzhlte, wie sie sich das Geld dafr von ihrem Haushaltsgeld
habe absparen mssen.

Ach, Bogner, glauben Sie, ich wollte Sie rhren mit alledem? Sie haben
aber wohl recht mit Ihren >romantischen Vorstellungen<, denn wenn man
eine alte Frau sagen hrt: Das Leben hat es wohl immer anders mit uns
vor, als man so trumt, und wenn man sie herumlaufen sieht, wenn sie
klein sind und nach allem fragen mssen und schreien, wenn sie sich
gestoen haben, dann meint man ja, es bliebe ewig so und man mte immer
hinterher sein, aber das wollen sie freilich gar nicht. Wenn man sie
dann lachen hrt, so ist allerdings alles nur einfach und gut und etwas
kmmerlich, und so natrlich sieht es aus, da man es fast nicht
begreifen kann, wenn dieselbe Stimme nach einem Schweigen sagt:
Manchmal mu ich allerdings jetzt noch mitten in der Nacht aufwachen
und denken, er steht vielleicht am Zaun drauen, oder man glaubt, seinen
Schritt zu hren, aber es ist nur sein Vater, der noch ein Glas Bier
getrunken hat, und nun mu man aufpassen und darf doch nicht aufstehen,
weil er kaum noch sieht und doch nicht will, da ihm jemand hilft.

Ihre Mutter lt Sie wieder gren, und Sie sollten kommen, wann Sie es
fr richtig hielten; Ihr Bett stnde auf dem Boden und knnte jeden
Augenblick heruntergeholt werden.

Ich hab Ihnen dieses aufgeschrieben, weil ich viel zu gut wei, wie sehr
Sie schuldlos sind. Wenn hier Fehler sind, so liegen sie in der
menschlichen Natur, die will, da alles Leidende sich in sich selbst
verhrtet. Da Sie einen einsamen Weg gingen, so schadete Ihre
Selbstverhrtung niemandem sonst, und Ihnen selber war sie ja notwendig.
Wenn aber Ihr Vater hier die Schuld tragen sollte, so trug er auch die
ganze Last, da er zu einfach war, um nicht nur nach innen zu wachsen,
und Ihre Mutter hatte es zu leiden. Dies sollten Sie wissen. Gott
befohlen!

                                                       Renate Montfort


                Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

                                              Helenenruh, 29. November

Liebes gndiges Frulein!

Freiwillig und gerne gestehe ich Ihnen ein, da ich Ihnen nicht durchaus
wohlgesinnt bin. Nicht durchaus. Knnen Sie folgenden Unterschied
machen: Sie hren, da ein fremder Mensch dies und jenes ber Sie
geuert hat. Nichts, das vielleicht ungnstig wre. Aber Sie hren, da
ein andrer sich eine Meinung ber Sie gebildet hat. Auf Grund seiner
vollstndigen Unkenntnis. Sie wrden ihm nicht wohlgesinnt sein.

Dagegen ich, ich kenne Ihre Zge, hrte Ihre sanfte Stimme und vernahm
Wohlmeinendes. Ihr kluger Vetter brigens scheint mir so sehr recht zu
haben, da auch die telephonische Unsichtbarkeit die Richtigkeit seines
Satzes nur erhrten konnte. brigens vergaen Sie, da ich Ihr Bild
kenne, wie unsre Kleine Ihnen schrieb. Es steht fest, da Ihnen kaum zu
widerstehn ist, und so verlasse ich meine Zehnjahrsschweigsamkeit und
rste mich, zu reden.

Sie kamen mit einer fertigen Meinung. Ein solcher Mensch mute einmal
kommen, einer, gewissermaen, der mich zur letzten Nachprfung meiner
selbst zu bewegen wute. Jedem Fragenden htte ich Auskunft gegeben.
Meine Natur ist friedlich. Sie kamen mit Mttern und unzhlbaren
Erinnerungen.

Haben Sie unrecht? Habe ich unrecht? Sie ntigen mich, alles von vorn zu
bedenken. Dies aber scheint mir nicht notwendig. Sie meinen, von dem,
was Sie ber meine Mutter aussagten, htte ich nichts gewut? Wohlan!

Sie erinnern mich an einen Tag, kurz bevor ich ins Kadettenkorps
abmarschieren sollte, weil ich Ostern um Ostern meiner Versetzung den
heftigsten Widerstand leistete. In seinem Zimmer zwischen den Apparaten
und Glasschrnken mit rztlichem Handwerkszeug hatte mein Vater den
schnsten Kasten mit lfarben, die herrlichsten Pinsel und die grte,
braunglnzende Holzpalette ausgebreitet. Meine unwahrscheinlichsten
Trume funkelten da. Er sprach liebreich und gtig zu mir. Am Ende bat
er mich um mein Ehrenwort, da ich diese Gegenstnde nur an Sonntagen
berhren wrde.

Frher hatte ich doch kein Gewissen vor ihm gehabt und ihn hundertmal
hintergangen und belogen. Warum stand es nun auf und sagte: Er will dich
verlocken! und verweigerte das Versprechen? Warum diese Ehrlichkeit, da
ich doch entschlossen war, aus dem Korps zu entspringen?

Hatte er unrecht? Er verfuhr wie der liebe Gott, sagte: von diesem Baum
darfst du nur Sonntags essen, wollte aus mir einen ruhigen Brger
machen, der sich zu bezhmen wei.

Da erinnern Sie mich nun an die Stunde, Jahre danach, wo das Bild dieser
sich wiederum aufstellte, Arztzimmer, Malgert und der schwere,
grauhaarige Mann mit ausgestreckten Hnden, aber nun heit es nicht: er
will dich verlocken, sondern: er hat dir doch eine Freude machen wollen
... So heit es nun.

Was denken Sie sich dabei: Er htte ihn ja gern wieder aufgenommen,
wenn er nur gesehen htte, da es ihm Ernst war mit der Malerei? Sie
denken, was mein Vater dachte -- nun wei ich es freilich lngst --, da
Ernst nicht von einem Menschen unter zwanzig Jahren zu erwarten ist,
denn dies ist brgerliche Meinung; nicht von einem Siebzehnjhrigen, der
seit seinem ersten Weihnachtsfarbenkasten, den er mit sieben Jahren
bekam, nicht von ihm wegzubringen war, nicht mit Prgeln, nicht mit
Hunger, nicht mit Einsperren, nicht mit Taschengeldentziehung, da er
vielmehr hinging und die Kasse seiner Mutter bestahl. Armes Kind, vor
zehn Jahren hab ich es wirklich nicht besser gewut.

Am Telephon sagte ich Ihnen Dank fr eine schne Stunde. Bin ich nun
erzrnt auf Sie? -- Ich bin verwundert. Herzlich sehr verwundert.

Vielleicht wnschen Sie, fnfzehn Jahre wie eine Kugel zurckzurollen,
hin woher sie kam. Mdchen, was fr Gedanken! Gut und weich ist Ihr
Herz, Sie denken, alles htte auf andre Weise auch geschehen knnen.

Ja, Sie haben ein Herz fr Andre, sind gut und hlfreich. Wer wollte das
nicht sehn? Es ist zu sehn, wie ein angenehmer Wind, wenn er im Fernen
durch ein Kornfeld geht. Man empfindet ihn nicht am eignen Leibe. Den
trug man fnfzehn Jahre fr sich alleine umher. Kein Wind kam.

Aus Ihnen redet das Mtterliche. Sie sorgen schon um eigene Kinder.

Zweiunddreiig Jahre bin ich nun alt geworden, ohne heut zu wissen, ob
ich gerecht gehandelt habe. Mit Neunzigen werde ich es nicht sichrer
wissen. Denn unser Recht und unser Unrecht liegt nicht in unsrer
Meinung, und wenn wir sie dem Teufel abgekmpft htten. Aber in uns
brennt eine riesige Notwendigkeit, die uns das Einzige vorschreibt, und
vor der keine Meinungen gelten. In Menschenleben wie in dem meines
Vaters gilt der Zufall und Zwang, sich zurechtzufinden, es sich leicht
zu machen, den Platz zu finden, wo am wenigsten Kmmernisse zu hausen
scheinen. All dies umgekehrt trifft auf mich zu.

Herzlich grend der Ihrige

                                                                Bogner


                       Fnftes Kapitel: Dezember


                Renate von Montfort an Benvenuto Bogner

                                                  den 8. Dezember 1911

Was tat ich Ihnen, Fremder? Niemals werde ich mich hindern lassen, bei
einem Menschen einzudringen, wenn mein wahrhaftiges Herz mich dazu
treibt. Beschmt und verwundet, schweige ich auch heute nicht still,
sondern wehre mich krftig. Sollte ich mich so leicht enttuschen
lassen, mchte ich nicht lange mehr leben. Da wir uns fremd sind, wie
sollte es ohne Irrwege abgehn? Auch nach dem ersten Telephongesprch war
ich es, die es zum zweiten Mal versuchte. Freilich ist es beklagenswert!
Unser jeder wei um die Stelle, wo alles einfach ist und verstndlich,
aber wir haben uns zugeschworen, sie nicht preiszugeben ohne die
sonderbarsten Ehrenhndel. Man mu Mitleid haben mit Ihnen, denn Sie
sind der Ungeschicktere, als Mann, und weil Sie immer allein waren.

Ich will Ihnen sagen, was Sie vergaen.

Dort lebten Sie, Ihre Eltern hier. Als Sie fortgingen, fingen Sie das
Labyrinth an, die viel hundert Verwandlungen. Alltglich ein neues
Gesicht, eine neue Haut, ein neuer Blick, eine neue Welt. Immer stand
Ihnen das Auge einwrts gerichtet in die Schar der unzhlbaren Visionen,
Mglichkeiten, Aufgaben. Sie lebten unter Gottes Augen. Sie schlugen
sich mit unzhlbaren Verwirrungen. Sie schliefen in einem Hammerwerk.
Sie wlzten den Block, Sie hatten um sich Luft vom Tartarus, Sie
zwngten sich in sich selbst wie einen Keil in einen Baum, Sie vergaen
Ihr eigenes Aussehn hinter zehntausend Vermummungen, Sie waren sich
immer rtselhaft, immer unvollkommen, immer widerspnstig, immer
wunderbar. Sie lernten Unschtzbares kennen. Den Hunger und die
Ohnmacht, die Schlaflosigkeit und das Auge des Gottes im Finstern. Sie
erledigten Tausendfaches. Sie hafteten am Einen.

Nein, Sie konnten nicht an Andre denken. Habe ich ein Bild von Ihnen
oder habe ich nicht? -- Nun eines von Ihren Eltern.

Sie hafteten am Einen: an Ihrem unhrbaren Schritt. Sie lernten die
Schlaflosigkeit mit dem ewigen Nachtgebet: Auch heut ist er nicht
gekommen. Sie litten die unaufhrliche Ohnmacht, nicht zurcknehmen zu
knnen. Und sonst? --

Alltglich ein altes Gesicht, ein altes Tun, eine alte Sorge, eine alte
Bitterkeit. Alltglich ein unvernderliches Ich, ein vollkommenes,
fertiges, unverstandenes und doch einfachstes, immer gleiches. Sie
wurden alt, sonst nichts. Sie blieben auf ihrer Stelle wie sanfte Tiere
und hatten nichts als ihr lterwerden. Sie hofften jahrlang und hofften
dann nicht mehr. Sie vergaen am Ende. Sie hatten nur das endlose
Einschlafen, sie wurden immer schlfriger wach, sie konnten sich an
nichts messen, sie waren die Einsamsten. Sie hatten ja noch einen Sohn,
sie hatten Arbeit, Sorge, Freuden, das tgliche Leben. Ist es nicht
elend, Freund, entsetzlich elend, nichts zu haben als das eigene Leben?
-- Sie hatten die Stille, wo nichts laut ist als das eigene Atemholen.
Sie hatten auch den Zorn vielleicht, die Bitterkeit, denn: sie waren
immer die Unterlegenen. Oh sie hatten das Allerschlimmste: sie konnten
nicht verstehn. Sie wuten von sich selber nur wenig, und wenn sie
einmal nach oben fragten, so gab es immer nur die eine Frage: warum ist
dies so? Warum ist es denn nicht anders? Wre es anders nicht besser? --
Ihnen war es nicht gegeben, sich selbst zu bezwingen, denn -- oh Ihre
Weisheit! -- sie kannten das Auge der Notwendigkeit nicht! Sie hatten
nur gelernt, da alte Menschen erfahrener sind als junge. Da man sich
nach ihnen richten mte. Sie hatten einfache Dinge gelernt. Nie hatten
sie gehrt, was Ausnahmen sind, wie sollten sie eine erkennen, wie
sollten sie einwilligen? Unter ihren Lehrstzen war der kostbarste der:
Wenn du einmal so alt bist wie wir, dann wirst du uns recht geben.

Mache ich Ihnen Vorwrfe? Klage ich an? Ach, ich wollte, ich knnte es,
ich wollte, ich knnte Ihnen vorwerfen, warum Sie nicht _noch_ besser
geworden sind, warum Sie niemals das Eine bedacht haben, da Sie in sich
selber alles besitzen, da Sie mit Leichtigkeit der Unterlegene htten
_scheinen_ und nachgeben knnen, da es Ihnen nichts verschlug, ob Ihre
Eltern glaubten, recht und gesiegt zu haben! Wieviel grer wren Sie,
wenn Sie das Unrecht an sich gerissen htten!

Nun vergeben Sie mir! Heute nur, heute sage ich Ihnen all dies, damit
Sie wissen, zu wem Sie kommen, wenn Sie heimgehn, wen Sie zurcklieen
und wen Sie wiederfinden. Alte Menschen, augenlose, die arme und
eingelernte Worte murmeln, die mit zwanzig Jahren alles auswendig
wuten, die immer nur die paar alten Bcher in neuen Auflagen, in ihrer
armen Blindenschrift jahraus jahrein nachtasten, und da stehn Sie nun in
Ihrer Sonne und sind nicht zufrieden.

Wei ich zuviel? Jedes meiner Worte stand im Gesicht Ihrer Mutter
leserlich. Ich habe, auch ich, nur gelesen mit meinen >sehenden Augen<,
die -- nach Ihnen -- eine Gabe sind -- und ein Gesetz.

Gott befohlen!

                                                       Renate Montfort


                Benvenuto Bogner an Renate von Montfort

                                              Helenenruh, 14. Dezember

Liebes fremdes Frulein:

Immer ist mir die Gestalt jenes Mdchens rhrend gewesen, der Pallas
Athene, die um Odysseus am Ufer den Nebel zerteilte und ihm seine Insel
zeigte, die er nicht erkannte. Vor vielen Jahren kannte ich eine Frau,
die ich mit der Gttin verglich; damals stand ich im Anfang, und es war
ein andres Land, in das sie mich hineinfhren wollte. Meine richtige
Heimat wars. Dem Odysseus war die Gttin immer unsichtbar geblieben,
obwohl sie ihm half; erst, als die Mhsal beendet, als er anlangte, gab
sie sich zu erkennen. Ich freilich, ich gehe nicht meinetwegen heim,
denn ich bin dort nicht zuhause, aber am heutigen Tage und angesichts
Ihrer schnen, glhenden Bewegung will es mir wohl scheinen, als ob nur
dieses der Grund war, weshalb ich nicht lange schon dorthin ging: es
fehlte nur jemand, der es mir sagte, der mich bedenken hie, der mich
verlockte.

So schn ist dies an euch, ihr sonderbaren Geschpfe, so schn ist eure
ewige Bereitwilligkeit. Von euch selber seht ihr gerne ab, aber immer
steht ihr vor einem Tor, das ihr jemandem aufschlagen wollt. Immer zu
irgend etwas wollt ihr verlocken, immer helfen, immer alles ffnen,
immer einladen, immer begtigen. Unbedenklich greift ihr das Schwerste
an, als sei eben dieses das Allerleichteste; als sei es das Einzige
jedenfalls, was in diesem Augenblick zu geschehen habe, und als ob ihr
ber gttliche Krfte verfgtet. Denn immer seid ihr stark fr Andre,
die ihr fr euch selber meist hlflos, unwissend und von vornherein
unterlegen seid.

Mu ich noch mehr sagen? Ihre Worte haben mir alle wohlgetan, und ich
mache das Zugestndnis, das ich bisher nur mir selber abgelegt habe, mit
Freuden auch Ihnen: da ich bedchtiger htte sein knnen. Das ntzt ja
nichts, aber ich glaube, es macht Ihnen Freude, es zu hren.

Nun mu ich einiges ber Magda schreiben.

Die Briefe sind hier mit vielem Dank zurck. Von allem, was die arme
Kleine betroffen hat, wute ich ja Einiges --, die Geschichte der
Wahrsagung, ohne freilich die letzten Folgerungen Magdas auf den al
Manach. (Der schttet sich noch immer aus, es ist eine ziemliche Qual,
das anzusehn, man hat die Vorstellung, da er auch die Nchte nicht
anders herbringt, und dabei wird er dnn wie ein weier Faden. Und all
das nicht ganz ohne Komik ...) Nein, es ist am besten, ich schweige ber
alles; wir mssen warten.

Es geht ihr herzlich schlecht, das mu ich gestehn. Die Krankheit ist
behoben, sie ist seit ein paar Tagen fieberfrei, aber matt wie ein
verregneter Kohlweiling, mag nicht aufstehn und nicht liegen, ist
milaunig geworden, kann das Licht nicht vertragen und ist immer mde.
Als ich hierherkam, war sie das reine Kind, kindlich weise und
lerchenhaft, jetzt sieht sie altjngferlich aus, gelb und hat grausame
Falten um den Mund. Die einzige Kraftanstrengung merkte ich ihr an, als
sie mir auftrug, Ihnen auf das bestimmteste zu verbieten, da Sie kmen.
Dazu mu ich selber sagen, da ich Ihrem Kommen zurzeit wenig Einflu
zutraue. Vieles in ihr mag nur krperliche Mattheit der kaum
berwltigten Krankheit sein, deshalb drften Sie zu einer spteren
Stunde gelegener kommen, wenn nicht gar eine andre notwendiger sein
wird. Sie spricht oft von Ihnen.

Folgendes trug sich gestern zu:

Ich hatte ein Weilchen an ihrem Bett gesessen und Silhouetten von Rosen
geschnitten bei halber Dmmerung; dem sieht sie gern zu. Als ich dann am
Fenster stand, hrte ich sie pltzlich ganz laut sagen: Georg! -- Ich
wartete eine halbe Minute und sagte dann: Nun? mit meiner gewhnlichen
Stimme, worauf ich sie ein wenig spter mit einem leisen Seufzer
antworten hrte: Weit du, Georg, es ist doch schwerer, als man so
denkt. -- Nun ging ich zu ihr und sagte mglichst freundlich: Georg ist
nicht hier, mein Kind, mchtest du ihm etwas sagen? -- Sie sah mich
lange und zweifelnd an und fragte: Meinst du nicht, Maler Bogner, da
der Prinz ein guter Mensch ist? -- Gewi, sagte ich, und nun rief sie
mit einem triumphierenden Blick, als ob sie mich jetzt erwischt htte:
Warum ist er denn nicht hier und hilft mir? -- Danach besann sie sich
und setzte altklug hinzu: Aber er mu ja fleiig sein und Herzog werden,
da kann er natrlich nicht kommen, nicht? Ich besttigte ihr das, und
nun sagte sie nichts mehr.

Dies hat mich aber auf den Gedanken gebracht, ob es vielleicht ntzlich
sein knnte, da ich dem Prinzen schreibe und ihm nahelege, Magda ein
Zeichen von sich zu geben. Was meinen Sie dazu?

Noch dies, da ich glaube, die Jahreszeit ist an Vielem schuld. Sie
schrieb ja, da sie sich vor dem Garten frchtet, deshalb wehrt sie sich
auch so gegen das Fenster, hinter dem es strmt und wirbelt. Es wird das
Beste sein, wir lassen Weihnachten noch vorbergehn; danach ist meine
Zeit in Helenenruh abgelaufen, und Sie versuchen dann, was zu tun sein
wird. Wenn es Ihnen mglich sein wird, mit ihr nach Italien zu gehn, so
wird es Ihnen auch besser als mir gelingen, ihren Vater von der
Notwendigkeit einer solchen Reise zu berzeugen, da er sie zurzeit dicht
am Gesunden glaubt, jeden Tag eine Minute an ihrem Bett steht und meint:
Es wird schon werden!

Ihnen herzlich dankbar und wieder durchaus wohlgesinnt

                                                                Bogner


                            Renate an Bogner

                                                       Am 22. Dezember

Lieber Freund,

Ihre beiden Skizzenbltter von Magda haben mich mehr erschreckt, als Sie
sich denken knnen. Das ist aus ihr geworden? Man mchte ja verzweifeln,
wenn einem nichts einfllt, um das wieder gutzumachen. Und was haben Sie
fr eine Hand! Erinnern Sie sich an das, was Magda schrieb, wie sie
erschrocken sei ber einen gezeichneten Zug ihres Gesichts: als sei er
daraus fortgenommen? Das kann ich nun begreifen, denn diese beiden
Gesichter sehen so wirklich aus, als knnten sie nur hier, auf diesem
Papier sein, als htten Sie sie von dem ihren abgenommen, -- ach, wollte
Gott, Sie htten es wirklich getan und sie wre ihrer ledig fr immer!

Zu Ihrer Idee mit dem Prinzen kann ich nicht ja und nicht nein sagen. Da
ist dies Gedicht, das er ihr damals schickte ... Nun, ich kann mich ja
irren und bin gerne bereit dazu, -- aber liebevoller als dies
bereitwillige, sozusagen postwendende Verstehen und Einverstndnis, dies
aufs Geratewohl prophezein (oder ist soviel Ahnungsvermgen glaublich?)
wrde mir weniger Verstndnis und mehr Schmerz, weniger Entsagungsfreude
und mehr Widerstreben erscheinen. berhaupt dies hurtige Umsetzen von
Gefhl in Klang und Beweis, dies Vergleichefinden und so weiter, --
dichterisch mag es ja wohl sein, und glauben Sie auch nicht, da ich es
menschlich unwrdig finde! Es macht mich nur an seinen Gefhlen fr
Magda zweifeln, fr die er durchaus niemandem, auch ihr selber nicht,
verantwortlich zu sein hat, da bekanntlich, wo nichts ist, der Jude sein
Recht verloren hat, aber --. Aber. Punkt.

Viel Mhe habe ich mir gegeben, aus Ihrer Darstellung von Magdas
Zustande herauszulesen, da sie auch des Grbelns mde geworden ist,
doch bin ich nicht ganz berzeugt. Da mute ich bedenken: Aus unsrer
Kindheit in das Reich der Seele zu gelangen, aus Kindern Gotteskinder zu
werden, oder wie man es ausdrcken will, das ist doch wohl unsre
Aufgabe. Da giebt es nun unter uns Viele, die knnen derlei Aufgaben nur
in schrecklich harten Stufungen erledigen, und deren einer ist unsre
Magda, die aus dem unwillkrlichen Jugendland, wo das leicht bewlkte
Gemt ber allem blaut und sich bescheinen lt, nur ber diese
Messerbrcke des Gedankens, des grbelnden Erleidens gehen konnte, --
wohin? In das eiserne Haus, das Arsenal, wo die Seelen ausgeteilt werden
wie Kleider? Unsre Vorstellungskraft reicht ja fr seelische Dinge
niemals aus, und es klingt wohl absurd, was ich sage. Ich htte
Saint-Georges vorher fragen sollen. (Das ist ein neuer Freund von mir,
der sich dadurch auszeichnet, da er alles wei.) Sie sind ja auch ein
weiser Herr und begreifen vielleicht, was ich sagen wollte.

Morgen ist Heiligabend. Da ist mir einigermaen bnglich ums Herz, denn
kurz vor dem vorjhrigen starb mein Vater. Was Weihnachten ist, werden
Sie kaum wissen, mir aber vielleicht doch erlauben, Ihrer herzlich zu
gedenken und einer alten Frau eine Blume zu bringen.

Wann kommen Sie?

                                                       Renate Montfort


                            Renate an Magda

                                                          22. Dezember

Meine liebe, liebe Magda!

Einen Weinachtsbrief bekommst Du, obgleich Du, wie es scheint,
geschworen hast, mir nicht zu schreiben. Freilich in Eile, denn es giebt
unbeschreiblich viel zu tun. Alle Angestellten werden beschenkt und
haben Feiern und haben unzhlbare Kindlein, die Geschenke und Feiern
haben wollen, und dann sind noch die Armen und die Kinder der Armen, und
allesamt wollen mir den Kopf ausreien. Ich bin froh, da Du nun
wenigstens wieder auer Bett bist. Wenn Du morgen nicht selber ans
Telephon kommst, wird es das letzte Mal gewesen sein, da ich angerufen
habe, hrst Du?

Die Heidermappe vom Kunstanwrter (Josefs Bonmot!) wird vielleicht den
Groll des Malers erregen, aber da ich sie im Buchladen fand, schien sie
mir sehr schn, und Du wirst eine kleine Hirtin darin finden, die genau
so aussieht wie Du, als Du in Genf einzogst.

Ach, Liebste, Gott gebe nur, da Du empfinden kannst, da Weihnachten
ist! Ich habe Dir nrrisches Zeug geschrieben, nur um zu verhindern, da
mir die Augen wieder na werden, wie immer, wenn ich an Dich denke. Ich
wei auch nicht, was das mit mir ist. Ich habe ein seltsames Angstgefhl
schon seit vielen Tagen, mitten in allem Getriebe und den
Vorbereitungen, um Dich natrlich, warum sonst, und unbeschreibliche
Sehnsucht nach Dir und Deinen armen bekmmerten Augen. Bogner soll Dir
einen Rahmen fr das Hirtinnenbild verschaffen, damit Du es jeden Tag
vor Dir hast und lernst, wie Du aussehn mut, wenn nicht gar zu traurig
sein soll Deine Dich tausendmal zrtlich kssende

                                                                Renate

Die Handschuh sind smtlich von Onkel mit einem Ku >auf die zierlichste
Hand<; hoffentlich habe ich die Nummer richtig behalten.


                            Bogner an Georg

                                            Helenenruh am 22. Dezember

Lieber Prinz:

Ich mchte Ihnen schreiben, da Magda Chalybus einige Zeit krank
gewesen ist und hiervon, und mehr von mancherlei seelischen
Erschtterungen der letzten Zeit, so angegriffen und ermattet scheint,
als wolle sie sich weigern, noch weiter am Dasein teilzuhaben. Sie
kennen mich ein wenig und knnen wissen, was es zu bedeuten hat, wenn
ich Sie darauf aufmerksam mache, da ein Wort, ein Lebenszeichen von
Ihnen, vielleicht nicht heilsam, aber doch wohlttig wirken knnte,
wobei Sie zu ermessen haben, ob Sie in der Lage zu dergleichen sind.

Sehe ich Sie auf der Trassenburg? Ich denke, in der Zeit zwischen
Weihnachten und Neujahr ein paar Tage dort zu sein, dann in Trassenberg
die Aula des neuen Genesungsheims auszumalen.

Herzlich grt Sie, Ihnen wohlgewogen

                                                                Bogner


                            Magda an Renate

                                                               Freitag

Ja, Renate, von mir bekommst Du diesmal nichts. Meine Arbeit ist nicht
fertig geworden, es ist wohl schlecht von mir, aber Du mut schon
entschuldigen, ich bin gar zu mde. Der gute Jason schlfert einen so
schn ein, seit gestern haben wir auch Schnee und stillen Wind, ich bin
immer dicht vor dem Einschlafen und tu es blo nicht, weil ich Angst vor
dem Aufwachen habe.

Also verzeih, wenn Du kannst, meine Nachlssigkeit.

Aber ich habe Dich doch lieb.

Hast Du den Maler gern? Ihr schreibt Euch ja wohl tglich, oh ich bin
nicht eiferschtig, Ihr seid ja Beide viel klger als ich und pat
zueinander. Wenn Ihr dann heiraten wollt, kann die Hochzeit ja gleich
mit Irenes zusammen sein.

Ich mu aufhren. Papa hat seinen Toddy fertig und ist begierig, die
Fortsetzung von >Jettchen Gebert< zu hren. Er hat es fertig gekriegt,
da Jason nur noch Romane aufsagt, und lt gren. Gre auch Deinen
Onkel! In Liebe kt Dich Deine Freundin

                                                                    M.


                            Bogner an Renate

                                            Helenenruh am 24. Dezember

Heiligabend. Heiligabend? Heiligabend. Komisch.

Es wurden pfel gegessen. Es wurde Marzipan gegessen. Ein groer Baum
brannte voller Lichter. Es wurden Mrbekuchchen gegessen. Es wurden
Makronen gegessen. Es lag alles voll von Geschenken. Grougige
Dienstboten in Verlegenheit. Es wurde Spekulatius gegessen. Es wurde
Schokolade gegessen. Herr du meines Lebens! Es wurde Heringssalat
gegessen. Es wurden abermal pfel, Marzipan, Spekulatius, braune Kuchen,
Nsse, Datteln und Pfefferkuchen gegessen, und jemand in einem
himmlischen silbergrauen Kimono sang sehr leise: Es -- -- ist -- -- ein
Ros -- -- ent -- -- spru -- u -- -- gen -- --

Ich erinnere mich, dies ist ein Fest der Mgen und der Kindheit. Es lt
sich nicht umgehn. Es stimmt die Seele freundlich. Da sitze ich in einem
angenehm erleuchteten Zimmer voll vieler kleiner Pferdeportrte, es
schlgt elf Uhr, ich mache mein viertes Glas heien Toddy zurecht, ich
sehe den Jason al Manach in der Sofaecke sitzen und da er glnzende
Augen hat und wie ein Schlot raucht. Ich glaube, er hat einen schnen
Charakter. Ich esse Pfeffernsse, nie im Leben a ich soviel
verschiedene Dinge hintereinander. Ich mu ein glcklicher Mensch sein.
Ich fragte den Almanach nach einem Zitat mit Kindheit! O Kindheit! O
entgleitende Vergleiche!

Jemand packte mit schwachen Fingern eine ungeheure Kiste aus; die
Papiere nahmen kein Ende. Schlielich fiel doch etwas groes Graues an
die Erde. Bald darauf stand jemand unter dem Kronleuchter, drehte sich
und suchte an einem riesigen Lichterbaum vorbei sein Abbild im groen
Pfeilerspiegel zu erhaschen, wo es ganz fern und seltsam hinter
demselben gespiegelten Lichterbaum sichtbar wurde, bekleidet mit einem
silbergrauen Kimono, auf dessen Rcken ein lebensgroer weier Pfau in
Silber und Wei gestickt war dergestalt, da sein Kopf zwischen den
Schultern des Gewands, der ausgebreitete Schweif mit hundert Federn und
schneeweien Augen ber die weiten rmel und bis zum Kleidsaum
hinunterhingen. Geschenk vom Maler Bogner; aus eigenem Besitz; extra aus
Berlin geholt.

Auch Maler Bogner besitzt einen nicht unschnen Charakter. Er traf das
Richtige. Auch ein lngeres Telegramm vom Prinzen Georg war sein Werk
und wirkte bedeutend. Ich bin doch geneigt, die Hauptwirkung dem Kimono
zuzuschreiben. Derselbe war unwiderstehlich. Er lie sich nur glatt
streichen. Dies war seine unbertreffliche Eigenschaft. Damit erledigte
sich alles. Wir kehrten allesamt freudestrahlend zur Kindheit zurck und
sangen vllig falsch, aber liebevoll: Sti -- ille -- Nacht! Hei -- lige
Nacht! -- Ach, du liebe Zeit!

Sie htten es sehen sollen! Wie der Kimono sich langsam in B. Bogners
Hnden entfaltete. Wie zwei schlecht gelaunte Augen und ein weinerlicher
Mund aufmerksam wurden und stillstanden. Wie unter einer Reisedecke eine
Hand hervorkam und zaghaft zufate. Wie der vllig in Andacht verlorene
Mund das eine, beseligte Wort: Seide! hervorbrachte. Wie die Augen um
Gnade baten, aber der Mund nicht wollte. Wie der Mund nicht mehr
widerstehen konnte, und die Augen widerspnstig waren. Wie der weie
Pfau strahlte. Wie auf Stirn, Mund und Wangen das Wort Kindheit aufbrach
wie ein Zimmer voll Kerzen und Geschenke. Wie die Reisedecke fortflog,
und viel Gram und Kmmernis hinschwand vor einem weien Pfauenschweif.

Es ist lieblich, Feste zu feiern, wenn die Gelegenheit es mit sich
bringt. Weihnachten ist mir erinnerlich, wo ich bei einem Talglicht ber
Kupferplatten gesessen habe trnenden Auges, ohne etwas von den
Mglichkeiten des Abends zu wissen; Weihnachten, wo ich mit angezogenem
Paletot im Bett lag und beim Licht einer Straenlaterne Kfer auf der
hellen Wand ber mir herumlaufen sah; Weihnachten in einer Waschkche,
gehllt in weie Dnste, einen Kaffeetopf in der Hand; Weihnachten in
einem angenehmen Frauengemach neben einer Stehlampe und einem
dunkelhaarigen Mdchenkopf, der sich ber Holzschnitte von Schongauer
und Drer, ber Schwarzweibltter von Beardsley beugt, -- sie liegt nun
zwlf Jahre schon still und beruhigt in Weiensee unter einem prchtigen
Monument, aber ich vergesse sie deshalb nicht. Auch Weihnachten im
blauwei karierten Aschinger vor einem Paar Bierwrste mit Salat, und
Weihnachten mit einem Handkfferchen in der Hand in einem schnen
Geschftszimmer vor einem zornigen alten weibrtigen Herrn neben einem
offenen Geldschrank. Ja, da stehe ich im siebenzehnten Jahre meines
Lebens, bei mir mein Kamerad, der Sohn des zornigen Kaufmanns, der mir
eine ungeheure, donnernde Rede gehalten hat, ob ich mir einbildete, da
er meine verrckten Streiche hinter dem Rcken meiner Eltern
untersttzte, worauf er den Geldschrank aufschlo, seinem Sohn
bedeutete, da er auf denselben achtgeben solle, bis er wiederkme, und
verschwand. Da bestahl nun der Sohn den eigenen Vater, und B. Bogner
fuhr in dieser Nacht in die Welt, um ein Maler zu werden.

Ich sehe, man kann Weihnachten auf so vielerlei Arten begehn, wie es
Dinge an diesem Tage zu essen giebt.

Dies glaubte ich Ihnen sagen zu mssen. Nehmen Sie es freundlich auf! In
den nchsten Tagen fahre ich zum Herzog. Je nachdem wie die Arbeit
vonstatten geht, komme ich im April oder Mai nach Altenrepen.

Gute Nacht, freundliches Wesen!

                                                                Bogner


                             Georg an Magda
                              (Telegramm)

                                                          24. Dezember

Hier ist Georg, Anna, steht drauen vor der Tr und wei nicht, ob
jemand drinnen ist. Erlaubst Du ihm, ganz leise anzuklopfen, weil
Weihnachten ist? Ich bin in Trassenberg, diese Hlfte des Semesters war
schrecklich. Mama und Papa wnschen Dir und Deinem Vater ein schnes
Fest, ebenfalls Dein einsamer alter Georg.


                            Magda an Renate

                                                    Am ersten Feiertag

Renate, es liegt Schnee! ber Nacht ist er leise heruntergefallen,
whrend ich fest und warm schlief, und am Morgen schien er durch einen
Spalt im Vorhang so hell herein, da ich gleich hinlief, und da war
drauen alles wei und still, weithin, und kein Unterschied mehr
zwischen unserm Obstgarten und dem Park; berall standen die schwarzen
Bume mit dicken weien Pelzen, und ich hatte die grte Lust, gleich in
die Weihnachtsstube hinunterzulaufen, -- hast Du das auch getan? damals
als man noch klein war? um nachzusehn, ob auch alles noch da war? -- um
nach meinem himmlischen Feepelz zu sehn und vor allem nach dem Kimono.
Aber davon mut Du Dir von Bogner erzhlen lassen. Nmlich, ich bin heut
zum ersten Mal drauen gewesen, nur ins Schlchen hinber, um ihn zu
besuchen, und da war er grade dabei, einen Brief fr Dich in den
Umschlag zu tun. Den nahm ich ihm weg, und schlielich erlaubte er mir,
ihn zu lesen. Geheimnisse standen ja wahrhaftig nicht drin. Nein, was er
fr ulkige Briefe schreiben kann!

Weit Du, Renate, wir wollen ihn ja ruhig dabei lassen, da ich seiner
Kimonoidee alles verdanke, und wirklich, -- ein wenig schme ich mich
sogar, da er mich so berlistet hat. Ich wute ja selber nicht, wie
gern und wie lange schon ich wieder _ganz_ gesund werden wollte, aber
schon die letzten Tage war mir so sonderbar! Auf einmal war es so schn,
mde zu sein, und dann konnte ich mich auf nichts mehr besinnen. Alles
war hingeschwunden oder so fremd geworden, da es mit mir gar nichts
mehr zu tun zu haben schien; es war alles wie zugedeckt, ja, wie das
Land von der Schneedecke, und ach, ich mchte ja so innig, so innig
mcht ich hoffen, da es im Frhjahr, wenn die Decke schwindet, alles
neu und anders geworden ist!

Ich kann gar keine Gedanken mehr fassen. Es kommt mir vor, als ob ich
die ganze Welt durchgedacht htte, und Jahre um Jahre htte es gedauert,
aber nun stehe ich am andern Ausgang und wei kaum, wie ich dahin
gekommen bin. Hilf mir nun, Du Gute, hilf mir, da ich nicht wieder
anfangen mu, immer nur das Dstere und Beklemmende zu denken! Hilf mir,
da ich so einfach und glubig sein kann wie Du, ich bin ja schwach und
einsam, und es geht sich so schwer unter solcher Last von Gedanken, --
mchtest Du nicht, da ich fr ein paar Wochen zu Euch kme? Am liebsten
km ich ja morgen schon, aber vor Neujahr leidets Vater nicht; spter
wird er mich wohl ganz gern entbehren. Wt ich nur, was aus dem armen
Jason werden soll! Vielleicht lt er sich mitnehmen, ich mu ihn einmal
fragen, wo er eigentlich zu Hause ist. Bogner ist ber Nacht
eingefallen, wie er mich malen mu; er hats freilich wieder vergessen,
aber das sei keine Frage, sagt er, da er es wieder fnde. Dazu braucht
er aber mich nicht mehr, und nun will er in den nchsten Tagen nach
Trassenberg zum Herzog. Denk Dir nur, wie rhrend er ist! Er hat mir
einen herrlichen Lampenschirm gemacht aus lichtgrnem Papier mit einer
Menge Kreise und darin schwarze Silhouetten von lauter lustigen
Personen: Harlekine und Pantalons und Kolombinen, phantastische Vgel
und Affen, und das hat er alles selbst geschnitten und aufgeklebt. Sonst
hab ich natrlich eine Unmenge Sachen bekommen, die wirst Du alle zu
sehn kriegen.

Ja, -- ein Telegramm ist auch gekommen, ein langes von Georg. Der liebe,
er hat mich also doch nicht ganz vergessen. Es scheint ihm nicht gut
gegangen zu sein, ich hrte von Papa, da er in einem Korps aktiv
geworden ist, und das ist wohl nichts fr ihn. -- Ach, das ist nun auch
alles so weit entfernt, und ich wei nicht einmal, ob ich wnschen darf,
da ich einmal wieder hin finde.

Deinem lieben Onkel la ich viel, vielmals danken fr die wunderbaren
Handschuh! Sie passen genau.

Und nimm zum neuen Jahr tausend Wnsche fr alles Gute und Liebe und
Schne, alle Erfllung und viel, viel Freude! Von Deiner

                                             bald wieder ganz gesunden
                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                          28. Dezember

Mein Liebstes,

ja, ja, natrlich kommst Du, sobald Du kannst oder willst! Es lt sich
ja gar nicht beschreiben, wie unendlich glcklich Dein Brief mich macht,
und ich kann die Zeit nicht abwarten bis zum Wiedersehn! Vergi weder
Tanz- noch Schlittschuh, ich laufe den ganzen Tag auf einem schnen
Teich, anzusehn wie ein Komet mit einem _so_ langen Schweif Mnner
hinterdrein.

Ein Wrtlein, mein Kleines! Dein vorletzter Brief hat eine kleine
Stelle, in deren Licht ich etwas, von dem ich bisher nichts wute, und
das doch da und wunderbar schn war, pltzlich erkannt habe, und nun ist
es aus damit. Ich schreibe Dir das, nicht weil ich Dir bse bin, sondern
damit Du es weit und niemals -- hrst Du? -- niemals wieder daran
rhrst!

Auf Wiedersehn, Herzlein! Komm hoffnungsvoll und dankbar ins neue Jahr!
Innige Ksse und Gedanken Deiner alten

                                                                Renate

Nein! nein, er ist zu schn! gar zu schn! Immer wenn ich schreibe,
steht er nun vor mir und sieht ber mich hin mit seinem ewigen Blick!
Ech-en-Aton heit er, ein gyptischer Knig vor 2500 Jahren, der zur
Sonne betete, und es ist der Gipsabgu einer kleinen Bste von ihm --
nur Kopf, Hals und die Anstze der Achseln -- den ich von Georges bekam,
meinem Freund Saint-Georges. Stelle Dir nur vor: ein Gesicht nicht
grer als meine Hand, so zart wie der frische Schnee, mit -- seltsam zu
sehen fr mich! -- mit Georges eigenen, flachsitzenden, lnglich
geschnittenen Augen, auch seiner Nase -- die hier so klein ist und zart
wie die eines jungen Tiers, und auch der Mund ist wie Georges',
vorgewlbt, und bei meinem Knig so wie der eines Seraphs, auf dem immer
der Name der Dreieinigkeit ruht wie ein Ku. Ernst ist er sehr, und nur
in den uersten Winkeln der Augen glnzt manchmal die Allwissenheit wie
der Hauch eines Lchelns. Und schn ist er, schn -- ach atemberaubend
schn! Bald 3000 Jahr alt soll dies sein, diese Blte von Frische, diese
Narzisse des Himmels! es ist nicht zu glauben! So komme nur, komm und
sieh, und Du wirst heil sein im Augenblick!

                                                                    R.


                            Renate an Bogner

                            am 31. Dezember

                   Ein gesegnetes neues Jahr wnscht
                          Renate von Montfort
              So hat sich doch alles zum Besten gewendet.


                        Sechstes Kapitel: Januar


                             Zwiegesprche:
                               Das eine.

Georg lag, im verbundenen, wunden Kopf einen ganzen Pechkessel voller
Lohe, auf seinem, schrg ins Zimmer gestellten Diwan. Aus dem brodelnden
Pech spritzten und fielen des fteren brennende Tropfen in sein
Gewissen, wo sie dann abscheuliche Verheerungen anrichteten, -- ohne
sein Verschulden, wie er schwermtig festhielt, denn so schlapp meinte
er eigentlich nicht zu sein, da er sich von Verzweiflung ber seine
verkehrte Lebensart einschlucken lie in einer Stunde leiblicher
Peinigung, und so mhte er sich ab, irgendwo in seinem Innern eine
Stelle leer zu halten, allwo er selber lag und sich nichts anfechten
lie.

Aber wre nur nicht das schndliche Glockenluten gewesen! Dieses
immerwhrende, weit ferne musikalische Rumoren in der Stille des
Sonntagnachmittags -- wo nur einmal eine unbekannte Tre ging, ein
Schleifen von Schritten unter den Fenstern vorber --, es bohrte -- wie
ein Zahnschmerz -- nun grade in dieser letzten, leer gehaltenen Stelle
herum, und aber und abermal mute er die Augen ffnen, um durch
schmerzliche Lider einen durchbohrenden Blick oben ins kalte Grau der
Fensterhelle zu heften, als mte er sie dort hngen sehn knnen und
ihnen zudrohen, diesen Glocken im den Winterhimmel. Derweil verdunkelte
es sich allgemach im Zimmer, die Mbel wurden mit den Wnden zu
schweren, finstren Massen, dumpf und weich erschtterten Schritte ber
ihm die Zimmerdecke, -- es war trostlos zum Sterben.

   Hamburg, du schne Stadt,
   _Eh tu mon dieu, mon dieu_!
   Htt ich dich --

O vermaledeit, nun auch diese plrrende Melodie noch! Weg damit! Weg da
--

             -- nimmer doch gesehn,
   Dann wr mein -- -- Beutel noch nicht leer!
   _Sacre di bleu!_

So, nun wars aus! Nein, es begann vielmehr im Augenblick von vorne:
Hamburg, du -- schne Stadt ...

Georg war im Begriff, den Kopf durch die nchste Fensterscheibe zu
rennen, als die Flurglocke schrillte. Cora! zuckte es augenblicks darauf
durch ihn hin. Unsinn! fuhr er sich hinwieder an, aber er sa
aufgerichtet, eine Hand am Verbande vor der Stirn, in der es nun mit
verdoppelter Wut zuckte und kochte, und springenden Herzens. Stimmen ...
Schritte ... Nein, eine mnnliche! -- Stille ... Wieder Schritte ... zu
seiner Tr. Es klopfte, enttuscht fhlte Georg sein Herz mit Schlagen
aussetzen, whrend er hereinrief und sich erhob.

Im Trspalt erschien das eirunde, in der kalkigen Helle graubleich
scheinende Gesicht des Inaktiven Riesa und seine rundliche, sehr
gepflegte Gestalt, in einen zugeknpften braunen Anzug fest eingepackt.
Mit seinen zierlichen Schritten, etwas vorgebeugt, um den Sofatisch
kommend, streckte er nach seiner Art die lange Rechte, bei knapp an den
Leib geschlossenen Ellenbogen, nach vorne aus, Georg entgegen, der, sie
ergreifend, sie eisigkalt und knochig fhlte in seiner heien.

Nun, nicht mit nach dem Geiselgasteig? fragte er gedehnt und erfreut.
Aber wie schn, da du kommst!

Riesa, hinter den ungefaten, sehr dicken Kneiferglsern und mit
schiefgezogenem Mundwinkel lchelnd, da die kahle Oberlippe Falten
bekam, drckte ihn mit behutsamen kleinen Handbewegungen auf den Diwan
nieder, was Georg sich gern gefallen lie, denn nach dem Schreck und
hastigen Sichaufrichten wars, als ob sich eiserne Kugeln in seinem
Schdel stieen. Dann sah er blinzelnd dem Andern zu, der sein
Augenglas, den Bgel in der Mitte fassend, vom Nasenrcken lste, es
zwinkernd mit weiblonden Wimpern gegen das Licht emporhielt, dann mit
der andern Hand aus der uern Brusttasche sein Tuch hervorzog und
sorgsam zu putzen begann. Langsam, so da Georg zu frsteln begann,
verbreitete sich die Winterklte von seiner Gestalt aus. Dann verschwamm
fr eine Weile alles vor Georgs Augen, er hrte sich fernher gefragt:
Wieviel Nadeln? erwiderte matt: Dreiundvierzig, und: Alle auf dem
Kopf, und gewahrte nun wieder das unbestimmte Lcheln des
schiefgezogenen Mundwinkels, auch die groe und dunkle Zahnlcke darin,
die das Schiefziehn eigentlich verbergen sollte. -- Georg dachte, ohne
es zu merken, wie jedesmal: Er sollte sich doch einen Stiftzahn
einsetzen lassen ... Riesa trat langsam bis zum Fenster, das der ber
Eck stehende Schreibtisch halb verstellte, und sah auf die Strae, als
wollte er versuchen, ob er auch sehen knnte durch den wieder
aufgesetzten Kneifer.

Wie fremd ist einem doch so ein ganz naher Mensch! meinte Georg dumpf im
stillen. In seiner andern Krperlichkeit so seltsam fremd! Als ob man
gar nichts miteinander zu schaffen htte. Was wird er nun sagen?

Allein der Andre sah vielleicht etwas auf der Strae drunten oder im
Park drben; er sagte jedenfalls beharrlich nichts.

Wenn du rauchen willst, begann also Georg, Zigaretten stehn da
irgendwo ...

Danke schn! Du weit, ich rauche nur meine Zigarren. Und nach eines
Augenblicks Pause, whrend Georg sich noch abmhte, wieder zu finden,
was er noch eben gedacht hatte und weiter hatte denken wollen, setzte er
hinzu, sich halb herwendend und mit seinen kleinen Betonungen bestimmter
Worte: brigens wre es nicht _zu_ liebenswrdig gewesen, -- wenn du
schon _wolltest_, da ich rauche, -- wenn du sie mir eigenhndig
angeboten httest.

Das klang ganz liebenswrdig, er lchelte auch, und Georg lachte, aber
unaufrichtig. Was war das fr eine sonderbare Mahnung zur Hflichkeit?

Sie schwiegen. Riesa begann, die Hnde mit fest angedrckten Ellbogen in
den Jackentaschen, hin und her zu gehn, und Georg folgte mit dumpfen
Augen den grauen Gamaschen hin ins Dunkel der andern Zimmerhlfte.
Hrbar ward wieder das unwandelbar eintnige, ferne Gelut. Dann
pltzlich Riesas Stimme:

brigens ... grade heraus, mein Lieber: ich wre zwar aus eigenem
Antrieb zu dir gekommen, leider kann ich dir aber _nicht_ verhehlen, da
auch noch ein andrer vorliegt.

Da er verstummte, mute Georg Nun? fragen, beklommen, nach einer
Weile.

Nmlich aus dem des _Korps_, sagte Riesa kurz, lpfte den Zipfel
seines Tuches aus der Tasche, so weit, da er ihn an den Mund drcken
konnte, hstelte hinein, stopfte ihn wieder zurck.

Georg richtete sich aus der halb liegenden Stellung auf. Habe ich mir
irgend etwas ...

Zuschulden kommen lassen? Riesa blickte mit schief gehaltenem Kopf,
die Achseln schmal anhebend, die Ellbogen abspreizend, gegen den
Teppich. Realiter nicht, lieber Georg, a--ber ... man ist _des_
ungeachtet und _trotz_ der so befriedigend verlaufenen ersten Mensur
nicht vllig zufrieden mit dir.

Also haben sies doch gemerkt, dachte Georg, indem er fragte: Wieso?

Du nimmst den Korpsbetrieb nicht ernst. -- Nein, hole ihn der Teufel,
meinte Georg innerlich, er nahm ihn nicht ernst, den Firlefanz. Habe
ich recht, Georg? Er machte ein ganz ernstes Gesicht, tadelnd: Du
scheinst dich zu langweilen. Du langweilst dich bei den Mensuren. Du
langweilst dich noch mehr im Fuxunterricht. Du singst manchmal nicht mit
am Spielabend ...

Die Zotenlieder! hohnlachte Georg im Herzen.

Du langweilst dich im Caf, bei der Kneipe und beim Exbummel. Du
langweilst dich immer und berall, -- und nur -- Riesa sprach immer
heftiger und scheltender -- wenn es der Durchlaucht gefllt, einmal
guter Laune zu sein, ist sie bei der Sache und wird dann leicht
ausfallend in einer sehr unbeliebten, ironischen Art. Ja, entschuldige
schon, schnitt er Georg das Wort ab, da grade ich es bin, der dir das
sagt, aber da dein Leibbursch leider zur p. p. Suite abwesend ist ...
Und vielleicht ists dir doch lieber, _ich_ bin es, als ein _Andrer_.
Unsre Gesellschaft, schlo der kleine, friedliche Mensch aufatmend,
aber mit Entschlossenheit, scheint dir nicht zu gengen.

Georg war beraus verwundert. Was fr eine Seite kehrte ihm denn auf
einmal dieser sonst so geistreiche Mensch zu? -- Er kam freilich im
Auftrag ... Aber nahm ihn doch ernst! Irgendwo hat jeder seine
Beschrnktheit, dachte Georg enttuscht und entschlo sich endlich zu
einer matten Entgegnung, indem er bemerkte, unsre sei doch mindestens
bertrieben.

Darauf, war die nur gereiztere Antwort, darauf, Georg, la ich mich
nun _nicht_ ein. Ich stehe hier nicht allein, sondern fr das Korps.
Bitte aber, wenn du dich verteidigen willst ...

Georg sa, die Ellbogen auf den Knien, die Hnde gefaltet, mit
schmerzenden Augen in die letzte Helle oben starrend. Da Riesa darauf
bestand, das Korps zu verkrpern, was war zu antworten? -- Endlich wagte
er es:

Ich glaube allerdings, da ich ... nicht hierher --, wie soll ich
sagen? -- Ich meine, nicht wahr, es war wohl ein Irrtum, da ich aktiv
wurde, schlo er, das Gesicht zu Riesa herumdrehend.

Irrtmer, Georg? fragte der bestimmt. _Die_ bist du wohl so gut, mit
dir allein abzumachen! Er kehrte sich zum Fenster herum.

Georg fhlte den Schwei aus seinen Hnden brechen und die Brust
eingezwngt von Widerstand und Angst. Sie schwiegen wieder. -- Wovor
frcht ich mich denn? fragte Georg sich, immer verdumpfter. Es war jetzt
ganz finster im Raum. Georg fragte mde, ob er Licht machen solle, aber
der Andre wehrte, wieder ganz liebenswrdig, ab: wenn es seinen Augen
unangenehm wre, dann nicht. -- Wieder wars still. Dann begann im
Hausflur unten gedmpft das klffende Bellen eines Hundes, das Haustor
wurde polternd aufgeschlagen, das Klffen jubelte hell auf, Georg
glaubte einen kleinen weien Hund zu sehn, der mit dem rasch in die
Ferne verhallenden Gebelfer der Freiheit die Strae hinabscho. de
dehnte sich in seiner Brust. Er schlo die Augen. Als er sie wieder
ffnete, war es pltzlich hell geworden: durch die Fenster fiel von
unten der Schein einer Straenlaterne quer durch den Raum bis an die
Decke.

Georg stand auf und begann, die ganz feuchten Hnde auf dem Rcken, auf
und nieder zu gehn. Sein Denken setzte aus. Was er htte sagen knnen,
lie dem Vertreter des Korps gegenber sich nicht fassen. Gern htte er
sich entladen, geklagt und getobt. War nicht alles ein einziger groer
Brei von Stumpfsinn unter Alkohol? Jeder Einzelne ein irgendwie netter,
ja reizender Mensch, wenn man ihn allein hatte, aber zusammen ... da
wars, als ob die gegenseitige Berhrung sie zu Kreide verwandelte.

Darf ich eine Frage zur Faktischen tun? fragte er schlielich.

Bitte sehr!

Wie bist du eigentlich hier herein -- geraten! Wie hast du es hier
ausgehalten?

Riesa schien des trocknen Tones nun satt, schien zu lcheln und meinte,
inwiefern das wohl zur Faktischen gefragt sein sollte. brigens ... wie
ich hereingeriet? Mein Vater war alter Herr hier, ich stand allein,
suchte Menschen, Verbindungen. Wie ich es ausgehalten habe? Ja, Georg,
wie haltens die Andern denn aus?

Du giebst also zu, da es schwer ist?

Da es mitunter nicht leicht ist, wer wollte _das_ verhehlen? Ich
glaube, es giebt Wenige -- und es drften kaum die Besten sein --, die
nicht einmal einen Besuch empfingen wie du zurzeit. Das Korps ist doch
kein Kinderspiel.

Georg hrte kaum die letzten Worte. Pomps, allerdings nur in seinem
Innern, erwiderte er: Ich will dir was sagen, Riesa! Obgleich du mir
vorhin schon Standesallren vorgehalten hast, erklre ich dir rund und
schlicht: Das Ganze ist ein Stumpfsinn zum Kotzen! --

Warum sage ich das nicht laut? dachte er erhitzt. Ah, wenn ich einmal
Herzog bin! Er fhlte seine Hnde na, aber eiskalt jetzt, pltzlich
schlugen seine Zhne aufeinander, ein Frostschauer berflutete ihn, in
der Kopfhaut liefen siedende Schlangen. Ich habe Fieber, dachte er und
streckte sich, ein chzen unterdrckend, auf den Diwan. Ach, wie war das
alles widerlich und belanglos!

Und brigens, hrte er Riesas Stimme in weiter Ferne fortfahren, ich
habe ja meine kleine Medizin. Du hast wohl nicht mehr davon gehrt, da
sie allgemein bekannt ist. Ich bin als Junge, mit vierzehn Jahren, mal
von einer Kreuzotter gebissen und mute eine halbe Flasche Rum
austrinken. Seitdem bin ich immun gegen Alkohol. Hchstens giebt es
einen kleinen Nebel, a--ber ... als es alle wuten, verloren sie die
Lust, mich viel trinken zu lassen. Es htte ja doch keinen Zweck ...

Ja doch keinen Zweck! Nun brauste Georg hochspringend doch auf. Das,
ja das ist der ganze Zweck: besoffen zu werden! Menschenkinder, wo habt
ihr eigentlich eure Jugend sitzen? Jugend, ja Jugend, das ists, was ich
vermisse. Wir sitzen beieinander wie die Greise, steigen herum wie die
Greise, fechten steif wie die Greise, und --

Er stockte, da Riesa sich mit einer aufhorchenden Bewegung zur Tr
umwandte. Hat es geklopft?

Gleich darauf pochte es wieder. Georg rief: Herein! In der Tr
erschien das Hausmdchen mit einem Brief. Ein Bote habe ihn gebracht.
Sie verschwand wieder. Georg, eine fremde Frauenhand auf dem
mattvioletten Umschlag erkennend, trat mit fragendem Du erlaubst? zum
Schreibtisch und lie unbedacht die elektrische Lampe aufflammen, die
zwei blendende Schwerter in seine Augen stie. Es dauerte eine Weile,
bis er auf dem Briefbogen die dnnen und runden Schriftzge dmmern sah,
endlich die Unterschrift: Ihre Cora. Aber er konnte sich nicht einmal
recht freuen in seinem gereizten Zustand. Er entzifferte:

   Aber was ist das, Georg? Sie kommen nicht? Ein Brief auf
   kstlichem Papier? Ein Unfall? Georg, an Unflle glaube ich
   prinzipiell nicht! Der Mann meiner Freundin sagt, es wrde wohl
   ein Duell gewesen sein. War es, Georg? (Sie erlauben doch, da
   ich Georg schreibe, Durchlaucht finde ich grlich!) Etwa
   meinetwegen?!? Sich einer Frau wegen duellieren, fnde ich schn,
   obschon es an sich abscheulich ist. Ich bin furchtbar in Sorge,
   Georg! Ich glaube, ich werde heut nachmittag, wenn mich mein
   Weg in die Nhe Ihrer Wohnung fhren sollte, auf eine Minute bei
   Ihnen hineinsehn. Nur um mich zu berzeugen. Oder schickt es sich
   nicht? Ich habe keine Ahnung! Erwarten Sie mich jedenfalls
   _nicht_! Wenn ich es nur aushalte vor Unruhe! Georg, wissen Sie,
   da ich _sehr_ erschrocken bin? Hieraus bitte ich aber keine
   falschen Folgerungen zu ziehn! Also ich komme bestimmt nicht!!!

   Es sei denn, die Tante, die ich besuchen mu, ist gar zu
   langweilig.

   Ach Gott, da fllt mir ein, da ich ja morgen abreise. Sehe ich
   Sie denn noch? 8 Uhr 30 geht der Zug. Fr alle Flle also gute
   Besserung und auf Wiedersehn in einer schneren Welt! Sind Sie
   traurig?

                                                                  Ihre
                                                                  Cora

Georg hatte, als er gelesen, neben der Erregtheit der augenblicklichen
Erwartung ein unbestimmtes Gefhl von Schmetterlingen oder Motten oder
Raupen; vielleicht geflgelten Raupen. Immerhin -- solch ein Wirrwarr es
war, schien es doch entzckend in seiner Art. Eigentlich war nichts zu
unterscheiden, jeder Satz meinte etwas Andres, als er sagte. Sicher
kommt sie, dachte er triumphierend, erinnerte sich nun Riesas und wandte
sich zu ihm, unschlssig, was er sagen sollte. Zum Glck fiel ihm Bogner
ein, von dem sich leicht eine berleitung finden lie, und er fragte,
das Briefblatt in den Hnden drehend:

Sag mal ... was ich schon lange fragen wollte ... erinnerst du dich,
einmal Bilder von einem Maler Bogner gesehen zu haben, Benvenuto?

Bogner? Ja, ich denke. In Berlin bei Cassirer, nicht wahr? Eine
Landschaft?

Mglich. Er ist nmlich --

Ja, jetzt erinnere ich mich. Ein Blick in ein Flutal, beim ersten
Hinsehn ganz konventionell anscheinend, aber in Wirklichkeit war alles
auf eine sehr besondre Weise vereinfacht, und die Farben hatten ihr
Geheimnis. Es erinnerte mich an gewisse Zeichnungen von Kokoschka; es
giebt da einen weiblichen Kopf -- erinnerst du? -- in den dicken
Konturen nahezu akademisch anmutend --

Die aber in Wirklichkeit Schnre aus hundert zitternd lebendigen
Strichen waren, -- oh natrlich, Kokoschka! fiel Georg ein. Und nun
mute er auf Riesa zutreten und in bittendem Tone sagen:

Nun hr einmal, Lieber, findest du es nicht auch schner, von Kokoschka
und dergleichen zu sprechen, anstatt ... Er versuchte, dem vor ihm
Stehenden eine Hand auf die Schulter zu legen und sie zu streicheln, der
aber tat, als ob Georg nach ihm schlagen wollte, duckte sich lchelnd
und abwehrend und rief, whrend Georg nun ttlicher auf ihn eindrang:
Jedes zu seiner Zeit! Schaff dir eine Kreuzotter an, Georg!

Es giebt ja keinen Zoologischen hier! lachte Georg, Riesa gegen die
Tr pressend, allein jetzt kam ihm ber der Vorstellung einer Kobra Cora
wieder ins Gedchtnis, und er sagte, von dem Andern ablassend:

Die Sache ist nmlich die: ich kenne diesen Bogner, von frher her, ja,
und nun habe ich vor ein paar Wochen eine Schwgerin von ihm kennen
gelernt, durch Zufall. Sie ist hier zu Besuch, und sie schreibt mir
eben, es wre nicht unmglich, da sie heut nachmittag ...

Riesa lchelte mit schiefem Mund. Im Augenblick bin ich verschwunden.
Er griff nach der Trklinke. Auf Wiedersehn, Durchlaucht! Vergi nicht,
weshalb ich kam! Schon auf dem Flur und beim Mantelanziehn sprach er
weiter von Pflichtbewutsein, und was Irrtmer betreffe, die Georg
angedeutet habe, so sei das seine Sache. Milaunen an seiner Umgebung
auszulassen, sei entschieden inferior ...

Dann fiel die Flurtr hinter ihm ins Schlo, Georg ging, frierend vom
Kltehauch des Treppenhauses, in sein Zimmer zurck, raffte Coras Brief
wieder an sich, allein das Licht schmerzte empfindlich, er glaubte, nun
wirklich zu fiebern, lschte die Lampe und streckte sich auf den Diwan.

Bald erschien ihm Coras Gesicht, das flattrige, braune, rtliche Haar,
die mattblauen Augen unter dem sonderbaren Grtel brauner
Sommersprossen, der blasse Mund mit zu dicken Lippen ... Wie mag ihr
Mann wohl sein? Eigentlich war es doch peinlich -- gerade Bogner
gegenber. Peinlich? Es war doch nichts geschehn! Aber sie war wohl kaum
ganz echt. Freilich: fr ihren Mann war sies doch. Sie kam! -- Sein Herz
pochte wieder mit Nachdruck. Er wartete. Er wute die Zeit nicht, wollte
sie auch nicht wissen, um das Warten nicht durch Berechnungen peinlicher
zu machen. Und dann taumelte ein Mnadenschwarm von Vorstellungen durch
sein Gehirn. Er hrte ihr Klopfen an seiner Zimmertr, sie war da, er
ffnete, er sah deutlich ihren Schattenri, den groen, schwarzen Hut
... allein auf diesem Punkt erlosch alle Vision: er konnte keine
Vorstellung fr ihre Haltung finden in diesem Augenblick, fr ihr Wesen,
ihr schillerndes Wesen. Auf der Suche nach einer leibhaften Erscheinung
von ihr, kam alsbald der Saal in der Schackgalerie hervor, das groe
Tizianbild in der Lenbachschen Kopie, davor -- ihm selber den Rcken
zuwendend -- jene, noch ganz fremde, sehr schmale Gestalt, im
bergroen, flachen Hut, eine Pelzjacke berm Arm, in grauem Kleidrock
und violetter Seidenbluse mit leicht angerissener Rckenschnalle. Und
die hellweiche, unsichre Stimme fragte ein unscheinbares Weibwesen neben
ihr mit etwas klagendem Tonfall und prtenzis: Tizian? Aber das ist
doch ganz Lenbachs Technik! wobei sie pltzlich das Gesicht zu Georg
herumwandte, ihn voll anblickend aus blassen Augen. Und er -- mit ihm
selber unbegreiflicher Gefatheit -- fing gleich an zu erklren: Eine
Kopie ... es seien lauter Kopien ...

Die Stuckornamente an der Decke ber Georg, vom Laternenschein hell
beleuchtet und schattenwerfend, verschwammen langsam. Er vernahm die
tiefe Regungslosigkeit der sonntglichen Stille im Haus. Die Glocken
waren verstummt. Sie kam noch immer nicht ...


                               Das andre

Georg fuhr mit einem Schreck in die Hhe, am Erwachen merkend, da er
geschlafen hatte. Er lauschte wild. Sein Herz sprang und jagte. Alles
war still. Nach wie vor teilte das einfallende Laternenlicht den Raum in
zwei schiefe Hlften von Glanz und Dsternis. Hatte es geklopft?
geklingelt? Wie lange hatte er geschlafen? -- Totenstille. -- Nein, die
Glocken! Kaum hrbar fern bewegte sich wieder das wogende Durcheinander
von Tnen, jetzt vergehend unter dem wtenden Sausen seines beim
Hochfahren in den Kopf geschossenen Blutes, dessen folterndes Brodeln
ihm nun eine fast unertrgliche Gier erregte, die heie Bindenlast
abzureien, und schon sprte er im Loszerren und -wickeln, wie es
leichter wurde, khler, ganz khl ... dann wieder die Glut, denn er sa
unbeweglich, die Hnde an den Schlfen, die Brust bervoll von
namenlosen Befrchtungen. War sie nicht gekommen? Und kam sie noch --
was konnte es fr Wert haben, bei diesem, seinem Zustand? Er war zum
Unglck geboren. Er tat Falsches; dann kam das Rechte zur falschen Zeit.

Endlich zog er die Uhr aus der Weste und mute, das Zifferblatt ins
Licht haltend, erkennen, da es bereits halb sieben war. Sie war
ausgeblieben.

Elend im Herzen stand Georg auf und schlich zum Fenster. Vor der Laterne
unten, jenseits des Fahrdamms, der glnzend schwarz war, wehte ein
feiner, glitzernder Schleier von nassem Schnee herunter. ber ihre
grnliche Helle hinweg sah er die bluliche Schneedecke am Boden des
Parks unter dem schwarzen Netz von Astgewirr, eine weie Wiesenflche in
der Ferne, darber die Wand des Himmels, ganz violett. Lange,
gedankenlos, starrte er hin, und sein ganzes Innres fllte sich, sog
sich voll derweil mit einer Trostlosigkeit ungeheuer.

Ihm schien alles unentrinnbar geworden. Die tiefe de seines Korpslebens
hielt ihn gepackt wie ein Polyp mit hundert weichen, geisterhaften
Armen; er wute nicht, wie entkommen, wute nicht, wie es ertragen nur
bis ans Ende des Semesters. Und dabei, dachte er hochfahrend, wenn sie
wten, wen sie vor sich haben! Ah, wenn ich Herzog bin, werde ich dafr
sorgen, da dieser Stumpfsinn ein Ende nimmt! Wenn sies nur schon
wten! Dann wrden sie brav ihren Kotau machen und -- aber was hilft
mir das! -- Er fhlte sich wieder umzingelt, und die Zeit stand still.
Cora -- das war doch eine Oase gewesen; so anfnglich, wie es war, so
reich an Mglichkeiten, an Phantasie, an Gefahren! Morgen reiste sie ab.
Morgen, dachte Georg, kann ich schlafen, solange ich will, da ich nicht
zum Fechtboden zu gehn brauche, -- das ist ein Trost!

Da gedachte er Annas. Er gewahrte mit einer kleinen Drehung des Kopfes
zur Rechten ihre Photographie im Dunkel auf dem Schreibtisch; die Flche
glnzte glsern, die Zge blieben unsichtbar. Ja, unsichtbar, denn dies
war aus. Sie wollte es ja! Traurig immerhin, da er sie so schnell
vergessen hatte. Nein, nein, es war klar: das war in Wahrheit keine
Liebe gewesen, und so hatte sie mit ihrer Forderung an ihn unbewut das
Rechte getroffen. Wenn nur das Telegramm zu Weihnachten nicht wieder
Hoffnungen in ihr erregt hatte ... Aber was war zu machen?

Pltzlich wehte es ihn von dem Bilde her an, Rhrung, Zrtlichkeit, ein
mattes Verlangen, und die Vereinsamung. Er ging hin, beugte sich ber
den Tisch, suchte nach ihren Zgen, und als er die lieblichen dmmern
sah, schienen freundliche Erinnerungen leise zu erwachen. Er seufzte,
griff in die Tasche nach seinem Schlsselbund, schlo die Mittellade des
Schreibtisches auf, zog sie vor, und da lag gleich Annas Brief, der
Scheidebrief, auf den er, bergebeugt mit aufgesttzten Hnden,
hinabstarrte, minutenlang ohne Gedanken.

Das Schrillen der Flurglocke sauste so gefhrlich durch ihn hin, da er
nahezu schlotterte. Da! da! das war sie! Er warf die Lade zu, sie wollte
nicht schlieen, seine Hand zitterte, er warf das hinderliche
Schlsselbund links herum und rechts, ri endlich den Schlssel heraus
und stand und horchte derweil wie ein Einbrecher nach drauen, wo es
jedoch so still blieb wie zuvor. War er allein in der Wohnung? Mute er
selber ...? Ah ja, und wenn er hinging und ffnete, so stand da ein
Dienstmdchen oder dergleichen, so wie bei Pragers an totenhaften
Sonntagnachmittagen, und fragte schchtern nach Frulein Lina.

Nein, nun mute er doch gehn. Und angehaltenen Atems, im Wirrwarr von
Zuversicht und Erwartung des Enttuschtwerdens, schritt er zur Tr, ber
den Flur zum Glastor und ffnete. Da stand sie.

Also doch noch! sagte er, unendlich befreit.

Sie stand, zurckgewichen bis ans Treppengelnder, die Unterarme in
einer groen, grauen Feemuff, die, wie ihre Jacke aus gleichem Pelz,
verklebte nasse Haare hatte, das blasse Gesicht, halb im Schatten der
breit geschweiften Hutkrempen, aufgehoben mit unbestimmtem Ausdruck, und
auch an Nase und Kinn glitzerte es leise von Tropfen.

Prinz, wie sehen Sie aus! sagte sie endlich schwach.

Ich! seh ich aus? Er fate sich an den Kopf. Ach, das macht nichts!
Bitte, kommen Sie doch herein!

Aber sie beharrte in ihrer Haltung. Sie sind ja ein furchtbarer Mensch!
Also wirklich so ein grliches Duell! Wie kann man nur! -- Soll ich
wirklich hereinkommen? fragte sie dann, seine ausgestreckte Hand
erfassend, und lie sich hineinziehn, wobei sie so dicht aneinander
gerieten, da er seine Hand in ihren Arm schob. Sie sagte halblaut: Ich
frchte mich aber! So fhrte er sie den Gang hinunter.

Als er die Tr zu seinem Zimmer ffnete, rief sie laut: Oh Gott, wie
riecht es hier! Sind Sie das, Prinz? Jodoform oder so. Ach,
entschuldigen Sie nur, das durft ich wohl nicht sagen? Hab ich nun Ihre
Ehre gekrnkt? Dann mssen wir uns auch duellieren.

Georg befand sich in einem Wortschwall. Nein, sagte sie, als er nach
ihrem Muff griff, ich will nicht ablegen, auf keinen Fall, Durchlaucht!
Den Muff, o ja, den knnen Sie haben. Gott, wie entzckend Sie wohnen!
Da haben Sie ja den ganzen Park vor dem Fenster! Lieben Sie den
Englischen Garten auch so? berhaupt Mnchen! Oh, ich liebe Mnchen!
Eine himmlische Stadt! Kennen Sie Magdeburg? Magdeburg ist der Tod.
Nein, da ich nun wirklich hier bin! Prinz, das drfen Sie mir nie
vergessen! Werden Sie? Schwren Sie es! Ich htte wirklich nicht
gedacht, da ich kommen wrde! Auf der Treppe bin ich dreimal umgekehrt.
Glauben Sies nicht? Nein, wie entzckend Sie eingerichtet sind! -- Kein
Licht! antwortete sie auf Georgs Frage, dann mu ich mich zu sehr
schmen. Sie lachte. Vor ihn tretend, fragte sie dann sehr besorgt, wie
es ihm eigentlich gehe. Ach, Sie haben sicher Schmerzen, und ich rede
in einem fort. Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Nun
bin ich gleich still, Sie legen sich schn auf den Diwan, und ich setze
mich zu Ihnen. Aber nicht dicht! Sie lachte wieder, Georg lie sich zum
Diwan drngen, setzte sich auch, stand aber gleich auf, da sie an ihrer
Jacke knpfte, half ihr sie ffnen und ausziehn und hngte sie ber
einen Stuhl. Unterweil redete sie fort:

Sie wissen doch, da ich morgen reise? Sonst wre ich ja auch nicht
gekommen. Bestimmt reise ich, Georg. Sie drehte den Armstuhl vorm
Schreibtisch herum, nicht ohne einen Blick auf Annas Bild, und setzte
sich, whrend Georg sich halbliegend ber den Diwan streckte. Meine
Tante war entsetzlich eben. Kanarienvogel, Sofaschoner, sittliche
Entrstung, es war alles da. Georg, Sie sagen ja gar nichts! Nun sagen
Sie blo, warum fechten Sie eigentlich? Es ist doch so unzeitgem!
Sport ist viel gesnder. Im Sommer besuchen Sie mich einmal, und wir
rudern zusammen. Ich rudre leidenschaftlich. Sie?

Georg versicherte, gleichfalls mit Leidenschaft zu rudern, worauf sie
erklrte, sie kme um vor Durst. -- Ob sie einen Likr trinken mge?

Likr? Aber Durchlaucht! Was haben Sie denn fr welchen? Ich trinke nur
sen. Oh ich liebe Likr! Finden Sie das grlich? Ja, ich bin ein
lasterhaftes Weib ...

Ihre Stimme flatterte im Raum umher so unsicher wie eine Fledermaus,
eine blagelbe Fledermaus, dachte Georg, indem er eine Flasche Sherry
Brandy und zwei Glser aus dem Schrank holte, die er fllte. Sie stieen
mit dem kleinen Finger an, Georg konnte nichts trinken und stellte sein
Glas wieder hin, whrend sie das ihre in kleinen Schlucken leertrank.

Dann, nachdem er einiges gesagt hatte, von seiner Freude ber ihr
Kommen, seiner Einsamkeit und einem unangenehmen Besuch, den er gehabt
habe, sa sie still da, nachdenklich, wie es schien, und Georg geriet
wieder in die Erinnerung an Riesas steifes Geschwtz und seine eigene
unterbrochene Anklagerede. Ohne sein Zutun ballte die sich wieder in ihm
zusammen; jetzt konnte er sie zu Ende bringen und sich erleichtern.

Sie wundern sich ber mein Fechten, fing er an, aber das ist noch das
Netteste vom Ganzen. Ach, darber sprachen wir ja schon! Heut kommt
einer, ganz steif, im Auftrage des Korps: Ja! -- und: kurz und gut: mein
Benehmen ist ihnen aufgefallen, und er warnte mich. Er war steif wie von
Pappe, blo mit einer Vorderansicht bemalt. Hier ist einer immer steifer
als der Andre. Das ist die studentische Jugend! Achtzehnhundertdreizehn,
da htte man leben sollen! Da war Jugend noch Feuergeist. Ja, wenn man
noch unbndig wre, Bande sprengte, die des Ich und somit die
brgerlichen; ber die Strnge schlge und etwas bte, das -- das
Wirkung htte, das -- wenn auch nur Erstaunen und Entsetzen meinetwegen
von irgendwem hervorriefe! Da doch wenigstens der Brger das stumpfe
Bewutsein htte von einer andern, einer leichtern, freiern, khnern,
jngern Welt! Wie schn sie dasa und lauschte! Georg fhlte sich fast
schmerzlos im Weiterreden. Ihm kamen bunte Einflle. Wenn man -- also
meinetwegen auf lauter Schimmeln in roten Badehosen hellmittglich durch
die Stadt ritte und am Stachus Gaudeamus snge. Wenn man Serenaden
brchte, eine vergtterte Sngerin unter Bergen von Struen begrbe ...
Was meinen Sie? Wenn man zum Beispiel alle Hebammen der Stadt
mitternachts zum Zentralfriedhof bestellte, um die Toten des Todes zu
entbinden. Georg mute auflachen ber eine neue Vorstellung, die er vor
Lachen kaum ber die Lippen brachte: seine smtlichen Korpsbrder, die
mit umflorten Zylindern und Kerzen in den Hnden einem Sarge folgten, in
dem ein toter Hund lag, und den sie unter Musik feierlich begrben, blo
um aufs Grab schreiben zu knnen, da hier >der< Hund begraben lge.

Entzckend, Georg, sagte sie nun, aber warum tun Sies nicht? Machen
Sie den Anfhrer!

Georg warf sich herum und stand auf, nicht ohne Verwirrung. Ja, sagte
er, da stehe ich und denke mir was, aber ich fhre es ja auch nicht
aus. Ja, und glauben Sie vielleicht, ich wrde Gefolgschaft haben?
Erstens bin ich ein krummer Fux, der den Mund zu halten hat, und
zweitens ... Ich sagte es ja schon: vor hundert Jahren gab es
dergleichen vielleicht. Aus berma der Gefhle, aus Jugend, nur aus
Jugend, knnte dergleichen ja doch nur losbrechen, aber wo giebts die
heutzutage? Sie mssen sich ja voll Bier schtten bis zum Hals, um nur
munter zu werden, und was herauskommt, ist blo Radau oder -- wieder
Bier.

Cora hob die Achseln. Gott, Georg, sagte sie spitz und verzichtend,
Sie brauchen sich doch eigentlich nicht zu beklagen. Sie sind doch
frei! Sie sind ein Mann. Aber sehen Sie mich an! Ich bin gebunden. Ach,
und die brgerliche Atmosphre, in der ich sitze -- -- Georg, glauben
Sie mir, ich kann nchtelang liegen und weinen vor lauter Verzweiflung.
Die Ehe ist -- ich will Ihnen sagen, was sie ist! Ein Verbrechen gegen
das keimende Leben. Man ermordet sich gegenseitig, auch wenn mans noch
so gut machen will. Mein Mann ist _sehr_ gut, Georg! Aber was hilft das?
Die bestndige Reibung. Und ich bin so ganz unbrgerlich. Ich bin zu
amsant. Mein jdisches Blut, wissen Sie! Mein Grovater war Jude, ein
Prachtmensch, oh ich liebe ihn, unbeschreiblich! Daher das Kritische an
mir. Immer Widerspruch, -- das ist doch das einzig Gute am Judentum: der
Sauerteig der Nationen. Ich htte Schauspielerin werden sollen. Als Kind
wollte ich immer. Auch spter noch. Ich habe sogar Unterricht gehabt,
aber dann verliebte sich mein Lehrer in mich, und es nahm ein Ende mit
Schrecken. Sie lachte, seufzte dann schmerzlich.

Aber Sie konnten doch einen andern Lehrer nehmen? meinte Georg
widersprechen zu mssen, brennend erregt von ihren Aufschlssen.

Gott, Sie wissen doch, Georg, erwiderte sie matt, ich heiratete
eben.

Ja, aber weshalb denn?

Weshalb? Einmal mu man doch. Und Herbert wollte es ja durchaus. Er war
so rhrend! Sie machen sich keine Vorstellung, wie rhrend er war! Da
giebt man denn schlielich nach. brigens mten Sie mich einmal
deklamieren hren und Ihr Urteil sagen, ganz ehrlich! Kennen Sie Werfel?
Oh wie ich den liebe! Er ist so ausschweifend. Kennen Sie das:

   Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht,
   Erhebt ihr euch von eurem tglichen Gert ...

>Lesbierinnen< heit es.

Wollen Sie es nicht sagen?

Sie stand auf. Aber wie spt ist es denn? Georg, ich mu sptestens um
acht in der Schellingstrae sein. Meinen Sie, da noch Zeit ist? Also
hren Sie zu!

Sie hatte sich drben im Schatten vor dem Bcherschrank aufgestellt, so
da Georg von ihrem Gesicht nur den Schein sehn konnte. Dann begann ihre
unsichere Stimme, die sie mglichst geheimnisvoll zu machen suchte,
halblaut und mit pathetischer Eindringlichkeit:

   Wenn abends Heimkehr endlos durch die Gassen geht,
   Erhebt ihr euch von eurem tglichen Gert.
   Zwei se Nherinnen, noch vom Radgesang umsplt,
   Jetzt wandelt ihr, von Wind und Mdigkeit gekhlt.

   Entfacht daheim, ihr Kinder, euren Samowar
   Und lst das leichte, luftverspielte Haar ...

Georg, der das Gedicht kannte, benutzte die Gelegenheit, sich zu sammeln
und sich fr Minuten ganz der Folter seines Kopfes zu berlassen.
Fiebernd, schweibedeckt am ganzen Leib, hrte er ihre Stimme ferner und
ferner verhallen, endlich wieder lauter mit den Schluzeilen:

   Doch ist auf jeder Lippe Tod und Rache da,
   (Ha, der verruchten Ksse angeklagte Kette!)
   Schlaft ein,
   Schlaft ein in eurem Bette!
   Dem tausendfachen Geist der Liebe seid ihr nah.

Als sie dann schwieg, hielt er Schweigen fr den zartesten Ausdruck der
Bewunderung und bemerkte erst nach einer Weile achtungsvoll, das Gedicht
fnde er eigentlich weniger schn als ...

Pervers, nicht wahr? sagte sie flott, aber schn! und kam langsam
durch das Zimmer zu ihm, Bangnis seltsam aushauchend mit einmal.
Trotzdem wagte er es, ihre Hnde zu fassen. Hatte er daran gezogen? Sie
war pltzlich auf seine Knie nieder geglitten und wre gefallen, wenn er
nicht den Arm um ihren Rcken gelegt htte.

Georg, was tun wir? sagte sie heftig atmend. Nein, ich bin Ihnen ja
viel zu schwer! lachte sie dann. -- Sie war wirklich schwer.

Pltzlich -- -- was war denn nun das gewesen? Eine heie, feuchte
Berhrung an seinem Ohr, und sie war aufgesprungen. Hatte sie wirklich
die Zunge in sein Ohr ...? Er wollte auf und ihr nach, doch durchschnitt
in diesem Augenblick der grelle Schein der aufflammenden
Schreibtischlampe seine Augen, und geblendet sah er ihren Schattenri,
ber die Lampe gebeugt, neben die sie Annas Bild hielt. Dann hrte er
ihre Stimme:

Prinz, wer ist das? Welch ein entzckendes Gesicht! Wie zart ist es!
Lieben Sie sie? Ich wei, da Sie sie lieben! Erzhlen Sie mir von ihr!

Sie stellte das Bild wieder hin und ging an das Fenster. Was mochte sich
nun in ihr bewegen? fragte sich Georg, noch schweigend und nach Worten
suchend. War sie eiferschtig? -- Mit leiser Stimme brachte er vor, er
habe dies Mdchen wohl geliebt, aber es sei lngst aus, sie habe es
nicht gewollt, -- und mehr dergleichen, was ihm selber plump und trivial
vorkam. Sich schmend, senkte er den Kopf und schlo die Augen, mute
aber nun denken, da, wenn sie ihn so sitzen sah, er ihr von Erinnerung
bermannt scheinen mute, und da dies ihm nicht eben zuwider war.
Gleich darauf hrte er das Rauschen ihres Kleides, sah auf und sah sie
verschwommen in der Dunkelheit ber sich, und der Hutschatten verdeckte
das ganze Fenster mit der Laternenhelle. Wieder nahm er ihre Hnde. Sie
beugte sich herab und kte schonend seine Stirn oder vielmehr den
Verband darber, und dann sa sie, weich hingeschmolzen, auf seinem
Schenkel, er kte ihre Wange einmal und noch einmal, suchte ihren Mund,
erreichte ihn, aber kaum da er ihre Lippen gefhlt hatte, ganz kalt und
fleischig, war sie aufgesprungen und von ihm fort. Ohne ein Wort zu
sagen, nahm sie ihre Jacke und zog sie an, ging durch den Raum zu dem
Sessel, auf dem ihre Muffe lag, nahm sie an sich, kam wieder bis zu ihm,
der aufgestanden war, hielt ihm die Hand hin und sagte: Adieu!

Er fand nichts als ein kmmerliches: Wollen Sie wirklich gehn?

Wie spt ists denn? fragte sie in gleichgltigem Ton. Er sah auf die
Uhr, fand, da es drei Minuten vor acht war, log aber, es sei
dreiviertel.

Um Gottes willen, dann ists aber allerhchste Zeit! Sie lief fort von
ihm zur Tr. Als er sie eingeholt hatte, ffnete sie, schritt dann mit
gemachter Gelassenheit den Gang hinunter und wandte sich vor der Glastr
mit der Bemerkung: Schne Bilder! indem sie sich nach den Wnden
umsah. Ihm wieder die Hand hinstreckend, die andre auf der Trklinke,
lchelte sie, in den zusammengezogenen Augen einen Hauch von -- wars
Ironie, Verachtung? -- Es reizte jedenfalls Georg dermaen, da er sie
umschlang, sie an sich drckte und heftig auf den Mund kte. Lange
Sekunden hielt sie hingegeben still, ri sich dann los, ri die Tr auf,
war hindurch und hatte sie hinter sich ins Schlo geworfen.

Dastehend, die Glastr vor Augen, merkte Georg nach einer Weile, da er
schmunzelte, worauf er augenblicks ernst wurde, zumal ihm einfiel, da
sie am nchsten Morgen abgereist sein wrde. Alsbald fror er in der
Khle des Flurs und ging in sein Zimmer zurck.

Das ist das Leben! dachte er zhneklappernd im Auf- und Niedergehn.
Morgen ist sie fort, und ich habe es gerade bis zum Anfang gebracht.
Wenn sie nicht wirklich nach Hause gemut htte, fragte er sich frivol,
ob es dann bei der Jacke geblieben wre? Da fhlte er wieder die
Berhrung ihrer Lippen, die so fremd gewesen war. Fremde Menschen,
dachte er, was soll das alles? An Riesa fiel mir auch die Fremdheit auf.
Oh Gott, mein Kopf, das ist ja, um in die Luft zu gehn! -- Fremde
Menschen, murmelte er betubt, fremde Menschen ... Sie freilich hatte er
gekt, aber dadurch war sie ihm nicht bekannter geworden. -- Nein,
erklrte er sich fest, dies ist das Leben nicht, das du zu fhren
gedachtest. -- Es war ja alles falsch und sinnlos. Das Korps war
verkehrt, auch Riesa verkehrt, und Cora? Cora ...

Wenn ich einmal Herzog bin ... ging es durch das Zacken in seinem
Gehirn; und dann: ob Papa -- in seiner Jugend -- auch solche Dinge ...

Frierend, fiebernd, ganz erschpft, stand er vornber und kam sich
unecht vor an Leib und an Seele.


                       Siebentes Kapitel: Februar


                          Georg an Cora Bogner

                                                Mnchen, am 1. Februar

Herrin:

Entschwunden? Gnzlich verschwunden? Allerdings, ich erinnere mich: wir
hatten beschlossen, die flchtige Zartheit unsrer Berhrung so
falterhaft sein zu lassen, wie sie war; ihr nicht die Bleigewichte von
Briefen anzuhngen und so weiter, Sie wissen schon. Aber -- was alles
beschliet nicht der Mensch! Es ist gro zu verzichten fr den Reichen,
aber nun bin ich verarmt und so einsam wie der letzte Wolf in Polen.
Gro ist auch Einsamkeit, wo sie ganz ist und echt; ich aber bin niemals
allein, -- Sie kennen mein hiesiges Dasein, das nicht den Namen Leben
verdient. Leben Sie? In dem Rohrdommelnest Beuglenburg zwischen den
ewigen Mooren? Dann gewhren Sie mir ein gndiges Zeichen!

Ihrer Huld mich empfehlend, gebeugt, ehrfrchtig

                                                              der Ihre
                                                     Georg Trassenberg


                          Cora Bogner an Georg

                                         Beuglenburg, am Amtsgericht 2

Lieber Prinz!

Bin ich Ihnen aufrichtig genug, wenn ich sage, da Ihre Zeilen mich sehr
gerhrt haben? Wie recht Sie haben! Wir beschlieen so Vieles im Glck
und knnen spter noch froh sein, da Beschlsse keine Taten sind und
sich zurcknehmen lassen. Ach, armer Georg, Sie rufen nach mir wie ein
Schiff in Seenot nach dem Ufer -- alles las ich zwischen den Zeilen! --
aber bin ich denn am Lande? Taten, die sich nicht rckgngig machen
lassen usw., und ich knnte Sie selber zitieren: Sie kennen mein
hiesiges Dasein ... Aber nun bin ich nicht ganz aufrichtig, denn ich
habe erstens den besten Mann von der Welt und zweitens ein ses kleines
Geschpf, das Sie kennen, und mit der sich, wie Sie wissen, nicht
konkurrieren lt. Oder wagen Sies? Prinz, ich warne Sie!! Also hier
haben Sie einen Brief! Freuen Sie sich? Dann sagen Sies Ihrer Sie
vielmals grenden

                                                           Cora Bogner


                             Georg an Cora

                                                           10. Februar

Verehrungswrdige:

_Mon verre est petit, mais je bois dans mon verre_ heit auf Deutsch:
Ihr Brief ist klein, aber ich trinke aus Ihrem Brief! Nmlich so wie der
berhmte heie Stein den Tropfen: vllig aufgesogen! Und nun bitte:
mehr! Meine Verzweiflung ist am Siedepunkt. Wozu davon reden.
Erleichterung, die ich fr Augenblicke in dem mit Recht so beliebten
Spiel der Takte und Reime fand, ging so geschwinde vorber wie ein
Falterschatten. Schatten eines Falters, von dessen Flgeldecken Ihr
Augenpaar glnzte wie das des Pfauenauges. Was kanns Ihnen bedeuten?

Wobei Ihr groer Schwager mir einfllt, von dessen Bild ich Ihnen
erzhlte. Soll ich ihm eigentlich schreiben, da er Sie besucht, wenn er
Trassenberg verlt? Wir kamen damals darberhin. Wie ich ihn kenne,
kann ich mir nicht denken, da er dem Ansinnen, zu seinen Eltern zu
gehn, Widerstand leisten wrde, zumal wenn Sie ihn bezauberten wie mich.

brigens haben wir jetzt hier Karneval, ich bin jede dritte Nacht in
einen andern Domino verliebt -- o ser Dunst, der sich manchmal im
Morgengraun phantastisch zu Versen kristallisiert wie der Niederschlag
der Ofenwrme an der Fensterscheibe, Lilien und Palmen! -- aber im
ganzen bin ich wohl zu norddeutsch schwer und treibe in der
alkoholischen Flut wie ein Stck eisenbeschlagenes Holz, zu schwer zum
Schwimmen, zu leicht zum Versinken, ein Holzklotz in Seenot, berhren
Sie seinen Anruf! Mann und Kind und geliebt, Sie sind glcklich, was
wollen Sie mehr? Sie haben Wrme, ich Hitze, Sie Licht, ich das Dunkel.
Ich will versuchen, zu trumen. Sommerwiesen und ein goldenes
Pfauenauge, -- seien Sie gndiger dem Trumenden, als Sie es dem
Wachenden sein drfen, eheu!

                                                            Trbsinnig
                                                           Trassenberg


                             Cora an Georg

Euer Liebden!

Sehr behaglich, obwohl verrenkten Fues, sitze ich in meinem Sofa und
schreibe Ihnen einen Gru. Mein Kind Susanne versucht eifrigst, mich
daran zu hindern, indem es mir den Bleistift aus der Hand reit, ich mu
sie mit Klapsen abwehren wie eine Brummfliege -- da, jetzt wieder!
Entschuldigen Sie den Krakel, den es gegeben hat!

Da ich im brigen annehme, da Sie ein Mann und gesonnen sind, das bel
wie ein solcher zu tragen, interessiert mich in Ihrem Brief vor allem
das geheimnisvolle Pfauenauge aus Takten und Reimen. Warum lassen Sie es
nicht her zu mir flattern? Ach, Sie wollen nur, da ich darum bitte,
aber -- herrje! Diesmal kam der Klaps zu scharf, und es hat Trnen
gesetzt. Die Spuren finden Sie auf dem Papier, -- da Sie nicht etwa
glauben, sie wren von mir! O Himmel, da habe ich ja auch gereimt! Ist
es immer so leicht? Aber ich hre nun doch lieber auf und gre Sie!

                                                          Leichtsinnig
                                                               Cora B.


                             Magda an Georg

                                Altenrepen, Gntherstr. 5, 19. Februar

Mein lieber Georg!

Wir saen am Kaminfeuer, den Nachmittag und den ganzen Abend. Es war,
als sen wir in einer kleinen, feurig rot erleuchteten Hhle in dem
finstern Berg der groen Halle, die wieder in der groen Dunkelheit lag,
die drauen ist, und es war schauerlich behaglich! Renate las ihrem
Onkel und mir und Josefs -- ihr Vetter! -- Kater -- gro und gelb sa er
mit steifen, grngelben Augen dicht vor den Flammen, und sein dicker,
buschiger Angoraschweif stand wie eine Straufeder hinter seinem Rcken
-- ihren geliebten Hoffmann vor, den >goldenen Topf<, der so wunderbar
gruselig ist! -- Aber ich mute immer an Helenenruh denken, an die
langen, einsamen Nachmittage nach Mutters Tode, und dann an die
Weihnachtsferien einmal, wo Ihr alle da waret, und Deiner Mutter ging es
so gut damals, da sie uns Geschichten erzhlte, weit Du das noch? Wie
alt mgen wir damals gewesen sein? Wir waren Kinder jedenfalls, und es
ist schrecklich, o schrecklich lange her!

Der Winter dauert auch so endlos lange, und ich kann mir kaum
vorstellen, da einmal Sommer werden wird, wenn ich an den letzten
denke. Soviel, soviel ist geschehen inzwischen, das ich vergessen habe,
nur da es furchtbar war, das habe ich behalten, und noch schaudert mich
oft, wenn ich daran denke.

Oft denke ich an Dich, und was Du wohl fr ein Leben haben magst, das
glaub mir nur, wenn ich auch Dein liebes Weihnachtstelegramm nicht
beantwortet habe. Ich wei nicht einmal, wie ich dazu komme, Dir heut zu
schreiben, aber auf einmal hatte ich die Feder in der Hand, und nun
stehn da schon viele Worte.

Bald bin ich nun schon sieben Wochen bei meiner Freundin Renate; ich
frchte mich ein wenig vor Helenenruh, und da ich Papa kenne, so wei
ich, da er mich nicht vermit, wenn er mich immer wieder ermahnt, hier
zu bleiben. Ich habe auch meine Stimme prfen lassen und seit einiger
Zeit Unterricht. Sie soll sehr schn sein, -- ja, ich wundere mich
manchmal selbst ber ihren Klang, so tief und stark ist er -- Alt, weit
Du --, als wre gar nicht ich das, die da singt, denn es klingt traurig,
und ich bin eigentlich immer vergngt. Wir machen den halben Tag Musik;
Renate, mut Du wissen, hat eine Orgel, eine richtige, in einer
richtigen kleinen Kapelle, die im Garten steht, und es ist so wunderbar,
in der dunklen Klte drauen zu stehn, wenn die drei hohen gotischen
Fenster milde gelblich leuchten, und drinnen das seltsame Brausen
umgeht, als wre eine dunkle, summende Geisterversammlung dort, und
tnende, lichte Engel gingen umher und verteilten kstliche Speise. Die
meiste brige Zeit verbringen wir bei der Schneiderin, denn ich brauche
eine Unmenge Sachen, und immer giebt es Zank mit der Schneiderin wegen
der allzu engen Rcke, die sie einem am liebsten um die Fe
zusammenschnrte. Da giebts viel Gelchter, und das kann ich wohl
brauchen.

Jason al Manach, denke Dir, ist noch immer in Helenenruh. Papa hat ihn
sogar aufgefordert, ins Verwalterhaus zu bersiedeln, und er lt sich
ja alles gefallen. Papa schreibt, er wre ja totsicher verrckt, aber es
wre eine angenehme Art -- er erzhlt nmlich immerzu Geschichten, --
ach, Du weit ja von alledem nichts, aber wenn ich anfange zu erzhlen,
dann ist es soviel, und tausend schwere Dinge stehn wieder auf, so da
ich lieber still schweige.

Hast Du Maler Bogner gesprochen? Hast Du seine Bilder gesehn? Vor
einigen Tagen kam meines; es ist so wunderbar, da ichs gar nicht
begreifen kann. Ich bins ja nicht, die er da gemalt hat, obgleich es
mein Gesicht ist. Du wirst es selber sehn, denn ich mu es ihm
zurckschicken, weil er es kopieren will.

Nun leb wohl, lieber Georg! Viel liebe Gre von Deiner

                                                                  Anna


                             Georg an Magda

                            Mnchen, Schwabenkorpshaus, Aschermittwoch

Liebe Anna:

Es steht eine heilige Wand in dieser Stadt, eine heilige, selig
machende, sndenvergebende Wand. Ein Haus ist um sie gebaut mit andern,
hnlichen Wnden, aber keine von ihnen hat die Kraft der einen, -- man
nennts: alte Pinakothek. Vier Bilder sind an ihr zu sehn, zwischen denen
Auge und Seele schwankt und, von einem Entzcken ins andre strzend,
nicht wei wohin vor grenzenloser Wonne. Die Madonna im Rosenhag von
Francesco Francia ist das erste rechter Hand; daneben das zweite ist
Raffaels heilige Familie (aus dem Hause Canigiani); das dritte ist
Peruginos heilige Jungfrau, das Christkind verehrend, zwischen dem
Evangelisten Johannes und St. Nikolaus -- alle drei stehen --; und das
vierte linkerhand ist Peruginos Madonna, die dem heiligen Bernhard
erscheint. Das ist der vierarmige Leuchter der dreieinigen Gottheit:
Schnheit, Frmmigkeit, Reinheit. Da erlischt die Welt, ganz leer wird
das Herz, die Zeit steht still, der Geist Gottes schwebt ber den
Tiefen. Wenn ich nur daran zurckdenke, jetzt, jederzeit, zittert mir
das Herz.

Raffael sah ich zuerst, damals als ich kam vor Monaten, vom weiten
schon, und erschrak, noch ohne zu wissen, was ich sah, so sehr, da
meine Augen wegirrten. Da trafen sie auf Peruginos Madonna zwischen den
Heiligen. Mir stand das Herz still. Ich wei nicht, wie lange ich
hinsah; schlielich merkte ich, da ich schon lange das Bild von Francia
betrachtete. Nun begriff ich nichts mehr; es war, als ob, wohin ich die
Augen wandte, immer der eine Gott vor mir stnde, unweigerlich,
allgegenwrtig. Und da mute ich die Madonna sehn, wie sie dem heiligen
Bernhard erscheint. Da lchelte derselbe ernste Gott, und ich wute: er
ist unendlich.

Ich sa dann still vor der heiligen Wand, und auf einmal merkte ich, da
ich an Dich dachte. Ich kann Dir die Bilder leider nicht beschreiben,
vielleicht aber bekomme ich eine gute Nachbildung des Bernhardbildes,
denn an Dich erinnerte mich die Madonna, was Du freilich nicht wirst
begreifen wollen, weil sie dunkel ist, brunlich wie alle Madonnen und
Heiligen Peruginos (es war immer das gleiche Mdchen, das er malte), und
doch mute ich an Dich denken.

Ach, ich mu noch mehr von den Bildern reden. Von den andern ist mir
wohl der zweite Perugino der liebste, vielleicht deshalb, weil es ein
unglckliches Bild ist. Wie die Figuren uerlich unverbunden
nebeneinander stehn, so haben sie auch jeder ein eigenes inneres Leben,
jeder fr sich, und es klafft da etwas, besonders wenn man Raffaels, wie
immer in ein Dreieck komponierte heilige Familie daneben sieht, in der
eine so unsagbar liebevolle Einigkeit von Zueinanderbeugen und
Ineinanderschmelzen vor sich geht, da es wie der sanfteste Wirbel ist,
der in die tiefste Andacht hinunterzieht.

Nein, nun nichts mehr von den andern Wunderdingen in diesem Hause,
nichts von Drers Selbstbildnis, nichts von seiner Beweinung Christi,
dieser Glorie seliger Farben um die Leichenfarbe des Gekreuzigten,
nichts von der Madonna Tempi, von der andern Peruginos, von der
Francias, von Altdorfers Geburt Mari -- Kircheninneres mit einem
mchtigen, um drei Pfeiler geschwungenen, dunkelfarbenen Engelskranz --,
von Sebastiano del Piombo, von Stefan Lochner und Dierick Bouts, von den
alten deutschen Meistern, von Rembrandt und Ruysdael, Pacchia und
Holbein, -- denn in einer Stunde geht mein Zug nach Wien.

Nmlich Aschermittwoch ist heute, -- o glckliche Seele, die nicht ahnt,
was das bedeutet! Und als ich, ein wenig getrstet, aus der Pinakothek
heimkam, so lag Dein Brief auf dem Tisch, und da: konnte ich einfach
nicht mehr, beschlo auszureien, erinnerte mich Giorgiones in Wien und
fahre kurzerhand dorthin. Warum solche Verzweiflung? Ach, das erzhle
ich Dir vielleicht mndlich, es lohnt sich nicht, davon zu schreiben,
und in zwei Monaten hats ja ein Ende. Du hast wohl gehrt, da ich aktiv
geworden bin. Nun, das ist alles. Falls Dir zufllig ein -- literarisch
unbeschreibliches -- Buch namens >Hellmut Harringa< in die Finger
geraten sollte, so wirst Du darin die Beschreibung einer Kneipszene
finden, die Dir genug sagen wird.

Lebe wohl, ich schreibe bald wieder! Hab tausend Dank, da Du schriebst,
ich bin heilig froh, da es Dir nun gut geht! Nichts von mir! ich wute
Dir nicht besser zu danken, als da ich Dir von den Bildern schrieb. Von
Herzen Dein

                                                                 Georg

Ja, noch etwas in Eile. Du erinnerst Dich an Pragers, bei denen ich
wohnte, und an meinen Schulkameraden Benno, den Komponisten. Sein Vater
hat es tatschlich fertigbekommen, den armen Jungen in eine Bank zu
stecken, da er zu keinem Studium Neigung hatte, und das der Musik verbot
der Alte. Nun sitzt er unglcklich und allein in Altenrepen, und da ich
hre, da Ihr viel musiziert, so mchte ich Dich und Deine Freundin
bitten, ihn bei sich aufzunehmen. Ich schreibe ihm sofort, da er Besuch
machen soll. Er ist das schchternste, gtigste, reinste Wesen von der
Welt, zum Sterben menschenngstlich, aber wenn man ihn zwingt, so giebt
er nach, es ist ihm nicht gegeben, zu widerstehn, er wrde dem Teufel
aus reinem Mitleid mit seiner Teuflischkeit seine Seele schenken. Sei
gut zu ihm, als ob ich es wre! Ich und auch Papa haben ihn vergebens
halb tot geschlagen, da er seiner Wege geht und auf Papas Kosten Musik
studiert, aber seine Mutter ist krank, eine armselige, trichte Frau,
und solange sie lebt, will er nicht gegen ihren Willen handeln. Hab
tausend Dank!

                                                                    G.

                                           Wien, abends am 22. Februar

Natrlich! da habe ich in der Hast der Abreise richtig vergessen, den
Brief in den Kasten zu werfen, und nun ist er mit nach Wien gekommen.
Mir nicht ganz unlieb, denn nun kann ich Dir zum Triumph Peruginos noch
den Triumph Giorgiones hinzufgen, und zwar in spannendster Steigerung
ber Tizian, van Dyck, Velasquez, Moretto und Breughel (!!!).

Du fragst gewi, warum ich nicht lieber nach Altenrepen gekommen bin,
aber siehst Du, Kind, von den abscheulichen Dingen, mit denen ich
zurzeit belastet bin, wird am besten geschwiegen, denn all das ist meine
eigene Schuld, und am besten beit man die Zhne zusammen und lauert
aufs Ende. Dann hat man eher ein Recht, es sich auch von der Seele zu
reden, nachdem man es schon heruntergehoben hat.

Nichts von dieser Stadt. Von ihr lt sich alle Tage reden. Das Ewige
dagegen bleibt immer unwahrscheinlich, man mu ihm Hymnen wie Ketten und
Netze berwerfen, um es zu halten, um es zu glauben. Nur in unsern
Gebeten leben die heiligen Dinge, nur in der heiligen Handlung wird das
Brot Gottesleib. Nur wenn ich fhle, atmet der Gott, der um mich ist.

Und doch, wie ich nun anfangen will, -- was kann ich sagen? Soll ich
wieder aufzhlen: Catena und Lorenzo Lotto, Amberger und Memling?
Rubens, den ich nicht leiden konnte, berwltigt vollkommen mit
leuchtenden Massen von Gliedern, -- o Venusfeier! O unsagbare Hand des
Prinzen Ruprecht, gemalt von van Dyck! O heilige Justina Morettos da
Brescia! Ach, es ist noch schlimmer als in Mnchen: man sinkt nicht mehr
in die Knie, man geht, man schleicht mit gedemtigten Knien durch die
Sle und wagt nicht, sich aufzurichten. Unbeschreiblicher Breughel! Das
sind gar keine Bilder, das sind -- oh -- Unwahrscheinlichkeiten! Justina
wre der Inbegriff -- ihre Haltung verzaubert! -- wenn nicht -- --

Ja, wenn nicht das Wunder da wre, das Unfaliche, der innerste
Inbegriff, das berallemaen, Natur und doch mehr als Natur, das Letzte,
wo Bewunderung, Staunen, Ehrfurcht, Liebe einfach -- abprallen, nichts
mehr gelten, weil nichts mehr reicht; das man einfach zu empfangen hat,
wie Baum und Berg, Himmel und Tau im Gras -- -- -- Giorgione.

Klingt denn Dir auch schon der Name so geheimnisvoll, so riesenhaft und
feierlich? Giorgione. Giorgione! Michelangelo klingt blo ppig daneben.
Das Bild heit >die drei Magier<; mir scheinen es ein Feldmesser, ein
Kaufmann und ein Astronom zu sein, die sich irgendwie im Ausgang eines
Waldes zusammengefunden haben. Einer sitzt und hat ein grnes Kleid an
und weie rmel; von den beiden Stehenden trgt einer einen violetten
Kragen auf rotem Gewand; einer ist ein Greis, dessen Kleidfarbe ich
verga; herum ist Wald, schwarzbraun, pelzig, im Hintergrund ists offen,
liegt hinter seltsam verbogenen, braunschwarzen Bumen eine
Abendlandschaft. Das ist alles. Nein, es sind nicht Farben, es ist nicht
Leinwand, es ist nicht gemalt, es ist -- Magie, Herrgott, merkst Du
nicht, wie mir alles versagt! Ich mchte stundenlang davon reden und
finde die erbrmlichen Worte nicht. Als er das Bild machte, mu er
alles, was sich darber sagen lt, versteckt haben, oder vielleicht hat
ers hineingemalt, und dies ist das Geheimnis. Er mu den Pinsel in
Gottesblut getaucht haben, in reinen ther, in Essenz von Natur und
Seligkeit, in den Teich in Elysium, in den Atem zweier Liebenden, in die
Seele einer Staude Heliothrop, in die Nacht, in den Nachtwind. Und dann
hat er damit gemalt, lieber Gott, gemalt!

Oh kein Wort weiter! Die Stunde, wo ich dies schrieb, soll stehn bleiben
um mich und um Dich. Ich habe die Uhr abgestellt, die im Zimmer ist. Ich
denke nicht an morgen. Ich sage Dir nicht lebewohl! Ich sage nur ganz
leise Dank, da ich dies mit Dir teilen durfte.

                                                                 Georg


   Schau, wir waren doch so traurig,
   Und nun sind wir oft so froh.
   Dieses Leben, hart und schaurig,
   Qult uns doch nicht immer so.

   Seit wir uns bei Namen nennen,
   Ward auch vieles Andre hold,
   Und die Herzen mssen brennen
   Wieder still und wieder Gold.

   Wenn das Lager spt die kranke
   Stirne gar nicht khlen will, --
   Nur ein leuchtender Gedanke,
   So wirds friedlich schon und still.

   Was wir auch verloren haben,
   Immer wieder kommts zurck,
   In den Blicken, in den Gaben,
   Und es heit auch dieses Glck.

                                                                 Georg


                         Georg an Benno Prager

                                                  Wien, am 23. Februar

Im Leben der Liebe, teuerster Benno, giebt es Augenblicke von seltener
Fragwrdigkeit, -- wie zum Beispiel den, wenn die Geliebte in einem
kurzen Hemde von seltsamer Birnenform dasteht, die seltsam gespaltene
Hose wie einen Danaidensack vor sich offen hlt, zuerst mit dem linken
Bein hineintappt -- bzw. mit dem rechten, je nach der Drehung ihres
lieben Charakters -- alsdann mit dem andern, hierauf das Ganze vorn
hochzieht und mit einer seltsamen Gebrde hinter sich das Hemde
hineinwischt ...

Erschrick nicht, mein Benno, dies ist eine Beobachtung und kein
Kynismus. Frauen haben seltsame Obliegenheiten zu erfllen. Ich wrde
aber ins Uferlose geraten, wollte ich fortfahren, da mir eben mnnliche
Unterhosen einfallen, in denen man wie ein Peijaz aussieht. Du, Benno,
wirst vorgeben, da niemand da wre, den Peijaz zu sehn, aber es knnte
doch Feuer auskommen! Trage deshalb lieber wie ich kurze weie
Leinenhosen mit langen schwarzen Strmpfen! Gleichwohl war es nicht
dies, was ich Dir mitzuteilen gedachte, vielmehr das folgende: Von
meiner Freundin Anna Magdalena, genannt Magda Chalybus, hre ich, da
sie sich seit einiger Zeit in Altenrepen bei einer Freundin aufhlt.
Damit Du sie kennen lernst, und besonders weil ich vermute, da Du Deine
Tage verbringst in knstlicher Igelform, mein altes liebes Lamm, das Du
bist, wirst Du Dich -- bei meiner Ungnade! -- stracks mit Deinem
schwarzen Examensgehrock bekleiden, Dich in die Gntherstrae 5 in
Waldhausen begeben und nach meiner Freundin fragen. Du bist bereits
gemeldet. Die Leute heien Montfort, und Magdas Freundin soll eine
musikalische Leuchte sein. Also! --

Womit von Rechts wegen der Zweck dieses Briefes erledigt wre. --

Vorwurfslos, wie es die angeborene Christlichkeit Deiner Seele bedingt,
hast Du mein langes Schweigen und die kargen Kartenrufe ertragen. Ohne
Scherz, lieber Freund, mein eigenes Verhalten hat mich genugsam
geschmerzt, und doch war es nicht zu ndern. Der alberne Schlamassel, in
den ich hineingeriet, machte mich unwirsch im Anfang, setzte mir Zotteln
an die Seele, die ich nicht abzuschlenkern verstand, und so ward aus
Wochen und abermals Wochen bald ein halbes Jahr, ohne da ich Dir
gegenber treten konnte, wie sichs ziemt, reinlich, -- ach, Du verstehst
es ja! Nun sitze ich an einem nassen Winterabend in einem den
Hotelzimmer dieser Stadt von steinernen Schluchten (sogar die
hineingehauenen Huser behielten innerlich ein Skelett von steinernen
Treppen!), die, wie mir scheint, bei ihrer Begrndung nicht mit dem
Winter rechnete, -- sitze ich, wie gesagt, pltzlich unfhig, mich zu
bewegen, nur einen Schritt nach auerhalb zu tun, z. B. ins Burgtheater,
um die Musik zum Egmont zu hren. So kam denn der Augenblick, wo ich
mich an Deine treue Brust strzen mu, um mnnliche Trnen zu weinen.

Ja, nun -- --

Nimm an, ich sei im vollen Zuge dabei, und da fragst Du nun mit
erbarmender Stimme: Ja, was ist denn eigentlich los? -- Ich wei es
nicht, Benno, ich wei es bei Gott nicht, denn zu sehen ist nichts, gar
nichts, geschehen ist auch nichts, blo da ich fr den Augenblick nicht
mehr konnte, das steht fest.

Wie wrs mit der Beschreibung eines Tageslaufs aus meiner derzeitigen
Daseinsepoche? La sehn:

Aufstehen morgens gegen acht, in eine wartende Droschke hinein, blo mit
Nachthemd, Hose und berzieher bekleidet, und zum Paukboden. Daselbst
eine Stunde Arbeit mit Schlger und Sbel bis zum Schweitriefen, und
der bis dahin dumpfe Schdel ist licht und frei. Droschke, nach Hause,
Bad usw. Um elf Uhr, das mittlerweile herankam, Frhschoppen, der sich
hinzieht unter Wiederholung der nmlichen drei bis sieben Redensarten
wie: Prost! Saufs doppelt! Png png! Das kann man wohl sagen! (Auch:
das kann man _wohl_ sagen!) Weils gleich ist! und: In die Kanne! --
hinzieht, wie bemerkt, bis zum Mittagessen, an das sich die
Kaffeehaussitzung anschliet -- bis gegen drei, auch vier Uhr. Am
Nachmittag giebts eine Ehrenratssitzung, oder einen Besuch, oder
Schlittschuhlauf, oder eine Spazierfahrt. Oder ich lese. Ich habe so
viel gelesen, da ich krank davon bin. Vom ganzen Dostojewsky fehlt mir
nun blo noch der >Jngling<. Alles bisher noch Unbekannte liegt nun
hinter mir, viele Bnde Balzac, Titan, Hesperus und die erhabenen
Flegeljahre, viele Bnde Strindberg, die Studien Stifters, Fielding,
Thackeray, Stendhals Chartreuse, Jakob Wassermann, Salambo und Bovary
und noch drei Mal soviel. Ich habe festgestellt, da meine
Durchschnittsgeschwindigkeit, die, wie Du weit, immer bedeutend war,
nunmehr genau hundert Seiten in der Stunde betrgt, also einen
Durchschnittsroman am Nachmittag. Meist freilich, das heit die letzten
Wochen verbrachte ich die Nachmittage im Sofa mit nichts als der
treuesten holden Freundin des Daseins, der Zigarette. Selten ein Gedicht
und kein gutes. Nun der Abend. Das ist verschieden. Montags Konvent,
Dienstags Spielkneipe (Filzlaus und andre Wrfelspiele, da der Anblick
von Spielkarten mich in tdliche Langweile versetzt, dazu schweigsames
Anhren des Absingens der, an diesem Abend offiziellen Zotenlieder, es
geschieht von wegen der Abhrtung, weit Du). Mittwoch frei, Donnerstag
Augustinerbru, Freitag irgendein andres Bru, Samstags groe Kneipe.
Und an jedem Samstag von frh bis tief in den Nachmittag hinein eine
Mensur nach der andern, zum Verrecken, wre nicht ab und an das
fragwrdige Zwischenspiel einer Sbelkontrahage. Ich selbst habe meine
fnf Mensuren hinter mir, davon zweimal p. p., und bin zum a. C. B.
rezipiert. Anmerkung: die Bruabende verlaufen wie der Frhschoppen; der
Nachttopf vom Ganzen ist der Konventabend, (beilufig: hast Du auch so
eine Abneigung gegen Nachttpfe? Ich schmeie sie raus, wo ich sie
finde!) das heit die Beratungen ber innere und uere
Korpsangelegenheiten, Stiftebiere, Rechnungsablage, Dechargierungen,
Mensurbeurteilungen usw. Ausschweifungen Notabene verben sich auf eigne
Faust, im Plan liegen sie nicht. Nur an Samstagen ist die Duhne
offiziell, sonst verldt man seine fnf Liter im Leibe in ein Droschkon
und zockelt heim. Fnf Liter von diesem leichten Bier trinken sich
angenehm. Ich habe zehn Kilo zugenommen. Wirds einem mal zuviel, geht
man ans Becken und speit sie von sich.

Ecco, wie Knallfred Err sagen wrde, ich habe es bis hierher gelffelt
und werde es auf die Neige lffeln. Nur ein einziges Mal schlug der
Betrieb mir berm Kopfe zusammen, nmlich als ein Korpsbruder die
Benediktinerflasche ber einige, eben von mir erworbene Luxusdrucke
ausleerte unter der Begrndung, er fhle sich dadurch angedet, worauf
ich ihm eine hineinknallte, die meinem lieben Herzen wohltat. Es waren
unersetzliche Sachen darunter, jedoch nicht deswegen! Es war mir bei
Gott ein Schwert durch die Seele gefahren, -- kurz, es war mein Leben,
was das Schwein besudelte. Nun, die Geschichte lie sich beilegen, ich
befinde mich -- oh schne Folgeerscheinung! -- fr vierzehn Tage >im
Schwarzwald< und entfloh nach Wien, -- freilich hchst verbotener Weise,
doch kann das die Dimission hchstens um zwei Wochen verlngern.

Ich will doch zur Schlumusik vom Egmont gehen, Benno, und hren, wie er
sagt: >Kind, Kind, die Sonnenpferde der Zeit ...< Meine Seele grinst
mich nun von diesen Blttern an, leider nicht wie ein abgelegter
Schlangenbalg, sondern nur wie eine Maskenfratze, die ich wieder
vornehmen mu. Aber fr eine Weile sprte ich doch die Erleichterung vom
schmerzlichen Druck der Gummibnder hinter den Ohren. Habe Dank, lieber
Geduldiger, da Du die Maske so lange hieltest! Weine nicht und gieb sie
wieder her! Gre die Anna und freue Dich mit mir auf Ostern und das
nchste Semester Altenrepen. Ich habe wahrhaftig Heimweh nach den alten
Straen. Lege mich zu Fen der Frau Mama sowie des Fruleins Schwester
und verbleibe mein Freund!

                                                                 Georg


                             Georg an Cora

                                                Am 24. Februar in Wien

Schaumgeborene!

Aus Wien, wohin ich gefahren bin, melde ich mich bei Ihnen mit der
Versicherung meiner vollkommenen Untrstlichkeit ber die Verrenkung
Ihres Fues!

Und nun sagen Sie bitte: Knnen Sie noch schnder? Freilich ist zu
merken, da Ihr letztes Anschreiben unter Verteilung von Klapsen verfat
wurde. Danke bestens! Mit Geduld und Spucke lassen vielleicht Mucken
sich fangen, niemals aber Schmetterlinge mit Klapsen. Teuerste Brgerin
im Kanapee, Ihr Behagen mge so unendlich sein wie zwischen uns die
vorhandene Ferne! Sollten Sie Wert darauf legen, es zu wissen, so will
ich festzustellen versuchen, ob der Vorhang, den Ihr zufriedener Genius
zwischen uns zog, aus Fries besteht, aus Kattun oder vielleicht einer
Wscheleine voll Barchentrcke.

                                                   Untertnig der Ihre
                                                              Georg T.

Wenn Sie sich entschlssen, ein Datum ber Ihre Briefe zu malen, wie
wre das?


                             Cora an Georg

Lieber Georg!

Aber was ist das fr eine Art, ber mich, die ich wehrlos im Bett liege,
mit einem derartigen Feuerbrand von Brief herzufallen! Sind Sie immer so
wild? Liebe Durchlauchtigkeit, bedenken Sie, da ich meinen
Bleistiftbrief unter bestndiger Bewachung Molles verfat habe, die, wie
Sie selber wissen, schwerer zu hten ist als ein Sack Flhe. Sonst
htten Sie noch lnger auf einen Brief warten mssen, und wenn ich Ihnen
nicht mein Morgenstndchen opfere, wo ich so liebe, im Wachen zu
trumen, ist mein Tag fr eingehende Briefe zu unruhig. Heut aber bin
ich vor Schrecken gleich aus dem geliebten Bett gesprungen. Aber mu man
denn immer so grndlich sein? Sie haben vielleicht kein Verstndnis fr
die gallische -- ich sollte sagen: semitische -- Leichtigkeit, die ich
im Blute habe, dennoch knnte Ihnen eine Spur davon nicht schaden.
Mssen Sie immer so teutonisch _furieux_, so >voll und ganz< und
>unentwegt< sein? Nehmen Sie mich doch, wie ich bin, leicht, leicht,
leicht, immer tanzen, das ist viel schner, und nach Ihrem Karneval
trage ich das heftigste Verlangen! Ihre freundlichen Belehrungen ber
die Grnde hufigen Verliebtseins und die Erhebung des Gegenstandes
derselben zum gelinden Berauschungsmittel -- also besserem Fusel --
waren mir lehrreich. hnliches habe ich als selbstverstndliches
_sousentendu_ innig in meiner Seele gehegt. Um so weniger drfen Sie
Bedenken hegen, die geheimnisvollen unsichtbaren Schmetterlinge
vertrauensvoll auf meine hingehaltene Nadel zu spieen. Ich werde die
poetische Freiheit zu wrdigen wissen und nie vergessen, da ich nur das
Mittel zum Zweck bin. _Faute de mieux on couche avec sa femme_ heit ein
schnes altes Wort.

Und da haben Sie -- zum Kder? -- ein Bild von mir. Wie gefllt es
Ihnen? Sie wollten zu trumen versuchen. Haben Sie? Was? Ich konnte noch
nicht trumen, Herbert lie mich nicht. Warum Sie traurig sind, mchte
ich wirklich wissen, frage mich im Gegenteil, warum Sie nicht
himmelhochjauchzend sind. Dies wre wenigstens schmeichelhaft fr Ihre

                                                                  Cora

Seien Sie lieb und geben Sie mir die Unsichtbaren! Bitte, bitte! Ich
wei keinen Grund, warum Sie sie mir vorenthalten. Ich mu sie haben. Es
giebt keinen Grund. Erbarmen Sie sich!

Datum setz ich nur ber formelle Briefe, prinzipiell.


                          Achtes Kapitel: Mrz


                             Magda an Georg

                                                               1. Mrz

Mein lieber Georg!

Wunderbar ist das, was Du von den Bildern schreibst, ganz einzig! und
dank des Riesenpakets von Abbildungen, das Du Lieber mir geschickt hast,
kann ich mir schon eine Vorstellung von diesen Herrlichkeiten machen,
wenn auch die Farben fehlen. Trotzdem -- darf ich das sagen? -- hat Dein
Brief mich doch mehr erschreckt als erfreut. Es ist ja vielleicht nur,
da ich nur diesen bekommen habe, und da mir deshalb Deine Begeisterung
so -- ja, ich finde nur das Wort >verzweifelt< erscheint. Ich sehe immer
nur den Hintergrund von Leiden, den Du andeutest, und Du weit ja wohl,
da Geahntes viel mehr ngstigt als Gewiheit, und deshalb mcht ich
Dich so sehr bitten, da Du mir schreibst, was das eigentlich ist,
worunter Du zu leiden hast. Das Buch, von dem Du schriebst, hat ein
Freund von Renate mir geliehen. Sie selber kannte es -- was kennt die
nicht? --, und sie und er sagten Beide, das Buch habe unendlich
Tchtiges gewirkt, wenn es auch fr Leute mit knstlerischem Geschmack
unlesbar sei. Mich hat es traurig gemacht, o so traurig! Renate und ich
und auch ihr Freund -- er heit Saint-Georges, ein feiner, stiller
Mensch -- haben viel darber gesprochen. Darf ich mich denn gar nicht
sorgen um Dich? Und es erleichtert Dich doch vielleicht, wenn Du davon
sprechen kannst.

Denke Dir, mit Deinem Freunde Benno P. hat es mit einem so komischen
Malr angefangen! Als er uns besuchte, waren wir nicht zuhause, wie das
so geht, dann schrieb ich ihm gleich und bat ihn auf gestern nachmittag.
Um vier kam eine Freundin von Renate, die ihn auch gern kennen lernen
wollte -- sie ist Pianistin und spielt himmlisch! -- da gingen wir in
die Orgelkapelle, und Renate trug dem Diener auf, Herrn Prager dorthin
zu fhren, wenn er kme. Wir fingen dann an, Musik zu machen, und er kam
nicht, und wie es gewhnlich geht, vergaen wir in der Musik alles
andre, und auf einmal war es nach sechs Uhr, und Renates Freundin wollte
fort. Wir gehn ins Haus, durch die dunkle Halle, Renate macht Licht, --
da steht da ein Mensch, lang und mager mit ganz geblendeten Augen ...
Denke Dir, da hat der Diener statt Kapelle Halle verstanden, und der
arme Mensch hat zwei Stunden im Finstern verbracht und glaub ich nicht
mal gewagt, sich hinzusetzen. Lieber Gott, war er verstrt, und nun auf
einmal Renate vor ihm, und noch zwei Mdchen, und Renate, die an und fr
sich schon das Schnste auf der Welt ist, in einem erdbeerfarbenen,
weiten Atlasrock und enger, schwarzer Samttaille mit halben rmeln! Er
hat die Augen kaum aufgeschlagen. Schlielich ists uns aber doch
gelungen, ihn in die Kapelle zu ziehn, -- ja, und wie er dann vor der
Orgel sa und Mut schpfte in einer Fuge, und dann ganz leise anfing zu
phantasieren -- ganz leise, aber, wie Frau Tregiorni sagte: sichtbarlich
erdbeerfarben -- ja, da konnten nun wir still werden und die Augen
niederschlagen, und er sa mit verklrtem Gesicht wie ein Heiliger vor
den groen Pfeifen.

Leb wohl, Georg! Ich wrde so gern Dein Herz leise streicheln oder Dein
Haar, wenn ichs drfte.

                                                                 Deine
                                                                  Anna


                             Benno an Georg

                                                Altenrepen, am 1. Mrz

Mein lieber Georg!

Ein Brief! Ein wirklicher Brief von Dir! Und wie Du Edelmtiger mich
wieder darin beschmst! Nicht nur mit Worten, indem Du Dein langes,
meiner Selbstsucht freilich schmerzliches Schweigen entschuldigst,
sondern vor allem wieder mit Taten, da Du doch trotz Deiner traurigen
Lage Zeit fandest, an mich zu denken und fr mich zu sorgen! Ich bin nun
sehr traurig, Georg, da Du so fremde Dinge durchzumachen hast, -- auch
in Liebesdingen scheinst Du ja merkwrdige Abenteuer erlebt zu haben --,
ich denke aber, Dir selber wird es das liebste sein, wenn ich auf all
das schweige. Womglich knntest Du Dich bemitleidet fhlen, was, wie
ich Dich kenne, das Allerschlimmste fr Dich wre. Dafr erzhle ich Dir
lieber von dem Wundervollen, das ich Dir verdanke, dem Mrchen, in das
ich mich durch Dich nun versetzt glaube, denn noch immer scheint es mir,
als wre alles ein Traum, das Erste und alles Folgende, da ich nun in
dies kostbare Haus zu Deiner Freundin und der ihren zugelassen bin,
diese edlen Frauen selber, deren Umgang ich genieen darf, -- aber nein,
hre nur den Anfang, er sagt alles!

Ja, acht Tage hat es freilich doch gedauert, bis ich die angeborene
Furchtsamkeit, an der ich nun einmal leide, und die Menschenscheu und
Vereinsamung, die sie seit langer, ach, so langer Zeit nun schon
vermehren, abzuschtteln vermochte und mich nach der Gntherstrae auf
den Weg machte. Als ich dann das prchtige Patrizierhaus in seiner
ehrfurchtgebietenden Zurckhaltung hinter den verschneiten Zweigen
seines Vorgartens liegen sah, entsank mir doch wieder der Mut; die Hand
auf der Klinke des hohen Eisenportals stand ich lange, bis ich
erschreckt meiner eigenen Krperlnge inne wurde, deren Schmalheit
andrerseits doch nicht gengte, mich hinter den eisernen Lilien des
Tores zu verbergen, und so ging ich den Gartenweg bis zur Haustr, um
dort -- zu meiner rechten Erleichterung -- von einem lieben, alten
Diener zu hren, die Damen seien nicht anwesend. Er bat mich aber um
meine Adresse, und siehe da, schon am andern Morgen brachte meine
Schwester triumphierend ein Brieflein, von zierlicher Mdchenhand mit
meinem Namen beschrieben. >Lieber Herr Prager< schrieb Deine Freundin,
und ich war wieder einmal erstaunt und entzckt von dieser Schlichtheit
der Vornehmen, die sich nicht mit >sehr geehrten Herren< usw. das Leben
steif und sauer machen. Und wieviel zuversichtlicher ich drei
Nachmittage spter, wohin ich >zu einer Tasse Tee< bestellt wurde, die
Klingel zog, kannst Du Dir denken. Diesmal wars ein weibliches Wesen,
das mir ffnete, ich lie ihr meinen Mantel und wurde von ihr in eine
weie Tr hineingelassen.

Und da begann nun das Wundersame! Es dmmerte bereits, als ich kam, und
nun befand ich mich in einer mchtigen Halle, verdunkelt durch eine
breite Veranda, die durch eine Glastr und die Fenster zu sehen war, und
drauen lag ein groer und schner Garten in weier Winterstille. Ein
helles Feuer brannte aber von gewaltigen Buchenscheiten im breiten
Kamin, an der Wand den Fenstern gegenber, und davor sa eine groe,
gelbe Katze, ganz unbeweglich, hatte ihren buschigen Schweif hinter sich
stehn, streifte mich nur mit einem glimmenden Blick und fuhr fort, ganz
steif die glhenden Augen in das Feuer zu richten. Ihr Schatten, ganz
gro, bewegte sich so merkwrdig hinter ihr, -- ich dachte wahrhaftig,
es sei eigentlich ein Mensch! Es war wie bei E. T. A. Hoffmann. Schne,
tiefe Sessel standen berall umher, an den Wnden hingen altertmliche
Gemlde mit Jagden und Nymphen, soviel ich im Dunkel dort oben erkennen
konnte, es blieb ganz still, und berall waren Tren zu dunklen und
warmen Gemchern offen.

Wie ich aber noch stehe und nicht wei, ob ich mich vor dem groen Tier
nicht doch lieber verneigen soll, so beginnt auf einmal die wunderbarste
Musik. Ein Harmonium schiens, gedmpft und von fern, aber die Tne waren
so voll und brausend, die Stimmen so zahlreich, da ich doch an eine
Orgel zu glauben anfing. (Es war auch eine!) Da trete ich unabsichtlich
der Glastr nher, und was sehe ich? Etwas links im Garten sind drei
geheimnisvolle, hohe und schmale Bogenfenster erleuchtet; eine gotische
kleine Kapelle ists! Wie mir da war! Ich glaubte ja verzaubert zu sein!
Ich stand und lauschte nur, ich kam gar nicht auf die Frage, weshalb man
mich hier allein lie, der schne Name Montfort, den ich berm
Hauseingang las, flgelte so durch mich hin, auf einmal stand das
magische Tier auf, kam zu mir und strich leise murrend an meinem
Schienbein her, wobei es den Kopf zu mir hochhob und sein Rcken so hoch
und krumm wurde wie ein Bogen. Kein Ende nahm die rauschende Orgelflut,
und gab es einmal eine Pause, so knisterte das Feuer und die Stille, und
die drei edlen Fenster leuchteten durch das Dunkel und den Schnee --
ganz so wie es bei einem lieben, alten Lampenschirm war, den ich als
Junge einmal fr meine Mutter zu Weihnachten klebte ...

Wie lange es gedauert hat, wute ich nicht. Nun, mir ward die Zeit nicht
lang ... Auf einmal aber, wie die Musik wieder schweigt, erlschen mit
einem Zauberschlage alle drei Fenster, der Garten liegt still und dunkel
im Schneelicht, dann hre ich weibliche Stimmen und Lachen drauen,
Gestalten erscheinen im Dunkel, es bewegt sich die Glastr, und es
kommen drei herrliche Frauen herein! Ach, Georg, mir stand ja das Herz
still, als ich die eine sah! Denke Dir, sie trug ein ganz groes, weites
Kleid von erdbeerfarbener, glnzender Seide, die Taille war schwarzer
Samt, die halben Arme blo, -- aber nun erst ihre Zge! -- Es war eine
erschreckende Schnheit darin, ja, nur so lt es sich nennen, eine
erschreckende Schnheit. Sie ist sehr gro -- oder schien es wenigstens
zuerst -- nein, ich kann sie nicht beschreiben. Ihre Haut war von
solcher sen Zartheit und wie golden innerlich, das Haar -- von einer
seltsamen, hellbraunen Farbe mit rtlichen und goldenen Hauchen -- trug
sie ber der Stirne gescheitelt, so da diese frei blieb in ihrem ganzen
Adel, dann nicht einfach zu den Ohren gelegt, sondern rund um die Stirne
und, an den wundervollsten, langen, gebogenen Brauen vorber, ganz tief
nach unten und nun erst zurck, wie auf alten Bildern aus der Mitte des
vergangenen Jahrhunderts. Und erst der Mund! Und wie sie nun stehn blieb
und ihre tiefschwarzen, strahlenden Augen auf mich richtet und
gleichzeitig erstaunt die eine Hand an das Kinn legt und den Ellbogen in
die andre und so sinnend steht und mich lchelnd betrachtet -- kannst Du
Dir denken, wie mir da war?

Es war Frulein Renate von Montfort, die Freundin der Deinen. Ja, die
ist nun sehr lieb und auch schn und so anmutig, vor allem aber gewi
herzensgut. Sie kam gleich auf mich zu und lachte und fragte mich alles
Mgliche, was ich gar nicht verstand, dann mute der Diener kommen und
das Mdchen, es schwirrte alles um mich herum, irgendein Miverstndnis
war geschehn, die Damen entschuldigten sich, da ich hatte warten
mssen, -- du lieber Gott, ich war ja froh darber, wie es gekommen war.
Die dritte war eine Freundin des Fruleins, ihr Name wurde mir nicht
gesagt, doch nannte das Frulein sie Ulrika, und sie hatte
wunderschnes, dunkelrotes Haar und ein klares, ernstes Gesicht mit ganz
prachtvollen Brauen. Sie ist Klavierknstlerin. Ja, nun gingen sie alle
wieder mit mir in die Kapelle, und es war wirklich eine Orgel darin, ich
habe auch ein wenig gespielt, und das Frulein spielte, und wie sie da
wieder vor den groen grauen Pfeifen sa in ihrem ausgebreiteten Kleid
und mit leicht zurckgelegtem Antlitz -- -- ganz im Rausch fand ich mich
wieder in der Strae und mute noch lange im dunklen Wald umherlaufen,
bis ich zu Eltern und Geschwistern zurckfinden konnte. Oh dieses
Antlitz! Oh diese Gebrden voll Anmut und Wrde! Ungemein stolz ist ihr
Wesen in der Ruhe; sobald freilich die Zge sich bewegen in der Rede und
zum Lcheln, -- so strahlt Dir ein Sternenhimmel von Seele, Tiefen tuen
sich auf, in denen singende Seraphim mit klingenden Saitenspielen auf
und nieder schweben, da greift Dir das Lcheln einer Gttin in die Brust
mit unsterblicher Hand, und Du fragst Dich, warum Dir je gebangt ...

Lebe wohl, Georg, Du Guter, nimm diese Zeilen als Dank fr das Kleinod,
das ich aus Deiner Freundeshand nahm. Ich kann nun nichts andres mehr
schreiben, was wre auch von mir zu sagen! Und ich darf ja nun wieder
dorthin kommen, sooft ich will, haben sie gesagt, -- ob ich es wage? Ich
_werde_ es wagen!

Mit allen guten Wnschen und Hoffnungen bin ich in Dankbarkeit immer
Dein treuer

                                                                 Benno


                             Georg an Magda

                                                  Mnchen, den 9. Mrz

Meine gute Anna:

Hier, ich begehe eine teuflische Indiskretion und berreiche Dir einen
an mich gerichteten Brief jenes Benno P. Es ist mir schlechterdings
unmglich, ihn Dir vorzuenthalten.

Hast Du gelesen?

Ja, da siehst Du, was Ihr angerichtet habt! Lege mich dem Fabelwesen
Renate gtigst ganz gehorsam und untertnig zu Fen, und sie habe mich
ihr auf das tiefste verpflichtet durch die wunderbarliche Verwirrung,
die sie im Herzen meines lieben Freundes angerichtet habe!

So aber ist er nun, und immer sieht man doch wieder, da man sich
tuscht in diesen guten Bennoleuten. Im siebenten Jahr kenne ich ihn
nun, kenne ihn wie gewi niemand sonst, und wie keine steht mir seine
lange und magre Gestalt, dies magre Gesicht mit den schwermtigen Augen,
der langen, schwermutvoll herabgekrmmten Nase ber dem frh
gewachsenen, hngenden rtlichbraunen Schnurrbart vor Augen in ihrer
ganzen Unbedarftheit, Hlflosigkeit und Seelenflle, und so verga ich
darber denn vllig den Glanz seiner hohen, fliegenden Stirn unter dem
zurckgestrichenen, langfallenden Haar und diesen, doch so oft gesehenen
Schillerischen Zug von Khnheit, Schwung und Adel, wenn er den Kopf
zurckwarf und das Haar, um von Kostbarkeiten des Lebens zu schwrmen.
Verga es und dachte, als ich Deinen Brief, der vor dem seinen kam, las:
es mu sie doch immer frieren an ihrer Seele, diese armen Bennoleute.
Sie zittern bei jedem Lufthauch wie die geschorenen Lmmerlein, sie sind
so unendlich kostbar in unserer windigen Welt, und man sollte sie hten
wie die allerzerbrechlichsten Zierglser, weil sie so selten sind. Und
nun, wenn man sie selber hrt, so verhlt sich alles ganz anders. Wo
unsereiner sie in der allerpeinlichsten Verlegenheit und in Todesnten
glaubt, da stehen sie mitten im Wunder! Ach, man sollte sie in Kirchen
hten wie Reliquien und sie verehren, -- aber nun ist es so, da sie
einem immer zuvorkommen. Du mchtest ihrer einem etwas recht Dankbares
und Liebes sagen, so hrst Du sie im selben Augenblick sprechen: Wie
edel bist du doch! -- Hat er nicht von mir gesagt: Georg, -- das ist
solch ein edler Mensch! -- Hat er nicht? Ich sehe ihn ja, wie er seine
schwermtigen Dichteraugen aufschlgt und sich krmmt in seiner
Magerkeit und seinem schlechten Rock und seiner bergroen Inbrunst! --
Und dennoch sieh: obgleich sie immer zittern und immer ngstlich sind,
so sind sie doch die Behteten. Es sind immer nur Mglichkeiten, vor
denen sie schaudern, Wirkliches aber, wirklich Gemeines und Bses kann
gar nicht an sie heran, weil sie es einfach nicht sehen; es fehlt ihnen
das Organ dafr, -- versteh mich wohl, ein Mensch wie Benno ist ja nicht
dumm und wei vom Hrensagen immerhin, wie es in der Welt aussieht, und
Du wirst ihn schon bald einmal ber die Boshaftigkeit der Welt in eine
furchtbare Standrede ausbrechen sehn, aber gieb acht, wie er hinterdrein
alles zurcknimmt und fr alles einen Entschuldigungsgrund findet; und
diese Verzeihung hat er schon _zuvor_ bei der Hand, wenn etwas Gemeines
sich gegen ihn richtet, denn diese Menschen sind magnetisch fr Gutes
und Edles, und durch eine chinesische Mauer von Schmutz und Niedrigkeit
lassen sie sich von einem eingebildeten Sandkorn der Gte anziehn, das
ihnen alle Verzeihung birgt, denn dies ist die Pflicht, die ihnen
auferlegt ist. Weit Du, was sie sind, kleine Anna? Christen sind sie.
Wirklich, es giebt etliche in Europa.

Genug! Von mir nichts! Kehre zum Eingang dieses Briefes zurck und
erfreue Dich an der daraus sprechenden schnen Wallung meiner betrbten
Seele. Sei gut zu Benno, ich lege ihn Dir ans Herz -- Deiner Renate mich
bitte zu Fen! -- Vergi mich nicht, sei ohne Sorge, schreib aber
lieber nicht mehr, es wrde mir nur das Herz schwerer machen, denn jetzt
kommen >die alertesten Tage< vom Semesterende, die mssen durchgehalten
werden.

Leb wohl!

                                                                  Dein
                                                                 Georg


                             Georg an Cora

                                                              14. Mrz

Teuerste:

Das Semester geht zu Ende, Ende des Monats fahre ich heim, und im
nchsten Semester sieht Mnchen mich nicht wieder, -- sondern?
Altenrepen nahe Beuglenburg! Nein, sehen Sie: das, worunter ich hier
leide, sind nicht eigentlich Leiden der Seele und des Herzens, sondern
des Geistes, nicht Schmerz ists, sondern Emprung, Wut und Ohnmacht ber
die schndliche Vergeudung, die unsre Jugend mit ihren besten Krften
treibt, da sie sich zwar zur Erziehung zwingt, aber nur zu der
allerrohesten und gemeinsten einer -- beilufig vollstndig sinnlosen
und illusorischen -- Abhrtung durch Saufen und Stumpfsinn, so da man
wirklich in Verzweiflung geraten mchte, wenn man dies ihr Ideal eines
glattgehobelten Pfahles betrachtet und dagegen die blhende Mglichkeit
geistigen Wachstums, Adels und der Reinheit, zu der sie erzogen werden
knnten! Ist es nicht haarstrubend, wenn man es sich sagt: zum
Stumpfsinn, zum Toben, zum tiefsten Elend der Betrunkenheit darf ich
mich erziehen lassen, nicht aber zur Arbeit, zum Lesen guter Bcher, zum
Begreifen aller Schnheit in Kunst und Natur! Da _ein_ Begriff wie
vllig nicht vorhanden in der Welt scheint, nmlich der Begriff eines
>noch mehr<, das ist das Elend. Adel haben sie ja --, arbeiten mssen
sie das ganze Leben, also giebt es in den sogenannten >freien< Jahren
keine seligere Freiheit, als auf den Tisch zu hauen und den
triumphierenden Vers zu brllen:

   ber den erzieherischen Wert des Korps sprach der A. H.
   Strzbesoffen waren sie allda.

Na, da hab ich nun glcklich doch davon geschrieben. Also Sie haben nun
eine Vorstellung meines seelischen Zustandes. brigens habe ich einige
schne, fast mcht ich sagen, glckliche Wochen hinter mir und mich in
einem wahren Sturzbad von Natur, Theater, Konzerten und abermal Natur
etwas gereinigt. Das dummste ist, da ich versehentlich an ein
Sbelduell geraten bin, -- ein trichter Abschlu des Semesters. Bisher
ist mein Gesicht ja Gott sei Dank verschont geblieben. Wenn ich mich
aber mit dem schweren Sbel nicht sehr gut vorbereite, kann das niedlich
werden. Es scheint zwar, als ob sie auch fr mich die sonst nur fr
knigliches Geblt geltende Instruktion durchgefhrt htten: mich nur
auf den Kopf zu schlagen, aber mit dem Sbel wird sich das schwer
durchfhren lassen, und da bin ich auch so, da, sobald ich dergleichen
merke, losgehe wie der Satan.

Ach Kind, ach Kind, was ist das alles! Und geht es Sie etwas an? Doch
Ihr Brief tat mir wohl; obgleich ich so lange Zeit verstreichen lie,
ehe ich ihn beantworte, werden Sie es mir glauben. Aber verstehen Sie
dies Gefhl der seelischen Unsauberkeit, das nun seit geraumer Zeit
schon keinen Augenblick von mir weicht und mich fast unfhig macht, das
zu berhren, was man eine Seele nennt? Wie wrde es Ihnen gefallen, wenn
ich Ihren Salon betrte, nachdem ich soeben einen groen Morast
durchwatete? Sollten unsre Seelen weniger auf Anstand halten? Aber ich
brauche Sie und -- -- aber lassen Sie die Gedichte fr mich reden! In
ihnen bin ich reinlich. Sehen Sie sie fr Kerzen an, ich bitte, stellen
Sie sie rund um Ihren Spiegel auf, setzen sich schn davor und erkennen
sich glitzernd beschienen wie eine Madonna von Botticelli. Mgen Sie?

Ihnen im Herzen ergeben

                                                                 Georg

                            An die Entfernte

   Zwischen dir und mir
   Liegt so vieler Schlaf.
   Drin vergaen wir
   Beide, was uns traf.

   Gleichwie graue Hand
   Goldgewebe trennt,
   So entschwand, entschwand
   Unser Firmament.

   Stern um Stern bei Nacht
   Fiel, -- noch einer mehr,
   Und ich seh erwacht
   Unsern Himmel leer.

   Ach, ich seh es kaum!
   Schlummernd fremd und fern,
   Sehe ich im Traum
   Immer Stern bei Stern.

                               Mondstunde

   Blaugrau der Himmel; gelb und rund und gro
   Erschien der Mond, der so dem Rtselscho
   Des Irdischen entstieg als eine Leuchte.
   Und es wird langsam dunkler in der Welt.
   An deinem Haupt, o Fremdling, leise fllt
   Die Tr ins Schlo, die lngst geschlossen deuchte.

   Noch hallen Stimmen fern im offenen Feld,
   Wie Pfhle schwarz sind Menschen aufgestellt
   Am Ufer, schauend droben in das Schweigen.
   Sie schwinden seltsam hinnen mit der Zeit,
   Und alles wird, als wr es Ewigkeit,
   Und keine Uhr wird dir die Stunde zeigen.

   Wenn eine Seele jetzt den Strom befhrt,
   Den du nicht siehst, vom hohen Licht verklrt,
   So schaut sie auf wie du und ist nicht bange.
   Sie gleitet weiter in die dunkle Welt,
   Sie sttzt die Hand, die still das Ruder hlt,
   Und an des Ruders Holz die warme Wange.

   So lehnt am Kreuz des Fensters dein Gesicht,
   So glnzt dein Antlitz in dem vollen Licht,
   So fllt dein dunkles Aug das groe Glnzen.
   Die tiefe Einsamkeit der Nacht beginnt.
   Zu dir ans Fenster tritt ein khler Wind,
   Und du vergehst in seinen khlen Krnzen.


   O kehre wieder, se Angst,
   Du ses Gift, vergifte mehr!
   La all mich sein, was du verlangst,
   Dein Spielgebild, dein Spielbegehr!

   Da eines Scheitels Linie wei
   Im braunen Haar und krausen Bausch
   Von fern mich zieht und qult mich hei --
   O banges Glck! O Duft und Rausch!

   Ja, da ich hingehangen such
   Enturung schwach aus blinder Kraft --
   Und wie ein schweres Fahnentuch
   In Wind sich legt und sehnt vom Schaft ...

                      Auf ein Bild in meiner Stube

   Schnes Antlitz eines toten Traumes,
   Wie du dennoch zu verklren weit!
   Wie auf allen Dingen meines Raumes
   Dein betrgerisches Lcheln gleit!

   Still! ich wei es ja! du mut betrgen,
   Weil erloschen du zu leben scheinst
   In der zrtlichsten der sen Lgen,
   In der Wehmut eines schnen Einst.

   Das Vergangene, ob unlebendig,
   Deutlich fllt es die verarmte Brust,
   Und du sprst im Dunkel hunderthndig
   Geistergriff, den du erdulden mut.

   Ach, das Leben selbst mit Dolch und Feuer
   So gewaltig nicht das Herz umspannt
   Wie das Augenpaar, das einst dir teuer,
   Wie, die liebreich war, die liebe Hand.


                             Georg an Benno

                                                 Mnchen, den 15. Mrz

Mein lieber Benno:

Nein, nicht zum Freundesbusen, wie so trefflich die Alten sagten, ein
trnenreiches Herz darein zu ergieen, komme ich, obwohl es mir beim
Hunde elendiglicher geht als je. Davon sei nicht die Rede, das Elend
meiner Seele bad ich schon noch alleine aus. Aber dies, dies eine kann
ich nicht ertragen, da ich in Wochen und Wochen nicht ein Mal ein
vernnftiges Mnnerwort ber des Nachdenkens werte Dinge ber die Lippen
bringen soll. Die Gedanken haben sie mir denn doch nicht unter Alkohol
und Stumpfsinn setzen knnen, schwimmen wie die Korken obenauf vielmehr
und sind -- munter? nein, das nun eigentlich nicht, aber wir werden ja
sehn. Zwar verdiene ich es nicht, da ich wieder zu Dir komme (still,
Benno, ich wei schon! bei meiner Seele, mache mich heute nicht
unwirsch!), aber nun liegt die Sache einmal so, da es sich um Dinge
handelt, ber die ich mit dem ltesten und lange Zeit einzigen Freunde
meines Lebens, meinem Vater nmlich, nicht reden kann; also tu mir die
Liebe, Freund, und hre ein wenig zu!

Nun eben, wie ich zu schreiben beginnen will, fllt mir aus dem brigen
Zusammenhang eine neue Frage heraus, nmlich: Was hltst Du von
geschlechtlicher Aufklrung? Sieh mich nicht so mitrauisch an, ich
frage im Ernst! Ist es nicht die groe Frage jetzt? -- Gut, versuchen
wir, sie zu beantworten.

Nach meinen persnlichen Erfahrungen wird dabei stndig eben derjenige
Haken, an dem die ganze Sache eigentlich hngt, auer acht gelassen und
so die ganze Sache verdreht. Eltern, heit es, knnen und sollen ihre
Kinder, um trbe und gefahrenvolle Irrgnge, Abstrze womglich ihrer
Seelen zu verhten, aufklren -- worber? ber die Geheimnisse von
Geburt, Fortpflanzung, Zeugung. Wirklich, handelt es sich darum?
Keineswegs, sondern dieses ist nur der Punkt, an dem die kindliche
Unwissenheit einzusetzen pflegt, indem sie -- die von Zeugung nicht die
geringste Ahnung hat -- sich fragen mu, wo die Kinder herkommen. Um was
es sich aber, was die Gefahren usw. anlangt, _in realibus_ ganz allein
handelt, das ist etwas vllig andres, nmlich der Zeugungsvorgang
allein, der Liebesakt. _Woher_ die Kinder kommen, wer sie gebiert, das
kann -- und soll auch -- jedem Kinde frhzeitig klargemacht werden, aber
in Unkenntnis auf diesem Gebiet -- was lge da fr ein Unheil verborgen?
_Wie_ aber und von wem die Kinder _gemacht_ werden, das ist das
eigentliche Geheimnis, und dies -- meines Willens! -- kann und soll
ihnen von keinem Vater und keiner Mutter gelftet werden, denn
Enthllungen, Selbstentblungen wrde das bedeuten, die kein Vater vor
seinem Sohne vorzunehmen imstande ist; und es wrde -- allgemein
menschlich -- eine Schamlosigkeit bedeuten, die allen uralten
Erfahrungen widerspricht und auf das heftigste meinem Privatgefhl. Dies
sage ich, mit dem sein Vater von frh auf alles verhandelte, alles --
bis auf dies eine. Keine Gefahr aber kann so arg, so vernichtend sein,
die ich nicht einer solchen Entartung der natrlichsten Anstandsgefhle
vorzge.

Also wre in dieser Angelegenheit berhaupt nichts zu tun? Nicht
eigentlich. Besteht hier eine Gefahr, so ist sie geheiligt durch Alter
und so wenig zu beseitigen wie der Schmerz des Gebrens. Eins freilich
kann geschehn: Vorbereitung; und an dieser Stelle treffen wir wieder in
den Kern der Sache.

Denn -- diese Frage erhebt sich nun: woher stammt sie denn, urschlich,
diese Gefahr? Fragen wir zunchst, wie sie sich zeigt. Darin, da, wie
gemeinhin gesagt wird, dem Knaben oder Jngling von Altersgenossen die
Sache auf schmutzige und gemeine Art klargemacht wird, da ihn vor dem
Schmutz und der Gemeinheit der Sache ein Entsetzen packt. Hier also
sitzt es. Sind denn etwa diese Dinge gemein und schmutzig? Ja, sagt der
Eine; der Andre: Nein! sie sind vielmehr die reinsten und erlesensten.
Und dabei wollen wir bleiben. Wir halten uns nun nicht erst bei der
Herkunft dieses Gedankens von der Gemeinheit auf -- ich beargwhne das
Christentum --, sondern schlieen kurz ab: Hier ist der Haken, der
belstand und die Lasterhaftigkeit. Hier mu und kann nderung
geschaffen werden, allerdings nur durch Generationen der Selbsterziehung
von Erwachsenen einerseits, andrerseits durch das, was ich erwhnte:
Vorbereitung, die wiederum bei den Vorgngen der Geburt und ihrer
Erklrung einzusetzen hat. Wenn nmlich diese schon und die Mittlerin
vor allem, die Mutter, dem Kinde als etwas Reines, Heiliges, als das
schmerzvolle Wunder, das es ist, hingestellt wrden -- sollte da nicht
von ihnen auch ein Glanz auf das Andere fallen, wieder rein werden, was
rein war? Und wo bliebe dann Erschrecken und Gefahr?

Und nun endlich diese beiden Dinge selbst. Sind sie so ausgemacht, so
unbedingt? Ja, da kenne ich nur meine eigenen Erfahrungen, und wenn ich
da sagen mu, da ich zwar Nte, ngste und Gefahren in diesem
Zusammenhange genug durchgemacht habe, aber keine in eben diesem, unserm
Betracht, so war ich vielleicht allerdings absonderlich veranlagt. Ich
war -- sprachen wir nie davon? -- ein schlechthin stumpfsinniges Kind,
bis tief in die Jnglingsanfnge hinein, und ich wei heute noch nicht
zu sagen, wann mein Gehirn aus jener Denktrgheit, die nie nach etwas
fragte, alles hinnahm und sich einverleibte, ohne es nur anzusehn,
Weihnachtsmann wie Klapperstorch, und alles so lange benutzte und fr
gut hielt, bis irgendwie und irgendwoher etwas andres kam, -- in meine
jetzige Denkrastlosigkeit umgeschlagen ist, die nicht den winzigsten
Vorgang unbeobachtet lassen kann und ohne womglich eine Meilenkette von
verknpften Folgerungen daran zu hngen.

                                              Eine halbe Stunde spter

Als ich eben Ausruhens halber die Feder hinlegte und das Geschriebene
berlas, sah ich, da ich an Dinge geraten bin, die nicht im
entferntesten in meiner Absicht lagen, aber das schadet ja nichts, im
Gegenteil, denn wie ich nun weiter an diese seltsamen und ungeheuren
Dinge denke, mich zu erinnern versuche und in meine Kindheit wieder
einzudringen, an die ich -- infolge jener Stumpfheit vermutlich -- keine
einzige, deutliche Einzelerinnerung habe -- es sei denn an rtliches --,
sondern nur die sdumpfe, unbestimmte einer unendlichen Zeit der
vollkommenen und durch nichts unterbrochenen Seligkeit --, da, gerade
noch, wie ich dies denke, leuchtet eine farbige Insel auf. Ich greife zu
und -- halte diese merkwrdigen Blten und Strnke, die sich dann mit
einigen Verstandesfden der Auslegung und des Hinzudenkens zu einem
seltsamen kleinen Strau zusammenbinden lieen, und hier ist er.

Der Anfang ist ein wenig grob, doch lt er sich nicht ersparen. -- Da
ists gegen Abend, schon ganz dunkel, ich bin -- ein kleiner Knabe,
brigens in Helenenruh vermut ich -- irgendwo herumgestrichen, und wie
ich eben um irgendeine finstre Ecke von Haus oder Gebschen will, hre
ich die breite Stimme eines Knechtes -- ich hre sie jetzt noch! -- mit
unterdrcktem Flehen der Inbrunst zu jemand sagen: Lat meck doch man
oinmal vgeln! blo oinmal! -- (Ein Satz, der mir nie aus dem Gedchtnis
kam, obwohl ich ihn erst Jahre spter begriff.) -- Ich erschrak, so
wenig ich damals die Worte verstand.

Diese mir vllig unverstndlichen Worte blieben in mir hngen, das
heit: blo so, denn, wie schon gesagt, zerbrach ich mir ber nichts den
Kopf und fragte auch deshalb nicht. In jener Zeit aber mu es gewesen
sein, da mein Vater, aus eignem Antrieb, mich darber aufklrte, wo die
Kinder herkommen. Ich erfuhr, da sie in der Mutter wachsen sollen, und
erklrt wurden mir auch an Blumen, Bienen und Faltern die Vorgnge der
Befruchtung. Sicherlich -- das heit, dies errate ich nur aus dem ganzen
Zusammenhang -- fragte ich mich damals, wenn auch nur unbewut: Wer
bringt den Samen zur Mutter, die doch so gro ist?

In jener Zeit ferner wohl zum ersten Mal trumte ich einen spter
wiederkehrenden Traum von einer groen Zahl bekannter und unbekannter
Menschen in einem Garten, auf denen eine Menge bunter Vgel sitzen und
herumfliegen. -- Wie kam ich darauf? Da ich unbewut also doch
nachgedacht habe, das ist klar, wie aber kam ich auf dieses? Folgendes
fllt mir ein:

Oft hrte ich und liebte sehr, besonders abends im Schlafzimmer vor dem
Einschlafen, den Gesang der schwarzen Amsel, der noch jetzt mein
liebster Vogelgesang ist. Ich konnte den Vogel, der ja immer sehr hoch
sitzt, niemals zu sehen bekommen, und da ich damals nun ein Mrchen zu
hren bekam, vom Paradiesvogel, den man wohl singen hren knnte, aber
niemals sehn, so --

-- ja, so haben wir nun den ganzen wunderlichen Zusammenhang von Knecht
und Traum und der Einbildung, auf die ich mich wohl besinne, da dieser
Vogel es sei, der unsichtbare Paradiesvogel, der den Samen zur Mutter
bringt. Und ich rate am Ende wohl nicht falsch, wenn ich glaube, da mir
damals auch gesagt wurde, da nur Menschen, die sich lieb haben, Kinder
bekommen knnen.

So also verhielt sich meine Vernunft, meine Phantasie. Wie es bei der
wirklichen Aufklrung spterhin sich abspielte, das ist mir unbekannt;
zu jener Zeit war die kindliche Phantasie allerdings schon verloren
gegangen, und so wird wohl mein Verstand die Geschichte mit der
gewohnten Bereitwilligkeit als natrlich hingenommen haben.

Schlu, Benno! aber es war eine Wohltat, ach, einfach eine Wollust war
es, einmal wieder den Geist zu gebrauchen! Mit mir stehts elend. Mein
einziger Freund, ein Literarhistoriker, hat lngst den Doktor gemacht
und ist fort. Die letzte Mensur kostete mich die bisher heil gebliebene
Hlfte meines Schdels, die berdies so zugerichtet wurde mit
Lappenschmissen und Knochensplittern, da ich mich schon langsam darauf
gefat mache, mit der Kompresse in die Ferien einzuziehn. Und was das
schlimmste ist, die Schurken haben meine Abgeneigtheit gegen den Betrieb
und mein Korpsverhltnis gemerkt, es gab schon Rgen, Drohung mit
Aufhebung der Duldungen wie: meines Nichtmitsingens bei den Kneipabenden
--, ach, Benno, Benno, weit Du, da ich in Lagen geraten bin!? In
Lagen, die ich schlechterdings nicht getrumt htte? Da ich meines
Standes als Frstensohn wegen Rcksichten auf mich nehmen lasse? wer
htte das geahnt! Aber mir scheint, ich zerbrach einen Satz. Ja, also
das schlimmste ist, da man mich zur Strafe fr meine Flucht nach Wien
auf neuerdings vier Wochen hinausgehngt hat, jedoch -- fr die Ferien.
Also bleibe ich ber das Semester hinaus im Korps; die ersten
Schwierigkeiten fr meinen beschlossenen Austritt, -- aber genug,
zehntausendmal genug! Ostern komme ich! Auf Wiedersehn, Benno, auf
Wiedersehn!

                                                                 Georg

Nun, da haben wir es! Ich schliee, und nicht ein Wort von Deinem Brief!
Ist schon solch ein Lump aus mir geworden? Glaubs nicht, Benno, er
vergit sich mitunter, aber meints doch ganz gut, und Du darfst schon
glauben, wie seelenfroh, ja, wie glcklich Dein Brief ihn gemacht hat!
Ja, diese Renate! Zwar ist mir Deine holde bertreiblichkeit, zumal bei
Weiblichkeit, ja bekannt, aber es stehen doch einige Dinge in Deiner
Beschreibung, die absonderlich real anmuten, wie z. B. das Kleid und die
Haartracht und vor allem die sinnende Haltung -- die mich merkwrdig an
eine Feuerbachsche Iphigenienstudie erinnerte -- --. Nun, ich hoffe, Du
hast inzwischen noch so viel des Wunderbaren dort im Hause erlebt, da
Dein nchster Brief Grimms Kinder- und Hausmrchen in mindestens zwei
Bnden werden! In diesem Sinne -- lebe wohl!

                                                                    G.


                             Cora an Georg

Lieber Prinz!

Sie waren in jenem Brief nach Nietzscheschem Rezept mit Peitsche und
Zuckerbrot zu mir gekommen; ich gehre nicht zu den Frauen, die darauf
reagieren. Ich reagiere berhaupt nur auf Anbetung, da Sie's wissen.
Also im Ernst, Sie haben mich geschlagen, getreten, mit Hohn und Spott
berschttet, und um Ihnen das zu sagen, schreib ich heut, ohne einen
neuen Brief von Ihnen abzuwarten, und nicht etwa deshalb, weil ich nicht
warten knnte, mein lieber Junge! Und warum haben Sie mich so
mihandelt? Mein Brief war wohl nicht sehr gemtvoll, aber doch lieb und
kokett und tndelnd, ein Andrer htte mir Hnde und Fe dafr gekt.
Bessern Sie sich bald, und um etwas nachzuhelfen, will ich diesen Brief
fortsetzen, obwohl Sie es nicht verdient haben!

Also lassen Sie sich erzhlen, was in der vergangenen Woche alles war.
Montag: Die blaue Maus (Stadttheater) durch Erregung befreienden
Gelchters hchst wohlttig. Dienstag: Taufe des armen Rudolf, eines
Neffen, arm, weil er getauft wurde, eines kstlichen Bengels brigens
von zehn Monaten, empfing stehend die heilige Taufe und versuchte, den
Pastor energisch am rmel zurckzuhalten, was aber nicht gelang. Ja,
konnte er nun nicht Jude bleiben? Ach so, pardon, Germane, Arier. Diese
Ansicht sprach auch mein Schwiegervater aus -- der war trotz eines
Augenleidens von Altenrepen herbergekommen, um Pate zu stehn, ist das
nicht nett von einem alten Herrn? Ach, die Alten sind viel besser und
eifriger als ihr Jungen! Ich liebe meinen Schwiegerpapa unbeschreiblich.
-- Also in seiner Rede, in der er sich ungemein ber die Pfaffen
aufregte, schlug er an Stelle der Taufe eine feierliche Aufnahme in den
Bund der Familie vor. Aber ich glaube, die Familie ist jetzt aus der
Mode gekommen, seit man auch nicht mehr Kanapee sagt. Jetzt haben wir
Chaiselonguen und Individuen und sind Staatsangehrige, und die
polizeiliche Abstempelung gengt fr alles.

Wir hatten dann noch eine angeregte Unterhaltung ber Gott und die Welt,
mnnliche und weibliche Schnheit, ihre Unterschiede, und welcher wohl
der Preis zuzuerkennen sei (meine Kusine Mausi erteilte ihn der
mnnlichen, von ihrem Standpunkt aus hat sie sicher recht. Ach, Sie
kennen die Dame ja nicht! Seien Sie froh!). Insofern und indirekt wurde
hufig von Ihnen gesprochen, als ich aus alter Gewohnheit bestndig alle
Herren mit Georg anredete. Sie sehen, wie intensiv Sie mir gewrtig
sind. Im brigen wurde die Unterhaltung sowohl durch Pfirsichbowle wie
durch meine stets anderen Ansichten vorteilhaft beeinflut.

Adieu!

                                                                  Ihre
                                                                  Cora

Bekomme ich die unsichtbaren, kriegen Sie einen schnen Tantenku ohne
Liebe geschickt.

                     (An den Rndern geschrieben:)

Was macht meine liebe Locke? Hat sie ein Bndchen bekommen?

Eventuell auch einen mit Liebe, den keiner wissen soll.


                             Benno an Georg

                                               Altenrepen, am 23. Mrz

Mein lieber Georg!

Ach, welch ein Magier ist sie doch, ja welch ein unerhrter Magier mu
sie sein, die kindliche Seele! Geht sie nicht mit ihren kleinen
Schritten so unerschtterlich ihres Weges, ihn vor sich her mit Blumen
bedeckend, als kme ein ganzer Hochzeitszug hinterdrein? Was Du mir
schriebst, jenes Erlebnis mit dem unsichtbaren Paradiesvogel und dem
herrlichen Traum -- ich kann nicht sagen, wie mich das ergriff! Zum
ersten Male wieder seit langer, langer Zeit wurde das verstaubte
Saitenspiel in meiner Brust wieder angerhrt und murrte s und leise.
Nun, es wird ja doch alles erstickt. Aber ich habe es jetzt ja
unverhofft gut bekommen! Schon zweimal durfte ich wieder in der
Gntherstrae sein, einen herrlichen Flgel spielen, das Frulein
bewundern, -- ach, spotte Du nur, Du wirst noch Deinen Tag erleben!
[Griechisch: Essetai hmar]! ... Und an einem kstlichen Vormittage --
von jenen einer, die schon tief im Frhling sind, wo gelste Lfte wie
trunken irrende Vgel in trgen und hingebenden Wellenflgen
umherschweifen und ein tausendugiger Himmel der Verheiung ber die
wolkigen Schneegebirge schaut -- an solch einem hatte ich einen
herrlichen Waldgang mit Deiner Freundin. Wie immer sprachen wir fast nur
von Dir! Lieber Freund, was hast Du fr ein Kleinod an ihr! So kindlich
oft und dabei so klug, -- und nun, wo sie ihre Klugheit auf einen lieben
Menschen anwenden kann, ergeht ihrs wie allen edlen Frauen, und die
Klugheit entfaltet sich, ihr selber unvermerkt, zum feinsten und
zartesten Verstehn. Sie ist wohl sehr in Sorge Deinetwegen, wir sind es
Beide, aber nun -- es wre ja noch schner, zu jammern und den Kopf zu
verlieren, zumal Du ja schon sagst, da diese grlichen Dinge um Ostern
ein Ende haben werden.

Gerne schriebe ich mehr, lieber Georg, aber Du mut wissen -- ich bin in
einer groen Unruhe wegen meiner Mutter. Die jahrelang gleichgebliebene
Krankheit hat unversehens eine Wendung zum Schlimmeren genommen, und je
mehr wir uns in Sicherheit gewiegt haben, um so erschrockener stehen wir
nun, obgleich ja noch nicht das Bseste befrchtet zu werden braucht.
Aber ach, wie wandelt sich doch alles, sobald des Todes Name nur von
weitem erklingt! wie wird alles unsicher gleich, alles dnn und
durchlssig und fremd, jede Hantierung, jeder gewohnte Gegenstand, die
allesamt Unruhe ausstrmen, sich nicht mehr halten lassen wollen, man
legt sie aus der Hand, als wrden sie glhend darin, denn nun drngt auf
einmal die Zeit, alte Versumnisse stehen drohend auf, immer wieder
fhlt man sich dorthin gezogen, wo das liebe Leidenshaupt die Kissen
drckt, eine Handreichung nur zu tun, eine Frage nur, einen Blick, -- um
am Ende dann doch wieder am Fenster zu stehn in der wachsenden Angst,
dies arme Antlitz noch ja zu sehen, recht zu sehen, ehe es sich
verwandelt und sich jhlings entzieht.

So lebe wohl, Georg! Ich freue mich unaussprechlich auf Dein Kommen und
zhle die Tage! Von Herzen Dein

                                                                 Benno


                            Magda an Renate

                                                   Berlin, am 28. Mrz

Ach, Renate! Renate, ich wollte, wir wren nur erst wieder zu Hause!
Papa ist ja zu sonderbar geworden! Weit Du -- ich mag es kaum schreiben
--, aber weit Du, da er trinkt! Er trinkt den ganzen Tag, offen, und,
was noch schlimmer ist, heimlich, Likre und die schwersten Weine.
Und diese ganze pltzliche Reise berhaupt! mitten aus der
Frhjahrsbestellung, und wozu? Zu Besprechungen mit Leuten, die ich
nicht zu sehen bekomme ... Zu mir ist er ja so gut und lieb wie immer,
ja wenn das mglich ist, eher noch mehr, aber -- ach, ich will lieber
stille sein! Jeden Abend gehts ins Theater -- da werde ich zu erzhlen
haben! -- es ist wundervoll, und in dieser Beziehung ist er ja wieder
rhrend in seiner Geduld, bei den lngsten und ernstesten Stcken
meinetwegen auszuhalten. Wenn Du sehr lieb sein willst, schreibe doch
noch hierher, wir bleiben noch einige Tage, Papa meint, ich mte alles
sehn, was Berlin zu bieten htte. Es ist ja eine reiende Stadt, wie
lauter Stromschnellen -- ach, ich kann nicht schreiben, vergieb,
hoffentlich sind all meine ngste nur dummes Zeug! In Liebe tausend
innige Gre von Deiner

                                                                 Magda


                            Renate an Magda

                                                           Am 30. Mrz

Mein liebes Herz!

Aber das war ein bser Schrecken, den ich da bekommen hab! Nach Deiner
Abreise war es wunderlich still im Hause geworden, ich wartete gespannt
auf den heitersten, lebensvollsten Brief, freute mich endlich des
Anblicks Deiner Handschrift -- -- und nun dieser Inhalt! Kaum hat man
sich ein bichen in Sicherheit gewhnt nach den wochenlangen ngsten um
mein armes Kind, -- da fngt alles wieder an zu zittern. So kann ich nur
innig hoffen, da es in Wirklichkeit die alten Besorgnisse sind, die in
dieser neuen noch einmal mitschwingen und sie ungebhrlich verstrken!
Ich wei ja nicht einmal, was ich aus dem, was Du schreibst, machen
soll, -- es klingt so unbestimmt -- und grad darum wohl so gespenstisch.
An dem einen Abend bei uns war Deinem Vater ja eigentlich nichts
anzumerken; sein Gesicht schien mir etwas geschwollen, doch wei ich ja
nicht, wie es frher ausgesehen hat, da Du in Genf nur dies fabelhaft
prchtige Jugendbildnis von ihm hattest.

Von mir ist nichts zu berichten, was Wert htte, so sehr ich wnschte,
es gbe etwas, das Dich ein wenig auf andre Gedanken brchte.

Doch -- -- nimm dies ... Es kam gestern nachmittag.

Ich sitze vor meiner Orgel und spiele und merke whrend des Spielens,
da hinter meinem Rcken eine Vernderung eingetreten ist, kann mich
aber nicht umwenden, sondern mu den Satz zu Ende spielen. Langsam drehe
ich mich nun mit dem Sessel, und da sehe ich, da ich mich oben auf der
Orgelempore eines romanischen Domes befinde, dessen gewaltig breites und
langes Schiff unter mir liegt, in mittlerer Hhe von einer schnen
Galerie kurzstmmiger Sulen und Rundbogen umzogen. Das Licht fllt von
rechts durch wundersam farbige Fenster in schrgen und breiten Streifen,
die von blutendem Rot, von tiefem Blau und von Goldlicht leuchten. Fern
drben, sehr fern ist der Altar, kahl bis auf ein lebensgroes Kreuz mit
dem Heiland daran, doch mu ich pltzlich erkennen, da es Erasmus ist,
der dort an den Ngeln hngt. Er hebt langsam den Kopf, ich sehe in die
hervorquellenden Augen und da die Lippen sich bewegen und Worte formen.
Indem sie aber laut werden wollen, schwindet alles. Ich sitze mit dem
Rcken zur Orgel.

Die Worte, glaub ich, hieen: Mich drstet ...

Ja und dies sonderbare Theater fllt mir noch ein, das es vorgestern
nach dem Abendbrot gab. Beim Hinaustreten auf die Veranda geriet ich
zwischen diese beiden Groen, Josef und Erasmus, am Tage nach Deiner
Abreise traf er ein! -- Und da kam es so, da ich sie fragte: Wer von
euch Zweien ist wohl der Strkere? Sie blinzelten sich ein wenig an,
dann griff Josef in die Tasche, holte ein Fnfmarkstck hervor, und nach
einigen Magiergesten hielt er mir auf jeder Handflche eine Hlfte hin.
-- Taschenspielerei! sagte da sein Bruder, kommandierte darauf:
Stillgehalten! packte ihn mit der Rechten unterm Rock beim Hosenbund,
mit der Linken unten bei den Fen und -- denke Dir nur! -- schwang ihn
so ber seinem Kopf empor und trug ihn die Treppe hinunter in den Garten
und weiter, whrend Josef steif und still mit hngenden Armen wagerecht
lag, rund um den Rasenplatz mit langsamen, hahnentrittartigen Schritten.
Mich ergriff doch ein seltsamer Schauder, wie der Riese da so stumm
durch die Schattendmmerung mit seiner hoch erhobenen Last einherkam,
als she ich einen riesigen Sklaven den Leichnam seines Knigs
heimtragen, und ich war froh, als er ihn wieder auf den Boden stellte
...

Aufrichtig, mein Herz: es hat mit diesen Dingen zwar kaum etwas zu tun,
zumal ich von Erasmus seit seinem Herbstaufenthalt bei uns nichts
gesehen und kaum etwas gehrt habe, -- aber: auch in diesem Hause
scheint mir nicht alles zu sein, wie es -- zu sein scheint. Onkel ist so
unruhig und oft geistesabwesend, -- hast Du es nicht bemerkt? Josef, den
ich fragte, zuckte die Achseln und tat hocherstaunt.

Komm bald zurck! Briefe, diese Brcken des Herzens, sind schn, doch
mir ist ngstlich: sie lassen uns glauben, da wir leichten Herzens wie
auf breiter, gemauerter Bogenstrae ber einen Strom hinber gehen zu
dem, dem wir schreiben, und hinterdrein wird uns klar, da wir auf
haardnner Schneide ber einen Abgrund dahingeschwebt sind, und dann
erbebt uns das Herz wie weiland dem Reiter ber den Bodensee. Also komm
bald zurck, mein Armes, ich ksse Dich innig mit ganzer Seele! Deine

                                                                Renate


                         Neuntes Kapitel: April


                            Bogner an Renate

                                               Altenrepen, am 7. April

Gute Freundin:

Zwei Dinge hatte ich gleichzeitig zu bemerken, als ich vorgestern in der
Arbeit stecken blieb: Erstlich, da ich pltzlich keine Briefe mehr von
Ihnen bekommen habe seit Dezember, -- glaubten Sie, Ihre Schuldigkeit
getan zu haben, oder wars ein rgernis, da ich ber Ihr letztes >Wann
kommen Sie?< stillschweigend hinwegging? Zweitens, da kein Grund mehr
vorlag, weshalb ich nicht die Arbeitsstockung zu einer Reise nach
Altenrepen benutzen sollte. Da sitze ich nun am alten Schreibtisch
meines Vaters in der alten Nacht, auf dem Sofa hinter mir ist mir ein
Bett bereitet, und schreibe Ihnen, in Ihre Schweigsamkeit hinein, nach
dem einfachen Gefhl, Ihnen irgend etwas schuldig zu sein, das ich mit
der folgenden Beschreibung abstatten will. Morgen vormittag fahre ich
zurck, sonst knnte es mndlich geschehn.

Ich kam mit dem Nachtzuge frhmorgens an und ging den ganzen Tag in der
Stadt umher. Trotz hundertfacher Vernderung war alles wie dazumal.
Davon ist nicht zu reden. Zu sagen hchstens, da ich selbst als ein so
vllig Fremder hier herumgelaufen bin, da ich kaum noch begriff,
weshalb ich kam, und welches Ziel ich hatte. So stand ich erst kurz vor
neun Uhr am Abend unter der Gaslampe und vor dem tausendmal gelesenen
Porzellanschild tief unten an der Tr, mit dem Namen und Titel meines
Vaters. Das Schild: Sprechstunde ... war entfernt, nur die
Schraubenlcher waren noch da und der helle Fleck im Holz, wo es
gesessen hatte. Auf mein Klingeln kam lange Zeit niemand. Es war
sonderbar, da zu stehn. Endlich hrte ich weiche Sohlen, ein
Dienstmdchen auf Strmpfen; ihr Schatten hinterm Glas wurde sichtbar,
ein Schlssel wurde zweimal herumgedreht, eine Kette fiel, die Tr ging
auf, ein blondes Mdchen sah mich schlfrig an. Ich sagte meinen Namen,
und ob meine Eltern da seien, worauf sich das Mdchen zu der, fr alle
Flle geeigneten Antwort entschlo, Herr Sanittsrat wre mit Herrn
Professor Arnold fortgegangen, aber die gndige Frau wre zu Hause. Da
trat ich denn -- mit Herzklopfen -- in den schmalen Flur, hngte Mantel
und Hut an die alte Kleiderablage und klopfte an die nchste Tr, vom
Ezimmer. Ich hrte die Stimme meiner Mutter Herein sagen und ffnete.
Meine Mutter sa am Tisch, sah mir entgegen; links unter der Hngelampe
sa sie, hatte ihr Haushaltsbuch vor sich, eine Hand aufgesttzt, in der
andern solch einen ganz dnnen, kniffligen Bleistift mit einem kleinen
weien Hornknopf.

Und da war dann doch das, was ich nicht berechnet hatte. Denn meine
Mutter war, als ich fortging, 43 Jahre alt, ein ganz blhender Mensch.
Nun sa da am Tisch unter der Hngelampe eine alte Frau, grauhaarig, mit
verwischten Zgen; eine fremde, eine ganz unbekannte Frau. Das war
schrecklich.

Da stand ich und sagte wohl, sie solle nicht erschrecken, ich wr es.
Dann schrie sie leicht auf, und ich trat zu ihr und legte einen Arm um
ihre Schulter. Es war wie vor fnfzehn Jahren: mehr brachte ich auch als
Junge niemals fertig.

Dann sa ich auf dem Stuhl vor der schmaleren Kante des Tisches, wo ich
als Junge beim Mittagessen sa, lie meine Hnde streicheln und mich mit
gerteten Augen ansehn. Sie fragte und fragte. Dann antwortete ich. Was
fragte sie doch?

Ach, du siehst nicht gut aus, sagte sie. Hast du soviel gearbeitet?

Grade zuletzt, sagte ich.

Mein guter Junge!

Ja, Mutter.

Es wird dich niemand mehr erkennen.

Ich bin wohl sehr verndert.

Nur die Augen sind dieselben. Dein Haar ist ja ganz glatt geworden, und
-- mein Gott, es ist ja ganz grau!

Das kommt wohl mit der Zeit.

Und was fr Falten du hast! an den Augen und da am Mund! Gott, eben
sahst du genau aus wie Herbert! Und ich mute den Kopf etwas drehen,
damit sie sehen konnte, da ich genau aussah wie Herbert, mein Bruder.
Und dann fragte sie erschreckt, ob ich keinen Hunger htte, ob ich
allein gekommen sei, und ob der Herzog nett sei. Ja, hier wrde ich viel
verndert finden, seufzte sie dann, und ich fragte nach meinem Vater.
Ach, sagte sie, er hat sich ja so wunderbar hineingefunden! -- Aber da
brach sie in Trnen aus und war lange nicht zu beruhigen. -- Es habe
wohl so kommen mssen, sagte sie. Die Operation htte nichts mehr
gentzt, er she fast gar nichts mehr, nur auf dem rechten Auge noch
einen Lichtschein. Professor Arnold -- ein Universittsfreund -- komme
abends zuweilen, und sie trnken ein Glas Bier im Dhrener Turm. Eins
htte der Arzt erlaubt. Er msse jeden Augenblick zurckkommen. -- Nun
bemerkte sie, da meine Augen herumgingen, und sagte, ja, hier htte
sich viel verndert, und sie zeigte mir ein Bild an der Wand, das die
Frau meines Bruders gemalt htte.

Glauben Sie mir, ich habe es doch nicht recht begriffen. Keine
Vernderung durch ungeheure fnfzehn Jahre. Da war das Bfett mit seinen
gedrehten Sulen und Muscheln, Zinnteller darauf, die waren frher nicht
dagewesen, aber sie gehrten doch schon lange dazu, und die Sthle
hatten Ledersitze bekommen. Ich ging durch die breit offne Flgeltr ins
dunkle Wohnzimmer; mit geschlossenen Augen htte ich hinten am Fenster
auf dem dnnbeinigen Schreibtisch voller Schelchen die winzige
Porzellanbste von Goethe finden knnen, -- Schiller war immer entzwei.
Das Laternenlicht fiel von der Strae durch die Vorhnge herein, und ich
nahm einen groen Einsteckrahmen mit Photographien, trug ihn zu meiner
Mutter und fragte, und ich hre sie noch erklren:

Das? wer ist das? Erkennst du Herbert? Etwas ernst, nicht? Aber so war
er immer. Das daneben ist Cora, findest du sie auch so hbsch? Vater
konnte die vielen Sommersprossen nicht leiden, -- aber nun sieht er sie
ja nicht mehr. Das ist ein Bild vom Vater, das letzte, als er noch sehen
konnte. Er hat sich ja nie verndert. Nur der Schnurrbart ist wei
geworden. Tante Agnes kennst du, sie ist jetzt in Gttingen. Das da ist
Coras Mutter, etwas aufgeschwemmt, nicht? Ja, da er grade eine Jdin
heiraten mute, wo Vater ... den hat es doch recht gekrnkt, aber die
Kinder wollen nun mal ihre eigenen Wege gehn; und er scheint ja sehr
glcklich mit ihr zu sein. Das sind Krnzchenfreundinnen von mir, wir
haben ein sehr nettes Krnzchen; sonst -- Und nun fiel ihr pltzlich
ein, wo sie mich die Nacht hintun solle, und ich mte auf Vaters Sofa
schlafen, und da stand sie schon auf. Ich will gleich dem Mdchen sagen,
da sie es bezieht, sagte sie, und ich knnte ihre Steppdecke bekommen;
sie htten noch geheizt heute, es wollte dies Jahr ja gar nicht warm
werden. Sie nahm ihr Schlsselbund und lief hinaus. Sie ist
sechsundfnfzig Jahre alt und noch ganz behende.

Hat sie diese Stunde, diese eine Stunde nun so oft vor sich gesehn, da
sie deshalb nicht ein einziges Mal sagte: Du bist ja da! Oder war es
wirklich so einfach, einzutreten und da zu sein, da alle andern Dinge
gleich ebenso wichtig waren, ja, das Bett, in dem ich schlafen sollte,
wichtiger, als da ich berhaupt wieder darin schlief?

Whrend ich sie nun drauen wirtschaften und mit dem Mdchen verhandeln
hrte, Tren gingen, Schranktren geffnet und geschlossen wurden, ging
ich in den drei, durch offne Flgeltren verbundenen Zimmern hin und her
und dachte wohl dies:

Kindheit, die ich wiedererkenne. Bin ich nun hier zuhause? Bin ich
zuhaus? Da ist der alte Geruch, der sich nicht beschreiben lt, den
kein Mensch behalten kann, kein Fremder, aber ich habe ihn wiedererkannt
und lieblich gefunden. Was hab ich gemeinsam mit diesen Sesseln und
Bildern und Schrnken? die Kindheit, die ich wiedererkenne. Es steht wie
damals, lt sich rcken wie damals, -- kein Fremder, der sein Gewicht
nicht kennt wie ich, wrde das so knnen wie ich. Ein wenig schien mir
alles aufgewacht, wie einer, der krank war, nun lange gut schlief und
mit halb geffneten Augen jemand vor sich stehn sieht, ihn halb erkennt
und weiterschlft. Mein Vater wrde nun kommen und mich nicht sehn,
dachte ich, und da meine Mutter nicht merkte, welch ein Fremder ich
hier drinnen war, denn fr sie bin ich noch immer der Junge, nur wagt
sie nicht recht, es zu zeigen. Bei ihr wre ich berall zu Hause. Sie
aber wrde sich nirgend glcklich fhlen, ohne diese Mbel, ohne den
Himmel, den sie allabendlich ansieht -- ob es auch sternenklar geworden
ist --, ohne ihre Kche, den tglichen Mdchenrger, die Einkufe und
kleinen Freuden. Wenn sie vierzehn Tage in einer Stadt, zwei Stunden
entfernt, war, wird sie ins Zimmer laufen und sagen: Na, Gott sei
gelobt, da ich wieder da bin! Ach, was ist das fr eine sonderbare
Gte, die solche Dinge am Herzen hlt, die nichts sind, die nie etwas
fr sie taten, was nicht jeder hnliche Gegenstand besorgen knnte, die
nur durch ihren Gebrauch etwas geworden sind, etwas einziges. Die
Erinnerungen freilich ... In diesem Stuhl hatte sie gesessen voll Angst
und Unruhe, whrend mein Vater in der Klinik lag, an diesem Fenster
hatte sie gestanden, als der kleine Sarg mit Schwester hinausgetragen
wurde, an demselben Fenster hat sie an den Zeugnissonnabenden auf ihre
Jungens gewartet, niemals recht erfreut in Herberts Erwartung, weil
immer in Sorge, in Hoffnung wieder und immer enttuscht durch den
Andern. Auf diesem Sofa hatte sie ihre Schwiegertochter erwartet, mit
dem geheimen Gefhl: Vater mag sie nicht. Aus diesem Fenster hat sie die
Jahre lang hinausgesehn, ob keiner die Strae herauf kme, ein
ungelenker, ruppiger Bursch, in sich verbissen, kalt und ohne
Zrtlichkeit. Hier drinnen ist ihr alles geschehn. Hier hat sie alle
Mahlzeiten gerichtet und den Mdchen ihren Lohn gezahlt, auf diesem
einen Tisch hat sie ihre Briefe geschrieben, ihre Rechnungen gemacht,
ihre kleinen Notizen im Kalender, ihre abendlichen Patiencen gelegt,
ihre Wsche gestopft und Stickereien gearbeitet. Auf diesem Tisch liegen
ihre sechsunddreiig Ehejahre aufgehuft, tausend und tausend
mittelgroe Sorgen, rgernisse, Widerspnstigkeiten, Hoffnungen,
Wnsche, Ergebungen, Trnen, Bangnisse, Sorgen und Sorgen. Wieviel groe
Schmerzen? Und keine einzige Seligkeit. Sie hat nie Groes empfinden
drfen, sie hatte immer zuviel zu tun! -- In drei bis sieben Zimmern,
vor acht Fenstern, vor einer Strae.

Am Ende aber von alledem wird sie gerne sagen: Es war nichts Einzelnes,
freilich, aber es war doch viel; so viel, da es gut war, schn war und
so, wie es sein mu. -- Es htte alles anders sein knnen und wre das
gleiche gewesen. Nur ein Mensch war ntig, fr den sie sorgen konnte;
dann war sie zuhaus.

Das wars wohl, was ich dachte, als ich einen Schlssel in der
Korridortr hrte. Schritte wurden laut, Stimmen zweier Mnner, die sich
verabschiedeten, dann kam meine Mutter eilfertig, im Ezimmer -- ich
stand grade im Wohnzimmer -- ging die Tr auf, meine Mutter kam
rckwrts herein, meinen Vater fhrend, und die fnfzehn Jahre und die
Feindschaft waren zu Ende.

Gestalt und Haltung war die gleiche wie damals -- er ist gro und stark
-- aber nun hielt er einen Stock vor sich, und das Gesicht war fast
unkenntlich durch die grne Brille; der Schdel war kahl und blank. Es
war einen Augenblick still, und sie sprach wohl so feierlich, um die
Worte nur herauszubringen: Vater, dein Sohn ist heute wieder gekommen.
Dann setzte sie sich eilig an den Tisch, um zu weinen. --

Gewi, Kind, dein >Sohn< sagte sie.

Ich bin auf ihn zugegangen, habe nach seinen Hnden gefat und glaube
wohl gesagt zu haben, was ich sagen wollte: Verzeih mir, Vater. Er
sagte: Benvenuto. Und da ist es wohl dies Wort gewesen, das er sich
einmal an einem glcklichen Tage ausgedacht hatte, das ihn jetzt
bermannte, so da er den Stock fallen lie und den umfate, der da vor
ihm stand, und den Kopf an seine Schulter legte und so krampfhaft
schluchzte, da meine Mutter hastig ihre Augen trocknete und sich
erstaunt umsah. Als er ruhig wurde und die Brille abnahm, ergriff sie
sie sogleich und trocknete sie im Taschentuch, whrend ich ihn um den
Tisch fhrte und er sich setzte.

Dann saen wir alle Drei beisammen und unterhielten uns. Spter fing
meine Mutter an zu ghnen und ging in ihr Schlafzimmer, um sich fr die
Nacht zurecht zu machen. Eine Viertelstunde spter holte sie meinen
Vater.

Nun, wir sprachen diesen Abend wie alte Freunde und Schlachtkameraden
miteinander, die vor langer Zeit zusammen Gefechte, Mrsche und
Strapazen durchgemacht haben, jeden Wink verstehen und alles aus eigener
Erinnerung ergnzen. Er ging auf alles ein, fragte, bejahte fand fr
alles eine Erklrung, fand alles richtig, erzhlt kleine Anekdoten und
Zge von Bekannten, erinnerte an historische Mnner, die hnliches
durchgemacht, -- am Ende wurde er stiller, fast bescheiden, tat noch ein
paar Fragen, und dann ging er. Nur einmal kam die alte Sorge zum
Vorschein, als er fragte, ob ich auch ordentlich verdiente und zu leben
htte. Ich mute wohl an meine vier Hungerjahre denken, aber die Summen,
die mir bevorstehn, konnte ich ihm doch nicht nennen. Der Name des
Herzogs gengte auch, um ihn zu beruhigen. Ja, ja, mein Sohn, sagte er,
dafr hast du denn auch jahrelang nichts zu brechen und zu beien
gehabt. Dem Verdienste seine Kronen. Ja, mein Junge, dann knnen wir
wohl schlafen gehn. --

Nun sitze ich an seinem Schreibtisch. -- Wenn es gar nicht gehen wollte,
dann mute ich hier meine Aufstze machen, er stand hinter mir und
diktierte, und meine Hand zitterte schon, wenn ich mich hinsetzte, und
die Gedanken waren wie weggeblasen.

Was aber ist nun die reinliche Summe? Weib und Kind, das kenne ich
nicht, ein Haus brauche ich nicht, kaum da ich einen Freund habe; ich
kann hier oder dort schlafen gehn, ich schlafe gut oder schlecht, und es
hngt allein von mir ab. Das Geld liegt dann da, mit dem ich als
Siebenzehnjhriger klirren wollte. Die Eltern brauchen es nicht, ich
brauche es auch nicht. Und alles das, um hundert oder fnfhundert Jahre
lnger bei Namen genannt zu werden, als die Andern? Sehen Sie, da fiel
mir eine Stelle vom Ruhm ein in Platons Gastmahl; ich fand auch eines
zwischen den Bchern meines Vaters, aber es war ein griechisches, und
ich konnte es nicht mehr lesen. Ja, so verhlt es sich mit dem Ruhm.

Es kommt darauf an, da einer die gegebenen Krfte verbraucht, wie es in
den soldatischen Befehlen heit: Es wird verfolgt bis zum letzten Hauch
von Mann und Ro. Wer das tut, hat meinen Ruhm und kann berall
getrstet schlafen gehn.

Meine Mutter ist nun getrstet, und das macht mir Freude, oh, das macht
mir Freude. Fnfzehn Jahre zurck hre ich die Stimme meines Vaters,
aufgebracht und zornig: Hast du denn gar keinen Ehrgeiz, Junge? -- Nein,
Vater, kann ich noch heute sagen, und somit wre alles in Ordnung.

                                              Trassenberg, am 9. April

Als ich so weit geschrieben hatte, ereignete sich etwas, das ich Ihnen
vielleicht mndlich einmal erzhle. Zum Schreiben ist nun keine Zeit
mehr, auch mchte ich, da das Geschriebene vorlufig fr Sie so bleibt,
wie es ist. In vierzehn Tagen hoffe ich, fertig zu sein und Sie in
Altenrepen sehen zu drfen. Nehmen Sie diese Bltter als ein Zeichen der
Dankbarkeit und der Ehrfurcht, die Ihnen immer bewahren wird Ihr

                                                                Bogner


      Hier enden des zweiten Buches neun Kapitel oder ebenso viele
                                Monate.




                             Drittes Buch.
                                Apriltag
                                  oder
                               Verwirrung


                            Da am weg bricht ein schein fliegt ein bild
                            Und der rausch mit der qual schttelt wild.
                            Der gebot weint und sinnt beugt sich gern
                            Du mir heil du mir ruhm du mir stern.


                             Erstes Kapitel


                              Speisewagen

Unaufhrlich stampften die Achsen.

Georg, ein Stockwerk gleichsam ber dem Rasseln, Klirren und Stoen,
hrte die Ringe zum Festhalten der Glser und Flaschen unter den
Fenstern des Speisewagens klappern, deutlich durch das brige Getse.
Der Zug jagte mit allen Bremsen talwrts. Jedesmal wenn die offenen
Flgeltren fern drben in ihrer Langmut hin und her wankten, so wurde
das sachte Dehnen und Knirschen in den Lederfalten der Harmonikas
vernehmlich, und da sich die Tler nun erleichtert ffneten nach dem
Durchsto des zornigen Kolosses von verketteten Wagen, der sich in die
Ferne strzte, so blickte Georg in die tiefe, grne Heiterkeit der schon
abendlichen Landschaft, vor deren Wiesen und ckern und Wldchen
durchsichtige Stcke des Wagens schwammen, glsern gespiegelt, auch die
linke Hlfte von Maler Bogner, der ihm gegenber sa, die Unterarme auf
der Tischplatte, und manchmal erschien eine Andeutung seines Profils,
sonderbar fremd wie eines Unbekannten, dort drauen.

Auf dieser Seite des Zuges war es hell; auf der andern waren die
wachstuchenen Vorhnge gegen die tief stehende Abendsonne herabgelassen,
und immer sah Georg beim Hinausblicken den Schatten des Zuges in
rasender Eile mitgeschleift, in fegenden Wellenlinien ber Bschungen
oder Plankenzune, ber die Telegraphenpfhle, in Grben tief hinunter,
Anhhen hinauf und in ungeheurem Sturze wieder hinunter in tiefes
Wiesenland, ber das der Bahndamm hoch oben den Zug hinwegfhrte wie
einen fortsprengenden Hippogryph. Es war ein wenig aufregend anzusehn
auf die Dauer. Georg erholte sich an der Dmmerung hinter den
Wachstuchvorhngen, deren Stbe unten hin und wieder mit leichtem
Klappen gegen die Fensterleisten schlugen; sekundenlang hingen sie
leblos, je nach der Neigung des Wagens. Alle Tische waren von Gsten
leer; ein Kellner, lautlos, kam ab und zu heran, ordnete auf den weien
Tafeltchern die Glser in Gruppen, setzte Teller mit Nienburger
Brentatzen, in Pergament gewickelt, und kleine bunte Pakete mit Kakes
darauf.

Es war so wohltuend alles; anzusehn alles und nichts dabei zu denken.
Der Zug beruhigte sich ein wenig. Das dumpf donnernde Rollen der Rder
sank langsam tiefer unter Georg, ein musikalisches Getse, das die Fahrt
eher zu begleiten schien, als da es durch sie entstand, und der Zug
wiegte sich gleichmig und zufrieden. Drauen zog die Landschaft, schn
in weiten Tiefen zur Ansicht ausgebreitet, stark leuchtend, mit vielen
und langen Schatten, Felder, Haidestrecken, kleine schwarze Baumschlge
mit rot glhenden Stmmen, nahe Tmpel, Bachlufe, Rinder, schwarze und
weie, glhend in der Abendsonne mit ihren Schatten im glhenden
Wiesengrn, ein Bahnwrterhuschen, rot wie lebendige Glut, mit
Grtchen, Hund, Kind und Mann an der Fahne, grell beleuchtet ber und
ber. Rosige Landstraen mit ihren Reihen Obstbumen oder Pappeln
hielten sich lange Zeit unvernderlich in der Ferne, bogen sich langsam,
nherten sich, schweiften pltzlich wie auf einen Wink in die Weite,
oder sie kamen unvorsichtig heran und wurden jhlings abgeschnitten.
Dann war da ein kleines Bild zusammengestellt im Schatten des Zuges:
eine Schranke, zu der Kinder heranliefen, oder es wartete ein
buerliches Leiterwagengespann, und all das wiederholte sich mhelos,
immer ein wenig anders. Einmal erschienen die weien Rauchballen aus der
Lokomotive, wie sie munter und sorglos ber hellgrne Saatfelder
dahinsprangen, nun langsamer schwebten, zurckblieben, sich gestalten
wollten, aber eh sie's gedacht sich auflsten, erstaunt ber ihr frhes
Ende.

Georg, alles wahrnehmend obenhin -- auch den richtigen Maler zuweilen
gegenber, nicht den gespiegelten, der wie er selber hinausschaute, als
wrs eine Aufgabe; auch den grn und gelben Kopf Dostojewskis auf dem
dicken Bande, der vor ihm lag, und noch dies und jenes --, hrte und sah
es doch kaum, nach innen trumend, wo aus einer selbst handelnden Tiefe
der haltlos schwebende Filmstreifen des Gedchtnisses Bilder
emporschickte, so unordentlich und schlecht aneinandergereiht wie die
von Trumen, immerfort auseinanderreiend wie aus Seidenpapier, dann
unterbrochen von den gegenwrtigen Erscheinungen, erhellt, verdunkelt,
beleuchtet, beschattet, Gesichter, Straenteile, Bewegungen, Gruppen,
Zimmer, Restaurants, Marmortische, rote Samtsofas, Sle, Galeriestcke
und Grten, -- und die Augenlider senkten sich zuweilen, dem
Unterdrcken von diesem oder jenem mit uerlicher Bewegung
nachzuhelfen; oder er wurde sich der Hrte der Stuhllehne im Rcken
bewut und rutschte tiefer; oder er zog die weit ausgestreckten Beine an
sich und legte das linke ber das rechte, oder umgekehrt.

Georg hatte das dnne Gefhl einer unsicheren Behaglichkeit. Er sagte
sichs mit diesen Worten und fragte sich daraufhin: Warum dnn? warum
unsicher? Dnn lie er fallen und untersuchte das Unsicher. Da fand er
denn, es sei wie an einem dieser den Sonntagnachmittage letzter Zeit in
Mnchen, wenn in der Ferne die Glocken luteten. Es ist still, es ist
beunruhigend ruhig, es fehlen alle Wochentagsgerusche, es ist warm und
friedlich, aber die de, oh die de, wie sie mit lautloser Woge an den
Wnden hochgeht und niederrieselt von oben! Daran schuld aber scheinen
die Glocken. -- Es lutet in meiner Tiefe, dachte Georg, meine
Behaglichkeit ist blo uerlich, ich bin wohl schon entronnen --
gottlob, ich bin entronnen! -- aber irgendwo luten noch immer diese
beklemmenden Sonntagnachmittagglocken. Sind das wohl diese Erinnerungen?
Ja, sie sind es. Sie taugen wohl nichts? Nein, sie taugen nicht das
geringste! Allesamt? -- Aber vor allem ist es das, da sie blo da sind,
weiter nichts; sie sind so wertlos und so kraftlos wie jenes Gelut, das
fr irgendwelche Leute Bedeutung haben mochte, aber nicht fr mich. Ich
erinnere mich -- und kann mich doch nicht erinnern. Der Saft ist heraus.
Wie geisterhaft ist doch alles Gewesene! Kann man berhaupt etwas
_hren_ in der Erinnerung? --

Georg horchte. Um eine lange Tafel unter umqualmten Lampen saen
Gestalten, Mtzen, blaue, auf den Kpfen und blau-wei-schwarze Bnder
um die Brust unterm Rock; am obern Ende stand einer, in schwarzer
Pekesche, blauweischwarzer Schrpe und Cerevis, der mit einem farbigen
Schlger auf den Tisch hieb; aber Georg hrte den Knall nicht und hrte
das Lied nicht -- obgleich die Melodie --, das aber zweifellos rauh und
mit Klavierbegleitung gesungen wurde. Eher vernehmbar schon war die
kontormige Stille des riesigen Billardsaals, mit dem leis knackenden
Aneinanderprallen der Blle, den grnen, sanften und leuchtenden
Rechteckflchen unter tief hngenden, dicht umschatteten Lampen. Daraus
entfaltete sich alsbald, wie eine Handvoll Spielkarten gefchert, eine
Bilderwand der Schackgalerie, Hafis am Brunnen ... und jene Rmerin
Feuerbachs mit der unbeschreiblichen Hand, und die kleinen, dmmerigen,
klsterlichen Gewlbe mit Schwinds liebevollen, bezaubernden Bildchen.
Nun, das war doch eine angenehme, eine fhlbare und eine wertvolle
Erinnerung, -- mglicherweise aber war es doch die einzige ihrer Art,
das fiel ihm aufs Herz! Nein, siehe da, wie zart, wie unirdisch, diese
rosenleichte und sanfte Alpenkette! Er selber freilich war unversehens
auf jene brllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins
Gedrnge von langen Biertischen mit grauen Makrgen und gehuften
Brotkrben, von Mnchener Spieern, Studenten und Kellnerinnen, alt und
stmmig, -- Pullach hie es, und war eine Exkneipe in Zivil am Sonntag.
Die Alpenkette schwebte unsglich ferne darber und lchelte abgewandt.
Da kam sie ein wenig nher, da war der Starnberger See, der Herbstpark,
an dieser Stelle brachten sie den toten Knig ans Land, und dort drben
war die Bretterwand vom Wellenbade. Weiter, -- was noch? Nachtstunden,
oh schauerliche Nachtstunden! Prostgeschrei, Lieder, Andereien,
Bierjungen und tiefe Betrunkenheit. Endlich die mitternchtigen Heimwege
in knstlicher Haltung, wenn durch die halbe Bewutlosigkeit pltzlich
der Riesenschatten der Frauenkirche dunkelte, -- und Schlaf, Schlaf und
stumpfes, besinnungsloses Erwachen, halbes Ankleiden, schweiige Stunde
auf dem Paukboden ... Die Faust nach links! Hher! Noch hher! Links
heraus! so! links heraus! Und es prasselte, klirrte und klappte dumpf
von zwanzig Stellen des Schuppens, und irgendwo sprang gellend eine
Klinge ... Jetzt der erste, eisig kalte Schluck beim Frhschoppen, die
Promenade, Musik und auffliegende Taubenschwrme ums mistbesudelte
Gesims der Theatinerkirche, und ach nun jene desten Stunden der niemals
endenden Samstage auf dem Mensurboden -- -- entronnen, oh gottlob
endlich entronnen.

Georg schlug zum Abschlu Dostojewskis >Jngling< auf und las mit den
Augen, innerlich unaufhaltsam weiterdenkend: Da bin ich doch auch in
Nymphenburg gewesen, das war schn, der letzte Farbentag im November,
die langen, schlichten Fronten, die groen, gemauerten Becken und der
kleine wilde Teich im Park mit der einsamen bunten Ente. Dann war Cora,
dies Wesen ... und Fliddridd, dies -- ja, dies Wesen ...

Und Annas Briefe, ach mein Gott, htte ich ihr doch nie geantwortet ...

Und der Karneval, eine lichterdurchblitzte Wolke von Staub und
Konfettigestber und Patschuligeruch, durchtobt von rosigen Beinen,
nackten Schultern und Rcken, Frcken, Hemdbrsten, Riesenhten und
diesen entsetzlichen Pailettenkleidern, ein tanzendes Geheul, immer
rundum, rundum um ein groes Himmelbett, in das sich ein
ununterbrochener Regen von Gold- und Silberstcken senkt, whrend im
Hintergrunde durchdringend ein uneheliches Kindergeschrei ertnt, -- von
wem stammte dies Wort? -- Georg sah auf.

Ah, die Sonne! Der Zug fuhr mitten hinein. Georg sah ein Stck scharfen
Goldes der gewaltigen Scheibe, der offene, glserne Wagen glhte rot
bergossen, der Maler gegenber war farblos, doch sein Hinterhaar schn
vergoldet. Wie alles blitzte! und der Zug schien freudiger und
ruhmvoller dahinzurauschen.

Einen Augenblick versuchte Georg, im Gedanken an die Vergeudung eines
halben Lebensjahres sich groartig vorzukommen. Einen Augenblick
berlegte er, ob herzhafte Reue nicht angemessener sei. Aber das ist es
nicht wert, dachte er wiederum und ertappte sich ber dem Widerspruch,
da er die selbe Sache, auf deren Vergeudung er hatte stolz sein wollen,
der Reue nicht fr wert hielt. Flugs erschien ihm die Anna; sie stand
vor einem Rosenstrauch und hielt ihm den Finger hin, an dem ein
Blutstropfen hing, worauf er mit dem Verwischen des Tropfens die ganze
Erscheinung auslschte und bekmmert zu sich sagte: Das wird es sein,
ja, da all dieses, dies Biertrinken, Nichtstun, Tanzen, Fechten und die
Herzensschlamperein -- da ich all das nicht mit Willen unternommen
habe, nicht aus Lust, sondern nur, weil ich so hineingeriet, und
ebensogut htte ich es lassen knnen. Gelegenheit machte es, nicht ich,
und darum kann ichs nicht bereun, noch berhaupt richtig empfinden, weil
Tat so wertlos ist wie Traum, wenn Willen und Meinung fehlten. Ja, ist
es nicht so: wenn ich nachtwandelnd vom Dachesrand strze -- wre das
Selbstmord? Wenn ich im Traum meinen Schlafgenossen erwrge, -- wre das
Mord? Der Gedanke macht die Tat, -- wie eigen, da doch ebenso gewi der
Gedanke die Tat nicht _ist_! Ja, und nun? Nun kann ich all das nur als
geschehen betrachten, und das glaube ich, das ist an allem, was je war,
das Hlichste, wenn man hinterdrein sagen mu: Es kam so ...

Nun also eine andre Stadt, ein andres Leben. Jenes la ich fallen, und
was ich jetzt anfange -- -- ach, du lieber Gott, warum mu man sich denn
nur ber alles so entsetzlich klar sein! Zumal, setzte er
beschwichtigend hinzu, da diese Klarheit immer blo nachtrglich ist,
nichts bessert, gar nichts ndert, noch auslscht, sondern hchstens den
schwachen Bodensatz der Erinnerung ... Er verlor das Ende des Gedankens,
indem er sich gezwungen fhlte, Maler Bogner zu fragen, ob er
Dostojewski kenne.

brigens, wie spt mags sein? setzte er hinzu.

Whrend der Maler seine Haltung lste, die Uhr zog und langsam sagte:
Bald acht, -- noch eine Stunde ..., sah Georg ihn mit einem Male im
Billardzimmer in Trassenberg und mute sich Gewalt antun, das an allen
Gesichtsmuskeln zerrende Lachen zurckzuhalten, indem er sich erinnerte,
wie dieser Bogner sich mitunter stundenlang mit dem Billard unterhielt.
Er hatte keine Ahnung vom Spiel, wute aber ungefhr, worauf es ankam,
und so machte er hier und da einen nachdenklichen Sto und verbrachte
lange Minuten in tiefer Betrachtung darber, wie das nun wohl zugegangen
sei, da die Blle sich nicht so gelegt hatten, wie er sich das gedacht
hatte. Dies sei fabelhaft fesselnd, hatte er gemeint. -- Georg gelang es
endlich, sich von diesem Bilde ab und zu den richtigen des Malers zu
wenden, die er in Trassenberg gemalt hatte. Ja, welch ein Glanz im
Schweigen, welch eine Riesenanspannung legendenhafter Krfte, jedoch am
Ende geuert in so schlichter Form, wie wenn am letzten Kraftende eines
Katarakts fnf dnne Sgen, langsam und sorgfltig, eine Fichte in
Bretter zerlegen. -- Das gelbe, traurige Bild seiner Mutter erschien, so
berstrmend von ihrem ganzen Lebensleid, eingeschlossen in ungeheure
Stille, -- o diese nun ewige, betrbte Vision gelber, verschwiegener
Landschaft, in die der Frauenkopf sich hineinhob; verlangend und
ergebungsvoll ... Ja, und -- ach ja, Annas Bild, Annas, die er einen
Sommertag lang geliebt hatte und ...

Der Maler sagte, ordentlich antwortend wie stets, er habe die
Karamasoffs, Raskolnikoff und das Totenhaus gelesen.

Georg blickte insgeheim in diese hellen Augen, die vor kristallisiertem
Licht die Farbe entbehren zu knnen schienen. Und darin wars gewesen,
diese tiefe, grne Wiese, die das ganze Bild zudeckte von oben bis unten
wie ein vom Himmel hngender Teppich, und davor das schwebende
maihimmelblaue Kleid mit tanzenden, geschweiften Rocksumen, und die
schneeweien, ausgestreckten Arme, und das flchtige, vergehende, nach
oben fort verlangende Antlitz unter der Last von gelben Rosen, die das
Haar unsichtbar machten, -- und im Gesicht die Stille der groen Augen,
und elysische Vergessenheit im Blick ... Ich aber -- habe ich diese Anna
je gekannt? Geliebt habe ich sie nie, dachte Georg tief seufzend und
folgte mit Augen dem Kellner, der die Rulos eines nach dem andern
emporschnellen lie, -- bis auf eines, das durchaus nicht wollte, worauf
der Kellner ab von ihm lie, als wre es ungezogen. Pltzlich befanden
sie sich, der verschwindenden Sonne gro ausgesetzt, in dem offenen
Glaskasten mitten in der Landschaft, durch die sie flogen.

Georg warf sich mit Heftigkeit ins Gesprch.

Er schreibt den geschwindesten Stil in der Welt, nicht wahr? sagte er.

Der Maler nickte.

Es ist wie Stromschnellen, fuhr Georg fort, beilufig, haben Sie je
eine Stromschnelle gesehn? -- Man wirbelt dahin, und diese Lebendigkeit,
dies tausendfach atemlose, leidenschaftliche Leben, mit dem sie samt und
sonders durcheinander taumeln, diese Figuren! Im Augenblick -- nicht
wahr -- ist man mitten darunter.

Der Maler lchelte beipflichtend.

Dabei, sagte Georg, fehlt eigentlich alle Glut, etwa jene Balzacs,
sondern alles ist auf eine Weise nchtern und -- unabnderlich und
notwendig, die es gleichsam abkhlt. Dann sind es ja auch Russen ...

Mir, sagte Bogner aus dem Fenster blickend bedchtig, mir kam es, als
ich den Raskolnikoff las, vor, als se ich festgebunden auf einem Stuhl
in einem dieser grausamen Zimmer ... Eine Kerze am Rand eines dnnen
Tisches, und kein Fenster. Der Kalk fllt von den Wnden, und irgendwo
raschelt Ungeziefer. Da kommen sie denn einer nach dem andern herein und
sagen ihr Leben auf.

So ists! Und sie haben gar nichts Gemeinsames! Jeder ist wie mit Wnden
abgeschlossen von den Andern, und sie stoen nur aufeinander, nicht
wahr, umschlingen sich, taumeln anderswohin, und es will ein jeder nur
das Seine. Sie reien sich ineinander herein, jetzt aus Ha, und jetzt
in Anbetung, -- und sie stoen sich von sich, -- es sind Tataren!

Ja den Stdten! sagte Bogner und setzte langsam hinzu: In den Drfern
hausen lauter Dienende und haben tiefe Gebrden. Seltsame Kinder Gottes
... Georg zuckte leicht zusammen, da der Maler ihn pltzlich ins Auge
fate, und hrte ihn sagen: brigens ... sagte nicht Oscar Wilde, da
Hekuba einen so unbertrefflichen Gegenstand der Kunst abgebe, weil ihre
Leiden niemanden etwas angingen? Mir sind diese Russen immer fremd
geblieben -- Dostojewskis --, und daher war das Lesen so angenehm. Auch
moralisch steht man vllig abseit, man erstaunt wohl im Miterleben, aber
da die moralische Beteiligung fehlt, so wird man auch nicht zum
Urteilen, zum Bejahen oder Verneinen, zum Loben oder Tadeln gezwungen.

Georg, whrend er Balzac erwhnte, der hingegen stets moralisch sei und
noch mehr den Leser ntige, es zu sein, hrte den Maler seinen eigenen
Worten hinzufgen, es sei im Grunde nur ein Irrtum ...

Was?

Diese Fremdheit des russischen Charakters. Urschlich sind wir nicht
anders. Die Menschen hierzuland, aus Bchern geschaut -- und wir kennen
sie ja nur aus Bchern, im Leben haben wir doch nur Freunde oder solche,
die wir verachten --, scheinen uns blo entweder gut, oder aber -- nicht
bse meinetwegen, ttig schlecht, Bses ersinnend, und betreibend,
sondern -- nichtswrdig, unedel, niedrig denkend. So scheinen sie uns;
der Russe dagegen scheint ein Gemisch von beidem, Engel und Teufel in
eins, im Augenblick tiefedel, im Augenblick von lustmrderischer
Niedertracht, weil er nmlich jedem Reiz zu diesem und jenem nachgibt.
Wir aber --

Wir haben Hemmungen! fuhr Georg hinein. Bogner lchelte.

Das ist das neue Wort. Schlagworte passen fr den Augenblick.

Nun, und etwas noch vor allem, fuhr Georg eilfertig fort, um den
Anschein der Oberflchlichkeit auszutilgen, ein Wort, das der Held
dieses Buches hier sagt: >Ich liebe es, mich vor mir selber schuldig zu
fhlen.< Ist es nicht grauenhaft? Und das ist das Russische. Aus diesem
Grunde begehen sie ihre Schndlichkeiten. Sie sind Lstlinge der Reue,
nicht wahr? -- aber was wollten Sie sagen?

Ich wollte sagen ... Whrend dieser Worte sah Georg neben dem
Hinterkopf des Zahlkellners in dem Spiegel der Tr die Gesichter von
zwei Damen dicht bereinander, ein ltliches, schiefes und krnkliches
unter einem schwarzen Hut, und ein sehr zartes, junges unter einem
grnen Jagdhut, und irgend etwas war rot daran. Auch Bogner blickte
dorthin, an Georg vorber, der selber stracks unfrei geworden war, sich
gentigt fhlte, im Stuhl aufzusitzen, unauffllig die Weste abzuklopfen
und sie straff zu ziehn. Er hrte weibliche Stimmen hinter sich, der
Spiegel war jetzt leer, -- warum kommen sie nicht vorber? Sie schienen
in der Hlfte des Wagens hinter ihm sich niedergelassen zu haben. Georg
sah den Blick des Malers von ihnen ab und zum Fenster hinaus gleiten,
whrend er sagte:

Ich wollte sagen, da all das auch in uns sei als Keim, als Trieb, als
Gedanke; wir knnen ja nichts denken, wir knnen immer nur wnschen oder
befrchten, und so sind jene Art Russen Zerrbilder von uns, die das
Unsrige bertrieben darstellen, -- doch eigentlich nicht unwahrhaftig,
schlo er.

Nein, wollte Georg sagen und widersprechen in der Erinnerung an seine
eigene berlegung vorhin ber den Unterschied von Tat und Gedanke, aber
da hrte er den Maler halblaut und wie zu sich selber sagen:

Die Menschen sind alle gut. Es will sich nur niemand hindern lassen.

Das Wort fuhr durch Georg hin mit groem Erschrecken, wie wenn ein Tier
im Weg aufspringt und die Augen hineinreit in seine vielgliedrige
Flucht. Indem brauste der Zug, lrmte, die Bremsen schrien berlaut, und
sie hielten gleich darauf in einem kleinen, offenen Bahnhof.

Ungtig sind sie, Bogner, sagte Georg entschlossen. Sie tun, diese
Russen, das Edle nicht aus Gte -- denn dann wrden sie das Gemeine
verachten und lassen -- sondern weil es sie gerade dazu treibt, es zu
tun, oder auch, um bles Tun wettzumachen. Gte aber, setzte er
triumphierend hinzu, Gte ist der Orgelpunkt der Kultur.

Hiernach gab die Leistung seiner Rede ihm die Berechtigung, sich
umzuwenden, und er traf mit seinen Augen voll gegen das jngere Gesicht
-- sie sa in der gleichen Richtung wie er, nur einen Tisch zurck, an
der andern Wagenseite -- in dessen ungemein schnen und klaren Augen er
las, da sie ihn erkannte, -- vermutlich nach einer seiner
Photographien. Zudem hatte er nun die, aus Grn und dunklem Rot
gemischte Aureole von Haar und grnen Falten des ber die Stirne
hochgeschobenen Schleiers gesehn, die ihm zuvor rtselhaft erschienen
war. -- Jetzt sich erinnernd, da er ja einen Spiegel im Wagenfenster
neben sich hatte, vollfhrte er einige Manver, um darzutun, da er
unbequem se, drehte seinen Stuhl gegen das Fenster und hatte zuerst
den rgerlichen Anblick seiner eigenen Person im Glase, dieweil er noch
immer die verwnschte schwarze Wickelmtze ber der Wundenkompresse auf
dem Kopfe trug. Alsbald aber erschien in der blassen, von Abendhimmel
und dmmriger Landschaft verworrenen Spiegelung der Hauch eines
Widerscheins von Wangen, Hut und grnseidener Bluse, Bruchstcke, die
sich hin und wieder lieblich vernderten, schwebten, hinter dunklem
Wald, hinter einem Hause verschwanden, wieder nher kamen und greifbar
wurden.

Schne Frauen, dachte Georg, ziehen mich doch eigentmlich an, -- aber
Cora -- trug sie nicht auch einen grnen Schleier -- grne Schleier sind
selten --, als ich sie das erste Mal sah? Gute Cora!

Es dmmerte tiefer drauen, die Felder lagen schon schwarz; der
schnurgerade, schwarze Himmelsrand war dunkel gertet, schwarze Dcher,
ein spitzer Turm und Baumkuppeln ragten in sanftes Gelb, und darin
schwammen drei kleine, rosige Wolken mit Silberrndern und holden
Schatten still und emsig hintereinander her. Gerade wollte Georg es dem
Maler zeigen -- wie Legendenengel auf der Reise fand ers --, als im
Wagen die Lampen aufflammten, und statt der Dmmerung wurde nun drauen
das ganze, hellerleuchtete Wageninnere sichtbar, die Fenster, Tische,
der wartende Kellner unter der Gasflamme und die beiden Damen, die
einander gegenber saen und Kaffeetassen und Knnchen vor sich stehen
hatten. Allmhlich jedoch wurden ber dem stark leuchtenden Grn der
Bluse hinter dem durchsichtig gewordenen Antlitz die drei Abendwlkchen
wieder sichtbar, die sich langsam von ihm entfernten.

Georg blickte auf und sah in diesem Augenblick die junge Dame
herantreten. Sie errtete leicht, nickte und sagte zu Bogner, er mchte
verzeihen, aber sie htten von drben den Namen Bogner gehrt, und da
htten ihre Mutter und sie sich gestritten, ob er der Sohn von Charlotte
Bogner und dem Sanittsrat wre. Nun will ich wissen, ob ich recht
habe, sagte sie ruhig, whrend im Hintergrund ihre Mutter sich in
Qualen der Beschmung und Entrstung zu winden schien.

Der Maler sagte, er wre es, glaubte sogar, die Mutter des gndigen
Fruleins als eine Freundin seiner Mutter erkannt zu haben.

Und mich? sagte sie fest und mit Laune, wollen Sie mich nie haben
Klavier spielen hren?

Nun lachte der Maler und versicherte wie ein Weltmann, er erinnere sich
an alles und wrde untrstlich sein, wenn er nicht der Mutter des
gndigen Fruleins vorgestellt wrde.

Frau, nicht Frulein, sagte sie freundlich, nickte Georg zu und ging
mit Bogner hinber.

Frau, nicht Frulein? dachte Georg, sich wieder hinsetzend, verwundert.
Das werde ich nie im Leben glauben. Hierauf nahm er, sich verpflichtet
fhlend, irgend etwas zu tun, Coras zwei letzte Briefe hervor, bltterte
die, mit etwas kindlicher Lateinschrift auf mattlila Papier
geschriebenen unlustig auf und zu, nachdenklich, weshalb er den letzten
unbeantwortet gelassen hatte. Das Huflein lila Papier zusammenraffend
und wieder wegsteckend, dachte er dann: Solche Briefe -- oder solch ein
Menschengewchs -- sind sie nun eigentlich abscheulich oder nicht? Ich
glaube, unsereiner, ja die meisten Menschen berhaupt, werden durch
Erziehung, schon von Vorfahren her, auf einen Grund von Menschentum
gestellt, wo man vieles gar nicht empfindet; einen Grund, oder besser,
in eine Luft, wo Gemeines nicht gemein, Gutes nicht gut ist, sondern nur
eine gewisse Lssigkeit herrscht, die sich alles erlaubt und nichts fr
bedeutend hlt. Eigentlich -- ja nun! Wer hat das Wort eigentlich
erfunden? Ein Teufelsmensch, denn dies ist das Wort des Nicht-tuns und
doch nicht Lassens, das Wort, in dem eigentlich alles steckt.
Eigentlich, sagt man, sollte ich das ja nicht sagen, -- und dann sagt
mans. Ja, also: eigentlich mte ich dies alles greulich finden, aber
ich -- ja, ich tue es auch eigentlich, blo ... es ist zu dumm! Wie
entsetzlich schamlos doch eine Frau geworden ist, sobald sie nur vier
Jahr verheiratet war. Die Ehe ist so eine Art Sinekure fr seelische
Schamlosigkeit ... dachte er noch und wandte sich leicht um, hrte sich
von Bogner angerufen, ging hin, wurde vorgestellt und konnte sich nun
vergewissern lassen, da die Tochter ihn wirklich nach einer
Photographie erkannt hatte. Die Mutter hrte er Frau Tregiorni nennen,
den Namen der Tochter schien der Maler selbst nicht zu wissen.


                             Fahrtgesprche

Sie hatte die zarte Schnheit der Frauen mit rotem Haar, einen
unberhrten Mund von der schnsten Form mit weicher Unter-, voll
gewlbter Oberlippe und herabgesenkten Winkeln. Das Paar der
dunkelbraunen Brauen schwebte wie ein flgelhebender Sperber ber Augen
von undeutlicher Frbung und groer Klarheit. Georg war entzckt, und
obendrein stellte sich nun heraus, da sie schon von ihm gehrt hatte,
da sie Magda Chalybus kenne und eine Freundin von Renate Montfort sei.
Die Anna nannte sie eine entzckende Libelle, -- warum, wute sie nicht
zu sagen, aber Georg erklrte es ihr gleich. Deshalb nmlich, weil Annas
innere Lebendigkeit, obgleich sie selber sich stille verhielt, ein
glnzendes Zittern um sie wbe gleich dem unsichtbaren Schwirren der
vielen Flgel, wenn der Libellenleib unbeweglich in der Sommerluft
schwebt, -- ein beflgeltes Wesen sei sie, o ja. -- Dies fand sie so
hbsch, da sie es flugs ihrer Mutter mitteilen mute, die es auch
hbsch fand und nunmehr begann, Georg alles zu erzhlen. Nmlich, da
sie aus Graz kamen, wo sie Verwandte ihres verstorbenen Mannes besucht
htten, der in Altenrepen Kapellmeister gewesen sei, und sie selber war
am Theater Sngerin gewesen, brigens gebrtige Altenreperin und aus
sehr guter Familie, whrend ihr Mann italienischer sterreicher aus dem
Grzischen gewesen war. -- Ihr Gesicht war ganz gelb und wirklich so
schief wie der abnehmende Mond; sie fing nicht einen einzigen Satz an,
ohne einen hlflosen, um Erlaubnis oder Beistimmung flehenden Blick auf
ihre Tochter zu werfen. Diese aber schnitt ihr nun sachte aber bestimmt
den Faden ab und sagte:

Ich selber spiele Klavier, wie Sie gehrt haben, und war beinahe ein
Wunderkind; es ging aber vorber. Wir waren also keine zufllige
Familie.

Georg stutzte, zauderte, riet in ihren Augen und fragte endlich: Sind
Sie Sherlock Holmes? Und da sie lachend verneinte: Aber Sie zitieren
doch ein Wort Dostojewskis aus seiner Vorrede zum >Jngling<, den ich da
drben liegen habe?

Das htte sie erstens nicht gesehn, und zweitens htte sie den Ausdruck
>zufllige Familie< ganz selbstndig gemacht, -- sie mchte aber nun
wissen, was er bedeute.

Georg holte den Dostojewski, las nach und meinte: Er spricht von
russischen Familien, und ich verstehe kein Wort davon.

Sie sah mit in das Buch, las ein wenig und sagte, sie verstnde es auch
nicht. Georg, der es nun selber erklren sollte, fand keine Worte, fing
aber schlielich an: Ich kenne eigentlich gar keine Familien, nur in
Altenrepen eine, die mir allerdings sehr zufllig vorkommt. Ich war dort
in Pension, der Vater ist Oberlehrer, die Mutter stammt aus ganz kleinen
Verhltnissen, ein Sohn ist Komponist ...

Ach, Benno Prager, meinte sie, warum haben Sie das nicht gleich
gesagt! Das ist eine zufllige Familie?

Jedenfalls zankten sie sich immer. Also Sie kennen den guten Benno?
Ach, dann sind Sie wohl die dritte von den drei edlen Frauen, die zur
Tr hereinkamen, nachdem er zwei Stunden im Dunkeln gewartet ...

Das scheine ich zu sein.

Nun kommen wir der Sache nher, meinte Georg. Also eine Familie ohne
Bindungen, nicht wahr, ohne Zusammenhang, -- aber ich glaube, die giebt
es erst seit kurzem und gabs in frheren Zeiten nicht, wie, Bogner?

Bogner sagte, er seinerseits kenne nur hollndische Familien, die auf
alten Bildern dargestellt wren. Darauf seien eine Menge durchweg
blasser oder durchweg rtlicher Gesichter zu sehn, die den Beschauer
smtlich anblicken. Links sitze der Vater, rechts die Mutter, und um
einen Tisch zwischen ihnen seien viele Shne und Tchter verteilt, alle
mit dem gleichen Mhlsteinkragen ber den schwarzbekleideten Schultern
und alle mit dem gleichen Ausdruck in den dunklen Beerenaugen. Nein, das
seien schlechterdings keine zuflligen Familien, schlo er.

Ich glaube, sagte die Tochter -- Georg, der sie hatte Ulle nennen
hren, erwog, ob sie wohl Ulrike heie, was ihm palicher schien --,
ich glaube, es war schner, als es so aussieht, wie Sie es malen. Der
Vater war das Oberhaupt, und die Familie bildete eine wohlgeordnete
Gruppe der Ehrfurcht umher. So sollte es immer sein.

Wenn das Oberhaupt nur danach wre, lie Georg einflieen, whrend sie
unbeirrt weitersprach:

Er hatte sie ja gegrndet, widmete ihr sein Leben, sorgte fr sie und
war stets ein Vorbild in Sitte und auch in Gesinnung.

Wenn er aber nun brllt, tobt, ohrfeigt und die Tren knallt?

Wer tut denn so etwas? fragte sie spitz.

Bennos Vater. Dabei ist er ein Gelehrter und ziemlich gebildet, nicht
wahr? Im ganzen, scheint mir, ist er nur auf lrmigere Weise Tyrann als
Ihr vorbildliches Oberhaupt. Und zudem, scheint mir, hatte Ihr Oberhaupt
mehr Ehrfurcht vor seiner Frau, vor der Mutter seiner Kinder und dem
Vorstand des Hauswesens, wie er andrerseits ihr Eheherr war, wie es
hie, dem sie Gehorsam schuldete, wie zuvor ihrem Vater. Es war
jedenfalls ziemlich beschrnkt.

Ach, Ulle, und so kalt kommt es mir vor! klagte die Mutter ngstlich
und schaudernd. Diese grlichen Mhlsteinkragen! Warum heirateten sie
denn berhaupt?

Es war nicht kalt, Mutter, nicht klter als heute, im Gegenteil, denn
es herrschte eben die Gemeinsamkeit, von der wir sprachen. Es war eine
Gemeinde, es gab Zucht und Gottesfurcht. Heute heiraten die Menschen,
weil sie sich einbilden, sie htten sich lieb, und weil es gerade so
pat, diesmal, denn jeder hat schon frher diesen oder diese liebgehabt,
und da pate es nicht und wurde nichts daraus, und das ist eben das
Zufllige. Nachher sitzen sie dann wie eine Lerche und eine Krhe auf
derselben Stange. Errtend, als habe sie in irgendeinem Betracht zu
deutlich gesprochen, fuhr sie eilfertig fort: Vielleicht liegt es an
der Religion, die heute auch fehlt, und die damals alles war,
Weltanschauung und --

Ach, Ulle, die Religion! Und dein Papa war solch ein frommer --

Liebste Mama, du gehst alle vierzehn Tage einmal zur Messe, Ostern zum
Abendmahl und zur Beichte, und du bist noch katholisch obendrein. Frher
war die Religion das goldne Seil, an dem jeder Tag ablief, nichts
geschah ohne Gebet vorher, das Kleinste und das Grte war von Gott
abhngig, -- ist das kein Unterschied?

Georg sagte: Um es ganz einfach darzustellen: Adel -- nicht wahr? --
heiratete Adel und Handwerk Handwerk. Ferner hatte der Mann die
Kenntnisse, war der Ernhrer und galt deshalb als berlegen. Ferner
wute die Frau, die vom selben Stande war, was dazu ntig war, um seinen
Beruf zu verstehn, whrend eine Kaufmannstochter, die einen Gelehrten
heiratet, nur aus groer Liebe ein blindes Verstndnis schpfen kann.
Ferner hatte auch sie ihre berlegenheit, im Hauswesen, in der Erziehung
der Kinder. So waren sie in allen gemeinsamen Angelegenheiten -- nicht
wahr? -- einander gleich; wenn er berragte, so tat ers fr sich allein,
auer dem Hause gleichsam.

Frau Tregiorni bestritt alles, denn alles sei heute genau so! Wenn sie
an ihre Ehe denke, du lieber Gott! -- und Georg pries sie glcklich.

Ja, und warum brllt er denn so? erkundigte sie sich zaghaft nach
Bennos Vater.

Das fragen wir uns ja auch, gndigste Frau. Nun, Ursachen gab es
natrlich. Schlechte Schulzeugnisse, Bennos ewige Vertrumtheit und
Vergelichkeit, dann vor allem das Essen, nicht wahr? und die Krankheit
seiner Frau, -- ja, nun ist sie ja tot.

Ist sie tot? Nein, so was lebt nicht! beteuerte die alte Dame
unschuldig, whrend Ulrika: Ach! also doch! sagte.

Vor acht Tagen bekam ich die Anzeige, sagte Georg. Mich wundert, was
der Alte nun sagen wird; bisher war er berzeugt, da sie nur so tat.
Sehen Sie: Bennos Vater stammte aus nicht bessern Verhltnissen als sie,
hatte aber studiert, war ein Gelehrter und vermutlich der Stolz der
Familie gewesen, der es spter dann zu nichts Rechtem brachte. Sie war,
soviel ich wei, seine _filia hospitalis_ gewesen, in die er sich
verliebte, nicht wahr? Nun dazu der gute Benno, dies Kuckucksei, mit
seinem Komponieren. Keiner konnte ihn begreifen, keiner konnte ja vom
andern begreifen, was er war, noch die Gegend schtzen, aus der er kam.
So fehlte die Zuneigung.

Das verstehe sie nicht, erklrte Frau Tregiorni.

Die pflichtmige Zuneigung, gndige Frau. Ehen wurden frher
geschlossen, weil eine Familie zu grnden war. Es mute alles stimmen,
Stand, beiderseitiges Vermgen, nicht wahr? und es heiratete nicht ohne
weiteres ein Mann ein Mdchen, sondern Familie in Familie, Anhang in
Anhang. Es konnte nicht vorkommen, da der Mann die Verwandten seiner
Frau miachtete, oder umgekehrt, und es schien jegliche Grundlage des
Glcks ausgeschlossen bei einer Ehe, die mit der geringsten
Gegenstzlichkeit begann, irgendwelcher Feindschaft womglich, gar nicht
zu reden von vterlichem Fluch. Mit dem Gedanken an Cora und ihren Mann
sprach er weiter: Es mute ein Akkord sein, nicht wahr, von vielfltig
abgestimmten Noten. Und dann eben, mit dem Augenblick des Eheschlusses,
begann das Eingeborene zu wirken, nmlich diese pflichtmige Zuneigung
der Gatten; des Mannes zur Mutter der kommenden Kinder, der Frau zum
Eheherrn, auf den sie sich verlie. Pflichtmige Zuneigung, die sich
ein Leben lang durchhalten lie -- vermge natrlich der des Herzens --
und die sich spontan auf die Kinder bertrug als Ehrfurcht, vor dem
vterlichen Vorbilde, dem elterlichen Beispiel -- nicht wahr -- eines
Wandels in Einmtigkeit; Zuneigung um des Bundes willen.

Ulrika warf den Kopf auf, erklrte, er habe gut gesprochen, und es
beweise gar nichts. Benno Prager mu da unter den Seinen in der
Verbannung von sich selber leben, und frher wurden die jngeren Shne
aus dem Hause gejagt, wenn sie nicht freiwillig gingen, und konnten mit
dem Schwert ihr Brot verdienen --

Beim Adel, gewi, und es hatte wirtschaftliche Ursachen, und es
schadete auch gar nichts, und auerdem wren wir ja froh, wenn Benno
fortgejagt wre, anstatt da er nun in die Bank gehen mu.

Sie blickte ihn an, lchelte und meinte, er habe freilich recht, sie
mchte es nur nicht leiden, wenn von frher und heute geredet wrde, als
wre die jetzige Zeit verdorben. Du wirst unruhig, Mama, wollen wir
gehn?

Die Mutter, die nach der Uhr gesehn hatte, versicherte, es sei hohe
Zeit, nur noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft. So verabschiedeten sich
die Damen, auch Bogner und Georg suchten ihr Abteil auf, wo sie allein
waren.


                                 Abteil

Georg, in der tiefen Dmmerung des von oben matt erhellten, dunkelroten
Raumes sich in die Ecke neben der Gangtr niederlassend, betrachtete auf
dem gesenkten Gesicht des Malers, der unter der Lampe stand, die
Schattenschluchten und Lichtflchen, whrend er seine Pfeife aus dem
Gummibeutel nachdenksam stopfte und in Brand setzte, worauf er eine
Fensterecke Georg gegenber einnahm. Der blasse Egon, sein kleiner
Diener, erschien, in Zivil mit seinem schwarzen Haartuff in der Stirn
wie ein Sekundaner aussehend, um hflich den Maler zu fragen, ob er am
Bahnhof irgend etwas befehle, doch befahl er nichts, sa und rauchte und
sog mit einem wunderlichen Ausdruck des Behagens am Kinn. Nach einer
Weile blickte er Georg ernsthaft an, und schlielich sagte er etwas, zu
Georgs Staunen ganz aus eigenem Antrieb; er sagte:

Ein schnes Mdchen!

Und:

Ein kluges Mdchen.

Sie ist verheiratet, sagte Georg.

Keine Spur, sagte Bogner, das sieht man doch.

Mit einem Marineoffizier, trumpfte Georg auf.

Woher er das wisse.

Sie hatte vergoldete Ankerknpfe in den rmelaufschlgen.

Da freute sich der Maler und meinte, er mchte Georgs Augen haben.

Nun sagen Sie mir eins, platzte Georg unvermutet heraus, knnen Sie
mir das sagen: wann fhlen die Menschen eigentlich? Da haben wir
unendlich tiefe Dinge geredet. Wir haben gedacht, nicht wahr. Sie hat
gedacht, ich habe gedacht, Sie haben nichts gesagt, aber Sie haben auch
gedacht, wir denken alle. Fortwhrend denken wir. Den ganzen Tag ist der
Mensch beschftigt, im Beruf oder mit Zeitunglesen und so. Wann fhlen
die Menschen? Vielleicht im Theater? Da kritisieren sie. Im Konzert?
beim Spazierengehn? vor dem Einschlafen? Ich glaube, sie kritisieren
auch da noch. Am Ende fhlen sie nur, wenn sie in Bchern von den
Gefhlen andrer Menschen lesen. Oder tun sie's, wenn sie unglcklich
sind?

Der Maler zog seinen kleinen Bleistift aus der Westentasche und rhrte
damit in seiner Pfeife wie in einem Milchtopf; dann lie er etwas Asche
in den Aschenbecher flieen.

Ich wei es nicht, bekannte er schlielich.

Sie wissen gar nichts! rief Georg strahlend, Bogner, Sie sind ein
unbewuter Mensch! Ich mchte das auch knnen!

Der Maler schob die Hand in die breite Lederschlinge, die neben ihm
hing, und lachte freundlich mit. Georg holte Coras Briefe wieder hervor,
um dem Maler eine Stelle zu zeigen. Als er sie gefunden hatte und
aufsah, begegnete er Bogners Blick, der aus den groen Augenhhlen --
wie ffisch und vergrmt sie auf einmal aussahen -- unbestimmt auf ihn
gerichtet schien, so da er zgerte, etwas zu sagen. Bogner sah wieder
fort und zum Fenster hinaus in das Dunkel. Sein Gesicht wurde immer
schwerer und ernster, whrend Georg das Getse des Zuges pltzlich
wieder wahrnahm, das gleichmig wiegende Stoen und Schnaufen. Auf
einmal hrte er den Maler sagen:

Ich bewundere Sie, Georg! Sie haben eine so unerhrte Munterkeit und
Willigkeit der Jugend, eine so wunderbare Teilnahme fr jeden Menschen,
da Sie sofort bereit sind, sich in jede Unterhaltung ber jeden
Gegenstand zu werfen, nur um mit dem Andern ins Gemenge zu geraten. Ich
kann da gar nicht mitkommen. Sie denken so rapid. Sie sind eine
Stromschnelle.

Er sah ihn an und lchelte kostbar. Georg sagte: Da hab ichs!

Wie machen Sie das eigentlich? fuhr der Maler ganz ernst fort. Ich
glaube, Sie lesen in drei oder fnf Bchern von russischen Menschen, und
schon haben Sie >den< Russen im Glashafen und lassen ihn steigen und
sinken wie ein kartesianisches Mnnchen. Und --

Hab ichs denn falsch gemacht? unterbrach ihn Georg, nicht durchaus
geschmeichelt.

Und es scheint ganz unwiderleglich, wollte ich sagen. Ich kann da gar
nichts bestreiten. Wer kann all das wissen?

Wieder verstummend, blickte er zum Fenster hinaus, fing aber nach einer
Weile abermals an:

Ja, eins fiel mir noch ein, -- whrend Sie da ber die zufllige
Familie redeten. Ich sagte Ihnen ja, da meiner Meinung nach wir
Menschen nicht denken, sondern wnschen oder befrchten. Und nun nehmen
Sie einmal an, da ist ein Mensch, der immerfort ble Dinge denkt -- nur
denkt, wie Sie es meinen --, also sagen wir: diebisch oder lstern;
irgendwie Boshaftes. Werden diese Gedanken sich niemals und in nichts
uern? Sich nie zu einer Handlung kristallisieren, oder jedenfalls
einen Niederschlag finden in seinem Gehaben, seinem Verhalten gegen
Andre? Oder stellen Sie sich einen guten Mann vor, einen, der nur
Rechtliches denkt und Gtiges. Sollte daraus niemals eine gute Tat, die
dann fortwirkt, sollte kein schnes und edles Gebahren daraus
hervorgehn?

Das scheint mir so zu sein, sagte Georg, sich vorbeugend, um ihn
besser verstehen zu knnen.

Ja, und nun der Russe. Vielleicht ist er weniger zivilisiert, lt sich
eher -- unter der Brcke des Gedankens gleichsam -- vom Gefhl zur
Handlung hinreien, -- mag alles sein, aber ...

Er schwieg.

Georg sa lange Zeit in Gedanken verwickelt, die zu unbestimmt waren, um
sich fassen zu lassen. Da hrte er wieder die Stimme Bogners und fand
sich ernsthaft angesehn, whrend der Maler sagte:

Und Sie, Prinz, Sie denken viel ...

Ja, gewi ... sagte Georg zgernd. Ja -- und --?

Ja, und gesetzt, Sie dchten wirklich nur, immer so, wie Sie's meinten
--

Ich meine, fiel Georg ein, wenn ich ein Mensch mit lebhafter
Phantasie bin und mit beweglichen Gedanken, so mu ich eben hundert
Dinge denken, einfach assoziativ, nicht wahr? weil ein Gedankenbild das
andre hervorruft, ohne jedoch mich ernstlich zu beschftigen, mein Wesen
zu berhren.

Ja, jawohl. Ich meinte eben auch nur das Denken, das viele Denken.
Jener beldenkende, von dem wir sprachen, unterlt das Gute vielleicht.
Und wer viel denkt, was unterlt vielleicht der?

Georg, die Antwort das Handeln nur mit den Augen sagend, wollte eifrig
widersprechen mit der Behauptung, da eben die Gedankenarbeit die
Vorbereitung und Schule des Handelns sein msse, allein Bogner lie ihn
nicht zu Wort kommen.

Und jetzt, sagte er, sehen Sie wohl, jetzt denken Sie nicht, was ich
gesagt habe, sondern nur, wie Sie mich widerlegen knnen, und da Sie
mich widerlegen mssen. Denken Sie also ohne Wunsch noch Befrchtung?
Denken Sie, sagen wir, ungefrbt? in Reinkontur? Er lachte leicht vor
sich hin. Aber lassen wirs doch, es ist ja wunderschn. Da kommt so ein
schnes Mdchen, und, gleichviel wo's ist, im Eisenbahnwaggon, im
Kaufladen, im Salon, im Lift, Sie werfen Ihre ganze Seele in die
Wagschale, damit das schne Mdchen die ihre hervorholt und
dagegensetzt. Ich mchte das --

-- auch knnen, glaubte Georg zu verstehn, doch kreischten in diesem
Augenblick die Bremsen, der Zug, laut brausend, fiel in langsamere
Fahrt, immer langsamere, und am Ende blieben sie stehn. Der Maler
wischte an der beschlagenen Scheibe, sah in die Dmmrung hinaus und
sagte: Warne. Es war die letzte kleine Station.

Georg, seine Briefe vom Sitz neben sich aufnehmend, hrte den Maler in
die Stille hinein pltzlich mit beinahe drhnender Stimme sagen: Der
Teufel hole alles mattlila Briefpapier!

Ja, warum denn? fragte Georg erschrocken.

Ich kanns nicht leiden, versetzte er. Und ber ein kleines wiederholte
er: Ich kanns nicht leiden!

Dies Briefpapier, sagte Georg, ist von Ihrer Schwgerin Corinna, und
da Sie sie nicht kennen, dachte ich, nicht wahr, eine Stelle daraus
wrde Sie interessieren. Es ist von ihrem Vater die Rede. Nein, sehen
Sie mal -- Georgs Blick war auf eine Seite in dem andern Brief gefallen
-- sie hat manchmal eine nicht unwitzige Art, Situationen
wiederzugeben. Der Umzug, schreibt sie, war frchterlich. Jetzt sitze
ich zwischen lauter Scherben, mehrere Fensterscheiben, die groe
Marmorplatte vom Waschtisch, die halbe venezianische Krone, Glaskannen
liegen in Trmmern um mich herum. Und ich dazwischen mit dem
vernichtenden Blick -- wie in Karthago. Und meine goldene Hutnadel aus
Brssel und der weie Grtel mit dem Emailschlo -- weg -- verschwunden!
Jetzt wird sich wohl die Braut von meinem Ziehkerl damit schmcken. Ich
heule schon beinah.

Georg reichte nun den Brief, den er Bogner zeigen wollte, ihm hinber,
die Stelle mit dem Finger bezeichnend; er selber las ein wenig im
andern.

   Ich bin sehr mde, lieber Georg ...

   Fr jetzt soll Ihnen verziehen sein um Ihres heutigen Briefes
   willen. >Weil ich Sie brauche.< Dies ist schn.

   Ich mchte lieber auf einem weichen Sofa sitzen und mich von
   jemand streicheln lassen. Lieber Prinz, behalten Sie mich lieb.

Georg war hocherfreut ber ihre Geschicklichkeit im Wechsel der Anreden.
-- Nun kam die Stelle vom Umzug. Die nun folgende letzte Seite des
Briefes war ein Gewirr; von allen vier Rndern nach der Mitte zu und
kreuz und quer war der Bogen beschrieben, nebst zwei groen
Tintenklecksen. Am obern Rande fing Georg zu seinem Vergngen noch
einmal zu lesen an:

   Herrgott, was hab ich da gemacht! Also dies schrieb ich Sonntag
   vor acht Tagen, als ich mich grad mit Herbert gezankt hatte. Sie
   sollten es eigentlich nicht haben --

Aha, eigentlich! dachte Georg.

   -- ich hatte den Bogen in einem Papierkasten aufgehoben und nun
   verkehrt herum hervorgeholt. Und auch grad an Sie hab ich darauf
   schreiben mssen -- also, ich schreibe den ganzen Brief deshalb
   nicht noch mal ab -- hab auch keine Zeit dazu. Sie kriegen
   ihn.

Am untern Rande stand:

   Ich bin totmde, heut geht alles verquer. Adieu! Trsten Sie mich
   bald wieder. Unsre Wohnung ist aber fein. Extra ein Pltzchen,
   elektrisch beleuchtet, wo Sie vor mir knieen knnen, wenn Sie
   einmal kommen. Ihre mde Cora.

Am Rande rechts stand:

   Indem fallen mir noch diese Kleckse aufs Papier. Soll es doch
   nicht sein? _Tant pis_ -- ich tu's doch.

Am Rande links:

   Nun finden Sie sich zurecht, wie Sie knnen.

Georg drehte das Blatt herum und las die von unten nach oben -- Sonntag
vor acht Tagen -- geschriebenen Zeilen:

   In spter, stiller Nacht sitze ich allein und lese Ihre Gedichte
   noch einmal. Alle. Was ist es, das aus ihnen zu mir spricht? Ist
   es ein knstliches Hineinsteigern in Gefhle, die in Wirklichkeit
   nicht da sind? Sind es nur die Sinne? Ist es die wahre
   Leidenschaft, die echte, groe, ertrumte? Ich kenne Sie nicht.
   Kennen Sie mich? Ich bin nicht immer leicht.

   Dies schrieb ich in der Sonntagsnacht und wei nicht, ob ich es
   Ihnen je vor Augen kommen lassen werde. Eben schlgt es zwlf.
   Denken Sie an mich? >Sehen wir im Traum -- wieder Stern bei Stern
   ...< Gute Nacht.

Georg, die Briefe samt dem, vom Maler ihm stillschweigend
zurckgereichten, zusammennehmend, war pltzlich gerhrt. -- Du armes
Kind, dachte er, >die echte, groe, ertrumte Leidenschaft?< Mut du
noch davon trumen? Warum hast du denn geheiratet? >Denken Sie an mich?<
Das klang doch so rhrend! Und da war es aus, ich bekam es mit der Angst
und schrieb keinen Brief weiter. Ja, das bist nun du, Cora. Du lgst
nicht, oh, niemals lgst du, und das Sonntag nacht Geschriebene und der
unbedacht hervorgeholte Bogen und die Kleckse, das ist alles so gewesen,
obwohl man schwren mchte, da es nicht so war. --

Auf einmal ward ihm hei. >Ich bin nicht immer leicht.< Bei dieser
Stelle ist mir immer hei geworden, wenn ich sie wieder las, empfand er.
>Ich kenne Sie nicht.< Ja, das ist die problematische Stelle, wo die
wirkliche Leidenschaft beginnen mchte -- oder die eingebildete
aufhren. Als ich Anna das erste Mal kte, sagte eine unbezweifelbare
Stimme in mir -- aber ich berhrte sie! --: Ich kenne dich ja gar
nicht! -- So sind wir nun. Groe, getrumte Leidenschaft! Jede trumt
davon, und alle heiraten. Sei du in Beuglenburg, ich in Altenrepen! Oh
nein, fr eine wirkliche Leidenschaft warst du doch viel zu amsant!
Amsante Frauen liebt man nicht, das wrde einen um das ganze Vergngen
bringen. Oh, wie mu doch so manche geborene Kokotte im seichten
Gewsser der ehelichen Niederungen verkmmern! Ich bin so spitzfindig
auf einmal! Damals aber sollte ich Anna vergessen, sie wollte es ja!
Bogner mit seinem lila Briefpapier hat wieder einmal alles gewut. Wenn
ich nun zum Beispiel an den letzten Nachmittag denke ... Mein dumpfer
Schdel, -- der Verband hitzte und drckte, und dann hatte ich Annas
Scheidebrief wieder hervorgeholt, -- mir war so elend! Wir fahren ja
wieder, dachte er, sich unterbrechend, da er das langsame Rollen des
Zuges hrte und das Vorbeiziehen von Lichtern in der Dmmerung drauen
sah. Die Luft war ganz violett, dahinter ferne der Himmel leuchtend
grn.

Briefe, dachte er, sollte man um so eher verbrennen, je begieriger man
sie las. Der Duft ist hin, und sie spter wieder lesen, das ist wie an
der Schale von gegessenen Frchten kauen.

Und brigens wei ich jetzt, was an dem Nachmittag in ihr vorging, als
ich von Anna sprach. Es gelang ihr, das, was sie an Zuneigung fr mich
besa, mit Hlfe des Unterschiedes im Alter in Mitleid und
Mtterlichkeit umzusetzen. Einen Augenblick erst schien mirs doch, als
sei sie hlflos geworden. Ja, nun sehe ich sie viel enttuschter; damals
beherrschte mein eignes Schicksal mich ja ganz, -- als sie aufgestanden
war und am Fenster lehnte, im Laternenlicht, das von drauen
hereinstrahlte, ganz wei im Gesicht unter dem riesigen schwarzen Hut.
Vielleicht hatte sie doch viel von mir erhofft. Prinz ist man ... Wie
mag wohl ihr Mann sein? Von unerschtterlicher Strebsamkeit nannte ihn
Bogner. Solche Frauen haben solche Mnner. Und einen Augenblick stand
sie da, ihre bescheidene kleine Seele in der Hand, das bichen echter
und verkmmerter Sehnsucht.

Und dann auf einmal sah ich sie ganz verschwommen in der Dunkelheit, und
sie stand bei mir, ihr Gesicht war nah ber mir, der Hutschatten
verdeckte das Fenster ganz. Ich nahm ihre Hnde ... Warum wohl? Es kam
so ...

Und dann kte sie schonend meine Stirn, ja, und dann war sie
hingeschmolzen in Trstlichkeit und Mitwehmut, und die erlaubten ihr,
auf meinen Knieen zu sitzen, und mir, sie zu halten, und ihr Kopf lag an
meiner Schulter, ein Umstand, der zur Folge hatte, da ich sie kte,
und wie wir so dasaen, war irgend etwas uns gemeinsam.

Und dann kamen die Briefe, und aus irgendwelchem Gefhlskeim stiegen
diese Gedichte auf, gro einher wandelnd wie Seifenblasen,
Regenbogenkugeln mit Stickstoff gefllt und deshalb mit so
majesttischer Schwere durch die reineren Lfte segelnd, -- ich wei
alles, dachte Georg geknickt.

O Anna, ich htte dich nicht vergessen sollen! Was wird nun werden? Ob
sie noch lnger in Altenrepen bleiben wird? Aber wahrscheinlich geriet
ich auch in das Gefhl fr sie nur hinein, weil sie da war, und weil ich
fhlen mute. Suchte ich dich? htte ich lebenslang nach dir suchen und
dich finden mssen? Wie htte ich dich dann vergessen knnen, jemals? --
Man schwimmt im Dasein, sieht nichts als den kleinen Wasserkreis um sich
her und erfat, was hineintreibt. Aber da sitzt mir ja Bogner gegenber
...

Noch sieben Minuten, sagte der Maler.

Bald darauf erschienen in der Dmmerung zwischen dunklem Wirrwarr von
Gebuden die wohlbekannten Huserflchen mit Plakaten von Cakes und von
Tinte und der groe Arm, dessen Faust einen Radreifen hochhielt. Dann
stand auf einmal: Dunlop! gro im Finstern. Georg sah Fabrikessen, von
unten beleuchtet, ihr Qualm glhte, Kirchtrme; gegen die andre Seite
des Wagens drngte sich pltzlich der groe Biergarten unter Bumen und
vielen kleinen Lichtern. Eine Strae erschien, abgelegen, ein Waldrand,
ein erleuchteter Straenbahnwagen, leer und stillestehend.

Pferdeturm, sagte der Maler vor sich hin. Gleich darauf: Hier ist
eine Kaserne gebaut. Darauf: Hier ist alles anders geworden.

Georg, um etwas zu sagen, meinte: Sie waren doch neulich schon hier
...

Bogner erwiderte, es sei nachts gegen Morgen gewesen. Pltzlich waren
sie mitten in der Stadt, auf hohem Bahndamm zwischen den Husern
hindurchgerissen, es rauschte und donnerte, Fensterreihen, hunderte von
kleinen Balkonen, das Innere von Zimmern, mit einer Hngelampe, einer
Nhmaschine, flogen vorbei. Aus der Tiefe neben Georg fuhr jenes
Gewimmel von Kette und Anordnungen roter, grner und weier Lmpchen
herauf, lampengeschmckte Musikpavillons, eine Militrkapelle, Tisch und
das Getmmel beleuchteter Menschen.

Tivoli, genau wie damals, sagte der Maler und erhob sich.

Whrend sie ihre Mntel berzogen, rauschten die Bremsen, sthnten,
quietschten, und der Zug stand in der leuchtenden Halle.


                            Zweites Kapitel


                               Nachtgang

Der Maler ging in seiner leichtlichen Rstigkeit voran. Georg, in einem
sonderlichen Gefhl von Heimkehr, mit der Ungewiheit der Erwartung, ob
noch alles wie damals sei und was sich diesmal dahier mit ihm zutragen
werde, folgte treppab, durch Menschengedrnge, durch den Tunnel, stand
eine Weile geduldig mit am Gepcklager, wo der Maler seinen Zettel
abgab, um sich den Koffer schicken zu lassen, und dann standen sie unter
dem berdach vor den Ausgngen. Georg sah das schwarze Reiterdenkmal
wieder ber Treppen und Blumenbeeten auf dem nassen, schwarzen Platz,
hrte die elektrischen Bahnen in den Kurven kreischen, sah sie um die
springenden Brunnen biegen, sah die breiten Straen in der rtlichen
Helle der Bogenlampen, hastig durchwimmelt von beschftigten Menschen,
die groen Hotelbauten im Umkreis und die Fluten verschiedenen Lichts
aus den Spiegelscheiben der Auslagen im breiten Strom der Bahnhofstrae,
alles so unendlich wohlbekannt, fr den Hauch eines Augenblickes
entfremdet, nun alles schon wieder wie vor einem Jahr, und er dachte
dabei: Da bin ich nun in derselben Stadt wie Anna. Wenn sie mir doch
gleich entgegenkommen wollte! Die berraschung wrde mich maskieren. Ob
ich nicht vielleicht doch, wenn ich sie wiedersehe, mein verlorenes
Gefhl wieder finde? Oh Gott, nein, betrgen kann ich sie nicht, und was
sollte auch daraus werden?

Ich mchte zu Fu gehn, hrte er Bogner sagen, meine Eltern wohnen in
Waldhausen.

Georg, unschlssig was tun, da er ins Hotel immer noch frh genug kam,
fragte, ob er durch die Wiesen gehn wolle, und da der Maler nickte, ob
er ihn begleiten drfte, -- die Abendluft ...

Also sagte er dem blassen Egon Bescheid wegen des Hotels und der Koffer,
und sie gingen schweigsam ber den Platz, die Bahnhofstrae hinunter und
weiter durch die Altstadt, wo Georg pltzlich in einer dunklen
Seitenstrae den leuchtend grnen, jetzt schon in triefendes, tiefes
Blau vergehenden Himmel wieder sah, in den der riesenhafte,
breitschultrige Turm der Marktkirche hineinragte, schwarz wie aus Samt
geschnitten.

Als sie auf die Allee des alten Friedrichswalls hinaustraten, blieb der
Maler stehn. Rechts rauschten die vielen Wasserstrahlen des Zierbrunnens
mit Krokodilen und Wassermnnern in der Abendstille. Der Maler
schttelte den Kopf ber ihn, blickte nach links gewandt die kleine
Akazienallee hinunter, neben der auf dem glnzend nassen Fahrdamm die
Straenbahngeleise schimmerten, und schien der lang und dunkel
hingestreckten Front des alten Rathauses mit dorischen Sulen und
mchtigen Dreieckgiebeln zuzunicken. -- Wie mag ihm zumute sein, dachte
Georg teilnehmend, da er Alles wiedersieht nach so langer Zeit? -- Indem
sagte Bogner, in die dunklen Wiesenanlagen jenseits der Allee
hinberdeutend:

Frher -- ja, da reichten die Maschweiden bis hierher, und gleich da
drben stand der kleine Bretterkiosk, wo die Billette zur
Schlittschuhbahn verkauft wurden, wenn im Winter die Wiesen unter Wasser
standen. Fr Jungens kostete es zwei Pfennig, es gab rote Zettel, und
dann konnten wir uns gegen den Wind bis hinten zum Bahndamm
hinausarbeiten. Auf dem Eis stand eine Bretterbude ber Pfhlen, wo es
glhend roten >Kinderpunsch< gab fr fnf Pfennige. Ja, zur Tr dieses
Schuppens fhrte ein schrges Brckenbrett mit quergenagelten Leisten.
Man sollte nicht glauben, da man im Leben nicht so etwas vergit wie
diese mit Schnee und Schlamm bekrusteten Leisten, mit den Spuren der
Schlittschuh, oder diese Mhsal, auf Schlittschuhen hinaufzukraxeln,
immerfort angeklammert an die Andern, denn dort herrschte stets ein
mchtiger Andrang. Drinnen dampfte alles, ein Kanonenofen war da ...

Sie gingen wieder; berkreuzten die Allee, umwanderten den neuen kleinen
Teich mit seinen Wiesenbuchten und Grotten von Bimsstein und
Baumgruppen, gelangten an die Holzbrcke, die zu den groen Wipfelmassen
von Bellavista hinber fhrte, und wieder blieb der Maler stehn und
erklrte, da hier eine andre Brcke gewesen sei, damals, aus Eisen, mit
so hohen Brstungen, da man als Junge sich auf die Zehen stellen mute,
um das Wasser sehen zu knnen und die Ruderboote im Flu. Die
Bootstation drben war Georg wohlbekannt, aber ehe er etwas sagen
konnte, sprang der Maler die Bschung hinunter in die weithin dunkel
ausgebreitete Wiesenflche, zur Linken von dem neuen, mchtig
herumgeschwungenen Promenadendamm umarmt, wo Laternen brannten und
erleuchtete Fenster in den Hinterhusern der Stadt erglommen.

Sie folgten dem Wiesenpfad am Flu hinunter, der braun und eilfertig,
hier und da glucksend in der Hast, dahinzog. Mit dem Schweigsamen
wanderten am andern Ufer die schweigenden Krppelweiden, fabelhafte
schwarze und verkrmmte Stammkrper mit einem mchtig gestrubten
Haarwuchs dnner Ruten, durch die der trbrote Nachthimmel ber der
Fabrikstadt glhte. Sie gelangten an die Bismarcksule, die mit einmal,
ein dunkler Schatten, sich linker Hand aufrichtete, berstiegen die
Anhhe, die sie trug; Georg, in der Dunkelheit unsicher, zgerte, aber
der Maler sprang schon wieder in die Wiesen hinunter, und nun gewahrte
Georg fern drben zur Linken die dunklen Festungsumrisse der Brauerei
und weiter rechts in der Ferne die Zypressen und Mauern des Friedhofs,
wo die dunklen Wiesenflchen uferten. Er erinnerte sich, da der
Bahndamm verlegt war, wandte sich und sah jenseits der ruhigen
Flubiegung ein stilles Volk von Fabrikschloten im Qualm des roten
Stdtehimmels stehn, daneben die Trme der Garnisonkirche und Gewipfel.
Er hrte das Rauschen des unsichtbaren Wehrs zur Rechten, wo der Flu
sich teilte, und als jetzt die Nachtluft, lau, mit weichen,
ungeschickten Sten wie kindliche Ksse auf ihn eindrang, zitterte sein
Herz in der wundervollen Bangnis des Frhlings.

Unten im Dunkel, ganz still, erhob sich der Schatten des Malers in
seinem grauen Mantel; auch er bewegte sich nicht. Alles schien sich
still zu verhalten auf einmal und zu warten. Wie feucht die Luft war,
wie khl nun wieder! Die Flche des Flusses glnzte zwischen den
Bschungen, sich verbreiternd, bevor er sich in die beiden Arme teilte;
ununterbrochen rauschte das Wehr, heller als Meeresbrandung, doch zogen
undeutliche Gedanken von See und Ebene durch Georgs Herz. Dann folgte er
Bogner.

Der Weg ber die Wiesen war nicht leicht, der nasse Grasboden hckerig
und zerlchert, zuweilen gelangten sie an sumpfige Stellen, die der
Maler jedoch umkreiste, ohne sich zu besinnen; hier schien er jeden
Fubreit zu kennen. Nach einer Viertelstunde waren sie an einem
Strebepfeiler der Friedhofsmauer angelangt und gingen unter den
haushohen Bastionen und Trmchen einher, kamen an einen Zaun, einen
Bach, einen Brckensteg, ber den ein schiefes, halb offenes
Stacketengitter gespannt war, gingen hindurch ber eine kleine
ansteigende Wiese neben einem schwarzen Graben, und -- Hier, sagte
Bogner, fingen wir Jungens Blutegel und Molche und Sticherlinge, oder
wir stellten dahinten in den Kegelbahnen -- das da ist der Biergarten
vom Dhrener Turm! -- Kegel auf fr die hemdrmeligen Pfahlbrger. Da
mssen wir hindurch. brigens -- die erleuchteten Fenster da rechts
unter den Bumen gehren meines Wissens zur Gntherstrae.

Wo die Montforts wohnen? Georg erschrak. Im dunklen Gefhl, da er mit
der nchsten Minute Anna sehn werde, ging er hinter dem Maler her, der
-- suchend, wie es schien -- sich in der Finsternis der Bume verlor.
Georg stolperte ber Wurzeln; etwas, das wie ein Galgen aussah, stand
pltzlich vor ihm; er erkannte das Balkengerst einer an eisernen
Stangen hngenden Schaukel, so gro, da ein Dutzend Menschen darauf
stehn konnte; er sah erleuchtete bunte Treppenhausfenster pltzlich ganz
gro in der Dunkelheit schweben, und auf einmal kam ein gedmpftes,
melodisches Brausen durch die Nacht geschwebt. Orgel ... Renates Orgel
... dachte Georg. Wo war denn Bogner? Er lauschte sekundenlang auf das
schne Rauschen und Quellen, das die Bume friedlich berstieg; hellere
Stimmen lsten sich freudig, stiegen, entwandelten feierlich. Es roch
stark nach Erde, nasser Baumrinde, nach Knospen.

Aber wo war denn der Maler? Georg tat ein paar Schritte im Finstern und
erblickte pltzlich sehr betroffen drei hohe und schmale, gotische
Fenster, die sich in der Nacht aufgestellt hatten, erleuchtet, von einem
sehr milden, bernsteinfarbenen Licht. Darber erschienen alsbald die
Schattenumrisse von Dach und Trmchen einer kleinen Kapelle.

So also sah dies alles aus? Und sieh, da stand der Maler; auf einmal sah
er sein Profil, nach oben gerichtet, und da war auch ein Zaun und
Buschwerk dahinter. ngstlich und beklommen zu Bogner tretend, sah Georg
hoch oben links ein helles Fenster weit offen, ein Stck weier
Zimmerdecke und ein Dienstmdchen mit weier Tolle, das eine Steppdecke
hochnahm und davontrug. Unten wurden Wege weilich sichtbar, sodann ein
roter Punkt, der sich bewegte, ein Raucher -- die Orgel rauschte tief --
daneben etwas Weies, ein Kleid, und der rote Punkt glhte auf, und
Georg erblickte deutlich und fast entsetzt in dem kleinen Lichtkreis
Annas Gesicht und eine Hand, die am Halsausschnitt der dunklen Jacke
lag. In diesem Augenblick, zurckfahrend, lie er seinen Schirm fallen,
der gegen den Zaun schlug, und aus dem Garten rief nach Sekunden eine
mnnliche Stimme halblaut: Ist da wer?

Georg bckte sich nach seinem Schirm, fand ihn, da war alles still.
Pltzlich erloschen die Fenster, gleich darauf knarrte eine Tr, er sah
das dunkle Rechteck einen Fu hoch ber dem Erdboden, ein Schatten war
darin, ein helles Gesicht; eine Gestalt, weiblich, die etwas Weies in
der Hand hatte, erschien auf einem Wege, der am Zaun vorberfhrte,
unverborgen durch das noch durchsichtige Strauchwerk, und Georg hrte
die Mnnerstimme wieder, fragend: Renate?

Es war still. Der Name, durch die schweigende Nachtdmmerung gerufen,
hallte ihm sonderbar durch das Herz. Er zauderte noch, dachte: Jetzt
ists am besten! ermannte sich und sagte laut:

Ich bin hier, Anna, Georg!

Nun denkt sie freilich, ich habe sie berraschen wollen, dachte er
zuckend. Das Buschwerk rauschte auf, teilte sich, Annas Gesicht
erschien, er sah ihre Augen, ein wenig zusammengezogen aus
Kurzsichtigkeit, er hrte sie atmen, sie schrie leise auf: Wahrhaftig,
Georg! und streckte die Hnde aus. Rasch wieder loslassend, tastete sie
am Zaun, eine Tr ging auf, sie stand atmend vor ihm, er sah ihre
lieben, zarten Zge, die Augen, dunkel und gro offen, fhlte die Wrme
ihrer Hnde, war ganz glcklich. Er schlo aus einer Bewegung ihres
Arms, da sie ihn kssen wollte, und sagte hastig: Hier ist noch
jemand, Anna, erkennst du ihn?

Da stand Maler Bogner. Sie jauchzte, lief auf ihn zu, packte ihn an den
Schultern, wirbelte wieder herum, lief durchs Pfrtchen, sich duckend
unterm Gezweige, in den Garten, rief: Renate! Renate! komm mal schnell
her! hier ist wer! als knnte der Maler gleich wegrennen.

Sekunden spter sah Georg sie wieder sich unter dem Strauchwerk bcken,
eine weibliche Gestalt an der Hand mit sich ziehend, die sie nun
loslie. Ein Frauenarm hob mit schner Gebrde Zweigbogen empor, ein
weier Schal sank ihr vom Kopf auf die Schultern zurck, ein weies,
schmales Antlitz erschien mit gesenkten Lidern, die Lider hoben sich,
und durch Georg, den zwei nchtige Augen anblickten, zuckte ein
blendender Schmerz, der ihn erschtterte vom Kopf zu den Fen, bis er
langsam, taumelnd, begriff, da es eine Seligkeit sein mute und kein
Schmerz.


                                 Garten

Es war nun wie ein Traum oder ein Reigen.

Dunkel wars, wie immer in seinen Trumen, und wie in Trumen vollzog
sich alles nur; er war dabei, er tat auch mit, aber es war alles ohne
seinen Willen im Gange. Ein Reigen, ja, nach einer unhrbaren,
ungeheuren Musik in den Lften.

Die Fremde stand da, aufrecht. Sein Herz zuckte im berma der Se hin
zu ihr, zu dieser hohen, unbeschreiblich schlanken Gestalt im weit
gebreiteten, schwarz glnzenden Kleidrock; zu dieser schmalen Stirne,
umrahmt vom Haar, dieser stolzesten Biegung der Nase, -- aber sie sah
ihn ja gar nicht an, sah vorber an ihm in das Dunkel. Dort aber stand
Bogner, und sie sagte mit einer heiligen Stimme einfach: Ich bin Renate
...

Bogner trat herzu, sie streckte den Arm aus; Bogner verneigte sich,
fate ihre Hand, und ihre Stimme machte sich wieder auf, machte die Luft
s um sich her und sagte: Willkommen, lieber Freund.

Ah, die Beiden kannten sich! Ja, so war das in Trumen. --

Nun verbeugte sich Georg, bekam eine federleichte Hand fr den Hauch
eines Herzschlags zu empfinden, und zu sehn, wie ein zartes Gesicht sich
durch ein Lcheln der Mundwinkel und der Augen in solchen Liebreiz
verwandelte, da er htte schluchzen mgen, und dennoch ertrug er den
Blick dieser Augen, die so schwarz waren wie Winternchte. Auf einmal
war er dann durch ein Dickicht in einen Garten gelangt.

In seinen Schlfen brannte es und sauste. Er glaubte blind zu sein und
sah doch alles, nur alles sonderbar langsam und ohne es zu begreifen. Er
gab auch mit leiser Stimme einige Erklrungen ber sein Hiersein ab.
Wem? Irgend jemand, der in der Nhe sein mute, doch nun kam etwas
dazwischen, ein gewaltig groer Unbekannter, schwarz, der glhende Augen
und eine kleine Bartfliege am Kinn hatte und ihm die Hand gab und sagte:
Montfort.

Annas Stimme schlug an sein Ohr, und er hrte die Worte:

Hast du von meinem Papa gehrt? Es geht ihm nicht gut! Ja, denke dir,
er hat einen Schlaganfall gehabt, ganz leicht nur, aber -- -- und ich
soll nicht kommen, er hat extra so telegraphieren lassen, was kann das
bedeuten?

Ja, was konnte das bedeuten? Papa? Was fr ein Papa? -- Immerhin sagte
er irgend etwas und sah auf einmal Annas Hinterkopf mit aufgesteckten
Flechten vor sich, der ihm sehr unbekannt vorkam. Sie sagte: Siehst du
nun?

Pltzlich flammte in der Hhe ber ihnen ein Licht so grell auf, da er
die Augen zukneifen mute. Nun war es unglaubhaft hell.

Richtig, sagte er, der Mozartkopf ist ja weg! Darum sah sie wohl so
verndert aus.

Ja, es war ein Garten. Buschwerk und hohe Bume berall. Georg bemerkte,
da er auf einem Wege stand, der rund um einen groen, kreisfrmigen
Rasen fhrte. Drben war das Haus, grau, mit einigen hellen Fenstern,
davor eine Veranda mit breiter Treppe in der Mitte. Es war ganz still.
In den Lften oben rauschten Bltter.

Rechts dicht neben ihm stand wirklich Anna. Ihr Gesicht, wie er es nun
von der Seite sah, schien schmaler, die Stirn dagegen breiter geworden,
und etwas fehlte ganz gegen frher; was, wute er nicht. Wohin sah sie
denn? Ah, da standen die Beiden!

Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie Beide so, da Georg
sie fast von Rcken sah, Bogner etwas breitbeinig, die Hnde hinter
sich, das Gesicht leicht geneigt, als ob er zuhrte, auf die Erde
blickend; Renate wuchs mit der schwarzen Glocke ihres Kleides aus dem
Rasen empor, und ber ihren Rcken hing das groe weie Dreieck eines
glnzend bestickten Schulterschals mit langen Fransen herunter. Sprach
sie denn? Nein, sie schwieg. Georg lchelte wunderbar zufrieden, denn
nun konnte er sehen, da sie eine Hand am Kinn hatte, den Ellbogen
vermutlich in der andern, so wie er es einmal in einem Briefe gelesen
hatte.

Und dort ganz links, am hohen Pfahl einer von oben hangenden
elektrischen Lampe stand dieser Unbekannte mit der Bartfliege, eine Hand
hoch ber sich gegen den Stamm sttzend, die Fe gekreuzt; die andre
Hand hielt eine dicke Zigarrenhlfte, und seine Augen waren dunkel, fest
und ruhig auf Renates Rcken eingestellt.

Ich bin Renate ... hrte Georg eine singende Stimme durch den Garten
verhallen ...

Ja, jetzt sprach sie. Auf einmal zeigte sich ihr Profil, die Linie der
Stirn, die stolze Biegung der Nasenspitze, der Mundwinkel, der sich
redend bewegte, und die leise auf und nieder gehenden Wimpern des Auges,
die in sanftem Wechsel den Blick zu Boden und zu Bogners Zgen
emporlenkten. Georg verstand kein Wort, doch war es ein zauberhaftes,
unsterbliches Spiel.

Und Bennos Mama ist nun tot ..., sagte Annas Stimme.

Er war wohl sehr traurig? fragte Georg. Ja, nun mssen wir wohl
gehn, setzte er willenlos hinzu.

Renate und der Maler schritten schon nebeneinander ber den Rasen. Ihr
Kleid rauschte. Nun waren sie an der Veranda vorber, da war die
Hausecke, daneben ein Dmmergang; in den verschwanden sie. Jetzt war er
selber in Bewegung, blieb aber wieder stehen, da jener Montfort seine
Haltung lste, reichte ihm die Hand und prete: Guten Abend zwischen
den Zhnen hervor. Anna neben sich begab er sich weiter. Sie kamen in
den Gang zwischen Haus und gebschverdeckter Gartenmauer, und nun wute
Georg, da er etwas Liebevolles zu sagen habe, murmelte auch etwas
derart und legte eine Hand um ihre Schulter.

Sie blieb stehn, sah ihn lange und durchdringend an und sagte: Bist
du's denn, Georg?

Er lchelte, verlegen im Innern, und antwortete besinnungslos: Ja,
siehst du nicht, da ichs bin?

Pltzlich dicht vor ihm stehend, zog sie sein Gesicht mit beiden Hnden
zu sich herunter, kte es heftig, legte die Stirn gegen seine Schulter,
atmete tief auf und sagte leise: Gott sei Dank!

Danach war sie verschwunden.

In einem dumpfen Gefhl der Wehmut ging Georg weiter den Gang hinab, wo
ihm nun auf einem glnzenden Wege von Steinplatten durch einen Vorgarten
die Gestalt Renates leis rauschend entgegenkam. Unfern dahinter stand
Bogner vor einem hohen Gittertor im grnlichen Licht einer
Straenlaterne.

Noch glaubte Georg, zu Boden sinken zu mssen, auf die Knie, gleichviel
was, nur liegen, unten sein, -- als sie bereits vor ihm stand, die Hand
ausstreckend, die er fate.

Niemals loslassen! dachte er hlflos und sagte kaum hrbar: Gute
Nacht!

Gute Nacht! hrte er sagen. Duft entschwebte. Es rauschte. Schritte
verhallten leicht, und er war allein.


                               Landstrae

Jedoch Bogner war noch zugegen. Sie gingen langsam nebeneinander die
dunkle Gartenstrae unter Bumen hinunter, deren zartes, grnes Laubwerk
durchsichtig schimmerte im Licht der Laternen. Auch zarte Schatten,
fedrige, waren auf den Weg gestreut, und wie zart erst war die Berhrung
der Luft, die um das Herz strich wie sonst um Stirne nur und Lippen.
Allein sein! flehte Georg, oh nur erst allein sein! Die unerhrten
Kleinodien, die er davontrug, von ihrer Hlle zu befrein, darber sich
zu werfen mit bloem Herzen, Gold und Juwelen, Gold und Juwelen! -- Er
glaubte, jeden Augenblick in Trnen auszubrechen. Vielleicht waren das
die Kleinodien, die er trug, nachwachsend noch immer wie ein Frhling,
in seiner verwandelten Brust. Da fhlte er einen Tropfen auf der
Oberlippe, aber der war khl. Es regnete leise. Die Nacht, ach, sie
hatte es gut, sie lste sich weich in Regen auf. Oder lag dort oben ein
selig Weinender auf den Sternenbergen, schluchzend unhrbar durch die
geheimnisvolle Nacht, und Wellenfrauen des Windes kamen und trugen seine
trnende Glckseligkeit hinunter auf dankbares Land.

Bogner sagte etwas. Ob er es auch gemerkt habe --?

Was? prete Georg hervor, der kein Wort verstanden hatte.

Es war etwas nicht in Ordnung in dem Hause.

So, Bogner hatte es gemerkt. Er konnte etwas bemerken. Ein Stein war
Bogner.

Sie machte eine Andeutung, setzte er hinzu.

Georgs Gedanken fingen einen Veitstanz an. Andeutung, sagten sie, an
Deutung, Deutung, Traumdeutung, reich an Deutung ...

Die Strae war zu Ende; sie standen vor dem breiten Damm der Chaussee,
gegenber der elektrischen Zentrale. Glimmende Gleisbndel waren von
links und rechts in die matterleuchtete Halle hineingebogen, unter der
leere Wagen standen, die einen hell, dunkel die andern, und vorne war
ein hellglnzendes Zifferblatt, dessen Stunde Georg um keinen Preis der
Welt abgelesen htte. Die Augen ablsend, sah er rechts weit hinunter
die Strae in eine waldige Halle davon ziehn, unten glimmend vom Stahl
der Schienenstrnge, oben von Laternen. Mitten auf dem Damm stand ein
verlassener Anhngerwagen, dunkel und einsam. In ihm htte Georg auf
einem stlichen Gebirge sitzen mgen, still der Feuerrosse, die ihn
entfhren wrden, wartend.

Gute Nacht, sagte der Maler auf einmal, gab ihm die Hand und entfernte
sich ber den Damm in eine dunkle Waldstrae neben der Zentrale hinein.

Links hinab entrollte die Landstrae fernhin mit Bumen und Laternen
durch offenes Land. Ein paar rtliche Lichter waren fern drben. Georg
sah zu der Laterne auf, die neben ihm stand, nicht untrstlich, vielmehr
schien sie eben angelangt zu sein und froh, ihn noch erreicht zu haben.
Ihr Glhstrumpf brannte hell genug, obwohl unten ein Ring sich abgelst
hatte, und das Licht schwoll leise ab und an in dem zarten Gazegewirk,
wie wenn ein kleiner Gott die Backen aufbliese, ganz atemlos vor
Anstrengung des Leuchtens. Auch dieser sechseckige Glaskasten schien
eine angenehme Homunkulusphiole; leise glitzernd wehte der Regenschleier
um sie hernieder wie ein endloser Gestirnsnebel. Auf einmal stieg das
Weinen in Georg auf, da schien ihm das unmnnlich, er zerdrckte es
schmerzhaft in der Kehle, -- bis zum Munde, der fest blieb, gelangte es
nicht, nur die Augen wurden feucht, ihre Winkel schmerzten, ein Stein
marterte den Kehlkopf, er lchelte, schttelte den Kopf und ging links
hinunter der Stadt zu.

Und so trug er denn sein aufgeregtes Herz die nchtige Landstrae
hinunter, ermuntert vom Takt seiner Fe, wandernd pltzlich
kriegerischen Mutes, selber allein ein ganzer Heerbann, in Eilmrschen
durch die letzte Nacht, um am Morgen mit allen Fahnen und riesigem
Schrei in die Lnder hinabzusteigen zur Eroberung. Renates Antlitz, wei
im Dunkel, ging ihm auf, wie es die Lider aufschlug gegen ihn, und ihre
Blicke setzten sich wieder auf sein bloes Herz wie Schmetterlinge, da
es ihn durchschauerte. Wogen seines Herzens, in denen er dahinging,
schleppte er mit sich, hin und wieder stand eine auf vor ihm und schlug
mit voller Kraft auf seine Brust, da er ringsum erdrhnte, als sei er
gepanzert. Goldene Wagen kamen ihm leuchtend entgegengestrmt;
hergeschleift von gewaltigen Geistern ber eisglatte Schienen,
schaukelten sie vorbei, voll von fremden Menschen, die in ihrer Haltung
saen wie Sklaven, angefesselt und ohne Bestimmung. Wenn er den Kopf
aufwarf, so erblickte er zwischen feuchtem Gewlk Sterne, die sich
zitternd bewegten. Die Lfte waren angefllt mit Geruschen des
Frhlings, mit unsichtbaren Antlitzen, die sich lchelnd unterhielten im
Vorbeiziehn, mit Musik, die aus dem Erdboden stieg wie aus Kratern voll
elysischer Orchester und durch schaudernde Wipfel rollte. Sein gesalbter
Blick ffnete das Erdreich, er sah die Wurzelwipfel der Bume nach unten
hangen, goldene Trauerweiden durch wolkiges, pelziges Schwarz, besetzt
mit Tausenden roter Rubinaugen, die Licht saugten und grne Speise aus
dem erwrmten Dunkel. An einem Baum bermannte es ihn; freundschaftlich
schien der borkige Stamm, er nahm den Hut ab, als trete er in ein Haus,
lehnte die Stirn gegen seine Tr, bewegte die Lippen und brachte kein
Wort hervor. Da ein feuchter Wind aufrauschte und schnellfig
vorberlief, fiel ihm ein, da Frhling sei, und er ward froh. Da dachte
er an Renates Brust, er hatte sie nicht gesehn, aber schon stand er,
versunken in ihren marmornen Anblick, in einer roten Lohe, einer
Flammenpappel, in der sich sein Wesen verzehrte, whrend er einen
Pulsschlag lang nun unter sich ihr Gesicht sah, ihre Schultern, deren
Bewegung ihm Atem und Sinne zerschnrte, ihre Arme und die Brust, alles
aus den groen Augen voll rieselnder Zrtlichkeit schmachtend und
widerstrebend, so da er sich gern an die Erde geworfen htte, um zu
stammeln und zu weinen. -- Einmal! sagte er sinnlos, Gott, nur einmal!
--

Endlich ging er wieder, nun nur noch tnend von Gefhl, gleicherzeit
hoffnungslos und erhaben, schwermutvoll und getrstet, gottesfrchtig
und niedergeschlagen, so voll tosenden, innerlichen Lrms, als wre
seine Brust ein ehernes Paukenbecken, auf dem Dmonen trommelten, -- all
dem hingegeben mit Wollust der Bewutlosigkeit, da Gedanken, sinnlos,
wie Irrlichter, seitwrts ber die Kartoffelcker enthpften, aber in
den Straen der Stadt nahm es langsam ein Ende, bis er sich vor etwas
absonderlich Bekanntem fand, dem Kaffeehaus im Mittelpunkt, einer groen
Anordnung von glsernen Ksten mit erleuchteten, gelb verhangenen
Spiegelscheiben um einen runden Mittelraum, mit eisernen Pilastern und
Pavillondchern.

Hier war es nun aus. Es wimmelte auf dem Brgersteig vor den Lden von
gemchlich Spazierenden, Ladenmdchen in Frhjahrsblusen und
Ladenjnglingen in Wintermnteln; es wimmelte auf dem schwarzglnzenden
Fahrdamm von Asphalt, Straenbahnwagen schoben sich unaufhrlich von
beiden Seiten zusammen, es klingelte, kreischte, Automobile tuteten,
Radglocken schrillten, und Georgs hlfloser Blick, nach rechts oben
entgleitend, fand sich von einer gewaltig groen Mondsichel angezogen,
die dort in der Nacht schwebte, berflattert von weilichem und
schwarzgrauem Gewlk.

Nun also war alles, was ihm zu tun blieb, da er sich in eine stille
Kaffeehausecke setzte, anstatt in eine groe Dreschtenne mit kauenden
Leuten, denn essen mute auch er. Der Hunger uerte sich in einem
Verlangen nach natrlicher Speise, gekochten Eiern im Glase mit
Butterschnitten, das wars.

Er zauderte. Er wute, da er ein Ende machte, wenn er drben eintrat,
in jene kleinen Zimmer, die er so wohl kannte aus Ballnchten,
Ballmorgenden, mit den zerknitterten und zerzausten Brgermdchen und
ihren schrecklich zukunftallegorischen Mttern, unter Gewitzel und
Gekicher, mit dem rotblonden, naseweis aussehenden Kellner Gustav und
Frithjof dem ltlichen, mit dem runden und blassen, niemals rasierten
Gesicht und dem hngenden rechten Augenlid, der so gern vom Weib und den
Kindern erzhlte. Ach, nicht dieses wars, nicht etwa diese kindischen
Erinnerungen warens, sondern -- das Ende, ja, das Ende, das kam, der
bergang ins Gewohnte, in ein Andres, und da sich -- oh mein Gott, da
sich niemals herauskommen lie aus der unendlichen und unzerreilichen
Kette der Vorgnge. Da es doch ein Mal einen Stillstand gbe, einen
Halt am Abgrund, wo zitternd im Rollen das Herz stillehlt unter den
Fen der flchtigen Stunde, die selber nichts tut als Ausschau halten
ber die Abgrundswelt und im Ausschaun unvermerkt hinberschmilzt in die
ernste Gestalt der Unendlichkeit. Welcher der Gtter hlt denn den
Becher der Ewigkeit bereit, wenn nicht dieser ihn hat, Eros, dem doch
die Posaune des Jngsten Tags an die Lippen gesetzt ist?


                            Drittes Kapitel


                               Kaffeehaus

Fast alle Rume waren von Gsten leer. Hier und dort stand ein Kellner
und las die Zeitung, und richtig, als Georg durch die groe Glaswand den
Mittelraum betrat, stand in der offenen Tre links Frithjof in schner
Attitde, einen Fu berm andern, den Ellbogen gegen den Rahmen
gestemmt, die Hand am Hinterkopf, gesenkten Blicks verloren in
Betrachtung. Doch zog er bei Georgs Anblick erstaunt und doch
achtungsvoll die Lider empor, machte sich aus sich los und kam auf
seinen Plattfen eifrig und wackelnd herbei, den Mund wie stets in
Falten ungeheuren Ernstes verzogen.

Durchlaucht, flsterte er, Georg Schirm und Mantel abnehmend, wieder
zurck? Und als Georg auf der rotsamtenen Sichel des Ecksofas Platz
genommen hatte, beugte er sich zart und vertraulich ber den runden
Marmortisch und raunte: Zu Hause ists doch immer am besten! Er
lchelte. Was sag ich? Er lehnte sich triumphierend zurck und lachte
voll Stolz. Na, is es nich so? Und da Georg nickte und lachte, schlo
er befriedigt ab: So ist es! vllig mit Georg in bereinstimmung.

Was solls denn sein, Durchlaucht? Pilsner, Mnchener, Kulmbacher?

Georg bestellte drei Eier im Glase, Butterschnitten und ein Kulmbacher.
-- Merkwrdig brigens, dachte er, wie man am Gewohnten hngt. Ich htte
im Hotel ganz einsam essen knnen, -- freilich, aus welcher Fremde komm
ich! ja, das spr ich erst nun, wo dies hier mich so heimatlich berhrt!
Herztrstlich klang ihm da Frithjofs alte Stimme nebenan, der an der
Theke: Ein Kulm! sagte. -- Er griff nach einer daliegenden Zeitung,
stellte sie sich mit dem Griff in den Scho, bltterte sie auf, lie sie
gegen die Tischplatte sinken und glitt durch sein eigenes aufblhendes
Lcheln wie durch ein zitterndes Gewebe von Se hinunter ins Dunkel
seiner Seele, wo in einem Kranze von Abenteuern Renate lieblich stand,
eine verzauberte Sule, eine Karyatide, eine Galatee ...

Danach a er und trank, unbekmmert wieder, vershnt mit den ueren
Geschicken, knftiger Entzckungen gewi. Nahe vor ihm sah er die roten
Fische im grnen Wasserdickicht des groen Aquariums an den Glaswnden
auftauchen und wieder verschwinden. Der sechseckige Riesenkasten stand
auf einem, von kleinen roten Sofas umringten Unterbau, die jedes einen
ganz kleinen Marmortisch, oval, wie mchtige Eier, und gegenber zwei
Sthle vor sich hatten, und aus einer, im Wasser halb verborgenen
Pyramide von Tuffsteinen stieg ein feiner Wasserstrahl. Diese ganze
ppigkeit stdtischen Wesens erfllte Georg mit Beruhigung.
Springbrunnen, Wasserwildnis, Fische, Marmor und roter Plsch -- das war
so viel fr das Gemt, das arme Wesen, das er recht deutlich auf der
untersten Stufe seines riesigen Seelentempels sitzen sah, so klein, da
eine einzige Stufe fr es hher war als ein ganzes Haus, und dort hockte
es in seiner Drftigkeit und Unbestimmlichkeit, da nicht im
entferntesten zu erkennen war, ob es eigentlich einen Hund vorstellte,
einen Zwerg, einen Frosch oder einen Zaunknig.

Aber war dies nicht jener Montfort? Da kam er hinter dem Aquarium zum
Vorschein, seltsam anzusehn in einem kurzen sandfarbigen Mntelchen mit
hochgeschlagenem Kragen, einen steifen schwarzen Hut tief in die Stirn
gerckt, die Ellenbogen eng an den Hften mit etwas gezierter Haltung,
einen dicken braunen Stock von knotiger Bambusart unter den Arm
geklemmt. Nach einem Platz unendlich hoffrtig umhersphend, bersah er
Georg, trat links in die offene Tr und verschwand, whrend nun hinter
dem Aquarium etwas Anderes, weitaus Prchtigeres zum Vorschein kam: den
unteren Saum eines scharlachroten Mantels ber die linke Schulter
geschlagen; auf leichten Fen, sehr schlank, auch gro, -- sehr frei
und beweglich im Hierhin- und Dahinschaun den kleinen Kopf mit
glattschwarzem, von Stirne und Schlfen straff zurckgespanntem Haar
drehend, -- gro-, braun-, klugugig, -- ein Mdchen, wie es schien.
Aber das schnste war, da dieser leichte Kopf ber dem Scharlachtuch
sich von einem gro hinter ihm stehenden, schwarzen und goldbestickten
Stuartkragen abhob. Wenn sie zu diesem Montfort gehrt, dachte Georg, so
hat er das entzckend gemacht.

Montfort kehrte indessen zurck, erkannte Georg, zog den Hut und trat
heran, um Erlaubnis bittend, sich niederlassen zu drfen. Richtig:
Georgs Wunsch erfllte sich, sie gehrte zu ihm, er wurde ihr
vorgestellt, konnte ihr beim Mantelablegen behlflich sein, ein schnes
Kleid von matterer Farbe unter dem fallenden Scharlach hervorkommen
sehn, schlielich die Biegung des Sofas mit ihr teilen. Auch sah er nun,
whrend sie sich lchelnd und mit einer gewissen Bereitwilligkeit
zurechtrckte, die kindliche Rundung ihrer Stirn, die bervolle
Schwellung der Lippen in der Mitte, deren obere ein wenig emporstand,
und vor allem die auerordentliche -- ja, die hchst erstaunliche
Rundheit ihrer Brauen und Augen, die, in ihrer wundersamen Offenheit
dasitzend, dem ganzen Gesicht das eigentmlichste Aussehn verliehen, und
sie erinnerten ihn -- -- schnell, woran erinnerten sie denn? Jawohl,
jawohl: an den Hund in Andersens Mrchen vom Feuerzeug mit den Augen so
gro wie Teetassen.

Montfort, kaum ihnen gegenbersitzend, auf eine unerhrt nichtachtende
Art umherschauend, die Streichhlzer an sich ziehend, um eine groe
Zigarre zu entznden, sagte:

Was meinst du zu kleinen Hunden, Kthe, die ins Wasser geworfen
werden?

Er blies einen Dampfstrudel, schob Georgs >Jngling<, den der bis
hierher geschleppt hatte, von sich, lehnte sich zurck, als habe niemand
etwas gesagt, am wenigsten er selber, und schlug die Beine bereinander.
-- Nein, dieser Hundevergleich, dachte Georg, war doch gar nicht
passend, denn wie weich war das Fleisch ihrer Wangen unter sehr zarter
und klarer Haut. Ein erstauntes Waldwesen, ein langhaariger Windgeist,
eine Dryade -- ja, das schien sie zu sein.

Hunde, Josef? erwiderte sie, bei groer Bereitwilligkeit leise
besorgt, whrend Georg sich pltzlich in ungemeiner Heiterkeit befand.
Frithjof stand, mit ernster Wrde auf Montfort herunterblickend, den
Mund in Falten, als ob er daran kaute, und nur das eine Augenlid schlief
teilnahmslos und unbeweglich.

Was solls denn sein, Herr Baron?

Pilsener, und eine Melange, nicht wahr?

Sie nickte. Ein Mellansch, wiederholte Frithjof und watschelte davon
mit Gravitt.

Hunde, sagte Montfort, Georg ins Auge fassend, die von ihren Herren
zum Schwimmen ins Wasser geworfen werden. Man sieht sie an Sommerabenden
um die Teiche stehn, gro und dick, diese Mnner, Hausbesitzer mit
Uhrketten auf dem Bauch, und die Hunde sind klein, wei und unmig
eifrig. Sie schwimmen atemlos nach einem unsichtbaren Gegenstand, sie
klettern heraus, schtteln sich und strzen auf Befehl wieder ins Nasse.
Schamlose Gesellen sind das!

Die Bereitwillige sagte: Es sieht doch aber so niedlich aus, wenn sie
--

Genau deine Worte brauchte meine elfjhrige Muhme Elsbeth, als mein
damaliger Hund einen andern bestieg und ich dazwischenfuhr, sagte er
eiskalt. Sie senkte geschlagen den Kopf und setzte sich zurck, dieweil
er, seitwrts blickend, eine alte Blumenfrau gewahrte, die ihm eine Hand
voll gelber Tulpen hinhielt. Er ergriff sie sorglos, legte sie vor seine
Dame auf den Tisch, griff in die Hosentasche, holte etwas heraus, das er
der Blumenfrau in die Hand drckte, sa und lchelte leise und gtevoll
auf seine Zigarre hinunter. Sie legte langsam eine Hand auf die Blumen;
Georg sah, da sie zitterte. Hier, dachte er, hier ist nun sicher etwas
nicht in Ordnung.

Erzhlen Sie mehr von Hunden! sagte er mit Entschlossenheit.

Daraufhin, herzlicher lchelnd, blickte der Andre ihn an und begann,
leichtherzig loszureden.

Ist es Ihnen niemals folgendermaen ergangen? fragte er. Sie setzen
sich um einen Tisch, zu Dreien oder zu Fnfen, und nun? Nun mu was
geredet werden. Das Karussell mu in Gang, wer, ist die Frage, holt
jetzt den sicheren Haken aus der Tasche? Auf einmal ist er da. Hat Sie's
nie geekelt vor dieser Verllichkeit des Sinnlosen? Also, da es vllig
sicher war, da Einer von uns Beiden hier diese Geschichte von den
zuflligen Familien ergriffen htte, worauf zweifelsohne, da Frau Ring
beim Theater gewesen ist und eben aus dem Theater kommt -- (Frau? dachte
Georg. Beim zweiten Mal ists immer gelogen!) --, das Gesprch auf die
hiesigen Theaterverhltnisse gekommen und von dort ber Schnitzlers
gerade gegebenen Anatol auf seine brigen Werke und so weiter mit vollen
Segeln in den Ozean der Literatur hinausgefahren wre -- so habe ich im
Gegenteil von Hunden angefangen.

Und nun, -- wars der Mhe wert? fragte Georg belustigt, allein
Montfort hrte es gar nicht, legte die Hand zu ihm hin ber die
Marmorplatte und fuhr lebhafter fort:

Dabei giebt es die kstlichsten Dinge, von denen zu reden wre,
liebliche, verborgene, kleine, erfreuliche Sachen, die aber jeder fr
sich behlt, als knnte man sie ihm beim Vorzeigen entwenden, denn wir
sind ja schamhaftig und haben alle kein Herz voreinander. So kommt es
dann, wenn das Herz einmal mit einem rechten Ungewitter zusammenstoen
und gebraucht werden soll, da ein jeder hlflos dasteht und fragt, wie
mans verwendet. Ich habe eine alte Tante, sagte er, immer herzlicher
lchelnd, eine ganz entsetzliche Person, die zu nichts auf der Welt je
gut war, und wir zanken uns, sobald wir uns zu sehn bekommen, jedoch in
den geschliffensten Umgangsformen. Aber eines Abends sind wir uns in den
Anlagen begegnet, wir sahen uns schon von fern, und da wir grend
aneinander vorbergingen, so lachten wir uns Beide freundlich an und
sagten: Sieh! und: Kuckeinmal! und es war uns Beiden erfreulich. Er
endete, legte die offene Hand auf die Stirn und strich krftig mit ihr
ber das Gesicht bis zur Oberlippe hinunter, so da es faltig und
gehagert zum Vorschein kam.

Georg in seiner steigenden Heiterkeit hatte derweilen schon von weitem
Frithjof daherschaukeln sehn, einen riesigen Kuchenaufsatz mit drei
Schalen bereinander auf der linken Hand, whrend er, Daumen und
Zeigefinger der rechten um das Bierglas krallend, es mitsamt seinem
Untersatz auf einem kleinen Nickeltablett festklemmte, auf dessen anderm
Ende das Glas Milchkaffee sein Zuckerschlchen als Deckel trug, und
dazwischen war tiefen Ernstes das wrdige Gesicht mit seinem
stoppelschwarzen, fest gegen die Brust herabgedrckten Kinn. Sonderbare
Ttigkeiten verbten die Menschen doch allen Ernstes ... Aber Georg, der
Montforts Freundin darauf aufmerksam machen wollte, bemerkte erschreckt,
da sie zurckgelehnt dasa, das Gesicht ganz zur Seite von ihm
abgewandt und in sich versteift; doch rollte nach einer Weile eine Trne
aus dem, Georg sichtbaren Auge ber die Wange und fiel auf ihre Brust.
Ihre Hand auf der Tischplatte war so fest um die schilfgrnen Bltter
und Stiele der Blumen gekrampft, da die Knchel wei hervortraten.

Unwillkrlich fiel Georg, der sich hastig fortwandte, Anna ein und im
Augenblick danach Renate; dies war, als erhielte er einen Paukenschlag
mitten auf die Brust. Es flimmerte vor seinen Augen. Langsam erschien
dann der Kopf des Dostojewski auf dem Buche unter ihm, und er fing an zu
sprechen, willenlos:

Da Sie von zuflligen Familien sprachen --

Also doch, Durchlaucht, mu es denn sein? fragte Montfort trb und
verdunkelt. Georg brauchte Sekunden, bis er begriff, da Montfort ja
gerade nicht von dem Buche hatte anfangen wollen, lchelte verlegen und
sagte:

Sie sehen eben: auch im Kleinsten lt die Welt sich nicht regieren.
Herr Bogner und ich sprachen in der Bahn mit einer Dame ber
Familienzuflligkeit. Wir kamen dabei --, Sie kennen vielleicht auch
meinen Freund Prager?

Prager? Josef erinnerte sich mit leiser Erheiterung. So -- ist das
eine zufllige Familie? Ja, es giebt ja tausend heute.

Er schien nun bereit, einzuschlafen. Georg aber hielt ihn wach, es
vermeidend, Frau Ring anzusehn, zu der Josef, hinter der Tischplatte
zusammensinkend, hin und wieder einen ernsten, nicht ungtigen Blick
hinberschickte.

Warum meinen Sie? fragte er. Josef ermunterte sich.

Es wird am Besitz liegen, denk ich. Oder am Nichtbesitz. Es fehlt die
Haltung.

Georg, innerlich etwas beschmt, zitierte sich selbst:

Besitz verleiht Sicherheit, meinen Sie, und Sicherheit Haltung ...

Ja, gewi. Sie haben ja alle nur Geld --

Den einzigen Nichtbesitz ...

-- von dem aber alle abhngig sind. Alle sind abhngig, alle Vter. Der
Anwalt von den Klienten, der Beamte von den Vorgesetzten, der Kaufmann
von der Kundschaft. Nur die rzte haben, wohl vom starken Verkehr mit
dem Tode, ein wenig Haltung und umgngliches Wesen bekommen. Und der
Kaufmann ist immer nur Zwischenhndler, vertreibt Lebensmittel oder
Maschinengefertigtes, ohne es handgreiflich besessen, also ohne es be-
oder verarbeitet zu haben. Also fehlt Zusammenhang und die Ehrfurcht vor
sich selber. Es mu einmal Ideal eines Sohnes gewesen sein, zu werden,
innerlich und uerlich, was sein Vater ist. Heut ist es das Ideal aller
Vter, da ihre Shne was Besseres werden. Mtter sitzen unselig
dazwischen und mssen vermitteln von frh bis spt. Nun, darber knnte
man stundenlang reden. Montfort ghnte geheim mit geschlossenem Munde.

Georg sagte leise, whrend Josefs Freundin aufstand und hinausging:

Die Frauen sind so viel besser als die Mnner ...

Sie schwiegen. Montfort sa zurckgelehnt in uerst dekorativer
Attitde, warf aber nun pltzlich den Rest seiner Zigarre in den
Aschenbecher, lie das Gesicht auf sein geleertes Bierglas herabhngen
und sagte, unterm Tisch eine Zigarette hervorzaubernd:

Ahnen Sie wohl, wie recht Sie haben? Frauen sind immer gut. Alle haben
sie die Bereitwilligkeit in sich, gut und nur gut zu sein. Dies sagte
er ernst und mitleidig, lenkte aber nun auflchelnd ab und sagte: Jetzt
sind sie ja nun in diese merkwrdige Behinderung geraten.

Ach, meinte Georg leichtherzig, das wird vorbergehn, nicht wahr?
Gewisse Verhltnisse, nicht wahr, mehr sozialer als humaner Art, haben
sich zu schnell gendert --

Und die Frau, meinen Sie, hat es nun einmal an sich, berall zu spt zu
kommen ...

Natrlich! Und nun stehn sie da ratlos zwischen Altem und Neuem, sehen
auf einmal Widerstnde berall, bertreiben es alles, wie sie ja immer
gern tun, und nun sollen sie ja auch kmpfen, nicht wahr, sie, die
bisher immer nur beschwichtigt haben. Da wei keine, wie man das macht.

Die Ritterlichkeit, ja, die einmal zum Kmpfen gehrt ... die haben sie
immer nur erfahren und niemals selbst angewandt. Sie haben ein gutes
Herz, Prinz, woher wissen Sie das alles? fragte er pltzlich. Zur
Belohnung, fuhr er ernsthaft fort, sollen Sie einen Spruch geschenkt
haben, den besten, den ich wei.

Nun? fragte Georg, leise geschmeichelt.

Montfort sah ihn durchdringend an.

Erhalte dir dein Herz, sagt Salomo, denn aus ihm kommt das Leben.
Darauf erhob er sich, die Hnde vor sich aufsttzend, und ging langsam
hinaus.

Georg suchte fiebernd nach Renates Augen in seltsam verschleierten
Tiefen. Der starke Honigduft in der Bchse seines Herzens war sehr
flchtig geworden. Dann kehrte Frau Ring, leicht auf federnden Fen,
zurck, setzte sich und fragte heiter: Nun, haben Sie von mir
gesprochen?

Nein, mein Kind, sagte Montfort, hinter ihr an den Tisch tretend, wir
sprachen vom berhandnehmen der Kinos wegen der geistigen Faulheit der
Mnner.

Ach, bitte, bat sie ngstlich, nicht vom Kino, Josef, du weit doch,
ich kanns nicht --

Sie kommt vom Theater, erluterte Montfort friedlich, daher die
Voreingenonmenheit. Durchlaucht, was denken Sie vom Kulturwert des
Kien--

Frithjof brachte ein groes Wasserglas herbei, und alle drei sahen zu,
wie das Mdchen die schnen, eirunden und eigelben Blumen mit den
schilfgrnen Stielen hineinstellte. Frithjof entfernte sich zufrieden.

Eigentlich, sagte Georg unschlssig, habe ich nie ber diese Frage
nachgedacht ...

Dann erlauben Sie mir, Durchlaucht, Sie zu bewundern!

Schon wieder einer, dachte Georg.

Ein Deutscher, redete Montfort heiter fort, der ber eine nationale
Frage noch nicht nachgedacht hat. Wundervoll und auerordentlich. Wrde
ein jeder so tun, htten wir auch nicht das subalterne Gesicht, das nur
hierzulande zu sehn ist. Er blickte sich nach allen Seiten um, wo jetzt
an den kleinen Tischen ringsum lesende Mnner mit Zeitungen, auch ganze
Familien mit Tchtern und Schwiegershnen saen, fr Georg so pltzlich
vorhanden, als wren sie, oder als wre er aus dem Boden dazwischen
gezaubert.

Meinen Sie, da es daher kommt? fragte er gedankenlos.

Nun, oder von was andrem. Ich hatte nur die Bemerkung anbringen
wollen, versetzte Montfort gleichmtig.

Georgs Blick glitt langsam von ihm ab; niemand sagte etwas. Die Luft im
Raum war nun dick von Tabaksrauch und schwirrend von Stimmen und
Gelchter, die Kellner liefen geschftig, Frithjof erschien,
schwerbeladen, in jeder Hand schulterhoch einen ganzen Fcher von
belasteten Tabletts, deren einen er schwingend in einen runden
Familienkreis hineinschlittern lie.

Oh Gott, dachte Georg geqult, so ist das nun! Warum sitze ich hier? Da
hocken wir beisammen im Kaffeehaus. Der eine sagt, was er meint, der
andre sagt, was er meint. Das Ganze ist ein Gesprch. Und alles hat
diese grliche Blankheit von Nickelgeschirr. Ach, und eine sitzt
daneben, das Herz bis zum Rande voll Trnen! -- Dieser Montfort, da sa
er, die Ellbogen auf der Marmorplatte, die Zigarre am Munde, an der er
saugte. Georg, voll Haverlangens, ihm etwas Heftiges anzuwerfen, und um
wenigstens den Trumpf zu haben, da er selber es sei, der die
Gesprchekarre wieder in Gang brachte, fand auf der Suche nach
irgendetwas endlich, da es ihm schien, Montfort habe Deutschland
beleidigt und er mte es verteidigen. Also warf er, unwirsch wie ein zu
geringes Trinkgeld, die Worte auf den Tisch:

Sagen Sie nichts gegen Deutschland! Am Ende ist es doch das einzige
Land, wo man leben und sterben mchte.

Montfort wich pltzlich vor einer trg aufsteigenden Qualmwolke, die
Augen zukneifend, zurck, wedelte mit der Hand, rieb sich das eine Lid
und sagte:

Leben? -- das wre die Frage. Sterben? -- darber liee sich reden.

Langsam, nachdem er seine Haltung wieder eingenommen, lie er jetzt die
Augen zu seiner Freundin hinbergleiten, so da es Georg vorkam, als
htte er etwas gesagt, das fr sie einen besonderen Sinn habe ...
Gleichzeitig ergrimmt ber Vorgnge des Herzens, die ihm verheimlicht
wurden, und voll eifrigen Mitleids mit einem von diesen empfindsameren,
weiblichen Geschpfen, wagte Georg nicht, sie anzusehn, blickte auf
Dostojewskis verschwommenen Kopf und sah trotzdem an seiner Seite das
stille Gesicht des Mdchens, das vorgebeugt dasa, die Arme auf der
Tischplatte, eine Hand am Glas, mit der andern diesen und jenen
Blumenstiel anzupfend und anders feststeckend.

Nur die landschaftlichen Sachen, sagte sie getrost aufblickend, die
mag ich hier und da recht gern ...

Georg htte sie in die Arme schlieen mgen. Die reine Seele, da stieg
sie nun aus ihrem Leid und brachte sich obendrein zum Opfer, blo weil
ein Gesprch wieder ins Fahrwasser kommen mute, und fing richtig vom
Kinematographen an, den sie nicht leiden konnte. Er selber dabei, er
konnte sie nicht streicheln noch ihre Hand ergreifen, er konnte weiter
nichts als sich zu ihr neigen und brderlich lachend und scherzhaft
rufen:

Ha! daran glaube ich nimmermehr! Alle reden davon, und alle wollen sie
die Detektivschlager sehn!

Welch einen Unsinn er redete! Aber nun -- sie verstand ihn doch und
schttelte nur lchelnd den Kopf. Montfort sagte:

Sie, Durchlaucht, gehren, hoff ich, nicht auch zu den Leuten, die der
Bevlkerung die Hintertreppe wegnehmen wollen. Was verbleibt am Ende dem
gemeinen Mann? Zur Vordertreppe lassen Sie ihn doch nicht heran, wie?
Ach, teure Cornelia, als Frau mchtest du natrlich alles schn und
fortschrittlich und heilsam haben, und den Gegenstand fr die
Verbesserungen findest du natrlich in den Kreisen, die sich seit alters
haben alles gefallen lassen mssen. Der begterte Mann hat hundert
Arten, sich zu ruinieren, geistig und krperlich, Kaffeehuser und
Kabaretts, Absynth, Pferderennen, Automobilunflle, Luftschiffe,
Haschisch und Nackttnzerinnen. Selbst der Gewhnlichste hat noch
Pilsener Bier. Das Volk hingegen hat gar nichts, es soll nur immer
belehrt werden. Nun soll es schon kein Bier und keinen Schnaps mehr
trinken, was auer dem Kindermachen seine letzte Freude ist. Fang doch
oben an, Herz, wenn du bessern mchtest, ihnen aber gnn ihre
Mordsgeschichten, damit wenigstens ein halb Prozent als anstndige
Schwerverbrecher zum Galgen rennt, wo neunundneunzig ein halb Prozent
als halbe Lstlinge, halbe Wstlinge, halbe Sufer, halbe Arbeiter -- --
berhaupt flau, flau, flau -- die Welt ist so gottserbrmlich flau,
ssauer und abgestanden wie kalter Kohl. Gott sei Dank, da kommt der
Maler Bogner.

Ja, Gott sei Dank! Georg atmete auf, als er den Maler wie einen lange
entbehrten Herzensfreund um das Aquarium kommen sah.


                              Traumdeutung

Bogner mute sich an den Tisch setzen und Pilsener Bier trinken. Josef
Montfort lud alle dazu ein. Georg, um nur gleich durch gewechselte Rede
dem Maler noch nher zu kommen, fragte, ob er von Chalybus'
Schlaganfall gehrt habe. Augenblicks erschien ihm zwar Anna, aber der
Gedanke: Renate! splte sie hinweg wie ein glserner Katarakt voll
Visionen.

Das sei zu erwarten gewesen, erklrte Bogner. Er habe einen Grog nach
dem andern getrunken, whrend al Manach ihm Geschichten erzhlte, und
Georg, der ihn nie hatte leiden knnen, bekrftigte das Gesagte mit
Andeutungen ber seine liederliche Wirtschaftsfhrung. Seine Frau war
eine Art Freundin von Mama, und so kam das Ganze.

Fuhr nach Bhne, sagte Bogner, lehrte die Honoratioren das Pokern und
kam betrunken heim, aber von Januar ab blieb er in Helenenruh und trank
Grog. Seine Tochter tut mir leid, sie hat genug durchmachen mssen.

Meinen Sie? fragte Georg ratlos und sah Frithjof an, der unterm
hngenden Lide prfend auf Bogner hinabblickte.

Was solls denn sein, Herr? sagte Frithjof.

Montfort bestellte sein Pilsener fr alle. Georg sah auf einmal Anna im
Wiesendunkel an der Erde liegen und gleich darauf in einem glsernen
Sarge. Das mute er getrumt haben ... Indem fiel ihm jener Morgen und
das kinematographische Stck seines Traumes ein und so lebhaft, da er
sagte:

Erinnern Sie sich noch, Bogner, an die Nacht, wo wir zusammen die Bowle
austranken? Da wir eben vom Kinematographen sprachen, so fllt mir ein,
da ich gegen Morgen die sonderbarsten Dinge trumte. Nun hab ich das
meiste vergessen, aber das Letzte wei ich noch. Ich stand in einem
Theaterparkett -- nicht wahr -- in der Finsternis unter vielen Menschen,
und ber mir in dem grellen Lichtstreifen aus dem Projektionsapparat
fuhren meine gespreizten Hnde hin und her, ungeheuer gro und als wren
es hundert. Und vorher, das wei ich noch, erklrte Papas Sekretr --
ja, nun hab ichs doch vergessen, -- aber dann sagte ich: Ich komme nicht
hinein! Ich wute, glaub ich, im Traum, da hinter der durchsichtigen
Leinwand ein richtiger Festzug war, und da ich dazu gehrte ...

Montfort bog sich ber den Tisch, sah ihn durchdringend an und sagte,
den Traum wollte er ihm auslegen. Ja, er wre so ein komischer Mensch,
htte Ahnungen und so, -- mit einem Wort: Kassandra! --

Also bitte!

Er schlo die Augen, bog sich zurck wie ein Scharlatan, stemmte die
Hnde gegen die Tischplatte, formte das Gesicht zu einer Art tragischen
Maske, ffnete pythisch den Mund, pltzlich auch die Augen und
verkndete: Jawohl, Georg kme nicht hinein.

Sie scheinen nicht zufrieden? sagte er dann, da Georg unverstehend
lchelte. Dann also weiter. Bitte, erzhlen Sie Ihren Traum.

Er nahm Frithjof, der mit den Glsern dastand, eines aus der Hand, half
die andern ber den Tisch verteilen, hie Frithjof das Kaffeegeschirr
seiner Freundin wegrumen, die nichts vor sich behielt als ihre Tulpen,
schaffte in jeder Beziehung Ordnung und Raum, -- dieweil Georg gestand,
wie schon gesagt, sei dies alles, was er wisse: ein Festzug, und Doktor
Birnbaum, nein vielmehr Chalybus, der ihn am Arme festgehalten habe ...
Anna im Glassarge glaubte er unterschlagen zu mssen.

Schadet nichts, meinte Josef, wir mssen uns besinnen. Bitte, hren
Sie zu, meine Verehrtesten -- Er sah, den Maler neben sich am Arm
fassend, die Cornelia oder Kthe an, oder wie sie nun hie -- es wird
hochinteressant. Also bitte! Jeder Traum, das ist ein Grundsatz der
Deutung, ist mit einem kleinen Haken im vorhergehenden Tage befestigt,
-- also besinnen Sie sich bitte einmal! Halt, sehen Sie nicht umher, das
lenkt ab, sehen Sie mich an, in meine Augen.

Georg heftete mit innerlicher Verlegenheit die Augen auf das groe,
brunlich bleiche und schwarze Gesicht, dann in die glhenden, kleinen,
sonderbar weit voneinander sitzenden Augen, die sich zusammenzogen und
wieder ausdehnten, als wollten sie seinen Blick wie mit einer Zange
fassen, -- allein nun kam er nicht los von dem glsernen Sarge, zumal ja
diese Erscheinung sichtlich im Abend vorher ihre Wurzelung hatte.

Es geschah allerlei an dem Tage, sagte er zgernd.

Keine Umstnde, befahl Josef, keine Begrifflichkeiten. Fassen Sie ein
Bild und lassen Sie sich getrost weiter und weiter fhren, bis ...

Also half es nichts, er mute mit dem Sarge herausrcken, nicht ohne
peinlich zu argwhnen, Bogner gegenber errate sofort, was dies Bild
bedeute, und so versuchte er das Gesagte eilig mit etwas andrem zu
vertuschen, das ihm einfiel, da nmlich die Menschen mit Fingern auf
ihn deuteten und sagten: Er hats schuld!

Halt! gebot Montfort, da haben wir schon eine Menge. Und vorher also
war der Maskenzug?

Ja, und nun fllt mir auch ein, da ich ihn fr den Maskenzug im Grnen
Heinrich hielt, wenn das von Wichtigkeit --

Im Grnen Heinrich? Josef blickte nachdenklich seine Freundin an. Da
kommt freilich kein glserner Sarg vor, aber -- Sie erinnern sich wohl
--

Georg unterbrach ihn, um zu sagen, da er sich erinnere, in jenen Tagen
wieder im Grnen Heinrich geblttert zu haben; zudem wurde es ihm klar,
da Bogner ja nach der Windmhle gerannt war, also die Anna gar nicht
liegen gesehn hatte.

Kein glserner, fuhr Josef fort, aber einer mit einer kleinen
Glasplatte ber dem Gesicht der Toten. Es ist der, in dem die tote Anna
...

Anna? rief Georg erschrocken.

Ja, was ist?

Nun, versetzte Georg, Sie kennen Frulein Chalybus nur unter dem
Namen Magda, aber ich nenne sie Anna, seit unserer Kindheit schon. Und
-- fgte er hastig hinzu, jetzt berzeugt, es sagen zu drfen, am
Abend vor dem Traum hatte ich sie an der Erde liegen sehn. Sie erinnern
sich, Bogner, nachdem sie auf den al Manach geschossen hatte, wurde sie
ohnmchtig. Eilfertig, weiterzukommen, in eigenartiger Beklommenheit,
gab er Montfort noch ein paar Erklrungen ber al Manach und das andre.

Nun einmal zu Ihrem: Er hats schuld! fuhr Josef fort. Worte im Traum,
bestimmte, deren man sich erinnert, gehen -- das ist ein andrer
Grundsatz der Deutung -- immer auf bestimmte Worte aus dem Leben des
Trumenden zurck. Knnen Sie sich -- --?

Georg versuchte, sich zu erinnern, doch gelang es ihm nicht; statt
dessen sah er, Bogner gegenber gewahrend, ihn in seinem Helenenruher
Zimmer am Tisch sitzen. Es war ein Gewitter -- richtig, er stritt sich
mit Bogner, er sah ihn auf einmal seinen Bleistift in der Blechhlse hin
und her schieben, und --

Halloh! rief Georg aufgeregt, jetzt habe ich den Anfang! Herr Bogner
suchte seinen Bleistift, es war in einer finstern Strae, er fluchte,
und ich half ihm, und dann --

Nicht so eilig! unterbrach ihn Josef mit halblauter Stimme aufmerksam.
Wir mssen untersuchen. Erstens die Strae. Was fr eine Strae?

Georg hatte sie nie gesehn.

Also eine Strae aus Ihrer Kindheit, sagte Josef.

Georg erschrak seltsam.

Und es war dunkel? fuhr Josef fort, also Nacht?

Gewi, ja, das heit -- eigentlich, -- so wie es immer in meinen
Trumen ist, -- natrlich mit Ausnahmen.

Es ist immer dunkel in Ihren Trumen?

Ja, wie gesagt -- dmmrig, kein rechtes Licht, -- nicht wahr ...
brigens auch keine Hhe eigentlich. ber meinem Kopfe ist es aus.

Und unten?

Unten? Ja -- unten ist es hnlich. Manchmal ist Boden da, meist aber --
glaub ich -- ist in der Kniegegend so -- alles wie -- verwischt ...

Durchlaucht ist ein sonderbarer Mensch, sagte Montfort zu Bogner
gewandt. Er kehrt des Nachts immer in seinen Mutterleib zurck.

Georg fuhr heftig zusammen. War das gewi? Oh es berzeugte ihn,
geradeswegs, durch das Gefhl! Es war sehr wundersam und schaurig. --
Mit unsicheren Augen sah er das Mdchen Cornelia etwas von ihm entfernt
im Sofa sitzen, tief zurck, und ihr ganzes Gesicht war entstellt von
heftigem Nachdenken; sie hielt es gesenkt, die Augen starrten in den
Scho, die Oberlippe, in tiefer Vergelichkeit, stand empor wie bei
einem Kind, und die runde, kindliche Stirn war in der Mitte gewaltsam
zusammengerunzelt. Dann lste aus ihrer Angespanntheit sich langsam der
tastende Strahl eines dunklen Blicks, der aber zurckgezogen wurde,
bevor er ganz Josef erreichte.

Georg, in undeutbare Empfindungen aufgelst, hrte nach einer Weile
Montfort sagen: Hren Sie mal zu, ich will Ihnen ein wenig erklren.

Denken Sie mal an ein schlafendes Tier. Haben Sie je einen Hund
schlafen sehn? Gut. Also Sie sitzen im Zimmer, Leute herum am Tisch, im
Winkel liegt Ihre dicke Wally und schlft. Auf einmal sagt einer: Pst!
seht ihrs? Wally schlft. -- Was tut da Wally?

Sie wacht auf, sagte Georg.

Richtig! ausgezeichnet! Sehn Sie: so leicht schlft ein Tier. So leicht
schlafen die Tiere, weshalb? Weil sie immer auf der Hut, weil sie immer
in Angst sind. Der Hase bekanntlich hat sich vor lauter Furchtsamkeit
die Lider abgewhnt. Was beweist das? Mehreres. Erstens: Alles
Lebendige, mit Fen -- zur Flucht -- begabte, lebt in einer
unablssigen Unruhe. Uralte Angst ist das, Urwaldsangst. Jeder Mensch
ist mit ihr durchtrnkt, aus Erinnerung an seine smtlichen Vorvter und
Millionen von gejagten Urwaldsleben, die er hinter sich hat. Eine
metaphysische Angst, wenn Sie so wollen, die in Ihrem, in jedem Leben
Ausdruck findet in den tausend persnlichen ngsten des Alltags --
Krankheit, Liebe, Ehrgeiz, Einkommen, Steuer, Examen, Karriere und so
weiter. Knnten Sie Ihre Denkfhigkeit unterdrcken, Sie wrden finden,
da Sie aus nichts als Angst gemacht -- -- Wie, Herr Bogner?

Ich sagte es ihm schon in der Bahn, sagte der Maler lchelnd. Georg
fhlte sich umstrickt.

Um so besser, fuhr Josef fort, jetzt mit unterdrckter Stimme, die
allmhlich zum Flstern wurde: Infolgedessen also haben Sie auch
Angsttrume, das wissen Sie ja selber, und infolge Ihres menschlichen
Daseins berhaupt haben Sie noch etwas andres, nmlich Wnsche. Wnsche,
teils positiver Art -- zum Beispiel, da Sie Schillers Werke zu
Weihnachten kriegen; teils und meistenteils negativer -- nmlich, da
Sie Schillers Werke nicht kriegen. Fast jeder Wunsch stellt sich,
vermutlich kraft jener Grundangst, hundertmal hufiger als in positiver
in der Form der Befrchtung dar, und der Traum, den Sie infolgedessen
trumen, ist ein Beschwichtigungstraum. Ist Ihnen das klar?

Georg, sonderbar und sonderbarer mitgerissen, bejahte frstelnd.
Montfort fuhr fort:

Nun etwas andres. Sie legen sich zum Schlafen, strecken sich aus,
mchten schlafen, was ist Ihr letzter Wunsch, ehe der Schlaf kommt? Der
Wunsch, einzuschlafen. Wozu also dienen die Trume? Den Schlfer am
Erwachen zu hindern. Sie hren etwa den Wecker rasseln, aber der Schlaf
erzhlt, es ist eine kostbare und sonderliche Fontne, die auf diese
Weise pltschert, und Sie ergtzen sich dran und schlafen weiter. Noch
etwas. Ich will es durch ein Erfahrungsbeispiel erklren. Zu mir kommt
ein Freund und liest mir ein herrliches Preisgedicht auf den Wein vor.
Da er keinen guten Titel wei, bittet er mich, einen zu erfinden, und
ich sage, ohne mich gro zu bedenken, er soll es: der groe Weingesang
nennen. -- Wie komme ich darauf? Weil die Finkenfnger verschiedene
Arten des Finkenschlags mit Namen unterscheiden, und der schnste heit:
der scharfe Weingesang. Ja, nun fragen Sie sich aber, welche
Erinnerungskette in mir ntig war, um diesen Zusammenhang zu Tage zu
frdern. Halten Sie sich nicht mit Beantwortung dieser Frage auf,
sondern bertragen Sie gleich das Beispiel in Ihr Traumleben -- das ja
in keiner Weise ein andres ist als das des Tages, ausgenommen seine
stumpfe Art Logik -- das heit: in einen Traumaugenblick sind, wie am
Tage hundert von den Dingen, die Sie >Gedanken< nennen, Bilder, nmlich
die gesehenen Gedanken zusammengepret, vermengt, verdichtet. Zum
Beispiel --

Er schpfte leicht Atem, zog eine goldene Zigarettendose aus der Weste,
legte sie vor Georg hin, nahm eine, Georg willenlos gleichfalls,
entzndete beide und sprach leise weiter.

Zum Beispiel: Ich sage: Busen. Nun natrlich unterdrcken Sie in
Damengesellschaft sofort die Vorstellung, die Sie haben -- genau so auch
im Traum -- und denken an einen Berg, an einen Meerbusen, an den Golf
von Tarent, da liegt er schon vor Ihnen, blau und mit Segeln, und siehe,
da kommt auch schon die bewute Dame mit dem bestimmten Busen,
sonderbarerweise nicht in entsprechender Bekleidung, sondern vielmehr in
Gesellschaft von Herren und Damen, nmlich ganz wie an jenem Tage, wo
Sie den Golf wirklich sahn, -- die sich allesamt am Strande ergehn, blo
Sie selber, Sie haben statt einer Badehose Ihre blauseidene Unterhose an
und schmen sich grlich, bis Sie entdecken, die andern machen sich gar
nichts aus Ihrem Anblick, und die holde Dame ist berdies Ihre Frau
Mama. Und nun zum letzten.

Georg erholte sich, die Cornelia anlchelnd, aus seiner Verwirrtheit.
Auch das Mdchen lchelte, so gut sie konnte, aus ihrer
Denkangespanntheit heraus. Sie sah nun ganz elend aus. Montfort dagegen
blhte durchaus, trank einen schnen Schluck, wischte sich den schwarzen
Bart mit einem unbeschreiblich duftenden Tuche und sprach weiter.

Durchlaucht also sehen im Theater einen Menschen, einen schiffbrchigen
Matrosen, vor einem zusammengerotteten Zuhrerkreis von Schiffern und
Frauen seine Abenteuer erzhlen. Auf den Gesichtern der Zuhrer spiegelt
sich alles, sie machen die lebhaftes-- -- aber was ist das, Prinz?
unterbrach er sich erstaunt, ich erzhle Ihnen hier die spannendsten
Dinge, und Sie stochern mit Ihrem Zigarettenstumpf im Aschbecher und
sehen mich nicht einmal an.

Ehe Georg sich von seiner Verblfftheit ber die unverstndliche Rede
erholt hatte, brach Montfort in ein leichtes Lachen aus und sagte:

Sehen Sie, teurer Freund, Sie machen es eben nicht wie die Leute auf
der Bhne, die mit Gebrdenspiel den Erzhler begleiten, sondern im
Gegenteil, Sie verhalten Ihre Erregung, Ihre Teilnahme, Sie tun dieses
und jenes, und vor allem: Sie unterdrcken Ihre Mitgefhle, Sie zweifeln
und stecken sich am Hhepunkt des Ganzen eine Zigarette an. Verstanden?
Dasselbe tun Sie im Traum, indem Sie sich erinnern, da Sie, von den
Angsttrumen abgesehn, die verwunderlichsten und grlichsten Vorgnge
stets mit dem gleichen, ein wenig tricht steigenden Traumstaunen
verfolgen, -- und dasselbe tut Ihr Traum selber mit Ihnen. Befrchtung
und Beschwichtigung, Wunsch und Verzicht, Angst und Freude, smtliche
Leidenschaften mit einem Wort, bilden ein einziges Kreuzfeuer,
losgelassen aus dem Kerker Ihrer Tageslogik. Es herrscht ein wirres
Durcheinander von alten und jungen, peinlichen und sen Erinnerungen,
alle Empfindungen schieen durcheinander, keine hngt an ihrem Ursprung,
und keiner folgt ihre Wirkung, sondern der Ursprung der einen scheint
mit einer andern verhakt und ebenso die Wirkung. Scheint! hren Sie
wohl: scheint! Denn in Wahrheit, oh Freund, in Wahrheit herrscht der
allergenaueste und der allertiefste Zusammenhang, in dem ein Ding sich
im andern und durch das andre darstellt, und wenn Sie nur lesen knnten
die ungeheure, flammende Schrift, die vor Ihren, in die blde
Tagesdmmerung abgewandten Augen durcheinanderwogt, so knnten Sie das
Letzte Ihres Lebens und die Leben Ihrer Vter, allen Ursprung, alles
Wachstum, Gott und Gtter und alle Dmonen, die knnten Sie bei Namen
rufen und sich von ihnen dienen lassen wie Aladdin, -- falls Sie ihren
Anblick ertrgen! Sein nahe zu Georg herangebogenes Gesicht pltzlich
erloschen zurckziehend, schlo er leise und verzichtend: Einstweilen
freilich ist alles, was Ihnen und jedem aus hundert- und tausendfltiger
Vermischung, Verdrehung, Verschiebung, Zertrennung, Annherung,
Zerspaltung um Zerspaltung, Verdichtung wiederum entsteht, nur -- ein
Traum.

Georg, mit allen Sinnen grenzenlos ausgeliefert, hrte nichts als die
flsternde Stimme nahe unter seinem Gesicht, indem Josef fast den ganzen
Krper unter der Tischplatte verschwinden lie, nur den groen,
schwarzen Kopf, wie Mimirs Haupt aus dem Brunnen, gegen Georg
emporhebend, -- und so fuhr er fort:

Ein Mdchen will Nonne werden und darf nicht, sie trumt -- was trumt
sie? Die heilige Jungfrau zeigt ihr ein Bett und darin einen Mann, einen
Kranken, wie sie sagt, den sie pflegen soll. Wunderliche
Verdichtung, nicht wahr, von Liebesverlangen und klsterlicher
Keuschheitsbeschwichtigung. -- Nun -- zwei Dinge aber sind es, durch die
der Traum Ihrer Nchte sich von Ihrem bewuten und unterbewuten Hirn-
und Herzensleben am Tage unterscheidet. Er erinnert sich tiefer. Denken
Sie an Ihre Kindheit. Sie wissen nichts, und doch -- eine kleine
Nachfrage offenbart es Ihnen -- mit welch ungeheurer Leidenschaft mssen
Sie damals gelebt haben, damals, wo alles neu war. Wo alles riesenhaft
war, blendend oder beschattend, immer neu, erschreckend erst, dann aus
Entsetzen sich in unverhoffte Freude um so himmlischer auflsend,
nchtliche Erscheinungen Ihrer Eltern an Ihrem Bett, die kamen, um nach
Ihrem Schlaf zu sehn, und die Myriaden groer und kleiner Erlebnisse,
durch die Sie die unbekannte Welt durchforschten und eroberten. Wollen
Sie ernstlich glauben, das konnte jemals verloren gehn? Ein
Dienstmdchen wird irrsinnig und fngt an, Seiten und Seiten Hebrisch
und Griechisch aus Bibel und Kirchenfrsten aufzusagen, weil sie frher
am Schlsselloch ihres Dienstherrn, des Pfarrers, gehorcht hat. Bilden
Sie sich ein, deren Gedchtnis allein habe eine derartige Saugkraft
besessen? Nein, mein Freund, Sie geben mir ja recht, Sie kehren
allnchtlich aus aller Daseinsangst in den dunklen, warmen, herrlichen
Mutterleib zurck, wo Sie in Sicherheit waren, himmlisch in Sicherheit,
vor der Welt, die keine Mutter verletzt, und vor sich selbst, vor Ihren
eigenen, wsten, kranken, tollen, giftigen, verruchten, begierigen,
sen, erhabenen, demtigenden, hoffenden Gedanken und Gefhlen.

Vergebens versuchte Georg, die Lippen zu ffnen und von der Vision zu
reden, die ihm schon lange brennend vor Augen stand, seine eigene
Kindheitserinnerung, der Paradiesvogel und alles brige, was er
seinerzeit Benno geschrieben hatte, und ber das er noch bedeutendere
Aufschlsse zu erhalten brannte, allein es war unmglich, in diesen
Gerllsturz von Worten einen Keil hineinzuschlagen.

Und das andre Ding, sagte Josef, von dem Ihr Traum alles wei und
auch -- wie Sie vielleicht gleich sehen werden -- alles verrt, ist --
Ihr Leib, Ihr Blut, Ihr Geschlecht.

Bei Gott, dachte Georg, bei Gott!

Alle Trume, die nicht Angst sind, sind Beschwichtigung. Alle Trume
sind irgendwie geschlechtlich, wenn Sie das recht verstehen wollen, da
ich sage, der Geschlechtstrieb sei der einzig einige Trieb allen und
allen Daseins auf Erden, -- ungenau ausgedrckt, doch das wrde uns zu
weit fhren. Demnach -- wenn Sie sich etwa vor Enthllungen frchten, so
wollen wir es mit dieser Probe meiner Traumdeutung bewenden --

Georg fuhr hastig verneinend auf. Dieser Magier, dachte er, dieser
Magier! Montfort hatte sich unterweil, wie Georg nun sah, ein neues Glas
Pilsener kommen lassen, prostete Georg freundlich zu und trank mit
Behagen die goldene Flssigkeit unter der dreifingerbreiten weien
Schaumschicht fort, wischte sich danach sorgfltig mit seinem
duftenden Tuche den Bart und fuhr, die gelbe Seide in den Hnden
zusammenbauschend, fort.

Also dieser Maler hier suchte seinen Bleistift. Ja, nun sagen Sie mal
... waren Sie denn so wtend auf ihn?

Wtend? Im Gegenteil! Georg, in Verlegenheit, da er den Maler lcheln
sah, wehrte sich heftig. Im Gegenteil, ich hatte ihn an dem Tage kennen
gelernt, er machte einen auerordentlichen Eindruck auf mich, ich
empfand die grte Vereh--

Er stockte, da der Maler, die Unterarme auf den Tisch legend, sich zu
ihm hinberbeugte und leise sagte:

Ach wo! Ich erinnere mich, da Sie hchst aufgebracht gegen mich waren,
weil ich Ihnen nicht meine Gedanken verraten wollte, als --

Genug, genug! unterbrach Montfort leutselig, whrend Georg errtend
alles zugeben mute, ich wei nun alles. Sie hatten sich ber den Maler
gergert, also mute er sich im Traum rgern, indem er suchte und
fluchte und --

Aber ich selber hab ihm doch geholfen! schrie Georg.

Natrlich, das wars ja, was ich Ihnen auseinandersetzte. Sie empfanden
gleichzeitig Ehrfurcht -- als ob das nicht auch Furcht wre, und ist
Furcht keine Feindschaft? --, also beschwichtigten Sie Ihre
unanstndigen Gefhle, indem Sie ihm halfen. Wie gings denn weiter?
Vermutlich verschwand der Maler alsbald, und Sie suchten allein.

Bei Gott! versetzte Georg mitrauisch, genau so wars.

Mit andern Worten, erklrte Josef ruhig und wieder gradesitzend, Sie
setzten sich selber an die Stelle Herrn Bogners, Sie hatten ihn ja unter
Tage exemplarisch gefunden, ehrfurchtgebietend, nachahmenswert.

Georg war sprachlos, denn er entsann sich augenblicks deutlich, da er
einmal an jenem Tage gewnscht habe, wortkarg zu werden wie Bogner. --
Da er nun Montfort wie von fern nach dem Weitergange des Traums fragen
hrte, so erschien ihm jetzt sein Vater, wie er in einem Theaterparkett
ohne Sitze herumging und Hndedrcke austeilte. Als er Josef das sagte,
verwunderte der sich: sein Vater knne doch nicht gehn, -- unterbrach
sich jedoch selber flugs, schlug mit der flachen Hand gegen die Stirn
und rief:

Aber natrlich! Sagen Sie doch: haben Sie nie gewnscht, da Ihr Vater
gehend sein mchte?

Georg, in einem kalten Schrecken, bejahte stammelnd und sagte, er
wnsche ja nichts als das, wenn er seinen Vater nur sehe, ja, er glaube,
auch schon mehr als einmal ihn in seinen Trumen gehend gemacht zu haben
...

Ihm war, als sei seine Seele mit hundert feinen Haaren besetzt, an denen
unaufhrlich gerissen wrde. Montfort, ganz gleichmtig, fragte nach dem
Fortgang des Traums. Georg besann sich und meinte, dann sei wohl der
Festzug erschienen, erst als Film, fiel ihm ein, und das war
natrlich, sagte er, denn wir hatten irgendwann am Tage -- Sie
erinnern sich, Bogner -- verschiedentlich vom Kinematographen
gesprochen. Und dann erschien Onkel Salomon, -- ich meine, verbesserte
er sich, Papas Sekretr, Anna Chalybus und ich nennen ihn Onkel --

Also wieder eine Kindheitsfigur, bemerkte Josef.

Ja, und nun fllt mir ein, da er mich ins Theater hineinwinkte mit
Bogners Bleistift, und dann, als ich zum Festzug wollte, hielt er mich
am Arm fest und --

Der getreue Eckhart, murmelte Josef.

-- ich schrie dann, er solle mich loslassen, und: Ich komme nicht
hinein, schrie ich und ri mich los, und dann -- war da ein
Menschengewhl, ich war angstvoll auf einmal, und nun sah ich Anna in
ihrem Glassarge --

Und die Leute sagten: er hats schuld ..., schlo Josef.

Ja, aber -- das bezog sich, glaub ich, nicht auf sie, sagte Georg
widerstrebend, da er wirklich in jenem Traumaugenblick keine Angst oder
ein Schuldgefhl zu finden glaubte.

Ja, meinte Josef zgernd, dann hilft es nichts, dann mssen Sie sich
zu erinnern versuchen, wann im Leben Sie einmal diese Worte gehrt
haben.

Ich wei es schon, versetzte Georg, ganz kalt, nur ungeduldig,
vorwrts zu kommen, es war im Abiturientenexamen. Ich fiel durch in
Mathematik, und als der Professor von mir ablie, murmelte ich ganz dumm
und gergert: Er hats schuld! Ich meinte: weil er so dumm gefragt htte
...

Haben Sie denn vielleicht, fragte Josef, an jenem Tage vor Ihrem
Traum mit jemandem ber Ihr Examen gesprochen?

Freilich. Anna erzhlte ich ausfhrlich davon, aber auch mein Vater
erwhnte den Durchfall.

Montfort, der ihn schon bei der Erwhnung Annas hatte unterbrechen
wollen, sagte jetzt wibegierig:

So. Ihr Vater. Bitte, wie stehen Sie wohl mit ihm?

Er ist mein bester Freund, versetzte Georg stolz.

So. Aber an jenem Tage, oder -- sagen wir nur -- bei jener Unterredung
--

Georg erklrte auf Montforts fragenden Blick, es habe eine lange
Unterredung ber seine Zukunft und vieles andre stattgefunden, worauf
Josef gelassen fortfuhr:

Ja, dann waren Sie also von hnlichen Empfindungen wie gegen Bogner
auch gegen Ihren Papa erfllt: nmlich Freundschaft, Ehrfurcht, aber
auch Gefhl der freundschaftlichen berlegenheit, Verwirrung vielleicht
-- -- ja, ich rate ...

Georg nickte nur, schwer atmend.

Und mit: er hats schuld! ergnzte Josef, waren im Traum also nicht
Sie gemeint, sondern Ihr Vater.

Georg sah vor seinen Augen den Raum voller Tabaksqualm, Lampen und
sitzender, schreiender Menschen verschwimmen. Das Mdchen Cornelia hing
mit einem sonderlichen Ausdruck von Grauen und Zrtlichkeit an Josefs
Antlitz, der vor sich niedersah, und jetzt schlugen in Georgs
Verwirrung, aus seinem eigenen Innern tnend, die Traumworte: ich komme
nicht hinein ... mehrere Male. Whrend er noch bedachte, da er sie
whrend des vterlichen Gesprches empfunden haben msse,
widerstrebenden Gefhls gegen die unbekannten Lebensgewalten, denen er
durch seinen Vater pltzlich ausgesetzt wurde, hrte er jetzt Josef,
immer gesenkten Auges, diese selben Worte sagen und weiter, sich
aufraffend zum Zuhren:

Diese Worte wren also das einzige, was noch bleibt.

Indem er jetzt langsam seinen Blick von der Tischplatte erhob, ihn ber
seine Freundin gegenber streifen und in Georgs Augen, seltsam prfend,
sinken lie, sah Georg sich mit einem Mal in Annas Zimmer, sah sich auf
ihr liegen, -- er strubte sich, aber es zwang ihn, -- er sah sich, im
Dunkel, kalt fiebernd, wie er den Eingang suchte, und er hrte sich zu
sich selber murmeln: Ich komme nicht ... Da schttelte er das gewaltsam
ab, sein Blick irrte, schwankte gegen Josefs Augen zurck, er richtete
sich im Stuhl auf, rckte an dem Bierglas vor ihm, sah ein unmerklich
feines Lcheln Josefs Mundwinkel heben und hrte ihn sagen, whrend er
die linke Hand auf Georgs Arm legte:

Lassen Sie's gut sein, Prinz. Sie wissen nun alles, nicht wahr? Ich
wei es auch, denn -- viele Deutungen gibt es da ja nicht mehr. Sie
sehen also, fuhr er ernst und ruhig fort, die Verankerung Ihres
Traumes ist so ziemlich aufgedeckt. ngste und Beschwichtigungen,
Entstellungen und Verdeckungen, Sie machen sich zu Bogner, Sie grollen
Bogner und Ihrem Vater, Bogner mu suchen, Ihr Vater darf gehen, aber:
er hats schuld! -- Nun, damit knnen wir uns ja wohl zufrieden geben.

Ja, fragte Georg entsetzt, wollen Sie denn noch mehr herauswrgen?

Sie sind ein sonderbarer Genosse, Durchlaucht, sagte Montfort nach
einer Weile kopfschttelnd. Da hat man Ihnen an zwei und drei Stellen,
wo Sie bislang nichts sahen, ein paar Kleinigkeiten gezeigt. Man hat
Ihnen eine Schneeflocke in zehnfacher Vergrerung gezeigt, Sie haben
den Kristall gesehn, und nun -- meinen Sie denn wahrhaftig nun, Sie
wten, was Schnee ist? Ein gelehrter Mann hat jahrelang unsgliche
Mhsal aufgewandt, um hinter das Wesen der Trume zu kommen -- er
berlie mir seine Erfahrungen fr diesen Abend --, und hat etwas zutage
gefrdert, fabelhafte Dinge in der Tat, wie Sie bemerkten. Wieviel,
meinen Sie, mgen denn das nun sein aus der wirklichen Zahl aller
Mglichkeiten? Schon sind Sie berwltigt, Sie ehrlicher Ignorant, und
sind gar entsetzt. Was wissen Sie denn nun? Sie wissen, da Sie Ihre
Kindheit nicht vergessen haben. Was beweist das? Da Sie nichts,
berhaupt schlechterdings keine Silbe vergessen haben, -- wenn Sie sich
blo besinnen knnten wie jenes Dienstmdchen. Und was ist denn das:
Sie? Hren Sie denn mit Ihrer Kindheit auf? Haben Sie keine
Vergangenheit, keine Eltern, Ahnen, Adam und Eva? Haben Sie nicht eben
gelernt, da Sie beinah so leicht und behutsam schlafen wie Ihr alter
Hund Wally? Wollen Sie vielleicht noch nicht begreifen -- er bohrte,
sich weit berneigend, beide glhende Augen in Georgs Pupillen hinein --
noch nicht begreifen, da Sie nichts, schlechterdings nichts aus allen
Erdteilen, Vlkerschaften, Tieren und onen vergessen haben? Da alles
noch in Ihnen ist, was je war? Wollen Sie mir vielleicht auch nicht
glauben, da Sie nicht nur in den paar Augenblicken trumen, an die Sie
sich erinnern, sondern da Sie immer trumen, unaufhrlich, die ganze
Nacht, von Abend bis Morgen, immerzu? Und da Sie Ihr ganzes Leben im
Traum noch einmal leben, immer wieder, jede Nacht? Da Sie Nacht fr
Nacht, wie der Fliegende Hollnder rckwrts mit allen Segeln, Ihr
ganzes Leben aufreien und durcharbeiten, umwogt, wie von der Meerflut,
von Milliarden und Milliarden aus ihrem Zusammenhang gesprhter Tropfen,
Vermischung zehntausendfach, Entstellung, Verdrehung, Verbildung,
Trennung und Einung aus Molchen und Affen, Urwldern und Stdten,
Kindern und Greisen, die allesamt aus Unermelichkeit in Sie
hineingebraust sind wie Karawanen und hunnische Heere, Vandalen und --

Er brach ab, spttisch auflachend, dieweil Georg, schon lange die Hnde
aufsttzend, um sich zu erheben, aufstand, um hinauszugehn, sich behngt
fhlend, als schwankten die Kleider und selber seine Haut in Fetzen um
ihn herum. Betubt und mde stand er sekundenlang unschlssig, ohne zu
wissen, nach welcher Seite er sich zu wenden habe. Kellner eilten
vorbei, drngten an ihm vorber, Geschirre klirrten, das Gelchter und
laute Schwatzen toste sinnverwirrend herum, und Augenblicke lang wars
ihm, als habe er das alles noch im Leben nicht gesehn und wisse nicht,
was es bedeute.

Da erblickte er im Nebenraum, durch die Glaswand, die Rckenansicht
einer stehenden Dame, die dort zu warten schien, und obgleich ihre
Haltung -- die Hnde tief in einer riesigen Muffe, die Oberarme an den
Leib gedrckt -- nicht eigentlich bemerkenswert war, erinnerte sie ihn
doch an Cora. Sie bewegte sich jetzt, verschwand, ehe ihr Profil
sichtbar wurde, hinter dem Pfeiler und einem Kleiderstnder voll
gehenkter Mntel, dann kam ihr Hut zum Vorschein, gro, flach, schwarz,
mit grngefrbten Strauenfedern um den Kopf, und es war Corinna Bogner,
die aus der Trffnung den schwchlich schmachtenden Blick gegen Georg
aufhob.


                               Wiedersehn

Mehr erschreckt als erfreut, ging Georg auf Cora zu und fragte, die Hand
ausstreckend: Wie kommen Sie hierher?

Sie blickte ihn ohne Erstaunen an, befreite ihre Hand aus der groen
grauen Muffe, reichte sie ihm und entgegnete:

Sie waren ja mchtig in Anspruch genommen, mein Prinz. Wir sind schon
seit einer halben Stunde hier, ich und mein Mann, wir saen dort hinten.
Er ist noch einen Augenblick an einen andern Tisch gegangen. Diese
Juristen haben immer etwas zu verhandeln.

Aber wie kommen Sie ...

Was machen Sie denn fr bse Augen? Grade als ob ich Ihnen nicht als
Corinna erschiene, sondern als Erynna oder wie's heit. Soll ich Sie
meinem Mann vorstellen?

Ich bitte sogar darum.

Sogar? Das ist gar nicht ntig. Wir sind seit dem Ersten hier. Herbert
ist zur Staatsanwaltschaft versetzt. Warum schrieben Sie auch gar nicht
mehr? Armer, ahnungsloser Engel! Sie werden morgen bei mir Tee trinken.
Da kommt Herbert. Herbert, ich habe eben das Glck gehabt, des Prinzen
Durchlaucht zu treffen, -- ich erzhlte dir ja ... Prinz Georg
Trassenberg -- mein Mann.

Georg verbeugte sich gegen einen Herrn im Zylinder und Frack unter
offenem Mantel, dessen hnlichkeit mit dem Maler besonders an den groen
Augenhhlen zu erkennen war, whrend er einen kleinen, brstenhaft
geschnittenen rtlichen Schnurrbart trug und einen etwas verfinsterten
und abwesenden Ausdruck in den Augen hatte, wohl infolge einer kleinen
Falte zwischen den Brauenbuckeln. Einen goldenen Kneifer nahm er hastig
ab. Georg, dem jetzt der Maler einfiel, sagte:

Aber ich habe ja eine mchtige berraschung fr Sie, -- das heit, wenn
Sie noch nicht ... aber wohl kaum ... Kennen Sie den Herrn dort? Er
drehte sich zu dem Tisch hinter ihm um, zu Montforts Rcken und der
still in sich versunkenen Cornelia drben im Sofa, dieweil Bogner sich
erhob und herantrat und sein Bruder, murmelnd, er sei kurzsichtig, den
Kneifer wieder andrckte.

Herbert! Erkennst du mich? fragte Bogner ruhig und sonderbar gtig.

Das Gesicht des Bruders verschnte sich errtend in herzlicher Freude.
Er sagte: Benvenuto! mit so viel Ergriffenheit, da Georg rot wurde,
whrend Cora zu weinen anfing. Ihr Mann legte seinem Bruder die Hnde
auf die Schultern und schttelte ihn. Also doch! sagte er. Nun, ich
hatte ja schon von Mama gehrt. Und hier im Caf, da treffen sich die
Menschen wieder. Ja, der arme Papa! Verzeih, Cora, dies ist nun mein
groer Bruder. Ja, nun mssen wir noch eine Viertelstunde bleiben. Wir
waren in so einer Abftterung ...

Georg hrte Cora noch zu Bogner sagen, wie es sie freue, da er genau
aussehe wie sein Bruder, ging, brennenden Auges und rauschender Ohren,
durch die Nebenzimmer und durch den engen, gewundenen Treppenschacht zur
Toilette hinunter, wo er indessen nicht zur Sammlung kam, denn am
Treppenfu, friedfertig neben der Telephonzelle hockend, begrte ihn
freudestrahlend Sylvester, der Toilettenmensch, mit seinem ungeheuren,
blonden Schnurrbart und seiner kleinen Tabakspfeife. Beim
Wasserhahnaufdrehen und Handtuchreichen erzhlte er Georg, wie in
Primanerzeiten, kleine Stckchen von seinen Kindern, leise sprechend und
wie ein Eichhorn immer hin und her, und Georg war wie jedesmal leise
verwundert, da auch diese unterirdischen Menschen Weib und Kinder
htten, sich erinnernd, wie er das erste Mal peinlich hatte denken
mssen, ob wohl so ein Kind, in der Schule nach dem Beruf seines Vaters
befragt, antworten msse: Mein Vater ist Toilettenmensch. -- Beschmt
wie damals bei diesem Gedanken, suchte er vergebens nach einem netteren
Terminus dieses Standes, und kam so, an Gefhlen wenig entwirrt, wieder
nach oben.

Da aber konnte er pltzlich nicht vorber an der Glastr des hintern
Ausgangs, und nach einem zaudernden Umblicken im Raum, der vom beizenden
Tabaksqualm der um alle Tische sitzenden Kartenspieler erfllt war, trat
er ins Freie unter das berdach und stand im Garten.

Feucht und sehr khl atmete die Nachtluft. Durch das nackte Gewipfel
hoher Bume fiel von rechts her der Lichtschein der Bogenlampen; in den
Nischen von Buschwerk schimmerte weilich Gestein, und hier und dort
erglnzte die Platte eines der vielen Tische. Georg ging blindlings vor
bis an das trockene Wasserbecken, sah das blecherne Mundstck der
Fontne sprachlos aus dem Hgel von Tuffstein hervorgestreckt und hielt
sich dran, geistig, zu seiner Sammlung. Von Coras seltsam drftiger
Erscheinung schweifte er ab, eilfertig und im Bogen wie ein Jagdhund
bsen Gewissens. Eine Bengstigung fiel auf sein Herz; er sah Renate im
Garten stehn, sah das weie Dreieck ihres Tuches, und langsam, aus der
Beklommenheit, dehnte sich angstvolle Freude. Schn mu es werden,
dachte er, schn wird es werden! inbrnstig hoffend, und die
Vorstellungen: Montfort als Freund, Bogner als Fhrer, Renate als -- als
Geliebte! zogen, undeutlich in den Umrissen, aber verheiungsvoll,
segenspendend und mit immer strkerer Magie durch seinen Geist, so da
er schwoll, erzitterte zugleich und sich ppiger reckte. -- Schon sah er
einen Atelierraum, Bogners, Nacht und Lichter, die Rauchschwaden, Josef
Montforts gewaltige Silhouette, und er vernahm die ruhige Stimme des
unsichtbaren Malers ... Cora, wie war sie verblat im Augenblick!

Und nun erschien ihm sein Weg, und er ging ihn, umringt von kniglich
geleitenden Gestalten -- Montfort, Bogner, Renate --, und vor seinen
taumelnden Augen stellten die nchtlichen Umrisse des schwarzen
Theaterbaus drben sich dar als das Ziel, als das Schlo, Behausung
seiner Wrde, seines -- ah nun, ja nun begann erst das Leben! Arbeit und
Feste, Arbeit und Feste ...

Erquickt von der Khle und dem Dunkel, gesammelt, entschlossen,
aufgerichtet, kehrte er zu den Andern zurck.


                            Viertes Kapitel


                              Nachtstraen

Am Tische sprach der Staatsanwalt, einen Ellbogen auf der Schulter
seines Bruders, eindringlich in ihn hinein. Cora schien Josef Montfort
vllig mit Beschlag belegt zu haben. Dessen Freundin sa einsam auf dem
Sofa, aufrecht, und machte muntre Augen, um ihre Teilnahme zu bezeigen.

Georg, ich bin ganz hin! erklrte Cora, als er sich niederlie. Zum
Umfallen mde wre sie, sagte sie. Georg sah Josef mit seiner Freundin
einen Blick des Einverstndnisses tauschen, die Brder lsten sich
voneinander, und alle brachen auf. Cora, die schon fertig angezogen war,
ging allein voraus, aber Georg half erst der Cornelia in den Mantel und
beeilte sich weiter nicht mit seinem eigenen Mantel und Handschuhn; auch
als sie spter drauen zusammen standen, hielt er sich abseits. Die
Nachtluft war kalt und feucht; Platz und Straen waren noch immer oder
schon wieder schwarz vor Nsse. Georg sah nach den Sternen, aber der
Himmel war unsichtbar ber den leise schwankenden Bogenlampen. Nach der
Bahnfahrt, der Wandrung mit Bogner, nach Josef Montforts ungeheurer
Beredsamkeit fhlte er sich nun schwer mde und ghnte heftig.

Mit einem leisen Widerwillen sah Georg jetzt Cora neben Josef Montfort,
fegend mit ihren Rcken, ber den Platz gehn. Josef, im kurzen, hellen
Mntelchen, hatte den steifen Hut so nach vorn gerckt, da der
Hinterkopf hervortrat; dazu stie er hinter sich den Stock mit hoch
gegen die Hfte gezogenem Ellenbogen auf, -- eine absichtliche, schofle
Lebemannshaltung, wie es schien. -- Das groe, hell erleuchtete
Zifferblatt der Normaluhr zeigte halb ein Uhr. Abseits von den Brdern
stand die Cornelia Ring, in ihren Scharlachmantel geschlagen, den groen
Kragen schn hinterm Kopf, Josef nachblickend. Bei ihrem Anblick
erschien Georg Renate; es stach in seiner Brust; dann merkte er, da der
Satz: Auch der Toilettenmensch hat Weib und Kinder ... ihm unablssig
wie ein Vers von Morgenstern durch den Kopf zog.

Montfort kam pltzlich eilfertig zurck, rief: Die gndige Frau will zu
Fu gehn! Frau Ring, wir bringen Sie alle nach Hause! drehte wieder um
und gesellte sich zu Cora.

Die Brder folgten, leise sprechend, und Georg schlo sich mit Cornelia
hinter ihnen zusammen. Sie gingen eine Weile schweigsam; Georg mute
heftig und heftiger ghnen, whrend das Mdchen leichten Ganges neben
ihm schritt, den Kopf grade und frei auf dem festen Halse. Er lugte von
der Seite schlfrig nach ihrem Profil, sah die runde Stirn, das straff
zurckgestrichene Haar, die vorgewlbte Oberlippe, den dunklen Blick des
Auges und erinnerte sich, auf der Suche nach einem Gesprchsstoff, da
sie die wenigen Worte, die er sie sprechen gehrt, mit undeutschem
Akzent -- zumal den R-Laut -- betont hatte. Zum Sprechen ansetzend,
mute er wieder ghnen, sie sahs und lchelte, und er sagte,
mitlchelnd, hastig:

Entschuldigen Sie nur, -- ich habe die Bahnfahrt noch in den Gliedern,
und dann -- dieser Montfort betubt einen ja wie -- ich wei nicht was,
-- aber bitte, -- wenn ich fragen darf ... Sie sind keine Deutsche oder
--?

Sie schttelte den Kopf und lchelte wieder.

Nur so halb und halb, meinte sie.

Polin vielleicht? schlug Georg vor.

Sie lchelte. Nein, das ist nun grade falsch, obgleich ich sonst alles
Erdenkliche bin. Mein Vater war Deutscher, aber aus Ungarn, und seine
Mutter war Ungarin. Meine Mutter aber ist Spanierin; sie lebt noch da,
und ich bin dort aufgewachsen. Da lernte ich Deutsch und Spanisch
zugleich, aber -- meine Gromutter war wieder Hollnderin ...

Ei, dann sind Sie ja ganz international!

Ja, leider ...

Leider?

Ja, man fhlt sich doch so heimatlos. Spanien kenne ich kaum, mit vier
Jahren kam ich von dort weg. Nun, am meisten gehre ich wohl doch zu
Deutschland ...

Um ihr gefllig zu sein, murmelte Georg, Herr von Montfort komme einem
ja auch so international vor.

Wieso? fragte sie halblaut, das Gesicht zu ihm drehend.

Nun -- ich meine, nicht wahr? -- finden Sie nicht auch: wenn man ihm
zuerst in Italien begegnete oder sonstwo -- wrde man ihn nicht fr
einen Italiener halten -- oder Spanier oder -- --?

Sie sah wieder gradeaus, wo zehn Schritte vor ihnen Bogner und sein
Bruder gingen. Er habe wohl recht, meinte sie leise. Nach einer Weile
setzte sie verloren hinzu: Er will ja nun auch fort ...

Da schien Georg, indem sie eben unter einer Laterne einhergingen, im
hellen Licht ihr Auge merkwrdig hei und glitzernd. Sie zog die
Oberlippe in den Mund. -- Was hat sie nur? dachte Georg, whrend ihr
Anblick von vorhin, wie sie auf dem Sofa sa und weinte, ihm wieder
gegenwrtig wurde, -- will er ohne sie gehn? -- Die Strae mit fernen
Laternen lag wieder dunkel vor ihnen, dahinter der Thielplatz, rtlich
leuchtend von Bogenlampen; an der gegenberliegenden Straenseite
klappten eilige Schritte. Nun ging auch das Mdchen neben ihm schneller,
auf einmal in hastiger Rede.

Oh denken Sie nicht, da ich das nicht verstehe, sagte sie, ich kenne
ihn ja! Wer kennt ihn denn sonst? Was soll er auch hier? Sie wissen
vielleicht: die Fabrik geht nicht gut ... ach, das durft ich wohl nicht
sagen, aber es wei ja schlielich jeder.

Also das war da nicht in Ordnung im Garten, dachte Georg, Bogner hat
doch recht gesehn. Das Mdchen fuhr fort:

Nein, knnen Sie sich vorstellen, wie er im Kontor sitzt und Zahlen
schreibt? Sie neigte lachend den Kopf. Oh er ist ein glnzender
Kaufmann, wenn er will, er kann ja jeden um den Finger wickeln. Er hat
auch viel mehr Kenntnisse, als Sie vielleicht denken, er spricht eine
Unzahl Sprachen, wir waren einmal in gypten, und er sprach mit den
Suahelis oder wie sie heien ... ja, was wollt ich sagen? so -- und alle
Instrumente spielt er, und Theater, ja, was wre der fr ein
Schauspieler! Er malt auch sehr schn, er hats nun freilich lange schon
gelassen, er hlts ja nirgends aus ...

Da sie schwieg, fragte Georg nach einer Weile behutsam, wohin er denn
nun wolle ...

Ach, wohin? murmelte sie tonlos. Nach Sibirien oder Mexiko, was wei
ich?

Also wollte er sie scheinbar nicht mitnehmen. Ach, dachte Georg
erschreckt und mitleidig, da haben wir nun alle gesessen und geredet,
und sie hat das Herz voll Gram bis zum Rand. Und ich gehe neben ihr und
ghne. Die Menschen sind alle Bestien! --

Cornelia verlangsamte ihre Schritte wieder, da sie den Mnnern vor ihnen
nahe gekommen waren. Ein Automobil kreuzte ihren Weg, innen
vollgepfropft mit schreienden Kerlen, und verrauschte brllend.
Sie gingen ber den Platz und auf den dunklen Tunnel der
Eisenbahnberfhrung zu, wo schon Josefs und Coras Schritte schallten.

Sie sprach, als sprche sie mit sich selber:

Halten kann man ihn ja nicht, er ist das freiwilligste Wesen, -- ich
wei blo nicht ... Sie verstummte.

Was wissen Sie nicht? fragte Georg behutsam.

Sie weinte. Sie schlug den Mantel auseinander, nahm ihre Handtasche vor,
holte ein kleines Taschentuch heraus und trocknete sich hastig die
Augen. Danach brachte sie alles wieder in Ordnung, richtete den Kopf auf
und schritt aus.

Ich wollte sagen, begann sie wieder, ich wei nicht, was aus mir
werden soll. Wenn man sein Leben so ganz auf einen Menschen eingerichtet
hat ... Oh es geht mir gut, ich hatte immer, was ich mir wnschte, ich
kann ja auch berall hin ... Nur ist man heimatlos, schlo sie leise.

Georg zermarterte sich den Kopf umsonst nach einem Wort. Ein Mensch wie
Montfort pate freilich schlecht in diese windstille Stadt. Lenau fiel
ihm ein, der nach Amerika ging, Krnbergers Amerikamder, -- aber pate
er nach Amerika?

Will er nach Amerika vielleicht? fragte er schlielich.

Auch -- vielleicht, sagte sie. Er hat Amerika. Was er am meisten
hat, ist Geld. Sie blieb wieder stehn, wandte sich zu Georg und sah
ihn mit offenbarem Flehen an.

Ach, mir ist etwas eingefallen! sagte sie, ich wei nur nicht ... Es
ist vielleicht ganz tricht und -- und unbescheiden, ich dachte nur ...
ich wei von Ihrem Vater, dem Herzog, Josef gab mir immer seine
Jahresberichte, die er doch selbst schreibt, nicht wahr, und nun dachte
ich -- Innehaltend, blickte sie jmmerlich zu Georg auf.

Aber gewi, gewi, natrlich! versicherte er froh und berrascht, das
ist ja ein glnzender Gedanke! Mein Vater --

Wir mssen weitergehn, mahnte sie, selber wieder munter ausschreitend,
da kommt schon die Eichstrae, dort wohne ich.

Georg fuhr fort zu erklren, da sein Vater immer auf der Suche sei nach
tchtigen und -- gewissermaen originellen Leuten, die andernorts schwer
zu brauchen seien. Mama sagte einmal, er sei magisch oder magnetisch
fr solche Menschen, -- nun sehen Sie wohl, sein Magnetismus hat sich
sogar durch uns erstreckt! Ich schreibe gleich morgen an ihn, nicht
wahr? Er wei sicher etwas.

Ach, ich wre Ihnen ja so dankbar! versetzte sie aufatmend. Wenn er
nur hier irgendwo im Lande bleiben kann ... Sie sehen ja, wie er ist,
fr solche wie ihn giebt es keine Gesetze, nein, sie geben welche, und
es ist ja so schn, da es Menschen giebt wie ihn, wie wre es sonst
langweilig!

Nun lachte sie wieder, sagte: Jetzt aber still! und: Ich danke Ihnen
ein andermal! Da ist mein Haus!

Georg sah nicht weit von ihnen die Vier beisammenstehn. Im nchsten
Augenblick waren sie bei ihnen, Cornelia holte ihr Handtschchen und den
Schlssel daraus hervor, den Montfort ihr fortnahm, um aufzuschlieen.
Unterdes gaben Bogner und der Anwalt ihr die Hand, Cora nickte
frstlich; sie sagte, Georg fest die Hand drckend, laut und ruhig:

Wenn Sie mir schreiben, Durchlaucht: Eichstrae 17 und Frulein
Cornelia Ring. Gute Nacht.

Josef gab ihr den Schlssel zurck, sie nickte ihm zu und verschwand,
nickte dann noch einmal bittend und lchelnd zu Georg durch die dunkle
Scheibe der Haustr, whrend sie drinnen zuschlo.

Wir wohnen drei Huser weiter, hrte Georg den Anwalt sagen und war
sehr damit zufrieden. Auf dem Wege dahin sprach niemand mehr; angelangt,
bat der Staatsanwalt seinen Bruder zum Essen fr den andern Tag, aber
Cora fiel mit mder Stimme ein:

Gott, Herbert! Morgen ist doch die Herzbruchsche Hochzeit! Dann kommen
Sie also -- ja, wir sagen wohl du zueinander, nun, das machen wir alles
morgen -- also dann kommst du morgen vormittag zu mir, -- ja,
Durchlaucht, dann mssen Sie auch vormittags kommen, Herbert, du kannst
dich vielleicht frher freimachen. Nein, kommen Sie nur! wiederholte
sie hartnckig, da Georg abwehren wollte. Du entschuldigst, Ben -- was
fr ein herrlicher Name! --, da ich den Prinzen schon vor dir
eingeladen habe, aber ich kannte ihn ja schon lnger als dich -- sie
lachte. Merkwrdig, nicht, wo du doch mein Schwager bist! Aber ich
schwrme fr Mnner und kann nie genug haben, -- das heit, wenn ich
Herbert nicht haben kann, und der hat ja nie Zeit, -- du Armer! Also
kommt ihr Beide, schlo sie achtlos, scheinbar aus Schlfrigkeit die
summarische Anrede gebrauchend.

Georg bekam eine lange, schlaffe Hand und keinen Blick. Das Ehepaar
entschwand.


                                 Fahrt

Schweigsam schlenderten sie die Strae zurck. Es begann zu regnen.
Georg, am Gossenrande, die Hnde tief in den Manteltaschen, fhlte die
Schlfrigkeit aus seinem Hirn in die Fe und Schultern gewichen, die
leise brannten, auch waren ihm am einen Arm der hngende Schirm, unterm
andern das dicke Buch lstig, das stndig aus der Achselhhle nach unten
rutschte. -- Das arme Mdchen! dachte er trbe und vergngt, ihr helfen
zu knnen. Was mochte sie nun eigentlich fr ein Wesen sein, da
Montfort mit ihr zusammen lebte, er hier, der, die Hnde mit dem Stock
auf dem Rcken, sehr gro und aufrecht, den Hut im Genick, neben ihm
schritt. Bogner, an der Wand der hlichen, roten und gelben Huser
hinstreifend, hielt seinen Mantel in den Armen an den Leib gepret,
blieb aber nun stehn und zog ihn an, whrend Josef sich umdrehte. Eine
Droschke rasselte hinter ihnen heran, und Josef sagte: Ein Vehikel. Nun
wollen wir ins Mullng rusch fahren.

Der Maler antwortete nichts hierauf; Georg war unschlssig. Am Ende
konnte er gleich noch ein Wort mit Montfort reden, auch schien seine
Gesellschaft ihm gar zu anziehend. Schlafen konnte er ja morgen, so
lange er wollte.

Die Droschke kam herangerasselt, der Kutscher zog auf Montforts Wink die
Zgel hoch, das Pferd stand schlitternd still. Mullng rusch! sagte
Josef, und der Kutscher, den Hut lftend: Jawoll, Herr Baron! Der
schien ihn zu kennen.

So stieg Georg denn ein und setzte sich links in den Rcksitz; der Maler
kam neben ihn. Montfort, auf dem kleinen Vordersitz zusammengezogen,
machte die Augen zu. Die Rder lrmten. Bogner ffnete das Fenster neben
sich und beugte sich in die ffnung. Nun versprte Georg die sonderbare
Engigkeit, in der sie sich zusammengepfercht hatten, den Geruch von
Pferd, Leder, Wachstuch und alten Polstern und hatte das Gefhl, als sei
etwas atemlos und ohne Ende mit ihm im Gange. Auf einmal glhte sein
Gesicht, er fhlte sich an Seele und Gliedern abscheulich behindert,
streckte die Fe, fhlte keinen Platz, zog sie wieder an sich und
arbeitete mit den Augen an dem groen und dunkelhutigen, verschlossenen
Gesicht mit der fremden Bartfliege ihm gegenber. Keine Gesetze kennen!
dachte er hhnisch, was das schon heien soll! Armes Kind, was kannst du
ihm wohl sein? Wie still und in Bereitschaft sie immer dagesessen hatte.
Ihre Augen waren klug, und sie las die Jahresberichte ... Was sage ich
ihm nur? -- Da fiel ihm ein, was sie vom schlechten Stande der Fabrik
gesagt hatte, da erschien ihm Renate im dunklen Vorgarten, im
Laternenlicht, wie sie ihm entgegenkam, und gereizter sprte er die
Behinderung, hier fahren zu mssen, anstatt -- was? ja was?

Warum fahren wir hier? fragte er jhlings. Keiner antwortete; keiner
der Andern bewegte sich. Der Wagen rasselte und schwankte ber das
Pflaster, auf einmal war er auf Asphalt und rollte glatter und leiser
dahin, whrend das einfrmige Trotten des Pferdes hrbar wurde. Georg
sah Bogners schwarzes Profil im einfallenden Licht, sah das Gleiten der
Huserwnde, einen Mann, der wartend an der Ecke stand, um die sie nun
schwenkten, eine Laterne, Rolljalousien und Reklameschilder, alles sehr
traurig, beschmutzt und als ob es sein eigenes Nichtvorhandensein
beklagte. Pltzlich merkte er Montforts Augen, die ihn unbestimmt
anblickten, dann abglitten, und er hrte ihn langsam sagen:

   Immer wieder kehrst du, Melancholie,
   O Sanftmut der einsamen Seele ...

Es schienen Verse; er sprach langsam weiter:

   Zu Ende geht ein goldener Tag.
   Demutsvoll beugt sich dem Schmerz der Geduldige,

   Tnend von Wohllaut und weichem Wahnsinn.
   Siehe, es dmmert schon ...

   Wieder kehrt die Nacht und klagt ein Sterbliches,
   Und es leidet ein anderes mit.

   Schaudernd unter herbstlichen Sternen
   Neigt sich jhrlich tiefer das Haupt.

Wieder war alles still bis auf das Trotten der Hufe, aber in dem
Augenblick, wo Georg, von den Versen seltsam erschttert, fragte: Von
wem ist das? waren sie wieder auf Pflaster geraten, und Montfort schien
nichts gehrt zu haben.

Wieder kehrt die Nacht! fhlte Georg traurig, und leidet ein
Sterbliches. Und es leidet ein anderes mit. Wie du mich dauerst, armes
Kind! Und dann schrie er, um verstanden zu werden: Warum fahren wir
hier?

Montfort wandte ihm mit gelindem Spott seine Augen zu.

Wir? sagte er. Warum sagen Sie wir? Gehren wir zusammen? Fhrt nicht
jeder ganz allein?

Georg wollte, aber konnte nicht sagen, da er ihn ja in dies schandbare
Vehikel hineingesperrt habe, denn freilich -- warum hatte er sich
sperren lassen?

Teuerster, fuhr Montfort fort, ich wei, was Sie denken. Sie sind
auch so ein Mensch, der auf einmal von Versen ergriffen wird. Alles mu
Ihnen mundgerecht gemacht werden, dann geht Ihnen das groe Begreifen
auf, und Sie bemerken Ihre Seele. Freuen Sie sich brigens Ihrer
Jugend.

Bogner, whrend Georg sich, die Lippen zusammenkneifend, in seine Ecke
zurcksetzte und den Dostojewskiband neben sich in den Sitz stie, legte
eine Hand auf seinen Arm und sagte, das Gesicht zu ihm wendend:

Deswegen keine Sorge! Man gert immer um so weiter auseinander, je
enger man beisammenhockt. Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen von
Judith sterreicher erzhlte? Da saen wir schn gerumig und konnten
untereinander kommen und gehen, wie es uns beliebte.

Anna! dachte Georg erschreckt. Oh, litt sie nicht auch, er aber litt
nicht mit ihr! -- Eine Weile spter konnte er es nicht lassen, gereizt
und unwirsch hervorzustoen: Warum fahren wir dann hier?

Bogner schien zu lcheln und wandte sich ab; Montfort hatte die Augen
wieder geschlossen; so fuhren sie schweigend, rderumrasselt, wieder
ber Asphalt, ber Geleise, umschwenkend, pltzlich aus einem Geleis, in
dem sie dahinrollten, herausgerissen, gegeneinander geschttelt,
umrasselt unaufhrlich. Georg hatte das Gefhl, als wrde diese
Nachtfahrt ihm ewig unvergelich bleiben. Dann dachte er, es mte ber
ihnen ein Stern stehn, der Renates Zge trug, aber nun lie das
Wagenverdeck sich ja wieder nicht aufschlagen! -- Er sthnte, es war
nicht auszuhalten.

Da hielt die Droschke mit einem Ruck. Georg ri die Tr auf und
stolperte ins Freie vor ein Portal mit bunten Lampen, aus dem ein groer
Trsteher mit Schnren und hellblauem Mantel, einen langen Tambourstab
in der Hand, hergeschritten kam. Im Augenblick gewillt, davon, in die
Nacht, in einen Wald hineinzulaufen, fhlte Georg sich leicht am Arm
ergriffen und vom lchelnden Josef Montfort in den glsernen Tunnel
hineingeschoben.

Sie legten die Mntel ab und gelangten ber eine Treppe in den Tanzsaal.


                              Ballhaus/Bar

Es waren Galerien da auf drei Seiten, darunter standen die Tische, in
der leeren Parkettmitte drehten sich zwei Mdchen in blauweigestreiften
Matrosenanzgen mit roten Kragen und in Kniehosen, rote Zipfelmtzen auf
dem Kopf, in trger Vergelichkeit hin und her. An wenigen Tischen saen
Mnner beim Wein und rauchten, im Winkel beim Tresen war ein ganzer
Haufen buntgekleideter Frauen mit sinnlosen Hten. Bald saen sie in
einer Ecke und hatten Glser mit golden aussehendem Haute Sauternes vor
sich stehn. Bogner rauchte seine Pfeife und sah sich alles mit Gleichmut
an, Josef ghnte unaufhrlich, Georg trank hastig drei Glser Wein aus,
ohne es recht zu bemerken. Im Saal schoben sich einige Paare hin und
her, Damen tanzten miteinander, die Leiber ineinander verrenkt,
abstoend anzusehen, und Georg fing an, innerlich Wut zu schnauben, da
er hier war. Pltzlich stand ein schwarzgekleidetes, bleiches Wesen
neben Josef, das nicht wie die Andern war, sondern hoffrtig und einsam
aussah.

Du warst lange fort, sagte sie traurig zu Montfort, der sofort
aufstand und einen Stuhl holte. Sie glitt auf den seinen, fllte sich
ein leeres Glas und trank lange in kleinen Schlucken, wobei sie Josef in
die Augen sah.

Wozu? sagte sie pltzlich, das Glas hinsetzend, stand auf und war
gleich darauf mit einem breiten Herrn zwischen den Tanzenden.

Georg dachte, es fange nun wirklich an, sinnlos zu werden, aber als er
nach einer Weile Umherschauens zu Montfort sagen wollte, da sie gehen
wollten, war der verschwunden. Bogner hatte sein Skizzenbuch unter dem
Tisch auf den Knien und zeichnete etwas Unsichtbares, ohne auf das
Papier zu sehn. Ein Kellner kam, nahm stillschweigend die leere Flasche
fort und brachte bald darauf eine neue. Da ein rosenrotes Mdchen sich
an Georgs Stuhl vorbeischob, das herausfordernde Augen machte, so tanzte
er mit ihm, tanzte mit dieser und jener, zuerst unbehlflich, da er in
seine Tanzstundenhaltung zurckfiel, dann sachgem, seiner Tnzerin das
rechte Bein zwischen die Schenkel drckend, so da er die ganze Gestalt
an sich prete, und dazwischen trank er, sah auch Montfort tanzen,
langsam wurden die Dinge dunstig und zerstckt, sein Gesichtskreis
verengte sich, er sah nur noch Allernchstes, er wute nicht mehr, was
er tat. Pltzlich klopfte jemand ihn auf die Schulter, Montfort, der
leise sagte: Nun mu ich in die Unionbar, gehen wir.

Er folgte willenlos, fand sich gleich darauf an Montforts Arm in der
Nachtklte, merkte, da er zusammenfiel, raffte sich auf und ging
aufrecht seines Weges zwischen Bogner und dem Andern, wobei er
unausgesetzt schwatzte, ohne zu wissen was; nur da er im Gehen doch hin
und wieder dem einen oder dem andern seiner Begleiter nher kam, merkte
er. Da blieb er stehn und sagte mit groem Ernst zu Josef -- whrend ihm
gleichzeitig einfiel, da er Dostojewskis >Jngling< nicht mehr bei sich
hatte --: Frulein Ring sprach mit mir von Ihnen.

Kommen Sie nur, das wei ich ja alles! meinte Montfort begtigend,
indem er ihn weiterzog. Jetzt nur nicht wtend werden! ermahnte sich
Georg, das wre ein Beweis deiner Betrunkenheit. -- --

Aber von nun ab war ihm nichts mehr bewut, als da er nach einer langen
Zeit Ksse fhlte, lange Ksse und von einer so alles durchschmelzenden,
verzehrenden Se, da er dachte, er trume. Die Augen aufreiend, sah
er ein weibliches Gesicht nahe vor dem seinen, das ihm wiederum so
zauberhaft schn, so ber alle Begriffe wunderbar erschien, da er
berzeugt war, er trume, doch sprte er nun deutlich ihren Mund, der
sich in den seinen einwhlte, die Zhne, ihren Atem; er schmolz in
Zrtlichkeit, er weinte fast und murmelte dumpf: Liebst du mich denn
so? Er hrte eine verdunkelte, vor Zrtlichkeit erstickende Stimme
antworten: Ja! Ja! und: Hast du es nicht gleich gemerkt, wie wir uns
ansahn, als du hereinkamst?

Jetzt wurden die Dinge umher klarer. Das Mdchen sa auf seinem Scho,
hinter ihr war ein winziger Raum, eine Koje, in der eine dunkelrote
Schleierlampe hing; darunter war ein Wirrwarr von Sektflaschen, Glsern,
Strohhalmen und pltzlich das Gesicht Maler Bogners wie aus Erz, so
vllig unverndert, und nun merkte er den Lrm, merkte, da hinter
seinem Rcken ein ungeheures Geschrei und Getmmel war, Frauenstimmen
kreischten, Kerle brllten, und hinter dieser Wand von Tumult drhnte
ein Klavier. Das Mdchen, das er im Arm hielt, jetzt nicht mehr so
schn, aber grougig, ein schwarzes Samtband um die Stirn, sprang von
seinen Knien, ergriff seine rechte Hand, zog ihn in die Hhe und sagte
hei: Komm, tanzen! Er gehorchte, drehte sich irgendwo in einem
dichten Gedrnge heier Krper und Gesichter, und sa gleich darauf in
der wrmsten Enge hinter jenem Tisch auf einem Sofa, Bogner gegenber,
neben dem ein unbekanntes Gesicht war, und neben ihm selber -- ja, das
war Montfort. Das Mdchen drngte sich an seiner andern Seite unter
seine Achsel, und er hrte es flstern, da sie gleich fort mte, zu
andern Gsten, ob er sie morgen treffen wollte, und er sagte zu allem
Ja. -- Also am Gnseliesel, sie wohne dort ganz in der Nhe, und um ein
Uhr. Ob er auch sicher kme, und sie wrde ihm schreiben, wenn sie nicht
knne.

Ja, weit du denn, wer ich bin? fragte er, etwas erschreckt.

Sie wute es nicht, da verschwieg er seinen Namen und sagte, sie solle
ihm unter G. T. 17 schreiben, Hauptpostamt, und es nicht vergessen. Er
sah, da sie einen Kellner anhielt, von ihm Papier und Bleistift bekam
und sorgfltig aufmalte: G. T. 17 auf zwei Stckchen Papier, von denen
er eins in seine Brieftasche steckte.

Schenk mir was! bettelte sie pltzlich, ich hab heut abend noch
nichts verdient.

Er zog Goldstcke hervor, sie ergriff seine Hand, streifte ihren Rock in
die Hhe und fhrte seine Hand mit dem Geld darin zu der ffnung ihres
Strumpfes am Oberschenkel, indem sie ihn zugleich mit dem linken Arm
umhalste, brennend anlchelte und kte. Als er die warme und nackte
Haut ihres Beines fhlte, brach er fast zusammen, wurde aber im selben
Augenblick zurckgestoen; sie sprang auf, schttelte ihren Rock, warf
ihm eine Kuhand zu und verschwand im Getmmel.

Nun mu ich mich bergeben, dachte Georg, stand eilig auf, gelangte
durch das Tohuwabohu hinaus, tat, was er eben gedacht hatte, war, als er
zurckkehrte, wenigstens wieder im Besitz seiner Augen, obwohl sie auch
jetzt nur fr das Nchstliegende reichten, aber er sah doch beim
Hinsetzen, da die Augen des Fremden sich auf ihn richteten, so da er
sich verbeugte und seinen Namen murmelte, worauf jener -- dunkle, ruhige
Augen unter einer zarten Stirn -- ihm leicht erstaunt die Hand reichte,
indem er sagte: Wir kennen uns ja schon. Georg, verlegen, setzte sich
still nieder, da er zudem bemerkt hatte, da er wohl denken, aber noch
nicht sprechen konnte. Nun, da sa also Bogner und zeichnete hinter der
Flaschenbarrikade auf das Tischtuch. In seinen rechten Arm hatte sich
ein blondes Mdchen gehakt, das neben ihm sa und seiner Beschftigung
so andchtig zuschaute, da ihr hin und wieder die Augen zusanken und
ihr Kopf langsam vornber fiel. Der Maler sah dann nachsichtig auf sie
hinunter, und sie warf den Kopf mit einem Ruck empor, ri die Augen auf,
lachte schlfrig, ergriff ein Glas und sagte: Mnchmeyer! und dann:
Prosit und trank.

Georg begann das Gesprch Montforts und des Fremden zu hren, deren
Kpfe sich hinter der roten Schleierlampe dicht zueinander gebeugt
hatten, denn sie stritten sich heftig, und Georg hrte die Namen Pos,
Hoffmanns und Kubins. Eine Weile war das alles noch dumpf und weit
entfernt, es kam aber durch Augenblicke nher, endlich und ganz deutlich
hrte er Montfort sagen:

Angenommen also, es sei mglich, die gesamten seelischen und geistigen
Eigenschaften zweier Menschen -- meinetwegen in der Form der
Auswechselung ihrer Gehirne -- miteinander zu vertauschen, was ist
diejenige Folge, die sich fr frher oder spter mit Notwendigkeit
ergeben mu?

Jucken, dachte Georg, infolge der fremden Krperlichkeit, whrend der
Fremde sagte:

Zusatz: Jeder von beiden hat, ausgestattet mit den alten Gewohnheiten
des Gefhls, der Denkungsart, der Neigungen und ihrer Gegenteile und so
weiter und so weiter, diese in einer andern Gestalt, andrer Umgebung --
es ist zu denken an Verwandte, Eltern und Freunde, Gleichstehende nah
und fern -- zu verwenden.

Die Folge ist -- ich will nicht geradezu sagen: Verbrechen, da die
wenigsten Menschen ttlich veranlagt sind, -- aber sie ist: Unheil, sie
ist tragisch. Die nchste, die sofortige Folge nmlich, ist: ein
Liebesgefhl fr die neue Mutter oder Schwester, jedenfalls Fehlen des
Verwandtschaftsgefhls, fehlende Zuneigung zu Eltern und Geschwistern.

Dies heie die Angelegenheit zu enge begrenzen, meinte der Andre. Er
wolle in allgemeinerem Sinne eine gnstige Wirkung der Verwandlung
beweisen, gesetzt, die Erinnerung an das alte Dasein sei geblieben,
nmlich: Befreiung. Befreiung von allem Gewohnten, ein neuer Ausblick in
die Umgebung bis zu den Sternen hinauf, daher ein Auftrieb aller Krfte,
eine weisere Benutzung, eine deutlichere Erkenntnis des Seienden, genau
so wie jemand, der ein jahrelang von Andern bewohntes Zimmer betrete,
die Leute darin auf unzhlbare, von ihnen nie bemerkte Dinge aufmerksam
machen knne. Hinzu komme ferner das besonders Wichtige: der Einflu des
neuen ueren Menschen.

Als Beispiel, sagte er, mchte ich folgendes eigene Erlebnis
erwhnen: Ich habe in frheren Jahren als Schler bei Festlichkeiten
Theater gespielt, hatte mir, was zu mimen war, ungefhr zurechtgelegt,
brigens auf den Proben keinerlei Befhigung zum Schauspieler gezeigt,
und hatte heftiges Lampenfieber. Nun hatte ich einen komischen alten
Diener zu geben. Kaum hatte ich nach Herstellung meiner Maske einen
Blick in den Spiegel getan und von mir selber, hinter der kahlkpfigen
Percke, den weien Bartkoteletten, den Runzeln samt der Livree nichts
wahrgenommen als die alten Augen, da war jede Spur von Aufregung
verschwunden, und ich mu in meine Figur, in meine Rolle dermaen
hineingewachsen sein, da die ltesten Leute bei meiner Komik, bei der
ich mir gar nichts dachte, Trnen gelacht haben sollen, und whrend --

Das beweist gar nichts, sagte Josef. Sie wollen mit Ihrem Gleichnis
den Verlust der, den Menschen zumeist anhaftenden Scheu und Unsicherheit
aufdecken, aber das ist alles Unsinn. Ihre schauspielerischen
Erfahrungen stehen in kontrrem Gegensatz zu denen aller richtigen
Mimen, oder haben Sie schon von einem gehrt, dessen Lampenfieber in
Lampengenesung umgeschlagen wre? Und auerdem bestreite ich fr mich
persnlich jedenfalls energisch das Vorhandensein Ihrer Scheu und
Unsicherheit.

Da es sich nicht um Josef Montfort handle, sagte der Fremde, so fahre er
unbeirrt fort: In der neuen Maske oder Gestalt lasse sich alles
verstecken, jeder Gedanke, jeder Plan, jede Beklommenheit und jeder
Schreck, deshalb nmlich, sagte er, weil ich mir nur einzuprgen
brauche, da der Ausdruck, den meine Umgebung an mir wahrzunehmen
glaubt, nicht mir gehrt, sondern dem -- Andern, der Maske, und da
niemand den wahren, inneren Vorgang wahrnehmen kann.

Hiergegen sei eine Menge einzuwenden, erklrte Montfort. Erstlich Ihr:
>Ich brauche mir nur einzuprgen<. -- Gesetzt, Sie knnten das, wozu
brauchen Sie denn da die Verwandlung? Dann knnen Sie es doch auch so
wie Sie sind jeden Augenblick fertigbringen. Zweitens --

Da, sagte der Andre, lge seine ganze Torheit in ihrer beschmenden
Nacktheit vor aller Augen. Sie htten mir einen Fehler nachweisen
knnen, weil es nmlich Schauspieler giebt, die ohne Maske einen vllig
andern Menschen als sie selber darzustellen vermgen --

Welch ein unseliger Nonsens! lamentierte Josef. Ist denn hier vom
Schauspielertalent die Rede?

Seit langem, war die ruhige Antwort, schon immerzu, Sie haben blo
nicht bemerkt, da ich Ihnen zeigen wollte, da eben mit der Maske auch
der Schauspieler, auch das >Sicheinprgenknnen< mglich wird und sich
entwickelt. So wie ich bin, verstelle ich mich natrlich auch bis zu
einem gewissen Grade, aber --

Und nun, Josef lchelte hinreiend, nun wollen Sie mir noch nicht
zugeben, da Sie matt sind?

Der Andre stutzte, berlegte und fragte: Wieso?

Sie sind ein zu guter Mensch, Saint-Georges, sagte Josef, ein zu
anstndiger Mensch. Sie folgern nur auf zunehmende Sicherheit und daraus
womglich auf Kraft, Gte und wer wei was noch. Sollten Sie nie bedacht
haben, da die Menschheit eine Versammlung von Bestien ist? Natrlich,
der einzelne Mensch ist gut, denn Vereinzelung ist Hlflosigkeit und
Hlflosigkeit Schwche und Furcht. Furcht aber ist zu allen
Zugestndnissen bereit, zum Verzeihen, zum Zurcknehmen, zum Helfen, zu
jeder Art von Gte, die Sie wollen. Hrten Sie nie von der unendlichen
Gte sterbender Menschen? Mehrzahl aber macht stark, und Strke ist
geneigt zu Forderungen, zur Unduldsamkeit; weil jeder sich von zehn
Andern gedeckt wei, zur Durchsetzung jeder Neigung wie zum Geschrei.
Knnen Sie leise reden, wenn zehntausend herum sind? Und wie knnen Sie
doch nicht linde genug flstern, wenn Sie bei Ihrer Geliebten liegen.
Sicherheit auf Kosten des moralischen Menschen, da haben wirs. Nicht zum
Schauspieler werde ich, sondern zum Heuchler, zum Scharlatan, und ich
entwickele die niedrigsten Instinkte, die ich auftreiben kann, denn die
guten, ob mit, ob ohne Maske, brauche ich nie zu verheimlichen. Sie
sprachen, lassen Sie mich nur weiterreden, Sie sprachen von Freiheit;
gewi, Befreitheit vom Zwang, vom Sichbeobachtet-, Sicherspht-,
Sichertapptfhlen, Befreiung vom Errten und Erbleichen, von Beschmung
und all dem Hflichen, das uns hier den Verkehr miteinander mglich
macht. Befreiung aller Triebe, Verlust des Schamgefhls, ha! Warum kann
eine Schauspielerin denn eine Dirne mimen, warum gelingt den
Schauspielern die Darstellung Jagos, Franz Moors und des andern Mohren
so viel besser als die Max Piccolominis? Weil das in der Maske
schwindende Schamgefhl -- ja, dazu dient die Maske allerdings -- die,
in jedem Menschen wohnenden Gelste zum Bsen, zum Verneinen, zum
Verbrechen begnstigt. Sie, obgleich ein so guter, anstndiger Mensch,
hat Sie es nie beim Anblick eines Haufens Banknoten durchzuckt: In die
Tasche damit und verschwinden! -- nie beim Anblick eines berauschenden
Weibes, ha!: Ersticken mit Kssen und -- weg wie der Satan! Hinterdrein
dann das khle Selbstgestndnis: Ich bins nicht gewesen, der diese
satanische Eingebung gehabt hat, o weh! Nun aber nehmen Sie die Maske
vor, nun ...

Er atmete auf und legte sich zurck, Georg sah ihn heftig erregt,
blitzender Augen und geblhter Nasenflgel, wie er mit der Hand gegen
seine Brust pochte, dann eine seiner groen Zigarren aus der Weste zog,
die Spitze abbi und sie entzndete. Saint-Georges machte den Versuch
eines letzten Vorstoes, indem er vorschlug, es doch wirklich, wie
Montfort mehrfach betont habe, mit gewissermaen anstndigen Menschen zu
tun zu haben. Josef, stracks wieder schwellend von Beredsamkeit, sagte:

Zum Beispiel Sie und ich, anstndige und deshalb, fr den Augenblick
wenigstens ehrliche Menschen. Bekennen wir demnach: Wrden wir --
maskiert -- nicht manches tun und versuchen, zu dem wir es jetzt nicht
kommen lassen?

Hier sah Georg sein Gesicht sich verzerren, als ob er aufschriee wie ein
Gekniffener, whrend er zugleich mit leisestem Geflster zischte: Ist
es denn nicht das? Wir lassen es ja zu nichts kommen, wir lassen uns ja
immer hindern und werden doch nicht besser, sondern nur bser dadurch.

Georg erschrak in seiner Dumpfheit, das Wort bedenkend, Bogners
erschreckendes Wort: Alle sind gut; nur will sich niemand hindern
lassen. Also nicht nur jene, die Behinderung abzustreifen wissen,
sondern der Behinderte an sich schon wird bse, _weil_ er sich hindern
lt? -- Er hrte wieder Montfort: Meinen Sie tatschlich, wir wrden
besser werden? Wollen Sie wirklich vergessen, welchen Verbrauch von
Halb- und Zehntelslgen sogar der Anstndigste am Tage hat, vor den
Andern, vor sich selbst? Wrden wir uns nicht noch leichter ber dies
und das beruhigen, ber jenes hinwegtuschen, dieses uns vorspiegeln,
das ausreden, dort klein beigeben und hier bertreiben? Unser Gutes
bertrieben, unser Schlechtes belanglos, das Ferne nah und das Nahe
entfernt sehn? Wnsche statt Ausfhrung, Aussichten fr Wege, Trume
statt Handlungen und Nichtswrdigkeiten fr Taten nehmen? Wrden wir uns
nicht noch mehr belgen? Nicht, anstatt herauszukommen, noch tiefer in
Bequemlichkeit, Lauheit und Gewohnheit versinken, bis wir gnzlich der
seelischen Verfettung anheimgefallen sind? Sehen Sie denn nicht, Mensch,
im Hintergrunde Ihrer ganzen Spekulation die Unentrinnbarkeit eines
teuflischen Quietismus, der sagt: Wozu berhaupt etwas? Ich bins ja doch
nicht, der handelt! Und niemals, niemals, Sie Glcklicher, haben Sie
sich das selber auch so gesagt, ohne Maske? wie Sie da sitzen, alles
einem Gott oder Dmon in die Schuhe geschoben und geklagt: Einer sitzt
in mir, der will immer anders!

Josef Montfort schwieg erschpft und schaute mit tiefem Trbsinn in sein
Whiskyglas. Georg indes hatte sich so weit gesammelt, da er, wie er
glaubte, ziemlich deutlich hervorbrachte:

Und also wrde alles beim alten bleiben, nicht wahr. In Ihrer Maske
wrde kein Herz Platz haben -- Sie ermahnten mich doch, es mir zu
erhalten --, denn wir wrden nicht mehr erraten knnen, nicht wahr, wen
von uns unser Freund, unsre Geliebte meint: den, der wir sind, oder den,
der wir scheinen. Das aber, nicht wahr, Georgs Stimme ging unter in
Traurigkeit, wissen wir auch jetzt nicht, und -- nicht wahr -- wir
knnen froh sein, wenn eine gute Geliebte aus unserm Schein und unsrer
Wahrheit sich eine Mitte verfertigt, die --

Froh? Josef lchelte dekorativ. Lieber Freund, das glaube ich Ihnen
nicht. Froh sind Sie, in der Sie Liebenden ein Wunderbildnis von Ihnen
erzeugen zu knnen, das Sie auf Knieen verehrt, froh, obgleich Sie sich
dem hundertmal widersetzen zu mssen glauben, bis Sie einsehn, Sie
knnen es nicht verhindern, weil die se Frau es nicht will, und Sie
selber wollen es nicht und tun ihr das gleiche an. Ist Liebe etwa Lernen
und Erkennen? Um Gottes willen! Liebe ist der wunderbare Irrtum des
menschlichen Daseins, weshalb er meinetwegen im Leben der Vernnftigen
keinen zu groen und nur einen sporadischen Raum einnehmen mge, wogegen
ich selbst aber mich wieder und wieder in diesen Irrtum, diese
grandioseste aller Stromschnellen hineinstrzen -- Er hatte schon
whrend der letzten Worte, aus seiner Ekstase nachdenklich werdend, zu
jemand emporgesehn, der an den Tisch getreten sein mute, und whrend
Georg, sich nach ihm umwendend, jenes Mdchen gewahrte, das er vorhin
gekt hatte, hrte er Montfort langsam und durchdringend zu ihr sagen:
Sie sind doch -- Lenusch.

Das Mdchen, erhitzt, das Haar zerzaust, das blasse Gesicht ber und
ber mit roten Flecken bedeckt, schwankte vor Trunkenheit vor und
zurck, kniff die Augen zusammen, um Montfort zu erkennen, und da
erkannte sie ihn. Im Augenblick -- whrend sie die Hnde gleich Krallen
gegen die Schultern hochhob, -- ballte das ganze, vorher so schne
Antlitz sich zu einer Maske von ungeheurem Ha zusammen, zu einer
todbleichen Flche, best mit diesen roten Flecken, mit breit und flach
gewordener Nase, mit rasend zurckgezogenen Mundwinkeln, und Gift
spritzte aus ihren Augen, und die Vorderzhne unten schoben sich vor die
Oberzhne. Es kamen aber keine Worte, sondern etwas Brunliches,
Breiiges trat zwischen ihren Lippen hervor. Sie erbrach sich. Es flo
einfach aus ihrem Munde, whrend im zusammenfallenden Gesicht die Augen,
wie brechende Augen, nach oben gerichtet, stillstanden.

Georg glaubte bei diesem Anblick zu sehn, wie seine Seele sich
schaudernd aus ihm entfernte, ein Schatten, der abgewandt entfloh, und
er war von nun an nur noch ueres: Gesicht, Gehr, Geruch; sah das
Mdchen davongefhrt werden, zwei Herren, die an der Bar saen, sich
neugierig umwenden, sah, da es leer im Raume war, der voll von Dunst
und Gerchen stand, aber dann verlieen ihn auch die Sinne, und er fand
sich auf einmal in einer unbegreiflichen Tageshelle.

Eine Strae war da, die lag im Schatten, sehr suberlich, friedlich und
abgeschieden; Morgenhelle wars, in der er schaudernd und frstelnd
stand. Unter seinem linken Arm steckte ein andrer Arm, von dem er
fortgefhrt wurde, und eine nahe Stimme redete Worte in sein Ohr, eine
Stimme, die ihm die Jason al Manachs zu sein schien, doch begriff er
bald, es war Josef Montfort, und er sprach augenscheinlich gute und
begtigende Dinge. Bald hrte er auch die Worte richtig, blieb aber
sonst, obwohl er ging, sah und hrte, wie gelhmt. Montfort aber sagte:

Nur ruhig, nur ruhig! Ich habe eine Ermordete sterben sehn, aber dies
war grausamer, hren Sie, Sie mssen an andre Dinge denken, Sie sind zu
jung fr so etwas, hren Sie einmal zu, ich will Ihnen von Lenusch
erzhlen. Ich hatte zwei Freunde, die studierten vor ein paar Jahren
beide in Knigsberg, ohne sich gegenseitig zu kennen, und Beide
schrieben mir, -- ich kanns Ihnen ja sagen, sie studierten auf meine,
beziehungsweise meines Vaters Kosten. Da schrieb nun der Eine, er habe
ein himmlisches Wesen kennen gelernt, ja, eine Wirtstochter, aber ein
Engel sei sie und liebe ihn, wie er sie, und sie werde trotz ihrer
Engelhaftigkeit von ihren Eltern geplagt und mibraucht, -- so schrieb
er. Und dann schrieb auch der Andere ganz etwas hnliches, ja, mit
andern Ausdrcken genau dasselbe, und auch dies Mdchen wurde von ihren
Eltern geplagt, nun, was ist da weiter, -- ich kam dahinter, da es
dasselbe Mdchen war, sogar Momentaufnahmen bekam ich von beiden
Freunden, und es war so, da sie zum Einen sagte, nun mte sie wieder
ans Waschfa -- dann sa der Andre im Hinterstbchen; und zu dem sagte
sie, nun mte sie wieder Kartoffel schlen, dann traf sie den Andern
auf dem Wall. Nun, was sollte ich tun? Ich schrieb das Ganze dem einen
Freund, aber der verfluchte mich, und es sei alles gelogen. Da ich nun
Gelegenheit hatte, nach Knigsberg zu reisen, besuchte ich ihn, lie sie
auf sein Zimmer kommen und zeigte ihr in seinem Beisein die
Photographien, die der Andre gemacht hatte, und sagte ihr die ganze
Wahrheit, worauf ich das Zimmer verlie. Drinnen blieb eine Weile alles
still, dann hrte ich reden, dann schluchzen, dann heftiger reden, ihn
und sie, und nun -- nach einer Weile rief er mich wieder herein, sagte,
sie sei fort, und es sei alles in Ordnung. Sie habe ihm alles
eingestanden, aber ihn, habe sie gesagt, liebe sie doch allein, und bei
dem Andern habe sie nur nicht widerstehen knnen, und: Spielerei, und so
weiter. O sie hatte unerhrte Begabungen. Ja, das war Lenusch in ihrer
Glanzzeit. Spter war ich noch einmal in Knigsberg, und da erkaltete
denn doch ihre Liebe zu meinem Freund -- er war Theologe, der gute, und
dann verlobte sie sich mit einem Referendar, aber das Verhngnis fuhr
ihr dazwischen, und sie bekam ein Kind. Ich wei nicht, von wem,
mglicherweise von jenem Korpschargierten, der eines Tages eine Wette
abgeschlossen hatte, da er, wenn er nur wolle, Lenusch bekommen knne.
Nun denken Sie, Prinz, diese Wette hat er gewonnen und doch verloren!
Begreifen Sie? Er hat sie wirklich bekommen, diese Lenusch, unter der
Bedingung freilich, da er die Wette verlre, -- o sie war unerhrt!
Mglicherweise ist es auch von mir gewesen, dies Kind, und trgt meine
Zge. Dennoch kann ich eigentlich nicht ganz begreifen, warum sie diesen
auerordentlichen und erschreckenden Ha auf mich gefat hat. Freilich
hatte sie unerhrte Mglichkeiten, und ich habe sie ihr verkmmert, aber
verdammt noch mal, hier krepiert ein jeder an verkmmerten
Mglichkeiten! und hier ist Ihr Hotel.

Georg sah ihn vor sich stehn, sein Mntelchen berm Arm, nur wenig
abgefallen im Gesicht, breitschultrig und gro, die Zge merkwrdig
entstellt durch die abscheuliche Art, den steifen Hut in die Stirn zu
rcken, und Georg mute heftig in Gelchter ausbrechen. Indem kamen
Bogner und Saint-Georges im Gesprch heran, Montfort trat zu diesem,
ergriff ihn am Arm und sagte, mit seinem Stock auf die kaum ergrnten
Strucher der Anlagen hinter dem Theater deutend, die sich in der
schnen Morgenluft atmend still verhielten, dann auf die kleinen,
leichten Wolkenballen, die ber dem grnen hochliegenden Kupferdach des
Bhnenhauses in der leichten Blue dahinreisten:

Frhling, Saint-Georges, unser alter Geliebter, da ist er ja wieder!
Sprachen wir nicht von berauschenden Irrtmern, sprachen wir nicht von
der Liebe? Frhling ist der schne Irrtum des Sommers. Schlieen wir ab.
Der alte Adam in unsrer Hypothese wird sich einfach die neue Figur, in
der er steckt, fr seinen Gebrauch zurechtmachen, es wird nicht anders
sein, als ein neues Bett.

Saint-Georges nickte und bekrftigte nachdenklich:

So ists, wir kommen nie und auf keine Weise aus unsrer Haut.

Josef, sich zurckbiegend, betrachtete ihn prfend, dann auch Bogner,
sagte dann, leise und eindringlich:

Lieben Freunde, ist das auch sicher? Wir mten, vom Anfang bis an das
Ende, bleiben, wo, wie und was wir sind?

Maler Bogner hatte die Hnde in den Manteltaschen, sah droben bers Dach
hin, sog mit den Nstern und meinte schlielich:

Mssen, sagen Sie, mssen? Freilich ist alles festgelegt. Was aber,
wenn Sie auch mssen, was hindert Sie, zu versuchen, was Sie nur wollen?
Sie wissen ja nichts zuvor.

Sie wollen sagen, fragte Saint-Georges, da Sie ein Maler geworden
wren, auch wenn Sie sich damals geduckt und nicht losgerissen htten?

Im Gegenteil, gar nichts wre ich geworden. Sondern es lag fest, da
ich es auf diese Weise werden sollte, und also wollte ich es.

Georg fhlte sich zum Umsinken mde und reichte allen Herren die Hand,
womit sein Wahrnehmungsvermgen fr diese Nacht ein Ende nahm.


                            Fnftes Kapitel


                                 Stadt

Renate, am frhen Vormittag aus einem Handschuhladen hinter dem Theater
tretend, sah hchlich erstaunt von weitem ihre Freundin Ulrika mit Maler
Bogner daherkommen. Sie kamen hinter den Pavillons des Cafs zum
Vorschein, schritten schrg ber den Damm, und Renate verwunderte sich
hchlicher, indem es nmlich nicht Ulrika war, die redete, sondern er,
der frmlich auf sie einsprach und mit den Armen dazu >etwas weniges
agierte< -- wie Hoffmann gesagt haben wrde, dachte Renate --, whrend
Ulrika, in einem gelbgrnen jgerartigen Jackenkleid mit Taschen, Grtel
und Riegeln, einen Stock am Arm, in festen gelben Schuhen und einem
Jgerhut, mit gesenktem Kopf daneben ging, emsig zuhrend mit jenem
Gesicht, das Renate sonst nur an ihr gesehn hatte, wenn sie am Flgel
sa; die dunklen Brauen beherrschten es ganz, -- aber unten ging sie im
Gleichschritt mit dem Maler, schlank und krftig ausschreitend und immer
so windleicht wie Artemis. Renate blieb am Gossenrand stehn, aber erst
als die Beiden dicht vor ihr waren, wurde sie von ihnen gesehn und
munter begrt.

Was ist das, Ulrika! drohte Renate, ich sehe dich mit vllig fremden
Mnnern umherlaufen!

Nicht? Wie unschicklich, Renate! lachte sie, aber hre blo, nachdem
ich gestern diesen Herrn Maler nichtsahnend in der Bahn kennen gelernt
--

In der Bahn, Ulrika?

Ja, durch Mama! also da kommt er heute morgen um acht, schreibe: um
acht! ins Haus, lutet wie ein Teufel, und ich sitze natrlich grade im
Bade --

Bogner, was sind Sie fr ein unschicklicher Mensch!

Na warte nur, es kommt noch viel unschicklicher, und da schickt er mir
ein Blatt aus seinem Skizzenbuch herein, darauf bin ich gezeichnet, wie
ich im Bett liege --

Wie _grlich_ unschicklich, Ulrika!

-- im Bett liege, und zwar von unendlicher Lnge, und auf meiner einen
Fuspitze, die unten heraussieht, sitzt eine gerupfte Lerche ganz klein
und schmettert mit sperrangelweit offnem Schnabel: Auf--stehn! und ber
meinem schlummernden Haupt schwebt ein ser kleiner Heiligenschein von
winzigen Noten, und darunter steht: So lang schlft man! und: Wir wollen
in die Haide.

Nun wollten sie sich alle totlachen, auch Bogner, dann bat Renate die
Beiden, ein Stck mit ihr zu gehn, sie wolle Magda bei der Uhr treffen,
aber indem sah sie auf einmal Magda neben sich stehn, still wie ein
Geist und mit ausgelschtem Gesicht.

Da bist du! sagte sie erschreckt. Magda reichte mit schwierigem
Lcheln jedem der Andern die Hand, hing sich dann pltzlich an Bogners
Arm und bat: Erzhle, Benvenuto! Wo warst du so lange? was hast du
gemacht? -- Wir gehn zur Elektrischen hinber! rief sie zurck, und die
beiden Andern folgten, Renate stumm, sie im Auge behaltend, ohne zu
hren, was Ulrika verhandelte. Die Bahn, die sie brauchten, kam in
Sicht, als sie kaum an der Haltestelle drben angelangt waren. Renate
wollte sich von Bogner verabschieden, aber der erklrte, mitzukommen, um
sich ihre Kapelle anzusehn. Warum, sagte er nicht. -- Jetzt? dachte
Renate stillschweigend, es geht doch etwas vor in dem Hause! aber wer
wei denn, was? So mute denn Ulrika allein trbselig ihres Weges ziehn,
nicht jedoch ohne dem Maler noch zuzurufen: Also morgen um dieselbe
Zeit!

Im berfllten Wagen fand nur Renate einen Platz. Was war das nur mit
Magda? Da stand sie an der vorderen Wagentr, schmal in ihrem blauen
Jackenkleid, in sich zusammengezogen, und sah mit steifem und verlorenem
Ausdruck durch die Scheiben hinaus. Heut morgen, dachte Renate, da war
sie doch noch wie Bogners Lerche auf Ulrikas Zehenspitze, was kann ihr
denn nur unterwegs begegnet sein? Georg? fuhr es ihr durch den Sinn.
Sollten sie sich schon ... Sie begriff es nicht und riet herum, immer
ngstlicher in dem allgemeinen Schweigen, in dem sie nun zu dritt das
Stck Weges bis zu ihrem Hause zurcklegten, denn Bogners Redseligkeit
war mit Ulrika davongegangen. -- Es darf ihr doch nichts mehr zustoen,
es darf doch nicht! dachte sie gepeinigt. So ging sie ins Haus und, ohne
ihre berkleider abzulegen, in das Verandazimmer, nahm ein kleines Paket
aus ihrer Muffe, wickelte es auf, lie die langen weien Handschuh ein-,
zweimal durch die linke Hand gleiten, und nun merkte sie erst, da sie
in ihrer Sorge um Magda diese selber vergessen hatte.

Bogner stand am Fenster. Wo ist denn Magda? fragte sie. -- Sie sei
gleich die Treppe hinaufgegangen. --

Dem Dienstmdchen, das, auf ihren Hut und Jacke wartend, neben ihr
stand, gab sie diese endlich und trat noch unschlssig -- denn sie
konnte den Maler doch wohl allein lassen fr eine Minute? -- vor den
Pfeilerspiegel, um mit dem kleinen Kamm aus ihrer Handtasche ber ihr
Haar zu fahren.

berdem ward die Tr von drauen aufgerissen, und Renate sah die riesige
Gestalt des Erasmus geduckt, unrasiert, erhitzt, mit berquellenden
Augen und einer Stirn darber, die platzen zu wollen schien. Den Maler
bemerkend, machte er einen Ruck von Verbeugung, fate ihn ins Auge, ging
auf ihn zu und sagte mit seiner tiefen und tnenden Stimme: Bist du
das, Bogner?

Der streckte beide Hnde nach ihm aus und sagte: Alter Erasmus.

Sie faten sich.

Was ist denn das? Ihr kennt euch? fragte Renate.

Aber selbstverstndlich, erklrte der Erasmus, wir sind doch alte
Schulkameraden! Bogner setzte hinzu: Das ist der, der einmal seinen
Vater bestahl.

Renate hrte es kaum noch, schon auf dem Wege zur Tr.


                                Fenster

Magda sa, als Renate ihr Zimmer im Oberstock betrat, am offenen Fenster
noch in der Jacke, den Hut im Scho, hinausblickend, aber seltsam
leblos, denn im leisen, von drauen hereinstreifenden Windzug wehte das
lichte Haar ber ihrer Stirn hin und her, -- wie Gras ber einem Stein
sah es aus. Noch wagte Renate nicht, nher zu ihr zu gehn, blieb an der
Tr, fragte endlich scheu: Ist etwas, Kind?

Kein Wort kam und keine Bewegung. Nun ging Renate zu ihr, lehnte ihren
Kopf an ihre Brust und begann wortlos ihre Wangen, ihr Haar zu
streicheln, bis sie merkte, da die Starrheit sich ein wenig lste.
Dabei blickte sie verschwommenen Auges in den Garten hinunter, wo noch
alles kahl war, dnnes Grn zwischen dem schwarzen Baumgezweig, und
unaufhrlich wechselten Wolkenschatten und Helligkeit durch die bewegte
Natur. Es war still; der neue, erregende Odem der Lfte, nicht kalt und
nicht warm, flo erfrischend ab und zu, dann hrte Renate erst leise,
aus dem Unsichtbaren, die Amsel schlagen. Ach, diese kleine, s
einfltig zwitschernde Stimme in Pausen immer wieder, so einsam, so
friedlich, immer der gleiche, kleine gldene Wirbel, der sich, immer ein
wenig verndert, um sich selbst zu drehen schien! Ach, diese
wunderliche, selbstvergessene Stimme im Unsichtbaren!

Renate legte ihre Wange auf den Kopf an ihrer Brust; einen Augenblick
spter fhlte sie ihre rechte Hand von Magdas Hand ergriffen und gleich
wieder losgelassen. Dann hrte sie ihre Stimme, das Lied der Amsel
bertnend:

Er ...

Sie rusperte sich, schwieg wieder und sagte dann:

Ich begegnete ihm in der Stadt. Ich sah ihn -- von weitem und -- und er
mich auch. Auf einmal war er fort, aber -- es waren Leute dazwischen --
dann sah ich ihn den Weg zurckgehn. Dann war er fort ...

Sie schwieg wieder still; hatte sie schon alles gesagt? Die Amselstimme
aber fuhr fort, mit sich selber zu reden, Pause um Pause, allein sich
fragend, allein sich antwortend in ihrer Einfalt.

Magda sagte:

Und dann sah ich ihn in einem Blumenladen, -- als ich vorbeiging, und
da wartete ich vor dem nchsten Schaufenster, bis er kam. Und dann -- --
dann fragte ich ihn: Warum -- sie schluckte -- bist du mir eben
ausgewichen? Er erschrak -- etwas und -- kmpfte wohl, ob er lgen
sollte, aber dann sagte er: Ja ... und -- -- es wre nicht mehr wie
frher.

Sie verstummte. Renate hatte sich wieder aufgerichtet. Aus der Tiefe des
Gartens leuchtete ein Tulpenbeet flammend rot in ihre verschleierten
Augen, zog sich auseinander, erlosch dann pltzlich. Ein feuchter
Tropfen wehte gegen ihre Oberlippe, und die Augen hebend, sah sie im
tiefblauen Himmel oben eine festgeballte, schneeweie Wolke mit
blitzenden Rndern, hinter der breite, goldene Fcherstbe von
Sonnenstrahlen hervorbrachen. Dann hrte sie wieder die Amsel.

Magdas Hnde lsten die ihren von ihrem Gesicht; sie sagte ruhig vor
sich hin:

Er war ja auch gestern abend schon nicht so, wie ich -- wie ich gedacht
hatte. Und seine Briefe ... Wir hatten uns wohl Beide geirrt.

Renate trat schweigend von ihr fort und ans Fenster. Auf der Dachrenne
des Verandadaches zur Rechten unter ihr saen zwei Tauben, die sich
drehten und putzten. Unten sah sie pltzlich aus der Sonnenuhr ihren
Schatten ber das Gras hinwachsen, der Rasen glhte goldig auf umher,
der Schatten schrumpfte wieder zusammen und schwand. Ein unruhiger Tag,
dachte Renate beklommen und schwer, und als die gleichfrmige Stimme der
Amsel von neuem unverndert an ihr Ohr schlug, fhlte sie sich gereizt
und ungeduldig. Ein kleines Gerusch hinter ihr lie sie sich umwenden.
Magda sa und blickte auf den Fuboden, wo ein kleines Paket lag,
Seidenpapier, im Fall geffnet, goldene Bnder darin und blauseidene
Strmpfe. Magdas Gesicht war klein, schlaff und farblos, wie sie darauf
niedersah.

Ja, nun ist Hochzeit, sagte sie, Irene ist doch zu dumm! und lachte
hart, aber das Lachen verwandelte sich augenblicks in Weinen, die Hnde
vor dem Gesicht bog sie sich, krampfhaft geschttelt, und als Renate sie
umfangen wollte, sprang sie auf, drngte sie zur Tr und lie nicht ab,
sie zu pressen und zu zwingen, bis Renate drauen war.

Eine Zeitlang stand sie noch, die Hand auf der Klinke, die von drinnen
festgehalten wurde, und das Schluchzen hinter der Tre hrend, glaubte
sie mit Angst und Schmerzen zu sehn, wie das Mdchen drinnen am
Trdrcker hing, sich windend und geschttelt von ihrer Qual.

Dann schlich sie hlflos und leise die Treppe hinunter.

Im Flur unten wurde sie sonderbar erschreckt durch den Anblick ihres
Onkels, der in der Kleiderablage stand und sich den Mantel anzog. Bevor
sie etwas sagen konnte, hatte er seinen Hut von der Truhe genommen und
war, ohne sie zu sehn, obgleich seine Augen durch die ihren streiften,
zur Tr und hinausgegangen.

Renate seufzte tief und stand lange, zur Ausgangstr gewandt, gelhmt
und unfhig eines Gedankens.


                                 Halle

In der Halle standen Bogner und Erasmus mit dem Rcken zu ihr hin;
Bogner in der Tr zur Veranda, Erasmus am Fenster, und Beide in der
gleichen Haltung, die sie nun lsten, um sich zu ihr zu wenden. Als
wte sie nicht, was sie sagen sollte, setzte Renate sich auf einen
Stuhl am Tisch und sah die blauen und weien Hyazinthen an, die dort
standen. Erasmus, die Hnde auf dem Rcken unterm Rock, fing an im
Zimmer auf und ab zu laufen, blieb dann in ihrer Nhe stehn und sagte zu
Bogner hinber:

So ndert sich die Zeit. Vor dir brauch ich ja nichts zu verheimlichen,
obgleich vielleicht morgen schon ... Mit einem Wort, Renate: Wir haben
die Pleite. Oder -- nein, das heit, das wollen wir doch erst mal sehn!
Aber wenn du, Bogner, heute kmst wie dazumal, dann hielte ich die
Finger aufs Portemonnaie, wenn auch Papa ... Na, also die Fabrik
jedenfalls steht still, wenn ich sie nicht heut nacht in Brand stecke.
All das Lumpenzeug!

Wie das gekommen, wie das mglich sei, fragte Bogner; Renate war stumm
vor Entsetzen und Angst um den Onkel.

Mglich? Alles ist mglich, sagte Erasmus. Der Alte ist der beste
Mensch von der Welt, strahlende Bonhommie, aber keine Spur von
Zeitgefhl. Er kann hchstens zusammenhalten, was da ist. Der ganze
Betrieb war ein Bldsinn, das wut ich lang. Lauter Artikel und
Artikelchen statt eine groe Sache! Eben hab ich nach Berlin
telegraphiert an Neumann, -- du erinnerst dich an Neumann! Vorsagen tat
er blo, wenn es gefahrlos war, aber sonst war er ein guter Kerl. Der
knobelt, wie ich wei, schon seit Ewigkeit an einer Vervollkommnung vom
Lumireschen Verfahren -- du weit, Farbphotographie, -- die Belichtung
dauert zu lange, und dann -- na egal! -- Vor ein paar Wochen hrt ich
von ihm, er wre nun gleich fertig. Wenn der also nicht die Erfindung
gemacht hat und sie mir aus purer Bruderliebe fr ein Butterbrot
hergiebt, hab ich nichts in der Hand, um wenigstens eine Aktien-- Und
der junge Herr, der Baron da oben! schrie er jhlings in Wut. Gestern
den ganzen Tag und drei Viertel der Nacht hab ich mit dem alten Herrn
ber den Bchern gesessen. Mein lieber Bruder -- weit du, was der
allein fr sich gebraucht hat, wo er hier Wohnung und alles frei hat?
Na, dein Papa hat mit seiner guten Praxis im Jahr nicht so viel
zusammengekratzt. Aber das hrt ja nun alles auf. Das Ding da drauen,
die Orgel, hat auch eine Portion gekostet.

Renate sah ihn jetzt das erste Mal zu ihr sich wenden, ohne da er die
Augen vom Teppich hob.

Aber dir ists wenigstens zu gnnen, grollte er. Jetzt laur' ich schon
den ganzen Morgen auf Josef, da er sich herablt ...

Ob denn Konkurs angemeldet werden mte, fragte Bogner.

Wie gesagt, wenn nicht -- dann ist die einzige Hoffnung, da sich eine
m. b. H. zusammenfindet. Papa ist vollstndig -- vollstndig -- Er
starrte vor sich hin.

Wie es denn mit den Glubigern sei, fragte Bogner.

Ach, darum handelt sichs ja gar nicht. Wir haben keine Abnehmer, haben
berproduziert, seit Monaten keinen Absatz mehr gehabt, meiner Mutter
Geld, alles ist futsch, und der ganze Krempel liegt uns da. Und ich
sitze die ganze Zeit in Marburg und habe von nichts eine Ahnung. Damit
ists natrlich aus. Papa, wie gesagt, ist vollstndig -- Tausend
Teufel! schrie er, lief zur Tr und schmetterte ins Treppenhaus: Emma!
Emma! Sagen Sie meinem Bruder, wenn er nicht stantepeh erschiene, wrd
ich ihn holen! Das ist ja zum Haarausraufen! sagte er, die Tr
zuschlagend. Geht in den Garten oder tut, was ihr wollt. Groer Gott,
und dann die Hochzeit heute!

Renate hrte sich fragen, ob es denn notwendig sei, da sie alle
hingingen.

Ja, bist du vielleicht von Sinnen? schrie er aufgebracht. Ja, wenn
sie noch morgen wre! Das ist ja die verfluchte Schweinerei, da man
keine Ahnung hat, wohin der Hase luft. Wenn blo erst die Depesche da
wre! Himmel und Hlle, jetzt wird mirs aber zu bunt! Er verschwand;
die Tr krachte ins Schlo.

Renate sa vllig gedankenlos, von unsteten Gefhlen durchtost, seufzte
schlielich leise und sagte:

Ja, ja, Bogner, da spielt man seine Orgel und trumt seinen kleinen
Leiden nach, und unterdessen ... Mein Gott, der arme Onkel! Was mu das
fr ein Schlag fr ihn sein! Und die Selbstvorwrfe! Um Himmels willen,
was ist denn nun los?

Sie lief zur Tr, ffnete einen Spalt, und oben wurde das Brllen des
Erasmus hrbar. Dann wurde dort eine Tr zugeschlagen, und es ward
still.

Bleiben Sie noch, Bogner! bat sie hlflos. Gestern ahnt ich es ja
schon, deshalb war ich so wortarm. Gott, es ist so viel! Nun auch Magda.
Sie drfens ja wissen, Bogner, sie hatte doch wieder einen Briefwechsel
mit dem Prinzen, und nun hat sichs heute irgendwie herausgestellt, da
die Gefhle, die er da vorgegeben, oder auch wirklich gehabt hat -- Sie
stockte. Es klingelt eben, ob das die Depesche ist?

Sie ging wieder zur Tr, ffnete, wartete; dann kam das Mdchen mit der
Depesche. Renate trug ihr auf, nach oben zu gehn und Erasmus Bescheid zu
sagen.

Die Depesche lag auf dem Tisch. Renate sah sie feindlich an.

Ein gefaltetes Stck Papier, sagte sie, sehen Sie, Bogner, so sieht
das Schicksal aus.

Seine Antwort verstand sie nicht, da nun Schritte im Treppenhaus laut
wurden. Erasmus trat ein, wtende Blicke umherschieend, und strzte
sich auf die Depesche. Josef erschien, schn angezogen, mit etwas mden
Augen, nach unbeschreiblichen Essenzen duftend, unbeeinflut wie stets,
drckte ihr die Hand, winkte aber Bogner nur zu, als gbe es nun
wichtigere Dinge, -- oh, immer war er tadellos und pate sich ein! --

Erasmus, der das Telegramm aufgerissen hatte, warf es hin, sttzte die
Fuste auf die Tischplatte und knirschte.

Nichts! sagte er nach einer Weile. Also noch ein Tag. Morgen will er
mir Bescheid geben. Aha, der Filou! Nein, nein, das ist ja klar, die
Erfindung ist lngst da, er will nur erst andre Angebote abwarten. Und
ich hab doch nicht mehr! ich hab doch nicht mehr! sthnte er
verzweifelt. Er sah sich um, als ob er in Trnen ausbrechen wollte. Dann
schrie er: Schockschwerebrett, ich werde ihm eine halbe Million
hinpfeffern, der Teufel mag wissen, wo ich sie hernehme! und lief
hinaus.


                                Kapelle

Renate stand auf und ging bis in die offne Verandatr. Was Josef mit
Bogner sprach, hrte sie nicht, aber sie nahm doch den leichten Windzug
wahr, der sich um ihren Kleidrock bemhte, und als Wolkenschatten und
Sonnengeleucht ber die grauen Steinfliesen hinglitten, glaubte ihr
immer sehendes Auge den kleinen Windgott zu erblicken, der wie ein
kleiner Chinese klumpig mitten in der Veranda sa, drei welke
Vorjahrsbltter um sich herumlaufen lie und ber seine nackte Achsel
unter ihren Rock pustete, da sie das khle Blasen an den Knieen
versprte. Gleich schrak sie wieder zusammen und ging weiter, die Stufen
hinunter. Auf dem Rasen liefen die schwarzen Amseln hin und her, pickten
mit gelben Schnbeln; sie hrte die Stare in den unbelaubten Wipfeln,
die eherne Scheibe auf dem grauen Sockel der Sonnenuhr glnzte auf und
erlosch augenblicklich, fern flammte das Tulpenbeet gelb und rot. Da
stand sie und las die alte Zeile im Sandstein:

                    _Vulnerant omnes, ultima necat._

Ach, dachte sie, besinnungslos sich wehrend, ist denn das wahr? -- Die
Amseln flogen fort, Krokus und Narzissen schimmerten violett, und wei,
und gelb aus dem noch fahlen Gras, das Sonnenlicht erlosch ganz, khler
Schatten hatte alles berflossen, nahebei krhte der junge Hahn, und auf
einmal ging ihr der Odem des Frhlings unwiderstehlich durch Mark und
Bein, Freudigkeit der s erneuten Luft, rasche Hoffnung in atemlosem
Aufflug, der Vogelruf und der seligmachende Anblick des Sichbegrnens an
Strauch und Baum. Fliederstruche standen da, berst mit scharfen,
feuchten, blanken Knospen. Hinter ihr sagte Bogner:

Es ist Zeit, sich wie ein Wacholder in die Haide zu stellen und
anzunehmen, man htte Wurzeln.

Wollen Sie denn Ulrika wahrhaftig den >Flgel< ausreien? fragte sie
trbe, gedankenlos scherzend. -- Bogner sagte, Gott solle ihn bewahren,
dann aber ernsthaft:

Nun wissen Sie ja auch, was damals mich so besonders betroffen hat, als
ich Ihren ersten Brief erhielt. Ihr Onkel half mir fort aus dieser
Stadt, -- Sie halfen mir wieder hinein. Es stimmt vortrefflich.

Renate, kaum ganz bei der Sache, lchelte matt, verlor aber einen
Augenblick darauf fast die Besinnung, als sie -- wie zum ersten Male
jetzt -- seine Stimme hrte, dunkel hinter ihr tnend, eine Stimme aus
dem Unsichtbaren. Und -- in Schwche versinkend -- dachte sie: Der
himmlische Bote ... und wieder: Der himmlische Bote ... Als sie sich
dann langsam wieder gewann, hrte sie ihn sagen:

Dieser Erasmus also brllt noch genau so wie frher. Damals nannten wir
ihn den groen Ajax, und meinen Sie nicht auch, da er etwas von diesen
homerischen Helden an sich hat, denen es nicht einfiel, Ungemach mit
unsrer, mnnlich genannten Schweigsamkeit hinzunehmen, sondern die
herausbrllten, was weh tat? Danach taten sie das Ntige.

Renate, jetzt in der Kapellentr ber den Stufen stehend, eine Hand,
leicht erhoben, gegen den Rahmen gesttzt, lie ihr trauriges Lcheln
ber ihn hinabgleiten, wandte das Gesicht und sah die Fenster drinnen
mit ihrer bernsteinfarbigen Verglasung ihr immer sanftes und schnes
Goldlicht verbreiten. Hinten glnzte matt die feierliche Anordnung der
groen Pfeifen. Nun ging Bogner an ihr vorber, ma mit leicht
ausgestreckten Armen die Breite der Zwischenrume zwischen den Fenstern
und erklrte dann:

Ganz wie ich mirs dachte. Hier mssen Engel aufgemalt werden, am besten
Fresken, das wnsch ich mir schon lange, mattfarbene, jawohl, wandelnde
Serafim in einer sprlichen Landschaft ganz fern, damit die Musik nicht
zu hart aufprallt.

Alles, was Sie gern wollen, Bogner, sagte sie und ging eilig an ihm
vorber bis auf das Podium, wo sie eine Hand auf das Orgelmanual legte,
denn nun konnte sie pltzlich nichts denken, als da er ja da sei, und
was fr eine Stimme er habe, und wie gut er aussehe, als sei er aus
einem geheimnisvollen Erz gemacht, und durch dieses zog die Angst um
Onkel Augustin und um das ganze Haus wie ein schlecht sich wehrendes
schwarzes Gewlk, das an vier und sieben Stellen zerri, und drauen war
der Vorfrhling wie eine junge Gottheit berall.

Wollen Sie nicht lieber gehn, Bogner? fragte sie schlielich. Wir
knnen doch nicht helfen, nicht -- ach, du lieber Gott! unterbrach sie
sich, denn da schwebte Irene in der Tr, noch im Hauskleid, lieblich,
gertet und gelockt wie ein Genius, erregt und strahlenden Auges. Sie
flog, ohne sich um Bogner zu kmmern, auf Renate zu, umarmte, kte und
streichelte sie und fragte tndelnd und herumtnzelnd hundertmal:

Was ist heut fr ein Tag? Was ist heut fr ein Tag? --

Renate lachte und sagte: Donnerstag.

Und heut ber fnfundzwanzig Jahr, sang das Kind, herumtanzend, heut
in fnfundzwanzig Jahren ... Und sie fate ihr Kleid, schwebte mit
Menuettschritten vom Podium herunter auf Bogner zu, verneigte sich
sieben Male vor ihm, jedesmal tiefer, und sang: Heute in fnfundzwanzig
Jahren, mein Herr, begehe ich meine silberne Hoch--zeit!

Renate schalt, und Bogner lachte. Da hrte sie auf mit Tanzen, stand
grade vor ihm und bat, ihr diesen Herrn vorzustellen. Renate tats, und
sie sagte, ihm die Hand schttelnd, indem sie nach Mdchenart den Arm
weit vorstreckte, den Kopf gegen ihn herunternicken lie und die Knie
leicht knixend vorschob, ihre ganze frhliche Seele in den Augen:
Kommen Sie auch zu meiner heutigen Hochzeit, geehrter Herr?

Wenn das eine Einladung sein solle, meinte Bogner.

Eine richtige, sagte sie. Ihr Bruder kommt doch auch mit seiner Frau,
und unsre Familien kennen sich doch, seit Ihr Papa geholfen hat, mich
ans Licht zu befrdern, und wir haben sowieso Herren zuviel, da kommts
auf einen mehr oder weniger nicht an. Und nun mu ich wieder weg. Ich
wollte dir blo guten Morgen sagen. Aber du siehst ja so bla aus! Wie
kann ein Mensch heute blo bla sein! Eigentlich wollte ich dich holen,
damit du meinen Staat bewunderst, das heit -- sie flog wieder die
Stufen herauf bis an Renates Ohr, in das sie lautschallend
hineinflsterte: Das heit, eigentlich wollte ich noch einmal bern
Zaun klettern. Nun adieu, adieu allerseits! Adieu Sie, Herr Maler, Sie
sind doch der Maler? Also Sie kommen doch? Ganz sicher? Hu, was ist das
fr ein Teufel!

Erasmus stand in der Tr, blaurot und mit geballten Fusten. Er brachte
eine Zeitlang keinen Laut hervor, whrend Irene ein paar Schritte
entfernt von ihm, zu einer Art Tanzpose erstarrt, mitten im Raume
schwebte; endlich:

Entschuldigen Sie, Frulein von Herzbruch, ich habe mit meiner Kusine
zu reden.

Ich geh ja schon, hu! sagte sie und nherte sich ihm vorsichtig, --
oller Br! oller Wolf! oller Menschenfresser!

Sie gewann im weiten Bogen um ihn die Tr, flchtete hindurch und
verschwand.

Um Gottes willen, Erasmus, stammelte Renate nach angstvollen Sekunden,
was ist denn? Er stand da, geduckt und eingestemmt, wie ein
geblendeter Stier. Er keuchte:

Da! sieh's dir selber an. Der junge Herr ist bergeschnappt. Jetzt
schlgts dreizehn. Jetzt werd ich gleich dreinschlagen.

Josef wurde hinter ihm sichtbar, ein wenig bleicher als zuvor, ging bis
zu Renate, die am Rand des Podiums stand, und wollte ihr etwas
zuflstern, als sein Bruder in ein solches Wutgebrll ausbrach: Hier
wird nicht geflstert, du Lmmel! da die Orgel, wie aus dem Schlaf
geweckt, zu murren begann. Bogner trat jetzt stracks auf Erasmus zu und
sagte zu ihm:

Ich glaube, du brauchst was von mir.

Da beruhigte er sich im Augenblick und antwortete geradezu: Jawohl. Er
streifte Renate mit einem unterwrfigen Blick und fuhr fort:

Vor fnfzehn Jahren hat mein Vater dir was gegeben. In den Zeitungen
steht, was du vom Herzog bekommen hast; aber das giebst du mir, nicht
meinem Vater. Was du hast, Renate, mu ich auch haben, ich nehme, was
ich kriegen kann. Dann hab ich die Anzahlung heraus. Dann mu geschuftet
werden, da die Balken krachen.

Er reichte Bogner die Hand und sagte: Besten Dank. Ich habe schon an
Neumann telegraphiert.

Darauf winkte Bogner Renate zu und ging.

Minutenlang standen sie nun alle Drei ohne zu sprechen. Renate auf dem
Podium hielt die Arme an den Seiten heftig niedergestreckt mit nach
unten gedrckten Handballen, die Finger nach oben angehoben, so da ihre
Brust sich spannte und fllte, whrend der Kopf sich von selber nach
hinten neigte. Erasmus zu tadeln, wagte sie nicht, weil in all seinem
Getobe etwas war, das ihr Herz bewegte; auch war es klar, da seine
Entschlossenheit ihrer aller Schicksal angepackt hielt. Wie ein
schwerflliger Dmon stand er unten mit hngenden Armen. Bogners Worte
von seiner Malerei und der Musik fielen ihr ein, da sie Josef zwischen
zwei Fenstern an der Wand lehnen sah, nicht unteilnehmend, sondern
aufmerksam, den Kopf leicht gesenkt, als ob er horche, und fast
bekmmert.

Was ist zwischen euch geschehn? fragte Renate endlich, unfhig, nur
einen von Beiden anzureden.

Josef sagte, da sein Bruder schwieg, was ihn angehe, so sei er
hergekommen, um zu verhindern, da sie mit dieser Sache behelligt werde.

Ich bin aber kein Engel! rief sie nun doch zornig und funkelnd. Was
soll das alles! Wenn ich erst ein halbes Jahr dies Haus unter mir habe,
so hat deine Taktlosigkeit noch keine Ursache, mich hinauszustellen, im
Augenblick, wo es erschttert wird.

Wenn sie auch seine Meinung mit ihren Worten verdreht hatte, so wute
sie doch, da sie ihn traf mit der >Taktlosigkeit<. Sich aufrichtend,
sagte er khl:

Ich habe meinem Bruder eben mitgeteilt, da die pltzliche Vernderung
in unserm Hause fr mich die langerwnschte Gelegenheit bedeute, es zu
verlassen.

Renate wute in diesem Augenblick nur, da ihr Onkel an nichts in der
Welt hing auer an Josef, und versetzte kalt und hart, er wolle seinen
Vater augenscheinlich umbringen.

Augenscheinlich pat es ihm nicht, erklrte Erasmus mit gewaltsamer
Ruhe, eine Stellung unter seinem Bruder einzunehmen, nachdem sein Vater
die Sache in meine Hnde gelegt hat.

Josef antwortete, das sei nicht der Fall; er habe doch nie etwas gegen
seinen Bruder gehabt, im Gegenteil, ihn stets geachtet und geehrt, wie
er auch nie ein Wort dagegen geuert habe, da er, Josef, ins Geschft
gesteckt worden sei, whrend der Erstgeborene studierte.

Mit keinem Wort brauste Erasmus auf, doch blo, weil er zu trge gewesen
sei, um sich zu widersetzen, was er spter mit seinem ganzen
verlodderten Dasein --

Ich bitte dich, Erasmus, klagte Renate, sei doch einen Augenblick
ruhig, was soll denn daraus werden?

Ich will nicht ruhig sein, verdammt noch einmal! schrie er, und was
daraus werden soll? Mores lehren werd ich den Burschen, und wenns nicht
anders geht, mit der Hundepeitsche! Im Geschft hast du jahrelang
dagesessen und jeden Tag drei Stunden Zigaretten geraucht, das war deine
Arbeit. Nun willst du dich drcken, weil Vater dir alles hingehn lie,
und weil du weit, da ich den Teufel tun werde und dir noch einen
Pfennig fr deine Scharteken und deine Huren bezahlen!

Darf ich dich hinausfhren, Renate? fragte Josef.

La nur, Josef, dein Bruder spricht wohl etwas grob, aber er hat doch
nun auch die ganze Last.

Ich versteh ihn sogar. Ich habe Geld verbraucht, ich habe andre
Neigungen als er, und bisher war das Geld dazu da. Was hat es fr einen
Sinn, jetzt zu lamentieren, weil es in Zukunft nicht mehr da sein wird,
und ich habe soeben erklrt, da ich es nicht mehr haben will. Ich htte
ja auch lngst verheiratet sein knnen und --

Ja, mit deiner Tnzerin oder Kokotte, drhnte Erasmus. Zum Tempel
htt ich sie hinausbefrdert!

Unter der Wlbung sammelte sich der Lrm zu einem lang nachhallenden
Summen. Josef fuhr fort:

Die wirklichen Dinge sind von all dem, was mein Bruder sagt, so weit
entfernt, da ich nicht bis zu ihm hinber sprechen kann. Ich habe ihm
meine Absicht ausgesprochen, meiner Wege zu gehn, und zwar mit einer
geringfgigen Summe, von der ich nicht leben kann, und auch die ziehe
ich mit Vergngen zurck; mein Fortkommen finde ich berall. Warum will
er mich halten?

Renate zitterte innerlich ber diese Leichtigkeit der Taktik Josefs, der
seinen Bruder mit einer einzigen kleinen Wendung zu Boden schlug, indem
er nicht mehr ihn, sondern sie anredete. Erasmus stand und schnaufte.

Weil -- weil --

Er brachte nichts heraus, rollte die Augen und fing auf einmal an wie
ein ganz Verlorener die Hnde zu ringen, bis es ihm scheinbar gelang,
etwas fr ihn Frchterliches hinunterzuschlucken, und er schrie: Weil
er gebraucht wird!

O wie war es klglich, da er nichts konnte, als nun seinerseits >er< zu
sagen.

Hab ichs ihm nicht zwanzig Mal gesagt? Soll ich vielleicht alles allein
machen? Soll ich mir fr neuntausend Mark einen Prokuristen halten?

Mir wolltest du nicht so viel zahlen?

Hohngelchter der Hlle! Dreitausend Mark, und keinen Heller giebts
mehr! Dein Liebchen wird schon einen andern Liebling finden.

Josef zuckte die Achseln voll unsglichen Bedauerns, und Renate verlegte
sich aufs Flehen. Josef, lieber Josef! bat sie, denk doch an deinen
Vater! Hast du denn gar kein Gefhl?

Kein deplaziertes, sagte Josef.

Bursche! schrie sein Bruder, Bursche! soll ich dich Gefhle lehren!
Achtung vor deinem Vater oder -- Er drang mit erhobenen Fusten auf ihn
ein; Renate, vom Podium herunter, warf sich vor Josef, der einen
Augenblick wie zerschmettert auf den Erasmus starrte, sich dann aber
sanft von Renate losmachte, auf ihn zuging, ihm die Rechte auf die
Schulter legte und leise zusprach:

Lieber Bruder, noch ists nicht so weit. La mich jetzt meiner Wege
gehn. Ich entgehe dir nicht. La mir noch drei Jahre Zeit, dann werde
ich wiederkommen, und du kannst mit mir tun, was du mut.

Er stand noch einen Augenblick bei ihm, nickte ihm brderlich in das
fassungslose Gesicht, ging langsam durch den Raum, die Stufen hinunter,
und verschwand. -- --

Erasmus blieb in seiner Haltung wie vor den Kopf geschlagen. Nach einer
Weile drehte er sein ungeschicktes Haupt hin und her, als versuche er,
ob er losgemacht sei, schttelte sich, ging auf das Orgelpodium, fiel
auf den Stuhl und legte das Gesicht in die Hnde. Renate -- sie wute
nicht mehr ein noch aus -- folgte ihm lautlos und begann seinen Kopf zu
streicheln, fast ohne da ihre Hnde ihn berhrten. Sie bebte an allen
Gliedern; etwas in ihr war Josef nachgegangen. Erasmus aber richtete
sich auf und begann zu sprechen.

Du weit ja viel zu wenig, sagte er. Da sitze ich vor deiner Orgel,
-- welch eine Zusammenstellung! Ich wars, der hier den unanstndigen
Radau gemacht hat, wo sonst die Engelstimmen umhersegeln. Und dabei --
fr wen das alles? Mein Vater hat dies Haus nicht fr dich gebaut, und
dennoch -- --! Wir sind Shne; die bauen selber. Also soll er gehn mit
seiner gepriesenen Ehrfurcht vor dir. Warum war ich auch so wtend? Er
hat ja recht, er gehrt nicht ins Kontor, ich gehre hinein. Nein, die
Worte waren es nicht, mit denen er mich eben entwaffnet hat; das war die
Erinnerung. Ich bin ja als Junge schon mit dem Messer auf ihn
losgegangen. Und er sagte nur, so sanft und nachsichtig wie eben: Bruder
Erasmus! und ich htte mich mit Wonne selbst erdolcht. Ist er vielleicht
ein Mensch wie ich? Es ist, als wr er gesalbt, und ich hab ihn je und
je geliebt. Er war der schnste, gefhrlichste Knabe, er bezauberte mit
dem Spiel seines Mundes, und ich wei nicht: ist er wirklich so
gefhllos, wie ich ihn gemacht habe, damit ich ihn hassen lernte? Dafr
wei ich, da, wenn ers verlangte, ich fr ihn arbeiten wollte, bis ich
tot umfiele, -- gesetzt, ich bringe ihn nicht zuvor um. Aber das scheine
ich ja nicht zu knnen. _Satis superque_. Tu mir einen Gefallen, Kind,
geh zu ihm hinauf, sag ihm, er soll seine Sachen packen und morgen nicht
mehr vorhanden sein. Ich knnte mich sonst --

Ach, nun rgerst du mich, Erasmus, sagte sie liebevoll. Still! Sag
mir nur: kann ich nichts tun? Kann ich nichts ntzen?

Er sah sie mit einem langen Blick von oben bis unten an, so da sie
errtete, ohne da sie dieses Mal aufbegehren konnte wie zuvor gegen
Josef.

Du? sagte er dann, als dachte er ganz andre Dinge. Dann schnob er
rgerlich:

Wer von uns Beiden ist denn nun der grte Schuft? Wenn er noch von
meiner Mutter wre, -- da ist aber diese Jdin ... Oh ist das nun nicht
zum Totlachen? Ich bin der Letzte vom alten Adel und kann nun den Krmer
machen und die Reklametrommel schlagen. Was denn zum Henker geht mich
diese verfahrene Fabrik an! Er geht seinem Blut nach, und ich --

Er stockte und sagte verlegen, in eine Ecke sehend: Du bist doch als
guter holder Geist in dies frauenlose Haus gekommen, wie sollt ich mich
denn weigern, es zu erhalten!

Ja, ja! sagte sie hastig, aber nun la uns in andrer Richtung gehn!
Da erschrak sie vor seinen traurigen Augen und hrte ihn geqult sagen:

Warum soll ich dirs nicht gestehn? Nicht wegen der lumpigen paar
tausend Mark hab ich ihn halten wollen, sondern um seines Vaters willen,
der ihn braucht, ihn, und nicht mich, und wenn ich mir das Blut unter
den Ngeln hervorarbeite, so dankt er mirs doch nicht mit dem Herzen,
sondern das luft seinem gyptischen Josef nach: >Ein wildes Tier hat
ihn zerrissen!< -- Und das bin ich.

Renate schauderte, wie er sich in sich hineinwhlte. Sie sah eine
abgrndige Wunde, -- mit Sanftmut, mit Langmut zu schlieen -- wie
schaurig!

Ach! entfuhrs ihr, warum bist du ihm nicht hnlicher!

Da machte Erasmus gemeine Augen und fragte sie, warum sie ihm nicht
nachlaufe; danach duckte er sich.

Sie sagte nichts. Sie sttzte eine Hand auf das Manual und blickte zu
den Orgelpfeifen hinauf. Droben erschien Bogners verschlossenes Gesicht;
aus den Augen kam Orgelmusik.

Oh verzeih, Erasmus, sagte sie leise, ich verga, was du zu leiden
hast.

Oho! schrie der Erasmus, das ist ganz was Neues! Ich htte was zu
leiden! Er lief grospurig auf der Empore hin und her. Ich steh nun
schon noch meinen Mann. Das sind geflligst blo Sachen, Sachen! Wo ich
meine Pflicht tun kann, da hab ich mein Haus, basta, verstanden! Ich
werde mit allem fertig. Und dies Haus kommt mir wieder in die Hhe,
geflligst! Was du zu tun hast, will ich dir sagen. Die Nchte kannst du
meinswegen um Onkel und Vetter weinen und so, tags aber schn sein,
verstehst du mich, und Orgel spielen, und Blumen ordnen, schne Kleider
tragen und meinem Vater in die Augen lcheln. Also wie wird das werden?
Er rechnete mit den Fingern. Morgen wer' ich in der Stadt herumlaufen
und Gelder zusammentrommeln. Mir geben sie's schon. Seidel und Mager, --
na, das ist egal! Herrgott, wenn sich die Aktiengesellschaft vermeiden
liee!

Renate traten die Trnen in die Augen. Was wird nur dein Vater sagen?

Darauf kme es gar nicht an, schnob Erasmus, er habe nun einmal die
Schuld, schuldlos, wie in der Tragdie, und er knne froh sein, wenn
sich die Sache berhaupt einrenkte. Und das sind wir dir schuldig.

Ich, und immer nur ich! klagte Renate, nun ernstlich erbittert.

Ob sie meine, da man ihr Wohltaten erweisen wolle; seine und des Vaters
Schuldigkeit wre das, sonst nichts. Armer alter Mann! murmelte er
dann doch, ein dreifacher Schlag, Josef eingerechnet, wenn sie ihn als
Direktor anstellen. Du kannst dir ja denn jedes Jahr ein Kleid weniger
machen lassen und die Butter dnner aufstreichen. Na, denn also an die
Arbeet! Meine Studenten werden sich wundern ber die Leere meines
Katheders im nchsten Semester; schn, brauch ich mich nicht mehr ber
die Leere meines Hrsaals zu wundern. Mein Mund ist ganz fusselig
geworden von aller Rederei. Aber wir werden glcklich sein, wenn wir
dich im Garten sehn und deinen Gang --

Da er nicht mehr besinnungslos sprach wie zuvor, verwirrte er sich nun,
schttelte den Kopf und ging eilends zur Tr, wandte sich jedoch, kam
gefat zurck und bat, unter ihr stehend, aufschauend zu ihr mit guten,
ngstlichen Augen:

Geh noch einmal zu Josef! Vielleicht hab ichs nur falsch angefangen.
Versuch du's noch einmal! Du hast ja Gewalt ber Menschen. Er ging
fort.

Sie blieb auf der Empore stehn. Durch die bernsteinfarbigen Fenster
fllte das wechselnde Licht den Raum mit breiten Wnden von Goldrauch.
Sie selber stand in solch einer schimmernden Wand von Millionen
vergoldeter Atome, sie mute sich selbst sehn im kleinen Spiegel ber
dem Manual, sah sich leuchten und da sie wie eine Gttin in der Wolke
stand, -- und war nicht vor Minuten erst Irene hereingetnzelt,
schillernd wie eine Gtterbotin, um ihre Hochzeit anzusagen? Oh Magda,
dachte sie, warum hast du nur das geschrieben damals! Nun kann ich ihn
nicht anstrahlen mit allem, was ich habe, und vielleicht geschiehts nur
darum, da er mich nicht sieht, -- sieht er mich denn? Wie ich ihn doch
gleich erkannt habe, gestern im Dunkel ... Sie schreckte auf. Josef
wird mir doch sehr fehlen, sagte sie leise und ertappte sich darber,
da sie ihn sich schon ferne dachte.

Ein Schatten wanderte ruhig durch den Raum, nahm die goldenen Wnde wie
groe Garben auf und fort; aber hinter ihm richteten sie sich jubelnder
auf. Drauen war ein Gezwitscher wie von hundert Vgeln; hoch oben
frohlockte die schwarze Amsel. Renate verlor sich. Ihr war zum Sterben
schwer zu Sinn, und so ging sie mit ihrem langsamen Gang und mattem
Herzen, um mit Josef zu reden.


                                 Erker

Renate trat ein. Ferne, am Ende des lang vor ihr liegenden Raumes stand
Josef, ein wenig links in der gotischen Flche von lichtem grnem Glase,
die ber ihm zur Spitze zusammenlief. Hastig und wie zur Sammlung
blickte sie noch einmal umher, bema die schulterhoch an den beiden
langen Wnden sich hinziehenden Borde voller Buchrcken mit den
tannengrnen Vorhngen, fing aus den farbigen Holzschnitten darber den
Umri eines blauen Berges, ein fremdartiges Gesicht auf, und whrend sie
an Sesseln und Tisch vorber bis zum Erker vorschritt, hrte sie nur,
wie er langsam gesagt hatte: Renate ... Es hallte in ihr nach, es
bewog sie schon. Dann sah sie sein Gesicht, das gepanzert schien mit
allen Zaubern seiner Mnnlichkeit, und sie warf einen Blick durch eines
der kleinen Quadrate im Fenster, das dicht neben seinem Gesicht geffnet
war: nur blauer Himmel und leichtes Gewlk war darin. -- Er rckte einen
alten Stuhl mit hoher und steifer Rckenlehne voll Silberstickerei auf
grauem Grunde etwas anders, und sie setzte sich. Da sprach er auch
schon.

Nun wollen wir von der Liebe reden, sagte er mit leichter
Bestimmtheit. Gbe es hierzu einen Tag, wenn nicht den heutigen? Jeder
redet heute von Liebe, dieweil es Frhling ist, jeder von der seinen,
und alle herrlichen Reden mnden in die eine und sind die eine. Ach, es
ist wohl Frhling! Du siehst ihn berall, du hast ihn, du trgst ihn.
Da, schau durch dies kleine Quadrat hier unten -- er ffnete eines in
ihrer Kniehhe und schaute mit ihr hindurch -- was erblickst du? Kleine
Pferdchen, die auf einer Wiese herumlaufen. Das ist der Frhling. Warum
sollten kleine Pferdchen auf einer Wiese nicht der Frhling sein? Mein
Rock, der flaschengrne, ist Frhling durchaus, und du, hast du nicht
Brust und Schultern in goldene Seide eingeschlagen? Holdes Wesen, sage
mir an: Glaubst du, da einer schweigen knnte vor deinem Mund an solch
aufbrechenden Tagen?

Renate, alles mit Kraft verscheuchend, was sie verscheuchen wollte,
lchelte mit ihrer strksten Kunst zu ihm auf, denn dies, wute sie, war
die einzige Rettung. Er stockte denn auch alsbald, lehnte sich in den
Fensterwinkel zurck, streckte beide Arme wagrecht nach links und
rechts, die eine Hand ins Paneel, die andre in den Eisenrahmen des
offnen Quadrates krallend, und lchelte hinwieder, bestrickender,
gtiger, ihr Lcheln niederzukmpfen mit dem seinen, und sie dachte: Wie
lange halt ich stand? Noch halt ich stand. --

Sage mir, wen du liebst, Renate, begann er von neuem, und ich will
ihn dir beschreiben. Ich will ihn dir mit Feuer auf Gold malen, und du
sollst dich funkeln sehn rundum von seiner Herrlichkeit. Ach, sieh doch,
Renate, sagte er, seine Augen bei jedem dritten Wort seitwrts
schleudernd, um einen lohen Pfeil nach dem andern nicht in ihr Gesicht,
sondern nach den Umrissen ihrer Gestalt abzuschieen, als wre er ein
Indianer und sie am Marterpfahl, sieh doch, ich knnte mich loslassen
auf dich mit all meiner Gewalt, aber hltst du mich fr fhig, einen
Angriff zu unternehmen ohne Gewiheit des Sieges? Habe ich nicht meinen
armen Bruder Erasmus besiegt mit einem einzigen Seitenhieb? Da kommst du
nun als seine Botin, weit, da es nur des winzigsten Wortes bedarf, um
mich wie den ersten besten Sperber auf deinen Handschuh zu fesseln, aber
du sprichst das Wort nicht. Ich wei alles.

Sie lie nun alles fallen und sagte einfach: Ich wollte dich fr
Erasmus und deinen Vater bitten, das nicht zu tun, was du vorhast.

Nicht von der Liebe zu reden, heute, sagte er betrbt, das ist
traurig. Dann also vom Aufbruch. Auch Liebe ist Aufbruch sondergleichen;
von Sonnenaufgang her, vor Hahnenschrei kommen die Liebenden und wollen
die Welt durchmessen in einem Augenblick. Sie brechen auf mit den
Winden, sie reisen geschwinder als Wolken, kein Vogel fliegt ihnen
voraus. Sie schweifen und denken an nichts, sie denken, da sie
schweifen und ergriffen sind von Wind und Natur. Heute bricht alles auf
mit dem liebenden Herzen, bricht durch die Wnde des Daseins, die sehr
verengten, und strmt. Warum erschrickst du? Rede ich von uns?

Renate, die nicht gewut hatte, weshalb sie zusammenzuckte, erschrak nun
wirklich bei dem jhlichen >uns<, aber ein heimliches Wetterleuchten
zeigte ihr den guten Weg. Sage mir, -- was ist sie fr ein Mensch, die,
mit der du --

Vllig geschlagen, bekannte Josef mit Wrde und bat um die Erlaubnis,
rauchen zu drfen. Als die Zigarette brannte, begann er nachdenklich:

Ich hoffe, du hltst sie fr keinen besonderen Menschen, weil sie fr
unschicklich geltende Dinge tut. Viele gutherzige Frauen gaben schon
einen Geliebten hin fr einen Ehemann wegen Leibes Nahrung und Notdurft,
und sie wollte lieber Nahrung und Notdurft fr ihr liebes Herz. Sie war
eine Tnzerin und brach den Fu. Nun stopfte sie Strmpfe fr viele
Geschwister, da nahm ich mich ihrer an, tatschlich nur, weil sie mich
dauerte, erst spter gewhnte ich mich an sie, und pat sie nicht gut zu
meinem Dasein in einer solchen Stadt? Sie ist glcklich.

Armer Josef!

Sie ist, fuhr er ungerhrt fort, glcklich, denn sie war schon
fnfundzwanzig Jahre alt, leidet an vlligem Mangel an Koketterie und
wre als Frau eines Mannes aus ihren Kreisen so bald bitter geworden wie
als alte Jungfer. Sie ist glcklich, soweit ein Mensch das sein kann im
Leben eines Andern, denn wren wir verheiratet, so wrde sie doch an
hundert alltglichen Leiden kranken, und jetzt krankt sie nur an dem
einen -- nicht mit mir verheiratet zu sein. Alle Ehen kranken daran, da
sie in Rumen vor sich gehen, die unsere aber haust in Zwischenrumen
wunderbar. In einem und demselben Zimmer entblen zwei verheiratete
Menschen sich schamlos, ohne Liebesnacktheit, verrichten die
eigenhndigsten Dinge voreinander und bringen es fertig, den Odem ihrer
Schlummerleiber im Dunkel zu kreuzen, da fllt auch von ihren
kmmerlichen Seelen jegliche Bekleidung, und sie mssen an zu bellen
fangen vor rmlichkeit und Schande. Ich bedenke ihre Wehrlosigkeit und
habe sie niemals gekrnkt, auer einmal am gestrigen kranken Tage. Sie
wird immer zu herrschen suchen, solange sie nur ihre Person einzusetzen
hat und nicht ein Gesetz, das ihr verschaffen wrde, was sie grade von
mir haben will. Sie fhlt sich als Ausnahme, und das giebt ihr hundert
Rechte ...

Glaubst du denn im Ernst, Josef, da dies sich so verhlt?

Gewi. Zugespitzt, schlackenlos, wie ich es ausgedrckt habe, wre es
das Ideal.

Es sind aber doch gerade die Kleinigkeiten, die geringfgigen
Widerspenstigkeiten des Daseins, die --

Und gerade die sind es, die wir vermeiden, indem wir in Intervallen
leben. Uns ist nichts gemeinsam als das Gute, mit dem wir uns
beschenken, wenn wir uns wiedersehn, durch Freude des Wiedererkennens,
durch Nhe des Scheidens, durch die Schmle des Zeitraums ganz ohne
unser Zutun zu jeder Gte, jeder Zartheit, jeder Verzeihlichkeit, jeder
Nachgiebigkeit bewogen, und immer ist unser kleines Weltgeschehn um ein
weniges verndert, worber wir uns zu verstndigen haben. Was wre
angenehmer, ja entzckender, ja notwendiger, als einander hier und da
und immer wieder fremd zu werden, neu zu werden? Ach, Renate, wie erst
wrde ich dich anbeten, wenn ein Gott mir dazu verhlfe, dich jede Nacht
zu vergessen, dich jeden Tag von Grund aus neu aufbauen zu knnen!

Da hatte er sich, wie ein Bumerang, wieder auf dieselbe Stelle
zurckgeschwungen. Renate aber fand ein andres Mittel, flammte ihn
zornig an und sagte:

Beschreibe mir deine Liebe, Josef, wenn du meinst, ich sei dazu
heraufgekommen.

Langsam nahm er seine Augen aus den ihren fort, wandte sich und sah
durch die Fensterffnung. In dieser Stellung sagte er nach einer Weile
halblaut:

Wie die Wolke steigt, lt sich berechnen, ja, der Flug der schwarzen
Amsel liee sich eher erraten als die seltsame Richtung des menschlichen
Herzens. Es ist hlich eingerichtet. Wenn ich als ein Engel vom Himmel
kme, so wrdest du mich doch nicht lieben, aber wenn du mich liebtest,
wrdest du mich fr einen himmlischen Engel ansehn, denn nur, was es
freiwillig will, tut das Herz. Ein Mensch kommt deines Wegs entgegen,
und er ist schon ein Abgrund, in den du gestrzt bist ahnungslos, und
dort blickst du in eines Menschen Brust als in den verlockendsten
Schlund, aber du htest dich wohl am Rande. Ich wei, wir sind nicht
freinander bestimmt. Dies aber, siehst du, Renate, dies ist der
schaurige Mangel in deiner Schnheit. Sie stiehlt dir deine Seele.
Nichts sprt der dich Liebende als diese deine Schnheit; dein Herz,
deine Seele hchstens als eine liebliche Glorie um den Kelch, aber nicht
als mehr, und es ist nichts in ihm als Hingerissenheit, Brand und
Verlangen nach dir, die da sitzt in einer goldenen Bluse. Die schwarze
Amsel strzt ins Pharuslicht beseligt, dies ist alles. Wie du gehst und
stehst, wie du issest und trinkst, wie du lchelst und mit der Hand in
dein Haar fat, alles das ist gewaltig ganz allein und wendet das Herz
um und um in der Brust, -- wozu brauchtest du eine Seele? Fr dich
allein, was ntzt sie dir? Niemand sieht sie, niemand will sie sehn,
aber deinen Fu zu kssen, dafr wren einem sieben Seelen feil, wenn
man sie htte.

Auf einmal hatte er ihre Hnde sanft aufgenommen und im Scho
zusammengelegt; er sagte, whrend sie an seinen Augen hing:

Wenn ich anderthalb Jahre fortgewesen bin, glaubst du, da du mich dann
-- kennen wirst?

Renate fhlte sich pltzlich unsagbar mde, als habe sie die ganze Zeit
eine eiserne Stange mit ausgestrecktem Arm gehalten. Sie schlo die
Augen, sah, sie wieder ffnend, da Josef nicht mehr vor ihr war, und
dachte ergeben: Wie wunderbar! Ich hatte ja erwartet, da er mich
berzeugen wrde, wie notwendig sein Fortgang fr alle sei, aber da er
mein Herz zu sich umwenden wrde wie eine Blume am Stiel, das dachte ich
nicht. Und wozu nur das alles, und warum ist das, da ein Herz sich so
weit biegen lt, und man wei doch, das letzte Stck Weges wird nicht
gelingen?

Sieh, Josef, sagte sie leise, was ist nun das fr ein Triumph fr
dich, da du mich hier schwach gemacht hast? Es war so unntig, finde
ich. Du kannst mir aber nun ruhig sagen, warum du fort willst.

Sie hrte ihn leise lachen hinter ihrem Rcken und gleich darauf seine
Stimme, vllig verdunkelt und ernst: Ich habe dich eben etwas gefragt.

Sie schlug die Hnde vor das Gesicht. Sie dachte inbrnstig an Bogner
und glaubte jetzt zu wissen, da er niemals kommen wrde. Sie
verzweifelte, es brauste um sie, es schien ihr unmglich, nur eine Woche
auf ihn warten zu knnen, weil er niemals kommen wrde; sie fhlte, da
Josef vor ihr stand, und hrte ihn sagen, auch sie werde ja nicht anders
sein wollen als die Andern: einen Mann, ein Haus, ein Kind, ein
sogenanntes Glck, -- habe ich dir weh getan? schlo er, und obgleich
sie fast staunte, da er eine dermaen plumpe Falle stellen konnte, war
sie ihm nicht gram, sondern lie nur die Hnde vom Gesicht fallen und
sagte erlschend:

Weh? Nein, du hast nur meine Antwort nicht abgewartet.

Nun wars still. Sie stand auf und blickte in die dunstige
Mittagslandschaft hinunter, sah die kleinen Pferde zwischen Wasseradern
herumtraben, sah einen Zug, wie er winzig klein ber die schnurgerade
Linie des Bahndamms hingezogen wurde, und die Qualmstreifen der fernen
Fabrikessen langsam und friedlich nach Osten ziehn.

Du fragst zu spt, Josef, sagte sie mde.

Eine kleine Zeit darauf hrte sie ihn aus dem Hintergrund des Zimmers in
beinah kaufmnnischem Tone sagen:

Also weit du nun die Grnde, weshalb ich gehe, alle drei. Mein Dasein
verengte sich hier bis in den Gang, wo dein Name geschrieben steht. Heut
geh ich, weil es mir nobel erscheint, arm zu gehn. Wozu denn berhaupt
die groen, alles hochschnellenden Worte! Gehe ich fr ewig? Scheide ich
unvershnlich? Und hltst du meinen Vater schlielich, ganz abgesehn von
seiner Liebe zu mir, fr einen Menschen, der kein Verstndnis dafr
htte, da ich hier wie eine Quecksilberkugel auf eine schiefe Ebene
gelegt bin?

Freilich, dachte Renate, die sich langsam wieder gewann, er geht nicht
fr ewig, und dies alles ist wohl nur durch Erasmus so aufgetrmt.

Jeder Schritt, jeder kleinste, zu etwas hin, hrte sie ihn hinter sich
sagen, entfernt dich von etwas andrem, und somit ist es nicht mglich,
in dieser Gemeinschaft nur das geringste tun zu wollen, ohne eine Schuld
auf sich zu laden. Da es nun ohne Schuld nicht abgeht, so will ich, da
es diese sein soll.

Renate aber hatte wohl die Worte, aber nicht ihren Sinn vernommen,
wandte sich jetzt, pltzlich berleuchtet vom eigenen Triumph, sah ihn
mit dem Rcken an die Bcherwand gelehnt, seltsam einsam und verloren
aussehend, und sagte, nahe vor ihn tretend, mit Nachdruck:

Ich werde dich niemals lieben, Josef.

Er lchelte krglich, in seinem Gesicht bewegte sich etwas Sonderbares,
das sie ergriff, so da sie die linke Hand auf seinen Kopf legte und ihn
langsam hinunterprete, bis sein Mund ihre rechte Hand berhrte.
Whrenddem sagte sie, nun zrtlich vor Mitleid:

Du hast als Knabe niemals zu weinen gebraucht, mein guter Junge, und
deshalb hast du es nie gelernt, und deshalb weit du auch in diesem
Augenblick nur dunkel, was Weinen ist. Vielmehr ist dir sonderbar wohl,
indem du bedenkst, da du heute das erste Mal unterlegen bist, -- fast
knnte dich das trsten.

Sie lie zu, da er ihre Hand mehrere Male mit den Lippen berhrte. Er
lchelte, als er aufsah, als sei er nun befriedigt, und sagte leise:

Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist ... dieses Zitat
schwebte dir vor. Warte, ich will dir noch einen Vers von mir sagen, den
ich in diesem Augenblick gemacht habe: Du fremdes Kind! -- In deinen
Augen spiegeln sich die Sterne -- Auch tags, wenn sie dem Aug nicht
sichtbar sind.

Danke! sagte sie.

Oh bitte! sagte er, und sie lachten Beide, leise, herzlich und wie
Vershnte, -- whrend vor Renates verschleierten Augen die sanfte und
grne, gotische Glaswand, leuchtend golden von der Sonne, sonderbar zu
beben und zu schwellen schien vom Strom aller Worte, der an ihr
hinaufgerauscht war, -- worauf er die Uhr zog und sagte: Halb eins. Wir
mssen uns anziehn.

Sie nickte ihm zu und ging leicht und leise hinaus.

Im Treppenhaus oben blickte sie, auf das Gelnder gesttzt, in den
Schacht hinunter. Ihr Herz schlug auf einmal mchtig in der Brust an,
sie hrte Josefs >wir<, das belanglose, das er zuletzt gesagt, und mit
dem er sie beide doch nach dem Kampfe zusammengefat hatte, als htten
sie die ganze Zeit nur bentzt, um Freunde zu werden. Aber in diesem
Augenblick legte sich die Erinnerung an den Onkel und Magda wie ein
dumpfer Ring um ihre Brust, und als sie ihn abri, weinte sie laut.
Angst, Josef knne sie hren, jagte sie die Treppen hinunter in ihr
Schlafzimmer, wo sie, gerttelt durch und durch, kein Ende finden konnte
mit Trnen, bis die Zofe mahnte, da es hchste Zeit sei zum Anziehn.


                            Sechstes Kapitel


                                  Wald

Georg sa auf einer Bank im Walde.

Von einem hlichen und kaum anstndigen Gefhl im Magen abgesehn,
befand er sich beraus wohl, lieblich durchwrmt von der hher
steigenden Sonne, vor den halbgeschlossenen Augen das zarte
Flimmergespinst des Lichts, vor den hin und wieder geffneten die
gerumige Windhelle der Lichtung, von der ein sandiger Fuweg ihn
trennte, und darin die weit auseinanderstehenden braunen Stmme und
schwarzgrnen Schirmkronen der Kiefern, unten Wildnis von Farnkrutern
und Brombeergestrpp, mit den schnen rostroten Dornranken wie von Eisen
--, hinter dem allem schlielich die schne Bewegtheit des
unwiderstehlichen Frhjahrshimmels, wo es wogte von unhrbarem Jauchzen,
von Anmut und Leichtigkeit in Silberflocken und fliegender Blue. Wenn
die Sonne dann lichter hervorquoll, in alle grnen Winkel alles
erfreuend hineinglnzte, so schwoll mit allem sein Herz, als dehnte
Lichthauch und Lufthauch es von innen, und traumhaft ganz hingegeben,
konnte er hbsche Entdeckungen gedanklicher Natur in sich machen wie
etwa die Erkenntnis, da jenes Gefhl von Zuversicht an holden
Apriltagen jedenfalls daher rhre, da bemerkbar wird: auch diese groe,
unbndige Natur ist bekannten Gesetzen unterworfen, -- es mu doch
Frhling werden! Wieviel Genugtuung fr Kaiser und Brgersmann! --
Erlosch aber die Sonne, senkte sich mit den Schatten die Wlbung seines
Gefhls, und es ward enger in ihm, -- war alle Tapferkeit mit eins aus
den Wipfeln, Mutlosigkeit um die grnen Spitzen gefallen, die ergraut
standen, zitternd, ngstlich, -- so fiel er, unfreiwillig, der
allgemeinen Beklommenheit mit anheim und empfand unglcklich die tiefe
Ratlosigkeit der Fragen um ihn her: Mein Gott, wo ist das Licht
geblieben? Warum ist es fortgegangen? Und dann erschien ihm auch, als
wre sie es, die mit breitem Schatten den Glanz verdeckte, Magdas
traurig abgewandte Gestalt, erloschen rund um sich her wie der
sonnenlose Augenblick, -- da ging sie wieder neben ihm, von innen
gehalten, gefesselt in ihrem Gang, und in ihrem Herzen -- -- ihrem
Herzen ...

Ach, sie wute es nun doch! die Wahrheit hatte sie nun, war es nicht
besser als ... Ah! Mit dem wieder hochquellenden Golde im glcklichen
Grn wich die lastende Schattenhand auch von seiner Brust, er atmete
auf. Sie wute es, -- welche Erleichterung! Erleichterung -- fr ihn,
ja, ob aber fr sie?

So sa er denn im Wechsel der Natur und im eignen, gedmpfter
Traurigkeit berliefert, im warmen Labyrinth seines Gehrs, seines
ganzen Innerns, das unablssige Vogelgezwitscher der Nhe und der Ferne,
den metallenen Finkenschlag, den Gesang des Baumlufers, fernher den
eintnigen Zweiklang des Zilpzalp, und wie aus einer blaugrauen Wolke
heraus das schlfernde Gurren der wilden Taube. Ein wenig drckte im
Rcken das Holz der Banklehne, aber er sa doch weich in sich selber,
ganz versunken in offene Lssigkeit, im Pendelschwingen des Lichts
beklommen und froh, ja wie in einer wesenlosen Schaukel fhlte er sich,
beim Vor- und Aufschwung munter und khnlich, im Zurckfallen vom
Schwindel slich gengstet, immer in Wrme und kstlicher Wehmut.

Oh da ich dieses doch habe, dachte er, diesen selbstverstndlichen
Rckzug in mein eigenes Innere; dorthin, wo es Natur ist, Hingebung an
Licht und die Luft, an Vogelruf und dies khle, dies schaurige Sausen in
den Kronen. Was schlielich verschlgt da eine Nacht wie die letzte! Man
sollte es nicht tun, freilich, Sinn hats auch schon gar keinen, man
sollte es nicht, gerade wenn man, wie eben ich, nur so hineingert, so
lustlos und versehentlich, und es wird auch nicht wieder vorkommen. Das
war blo Mnchen, das mir noch nachhing. Oh Renate!

Unter einem zitternden Schlage im Gehirn setzte Georg sich auf,
geblendet, legte die Ellbogen auf die Knie, seinen Gehstock in der Mitte
packend, und sah eine Weile lang nichts als den Staub in den Falten
seiner Lackschuh, das braune Gold der Strmpfe und zwei, am Ende
zusammengeheftete Fichtennadeln, die im Aufschlag seiner dunkelgrnen
Hose steckten. Die kleinen Steine, der Sand und die Spuren von Fen und
Striche von Stcken darin sahen ihn fremd an in lebloser Wesentlichkeit.
Er seufzte auf. Du lebst, Renate, ach, da du lebst, was will man denn
mehr? -- Und Georg bewog sie, zu erscheinen, sie und sich belistend, da
sie immer schner wrde und vollkommener, und so kamen erst nur ihre
Augen zum Vorschein, im Dunkel, unterm Vorhang der Zweige, ihr Arm, nun
-- nun der Augenaufschlag gegen ihn, -- er erbebte, er wollte ihn
fassen, er war fort. Alles was Blau war in der Welt, mute in diesem
nchtigen Schwarz enthalten sein, Sommerhimmel und das dunkelste
Buchtenwasser, Bergseen und grnes Eiswasser, -- und nun -- ihr Gesicht,
ihr Mund, und ihr Haar, -- Gott im Himmel, welch Haar! Da stand sie auf
dem Rasen, das Licht fiel von oben ber ihre abgewandte Gestalt, ber
das hangende weie Dreieck des Schals, ber ihr Haar von stumpfem,
hellem Braun -- drres Buchenlaub, wars nicht so? -- von einer goldenen
Spinne berwebt. Und von ihren eigenen Bewegungen war sie ganz umrieselt
wie von unsichtbaren Wasserfalten, in denen es blhte. Gott verzeih mir,
Anna, aber nun ist das so gekommen, und wie kann ich denn anders! Mute
es nicht einmal kommen? Habe ich nicht durch Monate gelitten, damals,
wie sehr gelitten, nachdem du von mir warst? Wie lassen sich solche
Selbstbezwingungen dann rckgngig machen? Wie sollte ich dich wieder
hineinholen in mich, nachdem -- -- freilich, da ich dich austreiben
_konnte_! Und wie kann ich denn gegen mein Herz?

Ein Kohlweiling taumelte aus dem Brombeerdickicht hoch, zog ber den
Weg daher, schaukelte hher, taumelte vor einer unsichtbaren Gewalt
abwrts, beschrieb um einen der braunen Stmme einen haltlos flattrigen
Kreis und fiel ins grnende Buschwerk. Es zwitscherte -- oh wie es
zwitscherte! berdem kam Josef Montfort ihm in Erinnerung.

Das war ein Mensch! jawohl! Betubend, berauschend, wahrhaftig! Ich mu
ihn nher kennen lernen. Richtig -- wollte er nicht fort, aus dem Lande?
Wer -- ach, Cornelia Ring, -- sie gab mir ihre Adresse. -- Ihre runden
Dryadenaugen erschienen ihm, er erinnerte sich, wie sie ihm ihr Herz
ausgeschttet hatte, -- der sonderbare Nachtweg, -- und er versprach, an
seinen Vater zu schreiben. Nein, das Sonderbarste war doch diese Fahrt
in der Droschke ... Aber Montfort, der hatte Gewalt ber Menschen! Wer
konnte wohl so ausgesehen haben wie er? Fernando Cortez vielleicht, ja,
irgendeiner, der eine verlorene Sache verteidigt, ein Prtendent; in
Gefahr mte man ihn sehn, auf dem Rckzug durch Urwlder, von Schwrmen
vergifteter Pfeile verfolgt, und mit jedem Leben, das hinsinkt, wchst
ihm ein neues an sich selbst, und er schwingt sich in eigenen Hnden wie
einen Feuerbrand zu einem Dutzend gefhrdeter Stellen, ermutigend,
trstend, versprechend, drohend, versiebenfachtes Leben, aus sich selber
wimmelnd, bei Gott, so war er! Und er und Cornelia, Renate und Magda
zogen einen abenteuerlichen Reigen, Magda trat vor und sah ihn
herzbewegend an, da fhlte er, wie sein wehmtiges Empfinden in Takten
zu schaukeln begann, die sich allmhlich mit deutlichen Vorstellungen
besetzten ... Ach, wie traurig sind die Tage ... auf einmal hatte er den
Anfang ... Seit ich in dem Schatten lebe ... und Georg nahm hastig ein
Blatt, eine Rechnung, wie es schien, aus seiner Brieftasche, legte es
darauf und schrieb schwermtig, hin und wieder streichend und ndernd:

   Ach wie traurig sind die Tage,
   Seit ich in dem Schatten lebe,
   Nicht mein Antlitz zu ihm hebe,
   Nicht sein Mund mich heilt.
   Friedlos, ach, von bittrer Plage,
   Frage ich die stummen Haine,
   Frage Pfade, Ufer, Steine,
   Wo mein Herr verweilt.

   Von der Schwelle ausgetrieben,
   Die mir unterm Abendglnzen,
   Oder unter Sternenkrnzen
   Wundersam erschien,
   Kann ich noch mein Antlitz lieben,
   Das nur fremde Blicke preisen,
   Und den Mund, dem nur die leisen
   Seufzer noch entfliehn?

   An der Flamme auf dem Herde
   Rtet sich mir Stirn und Wange,
   Da ich wie in Purpur prange,
   Den Erhabnen gleich.
   Spt, mit trauriger Gebrde,
   Blickt ins Fenster, durch die Zweige,
   Mond, dem ich mein Antlitz zeige,
   Und dann bin ich bleich.

Georg merkte, da whrend des Schreibens die Sonne entwichen war, und
ihn frstelte. Als er das Blatt in die Brieftasche zurcklegen wollte,
fiel ein kleiner Zettel heraus, auf dem stand von fremder Hand
geschrieben: G. T. 17. Was mochte das bedeuten?

Heftiger frstelnd -- und wie de war auf einmal der Wald! -- berlas er
noch einmal das Geschriebene, strich in der zweiten Strophe das
>Wundersam<, um dafr >Freudenreich<, und in der letzten >Erhabnen<, um
dafr >Geliebten< zu setzen, legte das Blatt fort, stand auf und ging in
der Richtung der Stadt davon. Nach einigem Kopfzerbrechen fiel ihm ein,
da er Cora Bogner seinen Besuch versprochen hatte, sodann, da 17 die
Hausnummer der Cornelia Ring war, und ihm wurde hei im Gedanken, da er
mit Josef Montfort nichts besprochen hatte, aber vor allem kam es ja auf
seinen Vater an, und Montfort wrde wohl nicht ber Nacht davongegangen
sein. Die Fabrik stand schlecht, wer hatte ihm das nur erzhlt? Josef
selbst? Richtig, Cornelia Ring war es gewesen. Da durchglhte ihn wieder
Renates Leiblichkeit, unendliche Sehnsucht befiel ihn, er umschlang sie
mit den Armen, er fand ihren Mund, -- aber siehe, was war das fr eine
Se, die ihm jhlings durch Mark und Bein loderte? Das mute er
getrumt haben, nur in Trumen steigen Gefhle in solches berma, o mit
welch ungeheuerlicher Schmerzenswollust hatte er einmal im Traum
geweint! Und nun fiel ihm Lenusch, fiel ihm alles ein, die Bar, das
endlose Gesprch zwischen Montfort und dem Saint-Georges, der Lrm, das
Mdchen, ihr Stirnband, ihr Bein, ihr Strumpf, in den er das Geld --,
und zuletzt -- nein, blo das nicht! aber er sah es wieder deutlich vor
sich, ihn schauderte malos, er wehrte sich mit allen Krften, stellte
sich hundert andre Dinge vor, und es gelang ihm endlich, sie wieder vor
sich zu sehn, wie sie die gekrallten Hnde gegen die Schultern erhob.
Sie htte die grte Tischplatte ber seinen Kopf heruntergeschmettert,
so sah sie aus. Warum hate sie ihn nur so? Vielleicht hatte Montfort
ihm blo Lgen erzhlt, obgleich er ein Mensch schien, der keine Lgen
ntig hatte, der Unwahrscheinlicheres erlebt, keine selbstgeschnitzten
Sttzen brauchte. Ach, es war doch schrecklich! Da war der Augenblick
gekommen, wo sie ihr ganzes, verfahrenes Dasein in eine einzige Flamme
von Ha zusammenri, um es -- ja um es wie eine schwere Tischplatte
ihrem Feinde ber das Haupt zu schlagen, und da mute sie so
zusammenbrechen.

Georg fiel ein, da er sie um ein Uhr mittags treffen sollte. -- Ich
werde natrlich hingehn, ich bin ja nicht fhig, ein weibliches Wesen
umsonst warten zu lassen, und auerdem werde ich versuchen, sie auf
reinlichere Wege zu bringen. Versuchen kann man das immer, obwohl es
wahrscheinlich ist, da, wie bei all diesen Mdchen, das Grundbel in
Arbeitsscheu besteht. Man mu es versuchen. --

Mittlerweile war er am Pferdeturm angelangt, wartete eine Weile auf eine
elektrische Bahn, fuhr in die Stadt und ging in die Eichstrae zu Cora.


                                 Salon

Georg mute im Salon warten, und der Salon gefiel ihm nun ganz und gar
nicht. An diesem Ort, dachte er, kann man sehr traurig werden. Er hatte
grnliche Damastsofas und Sessel mit Troddeln daran, und ein Sofa hatte
einen Mahagoniumbau mit Spiegeln und gemalten Parforcejagdszenen, im
Erker aber stand eine Bronzebste der milesischen Venus und blickte ihn
trbe an. Er sah auch, da der venezianische Kronleuchter, von dem sie
geschrieben hatte, von der Decke hing und hier und da mit Draht geflickt
war, und rechts vom Erker stand Coras Schreibtisch auf uerst dnnen
Beinen, bedeckt mit Photographierahmen und Schreibwerkzeugen aus Messing
und grn gedertem Marmor, so da kaum ein viertel Quadratmeter Raum zum
Schreiben war, im ganzen ein ungemein fataler Aufenthalt. Georg, lustlos
und immer frstelnd, blickte aus dem Erker auf die langweilige Strae
hinunter, wo sich jetzt schwrzliche Regenflecken zeigten. Endlich
erschien Cora, in einem hellgelben Morgenrock, mit flchtig
zusammengegriffenem Haar, trug ihre herbstlichste Miene und die
Entsagungsgeste zur Schau, worber Georg sich rgerte, weil er hinter
dem abwehrend vorgestreckten Schild nur zu deutlich die Verlockung zu
wittern hatte, also da er in ein pltscherndes Geschwtz ber die
bezaubernde Fhigkeit schner Frauen ausbrach, die es verstnden, ohne
Hut als ein vllig andres Wesen zu erscheinen, als mit Hut, -- ha
berhaupt Hte! Da gewhnte er sich wieder langsam an ihren Anblick,
ihre Eigenart, und es gefiel ihm wieder sehr, wie sie mit der Oberlippe
ber die beiden, ein wenig zu gro geratenen oberen Mittelzhne
hinablangte, was ihn immer an die Gebrde eines Mdchens erinnerte, das
einen eingelaufenen rmel straff zupft, und in Coras Zge kam mit dieser
Verlngerung der Nase durch die Oberlippe ein vllig verquerer Ausdruck
von Hoheit. Alsdann sagte er auf, was er am vergangenen Tage in der Bahn
Bogner ber ihr rmisches Aussehn vorgetragen hatte, was sie andchtig
anhrte, die schlecht zueinander passenden Ringe an ihren, ein wenig
grauen, lang geschwungenen Hnden hin und her schiebend; die Fingerngel
waren nicht durchaus rein, -- und berdem meldete das Dienstmdchen den
Maler, der hinter ihm eintrat.

Wie herrlich, Benvenuto, da du kommst! entzckte sich Cora. Grad
eben sprachen wir von dir, das heit, du kamst drin vor, weil der Prinz
etwas ber mich sagte, das er gestern dir ... es war, ja, es war ein
Gedicht! schlo sie begeistert.

Das Mdchen trug einen Teller mit Gebck, Glschen und spanischem Wein
herein, und Cora sprach nun unaufhrlich, indem sie zum Zulangen
ntigte, Wein einschenkte und die Glser hinreichte.

Gott, unsereins, sagte sie, unsereins fhlt das natrlich auch, aber
wir knnen es nicht ausdrcken, wir brauchen es auch nicht auszudrcken,
und das, seht ihr wohl, giebt uns Frauen eben die Macht, das --
Unbewute, wie soll ich sagen ... Nun, wir fhlen, was wir sind, und
brauchens uns doch nicht zu gestehn. Beim Namen nennen ist immer
verurteilen, und wir sind immer unschuldig. Gott, eigentlich sollte ich
euch ja Zigaretten anbieten, -- du rauchst doch, Ben -- weit du,
eigentlich ist dein Name zu lang, ich werde einen fr dich erfinden, --
aber Herbert raucht ja leider nicht. Aber wenn ihr eure eignen ...

Und da Bogner seine Dose hervorzog:

O was hast du da? Welch himmliche Dose! Was ist das fr Holz?
Birkenholz? Wie gut der Tabak riecht! Oh du drehst sie selbst, das mu
ich sehn! Ist es schwer? Aber Sie nehmen ja gar nicht, Georg! Die
Makronen hab ich selber gebacken, dafr drehst du mir eine Zigarette!
Ich finde es reizend, selbst! Nein, wie geschickt du bist! Zeig blo
mal! Ich knnte das nie! Was fr gelbe Finger du hast! Ist das vom
Rauchen? Aber weit du denn auch, da das furchtbar -- furchtbar
schdlich ist? Und nun wollen wir Brderschaft trinken.

Whrend der Stille dieser Feierlichkeit sah Georg smtliche
Ausrufungszeichen Coras leibhaftig durchs Zimmer und zum Erker hinaus
wimmeln. Dem Maler die Wange zum Kusse reichend, blickte sie Georg zum
ersten Mal seit Minuten wieder voll an, so da es ihm vorkam, als werfe
sie ihm eine Handvoll Erinnerungen zu.

Nun sollte ihr Schwager von Paris erzhlen, doch kam er nicht dazu, da
sie selber vom Montmartre und der Roten Mhle, vom Louvre und den
fliegenden Bcherverkufern auf den Quais zu schwrmen begann. Pltzlich
sagte sie:

Prinz! Sie machen doch Gedichte. Sie mssen ein Gedicht daraus machen!
Aus dem vorhin! Werden Sie?

Augenblicklich, erwiderte Georg, wenn Sie mir erlauben, fnf Minuten
ihren Schreibtisch zu benutzen.

Ah, da mihandle ich sie ja wieder, dachte er, also kme nun das
Zuckerwerk, und er beugte sich zu ihr und redete:

Liebe, gndige Frau, Sie wissen doch: jeder gebildete junge Mann macht
Ihnen heutigen Tages jedes Gedicht, das Sie wnschen. Aber wenn Sie ein
richtiges haben wollten, eines, das wert wre, in einem richtigen Buche
zu stehn, -- das knnte ich Ihnen freilich nicht versprechen. Dazu
gehrten -- er hob sein Glas und verneigte sich -- andre
Ingredienzien, diesem Weine vergleichbare ...

Und er trank. Was tat Cora? Zuckte sie wie unter einem Peitschenhiebe
zusammen? Keineswegs, sondern sie strahlte wie eine Sonnenblume und
rief:

Ja, verlieben Sie sich in mich, Prinz! das wre entzckend! Ja, bitte,
tun Sie mir den Gefallen! Denke dir, wandte sie sich an ihren Schwager,
es hat sich noch kein Mensch in mich verliebt seit meiner
Backfischzeit, auer Herbert, und der gleich so furchtbar. Ihr knnt
euch gar nicht denken, wie er mich liebt! Grenzenlos berhaupt! Und nun
ein Prinz! Halloh, Brandpfeil der Verachtung, dachte Georg. Oh, es ist
wunderbar, so geliebt zu werden! Wieder ein Brandpfeil. Frher machte
er auch Gedichte, sehr nett, aber nun mssen Sie! Werden Sie? Georg, ich
bin auer mir!

Der dritte Pfeil milang, weil in diesem Augenblick ihr Mann eintrat,
der meinte, da man es ihr durchaus nicht ansehe; ja, er habe die
letzten Worte wohl gehrt. Wie eine groe, gelbe Katze lag sie behaglich
und spinnend in der Sofaecke.

Ein Weilchen spter hielt Georg, aus Furcht, sie mchte ihn nun allein
mit Beschlag belegen, es fr gut, fortzugehn. Geschwind zeigte sie ihm
noch eine Kopenhagener Vase auf ihrem Schreibtisch und gab dabei eine
Erklrung ber den wundervollen Eindruck ab, den ihr Schwager auf sie
gemacht hatte. Sie entlie ihn mit unbegrenzter Ausdrucklosigkeit, indem
sie, noch whrend er ihre Hand an die Lippen hob, sich ihrem Mann
nherte, um mit der Linken ein weies Fdchen von seiner Schulter zu
nehmen und ihm bei dieser Gelegenheit den Rockkragen glatt zu streichen.


                                Postamt

Pfui, es regnet! sagte Georg, als er aus dem Hause trat. Cora regnete
auch, grad wie dieser Regen, nicht krftig, sondern blo haltlos. Ist
keine Droschke da? Merkwrdig: frher, wenn ich allein mit ihr war,
schien sie doch so angenehm, ja, wie schn sie zuhren konnte, wenn man
von seinen Plnen sprach. Ach, das kommt wohl von Renate, da alle
Andern neben ihr wie Kellerpflanzen aussehn, -- auch Magda, -- aber Frau
Tregiorni --, die war doch entzckend! Dies ist schn, dies ist ein
schner Gedanke: Wenn ich neben ein vollkommen Schnes etwas auch
Schnes stelle, das vielleicht nur lieblich, nur anmutig ist, so lt
das ganz und gar Schne es ruhig glnzen und tut ihm nichts an; das
Fehlerhafte aber, das Unreine, das Schillernde, das wird verneint,
ausgetilgt vom Vollkommenen, und nur das Abstoende daran bleibt
sichtbar. Gott sei Dank, es hrt auf zu regnen. >Da kmmt die liebe
Sonne wieder -- Da kmmt sie wieder her!< Er sah auf die Uhr. Wenn ich
zu Fu gehe, werde ich gerade rechtzeitig zum Stelldichein kommen.

So schlenderte er dahin, hielt hier und da vor einem Schaufenster,
rgerte sich ber die Gesichter der Menschen, gelangte ans Gnseliesel,
lief eine Viertelstunde um das eingefriedigte Rasenoval, verbi seine
Enttuschung ber Lenuschs Ausbleiben und dachte, es liege vielleicht
ein Brief auf der Post. Nun, er war bereit, auch dies Opfer zu bringen,
ging hin und erhielt wahrhaftig einen kleinen Brief, der so durchaus
rosa war, da es ihn erstaunte, weil er gedacht hatte, das gbe es nur
in Zeitungsromanen. -- Himmel, und auch solch eine Handschrift htte ich
nie fr mglich gehalten! -- Er las, am Gossenrande neben einem
feuerroten Eilbotenjungen stehend, der darauf zu warten schien, da er
die Antwort auf Georgs Brief bernehmen solle, das Folgende:

   Mein Ser!

   Du bist vielleicht erstaunt und denkst schlecht von mir, da ich
   nicht da Gewesen bin es tut mir auch Schrecklich leid aber ich
   war ja so betrunken, da bin ich Treppe hinuntergefallen und habe
   mir das Ganze Gesicht aufgeschlagen. Bitte bitte, verzeih mir
   mein Ser! und ich htte ja so gerne mein Herz bei dir
   ausgeschtet du hast ja sicher gemerkt das du mir nicht
   gleichgildig bist und deshalb will ich auch Offen zu Dir sein.
   Zunchst einmal Tausend Dank fr das gute, das Du mir ohne
   jegliche veranlasung gethan hast, es ist zu lieb von dir. Ich
   will offen zu Dir sein, ich habe nemlich noch so Allerlei kleine
   Schulden bei meiner Wirtin und Schneiderin nun, vieles kan ich ja
   nun zahlen. Ganz Schlecht zu werden habe ich Keine Lust und so
   wird es besser sein, ich fahre zuhause bei meine Eltern, wo ich
   am Besten aufgehoben bin. Morgen mu ich nun _dringent_ etwas
   bezahlen und zu Diesem Zweck wollte ich dich bitten ob Du mir
   nicht mit 100 M. aushelfen knntest. Fals du kannst gieb mir bis
   5 Uhr bescheit ich wohne Nelkenstrae 4 ich mu nemlich bis zu
   Dieser Zeit dringent etwas zalen andernfalls meine Ringe
   wieder fortgeben. Ich will dir Gern was zum Pfand lassen.
   Verzeihe bitte Lieber Ser, und denke um gotteswillen nicht
   Schlecht von mir, nur uerste Verzweilung treibt mich Hierzu.
   Bitte, Kerlchen sprich auch nicht Hierber ich schme mich ja
   sonst. Nim es mir bitte nich bel ich will auch gleich an
   meine Eltern schreiben, Sie mssen mir ja helfen. Bite gieb mir
   Unbedingt nachricht oder komme selbst. Sollt ich dan nicht
   zuhause sein, gieb meiner Wirtin bescheit. So jetzt bin ich Eis
   kalt gefroren sitze im ungeheizten Zimmer.

                                              Gute nacht! Schlaf wohl!
                                          Herzlich grt und kt dich
                                                        Deine Dankbare
                                                          Helene Kick.

Georg war berwltigt von Schwermut. Dies ist Lenusch, Helene Kick,
dachte er, o wie jmmerlich ist es doch bestellt mit dem Dasein des
Menschen! -- Er kehrte in das Postamt zurck, lie sich eine Briefkarte
geben, schrieb einen Gru, legte zwei Hundertmarkscheine hinein und
schickte das Ganze, sorgfltig eingeschrieben und durch
Eilbotenbestellung an Frulein Helene Kick, Nelkenstrae 4. Ich werde
sie nie wieder sehn, dachte er, als er wieder drauen stand, in
nachdenklicher Betrachtung des feuerroten Eilbotenjungen, der zgernd
das rechte Bein ber sein Fahrrad legte.

Benno! Natrlich! dieser Mensch war von einer solchen Bescheidenheit,
da er ihm jetzt erst einfiel! -- Georg winkte dem Eilboten kniglich
blo mit einem Auge, nahm eine Besuchskarte aus der Tasche, schrieb
darauf: Ich esse bei Pust, mein Herz, komme sofort! Schreibe die
Antwort hierunter! und drckte sie dem Jungen in die Hand.
ltzenstrae zwei, Mensch! bedrohte er ihn, und wenn Sie in einer
halben Stunde mit der Antwort bei Pust sind, in der Weinstube, kriegen
Sie einen Taler, sonst nischt nich!

Der Junge quetschte ein zuversichtliches Grinsen aus seiner
sommersprossigen und sinnigen Blondheit, schwang sich auf sein Rad und
segelte davon. Georg schlenderte, lchelnd in vorfreudigen Gedanken an
den guten Benno, gemach ber den Platz, die Bahnhofstrae hinunter,
hinter dem Theater an seinem Hotel vorber -- wo ihm die Erinnerung an
seine Morgenbegegnung mit Magda einen Gewissensbi und inneres Errten
versetzte ber seine erste Feigheit -- und betrat die stille Weinstube,
eine angenehme Dmmerung, goldig von goldgelben Vorhngen, in deren
Tiefe er sich unter Palmengewchsen an einem der weiberhangenen Tische
niederlie. Eine Ochsenschwanzsuppe, ein Stck Forelle, ein sanftes
Hammelkotelette mit Morcheln, Pfirsich Melba -- das wars, was ihm munden
sollte. Dazu ein schnes, groes Glas Pilsener.


                           Siebentes Kapitel


                               Weinstube

Hinter dem Kellner, der die Suppentasse brachte, tauchte, fremdartige
Erscheinung, der feuerrote Eilbote mit Fahrklammern unten an den
Manchesterhosen auf und brachte einen richtigen Briefumschlag, in dem
Georg seine Karte fand, unverndert -- nein, Benno hatte mit lieblicher
Geste nur das >komme sofort< zweimal zart unterstrichen. -- Und noch war
Georg kaum am Zerlegen seines Forellenschwanzes, so sah er ihn von
weitem, wie er hinter dem Vorhang der Eingangstr auftauchte, den groen
braunen Schlapphut abnehmend, den Kopf mit dem zurckgestrichenen langen
Haar zurckwarf und, nun in seiner ganzen hagern Lnge -- noch immer der
alte, blaugraue Winterberzieher, dessen abgeschabte Stelle im
Samtkragen Georg im Dunkeln bezeichnet htte -- mit diesem seltsamen,
blind scheinenden Blick der Augen umhersphte, -- ach, diese in
Verlegenheit sich verkehrenden Pupillen! und der hngende rote
Schnurrbart, und diese hchste Stirn von der Welt, und da -- jetzt hatte
er ihn gesehn, und er strahlte und wurde glutrot und verneigte sich von
weitem, den Hut in der Hand nach rckwrts schwenkend, mit dem ganzen
Oberkrper, und eilte heran und verfing sich mit dem Mantel an einem
Stuhl, den er auffing, steckenbleibend im Vorstrmen, und er verneigte
sich vielmals gegen den Herrn am Tische und zwngte sich zwischen den
Andern hindurch mit Bewegungen wie lauter angefangene Verbeugungen, und
nun stand er vor ihm, die Augen verdrehend, leuchtend, und der lange
Haken der Nase war ganz derselbe, aber -- er trug ja einen Flor am Arm!
Ja, gewi, seine Mutter -- --

Herrlich! sagte Benno, wie immer nur halblaut, aber mit tiefster
Inbrunst verhauchend, herrlich! und prete ihm die Hand und schttelte
sie und schwenkte sie von oben nach unten, da bist du ja! La dich
anschaun! und legte ihm den Arm auf die Schulter, worauf er sich wieder
losri, sich zum Kleiderstnder hinumschwenkte, mit einer Geste von
groer, weltmnnischer Khnheit seinen Hut ber den Haken schlug und den
Mantel auszog, den dann der Kellner ihm abnahm, whrend Georg sich kaum
setzen konnte vor innigem Vergngen.

Und da saen sie denn beisammen, und Benno mute nachessen. -- Ja, seine
Mutter war nun doch gestorben ...

Ach! sagte er aus tiefster Seele, es war herrlich! es lt sich nicht
sagen! Es ist ja so unendlich gut, da sie hinber und in Freiheit ist
... Und leise sprach er weiter: er allein sei dabei gewesen, tief in
der Nacht, nein, er habe es doch nicht fertigbekommen, seinen Vater zu
wecken. Eine Mutter stirbt nur einmal, und dies Letzte wenigstens, das
wollte ich fr mich haben. Es sei schrecklich, aber es sei so. Der
Vater freilich scheine nun doch ganz gebrochen ...

Ja, dachte Georg, ohne da ers zu sagen wagte, nachdem er die ganzen
zwei Jahre lang ihre Krankheit entweder fr Mogelei oder eine
absichtliche Bosheit gehalten hatte.

Ja, und nun sei Georg wieder da ...!

Da kommt deine Suppe, sagte Georg, seine Rhrung auf innerlichen
Vorgang beschrnkend.

Da sa dieser gtigste Mensch, hatte in aller Eile seinen Examensgehrock
angezogen, um der Vornehmheit des Freundes und des Ortes nicht zu
schaden, sa krumm wie ein Bogen, genau wie immer, schnellte dann
pltzlich zu khner Hhe empor, warf immer wieder den scheuesten der
zrtlichen Blicke zur Seite auf den Freund, fuhr sich mit der Hand bers
glatte Haar zum Hinterkopf und sah weltverloren, verschmt und
liebegefllt aus, -- ganz wie immer.

Und jetzt ists aus, Benno, nicht wahr? Jetzt nehmen wir dein Leben in
die Hand. Dein Vater hat deine Schwester, mehr als genug fr ihn, und
wir fahren in einer halben Stunde zum Schlchen hinaus, im
Georgengarten, wo ich wohnen werde, und sehen zu, ob auch der Nordflgel
verndert werden mu, wo du wohnen wirst. Keine Widerreden! Meine
Zimmerplne sind im Kopf schon fertig, ich habe eine Unmenge Sachen
gekauft, viel zu viel fr mich wahrscheinlich, in Trassenberg habe ich
die Plne angesehn und alles ausgedacht, oh es wird kostbar! Giebt es
noch Widerreden?

Nein! -- Benno wagte es endlich, die Augen von seiner Suppentasse zu
erheben; er sah Georg voll unsglicher Bewunderung an und gestand, da
es keine Widerreden mehr gebe.

Ich htte dir fast noch diese Nacht alles geschrieben, sagte er leise.
Du bist der edelste Mensch!

Georg tat vom eiskalten Bier einen tiefen Zug, beugte sich dicht zu
Benno und redete in ihn hinein, so zrtlich er konnte.

Was soll ich dir schenken, Benno? Willst du tausend so dicke Zigarren
haben wie dein Vater am Sonntag? Willst du einen kleinen Rennstall? Soll
ich deine Lieder drucken? Beilufig: wie stehts mit der Symphonie? Sag
doch was! Willst du ein goldenes Zigarettenetui? Oder einen Flgel von
Steinway? Du bekommst ihn. Du bekommst alles, Benno. Sag doch, was ich
dir schenken soll! Siehst du nicht, was fr himmlisches Wetter heute
ist? Gehen heute nicht Kniginnen auf allen Straen umher und verteilen
Blumen und Armbnder?

Georg hielt inne, weil der Kellner ihm sein Hammelkotelett zureichen
wollte, Benno aber sa da und lie sich berschtten, sagte nur nach
einer Weile tief seufzend: Ein Bsendorfer mte es sein!

Was ist ein Bsendorfer?

Das sei ein Wiener Flgelbauer, erklrte Benno und fing an,
geheimnisvoller und mit grter Ehrfurcht von einer Freundin zu
sprechen, die er habe gewinnen drfen, die wunderbar Klavier spiele und
Halbsterreicherin sei, und deshalb Bsendorfer ...

Und sie heit Ulrika Tregiorni, oh ich wei alles! triumphierte Georg,
whrend Renates Wesenheit vor ihm aufleuchtete, so da er fortfuhr:

Aber, Benno, was heit das? Wo steckt Renate? Bist du ihr untreu
geworden? Schon? Ha, du versteckst sie blo hinter dieser Ulrika, du
liebst sie, Benno, gesteh Schurke! Du betest sie an!

Benno schauderte zurck. Nein, Georg, oh nein! Was denkst du! Das wrde
ich nie wagen!

Ach, Benno, was fr'n Unsinn! Liebe, die fragt, ob sie darf?!

So meine ich es nicht, Georg, widersprach Benno hastig und hochrot im
Gesicht. Das Wagen bezog sich nicht auf sie selbst und auf mich,
sondern auf -- auf ihr Schicksal.

Ihr Schicksal?

Ja, wie soll man das sagen? Wenn du sie kenntest ... Da er verstummte,
hatte Georg Zeit, seine leise innere Beklommenheit verbergend, mit
berlegenheit zu erklren, wo und wie er sie bereits am Vorabend gesehn
habe.

Nun, und wie fandest du sie? fragte Benno, glhend auf der Lauer. Ist
sie nicht herrlich? -- Benno krmmte sich, hauchte und verging.

Eine Symphonie, sagte Georg kauend und sehr an sich haltend.

Ja! Du sagst es! Sie ist wie -- wie das Meer. Wie das Meer ist sie fr
sich allein, auerhalb unsrer Festlandswelt. Und wie das Meer ist sie --
hast du's gesehn? -- leicht in leichter Bewegung nach auen, gern willig
jedem Winde -- sahst du das Spiel ihrer feurigen Augen? -- am Grund aber
immer still und nie bewegt. Das ist ihr Zauber, du wirst es sehn. Der
Zauber der seltenen Stunde -- wir sehn sie nie --, wo sie einmal mit
allen tiefsten Wassern und ihrer wunderbaren Bevlkerung aufbrechen
wird. Wer wird den ganzen Schrei ihrer Seele hren, wenn die Schiffe
ratlos untergehn?

Ja, wer? wiederholte, schwer sinnend, Georg.

Eine Weile waren sie Beide still. Der Kellner unterbrach, Benno mit
Fisch zu bedienen, Benno fing an, sich vorzulegen, legte Messer und
Gabel wieder hin und sagte, kaum hrbar vor innerster Andacht:

Sie steht auf einer solchen Hhe, -- oder besser -- in einer solchen
Ferne von uns! Ist ihre Schnheit nicht zwischen ihr und allem? Du wirst
es sehn, Georg, sie ist ganz fr sich allein. Sie ist wohl unter uns,
ja, sie nimmt teil, wie ein Engel teilnimmt, mit seinem Handeln, doch
nicht mit seinem Wesen, -- wir sind nicht ihre Angelegenheit, sie -- sie
erwidert nur, sie ist immer beschlossen in sich, wie -- wie in
Waldtiefen, wie Echo ...

Und du meinst, sie mte sehr tief strzen aus solcher Hhe?

Ja, mu sie nicht?

Warum, Benno, das ist mir nun nicht klar. Warum sollte sie durchaus
strzen? Durch einen Andern, einen Menschen, den -- also den sie liebte,
nicht wahr, und der ihrer -- nicht wrdig wre? Freilich, vor Irrtum
schtzt auch die Schnheit sie nicht, aber -- Liebe, nicht wahr, ist
doch immer Irrtum, aber -- Woher hab ich das eben, dachte Georg hastig
zwischenein, wer sagte das noch --? -- Er fuhr fort: -- aber die Liebe
selbst, die Liebeskraft, auf die es allein ankommt, die bleibt doch vom
Irrtum unbeschadet, die -- nicht wahr -- besteht doch in sich selbst, --
ich wei nicht, ob du ...

Benno schwieg eine Weile, mit seinem Fisch beschftigt.

Ich meinte etwas andres, sagte er dann. Ich meinte -- die
Verstrickung berhaupt, wenn sie unter die Andern gert, -- wer mchte
sich erdreisten! Verstehst du nicht? Und -- sie ist doch tausendmal
feiner als wir geformt, -- sie wird -- zerbrechen.

Feiner geformt -- ja, das ist wieder was andres, das kannst du sagen.
Aber -- abgesehn davon, da ich sie bei all solcher Feinheit doch fr --
ich mchte fast sagen: standfest halte -- warum berhaupt: zerbrechen?
Und warum, Benno, das versteh ich nicht, warum sollte ihr Schicksal
darum furchtbarer sein als ein andres, das an sich auch furchtbar ist?
Warum --

Wer hher steht, strzt der nicht tiefer?

Georg, eigentmlich gereizt von dem bestndigen >hher<, sagte trocken:

Wer sagt dir denn nun eigentlich, da sie hher steht, Benno? Wir --
versteh mich recht! -- Er legte ihm, der sich entsetzt zurckgeworfen
hatte, die Hand auf den Arm und fuhr, schwankend zwischen Begtigung und
heftigerer Gereiztheit, fort: Wir, nicht wahr, -- wir, die wir sie so
schn sehn, wir stellen sie hher, aber darum tut sie's doch nicht
selber mit sich! Sie vergleicht sich doch nicht mit Andern, oder meinst
du? Wie kann man die Dinge so von auen sehn, nicht wahr?

Benno schwieg hartnckig. Pltzlich fiel Georg ein, da -- wie es
schien, Bogner ihm einmal etwas ganz hnliches gesagt hatte. Da aber war
er es gewesen, der das bestritt. Sollte er sich inzwischen so ...? Wann
war es doch noch? Damals war von Anna die Rede, -- richtig, an dem
merkwrdigen Tage im Juli, es war ein Gewitter ...

Georg geriet abirrend in peinliche Erinnerungen und Vorstellungen von
Anna. Helenenruh, Jason, der Park, Annas Zimmer, die Umarmung, -- kalt
und unverstndlich, hlich anzusehn, als blicke er heimlich in ein
fremdes Zimmer, beobachtend wider den Anstand, -- all das verschwamm vor
seinen Augen, bis langsam Bennos Hand darunter zum Vorschein kam, die
groe, rtliche mit knochigen Gelenken und den, Georg unangenehmen,
allzukurz geschnittenen Ngeln, unter denen die Fingerkuppen
hervorquollen, die jetzt den Griff des Fischmessers preten, da Benno,
gesenkten Kopfes dasitzend, die Grten auf dem Teller aus dem Rest
flssiger Butter herausscharrte. -- Ganz versunken in Gedankenlosigkeit
hrte Georg sich selber sagen:

Das ist wieder so eine Herumspintisiererei an Andern! Was wissen wir
davon, wie sie ist? Und vor sich selber steht sie doch vergleichslos,
wie wir alle, jedenfalls in jedem ernsten Augenblick.

Er gab sich einen Ruck, richtete sich auf, sah den Kellner den
Silberbecher vor sich stellen, tauchte die kleine Schaufel ins Eis und
redete weiter:

Du verklrst, Benno, immer verklrst du. Ja, herrlich, natrlich, aber
-- es ist ja wunderschn, du weit, wie sehr ich es an dir liebe,
obgleich ich fast wieder meine -- nicht wahr? -- es ist schn, wenn du
das Geringe, das Unscheinbare, das -- Verkannte so -- in deiner Art --
erhebst, immer das Gute aus dem Traurigen, Entstellten herausliest, --
aber -- nicht wahr? -- Das Seltne, Edle, Tchtige, Heilige -- das ist
verklrt durch sich selbst. Ich finde, da kann man nur Abbruch tun.
Nein, hchstens, wenn du sagst, da sie feiner, zarter, empfindlicher
geformt ist als Andre -- ja, so wird sie eben dadurch zu leiden haben,
auf andre Weise deshalb als Andre; darin wird dann ihr besonderes Leiden
bestehen, aber -- nicht wahr -- wo berhaupt Ernst zum Leiden da ist, da
findet sich -- Leiden, und dann ist das eine jedem andern gleich. Oder
glaubst du, Benno, ein Mensch knnte mehr zu leiden haben als ein
andrer?

ber seine Grenze hinaus leidet wohl niemand ...

Und wer bis an sie geht, Benno?

Benno betrachtete mit schwermtigem Ausdruck Fleisch und Gemse auf dem
versilberten Tablett, das der Kellner vor ihn hinsetzte, und meinte
schchtern, es sei wohl berhaupt kaum Ort und Stunde passend, um vom
Leiden zu reden.

Ich verklre auch gar nicht, Georg, fuhr er eifrig und mit
unglcklichem Augenaufschlag fort, niemals tue ich das, du verkennst
mich ganz! Ich sehe nur immer mich selber, wie klein ich bin, und vor so
viel Schnheit und Gre vielleicht auch die Kleinheit der Andern.

Wundervoll, Benno! Schlechthin erhaben! bemerkte Georg sardonisch.
Und das ndert nicht das geringste daran, da sie selber vor sich ist,
was sie ist. Wenn sie wirklich strzen sollte, strzte sie damit aus
sich selber? Oder traust du ihr zu, da sie vor sich selber steht und zu
sich aufstaunt wie --

Ach, du tust immer zynischer, als du bist!

Und du bescheidener, als du bist! grollte Georg und erhob sich, um fr
eine Minute zu verschwinden.

Zurckkommend fand er Benno bereits mit seinem Pfirsich beschftigt, sah
schweigsam zu, wie er fertig a, zahlte auch, und sie standen gleich
darauf vom Tisch auf, da Georg zur Eile trieb, ungeduldig, zu seinem
neuen Wohnsitz zu kommen.


                                  Park

Vor der Tr fanden sie einen Frhlingsregen, der so straff und krftig
durch den hellen Sonnenschein niederrauschte, da sie auf Georgs Zuruf
in Sprngen wie die Tertianer dreiig Schritt weit zur Straenecke
rannten und sich in die vorderste der dort haltenden Kraftdroschken
warfen. Sie waren aber -- jeder in seiner Ecke schweigsam die Freude der
Wiedervereinigung genieend -- noch kaum auf dem Platz vor den Kasernen
angelangt, als die Sonne mit breitem Strahlengefcher den Regen
endgltig nieder- und in die Flucht schlug. So lie Georg vor den
Eingngen der Alleen halten, sie sprangen wieder ins Freie und traten in
den breitesten, mittleren Eingang der drei Alleen, wo Georg mit
liebevollem Heimkehrbehagen die grauen Sandsteinpfeiler der breit
offenen Gitter begrte, dann den groen Fernblick, die Fahrstrae zwei
Kilometer weit hinunter bis zu den, aus blulichen und goldigen Dnsten
im fernen Ausschnitt erscheinenden Glasdchern und Glaswnden des
mchtigen Palmenhauses, jetzt klein erscheinend in der Ferne, ber und
ber glitzernd von feurigem Golde. Die braune, locker schollige Erde der
Fahrstrae war bedeckt mit kleinen Rauchsulen wie von tausend winzigen
Feuern, die nach oben verdampften.

Herrlich! sagte Benno. Siehst du: der Weg der Opfer zur Gralsburg.
Das Glashaus hinten erschien mir, als ich ein Junge war, immer als Burg
Munsalvsche, und besonders am Abend, wenn nur die Dcher und Kuppen in
roten und goldenen Feuern flammten, sah ich drinnen die erhhten Sitze,
alabasterne Sulen, den Zug der heiligen Frauen, und ich hrte den
Gesang der Templeisen.

Ja, das kann ich mir denken. Und -- siehst du -- die vier Lindenreihen
mit den kahl nach oben strebenden Zweigen -- sind sie nicht wie Ruinen
gotischer Gnge, aus denen die Wlbungen herausgebrochen sind? -- Ach
Gott sei Dank, da ich wieder hier bin! Sieh nur die entzckende
Fernsicht da links in den Park!

Auch dort lagen die noch graulich grnen Wiesen der Anlagen mit zartem
Buschwerk, mit den schwrzlich durchsichtigen Gruppen der Bume dampfend
in feuchter Blue und sanftem Golde, das in den Himmel von beseligtem
Blau leise verging. Weit und breit war kein Mensch zu sehn; sie gingen
langsam und sehr zufrieden zur Linken in die Fugngerallee, Benno, mit
pltzlichem Ruck seinen Mantel aufreiend und den Schlapphut vom Kopfe
schwenkend. Augenblicke spter brach Georgs Herz und Mund
unwiderstehlich zur Rede auf.

Ach, Benno, sagte er, seinen Arm ergreifend, um den Greren zum
Ausgleich wenigstens an sich heran, wo nicht herab zu ziehn, Benno, von
was anderm kann man denn jetzt reden als von Renate und von der Liebe.
Du hast recht, die Weinstube war unpassend. Jetzt streicht die Luft
durch das Herz und macht es geschmeidig mit Feuchte. Reden wir -- _de
amore_!

_De amore?_ sagte Benno vergnglich seufzend. _In amore_ scheinst du
ja seltsame Dinge erlebt zu haben.

Wieso, Benno? Wie kommst du darauf? Ach, dir liegt womglich noch der
Aphorismus auf der Seele, den ich dir einmal schrieb! Na, das war so ein
Span, aber -- du kannst mir glauben, ich habe mir frchterlich das Hirn
zergrbelt, namentlich in der letzten Zeit, wo ich schon ganz von Gott
verlassen war. brigens -- erinnerst du dich noch an Fliddridd?

Fliddridd? Benno erinnerte sich dunkel. So eine Rothaarige in
Helenenruh, im Bro deines Vaters, war sie das?

Das war sie. Nun ist sie Gott wei wo. Kaum war ich nmlich drei Tage
in Mnchen, so erschien sie bei mir und -- na, das Weitere ergab sich
aus der Lage. Als ich sie aber grade in eine Dame verwandelt hatte -- oh
sie hatte ein Teufelstalent! --, wurde ich aktiv, und die Natur der Lage
ergab, da wir uns wieder trennten. Aber ich habe gelernt von ihr, viel
gelernt ...

_In amore?_

Wie sardonisch du fragst, Benno! Kleine Erlebnisse und groe
Erfahrungen. Erlebnisse sind wie Zwiebeln; man mu viele Hute
auseinanderwickeln und gelangt zum fabelhaftesten Kern mitunter. Einen
fand ich -- -- ja, leider kann ich ihn dir nicht beweisen, vielmehr ist
grade der eher ein Gefhl, das aber so pltzlich erkenntnishaft vor mir
aufflammte, da ich erschrak. Das war nmlich die Erkenntnis, da --
hre zu, Benno! -- da jenes Wollustempfinden des Liebesaktes in
Wahrheit keine Lust, sondern vielmehr ein ungeheurer Schmerz ist.

Zusammenfahrend blieb Benno stehn, blickte erschrockenen Auges auf Georg
und stie hervor:

Aber das ist unerhrt, Georg! Was sagst du! Fast aufs Haar dasselbe
habe ich einmal gedacht. Nein, nicht gedacht, -- ich sah es vor mir, ich
fhlte es, es mu so sein! Wie michs da schauderte!

Sich losmachend, strmte er vorwrts, an Georg vorber, erhobenen
Hauptes, mit schlenkernden Armen und flatterndem Mantel. Georg holte ihn
wieder ein, packte ihn und fragte, wie er darauf gekommen sei.

Eigentlich -- durch Lektre. Ich empfand bei einem deiner Briefe -- du
weit welchem -- meine Unkenntnis in vielen Dingen und suchte mich zu
unterrichten. Meine Schwester gab mir einige Bcher und Schriften, ich
las und las, -- alles war wundervoll und erschtternd, die ganze Natur
... Nun, und eines Nachts, auf einmal, ich lag wach -- da fuhr dies auf
in mir. Es hing aber damit zusammen, da ich von den niedrigsten Tieren
gelesen hatte, den einzelligen, die sich durch Spaltung vermehren, durch
Zerreien. Und da --

Das ist es, Benno, das ist es ja! fiel Georg entzndet und hingerissen
ein. Zerreien denn nur die Einzeller? Wir selber, wir spalten uns
doch, spalten uns -- in uns selber und in das Gezeugte, das Kind, den
neuen Menschen. Wir zerreien, es ist ein tdlicher Vorgang und -- ja,
nun vor allem der Vorgang selber! Hast du's erlebt, Benno? Benno
schttelte, hastiger schreitend, den Kopf. So la dir sagen, Benno, der
wahre Vorgang ist nichts weiter als ein seelisches Sterben. Das
Bewutsein -- nicht wahr -- wird im Organismus dem Leibe ausge-- ja,
ausgerissen wie ein Heidelbeerstrauch, alle Wurzeln triefend von
Lustbluten. Ah, Benno, dieser Krampf, dies Auslschen aller Sinne und
der Seele, das sollte eine Lust sein? Wir haben eine Lust daraus
gemacht, ich wei nicht wie, aber wir haben. Schon die Einzigkeit des
Vorgangs widerspricht ihm ja, oder wo gb es noch eine zweite Stelle
unseres Leibes, die imstande wre, so Lust anzustrahlen, wie Schmerz aus
einer Wunde, unsgliche Lust, die dein ganzes Dasein dermaen
umkrampfte, zusammenprete und vernichtete. Aber gleichviel! Und
hinterdrein, Benno -- ich wei nicht, ob du den alten Spruch kennst:
_Omne animal triste post_ ... Nun, nicht wahr, du verstehst, was er
besagen will. brigens ist es keine Traurigkeit eigentlich; das erste
Mal, als ich selber noch nicht Bescheid wute und natrlich dachte, mir
allein widerfhre dies, schien mirs Traurigkeit, aber es ist keine, es
ist -- -- Verzweiflung, eine ganz kalte Empfindungslosigkeit, die der
vlligen Verzweiflung so gleich ist wie ein Haar dem andern, und die wir
nur deshalb nicht ganz als solche empfinden knnen, weil wir -- schlaff
sind, matt -- und immerhin noch durchschwellt von der eben erloschenen
Lust. Und was wre der Sinn davon, was kann er nur sein? Der Sinn ist,
da wir im Augenblick der Zeugung, oder vielmehr durch die Tat der
Zeugung -- was tun, Benno? Uns selber vernichten, unsern Tod besiegeln.
Warum? Weil wir, wenn wir ewig lebten, keine Nachkommen zu schaffen
brauchten, einfach! nicht zeugen wrden. Zeugung ist Notzwang des
Todes.

Georg! Benno wehrte sich, seitwrts strebend, mit Kopf und Armen.
Welch ein furchtbarer Glanz breitet sich da ber die Liebe!

Georg zuckte die Achseln.

ber die Liebe? Ich wei nicht, wie du das meinst, Benno. Vorlufig nur
ber die Zeugung. Ich aber glaube vielmehr zu wissen, da eben die Liebe
-- das, was uns Liebe ist, leibliche und seelische Hingerissenheit zu
einem Andern -- mit diesem, mit der Zeugung gar nichts zu tun hat. --
Halt, Benno, lauf nicht davon, hier haben wir das Schlo!

Sie blieben stehn. Jenseits der weien, chaussierten Fahrstrae zur
Linken waren Bume und Gebsche zu einem gewaltigen Ring um das
Rasenrund geschlossen jenseits dessen die graue, vielfenstrige Front des
Schlchens sich erstreckte mit flacher, von Kandelabern flankierter
Rampe in der Mitte, flachem Giebeldreieck und den Schwellungen der
Ochsenaugen im schwrzlich roten Dach. In geringem Abstand links davon
ragte der dunkelrote Rundturm der Sternwarte, zinnengekrnt und ohne
sichtbares Dach, in seinem schief hngenden Mantel von schwarzem Epheu,
ber den umgebenden Ring kleiner, runder Akazienwipfel, von denen zwei
ber der Tre ineinandergeflochten waren.

Sie standen eine Minute beieinander, sich zum Anschaun zwingend mitten
in ihren erregten Gedanken, und gingen dann langsam ber den Damm, den
am Rasenrund hinunter fhrenden Weg in der Richtung des Schlchens; als
aber eine Bank am Wege stand, lieen sie sich in schweigsamem
Einverstndnis darauf nieder.

Es war recht warm geworden. Das zarte Licht berquoll seelenvoll die
Unvollkommenheit der jugendlichen Natur, die sich durchschauen lie in
allen Tiefen, von berallher bedrftige Arme und Spitzen nach oben
streckend, Ksse des Lichts zu empfangen, von denen sie pltzlich
ergrnten, schattenlos, luftig zitternd im hauchenden Golde.

Ach, es ist schn, Benno, es ist wunderbar schn hier oben im Norden!
Es ist so wenig, und im Wenigen so viel, wenn einem die Brust aufgeht,
nicht wahr?

Georg stellte seinen Stock vor sich auf, setzte das Kinn auf den
Goldknopf, zog die Lider zusammen und blinzelte behaglich im Gefhl der
Sonne, die seinen Rcken durchwrmte. Und er lchelte, Bennos lauschende
Haltung zu gewahren -- wie frher so oft --, die andchtige
Zuhrerattitde, in der er sa, das rechte Knie berm linken, den
Oberkrper fast gerade, den Hut auf dem Knie, das Gesicht mit dem
verschleierten Blick ein wenig vorgestreckt am berlangen Hals, immer
ein wenig Wehmut in den ueren Augenwinkeln, im Hngen der Nase und des
Schnurrbarts.

Sprich weiter, Georg, hrte er ihn sagen. Das Letzte verstand ich
noch nicht. Warum sollte Zeugung nichts mit Liebe zu tun haben? Er lie
die Hand fallen und krmmte sie offen. Ist nicht im Gegenteil dies die
vollkommene Vereinigung der Liebenden, Leib in Leib und Seele in Seele?

Georg fing an, im feuchten Erdreich Striche und Bogen zu ziehn. Dann
sagte er langsam:

Nein, Benno, eben das ist es ja, was ich erfuhr. Es giebt keine
Vereinigung. Die Krper vereinen sich freilich, aber -- ich sagte es ja:
die Seele erlischt. Wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie sich selbst
nicht mehr fhlt? Und wie kann sie Liebe empfinden, wenn sie in kalter
Verzweiflung liegt? Ich gebe ja zu -- nicht wahr -- einen Ausdruck kann
Liebe auch hierin finden, einen unter vielen, nicht einmal den hchsten.
Nein, sieh mal, die Sache sieht vielmehr so aus. Dies hier -- Er zog
einen kurzen senkrechten Strich mit der Stockspitze im Erdreich -- dies
hier -- ist der Mensch. Und dies hier -- er stie zwei Schritte links
von dem Strich die Stockspitze in den Boden -- dieser Punkt ist -- der
Tod. Und nun -- von den Enden des Striches zwei Linien zu dem Punkt,
dann noch mehrere innerhalb der ersten ziehend, so da ein Bndel
Strahlen vom Punkt zum Strich hinlief -- dies hier sind -- du mut dir
tausend mehr solcher Strahlen vorstellen -- sind die tausend und mehr
Fden der Todesngste, der tausend Wege, auf denen der Tod den Menschen
in sich hineinzieht. Ihnen zu erwidern erfand das Lebendige ebensoviel
tausend Widerstrahlen der Lste, aller Freuden, Wonnen, aller
Lebenskrfte berhaupt, der Wnsche, Sehnschte und -- der Liebe. Sich
im andern Menschen zu genieen, zu ergnzen, wie du es nun nennen
willst, das ist Liebe. Du kannst aber einen Menschen lieben oder -- die
Kunst vielleicht, die Wissenschaft, die Jagd, die Natur, die Musik,
chinesisches Porzellan oder Gedichte von irgendwem: all das sind
Strahlungen der Lebenskraft und der Liebe, einer dem andern ganz gleich.
Alles Arten der Lust. Zeugung dagegen ist und bleibt Schmerz, nicht
wahr, nur haben wir diesen Schmerz auch in Lust verwandelt, denn -- wer
wollte sonst zeugen wollen? Wir sind nicht nur belagert vom Tod, sondern
er selber, nicht wahr, -- ist mitten in der Festung und berliefert sie
am strahlenden Festtag dem Feinde, sich selber, in die Hnde. Kannst du
etwas einwenden?

Benno sa still da, die Augen auf die Zeichnung im Sande geheftet.
Endlich, den Kopf leise hin und her bewegend, sagte er:

Einwenden nicht. Es kommt mir nur -- diese Trennung, die du da
vornimmst -- sie kommt mir unsagbar traurig vor.

Das scheint so, Benno, glaube mir, es scheint nur so! Aber es ist doch
anders. Sieh mal, ich dachte so: In einer Menge von Bchern, zuletzt
glaube ich und besonders deutlich bei Strindberg, fand ich diesen
Zwiespalt: Ein Mensch -- jung, so wie wir, oder noch jnger -- hat durch
Erziehung, vor allem durch die christliche Lehre, die Meinung aufgepret
bekommen, da -- der Liebesakt, nicht wahr? -- etwas Schimpfliches,
etwas Unreines, ja Tierisches sei, so da er, der doch diesen Trieb so
gewaltig empfindet, sich selber unrein vorkommt, unrein auch die, an
denen er ihn auslassen soll, also womglich -- die schne Geliebte
seiner Seele. Und gesetzt gar, er htte eine solche und fhlte sich doch
-- nicht wahr -- gentigt, anderswo Befriedigung zu suchen, -- welche
Kmpfe nun erst fr und wider diese vermeintliche Untreue! Und da nun,
Benno, da tritt meine Erkenntnis vor und zerhaut den Knoten und macht
mich frei. Ein Trieb hier -- kein schmutziger natrlich --, sondern ein
einfach natrlicher -- -- und ein andrer, mehr seelischer, nicht wahr,
die Liebe -- dort, -- das sind die beiden zertrennten Stcke, tote
Wurmteile, die mich nicht mehr belstigen sollen. Georg packte seinen
Stock in der Mitte.

Aber, wagte Benno leise zu erwidern, die Geliebte selber -- wird sie
auch so empfinden knnen?

Das, mein Benno, lachte Georg, das ist wieder was andres! Im
praktischen Dasein kann das natrlich zu Verwicklungen fhren, aber --
die Hauptsache, nicht wahr? -- bleibt -- das eigene Gefhl der Unschuld,
das Bewutsein, nicht im geringsten treulos werden zu knnen. Die
Tatsache fllt dann unter die vielen andern sozialen Dinge, die verboten
und geheim geduldet sind, die man regeln mu nach seinem Gewissen, und
-- nun, du verstehst schon.

Benno schwieg. Georg lehnte den Rcken an die Bank, streckte die Beine
von sich und schlo die Augen.

Ach, Benno, sagte er nach einer Weile, ich bin ja so glcklich!

Ich auch, Georg, ach wie sehr! und so dankbar und --

Denn -- wenn ich nun an Mnchen denke ... diese langweiligen Gesellen,
mit denen ich reden mute, immer dasselbe -- -- und mich nun hier finde,
in meinem breitesten Egoismus redend und redend, was mir einfllt, und
keiner starrt mich an wie von Sinnen und brllt endlich, ich wre ein
Idiot und mte in die Kanne steigen, bis ich verreckte ... heulen knnt
ich dann, Benno. Und sieh mal. Die Augen schamvoll immer geschlossen
lassend, fuhr er leise fort: Liebe und Freundschaft -- da kann man fast
anfangen zu schwanken. In der Liebe -- nicht wahr? -- da bleibt doch
immer, so tief, so rein, so glcklich sie sein mag, ein -- ein Zwang,
eben der Zwang, lieben zu mssen, weil doch nun einmal diese Beiden,
Zeugung und Liebe, seit Jahrhunderttausenden fr uns in einer Wurzel
steckten. Zur Liebe sind wir verurteilt, Benno, Freundschaft aber ist
freiwillig. Ja, das wollen wir zuweilen bedenken, wenn wir spter den
Notweg gehn, jeder in seiner Richtung, den seligen und tdlichen Weg der
Liebe.

Er schwieg, sehr ergriffen von sich selbst. Dann sprang er auf,
murmelte: Gehn wir! und eilte, ohne sich um Benno zu sorgen, den Weg
voraus, der in die Fahrstrae vor dem Schlchen mndete.


                                  Saal

Indem Georg auf die kleine, zwischen der Rampe und der Hausecke ungefhr
in der Mitte liegende Tr zuging, ffnete sie sich von drinnen, und es
erschien -- ohne Zweifel Moses, -- d. h. der Hauswart, den Georg sich
allerdings hchst anders vorgestellt hatte, denn es war ein groer,
schwer gebauter Mann, der -- mit mchtig wallendem, aus schwarzem und
weiem Haar gemischten Bart, glnzenden, schwarzen, ein wenig
geschlitzten Augen unter buschigen, an den Enden aufwrts gedrehten
Brauen, ja sogar mit einem, in die hohe Stirn gestrichenen Haartuff,
neben dem unsichtbar zwei Hrner zu stehn schienen, aufs Haar wie Moses
aussah, jedoch blo Vgelein hie.

Ah, Herr Vgelein, nicht wahr? rief er ihn gleichwohl an, gr Gott!
ich bin Prinz Georg. Haben Sie meinen Brief bekommen? Alles in Ordnung?
Die Tren offen, ordentlich Durchzug gemacht? Nein, immerzu dienern und
freudig lcheln mte man nicht, dachte er, wenn man so aussieht wie
Moses. Ja, nun sagen Sie mal, fuhr er leutselig fort, ich werde also
hier wohnen. Sind Sie verheiratet?

Moses dienerte und freute sich sehr. Freilich, freilich, Durchlaucht.
Es ist die dritte.

Na, dann mssen Sie ja Erfahrungen haben. Wie ist es aber: haben Sie
Kinder?

Leider nein, Durchlaucht. Es sollte nicht sein, bekannte er wrdevoll.

Ja, fr Sie tut mirs dann auch leid, aber mir ists schon lieber, wegen
des Geschreis, wissen Sie. Und Ihre Frau -- kann sie vielleicht kochen?

Sie war ja Kchin, Durchlaucht.

Groartig. Wo steckt sie denn? kann man sie nicht sehn.

Ach, Durchlaucht, sie hat ja man solche Zahnschmerzen. Sie ist ganz
entstellt. Da mochte sie nicht.

Ach herrje! Ist sie denn beim Arzt gewesen?

Das will sie ja nicht. Sie ist solch 'ne starke Frau, aber vorm
Zahnarzt, Durchlaucht, da haben sie doch alle bannige Angst. Bannige.

Na, hoffentlich gehts doch vorber. Also, Benno, gehn wir hinein. Sie
knnen dann gehn, Herr Vgelein, gren Sie Ihre Frau, und gute
Besserung!

Herr Vgelein dienerte, Georg trat ins Haus, wo gleich vom Eingang aus
vier Stufen zu einem kleinen, der Lnge nach vor ihm liegenden Flur
emporfhrten. Weie Tren standen berall offen, Georg blickte in die
nchste rechts und sah in eine Flucht von Zimmern mit Seidentapeten,
Bildern in Goldrahmen und farbigen Sesseln und Tischen, frisch
aussehend, augenscheinlich aus berzgen gelst, glnzend im vollen
Nachmittagslicht. Einen Schritt weiter im Flur zweigte ein langer,
dmmriger Korridor -- weie Tren berall -- ab, der hinten gegen eine
grere Flgeltr verlief.

Dahinten ist der Saal, Benno, sagte Georg, nun komm, nun werde ich
dir etwas zeigen.

Sie gingen hinunter. Ja, der Saal war dort, und im Saale der Tisch, der
Tisch des Vertrages. Georgs Herz fing sonderlich an zu klopfen. Er
ffnete die Tr. Richtig: mitten im gerumigen, mit blassen
Freskogemlden ausgezierten Saal, der die ganze Tiefe des Hauses
einnahm, stand einsam auf goldenen Beinen mit Lwenfen der historische
Tisch mit der rtlich wei glnzenden Achatplatte.

Benno trat, sich umschauend, an eines der nach hinten hinaus liegenden
Fenster, Georg, von einem sehr tatschlichen Ernst unvermutet
berkommen, an ein andres und hatte einen sehr angenehmen Ausblick ber
den durchsichtigen Parkstreifen mit seinem wasservollen Graben, ber die
Wiesen dahinter, die Laubenkolonien, fern ber die unregelmige, neu
aussehende Huserwand der Fabrikstadt jenseits des unsichtbaren Flusses
und endlich den Wald der Fabrikessen. Die, dachte Georg, werden mich
nicht stren, eher beruhigen in ihrer stillen Ferne. Er sah sich um. An
den Wnden des Saales war die Stukkatur und Vergoldung etwas verkommen,
einige rtliche Gesichter sahen aus schwarzem Grunde und mattgoldenem
Rahmen von hoch oben herunter; von der kassettierten, schlecht und recht
ausgemalten Decke hing als formloser Leinwandsack der Kronleuchter. Da
auer vier, neben die Tren gerckten Lehnsthlen und dem historischen
Tisch keine Mbel sich im Saal befanden, war die Luft kampferfrei und
gut. Georg trat an den Tisch.

Die Achatplatte erinnerte ihn in diesem Augenblick an eine andere,
kleinere, die auf dem Schreibtisch seines Vaters in Helenenruh lag.
Welch eine Stunde damals! Ach, und welch ein Tag! Aber die Achatplatte
war historisch. Auf ihr hatten die Unterarme Napoleons geruht. Auf ihr
hatte der sanfte Trassenbergische Astrolog jenen Sondervertrag mit dem
Kaiser abgeschlossen. Napoleon war gekommen, um sich sein Horoskop
stellen zu lassen. Wie hatte es sich doch zugetragen?

Georg verlor sich in Erinnerungen und Trume. Da sa der gute Benno
zusammengesunken auf einem Stuhl neben der Tr, blickte durch die
Fenster hinaus und war gewi glcklich. Wann htte er je gestrt? Er
wird sicherlich in das Paradies kommen und seine Mutter wiedersehn,
dachte Georg gerhrt. Aber wie steigt auf einmal alles auf um mich! Ich
htte doch die Memoiren besser lesen sollen, aber was verstand ich von
all den astronomischen Tafeln und Tabellen, den astrologischen
Konstellationen und Husern der Himmelsbewohner? Und die Frsten, deren
Horoskope verzeichnet waren, kannte ich kaum.

Jhlings schossen Gedanken von allen Seiten auf ihn; zwei blitzten
heraus: Renate! und: ich kann Herzog werden! Renate Herzogin. -- Dann:
das Horoskop Bonapartes! Wie war es doch damit? Er mute sich erinnern.

Weit du eigentlich, Benno, da ein Ahnherr von mir Napoleon das
Horoskop gestellt hat? Das heit -- es kam eigentlich nicht dazu. Ich
habe es in den Memoiren selbst gelesen; es schauderte mich seltsam,
denke dir nur: die Laufbahn des Eroberers, festgelegt -- nicht wahr --
seit onen. Glaubst du daran? Und warum nur der Eroberer, der Groen?
Und die unsern, Benno? Damals kam es nun so, da Georg der Siebente
zuerst das Vergangene im Schicksal Bonapartes nachprfte und bis ins
kleinste richtig befand. Die obskure Geburt, nicht wahr, Zahl der
Nachkommen, Krnung, die Pyramiden, Marengo, die Dreikaiserschlacht,
Protektor des Rheinbundes. Damit schlo damals die Bahn. Und Napoleon?
Er tat etwas Fabelhaftes. Er verzichtete auf das brige. Er sagte ...
Denke dir, Benno, den Frhling fort, und Nacht; hier drei Kerzenflammen
-- nicht wahr -- mitten im beschatteten Saal, widergespiegelt in diesem
Achatgeder. Im Sessel also, im Schatten zurck, der Kaiser, die Finger
der Linken zwischen den Knpfen der Weste, die Rechte hngt herunter, er
schweigt. Und dort am Fenster mein sanfter Ahn, den kannst du dir wie
Seni denken, -- der vielleicht schon alles wei: die brennende Stadt,
den Leichenflu, die Karawane im Schnee, die flchtende Karosse von
Belle-Alliance, das neue Knigtum, nicht wahr -- Helena. Und wute ers
nicht, wuten es doch die drauen, die stillen, goldenen Geister, die
himmlischen Schreiber, die Legion uralter Augen. Still, Benno, hr zu.
Aber der Franzose am Tisch sagte langsam: Nein; er wolle nichts wissen,
denn -- das waren seine Worte: >_Ce n'est pas contre mes toiles, mais
c'est pour elles que je combats._< Und nach einer Pause: >_Je les veux
remplir, moi, sans savoir!_<

Benno drben wiederholte leise und andachtsvoll: Nicht gegen meine
Sterne, fr sie fecht ich!

Aber danach, nicht wahr, hat er seinem Astrologen den Beitritt zum
Rheinbunde doch ungemein warm ans Herz gelegt; er frchtete wohl doch
den allwissenden Mann im kleinen deutschen Schlo. Dem lag aber mehr
daran, im Lande zu bleiben -- Georg verstummte und ergnzte sich
stillschweigend: -- als ber sein Land mit fremder Hlfe zu herrschen --
und dann wute er ja auch alles zuvor --, also: Herzog in Trassenberg.
-- Georg sah die drei Leuchterflammen durch den Saal schweben, vor
ihnen, hell beleuchtet, den grnen Uniformsrcken und das schwarze Haar
des Kaisers, und seinen Schatten, der vor ihm die Tr ausfllte und an
der Wand emporstieg. -- Dann stellten sich zwischen seinen Lidern die
fernen Fabrikschlote mit ihren schwarzen Fahnen auf; Aprilwolken, wei
und leicht, wimmelten im dichten Geschwader ber den Himmel. Im Garten
zwitscherte es. --

Ich wei wohl, dachte Georg, die Zeit ist zu keiner Romantik geneigt.
Aber warum sagte Papa mir das alles? -- Und am nchsten Morgen, zum
Abschied, gab es noch ein kaiserliches Bonmot von archimedischer Gre:
_Ne troublez pas mes toiles, mon ami!_ --

Georg setzte sich auf den Tisch und lie die Beine hngen. Ja, da sa er
auf des Kaisers Tisch ... Die Abfassung der Memoiren ward abgebrochen
infolge der langwierigen Verhandlungen des Wiener Kongresses und spter
nicht fortgesetzt, weil der Verfasser starb. Welche Entschlieungen
mochten ihn wohl dazu gefhrt haben, in die endgltige Mediatisation und
Zerteilung der Landschaft an Beuglenburg zu willigen, und vor allem
jenen Geheimabschlu einzugehn, nach welchem das Groherzogtum nur die
Oberhoheit auf hundert Jahre, gewissermaen kndbar ... Ob das alles
berhaupt heute noch gltig war? Aber sein Vater hatte doch ...

Und hundert Jahre nach jenem Tag, fast auf das Datum genau, wrde sein
einundzwanzigster Geburtstag sein. -- Er schttelte sich, es berlief
ihn glhend hei, er sprang auf, lief zu einem der Fenster und ri es
auf. Die Sterne! Da oben waren sie, auch jetzt, am lichten Tag, alles an
ihnen war unglaublich. Er liebte sie, oh! aber mit ihm sprachen sie nur
durch das Gefhl. Er war aber an sie gefesselt! Nein, das war eine
Parallelbewegung. Sie drckten droben in Linien von himmlischer
Schlichtheit aus, was hier unten sich wirkte, lste und knpfte, klarer
und mit ihrer ganzen, tausend Jahre alten Sicherheit. Hatte also der Ahn
gewut, da er, da Georg, ein Mensch ... Und deshalb jenen Vertrag ...?
Diese Trassenberge -- Astrologen, Philosophen, Sozialisten, der letzte
vielleicht nur ein Poet.

_Ce n'est pas contre_ ... Georg ging mit langen korsikanischen Schritten
im Saal umher. Da sa der gute Benno und wute nicht wohin schaun vor
Diskretheit. Durch das offene Fenster strichen Windwellen, Stargeschrei
wirbelte herein. Die Kastanien hatten groe, feuchte, blanke Knospen und
erinnerten an Kuhaugen. _Je les veux remplir, sans savoir, moi!_ Renates
Antlitz schwebte entzckend auf ihn zu. Er brach ab. Komm, Benno, wir
wollen Zimmer ansehn.


                                  Raum

Whrend sie den Korridor hinuntergingen, bemerkte Georg: brigens --
ein Onkel von mir wollte hier schon einmal wohnen, in denselben Zimmern
vermutlich, an die ich selber gedacht habe, aber er starb an der
Schwindsucht, als eben die Tapeten an die Wnde sollten. Na -- ich bin
gesund wie eine Kokosnu.

Warum denn Kokosnu? fragte Benno verwundert.

Ach, weil mirs so einfiel, mein Junge! lachte Georg. Ist so ein
schnes, tatschliches Wort nicht an sich genug? Aber wenn du willst,
denk: se Milch in gepanzerter Schale; aufs Haar so komm ich mir eben
vor.

Sie bogen um die Ecke in den kleineren Flur, Georg ffnete die Tr am
Ende, prallte aber leicht zurck vor dem unverhofft wsten Anblick
dieses Raums.

Hoch von oben, auf zwei groen, wagrecht ovalen Fensterffnungen waren
zwei mchtige, von Myriaden Sonnenstubchen schimmernde Lichtbalken in
den weiten, quadratischen Raum schrge hinuntergestellt. Hinter ihnen
waren die Lden der hohen Fenster -- nein, eines war eine Tr --
geschlossen und der Raum sonst mit goldner Dmmerung erfllt. Georg
schtzte die Hhe auf sieben Meter zumindest. Sie selber standen vier
Stufen hoch ber dem Boden, der mit Mrtel, Bruchsteinen und
Tapetenresten und -rollen lose und in Haufen bedeckt war. An den Wnden
nacktes Mauerwerk. Prachtvoll glitzerte oben im Winkel ber dem rechten
Lichtoval ein riesiges Rad von Spinnennetz. Es roch heftig nach Steinen,
Tapeten und dergleichen fauligen und unbestimmbaren Dingen mehr.

Das, Benno, das wird aber bald anders aussehn, brach Georg mit
Begeisterung los. Gieb acht, ich will dirs beschreiben! Zuerst hier,
diese Stufen werden zwei kstliche uralte Holzgelnder bekommen -- ich
fand sie in Aibling unten bei einem Klosterbauern --, geschnitzte
Apostelfiguren unter einem breiten Dach, fast schwarz von Alter. Dann
kommt hier rechts in die Ecke ein Kamin, und da wird aus einem runden
Tisch, tiefen Sesseln und einer Hngelampe -- mit solch einem mchtigen
Umhang, violett oder goldgelb oder tannengrn, wie's am schnsten wirkt
-- ein kostbarer Abendwinkel gebildet. Die Wnde aber -- ja, die werden
sich mindestens -- fnf Meter hoch mit Bcherregalen bedecken, die aber
Zwischenrume unter sich lassen, halbmeterbreit, und dahinein kommen so
-- Gestelle mit Kbeln voll Blumen, -- ja, das mut du dir ausmalen fr
alle Jahreszeiten, -- aber denke dir nur: groe Gefe von Stein oder
Kupfer oder chinesische Paukenbecken von Bronze und darin -- sagen wir
-- zweihundertfnfzig dunkelrote, eifrmige Tulpen, an grnen, weichen
Stielen ber den Rand geneigt, oder -- an anderer Stelle -- ein ganz
dnner Mandelbaum mit zehn kerzengraden Spieruten voll rosiger
Korallen. Ha, Benno, was sagst du? Und die Bcher werden alle in die
Regale tief hineingeschoben, so da vor ihnen noch Platz bleibt fr alle
mglichen Erlesenheiten, Vasen mit Blumen hier und da und dann, was ich
so habe: kleine Scharen von japanischen Schnupftabaksphiolen aus Jade
und Glas, blauem, weiem und grnem, und kleine, geschnitzte Hausaltre,
innen vergoldet mit dem Buddha im Lotos, und persische Federksten von
unbeschreiblicher Lackmalerei auf ganz glhend goldigem Grund, und
persische Steintpfe, diese grauen mit blauen Ornamenten, weit du, und
Tonschalen, durchbrochene, wie aus Papier, aus den urltesten Dynastien.
Bunte Chinesenschalen ferner, und dann die kstlichsten Figuren und
Gruppen aus Frankenthal und Hchst und Meien und weie und violette
Statuetten aus Kiel und durchbrochene Krge aus Mnden und Terrinen aus
ich wei nicht wo, -- all die glnzenden, khlen, glatten Farben, so da
alles das lebt, Bcherrcken und Bchergeist, Blumen und Kunstwerke sich
miteinander zu _einem_ Schimmer von atmendem Leben vereinen, -- wirds
was, Benno?

Und an die Erde? hauchte Benno in trumendem Entzcken.

Auf den Boden? Du wirst hinknien, Benno, hinknien auf die, nein, vor
den Wundern des Bodens, denn das werden -- oh Benno! -- das werden
Bucharas sein, Bucharas, Benno, das Herz zittert mir, wenn ich dran
denke, Bucharas aus Konstantinopel mitgebracht, Ornamente und dunkle
Silberfarben in braunem Purpur, Seide, Benno, Seide, wie Eisen so
schwer, und sie stehn, wo du sie hinstellst, sie stehn! Du kriegst die
Hnde nicht los von ihnen, wenn du sie einmal angerhrt hast. Sie sind
von Gttern verfertigt, und wir werden darauf schlafen mit unsern
Kniginnen. Aber weiter! Weit du nmlich, was vor die Fenster kommt?
hast du eine Idee, Benno? Ein Vorhang, mein Teuerer, _ein_ Vorhang ber
die ganze Breite und Hhe hin, der am Abend lautlos von den Seiten, fast
ohne Falten seinen tannengrnen oder auch mausgrauen Sammet
zusammenschliet, und davor -- ja davor kommt das Kaiserliche zu stehn,
-- in Florenz lie ich ihn herstellen -- der Penserioso aus dunkelster
Bronze auf einem kleinen Postament. Siehst du ihn, Benno, siehst du ihn,
wie er sitzt und ewig nachsinnt, der Wunderbare?

Ja, Benno sah ihn; er sah ihn leibhaftig und schauderte fast. Georg, du
bist ein Held!

Ach, ausgerechnet, Benno! -- Ja, das wre dann wohl alles, nun kannst
du -- ja so, den Schreibtisch haben wir vergessen, der kommt aus
Trassenberg, ein alter deutscher Eichentisch, mit gewundenen Beinen, den
ich links und rechts von gesttzten Platten verlngern lasse, denn ich
brauche Raum beim Schreiben, und er kommt in die Mitte vom Ganzen.
Einverstanden? Dann also, Benno, entznde deiner Phantasie eine
Opferkerze und la dir schildern -- nach diesem Vorbilde etwa --, wie
deine eigenen Zimmer aussehn werden. Kunstsachen habe ich im berflu,
du brauchst dir nur auszusuchen, und wenn was fehlt, fahren wir in die
Gegend und sammeln. Nun komm, wir sehn noch das Speisezimmer. Schlaf-
und Badezimmer kommen drben auf die andre Seite ... Und ein drittes
Zimmer, doch das verheimlichte Georg, sogar zur Hlfte vor sich selber.

Sie gingen nach links hinber durch den Raum. Das Nebenzimmer, weniger
gro, streckte sich von den Fenstern aus in die Tiefe. Hier entliefen
die Ratten quietschend aus den Mrtelhaufen, aber das Nachmittagslicht
erfllte fast blendend eine glserne Apsis an der langen Wand, -- das
Ende des Hauses.

Wie dies hier wird, wei ich noch nicht genau, -- aber das wei ich,
Benno, da in der Apsis da ein ovaler Speisetisch stehn wird unter einer
Blumenampel, und an ihm, Benno, an ihm schlemmen und demmen wir mit
unsern zwei Mtressen. Was sagst du, Benno? Er packte den in Andacht
Verleuchtenden an den Schultern, schttelte und schwenkte ihn herum und
sang dazu in hchster Ausgelassenheit:

   Da schlemmen wir und demmen
   Mit unsern zwei Mtressen,
   Wir lassen uns nicht hemmen
   Und schmen uns nicht dessen!

Gott im Himmel Lob und Dank! sthnte er endlich mit letzter Inbrunst,
Mnchen liegt hinter mir, Mnchen war ein bser Traum, ein Alp, eine
Erfindung. Nun wollen wir anfangen zu leben!

Sprachs, packte Benno am Rockscho und fuhr ab mit ihm durch die Rume,
ber Stufen, den Flur hinunter ins Freie, wo es dann Benno gelang, seine
Hnde zu fassen und fast aus den Gelenken zu schleudern vor
berstrmendem Gefhl.

Danach schlenderten sie, noch aus Beschmtheit ein wenig und schon aus
Gewohnheit wieder schweigsam, die Allee hinunter und weiter bis ins
Zentrum, verabredeten, am Abend die Oper hren zu wollen -- Figaro!
Benno strahlte; nein, seine Mutter wrde nichts dagegen haben -- und
schieden. Georg begab sich zum Hotel, um seine Briefe zu schreiben,
indem er schon, mhsam sich sammelnd, an den Worten fr Magda zu
arbeiten begann. Ach, er wrde ihr gut schreiben, sehr gut ...


                             Achtes Kapitel


                              Hotelzimmer

In der Halle meldete der Pfrtner Georg, sein Vater warte bereits seit
drei Stunden auf ihn.

Mama! durchzuckte es Georg, doch das war ja Unsinn; dann wre sein Vater
nicht hier, aber hundert ngstliche Erwartungen im Gehirn lief er die
Halbtreppe hinauf. Im Zimmer sa sein Vater und rauchte, halb verhllt
von den grauen und blauen Rauchschwaden. Georg sah, als er auf ihn
zutrat, da sein Gesicht grau und verfallen war; um so wunderlicher
schien ein Ausdruck von Khnheit und Hoffrtigkeit, der die schiefe Nase
schiefer und hakiger bog; die Augen funkelten einen Augenblick mit
unverkennbarem Sarkasmus, und der verwilderte Schnurrbart sah wie ein
entsetztes Gespenst aus. Das brtige Kinn hebend, Atem schpfend, sagte
er:

Setz dich. Es ist eine verfluchte Sache, mein Sohn, da zu sein und noch
drei Stunden warten zu mssen. Setz dich und mach dich stark. Ich gbe
dir am liebsten eine einfache Erklrung, jawohl einfache Erklrung --
ab, aber aus gewissen Grnden ist das unmglich.

Der Herzog wehrte, die Augen zusammenkneifend, eine Qualmwolke ab, legte
das Ende seiner Zigarre in die Aschenschale und ergriff eine
schwarzlederne Aktentasche, die neben ihm im Sessel stand. Er nahm
zusammengeheftete Aktenbogen heraus, bog eine Ecke um, als ob er
zauderte, stie dann die Bltter gegen Georg hin und sagte: Da! Selber
lesen!

Georg nahm. Kennst du die Handschrift? hrte er fragen.

Er las:

                               Promemoria

An seine Durchlaucht, Woldemar August Emanuel, Herzog in Trassenberg,
Frsten ... folgten smtliche Titel. Darunter stand ein Datum: 9.
Dezember. Ich glaube, antwortete Georg, Chalybus ...

Ja. Also lies. Georg las.

Am Nachmittage des 30. Juli des Jahres 18... um sechs Uhr traf, wie
Euer Durchlaucht bekannt sein drfte, die Depesche ein, welche den
schrecklichen Unfall Euer Durchlaucht vermeldete und, da ich zu spt von
derselben erfuhr, ohne da ich es htte verhindern knnen, in die Hnde
Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin gelangte, deren Entbindung, wie mir
selber noch am Morgen dieses Tages von Herrn Geheimrat Professor Dr.
Schrder mitgeteilt worden war, am nchsten, ja vielleicht schon am
selben Tage noch zu erwarten war. Herr Geheimrat Schrder war, da sein
Aufenthalt in Helenenruh in Bhne bekannt geworden war, von einer
Familie dorthin gebeten worden. Ich geriet daher in begreifliche
Aufregung, als mir durch den Diener (Suttner) der Auftrag Ihrer
herzoglichen Durchlaucht erteilt wurde, sofort den Opelwagen unter
Verdeck vorfahren zu lassen. Die Willensfestigkeit Ihrer herzoglichen
Durchlaucht ist Euer Durchlaucht zu bekannt, um Euer Durchlaucht nicht
einsehn zu machen, da jeder Widerstand meinerseits nichts bedeuten
konnte. Die langen Stze, das barbarische Deutsch und die vielen
Durchlauchten wimmelten Georg vor den Augen, aber als er den Blick
erhob, traf er auf seinen steif dasitzenden Vater, und Georg begriff,
da gelesen werden mute.

Ein Zug nach Altenrepen ging, wie Euer Durchlaucht bekannt, erst am
spten Abend durch Bhne. Zu allem berflu hatte ich den Chauffeur
Mielke zu einem Besuch seiner Mutter beurlaubt, da derselbe seit Wochen
keinen Dienst hatte zu tun brauchen, und war zu vermuten, da dies auch
in den folgenden Tagen der Fall sein werde. So begann denn in der Tat
gleich darauf jene, uns allen als ein Wahnsinn erschienene Fahrt mit mir
selber als Lenker.

Im Schreiben wird mir bewut, da die meisten dieser Tatsachen Euer
Durchlaucht lngst bekannt geworden sind; gleichwohl scheint es mir
notwendig, von dem Verlauf des Ganzen eine Schilderung zu geben, wie sie
sich mir selber in jenen Stunden ergab. Georg, in Verzweiflung ber das
schauderhafte Sprachgewchse, las verbissen weiter.

Nach Zurcklegung kaum eines Kilometers stellte es sich; wie zu
vermuten gewesen, heraus, da die Erschtterung des Wagens eine
Unmglichkeit fr den Zustand Ihrer Durchlaucht bedeutete. Ihre
Durchlaucht selbst, die dasselbe bemerkten, befahlen mir daher, die
hchste Geschwindigkeit anzuschlagen, in der Tat, so unglaublich es
klingen mag, die einzige Mglichkeit, da mit zunehmender
Geschwindigkeit, wie Euer Durchlaucht bekannt, die Erschtterungen
sowohl geringfgiger als auch ebenmiger werden. Ich schaltete also
schaudernden Herzens die hchste Geschwindigkeit ein, -- genug! Ich war
nie ein sicherer Fahrer und nur Amateur. Gott allein ist es zu danken,
da nicht das Furchtbarste passierte. Georg empfand ein leise
schauderndes Staunen ber diese, unbewut von ihm zurckgelegte Fahrt
und las weiter.

Der Witterung nach htte man den Tag als einen zum November gehrigen
bezeichnen knnen; derselbe war grau, nakalt, die Landschaft mit Nebel
verdeckt, es dunkelte bereits um sieben ein halb Uhr so stark, da es
unmglich schien, ohne Laternen weiter zu lenken, und hielt ich einen
diesbezglichen Aufenthalt von zwei Minuten fr geboten. Dann ging es
mit ungeminderter Geschwindigkeit weiter, um acht Uhr zwlf Minuten
jedoch mute ich zugeben, mich verirrt zu haben. Wir befanden uns in den
frstlich allendorffschen Kiefernwaldungen. Einige Minuten spter blieb
der Wagen stehn, der lbehlter war versiegt; in meiner Aufregung mute
ich ihn vergessen haben. Ohne Ahnung, wo wir uns befanden, in Finsternis
unbekannter Wlder, hrte ich aus dem Wagen das Sthnen der hohen
Wchnerin. Die neben mir sitzende Kammerfrau Biedenweiler eilte, einen
Schwcheanfall infolge der rasenden Fahrt nur mhsam zurckhaltend,
sofort ihrer Durchlaucht zuhlfe. Was war zu tun? Konnte ich die hohe
Frau schutzlos im Walde zurcklassen? Zweifellos, wie das immer
heftigere Sthnen verriet, hatten die ersten Wehen bereits begonnen.
Selber von der Fahrt auf das uerste angegriffen, getraute ich mich
nicht von der Stelle, wenn nicht pltzlich ein junges Mdchen, eine
Magd, im Licht der Wagenlaternen aufgetaucht wre, welches fragte, ob
uns mit irgend etwas zu dienen sei. Auf meine sofort eingezogenen
Erkundigungen erfuhr ich, da wir uns kaum zehn Minuten von dem, nur aus
wenigen Husern bestehenden Kurort Meysensang befanden, und sollte,
keine zwlf Schritte von unserm unfreiwilligen Halteplatz entfernt, an
der Strae die Villa einer Frau Msing stehen, zu deren Haushalt das
Mdchen gehrte. -- Welches alles Euer Durchlaucht gewi in Erinnerung
ist.

Ich lie nun die hohe Dulderin im Schutze der Kammerfrau zurck und
begab mich unter der Fhrung des Mdchens oder der Magd nach dem Hause
das alsbald zu entdecken war, und hatte dasselbe in der Richtung unserer
Fahrt keine Fenster, weshalb ich es nicht hatte erblicken knnen. In der
Haustr traf ich auf eine groe, grobgebaute Frauensperson; es leuchtete
ihr weies Gesicht auf eine seltsame Weise aus dem Dunkel des Hausflurs.
Auf meine Frage, ob sie die Eigentmerin bzw. Besitzerin des Hauses sei,
gab sie mir mit einer tiefen, fast mnnlichen Stimme zur Antwort, sie
wre die Hebamme. Die Seltsamkeit dieses Zusammentreffens klrte sich
alsbald dahin auf, da im Hause eine Geburt erwartet wurde; die bald
herbeigeeilte Besitzerin des Hauses, eine jdisch oder polnisch
aussehende ltere Dame, sprach in unvollkommenem Deutsch von einer
Verwandten, die ihrer Entbindung entgegensehe. Aus Grnden, fr die ich
spterhin keine Erklrung in meinem Innern auffinden konnte --
Durchlaucht mgen die Situation, die Erregung etz. bedenken --, hielt
ich es zur Wahrung der Diskretion vorlufig fr das beste, Namen und
Titel Ihrer Durchlaucht zu verschweigen, zumal eine Kenntnis derselben
nicht gefordert wurde. Ein Zimmer wurde der hohen Wchnerin zur
Verfgung gestellt, in welches dieselbe unerachtet ihres gefahrvollen
Zustandes sich zu Fue, auf mich und die Kammerfrau gesttzt, begab. Bei
einer Ruhepause vernahm ich aus dem Munde der edlen Dulderin die mir
unvergelichen Worte, die ich Euer Durchlaucht zu berichten nicht
unterlassen habe, in dem sie stehenbleibend und leise schaudernd zuerst
flsterte: Wald -- Nacht -- und Sterne ... Darauf: Seid mir gndig! --
Spter fragte sie mich noch, ob man telegraphieren knne. Ich habe zu
diesem Zweck das dienstfertige Mdchen in den Ort geschickt, es konnte
aber das vom Befinden Euer Durchlaucht Auskunft gebende Antworttelegramm
nicht mehr zu Ihrer Durchlaucht gelangen.

Zu bemerken ist noch, da das Haus, ein Neubau, erst wenige Tage zuvor
bezogen worden war, und fllten die Mbel noch unordentlich einige
wenige Zimmer, whrend andre ganz leer geblieben waren. Es war kalt und
na, jedoch fand Ihre Durchlaucht im eigenen Schlafzimmer der Besitzerin
Unterkunft. Im Erdgescho befand sich eine Art buerlicher Diele mit
einem Alkoven, der von Vorhngen verschlossen war; neben demselben
fhrte eine Treppe in das obere Stockwerk. Als Ihre Durchlaucht
vernahmen, da sich im Alkoven eine Frau befand, die wie Ihre
Durchlaucht jeden Augenblick ihre schwere Stunde erwartete, sagte sie
nur mit einem Lcheln auf uns, das uns das Herz zerri: Dann ist es
leicht. --

Es war zuerst still im Hause. Nun kann ich nicht umhin, zu sagen, da
mein eigener Zustand infolge der ausgestandenen ngste der Fahrt, der
Verirrung, sowie der ganzen schrecklichen Situation ein unbeschreiblich
erregter war. Wohl war ich ferne davon, mich zu beklagen, da es nirgend
einen Platz fr mich gab; das Pflichtgefhl hielt mich, wie ich Euer
Durchlaucht nicht erst zu versichern brauche, davon ab, ein
Nachtquartier im Dorfe zu suchen. So verbrachte ich wohl eine Stunde in
einem der, mit Mbeln angefllten Zimmer auf einem Stuhl, dann jedoch
wurde ich vllig aus dem Hause vertrieben, da es mir unmglich war, das
nun beginnende Geschrei und Jammern anzuhren, indem sowohl bei Ihrer
Durchlaucht als bei der Fremden die Wehen begannen. Hier wre auch wohl
eines strkeren Mannes Herz verzagt geworden.

Euer Durchlaucht mgen sich meinen Zustand vergegenwrtigen. Aufs
hchste abgespannt von den mannigfachsten Schrecknissen, vom Unfall
Eurer Durchlaucht, von dem Unternehmen, von dem Zustand Ihrer
herzoglichen Durchlaucht, von der bevorstehenden Geburt, von der
wahrhaft entsetzlichen Fahrt, der bestndigen Angst um das gleichsam in
meine Hnde gelegte Leben des zu erwartenden Kindes, zuletzt durch das
Geschrei der Schwangeren, das mich gellend tief in den Wald hinein
verfolgte, das ich noch heute zu hren glaube, fieberte ich und zitterte
an allen Gliedern. Ich irrte zwischen Stmmen und Wurzeln umher, bis ich
infolge meiner unglckseligen Verwirrung das erleuchtete Fenster aus den
Augen verlor, und zu spt mute mir in diesem Augenblick noch einfallen,
da es meine Pflicht gewesen wre, aus dem Kurhaus einen richtigen Arzt
zu holen. Verzweifelt suchte ich zwar umher, doch war kein Weg zu
finden, und ward ich am Ende von Mdigkeit dermaen berwltigt, da
selbst der Abscheu vor Schlangen und sonstigem Getier mich nicht
abhalten konnte, meinen Mantel auf die Erde zu breiten und in dieser
Lage den Morgen zu erwarten. Gleich darauf mu ich des Schlafes
unwiderstehlicher Magie anheimgefallen sein.

Die Klte des Morgengrauens erweckte mich, und ich fand mich bis auf
die Haut durchnt im Nebel. Steif an allen Gliedern erhob ich mich, und
gelang es mir nach einigem Suchen wirklich, das Haus nun ganz in meiner
Nhe zu entdecken. In einem Fenster war noch Licht. Beim Betreten der
Diele bot sich mir ein eigentmlicher Anblick. Hinter dem Tisch, auf
einem schwarzen Ledersofa sa bei einer Kerze die vorerwhnte Hebamme
und las in einem Buch, das mir ein Gebetbuch zu sein schien. Was mich
vor allem erschreckte, war bei der ganzen Strenge ihrer Zge der
Schatten eines T-frmigen Kreuzes, das zwischen ihren Augen stand, und
wurde dasselbe durch den Schatten der Nase und die gleich einem Balken
darber liegenden Brauen gebildet, und erinnere ich mich noch heute, da
ich mich unbewut bekreuzte. Wie erschrak ich aber erst, als ich aus dem
Hintergrunde den Schein zweier Kerzen bemerkte. Dieselben brannten im
Alkoven, dessen Vorhnge geffnet waren; zwischen denselben hing ein
kleines, buntes Heiligenbild. Die Frau am Tische streifte mich nur mit
einem mir unverstndlichen Blick und las weiter. Ich nherte mich leise
dem Alkoven und fand, wie ich nach allem erwarten mute, eine Tote
darin, von einem Anblick, der mich wie sonst nichts betroffen hat. Noch
heute wei ich nicht, was es war, das mich nach allem bereits
Vorangegangenen nun fast in Trnen hinschmelzen lie beim Anblick dieser
schlafenden Zge vom reinsten Ebenma; das ein wenig auf die Seite
gesunkene Antlitz von unbeschreiblicher kindlicher Sanftmut, bla wie
eine weie Rose, von schwarzem Haar lieblich umflossen, auf dem wie zwei
Wellen noch immer der Schlaf des Lebens und des Todes sich vermischten,
ergriff mich mit namenlosem Schauder, und ich betete lange und
inbrnstig.

Von der Hebamme, die mich alsdann an den Tisch rief, wurden mir nun die
folgenden Mitteilungen gemacht. Ihre herzogliche Durchlaucht htten
einem gesunden Knaben das Leben gegeben, der oben neben der tief
erschpften Mutter den ersten Schlaf auf Erden schliefe. Ihre
Durchlaucht seien zwar uerst angegriffen, doch bestehe keinerlei
Besorgnis um ihr Leben. Auf mein Befragen nach ihrer Kenntnis vom Range
Ihrer Durchlaucht, sagte die Frau kurz: sie hat mirs selber gesagt. Die
andre Mutter hatte leider das Leben ihres Kindes mit dem ihren erkaufen
mssen, und auch das des Kindes schwebte in Gefahr, zu erlschen. Sie
selbst, so sagte mir die Frau, habe es nach dem in der Nhe liegenden
Sanatorium des Doktors Sartorius tragen mssen, wo zum Glck gewisse
Apparate vorhanden gewesen seien, die eine Erhaltung des Kindes immerhin
als mglich erscheinen lieen.

Dies, gndiger Herr, sind die genauen Vorgnge jener Nacht, sofern ich
selber sie beobachten konnte, von mir wahrheitsgetreu aufgezeichnet.
Doch ahnte ich damals nicht, was mich viel spter erst zwingen wrde,
diese Aufzeichnungen zu machen, nicht aus irgendeinem Euer Durchlaucht
betreffenden Grunde, sondern zur Entlastung meines Gewissens und im Fall
eines pltzlichen Todes. Ich habe nun folgendes hinzuzufgen.

An dieser Stelle endete das Manuskript. Auf der leeren Hlfte der Seiten
standen noch, mit Bleistift von Chalybus' Hand geschrieben, die Worte:
Nun Brief der B. Dann Anlage.

Georg, auf das heftigste beklommen und innerlich erschreckt, ohne
irgendeinen Grund dafr erkennen zu knnen, dachte: Ja, was denn? Wo
will denn das hinaus? -- legte das Manuskript auf den Tisch und blickte
zu seinem Vater hinber, der verschleiert dasa, seltsam in sich
zusammengesunken. Bei Georgs Bewegung richtete er sich auf, strich mit
der Linken ber die Stirn, tastete nach seinen Stcken, die neben ihm
standen, sagte dann: Ja, nun also der Reihe nach, -- wenn du gelesen
hast.

In diesem Augenblick, als sollte die Pause ausgefllt werden, klingelte
das Telephon auf dem Schreibtisch. Georg ging hin, nahm den Hrer auf
und hrte Cora Bogners Stimme entfernt und schwach seinen Namen sagen.
Dann begann sie -- der Nebenanschlu machte wohl ihre Stimme so leise --
eine lange Erzhlung, sie telephoniere aus dem Hotel, wo die
Herzbruchsche Hochzeit sei, und bei der Hochzeit werde Georg vermit;
ein Prinz fehle, jawohl, und er mte also durchaus kommen, und sie habe
mit Josef Montfort gewettet, er werde kommen, wenn sie riefe, und der
Brautvater habe unter Georgs Grovater bei Beaune la Rolande 1870 --,
und er mte also durchaus kommen, wenn er noch eine Scheibe Ananas aus
ihren Fingern ... Georg aber hatte einen Anfall von Brutalitt, sagte:
Tut mir leid, ich kann nicht. Adieu! und legte den Hrer hin.

Wie sonderbar ngstlich sah sein Vater auf einmal zu ihm auf! Angstvoll,
verstrt, rgerlich, verwirrt, gedankenlos, im Gehr noch einige der
verrckten Floskeln, die >hohe Dulderin< und >vom reinsten Ebenma<,
hrte er seinen Vater sprechen.

Was du gelesen hast, klingt ja alles wie ein furchtbarer Schwindel. Das
heit -- unterbrach er sich, du weit ja noch gar nichts. Immerhin, du
hast jedenfalls das eine bemerkt: Er redet von Automobilen. Damals, als
du geboren wurdest. Na, und so weiter. Er war immer ein groes
Lgenmaul, so gro, da er sich selbst verschluckte. Ja, nun also.
Entschuldige, mein Junge, aber ich mu noch einiges vorausschicken.

Ostern bekam ich einen Brief von Mackensen, dem Helenenruher Grtner.
Chalybus hatte ihn wegen irgendeiner Unregelmigkeit Knall und Fall
entlassen, brigens wird ihm nur sein Recht geschehen sein, er war ein
groer Hurenweibel, verstand sein Metier zwar aus dem Grunde, war aber
gedankenlos und nachlssig bis zum Tezet. Infolgedessen war auch sein
Brief nur ein allgemeiner Schwulst, ein Ausflu der Rache natrlich, und
statt sein Recht und eine Untersuchung zu verlangen klagte und weimerte
er herum und verklagte Chalybus; er sei ein hochgradiger Sufer, jedes
Kind in Helenenruh und Bhne wisse das und frage, wohin das fhren
solle, auerdem sei es bekannt, da er spiele und Summen verliere, von
denen kein Mensch wisse, woher, -- na und so weiter. Darauf packe ich
gestern nachmittag ein und fahre nach Helenenruh; du weit --, sehe
immer selber nach.

Wie ich komme, hat er sich grade von einem kleinen Schlaganfall erholt,
empfngt mich im Lehnstuhl und sieht aus, als wr ihm sein Todesurteil
verlesen und nun kme die Exekution; blaurot im Gesicht, gedunsen, --
und auf dem Tisch drei leere Burgunderflaschen; Numero vier trank er
grade an, als ich wie der bse Feind ber ihn kam. Kaum da ich die
Bcher verlange, fngt er wie ein Kind zu weinen an und um Gnade zu
wimmern, -- es war eklig, -- na kurz, ich revidierte, was zu revidieren
war, das heit, Bestnde waren keine da. Die Bcher in Ordnung bis
ungefhr Weihnachten; dann fehlten eine Menge Bestnde, vom Obstverkauf
will ich gar nicht reden, aber die Mahlgelder, -- vor allem vom Gestt
... Na, das ist ja gleichgltig. Unterdessen jammert er nun herum, er
sei leichtsinnig, verschwenderisch und hier nicht am rechten Platze. Wie
ich ihm aber kurz und bndig seine Entlassung erklre und Aufnahme in
Frankenhhe anbiete, da fngt er an, ganz gottverlassenes Zeug zu reden,
macht die wunderlichsten Anspielungen, woher seine Gicht --, und wieso
er zum Trinker -- --, und das Gewissen und der Tod vor der Tr, kurzum,
er bringt dies hier zum Vorschein, was du eben gelesen hast. Beschwrt
mich aber noch vorm Lesen hoch und teuer, ich drfte nicht gemein von
ihm denken, er htte dies einzig und allein aufgesetzt, um sein Gewissen
zu erleichtern, -- na und dergleichen. Ich lese also, und --

Der Herzog brach ab, griff in die Aktentasche, schttelte den Kopf,
besann sich und sprach weiter, nach wie vor seine abgerissenen Stze wie
Fetzen, die ihn widerten, ins Zimmer schleudernd:

Ich mu dir erklren. Die Vorgnge in jener Nacht, die du gelesen hast,
hab ich natrlich oft genug von -- von Helene erzhlen hren, und es war
alles so, wie da steht, blo da sie erst nach sieben Uhr abgefahren
sind und nicht im Automobil, und da Chalybus sehr gegen den Willen
meiner Frau darauf bestand, selber zu kutschieren, und schlielich, da
sie, wie du denken kannst, nicht nach Altenrepen, sondern nach Hanfurt
gefahren sind, um den Schnellzug zu erreichen -- um halb neun -- der bis
Bhne nicht ging, -- damals. Wieso und warum diese Konfusion in
Chalybus' Gehirn, kann man sich bei seiner ganzen schwindelhaften
Veranlagung und seinem jetzigen Zustand schlielich erklren. Also das
merkwrdige Haus in Meysensang und die Verirrung und die Frau im
Alkoven, all das stimmt bis auf das T-frmige Kreuz im Gesicht der
Hebamme, von dem ich Helene mehrfach mit Schrecken habe sprechen hren.

Georg sah seinen Vater wieder in die Tasche greifen und diesmal einen
Brief hervorholen. Er sagte:

Neun Jahre spter, im Herbst, bekam Chalybus einen Brief von jener
Kammerfrau Biedenweiler, Helenes Ida, von der du vielleicht noch hast
sprechen hren. Sie war schon anderthalb Jahre nach deiner Geburt auer
Diensten gegangen, was damals kein Mensch recht begriffen hatte, denn
sie war zwar lungenkrank, aber das lie sich reparieren. Diesen Brief
schrieb sie aus Christinendorf, der Lungenheilsttte, -- brigens kann
ich hier gleich hinzufgen, da sie keineswegs eine so schwchliche
Person war, wie es nach Chalybus' Darstellung scheint; vor allem hing
sie mit einer ganz fanatischen Liebe an Helene und war unglaublich
diensteifrig. Ihren Brief hab ich hier; es steht drin, Chalybus mchte
um Gottes willen sofort zu ihr kommen, sie lge im Sterben, sie msse
vor ihrem Tode etwas von ihm wissen, sie knne sonst nicht ruhig
einschlafen. Was Chalybus mit ihr verhandelt hat, das -- der Herzog
brachte einige Zettel aus der Tasche zum Vorschein --, das steht auf
diesen Bogen, die ein Konzept darstellen sollen zu der fehlenden Hlfte
seines >Promemoria<, wie er das nennt. Die Lektre kann ich dir sparen,
denn die Sache ist die ...

Georg sah seinen Vater tief Atem schpfen und ein Stck Bart in den Mund
ziehn; er holte sein Taschentuch hervor, trocknete sich die Stirn,
stopfte es wieder fort und fing von neuem an. Vor den Fenstern lag der
Lrm der Stadt, der zuweilen anschwellend seine Worte bertnte; Georg
hrte alles und folgte, eiskalt an allen Gliedern, mhsam.

Die Biedenweiler ist damals nicht gestorben, lebt vielmehr noch immer,
wenn auch kmmerlich; sie hat Zucker, na -- also ich bin nach der
Lektre dieser Zettel und nach Chalybus' weiteren Aufklrungen -- und
nach telephonischer Anfrage in Christinendorf -- sofort hingefahren,
habe die Frau leider in den Tod erschreckt, dann aber doch
herausbekommen, da seine Aufzeichnungen, die ich ihr vorlas, Wort fr
Wort stimmten, und ich kann dir das Ganze nun folgendermaen auf-- ja,
aufsagen.

In der Nacht deiner Geburt hatte sich die Eigentmerin jenes Hauses,
krnklich und mde, wie sie gewesen sei, in ihr Zimmer zurckgezogen.
Die Kammerfrau war neben der Herzogin in Schlaf gefallen, nachdem die
ersten Wehen vorber waren, war wieder erwacht, als das Letzte
bevorstand, hatte ins Haus hinunter die Hebamme gerufen, und unter
Beider Beistand ist dann ein Kind zur Welt gekommen. Ja, ein Kind, ein
-- Mdchen.

Georg zuckte zusammen; sein Blick fiel ab. Was war das?

Drben vom Tisch, vor seinem Vater, stieg aus der letzten Zigarrenleiche
der dnne blaue Rauchfaden, schlank und anmutig, oben leicht sich
kruselnd, leuchtend blau im breiten Streifen des Nachmittagsgoldes, das
das Fenster durchstrmte. Georg sah gierig hin, als sei dies das
Haltbare. Drauen schrie eine Trambahn in der Gleisbiegung, dann wurde
es still, aber nahe von unten herauf rasselte, stampfte und sthnte der
Motor eines Automobils. Georg, entleert von Gedanken, wartete unendliche
Zeit auf das Aufhren dieses Geruschs; jetzt setzte es aus, jetzt
raffte es sich zu neuen Sten auf, jetzt lrmte es noch einmal so laut,
ein Wagenschlag fiel zu, ein Huppe drhnte, es zischte, klirrte und
brauste, langsam begann es sich zu entfernen, hrte endlich ganz auf.

Wir mssen weiter, hrte er eine weit ferne Stimme, die er kannte.
Das Kind, das geboren war, schien dem Sterben nah, und die Hebamme
schickte die Kammerfrau eilends damit zum Sanatorium; dem verschlafenen
und verrgerten Assistenzarzt, der dort auf ihren Weckruf erschien,
drckte sie es nur in die Hnde, um, in Todesangst um das Leben ihrer
Herrin, wieder zurckzulaufen. Wie sie wieder ins Haus kommt, ist alles
still. In der Diele wird sie von der Hebamme empfangen, die ihr
mitteilt, die Herzogin sei eingeschlafen, sie solle sich auch zur Ruhe
legen, um andern Tags bei Krften zu sein. Sie habe aber nicht
abgelassen, in das Zimmer der Herzogin zu dringen, und da habe die
fremde Frau ihr denn gesagt, sie msse sich nicht wundern, wenn sie ein
andres Kind bei der Herzogin finde; es sei schon vor Stunden im Alkoven
zur Welt gekommen -- die Kammerfrau, die nicht von Helenes Seite
gewichen war, wute nicht, da jemand darin sei --, und dies Kind, einen
Knaben, habe die Hebamme der Herzogin gegeben, die nach ihrem Kinde
verlangt htte, was brigens der guten Biedenweiler ganz natrlich und
sehr richtig erschien. Spter ist Helene denn erwacht und sehr glcklich
gewesen; leider aber meldete sich damals nun der entsetzliche
Kopfschmerz zuerst, der sie fr die nchstfolgenden Monate fast der
Besinnung beraubte ...

Nach einer kleinen Pause fuhr der Herzog eilig fort.

Am Morgen jenes Tages wurde die Kammerfrau, die in irgendeinem Zimmer
die Nacht verbracht hatte, von der Hebamme geweckt. Die Mutter des
fremden Knaben, sagte die, sei gestorben, das Kind noch bei der
Herzogin. Es msse vorlufig alles so bleiben, das meine auch Chalybus,
dem sie Mitteilung davon gemacht habe.

Ja, das ist wohl nun alles, sagte der Herzog. Da die Frau mich
betrogen hat, ist sinnlos und so ausgeschlossen, wie etwas auf der Welt
ausgeschlossen sein kann. Chalybus beschwrt mich hoch und heilig, ihm
zu glauben, da ihm die Hebamme nichts gesagt, sondern da er das Kind,
das er gesehn hat, fr das Kind der Herzogin gehalten hat und noch immer
halten wrde, wenn nicht ... Die arme Biedenweiler ist nun nach einiger
Zeit damals in die schrecklichsten ngste geraten, da sie sah, da der
Knabe bei Helene blieb; sie behauptet, Chalybus einen Brief geschrieben
zu haben, den er auch bekommen, aber nicht verstanden haben will, --
jedenfalls war sie ratlos darber, ob ich von dem Ganzen wute oder
nicht, ob auch Helene, die ihr freilich allzusehr das Kind wie ein
eigenes zu liebkosen schien in den seltenen Augenblicken, wo sie es
sehen durfte. Dies aber, so sagte sie, diesen Irrtum mit anzusehn, das
habe sie auf die Dauer nicht ertragen und deshalb den Dienst verlassen.
Jahrelang ist sie dann der Meinung gewesen, ich wisse von allem
Bescheid, bis dann die Todesfurcht ... Das ist wohl endlich alles.

Ja, auch dies noch. Die Frau -- Msing, oder wie sie heit, ist, wie
ich auf telegraphische Anfrage erfuhr, schon lange tot. Antwort auf
meine Erkundigungen nach dem Verbleib des Kindes, des -- Kindes meiner
-- Er lie den Kopf sinken.

Georg sprang auf und lief ans Fenster: er schlug die Gardine zurck,
setzte die gespreizten Finger auf die kalte Scheibe, lehnte die Stirn
daran. Er fhlte, wie sie brannte. Es schttelte ihn, ein-, zweimal.
Dann berfiel ihn ein siedender Zorn auf sich selbst. Wie hatte er diese
Tage, diese Nacht verbracht! Er krmmte sich. Und sein Vater ...

Der sagte hinter ihm mit erschpfter Stimme, es gbe wohl noch dies und
jenes aufzuklren, zu erlutern, -- Chalybus ... aber das knnte auch
wohl unterbleiben. Zu ndern, sagte er hart und ruhig, ist nichts.
Man hats im Gefhl.

Georg glaubte, den Verstand verloren zu haben. Er suchte in vlliger
Betubung nach einem Gedanken. Nichts ...

Nicht der Sohn meines Vaters ...? Was -- was heit das? -- Und meiner
Mutter -- zuckte es nach. Wie? -- Also darum -- darum die Fremdheit ...
Wie er aber sprte, da an seinem linken Mundwinkel ein Lcheln der
Befriedigung zuckte, durchglhte es ihn siedendhei. O du Schurke! sagte
er zu sich.

Er wurde etwas ruhiger danach. Er hrte ein Gerusch, sein Vater stand
mhsam auf, dann hrte er die Stcke hinfallen, sah auf und sah seinen
Vater dastehn jmmerlich, einen Arm auf die Tischplatte sttzend, den
andern ausstreckend, zu ihm hin, da er nicht von der Stelle konnte. Und
er strzte sich an die Brust des Mannes, der ihn an sich prete, als
wre alles an ihm eisern.

Das ist ja Unsinn! schrie Georg emprt, das ist ja alles Unsinn!

Ja, ja, hrte er ber sich seinen Vater, so ist es, es geht uns
nichts an, das ndert ja nichts, du bist ja mein Sohn.

Er fate ihn an den Schultern, hielt ihn von sich ab mit zrtlichen
Augen und sagte:

Gut, da du's selber gesagt hast. Zwischen uns bleibt alles beim
alten.

Er mute sich nun wieder hinsetzen, winkte Georg zu, es auch zu tun, und
sagte dann eilfertig:

Mein lieber Junge, eins brauche ich dir doch nicht erst zu versichern,
wie ich dir nicht erst meine Ansichten von Welt, Stand und Geburt und
dergleichen zu erklren brauche, -- eins sollst du wissen und glauben:
so schmerzlich, ja so bitter schmerzlich dies Ereignis fr mich ist,
nein, Junge, nicht einmal dies Ereignis, das ist es ja gar nicht,
sondern nur der Gedanke an Mama und -- und diesen jahrelangen Irrtum,
der natrlich fr eine Mutter etwas ganz andres bedeutet als fr
unsereinen, -- nun, was wollte ich sagen?

Ach, war er nicht himmlisch, dachte Georg. Mama sagte er wieder und
>unsereins<. Ja, so war er, so war er! -- Der Herzog fuhr fort:

Ich wollte sagen, zwanzig Jahre fr ein Wesen wie fr einen Sohn
fhlen, sorgen, denken, das macht alles andre, alles zunichte. Zwischen
uns bleibt alles unverndert. Nicht wahr, Junge, ich brauche nicht zu
allem andern noch zu denken, da es dich womglich peinigt, dein Leben
lang Gefhle in Anspruch genommen zu haben, -- das ist ja Unsinn, wir
alle haben es nie anders gewut, und das waren die Gefhle, und andre
htten es nicht sein knnen, und nun bist du mein Sohn und basta!

Georg blickte ihn verklrt an, aber in solcher Dumpfheit, da ihn fror,
als er sie deutlich empfand.

Zu bedenken, hrte er seinen Vater sagen, ist nun die Welt. Ich will
dich damit nicht berrumpeln. Es hat Zeit, wir mssen ja auch erst noch
alles sichten und prfen, -- und freilich, mit Mama wird das schwer --,
denn sie darf natrlich nichts, nicht das geringste erfahren, und da
mut du nun zusehn ... Ach, du lieber Gott, woher kommen denn wir alle,
wo ist unser Anfang, wo der Tag unsrer Geburt, wer sind unsre rechten
Eltern? Was waren sie alle fr sanfte Gestalten, die Trassenberge, und
da sieh mich, was bin ich fr ein Kerl! Ich will mich nicht belgen, ja,
ich will sogar denken, ich wrde vielleicht andrer Meinung hiervon sein,
wenn ich nicht Herzog wre. Aber all dies _ist_ nun einmal so, und darum
sind diejenigen Gefhle und Meinungen, die erregt werden, die richtigen.
Du mut nun versuchen, es ebenso auf deine Weise abzumachen. Die Sache
gewissermaen mit Luft durchsetzen, bis sie Auftrieb kriegt und
schwimmt.

Georg, der alle Worte mit dem einzigen Wunsche aufgenommen hatte, ihren
Sinn genau zu begreifen, sah ihn jetzt mit sanft abirrendem Blick
lcheln und nach einer Weile sagen:

Ich hab einen alten Freund, den Geheimrat Michaelis in Berlin, der
sprach von seiner Frau nie anders als von >unsrer Mutter< obgleich er
nur zwlf Jahre lang eine einzige Tochter gehabt hat. So --

Der Herzog brach ab, als starre er in eine vllige Wirrnis, legte die
Schlfen in die Fuste und rief zornig:

Herr Gott im Himmel, es ist, es ist, es ist doch so, so, und nicht
anders! Sie hat ihn mir gegeben, und ich hab ihn genommen, wer schwtzt
mir denn nun immer dazwischen, das ist ja zum Verrcktwerden!

Georg sa steif da und wagte nicht, sich zu rhren. Sein Vater hob die
Stcke auf, sttzte sich und erhob sich. Aufrecht stehend sagte er:

Tu mir nun den Gefallen und la mich eine Stunde allein. Ich mchte
auch etwas essen. Und du selbst mut nun anfangen, dir klar zu werden,
wie wir Beide es vor der Welt halten wollen. Hoffentlich habe ich dich
nicht schon berrumpelt. Geh, mein Sohn, geh durch Gottes frische, freie
Natur, und dann komm noch einmal, komm aus der Natur und dir selbst zu
mir und sage: So und so, und das ist meine Ansicht von der Sache, und
das ist mein Entschlu. Um mich hast du dich nicht zu kmmern. Blo zu
wissen, da ich jeden Augenblick und vor der ganzen Welt bereit bin zu
tun, was mir beliebt!

Er wehrte hastig ab, jetzt wieder jenen Ausdruck von Hoffart und
berlegenheit auf dem Gesicht, den Georg im Anfang bemerkt hatte. Geh,
sagte er, ich erwarte dich in einer Stunde.

Georg nahm berzieher und Hut und ging.


                                Hingang

Georgs gereizte Augenlider empfanden die abgekhlte Abendluft angenehm,
whrend er, ohne die Richtung viel zu bedenken, durch die Menschen ging,
besinnungslos zwischen Wnden der elektrischen Bahnen, zwischen
Radfahrern und Automobilen ber den Platz, und weiter mit geblendeten
Augen gegen das letzte Feuer der untergehenden Sonne, die alles
berflutete. Einmal kam es ihm dumpf: Ihr schnen Trume! Nun alle
dahin! -- Es fiel ihm ein, was er am Nachmittag Benno von Napoleon
erzhlt, was er sich selbst erzhlt hatte; sein Zimmer erschien ihm, das
noch getrumte, dann das wirklich gesehene, das leuchtende Spinnennetz
oben ... Ja, soll nun wirklich auf einmal alles unmglich geworden sein?
Giebt man Ideale auf fr einen Faustschlag? O nun knnte ich Vater
hassen, da er nicht regierender Herzog geworden ist, nun, wo ich es
nicht werden kann! Freilich war es seine Art so, -- knstlerische Dinge
liegen ihm fern, und alle andern Pflichten gegen die Menschheit liebt er
namenlos zu erfllen. Dies aber sollte nicht sein. Ach, etwa um seinet-,
um meinetwillen? Um des Beispiels willen doch allein, damit es einen
Frsten in Deutschland gebe, der sich sichtbarlich fr alle groen und
erhabenen Dinge einsetzt. Was ist denn geschehn? Was ist denn nun
berhaupt geschehn?

Georg merkte, da er die Lindenallee nach Herrenhausen hinunterging; es
dmmerte, die Sonne war verschwunden, der Himmel noch hell ber den kahl
nach oben strebenden Zweigen; Menschen, zu zweien gesellt, schlenderten
zrtlich umher, schweigsam. Frhling wars. Wie weit der Himmel doch ist,
wenn man sich beengt fhlt, dachte er wehmtig. Da sah er die eine von
Bogners drei Fresken vor sich, den Genesenden in der Landschaft, den
groen magern Mann auf der Bank, in schweren violetten Falten, mit den,
zwischen den Knien herunterhngenden, noch ganz mit Tod gefllten
Hnden, unter der Fichte, die den strksten Zweig mit zum Staunen
priesterlicher Gebrde ber ihn hinreckt, und vor ihm, der sein Antlitz
der Tiefe des Bildes zuwendet -- Land, Land und Land, Tiefe,
Unendlichkeit der in den Horizont entschweifenden Dmmerebenen, aber
darber des Abendhimmels unsterblich leuchtende, reine, triumphierende
Vision.

Georg, sich aufrichtend, bog zur Linken in die Anlagen ab, ging an der
kleinen Kapelle vorber, von deren Zifferblatt er fnf Minuten nach acht
ablas, und fand sich vor dem kleinen Palais in die Betrachtung des
schnen Rasenrunds versunken. Der widerscheinende Nordhimmel ber den
Wipfeln war rosig und hell. Sich umwendend sah er den Efeumantel der
Sternwarte hinter seinem Rcken und sagte: _Ce n'est pas contre_ ...

Das also war gemeint? Seine Gedanken berstrzten sich jhlings, Scham,
Entrstung, Betubtheit flammten und waren schon in Hochmut und Begierde
hinber. Gegen meine Sterne? Oh nein! Auf diesen Thron _soll_ ich,
obgleich ... Da sprang ein Wort blitzschnell auf und lief wie eine Kugel
fort; er tastete nach einem andern, fand keins, -- da sah er das erste
liegen, still, beflissen, oder geduckt, wie ein listiges Tier, und er
griff es und sagte: ja, obwohl ich ein Bastard bin. Laut, hell und
deutlich sagte eine schneidende Mdchenstimme: Bastard von Orleans!
und: Du willst Gott versuchen! vollendete er die Verszeile. Gott
versuchen, Gott versuchen ... was heit das? Unsinn, er war ja keiner!
Ein Bastard war eines Frsten natrlicher Sohn, er aber war gar nichts,
sondern war -- Nun hab ichs, schrie er erbost, nun hab ich das ganze
Mittelalter und alle Hintertreppen in der Faust! -- Er lief aufgeregt am
Palais vorbei, dann den Weg hinunter, den Graben hin, der aus dem Park
hinterm Schlchen kam. Ich weigere mich, sagte er, ich weigere mich,
dies zu verstehn. Kann ich vielleicht jetzt auf einmal Erziehung und
Gewohnheiten, alle Gedanken und Empfindungen, mit einem Wort mein ganzes
Ich abstreifen und ein Andrer werden? Nein, es ist ja anders! Ich soll
der ja sein, der ich bin, das aber ist eben ein Andrer, ein ganz
Fremder, den ich weder kenne, noch irgendwo entdecken kann. Das ist eine
unlsbare Verwirrung. Innerlich, Herrgott, innerlich ist doch nichts
verndert, warum soll man denn da seine ganzen Kleider ausziehn!

Er kreuzte Wege, ging ber eine Brcke, gelangte an den Teich, stieg
abbiegend den Weg hinan und lief gegen eine breite Gittertr. Richtig!
der franzsische Park! Da war die Gelnderbrcke, ber welche die
Gittertr gespannt war; dunkel lag das Wasser der Gracht, fern, zwischen
den Heckengngen war ein Fontnenbecken sichtbar; weit zur Linken stand
der Sulenpavillon, schn und einsam, sehr still. Wie bin ich
hierhergekommen? fragte er. Antwort gab eine seltsame, erst
unverstndliche, geheimnisvolle Stimme aus der Tiefe der Grten, lang
fltend, noch prfend, schon brnstig, die erste, viel verfrhte
Nachtigall. Oh Gott, Renate!

Ja, Benno, und was wird nun aus dir? Oh verfluchtes Gitter, schrie er
und packte einen der Stbe, bin ich denn nun ganz nrrisch geworden? --
Er ging ein wenig beschmt die Chaussee nach Westen weiter, whrend die
Gedanken in ihm sich nun unaufhrlich jagten und umschlangen und
zuweilen die Redensart >Bastard von Orleans< an die Oberflche brachten.
Was wrde Bogner wohl an seiner Stelle tun? Ach, das war ja klar! Aber
erstlich war er ein Maler, er hatte etwas, hatte sich selbst voll in der
Hand, und -- und wenn ihm so etwas vor fnfzehn Jahren passiert wre?
Was tat er vor fnfzehn Jahren? O Pech und Schwefel! er ging auf und
davon. War es denn berhaupt mglich, sein ganzes Dasein auf eine Lge
zu setzen? Georg sah die Lge alsbald deutlich in Gestalt einer groen
Schildkrte, auf deren Rcken er einen genau gehaltenen Wrfel von
Granit setzte, empfindlich fhlend, da die Krte sich bewegte und nicht
standhielt. Ja, auf eine Lge, sagte er, nun wollen wir der Sache
wenigstens ins Auge sehn. Was ist das fr ein Schornstein da rechts?

Die Chaussee hatte ein Ende genommen; er stand auf einem Wege, der
vorberfhrte, der rechts nach zwanzig Schritten zwischen Bumen und
Gebuden verlief, aus denen sich der riesige Schornstein erhob, -- ah,
es war die Wasserkunst fr die Herrenhuser Springbrunnen! -- links in
die Ferne zog, wo das Schlchen unsichtbar liegen mute. Grad ihm
gegenber dehnte sich das niedrige Dickicht der Laubenkolonien, aus dem
Trmchen und Wimpelstangen ragten, und Georg entzifferte auf einem
groen Schild ber einem Torbogen ungeduldig in verschlungenen
Buchstaben: Draht--wurm--hausen. Dann blickte er ber die unregelmigen
Wiesenflchen hin, ber denen es dmmerte; fern dahinter standen
Huserreihn, noch vom Abendhimmel angeschienen, dazwischen schon die
stechenden Lichter der Laternen, -- die Fabrikstadt. Wo war denn nun der
Flu? Georg ging auf den Schornstein zu, an der gelben Mauer hinunter
und stand gleich darauf ber dem Flu auf steilem Ufer; schn abendklar
lag die Flche, auch dunkel und still; rosenfarbene Abendwolken
schwammen zwischen den schwarzen Ufersilhouetten; drei Wellenbrecher
standen schwarz und still darinnen, und jenseit war der westliche
Himmel, pfirsichfarben, rosenfarben und silbergrn und blulich und
hellgolden mit schwarzer Schattenlandschaft eines in Baumwipfel
gebetteten Dorfes. Georg stand ergriffen davor, schwieg sich minutenlang
aus, hrte es endlich murmeln irgendwo: O wie hngt mein Dasein an allem
diesem! Dies bin doch ich, diesem gehr ich, dies kann ich immer haben!
Hier kann ich meine liebe Seele von mir gehn heien, kann sie vor mir
wandeln sehn ungebunden, ber Flu und ber Flchen, schwinden sehn im
Dunkel dort unter Bumen, unter Dchern, in aller Friedfertigkeit,
aufgelst und wunderbar getrost. Und wenn ich winke, so kehrt sie
zurck, tritt gerne bei mir ein, bringt mir, was sie hat, legt mir
Wipfel und Sterne, Strme und Nachtigallen in die Brust und sagt: Wir
sind zu Hause ...

Seufzend wandte Georg sich endlich ab, kehrte sich um, blickte ber die
dunklen Wiesen hin und dachte: Was soll ich tun? Meine Seele wird immer
mein sein, immer mein die Pltze, wo sie untrglich redet und schn, da
mag ich vor der Welt sein, was ich bin. Welche Vernderung soll denn nun
mit mir vorgegangen sein? Ja, eine ist vor sich gegangen! Denn Mutter,
-- sie entglitt mir nun ganz -- Vater aber, -- ihn liebe ich nach wie
vor, mehr sogar vielleicht, ja mehr, denn -- -- seine Augen fllten sich
pltzlich mit Trnen, er schwankte blindlings, fhlte einen Pfahl im
Wege, und ber ihn gelehnt, weinte er wild und lange, hin und wieder
stammelnd: Vater! oh Vater! bis er sich ausgeweint hatte und, sein
Gesicht trocknend, mit schmerzendem Kopf und brennenden Augen
weiterging.

Nichts, sagte er zu mir, habe sich gewandelt. Mich empfinde ich nicht um
Haaresbreite anders als frher, warum sollte ich dies Dasein aufgeben,
unbekannter, lngst verstorbener Personen wegen, die es mir gaben? nein,
die es mir nicht gaben, sondern die gabens mir, die um mich leben und
ich selber. Pltzlich fiel ihm ein, da er bei alledem noch mit keinem
Herzensschlage an jene gedacht hatte, die seine wirkliche Mutter war.
>Von reinstem Ebenma ...< Fremd, fremd, fremd ...

Was steigt denn da ber die Huser empor? Der Mond? der sieht ja
sonderbar entfremdet aus! Eine ungeheure, blarote Blase ... Als wrde
dahinten von einem Marktplatz ein Ballon hochgelassen. Wie bange und
zaudernd er in den rauchigen grauen Himmel steigt! >Seht ihr den Mond
dort stehen?< Oh, flsterte er sanftmtig vor sich hin: Er ist nur halb
zu sehen, und ist doch rund und schn. So sind gar manche Sachen, die
wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn ... Getrost
belachen, -- getrost, -- wie schn! Zitate beweisen nie etwas,
durchfuhrs ihn zornig. Und er floh verstrt den Anblick jenes
trbseligen Mondes, der sich nicht getraute, Himmelsgestirn zu scheinen,
und lief, von Abscheu und heftigem Angstgefhl bedrckt, am Ufer fort.

Gleich darauf hrte er ein Geschrei und heftiges Lrmen, das aus der
Erde zu quellen schien, wilde Rufe eines unterirdischen Kampfes,
unheimlich bei der tiefen, abendlichen Stille umher. Da sah er, da der
Flu ein wenig aufwrts sich krmmte, so da er selber in die Biegung
hineinging; am hohen Ufer standen ein paar dunkle Gestalten still da,
die sich beim Nherkommen verwandelten: in einen Straenbahnschaffner
mit seiner Frau, einen Jngling mit seinem Rade, einen Fleischergesellen
mit seinem Mdchen, die alle sechs zur Tiefe des Flusses
hinunterblickten. Ja, welch ein Schauspiel! welche Aufregung! Vier
mchtige, uerst schmale Ruderboote lagen in Abstnden voneinander da,
bemannt je mit vier nacktbeinigen Kerlen in weien Sweatern, die je
einen der riesigen, schaufelnden Riemen in Hnden hielten, und am Ende
hockten die dunkelblauen Steurer klein; von links her aber schossen zwei
strmisch heran, die langen Riemen griffen ungestm weit aus und
schlitterten beim Zurckschwingen ber die metallische Flche, vom
Steuer her jedoch schrien die beiden Lenker, als ob sie wie der bse
Feind hinter den Mannschaften sen: Hee -- h! hee -- h! hee -- h!
... Los! ... Los! ... Los! ... So ists recht! ... So ists recht! ...
Mller flacher einschlagen! So ists recht! Hee -- h! ... Halt! Die
Ruderbltter schlitterten hrter in die Flut, die Boote glitten, lagen
augenblicks still. Zwischen all dem aber bewegte sich fremd und blind
die Fhre, ein groes, fuloses Tier, quer ber den Strom, ein roter,
eiserner Kahn mit ein paar Menschen darin, langsam und vorsichtig wie
eine tastende Schnecke. Georg folgte ihr eine Weile mit den Augen, sah
sie jenseits anlegen, und pltzlich durchfuhr es ihn wie ein Schnitt:
da er in einer ungeheuren Einsamkeit stand, da er mit einem Schlage
fremd geworden war in der vertrauten Welt. Hier stand er in seinem
grenzenlosen Taumel allein, und dies hier, dies leichte Leben tummelte
sich vor seinen Augen, ja redete ihm ins Gesicht hinein, so wie -- wie
einmal, als er ein Junge war, bei einer Kindergesellschaft, wo er nicht
mitspielen wollte und in Leideswollust beiseitestand und zusah, wie die
Andern ihm zum Tort um so lustiger schrien und tobten ohne ihn. -- Er
lachte wtend auf. Ja, so war es, nur -- Ernst wars heute.

Georg ging den Wiesenweg neben einer hohen Hecke hinunter, in der
Richtung der Stadt. Nachtrglich kam es ihm, wie einfach, wie
unbedenklich sich dies vollzogen hatte, wie still die Zuschauer oben
sich verhielten, innerlich scheinbar vllig abgeneigt gegen das erregte
Spiel, und dazwischen die Fhre so gutmtig. -- Ist ein Weg zu diesem
fr mich? fragte er sich dumpf.

Er kam nun durch ein Gartenrestaurant, wo ihm der Flu wieder zur
Rechten sichtbar wurde; am eingefriedigten Ufer saen im Dunkel unter
sprlichen Lampen stille Menschen an Tischen und tranken Bier. Beim
Herauskommen aus dem Wirtsgarten sah Georg den Mond wieder, jetzt eine
gelbrote, feurig glhende Scheibe. Es dunkelte tiefer. Er kam an der
Rckseite der Laubenkolonien vorber, wo Fahnenstangen leer und still
gegen den wehmtig aussehenden Himmel standen; dahinter, ganz fern und
bla war die Rckfront des Schlchens zu erkennen; friedlich
schimmerten ihn weie Lattengiebel der Lauben an. Er kam an einem
schwarzen Sportplatz vorber, wo ein paar junge Menschen mit bloen
Beinen still und emsig in der Dunkelheit noch ein Wettgehen bten,
whrend andre Burschen in Anzgen zusahen und sie verhhnten.
Schlielich mute er durch eine gebogene und enge Strae voll stiller
Feierabendleute und verhaltener Kinder und erreichte den Platz am
Anfange der Allee, hell von Laternen und schwebenden Kugeln, und in
allen Fenstern der grauen Kaserne lagen Rekruten in Drillich und machten
Musik, ganz leise.

Was aber mag es sein, das Papa von mir erwartet? fragte er sich. Er mu
doch eine Meinung, einen Wunsch haben, obwohl er alles mir zu berlassen
schien. -- Da spaltete es ihn mit siedender Hitze, da er die lange
Stunde seither nur gedacht hatte. -- Da habe ich ber den Sinn dieser
Dinge mich zergrbelt und keinen Augenblick lang versucht, mir eine
Vorstellung zu machen, wie es etwa sein wird, wenn ich der Prinz bleibe,
das heit, wenn ich eine Maske vornehme. Das gengt, dies Wort gengt.
Es ist gut, es ist ja gut, dachte er, sich beschwichtigend, ergeben, ich
werde das nie knnen. Warum sollte ich auch? Mein Leben behalt ich, alle
Krfte, die guten und die bsen Triebe, nur -- o Renate, Renate!
Schnes, gttliches Wesen, was wrde es dir verschlagen, wer ich bin,
wenn dein Herz sich zu mir neigen mte? Ach, auch das wird nie
geschehn! Es wird das beste sein, ich gehe auf eine Zeitlang fort, in
irgendeine schne Wald- und Wassereinsamkeit, in der sich alles klrt;
vielleicht nach Insel Wight oder nach Sylt. -- Ihm fielen ein paar Stze
und Wendungen des Briefes ein, den er von dort an seinen Vater schreiben
wrde. Vielleicht, sagte er zu sich als wie zu einem, der zu mde ist,
um sich zu wehren, bist du ein weicher, unbrauchbarer Mensch nur, der
dies und jenes tun kann, und eins wie das andre wird auf das gleiche
hinauslaufen. Aber man soll keine uerlichkeiten berschtzen. Es kommt
nur und nur darauf an, etwas zu sein; auf den Inhalt kommt es an, nicht
auf die Form. Aber jegliche Form, blitzte es hinwieder, ist ein
Erzeugnis ihres Inhalts. Nun, so wrde ich eben, ja wrde ich eben meine
Form von innen heraus schaffen, meine ganz eigene und ganz allein. Das
mte denn doch nicht mit rechten Dingen zugehn, wenn ich nicht imstande
wre, diese scheinbare, diese uere Unwahrheit meines Daseins mit
Echtheit, mit Wahrheit zu durchsetzen und auszulschen. Sollte am Ende
dies ber mich kommen, beschlossen, mein Gott, von den Sternen, als
Prfung, ob ich ihrer wrdig sei, ob ich auch recht bestehe? Und die
Wahrheit scheint, sie scheint links zu liegen, im Einfachen, im Gefhl;
und sich nicht verfhren zu lassen, das wre die Kunst, die Leistung.
Lieber Gott, es wre doch im Grunde abscheulich simpel, einfach einen
Strich unter alles zu machen und schnurstracks in die Bastarderie
hineinzulaufen. Augen auf, Georg! Dies ist deine Prfung, deine
Versuchung, den Schein der Lge auf dich zu nehmen, da du ja nun die
rechten Werte erkannt hast, nun weit, wie verlogen, wie unwahr im
Grunde alles ist, denn -- wenn sich die Wahrheit -- sie hing doch am
zuflligsten Zufall -- nun nicht herausgestellt htte, was dann? Laufen
sie nicht zu Dutzenden herum, wirkliche, blutechte Prinzen oder Frsten,
dargestellt aber durch Lakaien, Wstlinge, Krmer und Faulenzer, und
ich, ich soll alles Wahre und Schne, all meine echten, strahlenden
Ideen aufgeben wegen einer Kammerfrau? Wird es nicht schn, wird es
nicht unendlich heilsam sein, dies Dunkle unter der Oberflche zu tragen
wie ein Berhemd unter der Rstung? Wird es mir nicht immer
untrglicher, immer sichrer und kniglicher zu dem einen Wissen
verhelfen: da der Schein nichts gilt, da der Glanz fragwrdig ist, da
in jedem Innern Leiden und Scham wohnen? Nichts ist echt, triumphierte
er, so wenig der Grnspan hier an der Normaluhr Metall ist, denn er ist
lfarbe; nichts ist wahr ...

berdem gingen alle Gedanken ihm vllig aus; er stand in einer Leere,
immerfort wiederholend: Nichts ist wahr ... Nichts ist wahr ... bis er
fhlte, wie diese Leere sich langsam mit einem grlichen Angstgefhl
fllte. Blinden Auges, zusammengepret von einer schaurigen Last,
pltzlich in Leere wieder, dann aufglhend in siedender Scham, sah er
Gestalten von Menschen vor sich ab und zu gehn, lautlos scheinbar, eine
Dame mit einem Kinde, das von ihr abhing, einen kleinen Strohhut in der
Hand, -- einen gebckten Mann, der an die Normaluhr trat und das Gesicht
mit einem welken braunen Bart lngere Zeit nahe daran hielt, -- und
hinter diesem toste etwas und rauschte, -- er starrte eine Weile in
Gesichter ber ihm, erkannte den Hinterperron eines Straenbahnwagens
und blieb, als der sich fortbewegte, mit den Augen daran haften,
nachfolgend in die Ferne ... Da raffte er sich zusammen, es kam ihm vor,
als stnde er ganz krumm da. Langsam, gedankenlos ber sich selbst
hinweg murmelte er: Es wird eine schwere Aufgabe sein, den Menschen
diese Maske vorzuhalten und im Innern ...

Er stockte. Schon einmal dachte ich eben: Maske, und erinnerte mich
dabei -- --, woran doch? An ein Gesprch! jawohl, heute nacht, wo war
das noch? Ah Lenusch! In der Bar! Montfort und dieser -- Saint-Georges
sprachen ber das Problem der vertauschten Seelen. Wie, schon neun Uhr
durch? erschrak er angesichts des leuchtenden Zifferblatts, das er schon
lange betrachtete, Vater wird warten, aber nun mu ich doch noch einmal
... Wie ist die Stadt verwandelt? Ja, es ist Nacht geworden, aber nicht
dunkel. Oh freilich, sprang es hell auf in ihm, Nacht geworden, aber
nicht dunkel! Nichts ist verndert, nur das Licht. Es ist knstlich,
aber tief drinnen im ewigen Dunkel der Brust, brennt die geheiligte
Lampe! --

Er entschlo sich, ins Caf zu gehn, hungrig ohne Appetit etwas Kaffee
und Kuchen zu sich zu nehmen und das Nachtgesprch zu bedenken.

Pat das Ganze eigentlich auf mich? fragte er sich, langsam seinen
Apfelkuchen vertilgend. Eine Maske -- ber deren tragische oder
jedenfalls erniedrigende Wirkung auf ihren Trger sie ja wohl einig
wurden --, eine Maske nehme ich freilich vor. Ich wrde, gesetzt ich
bleibe der Prinz, in einen Andern versetzt werden, eine Hlle, eine
Maske, jawohl. Schlielich, fllt mir ein, stellten sie fest, da alles
beim alten bleiben wrde, da keiner auf keine Weise aus seiner Haut
herauskme, und Bogner sprach von Bestimmung. Theorien, Theorien! Da
haben sie nun herumgeschwatzt, und ich mu es leiden. Und dann das von
der Vernichtung des Schamgefhls. Und von >gewissermaen anstndigen<
Menschen sprachen sie. Habe ich eine Maske, oder habe ich keine?
schrie er sich innerlich wutentbrannt an. Nun ist mir alles
durcheinandergekommen! Hier sitze ich und bin, der ich bin, was gehn
mich zum Henker diese herumsitzenden Menschen an mit ihren Gesichtern,
die auseinanderfallen wie Bndel Karpfen und mit stummen Augen wie die
Fische! Es ist gut! ich bin entschlossen. Nun zu Vater. Er rief:
Zahlen!

Durchlaucht hatten -- fing der Kellner -- Frithjof -- nun erkannte er
ihn erst! -- seine Berechnung an, und whrend Georg sich htete, ihm ein
besonders groes Trinkgeld zu geben -- denn das wrde nach Josefs
Beweisfhrung so viel bedeutet haben wie Unsicherheit und Selbstbetrug
--, fiel mit einem sanften Gerusch das ganze Gebude in ihm zusammen.
Er zog den Mantel ber und ging ganz zerdrckt und in entsetzlichem
Angstgefhl wieder ins Hotel hinber, um seinem Vater zu sagen ... zu
sagen? -- zu sagen ...


                                Hochzeit

Als Georg im Hotel das Zimmer seines Vaters betrat, war es dunkel darin,
aber im einfallenden Laternenschein erkannte er den Schatten seines
Vaters, der im Sessel sa, als habe er sich die ganze Zeit nicht von der
Stelle gerhrt. Nun sa er hier allein und wartete ... Georg fragte,
bedrckt und ngstlich, ob er Licht machen solle, hrte das Ja seines
Vaters und drehte die Kurbel. Das Blenden der grellen Lampen unter der
Decke berwindend, suchte er noch nach Worten, als er seinen Vater sagen
hrte, es sei gut, da Georg gekommen sei, er habe ein Telegramm aus
Helenenruh erhalten: Chalybus sei tatschlich von einem neuen
Schlaganfall betroffen; im Montfortschen Hause, wo er gleich angerufen
habe, sei ihm gesagt worden, da Magda sich auf einer Hochzeit befinde,
doch habe niemand gewut wo. Ob Georg ...

Den durchzuckte es: Da, Cora, nun bekommst du doch deinen Willen. Oh,
und Renate war dort! -- Da hrte er nur seinen Vater noch sagen, da er
sehr mde sei und sich gleich niederlegen wolle; dann morgen mit dem
Frhzug nach Trassenberg zurck, -- drckte ihm die Hand, zauderte noch
und stand.

Geh nur, Junge! sagte der Herzog, morgen ist auch ein Tag. Sei so gut
und klingle zwei Mal. Und ganz flchtig setzte er hinzu: Nur nichts
berstrzen, nur nichts berstrzen.

Georg ging. --

Wie? fragte sich Georg, schttelte langsam den Kopf und fragte noch
einmal: Wie? -- --

Was war das nun gewesen? Er hatte nichts gesagt, ja, wie sollte er etwas
sagen? -- Nein, Papa hat recht: dies braucht lngere Zeit ... Papa --
sagte ich eben, -- ja, und ich empfinde: Papa. -- Nein, nun kann ich
nicht mehr, murmelte er zu Tode verdrossen und dachte: Mu ich den Frack
anziehn? Ich werde Bogner herausrufen lassen, denn wenn sie mich erst
drinnen haben, wird es schwer sein, die Worte fr Magda zu finden. Armes
Kind, armes, armes Kind! -- Er klingelte, befahl dem blassen Egon, den
Frack und alles Ntige herauszulegen, schickte ihn dann fort, verlor
aber in pltzlichem Ekel alle Lust und geriet, haltlos in Qualen
umherstreichend, vor den Spiegel. Der zeigte ihm sonderbarerweise nichts
andres als die alten, gutherzigen braunen Augen, sprlichen Brauen, das
alte schwrzliche Haar, die dunkle Haut, -- freilich die war neu, fr
ihn immerhin, der nun wute, woher sie stammte. Gleichwohl lie sich
nicht leugnen, da Wuchs und Haltung und der ganze Schnitt des Gesichts
Adelsart waren. Er wandte sich ab und trat ans Fenster. Ohne etwas
wahrzunehmen von drauen dachte er:

Es ist so sonderbar! Wenn irgendeinem guten Menschen eines Tages
mitgeteilt wrde, da er in Wirklichkeit ein Knig sei, wie stolz wrde
er auf ein solches Geheimnis sein, wie zrtlich wrde ers hten, wie
durchaus keine Gewissensbisse wrde er sich machen, solch ein Geheimnis
zu haben. Warum denn nur, warum machen wir diesen rtselhaften
Unterschied zwischen Gut und Bse? Warum darf Gutes immer, Bses nie
verheimlicht werden? O und warum, warum berhaupt sind wir immer und
immer so nach auen gewandt, als wre auch keine Spur Inneres in uns
vorhanden? Habe ich hier nicht meine Seele, Trume und Triebe, Gutes und
Schlechtes im Gemisch, und niemand wei darum, fragt danach, scheint es
berhaupt zu ahnen, aber dies, dies eine, das ich zufllig genau wei,
und das mir irgendeinen festen Bezug zur Auenwelt zu haben scheint, das
glaube ich ausschreien zu mssen, als wr es das einzige, was ich
bese, und als wre es gleichwohl nicht mein, sondern ganz allein
Eigentum der Welt. Niemand hilft mir, niemand denkt an mich, in allen
ngsten, in allen Folterungen, herumgewlzt zwischen Gut und Bse bin
ich sterbensallein, und nach diesem schreien sie, darauf zeigen sie,
dies wollen sie alle, alle haben! Verflucht sollt ihr sein, und ich gebe
es nicht! --

Eine Viertelstunde spter bergab er seine Karte einem Kellner mit dem
Auftrag, den Maler Bogner aus der Herzbruchschen Hochzeitsgesellschaft
zu rufen. Er befand sich in einem Korridor mit Tren, der gegen eine
Flgeltr verlief; die andern fhrten wohl zu den Garderoberumen, denn
aus einer kamen ein paar junge Mdchen in Wei und Rosa, kicherten,
erzhlten sich was und schlpften durch die Flgeltr, aus der ein
Schein von Damenkleidern und Frcken, Kronleuchtern, auch Stimmgerusch
und Musik herausdrangen. Alsbald kam der Maler, der in einem fameusen
Frack aussah wie ein amerikanischer Geschftstrger. Cora also hatte
Georgs Karte gesehn, und infolgedessen sitze die ganze Hochzeit in
Erwartung der Durchlaucht. Georg erklrte den Grund seines Kommens, und
nun meinte Bogner, das Beste werde sein, mit Renate zu sprechen, und er
wolle es bernehmen, weil Georg umringt werden wrde. Damit gingen sie
in den Saal, und auf Georg strzte sich das alabasterne und
himmelfarbene Meer mit Okeaniden und Tritonen, Muschelwagen und
brausenden Hrnern.

Renate trug ihr knigliches Haupt dahin auf dem Wunder ihres Nackens,
flieend in meergrner Seide, Brsseler Kanten am Ausschnitt von Hals
und rmeln, die Fe meergrn umrieselt. O wie sanft lchelten ihre
Lippen Seligkeit ber die Welt! O wie berauschte ihr Haar! Und auf der
atmenden Flche der marmornen Brust schwebte ein drittes Auge, ein
groer dunkelblauer Edelstein in einem Kranz von Perlen, schn und
unendlich seelenlos gegen die darber schwebenden Juwelen, die gebadeten
in Seele und Traum, aus denen es blickte, blickte wunderbar, und Mund
und Augen, Brust und Haar hatten sich zusammengetan zu einem Bunde der
Gttlichkeit, der herrschte und verwarf, der wie ein Reigen elysischer
Wesen, in sich selbst versunken wie der Schwan, aufstieg in sich selbst,
hinschwebend durch diese kahle Erde wie die Gloriole einer Heiligen, die
sie von sich lste, als sie gen Himmel schied, damit aller Augen einmal
ein Wunder shen. --

Es giebt nur schne Dinge auf Erden, dachte Georg voll Inbrunst und mit
allem vershnt. Ein alter Herr sprach von Grovtern und Beaune la
Rolande. Alte Damen standen berall und lchelten augenblicks, wenn er
sie ansah. Ulrika Tregiorni wandelte vorber in Mattgelb mit weiem
berwurf und weien Fichus, Antlitz wie Chinaporzellan, edelstes,
schwarze Holunderbeeren in dunkelrotem Haar, welch unerhrte Erfindung!
Josef Montfort schritt nachlssig herum und wehrte alles von sich. War
das Anna, die dort tanzte, wie gro sie war? wie schmal in Hellblau, wie
ernsthaft sah sie beim Tanzen vor sich hin. Mnner und Frauen. Cora
drang auf Georg ein mit flattrigem Haar, in bronzefarbenem, dnnem Samt,
herbstlicher, lockerer, vergehnder als je. Wo war Renate? Cora redete
unaufhrlich, Bogner trat herzu und sagte, da Renate mit Magda gegangen
sei; Magda habe darauf bestanden, noch mit dem Nachtzug nach Helenenruh
zu fahren. Georg sank das Herz. Cora zwang ihn, mit ihr zu tanzen.
Danach tanzte er unaufhrlich. Viele Mdchen waren da, fr die er eine
Erlesenheit bedeutete. Pltzlich lste sich die Gesellschaft auf; Georg
entlief.


                              Nachtgarten

Er strmte in die Nacht; Straen flogen vorber, Lampen schwebten ber
ihm still hinweg, er flog ber einen Platz, hinein unter die
schwrzlichen Hallen der Allee. Er wollte an dem Gitter hinter der
Brcke am verschlossenen Garten stehn; was zog ihn nur dorthin? Er lief.
Oh nun war es kein Palais und war kaum eine Natur, die ihn drauen im
Weiten erwarteten, diesmal war er selber es allein. Er, er, er, der
Mensch, der wahre, der nichts als Mensch, stand dort irgendwo angebunden
zwischen Bumen, unter Sternen, in der Nacht, ein Schwankendes im
Nachtwind, ein Gef aller Dfte, ein Nachtspiegel der Gestirne, ein
Auge gttlich, ein Ohr empfindlich wie Tieresohr, eine schluchzende
Brust, ein Herz, oh, eine flutende Seele! Hin sich zu werfen an
Erdboden, in Gras, anzubeten, wie eine Quelle Bluts von Ewigkeit oder
Vergnglichkeit verschluckt zu werden, o mein Gott! Den dort Wartenden
mute er finden, ihn fassen, ihn umschlingen, in ihn schmelzen, ach das
wrde eine Wiederfindung sein, ein Tod, eine Auflsung und eine
Auferstehung, von der die Dichter nichts ahnten. Oh Geliebte, Geliebte!
Sanft werden, schluchzte er, Kind werden, wie du werden, dir hnlich,
dir nahe sein, in deiner Brust eine Musik, in deinem Herzen ein einziger
Schlag, in deinen Augen ein Splitter von Gottesglanz, all dies nur
einmal, nur einmal! -- Nachtigallwirbel flogen schon zwischen Sternen,
eine ungeheure Stille kam ihm riesig entgegen, eine Wasserflche glnzte
dunkel auf, er rstete sich, darber hinzustrmen wie ein
Schwanenschwarm, aber eine Festigkeit unter den Fen schwenkte ihn
herum, da stand er Sternen gegenber, die ihn alle anblickten. Gott,
seid ihr viele! schrie er entsetzt. Wars hier, o mein Gott, war es hier?
Wo war die einsamste Stelle, wo war der Platz der Erde, allein gemacht
fr ihn, seit Ewigkeit bestimmt und stark genug, die Unendlichkeit
seines Gefhles zu tragen? Er eilte weiter, keuchend, stammelnd,
reimend, zuckend von einem unaussprechlichen Namen. Was sind alle Kronen
der Erde vor dir, und doch bricht unermeliches Verlocken aus deinem
Blick, sie alle zu erobern! Und Verlockung unermelich aus deinem Mund,
meinen Namen fortzuwerfen wie eine Scherbe! -- Da war das Gitter; es
schttelte ihn, er krmmte sich, hing an den Stben, und aus der
verschlossenen Mondestiefe des Parks, unsglich fern, scholl der
Liebesvogelton und klagte um ihn. Da weinte er um sich, da hatte er
einen Schmerz gefunden, da ward es wunderbar still, und leise wagte er
eine Silbe und sagte: Renate. -- --

Georg ging in einer dunklen Strae der Altstadt. Hier gehe ich, dachte
er, hier ist jenes Stck Weg, jener Brckensteg, zu dem keine Wege
hinfhren, auf dem man sich so findet, nachts, allein, von nirgendwo
hergekommen. Irgendwo ist die andre Stelle, wo alles abri, wohin es
kein Zurck giebt, wo das Brett ber das Bodenlose ragt, von dem ich
hierher hinuntergestrzt bin. Nun gehe ich nachhause. Ich war wohl eben
recht aufgeregt, nun bin ich khl, ach, das kommt vor, spter werde ich
mich daran erinnern. Nachhause? Ich denke nicht daran! Ich will fort!
Ich mu fort von ihr, wie knnte ich mich entschlieen angesichts ihrer
Unsglichkeit. O du tausendmal verdammte Vergnglichkeit! Was soll mir
denn der Rausch, die Erglhung, die Hingabe, wenn da keiner ist, der sie
nimmt und fr Ewigkeit verwahrt. Ich will sie nicht zurck haben, aber
ich will einen wissen, der ewiger ist als ich, und der es alles erbt,
dem alles zufllt, der es nimmt wie ein Stern oder eine der lauen,
vorberflieenden Wellen in der Luft, die allein fr sich den noch
unbekannten Frhling durch die Nchte trgt, aber ich bin hier unten,
ewig hundertmal verdammt, mich zu berleben! Mit sen Leichnamen
behangen ziehn wir unseres Weges, o Allmacht, nach Hause, wie der
drben, der Einsame, der aussieht wie Benno. Er schwingt die Arme, es
ist Benno.

Benno, rief Georg, wie kommst du hierher?

Ach, Benno war entzckt, ihn zu sehn, er sprach noch leiser, noch
unterirdischer als sonst vor stiller Freude.

Ich konnte nicht schlafen, Georg, ich mute in die Nacht! Ich mute so
viel an meine Mutter denken, und wie gut ich es nun bekommen soll. Es
ist zuviel, es ist fast zuviel! Und ich dachte an dich -- warum kamst du
nicht zum Figaro? -- und all deine Gte, und so lief ich dahin! Und nun
kommst du selber gar, es ist fast nicht zu glauben!

Hre, Benno, sagte Georg, ich mu noch diese Nacht auf einen Stern
verreisen, und du sollst mit mir kommen. Es ist unumgnglich. Ich bringe
dich jetzt nach Hause, du schreibst drei Worte fr deinen Vater auf, da
du mit mir fort in die Gegend wrest, dann nimmst du eine Handtasche --
du hast eine Handtasche! -- legst eine Zahnbrste und ein Nachthemd
hinein, und dann gehn wir in mein Hotel, schlafen womglich noch zwei
Stunden und fahren um drei mit dem Vlissinger Zuge.

So schwach Benno sich widersetzte -- denn der Gedanke schien
preiswrdig, mitten in der Nacht zu paradiesischen Lndern aufzubrechen,
fing Georg fast an zu weinen vor Angst, er knne ihn wirklich allein
fahren lassen, und begann vor Verzweiflung so zu bitten, zu flehen: nur
diesen Freundschaftsdienst und -- er hielt inne, vor Bennos
erschrockenen Augen seine Raserei bemerkend, aus der er ihm ums Haar
goldenen Hafer aus marmorner Krippe versprochen htte.

Ja, was ist denn nur? was ist denn geschehen? fragte Benno verstrt.
Er beschwichtigte ihn wieder, er wrde ihm alles spter erzhlen, wenn
er nur erst versprche, mitzukommen. -- Da gab Benno nach, Georg atmete
auf und drngte ihn eilig von dannen.


                            Neuntes Kapitel


                              Treppenhaus

Renate hatte, vom Bahnhof und Abschied Magdas zurckkehrend, sich alles
aufsparen wollen -- alles zu Fhlende und zu Denkende, was sie seit
Mittag bis zum letzten Augenblick von Magdas Gegenwart aus sich
verdrngen oder in Haltung hatte verwandeln mssen -- aufsparen bis zu
der Minute, wo sie ihr Zimmer betreten und damit sich allein in ihrem
Gehus haben wrde. Jetzt aber, als sie die Treppe aus dem stillen,
erleuchteten Hausflur emporstieg, sank eine Last von Schatten dergestalt
ber sie, da pltzlich ihre Fe an den Stufen hingen, sich kaum von
einer zur andern heben lassen wollten; und weiter als bis zum Absatz, wo
die Treppe sich bog, gelangte sie nicht.

Wovon war die Luft denn so schauerlich dumpf im Haus? -- Sie glhte mehr
im Gedanken, da es Luft der Seele, Luft des Schicksals sein knne, die
sich so drckend auf ihre Brust legte, und schwer atmend ffnete sie
ihre Jacke am Halse und schob den Schleier ber die Stirne hoch. Dann
legte sie die Muffe vor sich auf das Gelnder, lehnte sich dagegen, und
aus nun vollkommener Bewutlosigkeit ihrer selbst folgte ihr Auge
erstaunt dem weien Sulengelnder empor zur Galerie und weiter hinunter
bis zu der kleinen, gelblich verhangenen Lampe im Eingange des Flurs, an
dem ihre Zimmer lagen. Von dort abfallend, glitt ihr Blick wieder
hinunter an der weien Tfelung der Wand, ber das Geflgel, Gemse,
Wildbret und die Frchte des groen und dunklen Hondecoeterschen
Stillebens, bis sie den hellblauen Lufer am Boden wie einen sehr
stillen Bachlauf rinnen sah.

Mit einem Male fiel ihr ein: Weihnachten bekam Magda ein Telegramm von
Georg. Und dies Telegramm, ja war nicht es allein schuld, da Magda
Gefhle in Georg vermutete, die vielleicht damals schon nicht mehr
vorhanden waren? Dann schrieben sie einander Briefe, sie war glcklich
darber, und er -- ich wei nicht, was er schrieb, vielleicht war er nur
zu schwach, nicht zu schreiben, vielleicht bildete er sich ein ... Nun
gleichviel, aber an dem Telegramm jedenfalls war Bogner schuld und ich
mit ihm. Ach, was hatte doch Magda einmal geschrieben? ein Wort Bogners
... Kein Mensch knne bei irgend etwas, das er geschehn lasse oder ...
nun jedenfalls, die Folgen einer Handlung seien nicht zu ermessen, --
ja, das war uerst wahr und einfach, -- und doch -- dies Telegramm --
dies Telegramm ... Es wollte Renate nicht aus dem Kopf, sie grbelte
fruchtlos und beschwerlich herum, -- langsam, unwiderstehlich fielen ihr
die Augen zu.

Kaum aber in dieser Dunkelheit angelangt, wurde sie fortgerissen vom
leuchtenden Wirbel der Hochzeit und, ohne die Augen wieder ffnen zu
knnen, glaubte sie zu schwanken wie auf einem Schiff; ein Wirrwarr von
Musikrhythmen, deutlich die Stimme des Klaviers, der Geige, Walzer-,
Quadrillen-, Polkastcke durchjagten sie, sie fhlte sich unsichtbar
umschlungen und davongedreht, dahingeschleift; Lampen, Gesichter,
Ballkleider, Sulen schwirrten um sie her, sichtbar auf einmal erschien
der rtliche Kopf des Onkels, -- er sa rauchend in einem Winkel und
schien behaglich zu plaudern. Da stand der Erasmus und sprach mit
jemand, ernst und sachlich, Josef schlenderte neben einem jungen Mdchen
durch den Saal, Magda schwebte, schmale, lichtblaue Erscheinung, vorber
... Mhsam ri Renate die Augen auf und erschrak, sich trotzdem im
Dunkel zu finden.

Was war denn das? Trumte sie? War sie blind geworden? -- -- Sie
tastete, rckwrts tretend, nach der Lichtkurbel, drehte, -- es blieb
finster, doch die Finsternis frbte sich alsbald weilich, es dmmerte,
sie erkannte das Treppengelnder, die Wand, -- und so merkte sie wohl,
da nur das elektrische Licht pltzlich versagte. Doch auch das schien
ihr in diesem Augenblick seltsam und traurig genug -- als ob das Haus
kein Licht mehr brauche --, um sie davonzutreiben, und hastig, sich
aufraffend, erstieg sie in der immer weieren Dmmrung die zweite Hlfte
der Treppe, ging die Galerie hinunter, in den Flur und -- zauderte -- --
jetzt kam etwas -- jedoch nur einen Augenblick. Dann bewegte sie sich
bis zu ihrer Zimmertr vor, an der linken Seite des Flurs. Die stand
weit offen.

Anstatt aber in ihr Zimmer blickte sie in einen weiten Raum, der von
einer milchigen, weien und lichtblauen Dmmerung wie von einem Nebel
erfllt war. Aus ihm, wie er langsam durchsichtig und klarer wurde,
lste sich ein Halbkreis von schnen, lichtblauen Sulen, die ganz glatt
wie aus sanftem Licht, von innen leuchtend in der weien Nebelluft,
schwebten, und zugleich strmte ihr ein Hauch von Frische mit einem
inbrnstigen Narzissengeruch so stark entgegen, da sie wollstig
aufatmete. Gnge von blauen Sulen schienen in alle Tiefen zu fhren, wo
eine bluliche Dmmerung aus ihnen schmolz, wie ein Wald. Da bewegte
sich etwas auf der Lichtung vor ihr, und sie erkannte jetzt, leise
erschreckend, ein schneeweies Tier, von ihr abgewandt, kaum grer als
ein Reh, unendlich zierlich auf zarten Beinen und Hufen, ber die ein
langer, schneeweier, lieblich gewellter Pferdeschweif herabfiel. Den
Kopf hielt es gesenkt, so da er ihr nicht sichtbar war. Jetzt -- nun
hatte es ihn erhoben. Sie sah betroffen ein groes, braunes, horchendes
Auge, das sie nicht zu beachten schien, und sah das lange, wunderschn
gedrehte weie Horn, das von der Tierstirne nach oben ragte. Und nun,
whrend ihr das Herz zitterte ber die Lieblichkeit des Tiers, setzte es
sich in Bewegung, zog einen langsamen Kreis unter unendlich anmutvollem
Heben und Setzen der kleinen Fe -- mein Gott, wie jung es noch war! --
und ging zwischen den Sulen ruhig davon. Einen Augenblick noch bewegte
sich in der Ferne der Silberfall des Schweifes, -- es war verschwunden,
und langsam begann das Blau der Sulen sich zu verhauchen; es lste sich
alles in milchfarbene Nebel auf, und sie stand dicht vor ihrer weien
Zimmertr, im nchsten Augenblick im Zimmer selber, das noch immer von
dem starken Narzissenduft ber und ber erfllt war.


                                 Dunkel

Renate merkte, da sie auf einem Stuhl sa, und blickte ratlos umher.
Noch einmal schwebte das Blau der glatten Sulen hervor, noch einmal
mitten im Nebelsee das tiefe braune Auge, die kaum erkennbaren Umrisse
des weien Tiers, und als alles wieder fort war, fhlte sie sich beraus
erfrischt und voll Dankbarkeit gegen das Wunder der Erscheinung. -- Um
sie her hatte ihr Auge es schon hell genug gemacht, um sie alles wieder
erkennen zu lassen, allein wie auch Gegenstand um Gegenstand, ein wenig
umhllt nur von Nchtigkeit und Zwielicht, erschien und Art und Namen
nannte, fand sie sich in so unbegreiflicher Fremde, da sie Augenblicke
lang glaubte, ein falsches Zimmer betreten zu haben. Nein, die Dinge
selber waren unbekannt geworden ... Was war denn das, diese groe und
starke weie Sule dort, die einen Granatapfel auf der Kuppel trug? Ihr
Ofen -- ja, und der weisamtene Vorhang daneben verdeckte die Tr zu
ihrem Schlafzimmer. Weiterwandernd erkannte sie die weilackierten
Rahmen des Bchergestells an der Wand, die goldenen und mattfarbenen
Rcken und auf dem obersten Brett die drei schnen Dinge: die dumpfblaue
Vase voll weier Tulpen, die runde, weiperlmutterne Wlbung der groen
Nautilusmuschel und die kleine goldene Statuette des schmalen indischen
Gottes. Sie drehte sich ein wenig im Stuhl, da war dicht neben ihr der
kleine, eingelegte Tisch aus gelber Birke, die Kristallvase darauf mit
gro entfalteten weien Rosen, -- sie erkannte die Stiele im Glas, --
mehrere Bltter lagen auf der kleinen, gestrickten Decke darunter und
der blanken Politur --, als schon das tiefe Seidenblau des Sofas
dahinter ihre Augen erfllte. Und dann sah sie auf dem Schreibtisch
deutlich den fremden Berg weier Blumen, der still dalag und atmete.

Josef ... dachte sie und rhrte sich nicht. Kein Weg strahlte von dem
Namen aus. -- Nun eilte der leichte Silberschlag der Uhr mit raschem
Schritt wie eine geflgelte Botin durch das immer hellere Zimmer, im
Vorbeilauf sie streifend, ohne da sie imstande war, die Stunde zu
erhaschen. Doch stand sie langsam auf, nahm Hut und Jacke ab und legte
sie auf den Stuhl, wobei ihr auf einmal Ulrika Tregiorni erschien,
schwarze Holunderbeeren im dunkelroten Haar, vom Tanzen erblat, aber
lchelnd, und sie fand sie, deren Wesen ihr nie ganz nahe gekommen war,
in diesem Augenblick sonderbar rhrend oder -- schutzbedrftig. Die gute
Ulrika! Da war zum ersten Mal Einer vor sie hingetreten, den es
anzuschaun lohnte, ein richtig Fremder, nie Dagewesner, eine Art
Weltwunder oder Mondbewohner, der sich wie Cyrano vom Kastanienast in
ihr unbesorgtes Mdchenland herabgeschwungen hatte. Herr von Bergerac
war nicht wirklich auf dem Monde gewesen, aber er kannte alle Methoden,
um hinzugelangen, wie unerhrt! -- Leise lchelnd nahm Renate Hut und
Jacke wieder vom Stuhl auf und trug sie ins Schlafzimmer, wo sie ihr
meergrnes Hochzeitskleid noch ber dem Bett liegen sah, und im nchsten
Augenblick war sie, ohne nachzudenken, dabei, Rock und Bluse aus- und
das Kleid anzuziehn. Vor den Spiegel tretend beim Zuhaken, drehte sie
vergelich die Lichtkurbel, es blieb dunkel, sie erinnerte sich nun und
sah sich gleich darauf seltsam fern in der dunklen Spiegelhhlung stehn,
-- wie eine gefangene Meerfrau anzusehn, fand sie, leise frierend am
bloen Hals und den Armen.

Wieder im andern Zimmer schritt sie zum offenen Fenster rechts neben den
Schreibtisch, die Blumen absichtlich bersehend und was etwa darunter
sein mochte, schlug den Vorhang zurck und blickte in den nchtlichen
Garten hinunter. Der war geisterhaft still und ergraut, das schwarze
Gespinst der Baumkronen hing unbeweglich vor dem Unsichtbaren, Dunklen
des Himmels mit wenigen, zittrigen Sternen. Grau lag in der Tiefe der
Rasenplatz mit dem grauen Postament der Sonnenuhr. Khl nherte sich die
Luft und kte sie leise an mehreren Stellen zugleich, Gesicht und Hals.
berdem bemerkte sie, da sie die Aufgabe hatte, schwere Dinge zu
bedenken, alles was mit dem Hause vor sich gegangen war, allein sie
vermochte es nicht. Ich kann ja gar nicht denken, murmelte sie vor sich
hin. Darauf fiel ihr ein -- hatte nicht Shakespeare das gesagt --, nein,
eine Frau bei Shakespeare sagte so ungefhr: Weit du nicht, da ich ein
Weib bin und nur denken kann, wenn ich rede? -- Sie lchelte und verlor
sich.

Langsam wurde vor ihren Augen alles dunkelblau; in dem Blau entstanden
zwei weie, rechteckige Flecke, und sie merkte, da sie, ber den Tisch
gebeugt, auf die dunkelblaue, straffgespannte glatte Seide ihres Sofas
hinunterblickte, aber die weien Flecke waren die Bilder darber auf der
lichtgrnen Wandbespannung, zwei aus den Tnzen Ludwig von Hofmanns, in
weien Rahmen, und whrend nun ihre Augen von der zarten Woge tief sich
verneigender Frauen zur Linken nach dem nackten, weit und luftig
daherspringenden Tnzer zur Rechten hinber und zurck wanderten,
schillerte dahinter allmhlich wieder der Tanzsaal auf, Ulrika schwebte
vorber, Josef drehte sich wie ein Halbgott voll Seelenfriedens um sich
selbst und seine Tnzerin sich um ihn, beseligter als er, das schien
gewi. Sie sah Erasmus auf sich zukommen, gut tanzte er nicht, doch auch
nicht schlecht, und nicht unritterlich, aber Georg -- er hatte tiefe
Augen gemacht, bemerkenswerte Augen, aber -- ich mag ihn gern, dachte
Renate, er sieht doch richtig aus, wie man sich so einen jungen Prinzen
denkt, sein Blick ist gut und ehrlich, ich glaube, da er nur aus
falschem Mitleid an Magda geschrieben hat, -- ja, mein Gott! -- Zwischen
andern alten Herrn erschien ihr der Onkel im Rauchzimmer, wie immer
anzusehn, wie immer ... Ihr Herz klopfte pltzlich hart. Was wird nun
werden? fragte sie schwer und ratlos. Josef -- ah, ich wei, da er
nicht fr immer fortgeht, weil ich ihn halte, ich! -- -- berdem
wanderten ihre Augen ber den Schreibtisch hin zu dem kleinen, weien
Gipskopf des Ech-en-Aton auf dem Pfeiler in der Ecke. Oh wie es blht,
dein Gttergesicht, dachte sie ergriffen. Beschattet, weier als die
Narzissen, schimmerte das zarte Antlitz, der Mund, s gewlbt, lebte,
atmete, die Augen unter gesenkten Lidern blickten verschleiert in
unendliche Zeit, die er ber sich fortrauschen lie mit unendlicher
Geduld. Ewiger, was siehst du denn? Ewiger! Immer die Sonne, den
flammenden Gott, und fhlst seine kleinen, segnenden Hnde auf Stirn und
Lidern und Mund und glhst unverzehrt durch Jahrtausende ihm zu? --
Schweigsam und ber die Maen edel schwebte das kleine Antlitz, sanft
emporgehalten vom Hals, nicht lchelnd, ernst -- ernst -- ernst ... Aber
Josef hatte es einmal dorthin gestellt und die Sule, die es trug, war
von ihm, -- Renate seufzte, ging nun endlich zum Schreibtisch, setzte
sich davor und lie ihre Augen in den rotgernderten Kelchen der
Narzissen umherwandern. Vieles mu nun ausgefochten werden, bestimmte
sie, ich werde es -- -- ja, was denn? Da sah sie den Onkel; allein,
obwohl gleich von warmer Liebe und Mitleid berflutet, war etwas an ihm,
das sie vllig fernhielt. Ja, allein wrde er dies tragen, ganz allein:
ihr blieb nichts, als weiterhin zu tun, was immer ihre leichte Aufgabe
gewesen war: das Haus im Stande zu halten. Ja, nur eine einzige wrmere,
zartere Bewegung von ihr, gerade jetzt, konnte ihn nur schmerzen, nur
verletzen. -- Ach, und dann Magda! Kaum erlst, kaum genesen von diesem
schauerlichen Winter traf sie der Doppelschlag an einem Tag, von Georg
her und vom kranken Vater. -- Glhend in trber Hlflosigkeit dachte
sie: Auf einmal bin ich allein. Und nun wird es ja Frhling ... Sie
breitete unvermutet die Arme aus, es kam aber nichts, als da sie sich
ber die Blumen warf mit beiden Armen, mit dem Antlitz und mit groer,
brennender Pein, Wangen, Mund und Stirne badete, und als sie aufsah, war
es ihr, als htte sie geweint.

Ihre Brust schmerzte. Geweint? murmelte sie unglubig, um wen denn?

Da flammte sie auf. Sie schlug die Hnde vor das Gesicht und zerdrckte
etwas im Herzen mit aller Gewalt, das aber, anstatt zu schwinden, mit
solchem Triumph wieder hervorbrach, da ihr schwindelte, da sie --
ratlos fr Augenblicke -- an ihrem Hals tastete nach etwas, das nicht da
war, dann den Narzissenberg zur Seite rumte, den Brief, den sie
darunter fand, irgendwohin legte, nun aufstand, ins Schlafzimmer lief,
umhersuchte, endlich auf dem Frisiertisch die schwarze Schnur mit dem
kleinen Schlssel fand, wieder zurck eilte, die mittlere
Schreibtischlade ffnete und aufatmend das Buch hervorholte, in das sie
seit ihrer letzten Reise fortgefahren hatte hier und da eine Eintragung
zu machen. Bltternd, bis sie die erste leere Seite fand, tastete sie
nach der Feder, tauchte ein und schrieb -- die Schriftzge kamen im
Halbdunkel kaum leserlich unter der Feder zum Vorschein -- das Wort:
Geliebter! gro hin. Dann, fliegend, darunter: Benvenuto ...

Sie wollte weiter, sie hielt ein. Jhlings fhlte sie sich eiskalt am
ganzen Leibe. Da sah sie ihn stehn, in der Dunkelheit, unter den Bumen,
auerhalb des Gartens; sie versprte den zitternden Schlag wieder, den
sein Anblick ihr versetzte, den fast mit Wut aufspringenden Quell ihres
Herzens, den monatelang verdmmten, und zuletzt den schweren Schmerz,
den es sie kostete, als sie die ganze Trunkenheit wieder hinunterdrckte
unter ihre Fe, um -- wie auf einen ringelnden Drachen --
daraufzutreten.

Jetzt war er wieder da. Sie las die Worte, die sie geschrieben hatte,
beschmt und verwirrt, legte leise das Buch in die noch vorstehende Lade
und schob sie zu. Wie lange, wute sie nicht, aber sie sa angelehnt im
Stuhl, als sie sich wieder fand, unaufhrlich aufwrts lchelnd gegen
das kleine Knigsgesicht, zu sich kommend so mde und so erstaunt, als
wre sie fr Minuten selber in eine Narzisse verwandelt gewesen, lodernd
von Se und von Seele.

Sie erinnerte sich des Briefes von Josef, fand ihn auch neben den
Blumen, entzndete die Siegelkerze, schlitzte, whrend die Flamme sich
langsam entfaltete, den Brief auf und fand mehrere groe Bogen darin
nebst einem zweiten gefllten und versiegelten Briefumschlag, auf dem in
Josefs schwarzer und feurig aussehender Schrift geschrieben stand:

Zu lesen nicht vor meinem Tode; auch dann nur bei Lebensgefahr.

Matt lchelnd, ohne zu verstehn, faltete Renate die offenen Bogen
auseinander und begann zu lesen.


                                 Brief

   Liebe Renate:

   Dein Verstand sagt Dir beim Anblick meiner Handschrift auf dem
   Briefumschlag, was dies alles bedeutet.

Als wte sie es jetzt erst in der Tat, hielt Renate inne und richtete
die Augen von dem Geschriebenen in die gelbe Lichtflamme.

Ja, nun war es unheilbar. Er war gegangen, an diesem Tage, in solchem
Augenblick. Nein, was man ein Herz nennt -- Spittelers Hndlein kam ihr
ins Gedchtnis -- etwas Weiches, besa er nicht. Er tat und lie nach
Gednken. Ihre Gedanken irrten ab, sie senkte die Augen wieder auf das
Papier.

   ... was dies alles bedeutet. Gott segne Deinen Geist, bete aber
   fleiig, da er Dir nicht verwirrt werde in diesem geistlosen
   Lande. Mach Dir keine Sorgen wegen meines Fracks; ich habe, wie
   Du weit, Gelegenheit, ihn mit der Reisekleidung zu
   vertauschen. Dort werde ich auch den Abschied nehmen, der nun
   einmal bei allen Reisen genommen werden mu, so da ich mir den
   unsrigen ersparen kann. Zuvor aber sind einige Worte noch
   unumgnglich.

   Ich mchte, da Du, wenn nicht den Grund, so den Ernst, die
   Notwendigkeit meines Fortgehens verstehst, oder, so Du die nicht
   verstehen kannst, immerhin siehst, da sie vorhanden sind.

   Allerdings ist das nicht leicht zu schreiben, denn wenn ich an
   sich schon eine Abneigung habe, von mir selber zu reden, mich zu
   erklren womglich, finde ich es lcherlich dazu, sich in die
   Welt zu stellen und zu sagen: Ich passe nicht hinein, gebt mir
   eine andre! -- dies zu sagen, ehe nicht die eigene Zulnglichkeit
   bis an ihre Grenzen, d. h. bis an die Grenzen der mglichen Welt
   ausprobiert worden ist. Wohlan, ich mache mich auf den Weg.

   Obwohl zu betonen ist, da ich mich fr keinen Abenteurer halte.
   Ich bin es -- fast mchte ich sagen: leider -- so wenig, wie etwa
   Kolumbus einer war. Abenteurergelste um ihrer selbst willen
   besitze ich nicht. Mein Wunsch war immer, etwas zu leisten,
   und noch bin ich berzeugt, da es etwas giebt, das imstande ist,
   mich zu fesseln. Uralt gallisches, deutsches und semitisches,
   innerhalb des deutschen obendrein schwbisches und preuisches
   Blut -- aus dieser Mischung bin ich, der ich bin. Viele
   Strmungen und kein Strom -- das ist klar. Ich tue aber, was ich
   kann, werde es auch noch besser tun, als bisher; hierzuland
   freilich kann ich nicht.

   Obgleich erst morgen eine endgltige Entscheidung hier im Haus
   fallen wird, schreibe ich diesen Brief schon heut, das heit in
   der Nacht -- besser: am frhen Morgen -- vor der, in der Du ihn
   liesest. Vor einer Stunde trennte ich mich von einigen guten
   Leuten, unter denen dieser nette, kleine Prinz war, ein
   Musterbeispiel der heutigen Jugend. Noch einmal versucht ichs --
   Gelegenheit und Objekt waren so gnstig -- versucht ich es, ber
   einen Menschen zu kommen, ihn zu: betren, -- und nun -- er war
   in meiner Hand, ich htte ihn in der Folgezeit drin behalten,
   htte zum Knigsmacher werden knnen an ihm, jedoch -- ich lasse
   es. Auch er ist eben einer von diesen Innerlich-uerlichen,
   diesen >Impressionisten<, die von allem einen Eindruck
   davontragen mssen, aus tausend Eindrcken aber nichts zustande
   bringen, bei aller Arbeit, was einer kleinen Tat hnlich she.
   Viel Verstand und wenig Hitze. Alle Gebrde schlgt, eh du dirs
   versiehst, nach innen zurck. Sich verleiten lassend zu allem,
   lassen sie sich hinreien zu nichts. Aber genug von ihm. Er ist
   jung, wirds auf seine Weise zu was bringen und sollte brigens
   ein kleiner Herzog werden, damit fr eine Weile der
   Denkmalsunfug im Lande aufhrt oder in andre Bahnen kommt, denn
   er hat Geschmack und ist belesen.

   Die Menschen gehen hierzuland auf eine Weise umher, die beraus
   aufregend anzusehn ist. Alle sind beschftigt mit irgend etwas,
   aber niemand hat einen Beruf. Es verloddern die Seelen
   scharenweis. Jeder verfolgt etwas, und nicht einer wird verfolgt,
   nmlich von etwas, das ber ihm wre und Nahrung verlangte aus
   seiner Seele. Jeder hngt an seinesgleichen, und so wanken sie
   alle herum. Nein, an etwas hngen sie zudem, an dem Klebrigen,
   dem Ekligen, am -- oh siebentausend Hllenflche, Du Engel! --
   am Geld. Wrs noch Gold, gutes, gemnztes Gold, sen sie noch
   als leibhaftige Shylocks ber eisernen Ksten und fleischlichen
   Kaufmannsbrsten, wetzten sie's Messer, brchten sie sich alle
   miteinander ins Zuchthaus, -- man liee sichs gefallen. Das Geld
   ist keine Macht, das Geld ist blo ein Laster dahier. Laster wie
   Trunksucht, wie -- eben solch ein Klebriges, von dem nicht
   loszukommen ist. Haben oder Mehrhaben, das sind die zwei
   Losungen. Sahst Du je einen Freien? Sahst Du je einen groen
   Gelehrten, der nicht den albernsten Redeschwulst, vor einem
   Kegelklub gehalten, ungedruckt lassen knnte, -- weils Geld
   bringt? Je einen Knstler, der ein Kriegerdenkmal ablehnte, einen
   Dichter, der seinen Roman unverdramatisiert, veropert, verfilmt
   lassen knnte -- wenns Geld bringt? Der Arbeiter will nicht sein
   Recht haben, sondern sein Geld und vergiftet sich den Tag
   obendrein, den die Luft der Maschine schon verpestete. Ein
   ungeheurer berflu an Humanitt hat diese alte Welt dazu
   gebracht, den einzigen Wertmesser jeder Leistung, das eigene
   Leben oder: den Tod, wegzubrechen. Seitdem liegen alle
   Gegenstnde umher, gut eingeschlagen in brgerliches
   Stempelpapier, aber das groe kaiserliche Siegel fehlt. Es wird
   nur um Geld gespielt. ber allem aber thront, auf seinem
   Piedestal von Feuilletonpapier, der ewig nrgelnde Gtze
   sogenannter Kritik. Gott schlug schallend in jeder Neujahrsnacht
   an die Herzen, und nicht eines gab einen Ton. Keiner fhlt.

   Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben, sagt Salomo.
   Wohlan, ich bin auf dem Wege.

   Ich knnte ja mit dem Flugapparat in die Lfte steigen und Mut
   beweisen. Zum Nordpol forschen gehn, Perlentaucher werden, nicht
   wahr, oder Schutztruppensoldat in Sdwest, oder Tiger schieen.
   Ich sage Dir, es gengt mir nicht, auszulassen, was in mir
   ist, es wre mir lcherlich, zu beweisen, was ich habe; ich will:
   Form.

   So rhrend schamhaft ist der Norden! Jeder leidet, und keiner
   giebt es zu. Alle seufzen unter der Unzulnglichkeit, unter der
   Dumpfigkeit und Entstelltheit ihres rein und schn empfangenen
   Lebens, aber keiner kme nur auf den Gedanken, nach einem
   Retter auszusehn. Hast du auch ein Herz? fragt einer vielmehr,
   und da antwortets: Schrei nicht so laut! ich hab keins, -- das
   heit -- vielleicht, ich will mal sehn, in meiner Frau ihrer
   Schrze ist so was Dickes, -- sagt er. Vor lauter Hflichkeit
   knllen sie sich zusammen wie Seidenpapier. Ach, ich gnnte
   dieser hochwohlgeborenen Bevlkerung eine Pestilenz, ein
   Schlachtfest des Ares, das sie jahrelang mit den Kpfen gegen den
   Nabel drckte, bis sie merken, wozu ihr Wahnsinn sie gebracht
   hat.

   Ja, mich ekelts vor dieser Welt der Langweile und Sommersprossen,
   wo nichts sich erreichen lt, weil alles vor einem liegt, wo
   nichts zu fhren ist als Schlge ins Wasser, wo alles papieren
   ist, Bankpapier, Wechselpapier, Geldpapier und Zeitungspapier,
   wo ein entsetzliches Trgheitsvermgen das ganze schbige Gesetz
   des Daseins vorstellt, das jngste Mark schon wrgend, wie dieser
   kleine arme Prinz mir zeigte, der Sekt aus Eimern trinken mu,
   weil ihm das gelehrt wurde anstelle der drftigen Kunst, mit
   einem halben Glas _Haute Sauternes_ und einigem Sodawasser Hirn
   und Kehle fr eine Nacht geschmeidig zu erhalten. In die unterste
   Sohle eines Kohlenbergwerks mchte man sich verkriechen, wenn
   man nur diese unaufhrliche Helligkeit sieht. Es giebt keine
   Nacht mehr, geschweige denn Sterne, vor dem weichen Antlitz des
   Dunkels schauderts sie alle, aber nicht vor ihren, vom Kunstlicht
   entstellten Gesichtern, und es ist nicht herauszukommen aus
   diesem Gewirr von Bahnhofslichtern; man mu die Augen zukneifen,
   um einmal zu sehn, wie es leuchtet aus innen bei Finsternis.
   Nein, ich will nichts mehr von diesem alten Land, wo die Straen
   sich tausendfach kreuzen und an jeder links und rechts Laternen
   und Meilensteine so dicht stehn wie die Spargel im Frhbeet. Kein
   Weg, den nicht sieben Schwaben breit stampften, kein Wort, das
   sich nicht vor Scham verkriechen mte, weil es nach Alter
   riecht. Wo alles sich befehdet ist, lieblos, unfreundlich, weicht
   sich doch alles aus, nichts widersteht, nirgend ist ein Feind --
   --

Nun schon genug, mein Freund, sagte Renate, das Blatt ein wenig von sich
schiebend, vor sich hin. Mir scheint, ich habe dich noch nie so viel und
so laut reden hren. Freilich -- deine Einzigkeit wrde nicht darunter
leiden, wenn es mehrere von deiner Art gbe, und das knnte wohl nicht
schaden. -- Trotz solcher Gedanken fhlte sie sich nicht unversehrt von
der Glut seiner Stze, die sie noch an sich hochspringen fhlte wie eine
hchst lebendige Meute. -- So neigte sie sich wieder ber das Blatt.

   Aber was geht all das Dich an? Du weit ja von alledem nichts.
   Ich dachte oft: Bume mssen sich so empfinden wie Du, Pappeln an
   den Landstraen, wo alles vorbereilt, aber -- der Baum an der
   Strae sprt das Lrmen um sich her kaum mehr als Du, deren Leben
   ganz in sich selber vor sich geht. So lebe wohl.

   Ich habe nunmehr mein Testament fr Dich aufzusetzen.

   Zuerst hinterlasse ich Dir meinen Bruder Erasmus. Glaube mir,
   auch die Felsen der Wste bedrfen der Pflege. Erasmus, ein
   Felsen der begabtesten Art -- nie klagend oder bettelnd --, wird
   Dir niemals danken, noch zeigen, da er Deine Pflege bemerkt,
   so fest ist sein Charakter. Sei also reine Sonne, die ber die
   Richtigen und Unrichtigen scheint.

   Ich hinterlasse Dir zweitens meinen Vater. Hier habe ich nichts
   hinzuzufgen; dies geht mich allein an.

   Ich hinterlasse Dir Bogner, den Mann nach meinem Herzen, ich
   hinterlasse Dir unsern Freund Saint-Georges. Ich hinterlasse Dir
   Haus und Garten, Zimmer, Tisch und Stuhl und die tgliche
   Speise. Nichts, das Dir nicht meine Hand, mit Segen gesalbt,
   hinterliee. In diesem Augenblick, in jedem Augenblick, wo einer
   Abschied nimmt, wird er zum Herrn und Eigentmer des Bleibenden
   und verschenkt es an die Bleibenden. Den Himmel ber Dir, die
   Erde unter Dir, die Luft, die Du atmest, die Sonne, die Dich
   freut, Regen, der Dir Langmut schenkt, alle Winde und
   Vogelstimmen -- ich lasse sie Dich erben.

Ach Josef, dachte Renate in einiger Wehmut, aber khl, -- verschenken,
um zu besitzen, nicht wahr? -- Sie sah zum Ech-en-Aton auf ber ihr.
Dich hat er vergessen, mein zarter Freund, und die Orgel hat er auch
vergessen, unser Seelenhaus mit den tnenden Wnden. -- Renate nickte
und las weiter:

   Die Stare lrmen in hchster Munterkeit, die Sonne saugt den Tau
   von den Blttern, die sanfte Amsel ist schon verstummt. Lebewohl!
   Ich wei, da wir uns in einigen Jahren wiedersehn werden.
   Meine Hoffnung ist, Dich an Seele und Leib so ungewandelt
   wiederzufinden, wie ich selber unverndert zurckkehren werde.
   Ich werde zuerst das anscheinend Sinnverlassenste auf Erden, das
   Land der Vereinigten Staaten von Nordamerika probieren;
   vielleicht, da es schon gengt, Europa in besserem Lichte zu
   sehn. Dabei fllt mir ein, den Wunsch zu uern, Du mgest an
   irgendeinem Tage jedes Jahres -- etwa Deinem oder meinem
   Geburtstag -- ein paar Briefbltter mit einem Umri Deines
   derzeitigen Lebens fllen, ein paar Farben hinein, ein Licht --
   keinen Schatten, oh Holde! -- und das Ganze unter meinem Namen an
   das hiesige Konsulat von Costarica schicken, wo ich einen Freund
   sitzen habe.

   Ich danke Dir fr diese letzte, imaginre Berhrung Deiner Hand
   an meinen Lippen.

                                                                Josef.

Renate legte die Bltter zusammen und blickte, sie in den Hnden
behaltend, in das Licht. Langsam begann die Flamme sie zu schmerzen, es
kam eine Trne, eine zweite, dann, nach einer Zeit, eine dritte, die sie
flieen lie, ohne danach zu sehn, fast ohne sie zu merken.

Die Uhr vor ihr schlug einmal an, -- es war halb eins. Gleich darauf
hrte sie die Anfahrt eines Automobils von der Strae her und war im
selben Augenblick aufgesprungen und zur Tre geeilt. Sie trat ber den
Flur in das Nhzimmer und vorsichtig, um von auen nicht gesehen zu
werden, in die Nhe des Fensters. So, heftig atmend, gepeinigt vom
Verlangen, hinunter zu laufen, von der Furcht, den Onkel zu erschrecken
und verletzen, sah sie den groen schwarzen Wagen vor dem Hause halten,
sah im Laternenschein den Oheim aus dem erleuchteten Innern steigen, wo
der Schatten des Erasmus sich vorbeugte, und langsam durch den Vorgarten
kommen. Der Schlag fiel zu, das Automobil rauschte auf und entfernte
sich zu Renates Verwunderung mit Erasmus, indem es einen Bogen
beschrieb. -- Wohin denn fuhr er noch? Ach! Noch einmal zu Josef? --

Ihr fiel ein, den Kurzschlu des Lichts zum Vorwand zu nehmen und mit
der Kerze ins Treppenhaus zu treten. Aber sie hrte die Schritte im
Hause laut werden und wieder still, dann die Treppe heraufkommen, -- es
dauerte ihr eine Unendlichkeit, und doch bewegte sie sich nicht. Erst
als lange Schweigen war, nichts mehr sich rhrte, trat sie wieder in den
Flur und hinber in ihr Zimmer.

Ich kann nicht! dachte sie, dastehend, ergeben. Er verhllt sich vor
mir, wie kann ich ihn anrhren? Alle verhllen sie sich, -- Bogner,
Erasmus, und Josef, -- oh mein Gott, wenn ich nur sehn knnte, wre dein
Brief eine einzige Lge! Bis in die Fingerspitzen hab ichs gefhlt! Und
wenn jedes Wort drin wahr ist -- Wahrheit ist es doch nicht! Und -- ach
--

Unversehens lschte sie das Licht wie aus Scham.

Dann sthnte sie auf: Ich will etwas tun! Will handeln, will Wunden
verbinden, Steine schleppen, Pfeile auffangen, Gefahr und Not und alles,
-- aber ich will nicht dastehn, wenn neben mir Unheil hagelt und die
Herzen zerschlagen werden, -- dastehn und sagen: Ich leide! -- Sie aber
alle --, keiner lt mich an sich heran.

Ach du Einer, flehte sie nun im Finstern, sanft aus sich emporgerichtet,
gerne blind, -- wann kommst du in das Dunkel und leuchtest mit deiner
ganzen Seele? -- --

Sie seufzte und ging in ihr Schlafzimmer.


                                 Reise

Als Georg mit Benno den Bahnsteig betrat, stand da Josef von Montfort.
Georg erschrak nicht wenig bei seinem Anblick, denn nun konnte er ja der
Cornelia sein Wort nicht halten. Aber wie war zu denken, da er schon
heute ... Sie tat ihm unendlich leid, allein was war zu machen? berdem
ward Montfort ihn gewahr, jeder ehrte aber im andern die heimlichen
Grnde, sie grten sich nur und blieben getrennt.

Georg, whrend Benno hinter ihm die erstaunlichen Gegenstnde des
Schlafabteils betrachtete, stand noch eine Weile am Fenster. Die
Begegnung mit Josef hatte ihn unerwartet wieder tiefer gedemtigt. Warum
floh er so davon? Oh nein, er mute, er mute davon, weit fort, weg aus
dieser Umgebung, unmglich, sich hier zu besinnen, zu klren.
Schlaftrunken nahm er noch das Entgleiten der farbigen Lichter ber dem
Schwarz des nchtlichen Bahndamms auf, das Entgleiten der letzten Huser
und Laternen und gedachte schmerzlich Renates. Benno, der fhlende, lag
schon zugedeckt, als er sich endlich wandte; so entkleidete auch er sich
gemach, legte sich, versuchte zu schlafen, geriet in ein Wirrwarr
verlorener Empfindungen, glitt endlich aus diesem Labyrinth ins
Traumgewirr hinber, whrend unter ihm Achsen, Rder und Schienen ihre
dunkel donnernde Musik machten, gleichmig und unaufhrlich.


    Hier enden des dritten Buches neun Kapitel oder dreimal so viel
                                Stunden.




                                 Inhalt



                              Erstes Buch

                             Erstes Kapitel
              Wiese                                      9
              Terrasse                                  18
              Saal                                      25

                            Zweites Kapitel
              Deich                                     35
              Weiher                                    49
              Hof                                       55

                            Drittes Kapitel
              Gewitter                                  59
              Zwiegesprch                              72
              Schreibzimmer                             80

                            Viertes Kapitel
              Vater und Sohn                            89
              Vater und Sohn (Fortsetzung)              98
              Spiegel                                  111

                            Fnftes Kapitel
              Mittagstafel                             115
              Pelikan                                  125
              Ein Brief                                132

                            Sechstes Kapitel
              Al Manach                                142
              Knig, Dame, A und Bube                 150
              Musik                                    158

                           Siebentes Kapitel
              Erzhlung                                164
              Die Herzogin                             181
              Abendtisch                               193

                             Achtes Kapitel
              Sonnenuntergang                          202
              Mondaufgang                              210
              Rheinweinbowle                           217

                            Neuntes Kapitel
              Dunkel                                   222
              Rausch                                   226
              Tagesanbruch                             230

                              Zweites Buch

                         Erstes Kapitel: August
              Renate von Montfort an Magda Chalybus   241
              Renate an Magda                          246
              Magda an Renate                          246
              Renate an Magda                          247
              Magda an Renate                          250
              Magda an Georg                           255
              Renate an Magda                          258
              Magda an Renate                          262

                       Zweites Kapitel: September
              Renate an Magda                          269
              Magda an Renate                          279
              Renate an Magda                          281
              Magda an Renate                          286

                        Drittes Kapitel: Oktober
              Renate an Magda                          291
              Magda an Renate                          295
              Renate an Magda                          299
              Magda an Renate                          307
              Renate an Magda                          310

                       Viertes Kapitel: November
              Magda an Renate                          313
              Renate an Magda                          318
              Magda an Renate                          318
              Ferngesprch                             318
              Ferngesprch II                          320
              Herzog Woldemar an Georg                 328
              Georg an seinen Vater                    334
              Renate an Magda                          346
              Renate von Montfort an Benvenuto Bogner  349
              Benvenuto Bogner an Renate von Montfort  353

                       Fnftes Kapitel: Dezember
              Renate an Bogner                         357
              Bogner an Renate                         360
              Renate an Bogner                         363
              Renate an Magda                          365
              Bogner an Georg                          367
              Magda an Renate                          367
              Bogner an Renate                         368
              Georg an Magda                           372
              Magda an Renate                          372
              Renate an Magda                          375
              Renate an Bogner                         376

                        Sechstes Kapitel: Januar
              Zwiegesprche: Das eine                  377
              Das andre                                389

                       Siebentes Kapitel: Februar
              Georg an Cora Bogner                     402
              Cora Bogner an Georg                     402
              Georg an Cora                            403
              Cora an Georg                            404
              Magda an Georg                           405
              Georg an Magda                           408
              Georg an Benno Prager                    414
              Georg an Cora                            420
              Cora an Georg                            420

                          Achtes Kapitel: Mrz
              Magda an Georg                           423
              Benno an Georg                           425
              Georg an Magda                           430
              Georg an Cora                            433
              Georg an Benno                           438
              Cora an Georg                            445
              Benno an Georg                           447
              Magda an Renate                          449
              Renate an Magda                          450

                         Neuntes Kapitel: April
              Bogner an Renate                         454

                              Drittes Buch

                             Erstes Kapitel
              Speisewagen                              467
              Fahrtgesprche                           483
              Abteil                                   490

                            Zweites Kapitel
              Nachtgang                                502
              Garten                                   509
              Landstrae                               514

                            Drittes Kapitel
              Kaffeehaus                               520
              Traumdeutung                             534
              Wiedersehn                               554

                            Viertes Kapitel
              Nachtstraen                             558
              Fahrt                                    565
              Ballhaus/Bar                             570

                            Fnftes Kapitel
              Stadt                                    587
              Fenster                                  590
              Halle                                    594
              Kapelle                                  598
              Erker                                    612

                            Sechstes Kapitel
              Wald                                     623
              Salon                                    630
              Postamt                                  635

                           Siebentes Kapitel
              Weinstube                                639
              Park                                     648
              Saal                                     658
              Raum                                     665

                             Achtes Kapitel
              Hotelzimmer                              670
              Hingang                                  690
              Hochzeit                                 703
              Nachtgarten                              707

                            Neuntes Kapitel
              Treppenhaus                              712
              Dunkel                                   715
              Brief                                    722
              Reise                                    732


                         Druck der Spamerschen
                        Buchdruckerei in Leipzig


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 51]:
   ... sah er verwogen aus wie ein betrunkener Student. ...
   ... sah er verwegen aus wie ein betrunkener Student. ...

   [S. 113]:
   ... und am Ende eher ein wenig noch oben ging, und ...
   ... und am Ende eher ein wenig nach oben ging, und ...

   [S. 275]:
   ... Gedanken gehabt, als es sei selbstverstndlich und gar ...
   ... Gedanken gehabt, als sei es selbstverstndlich und gar ...

   [S. 306]:
   ... wenig zu Lachen. Lebe tausendmal wohl! In inniger Liebe ...
   ... wenig zum Lachen. Lebe tausendmal wohl! In inniger Liebe ...

   [S. 370]:
   ... falsch, aber liebevoll: Sti -- ile -- Nacht! Hei -- lige ...
   ... falsch, aber liebevoll: Sti -- ille -- Nacht! Hei -- lige ...

   [S. 390]:
   ... glnzend schwarz war, wehte ein feiner, glitzender Schleier ...
   ... glnzend schwarz war, wehte ein feiner, glitzernder Schleier ...

   [S. 489]:
   ... leben, und frher wrden die jngeren Shne aus dem ...
   ... leben, und frher wurden die jngeren Shne aus dem ...

   [S. 517]:
   ... besetzt mit Tausender roter Rubinaugen, die Licht saugten ...
   ... besetzt mit Tausenden roter Rubinaugen, die Licht saugten ...

   [S. 653]:
   ... Randturm der Sternwarte, zinnengekrnt und ohne ...
   ... Rundturm der Sternwarte, zinnengekrnt und ohne ...

   [S. 659]:
   ... Frau -- kann Sie vielleicht kochen? ...
   ... Frau -- kann sie vielleicht kochen? ...

   [S. 677]:
   ... Ledersofa sa bei einer Kerze die vorerwhnte Hebeamme ...
   ... Ledersofa sa bei einer Kerze die vorerwhnte Hebamme ...






End of the Project Gutenberg EBook of Helianth. Band 1, by Albrecht Schaeffer

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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
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page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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