The Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.



Title: Schiff vor Anker
       Erzhlungen

Author: Gorch Fock

Editor: Aline Bumann

Illustrator: Bernhard Klein

Release Date: February 6, 2018 [EBook #56512]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER ***




Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net





Anmerkungen zur Transkription:

Umschlieungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
Umschlieungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
dargestellt war.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im brigen wurden
Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wrter
belassen.




                           Schiff vor Anker


[Illustration: Gorch Focks Elternhaus auf Finkenwrder, im Vordergrund
seine Mutter]

[Illustration: Gorch Focks Grab auf Stensholmen in Schweden]




                            Schiff vor Anker

                            Erzhlungen von

                               Gorch Fock

                     Aus dem Nachla herausgegeben
                           von Aline Bumann

                 Mit Bildern von Gorch Focks Elternhaus
                      auf Finkenwrder und seinem
                   Grabe auf Stensholmen in Schweden

                                Hamburg
                        Verlag von M. Glogau jr.
                                  1920




                            1.-10. Tausend.
               Mit Umschlagzeichnung von Bernhard Klein.


                   Zeilengu-Maschinensatz und Druck
                   von Oscar Brandstetter in Leipzig.




Inhalt.


                               Seite

  An Gorch Focks Freunde           7

  De solten See                    9

  Herbst entgegen                 20

  Karen                           29

  Vor Ostern                      40

  Kassen Witt sin Freeree         54

  Pulli                           68

  Sonntagnachmittags              83

  Hans Otto                       89

  Ditmer Koels Tochter            99

  Schiffbrchig                  115

  In Gotts Nomen, Hinnik!      123

  Auf Helgoland                  131

  Die sieben Tannenbume         143

  Ein Sterben                    154




An Gorch Focks Freunde.


Lngst ist Gorch Focks Schiff vor Anker gegangen. Und wir haben seine
Schtze davongetragen, die er in der Unendlichkeit des Meeres, in Ferne
und Nhe, in Strmen und Stille in seine Seele gesammelt hatte. Und wir
sind mit vollen, schweren Hnden davongegangen.

Nacht und dunkle Nebel haben sich nun auf das Land gelegt, fr das
Gorch Fock sich hingegeben, wenig matte Sterne leuchten am verhllten
Himmel. Wir sind noch einmal den Weg zurckgegangen zu Gorch Fock, an
seinem Schiffe glommen noch leise das rote Licht seiner Lebensliebe,
das grne seines hoffenden, unverzagten Herzens, und inmitten der
beiden das helle, gelbe, strahlende Licht seines Daseins. Und in
dem still gewordenen Schiff haben wir noch einmal nach vergessenen,
liegengebliebenen Kostbarkeiten gesucht und fanden Dinge, die nicht
untergehen sollen in Vergessenheit.

Bunt ist die Kette, die daraus wurde, Altes und Neues ist
nebeneinandergereiht, aber in jedem ist Gorch Focks Geist, der in
allen, die ihm nahe sind, lebendig bleiben mchte.

                                                  Aline Bumann.

Hamburg 1919.




De solten See.


Ein Tropfen Tinte sitzt in meiner Feder und will verschrieben sein.

Was ist es, das mich wiegt? Wo bin ich? Was klirrt da? Ist es mein
Schwert? Oder habe ich nur getrumt? Sind wir schon auf der Nordsee,
haben wir das Skagerrak schon hinter uns, und ist unser Ziel, das
Eiland Heiligland, schon in Sicht gekommen? Was da unter und neben mir
gluckt und pltschert und gurgelt: ist das schon das grne Wasser der
Nordsee, von dem der Skalde gestern erzhlte? Es mu wohl so sein,
denn diese Dnung ist nicht mehr so lang wie die des Atlantischen
Weltmeeres! Es wird den alten Seeknig von Herzen freuen, da unser
Drachenschiff so schnelle Fahrt gemacht hat, in vier Tagen vom
Hardanger bis Heiligland, und er wird morgen lachen, wenn es Tag
geworden ist! Vielleicht giet er wieder einen Becher roten frnkischen
Weins in das Meer, wie er tat, als der junge Knig von Heiligland
um seine Enkelin warb! O Gerda, nach der sich die Augen aller
Schiffsgenossen immer noch drehen, ob du gleich Braut bist und zu
deinem Brutigam fhrst, du bist schn wie die Sonne, die aus der See
steigt! Die stillste See kann den blauen Himmel nicht so widerspiegeln,
wie dein Auge es tut. Stnde ich mit dir auf dem hohen, roten Felsen,
blickte ich mit dir ber das weite Meer, wiese ich dir die Segel in
der Tiefe und die Wolken, die an der Kimmung aus dem Wasser steigen,
du Knigskind, ich wollte lachen wie der lichte Balder! Denn ich liebe
dich wie die See, und die See liebe ich wie dich -- und niemals hat ein
Wiking ein greres und tieferes Wort gesprochen als dieses. Steuern
wir nach der Hochzeit nordwrts, der Mitternachtssonne entgegen, so
lehnst du nicht mehr mit wehendem Haar am Mast, Gerda. Niemals hre
ich dein Lachen wieder -- aber mir bleibt die See, die hohe Trsterin,
deren Atem alle Wunden heilen kann. Sie wird dem Wiking helfen! Murmelt
nur weiter, Wellen am Bug, und erzhlt mir vom Meere ...

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
sein.

Ich habe die Augen geffnet und erkenne, da ich getrumt habe!
Ich liege nicht im Bauch des nordischen Drachens, sondern auf der
Diele eines Fischerfahrzeuges, unseres Ewers, und stecke in einem
alten, geflickten Focksegel, in das ich mich der Sommerhitze und der
aufrhrerischen Wanzen wegen eingewickelt habe. Unter meinem harten
Lager strmt das Wasser, das wir im Raum haben, von einer Seite nach
der andern. Es gurgelt im Bnn, dem groen Fischkasten, und es klatscht
im Wasserfa. Die lrcke und Sdwester, die an der Decke hngen,
scheuern unruhig hin und her, als baumelten sie im Winde. Gegen den
Bug aber springen und hpfen die Wellen der Nordsee und kluckern wie
junge Enten im Graben. Was sie mir erzhlen wollen, das haben sie
schon Siegfried und Hagen sagen wollen, als sie die Fahrt nach Island
unternahmen! Und wenn es auch noch kein Menschenohr begriffen hat:
gefreut und erquickt hat es schon abertausend Menschenherzen und wird
sie immer erquicken, so lange es eine See auf der Welt gibt. Aber
nun singt mich wieder in Schlaf, ihr Wellen, ihr Seen, denn wir sind
mitten im Streek, fischen zwischen Helgoland und dem Weserfeuerschiff
auf Zungen, und wenn ich nicht geschlafen habe, kann ich keine gute
Wache gehen. Noch einmal blicke ich durch die offene Kapp nach dem
tiefdunklen, sternenbesten Nachthimmel hinauf, sehe den dunklen
Grotopp durch die Sterne wandern, hre die Gaffel knarren und den
Bestmann schnarchen, dann nimmt der schwere, gleichmige Schritt des
wachhabenden Schiffers an Deck mich mit, und der Schlafbaas mustert
mich wieder an.

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
sein.

Immer noch dieser schwere Schritt auf dem Achterdeck! Oder ist es ein
anderer? Ja, der Schritt ist dumpfer ... Schwarz und tot treibt die
mchtige Kogge hinter Borkum auf der stillen See. Bis auf den Mann im
Krhennest und den leise summenden Posten auf dem hohen Bord scheint
das ganze Schiff zu schlafen. ber die Stengen und Wanten kriecht
der Mondschein. Wie in schwerem Bann ist die See erstarrt. Zu Stahl
scheint sie geronnen zu sein. Ringsum kein Schiff und kein Land, nur
die tote See. In der Admiralskajte aber wacht ein Licht und wachen
zwei Menschen. Wie ein Gespenst wandelt der Schatten des langen Klaus
Strtebeker an der Wand. Ruhelos geht der junge Seeruber auf und ab.
Mitunter hebt er das geblmte flandrische Tuch und blickt aus dem
kleinen Guckloch ber die mondbeschienene Wasserflche, dann nimmt
er seine Wanderung wieder auf. Qulen ihn seine wilden Taten, oder
hlt der Madeirawein ihn wach? Der rotbrtige Godeke Michels, sein
Spiegeselle, der auf der halbmondfrmigen Bank sitzt und kaum noch
die mden Augen offenhalten kann, sagt zuletzt: Tu es, Klaus, nimm
die junge Gesina und bleib an Land, tu dem alten Grafen den Gefallen
und gib die Seefahrt auf, berla mir die Schiffe, la Messen lesen
und werde ein ehrlicher Kerl an Land. Von Schottland bis Tunis gibt es
kein zweites Weib wie Gesina, und sie liebt dich. Sie liebt mich,
wiederholt Strtebeker langsam. Ein geruhiges Leben hinter Deichen,
zwischen Menschen und Weibern und Blumen, keinen Sturm und keine Not.
Gesina ist schn. Und doch: nein, Godeke! Meine Meerfahrt ist mir
lieber als das beste Weib! Du bist ein Hansnarr, murrt Michels,
als Strtebeker jetzt an den alten Ostfriesen schreibt. Gerusche und
Gesprche unterbrechen jh die nchtliche Stille an Deck: die Schaluppe
mu zu Wasser, damit der Brief sofort bestellt werde. Als das Geknarr
der Riemen in der Weite verklingt, wendet der Seeruber sich von der
Reling, blickt noch einmal nach den riesenhaften Fledermausflgeln
hinauf und tritt wieder in seine Kajte. Er hat sich der See
verschrieben, das wei er.

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
sein.

Ich mu auf einer Segelse, auf einer Kausch gelegen haben, denn
mein Rcken schmerzt. Oder hat die mtterlich-sorgliche Natur mich
geweckt, die wei, da wir alle drei Stunden unsere Kurre einziehen.
Ist es an der Zeit? Ich ffne die Augen: es ist hell, die Sterne
sind verblat! Da ruft es auch schon singend zum Einziehen. Intehn!
Intehn! Jo, antworte ich und Jo echot es in der Steuerbordkoje.
Wir schlafen whrend der Fahrt und Fischerei in voller Kleidung, ich
brauche deshalb nur die langen, schweren Seestiefel anzuziehen, die
von Tran und Schuppen glnzen; dann stehe ich an Deck und mu mich
wundern, denn von der See ist nicht das geringste zu sehen. Segeln
wir auf der Milchstrae? Alles Wasser ist mit einer dnnen, aber
dichten, undurchdringlichen Schicht weien Gewlkes bedeckt, da nicht
eine Welle zu erkennen ist. Und die weie Decke liegt nicht still,
sondern fliegt schnell mit dem Morgenwind nach Osten und reit doch
nirgends ab. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Seltsam ist es.
Wren luvwrts nicht die hollndische Tjalk und der Fischdampfer in
Sicht, die mit Steven und Wanten aus der Morgenmilch ragen, ich knnte
glauben, mit einem Luftschiff ber den Wolken zu fahren. Mit einem
Luftschiff, wie wir es dwars von Spiekeroog sahen, als wir, von einer
Windstille heimgesucht, mit schlaffen Segeln und schlagenden Schoten
in der stetigen Dnung trieben und nicht fischen konnten. Da stieg
es im Nordosten aus der See wie ein helles Segel. Wir wuten erst
nicht, was wir aus dem Wlkchen machen sollten, dann aber erkannten
wir durch das Glas den Zeppelin, der den Meeresflug wagte, und sahen
ihn nun in unsere Einsamkeit hineinwachsen. Immer hher stieg und
immer grer wurde die gelbe, kantige Leinwand. Da sickerte schon der
Lrm der Motoren herab. Das singende Brausen der neuen Zeit erhob
sich. Unglaublich schnell kam das Luftschiff nher: wir hatten schon
die Kpfe im Nacken, da, als es ber uns stand und seinen Schatten
auf die helle See warf, senkte sich der Bug des Riesen, bis der
Kiel seiner Stahlgondeln die See berhrte. Er fuhr auf dem Wasser
entlang, wie um uns recht zu verhhnen, uns Windjammerer. Ich htte
mich gar nicht gewundert, wenn er eine Kurre zu Wasser gelassen und
gefischt htte. Die Leute schpften Wasser als Ballast aus der See.
Keine dreiig Faden von unserm Ewer brauste die hohe Wand vorbei. Ich
winkte nicht mit, aber Trnen stiegen mir ob solcher Menschenkraft und
Menschenschnheit in die Augen. Das neue Geschlecht der Meeresherren!
Das alte der Meeresknechte trieb regungslos mit alten Segeln in der
Windstille und blieb meilenweit zurck. Ein Riesenvogel, der aus der
See getrunken hatte, erhob der Zeppelin sich wieder vom Wasser und
zog in Leuchtturmhhen davon. Wie wnschte ich in diesem Augenblick
der Hilflosigkeit einen Sturm herbei, um dem fliegenden Schiff zeigen
zu knnen, da auch wir lebten und webten! Wie seine deutsche Flagge
wehte! Immer mittelalterlicher und zurckgebliebener kam ich mir
vor. Erst am andern Abend, als wir ein starkes Gewitter bekamen, als
der ganze Heben eine Feuersbrunst war und der Donner uns umstrmte
und umknallte, als der Regen auf uns niederstrmte, als wre er mit
Eimern ausgegossen, als wir auf der hochgehenden Dnung tanzten, erst
dann verga ich des Luftfahrers. Alles konnte der Zeppelin doch nicht
machen: hier brauchte es doch noch der Schiffe und der Seeleute! Und
das trstete mich, so viel Seen auch ber den Setzbord stiegen, und
so heftige Sprnge der Ewer auch machte, wir hielten stand. Nun
stehen wir auf dem weien Daak, lassen die Fock fallen und hieven,
schwer arbeitend, das Schleppnetz, die Kurre, auf. Wie seltsam, ob es
gleich alle Tage so ist: eben noch nichts zu erblicken, und nun sind
wir schon von hundert ugenden und schreienden Seemwen umflogen und
umkreist! Hiev, hiev! Wer denkt an Mwen, wenn die Kurre eingezogen
wird! Hiev! hiev! Endlich haben wir den Steert, das Ende des Netzes,
in der Talje, der Knoten wird gelst, und die See speit ihre Fische
aus, ihre Zungen und Schollen, ihre Steinbutten und Rochen, Knurrhhne
und Petermnnchen. Wie glnzen die Schuppen, die weien Buche in der
Morgensonne, die aus der See gestiegen ist und den weien Nebel von der
Diele gefegt hat! Wie schnappt alles nach Wasser, wie springt alles in
Angst und Todesnot durcheinander! Sonst habe ich das nicht gesehen,
ich sah immer nur ein frhliches Klappern und Spaddeln, das mir das
Herz erfreute, aber seit dem furchtbaren Traum habe ich Augen fr die
Qualen bekommen. Wir lagen vor Wind in Bremerhaven und hatten einen
alten Janmaaten in der Kombse, der mit unserm Bestmann verwandt war:
das gab einen Abend alter deutscher und englischer Matrosenlieder,
einen Abend Passatwind, Liniensonne und Kapsturm. Die Nacht darauf
trumte mir das Grauenhafte, da ich an Deck ging, als gerade die
Kurre aus der See kam! Heftig erschrak ich, denn die Luft war erfllt
von tausend Schmerzenslauten, von tausend Todesschreien, von tausend
Angstrufen! Alle Fische hatten Stimmen bekommen und jammerten ihre
Qual in die Luft! Und es schrie nicht nur bei uns, sondern auch auf
den andern Schiffen: die ganze Nordsee war erfllt von diesem Rcheln
und Schreien, das so furchtbar anschwoll, da wir es nicht auszuhalten
vermochten! Wir flchteten zitternd, verkrochen uns in die Kajte und
bebten, als erwarte uns ein Weltgericht! Furchtbares Grauen!

Abermals sitzt ein Tropfen Tinte in meiner Feder und will verschrieben
sein.

In Lee steht ein mchtiges Viermastvollschiff in der Sonne und schiebt
sich langsam vorwrts! Es ist ein deutsches! Mit hundert weigrauen
Segeln steuert es dem Weltmeer entgegen. Meine Wnsche schwirren wie
fliegende Fische um seinen Steven, und meine Sehnsucht hngt sich an
seine hchsten Rahen! Da mit knnen! Groe Fahrt tun! Nimm mich doch
mit, du groer Laeisz, du Knigin des Atlantik! Ich sehne mich nach
hundert Tagen ohne Land, ich mchte unter der Linie getauft werden
und mchte auch das dstere Kap Horn einmal in mein Leben hineinragen
sehen! Ich mchte dich sehen, wenn du die Strme abschttelst, du
Viermaster!

Schne Geschpfe gehren dir, Meer, herrliche Kinder sind dein! Was ist
ein Haus gegen ein Schiff, was ist ein Schreiber gegen einen Seemann?
Was ist das erstarrte Land gegen dich, atmende, wogende See? Ein
Leichnam gegen einen Lebendigen!

O, ihr Schiffe auf der See, und du Dnung du! Ihr Tage und Nchte, ihr
Wolken und Winde: was seid ihr an Land? Nichts! Und was seid ihr auf
See? Alles, alles, was uns die Seele bewegt!

Ich gre dich, du kleine Galliote, die du so tapfer deinen Kurs
steuerst. Kommst du von Schweden und willst nach England? Du kleiner
Mann auf der Back: wiegte dich deine Mutter dort in dem schnen Land
der Wlder und Seen auch so gut, wie die See dich jetzt wiegt?

Da -- das groe Vaterland, die schwimmende Stadt, das mchtigste
Schiff der Welt! Wie eine Erscheinung! Ich hole die Flagge aus der
Achterplicht. Wir brauchen sie sonst nur, wenn ein Kriegsschiff in
Sicht kommt, aber das grte und schnste Gebilde der deutschen Hand
zu gren, hole ich sie dennoch freudig auf! berschiff du! Wie der
englische Kohlenkasten qualmig auf seiner schwarzen Schornsteinpfeife
raucht, als ob es ihn verstimmte, dieses _Made in Germany_!

Noch ein Blick nach dem Schoner und den nachbarlichen Fischerkuttern,
und dann la es genug sein, See. Die Mwen sind weggeflogen, unsere
Fische sind auf Eis gebettet, die Kurre pflgt wieder den Meeresgrund,
und das Deck ist gedweilt: ich kann wieder drei Stunden schlafen!
So wiege mich wieder in Trume hinein, du groe, gute See! Und la
mich bei der harten Fischerei niemals vergessen, da du schn bist
wie nichts auf der Welt, wie kein Wald und kein Berg! Noch habe ich
es keinen Augenblick vergessen, und allen Witwenkleidern und Trnen
zum Trotz soll das Herz daran festhalten! Und sollte mir einmal der
Fliegende Hollnder begegnen, das todverkndende Geisterschiff, sollte
die Sonne ihren Schein verlieren wie auf Golgatha, sollten meine Masten
brechen und meine Segel in den Wind fliegen, sollten die Notanker nicht
mehr halten, sollten die Luken einschlagen und die groe Sturzsee ehern
heranwogen und Klar Deck machen, solltest du mich holen, schne, wilde
See, so will ich in aller meiner Not doch erkennen, da mein letzter
Blick deiner grten, hchsten Schnheit gegolten hat.

Ihr aber, ihr Jungen, Lebendigen, setzt weiter Segel auf! Beflaggt eure
Schiffe und grt die deutsche See, ihr deutschen Jungen! Wiegt euch
auf der Dnung und freut euch der Sonne auf den Meeren und Gewssern!




Herbst entgegen.


Ich schwimme beim Swiensand, sdsdost von Falkental im tiefen Priel
und ringe mit der starken Strmung. Eisigkalt ist das Wasser. Es soll
mich heilen von der Herbstmdigkeit, von den Spinneweben, die meine
Sinne umfangen wollen. Schwere, fremde Tropfen sind in meinem Blut. Und
wren es die letzten, verzitternden Wellenkreise eines Winterschlafes
in grauen Zeiten: ich schttle sie ab und lache ihrer. Ich brauche den
Herbst und seinen Wind, ich rufe ihn: damit meine Wimpel hoch am Mast
flattern, damit meine Segel sich blhen, damit meine Mhlen mahlen.
Mit weien Geisterhnden greif ich aus: dreimal noch um das Boot, nein
viermal, nein solange, bis die Sonne wieder aus den Wolken kommt.
Riesengro ist mein Fahrzeug: es berragt alle Bume, alle Deiche,
alle Trme, alle Gipfel. Eben komme ich beim Achtersteven aus seinem
Schatten und steure auf das kleine, grne Eiland zu. Die Weidenbltter
haben schon helle Farben. Das Reet ist graubraun geworden. Da waten
keine Strche mehr, da jagen keine Schwalben, da tanzen keine Mcken
mehr umher. Die Kuhblumen, die Butterblumen haben ausgeblht, die
Binsen liegen schwer auf dem Schlick. Still und vereinsamt harrt der
Sand der Strme und Hochfluten. Schwarze Muscheln liegen am Strande,
wie Futapfen im Schnee. Eine Nebelkrhe schreitet beschaulich am
Wasser entlang. Mitunter streckt sie den Kopf vor und gibt sich durch
tiefes Krchzen kund. Wilde Enten streben hastig dem Neste zu.

Es wird hell und blank um mich her, es blitzt und schimmert: die
Sonne ist da. Ich schwinge mich an Bord und springe von Ducht zu
Ducht, derweil die Sonne und der Wind mich abtrocknen. Um Kiel und
Steven pltschern die Wogen, sie schlucken und glucken, heimlich und
stillvergngt. Die Augen zu: es ist, als wenn die Glocken gehen,
Hochzeitsglocken, Freudenglocken, als wenn die Kinder fern auf der
Wiese lachen und spielen, als wenn die Pappeln im Sommerwinde rauschen
und erzhlen, als wenn die silbernen Quellen ber glatte Kiesel und
knorrige Tannenwurzeln springen, tief, tief im Walde ... Gluck ...
gluck ... gluck ... Eine Henne lockt ihr Kchlein -- und das Kchlein
legt das Ohr an die Bordwand und horcht und lacht. Das Segel rei
ich mit *einer* Hand empor, und der Anker kommt schnell genug ans
Tageslicht. Dann ziehe ich mich an. Das Boot schwoit, der Lappen fllt
voll, und leise gurgelt und zischt es am Steven. Gute Fahrt bei raumem
Wind und mit der Tide. Nach Schifferart einen Blick prfend zu dem
braunen Segel hinaufgeschickt -- dann halte ich hellen Ausguck.

Der Swiensand schaut mir nach. Blanke, glatte Flchen, dunkle, krause
Windstreifen auf der Elbe. Einen langen, breiten Weg hat die Sonne
sich gepachtet: da blinkt und gleit es, da spielen ihre strahlenden
Kinder. Hinter Schulau dehnt sich die See, da sind der Himmel und das
Wasser allein auf der Welt und halten einander still an den Hnden.
Rauchwolken bei Rauchwolken, als wr's die Strae zur Hlle. Segel ber
Segel teilen sich in den mchtigen Strom: graue und braune, hohe und
breite, neue und geflickte. Schleppdampfer, Seedampfer, Fischdampfer,
Fhrdampfer, schwarze und bunte Schornsteine. Weie, schimmernde
Eiderschuner, unfrmige hollndische Kuffen, breite, protzige,
ostfriesische Tjalken, schwere, wetterfeste Finkenwrder Fischerkutter,
spitznasige, verwitterte Altenwrder Ewer, braune, runde Lhjollen,
alles klst nach Osten. Weie, schlanke Leuchttrme vertrumen den Tag.
Graue Heidehupter stehn am Wege, wie Nordlandsrecken. Blankenese,
Luginsmeer und Luginsland, Utkiek und Kiekut von Hamburg -- ein
rechtes Sonntagsnest, Tag fr Tag in Sonntagskleidern, immer geziert
und geschmckt. Die weien Giebel und die blauen Dcher schauen aus
den Baumkronen. Die Fenster sind wie dunkle, kluge Vogelaugen. Helle
Streifen leuchten aus dem Grn: das ist der Herbst. An den Brcken
liegen Fhrdampfer, die grnen, breit und brgerlich, die schwarzen,
schlank und aristokratisch. Ihre weien Rauchwolken verfliegen an
den Abhngen. Die efeuumsponnene Burg der guten Frau ugt still und
weltfremd von der waldigen Hhe: sie trumt vom grnen Rhein. berall
spielen die bunten Farben: gelb und rot und braun in hundert Tnen.
Der liebe Nienstedter Turm spiegelt sich in der Elbe. Sein grnes Dach
und seine goldnen Zeiger glnzen im Sonnenschein. Um seinen Knauf
fliegen die Dohlen. Aus allen Schornsteinen qualmt die breite, rote
Brauerei. Auf der andern Seite gren die grauen und grnen Huser
von Finkenwrder ber die Hamburger Dnen hinweg. Auch die trotzige
Kirche guckt ber den Deich und der Ne mit seinen Eichen. Der helle,
zierliche Wasserturm lacht herber.

Die Mhle mahlt im Winde, und auch im Alten Lande drehen sich die
Mhlen. Brotes genug. Mein Segel giekt, mein Fahrzeug schwankt. Die
Dnung des glnzenden, hohen Amerikadampfers hat uns erreicht: mein
Boot und ich verneigen uns und danken fr den Gru aus der groen,
weiten Welt.

Sei mir gegrt, du bunte Welt, sei mir gegrt, du groes Leben. Du
rinnst und jagst durch meine Adern, reiest mich auf und wirfst mich
nieder. Nieder? Fortan nicht mehr! Wer so lachen kann, wie ich, der
lt sich nicht mehr niederwerfen. Ich *lebe*, und hoch will ich leben.
Ich lebe mit Wissen und Willen, fhle jeden Atemzug, jeden Windhauch,
jeden Wellenschlag. Ich sehe jeden Baum und jede Wolke, deute jeden
Schritt und jeden Klang, forsche in allen Mienen und in allen Zgen.
Umflutet, umbraust, umkost -- und Knig meines Lebens bin *ich*!
Mittelpunkt der Welt, aller Augen warten auf mich und ber meinem Kopfe
ist der Himmel am allerhchsten. Was *ich* sehe, was *ich* tue: darauf
kommt es an, und fr mich scheint die Sonne. Umreien oder aufbauen,
das ist mir gleich, nur wirken, arbeiten, die Arme aufkrempeln knnen.
Und dabei singen mgen! Wenn zwei streiten: hei, dazwischen gesprungen
und mitgestritten! Leben, lachen, siegen!

Nicht angekettet sein, wie die rote Leuchtboje hier an Backbord, deren
mattes Blinkfeuer mit den Sonnenstrahlen kmpft. Von den Torfewern, die
auf die Ebbe lauern, liegt ein ganzes Rudel vor Anker. Sie sind nicht
mehr so tief geladen und haben nur noch wenig Decklasten: die unruhige
Jahreszeit ist angebrochen. Auf einem Hollnder spielen die Kinder
Verstecken. Hinter dem Kompahuschen, auf dem Roof, vor der Winde:
berall krabbelt es. Ein kleiner Kerl kriecht sogar in das Grosegel
hinein. Die Mutter sitzt auf den Luken, schlt Kartoffeln und guckt
ihnen zu. Ein weies Landhaus mit riesigen Eulenaugen schmiegt sich bei
Flottbek dicht an die hohen Buchen, die es einrahmen. Auf der Chaussee
schnauft ein Automobil: ein Augenblick und der Komet ist verschwunden,
nur sein Schweif verkndet noch seinen Weg. Helle Kleider, rote
Schirme. Mhelos berhole ich ein Segelboot von Neumhlen: weie
Segel allein tun's eben nicht. Vornehm und verbindlich steht das
Parkhotel da, und die Schiffe ziehen an ihm vorbei und spiegeln sich
in seinen Fenstern. In glnzender Reihe krnen die Landhuser den
waldigen Hhenkamm, weltklug und weltberlegen, gegenwartkundig und
zukunftfroh. Auf dem Sande liegt junges Volk in der Sonne. Ein Mdchen
winkt mit der Hand, die beste von allen hebt nur eben das Bein zum
Grue. Spielend rollen die Wellen hinan, kehren zurck und ergieen
sich wieder ber die Steine. Die Zweige gehen im Winde auf und ab: das
ist ein immerwhrendes Schmeicheln und Fcheln. Da ziehen sie schon die
Boote auf den Strand, schlagen die Segel ab und scheren die Leinen aus.
Die Herrlichkeit neigt sich. Heute aber wehen noch die Fahnen, laufen
noch die Kellner umher, sitzen noch muntre Gste an den weigedeckten
Tischen unter den Ulmen, perlt der Wein im Rmer, paradiert die dicke
Kaffeekanne zwischen Stapeln von Kuchen.

Ree -- und mein Boot stt hart gegen den Brckenkopf. Die Mdchen
gucken mir lachend zu, wie ich das Segel herunternehme. Und ich lache
mit, denn blhende Rosen und leuchtende Mdchenaugen ... ach was,
ich gehe raschen Schrittes dem Lande zu, wie ich immer tue, wenn die
Sonne scheint. Bunt wie ein Narrengewand ist das Laub, hier dunkelgrn,
da grau, da braun, da rot, da gelb. Rote Vogelbeeren schimmern aus
den Bschen. Hinter den Fenstern der altmodischen Lotsenhuser bunte
Blumen. In den Grten noch Astern und Rosen, etwas welk, zerzaust, aber
Rosen, Sommerrosen. Die Elbschlucht hinauf geht es in Sprngen: Stufen
sind fr alte Leute und drfen nicht abgenutzt werden. Graues Laub in
allen Ecken und auf allen Wegen, das rauscht und raschelt. Recht in den
Sonnenschein setz ich mich und recht angesichts der Elbe. Vorposten!
Da unten kreist das Leben, da kruselt sich das Wasser und wiegt sich
auf und ab. Die Schiffe kommen und gehen, und keins luft vorbei,
das ich nicht messe und nach dem Kurs frage und ein Stcklein Wegs
begleite. ber mir spielt der West in den Blttern, und an der Erde
fegt er das abgefallene Laub auf einen groen Haufen. Dann und wann
wirbelt ein Blatt herab. Helle Wolken ziehen in der Luft. Bald scheint
die Sonne, bald luft der Wind mit dem Schatten ber die Welt. Auf dem
Dach sitzt eine Schar von Spatzen und piept laut durcheinander. Aus
den Grten steigt ein herbstlich feuchter Odem auf. Alle Augenblicke
legt ein Dampfer an der Brcke an. Breit und schwarz steigt der Rauch
auf. Deutlich ist zu hren, wie die Stege ausgelegt werden, wie das
Wasser schumt, wie die Rder schlagen. Dazwischen Rufe. Tuten und
Pfeifen. Hoch und leer kommen die Kohlendampfer herab: die Schraube
haut halb in der Luft und wirbelt einen Berg von Gischt auf. Einer von
Woermann, einer von Sloman, ein Neptun, ein Kosmos, ein Englnder,
ein Normann, so wechselt es ab. Eine schwedische Bark mit der neuen
Flagge. Im Sdosten das Schuppen- und Masten- und Schornsteingewirr von
Kuhwrder, der riesige Laufkran. Die Schlote von Harburg, der Turm von
Altenwrder, das helle Band des Khlbrandes. Dahinter die dunkelgrauen
Berge, die tiefblaue Geest, wo die Nebel brauen. Der Schopf des
Falkenberges, das kahle Haupt des Opferberges bewachen den Eingang der
stillen Heide.

Einzelne Boote rudern noch in der Tiefe. Es mu Hochwasser sein:
die braunen Segel erscheinen: die Strohewer, Torfewer, Steinewer,
Fruchtewer, Kornewer. Schwerfllig kreuzen sie vorbei und ist doch ein
farbenfrohes Bild. Das singt und juchheit nicht und reckt mir doch die
Arme, denn es lebt und webt und fhrt mit allen Winden.

Marienfden fliegen umher.

Die Wolken haben den ganzen Himmel berdeckt. Die Dmmerung geht ber
Strom und Strand. Es dunkelt rasch. Mit Siebenmeilenschritten kommt die
Nacht, und riesenhaft ragen Bume und Giebel in das letzte Abendrot
hinein. Die Heide verliert sich. Nur die Elbe schimmert noch grauwei
herauf. berall sind Lichter entglommen. Eins nach dem andern wird
angesteckt. Gelb und grn und rot, matt und hell, gro und klein. Alles
wirbelt auf dem bewegten Wasser hin und her. Irgendwo zirpt eine Grille
von gelben hren, rotem Mohn und blauen Kornblumen. Die Elbchaussee
entlang wanken Laternen. Zwei bei zwei halten sich die Kinder an den
Hnden und blicken mit groen, dunklen Augen auf ihr gelbes Licht.
Und singen vertrumt von ihrer lieben Laterne. Mhlich verklingen die
feinen Stimmen in der Ferne.

Leise summe ich die schlichte Kinderweise vor mich hin, als ich langsam
den Abhang hinuntergehe. Dann ziehe ich mein Segel wieder auf und
kreuze die Elbe hinab.

Hoch und steil steigt das Ufer an und wirft seinen riesigen Schatten.
Gro und gespenstisch gehen die Schiffe an mir vorbei. Von allen
Seiten umspielen mich die Lichter. Wie Leuchtkfer schwirren sie
durcheinander. Verhaltene Stimmen zittern durch die stille Luft.
Am Strand wird es dunkler und einsamer. Auf einem Ewer klagt eine
schwermtige Harmonika. Je weiter ich treibe, desto ruhiger,
traumvoller wird die Welt. In tiefem Frieden zieht die Elbe dahin. Nur
am Steven pltschern die kleinen Wellen.

Droben haben sich die Wolken geteilt und freundliche Sterne schauen
herab zur Guten Nacht.




Karen.


In *einem* Atemzuge schnob der Nordwest von Esbjerg nach Kopenhagen: so
klein war Dnemark in dieser Sturmnacht geworden. Nur als die Fackel
auf der See erlosch, hart an der jtischen Kste, die zitternde,
schwankende Notfackel, als die grauen Segel jh aufs Wasser schlugen,
da ward es urpltzlich stiller, und es schien, als msse der Wind sich
besinnen. Wo eben noch der gewaltige, wilde Nordlandswolf geheult hatte
und umhergesprungen war, lag eine riesenhafte, graue Katze auf der
Lauer.

Fnf weie Huschen, die in der Dnenmulde standen, waren die Muse,
die sie nicht aus den Augen lie. Und kaum da einer zehn zhlen
konnte, richtete sie sich pfauchend und zischend auf. Der aufgewhlte
Dnensand hagelte schwer gegen die Fensterlden. Lange, wehe Klagetne
hallten um Dcher und Giebel. Die See aber schrie noch zorniger gegen
die Wolken, hob die weien Hupter noch hher und rollte noch wilder
ber den Strand.

Es war Flut geworden.

       *       *       *       *       *

Das kleine gelbe Nachtlicht wurde unruhig.

Ein groes, starkes Mdchen stand neben dem Tisch und band sich die
Flechten auf. Eine Weile guckte sie fragend in den Spiegel und dachte:
bist bald alt geworden, Karen! -- dann suchte sie Rock und Jacke und
zog sich dick und warm an. Sie band ein schwarzes Wolltuch um den Kopf
und zog Handschuhe an.

Das Gekeuch des Windes und das Gebrll der See hatten sie geweckt.

Karen!

Niels streckte sein brtiges Gesicht aus den roten Kissen und richtete
sich halb auf. Verschlafen sah er sie an.

Flut.

Sie hatte sich eine Tasse Kaffee eingegossen und trank langsam.

Er brummte etwas Undeutliches, dann stie er den neben ihm
schnarchenden Jens an und rttelte ihn wach.

Flut, Jens. Steh auf, Jens. Mach dich klar, Jens.

Aber Jens schalt und knurrte. Lat mich schlafen. Morgen -- nachher --
gleich -- ja, ja.

Dann haben die andern den Strand rein, brummte Niels, aber Jens
schnarchte und war nicht wieder zu ermuntern.

Allein geh' ich auch nicht los, sagte Niels und legte sich die Kissen
zurecht. Es war unter der Decke doch wrmer als drauen.

Leg dich auch wieder hin. Schlaf noch 'ne Stunde oder zwei ...
meinetwegen ... zwei ...

Aber Karen schttelte den Kopf und ging hinaus.

Wenn was da ist, holst uns, rief Niels ihr nach und hrte noch im
halben Traum, wie die Tr klappte und der Wind aufheulte. Zugleich
fhlte er, wie die Klte hereinschlug, und er zog ohne Bedenken die
Beine etwas hher und steckte den Kopf tiefer unter die Decke. Dann
flog die Tr zu und es wurde stiller.

Das Mdchen tastete vornbergebeugt ber die Dnen nach dem Strand.
Der Wind war so stark und so kalt, da er ihr fast den Atem benahm und
sie sich dann und wann umdrehen mute. Wie scharfer Schnee schlug der
Sand ihr ins Gesicht. Erst als sie den Strand erreicht hatte, wurde es
besser.

Es war tiefdunkel. Kein Licht. Und die See war nicht weit zu sehen.
Nur fnfzig Faden weit leuchteten die weien Kpfe. *Ein* Brausen und
Keuchen und Zischen und Brodeln war die Luft, war die See. Das Wasser
stieg rasch: der weie Schaumstreifen wurde von jeder See hher an den
Strand gesplt.

An diesem Strich entlang ging das Mdchen und bckte sich, wenn sie
etwas Dunkles gewahr wurde. Dann stie sie es mit den Fen an, zu
erfahren, was es sei. Alles Holz las sie auf und steckte es in einen
Sack, den sie unter dem Arm trug. Tang und Muscheln lagen viel da --
weiter auch fast nichts.

Als es Morgen werden wollte, hatte sie immer noch keine Tracht.

Hinter den Dnen erschien ein grauer Streifen, der hher und hher
gekrochen kam.

Der Sturm raste noch mit voller Kraft. Drohender und gewaltiger
schttelte die See ihre Stierhupter.

Kein Holz, kein Schiff, kein Wrack, kein Notschu, kein Feuer -- nur
schwarzes Wasser und weier Schaum.

Sie blieb stehen ... Da trieb etwas ... etwas Dunkles, Undeutliches,
Unfrmiges ... es kam nher. Aus Gewohnheit hielt sie die Hand ber die
Augen, wie sie an hellen Tagen oft getan hatte, wenn Sonnenschein um
Dach und Dnen brannte und die Luft flimmerte.

Es konnte ein Schiff sein, ein Kahn wohl oder ein Boot.

Das Seeruberblut regte sich in ihr, ungeduldig lief sie am Strand auf
und ab. Ihre scharfen Augen unterschieden schon, ein Boot war es, voll
Wasser geschlagen, eben, da es trieb und ausguckte. Nur wenn eine
groe See es auf den breiten Rcken nahm und dann zurcklief, ragte es
hher auf. Langsam schoben die Seen es nher heran und endlich sa es
am Sand als Strandgut.

Erst wollte Karen zurcklaufen und den Vater Niels, den Bruder Jens
rufen. Aber sie besann sich anders und tat es nicht. So ging es nicht:
Die Nachbarsleute konnten unterwegs sein, fanden es und hatten es. Sie
berlegte, was sie machen sollte, dann zog sie eilig ihre Schuhe aus
und streifte die Strmpfe ab. Ihr schauderte vor Klte. Aber was half
das? Sie schrzte den Rock auf und watete mit zusammengebissenen Zhnen
in das eiskalte Wasser.

Den Steven hatte sie erfat und schwang sich auf den Bordrand. Tastend
suchte sie nach der Fangleine, um das Boot aufs Trockene zu ziehen,
da strzte eine riesengroe See heran und schumte ber das Fahrzeug
hinweg. Sie war durchnt. Fast htte sie das Gleichgewicht verloren,
aber sie hielt sich im letzten Augenblick krampfhaft an der Ducht fest.

Die See hatte es gut gemeint; als sie zurcklief, sa das Boot hoch auf
dem Strand.

Wegtreiben konnte es nun frs erste nicht mehr. Wenn sie noch den Anker
aufs Land brachte, war das Strandrecht gewahrt und sie konnte Hilfe
holen.

Sie wollte es. Es war so bitterkalt.

So kalte Hnde hatte sie.

Sie schauderte vor sich selbst. Wie Totenhnde waren sie, wie *fremde*
Hnde. Pltzlich fhlte sie eine andere Hand ... ein Fremder war bei
ihr im Boot ... ein Toter ... Als gehre es sich so, fhlte sie die
Haare, die Nase, den Mund ... als wenn sie trume ...

Wollte es denn nicht Tag werden?

ber den Dnen wurde es doch schon hell ...

Sie drehte sich wieder um und suchte nach der fremden Hand. Dann zog
sie den Toten halb aus dem Wasser und legte ihn mit dem Rcken auf die
Ducht.

Der stille Mann war schwer.

Er steckte in lzeug. Der Sdwester hatte sich in den Nacken geschoben.
Die Augen waren weit geffnet und das Gesicht schneewei. Die Lippen
waren fest geschlossen.

Jung, dachte sie, als sie keinen Bart sah.

Um die Hften war das Bootstau geknotet -- so waren Boot und Mann
zusammengeblieben.

Wer bist du? murmelte Karen und beugte sich tiefer ber ihn, um seine
Zge zu erkennen, aber der Tag war noch zu grau.

Wieder schlug eine groe See klatschend ber den Setzbord.

Da lie sie die Hnde los und lste das Tau. Auf ihren starken Armen
trug sie den Toten durch das Wasser und bettete ihn auf das Dnengras.
Leise und scheu strich sie ihm das Haar aus dem Gesicht und schaute
verwundert in die hellblauen Augen. Verwundert ... einen kurzen
Augenblick.

Dann stand sie auf und machte sich wieder mit dem Boot zu schaffen,
ber das die See fortwhrend schumte. Sie zog es etwas hher, dann
entdeckte sie eine Ptz unter den Duchten und machte sich daran, das
Wasser auszuschpfen. Wenn auch die Seen immer wieder hereinschlugen
und sie bei dem Winde kaum auf der Ducht stehen konnte, es glckte ihr
doch, und als das Boot erst Luft hatte, kam es von selbst hher aus dem
Wasser. Bald hatte sie es soweit leer, da sie auf den Lohnen stehen
konnte.

Das Boot war fast neu. Sie beugte sich ber den Achtersteven. Gesine
von Hamburg stand da. Von Hamburg, von Deutschland, dachte sie und sah
nach dem Toten hinber.

Es war Tag geworden -- sie gewahrte es und hielt inne. Dann sprang sie
heraus und zog das leere Boot so hoch auf den Strand, wie sie konnte,
band das Tau um einen herangeschleppten Felsen und lief die Dnen
hinan. Der Wind wehte sie hinauf.

Oben auf der Hhe kam es ber sie, als habe sie etwas vergessen; sie
mute sich umdrehen und nach dem Toten gucken.

So sonderbar war ihr zumute. Erst hatte sie sich gefreut, Vater und
Bruder den Fund zu melden; nun war sie beklommen, war es ihr nicht mehr
recht, was sie tat.

Sie sah von oben mit einemmal auf ihr Leben hinab, auf ihr graues,
stumpfes Leben. Ein Tag war wie der andere gewesen. Und die Gesichter
immer dieselben. *Eine* Arbeit, *ein* Schelten und *ein* Gesprch.
Immer das Alte, keinen Tag etwas Neues. Fnf Huser waren es, und fnf
Huser blieben es. Und auf den Dnen wuchsen ewig keine Blumen. So
war es immer gewesen und sie hatte es nicht gewut: nun aber kam es
ber sie. Drauen auf der See, ganz weit hinten, da sie eben noch zu
sehen waren, gingen mitunter Schiffe vorbei: Segelschiffe und Dampfer.
Die Segel erschienen so wei und rein, und der Rauch stieg steil in
die Luft. Da war die Welt, da fing sie an: da sangen und lachten die
Menschen und trugen schne Kleider. Wie oft hatte sie als Kind barfu
auf dem Sand gestanden und gewartet, da ein Schiff, ein einziges nur,
heransegele und sie abhole. Aber alle zogen vorbei und kamen ihr aus
den Augen. *Einer* mute kommen, einer, der anders war, als die sie
kannte, der lachen und singen konnte, der sich freute und sie bei der
Hand nahm, der ihr erzhlte und sie fragte. Der hatte immer kommen
sollen und war nicht gekommen.

Sie schauderte ... da hinten lag einer mit hellblauen Augen ... ob er
es war, der zu ihr gewollt hatte?

Sie wollte nicht -- und trat doch ins Haus.

Vater! Jens!

Der buschige Schopf wurde zuerst sichtbar.

Was ist los?

Ein Toter, Vater.

Weiter nichts?

Niels wollte sich schon wieder umdrehen.

Ein Boot auch.

Das half. Niels richtete sich auf.

Ein Boot?

Er stie Jens heftig an.

Ein Boot, Jens! Aufstehn!

Das lie sich selbst Jens nicht zweimal sagen.

Niels stand schon in der blauen Unterhose da und suchte nach seiner
seemnnischen Ausrstung. Zwischendurch fragte er in einem fort:

Wo ist es? ... Neu? ... Treibt es noch? ... oder sitzt es schon auf
Land? ... Was steht dran? ... Und der Tote? ... Was fr Zeug? ...

Jens war auch bald reisefertig, und alle drei wateten durch den Sand.
Niels war guter Laune und erzhlte von Schiffen und Gtern, die in
frheren Jahren angetrieben waren. Da der Sturm ihm fast den Mund
verschlo, strte ihn nicht.

Karen wies mit der Hand.

Seht! Da!

Karen war stehen geblieben.

Vater!

Niels drehte sich um.

Was willst du?

Dem Toten mt ihr seine Ruhe lassen. Den drft ihr nicht anfassen.
Versprecht mir das!

Jens lachte hhnisch.

Dumme Deern! Wenn das Zeug mir pat, zieh ich's an. Der braucht nichts
mehr.

Niels hustete.

Und wenn wir ihn melden, mssen wir ihn beerdigen lassen und vom Boot
bleibt nichts nach. Wir begraben ihn in den Dnen und damit gut.

Jens schttelte den Kopf.

Seemannsgrab, Vater, Seemannsgrab. Das wnscht sich jeder Matrose.

Das tut ihr nicht! Das nicht! Versprecht mir das! flehte das Mdchen.
Das drft ihr nicht. Hrt ihr?

Mach doch nicht so 'n Lrm um den toten Mann, knurrte Niels. Freu
dich, da wir 'n Boot haben.

Dann geh ich nicht mehr mit, drohte Karen.

Geh meinetwegen nach Haus und koch Kaffee, sagte Jens gleichmtig.
Wir knnen's allein.

Karen begann mit groen Schritten zum Strand zu laufen.

Willst du hierbleiben! rief Niels, aber Jens sagte trocken:

La sie laufen!

Was hat sie mit einemmal?

Mag der Deubel wissen. -- Das Boot sieht gut aus.

Das knnen wir brauchen.

Nanu? Ist sie verrckt geworden?

Lauf, Jens, und halt sie auf.

Karen! Karen!

Die beiden fingen an zu laufen, aber bei dem schweren Wind kamen sie in
dem tiefen Sand mit den groen Seestiefeln nur langsam vorwrts.

       *       *       *       *       *

Als sie am Strand ankamen, war das Boot schon ein gutes Stck vom Lande.

Karen stand auf der Ducht und schob mit dem Haken ab. Schwer haute der
Steven in die Seen, und das Fahrzeug dmpelte gewaltig hin und her,
aber das starke Mdchen zwang es.

Karen! Karen!

Dumme Deern, komm her.

Aber der Sturm verschlang jedes Wort, und das Mdchen sah sie gar
nicht; ihre Augen waren bei dem Matrosen, der still und friedlich auf
den Lohnen lag.

Als sie weit genug war, kniete sie neben ihm nieder und fate seine
kalten Hnde.

Und setzte sich so, da die blauen Augen sie ansahen.

Ich bring dich heim. Nach Esbjerg und nach Haus, flsterte sie und
strich mit der Hand weich ber seine Stirn.

Sie sah die frchterliche Flage nicht herankommen und gewahrte die
riesige See nicht, die das Boot wie einen Kfer auf den Rcken warf ...

Niels und Jens sahen es mit an.

Es war ein strmischer Novembertag ...




Vor Ostern.


Hans Banidt las in der Bibel.

Er war grad vom Feld gekommen. Und vom Pflgen. Der dicke Schlick sa
noch an seinen Schuhen. Die wollene Mtze hatte er abgesetzt. Mit
aufgesttzten Armen sa er an dem schweren Eichentisch und war mit
allen Gedanken bei Johannes, dem vierten Evangelisten.

Auf dem Hof und um die Wurt wurde es still. Die Knechte lieen das
laute Erzhlen, und die Mgde gaben das Juchen auf. Das Vieh in den
Stllen verhielt sich sinniger. Die Hhner kletterten schlaftrunken auf
den Wiemen. Der Hund lag mde an der Kette und rhrte sich nicht. Sogar
die Sperlinge verlegten ihre Abendschule von den Lindenzweigen nach dem
Katendeich.

Die Uhr tickte langsam und leise.

Peter, der alte Knecht, sa am Fenster. Der sah die Sonne grer und
roter werden, und tiefer und tiefer sinken. Bis sie mitten auf der Elbe
stand. Bis sie unterging. Dann guckte er um die Ecke nach dem jungen
Bauern, der so alt und gelehrt aussah und doch nichts von der Welt
gesehen hatte, kaum vom Hof hinuntergewesen war. Er sagte aber kein
Wort, der alte Peter.

Still war es. berall.

Nur in der Kche nicht. Da klapperten Ptt und Pann und Teller und
Tassen. Da war jemand, der es hild hatte. Da sang jemand. Helle Lieder,
neue und alte. Bunt aus der Reihe. Und lie nicht nach.

Peter freute sich heimlich.

Der Junge hatte es aber doch spitz gekriegt.

Mok de Kkendr mol to, sagte er, ohne aufzusehen.

Peter ging und tat es. Aber das half nichts. Der Gesang frischte auf
wie der Wind bei der Flut und wurde nur umso lauter.

Es dauerte nicht lange, da lie Hans sich wieder vernehmen:

De Diern schall dat Singen nolaten.

Wieder ging der Knecht die halbe Diele entlang und unterhandelte mit
dem Feinde. Aber die Deern lie das Singen nicht sein.

Wenn se ne singen schall, kann se ok ne arbein, segg se.

Damit kam Peter zurck.

Hans las Kapitel sechs noch zu Ende. Dann wurde es ihm ber und er
stie die Tr auf.

De Heidenlarm schall uphrn, scholl es laut und herrisch ber den
Flur.

Das half auf dem Stutz. Ein paar Teller klapperten noch nach, dann flog
die Tr knallend zu, und es wurde still.

Hans Banidt konnte geruhig weiter lesen. Er tat es auch: aber lag es
nun daran, da das siebente Kapitel ihm nicht recht in den Kram pate,
oder da die Schummerei schon zu hoch vor dem Fenster stand, oder da
da sonst eine kleine Kulnis ber die Schallen gelaufen war: -- genug,
er kam nicht weiter als bis zum dritten Vers. Eine Weile sah er es noch
mit an, wie die Reihen durcheinander liefen, dann stand er auf und ging
hinaus.

Er wollte nach der Scheune und nach den Klbern gucken. Aber als er
niemand auf der Diele sah, dnkte ihn das nicht mehr so wichtig.
Er blieb bei der Kchentr stehen. Ob die auch innen so braunrot
gestrichen war? Das ging ihn wohl was an. Ganz gewi. Er hatte die
Klinke schon in der Hand -- aber die Kche war leer. Der Singvogel
war ausgeflogen. Die Schsseln standen noch da, und die Schrze lag
gro und breit am Boden. So unklug, die feine Schrze so hinzuwerfen.
Er mute sich doch wohl bcken und sie aufheben. Glatt strich er sie
auch mit den groen braunen Hnden. Und die Spitzen und Fransen am
Hals betrachtete er lange mit besonderer Sachkenntnis. Behutsam hngte
er sie an den Nagel, und wieder hallte sein schwerer Schritt ber die
lange, dmmerdunkle Diele. Niemand war zu erblicken. Die Leute waren
wohl alle nach dem Deich gegangen und klnten mit den Fahrensleuten.

Die Flltr stand noch sperrweit offen. Er machte sie zu und sphte wie
zufllig ber die Wurt.

Dann ging er langsam auf die Bodentreppe zu. Das war keine Art von
der Deern, einfach alles stehen und liegen zu lassen. Mir nichts, dir
nichts fortzulaufen. Er wollte es ihr sagen. Morgen. Denn heute kam sie
ja doch zu spt. Oben in ihrer Stube konnte sie nicht sein. Das war
gewi. Er brauchte gar nicht zuzusehen oder hinzuhren. Nur, damit er
seiner Sache gewi war, stieg er hinauf.

Im Fenster glomm das Abendrot. Und am Fenster stand die Deern. Zwischen
den Truhen. Nicht in ihrer Kammer, im langen, braungetfelten Saal,
wo bei den groen Hochzeiten getanzt worden war. Da stand sie, nur im
kurzen, roten Rckchen und im Hemd und kmmte sich ihr Haar, das dunkel
und schwer auf den Schultern lag. Der Nacken schimmerte wei aus den
Spitzen, und die runden Arme waren rosig vom Schein des Abends. Sie
guckte hinaus.

Uuch, de Bur, fuhr sie pltzlich herum und lachte ihn an. Aber sie
schrie nicht auf wie die andern Mdchen, und lief nicht weg. Sie kmmte
ruhig weiter.

Er zog die Stirn in Falten.

Schamst di gornix?

Sie schttelte bermtig den Kopf.

Schamen? Weil ick lange Hoor un runne Arms hebb? Nee, Bur!

Da holte er aber lang aus:

Weil du jmmer rmjuchs und springs un lachs. Lachen schimpt, Diern.
Un mit jedereen geihs los und frees mit em und les di von Hans und
Franz no Hus bringen.

So viel hatte er manche Woche nicht gesprochen.

Sie lachte.

Ick bn *jung*, Buer.

Dat bn ick *ok*.

*Du?* Du? Mann, goh af! Du un jung? Du bs jo'n olen Knast, olen Kirl
in 'n Lhnstohl. Lachs ne un spricks ne! Gott schall mi bewohrn!

Sie sah ihn spttisch an.

Da trat er einen Schritt nher und verga viel. Noch mehr aber lernte
er hinzu. Sein Atem ging schwer.

Sie fhlte es wohl, und eine wilde Freude kam ber sie. Das Weib in ihr
stand auf. Wie im Traume drehte sie sich herum.

Jung bn ick, Hans Banidt. Un den ick mag, den nehm ick.

Es war etwas Heiseres in ihrer Stimme, denn sie war zu weit gegangen.

Da ri es auch den ernsten Bauern mit.

Nmst du mi ok? fragte er schwer.

So spricht kein Herr zu seiner Magd.

Sie sah ihn von der Seite an, so seltsam --

Wenn du jung wrs.

Ick *bn* jung, brach es da jach bei ihm los, wie im Sommer der erste
Donner ber das stille Land hallt. Dann ri er sie in seine Arme und
drckte sein Gesicht in ihr weiches Haar und fhlte den warmen Leib und
wute nichts mehr als:

Du ... Du ...

       *       *       *       *       *

Am Heben leuchteten die Sterne, und wache Trume woben um die
Pferdekpfe am First.

       *       *       *       *       *

Den andern Morgen aber schirrwerkte Hans finster und unzufrieden auf
dem Hof und knurrte mit den Knechten und schalt, da es zu hren war.
ber die ganze Wurt hallte seine harte Stimme. Nichts war ihm recht.
Die Knechte sahen ihn schief von der Seite an.

Geeschen stand am offenen Fenster. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
Und die Deern lachte in sich hinein und summte vor sich hin und freute
sich ber das Geschimpfe des groen Bauern und dachte: Ji schull'n 't
man weeten.

Als sie zum Melken ber die Diele ging, begegneten sie einander.

Morgen, Hans Banidt, raunte sie leise.

Er nickte nur und sah in eine Ecke.

Du denkst der woll aber no, wanehr du no'n Pasturn hinwullt, wat?
neckte sie.

Da ging er batz aus der Tr.

Sie aber blickte ihm sinnend nach und strich sich das Haar zurck.

       *       *       *       *       *

Als der Heben wieder mit Sternen best war, gingen wieder junge Trume
unter dem riesigen Strohdach um. Und die Nacht hatte flsternde Stimmen.

       *       *       *       *       *

Peter brachte das Mehl von der Mhle und die Nachricht, da Angk, die
Katenalte, krank war und sich hingelegt hatte.

Das war Geeschens Gromutter.

Hans schickte die Deern denselben Tag noch zur Pflege hin.

       *       *       *       *       *

Dann schwieg der greise Pastor.

Der junge Bauer war aufgestanden.

Die Bibel wei nichts davon, Herr Pastor. Wenn die alte Frau selbst
Hand an sich gelegt hat und nicht in der Reihe liegen kann und keine
Rede kriegen kann, Herr Pastor, dann mu ich sie auf meinem eigenen
Lande beerdigen und ihr selbst ein Gebet mitgeben.

Und seine schweren Schritte verklangen auf der Treppe.

Am Staket stand der Schimmel. Er schwang sich hinauf und ritt davon.

       *       *       *       *       *

Den Abend vor Ostern war es.

Da brannten zwei lange, dnne Kerzen in der verrucherten Kate zu
Hupten der alten, toten Frau, deren spitzes, weies Gesicht aus dem
Sarg guckte.

In den Ecken steckte schon die Nacht.

Hans sa neben der Leiche und hatte den Kopf in die Hand gesttzt und
blickte unverwandt nach der Toten. Ein tiefer, grblerischer Zug lag um
seinen Mund.

Geeschen streifte ihn ab und zu mit scheuen Blicken. Sie war fast bange
vor dem starren Bauer, der sich nicht rhrte und nicht regte. Sie
lehnte am Fenster und sah nach den Lichtern auf dem Wasser. Sie hatte
ein feines, schwarzes Kleid an, das Hans ihr aus der Truhe gesucht
hatte. Es stand ihr wunderfein. In dicken Flechten lag das Haar um den
Kopf. Und die Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren. An ihnen
war kein Weinen zu sehen.

Aber Hans sah davon nichts.

Die Kerzen flackerten auf, als die Tr ging und Peter eintrat.

Der Bauer stand mde auf.

Ward Tied, sagte er dumpf und sah Geeschen an. Fragend begegnete sie
seinem Blick. Dann begriff sie, prete die Lippen aufeinander und ging
an den Schrein. Sie drckte die kalte Hand zum letzten Male und ging
wieder nach dem Fenster.

Peter sagte treuherzig: Adjst, Angk.

Dann legte Hans das weie Kleid zurecht, klappte leise den Deckel zu
und verschlo den Sarg.

Die beiden Mnner trugen ihn langsam den Deich hinunter und setzten ihn
in den grnen Kahn, der am Bollwerk lag.

Es war eben Hochwasser gewesen.

Du bruks ne mit. Ick kann alleen klor warn, sagte Hans und nahm die
Riemen zur Hand.

Wenn du 't meens, gab Peter zur Antwort und steckte die Hnde in die
Taschen und drehte bei. Unterwegs dachte er an die hundert Plle grnen
Kohls, die er fr Angk noch auf dem Felde stehen hatte. Die kriegte sie
nun nicht mehr und sie htte sich so sehr darber gefreut. Nun konnten
sich die Hasen freuen.

Geeschen hatte ein wollenes Tuch um den Kopf gebunden und den Kranz in
die Hand genommen. Auf der Achterducht nahm sie Platz und legte den
Kranz auf den Sarg.

Sie band das Tuch fester. Es fror sie. Der Nachtwind kam kalt von Osten.

Hans ruderte schweigend ab.

Aus dem Sielgraben waren sie bald hinaus.

Es war tiefe Nacht geworden. Tiefe, stille, feierliche Nacht. Am Heben
ging der Mond durch die weien Wolken wie ein Knig durch sein Volk.
Auf dem Wasser blinkte und leuchtete er. Die Elbe war ruhig. Kaum da
die Lichter von der andern Seite, von Nienstedten und Teufelsbrcke,
herberglitten und -schwankten. Nur das Knarren der Riemen war zu
hren, das Surren der wilden Enten, das Tropfen und Lecken der Riemen.

Auf dem Perlenkranz stand der Mondschein starr und kalt, und ber das
dstere Gesicht des Bauern huschte er fast ngstlich.

Geeschen guckte bald hierhin, bald dorthin.

Lot dat Kieken no, sagte er.

Da sah sie den Mond auf dem Wasser und griff mit den Hnden danach. Er
zerging in Stcke und wurde wieder gelb und rund. Vollmond und Halbmond
hatte sie schon gemacht. Nun sollte das erste Viertel an die Reihe
kommen.

Da fragte Hans: Wat he du dor?

Ick griep den Mon.

Le em sitten, hrs?

Sie hatte die Hand zurckgezogen, aber es dauerte nicht lange, da hatte
sie sie wieder heimlich ber Bord gestreckt und lie sich das Wasser
durch die Finger strmen.

Er hrte es.

Nolaten!

Warm?

Da guckte er ernst auf den Sarg und tauchte die Riemen tiefer ein.

Sie sa da mit ihrem raschen Herzen, mit ihrem warmen Leibe, mit ihrer
kstlichen, goldenen Jugend und ihrer neuen, tauigen Freiheit. Wie
Blumen und Sonne war es in ihr. Und sie mute sich ducken, konnte nicht
singen. Mute frieren.

Frieren? Es fror sie nicht. Nicht mehr. Das Tuch fiel ihr von den
Schultern. Der Mond spielte mit ihrem Haar und flo um ihr junges
Angesicht.

Sie hielt das Schweigen nicht mehr aus.

Hans Banidt?

Er sah kaum auf.

Sitt dor ne so bent. Kiek mi an un snack 'n Wurd. Wi levt jo doch,
Hans Banidt. Segg doch wat. Mi ward jo rein angs un bangen.

Er schttelte den Kopf.

Wi hebbt Beerdigung.

Hans Banidt, di deit dat leid, dat't so kamen is, ne? Du wulls, dat du
mi ne sehn hars, wat?

Er unterbrach sie schroff.

Wees still, Diern.

Da gab sie es auf und schwieg.

Auf dem Ne und am Sllberg flammten Feuer auf, groe, rote Feuer.

Sie wies mit der Hand hin.

Kiek, kiek, Hans Banidt! De Ostermonen! Wo grot, wo fein! Dat is
Ostern! Ostern, Hans Banidt!

Er knurrte. Das Gespreche strte ihn. Er wollte nichts wissen.

Sie sah ihn gro und fragend an, bis das kleine Eiland erreicht war.
Es war der Swiensand, der verlorne Posten zwischen Blankenese und dem
Alten Land, hundert Schritt im Umkreis Sand und Schlick, in der Mitte
Weidenbsche.

Scharrend stie der Kahn auf den Sand und sa fest. Hans stand auf und
zog ihn hoch aufs Trockene.

Da konnte Geeschen ausspringen und lief behend nach den Weiden.

Kiek, Bur! De feinen, weeken Katten! Und ri gleich an einem Zweig.
Aber der war zh. Sie mute ihn zuletzt durchbeien.

Der Bauer hrte nicht darauf.

Er hatte den Sarg auf den weien Sand gesetzt und war mit Schaufeln und
xten dabei, das Grab zu machen. Durch die Wurzeln mute er sich hauen,
mute graben und graben fast eine Stunde lang.

Geeschen umkreiste das kleine Land und lief in Sprngen ber den Sand.
Sie ahmte das Schreien der Mwen nach und machte sich ein Erdbeben in
dem feuchten Sand.

Von Zeit zu Zeit wischte Hans sich die Tropfen von der Stirn und schalt:

Lot dat Speelen no.

Ans frier ick. rief sie.

Dann schlich sie sich behutsam hinter ihn und strich ihm mit den
Weidenktzchen die Backen und war wie ein Iltis davon.

Von den bunten Muscheln suchte sie einen ganzen Berg zusammen. Sie
baute aus ihnen ein Haus mit geschickten Hnden.

Ordentlich warm wurde ihr dabei.

Hans kam.

Ick mok 'n Gruft un du?

Ick mok 'n Hus, sagte sie wichtig. Kiek mol, Hans, wat fr 'n Hof.

Du bis 'n Kind.

Dann mute sie mit ihm gehen.

Der Sarg stand schon in der Tiefe.

Geeschen lie den Kranz hineinfallen, und es schauderte sie. Hans nahm
die Mtze ab und betete laut ein Vaterunser und setzte hinzu:

Du ligs hier eensom, Angk, bi Meben und Kreien, ober still un geruhig
-- un mihr wulls du jo ne. Amen.

Dann rauschte der Sand hinab, und Sarg und Kranz verschwanden. Als der
Hgel sich wlbte, steckte er die Schaufel beiseite und sah Geeschen an.

Langsam streckte er ihr die Hand hin.

De Dode is versorgt. Nu kommt de Lebendigen wedder anne Reh.

Ein fester Lebenswille stand in seinen Augen. Da legte sie ihre kleine
Hand in seine groe und sah ihn lange an. Und in beider Augen glomm es
auf.

Dann lief sie fort, und als er ihr noch verwundert nachsah, da hatte
sie schon einen Haufen Feeks zusammengeworfen und zndete ihn an. Und
eine helle, rote Flamme prasselte auf.

Wat schall dat denn nu? fragte er.

Is doch Ostern! rief sie, smiet man Feek up!

Und er tat es. Ihm war wunderlich geworden. Grer und grer wurde das
Feuer.

Der Schein wallte auf dem Wasser, als sie heimfuhren. Da sagte er es:

Wullt du mien Fro warn?

Sie sah ihn gro und schweigend an, -- und schweigend fuhren sie ans
Ufer.

       *       *       *       *       *

Fern auf dem Swiensand leuchtete noch das Osterfeuer durch die Nacht.

Aber die Hhne krhten schon, und Ostern wollte es werden.




Kassen Witt sin Freeree.


Kassen Witt lewt sin Gild.

He hett dat Arbein ne mihr neudig. Sbentwintig Joahr hett he no See
foahrn, up allerhand Oart un Wies', as Jung, as Knecht, as Settschipper
un as Schipper. Doarbi hett he bi lttjen so veel up'n Dutt kreen, datt
he dat geruhig mit ansehn kann, wenn de annern sich afrieten mt. He
hett sin lttj egen Hus, hett Hof un Diek, hult sich 'n poar Hnner,
mokt sich 'n Swien fett -- un wat dat doarbi to schirrwarken gift, dat
kann he meist in'n wittbunten Buscherump un mit 'n Brsel in 'n Mund
af. De Nobers segt: he harr sich dat fein utklamstert, em kunn keen
See un keen Wind wat mihr dohn, un he much woll lachen, wenn de annern
schreen mssen.

Letzt wr Kassen Witt ober ne tofreden. He kunn ne recht mihr kloar
warn un dacht, he kunn bi sin Joahrn woll noch ganz leiflich freen. As
he noch foahrn d, harr he doar nix van af weeten, do harr he an so'n
Krom ne dacht: ober nu kreupen de Heiratsgedanken obends mit em up 'n
Bitt un stnn'n morgens mit em up. Wokeen he freen wull, harr he ok
all fastsett. Sill schull dat wesen, de swatthoarige Sill, de mit em
ut de School kommen wr un de he do woll all 'n ganz lttig beetjen
lien mucht harr. De harr ok keen afkreen, snder dat he jst to seggen
w, worm se oberbleeben wr. Enkelte sn, se harr ne uppat, oder, se
harr to veel snootert; welk meenen, se harr ne wullt, welk, se harr all
bitieds dat Hexen van ehr Mudder lihrt -- un dorm harr doar keeneen
anto wullt. Mucht wesen as't wull: Sill wr 'n glatte Diern wesen, harr
danzt un rmjucht as de annern, se wr nu ok noch 'n troe, gohtliche
Fro. Kassen harr doar woll Lust to. Datt se beetjen to veel snacken
d, versleu em nix, doar wull he woll mit kloar warn; he kunn ok 'n
deftigen Kurrboom snacken. Un wenn se keen hebben wullt harr: 'n gralle
Diern brukt doch ne jeden Hans un Franz to nehmen -- un kunn Sill ne
ganz god up em teuft hebben? -- Blo mit de Hexerei w Kassen sich ne
recht to stilln: dat wr noch dat Leegste. Wenn Sill hexen kunn, denn
harr he den Mot woll batz sacken loten mucht, ober fr gewi w dat jo
keeneen un de Le snacken sich oberlingen eendeel trech.

Dem Deubel ook, wat wr dat noch frn fein Wief, wat gng se noch tro
langs 'n Diek! Ehr Ploten weih inne Wind. Folten wrn in ehr Gesicht
noch ne gewohr to warn, un 'n Gang harr se as 'n junge Diern, de no
Musik geiht. Kassen keek ehr 'n ganze Tied noh. Ne, nu kunn he dat ne
mihr utholn. Un inne Schummeree pett he sich mol no ehr langs.

Sill seet in ehr Kk un wr bi't Kntten. De griese Koater seet blangn
ehr up de Bank.

Kassen fng an to hoffen.

Nobend, Sill.

Nobend! ... Kassen? ... Non? ... Wat he du denn, dat du mi beschst?
Legt din Hnner keen Eier genog oder fritt din Borch ne good?

Kassen sett sich up 'n Lhnstohl.

Ne, Sill, dat wull jst ne. Dat Veehwark is good up 'n Schick. Ober
ik much woll giern mol 'n Wurd mit di alleen snacken, Sill. Kiek mol,
Sill, so geiht uns dat: Du sittst hier alleen un ik sitt doar alleen,
du kookst fr di und ik fr mi, dat is eensom un kst duppelte Ferung.
Wenn wi nu tohoop kooken den, Diern, schull dat ne beter gohn? Ik
gleuwt meist! Wollt wi uns Plnnen tohoop smieten?

Och, Kassen Witt! -- Dat harrst man leeber ne seggen schullt. Du
harrst den Krom sinnig angohn loten mt, ne gliek so mit de Klumpfust
uppe Nees! --

Dat gng em schetterig. He kreeg keen Been mihr anne Grund. Sill gng
mit Wrden up em dol, as de Klimmer up 'n Heenkken oder as de Floot bi
vulln Moon un harten Wessenwind up 'n Diek. Wat he woll w un wat he
woll m, wat he woll schull un wat he woll wull, so neihte se em. Ehr
Doog ne! Freen! Wenn se dat wullt harr, harr se noch 'n ganz annern
krien kunnt, un wenn se dat wull, denn kree se vundoog noch 'n ganz
annern. Ober nee, se wull mit de Mannsle nix to dohn hebben, se kunn
dat so beter hebben. So gng dat lustig wieder.

Kassen dreew bannig oberstr bi dsse Gelegenheit. He fng noch 'n
poarmol wedder an to krzen un uptoluven, ober he keem gegen Sill ne
an. Ehr Koater wr ehr leber as een Mann, s se. Se harr ehrn Koater,
un solang se denn noch harr, wr se ne alleen. De wr trohartiger as 'n
Minsch. Doarbi nehm se dat ole griese, tsige Diert up 'n Schoot, un ei
dat van 'n Kupp bit no 'n Stiert, as wenn't ehr eegen Kind wr.

Ne, min seute Koater?

Dat kunn Kassen ne mit ankieken. Dat wr em all lang to stur wurden up
dsse See. He dreih bums bi un seil no Hus.

Wi snackt doar noch mol ober, Sill, s he batz un rabaster den Diek
langs as 'n Peerd, dat fillenloopen is.

H! H! Kassen, wat bs du denn so inne Foahrt? reep Ol-Gierd em no,
ober Kassen hr doar goarne no hin un leep wieder.

As he in 'n Hus wr un blangen den Oben seet, den Krom noch mol eulich
nodacht, gng de Dr open un Ol-Gierd keem inne Dn rin.

Hest mi goarne antert, Kassen, s he un gng an 'n Disch ran. Doar
kreeg he den Tabakskassen her un stopp sich sien Piep vull.

Kassen bier, as harr he nix hrt.

Lang mi mol 'n Rietsticken her.

Kassen geef em Fer un Gierd fng an to paffen. Tiedlang duert, to fng
Kassen an:

De Wieber dht all nix.

Non? Wat kummt dat denn? Dat lot jm man ne wies warn, ans kratzt se
di woll dien scheune Nees twei.

Knnt se all weeten.

Kassen, wat hest denn mit jm hatt? Hest woll freen wullt un hest
'n poar Schoh kreen? Se hebbt doar all van snackt, dat du an't Freen
dinkst.

Kassen wr gnatterig.

Denn lot jm man van wat anners snacken, gnurr he, ik will ne mihr
freen.

Nu kree Gierd dat Gucheln.

Hrrhrrhrr! Bs woll bi Sill wesen un hest dat Jowurd holn wullt?
Dat is nich so leicht.

Kassen keek sin Makker scharp an, do s he: Kanns swiegen, Gierd?

Gierd nickpp: As 'n doode Nebelkreih, dat kann ik di flstern.

Kassen snack sinniger.

Denn will ik di wat seggen, Gierd. De Sill, dat is 'n Hex, 'n Hex up
'n Haubn, mags dat gleuben oder ne. De is mit 'n Dbel verfreet, un
dorm kann se sich ne verheiraten. Un wee, keen de Dbel is? Ehr
griese Koater: de mok erst 'n poar Oogen as Ewerklsen.

Wat s Sill denn, as du ehr froogen dst, wat se dien Fro warrn wull?

Se s: ne! Se harr dat so beter un solang se ehrn Koater noch harr,
nehm se keen Mann.

Gierd pu, dat all meist dick van Dook inne Dn wr. Mit 'n Mol kneep
he de Oogen tohoop:

Mann, Kassen! Nimm ehr den Koater weg! Drull ehr dat Diert! Denn mtt
se jo 'n Mann hebben un denn nimmt se di oberlingen.

Mi? Kassen wr noch unglubig as Thomas. Denn holt se sich 'n annern
Koater.

Wat woll! So'n Wief geweuhnt sich ehr an'n Mann, as an'n anner Stck
Veehwark. Drull ehr man den Koater.

Ik mag't ne dohn, Gierd. Dat Wief kann hexen. Wenn de Katt weg is,
kloppt se dreemol up 'n Disch: denn hett se ehr wedder.

Gierd teuh em an'n Arm.

Dat ward sich doarbi utwiesen, s he plietsch. Hext Se di den Koater
wedder ut't Hus rut, denn is se 'n Hex un du letts ehr loopen. Ans
nimmst du ehr to Fro.

Ik bn man bang fr den Koater, un woneem schall ik doarmit hin?

Sett em up din Bn fast, doar grippt he sich woll so veel Ms, dat
he leeben kann. Jeden Dag noch 'n Schttel Melk -- doarmit basta.

Kassen stker dat Fer no.

Wees wat, Gierd? Ik nehm ehr den Koater weg.

       *       *       *       *       *

Seit de Tied luer Kassen Witt denn nu Sill ehrn griesen Koater up. Ober
so licht as'n Snf wr de ne to krien, dat harr Kassen bald spitz.
Wenn dat dster wr, schul he sich in'n Binnendiek langs un smeet
Fisch un Fleesch hin. Swatte und witte Katten keemen bald ankroopen un
freeten un gnurrten, ober de griese Koater wr doar ne twschen. Oder,
wenn he mol doartwschen seet, wr he so wild, dat he sich ne griepen
leet. Een Obend ober still Kassen sich achtern groote dicke Esch, un
do harr he Glck un kree den Koater in'n Nacken to packen. As he miaun
wull, steek he em gau in'n Sack un do in Sprngen twschen de Wicheln
langs un no Hus hin! De Bntripp rup, de Dr open gereten, den Sack
utschtt, de Dr towarbelt, de Tripp dolsust: dat wrn Oogenblick
Sook. Kassen frei sich, dat he dat Diert harr, ober bang wr he doch
bannig, un as dat boben an to russeln fng un to jauln, pu he bums
dat Licht ut, kreup inne Kubutz, scheuf de Bree to un weuhl sich deep
inne Kssens rien, dat he nix hrn un sehn kunn. Annern Morgen slirrk
he up Strmpfscken rup'n Bn, mok de Dr 'n lttj beetjen open un
keek nner de Pannen langs. Wat verjeuch he sich, de Kater wr narrns
to blicken. He kreup wieder inne Dr, to verjeuch he sich wedder; de
Koater leeg up 'n ol Goarn un sleep. No dat Verjohn ober frei he sich
bannig, hol den Koater 'n Stck Fleesch un 'n Schttel vull Melk, un as
de mit de roote Tung slappen d, to w Kassen, dat dat 'n euliche Katt
wr, de nix vanne Hll afw, un dat Sill keen Hexenkrom moken kunn, --
un he keem sich bannig kloog vor. As he den Koater wedder bemokt harr,
steek he de Hann inne Bxentaschen un slarp gemtlich den Diek lang.
Doarbi mok he so'n unschllig Gesicht, as wenn he keen Swien schreen
hrn kunn. Bi Sill ehr Koat bleef he bistohn un keek no't Woater
hindool. Un luer up. Richtig duer dat ok ne lang un Sill wr em gewohr.

Kassen? ... Jo! ... Kassen? ... Jo! ... Kassen? ... Jo! ...

Kassen s jo, ober he keek ne m.

Vergeew noch mol to, Kassen! Hr doch mol up! He min Koater ne sehn?

Soll ich deines Katers Hter sein? freug Kassen un keek ehr an, as
wenn he ehr dull to wr.

Ne, eulich! He em ne sehn?

Kiek ik no Katten? Ik hebb din Koater ne sehn! De sitt woll up 'n
Bn!

Nee, nee, Kassen. Up 'n Bn is he ne. De is weg.

Kassen dach: hex em doch wedder her! un meen:

Dien Koater is di wegloopen?

Wegloopen? De lppt ne weg. Drullt is he mi!

Kassen keek no Hamborg rup:

Anner Week is de Doom, Sill, s he trurig. Doar ward 'n barg Heie
mokt. Wokeen harr dat dacht!

Sill leet em ne utsnacken.

Snack ne so dwatsch, schll se, kumm rin un drink 'n Ta Kaffee mit.

Dat d Kassen un hh sich in'n Stillen ober Sill, de noch jmmer sch
un reep. Se keek allerwrts to, ober de Koater wr weg un bleef weg. He
wull em mit seuken hilpen, s Kassen toletzt un gng rut -- ober de un
seuken!

Middogs seh he Sill inne Hf rmstreupen un hr ehr: Koater! Koater!
roopen.

Annern Dag sch se noch.

Kassen, wat komm ik ok doch an.

He nickpp, ober he s nix. He leet noch sinnig 'n poar Doog vergohn.
To fng he bi lttjen an mit ehr dorvon to snacken, wie trurig dat fr
ehr wr, so ganz alleen to husen. Un se kunn doch man 'n anner Katt
nehmen.

Sill keek em an, as wenn he 'n Spleen kreen harr. Ober he mok 'n ganz
trohartig Gesicht, as wenn he ne bit fief tillen kunn.

Poar Doog loater keem he wedder.

Sill, wat bn ik ok doch meuh. De ganzen Doog hebb ik nu wedder
rmscht un rmfroogt. De Koater is un blifft weg. De Le lacht een all
wat ut. Beduern kinnt dat Hansjochenpack ne.

Sill scher sich de Oogen.

Ik weet, Kassen. Se lacht mi arme Fro all wat ut. Blo du ne. Du bs
'n vernnftigen Kirl.

Kassen mark up, ober he s noch wieder nix. Langsam un wi, dach he.
Morgen fr Morgen klau he up 'n Bn rup un geef den Koater wat to
freeten, un Morgen fr Morgen keek he mol bi Sill rin un beduer ehr.

Up't letzt nehm he 'n Tofoahrt:

Sill, dat mtt di doch eensom wesen.

Kassen, ik bn doar unglcklich ober. Ik mag in min eegen Hus ne mihr
wesen.

Sill, war ne krank doarbi.

Kassen, dat kann kommen.

Se snack lang so veel ne mihr, so dull nehm se sich de Geschichte to
Harten, un wenn se ne noch van ehr Mudder her swatt gohn harr, gleuf
ik stiew un fast, harr se nu swatte Kleeder anthon un m ehrn Koater
truert.

Kassen gng Tritt fr Tritt un keem jmmer beetjen wieder. Sill leep
ne mihr weg, wenn he van Heiraten snack. Toletzt kunn he ehr liekuplos
froogen, wat se em staats 'n Koater hebben wull. Se s ne jo un s ne
nee -- den ersten Dag, den tweeten s se half jo und half nee, denn
drtten wr dat jo jmmer grter, dat nee jmmer lttjer -- un
no'n Week s se jo, ober se sett doch noch doarbi: Wenn ik min Koater
noch harr, denn harr ik ne mihr freet. Ober nu is't eendohnt.

Kassen Witt keem sich vr as 'n Keunig. He gng no'n Pastur dol un leet
upbeeden un leet sich bi'n Snieder 'n nee Pattje anmeeten.

Doarbi seet de Koater noch jmmer in sin Gefngnis. Kassen dach doar
mannichmol ober no. He w ne recht, wat he doarmit moken schull.
Doodslogen much he em ne. Ganz toletzt sh he sich: wenn de Hochtied
wesen is, lot ik em loopen, denn is Sill min Fro un mtt bi mi blieben.

       *       *       *       *       *

So dach Kassen Witt un wsch sien Hannen in Elwwoater un meen, sin
Streich wr em glckt.

Ober dat keem doch 'n beetjen anners.

Sill kree up'n mol Lust, Kassen sin Gewees, Hus un Hof, to bekieken,
mol to sehn, wat se as Fro all nner de Hannen kree. Kasten dach doar
woll an, dat de Koater vullicht jauln kunn un em oahn nix goods, ober
nee kunn he doch ne seggen, wenn se ne oahnig warn schull. He wies ehr
nu den Diek, den Groaben, den Hof, dat Schuer, den Killer un teuh dat
allens gehrig inne Ling. To gng he wieder.

Ober Sill wull dat Hus noch boben sehn. He m ehr Kk, Dn, Komer un
Krom wiesen, ober he mok dat so gau af, as he kunn.

So, Sill, dat wr allens, s he un mok de Dr open, as wenn he
weggohn wull. Uh, kiek mol den grooten Damper doar in't Foahrwoater!

Den Bn hebb ik doch noch ne sehn, s do ober Sill un sett den Foot
up de erste Tripp.

Kassen still sich an, as wenn he nix hrt harr. He wies wedder no't
Foahrtwoater hin.

Kumm doch mol rut, Sill, reep he noch harter, un kiek di blo mol
den grooten Steamkassen an. Wat dat frn Kolo is! Dat is jo woll de
Ameriko! Wat frn Diert!

Ober Sill keem ne.

Se reep wedder:

Ik will mi erst den Bn besehn. Lot den Damper man susen.

Den Bn wies ik di morgen, dat is nu all to dster, s he gau un
dach: wenn se morgen kummt, sett ik den Koater solang up't Schuer, denn
ward se em ne gewoahr.

Se gng ober spttenup.

De Sook wr mau.

Doar kanns du ne rup, Sill, reep Kassen iernst un keem neuger.

Worm ne?

Diern, dat geiht ne. Jerst mol is dat all to dster, un denn steiht
doar allens up 'n Kupp. Doar bricks du Arms un Been.

Dat deiht nix. Ik will doar wenigstem mol rupkieken, s se.

De Sook wr mau.

Au ... au ... au ... jaul Kassen.

Se stnn still.

Wat he? freug se.

Au ... au ... au ... mi is de Ramm int Been schooten. Ik kann ne mihr
stohn. Smeer mi gau 'n beetjen.

Ober se wr neeschierig worden un wull nu mol den Bn sehn.

Au ... au ... au ... jaul Kassen wedder.

Mit 'n Mool fng *de Koater up'n Bn an to jaulen*.

Sill hr dat gliek un kenn ok de Stimm gliek.

Dat is min Koater! Verdreihte Kassen Witt! Nu weet ik Bescheed, du he
em drullt! Teuf! Lot mi em erst mol wedder hebben!

Doarmit se de Bntripp rup.

Kassen sin Been wr werkwrdig gau wedder heelt, he stnn batz up, as
he den Koater miaun hr, neem sin Been inne Hand, leep in Sprngen
den Diek dol, klau gau in'n Kohn un schipper van'n Diek af, bit he in
Sicherheit wr.

Mit de Hochtied wr dat nix, dat mark he woll, ober he wull doch
wenigstem sien gesunden Oogen un Backen beholen.

Kiek: doar keem Sill ut de Husdr un achter ehr ran de Koater. Kassen
kreup meist nner de Ducht, ober se wr em doch gewoahr. Jst wull se
losleggen, to schufudern, to seh se all de Le up'n Diek stohn, de all
de Sook markt harrn un lachen. Sill besnn sich: dat harr ok woll noch
Tied.

To nehm se ehrn Rocksoom mit de Hand up un teuh den Rock so hoch, dat
de bunte nnerrock to sehn wr, un gng as 'n Grfin den Diek langs. S
keen Goodendag un nix.

Un de Koater mit hoogen Stiert achteran.

       *       *       *       *       *

Dat heet: twee Doog noher harr Kassen Witt doch een verbunden Gesicht,
woneem he 'n poar Weeken mit rmloopen is.

Sien Gild lewt he noch -- ober van dat Freen will he nix mihr weeten.

       *       *       *       *       *


      Anhang.

      schirrwarken=bewerkstelligen, utklamstert=ausgetftelt,
      leiflich=leicht, tro=stolz, gohtlich=annehmbar, Sill=Ccilie,
      Leegste=Schlimmste, oberlingen=vielleicht, eendeel=irgendwas,
      blangen=neben, Klimmer=Habicht, bannig (unbndig)=sehr,
      all=schon, oberstr=zurck, rabastern=rasen, bier=tat,
      Gucheln=Lachen, ans=sonst, drull (v. nord. Troll)=stahl,
      stiehl, schul=schlich, he vejeuch sich (verjagte sich)=er
      erschrak, bemookt=eingesperrt, klau=kletterte, Tofoahrt=Anlauf,
      eendohnt=einerlei, Pattje=Anzug, spttenup=treppauf, Ramm
      inne Been=Hexenschu, schufudern=schelten, enkelte=einzelne,
      nickpp=nickte.




Pulli.


Hamburg war Baas.

Es war Baas zu Wasser und zu Lande, weil die Sonne schien und weil
Sonntag war; ihm gehrten der grne Sachsenwald und das rote Helgoland,
der weie Timmendorfer Strand und die blitzenden holsteinischen Seen,
ihm eigneten die Deiche von Vierlanden bis zur Lhe, die Elbe von
Lauenburg bis zum letzten Feuerschiff, die Berge von Geesthacht bis
Schulau, die Heide von Lneburg bis vor die Tore von Buxtehude. Das
alles, mit Wegen und Wogen, Blumen und Husern, nahm es breit und
selbstverstndlich in Besitz.

Westlich von den Zeugen der Heiden- und der Seeruberzeit, dem
Opferberg und dem Falkenberg, zog ein hamburgisches Fhnlein tapfer
und frhlich ber die neugrnende Heide; oft blieb es stehen und hielt
Umschau, es verlngerte und verschnte sich den Weg mit Wald- und
Wanderliedern, und tat sich etwas darauf zugute, da es Lerchen ber
sich und Grillen unter sich hatte.

Zwei Schwestern waren es, schlanke, blonde Hamburger Deerns, mit
hellen Augen und kecken Nasen, ein junger Lehrer mit einem Kopf voller
Hochziele und ein kleines Schreiberlein, das aus einem der vielen
Schreibstuben ins Freie geflchtet war. Es schritt an der Spitze der
Gruppe, hatte sogar einen Rucksack mit und war wohl guter Dinge. Auf
dem Steindamm hatte es sich den Dreien angehngt, weil es das eine
Mdchen kannte, und war bei ihnen geblieben, obgleich es schon anfing,
seinen Entschlu zu beklagen, denn es war gewohnt, allein zu wohnen
und zu wandern, auch wute es nichts zu erzhlen. Es hatte immer groe
Angst, heimliche Furcht vor dem Leben und vor Menschen, zu denen es
nicht gehrte. Die empfand es auch jetzt wieder und um so schwerer, als
es sie durch uerliche Lustigkeit verscheuchen wollte.

Armes Schreiberlein.

       *       *       *       *       *

Das stille Fischbek mit seinen Eichen und Birken war durchquert, und
die kleine Gesellschaft ging auf der groen Landstrae entlang, die von
Hamburg nach Stade fhrt; sie suchten den Moorweg. Dieser fand sich
auch bald: aber als sie umbiegen wollten, stand gerade an der Ecke
ein Hund, ein schnes, wei und gelb gezeichnetes, sauberes Tier mit
blanken, klugen Augen. Unbeweglich stand es da und sah den Kommenden
entgegen, als erwarte es sie. Vor allen wurde das Schreiberlein darauf
aufmerksam. Nher gekommen, fing es an, zu locken und zu schmeicheln.

Non, Pulli! Wat makst du denn dor?

O, guckt blo mal, was fr 'n schner Hund, rief eins der Mdchen
lebhaft.

Feiner Kerl, lobte auch der Lehrer.

Der Hund aber sah das Schreiberlein an, dann bellte er freudig und hei
auf und stie mit den Vorderpfoten heftig in den Heidesand.

Pulli, sitt dor 'n Rott? fragte das Schreiberlein, belustigt
teilnehmend, aber das andere Mdchen gab ihm einen Rippensto.

Ratte? Er will den Stein wiederholen, Sie. Werfen Sie ihn mal weit
weg. Man zu!

Rasch bckte das Schreiberlein sich. Der Hund wurde toll vor Eifer
und wollte zuschnappen, aber die Hand entri ihm doch den Stein und
warf ihn ein Stck den Weg voraus. Bellend stob er nach, da der Staub
aufwirbelte, scho mit Schnauze und Pfoten tief in den Sand hinein,
scharrte heftig den Stein heraus, nahm ihn mit dem Maule auf und sprang
eilig und schweifwedelnd mit ihm zurck. Vor dem Schreiberlein blieb er
stehen, das ihm den Felsen abnahm und den Kopf streichelte. Es war in
Frhlichkeit gekommen, als es das Tier so frhlich gehorchen sah: das
war ihm noch nicht begegnet und rhrte es tief.

Pulli aber wollte von Liebkosungen nichts wissen, er suchte in den
Wagenfurchen nach andern Steinen, und als er sie entdeckt hatte, blieb
er davor stehen und sprang wie vorher mit den Vorderfen darauf los.

Noch een, Pulli? fragte das Schreiberlein freundlich, griff schnell
zu und warf einen zweiten Stein, der ebenso rasch geholt wurde. Des
Hundes Eifer wurde immer grer, je mehr Steine flogen. Die Augen des
Schreiberleins strahlten, so groe Freude empfand es. Aber auch die
andern sahen dem prchtigen Tier gern zu und warfen auch Steine. Alle,
wenn sie nicht gar zu gro waren, holte es gehorsamst zurck, aber
wenn es sich des Gegenstandes entledigt hatte, sah es doch zuerst nach
dem Schreiberlein, stie mit der Nase an dessen Hand und ermunterte es
durch Bellen und Scharren zu neuen Wrfen. Diese Bevorzugung behagte
dem Schreiberlein ber die Maen, und es wurde nicht mde, mit dem
Hunde zu sprechen und ihm das Fell zu gltten, soweit die Ungeduld des
Tieres es zulie, das sich in Kreuz- und Quersprngen nicht genug tun
konnte.

Es trug kein Halsband, so mute es doch gewi aus dem Dorfe sein,
dachte das Schreiberlein und war betrbt, da es mit dem Spiel zu Ende
ging, denn sie waren mittlerweile schon weit in das Moorgebiet geraten
und muten daran denken, den vierbeinigen Spielvogel nach Haus zu
schicken. So flog denn ein Stein weit zurck, begleitet mit dem Rufe:
So, Pulli, den nimm mit, un denn no Hus!

Wohl sprang der Hund bellend nach, aber er kam getreulich mit dem Stein
wieder. Das Schreiberlein klopfte ihm den Hals und nahm ihm den Fund
ab, dann wies es mit der Hand zurck: Goh no Hus, hrst! Aber Pulli
blieb und wedelte.

Na, denn gah noch 'n Stremel mit, sagte das Schreiberlein gutmtig
und liebevoll, und das alte Spiel fand seine Fortsetzung im
Weiterwandern.

Eigentmlich, was Sie fr eine Gewalt ber den Hund haben, sagte der
Lehrer.

Das Schreiberlein sagte nichts darauf, aber das Wort erfllte es doch
mit Stolz. Zu dem Hund sagte es: Lat dat Bellen na, kiek mal hin, wat
du di utsehn mokst! -- und wies nach den Beinen und dem Kopf, die arg
geschwrzt waren.

Du mut doch noch mehr knnen, als blo Steine holen, begann es nach
einer Weile wieder und hie den Hund stehen bleiben. Es prfte durch,
was es von Kunststckchen an andern Hunden gesehen hatte, und bekam
heraus, da Pulli sich totstellen konnte, da er ber den Stock sprang,
Pfote gab und auf Gehei bellte. Nur eins wollte ihm nicht glcken,
den wirklichen Namen des Hundes zu erforschen, obgleich es ihm alles
Erdenkliche zurief. Weder bei Hektor, Juno, Bruno, noch bei Seemann,
Feldmann, Mobbi, Max rhrte das Tier sich.

Denn blift dat bi Pulli! entschied das Schreiberlein und warf einen
Stein. O weh, der plumpste in den sumpfigen Graben. Hier! Komm hier!
Aber das Rufen half nicht, der Hund stand schon tief in dem moorigen,
muddigen Wasser und whlte es mit dem Maul und den Fen auf. Na und
beschmutzt, sich schttelnd, kam er zurck, da das Schreiberlein
traurig wurde, als es das schne Fell so entstellt sah, aber es
vertrstete sich auf den breiten Graben, der kommen mute. In dem
sollte der Hund schwimmen und sich rein splen, dann mute er nach Haus
geschickt oder gejagt werden.

Der Graben war bald erreicht, und der Zuruf des Schreiberleins lie den
anfangs zgernden Hund in das tiefe Wasser springen. Als er hin und her
geschwommen war, rief es ihn zurck.

Er war wirklich reiner geworden, als er sich abgespuddert hatte.

So, nu sall he no Hus, sagte das Schreiberlein ernsthaft, trat ihm
entgegen, wies mit dem ausgestreckten Arm nach der Geest und befahl:
Pulli, no Hus! No Hus! Hus! Hus! Aber der Hund ging nicht von der
Stelle, er tat, als htte er nichts gehrt: nur da er von einem Fu
auf den andern trat, mochte kund tun, da etwas in ihm vorging.

Kannst du nich hrn? drohte das Schreiberlein, drngte gegen ihn,
schob ihn vorwrts, wies ihm die Fuste und suchte ihn ernstlich
wegzujagen. Auch die andern drei stampften auf und suchten ihn zu
scheuchen. Nach Haus!

Da schien er zu begreifen, was sie mit ihm vorhatten, und da es Ernst
wurde. Alle Frische und Lebhaftigkeit wich aus seinen Bewegungen, er
zwinkerte mit den Augen und schlich unruhig bald vor und bald zurck.

Man to, man to! No Hus! Da kam er zu dem Schreiberlein gekrochen und
setzte sich vor ihn hin, hob bittend die Vorderpfoten, leckte mit der
Zunge und bettelte mit feuchten Augen. Das mochte ein anderer ertragen
als das gute Schreiberlein, das tief erschrocken war. Hast wohl kein
Haus? fragte es bewegt und legte ihm zrtlich die Hand auf den Kopf.
Wenn du bei mir bleiben willst, so tu es. Ich verjage dich nicht.

Da wedelte der Hund freudig und folgte ihm weiter.

Wieder galt es, Steine zu holen, ber den Stock zu springen und hbsch
zu machen. Das Schreiberlein schien nur noch fr das Tier da zu sein,
und das eine Mdchen begann schon, verdrielich zu werden.

Wollen Sie ihn mitnehmen? fragte der Lehrer.

Das Schreiberlein zgerte mit der Antwort. Ich wei nicht. Wenn ich
wte, da er ausgesetzt wre und kein Haus htte, nhme ich ihn mit.
Und es sah nachdenklich aus.

Wollen Sie ihn denn behalten? begehrte ein Mdchen zu wissen.

Ich knnte ihn ja auch nach dem Tierhaus an der Sderstrae bringen,
antwortete das Schreiberlein fast rgerlich.

Ach, lassen Sie ihn doch wieder laufen, sagte das andere Mdchen.

Geht er denn? fragte das Schreiberlein. Er ist ja nicht
wegzubringen, nicht mit Gewalt. Es nahm nochmals einen Anlauf und
lief den Hund fast um, aber es hatte wieder keinen Erfolg. Das Tier
legte sich erneut aufs Betteln, und das Schreiberlein war nicht der
Mann, dem zu widerstehen. Ich kann es nicht, ich bringe es nicht bers
Herz, dachte es still und bedrckt, atmete tief auf und streichelte den
dankbar winselnden Hund.

Spter lief es mit ihm um die Wette und kam den andern dabei ein
betrchtliche Stck voraus. Pulli stellte sich an den Grabenrand und
schlappte Wasser.

Bst ok all hungrig? fragte das Schreiberlein und schnallte den
Rucksack ab. Der Hund kam fragend nher und als er Brot und Wurst
bekam, fing er es hastig und fra mit lebhafter Freude. So frhstckten
die beiden Wandergenossen am Wegrande, und als die Vorratskammer
ausgerumt war, legte das Schreiberlein sich lngelang ins Gras, und
der Hund ruhte neben ihm. Die Hand ruhte auf dem Kopf des Tieres.
So lagen sie zwischen Lwenzahn und Butterblumen, bis die andern
herangekommen waren.

Ich bin vom Berg der Hirtenknab, sagte der Lehrer launig.

Bin ich auch! gab das Schreiberlein stolz zurck, reckte sich und
sprang auf die Fe.

Soll er denn nun noch weiter mit? fragte ein Mdchen, als sie wieder
eine Strecke gemeinsam zurckgelegt hatten.

Das Schreiberlein guckte wie verloren nach dem dicken, roten
Neuenfelder Kirchturm, der inmitten der Dcher stand wie eine
Gluckhenne zwischen ihren Kchlein.

Wir kommen gleich an die Sderelbe, sagte es, da soll es sich
entscheiden. In das Fhrboot kommt er nicht hinein. Schwimmt er uns
aber nach, dann soll er mit mir.

Das war aber nicht seine richtige Meinung. Es war mit dem Hund in
Gedanken schon in seiner kleinen Stube angelangt, wie Doktor Faust mit
seinem Pudel, und Goethes Worte gingen ihm durch den Sinn.

  Wie du drauen auf dem bergigen Wege
  durch Rennen und Springen ergtzt uns hast,
  so nimm nun auch von mir die Pflege
  als ein willkommner, stiller Gast.

Es wute gewi, da der Hund mitlaufen und auch den Weg in das Fhrboot
finden wrde.

Schon blitzte die Sderelbe hell durch das Weidengebsch. Mit reiender
Strmung flutete sie ostwrts. Das Fhrboot hielt gerade wartend an
dieser Seite, so da die Gesellschaft nicht zu luten brauchte.

Zwei Altlnder Knechte mit Rdern standen schon im Boot.

Zuerst stiegen der Lehrer und die Mdchen ein, die sorglich ihre
Kleider rafften, dann wollte das Schreiberlein folgen, ohne sich nach
dem Hund umzusehen, aber dieser sprang behend vor ihm hinein und kroch
unter die Duchten.

Da haben wir es, bemerkte der Lehrer laut, was nun?

Wollen Sie ihn wirklich mitnehmen? fragte das ltere Mdchen.

Armes Schreiberlein!

Sechs Menschen guckten es an. Da mute es wohl fremd und scheu werden.
Ach, lat es doch, wie es ist, sagte es ablenkend und setzte sich auf
die hinterste Ducht, immerfort nach dem Wasser guckend.

Aber der Fhrmann war aufmerksam geworden.

Hrt de Hund ne dorto? fragte er.

Nein, sagte das Mdchen, er ist uns von der Geest nachgelaufen.

Denn schall dat Oos ok ne mit, entschied der Fhrmann. Rut mit
di! Rut! Er erhob das schwere Ruder und scheuchte den Hund damit
ins Wasser, da das Tier ber und ber bespritzt wurde und entsetzt
zurckwich.

Dann stie er eilig ab.

Das Schreiberlein schwieg. Sprich, steh auf, ruf! schrie es in ihm,
aber die alte Lebensangst und Furcht hatte sich riesenhoch in ihm
erhoben und prete ihm die Kehle zu. Wie ein geducktes Vglein sa es
da und sah nach dem Hund.

In dessen Augen lag ein schmerzlicher Ausdruck der Verlassenheit, als
er das Boot sich entfernen sah, er winselte und heulte und kroch auf
und ab, lief hin und her und guckte verlangend ber das Wasser. Ein
Altlnder rief lockend: Komm, komm! Auch in dem Schreiberlein rief
es: Komm, komm! aber ber seine Lippen rang sich kein Laut.

Der Hund watete bis an den Bauch in das Wasser hinein und streckte die
Schnauze vor, als wollte er schwimmen.

De swmmt gliek, rief ein Knecht.

Ja, schwimm! dachte das Schreiberlein und fhlte, da des Hundes
Blick an seinem Gesicht hing, aber es vermochte kein lautes Wort zu
finden.

Das Boot kam immer weiter in den Strom hinein.

Der Hund blieb lange Zeit in dem strmenden Wasser stehen, dann
watete er langsam nach dem Trockenen zurck. Noch einige Male lief er
verlangend auf und ab, stand wieder still und sah dem Boote nach, dann
drehte er sich um und lief den Damm hinauf. Oben angekommen, stand
er wieder still, sah eine lange Weile zurck, dann lief er fort und
verschwand hinter den Weidenbschen, die den Weg umgaben.

Armes Schreiberlein.

       *       *       *       *       *

Tut es Ihnen leid? fragten die Wandergefhrten, als sie am
jenseitigen Ufer angekommen waren und nach dem Deiche gingen.

Das Schreiberlein gab keine Antwort, es guckte sich aber immerfort
um und sah nach dem anderen Ufer, das still und verlassen dalag, und
wartete, da der Hund wiederkomme. Dann wollte es rufen, so laut es
konnte, und er sollte herberschwimmen. Es konnte nicht begreifen, da
es so gekommen war, und begann den erbrmlichen Verrat zu erkennen, den
es sich an seinem treuen Genossen hatte zuschulden kommen lassen.

Der Lehrer gab sich Mhe, ihm einzureden, da der Hund sein Haus auf
der Geest haben msse, ein ausgesetztes Tier wre gewi nicht so
reinlich gewesen, da es sich vermge seines Geruchssinnes leicht
zurckfinden werde, vielleicht schon wieder auf der Geest spiele, aber
das Schreiberlein war nicht zu berzeugen. Es guckte nur ber das
Wasser, schttelte mit dem Kopf und sagte:

Das mag *Sie* rechtfertigen, mich nicht!

Schwere Dinge warf sein Herz auf. Wie brausendes Wasser gingen ihm die
Gedanken durch den Kopf. Es erkannte mit schmerzlicher Gewiheit, da
es einen Schritt getan hatte, der es nach und nach ins Gleiten bringen
mute.

Und der Hund erschien noch immer nicht wieder an der Fhre.

Da, als die Drei schon anfingen, sich heimlich anzustoen, blieb das
Schreiberlein stehen und bot ihnen die Hnde zum Abschied.

Ich kann nicht weitergehen, sagte es ernst, ich mu zurckfahren und
den Hund suchen. Anders finde ich keine Ruhe.

Das ist verrckt! rief der Lehrer, und sie redeten heftig auf ihn
ein, aber sie erreichten nichts, weder vermochten sie ihn mit dem
unwegsamen Moor zurckzuhalten, noch mit der nahen Dmmerung zu
schrecken.

Er msse hinber und sie mten schon allein nach dem Dampfer gehen.
Das war alles, was sie zu hren bekamen.

Kopfschttelnd muten sie es schlielich aufgeben und weitergehen.

ber das Schreiberlein aber war mit dem Entschlu eine fiebernde Unruhe
gekommen. Es lief mehr, als es ging, nach der Fhre und trieb den
Fhrmann zur Eile.

Wedder rber? fragte dieser.

Jo, jo! drngte das Schreiberlein, und wollte schon sagen, da es
seinen Schirm im Altenland vergessen htte, aber es war etwas in ihm,
das gewaltsam hervordrngte. Ich will den Hund holen, sagte es festen
Tones und empfand dieses Gestndnis als etwas Wohltuendes.

Der Fhrmann lachte, dann aber sagte er ernst: De is all lang weg.
Ober dor sitt 'n Wulkenbank in 'n Westen, dat kann licht 'n Gewitter
geben. Blieft leber hier, ik wohrschoo jo.

Das hatte das Schreiberlein, das immer nach dem Damm guckte, wohl gar
nicht verstanden, denn es gab keine Antwort darauf, sprang aus, noch
ehe der Kahn angelegt hatte, und lief in Sprngen fort, da der Mann
herzlich lachen mute ber den nrrischen Kerl.

Pulli! Pulli!

Unbekmmert rief das Schreiberlein, einerlei, ob Menschen es hrten
oder nicht, sphte nach allen Seiten und schritt erregt weiter, dem
Moor entgegen.

Aber kein Hund war zu sehen.

Als es von dem weiten, dstern Moor umfangen war, begann schon die
Dmmerung ihre stillen Flgel ausbreiten. Da rief es lauter als zuvor,
da die Regenspatzen in dem Schilf erschrocken das Piepen lieen. Die
Dmmerung nahm berhand, da suchte und rief das Schreiberlein noch
ngstlicher und strengte seine Augen an, da es den vorherigen Weg
wiederfinde, was bei den vielen Moorwettern, Brcken und Stegen, bei
Kreuz- und Querstcken nicht leicht war. Die Weidenbsche wuchsen wie
riesenhafte Tiere aus dem Gras und bekamen drohende Augen.

Pulli, neem bst du?

Drauen auf der Elbe war Ebbe eingetreten. Die vermochte aber nicht zu
verhindern, da die Wolkenwand sich hher schob und sich ausbreitete.
Einige Sterne waren schon sichtbar: nun schoben sich dunkle
Wolkenhnde ber ihren stillen Schein.

Von den Moorburger Wiesen, den weit entfernten, scholl das ngstliche
Brllen des Viehs. Gespenstisch schnell berzogen die Wolken den Heben.
Ferner, grollender Donner quoll langsam auf, als kme er aus dem
Wasser. Da fiel auch das erste Licht vom Heben, und ein Windsto fegte
warnend ber Baum und Halm.

Armes Schreiberlein -- warum stehst du still vor dem breiten Graben;
hattest du da einen Steg vermutet? Hast du dich verlaufen, weit nicht
mehr, wo du bist? Und hast den Pulli immer noch nicht gefunden?

Such den Steg, das Gewitter hngt ber dir. Die ersten schweren Tropfen
fallen wie Blei. Der Wind schwillt an. Den Steg!

Schreiberlein, mit Kriechen kommst du nicht von der Stelle! Da fliegt
dein Hut!

Armes Schreiberlein ...

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Als der lange Hinnik Quast am andern Morgen seine Moorkartoffeln hacken
wollte, hing etwas Braunes unter dem Steg, der ber die breite Wettern
gelegt ist. Es war ein ertrunkener Mensch, der fehlgetreten sein mute.

Armes Schreiberlein ...




Sonntagnachmittags.


Unten am Deich beim tiefen Sielgraben stehen kleine Jungen und fischen
nach Stichlingen, den Sperlingen im Reiche der Schuppen. Oft mssen
sie die runden braunen Netze auswerfen, weit hinaus bis an die Jollen,
die da ihren Winterschlaf halten, bis sie einige von den spaddelnden,
stacheligen Gesellen fangen. Das ficht sie nicht an. Sie fischen nicht
um vergngliche Erdengter, sondern rein des Vergngens wegen. Sie
werden gar nicht gewahr, da das Wasser eiskalt ist und da sie mit den
Stiefeln tief im Schlick waten, ebensowenig wie es sie strt, da es zu
Hause fr die Kleigrberei und Sabbatschndung vielleicht etwas auf die
Jacke, sicherlich aber eine gehrige Tracht Schelte geben wird -- sie
fischen und fischen und sind gesund und munter dabei.

Jung-Finkenwrder, Fischereigesellschaft mit blauen Hosen.

Dazu weibunte Hemden. Die runde, graue Fischermtze steht ihnen wie
ein Glorienschein um die hellblonden Kpfe. Nur die blaugefrorenen
Gesichter und die lauten Reden stellen sich der Heiligkeit entgegen,
beim einen mehr, beim andern minder.

Ein grauer, stiller Wintertag will in Dunst und Nebel gehen, wie er
gekommen ist. Trbe ist der Himmel, mit farblosen Schatten behangen,
und die weite, breite Elbe liegt bleiern und matt da. Auch Blankenese
schaut dster und mrrisch drein, als knne es gar nicht blinken und
lachen. Einsam kriecht ein Stader Dampfer stromab. Der weie Rauch
verliert sich in dem grauen Einerlei. Ein Tag ohne Sonne. Dem haftet
etwas Verlorenes an und etwas Verstimmtes. Wie Schlaf und Tod liegt
es auf der Welt, die auf einmal alt geworden zu sein scheint! Und ein
Grauen des Vergessens steht in den kahlen sten.

An solchen Tagen bringt es mich zu dem alten Harm Holst, der sein
kleines Haus am Deich warm und heimlich hlt und weder den Ofen, noch
die Pfeife ausgehen lt, auch nicht einmal selbst ausgeht.

Erst macht der struppige Hund wedelnd und niesend seinen Diener, und
dann gibt Harm mir nickend und lachend die Hand.

Dann sitzen wir am Fenster.

Nach den Jungen gucken wir, die immer noch fischen und kurren.

Leise nickt er mit dem Kopf: Da hab ich auch mal gestanden und
Stichlinge gefangen.

Auch ich, sage ich langsam, und wie ich so sinne, meine ich, der
kleinste aus der Schar zu sein, der am eifrigsten auswirft und am
wenigsten fngt.

Dann wird es wieder still.

In der Ecke steht breit und behaglich der hohe Kachelofen, wie eine
Bauernfrau, die in ihrer weien Schrze dasteht und lacht ... leise
... aber doch so, da es zu hren ist ... Oder sind es die rotbackigen
pfel, die in der Rhre piepen? Oder ist es der Tee, der in seiner
bunten Kanne sein mildes, feines Lied singt? Oben ber dem Alkoven
aber hngt eine weise, weise Frau aus dem Schwarzwalde, mit rundem,
braunem Gesicht und gelben Ketten und Gewichten, und sagt vernehmlich
vor sich hin: Ick weet allns! Ick weet allns! Plattdeutsch hat sie
gut gelernt, aber es langt nur zu den drei Worten: auf eine lngere
Unterhaltung lt sie sich nicht ein. Wer alles wei, der braucht
freilich auch nicht mehr viel zu reden.

Harm sagt in die Stille hinein:

In Hamburg, Gorch, da ist alle Tage Sonntag. Wir haben blo alle
sieben einen.

Ich nickte blo. Fast habe ich vergessen, da es laute Straen gibt mit
grellen Lden und sausenden Bahnen und einem dichten Gewhl elender und
glcklicher Menschen.

Ick weet allns! Ick weet allns! meinte wieder die Gromutter, und wir
hren ihr zu. Sanft und freundlich spricht sie uns die Sekunden ab, und
wir lassen sie gewhren.

Bis ich sage: Nun knnt Ihr den Ofen bald kalt werden lassen.

Junge, wo denkst du hin? Wir haben ja noch den Februar vor uns. Und
der Februar, der ist ein strenger Mond. Was der einmal zum Januar
gesagt hat? Wenn ich soviel Kraft htte wie du: auf der einen Seite im
Topf sollte das Wasser frieren und auf der andern Seite kochen.

Ick weet allns! Ick weet allns! sagte die Stimme aus Baden.

Da stehen sechs Fische im Kalender, Gorch. Das kann mir nicht
gefallen. Die sehen wir bald auf der Elbe.

Auf der Elbe?

Ja, Gorch. Die Seen kriegen weie Kpfe. Sturm gibt es ... Der Sommer
ist noch weit weg, Junge. Erst mu die Natur sich noch brechen. Und
das tut sie nur im Sturm, Gorch. Erst mu sie ein paar Ewer und Kutter
kriegen, dann gibt sie uns Schollen und Zungen.

Ich guckte ihn schweigend an.

Das ist gewi so, Gorch. Sieh mal: Bauern kriegt sie nicht. Was tut
der Bauer, Gorch? Die Scheune warbelt er zu und die Fenster setzt er
mit Luken zu, dann lt er den Wind suchen und schnauben. Der wird
vergrillt und nimmt ein paar Fischerleute beim Flunk. Von denen sind ja
genug da!

Schwarze Kleider aber noch nicht, setzte ich dster hinzu.

Ick weet allns! Ick weet allns!

Da war auf dem Kreinhof mal ein groer Bauer, Gorch. Im Frhjahr, wenn
es ans Pflgen gehen sollte, fragte er einfach: Wieviel Fischer sind
geblieben? Erst wenn es drei waren, holte er den Pflug aus der Scheune.
Er wute, was er tat, Gorch! Waren noch keine Fischer geblieben, so
waren auch die Strme noch nicht dagewesen -- und die Strme gingen mit
der Elbe ber seinen niedrigen Deich und splten die Furchen glatt,
wenn er vorher gepflgt hatte.

Die Dmmerung ging send ber das Land und streute tausend dunkle
Krner ber Weg und Wasser. Die Jungen packten die Netze zusammen,
nahmen die Eimer in die Hand und gingen fort, der dampfenden Pfanne und
dem rauchenden Stock entgegen.

An der andern Seite, zu Nienstedten und Blankenese, stecken sie die
Lichter an, eins nach dem andern. Immer stiller wird es.

Wir bleiben noch in der Schummerei sitzen und haben die Augen auf dem
Wasser, ber das der Schein der Lampen zittert. Und weil es so geruhig
ist und so sinnig und die Formen weicher und unbestimmter werden, weil
die Dinge grer und geheimnisvoller erscheinen, erzhle auch ich
eine Geschichte, die ich gelesen, von Kai Jans, dem Matrosen, dem
Gottsucher, der um die ganze Welt segelte und Hilligenlei suchen wollte
und nur von ferne einen groen, guten Menschen stehen sah.

Hast du dir die Geschichte ausgedacht, Gorch?

Nein, ein Dichter, Harm, einer, der frher Pastor gewesen ist, bei
Bsum da.

Den mcht ich mal sehen, Gorch. Der macht aus Jesus einen Menschen.
Das ist gut, Junge. Aber dann mute er auch aus dem Menschen einen
Jesus machen, Gorch. Warum hat er das nicht getan?

Ick weet allns! Ick weet allns! sagte wieder die Muhme von oben.

Und nun die Lampe brennt, wird es noch stiller in dem Stbchen, und wir
sagen gar nichts mehr.




Hans Otto.


Die Kugelbake vor Cuxhaven ist die groe Nebelfrau der Elbmndung. Wer
sie einmal bei Daak und Dunst ber die Watten starren gesehen hat, wei
das. Vor ihr stand bei Nebel und trber Luft eine Fischersfrau von
Dse, ein armes, irres Weib, das ihren verschollenen Mann auf der See
suchte; jahrelang hat sie dort gestanden, alle alten Schiffer haben sie
gesehen, -- bis die riesige Bake sie ablste.

An dem Balkengestell dieser Bake zog ich die Schuhe aus, streifte die
Strmpfe ab, nahm auch meine Mtze in die Hand und watete barhuptig
und barfig, von der Sonne erwrmt und von dem salzigen Wasser
gekhlt, ber das weite Watt dem stillen Duhnen entgegen.

Die auf der Reede von Cuxhaven -- twschen de Baaken, wie die Schiffer
sagen -- liegenden drei groen, dicken Barken kamen aus Sicht, dafr
aber stieg der graue Normannsturm von Neuwerk hher aus den Watten,
die beiden binnensten Feuerschiffe der Elbe leuchteten herber, und
vor und hinter ihnen wurde es nicht leer von Schiffen. Krabbenjollen
und Fischerewer segelten ein, Tjalken und Gaffelschuner kreuzten
seewrts, tiefgehende, schwarze Kohlendampfer zogen zu zweien und
dreien ostwrts, Holzdampfer mit gelbleuchtender Decksladung pflgten
gen Westen. Sogar hinter der Kimmung, ganz im Norden, hatte der Handel
noch schwache Rauchwolken auf der See. Lloydkhne, braunrot, mit
groen gelben Nummern an den Seiten, an langen Trossen hinter ihrem
zierlichen Schlepper, klsten von der Weser herber. In der Weite
standen die dunkelbraunen Segel eines Strfischers regungslos auf dem
weien Wasser, und dahinter tauchten wie Maulwurfshgel die Bume von
Bsum-Hilligenlei auf. Seenot und Seeluft erfllten mein Herz, als
ich vor meinen Fen nach fliehenden, spinneflinken Krabben und auf
der See nach Schiffen suchte. Dann dachte ich an die beiden Trme von
Altenbruch, die wir vorher passiert hatten, und an das Schifferwort:
Wenn de beiden Turns upenanner stoht, denn hett de Froo dat Seggen
an Burd -- also da die Frau so gut wie gar keine Zeit an Bord zu
sagen hat, -- an den kleinen, zwergenhaften Mann dachte ich, der mir
gegenber gesessen hatte, mit dnnen Mdchenfingern und einem alten
Gesicht, aber mit groen, unschuldigen, neugierigen Kinderaugen, die
guckten, als shen sie zum ersten Male ein Schiff, die von den groen
Leuten ngstlich abirrten und sich vertrauend den Kindern zuwandten,
-- und an das schne, braune Mdchen dachte ich, mit dem viel zu
groen Hut, das von einem Kranze junger Herren und Damen mit heftigen
Vorwrfen berschttet wurde, weil sie sich zu lange im Tanzkreis
aufgehalten und mit anderen Herren schn getan haben sollte. Erst
verteidigte sie sich klug und gewandt: ein Mdchen drfe nichts tun,
das ihm nicht verdacht werde, hrte ich als heimlicher Lauscher heraus;
dann, als die Meute nicht nachgab, schwieg sie, und ihre blaugrauen
Augen sahen in die Weite, whrend ihre Lippen zuckten. Nachher kam
sie an die Reihe beim Rundgesang: sie richtete sich auf, warf den
Kopf zurck und sang keck, trotzig und bermtig aus dem Rigoletto:
... Ach, wie so trgerisch sind Weiberherzen ... Je mehr sie sang,
desto lauter und bitterer wurden die Worte ... alles ist Lge ... da
berwltigte sie das Gefhl, und sie barg aufschluchzend ihr Gesicht
und ihre Trnen in ihr Tuch ... Die Gesellschaft wurde stumm und
verlegen und schmte sich ihrer fast.

Als ich unter solchen Gedanken eine Stunde der Gilde der Wattenlufer
angehrt hatte, versprte ich Hunger, und weil ich einiges Ebares
mitgenommen hatte, suchte ich mir am Dnenrande einen sonnigen Fleck
aus und legte mich auf den weien, reinen Sand nieder, kurz vor den
ersten Zelten und Krben von Duhnen.

Zum Zeichen meiner Rast aber steckte ich den langen Erlenstock, den
ich unterwegs aufgefischt hatte, fest in den Sand und knotete mein
Taschentuch daran, das nun flatternd im Winde wehte. Das war gut so,
denn wer wei, ob Hans Otto sich sonst nach mir umgesehen htte, oder
ob er von so viel Zutrauen erfat worden wre.

Ich sa noch nicht recht, da rief es von weitem:

Ist das deine Fahne? Ist das deine Fahne?

Und als ich mich umwandte, kam ein sonnenbraunes Kerlchen von
vielleicht drei Jahren, nur mit einer Hemdhose bekleidet, in Eile
herangestubt und rief immerfort:

Ist das deine Fahne? Ja?

Das war Hans Otto.

Ich mute seine Frage bejahen. Er winkte, stellte sich neben mich und
begutachtete nun die Fahne nach Farbe und Gre, er prfte, ob der
Flaggenstock fest genug stand, ob die Knoten ihrer Bestimmung Genge
leisten konnten, und ob der Wind von der rechten Seite kam. Nach einem
Rundgang um den Flaggenhgel wandte er sich wieder mir zu:

Hast du die Fahne selbst gemacht?

Wenn es nicht unbescheiden klingt, mein Junge, ja.

Du kannst fix was! lobte er.

Ich wehrte ab: Nur mit Einschrnkungen, mein Junge, in andern Dingen
bin ich ein groer Stmper.

Nun weht sie ja nicht mehr, klagte er dann.

Man hat es oft am Mittag, da der Wind mit einem Male einschlft,
sagte ich auskunftgebend. Die Schiffer drauen auf See wecken ihn dann
schnell wieder auf.

Wie machen sie das? begehrte er zu wissen.

Sehr einfach. Sie kratzen am Mast. Tu du es auch. Ich will dir aber
gleich sagen, da es ein toller Aberglaube ist.

Und der kleine Kerl bearbeitete den Stock mit den Ngeln so eifrig, da
ich fr die Fahne frchtete, und rief aus Leibeskrften:

Wind! Wind!

Zuflligerweise frischte der Wind in diesem Augenblick wesentlich auf,
und der Kleine freute sich kniglich ber die Zauberei.

Seine junge Mutter, die drben in der Sonne lag, rief ihn: Hans Otto,
komm! Komm hierher! Aber er verwies ihr solche Strung ernstlich mit
der keinen Widerspruch duldenden Antwort: Du, ich hab' jetzt kein'
Zeit! Diese Sentenz wiederholte er mehrfach, so da ich darin eins
seiner geflgelten Worte anzusprechen geneigt bin.

Als er indessen hinsah, wurde er gewahr, da seine Mutter ihm auch
eine Fahne gemacht hatte: er lief hin und brachte sie schnell in unser
Lager, wo wir sie neben meiner aufpflanzten. Wir stellten fest, da
jede ihre besonderen Vorzge hatte: meine war bunt, seine wei, meine
klein, aber sie wehte hoch, seine gro, aber sie wehte niedrig.

Danach besann Hans Otto sich auf sein Spiel, das er beiseite geworfen
hatte, als er meine Flagge flattern sah, und er unterwies mich in
seinem ebenso umfangreichen, wie verzwickten Straenbahnbetrieb, den er
ohne Schienen und Drhte nur mittels eines deichsellosen Groschenwagens
und mit Hilfe seiner Hnde und einer Anzahl Steine und Korkstcke
auf dem Strand von Duhnen unterhielt. Ich arbeitete mich allmhlich
ein und lernte auch die Haltestellen von Hans Ottos Lingelingbahn
kennen und -- was schon schwieriger war -- unterscheiden, die wohl
auch die Haltestellen seiner kleinen Lebensreise waren: Sternschanze,
Hauptbahnhof, Wilhelmsburg, Altona, Kiel und Blankenese. Die ganze Bahn
war eigentlich nur eine Familiengrndung, denn Hans Otto befrderte
ausschlielich Onkel und Tanten. Und sonderbare Onkel und Tanten waren
darunter. Tante Emma zum Beispiel (ein groes Korkstck) war sehr dick
und ging nicht gern, weshalb wir sie immer bis zur Endstation mitnehmen
muten. Onkel Hermann mssen wir stets einen Fensterplatz einrumen,
weil er zu gern ausgucken mag. Tante Wilhelmine war schwerhrig und
kurzsichtig -- die arme Frau! -- und wir muten ihr deshalb den Namen
von jeder Haltestelle ganz laut ins Ohr trompeten. Onkel Fritz war
dreist und ging immer mit der brennenden Zigarre in den Wagen, weshalb
wir ihn jedesmal auffordern muten, die Zigarre wegzuwerfen oder nach
drauen zu gehen. Wei Gott, es gab mancherlei zu bedenken und zu
beachten!

Als wir unseren Betrieb stillegten, um zu frhstcken, setzte Hans
Otto sich neben mich und half mir wacker bei der Mettwurst, mehr noch
beim Kuchen und am allermeisten bei den Bananen. Der geneigte Leser
mag daraus ersehen, da Hans Otto ein Leckermaul ist; fragte er aber
weiter nach ihm, so bliebe ich stumm, denn ich wei Hans Ottos Zunamen
nicht, auch wei ich nicht, wo er wohnt. Wir haben einander nicht nach
dem Namen gefragt: ich mochte es schon deswegen nicht tun, weil ich als
Arbeiter bei der Straenbahn doch gewissermaen sein Untergebener war.

Die Einwnde seiner kopfschttelnden Mutter gegen unsere gemeinsame
Tafel wehrte ich lachend ab und er mit seiner bekannten und beliebten
Redensart: Du, ich hab' kein' Zeit!

Nach dem Essen erbot ich mich, dreister geworden, ihm ein Blankenese
zu bauen, wenn er mir dabei an die Hand gehen wolle. Er sagte es zu,
und wir gingen an den Bau wie die Fronarbeiter an die Pyramiden. Armer,
kleiner Hans Otto. Du hattest nicht einmal eine Schaufel und nanntest
auch keinen Eimer dein eigen, aber ist es nicht dennoch gut gegangen?

Haben wir nicht unermdlich mit Hnden und Fen gebaut und gegraben
und ausgeschachtet? Haben wir nicht ein breites tiefes Bett fr die
Elbe zurechtgemacht und auf ihr Nordufer einen hohen, gewaltigen Berg
getrmt, das getreue Abbild des Sllbergs, fast so gro wie du, Hans
Otto? Htte da einer kommen und zweifelnd fragen knnen: Soll das etwa
Helgoland sein? Gewi nicht, was?

Und als der Berg hoch und breit genug war, haben wir die Abhnge platt
und glatt geklopft, ich mit meinen groen Hnden und du mit deinen
kleinen.

Haben wir dann nicht aus roten Steinen einen Turm auf den Gipfel
gebaut, hatte der Turm nicht eine richtige Flaggenstange und wehte von
ihrem Topp nicht ein Tanghlmchen als Wimpel? Hast du nicht hundert
rote, weie und blaue Huser herangeschleppt, Steine und Muscheln, und
habe ich sie nicht nach einem groartigen Bebauungsplan ber den Abhang
verteilt? Entdeckten wir nicht in den Dnen eine Art von Immergrn,
vortrefflich geeignet fr die Bepflanzung unseres Berges mit Baum und
Strauch?

Und als alles fertig war und wir etwas zurcktraten, um es besser
berschauen zu knnen, hat es da nicht beraus prchtig und lustig
ausgesehen, unser buntes groes Blankenese? Sind nicht die Leute
bewundernd stehen geblieben und hat dein kleines Ohr auch nur eine
ungnstige Kritik gehrt? Von deiner eigenen Freude will ich ja noch
gar nicht mal so viel Aufhebens machen, denn du warst als Teilhaber
und Miterbauer vielleicht nicht ganz objektiv; aber sind nicht sogar
die drei Marineartilleristen, die groen braunen Gestalten, stehen
geblieben, die doch gewi schon an Brockeswalde und an die Mdchen
dachten; haben sie nicht Lobesworte gefunden und nicht gleich auf
Blankenese geraten?

Wir knnen auf alle diese Fragen getrost und freudig Ja antworten, Hans
Otto, und wir werden der Wahrheit am nchsten sein. -- Wie lange wir
noch dagestanden und uns unseres Werkes gefreut haben ... ich wei es
nicht, wie ich auch nicht wei, ob die groen Baggerungen in der Elbe,
die wir noch unternahmen, wirklich notwendig waren oder ob sie htten
gespart werden knnen.

Auch das wei ich nicht, warum ich dann mit einem Male aufstand und
weiterging, Duhnen zu, denn es lag mir im Grunde nichts mehr an Duhnen
...

Du hast mich nicht festgehalten, Hans Otto, als ich dir zum ersten und
letzten Male die Hand gab. Nur gesorgt hast du dich, ob ich morgen
wiederkme, und ich habe es bejaht. Ich sehe noch dein betroffenes
Gesicht, als ich wegging. Es war, als knntest du nicht glauben, da
ich von dir ginge. Ratlos standest du neben dem groen Sllberg und
sahst mir nach. Und wie lange hast du mir nachgesehen!

       *       *       *       *       *

Als ich im Abenddunkel mit der Cobra zurckfuhr und nach den Feuern
und Lichtern der dunklen Elbe guckte, da habe ich an dich gedacht, Hans
Otto, und es ist mir sogar aufs Herz gefallen, da ich dich belog, als
ich dir sagte, da ich am anderen Tage wiederkommen wolle. Wie wirst du
nach der Kugelbake blicken, da ich kommen soll, dein Blankenese von
neuem aufzubauen, das die bermtigen Mdchen in der Nacht, als die
Matrosen sie zu greifen versuchten, zertreten haben ...

... und nun sitze ich in deinem Hamburg, Hans Otto, zwischen
scharrenden Federn und klappernden Schreibmaschinen und blicke in
Bcher und auf Papiere, rechne mit Dollaren und Peseten und kann es
doch nicht verhindern, da ich geheimerweise auf einen Rechenzettel
schreibe: Hans Otto.

Das soll ein Gru fr dich sein!




Ditmer Koels Tochter.


Der kleine, dicke Bckergeselle, den die Sonne von 1525 besonders
freundlich beschien, als er breitbeinig auf der Kaje sa und mit
Steinen nach den Stichlingen warf, die um die Bollwerkspfhle
schwrmten, dachte nicht an seine Stutenmacherei, sondern an Venedig
und Grnland, an Apfelsinen und Eisbren. Er erschrack sehr, als ihm
mit einemmal ein schweres Tau auf den Buckel sauste, und glaubte in die
Hnde von Seerubern zu fallen: da erblickte er zu seiner Beruhigung
aber nur einen Norderneyer Schellfischangler, der mit seiner grnen
Schaluppe heranglitt, und ihm zurief, in jenem selbstverstndlichen
Ton, den unsre Schiffer noch heute fhren: Hak mal ber!

Der Gesell tat es, rchte sich aber doch fr die Apfelsinen und
Eisbren und fuhr den Eilandsmann giftig an: Wat wullt du Spcker hier
up'n Namiddag? *Morgens* kpt wi Schellfisch: nu is de Brck leddig!
-- Mien gode Jung, ick heff ok keen Fisch, sagte der Schiffer
gemtlich, ik heff moi Tiding for den ehrbaren Rat. Moi Tiding! Ik
will mi blos'n beeten afdweilen, denn seil ik up't Rathus.

O vertell, Schipper! Wat de Borgermester eten kann, dat smeckt ok wol
'n ltten Bckergesellen, bat darauf der Gesell und er gab nicht nach,
versprach zu schweigen wie eine tote Krhe, und bettelte solange, bis
der Fischer sich herbeilie, ihm zu erzhlen, da er Nachricht von den
Schiffen htte, die seit Pfingsten die Seeruber jagten. Die See wre
rein gefegt: die Gallion, der flegende Geest, der Bartum und die Jacht
seien im Sturm genommen, Klaus Rode sei von den ergrimmten Bootsleuten
in Grapenbratenstcke gehauen, dazu zweihundert Mann erschlagen: der
Rest von einhundertsechzig Mann aber und der Hauptmann Klaus Kniphof
seien von Ditmer Koel gefangen genommen. Diese Seeschlacht sei in der
Osterems geschehen und htte acht Stunden gedauert. Das Geschwader
liege windeshalber achter den Greeten: die erste gute Luft knne es
aber schon nach der Elbe wehen ...

Hier sprang der Gesell auf, schttelte sich und rief: Un wenn de Dbel
mi halt, dit kann ik nich verswiegen. Back mi tein Pickplasters up'n
Mund, un dat mutt doch rut! Und ohne auf den fluchenden Norderneyer zu
achten, sprang er an Land und rannte stadtein. Die Hnde an den Mund
gelegt, grhlte er laut und durchdringend: Tiding von uns' Schepen,
gode Tiding! Ditmer Koel, unse Admiral, hefft Klaus Kniphof mit alle
Schepen und alle Mann gefangen genommen! So schrie er ins Millerntor
hinein und lie nicht nach, und bald hatte er einen Haufen von Kindern
und Burschen um sich, die seinen Ruf aufnahmen und ihn gewaltig
verstrkten. Nicht lange dauerte es: da hatte man sogar schon eine
Weise fr die Zeitung erfunden, die also lautete:

  Gode Tiding von uns' Schepen!
  Ditmer Koel hefft Kniphof grepen!
  Sben Schep un hunnert Mann,
  bermorgen kommt se an.

Wie eine Windflage, die Staub und Bltter aufwirbelt, so drngte es
durch die engen Straen, und die Rotte vergrerte sich von Ecke zu
Ecke. Hamburg, das schon mondelang auf eine Kunde geharrt hatte,
horchte auf, lachte und freute sich des Sieges. Da wurden Fenster
aufgestoen, da wurde gefragt und getan, da traten die Handwerker
aus den Tren zu nachbarlichen Gesprchen. Einige steckten die alten
Schiffsflaggen heraus, andere lieen einen Krug Braunbiers aus dem
Keller holen und machten sich einen lustigen Tag aus der Begebenheit.

Die brausende Woge brandete auch an das Fachwerkhaus, das sich an
der Nigentwiete in beschaulicher Stille sonnte und dem Schiffer und
Admiral Ditmer Koel gehrte. Die Gromutter des Hauses sa feiernd
am halbgeffneten Fenster und horchte auf die Stille, die hinter all
den feinen Geruschen des Tages ruhte. Neben ihr lehnte Ditmer Koels
Tochter, die schne Gesa, ein blhendes, taufrisches Mdchen von
achtzehn Jahren, am Fensterpfosten und spielte nachlssig mit den zwei
kleinen grauweien Katzen, die auf dem Brett bereinander kugelten ...

... Ditmer Koel hefft Kniphof grepen ... Das Siegeslied brach um
die Ecke und erfllte die Twiete. -- Grotmoder, hrt ji? hrt, hrt!
Se singt von Vader! He kummt wedder! rief das Mdchen vor Freude
erglhend, warf die Ktzchen ritsch -- ratsch auf den Fuboden, stie
das Fenster vollends auf und beugte sich hinaus, um zu sehen und zu
hren, was da nahte. O, wat frei ik mi, Grotmoder!

Grad unter dem Fenster machte der kleine Bckergesell halt, der schon
vor Heiserkeit kaum noch sprechen konnte. Leewe Gemeende, krchzte
er roten Kopfes, mal 'n Spier Gehhr! Und als der Lrm sich etwas
verminderte, denn alle warteten, da nun etwas abfallen sollte: da
berichtete er den Frauen weit ausholend und mit umstndlichen Gebrden
alles, was er wute und was sich so up'n Stutz schicklicherweise
hinzulgen lie. Zum Schlu nahm er seine Mtze ab und hielt sie
treuherzig-verlangend auf. De Kehl is all bannig drg, aber wat
deiht'n Hamborger Jung nich all for unsen Admiral Ditmer Koel.

Die Greisin schttelte halb belustigt, halb gergert den Kopf.

Wat hett se seggt? -- Se seggt, Water smeckt st! -- O Mann, wat
is de Olsch nhrig! Free Licht bi Dagen un wieder nix!

Aber Ditmer Koels Tochter sprang leichtfig ins Zimmer zurck und
durchsuchte Schrank und Schublade, bis sie eine Hand voll Mnzen
gefunden hatte, die sie dem Gesellen laut klirrend in den Hut warf.

Ho -- nu drinkt Warmbeer un lat Ditmer Koel hoch leben! rief sie in
frhlicher Unbefangenheit den Weiterdrngenden nach.

Dann fiel sie der Ahne um den Hals: Grotmoder, lat mi doch nich alleen
lachen: Freit jo doch mit! Vader kummt ja doch! Die Alte strich ihr
das blonde Haar aus der Stirn. Bst so wild, Deern, so wild! -- As
du frher west bst, nich, Grotmoder? fragte das Mdchen schalkhaft
und erhielt es lchelnd besttigt. Ja, Kind, as ick west bn.

Und dann horchten sie auf den schon halb verschollenen Lrm, dem sich
noch die Rufe mhsam entrangen:

Ditmer Koel schall leben: een, twee, dree ...

       *       *       *       *       *

Ditmer Koel sollte leben: er *lebte* -- und es kamen der Tag und
die Flut, die ihn mit der hamburgischen Kriegsflotte, den Kraffeln
(Caravellen) und Bojers, bei raumem Wind die Elbe heraufbrachte. Mit
den erbeuteten Koggen war das Geschwader zehn Schiffe stark und nahm
den ganzen Strom ein. Von allen Toppen flatterten die Wimpel. Am Hafen
war kein Platz unbestanden: es wimmelte am ganzen Ufer von Menschen,
die den Seeruber und seine Maaten sehen wollten. Der Katarinenglckner
lutete die Glocken.

Der Admiral Ditmer Koel, mit dem bloen Schwert gegrtet, trug in
der Rechten trotzig die zerschossene Flagge des Seerubers. Er war
immer ein hoher, aufrechter Mann gewesen: aber nie ist er grer
und gewaltiger erschienen als an diesem Tage, auch dann nicht, als
er Ratmann und Brgermeister geworden war. Sein Gesicht war erregt;
nur als er seine Tochter erblickte, die in einem Krnzlein ihrer
Altersgenossinnen stand, lief ein freudiges Lcheln ber seine Zge.
Neben ihm gingen die Schiffer Simon Parseyal, Klaus Hasse und Dietrich
von Minden und wechselten hier und da einige Worte mit den ihnen
bekannten Brgern.

Pfeifen- und Trommelklang nahte. Fnf Fhnlein folgten, und hinter
ihnen schritt, geleitet von zwei Edelleuten, der Seeruber Klaus
Kniphof, der Hauptmann. Der jugendliche, vierundzwanzigjhrige
Kopenhagener sah bla aus, doch war nichts Unmnnliches in seinem
Gesicht. Er war barhuptig und trug ein weiches Hemd, dessen rmel von
Kugeln durchlchert waren, ein zugeschnittene Wams und blaue Hosen.
Hinter ihm gingen die hamburgischen Hauptleute, die Kriegsknechte und
das Schiffsvolk, in ihrer Mitte die Menge der einhundertzweiundsechzig
Seeruber, gefesselt und gekettet.

Als Klaus Kniphof die Gruppe der schnen Mdchen gewahrte, sah er mit
groen hungrigen Augen hin. Er war von Jugend auf Seemann gewesen und
hatte nach den Hoffrauen Karstens von Dnemark und Margaretens von
Burgund nur braune, friesische Muschelsucherinnen gesehen: da war ihm
der Anblick dieser weien, glnzenden Jugend wie ein Blick in die
Sonne. Ditmer Koels Tochter erschauerte bis ins Herz vor seinen Augen,
und ihr verging Lachen und Neugierde zugleich. Die Trommeln wirbelten
dumpf: der Zug ging weiter. Die Mdchen wurden von Mitleid ergriffen
und erzhlten von dem Jngling, der dem flchtigen Dnenknig sein
Reich hatte zurckerobern wollen und dabei ein Seeruber geworden
war. Ditmer Koels Tochter stand wie im Traum und sagte kein Wort.
Sie sah nur dem Hauptmann mit dunklen Augen nach, und er erwuchs ihr
zum treuesten Helden, zum Hagen, der fr seinen Knig in Not und Tod
gegangen war. Es war mehr als Mitleid, was sie erfllte, und in ihrer
Mdchenseele regte sich unbewut ein namenloses Geschpf, das Weib.
Da hate sie beinahe ihren Vater, dessen gewaltiges Haupt alles Volk
berragte. Dann wieder sah sie unverwandt nach dem blonden Scheitel des
Dnenhauptmannes.

Ihre Freundinnen hatten genug zu gucken und achteten nicht sonderlich
auf sie: aber einem Mannesblick blieb nicht verborgen, was in ihr
vorging. In der hintern Reihe, nicht weit von ihr, hatte schon lange
ein bleicher, junger Mnch gestanden und sich schier nicht satt sehen
knnen an ihrem lieblichen Gesicht und ihrer schlanken Gestalt. Stefan
Kempe war es, der Ketzermnch aus dem Magdalenenkloster, einer von
den Lutherischen. Seit drei Jahren schon hing seine Feuerseele dem
Wittenberger Doktor an, und er predigte laut und unerschrocken das
lautere Gotteswort, dem Volk zu freudigem Aufhorchen, den Papisten
zu groem rgernis. Viel verklagt und verdchtigt, geschmht und
gescholten, blieb er unverzagt bei der neuen Lehre und vertraute seinem
Gott. Im Anschauen des reinen Mdchens stieg wie ein Stern am Himmel
in seiner Seele der Gedanke an einen lieben Kameraden in ihm auf und
bekrnzte sein Herz mit roten Rosen: er dachte daran, alle Fesseln zu
sprengen, das dunkle Gewand abzulegen und sein Leben zu krnen, wie
Luther es getan hatte, als er die Nonne freite.

Da aber sah er, wie Ditmer Koels Tochter nach dem Seeruber sah, und er
fhlte, wie seine Augen schmerzten. Leise wandte er sich ab und ging
davon.

Die Arbeitsleute aber spotteten der Seeruber, und derbe hollndische
und dnische Flche schollen hinwider.

       *       *       *       *       *

Der Admiral wurde seiner Tochter fremder in jenen Tagen, als er sich
der Freude ber seine Seefahrt berlie und versicherte, da Klaus
Kniphof als ein Seeruber dem Scharfrichter verfallen sei. Sie kam
nicht, um Abenteuer zu erfahren, und sprach weniger als sonst. Er
jedoch machte sich wenig Sorge darum, er dachte an nichts als an seine
Sache. Kniphofs Fhnlein hnge im Dom unter der Kanzel, verkndigte er
eines Tages. Da ging Gesa hinaus, ohne ein Wort zu sagen, und weinte
sich auf ihrer Kammer aus. Und als er ein andermal wieder von der Ems
erzhlte, wie er seinen Leuten zuvor ein krftig Spplein zu kosten
gegeben htte, Warmbier mit Bchsenkraut (Schiepulver), das sie
teufelswild gemacht htte, da kam ein Grauen ber sein Kind, das es
nicht abschtteln konnte. ber ihre Trume aber schaltete der junge,
blonde Hauptmann, der auf dem obersten Boden des Winserturmes sa und
durch die Eisenstangen auf Fleete und Schuten starrte.

Kniphof hatte um einen rechtskundigen Mann gebeten, dem er seine
Sache betrauen wolle: der Rat hielt es aber fr geratener, ihm einen
Beichtvater zu bestellen. Das war der Ketzer Stefan Kempe, der nun
jeden Tag die Hhnerstiege hinankletterte und dem Gefangenen Trost
zuzusprechen suchte. Kniphof jedoch hatte noch Segel und Wind. Er
berief sich auf den Kaperbrief der Burgunderin und auf seines Knigs
Bestallung. Als kriegsfhrende Macht habe er den Gebrechen der Vitalie
steuern knnen, ohne darum ein Seeruber zu werden. Margarete von
Burgund, seines Knigs Schwgerin, Karls des Fnften Tochter, werde ihn
schtzen. Der Rat schickte nach Brssel und lie hansisch-stolz fragen:
wat se mit den steden to donde hadde? -- worauf Margarete den Brief
verleugnete und den Seeruber fallen lie. Kniphof aber wollte es nicht
glauben.

Ditmer Koels Tochter ging hellhrig um ihren Vater herum, bis sie
wute, da Kniphof noch eine Mutter hatte, die bei Kopenhagen lebte.
Da packte sie sich heimlich hinter Schiffer und Kaufleute, die die
Ostsee befuhren, schrieb der Greisin, gab ihr von allem Kunde und bat
sie dringend, nach Hamburg zu kommen. Die alte Frau kam auch zu Schiff
herber, und Gesa Koel nahm sich ihrer liebevoll und zrtlich an,
brachte sie im Kloster unter und stand ihr bei, da sie vom Rat die
Gnade erwirkte, ihren Sohn wiederzusehen.

Es kamen aber zwei Frauen und begehrten Einla, und die zweite nannte
sich die Schwester von Kniphof. Der Turmhauptmann kratzte sich am Kopf
und machte Einwendungen, denn der Ratsbrief ging nur auf die Mutter,
aber weil die Schwester ein schnes Weib war, erhoffte er sich einige
Gunst und lie sie mit hinein.

Klaus Kniphof war im Gesprch mit seinem Beichtvater. Als er
seine Mutter erblickte, wurde er bleich, er wollte aufstehen und
ihr entgegengehen, aber kraftlos brach er zusammen und barg laut
schluchzend sein Haupt in ihrem Scho. Erschttert stand Gesa Koel
dabei.

Nach einer Weile sah Kniphof auf und wurde ruhiger. Stefan Kempe,
dessen dunkle Augen um das Mdchen brannten, das er wohl erkannte,
schickte sich an hinauszugehen, aber Kniphof bat ihn, zu verweilen.
Dann erst sah der Seeruber das Mdchen und erkannte sie wieder vom
Millerntor her und wute, da sie aus edlem Geschlecht sein mute.
Er gab ihr die Hand und dankte ihr, da sie sich seiner guten Mutter
angenommen htte. Gesa aber wies ihn an Stefan Kempe, der der alten
Frau das Kloster erschlossen hatte und fr sie sorgte. Kniphof schpfte
neue Hoffnung, und er begann zu erzhlen. Sein ganzes Leben und seine
wilde Meerfahrt breitete er vor den Frauen aus, und Stefan Kempe
lehnte dster am Fensterkreuz und kam sich armselig vor. Die Hfe von
Kopenhagen, London und Brssel wurden bedacht: Kniphof redete sich in
Jugendlust hinein und berichtete von der hollndischen Zeit: wie sie
bei Amsterdam die vier groen, schwerbestckten Schiffe ausgerstet
htten, wie er seine dreihundert Leute angeworben htte, und wie er
dann mit bunten, geschwellten Segeln unter dem Donner der Kanonen in
See gestochen sei, Norwegen zu zwingen und Dnemark zurckzuerobern.
Dann kamen die Seeschlachten bei Bergen und vor Kopenhagen, der
gewaltige Nordsturm bei Skagen. Haushohe Wogen und ein unerschrockenes
Herz! Die Lust an der Meerfahrt leuchtete in Kniphofs Zgen auf: Gesa
Koel aber sah Stefan Kempe an, als wenn sie vergleichen wollte, und
dieser wute den Blick recht zu deuten.

Kniphof kam auf die Seeruberzeit. Sein Freibrief msse ihn schtzen,
er sei kein Seeruber. Es knne nicht sein, da Margarete ihn den
Stdten berliee: der Bote sei wohl von Oranien abgefertigt worden. Es
msse noch einmal geschickt werden.

Die Glocke erscholl und verkndete, da die Besuchszeit zu Ende sei.
Kniphof verabschiedete gefat seine Mutter, die zu weinen begann, und
gab dem Mdchen die Hand zum Lebewohl.

Unten am Turm aber standen sich Gesa Koel und Stefan Kempe Aug in Aug
gegenber. Das Mdchen sah ihm offen ins Gesicht, und dann kam es ber
sie, da sie ihm vertrauen knne wie einem Bruder, und sie streckte
ihm die Hand hin. Da sagte sie ihm, da sie mit der Frau nach Brssel
reisen und sich der Statthalterin zu Fen werfen wolle fr Kniphof,
damit er gerettet werde. Er versuchte nicht sie umzustimmen, denn er
fhlte, da sie diesen Gang tun mute, aber er bat sie, ein Nonnenkleid
anzulegen, das ihre Schnheit der Landstrae verhlle: er werde es ihr
bringen. Die Fahrt werde den Seeruber nicht retten, denn Margarete
knne es nicht mit Hamburg verderben: aber um den Frieden ihrer Seele
solle sie reisen. Sie schttelte dazu den Kopf. Dann bat sie ihn,
Kniphof noch nichts zu sagen.

       *       *       *       *       *

Einen Tag danach verlieen eine alte Frau und eine verschleierte Nonne
in aller Stille die Stadt. Stefan Kempe stand am Klostertor und sah
ihnen lange nach. Wunderliche Gedanken wehten ber sein Herz, und sein
Gewissen schlug, weil er nicht wute, ob er recht getan hatte. Er lag
vor seinem Gott auf den untersten Stufen und sollte Raubmrder und
Seeruber trsten und dem Volk einen neuen, freudigen Glauben predigen!
Und sein Kamerad zog fr einen anderen davon ...

       *       *       *       *       *

Den Morgen dann, als die Greisin reise- und lebensmde vor der hohen
Frau Margarete zu Boden sank, da Graf Egmont sie aufrichten mute, als
Ditmer Koels Tochter khn und dringend fr Klaus Kniphof sprach und die
Herzogin an Brief und Wort mahnte, ohne mehr erreichen zu knnen als
ein rasches Wort Egmonts, einen ausweichenden Spruch Margaretens und
eine abweisende Entscheidung des dsteren Oranien -- da lutete das
Armsnderglcklein von St. Katrinen zu Hamburg und die Winser Wache
brachte Klaus Kniphof nach dem Brook. Stefan Kempe ging an seiner
Seite: Der Seeruber war gefat. Er hatte das bunte Leben und die
weite See fahren lassen und sich in Gott ergeben. In dieser letzten
Stunde sagte ihm Stefan Kempe, da die beiden Frauen nach Brssel
gereist seien. Kniphof schttelte den Kopf -- er glaubte nicht mehr
an die Burgunderin, aber es war ihm doch ein Trost, da seine Mutter
ihn nicht diesen Weg gehen sah. Dann fragte er nach seinen Leuten. Und
schlielich wollte er den Namen des schnen Mdchens wissen. Da sagte
ihm der Mnch, da sie des Mannes Tochter sei, der in der ersten Reihe
se und am ernstesten drein schaue. Und Kniphof sah auf und erkannte
seinen gewaltigen Widersacher Ditmer Koel.

Danach aber mute er im Angesicht der blauen Elbe den Nacken beugen.

       *       *       *       *       *

Grauer nordischer Nebel lag auf der Stadt. Stefan Kempe, der Mnch,
stand auf offenem Markt und predigte das lautere Wort der Bibel.
Schiffer und Handwerker, Brger und Freunde umdrngten ihn, denn er
war des Wortes mchtig und sprach freundlich und gewaltig zugleich.
Noch htte er keine Kirche, sagte er, noch msse er in Wind und Wetter
reden, aber das Licht, das zu Wittenberg angesteckt sei, knne kein
Wind und kein Wetter mehr verlschen, und er werde nicht ruhen, bis es
in allen Kirchen Hamburgs brenne. Es geriet aber ein Haufe von Papisten
hinzu, die ihn mit Geschrei und Gegenrede zu stren versuchten und ihn
berteufeln wollten. Er wurde Ketzer und Volksaufwiegler gescholten.
Man werde ihn beim Rat verklagen. Der Mnch wich nicht: immer
gewaltiger erhob er seine Stimme, und immer mehr Volk strmte ihm zu.

Da geschah es, da ein Ratmann zu ihm trat und ihm sagte, er sei ein
alter Schiffer und verstnde sich auf Wolken und Wind: es wrde gleich
regnen, darum wre es besser, wenn er auf die Katrinenkanzel stiege.
Stefan Kempe lchelte und begab sich mutig mit seinem Volk in die
Kirche. Die Papisten aber liefen ob des neuen Greuels wutschnaubend
nach dem Rathaus und erhoben ein wildes Geschrei ber den Ketzer.

       *       *       *       *       *

Als der Mnch dann in der Dmmerung seinem Kloster zuschritt, folgte
ihm eine Nonne, die mit in der Kirche gewesen war. Und als er sich
umwandte nach diesem Schatten, da erkannte er Ditmer Koels Tochter. Sie
sagte ihm von Burgund, und da sie Klaus Kniphofs Mutter zu Osnabrck
begraben htte: die Kunde von der Hinrichtung htte sie gettet. Sie
wolle nun in ein Kloster gehen und still leben.

Da aber regte sich in Stefan Kempes Seele ein mchtiger Wind, der nicht
vom Himmel kam, sondern von der Erde. Und er sprach zu ihr wie zu einem
guten Kameraden: da er die Kutte ausziehen und ein neuer Mensch werden
wolle. Ob sie gewillt, ihr Leben im Kloster zu vertrauern, oder ob sie
ihm helfen wolle, wie Katerine von Bora dem Luther.

Ditmer Koels Tochter gab keine Antwort, aber sie hatte doch schon den
Mut, den Abend noch an Stefan Kempes Seite zu ihrem Vater zu gehen.




Schiffbrchig.


Auf meiner dritten Reise.

Acht Tage waren wir schon mit unserm Ewer drauen, aber wir hatten noch
nicht ein einziges Mal die Kurre aussetzen und noch keinen einzigen
Streek tun knnen. Drei Tage hatte es fr toll gebriest, nun war es zu
still zum Fischen.

Das heit, nur die Luft lag still, die See war noch in hoher Dnung
und warf unser Fahrzeug wie einen kleinen Kahn hin und her. Und das
Donnern und Klappern der Segel, das Quieken und Knarren der Gaffeln,
das Klirren und Hmmern der Schoten hrte sich unheimlich genug an.

Wir drei Fahrensleute waren just mit dem Abendbrot fertig und standen
an Deck. Und wie Kolumbus einst nach Indien suchte, so guckten wir
jetzt nach Wind aus.

Vunobend kummt ok noch keen Kulns, verkndete der Knecht, und der
Schiffer lie sich vernehmen: Ick gluf, dat ward dick van Dook, und
deutete nach Sden, wo eine blaue Wolkenwand auf dem Meere stand. Dann
sagte er, da er die Wache nehmen wollte, -- und er hatte es noch nicht
ganz gesagt, da war von unserm Knecht auch schon nichts mehr zu hren
und zu sehen. Ich blieb oben, fhlte mich noch nicht mde, war *bange*
-- um es ehrlich zu sagen -- bange vor dem Dook. Vor Wind und Regen
frchtete ich mich nicht, aber Nebel hatte ich noch nicht mitgemacht.
Der schlich und kroch, tckisch und trugvoll.

To! Man rup'n Bitt, mahnte der Schiffer rauh.

Schall ick ne leber up Deck blieben? fragte ich und sah an ihm vorbei.

Worm?

J, wenn 't dick van Dook ward, sagte ich.

Nun lachte er.

Pannkoken, ick hebb doch ok noch Ogen.

Der Spott trstete mich, und ich kletterte langsam hinunter, ma
meine Koje aus und stellte wieder einmal fest, da die Diagonale
die lngste Linie war. Nur da das diesmal meine schweren Gedanken
nicht verscheuchen konnte. Das dunkle Angstgefhl wollte nicht
gehen. Und immer wieder berkam es mich, als stnde mir ein Unglck
bevor. Obgleich ich in voller Kleidung war und die Decke bis an den
Hals gezogen hatte, fror mich, und ich vermochte lange Zeit nicht
einzuschlafen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Da -- -- -- ich wei nicht, hatte ich schon geschlafen oder wachte
ich noch halb, ertnte ganz nahe der schrille Ton eines Dampfers.
Wie ein menschlicher Angstruf klang er. In demselben Augenblicke ein
Krachen und Donnern und Brechen, als ginge die Welt unter. Zugleich
fhlte ich einen furchtbaren Druck. Meine Beine -- saen sie fest?
In jhem Schreck schnellte ich auf ... da neigt sich der Ewer zur
Seite ... und ich strze kopfber aus der Koje auf die Kajtenbohlen.
Sthnend will ich mich wieder aufrichten, da fliegt der Knecht aus dem
gegenberliegenden Hock und fllt mir auf den Rcken, da ich abermals
zusammenbreche ... Herr Gott, wo waren wir? ... Ich wollte schreien und
konnte nicht ... nur ein banges Sthnen brachte ich heraus. Ich wollte
aufstehen und konnte nicht ... wie Blei waren meine Glieder. Endlich
sah ich, wie der Knecht sich aufraffte und nach oben hastete. Das gab
mir soviel Kraft, da ich ihm nachkriechen konnte. Da stand ich nun an
Deck und erbebte.

Stickendster war die Nacht, meilenweit schienen unsere Lichter
entfernt zu sein, so dunkel glommen sie. Wildes, verworrene Rufen und
Schreien. Da -- -- -- eben hinter dem Gromast sa das Ungeheuer, ein
schwarzer, steil aufsteigender Dampfersteven. Bis zur Mitte des Ewers
war er hereingebrochen und schob ihn immer noch vor sich her, so da er
sich gurgelnd seitwrts senkte.

Stopp doch! Stopp doch! hrte ich meinen Schiffer wie wahnsinnig
rufen, immer wieder rufen. In schrecklicher Angst versuchte ich, an der
glatten Bordwand des Dampfers hinaufzuklettern, aber vergeblich, immer
wieder rutschte ich hinunter.

Mit einem Mal ging der Dampfer rckwrts und machte sich langsam von
unserm Fahrzeug frei. Ich hatte eben einige Platten erklommen, nun
mute ich zurck und fiel schwer auf den Setzbord nieder.

Wi sinkt jo! Wi sinkt! chzte ich.

Hol dien Flapp! grhlte der Schiffer mich an. Klau inne Boot, dat wi
weg kommt.

Das half. Hastig kletterte ich zu ihnen in das Boot und eilends machten
wir uns daran, alles berflssige Germpel ber Bord zu werfen. Immer
mehr sank der Ewer weg ... das Wasser splte ber das Deck ... unser
Boot wurde flott. Wir griffen nach den Riemen, um aus dem Bereich der
drohenden Segel zu kommen, die uns erdrcken wollten. Unser groes,
stolzes Schiff gurgelte tiefer und tiefer ...

Kamen wir denn nicht von der Stelle? ... Ein Ruck im Steven ... warum
blo? ... Die Bootsleine! Die ...

Der Schiffer hatte mich am Tage vorher geneckt und gemeint, ich knne
noch nicht einmal einen richtigen Fischerknoten machen. Das ihm zu
beweisen, hatte ich die Leine an den Mast befestigt, und er war mit
meiner Sache zufrieden gewesen. Und nun -- saen wir fest, fest an dem
untergehenden Ewer.

Een Messer, een Biel, een Messer! so pochten wir gegeneinander auf
und whlten in den Taschen und rissen die Lohnen aus und tasteten
unter den Duchten, aber kein Messer, kein Beil gab sich an. Unter uns
ein Kochen und Gurgeln und Brodeln, die letzten Lebenszeichen unseres
armen Ewers. Und nun kamen *wir* an die Reihe. Wir drngten wild nach
hinten, als unser Steven sich immer weiter duckte. Dann strmte die See
schumend um unsere Fe ... das Boot tauchte unter und mit ihm ging
der Knecht zugrunde. Sein Fu mute sich irgendwie festgeklemmt haben.

Greut Finkwarder, flsterte er, dann stiegen Luftblasen auf.

Helpt uns! rief ich, und Helpt uns! antwortete der Schiffer, der
dicht bei mir trieb. Wer sollte uns helfen? Allein mit der Nacht und
der See und den aufschieenden Blasen.

Schwimmen hatte ich schon von jeher gut knnen, und so hielt ich mich
auch jetzt oben. Ja, ich wurde ruhiger und *dachte nach*, whrend
ich mich mit der Dnung abmhte. Ich hatte geglaubt, das Leben finge
erst an -- und nun war es zu Ende. Nun sah ich den grnen Deich und
unser kleines, weies Elternhaus niemals wieder. Und die Sonne schien
niemals mehr. Und Mutter guckte sich umsonst die Augen nach mir aus.

Meine Krfte lieen nach, auch fing mein Bein wieder an zu schmerzen.
Lange konnte ich es nicht mehr machen, das fhlte ich. Da kam mir der
Gedanke, umzubiegen und zurckzuschwimmen. Vielleicht, da ich ein
Stck vom Ewer antraf. Bald stie ich mit der Schulter an einen harten
Gegenstand. Es war unser Kurrbaum. Ich langte nach ihm. Nun war ich
frs erste geborgen, aber noch lange nicht gerettet, denn wie oft ich
auch versuchte, mich quer ber ihn zu legen, es gelang mir nicht --
jedesmal rollte er herum und ich glitt wieder ab und mute wieder und
wieder Salzwasser schlucken. Todesmatt gab ich endlich das Ringen auf
und lie den Baum los, um weiter zu suchen. Von meinem Schiffer hrte
und vernahm ich nichts mehr, auch dann nicht, als ich nach ihm rief:
die schweren Seestiefel hatten wohl schon das Ntige getan. Die See
wurde nun auch noch grber. Alle Augenblicke lief mir eine Woge ber
den Kopf -- und doch war ich immer noch bei klarem Bewutsein. Wieder
blinkte die Elbe, wieder grte unser Haus, wieder stand Mutter vor der
Tr, wieder lachten und schwatzten die Mdchen auf dem Deiche ...

Nun ruderte ich kaum noch mit den Armen. Dann schlug mir die See ber
dem Kopfe zusammen ... ich sank. Tiefer und tiefer. Und konnte doch
noch denken. War erstaunt, da ich noch nicht ertrunken war, und
wunderte mich, da ich den Grund noch nicht erreicht hatte, sagte mir
dann aber auch wieder, da wir dwars vom Weserfeuerschiff in 22 Faden
waren.

Und 22 Faden ... nun war ich unten. Weicher Schlick. Bis ber die
Enkel sank ich ein, dann blieb ich schrg im Wasser stehen und wurde
leise hin- und hergesplt. Nun ging es auch mit meinen Gedanken
durcheinander, und ich wute nichts mehr zu denken und zu erkennen.

War ich mit dem Kopfe an einen Stein gestoen oder war mir etwas Hartes
auf den Schdel gefallen, ich wute es nicht, aber ich fhlte, wie
mir ein Tau ber das Gesicht scheuerte. War das nicht ein Lot, ein
Senkblei? Ja es mute ein Lot sein! Mit allerletzter Kraft griff ich
danach, mit beiden Hnden, und hielt es fest.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Im Schweie gebadet lag ich in meiner Koje und starrte auf das
vermeintliche Senkblei in meinen Hnden. Es war -- einer meiner
sonntglichen Schnrschuhe, der mich dadurch, da er zur rechten Zeit
vom Bord auf meinen Kopf fiel, zwar nicht vom Ertrinken, aber doch von
meinem bsen Traum errettete. Denn: ich hatte getrumt. Ich *lebte*,
lebte, so gut, wie nur ein Fischermann leben kann, sa hoch und
trocken in meinem Bett, whrend mein Gegenber derart schnarchte, da
er das Knarren der Gaffeln bertnte.

Noch nicht eins mit mir kletterte ich an Deck.

Schn und sternenklar war die Nacht.

Der Schiffer ging summend auf und ab. Als er mich erblickte, wunderte
er sich und fragte:

Na, wat is er los?

Is dat ne dick van Dook worden? fragte ich, um etwas zu sagen.

Ne, mien Jung, lachte er, bs woll wedder bang?

Ne, bang bn ick ne, gab ich langsam zurck und verschwand wieder in
der Koje.




In Gotts Nomen, Hinnik!


Langsam ging der Schiffszimmerbaas Jan Siebert an einem
Sonntagnachmittag den grnen Elbdeich entlang und guckte mehr nach dem
Wasser als nach den Husern.

Einige von den Booten fielen besonders durch ihre feine Bauart auf.
Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie gezimmert.

Einige von den Jollen segelten verteufelt fix durch die Binsen. Kein
Wunder -- Jan Siebert hatte sie gebaut.

Einige von den groen Kuttern leuchteten wie Knigsschiffe ber das
Wasser. Kein Wunder -- Jan Siebert hatte sie zusammengeklopft.

So grten ihn auf Schritt und Tritt seine Schiffe und machten ihm das
Herz warm.

Als er bei Gesine Klpers Strohdach angelangt war, sah er ihren
ltesten Sohn im Gras sitzen und einen Aalkorb ausbessern.

Kumm mol rup, Hinnik, rief er, und der Junge lief in Sprngen.

Gu'n Dag, Jan-Unkel.

Segg mol, Junge ... Du kummst nu Ostern ut de Schol ... Wat wullt du
denn beschicken?

Hinrich guckte nach der Elbe.

Ick will giern up'n groten Kutter.

No See, Junge?

Jo.

Der Baas sah ihn lange und prfend an.

Dien Vadder is bleben, Hinnik.

Grovadder is ok bleben -- un Vadder is dorm doch wedder no See
gohn, antwortete der Junge.

Is din Mudder dormit inverstohn?

Der Junge stockte.

Ick weet 't ne. Ick hebb' er noch ni van seggt, gab er dann zgernd
zu.

Der Baas nickte vor sich hin. -- Is good, sagte er mehr zu sich als
zu dem Jungen und klinkte die Tr auf.

Hinnik aber steckte beide Hnde tief in die Hosentaschen und schwankte
nach Seefahrerart von einer Seite nach der andern wie ein rollendes
Schiff, als er den Deich hinunterstieg, denn er fhlte sich schon als
Fischerjunge.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Die schmale, schwarzgekleidete Frau erschrak heftig, und ihr Gesicht
wurde noch bleicher.

Hett he dat seggt? fragte sie schon zum dritten Mal. He will no
See?

Jan Siebert nickte ernst.

Sie faltete die mageren Hnde.

He schall ne up 't Woter. Jan Siebert, dat kann gewi ne gohn. Segg
doch slbst, kann he no See? Sien Vadder is verdrunken, un he will ok
no buten? Nee, nee -- ick *kann* keen wedder no See seiln sehn. Ick hol
't ne ut.

Er schwieg.

He mtt an Land blieben, Jan Siebert, fuhr sie erregter fort. Lot
em Buer warn oder Schoster oder Snieder, -- ganz egol -- ober no See
schall he ne. Du bs Vrmund: segg em dat.

Der Baas war sich einig geworden.

Denn is 't dat beste, wenn ick em up de Warf nehm un wi em Timmermann
warn lot. Denn sht he doch wenigstens Scheep un Woter.

Sie atmete erleichtert auf.

Jo, Jan Siebert, nimm em hin.

De dree Johr verdeent he ober nix, sagte der Baas, aber sie
schttelte nur den Kopf.

Dat deit nix. Min ltj Tgloden smitt woll so veel af, dat wie Brot
hebbt.

Er war aufgestanden.

Schall ick 't em seggen?

Sie bot ihm die Hand zum Abschied.

Jo, segg du 't man. Ick kann 't ne.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hinnik!

Wat schall ick?

No See kannst du ne kommen. Dat geiht ne. Din Mudder will 't ok ne
hebben. Du kummst Ostern no mi un lierst de Timmeree. Dor hest ok jo
fix Lust to, ne?

Der arme Junge stand regungslos da und konnte nicht Ja und nicht Nein
sagen. Ihm war, als habe man ihm das Herz in der Brust umgedreht und
ihm die Fenster, in die die liebe Sonne schien, mit groen grauen
Scken verhngt.

Hest du 't hrt, Junge? fragte der Baas, als er noch immer keine
Antwort bekam.

Jo, sagte Hinnik da heiser und guckte traurig vor sich hin.

Erst als der Baas fortgegangen war, rhrte er sich wieder und sah
finster und feindlich nach der Elbe. Die war zwischen ihn und die
See getreten. Sie war nun nicht mehr der blaue, blinkende Weg zu der
bewegten, unendlichen See: -- ein hlicher, breiter Graben, der ihm
alles versperrte. Es war auch ganz gleich, ob er mit dem Aalkorb noch
wieder nach dem Priel hinabwatete oder ob er ihn im Gras liegen lie.

Mit zusammengezogenen Brauen und fest aufeinander gepreten Lippen
kletterte er mde den Binnendeich hinunter, wo er die Elbe nicht sehen
konnte, und warf sich ins Gras. Ihm war zum Weinen zumute.

Aus dem Fenster aber folgten ihm zwei todestraurige Augen, und eine
bekmmerte Mutter legte die Hnde fr ihr Kind zusammen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Seit dem Tage war Hinnik anders. Mit keinem Wort war das Geschehene
erwhnt worden -- seine Mutter vermied es ngstlich, davon anzufangen
-- aber es stand etwas zwischen ihnen, das nicht vergehen und nicht
verwehen wollte. Hinnik war scheu und zurckhaltend und wich ihren
Blicken aus. Strich sie ihm mit der Hand ber die Stirn, so trat ein
gequlter Ausdruck in sein Gesicht. Sie hatten ihm die groe, schne
Lampe weggeholt und dafr ein armseliges Talglicht auf den Tisch
gestellt und glaubten, er merke keinen Unterschied: -- das konnte er
nicht verwinden.

Es war noch nicht viel besser geworden, als er schon auf der Werft
stand und mit Hobel und der Axt umzugehen lernte. Wohl begriff er
alles leicht und war anstellig und willig, aber in seinem Gesicht war
deutlich zu lesen, da die Arbeit ihn nicht freute, und da er nicht
mit dem Herzen dabei war.

Jan Siebert war aber dennoch guten Mutes und meinte zu Gesine, da gut
Ding seine Weile haben wolle.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wer wei -- -- --

Vielleicht wre Hinnik doch ein Zimmermann geworden.

Wenn nicht die Elbe so nahe gewesen wre!

Wenn nicht so viele Ewer und Kutter vorbeigesegelt wren!

Wenn nicht die alten Fahrensleute immer von drauen erzhlt htten!

Und wenn Rudolf Holst an dem Tage in Hamburg einen Koch gekriegt htte,
wre es vielleicht auch noch anders gekommen. Er kriegte aber keinen
und schimpfte im Vorbeigehen, da er nun liegen bleiben msse und doch
so gern mit der Nachttide hinuntergesegelt wre.

Da konnte Hinnik nicht anders: er lief ihm nach und lie sich als Junge
annehmen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Abends erzhlte ein aufgekommener Lttfischer, da er ihn auf dem
Kutter gesehen habe.

Mi hett dat ahnt, sagte Jan Siebert zu Gesine, die trostlo dasa.

Den leet de See keen Ruh.

Sie weinte nur noch mehr.

He *will* verdrinken als sin Vadder.

Er schttelte verweisend den Kopf.

So nich, min Diern. Nu he mol so wiet is un de See *sehn* hett, holt
wi em ne mihr an Land. Lot em Fischer warn. Von tein bliff doch jmmer
blo een, un he hrt to de negen annern, de wedderkommt.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der bse Ostwind hatte den Kutter schon zweimal nach der Weser gejagt,
-- nun brachte eine gngige Brise aus Westen ihn mit vollem Zeug die
Elbe herauf.

Gesine bekam gleich Order von Jan Siebert, da er aufgekommen sei, --
und wartete am andern Tage auf ihren Jungen. Er mute doch kommen?

Hinnik kam.

Erst zu Jan Siebert.

Ick hebb di ok 'n poor Fisch mitbrcht, sagte er und lie eine Stiege
Schollen aus dem Taschentuch springen.

Weest, wat du verdeent hest, grollte der Baas und sah ihn schief an.
Heimlich freute er sich aber ber den wetterbraunen jungen Kerl.

Der sagte keck: Nee, sprang aber zur Vorsicht rasch auf den Deich,
denn er war nicht sicher, ob nicht doch ein Stck Holz geflogen kam.

Bs ok seekrank wesen? scholl es ihm freundlicher nach.

Er lachte.

Keen Gedanke!

Seine Mutter sa am Tisch und sttzte den Kopf in die Hnde.

Er warf zwei Goldstcke hin.

Mien Verdeenst, Mudder, sagte er stolz. Dann knpfte er das Tuch
auf und breitete seine Schtze aus: springlebendige Schollen, rote
Muscheln, Seepfel und Seesterne und eine Handvoll Bernstein.

Ick kann di seggen, up Bremerhoben is't fein, Mudder. -- Den
Kaiser hebbt wi ok dropen, Mudder. He gng mit sien witte Jacht no
Wilhelmshoben. -- Un up Nordernee snd wi ok an Land wesen. Wi legen
dor twee Dog fr Wind.

Er erzhlte munter darauf los, ohne sich stren zu lassen. Schlielich
guckte er sie aber doch an -- und da sah er, da ihr die Trnen in den
Augen standen.

Wees man still, Mudder. Dat is nu mol so komen. Ick bn Fischer, lot
mi man Fischer blieben.

Sie war aufgestanden.

In Gotts Nomen, Hinnik!




Auf Helgoland.


Drei Skalden waren mit ihren Drachenschiffen angekommen, hoch aus dem
Norden, von Drontheims Fjorden. Ihre Harfen klangen in der Knigshalle.

Aber es erging ihnen wunderlich.

Der erste wollte von der blauen See singen und sagen: aber als er
Schn-Helgas blaue Augen sah, die so viel blauer waren, verga er der
See und sang von ihren Augen.

Der zweite wollte von der goldenen Sonne singen und sagen: aber als er
Schn-Helgas helles Haar sah, das so viel heller leuchtete, verga er
der Sonne und sang von ihrem Haar.

Der dritte wollte von den weien Mwen singen und sagen: aber als er
Schn-Helgas weie Hnde sah, die so viel weier waren, verga er der
Mwen und sang von ihren Hnden.

Als die Tne verklungen waren, ward es still ringsum, wie im tiefen
Wald um Mittag.

Da legte die Knigin die Hnde auf den jungen Scheitel und fragte leise
und versonnen:

Dein Haar ist weich und lockig. Ist es blond und ist dein Auge blau?

Ja, Ahne.

Blond und blau ... so war auch ich ... als ich die Sonne noch *sehen*
konnte.

Du siehst sie wieder und strahlender als je.

Das ist mein Glaube.

Da reichte die blinde, gute Frau den Sngern die Hnde und dankte ihnen.

Und vom Strand herauf drang das Lachen der spielenden Wellen.

       *       *       *       *       *

Blauer Heben und blaue See, so weit das Auge trug. Mitten darin sonnte
sich der riesige, hohe Felsen mit dem grnen Scheitel und dem weien
Fu.

Kein Schiff und kein Segel, kein Mast und keine Ra gaben sich an.

Eine kleine Khlung aus Osten kruselte das Wasser und lie den
Sonnenschein in tausend blitzende Sternlein zerrinnen.

Die greise Knigin sa gen Westen gewendet, wie sie immer zu tun
pflegte.

Schn-Helga stand neben ihr und lie sich das Haar vom Winde kmmen.

Auf der Bank sa Herr Dietrich von Juist und schlief. Frhmorgens war
er mit seinen Schaluppen herbergekreuzt, um Schn-Helga zu freien.
Aber ehe er in das rechte Fahrwasser kam, waren das gute Essen und
der gute Wein ihm vor den Bug gekommen und hatten ihn ber Stag gehen
lassen. Nun war er eingeschlafen.

Ahne, schlfst du?

Sie schttelte leis den Kopf.

Ich trume, Kind. Es tut mir wohl, wenn die Sonnenstrahlen mir das
Gesicht wrmen. Ein Gru von dort ist es, eine milde Mahnung: Komm
bald. Sonnenbeschienen: so will ich einst hinberschlummern in das
Sonnenland.

Du bist so gut und heilig, da ich zu dir beten knnte.

Du bist mein Auge, Kind. Mein sonnenfreudiges Auge. Was sieht mein
Auge?

Die helle Sonne auf dem grnen Gras und den Wind, der durch die Halme
geht.

Das sieht es und die blaue See, die weien Mwen, die helle Sonne. --
Die ganze Welt ist voller Licht und Freude.

Das ist sie, Ahne.

Blinken und schimmern unsere geschnbelten Schiffe gro und frei auf
dem Wasser?

Die sind nicht da. Klaas fischt damit.

Mit meinen leuchtenden Knigsschiffen? Klaas ist ein jmmerlicher
Grundkriecher. Statt zu jagen, zu erobern, zu gewinnen, statt sich
mit dem Schwert zu grten, fiert er die Leine ab und wartet, bis
ein magerer Schellfisch oder eine armselige Makreel anbeit. Wartet
geduldig -- und ist doch aus altem Wikingstamm. Sein Ohm hat in meinem
Kielwasser gesteuert, als wir sdwrts segelten. Er fischt ... morgen
geht er hin und bettelt.

Ahne, der fremde Priester kommt.

*Wieder*, willst du sagen.

Mit feierlichen Schritten kam er daher.

Knigin, der Herr sendet mich wieder zu dir.

Sie verwandte das Gesicht nicht von der Sonne.

Ein *Herr*? Hast du nicht von Jesus erzhlt, einem milden,
freundlichen Menschen, der still und vertrumt im Morgenlande ging und
segnete?

Er ist der Herr des Himmels und der Erden. Er nahm alle Snde auf
sich, auch deine, er ffnet dir den Himmel: du sollst an ihn glauben
und dich taufen lassen.

Ganz leise kamen Worte von ihren Lippen.

Er wre anders geworden, wenn er das Meer an die Felsen donnern
gehrt htte. Aber *so* ist er nicht fr Helgoland. Hier lebt Odin,
hier walten die Nornen. Hast du schon all die Lnder bekehrt, die im
Osten und Sden und Westen aus der See steigen, da du das heilige Land
betrittst?

berall wenden sie sich von den Gtzen ab, berall richten sie das
Kreuz auf. Kapellen werden gebaut und Glocken gelutet. Wenn du nicht
blind wrst, Knigin ...

Ich bin nicht blind, ich sehe, *seit* mein Auge sich trbte. Sieh:
wenn unsere Skalden singen, springt der reisige Held auf, streicht
das Haar aus der Stirn und strmt nach den Schiffen. Eure Lieder sind
s und lind, sie hren sich gut an, sie schlfern ein. Wer wei,
ob Ihr nicht die ganze Welt in Traum und Schlaf singt. Wie lange
aber, Winfried? Dann stehen eherne Snger auf und wecken sie mit
Riesenharfen, da sie wieder nach Waffen und Feinden verlangt ... Hre,
wie die Sperlinge durcheinander schreien. Gewi schlagen sie eine
Schlacht.

Wer achtet dessen?

Das eben ist es. Du kennst deinen Gott nur aus Bchern. Tu deine
Augen auf, und du siehst ihn vor dir und neben dir und ber dir. Sogar
ein Sperling wei von ihm zu erzhlen. Und die Sonne: ist er's nicht
selbst, so licht, da du ihn nicht anschauen kannst? Nimm dir ein Kind
und schau ihm in die Augen. Dann hast du wieder Gott, und was du dem
Kinde tust, das tust du ihm.

Er gab keine Antwort.

Hast du dich jemals gefreut? Einmal nur gelacht? Ich habe es nie
gehrt. Seligkeit, Friede, Vergebung der Snden: einem jungen,
sonnenstarken Volk? Ja, wenn du Sonne brchtest, Sonne und Kampf und
Freude! Aber auch dann sagt' ich noch: Nein! Wir haben genug Sonne um
uns, genug Kampf vor uns, genug Freude in uns ... Damit du nun nicht
wieder zu kommen brauchst: auf diesen Felsen kommt kein Christentum.
Ich la es allen sagen. Wer sich taufen lassen will, mag's tun, ich
will es keinem wehren, aber den Felsen mu er verlassen. Der bleibt
Odin geweiht, und heute Nacht leuchtet ein riesiges, rotes Feuer ber
das dunkle, schweigende Meer ... Geh, du stehst mir in der Sonne.

Mittlerweile war auch der Juister munter geworden und rieb sich die
Augen. Und als er sah, da da einer nicht recht wollte, wie er sollte,
rasselte *er* mit dem Schwert und knurrte.

Wohl richtete der Priester sich hoch auf, aber nur, um feierlich zu
gehen.

Dietrich lachte aus voller Kehle, weil er wute, da die Knigin so
viel von Lachen und Freuen sprach.

Schn-Helga bekam er aber doch nicht.

Eine Freude mut du mir machen knnen, eine groe Freude.

Das schrieb er sich hinter die Ohren, als er im Korbe sa und sich
hinunterfahren lie. Das Gehen wurde ihm zu sauer.

       *       *       *       *       *

Frauen und Kinder standen um den Fremden herum, der auf dem Sande stand
und von Gott erzhlte. Die Fischer und Schiffer hielten sich abseits.
Was ging sie der Kram an: sie machten sich aus Gttern verdammt wenig,
mochten sie heien, wie sie wollten. Wie's kam, war's recht: war das
Wetter gut, so fischten sie, war es schlecht, so strandete wohl ein
Schiff auf den Bnken.

Nur Klaas hrte mit halbem Ohr hin und sah den Priester dunkel fragend
an. Er war der Baas der Fischer; er hatte die Drachen von den Schiffen
geschlagen und mit dem Fischen angefangen. Er war fr das Neue --
und da war etwas Neues. Er mute der erste sein. Aber da rief Kai
Rickmers: Richtig: dein Gott kann aber keinen Wind machen. Der lt es
immer totstill werden. Da hrt das Segeln auf: wir knnen rudern und
schwitzen!

Oben auf dem Felsen stand Schn-Helga und winkte. Klaas gewahrte sie.

Als sie einander begegneten, sagte sie ihm, da jeder den Felsen
verlassen msse, der Christ werde.

Habt ihr's gehrt, Leute? sagte Klaas laut.

Was die Knigin sagt, das gilt. Wer Christ wird, mu von Helgoland!
rief Kai.

Mu von Helgoland! hie es ringsum.

Da mit einem Male sagte der Priester:

Mu *den Felsen* verlassen. Ich stehe auf dem Unterland, auf dem Sand.
Der ist fr das Christentum. >Der Felsen< hat sie gesagt!

Und er blickte frei um sich.

Gesagt, aber nicht *gemeint*! sagte Kai; aber die andern waren doch
still. Daran hatte keiner gedacht.

Sie will oben allein bleiben. Siedle dich hier an, kleine Gemeinde. Es
ist Gottes Finger, der dich leitet, mahnte der Fremde.

Klaas hatte groe Augen gemacht, aber er bezwang sich und sah finster
drein.

Solchen Kunststcken fhlte er sich nicht gewachsen.

       *       *       *       *       *

Onne Jansen ist krank? fragte die Knigin eines Tages, als sie wieder
in der Sonne sa. Ich hre seinen Schritt nicht mehr.

Kai Rickmers rusperte sich verlegen.

Er hat sich taufen lassen.

Ja so: ich gebot. Er ist wohl nach Dithmarschen gesegelt?

Kai hustete noch mehr.

Er wohnt auf dem Sand.

Auf dem Sand?

Dem Unterland. Den Felsen mut' er ja verlassen.

Den Felsen? Nur den Felsen? Ist dies nicht Helgoland?

Der Priester hat es anders ausgelegt.

Ausgelegt. Sie sann eine Weile. Dann sagte sie ernst: Es hilft uns
nicht, Kai. Er gewinnt. Nun wei ich es. Wer *das* kann, kann alles.

       *       *       *       *       *

Es kam so.

Von Tag zu Tag mute sie bekannte Schritte vermissen. Die Holzschuhe,
die Filzpantoffeln, die Seestiefel: aller Klang ging nach und nach
verloren.

Es wurde oben stiller und stiller.

Die Knigin sa immer noch im Sonnenschein, aber sie hrte kaum noch
hin und fragte selten.

Eines Morgens aber horchte sie hoch auf. Da stie einer hart mit dem
Schwert auf die Bohlen und lachte. Der von Juist war es.

Da hab ich gesucht und gegrbelt, Knigin, dir eine Freude zu machen,
bin gefahren von Amsterdam nach London und von Bremen nach Kln und
hab gefragt und getan -- und war doch alles nichts Rechtes. Erst eben
unten am Strand kam es mir zupa. Stand er da breitbeinig, der Mann im
Weiberrock. Erzhlt in einem fort, ich wei nicht was. Aber als ich
hinzukomme, wird er dreist, guckt mich frech an und will mir das Eiland
verwehren, sagt, ich solle umkehren, und ich wre auf falschem Wege
gewesen. Grad, als wenn er was von Seefahrt wte. Er gibt nicht nach,
-- umkehren, umkehren; da mut' ich ihn still machen. Der sagt kein
Wort mehr.

Und er lachte.

Sie verzog keine Miene.

Nein -- es macht mir keine Freude. Er hatte kein Schwert.

Ich hab ihn wahrhaftig erschlagen, um dir eine Freude zu machen,
sagte er. Sonst htt' er meinetwegen leben bleiben knnen.

Aber sie schttelte den Kopf.

Da knirschte der Sand, und Klaas trat ein.

Dietrich von Juist ri sein Schwert heraus.

Versuch es mit mir, rief Klaas. Einen Unbewaffneten schlachten, ist
keine Kunst.

Schn-Helga schrie laut auf, aber die Knigin ri sie hastig an sich.

Still -- hier ist lange nicht gekmpft worden, sagte sie mit
verhaltener Freude und beugte sich weit vor und horchte dem Klirren und
Schwirren.

Der Juister mute dran glauben. chzend brach er zusammen und
verrchelte auf dem Estrich.

Klaas lie die Arme sinken und starrte dster zu Boden.

Eine tiefe Stille ging durch die Halle.

Endlich sagte die Knigin:

Du kannst also doch ein Schwert fhren, Klaas! Ich htt' es nicht
gedacht.

Da ging er mit hastigen Schritten hinaus.

       *       *       *       *       *

Den dritten Tag war *er* es, der unter den Helgolndern stand und
predigte. Es lag kein Friede auf seinem Gesicht, aber sein Mahnen war
so dringend und drohend, und er sprach so eindringlich, da sie sich um
ihn drngten und taten, was er wollte. Sie lieen sich taufen.

Und Klaas verga des Schwertes, das in einer Felsenspalte rostete. Er
fand den Frieden.

Auch die letzten kamen vom Felsen.

Die Knigin mute alles hergeben, zuletzt ihre Augen. Vergeblich rief
sie nach Schn-Helga. Die kam nicht wieder. Sie stand Klaas zur Seite
und hrte ihm zu.

Da wurde es ganz still um die greise Frau.

Nur Kai Rickmers blieb bei ihr.

       *       *       *       *       *

Am Abend kam ein Wetter auf, groe, graue Wolken schoben sich
ineinander, Wind und Meer brausten auf. Die Seen donnerten gegen
den Felsen. In Nacht und Sturm stand die Knigin auf der Hhe und
horchte auf die Rufe. Da erscholl Gesang. Dann wieder laute Rufe. Die
Drachenschiffe leuchteten in der Sonne, die Waffen klirrten, die Segel
blhten sich auf. Und Schn-Helga war es, die im Knigsboot am Mast
stand und lachte. Ihr langes Haar wehte im Winde. Und als Klaas sah,
wie sie lachte, sprang er vom Steuer auf, nahm sie in die Arme und
kte sie. Und die Fahrgesellen schlugen an die Schilde ...

       *       *       *       *       *

Als aber die Sonne schien, sa die Knigin wieder still in den
Strahlen. Die Sperlinge hpften um sie her, und sie nickte ihnen
freundlich zu. Und sie hrt, wie am Strand die Mwen lrmen, und wie
der Wind durch das Gras geht, und wie die Wellen ber die Muscheln und
Steine glucksen.

Immer ist ihr Gesicht der Sonne zugewandt. Sie fragt nicht mehr nach
den Helgolndern, nicht mehr nach Klaas, auch nicht einmal mehr nach
Schn-Helga. Nur von der Sonne und von der Freude spricht sie noch.

Manchmal klingt ein Glockenton zu ihr herauf, aber sie wei ihn nicht
zu deuten.

Im hellen Sonnenschein schlft sie ein.

       *       *       *       *       *

Trbe, graue Nebel sind gekommen. Sturm und Regen hat es gegeben. Da
haben sie es gewagt und sind wieder hinaufgezogen, die Helgolnder, als
erste Klaas und Schn-Helga. Und haben alles vergessen, haben gelebt
und gelacht.

Aber an stillen, sonnigen Tagen ist es mitunter wie ein wunderliche
Grauen ber sie gekommen, und sie haben gemeint, die alte, weise
Knigin se im Sonnenschein und erzhle leise ihr Mrchen von Freude
und Licht und Sonne.




Die sieben Tannenbume.


Weit ab von den Landstraen und noch weiter von Drfern und Hfen
steigt ein kleiner Berg aus der weiten, braunen Heide auf. Er liegt
in Einsamkeit da, und wenn auch manchmal ein Schfer mit Hund und
Heidschnucken vorbeigeht, so treiben doch gewhnlich nur Krhen und
Hasen auf ihm ihr Wesen.

Einst war's anders. Da war er nicht kahl, sondern trug auf seinem
Gipfel sieben Tannenbume, so da man meinen mochte, er htte sich
eine dunkelgrne Mtze ber die Ohren gezogen. Und in dem Berge hauste
ein Zwerg, den sie das rote Mnnchen hieen, weil er immer in einem
feuerroten Rcklein zutage kam. Ihm gehrten die sieben Tannenbume, er
hatte sie selbst angepflanzt, hatte sie gerichtet und gepflegt, hatte
an manchem warmen Sommernachmittag aus der khlen Tiefe des Berges
Wasser getragen -- und freute sich nun, da er sie so weit gebracht
hatte, da sie sich selbst helfen konnten. Und ihm selbst muten sie
auch auf manche Art helfen. Mit ihren feinen Wurzeln hielten sie den
Sand fest, da seiner Hhlenwohnung nicht die Decke niederrieselte,
sie sogen den Regen auf bis auf den letzten Tropfen, da es nicht
durchleckte, sie wehrten die Sonnenstrahlen ab, da es ihm nicht zu
hei wurde. Jedem hatte er einen Namen gegeben: Wegweiser, Regenschirm,
Sonnendach, Windbeutel, Gesangsmeister, Stiefelknecht und Spielvogel.
Wegweiser war der grte und hchste und wies dem roten Mnnchen den
Weg, wenn es ber Geest war. Regenschirm war am dichtesten bezweigt,
unter ihm lag der Zwerg, wenn es von den Wolken trpfelte. Sonnendach
war breitgestet und mute das Mnnlein deshalb vor der brennenden
Sonne beschtzen. Windbeutel war besonders krftig und stmmig; er
stand an der uersten Ecke und drngte den kalten, scharfen Ostwind
beiseite, den der Alte nicht vertragen konnte. Gesangsmeister hatte die
beweglichsten Zweige und war der lustigste von allen: bei dem leisesten
Windzug strich er mit den Nadeln ber das drre Gras und das Kraut,
so da eine herrliche Musik fr Zwergenohren vernehmlich wurde, auch
lud er Mcken, Grillen, Brummer, Bienen zu Gast, an hohen Festen sogar
eine Meise oder einen Finken: an Gesumme und Gezirpe und Gezwitscher
war kein Mangel. Stiefelknecht hatte einen krummen Stamm, den benutzte
das Mnnlein jeden Abend beim Stiefelausziehen; es war aber Geheimnis,
ob der Stamm krumm gewesen war und ob der Alte ihn deshalb zum
Stiefelknecht gemacht hatte, oder ob der Alte zuerst seine Stiefel an
ihm abgezogen hatte und davon die Krmmung herrhrte. Spielvogel war
noch zu klein und konnte noch nichts tun; er spielte wie ein Kind mit
Wind und Sonne.

Es wurde nach und nach Herbst und Winter. Die Bienen flogen nicht mehr,
die Grillen starben, die Sonne sa hinter grauem Gewlk, kalt und
feucht wurde es auf dem Berg und in den Tlern. Da verkroch sich das
rote Mnnchen tief in seine Hhle, verstopfte den Eingang mit Moos und
Steinen und wartete, da die Sonne und der schne Sommer wiederkommen
sollten. Die sieben Tannenbume lie es in Wind und Wetter allein und
qulte sich nicht weiter um sie. Das einzige, was es tat, war, da es
morgens bald den einen, bald den andern bei den Wurzeln fate, als zge
es ein Kind an den Fen.

  Bumchen mein:
  Sonnenschein?

fragte es dann, und antwortete das Bumchen wahrheitsgetreu:

  Zwerglein, nein!

so legte es sich auf sein Bett von Heidekraut und verschlief den Tag
wie ein Murmeltier. So ging es wochenlang, da ri es wieder an den
Wurzeln, um zu wissen, was fr Wetter sei -- und bekam mit einemmal
keine Antwort mehr. Es zog strker, ja es lie sich an den Wurzeln
baumeln, es fragte mit grlich lauter Stimme:

  Bumchen mein:
  Sonnenschein?

aber es antwortete ihm niemand. Sehr erbost, aber auch ein bichen
besorgt, stie es die Tr auf -- o weh, wie erschrak es! -- alle sieben
Tannenbume waren verschwunden. Nur Stammstmpfe standen da -- der Berg
war kahl wie ein Pfannkuchen! Da lief das Mnnchen umher, als wte
es nicht, was es tun sollte, guckte herum, schlug die Hnde zusammen,
rief, fragte, weinte und grmte sich um seine Tannenbume. Die Hasen
kamen angehpft und erzhlten ihm von den groen Menschen, die gekommen
wren, am hellen Mittag, und die Bume abgesgt htten; auf einen
groen Wagen htten sie sie geworfen, und im Trab seien sie mit ihnen
weggefahren. Die Krhen kamen geflogen und wollten trsten. Aber das
rote Mnnchen wollte keinen Trost, es wollte seine Bume wiederhaben.
Es wollte in die Welt hinein und sie suchen. Du findest sie nicht,
sagten die Krhen, die Welt ist zu gro. Das Mnnlein jammerte
wieder. Da nahmen die Krhen all ihren Verstand zusammen und dachten
nach, wie sie ihm helfen knnten, und wirklich -- sie fanden es.

Wenn der Mond aufgeht, sagte sie, wollen wir ihn bitten, da er sich
zum Spiegel der Welt mache. Dann guckst du hinauf und suchst deine
Tannenbume. Das war dem Mnnchen eine willkommene Botschaft, und da
es noch nicht dmmerte, lud es die Krhen zu Gast und setzte ihnen
Buchweizengrtze, Honig und Brot vor; darber fielen die hungrigen
Brder mit heien Schnbeln her. Als sie noch so saen und von ihren
Reisen erzhlten, da guckte der Mond gro und rtlich ber die Geest.

Fangt an! rief das Mnnchen; aber die Krhen beschwichtigten es: sie
mten noch warten, damit die Spiegelung besser werde. Endlich, nach
langem Warten, war es so weit. Der Mond stand gro und klar ber dem
Heiderande.

Rauschend flogen die Krhen auf und krchzten oben in der Luft:

  Blanker, gelber Mond am Heben,
  spiegle alles Erdenleben!

Mehrmals und durcheinander schrien sie -- das Mnnlein frchtete schon,
sie mchten es genarrt haben. Pltzlich fielen sie lautlos in das drre
Kraut nieder, und sieh: der Mond wurde grer und grer, leuchtete
taghell auf, und wie in einem Spiegel zeigte sich auf ihm die Welt mit
allem, was darin war: Wasser und Berge, Stdte und Wlder, Huser und
Menschen und Bume, alles war deutlich zu erkennen. Das rote Mnnchen
machte groe Augen und suchte. Dann wies es mit beiden Hnden nach
einer Gegend.

Was fr eine groe Stadt ist das? rief es zitternd.

Hamburg, gaben die Krhen leise zur Antwort.

Da sind alle sieben, alle meine Tannenbume! rief es wieder. Ich
sehe sie alle: Wegweiser in einer groen Kirche, Regenschirm in einem
prchtigen Herrenhause, Sonnendach vor einer Dombude, Windbeutel in
einer kleinen Stube, Gesangsmeister in einer armseligen Dachkammer,
Stiefelknecht an der Straenecke, Spielvogel oben auf dem Schiffsmast.
O -- wie mssen sie sich nach mir und dem Berg zurcksehnen, wie mgen
sie jammern! Ich will nach Hamburg und sie holen. O -- bringt mich nach
Hamburg! Hasen und Krhen, liebe Freunde, helft mir!

Das wollten sie. Das Mnnchen machte sich reisefertig, zog Handschuhe
an, setzte sich auf den Hasen, hielt sich an dessen langen Ohren fest,
und -- hast du nicht gesehn? -- ging's ber die Geestberge, da die
Heide wackelte. Als sie aber unter die Lichter von Hamburg gerieten,
warf das Hasenro den Reitersmann ab und trabte angstbeklommen nach
Hause zurck. Das Mnnchen schwang sich kurzgefat auf den breiten
Rcken der grten Krhe und lie sich ber die Elbe nach dem
glnzenden, funkelnden Hamburg tragen. Wohl erschrak es ber die Maen
vor den hohen Trmen und den gewaltigen Husern, wohl entsetzte es
sich vor dem vielen Licht und vor den Tausenden von Menschen und hielt
sich krampfhaft an den Nackenfedern der Krhe fest, um nicht auf die
krabbelnd vollen Straen zu strzen -- aber die Sorge um seine sieben
Tannenbume hielt ihm den Kopf oben.

Auf dem Kirchendache landete das Rabenschifflein seinen Fahrgast, der
sich an dem Blitzableiter hinabgleiten lie und durch eine Luftrhre
in die Kirche stieg. Vor all der Helle und Pracht konnte er kaum die
Augen offen halten. Orgelton und Gesang durchbrausten den Raum, in dem
kein unbesetzter Platz vorhanden war. Neben dem Altar stand ein groer,
hoher Tannenbaum, ber und ber mit Lichtern bedeckt: es war der
Wegweiser. Das Mnnchen erkannte ihn und schlich sich unter den Bnken
entlang zu ihm.

Armer Wegweiser! schluchzte es.

Der groe Baum aber schttelte leise die Krone, da die Lichter
flackerten: Arm? fragte er, ich bin nicht arm, ich bin der schnste
Baum auf der Erde, ich bin der Weihnachtsbaum. Sieh meine Pracht und
mein Leuchten!

Ist nur ein Traum, armer Wegweiser, nur ein Traum. Wenn du erwachst,
sind deine Lichter erloschen und du liegst vergessen im Winkel. Und
stirbst. Komm mit auf den Berg, eh es zu spt ist.

Der Baum rttelte wieder seine Krone: Ich weise andere Wege,
flsterte er wie im Traum, Wege zu Gott, Wege zur Freude, Wege zum
Kinderland, ich bin beglckt, wenn ich nur zwei Kinderaugen glnzen
machen kann. Und hier glnzen tausend. Mut mir mein Glck schon
gnnen, rotes Mnnchen, und mich stehen lassen.

Brausend erscholl Orgelton dazwischen.

Und deine sechs Brder? fragte das Mnnchen.

Die sind alle Weihnachtsbume geworden, sagte der Wegweiser, tragen
Lichter und Nsse und pfel, erfreuen arm und reich, groes und kleines
Volk. Um sie klingen Weihnachtslieder und alle Kinder lachen. Keines
geht zurck in den Wald. Einen Abend Weihnachtslichter tragen, ist die
Sehnsucht aller Tannenbume. Ist die erfllt, dann verdorren sie gern.
O Weihnacht!

Als der Baum so gesprochen hatte, sah das Mnnchen ein, da es ihn
nicht berreden konnte.

Weihnachten und die Menschen sind dir in die Krone gefahren,
sagte es und stahl sich hinaus. Die Krhe wetzte ihren Schnabel auf
dem Dach, das Mnnchen bestieg den Rcken, und weiter ging es. Zu
Regenschirm, der ber und ber mit Gold und Silber bedeckt war und
sich nach der Musik um sich selbst drehte wie ein junges Mdchen im
Tanzsaal. Zu Sonnendach, das mit elektrischen Glhlampen besteckt
von dem Karussell auf den Schwarm der Dombesucher herableuchtete. Zu
Windbeutel, der sprlich behngt eine kleine Arbeiterwohnung erhellte.
Zu Gesangsmeister, der in der Dachkammer stand, ein einziges Licht und
einen Hering trug; ein grauer Kater sa daneben und wollte sich an den
Hering machen, aber jedesmal stach Gesangsmeister ihn mit den Nadeln,
da er miauschreiend zurckspringen mute.

Alle vier bat das rote Mnnchen, aber alle antworteten ebenso wie
ihr groer Bruder, sie waren glcklich, Weihnachtsbume geworden
zu sein und dachten nicht daran, wieder nach dem kalten, dunkeln
Berg zu wandern. Nicht einmal einen Gru an die braune Heide hatten
sie aufzutragen, und mochte das Mnnlein sie treulos und undankbar
schelten, sie spiegelten sich im Schein ihrer Lichter und lachten wie
Kinder.

Traurig schwebte der Zwerg wieder durch die Luft, bis er vor
Stiefelknecht stand. Der lag auf einem groen, dunkeln Platz in einem
Haufen anderer Tannenbume. Wegen seines alten Fuleidens hatte ihn
niemand kaufen wollen.

Deinen Brdern will ich es gar nicht mal so sehr verdenken, sagte der
Alte zu ihm, sie tragen Lichter und sind Weihnachtsbume -- aber du
bist keiner.

Doch -- ich bin ein Weihnachtsbaum, so gut wie die andern, sagte
Stiefelknecht, der schnste Baum auf Erden. Ich sehe viele glckliche
Menschen vorbeigehen: ist das nicht Glck genug? Und vielleicht, nein,
gewi kommt heute abend, ganz spt, noch jemand und nimmt mich mit,
steckt mir Lichter an und schmckt mich. Nach der Heide will ich nicht
zurck.

Das Zwerglein bat und bat, aber Stiefelknecht sah nach den Kindern, die
jubelnd vorbeistrmten, und hrte nichts.

Da ging es wieder zu seinem schwarzen Rlein und lie sich nach dem
Hafen fliegen. Der Spielvogel, an dem sein Herz am meisten hing, wrde
ihm treu bleiben, das hoffte er von seinem Lieblingsbumchen. Aber am
Hafen war kein Spielvogel mehr zu entdecken. Das Schiff wre schon in
See gegangen, erfuhr die Krhe von einigen weitlufigen Verwandten,
weien Mwen, die ber dem Wasser schwebten.

Dann seewrts, befahl das rote Mnnchen. Die Krhe flog westwrts
ber Wasser und Deiche und Schiffsmasten hin, aber als sie bis Cuxhaven
gekommen war, setzte sie sich nieder, denn auf die groe, endlose See
zu fliegen, getraute sie sich nicht. Doch rief sie eine groe Seemwe
herbei, die breitete ihre weien Schwingen und trug das Mnnchen
stolz und schnell ber das dunkle, schumende Meer, bis weit hinter
Helgoland. Da tauchte ein einsames Schiff in den Wogen auf und ab und
wurde von einer Seite nach der andern geworfen. Der Wind blies gewaltig
in die groen, braunen Segel. Auf dem Topp, der hchsten Spitze des
Gromastes, tanzte ein kleines Tannenbumchen im schneidenden Wind
auf und ab: das war Spielvogel. Er lachte hellauf und schttelte die
Zweiglein vor Lust, wenn eine Sprhwelle zu ihm heraufspritzte. Und
guckte einer der Matrosen zu ihm hinauf, so nickte er ihm freudig zu.

Armer Spielvogel.

He, he, Mnnlein klein, bist du's? rief Spielvogel. Hier ist es
lustig, nicht?

Komm mit nach der Geest.

Nein, nein, nein! Ich bin Weihnachtsbaum, der schnste Baum auf Erden.
Und was kann schner sein, als Weihnachten auf See. Gr die Heide! Ich
mu singen!

Und Spielvogel sang, so laut er konnte, da die Matrosen mitsingen
muten und Trume von Land und Licht trumten.

       *       *       *       *       *

Da sah das rote Mnnchen ein, da es seine sieben Tannenbume verloren
hatte, er dachte daran, da es nun ohne Wegweiser ber die Geest irren
msse, da niemand mehr da sei, der es vor Regen, Sonne und Wind
beschtzen knne, der ihm vorsinge, der ihm beim Stiefelausziehen
helfe, der es durch sein Kinderspiel erfreue -- der Berg war so kahl,
Regen drang in seine Wohnung -- armes Mnnchen! Mit einemmal breitete
es die Arme aus, rutschte von den Mwenflgeln und strzte sich in das
dunkle Wasser hinab.

Seit jener Nacht schwimmt ein seltsamer, leuchtender Fisch in der
See. Die Fischer nennen ihn das Petermnnchen und halten es fr etwas
Besonderes, wenn sie ihn fangen.




Ein Sterben.


Es war wieder still in dem kleinen, dmmerdunklen Zimmer mit den dicht
verhngten Fenstern und der eben glimmenden Lampe, die dem Erlschen
nahe war. Der Kranke war ruhig geworden. Er hatte die Augen geschlossen
und schien zu schlafen, denn sein Atem ging tiefer und gleichmiger,
und der Mund war nicht mehr so schmerzhaft verzogen. Schwere Schatten
lagen unter den Augen, und das Gesicht war fahl und eingefallen: nur
das volle, blonde Haar lie erkennen, da er jung war.

Heinrich, der Konfirmand, sa am Tische und hielt die Wache bei dem
Bruder. Erst hatte er gelesen, nun war er damit fertig und guckte nach
dem bunten Schnitzwerk der mchtigen eichenen Truhe und tastete mit den
Fingern ber den Namen und ber den Spruch und die Blumen.

Keine Uhr tickte, die Zeit war stehen geblieben.

Pltzlich rhrte Gorch sich.

Mutter! sagte er leise.

Heinrich erschrak wie einer, der sich ertappt wei, und zog die Hand
zurck und lie Truhe Truhe sein.

Mutter schlft, Gorch. Ich bin bei dir.

Der Bruder ffnete die Augen und richtete sich mhsam im Bette auf.

Was ist, Heinrich, Abend oder Morgen?

Die Klock mu so bei Zehn herum sein.

Ist das Wetter sichtig?

Heinrich bog die Vorhnge etwas auseinander.

Es ist heller Mondschein, Gorch.

La mich sehen! bat der Kranke, und als der Junge zgerte, verlangte
er dringender: La mich sehen!

Da schob Heinrich die weien Laken zurck. Und Gorch starrte unverwandt
hinaus und sah den dunklen Deich und die weite, graue Elbe und die
vielen Lichter, wie sie blinkten, wie sie kamen und gingen, und die
hohen, schwarzen Segel der Fischerjollen. Und sah den Mondschein, der
den Schatten der kahlen Linden auf die Steine warf, und den gelben
Mond, der gro und kalt am Heben stand.

Was in ihm vorging, was er sann und grbelte, was fr Gedanken ihn
berkamen, lie sich nicht sagen. Er sprach kein Wort und verzog keine
Miene. So blickte er lange in die Nacht, bis ihm die Augen zufielen und
er schwer in die Kissen zurcksank.

Da stand Heinrich leise auf und verhngte das Fenster wieder, und
wieder blieb die Zeit stehen.

Bis Gorch abermals erwachte.

Mein Seefahrtsbuch, Heinrich!

Was willst du damit?

Mein Seefahrtsbuch!

Er griff erregt in die Decken.

Ich wei nicht, wo es ist.

Mein Seefahrtsbuch!

Heinrich zog den Mund schief, es blieb ihm aber doch nichts brig, als
hinzugehen und es aus dem Schrank herauszusuchen. Hastig griff Gorch
danach, legte das abgegriffene Buch vor sich hin und bltterte darin
und sah nicht mehr, da er es auf dem Kopfe hielt, und fing an zu
erzhlen:

Sieh her, Heinrich!... als Leichtmatrose mit der >Pisagua< von Hamburg
nach Iquique und zurck. Salpeter geladen, Junge. Um Kap Horn. Zweimal.
Und zweimal ber die Linie. Sieh her, Heinrich!... Als Matrose mit der
>Lesum< von Bremen nach Ostindien. Um Afrika herum. Einhundertfnf
Tage. In Kalkutta von Bord. Mit dem englischen Steamer >Crawford<
nach London. Durch den Suezkanal, Heinrich. Mit einer norwegischen
Bark... der Deubel mag den Namen behalten haben... in Ballast nach
Frederikstad, zurck mit Holz nach Emden. Stille Leute, diese Norweger,
haben es aber hinter den Ohren, Heinrich. Mit der Jacht >Nebelung< in
der Levante herumgekreuzt. Feines Essen und nichts zu tun. Blo putzen
und scheuern, rein als 'n Kksch. Mit dem Fischdampfer >Poseidon<
neun Monate bei Spitzbergen im Eise gedonnert. Eisbren gefangen,
Heinrich. Waren aber nicht zahm zu kriegen. Mit dem Viermaster >Marie<
sechshundert Polacken nach Honolulu geschafft. Bse Fracht, Junge.
Sechshundert Seekranke. Dann von Rangoon mit Reis nach Liverpool.
Mit der >Columbia< von Hamburg nach Neuyork, dreimal hin und her.
Eine Notreise mit Harm Focks Ewer. Es war gerade in der Schollenzeit,
Heinrich. Ich wei es noch wie heute... Er brach ab, seine Gedanken
verwirrten sich auf ihrer Weltenwanderung. Mit schwcherer Stimme gab
er drein: Kanton... Singapore... Aden... Gibraltar... Lissabon...
Bordeaux... Reval... Stockholm... New Orleans... Kingstown...
Maracaibo... Hier schwieg er ganz: das Fieber war gekommen und hatte
einen dicken Strich ber sein Seefahrtsbuch gemacht.

Heinrich hatte genau zugehrt. Wie sie sich in seinem vierzehnjhrigen
Kopfe abmalten, so sah er all die fremden Hfen und Ksten vor sich:
mit hohen Leuchttrmen, mit runden Kuppeln, mit Palmen und Zedern, mit
gelben Mongolen und schwarzen Negern.

Gorch ermunterte sich wieder.

Das alles habe ich gesehen, Heinrich. Die ganze Erde, die ganze
Welt. Im Osten und Westen, im Sden und Norden. Und nun ich krank
zurckgekommen bin und keinen Sack voll Geld mitgebracht habe, bedauern
sie mich bei Euch am Deich und sagen, mein Leben sei umsonst gewesen,
und ich htte nichts davon gehabt. Sind groe Hansnarren, Junge! Groe
Hansnarren! Mein Leben ist *nicht* umsonst gewesen, und ich *habe* was
davon gehabt. Mehr, als sie denken knnen, und mehr, als ich selbst
glaubte. Ich habe gelebt und gelacht und gekmpft und bin immer weiter
gesteuert, immer weiter... aber, weit du, Heinrich, immer gerade aus.

Hattest du kein Heimweh? fragte der Junge.

Der Weltumsegler schttelte den Kopf.

Nein, Heinrich. *Da* war der Heimatswimpel schon, er lag nur ganz zu
unterst in meiner Teakholzkiste. Einmal htte ich ihn schon aufgeholt,
aber erst wollte ich noch mehr sehen, immer mehr. Die Welt war ja so
gro und wurde immer grer. Junge, du weit ja nicht, wie es auf dem
Kai von Singapore wimmelt von Menschen, braun, schwarz, gelb und wei,
wie schn die Sonne auf dem Golf von Neapel blinkt, wie eigen einem
das Nordlicht vorkommt, wie viel klarer im Sden die Sterne sind, wie
im Atlantik der Sturm rast, wie es tut, wenn man hundert Tage auf dem
Wasser gewesen ist und dann einen dunklen Streifen vor sich sieht. Wie
Kolumbus begrt du dein Indien. Und glcklich habe ich gefahren, immer
gute Reisen, kein Schiffbruch, keine Havereien, keine Krankheit ... bis
Maracaibo. Ich tausche mit denen nicht, die bis Altona oder Helgoland
gekommen sind. Ich habe gelebt.

Er verpustete sich einen Augenblick und schob sich das Kopfkissen unter
den Rcken.

Nun bin ich krank. Auf den Tod krank. Und kann nicht den kleinen
Finger rhren, ohne mir weh zu tun. Und habe keinen Willen mehr, als
den: nur erst still zu sein, nur erst unter der Erde zu liegen. Ich
kann kaum sitzen und habe bei Sturm und Nacht auf der Ra gestanden.
Wre ich hinuntergeweht. Aber so hinzuschmelzen, wie der Schnee im
Frhjahr, der auch wochenlang liegen bleibt. Und so schwach und klein
zu werden, das ist bs, Heinrich! So zu liegen und zu jammern.

Der Fieberfrost schttelte ihn.

Lach mich aus, Heinrich! Du bist gesund und die Gesunden tun am
besten, wenn sie ber die Kranken lachen... Und hr' nicht auf mein
Klagen, Heinrich. Wenn es zu weh tut, jammere ich mitunter, da es
schlecht gewesen und verkehrt von mir zu fahren. Es war nicht verkehrt,
Junge! Es war recht, war schn, schn und gut. Windstille, Regen,
Nebel, Sturm: alles war schn.

Sprich nicht so viel, Gorch. Es tut dir weh.

Nicht lange mehr, Heinrich... Heinrich! Du kommst nun Ostern aus der
Schule und willst zur See. Aber du sollst nicht, weil es mit mir schief
gegangen ist, und weil Vater und Jan geblieben sind. Sie raten dir
alle ab, ich hre es ja jeden Tag. Und ich soll dir auch abraten. Aber
ich rate dir *zu*, Heinrich! Glaube mir, es ist drauen doch schner
als binnen, und auf See weht die reinste Luft und am besten schlft es
sich, wenn die Seen an der Schiffswand pltschern und glucksen. Die
Welt ist nicht so fremd, Heinrich, wie sie erzhlen, wenn sie um den
Ofen sitzen. Sie ist blo gro. Sie wollen dich Jungen dumm schnacken,
dich breitschlagen... hr' nicht darauf ... sie sind jung *gewesen* und
knnen die Jungen nicht mehr verstehen.

Heinrich sah ihn fest an.

Ich tu auch doch, was ich will, Gorch.

Tu es, Junge! Begucke dir die Welt und denke an deinen Bruder, wenn du
um Kap Horn kreuzest. Und singe mit, wenn die andern Matrosen singen,
und bleibe nicht an Bord, wenn sie abends an Land gehen. Geh zur See,
Heinrich ... Und nun ... ruf' die Mutter ... ich fhle, da ich zu Ende
bin ... ich mchte ihr gern noch einmal die Hand ...

Damit fiel der wilde, ruhelose Weltumsegler zurck und verschied, um
hheren Ortes Verklarung abzulegen.





End of the Project Gutenberg EBook of Schiff vor Anker, by Gorch Fock

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHIFF VOR ANKER ***

***** This file should be named 56512-8.txt or 56512-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/5/6/5/1/56512/

Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

