The Project Gutenberg EBook of Der Weihnachtsabend, by Christoph von Schmid

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Title: Der Weihnachtsabend
       Eine Erzhlung zum Weihnachtsgeschenke fr Kinder

Author: Christoph von Schmid

Release Date: February 8, 2018 [EBook #56520]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND ***




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                                  Der
                            Weihnachtsabend.


                             Eine Erzhlung
                                  zum
                          Weihnachtsgeschenke
                                  fr
                                Kinder,

                                  Von
                      dem Verfasser der Ostereyer.


                            Landshut, 1825.
                    in der Krll'schen Buchhandlung.




                            Erstes Kapitel.

                          Das Weihnachtslied.


An dem heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste wanderte der arme Anton,
ein holder Knabe von acht Jahren, noch durch die schneebedeckte Gegend
hin. Der arme Kleine hatte seine blonden Locken, die von der Klte
angeduftet waren, noch mit dem leichten schwarzen Strohhute vom letzten
Sommer her bedeckt, und seine beyden Wangen glhten hochroth von Frost.
Er war nach Soldatenart gekleidet und hatte eine niedliche
scharlachrothe Husarenjacke an. In der Rechten fhrte er einen dicken
Stecken von Schlehdorn, und auf dem Rcken trug er ein kleines
Reisebndelein, in dem sich all sein Hab' und Gut befand. Er war aber
frhlich und guter Dinge, und hatte an der schnen weien
Winterlandschaft umher und an den bereiften Hecken und Gestruchen am
Wege seine herzliche Freude. Inde ging die Sonne gluthroth unter. Die
angedufteten Halme und Zweige umher flimmerten wie mit rthlichen
Fnklein bestreut und die Gipfel des nahen Tannenwaldes strahlten im
Abendgolde.

Anton dachte das nchste Dorf, das jenseits des Waldes lag, noch leicht
zu erreichen, und ging muthig in den dicken, finstern Wald hinein. Er
hoffte in dem Dorfe gute Weihnachtsfeyertage zu bekommen; denn er hatte
gehrt, die Bauern dort seyen sehr vermgliche und gutherzige Leute.
Allein er war noch keine Viertelstunde gegangen, so kam er vom rechten
Wege ab, und verirrte sich in die wildeste Gegend des rauhen, bergichten
Waldes. Er mute fast bestndig durch tiefen Schnee waten, und einige
Male versank er beynah in Gruben und Schluchten, die unter dem Schnee
versteckt waren. Die Nacht brach ein und es erhob sich ein kalter Wind.
Wolken berzogen den Himmel, und verdunkelten jedes Sternlein, das durch
die schwarzen Tannenste funkelte. Es ward sehr finster und fing aufs
neue an heftig zu schneyen.

Der arme Knabe fand keine Spur mehr von einem Wege, und wute nicht mehr
wo an und wo aus. Mde von langem Umherirren vermochte er nicht mehr
weiter zu gehen. Er blieb stehen, zitterte vor Frost, und fing an
schmerzlich zu weinen. Er legte sein Wanderbndelein in den Schnee,
kniete darneben nieder, nahm seinen Hut ab, erhob seine starren Hnde
zum Himmel, und bethete unter heien Thrnen: Ach Du lieber Vater im
Himmel! Ach la mich doch nicht in diesem wilden Walde, in Nacht und
Frost umkommen. Sieh, ich bin ja ein armes Waislein, und habe keinen
Vater und keine Mutter mehr! Ich habe niemand mehr als Dich. Aber Du
bist ja der Vater aller armen Waisen. O la mich nicht erfrieren;
erbarme dich deines armen Kindes. Es ist ja heute die Nacht, in der dein
lieber Sohn zur Welt geboren wurde. Um Seiner Willen erhre mich! Ach,
la nicht in eben der Nacht, da sich alle Welt ber die Geburt des
gttlichen Kindes freut, mich armen Knaben hier einsam im Walde
sterben. Er legte sein mdes Haupt auf sein kleines Bndelein, und
schluchzte und weinte bitterlich!

Aber horch -- da erklang es mit einem Male, seitwrts von der Hhe
herab, lieblich wie Harfentne, und ein wunderschner Gesang erhob sich
und hallte von den Felsen wieder. Dem Knaben war es nicht anders, als
hrte er die heiligen Engel Gottes singen. Er stand auf, horchte und
faltete die Hnde. Der Wind hatte sich gelegt, und kein Lftchen regte
sich. Unaussprechlich lieblich erklang der Gesang in der tiefen
nchtlichen Stille des Waldes. Jetzt vernahm er deutlich die Worte:

   O sey getrost in jeder Noth,
   Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott
   Zum Heiland dir gegeben!
   Auf Ihn vertrau' und fasse Muth,
   Was schlimm ist, macht Er wieder gut;
   Er liebt dich wie sein Leben.

Jetzt war es wieder stille; nur klangen noch wie ein leiser Wiederhall
einige sanfte Harfentne nach. Dem guten Anton wurde es wunderbar um das
Herz. Ach, sagte er, so mu es den Hirten zu Bethlehem gewesen seyn,
als sie in jener heiligen Nacht den himmlischen Gesang vernahmen. Ich
will wieder frischen Muth fassen und frhlich seyn. Sicher wohnen gute
Menschen in der Nhe, die sich meiner annehmen; denn ich hoffe, da sie
nicht nur so schn singen, wie Engel, sondern auch so gut und freundlich
gesinnt seyen, wie die Engel! Er nahm sein Bndelein, und ging die
Anhhe hinauf -- der Gegend zu, woher er den lieblichen Gesang vernommen
hatte. Kaum war er einige Schritte durch das Gebsch gegangen, so
glnzte ihm ein heller Lichtstrahl entgegen, der sogleich wieder
verschwand, ber eine Weile aber wieder erschien, dann wieder auf einige
Augenblicke verschwand, dann wieder heller glnzte, und so wechselweise.
Anton ging freudig vorwrts, und kam an ein Haus, das einsam im Walde
stand. Er klopfte zwei, drey Mal an der Hausthre; er hrte wohl mehrere
frhliche Stimmen in dem Hause, aber niemand antwortete ihm. Er
versuchte nun die Thre zu ffnen; sie war nur mit der Thrschnalle
geschlossen. Er ging hinein, tappte lange in dem dunkeln Hausgange
umher, und suchte die Stubenthre. Endlich fand er sie, machte sie auf
-- und blieb hchst erstaunt stehen. Ein heller Glanz von mehrern
Lichtern strahlte ihm entgegen. Es war ihm nicht anders, als blickte er
in das Paradies, in den offnen Himmel.

In der Ecke der Stube, zwischen den zwey Fenstern, war eine beraus
schne Frhlingslandschaft ganz nach der Natur im Kleinen abgebildet --
eine gebirgige Gegend mit hohen bemoosten Felsen, grnenden
Tannenwldern, lndlichen Htten, weidenden Schafen, nebst ihren Hirten,
und einer kleinen Stadt oben auf dem Berge. In der Mitte der Landschaft
war aber eine Felsenhhle -- da sah man das Kind Jesu -- die heilige
Mutter -- den ehrwrdigen Joseph -- die anbethenden Hirten, und oben
schwebten die jubelnden Engel. Die ganze Landschaft flimmerte von einem
wundersamen Glanze; sie war wie mit unzhligen winzig kleinen Sternlein
best, so wie etwa Laub und Moos an Bumen und Felsen schimmern, wenn
sie an einem Frhlingsmorgen von reichlichem Thaue trpfeln.

Die Einwohner des Hauses waren um die schne Vorstellung des Kindes Jesu
in der Krippe versammelt. An einer Seite sa der Vater und hatte eine
Harfe zwischen den Knieen stehen; an der andern Seite sa die Mutter mit
dem kleinsten Kinde auf dem Schooe. Zwey liebliche Kinder, ein Knabe
und ein Mdchen, standen zwischen den beyden Aeltern, blickten andchtig
zur Krippe des Heilandes hinauf und erhoben die Hnde gleich den frommen
Hirten, die vor der Krippe knieten. Jetzt griff der Vater wieder in die
Harfe und die Mutter sang mit ihrer lieblichen Engelsstimme noch einmal
das Lied, von dem Anton jene Worte gehrt hatte. Die zwey Kinder sangen
mit ihren zarten, hellen Stimmchen freudig mit, und der Vater begleitete
den Gesang mit seiner angenehmen Bastimme und dem lieblichen
Harfenspiel. Sie sangen:

   Vor Dir, Du holdes Himmelskind,
   Dem Gottes Engel dienstbar sind,
   Fall' ich anbethend nieder --
   Und freue mit Maria mich,
   Und preise mit den Engeln Dich,
   Und singe Jubellieder!

                   *       *       *       *       *

   In Dir erscheint uns Gottes Heil,
   Dich lieben -- ist der beste Theil,
   Du Liebe ohne Gleichen!
   Zwar spricht noch deine Lippe nicht,
   Doch sagt dein mildes Angesicht
   Dem Armen wie dem Reichen:

                   *       *       *       *       *

   O sey getrost in jeder Noth,
   Denn sieh, den liebsten Sohn hat Gott
   Zum Heiland dir gegeben!
   Auf Ihn vertrau' und fasse Muth,
   Was schlimm ist, macht Er wieder gut;
   Er liebt dich wie sein Leben.

                   *       *       *       *       *

   Und kmmt ein armes Kind in Noth
   Vor deine Thr', sag' nicht: Helf Gott!
   Wollst seiner dich erbarmen!
   Fhlst du fr Gottes Liebe Dank,
   La liebreich es bey Speis und Trank
   An deinem Heerd erwarmen.

Anton stand noch immer unter der geffneten Thre, und hielt die
Thrschnalle in der einen Hand, und Hut und Stecken in der andern. Seine
Augen waren bestndig auf die schne Vorstellung der Krippe Jesu
gerichtet, und mit offenem Munde horchte er auf den Gesang und das
Harfenspiel. Niemand bemerkte ihn. Jetzt fhlte aber die Mutter die
Klte, die durch die offene Thre in die Stube drang und blickte nach
der Thre: Lieber Gott, rief sie, wie kommt das Kind in der finstern
Nacht durch den dicken Wald hieher? Armer, armer Knabe -- du hast dich
gewi verirrt! Ach ja, sagte Anton, ich habe mich im Walde verirrt!
Alle sahen jetzt nach der Thre. Die zwey Kinder hatten ein herzliches
Mitleid mit dem verirrten Knaben, blieben aber etwas scheu stehen, weil
er ihnen fremd war. Die Mutter ging mit ihrem Kinde auf dem Arm zu ihm
hin, und fragte ihn freundlich: Wo bist du denn her, lieber Kleiner,
wie heit du und wer sind deine Aeltern? O Du lieber Gott, sagte Anton
mit Thrnen in den blauen Augen: Ich habe gar keine Heimath mehr. Ich
heie Anton Kroner. Mein Vater ist in dem Kriege umgekommen und meine
Mutter ist den letzten Herbst vor Jammer und Elend gestorben. Ich bin
hier im Lande ganz fremd und irre in der Welt umher, wie ein verlornes
Lmmlein. Er fing an zu erzhlen, wie er eben jetzt im Walde in so
groer Noth gewesen, wie er da aber ihren Gesang gehrt und so den Weg
zu ihrem Hause gefunden habe. Er wollte weiter reden; allein die Stimme
versagte ihm; es fror ihn noch all zu sehr. In der warmen Stube fhlte
er die Wirkungen der Klte erst recht. Er zitterte vor Frost und
klapperte mit den Zhnen.

Ach du armer Anton, sagte die Mutter; du kannst ja vor Frost kaum mehr
reden; und hungerig und mde mut du auch seyn. Leg dein Bndelein ab,
und sitz nieder; ich will dir eine warme Suppe geben, und was sonst noch
von dem Nachtessen brig ist. Die zwey Kinder, Christian und Katharine,
nahmen ihm nun voll Mitleid Hut und Stock und das Bndelein ab.
Katharine legte das Bndelein auf die Bank; Christian legte den Hut oben
darauf und lehnte den Stecken in eine Ecke. Hierauf fhrten sie ihren
kleinen Gast an den Tisch. Die Mutter brachte Suppe und ein groes Stck
Festkuchen nebst gekochten Pflaumen. Sie setzte sich an die andere Seite
des Tisches, und lchelte freundlich, da Anton es sich so gut
schmecken lie. Die Kinder aber theilten ihm reichlich von ihren
Weihnachtsgeschenken mit -- schne rothwangige Aepfel, goldgelbe Birnen,
und groe braune Nsse. Sogar das kleine Lieschen auf dem Schooe der
Mutter schenkte ihm, auf Zureden der Mutter, das schne purpurrothe
Aepfelein, das sie in dem kleinen Hndchen hielt, und mit den zarten
Fingerlein kaum umspannen konnte.

Die warme Suppe bekam dem erstarrten Anton sehr gut, und die liebliche
Stubenwrme that ihm nunmehr sehr wohl. Er ward wieder munter und
frhlich. Aber was ihr doch da in der Ecke eurer Stube Schnes habt!
fing er jetzt an. Er hatte schon unter dem Essen bestndig nach der
Krippe hinbergeblickt. Das ist ja ein Frhling mitten im Winter! sagte
er. So etwas Wunderschnes hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen.
Ich mu es doch nher betrachten. Er sprang hin und die zwey Kinder
folgten ihm.

Weit du aber auch, was das alles vorstellt? fragte Katharine.
Freylich wei ich das, sagte Anton. Es stellt die Geburt Jesu vor. Was
das fr ein schnes, liebliches Kindlein ist! Sein Angesicht ist so
schn wei und roth, wie Lilien und Rosen. Und was es fr glnzende
Aeuglein hat, und wie freundlich es lchelt! Das ist aber nicht das
rechte Jesuskindlein! sagte Katharine. Jesus ist jetzt kein Kind mehr;
Er ist schon lange in den Himmel aufgefahren. Das wei ich wohl, sagte
Anton. Meynst du denn, ich sey ein Heide? Es ist ja schon bald zwey
tausend Jahre, da Jesus als ein Kind in der Krippe lag. Das alles hier
ist nur so gemacht, damit wir Kinder uns alles besser vorstellen knnen.
Das da oben ist, glaube ich, die Stadt Bethlehem. Nicht so? Katharine
nickte. Siehst du nun, sagte Anton, da ich alles wei! Ich bin nicht
so dumm, als du meynst.

Die Kinder lachten und machten nun Anton noch auf allerley Kleinigkeiten
aufmerksam, die ihnen aber hchst wichtig vorkamen. Sieh nur, Anton,
sagte Katharine, das schne weie Schaf hier mit krauser Wolle, und die
zwey allerliebsten kleinen Schflein daneben! Sieh, hier herum graset
die brige Heerde, und dort steht der Hirt und blst auf der Schalmey.
In dem niedlichen rothen Httchen mit Rdern schlft er zu Nacht. --
Siehst du auch, sprach Christian, wie da aus dem Felsen ein kleines
Quellchen, so fein wie ein Silberfdchen, hervorspringt, und sich in den
hellen See ergiet? Sieh, zwey weie Schwne mit schngebognen Hlsen
schwimmen auf dem See und spiegeln sich in dem ruhigen, silberklaren
Wasser. Dort, sagte Katharine, kommt ein Hirtenmdchen den steilen Weg
am Berg herab, und trgt ein zugedecktes Krblein auf dem Kopf. Darin
werden wohl Aepfel oder Eyer seyn, die sie zur Krippe trgt. Und sieh,
sagte Christian, dort schiebt einer auf seinem Schiebkarren einen Sack
die hohle Bergschlucht hinauf. Was aber in dem Sacke ist, wei ich nicht
zu sagen. So unterhielten sich die Kinder hchst angenehm, und kein
kleines streifiges Schnecklein, das an dem Felsen klebte, und kein
buntes Mschelein am Ufer des Sees blieb unbemerkt.

Nun wohl, sagte Anton, das ist alles sehr schn. Allein das Schnste
ist doch die Abbildung des himmlischen Kindes! Das freut mich am
meisten. Denn um jenes Kindes willen, das hier abgebildet ist, hat mich
der himmlische Vater aus meiner groen Noth errettet.




                            Zweytes Kapitel.

                      Geschichte des armen Antons.


Der Hausvater, in dessen Hause Anton so gut aufgenommen wurde, war ein
Frster. Er sa, indessen die Kinder so mit einander plauderten, in
seinem Lehnsessel am Ofen, und schien in Gedanken vertieft. Die
Frsterin setzte sich, mit dem kleinsten Kinde auf dem Arm, neben ihn
auf einen Stuhl, und sagte ber eine Weile: Warum bist du so stille,
und ber was sinnest du nach? Ich sinne den letzten Reimen nach, die
wir gesungen haben, sagte der Frster. Du hast nun freylich gethan, wie
sie lauten, und den armen Knaben gespeiset und erwrmt. Ich denke aber,
wir knnten doch noch mehr an ihm thun. Sieh, es ist heute die heilige
Nacht. Wir feyern das Andenken jener Nacht, in der das gttliche Kind
geboren wurde, das zu unserm und aller Menschen Heil in die Welt
gekommen. Und nun schickt Gott uns eben heute Nacht ein Kind her, dem
wir zum Heile werden knnen. -- Der Erlser kam als ein Fremdling in die
Welt, und hatte nicht, wo er sein Haupt hinlege, als wollte er die
Gastfreundlichkeit der Menschen auf die Probe stellen. Die Einwohner von
Bethlehem bestanden in dieser Probe schlecht, und verstieen ihn gleich
anfangs zu den Thieren des Stalles; sollten wir den Knaben da auch so
verstoen? Sag mir aber deine Meynung aufrichtig, Elisabeth, was wir
thun sollen!

Den Knaben annehmen, sagte die Frsterin freudig und freundlich. Was
ihr einem von diesen Mindesten thut, das habt ihr mir gethan, sagte ja
Er, der in dieser Nacht geboren ward. Und der Anton scheint mir ein
recht guter, sanfter Knabe, der ein edles Gemth hat. Er sieht so fromm
und unschuldig aus, und, obwohl er bettelt, so ist er doch gar nicht
keck und verwegen. Gewi ist er ehrlicher Leute Kind. Er hat so eine
feine Aussprache, und obwohl seine rothe Jacke etwas abgetragen ist, so
ist sie doch von recht gutem Tuche. Wo ihrer fnf essen, essen auch
sechs. Wir wollen den Knaben behalten.

Du bist doch eine gute, liebe Frau, sagte der Frster, und drckte ihr
die Hand. Gott wird es dir vergelten, und was du an einem fremden Kinde
thust, unsern eigenen Kindern zu gut kommen lassen. Doch mssen wir den
Knaben zuvor erst prfen, ob er der Wohlthat werth ist.

Anton, komm einmal daher! rief der Frster jetzt laut. Anton kam und
stellte sich vor ihn hin, gerade und aufrecht, wie ein Soldat vor seinem
Offizier steht.

Dein Vater, fing der Frster an, war also ein Soldat, und starb den Tod
frs Vaterland. Nun, das ist wohl traurig fr dich, allein fr ihn ist
es schn und rhmlich. Aber erzhle uns doch mehreres von deinen
Aeltern. Wo waret ihr vor dem Kriege? Wie kam dein Vater um? Wie starb
deine Mutter? Wie kamst du hieher in unsern Wald? La einmal hren!

Anton erzhlte: Meinen Vater, Gott habe ihn selig, nannten die Husaren
ihren Herrn Wachtmeister. Unser Regiment lag, so lang ich denke, zu
Glatz in Schleien in Garnison. Meine Mutter nhte immer sehr fleiig
und verdiente vieles. Sie war sehr geschickt. Da kam der Vater eines
Tages eilig nach Hause und sagte: Es ist Krieg; wir mssen morgen
fort! Er war ein tapferer Mann und wute sich gut darein zu schicken.
Meine Mutter aber hatte einen groen Schrecken und weinte bitterlich.
Sie wollte ihn nicht allein ziehen lassen; der Abschied fiel ihr gar zu
schwer. Auf ihr vieles Bitten nahm er uns endlich mit. Wir zogen weit --
weit fort. Mit einmal hie es: Der Feind rckt an. Mein Vater und die
Husaren muten ihm entgegen. Meine Mutter und ich blieben zurck. Da
wurde uns nun wohl recht bange, als wir in der Ferne so frchterlich
schieen hrten. Ach, sagte die Mutter zu mir, bey jedem Schu geht mir
ein Stich durchs Herz. Denn ich wei ja nicht, ob die Kugel nicht das
Herz deines Vaters durchbohrt. Wir weinten und betheten, so lange das
Schieen whrte. Doch der Vater kam glcklich und unversehrt wieder
zurck. So ging es nun fter. Allein eines Tages kam nach einem Gefechte
ein Husar mit des Vaters leerem Pferde in das Dorf gesprengt und sagte,
der Vater sey schwer verwundet; er liege eine halbe Stunde vom Dorfe auf
der Wahlstatt und werde wohl sterben. Die Mutter und ich eilten sogleich
zu ihm. Er lag unter einem Baume. Ein alter Soldat kniete bey ihm und
hielt ihn sanft in den Armen, so, da der Vater den Kopf an die Brust
des wackern Kriegers anlehnen konnte. Noch zwey andere Soldaten standen
dabey. Mein armer Vater war durch die Brust geschossen und sah bereits
so bla aus wie ein Sterbender. Wir sahen es ihm wohl an, da er uns
noch etwas sagen wollte; allein er konnte nicht mehr reden. Da blickte
er mich mit seinen sterbenden Augen noch einmal schmerzlich an, dann
blickte er auf die Mutter, und dann zum Himmel. Wenige Augenblicke
nachher verschied er. Die Mutter und ich weinten uns fast die Augen aus.
Die Leiche wurde auf dem nchsten Kirchhofe begraben. Einige Herren
Offiziere und viele Soldaten kamen und begleiteten die Leiche. Die
Trompete klang mir so seltsam und so traurig, da mirs ist, ich hre sie
noch immer. Sie erwiesen ihm noch die letzte Ehre, und schossen ihm noch
in das Grab. Meine Mutter und ich wurden von dieser traurigen
Ehrenbezeugung so erschttert, als wrde auf uns selbst geschossen.
Viele Soldaten wischten sich die Augen, als sie vom Grabe zurckkehrten.
Ich und meine Mutter aber zerfloen fast in Thrnen.

Die Mutter wollte nun wieder in ihre Heimath zurck kehren. Ich habe
dort freylich keine Verwandten mehr, sagte sie, aber doch noch eine gute
Bekannte. Sie wird uns wohl in ihr Haus aufnehmen, und ich denke, dort
von meiner Arbeit dich und mich zu ernhren. Allein wir hatten kaum
einige Tagreisen zurck gelegt, da wurde die gute Mutter unterwegs
krank. Mit Mhe erreichten wir noch ein kleines Weiler. Man wollte uns
nirgend aufnehmen; endlich fanden wir in einer Scheure ein Unterkommen.
Das ist wohl hart, sagte meine Mutter, allein Maria hatte es ja auch
nicht besser. Auch sie wurde nirgends hinein gelassen und mute in einem
Stalle bernachten. Meine Mutter wurde inde stndlich krnker. Sie
lie einen Geistlichen rufen und bereitete sich zum Tode. Als es Nacht
wurde, sagte die Burin, der die Scheure gehrte, zu meiner Mutter: Ihr
seyd wohl recht krank; ich mu daher schon etwas Uebriges thun. Sie
ging, brachte eine alte Stalllaterne, in der ein kleines Oellicht
brannte, und hngte die Laterne an einem Balken auf. Das war alles, was
sie that. Sie sagte uns nun gute Nacht und kmmerte sich weiter nicht
mehr um uns. Ich blieb ganz allein bey der Mutter; ich sa so neben ihr
auf einem Bund Stroh und weinte bitterlich. Gegen Mitternacht wurde sie,
so viel ich bey dem trben Scheine der Laterne sehen konnte, immer
blsser. Sie seufzte mehrmal sehr tief. Ich weinte immer heftiger. Sie
both mir die Hand und sagte: Weine nicht, lieber Anton! Bleibe fromm
und gut, bethe gern, hab' Gott vor Augen und thu' nichts Bses; so wird
dir Gott einen andern Vater und eine andere Mutter geben. So sprach
sie. Aber lieber Gott, sagte Anton, und die hellen Zhren floen ihm
ber die blhenden Wangen -- eine solche gute Mutter bekomme ich doch
nicht mehr. Nun, fuhr er fort, sie blickte nun lange zum Himmel,
bethete in der Stille, segnete mich mit ihren sterbenden Hnden und
verschied. Ich konnte nichts als weinen. Der Bauer und die Buerin
hatten wohl meiner Mutter versprochen, sie wollen mich annehmen und mich
wie ihr eigenes Kind halten. Sie nahmen das Wenige, was meine Mutter
hinterlassen hatte, ihre Kleider und einiges Geld, auch wirklich zu
sich; allein ehe drey Wochen vergingen, schickten sie mich fort, und
sagten, ich htte schon dreymal so viel verzehrt, als die
Hinterlassenschaft meiner Mutter werth sey. Ich ging und nahm mir vor,
nach Glatz zu meinen Schulkammeraden zurck zu kehren. Allein die Bauern
konnten mir nicht sagen, wo der Weg nach Schleien gehe. Da irre ich nun
so im Lande hin und her und bettle; denn was soll ich sonst anfangen?

Die Frsterin war sehr gerhrt, und sagte mit Thrnen in den Augen zu
ihren Kindern: Seht, meine Kinder, so knnte es euch auch gehen. Auch
ihr knnet Vater und Mutter verlieren, und was wollet ihr dann anfangen?
Darum bittet Gott doch alle Tage, da Er euch eure Aeltern erhalte.

Der Frster sprach: Du hattest, so viel ich sehe, sehr rechtschaffene
Aeltern, lieber Anton. Allein hast du denn gar nichts Schriftliches
aufzuweisen? O ja wohl! sagte Anton, und nahm eine Brieftasche aus
seinem Pcklein. Diese Papiere, sagte er, hat mir meine Mutter noch auf
ihrem Sterbebette bergeben. Sie befahl mir, wohl darauf Acht zu haben,
und sie nicht aus der Hand zu lassen. Euch darf ich sie aber schon sehen
lassen. Es waren der Trauschein seiner Aeltern, Antons Taufschein und
der Todtenschein seines Vaters. Der Todtenschein war von dem
Feldprediger ausgestellt. Der Oberst des Regiments hatte aber noch
eigenhndig ein sehr rhmliches Zeugni von dem tapfern, edelmthigen
Betragen des seligen Wachtmeisters und der tadellosen Auffhrung der
hinterlassenen Wittwe beygefgt.

Nun wohl, sprach der Frster, das ist alles gut. Jetzt sage mir aber,
Anton, wie gefllts dir bey uns? Sehr gut, sagte Anton freundlich, so
gut, da mir ist, als sey ich bey Euch zu Hause. Mchtest du wohl bey
uns bleiben? fragte der Frster. -- O nirgends in der Welt lieber!
sagte Anton. Eure Frau ist gerade so freundlich, wie es meine Mutter
war, und Ihr seyd auch recht brav und habt gerade einen solchen
Schnurrbart, wie ihn mein Vater trug.

Der Frster lachte, und strich sich den Bart. Nun Knabe, sprach er, so
bleibe denn bey uns. Ich will dein Vater seyn, und meine Frau wird als
Mutter an dir handeln. Sey uns aber auch ein guter Sohn, und habe deine
neuen Geschwister lieb und thu ihnen nichts zu leid. Hrst du -- du bist
jetzt mein Sohn Anton! Der Knabe stand sehr betroffen da, und sah den
Frster mit groen Augen an, ob das auch sein Ernst sey. Er war der
harten Begegnung, die er von vielen Menschen erfahren mute, so gewhnt,
da ers kaum glauben konnte, der Frster wolle ihn an Kindesstatt
annehmen. Nun wie, Anton, sagte der Frster, und both ihm die Hand,
schlgst du nicht ein? Jetzt brach Anton in Thrnen aus, both dem
Frster die Hand, kte darauf die Hand der Frsterin, und grte beyde
Kinder, ja auch das kleinste, wiewohl es noch nicht wute, was vorging,
als seine neuen Geschwister. Christian und Katharine hatten eine groe
Freude, da Anton da bleiben durfte. Jetzt ists erst recht lustig,
sagte Christian; jetzt sind wir, wenn wir ein Spiel machen, doch unser
drey.

Der Frster fuhr aber ernsthaft fort: Sieh Knabe, so sorgt Gott fr
dich. Der Segen deiner guten Aeltern ruht auf dir. Gott erhrte das
Gebeth deiner sterbenden Mutter und -- auch dein Gebeth als du dort im
Walde zitternd vor Frost im Schnee knietest. Er lenkte deine Tritte
hieher! Er fhrte dich in unser Haus. Wenn du unsern Gesang nicht gehrt
httest, so wrest du auf deinem Bndelein eingeschlafen und erfroren,
und ich htte dich todt im Walde gefunden. Gott rettete dich gerade noch
im rechten Augenblick. Er fhrte dich gerade in dieser heiligen Nacht,
da unsre Herzen von der Liebe des Vaters im Himmel, der den Eingebornen
fr uns dahin gab, besonders gerhrt waren, zu unserer abgelegenen
Wohnung im Walde, die du sonst am Tage kaum gefunden httest. Gott und
seinem lieben Sohne, der auch fr dich armen Knaben vor bald zwey
tausend Jahren in der heutigen Nacht geboren ward, und auch fr dich
gestorben ist, hast du es zu danken, da du jetzt wieder ein Obdach
hast. Darum erkenne es, und vergi es in deinem Leben nicht, und habe
immer ein dankbares Gemth gegen Gott und deinen Erlser. Hab' Gott dein
Leben lang recht vor Augen und fhre dich immer christlich auf.

Anton versprach es mit weinenden Augen. O Du guter Gott, sagte er,
indem er zum Himmel blickte, Du hast die letzten Worte meiner sterbenden
Mutter treulich erfllt und mir wieder Vater und Mutter geschenkt. Ich
will aber ihre letzten Worte auch erfllen, deine heiligen Gebothe
halten, und besonders das vierte Geboth gegen meine neuen Aeltern recht
beobachten. Bravo, Anton, sprach der Frster, das thu, und es wird dir
wohl gehen. Die Frsterin wies hierauf dem Knaben eine kleine Kammer
mit einem reinlichen Bette an, und alle begaben sich vergngt zur Ruhe.

Am andern Morgen waren die Kinder sogleich wieder um die Vorstellung des
Kindes Jesu in der Krippe versammelt. Sie war an dem heiligen
Weihnachtsfeste und den darauf folgenden Feyertagen und Festen ihre
einzige Freude. Allein diese unschuldige Weihnachtsfreude wre bald
gestrt worden. Ein gewisser junger Herr von Schilf, der ein groer
Jagdliebhaber war, und den Frster fter besuchte, kam einmal in die
Stube. Er machte ber diese Art, den Kindern die Krippe Jesu
vorzustellen, allerley spttische Anmerkungen und konnte nicht finden,
wozu dergleichen dienen sollte.

Wozu? sprach der Frster. Schauen Sie da einmal zum Fenster hinaus,
junger Herr! Sehen Sie, tiefer Schnee deckt die Erde und die Bume des
Waldes krachen unter seiner Last. Man sieht keine Blume; nur hier an den
gefrornen Fensterscheiben schimmern Blumen von Eis. An den Obstbumen,
die mein Dach umgeben, hngen keine Aepfel und Birnen mehr, und es ist
kein grnes Blatt mehr daran zu sehen; alle Aeste und Zweiglein sind
wei angeduftet und ganz mit Reifen berzogen, und an dem Hausdache
hngen lange Eiszapfen. Die armen Kinder hier sind in der Stube, gleich
Gefangenen, eingesperrt und knnen kaum einen Tritt vor die Hausthre
thun. Sollte es denn nun so bel seyn, wenn liebende Aeltern ihren
Kindern zur rauhen Winterszeit in der wrmenden Stube gleichsam einen
Frhling erschaffen? Wirklich ist diese Frhlingslandschaft im Kleinen
mit den grnen Wldern, blumigen Wiesen, weidenden Schafen und deren
Hirten fast die einzige Winterfreude der Kinder.

Allein das ist noch das Wenigste! Die Hauptsache ist dies: Wir Christen
freuen uns zur heiligen Weihnachtszeit, da uns in Christus die
Menschenfreundlichkeit Gottes in Menschengestalt erschienen ist. Und da
mchten wir denn auch unsre Kinder, soviel sie es verstehen, an dieser
Freude Theil nehmen lassen. Nun wei ich zwar wohl, da die grten
Mahler diese heilige Geschichte in Gemlden darstellten, die seit
Jahrhunderten die Bewunderung der Welt sind. Ich selbst habe, da ich
noch auf Reisen war, jenes berhmte Gemlde der Krippe Jesu zu Dresden,
die heilige Nacht genannt, mehrmal bewundert. Allein die Einwendungen,
die Sie gegen meine, freylich sehr unvollkommene Darstellung der Krippe
Jesu hier machen, lieen sich, den Kunstwerth abgerechnet, gegen jenes
herrliche Gemlde auch machen, und sind dehalb keiner Wiederlegung
werth. Solche kostbare Gemlde sind brigens nur fr groe Herren, und
wren bey Kindern gar nicht angewendet. Denn ich wette darauf, meine
Kinder wrden ihre Krippe gegen jenes berhmte Gemlde zu Dresden sicher
nicht vertauschen.

Lassen Sie also, mein lieber Herr von Schilf, uns einfltige Leute hier
im Walde immer bey der alten Sitte unserer Vter bleiben. Ich erinnere
mich noch aus meinen eigenen Kinderjahren, da die Krippe meine beste
Kinderfreude -- und nicht ohne Segen fr mich war. So mge sie denn auch
meinen Kindern zur Freude und zum Segen gereichen.




                            Drittes Kapitel.

                        Die edle Frsterfamilie.


Der Frster, der den armen Waisenknaben an Kindesstatt angenommen hatte,
war ein sehr rechtschaffener, biederer Mann, und, wie er sich selbst
ausdrckte, noch von altem Schrott und Korn. Er war sehr gottesfrchtig,
gegen alle Menschen wohlwollend, und in dem Dienste seines Frsten
unermdet und von unverbrchlicher Treue. Der ehrliche Frster hielt
sich streng an die frommen Sitten seiner Groltern, die er noch gekannt
hatte, und seiner Aeltern, die ganz so wie die Groltern gesinnt waren.

Am Morgen war es immer sein erstes Geschft, mit Frau und Kindern das
Morgengebeth gemeinschaftlich zu entrichten; eben so wurde auch der Tag
mit dem Abendgebethe gemeinschaftlich beschlossen. Wie sollten wir,
sagte er, nicht jeden Tag mit dem Gedanken an Denjenigen anfangen und
beschlieen, der uns jeden Tag das Leben fristet, und uns Speis und
Trank und alles Gute giebt? Es ist wohl auch, denke ich, selbst fr
Engel ein rhrender Anblick, wenn Vater und Mutter in Mitte ihrer Kinder
vor Gott knien, und alle, auch das Kleinste nicht ausgenommen, die Hnde
bethend und dankend zum Himmel erheben. Der Vater im Himmel kann nicht
anders als segnend auf sie herabblicken.

Eben so andchtig und ehrerbiethig bethete der Frster mit allen den
Seinigen vor und nach dem Tische. Eines Tages brachte er den jungen
Herrn von Schilf von der Jagd mit nach Hause und lud ihn, da eben die
Suppe aufgetragen wurde, zum Mittagessen ein. Der junge Herr setzte sich
sogleich ohne Tischgebeth an den Tisch. Allein der Frster, der sich,
wie er zu sagen pflegte, nie ein Blatt vor den Mund nahm, sagte sehr
ernsthaft: Pfui, junger Herr! So machen es meine Wildschweine drauen
im Walde; die verschlucken die Eicheln, ohne aufzuschauen, woher sie
kommen. Der junge Herr wollte Einwendungen machen, und meynte, das
Tischgebeth sey eben nicht so bedeutend. Allein der Frster sprach mit
groem Nachdrucke: Was uns zu bessern Menschen macht, ist von groer
Bedeutung. Die Gottseligkeit ist zu allem ntze; von der
Gottvergessenheit hingegen habe ich noch keine guten Frchte gesehen,
wohl aber schon sehr viele schlimme. Bethen Sie mit uns, wie es einem
Christen und vernnftigen Menschen geziemt, oder Sie sind mit mir das
letzte Mal auf der Jagd gewesen. Mit einem Heiden mchte ich nichts
weiter zu thun haben. Ich mag nicht einmal mit ihm an Einem Tische
essen. Doch, setzte der Frster gelassener hinzu, ich wei wohl, da Sie
ber die Sache nie nachgedacht haben. Sie sahen etwa einige vornehme
junge Herren nicht zu Tische bethen, und machten es ihnen ohne weitere
Ueberlegung sogleich nach. Sie glaubten dadurch sich selbst ein
vornehmes Ansehen zu geben. Allein, mein lieber junger Herr, obwohl Sie
Schilf heien, so mssen Sie dehalb doch nicht dem Schilfe gleichen,
das innen leer und ohne Mark ist und sich nach jedem Lftchen dreht.
Der junge Herr stand wieder auf und bequemte sich mit zu bethen. Er that
es aber nicht aus Andacht gegen Gott, sondern blos aus Liebe zur Jagd.

Am frhlichsten war der ehrliche Frster immer, wenn er sich in der
Mitte seiner Familie befand. Was soll ich die Freude auswrts suchen,
sagte er, da ich sie zu Hause besser und wohlfeiler haben kann. Er
trank daher nach vollbrachtem Tagewerk seinen Krug Bier, und Sonntags
sein Glas Wein daheim, fhrte mit seiner Hausfrau vertrauliche Gesprche
oder erzhlte den Kindern frhliche und lehrreiche Geschichten. Wenn er
besonders aufgerumt war, nahm er seine Harfe zur Hand. Diese gilt uns,
sagte er, bey den langen Winterabenden in unserm rauhen Walde anstatt
Konzert und Oper. Er hatte in seiner Jugend zwar das Waldhornblasen
angefangen; allein da der Arzt ihm es untersagte, so verlegte er sich,
als ein groer Freund der Musik, auf die Harfe. Die Frsterin wute
mehrere schne Lieder, und der Frster begleitete sie mit seinem
Harfenspiel. Auch die Kinder hatten bald einige ihrem Alter angemessene
Liedchen gelernt, und sangen zusammen, gleich den Zeisigen im Walde.

Die Kinder des Frsters gingen nach Aeschenthal, dem nchsten
Pfarrdorfe, in die Schule. Sobald die Weihnachtsfeyertage vorber und
die Wege durch den Wald wieder gangbar waren, muten Christian und
Katharine tglich dahin gehen. Anton ging mit tausend Freuden mit, und
bertraf bald alle seine Mitschler. Sein Flei und seine Talente waren
ausnehmend. Wenn der Frster Abends von der Jagd nach Hause kam und in
seinem Lehnstuhle nchst dem wrmenden Ofen sa, muten ihm die Kinder
erzhlen, was sie in der Schule gelernt hatten, und ihm ihre Schriften
vorweisen. Anton wute immer am meisten zu erzhlen; seine Schriften
waren immer die schnsten, und in dem Lesen brachte er es bald zu einer
groen Fertigkeit. Nach dem Abendessen muten die Kinder abwechselnd
vorlesen; allein alle im Hause hrten am liebsten dem Anton zu. Er
liest am natrlichsten, sagte die Frsterin. Wenn man es nicht she, da
er ein Buch vor sich habe, so meynte man sicher, da er die Geschichte
nicht lese, sondern da er sie einmal gehrt habe, und sie uns nur so
aus dem Kopfe erzhle.

Der frhlichste Tag in der Woche war den Kindern immer der Sonntag. An
diesem Tage ging der Frster nicht auf die Jagd und die Kinder konnten
den ganzen Tag um ihn seyn. Ich bringe, sprach er, die sechs Tage der
Woche unausgesetzt und unverdrossen in herrschaftlichen Diensten zu;
allein der Sonntag ist dem Dienste eines grern Herrn gewidmet. Auch
ist mir und meinen Holzhauern nach sechs Arbeitstagen wohl ein Ruhetag
zu gnnen. Am Sonntage Morgens gingen Vater und Mutter in der
lieblichen Sonntagsfrhe mit den Kindern nach Aeschenthal in die Kirche.
Das war den Kindern, besonders im Frhlinge und im Sommer, eine groe
Freude. Der Weg fhrte bald ber waldichte Berghhen hin, bald durch
schmale Wiesenthlchen, die mit buschigen Felsen und hohen Bumen
umgeben waren. O wie schn ists doch im Walde, sprach dann wohl Anton;
wie herrlich grnen die Bume im Glanze der Morgensonne! Ja, am Sonntage
kommt mir der Wald noch viel schner vor, als sonst. Mir ists, als
htten alle Bume ein freundlicheres Grn. Die Vgelein auf den
belaubten Zweigen singen viel frhlicher. Und auer ihnen schweigt
alles! Man hrt keine Holzaxt, kein Wagenrad und keinen Schu; nur die
Kirchenglocke ertnt in der Ferne. Es ist alles so still und ruhig, wie
in der Kirche.

So feyerlich, wie in einem Tempel, sagte der Frster. Auch der Wald ist
ein Tempel des Herrn; Er, der Allmchtige, stellte diese Bume wie
Sulen umher, und fgte ihre Zweige zu einem grnen Gewlbe zusammen.
Alles, von der ungeheuren bemoosten Eiche dort bis zu den kleinen
Mayblmchen hier zu unsern Fen, verkndet uns seine Allmacht und Gte.
Ja die ganze Erde, so weit der blaue Himmel sich wlbt, ist ein Tempel
seiner Herrlichkeit. Besonders am Sonntage sollen wir Ihn in diesem
seinem Tempel anbethen und diese herrlichen Werke andchtig betrachten.
In diesem prachtvollen Tempel, den Er selbst erbaute, knnen wir seine
unermeliche, unbegreifliche Gre und Herrlichkeit wahrnehmen; in
unsern Kirchen aber, wiewohl sie von Menschenhnden erbaut sind, lt Er
seine Rathschlsse und seinen heiligen Willen uns nher offenbaren. Auch
dehalb wurde der Sohn Gottes ein Mensch, lehrte uns Menschen und
ordnete das Lehramt an. In hundert tausend Tempeln und Kirchen der
ganzen Christenheit wird an dem heutigen Tage seine Lehre verkndet und
von Millionen Menschen angehrt. Merkt daher auch ihr, meine Kinder,
heute in unsrer Kirche andchtig auf jedes Wort des Lehrers und bewahrt
es in eurem Herzen. Solche und hnliche Gesprche fhrte er mit den
Kindern auf dem Wege zur Kirche; auf dem Heimwege aber redete er mit
ihnen von der Predigt, und sie wetteiferten, ihm zu erzhlen, was sie
daraus sich gemerkt htten.

Bey Tische war der Frster Sonntags immer besonders frhlich. Die
Freude, sprach er, mit euch zu Mittag zu essen, wird mir unter der Woche
selten zu Theil; da verzehre ich mein Mittagsmahl meistens gleich im
Walde aus der Faust, und es schmeckt mir, Gott sey Dank, immer sehr gut.
Aber am Sonntage schmeckt es mir doch am besten, nicht weil die Mutter
da eine bessere Mahlzeit bereitet, sondern weil ich die Speisen in eurer
Mitte genieen kann. Er legte den Kindern mit dem herzlichsten
Wohlwollen selbst vor. Esset, Kinder, esset, sprach er, und Danket Gott
fr seine Gaben. Nach Tische ging er mit den Kindern im Walde umher,
lehrte sie die mancherley Bume, Struche und Kruter kennen, und pries
ihre mannigfaltige Schnheit und Brauchbarkeit. So, sprach er dann
immer, hat Gott alles, auch das kleinste Krutlein, schn gebildet und
zu dem Nutzen des Menschen eingerichtet. Auch der Wald ist ein Buch, in
dem ihr auf allen Blttern von der Weisheit und Gte Gottes lesen
knnet.

Wenn im Frhlinge oder im Sommer der Abend schn war, so deckte die
Frsterin unter der groen Linde, nicht weit vom Frsterhause, wo ein
Tisch nebst einigen Bnken angebracht war. Nach dem Abendessen sangen
sie noch einige schne und rhrende Abendlieder. Der Frster spielte
dazu die Harfe, und die Vgel auf allen Bumen des Waldes umher stimmten
in den Gesang und das Harfenspiel mit ein.

Anton fhlte sich unter diesen edlen Menschen, bey denen wahre
Frmmigkeit, Eintracht und Liebe, Flei, Ordnung und Zufriedenheit
wohnten, hchst glcklich. Gott meynte es doch recht gut mit mir, sagte
er fter. Er htte mich auf der ganzen Welt zu keinen bessern Menschen
fhren knnen. Der gute Knabe war aber auch die lautere Dankbarkeit und
Dienstfertigkeit gegen seine Pflegltern. Wenn der Frster Abends aus
seinem Forstbezirke heimkam, eilte Anton sogleich, ihm den alten
hechtgrauen Ueberrock mit grnen Aufschlgen, dessen sich der Frster
als eines Schlafrockes bediente, und die Pantoffeln zu bringen. Wenn die
Frsterin in der Kche am Heerde stand und kochte, trug er ihr
ungeheien Holz zu oder lief, um ihr einige Schritte zu ersparen, in den
Gemsgarten am Hause und holte Schnittlauch, Petersilien oder was sie
sonst eben von grnen Krutern nthig hatte. Mancher ihrer Wnsche ward,
bevor sie ihn aussprach, schon erfllt.

Seinem guten Pflegvater erzeigte er aber noch ganz besonders gute
Dienste. Der Frster verfertigte von allen ihm anvertrauten Waldungen
Risse, und gab ihnen mit Farben ein schnes, geflliges Ansehen. In der
Ecke jedes Blattes war der Namen des Waldes mit groen Buchstaben
geschrieben, und, nachdem es ein Wald war, mit einem Kranze von
Tannenzweigen oder Eichenlaube eingefat. Anton brachte es bald so weit,
da er die grten Risse nett und genau nachzeichnen konnte. Die
Verzierungen aber, die er dabey anzubringen wute, waren von ihm selbst
erfunden und so gut ausgefhrt, da der Frster darber erstaunte. Anton
zeichnete zum Beyspiele einen Eichbaum, an dem ein Schild mit dem Namen
des Waldes lehnte, und seitwrts sah man ein Wildschwein, das nach
Eicheln suchte. Oder der Name des Waldes stand in einen Felsen
eingegraben, der mit Tannen gekrnt war, und unten am Felsen ruhte ein
Hirsch mit zakigem Geweih. Ueberhaupt zeichnete und mahlte Anton in
allen seinen freyen Stunden bald Landschaften, bald Thiere, und wo er
nur ein Streifchen weies Papier oder einen leeren Briefumschlag fand,
zeichnete er einen Vogel, eine Blume, oder einen Baumzweig darauf. Er
konnte keinen Augenblick mig seyn. Der Frster und die Frsterin
liebten den guten Knaben wie ihr eigenes Kind, ja ihre eigenen Kinder
wurden, von Antons Beyspiel aufgemuntert, noch viel dienstfertiger und
thtiger, als sie es zuvor waren.




                            Viertes Kapitel.

                       Antons fernere Geschichte.


Eines Tages schickte der Frster den Anton mit einem Paar Schnepfen in
das benachbarte frstliche Jagdschlo Felseck. Der Verwalter hatte eben
einen Gast und wollte ihn damit bewirthen. Anton kam unterwegs an einem
Wasserfall vorbey, der zwischen schwarzgrnen Tannen, wei wie Schnee,
von einem hohen Felsen herabstrzte. Nicht weit davon sa ein fremder
Herr in einem dunkelblauen Kleide, der den Wasserfall abzeichnete. Anton
ging hin, schaute ber die Schulter des Fremden auf das Blatt, und
konnte sich nicht enthalten, laut zu rufen: O wie schn! Ja das heit
gemahlt! Er bath um Erlaubni, das schne Gemlde nher besehen zu
drfen, und erhielt sie. Mir ists, sagte er, indem er es betrachtete,
als wre das Blatt da ein Spiegel, in dem sich der Wasserfall, nebst
Felsen und Bumen, im Kleinen abspiegelte. Wie silberhell das Wasser aus
dem gespaltenen Felsen hervorschiet und wie schn sich der weie Schaum
unten zwischen den bemoosten Steinen kruselt! Wie frisch und grn das
zarte Moos an diesem Steine da ist! Man meynt, man knne es wegrupfen.
Wie keck diese rauhen Tannen emporstarren! Und da haben Sie berdie
noch einen Hirsch hergemahlt, der aus dem Bache trinkt. Wie leicht der
auf den Fen steht! Man sieht es ihm an, wie flchtig er ber Stock und
Stein wegsetzen kann. Die Hirsche, die ich mahle, stehen so lahm da, als
wollten sie alle Augenblicke umfallen. Ich wei kein rechtes Leben in
sie hinein zu bringen.

Der Mahler hatte an den ungeheuchelten Lobsprchen des Knaben und noch
mehr an dessen Gefhl fr Kunst ein groes Wohlgefallen. Er sagte
lchelnd: Du bist also, wie ich merke, auch ein kleiner Mahler? Ach,
sagte Anton, bisher meynte ich wohl gar, ich sey kein kleiner, sondern
ein groer Mahler. Jetzt sehe ich aber wohl, da ich gar keiner bin.
Der Mahler sagte: Ich wnsche deine Mahlereyen doch zu sehen. Ich werde
dich nchstens besuchen, und da mut du mir sie zeigen. Wer sind deine
Aeltern und wo bist du zu Hause? Ach, sprach Anton, ich bin ein armer
Waisenknabe. Der Herr Frster Grnewald hat mich aber an Kindesstatt
angenommen. Nun, sagte der Mahler, da bist du wohl mit ihm verwandt,
ein Bruderssohn oder ein Schwestersohn? Nein, sagte Anton, ich kam
ganz landfremd in sein Haus; er und seine Frau nahmen mich aber sogleich
auf und hielten mich wie ihr eigenes Kind. Das ist viel, sehr viel,
sagte der Mahler. Doch wie kam denn die? Anton erzhlte seine
Geschichte ausfhrlich. Der Mahler hrte ihm aufmerksam zu und sagte am
Ende: Der Frster und seine Frau mssen sehr edle Menschen seyn. Gre
sie mir, und sage ihnen, morgen des Tages werde ich sie besuchen, um
ihnen im Namen der Menschheit fr die Liebe, die sie dir erweisen, zu
danken.

Der Mahler hie Riedinger und war vor einem Paar Tagen auf dem
frstlichen Jagdschlosse angekommen, um da einige alte Gemlde
aufzufrischen. Er bentzte diese Gelegenheit, eine und die andere
Waldgegend, die ihm besonders gefiel, abzuzeichnen. Sogleich am Abende
des folgenden Tages besuchte er den Frster. Beyde biedere Mnner fanden
bald, da sie Eines Sinnes waren, und wurden Freunde. Der Mahler wollte
nun Antons Zeichnungen sehen. Die Frsterin lobte sie ausnehmend.
Glauben Sie mir, sagte sie, sie sind unvergleichlich. Allein Anton
stand errthend an der Thre und sagte: Herr Riedinger, Sie werden
sehen, da sie ganz und gar nichts heien. Der Mahler ermunterte ihn
aber, sie zu zeigen, und Anton brachte sie. Herr Riedinger betrachtete
eine nach der andern sehr bedachtsam und lchelte einige Male. Wiewohl
er vieles daran auszustellen hatte, so gefielen sie ihm dennoch sehr.
Wahrhaftig, sagte er, es steckt ein Mahler in dem Knaben. Herr
Grnewald, berlassen Sie ihn mir. Sie sollen Freude an ihm erleben.
Topp! sagte der Frster und schlug ein. Ich habe schon lange
nachgesonnen, was der Knabe werden solle. Er ist nun bereits in dem
vierzehnten Jahre und in der Schule zu Aeschenthal ist fr ihn weiter
nichts mehr zu lernen. Zu einem Jger ist er zu zart und zu mitleidig.
Er artet mehr seiner sanften Mutter nach, als seinem tapfern Vater. Wenn
Sie also meynen, er gebe einen guten Mahler ab, so nehmen Sie ihn
immerhin in die Lehre. Wie viel verlangen Sie Lehrgeld? Lehrgeld!
sagte der Mahler. Davon kann keine Rede seyn. Sie gaben mir zuerst ein
Beyspiel, wie man sich armer Waisen annehmen msse. Eine edle That zieht
immer andere nach sich, wie eine Kerze andere anzndet. Das ergiebt sich
alles ganz natrlich. Lassen Sie es also gut seyn. Sobald ich mit meiner
Arbeit auf dem Schlosse fertig bin, fhrt Anton, wenn er anders Lust
hat, mit mir in die Stadt, und ich werde keine Mhe sparen, ihn zu einem
Knstler zu bilden. Anton hpfte fast vor Freude. Als indessen nach
einigen Tagen der Mahler in einer Kutsche vor das Haus gefahren kam, ihn
mitzunehmen, weinte der gute Knabe doch recht herzlich. Allein der
Frster sprach: Weine nicht, Anton. Es ist ja nur ein Sprung in die
Stadt. Wir besuchen dich fter, und auch du kannst uns an Sonn- und
Feyertagen leicht besuchen. -- Ja, das bedinge ich mir noch aus, sprach
er zu Herrn Riedinger, da Anton uns manchmal besuchen, die
Weihnachtsfeyertage aber allemal ganz bey uns zubringen drfe. Sie
mssen ihm das erlauben. O recht gern, sagte der Mahler, recht gern;
und wenn Sie und die Frau Frsterin nichts dagegen haben, so komme ich
allemal mit. Sie gaben sich darauf die Hand. Anton dankte seinen
Pflegltern. Sie ermahnten ihn, seinen Lehrmeister, der so vieles aus
lauter Gte fr ihn thun wolle, als seinen Vater zu ehren. Unter den
besten Segenswnschen seiner Pflegltern und Geschwister stieg Anton in
die Kutsche und fuhr mit dem Mahler fort.

Der treffliche Mahler hielt in allen Stcken Wort. Es war ihm eine
Herzenslust, einen so fhigen Schler zu unterrichten. Auch kam er mit
ihm zu dem Frster fter auf Besuch; ja manchmal blieben sie mehrere
Tage, um in dem gebirgigen Walde schne Gegenden abzuzeichnen. Der
Meister konnte seinen Schler jedesmal nicht genug loben. Unter uns
gesagt, sprach er zum Frster, er wird ein Knstler, dem ich das Wasser
nicht biethen darf.

Nach einigen Jahren kam Herr Riedinger mit Anton, der nunmehr ein
blhender Jngling war, wieder einmal zu dem Frster in die
Weihnachtsfeyertage. Herr Riedinger blieb nach dem Abendessen mit dem
Frster und der Frsterin etwas lnger auf. Anton und die Kinder des
Frsters hatten sich lngst zur Ruhe begeben. Der Frster und die
Frsterin merkten wohl, da der Mahler etwas auf dem Herzen habe, und es
ihnen sagen mchte. Endlich fing er an: Was Anton bey mir lernen
konnte, hat er gelernt. Er mu nun reisen; er mu Italien sehen.
Allerdings wird das nicht wenig kosten; allein es lohnt sich der Mhe.
Kein Kapital knnte besser angelegt werden. Ich stehe Ihnen dafr, es
wird auch reichliche Zinsen tragen und seiner Zeit wieder ersetzt
werden. Was eine solche Reise kostet, bersteigt freylich das Vermgen
eines Privatmannes. Allein ich habe mir die Sache so ausgedacht: Es
versteht sich, da Anton nicht ganz auf fremde Kosten reise. Er mu
selbst etwas verdienen. Inde braucht er doch immer ansehnlichen
Zuschu; denn er mu auch fr sich noch freye Zeit behalten, um in der
Kunst weiter zu kommen. Was nun mich betrifft, so werde ich das Meinige
redlich dazu beytragen. Ich habe mir es, von Ihrem Beyspiele ermuntert,
nun einmal in den Kopf gesetzt, den Anton umsonst zu einem Mahler zu
bilden. Seine Arbeiten, die er bisher lieferte, sind mir sehr gut
bezahlt worden. Dieses Geld habe ich zurck gelegt, und werde es zu
seiner Reise verwenden. Allein es reicht bey Weitem nicht zu. Wren Sie
nun nicht geneigt, das noch Fehlende, das freylich eine nicht geringe
Summe betragen kann, darauf zu legen? Ein gutes Werk, das man angefangen
hat, mu man auch vollenden. Er both dem Frster die Hand hin,
erwartend, er werde einschlagen. Der Frster hatte an Antons
Wohlverhalten und seinen Fortschritten in der Kunst hohe Freude. Er
besa ein ziemliches Vermgen. Er blickte seine Hausfrau an. Sie nickte.
Der Frster schlug ein und sagte: Nun wohl, wenn die Summe mein
Vermgen nicht bersteigt, so will ich sie ausbezahlen. Es wurde ein
Ueberschlag gemacht, was die Reise kosten knnte, und einmthig
beschlossen, Anton sollte knftigen Frhling die Reise antreten.

Der Mahler fuhr am nchsten Morgen mit Anton im Schlitten zurck in die
Stadt. Der Frster und die Frsterin machten aber den Winter ber
Anstalten zu Antons bevorstehender Reise. Der Frster kaufte Tuch ein,
um seinen Pflegsohn hinreichend mit wohlanstndiger Kleidung
auszustatten. Auch suchte er seinen eigenen Reisekoffer hervor, und lie
ihn mit Rehfell neu berziehen. Die Frsterin und ihre zwey Tchter
nhten und strickten sehr emsig, den Anton reichlich mit Leinenzeug zu
versehen. Zu Anfang des Frhlings mute Anton noch einige Tage bey
seinen Pflegltern zubringen. Sein Pflegvater gab ihm in dieser Zeit
noch viele gute Ermahnungen und Klugheitslehren, und war gegen ihn ganz
ungemein liebreich. Der gute Mann nahm sich selbst die Mhe, den Koffer
zu packen. So oft ihm die Frsterin ein neues Kleidungsstck hinreichte,
wurde Anton aufs neue gerhrt. Ach wie vieles -- wie gar so vieles thun
Sie an mir! sagte er. Meine eigenen Aeltern, wenn sie noch lebten,
knnten nicht mehr fr mich thun! Der Koffer wurde an einen berhmten
Mahler, dem der Herr Riedinger den Anton empfohlen hatte, voraus
geschickt. Denn Anton wollte die ganze Reise zu Fu machen. Christian,
Antons Herzensfreund, hatte aber noch fr ein kleines Felleisen gesorgt,
in dem Anton das Nothwendigste zum tglichen Gebrauche mitnehmen konnte.

Endlich kam der Abschiedstag; Anton wollte nach Tische zu Herrn Mahler
Riedinger in die Stadt gehen, und von da aus dann weiter reisen. Die
Frsterin bereitete ein Abschiedsmahl, und alle speisten noch einmal mit
einander zu Mittag. Es war ein freundliches, rhrendes Familienfest. Der
Frster blickte in dem kleinen Kreise umher. Es herrschte eine
wehmthige Stille. Nicht doch, meine Shne und Tchter, sprach er, seyd
nicht so traurig; und auch du, gute Mutter, trockne diese Thrne da ab.
Es ist nun einmal so! Die Shne, zumal wenn sie bereits erwachsen sind,
mssen hinaus in die Welt; und auch ihr, meine Tchter, seyd bald in dem
Alter, wo ihr vielleicht das vterliche Haus verlassen werdet. Doch,
wenn uns auch Berg und Thal dem Leibe nach trennen, im Geiste bleiben
wir immer vereinigt. Und so traurig der Abschied immer seyn mag, das
Wiedersehen, das uns hier oder dort nie ausbleibt, ist dann desto
freudiger! Der edle Mann wute durch frhliche Gesprche alle wieder zu
erheitern. Er lie eine Flasche guten Wein bringen, von dem er sonst nur
an Festtagen trank. Er schenkte der Mutter und den beyden Tchtern,
obwohl alle drey sich weigerten, davon ein. Den Traurigen gieb Wein!
sagte er lchelnd. Anton und Christian bothen ihre Glser her, ohne sich
lange nthigen zu lassen. Am Ende der Mahlzeit nahm der Frster sein
Glas und sagte: Nun, Anton, sto an -- auf eine glckliche Wanderschaft
und ein frhliches Wiedersehen! Das gebe Gott, sagte die Frsterin,
stie an und trank ein klein wenig. Christian, Katharine und Luise
stieen auch mit an. Allen standen die Thrnen in den Augen. Anton war
am gerhrtesten. Er konnte die Thrnen nicht mehr zurck halten und
sagte: O meine liebsten Aeltern, wie vielen Dank bin ich Ihnen
schuldig! Was wre ich ohne Sie! Ach, ewig kann ich es Ihnen nicht
vergelten, was Sie an mir gethan haben. Gott wolle Ihr Vergelter seyn!
Er wolle mich einst in den Stand setzen, fr das unaussprechlich viele
Gute, das Sie an mir thaten, Ihnen und meinen lieben Geschwistern meinen
Dank durch die That zu bezeugen.

Ja, lieber Anton, sagte der Frster, ich kann es dir nicht verhehlen,
wir thun viel an dir; und wenn ich deine Geschwister hier so ansehe --
so mchte ich fast sagen, zu viel. Denn was mich und meine geliebte
Hausfrau betrifft, so brauchen wir wohl wenig mehr. Unsere Haare sind
bereits grau. So lange wir noch leben, haben wir wohl noch Brod. Allein,
mein lieber Anton, wenn eines oder das andere deiner Geschwister einmal
in Noth kommen sollte, so vergi nicht, wie wir dir aus der Noth
geholfen haben, und la sie nicht in der Noth stecken. Gieb mir die Hand
darauf, Anton! Nicht wahr, du verlt deine Geschwister nicht? O
lieber Vater, rief Anton, indem er dem Frster die Hand reichte, ich
mte ja der undankbarste Mensch von der Welt seyn, wenn ich Ihrer
Wohlthaten je vergessen knnte. O gewi -- Ihre Liebe ist mir ewig
unvergelich. Meine grte Glckseligkeit auf der Welt soll es seyn,
Ihnen, lieber Vater, meiner besten Pflegmutter oder meinen lieben
Geschwistern Gutes erweisen zu knnen.

Ich glaube dir, Anton, sagte der Frster; doch -- nun ist es Zeit, da
wir scheiden. Er stand auf und sprach: Knie nieder, lieber Sohn, damit
ich dir noch den vterlichen Segen gebe. Anton kniete nieder. Der
Frster erhob seine Augen zum Himmel; es war etwas Ehrwrdiges und
Feyerliches in seinem Angesichte und seiner Gestalt. Er segnete den
Jngling und sprach: Gott begleite dich auf allen deinen Wegen, bewahre
dich vor Snde, und fhre dich gut und unverdorben wieder in unsere Arme
zurck. Die Mutter und die Kinder standen alle mit gefalteten Hnden
und weinenden Augen andchtig umher, und sagten mit gerhrtem Herzen:
Amen! Der Frster hob den Anton auf, schlo ihn in die Arme und sagte:
Nun -- zieh hin und Gott sey mit dir! Habe Ihn stets vor Augen -- und
vergi nicht, da sein allsehendes Auge dich berall sehe. Halte dich
fr zu gut, etwas Bses zu thun. Die Gter und Lste dieser Erde sind es
nicht werth, da wir ihrethalben unser Gewissen beschweren. Gedenke, da
wir nicht fr diese kurze Zeit, die wir auf Erden zu leben haben,
geschaffen sind und da eine Ewigkeit sey. Meide nicht nur das Bse,
sondern auch jede Gelegenheit, Bses zu thun. Besonders fliehe solche
Menschen, die ber den frommen Glauben unserer Vorltern spotten und
sich ber reine Sitten lustig machen. Noch einmal -- lebe wohl und Gott
sey mit dir.

Die Frsterin sagte mit Augen voll Thrnen: Anton! Sieh diese meine
rothgeweinten Augen, diese meine nassen Wangen! Um dieser Thrnen willen
bleibe Gott ergeben, gut und rechtschaffen. Gedenke dieser Thrnen, wenn
du in Versuchung kommest, Bses zu thun. Bisher hast du uns nur Freude
gemacht; betrbe uns nie. So herzlich ich jetzt weine, so fhle ich
dabey doch vielen Trost! Aber wenn wir je etwas Unrechtes von dir hren
sollten, dann wrden ich, und wir alle, die bittersten Thrnen weinen.
Vergi unserer treuherzigen, vterlichen und mtterlichen Ermahnungen --
und der letzten Ermahnung deiner seligen Mutter -- in deinem Leben
nicht, und lebe wohl.

Die ganze Familie begleitete den tief gerhrten, traurigen Jngling noch
eine weite Strecke Weges, fast bis zu Ende des Waldes. Endlich sagten
sie ihm alle noch einmal Lebewohl! Anton ging -- sie aber blieben
stehen. Er sah noch sehr oft um, und winkte ihnen mit dem Hute. Der
Frster und Christian winkten ihm auch mit ihren Hten, und die
Frsterin und die zwey Tchter mit ihren weien Tchern, bis er endlich
mit seinem Wanderstab in der Hand und seinem Felleisen auf dem Rcken
hinter einem waldichten Hgel verschwand.




                            Fnftes Kapitel.

                        Ein Weihnachtsgeschenk.


Der heilige Weihnachtsabend war, seit Antons Abreise bereits das dritte
Mal, wieder angebrochen. Der Frster kam heute mit seinem Sohne
Christian frher aus dem Walde nach Hause. Es war sehr kalt. Der
Abendhimmel strahlte glhendroth durch die Fenster in die Stube. Die
runden Scheiben fingen schon an zu gefrieren und schimmerten in dem
rthlichen Abendschein wie Edelsteine. Der Frster setzte sich in seinen
Lehnsessel neben dem groen Ofen. Er legte mehr Holz zu; denn der Ofen
war so eingerichtet, da man ihn auch in der Stube ffnen konnte. Die
Flamme loderte bald hoch auf, verbreitete einen wallenden Schimmer durch
die Stube, spiegelte sich in den Fenstern und vermehrte das Funkeln der
gefrornen Fensterscheiben.

Jetzt kam die Frsterin in die Stube. Ist kein Brief von Anton da?
fragte der Frster. Nein! sagte sie mit betrbtem Angesichte.
Wunderlich! sprach der Frster und schttelte den Kopf. Auf den
Weihnachtsabend war sonst allemal richtig ein Brief von ihm da. Er
schrieb immer sehr ausfhrlich und seine Briefe waren mir immer die
angenehmste Weihnachtsfreude. Was treibt der Junge, da er nicht
schreibt?

Kaum hatte der Frster dieses gesagt, so trat ein Bothe mit
weiangeduftetem Haare in die Stube. Er hatte einen Brief in der Hand
und eine neue Kiste von Tannenholz auf dem Rcken, die zwar nur ganz
flach, aber ziemlich breit und so hoch war, da der Mann sich bcken
mute, um in die Stube zu kommen. In dem Kistchen wird wohl ein Spiegel
seyn! sagte Katharine. Der Bothe berreichte dem Frster den Brief und
lud die Kiste ab. Der Brief ist von dem Herrn Mahler Riedinger, sagte
der Frster. Wie kommt das? Nun glaube ich bald, da dem armen Anton ein
Unglck begegnete. Er ri den Brief eilig auf, und durchlief ihn am
Glanze des Feuers, das aus dem Ofen strahlte, mit begierigen Blicken.
Denkt nur, rief er freudig, Anton schickt uns bis aus Rom ein Gemlde
zum Weihnachtsgeschenk. Er hat es, zusammengerollt, an Herrn Riedinger
bermacht, und ihn ersucht, es in eine reiche goldene Rahme fassen zu
lassen, und dafr zu sorgen, da wir es auf den heiligen Abend sicher
bekmen. Das Gemlde sey ein wahres Meisterstck, schreibt Herr
Riedinger. Der Anton ist doch ein trefflicher Junge; ich mchte ihn
sogleich umarmen.

Katharine! rief er jetzt, bring doch dem ehrlichen Bothen, bis das
Essen kommt, einstweilen ein Glas Wein. Das wird ihm gut thun; denn es
ist drauen wirklich grimmig kalt. Der Bothe nahm den Wein mit Dank an;
verbath sich aber das Abendessen. Er habe, sagte er, zu Aeschenthal
Anverwandte, und wolle bey diesen den Weihnachtsabend und den heiligen
Tag zubringen. Auch gut! sprach der Frster, hie den Bothen
austrinken, beschenkte ihn reichlich und entlie ihn.

Nun, sprach der Frster, sitzt alle um mich her! Da ist in des Herrn
Riedingers Brief auch noch ein Brief von Anton eingeschlossen; den will
ich euch vorlesen. Luise sagte: Ich will nur noch zuvor ein
Kerzenlicht holen. Wohl, sprach der Frster; ich kann dann den Brief
mit mehr Bequemlichkeit lesen. Aber eile! Luise brachte die brennende
Kerze sogleich auf einem glnzenden Leuchter von Messing. Alle saen
bereits begierig im Kreise umher. Der Frster las:

Liebste, beste Aeltern und Geschwister! Sie erhalten hier ein
Weihnachtsgeschenk, ein Gemlde, das ich mit vielem Fleie gemahlt habe.
Es stellt den neugebornen Heiland in der Krippe vor. Mehrere Knstler
versicherten mich, das Bild sey mir sehr gut gelungen. Ich wnsche, da
es Ihnen nur halb so viel Freude machen mchte, als mir die Vorstellung
des Kindes Jesu in der Krippe machte, da ich das erste Mal in Ihr Haus
trat. Gewi wrden Sie dann keine geringe Freude daran haben.

Ach, da ich doch mit dem Bilde selbst zu Ihnen reisen, und es Ihnen
berreichen knnte! Es ist zwar dahier ein herrliches Land! Jetzt, im
Monate November, da ich dies schreibe, ist es bey Ihnen wohl schon
lngst Winter, und Ihr Dach und die Tannen und Eichen umher seufzen
unter der Last des Schnees. Aber hier prangen die Zitronen- und
Pomeranzenbume noch mit silberhellen Blthen und goldenen Frchten.
Dennoch sehne ich mich unter all diesen Herrlichkeiten nach Ihrem
lndlichen Kaminfeuer zurck, an dem ich die seligsten Stunden meines
Lebens zugebracht habe.

Ihrer Gte habe ich es zu danken, da ich unter dem milden Himmel
Italiens lebe, da ich, wenn ich je diesen Namen verdiene, ein Knstler
bin. Jene gemthliche Vorstellung der Krippe Jesu fr Kinder, so
unvollkommen sie auch seyn mochte, weckte mein Talent zuerst. Immer
steht sie mir noch vor Augen, und was ich auch, allerdings ohne
Vergleich Herrlicheres, von Kunstwerken sehe, so werde ich doch nicht
so, wie damals, davon entzckt. Ach, die seligen Jahre der Kindheit
gehen doch ber alles! Da erblicken wir alles umher wie verklrt vom
goldenen Glanze der Morgenrthe. Schade, da sie so schnell vorber
sind!

Jetzt, in diesem Augenblicke, da Sie diesen Brief lesen und meine
Mahlerey betrachten, bin ich im Geiste unter Ihnen zugegen. Ich erinnere
mich mit gerhrtem Herzen, wie ich halb erstarrt unter Ihr lndliches
Dach kam, wie mich die gute Mutter mit warmen Speisen erquickte, wie Sie
mich zu Ihrem Kinde aufnahmen, wie Christian, Katharine und Luise ihre
Weihnachtsgeschenke so freudig mit mir theilten. O liebster Vater! ich
ksse dankbar Ihre und meiner Pflegmutter ehrwrdige Hnde. Ich umarme
alle meine Geschwister. Ich freue mich jetzt schon im Voraus, Ihnen nach
einigen Jhrchen nicht blos im Geiste und aus weiter Ferne, sondern von
Angesicht zu Angesicht sagen zu knnen, wie von ganzem Herzen ich sey --
Ihr dankbarer, Sie innigstliebender Anton. Rom, den 15. November 1756.

Das ist ein Brief, sagte der Frster und wischte sich die Augen; was
wir auch an den Jungen gewendet haben, es ist alles noch zu wenig. Ich
setzte zwar immer keine kleinen Hoffnungen auf ihn; allein er bertrifft
sie alle bey weitem. Niemals htte ich geglaubt, eine solche Freude an
ihm zu erleben. Doch, sagte er jetzt lchelnd, ich denke, das Nachtessen
wartet auf uns. Nach Tische wollen wir das Gemlde besehen. O nein!
riefen alle einmthig, jetzt gleich! Das geht nun ber das Essen!
fgte Luise noch bey; ich will nur geschwind noch eine Kerze holen,
damit wir das Gemlde besser betrachten knnen.

Christian brachte Stemmeisen und Hammer, und ffnete die Kiste. O wie
schn! Wie lieblich! riefen alle. Welche himmlische Gestalten! Welche
unvergleichlichen Farben! Der Frster stellte das Gemlde auf ein
Wandtischchen und die zwey hellleuchtenden Wachskerzen darneben. Aller
Augen waren auf das schne Bild gerichtet. Die Frsterin faltete
andchtig die Hnde und sagte: Wahrhaftig, man kann nichts Schneres
sehen! Mir wird es, als wre ich wirklich bey der Krippe Jesu zugegen!
Wie freundlich, wie holdselig das gttliche Kind uns anblickt, als
wollte es bey seinem Eintritte in die Welt uns alle willkommen heien!
Wie Maria, an der Krippe kniend, so zrtlich und liebreich auf das Kind
niederblickt, es mit einem Arme umfat, die andere Hand auf ihr
tiefgerhrtes Herz legt, und ber dem holden Kinde aller Drftigkeit des
armen Stalles vergit! Wie ehrwrdig Joseph da steht und wie fromm er
mit gefalteten Hnden zum Himmel aufschaut! Wie den Hirten die
Redlichkeit aus den Augen sieht; wie ehrerbiethig und andchtig sie auf
die Knie gesunken sind! Und die Engel oben, wie himmlisch schn! Wie
leicht und schwebend! Und welch ein heller Glanz das Kind umgiebt, alles
umher erleuchtet, und selbst den Schimmer der Engel berglnzt.
Wahrhaftig, wer sich da der Geburt des Erlsers nicht freuen und mit den
Engeln Gott loben und preisen wollte, der mte ein Herz von Stein
haben.

Der Frster hatte das Bild bisher mit unverwandten Augen stillschweigend
betrachtet, ohne ein Wort zu sagen. Endlich sprach er, wie aus einem
Traume erwachend: Ja, du hast Recht! Wenn wir diese heilige Geschichte,
so schn gemahlt und in eine Rahme gefat, vor Augen haben, so macht sie
einen neuen, ganz eigenen Eindruck auf unser Herz. Ich will es einmal
versuchen, ob ich es euch sagen kann, was ich alles darin finde und wie
es mir um das Herz ist. Er schob seinen Lehnsessel herbey, setzte sich
in einer kleinen Entfernung von dem Bilde, in der es sich am besten
ausnahm, und sprach dann:

Wir wollen, meine lieben Kinder, unsre Augen zuerst auf das gttliche
Kind in der Krippe richten! Wir wollen aber jetzt auf einige Augenblicke
seiner gttlichen Abkunft noch nicht gedenken; wir wollen es zuerst nur
als ein Menschenkind betrachten. Schwach und hlflos, in arme Windeln
eingewickelt, liegt es auf ein wenig Heu und Stroh. Aber die liebvolle
Mutter begrt es mit freundlichem Lcheln und voll der zrtlichsten
Sorgfalt, es wohl zu verpflegen; und der treue Nhrvater steht
theilnehmend dabey, bereit mit seinem strkern Arm Mutter und Kind zu
schtzen, mit seiner arbeitsamen Hand beyde zu ernhren. Ein treuer
Vater, eine liebvolle Mutter und ein Kind, das diese treue Liebe, sobald
es zur Besinnung kommt, dankbar erwiedert, ist der schnste Anblick auf
Erden, ber den sich Engel erfreuen mssen. Dieses liebliche Drey --
Vater, Mutter und Kind -- hat Gott so zusammen gefgt.

O meine Kinder, denkt daher bey diesem Kinde in der Krippe: Als ein
schwaches Kind bin auch ich einst so dagelegen, wo man mich hinlegte.
Ich htte verschmachten mssen, wenn meine Aeltern sich meiner nicht
liebreich angenommen htten. Allein mit Freude und Jubel wurde der
kleine fremde Gast aufgenommen, und alles war schon zu seiner Ankunft
bereitet. Meine Mutter hllte mich in meine erste Bekleidung, die
Windeln, die sie wohl selbst gesponnen, gebleicht und genht hatte. All
ihr Sinnen und Trachten Tag und Nacht ging nur darauf, da mir nichts
abgehen mge. Sorgsam wachte sie an meiner Wiege, wenn ich schlief;
manche Nacht brachte sie schlaflos zu, aus zrtlicher Liebe zu mir! Der
treue Vater theilte ihre Sorge und arbeitete fr beyde. So denket und
danket Gott, da Er euch gute Aeltern schenkte! Denn Er ist es, der aus
Liebe zu euch etwas von seiner unaussprechlichen Liebe in das Herz eurer
Mutter pflanzte, und eurem Vater von seinem treuen Vatersinne mittheilte
und ihm das Vaterherz gab. Seyd aber auch nicht undankbar gegen eure
Aeltern. Ein Sohn, eine Tochter, die es vergessen knnten, was die
Mutter mit ihnen ausstand, was der Vater fr sie that, sie zu ernhren,
zu kleiden, zu erziehen, wren ohne alles menschliche Gefhl.

Lat uns nun, meine Kinder, nachdem wir die heilige Familie betrachtet,
zu den heiligen Engeln, die dort oben schweben, hinaufblicken -- und
einen Blick auf die Thiere des Stalles werfen. Da wird uns die Wrde und
die Bestimmung des Menschen klar. -- Schaut erst noch einmal der
heiligen Jungfrau in das milde Angesicht voll himmlischer Unschuld und
unaussprechlicher mtterlicher Zrtlichkeit! Betrachtet die aufrechte
Gestalt des ehrwrdigen Josephs, wie er so voll Geist und Andacht die
Augen zum Himmel erhebt! Sehet das holde Kind an, dessen Angesicht so
lieblich lchelt, dessen Augen wie Sterne leuchten! Und nun schauet auf
die rauhen haarigen Thierkpfe -- des Ochsen und des Esels hin. Wie dumm
und vernunftlos sie darein sehen! Wie das Maul hervorsteht, und uns zu
erkennen giebt, da sie nur auf Futter bedacht sind und von nichts
Hherem und Besserem wissen. Sie sind nicht einmal eines freundlichen
Lchelns fhig! O, wem erscheint bey dieser Vergleichung der Mensch
nicht als ein hheres Wesen? Wahrhaftig, er gehrt einer hhern Reihe
von Geschpfen an. Der roheste Mensch hielte sich ja fr beschimpft,
wenn man zu ihm sagte: Du bist um nichts besser, als der Ochs, der
deinen Pflug zieht, als der Esel, der deine Scke zur Mhle trgt und
dann verfault. Nein, der Mensch gleicht vielmehr den heiligen Engeln
Gottes, die ihren Schpfer erkennen, sich Seiner freuen und Ihm
lobsingen. Der Mensch ist das einzige Geschpf auf Erden, der die auch
kann. Sey es, da er einige Aehnlichkeit mit den Thieren hat; er ist
doch den Engeln des Himmels nher verwandt. Sey es, da er weinend und
wimmernd zur Welt kommt, da er vieles ausstehen, vieles leiden mu, bis
er in seiner vollen Blthe dasteht, da er dann nach kurzer Zeit wieder
gleich einer Blume dahinwelkt, gleich den Thieren dahin modert -- nur
seine Erdengestalt zerfllt zu Staub. Es ist ein unsterblicher Geist in
ihm; er ist ein Engel in schwaches Fleisch und Blut verhllt. Sobald
diese Hlle abfllt, ist der Engel vollendet -- wenn anders der Mensch
seine Bestimmung auf Erden erfllt und dem Willen des Schpfers gem
gelebt hat.

Sehr gut hat der Mahler, auer den grern Thieren noch ein Lamm und
ein Krblein voll Frchte angebracht, die man als ein Geschenk fr das
neugeborne Kind am Fue der Krippe erblickt. Dem Menschen sind alle
brigen Geschpfe der Erde unterworfen. Er bezhmt die strksten Thiere
und sie mssen ihm dienen; ihm giebt das Schaf Milch und Wolle; ihm
bringt die Erde ihre schnsten Frchte hervor. Nur ein weniges hat Gott
den Menschen den Engeln nachgesetzt, hat ihn mit Ehre und Hoheit
gekrnt, hat ihn zum Herrn seiner Werke gemacht und alles ihm zu Fen
gelegt.

Auch der Ort, an dem wir dieses Kind und seine Aeltern erblicken, die
arme Krippe und der drftige Stall, sind nicht ohne Bedeutung. Der
Mensch bedarf keines Palastes, um hier auf Erden seine Bestimmung zu
erreichen. Er kann in der elendesten Strohhtte zufrieden leben und
selig sterben. Wir erblicken in dem Stalle nur Armuth und Mangel. Allein
um wahrhaft glcklich, aller wahren Ehre wrdig und von chtem
Menschenadel zu seyn, braucht der Mensch weder Sammet noch Seide, weder
Gold noch Silber. Gerade im Wichtigsten hat Gott keinen Unterschied
unter den Menschen gemacht. Ein armer Stall beherbergt hier die
heiligsten, die seligsten, die ehrwrdigsten Menschen, die je auf Erden
gelebt haben.

Doch -- meine Kinder, was ich euch bisher gesagt habe, ist fr uns wohl
sehr erfreulich und trstlich. Allein es gilt nur von dem
Menschlichschnen dieser Geschichte. Die gttliche Abkunft und die hohe
Bestimmung dieses gttlichen Kindes ist erst das Allerwichtigste. Denn
Jesus Christus, der menschgewordene Sohn des Allerhchsten, ist in diese
Welt gekommen, die Menschen, die von Gott und ihrer ursprnglichen Wrde
abgefallen und dehalb verloren waren, zu retten. In Ihm erschien uns
die Menschenfreundlichkeit Gottes sichtbar; in Ihm erblicken wir Gott in
Menschengestalt. Er ward zwar in tiefster Armuth geboren, lag als ein
Kind in einer Krippe, hatte in dieser Welt nicht so viel Eigenes, wo er
nur sein Haupt hinlegen konnte, und starb gleich einem Uebelthter am
Kreuze. Allein ohne alle irdische Hlfsmittel, ohne Reichthmer und
bewaffnete Macht, hat Er durch seine gttliche Weisheit, Liebe und
Allmacht die Gestalt der Erde verndert, das Menschengeschlecht
erleuchtet, veredelt, dem Verderben entrissen -- und so seine gttliche
Abkunft bewhrt. Darauf wird in diesem Gemlde, so wie in der
Geschichte, sehr schn gedeutet.

Seht, ringsumher ist es Nacht; tiefes Dunkel deckt die nchtliche
Gegend; nur das Licht, das von dem gttlichen Kinde ausgeht, erhellt
alles mit seinem Glanze. So bedeckten bey der Geburt Jesu die
Finsternisse der _Unwissenheit_ und des _Heidenthums_ die Erde; in Jesus
Christus ist aber der Welt ein Licht aufgegangen, das jeden Menschen
erleuchtet, der in die Welt kommt. Die Menschen waren in _Snde_ und
_Laster_ versunken, viele glichen an Rohheit -- den Thieren des Stalles;
manche hatten sich durch Lasterhaftigkeit sogar unter das Vieh
herabgewrdigt; allein durch Christus wurden alle, die wahrhaft an Ihn
glaubten, zu besseren Menschen, zu Heiligen, zu Engeln in
Menschengestalt neu umgeschaffen. So unwissend und sndig die Menschen
waren, so _elend_ waren sie auch. Allein seht, wie selig sind schon die
Menschen, die seine Krippe umgeben und sich seiner Geburt freuen! Maria,
Joseph, die Hirten fhlen im Anblicke des neugebohrnen Erlsers sich
ber allen Erdenjammer erhoben. Er, der in die Welt gekommen, die
Menschen von allem Elende zu erlsen, ihnen wahre Freude und den
gttlichen Frieden vom Himmel zu bringen, machte schon bey seiner Geburt
damit den Anfang. Die Worte des Engels erschallen noch immer an alle
Menschen: Ich verknde euch groe Freude; es ist euch ein Erlser
geboren, der da ist Christus, der Herr.

Zu Ihm steht jedem Menschen der Zutritt offen. Er offenbarte sich zuerst
armen, einfltigen Landleuten -- den Hirten, auch seine Mutter ist arm,
sein Nhrvater ein Handwerker, der mit harter Arbeit sein Brod erwirbt.
Schon bey der Krippe Jesu wird uns gezeigt, da Reichthum, hoher Rang
und Erdenweisheit vor Ihm nichts gelten. Er will nur Menschen um sich
sammeln, die eines guten Willens sind, wie Maria, die heiligste
Jungfrau, wie Joseph, der Gerechte, wie die Hirten, diese frommen Mnner
voll Gottesfurcht und Rechtschaffenheit. Doch weiset Er auch den grten
Snder nicht zurck, der seine Snden bereut und sich ernstlich bessern
will. Darauf deutet schon der Namen des gttlichen Kindes. Dewegen
verkndete der Engel Marien den gttlichen Befehl: Ihm sollst du den
Namen Jesus geben! Dehalb wiederholte er diesen Befehl dem Joseph:
Jesus, das heit Erlser, sollst du Ihn nennen, denn Er wird sein Volk
von Snden erlsen. Das sndige Menschengeschlecht sollte sein Volk,
ein heiliges Volk Gottes werden. Dewegen sehen wir ber der Krippe Jesu
den offnen Himmel. Er wollte den Menschen den verschlossenen Himmel
wieder ffnen, ein Himmelreich auf Erden grnden, und so Himmel und Erde
wieder vereinigen. Darber freuen sich die heiligen Engel Gottes, jubeln
und frohlocken, preisen Gott in der Hhe und wnschen den Menschen Glck
zu dem Heile, das Ihnen durch Christus bereitet ward.

Was uns bey der Krippe Jesu verkndet wird, das hat Jesus Christus
erfllt, so groe Hindernisse Ihm auch der Unglaube und die
Hartnckigkeit der Menschen entgegen setzte; an so vielen seine Geburt
und sein Tod verloren war. Er grndete ein Himmelreich auf Erden, und
sein Werk bestand. Manche Welteroberer stifteten indessen Weltreiche;
allein sie berlebten ihre Reiche nicht lange, oder sahen wohl noch
lebend sie in Trmmer zerfallen. Das Reich Jesu allein -- das wahre
Christenthum -- breitete sich immer weiter aus und bestand bis auf diese
Stunde. Ganze Vlker kamen zum Glauben an Ihn und Knige zierten ihre
Kronen mit seinem Kreuze. Die alten heidnischen Gruel, Menschenopfer
und dergleichen, verschwanden aus den christlichen Lndern der Erde.
Eine Menge von Tempeln und Kirchen erhoben sich, in denen der wahre Gott
angebethet und gttliche Wahrheit gelehrt wird. Unzhlige Schulen,
Armenanstalten, Krankenhuser kamen durch die christliche Liebe zu
Stande. Wie viele Kinder, Arme und Kranke mten ohne diese milden
Stiftungen in Unwissenheit, Lasterhaftigkeit und Elend umkommen!
Millionen von Menschen haben im Glauben an Christus Beruhigung ber
begangene Snden gefunden, und sind durch Ihn edle Menschen geworden.
Und noch jetzt, so sehr auch der Unglaube und das Verderben ber Hand
nehmen, schlagen Ihm unzhlige Herzen und finden in Ihm Trost in Noth
und Tod. Noch immer wird das Evangelium, die Freudenbothschaft von Ihm,
den Heiden verkndet, und wilde Vlker bekehren sich zum Glauben an Ihn,
freuen sich der himmlischen Wahrheit und nehmen sanftere Sitten an. Der
Geburtstag Jesu ist daher der wichtigste Tag in der Weltgeschichte, und
mit Recht fingen die weisen Alten von diesem Tage eine neue Zeitrechnung
an. Jede Jahrszahl soll uns daran erinnern, der Geburtstag Jesu sey der
Geburtstag des Lichtes und Heiles fr alle Menschen, die Ihm Augen und
Herzen ffnen wollen -- der Geburtstag des wahren Menschenglckes, der
Erleuchtung und Veredlung des Menschengeschlechtes. Lat uns denn, meine
Kinder, an diesem Abende und am morgigen Tage dem Erlser aufs neue
huldigen und in den Lobgesang der Engel mit einstimmen.

So sprach der Frster; die Frsterin sagte gerhrt: Ja, Kinder, das
wollen wir! Das schne Gemlde, das Anton uns schickte, ist das schnste
Weihnachtsgeschenk, das Anton oder irgend ein Mensch -- ja wohl ein
Frst! -- uns htte machen knnen. Die Andacht, mit der Ihr die frommen
Bemerkungen eures Vaters angehrt habt, ist die schnste
Weihnachtsfeyer, mit der wir den heiligen Abend feyern knnen. Wir
wollen das Heil, das uns Gott durch den neugebornen Heiland bereitete,
dankbar annehmen. Dann ist der Geburtstag des Erlsers auch der
Geburtstag unsers Heils.




                           Sechstes Kapitel.

                 Widerwrtige Schicksale des Frsters.


Der treffliche Frster hatte mit den Seinigen seit Antons Abreise
mehrere Jahre in Ruhe und Zufriedenheit verlebt. Seine Kinder waren
erwachsen; der Sohn ein rstiger junger Mann, die Tchter blhende
Jungfrauen; alle sehr gut erzogen und von untadelicher Auffhrung.
Allmhlig empfand der gute Vater aber die Beschwerden des herannahenden
Alters. Er war darauf bedacht, seinen Dienst dem Sohne abzutreten. Der
Frst des Landes besuchte jhrlich im Herbste auf einige Tage das
frstliche Jagdschlo Felseck; denn die Jagd war ihm bey seinen vielen
Geschften immer einige Erholung. Er war ein sehr leutseliger Herr;
jeden seiner Unterthanen, auch den Geringsten, hrte er liebreich an und
redete freundlich mit ihm. Als der Frst wieder auf dem Jagdschlosse
angekommen, und die Jagd in dem Walde des alten Frsters besonders gut
ausgefallen war, nherte sich ihm der Frst, klopfte ihm sehr zufrieden
auf die Schulter und sagte: Nun wie gehts, mein lieber Frster?

Eure Durchlaucht, sprach der Frster, diesen alten Schultern will die
Last des Tages zu schwer werden; ich wnsche sie jngern Schultern
bertragen zu drfen. Nun, sprach der Frst, doch wohl Eurem Sohne,
dem Christian dort? Er ist ein braver Jger, und, was ich ohne Vergleich
mehr schtze, ein sehr guter Forstmann. Die Waldungen sind, wie ich auf
der Jagd gar wohl bemerkte, im besten Zustande. Verlat Euch darauf;
kein Anderer bekommt den Dienst. Er mag ihn auch einstweilen versehen.
Inde ist mirs lieb, wenn Ihr noch eine Zeit die Oberaufsicht und den
Frstertitel beybehaltet. Auch die besten jungen Leute werden leicht
bermthig und nachlig, wenn ihr Rockkragen zu frhe mit goldenen
Brtchen verbrmt wird. Es ist mein und Euer Vortheil, wenn Ihr noch
eine Zeit Frster bleibt.

Der Frster bezeugte dem Frsten fr die gndige Zusicherung seinen
Dank, und sagte dann: Es ist aber noch ein anderer Umstand dabey. Mein
Sohn knnte sich eben jetzt gut verheirathen -- mit der Tochter meines
Jugendfreundes, des lngst verstorbenen Frsters Busch. Das Mdchen hat
erst krzlich auch ihre Mutter verloren, und wei nun nicht wohin. Sie
ist arm -- aber sehr fromm, fleiig und die lautere Unschuld, Gte und
Bescheidenheit. Nun wohl, sprach der Frst; ich lobe es sehr, da ein
braver Mann bey seiner Wahl mehr auf Unschuld und Tugend, als Geld und
Gut sehe. Ich gebe ihm die Erlaubni zu heirathen mit Vergngen -- und
die Anwartschaft auf den Frsterdienst dazu. Ich werde sogleich Befehl
geben, damit das Dekret ausgefertigt werde.

Der Frstersohn, der voll banger Erwartung in einiger Entfernung stand,
kam auf den Wink seines Vaters herbey, und dankte dem Frsten. Die
Heirath kam zu Stande. Mit der jungen sanften Frau kam neuer Segen in
das Haus; Friede und Eintracht wohnten unter dem Dache des guten
Frsters. Dem alten Manne wurde noch die Freude, seine Enkel auf seinem
Schooe zu sehen, und die alte Frsterin wurde wie verjngt, nun ihre
kleinen Enkel pflegen und tragen zu knnen. Die Tchter des Hauses
lebten mit der jungen Frsterin wie mit einer Schwester. Alle waren sehr
glcklich.

Allein bald kam ber dieses glckliche Haus eine groe Widerwrtigkeit.
Sie entspann sich aus einer alten Geschichte, die der alte Frster
beynahe vergessen hatte. Jener junge Herr von Schilf, der ehemals mit
dem Frster fter auf die Jagd gegangen war, hatte bald darauf sich
herausgenommen, allein und ohne Erlaubni des Frsters in den Wald zu
gehen, und alles, was ihm zu Gesicht kam, ohne Erbarmen
niederzuschieen. Der Frster traf ihn im Walde und sagte: Das
Wildschieen ist sehr strenge verbothen. Haben Sie, mein lieber junger
Herr, Lust zur Jagd, so kommen Sie, wie bisher, zu mir. Ich nehme Sie
dann gern mit mir, und weise Ihnen die besten Pltze an, wo Sie dann
nach Herzenslust schieen knnen. Allein das darf ich nicht zugeben, da
Sie eigenmchtig in dem mir anvertrauten Forste schalten und walten.
Wer aber nach wie vor auf die Jagd ging, war der junge Herr. Der Frster
traf ihn wieder, nahm ihm das Gewehr und sagte: Gott wei es, ich thu
es ungern. Allein ich mu. Die Befehle sind streng; ich kann nicht
anders. Wenn ich Sie nochmals treffe, mu ich weitere Anzeige machen,
und dann -- geht es Ihnen nicht gut. Der brave Frster ging berdie
noch zu dem alten Herrn von Schilf, und bath ihn, dem jungen Herrn das
Jagen zu verbiethen. Der alte Herr lie zwar sonst seinem Sohne alles
hingehen. Allein dieses Mal ward er doch sehr aufgebracht; er frchtete
die frstliche Ungnade. Er drohte seinem Sohne mit der Enterbung, wenn
er noch ein einziges Mal auf die Jagd gehen wrde; es sey denn, der
Frster gehe mit ihm. Allein der junge Herr war es schon gewohnt, seinem
Vater nicht zu gehorchen. Bald darauf hrte der Frster einen Schu,
eilte hin und traf den jungen Herrn bey einem erlegten Hirsch. Der
Frster machte die Anzeige. Der alte Herr von Schilf reisete selbst zum
Frsten und flehte um Gnade. Der Frst sagte: Nach den Gesetzen sollte
der junge Herr in das Zuchthaus wandern. Ich will ihn zwar begnadigen;
allein lt er sich noch einmal treffen, so schicke ich ihn sicher dahin
-- und da begreifen Sie wohl, da ich mir denn einmal keinen Rath oder
andern Diener aus dem Zuchthause nehmen kann. Die Sache wurde so
beygelegt. Der junge Herr von Schilf fate aber einen grimmigen Ha
gegen den ehrlichen Frster, und glhte, wiewohl inde viele Jahre
verflossen waren, noch immer von Rache gegen ihn.

Jetzt starb der Frst sehr unerwartet; der Erbprinz war noch
minderjhrig und befand sich eben auf Reisen. Es wurde eine
Vormundschaft angeordnet und in dem Lande ging manche Vernderung vor.
Der junge Herr von Schilf, der sehr reich war und angesehene Verwandte
hatte, wurde Oberfrster. Mit groer Pracht zog er in das frstliche
Jagdschlo Felseck ein, von dem ihm ein Theil zur Wohnung angewiesen
wurde. Er war nunmehr der Vorgesetzte des guten Frsters, und qulte den
alten Mann unsglich. Des Tadelns war kein Ende. Der Frster konnte ihm
nichts recht machen.

Der Erbprinz hatte zwar nunmehr die Regierung angetreten. Allein der
Oberfrster von Schilf, der sehr abgeschliffen, gewandt und beredt war,
wute den obersten Forstmeister, der bey dem neuen Frsten sehr viel
galt, ganz fr sich einzunehmen, und ward nun gegen den guten Frster
noch bermthiger und feindseliger, als zuvor. Ihr taugt nicht mehr zum
Dienste, sagte er einmal zu ihm; ich werde darauf antragen, einen
brauchbareren Mann fr den schnen Forst zu bekommen. Der Frster
sagte: Herzlich gern lege ich mein Amt nieder. Ich htte es schon
lngst gethan, wenn der hochselige Frst es zugegeben htte. Es ist also
mein Sohn Frster. Das wre! sagte Herr von Schilf hhnisch lchelnd.
Da mte ich auch etwas davon wissen. Der Frster berief sich auf jenes
frstliche Dekret, dem zu Folge sein Sohn geheirathet hatte. Pah, rief
Herr von Schilf, ich kenne es wohl. Er wute es sehr knstlich
auszulegen. Es ist, sagte er, blos ein Versprechen auf Wohlverhalten;
nichts weiter. Der Junge taugt aber nichts. Ich werde meinen Mann besser
zu whlen wissen.

Der alte, graue Frster bemhte sich vergebens, eine Thrne zu verhehlen
und sagte: Seyn Sie nicht ungerecht, Herr Oberfrster! Sie glaubten
sich einmal von mir beleidigt. Dehalb sollten Sie sich zweyfach in Acht
nehmen, mir wehe zu thun. Was, rief Herr von Schilf, und seine Augen
funkelten von Zorn; Ihr selbst erinnert mich an Eure Grobheiten! Ihr
selbst mahnt mich daran, da Ihr mir mein einziges Jugendvergngen
geraubt und mich bey Hofe angeschwrzt habt. Ihr seyd ein
ungeschliffner, bermthiger Kerl. Von jeher hattet Ihr keine Achtung
fr hhere Stnde, und hieltet Euch nur an Bettlergesindel. Eurem Sohne
habt Ihr gestattet, ein Mdchen ohne Heller und Pfennig, eine wahre
Bettlerin zum Weibe zu nehmen. Euer hbsches Vermgen habt Ihr an den
Bettelbuben, den Anton, weggeworfen. Ihr wutet Euer eigenes Vermgen
nicht zu verwalten, wie solltet Ihr fremdes Eigenthum und das Interesse
des Frsten gut besorgen? Geht, geht, mit Euch ist nichts anzufangen.
Ich hoffe, wir werden bald wenig mehr mit einander zu thun haben und Ihr
sollet mir bald gar nicht mehr unter die Augen kommen.

Der Frster ging. Hum, dachte er auf dem Heimwege, der Oberfrster mag
sagen, was er will. Meine Waldungen sind in der besten Ordnung. Er kann,
so abgeneigt er mir auch ist, mir nichts anhaben. Ich lasse es darauf
ankommen. Er sagte indessen zu Hause den Seinigen von allem, was der
Oberfrster gesagt hatte, nichts, um sie nicht ohne Noth zu betrben.

Allein bald darauf, da der alte Mann eben aus dem Walde zurckgekommen
war und in seinem Lehnsessel ausruhte, trat ein Bothe in die Stube, und
berreichte ihm ein Schreiben vom Oberforstamte. In dem Schreiben stand:
Der bisherige Frster Grnewald sey vermg hchsten Befehls, wegen
Altersschwche und davon herrhrender Unfhigkeit, seines Dienstes
entlassen und der Forst bis zur Wiederbesetzung einstweilen dem
benachbarten Frster zu Waldenbruch zur Verwaltung bergeben worden. Von
einem Ruhegehalt fr den verdienten alten Mann, von einer andern
Anstellung seines Sohnes war keine Rede. Nur wurde noch bemerkt, der
abgekommene Frster solle sich von dem Augenblick an, da er dieses
Schreiben erhalte, nicht mehr unterstehen, im Walde einen Schu zu thun
oder sich auch nur mit einem Gewehre blicken zu lassen, bey Strafe, da
es ihm abgenommen werde.

Der alte Frster ffnete das Schreiben und ward sehr bestrzt; seine
Hand zitterte, in der er es hielt. Indessen fate er sich wieder und las
den Seinigen, die in der Stube mit allerley Arbeiten beschftigt waren,
das Schreiben laut vor. Die alte Frsterin und ihre zwey Tchter wurden
bleich vor Schrecken. Der junge Frster glhte vor Zorn ber die Bosheit
des Oberfrsters. Die junge Frsterin stand eine Weile sprachlos da und
fing dann an, laut zu weinen. Ihre Kinder, die in der Stube spielten,
und die Mutter weinen sahen, weinten auch. Es entstand ein allgemeiner
Jammer. Nur der alte ehrwrdige Frster stand ruhig in ihrer Mitte, und
sprach: Verget nicht, da der alte Gott noch lebt. Du, Gromutter,
hre zuerst auf zu weinen, und gieb unsern Kindern und Enkeln ein
Beyspiel von Vertrauen auf Gott. Gegen seinen Willen knnen bse
Menschen uns nicht schaden. Diese Prfung kommt von Ihm; sie wird uns
einmal zu unserm Besten gereichen. Also Muth gefat! Gott ist unser
mchtiger Beschtzer. Er verstot uns nicht, wenn uns auch alle Welt
verstoen sollte. Er, der gute, reiche Vater wird es uns, seinen
Kindern, nie an Brod fehlen lassen. Auf Ihn wollen wir vertrauen und
unverzagt und getrost seyn.

Inde, fuhr er fort, will ich nichts von dem unterlassen, was ich thun
kann. Ich reise Morgen des Tages zum Frsten. Er ist so edelmthig, als
sein hochseliger Vater. Er wird mich hren, so berhuft er auch jetzt,
bald nach dem Antritte seiner Regierung, mit Geschften seyn mag. Er ist
gerecht; er wird nicht zugeben, da man einen alten Diener, der dem
Frstenhause ber vierzig Jahre treu und redlich diente, so ohne Weiters
mit Weib, Kindern und Enkeln dem Mangel und dem Hungertode preis gebe.
Du, Christian, mut mich begleiten. Wir knnen ja jetzt beyde abwesend
seyn, ohne den Oberfrster um Urlaub zu bitten. Wir machen die Reise zu
Fu; das Reiten oder Fahren wre fr unsre jetzigen Umstnde zu kostbar;
ist auch gar nicht nothwendig. Die nthigen Kleidungsstcke fr die
Reise finden in unsern Jagdtaschen wohl Platz. Macht nur Anstalt, da
Morgen frhe alles bereit sey.

Der alte Frster war am folgenden Morgen schon vor Anbruch des Tages
aufgestanden und weckte seinen Sohn. Es wird mir zu lange, auf den Tag
zu warten, sagte er; es ist ja Mondschein und wir kennen alle Wege. La
uns gehen! Die alte Frsterin legte die grne, goldbordirte Uniform
hbsch zusammen, und schlug ein reines Leinentuch darber, um sie
bequemer in die Jagdtasche zu packen. Katharine brachte Weizeug und
einige Lebensmittel fr die Reise. Die junge Frsterin und Luise machten
das Frhstck zurecht und kamen damit in die Stube. Die Kleinen
schliefen noch. Und bis wann gedenkst du denn wieder zurck zu kommen?
fragte die alte Frsterin ihren Mann. Das wei ich selbst noch nicht
genau, sprach er; vor acht Tagen schwerlich. Morgen ber vierzehn Tage
ist der heilige Weihnachtsabend, sagte die alte Frsterin; bis dahin
kommst du doch gewi? Wills Gott, morgen ber acht Tage, sagte der
Frster. Uebrigens gehe es, wie es will, den heiligen Weihnachtsabend
mu ich mit Euch feyern. Gott gebe, in Freuden! sagte die Frsterin.
Bethet indessen, sagte der Frster noch, und vertraut auf Gott. Er wird
machen, da die Sachen gehen, wie es heilsam ist. Alle begleiteten die
zwey Mnner unter die Hausthre. Es war noch vllig Nacht und man sah
noch nicht das Geringste von der Morgenhelle. Sie gingen indessen in der
kalten schauerlichen Dezembernacht getrost weiter.

Alle im Hause waren nun um die lieben Reisenden, besonders um den alten
Vater sehr besorgt. Die ersten acht Tage wuten sie sich zwar immer zu
trsten. Als aber weiterhin ein Tag nach dem andern verging und die
Witterung hchst unfreundlich und strmisch wurde, und es fast
unaufhrlich regnete, wurden sie sehr unruhig. Ach, sprachen sie, der
Christian, so rstig er ist, wird genug auszustehen haben; wie aber wird
der alte Vater durchkommen? Die zwey Kinder des jungen Frsters liefen
alle Augenblicke vor die Hausthre, um zu sehen, ob der Vater und der
Grovater denn noch nicht kmen.

So verfloen zu den ersten acht Tagen noch acht Tage in Kummer und
Sorgen. Ueberdie hatte bald nach der Abreise der beyden Frster ein
Jgerbursch des Oberfrsters ein amtliches Schreiben gebracht. Die
Frsterin getraute sich zwar nicht, es zu ffnen; allein sie frchtete,
da es nichts Gutes enthalte. Denn der Jgerbursch hatte noch mndlich
mit hhnischer Miene gesagt: Es ist toll, da der alte Mann mit seinem
jungen Brausekopf in die Residenz lauft. Der Herr Oberfrster ist seiner
Sache gewi. Sie richten sicherlich nichts aus und kehren mit Schand und
Spott zurck. Alle im Hause betheten inde tglich, Gott wolle die
beyden Reisenden bey dem Frsten ein gndiges Gehr finden lassen und
sie glcklich wieder nach Hause fhren! Auch die Kinder betheten
ungeheien mit.




                           Siebentes Kapitel.

                Wie es mit dem Frster weiter gegangen.


Unter diesen traurigen Umstnden brach der heilige Weihnachtsabend an.
Es wurde heute frher Nacht als sonst. Denn der ganze Himmel war mit
schweren Wolken bedeckt. Der Sturmwind brauste durch die alten Eichen
und die schwankenden Tannen des Waldes. Es schneyete und regnete sehr
heftig und die Dachrinne rauschte gleich einem Regenbach, der von einem
Felsen strzt. Ach Du mein Gott, sagte die alte Frsterin, nachdem sie
lange zum Fenster hinaus gesehen hatte, sie kommen noch nicht. Wenn sie
heute, am heiligen Christabende, ausbleiben, so ist ihnen sicherlich ein
Unglck begegnet. Mir ist ganz unaussprechlich bange. Es ist ja ein
Wetter, man sollte keinen Hund vor die Thre jagen, und die Wege sind
zum Versinken schlecht. Ach, wenn sie nur wieder da wren, gehe dann
alles Uebrige, wie es wolle!

Sie ffnete wieder das Fenster, sah hinaus und rief: O Gottlob, nun
kommen sie! Alle eilten ihnen vor die Hausthre entgegen; alle fragten:
Nun, wie ist es in der Stadt gegangen? Ich hoffe, es soll noch alles
gut gehen! sagte der alte Frster. Ihr werdet aber unsertwegen Kummer
gehabt haben. Wir blieben lange aus. Allein ich war auf der Reise nicht
ganz wohl, und konnte nicht mehr weiter; und da es wieder besser ging,
waren von dem vielen Regen die Fle und Bche so angeschwollen, da wir
noch einige Tage aufgehalten wurden. Nun Gottlob, da wir wieder da
sind! Er trat in das Haus, kleidete sich um, und setzte sich in seinen
Lehnsessel an den wrmenden Ofen. Die alte Frsterin brachte eine
Flasche Wein, zwey Glser und die brennende Oellampe. Erquickt euch
doch beyde ein wenig, sagte sie, indem sie einschenkte; ihr werdet es
beyde sehr nthig haben. Das Essen wird bald fertig seyn. Wohl! sprach
der Frster, beym Scheine des hellen Oellichtes umher schauend; es ist
doch gut, wieder zu Hause zu seyn, unter den lieben Seinigen, wo man
lauter freundliche und frhliche Gesichter um sich erblickt.

Der junge Frster hatte aber inde seiner Frau im Vertrauen gesagt: O,
es steht gar nicht gut; wir kommen wahrscheinlich um den Dienst. Diese
erschrak sehr, und sagte es heimlich den brigen. Der alte Frster sah,
wie sich auf einmal alle Gesichter verfinsterten, und von Schrecken und
Angst zeigten. Hat Christian schon geplaudert? sagte er; je nun, es ist
da nichts zu verhehlen. Ihr sollet alles hren; doch werdet mir nicht zu
traurig. Es ist uns ja heute Nacht ein Erlser geboren; ber dieser
groen Freude mssen wir unsere kleinen Erdensorgen vergessen;
wenigstens sie uns nicht zu sehr zu Herzen nehmen. --

Als wir, sprach er hierauf, Abends spt in der Residenz ankamen, ging
ich noch zu dem alten Forstrath Mller. Er ist ein sehr biederer Mann,
dachte ich; er war vor alten Zeiten mein Oberfrster und immer mein
Freund. Die brigen Rthe, die mich kannten, sind alle todt oder in Ruhe
versetzt. Wiewohl auch er sich Alters halber von Geschften zurck
gezogen hat, so kann er mir doch den besten Rath geben. So dacht' ich.
Der edle Mann nahm mich auch in der That mit groer Herzlichkeit auf.
Ich sagte ihm mein Anliegen. Er sprach: Sie haben an dem Oberfrster
einen sehr schlimmen Feind, der dahier mchtige Freunde hat. Er will
Ihren Dienst einem jungen Menschen, der sein Bedienter war, zuschanzen
und sendet immer die nachtheiligsten Berichte ber Sie und Ihren Sohn
ein. Ich frchte sehr, er dringe durch, und bringe den guten Christian
um das vterliche Brod. Ach, sagte ich, es wird ja nicht so weit
kommen! Inde bin ich Willens, selbst zum Frsten zu gehen. Thun Sie
das, sagte der Forstrath. Ich gehe mit. Inde kommen Sie eben jetzt zu
der ungelegensten Zeit. Der Herr hat zu viele Geschfte. Sie werden kaum
vorkommen. Auch zu dem obersten Forstmeister und den Forstrthen mssen
Sie gehen. Allein ich frchte, da finden Sie keine gute Aufnahme. Herr
von Schilf hat sie alle ganz verblendet. Ich fand auch, da der
Forstrath vollkommen Recht hatte. Ich machte manchen sauren Gang. Der
oberste Forstmeister nahm mich sehr kalt auf und fertigte mich kurz ab.
Die andern Rthe behandelten mich nicht viel besser; ich sah nur
finstere Gesichter und mute manche harte Rede anhren. Bey dem Frsten
aber wurde ich, da der oberste Forstmeister eben um ihn war, gar nicht
vorgelassen. Der Oberfrster wute mich und den Christian sehr schlau zu
verleumden. Ich mag euch die jetzt nicht ausfhrlich erzhlen; es
betrifft ohnehin Geschfte, die ihr nicht versteht. Alles, was wir
hoffen knnen, ist eine Untersuchung; allein es ist zu frchten, da sie
in solche Hnde kommen werde, von denen wir wenig Gutes zu erwarten
haben. -- Doch diese Gesprche machen uns zu traurig, und heute Abend
sollten alle Menschen in der ganzen Christenheit frhlich seyn. Es ist
ja der heilige Weihnachtsabend; wir wollen der Geburt unsers Erlsers
gedenken. Das wird unsern trben Sinn erheitern.

Er richtete seine Blicke auf das Gemlde von der Geburt Jesu, das Anton
einst geschickt hatte. Es hing in der Stube an jener Stelle, wo vorhin
der Spiegel gehangen, und war, damit es nicht Schaden nehme, mit einem
Flor verhllt. Die kleinen Enkel des alten Frsters, zwey liebliche
Kinder, Franz und Klara, hatten sich schon seit mehreren Wochen auf die
Feyer des heiligen Weihnachtsabend gefreut. Sie sprangen auf und
trockneten sich schnell die Thrnen von ihren erheiterten Gesichtchen.
Gromutter, sagte der kleine Franz, nimm den Flor weg von dem Bilde und
znde, wie im vorigen Jahr, die Kerzen an, damit man es auch recht
sehe. Und du, Grovater, sagte die kleine Klara, hole deine Harfe; wir
wollen unser Weihnachtsliedchen singen, das uns die Mutter gelehrt hat.

Nun wohl, sprach der Frster; wir wollen ein Weihnachtslied singen.
Doch, sagt zuvor noch, hat sich, whrend wir fort waren, nichts
besonders ereignet? Nichts, sagte die alte Frsterin; nur ist leider,
bald nach eurer Abreise, wieder ein Schreiben von dem Oberforstamte
angekommen. Was es wohl seyn mag! Sie reichte ihm das Schreiben
verschlossen hin. Er ffnete es -- erblate -- und sagte mit einem Blick
zum Himmel: Nun, Herr, dein Wille geschehe! Alle schauten erschrocken
und erwartungsvoll auf ihn. Was ist es denn? fragte die Gromutter.
Wir sollen aus diesem Hause fort, sagte er; ja wir sollten schon fort
seyn. Der Oberfrster befiehlt in diesem Schreiben, das Frsterhaus
msse lngstens bis zum Weihnachtsabende gerumt und gereiniget seyn,
damit der neue Frster auf die Weihnachtsfeyertage einziehen knne. Er
droht, wenn wir ihm nicht gehorchen wrden, uns durch die Amtsdiener
abfhren zu lassen. Mich wundert, da sie noch nicht da sind; wir sind
keinen Augenblick sicher, da sie uns aus dem Hause werfen.

Ach Gott! rief die junge Frsterin, jetzt, in dieser frchterlich
strmischen Nacht! Hrt ihr, wie drauen der Sturmwind braust? Wie es
regnet? Wo werden wir gegen Sturm und Regen ein Obdach finden! Sie sank
auf einen Sessel und umfate ihre zwey Kinder. Guter Gott, seufzte sie,
ach erbarme Du Dich dieser Unschuldigen! Der junge Frster stand mit
gefalteten Hnden sprachlos vor ihr, und blickte sie und seine zwey
Kinder mit Augen voll Thrnen an.

O Du mein Gott, sagte die Gromutter schluchzend und die Hnde ringend,
in unsern alten Tagen mit Kindern und Enkeln aus dem Hause vertrieben zu
werden, in dem ich gebohren bin, in dem mein Vater und mein Grovater
lebten -- ach, es ist schrecklich! Guter Gott, la mich in diesem Hause,
in dem ich geboren ward, vollends absterben.

Katharine weinte stille Thrnen; Luise stand zitternd und bebend da, wie
ein Lamm, das man schlachten will. Der alte Frster aber mit seinem
ehrwrdigen Angesichte, der hohen kahlen Stirne und den grauen
Seitenlocken, blickte lange schweigend zum Himmel, und sprach dann ruhig
und gefat: Ja, meine liebsten Kinder, es ist an dem, da wir dieses
Haus verlassen mssen. Ich wei keinen Menschen, der uns alle zugleich
in sein Haus aufnehmen knnte. Wir werden jetzt wohl von einander
getrennt werden. Ich hoffte zwar, in eurer Mitte ein ruhiges Alter zu
genieen -- hoffte, ihr wrdet, so wie ihr jetzt um mich versammelt
seyd, in diesem Hause einst alle an meinem Sterbebette stehen. Gott
beschlo es anders -- wir wollen uns in seinen heiligen Willen ergeben.

Er blickte auf seine Enkel und sprach weiter: Unser Herz regt sich,
wenn wir diese weinenden Kinder betrachten. Gott hat noch ein
liebvolleres Vaterherz gegen uns. Schickt Er ein so schweres Leiden ber
uns, so hat Er gewi die weisesten Absichten dabey. Auch diesen Jammer
wird Er zu unserm Besten lenken. Wenn es einmal auf das Aeuerste
gekommen, mu es wieder besser gehen. Die Alten sagten ja aus
wohlbewhrter Erfahrung: Ist die Noth am hchsten, so ist Gottes Hlfe
am nchsten. -- Wir haben in dieser Stube viele Weihnachtsabende in
Freuden zugebracht, lat uns auch den Einen traurigen von Gottes Hand
willig annehmen.

Du hast recht, liebster Mann! sagte die alte Frsterin; wir wollen
alles Gott berlassen und in unserm groen Jammer getrost seyn. Ach, ich
dachte oft daran, wie es Marien seyn mute, als sie nicht nur in dem
Stalle bernachten mute, sondern bald darauf ihre Wohnung bey dunkler
Nacht -- wie jetzt wir -- gar verlassen, und mit ihrem gttlichen Kinde
fortziehen sollte in ein anderes Land. O so gro ihr Glauben, ihr
Vertrauen war, ich denke doch, da ihr, wo nicht um ihrer selbst, doch
um ihres Kindes willen, Thrnen in die Augen traten! Ich wei, was es um
ein Mutterherz ist! Ihre Leiden waren gewi herzzerschneidend. Jeder
Mensch auf Erden aber mu in hnliche Lagen kommen. Gott lt keines
seiner Kinder ungeprft. Jene alten Geschichten werden auf eine gewisse
Art an uns erneuert. Allein Derjenige, Der Marien, in dem armen Stalle
und auf ihrer traurigen Flucht, trstende Freunde und leitende Engel
zuschickte, wird auch uns nicht ohne Trost lassen. Er wird zu rechter
Zeit Hlfe schicken.

Nun wurde mit einem Male an der Hausthre geklopft. Jetzt kommen sie,
sagte der alte Frster, und werden uns aus dieser Stube vertreiben. Der
Frstersohn fuhr auf, blickte nach seinem Gewehr, und rief: Das sollen
sie sich nicht unterstehn, meine grauen Aeltern, mein liebes Weib, meine
Kinder, meine Schwestern aus dem Hause zu werfen. Den Ersten, der an sie
Hand anlegt, den -- --

O nein, nein, mein Sohn, sprach der alte Vater, sprich diese
schrecklichen Worte, die du auf der Zunge hast, nicht vollends aus.
Keine Widersetzlichkeit; nichts von unrechtmiger Gewalt! Gott ist ber
uns und ihnen. Er allein ist unser Schutz und unsre Zuflucht. Wenn unsre
Bitten und Vorstellungen ber diese Mnner, die uns zu vertreiben
kommen, nichts vermgen, so gehen wir willig aus dem Hause, und flchten
uns, bis die Nacht vorber ist, in jene Hhle des Waldes, in der wir bey
strmischer Witterung auf der Jagd oft eine Zuflucht gefunden. Ach,
sprach er, indem er aus seinem Lehnsessel aufstand, ich wollte, ein
jedes aus euch knnte mit mir altem, vielgeprftem Manne sagen:

   Um mich hab' ich mich ausbekmmert,
   Und alle Sorg' auf Gott gelegt,
   Wrd' Erd' und Himmel auch zertrmmert,
   So wei ich doch, da Er mich trgt;
   Und hab' ich meinen treuen Gott,
   So frag' ich nichts nach Noth und Tod.




                            Achtes Kapitel.

                        Ein unerwarteter Besuch.


Indessen wurde wiederholt geklopft, und noch strker, als zuvor. Geh,
Christian, sagte der alte Frster, und ffne die Thre. Christian ging.
Nach einigen Augenblicken trat ein schner, ansehnlicher Herr, den sie
nicht kannten, in einen dunkelgrnen Mantel gehllt und mit einer
Pelzmtze bedeckt, zur Thre herein. Das ist der neue Frster! dachten
alle mit erschrockenen Herzen. Der Unbekannte schien aber selbst
erschrocken, so viele rothgeweinte Augen und schreckenblasse Angesichter
zu sehen. Er nahm seine Mtze ab, stand einige Augenblicke still und
sagte: Kennen Sie mich denn nicht mehr? Ach Gott, rief Luise, es ist
Anton! Anton! rief Katharine, ists mglich? Was fllt euch ein,
sagte die alte Mutter; dieser Herr da ist ja viel grer und strker als
Anton. Wahrhaftig, er ist es, sprach Christian, es ist Anton! Um des
Himmels willen, Bruder, wie kommst du hieher? Ich htte dich in Rom
gesucht, mehrere hundert Stunden von hier! Der alte Vater rieb sich die
Augen, als traute er ihnen nicht, trat langsam nher, eilte aber
pltzlich mit weitausgestreckten Armen auf Anton zu, schlo ihn in die
Arme und konnte nichts mehr sagen, als: O mein Sohn Anton! Sie
umarmten sich lange und innig. Nun grte Anton seine ehrwrdige
Pflegmutter, seine Geschwister, Christian, Katharinen und Luisen, voll
der herzlichsten Freude des Wiedersehens. Auch die junge Frsterin und
ihre Kinder, die er das erste Mal sah, grte er mit groer Freude und
Herzlichkeit. So tief betrbt alle noch vor wenigen Augenblicken waren,
so hoch erfreut waren jetzt alle. Die unerwartete Freude hatte alle
Traurigkeit verscheucht, wie die aufgehende Sonne die nchtlichen
Schatten zerstreut.

Jetzt aber fing die alte Mutter an: Ach Anton, du findest uns in sehr
traurigen Umstnden. Du hast ja unsere Thrnen noch gesehen, als du in
die Stube herein kamest. Ach, la dir unsern Jammer doch erzhlen. Ich
wei alles, sprach Anton; seyen Sie aber vollkommen ruhig, liebste
Aeltern! Ihre Angelegenheiten stehen aufs Beste. Ich komme eben vom
Frsten. Er grt Sie, liebster Vater, auf das freundlichste.

Mich? rief der alte Vater? Wie kamst du zum Frsten? Das begreife ich
nicht. Wahrhaftig, ich frchte, dieses alles ist nur ein glcklicher
Traum.

Nein, sprach Anton, nichts weniger als ein Traum, sondern die gewisse
Wahrheit. Setzen Sie sich einmal in Ihren Lehnsessel, liebster Vater,
und Sie, liebste Mutter, nehmen Sie hier Platz, und lassen Sie sich
alles ausfhrlich erzhlen. Er legte seinen Mantel ab und holte noch
ein Paar Sessel herbey. Die erfreuten Pflegltern nahmen ihn in ihre
Mitte. Alle brigen standen umher und sahen voll Verwunderung und
Erwartung auf ihn. Anton erzhlte:

Unser jetziger gndigster Frst war, wie Sie wissen, noch vor Kurzem
als Erbprinz in Italien. Da wurden nun einmal zu Rom die Gemlde junger
Knstler zur Schau ausgestellt. Er ging hin, und unter den vielen
Gemlden gefiel ihm eines ganz vorzglich. Man sagte ihm, ein junger
Mahler aus seinem Frstenthume, Anton Kroner, habe es gemahlt. Der Prinz
lie mich rufen, lobte mich sehr und war gegen mich ganz ungemein
gndig. Er fragte mich, was ich fr das Gemlde fordere, und bezahlte
mir mit frstlicher Gromuth viel mehr, als ich verlangt hatte. Da er
die berhmtesten Gemlde zu Rom sehen wollte, so mute ich ihn fter
begleiten, durfte neben ihm in seinem Wagen sitzen, ja sogar einige Male
bey ihm speisen. Nun wurden zu Rom mehrere alte Gemlde von ganz
vorzglicher Schnheit zum Verkauf ausgebothen. Der Prinz fuhr mit mir
hin, sie zu besehen. Er fragte mich bey jenen Stcken, die ihm besonders
gefielen, um meine Meynung, und beschlo sie zu kaufen. Es war ein Tag
bestimmt, an dem sie ffentlich sollten versteigert werden. Der Prinz
konnte aber nicht mehr so lange bleiben; er mute nach Hause reisen, und
die Regierung bernehmen. Er gab mir daher den Auftrag, die Gemlde zu
kaufen, und dafr zu sorgen, da sie ihm sicher und unbeschdigt
berliefert wrden. Er bestimmte, wie viel ich im uersten Falle fr
die Gemlde geben drfte, und wies mir eine Summe Geldes an. Dieser fr
mich so ehrenvolle Auftrag lag mir nun sehr am Herzen. Ich war auch so
glcklich, die Gemlde fr eine bedeutend geringere Summe, als er mir
gestattet hatte, zu erhalten. Da ich bereits alles, was fr einen Mahler
in Italien vorzglich sehenswerth ist, gesehen hatte, und da eben ein
Schiff zum Absegeln bereit lag, so schiffte ich mich sammt den Gemlden
ein. Ich kam mit meinem kostbaren Schatze glcklich an das Land. Da
miethete ich nun fr die Gemlde einen besondern Wagen, und fuhr, damit
sie ja keinen Schaden nehmen mchten, selbst mit, bis wir auf dem Wagen
zusammen in der Residenz anlangten. Ich eilte sogleich nach Hofe und
lie mich melden. Der Frst war eben von der Mittagstafel aufgestanden
und befand sich in seinem Kabinette. Ich kam sogleich vor. Nun,
willkommen in Deutschland, sprach der Frst sehr freundlich; was bringen
Sie mir Gutes aus Italien? Die Gemlde, sagte ich, die ich Eurer
Durchlaucht hchstem Befehle gem gekauft habe. Nun, sprach der
Frst, und wie viele davon? Alle! sagte ich. Alle! rief er sehr
erfreut; das ist ja ganz vortrefflich. Er gab sogleich Befehl, da die
Bilder ausgepackt und aufgestellt wrden. Ich legte auch mit Hand an.
Alle waren vollkommen unbeschdigt. Der Frst war in seinem grten
Vergngen. Denn er ist nicht nur ein Liebhaber, sondern auch ein Kenner
von Gemlden. Ich berreichte ihm die Quittungen fr die bezahlten
Gemlde. Die Summe, sprach er, betrgt ja ein Merkliches weniger, als
ich Ihnen gestattete. Ich sagte: Eure Durchlaucht wollen befehlen, wo
ich das brige Geld abzugeben habe. Ach, sagte er sehr gndig, davon
kann keine Rede seyn. Ich bin Ihnen Dank schuldig. Wenn Sie mit mir
zufrieden sind, so bin ich es mit Ihnen noch viel mehr. Doch -- Sie sind
mde von der Reise und haben sich mit Auspacken noch mehr abgemattet.
Sie bedrfen der Ruhe. Er befahl, mir ein Zimmer in der Residenz
anzuweisen.

Als ich Abends in meinem Zimmer sa, fiel mir pltzlich ein, den alten
Forstrath Mller zu besuchen. Er war ja, auer dem Frsten, der einzige
Mann, den ich in der Residenz kannte, und ich erinnerte mich sehr wohl,
wie er ehemals als Oberfrster Sie, bester Vater, fter besuchte und mit
Ihnen in der herzlichsten Freundschaft lebte. Er fragte mich, wie ich
hieher komme. Ich sagte es ihm. Sie kommen zur glcklichsten Stunde!
sprach er, und fing nun sogleich an, mir zu erzhlen, wie es Ihnen,
liebster Vater, gehe, wie viel Verdru Ihnen der Oberfrster mache, wie
Sie dehalb selbst in die Residenz gekommen, wie Sie aber einige Tage
vor meiner Ankunft unverrichteter Sache wieder abgereiset wren. Ich
wollte sogleich wieder zum Frsten. Nicht doch! sagte der Forstrath,
das geht nicht. Morgen frhe mssen Sie um eine besondere Audienz
bitten. Ich werde Sie begleiten. Die Sache ist jetzt schon so
vorbereitet, da wir ein geneigtes Gehr finden werden. Wir wurden am
folgenden Morgen sehr bald vorgelassen. Ich fing sogleich von Ihnen an,
und redete mit groem Eifer. Ich erzhlte, wie ich in Ihr Haus gekommen,
und was Sie alles an mir gethan haben. Ich war sehr ausfhrlich. Der
Forstrath sagte einige Male: Zur Sache, zur Sache! Der Frst aber
lchelte nur und sagte: Lassen Sie! Die Dankbarkeit des guten Sohnes
gegen seine alten Pflegltern gefllt mir. Wir werden ja am Ende finden,
wo das alles hinaus will. Ich kam nun auf den Herrn von Schilf und
sagte es gerade zu, warum er Ihnen so aufsig sey, und da er als ein
Wilddieb in das Zuchthaus gekommen wre, wenn der hochselige Frst nicht
zu gndig gewesen wre. Nicht doch, sagte der Forstrath ernsthaft zu
mir, Sie vergessen den schuldigen Respekt. Frsten knnen kaum zu gndig
seyn. Der Oberfrster war damals ein junger Mensch, und es konnte
dehalb immer einige Schonung eintreten. Nur weiter, nur weiter!
sagte der Frst zu mir. Ich zeigte ihm nun die Briefe, die Sie, liebster
Vater, mir nach Italien geschrieben. Ich hatte sie noch in der Nacht aus
meinem Koffer hervor gesucht. Da ist auch nicht ein einziger darunter,
in dem nicht fr den Durchlauchtigen Erbprinzen, der mit mir damals in
einem Lande lebte, die besten Segenswnsche enthalten wren. Der Frst
las nicht nur die Stellen, die ich ihm zeigte, sondern, nachdem er mich
zuvor, mit zu vieler Gnade, um Erlaubni gefragt hatte, die ganzen
Briefe. Nun wohl, sprach er, ich erinnere mich jetzt, da Sie mir schon
in Italien von dem wackern Manne gesagt haben; ein Mann, der so schreibt
und einen so guten Sohn erzog, kann kein schlechter Mann seyn.
Dehalb, sagte ich, mssen Eure Durchlaucht den Oberfrster bestrafen,
und dem Sohne des Frsters den vterlichen Dienst geben. Der Forstrath
blickte mich unwillig an und sagte: Spricht man denn auch einmal so mit
dem gndigsten Herrn. Der Frst sprach aber mit Lcheln: So schnell
geht es freylich nicht, wie Sie meinen, junger Mann. Ich mu den
Oberfrster erst auch hren. Er winkte den Forstrath an ein Fenster und
redete einige Zeit besonders mit ihm. Der Forstrath setzte sich hierauf
und schrieb. Der Frst sagte aber zu mir: Seyen Sie ruhig, es wird
recht werden.

Er redete nun, whrend der Forstrath schrieb, mit mir von Gemlden.
Mein seliger Vater, sagte er, hat mir eine ganz artige Sammlung
hinterlassen. Ich bin begierig, was Sie dazu sagen. Inde mssen alle
Gemlde wieder in bessern Stand gesetzt werden. Diese Arbeit bertrag
ich hiemit Ihnen. Wollen Sie das Geschft bernehmen? Mit dem grten
Vergngen, sagte ich; aber erst nach den Weihnachtsfeyertagen. Am
heiligen Weihnachtsabende habe ich meine ehrwrdigen Pflegltern das
erste Mal gesehen; an dem Weihnachtsabende mu ich sie wieder sehen;
besonders da sie in einer so traurigen Lage sind, und ich ihnen
erfreuliche Nachrichten bringen kann. Das ist nicht mehr als billig!
sagte der Frst. Der Dankbarkeit gegen Aeltern will ich gerne
nachstehen.

Der Forstrath war indessen mit Schreiben fertig geworden und berreichte
dem Frsten das Blatt. Der Frst unterzeichnete es. Gren Sie mir
Ihren guten Pflegvater, sprach er zu mir, und sagen Sie dem braven,
alten Manne, er solle auer Sorgen seyn.

Aber wie frey Sie doch mit dem Frsten sprachen, sagte der Forstrath,
indem er mich auf mein Zimmer begleitete. Ich wehrte Ihnen immer, aber
Sie achteten nicht darauf. Nun, Ihrer Liebe zu Ihren Pflegltern ist
dieses zu verzeihen. Auch finde ich, der geradeste Weg ist immer der
krzeste. Ich fragte nun den Forstrath, was der Frst mit ihm
gesprochen und was er ihm zu schreiben befohlen. Nach vielem Bitten
gestand er mir endlich, der Frst habe gesagt: Bald htte man mich zu
einer Ungerechtigkeit verleitet. Dort liegt ein Dekret, in dem an die
Stelle des alten Frsters ein andrer Mann ernannt wird. Ich fand jedoch
einige Bedenklichkeiten dabey und habe, so sicher man auch darauf
rechnete, es noch nicht unterzeichnet. Ich werde nun die Sache zuvor
noch grndlicher untersuchen. Was der Forstrath schreiben mute, war
ein besonderer Befehl an den Oberfrster, ohngefhr dieses Inhalts:
Seine Durchlaucht htten mit allergrtem Mifallen vernommen, wie
unwrdig der Oberfrster den wrdigen Frster Grnewald behandle; der
Oberfrster erhalte hiemit die geschrfteste Weisung, bis auf weiters
weder den alten Frster noch dessen Sohn im Geringsten zu beunruhigen.
Den Befehl mute der Forstrath sogleich durch eine Staffete absenden.
Denn, hatte der Frst gesagt, es liegt mir sehr daran, dem alten
ehrlichen Manne, sobald mglich, Ruhe zu verschaffen. Der Forstrath gab
mir nun noch auf, Sie zu gren und Ihnen zu sagen: Die Untersuchung,
die der Frst anordnen werde, falle zuverlig zu Ihrem Besten aus, und
Ihr Sohn erhalte sicher den Frsterdienst.

Der alte Frster wischte sich, so wie alle brigen, whrend dieser
Erzhlung fter die Augen. Jetzt stand er auf, umarmte Anton, nahm den
Flor von dem Gemlde der Geburt Jesu hinweg, blickte dankend zum Himmel,
und rief: Nun lat uns in den Lobgesang der Engel einstimmen: Ehre sey
Gott in der Hhe und Friede auf Erden den Menschen, die eines guten
Willens sind.




                            Neuntes Kapitel.

                          Der Weihnachtsbaum.


Nachdem Anton seine Erzhlung geendet hatte, erkundigte er sich sehr
angelegentlich nach dem Befinden seiner lieben Aeltern. Er hatte nicht
ohne Schmerzen bemerkt, wie sehr beyde seit seiner Abreise gealtert
hatten. Ihre grauen Haare und ihre vielen Falten preten ihm beynah
Thrnen aus. Inde lie er sich davon nichts merken, um sie nicht zu
betrben. Gar sehr mute er sich hingegen verwundern, seine Geschwister,
Christian, Katharine und Luise nun in der vollen Blthe des Lebens zu
erblicken. Er rief Christians beyde Kinder freundlich herbey. Mein
Gott, sagte er, so verfliet die Zeit! Ach, vor achtzehn Jahren waren
Christian, Katharine und ich Kinder wie diese hier; Luise noch kleiner.
Jetzt sind diese Kinder in unsre Stelle eingerckt. Er betrachtete die
zwey Kinder mit Wohlgefallen. Nun, sprach er, habt ihr aber auch eure
Weihnachtsgeschenke schon bekommen? Ach nein; sagte der kleine Franz.
Der Oberfrster hat uns den Spa verdorben; er ist ein rechter Herodes.
Die Mutter verwies ihm diese Rede. Die kleine Klara sagte: Anton, dich
hat gewi ein Engel hieher geschickt. Hast du uns aber auch ein
Weihnachtsgeschenk mitgebracht? O ja wohl, sagte er, ich habe eurer
nicht vergessen. Nur mt ihr warten, bis meine Kutsche nachkommt. In
dieser ist alles. Die Kinder gaben sich zufrieden.

Hierauf wurde das Abendessen aufgetragen. Es wurde aber mehr geredet,
als gegessen. Nach Tische verlangten die Kinder in das Bett. Alle
brigen blieben aber noch bey einander auf. Den lieben Kleinen, sagte
Anton, mssen wir morgen frhe noch eine besondere Freude machen. Wir
mssen ihnen einen Weihnachtsbaum zurichten. Denn wie in einigen
Gegenden die Krippe, so ist in andern der Weihnachtsbaum Sitte.
Christian mu sich aus Liebe zu seinen Kindern schon bequemen, noch
diese Nacht aus dem nahen Walde eine junge Tanne zu holen. Das Nthige,
den Baum zu schmcken, bringe ich mit. Ich habe meinen Kutscher, dessen
Pferde fast erlegen waren, in Aeschenthal zurckgelassen, und bin auf
dem Fusteig ber alle Berge hieher geeilt; morgen frhe aber vor
Anbruch des Tages wird die Kutsche mit meinem Koffer und brigem Gepcke
hier eintreffen.

Am folgenden Morgen, sehr frhe, da die Kinder noch s und sanft
schliefen, waren schon alle Erwachsene im Hause mit Aufstellung und
Ausschmckung des Weihnachtsbaumes beschftigt. Ein junger schner
Tannenbaum mit dichten grnen Aesten wurde in der Stubenecke zwischen
den Fenstern angebracht. Anton ffnete, nachdem die Kutsche abgepackt
war, eine groe Schachtel, die fast mit allem, was Kinder freuen kann,
gefllt war. Er hngte die kleinen Geschenke -- schnes Obst, allerley
buntes Zuckerwerk, niedliche Krbchen voll verzuckerter Mandeln, Krnze
von knstlichen Blumen mit rosenfarbenen oder himmelblauen Bndern
geziert, nebst allerley flimmernden Spielzeugen an den Baumzweigen auf.
Er wute alles sehr mahlerisch zu ordnen. Nun nahm er auch ein Paar
Dutzend kleine blecherne Lampen hervor, die mit Wachs eingegossen waren.
Er hngte sie vorsichtig, damit sie den Baum schn beleuchten, aber
nicht anbrennen konnten, an den Zweigen auf. Da alles fertig war, gingen
Katharine und Luise, die Kinder zu wecken. Sie drfen aber nicht frher
kommen, sagte Anton, als bis ich mit dem Anznden der Lampen fertig bin
und bis die Mutter ruft.

Als die Kinder von den Weihnachtsgeschenken hrten, verging ihnen
sogleich aller Schlaf. Man konnte sie nicht schnell genug ankleiden.
Endlich rief die Mutter: Jetzt kommt! Die Kinder sprangen eilig in die
Stube -- blieben aber von Glanz und Schimmer geblendet pltzlich stehen.
Vor Erstaunen und Entzcken ber den unerwarteten Anblick konnten sie
Anfangs nicht reden. Sie staunten den wundersam schimmernden Baum mit
starren Augen und offnem Munde unverwandt an. Der grne Glanz der
Zweige, die Lichter, die dazwischen wie Sterne schimmerten, die hochroth
strahlenden Aepfel, die goldgelben Birnen, die vielen bunten und
funkelnden Sachen kamen ihnen wie Zauberey vor. Sie wuten nicht, ob sie
wachten oder trumten. Endlich riefen sie hchst entzckt: O wie schn,
o wie herrlich! Franz sagte: Einen solchen Baum, der so schn ist und
im Winter so vielerley Frchte trgt, giebts in unserm ganzen Walde
nicht. Ey, sagte Klara, solche Bume wachsen nur im Paradiese, oder
gar nur im Himmel. Nicht wahr, Mutter, das Christuskindlein hat uns den
Baum geschickt? So, wie er da ist, sprach die Mutter, nun eben nicht.
Inde hat doch Christus, der einst als ein Kind in der Krippe lag und
nun im Himmel ist, euch diese Freude beschert. Denn wre Er uns nicht
geboren, so wten wir nichts von Weihnachtsfreuden und
Weihnachtsgeschenken. Nun gut, sagten die Kinder, wir wollen Ihn schon
recht lieb haben und Ihm recht folgen. Er ist doch gar so gut, und hat
die Kinder gar so lieb. Eine solche Freude, wie Er uns macht, hatte noch
kein Mensch in der Welt.

Die Gromutter sprach: Es ist wohl wahr, ein erwachsener Mensch kann
kaum eine solche Freude empfinden, wie ihr Kinder. Schuldlose Kinder
sind die seligsten Geschpfe auf Erden; ihre Freuden sind rein und
lauter. Gott erhalte euch unschuldig und gut! -- Ach, sagte sie zu den
brigen, die Freuden der Erwachsenen werden nur zu oft von Kummer und
Sorge, von Ehrsucht, Geiz, andern bsen Leidenschaften, wohl gar von
Gewissensbissen verbittert. Darum ist es ein schnes, wahres Wort unsers
gttlichen Erlsers: Wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie
die Kinder, so knnet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.

Der Grovater sagte: Der Gebrauch mit dem Weihnachtsbaume gefllt mir
sehr wohl. Es war klug und weise von unsern Vorltern, da sie darauf
bedacht gewesen, die schnen christlichen Freudenfeste auf mancherley
Weise den Kindern zu Tagen der Freude zu machen. Diese kindliche Freude
macht ihnen die Festtage des Herrn lieb und werth, und bereitet ihr Herz
vor, an der hheren Festfreude, dem Heile, das uns allen geworden, Theil
zu nehmen. Von nun an soll in diesem Hause an jedem Weihnachtsfeste den
lieben Kleinen immer ein Weihnachtsbaum grnen. Wenn er auch nicht so
prchtig geziert seyn sollte, wie dieser, so wird er ihnen doch nicht
weniger Freude machen. Es braucht wenig, Kinder zu erfreuen; einige
Aepfel, Birnen, vergoldete Nsse reichen schon hin, wenn man etwa nichts
Besseres hat. Auch wird wohl niemand knickern wollen, wenn es darauf
ankommt, Kindern eine schuldlose und heilsame Freude zu machen. Ich
denke auch, der Weihnachtsbaum kann uns bey der Kinderzucht groe
Dienste leisten; er kann uns, wenigstens sehr oft, die Ruthe ersparen.
Kinder, die einmal einen Weihnachtsbaum gesehen haben, freuen sich gewi
das ganze Jahr wieder darauf, und werden gewi mehr auf die Worte
achten: Wenn ihr nicht gehorcht, bekommt ihr keinen Weihnachtsbaum! --
als wenn man ihnen mit Schlgen drohte.

Die Aeltern und Groltern dankten nun dem Anton fr die viele Freude,
die er ihren Kindern und Enkeln gemacht hatte. Es ist eine Kleinigkeit,
sagte er, die nicht der Rede werth ist. Inde mu ich Sie bitten, da
auch Sie einige kleine Weihnachtsgeschenke von mir nicht verschmhen.
Er schlo seinen Koffer auf, der in einer Ecke der Stube stand. Diesen
Koffer, sagte er, haben Sie mir einst reichlich gefllt mit auf die
Reise gegeben; es ist nicht mehr als billig, da Sie ihn nicht ganz leer
wieder zurck erhalten. Er berreichte der alten Frsterin kostbares
Pelzwerk und Seidenzeug. Es ist ja die Pflicht guter Kinder, sagte er,
ihre alten Aeltern bey der rauhen Jahrszeit warm zu halten. Der jungen
Frau und den zwey Jungfrauen gab er grnen Tafet zu Kleidern, seidene
Halstcher aus Mayland und andern Frauenzimmerputz. Der junge Frster
bekam eine vortreffliche Doppelflinte, deren Schaft von Nubaumholz sehr
schn mit Silber eingelegt war. Sie, liebster Vater, sagte Anton zu dem
alten Frster, mssen nun nicht mehr auf die Jagd gehen; Sie mssen nun
von Ihren vielen Beschwerden ausruhen. Sie brauchen Strkung in Ihren
alten Tagen. Der Korb dort ist mit Flaschen vom besten alten Rheinwein
gefllt. Und hier ist ein Becher dazu. Anton berreichte ihm einen
silbernen Becher, der innen prchtig vergoldet war. Auen auf dem Becher
waren in einem Kranze von Eichenlaub die Worte eingegraben: Meinem
lieben Vater Friedrich Grnewald zur Erinnerung an den Weihnachtsabend
1740., berreicht am Weihnachtsfeste 1758. von dessen dankbarem Sohne
Anton Kroner. Der alte Frster umarmte Anton mit Thrnen in den Augen.
Allein Anton bergab ihm ber die noch eine Rolle Gold. Sie, liebster
Vater, sagte er, haben groe Summen auf mich verwendet. Es wre nicht
recht, wenn Ihre brigen Kinder und Ihre Enkel dadurch sollten verkrzt
werden. Der edle Greis erstaunte und wollte das Geschenk nicht nehmen.
Allein Anton sagte: Es ist nichts weniger, als ein Geschenk von mir.
Der gndigste Frst hat mich so reichlich beschenkt, und sein Geschenk
freute mich zweyfach, weil ich dadurch in den Stand gesetzt wurde, Ihnen
an einer alten Schuld, die ich nie werde ganz bezahlen knnen,
wenigstens Einiges abzutragen. Alle Umstehenden waren hchst erstaunt.
Die alte Frsterin aber sagte: Ach Anton, wie htten wir an jenem
Weihnachtsabende, an dem du das erste Mal in unser Haus kamest, denken
knnen, da du uns dereinst einen so frhlichen Weihnachtsabend
bereiten, uns durch die Verwendung bey Seiner frstlichen Durchlaucht
aus so groer Noth retten, und uns alles, was wir an dir thaten, so
reichlich vergelten wrdest! Das hat Gott gethan, sprach Anton. Er
fhrte mich in Ihr Haus, um Sie und mich reichlich zu segnen. Sein Name
sey gepriesen.

Doch, sprach jetzt Anton, erlauben Sie nun, da ich sogleich abreise.
Was, wie, warum? riefen alle erstaunt. Allein Anton sagte: Ich fahre
jetzt zu Herrn Riedinger. Ich hoffe dort noch dem Gottesdienste
beywohnen zu knnen, meinem vortrefflichen Lehrmeister durch meinen
Besuch eine unerwartete Freude zu machen, und ihn auf den Abend hieher
zu bringen. Dann wollen wir die brigen Weihnachtsfeyertage, ja alle
Tage des noch brigen Jahres recht frhlich beschlieen. Alle
begleiteten Anton an die Kutsche. Am Abende kam Anton mit seinem
Lehrmeister an, und das alte Frsterhaus in dem dstern Walde
beherbergte in diesen Tagen so selige Menschen, als je auf Erden gelebt
haben.

Was von Antons Geschichte noch weiter bemerkt zu werden verdient, ist
kurz dieses. Anton bath den alten Frster und dessen Hausfrau, ihm ihre
Tochter Luise zur Ehe zu geben. Beyde bewilligten es mit Freuden. Ach
Luise, sprach die alte Gromutter, damals, als du dem Anton jenes
Aepfelein zum Weihnachtsgeschenk gegeben hast, dachte ich wohl nicht
daran, da er dich dereinst als seine Braut zum Altare fhren wrde.
Das Hochzeitfest war erst noch das freudigste Fest, das je in dem
Frsterhause gefeyert wurde. Anton aber kaufte sich in der Residenz ein
eigenes Haus, hatte als ein sehr geschtzter Mahler immer sehr viel zu
mahlen, und lebte mit Luisen in der seligsten Eintracht.

Im folgenden Frhlinge kam der Frst ganz unerwartet auf dem frstlichen
Jagdschlosse Felseck an, und brachte den alten Forstrath Mller und
einen auswrtigen forstverstndigen Mann mit sich. Der Oberfrster war
sehr bestrzt und versprach sich von diesem gndigen Besuche wenig
Gutes. Sie haben meine Befehle berschritten, sagte der Frst zu ihm.
Ich hatte zwar, durch Ihre Berichte verleitet, den alten Frster seiner
Geschfte berhoben, und war Willens, den jungen Frster auf einen sehr
geringen Frsterdienst zu versetzen; allein die ganze Familie so
unmenschlich aus dem Forsthause zu verstoen, wie Sie es im Sinne
hatten, war nie mein Wille. -- Doch wir wollen vorerst die Waldungen in
Augenschein nehmen.

Des Oberfrsters eigener Bezirk befand sich in einem klglichen
Zustande. Auf den Papieren, die er einschickte, sprach der Frst, fand
ich alles vortrefflich. Da war alles so schn geschrieben und linirt,
wie gestochen. Allein im Walde finde ich es anders. Auf manchem Platze
ist offenbar ohne Vergleich mehr Holz gestanden, als in den Rechnungen
steht. Er hat mich betrogen. Der Oberfrster hatte, wie sichs in der
Folge zeigte, an eine benachbarte Eisenschmelze nach und nach einige
tausend Klafter Holz mehr abgegeben, als er in Rechnung brachte. Er
hatte, um seinen groen, beynah frstlichen Aufwand zu bestreiten, nicht
nur sein eigenes Vermgen verschwendet und sich in Schulden gesteckt,
sondern sich berdie noch Untreue gegen seinen Frsten erlaubt. Der
Frst setzte ihn ab, und verurtheilte ihn, den Schaden zu vergten. Der
arme Herr von Schilf lebte von nun an auf seinem kleinen Landgute in
sehr drftigen Umstnden.

Den Waldbezirk des alten Frsters fand der Frst im trefflichsten
Zustande. Er kam in eigener Person zu ihm in das Haus, bezeugte dem
alten Manne seine Zufriedenheit, lie sich dessen ganze Familie
vorstellen und redete mit allen sehr freundlich. Bevor er seinen
Schimmel bestieg, den ein Reitknecht vor dem Frsterhause am Zaume
hielt, sagte er zu dem Frstersohne: Er ist hiemit Frster; mache Er
seine Sache ferner so gut! Sie, sprach der Frst zu dem alten Frster,
sind nun wohl etwas alt, aber noch lange nicht der abgelebte Greis, fr
den Herr von Schilf Sie ausgab. Sie sind trotz Ihres Alters noch sehr
wohl bey Krften; ich kann Sie meiner Dienste noch nicht entlassen. Sie
werden mich verstehen, wenn ich Ihnen sage: Leben Sie wohl, Herr
_Oberfrster_.




                       Bei Philipp Krll in Landshut
                               ist zu haben


   _Genovefa._ Eine der schnsten und rhrendsten Geschichten des
   Alterthums, neuerzhlt fr alle guten Menschen, besonders fr
   Mtter und Kinder. 3te rechtmige Auflage. m. 1 Kupf. 8.
   1817. 24 kr. oder 6 gr.

   _Ostereyer_, die, eine Erzhlung zum Ostergeschenke fr Kinder,
   von dem Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr.
   12. 12 kr. 3 gr.

   _Wie Heinrich von Eichenfels_ zur Erkenntni Gottes kam; eine
   Erzhlung fr Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der
   Ostereyer. 2te verbesserte Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12
   kr. 3 gr.

   _Blhten_, dem blhenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der
   Ostereyer. 8. 1819. 18 kr. 5 gr.

   _Erzhlungen_ fr Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der
   Ostereyer. 18 Bndchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.

   -- -- desselben Werks 2s Bndchen. 12. 1825.

   _Blumenkrbchen_, das, eine Erzhlung dem blhenden Alter
   gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer; mit 1 Titelkupfer. 8.
   1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap. 1 fl. 48 kr. Rthl. 1.

   _Rosa_ von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, fr
   Aeltern und Kinder. Erzhlt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1
   Kupf. 8. 1823. 30 kr. 8 gr.

   _Itah_, Grfin von Toggenburg; eine sehr schne und lehrreiche
   Geschichte aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzhlt fr alle guten
   Christen, besonders fr unschuldig Leidende. Ein Seitenstck
   zur Genovefa; mit 1 Kupfer. 5te Auflage. 8. 1823. 24 kr. 6 gr.

   _Geschichten_, biblische, fr Kinder. 3 Thle. (von Christoph
   Schmidt). 8. 1820. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr.

   -- -- dieselben im Auszug. 2 Thle. 8. 1821. netto 30 kr. 8 gr.

   _Engelbrecht, A._, Aufstze pdagogischen Inhalts; ein Buch fr
   Seelsorger und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden
   Unterhaltung; mit 1 Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1.

   _Hausaufgaben_ fr Schreib- und Rechnungsschler in Volksschulen,
   oder Aufgaben zur Selbstbeschftigung der Schler. 2te
   verbesserte Auflage. 8. 1823. 15 kr. 4 gr.

   _Diktirbungen_ nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst
   einem Diktir-Surrogat fr Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch
   fr Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12
   kr. 3 gr.

   _Maurer, K._, Lesebuch fr gebtere Leseschler. 8. 1818. 15 kr.
   4. gr.

   -- -- kleine lehrreiche Erzhlungen und Lesestze, nebst einigen
   Gleichnissen und Denksprchen aus dem Munde Jesu. Ein Geschenk
   fr Kinder. 8. 1820. 8 kr. 2 gr.

   -- -- Briefe fr Kinder, nebst einigen Anreden bei ffentlichen
   Schulprfungen. 3te Auflage. gr. 12. 1824. 12 kr. 3 gr.

   -- -- Tabelle zur Kenntni der Buchstaben. 8. 1817.; auf
   Pappendeckel gezogen 2 kr.

   -- -- Lesebuch fr Anfnger im Lesen. 3 Abtheilungen. 12. 1817. 7
   kr. 2 gr.

   _Alte_, der, von den Bergen; eine Erzhlung fr Kinder. 2te
   verbesserte Auflage. 12. 1822. 9 kr. 3 gr.

   _Heilingbrunner_ und _Zeheters_ drittes Elementarbuch der
   nthigsten Sach- und Sprachgegenstnde fr Volksschulen. 3. 1822.
   30 kr. 8 gr.

   _Jais, P. A._, schne Geschichten und lehrreiche Erzhlungen, zur
   Sittenlehre fr Kinder und wohl auch fr Erwachsene. 2 Bndchen.
   10 kr. 3 gr.

   _Fabeln fr unsere Zeiten und Sitten._ 2 Bndchen. 8. 1821. 1 fl.
   16 gr.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):
   [S. 10]:
   ... oben auf dem Berge. In Mitte der ...
   ... oben auf dem Berge. In der Mitte der ...

   [S. 44]:
   ... Menschen geziemt, oder sie sind mit mir ...
   ... Menschen geziemt, oder Sie sind mit mir ...

   [S. 44]:
   ... sahen etwa einige vornehme jungen Herren ...
   ... sahen etwa einige vornehme junge Herren ...

   [S. 55]:
   ... suchte. Oder der Namen des Waldes ...
   ... suchte. Oder der Name des Waldes ...

   [S. 72]:
   ... umher, und sagten mit gerhrten ...
   ... umher, und sagten mit gerhrtem ...

   [S. 92]:
   ... alle brige Geschpfe der Erde unterworfen. ...
   ... alle brigen Geschpfe der Erde unterworfen. ...

   [S. 100]:
   ... Kinder, Armen und Kranken mten ...
   ... Kinder, Arme und Kranke mten ...

   [S. 102]:
   ... mit der ihr die frommen Bemerkungen ...
   ... mit der Ihr die frommen Bemerkungen ...

   [S. 126]:
   ... Freunde hat. Er will ihren Dienst ...
   ... Freunde hat. Er will Ihren Dienst ...

   [S. 126]:
   ... und ihren Sohn ein. Ich frchte sehr, ...
   ... und Ihren Sohn ein. Ich frchte sehr, ...

   [S. 134]:
   ... hnliche Lagen kommen. Gott lat keines ...
   ... hnliche Lagen kommen. Gott lt keines ...

   [S. 136]:
   ... mir altem, vielgeprften Manne sagen: ...
   ... mir altem, vielgeprftem Manne sagen: ...

   [S. 140]:
   ... ihren Lehnsessel, liebster Vater, und Sie, ...
   ... Ihren Lehnsessel, liebster Vater, und Sie, ...

   [S. 148]:
   ... auch hren. Er winkte dem Forstrath ...
   ... auch hren. Er winkte den Forstrath ...

   [S. 149]:
   ... habe ich meine ehrwrdige Pflegltern ...
   ... habe ich meine ehrwrdigen Pflegltern ...

   [S. 164]:
   ... reichlich zu segnen. Sein Namen sey ...
   ... reichlich zu segnen. Sein Name sey ...

   [S. 168]:
   ... hiemit Frster; mache er seine Sache ...
   ... hiemit Frster; mache Er seine Sache ...






End of Project Gutenberg's Der Weihnachtsabend, by Christoph von Schmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEIHNACHTSABEND ***

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defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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