The Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig

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Title: Das Weiberdorf

Author: Clara Viebig

Illustrator: Max Liebermann

Release Date: September 16, 2017 [EBook #55565]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS WEIBERDORF ***




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                    Das Weiberdorf


Einundzwanzigste Auflage




        Von =C. Viebig= sind folgende Werke im Verlage von
        #Egon Fleischel & Co. / Berlin W# / erschienen:

        =Romane=: Rheinlandstchter / Dilettanten des
        Lebens / Es lebe die Kunst / Das tgliche Brot
        / Das Weiberdorf / Die Wacht am Rhein / Vom
        Mller-Hannes / Das schlafende Heer / Einer Mutter
        Sohn / =Novellen=: Kinder der Eifel / Vor Tau und
        Tag / Die Rosenkranzjungfer / Naturgewalten /
        =Theater=: Barbara Holzer. Schauspiel / Phariser.
        Komdie / Der Kampf um den Mann. Dramenzyklus.




                     Das Weiberdorf

                  Roman aus der Eifel

                          von

                       C. Viebig

               Mit Umschlagzeichnung von

                Professor Max Liebermann

                  Egon Fleischel & Co.
                         Berlin
                          1907




                      Alle Rechte
                      vorbehalten




                    I.


Trapp, trapp -- hart klingen die Schritte auf der steinigen Landstrae.
Mnner, ein ganzer Trupp! Und nun noch ein Trupp und etwas weiter
zurck kommt noch ein dritter. Mnner mit Schwei auf den Stirnen, mit
Staub auf den Stiefeln, mit der ganzen Glut des frhen Sommers und
des hastigen Wanderns auf den gerteten Gesichtern. Jeder trgt sein
Bndel am Stecken ber der Schulter, paarweise schleppen sie auch ein
Kfferchen; alle haben sie die Taschen der stdtischen Sonntagsrcke
vollgestopft zum Platzen.

Nun halten sie an auf der Hhe von Schwarzenborn und verschnaufen.

Da unten liegt das Salmthal, schmal und grn und lieblich. Die klare
Salm schlngelt sich als Silberband; dort, an der letzten Krmmung,
ragen die Ruinen von Kloster Himmerod, schon verschleiert vom
Abendduft, und da, dicht zu Fen, scheinbar mit einem Steinwurf zu
erreichen, Eifelschmitt! Daheim, daheim!

Ein froher Schein glitt ber die heien Gesichter, ein tiefer Atemzug
hob jedem der Wanderer die Brust unter dem zerknllten Hemd. Da wurden
rasch die Hte vom Kopf gerissen und geschwenkt. Hurrah! Helao!
Derhm!

Der jngsten einer, der schlanke Kerl mit dem Feldblumenstruchen am
Strohhut, fing ein Lied an; er schmetterte aus Leibeskrften, sein
starker, etwas kratziger Tenor zitterte in mchtigen Schallwellen
ber die Bergrcken. Unten im Thal erwachte ein Echo. Das machte ihm
Vergngen; er hielt den einen Ton an, gleich stark, endlos, die Bnder
am Halse schwollen ihm, sein Gesicht wurde blaurot, die Augen quollen
ihm vor -- immer noch!

Die anderen bewunderten ihn: Dn kann et!

Immer noch -- da knacks, der Ton brach ab! In gekrnkter Eitelkeit
versuchte der Bursche noch einmal, aber die Stimme gehorchte nicht mehr.

En Krmmel in der Trt, saon se lao unnen zu Cllen. Haha, en Krmmel
in der Trt. Die Mnner lachten.

Der Snger wurde zornesrot und rusperte sich gewaltsam.

Loo sin, sagte begtigend einer der lteren und klatschte ihn
freundschaftlich auf die Schulter. Hal dei Maul, Jong! Sei net e su
bubsterzig[1], de Stimm kann mer net kommandieren, se es ken Maschien
on ken Framensch. Und dann augenzwinkernd. Wat maanste, Lorenz, ob
Lenzen Bbb heit awend besser pariert?

Dat Bbbchen?! Lorenz zeigte, schnell getrstet, die tadellosen
Zahnreihen. Et gitt gckig vor Freid. Se maanen all, mir kommen erscht
morjen. Er patschte sich auf die Lenden. Helao, dat gitt ebbes! Seit
Weihnachten en halw Jaohr ohne Schatz ges! Dat es net plsierlich.

N, n, dat es et aach net! Eine gewisse Rhrung bemchtigte sich
ihrer smtlich; ein jeder dachte an die, die an seiner Brust liegen
wrde. Die Ehemnner dachten an ihre Frauen, die Ledigen an die
Mdchen, die sie beim letzten Besuch zu Weihnachten am heiesten
gekt, hei gekt im kalten Schnee. Und jetzt war Sommer -- die
hatten lange fasten mssen!

Dat gitt en Freid! Man warf sich in die Brust, man brachte ja das
Glck. Schnell noch einen Blick hinunter in's dmmernde Thal. Da
warteten die Htten im milden Abendlicht, leichter Rauch kruselte sich
vom heimischen Herd. Da trumten die Wiesen, und die Bsche am Waldsaum
lockten mit verschwiegenem Dunkel.

Es schwebte etwas herauf, es kam mit dem Wind und flsterte im
Gras; die Luft koste leise und weich, Nebelstreifen wie winkende
Brautschleier stiegen aus dem Grund am Bach, Bume streckten
verlangende Arme aus. Jetzt -- hier -- da -- dort glomm ein Lichtchen
auf! Blasse Sterne, sehnschtige Augen in einsamer Kammer.

Niemand mehr auf den abschssigen ckerchen. Alles still, wie begraben.

Hh! Halloah! Gieht noch net schlaofen, eweil sein mir elao! Halloah
-- -- -- oa -- -- oah -- --! Einer da oben hielt die hohlen Hnde vor
den Mund und tutete hinein, dann warf er lustig sein Bndel in die Hh.
Lorenz, Josef, Mathesen, Hanni! Wn es dn erschten unnen? Hopp! Bonz
unnen, Bonz owen[2], voran gemaach!

Wie Pfeile schossen die Burschen bergunter, sie verschmhten die
vielfach gewundene Fahrstrae, auf steilen Richtwegen schnitten sie die
Serpentinen ab; polternd, prasselnd strzte ihnen loses Gerll nach.
Auch die gesetzteren Mnner eilten sich, eine pltzliche Ungeduld hatte
sie alle ergriffen, das Blut flo nicht mehr trge in den Adern, es
kreiste unruhig und stieg ihnen zu Kopf.

Heller und heller flimmerten unten die Lichtchen, sie warfen einen
trauten Schein aus den engen Kammerfenstern. Voran, voran! Se
Vogelstimmen piepten im Nest. Voran, quer durch's Brombeergestrpp!
Da sa schon eine weie Hauskatze auf der Lauer, sie sprang nicht
fort, sondern stie den sammetweichen Kopf schnurrend gegen die sie
streichelnden Hnde. Aber weiter -- die warteten!

Der Berghang wimmelte von dunklen kletternden Gestalten. Nun kam der
letzte Absatz, man rutschte, man glitt, man sprang -- nun lag das
Dorf ganz nah, melodisch tnte das Muh einer Kuh, ein sehnschtig
langgezogener Liebesschrei.

Noch atemlos, begann Lorenz zu schmettern, da war keiner, der nicht mit
einstimmte:

    Kommen wir in dieser Nacht,
    Fein Liebchen, fein!
    Seid ihr tot oder lebt ihr noch,
    Fein Liebchen, fein? -- -- --

Da war schon das erste Haus.

    Will das Mdchen net obstohn,
    Fein Liebchen, fein!
    So wollen wir's in die Blotz drohn[3]
    Fein Liebchen, fein! -- -- --

Immer lauter wurde der Gesang, er schwoll an und wuchs und drngte:

    Will das Mdchen sich net tummeln,
    Wollen wir die Thr auftrummeln -- -- --

Horch! Ein heller Schrei: Jesses, die Mannsleit!

Die Thr des ersten Hauses war aufgeflogen, ein Weib in Unterrock und
halb geffneter Taille strzte heraus, mit einem Satz stand sie mitten
unter den Mnnern, wild sah sie sich um -- wieder ein Aufkreischen --
da, sie strzte dem einen an den Hals.

Jesses, Hubert, lao biste! Komm erein, Mahn, komm erein. Ech haon uf
dech gelauert! Dag on Naacht, onsen Hhrgott waa et. Gelowt sei de
Jongfra Maria! Sie bekreuzte sich und ihn. Knner, Knner -- schon
sprang sie wieder zur Thr -- Knner, dn Vadder es elao! Sie zog
ihren Mann hinter sich drein, kaum da sie ihm Zeit lie, den Kameraden
zuzunicken; sie hielt ihn so fest am rmel, als frchte sie, ihn
gleich wieder zu verlieren. Die Frau mit dem schon faltigen Gesicht,
mit dem schlaffen Busen und den Zahnlcken, zeigte die Glut einer
Zwanzigjhrigen.

Se sein hei, se sein hei! Nur dieser eine Ruf, und alle Huser waren
pltzlich belebt, alle Fenster hell, alle Thren geffnet. Kinder,
in Hemden und barfig, wie sie aus dem Bett gesprungen, standen auf
der Schwelle; Frauen und Mdchen eilten auf die Gasse. Der weiche
Sommernachtwind spielte mit ihrem halbgelsten Haar und den hastig
bergeworfenen Kleidern. Laternen tauchten auf vor den Stllen, in den
Hfen, im Wirtshaus wurden alle Lampen angezndet; Peter Krumscheid
stieg eilig in den Keller und stach ein Fa an. Die Strae wimmelte
von Menschen, wie mit Zauberschlag waren sie alle erschienen, alle
umringten die Ankmmlinge. Das war ein Gesumm, ein Lachen, ein
Geschrei. Se sein hei, se sein hei!

Lorenz Schneider stand an der Ecke am Prellstein. Hier ging's hinein
in ein dunkles Gchen, erst zwischen Stallwnden, dann zwischen
Hecken -- nichts rhrte sich darin, -- und da war die Strae, hell vom
Lichtschein, der aus den geffneten Fenstern und Thren fiel. Alle,
die er kannte, standen da umher, aufgeregt, lachend und schwatzend;
die Weiber hatten die Mnner untergefat, die Mdchen begrten ihre
Schtze.

Immer wieder suchten seine Blicke; enttuscht fing er leise an zu
fluchen: Dunnerkiel, wo war das Bbb? Schlief sie schon so fest, da
sie den Lrm nicht hrte? War sie ihm untreu geworden? Da mute er
doch lachen, war denn hier wohl ein Mannsbild gewesen, um das sich's
verlohnte, ihn zu vergessen?! Er rgerte sich; warum kam sie nicht? Ob
er nach ihr fragte?

Vor dem Wirtshaus hatten sich die ganz jungen Mdchen, die heurigen
Hasen, in einer Reihe aufgepflanzt; neugierig und ein wenig neidisch
guckten sie zu, wie die lteren Schwestern und Bekanntinnen mit ihren
Burschen abzogen. Die Augen funkelten ihnen im Kopf, sie brachten die
Muler nicht zusammen. Sie stieen sich mit den Ellenbogen an und
kicherten, als Lorenz nach ihnen hinsah.

Den Schnurrbart aufdrehend, trat er zu ihnen. Das Gekicher wurde
strker. -- 'n Aowend, dir Mdercher!

Boschur, Lorenz, sagte keck die erste.

Tina? fragte er erstaunt. Zu Weihnachten war sie noch halbwchsig
gewesen, und jetzt trug sie einen langen Rock und sah ihn an mit
dreisten, unbewut begehrlichen Augen. Es dat Bbbche net mieh hei,
Tina? fragte er hastig. Lenzen Bbb?

Tina zeigte lachend ihre weien Zhne. Ech waa net! Mutwillig
blinzelte sie den Gefhrtinnen zu, er fhlte seine Hand ergriffen,
krftig geschttelt und dann festgehalten. In einem Augenblick hatten
ihn die Mdchen umringt; er stand mit Tina in der Mitte, die anderen
hopsten im Kreis, ausgelassen wie junge Bcklein, um ihn und die Dirne
herum.

Dommhaaten! Lao los! Unwirsch suchte er sich frei zu machen.

Autsch, autsch! Tina schlenkerte ihre Finger, gleich darauf packte
sie ihn auf's neue; wie ein Wall stemmten sich die Mdchenleiber ihm
entgegen.

Schneidersch Lorenz, kucktelhei, Schneidersch Lorenz! Haha, hahahaha!
Sie lachten wie die Tollen; dem Burschen schwirbelte es vor Augen
und Ohren, er wurde hin- und hergerissen, von einer gegen die andere
gepufft, Tina hing sich an ihn, er wurde sie nicht los, nirgendwo
konnte er den Kreis durchbrechen.

Dunnerknippchen, noachehs, wuh es dat Bbb? stie er mit einer
letzten Anstrengung heraus.

    Bbb hin, Bbb hr,
    Bbb, dat es en Zoddelbr -- hahaha --!

Immer dichter umdrngten sie ihn, immer schallender wurde das Lachen,
immer wilder das Drehen; er fhlte Tinas Hnde an seinem Rock, sie
prete ihm seine beiden Arme fest an den Leib. Jedesmal, wenn sie
aufhpfte, kitzelten ihn ihre krausen Haare unter der Nase, ihr Gesicht
kam dem seinen ganz nah. Da, ehe sie sich's versah, hatte er die Arme
frei; er schlug sie ihr um die Taille, ein derber Schmatz brannte ihr
auf dem Mund.

Sie schrie hell auf und wandte sich zur Flucht; mit lautem Gekreisch
stoben smtliche Mdchen davon, er hinterdrein. Hier suchte er noch
eine zu fassen und da eine -- die Rcke flatterten -- jetzt waren sie,
um das Wirtshaus herum, im Dunkel verschwunden.

Verflixte Rotznaosen, schimpfte der Bursche, und doch schmunzelte er
dabei. Die Tina war gar nicht garstig, noch schmeckte er ihre frischen
Lippen. Er schnalzte mit der Zunge, sein Durst war erwacht -- wo blieb
die Bbbi?

Langsam kehrte er zu seinem Prellstein zurck, in verdrossenen
Gedanken blieb er dort stehen. Da -- er schreckte auf, jemand zupfte
ihn von hinten am rmel. Am Eingang des Heckengangs stand eine
weibliche Gestalt.

Bbbchen? fragte er zweifelnd. Sie kam ihm so wenig schlank vor,
Lenzen Bbb war lang nicht so vllig gewesen. Bbbi?

Heihin! Schon zerrte sie ihn hinein in das dunkle Gchen; es schien
ihr noch nicht dunkel genug, sie schob ihn hinter die Regentonne an
der einen Stallwand. Jetzt schlang sie die Arme um ihn und kte ihn,
da ihm der Atem verging. Sie gebrdete sich wie nrrisch, lachte und
schluchzte und drckte ihn, ohne ein Wort zu reden; ihre warme Brust
bebte an der seinen, schwer hing sie ihm am Halse. Immer wieder preten
sich ihre Lippen auf seinen Mund, sie saugten sich frmlich daran fest.

Ein lange nicht gekanntes Wohlgefhl durchrieselte den Burschen -- so
kt doch nur der Schatz in der Heimat! Sein Blut, durch das eilige
Wandern und hastigen Trunk ohnehin erhitzt, schumte ber; nun war
er es, der sie immer mehr hinein in's Dunkel drngte und gegen die
Stallwand prete. Er erstickte sie fast.

Lorenz, chzte sie endlich, lao! Ein schmerzlich zitternder
Seufzer folgte.

Bbb, flsterte er zrtlich, mei Mdche! Eweil sein ech widder hei,
eweil wolle mer ons verlustieren. Dat gitt en Plsier! Komm! Er zog
sie kosend dem Ausgang des Gchens zu. Komm ehs zom Krumscheid, ech
traktieren dech!

Jao, jao. Sie schmiegte sich fester an ihn und drngte ihn doch immer
wieder tiefer hinein in's Dunkel.

N, n, flsterte sie dann hastig und verlegen, eech kann net ehnder
met der giehn, ech mo der erscht ebbes saon.

Wat dann? Waorom kannste net met mer giehn? Er hielt sie von sich ab,
etwas erstaunt; nun fiel ihm auch sein Verdru von vorhin ein. Waorom
haste mech e su lang lauern laossen, dau sakramentsch Dingen? Wollste
mech for en Naor halen? Eweil es et schuns e su spt, ech han Honger on
Dorscht! Von einem pltzlichen rger erfat, rttelte er sie. Haste
geschlaof?

N, n! Sie drngte sich wieder ganz dicht an ihn. Ech wollten
der nor vorerscht ebbes saon. Saog -- wie von einer dringenden
Notwendigkeit getrieben, fate sie seine Hand -- wanneh wolle mir
onsen Hillig[4] haalen?

Waorom? fragte er verwundert und beunruhigt zugleich. Und dann nach
einer Pause des Bedenken:

Zo Christdag; wat fraogste? Wann ech Vormann gnn!

N, ehnder, sagte sie rasch und kte ihn heftig. E su bal als
milich[5]! Ech mo der ebbes saon. Jetzt flsterte sie, aber ihr
Flstern war eindringlich, jedes Wort hob sich deutlich heraus. Ech
sein im sechsten Monat!

Kreizdonnerparapli! Es entfuhr ihm so wider Willen -- das kam zu
pltzlich! Er stie sie zurck und erhob die Hand wie zum Schlag.
Maach! Gott verzeih mer de Snd -- dau Onglcksmensch!

Sie fing an zu weinen.

Stumm stand er neben ihr und schob den Hut von einem Ohr auf das andere.

Auf der Strae war der Lrm verstummt, auch die Helle war weg, die
Thren hatten sich hinter den Glcklichen geschlossen. Kein Mensch mehr
drauen, die meisten saen im Wirtshaus. Jetzt tnte da der Jubel;
bis in den dunklen Winkel hinter der Regentonne verirrte sich das
Glserklingen und Juchzen.

Die Sterne waren aufgezogen, immer mehr entfalteten sie ihren Glanz.
Nachttau fiel, man hrte ihn in den Hecken tropfen; dazwischen
klang leises Schluchzen. In dem verschleierten, bleichen und doch
durchdringenden Licht, das vom Himmel niederzitterte, sah Lorenz zum
erstenmal deutlich die entstellte Gestalt seines Mdchens.

Mit einem: Dunnerkiel! fuhr er zurck, aber gleich darauf streichelte
er die Weinende.

Kreisch net, Bbbchen, sagte er gutmtig, er war heute nun einmal in
einer so weichen Stimmung. Kreisch net e su, domm Dingen! Wat passiert
es, es passiert, duh kann niemand neist dran nnern. Sonndag es Peter
on Paul, dn erschten Kirmesdag; onsen gaastlichen Hhr verknn ons,
ein for allemaol. Hn es su ebbes gewehnt, annere han aach schuns Malr
gehatt. Mir maachen stracks Hochzeid, on dann -- er kratzte sich
hinter'm Ohr -- jao, dann es dn Urlauw zu End. Mir Bochumer han zehn
Dag, de annern von Dortmund on Steele han aach net lnger. wer uf dn
Momang msse mir redur kommen. Kreisch net, Bbb!

Er schlang den Arm um ihre Hfte; langsam wandelten sie den Heckengang
weiter.

Rechts Grten, links Grten. Obstbume hngen ihre Zweige ber dichte
Weidorn- und Wildrosenhecken; zuweilen wechseln sie ab mit morschen
Bretterzunen, die sich schief neigen und ihren modernden Holzgeruch
mit dem slichen Duft der Gebsche mischen.

Wie zwei Schatten schleichen die Liebenden unter'm Bltterdach dahin,
von weilichem Dunst in einer Wolke umschwebt. In dem nahen Wiesengrund
erheben die Frsche ein leidenschaftliches Liebeskonzert; jetzt
verstummen die auch. Nichts regt sich, nichts lebt scheinbar rundum,
und doch ist ein stummberedtes Fordern in der Frhsommernacht, eine
warme treibende Sehnsucht.

Strker und strker fllt Tau, silbrig glnzt er auf den Grsern und
auf den gesenkten Scheiteln. Wie ein feuchtes Tuch legt es sich um
die heien Gesichter, um die heien Glieder; schauernd schmiegen sich
beide Gestalten fest aneinander. Sie stehen still und kssen sich, im
schmachtenden Sternenlicht scheinbar in Eins verschmolzen.




                    II.


Die Mnner von Eifelschmitt hatten nie viel Zeit; rasch wurde geliebt,
rasch wurde gefreit. Zweimal im Jahr -- im Winter zu Weihnachten, im
Sommer zu Peter und Paul -- kamen sie heim in's enge Salmthal. Sie
konnten da nicht ihren Lebensunterhalt verdienen; der Erwerb ist knapp
in der Eifel, karg hngen die ckerchen an den Bergen, lang sind die
Winter, kurz die Sommer.

Es war kurz nach dem deutsch-franzsischen Kriege. Das Aufblhen der
rheinischen Eisenindustrie machte das Heranziehen vieler Arbeitskrfte
notwendig.

So hatte ein Agent irgend einen Eifelschmitter hinausgelockt, der kam
zu Besuch heim, Geld in der Tasche; nun zogen die anderen hinter ihm
drein, wie die Schafe hinter'm Leithammel. Vater, Sohn, Gatte, Bruder,
alles wanderte aus nach Westfalen und tief in's Rheinland, wo auf der
meilenweiten Ebene dstre Fabrikstdte sich zusammendrngen und mit
ihrem nie stockenden schwarzen Atem aus Riesenschornsteinen den Himmel
anfauchen. Die Luft ist dick vom Kohlenstaub, die reinen Wolken selbst
sind angegraut; ewiger Rauch, Geprassel, Gerassel, Gekeuch, Gechz,
Gestampf, Sausen von Rdern, Schnauben von Maschinen, Pfeifen von
Lokomobilen, Pusten und Sthnen von Dampfkesseln. Kein Rasten, kein
Ruhen. Zur Nachtzeit bricht lodernde Glut aus Riesenbauten, an den fen
stehen Mnner, nackt bis zum Grtel, hei und berut wie Teufel, die
Hllenfeuer schren. Schweitropfen rinnen, Funken sprhen.

Hier konnte man die Eifelshne finden: umglht von Flammen, eingeengt
von Mauern, sehnschtig des Heimathimmels gedenkend, der sich rein und
khl ber den Eifelkuppen wlbt; unter dem die wohnen, die ihnen das
Leben gegeben; die auf sie warten, denen sie die Ehe versprochen, oder
die sie schon gefreit haben; wo die Kinder nach den Vtern verlangen.

Aber dann die Heimkehr! Durchjubelte Tage, durchjubelte Nchte. -- --

Heute saen sie alle bei einander im Wirtshaus. Der alte Krumscheid
mit seinem vertrockneten Holzgesicht kommandierte hinter'm Schenktisch.
Ein ganzes Regiment Weiber war zur Bedienung gedungen; mit lachenden
Gesichtern, flink wie Wiesel, liefen die Dirnen ab und zu. Bald wurde
die von ihrem Schatz gerufen, bald jene; dann setzte sie sich fr zwei
Augenblicke neben ihn, wohl auch auf seinen Scho, trank aus seinem
Glas und lie sich die glhenden Wangen streicheln.

Die schmalen Holzbnke lngs der gescheuerten Tische waren dicht
besetzt. Mann reihte sich an Mann. Nur wenige Frauen waren da, die
kamen erst gegen abend, wenn das Tanzen losging und die Musik; wenn das
Vergngen so gro wurde, da der Boden drhnte vom Stampfen der Fe,
Bnke umpolterten, Glser in Scherben klirrten.

Auf dem Platz vor der Kirche, um die paar Buden, darin Halsketten,
Fingerringe, Rosenkrnze, Lebkuchenherzen und Gerstenzuckerstangen
feilgeboten wurden, trieben sich Kinder herum, groe Stcke
Kirmeskuchen in den Hnden, die mit Blaubeerenmus beschmierten
Muler begehrlich gespitzt. Es hockten auch ihrer welche auf der
Kirchentreppe, bliesen in die neuen Trompeten oder zeigten einander die
vom 'Pappa' mitgebrachten Puppen.

Noch war die Strae feiertglich still. Hinter den kleinen Fenstern
putzten sich die Weiber; das vom vormittglichen Kirchgang her ber's
Bett gespreizte Sonntagsgewand wurde einer eingehenden Musterung
unterzogen. Wer noch ein besseres Kleid hatte, zog's heute nachmittag
an; glcklich die, die was Neues anthun konnte, das der Mann oder der
Schatz mitgebracht. Die Haare glnzten vom Strhlen mit Wasser und
Fett, die Rcke rauschten, die Gesichter waren blankgerieben, die Ohren
rot.

Die Sonne fiel schon schrg in's Thal und malte huschende, rasch
verschwindende Goldkringel an die weigetnchten Hauswnde.

Die sich bauschenden Rcke sorgsam gerafft, spazierten jetzt Mdchen am
Wirtshaus vorbei, immer hin und her. Kinder balgten sich um den besten
Platz vor den Fenstern, schleppten Steine herzu und Schemel, krochen
hinauf und drckten die Nasen an den Scheiben platt.

Drinnen in der Schenkstube, die zugleich den Kramladen des Orts
vorstellte, war die Luft dick, durchwrzt vom Duft eines ganz infamen
Knasters. An den geschlossenen Fensterscheiben krochen summende Fliegen
und drehten sich oben an der Decke in surrendem Spiel.

Man war noch ziemlich schweigsam, der erste Kirmestag verlief immer am
wenigsten strmisch. Doch jetzt -- lautes Halloh!

H, Pittchen! Helao, Pittchen. Uf dein Spezielles, Prost!

Peter Miffert war eingetreten; das linke Bein etwas nachziehend,
nherte er sich langsam dem ersten Tisch. Nicht jeder reichte ihm die
Hand; er schien das garnicht zu bemerken, er hatte fr alle das gleiche
halb gutmtige, halb verschmitzte Lachen. Als sie zusammen rckten,
lie er sich auf dem schmalen Pltzchen am Ende der Bank nieder. Er
sagte nicht: Rckt noch ebbes -- er sagte: Met Verlw und placierte
seine Beine so bequem als mglich unter dem Tisch.

No, Pittchen, rief Niklas Densborn, einer der lteren, der obenan
sa, wat schaffste? Dau giefst jao fett wie en Hammel! Dat glauwen ech
der, dau has jao aach en Lwen wie onsen Hhrgott in Frankreich!

Spaor dei Red, schrie Thomas Laufeld, ein stmmiger Bursche mit
einer Stupsnase. Dn kann dat Lwen jao bal net mieh mantenren[6]!
Kucktelhei dat Pittchen! Er brllte, um sich in dem allgemeinen
Gelchter verstndlich zu machen, packte den neben ihm sitzenden
Miffert bei'm Handgelenk, streifte ihm den rmel zurck und hielt
gewaltsam den mageren Arm in die Hhe. Kucktelhei, Haut on Knochen, ke
halw Pndche Fleisch!

Peter strebte, sich frei zu machen, aber ohne Gewalt, ganz sanft; sein
hbsches Gesicht lchelte noch immer. Lao de Dommhaaten, sagte er
gelassen.

Laufeld brllte weiter, er schien einen besonderen Ingrimm zu hegen.

Dau thtst aach besser, dau gingst met ons uf Arweit. Wat hockste
hei bei de Fraleider?! Kuck -- er hielt seinen fleischigen Arm neben
den drren des Peter und schlug sich auf die herausgedrckte Brust,
da es klatschte -- dat es en Kerl! Dat micht de Arweit, on wann mer
net alleweil de Menscher am Schrzenzippel hngt! Dau deierlicher[7]
Schmachtlappes, drr wie en Axstill, dein Fra haot dech wohl --

Mein Fra aus em Spill, sagte Miffert pltzlich und machte eine kurze
Bewegung, als ob er eine Fliege wegscheuche -- da lag auch schon der
Laufeld unter der Bank, wie niedergeschmettert.

Man half dem Gestrzten auf; ganz verdutzt stand er da und klopfte den
Staub von seinen Hosen. Die anderen lachten, einige schimpften.

Drr wie en Axstill, wer Kraft wie en Ochs, brummte anerkennend
Niklas Densborn; und dann sich zu Miffert wendend, der dasa, als ginge
ihn all das nichts an, sagte er vorwurfsvoll: Et es en Schand, Peter,
dat dau net erunner maachst in die Fabrik; dau has Schlosser gelernt,
dat kmmt der lao zo pa. On guden Verdienst gitt et lao unnen; bei
owen kannste Hongerpoten ktschen![8]

Miffert zog das Maul schief; er sah unbeschreiblich faul aus in der
nachlssigen Haltung, mit der etwas hngenden Lippe und dem schlfrigen
Blick unter schweren Lidern. Er sprach auch schlfrig, kaum da er die
Zhne von einander brachte:

Dir wollt mech wohl pisacken?! Hei -- er wies auf sein lahmes Bein
-- dat es mer zu schanierlich, ech kann net e su trawalljen[9] wie en
annern. Seine Stimme wurde klglich: Ech haon dat Wieh im Enkel; ech
haon et met uf de Welt gebraach, lao es neist bei zo maachen!

Ojeh, Alfanzerei, schrie Mathesen Martin und schlug auf den Tisch,
da die Glser sprangen, wat micht dn for Fisematenten! Wieh im Enkel
-- haha, wn dat zweifelt![10] Lao de Comedi, faules Luder! Schlaofen
on erum lungern on de Weibsbiller karessieren, dat es sein Gu![11]

Miffert verzog keine Miene, er hatte die Ellenbogen aufgesttzt und
guckte in sein Glas.

Hn es faul, faul, dat et stinkt!

Jao, jao, stimmte der vorhin zu Boden geworfne Laufeld eifrig bei.
Faul wie de Snd! Sitzt im Dreck on rhrt sech net!

Ehnder gnn Brameln[12] Weinbeeren, als dat Pittchen arweiten duht,
schrie irgend einer.

Die ganze Gesellschaft stimmte zu: Jao, Brameln gnn ehnder
Weinbeeren, hahahaha!

Peter Miffert lachte selbst mit, ein lautloses Lachen, das ihn aber
inwendig ordentlich stie; er kniff die Augen zusammen und schttelte
sich.

Waorom sollen ech mech e su afrackern, sagte er dann gutmtig, dat
Lwen es korz, mir haon nor einmaol Plsir dervon. Wat de gaastlichen
Hhren aach saon, wat mer haot, haot mer. Uf dat, wat mer versproch
krieht -- er lachte verschmitzt und stie einen leisen Pfiff aus --
dat gilt en Dreck!

Die Mnner sahen ihn verdutzt an. Er lie seinen schlfrigen Blick, in
dem es zu funkeln begann, reihum gehen.

Wer waa, wie bal hn verspillt haot! Ech mu en Dauer met eich haon,
ihr Leit, dat dir eich e su schindt. Awer jeden naoch senem Ehs![13]
Er zuckte die Achseln.

Sie nickten betroffen. Recht haot hn! Auf viele Gesichter lagerte
sich ein pltzlicher Ernst; da waren Falten eingegraben, Furchen, wie
im aufgewhlten Acker, die man vorher nicht gesehn.

Mer mo sech schinnen, on wat haot mer dervon? murmelte der Densborn
und lie die Faust schwer niederfallen.

Eine Weile schwiegen sie alle, dann sagte der Densborn mit einem
Seufzer: wer et es doch emaol net anners. Hal dei dreckig Maul,
schrie er pltzlich Pittchen an, dau schandlusen Kerl.

Dieser musterte mit pfiffigem Lcheln die stumpfen Gesichter. Mer mo
wissen, wn mer dreiwt, wann mer en Esel vor sech haot! sagte er.

Sie verstanden ihn nicht -- was wollte er damit sagen? Sie sahen nur
sein spttisches Lcheln, und das gengte. Die Kpfe wurden rot, eine
gewisse Unruhe fuhr in die Beine, Fuste ballten sich heimlich.

Ein paar von den jungen legten sich herausfordernd ber den Tisch.
Wat? Wat? Esel --?! Esel haot hn gesaot! Wn es dn Esel? H, saog
dat noch ehs!

Ein Murren ging von einem Ende der Stube zum andern. Esel, Esel!
Die Fe scharrten ungeduldig, die Augen funkelten, das Murren wurde
grollender. Die schnste Prgelei schien in Aussicht.

Martin Mathes hielt schon drohend dem Miffert die Faust unter die Nase:
Maach!

Pittchen duckte sich wie eine Katze. Aus seinen tiefliegenden Augen
scho ein versteckter Strahl, aber seine Stimme klang geschmeidig: Wat
willste? Wat haon ech dann gedahn?

Esel -- Esel! Mir wollen dech liehren, Esel saon! Dau Hongerlieder.
Saog noch ehs: Esel! Mir schlaon der alle Rippen im Leif dorch, dattste
ke Glied mieh rhre kanns!

Jesses, seid dir gckig?! Peter that sehr verwundert. Esel -- Esel
-- wn haot ebbes von Esel gesaot?! Er drehte den Kopf hin und her,
als ob er jemanden suche. Su ebbes von Ausverschmtheit. Wn kann sech
onnerstiehn, ebbes von 'Esel' zo saon?!

Er war ganz Emprung, Erstaunen und beleidigtes Ehrgefhl. Sein Gesicht
trug den Ausdruck ruhiger Unschuld und harmlosester Verwunderung; mit
offenem Lcheln sah er einen nach dem andren an und hob dann sein Glas.
Zogott,[14] dir sollt lwen! Ech duhen der Bescheid, Nikla! Mathes!
Thom! Zogott!

Zgernd stieen sie mit ihm an; sie waren ganz unsicher geworden.

Peter seufzte und sttzte den Kopf schwer in die Hand. Jao, et es en
dreckig Welt, ech haon et bal saat! Dir haot et noch gud, wer ech arm
Luder! Er ghnte. Ech kriehn neist von der Welt zo siehn. Mer hockt
alleweil hei in der buckeligen Gjend, on de Weibsbiller sein mer bis
-- er fuhr mit dem Handrcken unter'm Kinn her -- bis heihin!

Das htte er nicht sagen sollen, mitrauische Blicke trafen ihn; da
war besonders der Mathesen Martin, der schien ihn auf dem Strich zu
haben. Man munkelte im Dorf, dem Mathesen sein Zweiter sei dem Pittchen
wie aus den Augen geschnitten.

Dau Faxenmaacher, schrie Martin. Glauwt net, wat hn babbelt! Dn de
Fraleider saat --?! Er lachte zornig. Dau Filu! Er sprang auf und
ging drohend auf Miffert zu. Hinner jeder Diehr sticht hn, an jeder
Schrz hngt hn! Waart, ech will dech Conduiten liehren! Rot vor Wut
wollte er sich auf Peter strzen, dieser blieb gelassen sitzen.

Gemaach, gemaach, Martin, mischte sich der Densborn ein, lao hn!
Mir wollen ke Streit anfnken, heit am erschten Kirmesdag. Wat willste
maachen? Wat geschehn es, es geschehn. Framenscher sein Framenscher. On
Dag on Naacht allein! Mer mo en Dauer met ihnen haon. Dn elao -- er
wies auf den Wirt hinter'm Schenktisch -- dn on de paor annern alden
Knackstiebel kannste doch net fr voll rechnen!

Der alte Krumscheid hatte trotz seiner Harthrigkeit verstanden;
nun war er beleidigt. Er warf sich in die Brust und pustete die
eingesunknen Backen auf. Dau Lausbub, schrie er herber, kmmst hei
erin geschneit on willst ebbes saon? Dattste net de Blaatz kriehst
vor Eingebildhaat! Lao sein Mdercher genog, de nach mer kucken. Gl,
Nettche?! Er kniff eine der Kellnerinnen in die Backe.

Laot! Das Mdchen schlug ihn derb auf die Finger. Ech haon eweil
ebbes Schieneres zo siehn, wie su en Stck Drrflaasch!

Brllendes Gelchter drhnte durch die Stube.

Miffert lachte nicht mit; er schlich vom Tisch weg, um sich unbemerkt
zu entfernen. Er war schon an der Thr, da sprang ihm Mathes nach. Hei
gebliewen, schrie er und drngte ihn zum Tisch zurck. Peter lie sich
drngen, er widersetzte sich nicht.

Kucktelhei, schrie der andere weiter, dem schon ein Rausch zu Kopf
stieg, dn Kalmuser![15] Dat es dn Bock, dn mir zom Grtner gemaach
haon! Frit de Blumen in anner Leit's Gaarten! wer hol dech in Aacht,
dattste net ausgezaohlt giefs -- dein Fra, dat Zeih, dat haot Aagen im
Koap! Ech dhten er net drauen uf fnnef Schritt. In der Not frit dn
Deiwel Fliegen; wer lao nor en annern kommen! -- Dat Zeih, dat es en
staatsch[16] Luder, en schnipp-schnappig[17] Mensch, dat -- --

Ein furchtbarer Schlag auf den Mund lie Mathes jh verstummen, betubt
taumelte er zurck.

Mit sprhenden Augen und erhobner Faust stand Miffert; nichts mehr
von schlfriger Trgheit war an ihm, ein lebendiger Mensch stand da,
mit rollendem Blut in den Adern, jede Muskel straff. In grimmiger
Wildheit bi Pittchen die Zhne aufeinander, und dann brllte er: Hal
dei Maul! Seine erhobene Faust sauste nieder. Dat es fr dat 'Luder'
-- on dat -- wieder hob und senkte sich die Faust -- dat es fr dat
'schnipp-schnappig Mensch' -- on dat -- on dat -- onnerstieh dech noch
ehs!

Wie der Hammer auf den Ambos, so sauste die Faust nieder -- hierhin,
dorthin -- hei, waren das Schlge! Da muten Funken sprhn und Eisen in
Stcke gehn.

Kein Mensch hatte sich gerhrt, starr vor berraschung standen sie
alle. Aber jetzt brach's los, mit Geschrei und Fluchen sprang man dem
Mathes zu Hilfe. Pittchen wurde weggerissen; in eine Ecke gedrngt,
wehrte er sich mit Hnden und Fen. Bnke strzten um, Glser klirrten
zu Boden -- Schimpfen, Lachen, Drohen, Schreien, Stampfen, Fluchen,
Toben -- da -- die Thr ging auf!

Wie erschrocknes Hhnervolk in die Ackerfurche, wenn aufscheuchende
Schsse knallen, so fiel es in die Stube ein, mit Rauschen und Rascheln
und Schwirren -- die Weiber! Voran eine, die anderen alle durch ihre
ppige Flle in Schatten stellend.

Schkandal? rief Lucia Miffert fragend.

Entschlossen stie sie die vordersten bei Seite, stellte sich vor ihren
Mann und deckte ihn mit ihrer krftigen Gestalt.

Wat gitt et hei? rief sie hell. Ruhig, Pitter! Dao haste ebbes! Sie
teilte dem ersten, der wieder auf sie eindrang, eine Maulschelle aus,
halb scherzhaft, halb im Ernst; jedenfalls zeichneten sich alle ihre
fnf Finger auf der Wange des Getroffenen ab.

Dunnerkiel! Der Mann fuhr zurck und rieb sich das Gesicht.

Kuckste, lachte sie heiter, dat kmmt dervon! Laot de Dommhaaten,
heit wolle mir Plsier haon, ihr Mannsbiller! Aus ihren schnen runden
Augen sandte sie einen vollen Blick ber die ganze Gesellschaft, ihre
weien Zhne blitzten, ihre Stimme bertnte allen Lrm. Jesses, die
Mannsleit, e su ebbes! Haha! Haun sech wie de Knner! Hahahaha!

Sie wollte sich ausschtten vor Lachen; ihre gesteiften Rcke
raschelten, ihr braunrotes Sonntagskleid, das sich knapp ber die volle
Brust spannte, krachte in allen Nhten. Hahahaha! Wieder das Lachen.
Es klang so lustig, so leichtherzig; es wirkte ansteckend, die Muler
zogen sich breit, alle Gesichter grinsten. Die geballten Fuste thaten
sich auseinander oder versenkten sich in die Hosentaschen.

Frau Lucia ersah ihren Vorteil; wieder sandte sie einen vollen Blick
umher und wiegte sich lachend in den Hften.

An der Thr standen die anderen Weiber zusammengedrngt, jetzt wagten
auch sie sich heran; jede packte ihren Mann unter dem Arm, die Mdchen
hingen sich an die Burschen. Danzen! Danzen!

Wie gerufen tnte in der Ferne Musik.

Muhsik! De Muhsik!

Das waren die Musikanten von Manderscheid, fnf Mann hoch kamen sie
eben vom Berg herunter. Sie spielten sich selber zum Einzug was auf.

De Muhsik kmmt! Helao, de Muhsik! Die Kinder auf der Strae stieen
ein gellendes Freudengekreisch aus, pfeilgeschwind rannten sie den
Fnfen entgegen, umringten sie und begleiteten sie hpfend und
jauchzend zur Wirtshausthr.

Unentwegt fiedelnd und blasend, zogen die Musikanten in die
Schenkstube; man lie ihnen kaum Zeit, einen Trunk zu thun. Mit starken
Armen schleppten die Mnner die Tische auf die Strae, die Weiber
rckten die Bnke lngs der Wnde -- nun war der Tanzsaal fertig. Der
schwenkende Rheinlnder hub an, auf dem engen Platz drehten sich an die
dreiig Paare auf einmal.

Das war ein Stoen, Drngen und Puffen. Jeder wurde auf die Fe
getreten und trat wieder; noch keine halbe Stunde war vergangen, und
die Luft war undurchdringlich von Staub. Man konnte kaum sehen; durch
den Dunst schimmerten die glhenden Gesichter wie rote Flecke. Man
ffnete kein Fenster, nur die Thr stand offen, in dem dunklen Hausflur
tanzten auch noch welche.

Lucia Miffert war eine begehrte Tnzerin; sie tanzte nicht leicht, man
fhlte eine volle Last, aber gerade das war schn, man wute, was man
hatte, und sie verstrkte das noch, indem sie sich recht fest auf den
Arm ihres Tnzers lehnte. Und dabei war sie nicht stumm wie die andren
Weiber, die sich drehen lieen, immer mit dem gleichen feierlichen
Ausdruck des Gesichts. Sie schwatzte und lachte, ihre lustigen Augen
blitzten nah in die des Tnzers, ihr warmer Atem kitzelte seine Wange;
kein Wunder, da die Mnner sie immer fester und fester drckten.

Von einem Arm wanderte sie in den andren, ihre gesteiften Rcke wurden
schlaff, das dunkle Haar hing ihr verwirrt in's Gesicht. Ihr helles
Lachen bertnte die Musik; wo sich in den Tanzpausen die Mnner am
dichtesten zusammenknulten, da stand sie.

Dem Peter wurde zugetrunken: Prost, dat Zeih soll lwen!

Mit verdrossnem Gesicht stand er hinter der Stubenthr und folgte ihr
mit den Augen. Er tanzte nicht mehr; als ein besonders helles Lachen
die Musik berschrillte, hatte er mit einer heftigen Bewegung pltzlich
seine Tnzerin stehen lassen, die er vorher, trotz seines lahmen
Beines, mit viel Gewandtheit geschwenkt.

Die Mnner tanzten mit der Cigarre im Mund, ber die Schulter der
Tnzerin paffend; durch den undurchdringlichen Qualm bohrte Peter die
Blicke -- wo war sie? Mit wem tanzte sie?

Gerade jetzt schwenkte sie der Bursche, auf dessen Wange sie vorhin
ihre fnf Finger abgedrckt; es schien dem Peter, als schmiege sie sich
besonders fest an den, als flstre der ihr was Verliebtes in's Ohr.

Mit einem Satz strzte er sich auf das Paar; rechts, links im Gewhl
Pffe austeilend. Nun hatte er sie erreicht. Gief Obacht, Zeih, sagte
er, halb bittend, halb grollend, danz net e su vill, ons Josefche
schreit sons de ganz Naacht!

Lao hn schreien, lachte sie und tanzte weiter. Sie hatte seiner
nicht Acht.

Verzweifelt ging er vor's Haus, er konnte das da drinnen nicht mehr mit
ansehen.

Auf dem Prellstein an der Ecke sa ein altes Weib mit einem fest
eingewickelten Kind auf dem Scho.

Kmmt se noch net? kreischte sie Miffert entgegen. Dat Knd gitt
schuns ganz blao[18] fr Schreien!

Er beugte sich ber das quiekende Bndel. Die Augen hatte das
Sechswochen-Kind geschlossen, aber das Mulchen stand durstig offen,
immer jammerndere Laute drangen daraus hervor.

Finster sah der Vater auf das verquollne Gesichtchen; langsam, in
Gedanken, ging er dann zur Wirtshausthr zurck. Er schickte einen
Knaben hinein. Saog dem Lucia Miffert, et soll ehs erauskommen.
wer saog net, wn naoch er schickt, schrfte er ihm ein. Saog: et
pressiert!

Sie kam, die Wangen hei gertet, schnell atmend, mit wogender Brust
und geffneten Lippen. Neugierig sphte sie aus.

Dau --?! Wat willste? fragte sie verwundert ihren Mann.

Ons Josefche, sagte er nur vorwurfsvoll und wies mit dem Daumen nach
der Ecke hinber. Klgliches Schreien kam von dort her.

Jesses, ons Josefche! Dn hatt ech ganz verg! Mein arm Josefche!
Frau Lucia ri der alten Frau das Bndel vom Scho, wiegte es tnzelnd
hin und her, setzte sich dann auf den Prellstein, knpfte ihre Taille
auf und legte das Kind an die volle Brust.

Das hungrige Josefchen war still; sie selbst lehnte den Kopf hintenber
an die Hauswand. Mit geblhten Nasenflgeln, schwer atmend, die Lider
halb geschlossen, lauschte sie mit verzcktem Lcheln nach der Musik im
Tanzsaal.

Es war noch nicht dunkel genug, Peter sah die weie Haut schimmern, die
so weich und sammetig war, wie das Fell einer jungen Katze.

Zrtlich murmelte er: Zeih, danz ehs met mer!

Gren, e su gren, flsterte sie, schlug die Augen auf und sah ihn
voll an.

Zeih -- dau Framensch -- ech -- ech sein gckig naoch der, stie
er lauter hervor, zwischen zusammengepreten Zhnen. Saog, datste
mech noch liew has -- Zeih, saog et! Sein mitrauischer Blick glitt
zwischen ihr und der Wirtshausthr hin und her.

Sie lachte so herzlich, da das Kind wimmerte. Ksch -- ksch -- hahaha!

Laach net! Er stampfte mit dem Fu und sah sie von unten herauf unter
zusammengezogenen Brauen an.

Jesses Maria, wat michste fr en Visasch, sagte sie heiter.
Pittchen, ech sein eweil e su fidel! Dau wirst mer doch net dat
Plsier verfumfeien[19]? Pittchen! Sie streckte die Hand aus und zog
ihn zu sich heran; ihre Augen baten. Sei net unkommod, Pittchen, et es
jao nor om en klein Vernnerung zo maachen. Ech danzen aach met der.

Su komm, drngte er, komm!

Er lie ihr keine Zeit mehr; lachend schob sie der Alten das Kind in
die Arme, knpfte ihre Taille zu, schttelte ihre Rcke und hing sich
an den Arm ihres Mannes.

Es dunkelte jetzt stark. Immer noch eilten Gestalten in's Wirtshaus;
unter den Sptkommenden waren auch Lorenz und seine Verlobte, die heute
zum ersten und letzten Mal Aufgebotenen.

Bbbi sah verweint, aber doch strahlend aus; der Bursche weniger
strahlend, mit einer gewissen gleichgiltigen Energie gewappnet. Sie
hatten heut einen schweren Stand gehabt, den ganzen Nachmittag hatten
sie bei den alten Schneidersch um die Kammer neben dem Stall gebettelt;
da sollte die junge Frau wohnen, wenn der Mann wieder ber alle Berge
war.

Noch schluckte Bbbi an ihren Thrnen, aber stolz erhobnen Hauptes ging
sie an der Hand ihres Lorenz -- wer konnte ihr jetzt etwas nachsagen?!

In der engen Thr stieen sie mit den Mifferts zusammen, etwas unsanft
prallte Pittchen gegen die Braut. Sein Mund verzog sich, er zwinkerte
pfiffig. Helao, dat Lenzen Bbb! Ech dachten, et wr en Luftballon!

Lucia kicherte.

Lorenz schnob ihn wtend an: Kehr vor deiner Diehr! Duh nor net e su,
als ob dat Zeih alleweil uf 'm Extrastiehlche ges htt. On dau, dau
sollst et doch slwer wissen, dau Schrzenhnker --

Still biste! Lucia legte ihm die Hand auf den Mund. Net e su
onmanierlich, mein Jong! Ihre weichen, wenig verarbeiteten Finger
drckten fest und warm, jedes zornige Wort starb dem jungen Mann auf
den Lippen.

Neist for ongud, murmelte er. Lao los, Zeih!

Ech gradelieren der, Lorenz, sagte sie freundlich; und dann sich mit
ihrem strahlenden Lcheln zu Bbbi wendend, schttelte sie der herzlich
die Hand. Ech gradelieren der, Bbb, dau sollst glcklich gnn!

Merci! Das Mdchen brachte den Mund nicht zusammen, die Gratulation
machte ihr so viel Vergngen. Mir maachen kein gro Hochzeid, sagte
sie dann wichtig, en Stcker fnneszehn oder zwanzig; wer wenn dir
forliew nehme wollt, et soll ons freien!

Merci! Die Miffert knixte zierlich. Met Verlw, mir sein gren von
der Pardi!

Lorenz machte ein bses Gesicht -- hatte der Pitter nicht auch einmal
um sein Mdchen herumgeschnuppert? Die Bbb hatte es ihm selber
erzhlt. Da ihm das nicht eher eingefallen war! Wie lang war's her?
Traue einer den Frauenzimmern! Er glaubte ein Blickewechseln zwischen
den beiden zu bemerken. Zornig ri er Bbbi mit sich fort: Komm doch!

Auch Peter sagte ungeduldig: Komm! Keine war doch wie seine Zeih!
Er htte mit ihr fort mgen, dahin, wo kein ander Mensch war; keiner
sollte sie sehen, keiner sie lachen hren!

Als er mit ihr tanzte, prete er sie, da ihr der Atem verging.

Rund herum wirbelten die Paare. Immer rascher wurden die Tanzweisen,
immer wilder schwenkten die Rcke, stampften die Schuh; die
glattgeflochtenen Zpfe lsten sich, hie und da hingen einer schon die
losen Haarstrhnen ber den Rcken.

Immer fester packten die Mnner zu. Die kleine Tina hatte auch einen
Schatz gefunden. Der stupsnasige Laufeld hielt sie in den Pausen auf
dem Scho und lie sie aus seinem Glase trinken.

Heute nachmittag erst hatte sich das angebandelt. Tina hatte in ihres
Vaters Garten gestanden und den Hals gereckt, als der Bursche vorber
kam. Ihre begehrlichen Augen zogen ihn an, er blieb stehen; die Arme
auf den Zaun gesttzt, sprach er zu ihr herber. Sie war im hellen
Staat, Blumen hatte sie vor die Brust gesteckt. Lange hatten sie
miteinander geschwatzt, sie schnippisch, neugierig und verliebt; er im
Ton eines Eroberers.

Nun war sie sein erklrter Schatz. Da konnten noch so viele kommen und
mit einem Kratzfu bitten: Leih mer dei Mensch! -- nur er tanzte mit
ihr. Er war galant und bestellte Wein, Bier und sen Likr.

Sie trank alles durcheinander; zuletzt wute sie nicht mehr, was sie
sprach, was sie that, sie sa unbeweglich und starrte mit glasigen
Augen vor sich hin. Da fhrte er sie hinaus.

Das war kein Tanzen mehr, das war ein Rasen. Kein Takt, kein Schritt,
kein Drehen mehr, nur ein wildes Durcheinanderhopsen. Lenzen Bbb war
mitten dazwischen. Der Lorenz war schwer betrunken, er wirbelte sie
herum, da sie gegen alles anstieen, gegen Menschen, Bnke, gegen den
Schenktisch; zuletzt kam er mit ihr zu Fall. Kein Mensch half ihr auf;
man stolperte ber sie weg, jeder hatte mit sich zu thun, keiner stand
mehr fest auf den Fen.

Wer noch gehen konnte, stahl sich mit seinem Schatz zur Thr hinaus.
Ein Paar nach dem andren schlich um die Regentonne an der Stallwand,
hinein in's dunkle Heckengchen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Und weiterhin die nchtlichen Felder in Tau und ahnungsvoller
Dmmerung. Eine unendliche Reinheit ist in der Luft, eine unendliche
Reinheit am Himmel; die Sterne funkeln in berirdischer Klarheit, ehe
sie erbleichen. Unendliche Reinheit weht ber die Berge, unendliche
Reinheit steigt zu Thal. Mit angehaltenem Atem lauscht die Natur und
schauert und bebt vor der unendlichen Reinheit des Morgens.

Horch! Im Dorf der erste Hahnenschrei! Er klingt wie eine Fanfare, wie
ein Trompetensto zum Beginn neuer Lust. Der zweite Kirmestag bricht an.




                    III.


Es ist frh am Morgen, die Sonne noch nicht aufgegangen, nur ber den
Bergen im Osten rtet sich schwach eine Wolkenschicht. Grau liegt das
Thal; von Frhnebel die Wiesen berwogt, wie von wallendem Wasser. Die
Hhne schreien sich heiser, Hunde schlagen an.

Ganz fern am Horizont blinkt noch ein Stern, ein schwaches Abbild
frheren Glanzes. Drei Uhr.

So frh ist man sonst in Eifelschmitt nicht auf den Beinen. Heut
klappen alle Thren; Weiber, notdrftig bekleidet mit Hemd und
Unterrock, eilen hinaus in den grauen Morgen zum Brunnen. Feucht geht
es nieder, als htte es geregnet; die niedrigen Scheiben der Fenster
sind dick angelaufen.

Aus jedem Schornstein kruselt schon Rauch und steigt mhsam durch die
schwere Luft zum farblosen Himmel.

Mit finster durchfurchten Stirnen stehen die Frauen am Steinherd
und kochen den Kaffee; unter'm hngenden Kessel schwehlt das feuchte
Reisig, der Dampf beit in die Augen, da sie weinen. Die Kche ist
kalt, das Herz schwer wie Blei.

Drinnen im Ehebett liegt noch der Mann und wlzt sich in den Federn;
er kann gar nicht herausfinden, der Kopf ist ihm schwer vom letzten
durchzechten Abend. Er sthnt und flucht.

Wie Gespenster schleichen die Weiber herum, bla, bernchtig,
hohlugig; die blhendste Wange ist heute bleich, der lachendste Mund
schmerzlich verzogen. Langsam tappen die bei der Kirmes mde getanzten
Fe.

Der letzte Morgen!

Rasch, rasch, die Zeit vergeht! Noch haben sie weit zu wandern, und
die Eisenbahn wartet nicht. Mit vor Hast ungeschickten Hnden hilft
die Frau dem Mann in die Kleider; Zrtlichkeiten werden nicht mehr
getauscht, die haben sich erschpft in den paar Tagen -- und wozu auch?
Er geht jetzt fort in die weite Welt, und sie bleibt sitzen im engen
Thal. So ist's nun mal! Mit der gewhnlichen Alltagsstumpfheit nimmt
man schon wieder sein Geschick auf sich.

Die kleinsten Kinder nur schlafen noch, die greren bringen Hut und
Stock und stecken dem 'Pappa' noch ein Brot und ein Stck altbacknen
Kirmeskuchen in's Bndel; sie wagen nicht zu sprechen, der Vater ist
unwirsch, die Mutter haut beim geringsten Lrm zu.

Still, still! Als wre ein Toter im Haus, so schleichen sie; winselnd
schnuppert der Hund herum und drckt sich dem Herrn an die Fe. --

In der Kammer der jungen Schneiderschen Eheleute brannte noch das
Lmpchen; es war so dunkel hier neben dem Stall, nicht Licht noch Luft
kam durch das schmale Fensterchen.

Bbbi wankte vom Herd zum Tisch, vom Tisch zum Bett, vom Bett zum
Schrank, immer verga sie noch etwas. Nackt und kahl engten die
rotgetnchten Wnde die drftige Kammer ein; wirr glitt ihr Blick
darber hin, ein Grauen kam sie an, -- und war's gestern nicht noch
hier wie ein Paradies?!

Sie war das rasche Abschiednehmen vom Ehemann noch nicht gewhnt; vor
zwei Tagen war erst die Hochzeit gewesen. Schluchzend sank sie auf den
Schemel am Tisch: Wanneh kmmste widder?!

Lorenz sa ihr gegenber, die Ellbogen aufgestemmt, und stierte in
seinen dampfenden Kaffeenapf. Kreisch net, Bbbi, sagte er endlich;
aber es wrgte ihn selber in der Kehle, seine Stimme war beklommen.

Sie sagten nichts mehr.

Die bunte Wanduhr in der Ecke tickte, der Zeiger rannte rasend schnell
-- schon zeigte er beinah vier. Eine fahle Dmmerung schlich durch den
dstren Raum; Bbbi pustete in das Lmpchen, da es stinkend erlosch.

Eweil giehn ech, sprach er und stand auf.

Noch net! Sie hing sich an ihn, von einer verzweifelten Angst erfat.
Dau has noch Zeid, bleiw -- krampfhaft packte sie seine Hand --
bleiw noch ebbes! Sie schrie laut auf: Nor ein Minut!

N! Er machte sich los. De anneren waarten!

Ech siehn dech gewi net widder -- Jesses Mari Juseb -- ech graulen,
wann ech strwen mo!

Dommhaaten! Mit verzognem Mund versuchte er zu lachen. Haal dech
gesond, on schreiw bal, hrste?! Adjes, Bbb! Er setzte sich den Hut
auf und griff nach seinem Bndel, mit dem freien Arm zog er sie an
sich. Jesses, Bbbchen, kreisch net e su! Bbbchen, biste gckig?!
Bbbche, mei liew Bbbche!

Wtende Ksse brannten auf seinem Mund, glhende Thrnen flossen auf
seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert. Mit Gewalt machte
er sich endlich los.

Ganz benommen taumelte er zur Thr -- noch ein Blick zurck, noch ein
Kopfnicken -- nun stolperte er ber die Schwelle. Nun war er fort.

Sich aufbumend stand das junge Weib in der Kammer -- da, horch! --
noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt
eilende Tritte -- jetzt nichts mehr!

Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Kniee
und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kissen. --

Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war der letzte. Sie foppten
ihn, da er sich nicht hatte trennen knnen. Auch viele Frauen und
Mdchen waren hier, die den Mnnern das Geleit geben wollten; mit
verstrten Gesichtern und frstelnd standen sie umher.

Oben, lngs der Chaussee, auf der Hhe von Schwarzenborn, stand ein
Busch, wie ein Haarschopf auf kahlem Scheitel; das war die Grenze,
soweit gingen sie immer mit. Da war schon manche Thrne auf den nackten
Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte wie eine dornige Wand
letzte Umarmungen versteckt.

Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, es war hohe Zeit. Noch
ein Schluck aus der Branntweinbuttel, die der Krumscheid in die Runde
reichte, und dann: -- Voran gemaach!

Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. Die Kathrine hatte schon
manches Mal Abschied genommen, die verzog keine Miene. Bald war ihr
ltester Sohn fnfzehn, dann wanderte der auch mit; 's war Zeit, da
der fortkam.

Trapp -- trapp -- -- --. Hart tnen die Schritte auf dem holprigen
Dorfpflaster. Trapp -- trapp -- das klingt wie Hammerschlge auf einen
Sargdeckel.

Haus nach Haus vorber; verdet bleiben sie alle zurck. Leer sind die
Grtchen, thrnenschwer nicken die Blumen am Zaun. --

Stumm schreiten sie die Strae gen Schwarzenborn hinan. Alle Gesichter
sind grau, alle Blicke trb, traurig suchen sie den Himmel -- oben auf
dem Scheitel des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche Helle
ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen lt, fast schwarz; scharf hebt
er sich ab vom weiten Hintergrund des Himmels.

Und dieser Hintergrund frbt sich rter und rter; die wie trumend
hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, bewegt sich, wird durchschossen
von rosenfarbnen Bndern, von goldnen Linien, von feurigen Blitzen.
Alles Grau der Wolken ist schon verdrngt. Eine Flamme loht auf, voll,
stark, gro -- riesengro -- sie leckt himmelan mit gierigen Zungen,
mit Windesschnelle greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges
entfacht, schlgt ihre lodernde Glut hher und hher, breitet sich
weiter und weiter.

Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig durchglht, jeder
Dorn, jedes Blatt.

Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel brennt! Der Himmel brennt!

Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert die Erde; ein
Feuervorhang verhllt den Himmel -- da -- jetzt -- jetzt hebt er sich,
er zerteilt sich! Ruhig, in majesttischer Gre schwebt ein Ball empor
hinter'm Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll Glanz -- die
Sonne!

ber Schwarzenborn stand die Sonne; und sie wanderten mitten hinein in
die Flut von Licht. Der Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter;
die der Mnner erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen mit der
Hand.

Voran gemaach, rief der Densborn und hob mahnend die Hand. De Sonn'!

Und Lorenz stimmte den 'Abschied' an; er mute singen, da sa was auf
der Brust und in der Kehle, das mute weg.

Er schmetterte der Sonne entgegen:

    Der, der, der, on der Abschied fllt mir schwer!
    On die, die, die, on die Abreis' noch viel mehr!
    Also fllt mir dieser Trost noch ein,
    Ech kann net immer an einem Ort sein,
      Mein Glck mu ech probieren,
        Marschieren!

Sie sangen alle mit:

    Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus!
    Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus;
    Wir wnschen euch zu guterletzt
    Ein andern, der die Stell ersetzt,
      Damit sei'n alle Wunden
        Verbunden!

Gegen den Schlu fiel der Gesang schon etwas auseinander; die Weiber
schluchzten, der einsame Busch war nah. Da war manch einer, der ein
wenig zurckblieb und die Seine auf offener Strae umfing.

Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; er hatte sie in den
Chausseegraben, hinter ein vorspringendes Stck Fels gezogen, da kte
er sie noch ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei ihren
Kssen bi sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; immer, wenn sie ihn
schon losgelassen hatte, strzte sie sich noch einmal auf ihn.

Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog sie am Rock: Komm ehs,
Tina!

Frech Dingen! Ein Schlag brannte auf der Wange der Kleinen, aber
diese lie nicht nach, sie zerrte die andre am Rock, dabei spitzte
sie den Mund und lchelte den Burschen an: Adjes, Thomas! Der kte
zuletzt das hbsche Kind auch noch.

Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur die Hand, dann machte sie
das Zeichen des Kreuzes.

Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder kmmst! Zu Weihnacht --
verge net! -- fr ons Trautche en Kleid von Kottong,[20] sechs Ehlen
-- wer, dat de Farf net schanschrt![21] On fr mech en Gedrucks, elf
Ehlen, et es nor fnnef Viertel breit. Adjes, Nikla!

Adjes, Kttche! -- H, allons, schrie der Densborn.

Lorenz wandte sich noch einmal zurck und schaute in's Thal hinunter;
er schwenkte seinen Hut, eigentlich war ihm nun schon ganz leicht um's
Herz. Adjes, Bbb, murmelte er, und dann pfiff er hell. Da lag die
Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er sich nicht, Plsier
gab's auch, zu Weihnachten kam man schon wieder nach Hause -- warum
denn grmen?!

Ksse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. Adjes, bring mer
ebbes Schienes met! -- Schreiw als bal! -- On dau aach! -- Bleiw
gesond! -- Gr ons Knner! --

Hndeschtteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, fort geht's! Trapp,
trapp! Hohl verklingen die Schritte, hinter der nchsten Erdwelle sind
die Mnner verschwunden.

Allein. -- Da standen sie nun um den einsamen Busch, eine verlassene
Herde. Der herbe Morgenwind wehte scharf ber's kahle Plateau; er
blhte die Rcke der Frauen, da sie flatterten wie Flaggen, in der Not
gehit.

Eweil sein se weg, sagte eine und starrte trbselig hinter den
Entschwundenen drein.




                    IV.


Peter Miffert sa vor seiner Thr auf dem Bnkchen. Die Beine hatte
er weit von sich gestreckt, die Hnde hielt er in den Hosentaschen;
behaglich schabte er den Rcken an der sonndurchwrmten Hauswand.

Still war die Luft, sehr hei; zwischen den Bergwnden hatte sie sich
gefangen und kochte und brtete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen
rhrte sich, die Bume regten kein Laub, lautlos schlngelte die Salm
ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.

Hier herauf zur letzten Htte, abseits von allen brigen, drang kein
Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne
Leben, wie versunken in einen Mrchenschlaf; seine kleinen, weien
Huser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen
Thlchen.

Peter dehnte und rekelte sich; dann sa er ganz still, die schweren
Lider fielen ihm noch tiefer ber die Augen, die Mtze rutschte ihm
bis auf die Brauen, er ghnte, da man seinen allerhintersten Zahn
sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten
Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. -- -- -- --
-- -- -- -- -- --

Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knpfen, Litzen
und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie
in aller Frhe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid
gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.

Peter hatte sie vor's Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann
beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause
geschlendert, um die Ziege und die Hhner zu fttern. Eben wollte er
sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom
alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel
sollte gepflgt werden, es pressierte!

Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann, sagte Pittchen
wichtig und schob den kleinen Boten zur Thr hinaus. Dann lachte er in
sich hinein -- das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit
Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war's da
khl genug.

Uf, dat es en Strawatz! Er ri das Hemd auf der Brust von einander
und warf sich querber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett.
Mit schlfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch
schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen,
und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie
bei dem Reisenden auf dem Wagen sa. Wie 'ne Dam'! Ihr bestes Kleid
hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon
in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie
sich zurecht gestutzt mit allen mglichen Bandschnippelchen; halbe
Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr
der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag
das dichte Haar schn wellig an den Schlfen; bis auf die Augenbrauen,
die wie ein dunkler Strich ber die lustigen, hellen Augen zogen, hing
es in glnzenden Kruseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund
zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.

Kotzdonner, war er nicht ein groer Esel, da er die Zeih mit dem
fremden Mannskerl allein fahren lie?!

Er zog die Stirn kraus; in einer rgerlichen Unruhe sprang er auf -- da
-- es klopfte schon wieder!

Die Thr ging auf; ohne ein 'Herein' abzuwarten, steckte Tina Ptsch
den Kopf in die Stube. Schlau lchelnd sah sie sich um.

Es dat Zeih net derhm?

N! Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so
viel nachzudenken.

Wie ein Ktzchen schlich sie sich nher, ihre Augen funkelten. Es dat
Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?

Woher wute sie das? Er sah sie verwundert an.

Sie sagte nichts, aber ihr Lcheln verriet sie. Aha, die hatte
aufgepat!

Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er
konnte nicht umhin, sie hbsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr
gut zu dem brunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine
Kirsche.

Wolltste ebbes vom Zeih? fragte er viel freundlicher.

N, von Eich, sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange
in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm
und lchelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.

Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen
Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein
Schmuckstck war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi
als winziges Pppchen hing daran.

Kuckt! Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich ber seine
Schulter.

Er nahm es prfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein
Stck abgebrochen. Wat sollen ech dermit?

Heil maachen!

Dat kann ech net.

Ojeh -- sie lehnte sich von hinten her fest an ihn -- wn dat
zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr
knnt ales maachen!

Lao mech gewrden[22], brummte er.

Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23], lachte sie. Schnauzt mech
doch net e su ahf! Sie griff ber seine Schulter nach dem Kreuzchen
und streifte dabei zart seine Wange. Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies
dran -- wupptich, su schnell wie gespauzt[24] -- ons Hhrgttche es
frdig!

Dau Fladdiererin, schmunzelte er und strich ihr die Wange. Saog ehs,
Mdche, von wem haste dat Hhrgttche? Von deim Schatz?

N, n. Sie that sehr verschmt. Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil
noch vill zo jong!

Hm, hm. Er betrachtete sie interessiert. On dn Thomas Laufeld --
no?! Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.

Sie schlug ihn auf die Finger. Autsch! Bah, dn domme Jong. Sie warf
die Lippen auf. Eweil es dn weit weg, waa Gott, wat dn micht! Et
gitt'r aach noch annere -- haha! Sie lachte hell und neigte sich ganz
zu ihm hinber.

Dao haste rcht in, stimmte er zu.

Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, da er nicht lngst mit
der Tina angebndelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren
-- und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die
hier hatte brennende Zndhlzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm
in's Gesicht, als wollte sie sagen: 'Brenn dich an; ich brenn' schon
lichterloh!'

Dau Racker, sagte er, zog sie an sich und kte sie mitten auf den
Mund.

Sie erwiderte seinen Ku, und dann kicherte sie: De Katz es net zo
Haus, eweil haon de Mus frei danzen! Dat Zeih --

Dat Zeih, unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mdchen
von sich drngen.

Ojeh, kicherte sie, dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dn
Hhr waor e su onwel net! Sie sah ihn von der Seite an. Puh, maacht
ken e su garschtig Visasch -- k mech, sons kssen ech dech!

Sie warf sich ihm so strmisch an den Hals, da er hintenber auf einen
Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in's Gesicht,
ihre Lippen schimmerten blutrot ber den spitzigen Zhnchen -- das
war die junge Katze, die erst krzlich das Rauben gelernt, auf deren
Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraes schwebt und sie
lstern auf neuen macht.

Sie sa auf seinem Scho, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er
dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten;
und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit.

Es war ein heies Schferstndchen in der schmutzigen Stube unter
der rauchgeschwrzten Decke. Das Herrgttchen lag am Boden, achtlos
trat Tinas Fu darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem
ngelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hrte auch nicht das
Huschen unter'm Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle.

Jetzt ffnete sich die Thr spaltbreit, grade weit genug, da Tinas
Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre
altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf,
Peter stand sehr betroffen.

Dau sollst erunner kommen. Billa ri die Thr sperrangelbreit auf.
wer tutswit[25]!

Maach, datste weg kmmst, schrie die andre und ballte die Faust.

Bh. Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit
Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. Ech waa ebbes! Helao, ech saon
et, ech saon et!

Tina wie eine Furie hinterdrein.

Kreizgewieder! Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hren und Sehen war
ihm vergangen.

En hongrig Laus beit am strksten, brummte er, und dann schlo er
seine Thr. Der Schwei stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm
geworden.

Er hockte sich auf den Schemel und sttzte den Kopf in die Hand. --
'Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!' Jetzt, wo er wieder zur
Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: 'Wo war die Zeih jetzt?
Was trieb sie?'

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Da -- Kreizdunner, fluchte er -- schon wieder Klopfen!

Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die
allein mit dem alten Grovater hauste; der Mann war unten in der Fabrik.

Ech haon als ons Hubertche geschickt, stammelte sie atemlos und
setzte sich auf einen Schemel, wollt Ihr net kommen?

Gewi, gewi, versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hbsche
Frau, keine von den groen, aber munter und wohlgeformt wie eine
Wachtel.

Et es pressant, sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende
Brust; gelaufen mute sie sein wie der Wind, sie war hochrot und
keuchte.

Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um
und musterte die armselige Stube.

Dat Zeih es net zo Haus? sagte sie dann.

N.

Et es nao Manderscheid?

Jao.

Duh kmmt et wohl erscht diesen Awend widder?

Jao.

Jesses, on dir haot niemand, dn Eich ebbes for zo en kocht! N,
su en Fra, lt dn armen Mahn ganz allein! Sie schlug die Hnde
zusammen. Es et menschenmilich?!

Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, whrend seine Frau
mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die lie
ihn schn im Stich! Aber wart, das wollte er der eintrnken!

Su en armen Mahn, rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht
beruhigen. wer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder -- Pittchen,
wit Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines:
Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech
aach derzu!

Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht
gegessen.

Kommt nor, sagte sie dringend und kam auf ihn zu.

Er wischte sich mit dem Handrcken ber den Mund, und dann legte er
den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. Dat es net zo
veraachten, seufzte er.

Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. On des Dauner Ks haon
ech aach noch derhm!

Donnerwetter, Dauner Ks! Den a Pittchen fr sein Leben gern. Dauner
Ks! Er drckte ihr einen Ku auf den Mund, da es schallte. Sie kte
wieder. Ku auf Ku. Sie packte ihn beim Kopf, sie war hei und rot,
ihre Hitze steckte ihn an -- da -- sie schreckten auseinander.

Von der Thr her sagte jemand: Met Verlw, und die Kathrine Densborn
stand mit spttisch verzognem Mund in der Stube.

Exkusrt! Ech kommen wohl onpa bei der schienen Onnerhaalung? Ech
haon gekloppt on gekloppt!

Sie warf einen verchtlichen Blick auf die kleine Steffes.

Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Knner kreischen, dat mer se
hunnert Schritt weit hrt. Dat Suche es de Trepp erunner gefaal, dn
Jakob on dn Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons
ppeln geschmi, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst;
eweil haste ebbes zo flicken!

Jesses Maria! Die Steffes rannte zur Thr, auf der Schwelle drehte
sie sich noch einmal um: Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!

Die Densborn lachte grimmig. Dau denkst: 'Besser half geleiert, als
ganz gefeiert' -- dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech
schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hn sech net hinner dn Spiegel
sticht!

O dau -- dau -- Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die
Densborn schob sie ber die Schwelle und krachte die Thre zu.

Gemaach, gemaach, sagte Peter; er war rgerlich, die junge, saubere
Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ltliche.

Entrstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.

Ech mo mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaot! Duh es
dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im
Omgang, on de Schienste weid on breid!

Sie lobte die Zeih ber alle Maen. Peter war ganz verdutzt, er hatte
nie geahnt, da die da was von der Zeih hielt -- im Gegenteil. Aber es
schmeichelte ihm gewaltig, da die angesehene Densbornin seine Frau
lobte.

Er lchelte und strich sich den Schnurrbart. Womit kann ech ufwaarten,
Fra Densborn?

Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten
Haut schmunzelte. Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud
sein wollt, on mer de Adre an dn Densborn schreiwen, ech haon net
e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se
knnen net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hn lse kann.
Hei! Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfltig mit
Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient.

N, wat Ihr geliehrt seid, sagte sie bewundernd, als er die Adresse
schrieb und noch einen kecken Schnrkel unter das 'Densborn' zog. Ihr
knnt besser, wie dn Hhr Lhrer zo Oberkail; wer dat es aach schuns
e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich
schullig, Pittchen?

Neist, neist, beeilte er sich zu versichern; er war immer galant,
wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte.

Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Drppche; von meim
Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fche im Keller. Sie drckte
ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften
Blicken der sonst so strengen Augen, da ihm ganz bnglich wurde. Er
war erleichtert, als sie ging.

Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende.

Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis,
und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte ber ihren
Mann geklagt, da sie der schimpfe und mit Eifersucht qule, sie hatte
geweint und geschluchzt und Pittchen an 'frher' erinnert.

Mit der einen lachen, die andere trsten und -- alle karessieren, das
war ein bichen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war
ganz abgemattet; kein Wunder, da er nun vor seiner Httenthr sa und
schlief. --

In der heien Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker,
fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen
hoch im Gras, lngst that ihnen das Mhen not.

Auf den ckerchen an den Hngen schimmerten weie Kopftcher, wie
hellere Flecken auf blagelblichem Grund -- da schafften jetzt die
Weiber.

Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder;
die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der
Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schwei rann
in Strmen; das Hemd klebte, na zum Auswinden, am Leib, die braunen
Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt
unter'm kurzen Rock.

Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da sa so ein Alter
am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar
halbwchsige Jungen hetzten mit 'Hot und Hahrh' eine magere Kuh, die
mhsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.

Glhend hei der Sonnenprall an die steilen Wnde; mager, mager die
Erdkrume, darunter harter Fels. Erbrmlich das Getreide; in winzigen
Mandeln stand es da, dnn im Stroh, gering in der hre.

Auch Bbbi war bei der Arbeit. Jesses, sagte sie und richtete sich,
schwer atmend, aus ihrer gebckten Stellung auf.

Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn
raffte, keifte: Voran gemaach! Sei net e su faul!

Ech kann net mieh!

Ech kann net mieh, ffte die Alte nach. Hammer dech dafor in de
schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gld,
om onntze Muler zo fudern!

Bbbi verbi die Thrnen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der
Kehle ringen: 'Wenn das der Lorenz wt'!'

Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen
essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie
selbstverstndlich an sich genommen; der jungen Frau, die schchtern
ihr Teil verlangte, wurde grob ber den Mund gefahren.

Lenzen Bbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte
schwachkpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als
Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht htte, zur Hochzeit
ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum fr die notwendigsten
Anschaffungen war etwas geblieben.

'Wenn er doch hier wre! Wenn er bald wiederkm'!' Das war der
Stoseufzer, der sich stndlich von Bbbis Lippen rang; mit einer
verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht.
Schwer wie die Brde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. 'Wr'
er nur wieder da!'

In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rtel jeden Abend einen Strich
an die Wand -- wieder ein Tag vorber! Noch hundertzwei Tage, dann kam
er!

Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib
traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer.

Nebenan auf der Stoppel pflgte die Tina Ptsch. Sie hatte ihre beiden
jngeren Geschwister, den dreizehnjhrigen Karl und die vierzehnjhrige
Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den
leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz
schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend
durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei
drehte die sich um.

Tina lachte.

Waart, dau frech Dingen, kreischte die jngere wtend.

Tina lachte noch immer.

H, hott, meine Peerdches!

Ech sein net dein Peerd! Billa warf sich in der Furche nieder.

H, hott! Willste ziehn?!

Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb
sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit
dem Fu in die Weiche stie, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich
in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen ri sie die berraschte zu sich
nieder. Sie wlzten sich beide auf der Stoppel.

Karl, nicht faul, nahm die Partei der jngsten Schwester; es war ihm
gelungen, sich loszustrngen, nun warf er sich ber die beiden Mdchen,
auf Tinas Rcken mit den Fusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden
liegend, erstickte fast unter der doppelten Last.

Das war aber alles noch Spa, in das Gekreisch mischte sich Lachen;
jedoch nun wurde es Ernst.

Tina hatte den Bruder in's Bein gekniffen, dafr ri er sie an den
Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Hhe, mit der
andern Faust schlug er ihr in's Gesicht. Das Blut flo ihr aus der
Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.

Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der
sich die drei wlzten. Die Meinungen waren geteilt.

Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schn
krieht, sagte eine.

Jesses, hn haut se kappores!

Speck on Schwart sein von einer Art -- die duhn sech neist!

Haal dem Jong de Bein fest, hn trampelt dat Bill zo Schannen!

 wat, Onkraut vergieht net!

Et blut jao!

Hilf! Hilf! kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit ber die
cker.

Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei.

Wat es passiert? Wn schreit e su? Kuckt elao! Jemarijusep!

Et es en Schand, rief die Densborn, dat dir dat Tina half dud
schlaon laot! Krieht hn beim Schlawittchen! Lte los, dau infamichte
Karnallij! Sie zerrte den Jungen am Bein.

Laot hn nor, schrie die Steffes gegen, kmmert Eich erscht om
Eiren Jong! Dn Karl haot ganz rcht, dat Tina pisakt se Dag on Naacht.
Wn onschullige Knner schlt, es slwer Prjel wert. Eier Hannickel
soll mer nor kommen! Hn haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale
Rippen wieh duhn; ech verklaogen hn bei de Hhren vom Gericht, on Eich
derzu, Eich scheinheilig Luder!

Wat -- wat, zeterte die Densborn, Ihr wollt noch rden?! Su en
Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en -- in der Wut versagten ihr die
Ausdrcke -- dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhm
es! Pfui! Sie spuckte aus. Su en --

Et es net waohr, et es net waohr, kreischte die Steffes; sie war
blutrot im Gesicht und wirbelte auf die groe starkknochige Gegnerin
zu. Ihr seid nor neid'sch -- jao, neid'sch! Haha! Sie lachte
krampfhaft. Ihr wollt slwer gren, Ihr --

Die andre schlug ihr auf den Mund: Liegnersch!

Ihr wollt slwer gren -- haha -- alde Schatehk!

Haha! Alde Schatehk! Wie einen Schlachtruf nahmen die jngeren Weiber
das auf.

Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie
hatten lngst einen heimlichen Groll auf die Densborn, die allem
nachschnoberte. Annemarei, dat es rcht! Lao der neist gefaalen,
Annemarei! Dat scheel Luder maant, et knnt hei kommandieren?! Su
hammer net gewett! Olau, Schatehk, alde Schatehk! Hahahaha! Ein nicht
endenwollendes Gelchter pflanzte sich fort.

Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knieen; in
groen Sprngen strzten sie herzu, die Sichel in der Hand schwingend,
mit flatternden Rcken und Geschrei.

Da wurden Haare gelassen!

Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am Schopf gepackt.

Dau mannsdoll Mensch, dau -- saog et noch ehs -- dau!

Neid'sch, dir seid neid'sch! Alde Schatehk!

Liegnersch!

Wolltst slwer gren!

Waart, ech will dech liehren!

Der Kampf wurde ernsthaft. Die groe Gegnerin schttelte die kleine wie
ein Bndel Kleider; diese schlug mit Hnden und Fen aus. Lieen sie
sich einen Augenblick los, um Atem zu schpfen, gleich strzten sie
wieder aufeinander.

Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetubendes Geschnatter.

Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche
hatten heimlichen Groll auszufechten, es waren nicht mehr die Densborn
und die Steffes allein, die aufeinander losgingen.

Die Geschwister Ptsch waren vergessen. Karl, die Hnde in den Taschen
seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend
am Boden. Tina wischte mit dem Handrcken das Blut von der Nase, dann
schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknuel nher. Sie hatte auch
ihre Feindinnen darunter -- rasch der Steffes ein Bein gestellt! Warum
hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!

Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde Leis, das Bschen
von der Steffes, und, mit ihren goldnen Zpfen, Tinas gefhrlichste
Nebenbuhlerin -- war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thr
geschlichen? -- versetzte ihr eins.

Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul, zischelte Tina hinter
zusammengebinen Zhnen.

Dau Rotznaos, schrie die Blonde verchtlich; sie war um ein oder zwei
Jahr lter.

Dau werstnnige Kwetsch![26]

Dau unreifen Appel!

Ech roppen der dein rot Brschten[27] aus! Tina griff krftig in die
goldnen Zpfe.

Vrun, Vrun, rief Leis die Freundin zu Hilfe. Komm ehs hr! Gief dem
dao eins hinnen druf, ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.

Hal dau dein Schn! Vrun, komm bei mech, schrie Tina. Ech saon der,
dat Leis -- Vrun, Vrun! -- et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom
Pittchen gesaot: et hlt dech fr en Naor! Vrun, Vrun!

Wat?! In einem Augenblick hatte sich das Blttchen gewendet, die
Schwarze kehrte sich gegen die Blonde. Beim Pittchen gewest? Mech fr
en Naor halen? -- O dau falsch Dingen!

Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die beiden Freundinnen auf
einander losfuhren.

Das war ein Spektakel! Ein Lrmen, ein Schimpfen, ein Schreien. Vom
Berghang tnte es nieder zum Thal, an Pittchens Htte vorbei -- der
schlief ruhig weiter -- und und brach sich schallend an der jenseitigen
Hhenwand.

Sie hrten alle nicht das Mittagsglcklein; nur Bbbi. Die stand
abseits und starrte mit groen traumverlornen Augen in's Gewhl. Frher
htte sie auch frischweg am Kampf teilgenommen, -- aber jetzt?! Es war
alles untergegangen in der groen Sehnsucht.

Als das Glcklein lutete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr,
langsam sank sie auf die Kniee und faltete die Hnde. Was that der
Lorenz wohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie? -- -- Wr' er doch erst
wieder hier -- ach! -- -- -- -- -- --

Steh uf, schrie die alte Schneidersch sie an. Schlfste? Die Alte
hatte sich auch am Zank beteiligt, besonders mit dem Mundwerk; sie
hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergo sich die
ganze aufgestaute Flut von Scheltworten ber die Schwiegertochter,
diesen Dorn in ihrem Auge.

Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es wurde Bbbi
nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr
Fehltritt vorgeworfen. Kein Mdchen war je so schlecht gewesen, so
lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was htte der Lorenz fr
Partien machen knnen, aber sie hing ihm ja wie ein Klotz am Bein,
merkte es gar nicht, da er sie gern los geworden wre -- ja, er hatte
sie satt, der Mutter hatte er's vertraut!

Schwerfllig richtete sich Bbbi auf, stumm, mit dstren Augen
hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt -- Heulen, Schreien,
geschwungene Fuste, verzerrte Gesichter, ein wildes Durcheinander
erregter Gestalten -- jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran zu
entznden. Als die Schwiegermutter schlo: Hn haot dech saat, saat
bis zom Ekel, hn wnscht dech, wuh dn Peffer wchst, flammte er auf.

Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf; ihr Gesicht
glhte, ihr Auge glitzerte unheimlich, ein irres wildes Lachen rang
sich aus ihrer gequlten Brust. Sie hob drohend die Sichel -- aber,
da, sie lie sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust und
schmetterte sie nieder auf den Rcken der Schwiegermutter, da der
Hren und Sehen verging.

Die Alte knickte in die Kniee, schtzte den Kopf mit beiden Armen und
schrie laut.

Hageldichte Schlge. Die Alte duckte sich und wand sich wie ein Wurm,
Bbbi stand ber ihr gleich einer Rcherin, totenbleich, die Lippen
fest aufeinander gepret. Sie schlug darauf los mit einer Art von
Befreiung, von Erlsung.

Hr uf, kreischte die Alte, ech zeigen dech an! Ech fluchen der!

Ununterbrochen fielen die Schlge.

Hr uf, ech saon et dem Lorenz! --

Lorenz --!

Jammernd, beschwrend, bittend zugleich schrie Bbbi den Namen nach;
der erhobne Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als
erwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rtteln ging durch ihren
ganzen Krper; sie schwankte, die Fe schienen sie nicht lnger zu
tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Hnde vor's Gesicht.




                    V.


Bimmel, bimmel, bimmel tnt das Glckchen der Kirche. Sein dnner
heller Klang fliegt durch's Dorf und steigt an den Thalwnden in die
Hhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glckchen. Bimmel,
bimmel, bimmel -- Vesper.

Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bbbi. Ihr Gesicht war bla, ihre
Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hnde zu dem
Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weie und rote
Papierrosen umkrnzten die Heilige, ein paar dnne Kerzchen flackerten
ihr zu Fen.

Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbnke
standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes
Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten
vom Kot der Dorfstrae mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen
vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber
vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablssig die Lippen bewegend.

Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne
vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte
mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus -- sollte das schon die
himmlische Strafe sein fr den heutigen Zank?

Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen
Kratz, einen Sto, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen.
Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte,
Verwnschungen auf den Lippen. Die Httenthren wurden zugeschmettert,
die Kinder verkrochen sich scheu, die Schsseln klapperten -- manch
eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte
man ein sehr versptetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle.

Da -- krach -- der erste Donner!

Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein bses Tier im Kfig, das
keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwnden. Krach,
krach -- Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze
niedersausende Schwerter.

Jemarijusep! Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flchteten
sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust
und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht.

Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!

Heiliger Donatus, snftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger
Donatus, ech flehen dech an, lao meine Gerscht net zu Schannen gnn --
se stieht als in Mandeln!

Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech
dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon -- o
liew Moddergttesche, rechen et mir net an!

Drauen kracht der Donner. Kanonenschsse feuert er durch's Thal, von
einem Ende zum andren.

Gegret seist du, Maria -- hilf, hilf, heiliger Donatus!

    Meerstern, ich dich gre,
    Gottes Mutter se -- --

Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt
grauliche Dmmerung. Jetzt bebt der alte Bau -- jetzt loht ein feuriger
Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des
Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten
zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der
drhnenden Stimme drauen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher
bewegen sich die Lippen.

Heiliger Donatus, ech gren dech, gelowt seist du!

Maria, Moddergotts, bitt for ons!

O Maria, ech gren dech, dreiunddreiigtausendmal!

Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelbnisse, Versprechungen
werden den Wunderthtigen gemacht.

Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen,
so rasch lie das Unwetter nach, es zog ber die Berge ab in einem Hui.
Vor der Kirchthr gackerten schon wieder die Hhner und scharrten nach
Wrmern, Spatzen schirpten vergngt und lupften das nasse Gefieder.
Die Jauche flo, durch den Regen von den Misthaufen weggesplt, quer
ber die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und
lachte.

Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthr und
tunkten den Finger in's steinerne Weihwasserbecken.

Dunnerknippchen, waor dat en Wder, sagte die eine. Und die andre:
Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gnn!

Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen
sprachen wieder miteinander; mit Geschker machte man sich selbander
auf, aus dem Wald das abgeschlagne Drrholz zu holen.

Bbbi war allein zurckgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen
Raum; sie hatte nicht beten knnen zwischen den andren, jetzt betete
sie. Sie wute selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur
ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.

Flehend richtete sie den trben Blick auf das Marienbild; das lchelte.

Sie nickte traurig -- ja, die war rein und heilig, darum lchelte sie
auch so stumm; die verstand so viel Sndhaftigkeit nicht!

Erbarm dech!

Mit einem Sthnen schlug Bbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie
hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie
hatte seine Mutter geschlagen! Was wrde der Lorenz sagen?!

Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrckte, doch nur einem
Menschenohr anvertrauen knnte! Wenn ein reinerer Mund fr sie bei der
da oben den Frsprecher machte, dann wrde auch der Lorenz ihr verzeihn!

Eine furchtbare Angst erfate sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn
er nicht wiederkehrte!

Halb irr vor Furcht, wand und krmmte sie sich und rang die Hnde.

Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will
dein Modder uf Hnden dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon,
ech mucksen net! Komm widder, komm widder!

Es raschelte in den Papierrosen um's Marienbild, ein Zugwind hatte sie
gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster -- die Sakristeithr
hatte sich geffnet.

Bbbi hrte nicht, inbrnstig flehte sie.

Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes buerliches Gesicht
glnzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet,
im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen
abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von
Eifelschmitt!

Ei, Lenzen Bbb, sagte er freundlich und tupfte die
Zusammengekauerte auf die Schulter. Was machst du hier?

Sie hob den Kopf und sah ihn verstrt an. Hhr Pastor -- Hhr! Sie
stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinber zum Beichtstuhl an der
jenseitigen Wand, in dem das grne, verschleiernde Gardinchen so
hoffnungsvoll schimmerte. O Hhr Pastor -- sie stie es heraus mit
einer Art Gier -- wann ech eweil zor Beicht giehn drft! Ihre Hnde
haschten nach dem Zipfel seines speckig glnzenden, langen Rockes; sie
drckte die Lippen darauf. Hhr Pastor, zor Beicht!

Jetzt nicht, meine Tochter, sagte er etwas verwundert, nchsten
Freitag! Du weit doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von
fnf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im
Hochamt? Es ist doch abgekndigt worden. Nchsten Freitag -- er
betonte nachdrcklich jedes Wort -- von fnf bis sieben ist Beichte.
Behalte, nchsten Freitag!

Oh, wimmerte sie, Hhr Pastor!

Also am Freitag, meine Tochter! Er hob mit einer segnenden Bewegung
die Hand zum Abschiedsgru.

Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.

Lchelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte
ein Bildchen heraus, ein weies Cartonkrtchen mit Spitzenpapierrand;
ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil
durchbohrt -- 'das se Herz Jesu'.

Hier, meine Tochter! Er machte das Zeichen des Kreuzes ber sie.

Sie kte das Bildchen, sie kte seine Hand; und dann war sie wieder
allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er,
wie tglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da fhrte der Weg
lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben.

Lange noch lag Bbbi vor dem Altar; slchelnd blickte das Marienbild
nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht vernderte sich. Ein grenzenloses
Gefhl der Verlassenheit berkam die Einsame; da war niemand, der ihr
helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich
fort.

Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rcken, den andren Weibern
nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schlo sich ihr Peter Miffert an. Er
wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er
mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber
die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen,
die Mtze mit dem blanken Wachstuchschild sa ihm verwegen auf den
dunklen Ringelhaaren.

Er pfiff und sang, aber sein Singen war mitnend wie das Gekrchz
des Hhers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und
argwhnisch von dort niederugte. Die Zeih mochte sich heut schn
'veramesiert' haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten,
mit der hieb er rechts und links, da die Bltter der Bsche flogen.

Duht dat net! Bbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an.
De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grn, Ihr haut se ahf, duh
liejen se kapot uf der Stra on gnn zertret!

Waorom net gaor, sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr.

Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken.
Pltzlich schluchzte Bbbi auf, schwer lie sie sich auf einen Stein
am Weg fallen. Glauwt Ihr, dat dn Lorenz widder kmmt? stie sie
hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens
Gesicht.

Er fhlte ihre Angst heraus und lachte gutmtig: No, waorom dann
net?! Waor soll hn dann annerschter giehn?!

Maant Ihr? Maant Ihr werklich? Sie prete seine Hand. O wie gut that
ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am rmel fest und
lehnte die Stirn gegen seinen Rock.

wer, Bbb, seid doch net gckig! Ob schn oder hlich, er konnte
kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerhrt von ihren Thrnen,
er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand.
Bbb, Bbbchen, kreisch doch net e su!

Wann hn mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an, murmelte
sie mit finsterer Entschlossenheit.

Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb
htte, was wrde er dann thun -- -- --?!

Er sprang so hastig auf, da Bbbi ihn erschrocken ansah.

Eweil giehn ech. Adjes!

Das war nicht sein gewhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die
Fe kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte.

Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwnde, die einen schmalen
Streifen Himmel einrahmen. Keine Htte, kein Stckchen bebautes Land
mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein
Wild, kein Vogel.

Ohne eine Nadel zu regen, in majesttischer Gre stehen die Tannen,
wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbrten von abgestorbenem,
grauem Moos, ihren berhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem
dunkelflssigen Harz, das in zhem Rinnsal aus der zerklfteten Borke
sickert.

Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige
Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem
Dunkel der ste und legt sich auf seinen Mund: Still!

Hinter den finstren Stmmen tauchen Gedanken auf, dmmernde,
ahnungsbange Gedanken; tckisch brechen sie hervor, wie Ruber aus dem
Hinterhalt, und berfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen
Futritt, man hlt den Atem an und steht und lauscht; und dann packt
einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fllt es einem ber
den Kopf -- weg ist der Frohsinn. Ein grblerischer Ernst hlt den
Menschen umklammert und lt ihn nicht los in dieser Einsamkeit.

Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit,
wird nicht gehrt; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas
verbergen will vor andrer Augen, kann's hier dreist, ein Schutzdach
wlbt sich ber ihn und um ihn.

Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwhnisch
bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. -- Ob die Zeih
allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren
-- -- --?!

Der verfluchte Wald! Htte der Weg ber freies Feld gefhrt, wrde er
sich gar keine Gedanken machen, aber so -- -- --!

Grblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -- -- Da ging die Zeih von
Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich
ihr wohl gar einer nach von Manderscheid -- htte er's denn nicht
selber so gemacht? -- Nun kam der groe Wald, nun gingen die zwei mit
einander hinein, immer tiefer in's heimliche Versteck. Kein Mensch sah
sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dmmerte bereits,
Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der
Seite der schnen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu.
-- Peter hrte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er
zrtlich wurde -- sie wiegte sich in den Hften, der Dreiste fate sie
um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur -- -- -- -- --

Kotzdonner noch ehs! Peter fluchte ingrimmig in sich hinein -- jetzt
fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen!
Er stand, wie der Teckel vor'm Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.

Im drren Gezweig knackte es -- Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen
-- und jetzt --

Haalt, schrie es hell.

Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg.

Peter sah verblfft drein.

Helao, lachte die wilde Tina, hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil
sein mir de Sperrbarrir!

Sie faten sich an den Hnden und bildeten eine feste Kette; die Tina,
die Leis, die Vrun, das Kttchen, das Nettchen, die Billa und noch ein
paar Halbwchsige, in Rckchen, die grade bis unter's Knie langten.

Mit ihren bloen Fen, die gebrunt von der Luft, beschmutzt vom
nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie
schrieen alle:

Sperrbarrir! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!

Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.

Hei gitt et net strawtzt[28]! Tina hielt ihn fest.

Sie lieen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den
quergelegten Reisigbndeln ber ihren Kpfen.

Laot mech dorch, ihr Mdercher!

Ein vielstimmiges. N!

Wat wollt ihr dann?

Wegzoll! Dau mot zaohlen, zaohlen! Sie lachten und drngten sich um
ihn her und hopsten und reckten sich an ihm in die Hhe.

Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er konnte sich doch nicht mit
Gewalt befreien?

Wegzoll, lachte Tina, dau kmmst net ehnder dorch!

Net ehnder, n, n, schrie der Chor.

Scherzend ri Miffert Tina an sich.

E Kche, raunte sie ihm zu.

Lachend lie sie sich kssen, und lachend kte Peter weiter, eine
nach der andren nahm er beim Kopf; kreischend und doch willig lieen
sie sich's gefallen, der stille Wald hallte wider von den jauchzenden
Mdchenstimmen.

Weg war die bange Einsamkeit. Peter schkerte; je toller, je lieber,
die warmen Lippen hatten ihn ganz berauscht. Ganz benommen torkelte er
weiter -- es dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih wieder
ein.

Tina war hinter den andren zurckgeblieben, er hrte ihr leises: Pst,
pst! Sie winkte ihm.

Er that, als ob er's nicht she. Ein andermal gern; aber jetzt hatte er
Eile. Er setzte sich in Trab. -- Donnerwetter, da kamen noch welche!
Waren denn heut alle Weiber auf den Beinen?!

Er wollte sich seitwrts unter die tiefhngenden ste drcken --
umsonst -- sie hatten ihn schon gesehen. Die Steffes, mit ihren
harmlosen Augen, konnte ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine
Densborn nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch ein paar
andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!

Pittchen fhlte einen leisen Schauer den Rcken hinabrieseln, und doch
war ein gewisses Wohlgefhl dabei. War er nicht der Herrscher ber alle
die da?!

Sie kamen seinem Gru zuvor, ihre Blicke hingen an ihm.

'n Aowend, nickte er herablassend und wollte weitergehen.

Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu sprechen, eine immer
dringender wie die andre.

Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht sein! Als sie sich endlich
trennten -- schon war er ein paar Schritte fort -- da drehte die Traut
noch einmal um: H, Pittchen! H!

Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.

Uf ein Wort, Pittchen! Ech mo Eich ebbes saon, Pittchen!

Da gab er Fersengeld.

H! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes -- haalt!

Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, was kannst du. Hinter
sich hrte er das Rufen der Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas
Stimme darein? -- Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!

Er verlie den Weg und sprang ber den Graben, quer durch's Unterholz,
da drres Reisig knickte und krachte und berhngende Zweige ihm in's
Gesicht stachen.

Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, da ihm der Schwei ausbrach.

Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hren; wie mit Armen griff es
nach ihm, heier Atem blies ihm in's Genick, Rcke rauschten und
raschelten -- hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur der
Buchenwald, der rauschte so!

Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht hatte nun ein Ende;
unter den grnen luftigen Buchen war's weit heller, sanftes Licht flo
an den glatten Stmmen nieder, und die Bltter regten sich traulich
flsternd im Abendwind.

Er suchte den Weg wieder auf, rckte sich den Rock zurecht und
schlenkerte die Mtze aus, Tannennadeln und drre Zweiglein hingen
daran.

Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich versptet, aber sie
scheinbar noch viel mehr. -- Der wrde er aber einen schnen
Empfang machen, die Lust sollte ihr vergehen, sich so spt im Wald
herumzutreiben!

Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der Weg nach Grolittgen ab,
und da, unter dem Trupp himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im
Buchengrn sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck fr
Liebespaare.

Er stutzte. Ein Chaischen war quer ber die Strae gefahren, der
braune Gaul mit hngenden Zgeln rupfte friedlich die Grser am
Grabenrand ab. Waren das nicht Pferd und Wgelchen vom Gastwirt Pauly
zu Oberkail?! War der hier?!

Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War das nicht das Josefchen?
Zwischen den Stmmen blinkerte eine Uniform. Wer war da?!

Jetzt Lachen -- das war die Zeih!

Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, die Zeih sa auf der
Moosbank und neben ihr -- traute er denn seinen Augen recht? -- neben
ihr sa ganz gemtlich der schne Gendarm von Oberkail!

Zeih! Er rief es so laut, da der friedliche Gaul einen Satz machte
und das Josefchen gellend aufschrie.

Aha, der Herr Gemahl, sagte der Gendarm und legte hflich die Hand an
den Helm. In seinem vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich
zwei Grbchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier
bei der Garde in Berlin gestanden, er wute, da man gegen die Mnner
hbscher Frauen artig zu sein hat, und wren es auch die grten Lumpe
und Lderjahne.

Na, Herr Miffert, -- er rckte in die Ecke der Bank und legte das
Seitengewehr ber die Kniee -- wollen Sie nicht Platz nehmen?

N, sagte Pittchen kurz. Komm, Zeih! Er sah sie zornig an; sie
schien das gar nicht zu bemerken; umstndlich nahm sie von dem Gendarm
Abschied und lchelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, da ihr
Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.

Merci, merci, Hhr Schandarm, et waor e su freindlich, dat Sie mech
metgeholt haon. Pittchen, bedank dech aach ehs. Dn Hhr Schandarm waor
zo Manderscheid, hn haot mech invitiert, met uf dem Wgelche redur zo
faohren. Duh haon ech et kommod gehaot! Sie lachte vergngt.

Peter sagte kein Wort.

Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger hinter den mittleren
Brustknopf der Uniform. Ich hab's Ihnen schon gesagt, wenn Sie den
Umweg ber Grolittgen nicht scheuen, schne Frau, knnen Sie auch
noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu thun; unser einem
wird zu viel aufgepackt, keine Minute Pause, strammen Dienst bis
zum spten Abend. Fr mein schweres Geld hab' ich mir den Wagen vom
Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren. Er gab sich ein sehr
wichtiges Aussehen.

Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.

Er machte eine einladende Handbewegung: Steigen Sie nur auf, schne
Frau! Zu Pittchen sprach er mit Gnnermiene. Fr Sie ist auch noch
Platz, Miffert!

Peter schielte ihn von unten herauf an. Willste met de gruen Hhren
Kerschen en, maach, datste de Steiner net an dn Koap kriehst -- n,
merci!

Was wollen Sie damit sagen? Der Gendarm verstand den Dialekt noch
nicht und witterte immer gleich eine Verhhnung der Obrigkeit. Er
versuchte seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck
zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwrts. Nanu, was wollen
Sie damit sagen?

Neist! Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blde an, aber in seinem
Innern kochte es: 'Waart, dir spielen ech aach als en Possen!' 'n
Aowend! Er zog Zeih unwiderstehlich mit sich fort.

Tappert, brummte der Gendarm, als er ihnen nachsah. 'Tappert,' das
war ungefhr das einzig Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war
gleichbedeutend mit dem hochdeutschen 'Dummes Luder', und wurde hier
bei den 'dmlichen Bauern' mit Vorliebe von ihm angewendet.

Autsch, rei mech doch net e su, schmollte Lucia, als sie ein Stck
weiter weg waren. Sie blieb stehn und sah sich um. Wat soll eweil dn
Hhr Schandarm denken?! Jesses, lao mech doch los!

Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefat, sie machte sich frei, mit
Thrnen in den Augen. Autsch, ech giehn jao schuns allein! Lao los!
Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net kommod!

Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses ganz in ein groes
Tuch gewickelte Bndel; nun trug sie nur noch ein Packet, das war
verschnrt, und sie trug es mit besondrer Sorgfalt.

Wat haste lao? brummte er.

Raot ehs! Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf, ihre Augen
glnzten vor Vergngen. O su ebbes Schienes, su ebbes Wonnerschienes!
Waart, Pittchen, ech zeigen et der!

Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht auf's weiche Moos und
begann es aufzuschnren. Dau sollst dein blao Wonner siehn, schwatzte
sie dabei, su ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs! Sie
schlug die Hnde zusammen in eitel Glckseligkeit und lachte wie ein
Kind.

Da lag ein schner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem
dunklen Moos. Und daneben eine Tndelschrze von schwarzem Seidenstoff,
unten mit bunter Blumenguirlande bestickt.

Haste su ebbes schuns gesiehn? stammelte sie entzckt; und dann
griff sie mit beiden Hnden zu und hielt sich das viel zu kleine
Seidenlppchen vor den starken Leib. Wat werden se saon! Sie jauchzte
frmlich.

Er staunte auch ber die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine
pltzliche Unruhe, ein jhes Unbehagen -- wie kam die Zeih dazu?

Wuhr haste dat? fragte er finster.

Sie lachte frhlich: Geschenkt kritt!

Geschenkt kritt? wiederholte er. Von deim Tant doch sicher net; on
dein Modder haot slwer neist! Er sah sie lauernd von der Seite an.

Olau, von dnen -- n! Nun lachte sie, da sie sich schttelte. Von
dnen, su ebbes Schienes?! Hahahaha!

Von wm dann? fuhr er sie an.

Olau, dau domm Pittchen, -- noch immer lachend stie sie es heraus
-- von dem Hhr Reisenden, von dem freindlichen Hhr! Von wem
annerschter?!

Biste doll?! Er sprang auf sie zu wie ein Rasender und ri ihr die
Schrze vom Leib. Gief her!

Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm die Schrze wieder zu
entreien. Mein Schrz, Pittchen! Mein Schrz, mein schien Schrz!

Dn Lappen, dn Dreck! Er knulte die Seide zusammen und schmi sie
hin; auf dem roten Rock trampelte er herum. Onnerstieh dech noch ehs
-- ebbes aanzonhmen von Hhren, von fremde Hhren! Ech schlaon dem
Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech schlaon hn kapores, ech schlaon
hn dud. -- Dau Mensch, dau lidderlich Mensch, wat haot hn dafor
gekritt? Saog! In seiner Wut gab er ihr einen Sto, da sie zu ihren
mihandelten Schtzen auf's Moos niederfiel. Saog de Waohrhaat --
lg net! Wat haot hn dafor gekritt?! Er schrie; unter den schweren
Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden, gefhrlichen
Blicken.

Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er schleuderte sie in weitem
Bogen auf die schmutzige Strae.

Wat haot hn dafor gekritt -- willste't nau saon?!

E Kche, wimmerte sie, nor en anzig Kche. For den Rock zwaa --
for de Schrz ans -- n, aach zwaa! Fhrwaohr on enklich, ech saon de
Waohrhaat. -- Pittchen, Pittchen! Sie hatte Angst bekommen.

Neist mieh? Lg net! Er knirschte mit den Zhnen. Dau kmmst
net labendig hei aus em Wald, wannste net de Waohrhaat saost. Ech
raoten der! Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Krpers war
angespannt; er war nicht so gro und krftig gebaut wie seine Frau,
aber in diesem Augenblick erschien er ihr wie ein Riese.

Hn haot mech uf dn Scho geholt, stotterte sie scheu. Hn haot
dat Josefche hinnen in et Chaische gelt. Hn saot, hn wollt mer
noch ebbes vill Schieneres metbringen, wann hn dat nchste Maol nao
Eifelschmitt km. -- O mein Schrz! Mein rot Rckche! Mein schien
Schrz!

Die Thrnen liefen ihr stromweis ber die blhenden Wangen, jammernd
rang sie die Hnde: Ech arm Dier! Htten ech dech nie geheiraod!
Htten ech uf mein Vadder slig geheert! Ech konnten en annern kriehn!
Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem dreckige Loch -- ke Gld --
ken Penning -- mer waa oft net, wat mer en soll -- dn Mahn stiehlt
onsem Hhrgott dn Dag ahf -- im Winter friert mer sech zo Schannen --
im Sommer haot mer net emaol en anstnnig Kleid, om uf de Kirmes zo
giehn! Hei dat Fhnche -- sie hob ihr verschossenes, an allen Enden
zu knappes Kleid in die Hhe -- dat dragen ech schuns e su lang mir
verheiraod sein -- zwaa Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech
et aach als drei Jaohr gehatt. Mer mo sech schmen for de Leit! Das
Schluchzen erstickte sie fast: Ech arm -- arm Dier -- ech deierlich
Fra! Sie warf sich ihren Kleiderrock ber den Kopf und sa nun ganz
vermummt.

Das Kind auf Pittchens Arm fing klglich an zu schreien; er warf es der
Mutter in den Scho: Dao lieg, dau Bankert!

Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie schluchzte so herzbrechend,
so hatte er sie noch nie gesehen. Sonst war sie immer frhlich. Die
hrte wohl nie mehr zu weinen auf!

Und hatte sie nicht recht, ging's ihnen nicht erbrmlich genug? Hatte
er ihr nichts Besseres versprochen, als er die schne, lustige Zeih
freite?! Er stand betroffen.

Zeih, sagte er sanfter, und dann rusperte er sich. Zeih!

Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wute sie doch, woran sie war;
sie schluchzte jetzt noch jmmerlicher und krmmte sich wie in
unertrglichen Schmerzen.

Zeih, sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den Rock vom Kopf.

Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den Arm und herzte es unter
Thrnen: O dau mein Josefche, mein arm Josefche. Sie kte es mit
strmischer Zrtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf geglitten, das Haar
hing ihr lang und wellig an den Schlfen nieder, ihr lieblicher Mund
zuckte wie bei einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur noch
stoweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider hielt sie beharrlich
gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem Kinde; die goldig-braunen Wimpern
lagen auf den schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt,
nur mit einem pfirsichhnlichen Anhauch berzogen hatte.

Keine war doch so hbsch wie sie -- und alleweil so fidel!

Peter sah unverwandt auf sie nieder. Haste de Waohrhaat gesaot, Zeih?
Schwr! Beim Josefche bei! Er legte die Hand auf das Kind.

Sie legte die ihre dazu. Ech schwren!

Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an: Biste mer bees,
Pittchen? Ein Schluchzen stie sie noch. Ech kann doch neist dafor!

N, n, kreisch nor net -- Kotzdonner, dau sollst net kreischen,
Zeih! Er stie mit dem Fu auf. Ech haon et jao net e su bees
gemaant. wer dau mot mer aach net ontreu gnn -- hrste, Zeih, net
ontreu. Zeih! Er rttelte sie schon wieder.

N, n -- o mein schien Rckche! Mein Schrz!

Er ging schon auf die Strae und holte beides. Dao haste dn Dreck!

O Pittchen! Sie fate seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter, beide
Hnde legte sie an seine Wangen. Ganz zart flsterte sie -- es war
schon wieder was von dem frheren vergngten Klang in der Stimme --:
Eweil biste mer widder gud, gl? On en anner Kleid kaafste mer aach,
gl? E su bal dn Hhr Reisenden widder kmmt. Ech saon der, dn haot
Kleider! Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen. Gl, dau
kaafst mer ans? Sie wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie
den Kopf zurck: Dn wollt mer ans schenken!

Er zuckte zusammen. Dau sollst kans geschenkt kriehn, dau drfst kans
geschenkt kriehn, ech leiden dat net, ech -- jao -- er nickte und
kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren -- ech kaafen der slwer
ans!

Mit einem Freudenschrei ri sie ihn ganz zu sich herunter, prete seine
Lippen auf ihren Mund und kte ihn hei.

Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Scho; sie streichelte
seine Haare und wickelte sie um ihre Finger.

Gl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses Maria, haon ech en Freid.
Pittchen, ech haon dech su liew!

On dn Schandarm? fragte er leise, noch einmal von einem dstren
Argwohn beschlichen.

Sie lachte hell auf. Dn Lappes! Waate, wie dn micht? Kuck hei. Sie
drckte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer
rosigen Oberlippe. Alleweil micht dn e su. O dn! Hahaha!

Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen gesttzt, sah er
verliebt in ihr lachendes Gesicht.

Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit
einem Halm unter der Nase. Er mute mit ihr lachen. Und dann tuschelte
er ihr etwas zu und drckte ihren Fu.

Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war weich, der Wald einsam,
dunkler und dunkler wurde der Abend. So weich, so zrtlich ging die
Luft, und die Bltter lispelten sacht, als htten sie sich heimlich,
ganz verschmt etwas anzuvertrauen.

Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er schleppte beides,
das Kind und das Packet. Sorgfltig hatte er selbst die Geschenke
eingepackt und verschnrt, dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals
gehngt; das Pckchen baumelte, bei jedem Schritte sprte er's.

Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst war's stockfinster.
Zeih that furchtsam; bei jedem Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln
einer Nadel fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. Sie
ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter dem dnnen Fhnchen
sprte er ihren warmen vollen Krper.

Es war ihm sehr hei, sein Atem ging unruhig; er schwitzte, trotzdem es
nun bergab ging und der Nachtwind feucht und scharfkhl wehte.

Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Husern schwacher Lichtschein,
die Strae leer. Am eintnig pltschernden Brunnen standen noch ein
paar Weiber und wuschen ihre Fe in dem ausgehhlten Baumstamm, der
als Brunnentrog diente. Sie hatten ihre Rcke hochgeschrzt; in dem
Mondstreif, der jetzt durch's Nachtgewlk brach, schimmerten ihre
nackten Arme und Beine lockend silberwei.

Peter fhlte wieder das seltsame Gruseln, jenen wunderlichen Schauer,
der ihm leise ber den Rcken hinabrieselte, sein Blut fr Augenblicke
erstarren machte, um es dann desto heier anzutreiben.

Unweit ihrer Htte strich eine Gestalt an ihnen vorbei; Peter glaubte
Tina zu erkennen an ihren glitzernden Augpfeln und den geschmeidigen
Bewegungen. Sie schlpfte zwischen ihm und der Hecke durch; fr eine
Sekunde fhlte er seine Hand gestreift von heien, feuchten Fingern --
dann war's vorbei, verschwunden wie ein Spuk. In der Ferne noch ein
leis verklingendes Lachen. --

In der Nacht trumte Pittchen schwer.

Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih entgegengegangen. Aber oben
am Kaisergarten wandte er sich rechts, gen Grolittgen zu; er mochte
wollen oder nicht, er mute dahin. Es puffte ihn von hinten was in den
Rcken, ein starker Wind blies ihn fort.

In der Ferne hrte er Stimmen, sie riefen und lockten: Pittchen!
Komm, Pittchen!

Lachen klang dazwischen -- jetzt hrte er die Zeih rufen, und jetzt die
Tina -- jetzt fielen andre bekannte Stimmen ein: Pittchen! Pittchen!

Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. Da ging er durch die de
Heide, der Wind sthnte drber hin mit unheimlichen Klagelauten.

Er wollte nicht weitergehen, umkehren -- sein Fu strauchelte ber
abgestorbne Strnke, es roch nach Pech und Schwefel. Eine glhende Luft
schlug ihm entgegen wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen und
tief innen im Leibe das Herz.

Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, fernab tnte heisres
Hundegebell -- das waren die Hunde von Grolittgen. Hilfe, Hilfe,
dorthin!

Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie festgewurzelt.

Der Boden war hei, als brenne unterirdisches Feuer darunter. Und da
war ein Kreis seltsamer grner Pflnzchen, wie abgezirkelt standen sie
im Kranz mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen Licht, das
die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges Grn.

Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine Mutter nicht schon als
Kind dort, sich bekreuzend, vorber gefhrt und scheu geflstert:
Hei es't net geheuer! Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes
Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren Fen; nur diese
Pflnzchen sproten, grne Stengel, ohne Blatt und Blte, das einzig
Lebendige ringsum.

Pittchen, Pittchen!

Wer rief?

Im Flammenschein hpften ihm Gestalten entgegen mit raschelnden
Rcken und flatternden Haaren, sie lachten und winkten und riefen und
streckten die Arme nach ihm und reichten sich die Hnde und wirbelten
um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller -- immer wilder, wilder --
Weiber, Weiber, lauter Weiber!

Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, sie hatte die
Seidenschrze wie ein Mntelchen um die Schultern hngen und den neuen
roten Unterrock an -- weiter nichts. Sie schlug die andren auf die
ausgestreckten Finger und lachte hell.

Dn es mein! Sie warf den Unterrock und die Schrze ab -- da stand
sie nackt und schn im Flammenschein und sprach gebieterisch: Kaaf mer
e nei Kleid!

Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen sie in die Hhe, sie
wurden zu Flammen, die ihm entgegenzngelten -- -- --

Jesus! Maria! Josef! -- Da, der Boden wich ihm unter den Fen, er
that einen tiefen Fall, abgrundtief -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mit einem Schrei erwachte Pittchen.

Der Mond schien hell durch's unverhngte Fensterchen, mitten auf das
zerlumpte Federbett. Der Kopf der Zeih lag schwer auf seiner Brust und
drckte ihn.

Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmig.

Noch vom Grauen des Traumes erfat, rttelte er sie: Zeih, Zeih, Zeih!

Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken ffnete sie nur ein Spltchen
die schwarzen Lider.

Dat Kleid, lallte sie. -- Kleid -- kaaf mer e schien nei Kleid!




                    VI.


Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen geqult, den ganzen Tag und
die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind
und ihn dann wieder sprde von sich gestoen. Sie hatte gebettelt,
geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues
Kleid.

Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst
im Herzen hatte Pittchen das Wgelchen ankommen sehen; hinten
aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer.

Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er
seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin
und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb
stundenlang aus; lngst waren die andren zurck -- Peter hatte
aufgepat -- noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen.

Es war ein trber Herbsttag. Unten im Thal an geschtzten Stellen
war's zwar noch leidlich, aber oben auf den Hhen sauste der
Oktoberwind mit Ungestm und fegte ganze Lawinen welker Bltter die
Hnge hinunter. Der Wald stand traurig.

Die Dorfstrae war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das
Pflaster fehlte, sank man ein bis ber die Knchel. Ein modriger Geruch
stieg von Htten und Stllen auf, es hatte acht Tage ohn' Unterla
geregnet.

Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt;
die Ruinen des heiligen Bernardus hllten sich in Regendunst und
Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares
Wsserchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Kpfen von milchigem
Gischt.

An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein
Trauertuch spannte; von den Bumen, die zitternd die schwarzen ste
reckten -- hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine
Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest --; von den Dchern, die,
triefend, tief ber den durchweichten Hausmauern hingen.

Alles war dunkler von Nsse, ohne Farbe, schwer und unlustig.

Als Peter am Schneiderschen Huschen vorbeiging, hrte er hinten vom
Stall her, ber den Hof weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und
Winseln. Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben der
Hausthr. Drinnen in der Stube lag der alte Schneider im Bett, da
kroch er hinein, sowie es kalt wurde; die Frau sa am Tisch, hatte
ihren Kaffeenapf vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten
Brotbrselchen von ihrer Schrze.

Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! Und doch schrie kein
Tier.

Peter klopfte an die Scheiben: H, ihr! Wat es denn hei passiert?

Die Schneidersch ffnete das Fenster ein Ritzchen und steckte ihre
spitze Nase heraus. Dat Bbb, sagte sie lakonisch und wollte eilends
wieder zuschlagen, als frchte sie, ein Atom Wrme mge von drinnen
entweichen.

Haalt! Pittchen klemmte die Faust zwischen das Fenster. Et schreit
doch e su! Gieft dann de Weis-Fra von Oberkail net geruf?

Saogt doch liewer gleich: dn Hhr Dokter! Die Alte wackelte
rgerlich mit dem graustrhnigen Kopf. Ihr haot wohl dat grue Los
gezillt[29]? Mir sein arme Leit, mir haon neist wrig. Laot se
schpektaklen, se werd schuns rohig gnn!

Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des Alten: Wat es dat
for en Manier?! Dat Fenster zugemaach, Zapperloot. Er hstelte und
schimpfte; rasch schlug die Schneidersch zu.

Peter zgerte noch einen Augenblick. Horch, wieder schlug der
scharfe, gellende Jammerschrei an sein Ohr! Das Blut wich ihm aus dem
Gesicht, sein Herz setzte den Schlag aus; ein Grausen kam ihn an.
Noch deutlich stand ihm die Stunde vor Augen, in der das Josefchen
geboren worden. Aber da hatte die weise Frau am Lager gesessen, ein
Strom der Beruhigung ging von ihrer gewichtigen, geheimnisumwobenen
Persnlichkeit aus; sie hatte den fetten Zeigefinger erhoben: Dat elao
kmmt e su leicht dervon wie en Katz. -- Pittchen, kocht mer en Kaffee!

Und jene da, abseits in der Kammer neben dem Stall, lag verlassen wie
ein hilfloses Tier. Peter rannte weiter, er konnte das Jammern, das
jetzt in ein ruckweises Sthnen berging, nicht mehr anhren; das Herz
wurde ihm davon zusammengepret und die Tropfen herausgequetscht. Sie
traten ihm in die Augen.

Geld, Geld! Ja, wer Geld hatte, der konnte sich alles gewhren, auch
Hilfe in der Not! Der brauchte nicht zu leiden.

Geld, Geld! Eine Gier berkam ihn. Er fuhr sich in die Tasche --
verflucht, nur ein paar lumpige Kupferpfennige darin!

Ja, wenn da Thaler geklappert htten, harte Silberthaler! Dann konnte
er der Zeih ein Kleid kaufen -- noch mehr -- alles, was ihr Herz
begehrte! Dann wrde sie nicht im Wirtshaus sitzen und dem Reisenden
um den Bart gehen; sie wrde nicht mehr schmollen, nicht mehr weinen,
nein, sie wrde die Arme um seinen Hals schlingen und unter Kssen
flstern: 'Pittchen, mein anziger Schatz, wat haon ech dech liew!'

Der Schwei trat ihm auf die Stirn, tropfte herunter und vermischte
sich mit dem Na seiner Augen. Und dabei berlief ihn ein Frsteln.
'Mir sein arme Leit', hatte die Schneidersch gesagt -- -- -- -- --

'Arme Leit -- armes Pittchen' pfiff der Wind ihm entgegen. Wie mit
Geisterhand strich es ihm ber's Gesicht. Wenn die Bbbi nun umkam,
krepierte da hinten in der verlassenen Kammer --?! Wenn die Zeih ihm
untreu wurde --?! Er schttelte sich wie im Fieber, eine unbezwingliche
Angst packte ihn und zugleich ein Grimm. Er ballte die Faust im Sack in
ohnmchtiger Wut. -- Geld, Geld!

Immer noch hrte er das Jammern, es mischte sich mit dem Sausen des
Windes und dem Brausen der Salm. Zweifelnd, unschlssig stand er.
Sollte er nicht hinlaufen nach Oberkail und auf eigne Faust die weise
Frau holen? War es nicht Menschenpflicht, Christenpflicht? Wrde ihm
die Gutthat nicht vergolten werden vom himmlischen Vater, schon hier
auf Erden, bald, jetzt?

Hahaha!

Wer hatte da gelacht?! Erschrocken sah er sich um, das eigne
Hohngelchter gellte ihm in den Ohren.

Der da oben -- haha -- ja, das hatte sich was mit der Vergeltung. Die
gab's nicht.

Er hatte ein Hungerleben gefhrt, seit er denken konnte; war's nun
nicht endlich Zeit, da er in der goldnen Kutsche fuhr und seiner Zeih
Kleider kaufen konnte, so viele die wollte?

Die Zeih, ja die -- hin, schnell! Der mute er das Scharmuzzieren
legen. Nur schnell, sehen, was die macht! Dann hin nach Oberkail.

Dicht vor'm Wirtshaus stie er auf Tina. Sie trug einen Kamm
mit groen, blauen Steinen im Haar und ein bunt-schottisches
Knpftchelchen um den Hals. Sie schlenkerte den Rock und drehte sich;
sie wurde alle Tage hbscher, das sah er doch.

Pittchen, rief sie und lachte, da alle ihre Zhne blitzten. Eweil
sein ech fein, gl? Dn Kamm haon ech gekaaft, dat Dchelchen -- sie
verdrehte die Augen in der fruchtlosen Anstrengung, sich selber zu
bewundern -- dat haon ech zukritt.

Maanswjen, brummte er.

Pittchen, -- schon hing sie schmeichelnd an seinem Arm -- kaaf mer
noch ebbes!

Ohne etwas zu sagen, schttelte er verneinend den Kopf.

Dau mot -- Pittchen, nor e klaan Andenken. Schnell sah sie sich
um, dann strich sie ihm rasch ber die Backe, ihr Ton war bittend:
Pittchen!

Ech haon ke Gld!

Dau Lappes! Sie stie ihn von sich, da er gegen die Hauswand
taumelte.

Mimutig trat er in die Schenkstube. Da sa der Reisende auf dem
einzigen Polsterstuhl des Hauses, und auf der Bank, dicht neben ihm,
die Zeih. Sonst war kein Mensch im Zimmer.

Eine Flasche Erdener hatten sie vor sich, eine geleerte stand schon am
Boden. Der mute der Zeih fleiig eingeschenkt haben; sie glhte wie
roter Mohn, ihre Augen waren kleiner geworden und schwimmend.

Als sie ihren Mann erblickte, sprang sie freudig auf. Pittchen! Eweil
kommste?! Hhr Reisender, -- vertraulich legte sie ihre Hand auf den
Arm des Stdters -- wollen Se eweil net su gud sein, on Ihr Mustren
nehme giehn? Dat Pittchen es hei, for dat Kleid zo kaafen!

War sie toll? Peter zupfte sie am Rock, er ri ihn ihr fast aus den
Falten; sie hrte nicht. Beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt,
studierte sie das Musterbuch, das ihr der Reisende vorgelegt hatte.

Dat rote oder dat blaoe? Wat es nau schiener? Sie legte zweifelnd den
Kopf auf die Seite.

Nehmen Sie das blaue, redete der Reisende zu, die Elle kostet nur
ein Kastemnnchen[30] mehr. Sie haben dafr aber ganz andre Ware. Ein
Kastemnnchen spielt doch keine Rolle!

N, sagte Lucia.

Peter gab ihr einen Puff. Biste gck? raunte er ihr zu.

Also das blaue? fragte der Reisende.

Dat blaoe. On wie vill Ehlen haon ech netig?

Siebzehn. Pro Elle fnfzehn Silbergroschen, macht fnfundzwanzig Mark
fnfzig Pfennig, oder -- die neue Whrung werden Sie hier noch nicht so
recht kapieren -- acht Thaler fnfzehn Silbergroschen. Fr dieses Kleid
ein Spottgeld!

Jao, dat es et aach. Gl, Pittchen? Freudig erregt drehte sich Lucia
nach ihm um.

Acht Thaler --?! Er stand betroffen. Acht Thaler -- --! Die Stube
schien mit ihm herum zu tanzen, es schwindelte ihm. Acht Thaler --
woher sollte er die nehmen?!

Gl, Pittchen, mei nei Kleid es wonnerschien?! Sie jauchzte fast.

Komm -- eweil kann ech net -- ech -- net heit, en annermal --
villeicht morjen, murmelte er verlegen. Er fate ber ihre Schulter
und schlug ihr das Musterbuch vor der Nase zu. Pisack' mech net e su!
Und dann klang seine Stimme rauher, ganz heiser: Ech haon ke Gld.

Ach was! Der Reisende lchelte. Fr so'n hbsches Weibchen mu man
immer Geld haben!

Dies verdammte Lcheln! Peter krampfte die Hnde zusammen und ri
sie wieder auseinander, da alle Gelenke knackten. Lucias Blick ruhte
flehend auf ihm; jetzt glaubte er eine gewisse Verachtung darin
zu entdecken, jetzt wendete sie ihre Augen ab. Ihre Brauen waren
zusammengezogen, ihre Lippen aufgeworfen; sie kehrte ihm den Rcken.

Zeih, hr ehs!

Sie gab gar nicht Acht auf das, was er sagte. Sie stand dicht vor dem
Reisenden -- der war ein groer hbscher Mann und pate gut zu der
groen hbschen Frau -- und flsterte ihm etwas zu.

Was hatten die miteinander zu tuscheln?! Als wre der Ehemann garnicht
dabei, so ungeniert benahmen die sich! Immer dichter steckten sie die
Kpfe zusammen.

Zeih! Zitternd stie Pittchen ihren Namen hervor.

Der Reisende lchelte, und Lucia kicherte.

Eweil maachste en End! Miffert schlug auf den Tisch, da die Glser
klirrten.

Seien Sie doch nicht ungemtlich. Der Reisende zwinkerte der jungen
Frau zu und klopfte dem Erregten auf die Schulter. Ich bitte Sie,
Herr Miffert, was ist denn da lange berlegens?! Ich will Ihnen gern
entgegenkommen; Sie zahlen mir jeden Monat einen Thaler ab, das merken
Sie gar nicht, in achteinhalb Monaten sind wir quitt.

N. Peter sah unschlssig zu Boden, aber er bemerkte doch, wie die
Zeih den Herrn zupfte.

Wahrhaftig kein Geschft! Ich will Ihnen noch mehr entgegenkommen
-- 's thut mir wahrhaftigen Gott leid, da die junge Frau nicht das
Plaisir haben soll -- den halben Monat, die fnfzehn Groschen will
ich gar nicht von Ihnen haben. Nur acht Thaler! Halb geschenkt!
Menschenskind, seien Sie doch nicht so stierkpfig! Wenn ich so'n
hbsches Weibchen htte -- gelt, mein Kind?! Er kniff Lucia in die
tiefgertete Wange.

Peter fhlte einen bitteren Geschmack auf der Zunge; das Blut wallte
ihm so jh zu Kopf, da seine Augen undeutlich sahen. Ein wirres
Durcheinander wogte um ihn, durchschossen von feurigen Punkten. Und die
feurigen Punkte fgten sich zu Buchstaben: Geld, Geld! -- Und aus allen
Ecken kreischte es: Geld, Geld! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Lucias erwartungsvolles Gesicht tauchte dicht vor ihm auf: Gl,
Pittchen, eweil kaafste't?

Sie lchelte ihn an; nun spielte sie mit seiner Hand und puffte ihn
mit dem runden Ellbogen leicht in die Seite. Pittchen! Tausend
Bitten, tausend Versprechungen lagen in dem einen Wort!

Acht lumpige Thaler! Seien Sie doch nicht so ungalant!

Hol mech der Deiwel, hr met dem Kleid! Peter wute kaum mehr,
was er sprach. wer uf Ahfzaohlung will ech net, mir sein kein
Lumpenpackasch. Hr met dem Dreck -- wat kost de Welt, ech will se
zaohlen!

Ich werde unserem Geschftshaus Order geben, da man Ihnen mit
wendender Post per Nachnahme das Gewnschte zugehen lt, Herr Miffert!

Wohl, wohl, nickte Peter. Lucia hing an seinem Hals, ganz nrrisch
vor Freude.

Es 't waohr, es 't aach wirklich waohr? Kriehn ech dat Kleidche? O
Pittchen, ech haon dech e su liew!

Das war's, worauf er gewartet hatte. Nun mit ihr allein sein, nun sie
herzen und drcken und sich betuben an ihren Kssen! Er wollte sie zur
Thr ziehn; willig wre sie mit ihm gegangen, aber der Reisende vertrat
ihnen den Weg.

Das wre! Ne, Sie drfen mich nicht hier mutterseelenallein sitzen
lassen, bei dem abscheulichen Wetter, in diesem den Drecksnest! Habe
ich Ihnen dafr zu dem Kleid verholfen, schne Zeih? Kommen Sie,
Miffert, wir trinken en Schppchen! Er pfiff und sang:

    Dann setzen wir uns hin,
    Wohl auf das Kanapee,
    Und singen: Dreimal hoch
    Das Kanapee!

Das neueste vom Jahr, frisch importiert aus der Haupt- und
Residenzstadt Berlin. Ja, seit wir Siebzig-Einundsiebzig hinter uns
haben, haben wir Pli gekriegt. Sowas kennen Sie hier noch nicht, was?

Dat es schien! Zeih ri begierig die Augen auf. Sein Se so gud,
singen Se't noch ehs!

Als er den Singsang wiederholte, summte sie mit; sie hatte ein
gelehriges Ohr.

Und der Reisende gab Couplet auf Couplet zum besten, sie konnte sich
gar nicht satt hren; ihre Augen tanzten frmlich, ihre Lippen bewegten
sich, leis murmelnd, wie beim Rosenkranzbeten.

Pittchen hatte den Arm um sie gelegt. Der Reisende hatte ihm
eingeschenkt, nun wurde auch er fidel.

Der Nachmittag ging schon in den Abend ber; die frhe Dmmerung stahl
sich in's Fenster, noch frher als sonst durch den finster umzogenen
Himmel und die regenschwangere Luft.

Der Krumscheid brachte schon wieder eine Flasche und zwar nicht vom
schlechtesten. Das war ein Mosel, der sich sffig trank, aber der's in
sich hatte; er lief durch die Adern, wie prickelndes, frhliches Leben.

Spielen Sie auch Karten, Herr Miffert? fragte der Reisende. Die
hbsche Frau fing an, ihn zu langweilen; da er doch nicht mit ihr
allein war, was nutzte ihm da ihre Bewunderung?! Machen wir 'n
Spielchen!

Peter dachte an seine paar Kupferpfennige. Verflucht, wenn er jetzt
Geld htte! Die Eifeler spielten nicht gern mit ihm, sie schimpften ihn
'Fauteler'[31], und wenn er gewann, gab's jedesmal Prgelei. Fatal, nun
hatte er so schne Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu nutzen, und
da mute er nun kein Geld haben, nicht einmal den niedrigsten Einsatz!
Geld, Geld -- --! Seine Augen funkelten.

Der Reisende warf einen Thaler auf den Tisch. Als htte er Pittchens
Gedanken erraten, sagte er: Ich pumpe Ihnen. Was spielen wir denn?

Sechsunsechzig. H, Wirtschaft, Kaarten! Licht. Peter mischte; die
verfetteten, vom Schmutz dick gewordenen Karten flogen durch seine
Hnde, als seien es Rosenbltter. Und dabei wendete er keinen Blick von
dem Thalerstck auf dem Tisch, wie ein Magnet zog ihn das runde Silber
an. Solcher Dinger brauchte er acht -- nein, noch mehr, mehr! Er hatte
das Hungerleben satt.

Unwillkrlich, fast wider seinen Willen, streckten sich seine Finger
aus; er nahm den Thaler in die Hand und betrachtete ihn.

So gut wie neu, sagte der Reisende, und ganz echt. Unser Kassierer
hat sich mal 'nen falschen anschmieren lassen; den haben wir ihm an die
Kasse genagelt -- haha! Aber nu los; nu wollen wir sehn, wer mehr Glck
in der Liebe hat -- Sie oder ich! Er sah dreist die junge Frau an und
lachte.

Peter lachte auch; ein schlaues und zugleich grimmiges Lcheln verzog
seine Lippen.

Sie spielten. Den Reisenden amsierte es, wie eifrig der arme
Teufel bei der Sache war. Htte man wohl einem hier aus dieser
'zurckgebliebenen, unkultivierten Gegend' so viel Gewandtheit
zugetraut? Und Glck hatte der. Immer bekam er die besten Karten; er
gewann.

Zeih sah dem Spiel zu, das heit, sie blinzelte mit verschlafenen
Augen drein, der ungewohnte Weingenu hatte sie mde gemacht; sie
lehnte sich hintenber an die Wand. Pittchen bemerkte nicht, da der
Reisende unter'm Tisch ihr Knie drckte. Sie lie es sich gefallen, sie
rckte ihm nher, ihr Kopf neigte sich immer mehr zur Seite, bis er ihm
an die Schulter sank. Sie hatte einen kleinen Rausch.

Drauen war es stockdunkel. Regen klatschte an's Fenster, ein starker
Wind hatte sich aufgemacht und heulte mit wilder Stimme. Ungestm stie
er gegen das Haus, die Lden klapperten, lose Riegel drehten sich
kreischend. Es war ein seltsames Pfeifen und chzen, ein unheimliches
Wimmern in der Nacht.

Peter war ganz beim Spiel, auf seinen Backenknochen zirkelten sich
rote Flecken ab. Der Reisende schenkte ihm wacker ein; er trank wacker
aus. Er hatte einen unauslschlichen Brand in sich, einen Durst, der
gar nicht zu stillen war. Schon wurde sein Blick unklar, er sah alles
doppelt. -- -- -- -- -- Da war das Thalerstck, nicht einmal, nein,
zwei, drei, vier, fnf, sechs, siebenmal -- hundertmal! Hei, die
Thaler! Das war schn, wenn die sich so mehrten. Thaler -- wie die sich
in der Hand fhlten, glatt und rund! Thaler -- die klapperten im Sack;
herrliche Musik! Thaler -- die machten den Knecht zum Herrn, das arme
Pittchen zum reichen Peter! Thaler -- Thaler -- -- -- --!

Er schnalzte mit der Zunge und leckte sich die Lippen; der Gaumen war
ihm trocken, sein Schlund war so ausgebrannt, wie oben der Krater auf
dem Mosenkopf. Mechanisch ergriff er sein schon wieder geflltes Glas
und trank es leer auf einen Zug.

Glck im Spiel, Unglck in der Liebe, lachte der Reisende und legte
der verschlafenen Zeih den Arm um die Schultern. Da, stecken Sie ein,
Sie haben ihn gewonnen! Er schob den Thaler ber den Tisch.

Peter fate gierig zu und hielt dann das Thalerstck fest in der
krampfhaft geschlossenen Faust. Er achtete es nicht, da der Herr jetzt
die Zeih kte; all seine Sinne, sein ganzes Denken waren bei dem
runden Silber. Es blinkte berall, auf dem Tisch, auf dem Boden, an den
Wnden, es fllte den Raum von der Diele bis zur Decke.

Tha--ler, lallte er.

Ehr--lich -- ge--won--nen! sagte der Reisende. Jede Silbe kam
zwischen einem Schlucken. Er war auch nicht mehr ganz nchtern.

Mei -- mei Kleid, stammelte die Zeih.

Es wurde still in der Schenkstube, das Spiel hatte ein Ende.

Der Reisende hielt die Zeih im Arm; sie staunte mit starr aufgerissenen
Augen, in stummer Bewunderung, seine dicke goldene Talmikette und die
falsche Brillantnadel in seinem Schlips an.

Peter sa am Tisch in seiner beliebten Stellung, beide Ellbogen
aufgesttzt, den Kopf zwischen die Hnde geklemmt und stierte vor sich
hin. In seiner Brusttasche brannte der Thaler, durch Rock und Hemd
durch fhlte er ihn, bis auf die bloe Haut.

Da schlorrte was drauen an der Thr. Nun wurde sie geffnet, die alte
Schneidersch wankte herein. Ein groes Tuch hatte sie ber den Kopf
gezogen; geblendet, wie eine lichtscheue Eule guckte sie darunter vor.

Was ist denn das fr ein Hutzelweib? Haha! Nur herein,
Hutzelweibchen, schrie der Reisende.

Trumte der Peter, oder wachte er? Wie hinter einer dicken Mauer,
die den Schall dmpft, hrte er die Alte sprechen. Horch! Sagte sie
nicht, das Bbb wre tot, und der Peter Miffert sollte kommen, den Sarg
zunageln? -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- --

Er fuhr auf aus seinem Dusel; die scharfe Stimme der Alten zeterte
nach dem Krumscheid, und als dieser kam, verlangte sie Branntwein, ein
halbes Mchen.

Dat Bbb es schwaach gefaal[32], eweil mo et ebbes Herzliches
einholen. Sie kostete und leckte sich dann die Lippen. Duh werd et
schuns noch ehmaol ufgerappelt gnn. Ah --!

Reiwt er aach ebbes unner de Naos, riet der Wirt.

Sauft hn net onnerwegs aus, schrie Peter.

Er wurde pltzlich so wtend, da er Miene machte, sich auf die
Schneidersch zu strzen. Wat haot Eich dat arm Dier gedahn, dat Ihr et
krepiere laot, lao hinnen im Stall -- h?

Er rttelte die Alte. Wuh es de Weis-Fra, h, dau schandluse, alde,
knahschtige[33] Hex?! Seine Hand hob sich zum Schlag, die Alte wich
aus, das Mchen wackelte, kippte ber, der Branntwein flo auf die
Diele.

Kreischend und schimpfend kauerte sich die Schneidersch nieder und
tupfte mit dem Finger den kstlichen Fusel auf; sie leckte und
schleckte, am liebsten htte sie die Diele mit der Zunge aufgewischt.

Der Reisende wand sich vor Lachen -- war dieses arme Volk urdrollig!
Er lachte Thrnen.

Peter stand mit geballten Fusten; wollte er die Alte niederschmettern?
Nein, er gab sich selbst eins vor die Stirn, da er ein paar Schritt
zurcktaumelte.

Wirt, geben Sie der Frau doch 'n ordentlichen Droppen fr ihren
Durst, rief der Reisende. Hahaha! Auf meine Rechnung!

Krumscheid nherte sich mit Schnapsflasche und Mchen; fluchend ri
ihm Pittchen die noch halbvolle Buttel aus der Hand, setzte sie an und
trank sie leer. Grell lachend taumelte er dann gegen die Wand.

Er hatte genug. Jetzt fhlte er nicht mehr Gewissensbisse, jetzt hrte
er nicht mehr Jammern und Winseln drauen in der Nacht. Jetzt plagte
ihn der Thaler nicht mehr, der Teufel, der rund und blank ber den
Tisch kollerte.

Mit verglasten Augen, den Kopf auf die Brust hngend, torkelte er zur
Stubenthr.

Zeih sprang auf. Eweil mo ech giehn, ech kann eweil net mieh hei
bleiwen!

Warum nicht gar?! Der Reisende zog sie mit Gewalt nieder. Jetzt
bleibst du erst recht hier, mein Schtzchen!

Ech mo hn hmfhren. Hn knnt en Malr kriehn, mei Pittche!

Der?! Haha! Wenn er im Dreck liegt, wird er schon aufstehn.
Donnerwetter, was der Wind heult! -- Scheert Euch fort, alte Madam, so
verlegne Ware wird nicht mehr verlangt -- haha! -- -- -- auf meinen
Scho, schne Zeih!

    Dann setzen wir uns hin
    Wohl auf das Kanapee -- --




                    VII.


Erster Flatterschnee war gegen Morgen gefallen, in die Lachen und
Pftzen gesunken und da zerflossen; aber er strmte, auch nicht mehr
sichtbar, eine winterliche Klte aus. Er steckte in der Luft, die
nakalt und scharf wie mit Messern schnitt; er druete in dem Himmel,
der gleichmig grau und schwer ber'm Thal hing.

Verschrumpelter schienen die wenigen Bltter, die Ebereschen hatten
ihre letzten Beeren verloren; Krhen kamen unruhig von den Bergen
herunter und saen krchzend auf den Dachfirsten.

Wer kein Reisig aufgestapelt hatte, fror; die Htten waren dumpf wie
die Keller.

Peter Miffert lag noch im Bett; die zerlumpte Decke hatte er bis an die
Nase gezogen, aber er schlief nicht. Mit dstren Augen starrte er nach
Lucia, die am kalten Herd sa, das Kind an der Brust.

Sie hatte sich einen alten Deckenfetzen um die Schultern gehngt,
frstelnd zog sie ihn fest um sich. Sie war ganz bla, nur ihre
Nasenspitze rot verfroren; jetzt nieste sie, und das Josefchen hustete.

Peters Stirn zog sich in noch tiefere Falten; ber der linken Braue
hatte er eine mchtige Beule, das Auge war schwarz-blau unterlaufen.
Der Kopf schmerzte ihn und war so schwer wie ein Wackelstein; er
sthnte.

Willste ebbes, Pittchen? Zeih sah nach ihm hin.

Et es kalt, -- brrrr. Er klapperte mit den Zhnen.

Ech hoan ken Holz.

Verflucht! Peter drehte sich nach der Wand um und sprach nicht mehr.

Sie sagte auch nichts.

In der Stube war's frostig, noch frostiger durch das Halbdunkel,
das darinnen herrschte; Zeih hatte einen Lappen vor das Fensterchen
gehngt, sonst pfiff der Wind allzu ungehindert durch die Ritzen.
In trauriger Mifarbe schimmerten die nackten Wnde, hie und da war
der Bewurf abgebrckelt, und der rohe Stein kam zum Vorschein. Im
Estrich waren tiefe Mulden ausgetreten. Der Holztisch war lange nicht
gescheuert, Bank und Schemel auch nicht; auf dem Tellerbord standen die
Schsseln zerbrochen.

Lucia ghnte, es war ihr recht d im Magen; prfend sah sie sich um --
war denn gar nichts da, um die Flauheit wegzubringen und den Hunger,
der allmhlich anfing, ihr den Magen zusammen zu krampfen? Ein warmer
Kaffee wrde ihr gut thun. Ha! Sie schmeckte ihn schon in Gedanken.

Leise, um ihren Mann nicht zu stren, schlich sie auf den Zehen an den
Tellerbord. Auch nicht eine Bohne mehr in der Dte, kein Happen Brot
mehr da!

Trbselig starrte sie vor sich hin; da fiel's ihr pltzlich ein, hatte
der Peter nicht was gewonnen, gestern abend beim Kartenspiel? Da sie
das vergessen konnte! Ja, einen Thaler, einen ganzen harten Thaler!
Vor Freuden machte sie einen Satz, da ihr das Kind fast aus den Armen
geglitten wre; sie lief an's Bett.

Pittchen, h, Pittchen, mir haon jao wat verg! Sie lachte und fing
an, Hose und Rock, die am Fuende lagen, zu untersuchen. Hei! Sie
hielt triumphierend den Thaler in die Hhe, eweil sein mir aus aler
Bredullich![34]

Er hatte sich halb aufgerichtet, mit blden Augen starrte er sie an.
Jetzt schien ihm pltzlich das Verstndnis zu dmmern, mit einem Satz
war er aus dem Bett und zog ihr den Arm herunter. Giefste hr!

Sie nahm das als Spa und lachte vergngt.

Er ri ihr unsanft das Geldstck aus der Hand. Onnerstieh dech noch
ehs. Dn Dahler es mein!

wer Pittchen! Ganz betroffen sah sie ihn an -- was war ihm denn?
Sonst behielt er doch nichts fr sich!

Sie streckte wieder die Hand aus: Gief doch hr, ech mo ebbes kaafe
giehn. Et es su kalt hei, ons Josefche hust!

Lao mech zofrieden, murmelte er, sprang wieder in's Bett und hielt
den Thaler in der geschlossenen Faust unter der Decke versteckt.

O Jesses, on ech haon e su en Appetitt! Thrnen fllten rasch ihre
Augen, aber sie sagte nichts mehr; Vorwrfe machen, war nicht ihre Art,
sie nahm's eben, wie's kam. Resigniert setzte sie sich wieder auf ihren
Schemel.

Das Kind fing klglich an zu wimmern; Peter sah das erbrmliche
Gesichtchen, so welk und alt wie das eines Alraunen. Er sah die dnnen
winzigen Hnde, die in der Luft herumgriffen, und jetzt hrte er das
Husten, das Rasseln auf der kleinen Brust und den pfeifenden Atem. Er
sah auch, da Zeih weinte. Die dicken Thrnen rollten ihr ber die
heut gar nicht blhenden Wangen. Sie kam ihm pltzlich ganz elend und
abgezehrt vor.

Es gab ihm einen schmerzhaften Stich durch's Herz; nur ein Wort htte
es ihn gekostet, eine Handbewegung: 'Da hast du den Thaler', und sie
wre aufgesprungen mit einem lustigen Juchhe, Freudenrte auf den
Wangen.

Nein, nein! Wie ein Verzweifelter prete er den Thaler zwischen den
Fingern; er konnte sich nicht von ihm trennen. Der lag wie Blei in
seinen Hnden, der klebte daran fest. Als htte das tote Metall Leben
bekommen, so dehnte es sich in seiner Hand -- es wurde grer und
grer, immer schwerer und schwerer, es nahm ihn ganz in Beschlag mit
Leib und Seele, es wuchs und wuchs. -- -- -- -- Und eine Stimme bekam
es, die flsterte, nur ihm allein verstndlich, flsterte und flsterte
-- -- -- -- -- -- -- -- --

Durch Peters Kopf rasten seltsame Gedanken. Sie wurden darin
herumgewirbelt, wie welke Bltter im Gewittersturm. Dster hafteten
seine Blicke auf dem weinenden Weib und dem elenden Kind, glitten
an den den Wnden auf und nieder und fuhren unstet durch die kalte
armselige Stube.

Immer dringlicher flsterte die verfhrerische Stimme, immer
verstndlicher, immer klarer; und er lauschte ihr, den Kopf auf die
Brust geneigt, ganz versunken.

Es klopfte; er fuhr aus seinem Brten auf.

Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr unter den Arm
geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt durch den ihm gewordenen Auftrag,
brachte er seine Botschaft vor:

Dn Pittchen soll eweil gleich beim Hhr Pastor in de Kerch kommen,
dn Kronleuchter es erunner geporzelt. Hn leit eweil uf em Boden!

Lao hn liegen, brummte Peter. Er war unwillig, wollte nicht
gestrt sein; er mute lauschen, der Stimme lauschen, die so
vernehmlich zu ihm sprach. 'Arm, arm -- warum brauchst du arm zu sein?
Es liegt nur in deiner Hand -- in deiner Hand --!' Ja, in seiner Hand
lag das Thalerstck, das kleine und doch so mchtige Ding, das, nur von
Menschenhand geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mchtiger,
wie der Herrgott im Himmel.

Wat stiehste noch hei? fuhr er den Knaben an. Hei gnn kein
Maulaffen feil gehaal!

Ihr sollt eweil kommen, bei den Hhr Pastor, beharrte der Junge.

Jao, gieh doch, Pittchen, mischte sich die Zeih ein.

Ech haon ken Zeit!

wer bei den Hhr Pastor, sagte Lucia vorwurfsvoll, bei dn
gaastlichen Hhr?! Daor mu mer doch giehn!

Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch! Lao mech zufrieden!
Er hob die Hand gegen den Knaben.

Maach, datste eraus kmmst!

Gieh daor, Pittchen, redete Lucia zu. Sie hatte das Kind hingelegt
und fate ihren Mann nun krftig unter die Achseln. Eweil kriehste
villeicht ebbes zu verdienen!

Ae, verdienen! Ech peifen druf!

O Je, dn Honger! Zeih hielt sich den Leib und krmmte sich.
De Gedrm sein mer eweil schuns binnewennig zusammengeschnorrt --
Pittchen, gieh doch!

In drei Deiwels Naomen! Fluchend streckte er ein Bein aus dem Bett,
wie ein Pfeil scho der Knabe zur Thre hinaus, er frchtete Prgel.

Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie ihrem Mann die Hose
hin. Dein Buxen, Pittchen! Hei es dat rechte Bein, hei dat linke! Sie
half ihm in die Kleider.

Wie im Traum lie sich Peter anziehen, seine Gedanken waren weit weg.
Zwischen den zusammengezogenen Brauen sa eine grblerische Falte; er
brtete in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit einem
lachenden: 'Frdig' die Mtze auf's Haar stlpte.

Er sah nicht rechts noch links; mit hngendem Kopf, den Blick zu Boden
gesenkt, mit schlaff baumelnden Armen und schlorrenden Fen ging er
die Dorfstrae hinunter. Er beachtete kein 'Gutentag' und keinen Zuruf;
er hrte auch nicht den Schrei eines neugeborenen Kindes, der hell und
krftig ber den Schneiderschen Hof gellte.

Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim
Weihwasserbecken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein dstrer
Blick wurde heller, wie er das Silberstck betrachtete; falkenscharf.
Ein triumphierendes Lcheln umspielte seinen Mund, und um seine Augen
zuckten schlaue Fltchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da,
Gerusch! Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der
Tasche.

Pferdegetrappel, Rderrasseln. Ein Wgelchen nahte; der Reisende
fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den struppigen Kopf um
die Ecke und sah ihm mit hhnischem Grinsen nach, dann tunkte er
gewohnheitsmig den Finger in's Weihwasser, bekreuzte sich flchtig
und trat in die Kirche.

Drinnen war der geistliche Herr. Die Hnde ber'm Bauch gefaltet, auf
dem guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung, stand er vor den
Trmmern des ehrwrdigen Kronleuchters.

Mitten in's Schiff war der heruntergestrzt; viele, viele Jahre hatte
er schon an der weigetnchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen
hatten an hohen Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den
Andchtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine noch hhere Weihe
verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond
und Sterne, hatte er ber der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch
im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde des Kirchleins
hinaufgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz
gestiftet htte.

Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich
gelst, in einer Wolke von Staub war er niedergefahren, mit einem
dumpfen Drhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja,
ein ganzer Mauerstein.

Schreckensbleich eilte der Kster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden
nun reparieren? Das Einmauern war nicht so schwer, aber der schne
Kronleuchter war arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen,
die Stacheln, drauf die Kerzen gespiet wurden, und viele der flachen
Lichttellerchen darunter, abgebrochen.

Der Pfarrer rang die Hnde, der Kster jammerte. Was wrde das kosten,
lie man einen Knstler kommen, der das wieder herstellen konnte?!
Oder gar das kostbare Stck per Axe weit ber die Berge zu schaffen!
Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch ber die
Stirn, nahm auch eine Prise um die andre und trommelte nachdenklich auf
die Schnupftabacksdose.

Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig eingefunden hatten,
von Pittchen.

Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen Boden in den
Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zum
Gehen gebracht; dieser das plattgetretene und verbogene Amulettchen
mit den heiligen drei Knigen schn aufgehmmert; jener den in zwei
Stcke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, da ihm kein Mensch
mehr was ansah. Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und
Hausgert, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte.
Warum denn dies nicht?

Pittchen, holt Pittchen!

Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, den er schon trbselig hatte
antreten wollen, noch einmal um.

Und nun war der Peter da. Die Hnde in den Hosentaschen, mit
gespreizten Beinen, das Maul schief gezogen, stand er und besah den
Schaden.

Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e su! Er wiegte den Kopf
und sah schlfrig drein, ohne jegliches Interesse.

Knntet Ihr das nicht wieder reparieren? sprach der Pfarrer.

N, n, dat es net mein Metj!

Seht einmal, Miffert, -- der geistliche Herr bckte sich selber und
hob eins der abgebrochenen Stcke auf -- ich denke, das liee sich
wieder anlten. Das ist Euch gewi leicht mglich; mit Metall und so
was hantieren, lten und hmmern und gieen und feilen, was wei ich,
das schlgt doch in Euer Fach!

Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen auf den
Geistlichen; es war ein eigentmlicher Blick, ein schlauer Blick, in
dem zugleich pltzlicher Argwohn dmmerte. Wat beliewt? fragte er
lauernd. Wie maant dn Hhr Pastor dat? Ech haon ganz simpel Schlosser
gelernt, met su ebbes Apartem haon ech nie neist im Sinn gehatt. N,
duh mt Ihr bei ener anneren Dhr ankloppen. Lao kann ech neist bei
maachen!

Aber Ihr knnt es doch versuchen, bemhte sich der Pfarrer ihn zu
berreden. Sie sagen alle, Ihr seid so geschickt!

Wn haot dat gesaot? Peter warf einen unruhigen Blick um sich.

Nun, nun, -- der geistliche Herr lchelte arglos -- das ist doch
keine Beleidigung! Du bist zu bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre
der Kirche versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden
deine Arbeit segnen, die allergndigste Himmelsknigin wird sich
deiner erbarmen. Er hob die Hand. Sei ohne Furcht. Und dann in
minder weihevollem Ton: Wir haben da vielerlei altes Zinngert in
der Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob Ihr davon
nichts zum Ausbessern verwenden knnt. Zinn schmilzt leicht; schn
verarbeitet, ja, ja, kann man's von Silber kaum unterscheiden!

Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters Augen. Er widersprach
nicht mehr.

In der Sakristei war es kellrig und roch nach Moder und Weihrauch;
Peter schlo die Thr hinter sich.

Da hingen Chorhemden und Megewnder; ein in Schweinsleder gebundenes
Buch lag auf dem Tisch, lauter Requisiten fr den Gottesdienst.
Peter entsann sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal
hineingeschlpft war und mit andachtsvoller Neugier alles durchmustert
hatte. Die Neugier war noch da, aber die Andacht war weg.

Seine Blicke stberten in allen Winkeln herum und blieben dann auf dem
alten Schrank in der Ecke haften; da mute das Zinngert drin sein! Er
htte hinstrzen mgen, ihn aufreien -- Zinn, Zinn! Bald hielt er's
in der Hand, ein Metall, aus dem sich was formen und gieen lie, man
mute es nur verstehen.

Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler in der Brusttasche. Der
war noch da! Er prete die Hand fest dagegen; so drckte er ihn an's
Herz.

Umstndlich rasselte der geistliche Herr mit dem Schlsselbund; endlich
hatte er den richtigen Schlssel gefunden. Knirschend drehte sich der
rostige Bart im Schlo; widerwillig gab es nach und sprang so schwer
auf, da Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten Schrankthr
stubte.

Da stand die Monstranz, verhngt mit weiem Mulltchlein, neben Kelch
und Hostienschrein; im zweiten Gefach ein paar Weinflaschen zur
Strkung fr den Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstubt
und zerbrochen, lauter altes Germpel; darunter eine verbeulte
Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen Enden herausragend, ein paar
in Stcke gegangene Altarleuchter.

Der Geistliche bckte sich und kramte in dem Wust. Peter beugte sich
ber seine Schulter, den Mund offen, die Augen aufgerissen, rasch
atmend.

Da, sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar Leuchterarme hin, nur
Zinn, aber jetzt Goldeswert. Ist das genug zur Reparatur?

Peter hatte mit einem raschen Blick alles berflogen; auf die
Taufschale sehen und sie ber die Schulter des andren weg herauszerren,
war eins. N, sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in
der Hand und versteckte sie dann halb hinter'm Rcken, dat haon ech
eweil aach noch nedig!

Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst, mein Sohn, schmunzelte
der Pfarrherr, erfreut ber Peters Willfhrigkeit. Alles noch aus
dem vorigen Jahrhundert, wertloser Plunder; da mute sich unsere
Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefe bedienen. Aber
die Heiligen werden es in deiner Hand segnen. Uff -- er erhob sich
seufzend von den Knieen und stubte seine Hosen ab -- ist das eine
Ungelegenheit! Htt' ich das heute morgen geahnt, als ich so friedlich
schlummerte! Nun geh, mein Sohn! Er legte seine Hand, wie segnend, auf
Peters Schulter. Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. _Quod
bonum felix faustumque sit._ Hol dir den Kronleuchter beizeiten ab, der
Kster wird dir helfen.

Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn unter'm Rock
versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in der Hand, eilte er zur
Kirche hinaus.

Drauen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren aus und drngte
sich dicht an ihn, als suche sie Wrme bei ihm.

Biste mer bees, Pittchen?

N, murmelte er zerstreut.

Sie trippelte neben ihm her. Pittchen, maachste am Sonntag met nao
Oberkail? Se danzen beim Pauly. Holste mech bei de Muhsik, dann -- in
ihrem Blick lag eine glhende Verheiung.

Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog spttisch den Mund.
Olau, et es nor gud, dat dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau
bis e su en power Luder, hast net emaol e Kastemnnche, om dei Mdche
zo traktieren!

Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und lie seinen Thaler um ein
weniges herausblinkern. Kuckste eweil, dat ech net e su power bin, h?
Wann ech nor will. wer -- er schttelte verneinend den Kopf, drehte
ihr den Rcken und ging mit groen Schritten davon; er lahmte heute gar
nicht, er ging so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der
Tasche trgt.

Mit offnem Mund sah ihm Tina nach -- einen Thaler, so viel Geld?! Wie
der Wind lief sie hinter ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, fate
sie ihn am Rockscho. H, Pittchen, h, wuher haste dn Dahler? Sao't
mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!

Er besann sich einen Augenblick, dann lchelte er verschmitzt.
Gerwt, flsterte er ihr in's Ohr. Pst, pst, Maul gehaal! Dau darfst
niemand neist dervon saon, ech kriehn noch mieh. wer -- er schlug
sich selbst auf den Mund.

Ech saon neist, waohrhaftgen Godds, versicherte sie.

Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gl? Sie schmeichelte ihm und
zog ihn abseits zwischen die Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch
guten Schutz boten. Dort kte sie ihn strmisch und gierig.

Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde Freude bemchtigte sich
pltzlich seiner. Alles konnte er haben, alles! Mit einem Juchzer
schlang er den Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in die
Hhe. --

So fleiig wie diesen Nachmittag war Peter noch nie in seinem Leben
gewesen. Aus allen Ecken stberte er seine selten benutzten Werkzeuge
auf, schimpfte laut, wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als
bis er alle zusammen hatte.

In der Rumpelkammer neben der Stube, die nur durch eine Luke
sprliches Licht erhielt, richtete er seine Werkstatt her. Den Tisch
schleppte er dorthin, die einzige Lampe und den Schemel.

Lucia sah lachend zu, sie wute nicht, was sie davon denken sollte. Als
sie den Einwand machte, da er ihr das Beste aus der Stube weg trage,
kniff er sie zrtlich in die Wange und kitzelte sie unter'm Kinn.

Dau sollst et schuns kommod kriehn, brummte er und lachte in sich
hinein; nahm dann einen Hammer und probierte ihn auf dem Tisch. Eweil
noch net, wer bal. Dn Pittchen es en Filu. Gudendag, Dahlerpittchen,
er machte einen Kratzfu, wat kost de Welt?!

Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust und summte:

    Dahler, Dahler, dau mut wannern
    Von der anen Hand zor annern,
    Dingderlink, Dahler dau -- -- -- --

Himmelkreizgewieder! schrie er, zusammenschreckend, dann pltzlich
seine Frau an, wat willste hei? Weibsbiller haon hei neist zo suchen!
Er schob sie aus der Kammer und schlo zu.

Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter in's Dorf. Trotz des
unlustigen Wetters stnderte sie an den Thren herum und schwatzte.
Diese und jene rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor
und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskrften.

Wie ein Lauffeuer hatte sich's im Dorf verbreitet: der Miffert hatte
eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht, wute man nicht recht; aber
man schwur darauf, wie auf das Amen in der Kirche.

Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht 'nein' und nicht 'ja' -- was
wute sie denn davon? Aber sie ntzte die Gelegenheit; so bereitwillig
zum Geben waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder zur Htte
hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit Kartoffeln, Brot und Speck;
sie hatten fr ein paar Tage genug daran. Satt und behaglich schlief
sie ein.

Erst lange nach Mitternacht, die Hhne krhten schon den grauenden
Morgen an, suchte Pittchen sein Lager auf.

Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte ihn ein fahles,
seltsames Antlitz an. So hatte der Peter noch nie ausgesehen, er
erschrak vor sich selber. Seine Lippen waren fest aufeinander gepret,
als htten sie ein Geheimnis zu verschlieen; seine Augen fuhren scheu
lauernd umher, wie die eines Diebes, der berraschung befrchtet.

Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und lschte rasch das Lmpchen.

Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhngte Fensterchen und malte
helle, runde Lichtflecke auf die Thr zur Nebenkammer. Peter schlpfte
im Hemd, auf bloen Fen an's Fenster und zog den Lumpen fester vor,
prfte sorgsam, ob die Thr der Werkstatt verschlossen, und verbarg den
Schlssel hinter einem losgebrochnen Stein des Herdes.

Dann erst kroch er frstelnd in's Bett. Aber er wurde nicht warm. Von
Schauern berrieselt, mit brennenden, weitoffnen Augen lag er, von
Zweifeln und ngsten beschlichen. Wrde es ihm auch gelingen?! -- -- --
-- Was hatte der Pfarrer gesagt? 'Die Himmelsknigin wird sich deiner
erbarmen!' -- -- -- -- Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein
Arm, n, noch dicker, murmelte er. N, zwa! On en Kleid von Seid, on
Messen for de armen Seelen im Fegfeuer.

Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er ri die gefalteten Hnde
auseinander -- so rasch ein Betbruder geworden? Das sollte ihm fehlen!
Seine Gesichtsmuskeln zuckten in einem hhnischen Grinsen -- nur keine
Furcht!

    Wn net wagt, dn net gewinnt,
    Wn net sucht, dn net findt,

sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so ungerecht verteilt
sind, mu man da nicht selber suchen, sich was zu verschaffen? Wer
zuerst beim Weihwasser ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die
Heilige nicht selber den Weg gewiesen?

Jao, jao, -- er bekreuzte sich nun doch unter der Bettdecke --
unsre liebe Fra, gelowt sei se! Die hatte das so gewollt; die war
dem Pittchen gut, wie alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter strzen
lassen; die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken in die Hnde
gespielt; die hatte dem armen Pittchen helfen wollen, die wrde ihn
auch ferner nicht im Stich lassen.

Seine Aufregung legte sich allmhlich, die finstren Falten auf seiner
Stirn gltteten sich.

Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich auch erst unruhig warf
und sthnte, da die Zeih aufwachte und erschrocken den Arm um seinen
Hals schlang, bald schlief er sanft.

Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den Kster schickte und
fragen lie, wie dem Pittchen die Arbeit gelinge?




                    VIII.


Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, da Krhen und
Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Hschen sich in den kotigen
Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in
den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Strae,
verfing, fluchte er und ri und zerrte. War es ihm endlich gelungen,
loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und
Zickzacklinien seinen Heimweg fort.

Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trchtige Kuh verkauft; ein
gut Stck Geld trug er im Lederbeutel, unter'm Mantel versteckt, auf
dem Leib. Kein Wunder, da er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail
war er auch noch einmal eingekehrt.

Als er zum Dorf hinaus war, stie er auf Pittchen; fast schien es so,
als htte der da auf ihn gepat. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte
sich beim Maurer dort ein Sckchen Gips geholt, eine recht reichliche
Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche.

Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und
Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende
Katze ihrem Herrn um die Fe streicht. Zuletzt wurde der Alte
vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, sttzte Peter ihn.

Gud gelaoden, lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, da
es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der
Seite her, dem andren dummpfiffig in's Gesicht. No, bei Eich werd et
eweil aach bal klimpern, wat? Saot -- er flsterte wichtig und spitzte
neugierig die Ohren -- mir knnt Ihr't eweil dreist anverdrauen,
wn -- wn -- der Schlucken stie ihn -- wn haot Eich -- ebbes --
ver--vermaacht?

Jongfra Maria! Peter flsterte auch und legte dann, sich scheu
umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. Still, wer still,
dat se 't net hrt! Dat haot se net gren. Wann mer dervon babbelt,
krieht mer de Krankhaat!

Wn haot Eich -- ebbes -- ver--maacht -- wn? Der Alte ri bld die
Augen auf.

Hei dn Dumerling, lachte Peter und streckte seinen Daumen in die
Hhe.

O dau Filu! Der Krumscheid stie ihn kichernd in die Seite. Ihr
spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!

Kann sein, kann aach net sein! Peter zuckte die Achseln. wer,
Krumscheid, hrt ehs -- er zwinkerte vertraulich -- seid eweil e su
gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stcker aacht oder ziehn. Ihr krieht
se met Znsen widder, e su bal ech -- no, Ihr waat jao schuns! -- E su
bal ech ausgezaohlt gnn!

Lehnen -- Dahler --?! Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte
argwhnisch; er hielt die Hnde vor den Bauch, als wolle er so die
Thaler schtzen.

Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies ber die kahle
Hhe; der Alte torkelte, da er sich kaum aufrecht halten konnte.

Peter packte ihn fest unter den Arm. Met Znsen widder, raunte er
ihm in's Ohr. Anstatts ziehn, fnnefziehn Dahler! Dat es en Geschft,
gl? Hrt Ihr dn Wind? Wie dn heult! Wann ech Eich loslaoen, eweil
kullert Ihr hei dn Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se knnen Eier
Knchelcher anzeln ufsuchen.

Jesses! Der Alte klammerte sich fest an den sttzenden Arm. Kriehn
ech se dann aach widder, mein Dahlersch? stammelte er ngstlich.

Uf Ehr on Sligkaat, sagte Pittchen feierlich. Hopp! Maacht, gieft
Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brchen, wann ech net derbei waor!

Jemarijusep! Der Alte knpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half
ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande
kommen.

Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine
schob Pittchen mit Verachtung zurck, aber die harten Thaler, die darin
waren -- grade acht -- packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf --
lauter Thaler verschiedener Prgung, schon durch viele Hnde gegangene;
die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das
fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prfend an
den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen
Silberklang mehr.

Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die
Tasche. Dann fhrte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt vllig
Sinnlosen den abschssigen Weg in's Thal, leitete ihn gutmtig bis in
die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in's Bett.

Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.

Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als
Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt
und kauerte davor am Boden, wie ein Trke, mit untergeschlagenen Beinen.

Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem
unkindlich spitzen Nschen und den wachsgelben Wnglein, sah aus wie
das eines toten Kindes.

Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich
nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen
aufzuckenden Schein ber die Wnde und sank dann jh wieder zusammen.
Das gab dem den Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern
glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.

Nur Zeih atmete volles Leben. ber ihrer ppigen Brust straffte
sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht
geschlossen, man sah die weie Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte
sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelst herunter, und
das flackernde Licht warf einen goldenrtlichen Glanz auf ihr Braun.
So sah sie fast mdchenhaft aus, trotz ihrer Flle von einer keuschen
Lieblichkeit.

Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Scho --
hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen -- es war rtselhaft, wo
sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt
die Taille des roten Sonntagskleides gegen's Licht -- an der Brust
ganz speckig gerieben, alle Nhte blank, der Stoff so fadenscheinig
abgetragen, da das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.

Sie seufzte. Schade, da das neue Kleid nicht schon fertig war! Der
Stoff war noch nicht einmal angekommen; was htte sie sonst fr einen
Staat machen knnen, morgen zu Oberkail! Jammerschade!

Ein paar Augenblicke lie sie die Lippen hngen, aber gleich darauf
hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergngten Lcheln. Ei was,
amsieren wrde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schne
Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre!

Es wurde ihr hei, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie ffnete die
Nachtjacke weiter ber der Brust. Pittchen mute mit ihr hingehn, er
mute; hei, das wrde fidel werden! Sie hielt den hbschen Kopf schief
ber ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins.

Da knarrte die Thr; Peter trat ein.

Mit einem unterdrckten freudigen 'Jesses' sprang sie ihm an den Hals.

Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel gent, in die Stirn.

Sie lie ihn gar nicht zu Atem kommen. Pittchen, mir maachen morjen
nao Oberkail, gl? Dau giehst met mer danzen, gl? Sie flsterte und
drckte ihn heftig an ihre weiche volle Brust.

Watt dann? Er sah sie verwundert an. Wie kmmste e su im Momang dao
druf? Wn haot dir dat in dn Koap gesetzt?

Dat Tina waor hei, sagte sie hastig. Et saot, dau httst em
versproch, dau wollst et metholen nao Oberkail. Kuckste hei? Sie
hielt ihm die Wange hin, ber deren weiches Fleisch sich ein scharfer
Kratz zog. Mir haon en ordentlichen Diskurs gehaott. wer ech giehn
met. Jesses -- sie machte einen kleinen Hopser -- ech hren se
schuns fiedeln! Gl, Pittchen, mir giehn daor? Sie blinzelte ihn mit
schwimmenden Augen an.

Dat Tina, dat frech Mensch, murrte Peter und kratzte sich mimutig
hinter den Ohren. Ech giehn net nao Oberkail, ech haon ken Zeit!

Olau! Lucia lachte ihm in's Gesicht, und dann sagte sie ernsthafter:
Dn Kster waor hei, hn wollt kucken, wie weit datste als met dem
Kronleuchter wrst. Hn wollt et absolut wissen; hn saot, dn Hhr
Pastor dht em schicken. Mir wollten in de Kammer kucken, mir haon
versucht --

Onnerstieh dech noch ehs! Peter fuhr sie so heftig an, da sie
betroffen zurckwich. Mit groen Schritten eilte er zur Kammerthr, zog
den Schlssel aus seiner Tasche und stie ihn in's Schlo; dann krachte
er hinter sich zu. Zeih hrte, da er zweimal herum zuschlo.

Er blieb sehr lange in der Kammer; als sie ihn zur Abendsuppe rief, war
ein dumpfes Grunzen seine einzige Antwort.

Sie klopfte und schlug gegen die Thr. Pittchen, hrste dann net?
Pittchen! Eweil sollste kommen, Pittchen!

Urpltzlich, mit einer solchen Vehemenz trat er heraus, da er ihr
die Thr gegen den lauschend vorgeneigten Kopf stie. Er beachtete
nicht, da ihr die Thrnen in die Augen schossen; stumm und hastig
schlingend, verzehrte er am Herdrand das Mus und die paar vom Mittag
brig gebliebenen kalten Schalenkartoffeln.

Als er satt war, kam eine ruhigere Stimmung ber ihn; er lie seinen
heien Kopf, wie erschpft, an Lucias Schultern sinken und umfate
ihren Leib. Dat waor en Strawatz, stie er unwillkrlich heraus,
hhrjeh!

Wat dann? fragte sie zerstreut; sie dachte nur an den morgenden Tanz.

Ohne zu antworten, whlte er den Kopf immer tiefer.

Sie strich mechanisch ber sein Haar, vor ihren Augen drehten sich die
Tnzer.

Er murmelte in sich hinein: Mer kann jao eweil dat Lwen net mieh
mantenren. Und dann fuhr er pltzlich auf: Zeih, freu dech!

Dau giehst met mer nao Oberkail? O dau Pittchen! Froh berrascht
drckte sie ihm einen schallenden Ku auf die Backe. Nao Oberkail!

Gieh met wm datste willst! Lao mir mein Ruh!

Heftig sprang er auf und eilte in die Kammer; wieder schlo er hinter
sich zu. -- -- --

Zum zweiten Mal schon wachte Lucia in dieser Nacht auf, und noch immer
lag ihr Mann nicht neben ihr. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen.
Unter der Schwelle der Kammerthr stahl sich noch ein Lichtstreif
in die Stube; nun hrte sie auch drinnen noch hantieren, hastiges
Hinundhergehn und unterdrcktes Fluchen.

Sie bedauerte ihren Mann; was der sich plagen mute!

Seit der Kronleuchter im Hause war, war das arme Pittchen wie behext;
wr' der nur geblieben, wo der Pfeffer wchst!

Leise schlich sie sich aus dem Bett und lugte, mitleidig und neugierig
zugleich, durch den Spalt, der mitten im Holz der Kammerthr klaffte.
Nichts zu sehen, von innen war er verklebt.

Pittchen, rief sie und klopfte.

Keine Antwort.

Innen Gemurmel, als ob einer betet oder Geister beschwrt.

Drauen erhob der Nachtwind ein sthnendes Geheul. Das pfiff und
chzte und tobte und johlte; das Wodesheer jagte im Kunowald, oder der
Teufel rief die Hexen auf dem Tanzplatz bei Grolittgen zusammen. Der
wilde Herbststurm ri am Strohdach, nicht viel fehlte mehr, und die
Htte wurde abgedeckt. Eine schauerliche Nacht.

Sie fror in dem dnnen Hemd, das ihr nur bis zu den Knieen reichte.
Zitternd schlich sie in's Bett zurck. -- -- --

Vorwurfsvoll blickte Lucia Miffert am andren Morgen in der
Sonntagsmesse zur Kirchenwlbung auf, an der ein groes Loch die Stelle
zeigte, wo der Kronleuchter gehangen. Dau, murmelte sie drohend und
ballte die Faust in den Falten ihres Kleides. Brauchst dau erunner zo
porzeln, konntste net waarten bis morjen? Eweil dht hn heit met mer
nao Oberkail giehn!

So war mit dem Peter nichts anzufangen; der bastelte den ganzen
heiligen Sonntag in seiner Werkstatt und wurde unwirsch, wenn man ihn
strte.

Sie betete recht angelegentlich zur Jungfrau Maria; wenn die ihr doch
einen schickte, der sie mitnhme!

Am frhen Nachmittag wusch und strhlte sie sich noch einmal; die
Haare glnzten ihr wie Seide auf dem wohlgeformten Kopf, das Kleid
sah doch noch ertrglich aus, nun sie es mit einem Spitzenkrgelchen,
von einer gelben Bandschleife geschlossen, ausstaffiert hatte. Mit
Wohlgefallen guckte sie in den Spiegelscherben. Hei, wie die Ohrringel
blitzten, wie pures Gold! 's war zwar nur blankgeputztes Messing, ein
Hausierer hatte ihr die Ringelchen einmal eingetauscht gegen alte
Lumpen; freilich, ein paar handvoll Federn aus dem Bett hatte sie auch
noch mit dreingeben mssen.

Mit naiver Freude besah sie sich lange, dann trat sie vor die Hausthr,
stemmte die Arme in die Seiten und lugte aus.

Jesus, Maria, Josef! Wer kam denn da mit Sbelgerassel die Dorfstrae
herauf?! Sie traute ihren Augen nicht; einen hellen Freudenschrei stie
sie aus -- das war ja der schne Gendarm von Oberkail!

Ihr Kleid raffend, sprang sie in groen Stzen ihm entgegen. Da ihr
nur keine zuvorkam!

Die einsame Dorfstrae hatte sich pltzlich belebt, aus allen
Fenstern fuhren Kpfe; Thren klappten. Rufen, Laufen, Lachen. Mit
Zauberschnelle war Leben, wo eben noch alles ausgestorben erschienen.
Da waren schon die Tina, die Brun und die Leis! Die kleine Billa kam
auch gerannt, und noch ein ganzer Schwarm andrer.

Der schne Gendarm versandte rechts und links freundliche Blicke aus
seinen blanken Augen und lachte ber das ganze runde Kindergesicht, da
sich die Grbchen in seinen Backen zu zwei Lchelchen vertieften.

Wen suchte er?

Nun war Lucia bei ihm. Hhr Schandarm, Hhr Schandarm, stammelte sie
atemlos, mit ihrem strahlendsten Lcheln.

Verfluchtes Schwein -- pardon, wollte sagen: riesiges Jlck! Er
legte zwei Finger an den Helm und betrachtete sie mit der Miene eines
Eroberers. Ich dachte jrade an Sie, schne Frau! Er gab sich Mhe,
das ein wenig von oben herab zu sagen, aber im Grunde war er so erfreut
ber die Begegnung, da er schmunzelnd den Mund breit zog. Er strich
sich unternehmend den Schnurrbart. Riesig erfreut!

Es et waohr? fragte sie treuherzig. Die Huser tanzten vor ihren
Augen einen wiegenden Walzer, ihr Herz klopfte in kindischer
Glckseligkeit -- den hatte ihr die Jungfrau Maria geschickt!

Sie waren bald einig. Der schne Gendarm hatte in Eifelschmitt beim
Krumscheid, dem Ortsvorstand, etwas zu thun gehabt; das sagte er aber
nicht, er behauptete, einzig und allein nur gekommen zu sein, um die
schne Zeih zum Tanz abzuholen. Nun wollte er auf sie warten, unten am
Berg, wo das Fufllchen[35] steht.

Vor Freuden hpfend, eilte sie zurck in ihre Htte; sie kte und
bekreuzte das Josefchen in der Wiege, wickelte es fest ein, da es sich
nicht rhren konnte, und steckte ihm den Zulp mit gekautem Brot in's
Mulchen.

Jetzt rasch ein Tuch um die Schultern gehngt und dann an die
Kammerthr geklopft. Pittchen, adjes! Ech giehn derweil!

Drinnen fuhr einer erschreckt auf, wie aus tiefem Schlaf, man hrte den
Schemel umpoltern.

Ech giehn nao Oberkail, adjes! Sie wartete keine Gegenrede ab,
schnell war sie auf und davon; die Thr lie sie in der Eile offen, ein
starker Zugwind blies in's Haus.

Als sie mit ihrem Begleiter die Hhe gen Schwarzenborn hinaufstieg,
folgten ihr viel neidische Blicke.

Was wollte die denn mit dem? Die hatte ja zuhause einen Mann! Die
Weiber standen zusammen, Enttuschung und rger in den Mienen, und
schimpften hinter ihr drein; heute wurde Lucia Miffert von allen gehat.

Tina schmhlte, gegen ihre sonstige Gewohnheit, wenig; sie lahmte
merklich mit dem linken Fu. Auf den hatte ihr die Zeih gestern den
Schemel geworfen; da hatte sie ordentlich Respekt bekommen.

Als es dunkelte, schlich sich Tina zu Mifferts Htte, sie hrte ihn
drinnen poltern und fluchen.

Vor einer Viertelstunde war Peter erst aus der Kammer gekommen; sein
blasses Gesicht zeigte scharlachrote, abgegrenzte Flecken auf den
Backenknochen, seine Augen, die tief in den Hhlen lagen, glnzten
bernatrlich.

Zeih, schrie er aufgeregt, Zeih! Fr heute war er fertig, und nun
mute er einen Menschen haben, mit dem er reden konnte, einerlei was,
nur reden, reden! Eine wilde Unruhe qulte ihn.

Zeih! schrie er, da die Wnde widerhallten. Sie antwortete nicht,
nur das Josefchen wimmerte, halberstickt in seiner festen Umwicklung.

Die Thr stand sperrangelbreit offen, eiskalt war's in der Stube -- die
Zeih nicht da, wo war sie?

Verstrt fuhr er sich ber die Stirn -- hatte sie's ihm denn nicht
zugerufen: 'nao Oberkail' --?!

Wie ein Keulenschlag traf es ihn in's Genick; er brllte auf: Nao
Oberkail!

Und mit wem --?! Hatte er denn keine Ohren gehabt, keinen Verstand?!
Wie ein Wahnsinniger rannte er in der Htte umher -- nach, ihr nach! Er
wollte sich anziehen und fand seine Sachen nicht, wtend warf er alles
durcheinander; am liebsten htte er geweint, wie ein altes Weib.

Da kam Tina.

Erst war er grob, sie lie sich nicht abschrecken; schlau wie ein
Ktzchen umschmeichelte sie ihn. Sie kte ihn und streichelte ihn; sie
sah schn aus in dem Sonntagskleid, mit dem goldenen Kamm in den Haaren
und frisiert wie ein Frulein.

Er wurde schwach. Und hatte er denn nicht auch versprochen, sie
mitzunehmen?!

Sie drngte ungeduldig zum Aufbruch. Nur so viel Zeit lie sie ihm
noch, da er von neuem Feuer anzndete und das Kind loswickelte; die
Zeih hatte es ja eingepackt, da es ersticken mute.

Dann gingen sie mit einander fort, aber Peter verschlo das Haus
sorgfltig und legte sogar die morschen Lden vor.

Sie waren kaum zwanzig Schritt weit, da rief die Leis sie an; die
hatte wohl hier auf der Lauer gelegen. Sie war vollstndig zum Gehen
gerstet, nur die schnen blonden Haare trug sie unbedeckt, als goldig
umstrickende Fden wehten sie im Herbstwind. Sie sagte, sie wolle auch
nach Oberkail, und schlo sich ihnen an, ohne weiter aufgefordert zu
sein.

Die schwarze Brun war auch nicht weit. Wenn Tina auch ein noch so
wtendes Gesicht machte, die beiden stahlen sich an Pittchens andere
Seite.

Und so fanden sich ihrer noch mehrere ein. Die Steffes kam daher, ganz
sittsamlich ihr Hubertche an der Hand fhrend; gleich darauf die Traut,
die immer noch ein besonderes Anrecht auf Pittchen geltend machte, von
frher her.

Als sie endlich die Chaussee gen Schwarzenborn hinaufstiegen, trabte
Pittchen inmitten von zehn Weibern. Als letzte hatte sich die kleine
Billa eingefunden, atemlos war sie nachgerannt in ihrem flatternden
kurzen Rock. -- Tina, waart! Waart! Sie kreischte immerfort: Helao,
ech saon et! Dau sollst net allein giehn! Tina, Tina!

Zuletzt hing sie sich dem Peter an den Rockscho. --

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Die letzten Lichter von Oberkail schimmerten wie vereinzelte
Glhwrmchen durch die Finsternis, als die Eifelschmitter heimkehrten.
Es war spt, gegen Mitternacht, und noch hatten sie eine gute Stunde
Wegs.

Ihre Gesichter glhten trotz des scharfen Bergwindes, der die Haut
schnitt wie mit Messern; ihre Kleider blhten sich, flatternd gleich
Fledermausflgeln. Irgend jemand trug eine Laterne, aber sie lschte
bald aus; nur der Mond, der fr Augenblicke zwischen jagenden Wolken
hervorlugte, zeigte den Weg. Er war ein sehr unsicherer Fhrer -- jetzt
verschwand er ganz; mit Gekreisch drngten sich die Weiber in der
tiefen Dunkelheit um Pittchen. Wohin der tappte, weiche Leiber.

Das war ein 'Jux' gewesen zu Oberkail!

Als der Peter mit seiner Eskorte angekommen war, tanzten sie schon;
mitten im dicksten Knuel drehte sich die Zeih. Sobald sie ihren Mann
erblickte, lie sie ihren Tnzer, den Gendarmen, stehen und lief
lachend auf Pittchen zu. Dieser aber that patzig, sah sie gar nicht
an und tanzte los mit einem herausfordernden Trotz. Und als er gar
Apfelwein kommen lie und die Eifelschmitter Damen traktierte, war er
Knig des Tanzbodens; die dummen Bauernburschen von Oberkail trauten
sich ihm nicht in's Gehege, von denen hatte ohnehin jeder sein Mdchen
mitgebracht.

Lustig, lustig! So toll hatte es der Peter noch nie getrieben; sein
lahmes Bein schien vergessen, er sprang wie ein jhriges Kalb, immer
gab ihm was inwendig einen Peitschenschlag: H, hott, trab, trab!
Gestachelt durch Eifersucht, geschmeichelt von der Bewunderung, gejagt
von -- was war es nur, das ihn so hetzte?!

Er schwang die Tina und die Leis, er schwang die Vrun und die Traut --
alle. Erst gab es ihm einen schmerzhaften Stich, wenn er sah, wie der
Gendarm und die Zeih sich gar nicht loslieen; dann ging alles unter in
einem wilden Dusel.

Der letzte Groschen von dem Vorschu, den er vom geistlichen Herrn auf
seine Arbeit erbeten, war verjubelt; was kmmerte es ihn, er schrie
immer weiter nach Bier, Schnaps und Wein und lie es auf Rechnung
schreiben.

Jede drngte sich dazu, mit ihm zu tanzen; jeder mute er zutrinken.
Rechts hatte er die Tina neben sich, um den Platz an seiner Linken
stritten sich Vrun und Leis erbittert mit der Traut; zuletzt wurden sie
dahin einig, sie saen nacheinander ihre Zeit ab. Sie schmeichelten ihm
alle, er that mit jeder schn; zuletzt konnte er sie nicht mehr von
einander unterscheiden. Keine nahm's ihm bel, sie waren schon alle
halbvoll.

Billa war zuerst abgefallen. Sie fing pltzlich, mitten im Lachen,
laut an zu weinen, legte den Kopf auf den Tisch und schluchzte, da es
sie stie. Als jemand nach einer Weile sie aufrichten wollte, sank sie
wieder schwer vornber; sie schlief fest, unbekmmert um das drhnende
Gelchter der andren und das Gedudel der Musik.

Pittchens Augen starrten trb und glasig, wie die eines toten
Schellfisches. Er sah nicht mehr, da der schne Gendarm drben mit
Zeih in einer Ecke sa und ihr Wein und Kuchen bestellt hatte; er
merkte nicht, da sie miteinander verschwanden.

Er ri unfltige Witze, lachte, schlug auf den Tisch, drckte jetzt
die, dann die, und wurde zuletzt windelweich.

Sie hielten ihn umstellt, wie ein Rudel ausgehungerter Wlfe den
waidwunden Bracken; ihre Augen glnzten und glitzerten, sie maen sich
untereinander mit Raubtierblicken -- wem fiel er zu? Dumpf knurrend
zeigten sie sich die Zhne.

Der Kampf des Abends wurde auf der mitternchtigen Strae fortgesetzt.
In der schwarzen Finsternis gab es heimliche Tritte und Pffe, alles
still, ohne Laut. Jede suchte die neben sich von Pittchen weg zu
drngen und allein was von ihm zu erhaschen; sie warfen ihn fast um.

Peter war schwer betrunken. Er war kein Gewohnheitssufer, es war
zu zhlen, wie oft er in seinem fnfunddreiigjhrigen Leben bezecht
gewesen; aber in letzter Zeit warfen ihn schon ein paar Glser um, er
go sie zu aufgeregt, zu hastig hinunter.

Willenlos lie er sich von den Weibern schieben und zerren; wie ein
unlslicher Klumpen hingen sie dicht um ihn geballt. So kamen sie
langsam voran.

Nun zeigte sich wieder einmal der Mond -- da fiel's der Tina auf, die
Bill fehlte. Richtig, die hatten sie oben vergessen im Tanzsaal. Da
lag sie auf der Ofenbank wie eine Tote, mit wirrem Haar, die Kleider
halbgelst um den noch kindlich hagren Krper; die Bauernburschen
standen darum her, glotzten und machten ihre Scherze.

Auch das Hubertche war abhanden gekommen; das schlief wohl auch
in irgend einem Winkel. Niemand beunruhigte sich wegen der
zurckgebliebenen Kinder.

Ganz zurck in der Ferne zeigte sich ein wanderndes rtliches
Pnktchen, das war die Laterne, die der Gendarm trug; er gab
seiner Liebsten bis Schwarzenborn das Geleit. Sie verabredeten ein
Stelldichein am nchsten Tage, dann lie sich Zeih einen zrtlichen
Abschied gefallen und bedankte sich vielmals 'fr alles Plsir.'

Noch ein Ku. Dann rief sie laut nach ihrem Mann, da es durch die
Nacht gellte, und stolperte, so rasch sie konnte, den Vorangegangnen
nach. --

Ein Ungeheuer, vielfig vielkpfig, schiebt sich langsam die
Weiberschar bergab. Sie hat den Weg verloren.

ber Gestein und Gerll, durch Acker und Gestrpp, ohne Pfad wlzt
sie sich zu Thal, mitfortreiend, was nicht Kraft hat, sich zu wehren.
Einer Lawine gleich, die verheert und zerstrt; furchtbar in fhlloser
Lebendigkeit, unheimlich in unerbittlichem Vorrcken, todbringend in
grausamer Geschlossenheit.




                    IX.


Allerseelen.

Die Grber des kleinen Kirchhofs, drauen an der Strae gen Himmerod,
waren geschmckt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich
schon der Schnee auf den Hgeln getrmt und sie alle wei und gleich
gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche
Kreuze, Krnze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und
Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es
zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ngstlich
flackernden kleinen Flmmchen, die der leiseste Windhauch verlschen
kann.

Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, ber den
Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und mde, aber doch eine
Sonne. Das hngende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich
noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal,
der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer.

Da haben die Toten ihren Festtag. Die lngst Vergessenen kommen wieder
zu ihrem Recht, rhren sich in den morschen Srgen und senden einen
Gru hinauf in's Leben. Allerheiligen -- Allerseelen.

Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Grber waren
so schn geschmckt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strmte
die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmckten
Hgel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete fr die
ewige Ruhe der Verstorbenen. --

Am Nachmittag, als sie alle bei Festtagskaffee und Kuchen saen,
schlich sich Pittchen hinaus; er ging gebckt wie ein Alter, und die
Schale mit geweihtem Wasser in seiner Hand schwankte.

Daheim sa die Zeih bei dem kranken Josefchen und weinte sich die Augen
rot; die 'Gichter' plagten das Kind, warfen bald seinen kleinen Leib
hoch in die Hhe und reckten ihn dann wieder lang.

Seit jenem Sonntag in Oberkail war das Josefchen krank; da waren die
Eltern spt in der Nacht heimgekommen, ohne einen Blick auf die Wiege
zu werfen, torkelten sie sinnlos in's Bett. Am Morgen lag das Josefchen
nackt da, steif und blaugefroren; bald kamen die Krmpfe.

Kreischt net e su, sagte die Weise-Frau, die Peter in seiner Angst
holte, bal hatt ihr e schien Engelche im Himmel! Davon wollten die
Eltern nichts wissen; Anschuldigungen flogen hin und her, es gab einen
heftigen Zank. Der Schlu war, da sich Peter finster und wortkarg in
seiner Werkstatt verschlo und Zeih betend und weinend an der Wiege
verblieb.

Aber bald ertnte ihr Singen, erst leise, dann schallend; die Leute
sagten immer bewundernd. Dat Zeih haot en Stimm, om de Duden
ufzoerwecken. Sie sang:

    Hoch uf em Daach, uf em Daach,
    Haot sech en Knd half dud gelaach,
    Et fiel erunner, erunner --
    Rube-de-bub -- Rube-de-bub!

Das wiederholte sie ein paar Mal, beim Kehrreim stie sie jedesmal an
die Wiege, da sie heftig schaukelte.

Rube-de-bub -- Ruube-de-bub! Und dann weinte sie wieder ein Weilchen.

Peter war nicht so leicht getrstet; wenn er nicht in der Werkstatt
steckte, stand er bei der Wiege und starrte finster brtend, mit
zusammengekniffenen Lippen auf das kranke Kind.

Heute schlich er wie ein armer Snder auf den Kirchhof; auf den Grbern
seiner Eltern warf er sich nieder und krallte die Finger in die kalte
Erde. Er suchte eine Zuflucht bei ihnen vor den eigenen Gedanken.

Lange war er nicht hier gewesen, wohl das ganze Jahr nicht; aber
nun sollte es besser werden, er versprach es denen da unten hoch
und heilig. Und einen Marmorstein sollten sie kriegen mit goldner
Inschrift; koste es, was es wolle, er konnte es ja zahlen. Zahlen --!

Er fuhr auf und sah sich scheu um. Wenn er nur Mut gehabt htte! Er
knirschte mit den Zhnen und ballte die kalten Finger zu Fusten --
den Mut, den Mut! Da lag was in seiner Werkstatt verborgen, nicht
Sonne noch Mond hatten es beschienen, niemand hatte es gesehn, und
doch ngstigte es ihn Tag und Nacht. Es konnte ihn reich und glcklich
machen, und doch --

Mit einem unterdrckten Fluch sprang er empor, sein Fu trat in
die Schale geweihten Wassers, da sie umstrzte und ihr Na in den
aufgetauten Pfad ergo.

Nur Mut! Er fuhr sich in die Tasche -- klapperte es nicht schon darin?
Nein, nein -- leer, ganz leer! Und zu Hause weinte die Zeih, wimmerte
das Josefchen; kalt war die Htte, der Tod stand auf der Schwelle -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Angstschwei brach ihm aus, mit der verkehrten Hand wischte er sich
ber die Stirn; die Hand zitterte.

Feiges Luder, murmelte er zwischen den Zhnen. Nur ein bichen
Courage brauchte er zu haben, dann wurde alles wieder gut. Dann lachte
die Zeih, dann kam der Doktor und heilte das kranke Kind -- er sah es
schon mit roten Bckchen, auf flinken Fchen durch die Htte trippeln,
ein groes Butterbrot in der Hand, -- und die Zeih kte ihn, hei
fhlte er den Ku. Und am Kirchhof vorber zog eine ganze Schar --
nickende, winkende Weibergestalten. Verjubelte Tage, verjubelte Nchte
-- immer fidel --!

Die Htte wrde er ausbauen lassen, nein, eine neue kaufen, einen
Bauernhof! Vielleicht gar die Eichelhtte, drben gen Himmerod zu,
deren schlohnlicher Bau ber die Eichenwipfel ragte.

Da hatte ihn sein Vater vorbeigefhrt, als er noch ein Knabe war; da
hatten sie am Gitter gestanden und neugierig in den Park gelugt. Ein
reicher Herr hatte im Schlchen gewohnt, der war lngst tot, und der
jetzige Besitzer wollte verkaufen. Wenn er nun der Herr Besitzer wrde
--?!

Wie die Zeih sich freuen wrde! Was die da unten im Grab wohl dazu
sagen wrden?!

Er kniete nieder, legte sein Ohr an den Hgel und horchte.

Tief, tief innen in der Erde glaubte er was zu hren, ein Summen und
Rauschen, ein Flstern und Raunen; hohl, wie aus einem Gewlbe, drang's
an sein Ohr. Ein Schauder berlief ihn, -- das kam aus der Ewigkeit! --
-- -- -- -- -- --

'Wie mer sech bett', su schlft mer,' -- hatte so sein Vater nicht
immer gesagt?

Zitternd flsterte Peter: Sollen ech et duhn? Sollen ech et net duhn?

Und die Stimme aus der Tiefe antwortete: Du sollst!

Da sprang er auf. Der Kirchhof war leer. Hinter den Bergen verkroch
sich schon die Sonne, und im Suseln eines Lftchens flackerten die
Grberkerzen hher.

Von Schauern berrieselt ging Peter, die Fe waren ihm wie gelhmt;
langsam, ungewi machte er Schritt fr Schritt. Auf dem groen Kreuz,
das sich mit der Gestalt des Heilands inmitten des Kirchhofs erhebt,
lag ein blendender Schein; gerade auf die Inschrift fiel er, die sich
in goldenen Buchstaben ber den breiten Sockel zieht.

'_Amor me cruci affixit_'

Was hie das? Nie hatte Peter darber nachgedacht, nun stand er in
Sinnen verloren. Er buchstabierte, und dann starrte er hinauf zu dem
dornengekrnten Leidensantlitz, bis ihm die Augen bergingen.

Pltzlich schreckte er zusammen, eine Hand legte sich auf seine
Schulter. Ah, der Herr Pastor! Er ri die Mtze vom Kopf.

Seh einer, der Miffert! sagte der Geistliche wohlgelaunt und schlug
ihm mit dem Brevierbchlein, das er stets bei dem tglichen Spaziergang
mit sich fhrte, leicht auf den Rcken. Na, wie steht's mit dem
Kronleuchter? Seid Ihr bald fertig?

N, n, stotterte Peter erschrocken; die gutmtige Stimme klang ihm
wie die Posaune des jngsten Gerichts. Eweil sein ech noch net e su
weit, ech -- eweil -- wer bal -- ech --

Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit! Der Geistliche legte
ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach, wie
ein Fisch nach dem Kder.

Dat es et, dat es et, beeilte er sich zu versichern. Ech arweiden
Dag on Naacht, wer --

Ich habe es gehrt, unterbrach ihn der Pfarrherr freundlich. Das
ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit wird schon wohlgelingen; Mari Sohn
selber -- er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit berragte
-- wird dich in seine Frbitte aufnehmen!

Ein Stich ging Peter durch und durch, er fhlte, wie eine heie
Blutwelle ihm in's Gesicht scho; scheu sah er hinauf zu dem verzerrten
Leidensantlitz.

Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, rot wie Blut war er
geworden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeielte Schrift.
Sie flimmerte vor seinen Augen.

Lao stieht wat, stammelte er und zeigte mit dem Finger hinauf. Wat
heit dat?

_Amor me cruci affixit_ -- Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen,
sprach der geistliche Herr und wandte sich zum Gehen. Er nickte noch
einmal zurck: Guten Abend, guten Abend, ich komme in den nchsten
Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit. Mit
segnendem Gru hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er
hinter den Hgeln unter.

Einsam war wieder der Kirchhof; so still war's um Pittchen, da er das
eigne Atmen als lautes Gerusch hrte.

Schwerfllig lie er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder.

'Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen' -- ja, die Liebe! Seine
Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer -- die war's! Eine groe
Erleichterung kam ber ihn. Was er that, that er ja auch nicht fr
sich, nur aus Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen und die
andren alle -- aus purer Liebe!

Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn fest auf das Bild des
Gekreuzigten. Der da oben litt, und er selbst litt auch -- ja, leicht
war's nicht, am Kreuz zu hngen! Aber die Angst, die Angst, die er
hatte, war die nicht noch schrecklicher?!

Wann se mech atrappieren, gnn ech villeicht aach ufgehang, murmelte
er finster. N, dat duhn se eweil net mieh, wer se sperren mech ein,
wuh Sonn on Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh mer -- ha
--! Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust.
Aber gleich darauf hob er ihn wieder.

Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im Grau des rasch sinkenden
Abends, nur um das Haupt wob sich noch ein flchtiger Schimmer wie eine
Glorie. Es schien sich zu neigen.

Mit unterdrcktem Schrei streckte Peter die Hnde aus. Ja, der da oben,
der verstand ihn! '_Amor me cruci affixit_' -- der wrde ihn nicht zu
Schanden werden lassen!

Er warf sich am Fu des Kreuzes nieder und betete, wie er es noch nie
gethan. Getrstet stand er auf; einen vertraulichen Gru sandte er noch
hinauf, ein verstndnisvolles Nicken.

Festen Fues schritt er an den Grbern entlang. Es war fast dunkel, die
Lichtchen niedergebrannt, nur hie und da flackerte noch eins wie ein
Irrwisch mit aufzuckendem Schein.

Als er das Gatter des Friedhofs schlo, pfiff er. Er fhlte sich so
leicht, so vergngt; nun wute er, was er zu thun hatte, nun wurde
nicht lnger gefackelt.

Von der Eichelhtte her kam ein Wgelchen ber die Chaussee, es rollte
dicht an ihm vorber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhtte, den
Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar
Tage zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, mit einem
Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen an der Mtze, war ihm
fremd. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dem Gefhrt nach.

Dicht vor'm Dorf stie er auf Krumscheid. Donnerwetter, der kam ja von
seiner Htte heruntergestelzt, was wollte denn der da oben? Aha --
Peter lachte in sich hinein -- der hatte wohl Angst um sein Geld?!

Geschmeidig grte er den Alten: 'n Aowend, Vadder Krumscheid!

Dieser hielt ihn fest. Saot, Pittchen, wie stieht et eweil met mein
Dahlersch, h? Man merkte es dem Alten an, er wollte es nicht gern
mit dem Pittchen verderben; er suchte einen Vorwand. Et duht mer
laad, dat ech ebbes dervon saon mo, wer ech -- ech sein slwer in
Onverljenhaat, ech haon ebbes zo zaohlen; et pressiert!

Pittchen lchelte.

Krumscheid deutete dies Lcheln falsch, die Angst berkam ihn. Ech mo
mein Gld haon, stie er grob heraus.

Tutswit, sagte Peter gelassen. Ihr knnt et jeden Momang haon,
wann Ihr wollt. Kommt bei mech eruf, lao knnt Ihr se metholen, de
Dahlersch!

N, n! Der Alte traute nicht recht, er frchtete Prgel. Kommt
liewer bei mech, dann drinke mir e Schppche.

N! Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter doch pltzlich zurck;
eine jhe Angst berfiel ihn, sein Herz hmmerte, da er's bis in den
Hals sprte. Eweil kann ech net, sagte er hastig. Heit net. Morjen
-- morjen.

Morjen, gewi on waohrhaftig? Der Alte packte ihn am Rockscho.

Morjen, sagte Pittchen gepret und entwand seinen Rock den knchernen
Fingern.

Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thrnen aufgelst, an der
Wiege. Das Josefchen verdrehte die Augen, ballte die Fustchen und zog
die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib.

Wann mer noren dn Hhr Dokter htten! Wann ons Josefche dem sein
Medezin einhole knnt, gb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn
mer e Laad an -- strw net, Josefche, mei Josefche! Schreiend warf sie
sich ber das Kind.

Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd,
stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm
im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das
Bettchen -- da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch
einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen
das unterste Stckchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so ber
der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in
die Stirn gewachsen. Sein Kind -- sein Ebenbild! Der heie Wunsch stieg
in ihm auf, das Kind zu behalten.

Und glhend hei fielen ihm die Thrnen der Zeih auf's Herz, er konnte
ihr Jammern nicht mehr hren; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener,
taumelte er nebenan in seine Kammer.

Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner
Stirn stand ein Entschlu; seine Lippen waren fest zusammengepret.

Beim Morgengrauen wrde er den Doktor holen, sagte er der Zeih.

Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt.
Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern.

Er wute, wohin er zu gehen hatte. Da war die Htte der Schneidersch;
mit der Bbbi ging's schlecht, die konnte sich nicht erholen.
Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien.
Krokodilsthrnen vergieend, erzhlte es die Alte im Dorf herum, aber
ihr Jammern galt mehr der eignen gestrten Nachtruhe, als den Leiden
der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die
Ohren band, sie hrte doch durch die rissigen Lehmwnde das Sthnen
der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Suglings. Die
Bbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht,
aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen
Schrei zusammengebrochen.

Vorsichtig tappte Peter ber den Hof, bis zur Thr neben dem Stall.
Drinnen hrte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: Sei
still -- sch -- sch -- waart nor, bis dn Pappa kmmt! O Je, wann hn
net bal kmmt, sein ech dud -- sch -- sch --!

Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die
sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an's
Fensterchen und guckte hinein.

Da sa sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rcken
gestopft; sie war so schwach, da sie den Kopf nicht halten konnte,
bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite.

Wie traurig hatte die sich verndert! Sie war nicht hlich, nein,
vielleicht hbscher, als sie jemals zuvor gewesen. Schmerzen und Gram
hatten ihr Gesicht verfeinert, die sonst gebrunte Haut war abgeblat,
silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar bauschte sich ihr
lockrer um den Kopf, und im Blick ihrer weitgeffneten groen Augen lag
etwas berirdisches.

Es frstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thr und trat zugleich ein.

Verwundert drehte Bbbi den Kopf nach ihm, sie erkannte ihn nicht
gleich. Dann aber flog ein freudiger Schein ber ihr Gesicht, sie
wollte seine Hand gar nicht loslassen. Es dat schien, dat Ihr mech
besuche kommt -- oh -- dat es schien!

Er beugte sich ber sie und suchte hinter einem Lachen und einem
Scherz seine Rhrung zu verbergen. No ruhig, Bbbche, ruhig! Jao, wann
dn Ehmahn net derhm es, dann kmmt onser anen e su apropos wie Rjen
im Mai. Gl, Bbb? Er strich ihr gutmtig ber die schmale Wange.
Wanneh danzen mir zwa dann zosammen?

Sie blieb ernst. Ech haon de Engel schuns Hallelujah singe gehrt; ech
danzen net mieh!

Gott bewaohr, Bbb, sagte er erschrocken, Ihr werdt doch net
himmeln?[36]

Sie sah ihn wehmtig lchelnd an. Duht mer de Liew -- ech verlangern e
su -- schreiwt mer e paor Wrtcher an dn Lorenz! Ech haon heiwel[37]
vill Dg gelauert, dat ans kmmt, wat schreiwe kann. Sie machte einen
Versuch, sich hher aufzurichten, traurig schttelte sie den Kopf.

Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig wie ausenanner. Lao im
Schche[38] sticht Papier on Feder -- lao es de Dint -- schreiwt --
schreiwt!

Mit ngstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte schwerfllig,
ruckweise, zu jeden paar Worten machte sie eine neue Anstrengung.

Beim Schein des winzigen Lmpchens schrieb Pittchen:

               'Deurer Lorenz!

        Ech gren dech vill dausendmaol! Ons Knd leit
        in der Heija[39] on drumt von seim Pappa. Ech
        haon e su lang neist von Dir zo hren kritt, ech
        verlangern e su, datste bei mech kmmst, ehnder ech
        --'

Hier stockte Bbbi; in schmerzliche Thrnen ausbrechend, schlug sie die
Hnde vor's Gesicht.

Kreischt net, Bbb, trstete Peter mit weicher Stimme.

N, n! Sie raffte sich schon wieder zusammen. Streicht dat vom
Verlangern on Strwen aus, ech will em dat Herz net schwer maachen.
Schreiwt nor:

        'lang neist von Dir zo hren kritt, ech hoffen, Dau
        bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag
        on Naacht for Dech, ech --'

Sie schpfte zitternd tief Atem.

        'Ech sein eweil ganz alert[40] --'

Peter sah sie verwundert an.

N, n, neist vom Kranksein, sagte sie rasch. Schreiwt dat 'alert'
dick on gro, dann freut hn sech.

        'Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die Ewigkaat

                                   Dein Bbbchen.'

Erschpft sank sie zurck, Totenblsse berzog ihr Gesicht; ihre
Lippen wurden wei, sie war halb ohnmchtig.

Bbbi, Bbbi, Peter fate sie am Arm, wat es Eich? Ihr mt Strkung
haon. Verstrt sah er sich um. Haot Ihr dann bei gaor neist for zo
drinken?

Sie schttelte den Kopf. Neist, sagte sie tonlos.

Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war es nicht gemacht; sie
lag wie eine Sterbende, blutleer und hilflos.

Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der Wiege zu blicken.
Peter nahm das kleine Bndel und legte es ihr an die Brust; da suchte
es wimmernd, mit gespitztem Mulchen.

Ech haon ken Milch mieh, sagte sie leise.

Ein Krampf ging ber Peters Gesicht; er wurde bla und rot, einen
argwhnischen Blick warf er in alle Winkel, und dann fuhr er rasch in
die Tasche und legte drei harte Thaler vor sie auf's Bett. Dao, sagte
er mit gepreter Stimme. Kaaft davor, wat Ihr braucht!

Fr ein paar Augenblicke sah sie ihn verstndnislos an.

Er nickte. Morjen holen ech dn Dokter, dn besten, dn zo kriehn es;
ons Josefche es krank. Duh kann dn Eich aach ebbes ufschreiwen for
gesond zo gnn!

Eine jhe Rte flog ber ihr Gesicht, in ihren matten Augen blitzte es
auf, sie haschte nach seiner Hand; ehe er's hindern konnte, hatte sie
die gekt.

Merci, merci! Onsen Hhrgott sei met Eich! -- Pittchen -- o Ihr --!
Sie war ganz auer sich, sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und
kte ihn mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fhlte er den
Ku auf seiner Stirn.

Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, Pittchen! Es et denn
wirklich waohr -- Gld, Gld -- drei Dahler -- Dahler?! Sie drckte
die Geldstcke liebkosend an ihre Wange. Ech kann eweil ebbes kaafen
beim Krumscheid, on Milch for dat Knd, alle Dag! On ech slwer --
sie fate ihren Kopf mit beiden Hnden -- dn Dokter kmmt bei mech!
Ech soll gesond gnn -- ech kann dn Lorenz widdersiehn! Jesus, Maria,
Josef -- oh Pittchen, Pittchen!

Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein aberglubischer Schauer und
zugleich eine freudige Wollust des Gebens zog ihn auf die Kniee.

Ihre Hnde falteten sich ber seinem Kopf, sie betete; mit rhrender
Stimme flehte sie den Segen des Himmels auf ihn herab.

Er wagte nicht, sich zu rhren. Ein himmlischer Gru, weihrauchduftend,
rein und heilig, schien ihm durch die verlassene Kammer zu wehen.
Schwebten nicht Engel mit groen Flgeln gen Himmel und trugen auf
goldner Schale die Dankesthrnen der armen Bbbi? Und seine Gutthat,
als weie Taube, flog voran.

Eine mchtige Erschtterung ging ihm durch den Krper, er lag wie
niedergeschmettert. Die ganze Qual der letzten Wochen, die gehetzte
Arbeit der Nchte, das Versuchen und Grbeln, das Sorgen um's Gelingen,
Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder kindische Angst, all
das brauste und brandete auf einmal durch sein Gehirn.

Bbbi betete, und die wilden Gedanken wurden pltzlich so glatt wie
Meereswogen, auf die man l giet.

Thrnen brachen ihm aus den Augen, erlsende Thrnen; sie liefen ihm
ber das hagre Gesicht und rannen nieder auf das elende Bett.




                    X.


Der Winter war ber Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast
verschttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Mnner nach Hause
gebracht. Jubel in den Htten, Gedudel im Wirtshaus, Glserklingen und
Kuchendfte. Heilig Dreiknigstag hatte der Lust ein Ende gemacht;
morgens darauf waren die Mnner wieder abgezogen, und die groe
Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt,
bis da es schlief.

Jetzt wollte es lenzen.

Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sprote
der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes
scheues Reis, und in den noch toten Chausseebumen lrmten die Staare.

'Naoch Lichtme es et Aushalt' sagen die Eifeler, 'warm oder kalt, de
Dag gnn lang on dn Fu krieht sein Gang.'

Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den berschwemmten Wiesen um
die Salm ruderten lustig die Dorfenten.

Auf dem ckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bbbi. Sie hackte mit
starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstie und
klopfte und verkleinerte die harten Erdkle, und bckte unermdlich
den Rcken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und
blickte prfend ber die Berghnge.

Noch keine im Dorf hatte an die Frhjahrsbestellung gedacht, und
sie wuten doch alle: Schneifurr -- Gedeihfurr! Da lotterten sie zu
Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben
Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bbbis Blick auf dem Dorf; sie
schttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hnde und griff von
neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schwei die vom
scharfen Wind zerwhlten Haare an die Stirn klebte.

Sanct Gertraud mute den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte
sich darauf verlassen knnen: da war eine daheim, die fr sein Kind und
seine alten Eltern schaffte.

Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wlbte sich stolz.
Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, da
die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter,
treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich,
man sah's unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie
ein Mann.

Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmig,
ohne Ermdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche
wurde abgeschritten. Der Schwei fiel in Tropfen in die gelockerte
Erde, die das warme Na gierig einsog. Blitzschnell bckte sie sich
zwischen den Schlgen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und
dort; in mchtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter,
aufprallend, sich berschlagend und prasselnd andres Gerll mit sich in
die Tiefe reiend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab
das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drben an der
Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.

Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die
schwachbegrnten Flecke verschwanden einer nach dem andren -- nun
breitete sich das gleichmige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf
bimmelte das Glckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf;
mit einem Seufzer der Befriedigung lie Bbbi die Hacke zum letzten Mal
niedersausen. Fertig fr heute!

Morgen wurde wieder von frischem angefangen und bermorgen wieder,
und dann wieder, bis die lehmigen Erdkle -- sie bckte sich und
zerbrckelte einen in der Hand -- so fein waren wie Mehl; dann wollte
sie zufrieden sein. Dann gab's auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug
und auch ein wenig Korn. Was wrde der Lorenz sagen, wenn sie so viel
erbrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut wrde die Milch dem Kind
und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel wrde es vielleicht
noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich
verkauft.

Sinnend ging der Blick der jungen Frau in's Weite und verlor sich im
duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit,
weit. Ein Ausdruck sehnschtiger Liebe machte ihren herben Mund weich.
Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald,
so viel Wasser sie von einander trennte?!

Bbbis Gestalt reckte sich hher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust
-- die Zeit #mute# kommen!

Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurck, zog das
Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch
dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten
Horizont ab. Sie schien gewachsen, gro und stark hob sie sich ber der
Umgebung.

Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwrts, ihre
derben Ngelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten
daheim schon, da sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide
recht hinfllig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im
Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf
geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht
kriegten.

Und dann der Kleine! Ein glckliches Lcheln verschnte das ernste
Gesicht der jungen Frau -- ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die
kam, strampelte er und reckte die rmchen und wollte nicht mehr bei der
Gromutter bleiben.

Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg.
Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Bltter des Wegebreits am
Grabenrand -- die waren heilsam zum Auflegen fr den offenen Fu der
Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflckte die ab. Und da
sprote der erste Lwenzahn -- geschwind griff sie zu -- und da noch
einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat
werden fr den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben,
und dazu so gesund fr's Geblt. Sie sammelte eifrig.

Pltzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Sthnen klang an ihr Ohr --
war da jemand in Not? Sie rief.

Wieder ein Sthnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten
im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rndern
aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.

Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie nher und streckte ihm
die Hand hin. Jesses, sagte sie unwillkrlich und blieb stehen, wie
angewurzelt; es war Pittchen.

Wat stiehste elao on hlst Maulaffen feil, Framensch? grunzte er sie
an. Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein
net si--si--sicher, ech haon hei im Dr--Dreck geljen -- de -- de ganz
Naacht, schlo er weinerlich.

Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt,
er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mtze hatte er nicht; von
nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm
in's fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch
hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen.

Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er
haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war
er, da er sich kaum rhren konnte. Fast ri er auch sie hinab.

Olau, grinste er, dau willst e Kche? Verliewt wie de Weibsbiller
al! Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. K mech, dau
Leckermaul, -- erschrocken fiel er zurck -- Dunnerwder, dat Bbb!

Miffert, sagte sie bestimmt, seid net e su gckig! Hei, fat de Hack
an! On hei es mein anner Hand! Dut[41] gjen, dut! Ans, zwa un ans --
ech trecken[42] Eich eruf!

Sie stemmte die Fe ein und zog mit Kraft; unfhig, sich selber zu
helfen, lie er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein
Klotz lag er am Rand auf den Knieen.

Pittchen, sagte sie betrbt, es et dann waohr, wat se im Dorf saon?
Ihr sauft?! Pittchen, -- sie fate ihn unter den Achseln und stellte
ihn auf die Fe -- ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laot
doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhm! Ihr rujiniert
Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gld?

Willste ebbes? lallte er und suchte nach der Tasche.

N! Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme
an. Ke Gld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler
haon mer Sjen gebrach, ech mechten Eich davor --

Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: Haha, Sjen! Sjen! Die
Zhne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte.

Gieht hm, riet sie besorgt, Ihr hatt Eich verklt -- Jesses, de
ganze Naacht hei im Grawen! -- Kommt, kommt! Sie wollte ihn unter den
Arm fassen und fhren, er stie sie zurck.

Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech
haon kein Predigt nedig -- gieh -- gieh! Er strampelte mit Hnden und
Fen, verlor das Gleichgewicht und strzte wieder rcklings in den
Graben.

Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten,
dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und
offnem Mund, bla wie ein Toter; aber jetzt ertnte sein regelrechtes
Schnarchen. --

Bbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen.

Krftig pochte sie an Mifferts Htte und trat zugleich ein. Zeih! Eier
Mahn leit drau --

Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da sa der Gendarm von Oberkail
und hielt die Zeih auf dem Scho. Etwas verlegen sprang die auf.

Was ist denn los? fragte der Gendarm unwillig.

Bbbi stotterte: Eier Mahn leit drauen im Grawen, kommt, kommt!

Lat ihn ruhig liegen, sprach der Gendarm und strich sich den
Schnurrbart auf.

wer hn kann sech den Dod holen, hn es eweil als ganz verklomm!

Wat Ihr net saot?! Zeih horchte nun doch auf, sie lie sich den
Hergang umstndlich erzhlen, keinen Augenblick verlor sie dabei
ihr vergngtes Lcheln. Im Grawen -- de ganz Naacht?! Je, dat arm
Pittchen! Jao e su es hn, alleweil strawtzt hn erum. Bbb, seid e su
gud, weist mer de Stell!

Als die beiden Frauen die Htte verlieen, kamen Tina, Leis und Vrun
daher; sie hatten die Bbbi so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten
neugierig. Wat es passiert?! Zeih berichtete.

Dat Pittchen -- im Grawen?! Hahahaha! Tina krmmte sich vor Lachen
und hielt sich die Seiten; vor Vergngen juchzend, warf sie den Kopf
hintenber, da ihre dunklen Haarstrhnen sich lsten.

Hahaha, lachten Vrun und Leis, und Zeih lachte mit.

Wir wollen hn hole giehn! Hole giehn, olau!

Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden Haaren und
flatternden Rcken, sich neckend und jagend, stoben sie hinter Bbbi
drein. --

Es war nicht das erste Mal, da Peter betrunken nach Hause kam. Er
machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dorf zu wandern und die
Wirtshuser abzusitzen.

Seit er 'geerbt', arbeitete er gar nichts mehr; nicht, da er frher
viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da etwas
gebastelt, und mit der Reparatur des Kirchenkronleuchters sogar ein
Meisterstck geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch ffentlich,
von der Kanzel herunter, deswegen belobt.

Eweil haot hn dat Arweiden net mieh nedig, sagte die Zeih und
sah wohlgefllig an ihrem schnen Kleid herunter. Bald nach dem
Tanzvergngen in Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter hatte
dem Postboten stolz acht harte Thaler auf's Fensterbrett gezhlt; es
waren noch dieselben alten Thaler, die er vom Krumscheid geborgt,
Thaler mit verschiedenen Randschriften, wie: 'Gott mit uns,' 'Gott
segne Sachsen,' 'Gott -- Ehre -- Vaterland.' Auf den Stcken, die der
Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift weniger deutlich; sie
waren wohl schon durch sehr viele Hnde gegangen. Ordentlich fettig
fhlten sie sich an, das Gekerbte an den Rndern war abgegriffen. Aber
es waren vollgewichtige Thaler, und schmunzelnd verschlo der Alte sie
in seinem Sparkasten, glcklich, so ohne weiteres Drngen zu seinem
Gelde gekommen zu sein.

Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemchtigt. Es gab
Nchte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl
zuhause war, aber zu Zeihs grter Verwunderung erst bei Morgengrauen
zu ihr in's Bett schlich. Sie gewhnte sich an beides. In ihrer
gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht mehr: 'Saog ehs, Pittchen,
wat maachste e su lang lao binnen in der Kammer?' Er hatte sie ein
paarmal angefahren: 'Hal dei Maul, schr dech om dein Saachen!' Jetzt
rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch hantieren hrte, und
drehte sich ghnend auf die andre Seite.

Sie war immer guter Dinge; seelenvergngt fiel sie ihm um den Hals,
wenn er ihr etwas von seinen Wanderungen mitbrachte.

Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; den einen Tag in
Grolittgen, den andren in Ober-fflingen; heut in Musweiler, morgen,
in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid
und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, von Drfchen zu
Drfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gen Daun; in der
ganzen Gegend war er bekannt, im nheren und weiteren Umkreis. Die
Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken
Thaler auf den Tisch zu werfen: 'Dao, zieht de Rechnung ahf!' Mitunter
lie er sich auch von einem Buerlein wechseln, das froh war, seine
grnspanigen Kupferpfennige und abgeschabten Grschchen einzutauschen
gegen das blanke Silberstck.

Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter elend aus; so tief hatten
ihm nie die Augen im Kopf gelegen, scheu und gedrckt schlug er den
Blick zu Boden, nur nach ein paar Glsern Schnaps flammte der auf.
Dann glhten die dstren Augen, wie hell brennende Kohlen; in wilder
Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: 'Wat kost' de Welt?!' Und
dann trank er und trank, bis da er sinnlos davon taumelte. Regen
und Schnee ernchterten ihn nicht, torkelnd zog er ber die einsamen
Landstraen und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor
sich hin; schrie, laut schimpfend, die Bume an und focht mit den Armen
wie ein Verrckter.

Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt,
und doch hingen die Weiber an ihm wie die Kletten. Heute die, morgen
die. Die Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie eine
Flamme um ein drres Holzscheit, und zngelte und leckte, bis da er
Feuer fing. Dann konnte er auch aufflammen, und alle 'Wiehduhns'[44]
gingen in Rauch auf; zwar nur fr Augenblicke, aber um diese
Augenblicke that er ihr allen Willen.

Sie war unersttlich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche,
eine Schleife, einen Ring, eine Schrze, Zuckerzeug und wohlriechende
Pomade. Bald mute er sie dahin fhren, bald dorthin. Sie schmeichelte
und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn er zuletzt geqult
rief: 'Lao mech in Ruh, maach, datste weg kmmst,' lachte sie ihm in's
Gesicht. 'Maach dau, datste weg kmmst! Lauf bei dein Zeih, lao kannste
zukucken, wie dn Oberkailer dat caressiert!'

Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum ersten Mal den
Gendarm bei der Zeih antraf, brllte er in sinnlos eiferschtiger Wut.
Die geballten Fuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: Eraus,
eraus! Ech schlaon Eich dod, ech -- eraus, tutswit, eraus!

Der Gendarm ging schon, ganz gekrnkte Wrde; nur auf der Schwelle
drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der
wildleder-behandschuhten Rechten: Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung
der Obrigkeit wird mit Gefngnis bestraft. Sie berhaupt -- Sie -- er
spuckte aus; es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend
gegenber auf die Kammerthr. -- Sie haben berhaupt jar keine Ehre
mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die
Bude rcken, Sie -- Tappert! Rasch die Thr zuwerfend, verlie er
schleunigst das ungastliche Haus.

Wat maant hn dermit? schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen
rollten hin und her.

Bis still, Pittchen! Bis still! Sie war in Angst vor ihrem Mann.

Ech sollen mech in Aacht holen -- uf de Bud rcken?! murmelte Peter.
Und dann brllte er: Wat haot hn von der Kammer gesaot -- wat?
Antwort!

Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: Mir -- mir -- hn
haot gesaot, mir wollten lao erin giehn, lao --

Kreizgewieder! Schwer fiel Peter auf den Schemel und sttzte den Kopf
in die Hnde. So sa er lange regungslos, wie aus Stein.

Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun hatte sie Oberwasser; mit
groer Gelufigkeit, halb rgerlich, halb lachend warf sie ihm seine
Grobheit vor. Och Jesses, wann ech noren dn kleinsten Diskurs met
anem haon, stracks bis dau e su schroh![45] Wat soll hn nau von ons
denken, dn Hhr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei'm e su anen
trillsen[46] on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, mer haot
ken Onverljenhaat met der Owrigkaat!

Ken Onverljenhaat met der Owrigkaat, sprach er ihr nach und
schttelte sich, als liefe es ihm kalt ber den Buckel.

Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer hflich, wenn der
Zufall ihn den in seiner Htte finden lie. Sein blasses Gesicht trug
dabei aber einen so verbissenen Ausdruck, da der schne Gendarm es
vorgezogen htte, die Zeih drauen im Freien zu treffen; wre es nur
nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemtlich,
und ebenso war er's dem Miffert; sie gingen beide umeinander herum,
vorsichtig schnuppernd, wie Fchse um die Falle.

'Es mu doch mal Frhjahr werden, auch in dieser verfluchten Gegend,'
trstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort
fr's Stelldichein, es sa sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch
keinen Eifelwinter mitgemacht, und der dnkte ihn schier endlos, zum
Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland
von jedem Verkehr abschnitten.

'Eweil mo et bal Frhjaohr gnn,' trstete sich auch Pittchen. Dann
war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man
konnte 'kommoder' ber Land gehn und seinen Rausch gemchlich im Wald
ausschlafen. -- -- --

Frhjaohr, kreischten auch jubelnd die Weiber, als sie nun lngs der
Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen heimzuholen.

Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach jungem Gras und erdiger
Kraft. Sie atmeten mit geblhten Nstern, ihre Gesichter waren rot,
glhend vor bermut. Mit einem Schrei ri sich Tina das Tuch vom Hals
und lie es wie eine Flagge in der Luft wehen.

Frhjaohr! H, helao, Pittchen, wuh stichste?[47] Mit verschmitztem
Lachen erhob sie einen durchdringenden Gesang:

    Im Mai, im Mai,
    Mo mer sein zo zwei --

Still, sagte Bbbi und drehte sich um. Hr uf met dem
schnippschnappig Lied! Hrste dann net de Lerch? Still! Se es Gottes
Vogel.

Auf einem nahen Grasbschel sa die Lerche. Tirili, tirili! Mit den
Flgelchen schlagend, erhob sie sich, jetzt scho sie aufwrts wie
ein Pfeil; in Kreisen, hher und hher steigend, schmetterte sie ihr
jauchzendes Tirili himmelan.

Iwickelchen, Liwickelchen,[48] schrien die Mdchen und sprangen, in
die Hnde klatschend, wie die Tollen in die Wiese hinein. Sie rauften
mit beiden Hnden das kurze Gras aus und schleuderten es sich in's
Gesicht, wie ein Regen rieselte es ihnen ber Haar und Schultern;
sie trappten hin und her, mit Gelchter und Gekreisch, ihre schweren
Ngelschuh traten die zarten sprossenden Hlmchen tot.

Zeih blieb ein wenig zurck, die hageren Dinger liefen ihr denn doch
zu schnell. Und da sah sie auch ein paar gelbe Blumen des Lwenzahns,
erfreut pflckte sie sie ab und steckte sie sich in's Haar -- glnzten
die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden Blten auf
den braunen Scheitel.

Kaum sah Tina die also Geschmckte, ri sie ihr auch schon die Blumen
vom Kopf. Zeih schalt lachend und ri ihr Eigentum wieder an sich; das
ging hin und her, ein frmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches,
halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte Tina die zerknickten
Stengel von sich: Lao haste dn Dreck! Die Fe der Weiber schritten
achtlos darber weg.

Bbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb sie stehen und wartete
auf die Nachzgler. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie ihnen
entgegen. Kommt, kommt! rief sie unwillig. Laot de Alfanzereien!

Alfanzereien?! Tina lachte spttisch und hob keck ihre Nasenspitze zu
der um einen Kopf Greren, sei dau nor net e su frnehm, Lenzen Bbb,
mer waa jao doch, wn dau bis! Kichernd stie sie die Vrun an, und
die Vrun stie die Leis an, und die Leis die Zeih.

Eine dunkle Rte stieg Bbbi in die Wangen, aber sie sagte nichts; mit
einem ernsten Blick sah sie von oben herunter auf die Kleinere.

Haha, fing Tina wieder an -- sie hatte den Blick wohl verstanden und
boste sich darber -- dau wills ons Conduitten liehren -- dau?! Dau
maanst wohl, dau drfst dat, weil de noch in der elften Stund onner de
Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! Mer kennt dn Vogel an sein Federn,
wann hn sein Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!

Die Mdchen schlugen ein Gelchter auf, auch Zeih lachte, ihr
gedankenloses, frhliches Lachen.

Zeih, kommt! sagte Bbbi und fate sie am Arm. Laot eweil dat Tina!
Ein faul Ei verdirbt dn ganzen Brei!

Hollah -- Tina packte die Zeih am andren Arm -- hei gebliewen!
Wat saoste, Lenzen Bbb? Ein faul Ei -- wn maanste dermit, h? Sie
fauchte die Groe bse an, ihre Augen funkelten. Dau Sauerpot, dau
Quiesel, onnerstieh dech! Stillwsser -- Grundfresser. Duh dei Maul uf,
dau Grundfressersch, lao ehs hren, waorum ech faul sein? Faul! Sie
ballte die Fuste. Saog! Nun stampfte sie mit den Fen. Saog!

Je mieh mer im Kot rhrt, desto mieh stinkt hn. Ech haon ken Lust
derzu, sagte Bbbi ruhig und drehte sich kurz um.

Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend vor Entzcken
fielen sich Vrun und Leis in die Arme; Zeih hing sich ihr
freundschaftlich an den Arm.

Jmmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; einer andren wre
sie auf den Rcken gesprungen und htte ihr das Fell mit den Ngeln
zergerbt. Der da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher
ihren Weg und fhrte die drei anderen wie selbstverstndlich mit sich
fort.

Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer lauernden Katze;
der Bbbi konnte sie nicht ankommen, aber der Leis und der Vrun, und
besonders der Zeih, denen wollte sie's eintrnken.

Eweil sein mer elao, sagte Bbbi und wies auf einen Dornbusch, dicht
am Grabenrand. Bei dem Busch liegt hn unnen. Mitleidig beugte sie
sich ber, mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurck. Da unten
lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber neben ihm hockte eine
Frauensperson, den Oberrock ber den Kopf gezogen, ihr grellroter
Unterrock blhte sich wie eine groe Mohnblume. Die Traut!

Mit einem triumphierenden Lcheln sah diese aufwrts in die verblfften
Gesichter; sie hielt Pittchens Kopf in ihrem Scho.

Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lcheln, mit einem Satz war
Tina unten, Vrun und Leis strzten nach; dann folgte die Zeih. Das war
ein Gewlze von Leibern im Graben, ein Gewirr von Armen und Beinen, ein
Schimpfen und Lachen, Zanken und Zerren. Einen Augenblick sah Bbbi
darauf nieder, dann machte sie Kehrt.

Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor'm Dorf blickte sie
noch einmal zurck; die stille Luft trug ein Getse an ihr Ohr, ein
Stimmengewirr, als ob ein Heer anrcke.

Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Mrzsonne grell beschienen,
wie von goldnem Flimmer umhllt. Als Kernpunkt der Peter; von den einen
geschoben, von den anderen gezogen, nahte er wankend.




                    XI.


Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger gro, als bei der Heimkehr
der Mnner. In das stille Thal war's gefallen wie ein Kanonenschu und
hallte unaufhrlich von allen Ecken und Enden wider: ein Mann, ein
Herr! Ein reicher Herr!

In der Eichelhtte wrde er wohnen, die hatte er dem van Beuren
abgekauft. Aber nicht blo ein paar Jagdtage wollte er da verweilen,
nein, den ganzen Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der
Krumscheid hatte es erzhlt und sich schmunzelnd dabei die Hnde
gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst. Denn der Fremde hatte
einen zartrtlichen Hauch auf der Nase, und seine etwas verschwommenen,
blablauen Augen blickten gemtlich in die Welt.

Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das nhere und nchste
erfahren. Herr Anton Nikolaus Schmitz, 'Rentner', wie er sich schrieb,
hielt durchaus nicht mit seinen Angelegenheiten hinter'm Berge; er
erzhlte gern.

Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe war er ausgewandert
und hatte sich durchgefochten bis unten an den Niederrhein, wo ein
entfernter Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem Gerber in
die Lehre. Es glckte ihm; der Lehrling wurde Geselle, der Geselle
Meister -- jetzt pate bald das Sprichwort:

    'Hutchen, wie stinkst du,
    Geldchen, wie klingst du!'

Zuletzt hatte er eine groe Gerberei in Kln besessen. Aber was sollte
er sich noch lnger schinden? Junggeselle war er, nhere Verwandte
hatte er nicht, sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn
fters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub. Jetzt war's Zeit,
sich zur Ruhe zu setzen.

Da meinte der Herr van Beuren, den er beim Frhschoppen in der
'Kevverndoos'[49] kennen gelernt, das grne Salmthal, das so geschtzt
und lieblich zwischen den Bergen lge, das wre recht der Ort fr
so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhtte, und was noch
mchtiger wirkte, als das eifrigste Zureden des Herrn van Beuren, das
war das Heimatsgefhl, das pltzlich in dem geborenen Eifeler erwachte.
--

Nun standen die Fenster der Eichelhtte weit offen, der laue
Frhlingswind durchfchelte die Stuben und spielte mit den groblumigen
Vorhngen des gemtlichen Himmelbetts. Mit allem, was da lag und
stand, hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen und
rostigen Flinten an den Wnden bis herab zum Wildschweinsfell vor der
Thrschwelle. Er wanderte in seinem doppeltgeftterten Schlafrock, die
lange Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen, trieb freundliche
Scherze mit den Weibern, die da fegten und scheuerten, und fhlte sich
ganz als Herr und Besitzer.

Gestern war er durch's Dorf spaziert und hatte die ausgesucht, die ihm
zur Arbeit am tauglichsten schienen. Alle waren gelaufen gekommen und
hatten sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die kleine
Bill. Die hbschesten waren die tauglichsten; Herr Schmitz hatte sich
schon ein Trppchen zusammengestellt, da kam die Zeih des Wegs --
Donnerwetter, war das ein Frauenzimmer!

Der alte Junggesell ri seine blauen uglein auf. Merkwrdig, Jahre
lang hatte er keine Anfechtung mehr gehabt, nur an seine Hute gedacht
-- Gerberlohe trug ihm die schnste Farbe -- nun blieb sein Blick auf
diesen braunen Flechten haften, die sich so glnzend, zu einem dicken
Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen hatte die! Hell und zart, wie
ein junges Kalb.

Machte es die Frhlingsluft, die stark und lebenerweckend von den
Bergen wehte? Machte es der Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um
ihn drngte? Herr Schmitz fhlte eine seltsame Unruhe in den Beinen,
das Wasser lief ihm im Mund zusammen.

Linkisch galant zog er die Mtze. He, junge Frau. Guten Tag!

Lucia lchelte, da man all ihre weien Zhne sah; das leicht
bewegliche Blut scho ihr in die Wangen, sie waren rot wie reife pfel.

'Fett wie ein Hammel,' dachte Schmitz und lie einen vterlich
wohlwollenden Blick ber die junge Frau gleiten; er liebte das
'Vllige'. Wohlbeleibte Menschen waren immer gemtlich im Umgang; er
selbst hatte sich ja auch ein Buchlein zugelegt. Ein instinktiver
Selbsterhaltungstrieb zog ihn zu Zeihs angenehmer Flle, die doppelt
auffiel zwischen den sehnig schlanken, fast hageren Gestalten der
brigen Weiber.

Das war was fr ihn! Die wollte er zur Aufwrterin whlen! Ihr
freundlich heitrer Blick aus klaren, braunen Augen bestrkte ihn noch
darin.

No, junge Frau, sagte er, haben Se et auch als jehrt, dat der
Schmitz hier sein Residenz aufschlage will? He? Ich brauch en
Frauensperson, die mer et Bett macht un en Ta Kaffee kocht; ich bin
simpel jewhnt, aber en Buttel mu se aufziehn knnen un auch en Spa
verstehn. Im brigen hab ich jern mein Ruh.

Zeih sah ihn mit offnem Mund an; sie verstand den Herrn nicht, aber sie
lchelte.

Sie gefiel ihm immer besser; die anderen waren ihm viel zu geschwind
mit dem Mundwerk, besonders die eine, die junge Schwarze, die sie Tina
nannten und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herumfunkelte.

No, sagte er wieder und klopfte Zeih auf die Schulter, knnen Sie
bei mer die Aufwartung machen? Wie steht et dermit, he? Oder sind Sie
zu fein derzu? Jetzt erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen,
das handbreit lnger war, als die Rcke der anderen.

Die umstehenden Weiber stieen sich an und kicherten halblaut.

Se es dem Pittchen sein Fra, rief Tina keck, dn haot gerwt.
Eweil haot dat Zeih dat Arweiden net mieh nedig. Wann hn net bal
ales versoff haot; dann gieft dat freilich en anner Mod! On wann dn
Oberkailer Schandarm net schplendid --

Bis still, fiel ihr Zeih hastig in's Wort und zupfte sie am Rock.
Und sich mit dunkelrotem Kopf wieder zu dem Herrn wendend, flsterte
sie schchtern, die Wimpern gesenkt: Ech mo erscht dat Pittchen
fraon, hn es e su -- e su -- ech glauwen net, dat dn et gren sieht.
Zgernd sagte sie es, sie htte fr ihr Leben gern die Aufwartung
bernommen, nicht das Geld war's, das sie lockte -- zu essen und
trinken hatte sie ja -- aber so ein Herr aus der Stadt konnte allerlei
Prsente machen, von denen man hier nichts ahnte. Schade, da mit dem
Pittchen jetzt so gar nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er
auf und nieder gerannt und hatte geflucht und geschimpft, als er von
dem neuen Besitzer der Eichelhtte gehrt hatte.

Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die feucht schimmerten.
Ech drf jao net!

Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem Kopf
davonschritt -- das war ja eine rechte Kreuztrgerin, und so ein
sanftes, kreuzbraves Weibchen! -- -- -- --

Heute, als der Besitzer der Eichelhtte die Schar der fegenden Weiber
besichtigte, bedauerte er wieder auf's neue, die hbsche Zeih nicht
darunter zu sehen. Die htte gewi nicht so gepoltert und unbndig
hantiert, sondern so nett gemchlich, wie es einem Mann in seinen
Jahren angenehm war. Fast wollte es ihn bednken, als trieben die
Weibsbilder ihren Possen mit ihm; die kecke Schwarze, hoch oben auf der
hchsten Leitersprosse, wippte hin und her, da ihm der Angstschwei
ausbrach; und die mit den blonden Zpfen go ihm einen vollen Eimer
Wasser grade vor den Fen aus. Er flchtete vor die Hausthr.

Da stand er nun in seinen grasgrnen Pantoffeln, die Hnde in den
Schlafrocktaschen vergraben, einen Shawl um den Hals, mchtige
Tabakwolken in den hellen Morgen hinausqualmend. Mit behaglicher
Rhrung musterte er die Umgebung. So waren ihm die Heimatberge mit
ihren runden Buckeln und den daranhngenden, winzigen ckerchen
manchmal im Traum erschienen! Und dann dachte er an das 'Mus', an
'Kabes met Grombieren on Griewen', die er sich fr heut mittag beim
Krumscheid bestellt, und sein Eifeler Magen knurrte in ser Erinnerung.

Schmunzelnd blickte er die Strae zum Dorf hinunter. Alles ruhig
und friedlich, kein Wagen, kein strender Lrm. Nur eine einsame
Frauengestalt kam des Weges; als diese sich bemerkt sah, zgerte sie
und trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran.

Schmitz stnderte noch ein wenig vor der Hausthr herum und besichtigte
dann seinen Garten. Wenn die hohen Bume sich erst belaubten, muten
sie einen kstlichen Schatten geben. Mochte die Sonne noch so brennen,
hier war's angenehm; man konnte eine Hngematte aufhngen und sanft
darin duseln, und dort auf dem grnbemoosten Steintisch mit der
rtselhaften, eingemeielten Inschrift hielt sich der Moselwein gewi
khl.

Sehr befriedigt kehrte er aus dem Garten zurck; da sah er am Gitter
eine Gestalt vorbeischleichen, die jetzt still stand und neugierig
durch die Stbe lugte. Als er die Brille aus der Tasche gezogen, mit
seinen plumpen Fingern daran gewischt und sie auf die Nase geschoben
hatte, erkannte er die Zeih.

Sieh ens an! sagte er erfreut. Weit du auch, mein Dochter, dat ich
heut als an dich jedacht hab?!

Sie stand verlegen lchelnd. Hinter sich her hatte sie ein
Holzwgelchen gezogen; darin sa ein erbrmlicher, kleiner Junge. Er
lie die Unterlippe hngen, der Sabber lief ihm ununterbrochen aus dem
Mund und vereinte sich mit dem Brnnlein, das aus der Nase quoll, vorn
auf dem Ltzchen.

Dat es ons Josefche, sprach die Zeih, als sie den Blick des Herrn
bemerkte.

So so. Hm hm! Er konnte seine Verwunderung kaum verbergen -- wie kam
das hbsche, frische Weib zu dem elenden Kind?! Der Vater mute doch
gar nichts taugen. Die Leute hatten sicher recht, die den Miffert einen
Sufer und Weiberjger nannten; so allerlei war ihm hintenherum ber
den Kerl zu Ohren gekommen. Das arme Weib!

Kommt doch herein, sagte er freundlich, ffnete das Gitterthor und
zog selbst das Wgelchen in den Garten.

Schchtern trat die Zeih ein und lie ihre Blicke an den hohen Stmmen
hinauf und hinunter gleiten; vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das
Josefchen auf den Arm und herzte es.

Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen der Anteilnahme.
Er klopfte dem Kind die aufgedunsenen Bckchen und nahm das welke,
blasse Hndchen zwischen seine fleischigen, roten Finger. Du, du, k,
k, k, machte er und kitzelte es am Hlschen.

Josefchen verzog das Gesicht und fing an zu weinen; es war kein lautes,
krftiges Schreien, nur ein jmmerliches, dnnes Greinen.

Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung. Als sie das Kind weinen
hrte, zogen sich ihre Mundwinkel abwrts; schon hingen ein paar
Thrnen in ihren langen Wimpern.

Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, heut in der Frhe war
er nach Hause gekommen, sternhagelvoll. Gelrmt hatte er nicht, er
war in einem weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. Sie
traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein paar Stunden fest
geschlafen, glaubte sie ihn in der richtigen Verfassung, um ihr
Anliegen wegen der Aufwartstelle vorzubringen. Aber da kam sie gut an!

Wie ein Verrckter trommelte er mit den Fusten auf's Bett und schrie
sie an: ob sie denn noch nicht genug an einem htte? Noch einen neuen
dazu?!

N, n, brllte er, raffte sein Kissen auf und warf es ihr an den
Kopf. On bei dm Stehler? Mein es dat Schlche -- mein mut et sein
-- Stehler! Hal dei Maul!

Sie wagte gar keine Gegenrede mehr; aber er sprang aus dem Bett, drang
auf sie ein und trommelte mit seinen Fusten auf ihrem Rcken, wie
vorher auf's Bett.

Das waren die ersten Schlge, die sie von ihm erhielt; und wenn
er auch durch seine Betrunkenheit zu entschuldigen war, bel nahm
sie ihm die Prgel doch. Um sich zu trsten, war sie mit dem
Josefchen herausgebummelt, in der Richtung nach der Eichelhtte.
Eine schmerzliche Neugier trieb sie; vielleicht, da sie, am Gitter
lauschend, das Gelchter der anderen hren und einen Blick erhaschen
konnte in die ihr verschlossene Herrlichkeit!

Hei es et schien, sagte sie und sah sich, mit offnem Munde, staunend
um; noch nie hatte ihr Fu diesen vornehmen Grund und Boden betreten.
Sie ging wie auf Eiern.

Schmitz fhlte sich sehr geschmeichelt, er fhrte sie in's Haus -- das
Josefchen konnte derweil drauen im Wgelchen sitzen -- und zeigte ihr
alle Rume. Mit neidischen Blicken glotzten die anderen Weiber; sie
standen nun mit geschrzten Rcken und zerzaustem Haar in Nsse und
Kehricht, und die da wurde herumgefhrt, wie eine Dame!

Zeih kostete einen vollen Triumph aus; rasch kehrte ihre gute Laune
zurck, die Augen tanzten ihr ordentlich vor Vergngen, zrtlich
streichelte sie ber den verblichenen grnen Bezug des eingesessenen,
breitlehnigen Sofas. Ihre naive Bewunderung machte dem Alten das
grte Vergngen. Dadurch wurde es ihm erst so recht klar, was er
doch eigentlich fr ein verteufelter Kerl war, solch einen Besitz zu
erstehen. Er fhlte sich ordentlich jung; und als sie in den Keller
hinabstiegen, um den Platz anzusehen, wo das Moselweinfa liegen
sollte, nahm er auf der dunklen Treppe ihre warme Hand und patschte die
und stieg so flink die steilen, schlpfrigen Stufen hinab und wieder
hinauf, als wre er sechzehn und nicht nahe sechzig, und als htte die
leidige Gicht ihm nie einen Knppel gegen die Beine geworfen.

Schade, schade, da er dies Frauenzimmer nicht immer hier haben konnte!
Er fragte sie noch einmal wegen der Aufwartung, und sie berichtete ihm
haarklein den Vorfall des Morgens. Mute der Miffert ein unangenehmer
Patron sein! Er schimpfte weidlich, und Zeihs Zunge rhrte sich auch
munter -- n, ihr Pittchen war gar nicht mehr kommod; seit der geerbt
hatte, war er alleweil kaprizig![50]

Von wem hat er denn geerbt? fragte Schmitz neugierig.

Dat waa ech net, lachte sie. Mir saon hei: 'Met Schweigen verredt
mer sech net' -- hn saot neist.

Schmitz sah sie verwundert an.

Jao, Ihr knnt et glauwen, fuhr sie wichtig fort, dat Pittchen, dat
es anen! Ein geheimer Stolz auf ihren Mann regte sich nun doch in ihr.
Dn es klug, dn hrt dat Gras wachsen. Dn saot neist, wat hn net
saon will; net emaol, wann hn besoff es!

So, so. Das zweifelhafte Lob Pittchens interessierte Herrn Schmitz
weiter nicht, seine Meinung stand einmal fest: ein unangenehmer Patron.
--

Von nun an fhlte es Pittchen, er hatte einen geheimen Widersacher im
Dorf. War es sein schlechtes Gewissen, das ihn so argwhnisch machte,
oder die Eifersucht, nicht mehr der einzige Hahn im Hhnerhof zu sein?
Wahrhaftig, da brauchte er doch den alten 'Knickstiewel' nicht zu
frchten, der im warmen Sonnenschein einen dicken Flauschrock trug,
Filzpantoffeln und um den Hals einen doppelten Shawl. Er fhlte einen
unbestimmten Ha gegen den Alten in der Eichelhtte, greren Ha, als
auf den schnen, jungen Gendarm von Oberkail. Der Schmitz hatte einen
verdammten Blick; sah er nicht den Peter mit seinen Schweinsuglein so
von der Seite an, als wollte er sagen: 'Ich wei was' --?

Als Peter den Alten zum ersten Mal in Krumscheids Wirtsstube treten
sah, sprang er aus seiner Ecke auf, scharrte einen Kratzfu und setzte
sich mit einem: Met Verlw! dem Herrn gegenber an die Breitseite des
Tisches. Zutraulich fing er eine Unterhaltung an, schwatzte harmlos und
zutppisch, aber er hatte kein Glck damit. Seine Blicke, die flink und
unruhig umherhuschten, entdeckten keinen Zug des Wohlwollens auf dem
dicken, roten Gesicht gegenber; Schmitz blieb zugeknpft, das blhende
Fett der Wangen deckte jede Regung, die schlauen uglein verschwanden
ganz in ihren Schlitzchen. Er trank rasch aus, zahlte und ging; Peter
blieb sitzen wie ein Dummer.

Er fluchte in sein Glas hinein, fing an, mit dem Wirt zu krakehlen, und
schimpfte dabei auf, den 'alden Knickstiewel', den 'Kalmuser', das
'Mastschwein'.

Was die Zeih nur an dem finden konnte?! 'Herr Schmitz' blieb ihr
zweites Wort. Von dem grnen Zitzsofa, ber das sie einmal hatte
streicheln drfen, erzhlte sie, als sei es lauter Sammet und Seide.
Ganz beseligt kam sie heim, als der Herr Schmitz sie zur Veilchenzeit
in seinen Garten gerufen und ihr erlaubt hatte, fr das Josefchen einen
Strau Veilchen zu pflcken. Als ob es deren nicht auf der Flur unter
den Hecken weit blauere und duftendere gbe! Peter ri ihr die Blumen
aus der Hand, zertrat sie und visitierte ihr dann die Tasche -- hatte
sie nicht noch was Anderes geschenkt bekommen?

Er glaubte ihr nicht, als sie beteuerte: Nor Veilcher, su waohr ech
lwen, nor Veilcher! Er ri ihr den Rock aus den Falten, kehrte alles
an ihr um und um, und als er nichts fand, schlug er sie.

Sie heulte, da die Wnde widerhallten; er schrie und lrmte wie
besessen. Zuletzt vershnten sie sich wieder. Noch einmal schien in
Peter das frhere Pittchen zu erwachen; er schlug sich mit der Faust
vor die Stirn, nannte sich einen 'Wuodeswoor'[51], umarmte die Zeih,
bat ihr klglich ab und kte sie wild. Schnell vershnt, gab sie seine
Ksse zurck; einander herzend und drckend, verabredeten sie auf den
nchsten Tag, den Jahrmarkt in Wittlich zu besuchen.

Zeih trumte die Nacht von einem Karrussel, von Buden mit allerhand
Herrlichkeiten, vom Oberkailer und von Herrn Schmitz, whrend Pittchen,
den Arm um ihre Schultern gelegt, mit brennenden Augen in's Dunkel
starrte und den Schlaf nicht finden konnte.

So jmmerlich hatte er sich noch nie gefhlt. War er denn krank? Wohl
zitterten seine Hnde, wenn er ein Glas zum Munde fhrte, seine Beine
waren oft wie abgeschlagen; aber krank, nein, krank war er nicht. Im
Dunkel streckte er den Arm aus -- mager aber sehnig! Seine Finger
spreizten sich -- war das nicht eine Hand, recht gemacht, den Thaler
auf den Tisch zu schleudern und danach aufzuschlagen, da Flaschen und
Glser hoch sprangen? Wenn er nur mehr Freude davon htte!

Freude -- -- --?! Er unterdrckte ein Hohnlachen; bei allem, was er
that, schlich ja etwas um ihn herum und tuschelte ihm in die Ohren,
legte eine Hand auf seine Brust und drckte ihn da, da er nicht frei
atmen konnte.

Jngst war er mit der Tina in der Sonntagnacht spt heimgekehrt; die
Arme umeinander geschlungen, schlenderten sie durch den Kunowald. Im
tiefsten Dunkel zog sie ihn auf's Moos; da zitterte pltzlich ein
Mondstrahl durch's dichte Gest, mitten auf ihr lachendes Gesicht.
Es verzerrte sich zusehends zu einer Grimasse, die dunklen Augen
schimmerten in grnlichem Licht, die weien Zhne fletschten, als
wollten sie ihn beien. Mit einem Fluch hatte er sich losgerissen. Und
da stand der Mond pltzlich in einer Lcke zwischen den Tannen und
grinste ber das ganze, volle Gesicht. Und den ganzen Weg ging er mit,
und ber Eifelschmitt blieb er stehen mit seinem verdammten Grinsen und
wankte und wich nicht. Accurat so lachte der Schmitz.

In Peter war der Wunsch aufgestiegen, sich einer Seele anzuvertrauen.
Ein paarmal war er wieder auf den Grbern seiner Eltern gewesen, aber
keine Stimme aus der Tiefe hatte ihm zugesprochen; vielleicht, da sie
bse waren, weil noch kein Denkstein stand. Aber so rasch ging das
doch nicht. Alle Tage konnte er nicht einen harten Thaler wechseln, so
dumm waren die Buerlein am Ende auch nicht; und seit der Schmitz, der
Schlauberger, in Eifelschmitt hockte, war ihm ein Aufpasser gesetzt.
Einen immer weiteren Kreis mute er auf seinen Wanderungen beschreiben.

Wenn er sich der Tina anvertraute! Die war schlau. Wenn er mit der
Halbpart machte! Rasch kam ihm der Gedanke, wie eine Erlsung -- nur
nicht allein sein mit der Angst! -- aber ebenso rasch verwarf er ihn
wieder.

    'Weiber haon lange Rck,
    wer en korzen Verstand', --

nein, das durfte er nicht wagen! Und zudem noch Halbpart machen?! Er
hatte ja fr sich selber nicht genug; wie Butter unter der Sonne,
so zerrann ihm das Geld unter den Fingern, er wute nicht, wo's
hinschwamm. Die Htte war kahl, nach wie vor; und wenn sie auch
nicht mehr hungerten, ein Hundeleben blieb's doch. Zumal jetzt, wo
er dem Frieden nicht recht traute war's oft knapp. Und diese zerrte
an ihm, und jene; die zog ihn hier, und die dort -- das mute ein
unversiegbarer Bronn sein, aus dem sie alle schpfen konnten.

Eine gewaltige Erschtterung kam ber Peter, eine Todesmattigkeit. Der
Kopf sank ihm vornber, er htte sich gern aufgerichtet, es war ihm
beklommen; aber er konnte nicht, sein Rcken war so schwach, als sei
kein Mark mehr darin.




                    XII.


Warme Tage waren ber die Eifel gekommen, Frh-Sommertage. Die Sonne
brannte auf die nackten Kuppen, die Felsen schleuderten die Strahlen
zurck. Gewitter zogen jh auf und gingen jh nieder; oft stand ein
Regenbogen ber'm Thal, hie einen Fu, drben den andren.

Was da geset war, ging der Reife entgegen.

Auf Bbbis Acker stand der Roggen so hoch, wie das Lorenzchen war.
'Lukas Evangelist' htten die alten Schneidersch gern ihren Enkel
genannt -- so war der Tag seiner Geburt im Kalender benamst, -- aber
Bbbi hatte trotz ihrer Krankheit und Schwche darauf bestanden, er
mute nach seinem Vater getauft werden.

Sinnend schritt Bbbi den Ackerrain entlang und lie ihre Hand sacht
durch die leiswogenden hren streichen. Wie lange noch, drei Wochen
kaum, dann war Peter und Paul; dann fing das Korn an, sich zu bleichen
-- und die Mnner kamen heim! Der Lorenz kam!

Mit einem Seufzer der Befriedigung sah sie ber ihr Feld hin. Das
konnte sich sehen lassen! Gleich einer Brste stand das Getreide, und
nebenan streckten die Kartoffeln, wohlgesetzt in Reih und Glied, ihre
steifen, dunkelgrnen Bumchen. Wie eine Oase lag dies Fleckchen in der
Wste der andren cker; kaum handhoch stand auf denen das Korn, und
manch Kartoffelland sah aus, als htten Wildschweine darin gewhlt.

Mit der arbeitsrauhen Hand strich Bbbi dem kleinen Lorenz die wehenden
Lckchen aus der Stirn und sah, das Kind, das krftig aufgerichtet
auf ihrem Arm sa, liebevoll an sich drckend, mit selig vertrumtem
Ausdruck in die Ferne.

Was wrde er sagen, wenn er kam?! Bald, bald! Ihr Herz klopfte stark,
vor Freude. Hierher wollte sie ihn fhren, gleich am ersten Abend --
kaum konnte sie's erwarten -- was wrde er fr Augen machen, wenn er
sah, wie gut alles stand?! Ja, es war ein rechter Gottessegen. Dankbar
faltete sie ihre Hnde um die kleinen des Kindes und lie sich auf den
Grasrain niedergleiten.

Da sa sie still. Heut durfte sie ja feiern am Sonntagnachmittag.
Sinnend lie sie die Augen auf der Landschaft ruhen.

Bergland, so weit der Blick reicht; armes Bergland. Unter der mageren
Erdschicht starrer Fels; winzige ckerchen, dem trocknen Heideboden
abgerungen oder dem Herzen des Waldes entrissen.

Und doch liebte sie dieses Land. Mit tiefem Atemzug sog sie die herbe
Luft ein, die ihr stark entgegenwehte. Wo gab's noch eine solche Luft?!
Als knne sie nicht genug davon bekommen, ffnete sie die Lippen und
schlrfte und schluckte, wie ein Trinker kstlichen Wein. Sie fate
das Kind unter den Achseln und lie es frei in der Luft schweben; es
zappelte mit den Beinchen und jauchzte vor unbewuter Lust.

Lange hielt sie es so mit starkem Arm. Eifelluft, Heimatluft -- sie
konnte ihm gar nicht genug davon geben. Durchwehen, sich durchwehen
lassen von dem reinen Wind, dann wurde man gro und stark; und wohnte
man auch im Rauch der Stdte und sah statt der Bergspitzen die
Fabrikschornsteine ragen.

Wuh ons Pappa es, lao sein mir aach zo Haus, gl, Lorenzche? fragte
sie das unverstndige Kind und kte es zrtlich. Sie dachte an die
eingeengten Straen, an die graue Luft, an das Gestampf und Gechz der
Maschinen, und fr Augenblicke irrte ein Bangen ber ihr Gesicht; aber
gleich darauf lchelte sie freudig. Wann hn ons ruft, mir kommen,
gl? Mir giehn zo onsem Pappa on bringen ihm sein Heimat!

Als htte sie schon zu lange gesumt, sprang sie auf. Schade, da heute
Sonntag war, am liebsten htte sie gleich weiter geschafft. Arbeiten
ohn' Unterla, nicht mde werden! Dann kam vielleicht die Zeit, in der
sie aufladen konnte, was not that, und ihm nachziehen durfte, hinunter
in's fremde Land. Mit praktischem Sinn berechnete sie, da sein Lohn
ja dann auch viel weiter reichen wrde. Er hatte wohl guten Verdienst,
aber es blieb -- auer dem, was er an Geschenken mitbrachte und beim
Besuch zuhause draufgehen lie -- blutwenig davon brig. Es spart sich
nicht viel, wenn man jedes Stck Brot, jede Handreichung an Fremde
bezahlen mu; die ziehen einem das Fell ber die Ohren. Da durfte man
sich ja nicht trauen, ein frisches Hemd anzuthun! Mit Schaudern dachte
sie an die schnen, selbstgesponnenen Hemden, die sie ihm geschickt --
wie mochten die jetzt schon aussehen?!

Oh, sie wollte ihm wohl alles instand halten und ihm ein ordentliches
Essen kochen, und ihm den ruigen Schwei von der Stirn wischen. Da
brauchte er in kein Wirtshaus mehr zu gehen, und der Gesellenverein
that auch nicht mehr ntig; dann hatte er seinen Diskurs. Er wrde bei
ihr sitzen; im Winter am warmen Kchenherd, darber das Lmpchen mit
seinem blanken Schild wie ein Snnchen strahlte -- im Sommer vielleicht
auf dem Gartenfleck, den sie mit Kartoffeln und Salat bebaut; ein
paar Blumen muten auch darauf wachsen. Am Himmel, zwischen den
Schornsteinen durch, blinkten die Sterne, dieselben Sterne, die auch
ber den Eifelbergen leuchteten. Und er hielt ihre Hand, und er sprach
zu ihr: So gut is mer't noch nie ergangen, Bbb! -- -- -- -- -- -- --
-- --

Mit einem tiefen, zitternden Seufzer fuhr sie aus ihren Trumen auf.
Sie hatte seine Hand gefhlt, seine Stimme gehrt -- ach, es war nur
der Wind, der ber ihre Stirn gestrichen, und das Lorenzchen, das
kindisch gelallt hatte! Weit war der Lorenz, weit jene Zeit! Und hier
waren die alten Eltern, die der Versorgung bedurften, die konnte sie
doch nicht im Stich lassen. Schrumplige pfel halten oft fester am Ast,
als rotbackige; und schtteln darf man nicht in fremder Leut's Garten.
Die konnten noch lange leben! Und die muten auch #hier# zu Ende leben;
alte Bume verpflanzt man nicht. Aber die jungen, die jungen?! Bbbi
schttelte den Kopf; in ihrem einfachen Sinn war es ihr klar: den
jungen that das Hierbleiben nicht gut! Die muten hinaus, den Mnnern
nach!

Mit schwimmenden Augen sah sie in die rote Sonne, die dort langsam
hinter den Wald tauchte. Die Wipfel strahlten in lauterem Gold. So
unermdlich die am Abend niederging und am Morgen wieder auf, so
unermdlich mute auch #sie# ihr Tagewerk immer wieder von neuem
beginnen, freudig in Geduld, gewi in Hoffnung.

Hoffnung! Hoffnung!

Ja, der Tag der Vereinigung kam -- jetzt wute sie's genau. So sicher,
wie diese Sonne, die diesseit hinter'm Wald versank, morgen jenseit
ber Schwarzenborn stand im neuen, vollen Strahlenkranz und den
einsamen Busch in blendenden Glanz hllte -- so sicher!

Ihre ernsten Augen erhellten sich, ein heiliges Feuer schien sich darin
zu entznden. Hher und hher reckte sich ihre aufrechte Gestalt; wie
die Wurzeln eines starken Baumes standen ihre Fe fest im heimischen
Felsenboden, aber ihr offner Blick ging in's Weite.

Sie hob das Kind ber sich und schwang es mit einem Jubelruf hoch in
die Lfte. Heissah, flieg! Lorenzche, flieg! Dein Vadder on dau on
ech, mir hren #zosammen#. Flieg, flieg!

Eine namenlose Freude schien ber sie gekommen, ihre Stimme erhob sich
zu einem langen Jauchzen. Es hallte in's Thal hinunter, drang in die
Htten, weit ber's Thal hinaus und verlor sich jenseit der Berge. Es
klang wie ein Weckruf: Auf, auf! Wie ein anfeuernder Schrei und ein
Locken zugleich: Kommt, kommt!

Strahlender Glanz lag auf Bbbis Gesicht, strahlend wie die Lichtflut,
die die Sonne mit letzter Kraft auf ihren blonden Scheitel go.

Starken Trittes stieg sie zu Thal, kraftstrotzend und siegessicher.

Tief im Thalhintergrund lagen die mchtigen Ruinen von Himmerod, schon
schwarz im Abendschatten, whrend die Eichelhtte mit ihren weien
Mauern noch als heller Fleck am dmmrigen Waldrand glnzte. Alles
still, sonntglich friedlich. In einer weihevollen Feierstimmung
schritt Bbbi dahin. Da, horch! Geschrei schallte zu ihr herber;
unweit der Eichelhtte stand ein Trupp Menschen auf der Strae. Sie
schrien alle durcheinander mit lauten Stimmen.

Was war geschehen? Bbbi nherte sich rasch -- vielleicht eine
Nachricht von denen drauen, vom Lorenz?! Warum hatten sie sich nur
alle hier zusammengefunden, der Herr Pastor und der Herr Schmitz,
der Krumscheid und der Kster? Sie umstanden ein Buerlein, das, den
Stecken unter den Arm geklemmt, mit den Fusten herumfuchtelte.

Ei, das war ja der Kemper aus Grolittgen! Bbbi erkannte den
Handelsmann, der jahraus, jahrein mit seinem Karren voll Irden-Geschirr
die Eifel durchquerte. Er machte auch nebenbei Geschfte mit Hasen-
und Marderfellchen, mit Lumpen und Knochen und allerhand anderem
Kram. Seine lustigen Scherze waren wohlbekannt; heut schienen sie ihm
vergangen.

Er schrie: Et es en Schand on en Snd! Mer schindt sech halw dud, mer
rennt sech den Odem aus em Leiw, mer schst[52] dorch't miserabelste
Wder! Wann mer ahf on an e Kastemnnche erwrigt, es mer als heilfroh;
on onseranen gieft bedrogen! Dat elao es schnderlich, schnderlich es
dat elao! Er heulte laut.

Wuh haot Ihr dn dann gekritt -- wuhhr? Jesses, saot doch! Der
Krumscheid rttelte ihn.

Ech waa net, sthnte das Hausiererchen und schlug sich vor die
Stirn. Ech Dummkoap! Kann sein als vor Wochen uf der Wittlicher Me,
kann aach net sein. Duh haot ech der Dahler mieh. Onsem Hhrgott sei't
geklaogt, mer kann se jao nie lang behaalen. Onseranen kmmt heihin on
daor, duh kritt mer dat Stck on duh dat, heit en Penning, morjen en
Groschen, wermorjen en Dahler -- ech sein beschummelt met Bedaacht,
schnderlich beschummelt! Verfluchtes Schinnaos, dat mech e su beschi
haot! En heilig Kreizdunnerwder soll hn --

Aber, Kemper, Kemper, begtigte der Pfarrer, flucht doch nicht so!
Wer sagt Euch dann, da Ihr mit Absicht betrogen seid? In unserer
Eifel ist man fromm und ehrlich; aus der bsen Welt wird uns die Snde
eingeschleppt. Hier betrgt keiner den andren.

wer ech sein doch befautelt, chzte der Unglckliche, ob met
Bedaacht oder net. Kuckt hei -- er zog ein Thalerstck aus dem Kittel
und zeigte es auf der flachen Hand herum -- dn es falsch!

Falsch --?! Bbbi stand mit offnem Mund.

Ein Murmeln, ein Raunen, ein hrbares Staunen ging durch den Kreis; sie
rckten enger zusammen, jeder drngte heran und reckte den Hals. Es et
waohr? Wirklich waohr?! Es dat milich, menschenmilich?

In der That, -- Schmitz hatte die Brille aufgesetzt und hielt sich
den Thaler dicht unter die Nase -- der is falsch!

Ech sein beschi, ech sein beschi, heulte Kemper.

Der geistliche Herr nahm den Thaler zur Hand. Ich kann das noch immer
nicht glauben -- nein, nein! Er schttelte den Kopf.

Sie knnen't schon glauben. Schmitz fhlte sich ganz als
welterfahrener Mann. Ich hab' zu Kllen als der Dinger mehr jesehn.
Drum hat ja auch der von Bismarck eben jetzt die Joldstcker
einjefhrt; der is schlau, die sind nit e so leicht nachzumachen.
Der hier is falsch! Kiek ehs an -- sein Portemonnaie aus der Tasche
ziehend, suchte er daraus einen Thaler hervor -- der is echt! Er
probierte beide Geldstcke auf einem Stein. Hrt, wie hell den klingt,
un wie anders den! Da heit et aufjepat. Wo einen is, sind auch ihrer
mehr.

Betroffen sahen sich alle an.

Zom Schandarm, zom Schandarm nach Oberkail! zeterte der Kster.

Duh kommen ech jao als hr, jammerte der Handelsmann. Duh sein
ech stracks hingerennt, e su bal als onsen Wirt zo Grolittgen saot,
dn Dahler wr falsch. wer dn Schandarm es net derhm. Se saon
zu Oberkail: hn wr nao Schwarzenborn; on in Schwarzenborn: nao
Eifelschmitt. On hei, dn Krumscheid saot: hn wr nao Karl --

Lao kmmt hn, schrie Bbbi auf. Ihre scharfen Augen hatten den
Schimmer einer Uniform am Waldrand gesehen. Lao kmmt hn aus em
Bsch, ech siehn de Knpp blinkern!

On en Framensch haot hn bei sech, brummte schmunzelnd der alte
Krumscheid. H, Hhr Schandarm! Helao!

Hollah, brllte Schmitz. Sie da!

Feuer, Feuer, zeterte der Kster.

Sie erhoben alle die Stimmen, selbst der geistliche Herr rief. Endlich
schien der Oberkailer zu hren; das Frauenzimmer verschwand, wie vom
Boden verschluckt, er selbst sprang in groen Stzen vom Waldrand auf
die Strae herunter. Nun kam er angetrabt. -- --

Wer die Kunde vom falschen Thaler in's Dorf getragen, wute man
nicht. Obgleich der Gendarm den Erstwissern strengstes Stillschweigen
auferlegt -- denn, sagte er, der Hallunke darf beileibe keinen
Wind davon kriegen, sonst macht er sich dnne -- hatte einer doch
geplaudert.

Wie ein Lauffeuer ging's von Haus zu Haus: Wit ihr't schuns? Hatt
ihr't als gehrt? Jesses, e su ebbes! Sollt mer't glauwen? En Dahler,
en falschen Dahler!

Die Weiber standen alle auf der Gasse; auer Bbbi war keine im Haus
geblieben. Sie schlugen die Hnde ber'm Kopf zusammen und rissen Augen
und Muler auf. Alle mglichen Geschichten tauchten auf im Anschlu an
den falschen Thaler; wer was zu erzhlen wute, erzhlte: von Rubern
und Mrdern und Einbrechern. Selbst der Schinderhannes, der vor siebzig
Jahren zu Mainz Gekpfte, trat leibhaftig wieder auf. Sie drngten sich
zusammen und schauderten und machten einander graulen. Das summte und
wirrte durcheinander, wie ein aufgestrter Bienenschwarm.

Das Wirtshaus wurde belagert; neugierige Gesichter drckten sich an
die Fenster, denn drinnen saen ja die Herren und hielten Rat. Und da
war auch der Thaler zu sehen. Wie der nur ausschauen mochte?! Hie und
da machte sich eine eine Ausrede; zum Beispiel die Tina, die ging keck
herein und kaufte fr einen Groschen 'Klmpcher'[53], aber es half ihr
nichts, der Krumscheid war ganz verstrt und hatte kein Ohr fr ihre
Fragen, und niemand von den Herren rief sie an den Tisch, so sehr sie
auch hinschielte. Sie kriegte den Thaler nicht zu sehen.

Der Schmitz fhrte das Hauptwort. Zu seiner Zeit hatte in Kln einmal
ein Falschmnzerproze gespielt, den gab er nun mit allen Einzelheiten
zum besten. Eine ganze Bande war's gewesen, zehn Mann hoch, mit so und
so viel Helfershelfern; was hnliches wrde wohl auch hier dahinter
stecken.

Immer martialischer wurde das Gesicht des Gendarmen, er drehte den
Schnurrbart auf, da ihn die Spitzen fast in die Augen stachen, und
fhlte verstohlen nach dem sechslufigen Revolver, den er unter der
Uniform auf der Brust trug. 'Im Namen des Gesetzes' -- ha, wie sie
zitterten!

Darin waren sich fast alle einig, ein Eifeler konnte der Missethter
nicht sein. Der Pfarrer sprach warm fr die seiner Kirche anvertrauten
Schafe. Nun war er hier schon dreiig Jahre im Amt, nie, nie war etwas
Bses vorgefallen; er htte es doch erfahren mssen durch die Beichte.

Schmitz, als geborener Eifeler, war ganz seiner Ansicht. Ja, drauen
waren sie alle raffiniert, aber hier?! Ne, sagte er, hier sind se zu
ehrlich!

Der Gendarm nickte dazu: Und viel zu dmlich!

Nur das Hausiererchen sagte kein Wort zur Entlastung der Einheimischen.

Er sthnte und jammerte, am meisten darber, da der Gendarm den
Thaler eingezogen hatte, um ihn seinem Vorgesetzten, dem Obergendarmen
zu Wittlich, abzuliefern. Je, Je, klagte er, duh sein ech vom
Rjen unner de Trauf gekomm! Hhr Scha--Schan--darm -- ech will mein
Dahler re--redur! Er lallte schon, sie hatten ihm zum Trost wacker
eingeschenkt.

Heute brannten die Lichter in den Husern lnger denn je, nur Pittchens
Htte lag still und finster.

Spt in der Abenddmmerung kam Zeih in's Dorf geschlichen; Tannennadeln
hafteten ihr im Haar, und am Kleid klebte ihr Waldmoos. Ungesehen
hoffte sie ihre Htte zu erreichen, aber schon wurde sie angehalten.
Hatt Ihr't gehrt? Hatt Ihr't gehrt vom falschen Dahler?

Mit Ungestm platzte sie daheim in die Stube, wo Pittchen quer ber'm
Bett lag, die Augen starr gegen den Deckbalken gerichtet. Er hatte eben
den Rausch der vorigen Nacht ausgeschlafen, nach der Frhmesse war er
erst heimgekommen; nun schmerzte ihn der Schdel noch. Stumpfsinnig
brtete er. Als er seine Frau erkannte, schnauzte er sie an: Wuh haste
dech widder erumgedriewen, dau --

Sie achtete gar nicht darauf, gleich fuhr sie mit der Neuigkeit heraus:
Haste't gehrt? Se haon en Dahler, en falschen Dahler gefunnen! Se
sein dem Kerl als uf der Spur. In grausenvollem Entzcken schlug sie
die Hnde zusammen: Dn hnken se uf, wann se dn kriehn! Pittchen,
wat saoste nau?

Keine Antwort.

Sie beugte sich ber ihn -- schlief er schon wieder? Pittchen, en
falschen Dahler! Denk ehs! Hrste dann net? Sie packte ihn am Arm.

Ech hren. Ihre Hand zurckstoend, richtete er sich mhsam ein wenig
auf, seine Stimme klang heiser.

N, datste dech aach e su wenig inderessierst, sagte sie ordentlich
beleidigt, e su ebbes passiert doch net alle Dag! Denk ehs, wann se
dn kriehn, dn --

Wn es et dann? Sich auf den aufgestemmten Ellbogen sttzend, sah er
sie stier an.

Huh, kreischte sie lachend, maachst dau en Visasch! Eweil knnt mer
sech jao graulen!

Wn es et -- wat saon se? stie er hervor. Seine Lippen zitterten,
seine Hnde auch.

Sie zuckte die Achseln. Dat waa ech net. wer waart, -- sie ergriff
gern eine Gelegenheit, wieder fortzukommen -- ech giehn noch ehs on
hren mech om! Schon war sie zur Thr hinaus.

Allein!

Er sthnte auf in verzweifelter Wut. Mit einem Satz war er aus dem Bett
und nebenan in der Kammer. Mit angstvoll prfendem, scheuem Blick sah
er sich um -- nichts zu entdecken! Friedlich lag sein Handwerkszeug auf
dem Tisch, das niedrige fchen stand an der Wand, der Schemel daneben.
Sonst alles leer.

Erleichtert atmete er auf. Aber da, da in der Ecke, wo Lehm und Steine,
von der brckligen Mauer herabgefallen, einen Schutthaufen bildeten --?!

Stechend bohrte sich sein Blick dort ein. Und dann rumte er in
fiebernder Hast den Schutt in eine andre Ecke, ri von der Wand noch
mehr darauf herunter und lie den schmutzigen Estrich der ersten Stelle
unbedeckt. So war nichts verdchtig.

Drauen ging jemand in einiger Entfernung vorber, dumpf hallten die
Schritte. Was, was, paten sie ihm gar schon auf?! Blitzschnell lschte
er das Licht.

Mit angehaltnem Atem schlich er im Dunklen aus der Kammer in die Stube
zurck, und aus der Stube an die Hausthr. Vorsichtig ffnete er sie
spaltbreit und lauschte nach dem Dorf hinunter. Flimmernde Lichter und
Hundegebell, verworrene Stimmen und Rufen und Lachen.

Bltter suselten im Nachtwind, durch das Gras huschte etwas --
er schreckte zusammen. Was war das?! Ach, nur eine Katze, die den
geschmeidigen Leib ber den taufeuchten Rasen zog und sich, leise
raschelnd, unter'm nchsten Zaun verkroch.

Mit bebenden Fingern strich Pittchen das wirre Haar aus der Stirn;
dann stahl er sich, gewandt wie die Katze, im Schutz der Hecken zum
Dorf hinunter und, jeden Lichtstreif, der aus den Fenstern fiel,
vermeidend, schlich er lauschend um die Huser.




                    XIII.


Das Kreisblatt zu Wittlich hatte eine Warnung erlassen, und die genaue
Beschreibung des falschen Thalers stand dazu gedruckt; auch im Dauner
Kreisblatt war's zu lesen.

Ein panischer Schrecken hatte die Bevlkerung ergriffen, manch
Buerlein rannte nach der Wittlicher Sparkasse und lie von den
Sachverstndigen daselbst seine paar Thlerchen prfen. Sonst hatte
man der Sparkasse nicht viel Vertrauen geschenkt; da schienen doch
die Thaler viel sichrer daheim im Kasten, warm unter'm Bett, oder im
Strumpf zu unterst in der Lade.

Auch der Krumscheid begab sich nach Wittlich und borgte extra dazu das
Chaischen vom Pauly zu Oberkail; den Sparkasten stellte er neben sich,
sorgsam mit einer Decke verhllt. Als er durch den dunklen Wald fuhr,
setzte er sich darauf.

Ein geschlagner Mann kam er heim -- elf von seinen Thalern waren
falsch! Die hatten sie gleich dabehalten zu Wittlich und hatten ihn
ausgefragt, da ihm der Verstand knackte; er dachte nach und dachte
wieder nach, aber wie sollte er's noch wissen, von wem er die Thaler
bekommen?! Und der Obergendarm, mit dem -- wei Gott! -- nicht zu
spaen war, hatte ihn zum Stillschweigen verpflichtet, unter der
Drohung, ihn sonst in Untersuchungshaft zu nehmen. Das war das
bitterste, nicht einmal erzhlen durfte er's!

Und noch mehr falsche Thaler tauchten auf, hier und da. In Hupperath
und Karl, in Oberkail und Spang-Dahlem, in Manderscheid und Bettenfeld,
in Oberfflingen und Niederfflingen, in Stadtfeld und Daun; die ganze
Gegend war verseucht.

In der ersten Zeit lief fast jeden Tag ein neues Gercht um; bald
sollte am Rhein eine ganze Falschmnzerbande aufgehoben worden sein,
bald an der Mosel, bald waren die falschen Thaler von Holland ber
die Grenze gekommen, bald von Frankreich. Die Weiber von Eifelschmitt
hatten soviel zu erzhlen, da sie gar nicht mehr zu ihrer Arbeit
kamen; sie brannten vor Neugier und Aufregung, und Pittchen stand
mitten unter ihnen auf der Gasse und schrte den Brand.

Seine Erzhlungen berboten noch alle anderen; es war ein ganzes
Gewebe von Lgen, das er sich in seinen schlaflosen Nchten aussann und
den Dummen ber den Kopf warf. In guten Stunden frohlockte er -- waren
die alle einfltig! Aber es kamen auch bse Stunden, in denen packte
ihn die Angst am Schopf und drckte ihm die Kehle zu.

Er traute sich nicht, etwas auszugeben, auch nicht, beim Krumscheid zu
borgen; der htte so wie so jetzt nichts hergeliehen, da er immer von
'Verhungern' sprach. In den Wirtshusern konnte Pittchen auch nicht
sitzen; in die allerentlegenste, im fernsten Waldwinkel versteckteste
Schenke war die Kunde von den falschen Thalern gedrungen.

Schmalhans war wieder eingekehrt in Mifferts Htte, und zwar so
pltzlich, da Zeih sich nicht in den jhen Wandel finden konnte. Was
half es dem Peter, da er ihr klglich beteuerte: es sei alles alle
geworden. Sie glaubte ihm nicht; soviel Geld konnte gar nicht alle
werden.

Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht und qulte ihn und bettelte um
Geld und weinte; an was sie frher gar nicht gedacht, das brauchte sie
jetzt zur allerdringendsten Notdurft. Sie hatte eben das Bessere kennen
gelernt.

Und wenn er zur Tina kam, dann tribulierte auch die ihn. Was wrde
die gucken, wenn er auf einmal sagte: 'Ech haon ken Gld mieh!' Er
frchtete sich vor ihren schlauen Blicken und ihrer Sprnase.

Und Sprnasen waren die Weiber alle; sie verfolgten ihn auf Schritt und
Tritt, sie hefteten sich an seine Fersen, hingen sich ihm an und zogen
ihn nieder.

Er spielte den Kranken, da kamen sie in seine Htte und brachten ihm
Suppen. Und Thee mute er trinken und Latwergen schlucken, hllischen
Mischmasch von allerhand Blattzeug und Gewurzel; und Einreibungen und
Umschlge mute er probieren von Schneckenspeichel und gekautem Brod.

Da er sie so nicht los wurde, that er bse und schmollte, besonders mit
der Tina. Aber je mehr er sich abkehrte, desto mehr rannten sie ihm
nach; und die Tina kam ganz frech zu ihm am helllichten Mittag; setzte
sich ihm auf den Scho, in Gegenwart der Zeih, und fragte ihn, wann er
sie ausfhre? Und gab ihm lachend einen Nasenstber, da ihm das Wasser
vor Wut und Schmerz in die Augen scho.

Kaum war die weg, machte ihm die Zeih einen Skandal. Also dafr mute
sie hungern, da er mit dem Mensch, der Tina, das Geld verprate?!
Bitterlich weinend rang sie die Hnde:

O ech arm Dier! Wren ech nor dud, ech on dat Josefche! Mir sein ganz
verlao, mir haon niemand, dn for ons sorgt!

Ihr Jammern that ihm in der Seele weh -- sie war doch immer noch die
beste, hatte ihm nie ein schiefes Maul gezogen; und wenn sie jetzt
klagte, wahrhaftig, sie hatte ganz recht. Zerknirscht versprach
er ihr ein buntes Tuch, wie er der Tina eins von der Wittlicher
Messe mitgebracht, und dem Josefchen einen Zuckerkringel; auf den
Sonntag verhie er sogar ein Stck Fleisch in den Topf. Selbst ganz
gerhrt, wischte er ihr die Thrnen von den Wangen, immer wieder
strich er ihr mit zitternder Hand ber's Gesicht; sein Herz war wie
entzweigeschnitten, ganz auseinander in einem schmerzhaften, seltsam
den, katzenjmmerlichen Gefhl.

Er wute nicht mehr aus noch ein; in grlicher Ungewiheit und
qualvoller Unentschlossenheit verrannen ihm die Tage.

Whrenddessen snftigten sich drauen die erregten Gemter, das
Geschwtz von den falschen Thalern war schon nicht mehr das einzige.
Bald wurde der gewohnte Alltagsklatsch wieder aufgenommen und
verdrngte das bis dahin herrschende Gesprch. Zudem rckte Peter
und Paul nher, bald kamen die Mnner; die Weiber besannen sich auf
ihre Pflicht. Htten wurden geweit, Tische, Schemel, Tpfe und Bnke
gescheuert, Wsche gewaschen, helle Kleider gesteift und in der Kirche
fr glckliche Heimkehr gebetet. Auch die Zeih wurde still.

Pittchen atmete auf; in der gezwungenen Ruhe und bei dem Mangel an
geistigen Getrnken erholten sich seine erschtterten Nerven. Er hatte
nun doch wieder einige Spannkraft, etwas von der alten Elasticitt;
dabei kitzelte ihn eine gewisse Schadenfreude, den gar so Dummen ein
Schnippchen zu schlagen.

Vorsichtig lie er seine Augen um und um gehen -- nichts Verdchtiges!
Wer wrde es merken, wenn er einmal wieder einen wandern lie?! Sie
brannten ihn ordentlich in der Tasche.

Er besuchte das Kreuz auf dem Kirchhof und sa lange auf dem steinernen
Sockel.

Merkwrdig, so spttisch der Peter frher gewesen, so fromm war er
jetzt. Seit dem vergangnen Herbst ging er fleiig zur Kirche und lag
oft vor dem Bild der Himmelsknigin auf den Knieen; sie war seine
Schutzpatronin.

Und wie er sich einmal in aberglubischer Scheu den Segen des Himmels
durch eine Gutthat erkauft, so that er auch diesmal.

Die heilige Jungfrau wrde ihm lcheln. -- --

Wohlgemut pfeifend, die Hnde in den Hosentaschen, schlenderte
Pittchen heute wieder herum. Mit besonderer Zuvorkommenheit grte
er den Oberkailer Gendarm, der mit blitzenden Knpfen, in Helm und
Sonntagsuniform, das Dorf passierte.

Der Oberkailer wanderte zu seinem Vorgesetzten nach Wittlich, um
dort Bericht zu erstatten. Sein dienstliches Notizbuch im Busen war
vollgepfropft mit allem mglichen Unwesentlichen; in der Hauptsache
konnte er nur melden: 'Nichts Neues vorgefallen, alles ruhig.'

Mit einem hhnischen Grinsen sah Pittchen ihm nach.

Es war eine kolossale Hitze. Die Strae lief wie ein blendendes Band
hin, in weilichen Staub gehllt; kein Grschen am Rain, kein Blatt am
Baum rhrte sich. Die Mittagsonne sog mit gieriger Glut jeden Tropfen
Flssigkeit aus dem Krper.

Kein Wunder, da der wohlbeleibte Oberkailer, sthnend, einen
Augenblick im Schatten der groen Bume vor der Eichelhtte anhielt
und, sich verschnaufend, die enge Halsbinde lockerte. Dankbar nahm er
den khlen Trunk Bitburger Biers an, den ihm Herr Schmitz zum Fenster
heraus kredenzte.

No, wohin dann? fragte neugierig der Alte.

Nach Wittlich zum Obergendarm -- bei der Bullenhitze! Verfluchte
Thalerjeschichte!

Kotzdausend -- wat -- wo?! Schmitz ri die zwinkernden uglein weit
auf und rollte sie hin und her. Haben Se wat auf'm Kieker?

I bewahre! rgerlich prete der Gendarm den Gurt seines
Seitengewehres tiefer herunter. Lausenest, diese Eifel! Reineweg
nischt los; am besten, man verschliefe die janze Zeit.

Oha -- der Alte machte ein wichtiges Gesicht -- sagen Se dat nit!
Ich sage Ihnen -- er dmpfte die laute Stimme zum Flstern und wies
mit dem Daumen zurck gen Eifelschmitt -- da is't nit geheuer! Seien
Se auf'm Quivive!

Wissen wir lngst, wissen wir ja lngst, sagte der andere abweisend.
Denken Sie denn, werter Herr Schmitz, die Polizei hat keine Augen
im Kopfe? Nee, Jott sei Dank, so helle sind wir auch noch! Der
Obergendarm hat lngst die Meldung nach Trier abjejeben; seit der olle
Krumscheid die elf falschen -- Donnerwetter! Er schlug sich auf den
Mund. Na, angter nanu, Sie werden ja nischt davon verlauten lassen!
Auf Eifelschmitt liegt ein Verdacht und zwar auf den Eifelschmitter
Mnnern. Die stecken da unten in den Fabriken, mitten zwischen den
Werkzeugen und all dem Krempel, -- und dann sind sie jedenfalls
Sozialdemokraten, und die --. Er spuckte aus. Sehen Sie, die Kerle
sind die Attentter, die Weiber in Eifelschmitt machen die Hehler. Aber
warte man! Weitjehende Recherchen sind sofort in den Fabrikdistrikten
anjestellt. Ja!

Wat Sie schlau sind, sagte pfiffig schmunzelnd der Alte. Ja, die
Preuen! Die Berlinersch besonders, die hren et Jras wachsen! Ich
wrd' nu viel eher auf den Schlosser, den Miffert, en Verdacht haben.
Dat is en schlau Luder un en geschickten Kerl. Da war neulich sein
Frau bei mer un hat sich wat Jeld jeborgt. Von dem Momang, wo hier der
Rumor wejen dem falschen Thaler losjejangen is, rckt der Kerl nix mehr
eraus. Is Ihnen dat nit sehr verdchtig?

Nanu? Hahaha! Der Gendarm amsierte sich kstlich; da sah man doch
wieder, wie die Dummheit smtlichen Eifelern angeboren war! Mein
werter Herr Schmitz -- haha -- da sind Sie nett reinjefallen mit Ihrer
Schlauheit! Der Miffert -- haha! Den kenne ich wie meine Tasche, der is
das dmmste Luder, wo existiert. Nenee, haha! -- Na, Morjen!

Kopfschttelnd sah der Alte ihm nach. Grnschnabel, brummte er
ziemlich respektlos und schlug das Fenster zu. --

Als der Nachmittag sich neigte und die Bergwand angenehmen Schatten auf
den Thalweg warf, klopfte der geistliche Herr an die Eichelhtte. Es
war ihm zur lieben Gewohnheit geworden, dort einzukehren; nur wenn er
Herrn Schmitz nicht zuhause wute, dehnte er den tglichen Spaziergang
bis Himmerod aus. Die alte Klosterruine kannte er lngst in- und
auswendig, aber der Schmitz, der war ihm etwas Neues, ein Stck Welt,
das in seine Vereinsamung gedrungen war. Dann saen die beiden beim
Glschen Moselwein, die 'Klnische Volkszeitung' lag auf den Tisch
gebreitet. Die hielt sich Herr Schmitz, der Freigeist; der Pfarrer
konnte nur mit dem 'Paulinusblttchen' aufwarten.

Sie politisierten mit Vorliebe. Schmitz sprach in einem belehrenden
Ton, schlug gern zur Bekrftigung seiner Kannegieereien auf den Tisch
und wurde krakehlig, wenn man nicht seiner Meinung war. Der Pfarrer
hrte zu mit stillem Lcheln; er war es gewohnt, sich zu fgen.

Heute politisierten sie nicht. Unentfaltet lag die Zeitung; der
Sonnenstrahl, der sich durch das dichte Dach der Bume bis zu dem
steinernen Gartentisch stahl, blinzelte auf noch immer nicht geleerten
Glsern. Ganz bekmmert lehnte der geistliche Herr in seinem Stuhl; den
einen Arm ber die Lehne gehngt, den andren wie zur Abwehr erhoben,
starrte er sein Gegenber an.

Aber, Herr Schmitz, aber, aber! Der Miffert ist ein durchaus ehrlicher
Kerl, fr den kann ich brgen. Wie schn hat er den Kirchenkronleuchter
repariert! Das war im vergangnen Herbst. Aus altem Zinn und Blei und
der Himmel wei was, hat er ihn wieder hergerichtet. Tag und Nacht hat
er dran gearbeitet.

So.

Weiter sagte Schmitz nichts, aber er spitzte die Ohren und pfiff in
eigentmlicher Weise durch die aufeinandergebissenen Zhne.

Nein, nein, auf den Peter la ich nichts kommen, der ist wirklich
fromm. Wie oft treff' ich den nicht in der Kirche! Erst krzlich sah
ich ihn in andchtigem Gebet versunken vor'm Altar unserer lieben Frau
auf den Knieen liegen. Und glauben Sie, da der was dafr genommen hat,
als er dazumal mit der Arbeit fertig war? Den Heiligen hat er's zu
Gefallen gethan; nur einen Vorschu zur Anschaffung einiger notwendiger
Werkzeuge hat ihm die Kirche gezahlt. Nein, nein, lieber Herr Schmitz,
ein bichen leicht ist der Peter wohl, das liegt nun mal in den
Verhltnissen -- der Pfarrer stie einen Seufzer aus -- da mu man
sich eben mit abfinden. Aber sonst --!

So?! Der Alte zog die Augenbrauen hoch und hob den dicken
Zeigefinger. Der Grnschnabel, das Berliner Gromaul, lacht zwar
derzu, aber ich -- er schlug auf den Tisch -- ich wei, wat ich
wei! Er war heftig geworden und ganz rot im Gesicht; jetzt hatte er
seinen Kopf aufgesetzt.

Aber, aber, Herr Schmitz, sagte der Geistliche ganz kleinlaut.
So ein guter Mensch wie Sie! Wie knnen Sie einen Nebenmenschen so
verdchtigen?!

Ich verdchtige ja gar keinen, ich sage blo, wat ich wei. Ich bin en
aufjeklrter Mensch, der sich in der Welt umjekuckt hat. Hat mir auch
erst nit in den Kopp jewollt, dat en Eifeler en so raffiniertes Luder
sein sollt, aber mer is doch kein Esel. En juter Mensch braucht doch
kein dummer Mensch zu sein. Ich will auch jar kein juter Mensch sein,
schrie er krakehlig, wer sagt Ihnen, dat ich en juter Mensch bin?!

Ach, Herr Schmitz -- der Pfarrer legte ihm begtigend die Hand auf
den Rockrmel, -- Sie haben ja erst grade so was Gutes gethan, unsrer
armen Kirche eine so reiche Spende gegeben --

Ich? Ne!

Thun Sie doch nicht so! Die rechte Hand soll freilich nicht wissen,
was die linke thut.

Ich wei nit, auf wat Sie anspielen, Herr Pastor, ich --

Ich habe Ihren Thaler in der Bchse gefunden, sprach lchelnd der
geistliche Herr. 'Zur Ausschmckung des Altars der Hochheiligen
Jungfrau!' Zufllig schttete ich gestern abend die Bchse aus; sonst
thu' ich's nur alle halbe Jahr; es lohnt sich nicht eher. So was ist
ein rarer Vogel unter all den Kupferpfennigen!

En Thaler --?! Von mir?! Dunnerkiel, ich bin doch nit toll! Wann't
noch en Buxenknopp jewesen wr'! Der Thaler is nit von mir.

Nicht von Ihnen?! Aber --

Ne, wahrhaftig in's Gott nit!

Verblfft sahen sich beide an.

Aber, aber -- der Pfarrer fate sich an die Stirn -- von wem
kann der Thaler sein? Hier in Eifelschmitt?! Ein Thaler in der
Kirchenbchse?! Mir steht der Verstand still.

Dat jlaub ich, sagte trocken Herr Schmitz. Mir scheint, der Spender
von dem Thaler is nit e so weit. Wann einer zu fromm is, hrt de
Klugheit auf. Wat meinen Sie, Herr Pfarrer? Lassen mir mal jehen, ich
mcht ihn mer doch emal ankucken, den -- er machte eine Pause und sah
den anderen bedeutungsvoll an -- den Thaler!

Und sie gingen. Der geistliche Herr fast widerwillig, in sich gekehrt,
ohne Wort, nur ab und zu den Kopf schttelnd. Schmitz eilig, in einer
gewissen neugierigen Spannung.

In des Pfarrers Studierstube lie er sich mit einem Seufzer der
Erleichterung in den alten Ohrensessel fallen. So, nu zeijen Se mal
her!

Mit zitternden Hnden kramte der Geistliche in seinem tannenen
Schreibtisch; erst hatte das Schlo nicht schlieen wollen, dann fand
er den Schlssel zu dem Kstchen nicht, in dem er die Kirchenkasse
verwahrte. Der bloe Verdacht schon hatte ihn ganz auer Fassung
gebracht. Endlich hatte er den Thaler; aufgeregt hielt er ihn Schmitz
hin.

Dieser warf nur einen kurzen Blick darauf, nahm ihn dann in die Hand
und lie ihn auf die Platte des Tisches niederkollern.

Da haben wir't -- falsch!

Aber wie kommt der in die Sammelbchse fr den Altar der
Hochheiligsten? jammerte der geistliche Herr. Ein falscher Thaler in
die Kirche -- oh, die Snde!

Oh, die Dummheit! sagte der andere mit einer, eigentlich etwas
respektwidrigen Nachahmung im Ton.

Wer kann das gethan haben? chzte der Pfarrer und hielt sich den
Kopf. Keins meiner Beichtkinder, nein, nein!

Jedenfalls keins, dat en Weiberrock anhat!

Schmitz betrachtete wieder den Thaler und brummte vor sich hin:

Die sind ja hier so arm wie die Feldmus' bei Miernt', un Weiber
sind auch all viel zu geizig derzu. Bleibt niemand brig, wie der
Peter mit der Erbschaft. Schlosser is den auch noch obendrein. Hm, hm
-- freilich, for so en dumm Luder htt ich den nit jehalten, jeht un
schmeit beim Muttersgttesche en Thaler erein! Die Dummheit knnt ei'm
fast irr machen. Hm, hm!

Er hat es nicht gethan; er kann es nicht gethan haben, stritt der
arme Seelenhirt; er war so entsetzt, als sei der Wolf ber seine Schafe
geraten. Er hat es nicht gethan!

Werden mir ja sehn, sagte trocken Herr Schmitz. Ich jeh' nach
Wittlich!




                    XIV.


Es ist gegen zehn Uhr abend -- eine schwle, dunkle Sommernacht; auf
leisen Sohlen geht sie ber die Flur.

Am Himmel flimmern die Sterne, matt, bis sie ganz verschwinden hinter
undurchdringlichen Wolkenschichten. Nur zu ahnen sind die Berge; in's
Ungeheuerliche vergrert, schmelzen sie in eins zusammen mit den
Wolkenballen, die auf sie niederhngen. Die einzelnen Felsnasen, die an
den Berglehnen vorragen, schauen fratzenhaft verzerrt in's Thal. Wie
ein schwarzer Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen hngt der Wald
ber'm Dorf, bereit, sich niederzustrzen und die Wehrlosen mit seiner
Last zu erdrcken.

Vereinzelter Lichtschein blinzelte in den Htten von Eifelschmitt.
Die faulsten der Weiber schliefen schon, die weniger faulen schafften
noch im stillen. Der Tag trdelte sich so hin, da mute der spte Abend
herhalten; denn lange konnten die Mnner nicht mehr ausbleiben.

Hier wusch noch eine, hinter dem mit alten Fetzen verhngten
Fensterchen. Da prgelte eine ihren Kindern das 'Artigsein' fr den
Vater ein und erstickte das Geschrei, indem sie ihnen das bleischwere
Deckbett ber die Kpfe zog. Dort sa eine ganz junge bei unruhig
flackerndem Kerzenschein und nhte sich rote Strumpfbndel zum Tanz.

In den Fugen der brckligen Mauern zirpten die Grillen, in den
Stllen schnaufte das Vieh; die Stille trug beides weit in die Runde.
Verschlafen meckerte eine Ziege, ein Sugling greinte, ein Hund knurrte
-- dann alles ruhig, in Lautlosigkeit begraben.

Man hrte das Schweigen der Sommernacht.

Aber jetzt regte sich etwas zwischen den Hecken, die den schmalen Pfad
zu Mifferts Htte einfaten. Es streifte rauschend an den Bschen
entlang, die wild berhngenden Zweige knackten.

Ein paar dunkle Gestalten tappten vorsichtig die Steige hinan, man
hrte unterdrcktes Flstern und dann ein warnendes: 'Pst, pst.'

In einiger Entfernung folgten noch zwei Gestalten, neugierig schlichen
sie hinterdrein.

Es et dann wirklich waohr? wisperte der Krumscheid dem neben ihm
Schleichenden in's Ohr. On Se sein sicher, Hhr Schmitz? Jemarijuseb,
dn Pittchen!

Er is et, antwortete ziemlich laut und bestimmt die Stimme des
Schmitz. Meint Ihr, ich wr' umesonst stracks nach Wittlich geschst,
wat haste wat kannste, un htt' Alarm geblasen?! Der Kerl, der Esel --

Pst, warnten die vorderen.

Zu spt! Schon wurde Mifferts Httenthr von innen aufgerissen, ein
Lichtschein fiel in's Dunkel hinaus. Und mitten im Lichtschein zeigte
sich eine Gestalt, Pittchen, in lauschender Stellung vorgeneigt, wie
ein aufgescheuchtes Wild nach allen Seiten sphend.

Den Mnnern stockte der Atem, sie drckten sich dichter in den Schutz
der Hecke.

Wn es elao? rief Peter argwhnisch; seine Stimme klang aufgeregt.
Kotzdunner, wn ramurt lao erum, dat mer net --

Im Namen des Gesetzes! Mit einem Satz stand der Obergendarm vor ihm.

Blitzgeschwind duckte sich Pittchen und schien an der, wie aus dem
Erdboden aufgeschossnen Gestalt vorbeischlpfen zu wollen. Vergebens!
Schon hatte ihn ein zweiter fest am Kragen.

Peter Miffert, im Namen des Gesetzes! wiederholte der Obergendarm
noch einmal mit Wrde.

Einen Schrei stie Pittchen aus, einen einzigen, kurzen Schrei, der
durch die Nacht gellte, wie ein Trompetensto, ber das schweigende
Dorf hinfuhr, hin ber die Wiesen und cker, und von der Bergwand
widerhallte. Die Kniee knickten ihm ein, in schlotternder Haltung stand
er auf seiner Schwelle.

Aber jetzt raffte er sich schon wieder auf. Sein erblates Gesicht
rtete sich, mit Kraft entwand er sich der haltenden Faust, und, den
Oberkailer zurckstoend, schimpfte er:

Zackerloot noch ehs, wat soll dat haaen?! Es dat en Manier, de Leit
zo erschrecken! Ech haon gemaant, de Ruwer fielen wer mech hr. Wat
wollt Ihr dann? Ha--o--uh -- er zwang sich zu einem unterdrckten
Ghnen -- mir wollten justement schlaofe giehn; ons Josefche es eweil
widder onpa[54]. Ha--o--uh -- wat sein ech md!

Lat die Fisematenten, sagte streng der Obergendarm. Voran, zeigt
uns Eure Wohnung!

Die es bal gezeigt -- haha! Pittchen brach in ein kurzes,
krampfhaftes Lachen aus. En anzige Stuw, on neist mieh. wer Scherz
bei Seit, Ihr Hhren, wat wollt Ihr eweil in meiner Stuw, dat Zeih es
justement beim Ausduhn[55]!

Schadt nischt, sagte der Oberkailer. Voran, marsch!

Peter zgerte, seine Blicke flogen nach allen Seiten.

Voran! Der Gendarm hielt ihm den sechslufigen Revolver unter die
Nase. Voran, im Namen des Gesetzes!

Ein verchtlicher Blick Peters traf diesen; dann machte er, mit der
Energie der Verzweiflung sich bezwingend, eine einladende Handbewegung:
Angtr!

Miffert voran, traten sie alle in die Stube. Da war nicht viel zu
sehen; ein elendes Licht beleuchtete die kahlen Wnde. Aufgeschreckt
vom Lrm drauen, stand die Zeih, halbentkleidet, im Zimmer und starrte
mit aufgerissenen Augen die Eintretenden an.

Schmitz, als letzter, fuhr ordentlich zurck -- Donnerwetter, was
hatte die fr ein paar Arme! Und was fr einen Busen! Er genierte sich
und konnte doch nicht wegsehen.

Jesses, rief die Zeih, halb erschrocken, halb amsiert. Pittchen,
biste gck, wat fhrste de Hhren heihin?! Ech --. Mit einer
verschmten Gebrde raffte sie ihr Kleid vom Boden auf und warf dabei
einen raschen Blick auf den Oberkailer.

Der hatte jetzt kein Auge fr sie, sondern hing nur an den Lippen des
Vorgesetzten.

Der Obergendarm verzog keine Miene. Mochten da alle Frauenzimmer der
Welt im Hemde stehen; er hatte eisgraue Haare, was ging's ihn an?! Er
sprach nur das eine Wort: Haussuchung! Und wie ein Sprhund strzte
sich der Oberkailer in alle Ecken.

Er ri die Kleider von der Wand und schttelte sie um und um, guckte
in den Herd und stberte die Asche auf, legte sich platt auf den Boden
und bohrte seine Blicke in jeden Winkel, strzte sich auf's Bett, ri
es auseinander, whlte in den Kissen und durchstocherte den Strohsack
mit seinem Seitengewehr.

Ein Hohnlcheln auf den, doch vor geheimer Angst verzerrten Lippen,
sah Peter ihm zu. Er stand mitten im Zimmer, die Arme lie er schlaff
herunterhngen; den Oberkrper etwas vorgeneigt, mit aus dem Kopf
gequollnen Augen, schien er eine Gelegenheit zum Entwischen zu ersphen.

Aber vor die Thr hatte sich die vierschrtige Gestalt des Schmitz
gepflanzt. Neben dem stand der Krumscheid; zitternd vor Aufregung
schrie er Peter an: Elf Dahler! Elf falsche Dahler! O dau Schubjack,
dau Filu! Dech mssen se hnken, su hoch dn Mosenkoap es! Dau
Bedrger, dau Befauteler, dau --

Ruhe, gebot der Obergendarm. Krumscheid, keine Schimpfereien! Er
wandte sich an den Oberkailer: Sie haften mir fr den Miffert. Die
zwei Herren da bewachen das Frauenzimmer. Ich will derweil emal selber
dadrinnen Nachsuchung halten! Er deutete auf die Kammerthr, die,
durch einen alten Schrank halb verstellt, ganz im Schatten lag.

Ein unartikulierter Laut rang sich von Pittchens Lippen.

Sagtet Ihr was? fragte der Obergendarm, sich auf der Schwelle noch
einmal umdrehend. He, Miffert?!

Keine Antwort.

Eine kleine Laterne, die er am Grtel getragen und angezndet hatte,
hochhaltend, verschwand er in Mifferts Werkstatt.

Totenbla, mit Augen, die unstt umherrollten, stand Peter wie
angewurzelt. Er fhlte an seinem Halse den Griff des Oberkailers,
aber schlimmer war der Griff jener eisigen Angst, die ihm das Herz
zusammenprete, da es den Schlag aussetzte. In seinem Kopf war ein
wstes Durcheinander, aus dem sich ihm nur der eine klare Gedanke
hervordrngte: 'der durfte nichts finden, nichts!' In ohnmchtiger
Wut knirschte er mit den Zhnen. Fand der da drinnen etwas -- fand er
nichts?!

Mit verzehrender Angst hing sein Blick an der Kammerthr.

Kein Wort wurde gesprochen. Mit einem dumm-leeren Ausdruck wanderten
Zeihs Augen von einem zum anderen; sie hatte keine Ahnung, was
eigentlich vorging, und doch wagte sie keinen Laut. Die Arme ber der,
durch die hastig bergezogene Taille nur notdrftig bedeckten Brust
verschrnkt, die Zpfe, aus denen der Pfeil schon herausgezogen war,
lang ber den Rcken hngend, hockte sie auf dem Schemel. Was wollten
die Mnner? Was hatte ihr Pittchen gethan?! In unbestimmter, kindischer
Furcht fing sie an zu weinen.

Fnf Minuten vergingen, zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine Ewigkeit.

Man hrte den Obergendarm drinnen hin und her trappsen und polternd
das Gert um und um kehren. Fr Minuten wurde es wieder ruhig. Und dann
hrte man sein Klopfen an den Wnden, sein Fescharren -- jetzt sein
Fluchen, und jetzt -- dumpfe Schlge.

Dann Stille.

Schon atmete Pittchen auf, ein erlsender Seufzer wollte sich seiner
angstgepreten Brust entringen -- da -- die Thr knarrte. Der
Obergendarm trat aus der Kammer, beschmutzt und bestaubt; aller Blicke
hingen an ihm.

Er trug etwas.

Peter wurde leichenbla, vor seine Augen legte sich ein Schleier.

Da, sagte der Wittlicher kurz und lie mit einem Plumps einen
geffneten, schmutzigen Leinenbeutel auf den Herdrand fallen; ein paar
Thaler sprangen heraus und rollten mit bleiernem Geklapper ber den
Fuboden. Unter'm Estrich verstochen. Aber doch gefunden!

Hah! Ein einziger Atemzug ging durch die Stube; kein Mensch wagte
ein Wort. Sie standen alle wie angenagelt, die Hlse gereckt, mit
aufgerissenen Augen.

Schmitz fand zuerst die Sprache wieder. Da hammer de Jeschicht! Und
sich aufreckend, schrie er: Hab' ich et nit jesagt, hab' ich et nit
jesagt? Wat nu?!

Ein Fauchen, wie das eines wilden Tieres, antwortete. Peter schien sich
auf den Alten strzen zu wollen, aber gleich darauf lie er den Kopf
auf die Brust sinken; ein zitterndes Sthnen entrang sich seiner Kehle.

In flagranti erwischt, sprach der Obergendarm weiter. Werkzeuge,
alle mglichen Dinger, ein Schmelztiegel, Blei, Zinn und so'n Zeugs,
alles lag da unten bei den Thalern. Das richtige Hamsterloch hat sich
der Kerl unter'm Estrich ausgegraben. Mehr brauchen wir wirklich nit --
hier! Er zog eine Gipsmatrize aus der Tasche und zeigte sie herum. Und
dann verschlo er die Kammerthr. Das bleibt alles stehen und liegen,
Ortsvorstand!

Krumscheid grunzte ein: Jaowoll!

Sie passen auf, da nix wegkmmt. Hier den Thalerbeutel nehmen wir
gleich mit. Und nu allons!

Miffert, wandte er sich an Peter und legte ihm die Hand schwer auf
die Schulter, Sie sind berfhrt. Im Namen des Gesetzes verhafte ich
Sie!

Peter rhrte kein Glied.

Sagt Eurer Frau adj! Voran! Wird en Meng Wasser die Mosel erunner
laufen, bis ihr euch wieder zu sehn kriegt. So'n Falschmnzer!

Hau, sagte des Krumscheid Stimme von der Thr her, hau, eweil kmmt
hn in't Kittchen[56]!

Peter zuckte zusammen.

'In't Kittchen' -- das hatte Zeih verstanden. Sie schrie hell auf:
Jemarijuseb, in't Kittchen?! Pittchen, wat haste dann pexiert?
Pittchen! O die Schand! Wat werden se al saon?! Dat werlwen ech
net. In't Kittchen -- Jesses! Josefche, Josefche! Sie strzte an
die Wiege und ri das Kind heraus; es mischte sein durchdringendes
Jammergeschreih mit dem ihren.

Dat arme Weib, murmelte Schmitz und wischte sich den Schwei ab.

On dat Josefche, flsterte Krumscheid, su en deierlich Worm!

Wat haot hn dann gedahn? jammerte die Zeih und packte den
Obergendarm vorn an der Uniform. O, liewer Hhr, laoen Se ein doch
giehn! Hn es e su en gude Mahn, hn duht niemand neist Onwels! Sie
warf sich nieder und umklammerte seine Kniee. O liewer Hhr, sein Se
doch als barmherzig, laoen Se em doch hei! Wat sollen ech anfnken ohn
dat Pittchen?! Hn es e su brav, e su ordentlich --

Dat knnt Ihr ja alles vor Gericht aussagen! Der Obergendarm machte
sich ungeduldig von ihr los. Ihr habt Euch ohnehin vom Verdacht der
Beihilfe bei der Falschmnzerei zu reinigen. Ihr habt doch sicher drum
gewut! Das Gericht --

Gerich -- wat? Ech vor't Gerich?! Die Zeih fuhr auf, wie von einer
Schlange gebissen. Ech vor't Gerich -- Jesses, Jesses! Ech haon
niemand neist Beeses gedahn! -- O htten ech doch uf mein Vadder slig
gehrt, on dn Pitter net gefreit, eweil sen ech net e su in der
Bredullich! N, n, ech sein onschullig! Onschullig, dir Hhren, wie en
schniewei Lamm!

Dat is se, Herr Obergendarm, rief Schmitz. Ich brge fr die Lucia
Miffert!

Ich kann ihr auch nur das beste Zeugnis geben, sagte etwas schchtern
der Oberkailer.

Huh, vor't Gerich, vor't Gerich! Ech sein onschullig, kreischte Zeih
ohne Unterla, ihre Zhne schlugen aufeinander, in sinnloser Angst
klammerte sie sich an Herrn Schmitz. Huh, vor't Gerich, vor't Gerich!

Sie zitterte am ganzen Leib. Ihr Beschtzer mute ihr das Josefchen
abnehmen, das htte sie sonst fallen lassen.

Der Obergendarm beruhigte sie: Es geschieht Euch ja nichts, nur ruhig,
Frau! Ihr braucht nur Euer Aussag' zu machen!

Jao, dat will ech, dat will ech aach, schrie sie heulend. Hn haot
mech bedrogen, dn Lomp! Bedrogen, Dag on Naacht -- fraot noren dat
Tina on de annren Fraleider! Ech moten hongren on derhm sitzen, on
eweil haot hn de rwschaft verjuchheht! On wann hn besoff waor,
haot hn mech geschlaon. -- Kucktelhei! Sie ri das Kleid von ihrem
weien Nacken und zeigte Striemen, die darber hinliefen. Duh haot hn
mech geschlaon, derltzt met der Haselgert. Ihr knnt et glauwen, dir
Hhren, ech kann dat Lwen bal net mieh mantenren -- o ech onglcklich
Persohn, ech miserabel Framensch! Wn soll for ons sorgen, wann hn im
Bulles[57] sitzt?!

Ich! sagte der Junggesell, trat heran, das Kind auf dem Arm, und
schnuzte sich krampfhaft.

O Hhr Schmitz! Weinend haschte sie nach seiner Hand, die das rote
Taschentuch hielt, und packte sie mit ihren beiden Hnden. Immer nher
neigte sie sich gegen ihn; sie standen dicht beieinander.

Ein Schrei gellte.

Maach!

Schumend, zitternd vor Wut, stand Pittchen pltzlich vor Schmitz. Wie
ein Tiger war er gesprungen; die geballte Faust schlug er dem Alten auf
den Kopf, da dieser betubt zurcktaumelte. Ech schlaon Eich dud! Ech
raoden Eich, laot Eier Fingren vom Zeih! Mein es se. Weg, weg, weg!
Er schlug wie ein Rasender um sich, vergebens suchten ihn die Gendarmen
zu bndigen. On wann dir mech einsperrt im tiefsten Bulles, Wochen on
Monat on Jaohr -- on wann dir mech kppt -- on wann dir mech ufhnkt --
ech kommen widder!

Wie ein Schwur klang es, der Krumscheid zitterte vor Grausen; leise
stahl er sich zur Thr hinaus.

Onnerstieh dech! Peter packte die Zeih und ri sie hin und her,
da sie auf die Kniee fiel. Ech kommen widder, haste't gehrt? Mit
furchtbarer Drohung brllte er sie an: Dau bis mein!

Und dann schmolz pltzlich seine Wut, jh wie sie gekommen, auch jh
dahin. In heiserem Schluchzen zusammenbrechend, lie er sich willig
vom Oberkailer die Handschellen anlegen. Zeih, Zeih, schluchzte er,
verge mech net!

Ech vergessen dech net, nie, nie! Ebenfalls schluchzend hing sie an
seinem Halse; sie umklammerten sich beide, als knnten sie sich nicht
lassen.

Ech vergessen dech net, e su waohr ech lwen, Pittche, mei Pittche!

Herzzerreiend klang ihrer beider Schluchzen, und das Josefchen
wimmerte dazu in schrecklichen Schmerzenstnen. -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- --

Als sie die Htte verlieen, wankte Peter wie ein Betrunkener, er
lahmte so stark, wie nie zuvor. Die Hnde hatten sie ihm auf dem Rcken
zusammengeschlossen; neben ihm schritt der Wittlicher, hinter ihm der
Oberkailer.

Herr Schmitz war bei der Zeih zurckgeblieben, die brauchte Beistand.
Sie lag, ganz zusammengefallen, in einer Ecke und schlug wie eine
Rasende die Stirn gegen die Mauer. Pittche, mei Pittche! Dem alten
Junggesellen kamen selber die Thrnen, er hob sie auf, suchte sie zu
beruhigen und erschpfte sich in Trostreden.

Jao, ech glauwen et slwer, schluchzte sie an seiner Brust, ech mo
mech eweil verdrsten. Dn Pittchen -- sie hob den Kopf und strich
sich resolut die Haare aus der Stirn -- Hhr Schmitz, ech sein sicher,
dat dn net widder kmmt. Dn hnken se uf! --

* * *

Vorsichtig tappten die Gendarmen mit ihrem Arrestanten den Heckenweg
hinunter; zur Sicherheit hielt ihn der Oberkailer hinten am Rock.

Noch war es dunkel, aber keine so tiefe Finsternis mehr, wie vorher;
der Mond hatte sich hinter einer schweren Wolkenwand vorgestohlen und
kmpfte jetzt mit zerrissenem Gewittergewlk. ber den fernen Bergen
wetterleuchtete es.

Blitzhnlich erhellten ab und zu scheue Mondstrahlen den Pfad; von
den nchsten Htten fiel auch Lichtschein herber. Das unsichre Gehen
hatte bald ein Ende, schon schimmerte heller die breite Strae -- da --
Gemurmel! Ein dunkler Trupp nahte sich und verstopfte den Ausgang der
Heckengasse.

Die Weiber!

Zu einer Kolonne geschlossen, harrten sie in trotzigem Schweigen.
Im huschenden Schein des Mondlichts sah man ihre herausfordernden
Gesichter und ihre funkelnden Augen.

Keine von ihnen rhrte sich, als die Gendarmen nahten; sie hielten den
Weg besetzt.

Platz, sagte der Obergendarm und stie die nchste mit dem Ellbogen
an.

Es war Tina. Oho, sagte sie und drngte sich, statt zu weichen, nher
an ihn heran. Waorum schubst Ihr mech?! Hei haot jeden dat gleiche
Rcht!

Platz fr die Obrigkeit, wiederholte schneidig der Oberkailer und
warf sich in die Brust.

Ein allgemeines, schallendes Gelchter antwortete ihm.

O dau Lappes, schrie eine Stimme aus dem Hintergrund, gieh nor
on lao der dein Rotznaos wischen. Mir peifen uf dein 'Platz for de
Obrigkeit'!

Platz, Platz! Sie fften ihm alle nach.

Seid ihr doll? rief der Obergendarm. Verrckte Fraumenscher macht
Platz! Wenn ihr nicht auf der Stelle geht, la ich euch sammt und
sonders einsperren -- hrt ihr, einsperren!

Knnen! Erscht knnen! Haha! Tina lachte gellend. Et wr' noch
gaor e su unwel net, met dem Pittchen zosammen im Bulles. wer, gwt
Obaacht! Ihre zehn Finger wirbelten pltzlich dem alten Mann vor'm
Gesicht, ihre Stimme klang drohend: Laot hn los!

Jao, laot hn los! kreischte der Weiberchor.

Heihin! Tina packte Pittchen am rmel und zog ihn zu sich herber.
Ihr, laot hn! Wat wollt ihr vom Pittchen? Hn haot neist gedahn!

Das wird sich finden! Wtend stie der Obergendarm Miffert in den
Rcken. Voran!

Ein ohrenbetubendes Gekreisch der Weiber erhob sich, in drohender
Haltung rckten sie nher und nher.

Die Gendarmen waren vollstndig umzingelt. Dem Oberkailer brach der
Angstschwei aus -- immer neue Weiber rckten heran, aus den Husern
kamen sie gelaufen, mit Schimpfen und Lachen, und verstrkten den
Trupp. Und rckwrts knackten und raschelten die Hecken, ungestm brach
eine Bande halbwchsiger Mdchen durch, Bill voran, und verstellten
auch #den# Ausweg.

Mit der Linken packte der Obergendarm seinen Gefangnen fester;
er htte das nicht ntig gehabt, Peter machte keine Anstalten,
zu entfliehen, mit niedergeschlagenen Augen stand er, bebend wie
Espenlaub. Mit der Rechten zog der Alte das Seitengewehr, die blanke
Waffe glitzerte im Mondlicht.

Platz! schrie er, oder --! Vielsagend fuchtelte er durch die Luft.

Der Oberkailer hielt den Revolver vor.

Die vorderen wichen zurck, die hinteren drngten vor. Gwt dat
Pittchen eraus, ons Pittchen! Hoho -- ho --!

Das war ein furchtbares Lrmen. Drohend erhobne Arme reckten sich wild
durcheinander. Ons Pittchen! Pittchen!

Ruhig, Weibsbilder! brllte der Wittlicher, Pittchen mit sich
reiend; die blanke Waffe vorgestreckt, erzwang er sich einen Durchgang.

Kreischend wichen die Weiber zu beiden Seiten auseinander, aber
gleich darauf schlossen sie sich wieder eng zusammen; der etwas
zurckgebliebene Oberkailer wurde hart umdrngt. Es regnete Pffe und
Ste; da war manch eine, die ihm heimlich grollte, da er kein Auge
fr sie gehabt.

Er hielt den Revolver ausgestreckt und wagte doch nicht zu schieen.
Sich wie ein Kreisel drehend, um sich nach allen Seiten zu decken,
schrie er: Ich schiee -- ich schiee! Platz!

Laot dn Lappes laufen, rief verchtlich die blonde Leis, deren
Zpfe halb gelst flogen.

Noch ein Tritt gegen die Kehrseite -- nun stolperte der Oberkailer aus
dem Kreis und strmte in mchtigen Stzen seinem Vorgesetzten nach.

Alle Weiber hinterdrein.

Auf der stillen Strae, gen Himmerod hin, fegte die wilde Jagd. Das
war ein Getrappel, ein Gekreisch, ein Johlen und grelles Schreien,
ein Huschen flchtiger Gestalten. Das quirlte durcheinander, wogte,
hpfte und sprang. An der weien Kirchhofsmauer zeigten sich, in's
Ungeheuerliche verzerrt, flatternde Schatten; unheimlich gespenstisch
tauchten sie auf und nieder, wischten vorbei und verschwanden.

Und hinter der bleichen Wand ragte das Kreuz aus dem Dunkel des
Friedhofes; wie ein Wahrzeichen stieg es empor und schien endlos bis in
den Himmel zu wachsen.

Peter wagte einen scheuen Blick dorthin; einen noch scheueren warf er
hinter sich auf die nachdrngenden Weiber; sein Fu zgerte. Sollte er
sich wenden, jene zu Hilfe rufen?!

Ihn schauderte.

Voran, voran! trieb der Obergendarm.

Und Pittchen trottete wieder weiter.

Die Jagd wurde langsamer, jetzt fehlte es ihnen allen an Atem.

Schnaufend trabte der Oberkailer an des Gefangnen andrer Seite; rechts
und links hielten ihn beide Gendarmen gepackt, ab und zu wandten sie
sich um und streckten den in geringer Entfernung Folgenden die Waffen
entgegen.

Das laute Geschrei war verstummt, es hatte einem dumpfen Murren
Platz gemacht. Gleich einer bsen Bestie schlich die Weiberkolonne
hinterdrein; sie knurrte und lauerte und drohte in unheimlicher Tcke.

Nher und nher kam man dem Thalende, hoch und finster hoben sich die
Ruinen von Himmerod, dahinter schwarz ragende Bume des unendlichen
Waldes.

Voll Besorgnis sahen die Mnner darauf hin; schon gellten wieder einige
Schreie.

Laot hn los! Pittchen, ons Pittchen!

Ein Stein wurde geschleudert -- noch einer -- eine dreiste Stimme
schimpfte. Das Murren, das bis dahin ein halb unterdrcktes gewesen,
erhob sich lauter, kecker. Es schwoll an, wuchs und wuchs, wurde stark
und strker, drohender und drohender, grollend wie Ungewitter. Fester
packten die Mnner ihre Waffen. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--

Da -- ein Schrei!

Die Weiber stutzten.

Ein Ruf, der das Thal durchhallte von einem Ende zum anderen!

Wie versteinert standen sie alle.

Noch einmal der Ruf -- ein Ruf aus krftiger Mnnerkehle:

Hallo--o--oh.

Das Echo war erwacht, jubelnd gab es den Ruf zurck:

Hallo--o--oh!

Und durch die Nacht flammte es auf, dort auf der Hhe von
Schwarzenborn. Erst wie ein Stern, dann rasch grer werdend, weithin
leuchtend, immer heller und heller, gelb und rot -- eine Sonne, eine
Riesenflamme, ein Freudenfeuer.

Der einsame Busch auf dem kahlen Scheitel zeigte sich deutlich; wie bei
Sonnenaufgang umlohte ihn Glanz und Glut. Aber jetzt brannte er selber.
Seine vertrockneten ste hllten sich blitzschnell in sprhendes
Geprassel, gierig zngelnd loderte es auf in feurigem Entzcken.

Eine Freudenfackel streckte sich empor zum nchtlichen Himmel.

Se sein dao!

Wie aus einem Mund kam's, nur ein einziger Schrei.

Das waren nicht der Weiber viele mehr, das war nur ein Weib noch --
#das# Weib! Jhlings wandte es sich, alles vergessend, und strzte in
rasendem Lauf dem Mann entgegen.




Verlag von #Egon Fleischel# & Co., Berlin W 35

Das schlafende Heer

#Roman# von #C. Viebig#,

Preis: geheftet M. 6.--; gebunden M. 7.50


Aus den Besprechungen:

=Pfarrer Naumann= schreibt in der =Hilfe=: Dieser Roman ist in
jeder Richtung eine groe Leistung. Er ist zunchst ein Beitrag zur
Frauenfrage, denn er ist eine Frauenarbeit, die jedem Manne Hochachtung
abzwingt, er ist ein Dichterwerk, denn alles in ihm ist unmittelbar
lebendig von einer bewundernswert sicheren Einbildungskraft geschaut,
er ist gleichzeitig ein politisches Lehrbuch, denn er zeigt die
Polenfrage in ihrer ganzen Wucht und Verworrenheit, besser als eine
historisch-politische Untersuchung sie darstellen knnte. Es will
uns scheinen, da nichts, was Clara Viebig bis jetzt geschaffen hat,
so voll, so rund, so einheitlich ist als diese Geschichte, die sich
zwischen drei Rittergtern, einem polnischen Dorf, einer Kleinstadt
und einer Kolonie der Ansiedelungs-Kommission irgendwo bei Lissa oder
sonst hinter Posen abspielt. Es ist fabelhaft, da die Dichterin der
Eifelgeschichten und der Wacht am Rhein das polnische Leben so in sich
hineingenommen hat, da man seine Wiedergabe ohne weiteres als einfach
wahr empfindet. Der Titel des Buches hngt ein wenig uerlich an der
Geschichte, aber das schadet nicht viel. Es ist der Traum eines alten
polnischen Schfers, da unter dem Berge polnische Gewappnete ihrer
Wiederkunft warten, bis einmal das Volk selbst bereit ist, in seinen
Befreiungskampf einzutreten. Diese Gewappneten sind das schlafende
Heer, gleichsam die Vertreter aller der gespensterhaften Gedanken, die
ber die Kpfe der verlorenen Nation hinfahren. Wir sehen als Glieder
des wachenden Heeres den Geistlichen, der alle Fden in seiner Hand
hat, den Rittergutsbesitzer, der sich in den Reichstag whlen lt,
den armen kopflosen, verngstigten Schullehrer, den schon erwhnten
Schfer, die Bettelfrau und vor allem die gndige Frau und ihre
Jungfer, die den deutschen Mnnern die Kpfe verdreht, und daneben ein
polnisches Mdchen voll Geduld und Treue. Auf deutscher Seite haben
wir den Edelmann, der sich als deutschen Vorposten fhlt und sich und
andere durch mangelndes Gefhl fr die wirkliche Lage elend macht,
seine tapfere, feine Frau, einen alten deutschen Inspektor und eine
Kolonistenfamilie vom Rhein, die es unter mancherlei Leid drei Jahre
im baum- und berglosen Osten aushlt. Die eigentlichen Verderber sind
die polnisch gewordenen Deutschen, ein Frster und ein Inspektor.
Nicht erhaben, aber auch kein Unhold ist der jdische Krmer, dessen
Karren durch alles dieses Getriebe hin und her fhrt. Aber was ntzt
es, die Personen aufzuzhlen? Damit ist ja doch weder die Stimmung
noch der Verlauf gekennzeichnet. Die Stimmung ist leidenschaftslose
Naturmalerei menschlicher Vorgnge. Man kann nicht sagen, da die
Dichterin irgendwo selbst hervortrete, am ersten noch in der Gattin
des deutschen Gutsherrn. In gewisser Art erinnert ihre Art der
Darstellung an den Bttnerbauer oder den Grabenhger von Polenz,
aber ihre Kunst ist darin grer, da sie die Einheitlichkeit eines
Vorganges herzustellen wei, ohne sich an Einzelpersonen zu binden.
Der Gegenstand, ber den sie schreibt, ist der bewute und unbewute
Kampf zwischen Polentum und Deutschtum, gerade auch den unbewuten,
instinktmigen Kampf beschreibt sie gut. Und das Ergebnis ist die
Niederlage der Deutschen. Zwar wird uns im Schlu eine neue Generation
deutscher Kmpfer verheien, die den Polen verstehen und zu nehmen
wissen, aber fr jetzt schliet die Geschichte mit deutschem Tod und
Rckzug. Vergeblich, vergeblich! Und niemand sieht, wie es anders
werden soll, denn die Krfte, die hier siegen, werden ja bis zur
nchsten deutschen Generation nicht schwcher. Clara Viebig zieht keine
politische Lehre aus ihrer Dichtung; es gehrt nicht zum Schauen,
Vorschlge und Antrge zu bringen. Der Leser aber nimmt ihr Buch in die
Hand und denkt an Bismarcks Polenreden, an Caprivi, Hansemann, Delbrck
und vieles andere. Was ntzt aber alles Politisieren gegenber dieser
Kirche und diesem Gefhlsleben? Kann man die Polen zu preuischen
Staatsbrgern machen? Was soll ihnen versprochen werden, welche
Phantasie, welches politische Schaustck? Ich wei es nicht. Die erste
Wirkung der Lektre ist die Vergrerung der politischen Ratlosigkeit
gegenber der Polenfrage. Aber auch das ist etwas Gutes, wenn es dazu
hilft, schnellfertige Programme zu berwinden, wie Germanisierung durch
deutschen Unterricht oder Einheit aller Deutschen im Osten. Unter
allen Umstnden gebhrt der Schriftstellerin, die die Dokumente zur
Beurteilung der Polenfrage vermehrt hat, der Dank auch der politischen
Leute.


Auszge aus Besprechungen.

        =Neue Freie Presse, Wien=: Das starke und
        ausgeprgte nationale Bewutsein der Dichterin
        trbt nicht die Klarheit ihres Urteils ber die
        Germanisierungspolitik der Reichsregierung in
        Preuisch-Polen und benimmt ihr nicht das schne,
        edle Verstndnis fr die trumerische Sehnsucht
        eines besiegten Volkes... #Sie ist in ihrem
        jngsten Werke ber sich selbst hinausgewachsen
        und hat sich in die erste Reihe deutscher
        Sittenschilderer geschoben.#

        =Robert Jaff= in der =Neuen Hamburger Zeitung=:
        Zu der erstaunlichen Schrfe der Charakteristik und
        der Stimmungskraft kommt noch ein goldener Dmmer
        hinzu, der ber den Landschaften und Menschen
        dieses Buches liegt. Etwas von der Lieblichkeit und
        Reife, welche die Lektre eines Fontaneschen Romans
        fr manche geradezu zu einem glckseligen Ereignis
        macht, haftet auch an den Romanen von Clara
        Viebig, und #es findet sich unter den deutschen
        Romandichtern der Gegenwart wohl kaum einer, der
        mit dieser ungewhnlichen Kraft der Darstellung
        noch so viel Anmut und Schnheit verbnde#.

        =Paul Rach= im =Hamburger Fremdenblatt=: Es ist
        ein Kunstwerk in der einfachen Kraft der Sprache,
        in der Anschaulichkeit der Darstellung, in der
        wunderbaren Klarheit des Schauens von Personen,
        Verhltnissen, Gegenstnden. Und es ist das Werk
        einer Dichterin.

        =Hamburgischer Correspondent=: Wir knnen den
        Roman als ein bedeutsames Kunstwerk, zugleich aber
        als packende Darstellung eines der wichtigsten
        Gebiete deutscher Kulturarbeit zu Anfang des
        20. Jahrhunderts unsern Lesern aufs lebhafteste
        empfehlen.

        =Klnische Volkszeitung=: Alle die
        Gestalten erstehen in Fleisch und Bein vor dem
        Leser. Von bedeutender Wirkung sind auch die
        Naturschilderungen, und in der Darstellung
        einzelner Szenen von dramatischer Kraft und
        stimmungsvoller Weichheit bekundet die Verfasserin
        ihre gewohnte Meisterschaft. Alles in allem ein
        bedeutsames Werk.

        =Prager Tageblatt=: Wenn wir das Buch zuschlagen,
        stehen wir -- fern von jedem national-politischen
        Raisonnement -- ganz und gar im Bann einer rein
        menschlichen Erschtterung, die wir ber die
        Schicksale der fesselnden, uns lieb gewordenen
        Gestalten des Romans empfinden. Und Clara Viebig
        hat in der Tat Menschen vor uns hingezaubert, die
        wir nie mehr vergessen knnen.

        =Leipziger Neueste Nachrichten=: Clara Viebig
        hat sicherlich nicht die Absicht gehabt, einen
        Beitrag zur Lsung des deutschen Ostmarken-Problems
        zu geben, aber sie hat uns das Land und die
        Menschen dort mit packender Energie vor Augen
        gefhrt. Man sieht das wirklich vor sich, den
        Lysa Gra, das Treiben auf den Feldern, die
        Htten der Komorniks, die Herrenhuser mit ihren
        Hfen, Treppen und Salons, die Dinergesellschaft
        auf Chawilorczyce, das Volksleben an Mari
        Verkndigung und hunderterlei sonst. Eine feine
        und feinste Beobachtungsgabe geht Hand in Hand
        mit einem treffsicheren, prgnanten und sachlich
        erschpfenden Stil.

        =Ferdinand Svendsen= in der =Nation=: #Ein
        echter Epenstoff: der Kampf der in die Provinz
        Posen eindringenden deutschen Landbebauer mit
        den ihren Grund und Boden und ihre Nationalitt
        gleichzeitig verteidigenden Polen. Es ist etwas
        ungemein Kraftvolles in ihrer Darstellung. Ihre
        Romangestalten sind Menschen von Fleisch und Blut,
        und was sie uns schildert, ist wert, geschildert zu
        werden.#

        =Ernst Kreowski= im =Vorwrts=: #Der Roman
        besitzt unbestreitbare Vorzge. Alles ist
        mit realistischer Kraft gestaltet und voll
        dichterischer, wenn auch schwer atmender Stimmung.
        So etwas wie Erdgeruch entstrmt dem Ganzen.
        Desgleichen entspricht es nur der poetischen
        Gerechtigkeit, wenn Clara Viebig ihr Werk mit der
        zuversichtlichen Hoffnung auf das Erwachen einer
        neuen Aera des Deutschtums, welche die Snden der
        Vter wieder gut zu machen, dem Land und dem Volke
        Glck und Frieden zurckzugeben berufen sein werde,
        frohgemut beendigt.#

        =Fritz Engel= im =Berliner Tageblatt=: Kein
        Tendenzroman! Die deutsche Feder wollte dem
        deutschen Pfluge zu Hilfe kommen. Aber an Ort und
        Stelle -- und das macht der Dichterin in ihr alle
        Ehre -- wurde nur noch ihre knstlerische Teilnahme
        rege. Nicht mehr die Parteien, nur noch die
        Menschen interessierten sie. Sie sah und lauschte.
        Daraus gestaltete sich dann wie von selbst das
        weitumfassende Gemlde, das seine Lichter und seine
        Schatten nicht mehr von der Willkr nationalen
        Eifers erhlt.

        =Die Zeit, Wien=: Es ist vorauszusehen, da
        dieser neue Roman eine erregte Debatte in deutschen
        und polnischen Blttern entfesseln wird. Um seinen
        knstlerischen Wert wird man erst in zweiter Reihe
        fragen. Und doch mu auch von diesem die Rede
        sein. Es ist ein Kulturbild voll jener warmen,
        pulsierenden Lebendigkeit und frischen Farbe, die
        alle Bcher der Viebig auszeichnen. Und ein feiner
        Schimmer jener Sentimentalitt liegt oft auf diesen
        Blttern, wie er in Clara Viebigs Wacht am Rhein
        am hellsten war.

        =K. v. Perfall= in der =Klnischen Zeitung=: In
        diesen Volksfiguren bietet sie wieder ein ganz
        hervorragend Lebendiges und zeigt sich als eine
        Menschengestalterin ersten Ranges, die frisch
        und unbefangen ins Leben hineingreift.... Wir
        mchten behaupten, Das schlafende Heer sei
        das bedeutendste Werk, das Clara Viebig bisher
        geschaffen hat. Es bringt ein bedeutungsvolleres
        Kulturbild, als Das Weiberdorf und Das tgliche
        Brot oder der Mllerhannes es waren, und der
        knstlerische Aufbau ist reiner, fester gefgt als
        in der Wacht am Rhein.

        _=The Academy and Literature (London)=: Clara
        Viebig's work bears many of the characteristics
        of that of George Eliot, Thomas Hardy and George
        Moore. She sees into the human heart, and describe
        what she sees with an ease and sureness that lend
        her books a charm not always to be found in novels
        that from the choice of their subject contain
        events spreading over a long space of years and
        deal with a wide field of locality._

        =J. Norden= in der =Magdeburgischen Zeitung=:
        So ist es kein politischer Tendenzroman geworden,
        obschon politische Verhltnisse und persnliche
        Schicksale der jngsten Vergangenheit unserer
        Ostmark hineinspielen. Es ist gut, da im
        Vordergrund die Kunst steht, die einen packenden
        und ergreifenden Kulturroman zu erschaffen
        vermochte.

        =Arthur Eloesser= in der =Vossischen Zeitung,
        Berlin=: #Clara Viebigs Buch ist gut deutsch, aber
        es schmettert keine chauvinistische Fanfare so
        wenig, wie es entmutigt zum Rckzug blst, es ist
        ein Buch der Sorge, und in diesem Gefhl wird es
        die meisten einigen, die nicht nur die Erhaltung
        der politischen Herrschaft, sondern auch die
        Existenz unserer deutschen Kultur an der Grenze des
        Slaventums gesichert wissen wollen.#

        =A. Traeger= im =Berl. Brsen-Courier=:
        Ueberreich schier ist des Buches Inhalt, und mit
        staunender Bewunderung erfllt uns aufs Neue die
        berwltigende Treue und Kraft der Schilderung,
        diese Belebung des Leblosen, berall nimmt die
        Dekoration mitwirkend teil an der Aktion, gehren
        Land und Leute unlsbar zusammen. #Clara Viebig#
        sieht mit dem Verstand und schreibt mit dem Herzen,
        das voll tiefen Gefhls und unerschrockenen Mutes.

        =Harry Maync= in der =Deutschen
        Litteraturzeitung=: Ueber alle herbe Wahrheit ist
        leicht der Schleier der Dichtung geworfen. Bezogen
        auf die groen kulturgeschichtlichen Zusammenhnge
        kommt berall das Menschliche rein zur Entfaltung.
        Wohl heben sich dramatische Gruppenszenen packend
        aus der Breite des langsamen, ereignislosen
        Dahinlebens heraus, aber im allgemeinen sind
        die Mittel dieser Darstellung ganz schlicht und
        einfach. Ohne Beredsamkeit und Schwung, aber mit
        sicherem Realismus und runder Schilderung sagt uns
        #Clara Viebig#, was sie uns zu sagen hat, und das
        ist nicht wenig.


FUSSNOTEN:

[1] eigensinnig.

[2] Kopf ber, Kopf unter.

[3] in die Pftze werfen.

[4] Hochzeit.

[5] mglich.

[6] ertragen.

[7] erbrmlich.

[8] Hungerpfoten kauen.

[9] arbeiten.

[10] glaubt.

[11] Geschmack.

[12] Brombeeren.

[13] nach seinem Geschmack.

[14] Zogott: statt Prost gebraucht.

[15] Duckmuser.

[16] stattlich.

[17] leichtfertig.

[18] Blau.

[19] verderben.

[20] Kattun.

[21] changiert.

[22] ungeschoren.

[23] keinen guten Tag.

[24] gespuckt.

[25] sogleich.

[26] Zwetsche.

[27] Brste.

[28] strawtzen: weglaufen, herumstreichen.

[29] gezogen.

[30] Zweieinhalb Silbergroschen.

[31] Betrger.

[32] ohnmchtig geworden.

[33] geizige.

[34] Verlegenheit.

[35] Heiligenhuschen.

[36] sterben.

[37] seit.

[38] Schubldchen.

[39] Wiege.

[40] gesund.

[41] Duen: drcken, stemmen.

[42] ziehen.

[43] Betschwester.

[44] Schmerzen, Kummer.

[45] heftig, bse.

[46] qulen, peinigen.

[47] steckst du.

[48] Kosenamen fr Lerche.

[49] Kferdose (alte Klner Weinkneipe).

[50] launenhaft.

[51] Wterich.

[52] fhrt.

[53] Bonbons.

[54] krank.

[55] Ausziehn.

[56] Gefngnis.

[57] Gefngnis.




    Anmerkungen zur Transkription


    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, auch wenn
    verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
    verwendet wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
    berichtigt.

    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit # markiert. Im Original
    fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, der im Original nicht
    in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Das Weiberdorf, by Clara Viebig

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Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org/license

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
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1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

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electronic work, or any part of this electronic work, without
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1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
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request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
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- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
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     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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