Project Gutenberg's Smmtliche Werke 5: Dramatische Werke, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 5: Dramatische Werke
       Der Revisor / Eine Heiratsgeschichte / Die Spieler / Fragmente

Author: Nikolaj Gogol

Editor: Otto Buek

Translator: Thomas Commichau
            Carl Ritter
            Andr Villard
            Gregorius Itelson
            Alexandra Ramm

Release Date: September 5, 2017 [EBook #55487]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 5: ***




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                             Nikolaus Gogol
                           Dramatische Werke




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 5


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1911


                             Nikolaus Gogol




                           Dramatische Werke


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1911




                              Der Revisor


                        Komdie in fnf Aufzgen


                                   Den Spiegel soll nicht schelten,
                                   wer eine Fratze hat.

                                                           Sprichwort.


                Deutsche bertragung von _Th. Commichau_


   Das Recht der ffentlichen Auffhrung ist ausschlielich zu erwerben
                                  von dem
                      Theaterverlag Eduard Bloch,
                       Berlin C 2, Brderstrae 1



                               Personen.

   Antn Antnowitsch Skwsnik-Dmuchnowski, Polizeimeister.
   Anna Andrjewna, seine Frau.
   Mrja Antnowna, seine Tochter.
   Lka Lkitsch Chlpoff, Schulinspektor.
   Frau Chlpoff.
   Amms Fjdorowitsch Ljpkin-Tjpkin, Kreisrichter.
   Artmij Filppowitsch Semljanka, Hospitalverwalter.
   Iwn Kusmtsch Schpkin, Postmeister.
   Pjotr Iwnowitsch Dbtschinski   }
   Pjotr Iwnowitsch Bbtschinski   } Brger.
   Iwn Alexndrowitsch Chlestakff, Beamter aus Petersburg.
   Ossip, sein Diener.
   Christian Iwnowitsch Hbner, Kreisarzt.
   Fjdor Andrjewitsch Ljuljukff  }
   Iwn Lasarwitsch Rastakwski    } pensionierte Beamte,
   Stepn Iwnowitsch Korbkin      } Honoratioren der Stadt.
   Stepn Iljitsch Uchowjrtoff, Polizeiinspektor.
   Swistnoff                       }
   Pugowzyn                        } Polizeidiener.
   Djerschimrda                    }
   Awdlin, Kaufmann.
   Fewrnja Pjetrwna Poschljpkina, Schlossersfrau.
   Die Frau eines Unteroffiziers.
   Mschka, Diener des Polizeimeisters.
   Ein Kellner.
   Ein Gendarm.

                  Gste, Kaufleute, Volk, Bittsteller.

                   *       *       *       *       *

     Zeit: Um 1835. -- Ort: Eine kleine russische Provinzialstadt.



                         Charaktere und Kostme
               (Bemerkungen fr die Herren Schauspieler)

Der Polizeimeister: Ein im Dienst bereits ergrauter und in seiner Art
gescheiter Mann. Obgleich bestechlich, gibt er sich als soliden und
ernsthaften Menschen und ist in gewissem Sinne sogar Rsoneur. Er
spricht weder laut noch leise, noch viel, noch wenig; jedes seiner Worte
hat Gewicht. Seine Gesichtszge sind grob und hart, wie bei allen, die
in einer mhsamen Karriere von der Pike auf gedient haben. Der bergang
von Furcht zu Freude, von Unterwrfigkeit zu Hochmut vollzieht sich bei
ihm ziemlich unvermittelt, wie bei allen Leuten mit roh entwickelten
Charakteranlagen. Er trgt die bliche Uniform mit Litzenkragen und
Stulpstiefel mit Sporen; sein graues Haar ist kurzgeschoren.

Anna Andrjewna, seine Frau: Eine noch leidlich konservierte
Provinzialkokette, die zur Hlfte in der Lektre von Romanen und
Poesiealbums, zur Hlfte im Kleinkram von Hauswirtschaft und
Gesindeplackerei aufgeht. Sehr neugierig, kehrt sie gelegentlich auch
Hoffart hervor; erlangt oftmals dadurch bergewicht ber ihren Mann, da
dieser ihr nichts zu antworten wei; doch erstreckt sich solches
bergewicht nur auf Kleinigkeiten und besteht lediglich in Vorwrfen und
Hohn. Im Verlaufe des Stckes wechselt sie viermal die Toilette.

Chlestakff: ein junger Mann von 23 Jahren, schmchtig und unansehnlich,
etwas einfltig und hat, wie man zu sagen pflegt, das Pulver nicht
erfunden; einer von den Leuten, die man in den Kanzleien Windbeutel
nennt. Er ist nicht imstande lngere Zeit bei einem Thema zu verweilen,
spricht unzusammenhngend, und die Worte sprudeln ihm unberechenbar aus
dem Munde. Je mehr Freimut und Harmlosigkeit der Darsteller dieser Rolle
zur Schau trgt, desto greren Erfolg wird er erzielen. Seine Kleidung
ist modern (1835).

Ossip, sein Diener: Von dem Wesen, das Diener in vorgerckten Jahren zu
haben pflegen; er spricht gelassen, hlt den Blick etwas gesenkt,
rsoniert und liebt es, seinem Herrn in dessen Abwesenheit Vorhaltungen
zu machen. Seine Stimme ist fast immer monoton, nimmt aber im Gesprch
mit seinem Herrn einen mrrischen, kargen, zuweilen sogar groben
Ausdruck an. Er ist pfiffiger als sein Herr und wei sich deshalb
rascher zurechtzufinden, spricht aber nicht gern viel und ist ein
stilles Wasser. Seine Kleidung ist ein grauer oder blauer verschlissener
Kittel.

Bbtschinski und Dbtschinski: Beide von kleinem, niedrigem Wuchs, sehr
neugierig; einander sehr hnlich; beide mit leichtem Embonpoint. Sie
sprechen hastig und untersttzen ihre Rede durch reichliches
Gestikulieren mit den Hnden. Dbtschinski ist ein wenig grer und
ernsthafter als Bbtschinski, dieser aber ist dafr beweglicher und
lebhafter als jener.

Ljpkin-Tjpkin, der Kreisrichter: ein Mensch, der fnf bis sechs Bcher
gelesen hat und daraufhin den Freigeist herauskehrt. Ist stark in
Hypothesen und spricht deshalb jedes Wort mit wichtigem Ton. Der
Darsteller dieser Rolle sollte stets eine vielsagende Miene aufsetzen.
Er spricht in tiefem Ba, sehr gedehnt, heiser und mit Ruspern, wie
eine alte Wanduhr, die erst schnarrt, ehe sie schlgt.

Semljanka, der Hospitalverwalter: Ein sehr korpulenter, schwerflliger
und plumper Mann; bei alledem Intrigant und Gauner; sehr zuvorkommend
und gefllig.

Der Postmeister: Ein bis zur Naivitt einfltiger Mensch.

Die brigen Rollen bedrfen keiner besonderen Anweisungen; ihren
Originalen begegnet man auf Schritt und Tritt.

Die Herren Schauspieler sollten der letzten Szene besondere Sorgfalt
angedeihen lassen. Das zuletzt ausgesprochene Wort mu auf alle wie ein
elektrischer Schlag wirken; gleichzeitig und pltzlich. Die ganze Gruppe
mu ihre Stellung in einem Augenblick wechseln; den Ausruf der
berraschung mssen alle Damen einstimmig ausstoen, wie aus einem
Munde. Die Nichtbeachtung dieser Hinweise knnte die gesamte Wirkung in
Frage stellen.




                             Erster Aufzug


                  Zimmer im Hause des Polizeimeisters


                                1. Szene

   Polizeimeister. Hospitalverwalter. Schulinspektor. Kreisrichter.
               Revierinspektor. Arzt. Zwei Polizeidiener.

Polizeimeister. Ich habe Sie herberufen, meine Herren, um Ihnen eine
sehr unerfreuliche Nachricht mitzuteilen: ein Revisor kommt zu uns.

Kreisrichter. Ein Revisor?!

Hospitalverwalter. Ein Revisor?!

Polizeimeister. Ein Revisor aus Petersburg, inkognito. Und noch dazu mit
geheimen Instruktionen.

Kreisrichter. Donnerwetter!

Hospitalverwalter. Das hat uns auch gerade noch gefehlt!

Schulinspektor. Herr des Himmels! Und obendrein mit geheimen
Instruktionen!

Polizeimeister. Als wenn ich das vorausgeahnt htte: die ganze Nacht
trumte mir von zwei ungeheuren Ratten -- nie habe ich dergleichen
vorher gesehen: schwarz und riesengro! Kamen heran, beschnupperten mich
und liefen wieder davon. Ich will Ihnen hier den Brief vorlesen, den ich
von Andrj Iwnowitsch Tschmychff erhalten habe -- Sie, Artmij
Filppowitsch, kennen ihn ja. Er schreibt also folgendermaen: Teurer
Freund, Gevatter und Wohltter (halblaut murmelnd und die Zeilen
berfliegend) ... dir zu melden -- da hier: Ich beeile mich, dir
unter anderem zu melden, da ein Beamter eingetroffen ist mit der
Instruktion: das ganze Gouvernement und speziell unsern Kreis (hebt
bedeutungsvoll den Finger in die Hhe) zu inspizieren. Ich erfuhr dies
von absolut zuverlssiger Seite, obgleich er sich fr einen Privatmann
ausgibt. Da ich nun wei, da auch bei dir, wie berall, kleine
Schnitzer mitunterlaufen, weil du ein kluger Mann bist und ungern fahren
lt, was in deinem Netze zappelt ... (Innehaltend) Nun, hier macht er
so seine ... so rate ich dir auf deiner Hut zu sein: er kann jeden
Augenblick kommen, wenn er nicht gar schon da ist und sich irgendwo
inkognito aufhlt ... Gestern ... -- hier folgen nur noch
Familiennachrichten: ist meine Schwester Anna Kirllowna mit ihrem
Manne zum Besuch angekommen; Iwn Kirllowitsch ist sehr dick geworden
und fiedelt immerfort auf der Geige, usw. usw. Also nun wissen Sie, wie
die Dinge stehen!

Kreisrichter. Eine seltsame, hchst seltsame Geschichte! Da steckt
irgendwas dahinter.

Schulinspektor. Wozu das alles, Antn Antnowitsch, wozu? Warum uns
einen Revisor?!

Polizeimeister (seufzend). Warum! Sie sehen ja: Schicksal! (Seufzend)
Bisher hatte man, Gott sei Dank, nur andre Stdte heimgesucht; jetzt
kommt eben die Reihe an uns.

Kreisrichter. Ich meine, Antn Antnowitsch, da dies einen feinen und
mehr politischen Hintergrund hat. Es bedeutet einfach: Ruland ... ja
... Ruland will Krieg fhren -- und das Ministerium, sehen Sie wohl,
schickt heimlich einen Beamten ab, um auszuforschen, ob hier herum wo
Spione stecken.

Polizeimeister. Eh, was reden Sie da! Sie sind wohl nicht recht
gescheit! In einer Kreisstadt Spione! Liegen wir etwa an der Grenze? Die
erreicht von hier aus keiner, auch wenn er drei Jahre Galopp fhrt.

Kreisrichter. Nein, wie ich Ihnen sage. Sie wollen mich nicht ... wollen
nicht ... Die Regierung kennt die feinsten Schliche; weit oder nicht,
sie hrt sogar die Flhe husten.

Polizeimeister. Floh hin, Floh her; jedenfalls sind Sie gewarnt, meine
Herren. Sehen Sie sich vor! Ich fr meinen Teil habe schon so meine
Maregeln getroffen, tun Sie das gleiche. Namentlich rate ich's Ihnen,
Artmij Filppowitsch! Der durchreisende Revisor wird zweifelsohne vor
allem die Ihnen unterstellten Krankenhuser inspizieren wollen --, drum
sorgen Sie dafr, da alles tadellos sei. Da die Nachtmtzen hbsch
rein sind und die Kranken nicht wie die Kesselschmiede aussehen, wie das
sonst gewhnlich der Fall ist.

Hospitalverwalter. Na, wenn's weiter nichts ist -- reine Nachtmtzen
knnen sie kriegen.

Polizeimeister. Gut. Und an jedem Bett mu auf lateinisch oder in einer
andern fremden Sprache ... das wre dann eben Ihre Sache, Herr Doktor --
mu jede einzelne Krankheit angeschrieben stehen, Datum der Erkrankung,
genau auf Jahr und Tag ... Es ist auch gar nicht schn, da Ihre Kranken
einen so starken Tabak rauchen, da, wer hereinkommt, immerzu niesen
mu. Noch besser, wenn berhaupt weniger Kranke da wren; sonst wird
gleich der schlechten Verwaltung oder der Unfhigkeit des Arztes schuld
gegeben.

Hospitalverwalter. Oh, was die rztliche Behandlung anbetrifft, so bin
ich mit dem Herrn Doktor lngst bereingekommen: je naturgemer, desto
besser -- teure Arzeneien brauchen wir nicht. Gewhnliches Volk:
stirbt's, dann stirbt's, bleibt's leben, dann bleibt's eben leben. Auch
knnte sich der Herr Doktor ja doch nicht mit ihnen verstndigen: er
versteht ja kein Wort Russisch.

Christian Iwnowitsch, der Arzt (gibt Laute von sich, die halb wie i und
halb wie e klingen).

Polizeimeister. Auch Ihnen, Amms Fjdorowitsch, mchte ich raten,
einmal nach Ihrem Gerichtslokal zu schauen. Im Vorzimmer, wo sich die
Klienten versammeln sollen, haben Ihre Gerichtsdiener die ganzen
Hausgnse mit ihren Jungen untergebracht, die einem dort fortwhrend
zwischen die Beine geraten. Sich um die Wirtschaft kmmern, ist gewi
lobenswert, und warum sollte das ein Knecht auch nicht tun; aber an
einem solchen Ort, sehen Sie, pat sich das doch nicht. Ich wollte das
schon eher sagen, habe es aber wieder ganz verschwitzt.

Kreisrichter. Ich lasse sie gleich smtlich in die Kche schaffen.
Kommen Sie doch zum Essen herber.

Polizeimeister. Schlimm ist's auch, da der Sitzungssaal so von Schmutz
starrt und da mitten auf dem Aktentisch Ihre Hundepeitsche liegt. Ich
wei wohl, Sie sind ein groer Jagdfreund, doch besser wr's, sie
wenigstens jetzt wegzunehmen; ist der Revisor erst wieder fort, dann
knnen Sie sie ja meinetwegen wieder hinlegen. Und dann Ihr Beisitzer!
Der Mann ist ja wahrscheinlich sehr tchtig, aber er verbreitet einen
Duft, als ob er geradenwegs aus der Branntweinschnke kme -- das taugt
auch nicht. Schon lngst wollte ich mal davon reden, wurde aber, ich
wei nicht wie, davon abgebracht. Es gibt Mittel dagegen, selbst wenn
wirklich, wie er behauptet, ihm dieser Geruch angeboren wre: man knnte
ihm Zwiebeln oder Knoblauch zu essen geben oder irgendwas hnliches. Fr
diesen Fall kann ja der Herr Doktor mit Medikamenten zu Hilfe kommen.

Christian Iwnowitsch, der Arzt (gibt die vorerwhnten Laute von sich).

Kreisrichter. Nein, das lt sich nicht vertreiben; er sagt, als Kind
habe ihn seine Amme einmal verprgelt, und seit der Zeit msse er immer
etwas Branntwein ausschwitzen.

Polizeimeister. Nun, ich wollte das nur bemerkt haben. Doch betreffs
unserer sonstigen Zustnde und der sogenannten kleinen Schnitzer, von
denen Andrj Iwnowitsch in seinem Briefe redet, wei ich wahrhaftig
nichts beizubringen. Es bleibt nun eben mal wahr: kein Mensch ist ohne
Snde. Das hat Gott selber schon so gewollt, und die Aufklrungsapostel
werden vergeblich darber wettern.

Kreisrichter. Ja, was nennen Sie Snde, Antn Antnowitsch? Snde und
Snde ist zweierlei. Ich fr mein Teil gebe ganz offen zu, da ich hier
und da kleine Geschenke annehme, doch was fr welche? Jagdhunde! Das ist
was ganz andres.

Polizeimeister. Jagdhunde oder sonst was, Geschenke bleiben's doch.

Kreisrichter. O nein, Antn Antnowitsch. Aber wenn einer zum Beispiel
einen Pelz fr fnfhundert Rubel und seine Frau einen Schal ...

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, Sie nehmen also blo Jagdhunde --
dafr glauben Sie aber nicht an Gott und gehen nie in die Kirche; ich
aber bin ein glubiger Mensch und bin jeden Sonntag beim Gottesdienst.
Aber Sie ... oh, ich kenne Sie: wenn Sie anfangen, ber die Schpfung zu
reden, dann stehen einem die Haare zu Berge.

Kreisrichter. Wenigstens bin ich von alleine darauf gekommen, aus
eigenem Verstande.

Polizeimeister. Na, manchmal ist viel Verstand schlimmer als gar keiner.
brigens habe ich nur so nebenbei ans Kreisgericht gedacht; ehrlich
gesagt, es wird ja keiner da hineingucken: das ist ein geheiligter Ort,
den Gott selber in Schutz genommen hat. Aber Sie, Lka Lkitsch, mssen
sich durchaus mal um Ihr Lehrerpersonal kmmern. Es sind ohne Frage
gelehrte und hochstudierte Leute, haben aber hchst sonderbare
Angewohnheiten, die sich kaum mit dem Lehrberuf vertragen. Da ist zum
Beispiel einer, der mit dem aufgedunsenen Gesicht, mir ist sein Name
nicht gegenwrtig -- der mu absolut immer eine Fratze schneiden, sowie
er aufs Katheder steigt, ungefhr so (macht eine Grimasse) und dann
steckt er die Hand unter die Halsbinde und kraut sich den Bart. Da er
den Schlern solche Fratzen schneidet, ist ja egal und mag vielleicht
ntig sein, das geht mich nichts an; aber sagen Sie selbst, wenn er das
vor dem Herrn Inspizienten tut, das kann doch sehr fatal werden; der
Herr Revisor oder ein andrer knnte das auf sich beziehen. Da kann der
Teufel wei was dabei herauskommen.

Schulinspektor. Ja, aber was soll ich mit ihm machen; ich habe schon
mehrfach mit ihm geredet. Noch krzlich, als gerade der Schulrat die
Klasse betrat, hat er eine solche Grimasse aufgesetzt, wie ich sie noch
niemals gesehen hatte. Er denkt sich gar nichts Bses dabei, mich aber
rffelt man dann, da der Jugend revolutionre Ideen eingeflt werden.

Polizeimeister. Auch ber Ihren Geschichtslehrer habe ich noch einiges
zu bemerken. Es ist ein gelehrtes Haupt, das sieht man deutlich, und
strotzt von Wissen; aber er doziert mit solchem Feuer, da er sich ganz
dabei vergit. Ich hrte ihn einmal: na, solange er von den Babyloniern
und Assyrern sprach, da ging's noch, aber als er auf Alexander den
Groen kam -- ich kann's kaum beschreiben, wie er da loslegte. Ich
glaubte, es brennt, wahrhaftig! Springt vom Katheder und was das Zeug
hlt -- bautz! -- den Stuhl an die Erde. Gewi, Alexander der Groe war
schon ein Held, aber braucht man da Sthle zu zerkeilen? Der Staat hat
nur Kosten davon.

Schulinspektor. Ja, ja, er ist ein Heisporn. Ich habe ihm das auch
schon ein paarmal vorgehalten; aber dann erwidert er: Wie Sie wnschen,
aber fr die Wissenschaft opfere ich mein Leben.

Polizeimeister. Ach ja, das mu eben unerforschlicher Schicksalswille
sein: so ein Gelehrter ist entweder Sufer oder schneidet Fratzen, da
man sich vor den Heiligenbildern schmen mchte.

Schulinspektor. Gott bewahre mich davor, Lehrer sein zu mssen, das ist
eine Strafe! Da will jeder reinreden, jeder beweisen, da auch er
Verstand hat.

Polizeimeister. Das htte alles noch gar nichts zu sagen -- das
Inkognito ist das Infame! Mit einmal schielt er herein: Ah, da seid ihr
ja, Freundchen! Na wer ist denn von Euch der Richter? --
Ljpkin-Tjpkin! -- Ei dann bitte schn Herr Ljpkin-Tjpkin! --
Und wer ist der Hospitalverwalter! Semljanka! -- Dann bitte doch
schn, Herr Semljanka! -- Das ist das gemeine!


                                2. Szene

                       Die Vorigen. Postmeister.

Postmeister. Herrschaft, was geht denn vor? Ein Revisor soll kommen?

Polizeimeister. Haben Sie's denn noch nicht gehrt?

Postmeister. Eben, von Pjotr Iwnowitsch Bbtschinski; er war gerade bei
mir auf dem Postamt.

Polizeimeister. Na, nun? Was denken Sie drber?

Postmeister. Was ich denke? 's gibt Krieg mit den Trken.

Kreisrichter. Da, also! Genau wie ich's gesagt habe!

Polizeimeister. Ja, zwei kapitale Schlaukpfe!

Postmeister. Freilich, mit den Trken. Das haben uns alles die Franzosen
eingebrockt.

Polizeimeister. Schner Krieg mit den Trken. Uns wird's an den Kragen
gehn, nicht den Trken. Das steht lngst fest, ich habe briefliche
Nachricht.

Postmeister. Na, wenn's so ist, dann gibt's eben keinen Krieg.

Polizeimeister. Nun, was sagen Sie dazu, Iwn Kusmtsch?

Postmeister. Hm, ich? Und Sie, Antn Antnowitsch?

Polizeimeister. Ich? Von Furcht natrlich keine Spur, aber so ein
bichen. Kaufleute und Brger machen mir etwas Sorge. Sie behaupten, ich
htte sie gerupft, aber bei Gott, wenn ich auch mal von einem oder dem
andern was nahm, dann geschah's nur in aller Unschuld. Ich vermute,
(fhrt den Postmeister beim Arm auf die Seite) ich vermute, man hat mich
angeschwrzt. Warum gerade fr uns einen Revisor? Hren Sie mal, Iwn
Kusmtsch, knnten Sie nicht, zu unserm gemeinschaftlichen Vorteil,
jeden Brief, der in Ihrem Postamt ein- und ausgeht, wissen Sie, so'n
bichen aufmachen und durchlesen, ob nicht vielleicht Denunziationen
oder dergleichen vertrauliche Mitteilungen drinstehen? Wenn nicht, kann
man sie ja wieder zusiegeln oder einfach geffnet abliefern.

Postmeister. Wei ich lngst! Da brauchen Sie mich nicht erst zu
belehren, mach' ich sowieso schon, aber weniger aus Vorsicht, als aus
Neugierde -- ich bin geradezu versessen auf das, was in der Welt
vorgeht. Ich sage Ihnen, die interessanteste Lektre. Mancher Brief
liest sich ganz kstlich -- da werden Dinge beschrieben ... Und eine
Darstellung -- besser als in den Moskauer Nachrichten!

Polizeimeister. Schn, sagen Sie mal, haben Sie da nichts ber einen
Revisor aus Petersburg gefunden?

Postmeister. Aus Petersburg, nein, aber von einem in Kostrom und
Sartow ist viel die Rede. Wirklich schade, da Sie keine Briefe lesen;
manche Stellen sind groartig. Da schrieb krzlich ein Leutnant seinem
Kameraden und schilderte einen Ball auf die lustigste Art -- ganz, ganz
ausgezeichnet: Ich fhre hier, schreibt er, ein Gtterleben: schne
Mdchen in Hlle und Flle, die Musik rauscht, hoch flattert die Fahne
... mit groem Schwung schrieb er. Ich habe den Brief wahrscheinlich
noch bei mir; soll ich ihn vorlesen?

Polizeimeister. Nein, lassen Sie's fr jetzt. Also seien Sie so gut,
Iwn Kusmtsch: falls Sie gelegentlich auf so eine Beschwerde oder eine
Denunziation stoen, dann ohne weiteres anhalten.

Postmeister. Mit dem grten Vergngen.

Kreisrichter. Sehen Sie sich aber vor, Sie knnten da mal reinfallen.

Postmeister. Du lieber Gott!

Polizeimeister. Ach, das hat gar nichts zu sagen; ja, wenn Sie das an
die groe Glocke hngen wollten, aber so ist's ja reine Privatsache.

Kreisrichter. Na, schlimme Sache das. brigens war ich eigentlich
gekommen, Antn Antnowitsch, um Ihnen eine junge Hndin zu offerieren;
sie ist vom selben Wurf wie mein Kter, den Sie kennen. Da
Tscheptwitsch und Warchownski im Proze liegen, wissen Sie wohl; und
ich habe den Spa davon, jetzt kann ich beim einen wie beim andern meine
Hasen jagen.

Polizeimeister. Herr Gott, bleiben Sie mir jetzt mit Ihren Hasen vom
Leibe; mir sitzt das verdammte Inkognito im Schdel! Immer drauf lauern,
da jeden Augenblick die Tr aufgeht und baff ...


                                3. Szene

   Die Vorigen. Bbtschinski und Dbtschinski strzen atemlos
                                herein.

Bbtschinski. Unerhrte berraschung!

Dbtschinski. Erstaunliche Neuigkeit!

Alle. Was, was ist denn los?!

Dbtschinski. Unerwartetes Ereignis: wir kommen ins Gasthaus ...

Bbtschinski (unterbrechend). Ich und Dbtschinski kommen ins Gasthaus
...

Dbtschinski (unterbrechend). Eh, lassen Sie mich, Pjotr Iwnowitsch,
ich will erzhlen.

Bbtschinski. Nein, nein, lassen Sie mich, lassen Sie mich ... Sie haben
gar kein Geschick ...

Dbtschinski. Und Sie verhaspeln sich und vergessen alles.

Bbtschinski. Nein, bei Gott, ich wei alles; mischen Sie sich nicht
hinein, lassen Sie mich erzhlen. Helfen Sie, meine Herren, da
Dbtschinski sich nicht hereinmischt!

Polizeimeister. So reden Sie doch um alles in der Welt, was ist los? Ich
brenne vor Ungeduld. Setzen Sie sich, meine Herren, Sthle her; hier
haben Sie einen Stuhl, Bbtschinski. (Alle setzen sich um Bbtschinski
und Dbtschinski herum.) Nur schnell, was gibt's?

Bbtschinski. Erlauben Sie, erlauben Sie, alles nach der Reihe. Kaum da
ich die Ehre hatte, mich von Ihnen zu verabschieden, nachdem Sie
geruhten, sich ber den empfangenen Brief zu beunruhigen, ja -- da
rannte ich ... Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Dbtschinski! Ich
wei alles, alles. Also: da rannte ich zu Korbkin, da aber Korbkin
nicht zu Hause war, zu Rastakwski, und da ich Rastakwski nicht antraf,
von dort zum Herrn Postmeister, um ihm die von Ihnen empfangene
Neuigkeit mitzuteilen, und wie ich von da weggehe, begegne ich
Dbtschinski ...

Dbtschinski. Neben dem Pastetenladen ...

Bbtschinski. Neben dem Pastetenladen. Ich treffe also Dbtschinski und
sage ihm: haben Sie schon von der groen Neuigkeit gehrt, die der Herr
Polizeimeister in einem hochbedeutsamen Brief erhalten hat? Dbtschinski
aber hatte sie schon von Ihrer Magd Awdtja gehrt, die, ich wei nicht
wonach, zu Philipp Antnowitsch Potschetschjeff geschickt worden war
...

Dbtschinski (unterbrechend). Nach einem Kognakfchen.

Bbtschinski (mit der Hand abwehrend). Nach einem Kognakfchen. Wir
gingen also zusammen zu Potschetschjeff ... Nein, Dbtschinski, nein,
unterbrechen Sie mich nicht, bitte ernstlich, unterbrechen Sie mich
nicht! ... Wir gehen also zu Potschetschjeff und unterwegs sagt mir
Dbtschinski: Kommen Sie doch mal erst in die Restauration; ich hab'
so'n gewisses ... seit heut frh hab' ich nichts genossen und der Magen
knurrt mir so ... -- jawohl, Dbtschinski knurrte der Magen. Und in
der Restauration, sagt er, gibt's heut frischen Lachs, kosten wir doch
wenigstens. Kaum sind wir drin, als pltzlich ein junger Mann ...

Dbtschinski (unterbrechend). Von hbschem ueren, apart gekleidet ...

Bbtschinski. Von hbschem ueren, apart gekleidet, so -- ft -- ins
Zimmer tritt, entschlossener Ausdruck, Physiognomie, Benehmen und hier
(fhrt mit der Hand um die Stirne) viel, sehr viel. Ich hatte es
sozusagen vorausgeahnt und sage zu Dbtschinski: Hier geht was vor.
Jawohl. Und Dbtschinski hatte schon mit dem Finger gewinkt und den
Wirt, den Wirt Wlas gerufen -- seine Frau kam vor drei Wochen mit einem
strammen Jungen nieder, der mal des Vaters Wirtschaft erben wird. Wie
Wlas kommt, fragt ihn Dbtschinski ganz heimlich: Wer ist dieser junge
Mensch? und Wlas antwortet: Der sagt er ... Ach, so unterbrechen Sie
mich doch nicht in einem fort, Dbtschinski, Sie knnen's ja doch nicht
erzhlen, Sie lispeln ja, ich wei genau, bei Ihnen pfeift ein Zahn ...
Der junge Mensch da, sagt Wlas, das ist ein Beamter, jawohl, kommt
von Petersburg und heit, sagt er, Iwn Alexndrowitsch Chlestakff,
und reist, sagt er, nach Sartoff und fhrt sich, sagt er, ganz
seltsam auf: sitzt schon die zweite Woche hier, geht nie aus, nimmt
alles auf Rechnung und zahlt keinen Kopeken. Wie er das sagt, geht mir
auf einmal ein Licht auf: He! sage ich zu Dbtschinski ...

Dbtschinski. Nein Bbtschinski, ich habe He! gesagt.

Bbtschinski. Zuerst sagten Sie's, danach sagte ich's auch. Also: He!
sagten Dbtschinski und ich. Warum sitzt er hier, wenn er nach Sartoff
soll? Folglich ist _er_ der Beamte.

Polizeimeister. Was, welcher Beamte?

Bbtschinski. Der Beamte, von dem Sie die Nachricht zu empfangen
geruhten -- der Revisor.

Polizeimeister (zusammenfahrend). Was reden Sie da, um Gotteswillen, das
kann er nicht sein!

Dbtschinski. Doch! Geld zahlt er keins und abreisen tut er auch nicht.
Wer sollte es anders sein? Und dabei lautet sein Pa auf Sartoff.

Bbtschinski. Er ist's, er ist's, ganz gewi ... Und was fr eine
Sprnase, alles hat er bemerkt, beobachtete, wie Dbtschinski und ich
Lachs aen -- etwas reichlicher als sonst, weil Dbtschinskis Magen ...
Ja, _so_ hat er auf unsre Teller geschielt. Der Schreck fuhr mir
ordentlich in die Glieder.

Polizeimeister. Herr Gott, erbarme dich ber uns arme Snder! Wo wohnt
er denn da?

Dbtschinski. Auf Nummer fnf, ber die Stiege.

Bbtschinski. In derselben Stube, wo sich voriges Jahr die
durchreisenden Offiziere geprgelt hatten.

Polizeimeister. Ist er schon lange da?

Dbtschinski. An die zwei Wochen; seit Sankt Basilius.

Polizeimeister. Zwei Wochen! (Beiseite.) Gott und alle Heiligen, steht
mir bei! In diesen zwei Wochen ist die Witwe des Unteroffiziers
ausgepeitscht worden, haben die Gefangenen keine Rationen erhalten. Die
Straen voll Dreck und Kot. Schimpf und Schande! (Greift sich an den
Kopf).

Hospitalverwalter. Nun, Antn Antnowitsch, jetzt wird's eben heien:
auf und in Gala nach dem Gasthof.

Kreisrichter. Nein, nein; erst mu der Stadtlteste, die Geistlichkeit
und die Kaufmannschaft vorangeschickt werden; wie schon zu lesen in den
Taten Johanns des Freimaurers ...

Polizeimeister. Nein, nein; berlassen Sie das mir. Mich hat schon
Schwereres im Leben heimgesucht, es ging vorber und ich habe noch Dank
dazu gehabt. Wohlan! Gott wird auch diesmal helfen. (Zu Bbtschinski
gewandt.) Sagten Sie nicht, es sei noch ein junger Mann?

Bbtschinski. Jawohl, so an die dreiundzwanzig oder ein wenig ber
vierundzwanzig.

Polizeimeister. Desto besser, ein junger lt sich leichter auf den Zahn
fhlen; schlimm, wenn's ein alter Satan gewesen wre; junge Leute sind
Windbeutel. Halten Sie sich bereit, meine Herren, ich gehe jetzt alleine
hin -- oder vielleicht hchstens in Dbtschinskis Begleitung, ganz
privatim, um wie auf einem Spaziergang blo mal nachzuschauen, ob die
durchreisenden Fremden keinen Anla zu Beschwerden haben. He,
Swistnoff!

Polizeidiener. Zu Befehl!

Polizeimeister. Hol mir sofort den Polizeiinspektor, oder nein, ich
brauche dich hier. Sag drauen irgendwem, er soll mir so schnell wie
mglich den Polizeiinspektor herbeischaffen und komm gleich zurck.
(Polizeidiener ab.)

Hospitalverwalter. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, es knnte
wirklich was passieren.

Kreisrichter. Was haben denn Sie zu frchten? Reine Nachtmtzen fr die
Kranken und damit holla.

Hospitalverwalter. Wenn's das blo wre! Von rechtswegen sollten die
Kranken Hafersuppe kriegen, und statt dessen ist bei mir auf allen
Korridoren ein solcher Gestank nach Sauerkohl, da man sich die Nase
zuhalten mu.

Kreisrichter. In der Hinsicht bin ich ohne Sorge. Aufs Gericht zu kommen
fllt ja doch keinem ein; und wenn er wirklich in so ein Aktenstck
reinschaut, wird er seines Lebens nicht froh. Ich sitze nun schon
fnfzehn Jahre auf dem Richterstuhl, und wenn ich solch schriftliches
Referat ansehn mu -- ah! ich mache blo so mit der Hand! Selbst Salomo
wrde nicht entscheiden, wo Recht und wo Unrecht ist.

   (Kreisrichter, Hospitalverwalter, Schulinspektor und Postmeister ab
   und kollidieren in der Tr mit dem zurckkehrenden Polizeidiener.)


                                4. Szene

     Polizeimeister. Bbtschinski. Dbtschinski und Polizeidiener.

Polizeimeister. Ist der Wagen bereit?

Polizeidiener. Zu Befehl.

Polizeimeister. Geh hinunter ... oder nein, halt! Geh, hol mir ... Aber
wo sind denn die andern? Bist du denn allein? Ich habe doch befohlen,
da auch Prochroff zur Stelle sei. Wo ist Prochroff?

Polizeidiener. Prochroff ist auf der Wache, ist aber nicht zu brauchen.

Polizeimeister. Warum nicht?

Polizeidiener. Nun so: man brachte ihn heut morgen totbesoffen an; wir
gossen ihm schon zwei Eimer Wasser ber den Kopf, aber bis jetzt hat er
sich noch nicht aufgerappelt.

Polizeimeister (schlgt sich vor den Kopf). Gott, mein Gott! Lauf
schnell auf die Strae, oder nein -- zuerst in mein Schlafzimmer, hrst
du! und bring mir den Degen und die neue Mtze. Kommen Sie,
Dbtschinski!

Bbtschinski. Ich auch, ich auch, bitte, nehmen Sie mich doch auch mit,
Antn Antnowitsch.

Polizeimeister. Nein, nein, Bbtschinski, das geht nicht! Es wre
unbequem, und wir htten zusammen doch keinen Platz im Wagen.

Bbtschinski. Tut nichts, tut nichts: ich springe hupp, hupp, hupp
hinter dem Wagen her; ich mchte blo so hineinblinzeln durch ein
Trritzchen, wie er sich dabei haben wird.

Polizeimeister (den Degen nehmend, zum Polizeidiener). Lauf rasch, nimm
dir Polizisten und jeder soll ... Verflucht, wie der Degen zerschrammt
ist! Dieser hundsfttische Krmer Awdljin -- sieht beim Polizeimeister
den alten Degen und schickt keinen neuen! Infames Pack! Wartet ihr
Halunken, ich will euch mit euren ellenlangen Bittschriften! Jeder soll
sofort eine Strae packen ... Himmeldonnerwetter Strae -- einen Besen
soll er packen und gleich die Strae beim Gasthof reinfegen ... hrst
du! Und du nimm dich in acht! Ich kenne dich, Brschchen: du biederst
dich da an und lt silberne Lffel in deine Stiefelschfte verschwinden
-- sieh dich vor, ich habe feine Ohren! ... Was hast du neulich beim
Kaufmann Tschernjeff ausgefressen? Er schenkt dir zwei Ellen Tuch zur
Uniform, und du maust ihm das ganze Stck -- pa Obacht! Zu so was bist
du noch zu gering! Marsch!


                                5. Szene

                     Die Vorigen. Polizeiinspektor.

Polizeimeister. Um alles in der Welt, Stepn Iljitsch, wo treiben Sie
sich denn herum? Ist das eine Art?

Polizeiinspektor. Ich war gerade nur einen Augenblick vor der Tre.

Polizeimeister. Na, nun hren Sie mal, Stepn Iljitsch! Der bewute
Beamte aus Petersburg ist eingetroffen. Was haben Sie inzwischen
angeordnet?

Polizeiinspektor. Genau was Sie befahlen; ich schickte den Polizeidiener
Pugowzyn mit Polizisten ab, um das Trottoir zu fegen.

Polizeimeister. Und wo ist Djerschimrda?

Polizeiinspektor. Djerschimrda mute nach der Feuerspritze.

Polizeimeister. Und Prochroff ist besoffen!

Polizeiinspektor. Zu Befehl, besoffen.

Polizeimeister. Wie konnten Sie das geschehen lassen?

Polizeiinspektor. Das wei Gott! Gestern gab's vor der Stadt Prgelei --
er ritt hinaus, um Ruhe zu schaffen und kam besoffen zurck.

Polizeimeister. Hren Sie jetzt, was Sie zu tun haben: der Wachtmeister,
gro und stmmig, wie er ist, soll auf der Brcke Posto fassen und auf
Ordnung halten. Lassen Sie den alten Zaun neben dem Schuhmacher abfegen
und ein paar Strohwische draufstecken, damit's so aussieht, als ob dort
planiert werden soll; je mehr Rudera, desto mehr glaubt man an den Eifer
der Stadtverwaltung. Mein Gott, ich verga ja, da man grade neben
diesem Zaun an die vierzig Fuhren Dreck abgeladen hat! O diese
schweinische Stadt! Kaum stellt man irgendwo ein Denkmal oder auch nur
einen Zaun auf, gleich schleppen sie einem dort, der Teufel wei woher,
smtlichen Unrat zusammen! Ja -- und wenn der Revisor unsere Leute
fragen sollte, ob sie zufrieden sind mit ihrem Dienst, da mir die Kerle
gehrig antworten: Vollkommen zufrieden, Exzellenz! Wer sich anders
untersteht, dem will ich spter schon seine Mivergngtheit anstreichen.
(Seufzt.) Ach, ach, ach! Ich armer geschlagener Snder! (Ergreift statt
der Mtze die Hutschachtel.) Gebe nur Gott, da alles gndig
vorbergehe, dann will ich auch eine Wachskerze weihen, so gro, wie sie
noch nie ein Mensch geopfert hat: jede Bestie von Krmer soll mir dazu
drei Zentner Wachs herschaffen. O Gott, o Gott! Vorwrts, Dbtschinski
(will statt der Mtze die Hutschachtel aufsetzen.)

Polizeiinspektor. Antn Antnowitsch, das ist ja die Pappschachtel und
nicht die Mtze.

Polizeimeister (wirft die Schachtel an die Erde). Zum Teufel mit der
Pappschachtel! Und wenn gefragt wird: warum ist die Kirche am Hospital
nicht gebaut, fr die schon vor fnf Jahren die Baugelder angewiesen
wurden, dann hat's ordnungsgem zu heien: sie war schon im Bau, ist
aber wieder abgebrannt. Ich habe seinerzeit darber Rapport erstattet.
Da mir keiner in seiner Dummheit herausplappert, da sie berhaupt
nicht angefangen wurde. Auch mu Djerschimrda eingeschrft werden, da
er mit seinen Fusten nicht allzu derb dreinpfeffert; bei seinem
Ruheschaffen haut er jedem Schuldigen wie Unschuldigen das Feuer aus den
Augen. Fahren wir jetzt, Dbtschinski. (Geht und kommt noch einmal
zurck.) Da man mir auch keinen Soldaten halbnackt auf die Strae lt;
diese Lottergarnison luft immer nur in Hemd und Uniform herum, und
weiter unterwrts ist nichts da. (Alle ab.)


                                6. Szene

       Anna Andrjewna und Mrja Antnowna kommen hereingelaufen.

Anna. Wo, wo sind sie? Ach mein Gott! ... (ffnet die Tr.) Mann! Anton!
Liebster Anton! (Hastig.) Immer du, immer deinetwegen! Diese ewige
Trdelei: Noch eine Stecknadel, noch ein Ltzchen. (Luft zum Fenster
und ruft.) Anton, wohin? Wie? Ist er angekommen? Der Revisor? Mit
Schnurrbart? Schnem Schnurrbart?

Stimme des Polizeimeisters. Nachher, nachher meine Liebe!

Anna. Nachher? Was soll mir nachher! Ich will nicht nachher! ... Nur ein
Wrtchen: ist's ein Oberst? Wie? (Fassungslos) Fort ist er! Das will ich
dir gedenken. Ewig dies: Ach Mamachen, nur noch ein Augenblickchen, nur
noch das Ltzchen feststecken, gleich bin ich fertig. Da hast du dein
gleich! Nichts und nichts erfahren! Alles wegen dieser verwnschten
Koketterie; blo hren, da der Herr Postmeister da ist, und husch vor
den Spiegel und sich erst gehrig zieren und sich hier herumdrehen und
da herumdrehen, ob man auch hbsch genug ist. Bildet sich ein, da er
ihr die Cour schneidet! Grimassen schneidet er dir, sobald du dich nur
umdrehst.

Mrja. Aber, was ist denn da nun zu machen, Mamachen? Es ist doch egal,
binnen zwei Stunden wissen wir ja alles.

Anna. Zwei Stunden? Bedanke mich schnstens! Auf die Antwort durfte ich
ja gefat sein; sag doch gleich: in vier Wochen, da wissen wir's ja noch
bestimmter! (Beugt sich zum Fenster hinaus.) He, Awdtja! Wie? --
Awdtja, hast du's gehrt, wer da angekommen ist? ... Nicht gehrt?
Dumme Gans! -- Er winkt mit der Hand? La ihn winken, hast du ihn
wenigstens gefragt? Nicht verstanden? Natrlich, immer verliebten Kram
im Kopf! -- Wie? Gerade abgefahren! Htt'st nachrennen sollen! Lauf,
lauf rasch! Hrst du, geschwind und frag, wohin sie gefahren sind, aber
genau fragen, wer er ist, wie er aussieht -- hrst du? Guck durch die
Trritze und schau gut nach, auch was er fr Augen hat, schwarze oder
blaue, und in einer Minute bist du wieder hier, verstanden?! Schnell,
schnell, schnell! (Ruft so lange, bis der niedergehende Vorhang die
beiden am Fenster stehenden Frauen den Blicken entzieht.)

                      (Ende des ersten Aufzuges).




                             Zweiter Aufzug


   Kleines Zimmer im Gasthause, ein Bett, Tisch, Handkoffer, eine
         leere Flasche, Stiefel, Kleiderbrste und dergleichen.


                                1. Szene

                  Ossip, liegt auf seines Herrn Bett.

Ossip. Hol's der Schinder, so'n gemeiner Hunger, und im Magen ein Rumor,
als ob da 'n ganzes Regiment 'rumtrompetet. Und kein Fortkommen, nich
mal nach Hause. Was soll nu geschehen! Zwei geschlagene Monat weg von
Petersburg! Verplempert auf der Reise sein Geld, mein sauberes Herrchen,
und jetzt sitzt er da, klemmt den Schwanz ein und macht kusch. Und 's
htt' doch schn gereicht auf die Reise; aber nee, siehste, da mu
berall Staat gemacht werden. (fft ihn nach.) He, Ossip, lauf, nimm
mir das beste Zimmer und bestell mir das feinste Essen, einen
gewhnlichen Mansch kann ich nicht genieen, ich brauche das feinste
Essen. Ein einfacher tchtiger Happen htt' auch gelangt, aber so'n
Leckermaul mu immer was extra's haben. Sich mit Reisenden einlassen und
Karten spielen -- na und dann gehrig reingelegt werden! Eh, die Zucht
hab' ich satt! Da is es doch auf 'm Dorf noch immer besser: freilich,
so'n Stadtgetue gibt's da nu mal nich, aber auch weniger Schererei: man
nimmt sich 'n Weib, liegt immerzu auf der Ofenbank, und lt sich die
Kle schmecken. Nu, 's wird ja keiner abstreiten, und wenn man's bei
Lichte besieht, hat man's wohl in Petersburg doch am besten. Man blo
Geld in der Tasche, dann aber auch 'n pikfeines politisches Leben;
Tehater, tanzende Hunde, alles, was das Herz begehrt. Reden tun sie so
delikat, als ob alles adlig wr'. Geht man auf den Markt, schrein die
Kaufleute: Gndigster Herr! Man steigt in 'ne Fhre, gleich sitzt
neben einem 'n Beamter. Braucht man Unterhaltung, dann nur in den ersten
besten Laden rein: da erzhlt so'n feiner Gardekavalier Schnurren aus 'm
Lagerleben und erklrt einem alle Sterne am Himmel, da man's wie auf
der flachen Hand hat. Eine schrumplige Offiziersfrau fngt an zu
spektakeln; 'n andermal blinzt einem so'n Kammerzfchen zu ... pst, pst!
(Schttelt lchelnd den Kopf.) Der Teufel hol die verliebte Wirtschaft!
-- Nie kriegt man Grobheiten zu hren, alles sagt Sie zu einem. Hat
man's Laufen satt, nimmt man sich 'ne Droschke, setzt sich rein wie 'n
feiner Herr, und wenn man nicht zahlen mag -- keine Sorge; jedes Haus
hat so'n Hinterpfrtchen, da witscht man durch und kein Teufel find't
einen. Blo eins is schlecht: einmal it man sich plumpsatt, 's andere
Mal knnt' man vor Hunger zerspringen, wie zum Beispiel jetzt. Aber
daran is er allein schuld. Was soll man mit ihm machen? Papachen schickt
Geld und denkt, man wird sparen -- i wohin! ... Rumtreiben tut er sich,
fhrt immerzu Droschke, jeden Tag hol' ihm ein Tehaterbillett, aber nach
acht Tagen, hast du nicht gesehn, da mu ich ihm schon den neuen Frack
zum Trdler tragen. Manchmal is er bis aufs letzte Hemd ausgeplndert,
da ihm nur 'n schbiges Rckchen und 'n alter Mantel brig bleibt, wahr
und wahrhaftig! Und so'n feines Tuch, londonisches! Ein einziger Frack
kost't ihm 150 Rubel, und fr 20 schlgt er 'n los; von den Hosen erst
gar nich zu reden, die gibt er umsonst zu! Und warum? Darum, weil er
nichts tut: statt zu arbeiten, fhrt er spazieren auf'm Proschpekt und
spielt Karten. H, wenn das der Alte wte? Der mcht' sich nich drum
kmmern, da du'n Beamter bist, sondern mcht dir's Hemd hochnehmen und
'n paar berziehen, da du dich vier Tage lang jucken knntest. Hast du
'n Dienst, dann dien' auch. Da kommt nu der Wirt und sagt: erst gezahlt,
und hernach kriegt ihr zu essen; nu, und wenn wir nich zahlen?
(Seufzend.) Grundgtiger Gott, und wenn's auch blo 'ne Kohlsuppe wr'!
Ich mcht' wetten, die ganze Welt hat lngst gegessen. -- 's rappelt,
gewi is er's. (Rafft sich vom Bett auf.)


                                2. Szene

                          Ossip. Chlestakff.

Chlestakff. Da, nimm das. (Reicht ihm Hut und Spazierstock.) Wieder auf
meinem Bett gewlzt?

Ossip. Ich und auf'm Bett? Nich mal angesehn hab' ich's.

Chlestakff. Du lgst! Doch hast du's getan! Sieh doch hin, wie's
zerwhlt ist!

Ossip. Was hab' ich vom Bett? Wei ich berhaupt, was 'n Bett is? Ich
hab' ja Beine zum Stehen. Was geht mich Ihr Bett an?

Chlestakff (auf- und abgehend). Schau mal nach, ob noch Tabak im Beutel
ist.

Ossip. Wo soll er denn herkommen, der Tabak? Sie haben ja schon
vorgestern den letzten aufgeraucht.

Chlestakff (auf- und abgehend und immerfort die Lippen aufeinander
pressend, endlich sehr laut und energisch). Hr mal, Ossip!

Ossip. Was befehlen?

Chlestakff (laut, aber weniger energisch). Geh mal runter.

Ossip. Wohin?

Chlestakff (viel leiser und zahmer, beinahe bittend). Hinunter ans
Bfett ... Sag dort ... man mchte mir zu essen schicken.

Ossip. Ach nee, lieber nich.

Chlestakff. Was unterstehst du dich, Schafskopf?

Ossip. Nu ja, ob ich nu geh' oder nich, 's wird ja doch nichts draus.
Der Wirt hat gesagt, er gibt kein Essen mehr.

Chlestakff. Nichts mehr geben will der Kerl? Die Unverschmtheit!

Ossip. Obendrein hat er gesagt: Ich geh' zur Polizei! Dein Herr bezahlt
seit zwei Wochen nich mehr. Und du und dein Herr, sagt er, seid
Spitzbuben, und dein Herr is 'n Gauner.

Chlestakff. Und du Rindvieh freust dich noch gar, mir das
wiederzuerzhlen!

Ossip. Weiter sagt er noch: Da kommt solche Bande hergelaufen, nistet
sich ein, macht Schulden, und hinterher kann man sie nich mal
rausschmeien. Ich, sagt er, ich werde aber nich spaen, ich geh' aufs
Gericht und bring Euch ins Loch!

Chlestakff. Jetzt schweig, Dummkopf! Geh nur, geh, sag's ihm. Dieser
grobe Klotz!

Ossip. Am gescheit'sten, ich hol' Ihnen gleich den Wirt selber herauf.

Chlestakff. Was brauche ich den Wirt? Sag du es ihm alleine.

Ossip. Aber wirklich, Herr ...

Chlestakff. Na, in des Teufels Namen, so geh und rufe den Wirt!

Ossip (ab).


                                3. Szene

                          Chlestakff allein.

Chlestakff. Greulichen Hunger hab' ich! Ein bichen spazieren gegangen;
dachte, der Appetit wird vergehen -- nein; im Gegenteil, hol's der
Satan! Htte ich nur in Pnsa nicht so gelumpt; dann knnte es noch zur
Heimreise langen. -- Dieser Hauptmann hat mich grndlich ausgebeutelt:
wie die Bestie die Volte schlagen konnte! Kaum ein paar Viertelstndchen
gespielt -- und ratzekahl geschoren. Trotz alledem htte ich riesige
Lust, noch einmal mit ihm loszugehen. Leider kann ich auf den Zufall
kaum rechnen. -- Was fr ein ekelhaftes Nest das! In den Obstlden geben
sie nichts auf Pump; es ist geradezu gemein! (Pfeift eine Melodie aus
Robert dem Teufel, dann den roten Sarafan, endlich alles mgliche
durcheinander.) Es scheint niemand kommen zu wollen.


                                4. Szene

                  Chlestakff, Ossip und der Kellner.

Kellner. Der Wirt lt fragen, was Sie wnschen?

Chlestakff. Schnen guten Tag! Na, wie geht's, Freundchen?

Kellner. Danke, ausgezeichnet.

Chlestakff. Und wie steht's in der Wirtschaft? Guter Zuspruch?

Kellner. Danke, alles nach Wunsch.

Chlestakff. Viel Reisende?

Kellner. Danke, ausreichend.

Chlestakff. Hr mal, mein Lieber, man hat mir bis jetzt das Essen nicht
gebracht; sieh doch geschwind zu, da sie sich beeilen -- ich habe
gleich nach Mittag ein dringendes Geschft.

Kellner. Aber der Wirt hat gesagt, er borgt nicht lnger; heute wollte
er sogar schon zum Polizeimeister, um sich zu beschweren.

Chlestakff. Weshalb beschweren? Aber Freundchen, das siehst du doch
selber ein, essen mu ich doch; ich wrde ja sonst verhungern. Ich habe
wirklich starken Appetit -- ganz im Ernst.

Kellner. Zu dienen. Er sagte aber: Zu essen kriegt er nichts, bis er
nicht seine vorige Zeche bezahlt hat. Wort fr Wort.

Chlestakff. Rede ihm doch zu, dir wird er's nicht abschlagen.

Kellner. Wie soll ich ihm denn zureden?

Chlestakff. Setze es ihm nur ganz ernsthaft auseinander, da ich eben
essen _mu_. Von Geld ein andermal ... So ein Bauer bildet sich ein,
wenn ihm ein Tag fasten nichts schadet, knnten's auch andere Leute
vertragen! Unerhrt!

                        (Kellner und Ossip ab.)


                                5. Szene

                          Chlestakff allein.

Chlestakff. Es wre doch niedertrchtig, wenn er mir nichts zu essen
schickte. Einen Hunger hab' ich, wie noch nie. -- Ob man wohl die
Garderobe versetzt? Vielleicht die Beinkleider? Nein, eher noch hungern,
aber wenigstens im Petersburger Kostm nach Haus kommen. Schade, da mir
der Jochim nicht die Karosse herleihen wollte; alle Wetter, das wre
doch ein Spa gewesen, in so einer Staatskutsche heimzureisen und dann
der lieben Nachbarschaft mit dem Ungetm vor die Fenster zu rasseln,
vorn Laternen, hinten Ossip in Livree. Ich kann mir's ordentlich
vorstellen, wie sie da alle aufgesprungen wren! Was ist los? Wer kommt
da? Und mein Lakai tritt herein: (Richtet sich stramm auf und ahmt den
Lakeien nach.) Iwn Alexndrowitsch Chlestakff aus Petersburg, geruht
die Herrschaft zu empfangen? Diese Tlpel, sie ahnen nicht mal, was da
drin liegt: empfangen! Kommt ihnen freilich so ein Hanswurst von
Gutsbesitzer, der tappt natrlich wie ein ungeschlachter Br direkt ins
Zimmer. -- Man nhert sich einer hbschen jungen Dame: Ah, Gndigste,
wie bin ich ... (Reibt sich die Hnde und scharrt mit den Fen.) Tfu!
(Spuckt aus.) Rein bel wird einem vor lauter Hunger!


                                6. Szene

                Chlestakff, Ossip, nachher der Kellner.

Chlestakff. Nun?

Ossip. Das Essen kommt.

Chlestakff (klatscht in die Hnde und ist mit einem Satz auf dem
Stuhl). Das Essen! Das Essen!

Kellner (mit Tellern und Serviette). Der Wirt will es noch ein letztes
Mal geben.

Chlestakff. Wirt hin, Wirt her, ich pfeife auf deinen Wirt! Was bringst
du da?

Kellner. Suppe und Braten.

Chlestakff. Was, blo zwei Gerichte?

Kellner. Blo zwei.

Chlestakff. Schufterei! Ich nehme das nicht an. Sag ihm geflligst, da
das eine Gemeinheit ist! ... Die paar Brocken!

Kellner. Im Gegenteil, der Wirt sagt, das wre berreichlich.

Chlestakff. Und warum keine Sauce?

Kellner. Sauce gibt's nicht.

Chlestakff. Wieso gibt's nicht? Ich habe doch selber gesehen, wie ich
bei der Kche vorbeiging, da eine Masse davon bereitet wurde. Und im
Gastzimmer heute morgen aen zwei alberne Knirpse Lachs und andere
schne Sachen.

Kellner. O ja, da ist es schon, aber es gibt es nicht.

Chlestakff. Wieso nicht?

Kellner. Gibt's eben nicht.

Chlestakff. Und Lachs und Fisch und Kotelettes?

Kellner. Ja, das gibt's eben fr die besseren Leute.

Chlestakff. Ach, du Tropf!

Kellner. Zu dienen.

Chlestakff. Ferkel, garstiges ... Warum essen die, und ich nicht? Soll
ich das nicht knnen, zum Kuckuck? Sind das nicht ebenso gut Reisende
wie ich?

Kellner. Oh, das wei man schon, da die anders sind.

Chlestakff. Wieso anders?

Kellner. O ganz einfach: die bezahlen eben auch.

Chlestakff. Mit dir Schafskopf mag ich nichts weiter zu schaffen haben.
(Giet sich Suppe ein und it.) Was ist denn das fr Suppe? Reines
Wasser hast du in die Terrine gegossen! Schmeckt nach gar nichts, riecht
blo. Ich mag diese Suppe nicht, bring mir eine andere.

Kellner. Dann nehmen wir sie zurck. Der Wirt sagte, wenn Sie sie nicht
wnschten, brauchten sie auch keine.

Chlestakff (hlt abwehrend die Hand darber). Nu, nu, nu ... weg,
Dummkopf! Solche Manieren kannst du bei deinen Leuten anbringen: ich bin
von anderem Schlage! Mit mir rate ich's dir nicht ... (It.) Gott, o
Gott, was fr eine Suppe! (It weiter.) Ich glaube, kein Mensch auf der
ganzen Welt hat jemals solche Suppe gegessen; statt Fettaugen schwimmen
Federn darauf rum. (Schneidet ein Huhn an.) Grlich, so was nennt sich
Huhn! Gib den Braten! Hier ist etwas Suppe brig geblieben, nimm dir's,
Ossip. (Zerschneidet den Braten.) Das soll Braten sein? Das ist kein
Braten.

Kellner. Was denn sonst?

Chlestakff. Der Teufel mag wissen was, aber Braten ist's nicht. Eine
geschmorte Axt vielleicht, aber kein Rindfleisch. (It.) Gauner,
Kanaillen, damit wollen Sie einen fttern? Die Kinnladen zerschindet man
sich, wenn man nur einen Bissen kaut. (Stochert mit den Fingern in den
Zhnen.) Schufte! Die reine Baumrinde -- man kriegt's gar nicht wieder
heraus; nur die Zhne werden einem schwarz davon; Halunken! (Wischt sich
mit der Serviette den Mund.) Und weiter gibt's nichts?

Kellner. Nein.

Chlestakff. Kanaillen! Spitzbuben! Nicht mal einen Lffel Sauce oder
Pasteten. Gauner! Ziehen den Reisenden nur das Fell ber die Ohren.

Kellner (rumt zusammen und trgt mit Ossip die Teller hinaus).


                                7. Szene

                        Chlestakff. Dann Ossip.

Chlestakff. Absolut, als wenn ich nichts gegessen htte; der Appetit
ist nur noch strker. Htt' ich wenigstens einen lumpigen Dreier, um mir
vom Markt eine Semmel holen lassen zu knnen.

Ossip (tritt herein). Drauen ist da so was wie 'n Polizeimeister
angekommen, der sich nach Ihnen erkundigt.

Chlestakff (erschrocken). Da haben wir die Bescherung! Hat mich diese
Bestie von Wirt doch schon verpetzt! Was nun, wenn er mich wirklich ins
Loch steckt! In ein standesgemes Gewahrsam vielleicht ... Nein, nein,
ich will nicht! Auf der Strae treiben sich viele Offiziere und Volks
umher, und gerade vorhin erst habe ich ihnen den feinen Ton vorgemacht
und mit einem Kaufmannstchterchen angebandelt ... nein, ich will nicht
... Aber wie kommt er berhaupt dazu, was untersteht er sich denn
eigentlich? Wofr hlt er mich? Wohl gar fr einen Krmer oder
Handwerker? (Mut fassend und sich aufrichtend). Ich sag's ihm aber
direkt ins Gesicht: Wie knnen Sie sich ... (Die Trklinke bewegt
sich, Chlestakff erbleicht und knickt zusammen).


                                8. Szene

             Chlestakff. Polizeimeister und Dbtschinski.

   (Polizeimeister tritt herein und bleibt stehen; beide betrachten
        einander mehrere Minuten mit weit aufgerissenen Augen).

Polizeimeister (rafft sich etwas zusammen und grt militrisch).
Gehorsamster Diener!

Chlestakff (sich verbeugend). Ganz ergebenster!

Polizeimeister. Verzeihen Sie!

Chlestakff. Keine Ursache ...

Polizeimeister. Es ist meine Schuldigkeit als oberster Beamter dieser
Stadt dafr Sorge zu tragen, da die Herren Reisenden und
Standespersonen keine Plackereien ...

Chlestakff (anfangs stotternd, allmhlich in sicherem Tone). Was soll
man aber machen ...? Ich habe keine Schuld ... ich zahle bestimmt ...
ich erwarte Geld von zu Hause. (Bbtschinski schielt durch die Tr.) Er
treibt's ja noch schlimmer: schickt mir Rindfleisch, so zh, wie'n
Knppel; und die Suppe -- der Teufel wei, was er da rein gemanscht
hatte, ich mute sie zum Fenster hinausgieen. Er hungert mich frmlich
aus ... Und ein unglaublicher Tee, riecht nach Hering, aber nicht nach
Tee. Und da sollte ich ... das fehlte gerade noch!

Polizeimeister (furchtsam). Verzeihen Sie, ich habe wahrhaftig keine
Schuld. Wir haben sonst immer gutes Rindfleisch auf dem Markte --
Kaufleute aus Cholmogr bringen es, nchterne und brave Leute. Ich
begreife nicht, wo er dergleichen her hat. Aber wenn man es hier woran
fehlen lassen sollte ... Gestatten Sie mir, Ihnen den Vorschlag zu
machen, in meiner Begleitung ein anderes Quartier zu beziehen.

Chlestakff. Nein, das will ich nicht! Ich wei wohl, was Sie mit dem
andern Quartier meinen: das Gefngnis. Wie knnen Sie es wagen? ... Ich,
ich ... ein Petersburger Beamter ... (stolz) Ich ... ich ... ich ...

Polizeimeister (beiseite). Barmherziger Gott, wie er aufgebracht ist; er
hat alles erfahren, die verfluchten Kaufleute haben ihm alles
hinterbracht!

Chlestakff (noch khner). Und wenn Sie mit Ihrer ganzen Truppe
anrcken, ich gehe nicht! Ich wende mich direkt an den Minister!
(Schlgt mit der Faust auf den Tisch.) Wer sind Sie denn? Wer sind Sie
denn?

Polizeimeister (sich windend und am ganzen Leib zitternd). Erbarmen Sie
sich. Verderben Sie mich nicht! Mein Weib, meine unmndigen Kinder ...
machen Sie mich nicht unglcklich!

Chlestakff. Nein, ich tu's dennoch nicht! Das wre ja noch schner! Was
geht das mich an? Weil Sie Weib und unmndige Kinder haben, soll ich ins
Gefngnis? Vorzglich! (Bbtschinski steckt den Kopf durch die Tr und
zieht ihn erschrocken zurck.) Nein, danke verbindlichst, ich will
nicht!

Polizeimeister (zitternd). Nur Unerfahrenheit, nichts wie
Unerfahrenheit! Unzureichende Pflichterfllung. Urteilen Sie selbst, das
Diensteinkommen langt kaum fr Tee und Zucker. Gelegentliche kleine
Douceurs sind doch nur eine Bagatelle: Kleinigkeiten fr den Hausstand,
oder ein paar Anzge. Was die Unteroffizierswitwe betrifft, die sich mit
Hausierhandel befate, und die ich soll haben durchpeitschen lassen, so
ist das nichts wie Verleumdung, bei Gott, Verleumdung; das haben meine
Feinde ersonnen, niedertrchtiges Volk, das mir nach dem Leben trachten
mchte.

Chlestakff. Ja aber, ich habe doch nichts mit denen zu schaffen ...
(berlegend.) Ich verstehe berhaupt nicht, was Sie da von
Bsewichtern und einer Unteroffizierswitwe reden ... Das mit dieser
Unteroffizierswitwe ist eine Sache fr sich -- mich aber werden Sie
nicht auspeitschen drfen, so hoch stehen Sie nicht ... Seh doch einer
den Herrn! ... Zahlen werde ich, aber augenblicklich habe ich kein Geld.
Darum sitze ich ja hier fest, weil ich keinen Kopeken habe.

Polizeimeister (beiseite). Wie schlau eingefdelt! Welch feines
Versteckspiel! Wie er sich verstellt! Errate das, wer kann! Ich sehe
nicht mehr, wie ihm beizukommen ist. Immerhin versuchen, geht's nicht,
dann komme was will, probiert aber mu es werden. (Laut.) Sollten Sie
aber Geld oder sonst etwas ntig haben, dann stehe ich augenblicklich zu
Diensten. Es ist meine Pflicht, den Herren Reisenden beizuspringen.

Chlestakff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort
den Wirt. Zweihundert Rubel gengen mir, auch weniger.

Polizeimeister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte
bemhen Sie sich nicht erst nachzuzhlen.

Chlestakff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen
postwendend von Hause zurck ... mir war ganz zufllig ... Ich sehe, Sie
sind ein anstndiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders
aus.

Polizeimeister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird's wohl
glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!

Chlestakff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum
Polizeimeister und Dbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte,
setzen Sie sich! (Zu Dbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich
bitte recht sehr!

Polizeimeister. Keine Ursache, wir knnen ebenso gut stehen.

Chlestakff. So machen Sie mir doch das Vergngen und setzen Sie sich!
Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Gte Ihres
Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfnglich gemeint, Sie kmen um
mich ... (Zu Dbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und
Dbtschinski setzen sich; Bbtschinski schielt durch die Tr und
horcht.)

Polizeimeister (beiseite). Man mu dreister vorgehen. Er wnscht, da
man sein Inkognito respektiert. Schn, spielen wir die Komdie mit, tun
wir, als ob wir nicht wten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausbung
meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwnowitsch
Dbtschinski, Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich
zu berzeugen, ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich
bin total anders als sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar
nicht kmmern; ich dagegen wnsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht,
schon aus christlicher Nchstenliebe, da ein jeder hier eine gute
Aufnahme findet -- und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese
willkommene Bekanntschaft.

Chlestakff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie htte ich wahrhaftig
lange hier sitzen knnen; ich wute nicht mehr, womit ich bezahlen
sollte.

Polizeimeister (beiseite). I rede du nur zu! Wute nicht, womit
bezahlen! (Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen
gedenken?

Chlestakff. Ich reise ins Gouvernement Sartow, auf mein Familiengut.

Polizeimeister (beiseite mit ironischem Lcheln). Ah? und errtet nicht
einmal! Oh, bei dem mu man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein hchst
anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege bereitet
das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch fteren Mangel an
Postpferden, dafr aber auf der anderen Seite auch viel schne
Zerstreuung. Sie reisen vermutlich nur zum Vergngen!

Chlestakff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrielich, da
ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich
ein, da man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladmir ins
Knopfloch zu bekommen. Ich gnnte es ihm, sich selber mal in so einer
Kanzlei herumzuschlagen.

Polizeimeister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt?
Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange
zu verweilen?

Chlestakff. Ich wei selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist
eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber
kurz und bndig sagen: wie du wnschst, aber ohne Petersburg kann ich
nicht leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern
verkommen! Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele drstet
nach Licht.

Polizeimeister (beiseite). Unglaublich, wie dick der auftrgt! Eine Lge
nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so
schmchtiges Brschchen, da man ihn mit dem kleinen Finger plattdrcken
knnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden fhren! (Laut.)
Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch anstellen? Da
lobe ich mir wenigstens ein Stdtchen wie das unsre: nachts kein Auge
zu, man plagt sich fr sein Vaterland, gnnt sich keinerlei Schonung,
ohne die leiseste Hoffnung, knftig einmal Dank dafr zu ernten. (Blickt
im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?

Chlestakff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch nie
erlebt habe: beien wie die Hunde.

Polizeimeister. Nicht mglich! Ein so erlauchter Gast und derartig
unerhrten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwrdiger Wanzen, die es
berhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in
diesem Zimmer ist!

Chlestakff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit, keine
Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen
poetischen Gedanken zu Papier bringen -- unmglich: Nacht, schwarze
Nacht.

Polizeimeister. Drfte ich mich erkhnen, Ihnen eine Bitte vorzutragen
... doch nein, ich bin dessen nicht wrdig.

Chlestakff. Was ist's denn?

Polizeimeister. Nein, nein, ich bin nicht wrdig, bin nicht wrdig!

Chlestakff. Na, heraus damit, was ist's?

Polizeimeister. Ich wollte mich erkhnen ... Ich habe in meinem Hause
ein fr Sie vorzglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein,
ich fhle es selbst, es wre der Ehre zu viel fr mich, zrnen Sie mir
nicht, ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.

Chlestakff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit grtem
Vergngen an. In einem Privathaus fhle ich mich bei weitem behaglicher
als in dieser Schankbude.

Polizeimeister. Ich bin hoch entzckt! Und wie wird sich erst meine Frau
freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte, aber
herzliche Gastfreundschaft, vorzglich gegen erlauchte Personen. Seien
Sie berzeugt, da dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist;
nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem
Herzen.

Chlestakff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzngigen
Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berhren mich uerst
sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als
Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.


                                9. Szene

   Die Vorigen und der Kellner, von Ossip geleitet. Bbtschinski
                         guckt zur Tr herein.

Kellner. Sie geruhten mich rufen zu lassen?

Chlestakff. Ja, bring mir die Rechnung.

Kellner. Ich habe sie Ihnen aber doch erst vor kurzem berreicht.

Chlestakff. Was wei ich von deinen dummen Rechnungen. Wieviel macht's?

Kellner. Am ersten Tage geruhten Sie ein Diner einzunehmen, am zweiten
Tage aen Sie blo Lachs -- und von da an lieen Sie alles auf Rechnung
gehen.

Chlestakff. Schafskopf! Mu das noch einmal vorrechnen! Was macht's im
Ganzen?

Polizeimeister. Bitte machen Sie sich doch keine Umstnde: der Kerl kann
warten. (zum Kellner.) Scheer dich hinaus, man wird's schicken!

Chlestakff. In der Tat, das ist das vernnftigste. (Steckt das Geld
wieder ein; der Kellner ab; Bbtschinski schielt durch die Tr.)


                               10. Szene

               Polizeimeister. Chlestakff. Dbtschinski.

Polizeimeister. Wrden Sie jetzt vielleicht geneigt sein, einige unserer
stdtischen Anstalten zu besichtigen, etwa die Hospitler und anderes?

Chlestakff. Was gibt's denn da zu sehen?

Polizeimeister. Nun, Sie knnten da zum Beispiel einen Einblick gewinnen
in die Art unserer Verwaltung ... die Reinlichkeit ...

Chlestakff. Mit dem grten Vergngen, bin gern bereit. (Bbtschinski
steckt den Kopf durch die Tr.)

Polizeimeister. Und von dort knnte man sich, wenn Sie es wnschen
sollten, zur Kreisschule begeben, um die Ordnung, in der sich der
Unterricht vollzieht, in Augenschein zu nehmen.

Chlestakff. Schn, schn.

Polizeimeister. Dann, falls Sie das Gefngnis und die stdtischen
Arrestlokale zu besuchen wnschten -- knnten Sie sich berzeugen, wie
bei uns die Verbrecher gehalten werden.

Chlestakff. Gefngnis? -- ach wozu? Sehen wir uns dann doch lieber die
Hospitler an.

Polizeimeister. Ganz wie Sie wnschen. Befehlen Sie Ihre eigene Equipage
oder nehmen Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorlieb?

Chlestakff. Na, ich fahre dann schon besser mit Ihnen zusammen.

Polizeimeister (zu Dbtschinski). Pjtr Iwnowitsch, nun habe ich fr
Sie keinen Platz.

Dbtschinski. O bitte, hat nichts zu sagen!

Polizeimeister (leise zu Dbtschinski). Hren Sie, laufen Sie, aber was
Ihre Beine laufen knnen, und bestellen Sie mir zwei Billetts, eins an
Semljanka ins Hospital, das andere meiner Frau. (Zu Chlestakff.) Darf
ich Sie um die Erlaubnis bitten, in Ihrer Gegenwart eine Zeile an meine
Frau zu richten, damit sie sich zur Aufnahme eines so geschtzten Gastes
vorbereiten kann?

Chlestakff. Aber weshalb denn? ... brigens Tinte ist vorhanden, nur
wei ich nicht, ob Papier ... Vielleicht auf dieser Rechnung?

Polizeimeister. Gengt vollkommen! (Schreibt und spricht whrend dieser
Zeit vor sich hin.) Nun wollen wir doch einmal sehen, wie die Sache nach
dem Frhstck und ein paar tchtigen Flaschen in Gang kommen wird. Wir
haben da so einen hiesigen Madeira, uerlich ganz harmlos, aber
krftig, um einen Elefanten umzuwerfen. Wenn ich nur herausbekme, was
er ist und von welcher Seite man sich vor ihm in acht nehmen mu.
(bergibt das Papier Dbtschinski: dieser wendet sich zur Tre, aber im
selben Augenblick bricht diese aus den Angeln und fliegt zusammen mit
dem dahinter horchenden Bbtschinski auf die Szene. Alle stoen einen
Ruf der berraschung aus. Bbtschinski erhebt sich.)

Chlestakff. Oh, haben Sie sich verletzt?

Bbtschinski. Durchaus nicht, durchaus nicht, habe fast nichts
abbekommen, nur ber der Nase eine unbedeutende Schramme. Ich laufe
gleich zum Doktor Hbner; er hat ein groartiges Pflaster, da heilt's
geschwind.

Polizeimeister (macht Bbtschinski ein Zeichen des Vorwurfs; zu
Chlestakff). Das hat gar nichts auf sich. Bitte untertnigst
voranzugehen. Ich werde Ihren Diener bescheiden, da er den Koffer
hinberbringt. (Zu Ossip.) Mein Freundchen, trage das alles zu mir
herber, zum Polizeimeister, jeder kann dich hinweisen. Bitte
untertnigst! (Lt Chlestakff den Vortritt und folgt ihm; im
Hinausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt in vorwurfsvollem Ton
zu Bbtschinski.) Sie sind mir auch der Rechte! Konnten sich keinen
besseren Ort zum Hinpflanzen aussuchen! Und auf allen vieren wie -- wei
der Teufel wie! (Ab. Bbtschinski hinterher. Der Vorhang fllt.)

                      (Ende des zweiten Aufzuges.)




                             Dritter Aufzug


                  Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug


                                1. Szene

   Anna Andrjewna und Mrja Antnowna am Fenster in der gleichen
               Haltung wie am Schlu des ersten Aufzuges.

Anna Andrjewna. Da lauern wir nun schon eine geschlagene Stunde, und
alles nur wegen deiner albernen Ziererei: war deine Toilette nicht
lngst fertig -- aber nein, da mu immer noch getrdelt werden ... Noch
nichts von ihr zu hren. Rein zum Verdrieen! Nirgends eine Seele, wie
auf Verabredung! Als wenn alles ausgestorben wre!

Mrja Antnowna. Aber wirklich, Mama, in zwei Minuten erfahren wir
alles. Awdtja mu gleich wiederkommen. (Blickt aus dem Fenster und ruft
aus.) Ach Mama, Mama, da kommt jemand, da, am Ende der Strae.

Anna Andrjewna. Wo, wo? -- Was du auch ewig phantasierst! -- Nun ja
doch, es kommt jemand. Wer mag das sein? Untersetzt ... im Frack ... Wer
ist das? Wer? Man knnte umkommen vor rger! Wer ist es denn nun?

Mrja Antnowna. Dbtschinski ist's, Mamachen!

Anna Andrjewna. Ach was, Dbtschinski! Immer diese Einbildungen! Nicht
entfernt Dbtschinski. (Winkt mit dem Taschentuch.) Heda Sie, hierher,
rasch!

Mrja Antnowna. Ganz gewi, Mama, Dbtschinski!

Anna Andrjewna. Nur um widersprechen zu knnen. Du hast gehrt, es ist
nicht Dbtschinski!

Mrja Antnowna. Na und nun, Mama? Siehst du, es ist doch Dbtschinski.

Anna Andrjewna. Nun ja doch, Dbtschinski, jetzt seh ich's auch; warum
streitest du denn? (Ruft aus dem Fenster.) Schnell, schnell, sputen Sie
sich doch! Wie steht's, wo sind sie? Wie? Antworten Sie doch gleich von
da, ganz egal! Na, wohl sehr streng? Wie? Und mein Mann, mein Mann?
(rgerlich vom Fenster zurcktretend.) Tlpel der, wird nichts reden,
bis er nicht mitten im Zimmer steht!


                                2. Szene

                       Die Vorigen. Dbtschinski.

Anna Andrjewna. Nun, so reden Sie doch geflligst, haben Sie denn kein
Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen
ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis
diesen Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen.
Schmen Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wnitschka und
Ihre Lsotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?

Dbtschinski. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um Ihnen
gefllig zu sein, da mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster Diener,
Mrja Antnowna!

Mrja Antnowna. Guten Tag, Pjotr Iwnowitsch!

Anna Andrjewna. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht drben
vor?

Dbtschinski. Antn Antnowitsch schickt Ihnen dieses Billett.

Anna Andrjewna. Nun und er? Natrlich ein General?

Dbtschinski. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie
General. Eine Bildung und ein Auftreten!

Anna Andrjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann geschrieben
wurde?

Dbtschinski. Eben derselbe! Ich und Bbtschinski haben das zuallererst
entdeckt.

Anna Andrjewna. Weiter, weiter, was geschah weiter?

Dbtschinski. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antn
Antnowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte:
im Gasthofe wre alles miserabel, und er wrde sich nicht seinetwegen
ins Gefngnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, da Antn
Antnowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verstndigt
hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf -- und Gott sei Dank,
alles lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu
besichtigen ... aber wahrhaftig, Antn Antnowitsch schienen bereits
befrchtet zu haben, da man ihn denunziert htte. Ich selber bekam es
so ein bichen mit der Angst.

Anna Andrjewna. Wovor haben Sie sich denn zu frchten? Sie sind doch
kein Beamter!

Dbtschinski. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter spricht,
fhrt's einem doch in die Glieder.

Anna Andrjewna. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun, und wie
sieht er aus? Alt, jung?

Dbtschinski. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an dreiundzwanzig;
aber reden tut er wie ein alter. Sehn Sie, sagt er, ich reise da und
dahin ... (Gestikulierend.) Alles so berlegen. Ich schreibe auch,
meint er, und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer
behindert mich etwas.

Anna Andrjewna. Und im ueren -- brnett oder blond?

Dbtschinski. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein Luchs,
um das Zittern zu kriegen.

Anna Andrjewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest):
Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, da meine Lage sehr
kritisch war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit fr zwei
gesalzene Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel
fnfundzwanzig Kopeken ... (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was
sollen hier gesalzene Gurken und Kaviar?

Dbtschinski. Ach, Antn Antnowitsch benutzten in der Eile ein
beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.

Anna Andrjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) doch im Vertrauen auf
Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glcklichen Ausgang hoffen. La
schnell ein Zimmer fr den illustren Gast einrichten, das mit den gelben
Tapeten; fr Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital
bei Artmij Filppowitsch; nur Wein la recht viel kommen; sag dem
Kaufmann Awdljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm
seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handku, mein Herz, verbleibe ich
dein Antn Skwsnik-Dmuchnowski. Ach mein Gott! Jetzt heit's aber
eilen! He, niemand da? Mschka!

Dbtschinski (luft und ruft durch die Tr). Mschka! Mschka! Mschka!
(Mschka kommt herein.)

Anna Andrjewna. Hr mal, lauf zum Kaufmann Awdljin ... warte, ich gebe
dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht
whrenddem). Diesen Zettel gibst du dem Kutscher Sdor, er soll zum
Kaufmann Awdljin rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir
dies Zimmer hbsch in Ordnung fr einen Gast. Stell ein Bett auf, einen
Waschtisch und so weiter.

Dbtschinski. Und ich, Anna Andrjewna, will hinlaufen und zusehn, wie
er inspiziert.

Anna Andrjewna. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.


                                3. Szene

                  Anna Andrjewna und Mrja Antnowna.

Anna Andrjewna. Nun, Mscha, jetzt mssen wir an unsere Toilette
denken. Er ist ein Residenzler: Gott bewahre uns davor, von ihm
irgendwie belchelt zu werden. Du solltest am besten dein blaues Kleid
mit den schmalen Volants anziehen.

Mrja Antnowna. Fi, Mama, das blaue! Das kann ich nicht leiden: die
Ljpkin-Tjpkin geht schon in einem blauen und Frulein Semljanka geht
auch in einem blauen. Nein, ich ziehe lieber das geblmte an.

Anna Andrjewna. Das geblmte! ... wirklich, du sprichst nur um zu
widersprechen. Das andere stnde dir viel besser, weil ich mein
strohfarbenes anziehen will; ich schwrme fr das strohfarbene.

Mrja Antnowna. Aber Mama, das strohfarbene steht dir ja gar nicht!

Anna Andrjewna. Mir nicht stehn?

Mrja Antnowna. Nein, es steht dir nicht, ich wette was du willst, es
steht dir nicht; dafr mu man dunkle Augen haben.

Anna Andrjewna. Nun wird's reizend! Ich und keine dunklen Augen? Die
dunkelsten von der Welt! Was schwatzt du fr einen Unsinn! Wieso nicht
dunkel, wenn doch beim Kartenlegen fr mich immer Treffdame herauskommt?

Mrja Antnowna. Ach Mamachen, viel fter doch Coeurdame!

Anna Andrjewna. Possen! Nichts als Possen! Ich war nie Coeurdame!
(Verlt mit Mrja Antnowna in Eile das Zimmer und spricht noch hinter
der Szene.) Was das fr Phantasien sind, Coeurdame! Soll der Himmel
wissen, was das ist! (Nach ihrem Abgang ffnet sich die seitliche Tr
und Mschka wirft einen Haufen Kehricht heraus. Durch die andere Tr
tritt, einen Handkoffer auf dem Kopfe, Ossip herein.)


                                4. Szene

                           Mschka und Ossip.

Ossip. Wo damit hin?

Mschka. Hierher, Kamerad, hierher!

Ossip. Wart, la mich erst verschnaufen. Miserables Leben das! Auf'n
leeren Magen is jeder Packen 'ne Last.

Mschka. Na, Kamerad, kommt der General bald?

Ossip. Was fr'n General denn?

Mschka. Na, dein Herr.

Ossip. Mein Herr? Der 'n General?

Mschka. Na, is er denn kein General?

Ossip. General schon, aber vom andern Ende rauf.

Mschka. Is das nu mehr oder weniger als 'n eigentlicher General?

Ossip. Mehr.

Mschka. Siehste wohl! Darum auch das Halloh im Hause.

Ossip. Hr mal, Kleiner; ich seh, du bist 'n flinker Junge -- schaff
doch unser einem 'n Happen zu essen!

Mschka. Nee, Kamerad, fr euch is noch nichts fertig; unsre Hauskost
werd't Ihr ja nich anrhren, aber wenn sich dein Herr erst zu Tisch
setzt, kriegst du auch dein Teil ab.

Ossip. Na und Hauskost, was gibt's denn da bei euch so?

Mschka. Kohlsuppe, Grtze und Fleischkuchen.

Ossip. Kohlsuppe, Grtze und Fleischkuchen -- her damit! Egal, e ich
alles. Na, denn rin mit dem Koffer. Is da noch'n Ausgang?

Mschka. Freilich. (Beide tragen den Koffer ins Nebenzimmer.)


                                5. Szene

   Polizeidiener ffnen beide Trflgel. Herein tritt Chlestakff,
   gefolgt vom Polizeimeister; weiter zurck Hospitalverwalter,
   Schulinspektor, Dbtschinski und Bbtschinski, mit einem Pflaster
   auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein am
   Boden liegendes Stck Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben
          und stoen dabei vor Eifer mit den Kpfen zusammen.

Chlestakff. Vortreffliche Anstalten! Es gefllt mir besonders gut, da
man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswrdigkeiten
einfhrt. In andern Stdten hat man mir gar nichts gezeigt.

Polizeimeister. In andern Stdten, so wage ich zu behaupten, haben
Behrden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das
darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und
Frsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.

Chlestakff. Das Frhstck war ausgezeichnet; ich habe mich ordentlich
beressen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?

Polizeimeister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.

Chlestakff. Ich esse gern mal gut. Dafr lebt man ja doch schlielich,
um die Blte des Daseins zu pflcken. Wie hie doch noch der Fisch?

Hospitalverwalter (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.

Chlestakff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett, nicht
wahr?

Hospitalverwalter. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.

Chlestakff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken
sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.

Hospitalverwalter. Hchstens zehn Mann, mehr nicht; die brigen sind
alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzglichen Ordnung. Seitdem
ich die Verwaltung bernahm -- es wird Ihnen freilich kaum glaubhaft
erscheinen -- seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen. Kaum kommt
ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das weniger
durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.

Polizeimeister. Und wie aufreibend -- verzeihen Sie die Khnheit -- wie
aufreibend die verantwortungsvolle Ttigkeit eines Stadtoberhauptes!
Sachen jeder Art hufen sich, um nur der ffentlichen Bauten, der
Reparaturen und der Straenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der
klgste Mann kme in Verlegenheit -- doch, Gott sei Dank, hier bei uns
geht alles wie am Schnrchen. Ein andrer Polizeimeister wrde da
zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir
glauben, da ich jeden Abend vor dem Schlafengehen fr mich bete: Herr,
mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne
und zufriedengestellt sei! ... Selbstverstndlich ist es ihr freier
Wille, ob sie mich belohnen will oder nicht, aber ich fr mein Teil habe
wenigstens ein reines Gewissen. Ist die Stadt berall wohlbestellt, sind
die Straen gesubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene
zu sehen ... was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen
strebe ich nicht. Gewi haben sie viel Verlockendes, aber vor der Tugend
sind sie nichts wie eitel Nichtigkeit und Staub.

Hospitalverwalter (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott
schenke mir solche Gabe!

Chlestakff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere
zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlpft
mir auch mal ein Vers.

Bbtschinski (zu Dbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das
alles, Pjotr Iwnowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht's, der hat die
Bildung studiert.

Chlestakff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine
sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein Spielchen
Karten machen knnte?

Polizeimeister (beiseite). Seht doch das Fchschen, will einem Steine
ber den Zaun werfen! (Laut.) Gott behte! Solche Gesellschaften kennt
man hier kaum vom Hrensagen. Ich habe berhaupt noch nie Karten
angefat, wei nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch
nicht mit ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufllig so einen
Karo-Knig oder dergleichen vor Augen kriege, dann berkommt mich solch
Ekel, da ich geradezu ausspucken mu. Einmal hatte ich den Kindern zu
Gefallen ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mute ich die ganze
Nacht von dem Plunder trumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur
seine kostbare Zeit daran verschwenden ...

Schulinspektor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert
Rubel abgeknpft!

Polizeimeister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.

Chlestakff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hngt eben
alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man
z. B. gerade in dem Augenblick pat, wo man htte _va banque_ spielen
sollen ... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen
hat so ein kleines Spielchen was sehr Verlockendes.


                                6. Szene

           Die Vorigen. Anna Andrjewna und Mrja Antnowna.

Polizeimeister. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Familie vorzustellen:
meine Frau, meine Tochter.

Chlestakff (sich verneigend). Wie glcklich bin ich, Gndigste,
meinerseits das Vergngen zu haben, Sie begren zu drfen.

Anna Andrjewna. Wir sind noch weit entzckter, eine so hohe Person
begren zu drfen.

Chlestakff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gndigste, im Gegenteil,
mir ist es noch weit willkommener.

Anna Andrjewna. Nein, wie ist's mglich! Sie sagen das sicherlich nur
aus Galanterie. Bitte untertnigst Platz zu nehmen.

Chlestakff. Neben Ihnen zu stehen, Gndigste, bedeutet schon Glck;
wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzckt
bin ich, endlich neben Ihnen sitzen zu drfen.

Anna Andrjewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu beziehen ...
Ich denke, nach der Residenz mssen Sie die Exkursiong nach hierher sehr
unangenehm empfunden haben.

Chlestakff. uerst unangenehm! Daran gewhnt, _comprenez-vous_, in der
groen Welt zu leben und sich dann pltzlich auf der Landstrae
wiederfinden -- schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe,
ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andrjewna und
spielt den Galanten) ... fr alles entschdigt ...

Anna Andrjewna. In der Tat, Sie mssen das sehr unangenehm empfunden
haben!

Chlestakff. Oh, in diesem Augenblick, Gndigste, finde ich es sehr
angenehm!

Anna Andrjewna. Aber wie ist's nur mglich! Zuviel der Ehre ... ich
verdiene es durchaus nicht.

Chlestakff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie verdienen
es, Gndigste, wirklich, Sie verdienen es.

Anna Andrjewna. Ich lebe auf dem Dorfe ...

Chlestakff. Oh, auch das Dorf hat seine hbschen runden Hgel und
stillen Bche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit
Petersburg vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie
denken vielleicht, ich wre blo so ein kleiner Aktenschreiber -- nicht
entfernt! Ich stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fue.
Der schlgt mir dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: Na,
Kollege, Mahlzeit! Ins Departement komme ich hchstens fr zwei
Minuten, nur um dort Anweisungen zu geben -- das so, das so, das so. Da
steht gleich so ein Sekretr, flink wie eine Ratte, setzt blo die Feder
an -- kri-kri, kri-kri, kri-kri, das fliegt nur so! Man wollte mich
sogar zum Kollegien-Assessor machen, na, ich wei genau warum. Und der
Portier kommt mir noch auf die Treppe nachgelaufen und ruft: Erlauben
Sie, Iwn Alexndrowitsch, da ich Ihnen erst die Stiefel subere! (Zum
Polizeimeister.) Aber warum stehen Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen
Sie sich doch!

Polizeimeister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.

Hospitalverwalter. Wir knnen auch stehen.

Schulinspektor. Bitte bemhen Sie sich doch nicht. (Alle drei
gleichzeitig.)

Chlestakff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und
alle anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemhe mich sogar mglichst
unbemerkt durchzuschlpfen, aber unmglich sich zu verbergen, rein
unmglich! Kaum trete ich wo heraus, gleich heit's: Ei, da ist ja Iwn
Alexndrowitsch! Einmal hielten sie mich sogar fr den
Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und
prsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter
Bekannter von mir: Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig fr
den Oberkommandierenden gehalten.

Anna Andrjewna. Nun sagen Sie blo!

Chlestakff. Hbsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch verschiedene
Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit Puschkin
bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm: Na,
Puschkinchen, wie geht's? Na, wie soll's gehn, Kollege, meint er
dann, danke, es macht sich. Ein Original, dieser Puschkin.

Anna Andrjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll mu sich
doch ein Schriftsteller fhlen! Sie verffentlichen gewi auch in
Journalen?

Chlestakff. O ja, auch in Journalen. Ich habe brigens schon eine Menge
Schriften verfat: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ... kaum
da ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem rmel
geschttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die
Theaterdirektoren setzen einem zu: Liebster, Bester, schreib uns doch
was! Ich berlege bei mir: Na, wollen mal sehn. Und dann ist's an
einem einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende
Phantasie. Alles, was unter dem Namen Baron Brambeus ging: Fregatte
Hoffnung und Moskauer Telegraph ... das war alles von mir.

Anna Andrjewna. Ach, also Sie waren Brambeus?

Chlestakff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse.
Smrdin zahlt mir 40000 dafr.

Anna Andrjewna. Dann ist sicherlich auch der Jrij Miloslwski von
Ihnen?

Chlestakff. Ganz gewi.

Anna Andrjewna. Das hatte ich mir gleich gedacht!

Mrja Antnowna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: von Sagskin!

Anna Andrjewna. Wute ich's doch, da du selbst hier streiten wrdest!

Chlestakff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagskin; aber es
gibt noch einen andern Jrij Miloslwski, und der ist der meinige.

Anna Andrjewna. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen. Wie
prachtvoll geschrieben!

Chlestakff. Offen gestanden, ich lebe fr die Literatur. Ich fhre das
erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwn
Alexndrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch
das Vergngen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind,
bitte, bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Blle.

Anna Andrjewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glnzend
diese Blle sein mssen!

Chlestakff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum Beispiel
eine Wassermelone -- das heit, so eine fr siebenhundert Rubel. Die
Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man hebt
den Deckel ab -- ein Duft, wie es nichts Kstlicheres in der Welt gibt!
Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie:
der Minister der auswrtigen Angelegenheiten, der franzsische
Botschafter, der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeien uns oft
derart ins Spiel, da man's kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach
Haus und klettert in seine vierte Etage hinauf -- kann man grade noch
zur Kchin stammeln: Mawrscha, den berzieher ... Was plappere ich denn
-- ich verga ja, ich wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch
sehr interessant, mein Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens
erhoben habe: da drngen sich Grafen und Frsten und sumsen wie die
Hummeln, man hrt nur: sum, sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ...
(Polizeimeister und die brigen Herren erheben sich ehrfurchtsvoll von
den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an Seine Exzellenz
... Einmal habe ich sogar das Departement geleitet. Das war ganz
komisch; der Chef war verreist, keiner wute wohin. Nun ging natrlich
das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfllen? Viele
Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen -- nein, zu schwer!
Es scheint ganz leicht, aber nher zugesehn -- unmglich, hol's der
Teufel! Kaum sehn sie, da es nicht geht -- zu mir! Und im selben
Augenblick durch die Straen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie
sich blo vor: fnfunddreiigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch,
welche Situation! Auf, Iwn Alexndrowitsch, aufs Departement! Ich
war, offen gestanden, etwas verblfft, kam im Schlafrock heraus, wollte
absagen, denke mir aber: wenn das bis vor Majestt kommt, na, und das
Avancement ... Schn, meine Herren, ich komme, ich komme, sage ich,
abgemacht, ich komme; aber da mir keiner, na, na, na! ich habe feine
Ohren, ich will euch ... Gesagt, getan: ich quer durchs Departement,
das reine Erdbeben, alles schwankt und zittert wie Espenlaub.
(Polizeimeister und die brigen beben vor Schreck; Chlestakff erhitzt
sich noch strker.) O ich spae nicht; ich habe es ihnen allen
beigebracht! Selbst der Staatsrat frchtet sich vor mir. Warum auch
nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rcksicht ... Zu
jedem sage ich: Ich wei alleine Bescheid! Ich bin berall, berall.
Jeden Tag fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch...
(schwankt und fllt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten
ehrfurchtsvoll gesttzt.)

Polizeimeister (tritt nher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu
sprechen). Aber E... E... E...

Chlestakff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?

Polizeimeister. Aber E... E... E... E...

Chlestakff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.

Polizeimeister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas
auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.

Chlestakff. Bldsinn -- ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr
Frhstck, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden ....
(mit Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom
Polizeimeister.)


                                7. Szene

           Die Vorigen auer Chlestakff und Polizeimeister.

Bbtschinski. Das ist ein Mann, Pjotr Iwnowitsch! Das heit doch ein
Mann! Noch nie im Leben habe ich vor einer so bedeutenden Persnlichkeit
gestanden; vor Furcht bin ich fast gestorben. Was glauben Sie, Pjotr
Iwnowitsch, welchen Rang mag er wohl bekleiden?

Dbtschinski. Ich meine zum mindesten General.

Bbtschinski. Ich meine jedoch, ein General reicht dem nicht an die
Gamaschen! Und wenn selbst General, dann mindestens Generalissimus. Sie
hrten ja, wie er den Staatsrat angeblasen hat. Kommen Sie, erzhlen
wir's rasch Amms Fjdorowitsch und Korbkin. Empfehle mich, Anna
Andrjewna!

Dbtschinski. Empfehle mich, Frau Gevatterin! (Beide ab.)

Hospitalverwalter (zum Schulinspektor). Seltsam, hchst seltsam,
weshalb, das wei ich selbst nicht. Und wir sind nicht einmal in Gala!
Was dann, wenn er erwacht und sofort darber nach Petersburg berichtet?
(Verlt mit dem Schulinspektor nachdenklich das Zimmer; im
Hinausgehen:) Empfehlen uns, Gndigste!


                                8. Szene

                  Anna Andrjewna und Mrja Antnowna.

Anna Andrjewna. Ach, was fr ein reizender junger Mann!

Mrja Antnowna. Ach und wie lieb!

Anna Andrjewna. Und diese vornehmen Manieren! Man merkt doch gleich den
Grostdter! Haltung und alles von einer Feinheit ... Ach, wie
entzckend! Ich schwrme fr dergleichen junge Mnner! Wirklich, ich bin
ganz auer mir. Ich habe brigens Eindruck auf ihn gemacht; ich bemerkte
es wohl, er sah immer nach mir hin.

Mrja Antnowna. Aber Mama, _mich_ hat er angesehen!

Anna Andrjewna. Bleib mir geflligst fort mit deinem Unsinn! Der ist
hier berflssig!

Mrja Antnowna. Nein, wirklich, Mama!

Anna Andrjewna. Natrlich! Gott bewahre mich, alles mu sie abstreiten!
Jetzt schweig aber mal still! Er und dich ansehn? Weshalb htte er dich
ansehn sollen?

Mrja Antnowna. Ganz gewi, Mama, immerfort hat er mich angesehen. Als
er von der Literatur anfing, da sah er mich an, und nachher, wie er
erzhlte, da er mit den Botschaftern Whist spielt, da sah er mich auch
an.

Anna Andrjewna. Nun, kann sein, vielleicht so einmal, aber dann
hchstens etwa so: Na, sehen wir uns die auch mal an!


                                9. Szene

                    Die Vorigen und Polizeimeister.

Polizeimeister (tritt auf den Fuspitzen herein). Pst ... pst ...

Anna Andrjewna. Wie steht's?

Polizeimeister. Es ist mir doch fatal, da er sich bernommen hat.
Indes, und wenn auch nur die Hlfte von dem, was er gesagt hat, wahr
ist? (berlegend.) Warum sollte es denn auch nicht wahr sein? Im Rausch
offenbart der Mensch alles: wes das Herz voll ist, des geht der Mund
ber. Freilich, ein bichen geflunkert hat er schon; aber ohne Flunkern
kommt schlielich keine vernnftige Unterhaltung zustande. Mit den
Ministern spielt er Karten und fhrt zu Hofe ... Wahrhaftig, je mehr man
darber nachdenkt ... wei der Teufel, was in meinem Schdel vorgeht;
mir ist gerade so, als ob ich hoch oben auf einem Glockenturme stnde --
oder gehngt werden sollte.

Anna Andrjewna. Ich fr mein Teil habe mich durchaus nicht befangen
gefhlt: ich sah in ihm lediglich den gebildeten, weltgewandten,
vornehmen Mann, sein Rang geht mich dabei gar nichts an.

Polizeimeister. So seid ihr eben alle -- ihr Weiber! Alles ist gleich in
schnster Ordnung, da gengt ein einziges Wrtchen! Euch ist alles --
Spielkram! Das plappert bald so, bald so. Und habt ihr euch verheddert,
seht doch, wie sie da nach dem teuren Gatten schreien! Du, meine
Verehrteste, hast ihn eben leider so harmlos genommen, wie irgend einen
beliebigen Dbtschinski.

Anna Andrjewna. Sei bitte meinetwegen ganz ohne Sorge. Ich wei
vollkommen, was sich schickt! (wirft dabei einen bedeutsamen Blick auf
die Tochter.)

Polizeimeister (fr sich). Mit euch auch reden! ... Aber wahrhaftig,
dieser ganze Fall! Ich kann mich noch immer nicht vom Schreck erholen.
(ffnet die Tr und ruft hinaus) Mschka! Ruf die Polizeidiener
Swistnoff und Djerschimrda: sie mssen hier irgendwo beim Tore sein.
(Nach lngerem Schweigen.) Sonderbar, wie es jetzt in der Welt zugeht;
wenn es wenigstens ansehnliche Kerle wren, aber so ein unscheinbares,
schmchtiges Herrchen -- wie soll man da herausbekommen, was er ist? Ein
Militr ist immer noch was Greifbares; zieht er aber den Frack an --
dann schaut er aus wie eine Fliege mit ausgerupften Flgeln. Hat sich
vorhin im Gasthof lange genug verbarrikadiert und mit so viel
Anspielungen und Zweideutigkeiten geplnkelt, da man's in Ewigkeit
nicht htte zusammenreimen knnen. Nun hat er endlich die Waffen
gestreckt. Hat sogar noch mehr geredet, als ntig war. Eins ist
wenigstens sicher: der ist noch sehr jung!


                               10. Szene

        Die Vorigen und Ossip. Alle laufen ihm winkend entgegen.

Anna Andrjewna. Komm doch mal her, mein Lieber!

Polizeimeister. Pst! ... Wie steht's? Schlft er?

Ossip. Nein, er reckt sich noch 'n bissel.

Anna Andrjewna. Hr mal, mein Lieber, wie heit denn du?

Ossip. Ossip, Gndigste.

Polizeimeister (zu Frau und Tochter). Lat schon, lat! (Zu Ossip) Nun,
Freundchen, hat man dich ordentlich versorgt?

Ossip. Gut versorgt, allerschnsten Dank, tchtig versorgt.

Anna Andrjewna. Sag doch mal: dein Herr bekommt wohl oft Besuch von
Grafen und Frsten?

Ossip (zur Seite). Was red't man da nu? Haben sie einen jetzt gut
gefttert, fttern sie einen hernach vielleicht noch besser. (Laut). Ja,
auch Grafen kommen.

Mrja Antnowna. Ach, Ossipchen, wie reizend ist doch dein Herr!

Anna Andrjewna. Sag doch, Ossip, dein Herr ist wohl ...

Polizeimeister. So hrt doch mal auf! Ihr strt mich nur mit euren
albernen Fragen. Na Freundchen ...

Anna Andrjewna. Und welchen Rang hat denn dein Herr?

Ossip. Na den gewhnlichen.

Polizeimeister. Mein Gott, ewig diese Fragereien! Kein Wort kann man zur
Sache reden. Nun, mein Freund, wie ist denn so dein Herr? ... Streng?
Schimpft er auch mal gerne oder nicht?

Ossip. O ja, auf Ordnung hlt er sehr. Alles mu bei ihm auf die Minute
gehn.

Polizeimeister. Du gefllst mir recht gut, Freundchen! Du mut ein
braver Mensch sein. Sag mal ...

Anna Andrjewna. Ach, Ossip, was trgt denn dein Herr dort, Uniform oder
...

Polizeimeister. Ruhe, zum Donnerwetter, ihr Plappermuler! Hier ist's
dringend, hier geht's um ein Menschenleben .... (Zu Ossip.) Also,
Freundchen, du gefllst mir sehr gut; auf der Reise trinkt man gern mal
ein Glschen Tee; kalt ist's auerdem; da hast du ein paar Blanke fr
Tee.

Ossip (nimmt das Geld). Ah, danke allerschnstens, gndiger Herr! Gott
schenke Ihnen alle Gesundheit! Wie gut Sie zu 'n armen Menschen sind.

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, ich bin selbst sehr froh. Sag mal
-- --

Anna Andrjewna. Hr doch, Ossip, was fr Augen gefallen deinem Herrn am
besten? ...

Mrja Antnowna. Ach, Ossipchen, was fr ein liebes Nschen dein Herr
hat!

Polizeimeister. So schweigt doch schon, lat mich doch endlich! ... (Zu
Ossip). Jetzt sag mal, Freund: worauf achtet dein Herr am meisten, will
sagen, was behagt ihm auf der Reise am meisten?

Ossip. Genau besehn, alles was kommt. Am meisten aber liebt er's, wenn
man ihn schn aufnimmt und gehrig verpflegt.

Polizeimeister. So so?

Ossip. Ja so. Und sehn Sie, ich bin doch nur 'n Leibeigner, aber er pat
auch auf, da ich's gut kriege. Freilich. Wir kommen wohin: Na, Ossip,
gut bewirtet worden? Schlecht, Hochwohlgeboren! Sieh mal, der
miserable Wirt. Du, meint er, erinnere mich dran, wenn wir heim
kommen. Ah, denk ich bei mir, (mit einer Handbewegung) la ihn
laufen! Ich bin 'n friedlicher Mensch!

Polizeimeister. Schn, schn, sehr vernnftig, was du da sagst. Eben gab
ich dir was fr Tee, da nimm noch was fr Zwieback.

Ossip. Zu gndig, Hochwohlgeboren! (Steckt das Geld ein.) Da trink ich
mal auf Ihre Gesundheit.

Anna Andrjewna. Komm her, lieber Ossip, nimm auch von mir das.

Mrja Antnowna. Ach Ossipchen, gib deinem Herrn fr mich einen Ku!
(Aus dem Nebenzimmer hrt man ein leichtes Husten Chlestakffs.)

Polizeimeister. Pst! (Erhebt sich auf den Fuspitzen.) Knnt ihr denn
gar keine Ruhe halten! Geht, geht, es ist genug ...

Anna Andrjewna. Komm Mscha! Ich mu dir was erzhlen, ich habe an
unserm Gaste was bemerkt, was man nur unter vier Augen wiedersagen kann.

Polizeimeister. Was die sich auch immer zu erzhlen haben! Einmal
hinhren und sich sofort die Ohren verstopfen! (Wieder zu Ossip
gewendet.) Na, mein Freund ...


                               11. Szene

               Die Vorigen. Djerschimrda und Swistnoff.

Polizeimeister. Pst! Wie diese verdammten vierschrtigen Bren mit den
Stiefeln stampfen. Das drhnt, als ob einer vierzig Zentner vom
Lastwagen herabwirft! Welcher Satan schickt euch her?

Djerschimrda. Wir kamen auf Befehl ...

Polizeimeister. Pst! (Hlt ihm den Mund zu.) Wie das Rabenvieh krchzt!
(schttelt ihn.) Wir kamen auf Befehl! Brllt wie aus einer Tonne! (Zu
Ossip.) Geh, Freundchen, besorge dort das deinige und verfge ber
alles, was das Haus bieten kann. (Ossip ab.) Und ihr -- ihr habt mir auf
der Treppe zu stehen, und nicht von der Stelle gerhrt! Und keinen
Unbefugten hereingelassen, vor allem keine Kaufleute! Lat ihr auch nur
einen herein, dann ...! So wie ihr seht, da jemand mit einer
Beschwerdeschrift kommt, oder wenn er auch nur so aussieht, als ob er
eine Beschwerde ber mich einreichen will, dann ohne weiteres eins ins
Genick! So! tchtig! (Machts ihnen mit dem Fue vor.) Verstanden? Pst!
... Pst! ... (Geht auf den Zehen hinaus, die Polizeidiener vor sich
herschiebend.)

                      (Ende des dritten Aufzuges.)




                             Vierter Aufzug


            (Dasselbe Zimmer im Hause des Polizeimeisters.)


                                1. Szene

   Es treten auf -- behutsam auf den Fuspitzen: Kreisrichter,
   Hospitalverwalter, Postmeister, Schulinspektor, Dbtschinski,
   Bbtschinski, (smtlich in voller Gala. Die ganze Szene geht im
                         Flsterton vor sich.)

Kreisrichter (stellt alle im Halbkreis auf). Um Gotteswillen, meine
Herren, schnell einen Halbkreis gebildet, und mehr Richtung! Ein
gefhrlicher Herr: fhrt zu Hofe und schnauzt den Staatsrat an! Stellen
Sie sich in Schlachtordnung! Sie Pjotr Iwnowitsch, stellen sich
hierher.

         (Beide Pjotr Iwnowitsch eilen auf den Zehen herbei.)

Hospitalverwalter. Gestatten Sie, Amms Fjdorowitsch, man sollte doch
zuvor etwas versuchen.

Kreisrichter. Und was denn?

Hospitalverwalter. Na, was ganz bekanntes.

Kreisrichter. Schmieren?

Hospitalverwalter. Nun ja doch, schmieren.

Kreisrichter. Das ist gefhrlich, das spricht sich 'rum: ein
Staatsbeamter! Vielleicht in Form einer Widmung seitens des Adels --
irgendein Andenken.

Postmeister. Oder einfach so: Schaun Sie, Euer Gnaden, da ist Geld auf
der Post eingegangen, aber keiner wei, wem's gehrt.

Hospitalverwalter. Passen Sie dann nur auf, da er Sie nicht mit der
Post weiter wohin befrdert. Nein, hren Sie, in einem wohlgeordneten
Staate behandelt man derartige Dinge anders. Wozu braucht's denn hier
der ganzen Schwadron? Einzeln mu man sich vorstellen, und dann unter
vier Augen ... wie sich's eben gehrt; die Ohren drfen nichts davon
merken! So ist das in der guten Gesellschaft hergebracht. Sie, Amms
Fjdorowitsch, mten den Anfang machen.

Kreisrichter. Nein, besser Sie; in Ihrer Anstalt hat der hohe Besuch
doch auch gespeist.

Hospitalverwalter. Dann eher noch Lka Lkitsch in seiner Eigenschaft
als Erleuchter der Jugend.

Schulinspektor. Nein ich kann nicht, ich kann nicht, meine Herren! Offen
gestanden, ich bin so ngstlich, da ich, wenn ein hherer Beamter mit
mir redet, gleich den Kopf verliere und mir die Zunge im Halse stecken
bleibt. Nein, meine Herren, lassen Sie mich aus, lassen Sie mich aus!

Hospitalverwalter. Ja, dann bleiben eben nur Sie, Amms Fjdorowitsch.
Sie haben ja auch einen Redeflu, um den Sie Cicero beneiden knnte.

Kreisrichter. Warum nicht gar! Cicero! Was Sie sich auch ausdenken! Wenn
ich mich auch manchmal hinreien lasse beim Gesprch ber Jagd- und
Schweihunde ...

Alle (ihn umdrngend). Nein, nein, nicht nur von Hunden, Sie knnen
sogar vom babylonischen Turm ... Nein, Amms Fjdorowitsch, lassen Sie
uns nicht im Stich, seien Sie unser Vater! Nein, Amms Fjdorowitsch!

Kreisrichter. Lassen Sie mich frei, meine Herren!

   (Im selben Augenblick hrt man im Nebenzimmer Schritte und Husten
   Chlestakffs. Alle rennen um die Wette nach der Tr und drngen
   sich, um schnell hinauszukommen, was nicht ohne gegenseitige
             Pffe abgeht; man hrt unterdrckte Ausrufe.)

Stimme Bbtschinskis. Au! Dbtschinski, Dbtschinski! Meine Hhneraugen!

Stimme des Hospitalverwalters. Herrschaft lat los, lat los, Ihr
quetscht mir ja die Seele aus dem Leibe!

   (Man hrt noch weitere Ausrufe ai! au! Endlich haben sich alle
                durchgedrckt, und das Zimmer ist leer.)


                                2. Szene

       Chlestakff allein; tritt herein mit verschlafenen Augen.

Chlestakff. Ich mu ganz tchtig geschnarcht haben. Wo sie blo alle
diese Matratzen und Federbetten herhaben mgen? Geschwitzt habe ich
sogar. Mir scheint, ich habe mir gestern beim Frhstck einen ziemlichen
Schwips zugelegt: noch bis jetzt brummt mir der Schdel. Ich sehe, man
kann hier seine Zeit auf die angenehmste Weise verbringen. Ich liebe die
Gastlichkeit und schtze sie noch hher, wenn ich mehr aus natrlicher
Herzensgte und weniger mit besonderen Hintergedanken bewillkommnet
werde. Zudem ist dies Tchterchen des Polizeimeisters durchaus nicht so
bel, und selbst bei der Mama knnte man noch ganz gut ... Alles in
allem ... wahrhaftig, diese Art Leben behagt mir.


                                3. Szene

                     Chlestakff und Kreisrichter.

Kreisrichter (tritt ein, bleibt stehen und spricht fr sich). Gott, mein
Gott! Hilf mir aus dieser Klemme; meine Knie brechen mir vor Angst.
(Laut, Haltung nehmend und die Hand am Degen.) Habe die Ehre mich
vorzustellen: Ljpkin-Tjpkin, Kollegienassessor und Richter des
hiesigen Kreises.

Chlestakff. Bitte nehmen Sie Platz! So, Sie sind Richter hier?

Kreisrichter. Vor zwanzig Jahren wurde ich auf Vorschlag des Adels fr
drei Jahre gewhlt und verwalte mein Amt bis auf den heutigen Tag.

Chlestakff. Das ist wohl ein recht eintrglicher Posten?

Kreisrichter. Nach zweimaliger Wiederwahl erhielt ich den Wladmir
vierter Klasse nebst einer Belobigung seitens meiner vorgesetzten
Behrde. (Beiseite.) Wie mir das Geld zwischen den Fingern brennt!

Chlestakff. Der Wladmir ist mir sehr sympathisch; der Annenorden
dritter reicht da nicht heran.

Kreisrichter (streckt die geschlossene Hand ein wenig weiter vor;
beiseite). Gott im Himmel, ich wei nicht mehr, wo ich bin, ich sitze
wie auf glhenden Kohlen!

Chlestakff. Was haben Sie da in der Hand?

Kreisrichter (verliert den Kopf und lt die Scheine auf den Boden
fallen). O nichts.

Chlestakff. Wieso nichts? Da fiel doch Geld hin.

Kreisrichter (am ganzen Leibe zitternd). D -- d -- durchaus nicht!
(Beiseite.) O Gott! Jetzt bin ich gerichtet, der Henkerwagen wartet
schon.

Chlestakff (das Geld aufhebend). Natrlich ist das Geld.

Kreisrichter (beiseite). Nun bin ich verloren, total verloren!

Chlestakff. Ach wissen Sie, leihen Sie mir das Geld!

Kreisrichter (eilfertig). Wie ... wie ... mit dem grten Vergngen!
(Beiseite.) Mut, Mut, heilige Mutter Gottes, steh mir bei!

Chlestakff. Sehen Sie, ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt;
dies und jenes ... ich schicke es Ihnen brigens von Hause gleich wieder
zurck.

Kreisrichter. Absolut unntig! An sich schon welche Ehre ... Mit meinen
schwachen Krften der Obrigkeit in Eifer und Hingabe ... zu dienen
bereit ... (erhebt sich vom Stuhle, in Haltung und die Hand am Degen.)
Ich wage nicht, Sie lnger durch meine Gegenwart zu belstigen. Hatten
Sie noch irgendwelche Befehle zu erteilen?

Chlestakff. Was fr Befehle?

Kreisrichter. Ich meine -- Befehle an den hiesigen Kreisrichter!

Chlestakff. Wozu? Ich habe augenblicklich gar kein Verlangen nach ihm;
nein, durchaus nicht, danke verbindlichst.

Kreisrichter (sich verneigend und im Hinausgehen beiseite). Die Festung
ist erobert!

Chlestakff (nach seinem Abgang). Ein freundlicher Mann, dieser
Kreisrichter!


                                4. Szene

   Chlestakff. Postmeister (tritt ein, in Gala und aufrechter
                      Haltung, die Hand am Degen).

Postmeister. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Postmeister und Hofrat
Schpkin!

Chlestakff. Ah, sehr willkommen! Ich liebe angenehme Gesellschaft.
Setzen Sie sich. Leben Sie bestndig hier?

Postmeister. Zu dienen.

Chlestakff. Mir gefllt Ihr Stdtchen. Es ist freilich nicht sehr
bevlkert -- aber was tut das? Es ist ja doch keine Residenz, nicht
wahr? Es ist ja doch keine Residenz?

Postmeister. Vollkommen richtig.

Chlestakff. Den _bon ton_ gibt's doch eben nur in der Residenz, die hat
auch keine Provinzgnse. Was ist Ihre Meinung, wie?

Postmeister. Durchaus die nmliche! (Beiseite.) Scheint gar nicht stolz
zu sein; erkundigt sich nach allem.

Chlestakff. Sagen Sie mal aufrichtig: auch in einer kleinen Stadt lt
es sich wohl ganz hbsch leben?

Postmeister. O gewi.

Chlestakff. Ich meine so, was braucht man weiter? Man braucht nur
geachtet und geliebt zu sein -- nicht wahr?

Postmeister. Sehr richtig bemerkt.

Chlestakff. Ich bin wirklich recht erfreut, da Sie so ganz meiner
Meinung sind. Ich gelte allerdings fr einen Sonderling, aber das ist
nun mal meine Charakteranlage. (Sieht ihm in die Augen und spricht fr
sich.) Ob ich diesen Postmeister wohl anpumpen kann? (Laut.) Was mir da
komisches passiert ist! Ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt.
Knnten Sie mir vielleicht dreihundert Rubel leihen?

Postmeister. Aber sofort! Mit dem grten Vergngen! Haben Sie die Gte.
Stehe bereitwilligst zu Diensten.

Chlestakff. Sehr verbunden! Offen gestanden, es ist mir in den Tod
zuwider, mich auf der Reise einschrnken zu sollen; wozu auch? Nicht
wahr?

Postmeister. Sehr richtig. (Erhebt sich, in aufrechter Haltung und die
Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie lnger mit meiner Gegenwart zu
belstigen ... Htten Sie einige Anweisungen hinsichtlich des
Postdienstes?

Chlestakff. Nein, nichts. (Postmeister verneigt sich und geht ab.)

Chlestakff (eine Zigarre anzndend). Der Postmeister scheint auch ein
recht netter Mensch zu sein; zum mindesten sehr gefllig. Solche Leute
liebe ich.


                                5. Szene

   Chlestakff und Schulinspektor, der fast zur Tr hereingestoen
   wird. Hinter ihm hrt man eine ziemlich laute Stimme: Hasenfu!

Schulinspektor (in zitternder Haltung, die Hand am Degen). Habe die
Ehre, mich vorzustellen: Schulinspektor und Titularrat Chlpoff.

Chlestakff. Ah, sehr willkommen! Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz!
Zigarre gefllig? (Reicht ihm eine Zigarre.)

Schulinspektor (unschlssig, fr sich). Hast du nicht gesehn! Darauf war
ich nicht vorbereitet. Was nun?

Chlestakff. Nehmen Sie, nehmen Sie nur; ganz anstndiges Kraut.
Natrlich nicht so wie in Petersburg. Sehn Sie, mein Verehrtester, dort
rauche ich so gewhnlich das Kistchen zu fnfundzwanzig Rubel, tadellos,
man leckt sich ordentlich die Lippen danach. Hier ist Feuer, bitte
schn. (Reicht ihm das Licht.)

Schulinspektor (versucht zu rauchen und schlottert am ganzen Leibe).

Chlestakff. Aber Sie rauchen ja verkehrt!

Schulinspektor (lt vor Schreck die Zigarre fallen, spuckt aus und weht
sich mit der Hand vor dem Gesicht; fr sich). Hol das alles doch der
Teufel! Diese verfluchte Schchternheit!

Chlestakff. Sie scheinen kein Freund von Zigarren zu sein. Ich freilich
habe offen gesagt geradezu eine Schwche dafr. Es geht mir damit so wie
mit dem schnen Geschlecht, ich kann da absolut nicht gleichgltig sein.
Und Sie? Was mgen Sie mehr, die Brnetten oder Blondinen?

Schulinspektor (schwebt in vlliger Ratlosigkeit, was er sagen soll).

Chlestakff. Nein, frei heraus, Brnette oder Blondinen?

Schulinspektor. Ich wage keine Ansicht ...

Chlestakff. Nein, nein, keine Ausrede! Ich will unbedingt Ihren
Geschmack kennen lernen!

Schulinspektor. Dann wrde ich mir ergebenst zu bemerken gestatten ...
(Beiseite.) Ich wei ja selber nicht was; alles dreht sich mir im Kopfe
herum.

Chlestakff. Aha! Sie wollen es nicht sagen! Gewi hat's Ihnen so eine
kleine Brnette angetan! Hab' ich recht?

Schulinspektor (schweigt).

Chlestakff. Ja, ja, Sie errten, sehen Sie wohl! Warum gestehn Sie's
denn nicht?

Schulinspektor. Meine Befangenheit, Ew. Wohl... Hochwohl... Exzell...
(Beiseite.) Lt mich doch richtig die verdammte Zunge im Stich!

Chlestakff. Befangenheit! In der Tat, ich habe in meinen Augen so ein
gewisses Etwas, das befangen macht. Wenigstens wei ich genau, da kein
Weib ihm zu widerstehen vermag. Nicht wahr?

Schulinspektor. Ganz zweifellos!

Chlestakff. Da ist mir ein seltsamer Fall passiert -- ich habe mich auf
der Reise ganz verausgabt. Knnten Sie mir wohl dreihundert Rubel
leihen?

Schulinspektor (greift in die Tasche; fr sich). Schne Blamage, wenn
ich jetzt nichts bei mir htte! Ist da! Ist da! (Zieht die Scheine
heraus und berreicht sie zitternd.)

Chlestakff. Herzlichen Dank!

Schulinspektor. Ich wage nicht, Sie lnger mit meiner Gegenwart zu
belstigen.

Chlestakff. Leben Sie wohl.

Schulinspektor (eilt fast laufend hinaus und spricht beiseite). Nun Gott
sei Dank! der guckt mir nicht in meine Klassen hinein!


                                6. Szene

   Chlestakff. Hospitalverwalter, in Haltung und die Hand am Degen.

Hospitalverwalter. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Hospitalverwalter
und Hofrat Semljanka.

Chlestakff. Schnen guten Tag, bitte nehmen Sie geflligst Platz.

Hospitalverwalter. Ich hatte gestern die Ehre, Sie persnlich empfangen
und Ihnen in der meiner Aufsicht anvertrauten Anstalt aufwarten zu
drfen.

Chlestakff. Ach ja, ich erinnere mich. Sie gaben mir ein vorzgliches
Frhstck.

Hospitalverwalter. Ich bin glcklich, dem Vaterlande dienen zu knnen.

Chlestakff. Offen gestanden, es ist das meine schwache Seite -- ich
liebe eine gute Kche. Sagen Sie doch mal, mir scheint -- waren Sie
nicht gestern ein Endchen kleiner, wie?

Hospitalverwalter. Sehr wohl mglich. (Nach kurzer Pause.) Ich darf es
aussprechen, da ich mit grter Aufopferung und Hingebung meinen Dienst
erflle. (Rckt nher und spricht halblaut.) Sehen Sie, der hiesige
Postmeister tut gar rein gar nichts; alles ist gnzlich verwahrlost:
Sendungen werden unterschlagen ... bitte nur selbst einmal nachzusehen.
Auch der Kreisrichter, der eben vor mir drin war, geht immer nur auf die
Hasenjagd, hlt seine Hunde im Gerichtslokal, und seine Moral, wenn ich
es vor Ihnen bekennen darf -- indessen zum Wohle des Vaterlandes mu ich
es tun, obwohl er mein Anverwandter und Freund ist -- seine Moral ist
die denkbar schlechteste. Hier lebt ein Hausbesitzer Dbtschinski, Sie
geruhten ihn bereits bemerkt zu haben, und wenn dieser Dbtschinski nur
einen Schritt aus seinem Hause tut, gleich ist der Kreisrichter drin und
treibt mit seiner Frau ... ich kann es beschwren ... Sie brauchen sich
da nur mal die Kinder anzusehen: keins von ihnen gleicht dem
Dbtschinski, aber alle, sogar das jngste Tchterchen, sind dem
Kreisrichter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Chlestakff. Was Sie sagen! Das htte ich nie gedacht!

Hospitalverwalter. Und dann der Schulinspektor. Ich verstehe nicht, wie
die Obrigkeit ihm solch ein Amt anvertrauen konnte. Er ist schlimmer als
ein Jakobiner und bringt der Jugend derartig verwerfliche Grundstze
bei, da es schwer zu beschreiben ist. Befehlen Sie, da ich darber ein
schriftliches Memorandum aufsetze?

Chlestakff. Schn, jedenfalls schriftlich. Es wird mir sehr willkommen
sein. Wissen Sie, ich liebe es sehr, fr langweilige Stunden etwas
Erbauliches zum Lesen zu haben ... Wie heien Sie doch? Ich vergesse
immer alles.

Hospitalverwalter. Semljanka.

Chlestakff. Ach ja, Semljanka. Sagen Sie, haben Sie Kinder?

Hospitalverwalter. Freilich, ganze fnf, zwei schon erwachsen.

Chlestakff. So, so, auch schon erwachsene! Na und die ... welchen
Geschl...?

Hospitalverwalter. Sie geruhten wahrscheinlich zu fragen, wie sie
heien?

Chlestakff. Ja wohl, wie sie heien.

Hospitalverwalter. Nikoli, Iwn, Elisabeth, Mrja und Perpetua.

Chlestakff. Famos.

Hospitalverwalter. Ich wage nicht, Sie lnger durch meine Gegenwart zu
belstigen und Ihnen kostbare Zeit zu rauben, die den heiligsten
Pflichten gewidmet ist ... (Verneigt sich und will abtreten.)

Chlestakff (Gibt ihm das Geleit). Nein, durch aus nicht. Das ist ja
alles sehr spahaft, was Sie mir da erzhlt haben. Machen Sie mir bald
wieder das Vergngen ... ich hre so etwas sehr gerne. (Geht schnell
wieder zur Tre, ffnet sie und ruft hinter ihm her.) He Sie! Wie heien
Sie doch noch? Ich vergesse alles, wie heien Sie mit Vor- und
Vaternamen?

Hospitalverwalter. Artmij Filppowitsch.

Chlestakff. Tun Sie mir den Gefallen, Artmij Filppowitsch, mir ist
ein komischer Fall begegnet: ich gab mich auf der Reise vollstndig aus.
Knnten Sie mir wohl vierhundert Rubel leihen?

Hospitalverwalter. Zu dienen.

Chlestakff. Wie gut sich das trifft! Danke verbindlichst!


                                7. Szene

              Chlestakff. Dbtschinski und Bbtschinski.

Bbtschinski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner hiesiger Stadt,
Pjotr Iwnowitsch Bbtschinski junior.

Dbtschinski. Hausbesitzer Pjotr Iwnowitsch Dbtschinski junior.

Chlestakff. Sieh da, wir kennen uns ja bereits! Mir scheint, Sie fielen
damals hin? Nun, was macht Ihre Nase?

Bbtschinski. O danke sehr, bitte bemhen Sie sich nicht: schon ganz
trocken, vollkommen trocken.

Chlestakff. Das ist ja sehr schn. Ich bin sehr erfreut ... (Pltzlich
und berraschend.) Haben Sie Geld bei sich?

Dbtschinski. Geld? Wieso Geld?

Chlestakff. Um mir tausend Rubel zu leihen.

Bbtschinski. Eine solche Summe, bei Gott, nein; Sie vielleicht, Pjotr
Iwnowitsch?

Dbtschinski. Ich auf keinen Fall, weil ich mein Geld, belieben Sie zu
vermerken, bei der Staatskreditbank angelegt habe.

Chlestakff. Na, wenn nicht tausend, dann doch hundert.

Bbtschinski (in den Taschen whlend). Haben Sie nicht hundert Rubel,
Pjotr Iwnowitsch? Ich habe nur vierzig in Papier.

Dbtschinski. Und ich fnfundzwanzig alles in allem.

Bbtschinski. Sehen Sie nur genauer nach, Pjotr Iwnowitsch! Ich wei
genau, in Ihrer rechten Tasche ist ein Loch, da werden sich gewi ein
paar verkrochen haben.

Dbtschinski. Nein, auch da ist nichts drin.

Chlestakff. Nun egal: was liegt daran; meinetwegen also fnfundsechzig
Rubel ... Ist mir einerlei. (Nimmt das Geld.)

Dbtschinski. Ich mchte mir die Freiheit nehmen, Ihnen noch eine
besondere Bitte in einer delikaten Angelegenheit vorzutragen.

Chlestakff. Und das wre?

Dbtschinski. Die Sache ist sehr delikater Natur: mein ltester Sohn,
bitte ergebenst zu vermerken, wurde noch kurz vor meiner Hochzeit
geboren ...

Chlestakff. So?

Dbtschinski. Ja, das heit, man nennt das nur so, aber er ist so gewi
mein leiblicher Sohn, als wenn er in der Ehe geboren wre, und berdies
habe ich hinterher alles, wie sich's gehrt, durch den gesetzlichen
Ehebund geordnet. Nun mchte ich gerne, bitte zu vermerken, da er von
jetzt an auch richtig, das heit gesetzlich mein Sohn sei und sich
nennen drfte wie ich, Dbtschinski.

Chlestakff. Gut, mag er sich doch so nennen, warum nicht?

Dbtschinski. Ich wrde Sie auch damit gar nicht belstigt haben, aber
es wre zu schade um seine Talente. So ein Kerlchen ... berechtigt zu
den schnsten Hoffnungen: die verschiedensten Gedichte sagt er auswendig
her, und wenn er wo ein Messer in die Finger kriegt, da schnitzt er
Ihnen gleich kleine Wgelchen, so geschickt wie ein Tausendknstler.
Pjotr Iwnowitsch kann's bezeugen.

Bbtschinski. Ja, er hat wunderbare Talente!

Chlestakff. Gut gut! Ich werde mir Mhe geben, will Rcksprache nehmen
... ich hoffe ... es soll geschehen, ja, ja ... (zu Bbtschinski
gewandt). Haben Sie nicht auch noch ein Anliegen?

Bbtschinski. Freilich, ich htte eine untertnigste Bitte.

Chlestakff. Nun und welcher Art?

Bbtschinski. Bitte untertnigst, wenn Sie wieder nach Petersburg
kommen, sagen Sie bitte all den verschiedenen hochmgenden Senatoren und
Admirlen: Ew. Exzellenz, oder: Ew. Hochwohlgeboren, dort in der und der
Stadt lebt Pjotr Iwnowitsch Bbtschinski -- genau so: lebt Pjotr
Iwnowitsch Bbtschinski.

Chlestakff. Sehr gerne.

Bbtschinski. Auch wenn Sie mal zufllig den Kaiser treffen, dann sagen
Sie bitte auch dem Kaiser: Halten zu Gnaden, kaiserliche Majestt, aber
in der und der Stadt lebt Pjotr Iwnowitsch Bbtschinski.

Chlestakff. Aber sehr gerne.

Dbtschinski. Verzeihen Sie, da wir Sie mit unserer Gegenwart so
belstigt haben.

Bbtschinski. Verzeihen Sie, da wir Sie mit unserer Gegenwart so
belstigt haben.

Chlestakff. Bitte, hat nichts zu sagen! War mir sehr angenehm.
(Geleitet sie bis an die Tr.)


                                8. Szene

                          Chlestakff allein.

Chlestakff. Recht viel Beamte gibt's hier. Sie scheinen mich brigens
alle fr ein groes Tier zu halten. Freilich, ich habe ihnen gestern
einigen blauen Dunst vorgemacht. Die Schafskpfe! Ich mte das alles
doch an Traptschkin nach Petersburg schreiben: er verfat so kleine
Feuilletons -- mag er die doch mal gehrig vornehmen. -- He, Ossip! Gib
mir Tinte und Papier. (Ossip guckt zur Tr herein und ruft: Gleich!)
Fr Traptschkin wre das ein gefundenes Fressen -- ein gefhrlicher
Bursche: wrde seinen eigenen Vater fr einen guten Witz preisgeben, und
Geld sieht er auch gern. Diese Beamten sind brigens recht biedere
Leute; ein netter Zug von ihnen, da sie mir Geld leihen. Ich mu doch
mal nachsehen, wie viel es ist. Diese dreihundert vom Kreisrichter --
diese dreihundert vom Postmeister, sechshundert -- siebenhundert --
achthundert ... was fr ein fettiger Lappen! achthundert -- neunhundert
... Oho, bis an die tausend hat sich das aufgelppert ... Was sagst du
nun, mein schlauer Hauptmann? Komm mir jetzt mal unter die Finger,
wollen doch mal sehen, wer den anderen unterkriegt! --


                                9. Szene

            Chlestakff. Ossip (mit Schreibzeug und Papier).

Chlestakff. Na, du Esel, siehst du wohl, wie sie mich hier verwhnen
und hofieren! (Beginnt zu schreiben.)

Ossip. Ja, Gott sei gelobt! Aber wissen Sie was, Iwn Alexndrowitsch?

Chlestakff. Na?

Ossip. Reisen Sie ab! Wahrhaftig, 's is Zeit!

Chlestakff (schreibt). Verrcktheit! Weshalb denn?

Ossip. Na so. Was gehen uns alle die Leute an! Zwei Tage haben wir uns
hier ausgetobt, na und nu is genug! Was brauch man sich lnger mit ihnen
abgeben. Spucken Sie drauf! Die Luft is auch nich ganz rein: 's kann wer
anders ankommen -- wahrhaftig, Iwn Alexndrowitsch! Und Pferde gibt's
hier so tchtige -- laufen knnen die ...!

Chlestakff (schreibt). Nein, ich mchte noch bleiben. Meinetwegen denn
morgen.

Ossip. Eh, morgen! Fahren wir doch heute, Iwn Alexndrowitsch! Und wenn
man Ihnen hier auch viel Ehre antut, Sie wissen's ja alleine: besser is
auf und davon ... Man nimmt Sie hier ja doch nur fr einen andern, und
unser alter Herr wird sich rgern, wenn Sie solange fackeln. Fein
knnten wir wahrhaftig abkutschieren! Und stramme Pferde wrden sie
geben!

Chlestakff (schreibt). Na gut. Aber erst besorge mir diesen Brief, und
dann kannst du meinetwegen gleich einen Postwagen bestellen. Aber sieh
zu, da wir tchtige Pferde bekommen. Sag dem Postillon: ich lasse ein
paar silberne springen, wenn er mich flott wie einen Staatskurier fhrt
und hbsch dazu blst! ... (Schreibt weiter.) Ich sehe schon im voraus,
wie sich Traptschkin totlachen wird ...

Ossip. Herr, ich schick den Brief lieber mit dem Hausknecht fort und
pack unterdessen geschwind ein, damit keine Zeit verloren geht.

Chlestakff. Gut. Bring ein Licht.

Ossip (geht hinaus und spricht hinter der Szene). He, Kamerad! Sollst 'n
Brief auf die Post tragen und sag dem Postmeister, er soll ihn franko
befrdern, und er soll dem Herrn gleich die beste Trika schicken, mit
Kurierpferden; und sag, der Herr zahlt dafr nich, sag: 'ne Fuhre auf
Staatskosten. Aber flott mu alles gehn, sonst schimpfen seine Gnaden
der Herr. Wart, der Brief is noch nich fertig.

Chlestakff (schreibt weiter). Mchte nur wissen, wo er jetzt wohnt, ob
auf der Poststrae oder der Krautstrae; er liebt auch von einem
Quartier ins andre zu ziehn und die Miete schuldig zu bleiben. Na, ich
schreibe aufs Geratewohl: Poststrae. (Faltet den Brief und adressiert.)

Ossip (bringt ein Licht).

Chlestakff (siegelt).

   (Whrenddessen hrt man die Stimme Djerschimrdas: Fort, du
             Lausbart, hrst doch, da keiner rein darf!)

Chlestakff (gibt Ossip den Brief). Da, bring ihn fort.

   (Stimmen der Kaufleute: La uns doch rein! Du mut uns
                 reinlassen, wir kommen um Geschfte!)

Stimme Djerschimrdas. Raus! Raus! Er empfngt nich, er schlft!

                          (Der Lrm nimmt zu.)

Chlestakff. Was ist da los, Ossip? Sieh mal nach, was der Lrm
bedeutet.

Ossip (sieht aus dem Fenster). Da sind Kaufleute, die rein wollen, aber
der Polizist lt sie nich. Sie winken mit Papieren. Wahrscheinlich
wollen sie zu Ihnen.

Chlestakff (tritt ans Fenster). Was wollt ihr, guten Leute?

Stimmen der Kaufleute. Wir kommen zu deiner Barmherzigkeit! Hab Mitleid,
Herr, und nimm unsere Bittschriften an!

Chlestakff. Man soll sie hereinlassen! Sie mgen kommen. Ossip, sag
ihnen, sie mgen kommen.

Ossip (geht hinaus).

Chlestakff (nimmt durchs Fenster Bittschriften entgegen, faltet eine
auseinander und liest). Seiner hochwohlgeborenen Erlauchtheit dem Herrn
Finanziell vom Kaufmann Awdljin ... der Teufel soll wissen, was das
ist; und solchen Titel gibt's erst recht nicht!


                               10. Szene

        Chlestakff. Kaufleute (mit Weinkrben und Zuckerhten).

Chlestakff. Was wollt ihr, lieben Leute?

Kaufleute. Klagen kommen wir vor Eure Barmherzigkeit.

Chlestakff. Worum handelt es sich?

Kaufleute. La uns nicht verderben, allergndigster Herr! Unschuldig
richtet er uns zugrunde!

Chlestakff. Wer?

Einer der Kaufleute. Alles unser Polizeimeister! Herr, so einen
Polizeimeister hat's noch nie gegeben. Was der uns fr Niedertracht
antut, das is nich auszudenken. Hat uns so ausgeplndert, da man blo
noch 'ne Schlinge um den Hals braucht. Wie geht er auch mit einem um!
Kriegt einen beim Bart zu packen und sagt: Ach du Tatarenhund! Bei
Gott, das tut er! Wenn wir ihm noch htten was abgehen lassen; aber wir
tun ja alles, was wir nur knnen: was er verlangen kann zu Kleidern fr
seine Frau und seine Tochter -- daran lt man's ja nicht fehlen. Aber,
siehste, das is ihm alles noch nich genug! Kommt in den Laden rein, und
was ihm in die Hnde fllt, alles nimmt er mit: sieht er 'n Stck Stoff:
He, Freundchen, schner Stoff; trag ihn mal zu mir rber! Nu und man
mu 'n ihm hintragen, und dabei sind's doch wenigstens fnfzig Ellen!

Chlestakff. Nicht mglich? Ist das ein Spitzbube!

Kaufleute. Wirklich wahr! Auf so'n Polizeimeister kann sich keiner nich
besinnen. Man versteckt schon alles im Laden, wenn man ihn kaum kommen
sieht. Nich mal feine Sachen nur nimmt er, nein, er nimmt jeden Dreck:
Backpflaumen, die schon sieben Jahr in der Tonne liegen und die bei uns
kein Hausknecht fressen mchte -- aber er steckt sich so 'ne Handvoll
davon da rein. Auf St. Anton ist sein Namenstag, und man denkt nu, man
hat alles gegeben, was er nur brauchen kann: nein, noch mehr soll man
geben; er sagt, auf St. Onuphrius htt' er auch noch 'n Namenstag. Was
soll man nu tun? Man mu auch den St. Onuphrius feiern.

Chlestakff. Aber das ist ja ein richtiger Ruber!

Kaufleute. Ach Gott, ja. Aber versuch' einer sich zu sperren, gleich
schickt er einem 'n ganzes Regiment Einquartierung. Schlgt man Lrm,
dann lt er einem die Tren verrammeln und sagt: Foltern und geieln
kann ich dich nicht, das erlaubt mir das Gesetz nicht, aber, Brschchen,
du sollst mir Heringe fressen, bis dir ...!

Chlestakff. Dieser Halunke! Der gehrt ja direkt nach Sibirien!

Kaufleute. Ach, wo deine Gnade ihn auch hinschickt, das ist uns alles
recht, nur weiter weg von uns. Lieber Vater, verachte nich unser Salz
und Brot: la uns dir mit diesem Endchen Zucker und 'nem Krbchen Wein
unsere Ehrfurcht beweisen.

Chlestakff. Nein, das lat bleiben: ich nehme absolut keine Geschenke.
Aber wenn ihr mir zum Beispiel dreihundert Rubel leihen wolltet, das
wre dann was anderes; das kann ich nehmen.

Kaufleute. Bitte, lieber Vater, bitte! (Sie holen Geld heraus.) Warum
nur dreihundert? Nimm doch lieber gleich fnfhundert, nur hilf uns!

Chlestakff. Wohlverstanden: ein Darlehn -- dabei bleibt's; ich nehme es
an.

Kaufleute (reichen ihm auf einer silbernen Schale das Geld). Tu uns die
Gnade und behalt' auch gleich die Schale.

Chlestakff. Nun, meinetwegen auch die Schale.

Kaufleute (sich verbeugend). Dann nimm doch auch schon auf einen Hieb
die Zuckerhte und ...

Chlestakff. O nein, Geschenke niemals ...

Ossip. Euer Hochwohlgeboren! Warum nehmen Sie's nich? Nehmen Sie's doch.
Auf der Reise kann man alles brauchen. Her mit dem Zucker und mit den
Krben! Alles her! Alles kann zu was taugen. Was is da? 'n Strick? Her
mit dem Strick! Auch 'n Strick is gut auf die Reise; bricht mal was am
Wagen oder sonst was -- man kann's dann doch binden.

Kaufleute. Tun Sie uns nu auch die Gnade, Euer Herrlichkeit! Wenn Sie
uns auf unsre Bitten nich helfen, dann wissen wir nich mehr wohin, dann
schon lieber gleich 'n Strick um den Hals.

Chlestakff. Unbedingt! Unbedingt! Ich werde mich bemhen.

              (Die Kaufleute entfernen sich; man hrt die)

Stimme eines Weibes. Nein, du darfst mich nicht abweisen; auch dich
werde ich verklagen; sto mich doch nicht so!

Chlestakff. Wer ist dort? (Tritt ans Fenster.) Was willst du,
Mtterchen?

Stimme zweier Frauen. Um deine Barmherzigkeit flehen wir, Vater! Herr,
hr uns an!

Chlestakff (ruft hinaus). Einlassen!


                               11. Szene

       Chlestakff. Die Schlosserfrau und die Unteroffizierfrau.

Schlosserfrau (auf die Knie fallend). Barmherzigkeit!

Unteroffizierfrau. Barmherzigkeit!

Chlestakff. Wer seid ihr denn?

Unteroffizierfrau. Die Unteroffizierfrau Iwnow.

Schlosserfrau. Die Schlosserfrau und Brgerin Fewrnja Pjetrwna
Poschljpkina, mein Vater ...

Chlestakff. Halt, erst soll eine reden. Was willst du?

Schlosserfrau. Barmherzigkeit. Ich klage gegen den Polizeimeister, soll
ihn Gott schlagen mit allem Bsen, da seine Kinder und er, der Halunke,
und seine Onkels und seine Tanten alle, alle nicht wissen, wo sie hin
sollen!

Chlestakff. Was ist denn vorgefallen?

Schlosserfrau. Er hat meinem Mann den Kopf scheren lassen und ihn unter
die Soldaten gesteckt und das Los war doch nicht auf uns gefallen,
dieser Schuft! Und auch das Gesetz erlaubt's nicht. Er ist ja
verheiratet.

Chlestakff. Wie konnte er denn das tun?

Schlosserfrau. Er hat's getan, der Halunke! Er hat's getan! Soll ihn
Gott verdammen in dieser und in jener Welt! Und wenn er eine Tante hat,
soll ihm auch seine Tante mit allen Pestilenzen geschlagen sein! Und
sein Vater, wenn er noch lebt, die Kanaille! da auch der verrecken soll
oder ersticken soll in alle Ewigkeit! So ein Halunke der! Der
Schneidersohn sollte genommen werden, der war ja auch 'n Sufer. Aber
seine Eltern gaben ein schnes Stck Geld, da machte er sich dann an den
Sohn der Kaufmannsfrau Panteljeff. Aber die Panteljeff schickte seiner
Frau drei Stck Leinwand und da kam er zu mir. Wozu brauchst du einen
Mann, sagte er. Fr dich taugt er ja doch nichts mehr. Aber ich wei
alleine, ob er noch taugt oder nicht. Das ist schon meine Sache. So ein
Halunke! Ein Dieb ist er, sagt er, wenn er auch jetzt nichts
gestohlen hat. Ganz egal, sagt er, stehlen wird er doch und sie werden
ihn ja doch sowieso nchstes Jahr unter die Soldaten stecken. Was soll
ich dann anfangen ohne Mann? So ein Halunke! Sollen doch alle seine
Verwandten es so kriegen, da sie Gottes Licht nicht mehr sehen knnen
und wenn er eine Schwiegermutter hat, so soll auch die Schwiegermutter
...

Chlestakff. Genug, genug! Nun und du? (Schafft dabei die Schlosserfrau
hinaus.)

Schlosserfrau (im Fortgehen). Vergi es nicht, mein Vater, sei
barmherzig.

Unteroffizierfrau. Ich kam wegen dem Polizeimeister.

Chlestakff. Nun, und warum? Antworte kurz.

Unteroffizierfrau. Ausgepeitscht, Herr.

Chlestakff. Wie?

Unteroffizierfrau. Aus Irrtum, mein Vater. Die Weiber zankten sich auf
dem Markte und wie die Polizei kam und sie nicht fangen konnte, da
griffen sie mich und haben mich so zerschunden, da ich zwei Tage nicht
sitzen konnte.

Chlestakff. Ja, aber was ist jetzt da zu machen?

Unteroffizierfrau. Gewi ist nichts zu machen, aber fr den Fehler soll
er Strafe zahlen. Ich mu ja mein Kreuz nun doch tragen, aber Geld
knnte ich jetzt grade brauchen.

Chlestakff. Gut, gut. Geh, geh. Ich werde es anordnen. (Nach dem
Fenster strecken sich Hnde mit Bittschriften empor.) Wer ist denn da
noch? (Geht ans Fenster.) Ich will nicht, ich will nicht! Genug, genug!
(Tritt zurck.) Das habe ich jetzt satt. Hol's der Teufel! Niemand mehr
einlassen!

Ossip (schreit aus dem Fenster). Fort, fort! Keine Zeit, kommt morgen
wieder!

   (Die Tr ffnet sich und es erscheint in ihr eine Gestalt im
   wollenen Mantel mit verwildertem Bart, geschwollenen Lippen und
   verbundener Backe. Hinter ihr erscheinen noch einige andere
                              Gestalten.)

Ossip. Raus! Raus! Was untersteht ihr euch! (Packt den ersten um den
Leib und zieht ihn mit sich hinaus ins Vorzimmer, die Tr hinter sich
zuschlagend.)


                               12. Szene

                     Chlestakff. Mrja Antnowna.

Mrja. Ach!

Chlestakff. Warum erschraken Sie so, mein Frulein?

Mrja. Oh, ich bin gar nicht erschrocken.

Chlestakff (galant.) Aber mein Frulein, es ist mir ja gerade sehr
angenehm, da Sie mich fr einen Menschen hielten, welcher ... Darf ich
so khn sein, zu fragen, wohin Sie zu gehen beabsichtigten?

Mrja. Wirklich, ich wollte nirgends hin.

Chlestakff. Was wollten Sie beispielsweise mit dem nirgendshin sagen?

Mrja. Ich dachte, ob Mama vielleicht hier ...

Chlestakff. Nein, ich mchte eben gerne wissen, weshalb Sie nirgend
wohin gingen?

Mrja. Ich habe Sie gestrt. Sie waren mit wichtigen Angelegenheiten
beschftigt.

Chlestakff (galant). Ihre Augen sind reizvoller als alle wichtigen
Angelegenheiten. Sie knnen mich berhaupt nicht stren. Ganz und gar
nicht. Im Gegenteil, Sie knnen mir nur Vergngen bereiten.

Mrja. Sie sprechen im Tone der Grostadt --

Chlestakff. Zu einem so entzckenden Geschpf, wie Sie es sind. Darf
ich mir das Glck gnnen, Ihnen einen Stuhl anzubieten? Doch nein, Sie
sollten keinen Stuhl, Sie sollten einen Thron haben.

Mrja. Wirklich, ich wei nicht ... ich htte doch wohl gehen mssen.
(Setzt sich.)

Chlestakff. Was haben Sie da fr ein reizendes Halstuch?

Mrja. Sie sind ein Sptter, und wollen sich nur ber eine Provinzialin
lustig machen.

Chlestakff. Ach, mein Frulein, wie sehr wnschte ich, Ihr Halstuch zu
sein, um Ihren Lilienhals umschlingen zu knnen!

Mrja. Ich verstehe ganz und gar nicht, wovon Sie sprechen. Dieses
Halstuch ... Was fr wunderbares Wetter heute ist!

Chlestakff. Ihre Lippen, mein Frulein, sind schner als jedes Wetter.

Mrja. Wie Sie auch immer reden ... Ich mchte Sie bitten, mir lieber
ein paar Verse zur Erinnerung ins Album zu schreiben. Sie wissen
jedenfalls eine Menge.

Chlestakff. Fr Sie, mein Frulein, tue ich alles, was Sie wnschen.
Was fr Verse wollen Sie haben?

Mrja. Irgendwelche, nur recht hbsche, neue.

Chlestakff. Was heit Verse! Ich kenne so viele.

Mrja. Also sagen Sie, welche wollen Sie mir einschreiben?

Chlestakff. Weshalb sagen? Ich kenne sie auch so.

Mrja. Ich habe Verse so gern.

Chlestakff. Ich wei eine Menge der verschiedensten Gattung. Was meinen
Sie zum Beispiel zu diesen:

   O du, der du in Liebesnot
   Umsonst mit deinem Schpfer rechtest!

Oder anderes dergleichen. Sie wollen mir jetzt gerade nicht einfallen.
Aber das tut nichts, statt dessen ziehe ich es vor, Ihnen meine Liebe
anzutragen, die durch Ihren Blick ... (Rckt mit dem Stuhle nher).

Mrja. Liebe? Ich verstehe nichts von Liebe. Ich habe noch nie gewut,
was Liebe ist. (Rckt mit dem Stuhl weiter ab).

Chlestakff. Warum rcken Sie denn fort? Es wre doch viel netter, wenn
wir nahe beieinander sen.

Mrja (rckt mit ihrem Stuhl weiter ab). Warum denn nahe? Es kann ja
auch weiter sein.

Chlestakff (rckt nher). Warum denn weiter? Es kann ja auch nher
sein.

Mrja. Aber warum denn?

Chlestakff (rckt nher). Sehen Sie, es scheint Ihnen blo so, da das
nahe ist. Bilden Sie sich ein, es sei weiter. Wie glcklich wrde ich
sein, mein Frulein, Sie in meine Arme schlieen zu knnen!

Mrja (blickt nach dem Fenster). Was war das, was da vorbeiflog, eine
Elster oder ein anderer Vogel?

Chlestakff (kt sie auf die Schulter und blickt nach dem Fenster).
Eine Elster!

Mrja (steht unwillig auf). Nein, das geht zu weit! Diese Dreistigkeit!

Chlestakff (hlt sie zurck). Verzeihen Sie, mein Frulein, das tat ich
nur aus Liebe, aus reiner Liebe.

Mrja. Sie halten mich fr eine Art von Provinzmdchen ... (Sie bemht
sich hinauszukommen.)

Chlestakff (hlt sie immer noch fest). Nur aus Liebe, wirklich nur aus
Liebe. Ich scherzte nur ein wenig, Mrja Antnowna. Zrnen Sie mir
nicht. Ich bin bereit, Sie auf den Knien um Verzeihung zu bitten. (Fllt
auf die Knie.) Verzeihen Sie, verzeihen Sie! Sie sehen mich auf den
Knien!


                               13. Szene

                    Die Vorigen und Anna Andrjewna.

Anna Andrjewna (erblickt Chlestakff auf den Knien liegend). Ah, welche
Situation!

Chlestakff (sich erhebend). Verflucht!

Anna Andrjewna (zur Tochter). Was soll das heien, mein Frulein? Was
ist das fr ein Betragen?

Mrja. Ach, Mama, ich ...

Anna Andrjewna. Marsch hinaus, hrst du, hinaus, und wage es nicht, mir
unter die Augen zu treten. (Mrja in Trnen ab).

Anna Andrjewna. Verzeihen Sie, aber meine groe Bestrzung ...

Chlestakff (beiseite). Auch noch ganz appetitlich. Gar nicht bel.
(Fllt auf die Knie.) Gndigste, Sie sehen, ich brenne vor Liebe.

Anna Andrjewna. Wie, auf den Knien? Ach, stehen Sie auf, der Fuboden
ist hier so staubig.

Chlestakff. Nein, auf den Knien, durchaus auf den Knien. Ich mu
wissen, was meiner harrt, Leben oder Tod!

Anna Andrjewna. Aber erlauben Sie, ich verstehe den Sinn Ihrer Worte
noch gar nicht. Irre ich nicht, so wollen Sie sich zugunsten meiner
Tochter erklren?

Chlestakff. Nein, ich liebe Sie, mein Leben hngt an einem Faden. Wenn
Sie meine unwandelbare Liebe nicht krnen, so bin ich des irdischen
Daseins nicht wert. Mit flammendem Herzen bitte ich um Ihre Hand!

Anna Andrjewna. Aber gestatten Sie mir zu bemerken, ich bin
gewissermaen -- ich bin verheiratet.

Chlestakff. Was liegt daran! Die Liebe kennt keinen Unterschied. Sagte
doch schon Karmsin, die Gesetze verdammen. Wir ziehen uns in den
Schatten eines Baches zurck. Ihre Hand, ich bitte um Ihre Hand!


                               14. Szene

          Die Vorigen. Mrja Antnowna eilt pltzlich herein.

Mrja. Mama, Papa wnscht, du mchtest (erblickt Chlestakff auf den
Knien und ruft aus.) Ah, welche Situation!

Anna Andrjewna. Nun was soll das? Wohin? Warum? Welche Keckheit!
Hereinzustrzen wie eine verbrannte Katze! Nun, was ist daran so
Erstaunliches? Was hat dir so aufzufallen? Wirklich gerade wie ein
dreijhriges Kind. Ich wei nicht, ob du jemals vernnftiger werden und
dich benehmen wirst, wie es sich fr ein wohlerzogenes Mdchen schickt.
Ob du jemals begreifen wirst, was es heit, gute Sitte und anstndiges
Betragen!

Mrja (unter Trnen). Wirklich Mama, ich wute nicht ...

Anna Andrjewna. Ewig hast du Flatterkram im Kopf. Du nimmst dir dein
Beispiel an den Tchtern des Kreisrichters. Was brauchst du nach denen
hinzusehen, du sollst dich nicht um sie scheren. Du kannst andere
Vorbilder haben. Sieh deine Mutter an. Nach solchen Vorbildern sollst du
dich richten!

Chlestakff (nimmt die Tochter bei der Hand). Anna Andrjewna,
widersetzen Sie sich nicht unserm Glck, segnen Sie unsere treue Liebe.

Anna Andrjewna (in hchstem Erstaunen). Dann wren Sie also in sie ...

Chlestakff. Entscheiden Sie, ob Leben oder Tod.

Anna Andrjewna. Nun sieh, du Nrrin, sieh, deinetwegen, um solch
albernes Ding hat unser Gast die Gnade gehabt, sich auf die Knie
herabzulassen und du rennst pltzlich fort wie eine Verrckte.
Wahrhaftig, ich htte alle Veranlassung, mich zu weigern. Du bist eines
solchen Glckes nicht wert!

Mrja. Nie wieder tu ich's, Mama, wirklich nie wieder!


                               15. Szene

       Die Vorigen. Polizeimeister in grter Hast hereintretend.

Polizeimeister. Nie wieder, Euer Exzellenz! Verderben Sie mich nicht,
verderben Sie mich nicht!

Chlestakff. Was haben Sie denn?

Polizeimeister. Die Kaufleute da haben sich bei Eurer Exzellenz
beschwert. Auf Ehre versichere ich, nicht die Hlfte von dem ist wahr,
was sie sagen. Sie selber betrgen und bervorteilen das Volk. Die
Unteroffiziersfrau hat Ihnen vorgelogen, ich htte sie durchpeitschen
lassen. Sie lgt, bei Gott sie lgt. Sie hat sich selber
durchgepeitscht.

Chlestakff. Weg mit der Unteroffiziersfrau! Was geht die mich an!

Polizeimeister. Glauben Sie ihnen nicht! Glauben Sie ihnen nicht! Das
sind solche Lgner, kein Wickelkind glaubt denen mehr. Die ganze Stadt
kennt sie als Lgner, und was die Spitzbberei betrifft, sie selbst sind
Spitzbuben, wie es noch keine auf der Welt gab.

Anna Andrjewna. Weit du denn auch, welcher Ehre uns Iwn
Alexndrowitsch wrdigt? Er bittet um die Hand unserer Tochter.

Polizeimeister. Aber, aber, Frauchen, du bist von Sinnen! Bitte zrnen
Sie nicht, Exzellenz, sie ist ein bichen wunderlich. Die Mutter war
auch so.

Chlestakff. Nein, ich bitte tatschlich um ihre Hand. Ich liebe sie.

Polizeimeister. Das kann ich unmglich glauben, Exzellenz.

Anna Andrjewna. Aber wenn man es dir doch sagt!

Chlestakff. Ich sage das nicht, um zu scherzen. Ich knnte vor Liebe
den Verstand verlieren.

Polizeimeister. Ich wage es nicht zu glauben, ich bin dieser Ehre nicht
wrdig.

Chlestakff. Wenn Sie sich weigern, mir die Hand ihrer Tochter zu geben,
dann bin ich wei Gott wozu entschlossen.

Polizeimeister. Ich kann es nicht glauben. Sie belieben zu scherzen,
Exzellenz.

Anna Andrjewna. Nein, wahrhaftig, was fr ein Tlpel! Wenn man's dir
doch nun sagt!

Polizeimeister. Ich kann's nicht glauben.

Chlestakff. Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie, ich bin ein tollkhner
Mensch und zu allem bereit. Wenn ich mich erschiee, kommen Sie vors
Gericht.

Polizeimeister. O mein Gott, ich bin wirklich, wirklich nicht schuld,
weder mit Leib noch Seele. Bitte zrnen Sie nicht, handeln Sie, wie es
Ihre Gnaden fr gut erachten. In meinem Kopfe sieht es augenblicklich
... ich wei selbst nicht, was da vorgeht. Ich bin jetzt ein solcher
Narr, wie ich es noch niemals gewesen bin.

Anna Andrjewna. Nun, gib deinen Segen.

Chlestakff (tritt mit Mrja Antnowna heran).

Polizeimeister. So segne euch Gott, aber ich bin unschuldig!
(Chlestakff tauscht mit Mrja Ksse. Polizeimeister blickt auf sie.)
Was fr ein Teufelskerl, es ist nicht zu sagen! (Reibt sich die Augen.)
Ja, ja, kssen sich, ganz klar, kssen sich. Genau wie ein Brutigam!
Hui, da ist mir aber ein Glck einbeschert! Alle Wetter!


                               16. Szene

                         Die Vorigen und Ossip.

Ossip. Der Wagen ist bereit.

Chlestakff. Schn, Ossip, gleich.

Polizeimeister. Sie geruhen abzureisen?

Chlestakff. Ja, ich reise.

Polizeimeister. Und wann -- das heit -- ... Sie geruhten doch selber
vorhin auf eine Hochzeit anzuspielen?

Chlestakff. Ach, das ist nur momentan. Ich reise blo fr einen Tag zu
meinem Onkel -- reicher alter Mann -- morgen bin ich wieder zurck.

Polizeimeister. Wir wagen nicht Sie zurckzuhalten -- in Hoffnung auf
ein glckbringendes Wiedersehen.

Chlestakff. Aber was denn! Ich bin ja gleich wieder da. Leb wohl, meine
Liebe ... Nein, ich kann es nicht ausdrcken, leb wohl, mein Herzchen!
(Kt ihr die Hand.)

Polizeimeister. Bentigen Sie vielleicht etwas fr die Reise? Sie
schienen etwas knapp an Geldmitteln?

Chlestakff. O nein, wie so? (Denkt etwas nach.) Na, brigens ja, bitte.

Polizeimeister. Wieviel wnschen Sie?

Chlestakff. Sie gaben mir damals zweihundert, das heit nicht
zweihundert, sondern vierhundert, ich will aus Ihrem Versehen keinen
Vorteil ziehen -- dann also bitte jetzt noch einmal vierhundert, damit
es rund achthundert sind.

Polizeimeister. Sofort. (Holt die Scheine aus der Brieftasche.) Noch
dazu, wie bestellt, ganz neue Scheine.

Chlestakff. Sieh da! (Nimmt und betrachtet die Scheine.) Das ist schn.
Heit es nicht neues Geld, neues Glck?

Polizeimeister. Sehr richtig!

Chlestakff. Leben Sie wohl, Antn Antnowitsch, ich bin Ihnen sehr
dankbar fr Ihre Gastfreundschaft. Ich habe noch nirgendwo eine so gute
Aufnahme gefunden. Leben Sie wohl, Anna Andrjewna, mein ser Schatz,
Mrja Antnowna!

                          (Hinter der Szene):

Stimme des Chlestakff. Leb wohl, Engel meiner Seele, Mrja Antnowna!

Stimme des Polizeimeisters. Wie? Sie wollen mit dem einfachen Postwagen
reisen?

Stimme des Chlestakff. Ja, ich bin's schon so gewohnt. In den federnden
Wagen bekomme ich nur Kopfschmerzen.

Stimme des Postillons. Prrr! ...

Stimme des Polizeimeisters. Man sollte ihn wenigstens mit etwas
berdecken und wenn's auch nur ein Teppich wre. Soll ich nicht nach
einem Teppich schicken?

Stimme des Chlestakff. Nein, wozu. Das ist unntig. Aber vielleicht
doch -- gut, lassen Sie einen holen.

Stimme des Polizeimeisters. He, Awdtja, lauf in die Kammer und hol den
besten Teppich, den mit dem blauen Fond, den persischen, schnell!

Stimme des Postillons. Prrr!

Stimme des Polizeimeisters. Wann drfen wir Sie zurck erwarten?

Stimme des Chlestakff. Morgen oder bermorgen.

Stimme des Ossip. Is das der Teppich? Gib ihn hierher. So hinlegen. So,
und dort noch 'n bissel Heu, so.

Stimme des Postillons. Prrr!

Stimme des Ossip. Noch auf der Seite! Hierher! Noch! Genug! So wird's
fein gehn. (Schlgt mit der Hand auf den Teppich.) So, Euer Wohlgeboren,
nu setzen Sie sich!

Stimme des Chlestakff. Adieu, Antn Antnowitsch!

Stimme des Polizeimeisters. Leben Sie wohl, Euer Exzellenz!

Weibliche Stimmen. Adieu, Iwn Alexndrowitsch!

Stimme des Chlestakff. Adieu, Mama!

Stimme des Postillons. Los, ihr Hengste!

              (Die Postglocke ertnt, der Vorhang fllt.)

                      (Ende des vierten Aufzuges.)




                             Fnfter Aufzug


                           (Dasselbe Zimmer.)


                                1. Szene

           Polizeimeister. Anna Andrjewna. Mrja Antnowna.

Polizeimeister. Nun Frau, httest du an so etwas gedacht? Solch einen
Fang zu tun? Du Nrrin, gesteh' es, httest du dir das trumen lassen?
-- Eben noch eine gewhnliche Frau Polizeimeisterin und pltzlich -- du
Glckspilz, mit so einem Teufelskerl verschwgert.

Anna Andrjewna. O, freilich, das wute ich lngst. Nur dich nimmt das
Wunder, weil du ein gewhnlicher Mensch bist und noch nie gebildete
Leute gesehen hast.

Polizeimeister. Ich bin auch ein gebildeter Mensch, aber um darauf
zurckzukommen, wahrhaftig, wenn man bedenkt, Frau, was wir beide jetzt
fr stolze Vgel geworden sind! Nein, Frau, und diese erhabene Hhe,
hol's der Teufel! Halt, jetzt will ich doch mal dieser Bande ihre
Bittschriften und Denunziationen eintrnken. He, niemand da?

Polizeidiener (kommt herein).

Polizeimeister. Ah, du, Iwn Karpwitsch, schaff mir mal die Kaufleute
her, ich will die Kanaillen! Sich ber mich beschweren! Seht doch, ihr
verdammten Schacherseelen! Wartet nur, Brschchen, habe ich euch bisher
nur geschoren, so sollt ihr mir jetzt geschunden werden! Notier mir
jeden, der sich ber mich beschwert hat und vornehmlich dieses
Schmiererpack, das ihnen die Bittschriften aufgesetzt hat, und bringe
ihnen allen bei, da sie wissen sollen, was Gott fr einen Segen auf den
Polizeimeister herabgeschickt hat, da er seine Tochter verheiratet,
aber nicht an den ersten besten gewhnlichen Kerl, nein, sondern an
einen, wie es in der Welt noch keinen zweiten gegeben hat, der alles
vermag, alles, alles! Schrf's ihnen allen ein, da sie's auch gut
wissen, la es in der ganzen Stadt ausrufen, von smtlichen Glocken
ausluten. Den Teufel auch, wenn schon triumphieren, dann auch
ordentlich triumphieren!

Polizeidiener (ab).

Polizeimeister. Na, nun, Frau, was? Wo werden wir jetzt leben? Hier oder
in Petersburg?

Anna Andrjewna. Natrlich in Petersburg, wer soll's denn auch hier
aushalten.

Polizeimeister. Nun, Petersburg ist Petersburg, aber auch hier war's gar
nicht so bel, und das Polizeimeisterspielen, scheint mir, geht dann
auch zum Teufel, was Frau?

Anna Andrjewna. Selbstverstndlich, was ist denn an dem Polizeimeister
gelegen?

Polizeimeister. Jetzt wird man denn auch, was meinst du Frau, hbsch im
Rang in die Hhe klettern knnen, da er ja mit allen Ministern auf du
und du steht und zu Hofe fhrt. Er knnte einen dann so nett bugsieren,
da man mit der Zeit auch in den Generalsrock hineinschlpft. Was meinst
du, Frau, ob man das wohl erwischt?

Anna Andrjewna. Und ob! Kleinigkeit!

Polizeimeister. Teufel auch, schn wr's doch General zu sein, die ganze
Brust voller Orden und Ordensbnder. Welches ist dir denn lieber, Frau,
das rote oder das blaue?

Anna Andrjewna. Selbstredend das blaue.

Polizeimeister. Ei sieh doch, wie hoch sie hinauswill! Auch das rote ist
ganz nett. Sieh, warum wnscht man sich General zu sein? Deshalb, weil,
wenn man irgendwo hinreist, immer die Feldjger und Adjutanten vor einem
herfliegen: Pferde! Und alle andern mssen auf der Station warten,
weil sie keine kriegen, alle diese Titulierten und Hauptleute und
Polizeimeister, und nur man selbst ist ber alles erhaben. Man speist
jedesmal beim Gouverneur, und in der Ecke, sieh doch mal, steht dann so
ein Polizeimeister. Hahaha! Kanaillenmiger Spa das! (Lacht, da ihm
die Trnen ber die Backen laufen.)

Anna Andrjewna. Dir gefllt auch immer nur das Brutale! Du solltest
daran denken, da sich das Leben bald ganz anders wird gestalten mssen,
da deine Bekannten nicht von dem Schlage sein werden, wie so irgendein
Hetzpeitschen-Kreisrichter, mit dem du auf die Hasenjagd fhrst, oder
so ein Semljanka; im Gegenteil, das werden Leute von feinster Lebensart
sein, Grafen und Mnner der groen Welt ... Aber ich habe wirklich
deinetwegen Angst, dir entschlpfen nicht selten Ausdrcke und Worte,
die man in der guten Gesellschaft nie zu hren bekommt.

Polizeimeister. Ach was, Worte tun einem keinen Schaden.

Anna Andrjewna. Allerdings, so lange du Polizeimeister warst, aber dort
ist das Leben ein ganz anderes.

Polizeimeister. Ach freilich, dort soll es ja auch zwei Fische geben,
Pltz und Stint, so kstlich, da einem schon vor dem Essen das Wasser
im Munde zusammenluft.

Anna Andrjewna. Ach du und deine Fische! Ich aber wnsche, da unser
Haus das erste in der Residenz sei und da in meinem Salon ein solcher
Ambraduft schwebt, da man beim Eintreten vor Entzcken die Augen
schliet: (Schliet die Augen und tut, als wenn sie Duft einatmet.) Ah,
wie wunderbar!


                                2. Szene

                     Die Vorigen und die Kaufleute.

Polizeimeister. Ah, willkommen, Ihr Diebsgesindel!

Kaufleute (sich verneigend). Gesundheit und langes Leben, Herr!

Polizeimeister. Na, Ihr Frchtchen, wie steht's? Wie gehen die
Geschfte? Was, ihr Hausierer und Ellenreiter, ihr euch beschweren?
Erzgauner, Bestien, Piratenbande, euch beschweren! So, habt ihr denn
viel blechen mssen? Nu denkt sich das, dafr sperrt er ihn wohl auch
ins Loch! Halunken, denen sieben Teufel und eine Hexe an die Gurgel
fahren sollten! Wit ihr auch, da ...

Anna Andrjewna. O Gott, Antn, was du fr schauderhafte Ausdrcke hast!

Polizeimeister (rgerlich). Ach, was heit hier Ausdrcke! Wit ihr, da
derselbe Herr Beamte, bei dem ihr euch beschwert habt, jetzt meine
Tochter heiraten wird? He? So, und was sagt ihr nun? Jetzt sollt ihr
aber was erleben! Ihr beschwindelt die Leute, ihr bernehmt Lieferungen
an den Staat und begaunert ihn um Hunderttausende, liefert verfaultes
Tuch, opfert davon zwanzig Ellen und wollt auch noch dafr bedankt sein!
Und wenn sie wten, wie man ihnen ...! Und dabei blht sich das auch
noch auf ich bin Kaufmann, rhr mich nicht an! Dnkt sich so viel wie
ein Edelmann, schne Edelleute! Knoten seid ihr! Ein Edelmann hat
Schulbildung, kriegt er auch mal Prgel in der Schule, dann nur darum,
damit er was tchtiges lerne, aber ihr, mit Schelmenstreichen fngt das
an und kriegt vom Nachbar Hiebe, nur weil es sich ertappen lt. Ehe das
noch sein Vaterunser kann, betrgt das schon, und wenn ihnen der Bauch
schwillt und sie sich die Taschen vollgeschlagen haben, dann tut das
wichtig. Huh, was fr ein Wundertier! Wenn das jeden Tag seine sechszehn
Samoware angeblasen hat, dann dnkt sich das, wer wei wie! Auf den Kopf
spucken soll man euch und auf eure ganze Dicktuerei!

Kaufleute (sich verbeugend). Vergebung, Antn Antnowitsch, Vergebung!

Polizeimeister. Sich beschweren! Wer hat euch betrgen helfen, als ihr
die Brcke bautet, und hat zwanzigtausend Rubel fr Stmme angerechnet,
obwohl deren kaum fr hundert da waren? Ich hab euch geholfen, ihr
Bocksbrte! Das habt ihr wohl vergessen, und ich htte es auf euch
schieben knnen und euch nach Sibirien bringen knnen. Was sagt ihr
dazu, he?

Einer der Kaufleute. Vergebung, Antn Antnowitsch! Der Bse hat uns
verfhrt. Eid darauf, wir beschweren uns nie wieder. Verlange, was du
willst, als Shne, aber zrne nur nicht!

Polizeimeister. Zrne nicht! So, jetzt winselt ihr auf den Knien vor mir
und warum? Darum, weil ich jetzt der strkere bin. Aber wenn ich nur
einen Augenblick an eurer Stelle wre, wie wrdet ihr mich, Kanaillen,
in den tiefsten Dreck stoen und noch einen Klotz nachwerfen!

Kaufleute (verneigen sich bis zur Erde). Gnade, Antn Antnowitsch,
Gnade!

Polizeimeister. Gnade, jetzt heit's Gnade, und vorher? Ich sollte euch
... (wehrt mit der Hand ab.) Nun, Gott mge euch verzeihen, jetzt genug
davon. Ich bin nicht nachtragend; aber nun gebt acht, sperrt eure Ohren
auf: ich verheirate meine Tochter an keinen beliebigen hergelaufenen
Edelmann; da mir die Aussteuer sich sehen lassen kann ... verstanden!
Bildet euch nicht ein, mit so einem Stockfisch oder einem Hut Zucker
euch drumrum drcken zu knnen ..! Und nun hinaus!

Kaufleute (entfernen sich).


                                3. Szene

   Die Vorigen. Kreisrichter. Hospitalverwalter. Nachher
                              Rastakwski.

Kreisrichter (noch an der Tr). Darf man seinen Ohren trauen, Antn
Antnowitsch? Ein auergewhnliches Glck ist Ihnen zuteil geworden!

Hospitalverwalter. Habe die Ehre, Ihnen zu diesem auergewhnlichen
Glck zu gratulieren! Ich habe mich aufrichtig gefreut, als ich's
vernahm! (Nhert sich Mrja Antnowna zum Handkusse.) Mrja Antnowna!

Rastakwski (hereintretend). Gratuliere, Antn Antnowitsch! Gott
schenke Ihnen und dem jungen Paare ein langes Leben und reiche
Nachkommenschaft an Enkeln und Enkelkindern! Anna Andrjewna! (Kt Anna
Andrjewna die Hand.) Mrja Antnowna! (Kt Mrja die Hand.)


                                4. Szene

              Die Vorigen. Korbkin und Frau. Ljuljukff.

Korbkin. Habe die Ehre, Ihnen zu gratulieren, Antn Antnowitsch! Anna
Andrjewna! (Kt ihr die Hand.) Mrja Antnowna (Kt Mrja die Hand.)

Frau Korbkin. Gratuliere von Herzen, Anna Andrjewna, zu diesem neuen
Glck! (Kssen sich.)

Ljuljukff. Habe die Ehre zu gratulieren, Anna Andrjewna! (Kt ihr die
Hand und wendet sich dann zu den Zuschauern und schnalzt verwegen mit
der Zunge.) Mrja Antnowna, habe die Ehre zu gratulieren! (Kt ihr die
Hand mit der gleichen Pantomime zu den Zuschauern.)


                                5. Szene

   Eine Menge Gste im Frack und berrock treten herein, kssen erst
   Anna Andrjewna mit dem Ausruf Anna Andrjewna die Hand, um das
   gleiche bei Mrja Antnowna auszufhren. Bbtschinski und
                  Dbtschinski drngen sich nach vorn.

Bbtschinski. Habe die Ehre zu gratulieren!

Dbtschinski. Antn Antnowitsch, habe die Ehre zu gratulieren!

Bbtschinski. Zum glckvollen Ereignis!

Dbtschinski. Anna Andrjewna!

Bbtschinski. Anna Andrjewna! (Beide nhern sich ihr gleichzeitig und
stoen mit den Kpfen zusammen.)

Dbtschinski. Mrja Antnowna! (kt ihr die Hand.) Habe die Ehre zu
gratulieren! Ein groes, groes Glck ist Ihnen bereitet, goldene
Kleider werden Sie tragen, schne delikate Suppen werden Sie essen und
werden Ihre Zeit auf die anmutigste Weise verbringen ...

Bbtschinski (ihn unterbrechend). Mrja Antnowna, habe die Ehre zu
gratulieren, schenke Ihnen Gott allen Reichtum, viele Dukaten und so
einen kleinen netten Jungen, so ... so ... (zeigt mit der Hand wie
gro.) da man ihn sich auf die flache Hand setzen kann, jawohl, und
schreien wird er immer: Uah! uah! uah!


                                6. Szene

   Es kommen noch einige Gste zum Handkusse, darunter der
                        Schulinspektor mit Frau.

Schulinspektor. Ich habe die Ehre ...

Frau Schulinspektor (eilt nach vorne). Gratuliere Ihnen, Anna
Andrjewna! (sie kssen sich.) Ach, wie habe ich mich gefreut, eben
erzhlt man mir, Anna Andrjewna verheiratet ihre Tochter. Ach, mein
Gott, denke ich bei mir, und war so erfreut, da ich zu meinem Mann
sage, hr doch, Lkachen, was fr ein Glck Anna Andrjewna
wiederfahren ist. Nun, Gott sei Dank, denke ich bei mir, und sage zu
ihm, ich bin so entzckt, da ich vor Ungeduld brenne, es Anna
Andrjewna persnlich auszudrcken. Ach, mein Gott, denke ich bei mir,
Anna Andrjewna hat ja lange schon auf eine schne Partie fr ihre
Tochter gewartet, und nun erfllt sich ihr Wunsch und nun ist's so
gekommen, wie sie es gehofft hat. Und war so entzckt darber, da ich
ganz die Sprache verlor! Und nun kommen mir die Trnen, und ich weine
und schluchze. Und Lka Lkitsch sagt zu mir: Schluchze doch nicht so,
Nstja. Lkachen, sage ich zu ihm, ich wei selbst nicht warum, aber
die Trnen flieen mir so wie ein Bach aus den Augen.

Polizeimeister. Bitte hflichst Platz zu nehmen, meine Herrschaften. He,
Mschka, bring mehr Sthle herein! (Die Gste beginnen sich
niederzulassen.)


                                7. Szene

            Die Vorigen. Polizeiinspektor und Polizeidiener.

Polizeiinspektor. Habe die Ehre zu gratulieren, Euer Hochwohlgeboren!
Und Ihnen Glck und Heil auf viele Jahre zu wnschen!

Polizeimeister. Danke, danke! Bitte nehmen Sie Platz, meine
Herrschaften. (Die Gste nehmen alle Platz.)

Kreisrichter. Erzhlen Sie uns doch, Antn Antnowitsch, wie sich das
alles zugetragen hat, und wie eins nach dem andern gekommen ist.

Polizeimeister. Der Verlauf war hchst merkwrdig: er geruhte pltzlich
einen Antrag zu machen.

Anna Andrjewna. In hchst ehrenvoller und zartester Form. Ganz ber die
Maen taktvoll sagte er: Anna Andrjewna, einzig und allein aus
Hochachtung vor Ihrem Wert. Und ein so hbscher gebildeter junger Mann
von vornehmsten Manieren! Glauben Sie mir, Anna Andrjewna, das Leben
ist mir keine Kopeke wert, nur die Ehrfurcht vor Ihren seltenen Vorzgen
bewog mich dazu.

Mrja Antnowna. Aber Mama, das hat er doch zu mir gesagt!

Anna Andrjewna. Schweig still, gar nichts weit du, und menge dich
nicht in anderer Leute Angelegenheiten! Anna Andrjewna, ich vergehe
vor Bewunderung, bewegte sich in so schmeichelhaften Ausdrcken ... und
als ich sagen wollte, wir erkhnen uns nicht, auf eine solche Ehre zu
hoffen, da fiel er pltzlich auf die Knie und rief in derselben
vornehmen Art: Anna Andrjewna, machen Sie mich nicht unglcklich,
erwidern Sie meine Gefhle und wenn nicht, so macht der Tod meinem Leben
ein Ende.

Mrja. Aber Mama, damit meinte er doch mich!

Anna Andrjewna. Nun ja doch ... er meinte dich auch, das leugne ich ja
gar nicht!

Polizeimeister. Und wie er uns in Angst versetzt hat, sagte, er wolle
sich erschieen: Ich schiee mich tot, ich schiee mich tot!

Viele Stimmen. Nein, sagen Sie blo!

Kreisrichter. Aber so etwas!

Schulinspektor. Das gndige Schicksal hat es so gefgt.

Hospitalverwalter. Nicht das Schicksal, Verehrtester, das Schicksal ist
eine blinde Henne, das Verdienst hat hier seinen Lohn empfangen.
(Beiseite.) Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins
Maul!

Kreisrichter. Hren Sie, Antn Antnowitsch, ich mchte Ihnen doch gern
die Hndin verkaufen, um die wir handelten.

Polizeimeister. Nein, nein, an Hndinnen liegt mir jetzt nichts mehr.

Kreisrichter. Nun, wenn Sie nicht wollen, dann einen andern Hund.

Frau Korbkin. Ach, Anna Andrjewna, wie ich mich ber Ihr Glck freue,
Sie knnen sich das gar nicht vorstellen!

Korbkin. Gestatten Sie mir die Frage: wo befindet sich denn zur Zeit
der erlauchte Gast? Ich hrte, er sei verreist.

Polizeimeister. Ja, er fuhr fr einen Tag fort, in einer besonders
wichtigen Angelegenheit.

Anna Andrjewna. Zu seinem Onkel, um ihn um seinen Segen zu bitten.

Polizeimeister. Um seinen Segen zu erbitten. Doch morgen schon ...
(Niest; vielstimmiges gleichzeitiges Zum Wohlsein.) Danke vielmals!
Doch morgen schon (niest; brausendes Zum Wohlsein; dazwischen
gleichzeitig mehrere andere Stimmen.)

Polizeiinspektor. Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!

Bbtschinski. Hundert Jahre und einen Sack Dukaten!

Dbtschinski. Gott schenke Ihnen langes Leben!

Hospitalverwalter. Verrecken sollst du!

Frau Korbkin. Hol dich der Satan! (Alle fnf gleichzeitig.)

Polizeimeister. Danke verbindlichst! Ich wnsche Ihnen allen das
gleiche.

Anna Andrjewna. Wir beabsichtigen, nach Petersburg berzusiedeln. Offen
gesagt, die hiesige Atmosphre ... doch gar zu kleinstdtisch ...
wirklich sehr unangenehm ... sehen Sie, und mein Mann ... er soll dort
General werden ...

Polizeimeister. Und ich mu gestehen, meine Herrschaften, ich habe groe
Lust, hol's der Teufel, General zu werden.

Schulinspektor. Gott erflle Ihren Wunsch!

Rastakwski. Bei Gott ist kein Ding unmglich!

Kreisrichter. Ein groes Schiff braucht ein breites Fahrwasser!

Hospitalverwalter. Dem Verdienste seine Krone!

Kreisrichter (beiseite). Was der angeben wird, wenn er wirklich General
werden sollte! Dem pat der Generalsrock wie der Kuh der Sattel. Nein,
bis dahin hat's noch gute Wege. Hast hier gut gelernt, Schfchen zu
scheren, aber zum General langt's doch noch nicht.

Hospitalverwalter (beiseite). Eh, zum Henker, das mchte schon General
werden! Ein findiger Kerl, darf sich's auch erlauben. Ist ja auch schlau
genug, da ihn kein Teufel fassen kann. (Wendet sich zum
Polizeimeister.) Vergessen Sie uns dann nicht, Antn Antnowitsch!

Kreisrichter. Und wenn mal irgend was passiert, zum Beispiel eine kleine
Unregelmigkeit im Amt, bleiben Sie dann unser Beschtzer!

Korbkin. Im nchsten Jahre will ich meinen Sohn nach der Residenz
bringen, damit er die Staatskarriere einschlgt, dann bitte schenken Sie
ihm Ihre Protektion! Vertreten Sie Vaterstelle bei der armen Waise!

Polizeimeister. Ich bin gern bereit, mich fr ihn zu verwenden.

Anna Andrjewna. Antn, du versprichst auch immer gleich alles. Erstens
wirst du gar keine Zeit haben, daran zu denken, und dann, wer wird sich
gleich mit solchen Versprechungen belasten!

Polizeimeister. Weshalb denn, meine Liebe, zuweilen geht das doch!

Anna Andrjewna. Gewi geht's, aber deswegen braucht man doch nicht
gleich jedem Grndling seine Protektion zuzuwenden!

Frau Korbkin. Haben Sie gehrt, wie sie uns traktiert?

Eine Dame. Ja, so war sie immer, ich kenne sie genau. Setze sie an den
Tisch, und sie legt die Beine ...


                                8. Szene

   Die Vorigen. Der Postmeister (in Hast mit einem aufgebrochenen
                          Brief in der Hand.)

Postmeister. Unglaubliche Sache, Herrschaften! Der Beamte, den wir fr
einen Revisor hielten, war gar kein Revisor!

Alle. Wie, kein Revisor?

Postmeister. Absolut kein Revisor! Ich erfuhr's durch einen Brief.

Polizeimeister. Was soll das heien? Durch was fr einen Brief?

Postmeister. Durch einen eigenhndigen Brief von ihm. Man bringt mir
einen Brief auf die Post, ich schaue die Adresse an, lese Poststrae,
und war starr vor Schreck. Na, denke ich, bei mir hat er richtig
Unregelmigkeiten in der Postverwaltung entdeckt und berichtet darber
der Behrde. Nehm ihn und brech ihn auf.

Polizeimeister. Wie kommen Sie dazu?!

Postmeister. Ich wei selbst nicht wie, eine bernatrliche Gewalt zwang
mich dazu. Ich hatte schon den Kurier kommen lassen, der ihn per
Estafette befrdern sollte -- aber da berkam mich eine so heftige
Neugierde, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich darf nicht, ich darf
nicht, ich wei, ich darf nicht -- aber es zieht, zieht immer strker.
In einem Ohre flstert es: mach ihn nicht auf, du fllst rein, aber
ins andere Ohr raunt mir ein Satan: brich auf, brich auf, brich auf,
und wie ich das Siegel berhre -- Feuer, und wie ich's erbrochen hatte
-- Eis -- kaltes Eis. Mir zitterten die Hnde und alles drehte sich
rundherum.

Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, den Brief einer so
hochbevollmchtigten Persnlichkeit zu erbrechen?!

Postmeister. Das ist ja gerade der Spa, da er weder
hochbevollmchtigt, noch auch eine Persnlichkeit ist!

Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer Meinung sein?

Postmeister. Nicht dies, nicht das, wei der Teufel, was.

Polizeimeister (zornig). Wie, nicht dies, nicht das? Wie knnen Sie sich
unterstehen, von ihm zu sagen nicht dies, nicht das, und wei der
Teufel, was? Ich lasse Sie verhaften!

Postmeister. Wer, Sie?

Polizeimeister. Ja, ich!

Postmeister. Hnde weg!

Polizeimeister. Wissen Sie denn berhaupt, da er meine Tochter heiraten
wird, da ich selbst zu den Groen zhlen werde, und da ich Sie ins
hinterste Sibirien verschicken kann?!

Postmeister. I, Antn Antnowitsch, Sibirien! Sibirien ist weit! Ich
werde Ihnen lieber gleich den Brief vorlesen. Herrschaften, soll ich
vorlesen?

Alle. Lesen Sie, lesen Sie!

Postmeister (liest). Lieber Traptschkin! In Eile will ich dir davon
Mitteilung machen, was fr Wunderdinge mir hier passiert sind. Auf der
Reise hatte mich ein Hauptmann so vollstndig ausgebeutelt, da der
Gastwirt schon nahe daran war, mich ins Loch stecken zu lassen, als
pltzlich, dank meiner Petersburger Physiognomie und meinem Petersburger
Kostm, mich das ganze Stdtchen fr einen Generalgouverneur zu halten
begann. Kurz, jetzt wohne ich beim Polizeimeister, schlemme und schneide
abwechselnd bald seiner Frau und bald seiner Tochter auf Mord die Cour;
ich schwanke blo, an welche von beiden ich mich zuerst heranmachen soll
-- wahrscheinlich aber an die Mama, da sie aussieht, als ob sie zu jeder
Geflligkeit bereit sei. Weit du noch, wie wir beide in der Klemme
saen und uns unser Mittagbrot zusammenmausten, und mich einmal ein
Konditor am Kragen erwischte _ conto_ einiger Pasteten, die wir zu
Lasten der Schatulle des Knigs von Britannien verspeist hatten? Jetzt
hat sich das Blttchen vollstndig gewendet! Alle pumpen mir so viel,
wie ich nur haben will. Unglaubliche Exemplare, du wrdest bersten vor
Lachen! Du schreibst ja so kleine Feuilletons; verewige sie denn durch
deine Feder. Da ist zuerst gleich der Polizeimeister: borniert wie ein
grauer Wallach ...

Polizeimeister. Das ist nicht mglich! Das kann nicht dastehn!

Postmeister (zeigt ihm die Stelle). Bitte, lesen Sie doch selbst.

Polizeimeister (liest). ... wie ein grauer Wallach. Unmglich, das
haben Sie selbst geschrieben!

Postmeister. Wie kme ich denn dazu?

Hospitalverwalter. Lesen!

Schulinspektor. Lesen!

Postmeister (liest weiter). ... der Polizeimeister: borniert wie ein
grauer Wallach ...

Polizeimeister. Hol ihn der Satan! Mu das noch einmal wiederholen! Als
ob's nicht so wie so schon dastnde!

Postmeister (liest weiter). Hm .. hm .. hm .. grauer Wallach ... Der
Postmeister ist gleichfalls ein netter Kunde ... (Hlt im Lesen inne).
Nun, hier drckt er sich auch ber mich wenig respektvoll aus.

Polizeimeister. Nein, lesen Sie weiter!

Postmeister. Aber wozu denn? ...

Polizeimeister. Nein, zum Henker, wenn schon lesen, dann auch alles
lesen! Lesen Sie alles vor!

Hospitalverwalter. Geben Sie, ich werde lesen. (Setzt die Brille auf
und liest.) Der Postmeister gleicht auf ein Haar unserm
Departements-Hausknecht Michjeff, auch ein Gauner und suft Schnaps.

Postmeister (zu den Zuschauern). Ein niedertrchtiger Lmmel, der nichts
weiter als eine Tracht Prgel verdient!

Hospitalverwalter (liest weiter). Der Hospitalverw... w.. w..
(Stotternd).

Korbkin. Warum bleiben Sie denn stecken?

Hospitalverwalter. Unleserliche Schrift .. man sieht auch zur Genge,
da das ein Flegel ist.

Korbkin. Lassen Sie mich lesen! Ich glaube, ich habe bessere Augen!
(will den Brief nehmen).

Hospitalverwalter (hlt den Brief fest). Nein, diese Stelle kann man ja
berschlagen, weiterhin wird es leserlicher.

Korbkin. Geben Sie nur her, ich wei schon Bescheid.

Hospitalverwalter. Aber was denn -- lesen kann ich auch -- weiterhin ist
alles ganz deutlich.

Postmeister. Nein, alles vorlesen! Vorher ist auch alles vorgelesen
worden!

Alle. Abgeben, Artmij Filppowitsch, Brief abgeben! (Zu Korbkin.)
Lesen Sie vor!

Hospitalverwalter. Gleich, gleich. (Er gibt Korbkin den Brief.)
Erlauben Sie ... (deckt die Stelle mit dem Finger zu) ... da ... bitte
von hier ab. (Alle umdrngen Korbkin.)

Postmeister. Vorlesen! vorlesen! zum Kuckuck! alles vorlesen!

Korbkin (liest). Der Hospitalverwalter Semljanka ist ein komplettes
Schwein mit einer Nachtmtze.

Hospitalverwalter (zu den Zuschauern). Sehr geistreich! Schwein mit
einer Nachtmtze! Welches Schwein trgt Nachtmtzen?

Korbkin (liest weiter). Der Schulinspektor ist durch und durch mit
Knoblauch verpestet.

Schulinspektor (zu den Zuschauern). Bei Gott, ich habe nie Knoblauch in
den Mund genommen!

Kreisrichter (beiseite). Gott sei Dank, mich lt er ungeschoren!

Korbkin (liest weiter). Der Kreisrichter ...

Kreisrichter. Hopsa! (Laut.) Meine Herrschaften, ich denke, der Brief
ist doch wohl zu lang ... Wozu in aller Welt solchen Quatsch vorlesen!

Schulinspektor. Nein!

Postmeister. Nein, vorlesen!

Hospitalverwalter. Nein, lesen Sie nur vor!

Korbkin (fhrt fort). Der Kreisrichter Ljpkin-Tjpkin ist im hchsten
Grade _mauvais ton_ ... (Hlt inne). Das scheint ein franzsischer
Ausdruck zu sein.

Kreisrichter. Mag der Teufel wissen, was das bedeutet! Wenn blo
Halunke, dann gut; aber es kann noch was viel Schlimmeres sein.

Korbkin (liest weiter). Im brigen ist das Vlkchen gastfreundlich und
uerst harmlos. Lebe wohl, teuerster Traptschkin. Ich gedenke mich
nach deinem Vorbild jetzt ebenfalls der Literatur zu widmen, denn,
lieber Freund, man bekommt diese Art Leben schlielich doch satt und
sehnt sich nach geistiger Nahrung. Ich sehe es ein, man mu wirklich
hheren Zielen zustreben. Schreibe mir doch nach Gouvernement Sartoff,
Gutsbezirk Podkaltowka. (Dreht den Brief um und liest die Adresse.)
Seiner Hochwohlgeboren, dem wohledlen Herrn, Herrn Iwn Wassljewitsch
Traptschkin, St. Petersburg. Poststrae 97, Hof geradezu, drei Treppen
rechts.

Eine Dame. Welch unverhoffte Zchtigung!

Polizeimeister. Sollte es treffen, dann hat's jetzt getroffen!
Vernichtet, total vernichtet! Ich erkenne nichts mehr; ringsum nichts
wie Schweineschnauzen, und keine Menschengesichter! .... Haltet ihn
fest, haltet ihn fest! (Fhrt mit den Armen durch die Luft.)

Postmeister. Was festhalten! Ich lie ihm wie abgekartet das
beste Gespann geben, und der Satan riet mir auch noch Relais
vorauszubestellen!

Frau Korbkin. Das nenn' ich doch beispiellose Konfusion!

Kreisrichter. Zu allem berflu -- hol's der Teufel, meine Herren, hat
er mir sogar dreihundert Rubel abgepumpt!

Hospitalverwalter. Mir auch dreihundert!

Postmeister (seufzt.) Ach, und mir auch dreihundert!

Bbtschinski. Und von mir und Dbtschinski nahm er fnfundsechzig Rubel
in Papier, jawohl!

Kreisrichter (breitet in hchstem Erstaunen die Arme aus). Aber ich
bitte Sie um alles, meine Herren, wie konnten wir blo auf solch einen
Schwindel hereinfallen?!

Polizeimeister (schlgt sich vor die Stirne). Und ich -- und ich grauer
Esel? Verdient hab' ich's, ich hirnverbrannter Schps! Dreiig Jahre
stehe ich im Dienst, habe mich von keinem Krmerhund oder Bauunternehmer
jemals bers Ohr hauen lassen, habe einen Gauner mit dem andern
betrogen, habe jeden Schelm und jeden Spitzbuben, der alle Welt bestahl,
doch noch an meiner Angel gefangen, habe drei Gouverneure bertlpelt!
... Ach was, Gouverneure, (mit einer Handbewegung) wo bleiben da
Gouverneure ...

Anna Andrjewna. Aber das kann nicht sein, Antn, er hat sich doch mit
Mscha verlobt!

Polizeimeister (zornig). Verlobt! Der Fuchs mit der Gans! Nette
Verlobung! ... Kommt mir noch mit Verlobung! (In fassungslosem
Erstaunen.) Seht her, seht her, Welt und alle Christenheit, seht her,
was fr ein Ochs der Polizeimeister geworden ist! Pfeift ihn aus, den
alten Halunken! (Droht sich selber mit der Faust.) O ich Rindvieh, halte
einen Windhund und Waschlappen fr einen gewaltigen Herrn! Da fhrt er
nun hin und bimmelt das auf allen Straen aus! Trgt die infame Historie
bei aller Welt herum! Ins Gesptt kommen ist da noch gar nichts, aber da
finden sich Federfuchser und Zeilenschmierer, die bringen mich auf die
Bretter! Da wird Rang und Name nicht geschont und alle werden sie
grinsen und applaudieren! Was lacht ihr? Ihr lacht ber euch selber! ...
Ihr! ... (Stampft vor Wut auf den Boden.) Ich mchte ihnen mal kommen,
diesen Zeilenschmierern! Pfui ber euch Federfuchser, verdammte
Liberalen! Teufelsbrut! In ein Bndel sollte man euch allesamt
zusammenschnren, zu Staub zermalmen und dann dem Teufel zum Fra!
(Ballt die Faust und stampft auf dem Boden. -- Nach einer kurzen Pause.)
Bis diesen Augenblick kann ich noch nicht zu mir kommen! Wahrlich, wen
Gott strafen will, den schlgt er zuvor mit Blindheit. Was hatte denn
dieser Windbeutel mit einem Revisor gemein? Nichts! Nicht so viel wie
der kleine Finger -- und mit einmal schreit alles: der Revisor, der
Revisor! Antwortet mir!

Hospitalverwalter. Schlagt mich tot, wenn ich sagen kann, wie das kam.
Ein Nebel hat uns irre gefhrt, der Satan hat uns geblendet.

Kreisrichter. Aber wer hat's denn ausgeheckt -- wer denn? Diese
Brschchen da! (Deutet auf Bbtschinski und Dbtschinski.)

Bbtschinski. Ich nicht, ich nicht, nicht mal gedacht hab' ich ...

Dbtschinski. Ich wei von nichts, von gar nichts ...

Hospitalverwalter. Freilich ihr!

Schulinspektor. Selbstredend! Kamen wie die Besessenen aus dem Wirtshaus
gerannt: Er ist da! er ist da! und Geld zahlt er auch keins! ... Einen
sauberen Vogel habt ihr gegriffen!

Polizeimeister. Natrlich ihr! Klatschbasen, Lgner verdammte!

Hospitalverwalter. Hol euch der Teufel mit eurem Revisor und euren
Aufschneidereien!

Polizeimeister. Nichts tun Sie, wie in der Stadt 'rumrennen und alles in
Aufruhr versetzen! Plappermuler verfluchte! und Klatsch verbreiten,
gekappte Elstern ihr!

Kreisrichter. Verdammte Sudelkche!

Schulinspektor. Hansnarren!

Hospitalverwalter. Kurzbuchige Mistpilze!

                      (Alle umringen die beiden.)

Bbtschinski. Bei Gott, ich war's nicht, Dbtschinski war's!

Dbtschinski. Nein, Bbtschinski, ich nicht, Sie waren zuerst derjenige
...

Bbtschinski. Oho nein, zuerst waren Sie's!


                              Letzte Szene

                       Die Vorigen. Ein Gendarm.

Gendarm. Soeben mit Spezialmission von Petersburg eintreffend, fordert
der Herr Revisor Sie unverzglich zu sich. Er ist im Gasthof
abgestiegen!

   (Diese Worte treffen alle wie ein Donnerschlag. Ein einziger
   Schrei der berraschung entringt sich dem Munde smtlicher Damen.
   Die ganze Gruppe wechselt pltzlich die Stellung und bleibt in
                    dieser wie versteinert stehen.)

[Illustration: Mrja Antnowna und Anna Andrjewna. Eigene Handzeichnung
Gogols zur letzten Szene des Revisor.]

[Illustration: Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene (pag. 132)
des Revisor.]

[Illustration: Eigene Handzeichnung Gogols zur letzten Szene des
Revisor.]


                              Stumme Szene

                  Als Schlubild des letzten Aufzuges.

   (In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsule, mit
   ausgestreckten Armen und hintenber geworfenem Kopf. Zu seiner
   Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ngstlicher
   Spannung auf ihn gerichteten Krperhaltung; neben ihnen der
   Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den Zuschauern
   zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in bldeste
   Bestrzung versetzt; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der
   Bhne, drei weibliche Gste, eng gruppiert, deren hhnischer
   Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehrigen gilt.
   Zur Linken des Polizeimeisters der Hospitalverwalter, den Kopf
   ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben
   ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Hnden fast am Boden
   kauernd und die Lippen bewegend, als wenn er pfeifen oder
   sagen wolle: Holla, Alte, jetzt hat's eingeschlagen! Neben
   ihm Korbkin, den Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd
   zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister weisend; neben
   ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bhne, Dbtschinski und
   Bbtschinski, einander die Hnde entgegenstreckend und sich mit
   aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen Augen anstarrend. Alle
   brigen Gste stehen wie Bildsulen da. Fast anderthalb Minuten
   verharrt die ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis
                          der Vorhang fllt.)

                      (Ende des letzten Aufzuges.)




                           Anhang zur Komdie
                             Der Revisor



                                   I.
                         Abri aus einem Brief
                                 (1841)
         den der Autor bald nach der ersten Auffhrung an einen
                          Schriftsteller richtete

.... Der Revisor ist aufgefhrt worden -- und mir ist so seltsam, so
traurig zumute ... Ich ahnte, ich wute im voraus, wie es kommen wrde,
und doch hat sich ein Gefhl tiefer Niedergeschlagenheit und herber
Enttuschung meiner bemchtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich,
fremd und gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle miriet
vollstndig; das hatte ich schon vorausgesetzt. Drr begriff absolut
nicht, was Chlestakoff bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff,
von der Sorte landlufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der
Pariser Theaterstcke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen
ganz gewhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit
zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn
wirklich aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff
bedeutet? Oder war ich selber bis heute von einem blinden Dnkel
besessen, reichte mein Knnen nicht aus, um diesen Charakter zu
meistern, so da sich fr den Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig
bot? Und mir erschien er so klar. Chlestakoff ist ganz und gar kein
Betrger, kein Lgner von Profession; er vergit selber, da er lgt,
und glaubt beinahe selber an das, was er faselt. Er lt sich gehen, ist
gut aufgelegt; sieht, da alles nach Wunsch geht, da er umdienert wird;
und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener, frisch von der Leber
weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich namentlich beim
Lgen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler verstehen berhaupt
nicht zu lgen. Sie bilden sich ein, lgen hiee weiter nichts, als
dummes Geschwtz machen. Lgen heit vielmehr: eine Lge in einem so die
Wahrheit vortuschenden, so natrlichen und naiven Tone aussprechen, wie
man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade darauf beruht
die ganze Komik der Lge. Ich bin fast berzeugt, da Chlestakoff einen
besseren Erfolg gehabt haben wrde, wenn ich diese Rolle einem der
wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm blo gesagt htte:
Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus _comme il faut_, gescheit
und, wenn man so will, wohlanstndig, und es sei nur ntig, ihn genau so
darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder
theatralisch-prahlerischer Lgner: er lgt mit Gefhl; aus seinen Augen
spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies berhaupt der
schnste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art
Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spren gewesen wre!
Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch
des ueren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff
gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen
Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu
karikieren; das Erfassen solcher Zge dagegen, welche als ziemlich
wohlanstndig nicht durch scharfe Ecken ber das gesellschaftlich
allgemein Gltige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei
Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehrt dem Kreise an,
der sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger
Leute unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin
und wieder vernnftig, und nur in Fllen, die entweder Geistesgegenwart
oder Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niedertrchtige,
halb unbedeutende Natur. Die Zge der Rolle so eines Polizeimeisters
sind deutlicher und schrfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein
stark persnliches, unvernderliches, rcksichtsloses uere und lt
durch sich zum Teil auf seinen Charakter schlieen. Chlestakoffs Zge
sind viel unschrfer, viel schwcher angedeutet, und darum schwerer zu
erfassen. Was ist denn, wenn wir genauer prfen wollen, dieser
Chlestakoff so recht eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und
Einfaltspinsel, wie man zu sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in
sich vereinigt, die Leuten anhaften, welche die Welt keineswegs
einfltig nennt. Derartige Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen,
welche daneben auch tchtige Verdienste aufzuweisen haben, wre ein
Verbrechen von seiten des Schriftstellers, denn er wrde sie dadurch dem
allgemeinen Gelchter preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu
seinem Teil in dieser Rolle wiedererkennen und sich dabei ruhig
umschauen drfen, ohne befrchten zu mssen, da jemand mit Fingern auf
ihn weist und ihn bei Namen nennt. Mit einem Wort, diese Figur soll ein
Typus vieles dessen sein, was in den verschiedensten russischen
Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber hier zufllig in einer
Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr hufig vorkommt.
Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder ist jeder
einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natrlich auch nicht wird
eingestehen wollen; er macht sich sogar ber die Tatsache gern selber
lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch
der gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber
Bruder, der sndige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff.
Es gibt berhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens
einmal gewesen wre; die Sache ist nur die, da er sich hinterher sehr
geschickt so zu drehen wei, als sei er's gar nicht gewesen.

Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein?
Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, whrend ich mich von
einer momentanen hoffrtigen Stimmung hinreien lie zu glauben, da ein
Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken
wrde fr die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszge in
einer einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Knnen nach
allen Richtungen zugleich glnzen zu lassen? Und statt dessen wre aus
Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist
niederdrckend und tief verstimmend.

Schon von Beginn der Vorstellung an sa ich gelangweilt im Theater. Um
Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kmmerte ich mich nicht. Nur
vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange,
-- und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich
Murren und Vorwrfe gegen mein eigenes Stck, die alle brigen
bertnten. Aber das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine
Hlfte der Zuschauer nahm das Stck sogar mit Wohlwollen auf, die andere
tadelte bei einzelnen Anlssen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk
selbst bezogen. Auf welche Weise man tadelte, darber wollen wir uns bei
unserem nchsten Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und
viel Spahaftes darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben,
doch das nebenbei.

Hauptschlich scheint der Polizeimeister die gnstige Aufnahme des
Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon
vorher volles Vertrauen gesetzt, denn fr ein Talent wie Ssossnizki
konnte diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens
froh, ihm die Mglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen
Umfange zeigen zu knnen, von dem man sich bereits khl abzuwenden
begann, und dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern
stellte, die durch freigebigen Applaus bei alltglichen Vaudevilles und
hnlichen Unterhaltungsstcken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte
ich Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel
Beobachtungsgabe und Verstndnis fr den Text wahrgenommen hatte. Im
Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bbtschinski und
Dbtschinski ber alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet
hatte, da sie schlecht sein wrden, weil ich die Rollen der beiden
kleinen Beamten Schtschepkin und Rjsanski auf den Leib geschrieben
hatte, hegte ich doch die Hoffnung, da deren ueres und Position sie
einigermaen heben und weniger karikieren wrden. Es kam aber gerade
umgekehrt: eine vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der
Vorstellung, als ich sie in ihren Kostmen erblickte, war ich entsetzt.
Diese beiden sonst so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem
sauber gegltteten Haar erschienen pltzlich in plumpen, ungeheuerlichen
grauen Percken, ganz verfilzt, schmierig, struppig, mit bergroen
hervorquellenden Chemisettes; und auf der Bhne schnitten sie derartige
Grimassen, da es einfach unertrglich war. berhaupt war die
Kostmierung der meisten handelnden Personen sehr schlecht und
karikiert. Ich hatte das gewissermaen vorausgeahnt, als ich darum bat,
eine Kostmprobe stattfinden zu lassen. Man versicherte mir aber, das
sei gar nicht ntig und auch nicht herkmmlich, und die Schauspieler
wrden schon wissen, was sie zu tun htten. Wie ich merkte, da meine
Worte in den Wind gesprochen waren, lie ich die Leute gewhren. Ich
wiederhole noch einmal: scheulich! Ich wei selber nicht, weshalb mich
der Ekel so berkommt.

Whrend der Vorstellung bemerkte ich, da der Anfang des vierten Aktes
flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Flu der
Handlung hier stocke oder sich trge dahinschleppe. Tatschlich hatte
mich ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit
der Lesung des Stckes darauf aufmerksam gemacht, da es nicht geschickt
sei, Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und da
es besser sein wrde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anbten.
Obwohl ich die recht feine Bemerkung anerkennen mute, da sie in
gewisser Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb
Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld
bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte
mir: du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgefhrt haben. Und
wirklich, jetzt whrend der Vorstellung erkannte ich deutlich, da der
Anfang des vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen
Schwche an sich trgt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an
die Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens
natrlicher geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich
habe die Kraft nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das
Stck abzuplacken. Ich bin es mde geworden; und da ich berdies wei,
wie man zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bcklinge machen
mu, so mag der Himmel ihm gndig sein; er knnte schlielich ja noch in
einer zweiten Auflage oder berarbeitung des Revisor seinen Platz
finden.

Noch ein Wort ber die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung.
Der Vorhang fllt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das
Stck scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht
schuld. Man wollte eben nicht auf mich hren. Auch jetzt behaupte ich
noch, da die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man
nicht begriffen hat, da sie einfach ein stummes Tableau ist, da dies
Ganze eine versteinerte Gruppe darstellen soll, da hier das Drama zu
Ende ist und von wortloser Mimik abgelst wird, da der Vorhang erst
nach zwei bis drei Minuten fallen darf, und da all dies unter denselben
Bedingungen erfolgen mu, welche die sogenannten lebenden Bilder
erheischen. Man entgegnete mir aber, da dies den Schauspielern Zwang
auferlege, da man dann die Gruppierung einem Ballettmeister bertragen
mte, was fr die Schauspieler einigermaen demtigend sein wrde usw.
usw. Und noch manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was
noch viel rgerlicher als das Geuerte war. Aber all dieses Weiteren
ungeachtet halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal:
Nein, das legt durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demtigend.
Mag immerhin ein Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn
er nur die Fhigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation
jeder einzelnen Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein
Talent nicht, so wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil,
einmal in sie geleitet, wird er mit strkeren und volleren Wogen
dahinrauschen. Ein temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm
angewiesenen Pose alles ausdrcken. Sein Gesicht bleibt hier von allen
Fesseln befreit, einzig die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf
zwanglos jede innere Bewegung widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein
liegt fr ihn eine Flle mannigfaltigster Mglichkeiten. In diesem
Erschrecken gleicht keine der handelnden Personen der anderen, so wenig
wie deren Charaktere und der Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen,
entsprechend der Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen
Snden. Anders verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau
und seine Tochter. Auf seine besondere Weise erschrickt der
Kreisrichter, auf besondere der Hospitalverwalter, der Postmeister usw.
usw. Wieder anders fhrt es Bbtschinski und Dbtschinski in die
Glieder, die sich auch hier gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer
stummen Frage auf den Lippen anstarren. Einzig die Gste drfen auf
gleichartige Weise betroffen erscheinen, sie stellen aber auch blo den
Hintergrund des Tableaus dar, der mit einem Pinselstrich entworfen und
in ein und dasselbe Kolorit getaucht ist. Mit einem Wort: jeder einzelne
spielt seine Rolle mimisch weiter und kann, wenn er sich auch vom
Ballettmeister begutachten lassen mute, deshalb doch ein groer
Schauspieler bleiben. Aber meine Krfte reichen nicht aus, um mich noch
lnger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin seelisch und krperlich
ermattet. Es wei und hrt ja auch wahrhaftig niemand meinen Kummer.
Mgen sie doch alle in Gottes Namen tun was sie wollen! Mein Stck ist
mir zuwider geworden. Ich mchte jetzt weit weg von hier, und nur meine
bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und andere ferne Himmelsstriche
knnen mich allein noch wiederbeleben. Ich sehne mich unbeschreiblich
danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald; bevor ich von Ihnen nicht
Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch vieles habe ich Ihnen zu
sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten Briefe auerstande bin
....

St. Petersburg, 25. Mai 1836.



                                  II.
                              Vorbemerkung
        fr diejenigen, die den Revisor sachgem aufzufhren
                              beabsichtigen.


                                   1.
       (Die ersten Seiten von Gogols eigenhndiger Reinschrift.)

Vor allem mu man sich davor hten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch
in der kleinsten Rolle darf nichts bertrieben oder trivialisiert
werden. Im Gegenteil, der Schauspieler mu sich besondere Mhe geben,
noch einfacher, schlichter und gewissermaen vornehmer zu wirken, als
die darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf
anlegen wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto strker
wird die Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie uert sich gerade
in dem Ernst, mit dem jede in der Komdie auftretende Person ihren
Geschften nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe
hitzig dahinter her, als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres
Lebens handele. Dem Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns blo
nebenbei sichtbar. Sie selber aber spaen durchaus nicht und ahnen nicht
einmal, da sich jemand ber sie lustig macht. Ein vernnftiger
Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen Eigenheiten und uerlichen
Absonderlichkeiten der ihm bertragenen Person aneignet, erst einmal den
allgemein menschlichen Gehalt der Rolle zu erfassen suchen .... Er soll
zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptschlichste
und wesentlichste Beschftigung jeder Person besteht, von der ihr Dasein
erfllt und die das bestndige Ziel ihrer Gedanken ist, -- der ewig im
Kopf steckende Nagel. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der
darzustellenden Person erfat, dann mu sich der Schauspieler so in sie
einleben, da deren Gedanken und Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden
und whrend der Dauer der Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um
szenische Einzelheiten und Nebendinge soll er sich nicht weiter kmmern;
sie werden ohne weiteres leicht und sicher gelingen, sofern er nur
keinen Augenblick jenen Nagel aus dem Kopf verliert, welcher in dem
seines Helden steckt. Alle diese Einzelheiten und verschiedenen kleinen
Zge, deren sich oft schon solche Schauspieler mit Glck zu bedienen
wissen, welche zwar zu gefallen und Gang und Gebaren abzulauschen, nicht
aber eine Rolle auszuschpfen vermgen, -- alle diese Zge also sind
hchstens Lichter, die man dann erst aufsetzen darf, wenn das Bild
fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das Kleid und der Krper der
Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit mu man sich zuerst diese
Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist
vor allem darauf bedacht, seine Taschen zu fllen. Diese Beschftigung
lie ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst
genauer zu betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es
selber zu merken, erbarmungslos, weil er unfhig ist, bse Gelste zu
unterdrcken; ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen,
was sein Auge erblickt. Er wei berhaupt nicht mehr, da das seinem
Nchsten Schaden bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten,
die ihn hatten verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo
diese ihm eine verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer
Schtze jede Rcksicht auf Lage und Leiden seines Nchsten in ihm
erstickt und abgestumpft hat. Er fhlt zwar, da er ein Snder ist; er
geht in die Kirche; glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelst, sich
die Taschen zu fllen, ist bermchtig, bermchtig auch die
eingewurzelte Gewohnheit, sich alles anzueignen und nichts sich entgehen
zu lassen.

Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch
einer, bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lge
geworden ist, ohne es selbst zu merken. Darum rsoniert er auch, beit
den Ehrbaren und Wrdigen heraus und redet manchmal mit Wrme. Er gehrt
vielleicht sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, da alle um
sie her ehrlich geworden sind, da Ehrlichkeit erford.....


                                   2.
                      (Der vollstndige Entwurf.)

Vor allem mu man sich davor hten, in eine Karikatur zu verfallen.
Nichts darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto
..... Je weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu
reizen oder komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber
wirken. Auf dem Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht
..... Der Schauspieler soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und
kleinen ueren Besonderheiten jeder Person aneignet, erst einmal den
allgemein menschlichen Gehalt der Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen
Charakter der Person mu man den Zweck ergrnden, wofr sie da ist,
worin ihre Ttigkeit und Beschftigung besteht, wovon ihr Leben erfllt
ist und worum es sich hauptschlich dreht, worauf und wohin sich
bestndig ihre Gedanken und Bestrebungen richten. Hat er diesen
wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfat, dann mu
sich der Schauspieler so in diese Ttigkeit einleben, sich alle Gedanken
und Bestrebungen so zu eigen machen, da sie whrend der ganzen
Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll er
gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur
so ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende
Person, ohne zu spaen, selber tut.

Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor
allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu fllen. Diese Beschftigung
lie ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu
betrachten. Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum
Blutsauger, weil er unfhig ist, bse Gelste zu unterdrcken. Ihn
beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge
erblickt. Er hat vergessen, da dadurch sein Nchster zugrunde gerichtet
wird. Er fhlt zwar gelegentlich, da er ein Snder ist, betet, geht zur
Kirche, glaubt sogar fromm zu sein und denkt auch daran, knftig einmal
bereuen zu wollen. Aber das Gelst, sich die Taschen zu fllen, ist
bermchtig, und bermchtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das
umlaufende Gercht vom Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch
der Umstand, da dieser inkognito kommen soll und niemand wei, wann und
von woher er erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schlu
des Stckes in Situationen, die weit ber alles hinausgehen, was ihm
sonst derart im Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim
bergang von Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas
berhitztes, dann ist er der Tuschung strker ausgesetzt, und er, der
zu anderer Zeit nicht so bald ...., ist nun leicht zu bertlpeln. Wie
er sieht, da der Revisor in seiner Hand ist, gar nicht gefhrlich ist
und sich sogar mit ihm verschwgert hat, berlt er sich ungestmer
Freude in Voraussicht dessen, da sein Leben von nun an in Gastereien
und Trinkgelagen aufgehen wird, da er selbst Stellungen vergeben, auf
den Stationen Pferde verlangen, die Polizeimeister im Vorzimmer warten
lassen, gro tun und den Ton angeben wird. Darum bedeutet die pltzliche
Meldung von der Ankunft des echten Revisors fr ihn einen strkeren
Donnerschlag als fr alle anderen und seine Lage wird zu einer wirklich
tragischen.

Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sndig.
Ihm fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafr ist seine
Jagdleidenschaft gro ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat
schlielich irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe lt er sich eine
ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen
bewut zu sein. Er beschftigt sich ausschlielich mit sich und seinem
Verstande und ist nur darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn
Gelegenheit bietet, sich selbst ins gehrige Licht zu stellen. Fr ihn
ist jedes Ereignis, auch ein solches, was andere in Schrecken versetzt,
ein willkommener Fund, weil es ihm Stoff zu seinen Mutmaungen und
Kombinationen gibt, die ihn ebenso befriedigen, wie den Knstler seine
Schpfung. Diese Selbstzufriedenheit mu sich auf dem Gesicht des
Schauspielers ausprgen. Whrend er spricht, beobachtet er gleichzeitig,
welchen Eindruck seine Worte auf andere machen. Er forscht .....

Semljanka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz
seiner mchtigen Leibesflle besitzt er viel Gewandtheit und
Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakffs,
wie der verspeiste Fisch hie, springt er mit der Gelenkigkeit eines
22jhrigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: Laberdan, Ew. Gnaden!
direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich
selber zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche
zu bringen, und deshalb mit Rnkespinnen und Angeberei flink bei der
Hand sind, ohne dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig
darauf bedacht, nur selber durchzuschlpfen. Trotz seiner Beleibtheit
und Schwerflligkeit ist er immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler
wird sich natrlich keine solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die
Zuvorkommenheit eines korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders
komisch wirken kann, ohne es bis zur Karikatur zu treiben.

Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch hufige, aber
zwecklose Revisionen und Rffel eingeschchterter Mensch; darum frchtet
er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom
Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht wei, was er verbrochen
hat. Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die bestndige
Angst zum Ausdruck zu bringen.

Der Postmeister ist ein bis zu Naivitt einfltiger Kerl, der das Leben
wie eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amsanter Histrchen
ansieht, die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Fr
Bestechungen ist er ohne w..... zugnglich. Der Schauspieler hat nichts
weiter zu tun, als so einfltig wie mglich zu sein.

Die beiden Stadtklatschbasen Bbtschinski und Dbtschinski aber mssen
besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler mu sie sehr scharf
aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin
aufgeht in der Stadt umherzurennen, um berall ihre Aufwartung zu machen
und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die
Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Bettigung unterdrckt und
wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt
notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich
geglckt ist, die Erlaubnis zum Erzhlen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit
und Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es knne sie jemand
stren oder am Erzhlen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedrfnis
Stoff zum Klatschen zu bekommen. Darum auch, nmlich weil er mglichst
rasch erzhlen will, stottert Bbtschinski ein wenig. Beide sind klein,
untersetzt und einander ungemein hnlich, haben auch beide ein kleines
Embonpoint. Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und
glattgescheiteltes Haar. Dbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze:
man sieht, da er kein Hagestolz wie Bbtschinski, sondern verheiratet
ist. Trotzdem hat Bbtschinski das bergewicht durch seine grere
Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaen durch Verstand. Der
Schauspieler mu alle nebenschlichen Zge auer acht lassen, wenn er
diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewut zu bleiben, da
er mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es
sind Leutchen, die vom Schicksal nicht fr eigene, sondern fr fremde
Interessen in die Welt gesetzt wurden.

Alle brigen Personen: Kaufleute, Gste, Polizeibeamte und Bittsteller
jeder Art sind Gestalten, wie sie uns tglich vor Augen kommen, und
werden darum von jedem leicht aufgefat werden knnen, der Rede und
Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche
kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als
die erwhnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgercktem Alter,
der etwas mrrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, da
dieser ein Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rcken
Strafpredigten zu halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr
findig im Aufspren von Gelegenheiten, wo etwas fr ihn abfallen kann,
-- also eine allgemein bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets
gut gespielt wurde. Dementsprechend wird man leicht ermessen knnen,
welchen Eindruck die Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser
Personen auszuben imstande ist.

Man darf nur nicht vergessen, da in all diesen Kpfen der Revisor
spukt. Jeder beschftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und
Hoffnung aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung
auf ein strenges Gericht und Erlsung von schlimmen Polizeimeistern und
sonstigen Schnapphhnen, die andern erfat panischer Schrecken bei der
Wahrnehmung, da den obersten Beamten und Spitzen der Behrden angst und
bange wird. Bei den brigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt
gleichmtig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht
Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persnlichkeit von
Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum
unstreitig eine auergewhnliche und bedeutende sein mu.

Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt
fr den Revisor gehalten wird. Chlestakff ist an und fr sich ein
unbedeutender Mensch. Sogar einfltige Leute wrden ihn ihrerseits sehr
einfltig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen,
was Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht
ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen
benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen.
Eben noch von allem entblt und sogar des Vergngens beraubt, stolz auf
dem Newski-Prospekt umherzuflanieren, fhlt er mit einmal freie Bahn und
sieht sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollstndig
berrascht und glaubt zu trumen, kann auch lange Zeit gar nicht
begreifen, weshalb man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er
empfindet blo ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn
hofiert, bedient, alle seine Wnsche erfllt und begierig jede seiner
uerungen auffngt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die
Themata fr seine Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm
die Worte gewissermaen selbst in den Mund legen und somit seine
Expektorationen veranlassen. Er fhlt blo wie leicht sich berall
prahlen lt, wo nichts einen behindert. Er phantasiert, da er in der
Literatur einen Namen hat, auf Bllen die erste Rolle spielt, selber
Blle gibt und, damit nicht genug, auch ein groer Staatsmann ist. Vor
nichts scheut er zurck, wonach man ihn etwa .... Das Diner mit all' den
Laberdanen und Weinen hat seine Zunge gelst und ihn redselig gemacht.
Je weiter er fabelt, desto strker wird seine Einbildungskraft und er
gert wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar nicht die Absicht
hat, aufzuschneiden, vergit er selber, da er lgt. Er meint sogar all
das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum versetzt auch
die Szene, wo er sich fr einen Staatsmann ausgibt, alle Beamten so in
Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzhlung, wie er in
Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz alle
Merkmale von Wrde und was nur irgend sonst dazu gehrt. Weil er gesehen
hat, wie man hierorts Rffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher
Erfahrung wei, was es mit dem Gerffeltwerden auf sich hat, bereitet es
ihm (das mu meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in
diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute
herunterzuputzen -- wenn auch nur erzhlenderweise. Er wrde sich auch
noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die
Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten
gentigt sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu
bringen.

Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakff wie vorher; er wei
berhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle
Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so
albern wie zuvor.

Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er
bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkrlich ber die Lippen kommt und
auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur
Verfgung stellte. Erst gegen Schlu des Aktes wird es ihm klar, da man
ihn fr irgendein groes Tier hlt. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit
Mhe gelingt, ihm begreiflich zu machen, da diese Tuschung nicht lange
vorhalten knne, wrde er mit grter Seelenruhe solange dageblieben
sein, bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen htte. Kurz,
diese Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes,
lgenhaftes Blendwerk mitsamt der Troika verflchtigt. Dessenungeachtet
mu diese Rolle durchaus dem besten verfgbaren Schauspieler anvertraut
werden, weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch
und oberflchliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von
Eigenschaften, welche auch nicht oberflchliche Leute besitzen.
Namentlich darf der Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht auer acht
lassen, mit der mehr oder weniger alle Menschen behaftet sind und die
bei Chlestakff am strksten ausgebildet ist, -- eine kindische Neigung
zwar, die sich nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten
findet, so da wohl selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit
im Leben .... Mit einem Wort, der Schauspieler mu fr diese Rolle ein
sehr vielseitiges Talent mitbringen, fhig, die mannigfaltigsten
Eigenschaften eines Menschen darzustellen und nicht nur ewig ein und
dieselben. Er mu zugleich ein gewandter Weltmann sein, weil er sonst
auerstande sein wrde, naiv und harmlos diesen hohlen, weltlichen
Leichtsinn zur Anschauung zu bringen, der einen Menschen ber alles und
jedes hinwegtndeln lt und in so betrchtlichem Umfange Chlestakff zu
eigen ist.

Die letzte Szene des Revisors mu ganz besonders umsichtig gespielt
werden. Hier ist der Spa zu Ende, und die Situation vieler Personen
ist eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die
allerverzweifeltste; denn, wie dem auch sei, sich pltzlich betrogen zu
sehen, noch dazu von dem dmmsten und albernsten Brschchen, das weder
Ansehen noch Gestalt hatte und kaum einem Zndhlzchen glich
(Chlestakff ist, wie erinnerlich, schmchtig, alle andern dick), -- von
dem sich betrogen zu sehen, ist wahrhaftig kein Spa mehr. Und so plump
betrogen zu werden, whrend man selber doch schlaue Kpfe und sogar die
abgefeimtesten Gauner hinters Licht zu fhren verstanden hatte! Die
schlielich erfolgende Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt
auf ihn wie ein Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit
ausgebreiteten Armen und hintenbergeworfenem Haupt verharrt er
regungslos, und alle handelnden Personen um ihn her bilden eine momentan
versteinerte Gruppe in den verschiedensten Stellungen.

Die ganze Szene ist ein stummes Bild und mu darum ebenso gestellt
werden wie die lebenden Bilder. Jede Person mu eine Stellung angewiesen
erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht
und der Strke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des
echten Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen drfen nichts
miteinander gemein haben, mssen vielmehr mannigfaltig und verschieden
sein; auch mu darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort
annehmen zu knnen, wenn die verhngnisvolle Kunde sein Ohr trifft.
Anfangs wird das freilich gezwungen herauskommen und an Automaten
erinnern; allmhlich aber, nach einigen Wiederholungen, im Mae wie
jeder Schauspieler seine Situation tiefer erfat haben wird, wird ihm
die angewiesene Pose gelufiger werden und ein natrlicheres, seinem
Wesen entsprechenderes Ansehen bekommen. Das Hlzerne und Ungelenke des
Automaten wird verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei
dieses stumme Bild ganz von selbst entstanden.

Als Signal zur Vernderung der Stellung kann jener unterdrckte Schrei
dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoen
pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose
allmhlich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der
verhngnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen
sind. Die anderen nehmen sie momentan an, nmlich die, welche einen
strkeren Schlag erhalten. Der fhrende Schauspieler tte gut daran,
seine eigene Pose vorbergehend aufzugeben und dies Bild einige Male
selber wie ein Zuschauer zu betrachten, um zu prfen, wo etwas
abzuschwchen, strker zu betonen oder zu mildern wre, damit das Bild
natrlicher wirkt.

Das Bild mu etwa folgendermaen gestellt werden: in der Mitte der
Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und
Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der
Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern
zugekehrt. Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom
Polizeimeister Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger
im Munde, wie einer, der sich bse verbrannt hat. Hinter ihm der
Kreisrichter, fast auf die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend,
als wenn er sagen wollte: Holla, Alte, jetzt hat's eingeschlagen!
Hinter diesen starren Bobtschinski und Dobtschinski einander mit offenem
Munde an. Die Gste verteilen sich in zwei Gruppen auf beiden Seiten;
jede fr sich nimmt eine eigne allgemeine Stellung an und heftet ihre
Blicke auf den Polizeimeister. Fast eine Minute lang whrt diese stumme
Szene, bis endlich der Vorhang fllt. Damit sich die Gruppe geschickter
und ungezwungener entwickele, bertrgt man sie am besten einem
tchtigen Knstler, der Gruppen zu komponieren versteht, Skizzen
entwerfen kann und .....

Wenn smtliche Schauspieler auch nur einigermaen im Laufe der
Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen gengt haben, dann werden
sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer
Rollen zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die
Krone aufsetzen. Erwiesen sie sich aber whrend der Vorstellung
teilnahmslos und unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit
dem Unterschied, da sich in dieser stummen Szene ihr Nichtknnen noch
deutlicher offenbaren wird.




                                  III.
     Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang der
                  Handlung strend ausgeschieden wurden.


                  Anna Andrjewna und Mrja Antnowna.

Mrja Antnowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du glauben
kannst, deine Augen seien das Schnste ...

Anna Andrjewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch die Frau
Oberst hier wohnte, die die grte Modedame war, die ich je gesehen, und
sich alle Kostme aus Moskau verschrieb -- sagte sie mir bei jeder
Gelegenheit: Liebste Anna Andrjewna, verraten Sie mir doch blo das
Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck haben!
berhaupt herrschte nur eine Stimme: Mit Ihnen, Anna Andrjewna,
braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge Ihrer
Liebenswrdigkeit alles um sich her zu vergessen. Und der
Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was wei ich, wegen
Remonte hier aufhielt? Der schne Mann mit dem frischen, prchtig roten
Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weien Hemdkragen aus dem feinsten
Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der sagte
mir zu wiederholten Malen: Ich schwre Ihnen, Anna Andrjewna, noch nie
habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon gelesen;
ich wei nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! .. Ich trug
damals noch eine Tllpelerine, mit Weinblttern und hren bestickt und
mit zarten Spitzen eingefat, kaum einen Finger breit, einfach
bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: Ihr Anblick, Anna Andrjewna,
bereitet mir solches Entzcken, da mein Herz vollstndig ... ach, ich
wei schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er
sogar noch Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschieen,
aber die Pistolen waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wre er
lngst nicht mehr am Leben.

Mrja Antnowna. Ich wei nicht, Mama, aber ich meine doch, deine untere
Gesichtspartie sei weit hbscher als deine Augen.

Anna Andrjewna. Unsinn, davon kann gar keine Rede sein! Das ist alles
dummes Zeug!

Mrja Antnowna. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen oder im
Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...

Anna Andrjewna. Hr auf mit dem dummen Geschwtz! Du bist wirklich
unausstehlich! Immerfort mu sie herumstreiten ... Gott bewahr' mich!
Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schne Augen hat! --
Und bei all dem Geznk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz
verplappert. Pa auf, er kommt und berrascht uns noch in dem
unmglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Mrja Antnowna.)






   Chlestakff und Rastakwski (in Uniform der Zeit Katharinas II.
                          mit Achselschnren).

Rastakwski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und Hausbesitzer
hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakwski.

Chlestakff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie geflligst Platz. Ich bin
mit Ihrem Chef sehr gut bekannt.

Rastakwski (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?

Chlestakff. Welchen Sadunaiski?

Rastakwski. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr
Alexndrowitsch; der war ja mein frherer Chef.

Chlestakff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?

Rastakwski. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria teil.
Da ging es hei zu. So dicht stand der Trke vor uns, gerade wie dieser
Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente
war -- Sie kannten ihn gewi -- Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.

Chlestakff. Gwosdjew? was fr ein Gwosdjew?

Rastakwski. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde spter auf Allerhchsten
Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.

Chlestakff. Nein, mir unbekannt.

Rastakwski. Ich dachte mir gleich, da Sie ihn nicht kennen, weil er
schon vor mehr als dreiig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nhe,
zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwn
Wassiljewitsch Rogatka.

Chlestakff. Mit Rogatka? Sehen Sie doch mal an! Das ist mir ganz neu.

Rastakwski. Freilich, mit Iwn Wassiljewitsch Rogatka. Der Trke also
stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestber waren
so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrckten. In
unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-Knabe, ein
Deutscher. Er hie Siegfried Iwnowitsch, aber der damalige General _en
chef_ taufte ihn einfach um: Du bist kein Siegfried, sagte er,
sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwnowitsch heien. Und seitdem
wurde er nur noch Suppe Iwnowitsch genannt. Dieser Suppe Iwnowitsch
also, nebst dem eben erwhnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal eine
Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der
Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom
Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fnfundzwanzig Jahre
tot.

Chlestakff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. brigens htte ich eine
Bitte an Sie ...

Rastakwski (ohne darauf zu hren). Eine schne mnnliche Gestalt,
blondes Haar, dazu goldne Achselschnre. Wie der Mazurka tanzen konnte!
Brauchte nur in die Hnde zu klatschen, um selbst dem Oberst seine
Tnzerin abspenstig zu machen. Na, und berhaupt die kleinen Mdchen,
ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man blo
mal so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da sa auch richtig so
eine Kleine drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgefhrt, als
Dragoner vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepe an der Seite,
ha, ha, ha ...

Chlestakff. Eine hnliche Geschichte passierte einem meiner Bekannten,
einem Beamten in recht eintrglicher Stellung. Wie der eines Tages im
Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal ein
Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und
sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakwski scharf ins Auge.)
Hren Sie mal, knnten Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich
unterwegs ganz verausgabt.

Rastakwski. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der
Offizier den Beamten?

Chlestakff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es
lieber gleich, ehe ich's nachher noch vergesse.

Rastakwski. Also Sie brauchen Geld? Seltsam, und ich glaubte, der
Offizier in der Anekdote bte darum. Wie man sich doch im Gesprch oft
tuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden
gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer uerst dringlichen
Bitte zu belstigen.

Chlestakff. Und die wre?

Rastakwski. Ich habe nmlich Anspruch auf eine Pensionszulage und hatte
Sie hflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei
sonstigen Persnlichkeiten ein gutes Wort fr mich einzulegen.

Chlestakff. Aber gewi, mit Vergngen.

Rastakwski. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht,
mglicherweise aber nicht an die zustndige Stelle.

Chlestakff. Wie lange ist denn das her?

Rastakwski. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im Jahre
1801; ich warte aber seit diesen dreiig Jahren noch immer auf Bescheid.
Ich befrderte sie durch Iwn Pjetrwitsch Ssossulkin, der damals gerade
nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich zuverlssiger
Mensch. So kann es gekommen sein, da sie nicht gehrigen Orts
eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewi nicht mehr lange dauern:
dreiig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen
mssen.

Chlestakff. Selbstverstndlich, jetzt wird sie bald erfolgen mssen;
brigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache,
schon gut, schon gut.




                                  IV.
   Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mitaufgenommene Szene des
                               Revisor.[1]


                    8. Szene (des vierten Aufzuges)

                        Chlestakff und Hbner.

Hbner. _Ich habe die Ehre, mich zu rekommandieren: Doktor der
Armenanstalten Hbner._

Chlestakff. Bitte nehmen Sie geflligst Platz.

Hbner. _Es freut mich sehr, die Ehre zu haben, einen so wrdigen Mann
zu sehen, den die hohe Obrigkeit bevollmchtigt hat ..._

Chlestakff. Bitte kein Deutsch, da bin ich recht wenig ... Sprechen wir
doch lieber russisch. Was ich sagen wollte: die Herren Beamten beziehen
jetzt allgemein ein recht gutes Gehalt. Haben Sie sich mit Geld
versehen?

[Funote 1: Der Humor dieser Szene geht in der bersetzung grtenteils
verloren: Hbner nmlich spricht deutsch und radebrecht russisch,
Chlestakff dagegen russisch und radebrecht deutsch. Die deutschen Worte
des Originals seien wenigstens im Druck gekennzeichnet. -- Anmerk. d.
bers.]

Hbner. Geld? Wieso Geld?

Chlestakff. Nun, ich wrde Sie in dem Falle gebeten haben, es mir zu
borgen ... zu borgen ... Soll natrlich heien: Sie _gibt_ es mir jetzt,
und ich gebe[2] es Ihnen spter wieder.

Hbner. Geld ... Geld habe ich keins ... (zieht eine Brieftasche heraus
und schttelt sie aus). _Sehen Sie!_ Nichts da ... nur eine Zigarre ...
weiter nichts ...

Chlestakff. Na, dann ist nichts zu machen. Wo nichts ist, hat auch der
Kaiser sein Recht verloren.

Hbner (steckt die Brieftasche ein und greift in die Rocktasche).
_Wollen Sie eine Zigarre rauchen?_ (Zieht sie heraus und berreicht sie
ihm).

Chlestakff. Recht gern, _gut_! Geben Sie her, _gibt_ (nimmt sie und
steckt sie an). Ganz leidliche Zigarre; gewi aus Petersburg. (Blst den
Rauch vor sich hin).

Hbner. Nein ... aus ... Riga ...

Chlestakff. Aus Riga? So, das dachte ich mir gleich.

Hbner (steht auf und verbeugt sich). _Ich darf Sie nicht mehr
beunruhigen (sic!) und Ihnen die teure Zeit rauben, die Sie den
Staatsgeschften widmen._ (Verabschiedet sich).

[Funote 2: Ein in der bersetzung nicht zu veranschaulichender Wortwitz
des Originals.]

Chlestakff. Adieu. War mir sehr angenehm.


                                9. Szene

Chlestakff (allein). Auch eine Zigarre ist mal ganz nett. Wieviel
Beamte es doch hier gibt usw.



                                   V.
                                Vorwort
     zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des Revisor.
                                 1846.

Fast alle russischen Schriftsteller haben aus Teilen ihrer Werke Spenden
zum Besten der Armen gemacht: manche gaben zu diesem Zweck ganze Bcher
heraus, andere steuerten bereitwillig zu Sammelwerken bei; noch andere
endlich veranstalteten eigens dafr ffentliche Vorlesungen. Ich allein
hatte mich abseits gehalten. Vom Wunsche beseelt, diese meine
Unterlassung, wenn auch spt, zu shnen, bestimme ich die vierte und
fnfte gleichzeitig in Moskau und Petersburg erscheinende Ausgabe des
Revisor zum Besten der Notleidenden. Sie ist um eine dem Publikum noch
unbekannte Skizze: Die Deutung des Revisors vermehrt, die aus
verschiedenen Grnden und Umstnden bisher nicht verffentlicht werden
konnte und hier zum erstenmal ihren Platz findet.

Der Erls dieser beiden Ausgaben soll ausschlielich solchen Bedrftigen
zugute kommen, welche sich in unscheinbaren, niedrigen Stellungen
befinden und bei einem Einkommen, das kaum fr den eigenen Unterhalt
notdrftig hinreicht, noch rmere Anverwandte zu untersttzen, oft sogar
zu erhalten gezwungen sind; mit einem Wort: er ist fr diejenigen
bestimmt, denen das bittere Los fiel, die doppelte Last des Lebens zu
tragen. Und deshalb bitte ich alle meine Leser, welche bereits durch den
Kauf dieses Buches das wohlttige Werk begonnen haben, es auch in
gleicher Weise fortzusetzen, namentlich aber, soweit es ihre Zeit
erlaubt, ber alle in erster Linie Bedrftigen in Moskau sowohl wie in
Petersburg nach Mglichkeit Kunde einzuziehen, sich die Mhe nicht
verdrieen zu lassen, um in deren drckende Verhltnisse selbst
hineinzuschauen, und alle derartigen Nachrichten denen zu bermitteln,
die mit der Verteilung der Untersttzungen betraut sind.

Es herrscht viel Elend um uns her, von dem wir nichts wissen; oft siecht
in derselben Stadt, derselben Strae, ja in demselben Hause, in dem wir
wohnen, ein Mensch unter der schweren Last der Not und dem durch sie
erzeugten Herzenskummer dahin, dessen ganzes Schicksal vielleicht
abgewendet werden konnte, wenn wir nur einmal den Blick auf ihn
gerichtet htten; wir aber schauten uns nicht nach ihm um; wir leben
sorglos und unbekmmert weiter, hren fast teilnahmslos die Nachricht,
da ein jemand, der neben uns lebte, zugrunde gegangen ist, und ahnen
nicht einmal, da die Ursache seines Unterganges lediglich die war, da
wir uns nicht die Mhe gaben, nach ihm hinzusehen. Um Christi willen
bitte ich instndigst einer mndlichen Rcksprache mit solchen nicht aus
dem Wege zu gehen, welche verschlossen und zurckhaltend sind, stumm
sich grmen, stumm leiden und stumm dahinsterben, so da man nur selten
und oft erst nach ihrem Tode erfhrt, sie seien unter der unertrglichen
Last ihres Kummers zusammengebrochen. Alle diejenigen meiner Leser,
welche durch wichtige Geschfte und Pflichten gebunden nicht die Mue
haben, sich direkt der Lage der Bedrftigen anzunehmen, bitte ich, sich
einer mglichst weitgehenden pekuniren Beihilfe nicht zu versagen und
diese einer von den mit der Verteilung der Untersttzungen betrauten
Personen zu berweisen, deren Namen und Adressen am Schlu dieses
Vorwortes verzeichnet sind.

Ich erachte es fr meine Pflicht hierbei mitzuteilen, da ich fr diese
Mhewaltung lediglich solche von den mir bekannten Persnlichkeiten
ausgewhlt habe, welche, ohne durch eigene Sorgen und Geschfte an der
fr dergleichen Angelegenheiten notwendigen Mue gekrzt zu sein, sich
berdies aus Herzensbedrfnis gedrungen fhlen, dem Nchsten zu helfen
und diese mhselige Arbeit freudig auf sich genommen haben, ungeachtet
dessen, da sie sie vieler angenehmer gesellschaftlicher Vergngungen
beraubt, auf die man sonst ungern verzichtet. Deshalb darf sich jeder
Gebende berzeugt halten, da die von ihm gewhrte Untersttzung auch
mit berlegung verteilt und keine Kopeke nutzlos vergeudet werden wird.
Die Betreffenden werden keinem Menschen eher beispringen, bevor sie ihn
nicht aus der Nhe kennen gelernt, alle obwaltenden Umstnde erwogen und
so die volle Einsicht gewonnen haben, auf welche Art und Weise die jenem
zugedachte Untersttzung zur Anwendung kommen soll. In solchen Fllen
jedoch, wo der Unglckliche sein schweres Los selbst verschuldet hat und
sein Elend mit Gewissensfragen in Verbindung steht, werden sie die
Beihilfe nur durch erfahrene Geistliche und namentlich solche Beichtiger
zur Ausfhrung bringen lassen, die nicht zum erstenmal mit Seele und
Gewissen des Menschen zu tun hatten. Es wre wnschenswert, wenn jeder,
der Nachforschungen nach Bedrftigen anzustellen gedenkt, sich der
Mhe unterziehen wollte, die Ergebnisse den Verteilern der
Untersttzungsgelder persnlich und nicht schriftlich darzulegen; denn
bei mndlicher Rcksprache lassen sich all' jene Miverstndnisse leicht
beseitigen, die bei brieflicher Mitteilung nie zu vermeiden sind. Auf
diese Weise wird jeder sich nach Beschaffenheit seines Falles selber
darber ein Urteil bilden knnen, an welche der bezeichneten Personen er
sich lieber, bequemer und zweckentsprechender wenden mag, auch erwgen
knnen, wann die mitfhlende Beteiligung einer Frau, wann das krftige,
brderlich ermutigende Wort eines Mannes im besonderen vonnten sei.
Noch ntzlicher wre, wenn zu solchen Besprechungen ein fr allemal eine
bestimmte Stunde festgesetzt wrde, beispielsweise von 11-12, eine
Stunde, die berhaupt fr alle, wenigstens fr die Mehrzahl, die
geeignetste ist; und sollte sie trotzdem dem einen oder anderen nicht
genehm sein, so wird der zu dieser Stunde Vorsprechende auf jeden Fall
die Ansage einer anderen, geeigneteren erhalten knnen.

Zur Verteilung der Untersttzungsgelder haben sich bereit erklrt:


                              In _Moskau_:

      Awdotja Pietrowna Jelagina.
      Katerina Alexandrowna Swjerbejewa.
      Wjera Sergejewna Aksakowa.
      Alexej Stjepanowitsch Chomjakoff.
      Nikolai Filippowitsch Pawloff.
      Pjotr Wassiljewitsch Kirejewski.


                            In _Petersburg_:

      Olga Stjepanowna Odojewskaja.
      Grfin Anna Michailowna Wjeljegorskaja.
      Grfin Daschkowa.
      Arkadij Ossipowitsch Rosseti.
      Jurij Fjodorowitsch Ssamarin.
      Wladimir Alexejewitsch Muchanoff.




                                  VI.
                        Die Deutung des Revisors


                               Personen:

   Erster Schauspieler, Komiker: Michailo Sjemjonowitsch Schtschepkin.
   Eine hbsche Schauspielerin.
   Zweiter Schauspieler.
   Fjodor Fjodorowitsch, Theaterenthusiast.
   Pjotr Pjetrowitsch, ein vornehmer Herr.
   Sjemjon Sjemjonowitsch, ein Herr aus ebenfalls ziemlich gutem Stande.
   Nikolai Nikolajewitsch, ein Literat.
   Schauspieler und Schauspielerinnen.

                   *       *       *       *       *

Erster Schauspieler (tritt auf die Bhne). Nun, jetzt wre
Bescheidenheit unangebracht. Diesmal, darf ich sagen, habe ich
ausgezeichnet gespielt und der Applaus des Publikums war nicht
unverdient. Fhlt man das selber, ohne sich vor sich selbst zu schmen,
dann war eben die Leistung vollkommen.

   (Eine Menge Schauspieler und Schauspielerinnen betreten die Bhne)

Zweiter Schauspieler (einen Kranz in der Hand). Michailo Sjemjonowitsch,
jetzt kommen wir, nicht das Publikum, um Ihnen diesen Kranz zu bringen.
Das Publikum verteilt seine Krnze nicht immer nach strenger Wahl; es
schenkt sie auch geringeren Leistungen. Wenn aber Kollegen, die doch
oftmals neidisch und unbillig sind -- wenn eben diese Kollegen jemandem
einmtigen Sinnes einen Kranz bringen, dann besagt das, da dieser Mann
des Kranzes vollkommen wrdig ist.

Erster Schauspieler (den Kranz entgegennehmend). Liebe Kollegen, ich
wei diesen Kranz zu schtzen.

Zweiter Schauspieler. Nein, nicht in der Hand, aufs Haupt sollen Sie ihn
setzen!

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Aufs Haupt den Kranz!

Die hbsche Schauspielerin (vortretend, mit befehlender Gebrde).
Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz aufs Haupt!

Erster Schauspieler. Nein liebe Kollegen, den Kranz nehme ich zwar von
Euch an, aber aufsetzen darf ich ihn nicht. Etwas anderes ist's, vom
Publikum einen Kranz zu empfangen, als den gewohnten Ausdruck des
Dankes, womit es jeden beschenkt, der seinen Beifall zu erringen wute;
einen solchen Kranz nicht aufsetzen, wrde Geringschtzung gegenber
seiner Gunst bedeuten. Um aber einen Kranz im Kreise gleichwrdiger
Kollegen aufzusetzen, dazu bedrfte es weit grerer Selbstberhebung,
als ich sie besitze.

Alle. Den Kranz aufs Haupt!

Die hbsche Schauspielerin. Den Kranz aufs Haupt, Michailo
Sjemjonowitsch!

Zweiter Schauspieler. Das ist unsere Sache, hier richten wir, nicht Sie.
Setzen Sie ihn bitte nur erst mal auf, dann wollen wir Ihnen schon
sagen, weshalb wir Sie bekrnzt haben. So ist's recht! Und nun hren
Sie! Der Kranz gebhrt Ihnen darum, weil Sie uns schon reichlich zwanzig
Jahre angehren, ohne da auch nur ein einziger unter uns sich jemals
von Ihnen gekrnkt gefhlt htte; darum, weil Sie hingebender als wir
alle ihre Pflicht getan und eben dadurch auch unseren Ehrgeiz geweckt
haben, auf unserer Bahn nicht zu ermatten, wozu wir sonst schwerlich die
Kraft gehabt htten. Gibt es denn eine Macht, die strker fortreien
knnte, als das anfeuernde Beispiel eines Kollegen? Und darum auch, weil
Sie stets nicht nur an sich selbst gedacht, sich nicht nur Mhe gegeben
haben, Ihre eigne Rolle gut zu spielen, sondern auch Sorge trugen, da
jeder andere die seine nicht verderbe, keinem Ihren Rat versagt und
keinen gering geachtet haben. Und endlich darum, weil Sie die Kunst so
geliebt haben, wie niemals einer von uns brigen. Nun wissen Sie, warum
wir einmtig Ihnen jetzt diesen Kranz widmen.

Erster Schauspieler (mit Rhrung). Nein, liebe Kollegen, so war es
nicht, wiewohl ich wnschte, es wre so gewesen.

   (Es erscheinen Fjodor Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch,
            Pjotr Pjetrowitsch und Nikolai Nikolajewitsch.)

Fjodor Fjodorowitsch (den ersten Schauspieler lebhaft umarmend).
Michailo Sjemjonowitsch, ich bin auer mir, wei gar nicht, was ich zu
Ihrem Spiel sagen soll: so schn haben Sie noch nie gespielt!

Pjotr Pjetrowitsch. Ohne alle Schmeichelei, Michailo Sjemjonowitsch,
aber ich mu aufrichtig bekennen: ich habe niemals -- trotzdem ich, wie
ich ohne mich zu brsten sagen darf, alle erstrangigen Theater Europas
besucht und die vorzglichsten Schauspieler gesehen habe -- niemals habe
ich ein hnlich vollkommenes Spiel gesehen, nein niemals, ohne alle
Schmeichelei!

Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Sjemjonowitsch! ... (auerstande, sich
in Worten auszudrcken, mit einer Handbewegung). Sie sind der reine
Dmon!

Nikolai Nikolajewitsch. So vorzglich, so restlos vollkommen, so
verstndnisvoll und mit so tiefer Auffassung seine Rolle spielen --
nein, das geht ber eine einfache Darstellung hinaus, das ist eine
zweite Gestaltung, ist eine Neuschpfung!

Fjodor Fjodorowitsch. Die vollendete Kunst hat ihren Kranz erhalten!
Hier endlich begreift man die Hoheit der Kunst. Was hat denn z. B. die
Persnlichkeit, die Sie eben darstellten, sonst reizvolles an sich?
Ist's mglich, dem Zuschauer durch Verkrperung irgendeines beliebigen
Schurken Genu zu bereiten? Ihnen ist das gelungen. Ich habe geweint,
nicht aus Teilnahme fr das Schicksal dieses Menschen, sondern weil ich
hingerissen war. Mir wurde hell und leicht ums Herz, und zwar deshalb,
weil Sie alle Zge dieses verderbten Charakters ans Licht brachten, weil
Sie klar erkennen lieen, was so ein Schurke bedeutet.

Pjotr Pjetrowitsch. Gestatten Sie mir immerhin, um ganz abzusehen von
der meisterhaften Darstellung des Stckes, dergleichen ich aufrichtig
gestanden noch nie gesehen habe -- und ich bin doch, ohne Rhmens
gesagt, in den besten Theatern gewesen -- ich wei auch nicht einmal,
wem der Autor mehr zu Dank verpflichtet ist: Ihnen, meine Herrschaften,
oder unserer Theaterleitung; wahrscheinlich aber beiden zugleich, denn
eine derartige Auffhrung hebt jedes Stck (ich bitte meine Worte nicht
als leere Schmeichelei aufzufassen!). Immerhin also gestatten Sie mir,
wenn wir von alldem absehen, eine Bemerkung ber das Stck selbst zu
machen, dieselbe Bemerkung, die sich mir schon vor zehn Jahren, bei
Gelegenheit der ersten Auffhrung aufdrngte: ich vermag nmlich im
Revisor, auch wenn er so vortrefflich wie jetzt gespielt wird, nicht
den geringsten Nutzen fr die Allgemeinheit zu erkennen, so da man
sagen drfte, das Stck sei fr sie unentbehrlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ich meinesteils halte es sogar fr schdlich; es
wird darin unsere Entwrdigung geschildert. Ich kann nicht glauben, da
derjenige, der es schrieb, sein Vaterland liebt. berdies: welche
Nichtachtung, welche Rcksichtslosigkeit offenbaren sich darin! Ich
fasse es berhaupt nicht, wie man wagen kann, allen ins Gesicht zu
sagen: was lacht ihr? Ihr lacht ber euch selber!

Fjodor Fjodorowitsch. Aber Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du
vergit ja ganz, da das nicht der Autor, sondern der Polizeimeister
sagt, der aufgebrachte, zornige Schurke, der natrlich wtend ist, weil
man ber ihn lacht.

Pjotr Pjetrowitsch. Fjodor Fjodorowitsch, dagegen wre doch einzuwenden,
da gerade diese Worte eine befremdende Wirkung taten, und da
sicherlich sehr viele Zuschauer den Eindruck gehabt haben, als richte
der Autor jene Worte: Was lacht ihr? Ihr lacht ber euch selber!
ausdrcklich an sie. Ich sage das -- meine Herrschaften, Sie werden
meine Worte nicht so auffassen, als ob ich dem Autor persnlich
belwollte, oder voreingenommen gegen ihn wre, oder ... kurz, als ob
ich irgend etwas gegen ihn htte, verstehen Sie mich recht; nein, ich
gebe lediglich meinem eigenen Empfinden Ausdruck; mir kam es aber
wirklich so vor, als ob in diesem Augenblick ein Mensch vor mir stnde,
der sich ber alles an uns lustig macht, ber unsre Eigenschaften, unsre
Sitten und Gewohnheiten; und, indem er uns zwingt, selber ber all dies
zu lachen, uns ins Gesicht sagt: ihr lacht ber euch selber!

Erster Schauspieler. Erlauben Sie mir hier ein Wort einzuschalten. Das
hat sich ganz unwillkrlich so ergeben: in einem an sich selbst
gerichteten Monologe pflegt sich der Schauspieler gewhnlich dem
Publikum zuzuwenden. Obwohl nun der Polizeimeister halb bewutlos und
dem Wahnsinn nahe ist, mu er doch erkennen, wie beraus lcherlich er
sich durch seine ohnmchtigen Drohungen gegen Chlestakff macht, der zur
selben Zeit im Postwagen ber Stock und Stein auf Nimmerwiedersehen
davonjagt. Mag man dem immerhin die Deutung geben, von der Sie reden:
dem Autor jedenfalls hat jede derartige Absicht ferngelegen; ich sage
Ihnen das deshalb, weil ich ein kleines Geheimnis dieses Stckes kenne.
Gestatten Sie mir brigens eine Gegenfrage: was wre denn, wenn der
Autor wirklich die Absicht gehabt htte, dem Zuschauer begreiflich zu
machen, da er ber sich selber lacht?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Danke fr das Kompliment! Ich fr mein Teil
vermag nichts an mir zu entdecken, was ich mit den im Revisor
geschilderten Personen gemein htte. Verzeihen Sie! Ich will mich gewi
nicht rhmen, ohne Fehler zu sein, wie das ja auch sonst kein Mensch
kann, aber jenen Leuten gleiche ich doch nicht. Das fehlte noch gerade!
Im Motto heit es: Den Spiegel soll nicht schelten, wer eine Fratze
hat. Pjotr Pjetrowitsch, ich frage dich: habe ich eine Fratze? Und
dich, Nikolai Nikolajewitsch, frage ich: habe ich eine Fratze? (Sich an
die brigen wendend.) Meine Herrschaften, ich frage Sie alle: habe ich
etwa eine Fratze?

Fjodor Fjodorowitsch. Aber, Sjemjon Sjemjonowitsch, lieber Freund, du
stellst wunderliche Fragen. Ein Ausbund von Schnheit bist du freilich
nicht, wie ja auch wir allesamt Snder sind. Man kann wirklich nicht so
ohne weiteres behaupten, da dein Gesicht die Vollkommenheit selber
wre; wie man es sich auch betrachtet, ein wenig schief ist es doch;
nun, und was schief ist, ist schlielich auch eine Fratze.

Pjotr Pjetrowitsch. Aber meine Herren, Sie kommen ja ganz vom Thema ab!
Das ist doch jedermanns eigene Gewissenssache; und wir amsieren uns
darber zu streiten, wer eine Fratze hat, und wer nicht. Die eigentliche
Frage war aber doch, um wieder darauf zurckzukommen: ich sehe in dieser
Komdie nichts von Vernunft, ich sehe nichts von einem Zweck darin,
wenigstens geht aus dem Werke selbst nichts dergleichen hervor.

Nikolai Nikolajewitsch. Ja, was wollen Sie denn noch fr einen Zweck,
Pjotr Pjetrowitsch? Die Kunst trgt doch ihren Zweck in sich selbst; das
Streben nach dem Schnen und Erhabenen, das ist Kunst; das ist das
unverbrchliche Gesetz der Kunst, und ohne dies ist Kunst nicht Kunst.
Und darum kann sie in keinem Falle unmoralisch sein. Sie strebt durchaus
zum Guten, positiv oder negativ, ob sie uns nun das Edelste darstellt,
was der Mensch besitzt, oder sich ber die Hlichkeit seiner Laster
lustig macht. Wenn man alles Schlechte zur Schau stellt, was im Menschen
steckt, und so kra darstellt, da jeder Zuschauer tiefen Abscheu davor
empfindet, dann frage ich: Ist das nicht eine Verherrlichung alles
Edlen? Nicht eine Verherrlichung der Tugend?

Pjotr Pjetrowitsch. Unstreitig, Nikolai Nikolajewitsch, doch mchte ich
trotzdem ....

Nikolai Nikolajewitsch (fortfahrend). Nicht das ist schlimm, da man uns
im Snder die Snde zeigt, so da wir erkennen, wie schlecht sie ist,
sondern schlimm ist, wenn sie so dargestellt wird, da man nicht wei,
auf welche Seite man sich stellen soll; schlimm endlich, da uns die
Tugend in einer Weise gezeigt wird, da man in ihr nichts mehr von
Tugend erkennt.

Erster Schauspieler. Wahr und schn gesprochen, Nikolai Nikolajewitsch!
Sie haben ausgesprochen, was von jeher meine berzeugung war, nur da
ich selbst es nie so treffend formulieren konnte. Ja, das ist das
Schlimme, da man in der Tugend die Tugend nicht mehr erkennt. Dies bel
kommt aber von all den modernen Dramen her, mit denen wir das Publikum
unterhalten mssen. Der Zuschauer verlt das Theater, ohne sich
Rechenschaft geben zu knnen, was er denn eigentlich gesehen hat, ob ein
bser oder ein guter Mensch vor ihm stand; er leitete ihn nicht zur
Tugend, er hielt ihn nicht vor dem Laster zurck, und so bleibt er wie
in einem Traum befangen, ohne aus dem, was er gesehen, eine brauchbare
Richtschnur frs Leben gewinnen zu knnen, ja sogar irre gemacht auf dem
Wege, den er bisher gegangen, und bereit, dem ersten besten zu folgen,
der ihn abseits fhrt, ohne zu fragen wohin und warum.

Fjodor Fjodorowitsch. Fgen Sie noch hinzu, Michailo Sjemjonowitsch,
welche berwindung es einen Schauspieler kosten mu, eine derartige
Rolle zu spielen, sofern er ein echter, wahrer Knstler ist.

Erster Schauspieler. Sprechen Sie nicht davon, Ihre Worte treffen mich
mitten ins Herz. Sie knnen gar nicht ermessen, wie bitter das manchmal
ist. Man lernt, man studiert seine Rolle, und wei doch selber nicht,
wie man sie verkrpern soll. Dann vergit man sich mitunter, versetzt
sich in die Lage der darzustellenden Person, erhitzt sich, erschttert
die Zuschauer -- und wenn man sich schlielich besinnt, wodurch man das
erreicht hat, wird man uneins mit sich selbst: man mchte in die Erde
versinken, und glht beim Applaus wie vor eigener Scham. Ja, ich vermag
nicht zu entscheiden, was verwerflicher ist: die Niedertracht so
darzustellen, da es den Zuschauer mit ihr zu sympathisieren gelstet,
oder das Walten der Tugend so wenig zur Erscheinung kommen zu lassen,
da jener gar nicht den Wunsch fhlt, ihr zu folgen. Eines wie das
andere ist meiner Meinung nach -- Fulnis, aber keine Kunst. Nikolai
Nikolajewitsch hat weise gesprochen: schlimm ist's, wenn man in der
Tugend die Tugend nicht erkennt.

Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; schlimm, wenn man in der Tugend
die Tugend nicht erkennt.

Pjotr Pjetrowitsch. Dagegen habe ich ganz und gar nichts einzuwenden.
Nikolai Nikolajewitsch hat weise gesprochen, und Michailo Sjemjonowitsch
hat es noch weiter ausgefhrt. Jedoch ist all dies keine Antwort auf
meine Frage. Das, was Sie eben ausgesprochen haben, nmlich: da die
Tugend mit einer magischen Kraft dargestellt werden solle, fhig, nicht
nur den guten, sondern auch den schlechten Menschen an sich zu ziehen,
und andererseits das Laster in so durchsichtiger Weise, da der
Zuschauer nicht nur keine Neigung sprt, mit den dargestellten Personen
zu sympathisieren, sondern umgekehrt den lebhaften Wunsch fhlt, sie
weit von sich zu stoen, -- all dies, Nikolai Nikolajewitsch, mu
selbstverstndlich die absolute Vorbedingung jedes Dichterwerkes sein;
um von Zweck schon gar nicht zu reden. Jedes Dichterwerk aber mu
darber hinaus noch Sinn und Bedeutung selbstndiger Art besitzen,
Nikolai Nikolajewitsch, sonst geht seine Originalitt verloren, sehen
Sie das wohl ein? Deshalb kann ich im Revisor nicht die groe
Bedeutung erkennen, die andere ihm beimessen. Es ist notwendig, da
volle Klarheit darber herrsche, warum solch ein Werk unternommen wurde,
speziell was es bezweckt, worauf es zielt und was es neues durch sich
sagen will. Darum handelt es sich, Nikolai Nikolajewitsch, und nicht um
das, was Sie im allgemeinen ber Kunst sagen.

Nikolai Nikolajewitsch. Aber wozu denn erst fragen, was es bezweckt? Das
liegt doch auf der Hand.

Pjotr Pjetrowitsch. Nein, Nikolai Nikolajewitsch, das liegt keineswegs
auf der Hand. Ich kann in dieser Komdie keinen besonderen Zweck
erkennen, es sei denn, der Autor htte ihn absichtlich verhllt. Dann
aber bedeutet das eine Verletzung des Kunstprinzips, was Sie auch
dagegen einwenden mgen. Betrachten wir diese Komdie doch mal genauer:
der Revisor bringt doch gewi nicht die Wirkung hervor, da die
Zuschauer sich hinterher erhoben fhlen; im Gegenteil, ich denke, Sie
wissen es selber, da die einen zwecklos beunruhigt, andere sogar
erbittert wurden, und alle samt und sonders ein drckendes Unbehagen mit
nach Haus nahmen. Wenn wir absehen vom Vergngen, das die geschickt
erfundenen Szenen bereiten, von der komischen Situation vieler Personen,
von der gewi meisterhaften Zeichnung einzelner Charaktere absehen, so
bleibt doch in Summa so etwas -- ich kann das gar nicht einmal klar
bezeichnen -- so etwas unnatrlich Dsteres, so etwas wie Schrecken ber
unsere Sittenlosigkeit zurck. Gerade das Erscheinen des Gendarmen, der
wie eine Art Henker in die Tr tritt, dies Versteinern, welches sich in
allen Gesichtern ausprgt, whrend er das Eintreffen des wahren Revisors
ankndigt, der sie alle zerschmettern, vernichten, vom Erdboden
vertilgen soll, -- all dies ist unerhrt schreckhaft! Ich bekenne Ihnen
ganz aufrichtig, _ la lettre_, da mir keine einzige Tragdie jemals
eine so trbe, drckende, trostlose Stimmung verursacht hat; weshalb ich
sogar argwhne, der Autor habe durch die letzte Szene seiner Komdie
absichtlich diese Wirkung hervorbringen wollen. Es ist ausgeschlossen,
da das durch bloen Zufall zustande gekommen sein sollte.

Erster Schauspieler. Da sind Sie also doch endlich bei dieser Frage
angelangt. Der Revisor wird nun schon an die zehn Jahr auf den Bhnen
dargestellt; mehr oder minder haben alle an der niederdrckenden
Wirkung, die er auf sie ausbte, Ansto genommen; und dennoch hat sich
niemand die Frage vorgelegt: weshalb mute diese Wirkung erzielt werden?
Als wenn der Autor seine Komdie nur so aufs Geratewohl geschrieben
haben sollte, ohne berhaupt daran zu denken, wozu sie ntzen und welche
Folgen sie haben knnte. Gestehen Sie ihm doch wenigstens dieses
Quentchen Verstand zu, das Sie sonst keinem Menschen absprechen; jede
Tat hat doch schlielich einen Beweggrund, selbst bei unvernnftigen
Leuten.

                     (Alle sehen ihn erstaunt an.)

Pjotr Pjetrowitsch. Erklren Sie sich genauer, Michailo Sjemjonowitsch,
das ist nicht ganz verstndlich.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Sie scheinen uns Rtsel aufgeben zu wollen.

Erster Schauspieler. Ja, ist Ihnen denn wirklich gar nicht aufgefallen,
da der Revisor keinen Schlu hat?

Nikolai Nikolajewitsch. Wieso keinen Schlu?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Was denn noch fr einen Schlu? Fnf Akte sind
doch da, auf sechs bringt es keine Komdie. Soll etwa noch ein weiterer
Skandal nachfolgen?

Pjotr Pjetrowitsch. In der Tat, Michailo Sjemjonowitsch, was wre denn
das fr eine Art Stck, wenn es keinen Schlu htte? Ist das etwa auch
eine Kunstregel, Nikolai Nikolajewitsch? Das kommt mir wirklich so vor,
als wenn man vor uns alle ein verschlossenes Kstchen hinstellen und
fragen wollte, was darin sei.

Erster Schauspieler. Und wenn es nun tatschlich zu dem Zweck
hingestellt wre, damit Sie sich selber bemhen, es zu ffnen?

Pjotr Pjetrowitsch. Dann mu einem das wenigstens gesagt, oder gleich
der Schlssel in die Hand gegeben werden.

Erster Schauspieler. Aber wenn der Schlssel nun doch daliegt, neben dem
Kstchen liegt?

Nikolai Nikolajewitsch. Sprechen Sie doch nicht weiter in Rtseln! Sie
haben von irgend etwas Kenntnis. Sicherlich hat Ihnen der Autor den
Schlssel an die Hand gegeben, und Sie halten ihn fest und spielen den
Geheimnisvollen.

Fjodor Fjodorowitsch. Erklren Sie sich, Michailo Sjemjonowitsch; es
interessiert mich allen Ernstes zu erfahren, was dahinter stecken mag!
Mit meinen Augen sehe ich nichts.

Sjemjon Sjemjonowitsch. So ffnen Sie uns doch das rtselhafte Kstchen!
Was ist's mit diesem seltsamen Ding, das uns geheimnisvoll gebracht,
geheimnisvoll vor uns aufgestellt und geheimnisvoll vor uns verschlossen
gehalten wird?

Erster Schauspieler. Und was dann, wenn es sich so ffnet, da Sie sich
wundern mten, es nicht selber haben ffnen zu knnen? Wenn dann etwas
darin liegt, was manchem als wertloser Groschen, anderen aber als
blanker Dukaten gilt, von dauerndem Wert, wie auch seine Prgung sich
verndern mge?

Nikolai Nikolajewitsch. Jetzt genug mit Ihren Rtseln! Geben Sie uns
ohne Umschweife den Schlssel!

Sjemjon Sjemjonowitsch. Den Schlssel, Michailo Sjemjonowitsch!

Fjodor Fjodorowitsch. Den Schlssel!

Pjotr Pjetrowitsch. Den Schlssel!

Alle Schauspieler und Schauspielerinnen. Michailo Sjemjonowitsch, den
Schlssel!

Erster Schauspieler. Den Schlssel? Werden Sie ihn auch annehmen, meine
Herrschaften? Ihn nicht vielleicht mitsamt dem Kstchen fortschleudern?

Nikolai Nikolajewitsch. Den Schlssel! Weiter wollen wir nichts hren.
Den Schlssel!

Alle. Den Schlssel!

Erster Schauspieler. Gut also, ich will Ihnen den Schlssel geben.
Mglicherweise sind Sie nicht gewohnt, aus dem Munde eines Komikers
derartige Worte zu vernehmen; doch einerlei, heut glht meine Seele, ich
fhle mich leicht und frei, und will darum alles aussprechen, was ich
auf dem Herzen habe, wie Sie auch immer meine Worte aufnehmen mgen.
Nein, meine Herrschaften, der Autor hat mir den Schlssel nicht
anvertraut, aber es gibt Momente der Seelenstimmung, wo man pltzlich
erkennt, was vordem unbegreiflich war. Ich fand diesen Schlssel und
mein Herz sagt mir, da es der rechte sei; das Kstchen tat sich vor mir
auf, und meine Seele sagt mir, da der Autor selber nichts anderes
gemeint haben knne.

Schauen Sie einmal genau in jene Stadt hinein, die im Stck geschildert
wird! Alle ohne Ausnahme sind berzeugt, da es eine solche Stadt in
ganz Ruland nicht gibt; man hat nirgendwo bei uns von einem Orte
gehrt, in dem smtliche Beamten solche Schurken wren; immer sind doch
wenigstens zwei bis drei ehrenhafte darunter. Hier aber kein einziger.
Mit einem Wort, solch eine Stadt existiert nicht, nicht wahr? Wie aber
nun, wenn dies vielmehr unsere eigene Seelenstadt wre, die sich in
einem jeden von uns befindet? Nein, lassen Sie uns nicht mit irdischen
Augen auf uns schauen -- denn kein irdisches Wesen wird dereinst ber
uns zu Gericht sitzen, -- versuchen wir doch einmal mit den Augen dessen
auf uns zu schauen, der von allen Menschen Rechenschaft fordern wird,
vor dem auch die besten unter uns, beherzigen sie das, vor Scham die
Blicke zu Boden senken werden, und dann wollen wir einmal sehen, ob noch
ein einziger den Mut haben wird zu fragen: habe ich denn eine Fratze?
Ob er nicht vielmehr ber seine eigene Verworfenheit dann ebenso
erschrecken wird, wie er ber die Verworfenheit aller jener Beamten
erschrak, die er vorhin im Stck sah. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein,
Sjemjon Sjemjonowitsch, sagen Sie mir nicht: das ist alter Kram oder
das wissen wir lngst! Lassen Sie auch mich einmal reden. Bin ich denn
etwa blo zum Spamachen da? Dinge, die uns zu dem Zweck gegeben sind,
damit wir ewig an sie denken sollen, darf man nicht alt heien: wie
etwas Neues sollen wir sie aufnehmen, gleich als hrten wir sie zum
erstenmal, ohne Ansehung dessen, der sie ausspricht, sei er wer er sei.
Nein, Sjemjon Sjemjonowitsch, nicht um unsere Vortrefflichkeit darf es
sich handeln, sondern um die Sorge, da unser Leben, welches wir fr
eine Komdie anzusehen uns gewhnt hatten, nicht auch so tragisch ende,
wie die Komdie, die wir vorhin gespielt haben. Man sage was man will,
furchtbar aber ist jener Revisor, der uns an den Pforten des Grabes
erwartet. Und Sie wten nicht, wer dieser Revisor ist? Wozu die
Verstellung? Dieser Revisor ist unser erwachendes Gewissen, das uns
jhlings zwingt, uns mit scharfem Auge selbst zu betrachten. Vor diesem
Revisor wird nichts verborgen bleiben, weil er in Sendung des
Allerhchsten kommt und gerade in dem Augenblicke gemeldet wird, wo es
keinen Schritt zurck mehr gibt. Dann wird sich vor uns, wird sich in
unserm eignen Innern ein solches Gruel enthllen, da sich vor
Schrecken unser Haar struben wird. Darum ist es besser eine Revision
von alle dem, was in uns ist, im Anfang des Lebens vorzunehmen, und
nicht erst am Schlusse; besser, statt schalen Selbstlobs und schaler
Selbstbeschnigungen schon jetzt in diese unsaubere Seelenstadt
einzutreten, die oftmals verwahrloster als jede andere Stadt ist, und in
der unsere Leidenschaften wie verworfene Beamte hausen, die den Schatz
unsrer eigenen Seele bestehlen. Am Anfang des Lebens soll man einen
Revisor nehmen und Hand in Hand mit ihm alles durchprfen, was in uns
ist, -- einen wirklichen Revisor, keinen falschen, keinen Chlestakff!
Chlestakff ist ein Windbeutel, Chlestakff ist das leichtfertige
irdische Gewissen, das feile, betrgerische Gewissen; ein Chlestakff
wird von den in unsrer Seele hausenden Leidenschaften sofort bestochen;
an seiner Hand werden wir in unserer Seele nichts entdecken. Sehen Sie
doch, wie sich jeder Beamte im Gesprch mit ihm geschickt herauswindet,
rechtfertigt und fast wie ein Heiliger davongeht. Bedenken Sie, ist
nicht jede unserer Leidenschaften noch viel schlauer als diese
schurkischen Beamten? Die Leidenschaften nicht nur, nein sogar jede
beliebige gleichgltige, platte Gewohnheit? Sie wei sich uns so
geschickt zu entwinden und zu rechtfertigen, da man sie geradezu fr
eine Tugend hlt, sich vor seinem Nchsten noch brstet und spricht:
sieh, wie herrlich meine Stadt ist, wie alles darin so ordentlich und
sauber ist! Heuchler sind unsere Leidenschaften, Heuchler, sage ich
Ihnen, denn ich habe fr mich selbst mit ihnen zu schaffen gehabt. Nein,
mit dem leichtfertigen irdischen Gewissen entdeckt man in sich nichts
davon: dies wird von jenen, und jene werden von diesem geprellt, wie die
Beamten von Chlestakff, und schlielich verflchtigt es sich auf
Nimmerwiedersehen. Und man steht dann da wie der Dummkopf
Polizeimeister, der schon wer wei wie hoch hinauswollte, sich schon
General trumte, ganz zuversichtlich verkndete, er werde in der
Residenz der Erste sein, den anderen bereits mter und Wrden versprach,
und dann doch pltzlich wahrnehmen mu, da er komplett betrogen und
bertlpelt worden ist von einem Brschchen, einem Schlingel, einem
Windbeutel, der nicht die geringste hnlichkeit mit einem wirklichen
Revisor besessen hatte. Nein, Pjotr Pjetrowitsch, nein, Sjemjon
Sjemjonowitsch, nein, meine Herrschaften, alle, alle, die ihr solcher
Anschauung sein mgt, entschlagt auch dieses weltlichen Gewissens! Lat
uns nicht mit Chlestakff, sondern mit dem wirklichen Revisor auf uns
schauen. Ich versichere euch, unsere Seelenstadt ist es wert, da fr
sie so von uns gesorgt werde, wie ein gewissenhafter Herrscher fr sein
Reich sorgt. Mit Ernst und Strenge, wie er aus seinen Landen die
Bestechlichen entfernt, so lat uns die bestechlichen Elemente aus
unsrer eigenen Seele vertreiben! Ein Mittel, eine Geiel gibt es, womit
man sie austreiben kann: mit dem Lachen, meine werten Landsleute! Mit
dem Lachen, das all' unsre niederen Leidenschaften so frchten, dem
Lachen, das uns geschenkt ist, um ber alles, was die echte Schnheit
des Menschen entstellt, lachen zu knnen. Geben wir doch dem Lachen
seine wahre Bedeutung wieder! Entreien wir es denen, die es erniedrigt
haben zu einem leichtfertigen, weltlichen Gesptt ber alles, ohne
Unterschied zwischen Gut und Bse. In derselben Weise, wie wir ber die
Verderbtheit anderer gelacht haben, lat uns hochherzig lachen ber die
eigenen Schwchen, welcher Art sie auch sein mgen! Lat uns nicht nur
diese eine Komdie, sondern alles, was aus der Feder jedes beliebigen
Schriftstellers kommt, der Laster und Niedrigkeit lachend an den Pranger
stellt, so auf uns selbst beziehen, als wenn es lediglich fr uns
geschrieben wre: alles werden wir in uns aufspren, sofern wir unsere
Seele nur nicht mit einem Chlestakff, sondern mit dem wirklichen und
unbestechlichen Revisor betreten. Und nicht wollen wir uns irre machen
lassen, wenn so ein aufgebrachter Polizeimeister oder richtiger: der
bse Geist selber uns zuraunt: Warum lacht ihr? Ihr lacht ber euch
selbst! Stolz wollen wir ihm dann entgegnen: Jawohl, wir lachen ber
uns selbst, weil wir die Stimme unseres edlen russischen Wesens
vernehmen, weil wir den Befehl des Hchsten vernehmen, der uns gebietet,
besser zu werden als die brigen! Meine lieben Landsleute, seht, in
meinen Adern fliet dasselbe russische Blut wie in den euren. Schaut
her: ich weine! Ich, der Komiker, der euch noch eben belustigt hat, ich
weine jetzt. Gnnt mir das Bewutsein, da auch mein Lebensweg so
ehrenhaft ist, wie der eines jeden von euch, da auch ich meinem
Vaterlande so ehrlich diene, wie ihr andern alle, da ich kein
beliebiger Possenreier bin, geschaffen zur Kurzweil der gedankenlosen
Menge, sondern ein treuer Beamter des groen Gottesreiches; und da ich
ein Lachen in euch erweckt habe -- nicht das sndhafte, mit dem ein
Mensch den andern verspottet, und das die nichtige Leere des Miggangs
gebiert, -- sondern jenes Lachen, welches aus der Nchstenliebe quillt.
Eintrchtig wollen wir aller Welt beweisen, da in russischen Landen
alles, was da lebt, klein und gro, bemht ist, dem zu dienen, dem man
auf Erden dienen soll, und (nach oben blickend) nach dorthin aufwrts
strebt zur hchsten, ewigen Schnheit.




                                  VII.
                                Nachtrag
                      zur Deutung des Revisors.


Sjemjon Sjemjonowitsch. Was bedeutet das, Michailo Michailowitsch, von
was fr einer Seelenstadt reden Sie?

Michailo Michailowitsch. Es war eine Eingebung. Mir schien, es sei dies
meine eigene Seelenstadt, und die letzte Szene stelle die letzte Szene
des Lebens vor, wo das Gewissen einen pltzlich zwingt, sich selbst
scharf zu betrachten und vor sich selber zu erschrecken. Mir schien, als
sei dieser wirkliche Revisor, dessen bloe Ankndigung am Schlu der
Komdie solchen Schrecken hervorruft, unser wahres Gewissen, welches uns
an der Pforte des Grabes entgegentritt; und dieser Windbeutel
Chlestakff, dieser Schelm, oder wie Sie ihn sonst nennen wollen, sei
unser falsches weltliches Gewissen, das, indem es sich unsern Schrecken
zunutze macht, unversehens die Maske des wahren annimmt und sich von
unseren Leidenschaften bestechen lt, wie Chlestakff von den Beamten,
um dann wie dieser spurlos zu verschwinden. Mir schien, als trte jener
trostlos niederdrckende Schlu, der die Zuschauer so betrbt und
erschttert hat, mit der Mahnung vor mich hin, da auch das Leben, das
wir gewhnlich als eine Komdie betrachten, einen solch
dster-tragischen Abschlu haben knne. Mir schien, als lehre der
gesamte Inhalt der Komdie, da man die Pflicht habe, zu Anfang jenen
Revisor zu nehmen, der uns am Schlu entgegentritt, um an seiner Hand
die eigene Seele genau so durchzuprfen, wie ein gerechter Herrscher
sein Reich revidiert, und da man sich ebenso gegen die eigenen
Leidenschaften wappnen msse, wie sich ein solcher gegen bestechliche
Beamte wappnet; und zwar darum, weil jene ebenso rcksichtslos die
Schtze unserer Seele bestehlen, wie diese die Kassen und das Vermgen
des Staates. Mit dem echten Revisor soll man es tun, weil unsere
heuchlerischen Leidenschaften, und nicht nur sie allein, sondern jede
geringste alberne Gewohnheit so schlau uns beizukommen, sich so
geschickt vor uns zu beschnigen versteht, wie nur irgend die
schurkischen Beamten vor Chlestakff, so da man drauf und dran ist, sie
fr Tugenden zu halten und sich der Ordnung in der eigenen Seelenstadt
zu rhmen, ohne auch nur im entferntesten zu argwhnen, da man
hinterher der Betrogene sein knne, gleichwie der Polizeimeister. So kam
es mir vor.

Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch, all das ist schn
gesprochen; wo aber fanden Sie hier die hnlichkeit? Was fr eine
Beziehung besteht denn zwischen Chlestakff und dem leichtfertigen
weltlichen Gewissen, oder zwischen dem echten Revisor und dem echten
Gewissen? Nikolai Nikolajewitsch, sagen Sie mir offen: finden Sie hier
irgendwelche Analogie?

Nikolai Nikolajewitsch. Nicht die geringste.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Auch ich nicht; wie weit ich auch die Augen
aufsperre, ich sehe nichts davon.

Fjodor Fjodorowitsch. Ich mu Ihnen aufrichtig gestehen, Michailo
Michailowitsch, obgleich der Gedanke nicht bel ist und einer
knstlerischen Arbeit sehr wohl als Thema dienen knnte, da ich dennoch
nicht glauben kann, der Autor habe ihn im Sinn gehabt.

Nikolai Nikolajewitsch (bestimmt). Unsinn! er ist ihm nicht einmal
eingefallen!

Michailo Michailowitsch. Ja, habe ich denn etwa behauptet, da der Autor
ihn im Sinne gehabt hat? Ich erklrte Ihnen doch vorhin schon: Der
Autor gab mir den Schlssel nicht, ich biete Ihnen dafr den meinen.
Selbst wenn er diesen Gedanken gehabt htte, wrde er doch in einem
solchen Falle unklug gehandelt haben, wenn er ihn deutlich erkennen
liee. Dann wre die Komdie auf eine Allegorie hinausgelaufen, htte
sich in eine drre, moralisierende Predigt verwandelt. Nein, seine Sache
war es vielmehr, lediglich den Abscheu vor tatschlichen Mistnden,
nicht solchen in einer ideellen Stadt, sondern in einer realen,
irdischen, zur Darstellung zu bringen, und alles Schlechte unserer
Heimat so zusammenzufassen, da man es sofort als solches erkennt und
nicht etwa fr das unvermeidliche bel hlt, welches ebenso
unausweichlich zwischen das Gute gemengt ist, wie die Schatten auf einem
Gemlde. Seine Pflicht war es, diese Schatten so schwarz zu malen, da
ein jeder fhlen soll, es msse dagegen angekmpft werden; da den
Zuschauer Schrecken erfat und ihm der Schauder durch Mark und Bein
geht. Das war seine Pflicht. Unsere Pflicht aber ist es, die Moral
daraus zu ziehen. Wir sind Gott sei Dank keine Kinder mehr. Ich habe
darber nachgesonnen, was fr eine Moral ich fr mich selbst daraus
ziehen knnte, und bin auf jene verfallen, die ich Ihnen soeben
mitgeteilt habe.

Pjotr Pjetrowitsch. Michailo Michailowitsch! Eine Komdie wird fr alle
geschrieben; es soll jedermann die Moral daraus ziehen knnen, eine
Moral, die naheliegt und allen erreichbar ist, nicht aber so fern liegen
darf, da hchstens ein ungewhnlich begabter Mensch sie fr sich allein
finden kann. Warum, frage ich, hat niemand auer Ihnen diese Moral
gefunden?

Nikolai Nikolajewitsch. Sehr richtig, das ist der springende Punkt!
Erklren Sie erst einmal, weshalb nur Sie, und nicht auch alle anderen
sie gefunden haben?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Ja, Michailo Michailowitsch, weshalb haben Sie
und nur Sie allein sie gefunden?

Michailo Michailowitsch. Zunchst einmal: woher wissen Sie, da nur ich
allein diese Moral gefunden habe? Und ferner: aus welchem Grunde halten
Sie sie fr fernliegend? Ich meine doch, da uns unsere Seele nher
liegt, als alles andere. Ich hatte damals meine eigene Seele im Sinne,
ich dachte an mich selbst, und darum eben zog ich diese Moral daraus.
Htten auch andere vor allem an sich selbst gedacht, dann htten auch
sie gewi die gleiche Moral wie ich finden knnen. Dringt denn aber
jeder von uns so tief in das Dichterwerk ein, wie die Biene in die
Blte? Um herauszusaugen, was man braucht? Nein: wir suchen in allem
eine Moral fr andere, nicht fr uns; wir sind immer dabei, die
Allgemeinheit zu behten und zu bewahren, indem wir eifrigst fr die
Moralitt anderer Leute Sorge tragen -- und unsere eigene vergessen.
Machen wir uns doch gern ber andere lustig, nicht aber ber uns selbst;
freuen uns, die Fehler der anderen zu bemerken, nicht aber die eigenen.
Wie dem nun auch sein mag, schauen Sie doch aber mal hin: dreitausend
Menschen kommen ins Theater; alle wissen, da sie gekommen sind, um sich
zu amsieren und jeder von diesen dreitausend setzt voraus, er werde
Gelegenheit finden, sich ber andere lustig machen zu knnen, nicht aber
ber sich selbst. Die leiseste Andeutung, da er selber vielleicht gar
dem hnele, ber den er lachte, kann ihn erzrnen und er wrde sofort
wtend wiederholen: habe ich denn eine Fratze?

Sjemjon Sjemjonowitsch. Michailo Michailowitsch, in diesem Sinne meine
ich das nicht ...

Michailo Michailowitsch (ihn unterbrechend). Gestatten Sie, Sjemjon
Sjemjonowitsch! Sie, ein ehrenwerter Mann, mit echt russischem Herzen,
ein Mensch, der mit wahrhaft christlichem Auge das Leben betrachtet, --
warum sprechen Sie aus, was Ihrer eigenen Denkungsart widerstreitet? Vor
allem, warum vergessen Sie jedesmal, da das Thema der Komdie und
berhaupt der Satire nicht das Tchtige, sondern das Verchtliche im
Menschen ist? Da, je schwrzer sie das Laster schildert und je strker
sie den Zuschauer erbeben und vor ihm schaudern macht, sie desto
vollkommener ihren Zweck erreicht? Warum vergessen Sie das jedesmal und
weisen der Satire Motive zu, die vielmehr dem Bereiche der Tragdie
gehren? Warum betrachten Sie nicht auch das Werk des Schriftstellers
mit dem Auge des Christen? Nein, wer eine Moral haben will, wird sie fr
sich selbst auch finden; wer in seine eigene Seele schaut, wird von
berallher nehmen, was er braucht: wird auch in dieser realen Stadt
seine eigene Seelenstadt erkennen, wird erkennen, da man sich mit aller
Kraft gegen die Heuchelei wappnen mu. Nein, lassen Sie die Satire
unbehelligt, sie tut ihre Schuldigkeit. Das Laster darf nirgendwo
geschont werden, mag es zu Tage treten, wo es wolle. Wenn Sie aber schon
christlich handeln wollen, dann beziehen Sie die Satire auf sich selbst,
wenden Sie die Komdie auf sich selbst an, ehe Sie eine Beziehung auf
die Allgemeinheit darin suchen. Will man wahrhaft christlich handeln,
dann ist es Pflicht, jede Dichtung, in der das Laster gegeielt wird,
auf sich selbst zu beziehen, gleich als wre Sie blo unsertwegen
verfat. Sie wissen es ja doch, da wir keinen Fehler an anderen
entdecken knnen, den wir nicht wenigstens als Reflex auch selber
besen, -- in geringerem Mastabe, anders geartet, in anderer
Verkleidung, anstndiger, liebenswrdiger und verbrmter als
Chlestakoff. Einerlei was man sucht, wenn man in seine Seele nur mit
jenem unbestechlichen Revisor hineinschaut, der unser an der Pforte des
Grabes harrt! Wir wissen das sehr wohl, wollen es aber nicht wissen!
Tagtglich gestehen wir uns ein, da unser Inneres von Leidenschaften
wimmelt, aber austreiben wollen wir sie nicht. Und haben doch eine
Peitsche in der Hand, um sie austreiben zu knnen.

Sjemjon Sjemjonowitsch. Eine Peitsche? Welche Peitsche denn?

Michailo Michailowitsch. Ist das Lachen etwa keine Peitsche? Oder meinen
Sie, es wre uns umsonst geschenkt, whrend doch selbst der verworfenste
Mensch sich davor frchtet? Frchtet sich doch sogar derjenige davor,
der sich sonst vor nichts frchtet! Also ist es uns zu einem wichtigen
Zwecke geschenkt. Und wozu? Meinen Sie etwa, um uns in oberflchlicher
Weise zu amsieren? Haben wir es aber zu dem Zwecke erhalten, um damit
alles zu geieln, was die edleren Eigenschaften des Menschen befleckt,
warum geieln wir dann nicht zuerst einmal das, was unsere eigene Seele
verunziert? Warum verwenden wir es nicht gegen das eigene Innere,
treiben nicht aus dem eigenen Lande die eigenen Schurken hinaus? Warum
soll die leise Andeutung, da wir ber uns selbst lachen, uns rger
verursachen? Sei dem wie ihm wolle, aber jede unserer Leidenschaften,
jede unserer schlechten Gewohnheiten will immer eine mglichst vornehme
Rolle spielen und uerlich vornehm scheinen, und schleicht sich
lediglich unter dieser Maske in unsere Seele ein, die, weil von edlerer
Natur, jene in ihrer schmutzigen Nacktheit sonst zurckweisen wrde.
Aber glauben Sie mir, wrden wir sie vor uns selbst dem Lachen
preisgeben und so schonungslos geieln, da man selber vor Scham erglht
und nicht wei, wo man sein Antlitz verbergen soll, -- sie wrde nicht
wagen, sich in unserer Seele einzunisten, und wrde spurlos
verschwinden.

Sjemjon Sjemjonowitsch. In der Tat, Ihre Worte geben zu denken. Sie
glauben also, die Anwendung des Lachens auf sich selbst, gegen die
eigene Person, sei mglich?

Pjotr Pjetrowitsch. Ich bin der Meinung, da das blo derjenige vermag,
der den Adel der menschlichen Natur fhlt und Schauder vor seinen
eigenen Fehlern empfindet.

Michailo Michailowitsch. Und ich meinerseits bin berzeugt, da, wer nur
ein echt russisches Herz besitzt, es ganz leicht kann. Ein jeder von uns
besitzt ja doch dies Lachen; ein gewisser schonungsloser Sarkasmus ist
selbst unter unseren niederen Volksschichten verbreitet. Auch besitzen
wir den Mut, aus uns herauszugehen und uns selbst nicht zu schonen. Und
gerade deshalb ist es vielleicht uns allein mglich, dem Lachen seine
ihm gebhrende Richtung zu geben. Widerlegen Sie mich, beweisen Sie mir,
da ich lge; vernichten Sie, zerstren Sie meine berzeugung, und
vernichten Sie zugleich mich selber, den armseligen Possenreier, der
fr diese berzeugung lebt, die er an seinem eigenen Leibe erprobt hat.
Sjemjon Sjemjonowitsch, fliet nicht in meinen Adern das gleiche
russische Blut wie in den Ihren? Fhle ich in meinen erhabensten
Momenten etwas anderes, als Sie in solchen zu fhlen fhig sind? Stehe
ich nicht gerade jetzt in meinem erhabensten Momente vor Ihnen? Meine
Laufbahn ist beendet; ich verlasse das Theater, dem ich zwanzig Jahre
lang gedient habe. Sie selber haben mich mit dem Kranz geschmckt, haben
mich in Wallung gebracht. Sie selber haben mich fast gezwungen zu sagen,
was ich eben gesagt habe. Sehen Sie her: ich weine. Ich, der Komiker,
der Sie noch eben belustigte, ich weine nun. Gnnen Sie mir das
Bewutsein, da auch mein Lebensweg so ehrenhaft war, wie der eines
jeden von Ihnen; da auch ich meinem Vaterlande treu gedient habe, da
ich kein alberner Possenreier, sondern ein ehrlicher Beamter des groen
Gottesreiches war, und in Ihnen nicht etwa das trichte Lachen erweckt
habe, womit ein Mensch den anderen verspottet, sondern jenes Lachen,
welches aus der Nchstenliebe quillt. Nikolai Nikolajewitsch, Fjodor
Fjodorowitsch, Sjemjon Sjemjonowitsch, und ihr andern Kameraden alle,
mit denen ich Stunden der Arbeit und Stunden lehrreicher Aussprache
geteilt, von denen ich vieles gelernt habe und von denen ich jetzt mich
trenne, -- Freunde! Das Publikum liebte mein Talent, ihr aber liebtet
mich selber! Entreit, wenn ich nicht mehr da bin, entreit dieses
Lachen denjenigen, die es herabgewrdigt haben zu einem Gesptt ber
alles, ohne Unterschied zwischen Gut und Bse! Ich sage euch: glaubt
diesen meinen Worten ... Es ist edel, es ist ehrenhaft, dieses Lachen.
Es ist uns ausdrcklich darum geschenkt, damit wir ber uns selbst,
nicht ber unsern Nchsten lachen sollen. Und wer nicht den Mut hat,
ber seine eigenen Fehler zu lachen, der sollte besser berhaupt nicht
lachen! ... Er wird einst dafr Rechenschaft geben mssen! ...




                         Eine Heiratsgeschichte


        Eine ganz unwahrscheinliche Begebenheit in zwei Aufzgen

                                  1833

               Deutsch von Carl Ritter und Andr Villard


              Den Bhnen gegenber als Manuskript gedruckt



                               Personen.

   Agathe Tichonowna, eine heiratslustige Kaufmannstochter.
   Arina Panteleimonowna, ihre Tante.
   Thekla Iwanowna, eine Heiratsvermittlerin.
   Podkoliessin, Beamter -- Hofrat.
   Kotschkarjow, sein Freund.
   Iwan Pawlowitsch Eierkuchen, Exekutor.
   Anutschkin, Infanterie-Leutnant a. D.
   Schewakin, Leutnant zur See.
   Dunjaschka, das Dienstmdchen.
   Starikow, ein Kaufmann.
   Stepan, Podkoliessins Diener.




                             Erster Aufzug


                      (Zimmer eines Junggesellen.)


                              1. Auftritt

                             Podkoliessin.

Podkoliessin (liegt allein auf dem Sofa und raucht eine Pfeife). Ja,
wenn man so allein auf dem Sofa liegt und nachdenkt, dann merkt man erst
recht, da es so nicht weiter geht ..... Man mu heiraten! ... Wirklich,
da lebt man so dahin, bis einem schlielich die ganze Geschichte zum
Halse raushngt. Nun habe ich auch wieder die Fastenzeit
vorberstreichen lassen, und doch ist alles fix und fertig! Es sind ja
bald drei Monate, da mir die Heiratsvermittlerin das Haus einluft.
Wahrhaftig, man mu sich bald vor sich selber schmen ... He, Stepan!


                              2. Auftritt

                        Podkoliessin und Stepan.

Podkoliessin. War die Heiratsvermittlerin nicht da?

Stepan. Nein.

Podkoliessin. Und bist du beim Schneider gewesen?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Wie ist's, arbeitet er an meinem Frack?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Ist er bald fertig?

Stepan. Ja, nun wird's wohl nicht mehr lange dauern. Er ist schon bei
den Knopflchern.

Podkoliessin. Was? ... Was hast du gesagt? ...

Stepan. Ich sage, er ist schon bei den Knopflchern!

Podkoliessin. Sag mal, hat er denn gar nicht gefragt, wozu dein Herr den
Frack braucht? ...

Stepan. Nein, danach hat er nicht gefragt.

Podkoliessin. Oder hat er vielleicht nur gesagt: Dein Herr will wohl
heiraten? ...

Stepan. Nein, darber hat er auch nichts gesagt.

Podkoliessin. Aber du hast doch bei ihm auch andere Frcke hngen sehen?
Er arbeitet doch auch fr andre Leute.

Stepan. Ja, es liegen viele Frcke bei ihm herum.

Podkoliessin. Nun sag mal, mein Stoff ist wohl etwas besser als bei den
brigen, was? ...

Stepan. Ja, etwas feiner wird er schon sein.

Podkoliessin. Was sagst du? ...

Stepan. Ich sage, etwas feiner wird er schon sein.

Podkoliessin. Gut, ... schn! ... Aber hat er denn nicht gefragt, warum
dein Herr so feinen Stoff zu seinem Frack nimmt?

Stepan. Nein!

Podkoliessin. Also vom Heiraten hat er nicht gesprochen?

Stepan. Nein, davon hat er nichts gesagt.

Podkoliessin. Aber hast du ihm auch meinen Rang und Titel genannt und
gesagt, wo ich diene? ...

Stepan. Gewi, gndiger Herr!

Podkoliessin. Nun, und er? ...

Stepan. ... hat gesagt: Schn, ich werde mir Mhe geben!

Podkoliessin. Gut, du kannst gehen.

                           (Stepan geht ab.)


                              3. Auftritt

                         Podkoliessin (allein).

Podkoliessin. Ja, ich bin nun mal der Ansicht, ein schwarzer Frack ist
doch solider. Die bunten, ... die passen mehr fr Sekretre, Titularrte
und solch ein Volk. Das ist was fr Grnschnbel. Ein Mann von hherem
Rang, mu eben das ... das ... ja, wie soll man gleich sagen ... eh,
jetzt habe ich dies Wort vergessen ... es war ein so schnes Wort, und
ich hab's vergessen ... Ja, mein Bester, dreh und wende dich, wie du
willst: ... ein Hofrat steht im Grunde genommen nicht hinter einem
Oberst zurck; es sei grade, da er keine Epauletten trgt ... He,
Stepan!


                              4. Auftritt

                        Podkoliessin und Stepan.

Podkoliessin. Hast du die Stiefelwichse gekauft?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Wo? ... In dem Laden, von dem ich dir gesprochen habe? Auf
dem Wosnissenski Prospekt?

Stepan. Ja, in dem Laden.

Podkoliessin. Und ist die Wichse gut?

Stepan. Ja, sehr gut.

Podkoliessin. Hast du schon probiert, die Stiefel damit zu putzen?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Nun, und glnzen sie schn?

Stepan. Ja, glnzen tun sie mchtig!

Podkoliessin. Und sag: wie du die Wichse bei ihm kauftest, hat er da
nicht gefragt, wozu dein Herr so feine Stiefelwichse braucht?

Stepan. Nein.

Podkoliessin. Hat er nicht gefragt: dein Herr will am Ende gar heiraten?

Stepan. Nein, er hat nichts gesagt.

Podkoliessin. So? ... Na, es ist gut ... geh nur! (Stepan geht ab.)


                              5. Auftritt

                         Podkoliessin (allein).

Podkoliessin. Wenn man so denkt: was sind ein Paar Stiefel? Eine hchst
gleichgltige Sache! Und doch, wenn sie schlecht genht sind und die
Wichse stumpf bleibt, so begegnet man dir in der vornehmen Welt schon
nicht mehr mit der gleichen Achtung. Es fehlt was, es ist nicht mehr das
Richtige. Und was noch sehr unangenehm ist, das sind Hhneraugen. Alles
kann ich ertragen, bei Gott, nur keine Hhneraugen .... He, Stepan!


                              6. Auftritt

                        Podkoliessin und Stepan.

Stepan. Der Herr wnschen?

Podkoliessin. Hast du dem Schuster auch gesagt, er solle die Stiefel so
machen, da ich keine Hhneraugen bekomme?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Und was sagt er?

Stepan. Er hat gesagt: Gut! (Stepan geht ab.)


                              7. Auftritt

                  Podkoliessin allein, spter Stepan.

Podkoliessin. 's ist doch 'ne verdammte Plackerei, das Heiraten! Hol's
der Teufel! Erst dies und dann das und dann wieder jenes. Alles will
berdacht und geordnet sein, Teufel nochmal! Das ist nicht so leicht,
wie man zu sagen pflegt ... He, Stepan! (Stepan kommt herein.) Ich
wollte dir noch sagen ...

Stepan. Die Alte ist da.

Podkoliessin. So, ist sie da? Sag ihr, sie soll mal reinkommen. (Stepan
geht.)

Podkoliessin. Ja, das ist so 'ne Sache. Die ist gar nicht so ohne. Eine
hchst komplizierte Geschichte das!


                              8. Auftritt

                        Podkoliessin und Thekla.

Podkoliessin. Ah, guten Tag! ... Guten Tag, Thekla Iwanowna! Nun was
gibts, wie sieht's aus ... Nehmen Sie einen Stuhl! Setzen Sie sich nur
und erzhlen Sie. Nun, also, wie steht's? Wie heit sie doch gleich?
Melanie? ...

Thekla. Nicht doch, Agathe Tichonowna.

Podkoliessin. Richtig, Agathe Tichonowna. Wohl so 'ne vierzigjhrige
Jungfrau, was?

Thekla. Aber nicht doch, davon ist keine Rede. Das heit, -- heiraten
Sie blo. Jeden Tag werden Sie mich loben und mir danken.

Podkoliessin. Ach was, du schwindelst ja, Thekla Iwanowna!

Thekla. Ich bin schon zu alt, um noch zu lgen, Vterchen. Das berla
ich den Hundeshnen.

Podkoliessin. Und wie steht's mit der Mitgift? ... Erzhl mir's doch
noch einmal.

Thekla. Gott, sie bekommt ein steinernes Haus mit, ein zweistckiges, im
Moskauer Viertel. Das rentiert sich, sage ich Ihnen, na, Sie werden Ihre
reinste Freude daran haben. Fr den Laden allein zahlt ein Kaufmann
siebenhundert Rubel ... Eine Schenke ist darin, die ist berhaupt immer
voll. Dazu hat's zwei hlzerne Seitenflgel; der eine, der ist ganz aus
Holz, und der andere hat ein steinernes Fundament. Jeder fr sich bringt
jhrlich vierhundert Rubel. Und dann gehrt ihr noch ein Gemsegarten
auf der Wiborger Seite. Vorvoriges Jahr, da hat ihn ein Kaufmann
gepachtet, um Kohl darin zu pflanzen, ich sage Ihnen, ein braver,
nchterner Mann, der nie einen Tropfen Schnaps in den Mund nimmt. Er ist
Vater von drei Shnen. Zwei davon hat er schon verheiratet. Mein
dritter aber, sagte er, ist noch zu jung. Der kann ruhig ein bichen
im Laden sitzen und fr das Geschft sorgen. Ich bin schon zu alt, sagt
er, jetzt mag mein Sohn fr mich im Laden sitzen, damit das Geschft
besser geht.

Podkoliessin. Schn, schn; aber wie sieht sie denn aus? Ist sie denn
hbsch? ...

Thekla. Ach, der reinste Milchzucker! Weie Haut, rote Backen,
berhaupt: Milch und Blut. Oh, sie ist so reizend, ich kann's gar nicht
sagen, wie reizend. Also, Sie werden zufrieden sein. Bis dahinauf (zeigt
auf den Hals). Das heit, zu Freund und Feind werden Sie sagen: ...
Diese Thekla Iwanowna, bei der mu ich mich aber bedanken!

Podkoliessin. Aber sie ist doch nicht einmal Hauptmannstochter.

Thekla. Ihr Vater war Kaufmann dritter Gilde. Ich sage Ihnen, ein
General brauchte sich ihrer nicht zu schmen. Von einem Kaufmann will
die gar nichts hren. Mein Mann mag aussehen wie er will, sagt sie,
und wenn er uerlich auch noch so unansehnlich ist; wenn er nur den
Adel hat. Einfach ein Bonbon, sage ich Ihnen. Und wenn sie des Sonntags
ihr seidenes Kleid anzieht, Jesus, wie sie dann einherrauscht ....
gradezu 'ne Grfin.

Podkoliessin. Aber Sie begreifen doch, warum ich danach frage. Ich bin
doch Hofrat. Und da mu ich doch ein ... ein ... na, Sie verstehen mich
schon.

Thekla. Natrlich, das ist doch klar. Was sollte dabei nicht zu
verstehen sein? Es war auch schon 'n Hofrat da. Wir haben ihn aber
abgewiesen, weil er uns nicht gefallen hat. Er hatte aber auch gar zu
merkwrdige Manieren. Jedes Wort, das er sprach, war gelogen. Und dabei
war es doch ein ganz stattlicher Mann. Ja, was ist da zu machen? ...
Gott hat ihn nun mal so geschaffen! Er rgerte sich selbst darber. Aber
es war ihm einfach unmglich, das Lgen zu lassen. Es war halt Gottes
Wille.

Podkoliessin. Nun, und auer dieser? Knnen Sie mir keine anderen
Vorschlge machen? ...

Thekla. Was wollen Sie denn noch fr welche? ... Eine Schnere knnen
Sie sich ja gar nicht wnschen.

Podkoliessin. Als wenn's berhaupt keine Schnere gbe!

Thekla. Suchen Sie auf der ganzen Welt, Sie finden keine.

Podkoliessin. Na schn, ich will's mir berlegen, Mtterchen! Also
kommen Sie bermorgen wieder. Dann wollen wir die Sache noch einmal
durchsprechen. Wissen Sie, so wie heute. Ich liege auf dem Sofa, und Sie
erzhlen mir.

Thekla. Ach, mein Gott, jetzt komme ich doch schon den dritten Monat Tag
fr Tag zu Ihnen hergelaufen und doch kommt nichts dabei heraus: immer
sitzen Sie im Schlafrock da und rauchen.

Podkoliessin. Sie denken sich wohl, heiraten das ist so, als ob ich zu
meinem Diener sage: He Stepan, bring mir mal die Stiefel her! Zieh sie
mir an und los! Das will doch berlegt, durchdacht sein.

Thekla. Na, wie Sie wollen! Wollen Sie sich die Sache erst ansehen, ....
meinetwegen! Dies Recht steht Ihnen bei jeder Ware zu. Lassen Sie sich
doch den Mantel bringen, ... es ist ja noch frh, ... und fahren Sie
hin!

Podkoliessin. Wie jetzt? ... Sehen Sie doch, wie trbe es drauen ist.
Wenn es nun anfngt, zu regnen, und ich bin gerade unterwegs ...

Thekla. Es ist ja nur Ihr eigener Schaden! Sie fangen ja schon an, graue
Haare zu bekommen. Bald taugen Sie berhaupt nicht mehr zum Ehemann.
Auch was Besonderes ... Hofrat! Wir haben noch ganz andere Freier wie
Sie!

Podkoliessin. Was fr dummes Zeug schwatzen Sie da! Was fllt Ihnen nur
pltzlich ein, zu behaupten, ich htt' graue Haare? Wo sollen die denn
sein? ... (Zupft an seinen Haaren.)

Thekla. Und warum sollen Sie keine grauen Haare haben? ... So ist es nun
einmal im Leben. Sie sind mir auch einer! Die gefllt ihm nicht, und
jene pat ihm nicht. Ich habe einen Kapitn an der Hand, dem reichen Sie
nicht an die Schulter. Der hat 'ne Stimme! ... Wie 'ne Trompete. Er
dient in der Admiralitt.

Podkoliessin. Nein, das lgst du! Ich will doch mal in den Spiegel
sehen. Wo hast du nur ein graues Haar gefunden? ... He, Stepan, bring
mir mal den Spiegel her! Oder nein, warte, ich werde ihn mir schon
selber holen. Graue Haare! das fehlte mir gerade noch. Gott behte! Das
ist ja schlimmer als die Pocken. (Er geht in das nchste Zimmer.)


                              9. Auftritt

     (Kotschkarjow kommt hereingelaufen.) Thekla und Kotschkarjow.

Kotschkarjow. Nun, Podkoliessin, wo steckst du denn? (Erblickt Thekla.)
Nanu, wie kommst du hierher? ... Na, warte nur! Sag, bei allen Teufeln,
wozu hast du mich blo verheiratet? ..

Thekla. Nun, ist das denn so schlimm? Du hast eben deine Pflicht getan.

Kotschkarjow. Pflicht getan! Eine Frau genommen; auch was Besonderes.
Als wenn ich nicht ohne Frau ausgekommen wre.

Thekla. Du warst ja gar nicht loszuwerden. Schaff mir 'ne Frau,
Mtterchen, schaff mir 'ne Frau!

Kotschkarjow. Ach, du alte Ratte du! Was aber suchst du blo hier? Oder
sollte gar der Podkoliessin?

Thekla. Warum denn nicht ... Mit Gottes Hilfe! ..

Kotschkarjow. Wirklich? Nein, solch ein Lump! Und erzhlt mir kein
Sterbenswrtchen davon. So ein Kerl! Macht's ganz im geheimen. Wie? ..
Was? ..


                              10. Auftritt

   Die Vorigen und Podkoliessin mit einem Spiegel in der Hand, in
                   dem er sich aufmerksam betrachtet.

Kotschkarjow (kommt herangeschlichen und erschreckt ihn). Puff!

Podkoliessin (schreit auf und lt den Spiegel fallen, der zerbricht).
Du? Du bist wohl verrckt geworden? .. Was fr einen Sinn hat das nur?
.. Wozu diese Dummheiten? .. Wahrhaftig, ich bin so erschrocken, da ich
gar nicht wei, wo ich bin.

Kotschkarjow. Ach, reg dich nicht auf ... es war doch nur ein Spa!

Podkoliessin. Ein schner Spa! Ich kann mich bis jetzt nicht vom
Schreck erholen. Und der Spiegel ist zerbrochen. Das war doch kein
billiges Stck. Den hab' ich in einem englischen Laden gekauft.

Kotschkarjow. Nun, nun, sei friedlich! Ich werde dir einen andern
Spiegel kaufen.

Podkoliessin. Ja, ja, ich wei schon. Ich kenne diese andern Spiegel
schon. In denen sieht man um zehn Jahre lter aus. Die ganze Fratze wird
einem schief darin.

Kotschkarjow. Ich htte viel mehr Grund, mich ber _dich_ zu rgern. Ich
bin doch dein Freund, und du verheimlichst mir alles. Du willst dich
verheiraten!

Podkoliessin. Ach, Unsinn. Wer denkt denn daran.

Kotschkarjow. Bitte, hier steht der Beweis. (Zeigt auf Thekla.) Man wei
schon, was das fr ein Vogel ist. Nun, nun, das schadet ja nichts. Das
ist doch kein Verbrechen! Ein ganz christliches Werk, sogar ein
patriotisches Werk! Doch, la mich nur machen! Ich nehme alles auf mich.
(Zu Thekla.) Also, nun los, erzhle. Wie, wo, was. Ist es 'ne Adlige,
eine aus dem Beamten- oder Kaufmannsstande und, vor allem, -- wie heit
sie?

Thekla. Agathe Tichonowna heit sie.

Kotschkarjow. Aha, Agathe Tichonowna Brandachlistowa!

Thekla. Nein, Kuperdjagina.

Kotschkarjow. Na ja, und wohnt in der Schestilawotschnaja.

Thekla. Nicht doch, in der Nhe von Peki wohnt sie. In der
Mllnijgasse.

Kotschkarjow. Natrlich, in der Mllnijgasse, gleich hinter dem
Kramladen. In dem hlzernen Haus.

Thekla. Nein, nicht hinter dem Kramladen; hinter der Schenke.

Kotschkarjow. Wieso hinter der Schenke? ... Das versteh ich nicht.

Thekla. Wenn du in die Gasse einbiegst, so kommst du gleich an einem
Huschen vorbei. Gleich hinter dem Huschen mut du nach links
einbiegen. Dann siehst du das hlzerne Haus vor dir, in dem die Nherin
wohnt, ... die, die frher mit dem Obersekretr des Senats
zusammengelebt hat. An der Nherin also mut du vorbergehen: du lt
sie hinter dir. Aber sofort danach, das steinerne Haus, das gehrt
_ihr_. Das heit, da wohnt sie: Agathe Tichonowna, die Braut.

Kotschkarjow. Gut, gut. Ich werde schon Alles besorgen. Jetzt kannst du
abziehen. Wir brauchen dich nicht mehr.

Thekla. Was, du willst doch nicht, .... du kriegst doch keine Heirat
zustande!

Kotschkarjow. Selbstverstndlich! Ich besorge das ganz allein. Du
brauchst dich um nichts mehr zu kmmern.

Thekla. Pfui, schme dich. Das ist doch kein Beruf fr Mnner. Lassen
Sie die Hand davon, Vterchen! Ich bitte Sie!

Kotschkarjow. Geh, geh nur. Was verstehst denn du davon? Schuster, bleib
bei deinen Leisten. Los, Abfahrt!

Thekla. Was? Du willst den Leuten das Brot wegnehmen? Wart, du alter
Snder. Mischt sich in diese Angelegenheit. Wenn ich das gewut htte!
Kein Wort wre ber meine Lippen gekommen! (Luft wtend hinaus.)


                              11. Auftritt

                     Kotschkarjow und Podkoliessin.

Kotschkarjow. Hr mal, lieber Freund, eine solche Sache lt durchaus
keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.

Podkoliessin. Was fllt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich
berlege es mir doch erst!

Kotschkarjow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schchtern. Ich
werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also
komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache
steht.

Podkoliessin. Was redest du da? ... Wir knnen doch nicht gleich
hinfahren.

Kotschkarjow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt's denn
noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du?
Guck dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ...
Dort liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf
dem Tisch treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst
bestndig auf der Brenhaut und faulenzt.

Podkoliessin. Das ist wahr. Wie unordentlich es bei mir zugeht, das wei
_ich_ am allerbesten.

Kotschkarjow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben wirst.
Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen,
dazu ein kleines Hndchen ... ein Zeisig oder sonst was im Kfig ...
hier Hkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und
pltzlich setzt sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes
Frauchen, und streichelt dich mit ihren Hndchen.

Podkoliessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was fr reizende Hndchen es
in der Welt gibt. Weit du, Freund, so wei wie Milch ...

Kotschkarjow. Ach was, als ob sie blo Hndchen htten. Die haben noch
ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... wei der
Teufel, was die nicht alles haben.

Podkoliessin. Ich mu sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es
ganz gern, wenn solch hbsches Mdel neben mir sitzt.

Kotschkarjow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack
gekommen! Jetzt la mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu
kmmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hngt das
besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft -- unter einem
Dutzend lt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du
willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, -- unbedingt.
Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die
lieben nmlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol'
ihn der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, --
weit du, -- da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein
Diner, nach dem stehst du berhaupt nicht mehr auf.

Podkoliessin. Hr mal, du legst dich aber gleich ganz gehrig ins Zeug.
Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wre.

Kotschkarjow. Gewi! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn
aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.

Podkoliessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht
einverstanden.

Kotschkarjow. Da haben wir's. Soeben hast du doch erklrt, du wolltest
gerne heiraten!

Podkoliessin. Ich meinte doch nur, es wre nicht schlecht ...

Kotschkarjow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon
vollstndig ... Ja, wie? Gefllt dir denn das Eheleben nicht, was?

Podkoliessin. Gewi gefllt es mir! ...

Kotschkarjow. Na also, woran fehlt's denn noch?

Podkoliessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.

Kotschkarjow. Was ist sonderbar?

Podkoliessin. Du wirst doch zugeben, da es merkwrdig ist: da war man
so lange unverheiratet, und dann soll man pltzlich Ehemann sein.

Kotschkarjow. Nein, hr mal, schmst du dich denn nicht? Nein, ich sehe
wirklich, mit dir mu man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig
gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur
einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du
eigentlich vor? Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und
wozu lebst du eigentlich? Guck doch blo mal in den Spiegel! Na, was
siehst du da? ... Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen,
berlege dir doch nur, wie dann die kleinen Kinderchen um dich
herumhpfen werden. Nicht etwa zwei oder drei, nein, gleich ein halbes
Dutzend. Und alle gleichen dem Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern.
Jetzt bist du allein, bist Hofrat, Expeditor, oder irgendein Direktor
irgendeines Departements und wei Gott, was sonst noch. Und nun stell
dir erst mal vor, was dann sein wird. Alle die kleinen Expeditorchen um
dich herum, diese kleinen Spitzbuben, und wenn dann solch ein kleiner
Wildfang die Hnde ausstreckt und dir im Bart zu krauen beginnt, und du
dazwischen wie ein Hund bellen mut: Wau, wau, wau ... na, nun sag
selbst, kann es etwas Hbscheres geben? ...

Podkoliessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wren. Sie werden
mir nur alles zerreien und meine Papiere durcheinanderbringen.

Kotschkarjow. La sie doch. Dafr werden sie dir alle hnlich sehen; das
ist eben der Witz.

Podkoliessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, wei der Teufel. So'n
kleiner Windbeutel, so ein junger, tppischer Hund, und ist dir schon
wie aus dem Gesicht geschnitten.

Kotschkarjow. Natrlich, gewi ist es komisch. Na also, dann fahren wir.

Podkoliessin. Also ... gut, meinetwegen!

Kotschkarjow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.

Podkoliessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht
sollte ich lieber eine weie Weste nehmen?

Kotschkarjow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.

Podkoliessin (legt sich den Kragen um). Die verdammte Wscherin. Hat
schon wieder den Kragen so schlecht gestrkt; er will absolut nicht
stehen. Stepan, sag ihr, wenn sie die Wsche noch einmal so schlecht
plttet, dann schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib!
Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen,
anstatt zu pltten.

Kotschkarjow. Beeil dich ein bichen, lieber Freund, was trdelst du
denn so lange herum.

Podkoliessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hr
mal, Ilja Fomitsch, weit du was: Fahr du doch lieber alleine!

Kotschkarjow. Was fllt dir ein! Hast du pltzlich den Verstand
verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich
verheiraten? .. Du oder ich? ...

Podkoliessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber
morgen.

Kotschkarjow. Na, hast du blo einen Funken Verstand? .. Bist du nicht
ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und pltzlich will er nicht mehr.
Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump,
nach alledem? ...

Podkoliessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir denn
was zuleide getan?

Kotschkarjow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder
sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Fr wen
sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur fr dich. Zu deinem Vorteil!
Sie werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf
seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach
siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmtze! Na,
ich htte beinahe etwas gesagt. Wenn's nur nicht zu unanstndig wre.
... Ein altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!

Podkoliessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatschlich! (Halblaut.) Du
bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst
drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest
dir dazu wohl keinen andern Ort auswhlen? ...

Kotschkarjow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn ein
Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn soviel
Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anstndiger Mensch entschlossen,
zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun, mit
einemmal, aus einer bloen Laune ... Du hast wohl Tollkirschen
gefressen? .. Du Tlpel, du Holzklotz du!

Podkoliessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?

Kotschkarjow. Du fhrst? Selbstverstndlich fhrst du! Du kannst ja gar
nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel!
Schnell ...

Podkoliessin (in der Tre). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow!
Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst
mit einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch
kein Benehmen.

Kotschkarjow. Ach, das ist ja lngst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht
mehr ...

                              (Beide ab.)


                              12. Auftritt

   Agathe Tichonowna legt Karten, Arina Panteleimonowna, ihre Tante,
               blickt ihr ber die Achseln in die Karten.

Agathe Tichonowna. Tantchen, sieh, schon wieder ein Weg! Ein Karo-Knig
interessiert sich fr mich. ... Trnen! ... Ein Liebesbrief ... links
der Treff-Knig zeigt groe Teilnahme, aber hier liegt ein bses Weib
dazwischen.

Arina Panteleimonowna. Und was denkst du, der Treff-Knig: wer mag das
sein?

Agathe Tichonowna. Das kann ich doch nicht wissen.

Arina Panteleimonowna. Aber ich wei es.

Agathe Tichonowna. Ja? ... Wer? ...

Arina Panteleimonowna. Nun, der nette Kaufmann vom Tuchmarkt, Alexei
Dmitriewitsch Starikow.

Agathe Tichonowna. Ach, der doch auf keinen Fall. Ich gehe jede Wette
ein, da der es nicht ist.

Arina Panteleimonowna. Streite doch nicht, Agathe Tichonowna, sieh doch
die blonden Haare hier; einen andern Treff-Knig gibt es ja gar nicht.

Agathe Tichonowna. Aber nicht doch, Tantchen, Treff-Knig ist immer ein
Edelmann. Ein Kaufmann reicht noch lange nicht an den Treff-Knig heran.

Arina Panteleimonowna. Ach, Agathe Tichonowna, du wrdest auch anders
reden, wenn dein seliger Vater, Tichon Panteleimonowitsch, noch am Leben
wre. Der schlug manches liebe Mal mit der Faust auf den Tisch und
schrie: Ich spucke auf jeden, der sich schmt, ein Kaufmann zu sein.
Ich gebe meine Tochter keinem Obersten, sagte er. Mgen das doch andre
Leute machen. Und mein Sohn, der soll mir auch nicht Beamter werden,
sagte er. Dient nicht der Kaufmann seinem Zaren genau so gut wie jeder
andere? sagte er. Und dabei schlug er so mit der Faust auf den Tisch,
da es krachte. Und das war 'ne Hand, sag' ich dir, so gro wie ein
Eimer. Ja, solch ein leidenschaftlicher Mensch war er. Wenn ich offen
sein soll, deiner seligen Mutter hat er das Leben auch gehrig
versalzen. Sonst htt' sie wohl noch lnger gelebt.

Agathe Tichonowna. Nun, soll ich etwa eben solch einen bsen Mann
kriegen? Nein, unter keinen Umstnden nehme ich einen Kaufmann.

Arina Panteleimonowna. Aber Alexei Dmitriewitsch ist doch gar nicht
solch einer.

Agathe Tichonowna. Nein, ich will ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Und dann
trgt er einen Vollbart. Beim Essen wird es ihm immer in den Bart
heruntertropfen. Nein, nein, ich will ihn nicht!

Arina Panteleimonowna. Aber wo soll man nur einen anstndigen Adligen
hernehmen? Sie liegen doch nicht auf der Strae herum!

Agathe Tichonowna. Thekla Iwanowna wird schon einen auftreiben. Sie
versprach mir's, den Allerschnsten zu finden.

Arina Panteleimonowna. Ach, die schwindelt ja nur, Herzchen.


                              13. Auftritt

                    Die Vorigen und Thekla Iwanowna.

Thekla. Aber nein, Arina Panteleimonowna, schmen Sie sich doch, mir
hinterm Rcken so was nachzureden.

Agathe Tichonowna. Ach, da sind Sie ja, Thekla Iwanowna! Nun, wie
steht's? Sprechen Sie doch! Erzhlen Sie! Haben Sie einen?

Thekla. Ja doch, ja, lassen Sie mich nur erst verschnaufen. Wie bin ich
in Ihrem Auftrag herumgelaufen! ... Ich bin in allen Husern gewesen, in
allen Kanzleien und Ministerien; hab' sogar in die Kasernen geguckt! ...
Wissen Sie, Mtterchen, beinah geschlagen hat man mich ... bei Gott! Die
Alte, die ihre Hand in der Heirat der Affeirows im Spiel gehabt hat, die
strzte sich auf mich los und schrie: Du bist mir auch so eine und so
'ne, nimmst blo andern Leuten das Brot weg, bleib du doch geflligst in
deinem Revier! ... Was soll ich tun, sagte ich ihr geradezu ins
Gesicht, verzeih, aber fr mein Frulein, da bin ich jederzeit zu allem
bereit. Ja mein Herzchen, was ich Ihnen aber auch fr Freier besorgt
habe! Na, das heit: solange die Welt steht, -- und sie wird noch lange
stehen -- aber solche hat es denn doch noch nie gegeben. Ein paar werden
noch heute ihre Aufwartung machen. Ich komme absichtlich hergelaufen, um
Sie vorzubereiten.

Agathe Tichonowna. Wie? Heute noch? ... Liebste Thekla Iwanowna, ich
bitte Sie ... ich frchte mich ...

Thekla. Sie brauchen keine Angst zu haben, Mtterchen. 's ist ja eine
ganz gewhnliche Sache! Sie werden eben kommen, sich umsehen, und --
weiter nichts! Sie werden sie sich auch ansehen, und wenn sie Ihnen
nicht gefallen, nun, dann fahren sie eben wieder fort.

Arina Panteleimonowna. Na, du wirst mir schon nette Kerle rausgesucht
haben.

Agathe Tichonowna. Wie viele sind es denn? Sind's viele?

Thekla. Nun, an die sechs Mann werden es wohl sein.

Agathe Tichonowna (aufschreiend). Ach Herrjeh! ...

Thekla. Nun, nun, springen Sie doch nicht gleich in die Hhe,
Mtterchen! ... Um so leichter ist doch die Wahl. Gefllt dir der eine
nicht, so tut's vielleicht der andere.

Agathe Tichonowna. Und sind es Adlige? ..

Thekla. Aber natrlich! Alle! Wie ausgesucht! Solche Adlige wie die,
finden Sie nirgends mehr.

Agathe Tichonowna. Und was sind es fr Menschen? ...

Thekla. Ach, prchtige Menschen! Alles prachtvolle, propre, junge Leute.
Da haben Sie erstens den Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein ganz
vorzglicher Mensch; er hat in der Flotte gedient. Der pat
ausgezeichnet zu Ihnen! Denn, sagt er, was meine Braut betrifft, die
mu voll sein. Die mageren, die mag er gar nicht leiden. Und dann ist
da Iwan Pawlowitsch, der Ixikutor! Ein sehr wrdiger, ein geradezu
unnahbarer Mann. Wenn der einen anschreit: Erzhl' mir nur keine langen
Geschichten von der Braut. Sag lieber, was hat sie an Mabilien und
Immabilien, und damit basta! So und so viel, Vterchen, bei Gott! Das
lgst du, Luder! ... Und dann hat er mir noch ein Wort an den Kopf
geworfen, ja, Mtterchen, das ist schon zu unanstndig, um es hier zu
wiederholen. Da hatt' ich's gleich raus: das mu aber ein vornehmer Mann
gewesen sein.

Agathe Tichonowna. Nun, und wer noch? ..

Thekla. Dann ist da noch ein Herr, Nikolai Iwanowitsch Anutschkin. Eine
majesttische Gestalt! Und was fr Lippen er hat ... die reinsten
Himbeeren. So ein feiner Herr! Ich will, sagte er, da meine Frau
hbsch und gut erzogen ist, und Franzsisch mu sie sprechen knnen.
Ja, ein Herr von uerst feinem Benehmen! Alles deutsche Finessen! Und
dabei ist er so zart und hat so schmale, dnne Beinchen.

Agathe Tichonowna. Nein, grade diese Zarten, die wollen mir nicht so
recht, ... ich wei nicht, aber ich finde keinen Geschmack an ihnen.

Thekla. Ja, wenn Sie auf etwas Massiveres reflektieren, dann nehmen Sie
doch Iwan Pawlowitsch! Einen passenderen knnen Sie ja gar nicht finden.
Da ist nichts zu sagen. Das ist ein Herr! Der geht Ihnen hier nicht
durch die Tr. So ein prchtiger Mensch!

Agathe Tichonowna. Und wie alt ist er?

Thekla. Ach, noch ein junger Mann! Vielleicht an die fnfzig. Oder noch
nicht einmal fnfzig.

Agathe Tichonowna. Und wie ist sein Name?

Thekla. Er heit Iwan Pawlowitsch Eierkuchen.

Agathe Tichonowna. Wie ... Eierkuchen ... das ist sein Familienname?

Thekla. Ja, das ist sein Name.

Agathe Tichonowna. Gott, welch ein Name! Denk doch nur, Theklachen, wie
soll denn das werden, wenn ich den heirate? Dann heie ich ja pltzlich
Agathe Tichonowna Eierkuchen. Wei Gott, das ist ja frchterlich!

Thekla. I was, liebes Mtterchen, bei uns in Ruland gibt es nun mal
solche Namen, da mchte man am liebsten gleich ausspucken und das Kreuz
darber schlagen, wenn man sie hrt. Aber wenn er Ihnen nicht gefllt,
so nehmen Sie doch Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein herrlicher
Freier!

Agathe Tichonowna. Und was fr ein Haar hat er?

Thekla. Sehr schnes Haar, mein Herzchen.

Agathe Tichonowna. Und die Nase?

Thekla. Eh, die Nase ist auch schn. berhaupt, alles steht an seinem
richtigen Fleck. Und er selbst ist ein prchtiger Mensch. Nur ber eins
drfen Sie sich nicht rgern: -- in seiner ganzen Wohnung werden Sie
nichts finden, als seine lange Pfeife. Nicht ein Mbelstck weiter!

Agathe Tichonowna. Und wen gibt's noch?

Thekla. Akinthus Stepanowitsch Pantjelejew. -- Ein Beamter und
Titular-Rat. Er stottert zwar ein wenig, aber dafr ist er sehr
zurckhaltend.

Arina Panteleimonowna. Du sagst immer ein Beamter, ein Beamter! Sag mir
lieber, ob er nicht gerne einen ber den Durst trinkt.

Thekla. Aha, das tut er! Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist wahr.
Was soll man machen? ... Dafr ist er auch Titular-Rat. Aber im brigen
ist er so ruhig und sanft wie Seide.

Agathe Tichonowna. Nein, ich danke schn. Einen Trinker will ich nicht
zum Manne haben.

Thekla. Gut, Mtterchen, mach was du willst. Wollt Ihr nicht den einen,
so nehmt einen andern. Aber, ... schlielich, was ist auch dabei, wenn
er wirklich einen zuviel trinkt? Er braucht doch nicht gleich die ganze
Woche betrunken zu sein. Er wird auch schon seinen nchternen Tag haben.

Agathe Tichonowna. Nun, und wer weiter?

Thekla. Ja, es ist noch einer da. Aber das ist nur so einer, Gott mit
ihm! Die andern sind schon besser!

Agathe Tichonowna. Nein, sag, wer ist er.

Thekla. Am liebsten htte ich gar nicht von ihm gesprochen. Freilich ist
er ja Hofrat, mit 'nem Band im Knopfloch. Aber so furchtbar
schwerfllig; kaum aus dem Haus ist er herauszukriegen.

Agathe Tichonowna. Nun und wer noch? Das sind doch erst fnf! Und zuerst
sprachst du doch von sechsen.

Thekla. Haben Sie denn wirklich noch nicht genug? Sehen Sie mal an, wie
Sie pltzlich hinterher sind, und zuerst waren Sie doch ganz
erschrocken.

Arina Panteleimonowna. I, geh du mir mit all deinen Adligen. Und wenn es
auch ein halbes Dutzend sind; ein Kaufmann wiegt sie alle miteinander
auf.

Thekla. Ach nein, Arina Panteleimonowna, ein Adliger, der ist doch was
Vornehmeres.

Arina Panteleimonowna. Was mache ich mir aus der Vornehmheit. Sieh dir
mal den Alexei Dmitriewitsch an, wenn der mit seiner Zobelmtze im
Schlitten vorberfhrt ...

Thekla. Dafr kommt ihm ein Adliger mit seinen Epauletten entgegen und
sagt: Was fllt dir ein, du Koofmich du; mach mir mal Platz. Oder he,
Herr Kaufmann, ein paar Meter Samt; aber vom allerbesten. Worauf der
Kaufmann erwidert: Bitte sehr, Euer Gnaden! -- Nimm mal deine Mtze
ab, du Flegel! So spricht ein Adliger.

Arina Panteleimonowna. Aber, wenn der Kaufmann keine Lust hat, braucht
er ihm kein Tuch zu verkaufen. Dann kann dein Adliger nackt dasitzen und
hat nichts anzuziehen.

Thekla. Dann wird ihm der Adlige eins ber den Schdel schlagen.

Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zur Polizei laufen und ihn
verklagen.

Thekla. Dann wird der Adlige den Kaufmann bei dem Senator verklagen.

Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zum Gouverneur gehen.

Thekla. Dann wird der Adlige ...

Arina Panteleimonowna. Ach was, nichts wie Schwindel mit deinen Adligen.
Der Gouverneur ist mehr als dein Senator. Tut sich da mit ihren Adligen
dicke. Auch so'n Adliger mu manches liebe Mal seine Bcklinge machen.
(Es lutet an der Tre.) Ich glaube, es hat gelutet!

Thekla. Ach Gott, da sind sie schon.

Agathe Tichonowna. Wer ... sie?

Thekla. Nun ja, sie -- einer von den Freiern.

Agathe Tichonowna (schreit auf). Ach herrjeh, ach herrjeh!

Arina Panteleimonowna. Heilige Mutter Gottes, vergib mir meine Snden!
Hier im Zimmer ist ja noch gar nicht aufgerumt. (Sie nimmt alles, was
auf dem Tische liegt, zusammen und luft damit durch das Zimmer.)
Herrgott, das Tischtuch ist ja ganz schwarz ... Dunjaschka ...
Dunjaschka! (Dunjaschka kommt hereingelaufen.) Schnell ein reines
Tischtuch! (Arina reit das Tischtuch vom Tisch und luft durchs
Zimmer.)

Agathe Tichonowna. Ach, Tantchen, was soll ich nur machen? Ich hab' ja
fast nur ein Hemd an.

Arina Panteleimonowna. Ach Gott, Kind, lauf nur schnell und zieh dich
um. (Sie rennt erregt durch das Zimmer. Dunjaschka bringt ein reines
Tischtuch. Es lutet wieder.) Lauf doch nur hin und ffne. Sage, wir
kommen gleich. (Dunjaschka geht. Man hrt sie von drauen gleich
rufen.)

Agathe Tichonowna. Aber Tante, mein Kleid ist nicht geplttet.

Arina Panteleimonowna. Ach, du lieber Gott, erbarme dich unser; -- zieh
doch das andre an.

Thekla (kommt hereingelaufen). Warum kommen Sie denn nicht heraus? --
Kommen Sie, Agathe Tichonowna -- machen Sie doch schneller, Mtterchen!
(Man hrt es wieder luten.) Ach, jetzt wartet er schon eine Ewigkeit.

Arina Panteleimonowna. Dunjaschka, la ihn eintreten und bitte ihn, zu
warten.

   (Dunjaschka luft in den Flur und ffnet die Tr; dann hrt man
   Stimmen: Zu Hause? ... Ja, bitte, treten Sie ein. Die Frauen
             blicken angestrengt durch das Schlsselloch.)

Agathe Tichonowna (aufschreiend). Herr Gott, wie dick er ist!

Thekla. Er kommt, er kommt! (Alle laufen eilig weg.)


                              14. Auftritt

              Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Dunjaschka.

Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier geflligst! (Geht ab.)

Eierkuchen. Meinetwegen ... Warten ... na dann warte ich eben ... Wenn's
mich nur nicht zu lange aufhlt. Ich bin ja nur auf einen Sprung aus dem
Bureau fortgegangen. Wie, wenn es nun dem General pltzlich einfiele, zu
fragen: Und wo ist der Exekutor? ... Er ist auf die Brautschau
gegangen. Wenn er mich nur nicht mitsamt der Braut abfahren lt.
brigens, ich will mir doch noch mal das Verzeichnis ansehen: (Er
liest.) Also, ein zweistckiges, steinernes Haus ... (Sieht empor und
betrachtet das Zimmer) Stimmt, ist vorhanden! (Liest weiter.) Zwei
Seitenflgel; einer auf einem Fundament von Stein und ein hlzerner
Flgel. Na der hlzerne ist ziemlich schlecht. Weiter: eine Kutsche, ein
doppelsitziger Schlitten mit Schnitzwerk und dazu eine groe und eine
kleine Decke. Na, den Schlitten wird man wohl in die Rumpelkammer
stecken knnen. Die Alte behauptet zwar, er sei prima. Schn,
meinetwegen auch prima. Zwei Dutzend silberne Lffel. Hm, ja, in der
Wirtschaft werden freilich silberne Lffel gebraucht. Zwei Fuchspelze.
Hm. Vier groe Oberbetten und zwei kleine. (Er pret die Lippen
bedeutungsvoll zusammen.) Sechs Paar seidene und sechs Paar
Kattunkleider. Zwei Nachtjacken ... Na, das sind Torheiten! Wsche,
Tischtcher; ach, das mag sie halten wie sie will. brigens, man mu das
doch alles gut in Augenschein nehmen. Jetzt verspricht man dir Huser
und Equipagen, und wenn es zur Heirat kommt, findet man nichts als
Oberbetten und Daunenkissen.

   (Man hrt es luten. Dunjaschka luft atemlos durchs Zimmer und
      ffnet die Tr. Man hrt Stimmen: Zu Hause? Jawohl! ...)


                              15. Auftritt

              Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Anutschkin.

Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier, sie werden sogleich kommen. (Geht
ab.)

               (Anutschkin und Eierkuchen begren sich.)

Eierkuchen. Ich habe die Ehre!

Anutschkin. Habe ich vielleicht das Vergngen, den Vater der reizenden
Tochter zu begren?

Eierkuchen. Nein, keineswegs den Vater! Ich habe berhaupt noch keine
Kinder.

Anutschkin. So, dann bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung.

Eierkuchen (beiseite). Die Physiognomie dieses Menschen kommt mir
verdchtig vor. Sollte er etwa wegen derselben Sache hier sein wie ich?
(Laut.) Sie kommen wohl des Fruleins wegen?

Anutschkin. Ach nein ... Durchaus nicht ... Ich bin nur beim
Spazierengehen so mit herangekommen.

Eierkuchen (beiseite). Der Kerl lgt! Sicher lgt er! Dies
Spazierengehen kenn' ich. Heiraten will er, der Lump!

   (Man hrt es luten. Dunjaschka luft durchs Zimmer und ffnet
           die Tr. Man hrt Stimmen: Zu Hause? Jawohl!)


                              16. Auftritt

           Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.

Schewakin (zu Dunjaschka). Bitte schn, Kindchen, putz mich mal ab!
Weit du, auf der Strae ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir
doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schn, mein Kind.
Sieh doch mal nach: Kriecht mir da nicht 'ne Spinne ber den Rock? Sind
auch die Rocksche hbsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier
scheint noch was zu sitzen. (Streicht mit der Hand ber den rmel und
beobachtet Anutschkin und Iwan Pawlowitsch.) Es ist nmlich englischer
Stoff. Und wie er sich trgt! Im Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien
lag, -- ich war damals allerdings noch Kadett -- hab' ich mir die
Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar Pawel Petrowitsch wurde ich
Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie neu. 1814 machte ich die
Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal, da er anfngt, sich an
den Nhten abzuscheuern, und 1815 nahm ich meinen Abschied; da brauchte
ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich ihn schon zehn Jahre, und
er ist noch immer fast wie neu ... So ist's gut, Herzchen, danke schn,
meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kuhand zu, geht an den Spiegel und
fhrt sich mit der Hand durch die Haare.)

Anutschkin. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ...
Sizilien zu erwhnen. Ist das eigentlich ein schnes Land ... dieses
Sizilien?

Schewakin. h, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreiig Tage
lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach
entzckend. Solche Berge, -- zwischendurch mal ein Granatenbaum, und
berall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Rschen, einfach zum
Kssen!

Anutschkin. Und wie steht es mit der Bildung?

Schewakin. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns
etwa nur die Grfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man
durch die Straen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist.
Natrlich Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnre; -- und
herum alle die schwarzugigen Schnen, ... dort hat ja jedes Haus einen
Balkon und platte Dcher, platt wie dieser Fuboden ... Da sieht man
denn mal so rauf, und oben sitzt dann solch ein Rschen. Natrlich will
man sich doch auch nichts vergeben .... (Macht eine liebenswrdige
Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch sie macht blo so ....
(Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverstndlich alle brillant
gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand
Damen-Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.

Anutschkin. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten drfte ...
Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?

Schewakin. Natrlich spricht alles Franzsisch.

Anutschkin. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Franzsisch?

Schewakin. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht
glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreiig Tage vor
Sizilien gelegen, und whrend dieser ganzen Zeit habe ich nicht ein
einziges Wort Russisch von ihnen gehrt.

Anutschkin. Nicht ein Wort?

Schewakin. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den Adligen
und den brigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, -- nein, nehmen
Sie den gewhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf seinen
Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir ein
Stck Brot! -- Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie
nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf franzsisch: _Dateci del pane_
oder _Portate vino_ -- dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick luft
er hin und bringt, was Sie wnschen.

Iwan Pawlowitsch. Ein merkwrdiges Land mu doch dieses Sizilien sein,
wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem
Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein
breitschultriger Kerl, der den Acker pflgt, oder nicht?

Schewakin. Darber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob sie
auch pflgen oder nicht, das hab' ich gar nicht beobachtet. Aber was das
Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, da
sie ihn nicht nur alle schnupfen, sondern da sie ihn auch in die Backen
stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser
ringsherum, und dabei berall Gondeln. Und darinnen selbstverstndlich
solch eine kleine Italienerin, so ein Rschen, und angezogen, ...
pikfein! So ein Ltzchen und Tchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten
auch zwei englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine
Gesellschaft, ganz wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bichen
merkwrdig, wir verstanden uns nmlich nicht; aber als wir uns erst
ordentlich kennen gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So
zeigen Sie zum Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder
wei sofort -- das bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an
den Mund und macht mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann
einfach: Ich will eine Pfeife rauchen. berhaupt kann ich Ihnen sagen:
eine ganz leichte Sprache. Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits
nach zwei oder drei Tagen.

Iwan Pawlowitsch. Wie ich sehe ein hchst interessantes Leben in fremden
Lndern. Es freut mich auerordentlich, die Bekanntschaft eines Mannes
zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit wem ich
die Ehre habe?

Schewakin. Schewakin, Leutnant zur See a. D. Erlauben Sie, mich auch
meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schtzbare Vergngen habe ...

Eierkuchen. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ... Eierkuchen!

Schewakin (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas
gegessen. Sehen Sie, ich wei, ich habe noch einen groen Weg vor mir,
und es ist heute sehr kalt; da habe ich ein Stckchen Brot mit Hering zu
mir genommen.

Eierkuchen. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben;
Eierkuchen -- das ist mein Familienname.

Schewakin (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie,
ich hre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie htten
Eierkuchen gegessen.

Eierkuchen. Ja, was soll man machen! -- Ich wollte schon den General um
die Erlaubnis bitten, mich Eier_kuchler_ nennen zu drfen. Aber meine
Verwandten waren dagegen, sie meinten, das htte wieder zu viel
hnlichkeit mit Ei Verfluchter ...

Schewakin. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B.
unser ganzes drittes Geschwader: smtliche Offiziere und Matrosen hatten
so merkwrdige Familiennamen .... Herr von Splicht, Herr von Sffel,
Leutnant von Schweilappen, und ein Kadett, brigens sonst ein famoser
Kerl, hie ganz einfach: Loch, so da man den Kapitn manchmal rufen
hrte: Komm doch mal her, Lchlein. Auch die anderen machten sich oft
ber ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Lchlein du! (Es
schellt. Thekla luft durch das Zimmer und ffnet.)

Eierkuchen. Eh, guten Tag, Mtterchen!

Schewakin. Guten Tag, wie geht's, meine Seele?

Anutschkin. Guten Tag, Mtterchen Thekla Iwanowna.

Thekla (kommt atemlos gelaufen). Danke schn, danke schn, meine lieben
Herren. Gut, gut.

   (Sie ffnet die Tr, im Vorzimmer hrt man Stimmen: Zu Hause?
   Jawohl! Dann hrt man ein paar unverstndliche Worte, worauf
     Thekla rgerlich ausruft: Du bist mir aber auch einer! ...)


                              17. Auftritt

          Die Vorigen. Kotschkarjow, Podkoliessin und Thekla.

Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Denk immer nur an eins: Courage und
weiter nichts! (Er sieht sich um, macht erstaunt einige Verbeugungen,
beiseite.) Teufel, was fr ein Haufen Menschen! Was hat das zu bedeuten?
Das sind doch nicht etwa lauter Freier? (Er gibt Thekla einen Rippensto
und sagt leise zu ihr.) Woher nahmst du blo all die Geier?

Thekla (leise). Was, Geier? ... Das sind lauter anstndige Menschen.

Kotschkarjow (zu ihr). Nun, nun, viel Geschrei und wenig Wolle!

Thekla. Kehr du nur vor deiner Tr. Du hast auch nichts, womit du
prahlen knntest ... 'ne Zobelmtze auf'm Kopf und 'ne Wassersuppe in
dem Topf!

Kotschkarjow. Das sind wohl alles deine Kunden, was? Alle mit 'nem Loch
im Beutel. (Laut.) Aber wo bleibt sie denn nur? Diese Tr geht wohl in
ihr Schlafzimmer? (Geht zur Tre.)

Thekla. Schme dich was, ich sagte dir doch, sie zieht sich noch um.

Kotschkarjow. Welch ein Malheur! Was ist denn dabei? ... Ich will ja nur
mal reingucken ... und weiter nichts. (Sieht durch das Schlsselloch.)

Schewakin. Ah, ich bitte sehr, erlauben Sie mir doch auch einmal,
hineinzusehen.

Eierkuchen. Ach, lassen Sie mich nur ein Augenblickchen durchsehen.

Kotschkarjow (sieht noch immer durchs Schlsselloch). Es ist nichts zu
sehen, meine Herrschaften! Man kann absolut nichts erkennen. Man sieht
nur was Weies; aber es ist nicht herauszukriegen: ist's eine Frau oder
ein Kopfkissen.

   (Alle drngen sich jedoch um die Tr und suchen sich gegenseitig
            fortzustoen, um durchs Schlsselloch zu sehen.)

Kotschkarjow. Sst. Es kommt jemand ... (Alle springen zurck.)


                              18. Auftritt

   Die Vorigen, Arina Panteleimonowna und Agathe Tichonowna. Alle
                            verbeugen sich.

Arina Panteleimonowna. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?

Eierkuchen. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, wollen Sie Holz schlagen
lassen. Ich bin staatlicher Exekutor, und so komme ich, zu hren, um was
fr einen Baumschlag es sich hier handelt, wieviel und bis wann Sie
liefern knnen.

Arina Panteleimonowna. Holz -- haben wir zwar nicht abzugeben, aber wir
freuen uns ber Ihren Besuch. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?

Eierkuchen. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen -- Kollegienassessor.

Arina Panteleimonowna. Nehmen Sie geflligst Platz. (Wendet sich an
Schewakin und blickt ihn scharf an.) Und darf ich Sie fragen, was Sie
...

Schewakin. Oh, ich habe auch so eine Annonce gelesen und da hab' ich mir
gedacht: da mut du doch mal hingehen. Sehen Sie, das Wetter war sehr
schn, berall am Wege grnt und blht es ...

Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?

Schewakin. Oh, Leutnant zur See a. D. ... Baltasar Baltasarowitsch
Schewakin der Zweite. Wir hatten nmlich noch einen andern Schewakin,
aber der nahm noch vor mir seinen Abschied. Er wurde nmlich am Bein
verwundet, Mtterchen. Und dabei traf ihn die Kugel so eigentmlich; sie
verletzte nur eine Sehne, ohne den Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen.
Das hing alles nur grade noch zusammen, und wenn man neben ihm stand,
sah es genau so aus, als ob er einem von hinten eins mit dem Fue
auswischen wollte.

Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie doch Platz. (Zu Anutschkin.)
Und Sie, mein Herr, was fhrt Sie her?

Anutschkin. Ich habe die Ehre, Ihr Nachbar zu sein. Ich wohne ganz in
Ihrer Nhe.

Arina Panteleimonowna. Etwa im Hause der Frau Kaufmann Tulubow? Hier
gegenber?

Anutschkin. Nein, das nicht. Einstweilen wohne ich noch in Peki; aber
ich habe die feste Absicht, mit der Zeit hierher in Ihren Bezirk zu
ziehen.

Arina Panteleimonowna. Setzen Sie sich, bitte! (Zu Kotschkarjow.) Und
darf ich wissen, was Sie veranlate ...

Kotschkarjow. Ja! Wie? Erkennen Sie mich denn nicht? (Wendet sich an
Agathe Tichonowna.) Und auch Sie nicht, mein Frulein?

Agathe Tichonowna. Mir scheint, ich habe Sie noch nie gesehen.

Kotschkarjow. Aber erinnern Sie sich doch. Sie haben mich sicher schon
irgendwo gesehen.

Agathe Tichonowna. Ich wei wirklich nicht. Doch nicht etwa bei
Birjuschkins?

Kotschkarjow. Wo denn sonst? ... Natrlich bei Birjuschkins.

Agathe Tichonowna. Ach, dann wissen Sie wohl noch gar nicht, was fr
eine Geschichte da passiert ist?

Kotschkarjow. Gewi; sie hat sich verheiratet.

Agathe Tichonowna. Nun, das wre noch nicht so schlimm; nein, sie hat
sich ein Bein gebrochen.

Arina Panteleimonowna. Ja, ein schwerer Bruch. Sie fuhr spt abends im
Wagen nach Hause, der Kutscher war betrunken und warf den Wagen um.

Kotschkarjow. Richtig, jetzt erinnere ich mich! Irgend etwas mute mit
ihr passiert sein ... entweder sie hatte sich verheiratet oder sie hatte
sich ein Bein gebrochen.

Arina Panteleimonowna. Und wie heien Sie?

Kotschkarjow. Bitte sehr -- Ilja Fomitsch Kotschkarjow. Wir sind doch
Verwandte. Meine Frau spricht fortgesetzt davon. Erlauben Sie, erlauben
Sie: (Er fat Podkoliessin bei der Hand und zieht ihn herbei.) Mein
Freund Iwan Kusmitsch Podkoliessin, Hofrat. Ist Expeditor, macht aber
alles allein. Er hat sein Ressort famos in die Hhe gebracht.

Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?

Kotschkarjow. Podkoliessin. Iwan Kusmitsch Podkoliessin. Der Direktor,
der ist berhaupt nur noch _pro forma_ da. Er hat das ganze Departement
in den Hnden. Iwan Kusmitsch Podkoliessin.

Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie Platz.


                              19. Auftritt

                       Die Vorigen und Starikow.

Starikow (verbeugt sich lebhaft und schnell wie ein Kaufmann und stemmt
die Hnde ein wenig in die Seite). Guten Tag, Mtterchen Arina
Panteleimonowna. Bei uns in der Passage war davon die Rede, Sie htten
Wolle zu verkaufen, Mtterchen.

Agathe Tichonowna (wendet sich verchtlich ab, halblaut murmelnd, aber
so, da er es verstehen kann). Hier ist doch kein Kramladen.

Starikow. Ei, also komm' ich wohl nicht zupa? Oder ist der Brei schon
ohne mich ausgelffelt?

Arina Panteleimonowna. Bitte, bitte, Alexei Dmitriewitsch, wenn wir auch
nicht mit Wolle handeln, aber wir freuen uns doch sehr, da Sie uns das
Vergngen machen. Bitte, nehmen Sie Platz.

                  (Alle sitzen schweigend da. Pause.)

Eierkuchen. Ein uerst seltsames Wetter heute. Morgens, da sah es ganz
so aus, als ob es regnen wollte. Jetzt jedoch scheint es wieder vorber
zu sein.

Agathe Tichonowna. Ja, dieses Wetter ist wirklich furchtbar ... Bald ist
es hell, und bald regnet es unaufhrlich. Ein hchst peinliches Wetter.

Schewakin. Ganz recht! Zum Beispiel -- sehen Sie in Sizilien,
Mtterchen! Wir waren einmal im Frhjahr mit unserer Flotte dort. Die
jetzige Jahreszeit entspricht ungefhr unserem Februar. Wenn man da
seine Schritte ins Freie lenkt, dann leuchtet die Sonne. Und dann fngt
es pltzlich an zu regnen, und wenn man genauer zusieht, dann regnet es
wirklich.

Eierkuchen. Das Unangenehmste bei solch einem Wetter ist, alleine zu
Hause zu sitzen. Bei einem verheirateten Manne, da ist's doch eine ganz
andere Sache. Der langweilt sich nicht; aber, wenn man alleine sitzt,
das ist einfach nicht zum ...

Schewakin. Oh, eine tdtliche Langeweile!

Anutschkin. Ja, das drfte man wohl behaupten.

Kotschkarjow. Ach was, die reinste Folter ist es. Man wird seines Lebens
nicht mehr froh. Gott bewahre mich vor einem solchen Zustand.

Eierkuchen. Wie wre es nun, mein Frulein, wenn Sie in die Lage kmen,
sich ein ... einen ... Gegenstand zu whlen? Kann ich Ihren Geschmack
erfahren? Entschuldigen Sie, da ich so frei von der Leber rede ... Was
pate Ihnen wohl am besten? Ich meine, welches Amt mte Ihr Mann
bekleiden?

Schewakin. Wollten Sie nicht einen Mann Ihr eigen nennen, der sich mit
allen Strmen des Meeres herumgeschlagen hat? ...

Kotschkarjow. Nein, nein, der beste Mann ist meiner Meinung nach nur
einer, der ein ganzes Departement leiten kann.

Anutschkin. O bitte, warum denn ein solches Vorurteil. Warum wollten Sie
einen Mann geringschtzen, der vielleicht nur bei der Infanterie gedient
hat, der es aber doch versteht, die Formen der feinen Welt zu schtzen.

Eierkuchen. Entscheiden Sie, Frulein!

Agathe Tichonowna (schweigt).

Thekla. So sprechen Sie doch, Mtterchen! Reden Sie doch einen Ton.

Eierkuchen. Nun Frulein, bitte, wie steht's? ...

Kotschkarjow. Wie denken Sie darber, Agathe Tichonowna?

Thekla (leise zu ihr). Sagen Sie doch irgendwas, ... sagen Sie nur: Ich
danke bestens, oder mit Vergngen! Man sitzt doch nicht so stumm da.

Agathe Tichonowna (leise). Ich schme mich ja! Ich schme mich wirklich.
Ich will lieber gehen ... wirklich, ich will gehen. Tantchen, bleiben
Sie statt meiner hier.

Thekla. Ach, tu mir doch diese Schande nicht an. Lauf nur nicht fort, du
blamierst uns ja nur. Wei Gott, was sie von uns denken werden? ...

Agathe Tichonowna (wie vorher). Nein, ich geh ... ich geh ... ich geh
wirklich ... (Sie luft hinaus; Thekla und Arina Panteleimonowna folgen
ihr.)


                              20. Auftritt

                      Die Vorigen ohne die Frauen.

Eierkuchen. Da haben wir's! Jetzt laufen sie alle fort. Was soll das nun
wieder bedeuten? ...

Kotschkarjow. Wahrscheinlich ist irgend etwas passiert? ...

Schewakin. Vielleicht ist die Toilette in Unordnung geraten. Man mu
etwas nachhelfen ... Vielleicht das Mieder feststecken ... (Thekla kommt
zurck; alle strzen mit Fragen auf sie zu.) Nun, nun, was ist los?

Kotschkarjow. Ist was passiert? ...

Thekla. Wie soll denn was passiert sein! Bei Gott! Nichts ist passiert.

Kotschkarjow. Warum ist sie denn dann fortgelaufen?

Thekla. Ihr habt sie in Verlegenheit gebracht. Darum ist sie
rausgelaufen. Sie war ja ganz verwirrt und wute nicht mehr ein noch
aus. Sie bittet mich, da Ihr sie entschuldigen sollt. Ihr mchtet doch
heute abend zu einem Glas Tee kommen. (Geht ab).

Eierkuchen. Eh, dieses Glas Tee! Deswegen kann mir die ganze Heiraterei
gestohlen werden. Nun geht wieder die Plackerei von vorne los ... Heute
haben wir keine Zeit ... bitte kommen Sie morgen ... oder bermorgen ...
auf ein Glas Tee! Wir mssen es uns noch berlegen ... Und dabei ist
die Heirat doch 'ne ganz lumpige Sache. Erfordert durchaus kein
Kopfzerbrechen. Hol's der Teufel! Ich steh im Dienst, ich hab' keine
Zeit.

Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Hr mal du, das Mdel ist nicht bel,
was? ...

Podkoliessin. Durchaus nicht bel!

Schewakin. Nettes Mdchen das!

Kotschkarjow (beiseite). Teufel, dieser Esel ist wohl verliebt! Er
verpfuscht uns womglich noch die ganze Geschichte. (Laut.) Die ist doch
nicht nett! Auch nicht im mindesten.

Eierkuchen. Die Nase ist zu gro.

Schewakin. O nein. Davon habe ich nichts bemerkt. Sie ist ein richtiges
Rschen!

Anutschkin. Auch ich mchte mich dieser Ansicht anschlieen. Es ist doch
nichts Rechtes. Ich mchte sogar zweifeln, da sie etwas von den Formen
der feinen Welt versteht. Es ist noch die Frage, ob sie das Franzsische
beherrscht.

Schewakin. Aha, dann gestatten Sie mir wohl die Frage, warum haben Sie
es nicht versucht, mit ihr Franzsisch zu sprechen. Vielleicht kann sie
es doch?

Anutschkin. Sie glauben, da ich des Franzsischen mchtig bin. Ach
nein, ich hatte leider niemals das Glck, eine dahingehende Erziehung zu
genieen. Mein Vater war ein Schweinehund, sozusagen ... ein Lump. Er
hat gar nicht daran gedacht, mich Franzsisch lernen zu lassen. Damals
war ich ja noch ein Kind; es wre also ganz leicht gewesen, es mir
beizubringen. Ich htte nur tchtig Prgel zu bekommen brauchen, dann
knnte ich heute Franzsisch.

Schewakin. Da Sie es nun aber nicht verstehen, was knnte es Ihnen
ntzen, wenn diese ...

Anutschkin. O nein! Bei einer Frau ist das etwas ganz anderes. Sie mu
es unbedingt knnen; sonst ist eben ... dieses und das und ... (er macht
ein paar Gesten) alles eben nicht in Ordnung.

Eierkuchen (beiseite). Mag sich ein anderer darber den Kopf zerbrechen.
Ich will unterdessen mal hinlaufen und mir das Haus und seine beiden
Seitenflgel von unten ansehen. Wenn da nur alles in Ordnung ist, dann
setze ich es heute abend noch durch. Diese Herren Freier sind mir gewi
nicht gefhrlich, das ist ja man 'ne recht schwchliche Sorte. Solche
Gesellen! Nein, die Frauenzimmer haben einen andern Geschmack.

Schewakin. Man sollte sich eine Pfeife anznden! Haben wir vielleicht
denselben Weg? Darf ich fragen, wo wohnen Sie doch gleich?

Anutschkin. Bitte sehr, in Peki, in der Petrowski-Gasse.

Schewakin. Hm, das wre allerdings ein Umweg. Ich wohne auf
Wassiliewski-Ostrow, in der achtzehnten Linie. brigens kann ich Sie
doch begleiten.

Starikow. Nein, die Herrschaften sind mir doch etwas zu hochnsig. Na,
Agathe Tichonowna, Sie werden noch einmal an mich denken. Ich empfehle
mich Ihnen, meine Herren. (Er verbeugt sich und geht ab.)


                              21. Auftritt

                     Podkoliessin und Kotschkarjow.

Podkoliessin. Und worauf warten wir?

Kotschkarjow. Nein, sag mal, sie ist doch ganz reizend, was?

Podkoliessin. Ach, geh, aufrichtig gesagt, sie gefllt mir nicht!

Kotschkarjow. Da haben wir's! Was soll das nun wieder heien? Vorhin
hast du doch selbst zugegeben, da sie hbsch ist.

Podkoliessin. Ich wei nicht, aber es ist wohl doch nicht das Richtige.
Die Nase ist zu lang und dann: sie spricht ja nicht Franzsisch.

Kotschkarjow. Was soll denn das? ... Wozu hast du es denn ntig, da sie
Franzsisch spricht?

Podkoliessin. Nein, bitte, ein Mdchen, das heiraten will, mu
Franzsisch knnen.

Kotschkarjow. Wozu?

Podkoliessin. So ... weil ... nun ich wei nicht mehr warum; sonst ist
die Sache eben nicht in Ordnung.

Kotschkarjow. Da haben wir's! Irgendein Esel hat hier so was behauptet,
und du lt gleich die Ohren hngen. Sie ist entzckend, sag' ich dir,
einfach entzckend! Ein solches Mdchen findest du berhaupt nicht
wieder.

Podkoliessin. Ich mu ja gestehen, im Anfang gefiel sie mir ebenfalls.
Aber als nachher die andern kamen und sagten, die Nase sei zu lang, da
sah ich genauer hin und fand wirklich, da die Nase zu lang ist.

Kotschkarjow.

   Ach, dieser Esel luft umher,
   Find't seine eigne Tr nicht mehr!

Du Dummkopf, das wird doch absichtlich so geredet, um dich wegzugraulen.
Ich hab's doch genau so gemacht. So wird's eben gemacht! Bester, ich
sag' dir, das ist ein Mdchen! Sieh dir nur mal die Augen an. Augen sind
das! Die reden und glhen ja frmlich. Wei der Teufel! Und die Nase ...
Himmel, ist das 'ne Nase! Wie Alabaster so wei. Ach was, Alabaster
reicht da gar nicht heran. Sieh du sie dir nur erst mal ordentlich an.

Podkoliessin (lchelnd). Ja, jetzt sehe ich es selbst: sie ist wirklich
schn.

Kotschkarjow. Natrlich ist sie's! Hr mal: jetzt, nachdem sie alle fort
sind, knnen wir gleich reingehen, du erklrst dich, und die Geschichte
ist erledigt.

Podkoliessin. Nein, das tue ich denn doch nicht.

Kotschkarjow. Warum denn nicht?

Podkoliessin. Das wre doch zu unverschmt. Wir sind doch so viele, mag
sie selbst whlen.

Kotschkarjow. Was gehen denn dich die andern an? Frchtest du dich vor
der Konkurrenz. Wie? Oder willst du, da ich sie alle in einer Minute
hinausbefrdere?

Podkoliessin. Ja, wie willst du sie denn hinausbefrdern?

Kotschkarjow. Das la nur meine Sache sein! Versprich mir nur das eine,
da du nachher dein Wort nicht zurcknimmst.

Podkoliessin. Weshalb sollte ich das nicht versprechen? Bitte schn, ich
leiste ja gar keinen Widerstand. Ich habe die feste Absicht, zu
heiraten! -- --

Kotschkarjow. Deine Hand darauf!

Podkoliessin (reicht ihm die Hand). Hier.

Kotschkarjow. Nun, mehr brauch' ich nicht. (Beide ab.)




                             Zweiter Aufzug


                  Zimmer im Hause Agathe Tichonownas.


                              1. Auftritt

             Agathe Tichonowna allein; spter Kotschkarjow.

Agathe Tichonowna. Nein, wie schwer wird einem doch eine solche Wahl!
Wren es nur einer oder zwei. Aber nun gleich vier. Ja, wer die Wahl
hat, hat die Qual! Nikanor Iwanowitsch ist ja nicht bel; obwohl er
etwas zu mager ist. Iwan Kusmitsch ist brigens auch nicht hlich und,
wenn ich die Wahrheit sagen soll, so ist zwar Iwan Pawlowitsch ein wenig
dick, aber doch ein ganz stattlicher Mann. Schne Geschichte! Was soll
ich nur anfangen? Andererseits hat auch Baltasar Baltasarowitsch seine
Vorzge. Nein, wie schwer wird einem doch solch ein Entschlu! Es lt
sich gar nicht sagen, wie schwer. Wenn man die Lippen Nikanor
Iwanowitschs nehmen und die Nase Iwan Kusmitschs darber setzen knnte,
und wre dazu etwas von der Keckheit Baltasar Baltasarowitschs und dann
noch ein wenig von der Flle Iwan Pawlowitschs dabei -- dann wrde ich
mich auf der Stelle entschlieen. So aber, ach, ich mag gar nicht daran
denken! Der Kopf schmerzt mir schon. Vielleicht wre es das Beste, darum
zu losen. Mge Gott entscheiden! Wen ich ziehe, der soll mein Mann
werden. So, ich werde alle Namen auf Zettelchen schreiben, sie rollen,
durcheinanderschtteln, und mag dann kommen, was kommen will. (Sie geht
an das Tischchen, holt Papier und eine Schere herauf, schneidet einige
Zettel, rollt sie und fhrt fort.) Wie schrecklich ist doch die Lage
eines jungen Mdchens, besonders wenn sie verliebt ist ... Kein Mann
kann sich da hineinversetzen, ach, keiner wird sie auch nur verstehen
wollen. So, jetzt sind sie alle fertig. Jetzt brauche ich sie nur ins
Tschchen zu stecken, die Augen zuzumachen und dann mag kommen, was da
will. (Sie legt die Zettel in den Pompadour und mischt sie mit der
Hand.) Wie ngstlich ich bin! Ach, wenn Gott gbe, da ich Nikanor
Iwanowitsch zge ... Doch nein, warum grade ihn? ... Lieber schon Iwan
Kusmitsch. Aber warum grade Iwan Kusmitsch? Die andern sind doch auch
nicht schlechter. Nein, ich will an nichts denken. Wen ich herausziehe,
der mag es schon sein. Endgltig! (Sie sucht mit der Hand im Pompadour
herum und zieht statt eines Zettels -- alle auf einmal.) Ach Herr Gott,
jetzt habe ich alle auf einmal herausgezogen ... Ach, wie mein Herz
klopft ... Nein, nein, nur einen! (Sie legt die Zettel wieder in den
Pompadour und mischt sie von neuem. In diesem Augenblick kommt
Kotschkarjow leise herein und tritt hinter sie.) Ach, wenn ich doch
Baltasar Baltasarowitsch, nein, ich wollte sagen Nikanor Iwanowitsch ...
Nein, nein, ich will nicht. Das Schicksal mag entscheiden.

Kotschkarjow. Nehmen Sie Iwan Kusmitsch! Fertig! Das ist schon das
allerbeste.

Agathe Tichonowna. Ach! (Sie schreit auf, bedeckt das Gesicht mit beiden
Hnden und frchtet sich, sich umzusehen.)

Kotschkarjow. Warum erschrecken Sie so? Haben Sie keine Angst; ich bin
es. Wirklich, nehmen Sie schon Iwan Kusmitsch.

Agathe Tichonowna. Ach, ich schme mich so. Gewi haben Sie gehorcht.

Kotschkarjow. Das schadet doch nichts! Ich gehre doch zur Familie. Vor
mir brauchen Sie ja keine Geheimnisse zu haben. Lassen Sie mich doch Ihr
Gesichtchen sehen.

Agathe Tichonowna (zieht die Hand zur Hlfte zurck). Nein, wirklich,
ich schme mich!

Kotschkarjow. Also, nehmen Sie Iwan Kusmitsch.

Agathe Tichonowna. Ach! (Schreit wieder auf und bedeckt das Gesicht von
neuem mit den Hnden.)

Kotschkarjow. Wirklich, er ist ein prchtiger Mensch; er hat sein
Ressort famos in die Hhe gebracht. Wahrhaftig, ein seltener Mensch!

Agathe Tichonowna (zieht ihre Hnde wieder langsam zurck). Wie aber ...
und der andere? Nikanor Iwanowitsch? Das ist doch auch ein
vortrefflicher Mensch.

Kotschkarjow. Aber, ich bitte Sie, das ist doch nur Bruch; im Vergleich
zu Iwan Kusmitsch.

Agathe Tichonowna. Wieso denn?

Kotschkarjow. Aber das ist doch ganz klar! Iwan Kusmitsch ist eben ein
Mensch ... nun also, ein Mensch, so, wie Sie ihn einfach nicht wieder
finden.

Agathe Tichonowna. Und Iwan Pawlowitsch?

Kotschkarjow. Na, Iwan Pawlowitsch ist natrlich auch Bruch; kurz und
gut, sie sind eben alle Bruch.

Agathe Tichonowna. Wirklich alle?

Kotschkarjow. Urteilen Sie doch selbst. Sie brauchen nur zu vergleichen.
So oder so -- Iwan Kusmitsch, und daneben die andern ... hergelaufenes
Gesindel! Dieser Iwan Pawlowitsch, dieser Nikanor Iwanowitsch. Pfui
Teufel noch einmal!

Agathe Tichonowna. Eigentlich haben Sie recht! Es sind wahrhaftig recht
unansehnliche Menschen.

Kotschkarjow. Was? ... Unansehnlich? Pack! Strolche! Eine ganz
gefhrliche Bande! Haben Sie denn Lust, schon am Tage nach der Hochzeit
geschlagen zu werden?

Agathe Tichonowna. O mein Gott! Welch ein Unglck ... ich knnte mir
kein furchtbareres Unglck denken.

Kotschkarjow. Etwas Furchtbareres lt sich auch gar nicht vorstellen.

Agathe Tichonowna. Also Sie meinen, ich soll Iwan Kusmitsch nehmen?

Kotschkarjow. Gewi. Iwan Kusmitsch. Natrlich! Iwan Kusmitsch
(Beiseite.) Ich glaube, die Sache geht glatt. Podkoliessin sitzt im
Caf, ich will gleich mal hinlaufen und ihn holen.

Agathe Tichonowna. Also, Sie meinen wirklich, da ich Iwan Kusmitsch
nehmen soll?

Kotschkarjow. Unbedingt Iwan Kusmitsch ...

Agathe Tichonowna. Und ich soll den andern einen Korb geben?

Kotschkarjow. Selbstverstndlich! ...

Agathe Tichonowna. Wie soll ich das nur machen? Ich schme mich ein
wenig.

Kotschkarjow. Was ist dabei zu schmen? ... Sagen Sie doch einfach, Sie
fhlen sich noch zu jung zum Heiraten.

Agathe Tichonowna. Das werden sie mir nicht glauben. Sie werden erst
fragen: wie, warum, weswegen ...

Kotschkarjow. Ja, wollen Sie die Gesellschaft auf einmal loswerden, dann
sagen Sie doch einfach: Macht da ihr rauskommt, Ihr Esel!

Agathe Tichonowna. Aber nein, so was sagt man doch nicht!

Kotschkarjow. Versuchen Sie's nur mal, seien Sie sicher, danach laufen
sie alle davon.

Agathe Tichonowna. Nein, das wre ja geradezu grob.

Kotschkarjow. Aber Sie sehen sie doch nicht mehr wieder. Da kann's Ihnen
doch gleich bleiben.

Agathe Tichonowna. Es schickt sich aber doch nicht. Und dann, sie
knnten in Wut geraten.

Kotschkarjow. Das ist doch kein Unglck, wenn sie bse werden. Wenn's
noch irgendwelche Folgen htte, dann wr's was anderes. Das Schlimmste,
was Ihnen passieren kann, ist, da Ihnen der eine oder der andere ins
Gesicht spuckt. Weiter nichts! ...

Agathe Tichonowna. Nun, da sehen Sie's!

Kotschkarjow. Nun? Was schadet denn das? Manch einem ist das schon ein
paarmal passiert. Bei Gott! Da hab' ich einen Bekannten, einen hbschen
Kerl, mit roten Backen, der hat seinem Chef so lange auf dem Hals
gelegen, ihn um Zulage geqult, bis der es schlielich nicht mehr
aushielt, und ihm gradweg ins Gesicht spuckte. Bei Gott! Da hast du
deine Zulage, hat er ihn angebrllt, la mich in Ruhe, du Satan! aber
bekommen hat er die Zulage nachher doch. Was hat's ihm geschadet, da er
ihn angespuckt hat? Ja, htte er kein Taschentuch bei sich gehabt! Aber
er hatte ja eins in der Tasche, nahm es heraus und wischte sich ab.
(Drauen schellt es.) Aha, es klopft, da kommt wohl schon einer
angezogen. Aber jetzt mchte ich keinem von ihnen begegnen. Sagen Sie,
gibt es hier keinen zweiten Ausgang?

Agathe Tichonowna. Ja, doch, hier ber die Hintertreppe ... Ich zittre
am ganzen Krper. Wahrhaftig! ...

Kotschkarjow. Das macht nichts. Nur Mut und Selbstvertrauen! Leben Sie
wohl. (Beiseite.) Ich mu doch den Podkoliessin schnell herschleppen.


                              2. Auftritt

                   Agathe Tichonowna und Eierkuchen.

Eierkuchen. Ich bin mit Absicht etwas frher gekommen, mein Frulein, um
Sie ganz allein zu sprechen und zwar in aller Ruhe. Was meinen Rang
anbetrifft, Frulein, so sind Sie, wie ich glaube, zur Genge
informiert. Ich bin Kollegien-Assessor; meine Vorgesetzten lieben mich;
meine Untergebenen gehorchen mir; ich bedarf also nichts als einer
Lebensgefhrtin.

Agathe Tichonowna. Ja.

Eierkuchen. Jetzt aber habe ich eine gefunden, nmlich Sie! Bitte,
antworten Sie mir, aber ohne Umschweife: Ja, oder nein! (Er betrachtet
ihre Schultern; beiseite.) In der Tat, sie ist nicht so mager, wie die
deutschen Mdchen; sie hat doch wenigstens was auf sich.

Agathe Tichonowna. Aber ich bin doch noch zu jung; ich will noch nicht
heiraten.

Eierkuchen. Aber ich bitte Sie, mein Frulein, warum bemht sich dann
die Vermittlerin? Nein, vielleicht wollten Sie etwas anderes sagen;
sprechen Sie sich ruhig aus! (Es klingelt.) Teufel, die lassen einem ja
nicht mal Zeit, die Sache richtig anzupacken.


                              3. Auftritt

                       Die Vorigen und Schewakin.

Schewakin. Mein gndiges Frulein, ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich
vielleicht ein wenig zu frh erscheine. (Dreht sich um und erblickt
Eierkuchen.) Aha, es ist schon jemand hier. Iwan Pawlowitsch, ich habe
die Ehre!

Eierkuchen (beiseite). Hol' dich der Teufel mit deiner Ehre. (Laut.)
Also, wie steht's, mein Frulein? Sagen Sie doch nur ein Wort: Ja oder
nein? (Es lutet. Eierkuchen spuckt wtend aus.) Schon wieder die
Glocke!


                              4. Auftritt

                      Die Vorigen und Anutschkin.

Anutschkin. Vielleicht, mein Frulein, drfte ich etwas frher gekommen
sein, als es die Regeln des Anstandes erlauben. (Erblickt die brigen
und begrt sie mit einem Ausruf des Erstaunens.) Ah, Ihr ergebener
Diener!

Eierkuchen (bei sich). Zum Teufel mit deinem Diener! Dich hat der Satan
hergefhrt. Wenn du doch auf deinen drren Stelzen zusammenklapptest!
(Laut.) Nun also, mein Frulein, entscheiden Sie sich jetzt! Sie wissen,
mich ruft mein Dienst, ich habe nicht viel Zeit zu verlieren. Ja oder
nein?

Agathe Tichonowna (verlegen). Es ist nicht ntig ... es ist nicht ntig
... nicht doch ... (Zu sich selber.) Ich wei ja gar nicht, was ich
spreche.

Eierkuchen. Wie, nicht ntig? In welcher Hinsicht nicht ntig?

Agathe Tichonowna. Ach nein, nein, das wollte ich ja gar nicht sagen.
(Pltzlich Mut fassend.) Raus! (Schlgt die Hnde vor dem Gesicht
zusammen.) Ach, mein Gott, mein Gott, was hab' ich nur gesagt!

Eierkuchen. Wie raus? Was bedeutet das: Raus? Ich mu Sie fragen, was
Sie darunter verstanden haben wollen? (Stemmt die Arme drohend in die
Seite und geht auf sie zu.)

Agathe Tichonowna (sieht ihn erschrocken an und schreit entsetzt auf).
Mein Gott, er will mich schlagen! Er will mich schlagen!

   (Sie luft hinaus; Eierkuchen bleibt mit offenem Munde stehen.
                        Auf ihr Schreien kommt)

Arina Panteleimonowna (hereingelaufen. Sowie sie ihm ins Gesicht sieht,
schreit sie ebenfalls auf). Mein Gott, er will mich schlagen! (Luft
hinaus.)

Eierkuchen. Was fr eine Komdie geht hier vor sich? Eine schne
Geschichte das! (Es lutet wieder an der Tre; man hrt von drauen
Stimmen.)

Stimme Kotschkarjows. So komm doch endlich! Komme doch rein! Was stehst
du denn da?

Stimme Podkoliessins. Geh nur voran! La mich einen Augenblick. Mein
Hosentrger ist mir losgegangen. La mich ihn erst wieder befestigen.

Stimme Kotschkarjows. Du lufst mir nur wieder weg.

Stimme Podkoliessins. Wahrhaftig nicht. Ich laufe nicht weg. Bei Gott
nicht.


                              5. Auftritt

                     Die Vorigen und Kotschkarjow.

Kotschkarjow. Da haben wir's! Als ob's so ntig wre, sich die
Hosentrger in Ordnung zu bringen.

Eierkuchen (sich zu ihm wendend). Bitte, sagen Sie: das Frulein hier
ist wohl etwas dumm? Wie? ...

Kotschkarjow. Wieso? Was ist denn passiert?

Eierkuchen. Ihr Benehmen ist wirklich hchst merkwrdig. Sie luft
einfach hinaus und schreit in einem fort: Er schlgt mich ... er
schlgt mich! Wei der Teufel, was das bedeuten soll!

Kotschkarjow. Aha ... Ja, das kommt bei ihr fters vor. Sie ist eben ein
bichen beschrnkt.

Eierkuchen. Sagen Sie bitte, Sie sind doch verwandt mit ihr ...

Kotschkarjow. Aber gewi. Ich bin ihr Verwandter.

Eierkuchen. So ... und in welchem Grade?

Kotschkarjow. Das kann ich nicht so genau feststellen. Die Tante meiner
Mutter hngt irgendwie mit ihrem Vater zusammen. Oder auch ihr Vater
irgendwie mit meiner Tante. Meine Frau wei darin besser Bescheid als
ich. Das ist ihre Angelegenheit.

Eierkuchen. Und ist sie denn schon lange so albern?

Kotschkarjow. Ja, das hat sie schon seit der Geburt.

Eierkuchen. Hm, besser wr's freilich, wenn sie etwas klger wre.
brigens, mag sie doch dumm sein, auch gut, wenn nur das brige in
Ordnung ist.

Kotschkarjow. Ja, sie bekommt doch nichts mit!

Eierkuchen. Was? ... Und das steinerne Haus?

Kotschkarjow. Aber, das sind doch blo Redensarten. Das heit doch nur
so -- es wre von Stein ... Wenn Sie wten, wie das Haus gebaut ist!
Die Mauern sind doch nicht massiv! Zwei Reihen Ziegelsteine und
dazwischen Sgemehl und Hobelspne und allerhand solch ein Plunder.

Eierkuchen. Was sagen Sie? ...

Kotschkarjow. Natrlich, wissen Sie denn nicht, wie heutzutage Huser
gebaut werden? Doch nur, damit man sie beleihen kann.

Eierkuchen. Aber auf diesem Hause liegen ja keine Hypotheken.

Kotschkarjow. Von wem haben Sie sich denn das erzhlen lassen? Das ist's
ja eben. Wenn's nur die Hypotheken wren ... Die Zinsen fr die beiden
letzten Jahre sind noch nicht einmal bezahlt. Und dann hat sie noch
einen Bruder im Senat, der streckt auch seine Finger nach dem Hause aus.
Es gibt keinen greren Halunken auf der Welt, als den. Seiner eigenen
Mutter wrde er den letzten Rock wegnehmen, der Elende.

Eierkuchen. Was hat mir denn aber die Vermittlerin gesagt ... Oh, diese
Bestie, dieser Auswurf der Menschheit! (Beiseite.) Aber vielleicht lgt
er nur? Ich mu die Alte einem strengen Verhr unterziehen. Und sollte
etwas Wahres dran sein, na, dann soll sie mir ein ander Liedchen
anstimmen.

Anutschkin. Drfte ich Ihnen auch mit einer Frage lstig fallen? ... Ich
mu gestehen, ich spreche selbst nicht Franzsisch, und da ist es
auerordentlich schwer zu beurteilen, ob eine Dame es kann oder nicht.
Spricht sie Franzsisch?

Kotschkarjow. Ach wo, keine Ahnung hat sie!

Anutschkin. Was sagen Sie?

Kotschkarjow. Wie, ich mu das doch wissen! Sie war ja mit meiner Frau
im selben Pensionat. Ihre Faulheit war geradezu berhmt; kurz, immer war
sie die Dumme. Vor allem der franzsische Lehrer, der hat sie bestndig
mit dem Stock geschlagen.

Anutschkin. Denken Sie sich! Sofort, als ich sie sah, hatte ich's im
Gefhl: die versteht kein Franzsisch.

Eierkuchen. Ach, hol' euch der Teufel mit eurem Franzsisch. Aber dieses
verfluchte Weib, die Thekla Iwanowna, diese Bestie, diese alte Hexe!
Wenn Sie blo wten, wie schn sie mir das alles ausgemalt hat. Die
reinste Knstlerin! Bitte, ein Haus, sagte sie, und zwei Seitenflgel
dazu, auf einem vorzglichen Fundament, silberne Lffel, ein Schlitten
-- man braucht sich nur reinzusetzen und loszufahren. Mit einem Wort,
man findet es selten in einem Roman so schn dargestellt. Ach, du alte
Schuhsohle, verfluchte, warte, wenn ich dich nur in die Finger kriege
...


                              6. Auftritt

                        Die Vorigen und Thekla.

   (Sobald sie sie erblicken, strzen sie alle, durcheinandersprechend,
                              auf sie zu.)

Eierkuchen. Ah, da ist sie ja! Bitte, komm mal her, alte Snderin!
Nher, immer nher, noch nher ... komm mal her!

Anutschkin. Also so konnten Sie mich hintergehen, Thekla Iwanowna?

Kotschkarjow. Weh dir, Barbara, jetzt warte deines Gerichts!

Thekla. Von all dem versteh' ich kein Wort! Ihr macht mich ja ganz taub.

Eierkuchen. Eine Reihe Ziegelsteine, du alte Schuhsohle, und nichts als
Hobelspne dazwischen; und was hast du mir vorgelogen, von einem
Zwischenstock, und wei der Teufel was sonst noch?

Thekla. Ich wei es doch nicht, ich hab's nicht gebaut; vielleicht darf
es gar nicht anders sein, vielleicht mu es nur eine Reihe Ziegelsteine
haben, daher ist's auch so gebaut worden.

Eierkuchen. Und dann die Hypotheken! Hol' dich der Teufel, verfluchte
Hexe! (Stampft wtend mit dem Fue auf.)

Thekla. Du bist mir einer! Hier noch zu schimpfen. Ein andrer wrde mir
dankbar sein, da ich mich so fr ihn abgeqult habe.

Anutschkin. Ja, Thekla Iwanowna, mir haben Sie auch erzhlt, da sie
Franzsisch kann.

Thekla. Kann sie auch, mein Lieber. Deutsch und Franzsisch, alles kann
sie; auf all die feinen Manieren versteht sie sich.

Anutschkin. O nein, mir scheint, sie spricht nur Russisch.

Thekla. Ist denn das so schlimm? Russisch ist doch verstndlicher, daher
spricht sie eben Russisch. Und sprche sie irgendeine barbarische
Sprache, so sest doch nur du in der Patsche. Kein Wort wrdest du
verstehen! Da ist doch ber unser Russisch weiter kein Wort zu
verlieren. Das kennt man wenigstens, auch die lieben Heiligen haben doch
Russisch gesprochen.

Eierkuchen. Nun? komm mal nher, immer nher, du Hexe!

Thekla (weicht zurck und sucht die Tr zu erreichen). Nein, ich danke
bestens. Ich kenne dich. Du bist ein gefhrlicher Mensch. Ehe man sich's
versieht, haust du zu.

Eierkuchen. Pa auf, Herzchen, das bleibt dir nicht geschenkt! Ich nehm'
dich und bring' dich zur Polizei; du sollst schon merken, was es heit,
ehrliche Leute zu betrgen. Darauf kannst du dich verlassen. Deiner
Braut aber bestelle von mir: in meinen Augen ist sie ein Lump! Hrst du,
vergi es nicht, zu bestellen! (Geht hinaus.)

Thekla. Seht doch einer den an. Wie wtend der ist! Er denkt, weil er so
dick ist, knnt' es keiner mit ihm aufnehmen. Und ich sage dir, du bist
selbst ein Lump! Hrst du!

Anutschkin. Ich mu Ihnen ebenfalls gestehen, meine Verehrteste, ich
htte nie gedacht, da Sie mich so betrgen knnten! Wenn ich's gewut
htte, da die Dame auf solch einem Niveau der Bildung steht, keinen Fu
wrde ich ber die Schwelle dieses Hauses gesetzt haben! Jawohl! (Geht
hinaus.)

Thekla. Ihr habt wohl Tollkirschen gefressen, oder einen zu viel
genippt? Seht mal an, mkeln die hier herum; dem ist die Bildung wohl
auch in den Kopf gestiegen!


                              7. Auftritt

                  Thekla, Kotschkarjow und Schewakin.

Kotschkarjow (sieht Thekla an und zeigt mit dem Finger laut lachend auf
sie). Hahaha!

Thekla (rgerlich). Na, was strapazierst du denn deinen Hals so?

Kotschkarjow (fhrt fort zu lachen).

Thekla. Du wirst gleich platzen!

Kotschkarjow. 'ne schne Heiratsvermittlerin bist du mir. Eine
Knstlerin in deinem Fach! Du hast die Sache aber raus. (Lacht
unaufhrlich weiter.)

Thekla. Was der zu lachen hat? ... Deine selige Mutter wird wohl auch
nicht ganz bei Troste gewesen sein, als sie dich zur Welt brachte. (Sie
luft wtend hinaus.)


                              8. Auftritt

                      Kotschkarjow und Schewakin.

Kotschkarjow (fhrt fort zu lachen). Herrgott, ich kann einfach nicht
mehr! Bei Gott, ich kann nicht mehr! Ich halt's nicht mehr aus, ich
platze vor Lachen. (Lacht weiter.)

Schewakin (sieht ihn an und fngt gleichfalls an zu lachen).

Kotschkarjow (ermdet in einen Stuhl sinkend). Wahrhaftig, mir geht die
Puste aus! Ich fhle, wenn ich noch lange so weiter lache, so verrecke
ich.

Schewakin. Ihr frhliches Naturell gefllt mir auerordentlich. Wissen
Sie, bei unserm Geschwader, das unter Kapitn Bolderow stand, war auch
ein Kadett, namens Petuchow. Anton Iwanowitsch. Der war auch immer so
frhlich. Dem brauchte man nur den kleinen Finger zu zeigen, und schon
lachte er los! Bei Gott! Und dann lachte er den ganzen Tag hindurch, bis
zum spten Abend ... Wenn ihn einer nur ansah, kriegte er schon das
Lachen, und eh' man's sich versah, lachte man selber mit.

Kotschkarjow (atemholend). Ach Gott, erbarme dich meiner. Diese dumme
Gans, was die sich einbildet. Wie soll sie es fertig kriegen, einen
Menschen zu verheiraten. Die will einen verheiraten! Ja, wenn ich die
Sache in die Hand nehme, dann will ich schon eine Heirat zustande
bringen.

Schewakin. Wirklich? ... In der Tat, knnten Sie den Heiratsvermittler
spielen? ...

Kotschkarjow. Selbstverstndlich! Ich bernehme es, jedes beliebige Paar
zusammenzubringen.

Schewakin. Hren Sie mal, wenn das stimmt, so .... verschaffen Sie mir
doch das Frulein.

Kotschkarjow. Ihnen? ... Was brauchen Sie denn zu heiraten?

Schewakin. Warum denn nicht! Erlauben Sie mal, das ist doch eine
seltsame Frage! Es ist doch klar, wozu.

Kotschkarjow. Sie haben doch eben gehrt, da sie nichts mitbekommt.

Schewakin. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren! ... Das
ist ja nicht schn, aber bei diesem entzckenden Frulein mit den
reizenden Manieren, da kann man schlielich auch ohne Mitgift auskommen.
Ein kleines Kmmerchen, (macht eine entsprechende Geste) ein kleiner
Flur, eine kleine spanische Wand oder so etwas wie ein Vorhang ...

Kotschkarjow. Ja, aber was gefllt Ihnen denn an ihr so sehr?

Schewakin. Wenn ich offen sein soll, so ist es grade jene Flle, die sie
auszeichnet. Sehen Sie, ich bin ein groer Amateur in bezug auf ... auf
... rundliche Frauen.

Kotschkarjow (sieht ihn von der Seite an und sagt dann zu sich selbst).
Na, damit kann er gerade nicht allzusehr Staat machen. Sieht selbst aus,
wie ein ausgeschttelter Tabaksbeutel. (Laut.) Wissen Sie, Sie sollten
berhaupt nicht heiraten.

Schewakin. Wie meinen Sie das? ...

Kotschkarjow. Ganz einfach. Was haben Sie denn fr eine Figur? Unter uns
gesagt, Sie haben ja die reinsten Hahnenfe.

Schewakin. Hahnenfe? ...

Kotschkarjow. Natrlich! ... Gewi! ... Wonach sehen Sie denn aus?

Schewakin. Nein, erlauben Sie mal, wie knnen Sie sagen, ich htte
Hahnenfe?

Kotschkarjow. Sehr einfach! Das sind doch Hahnenfe! ...

Schewakin. Gestatten Sie mal, mir scheint, in Ihren Worten liegt etwas:
mir scheint, Sie werden _persnlich_!

Kotschkarjow. Ich sage Ihnen das doch nur, weil ich wei, da Sie ein
vernnftiger Mensch sind. Einem andern htte ich das doch nicht gesagt.
Also gut, ich verschaffe Ihnen eine Frau; aber eine andere.

Schewakin. Dann mchte ich Sie doch bitten ... keine andere. Seien Sie
schon so gut ... bleiben wir bei dieser.

Kotschkarjow. Schn, wenn Sie denn durchaus wollen ... meinetwegen. Aber
unter einer Bedingung ... Sie drfen sich nicht hineinmischen. Sie
drfen sich dem Frulein berhaupt nicht zeigen. Ich werde alles allein
machen.

Schewakin. Erlauben Sie mal, ohne mich geht es denn doch nicht. Immerhin
werde ich mich doch wohl dabei sehen lassen mssen.

Kotschkarjow. Nein, durchaus nicht. Gehen Sie nach Hause und warten Sie
auf mich. Heute abend ist alles in schnster Ordnung.

Schewakin (reibt sich die Hnde). Famos! Das wre ja famos. Sagen Sie,
brauchen Sie denn kein Attest, kein Dienstzeugnis? Vielleicht drfte
sich das Frulein doch dafr interessieren. Ich werde sofort laufen und
es holen.

Kotschkarjow. Nein, nein, ich brauche nichts! Gehen Sie nur ruhig nach
Hause. Verlassen Sie sich drauf, Sie bekommen noch heute Nachricht. (Er
begleitet ihn hinaus.) Teufel auch, das wrde dir wohl passen! ... Doch
was ist das nur? Warum kommt denn der Podkoliessin nicht wieder? Das ist
doch sehr merkwrdig! Er kann doch seine Hosentrger nicht ewig in
Ordnung bringen ... Am Ende mu ich noch selbst hinlaufen und ihn holen.


                              9. Auftritt

                    Kotschkarjow, Agathe Tichonowna.

Agathe Tichonowna (sieht sich nach allen Seiten um). Sind sie fort? ...
Ist niemand mehr hier? ...

Kotschkarjow. Niemand! ... Sie sind alle fort! ...

Agathe Tichonowna. Ach, wenn Sie wten, wie ich gezittert habe. Nein,
so etwas habe ich wirklich noch nicht erlebt. Ach, wie furchtbar war
dieser Eierkuchen! ... Wie ein Tyrann wird der einmal seine Frau
behandeln. Ich frchte immer noch, er knnte jeden Augenblick
zurckkommen.

Kotschkarjow. Nein, der kommt nicht wieder. Ich setze meinen Kopf ein,
da keiner von beiden seine Nase mehr zur Tre hineinsteckt.

Agathe Tichonowna. Und der Dritte?

Kotschkarjow. Welcher Dritte?

Schewakin (steckt leise den Kopf zur Tr hinein). Ich hrte fr mein
Leben gern, was ihr kleines Mndchen von mir sagen wird ... Oh, dieses
zarte Rschen!

Agathe Tichonowna. Ich meine ... Baltasar Baltasarowitsch ...

Schewakin. Jetzt kommt's, jetzt kommt's! (Reibt sich die Hnde.)

Kotschkarjow. Verflucht noch mal, ich denke mir, von wem reden Sie blo?
Der Kerl ist ja ein ausgemachter Tlpel! -- Pfui Teufel nochmal!

Schewakin. Was ist das? ... Wahrhaftig, davon versteh' ich kein Wort.

Agathe Tichonowna. Aber auf den ersten Blick machte er auf mich den
Eindruck eines sehr guten Menschen.

Kotschkarjow. Er ist aber doch immer betrunken!

Schewakin. Bei Gott, ich verstehe nichts davon!

Agathe Tichonowna. Wahrhaftig ... er trinkt?

Kotschkarjow. Ich bitte Sie ... ein ausgekochter Lump!

Schewakin (laut). Nein, gestatten Sie! Ich habe Sie denn doch nicht
gebeten, derartige Behauptungen aufzustellen. Htten Sie einige Worte zu
meinen Gunsten geredet, oder irgend etwas Lobendes gesagt, das wre
etwas anderes gewesen ... Mit diesen Worten jedoch, nein bitte, suchen
Sie sich dafr einen andern aus. Nein, ich danke bestens. Ergebener
Diener.

Kotschkarjow (beiseite). Warum mute der Kerl nur zurckkommen! (Zu
Agathe Tichonowna.) Sehen Sie, sehen Sie nur ... er kann sich ja kaum
noch auf den Fen halten. Und so benimmt er sich jeden Tag. Jagen Sie
ihn doch zum Teufel, fertig! (Beiseite.) Da dieser verfluchte
Podkoliessin noch nicht da ist ... Dieser Lump! ... Na warte ... das
will ich dir anstreichen! (Geht ab.)


                              10. Auftritt

                    Agathe Tichonowna und Schewakin.

Schewakin (beiseite). Verspricht, mich zu loben und ... statt dessen ...
beschimpft er mich. Ein seltsamer Mensch! (Laut.) Mein gndiges
Frulein, schenken Sie seinen Worten keinen Glauben.

Agathe Tichonowna. Nein, entschuldigen Sie mich, ich fhle mich nicht
ganz wohl. Der Kopf schmerzt mir so. (Will gehen.)

Schewakin. Aber vielleicht gefllt Ihnen etwas nicht an mir? (Er zeigt
auf seinen Kopf.) Bitte, achten Sie nicht darauf, da ich einen gewissen
Anflug von Glatze habe. Das macht nichts. Es ist mir vom Fieber
zurckgeblieben. Mit der Zeit kommen die Haare schon wieder.

Agathe Tichonowna. Es interessiert mich nicht, was Ihnen fehlt.

Schewakin. Und dann, mein gndiges Frulein, wenn ich einen schwarzen
Frack anziehe, wird mein Teint um vieles heller.

Agathe Tichonowna. Um so besser fr Sie. Leben Sie wohl! (Sie geht
hinaus.)


                              11. Auftritt

                           Schewakin allein.

Schewakin (ihr nachrufend). Mein Frulein, bitte, gestatten Sie, sagen
Sie mir bitte, was ist geschehen. Warum, weshalb? ... Haftet mir denn
irgendein wesentlicher Makel an? ... Fort! Wie seltsam! Das passiert mir
nun schon das siebzehnte Mal, und immer luft es fast ebenso aus. Im
Anfang geht alles glatt, und wenn die Geschichte zum Klappen kommt,
dann, eh' ich mich's versehe, hab' ich meinen Korb weg. (Geht
nachdenklich auf und ab) Ja, ja ... das ist nun bereits die Siebzehnte
.... Und was hat sie blo? ... Warum sollte sie nicht zum Beispiel ...
(Nachdenklich.) Eine dunkle, hchst dunkle Geschichte ... Wenn ich noch
wirklich so hlich wre ... (Betrachtet sich.) Aber das kann doch kein
Mensch behaupten! Gott sei Dank! Die Natur hat einen doch wirklich nicht
stiefmtterlich behandelt. Unbegreiflich! Ob ich nicht schnell mal nach
Hause laufe und in meinem Kstchen nachsehe? Ich mu doch da noch ein
paar Verse liegen haben. Denen kann keine widerstehen ... Bei Gott! Und
ich begreife das alles gar nicht! Zuerst schien's mir so gut zu glcken.
... Ja, ich werde wohl kehrtmachen mssen. Schade, sehr schade! (Geht
ab.)


                              12. Auftritt

     (Podkoliessin und Kotschkarjow treten ein und blicken zurck.)

Kotschkarjow. Er hat uns nicht bemerkt! Hast du gesehen, mit was fr
einer langen Nase er abgezogen ist?

Podkoliessin. Tatschlich? ... Also er hat eben so einen Korb bekommen,
wie die andern?

Kotschkarjow. ... Einen mchtigen!

Podkoliessin (mit selbstgeflliger Miene). Das mu eigentlich recht
peinlich sein, sich einen Korb zu holen.

Kotschkarjow. Das will ich meinen.

Podkoliessin. Ich kann es noch immer nicht glauben, da sie es ihm so
grade ins Gesicht gesagt hat, sie ziehe mich vor.

Kotschkarjow. -- Zieht dich vor? ... Ich sage dir ... sie ist einfach
hingerissen! Verliebt bis ber die Ohren! Was sie dir nur fr Kosenamen
gegeben hat! Eine solche Leidenschaft! ... Sie glht ja frmlich! ...

Podkoliessin (lchelt selbstzufrieden). Ja, das ist wahr ... Wenn eine
Frau will, kann sie einem Worte sagen ... unsereiner wrde niemals auf
so etwas kommen: Mein Frtzchen, mein Mistkferchen, mein
Fliegenpilzchen ...

Kotschkarjow. Ach, das ist noch nichts! Heirate mal erst! Die Worte, die
du da in den ersten zwei Monaten zu hren bekommst, -- na, du zergehst
frmlich vor Wonne!

Podkoliessin (lchelnd). Wahrhaftig? ...

Kotschkarjow. Was fr eine ehrliche Haut! Doch jetzt schnell zur Sache!
Geh hin, erklre dich sofort, erffne ihr dein Herz und bitte Sie um
ihre Hand.

Podkoliessin. Wie denn? Doch nicht etwa jetzt gleich? ... Was fllt dir
ein!

Kotschkarjow. Natrlich gleich! Ah, da ist sie ja selbst!


                              13. Auftritt

                   Die Vorigen und Agathe Tichonowna.

Kotschkarjow. Mein Frulein, ich bringe Ihnen hier einen Sterblichen,
den Herrn, den Sie hier vor sich sehen. Es hat berhaupt noch keinen
Menschen gegeben, der so verliebt war wie er. Gott behte, das mcht'
ich ja meinem rgsten Feinde nicht wnschen.

Podkoliessin (stt ihn mit der Hand in die Seite, leise). Nein, hr
mal, du treibst es aber zu toll!

Kotschkarjow (zu ihm). Das schadet nichts. (Leise zu ihr.) Seien Sie nur
recht keck zu ihm; er ist noch etwas schchtern. Sie mssen ziemlich
herausfordernd sein. Klappern Sie nur tchtig mit den Augen und dann
werfen Sie ihm pltzlich einen Blick zu, da er platt ist, der
Bsewicht! Oder zeigen Sie ihm ein Stckchen von Ihrer Schulter, damit
er mal hingucken kann, der Schuft, der! brigens htten Sie auch ein
Kleid mit kurzen rmeln anziehen knnen! Na, schlielich ist dies auch
gut! (Laut.) Also, ich lasse Sie in der angenehmsten Gesellschaft
zurck. Ich will nur noch einen Blick in das Speisezimmer und in die
Kche werfen. Ich werde dort Bescheid sagen. Gleich mu der Diener
kommen, der das Souper bringt ... vielleicht ist der Wein auch schon da.
Na, auf Wiedersehen! ... (Zu Podkoliessin.) Mehr Mut, Mut! (Er geht.)


                              14. Auftritt

                  Podkoliessin und Agathe Tichonowna.

Agathe Tichonowna. Aber bitte schn, so nehmen Sie doch Platz!

                   (Beide setzen sich und schweigen.)

Podkoliessin. -- Fahren Sie gerne spazieren?

Agathe Tichonowna. Wie meinen Sie das? ...

Podkoliessin. Im Sommer ist es doch schn, Kahn zu fahren.

Agathe Tichonowna. Ja, zuweilen mache ich einen Ausflug mit Bekannten.

Podkoliessin. Es lt sich noch nicht voraussagen, was fr einen Sommer
wir in diesem Jahre haben werden.

Agathe Tichonowna. Aber hoffentlich wird er gut!

                           (Beide schweigen.)

Podkoliessin. Welches ist Ihre Lieblingsblume, gndiges Frulein?

Agathe Tichonowna. Am meisten liebe ich die Blumen, die stark duften.
Zum Beispiel Nelken!

Podkoliessin. Den Damen stehen Blumen sehr gut.

Agathe Tichonowna. Ja, man mu sagen, sie machen recht viel Vergngen!

                           (Beide schweigen.)

In welcher Kirche waren Sie am vorigen Sonntag?

Podkoliessin. In der Himmelfahrts-Kirche. Und eine Woche vorher, da war
ich in der Kasanschen Kirche. brigens ist es doch ganz gleich, in
welche Kirche man beten geht ... Nur ... die letztere ... die ist viel
prchtiger.

                           (Beide schweigen.)

   (Podkoliessin beginnt mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.)

Bald findet in Katharinenhof ein Gartenfest statt.

Agathe Tichonowna. Ja, ich glaube, in einem Monat.

Podkoliessin. Oh, in kaum einem Monat!

Agathe Tichonowna. Es wird wohl sehr lustig werden.

Podkoliessin. Heute haben wir den Achten. (An den Fingern abzhlend.)
Den Neunten, den Zehnten, den Elften ... In zweiundzwanzig Tagen.

Agathe Tichonowna. Denken Sie nur, schon so bald!

Podkoliessin. Und den heutigen Tag habe ich dabei noch gar nicht mal
mitgezhlt.

                                (Pause.)

Was fr mutige Leute doch unsere Russen sind!

Agathe Tichonowna. Wie? ...

Podkoliessin. Ich meine die Arbeiter! Stehen da ganz ruhig hoch oben auf
dem Gerst. Ich kam nmlich heute an einem Neubau vorber. Sitzt so ein
Stukkateur ganz gemtlich hoch oben und denkt sich gar nichts dabei. Er
frchtet sich nicht im mindesten.

Agathe Tichonowna. Ja! Und wo war denn das? ...

Podkoliessin. Auf dem Wege nach dem Departement, da, wo ich tglich
vorberkomme. Ich gehe doch jeden Morgen in den Dienst.

   (Beide schweigen. Podkoliessin fngt wieder an, mit den Fingern
   auf den Tisch zu klopfen. Dann steht er auf, nimmt seinen Hut und
                        macht eine Verbeugung.)

Agathe Tichonowna. Wie, Sie wollen schon gehen?

Podkoliessin. Ja, gewi habe ich Sie gelangweilt. Entschuldigen Sie.

Agathe Tichonowna. Aber wie knnen Sie nur so etwas glauben? Im
Gegenteil. Ich danke Ihnen von Herzen fr die angenehme Unterhaltung.

Podkoliessin (lchelnd). Nein, wirklich, mir schien, da ich Sie
langweilte.

Agathe Tichonowna. Wahrhaftig nicht!

Podkoliessin. Oh, wenn ich mich geirrt haben sollte, so erlauben Sie mir
doch, da ich zu einer anderen Zeit ... vielleicht einmal abends ...

Agathe Tichonowna. Ich wrde mich auerordentlich freuen ... (Sie
verabschieden sich voneinander, und Podkoliessin geht.)


                              15. Auftritt

                      Agathe Tichonowna (allein).

Welch ein wrdiger Mensch! Jetzt habe ich ihn erst recht kennen gelernt!
Wahrhaftig, man mu ihn liebhaben! Und dabei so klug und bescheiden
zugleich! Ja, sein Freund hatte vollstndig recht. Schade nur, da er so
schnell wieder fortgegangen ist. Ich htte ihm so gern noch ein wenig
zugehrt. Wie angenehm ist es, mit ihm zu plaudern. Und was vor allem so
angenehm ist, er macht gar keine Redensarten. Ich htte ihm auch noch
einiges sagen mgen ... aber ich mu gestehen, mir fehlte der Mut dazu.
Mein Herz klopfte so stark. ... Welch ein herrlicher Mensch! Ich will
doch hingehen und es der Tante erzhlen. (Sie geht hinaus.)


                              16. Auftritt

             Podkoliessin und Kotschkarjow (treten herein).

Kotschkarjow. Warum nach Hause? Was fr ein Unsinn ist das wieder? Warum
nach Hause?

Podkoliessin. Ja, wozu soll ich denn hierbleiben? ... Ich habe doch
alles gesagt, was ntig war.

Kotschkarjow. So? Hast du dich ihr ganz erklrt? ...

Podkoliessin. Ja, das wre vielleicht noch das einzige; erklrt habe ich
mich allerdings noch nicht!

Kotschkarjow. Eine schne Geschichte! ... Warum denn nicht? ...

Podkoliessin. Ich bitte dich, ich kann doch nicht so pltzlich, so ohne
alle einleitenden Worte mit der Tr ins Haus fallen: Mein Frulein,
wollen wir uns doch heiraten!

Kotschkarjow. Worber habt ihr denn die ganze Zeit gesprochen? Mehr als
eine halbe Stunde lang?

Podkoliessin. Nun. ber alles mgliche! Und ich mu sagen, ich bin sehr
befriedigt. Ich habe die Zeit sehr angenehm verbracht.

Kotschkarjow. Nein, hre mal, sage doch selbst, mein Bester, wie sollen
wir denn noch heute mit der ganzen Geschichte fertig werden? In einer
Stunde sptestens mssen wir in die Kirche fahren ... zur Trauung ...

Podkoliessin. Du bist wohl verrckt? ... Heut sollen wir schon Hochzeit
machen?

Kotschkarjow. Weshalb denn nicht? ...

Podkoliessin. Noch heute zur Trauung fahren! ... Welch ein Wahnsinn!

Kotschkarjow. Aber du hast mir doch selbst dein Wort gegeben und hast
gesagt, sobald die Freier heraus sind, bist du bereit, dich zu
verheiraten!

Podkoliessin. Nun ja, ich nehme auch jetzt mein Wort nicht zurck. Aber
doch nicht gleich. La mir doch wenigstens einen Monat Zeit dazu.

Kotschkarjow. Was? ... Einen Monat!

Podkoliessin. Nun ja, freilich!

Kotschkarjow. Du hast wohl den Verstand verloren, was?

Podkoliessin. Ja, einen Monat brauche ich mindestens.

Kotschkarjow. Aber ich habe doch schon das Souper beim Traiteur
bestellt. Du Klotz du! ... Nein, hr mal, Iwan Kusmitsch, sei jetzt
nicht eigensinnig, Bruder. Lat euch doch gleich trauen!

Podkoliessin. Ich bitte dich, Freund, was redest du da? ... Wie ist denn
das gleich mglich?

Kotschkarjow. Iwan Kusmitsch, sieh mal, ich bitte dich recht herzlich
... wenn nicht fr dich selbst, so tue es doch meinetwegen! Mir zuliebe!

Podkoliessin. Nein, tatschlich -- es geht nicht!

Kotschkarjow. Doch, doch, es geht schon, Liebster! Es geht alles,
Liebling; la die Launen.

Podkoliessin. Nein, wirklich nicht. Es geht nicht. Es ist wirklich nicht
mglich.

Kotschkarjow. Warum nicht mglich? ... Wer hat dir das blo eingeredet?
berlege doch selbst. Du bist doch ein gescheiter Kerl! Ich spreche
nicht so, um dir zu schmeicheln oder weil du Expeditor bist, nein,
einfach, weil ich dich liebe! -- Genug, Herzchen, entschliee dich. Sieh
doch die Sache mit vernnftigen Augen an!

Podkoliessin. Ja, wenn ich nur eine Mglichkeit sehen wrde -- ich wre
gerne bereit ...

Kotschkarjow. Iwan Kusmitsch, alter Kerl, lieber Freund ... willst du,
da ich vor dir auf die Knie falle? ...

Podkoliessin. Ja, wozu nur das alles?

Kotschkarjow (fllt auf die Knie). Nun gut, hier knie ich. Jetzt siehst
du es, wie sehr ich dich bitte. Ich will dir's mein Leben lang nicht
vergessen. Herzchen, sei nicht eigensinnig!

Podkoliessin. Nein, Freund, es geht nicht! Wirklich nicht!

Kotschkarjow (steht auf, wtend). Schweinehund!

Podkoliessin. Gut, schimpf nur!

Kotschkarjow. Rindvieh! ... Einen greren Esel, wie dich, hat es
tatschlich noch nie gegeben!

Podkoliessin. Schimpfe doch meinetwegen. Schimpfe nur!

Kotschkarjow. Fr wen habe ich mich nun geplagt und abgerackert? Doch
nur fr dich; in deinem Interesse, du Schaf! Was geht mich die ganze
Geschichte im Grunde an? ... Gut, ich gehe sofort meiner Wege und la
dich laufen. Was hab' _ich_ denn davon?

Podkoliessin. Ja ... hab' ich dich denn um deine Bemhungen gebeten? Geh
doch nur, bitte!

Kotschkarjow. Und ich sage dir, da du zugrunde gehen wirst. Ohne mich
wirst du zu nichts kommen. Wenn dich nicht ein anderer verheiratet,
bleibst du dein Leben lang ein ... Dummkopf.

Podkoliessin. Und was kmmert's dich? ...

Kotschkarjow. Ich bin doch nur um dich besorgt, du Dummkopf.

Podkoliessin. Und ich verzichte auf deine Besorgnis.

Kotschkarjow. Nun, so geh zum Teufel!

Podkoliessin. Gut. Ich gehe.

Kotschkarjow. Da gehrst du auch hin.

Podkoliessin. Nun schn, ich gehe schon.

Kotschkarjow. Geh nur, geh! Wenn du dir nur gleich ein Bein brchst!
Wahrhaftig, es ist mein innigster Wunsch, da dir irgendein besoffener
Droschkenkutscher mit der Deichsel in die Gurgel fhrt. Du Lappen du!
Und das will ein Beamter sein, ... Das schwre ich dir, von nun an ist
alles zwischen uns aus. Komm mir nicht mehr unter die Augen!

Podkoliessin. Nun gut, du sollst mich nicht mehr sehen! (Geht.)

Kotschkarjow. Geh doch zu deinem alten Freunde, dem Teufel. (ffnet die
Tr und ruft ihm nach.) Esel!


                              17. Auftritt

Kotschkarjow (allein, geht aufgeregt im Zimmer auf und ab). Hat die Welt
jemals einen solchen Menschen gesehen? .. Solch ein Esel! brigens,
wahrhaftig, ich bin auch gut! .. Nein, sagt nur, ich mchte euch alle zu
Zeugen anrufen: Bin ich nicht genau solch ein alter Esel? Bin ich nicht
ganz dumm? ..... Was rege ich mich auf und schreie mir die Kehle wund?
.. Sagt, was ist er mir? Er ist doch nicht mein Verwandter. Und ich bin
weder seine Amme, noch seine Tante, noch seine Schwiegermutter, oder gar
seine Patin! Was zum Teufel rackere ich mich seinetwegen ab? Gnne mir
keinen Augenblick Ruhe ... mag er doch zum Satan gehen! Wei der Teufel,
wozu das alles! Wozu nur der Mensch mitunter etwas tut? ..... Solch ein
Halunke! Diese niedertrchtige, widerwrtige Visage! Nehmen mchte ich
dich, du dummes Rindvieh; Nase, Ohren, Mund und Zhne ... einschlagen
mcht' ich dir ... (Macht mit der Hand wtend die entsprechenden
Bewegungen.) Und was das Emprendste dabei ist: er geht einfach nach
Hause ... er macht sich weiter keine Kopfschmerzen ... er schttelt's
sich ab, wie ein nasser Hund ... Nicht zum Ertragen ist dieser Gedanke!
Jetzt geht er heim, legt sich aufs Sofa und raucht sich eine Pfeife an.
Dieser gemeine Patron! Wahrhaftig, es gibt ekelhafte Fratzen auf der
Welt; aber so eine lt man sich denn doch nicht trumen ... Bei Gott,
eine widerwrtigere Visage lt sich gar nicht ausdenken. Tatschlich
nicht! Aber nein, jetzt gerade nicht! Ich hol' ihn zurck, den
nichtsnutzigen Kerl. Er soll mir nicht entwischen, ich bring' ihn wieder
zurck, den Lump! (Er luft fort.)


                              18. Auftritt

Agathe Tichonowna (tritt ein). Wie mir das Herz klopft ... ich kann es
gar nicht sagen. Wohin ich schaue, wohin ich mich wende ... berall sehe
ich Iwan Kusmitsch vor mir sitzen. Es mu wohl wahr sein, da niemand
seinem Schicksal entgehen kann. Vorhin versuchte ich an ganz etwas
anderes zu denken! Aber, was ich mir auch vornehme ... ich probierte
Garn abzuwickeln, fing an, den Pompadour zu sticken, aber ach, immerzu,
in einem fort drngt sich mir das Bild Iwan Kusmitschs auf. (Pause.)
Ach, also wirklich, nun soll die groe Vernderung in meinem Leben
kommen ... Erst wird man mich in die Kirche fhren ... dann mich mit ihm
allein lassen; ... mit dem Manne ... oh, mir wird schon jetzt ganz
schaurig! -- ja, leb wohl, meine schne Mdchenzeit! (Sie weint.) Wie
viele Jahre hab' ich so ruhig dahingelebt; -- lebte und lebte vor mich
hin! Und nun mit einem Male soll ich heiraten, die Frau eines Mannes
werden. Und all die Sorgen, die einen da erwarten. Die Kinder ... ach
... und die Knaben, dieses wilde Volk ... Und dann kommen auch die
Mdchen, die werden schnell gro und wollen dann ebenfalls versorgt
sein. Noch gut, wenn sie brave Mnner bekommen; aber vielleicht kriegen
sie einen Sufer ... oder einen solchen Kerl, der alles auf eine Karte
zu setzen bereit ist ... (Sie fngt wieder an zu weinen.) Eigentlich
habe ich doch meine Mdchenzeit gar nicht so recht genossen ... Nur
siebenundzwanzig Jahre hat sie gedauert ... (Mit vernderter Stimme.)
Aber warum zgert nur Iwan Kusmitsch so lange?

   Agathe Tichonowna und Podkoliessin, den Kotschkarjows Hnde in
                        die Tr hineinschieben.

Podkoliessin (stockend). Ich komme, mein Frulein, um Ihnen eine
Erklrung abzugeben ... aber ... ich wte nmlich gerne zuvor, ob Ihnen
diese Erklrung nicht zu seltsam vorkommen wird.

Agathe Tichonowna (die Augen senkend). Um was handelt es sich denn?

Podkoliessin. Nein, Frulein, sagen Sie mir erst, da Sie sich nicht
darber wundern werden.

Agathe Tichonowna (wie vorher). Ich wei doch gar nicht, was es ist.

Podkoliessin. Gestehen Sie nur, es wird Ihnen sicherlich sehr merkwrdig
vorkommen, was ich Ihnen zu sagen habe.

Agathe Tichonowna. Aber ich bitte Sie, warum denn merkwrdig? ... Alles
was Sie mir sagen, ist mir angenehm.

Podkoliessin. Aber so etwas haben Sie gewi noch niemals gehrt ...
(Agathe Tichonowna lt die Augen noch tiefer sinken; inzwischen ist
Kotschkarjow leise hereingetreten. Er stellt sich hinter Podkoliessin.)
Es handelt sich nmlich ... um das folgende ... Aber nein, sprechen wir
lieber ein andermal davon.

Agathe Tichonowna. Aber was ist es denn nur?

Podkoliessin. Es ist ... nmlich ... ich mchte Ihnen nmlich erklren,
aber ich habe noch immer Zweifel ...

Kotschkarjow (beiseite, die Hnde zusammenschlagend). Herrgott, ist das
ein Mensch! Das reinste alte Weib, und kein Mensch! Ein Hohn, eine
Parodie auf die Menschheit! ...

Agathe Tichonowna. Aber warum zweifeln Sie denn noch?

Podkoliessin. Ach, ich wei nicht, mir kommen immer wieder Bedenken.

Kotschkarjow (laut). Herrgott, wie dumm ist das alles! Wie dumm!
Frulein, Sie sehen doch, er hlt eben um Ihre Hand an. Er will Ihnen
erklren, da er ohne Sie nicht lnger leben, nicht existieren kann. Er
mchte Sie nur fragen, ob Sie bereit wren, ihn glcklich zu machen.

Podkoliessin (beinahe erschrocken, gibt ihm einen Rippensto und spricht
lebhaft). Ich bitte dich, was sagst du da? ...

Kotschkarjow. Also, entschlieen Sie sich, mein Frulein. Wollen Sie
diesen Sterblichen glcklich machen?

Agathe Tichonowna. Ach, wie knnte ich glauben, da es in meiner Macht
liegen sollte, das Glck eines Mannes ... das Glck eines Mannes ... Nun
gut, ich bin einverstanden ...

Kotschkarjow. Natrlich! Selbstverstndlich! Warum denn nicht gleich so?
So reicht euch doch die Hnde, Kinder!

Podkoliessin. Gleich! (Er will Kotschkarjow etwas ins Ohr flstern.
Dieser zeigt ihm die Faust, runzelt die Stirn, und Podkoliessin reicht
Agathe Tichonowna die Hand.)

Kotschkarjow (legt ihre Hnde ineinander). So, Gott segne euch! Auch ich
gebe euch meinen Segen zu eurem Bunde. Die Ehe, wit ihr, ist immer so
'ne Sache. Ja, das ist nicht, als ob man sich 'ne Droschke nimmt, sich
reinsetzt und irgendwohin losfhrt. Das ist eine ganz andere Sache; ja,
das ist eine Pflicht! Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr; darum will
ich euch nachher sagen, was das fr eine Pflicht ist. So, Iwan
Kusmitsch, und jetzt ksse deine Braut! Nunmehr darfst du es tun; ja,
mein Freund, nun mut du es sogar tun! ... (Agathe Tichonowna senkt die
Augen.) Nicht doch, nicht doch, mein Frulein. Das mu so sein. Sie
mssen sich kssen lassen.

Podkoliessin. Nein, Frulein, gestatten Sie ... Jetzt mssen Sie schon
gestatten. (Er kt sie und nimmt sie bei der Hand.) Welch ein
herrliches Hndchen! Woher haben Sie nur ein so herrliches Hndchen,
mein Frulein? ... Und noch eins ... Lassen Sie unsere Hochzeit sofort
stattfinden! Sofort!

Agathe Tichonowna. Wie, gleich? ... Aber das ist am Ende doch zu
schnell!

Podkoliessin. Nein, nein, davon will ich nichts hren! Die Trauung soll
gleich stattfinden. So schnell als mglich!

Kotschkarjow. Vorzglich! Bravo! ... Sehr gut! Du bist ja ein
Prachtkerl! Ich mu sagen, ich habe immer nur das Beste von dir
erwartet. Und Sie, Frulein, beeilen Sie sich jetzt. Ziehen Sie sich
recht schnell um. Jetzt darf ich's ja verraten. Ich habe schon vorhin
einen Wagen besorgt und auch ein paar Gste fr heute abend geladen. Sie
sind wahrscheinlich schon auf dem Wege nach der Kirche. Ihr
Hochzeitskleid liegt doch schon bereit, nicht wahr?

Agathe Tichonowna. O gewi, schon lange. Ich kleide mich schnell um und
bin sofort fertig.


                              19. Auftritt

                     Kotschkarjow und Podkoliessin.

Podkoliessin. Nun, lieber Freund, ich bin dir wirklich dankbar. Jetzt
begreife ich erst, was du mir fr einen Dienst erwiesen hast. Mein
eigener Vater konnte nicht das fr mich tun, was du mir getan hast. Ja,
jetzt sehe ich es, du hast dich nur von deiner Freundschaft leiten
lassen. Ich danke dir, Bruder! Ja, das werde ich dir nie vergessen.
(Gerhrt.) Nchstes Frhjahr werde ich dem Grabe deines Vaters einen
Besuch abstatten.

Kotschkarjow. Ach, nicht doch, lieber Freund! Ich freue mich ja selber.
Komm, la dich kssen. (Kt ihn erst auf eine und dann auf die andre
Backe.) Gebe Gott, da du glcklich wirst. (Sie kssen sich.)
Hoffentlich schickt er dir nun auch Reichtum und berflu und einen
ganzen Haufen Kinder.

Podkoliessin. Dank dir, Bruder! Wahrhaftig; jetzt erst fange ich an, zu
begreifen, was es heit, leben! Eine vllig neue Welt tut sich pltzlich
vor mir auf ... Nun erkenne ich, da sich das alles bewegt, sich regt,
fhlt, empfindet, sich gewissermaen verflchtigt, weit du, man wei
sozusagen selbst nicht recht, wie und was eigentlich vorgeht. Frher
aber habe ich nichts davon gesehen, nichts von alle dem begriffen. Das
heit, ich war einfach ein unwissender, ahnungsloser Mensch, der ber
nichts weiter nachdachte, in nichts tiefer hineinblickte, und so
dahinlebte ... wie jeder andre Mensch.

Kotschkarjow. Das freut mich, freut mich von Herzen. Doch, ich mu jetzt
gehen und mal nachschauen, ob der Tisch auch gut gedeckt ist. Ich bin
gleich wieder da. (Beiseite.) Aber seinen Hut will ich doch lieber
verstecken, fr alle Flle. (Er nimmt den Hut und trgt ihn mit sich
fort.)


                              20. Auftritt

                         Podkoliessin (allein).

Podkoliessin. Es ist wahr! Was war ich denn bis auf den heutigen Tag?
... Hatte ich auch nur einen Begriff vom Leben? ... Ach, gar
keine Ahnung hatt' ich! Was war denn schlielich dies mein
Junggesellen-Dasein? ... Was galt ich? ... Was tat ich? Ich lebte ...
vegetierte so hin ... versah meinen Dienst ... ging ins Departement ...
a und schlief ... mit einem Wort, ich war der hohlste, gewhnlichste
Mensch von der Welt. Jetzt erst sehe ich ein, wie dumm doch die Menschen
sind, die nicht heiraten. Und wenn man so zusieht, wie viele so blind
dahintrotten. Wenn ich ein Knig wre, wahrhaftig, ich erliee ein
Gesetz ... alle Menschen in meinem Reiche mten sich verheiraten. Unter
meiner Herrschaft sollte es auch nicht einen Hagestolzen geben! Ja, wenn
ich so daran denke, noch ein paar Augenblicke, und ich werde verheiratet
sein. Wie lange noch, ... und ich werde alle Wonnen auskosten, wie sie
eigentlich doch nur im Mrchen vorkommen. Eine Seligkeit, die sich nicht
ausdrcken lt, und fr die sich keine Worte finden lassen. (Pause.)
brigens mag man sagen, was man will, aber es wird einem beinahe
unheimlich zumute, wenn man sich das alles so genau vorstellt! ... Sich
fr immer ... fr das ganze Leben, sei dem, wie ihm wolle ... sich fr
das ganze Leben zu binden. Denn: dann gibt's keine Reue mehr ... keine
Ausrede ... nichts, nichts mehr ... dann ist's vorbei ... dann ist alles
zu Ende! Ja, eigentlich knnte ich ja schon jetzt nicht mehr zurck.
Noch ein paar Augenblicke, ... und man steckt im Joch! Nicht mal
durchgehen knnte man mehr ... dort unten steht schon der Wagen, ... und
... alles ist schon vorbereitet! ...

Wie? Sollte es denn wahrhaftig kein Zurck mehr geben? Natrlich, jetzt
geht's nicht mehr! Dort in der Tr und berall stehen Menschen. Wie? ...
sie wrden fragen: ... He, was ist los? ... Nein, nein, es geht nicht
mehr! Doch halt, da ist ja ein offenes Fenster! Wie, wenn ... wenn, wenn
ich da hinaussprnge? ... Nein, unmglich ... Das wrde sich nicht
schicken ... Und dann ... ist es ja wohl auch zu hoch ... (Er geht ans
Fenster.) Na, gar so hoch ist's eigentlich nicht! Es sind ja nur die
Grundmauern, und die sind ja gar nicht so hoch. Aber nein, ich habe ja
nicht einmal meinen Hut bei mir! ... So, ohne Hut ... das wrde sich
wirklich nicht passen! Hm, wie ... Sollte es wirklich nicht ohne Hut
gehen? ... Hm, wie, wenn man es vielleicht doch versuchte! ... Soll ich
es wagen? ... Wie? ... (Er steigt auf die Fensterbank und springt
hinunter mit den Worten:) Gott steh mir bei! (Man hrt ihn drauen
chzen und sthnen.) Mein Gott, das ist aber verdammt hoch! ... He,
Kutscher! ...

Stimme eines Droschken-Kutschers. Soll ich vorfahren?

Podkoliessins Stimme. Nach dem Kanal, an der Semjonowschen Brcke.

Die Stimme des Kutschers. Einen Groschen, gndiger Herr, das ist nicht
zu viel.

Podkoliessins Stimme. Na, schn ... Nur los!

                  (Man hrt die Droschke fortrollen.)


                              21. Auftritt

Agathe Tichonowna (im Brautkleide, tritt mit verschmt gesenktem Blick
herein). Ich wei selbst nicht, was in mir vorgeht. Ich schme mich
schon wieder und zittre am ganzen Krper; ach, wenn er doch nur einen
Augenblick, nur gerade jetzt nicht im Zimmer wre! Mcht' er doch nur
fortgegangen sein! (Sich ngstlich umblickend.) Ja, wo ist er denn nur?
Niemand hier? Wo ist er denn nur hinausgegangen? (Sie ffnet die Tr ins
Vorzimmer und ruft) Thekla, wo ist Iwan Kusmitsch hingegangen? ...

Theklas Stimme. Er ist doch drinnen!

Agathe Tichonowna. Wo drinnen?

Thekla (eintretend). Na, er sa doch noch eben hier im Zimmer.

Agathe Tichonowna. Aber er ist doch nicht da, das siehst du doch selbst.

Thekla. Aus dem Zimmer ist er aber auch nicht herausgekommen! Ich hab'
doch die ganze Zeit im Flur gesessen.

Agathe Tichonowna. Ja, wo kann er blo sein?

Thekla. Wahrhaftigen Gott, ich wei nicht wo. Er ist doch nicht etwa
durch die andere Tr, die Hintertreppe hinuntergelaufen? ... Oder nein
... gewi sitzt er in Arina Panteleimonownas Zimmer.

Agathe Tichonowna. Tantchen! Tantchen!


                              22. Auftritt

                  Die Vorigen. Arina Panteleimonowna.

Arina Panteleimonowna (festlich gekleidet). Was ist los?

Agathe Tichonowna. Ist Iwan Kusmitsch bei Ihnen?

Arina Panteleimonowna. Nein, er mu doch hier sein. Er war gar nicht bei
mir.

Thekla. Und im Vorzimmer war er auch nicht. Die ganze Zeit ber sa ich
drauen ...

Agathe Tichonowna. Nun und hier ist er auch nicht, das seht ihr selbst.


                              23. Auftritt

                     Die Vorigen und Kotschkarjow.

Kotschkarjow. Nun? Was ist passiert? ...

Agathe Tichonowna. Iwan Kusmitsch ist fort.

Kotschkarjow. Wie? Fort? Ist er denn fortgegangen?

Agathe Tichonowna. Nein, er ist nicht da, und fortgegangen ist er auch
nicht.

Kotschkarjow. Wie ist das mglich? Fort? Und doch nicht weggegangen?

Thekla. Wo kann er nur hin sein? Das will mir nicht in den Kopf! Die
ganze Zeit ber sa ich im Vorzimmer. Nicht vom Fleck habe ich mich
gerhrt.

Arina Panteleimonowna. Aber ber die Hintertreppe kann er auch nicht
gegangen sein.

Kotschkarjow. Was bedeutet das zum Teufel? ... Er kann doch nicht
einfach verschwunden sein ... wenn er das Zimmer nicht verlassen hat.
Vielleicht versteckt er sich irgendwo. Iwan Kusmitsch, wo bist du? Mach
doch keine faulen Witze! Komm schnell her! Was sollen denn die dummen
Spe? Es ist hchste Zeit, zur Kirche zu fahren. (Er guckt in den
Schrank und wirft sogar flchtige Blicke unter die Sthle.)
Unbegreiflich! Doch nein, fort kann er ja nicht sein! Das ist
vollstndig ausgeschlossen! Er ist hier! Dort im Zimmer liegt ja sein
Hut. Ich hatte ihn ja absichtlich dorthin gelegt.

Arina Panteleimonowna. Ich will doch mal das Mdchen fragen. Sie hat die
ganze Zeit ber auf der Strae gestanden. Dunjaschka! ... Dunjaschka!
...


                              24. Auftritt

                      Die Vorigen und Dunjaschka.

Arina Panteleimonowna. Wo ist Iwan Kusmitsch? Hast du ihn nicht gesehen?

Dunjaschka. Gewi! Der Herr sind ja aus dem Fenster gesprungen.

Agathe Tichonowna (schreit auf und schlgt die Hnde zusammen).

Alle. Aus dem Fenster? ...

Dunjaschka. Jawohl, aus dem Fenster! Dann haben sie sich eine Droschke
genommen und sind losgefahren.

Arina Panteleimonowna. Ist es denn auch wahr, was du da schwatzt?

Kotschkarjow. Du lgst! Das kann nicht sein!

Dunjaschka. Gott helfe mir, sie sind rausgesprungen! Auch der Kaufmann
nebenan im Kramladen hat's gesehen. Eine Droschke fr einen Groschen
haben sie genommen und sind fortgefahren.

Arina Panteleimonowna (auf Kotschkarjow zugehend). Wie, mein Herr,
wollen Sie uns verhhnen? Wollen Sie Ihren Spott mit uns treiben? ...
Uns an den Pranger stellen? ... Bald sechzig bin ich jetzt, aber solche
Schande hab' ich noch nicht erlebt. Wahrhaftig Herr, ich spucke Ihnen
ins Gesicht, wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein Schuft sind Sie,
wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein armes Mdchen so vor der ganzen
Welt zu beschimpfen. Ich bin ja nur eine einfache Frau, aber so was
htte ich niemals fertig gebracht! Und das will noch ein Adliger sein!
Aber man sieht, euer Adel reicht auch nur fr allerhand Gaunereien und
Schweinereien. (Sie geht wtend ab, die Braut hinter sich herziehend.)

Kotschkarjow (steht wie niedergeschmettert da).

Thekla. He, so, so sieht also der Herr aus, der seine Sache so gut
versteht? He, wollte eine Heirat zustande bringen ... ohne die
Heiratsvermittlerin! Mgen meine Freier sein, wie sie wollen, gerupft
und gezupft und wei Gott wie, aber solche, die zum Fenster
hinausspringen, solche findst du bei mir nicht! Haltet zu Gnaden, mein
gndiger Herr.

Kotschkarjow. Aber das ist ja alles Unsinn! Das stimmt ja alles nicht!
Ich laufe hin zu ihm und hol' ihn zurck! (Ab.)

Thekla. Ja, hol ihn nur wieder! ... Du kennst wohl das Heiratsgeschft
nicht ... Wre er noch zur Tre hinausgelaufen, dann ging's allenfalls
noch an; ... aber wenn der Brutigam durchs Fenster hoppst ... da ...
gesegnete Mahlzeit! ... Alle Achtung, gndiger Herr! ...




                         Dramatische Fragmente
                                  und
                            Einzelne Szenen
                              (1832-1837)





                              Die Spieler


                              Deutsch von
                          _Gregorius Itelson_


              Den Bhnen gegenber als Manuskript gedruckt
                        Alle Rechte vorbehalten



                                   Geschichten aus alten Zeiten ...


                              1. Auftritt

              (Ein Zimmer in einem stdtischen Gasthaus.)

   Icharew kommt in Begleitung des Hoteldieners Alexej und seines
                      eigenen Dieners Gawrjuschka.

Alexej. Bitte, bitte sehr, hier haben Sie ein Zimmerchen, das
allerruhigste; gar kein Lrm.

Icharew. Lrm gibt's wohl keinen, aber Kavallerie, Springer wohl genug,
was?

Alexej. Das heit, Sie meinen wohl von wegen der Flhe? Seien Sie nur
ruhig. Wenn ein Floh oder eine Wanze Sie beien sollte, so haben wir's
zu verantworten, das ist unsere Sache.

Icharew (zu Gawrjuschka). Geh, bringe die Sachen aus dem Wagen her!
(Gawrjuschka ab; zu Alexej) Wie heit du?

Alexej. Alexj.

Icharew. Nun hre, (mit Bedeutung) erzhl mal, wer wohnt bei euch?

Alexej. Hier wohnen jetzt viele, fast alle Zimmer sind besetzt.

Icharew. Wer denn alles?

Alexej. Schwchnew -- Peter Petrowitsch, Krugel -- Oberst, Stepn
Iwnowitsch Uteschtelny.

Icharew. Spielen die?

Alexej. Schon die sechste Nacht hintereinander spielen sie.

Icharew. Da hast du ein paar Rubelstcke. (Steckt ihm in die Hand.)

Alexej (sich verbeugend). Danke gehorsamst!

Icharew. Nachher gibt's noch mehr.

Alexej. Gehorsamsten Dank!

Icharew. Spielen die untereinander?

Alexej. Nein, neulich haben sie den Leutnant Artunwsky bearbeitet; und
dem Frsten Schenkin haben sie sechsunddreiig Tausend abgewonnen.

Icharew. Hier hast du noch einen roten Lappen. Wenn du mir ehrlich
dienst, kriegst du noch. Gestehe doch, die Karten hast du gekauft?

Alexej. Nein, die haben sie selbst gekauft.

Icharew. Bei wem?

Alexej. Bei dem hiesigen Kaufmann Wachramjkin.

Icharew. Du lgst, Schwindler!

Alexej. Bei Gott!

Icharew. Gut, wir werden spter mit dir verhandeln. (Gawrjuschka bringt
eine Schatulle.) Stelle sie hierher. Jetzt geht und bringt mir etwas zum
Waschen und zum Rasieren. (Die Diener ab.)


                              2. Auftritt.

                            Icharew allein.

     ffnet die Schatulle, die ganz mit Kartenspielen gefllt ist.

Icharew. Ist das ein Anblick, was? Jedes Dutzend von Gold! Mit Schwei,
mit Mhe ist jedes hergestellt. Eine Kleinigkeit, bis jetzt flimmert's
mir noch vor den Augen von diesen verdammten Sprenkeln. Aber dafr ist's
ein wahres Kapital! Man kann's den Kindern als Erbteil hinterlassen. Da
ist es, das schicksalschwere Pckchen. Einfach eine Perle! Dafr hat es
auch einen Namen, jawohl: Adelaida Iwanowna. Diene mir nur, mein
Liebchen, so wie dein Schwesterchen mir gedient hat; gewinne mir
ebenfalls achtzig Tausend, so werde ich dir ein Marmordenkmal setzen,
wenn ich auf das Gut komme; in Moskau werde ich es bestellen. (Hrt ein
Gerusch und schliet schnell die Schatulle zu.)


                              3. Auftritt

   Alexej und Gawrjuschka bringen eine Waschschssel, einen
                      Wasserkrug und ein Handtuch.

Icharew. Sind die Herren jetzt zu Hause?

Alexej. Ja wohl, sie sind jetzt im Salon.

Icharew. Ich werde mal hingehen und nachsehen, was fr Leute das sind.
(Ab.)


                              4. Auftritt

                        Alexej und Gawrjuschka.

Alexej. Kommt ihr von weitem her?

Gawrjuschka. Aus Rjasn.

Alexej. Seid ihr selbst auch aus jenem Gouvernement?

Gawrjuschka. Nein, wir selber sind aus dem Smolnskischen.

Alexej. So, so! Also, das heit, das Gut ist im Smolenskischen?

Gawrjuschka. Nein, nicht im Smolenskischen. Im Smolenskischen haben wir
hundert Seelen und im Kalgischen achtzig.

Alexej. Ich verstehe schon, also in zwei Gouvernements.

Gawrjuschka. Jawohl, in zwei Gouvernements. Da ist bei uns an
Dienerschaft: Ignt der Buffetier, Pawlscha, der frher mit dem Herrn
reiste, Gerssim, der Lakai, Iwn, ebenfalls Lakai, Iwn, der
Hundeknecht, noch einmal Iwn, der Musikant, dann der Koch Grigrij, der
Koch Semjn, Baruch, der Grtner, Demntij, der Kutscher -- so ist es
bei uns!


                              5. Auftritt

         Dieselben; Krugel, Schwochnew, vorsichtig eintretend.

Krugel. Wahrhaftig, ich frchte, da er uns hier antreffe.

Schwochnew. Tut nichts, Stepan Iwanowitsch wird ihn aufhalten. (Zu
Alexej.) Geh, Lieber, man ruft dich. (Alexej ab. Schwochnew vorsichtig
an Gawrjuschka herantretend.) Woher ist dein Herr?

Gawrjuschka. Jetzt kommt er aus Rjasn.

Schwochnew. Gutsbesitzer?

Gawrjuschka. Gutsbesitzer.

Schwochnew. Spielt?

Gawrjuschka. Spielt.

Schwochnew. Hier hast du einen Roten (gibt ihm das Papiergeld), erzhl
mir alles.

Gawrjuschka. Werden Sie aber dem Herrn auch nichts sagen?

Beide. I wo, hab keine Angst.

Schwochnew. Wie, ist er jetzt bei Gewinn, was?

Gawrjuschka. Kennen Sie den Oberst Tschebotarff?

Schwochnew. Nein! Warum?

Gawrjuschka. Vor drei Wochen haben wir ihm achtzig Tausend in Geld
abgewonnen, einen Warschauer Wagen, eine Schatulle, einen Teppich und
mehrere Paar goldene Epaulettes, an reinem Gold sechshundert Rubel.

Schwochnew (sieht Krugel bedeutungsvoll an). He! Achtzigtausend? (Krugel
schttelt den Kopf.) Glaubst du, es ist eine reine Sache? Das wollen wir
gleich erfahren. Hr mal, Gawrjuschka, wenn dein Herr allein zu Hause
bleibt, was macht er dann?

Gawrjuschka. Was heit das: was macht er? Was soll er denn machen? Er
ist ein Herr, er hlt sich gut, er tut gar nichts.

Schwochnew. Du lgst; er lt wohl die Karten nicht aus der Hand?

Gawrjuschka. Das kann ich nicht wissen. Ich reise erst zwei Wochen mit
dem Herrn; frher reiste immer Pawluscha mit ihm. Wir haben auch
Gerassim, den Lakai, noch mal Iwan, den Lakai, Iwan, den Hundeknecht,
Iwan, den Musikanten, Dementij, den Kutscher, und neulich haben wir uns
aus dem Dorfe noch einen geholt.

Schwochnew (zu Krugel). Was glaubst du? Ein Falschspieler?

Krugel. Sehr mglich.

Schwochnew. Na, probieren mssen wir's doch.

                          (Beide schnell ab.)


                              6. Auftritt

Gawrjuschka (allein). Geschickte Herren, aber frs Papiergeld besten
Dank. Dafr kriegt Matrjna eine Haube und die Bengels Pfefferkuchen.
Ach, wie liebe ich das Leben auf Reisen! Da fllt ja immer etwas ab. Der
Herr schickt mal, was einzukaufen, da kann man schon ein
Zehnkopekenstck vom Rubel in die Tasche legen. Wenn man bedenkt, was
fr ein schnes Leben die Herren haben: wohin du willst, da reist du
hin. Hast du's in Smolnsk satt, gehst du nach Rjasn, willst du nicht
nach Rjasn, so nach Kasn, willst du nicht nach Kasn, dann direkt nach
Jaroslw. Aber das eine wei ich bis jetzt nicht, welche von diesen
Stdten ist ziviler: Rjasn oder Kasn? Kasn wird wohl ziviler sein,
denn in Kasn ...


                              7. Auftritt

                 Icharew, Gawrjuschka, nachher Alexej.

Icharew. Sie haben nichts Besonderes an sich, wie mir scheint. brigens
... Ach, wie mchte ich sie gern rupfen! Lieber Gott, wie mcht' ich's
so gern! Wenn ich daran denke, wahrhaftig, so kriege ich Herzklopfen!
(Nimmt eine Brste und Seife, setzt sich vor den Spiegel und fngt an,
sich zu rasieren.) Die Hand zittert mir, ich kann mich nicht rasieren.
(Alexej tritt ein.)

Alexej. Befehlen Sie -- etwas zu essen?

Icharew. Gewi, gewi, bring etwas Imbi fr vier Personen: Kaviar,
Lachs und vier Flaschen Wein, und gib _ihm_ auch zu essen. (Zeigt auf
Gawrjuschka.)

Alexej (zu Gawrjuschka). Bitte nach der Kche, da steht fr Sie was
bereit. (Gawrjuschka ab.)

Icharew (sich rasierend). Hr mal, haben sie dir viel gegeben?

Alexej. Wer denn?

Icharew. Nun, mach keine Faxen, sprich!

Alexej. Jawohl, sie haben mir was fr Bedienung geschenkt.

Icharew. Wieviel? Fnfzig Rubel?

Alexej. Jawohl, fnfzig haben sie mir gegeben.

Icharew. Von mir kriegst du nicht fnfzig, sondern -- siehst du, dort
auf dem Tisch, da liegt ein Hundertrubelschein, nimm ihn dir. Hab keine
Angst, er beit nicht. Von dir wird nichts mehr verlangt, als
Ehrlichkeit, verstehst du? Die Karten mgen beim Wachramejkin oder bei
einem anderen Kaufmann gekauft werden, das geht mich nichts weiter an.
Aber hier hast du als Zugabe noch ein Dutzend Kartenspiele von mir.
(Gibt ihm ein versiegeltes Paket.) Hast du verstanden?

Alexej. Was ist denn da nicht zu verstehen? Sie knnen sich darauf
verlassen, das ist schon meine Sache.

Icharew. Und die Karten verstecke ordentlich, da man sie nicht gewahr
wird. (Legt Brste und Seife weg und trocknet sich das Gesicht mit dem
Handtuch ab. Alexej ab.) Das wre sehr, sehr schn. Ach, ich gestehe,
ich mchte sie recht gern hineinlegen.


                              8. Auftritt

   Schwochnew, Krugel und Stepan Iwanowitsch Uteschitelny treten mit
                           Verbeugungen ein.

Icharew (mit einer Verbeugung ihnen entgegenkommend). Bitte um
Entschuldigung: das Zimmer ist, wie Sie sehen, nicht besonders schn: im
ganzen vier Sthle.

Uteschitelny. Die Freundlichkeiten des Hausherrn sind wertvoller, als
alle Bequemlichkeiten.

Schwochnew. Man lebt ja nicht mit dem Zimmer, sondern mit guten
Menschen.

Uteschitelny. Die reine Wahrheit. Ich knnte gar nicht ohne Gesellschaft
auskommen. (Zu Krugel.) Erinnerst du dich, mein Bester, wie ich
hierherkam, mutterseelenallein? Denken Sie sich, nicht einen einzigen
Bekannten hatte ich hier. Die Wirtin -- eine alte Greisin. Auf der
Treppe irgendeine furchtbar hliche Scheuerfrau. Da sehe ich: um sie
herum scharwenzelt ein Infanterist, scheint ganz ausgehungert ... Mit
einem Wort -- eine tdliche Langeweile! Da pltzlich sendet mir das
Schicksal _ihn_, und nachher fhrt mich der Zufall mit diesem da
zusammen. Nun war ich aber froh! Ich kann keine Stunde ohne Gesellschaft
von Freunden auskommen. Alles, was ich auf der Seele habe, bin ich
bereit, jedem zu erzhlen.

Krugel. Ja, Freundchen, das ist aber auch dein Fehler, und keineswegs
eine Tugend. Jedes Zuviel schadet, du bist vermutlich schon mehr als
einmal betrogen worden.

Uteschitelny. Jawohl, ich bin betrogen worden und werde noch immer
betrogen werden, und doch kann ich ohne Aufrichtigkeit nicht leben.

Krugel. Nun weit du, ich mu gestehen, das ist mir unbegreiflich! Mit
jedem aufrichtig sein! Freundschaft, das ist ganz was anderes.

Uteschitelny. Das schon, aber der Mensch gehrt der Gesellschaft an.

Krugel. Er gehrt wohl, aber nicht ganz.

Uteschitelny. Nein, ganz.

Krugel. Nein, nicht ganz.

Uteschitelny. Nein, ganz!

Schwochnew (zu Uteschitelny). Streite nicht, lieber Freund, du hast
unrecht.

Uteschitelny (hitzig). Nein, ich werde dirs beweisen, das ist eine
Pflicht, das ist -- das ist -- das ist -- eine Schuldigkeit, das ist --
das ist ...

Schwochnew. Nun ist er losgegangen! Er ist nmlich furchtbar hitzig; die
ersten paar Worte von dem, was er spricht, kann man noch verstehen, aber
weiter versteht man nichts.

Uteschitelny. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn es die Pflicht
betrifft, so komme ich ganz auer Fassung! Ich erklre gewhnlich schon
von vornherein: meine Herren, wenn die Rede von so etwas hnlichem sein
wird, so mssen Sie schon verzeihen, ich lasse mich hinreien, ja, ich
lasse mich hinreien. Wie im Rausch gleichsam, und meine Galle kocht und
kocht ber!

Icharew (fr sich). Nun, lieber Freund, ich kenn' schon die Leute, die
sich hinreien lassen und hitzig werden bei dem Worte Pflicht. Deine
Galle wird schon berkochen, aber nicht bei solcher Gelegenheit. (Laut.)
Nun, meine Herren, whrend hier ber heilige Pflichten gestritten wird,
wollen wir da nicht auch ein Spielchen machen? (Whrend des Gesprches
wird das Frhstck serviert.)

Uteschitelny. Bitte, wenn's nur ein kleines Spiel ist, warum nicht?

Krugel. Unschuldigen Vergngungen bin ich nie abgeneigt.

Icharew. Wie ist es, in diesem Hotel wird's wohl Karten geben?

Schwochnew. Oh, Sie brauchen nur zu befehlen!

Icharew. Karten! (Alexej macht sich am Kartentisch zu schaffen.) Und
inzwischen, bitte, meine Herren, (zeigt mit der Hand auf den
Frhstckstisch und tritt heran) der Lachs ist, wie es scheint, nicht
sonderlich, aber der Kaviar geht an.

Schwochnew (indem er ein Stck in den Mund steckt). Nein, der Lachs ist
auch nicht bel.

Krugel (ebenfalls). Der Kse ist auch gut; auch der Kaviar ist nicht
bel.

Schwochnew (zu Krugel). Erinnerst du dich, was fr vortrefflichen Kse
wir vor zwei Wochen gegessen haben?

Krugel. Nein, nie in meinem Leben werde ich den Kse vergessen, den ich
bei Peter Alexndrowitsch Alexndrow gegessen habe.

Uteschitelny. Sieh mal, mein Lieber: wann ist denn der Kse eigentlich
gut? Er ist dann gut, wenn du dir nach einem Mittagessen noch ein
zweites vornimmst -- das ist seine eigentliche Bestimmung. Er ist
gleichsam wie ein guter Quartiermeister; er sagt: bitte, meine
Herrschaften, hier ist noch Platz.

Icharew. Bitte, meine Herrschaften, die Karten sind auf dem Tisch.

Uteschitelny (an den Kartentisch herantretend). Ah, das ist nun wieder
einmal eine Sache aus alten Zeiten! Sieh mal, Schwochnew, Karten! Ha,
wieviele Jahre sind's wohl her?

Icharew (zur Seite). Na, na! Tu doch nicht so!

Uteschitelny. Wollen Sie die Bank halten?

Icharew. Eine kleine, gewi! Fnfhundert Rubel! Wollen Sie abheben?
(Gibt Karten. Das Spiel fngt an. Man hrt Ausrufe.)

Schwochnew. Vier, A, beide zu zehn.

Uteschitelny. Gib mir mal dein Kartenspiel, Liebster, ich will mir eine
Karte whlen: auf das Glck unserer Frau Adelsmarschall.

Krugel. Gestatten Sie mir eine Neun hinzuzufgen.

Uteschitelny. Schwochnew, gib mal die Kreide! Ich schreibe an und
schreibe ab.

Schwochnew. Hol's der Teufel, Paroli!

Uteschitelny. Und fnf Rubel Einsatz!

Krugel. _Attendez!_ Gestatten Sie mir, nachzusehen, ich glaube, es
mssen noch zwei Dreien im Spiel sein.

Uteschitelny (springt auf, fr sich). Hol's der Teufel, die Sache ist
nicht sauber, hier sind andere Karten, das ist augenscheinlich (Das
Spiel geht weiter.)

Icharew (zu Krugel). Gestatten Sie die Frage: Gelten beide?

Krugel. Beide!

Icharew. Erhhen Sie nicht?

Krugel. Nein.

Icharew (zu Schwochnew). Und Sie, setzen Sie nichts?

Schwochnew. Gestatten Sie, da ich dieses Spiel abwarte. (Steht auf,
geht eilig auf Uteschitelny zu und sagt schnell:) Hol's der Teufel,
Liebster, er macht alle mglichen Kunststcke. Ein Falschspieler ersten
Ranges.

Uteschitelny (erregt). Wollen wir denn auf die Achtzigtausend
verzichten?

Schwochnew. Natrlich verzichten wir, wenn's nicht geht.

Uteschitelny. Nun, das ist noch die Frage, aber vorlufig mssen wir uns
mit ihm verstndigen.

Schwochnew. Wieso?

Uteschitelny. Ihm einfach alles eingestehen.

Schwochnew. Wozu denn?

Uteschitelny. Das sage ich dir nachher, komm. (Gehen beide auf Icharew
zu und klopfen ihm von beiden Seiten auf die Schulter.)

Uteschitelny. Verschieen Sie nicht umsonst Ihr Pulver.

Icharew (zusammenfahrend). Wieso?

Uteschitelny. Was ist da lange zu reden? Erkennt denn einer nicht
seinesgleichen?

Icharew (hflich). Gestatten Sie die Frage, wie soll ich das verstehen?

Uteschitelny. Ganz einfach, ohne berflssige Worte und Zeremonien. Wir
haben Ihre Kunst gesehen, und seien Sie versichert, wir wissen Ihren
Wert zu schtzen. Und deshalb schlage ich Ihnen im Namen unserer
Kameraden ein Freundschaftsbndnis vor. Wenn wir unsere Kenntnisse und
Kapitalien zusammentun, knnen wir viel erfolgreicher arbeiten als
einzeln.

Icharew. In welchem Mae darf ich von der Richtigkeit Ihrer Worte
berzeugt sein?

Uteschitelny. In diesem Mae: Fr Aufrichtigkeit zahlen wir mit
Aufrichtigkeit. Wir gestehen Ihnen hier ganz offen, da wir uns
verabredet haben, Sie zu beschwindeln, weil wir Sie fr einen
gewhnlichen Menschen gehalten haben. Aber jetzt sehen wir, da Ihnen
die hchsten Geheimnisse bekannt sind. Und nun, wollen Sie unsere
Freundschaft annehmen?

Icharew. Zu einem so freundlichen Anerbieten kann ich nicht nein sagen.

Uteschitelny. Also reichen wir einander die Hnde. (Alle drcken
nacheinander Icharew die Hand.) Von nun ab sei alles gemeinschaftlich,
fort mit Verstellung und Zeremonien! Gestatten Sie die Frage, seit wann
haben Sie angefangen, die Tiefe der Wissenschaft zu erforschen?

Icharew. Ich mu gestehen, schon seit meiner frhen Jugendzeit war es
stets mein Bestreben. Schon in der Schule whrend der Vorlesungen des
Professors habe ich meinen Kommilitonen unter dem Tisch die Bank
gehalten.

Uteschitelny. Das dachte ich mir. Eine solche Kunst kann man nicht
erwerben ohne eine Praxis in den Jahren der zartesten Jugend. Erinnerst
du dich des ungewhnlichen Knaben, Schwochnew?

Icharew. Welches Knaben?

Uteschitelny. Erzhle mal.

Schwochnew. Eine solche Begebenheit werde ich nie vergessen. Sagt mir da
einmal sein Schwager (zeigt auf Uteschitelny) Andrj Iwnowitsch
Pjtkin: Schwochnew, willst du ein Wunder sehen? Ein Junge von elf
Jahren, der Sohn von Iwn Michilowitsch Kubischew, macht solche
Kartenkunststcke, wie kein einziger Spieler. Reise mal nach dem
Tjetjschischen Kreis und sieh dir's an! Ich mu gestehen, ich habe
mich sofort nach dem Tjetjschischen Kreis begeben, ich frage nach dem
Dorf des Iwan Michailowitsch Kubischew und komme direkt zu ihm. Ich
lasse mich anmelden. Es kommt ein Herr gesetzten Alters, ich stelle mich
vor und sage: Entschuldigen Sie bitte, ich habe gehrt, da Gott Ihnen
einen ganz ungewhnlichen Sohn geschenkt hat. -- Jawohl, das mu ich
zugeben, sagt er, und was mir gefallen hat, verstehen Sie wohl, ohne
irgendwelche Umschweife und Prtentionen -- Ja, sagt er, das ist
richtig, wenn's auch einem Vater nicht zukommt, seinen eigenen Sohn zu
loben, aber der ist wirklich gewissermaen ein Wunder. Mischa, sagt er,
komm mal her, zeig mal dem Gast deine Kunst. Nun wissen Sie, wie so'n
Junge ist, der Junge ist noch ganz Kind, reicht mir kaum bis an die
Schulter, und in den Augen ist auch nichts Besonderes zu bemerken. Er
fngt an, Karten zu geben, und ich bin ganz baff! Es bersteigt alle
Beschreibung!

Icharew. Ist es mglich, da gar nichts zu bemerken war?

Schwochnew. Nichts, gar nichts, nicht die Spur. Ich schaute zu mit
beiden Augen.

Icharew. Das ist unbegreiflich!

Uteschitelny. Ein Phnomen, ein wahres Phnomen!

Icharew. Wenn ich noch bedenke, da dazu doch Kenntnisse notwendig sind,
die auf der Schrfe der Augen und einem aufmerksamen Studium des Musters
beruhen.

Uteschitelny. Aber jetzt ist das ja sehr viel leichter geworden. Jetzt
ist das Besprenkeln und Bezeichnen ganz aus dem Gebrauch gekommen. Man
sucht jetzt den Schlssel zu erlernen.

Icharew. Das heit, den Schlssel der Zeichnung?

Uteschitelny. Jawohl. Den Schlssel der Zeichnung auf der Rckseite. Da
lebt in einer Stadt, -- in welcher, das will ich nicht sagen, -- ein
ehrbarer Mann, der nichts anderes tut, als nur dies: Jedes Jahr bekommt
er aus Moskau einige hundert Kartenspiele, von wem, -- das bleibt ein
Geheimnis. Seine ganze Aufgabe und Pflicht besteht darin, das Muster auf
der Rckseite jeder Karte zu untersuchen, und einen Schlssel dazu
einzuschicken, d. h. sieh nur hin: bei der Zwei, da ist die Zeichnung so
angeordnet, bei einer anderen Karte ist die Sache so, und dann wieder
so, und fr das allein bekommt er jhrlich fnftausend in barem Gelde.

Icharew. Das ist allerdings eine sehr wichtige Sache!

Uteschitelny. Ja, das _mu_ brigens auch so sein. Das ist, was man in
der National-konomie die Arbeitsteilungen nennt. Zum Beispiel, ein
Wagenbauer, der macht ja nicht selbst den ganzen Wagen, er gibt doch
auch dem Schmied und dem Tapezierer was ab. Sonst wrde ja das ganze
Menschenleben nicht ausreichen.

Icharew. Gestatten Sie eine Frage: Wie machten Sie's bis jetzt, um Ihre
Kartenspiele in Kurs zu setzen. Die Bedienung bestechen, das ist ja
nicht immer mglich.

Uteschitelny. Gott behte! ist auch gefhrlich. Das hiee ja manchmal,
sich selbst verraten. Wir machen es anders. Einmal machten wir's auf
folgende Weise: Unser Agent kommt zum Jahrmarkt und nimmt als Kaufmann
Logis im Stadthotel; er habe noch nicht Zeit gefunden, sich einen Laden
zu mieten. Da stehen nun die Kisten und Ballen noch so im Zimmer herum.
Er lebt im Hotel, macht Ausgaben, it, trinkt und verschwindet
pltzlich, man wei nicht, wohin, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben.
Der Hotelwirt sucht im Zimmer herum und sieht, es ist nur ein Ballen
zurckgeblieben. Er macht den Ballen auf, sieh da: hundert Dutzend
Kartenspiele. Die Karten werden natrlich gleich verauktioniert. Das
Dutzend einen Rubel billiger, da kaufen die Kaufleute in einem
Augenblick alles fr ihren Laden auf, und in vier Tagen hat die ganze
Stadt ihr Geld im Spiel verloren.

Icharew. Das ist sehr geschickt.

Schwochnew. Nun, und bei jenem, beim Gutsbesitzer?

Icharew. Was denn, beim Gutsbesitzer?

Uteschitelny. Ja so, die Geschichte war auch nicht schlecht gemacht. Ich
wei nicht, ob's Ihnen bekannt ist, es gibt einen Gutsbesitzer Arkdij
Antnowitsch Dergunw, ein furchtbar reicher Mann, spielt vorzglich,
ist von beispielloser Redlichkeit, und, verstehen Sie, ihn
herumzukriegen, ist gar keine Mglichkeit. Alles beaufsichtigt er
selbst, seine Dienerschaft ist gut erzogen, -- die reinen Kammerherren,
das Haus -- ein Palast, sein Garten -- alles nach englischem Muster,
kurz, ein russischer Edelmann im vollen Sinne des Wortes. Wir sind schon
drei Tage bei ihm. Wie fngt man's an? Einfach keine Mglichkeit!
Endlich kamen wir auf einen Gedanken. Eines Morgens rast am Hofe ein
Dreigespann vorbei, im Wagen sitzen ein paar junge Burschen, alle im
hchsten Grade besoffen, alles singt Lieder und treibt's, wie die wilde
Jagd. Zu so einem Schauspiel kommt natrlich die ganze Dienerschaft
herbeigelaufen. Sie gaffen, lachen und bemerken, da aus dem Wagen etwas
herausgefallen ist. Sie kommen hinzu und sehen einen Reisekoffer. Sie
winken mit den Hnden und rufen: Halt! Aber i wo, niemand hrt, sie sind
fortgerast, und nur der Staub auf dem ganzen Wege ist aufgewirbelt. Sie
machen den Reisekoffer auf, finden Wsche, einige Kleidungsstcke,
zweihundert Rubel bares Geld und gegen vierzig Dutzend Kartenspiele. Nun
natrlich, auf das Geld wollten die Dienstboten nicht verzichten, die
Kartenspiele kamen auf den herrschaftlichen Tisch und schon am nchsten
Tage waren gegen Abend alle, der Hausherr wie die Gste, ohne eine
Kopeke in der Tasche, und das Spiel war zu Ende.

Icharew. Sehr geistreich! Das bezeichnen die Leute mit Schwindel oder
hnlichen Namen, aber das ist ja nur Scharfsinn und feiner Verstand.

Uteschitelny. Die Leute verstehen ja nichts vom Spiel. Im Spiel gibt es
kein Ansehen der Person, das Spiel sieht auf nichts. Mag mein eigener
Vater mit mir Karten spielen; ich wrde meinen Vater beschwindeln. Setze
dich nicht mit mir hin! Hier sind alle gleich.

Icharew. Richtig, das versteht man nicht, da ein Spieler der
tugendhafteste Mensch sein kann. Ich kenne einen, der zu allen mglichen
Mogeleien geneigt ist, aber einem Armen gibt er seine letzte Kopeke. Und
er wird es keineswegs verschmhen, sich mit Dreien gegen Einen zu
verbinden und ihm das Geld abzunehmen. Aber meine Herren, da wir schon
so aufrichtig miteinander sind, so will ich Ihnen eine ganz wunderbare
Sache zeigen. Wissen Sie, was das heit, ein kombiniertes oder
zusammengesuchtes Kartenspiel, in dem jede Karte von mir auf eine
bedeutende Distanz erraten werden kann?

Uteschitelny. Ich wei es wohl, aber vielleicht in etwas anderer Art.

Icharew. Ich kann mich wohl rhmen, da Sie ein hnliches nirgends
finden werden. Es hat fast ein halbes Jahr Arbeit gekostet. Ich habe
zwei Wochen nachher das Sonnenlicht nicht sehen knnen. Der Arzt
befrchtete eine Augenentzndung. (Nimmt es aus der Schatulle.) Da ist
es, aber nehmen Sie mir's nicht bel, es hat auch einen Namen wie ein
Mensch.

Uteschitelny. Wieso einen Namen?

Icharew. Jawohl, einen Namen: Adelaida Iwnowna.

Uteschitelny. Hr mal, Schwochnew, das ist ja eine ganz neue Idee, ein
Kartenspiel Adelaida Iwanowna zu nennen. Ich finde es sogar sehr
geistreich.

Schwochnew. Sehr schn: Adelaida Iwanowna! Wunderschn.

Uteschitelny. Adelaida Iwanowna! Sogar eine Deutsche! Hrst du, Krugel,
da hast du eine Frau.

Krugel. Was bin ich fr ein Deutscher? Mein Grovater war ein Deutscher,
und auch der verstand kein Deutsch.

Uteschitelny (das Kartenspiel betrachtend). Das ist wahrhaftig ein
Schatz. Wirklich, es ist gar nichts zu merken. Knnen Sie tatschlich
jede Karte erraten, auf jede beliebige Distanz?

Icharew. Bitte, ich stelle mich fnf Schritt weit von Ihnen auf und
werde von da aus jede Karte benennen. Ich bin bereit, zweitausend Rubel
zu zahlen, wenn ich mich irre.

Uteschitelny. Nun, was ist das fr eine Karte?

Icharew. Eine Sieben.

Uteschitelny. Richtig, und diese?

Icharew. Ein Bube.

Uteschitelny. Hol's der Teufel, ganz richtig! Nun, und diese?

Icharew. Eine Drei.

Uteschitelny. Unbegreiflich!

Krugel (die Achseln zuckend). Unbegreiflich!

Schwochnew. Unbegreiflich!

Uteschitelny. Gestatten Sie mir, noch mal nachzusehen. (Besieht das
Kartenspiel.) Ein ganz wundervolles Ding, es ist wirklich wert, da man
ihm einen Namen gab. Aber gestatten Sie die Bemerkung, das Spiel in
Gebrauch zu nehmen, ist doch eine schwierige Sache; vielleicht geht's
etwa mit einem ganz unerfahrenen Spieler, man mu es ja selbst
vertauschen.

Icharew. Aber das tut man ja nur whrend der Hitze des Spiels, wenn das
Spiel so hoch geht, da der erfahrenste Spieler unruhig wird, und wenn
ein Mensch nur ein bichen verwirrt ist, so kann man ja mit ihm machen,
was man will. Wissen Sie denn nicht, da das mit den besten Spielern
passiert, was man so nennt sich hei spielen. Wenn er zwei, drei
Nchte hintereinander spielt, ohne zu schlafen -- nun, dann spielt er
sich eben hei. Im Hasardspiel kann ich immer den Talon vertauschen.
Glauben Sie mir, die ganze Kunst besteht nur darin, da man kaltbltig
bleibt, wenn der andere hitzig ist; und die Aufmerksamkeit anderer
abzulenken, dazu gibt es tausend Mittel. Fangen Sie nur mit einem der
Spieler irgendeinen Krakehl an, sagen Sie z. B., er htte nicht richtig
aufgeschrieben, dann wenden sich die Augen Aller auf ihn, und in diesem
Augenblick ist das Kartenspiel bereits vertauscht.

Uteschitelny. Nun, ich sehe, da Sie auer der Kunst auch noch die
Tugend der Kaltbltigkeit besitzen. Das ist eine wichtige Sache. Ihre
Bekanntschaft ist nun fr uns desto wertvoller geworden. Wollen wir alle
Zeremonien, alle berflssigen Formalitten fallen lassen und wollen wir
einander einfach du sagen.

Icharew. Das htten wir schon lngst tun sollen.

Uteschitelny. Kellner! Champagner, zur Bekrftigung des
freundschaftlichen Bundes!

Icharew. Jawohl, es gehrt sich, da man das begiee!

Schwochnew. Nun, meine Herren, wir haben uns ja zu Heldentaten
versammelt. Das Geschtz ist in unseren Hnden, die ntigen Krfte haben
wir, es fehlt nur eins.

Icharew. Richtig, richtig! Die Festung fehlt ja, die zu nehmen wre, das
ist das Pech!

Uteschitelny. Was ist da zu machen? Vorlufig gibt's noch keinen Feind.
(Sieht Schwochnew fest an.) Wie? Du machst ja ein Gesicht, das zu sagen
scheint: ein Feind wre wohl da.

Schwochnew. Ja, da ist ... (Bleibt stecken.)

Uteschitelny. Ich wei schon, wen du meinst.

Icharew (lebhaft). Wen denn, wen denn? Wer ist es?

Uteschitelny. Ach, Unsinn! Das hat er sich ausgedacht. Der reinste
Unsinn! Sehen Sie mal, hier ist ein zugereister Gutsbesitzer, Michilo
Alexndrowitsch Glow. Aber was ist da zu reden, er spielt ja gar nicht.
Wir haben uns schon mit ihm zu schaffen gemacht. Ich habe ihm einen
ganzen Monat den Hof gemacht, habe mit ihm Freundschaft geschlossen,
habe sein Vertrauen erworben und habe doch nichts ausgerichtet.

Icharew. Aber hr mal, kann man ihn denn nicht zu sehen bekommen? Wer
wei, vielleicht doch?

Uteschitelny. Nun, ich sage dir im voraus, das wird ganz vergebliche
Mhe sein.

Icharew. Aber wir wollen's doch mal versuchen.

Schwochnew. Nun, bring ihn doch wenigstens hierher. Wenn's uns nicht
gelingt, so unterhalten wir uns doch ein wenig. Warum wollen wir's denn
nicht versuchen?

Uteschitelny. Meinetwegen, mir macht's ja nichts, ich bringe ihn schon
her.

Icharew. Bring ihn doch, bitte, gleich hierher!

Uteschitelny. Schon gut, schon gut! (Ab.)


                              9. Auftritt

                      Dieselben ohne Uteschitelny.

Icharew. Wahrhaftig, wie kann man wissen, manchmal scheint eine Sache
ganz unmglich.

Schwochnew. Ich bin auch derselben Meinung. Wir haben's doch nicht mit
Gttern zu tun, sondern mit einem Menschen, und ein Mensch bleibt immer
ein Mensch. Heute sagt er nein, morgen nein, bermorgen nein, und am
vierten Tage, wenn man ihm nur ordentlich zusetzt, sagt er ja. Mancher
tut ja blo so, als ob er so unzugnglich sei, aber wenn man genauer
zusieht, so merkt man, da nur viel Lrm um nichts gemacht worden ist.

Krugel. Nun, dieser ist nicht derart.

Icharew. Ach, wenn's doch wre! Es ist nicht zu glauben, wie jetzt der
Trieb zur Ttigkeit in mir erwacht ist. Sie mssen wissen, da mein
letzter Gewinn von achtzigtausend beim Oberst Tschebotarjw bereits vom
vergangenen Monat herrhrt. Seitdem habe ich einen ganzen Monat keine
Praxis mehr gehabt. Sie knnen sich kaum denken, was fr eine Langeweile
ich in dieser ganzen Zeit ausgestanden habe, eine tdliche Langeweile!

Schwochnew. Ich begreife diese Lage ganz wohl. Es ist gerade wie bei
einem Feldherrn: was mu der empfinden, wenn es keinen Krieg gibt. Das,
mein Liebster, ist einfach eine fatale Zwischenpause. Ich wei es aus
eigener Erfahrung, das ist kein Spa.

Icharew. Du glaubst es nicht, es kommt manchmal so weit, da, wenn
jemand blo fnf Rubel in der Bank halten wrde, ich bereit wre, mich
hinzusetzen und zu spielen.

Schwochnew. Eine ganz natrliche Sache. So hat auch schon manchmal der
geschickteste Spieler verloren: aus Melancholie, wenn keine Arbeit da
ist, gert er in der Hitze manchmal an einen von jenen, die man
Habenichtse und Stromer nennt, -- nun, und verliert alles um nichts und
wieder nichts.

Icharew. Ist der Glow reich?

Krugel. Oh, Geld hat er schon! Ich glaube, so gegen tausend Leibeigene.

Icharew. Ei, der Teufel! Vielleicht knnte man ihm was zu trinken geben,
Champagner, was?

Schwochnew. Er nimmt keinen Tropfen in den Mund.

Icharew. Was ist nun mit ihm zu machen? Wie kommt man an ihn heran? Aber
nein, ich denke doch, das Spiel ist eine verfhrerische Sache. Ich
glaube, wenn er sich nur hinsetzen wollte und zusehen, wie die andern
spielen, so wrde er's doch nicht aushalten.

Schwochnew. Nun, wir wollen's jetzt versuchen. Wir wollen hier etwas
abseits mit Krugel ein ganz kleines Spielchen machen. Aber man mu ihm
nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, alte Leute sind mitrauisch.
(Setzen sich abseits an den Spieltisch.)


                              10. Auftritt

   Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein
                       Herr in gesetzten Jahren.

Uteschitelny. Hier, Icharew, gestatte, da ich dir Michailo
Alexandrowitsch Glow vorstelle.

Icharew. Ich mu gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre gewnscht.
Da wir doch in einem Hotel wohnen ...

Glow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade, da
es fast vor der Abreise geschieht.

Icharew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange
in dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flstern
miteinander.)

Glow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich
wrde mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.

Icharew. Nun, halten Sie hier Geschfte davon ab?

Glow. Jawohl, Geschfte. Ist das eine Sache, diese Geschfte!

Icharew. Wohl ein Proze?

Glow. Nein, Gott sei Dank, kein Proze, aber doch eine ziemlich
schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine
Tochter, ein achtzehnjhriges Mdchen. Verstehen Sie meine Lage als
Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkufe zu machen,
hauptschlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache wre
schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht heraus,
und so bleibe ich ganz unntzer Weise hier.

Icharew. Gestatten Sie mir die Frage, fr welche Summe verpfnden Sie
Ihr Gut?

Glow. Fr zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld
ausgezahlt werden, aber nun zieht sich's hin, und ich hab's schon satt,
hier zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze
Zeit zurckgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe
sogar schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu
lassen.

Icharew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld
bekommen?

Glow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage.
Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und
habe auch keinen Brief erhalten. Wei Gott, wie's dort zugeht. Ich
berlasse alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab's satt. (Sich an
Schwochnew und Krugel wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich
glaube, ich stre wohl. Sie waren mit etwas beschftigt?

Krugel. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bichen.

Glow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?

Schwochnew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.

Glow. Ach, meine Herren, hren Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie
sind junge Leute, natrlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so'n bichen
Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren.
Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe
selbst gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heit alles auf der Welt
eine Pfennigsache, aber sieht man nher zu, so endet ein kleines
Spielchen manchmal als sehr groes Spiel.

Schwochnew (zu Icharew). Na, da fngt der Alte schon mit seinem Gerede
an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer
Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der
alten Herren.

Glow. Wieso? Ich bin ja noch gar nicht so alt, aber ich urteile aus
Erfahrung.

Schwochnew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren haben
es berhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind
sie berzeugt, da auch der andere sich an derselben Sache verbrennen
msse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf dem
Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und
geben es fr eine allgemeine Regel aus, da auf diesem Wege niemand
gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder msse auf die
Nase fallen. Das bedenken sie nicht, da ein anderer vielleicht nicht so
zerstreut sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben.
Nein, das alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf
der Strae gebissen, dann heit es, alle Hunde beien, und niemand darf
auf die Strae gehen.

Glow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte
Gewohnheit gibt's ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben
schon gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das
Genick zu brechen!

Schwochnew. Das ist es eben, da wir keinen Mittelweg kennen. Die Jugend
tobt, da es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so
heuchlerisch, da wieder die anderen es nicht aushalten knnen.

Glow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?

Schwochnew. Aber nein, was ist denn das fr eine beleidigende Meinung?
Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.

Icharew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.

Uteschitelny. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben Meinung
wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe stark
gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das fr immer aufgegeben. Nicht
etwa, da ich all mein Geld verloren htte oder da ich mich gegen das
Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der
Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die
Aufregung, die man whrend des Spiels empfindet, verkrzt, was man auch
sagen mag, merklich unser Leben.

Glow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr
weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe
schon so lange das Vergngen, Ihre Bekanntschaft zu genieen und bis
jetzt ...

Uteschitelny. Welche Frage denn?

Glow. Gestatten Sie mir die Frage, wenn es auch eine kitzlige Sache ist:
wie alt sind Sie?

Uteschitelny. Neununddreiig.

Glow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreiig Jahre? Noch ein
ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Ruland recht viele solche
wren wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wre ja ein
goldenes Zeitalter, sozusagen eine Astra. Wie bin ich dem Schicksal
dankbar, da ich Sie kennen gelernt habe!

Icharew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich
wrde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu
nehmen, aber weshalb sollen denn vernnftige, gesetzte Leute sich nicht
etwas amsieren, z. B. ein lterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum
nicht?

Glow. Das ist schon richtig, gewi, aber glauben Sie mir, es gibt im
Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren,
hren Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt fr den Menschen keine
bessere Bestimmung als das Familienleben, im huslichen Kreis. Alles was
Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur
Aufregungen, aber das eigentliche Glck haben Sie ja noch nicht
genossen. Nehmen Sie mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten
kaum zhlen, bis ich die Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir
vorstelle, wie mein Tchterlein mir um den Hals fllt: Papachen,
liebstes Papachen! Auch mein Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich
habe ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann's gar
nicht aussprechen; bei Gott, so ist es! Nach alledem will man keine
Karte mehr ansehen!

Icharew. Aber weshalb soll man denn die vterlichen Gefhle mit den
Karten zusammenwerfen? Die vterlichen Gefhle sind etwas fr sich, und
die Karten sind wieder etwas fr sich.

Alexej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen
Sie, sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.

Glow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, da ich Sie fr einen
Augenblick verlasse. (Ab.)


                              11. Auftritt

               Schwochnew. Icharew. Krugel. Uteschitelny.

Icharew. Nein, da ist keine Hoffnung!

Uteschitelny. Ich habe dir's ja vorher gesagt. Ich begreife nicht, wie
Sie es dem Menschen nicht sofort ansehen! Man braucht ja nur hinzusehen,
um zu wissen, wenn einer nicht spielen will.

Icharew. Aber ich glaube, man mte ihm doch ordentlich zusetzen.
Weshalb hast du ihn denn noch selber untersttzt?

Uteschitelny. Aber mein Liebster, anders geht's doch nicht. Mit diesen
Leuten mu man sehr vorsichtig umgehen, sonst merkt er's ja gleich, da
man ihm etwas abgewinnen will.

Icharew. Nun, und was ist daraus geworden? Er reist ja bald ab, es ist
ja doch ganz egal.

Uteschitelny. Na, warten wir ab, die Sache ist noch nicht ganz zu Ende.


                              12. Auftritt

                          Dieselben und Glow.

Glow. Besten Dank fr die angenehme Bekanntschaft, meine Herren. Ich
bedaure wahrhaftig nur, da sie erst so spt zustande gekommen ist. Gott
wird uns brigens vielleicht noch einmal zusammenfhren.

Schwochnew. O gewi, die Wege sind glatt, und die Menschen treiben sich
weit herum, warum sollte man da nicht noch mal zusammentreffen? Wenn nur
das Schicksal es so will!

Glow. Bei Gott, ganz richtig, wenn das Schicksal will, so sehen wir uns
vielleicht schon morgen wieder, das ist die reinste Wahrheit! Adieu,
meine Herren! Aufrichtigsten Dank! Und Ihnen, Stepan Iwanowitsch, bin
ich besonders verpflichtet. Wahrhaftig, Sie haben mir meine Einsamkeit
verst!

Uteschitelny. Aber bitte, hat nichts zu sagen. Ich habe getan, was ich
konnte.

Glow. Nun, wenn Sie schon so gut sind, so erweisen Sie mir noch eine
Gunst, wenn ich Sie bitten darf.

Uteschitelny. Welche? Sagen Sie mir blo alles; alles, ich bin zu allem
bereit!

Glow. Beruhigen Sie einen alten Vater.

Uteschitelny. Wieso denn?

Glow. Ich lasse meinen Sascha hier. Ein netter Junge, eine gute Seele,
aber immerhin nicht ganz zuverlssig, zweiundzwanzig Jahre alt, ich
bitte Sie, was sind das fr Jahre? Fast noch ein Kind. Er hat die Schule
durchgemacht und denkt nun an nichts anderes als an die Husaren. Ich
sage zu ihm: Es ist ja noch zu frh, Sascha, warte doch, sieh dich doch
ein bichen um, warum willst du denn Husar werden? Wer wei, vielleicht
hast du ganz zivile Anlagen. Du kennst ja noch die Welt gar nicht, die
Zeit gehrt ja dir! Nun, Sie begreifen wohl, ein so junges Wesen, da
kommt ihm bei den Husaren alles so glnzend vor; die reiche gestickte
Uniform ... Was ist da zu machen? Die Bestrebungen kann man ja nicht
aufhalten .... Also seien Sie doch so gut, Vterchen Stepan Iwanowitsch!
Er bleibt nun ganz allein. Ich habe ihm einige geschftliche Auftrge
gegeben. Er ist ja ein junger Mann, es kann ja alles passieren; da ihn
da nur die Beamten nicht irgendwie beschwindeln. Wer wei! Also nehmen
Sie ihn doch unter Ihren Schutz! Beaufsichtigen Sie seine Schritte,
halten Sie ihn von allem Bsen ab! Seien Sie doch so gut, Vterchen!
(Fat seine beiden Hnde.)

Uteschitelny. Bitte, bitte sehr. Alles, was ein Vater fr seinen Sohn
tun kann, werde ich fr ihn tun.

Glow. Ach, Vterchen! (Sie umarmen und kssen sich.) Da sieht man doch
gleich, wenn einer ein gutes Herz hat, bei Gott! Gott wird Sie dafr
belohnen! Adieu, meine Herren! Ich wnsche Ihnen von Herzen alles Beste!

Icharew. Adieu, glckliche Reise!

Schwochnew. Ich wnsche, da Sie die Ihrigen gesund vorfinden!

Glow. Ich danke Ihnen, meine Herren!

Uteschitelny. Und ich werde Sie bis zum Wagen begleiten und Ihnen
hineinhelfen.

Glow. Ach, Vterchen, wie gut sind Sie!


                              13. Auftritt

                    Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Fort ist der Vogel!

Schwochnew. Ja, man htte doch was ergattern knnen!

Icharew. Ich mu gestehen, wie er da sagte: zweihunderttausend, da bekam
ich sogar Herzklopfen.

Krugel. An eine solche Summe ist es sogar s zu denken.

Icharew. Wenn man bedenkt, wieviel Geld umsonst, ohne irgendeinen Nutzen
herumliegt! Was hat man nun davon, da er zweihunderttausend bekommen
wird? Das alles wird ja bei Einkufen von irgendwelchen Lappen und altem
Zeug draufgehen.

Schwochnew. Alles das ist Plunder und Tand.

Icharew. Und wieviel Geld geht so in der Welt ohne Umsatz verloren!
Wieviel tote Kapitalien gibt es, die wie die Toten in den Banken
herumliegen. Es ist wahrhaftig ein Jammer! Ich mchte nicht mehr haben,
als was im Vormundschaftsrat liegt.

Schwochnew. Ich wre schon mit der Hlfte zufrieden.

Krugel. Und ich mit einem Viertel.

Schwochnew. Na, na, flunkere nicht, Deutscher, du wirst schon noch mehr
verlangen.

Krugel. Auf Ehrenwort!

Schwochnew. Schwindel!


                              14. Auftritt

   Dieselben und Uteschitelny (kommt eilig, mit vor Freude strahlendem
                               Gesicht).

Uteschitelny. Schadet nichts, schadet nichts, meine Herren, er ist fort,
hol ihn der Teufel! Desto besser! Der Sohn ist dageblieben. Der Vater
hat ihm die Vollmacht bergeben und alle Rechte auf den Empfang der
Gelder vom Fiskus; und er hat mir die Aufsicht ber alles anvertraut.
Der Sohn ist ein feiner Kerl, es zieht ihn zu den Husaren. Da gibt's
eine Ernte. Ich gehe und bringe ihn gleich zu euch. (Schnell ab.)


                              15. Auftritt

                    Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Der Uteschitelny! Ist das einer!

Schwochnew. Bravo! Die Sache nimmt eine vortreffliche Wendung! (Alle
reiben sich vor Freude die Hnde.)

Icharew. Ein braver Kerl, der Uteschitelny! Jetzt begreife ich, warum er
sich an den Alten herangemacht hat und ihm in allem zustimmte. Und das
alles so fein, so glatt!

Schwochnew. Oh, dazu hat er ein ungewhnliches Talent!

Krugel. Ganz ungeheuere Fhigkeiten!

Icharew. Ich mu gestehen, als der Vater sagte, da er den Sohn hier
lt, da ging mir selber ein Gedanke durch den Kopf, aber nur einen
Augenblick, und dieser hat's gleich ... was fr ein Scharfblick!

Schwochnew. Oh, du kennst ihn noch nicht gengend!


                              16. Auftritt

   Dieselben, Uteschitelny und Alexander Michailowitsch Glow, ein
                              junger Mann.

Uteschitelny. Meine Herren, gestatten Sie, da ich Ihnen vorstelle:
Alexander Michilowitsch Glow, ein vorzglicher Kamerad. Ich bitte Sie,
ihn zu lieben, wie mich selbst!

Schwochnew. Sehr erfreut! (Drckt ihm die Hand.)

Icharew. Ihre Bekanntschaft ist uns ...

Krugel. Gestatten Sie, da wir Sie gleich umarmen!

Glow. Meine Herren, ich ...

Uteschitelny. Bitte ohne Zeremonien, ganz ohne Zeremonien. Gleichheit
ist hier die erste Sache, meine Herren. Glow, du siehst, hier sind alle
Kameraden, daher zum Teufel mit aller Etikette. Wollen wir uns gleich
du sagen?

Schwochnew. Jawohl, du.

Glow. Ja du. (Reicht ihnen allen die Hand.)

Uteschitelny. So, bravo! Kellner, Champagner! Bemerken Sie, meine
Herren, wie er schon heute etwas vom Husaren an sich hat. Nein, dein
Vater, gestatte bitte das harte Wort, ist ein groes Viech. Du mut
schon verzeihen, wir sind ja auf du. Wie konnte er nur so einen
famosen Kerl in den Tintendienst stecken wollen! Nun, Bruder, findet die
Hochzeit deiner Schwester bald statt?

Glow. Hol's der Teufel mit der Hochzeit! Ich bin furchtbar rgerlich,
da der Vater mich deswegen drei Monate auf dem Dorfe festgehalten hat!

Uteschitelny. Hr mal, ist deine Schwester hbsch?

Glow. So hbsch ... Wenn sie nicht meine Schwester wre, dann wrde
ich's ihr schon zeigen.

Uteschitelny. Bravo, bravo, Husar, da sieht man gleich den Husaren! Nun
hr mal, wrdest du mir helfen, wenn ich sie entfhren wollte?

Glow. Warum denn nicht? Gewi wrde ich dir helfen.

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist ein richtiger Husar, zum Teufel!
Kellner, Champagner! Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen
Menschen habe ich gern! Warte mal, meine Seele, la dich umarmen!

Schwochnew. La mich ihn auch umarmen. (Umarmt ihn.)

Icharew. Auch ich! (Umarmt ihn.)

Krugel. Nun, wenn's so ist, dann werde auch ich ihn umarmen. (Umarmt
ihn. Alexej bringt eine Flasche, den Korken mit den Fingern festhaltend,
der knallend an die Decke fliegt. Er fllt die Glser.)

Uteschitelny. Meine Herren, auf das Wohl des knftigen Husaren! Mge er
der erste Haudegen, der erste Kurschneider, der erste Sufer, kurz, mge
er alles mgliche werden!

Alle. Mge er alles mgliche werden! (Trinken.)

Glow. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Erhebt das Glas.)

Alle. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Trinken.)

Uteschitelny. Meine Herren, man mu ihn jetzt schon in alle
Husarenbruche einweihen. Wie Sie sehen, trinkt er schon leidlich gut,
aber das ist ja 'ne Kleinigkeit. Man mu dazu auch noch ein rechter
Kartenspieler werden. Spielst du Bank?

Glow. Ich mchte schon recht gerne spielen, ich mchte furchtbar gern,
aber ich habe kein Geld.

Uteschitelny. Das ist Unsinn, kein Geld! Man braucht nur etwas zu haben,
um sich an den Spieltisch zu setzen, dann kommen die Gelder schon, du
wirst ja gewinnen.

Glow. Man mu doch aber was haben, um anzufangen.

Uteschitelny. Ah, wir werden dir's kreditieren. Du hast ja eine
Vollmacht auf die Gelder vom Fiskus. Wir knnen ja warten. Wenn du sie
bekommst, so wirst du uns sofort bezahlen, bis dahin kannst du uns ja
einen Wechsel geben. brigens, was sage ich da: als ob du unbedingt
verlieren mtest! Du kannst ja sofort einige Tausend in bar gewinnen.

Glow. Wenn ich aber verliere?

Uteschitelny. Schme dich, was bist du denn fr ein Husar! Natrlich,
eins von beiden: entweder gewinnst du, oder du verlierst. Aber darin
besteht ja die ganze Sache, in dem Risiko liegt ja die Haupttugend.
Nicht riskieren kann ja jeder. Aufs Gewisse hin wrde auch eine
Beamtenseele es wagen und ein Jude eine Festung bestrmen.

Glow. Hol's der Teufel! Wenn's so ist, dann spiele ich, was soll ich mir
da noch aus dem Vater machen!

Uteschitelny. Bravo, Junker! Kellner! Karten! (Schenkt ihm ein.) Was
braucht man denn hauptschlich? Man braucht Khnheit, Kraft. Nun gut,
meine Herren, ich werde eine kleine Bank von fnfundzwanzig Tausend
halten. (Gibt Karten nach rechts und links.) Nun, Husar? Und du,
Schwochnew, was setzt du? (Gibt.) Wie sonderbar die Karten fallen!
Hchst interessant das zu berechnen! Der Bube ist geschlagen, die Zehn
hat gestochen. Was hast du da, sieh mal nach. Auch die Vier hat
geschlagen, was? Ah, Husar, Husar! Ist das ein Husar! Bemerkst du,
Icharew, wie er schon die Einstze groartig erhht? Und das As kommt
noch immer nicht heraus. Schwochnew, warum schenkst du ihm nicht ein?
Da, da, da ist das As! Da hat Krugel auch schon was geholt, der Deutsche
hat immer Schwein! Die Vier hat gewonnen. Ah, bravo, bravo, Husar! Hrst
du's, Schwochnew? Der Husar hat schon beinahe fnftausend gewonnen.

Glow (biegt die Karte um). Hol's der Teufel! Paroli! Da ist schon wieder
die Zehn auf dem Tisch. Die gilt auch, und noch fnfhundert Rubel
Einsatz!

Uteschitelny (weitergebend). Ah, bravo, Husar! Die Sieben ist geschla--
-- ach nein, zum Teufel! Wieder _pliez_! Wieder _pliez_! Ah, nun hat der
Husar verloren. Na, Liebster, was ist da zu machen? Nicht jeder hat eine
Marie zur Frau, das kommt so, wie's Gott gibt! Krugel, hr doch auf, zu
rechnen, setze doch die, welche du gezogen hast. Bravo, da hat der Husar
wieder gewonnen. Warum gratuliert ihr ihm nicht? (Alle trinken und
gratulieren ihm, indem sie mit den Glsern anstoen.) Man sagt,
Pique-Dame verrt einen immer, aber ich kann's nicht behaupten.
Erinnerst du dich, Schwochnew? Deine Brnette, die du Pique-Dame genannt
hast? Was macht die jetzt, die Liebste? Die ist wohl ganz auer Rand und
Band? Krugel, deine ist geschlagen! (Zu Icharew.) Und auch deine ist
geschlagen! Schwochnew, deine ist auch geschlagen, der Husar ist auch
kaputt.

Glow. Hol's der Teufel! _Va banque!_

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist die richtige Husarenschneidigkeit!
Weit du, Schwochnew, da das eigentliche Gefhl doch stets herauskommt?
Bis jetzt sah man immer schon, da er einmal ein Husar sein wird, nun
aber sieht man, da er auch schon jetzt ein Husar ist. Das ist so die
Natur! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. _Va banque!_

Uteschitelny. Bravo, Husar! Auf alle fnfzigtausend! Das nennt man
Seelengre! Na, such doch mal, wo findest du so einen Zug. Das ist ja
eine wahre Heldentat! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. _Va banque!_ Hol's der Teufel! _Va banque!_

Uteschitelny. Oho, Husar, auf hunderttausend! Was? Und die uglein, die
uglein! Merkst du's Schwochnew, wie seine uglein brennen? Er hat etwas
von einem Barklai de Tolly. Das ist etwas Heroisches! Der Knig ist noch
immer nicht da! Hier hast du die Karo-Dame, Schwochnew. Da, hier,
Deutscher, fri die Sieben! _Rout_, unbedingt _rout_! Der Knig
scheint gar nicht im Spiel zu sein. Wahrhaftig, das ist sogar sonderbar.
Ah, da ist er, da ist er. Wieder ist der Husar geschlagen!

Glow (hitzig). _Va banque!_ Hol's der Teufel! _Va banque!_

Uteschitelny. Nein, Bruder, halt! Du hast jetzt schon zweihunderttausend
verloren. Erst zahlen, ohne das kann man kein weiteres Spiel anfangen.
Soviel knnen wir dir nicht kreditieren!

Glow. Aber wo soll ich's denn hernehmen? Ich hab' ja jetzt kein Geld!

Uteschitelny. So gib uns einen Wechsel! Unterschreibe!

Glow. Bitte, ich bin bereit! (Nimmt die Feder.)

Uteschitelny. Und gib uns auch die Vollmacht auf die Gelder heraus.

Glow. Hier habt ihr auch die Vollmacht!

Uteschitelny. Jetzt unterschreibe dies, und dann auch dies! (Gibt ihm
etwas zu unterschreiben.)

Glow. Bitte, ich bin bereit, alles zu tun. Hier habe ich unterschrieben.
Jetzt wollen wir weiterspielen.

Uteschitelny. Nein, Liebster, warte, erst mut du das Geld vorzeigen!

Glow. Ich werd's euch doch bezahlen, seid nur ganz ruhig!

Uteschitelny. Nein, Bruder, erst das Geld auf den Tisch!

Glow. Was ist denn das? Das ist ja die reinste Niedertracht!

Krugel. Nein, das ist keine Niedertracht.

Icharew. Nein, das ist eine ganz andere Sache, die Chancen sind ja nicht
gleich.

Schwochnew. Auf die Weise wirst du dich hinsetzen, um uns das Geld
abzugewinnen. Das kennt man: wer sich ohne Geld zum Spiel hinsetzt, der
setzt sich hin, um sicher zu gewinnen.

Glow. Was wollt ihr denn? Fordert doch beliebige Zinsen, ich bin zu
allem bereit. Ich werde euch doppelt bezahlen!

Uteschitelny. Was machen wir uns aus deinen Zinsen, Liebster? Wir sind
selber bereit, beliebige Zinsen zu zahlen, aber borg uns erst Geld.

Glow (verzweifelt und entschlossen). So sagt doch euer letztes Wort:
wollt ihr spielen?

Schwochnew. Bring Geld, und wir wollen gleich spielen.

Glow (eine Pistole aus der Tasche herausholend). Nun, dann lebt wohl,
meine Herren! Ihr werdet mich auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen!
(Schnell ab mit der Pistole.)

Uteschitelny. Du, du, bist du verrckt? Man mu ihm nach! In der Tat, er
knnte sich ja noch erschieen! (Schnell ab.)


                              17. Auftritt

                    Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Das gibt noch eine Geschichte, wenn dieser Teufel sich
erschiet.

Schwochnew. Hol ihn der Teufel, mag er sich erschieen, nur nicht jetzt,
denn noch sind die Gelder nicht in unseren Hnden; das ist das Schlimme.

Krugel. Ich befrchte alles. Es ist ja auch mglich ...


                              18. Auftritt

                   Dieselben, Uteschitelny und Glow.

Uteschitelny (fat Glow bei der Hand, in der er die Pistole hlt). Was
ist mit dir, was ist mit dir, Bruder? Bist du verrckt? Hren Sie, hren
Sie doch, meine Herren? Er hatte schon die Pistole in den Mund gesteckt.
He, schm dich!

Alle (an ihn herantretend). Du, du ... Um Gottes willen, was ist mit
dir?

Schwochnew. Und dabei ist er so'n gescheiter Mensch; und wegen so einer
Lappalie will er sich erschieen!

Icharew. Auf diese Weise mte sich ja ganz Ruland erschieen: Jeder
hat verspielt oder hat doch die Absicht, zu verspielen. Wenn das nicht
wre, so knnte man ja auch nicht gewinnen, das mut du doch selber
bedenken!

Uteschitelny. Du bist einfach ein Dummkopf, la dir's sagen. Du kennst
dein eigenes Glck nicht. Fhlst du denn nicht, da du gewonnen hast,
indem du verloren hast?

Glow (rgerlich). Ihr haltet mich wirklich fr einen Dummkopf. Was ist
denn da fr ein Gewinn, zweihunderttausend zu verlieren! Der Teufel
auch!

Uteschitelny. Ei, du Einfaltspinsel, weit du denn nicht, was fr einen
Ruhm du dir im Regiment erwirbst? Hrst du, eine Kleinigkeit: noch nicht
Junker sein und zweihunderttausend verlieren! Die Husaren werden dich ja
auf den Hnden tragen!

Glow (ermuntert sich). Was denkt ihr denn? Werde ich denn nicht den Mut
haben, auf das alles zu pfeifen, wenn es so weit ist? Hol's der Teufel!
Es lebe das Husarentum!

Uteschitelny. Bravo, es leben die Husaren! Teremtete! Champagner! (Man
bringt ein paar Flaschen.)

Glow (das Glas in der Hand). Es leben die Husaren!

Icharew. Es leben die Husaren! Hol's der Teufel!

Schwochnew. Teremtete! Es leben die Husaren!

Glow. Ich pfeife auf alles, wenn es so ist. (Stellt das Glas auf den
Tisch.) Aber das eine ist schlimm, wie komme ich nach Hause? Mein Vater!
Mein Vater! (Fat sich beim Haar.)

Uteschitelny. Wozu willst du denn zum Vater? Ist ja gar nicht ntig!

Glow (ihn verwundert anglotzend). Wieso?

Uteschitelny. Du kannst ja von hier direkt ins Regiment fahren! Wir
geben dir was zur Equipierung. Liebster Schwochnew, wir mssen ihm jetzt
zweihundert Rubel geben, mag der Junker sich etwas amsieren. Ich hab's
schon bemerkt, er hat so 'ne Brnette, was?

Glow. Hol's der Teufel! Ich laufe gleich zu ihr, und werde sie im Sturme
nehmen!

Uteschitelny. Ist das ein Husar, was? Schwochnew, hast du nicht
zweihundert Rubel bei dir?

Icharew. Ich werde ihm schon was geben, mag er sich ordentlich
amsieren! (Glow nimmt das Papiergeld und fuchtelt damit in der Luft
herum.)

Alle. Champagner! (Man bringt die Flaschen.)

Glow. Es leben die Husaren!

Uteschitelny. Sie leben hoch! Weit du, Schwochnew, was mir jetzt
eingefallen ist? Wir wollen ihn auf die Hnde nehmen und in die Hhe
werfen, wie man es bei uns im Regiment tat. Nun, antreten! fat ihn an!
(Alle treten an ihn heran, fassen ihn an den Hnden und Fen, wiegen
ihn auf und ab und singen dabei nach der bekannten Melodie das bekannte
Lied:)

   Herzlich lieben wir dich allesamt,
   Bleibe unser Haupt du immerdar,
   Unsre Herzen sind fr dich entflammt,
   Wir sind deine treue Kinderschar!

Glow (mit erhobenem Glas). Hurrah!

Alle. Hurrah! (lassen ihn auf die Erde hinab).

Glow (wirft das Glas zu Boden, alle zerschlagen ebenfalls ihre Glser,
die einen mit dem Stiefelabsatz, die anderen direkt am Boden). Ich gehe
gleich zu ihr.

Uteschitelny. Knnen wir nicht auch mit, wie?

Glow. Nein, niemand soll ..., und wenn jemand ... so geht's auf Sbel.

Uteschitelny. Ach, ist das ein Haudegen, was? Eiferschtig und
streitschtig wie ein Teufel. Ich glaube, meine Herren, da aus ihm noch
ein richtiger Kampfhahn wird. Nun adieu, leb wohl, Husar, wir halten
dich nicht weiter auf.

Glow. Adieu!

Schwochnew. Komm und erzhl uns nachher! (Glow ab).


                             19. Auftritt.

                          Dieselben ohne Glow.

Uteschitelny. Man mu ihn sanft behandeln, so lange das Geld noch nicht
in unsern Hnden ist. Aber dann hol ihn der Teufel!

Schwochnew. Ich frchte nur eins, da sich die Sache mit der Herausgabe
der Gelder vom Fiskus lange hinziehen knnte.

Uteschitelny. Ja, das wre sehr schlimm. brigens meine Herren, wie ihr
wit, gibt's ja zu diesem Zweck Antreiber. Wie dem auch sein mag, wir
werden schon diesem oder jenem etwas Geld in die Hnde stecken mssen;
der Ordnung halber.


                             20. Auftritt.

   Dieselben und der Beamte Samuchrischkin; er ist mit einem etwas
      schbigen Frack bekleidet und steckt den Kopf durch die Tr.

Samuchrischkin. Gestatten Sie die Frage, ist hier Glow, Alexander
Michailowitsch Glow?

Schwochnew. Nein, er ist eben fortgegangen. Was wnschen Sie denn?

Samuchrischkin. Ich komme in Geschften wegen der Herausgabe der Gelder.

Uteschitelny. Wer sind Sie denn?

Samuchrischkin. Ich bin ein Beamter aus dem Fiskus.

Uteschitelny. Ah, bitte sehr, bitte gehorsamst, Platz zu nehmen. Fr
diese Sache haben wir alle das lebhafteste Interesse, um so mehr, als
wir freundschaftliche Abmachungen mit Alexander Michailowitsch
abgeschlossen haben. Deshalb werden Sie begreifen, da Sie von ihm und
von ihm und von ihm (zeigt mit den Fingern auf alle) den aufrichtigsten
Dank zu gewrtigen haben. Es handelt sich nur darum, da man die Gelder
aus dem Fiskus mglichst schnell erhalte.

Samuchrischkin. Wie Sie wollen, vor zwei Wochen geht's nicht.

Uteschitelny. Nein, das ist aber furchtbar lang. Sie vergessen ja, da
wir uns unsererseits bedanken ...

Samuchrischkin. Das versteht sich ja von selbst, es wird alles
angenommen: wie knnte ich das vergessen? Wir sprechen auch deshalb von
zwei Wochen, sonst wrden wir Ihnen vielleicht drei Monate lang zu
schaffen machen. Das Geld wird bei uns nicht vor anderthalb Wochen
eintreffen, und augenblicklich haben wir im ganzen Amt auch nicht eine
Kopeke. In der vorigen Woche haben wir hundertundfnfzigtausend
erhalten, die haben wir aber alle ausgegeben. Jetzt warten noch drei
Gutsbesitzer auf Geld, die bereits im Februar ihre Gter verpfndet
haben.

Uteschitelny. Nun, das gilt fr andere. Fr uns aber machen Sie es aus
Freundschaft. Wir mssen uns etwas nher kennen lernen. Nun ja, wir
stehen einander doch nahe. Ja, wie heien Sie gleich? Fentaflj
Perpntitsch, nicht?

Samuchrischkin. Psoj Stchitsch.

Uteschitelny. Nun, das ist ja fast dasselbe. Also hren Sie, Psoj
Stachitsch. Seien wir wie alte Freunde. Nun wie steht's, wie gehen die
Geschfte? Wie ist Ihr Dienst?

Samuchrischkin. Ja, wie soll denn der Dienst sein? Wie gewhnlich: Man
dient eben.

Uteschitelny. Nun, und wie ist es mit den verschiedenen Einknften,
verstehen Sie? Sagen wir einfach, nehmen Sie viel Geschenke?

Samuchrischkin. Aber ich bitte Sie: natrlich, wovon soll man denn
leben?

Uteschitelny. Nun sagen Sie mal ganz aufrichtig, wie ist es bei Ihnen im
Amt: Greifen alle zu?

Samuchrischkin. Ach Gott, nun lachen Sie auch, wie ich sehe. Ach, meine
Herren! ... Sehen Sie mal: auch die Herren Schriftsteller, die lachen
alle ber die, die sich bestechen lassen; aber wenn man genauer zusieht,
so lassen sich auch andere Leute bestechen, die besser als wir zu sein
scheinen. Z. B. Sie meine Herren, Sie haben nur einen vornehmeren Namen
dafr erfunden. Eine Spende fr wohlttige Zwecke oder so was. Wei der
Himmel, wie das heit. Aber sieht man genauer zu, so ist's in
Wirklichkeit dieselbe Bestechung: wie sagt man doch, dieselbe Couleur in
grn.

Uteschitelny. Wie ich sehe, fhlt sich unser Psoj Stachitsch gekrnkt.
So ist es, wenn man dem Ehrgefhl zu nahe tritt.

Samuchrischkin. Ja, das Ehrgefhl ist eine kitzlige Sache, das wissen
Sie wohl selber. Aber ich bin gar nicht bse. Ich habe schon ein langes
Leben hinter mir, Vterchen.

Schwochnew. Schon gut, wir wollen ganz freundschaftlich miteinander
sprechen, Psoj Stachitsch. Wie steht's mit Ihnen, was machen Sie, wie
geht's bei Ihnen? Wie schlagen Sie sich in der Welt durch? Haben Sie ein
Frauchen und Kinderchen?

Samuchrischkin. Gott sei Dank, Gott hat mich gesegnet. Zwei Jungens
besuchen schon die Kreisschule, die zwei anderen sind noch etwas jnger.
Einer luft noch im Hemdchen rum und der andere kriecht noch auf allen
Vieren.

Uteschitelny. Nun, und sie knnen wohl alle mit den Hndchen schon so
machen, glaub ich. (Zeigt mit der Hand, wie man Geld nimmt.)

Samuchrischkin. Ach bitte, meine Herren, sind Sie aber! Sie fangen schon
wieder an.

Uteschitelny. Nun, nun, schon gut, Psoj Stachitsch. Das geschieht ja
alles aus Freundschaft. Was ist denn nun dabei, wir sind ja unter uns.
Heda, ein Champagnerglas fr Psoj Stachitsch. Wir mssen ja jetzt gute
Freunde sein. Wir wollen Sie auch bald mal besuchen.

Samuchrischkin (nimmt das Glas). Ah, bitte schn, meine Herren, Sie
sollen herzlich willkommen sein! Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, einen
solchen Tee wie Sie ihn bei mir trinken werden, finden Sie nicht einmal
beim Gouverneur.

Uteschitelny. Natrlich ein Geschenk vom Kaufmann?

Samuchrischkin. Jawohl, vom Kaufmann, direkt aus Kjachta bezogen.

Uteschitelny. Aber wie ist denn das, Psoj Stachitsch, Sie haben ja gar
keine amtlichen Beziehungen zu den Kaufleuten.

Samuchrischkin (trinkt das Glas aus und sttzt sich mit den Hnden auf
die Knie). Die Sache ist nmlich so. Der Kaufmann hat eigentlich nur aus
Dummheit blechen mssen. Der Gutsbesitzer Frakassow, wenn Sie den
vielleicht kennen, nimmt eine Hypothek auf sein Gut auf, alles ist
abgemacht, wie sich's gehrt, und am nchsten Tag soll er das Geld
bekommen. Er plant die Errichtung irgendeiner Fabrik halbpart mit dem
Kaufmann. Nun, Sie begreifen wohl, uns geht es ja gar nichts an, ob das
Geld fr eine Fabrik verwendet wird oder fr etwas anderes, und wessen
Kompagnon er ist, das ist gar nicht unsere Sache. Aber der Kaufmann
plappert aus Dummheit in der Stadt herum, da er mit dem Gutsbesitzer
halbpart ein Kompagnie-Geschft abgeschlossen hat und von ihm von Stunde
zu Stunde Geld erwartet. Da lieen wir dem Kaufmann sagen: wenn er uns
zweitausend schickt, so wird das Geld gleich ausgezahlt, wenn nicht, so
kann er lange warten. Indessen aber, verstehen Sie wohl, sind ihm schon
die Kessel und die andern Gertschaften fr die Fabrik gebracht worden,
und man wartet blo noch auf das Handgeld. Der Kaufmann sieht -- die
Sache ist schlimm, er bezahlt seine zweitausend und jedem von uns noch
drei Pfund Tee. Man wird vielleicht sagen, das ist Bestechung, aber es
geschieht ihm doch recht. Warum ist er so dumm, wer hat ihn denn zum
Reden gezwungen; er htte doch seiner Zunge Halt gebieten knnen.

Uteschitelny. Hren Sie mal, Psoj Stachitsch, bitte erledigen Sie doch
unser Geschftchen, wir werden Ihnen schon was geben, und Sie machen es
mit Ihrem Vorgesetzten ab, wie sich's gehrt. Nur um Gottes Willen
mglichst schnell, Psoj Stachitsch, wie?

Samuchrischkin. Wir werden uns schon Mhe geben. (Steht auf.) Aber ich
will Ihnen ganz offen sagen, so schnell, wie Sie wollen, geht es nicht.
Bei Gott, bei uns im Amt ist keine Kopeke vorhanden, aber ich will mir
schon Mhe geben.

Uteschitelny. Nun, und wie soll ich nach Ihnen fragen?

Samuchrischkin. Fragen Sie ganz einfach nach Psoj Stachitsch
Samuchrischkin. Auf Wiedersehen, meine Herren! (Geht zur Tr).

Schwochnew. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, (sieht sich um)
sehen Sie doch zu.

Uteschitelny. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, helfen Sie recht
schnell.

Samuchrischkin. Ich habe ja schon gesagt, ich werde mir Mhe geben.

Uteschitelny. Zum Henker, das dauert aber lange, (schlgt sich mit der
Hand vor die Stirn) nein, ich will ihm nachgehen, vielleicht erreiche
ich etwas, ich werde kein Geld sparen, hol ihn der Teufel, ich werde ihm
dreitausend von meinem Geld geben. (Schnell ab).


                              21. Auftritt

                      Schwochnew, Krugel, Icharew.

Icharew. Natrlich wre es besser, das Geld mglichst bald zu bekommen.

Schwochnew. Und wie dringend ntig wir es haben, wie dringend ntig!

Krugel. Ach, wenn er ihn nur herumkriegen knnte.

Icharew. Wie, sind denn etwa Ihre Angelegenheiten ...


                              22. Auftritt

                      Dieselben und Uteschitelny.

Uteschitelny (tritt ein, verzweifelt). Zum Teufel, frher als in vier
Tagen kann er es keinesfalls machen, ich mchte mir den Kopf an der Wand
zerschellen.

Icharew. Warum hast du denn nur solche Eile, kannst du denn nicht noch
vier Tage warten?

Schwochnew. Das ist es ja, Liebster, das ist fr uns viel zu wichtig.

Uteschitelny. Warten? Weit du denn, da man uns stndlich in
Nischni-Nowgorod erwartet? Wir haben es dir noch nicht erzhlt. Schon
vor vier Tagen haben wir die Meldung bekommen, wir mten eiligst dahin
und sollten unter allen Umstnden etwas Geld mitbringen. Ein Kaufmann
hat da fr sechshunderttausend Rubel Eisen mitgebracht. Dienstag ist die
endgltige Abmachung, und das Geld wird ihm bar ausgezahlt; und gestern
ist ein anderer mit Flachs fr eine halbe Million angekommen.

Icharew. Nun, was ist denn dabei?

Uteschitelny. Wieso, was ist denn dabei? Die Alten sind doch zu Hause
geblieben, und haben an ihrer Stelle ihre Shne hingeschickt.

Icharew. Ob aber die Shne auch ganz bestimmt spielen werden?

Uteschitelny. Aber wo lebst du blo? Etwa in China? Weit du denn nicht,
wie diese Kaufmannsshnchen sind? Der Kaufmann erzieht ja seinen Sohn
derart, da er entweder gar nichts wei, oder nur das wei, was ein
Adliger und nicht was ein Kaufmann zu wissen braucht. Natrlich ist auch
das Shnchen danach: spaziert am Arm mit Offizieren, und bummelt herum.
Das ist fr uns die eintrglichste Kundschaft, mein Liebster. Diese
Schafskpfe wissen nicht, da sie fr jeden Rubel, den sie uns
abschwindeln, tausend bezahlen. Jawohl, das ist unser Glck, da der
Kaufmann nur daran denkt, seine Tchter mit einem General zu verheiraten
und dem Sohne Rang und Titel zu verschaffen.

Icharew. Und sind das auch sichere Sachen?

Uteschitelny. Ob es sichere Sachen sind! Man wrde uns doch nicht
benachrichtigt haben. Es ist fast alles in unsern Hnden, jede Minute
ist jetzt teuer.

Icharew. Ach, zum Teufel, was sitzen wir denn hier. Meine Herren, wir
haben ja abgemacht, gemeinschaftlich zu arbeiten.

Uteschitelny. Gewi, das ist auch unser Vorteil. Hr mal, was mir
eingefallen ist. Du brauchst ja vorlufig nicht zu eilen. Du hast jetzt
achtzigtausend in barem Geld. Gib uns das Geld und nimm Glows Wechsel
von uns, du bekommst sicher hundertfnfzigtausend, also das Doppelte,
und uns wrdest du noch gar einen Dienst erweisen. Denn wir brauchen
jetzt das Geld so sehr, das wir mit Freuden das Dreifache fr jede
Kopeke zu zahlen bereit sind.

Icharew. Sehr gern, warum nicht: um Ihnen zu beweisen, da die
Freundschaft ... (Geht an die Kassette und nimmt einen Haufen
Geldscheine hervor.) Hier habt ihr achtzigtausend.

Uteschitelny. Und hier hast du die Wechsel. Jetzt eile ich gleich zu
Glow, ich will ihn herbeiholen und alle Formalitten erledigen. Krugel,
bring das Geld auf mein Zimmer. Hier hast du den Schlssel zu meiner
Kassette. (Krugel ab.) Ach, wenn wir es einrichten knnten, da wir
heute abend abreisen knnen! (Ab.)

Icharew. Natrlich, natrlich, hier ist keine Minute zu verlieren.

Schwochnew. Und dir rate ich auch, hier nicht noch lange sitzen zu
bleiben. Sowie du das Geld bekommen hast, komme sofort zu uns. Mit den
zweihunderttausend -- weit du, was man damit machen kann? Man kann
einfach den ganzen Jahrmarkt in die Luft sprengen ... Ach, ich habe ganz
vergessen, dem Krugel etwas Wichtiges zu sagen. Warte nur, ich komme
gleich zurck. (Schnell ab.)


                              23. Auftritt

Icharew (allein). Was fr eine Wendung doch die Umstnde genommen haben,
was? Noch heute morgen blo achtzigtausend, und gegen abend schon
zweihunderttausend, wie? Fr manchen bedeutet das ja ein ganzes Leben
voll Dienst und Arbeit, den Preis fr ein stndiges Sitzen,
Entbehrungen, Verlust der Gesundheit, und hier bist du in einigen
Stunden, ja in einigen Minuten ein regierender Prinz. Eine Kleinigkeit
das: Zweihunderttausend! Ich kann mir denken, was aus mir geworden wre,
wenn ich auf dem Lande gesessen wre und mich mit den Starosten und
Bauern herumgeschlagen htte, um jhrlich dreitausend einzuheimsen. Ist
denn Bildung eine Kleinigkeit? Die Unbildung, die sich auf dem Lande an
dir festsetzt, die kannst du nachher nicht mit dem Messer abkratzen.
Womit htte man da seine Zeit verloren? Mit Gesprchen mit den Starosten
und den Bauern ... Ich aber will mich mit gebildeten Menschen
unterhalten! Jetzt bin ich sichergestellt, jetzt habe ich freie Zeit.
Jetzt kann ich mich damit beschftigen, was zu unserer Bildung beitrgt.
Wenn ich nach Petersburg will, kann ich auch nach Petersburg reisen, da
gehe ich ins Theater, sehe die Mnze, da spaziere ich am Palais, am
Englischen Quai vorbei, gehe in den Sommergarten. Oder ich gehe nach
Moskau und diniere bei Jar, ich kann mich nach der Mode der Residenz
kleiden, kann mich mit den andern gleichstellen und die Pflichten eines
aufgeklrten Menschen erfllen. Und was ist die Ursache davon? Was gibt
mir die Mglichkeit dazu? Das, was man Betrgerei nennt. Ach, Unsinn,
das ist eben gar keine Betrgerei, ein Betrger kann man in einer Minute
werden, hierzu aber ist Praxis, Studium ntig. Aber zugegeben, es sei
Betrgerei. Es ist doch eben eine notwendige Sache; was kann man denn
ohne sie machen? Sie ist gewissermaen eine Warnung. Wenn ich z. B.
nicht alle Feinheiten kennte, wenn ich das alles nicht begriffen htte,
wie htte man mich da nicht beschwindeln knnen! Sie haben mich ja auch
wirklich beschwindeln wollen. Dann sahen sie aber, da sie es nicht mit
einem gewhnlichen Menschen zu tun haben, und gingen mich selbst um
meine Hilfe an. O nein, Verstand -- das ist eine groe Sache; und in der
Welt ist Feinheit notwendig. Ich sehe das Leben von einem ganz anderen
Standpunkt an. So leben, wie ein dummer Kerl, so kann jeder leben, das
ist kein Kunststck, aber mit Witz und mit Kunst leben, alle betrgen
und doch selbst nicht betrogen werden, das ist die eigentliche Aufgabe,
das wahre Ziel.


                              24. Auftritt

                 Icharew und Glow, der eilig eintritt.

Glow. Wo sind sie denn? Ich bin eben im Zimmer gewesen, das ist leer.

Icharew. Sie sind soeben hier gewesen, sie sind nur auf einen Augenblick
fortgegangen.

Glow. Wie, schon fort? Haben sie Geld bei dir genommen?

Icharew. Jawohl, wir haben's schon abgemacht. Jetzt handelt sich's noch
um dich.


                              25. Auftritt

                         Dieselben und Alexej.

Alexej (zu Glow). Sie wnschen zu wissen, wo die Herren sind?

Glow. Jawohl.

Alexej. Die sind ja schon abgereist.

Glow. Wieso abgereist?

Alexej. So, sie hielten schon seit einer halben Stunde Wagen und Pferde
bereit.

Glow (schlgt die Hnde zusammen). Nun sind wir beide hineingelegt!

Icharew. Was fr ein Unsinn? Ich verstehe kein Wort. Uteschitelny mu
jeden Augenblick zurckkommen. Du weit ja, da du die ganze Schuld
jetzt _mir_ bezahlen mut. Sie haben sie mir zediert.

Glow. Ach was, Schuld? Zum Teufel! Du willst bezahlt haben? Siehst du
denn nicht, da du zum Narren gehalten und angefhrt bist wie ein
Gimpel?

Icharew. Was sprichst du da fr einen Unsinn? Du scheinst deinen Rausch
noch immer im Kopf zu haben.

Glow. Nun, wie es scheint, haben wir beide einen Rausch. Erwache doch!
Glaubst du etwa, ich bin Glow? Ich bin ebensowenig Glow, wie du der
Kaiser von China.

Icharew (unruhig). Aber ich bitte dich, was sprichst du da fr einen
Unsinn? Und dein Vater? ... und ...

Glow. Der Alte? Erstens ist er gar nicht mein Vater, und wird den Teufel
Kinder haben; und zweitens heit er auch nicht Glow, sondern Krinizin
und nicht Michailo Alexandrowitsch, sondern Iwn Klmitsch; der ist von
derselben Bande.

Icharew. Hr mal, sprich du im Ernst; damit treibt man keinen Spa.

Glow. Was fr einen Spa? Ich habe mich ja selber daran beteiligt und
bin ebenfalls betrogen. Sie haben mir dreitausend fr meine Mhe
versprochen.

Icharew (geht auf ihn zu, hitzig). He, treib keinen Spa, sage ich dir!
Du glaubst, ich bin so dumm? Und die Vollmacht, und der Fiskus? Da war
doch noch soeben der Beamte aus dem Fiskus, Psoj Stachitsch
Samuchrischkin. Du glaubst, ich kann ihn wohl nicht gleich herbeiholen
lassen?

Glow. Erstens ist er gar kein Beamter aus dem Fiskus, sondern ein
Stabskapitn a. D. von derselben Bande; und dann heit er gar nicht
Samuchrischkin, sondern Mursafjkin und nicht Psoj Stachitsch, sondern
Frol Semjnowitsch.

Icharew (verzweifelt). Und wer bist du, Teufel? sprich, wer bist du?

Glow. Wer ich bin? Ich war ein anstndiger Mensch und bin durch die Not
zu einem Schwindler geworden. Sie haben mir alles im Spiel abgewonnen,
alles bis aufs Hemd. Was soll ich nun machen? ich will doch nicht vor
Hunger sterben. Fr dreitausend habe ich mich dazu hergegeben,
mitzuarbeiten und dich zu beschwindeln. Ich sag' es dir gerade heraus,
du siehst, ich handle vornehm.

Icharew (fat ihn wtend am Kragen). Du Schwindler.

Alexej (fr sich). Na, da kommt's, wie es scheint, gleich zu einer
Rauferei, da will ich lieber verschwinden. (Ab.)

Icharew (Glow fortziehend). Komm, komm.

Glow. Wohin, wohin?

Icharew (in Wut). Wohin? zum Gericht! zum Gericht!

Glow. Aber ich bitte dich, du hast ja gar kein Recht dazu!

Icharew. Wieso, ich habe kein Recht? Stehlen, am hellichten Tage Geld
wegnehmen ... in so gaunerischer Weise! Ich htte kein Recht? Aber warte
nur, im Gefngnis, in Sibirien wirst du wohl auch sagen, da ich kein
Recht habe? Warte nur, man wird eure ganze Gaunerbande noch abfassen!
Ihr werdet schon sehen, was es heit, das Vertrauen und die Ehrlichkeit
gutmtiger Menschen zu hintergehen. Das Gesetz, das Gesetz, das Gesetz
werde ich anrufen. (Zieht ihn fort.)

Glow. Du knntest das Gesetz ja dann anrufen, wenn du selbst nicht
gesetzwidrig gehandelt httest. Aber bedenke doch, du hast dich ja mit
ihnen verbunden, um mich zu beschwindeln und mir das Geld abzugewinnen,
und die Karten waren ja dein eigenes Fabrikat. Nein, Brderchen, das ist
ja eben die Sache, da du gar kein Recht hast, zu klagen.

Icharew (schlgt sich in seiner Verzweiflung mit der Hand vor die
Stirn). Zum Teufel, das ist wahr. (Fllt entkrftet auf den Stuhl,
indessen eilt Glow fort). Aber solch ein teuflischer Betrug!

Glow (steckt den Kopf durch die Tr). Trste dich, du hast es ja noch
nicht so schlimm, dir bleibt ja noch die Adelaida Iwanowna!
(Verschwindet).

Icharew (wtend). Hol der Teufel die Adelaida Iwanowna! (Ergreift das
Kartenspiel und schleudert es gegen die Tr, einzelne Karten fliegen auf
den Boden.) Da mu es nun solche Schwindler geben zum Schimpf und zur
Schande der Menschheit! Aber es ist ja einfach zum Wahnsinnigwerden: Wie
teuflisch war das alles durchgefhrt, wie fein! Dieser Vater, dieser
Sohn und dieser Beamte Samuchrischkin -- und das alles ist abgekartet,
und ich kann nicht einmal klagen. (Springt vom Stuhl auf und geht erregt
im Zimmer auf und ab.) Und da soll man noch den Schlauen spielen, da
soll man seinen Geist, seinen Witz anstrengen, Mittel erdenken ....
Nein, hol's der Teufel, es lohnt sich gar nicht, es ist des edlen
Eifers, es ist der Mhe nicht wert! Da findet sich gleich in deiner Nhe
ein Gauner, der dich noch bergaunert, ein Schwindler, der mit einem
Male das ganze Gebude in die Luft sprengt, an dem du jahrelang
gearbeitet hast. (Mit einer rgerlichen Handbewegung.) Zum Teufel, ist
das eine schwindelhafte Welt! Nur der hat Glck, der so dumm ist wie ein
Klotz, und der nichts versteht, an nichts denkt, nichts tut und mit
abgenutzten Karten um einen Groschen Boston spielt!




                 Szenen aus einer unvollendeten Komdie


                       Deutsch von Alexandra Ramm




                Der Morgen eines vielbeschftigten Herrn


                              1. Auftritt

   Ein Kabinett. Einige Schrnke mit Bchern. Auf dem Tisch liegen
   zerstreute Papiere. Iwan Petrowitsch, ein Beamter, tritt im
   Schlafrock herein, reckt sich und klingelt. Im Flur hrt man eine
   Stimme: Sofort! Iwan Petrowitsch klingelt zum zweiten Male;
   wieder dieselbe Stimme: Sofort! Iwan Petrowitsch klingelt
           ungeduldig zum dritten Male; der Diener tritt ein.

Iwan Petrowitsch. Bist du taub geworden?

Der Lakai. O nein.

Iwan Petrowitsch. Und warum hat es dir beliebt, nicht eher zu
erscheinen, als bis ich zum dritten Male geklingelt habe?

Der Lakai. Wie htte ich es anders machen knnen! Ich konnte doch meine
Arbeit nicht wegwerfen: ich habe die Stiefel geputzt!

Iwan Petrowitsch. Und was hat Iwan getan?

Der Lakai. Iwan hat das Zimmer gefegt. Und dann ist er in den
Pferdestall gegangen.

Iwan Petrowitsch. Hol mir das Hndchen her! (Der Lakai bringt das
Hndchen.) Sususchka, Sususchka, ah Sususchka. Wir wollen dir jetzt ein
Stckchen Papier anbinden. (Befestigt ihm ein Stckchen Papier am
Schwanz.)

Ein anderer Lakai (kommt hereingelaufen). Alexander Iwanowitsch!

Iwan Petrowitsch. Bitte! (Lt eilig das Hndchen fallen und schlgt ein
Gesetzbuch auf.)


                              2. Auftritt

   Iwan Petrowitsch und Alexander Iwanowitsch, (auch ein
                        vielbeschftigter Herr).

Alexander Iwanowitsch. Guten Morgen, Iwan Petrowitsch.

Iwan Petrowitsch. Nun, wie befinden Sie sich, Alexander Iwanowitsch?

Alexander Iwanowitsch. Danke sehr. Stre ich auch nicht?

Iwan Petrowitsch. Ach, ich bitte Sie. Ich bin ja immer beschftigt. Nun
-- um wieviel Uhr sind Sie nach Haus gekommen?

Alexander Iwanowitsch. So um sechs. Als ich aus der Offizierskaja
herauskam, fragte ich einen Posten, an dem ich vorberkam: Brderchen,
hast du nicht gehrt, wie spt es ist? Jawohl, es hat schon sechs
geschlagen! sagte er. So habe ich erfahren, da es schon sechs Uhr war.

Iwan Petrowitsch. Denken Sie sich: ich bin auch fast um die gleiche Zeit
zurckgekommen! -- Nun, denken Sie noch an das Whistchen? H h h!

Alexander Iwanowitsch. H h h! ... Ich habe sogar davon getrumt.

Iwan Petrowitsch. H h h! Ich habe immer gedacht: was soll es nur
bedeuten, da er den Knig ausspielt! Ich hatte die Dame und zwei
kleinere Karten in Kreuz in der Hand und hatte schon lngst gesehen, da
Lukian Fedossejewitsch renoncierte.

Alexander Iwanowitsch. Am lngsten zog sich die achte Runde hin.

Iwan Petrowitsch. Jawohl. (Nach einer Pause.) Ich hatte Lukian
Fedossejewitsch schon zugewinkt, da er Trumpf ausspielen soll; aber
nein! Und dabei htte er nur einmal Trumpf zu bringen brauchen, und mein
Pique-Junge htte gestochen!

Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie, Iwan Petrowitsch, der Junge htte
nicht gestochen!

Iwan Petrowitsch. Oho! Er htte doch gestochen!

Alexander Iwanowitsch. Er htte nicht gestochen, weil Sie ja nie zum
Anspielen gekommen wren.

Iwan Petrowitsch. Aber Sie haben ja Lukian Fedossejewitschs Pique-Sieben
vergessen!

Alexander Iwanowitsch. Hatte er denn noch ein Pique? Ich kann mich gar
nicht daran erinnern ...

Iwan Petrowitsch. Aber gewi. Er hatte zwei Pique: die Vier, die er auf
die Dame gegeben hatte, und eine Sieben.

Alexander Iwanowitsch. Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie: er
konnte nicht mehr als ein Pique haben!

Iwan Petrowitsch. Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzhlen
Sie das! Zwei Pique! Ich sehe sie noch wie jetzt vor mir: eine Vier und
eine Sieben!

Alexander Iwanowitsch. Eine Vier hatte er, das stimmt -- aber keine
Sieben. Dann htte er doch Trumpf gespielt, das mssen Sie doch zugeben,
er htte dann eben Trumpf gespielt!

Iwan Petrowitsch. Bei Gott, Alexander Iwanowitsch, bei Gott!

Alexander Iwanowitsch. Nein, Iwan Petrowitsch. Es ist durchaus
unmglich.

Iwan Petrowitsch. Erlauben Sie, Alexander Iwanowitsch: wissen Sie, was
das Beste ist? Wir fahren morgen zu Lukian Fedossejewitsch. Sind Sie
einverstanden?

Alexander Iwanowitsch. Gut.

Iwan Petrowitsch. Fragen wir ihn selbst, ob er eine Pique Sieben in der
Hand gehabt hat.

Alexander Iwanowitsch. Bitte sehr -- ich bin durchaus nicht abgeneigt.
brigens, wenn man sich die Sache berlegt, warum spielt eigentlich
Lukian Fedossejewitsch so schlecht? Man kann doch nicht sagen, da er
keinen Verstand hat. Er ist ein feiner Mann, und sein Benehmen ...

Iwan Petrowitsch. Und fgen Sie hinzu: von groen Kenntnissen! Ein Mann
-- das drfen wir unter uns wohl sagen -- wie wir nur wenige in Ruland
haben. -- Waren Sie bei Sr. Exzellenz?

Alexander Iwanowitsch. Jawohl. Ich komme soeben von ihm. -- Es war etwas
kalt heut morgen. Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, habe ich die
Gewohnheit, ein Wams aus Elenleder zu tragen: es ist viel angenehmer als
eins von Flanell und wrmt dabei nicht so. Darum lie ich mir den Pelz
geben. Ich komme zu Sr. Exzellenz. -- Se. Exzellenz schlft noch. Nun,
da habe ich gewartet. Und dann sprachen wir von diesem und jenem.

Iwan Petrowitsch. Und von mir wurde nicht gesprochen?

Alexander Iwanowitsch. Gewi, auch von Ihnen. Und dann wurde die
Unterhaltung noch sehr amsant.

Iwan Petrowitsch (angeregt). Was, was, was?

Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie ... erlauben Sie, immer eins nach
dem andern! Das ist eine hchst unterhaltsame Geschichte. Se. Exzellenz
fragte mich unter andern, wo ich meine Zeit verbringe, da er mich so
lange nicht gesehen htte, und sprach den Wunsch aus, etwas ber den
gestrigen Abend und ber die Anwesenden zu erfahren. Ich antwortete:
Ew. Exzellenz, es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow,
Ilja Wladimirowitsch Bubunizin. Se. Exzellenz sagt nach jedem Wort:
Hem! Ich sagte: Auerdem war noch ein Bekannter Ew. Exzellenz ...

Iwan Petrowitsch. Nun, nun?

Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie! Und was meinen Sie wohl, sagte Se.
Exzellenz darauf?

Iwan Petrowitsch. Ich wei nicht ...

Alexander Iwanowitsch. Er sagte: Wer knnte das sein? -- Iwan
Petrowitsch Barsukow, antwortete ich. Hem, sagte Se. Exzellenz. Das
ist ein Beamter, und noch dazu ... (Hebt die Augen empor.) Die Decken
sind bei Ihnen recht nett bemalt: ist das auf Ihre Kosten geschehen,
oder auf die Ihres Wirts?

Iwan Petrowitsch. Aber nein, das ist doch eine Amtswohnung!

Alexander Iwanowitsch. Sehr, sehr hbsch. Krbchen, eine Lyra, rings
herum Zwiebacke, Trommeln und eine Trompete. Wirklich, sehr, sehr
natrlich!

Iwan Petrowitsch (ungeduldig). Und was sagte Se. Exzellenz?

Alexander Iwanowitsch. Ach, das htte ich richtig vergessen. Was sagte
er doch noch ...?

Iwan Petrowitsch. Er sagte: Hem! ... Das ist ein Beamter ...

Alexander Iwanowitsch. Richtig! Das ist ein Beamter ... ... nun, und
... und steht in meinem Dienst! Nachher war die Unterhaltung nicht
mehr so interessant und wandte sich gewhnlichen Dingen zu.

Iwan Petrowitsch. Und weiter hat er nichts von mir gesagt?

Alexander Iwanowitsch. Nein.

Iwan Petrowitsch (fr sich). Nun, das ist vorlufig noch nicht viel.
Gott, Gott, wie wre es, wenn er gesagt htte: In Bercksichtigung
dieser und jener Verdienste schlage ich diesen Barsukow vor ...


                              3. Auftritt

          Die Vorigen und Schreider, der zur Tr hereinschaut.

Iwan Petrowitsch. Kommen Sie herein, kommen Sie herein, es macht nichts,
bitte kommen Sie nur her: Was ist das? Ein Rapport?

Schreider. Wollen Sie freundlichst unterschreiben. Hier ist eine Meldung
an den Cameralhof, und das ist ein Rapport an den Verwalter.

Iwan Petrowitsch (liest inzwischen). ... dem Herrn Verwalter ... Was ist
das! Sie haben ja nicht berall gleichen Rand gelassen? Was soll das?
Wissen Sie, da man Sie dafr mit Arrest bestrafen kann? (Wirft ihm
einen bedeutungsvollen Blick zu).

Schreider. Ich habe es Iwan Iwanowitsch gesagt: aber er hat geantwortet,
der Minister werde auf solche Lappalien nicht achten.

Iwan Petrowitsch. Lappalien! Iwan Iwanowitsch hat gut reden! Ich selber
denke ja auch so: der Minister wird das wirklich nicht beachten! Aber
wenn es ihm nun pltzlich doch einfllt?

Schreider. Man kann es ja abschreiben; nur wird es dann zu spt werden.
Aber da Sie selbst zu sagen belieben, da der Minister es nicht beachten
wird ...

Iwan Petrowitsch. Natrlich. Das ist ja alles sehr richtig. Ich bin
durchaus mit Ihnen einverstanden, er wird sich mit solchen Kleinigkeiten
nicht abgeben. Aber setzen Sie den Fall, da es ihm doch einfllt. Ich
will doch mal sehen, wie gro der Raum ist, den man fr den Rand
gelassen hat ...?

Schreider. Wenn es so ist, werde ich es sofort abschreiben.

Iwan Petrowitsch. Ja eben wenn es so ist. Ich spreche ja nur mit
Ihnen, weil Sie Universittsbildung haben. Bei einem andern wrde ich
kein Wort verlieren.

Schreider. Ich habe es mir nur erlaubt, weil der Herr Minister ...

Iwan Petrowitsch. Gestatten Sie! Gestatten Sie: Das ist vollkommen
richtig: ich bin ja auf ein Haar mit Ihnen einig. Gewi, der Minister
wird es nie beachten! er wird sich gar nicht darum kmmern. Aber wenn es
ihm pltzlich doch ... was dann?

Schreider. Ich werde es abschreiben. (Entfernt sich.)


                              4. Auftritt

Iwan Petrowitsch (zuckt die Achseln und wendet sich an Alexander
Iwanowitsch). Das hat immer noch Wind im Kopfe! Sonst ein anstndiger
junger Mann, erst vor kurzem von der Universitt gekommen, aber hier
(zeigt auf die Stirn) rein gar nichts. Sie knnen sich keine Vorstellung
machen, verehrtester Alexander Iwanowitsch, wieviel Mhe es mir gekostet
hat, das alles in Ordnung zu bringen. Sie htten nur sehen sollen, in
welchem Zustand ich meinen Posten bernommen habe! Denken Sie sich --
kein Kanzleibeamter konnte einen ordentlichen Buchstaben schreiben! Man
mute es mit ansehen, wie der eine das An auf die falsche Zeile
brachte und wie der andere auf der ersten Zeile Dur und auf der andern
chlaucht schrieb. Mit einem Wort: es war entsetzlich! Eine
babylonische Verwirrung! Und schauen Sie sich jetzt einmal die Akten an:
alles ist schn und gut! Das Herz freut sich, die Seele triumphiert! Und
eine Ordnung -- alles ist an seinem Platz!

Alexander Iwanowitsch. Man kann also sagen, da Sie sich Ihren Rang mit
Schwei und Blut erworben haben!

Iwan Petrowitsch (seufzend). Jawohl! Mit Schwei und Blut! Aber was soll
ich machen, ich habe nun einmal so einen Charakter! Was wre ich nicht
alles geworden, wenn ich mich nur darum bemht htte! Auf meiner Brust
wre kein Platz mehr fr die Orden! Aber was soll ich machen? Ich kann
nun einmal nicht anders handeln. So nebenbei werde ich ja schon ein paar
Andeutungen und Anspielungen fallen lassen, aber geradeheraus etwas
fordern, unmittelbar etwas fr mich erbitten -- nein, das ist meine
Sache nicht! Andere steigen fortwhrend im Rang -- ich dagegen habe nun
einmal so einen Charakter: zu allem kann ich mich herbeilassen, aber
niemals zu einer Ungerechtigkeit! (Seufzt.) Nur eins mchte ich jetzt:
wenn ich doch einen kleinen Orden ins Knopfloch kriegen knnte! Nicht,
weil ich ein besonderes Interesse daran htte, sondern nur darum, damit
man merkt, da meine Vorgesetzten mir einige Aufmerksamkeit schenken.
Ich mchte Sie bitten, Alexander Iwanowitsch, seien Sie so hochherzig,
machen Sie doch bei Gelegenheit, natrlich so ganz nebenbei, Sr.
Exzellenz gegenber eine Anspielung, da bei Barsukow in der Kanzlei
eine Ordnung herrscht, wie Sie sie selten gefunden haben, oder doch
irgend etwas hnliches.

Alexander Iwanowitsch. Mit dem grten Vergngen, sowie sich eine
Gelegenheit bietet ...


                              5. Auftritt

     Die Vorigen und Katerina Alexandrowna. Iwan Petrowitschs Frau.

Katerina Alexandrowna (erblickt Alexander Iwanowitsch). Ah! Alexander
Iwanowitsch! Mein Gott, wie lange wir uns nicht gesehen haben! Sie haben
mich ganz vergessen! Wie geht es Natalia Fominischna!

Alexander Iwanowitsch. Gottseidank! brigens krnkelt sie seit einer
Woche.

Katerina Alexandrowna. Aeh!

Alexander Iwanowitsch. Sie leidet an Stichen und Beklemmungen in der
Magengrube. Der Arzt hat ihr ein Abfhrungsmittel und heie Kompressen
von Kamillentee und Salmiakgeist verschrieben.

Katerina Alexandrowna. Versuchen Sie es doch mit einem homopathischen
Mittel.

Iwan Petrowitsch. Da du gerade von Homopathie sprichst -- es ist
wirklich merkwrdig, wenn man bedenkt, wie weit man es jetzt mit der
Aufklrung gebracht hat, Katerina Alexandrowna. Ich war vor kurzem in
einer Vorstellung. Und was glauben Sie? Ein Bengel, wie soll ich euch
sagen, so gro (zeigt mit der Hand) und etwa drei Jahr alt, nicht mehr
-- ihr httet sehen mssen, wie der auf einem ganz dnnen Seil tanzte!
Ich versichere Ihnen, im Ernst, der Atem stockte einem vor Angst!

Alexander Iwanowitsch. Die Melas singt wirklich sehr schn.

Iwan Petrowitsch (bedeutungsvoll). Die Melas? O ja. Mit vielem Gefhl!

Alexander Iwanowitsch. Ausgezeichnet.

Iwan Petrowitsch. Haben Sie bemerkt, wie geschickt sie das ... nimmt ...
(beschreibt mit der Hand Kreise vor den Augen).

Alexander Iwanowitsch. Jawohl, besonders das macht sie ganz wundervoll.
-- Doch es ist gleich zwei Uhr.

Iwan Petrowitsch. Wie! Wollen Sie schon gehen, Alexander Iwanowitsch?

Alexander Iwanowitsch. Es ist Zeit. Ich mu heut vormittag noch an
ungefhr drei Stellen sein.

Iwan Petrowitsch. Nun, dann auf Wiedersehn. Wann sehen wir uns? Richtig,
ich hab fast vergessen: morgen sind wir doch bei Lukian Fedossejewitsch?

Alexander Iwanowitsch. Ganz bestimmt. (Sie verabschieden sich.)

Katerina Alexandrowna. Leben Sie wohl, Alexander Iwanowitsch.

Alexander Iwanowitsch (in der Garderobe, whrend er sich den Pelz
umlegt). Ich kann diese Art Menschen nicht ausstehen! Das tut nichts,
wird nur immer fetter und stellt sich, als wre er dies und jenes, als
htte es dies getan und jenes verbessert -- die leibhaftige Tugend! Und
welche Ansprche das macht! Einen Orden! Und er wird ihn auch bekommen!
Ja, er wird ihn bekommen -- dieser Gauner! Er wird ihn bekommen! Solche
Menschen haben ja immer Erfolg! Und ich? H? Fnf Jahre bin ich lnger
im Dienst und bis jetzt noch nicht einmal fr einen Orden vorgeschlagen?
Pfui, was fr eine ekelhafte Physiognomie? Und dazu entwickelt er noch
zarte Gefhle: er will ja gar nichts so besonderes, nur damit man merkt,
da seine Vorgesetzten ihm einige Aufmerksamkeit erweisen. Und er bittet
mich noch, da ich ein Wort fr ihn einlegen soll! Da sind Sie an den
Richtigen gekommen, Verehrtester! Ich werde ihm schon einen Dienst
erweisen! Nein, mein Bester, du sollst keinen Orden bekommen! Keinen!
Keinen!! (Klopft einige Male wie zur Besttigung mit der Faust auf die
Handflche und entfernt sich.)




                              Der Proze.


                              1. Auftritt

                             Ein Kabinett.

Proletew (ein Sekretr, sitzt allein im Sessel und hat fortwhrend den
Schlucken). Was ist denn mit mir los? Grad als wenn's mir aufstt. Das
Mittagessen von gestern steckt mir noch in der Kehle. Da it man und it
-- wei der Teufel, was man alles it! (Es stt ihm auf.) Da ist's! (Es
stt ihm auf.) Schon wieder. (Es stt ihm auf.) Noch einmal! (Es stt
ihm auf.) Jetzt schon zum viertenmal! (Es stt ihm auf.) Der Teufel
soll auch das viertemal holen! Jetzt will ich mal die Nrdliche Biene
lesen und sehen, was da drin steht. Ah, wie ich diese Nrdliche Biene
ber habe! Grad wie ein Frauenzimmer, das als alte Jungfer
sitzengeblieben ist. (Liest und schreit auf.) Krachmanow eine
Auszeichnung! Ah? Petruschka Krachmanow! Solch ein kleiner Bengel war
er. (Zeigt mit der Hand.) Ich habe ihn doch selbst im Kadettenkorps
untergebracht. Ah? (Fhrt fort zu lesen, pltzlich schreit er auf, indem
er die Augen weit aufreit.) Was ist das? Was ist das? Heit das
wirklich Burdjukow? Wirklich! Pawel Petrowitsch Burdjukow ist befrdert
worden! Ah? Nun? Ein bestechlicher Kerl, der zweimal von Gerichtswegen
verfolgt wurde, der Vater ein Dieb, der den Fiskus bestohlen hat -- der
ekelhafteste Mensch, den man sich nur vorstellen kann -- H? Und die
ganze Welt hlt ihn fr einen aufrichtigen Menschen. Solch ein Schurke!
Hat er nicht behauptet: Der Proze Buchtjelew ist nicht sachlich
entschieden worden, der Senat ist der Sache nicht auf den Grund
gegangen! -- Und warum? Der Schurke hat einfach erfahren, da auf
meinen Teil zwanzigtausend Rubel fallen wrden -- da denkt er sich,
warum hat er die nicht bekommen? Der ist wie ein Hund, der auf dem Heu
liegt: Was er selbst nicht kriegt, gnnt er auch einem andern nicht.
Aber ich kenne dich, geh doch und schwindle andern etwas vor, verstell
dich nur vor ihnen. Ich wei genug von dir. Wahrhaftig, ich rgere mich,
da ich in die Zeitung hineingesehen habe. Wenn man die liest, hat man
nichts als rger und Ekel. He, Andrei!


                              2. Auftritt

Der Lakai (hereintretend). Was befehlen Sie?

Proletew. Trag diese Zeitung hinaus! Warum hast du sie berhaupt
gebracht, du Narr! (Andrei trgt die Zeitung hinaus.) Was sagt man nur
zu diesem Burdjukow. Ah, den wrde ich, ohne viel Worte zu machen,
einfach nach Kamtschatka schicken. Ich wrde ihm mit dem grten
Vergngen einen Schabernack spielen, das mu ich gestehen -- sofort in
diesem selben Augenblick. Aber es hat sich bis jetzt noch keine, aber
auch keine Gelegenheit gefunden ... Was soll ich machen? Gott zrnt mir
wohl! Ah, ich wrde dich schon streicheln, ich wrde dir schon was um
die Lippen schmieren ... Und was er fr Lippen hat! Wie ein Stier -- so
'ne Kanaille!

Der Lakai. Burdjukow ist da.

Proletew. Wer?

Der Lakai. Burdjukow ist da.

Proletew. Was fr einen Unsinn redest du?

Der Lakai. Zu Befehl.

Proletew. Du lgst, Esel. Burdjukow? Pawel Petrowitsch Burdjukow?

Der Lakai. Nein, Pawel Petrowitsch nicht -- irgendein anderer!

Proletew. Was fr ein anderer?

Der Lakai. Belieben Sie selbst nachzusehen: er wartet drauen.

Proletew. Ich lasse bitten.


                              3. Auftritt

            Proletew und Christophor Petrowitsch Burdjukow.

Burdjukow. Bitte entschuldigen Sie die Strung, die ich Ihnen
verursache. Allerlei Umstnde und Geschfte haben mich aus unserm
Stdtchen vertrieben. Ich bin hergekommen, Sie um Ihre persnliche Hilfe
und um Ihren Schutz zu bitten.

Proletew (beiseite). Das ist wirklich ein anderer. Aber er hat eine
gewisse hnlichkeit mit ihm. (Laut.) Was wnschen Sie? Womit kann ich
Ihnen dienen?

Burdjukow (zuckt die Achseln). Gott, ein Proze. Eine Gerichtssache.

Proletew. Eine Gerichtssache? Gegen wen?

Burdjukow. Gegen meinen eigenen Bruder.

Proletew. Erlauben Sie mir, Sie zuerst um Ihren Namen zu bitten. Und
dann setzen Sie mir Ihre Angelegenheit nher auseinander. Wollen Sie
bitte Platz nehmen.

Burdjukow. Mein Name ist Burdjukow, Christophor Petrowitsch, und der
Proze geht gegen meinen leiblichen Bruder, Pawel Petrowitsch Burdjukow.

Proletew. Was sagen Sie? Was? ... Nein!

Burdjukow. Ja, was starren Sie mich so an? Glauben Sie vielleicht, ich
bin zu meinem Vergngen mit der Post aus Tambow hierhergekommen?

Proletew. Gott segne Sie fr diese gute Tat! Erlauben Sie mir, Ihre
nhere Bekanntschaft zu machen. Etwas Gescheiteres htten Sie sich nie
ausdenken knnen. Nun soll man noch sagen, da es keine Gromut und
keine Gerechtigkeit gibt! Und was wre das? Hier steht der leibliche
Bruder! Durch Blutsbande verbunden -- und er hat den Bruder nicht
geschont! Ein Proze gegen den leiblichen Bruder! Erlauben Sie, da ich
Sie umarme.

Burdjukow. Mit Vergngen. Ich htte Sie selbst gern fr Ihr
Entgegenkommen umarmt. (Sie umarmen sich.) Das mu ich gestehen: vorhin,
als ich Ihr Gesicht sah, htte ich niemals geglaubt, da Sie ein so
vernnftiger Mensch sind!

Proletew. Da haben wir's! -- Wieso denn?

Burdjukow. Wirklich -- im Ernst! Gestatten Sie mir eine Frage: Ihre
selige Mutter hat wohl einen groen Schreck gehabt, als sie mit Ihnen
schwanger ging?

Proletew. Was der fr einen Unsinn zusammenschwatzt!

Burdjukow. Wirklich, seien Sie nicht beleidigt, ich werde Ihnen sagen,
das kommt sehr oft vor. Bei unserm Vorsitzenden ist die ganze untere
Gesichtspartie, hnlich wie bei einem Schaf, gleichsam abgeplattet und
mit Fell bewachsen -- ganz wie bei einem Schaf. Und das infolge eines
ganz unbedeutenden Umstandes: als die Selige beim Gebren war, da war
ein Schaf am Fenster erschienen, und der Bse mu es reiten, da es zu
blken anfngt!

Proletew. Bitte, lassen wir den Vorsitzenden und das Schaf in Ruh ...
Nein, wie ich mich freue!

Burdjukow. Und wie ich mich erst freue, da ich solch einen Gnner
gefunden habe! Erst jetzt, wo ich Sie nher ansehe, finde ich, da Ihr
Gesicht mir bekannt ist: wir hatten in unserm Karabinierregiment einen
Leutnant, der Ihnen hnelte wie ein Tropfen Wasser dem andern. Ein
schrecklicher Trunkenbold! Wissen Sie, ich kann Ihnen sagen: kein Tag
verging, ohne da seine Visage ganz zerschlagen war.

Proletew (beiseite). Wie es scheint, hat dieser Dorfbr nicht die
Gewohnheit, seine Zunge im Zaum zu halten; aller Unrat, der in seiner
Seele sitzt, mu auf die Zunge. (Laut.) Ich habe nicht viel Zeit, bitte,
kommen Sie zur Sache.

Burdjukow. Erlauben Sie, aber das lt sich im Sitzen nicht erzhlen.
Das ist ein schwieriger Kasus. Haben Sie die Gutsbesitzerin Jewdokia
Malafejewna Merinow aus dem Ustjuger Kreise gekannt? Nein? Sie haben Sie
nicht gekannt? Schn. Es war meine leibhaftige Tante und auch die dieser
Bestie, meines Bruders. Ich und mein Bruder sind ihre nchsten Erben. --
Belieben Sie das zu beachten: darum handelt es sich nmlich! Auerdem
ist noch eine Schwester da, die den General Polawischtschew geheiratet
hat: nun, ber die wollen wir kein Wort weiter sagen, die hat ohnedies
schon ihr Teil abbekommen. Nun erlauben Sie: da hat sich also dieser
Gauner, mein Bruder, -- in dieser Beziehung kann der Teufel noch von ihm
lernen -- an meine Tante herangemacht: Tantchen, Sie haben Gottseidank
schon siebzig Jahre lang gelebt, wozu wollen Sie sich bei einem so hohen
Alter noch mit der Wirtschaft abgeben: lassen Sie lieber mich fr Sie
wirtschaften und fr den Unterhalt sorgen. Und so geschah es! Merken
Sie etwas? Merken Sie etwas? Er siedelte in ihr Haus ber, und nun lebt
er dort und herrscht dort wie der wirkliche Herr des Hauses. Hren Sie
auch zu?

Proletew. Jawohl.

Burdjukow. Also schn. Ja also ... nun wird die Tante krank. Warum? --
Gott mag es wissen. Vielleicht hat er selbst ihr etwas eingegeben. Man
gibt mir von anderer Seite einen Wink. Merken Sie etwas? Ich komme hin:
im Flur begegnet mir diese Bestie, das heit mein Bruder, ganz in Trnen
aufgelst und wie abwesend, und sagt zu mir: Nun, Brderchen, sagt er,
nun sind wir fr ewig unglcklich: unsere Wohltterin ... Wie, hat
sie ihre Seele Gott berantwortet? -- Nein, sie liegt im Sterben. Ich
trete ein und wirklich: die Tante liegt in den letzten Zgen und rollte
nur noch die Augen. Nun, was soll man tun? Weinen? Das hilft ja auch
nichts. Das htte doch nichts geholfen, he?

Proletew. Nein, gar nichts.

Burdjukow. Was ist also zu machen? Nichts ist zu machen! Es war eben
Gottes Wille! Ich trete nher heran. Tantchen, sage ich, wir sind
alle sterblich. Unser Leben steht heut wie morgen in Gottes Hand, wie
man zu sagen pflegt. Wollen Sie nicht rechtzeitig irgendeine Anordnung
treffen? Und was tut das Tantchen? Ich sehe, sie kann kaum noch die
Zunge bewegen und lallt nur: Eh, eh, eh! Dieser Schuft aber steht
neben ihrem Bett und sagt: Tantchen erklrt hiermit, da sie ihre
Anordnungen schon getroffen hat! Hren Sie? Hren Sie?

Proletew. So ein ..! Hatte sie denn wirklich etwas derartiges gesagt?

Burdjukow. I wo, zum Teufel! Sie lallte nur: Eh, eh, eh! Ich drnge
also immer mehr. Gestatten Sie, Tantchen, da ich erfahre, was das fr
Anordnungen sind? Und was tut das Tantchen? Das Tantchen antwortet
wieder nur: Eh, eh, eh ... Jener Schurke aber erklrt wieder:
Tantchen sagt, das sich die betreffenden Anordnungen in ihrem Testament
befinden! Hren Sie? Hren Sie? Was sollte ich da machen? Ich schwieg
und sagte kein Wort!

Proletew. Aber erlauben Sie: warum haben Sie ihn nicht gleich Lgen
gestraft?

Burdjukow. Was sollte ich machen? (Gestikuliert mit den Hnden.) Er fing
an zu schwren, sie htte das wirklich alles gesagt! Nun -- ich mute
ihm glauben!

Proletew. Und hat man das Testament geffnet?

Burdjukow. Jawohl.

Proletew. Nun, und ..?

Burdjukow. Passen Sie auf: Sobald man nach Christenpflicht alles besorgt
hatte, sagte ich, es sei doch jetzt Zeit, sich die letzte
Willenserklrung der Seligen anzusehen. Der Bruder konnte kaum
antworten: er war so voller Schmerz und Verzweiflung, da er nur
fortwhrend weinte. Nehmen Sie es, sagte er, und lesen Sie selbst.
Die Zeugen versammelten sich, und man las das Testament vor. Nun, und
was glauben Sie, steht in dem Testament? Folgendes: Meinem Neffen Pawel
Petrows Sohn Burdjukow -- passen Sie auf -- hinterlasse ich zur
Belohnung fr seine kindliche Sorge um mich und fr sein stetes
Verweilen in meiner Nhe bis zu meinem Tode -- merken Sie etwas? --
mein ererbtes und wohlerworbenes Gut im Kreise Ustjug, -- aha, soweit
ist es also gekommen! -- fnfhundert Seelen, Mobilien und alles
brige! Nun, haben Sie gehrt? Meiner Nichte Maria Petrowna
Powalischtschew, geborene Burdjukow, hinterlasse ich das ihr zukommende
Gut von hundert Seelen ... Meinem Neffen, aha, merken Sie etwas? Da ist
die Eiterbeule! Chrisanphy Petrows Sohn Burdjukow, passen Sie auf,
passen Sie auf, vermache ich als Erinnerung an mich, oho! oho! drei
Samtrcke und das ganze Germpel, das sich im Speicher befindet, als da
sind: zwei Federbetten, das Fayencegeschirr, die Laken und Hubchen ...
und der Teufel mag wissen, was fr Lumpereien noch! Nun? wie gefllt
Ihnen das? Ich frage Sie: wozu zum Teufel brauche ich drei Samtrcke?

Proletew. So ein Lump! Ich bitte Sie!

Burdjukow. Eine Schurkerei -- das stimmt vollkommen. Ich bin durchaus
einer Meinung mit Ihnen, aber ich frage Sie nochmals: wozu brauche ich
drei Samtrcke? Was soll ich damit anfangen? Soll ich sie mir ber den
Kopf ziehen?

Proletew. Und haben die Zeugen unterschrieben?

Burdjukow. Natrlich, er hatte sich schon das rechte Lumpenpack
zusammengetrommelt!

Proletew. Und die Selige hatte eigenhndig unterzeichnet?

Burdjukow. Darum handelt es sich ja -- sie hat unterzeichnet, aber der
Teufel mag wissen wie!

Proletew. Wie?

Burdjukow. Passen Sie auf: die Selige hie Jewdokia, und sie hat so ein
Zeug hingekritzelt, das keiner entziffern kann.

Proletew. Warum nicht?

Burdjukow. Ja das mag der Teufel wissen! Sie htte doch Jewdokia
schreiben mssen -- in Wahrheit aber hat sie geschrieben: Tauche ein!

Proletew. Was Sie sagen!

Burdjukow. Oh, ich werde Ihnen sagen: der ist zu allem fhig! Und
meinem Neffen Chrisanphy Petrow: drei Samtrcke!

Proletew (beiseite). Dieser Pawel Petrowitsch Burdjukow ist ein
Hauptkerl, nie htte ich geglaubt, da er so ein Schlaukopf ist!

Burdjukow (gestikulierend). Tauche ein! Was soll das bedeuten? Das ist
doch kein Name: Tauche ein!

Proletew. Und was beabsichtigen Sie nun zu tun?

Burdjukow. Ich habe schon eine Eingabe behufs Kassierung des Testaments
eingereicht, weil die Unterschrift falsch ist. Sie sollen mir doch
nichts vorlgen: die Selige hie Jewdokia und nicht Tauche ein!

Proletew. Sie haben ganz Recht! Doch erlauben Sie mir jetzt, die Sache
in die Hand zu nehmen. Ich werde sofort einen mir bekannten Sekretr
benachrichtigen, und Sie stellen mir inzwischen eine Abschrift von Ihrem
Testament zu.

Burdjukow. Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. (Nimmt seinen Hut.)
Durch welche Tr geht man hinaus, durch diese oder jene?

Proletew. Bitte durch diese.

Burdjukow. Aha. Ich habe blo darum gefragt, weil ich noch wegen eines
Bedrfnisses wohin mu. Also auf Wiedersehen, Verehrtester! ... Wie
heien Sie doch? ... Ich vergesse es immer.

Proletew. Alexander Iwanowitsch.

Burdjukow. Alexander Iwanowitsch. Alexander Iwanowitsch heit einer von
den Proldiukowskis; kennen Sie ihn?

Proletew. Nein.

Burdjukow. Er wohnt fnf Werst von unserm Gute. Leben Sie wohl!

Proletew. Leben Sie wohl, Verehrtester, leben Sie wohl!


                              4. Auftritt

                      Proletew. Spter der Diener.

Proletew. Das ist ja ein unerwartetes Glck! Das ist geradezu ein
Geschenk; einfach eine Schickung Gottes. Seltsam, aber man fhlt so ein
unsagbares Vergngen in der Seele, als ob einem die eigene Frau zum
erstenmal einen Sohn geboren, oder der Minister einem in Anwesenheit
aller Beamten einen Ku gegeben hat. Bei Gott -- etwas beinahe
Magnetisches. He! Andrei! (Andrei tritt ein.) Geh sofort zu meinem
Sekretr und rufe ihn her. Hrst du? Ja -- und wart mal: hier hast du
ein Trinkgeld, betrink dich ordentlich, heut erlaub' ich's dir; und da
hast du noch etwas fr deinen Jungen, fr Kuchen. Sag dem Sekretr, er
soll sofort ... es handle sich um eine hchst eilige Angelegenheit! Ach,
endlich doch ... aber mit wie vieler Mhe! Auch in unsere Strae also
zog das Glck ein! Warte, jetzt setze ich mich hin und pfeife, und wir
wollen sehen, wie du tanzen wirst! Wenn ich erst aus meinen Kollegen ein
Orchester zusammenbringe, dann sollst du mir tanzen, da dir dein Leben
lang die Hften schmerzen sollen!




                             Das Vorzimmer


                              1. Auftritt

   Das Theater stellt ein Flurzimmer dar. Rechts fhrt eine Tr zur
   Treppe, links eine zum Saal. Im Hintergrund, etwas zur Seite, die
   Tr zum Kabinett. Auf einer Bank, die durch die Lnge des Raums
   bis zu dieser Tr reicht, schlafen Pjotr, Iwan und Grigori, einer
   den Kopf auf die Schultern des andern sttzend. An der Tr, die
    zur Treppe fhrt, ertnt lautes Klingeln. Die Lakaien erwachen.

Grigori. Geh, mach die Tr auf! Man klingelt.

Pjotr. Und warum bleibst du sitzen? Du hast wohl Beulen an den Fen,
was? Du kannst wohl nicht aufstehen?

Iwan (beruhigend). Nun gut, ich werde gehen. Ich werde schon aufmachen.
(ffnet die Tr und ruft.) Das ist ja Andruschka!

   (Ein fremder Diener in Mtze und Mantel tritt ein, er trgt ein
                          Bndel in der Hand.)

Grigori. Nun, du Moskauer Nachteule, was hat dich hierher getrieben!

Der fremde Diener. Du Schuchoner Kauz, wenn du so viel herumgelaufen
wrst wie ich! Sie befiehlt mir das da (hebt das Bndel empor) der
Blumenhndlerin auf der Petersburgskaja zu bringen. Aber kein Gedanke,
da sie mir etwa eine Kopeke fr eine Droschke gibt. Und auch zu eurem
Herrn soll ich .. nun, schlft er noch?

Grigori. Wer? Der Br? Nein, der liegt noch in seiner Hhle und hat noch
nicht gebrummt.

Pjotr. Ist es wahr, da eure Gndige euch Strmpfe stopfen lt? (Alle
lachen.)

Grigori. Brderchen, von jetzt ab sollst du die Stopferin heien -- wir
werden dich alle so nennen!

Der fremde Lakai. Bist du ein Lgner! Nie habe ich einen Strumpf
gestopft!

Pjotr. Aber es ist ja bekannt von euch: bis zum Mittag ist ein Diener
bei euch Koch, und nach dem Mittag Kutscher, Lakai oder Stiefelflicker.

Der fremde Lakai. Nun und was ist schon dabei? Ein Handwerk steht doch
dem andern nicht im Wege. Man kann doch nicht ohne Arbeit herumsitzen!
Gewi, ich bin Lakai und Damenschneider zugleich. Ich nhe fr meine
Gndige und auch fr Fremde -- so bring ich doch noch ein paar Kopeken
zusammen. Und ihr, was tut ihr? Ihr tut nichts!

Grigori. Nein Bruder, ein anstndiger Herr wird seine Lakaien nicht mit
solchen Arbeiten beschftigen: dafr gibt es Handwerker genug. Der Graf
Bulkin hat allein dreiig Diener, und dort, Bruder, dort gibt es nicht
so was. Petruschka, geh mal da und dahin. Nein, wrde er antworten,
nein, das ist nicht meine Sache. Belieben Sie doch Iwan zu
beauftragen! Ja, so ist es! So sieht es aus, wenn ein Herr wie ein Herr
lebt! Eure Alte, die aus Moskau angekommen ist, hat berhaupt eine
Kalesche wie eine geknackte Nu. Die Schwnze der Pferde sind mit
Strippen zusammengebunden. (Alle lachen).

Der fremde Lakai. Nein, was du fr ein Spavogel bist! -- Und was hast
du davon, wenn du den ganzen Tag herumliegst? Dabei kommt keine Kopeke
heraus!

Grigori. Was brauche ich deine Kopeken? Wozu ist denn der Herr da? Den
Lohn zahlt er mir doch aus, ob ich nun arbeite oder nicht. Fr das Alter
sparen brauche ich nicht. Das wre ja ein netter Herr, der seinem Diener
keine Pension fr seine Arbeit aussetzt.

Der fremde Lakai. brigens ... die Kollegen wollen einen Ball geben?

Pjotr. Ja. Kommst du?

Der fremde Lakai. Ach, das wird schon ein Ball werden. Blo dem Namen
nach, sonst ...

Grigori. O nein Bruder, das wird ein richtiger Ball werden! Alle geben
einen Rubel, und manche noch mehr. Der Koch des Frsten hat fnf Rubel
gegeben und bernimmt es persnlich, das Essen zu bereiten. Eine
Bewirtung wird es geben -- nicht etwa blo Nsse! Ein halbes Pud
Konfitren sind schon gekauft, dazu Eis ... (man hrt ein dnnes
Klingeln im herrschaftlichen Kabinet.)

Der fremde Lakai. Geh hin, der Herr klingelt.

Grigori. Der kann warten. -- Man will 'ne Lumination machen. Mit der
Musik ist auch schon verhandelt worden, man ist sich aber noch nicht
einig geworden: es ist kein Ba da, sonst wre man schon ... (Man hrt
ein etwas strkeres Luten aus dem Kabinett.)

Der fremde Lakai. Geh! Geh doch! Er klingelt.

Grigori. Der kann warten. -- Wieviel gibst du?

Der fremde Lakai. Ach, was ist an diesem Ball dran. Das ist alles doch
nur so.

Grigori. Nun binde mal deinen Beutel auf, du -- Stopferin. Da, sieh ihn
dir an, Petruschka, was fr einer das ist ... (Pufft ihn mit dem Finger.
Whrend dieser Zeit ffnet sich die Tr, der Herr im Schlafrock streckt
die Hand aus und packt Grigori beim Ohr; alle erheben sich von ihren
Pltzen.)


                              2. Auftritt

Der Herr. Was tut ihr eigentlich hier, ihr Miggnger? Drei Mann, und
kein einziger erhebt sich von seinem Platz! Und ich klingle aus allen
Krften, ich habe beinahe die Schnur zerrissen!

Grigori. Es war nichts zu hren, gndiger Herr.

Der Herr. Du lgst.

Grigori. Bei Gott! Warum soll ich lgen? Petruschka hat ja auch
dabeigesessen. Das ist schon so eine Klingel, gndiger Herr, die taugt
gar nichts, niemals hrt man etwas. Man mu den Schlosser rufen.

Der Herr. Nun, dann mu man eben den Schlosser rufen.

Grigori. Ich habe es dem Hausmeister auch schon gesagt. Aber was hilft
das? Man sagt ihm etwas, und er schimpft einen nur aus.

Der Herr (erblickt den fremden Lakaien). Was ist denn das da fr ein
Mensch?

Grigori. Ein Diener von Anna Petrowna, der einen Auftrag an Sie hat.

Der Herr. Nun, Bruder, was hast du mir zu sagen.

Der fremde Lakai. Die gndige Frau lt sich empfehlen und lt Ihnen
mitteilen, da die gndige Frau heute bei Ihnen sein wird.

Der Herr. Weit du nicht warum?

Der fremde Lakai. Das wei ich nicht. Die gndige Frau sagte nur: Sage
Fjodor Fjodorowitsch, ich htte befohlen, ihn zu gren, und ich werde
heute zu ihm kommen.

Der Herr. Und wann? Um wieviel Uhr?

Der fremde Lakai. Um wieviel Uhr? Das wei ich nicht. Die gndige Frau
sagten nur: Melde Fjodor Fjodorowitsch sagte sie, da ich zu ihm
kommen werde, und da ich ihn persnlich aufsuchen werde.

Der Herr. Gut. Petruschka, hilf mir schnell, mich ankleiden. Und ihr da
-- keiner wird empfangen, hrt ihr? Allen wird gesagt, ich bin nicht zu
Hause! (Geht, Petruschka folgt ihm.)


                              3. Auftritt

Der fremde Lakai (zu Grigori). Nun siehst du, da hast du's bekommen.

Grigori (macht eine abwehrende Bewegung). Ach, das ist schon ein Dienst!
Man mag sich so viel Mhe geben, als man will: man wird doch
ausgescholten! (Die Klingel an der Flurtr erschallt.)

Grigori. Da kommt schon wieder ein Strenfried. (Zu Iwan.) Geh, mach
auf! Was, hltst du Maulaffen feil! (Iwan ffnet die Tr, ein Herr im
Pelz tritt herein.)


                              4. Auftritt

Der Herr im Pelz. Ist Fjodor Fjodorowitsch zu Hause?

Grigori. Nein.

Der Herr. Wie rgerlich. Weit du nicht, wohin er gegangen ist?

Grigori. Ich wei nicht. Wahrscheinlich ins Departement. Wen darf ich
melden?

Der Herr. Sag, da Neweleschtschagin hier war. Und es htte ihm sehr
leid getan, da er niemand zu Haus getroffen habe. Hrst du? Wirst du es
auch nicht vergessen? Neweleschtschagin.

Grigori. Lentjagin?

Der Herr (eindringlich). Neweleschtschagin.

Grigori. Sie sind ein Deutscher?

Der Herr. Was -- ein Deutscher! Ein Russe natrlich!
Ne-we-lesch-tscha-gin.

Grigori. Hrst du, Iwan, vergi nich. Erdaschtschagin. (Der Herr
entfernt sich.)


                              5. Auftritt

Der fremde Lakai. Lebt wohl, Brder. Es ist jetzt Zeit fr mich.

Grigori. Nun, wie steht's? Wirst du zum Ball kommen?

Der fremde Lakai. Das will ich mir noch berlegen. Leb wohl, Iwan. (Ab.)

Iwan. Leb wohl. (Er geht, um die Tr zu ffnen.)


                              6. Auftritt

              Das Stubenmdchen eilt durch das Vorzimmer.

Grigori. Wohin? Wohin? So schenken Sie mir doch nur einen Blick. (Hascht
sie beim Rock.)

Das Mdchen. Es geht nicht, es geht nicht, Grigori Pawlowitsch. Halten
Sie mich nicht auf, ich habe gar keine Zeit. (Reit sich los und eilt zu
der Tr, die zur Treppe fhrt.)

Grigori (sieht ihr nach). Schau nur, wie die trippelt! (Lacht.) He he
he!

Iwan (lacht). Hi hi hi. (Der Herr tritt herein; Grigori und Iwan machen
pltzlich besorgte Gesichter und werden ernst. Grigori nimmt den Pelz
von dem Stnder und legt ihn dem Herrn um die Schultern; der Herr
entfernt sich. Grigori bleibt in der Mitte des Zimmers stehen und putzt
sich die Nase mit dem Finger.)

Grigori. Jetzt haben wir freie Zeit: der Herr ist weg. Nun wre ja alles
gut, aber gleich kommt dieser Teufel, dieser Wanst von einem
Hausmeister. (Hinter der Bhne hrt man den Hausmeister lrmen: Es ist
'ne wahrhaftige Strafe Gottes, zehn Mann im Hause und kein einziger
rumt auf!) Da schreit er schon, dieser Dickwanst.


                              7. Auftritt

Der Hausmeister (tritt sehr beleidigt und erregt herein und gestikuliert
heftig mit den Hnden). Wenn ihr euch nicht vor Gott frchtet, so
solltet ihr euch doch wenigstens vor eurem Gewissen frchten. Die
Teppiche sind bis jetzt noch nicht ausgeklopft! Sie, Grigori
Pawlowitsch, sollten den andern ein Beispiel geben: und gerade Sie
schlafen vom Morgen bis Abend. Die Augen sind Ihnen ja ganz verschwollen
vom Schlaf, bei Gott! Sie sind ein wirklicher Schurke, Grigori
Pawlowitsch!

Grigori. Bin ich denn kein Mensch, da ich nicht auch mal einschlummern
kann?

Der Hausmeister. Wer sagt denn auch ein Wort dagegen? Warum soll man
nicht einmal einschlummern knnen? Aber doch nicht fr den ganzen Tag!
Und auch du, beispielsweise, Pjotr Iwanowitsch, ohne etwas gegen dich
sagen zu wollen, du gleichst doch ganz einem Schwein -- bei Gott! Was
hast du zu arbeiten? Ein, zwei Leuchter putzen. Und warum sitzt du hier
herum? (Pjotr entfernt sich langsam.) Und dir, Iwan, mte man einfach
einen Sto ins Genick geben.

Grigori (indem er sich entfernt). Ach, dieses Leben -- dieses Leben! Der
Kerl steht auf und gleich beginnt er zu schreien!

Der Hausmeister (bleibt allein). Darin besteht eben die Ordnung, da
jeder Mensch seine Pflicht kennt. Wenn du ein Diener bist -- so mut du
auch ein Diener sein, bist du ein Edelmann -- so sei ein Edelmann, bist
du ein Bischof -- so mut du ein Bischof sein. Sonst knnte ja jeder
anfangen ... ich wrde z. B. gleich sagen: Nein, ich bin kein
Hausmeister, sondern ein Gouverneur oder irgendeiner von der
Infanterie. Aber darauf wrde mir doch jeder antworten: Nein, du
lgst, du bist ein Hausmeister und kein General. -- Ja! Deine Pflicht
ist es, ber das Haus zu wachen und ber das Benehmen der Diener! Ja!
Fr dich heit es nicht: >_Bon jour comment vous franais_<, sondern:
halt Ordnung, gib deine Anweisungen! So ist's! Jawohl!


                              8. Auftritt

      Anuschka, das Stubenmdchen aus dem andern Hause, tritt ein.

Der Hausmeister. Ah, Anna Gawrilowna! Meine Hochachtung! Ich begre Sie
mit auerordentlichem Vergngen!

Anuschka. Machen Sie sich keine Mhe, Lawrenti Pawlowitsch. Ich komme
absichtlich nur auf eine Minute zu Ihnen; ich habe den Wagen Ihres Herrn
gesehen und erfahren, da er nicht zu Hause ist.

Der Hausmeister. Daran haben Sie sehr wohl getan. Ich und meine Frau
werden uns sehr freuen. Bitte, setzen Sie sich doch.

Anuschka (setzt sich). Sagen Sie, Sie wissen doch etwas von dem Ball,
der in den nchsten Tagen stattfinden soll?

Der Hausmeister. Natrlich. Sehen Sie wohl, es war beispielsweise eine
Kollekte veranstaltet: ein Mensch gibt etwas, und ein anderer gibt
etwas, und wie gesagt, ein dritter ... Natrlich wird das sozusagen eine
grere Summe ausmachen. Ich und meine Frau haben zusammen fnf Rubel
gegeben. Natrlich: es ist doch ein Ball! Oder wie man zu sagen pflegt:
eine Soiree! Es wird auch was vorgesetzt werden, wie gesagt,
Erfrischungen und fr die jungen Leute Tnze und Vergngungen hnlicher
Art.

Anuschka. Ich werde unbedingt kommen, unbedingt. Ich bin nur
hergekommen, um zu erfahren, ob Sie und Agafja Iwanowna da sein werden.

Der Hausmeister. Agafja Iwanowna spricht von nichts anderem als von
Ihnen.

Anuschka. Ich frchte mich nur wegen der Gesellschaft.

Der Hausmeister. Nein, Anna Gawrilowna, die Gesellschaft wird sehr gut
sein. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich habe gehrt, da
der Kammerdiener des Frsten Tolstogub, der Bfettier und der Kutscher
des Frsten Brjuchowezki und das Stubenmdchen irgendeiner Frstin da
sein werden. Ich hoffe, da auch einige Beamte kommen werden.

Anuschka. Nur eins gefllt mir gar nicht, da auch die Kutscher da sein
werden. Sie riechen immer nach schlechtem Tabak oder Wodka; und dabei
sind sie alle so ungebildet und haben schlechte Manieren.

Der Hausmeister. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, Anna Gawrilowna, da
es Kutscher und Kutscher gibt. Das ist natrlich richtig: die Kutscher
haben ununterbrochen mit den Pferden zu tun und manchmal mssen sie, mit
Verlaub zu sagen, sogar den Dung auskehren; gewi, so ein einfacher
Mensch -- der trinkt ab und zu ein Glas Wodka und manchmal auch mehr,
raucht gewhnlich Bakun, wie es das einfache Volk meistenteils zu tun
pflegt, und so ist es ja natrlich, da er manchmal beispielsweise nach
Dung oder Wodka stinkt -- gewi, das stimmt. Aber das mssen Sie doch
selbst sagen, Anna Gawrilowna, da es auch Kutscher gibt, die zwar
Kutscher sind -- die man aber nach ihren Gewohnheiten eher Stallbeamte
als Kutscher nennen mchte. Ihr Amt oder ihre Obliegenheit sozusagen
besteht darin, da sie Hafer herausgeben oder einem Vorreiter oder
Kutscher eine Zurechtweisung erteilen, wenn sie sich was zuschulden
kommen lassen.

Anuschka. Wie Sie schn reden knnen, Lawrenti Pawlowitsch, ich bin
immer ganz hingerissen.

Der Hausmeister (mit einem zufriedenen Lcheln). Oh, keine Ursache zu
danken, Gndigste! Gewi, nicht jeder Mensch kann reden, nicht jeder hat
sozusagen die Gabe des Wortes. Natrlich kommt es vor ... da einer, wie
man zu sagen pflegt, nur stammelt ... oder andere Flle hnlicher Art
... was ja allerdings eine natrliche Anlage ist ... Aber belieben Sie
nicht, in mein Zimmer zu kommen? (Anuschka geht ab, Lawrenti Pawlowitsch
folgt ihr.)




                                Fragment


                Ein Zimmer im Hause Maria Alexandrownas.


                              1. Auftritt

   Maria Alexandrowna, eine Dame mittleren Alters, und Michailo
                        Andrejewitsch, ihr Sohn.

Maria Alexandrowna. Hr, Mischa, ich wollte schon lngst mit dir
sprechen: du mut deinen Dienst wechseln.

Mischa. Meinetwegen morgen.

Maria Alexandrowna. Du mut zum Militr.

Mischa (reit die Augen auf). Zum Militr?

Maria Alexandrowna. Ja.

Mischa. Was sagen Sie, Mamachen, zum Militr?

Maria Alexandrowna. Warum bist du so erstaunt?

Mischa. Aber ich bitte Sie -- wissen Sie denn nicht: man mu doch mit
dem Junker anfangen!

Maria Alexandrowna. Nun ja, du wirst ein Jahr als Junker dienen, und
dann wirst du Offizier werden -- la das nur meine Sorge sein.

Mischa. Aber was finden Sie Militrisches an mir? Auch meine Figur ist
doch gar nicht militrisch. Ich bitte Sie, Mtterchen, wahrhaftig, Sie
haben mich mit diesen Worten so berrascht, da ich ... ich ... ich wei
einfach nicht, was ich davon denken soll. Ich bin Gott sei Dank ein
wenig dick, und wenn ich noch die Junkeruniform mit den kurzen Schen
anziehen soll, werde ich mich schmen, mich anzusehen.

Maria Alexandrowna. Tut nichts. Man wird dich zum Offizier ernennen, und
du wirst eine Uniform mit langen Rockschen tragen, die deinen
Embonpoint gnzlich verdecken wird, so da man nichts davon merkt. Es
ist sogar besser, da du ein wenig beleibt bist -- um so eher wird die
Befrderung kommen: sie werden sich ja schmen, da es in ihrem Regiment
so einen dicken Fhnrich gibt.

Mischa. Aber Mutterchen, ich habe ja nur noch ein Jahr bis zum
Kollegienassessor. Ich bin schon zwei Jahr lang Titularrat.

Maria Alexandrowna. Hr auf, hr auf! Dieses Wort Titular peinigt
meine Ohren; mir kommt immer gleich Gott wei was dabei in den Sinn. Ich
will, da mein Sohn in der Garde dient, ich kann diese Garnitur jetzt
einfach nicht mehr ansehen.

Mischa. Aber Mutterchen, bedenken Sie: sehen Sie mich einmal gut an,
auch mein ueres. Schon in der Schule nannte man mich eine Schlafmtze.
Beim Militr ist es doch immer notwendig, da man mutig auf seinem Gaul
sitzt, eine klangvolle Stimme, einen heldenhaften Wuchs und eine
schlanke Taille hat.

Maria Alexandrowna. Das wirst du schon haben, das wirst du schon alles
haben. Ich wnsche unbedingt, da du dienst. Und es gibt einen wichtigen
Grund dafr.

Mischa. Was fr einen Grund?

Maria Alexandrowna. Nun -- einen wichtigen Grund.

Mischa. Immerhin knnen Sie mir doch sagen, was fr ein Grund das ist.

Maria Alexandrowna. Ach, ich habe meinen Grund -- ich wei auch gar
nicht, ob du das richtig verstehen wirst. Die Gubomasowa, diese Nrrin,
sagte vorgestern bei den Rogoschinskis -- und zwar absichtlich, damit
ich's hren sollte -- ich sa als dritte in der Reihe: vor mir sa Sofia
Wotruschkow, die Frstin Alexandrin und nach der Frstin Alexandrin
gleich ich -- und was glaubst du wagte diese abscheuliche Person zu
sagen? ... Wahrhaftig, ich wollte mich schon von meinem Platze erheben
und wenn nicht die Frstin Alexandrin dagewesen wre, wei ich nicht,
was ich getan htte. Denk dir, sie sagte: Ich bin sehr froh, da man
keine Zivilisten zu den Hofbllen zult, die sind alle sagte sie,
_mauvais genre_, sie riechen nach etwas Unvornehmen. Ich bin froh,
sagte sie weiter, da mein Alexis keinen solchen ekelhaften Frack
trgt. Und das alles sagte sie so geziert, in so einem Ton, so ...
wahrhaftig, ich wei nicht, was ich getan htte. Und dabei ist ihr Sohn
doch einfach ein Trottel, der nichts kann, als die Beine in die Hhe
heben. So ein abscheuliches Frauenzimmer!

Mischa. Was, Mtterchen, das ist der ganze Grund?

Maria Alexandrowna. Ja, jetzt will ich es erst recht haben, ihr zum
Trotz -- da mein Sohn bei der Garde dient und alle Hofblle besucht.

Mischa. Aber Mtterchen, ich bitte Sie: -- einzig weil sie eine Nrrin
ist ...?

Maria Alexandrowna. Nein, ich bin fest entschlossen: sie soll vor rger
platzen, sie soll wtend sein.

Mischa. Aber ...

Maria Alexandrowna. Oho, ich werde es ihr schon zeigen! Sie mag tun was
sie will: ich werde alle meine Krfte anstrengen, und mein Sohn wird
auch in der Garde dienen. Wenn er auch etwas dadurch verliert -- er wird
unbedingt dort dienen. Soll ich jedem ekelhaften Frauenzimmer gestatten,
sich vor mir aufzublasen und ihre Stumpfnase noch hher zu tragen? Nein,
nie wird das geschehen! Sie knnen machen, was Sie wollen, Natalia
Andrejewna!

Mischa. Aber werden Sie sie damit auch rgern?

Maria Alexandrowna. Nein, ich werde das nie zugeben!

Mischa. Gut, wenn Sie es verlangen, werde ich mich zum Militr versetzen
lassen; aber wahrhaftig, es wird mir selbst lcherlich vorkommen, wenn
ich mich in der Uniform sehen werde.

Maria Alexandrowna. Mindestens ist sie noch vornehmer als dieses
Frckchen. Und nun etwas anderes: ich will dich verheiraten.

Mischa. Wie, alles auf einmal? Ich soll den Dienst wechseln und mich
auerdem noch verheiraten?

Maria Alexandrowna. Nun und was ist dabei? Als ob es nicht mglich ist,
da man den Dienst wechselt und zugleich heiratet.

Mischa. Aber ich hatte ja gar nicht die Absicht. Ich will noch nicht
heiraten.

Maria Alexandrowna. Du wirst schon wollen, wenn du erst erfhrst, wen.
Mit dieser Heirat wirst du dein Glck machen: sowohl im Dienst wie in
der Familie. Mit einem Wort: ich will dich mit der Frstin
Schlepochwostow verheiraten.

Mischa. Aber Mtterchen, das ist ja eine Gans allerersten Ranges.

Maria Alexandrowna. Gar nicht ersten Ranges. -- Sie ist genau so eine
wie alle andern. Ein ausgezeichnetes Mdchen, sie hat nur kein
Gedchtnis: manchmal vergit sie sich und sagt etwas Unpassendes; doch
das ist nur Zerstreutheit, dafr klatscht sie nicht und sie wird sich
nie etwas Schlimmes ausdenken.

Mischa. Aber ich bitte Sie, wie sollte sie auch klatschen! Sie kann ja
kaum ein Wort hervorbringen und wenn sie es tut, dann nur so, da man
die Hnde ringen mchte. Sie wissen ja selbst, Mtterchen, das Heiraten
ist eine Herzensangelegenheit, man mu die Seele ...

Maria Alexandrowna. Nun ja! Als ob ich's geahnt habe! Hre, la diesen
liberalen Tonfall! Er pat nicht zu dir, ich habe dir das schon
zwanzigmal gesagt. Anderen mag er vielleicht liegen, aber dich kleidet
er schon gar nicht.

Mischa. Mtterchen, war ich Ihnen je ungehorsam? Ich bin schon bald
dreiig Jahre alt, und ich gehorche Ihnen in allem wie ein Kind. Sie
befehlen mir irgendwohin zu fahren, wohin ich in den Tod nicht fahren
mchte -- und ich tue es, ohne Ihnen auch nur zu zeigen, wie schwer es
mir fllt. Sie befehlen mir, mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herumzudrcken, und ich drcke mich im Vorzimmer des Herrn Soundso
herum, auch wenn es ganz gegen meine Wnsche ist. Sie befehlen mir, auf
den Bllen herumzutanzen -- und ich tanze, trotzdem alle ber mich und
meine Figur lachen. Schlielich befehlen Sie mir den Dienst zu wechseln:
und ich wechsle den Dienst, mit dreiig Jahren werde ich Junker, werde
mit dreiig Jahren gleichsam von neuem geboren wie ein Kind -- alles
Ihnen zuliebe, und dabei reiben Sie mir jeden Tag den Liberalismus unter
die Nase. Es vergeht kein Moment, wo Sie mich nicht einen Liberalen
nennen. Hren Sie, Mtterchen, das schmerzt -- ich schwre Ihnen, das
schmerzt. Ich habe doch wohl fr meine aufrichtige Liebe und
Anhnglichkeit an Sie mehr verdient, als ...

Maria Alexandrowna. Bitte, sprich nicht so. Als ob ich nicht wei, da
du ein Liberaler bist! Ich wei sogar, wer dir dies alles eingeredet
hat: das kommt alles von diesem widerlichen Sobatschkin.

Mischa. Nein, Mtterchen, das ist zu viel, nun soll ich auch noch
Sobatschkin folgen. Sobatschkin ist ein Lump, ein Spieler und alles, was
Sie wollen. Aber daran ist er unschuldig. Ich werde ihm niemals
erlauben, auch nur einen Schatten von Einflu auf mich zu haben.

Maria Alexandrowna. Ach mein Gott, was ist das fr ein furchtbarer
Mensch! Ich erschrak frmlich, als ich ihn durchschaute. Ohne alle
Grundstze, ohne Tugenden -- was fr ein abscheulicher Mensch! Wenn du
wtest, was er fr Gerchte ber mich verbreitet hat! ... Drei Monate
konnte ich mein Gesicht nirgends sehen lassen. Talgstmpfe soll man bei
mir brennen! Wochenlang sollen die Teppiche in den Zimmern nicht mit der
Brste berhrt werden! Die Pferde seien bei mir mit einfachen Stricken
angeschirrt, und ich soll so spazieren gefahren sein: mit einem Kummet,
wie bei einem gewhnlichen Droschkengaul ... Ich wurde ganz rot vor
Scham; ber eine Woche bin ich nicht ausgegangen, ich wei gar nicht,
wie ich das alles berstehen konnte. Wahrhaftig, nur der Glaube an die
Vorsehung hat mich noch aufrecht erhalten!

Mischa. Und Sie glauben, da so ein Mensch Macht ber mich gewinnen
knnte? Sie glauben, ich wrde erlauben, da er ...

Maria Alexandrowna. Ich habe ihm gesagt, da er es nicht wagen soll,
sich vor meinen Augen zu zeigen, und es gibt nur ein Mittel, mit dem du
dich rechtfertigen kannst: da du jetzt deinen Trotz aufgibst und noch
heute der Frstin eine Deklaration machst.

Mischa. Aber Mtterchen, wenn das nicht mglich ist?

Maria Alexandrowna. Wieso ist das nicht mglich, wieso nicht?

Mischa (beiseite). Ein entscheidender Augenblick. (Laut.) Gestatten Sie
mir, mindestens hier meine eigene Meinung zu haben, mindestens in einer
Angelegenheit, von der das Glck meines zuknftigen Lebens abhngt. Sie
haben mich bis jetzt nicht gefragt -- aber wenn ich nun in eine andere
verliebt wre?

Maria Alexandrowna. Das ist ja etwas ganz neues fr mich, ich mu
gestehen, davon habe ich noch nichts gehrt. Nun, und wer ist diese
andere?

Mischa. Ach Mtterchen, ich schwre dir, nie hat es ein hnliches Wesen
gegeben. Sie ist ein Engel: ein Engel an Leib und Seele.

Maria Alexandrowna. Und wo ist sie her? Wer ist ihr Vater?

Mischa. Ihr Vater ist Alexander Alexandrowitsch Odossimow.

Maria Alexandrowna. Odossimow? Der Name ist mir unbekannt. Ich wei von
keinem Odossimow ... Ist er ein reicher Mann?

Mischa. Ein seltener Mensch! Ein merkwrdiger Mensch!

Maria Alexandrowna. Und ist er reich?

Mischa. Was soll ich Ihnen sagen! Sie mssen ihn selbst sehen! Solche
seelischen Vorzge, wie er sie hat, gibt es auf der ganzen Welt nicht
wieder.

Maria Alexandrowna. Aber was ist er? Wer ist es? Was ist sein Rang? Wie
gro ist sein Vermgen?

Mischa. Ich verstehe, was Sie meinen, Mtterchen. Gestatten Sie mir,
Ihnen meine Gedanken offen darzulegen. Wie auch die Verhltnisse sein
mgen -- es gibt jetzt in Ruland keinen Brutigam, der nicht eine
reiche Braut sucht. Jeder will seine Lage mit Hilfe der Mitgift seiner
Frau verbessern. Das mag ja unter gewissen Verhltnissen verzeihlich
sein: ich begreife, da ein Mann, der im Dienste oder anderswo einen
Mierfolg gehabt hat, den vielleicht bermige Ehrlichkeit daran
gehindert hat, sich ein Vermgen zu erwerben -- kurz, was der Grund auch
sein mag, -- da der ein Recht hat, sich eine reiche Braut zu suchen.
Und vielleicht wren die Eltern ungerecht, die seine guten Eigenschaften
nicht anerkennen und ihm ihre Tochter nicht zur Frau geben wrden. Aber
sagen Sie selbst: wrde ein begterter Mann gerecht handeln, der sich
eine reiche Braut suchen wollte? Was sollte dann aus der Welt werden?
Das ist doch ebenso, als wollte einer einen Mantel ber seinen Pelz
anziehen, wenn ihm schon ohnedies warm genug ist ... whrend dieser
Mantel vielleicht jemand anderem die Schultern wrmen knnte. Nein,
Mtterchen, das ist unrecht! Der Vater hat sein ganzes Vermgen der
Erziehung seiner Tochter geopfert.

Maria Alexandrowna. Genug! Genug! Ich bin nicht imstande, mehr zu hren!
Ich wei schon alles -- alles! Da hat er sich in eine Vagabundin
verliebt, in die Tochter irgendeines Fourieurs, der vielleicht Gott wei
was treibt.

Mischa. Mtterchen ...

Maria Alexandrowna. Der Vater ist ein Sufer, die Mutter eine Kchin,
und die Verwandtschaft besteht aus kleinen Polizeibeamten und
Branntweinverkufern! ... Und das alles mu ich mit anhren, mu das
alles ertragen ... ertragen von dem eigenen Sohn, fr den ich mein Leben
nicht geschont habe! ... Nein, das werde ich nicht berleben!

Mischa. Aber Mtterchen, erlauben Sie ...

Maria Alexandrowna. Mein Gott, was fr eine Moral haben denn die jungen
Leute jetzt nur! Nein, das werde ich nie berleben, ich schwre es dir,
das werde ich nicht berleben ... Ah, wie wird mir, mir wird ganz
schwindlig im Kopf. (Schreit auf.) Ach, ich habe Stiche in der Seite!
... Maschka! Maschka! Das Flschchen! ... Ich wei nicht, ob ich den
Abend noch erleben werde! Grausamer Sohn!

Mischa (eilt auf sie zu). Mtterchen, beruhigen Sie sich. Sie schaden
sich nur ...

Maria Alexandrowna. Und das alles hat dieser widerliche Sobatschkin
angerichtet. Ah, ich wei nicht, warum ich diese Pest bis jetzt noch
nicht davongejagt habe.

Der Lakai (in der Tr). Sobatschkin ist gekommen.

Maria Alexandrowna. Was! Sobatschkin? Schickt ihn fort! Fortschicken,
da keine Spur mehr von ihm brig bleibt!


                              2. Auftritt

                       Dieselben und Sobatschkin.

Sobatschkin. Maria Alexandrowna, seien Sie gromtig und verzeihen Sie
mir, da ich so lange nicht bei Ihnen gewesen bin. Aber bei Gott, es war
mir unmglich. Sie knnen sich gar nicht denken, wieviel Geschfte ich
zu erledigen habe ... ich wute ja, da Sie bse sein werden,
wahrhaftig, ich wute es ... (Er erblickt Mischa.) Guten Tag, Bruder,
wie geht's dir?

Maria Alexandrowna (beiseite). Ich finde einfach keine Worte. So ein
Mensch! Und er entschuldigt sich noch, da er so lange nicht hiergewesen
ist!

Sobatschkin. Ich freue mich, da Sie so wohl und gesund sind, soweit man
nach dem Aussehen urteilen kann. Und wie steht's mit der Gesundheit
Ihres Herrn Bruders? Ich mu gestehen, da ich ihn auch hier zu treffen
hoffte.

Maria Alexandrowna. Da htten Sie doch ihn aufsuchen sollen und nicht
mich.

Sobatschkin (lchelt). Ich bin gerade zu Ihnen gekommen, um Ihnen eine
hchst interessante Anekdote zu erzhlen.

Maria Alexandrowna. Ich liebe die Anekdoten nicht.

Sobatschkin. -- Von Natalia Andrejewna Gubomasowa.

Maria Alexandrowna. Was? Von der Gubomasowa? ... (Bemht sich ihre
Neugier zu verbergen.) Dann ist es wohl erst vor kurzem passiert?

Sobatschkin. In diesen Tagen.

Maria Alexandrowna. Um was handelt es sich denn?

Sobatschkin. Wissen Sie, da sie ihre Mdchen eigenhndig prgelt?

Maria Alexandrowna. Nein! Was Sie sagen! Oh, was fr eine Schande! Ist
es nur mglich?

Sobatschkin. Ich schwre es Ihnen, erlauben Sie mir, Ihnen den Hergang
zu erzhlen. Eines Tages befiehlt sie einem Mdchen, das sich irgend
etwas hatte zuschulden kommen lassen, sich so, wie es sich gehrt, aufs
Bett zu legen. Sie selbst geht in ein anderes Zimmer -- ich kann mich
nicht mehr erinnern warum, aber ich glaube, um eine Rute zu holen.
Inzwischen verlt das Mdchen aus irgendeinem Grunde das Zimmer. Statt
ihrer kommt Natalia Andrejewnas Mann hinein, legt sich aufs Bett und
schlft ein. Natalia Andrejewna erscheint also mit der Rute, befiehlt
einem Mdchen, sich dem auf dem Bett Liegenden auf die Fe zu setzen,
deckt einen Lappen ber ihn -- und prgelt ihren eigenen Mann durch.

Maria Alexandrowna (schlgt die Hnde zusammen). Mein Gott, welche
Schande! Wie habe ich bis jetzt nur nichts davon erfahren? Aber ich mu
Ihnen gestehen, ich war immer davon berzeugt, da sie zu so etwas fhig
sei.

Sobatschkin. Selbstverstndlich. Ich habe es schon in aller Welt
erzhlt. Und da sagt man nun: dies Musterweib! Sie sitzt in ihrem Haus,
beschftigt sich mit der Erziehung ihrer Kinder und bringt ihnen selbst
englisch bei! ... Eine schne Erziehung! Jeden Tag prgelt sie ihren
Mann durch wie eine Katze! ... Wahrhaftig, es tut mir leid, aber ich
kann nicht lnger bei Ihnen bleiben. (Verbeugt sich.)

Maria Alexandrowna. Warum haben Sie es so eilig, Andrej Kondratjewitsch?
Schmen Sie sich nicht, nachdem Sie so lange nicht bei mir gewesen sind?
... Ich war immer gewhnt, Sie als Freund des Hauses zu betrachten --
bleiben Sie doch! Ich wollte noch mit Ihnen ber etwas sprechen. Hr mal
Mischa, der Wagenbauer wartet in meinem Zimmer auf mich: bitte sprich du
mit ihm. Frage ihn, ob er es bernehmen will, die Kutsche bis zum ersten
wieder in Stand zu setzen. Er soll sie blau anstreichen, mit hellen
Ornamenten -- in der Art wie die Kutsche der Gubomasowa. (Mischa
entfernt sich.)

Maria Alexandrowna. Ich habe meinen Sohn absichtlich weggeschickt, weil
ich mit Ihnen allein reden will. Sagen Sie, wissen Sie etwas darber, ob
es hier irgendwo einen Alexander Alexandrowitsch Odossimow gibt?

Sobatschkin. Odossimow? ... Odossimow ... Odossimow ... Ich wei, da es
irgendwo einen Odossimow gibt ... aber ich kann mich ja genauer
erkundigen.

Maria Alexandrowna. Bitte.

Sobatschkin. Ich erinnere mich ... Ja, ich erinnere mich, es gibt einen
Odossimow, einen Tischvorsteher oder einen Abteilungschef ... ja, ja, es
gibt so einen ...

Maria Alexandrowna. Denken Sie nur, es ist da eine komische Geschichte
passiert ... Sie knnten mir einen groen Dienst erweisen.

Sobatschkin. Sie haben nur zu befehlen. Fr Sie bin ich zu allem bereit:
aber das wissen Sie ja selbst!

Maria Alexandrowna. Es handelt sich um folgendes: Mein Sohn hat sich
verliebt ... oder richtiger gesagt, es ist ihm eine wahnsinnige Idee in
den Kopf gekommen ... nun, er ist ein junger Mensch ... mit einem Wort:
er ist in die Tochter dieses Odossimow verliebt.

Sobatschkin. Verliebt? Aber er hat mir doch nichts davon erzhlt?
Allerdings, wenn _Sie_ es sagen, wird er wohl verliebt sein.

Maria Alexandrowna. Ich bitte Sie um einen groen Dienst, Andrej
Kondratjewitsch ... Ich wei, Sie gefallen den Frauen.

Sobatschkin. He he he! Woher wissen Sie das? Aber wirklich, denken Sie
sich nur: in der Fastnachtswoche haben sich sechs Kaufmannsfrauen ...
vielleicht glauben Sie, da ich ihnen meinerseits irgendwie ... etwa den
Hof gemacht habe oder sonst was ... Ich schwre Ihnen, nicht einmal
angesehen habe ich sie! Ja noch mehr! Kennen Sie diesen -- wie heit er
nur gleich -- Jermolay? Jermolay ...? Mein Gott, Jermolay, der in der
Litejnaja wohnte, unweit der Kirotschnaja?

Maria Alexandrowna. Ich kenne dort niemanden.

Sobatschkin. Mein Gott, Jermolay Iwanowitsch, glaub ich -- schlagen Sie
mich tot, aber ich habe den Familiennamen vergessen. Seine Frau ist vor
fnf Jahren in eine peinliche Geschichte verwickelt gewesen ... Sie
kennen sie doch? .. Silphida Petrowna?

Maria Alexandrowna. Durchaus nicht. Ich kenne weder einen Jermolay
Iwanowitsch noch eine Silphida Petrowna.

Sobatschkin. Mein Gott, der in der Nhe von Kuropatkin wohnte!

Maria Alexandrowna. Ich kenne aber auch Ihren Kuropatkin nicht.

Sobatschkin. Nun, Sie werden sich spter daran erinnern. Also die
Tochter ist frchterlich reich. Bis zu zweimalhunderttausend Rubel
Mitgift -- ohne jeden Schwindel! Noch vor der Hochzeit soll man den
Lombardschein in den Hnden haben ...

Maria Alexandrowna. Nun, und Sie? Und da haben Sie sie nicht geheiratet?

Sobatschkin. Nein! Drei Tage lang lag der Vater vor mir auf den Knien
und flehte mich an. Die Tochter hat es nicht verwinden knnen und sitzt
jetzt im Kloster.

Maria Alexandrowna. Und warum haben Sie sie nicht geheiratet?

Sobatschkin. Mein Gott ... Ich sagte mir: der Vater ist
Branntweinpchter, und die Verwandtschaft -- lauter hergelaufene Leute
... Glauben Sie mir, spter hat es mir wahrhaftig selbst leid getan. Bei
Gott, hol's der Teufel! Wie diese Welt eingerichtet ist! berall nichts
wie Konventionen und Rcksichten! Wie viele hat das schon zugrunde
gerichtet!

Maria Alexandrowna. Und warum mssen Sie sich nach der Welt richten?
(Beiseite.) Wahrhaftig, jetzt glaubt jedes emporgekommene Insekt, da es
ein Aristokrat ist. Der Mensch ist erst Titularrat, -- und man hre nur,
wie er spricht!

Sobatschkin. Nun ja, aber es ging nun einmal nicht, Maria Alexandrowna,
wirklich, es ging nicht ... Sie verstehen, da htte man gesagt: Aha,
wei der Teufel, wen er geheiratet hat ... Allerdings passieren mir
fortwhrend solche Geschichten. Manchmal habe ich wirklich keine Schuld,
von meiner Seite ist durchaus nichts geschehen, aber was soll man
machen? (Spricht leise vor sich hin.) Dann findet man, wenn die Newa
aufgeht, immer zwei bis drei ertrunkene Frauen -- ich schweige lieber
davon, weil man sonst noch in allerlei Geschichten verwickelt wird ...
Ja, man liebt mich -- und warum, frage ich? Man kann doch nicht sagen,
da mein Gesicht so sehr ...

Maria Alexandrowna. Hren Sie auf! Als ob Sie nicht selbst wten, da
Sie ein schner Mann sind.

Sobatschkin (lchelt). Stellen Sie sich nur vor: schon als ich noch ein
Knabe war, ging keine an mir vorber, ohne mich mit dem Finger am Kinn
zu fassen und zu sagen: Oh, wie schn dieser Schelm ist!

Maria Alexandrowna (beiseite). Ich bitte! ... Von wegen der Schnheit --
das ist doch ein richtiger Mops! Und das bildet sich ein, da es schn
sei! (Laut.) Nun, dann hren Sie, Andrej Kondratjewitsch, bei Ihrem
ueren wird das leicht zu machen sein. Mein Sohn ist bis zur Narrheit
in das Mdchen verliebt und redet sich ein, da sie die wahrhafte Gte
und Unschuld ist. Wissen Sie, wre es nun nicht mglich, ihm das Mdchen
auf irgendeine Art in einem anderen Lichte erscheinen zu lassen? Sie
sozusagen ein bichen herabzusetzen? ... Wenn auch Sie keinen Eindruck
auf sie machen, so da sie sich in Sie vergafft ...

Sobatschkin. Seien Sie berzeugt, Maria Alexandrowna, streiten Sie
nicht! Sie wird es: ich lasse mir den Kopf abschlagen, wenn sie sich
nicht in mich verliebt. Oh, Maria Alexandrowna, lassen Sie mich Ihnen
erzhlen, mir passierten schon andere Geschichten ... erst in diesen
Tagen ...

Maria Alexandrowna. Wie es auch enden mag -- ob sie sich nun vernarrt
oder nicht: es ist nur notwendig, da sich in der Stadt das Gercht
verbreitet, Sie htten ein Verhltnis mit ihr ... und da mein Sohn es
erfhrt.

Sobatschkin. Ihr Sohn?

Maria Alexandrowna. Jawohl, mein Sohn.

Sobatschkin. Hm.

Maria Alexandrowna. Was -- hm?

Sobatschkin. Oh, nichts. Ich machte nur so: hm.

Maria Alexandrowna. Sie finden vielleicht, da es zu schwierig fr Sie
ist?

Sobatschkin. Oh, nein, gar nicht. Aber diese Verliebten ... Sie glauben
gar nicht, zu welch sinnlosen Dingen und unpassenden Kindereien sie sich
hinreien lassen: bald sind es Pistolen, bald ... wei der Teufel, was.
Nicht etwa, da mich das irgendwie ... aber wissen Sie, es schickt sich
nicht in der guten Gesellschaft.

Maria Alexandrowna. Oh! Was das betrifft, da seien Sie ganz ruhig.
Verlassen Sie sich nur auf mich -- das werde ich schon nicht zulassen.

Sobatschkin. brigens war das nur eine Nebenbemerkung. Glauben Sie mir,
Maria Alexandrowna, wenn es sich darum handelte, mein Leben fr Sie aufs
Spiel zu setzen: bei Gott, ich wrde es mit Vergngen tun! Ich liebe Sie
so sehr, da es mir, um die Wahrheit zu sagen, fast etwas peinlich ist:
sie mgen Gott wei was glauben, und doch ist es nur tiefe Verehrung. --
Ach ja, ausgezeichnet, da ich mich daran erinnere! Ich wollte Sie
bitten, Maria Alexandrowna, mir auf kurze Zeit zweitausend Rubel zu
leihen. Wei der Teufel, was ich fr ein idiotisches Gedchtnis habe!
Als ich mich anzog, habe ich immerfort daran gedacht: nur die
Brieftasche nicht vergessen! Ich lege sie absichtlich auf den Tisch,
gerade vor meine Augen. Und nun hab' ich alles mitgenommen, hab' die
Tabaksdose mitgenommen und ein zweites Taschentuch -- nur die
Brieftasche ist auf dem Tisch liegen geblieben.

Maria Alexandrowna (beiseite). Was soll ich mit ihm machen? Gebe ich ihm
das Geld, so wird er mich vollends auspressen, gebe ich's ihm nicht, so
wird er in der ganzen Stadt solch einen Unsinn ber mich verbreiten, da
ich mein Gesicht nirgends sehen lassen kann. Das beste ist, da er noch
behauptet, die Brieftasche vergessen zu haben! Die Brieftasche hast du
bei dir, das wei ich genau, aber sie ist leer. Doch was soll ich machen
-- man mu ihm das Geld geben. (Laut.) Bitte, Andrej Kondratjewitsch,
warten Sie hier, ich werde es Ihnen gleich bringen.

Sobatschkin. Sehr schn, ich werde mich ein Weilchen hersetzen.

Maria Alexandrowna (whrend sie weggeht, beiseite). Ohne Geld wird der
Lump ja doch nichts machen.

Sobatschkin (allein). Diese Zweitausend kann ich gerade ausgezeichnet
gebrauchen. Meine Schulden werde ich davon allerdings nicht bezahlen:
der Schuster kann warten, der Schneider kann warten, und Anna Iwanowna
kann auch warten: sie wird natrlich wieder Lrm schlagen, aber was soll
ich machen? Ich kann doch nicht berall mit dem Gelde um mich werfen!
Sie hat an meiner Liebe genug, und was das Kleid betrifft -- da lgt
sie, das _hat_ sie! ... Ich werde es so machen: nchstens wird ein Fest
stattfinden, und wenn mein Wgelchen auch noch neu ist, so kennt es doch
jeder und hat es schon gesehen. Aber ich hre, da Jochim soeben mit
einem Wagen fertig geworden ist, der ganz nach der letzten Mode gebaut
ist und den er noch niemandem gezeigt hat. Wenn ich diese Zweitausend
noch zu meinem Wagen hinzulege, so werde ich ihn sehr gut dafr
eintauschen knnen. Ah, wissen Sie, das wird Effekt machen! ... Auf dem
ganzen Fest werden hchstens ein oder zwei solche Wagen zu sehen sein.
berall wird man dann von mir sprechen ... Inzwischen mu ich allerdings
ber Maria Alexandrownas Auftrag nachdenken. Mir scheint, da es das
Vernnftigste ist, wenn ich mit Liebesbriefen beginne. Wie, wenn ich
etwa einen Brief in ihrem Namen schriebe und ihn zufllig in seiner
Gegenwart fallen liee oder ihn auf dem Tisch in seinem Zimmer vergesse?
Gewi, es kann allerlei Bses dabei herauskommen. Nun und das wre?
Schlimmstenfalls kann es Schlge geben ... Schlge tun natrlich weh,
aber doch nicht so, da man ... Auerdem kann ich ja auch davonlaufen;
und wenn es irgendwie gefhrlich wird -- laufe ich geradezu in das
Schlafzimmer Maria Alexandrownas und zwar direkt unter ihr Bett. Mag er
mich doch dort hervorholen! Die Hauptsache ist, wie der Brief
geschrieben werden mu! Ich kann in den Tod keine Briefe schreiben: das
ist mein Ende! Der Teufel wei warum! Im Gesprch knnte ich alles,
scheint mir, sehr schn auseinandersetzen; aber sowie ich die Feder
anfasse, so ist es mir, als ob mir jemand eine Ohrfeige gegeben htte.
Konfusion und nichts als Konfusion -- ich kann die Hand nicht bewegen,
und alles ist aus ... Vielleicht geht's so: Ich habe noch einige Briefe,
die vor kurzem an mich geschrieben worden sind; wenn ich einen von den
besseren aussuchte, den Namen wegradierte und einen andern an seine
Stelle setzte? Hm -- das ist wirklich nicht bel? Bei Gott, ich werde
mal in meinen Taschen nachsehen, ob ich nicht einen finde, den ich
brauchen kann. (Nimmt ein paar Briefe aus der Tasche.) Zum Beispiel
dieser! (Liest.) Ich bin Gottseidank gesund, aber ich werde krank vor
Schmerz. Oder haben Sie mich ganz vergessen, mein Herzchen? Iwan
Danilowitsch hat Sie im Teater gesehen, mein Herzchen -- ach, wren Sie
doch zu mir gekommen und htten Sie mich durch Ihre heiteren Gespreche
beruhigt. Hol's der Teufel, ich glaube die Orthographie stimmt nicht.
Nein, mit dem lt sich keine Falle legen, glaube ich. (Liest weiter.)
Ich habe ein Strumpfband fr Sie gestickt, mein Herzchen. Und jetzt
wird sie zrtlich. Etwas reichlich bukolisch und schmeckt nach
Chateaubriand. Ah, hier ist noch etwas, vielleicht findet sich etwas
Besseres darunter! (Faltet einen Brief auseinander, kneift ein Auge zu
und bemht sich, ihn zu entziffern.) Lie-bens-wr-di-ger Freund! Nein,
das heit nicht liebenswrdiger Freund: aber wie heit es denn nur?
Zrtlichster, Teuerster? Nein, auch nicht Teuerster, nein, nein.
(Liest.) Lu-lu-lu-mp. Hm. (Beit die Lippen zusammen.) Wenn du
verrterischer Ruber meiner Unschuld, wenn du dem Krmer das Geld, das
ich in der Unerfahrenheit meiner Seele fr dich geborgt habe, nicht
bezahlst, werde ich dich, du ekelhafte Fratze (das letzte Wort pret er
beinahe zwischen den Zhnen hervor) ... der Polizei anzeigen! Der
Teufel soll sie holen, wahrhaftig, der Teufel soll sie holen! Es steht
doch wirklich garnichts in diesem Brief. Gewi: man kann alles sagen,
aber man mu es doch anstndig ausdrcken; in Worten, die einen Menschen
nicht verletzen. Nein, nein, ich sehe, alle diese Briefe sind nicht
geeignet. Man mu etwas Krftiges suchen, etwas, worin etwas wie
Siedehitze, wie man zu sagen pflegt -- zu spren ist. Ah, hier, hier --
sehen wir uns mal das an! (Liest.) Grausamer Tyrann meiner Seele! Aha,
das ist gut. La dich durch mein Herzensschicksal rhren! Sehr edel!
Bei Gott, sehr edel! Da sprt man doch die Erziehung! Man sieht gleich,
wie sich jemand benimmt. So mu man schreiben: empfindsam und doch wird
der Mensch nicht beleidigt. Diesen Brief werde ich ihm zustecken. Weiter
brauche ich ja gar nicht erst zu lesen: ich wei nur nicht, wie man den
Namen so ausradieren kann, da nichts zu sehen ist. (Er blickt auf die
Unterschrift.) Aha, das ist schn! Es steht gar kein Name darunter!
Ausgezeichnet! Das kann ich unterschreiben! Nein, wie sich die Sache von
selbst macht! -- Und dabei sagt man noch: das uere kommt nicht in
Betracht! Wenn du nicht hbsch wrst, so wrde man sich nicht in dich
verlieben, so wrde man dir keine Briefe schreiben, und htte ich keine
Briefe, so wrde ich nicht wissen, wie ich die Geschichte anfangen soll.
(Tritt vor den Spiegel.) Heut hab' ich mich noch ein bichen gehen
lassen: manchmal ist mir's sogar, als ob ich ein bedeutendes Gesicht
habe ... Schade, da meine Zhne schlecht sind, sonst htte ich die
grte hnlichkeit mit Frst Bagration. Ich wei nur nicht, wie ich mir
den Backenbart stehen lassen soll: so, da er ringsherum eine
ausgesprochene Freese bildet -- wie mit Tuch benht, wie man zu sagen
pflegt -- oder ob ich alles kahl abrasieren und mir nur unter der Lippe
etwas zulegen soll? Ah?




                            Nach dem Theater


                    (Epilog zu einer neuen Komdie.)

                       Deutsch von Alexandra Ramm


   Der Vestibl des Theaters. Auf der einen Seite sieht man die
   Treppen, die zu den Logen und Gallerien emporfhren; in der Mitte
   das Entree zu den Fauteuils und den Balkons, auf der anderen
          Seite den Ausgang. Man hrt entferntes Applaudieren.

Der Autor des Stcks[3] (tritt hinaus). Ich habe mich herausgewunden wie
aus einem Sumpf. Nun ist er endlich da, der Lrm und der Beifall! Das
ganze Theater drhnt! Das ist der Ruhm. Gott, wie htte mein Herz vor
sieben, acht Jahren geklopft! Wie htte es mich emporgehoben! Aber das
liegt weit hinter mir. Damals war ich jung, khn -- wie ein Jngling.
Gepriesen sei das Schicksal, das mich vor frhem Ruhm und Bewunderung
bewahrt hat. Aber jetzt ... Die besonnene Khle des Alters macht jeden
weise. Endlich wird einem klar, da der Beifall noch nicht viel bedeutet
und da er alle zu belohnen bereit ist: ob es ein Schauspieler ist, der
die Geheimnisse der Seele und des menschlichen Herzens kennt, ein
Tnzer, dem es gelungen ist, mit den Fen knstliche Verschlingungen zu
bilden, ein Gaukler -- alle umtost der Beifall. Ob es der grbelnde
Verstand, das empfindende Herz, die tnende Tiefe der Seele, die
kunstvoll bewegten Fe oder die gewandt mit Glsern spielenden Hnde
sind -- auf sie alle pltschert der Beifall herab. Nein, nicht Beifall
wnsche ich mir jetzt: ich wnschte in allen Logen zu sein, auf den
Balkons, im Parkett, auf den Gallerien -- berall mchte ich sein und
aller Meinungen und Eindrcke hren, solange sie noch keusch und frisch
sind und sich noch nicht der Kritik der Kenner und Journalisten
untergeordnet haben, solange jeder noch unter der Wirkung seines eigenen
Urteils steht. Ich mu es wissen: denn ich bin ein Komdienschreiber.
Alle anderen Werke und Kunstformen stehen unter dem Urteil Weniger, und
nur der Komdienschreiber unterliegt dem Gericht Aller; jeder Zuschauer
hat ein Anrecht auf ihn, und jeder Stand ist ber ihn Richter. Oh! Wie
ich wnschte, da mir jeder Einzelne alle Unzulnglichkeiten und Fehler
sagte! Mag er ber mich lachen, mag Migunst seine Worte leiten,
Parteilichkeit, Emprung, Ha, alles -- wenn nur die wahre Meinung
gesagt wird. Es ist nicht mglich, da ein Wort ohne Grund gesprochen
wird, und aus allem kann ein Funke der Wahrheit aufblitzen. Wer es wagt,
andern die lcherlichen Seiten der Welt zu zeigen, mu verstndnisvoll
die Hinweise auf seine eigenen Schwchen und Lcherlichkeiten hinnehmen.
Ich will es versuchen, ich bleibe hier im Vorraum, whrend das Publikum
das Theater verlt. Es ist unmglich, da man nicht ber das neue Stck
spricht: die Menschen sind lebhafter unter der Wirkung des ersten
Eindrucks und wollen ihre Meinungen austauschen. (Tritt zur Seite.)

[Funote 3: Es versteht sich von selbst, da der Autor des Stckes eine
ideale Persnlichkeit ist: er verkrpert die Situation des
Komdiendichters in der Gesellschaft, -- des Komikers, der sich die
Verspottung der Mibruche in den verschiedenen mtern und Stnden zur
Aufgabe gemacht hat.]

Es erscheinen einige gutgekleidete Herrn (der eine spricht zum andern).
Gehen wir lieber gleich, es wird nur noch ein unbedeutendes Vaudeville
gespielt. (Beide entfernen sich.)

    (Zwei Elegants von stattlichem ueren kommen die Treppe herab.)

Der erste Elegant. Es wre gut, wenn die Polizei meinen Wagen nicht zu
weit zurckgetrieben htte. -- Weit du nicht, wie diese junge
Schauspielerin heit?

Der andere Elegant. Nein. Aber sie ist nicht bel.

Der erste Elegant. Sicher, nicht bel. Aber es fehlt ihr etwas ... Ich
empfehle dir brigens ein neues Restaurant, gestern hat man uns frische
grne Erbsen serviert. (Kt sich die Fingerspitzen.) Entzckend! (Beide
entfernen sich.)

Ein Offizier (luft herein, ein anderer hlt ihn am Arm fest).

Der andere Offizier. Bleiben wir doch.

Der erste Offizier. Nein, Brderchen, zum Vaudeville wird mich nichts
verlocken. Ah, wir kennen diese Stcke, die als Nachspeise serviert
werden. Lakaien statt Schauspieler, und die Weiber -- ein Ungetm ber
das andere! (Sie entfernen sich.)

Ein Weltmann (stutzerhaft gekleidet, kommt die Treppe herunter). Ein
Spitzbube, dieser Schneider. Er hat mir die Beinkleider so eng gemacht,
da ich die ganze Zeit vor Unbequemlichkeit kaum sitzen konnte. Dafr
gedenke ich ihn noch etwas hinzuziehen und ihm die nchsten zwei
Jhrchen nichts zu bezahlen. (Er entfernt sich.)

Ein anderer Weltmann (etwas beleibter, er spricht lebhaft zum andern).
Niemals, niemals, glaube es mir, wird er sich mit dir zum Spielen
hinsetzen. Weniger als hundertfnfzig Rubel den Robber spielt er nicht.
Ich wei es genau, weil mein Schwager Pafnutiew jeden Tag mit ihm
spielt.

Der Autor des Stckes (fr sich). Und noch immer kein Wort ber die
Komdie!

Ein Beamter (in mittleren Jahren, kommt mit ausgestreckten Hnden
heraus). Das ist ja einfach -- wei der Teufel, was! ... So ein! ... So
ein! ... Das ist doch unerhrt! (Er entfernt sich.)

Ein Herr (der sich um die Literatur nur wenig kmmert, wendet sich zu
einem andern). Das ist doch eine bersetzung, nicht wahr?

Der andere. Aber ich bitte Sie, eine bersetzung! Das Stck spielt doch
in Ruland, es sind unsere Sitten, sogar unsere Titel.

Der Herr (den die Literatur wenig kmmert). Ich erinnere mich an etwas
Franzsisches ... wenn es auch nicht ganz in dieser Art war. (Beide
entfernen sich.)

Der eine von zwei Zuschauern (die sich auch hinausbegeben). Jetzt kann
man noch nichts wissen. Warte ab, was die Zeitungen sagen, dann wirst du
es erfahren.

Zwei Pekeschen (die eine zu der andern). Nun, und Sie? Ich mchte Ihre
Meinung ber die Komdie hren.

Die andere Pekesche (macht mit den Lippen eine bedeutsame Bewegung).
Gewi, natrlich, man kann nicht sagen, da es daran ... fehlte ... sie
ist in ihrer Art ... Natrlich, wer behauptet denn, da es wiederum
nicht ... und wo ist denn sozusagen ... brigens aber ... (Drckt wie
zur Bekrftigung die Lippen zusammen.) Ja, ja. (Gehen ab.)

Der Autor (fr sich). Nun, diese haben bisher noch nicht viel gesagt.
brigens, es wird noch viel herumgestritten werden: Vorne sehe ich
heftig gestikulierende Leute.

Zwei Offiziere.

Der eine. Ich habe noch nie so gelacht.

Der andere. Ich meine: eine ausgezeichnete Komdie.

Der eine. Nun, nun, wir wollen doch abwarten, was die Zeitungen sagen
werden: erst mu sie dem Urteil der Kritik unterzogen werden ... Schau,
schau! (Stt ihn am Arm.)

Der andere. Was?

Der eine (zeigt mit dem Finger auf einen von zwei die Treppe
herunterkommenden Herren). Ein Literat!

Der andere (eilig). Wer?

Der eine. Dieser da! St! Wir wollen hren, was sie sagen werden.

Der andere. Und wer ist der andere neben ihm?

Der eine. Ich wei nicht, ein unbekannter Herr. (Beide Offiziere treten
zur Seite, um den Herunterkommenden Platz zu machen.)

Der unbekannte Herr. Ich kann ber die literarischen Qualitten nicht
urteilen: aber mir scheint, sie enthlt geistreiche Bemerkungen. Witzig,
witzig!

Der Literat. Aber ich bitte Sie, was ist hier Geistreiches? Was fr ein
gewhnliches Volk hier vorgefhrt wird! Und was fr ein Ton! Die Spe
sind flach; einfach schmierig!

Der unbekannte Herr. Aha, das ist eine andere Sache. Ich sage eben: in
bezug auf die literarischen Qualitten habe ich kein Urteil; ich habe
nur bemerkt, da das Stck komisch ist und unterhlt.

Der Literat. Aber es ist auch nicht komisch. Ich bitte Sie, was ist hier
komisch, und worin liegt der Genu? Das Sujet: unmglich! Alles Unsinn;
kein Auftakt, keine Handlung, keine Struktur.

Der unbekannte Herr. Nun ja, dagegen sage ich ja gar nichts. In
literarischer Beziehung ist es schon so; in literarischer Beziehung ist
sie nicht komisch, aber vom Standpunkt eines sozusagen Auenstehenden
hat sie ...

Der Literat. Ja, was hat sie? Ich bitte Sie, sie hat auch das nicht! Was
fr eine Konversation! Wer spricht so in der besseren Gesellschaft? Nun
sagen Sie doch selbst, sprechen wir so miteinander?

Der unbekannte Herr. Das ist allerdings wahr. Das haben Sie sehr fein
bemerkt. Darber habe ich eben auch selbst nachgedacht: in der
Konversation ist keine Vornehmheit. Es scheint, da alle Personen ihre
niedrige Natur nicht verbergen knnen -- das ist wahr.

Der Literat. Nun -- und Sie loben noch!

Der unbekannte Herr. Wer lobt? Ich lobe doch nicht! Ich sehe es jetzt
selbst ein, da das ganze Stck Unsinn ist. Aber mit einemmal kann man
das doch nicht einsehen, in literarischer Beziehung habe ich kein
Urteil. (Beide entfernen sich.)

Ein anderer Literat (kommt mit zwei Zuschauern, mit denen er unter
heftigen Gestikulationen spricht). Glauben Sie mir, ich kenne die Sache
schon. Ein abscheuliches Stck! Ein schmutziges, ein schmutziges Stck!
Kein einziger wirklicher Mensch, lauter Karikaturen! In der Natur gibt
es so etwas nicht, glauben Sie mir, ich wei das besser: ich bin selbst
Schriftsteller. Man behauptet, es enthlt Frische, Beobachtung ... aber
das ist ja alles Unsinn! Das sind alles Freunde, Freunde, die es loben
-- alles Freunde! Ich habe schon gehrt, man hat ihn neben die Von
Wisins gestellt, und das Stck ist einfach nicht wert, eine Komdie zu
heien. Eine Farce, nichts als eine Farce, und keine gelungene Farce.
Der schlechteste, leerste Schwank von Kotzebue ist im Vergleich mit ihr
-- ein Montblanc gegen einen Pulkowoberg. Ich werde Ihnen das alles
beweisen, mathematisch beweisen -- wie, da zweimalzwei gleich vier ist.
Die Freunde und Kameraden haben ihn so ber alle Maen gelobt, da er
wohl nun selbst glaubt, da ihm nicht mehr viel zum Shakespeare fehlt.
Bei uns bertreiben ja die Freunde immer. Zum Beispiel auch Puschkin!
Warum spricht jetzt ganz Ruland von ihm? -- Alles nur die Freunde: sie
haben geschrien und geschrien, und nach ihnen hat auch ganz Ruland zu
schreien begonnen. (Entfernt sich mit den Zuschauern.)

Die beiden Offiziere (treten hervor und nehmen ihre vorigen Pltze ein).

Der erste. Das ist richtig, vollstndig richtig: nichts als eine Farce;
ich habe es schon frher gesagt, eine dumme Farce, die nur durch die
Freunde gehalten wird. Ich mu gestehen, manches war geradezu ekelhaft
anzuschauen.

Der andere. Aber du sagtest doch, da du nie so gelacht httest!

Der erste. Ah, das ist wieder eine andere Sache. Du verstehst mich
nicht, man mu dir das auseinandersetzen. Was ist denn das fr ein
Stck? Erstens keine Exposition, auch keine Handlung, absolut keine
Kombinationen; lauter Unmglichkeiten -- und dazu lauter Karikaturen ...

Zwei andere im Hintergrunde.

Der eine (zum andern). Wer kritisiert da? Scheinbar einer von den
Unseren.

Der andere (schaut dem Sprechenden von der Seite ins Gesicht und macht
eine Handbewegung).

Der erste. Was? Ist er dumm?

Der andere. Nein, das nicht. Verstand hat er schon -- doch erst nach dem
Erscheinen der Zeitschrift, allein versptet sie sich -- ist so nichts
in seinem Kopfe. Aber gehen wir doch. (Sie entfernen sich.)

                         (Zwei Kunstliebhaber.)

Der erste. Ich gehre durchaus nicht zu denen, die immer nur zu Worten
greifen, wie schmutzig, ekelhaft, schlechter Ton und hnliches. Das ist
doch eine fast bewiesene Sache, da solche Worte meist aus dem Munde
solcher kommen, deren Ton selbst zweifelhaft ist; sie sprechen vom Salon
und werden nur im Vorzimmer empfangen. Aber von denen ist ja nicht die
Rede. Ich spreche davon, da das Stck keine Exposition hat.

Der andere. Ja, wenn man die Exposition in dem Sinne nimmt, wie sie
gewhnlich genommen wird, d. h. im Sinne einer Liebesintrige, so ist sie
wirklich nicht vorhanden. Aber es scheint mir, da es Zeit ist, mit der
ewigen Berufung auf diese Exposition aufzuhren. Man mu nur scharf um
sich blicken. Alles hat sich in der Welt lngst gendert. Jetzt wird ein
Drama durch das Bestreben der Helden exponiert, sich eine vorteilhafte
Stellung zu erobern, zu glnzen, einen andern um jeden Preis in den
Schatten zu stellen, Rache fr eine Miachtung, fr eine Verhhnung zu
nehmen. Elektrisiert ein Amt, ein Kapital, eine vorteilhafte Heirat
nicht mehr als die Liebe?

Der erste. Das ist ja alles sehr gut; aber auch unter diesem
Gesichtspunkt finde ich keine Exposition in dem Stcke.

Der andere. Ich will jetzt nicht untersuchen, ob es in diesem Stck eine
Exposition gibt oder nicht. Ich will nur sagen, da man jetzt nur auf
Einzelheiten achtet und die allgemeine Exposition berhaupt nicht sieht.
Die Menschen sind einfach an diese unvermeidlichen Liebespaare gewhnt,
ohne deren Heirat kein Stck schlieen kann. Gewi ist auch das eine
Exposition: aber was fr eine! Ein Knoten im Zipfel eines Taschentuchs.
Nein, eine Komdie mu sich selbst knpfen -- und zwar mit ihrer ganzen
Masse, zu einem groen allgemeinen Knoten. Diese Exposition mu alle
Personen umfassen, nicht nur eine oder zwei; mu berhren, was alle
handelnden Personen mehr oder weniger tief ergreift. Hier ist jeder der
Held: der Flu, der Gang des Stckes bewirkt eine Erschtterung der
ganzen Maschinerie. Kein einziges Rad darf stehen bleiben, als wre es
verrostet oder gehrte nicht zur Sache.

Der erste. Aber es kann doch nicht jeder der Held sein. Einer oder zwei
mssen doch die andern leiten.

Der andere. Doch nicht leiten, sondern hervorragen. Auch in der Maschine
bewegen sich bestimmte Rder bemerkbarer und strker. Und man kann sie
hchstens die Hauptrder nennen; aber gelenkt wird das Stck durch eine
Idee, durch einen Gedanken: ohne sie gibt es keine Einheit. Und
exponieren kann alles: selbst das Entsetzen, die Angst der Erwartung,
das ferne Gewitter des herannahenden Gesetzes ...

Der erste. Aber das heit schon, der Komdie eine allgemeine Bedeutung
zu geben.

Der andere. Ja ist denn das nicht ihre wahre und wirkliche Bedeutung?
Schon von Beginn an war die Komdie eine ffentliche Angelegenheit des
Volkes. Zumindest stellte sie sich so bei ihrem Vater Aristophanes dar.
Spter wurde sie in den Engpa privater Beziehungen gedrngt, das Auf
und Ab der Liebe wurde hineingetragen, immer dieselbe unvermeidliche
Exposition. Und wie schwach ist sie deshalb selbst bei den besten
Komdiendichtern! Wie nichtig sind diese Theaterliebhaber mit ihrer
papierenen Liebe!

Ein dritter (tritt heran und klopft ihm leicht auf die Schulter). Du
hast unrecht. Die Liebe kann ebenso wie jedes andere Gefhl Ingredienz
einer Komdie sein.

Der andere. Ich sage ja auch gar nicht, da sie es nicht sein kann. Aber
die Liebe kann, wie andere erhabenere Gefhle, nur dann einen erhebenden
Eindruck machen, wenn sie in ihrer ganzen Tiefe entwickelt wird. Hat man
einmal begonnen, sie darzustellen, mu man alles andere aufopfern;
alles, was eben den Charakter der Komdie ausmacht, verblat dann, und
die Bedeutung der Komdie als Angelegenheit der Gesellschaft
verschwindet.

Der dritte. Also mu der Gegenstand der Komdie unbedingt etwas
Niedriges sein? Die Komdie ist also immer ein untergeordnetes Genre?

Der andere. Fr den, der nur auf die Worte achtet und nicht den Sinn zu
begreifen sucht, wird es so sein. Kann das Positive wie das Negative
nicht der gleichen Absicht dienen? Knnen die Komdie und die Tragdie
nicht den gleichen hohen Gedanken ausdrcken? Die seelischen
Schwingungen eines schurkischen und ehrlosen Menschen, die grbsten wie
die feinsten, -- zeichnen sie nicht schon das Bild eines ehrenhaften
Mannes? Verraten denn nicht die Anhufung von Niedrigkeiten, von
Verletzungen der Gesetze und der Gerechtigkeit deutlich, was Gesetz,
Pflicht und Gerechtigkeit von uns fordert? In den Hnden eines
geschickten Arztes heilen das heie wie das kalte Wasser mit gleichem
Erfolge dieselben Krankheiten. In der Hand des Talents kann alles ein
Mittel des Schnen werden, wenn es nur durch die hohe Absicht, dem
Schnen zu dienen, geleitet wird.

Ein vierter (tritt hinzu). Was kann dem Schnen dienen und worber
streitet ihr?

Der erste. Der Streit entstand bei uns ber die Komdie. Wir sprechen
allgemein von der Komdie, ber die neue Komdie hat noch keiner ein
Wort gesagt. Und was haben Sie zu bemerken?

Der vierte. Ich mchte folgendes bemerken: man sprt das Talent,
Beobachtung des Lebens, viel Lcherliches, Richtiges, der Natur
Abgelauschtes, aber ganz allgemein: dem Stck fehlt etwas. Man sieht
weder eine Intrige noch eine Auflsung. Es ist doch merkwrdig, da alle
unsere Komdiendichter nicht ohne die Regierung auskommen knnen. Ohne
sie schliet bei ihnen keine Komdie.

Der dritte. Das ist wahr. Aber brigens, es ist andererseits sehr
natrlich. Wir haben doch alle mit der Regierung zu tun, wir stehen ja
fast alle in ihrem Dienst; unser aller Interessen sind mehr oder weniger
mit der Regierung verknpft. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich
das in den Schpfungen unserer Dichter spiegelt.

Der vierte. Richtig. Mag diese Beziehung auch sprbar sein, so ist es
doch lcherlich, da ein Stck keinesfalls ohne die Regierung auskommen
kann. Sie mu unbedingt erscheinen: wie das unentrinnbare Schicksal in
den Tragdien der Alten.

Der andere. Nun sehen Sie: es ist also beinahe etwas Unwillkrliches bei
unseren Komdiendichtern. Und das bildet also ein charakteristisches
Merkmal unserer Komdie. Unsere Seele enthlt irgendeinen geheimen
Glauben an die Regierung. Nun? Dabei ist doch nichts Schlimmes: Gott
gebe, da die Regierung immer und berall von ihrer Bestimmung, die
Vertreterin der Vorsehung auf Erden zu sein, zu hren bekommt. Und da
wir daran glauben, so wie die Alten geglaubt haben, da das Verbrechen
vom Schicksal ereilt wird.

Der fnfte. Guten Abend, meine Herren. Ich hre nur immer das eine Wort
Regierung. Die Komdie hat Lrm und Streit entfesselt ...

Der zweite. Wollen wir diesen Zank und Lrm nicht lieber bei mir
austragen, als in diesem Theatervorraum. (Sie entfernen sich.)

   (Einige wrdige und anstndig gekleidete Herren erscheinen einer
                           nach dem andern.)

Erster Herr. So, so, ich sehe: es ist wahr, es gibt so etwas bei uns,
aber es kommt auch anderswo vor, und noch Schlimmeres; aber zu welchem
Zwecke, wozu so etwas darstellen? -- Das ist die Frage. Warum diese
Vorstellungen? Was fr einen Nutzen bringen sie? -- Erklren Sie mir
das! Was ntzt es mir, zu wissen, da es da und dort Schelme gibt? Ich
... ich verstehe einfach die Notwendigkeit solcher Vorfhrungen nicht.
(Er entfernt sich.)

Zweiter Herr. Nein, das ist doch keine Verhhnung der Laster, das ist
doch eine widerwrtige Verhhnung Rulands. -- Das ist die Sache. Das
heit, die Regierung selbst in ein schlechtes Licht stellen, denn
schlechte Beamte und bergriffe, die in allen Stnden vorkommen,
blostellen, bedeutet die Regierung selbst kompromittieren. Man sollte
solche Vorstellungen nicht erlauben. (Er entfernt sich.)

   (Herr A. und Herr B. treten ein, Mnner von nicht geringem Rang.)

Herr A. Ich spreche nicht davon; im Gegenteil, Mibruche mu man uns
zeigen; das ist notwendig, da wir unsere Vergehen sehen; und ich teile
nicht im geringsten die Meinung vieler allzu stark erregter Patrioten;
aber mich dnkt, da hier zu viel Trauriges vorkommt ...

Herr B. Ich wnschte sehr, da Sie die Meinung eines sehr bescheiden
angezogenen Herrn gehrt htten, der neben mir im Sessel sa ... Ach, da
ist er ja selbst.

Herr A. Wer?

Herr B. Eben dieser sehr bescheiden angezogene Herr. (Wendet sich zu
ihm.) Wir haben unser Gesprch nicht beendet, dessen Anfang mir sehr
interessant war.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Auch ich mu gestehen, da ich sehr
froh bin, die Unterhaltung fortsetzen zu knnen. Ich habe soeben
allerlei Diskussionen gehrt, zum Beispiel: da das alles nicht wahr
sei, da es eine Verhhnung unserer Regierung, unserer Sitten sei und
da das alles gar nicht vorgefhrt werden drfe. Das zwang mich, das
ganze Stck noch einmal durchzudenken und in Gedanken zu berschauen.
Und ich mu gestehen, da mir der Gehalt der Komdie noch bedeutender
erschien. Mir scheint, das Lachen trifft hier am strksten und tiefsten
die Heuchelei, die wohlanstndige Maske, unter der Niedrigkeit und
Schurkerei erscheinen, den Schelm, der sich hinter dem ueren eines
ehrbaren Mannes verbirgt. Ich mu gestehen, ich empfand Freude, als ich
sah, wie lcherlich die ehrbaren Worte im Munde eines Schurken klingen,
und wie ungeheuer lcherlich wurde allen vom Parkett bis zum Olymp diese
von ihm angenommene Maske. Und danach gibt es noch Menschen, die
behaupten, da man so etwas nicht auf der Bhne vorfhren sollte! Ich
vernahm eine Bemerkung, die ein, wie mir schien, sehr achtbarer Herr
gemacht hatte: Und was wird das Volk sagen, wenn es sieht, da bei uns
solche bergriffe vorkommen?

Herr A. Ich mu gestehen, entschuldigen Sie, da mir selbst auch diese
Frage aufgetaucht ist: und was wird unser Volk sagen, wenn es dies alles
sieht?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Was das Volk sagen wird? (Geht zur
Seite, zwei Mnner in Armjaks gehen vorber.)

Der blaue Armjak (zum grauen). Frech waren die Woiwoden, aber sie
erblaten doch, als das Zarengericht begann! (Beide gehen hinaus.)

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Das wird das Volk sagen! Haben Sie
gehrt?

Herr A. Was?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Es wird sagen: Frech waren die
Woiwoden, aber sie erblaten doch, als das Zarengericht begann! Haben
Sie gehrt, wie sicher der Instinkt und das Gefhl des Menschen sind?
Wie treu das einfache Auge sieht, wenn es nicht von Theorien und
Gedanken verschleiert ist, die aus Bchern herausgezupft sind; sondern
alles aus der menschlichen Natur schpft? Ist es denn nicht ganz
offensichtlich, da nach so einer Vorstellung das Volk mehr Glauben an
die Regierung bekommt? Ja, es braucht solche Auffhrungen! Es soll die
Regierung von ihren schlechten Vertretern trennen lernen. Es soll sehen,
da die bergriffe nicht von der Regierung aus geschehen, sondern von
denen, die ihre Forderungen nicht verstehen. Die der Regierung gegenber
keine Verantwortung auf sich nehmen wollen. Es soll sehen, da sie edel
denkt, da sie mit wachem Auge alle gleich behtet, da sie frher oder
spter die Verrter des Gesetzes, der Ehre und der heiligen Pflicht der
Menschheit herausfinden wird, da die, die kein reines Gewissen haben,
vor ihr erblassen werden. Ja, es mu diese Vorstellungen sehen; glauben
Sie mir, wenn es einmal am eigenen Leibe die Schikanen und
Ungerechtigkeiten erfahren sollte, wird es getrstet, mit einem festen
Glauben an das stets wache hhere Gesetz aus dieser Vorstellung
hinausgehen. Auch noch eine andere Bemerkung gefiel mir: Das Volk wird
eine schlechte Meinung von seinen Beamten bekommen. Das heit, man
glaubt, da das Volk hier im Theater zum ersten Male seine Vorgesetzten
kennen lernt: wenn ihm zu Hause irgendein schurkischer Amtmann den Fu
auf den Nacken setzt, so wird es dies nicht bemerken, aber wenn es ins
Theater geht, dann erst gehen ihm die Augen auf. Man hlt unser Volk
wirklich fr dmmer als einen Klotz -- fr so dumm, da es nicht
imstande ist, zu unterscheiden, ob ein Kuchen mit Fleisch oder mit Brei
gefllt ist. Nein, jetzt scheint es mir sogar gut, da auf der Bhne
kein einziger ehrlicher Mensch vorgefhrt wurde. Der Mensch ist so
eitel: zeige ihm unter vielen schlechten Eigenschaften nur eine gute,
und er wird stolz aus dem Theater gehen. Nein, es ist gut, da nur
Ausnahmeflle und lasterhafte Menschen dargestellt sind, die so in die
Augen fallen, da man nicht ihr Mitbrger zu sein wnscht, da man sich
zu gestehen schmt, da es so etwas berhaupt gibt.

Herr A. Aber gibt es denn bei uns wirklich solche Menschen, genau
solche?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen darauf
folgendes zu antworten: ich wei nicht, warum ich jedesmal traurig
werde, wenn ich eine solche Frage hre. Ich kann offen mit Ihnen
sprechen, in Ihren Zgen sehe ich etwas, das mich zur Aufrichtigkeit
auffordert. Der Mensch stellt zu allererst diese Frage: Gibt es denn
wirklich solche Menschen? Aber hat man je gehrt, da einer diese Frage
gestellt htte: Bin ich denn selbst ganz frei von diesen Lastern?
Niemals, niemals! Noch eins -- ich will ja offen mit Ihnen reden. -- Ich
habe ein gutes Herz und viel Liebe in meiner Brust, aber wenn Sie
wten, wieviel seelische Anstrengungen und Erschtterungen es mich
gekostet hat, um nicht in viele Laster zu verfallen, in die man
unwillkrlich gert, wenn man mit den Menschen zusammenlebt! Und wie
kann ich jetzt sagen, da in mir selbst, in diesem Augenblick, sich
nicht die gleichen Neigungen regen, ber die alle vor zehn Minuten
gelacht haben, ber die ich selbst gelacht habe?

Herr A. (nach kurzem Schweigen). Ich mu gestehen, Ihre Worte zwingen
mich zum Nachdenken. Und wenn ich mich erinnere, wenn ich mir vorstelle,
wie stolz uns unsere europische Erziehung gemacht hat, wie sie uns
berhaupt vor uns selbst verborgen hat, wie hochmtig und mit welcher
Verachtung wir auf jene sehen, die diesen ueren Schliff nicht
empfangen haben, wie jeder von uns sich fast als Heiligen hinstellt, und
von dem Schlechten immer in dritter Person spricht -- ich mu gestehen,
dann wird mir traurig zumute ... Aber verzeihen Sie meine
Unbescheidenheit -- Sie sind brigens selbst schuld daran -- darf ich
wissen, mit wem ich das Vergngen zu sprechen habe?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Ich bin nicht mehr und nicht
weniger als einer jener Beamten und nehme eine Stellung ein, deren
Trger in der Komdie vorgefhrt werden; und ich bin erst vorgestern aus
meinem Stdtchen hier angekommen.

Herr B. Das htte ich kaum geglaubt. Und scheint es Ihnen nach alledem
nicht peinlich, mit solchen Menschen zu dienen und zusammen zu leben?

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Peinlich? Darauf mchte ich Ihnen
folgendes antworten: ich gestehe, da ich oft die Geduld verloren habe.
In unserem Stdtchen gehren nicht alle Beamten zu dem ehrlichen
Dutzend, oft mu man die Wnde hinaufklettern, um eine gute Tat
durchzusetzen, schon mehrere Male wollte ich den Dienst quittieren; aber
jetzt, eben nach dieser Vorstellung, fhle ich eine Frische und zugleich
neue Kraft, um meine Ttigkeit fortzusetzen. Mich trstet schon der
Gedanke, da die Gemeinheit bei uns nicht verborgen bleibt oder gar
gefrdert wird. Da sie dort, im Angesicht aller ehrlichen Menschen vom
Lachen getroffen wird; da es eine Feder gibt, die es nicht unterlt,
unsere niedrigen Taten blozustellen, wenn dies auch unserem nationalen
Stolze nicht schmeichelt, und da es bei uns eine gute Regierung gibt,
die es gestattet, dies all denen vor Augen zu fhren, fr die es
bestimmt ist; und schon das allein gibt mir den Mut, meinen
nutzbringenden Dienst fortzusetzen.

Herr A. Erlauben Sie mir, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Ich bekleide
ein Amt, ein ziemlich hohes Amt. Ich brauche wahrhaft edeldenkende und
ehrliche Mitarbeiter. Ich biete Ihnen eine Stellung an, in der Sie ein
weites Feld fr Ihre Ttigkeit finden werden, die Ihnen unvergleichlich
mehr Vorteile bieten wird und wo Sie an einer achtbaren Stelle stehen
werden.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Gestatten Sie mir, Ihnen von ganzem
Herzen und ganzer Seele fr Ihr Anerbieten zu danken. Und erlauben Sie
mir zugleich, es abzulehnen. Wenn ich fhle, da ich in meiner Stellung
ntzlich sein kann, wre es dann anstndig von mir, sie zu verlassen?
Und wie kann ich sie verlassen, wo ich nicht fest berzeugt bin, da
nach mir nicht irgend ein Kerl kommen wird, der ein Schreckensregiment
beginnt. Wenn Sie aber das Anerbieten als Belohnung gedacht haben, so
gestatten Sie mir Ihnen folgendes zu sagen: Ich habe wie alle andern dem
Dichter des Stckes applaudiert, aber ich habe ihn nicht hervorgerufen.
Was fr eine Belohnung kme ihm zu? Wem das Stck gefllt, der mag es
loben, aber er -- er hat nur seine Pflicht erfllt. Wir sind wahrhaftig
so weit gekommen, da einer sich nicht nur um einer Heldentat willen,
sondern schon wenn er einem andern im Leben oder im Dienst nicht
schadet, fr einen Gott wei wie edlen Menschen hlt, und ernsthaft
beleidigt ist, wenn man dies nicht bemerkt und ihn nicht dafr belohnt.
Aber ich bitte, schreit er, ich war Zeit meines Lebens ein ehrlicher
Mensch, ich habe kaum eine Niedertrchtigkeit begangen, -- warum gibt
man mir kein Amt, keine Orden? Ich dagegen denke so: wer nicht ohne
Aufmunterung anstndig sein kann -- an dessen Anstand glaube ich nicht;
sein Krmeranstand ist keinen Heller wert!

Herr A. Zumindest werden Sie mir doch Ihre nhere Bekanntschaft nicht
versagen: verzeihen Sie meine Zudringlichkeit. Sie sehen ja selbst, da
sie die Folge meiner aufrichtigen Hochachtung ist. Geben Sie mir Ihre
Adresse.

Der sehr bescheiden angezogene Herr. Hier ist meine Adresse. Aber seien
Sie berzeugt, ich werde nicht zulassen, da Sie von ihr Gebrauch
machen, und schon morgen frh werde ich selbst bei Ihnen vorsprechen.
Verzeihen Sie mir, ich bin nicht in der groen Welt erzogen und kann
nicht reden ... Aber bei einem Staatsbeamten diese gromtige
Aufmerksamkeit, dieses Streben nach dem Guten zu finden ... Gott gebe,
da jeder Herrscher von solchen Leuten umgeben sei! (Entfernt sich
eilig.)

Herr A. (dreht die Visitkarte in den Hnden herum). Ich blicke auf diese
Karte und den mir unbekannten Namen, und mir wird das Herz so voll. Wie
sich dieser anfangs so traurige Eindruck von selbst verflchtigt hat!
Gott behte dich, mein Ruland, das wir noch so wenig kennen! In der
fernsten Provinz, in einem deiner verlorenen Winkel ist so eine Perle
verborgen und sicher ist sie nicht die einzige. Sie sind wie die Krner
einer Goldader, versprengt in den finstern Tiefen deines Granits. Es
liegt ein Gefhl tiefen Trostes in einer solchen Erscheinung, und es
wurde hell in meiner Seele nach der Begegnung mit diesem Beamten, wie es
in seiner eignen Seele hell wurde nach der Auffhrung dieser Komdie.
Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen, da Sie mir diese Begegnung verschafft
haben. (Entfernt sich.)

Herr W. (tritt zu Herrn B. heran). Wer war das, mit dem Sie sprachen?
Ich glaube, er ist Minister, nicht wahr?

Herr P. (kommt von der anderen Seite). Hr doch Bruder, was ist das
eigentlich fr eine Geschichte? ...

Herr B. Was?

Herr P. Wie kann man so etwas auffhren?!

Herr B. Warum denn nicht?

Herr P. Aber ich bitte, urteile doch selbst. Was ist denn das
eigentlich? Nichts als Laster und Laster; was fr ein Beispiel sollen
sich die Zuschauer daran nehmen?

Herr B. Ja, wird denn das Laster verherrlicht? Es wird doch dem Spott
preisgegeben.

Herr P. Na Bruder, was du auch sagen magst: die Achtung ... aber dadurch
geht doch die Achtung vor Amt und Beamten verloren.

Herr B. Nicht vor Amt und Beamten geht die Achtung verloren, sondern vor
denen, die ihre Pflichten schlecht erfllen.

Herr W. Gestatten Sie mir jedoch, zu bemerken: das alles ist immerhin
eine Beleidigung, die mehr oder weniger alle trifft.

Herr P. Sehr richtig. Das wollte ich ihm schon selbst sagen. Das ist
eine Beleidigung, die alle trifft. Jetzt fhrt man uns zum Beispiel
einen Titularrat vor, und nchstens ... h ... wird man uns noch am Ende
... h ... einen wirklichen Staatsrat vorfhren.

Herr B. Nun und was wre dabei? Die Persnlichkeit darf nicht angetastet
werden; aber wenn ich mir eine Figur erdenke und sie mit den Lastern
versehe, die unter uns Menschen vorkommen, und wenn ich ihr einen Rang
gebe, der mir geeignet erscheint, wenn es auch der eines wirklichen
Staatsrats ist, und wenn ich sage, da dieser wirkliche Staatsrat nicht
so ist, wie er sein sollte: was ist dabei? Kommen denn solche Patrone
unter wirklichen Staatsrten nicht vor?

Herr P. Aber nein, mein Lieber, das ist schon zu viel. Wie kann denn ein
solcher Patron wirklicher Staatsrat sein? Vielleicht Titularrat ...
Nein, du gehst schon zu weit.

Herr W. Aber warum soll man uns nur das Schlechte zeigen und nicht auch
das Gute, das, was der Nacheiferung wrdig ist?

Herr B. Warum? Eine merkwrdige Frage: Warum? So kann man oftmals
Warum fragen. Warum fhrte ein Vater seinen Sohn, um ihn dem
liederlichen Leben zu entreien, ohne viele Worte und Moralpredigten in
ein Krankenhaus, wo ihm die furchtbaren Folgen eines lasterhaften Lebens
in all ihren Schrecknissen offenbar wurden? Warum tat er das?

Herr W. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken: das heit doch
gewissermaen Krankheiten der Gesellschaft entblen, die man verhllen,
und nicht noch aufzeigen sollte!

Herr P. Das ist wahr. Ich bin damit vollkommen einverstanden. Bei uns
mu man das Schlimme verbergen, und nicht noch aufdecken.

Herr B. Wenn ein anderer als Sie diese Worte gesprochen htte, wrde ich
sagen, da nicht wahre Liebe zum Vaterland, sondern Heuchelei sie
diktiert habe. Nach Ihrer Meinung mu man die gesellschaftlichen
Krankheiten, wie Sie sie nennen, nur verhllen, nur uerlich heilen,
sie sollen nur vorlufig nicht zu sehen sein, aber im Innern mag die
Krankheit fortwten -- das macht nichts. Es macht nichts, da sie
ausbricht und sich in solchen Symptomen offenbart, die keiner Heilung
mehr fhig sind. Das macht nichts. Sie wollen nicht wissen, da wir ohne
ein tiefes herzliches Bekenntnis, ohne christliches Eingestehen unserer
Snden, ohne sie in unsern eigenen Augen zu bertreiben, nicht die Kraft
haben, uns ber sie zu erheben, wir nicht die Kraft haben, uns mit
unserer Seele ber die Gemeinheit des Lebens emporzuschwingen. Sie
wollen es nicht wissen! Soll der Mensch taub bleiben, soll er schlafend
durch das Leben wandeln, soll er nie erschttert werden, nie aus
tiefster Seele weinen, soll er seine Seele so einschlfern, da nichts
mehr ihn aufrtteln kann! Nein ... verzeihen Sie mir! Wer so spricht,
dessen Lippen werden von kaltem Egoismus bewegt und nicht von heiliger,
reiner Liebe zur Menschheit. (Er entfernt sich.)

Herr P. (nach einigem Schweigen). Warum schweigst du? -- Nun wie gefllt
er dir? Was er nicht alles erzhlt hat! Wie?

Herr W. (schweigt).

Herr P. (fortfahrend). Er mag reden was er will -- aber das sind doch
immerhin unsere Wunden.

Herr W. (beiseite). Nein, was sich der mit seinen Wunden hat! Jetzt
wird er sie jedem vorsetzen, der ihm ber den Weg luft!

Herr P. Ich knnte vielleicht auch eine ganze Menge darber sagen: aber
was wrde das beweisen? ... Ah da ist ja Frst N. Hre Frst, lauf nicht
davon.

Frst N. Was gibts?

Herr P. Nun, wir wollen uns ein wenig unterhalten. Na, wie ist das
Stck?

Frst N. Recht komisch.

Herr P. Sag doch bitte: wie kann man das nur auffhren! Wie ist das blos
mglich?

Frst N. Warum soll man es nicht auffhren?

Herr P. Urteile doch selbst, das geht doch nicht: Pltzlich steht ein
Schurke auf der Bhne -- das sind doch unsere Wunden!

Frst N. Was fr Wunden?

Herr P. Das sind doch unsere Wunden! Sozusagen unsere gesellschaftlichen
Wunden.

Frst N. (rgerlich). Ich schenke sie dir! Mgen es meinetwegen deine
Wunden sein, aber nicht meine! Warum schiebst du sie mir zu? Ich mu
nach Hause. (Entfernt sich.)

Herr P. (fortfahrend). Und weiter: was fr Unsinn hat er hier
zusammengeredet? Er sagte, ein wirklicher Staatsrat kann ein Schelm
sein. Wenn es noch ein Titularrat wre ... das wre noch mglich ...

Herr W. Aber wollen wir doch gehen. Genug von dem Gerede; ich denke,
alle Vorbergehenden haben schon erfahren, da Sie ein wirklicher
Staatsrat sind. (Beiseite.) Es gibt Menschen, die die Kunst besitzen,
alles in den Schmutz zu ziehen. Wenn sie deinen eigenen Gedanken
wiederholen, wissen sie ihn so banal zu machen, da man rot wird. Wenn
du eine Dummheit gesagt hast, die vielleicht noch durchschlpfen knnte,
so findet sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in Umlauf
bringt und sie noch dmmer macht, als sie ist. Es ist wirklich rgerlich
-- wie wenn man in den Dreck gestoen wird! (Sie entfernen sich.)

          (Ein Militr und ein Zivilist treten zusammen auf.)

Der Zivilist. So seid ihr Herren vom Militr! Ihr sagt: Das mu man auf
die Bhne bringen, ihr seid bereit, euch ber einen Zivilbeamten lustig
zu machen; aber greift man irgendwie das Militr an, sagt man nur, da
in dem und dem Regiment einige Offiziere -- von lasterhaften Neigungen
ganz zu schweigen -- sich zum Beispiel schlecht benehmen, schlechte
Manieren haben -- so seid ihr gleich bereit, mit einer Klage zum
Reichsrat zu laufen.

Der Militr. Nein hren Sie: fr wen halten Sie mich? Gewi, es gibt
auch unter uns solche Don Quijotes, aber glauben Sie mir, es gibt auch
viele wahrhaft vernnftige Mnner, die froh sein wrden, wenn man die,
die ihren Beruf schnden, dem allgemeinen Spott ausliefern wrde. Ja, wo
ist denn hier eine Beleidigung? Geben Sie uns nur mehr davon! Wir sind
bereit, jeden Tag zuzuschauen.

Der Zivilist. So sind die Menschen, immer schreien sie: Gib uns, gib
uns. Aber wenn du es tust, sind sie emprt. (Sie entfernen sich.)

                           (Zwei Pekeschen.)

Die erste Pekesche. Man nehme zum Beispiel die Franzosen; aber bei ihnen
ist das alles sehr nett. Erinnerst du dich unter anderem des gestrigen
Vaudeville: sie entkleidet sich, legt sich ins Bett, nimmt die
Salatschssel vom Tisch und stellt sie unter das Bett. Das ist natrlich
indezent, aber allerliebst. Das alles kann man sich ansehen, das
verletzt nicht ... Meine Frau und meine Kinder gehen jeden Tag ins
Theater. Aber hier -- was ist das nun? Irgend ein Lump, ein Bauer, den
ich nicht in mein Vorzimmer hineingelassen htte, macht sichs mit seinen
Stiefeln bequem, ghnt und stochert sich in den Zhnen -- wirklich, was
soll das bedeuten? Wie sieht das aus?

Die zweite Pekesche. Bei den Franzosen ist das eine andere Sache! Dort
machts die _societ, mon cher_! Bei uns ist so etwas unmglich. Bei uns
sind die Autoren ohne jede Bildung: zum grten Teil sind es alles
Zglinge eines Seminars. Sie neigen zum Wein, zur Ausschweifung. Auch zu
meinem Lakei kam immer so ein Autor: wo soll der also eine Vorstellung
von der guten Gesellschaft hernehmen? (Sie entfernen sich.)

Eine Weltdame (in Begleitung zweier Herren, der eine trgt einen Frack
und der andere eine Uniform): Was fr Menschen, was fr Personen hier
vorgefhrt werden! Nicht einer, der einigermaen anziehend ist ... Warum
schreibt man bei uns nicht so, wie die Franzosen schreiben, zum Beispiel
Dumas und hnliche. Ich verlange keine Muster von Tugend; zeigt mir eine
Frau, die irrt, die ihren Mann betrgt, die sich zum Beispiel einer
lasterhaften und verbotenen Liebe hingibt -- aber stellt es mir so
hinreiend dar, da ich mit ihr mitfhle, da ich sie lieb gewinne ...
Hier dagegen ist eine Person immer ekelhafter als die andere.

Der Herr in Uniform. Ja, so trivial, so trivial.

Die Weltdame. Sagen Sie: warum ist bei uns in Ruland alles noch so
trivial?

Der Herr im Frack. Mein Herz, du wirst mir nachher erzhlen, warum alles
so trivial ist. Man ruft unsern Wagen auf. (Sie entfernen sich.)

                       (Drei Herren treten auf.)

Der erste. Warum soll man denn nicht ein wenig lachen? Man darf doch
noch lachen: aber ist das ein Gegenstand fr den Spott -- Mibruche und
Laster! Was gibt es da zu spotten?

Der zweite. ber was soll man denn sonst lachen? Etwa ber die Tugenden,
ber die Vorzge eines Menschen?

Der erste. Nein; das ist doch kein Gegenstand fr eine Komdie, mein
Lieber! Das soll sozusagen auch die Regierung treffen. Gibt es denn
keine anderen Gegenstnde, worber man schreiben kann?

Der zweite. Was wren das fr andere Gegenstnde?

Der erste. Nun, gibt es denn so wenig komische gesellschaftliche
Ereignisse? Nehmen wir zum Beispiel an: ich will zu einem Gartenfest auf
die Apothekerinsel fahren, und der Kutscher wrde mich pltzlich auf der
Wyborgskaja oder bei dem Smolnikloster absetzen. Gibt es denn nicht
genug solcher komischer Situationen?

Der zweite. Das heit: Sie wollen der Komdie jede ernste Bedeutung
nehmen. Aber warum solche absolute Gesetze aufstellen? Komdien in der
Art, wie Sie es wnschen, gibt es ja in Unzahl. Warum soll es nicht zwei
oder drei wie die eben gespielte geben drfen? Wenn Ihnen solche
Komdien gefallen, wie die, von denen Sie soeben sprachen, so brauchen
Sie nur ins Theater zu gehen: dort knnen Sie tglich ein Stck sehen,
wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der andere ihn am Bein
hervorzieht.

Der dritte. Nein, nein, bitte, so ist es denn doch nicht. Alles hat
seine Grenzen, es gibt Dinge, ber die man sozusagen nicht spotten darf,
die schon gewissermaen etwas Heiliges sind.

Der zweite (fr sich mit einem bitteren Lcheln): So ists immer auf der
Welt. Lacht man ber das wahrhaft Edele, ber das, was das groe
Heiligtum unserer Seele ausmacht, so wird keiner dafr eintreten; lacht
man aber ber das Laster, ber das Gemeine und Niedrige -- dann schreien
alle: Er verspottet unsere Heiligtmer!

Der erste. Na, nun sehen Sie's; wie ich merke, sind Sie jetzt berzeugt:
Sie sagen kein Wort. Glauben Sie mir, man mu berzeugt sein: das ist
das Wahre. Ich selbst bin ein unparteiischer Mensch und ich will nicht
sagen, da ... aber das ist einfach keine Angelegenheit fr einen Autor,
kein Gegenstand fr eine Komdie. (Sie entfernen sich.)

Der zweite (fr sich). Ich gestehe, ich mchte um keinen Preis an Stelle
des Autors sein. Allen soll man's recht machen! Whlt man ein
unbedeutendes gesellschaftliches Ereignis, so schreien alle: Er
schreibt Unsinn! Das hat doch keinen tiefen moralischen Zweck; whlt
man aber einen Gegenstand, der irgendeinen sittlichen Kern enthlt, so
sagen sie: Das ist nicht seine Sache, er soll spaige Sachen
schreiben! (Er entfernt sich.)

           (Eine junge Weltdame in Begleitung ihres Mannes.)

Der Mann. Unser Wagen kann nicht weit sein, wir knnen gleich fahren.

Herr N. (tritt zu der Dame heran). Was sehe ich! Sie sind hergekommen,
um sich ein russisches Stck anzusehen!

Die junge Dame. Was ist dabei? Habe ich denn gar keinen Patriotismus?

Herr N. Nun, wenn es so wre: so werden Sie mit Ihrem Patriotismus doch
nicht allzusehr auf ihre Kosten gekommen sein. Sie schimpfen doch wohl
auf das Stck?

Die junge Dame. Gar nicht. Ich finde, da vieles darin ungemein richtig
ist: ich habe von Herzen gelacht.

Herr N. Warum haben Sie denn gelacht? Vielleicht weil Sie gern ber
alles Russische lachen?

Die junge Dame. Nein, nur darum, weil es einfach komisch war. Weil hier
jene Niedertracht, jene Gemeinheit ffentlich entlarvt wurde, die immer
die gleiche Gemeinheit und Niedertracht bleibt, welches Gewand sie auch
anlegen mag, und ob sie sich in einer Kreisstadt oder hier, mitten unter
uns abspielt: deshalb habe ich gelacht.

Herr N. Mir sagte eben eine sehr gescheite Dame, da sie auch gelacht
hat, aber bei alledem hat das Stck auf sie einen sehr traurigen
Eindruck gemacht.

Die junge Dame. Ich mag nicht wissen, was Ihre gescheite Dame empfunden
hat, aber ich habe keine so empfindlichen Nerven, und ich lache immer
gern ber das, was in seinem Kern komisch ist. Ich wei, da es unter
uns auch Leute gibt, die im Herzen ber die schiefe Nase eines Menschen
lachen knnen, aber den Mut nicht aufbringen, ber die hliche Seele
eines Menschen zu lachen.

   (In der Entfernung erscheint noch eine junge Dame mit ihrem
                                 Mann.)

Herr N. Ah da kommt Ihre Freundin. Ich mchte ihre Meinung ber die
Komdie hren. (Die Damen reichen sich die Hnde.)

Die erste Dame. Ich sah von weitem, wie du lachtest.

Die zweite Dame. Ja, wer hat denn nicht gelacht? Alle haben doch
gelacht.

Herr N. Und hatten Sie denn gar kein trauriges Gefhl dabei?

Die zweite Dame. Ich gestehe, mir war wirklich traurig zu Mut. Ich wei,
da das alles sehr wahr ist; ich habe viel hnliches gesehen, und es hat
mich immer traurig gestimmt.

Herr N. Also hat Ihnen die Komdie nicht gefallen?

Die zweite Dame. Aber erlauben Sie, wer sagt denn das? Ich habe Ihnen
doch schon gesagt, da ich von ganzem Herzen gelacht habe und sogar mehr
als alle andern; ich glaube sogar, da man mich fr eine Wahnsinnige
gehalten hat ... Aber ich wurde deshalb traurig, weil ich den Wunsch
hatte, wenigstens auf einem guten Gesicht ausruhen zu knnen. Diese
Masse, diese berflle des Gemeinen ...

Herr N. Sprechen Sie! Sprechen Sie!

Die zweite Dame. Hren Sie: empfehlen Sie dem Autor, da er wenigstens
_einen_ anstndigen Menschen hineinbringt. Sagen Sie ihm, da man ihn
darum bittet, da es wirklich gut wre.

Der Mann der ersten Dame. Gerade dies sollten Sie ihm nicht empfehlen!
Die Damen wollen unbedingt einen Ritter sehen, der bei jeder Gelegenheit
von Edelmut spricht, und sei es auch in den banalsten Phrasen.

Die zweite Dame. Durchaus nicht. Wie wenig Sie uns kennen! Gerade Ihnen
ist dies eigentmlich! Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von
Hochherzigkeit und Edelmut. Ich habe einmal das Urteil eines von den
Euren gehrt: ein Dickwanst schrie so, da er, wie ich glaube, die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte -- das alles sei Verleumdung,
solche Gemeinheiten und Schurkereien kmen bei uns nie vor. Und wer
sagte das? -- Der allerniedrigste und gemeinste Mensch, der stets bereit
war, seine Seele, sein Gewissen und alles, was Sie wollen, zu verkaufen.
Ich will ihn nur nicht beim Namen nennen.

Herr N. Aber sagen Sie es doch: Wer war es?

Die zweite Dame. Warum wollen Sie es wissen? Er war es ja nicht allein;
ich hrte, wie man um uns herum unaufhrlich schrie: Das ist eine
widerwrtige Verhhnung Rulands, eine Verhhnung der Regierung! Wie
kann man nur so etwas zulassen? Was wird das Volk dazu sagen? Und
_warum_ haben sie so geschrieen? Etwa, weil sie wirklich so dachten und
fhlten? -- Oh nein, verzeihen Sie. Nur darum, um Lrm zu machen, damit
man das Stck verbietet, oder vielleicht, weil sie etwas in ihm gefunden
hatten, das sie an sich selbst erinnerte. So sind Ihre wahren Ritter,
und -- nicht die Theaterhelden!

Der Mann der ersten Dame. O bei Ihnen regt sich schon etwas wie eine
kleine Emprung!

Die zweite Dame. Emprung -- jawohl Emprung. Ja, ich bin emprt, sehr
emprt. Man kann doch nicht ruhig bleiben, wenn man sieht, wie die
Gemeinheit unter allen mglichen Masken auftritt.

Der Mann der ersten Dame. Nun ja: Sie mchten, da sofort irgendein
Ritter hervortritt, ber einen Abgrund springt und sich das Genick
bricht ...

Die zweite Dame. O nein, verzeihen Sie.

Der Mann der ersten Dame. Natrlich: was verlangt denn eine Frau? -- Sie
verlangt unbedingt, da sich im Leben irgendein Roman abspielt.

Die zweite Dame. Nein, nein, nein! Ich knnte es zweihundertmal
wiederholen: nein! Das ist eine ganz alte, banale Vorstellung, die Sie
uns immer wieder aufdrngen wollen. Die Frau hat mehr wahrhaften
Edelmut, als der Mann, die Frau ist nicht imstande, sie ist unfhig,
alle jene Niedrigkeiten und Schurkereien zu begehen, die ihr Mnner euch
leistet. Die Frau kann nicht heucheln, wo ihr heuchelt, sie kann nicht
durch die Finger sehen, wo ihr es tut, wo es sich um solche Gemeinheiten
handelt! Sie ist anstndig genug, um dies alles auszusprechen, ohne sich
erst berall umzuschauen, ob es den Leuten auch gefllt -- denn das mu
ausgesprochen werden. Was gemein ist -- ist gemein, da hilft kein
Vertuschen und kein Beschnigen. Es bleibt eine Gemeinheit, eine
Gemeinheit, eine Gemeinheit!

Der Mann der ersten Dame. Ich glaube, jetzt sind Sie wahrhaftig allen
Ernstes bse.

Die zweite Dame. Weil ich offen bin und es nicht ertragen kann, wenn man
die Unwahrheit spricht.

Der Mann der ersten Dame. Nun, nun, seien Sie nicht bse und geben Sie
mir Ihr Hndchen. Ich scherzte ja nur.

Die zweite Dame. Hier haben Sie meine Hand -- ich bin ja gar nicht bse.
(Sie wendet sich an Herrn N.) Hren Sie: bitte raten Sie doch dem Autor,
da er einen edlen und ehrlichen Menschen in die Komdie hineinbringt.

Herr N. Ja aber wie soll man das machen? Wie, wenn er nun einen
ehrlichen Menschen hineinbrchte und dieser ehrliche Mensch ein
Theaterheld wrde?

Die zweite Dame. O nein, wenn er wirklich stark und tief empfindet, so
wird sein Held kein Theaterritter werden.

Herr N. Aber ich glaube, das ist nicht so leicht zu machen.

Die zweite Dame. Sagen Sie doch einfach, da Ihr Autor keine starken und
tiefen Seelenregungen hat.

Herr N. Aber warum nur?

Die zweite Dame. Nun, wer unaufhrlich und immerfort lacht, der kann
doch keine allzu hohen Gefhle haben: unmglich kann ihm bekannt sein,
was nur ein zartes Herz empfindet.

Herr N. Das ist ausgezeichnet! Also nach Ihnen kann der Verfasser kein
edler Mensch sein?

Die zweite Dame. Sehen Sie! Sie legen es gleich ganz anders aus. Ich
habe doch kein Wort davon gesagt, da ein Komdiendichter nicht edel
sein und keinen strengen Begriff von der Ehre im vollen Sinn dieses
Wortes haben kann. Ich sage nur, da er nicht imstande ist ... eine von
Herzen kommende Trne zu vergieen und etwas aus ganzer Kraft, aus
tiefster Seele zu lieben.

Der Mann der zweiten Dame. Aber wie kannst du das nur so positiv
behaupten?

Die zweite Dame. Ich kann es, weil ich es wei. Alle Menschen, die immer
nur lachten, oder Sptter waren, besaen eine groe Eigenliebe und waren
fast alle Egoisten; vornehme und edle Egoisten natrlich -- aber immer
doch Egoisten.

Herr N. Also Sie geben unbedingt jener Art von Werken den Vorzug, in
denen nur die hohen Regungen der Menschen vorkommen.

Die zweite Dame. Aber natrlich! Ich werde sie immer hher stellen, und
ich mu gestehen, ich habe mehr inneres Vertrauen zu einem solchen
Autor.

Der Mann der ersten Dame (wendet sich an Herrn N.). Nun, du siehst doch,
es kommt auf das gleiche hinaus -- so ist der Geschmack der Frauen. In
ihren Augen steht die banalste Tragdie hher als die allerbeste
Komdie. Schon allein, weil es eine Tragdie ist ...

Die zweite Dame. Schweigen Sie, sonst werde ich wieder bse. (Wendet
sich an Herrn N.) Nun sagen Sie, habe ich denn nicht die Wahrheit
gesagt: ein Komdienschreiber mu doch unbedingt eine kalte Seele haben?

Der Mann der zweiten Dame. Oder eine glhende, denn ein reizbares
Temperament fordert doch auch zum Spott und zur Satire heraus.

Die zweite Dame. Oder eine leicht erregbare Seele. Aber was bedeutet
das? -- Das bedeutet, da der Anla zu diesen Werken immer nur Galle,
Verbitterung, Emprung ist, wenn auch eine in jeder Hinsicht gerechte
Emprung. Aber es fehlt das, was erkennen lt, da das Werk aus einer
hohen Liebe zur Menschheit ... kurz aus Liebe geboren ward. Nicht wahr?

Herr N. Sehr richtig.

Die zweite Dame. Und nun sagen Sie: hat der Autor der Komdie
hnlichkeit mit diesem Portrt?

Herr N. Wie soll ich Ihnen sagen? Ich kenne ihn nicht so gut, um ber
seine Seele urteilen zu knnen. Aber wenn ich berlege, was ich alles
von ihm gehrt habe, so mu er entweder ein Egoist oder ein sehr
reizbarer Mensch sein.

Die zweite Dame. Nun sehen Sie, ich wute es doch ganz genau.

Die erste Dame. Ich wei nicht warum -- aber ich mchte nicht, da er
ein Egoist wre.

Der Mann der ersten Dame. Ah, da kommt unser Lakai, unser Wagen ist also
vorgefahren. Leben Sie wohl. (Drckt der zweiten Dame die Hand.) Sie
kommen doch zu uns, nicht wahr? Wir wollen doch bei uns zu Hause Tee
trinken?

Die erste Dame (im Weggehen). Gern.

Die zweite Dame. Unbedingt.

Der Mann der zweiten Dame. Ich glaube, unser Wagen ist auch vorgefahren.
(Folgen ihnen.)

                    (Zwei Zuschauer treten herein.)

Der erste. Erklren Sie mir nur das eine: wenn man jeden Akt, jede
Person, jeden Charakter einzeln betrachtet, warum sieht man dann, da
alles wahr, alles lebendig und der Natur entnommen ist, und doch
erscheint es im ganzen als etwas Ungeheuerliches, bertriebenes, als
eine Karikatur, so da man sich nach Verlassen des Theaters
unwillkrlich fragt: existieren denn wirklich solche Menschen? Und dabei
sind es doch nicht eigentlich Verbrecher!

Der zweite. Nicht im geringsten -- es sind durchaus keine Verbrecher!
Sie sind einfach das, was das Sprichwort so ausdrckt: Kein bser Sinn,
ein Schelm schlechthin.

Der erste. Und dann noch eins: diese ungeheure Anhufung, dieses berma
-- ist das nicht schon ein Fehler einer Komdie? Sagen Sie mir, wo gibt
es eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Menschen besteht, wo --
wenn nicht die Hlfte -- so doch mindestens nicht ein kleiner Bruchteil
anstndige Menschen sind. Wenn eine Komdie ein Bild, ein Spiegel
unseres sozialen Lebens sein soll, so mu dieses sich in voller
Deutlichkeit spiegeln.

Der zweite. Erstens ist meiner Meinung nach diese Komdie kein Bild,
sondern eher noch eine Frontispice. Sie sehen, Szene und Schauplatz sind
imaginr. Sonst htte der Autor wohl keine Fehler und keine
offensichtlichen Anachronismen begangen und nicht manche Personen solche
Worte sagen lassen, die weder ihrem Charakter noch der Stellung, die sie
einnehmen, entsprechen. Nur die erste Gereiztheit hat das fr eine
persnliche Anspielung nehmen knnen, worin auch nicht einmal ein
Schatten von Persnlichem liegt und was mehr oder weniger allen Menschen
eigen ist. Das ist vielmehr ein groer Sammelpunkt: von berall her, aus
allen Winkeln Rulands sind hier alle Abnormitten, alle Mibruche und
Verirrungen zusammengestrmt, um einer Idee zu dienen und dem Zuschauer
eine lebhafte edle Abscheu vor vielem Hlichen und Niedrigen
einzuflen. Der Eindruck wird aber immer grer, weil keine der
dargestellten Personen alles Menschliche verloren hat: berall klingt
dies Menschliche hindurch. Dadurch wird die seelische Erschtterung noch
tiefer, und wenn der Zuschauer lacht, wendet er sich unwillkrlich um,
wie wenn er fhlte, da ihm das ganz nahe ist, worber er lachte, und
da er jeden Augenblick darber wachen mu, da es nicht in seine eigene
Seele hinberfliee. Am amsantesten mute wohl folgender Vorwurf fr
den Autor sein, wie ich glaube. Warum sind seine Personen und Helden
nicht sympathisch? whrend er doch alles getan hat, um sie recht
abstoend zu machen. Und wenn auch nur _ein_ anstndiger Mensch in die
Komdie hineingebracht worden wre, mit der ganzen Anziehungskraft, die
von einem solchen ausgeht, so htten sich alle, bis auf den Letzten, auf
die Seite des anstndigen Menschen gestellt und die ganz und gar
vergessen, vor denen sie jetzt so erschrocken sind. Diese Gestalten
wrden uns vielleicht nach der Vorstellung nicht so verfolgen, wie wenn
sie lebendig wren; der Zuschauer nhme kein schmerzliches Gefhl aus
dem Stck mit und wrde sich nicht fragen: Existieren denn wirklich
solche Menschen?

Der erste. Gewi. Aber das wird man doch nicht gleich begreifen.

Der zweite. Sehr natrlich. Der innere Sinn der Sache wird immer erst
nachher verstanden. Und je lebhafter, je deutlicher die Gestalten sind,
in denen er sich verkrpert und auf die er sich verteilt, um so mehr
bleibt die allgemeine Aufmerksamkeit an diesen Gestalten haften. Nur
wenn man sie zusammenaddiert, erhlt man die Summe und den Sinn einer
solchen Schpfung. Aber solche Zeichen schnell zergliedern und addieren,
sie sogleich auf den ersten Blick lesen -- das kann nicht jeder; und bis
dahin wird man immer nur Zeichen sehen. Und ich sage es Ihnen im Voraus,
Sie werden es noch erleben: vor allem wird jedes Kreisstdtchen in
Ruland in Emprung geraten und behaupten, da das eine bse Satire,
eine platte und gemeine Erdichtung ist, die sich offen gegen dies
Stdtchen richtet. (Sie entfernen sich.)

Ein Beamter. Das ist nichts wie eine platte gemeine Erdichtung! Das ist
eine Satire! Ein Pasquill!

Ein anderer Beamter. Jetzt ist also gar nichts mehr briggeblieben. Man
braucht keine Gesetze, man braucht auch dem Staate nicht zu dienen.
Diese Uniform, die ich trage, -- mu ich also fortwerfen: sie ist jetzt
nicht mehr als ein Lappen.

                  (Zwei junge Menschen laufen herein.)

Der eine. Jetzt sind alle zornig. Ich habe schon so viel reden hren,
da ich schon, wenn ich einen blo ansehe, erraten kann, was er ber das
Stck denkt.

Der andere. Nun, und was denkt dieser da?

Der erste. Der grade in die rmel seines Mantels fhrt?

Der andere. Ja.

Der erste. Der denkt folgendes: Fr so eine Komdie solltest du mir
nach Nertschinsk! ... Aber ich glaube, die Galerie kommt schon
herunter. Das Vaudeville scheint schon aus zu sein. Gleich wird der
Strom der kleinen Leute hereinbrechen. Wir wollen gehen. (Beide
entfernen sich.)

   (Der Lrm wird strker; man hrt und sieht die Menschen alle
   Treppen herunterlaufen. Es kommen: Bauernrcke, Pelzjacken,
   Hauben, lange deutsche Kaufmanns-Kaftans, Dreimaster und
   Federbsche, Mntel aller Arten: Friesmntel, Militruniformen,
   abgetragene und stutzerhafte mit Biberkragen. Die Menge stt den
   Herrn, der in die rmel des Mantels fhrt, weg; der Herr tritt
   zur Seite und fhrt dort fort, den Mantel anzuziehen. In der
   Menge werden Herren und Beamte aller Art sichtbar. Lakaien in
              Livree bahnen den gndigen Frauen den Weg.)

Man hrt eine kreischende Frauenstimme: Herrgott, man erdrckt mich ja
ganz von allen Seiten.

Ein geschmeidiger junger Beamter (luft an den Herrn heran, der den
Mantel anzieht). Erlauben Exzellenz, da ich Ihnen den Mantel halte.

Der Herr im Mantel. Ah, guten Tag! Du hier? Du bist wohl hergekommen, um
das Stck zu sehen?

Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz, es ist sehr gut und mit viel Witz
beobachtet!

Der Herr im Mantel. Ach Unsinn! Da gibts gar nichts Witziges!

Der junge Beamte. Sehr richtig, Exzellenz! Absolut nichts!

Der Herr im Mantel. Fr solche Sachen verdient man, ausgepeitscht und
nicht noch gelobt zu werden.

Der junge Beamte. Jawohl, Exzellenz.

Der Herr im Mantel. Da man die jungen Leute nur ins Theater lt! Die
werden dort viel Ntzliches lernen! Auch du: jetzt wirst du wohl in die
Kanzlei kommen und gleich mit Grobheiten beginnen?

Der junge Beamte. Wie knnte ich nur, Exzellenz! ... Gestatten Sie, da
ich Ihnen den Weg freimache. (Zu der Menge, whrend er ein paar Leute
fortstt.) He, ihr da, macht Platz! Ein General kommt! (Tritt mit
bertriebener Hflichkeit an zwei stutzerhaft gekleidete Herren heran.)
Meine Herren, tuen Sie mir den Gefallen, lassen Sie den General durch!

   (Die gutgekleideten Herren treten zur Seite und geben den Weg frei.)

Der erste. Weit du, was das fr ein General ist? Es mu wohl eine
bekannte Gre sein?

Der zweite. Ich wei nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.

Ein redseliger Beamter (mischt sich von hinten in das Gesprch). Ein
ganz einfacher Staatsrat vierter Klasse. So ein Glck! Nach
fnfzehnjhrigem Dienst hat er schon den Wladimir-, den Anna- und
Stanislaworden, dreitausend Rubel Gehalt, und auerdem zweitausend
Zuschu und dazu noch Zulagen vom Rat, von der Kommission und vom
Departement.

Die gutgekleideten Herren (einer zum andern). Gehen wir. (Sie entfernen
sich.)

Der redselige Herr. Das sind wohl verwhnte Muttershnchen. Dienen
wahrscheinlich im auswrtigen Amt. Ich habe die Komdien nicht gern;
meinem Geschmack entspricht mehr die Tragdie. (Geht ab.)

Eine Stimme aus der Menge. Wieviel Volk hier zusammengestrmt ist!

Ein Offizier (drngt sich mit einer Dame am Arm durch die Menge). He,
ihr Langbrte da, drngt doch nicht so. Siehst du denn nicht -- das ist
eine Dame!

Ein Kaufmann (mit einer Dame am Arm). Wir haben doch auch eine Dame bei
uns, Vterchen.

Eine Stimme aus der Menge. Jetzt hat sie sich umgesehen, siehst du,
siehst du? Sie ist jetzt hlicher geworden -- aber vor drei Jahren ...

Verschiedene Stimmen. Hrst du, dreiig Kopeken habe ich von ihm
zurckbekommen. -- Ein schurkisches, schlechtes Stck! -- Ein amsantes
Stck. -- Was drngst du dich mir bis an die Gurgel ran?

Eine Stimme vom uersten Ende. Das ist alles Unsinn! Wo htte sich so
ein Ereignis abspielen knnen? So etwas knnte hchstens noch auf der
Tschukotzki-Insel geschehen.

Eine Stimme vom anderen Ende. Nun, ganz so eine Sache ist unserer Stadt
passiert. Ich glaubte schon, der Autor habe -- wenn er nicht selbst dort
gewesen ist -- doch zum mindesten davon gehrt.

Die Stimme des Kaufmanns. Es ist -- sehen Sie wohl -- sozusagen mehr von
der moralischen Seite gesehen. Gewi, es gibt sozusagen sehr
verschiedene Menschen. Aber wollen Sie bitte in Betracht ziehen, da
auch ein ehrlicher Mensch, wenn die Gelegenheit sich bietet ... Und von
wegen der Moral -- so kommt das auch bei den Adligen vor.

Die Stimme eines Mzens. Wahrscheinlich ist er eine Kanaille, ein Schuft
-- dieser Dichter: alles hat er ausgekundschaftet, er wei alles!

Die Stimme eines brummigen, aber offenbar erfahrenen Beamten. Was wei
er denn? Den Teufel wei er! Und schwindeln tut er, schwindeln: alles,
was er da geschrieben hat -- alles ist gelogen! Man nimmt auch die
Schmiergelder nicht auf diese Weise, wenn es darauf ankommt ...

Die Stimme eines andern Beamten aus der Menge. Ach was sagen Sie:
Lcherlich, ganz lcherlich! Wissen Sie auch warum das lcherlich ist?
Das sind doch alles bestimmte Personen. Er hat nmlich alle seine
Gromtter und Tanten dargestellt. Das ist das Lcherliche daran!

Eine unbekannte Stimme. Halt, man hat ein Tuch gestohlen!

   (Zwei Offiziere, die sich erkennen, begren einander ber die
                           Menschen hinweg.)

Der erste. Michl, gehst du hin?

Der zweite. Jawohl.

Der erste. Nun, ich bin auch dort.

Ein Beamter von bedeutendem uern. Ich wrde alles verbieten. Nichts
braucht man zu drucken. Geniee die Errungenschaften der Bildung, lies
-- aber schreib nicht! Es gibt schon genug Bcher -- wir brauchen keine
mehr!

Eine Stimme aus dem Volke. Nun wenn er ein Schurke ist -- so ist er eben
ein Schurke! Sei kein Schurke, und man wird nicht ber dich lachen.

Ein hbscher und wohlbeleibter Herr (spricht hitzig zu einem
unansehnlichen kleinen Herrn). Die Sittlichkeit leidet darunter, die
Sittlichkeit leidet darunter -- das ist das Wesentliche.

Ein kleiner, unansehnlicher Herr von boshaftem Charakter. Aber die
Sittlichkeit ist doch etwas Relatives.

Der schne und beleibte Herr. Was verstehen Sie unter dem Wort
relativ?

Der unansehnliche kleine Herr von boshaftem Charakter. Das, da jeder
die Sittlichkeit mit seinem eigenen Mastabe mit. Der eine nennt es
sittlich, wenn man den Hut vor ihm auf der Strae lftet. Der andere
nennt das Sittlichkeit, da man durch die Finger sieht, wenn er stiehlt;
der dritte nennt die Dienste sittlich, die man seiner Geliebten erweist.
Wie sagt doch jeder von uns gewhnlich zu seinen Untergebenen? -- Er
erklrt von oben herab: Mein Herr, geben Sie sich Mhe, Ihre Pflicht
gegen Gott, Kaiser und Vaterland zu erfllen, worauf das aber zu
beziehen ist -- das kannst du dir selbst zurechtlegen. Allerdings ist
das nur noch in der Provinz blich, in der Residenz passiert so etwas
nicht mehr, nicht wahr? Wenn sich hier jemand in drei Jahren zwei Huser
anschafft -- wie hngt das zusammen? Doch nur mit der Ehrlichkeit; nicht
wahr?

Der hbsche beleibte Herr (beiseite). Der ist bs wie der Teufel und hat
eine Zunge wie eine Schlange!

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stt einen ihm gnzlich
unbekannten Herrn am Arm und spricht zu ihm, indem er auf den hbschen
Herrn hinweist). Vier Huser in einer Strae; alle nebeneinander, die
sind in sechs Jahren aus der Erde gewachsen! Wie wirkt die Ehrlichkeit
auf die Vegetation, was?

Der Unbekannte (entfernt sich eilig). Verzeihen Sie, ich habe nicht ganz
verstanden ...

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter (stt einen unbekannten
Nachbar am Arm). Wie sich heutzutage die Taubheit in der Stadt
verbreitet hat, was? Das macht alles das ungesunde und feuchte Klima!

Der unbekannte Nachbar. Ja, und die Grippe. Bei mir waren smtliche
Kinder krank.

Der unansehnliche Herr von boshaftem Charakter. Ja, die Grippe, die
Taubheit und der Ziegenpeter im Halse. (Verliert sich in der Menge.)

         (Eine Unterhaltung in einer abseits stehenden Gruppe.)

Der erste. Man behauptet, da mit dem Autor selbst eine hnliche
Geschichte passiert ist; er soll schuldenhalber in einem Stdtchen im
Gefngnis gesessen haben.

Ein Herr auf der anderen Seite der Gruppe (fllt ihm ins Wort). Nein,
nicht im Gefngnis, sondern auf einem Turm. Vorberfahrende haben es
gesehen. Man sagt, es sei etwas Auerordentliches gewesen. Denken Sie
sich, ein Dichter auf einem fabelhaft hohen Turm, ringsherum Berge, in
einer entzckenden Lage und von dort herab rezitiert er seine Gedichte.
Nicht wahr, darin offenbart sich doch ein ganz besonderer Zug des
Dichters?

Ein positiv gesinnter Herr. Der Autor mu ein gescheiter Mensch sein.

Ein negativ gesinnter Herr. Aber nicht im geringsten. Ich wei, er hat
gedient, und man hat ihn fortgejagt: er war nicht einmal imstande, ein
Gesuch abzufassen.

Ein ganz gewhnlicher Lgner. Ein kecker, ein schlauer Kopf! Man wollte
ihm lange keine Anstellung geben -- und was glauben Sie? Er schrieb ganz
einfach einen Brief an den Minister. Und wie der geschrieben war! -- In
Quintilianischem Stil. Schon allein der Anfang: Sehr geehrter Herr!
Und so ging es weiter, weiter und weiter ... so an die acht Seiten
heruntergehauen! Als der Minister das las, sagte er: nun, ich danke,
ich danke! Ich sehe, du hast viel Feinde. Du sollst Chef der Abteilung
werden. Und so hat er sich gleich von einem gewhnlichen Schreiber zum
Abteilungschef aufgeschwungen.

Ein Herr mit gutmtigem Charakter (wendet sich zu einem anderen
kaltbltigen Herrn). Der Teufel wei, wem man da glauben soll! Im
Gefngnis hat er gesessen und auf den Turm ist er geklettert! Aus dem
Dienst hat man ihn gejagt und eine Anstellung hat er bekommen.

Ein kaltbltiger Herr. Das sind ja alles Improvisationen.

Der gutmtige Herr. Wieso -- Improvisationen?

Der kaltbltige Herr. Ganz einfach ... Zwei Minuten vorher wissen sie ja
selbst nicht, was sie von sich hren werden. Ein Zungenschlag -- und
pltzlich platzen sie, ohne da sie selbst etwas davon wissen, mit einer
Neuigkeit heraus, sind zufrieden, -- und kehren nach Haus zurck, als ob
sie sich satt gegessen htten. Am andern Tag aber ist alles vergessen,
was sie selbst sich ausgedacht hatten. Es scheint ihnen, als ob sie es
von andern Leuten gehrt htten, und dann gehen sie los und erzhlen es
in der ganzen Stadt herum.

Der gutmtige Herr. Aber das ist gewissenlos: lgen und es selbst nicht
fhlen.

Der kaltbltige Herr. Oh, es gibt auch empfindliche Leute. Es gibt
solche, die fhlen, da sie lgen, aber sie halten es in der
Unterhaltung fr etwas Notwendiges: Wie das Korn auf dem Felde das Auge
entzckt, so eine Lge die Rede erst schmckt.

Eine gutsituierte Dame. Aber was fr ein boshafter Sptter dieser Autor
sein mu! Ich gestehe, da ich ihm um keinen Preis unter die Augen
kommen mchte: er wrde sofort etwas Komisches an mir entdecken.

Ein Mann von Gewicht. Ich wei nicht, was fr ein Mann das ist. Das ist
... das ist ... das ist ... Fr diesen Menschen gibt es nichts Heiliges:
heut sagt er: der Rat Soundso ist kein guter Beamter, und morgen wird er
erklren, da es keinen Gott gibt. Bis dahin ist nur ein Schritt.

Ein zweiter Herr. Verspotten! Aber mit dem Lachen darf man nicht spaen!
Das heit doch jede Achtung zerstren -- ja das heit es!! Danach kann
ja jeder kommen und mir auf der Strae einen Schlag versetzen und sagen:
Man lacht doch ber euch; du bekleidest doch dasselbe Amt, da hast du
eine Ohrfeige! Jawohl, das bedeutet es.

Ein dritter Herr. Natrlich! Das ist eine ernste Sache. Man sagt: so
eine Kleinigkeit, so eine Bagatelle: eine Theatervorstellung! Nein, das
ist gar keine solche Kleinigkeit. Darauf mu man ernstlich achtgeben!
Fr solche Sachen kommt man nach Sibirien. Wenn ich die Macht htte --
wrde der Autor nicht zu mucksen wagen! Ich wrde ihn an einen solchen
Ort bringen lassen, wo kein Lichtstrahl hineinfllt.

   (Es erscheint eine Gruppe von Menschen, von Gott wei welcher
      Art, brigens aber von vornehmem ueren und gutgekleidet.)

Der erste. Bleiben wir lieber hier stehen, bis die Menge sich verlaufen
hat. Nein, was soll das wirklich! Lrm machen, in die Hnde klatschen,
als ob das Gott wei was wre! So eine Kleinigkeit, irgendein
bedeutungsloses Theaterstck -- und so einen Alarm zu schlagen!
Schreien, den Autor hervorrufen -- was soll das wirklich!

Der zweite. Immerhin war das Stck amsant und unterhaltend.

Der erste. Nun ja, amsant, so wie uns gewhnlich jede Bagatelle
amsiert. Aber warum dieser Lrm, diese Diskussionen? Man streitet
darber wie ber eine wichtige Sache, man applaudiert ... was soll das
bedeuten! Schn, ich verstehe, wenn es sich noch um eine Sngerin oder
Tnzerin handelte -- das verstnde ich noch: da bewundert man doch
wenigstens die Kunst, die Geschmeidigkeit, die Geschicklichkeit, das
natrliche Talent. Aber hier? Man schreit: ein Literat, ein Literat,
ein Schriftsteller! Ja, was ist denn ein Schriftsteller? Weil ihm
manchmal ein witziges Wort einfllt, oder weil er die Natur abschreibt
... Ist denn das so schwer? Was ist denn das fr eine Kunst? Das sind
doch alles Fabeln und weiter nichts!

Der zweite. Aber natrlich -- eine hchst mittelmige Sache.

Der erste. Denken Sie selbst: Ein Tnzer zum Beispiel: Das ist doch
immerhin Kunst, was er leistet, das kann ihm doch keiner nachmachen.
Wenn ich es zum Beispiel wollte: ja bei mir wrden sich einfach die Fe
nicht von der Stelle bewegen. Ich sollte mal versuchen, einen Entrechat
zu machen: ich wrde keinen einzigen fertig bringen. Aber schreiben kann
man, auch ohne es gelernt zu haben. Ich wei nicht, wer der Autor ist,
aber man hat mir erzhlt, da er ein absolut ungebildeter Mensch ist,
der nichts wei -- den man irgendwo hinausgeworfen hat.

Der zweite. Aber erlauben Sie mal, etwas mu er doch wissen: ohne dies
kann man doch nicht schreiben.

Der erste. Aber ich bitte Sie, was kann er denn wissen? Sie wissen ja
selbst, was ein Literat ist. Der leerste Mensch! Das ist doch
weltbekannt -- zu nichts zu gebrauchen. Man hat schon versucht, sie
irgendwie zu verwenden -- aber man hat es aufgegeben. Nun sagen Sie
selbst: was schreiben sie denn? Das sind doch alles Torheiten und
Fabeln. Wenn ich wollte, knnte ich sofort so etwas schreiben, und
ebenso Sie und er, jeder kann so etwas schreiben.

Der zweite. Nun ja ... gewi -- warum sollte man so etwas nicht
schreiben knnen. Wenn man nur ein Funken Verstand im Kopf hat, so kann
man es schon.

Der erste. Man braucht auch keinen Verstand dazu. Wozu denn Verstand?
Das sind doch alles Fabeln. Ja, wenn es noch zum Beispiel eine
schwierige Wissenschaft wre, irgendeine Sache die man nicht kennt --
aber was ist denn das? Das wei doch jeder Bauer. Das kann man jeden Tag
auf der Strae sehen. Man braucht sich nur ans Fenster zu setzen und
sich alles zu notieren, was passiert -- das ist das ganze Kunststck.

Der dritte. Das ist wahr. Wahrhaftig, wenn man nur bedenkt, mit was fr
Unsinn man seine Zeit vergeudet!

Der erste. Sehr richtig, das ist Zeitverschwendung und sonst nichts.
Lauter Fabeln und Torheiten! Man mte es einfach verbieten, ihnen Tinte
und Feder in die Hand zu geben. Aber das Volk strmt heraus -- wollen
wir gehen! Lrm machen, schreien, Beifall klatschen! Und die Sache ist
doch ganz wertlos! Fabeln! (Sie entfernen sich. Die Menge lichtet sich,
einige Zurckgebliebene laufen vorber.)

Der gutmtige Beamte. Nun immerhin, er htte doch wirklich wenigstens
einen anstndigen Menschen auftreten lassen knnen. Aber nichts als
Schurken und Gauner!

Ein Mann aus dem Volke. Hrst du, erwarte mich an der Straenkreuzung!
Ich laufe nur hinein und hole meine Handschuhe.

Ein vornehmer Herr (sieht auf die Uhr). Es ist bald ein Uhr. Noch nie
bin ich so spt aus dem Theater gekommen. (Er entfernt sich.)

Ein Beamter der sich versptet hat. Nichts als unntz verlorene Zeit!
Nein, ich gehe nie mehr ins Theater! (Er entfernt sich, das Vestibl
leert sich.)

Der Autor des Stcks (tritt hervor). Ich habe mehr gehrt, als ich
vermutete. Was fr eine bunte Menge von Ansichten. Wie glcklich ist
doch der Komdiendichter, der einer Nation entstammt, wo die
Gesellschaft noch keine kompakte unbewegliche Masse bildet, wo sie noch
nicht von einer Rinde alter Vorurteile umgeben ist, die die Gedanken
aller mit derselben Form und demselben Ma umschliet; wo jeder Mensch
seine eigene Meinung hat, wo jeder selbst der Schpfer seines Charakters
ist. Welche Mannigfaltigkeit liegt in allen diesen Meinungen, und wie
leuchtete doch aus allen der starke, klare, russische Geist hervor!: in
dem edlen Streben des Staatsmanns, in der hohen Selbstverleugnung des in
die Provinz verschlagenen Beamten, in der zarten Schnheit einer
gromtigen Frauenseele, dem sthetischen Gefhl der Kenner und in dem
schlichten sicheren Instinkt des Volkes. Wie war selbst in den
unfreundlichen Urteilen noch so vieles enthalten, was der
Komdiendichter wissen mu! Ja, ich bin befriedigt. Aber warum wird mir
so traurig ums Herz ...? Seltsam: es schmerzt mich, da keiner die
redliche Person bemerkt hat, die in meinem Stck auftritt. Und doch gibt
es eine ehrliche, edle Persnlichkeit, die whrend des ganzen Stckes
mitwirkt. Diese edle ehrliche Person war -- das _Lachen_. Es war
hochherzig, weil es sich hervorzutreten entschlo, trotz der gemeinen
Bedeutung, die die Welt ihm beilegt. Es war hochherzig, weil es sich
hervorzutreten entschlo, obschon es dem Komdiendichter einen
schlechten Ruf einbrachte -- den Ruf eines kalten Egoisten, und sogar
die Leute zwang, an das Vorhandensein zarter Seelenregungen bei ihm zu
zweifeln. Fr dieses Lachen ist keiner eingetreten. Ich aber, der
Komdiendichter, ich diente ihm treu und ehrlich, und darum mu ich sein
Frsprecher sein. Nein, das Lachen hat eine grere Bedeutung und ist
tiefer, als alle glauben -- nicht das Lachen, das ein flchtiger Reiz,
das die Galle oder ein krankhafter Charakter erzeugt; auch nicht das
leichte Lachen, das der migen Zerstreuung und Unterhaltung dient --
sondern jenes Lachen, das ganz aus der lichten Natur des Menschen strmt
-- das aus ihr hervorstrmt, weil sich auf ihrem Grunde sein ewig
sprudelnder Quell befindet; ein Lachen das den Gegenstand vertieft, und
hell hervortreten lt, was sonst flchtig vorbergeglitten wre, und
ohne dessen durchdringende Kraft diese Kleinheit und die Hohlheit des
Lebens den Menschen nicht so mit Schrecken erfllen wrde. Das
Verchtliche und Nichtige, an dem er tglich gleichgltig vorbeigeht,
wrde nicht mit dieser furchtbaren, beinahe bizarren Gewalt vor ihm
emporwachsen und er wrde nicht in den Ruf ausbrechen: Gibt es denn
wirklich solche Menschen? whrend es, wie er selbst wei, noch viel
schlimmere Menschen gibt. Nein, die haben unrecht, die da behaupten, da
das Lachen uns emprt. Nur das Finstere emprt uns, das Lachen aber ist
leuchtend und hell. Vieles wrde den Menschen empren, wenn es ihm in
seiner ganzen Nacktheit gezeigt wrde, aber von der Macht des Lachens
erleuchtet, bringt es unserer Seele Frieden und Vershnung. Und wer an
einem boshaften Menschen Rache nehmen will, shnt sich schon beinahe mit
ihm aus, wenn er gewahr wird, wie die gemeinen Regungen seiner Seele
verlacht werden. Die sind ungerecht, die da behaupten, das Lachen wirke
nicht auf die, gegen die es gerichtet ist, und da der Spitzbube der
erste ist, der ber einen andern Spitzbuben lacht. Der Enkel des
Schurken wird darber lachen, aber ber seinen schurkischen Zeitgenossen
wird kein Spitzbube lachen knnen. Er merkt, da sich der Eindruck
seines Wesens schon allen unwiderstehlich eingeprgt hat, da eine
einzige gemeine Bewegung von ihm gengt, um ihm diesen Eindruck als
ewiges Kennzeichen anzuheften; und vor dem Spott frchtet sich sogar
der, der sich vor nichts auf der Welt mehr frchtet. Nein, nur dem ist
jenes gtige Lachen gegeben, der ein von Grund aus gutes Herz hat. Aber
man hrt sie nicht, die gewaltsame Macht dieses Lachens; was lcherlich
ist, ist gemein, sagt die Welt; nur das, was im erhobenem Tone gesagt
wird, nur das wird als das Hohe bezeichnet. Aber mein Gott, wie viel
Menschen gehen tglich an uns vorber, fr die es berhaupt nichts Hohes
in der Welt gibt! Alles, was die Begeisterung erschuf, ist fr sie
Torheit und Fabelei. Die Werke Shakespeares sind Fabeln fr sie, die
heiligsten Regungen der Seele sind auch nichts als Fabeln. Nein, nicht
verletzte kleinliche Dichtereitelkeit zwingt mich, das zu sagen, nicht
weil meine unreifen schwachen Schpfungen soeben als Fabeln bezeichnet
wurden -- nein, ich sehe meine Fehler ein, ich sehe ein, da ich
Vorwrfe verdient habe; aber meine Seele konnte es nicht gleichgltig
ertragen, da die vollendetsten Schpfungen als Torheiten und Fabeln
bezeichnet wurden, da alle Leuchten und Sterne dieser Welt nur fr
Verfasser von Torheiten und Fabeln gehalten wurden. Das Herz tat mir
weh, als ich sah, wieviel stumpfe, tote Menschen es hier, mitten im
treibenden Leben gibt, die uns durch die starre Klte ihrer Seelen
erschrecken, durch die unfruchtbare Wstenei ihrer Herzen; das Herz tat
mir weh, als ich sah, wie auf ihren unempfindlichen Gesichtern auch
nicht die Spur eines Eindrucks dessen aufblitzte, was einer von tiefer
Liebe erfllten Seele himmlische Trnen entlockt htte. Und ihre Zunge
zgerte keinen Augenblick, ihr ewiges Fabeln, Fabeln auszusprechen.
Doch sieh, Jahrhunderte sind verflossen, Stdte und Vlker sind vom
Angesicht der Erde getilgt und verschwunden, wie Rauch ist alles
verflogen, was einstmals war -- aber die Fabeln leben noch und
wiederholen sich bis heute, und andchtig lauschen ihnen weise
Herrscher, tiefsinnige Frsten, der herrliche Greis und der von edlem
Streben erfllte Jngling. Fabeln ...! Es chzen die Balkone und die
Brstungen des Theaters: von oben bis unten erschauert alles, ist ganz
in ein einziges Gefhl, in einen Augenblick verwandelt, alles
verschmilzt zu einem einzigen Menschen, alle Menschen treffen wie Brder
in einer seelischen Regung zusammen, und der einstimmige Beifallssturm
wird zu einer hehren Dankhymne fr den, der schon seit fnfhundert
Jahren nicht mehr auf der Welt ist. Vernehmen es seine verwesten Knochen
im Grabe? Gibt seine Seele Antwort, die im Leben so herbes Leid erduldet
hat? Fabeln ...! Dort, in die Reihen der erschtterten Menge tritt ein
vom Unglck und der schier unertrglichen Last des Lebens Gebeugter;
schon will er in seiner Verzweiflung Hand an sich legen -- da pltzlich
entstrmen erfrischende Trnen seinen Augen, er geht hinaus, vershnt
mit dem Leben, und bittet den Himmel um neue Leiden und Schmerzen, nur
damit er leben und wieder Trnen vergieen kann ber solche Fabeln.
Fabeln ...! Die Welt wrde einschlummern ohne solche Fabeln, das Leben
verflachen, Schlamm und Schimmel wrden die Seele berziehen. Fabeln
...! Oh! heilig seien die Namen derer, die solchen Fabeln andchtig
gelauscht haben, heilig noch ihren Enkeln bis in alle Ewigkeit: der
wunderbare Finger der Vorsehung schwebte ewig ber dem Haupt ihrer
Schpfer. Selbst in den Zeiten des Unglcks und der Verfolgungen traten
die Vornehmsten und Besten im Staate, als die ersten, schtzend auf ihre
Seite, und ein gekrnter Monarch beschattete sie mit seinem kniglichen
Schild von der Hhe seines unerreichbaren Thrones.

Wohlan denn, frisch auf den Weg. Nicht mge die Seele der Tadel
verwirren, sondern hochherzig nehme sie die Hinweise auf ihre Mngel
hin. Selbst das darf sie nicht betrben, da man ihr groe Regungen und
die heilige Liebe zur Menschheit abspricht. Die Welt gleicht einem
Strudel: ewig kreisen in ihr Meinungen und Ansichten, aber sie alle
zermahlt die Zeit: wie eine Schale fallen die falschen ab, aber gleich
harten Krnern bleiben unerschtterlich die ewigen Wahrheiten bestehen.
Was einst als hohl und leer angesehen wurde, kann spter mit ernster
Bedeutung ausgerstet erscheinen. In der Tiefe eines kalten Gelchters
entdeckt man vielleicht pltzlich glhende Funken einer ewigen,
machtvollen Liebe. Und wer will es wissen -- vielleicht kommt einmal die
Zeit, wo alle Menschen anerkennen, da kraft der gleichen Gesetze, nach
denen der Stolze und Starke im Unglck klein und schwach erscheint,
whrend das Elend den Schwachen zu einem Riesen emporwachsen lt -- da
kraft der gleichen Gesetze der, der hufig weint und bittre, von Herzen
kommende Trnen vergiet, vielleicht mehr lacht als alle andern auf der
Welt ...!




                                 Anhang



                              Der Revisor

Diese Komdie ist im Jahre 1834 begonnen. Das Bhnenmanuskript wurde am
4. Dezember 1835 vollendet und am 2. Mrz fr die Auffhrung
freigegeben, trotzdem fuhr der Autor fort, auch nach der Freigabe durch
die Zensur an diesem Texte weiterzuarbeiten. Am 19. April 1836 fand die
erste Auffhrung am Alexandertheater zu St. Petersburg, und zwar an
einem Sonntage statt -- das kleine Theater in Moskau folgte am 25. Mai
desselben Jahres. Zugleich mit der Auffhrung erfolgte die Drucklegung
der Buchausgabe des Revisor, die sich in vieler Hinsicht von der
Bhnenausgabe unterschied. Das Buch erschien im April 1836 (die
Unterschrift des Zensors trgt das Datum: den 13. Mrz 1836). Von diesem
Zeitpunkt ab ist der Revisor mehrmals und zu verschiedenen Zeiten immer
wieder umgearbeitet worden, bis er die Fassung erhielt, die im dritten
Bande der ersten Ausgabe der Werke Gogols abgedruckt ist. Die
endgltige Umarbeitung des Textes fllt in den Zeitabschnitt zwischen
dem Mrz 1841 und dem 15. Juli 1842. Eine der letzten Fassungen, die im
Druck vorliegen, weist folgende Abweichungen gegenber den
vorhergehenden Ausgaben auf:

1) Ist die stumme Schluszene, die in den frheren Ausgaben
folgendermaen lautete, weit ausfhrlicher behandelt: Alle stoen einen
Schrei der berraschung aus und bleiben mit offenem Munde und langen
Gesichtern stehen. Stumme Szene. Der Vorhang fllt.

2) In der zweiten Ausgabe von Gogols Werken fehlen folgende
Ausfhrungen ber die Gste, die offenbar vom Verfasser herstammen: Die
Gste mssen einen mglichst verschiedenartigen Charakter haben. Es
mssen groe und kleine, dicke und dnne, ungekmmte und gekmmte
darunter sein. Auch mssen sie verschieden angezogen sein, die einen
mssen Frcke, die andern ungarische Rcke und andre Rcke von
verschiedener Farbe und verschiedenem Schnitt tragen. Auch die Kostme
der Damen mssen dieselbe Mannigfaltigkeit aufweisen, die einen mssen
ziemlich anstndig angezogen sein, sogar mit einem gewissen Anspruch auf
Modernitt, doch aber mu es immer an etwas fehlen: entweder sitzt die
Haube schief, oder sie haben einen ganz seltsamen Pompadour usw., wieder
andre haben Kleider an, die berhaupt keiner Mode entsprechen -- sie
tragen groe Tcher und Hauben in Form eines Zuckerhutes -- berhaupt
mu man auf das Ganze des Stckes achten. Angst, Entsetzen,
berraschung, Unruhe -- das alles mu pltzlich und berall in der
ganzen Gruppe der handelnden Personen zum Ausdruck kommen und sich
zugleich in jedem Einzelnen in seiner Weise und gem seinem besonderen
Charakter spiegeln (Vergl. Seite 8).

3) Die Stelle im Monolog Chlestakoffs (Seite 35 Dieser Hauptmann usw.)
hatte in den beiden ersten Ausgaben folgende Fassung: Dieser Hauptmann
hat mich am meisten ausgebeutelt, brigens: man kann sagen, was man
will, die Bestie konnte glnzend die Volte schlagen. Kaum ein
Viertelstndchen gespielt und ratzekahl geschoren! Er spielt wirklich
fein! Wenn ich doch noch einmal irgendwo mit ihm zusammentreffen knnte!
brigens, wie sollten wir noch einmal zusammentreffen? Zu alledem
bedarf's eines glcklichen Zufalls. Wenn ich doch nur schnell nach Hause
fahren knnte. Wirklich, ich habe das Reisen satt. Und dazu mu es noch
so ein ekelhaftes Nest sein! In andern Stdten, da findet man doch noch
wenigstens etwas: hier dagegen gibt es auch gar nichts. Im Obstladen, da
gibt es zwar noch einen passablen Str, aber die verdammten Verkufer
geben einem so schrecklich wenig zum Probieren.

4) Ferner ist folgende Stelle aus den ersten beiden gedruckten Ausgaben
des Revisor umgearbeitet: Chlestakoff (erschrocken). Da haben wir die
Bescherung! Daran htte ich wei Gott niemals gedacht. Diese Bestie von
Wirt! Was nun, wenn er mich wirklich ins Loch steckt! Hm! In ein
standesgemes Gewahrsam ... das wre noch nicht so schlimm, da ginge
ich vielleicht noch mit. Nein, was sage ich, ich ginge noch mit? Gestern
haben mir zwei Kaufmannstchter nachgesehen, und dann treiben sich da
auch immerfort Offiziere herum ... Nein damit bin ich nicht
einverstanden. Das kann er nicht machen, oder wenn er es tte, wre er
ein solches Schwein ... Das kann man sich wohl mit irgendeinem Krmer
oder mit einem Handwerker erlauben ... Nein, nur nicht nachgeben (Mut
fassend). Was kann er mir antun? Ich sags ihm geradezu. Wie knnen Sie!
... Ich will nichts davon wissen. (Die Trklinke bewegt sich,
Chlestakoff erbleicht).

5) Auch folgende Stelle aus der ersten und zweiten Ausgabe hat leichte
nderungen erfahren: Seite 120. Schweig still, gar nichts weit du, und
menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Anna Andrejewna,
glauben Sie mir, ich bitte nur _darum_ um Ihre Hand oder um die Ihrer
Tochter, weil ich mich von herzlicher Liebe ergriffen fhle, und von
Bewunderung fr Ihre Vorzge erfllt bin. In so schmeichelhaften
Ausdrcken bewegte er sich, ... und als ich sagen wollte, wir erkhnen
uns nie, auf eine solche Ehre zu hoffen, da sagte er kein Wort, fiel
pltzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen Art: Anna
Andrejewna, machen Sie mich nicht unglcklich! Wenn Sie meine Gefhle
nicht erwidern, so macht der Tod meinem Leben ein Ende. Und weiter --
Kreisrichter. In der Tat! Ein auerordentliches Ereignis!
Schulinspektor. Das gndige Schicksal hat es so gefgt. --
Hospitalverwalter (beiseite). Diesem Schwein fliegen auch immer die
gebratenen Tauben ins Maul.

Alle Korrekturen und Verbesserungen, die in der endgltigen Fassung des
Revisors Aufnahme fanden, sind von Gogol in die erste in Druck
erschienene Ausgabe eingetragen (1836).

_Abri aus einem Brief, den der Autor bald nach der ersten Auffhrung an
einen Schriftsteller richtete._ Der erste Entwurf stammt aus dem April
des Jahres 1836. Die endgltige Ausarbeitung fr den Druck fand Anfang
Mrz 1841 statt.

_Vorbemerkung fr diejenigen, die den Revisor sachgem aufzufhren
beabsichtigen._ Ist wahrscheinlich gegen Ende des Jahres 1842
niedergeschrieben.

_Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe, als den Gang der
Handlung strend, ausgeschieden wurden._ Der erste Entwurf stammt aus
den Jahren 1834 und 1835. Ende 1835 wurden sie noch einmal umgearbeitet.
Die zweite von diesen Szenen erschien zum erstenmal im Moskwitjanin
(Der Moskauer) Band 3, 1841, und dann um einige Stellen vermehrt in der
zweiten Ausgabe des Revisor, 1841 wurden beide Szenen fr den Druck
umgearbeitet.

_Eine vom Autor in die Buchausgabe nicht mit aufgenommene Szene des
Revisor._ Stammt aus dem Jahr 1835.

_Vorwort zu einer zum Besten der Armen geplanten Ausgabe des Revisor._
Ist im Oktober des Jahres 1846 niedergeschrieben.

_Die Deutung des Revisors._ Stammt aus dem Jahre 1846.

_Nachtrag zur Deutung des Revisor_ stammt aus der zweiten Hlfte des
Jahres 1847.


                         Eine Heiratsgeschichte

Der erste Entwurf dieser Komdie stammt aus dem Jahre 1833. 1834 wurde
das Werk von Grund aus umgearbeitet, aber erst 1841 oder zu Anfang des
Jahres 1842, erhielt das Stck nach wiederholten Umarbeitungen seine
endgltige Gestalt. Es erschien zum erstenmal in der ersten Ausgabe von
Gogols Werken im Druck.


                              Die Spieler

Diese Komdie wurde im Anfang Juni 1836 noch vor Gogols Reise ins
Ausland begonnen und erschien 1842 zum erstenmal in Druck. Als Gogol das
Werk fr den Druck fertiggestellt hatte, schrieb er an Prokopowitsch.
Ich habe die Ihnen zugehenden _Spieler_ nur mit Mhe rekonstruiert, das
Brouillon ist vor so langer Zeit und so unleserlich geschrieben, da es
mich eine schier unendliche Arbeit kostete, es zu entziffern.


       Der Morgen eines vielbeschftigten Herrn. Der Proze. Das
                     Bedientenzimmer und das Fragment

bilden Teile, oder nach Gogols eigenen Worten, die Fetzen einer vom
Autor vernichteten Komdie: Der Wladimirorden dritter Klasse, deren
erster Entwurf aus dem Jahre 1832 stammt.

_Der Morgen eines vielbeschftigten Herrn._ Diese Szenen wurden im
Herbst des Jahres 1835 fr den Druck bearbeitet, und zwar aus jenen
Fetzen der vernichteten Komdie. Diese Szenen gehrten zu den frhesten
der Komdie. Spter bearbeitete Gogol diese Szenen noch einmal fr
Puschkins Ssowremennik (der Zeitgenosse). Dies war die letzte Fassung
vom Mrz des Jahres 1836. Sie trugen den Titel _Der Morgen eines
Beamten_ und erschienen im Ssowremennik unter dem Titel _Der Morgen
eines vielbeschftigten Herrn. Petersburger Szenen._ Als Gogol diese
Szenen fr die gesammelten Werke vom Jahre 1842 fertigstellte, nderte
er nur folgende Stelle: Alexander Iwanowitsch: Er stach nicht, weil ich
meine Dame noch nicht abgeworfen hatte. Iwan Petrowitsch: Gut, Sie
spielen Dame, aber Lukian Fedossejewitsch hat ja noch die Trumpf Sieben.
Alexander Iwanowitsch: Ja hatte er denn noch einen Trumpf? Ich kann mich
gar nicht erinnern. Iwan Petrowitsch: Aber gewi. Er hatte noch _zwei_
Trmpfe! die Zehn, mit der er die Trmpfe herauslocken mute, und die
Sieben. Alexander Iwanowitsch: Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben
Sie, er konnte nicht mehr als einen Trumpf haben, denn ... Iwan
Petrowitsch: Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzhlen Sie
das? Zwei Trmpfe. Zwei Trmpfe! Ich sehe sie noch jetzt vor mir! die
Zehn und die Sieben. Alexander Iwanowitsch: Eine Zehn hatte er, das
stimmt, aber keine Sieben. Dann htte er doch Trumpf gespielt, das
mssen Sie doch zugeben, dann htte er eben Trumpf gespielt. Iwan
Petrowitsch: Bei Gott, Alexander Iwanowitsch. Bei Gott.

_Der Proze._ Wurde im Jahre 1839 oder Anfang 1840 vollendet.

_Die Bedientenstube._ Wurde gegen Ende des Jahres 1839 neu bearbeitet
und in einigen Teilen ergnzt.

_Das Fragment_ -- die erste Niederschrift -- stammt wahrscheinlich aus
dem Jahre 1837. Es wurde 1840 umgearbeitet. Anfang 1841 wurde diese
Bearbeitung ins reine geschrieben. Die letzten Korrekturen stammen vom
August des Jahres 1842 aus der Zeit der Drucklegung der Werke Gogols.
Im gedruckten Text fehlen folgende Seiten aus dem Manuskript Mischa.
Ach Mutter, Mamachen, wie oft habe ich Sie gebeten, dieses Wort nicht zu
wiederholen. Sie glauben nicht, wie widerwrtig es mir ist, wie gemein
es klingt und was fr eine dumme und falsche Bedeutung es bei uns
angenommen hat. Seien Sie doch nicht so, wie jene alten Herren, die
dieses Wort allen Menschen unter die Nase reiben, ohne sich den Menschen
und das Wort erst ordentlich angesehen zu haben, das sie einem ins
Gesicht schleudern. Was ist von den fnfzig Hohlkpfen (_sic!_)
briggeblieben, denen man eine franzsische Erziehung angedeihen lie?
Sie haben sich an dies sagenhafte Wort geklammert, legen es nun
jedermann bei, und beehren jeden damit, der ihnen in den Weg luft. Wenn
sie einen Menschen sehen, dessen Anzug ein wenig anders ist, als der
anderer Leute, der eine andre Frisur hat oder bei dem kurz gesagt etwas
nicht _ganz_ so ist, wie bei andern Menschen, so schreien sie gleich:
Ein Liberaler! Ein Liberaler! Ein Revolutionr! Seht doch seine
Fracksche an, die sind ganz anders wie bei andern Leuten, sein
Halstuch ist ganz anders gebunden, er trgt seine Haare anders! Sie
glauben nicht, wie sich jedesmal mein Herz emprt, wenn ich etwas
Derartiges hre. Wie wenig kennen sie das Herz eines Russen und die
starken festen Zge seines Charakters! Sie wissen nicht, da, wenn er
sich auch von etwas hinreien lt, er dies nur auf Grund von schnen,
geistigen Motiven tut und nicht infolge einer zusammenhanglosen Idee,
die in dem leichtsinnigen Kopfe eines Franzosen entsprungen ist, (der in
der Tiefe seines Herzens soviel tiefe innerliche berzeugungen birgt,
die ihn auf ewig wider alle kleinlichen Verirrungen des Verstandes
behten. Schon diese Liebe fr seinen Zaren, dieses ganze ursprngliche
Gefhl, das in seiner Seele lebt, und von dem er sich nicht befreien
kann, selbst wenn es ihm einfiele! Fr _ihn_ ist er bereit, sein ganzes
Hab und Gut hinzugeben, sein Leben zu opfern, alles stumm zu ertragen,
und das ohne vorher ein Wort davon zu reden oder sich gar damit zu
brsten. Ist es da nicht bitter, zu sehen, da man einem solchen
russischen Mann in trivialer Weise Gedanken beilegt, die er nie gehabt
hat und nicht haben kann, und da man ihn mit dem abgeschmackten,
abgedroschenen Wort zu treffen glaubt, er spiele den Liberalen.
Mtterchen! um Gottes willen brauchen Sie dieses widerwrtige Wort
nicht. Und vermeiden Sie es, wahllos all das, was Ihnen nicht gefllt,
damit zu bezeichnen. Bitte sehen Sie doch zu: Wann und worin war ich
Ihnen je ungehorsam?) Die zweite eingeklammerte Hlfte des Textes hat
Gogol durchgestrichen und auf der dritten Seite folgenden Passus dafr
gesetzt: Und dieser russische Mann, in dessen Busen eine ursprngliche,
mit seiner eigensten Natur erwachsene, unergrndliche Liebe fr seinen
Zaren lebt -- ein Gefhl, fr das er alles hingeben, sein ganzes Hab und
Gut zum Opfer bringen, ja sein Leben aufopfern wrde, ohne vorher ein
Wort darber zu reden oder sich spter damit zu rhmen und zu brsten --
dieser russische Mann soll durch dieses hliche Wort getroffen werden,
das man ebensogut jedem hergelaufenen Frechling oder Vagabunden beilegt.
Nein Mtterchen, brauchen Sie alle Worte, die Sie wollen, nur nicht dies
banale und abgedroschene Wort. Denken Sie doch, _wann und worin war ich
Ihnen je ungehorsam_? Von diesem ganzen Absatz ist nur die letzte
gesperrt gedruckte Zeile in den Text der gedruckten Ausgabe aufgenommen
worden.


                            Nach dem Theater

_Epilog zu einer neuen Komdie._ Die ersten Entwrfe sind im April des
Jahres 1836 in Petersburg niedergeschrieben. Im Oktober 1842 wurde diese
Szene vollendet.

Die Nachtrge und Varianten zu diesem Bande sind der Ausgabe von
Tischonorawow, St. Petersburg 1901, entnommen.

                                                    _Der Herausgeber._


                Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt.





                             MODERNE RUSSEN


                         MICH. P. ARTZIBASCHEW:

                             Ssanin, Roman
                   GEHEFTET M. 5.--, GEBUNDEN M. 6.50

                           Aufruhr, Novellen
                   GEHEFTET M. 3.--, GEBUNDEN M. 4.50

                               Millionen
                   GEHEFTET M. 5.--, GEBUNDEN M. 6.50

                         Revolutionsgeschichten
                   GEHEFTET M. 4.--, GEBUNDEN M. 5.50


                            FJODOR SSOLOGUB:

                            Der kleine Dmon
                   GEHEFTET M. 5.--, GEBUNDEN M. 6.50


                           ALEXANDER KUPRIN:

                               Die Gruft
                   GEHEFTET M. 3.--, GEBUNDEN M. 4.50


                      GEORG MLLER VERLAG MNCHEN




   M. ARTZIBASCHEW, Ssanin. Roman. 20. Auflage.

   Finster, gro und ernst, von religisem und sozial-ethischem
   Pathos erfllt, mit weltreformatorischen Absichten und
   Gesinnungen, steht die russische Kunst, wie in Dostojewski und
   Tolstoi, so auch in Artzibaschew vor uns. Mit dsteren und
   starren Savonarola-Mienen blickt der Dichter auf das Leben seiner
   Zeit und seines Volkes, und er trgt Geieln in seiner Hand;
   berall lodern die Flammen der Revolution, versprt man den Atem
   umstrzlerischen Fhlens und Denkens.

                                                 Julius Hart im Tag

   Das Dichterische hebt das ganze Buch Artzibaschews ber das
   Niveau der Tendenz- und Absichtenbcher empor. Artzibaschew mte
   zwar kein Russe sein, wenn sein Buch nicht im Grundton aller
   russischen Literatur, in philosophierender Grbelei erklingen
   sollte, aber er phantasiert nicht ins Blaue hinein, er hat vor
   allem wirklich etwas zu sagen. Und er sagt es mit knstlerischem
   Stil und poetischer Kraft.

                                                     Mnchener Post

   Der Verfasser verfgt ber einen eigentmlichen Zauber in der
   knappen Charakteristik der Frauengestalten. Er gibt reizende,
   poetische Naturbilder von Grten und Landschaften, in denen die
   jungen Leute sich umhertreiben; einzelne Szenen haben einen
   groartigen Zug echt russischen Charakters, wie man derartiges
   nur bei den ganz groen russischen Dichtern findet.

                                                  Klnische Zeitung

   M. ARTZIBASCHEW, Aufruhr u. andere Novellen. 3. Aufl.

   Artzibaschew ist unstreitig der beste unter den jungrussischen
   Erzhlern, der schon eine unendliche Reihe von Nachtretern
   gefunden hat. Er ist im Grunde seines Schaffens Impressionist ...
   seine Bilder stehen vor uns in einem packenden Rahmen, in klarer
   Deutlichkeit, mit richtiger Licht- und Schattenverteilung und in
   der menschlichen Unmittelbarkeit, die uns am tiefsten ergreift.
   Sein vorliegender Novellenband ist wieder einmal die Besttigung
   dieser seiner groen poetischen Kunst.

                                                Berliner Morgenpost

   Es ist etwas Gewaltiges um den Realismus und die nackte Offenheit
   von dem Autor des Ssanin! Er ist ein Arzt der Seele, der die
   Wunden am Organismus des russischen Volkskrpers rcksichtslos
   blolegt. Keinem denkenden Leser wird es je einfallen, eine
   zynische Note in diesen aus knstlerischem und sozialethischem
   Geiste entstandenen Bildern zu suchen.

                                         Hamburgisches Fremdenblatt

   M. ARTZIBASCHEW, Millionen u. andere Novellen. 3. Aufl.

   Die Psychologie der Erzhlung ist so ausgezeichnet, wie man das
   von den Russen gewohnt ist. Sie geht in den Spuren des groen
   Dostojewski. Ein besonderes formales Moment sind die
   Naturstimmungen zu Anfang fast jeden Kapitels. Auch in der
   zweiten Erzhlung finden sie sich. Sie sind eine Art von
   intimerem Symbolismus. Artzibaschews Sprache ... zeigt aber
   bemerkenswerte und besondere individuelle Vorzge.
   Unvergleichlich und von hchst unmittelbarer, reizvoller Wirkung
   ist z. B. die schlichte und knappe und doch sehr plastische und
   suggestive Wirkung, wie Artzibaschew den Reiz des weiblichen
   Krpers und seine Macht auf den Mann mitzuteilen wei. Ich knnte
   mir vorstellen, da Artzibaschew nach solcher Richtung ein
   Dichter des Weibes werden knnte, wie ihn Ruland noch nicht
   gehabt hat.

                                  Johannes Schlaf in Nord und Sd

   Ein bis ins Unterbewutsein khn hineingreifendes, scharfes und
   unfehlbares psychologisches Vermgen, eine meisterhafte,
   wohlklingende Bildersprache, eine bis hart an die Grenze des
   berfeinerten gesteigerte sthetik ... In allem eine minutise
   Detailmalerei, und eine Milieuschilderung, wie sie zum Besten in
   ihrer Art gerechnet werden mssen.

                                                    B. Z. am Mittag

   M. ARTZIBASCHEW, Revolutionsgeschichten. 3. Aufl.

   Der berhmte Dichter des Ssanin zeigt sein hervorragendes
   dichterisches Knnen auch in diesem neuen Werk. Die
   Revolutionsgeschichten sind furchtbare Illustrationen zu den
   nun schon historisch gewordenen Greueltaten jener Zeit, da
   Revolution und Reaktion in Ruland einen grauenvollen Kampf
   begannen. In diesen Geschichten steckt die sittliche Kraft der
   russischen Jugend und Intelligenz, die es gewagt hat, an den
   Grundlagen des tnernen Kolosses zu rhren und die Reformation
   des Landes unter Aufopferung ihrer eignen Personen zu erzwingen.
   Und doch lesen sich diese Geschichten nicht etwa blo wie
   historische Berichte. Sie sind dichterische Schpfungen.

                         Dr. Messer i. d. Neuen Freien Presse, Wien

   FJODOR SSOLOGUB, Der kleine Dmon. Roman. 3. Aufl.

   Ssologubs Kleiner Dmon ist ein Buch, das man gerne liest und
   ber das man gerne schreibt, seinem furchtbaren Stoffe, der
   Tatsache zum Trotz, da es Seite fr Seite vom Schmutz eines fr
   westeuropische Begriffe schier unglaublich niedrigen Alltags
   geradezu pappt. Dies grausame Buch ... bedarf einer energischen
   Abwehr der Insinuation des Naturalismus und seiner Lust zu
   stinken. Ssologub steht hoch ber dem Verdachte, mit den
   Widrigkeiten seines Werkes Sensation beabsichtigt zu haben ... Er
   ist Dichter durch und durch und blickt mit den ernsten, echt
   menschlichen Augen eines vornehmen Ethikers. Ssologub macht
   keinerlei literarischen Getues mit dem Satanismus der Welt, die
   er schildert. Er spricht ruhig und gelassen wie von einer Sache,
   ber die wir uns lngst einig sind. Sein Pessimismus posiert
   nicht und ist keine trockene These, sondern bitterlich ernste
   Lebenserfahrung, Lebensstimmung.

                               Hermann Ewein im Literarischen Echo

   ALEXANDER KUPRIN, Die Gruft. Ein Roman aus der russischen Tiefe.
   Dritte Auflage.

   Ein mchtiges Gefhl der Wirklichkeit lodert in seinem Schaffen,
   ein Streben, das ganze russische Leben zu umfassen und die
   Vielheit seiner Formen sinnreich zu beleuchten ... Kuprins
   Naturalismus hat hier in der Sprache, in der Darstellung von
   Tatsachen und in den Farben den Hhepunkt erreicht. Er erscheint
   hier als Naturforscher, als Psychologe und als Chirurg, der mit
   verblffender Kaltbltigkeit das Seziermesser handhabt, um alle
   Atome zu zerlegen ... Die ethische Kraft, mit der Kuprin sein
   Werk geschrieben, ist gewaltig genug, um jede ernstdenkende und
   mitfhlende Persnlichkeit hinzureien.

                                            Neue Freie Presse, Wien

   Was Kuprins Buch, das er den Mttern und der Jugend widmet, von
   der Bordell- und Dirnenliteratur unterscheidet, in der mit einem
   ethisch-sentimentalen Rittertum die Notwendigkeit der Institution
   und die Zusammenhnge unterschlagen wurden, ist die Objektivitt,
   mit der er den Dingen aus nchster Nhe klar ins Auge sieht, ohne
   das ungeheuer Geschftsmige der Prostitution dabei mit Gemt zu
   berflschen ... Es ist ein Erkenntnis- und ein Mahnbuch, ein
   Buch der Nchstenliebe, voll groen sozialen Empfindens.

                                                   Vorwrts, Berlin





                              RUDOLF HUCH

                              Mehr Goethe
                  7. Aufl. Geh. M. 2.--, geb. M. 3,--

                            Winterwanderung
                  2. Aufl. Geh. M. 2.50, geb. M. 3.50

                         Die beiden Ritterhelm
               Roman. 2. Aufl. Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--

                          Die Familie Hellmann
               Roman. 2. Aufl. Geh. M. 6.--, geb. M. 7.50

                            Die Rbenstedter
                    Eine Kleinstadtsommergeschichte
                  2. Aufl. Geh. M. 3.--, geb. M. 4.--

                     Wilhelm Brinkmeyers Abenteuer
                         von ihm selbst erzhlt
                  2. Aufl. Geh. M. 5.--, geb. M. 6.50


                      GEORG MLLER VERLAG MNCHEN







                              Mehr Goethe

   Und nun komme ich zu einem der eigenartigsten und selbstndigsten
   Bcher, die den Namen Goethe auf ihren Schild geschrieben haben.
   Das Buch von Rudolf Huch Mehr Goethe! hat ja inzwischen seinen
   breiten Weg in die deutsche Leserwelt gefunden, es bedarf also
   der Empfehlung kaum noch ... _Es ist ein frisches, mutiges und
   gesundes Buch_, das aus seinem Herzen keine Mrdergrube macht,
   keck und dreist, ohne viel gelehrten Ballast im Schulsack, mitten
   in die Dinge hineinspringt und alle graue Theorie zum Teufel
   jagt.

                                        (>Westermanns Monatshefte<)


                            Winterwanderung

   Anmutig und durch einen Beigeschmack feiner Ironie tzend und oft
   fast pikant in gutem Sinne liest sich ein gleichwohl
   gedankenreiches, zu aphoristischer Form neigendes Werk von Rudolf
   Huch: Winterwanderung ... _Ein vornehmer Grundton, ein
   aristokratischer Pessimismus, der sich an Schopenhauer vertieft
   hat, zieht durch Huchs Weltanschauung_; aber ein oft
   feinsatirischer, oft grimmiger Humor bildet das angenehme
   Gegengewicht und lt steife Feierlichkeit nicht aufkommen. Das
   geistvolle Buch, wiederum ausgezeichnet durch eine fesselnde
   Stilistik, ist insofern eine empfehlenswerte Ergnzung zu des
   Verfassers bekanntem Buch: Mehr Goethe.

                                                     (>Der Trmer<)


                         Die beiden Ritterhelm

   Den hohen Reiz des Buches macht die gleichmige, epische
   Gelassenheit aus und, mit ihr zusammenhngend, die dem Stoff
   geme patrizische Natur des Erzhlers. Das gibt dem Ganzen _eine
   ungewhnliche, lckenlose Einheitlichkeit_. Wir spren ein
   bildungsgesttigtes Wesen, das der Bildungsprotzerei
   entgegengesetzt ist, wir spren einen tiefen Ernst der
   Lebensanschauung und zugleich eine humorisch mildernde
   berstrahlung; weite Ausblicke werden in verhaltener Darstellung
   angedeutet, und berall erfreut die unsliche Anmut der
   sparsamsten Linie.

                                                  (>Der Kunstwart<)

   Huchs Buch ist von einer krftigen Strenge, herb und
   unerbittlich, mnnlich durch und durch. Und es ist fest in seinem
   Gefge, seine Gewlbe sind tragkrftig, und der Mrtel des Baues
   ist hart wie Stein ... Die Gefhle der Menschen in diesem Buche
   liegen nicht an der Oberflche und knnen nicht leichthin berhrt
   werden. Sie sind in Knospen eingeschlossen ... _Huchs Buch gehrt
   zu jenen, die man nicht vergit._

                             (Karl Hans Strahl in >Die Zeit<, Wien)


                          Die Familie Hellmann

   _Kein Buch fhrt wohl so in gerader Linie auf den Stammbaum
   Goethes zurck wie dieser Familienroman Rudolf Huchs. Er ist ein
   Erlebnis fr den Leser_, davon er manchen Tag zehren kann und das
   ihm schwerlich mehr aus dem Gedchtnis schwindet; auf den
   fnfhundert Seiten wird keine Zeile langweilig sein. _Da ist edle
   Ausgeglichenheit der Sprache, Wohlklang, Feinnervigkeit,
   mnnliche Kraft und frauliche Sigkeit: das Buch hat etwas im
   tiefsten Grunde Musikalisches_ ... Die Familie Hellmann bildet
   einen Hhepunkt in Rudolf Huchs knstlerischem Schaffen und
   verdient es, den bisher noch viel zu wenig gekannten Dichter
   endlich ans Licht zu fhren.

                             (Dr. Ludwig Finckh in den >Propylen<)

   Rudolf Huch hat sich schon frher durch einige Werke die Achtung
   des deutschen Publikums errungen. _Mit diesem Roman steht er als
   ein ganz reifer, eigenartiger und als literarischer Charakter
   durchgebildeter Knstler vor uns_, der auf ueren und inneren
   Stil etwas hlt, nicht gewisser Szenen wegen sich technisch
   berhastet, sondern ruhig und sachlich, das heit episch langsam
   von Nuance zu Nuance, von Stufe zu Stufe fortschreitend erzhlt.
   Und trotz dieser scheinbar ruhigen und sachlichen Art formt sich
   seine Geschichte immer mehr, runden sich seine Gestalten und
   erleben mit objektiver Unerbittlichkeit ihr Schicksal. Neben den
   tatschlichen Hauptpersonen gewinnt eine Anzahl Nebenfiguren
   durch die liebevolle Behandlung von seiten des Autors wirkliches
   Leben und wirkliche, menschenhnliche Plastik.

                                                   (>Pester Lloyd<)

   Rudolf Huch hat eine streitbare Schrift Mehr Goethe! verfat,
   in der er den Deutschen als unverlierbare Richtschnur den Weg zu
   Goethe anpreist. Diesen Weg ist er mit seinem schnen Roman
   selbst geschritten. Er beleuchtete den Grundsatz des groen
   Meisters: Bilde, Knstler, rede nicht. _Seine Figuren haben
   plastisches Leben. Sie bleiben in unserer Erinnerung, als ob wir
   sie selbst gesehen htten._ Lyrische Stimmungen, an denen auch
   dieser Roman nicht arm ist, verdrngen doch nicht die
   hartgefgten Menschengestalten, die der Dichter geschaffen hat.

                                                   (Dr. Max Messer)

   Rudolf Huch ist ein Dichter mit starker Eigenart. Er prgt scharf
   und hart und baut seine Sachen ohne alle umhllende Weichheit und
   Zartheit aus. _Eine wirkliche Kompositionskunst und eine
   wundervolle Teleologie ist da, die jedes einmal aufgenommene
   Moment des Stoffes entwickelt und zur Geltung bringt. Huch
   schmckt die Form; doch sein Schmuck ist karg und sprd, voll
   Einfalt und Ungebrochenheit_ ... Wenige sind so frisch, kernhaft
   und anspruchslos wie er. Schnheit, tiefe und innere Gre ist
   auch den Menschen nahe, die durch diese letzte Arbeit Huchs
   gehen.

                                    (>Mannheimer General-Anzeiger<)


                            Die Rbenstedter

   _Gottlob, endlich einmal Humor, wirklicher deutscher
   Erzhlerhumor!_ Der Verfasser zitiert nicht umsonst in seiner
   Vorrede solch gute Geister wie Wilhelm Raabe und Fritz Reuter. Er
   htte meinethalben auch noch Dickens nennen knnen, ja vielleicht
   den mit dem besten Recht. Denn Rudolf Huch streift ... durchaus
   die behagliche, knstlerische Sphre des englischen Erzhlers ...
   Huch steht alle Moral so fern, da er fr die moralisch
   auerordentlich streng geregelte Lebensweise von Rbenstedt ein
   wirklich befreiendes Lachen des Mitgefhls brig hat, das
   durchhlt bis zum Schlu.

                       (Eugen Kalkschmidt in der >B. Z. am Mittag<)

   Die Rbenstedter sind _ein ganz selbstndiges Buch, durchsonnt
   von einem breiten, behbigen Humor_, kstlich in der feinen
   Verspottung der Kleinstdter, der Philister und all der Leute,
   deren freie geistige Regungen in der Kleinstadt verkmmert und
   die in ihr lederne Pedanten und Banausen geworden sind ... Die
   Gestalten der Geschichte sind mit wenig Strichen prchtig
   charakterisiert, die Darstellung ist von reifer Lebensweisheit
   getragen.

                                        (>Rhein- und Ruhr-Zeitung<)

   Rudolf Huchs Kleinstadtsommergeschichte Die Rbenstedter ist
   _ein prchtiges Buch .... Es ist ein Buch, das ganz kstliche
   Einzelheiten enthlt, und ber viele Stellen kann man bis zu
   Trnen lachen._ Die Sprache in ihrer Ruhe und Sachlichkeit, die
   reiche Reihe glnzend gezeichneter, lebensvoller Gestalten ...
   sichern dem Buche einen guten Platz in unserer humoristischen
   Erzhlungsliteratur.

                                          (>Literar. Zentralblatt<)




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert. Die bersetzer haben teilweise, zumeist im Revisor, die
russischen Namen unter Verwendung von Akzenten transliteriert. Dies
wurde unverndert bernommen und auch nicht vereinheitlicht.

Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 10]:
   ... ich mich, dir unter anderem zu melden, da ein ...
   ... mich, dir unter anderem zu melden, da ein ...

   [S. 32]:
   ... Sie so delikat, als ob alles adlig wr'. Geht man auf ...
   ... sie so delikat, als ob alles adlig wr'. Geht man auf ...

   [S. 46]:
   ... bndig sagen: wie du wnscht, aber ohne Petersburg ...
   ... bndig sagen: wie du wnschst, aber ohne Petersburg ...

   [S. 51]:
   ... Polizeimeister (macht Bbtschinski ein Zeichen der ...
   ... Polizeimeister (macht Bbtschinski ein Zeichen des ...

   [S. 64]:
   ... Aexndrowitsch, da ich Ihnen erst die Stiefel subere! ...
   ... Alexndrowitsch, da ich Ihnen erst die Stiefel subere! ...

   [S. 68]:
   ... wird aber von den Beamten erfurchtsvoll gesttzt.) ...
   ... wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gesttzt.) ...

   [S. 96]:
   ... is da? 'n Strick? Her mit dem Strick? Auch 'n ...
   ... is da? 'n Strick? Her mit dem Strick! Auch 'n ...

   [S. 100]:
   ... Chestakff (galant.) Aber mein Frulein, es ist ...
   ... Chlestakff (galant.) Aber mein Frulein, es ist ...

   [S. 124]:
   ... Polzeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, ...
   ... Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, ...

   [S. 125]:
   ... Polizeimeister. Was sollte er denn nach ihrer ...
   ... Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer ...

   [S. 130]:
   ... Antn, er hat sich doch mit Mascha verlobt! ...
   ... Antn, er hat sich doch mit Mscha verlobt! ...

   [S. 142]:
   ... kleinen Beamten Schtschepkin und Rjsanski auf den ...
   ... kleinen Beamten Schtschepkin und Rjsanski auf den ...

   [S. 142]:
   ... chlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaen ...
   ... schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaen ...

   [S. 148]:
   ... suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die haupschlichste ...
   ... suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptschlichste ...

   [S. 177]:
   ... befehlender Geberde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz ...
   ... befehlender Gebrde). Michailo Sjemjonowitsch, den Kranz ...

   [S. 178]:
   ... keinem ihren Rat versagt und keinen gering geachtet ...
   ... keinem Ihren Rat versagt und keinen gering geachtet ...

   [S. 179]:
   ... umarmend). Michailo Sjemonowitsch, ich bin auer ...
   ... umarmend). Michailo Sjemjonowitsch, ich bin auer ...

   [S. 185]:
   ... Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr war; ...
   ... Zweiter Schauspieler. Wahr, sehr wahr; ...

   [S. 196]:
   ... gegen bestechliche Beamten wappnet; und zwar darum, ...
   ... gegen bestechliche Beamte wappnet; und zwar darum, ...

   [S. 223]:
   ... eigentlich? Guck dich doch blo mal in den Spiegel! ...
   ... eigentlich? Guck doch blo mal in den Spiegel! ...

   [S. 289]:
   ... fhlt, empfindet, sich gewissermaen verflchtigt, weist ...
   ... fhlt, empfindet, sich gewissermaen verflchtigt, weit ...

   [S. 290]:
   ... 22. Auftritt ...
   ... 20. Auftritt ...

   [S. 328]:
   ... hulichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja ...
   ... huslichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja ...

   [S. 329]:
   ... Ich begreife nicht, wie sie es dem Menschen nicht sofort ...
   ... Ich begreife nicht, wie Sie es dem Menschen nicht sofort ...

   [S. 334]:
   ... Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzige ...
   ... Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen ...

   [S. 365]:
   ... es waren anwesend: Pawel Grigojewitsch Borschtschow, ...
   ... es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow, ...

   [S. 374]:
   ... einfach nach Kamschatka schicken. Ich wrde ihm mit ...
   ... einfach nach Kamtschatka schicken. Ich wrde ihm mit ...

   [S. 377]:
   ... ging. ...
   ... ging? ...

   [S. 389]:
   ... (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hlst du Maulaffen ...
   ... (Zu Iwan.) Geh, mach auf! Was, hltst du Maulaffen ...

   [S. 405]:
   ... Sobatschkin. Wissen Sie, da Sie ihre Mdchen ...
   ... Sobatschkin. Wissen Sie, da sie ihre Mdchen ...

   [S. 426]:
   ... eine Miachtung, fr eine Verlhnung zu nehmen. Elektrisiert ...
   ... eine Miachtung, fr eine Verhhnung zu nehmen. Elektrisiert ...

   [S. 431]:
   ... der Laster, das ist doch eine widerwrtige Verhhnung
       Ruland. ...
   ... der Laster, das ist doch eine widerwrtige Verhhnung
       Rulands. ...

   [S. 440]:
   ... im innern mag die Krankheit fortwten -- das macht nichts. ...
   ... im Innern mag die Krankheit fortwten -- das macht nichts. ...

   [S. 442]:
   ... sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie im ...
   ... sich immer noch ein Freund oder Verehrer, der sie in ...

   [S. 445]:
   ... sehen, wo einer sich unter den Stuhl versteckt und der ...
   ... sehen, wo einer sich unter dem Stuhl versteckt und der ...

   [S. 446]:
   ... so empfindliche Nerven, und ich lache immer gern ber ...
   ... so empfindlichen Nerven, und ich lache immer gern ber ...

   [S. 448]:
   ... Gerade ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit ...
   ... Gerade Ihr liebt nur Phrasen und Reden von Hochherzigkeit ...

   [S. 461]:
   ... Der unansehnliche Herr von boshaften ...
   ... Der unansehnliche Herr von boshaftem ...

   [S. 464]:
   ... ich die Macht htte -- wrde der Autor nicht zu muksen ...
   ... ich die Macht htte -- wrde der Autor nicht zu mucksen ...

   [S. 464]:
   ... wirklich! Lrm machen, in die Hnde klaschen, als ob ...
   ... wirklich! Lrm machen, in die Hnde klatschen, als ob ...

   [S. 479]:
   ... Ein Heiratsgeschichte ...
   ... Eine Heiratsgeschichte ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 5: Dramatische Werke, by 
Nikolaj Gogol

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 5: ***

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