The Project Gutenberg eBook, Der Weg ohne Heimkehr, by Armin T. Wegner


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Title: Der Weg ohne Heimkehr
       Ein Martyrium in Briefen


Author: Armin T. Wegner



Release Date: August 16, 2017  [eBook #55371]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***


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DER WEG OHNE HEIMKEHR

Zweite Auflage


ARMIN T. WEGNER

DER WEG OHNE HEIMKEHR

Ein Martyrium in Briefen






Im Sibyllen-Verlag zu Dresden

Alle Rechte, besonders das der
bersetzung, vorbehalten.
Copyright 1920 by
Sibyllen-Verlag, G. m. b. H.,
Dresden.


                    Fr ein greises geliebtes Haupt


                       Die groe Palme und der kleine Schling sind
                          dahingegangen.
                       Ich blieb allein zurck.

                                           Aus einem arabischen Liede.






Diese Briefe reden vom Tode, manche sind an Tote gerichtet. Als ich sie
schrieb, wute ich nicht, da ich sie einmal zu einem Buche vereinen
wrde. Aber im Angesicht der Vernichtung, unter dem fahlen Horizont
einer ausgebrannten Steppe, wurde unwillkrlich der Wunsch in mir wach,
in diesen vielleicht letzten uerungen des Daseins ber die
persnlichen Freunde hinaus einer greren, unsichtbaren Gemeinde etwas
von dem zu sagen, das mich bewegte. Dieser Wunsch schlief auch dann
nicht ein, als ich in schwerer Stunde aus den Mauern einer auf viele
Meilen in die Einsamkeit verbannten Stadt jenen letzten Abschiedsbrief
schrieb und nach menschlichen berzeugungen mit dem Tode rechnen mute.
Damals wurden einige dieser Briefe in Deutschland gedruckt, wo sie
leidenschaftliche Erregung erweckten; einer, den die Zensur aufgriff,
verursachte spter meine Rckberufung aus der Trkei. Dies, sowie die
emprte Anteilnahme, die mich zu jenem unglcklichen Volke zog, dessen
furchtbaren Untergang ich erleben mute, waren der Grund, da man mir
nach meiner Rckkehr aus Bagdad die Bitte, auch weiterhin in diesem
Lande zu verbleiben, das ich durch die Erhabenheit seiner heroischen
Landschaft, die Flle der erfahrenen Leiden liebgewonnen hatte,
versagte. Als sich meine Abreise von Konstantinopel durch die
Schwierigkeiten der Behrden verzgerte, wurde ich durch Soldaten der
deutschen Militrmission verhaftet und bis zu meiner zwangsweisen
Abfahrt auf einem Dampfer im Goldenen Horn interniert.

So blieben diese Briefe nicht nur Angelegenheit der Wenigen, fr die sie
bestimmt waren, sondern wurden zu dem Bekenntnis eines von Schmerzen
erfllten Weges, bemht, einen Ausdruck zu finden fr die Kmpfe des
Menschen dieser Zeit, als noch der Glaube einsamer Seelen war, was viele
jetzt laut auf den Lippen tragen. Zwar: die alte Erde umgibt mich
wieder. Dennoch sollte auch ich von jener traurigen Strae, auf der ein
unbekanntes Schicksal mich verschont hatte, nicht wieder zurckkehren.
Ist es das eigene Herz, das ich verwandelt sehe? Ist es der Atem der
getteten Heimat, die mich vergeblich nach Menschen, Gedanken, Zustnden
suchen lt, die ich verlassen habe, um sie nie mehr zu finden?

_Berlin_, Januar 1919.

                                                              A. T. W.

                         Der Weg ohne Heimkehr




                           An die Gromutter


                                 Konstantinopel, den 24. Oktober 1915.
                                                 In einem Hotelzimmer.

Wie lange liegt nun der letzte Tag wieder hinter mir, ich kann seine
Kste nicht mehr schauen. Ich wei nicht, war ich der Schwimmer, der
sich mit einem jhen Ruck von seinem Strande losri, oder war es das
Land selbst, das sich ablste von mir, das eine unendliche Weite
zwischen uns stie, whrend ich, die geliebte Kste vor Augen, hinter
der Brandung kmpfe, die mich immer weiter hinaustrgt. Noch sehe ich
das Haar Deiner Schlfe, das sanfte, melancholische Blau Deines Auges.
Aber hier ist nur noch Nebel, ich kann es nicht mehr unterscheiden.

Mein alter Kamerad! Denn so darf ich wohl sagen, nun wir zehn Jahre und
mehr miteinander geschritten sind. Du freilich schon lnger mit mir.
Aber erst in spteren Tagen fingst Du an, mir jene tiefe Liebe
entgegenzubringen, hinter der mein Dank nur immer zu weit zurckbleibt,
vor der alle Hoffnungen und Ergebnisse meines Lebens nur die Frchte
Deiner Mhen und Zrtlichkeiten sind. Diese Liebe, die es dazu gebracht
hat, da eine alte Frau, mit den unendlichsten Augen, die ich kenne,
weihaarig und schon einmal vom Tode umfangen, immer das Glck und die
Weisheit meiner Jugend gewesen ist.

Ich habe den Vater wiedergesehen. Ich fand ihn, eine alternde Ruine, dem
Umfallen nahe. Aber dies war es nicht allein. Zwei Stunden ehe ich
reiste, der Wagen war bestellt und wir saen beim Nachtmahl, schwankte
der Vater, von einer pltzlichen belkeit befallen, gegen den Tisch.
Eine Leichenblsse stieg ihm mit schreckhafter Geschwindigkeit in das
Gesicht. Mutter und ich sahen ihn an. Wir saen ganz ruhig. In der Tiefe
meines Herzens war ein Gerusch, als hmmerte jemand unten im Keller.
Wir dachten beide dasselbe, wir dachten daran, wie Grovater gestorben
ist. Ich fhlte eine grauenhafte Leere durch meinen Krper gehen. Aber
es war nur ein Augenblick, dann ging es vorber, noch einmal vorber.
Wir legten den Vater auf das Sofa und ihm wurde bald besser. Aber wir
hatten alles in dieser einen Sekunde gefhlt. Mutter begann unter der
Last dieses Schreckens zu weinen. Hatte sie ihn nicht einst geliebt? Ich
aber fhlte, was ich immer gewut habe, da dieser Tod nur ein
Schrecken, kein reiner Schmerz fr mich sein wird. Sollte ich die
Ursache meines Daseins nicht lieben? Sollte ich die Ursache meines
Daseins nicht hassen? Ich sah das Gesicht meiner Mutter, die eine
Sekunde lang um dieses Leben gebangt hatte, und eine furchtbare Angst
ergriff mich. Der Arzt kam. Aber ich konnte meine Gedanken nicht
zusammenhalten, ich verstand nicht, was er sagte, und blickte wie ein
Abwesender an ihm vorber.

Man sagte mir, ich sollte reisen. Erleichtert atmete ich auf. Welch eine
furchtbare Marter wre es mir gewesen, um dieses kranken Vaters willen
zu bleiben. Wie gerne htte ich um eine Stunde an der Seite dieser
schmerzzerrissenen Mutter gebettelt. Aller Besinnung beraubt rannte ich
durch die Wohnung wie durch die Rume eines brennenden Hauses und
schaute mich voll Verzweiflung um, was ich noch aufraffen und mitnehmen
knnte. Mein Auge fiel auf das Antlitz meiner Mutter. Aber dies war kein
Bild, das ich in die Hand nehmen und forttragen konnte. Jetzt lste es
sich ab von mir, schwankte, ein trnenbeladener Kahn, in den Abgrund
hinunter. Mein Vater stand neben mir, aber es war nicht, als stnde ein
Mensch an meiner Seite, ein Turm vielleicht, ein wankender Torbogen,
durch dessen ffnung ich unaufgehalten hindurchschritt. Er hat mir kein
Wort der Liebe zum Abschied gesagt, und ich ging doch hinaus, um bei dem
Tode zu wohnen. Ich streichelte ber seine runzlige Wange, wie man ber
die Risse eines alten Topfes streicht, ob man sie noch einmal zukitten
knne, und fhlte, wie unfhig ich war, diesem alternden Manne noch
jemals eine Freude zu bereiten.

Ich fuhr alleine zum Bahnhof. Fuhr in die Nacht hinaus, die grauenvolle
Ruine dieses Gesichtes im Gedchtnis und das trnenberstrmte Antlitz
meiner Mutter (o du ber alles geliebte Landschaft im Regentag!), die in
diesem Augenblick zwei Menschen zu verlieren frchtete. Ich legte meinen
Kopf zwischen die Soldaten auf die Holzbank, froh, Deutschland wieder
hinter mir zu haben, und auch der Herzschlag des Zuges, der mich sonst
noch in den traurigsten Stunden, das Rollen der Rder und die wandernde
Landschaft unter mir, mit Freude erfllt hatte, konnte mir keine
Erlsung bringen. Auch in meiner Seele war nichts als Lrm und
Rderrollen. Ich war selbst nur ein Rad, mit rasender Geschwindigkeit um
seine eigene Achse gedreht, und in diesem trostreichen Bewutsein ging
alles Denken unter.

Die Reise, durch Mhsal und Hlichkeiten auseinander gezerrt, dehnte
sich ber viele Tage, und je lnger sie whrte, um so mehr wuchs der
Abgrund, der sich zwischen mich und Deutschland stellte. Erst heute habe
ich das Buch geffnet, das du mir mitgegeben hast, habe die Bezge fr
das Kopfkissen gefunden, Deine Zeilen gelesen. Heute nacht werde ich
darauf schlafen. Wieder sehe ich Deine gromtterliche Stirn sich auf
mich neigen. Wie das Gaslicht auf der schwarzen Seide Deines Kleides
glnzt. Fhle die weiche Blte Deines Mundes an meinem Kinn. Mein alter
Kamerad, warum wurdest Du, fnfundsiebzigjhrig, nicht nach mir geboren,
um an meiner Seite, meine Gefhrtin, noch lange ber diese Lnder zu
schreiten? Einmal wirst Du sterben und ich werde nicht bei Dir sein.
Einmal werde ich sterben und Du wirst nicht bei mir sein. Ach, der Krieg
hat alle Brcken zerbrochen. Zu sterben ist die letzte Freude geblieben,
aber auch diese noch ist nicht ungetrbt. Der erste meiner Freunde hat
die Stufe des Todes betreten, der zweite den Fu auf seine Schwelle
gesetzt. Ich fhle, wie sich die Wage mit Toten fllt. Werde ich Leben
genug in mir haben, um allein in der anderen Schale das Gleichgewicht zu
halten? Doch ob ich auch hier an der alten Strae der Glckseligkeit
zwischen trojanischen Mnzen und trkischen Soldatengrbern verfaulen
sollte, ein betrogener Liebhaber des Lebens, glaube nicht, da ich Dir
verloren ginge, bin ich doch nur, Du Gtigste ber der Erde, ein Enkel,
ein Teilchen, das Ende eines Knchelchens von Dir.

                                                  Dein junger Kamerad.




             An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten


                                           Pera, den 7. November 1915.
                                   Mit dem Blick auf das Goldene Horn.

Wenn du diesen Schlssel wieder in Hnden hltst, meine Liebe, so denke
daran, da ich ihn an jenem letzten Tage bei mir getragen habe, als ich
mit Dir eine finstere Treppe hinaufstieg, um auf einer kalten Diele die
Wrme Deines Leibes zu finden. Durch so viele Lnder, durch so viele
verschiedenartige Stunden des Tages habe ich ihn bei mir getragen, das
Letzte, was ich von Dir besa, und jedesmal, wenn ich ihn zufllig in
meiner Tasche fhlte, weckte er alle heien, o so greifbar nahen Bilder
von neuem in mir auf, da ich ihn lieb gewonnen habe und mich nur ungern
von ihm trenne, als wre dies nicht nur der Schlssel zu Deinem Hause,
sondern auch Deines Herzens und der Pfrtner aller Glckseligkeit. Das
erste Mal fhlte ich ihn bei mir, als ich in Budapest in einem
Kaffeehaus einer schwarz gekleideten Dame gegenber sa, die mit ihrem
Schohund spielte: _O mon Joujou, que veux tu donc? As tu faim?_ Denn
Sie mssen wissen, mein Herr, er ist ein kleiner Franzose. Er ist aus
Paris geflohen und hat Lttich mitgemacht. _Ah mon petit, donne moi un
baiser ...!_ Und sie reichte ihm ein Stckchen gerstetes, mit Butter
bestrichenes Brot. In Bukarest aber legte ich den Schlssel wie eine
Waffe vor mir auf den Nachttisch, ngstlich auf jeden Schritt in den
weiten Hotelgngen lauschend, erschrocken wie ein Spion, verhaftet zu
werden, aufgespiet von den Blicken der Vorbergehenden, und nach einer
Bahnfahrt, auf der ein Franzose ohne Aufhren mit gehssigem Lachen das
Bild unseres Kaisers in den Schmutz zog. _Ah, le Kaiser, le fou_,
sagte er, sich den Schnurrbart streichend, fett und widerwrtig wie ein
Flaubertscher Landpchter.

Schlielich lie ich den Schlssel auf der Galatabrcke in der hellen
Sonne funkeln, als ich Dein liebes Bild und die ersten Zeilen von Dir in
der Hand hielt. Nun, hier ist er, Erinnerung, Glcksbringer, Waffe und
Reisebegleiter, ein kleines eisengepanzertes Schiffchen, das
liebebeladen in den Hafen zurckschwimmt, das Dir Gre und Dank bringt
fr jene von Dir so rhrend mit eigener Hand gebundenen portugiesischen
Briefe, die ich so sehr liebe und die mich immer von neuem in Erstaunen
setzen, da es in der Tat Frauen gegeben hat, die zu lieben wuten. Ach,
ich knnte mir vorstellen, da Du, des Schlssels beraubt, die ganze
Zeit ber gefangen in Deinem Hause gesessen hast, nur mit meinem
Schatten lebend, und dieser Gedanke knnte mich fast bewegen, ihn auch
jetzt bei mir zu behalten und weiter mit in die Wste zu nehmen, wohin
ich in diesen Tagen reise. ber das schimmernde Wasser blickend, neige
ich mich in der heien Sonne ber die Brstung, und nachdem ich so viele
kostbare und unwiderbringliche Schtze in den grundlosen Brunnen des
Frauenherzens hinabgeworfen habe, berkommt mich eine warme Verlockung,
in stiller Hingegebenheit nichts zu schenken und alles von Dir zu
empfangen.




                             An die Eltern


                                     Konstantinopel, den 2. Nov. 1915.
                         Geschrieben in der warmen Sonne des Herbstes.

Wenn Euch diese Zeilen erreichen, Ihr Lieben, werde ich schon weit von
diesem Lande sein. Ich reise nach Bagdad. Gestern bin ich in die
Militrmission eingetreten, man hat mich all meiner Chargen beraubt, und
ich bin nichts als ein einfacher Sanittssoldat, mit einer so niedrigen
Lhnung, da ich nicht wei, wie ich leben soll. Ich werde zwischen
trkischen Soldaten schlafen und mich von Abfllen nhren wie eine
Ratte. Dennoch habe ich Glck gehabt. Ich bin dem Stabe des
Feldmarschalles von der Goltz als Krankenpfleger zugeteilt. Wie sehr
habe ich mich um diese Stelle bemht. Fnf Tage lang suchte ich meinen
beschleunigten Puls durch Pantopon und Tinktura Valeriana zu beruhigen,
um tropentauglich befunden zu werden. Dabei jagte ihn meine innere
Erregung, die fieberhafte Begierde, den Weg dieses Krieges wenigstens
fr mich stets aus eigener Kraft und nun wieder neu zu gestalten,
jedesmal ber achtzig Schlge hinauf, sobald ich die Treppe des
Kriegsministeriums betrat.

Dennoch: es ist mir gelungen. So behalte ich das Ruder meines Lebens in
der Hand. Ich werde Bagdad, werde den Tigris, Mossul und Babylon sehen.
Ich bin mir wohl bewut, welchen Schritt ich getan. Ich habe aufgehrt,
ein freiwilliger Pfleger zu sein, bin ein Soldat geworden wie andere,
meine Seele ist vogelfrei, man kann mich nach Deutschland und in die
Grben von Soissons schicken, man kann tun mit mir, was man will.
Schlielich kann in einem so langen Kriege auch ich nicht ewig dem
dunklen Lasso entgehen, der stndig um unser Haupt schwirrt. Denn
niemand kann die Wechselflle des Lebens voraussehen, die mich immer
gerstet finden, wenn es sein mu auch zum Tode.

Aber, wenn es dahin kommen sollte: ich sterbe fr mich, nicht fr das
Vaterland. Wie unsagbar traurig bin ich, da ich es nicht um der
Menschheit willen tun kann. Dennoch habe ich diesen Schritt getan, habe
mein Leben eingesetzt fr die Schtze meiner Seele. Wie glcklich ich
bin. In einer Woche werden wir reisen. Seht ihr jene Kavalkade von
Reitern, mit fliegendem Kalpak, mit klirrendem Sbel, schaukelnden
Epauletten und goldenen Schnren ber der Brust? Wie sie am Rande der
Wste hinreiten, jetzt durch Wasser, jetzt einen Hgel hinan. Unter
ihnen ist einer von schlanker Gestalt, gro, den Kopf ein wenig
vornbergebeugt. Wie gut ihm die Uniform sitzt, ist es einer der
Offiziere? Nein, er trgt keine Abzeichen, geht nur wie ein Gemeiner. Es
ist Euer Sohn. Er ist glcklich, auch hier das Leben als ein
Untergebener kennenzulernen; denn nie sehen wir die guten und schlechten
Seiten der Menschen so scharf, als wenn sie unsere Vorgesetzten sind.
Mit zitternd geffneten Augen folgt er ihnen, immer gewillt zu
verzeihen, der Liebe zu dieser Erde voll, und immer bereit, sich vor dem
Leben zu beugen.

Noch gestern bei Euch, jetzt an diesem Tische. Noch eben in dieser
Stadt, nein, schon wieder fort, auf anderer Strae. Wo heute? Wo morgen?

                              Deutsche Militrmission, Sanittssoldat.




                     An eine Schwester von Gl-Hane


          Marga v. Bonin, ertrunken am 14. Oktober 1917 in der
                            Treskaschlucht.

                                In einer Bretterkantine zu Ras-el-Ain,
                                                den 26. November 1915.

Meine liebe Diestel und Ihr andern Blumen im Rosenhaus! Noch sehe ich
Sie in weien Hauben durch die Sle schreiten wie durch einen
leuchtenden Garten. Aber die Rosen, die unter Ihren Hnden aufblhen,
sind blutende Wunden. Welch ein trauriger Brief ist das, von einer immer
gut gelaunten, lustig zerzausten und hchst garstigen Diestel? Man
reichte ihn mir in Bosanti in den Zug, und wieder sah ich Ihre etwas
bestrzten Gesichter vor mir, mit denen Sie mich zur Bahn begleiteten.

Heute sind wir ber den Amanus gefahren, vor zwei Tagen ber den Taurus.
Nur von sprlichen Kiefernwldern bewachsen, erhob sich seine steinerne
Masse wie die unter zu kurzer Decke sich dehnende, unendliche Nacktheit
eines sonnenverbrannten Bettlers. Als wir im Lastauto bis zur
Seekrankheit hin und her geschttelt, bei fast vollem Mond in die
geisterhafte zilizische Ebene hinabflogen, den Staubschweif der
Landstrae hinter uns herziehend, deutete jemand ber den Rauch
nchtlicher Zeltdcher, die einsam in der Ebene standen, auf einen
hellen Streifen in der Ferne, wo die Flammen verbrannter Baumwollstauden
in die Finsternis leuchteten. Dort mute das Meer liegen. Und wie ich
Abschied nehmend zum letzten Mal seine Wellen in der Ferne erblickte, da
schickte ich Ihnen so viele Gre in Ihr meerumgrtetes Haus und dachte
wieder: Sie haben doch das Meer, da kann es Ihnen nie wirklich schlecht
gehen! Wie schn, wenn am Abend die schwarzen Winterstrme heraufkommen
und die Seelen der abgestorbenen Hunde von Oxia herberbellen. Sich dann
in dieser dunklen Stunde eine Kerze anzuznden (liebe Kerze, liebe
kleine Seele ...), bedarf es mehr, um glcklich zu sein?

Sie sagen, wenn gute Wnsche etwas vermchten, knnte mir nie ein
Unglck zustoen, und fast will ich glauben, da Sie recht haben. Ich
fhle, da ich lange nicht so lebendig gewesen bin, wie in diesen Tagen,
trotz alles Elends, das mich umgibt. Denn die Rnder aller Straen sind
mit den jammernden und hungernden Gestalten armenischer Flchtlinge
besetzt, durch deren wimmernde, schreiende, bettelnde Hecke, aus der
sich tausend flehende Hnde recken, unsere Seelen ein schmerzliches
Spierutenlaufen beginnen.

Eben, da ich diese Zeilen schreibe, bin ich von einem Gang durch das
Lager zurckgekehrt. Von allen Seiten schrien Hunger, Tod, Krankheit,
Verzweiflung auf mich ein. Geruch von Kot und Verwesung stieg auf. Aus
einem Zelte klang das Wimmern einer sterbenden Frau. Eine Mutter, die an
den dunkelvioletten Aufschlgen meiner Uniform meine Zugehrigkeit zur
Sanittstruppe erkannte, eilte mit erhobenen Hnden auf mich zu. Mich
fr einen Arzt haltend, klammerte sie sich mit letzter Kraft an mich
rmsten, der ich weder Verbandmittel noch Arzeneien bei mir trug und dem
es verboten war, ihr zu helfen.

Dies alles aber wurde bertroffen durch den furchtbaren Anblick der
tglich wachsenden Schar verwaister Kinder. Am Rande der Zeltstadt hatte
man ihnen eine Reihe von Lchern in die Erde gegraben, die mit alten
Lappen bedeckt waren. Darunter saen sie, Kopf an Kopf, Knaben und
Mdchen in jedem Alter, verwahrlost, vertiert, verhungert, ohne Nahrung
und Brot, der niedrigsten menschlichen Hilfe beraubt und vor der
Nachtklte schaudernd aneinander gedrngt, ein kleines Stckchen
glimmende Holzasche in der erstarrten Hand haltend, an dem sie
vergeblich versuchten, sich zu wrmen. Einige weinten unaufhrlich. Ihr
gelbes Haar hing ungeschnitten ber die Stirn, ihre Gesichter waren von
Schmutz und Trnen verklebt. Andere lagen im Sterben. Ihre Kinderaugen
waren unergrndlich und von Leiden ausgegraben, und obwohl sie stumm vor
sich hinblickten, schienen sie doch den bittersten Vorwurf gegen die
Welt im Antlitz zu tragen. Ja, es war, als htte das Schicksal alle
Schrecken der Erde an den Eingang dieser Wste gestellt, uns noch einmal
zu zeigen, was uns erwartet. Entsetzen ergriff mich, da ich klopfenden
Herzens aus dem Lager eilte, und obwohl ich auf flacher Erde
dahinschritt, erfate mich Schwindel, als brche der Boden zu beiden
Seiten in einen Abgrund zusammen.

Die Tler aller Berge, die Ufer aller Flsse sind von diesen Lagern des
Elends erfllt. ber die Psse des Taurus und Amanus zieht sich dieser
gewaltige Strom eines vertriebenen Volkes, jener Hunderttausende von
Verfluchten, der um den Fu der Berge brandet, um, schmler und schmler
werdend, in unabsehbaren Zgen in die Ebene hinabzugleiten und in der
Wste zu versickern. Wohin? Wohin? Dies ist ein Weg, von dem es keine
Heimkehr gibt. Und ihnen nach blicke ich auf den Weg, den ich selber
beschreiten werde, und denke mit einer mir ungewohnten und merkwrdigen
Hrte des Gefhls: diese erfllen ihr Schicksal, erflle du das deine!

So sitze ich denn in dieser offenen Bretterbaracke, vor der langhaarige
Kinder mit wilder Gier die fortgeworfenen Schalen der von uns verzehrten
Orangen verschlingen, sitze die langen Abende auf den kleinen Bahnhfen
ohne Licht in den Eisenbahnzgen und fhre mit den Kameraden die
heitersten Gesprche ber den Tod. Da sind alte Farmer aus Sdwest unter
uns, der Gesandte fr Persien, ein Stabsoffizier aus Chile. Mnner, die
ihr halbes Leben in China oder in den Kolonien verbrachten, deutsche
Kaufleute aus Basra und Teheran. Die Nachricht, da die Schamas die
Euphratlinie gesperrt halten, hat sie in die munterste Laune versetzt;
sie erzhlen denen, die zum ersten Male dieses Land betreten, von seinen
vielen und mancherlei merkwrdigen Gefahren. Die reichhaltigste
Speisekarte schner Todesarten wird aufgetischt: Beduinen werden dich,
an ihren Roschweif gefesselt, durch die Steppen schleifen. Nichtsahnend
wirst du zu einem Bartscherer gehen und dich mit tdlicher Seuche
anstecken. Die schnen Weintrauben, die du verzehrst, lassen dich an
Cholera erkranken. Aus der Erde unter deinem Zelt kriechen Tausendfler
und Skorpione. Eiternde Beulen werden dein Gesicht zerfressen, sie
entstellen dir Nase, Stirn und Mund. Kurden werden dir die Eingeweide
aufschlitzen, Perser die Ohren abschneiden. Nackt und zerfleischt
flchtest du todkrank nach Bagdad oder dein Leichnam bleibt an der
Strae liegen, den Schakalen zum Fra. Und das alles erzhlt man dir mit
lchelndem Auge, als wre der Tod das heiterste Schaustck der Welt. Und
auch du lchelst, gehst schlafen und beschliet im stillen bei dir
achtsam zu sein, kein ungekochtes Wasser zu trinken, um im nchsten
Augenblick zu entdecken, da man dein Kochgeschirr in einer
belriechenden Lache reinigt, die die Flchtlinge mit ihren Exkrementen
beschmutzt haben.

Ja, liebe Schwester, man mu an das Glck seines Schicksals glauben!
Darum frchten Sie nicht fr mich, wenn ich jetzt so fremden und
ungewohnten Dingen entgegengehe, und vergessen Sie das ein wenig
durchscheinende Gesicht, mit dem ich Abschied von Ihnen nahm. Erinnern
Sie sich stets daran, da es Pflanzen mit blassen Blttern gibt, die,
wenn sie auch oben welk aussehen, an der Wurzel noch frische Krfte
haben. Zu diesen gehre ich.

Da Sie hier wren! Den Tag ber mit mir im Sattel zu sitzen und in die
Steppe hinauszureiten, das wre ein Leben so recht nach Ihrer Lust und
ein Gedenken Ihrer nordischen Heide. Ja, htten Sie es wahrgemacht und
wren ein Junge geworden. Aber nun ist es zu spt, und wenn ich Ihnen
auch ein paar Mnnerhosen schickte, so lang, da sie selbst fr eine
hagere und ausgewachsene Diestel reichten ... es wre doch zu nichts
ntze.

                             8 Uhr morgens, drei Stunden vor Aufbruch.




                          Traum auf dem Kelek


                                                       Auf dem Tigris,
                                                den 10. Dezember 1915.

Was meinen Sie nun, da ich hier bin, an einem so sagenhaft schimmernden
Brunnen aller Zeit? Seit zwei Tagen treiben wir den Strom hinab. Unter
Schilfdchern, auf dem bewegten Boden luftgefllter Schluche, Htten
und Menschen auf einer flachen Hand. Zwischen Hhnern, Kisten und
Wachtsoldaten liege ich auf der Matte, die Glieder vom langen Ritt durch
die Wste schmerzend, noch frstelnd von der Klte der eisigen Nchte,
die das Wasser in unsern Schsseln gefrieren lie. Und das Flo dreht
sich, ein lose auf den Wellen treibendes Blatt, bald hier, bald dort das
Ufer berhrend, um langsam weiter den Strom hinabzugleiten.

Hier also sprang die Welt aus dem Mutterscho. Aber die Brste sind
lange versiegt, die so fruchtbare Milch gaben, und welcher Fluch mu
diese Erde getroffen haben, da sie so voller Erbarmen um Wasser
bettelt. Und dennoch: _ex oriente lux_. Denn hier bin ich und meine
Sonne leuchtet. In ungeheurer Stummheit gleitet die Landschaft vorber.
Weite Steinhalden, ausgetrocknete Flubetten, die Luft mit Schwefel
erfllend, Urweltbilder, Sonnenuntergnge, schwarz, schwarz, blaurot,
Berge wie Sarkophage. Und ich warte, warte: wann wird dieses Land seine
Lippen ffnen, die der Staub verklebt hat, die welk wurden von
Jahrhunderte altem Schweigen, um zu mir zu reden?

Wenn es dunkelt, binden wir das Flo an einen Stein am Ufer, stolpern
ein paar Schritte in das finstere Land. Hier sitzen Soldaten um ein
Zelt, eine Flamme loht in die Dunkelheit. Und wieder lege ich den Kopf
zum Schlafe nieder. Nun aber treten aus dem verlassenen Haus die
Gedanken, treten aus der Tr und beginnen ihre Wanderung. Sie entweichen
ber das Meer. Ich bin zu Hause, ich begrabe meinen Vater (die Vorhnge
der Fenster sind herabgelassen). Ich bin bei meiner Geliebten, sie gibt
sich mir hin, zitternd besteige ich ihr Lager. Doch welche pltzliche
Erregung ergreift mich? Eifersucht verbrennt meine Seele. Bald bin ich
in einer Stadt, die vom Feinde erobert wird. Ich werde gefangen
genommen, erschossen als Spion. Es ist die letzte Stunde meiner
Gromutter, schluchzend schreite ich hinter ihrem Sarge her.

Nun ist es Morgen. Aber wie seltsam blickt dieses Haus der Gedanken;
Staub liegt auf der Schwelle seiner Tr. Ich fhle, wie ich mde
geworden bin, so endlose Fernen liegen hinter mir. Lautlos gleitet das
Flo weiter den Strom hinab. Es ist Tag. Aber sollte ich nicht jetzt
erst zu schlafen beginnen?




                           An Carl Hauptmann


                                          Bagdad, den 25. Januar 1916.
                                                 Diesseits des Tigris.

Glauben Sie mir, mein verehrter vterlicher Freund, da ich es gewi
nicht weniger bedauert habe, diesmal auf die Pilgerfahrt nach dem
geliebten Hause verzichten zu mssen und wieder in die Wste zu ziehen,
ohne in Mekka zu beten. Eine Stunde an Ihrer Brust, welche Paradiese
trge der Mund nchtlicher Gesprche in diese fremden und durchaus nicht
eintnigen Tage! Ach, ich hre Sie reden, sehe, wie Sie Ihr Gesicht im
Schein der hohen Lampe nach vorne beugen, mir aus einem neuen Werke
vorzulesen, sehe, wie Sie die Augen schlieen, mir zuzuhren, wenn ich
selber erzhle. Aber statt dessen floh ich, von dunklen Bedrckungen
verfolgt, aus Deutschland. War ich nach Hause gekommen, um neue
Schmerzen zu den alten zu tragen? Man will es mir zum Vorwurf machen,
da ich die Gte verkenne, die mir aus so vielen Herzen daheim liebend
entgegenkam. Aber vielleicht werden Sie es verstehn, wieviel leichter
uns die Heimat verwunden kann als die Fremde.

Ich habe Frau Maria wiedergesehen. Sie ist bei mir in meiner alten
Wohnung gewesen, die nun, zusammengewrfelt, bunte Dinge in einem
Spielzeugkasten, hinter der verbotenen Tr verschlossen liegt. Ein
hchst ernsthaftes, tyrannisches Spielzeug, und vielleicht, wenn Frau
Maria das stumme Mrchen der Mbel zu deuten wei, hat sie auch Ihnen
davon erzhlt. Aber welche Schicksale liegen zwischen gestern und heute!
Welche himmlische Heiterkeit erfllt meine Seele! Jede Krankheit ist
eine Brcke, die am Tode vorbergeht. Und so schritt ich durch diese
letzte (ich war an Typhus erkrankt), wie ein gepanzerter Erzengel das
Fegefeuer teilend, griff unter mir in die Flammen hinab, um auch noch
fremde Seelen mit mir gerettet ans Licht zu tragen. Es waren die
seltsamsten Fiebernchte, deren ich mich erinnern kann, und verwundert
betrachte ich die Schtze, die sie mir zurcklieen, ein Schwammtaucher
und Perlenfischer, der erst an der Oberflche erkennt, was ihm die Tiefe
gebracht hat. Ich habe einen ganzen Umkreis geschrieben, eine
vielstimmige Vision des Leidens, wie ich sie im Herbst des ersten
Winters in Polen erlebte. Daneben eine Anzahl Gedichte, die nun schon
alle der Strae mit den tausend Zielen angehren. Da ich ein Buch
Erlebnisse aus der Trkei in Arbeit nahm, erzhlte ich Ihnen schon, eine
Sammlung von Tragik, Buntheit und Ironie, auch eine Frucht dieser
Krankheit. Aber das sind kleine Anfnge gegenber weitliegenden Plnen,
die ich nur flchtig aufzeichnen konnte, Arbeiten fr sptere Jahre.

Glauben Sie brigens nicht, da diese Dinge alle mit dem Kriege
zusammenhngen; was wir stndig vor Augen haben, steht unserm Herzen oft
am fernsten. Und wie will ich dann, wenn ich heimgekehrt bin, mir Ihren
Flei zum Vorbild nehmen! Wie will ich mir stndig jene Unermdlichkeit
und Strenge vor Augen halten, jenen grausamen Flei, der das Glck der
Schaffenden ist, jene einsame Lampe in der Winternacht Ihres Gartens,
hinter der Ihr Haar grau wurde, auf da das Werk sich gestalte, zu dem
wir berufen sind. Und nur ein Fremdling sitzt mit Euch bei Tische ...
wie sehr habe ich beim Schreiben dieser Zeilen Ihrer gedenken mssen.
brigens ertappte ich mich neulich beim Zeichnen an dem Plane eines
Bauernhauses, und ich glaube, es sollte in Ihren Wldern stehen. Auf da
ich immer den Atem Ihrer Emsigkeit fhle! Wie in all den andern Jahren,
haben Sie auch in diesem blutigen Herbste Europas die friedliche Kelle
nicht aus der Hand gelegt. Schon winkt der Richtkranz, mit bunten
Bndern geschmckt, ber dem neuen Hause, und gewi ist das Dach
inzwischen lange vollendet. Wo ist Tobias Buntschuh? Er erscheine! Ich
habe nach Deutschland geschrieben, da man mir Ihre Bcher schicken
soll, und wenn ich schlielich all die papiernen und weisheitsvollen
Freunde, die sich auch hier in meiner Kiste sammeln, nicht mehr mit mir
schleppen knnte, nirgends gbe es so gute Gelegenheit, sie fremden
Menschen zu Gefhrten zu geben, als hier. Oder meinen Sie nicht, da des
Tobias Seele auch aus der Bibliothek der deutschen Schule in Bagdad zu
denen sprechen knnte, die Ohren haben zu hren?

Glauben Sie nicht, da dieses de und ausgehungerte Land leer sei an
edlen und empfngnisreichen Herzen! So begegnete ich eines Abends in
Aleppo im Hause eines deutschen Kaufmanns der wundersamsten Frau, die
ich seit Jahren getroffen. Geistreich, liebenswrdig und bestrickend,
eine heimliche Herrscherin des Landes, war sie weit ber die Grenzen
ihrer Stadt bekannt und hielt selbst die trkischen Behrden in ihrem
Bann. An dem Tische ihres kleinen, mit den kostbarsten alten Teppichen
ausgeschmckten Salons, deren buntgeringeltes Ohr unsere Worte trank,
sa Professor Koldewey, der Entdecker des wiederentstandenen Babylon,
und der alte Feldmarschall von der Goltz. Und wer, der uns hier
versammelt sah, htte glauben mgen, da drauen vor den Toren der Stadt
armenische Leichen lagen und da wir in Asien saen. Mhsam erhob sich
der Feldmarschall aus dem tiefen Sessel, um mir die Hand zu reichen. Wie
rhrte mich seine Bescheidenheit, wie sehr beglckte mich der Wohllaut
seiner Stimme, und oft denke ich, so mte mein Grovater sein, wenn er
noch lebte. Ist dies ein altes, unbekanntes Glied der Verwandtschaft,
mir durch Blut und Gebrde vertraut, nur da ich ihm nicht frher
begegnet bin? Immer ergreift Verehrung mein Herz, wenn ich einen
Menschen schaue und fhle, da eine starke Seele in diesem Gebude
wohnt. So wei ich mich auch ihm insgeheim verbunden, durch eine
Sprache, die jenseits aller Worte wohnt, obwohl er der greise, immer
rstige und von allen verehrte Feldmarschall ist und ich nur ein
einfacher Unterleutnant bei seinem Stabe. Aber ist es nicht immer die
Wahlverwandtschaft unserer Seele gewesen, die strker als alle Bande des
Blutes in unserm Leben den Ausschlag gab? Und wird diese Erfahrung Lgen
gestraft, weil die Wahl des Blutes oft auch die Wahl der Seele ist? So
fand ich auch Sie, mein verehrter Freund, dessen Liebe und Zartheit mich
immer wieder beglckt.

Wie gut ist es brigens, da ich in Ihrem Hause es so vortrefflich
gelernt habe, Orangen zu essen, nun da sie so reichlich auf meinen Tisch
regnen. Oh, ich sehe Sie im abendlichen Lichte des Zimmers das Messer
schrfen und mit mir ber die Apfelsinen-Seele plaudern. Unter einem
halben Dutzend bei jeder Mahlzeit lasse ich nicht mehr mit mir rechten,
und da ich bei jeder zerschnittenen Schale einmal in Gedanken bei Ihnen
bin, knnen Sie leicht an den zehn Fingern Ihrer Hnde zhlen, wie oft
ich am Tage an Sie denke.




             An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten


                                            Bagdad, den 18. Januar 16.
                                                Diesseits des Flusses.

Wie glcklich ich bin, geliebte Frau. Die Post hat mir gestern so gute
Briefe gebracht. Und wenn ich jeden abwechselnd in die Hand nhme, so
wte ich nicht, welcher mir schwerer wiegt. Nun stelle Dir vor, wie ich
meine Kerze entznde, die in einer kleinen, mit Erde gefllten Bchse
steckt, und wie ich in die Kissen gelehnt mit einem alten Federmesser
langsam die Umschlge aufschneide. Jetzt falte ich den Bogen
auseinander, ein weies Gesicht. Aber hier ist einer, auf dem laufen die
Zeilen Sturm, und wie sie mit Heeresschritten auf mich loseilen, lasse
ich mich zum neunzigsten Mal erobern, obwohl ich doch eine lngst
eingenommene Festung bin.

Drauen ist eine groe Unruhe in der Natur. Die hohen Rizinusstauden vor
meinem Fenster rascheln mit ihrem drren Bltterhemd, der Regen rast mit
eisernen Hufen auf das Dach, und die Schakale heulen und kmpfen mit den
Hunden wie jeden Abend, wenn sie an den Tigris kommen, um Wasser zu
trinken. Mein Gesicht aber ist ganz berstrmt von Liebe, und ich bin so
berwltigt, als httet Ihr alle zugleich Euer Herz auf meine Brust
gelegt. Ich bin richtig ein wenig mde, da ich mich zurck auf das
Krankenbett lehne, um auszuruhen. Nur nichts sagen, nichts reden, dann
will ich Dir auch gestehen, da ich wieder krank gewesen bin. Du wirst
nicht klagen, Geliebte. Soll ich Dich um Verzeihung bitten dafr, da
ich krank war? Es ist so wunderbar, wie geduldig ich geworden bin; wo
ist mein heies, unzufriedenes Herz geblieben? Und doch wei ich nicht,
weshalb die Gifte immer von neuem kommen, um in meinem gemarterten Leibe
zu wohnen. Oft scheint es mir, als wre dies eine stille Rache, welche
die stumme und leidende Natur an uns nimmt. Es ist die Pflanze, die den
Menschen besiegt.

Zwei Tage vor unserer Ankunft lag ich in der Rohrhtte auf dem Kelek und
fieberte. Das Flo drehte sich, mein armer Kopf drehte sich, zwei
Kreisel, die ineinander gingen, endlich erblickte ich durch die offene
Tr in der hellen Morgensonne den gewundenen Turm von Samara. Am Abend
waren wir in Bagdad. Als ich aus dem Zuge stieg, fand ich mich unter
Palmen. Palmen -- dachte ich und da das Paradies im Schatten ihrer
Schwerter ruhte. So elend ich war und obwohl eine kalte Nacht vom Flusse
wehte, empfand ich es doch wie eine tiefe Erquickung, als mte aus
ihrem blauen Schatten Khlung auch auf meine fiebernde Stirne regnen.
Ich trat in das Haus des Betriebsleiters der Bagdadbahn und fand eine
deutsche Mutter mit ihren Kindern um die Lampe versammelt. War das nicht
genug, um allen Schmerz zu vergessen? Wre ich nicht noch einmal zwanzig
Tage durch die Wste gereist, um das Wunder blonder Haare und blauer
Augen zu schauen? Am nchsten Morgen wurde ich in das Krankenhaus der
Bahn gebracht. Ich fand ein bereitetes Bett und einen weigedeckten
Tisch mit blhenden Astern. Es war der siebenzehnte Dezember und die
Sonne schien durch die offene Tr.

Hier habe ich gelegen. Weihnachten kam, das Fieber hatte nachgelassen,
und man sandte mir gebratene Pute, Fisch und blhende Rosen ans Bett.
Hier war ein kleines Bumchen aus Kiefernzweigen, zwei Briefe, eine
Flasche Champagner. Jemand hatte mir eine alte Kaschmirdecke geschenkt,
die ich auf mein Bett ber die Fe breitete, um sie liebevoll immer
wieder zu betrachten. Mein Auge verlor sich in den Farben ihrer
verschlungenen Muster wie in den Wegen des lieblichsten Gartens. Die
Kerzen flammten, ihre kleinen weien Seelen zitterten mir entgegen, nun
entfalteten sie ihre Schmetterlingsflgel, und der Duft verbrannter
Tannenzweige fhrte mich ber so viel Jahre in die Zeiten zurck, da
noch das Wunder dieser Nacht fr mich nicht erloschen war. Dazu a ich
die kleinen Lebkuchen, die Du mir geschickt hattest und die ich so lange
Wochen mit mir durch die Wste trug. So viel Liebe! So viel Liebe!
dachte ich, und wieder berstrmte es mich. Wie viel hatte doch diese
arme und geschndete Erde noch an Gte zu geben, wie reich war ich! Ja,
einen Augenblick schien es mir, als wre die Erde nur darum des Grauens
und Blutes voll, weil ich allein alle Liebe der Welt im eiferschtigen
Herzen verschlossen hielte.

Zwei Tage vor Neujahr stand ich das erste Mal auf. Mit zitternden Fen
ging ich um das Haus; aber es war zu viel. In der Nacht berkam mich ein
neuer Anfall. Gleich einem abgerissenen Fetzen Leinewand flatterte der
Geist aus diesem schmerzenden, von tausend glhenden Hmmern
geschlagenen Kopfe davon. Und whrend nasse Tcher meine Stirn khlten,
whrend ich von helfenden Hnden in das Badewasser gehoben wurde, zog
aus meinem Haupte der Schwarm der Gedanken aus wie die Wolke der
ungeborenen Geister, die ausbrechend das Haus der Schpfung verlassen.
Bis das Morphium kam und die Welt in Musik erlosch. Nie habe ich mich so
reich an Gestalten gefhlt, nie so viel Plne zugleich leibhaftig in
Hnden gewogen, wie in den Tagen dieser Krankheit. Ich habe mein Bett
das Fieberschiff getauft und ber Meere und Lnder die
abenteuerlichsten Reisen in ihm gefhrt. Hat schon jemand das Mrchen
des fliegenden Bettes gedichtet? Dann mte ich es tun.

Wie merkwrdig war dieser Silvesterabend, die seltsamste Fiebernacht
stieg herauf. Whrend vierzig Grade meinen Krper siedeten, tanzte der
Geist lustig auf seinem Seile weiter. Und in aller Klarheit stiegen die
blutigen Erinnerungen Polens herauf, begann ich ruhig und unberhrt
Verse an Verse zu reihen. Wie habe ich in dieser Nacht das Martyrium des
Dichters verwnscht! Der Sklave seiner eigenen Gedanken zu sein, die uns
zertreten! Und doch, welches Wunder umrauschte mich. Sollte das alles
ungeboren vorbergehen? In einer Nacht erschaut und wieder erloschen?
Ich zndete die Kerze an, ich stand auf, um mein Tagebuch zu holen, das
mir gegenber auf dem Tische lag. Aber die Krfte verlieen mich, und
die Besinnung verlierend sank ich auf die Steine. Ich mute den Wrter
rufen, der mich zurck in die Kissen trug. Frost schttelte mich, von
neuem erbrach sich mein Magen, diese Mllgrube verdorbenen Fleisches und
faulender Pflanzen. Ich lie mir Tee kochen. Dies ist mein
Neujahrs-Punsch, sagte ich zu meinem Wrter. Es war zwei Uhr morgens,
und ich wurde der Schmerzen mde. Dennoch gelang es mir, im Grauen des
Jahres die ersten Zeilen niederzuschreiben. Wachsend hob sich die
Gestalt, die Nacht hatte es nicht behalten.

Und so blieb es durch alle Tage einer langen und langsamen Genesung. Es
arbeitete in mir am Tag und in den Nchten, ich lag von einer wohligen
Musik gewiegt. Und wenn ich aufwachte, begann es von neuem, stellte sich
als ein fertiges Gebude vor mich hin. Sollte man eine Krankheit nicht
segnen, die so reiche Schtze in unsern Hnden zurcklie? Wie wunderbar
sie waren, diese tropischen Trume; hier ist der Vorhof des Todes. Aus
ungeahnten Tiefen steigt die geluterte Seele empor, eine se Strke
erfllt uns. Nun ist es die Stunde der Auferstehung.

Noch liege ich, in tausend neuen Gedanken bltternd wie in einem schnen
Buch, ehe man es zu lesen beginnt. Deiner gedenkend an den langen
Abenden, die uns Regen und Strme bringen, eingehllt in das warme
Gewand Deiner Liebe. Noch liege ich, diesseits des Tigris, gegenber der
gelobten Kste, im Angesicht von Bagdad, das ich bisher nicht betreten
habe, und freue mich, wenn ich morgen aufstehen werde, auf den Strom und
die weien Huser und auf die tausend Palmen, unter denen ich wandern
werde. Wie dankbar bin ich dieser Krankheit, die mich in Ruhe und
Schlummer eingesponnen, da ich erneut das Wunder der Wiedergeburt
schaue, um mit heiterer Seele das Bild dieser Stadt zu empfangen, da
nicht ein Krnchen Staubes und nicht die feinste gederte Zeichnung auf
der Wange einer alten arabischen Muhme ihrem gereinigten Spiegel
entgeht.

Noch wei ich nicht, wie die Tage sich gestalten werden. Wie viel jene
nchtliche Saat der Trume mir an Frchten zurcklie, wenn ich erst
wieder mit blassem Gesicht durch die Lazarette wandern werde, um von
Bett zu Bett abgehauene Gliedmaen und blutige Verbnde in meinen Eimer
zu sammeln. In diesen Tagen vulkanischer Vernderungen, in denen uns die
Aussicht zur nchsten Stunde verhngt bleibt und wir immer mehr der
Bestimmung unseres eigenen Willens entzogen werden, bin auch ich zu
einem kindlichen Glauben an das Schicksal zurckgekehrt. So sehr ich
auch fhle, wie mir das Leben liebend entgegenkommt, so sehr empfinde
ich, da ich aufgehrt habe, selbst der Lenker meiner Tage zu sein.

Wie oft mu ich an einen Abend in Tekrit denken, als ich zwei Tage vor
unserer Ankunft in den nchtlichen Straen der Stadt einem lahmen Esel
begegnete, dessen linker Hinterfu gebrochen war und auf dessen
schiefgeheiltem Knochen er wie auf einem Schlitten dahinglitt. Hoch oben
hing der Mond, eine khle Lampe, whrend aus einem Hause leise Musik
erklang, wo Araber um die Flamme versammelt saen, ihre Gebete sagend.
Ich wandte mich um und sah das Tier mir einsam zwischen den verlassenen
Mauern folgen, auf der staubigen und hartgetretenen Erde vergeblich nach
Grsern suchend. O meine Seele, dachte ich, wie sehr gleichst du diesem
Geschpf. Immer klingt aus einer verschlossenen Tr ser Gesang. Aber
der Weg ist dunkel und niemand wei, wohin die Strae sich ffnet.




                           An die Gromutter


                                            Bagdad, den 20. Januar 16.
                                         Im Hause zu den elf Fenstern.

Nun will ich den Stuhl an Deine Seite rcken, Du liebes altes Gesicht.
So dicht, da die gromtterlichen Ohren, die so lange in die Welt
gehorcht haben, sich gar nicht zu bemhen brauchen, mich zu verstehen.
Nun fhle ich Deine Augen auf meinem Herzen. Sie leuchten mir und wrmen
mich auch hier, in diesen Tagen, in denen so bittere Klte heraufsteigt,
da ich verwundert in die heimatlich verwandelte Welt schaue, durch die
der Schnee in schweren Flocken langsam zu Boden flattert, kleine weie
Vgel, die die Erde mit ihrem Gefieder decken.

Palmen in Schnee. Wie lange hat das die Stadt nicht mehr gesehen. Die
hohen Rizinusstauden im Garten brechen mit ihren Wurzeln aus der Erde.
Der Tigris wirft Wellen wie ein Meer. Die Stadt aber ist ausgestorben;
hin und wieder schleicht in langen Rcken, mit den bloen Fen in der
aufgeweichten Strae versinkend, ein Araber an der Mauer entlang, das
Kopftuch um Hals und Wange geschlagen, als litte er an Zahnweh. Der
Markt steht still. Wer braucht zu kaufen, zu handeln, Lebensmittel feil
zu bieten, wenn es regnet? An solchen Tagen mut du zufrieden sein, wenn
du so viel hast, da du nicht hungerst.

Die Welt ist hinter den Mauern. Hier sitze auch ich, in einem Hause,
dessen Wnde mich mit Klte anhauchen (oh, wie will ich seine Khle
loben, wenn es erst Sommer ist!). In einem Zimmer, in dem elf hohe
Fenster mir mit stets gleichem Erfolg die Tuschung vorspiegeln, ich
se im Freien. Neben mir steht ein kupfernes Kohlenbecken, in dem
glimmende Holzasche dampft und mir Kopfschmerzen bereitet, und mein
arabischer Reitsattel, auf dem ich durch die Wste nach Mossul geritten
bin. Ich habe meine kleine Lampe bei mir, die mir schon in Polen den
Unterstand erhellte, und freue mich, da sie nun zuweilen des Abends
wieder meiner Arbeit leuchtet. So sitze ich in Decken und Mntel gehllt
ber dieses Papier gebeugt, whrend hinter den Scheiben mein arabischer
Diener wartet, mir die Schuhe auszuziehen, mit wenig Hausgert und
vielen Teppichen und Schilfmatten unter den Fen. Denn das Kaufen von
Teppichen ist gewi eine ansteckende Krankheit. Aber schlielich sind
wir allein, und der Teppich ist unser einziger Freund: der Tisch, von
dem wir speisen, unsere Morgen- und Abendandacht, und das Gedicht, das
wir nicht mde werden immer von neuem zu lesen. Vor meinen Fenstern
erheben Palmen ihre stachligen Schpfe, aus denen sich gegen Abend eine
Schar von Krhen erhebt, die mde und satt von den Schlachtfeldern von
Kut el Amara heimkehrten, um jenseits des Tigris ber den breiten
Palmenwldern, rasselnd, mit den Flgeln gegen die glasharten Bltter
stoend, Licht und Sonne verschttend, eine schwarze Wolke,
zusammenzuschlagen.

Es ist Abend, die Stunde, da ich von meinen Spaziergngen heimzukehren
pflegte in Dein Haus. Leuchtet dort nicht die Lampe und ein Tisch mit
Schinkenbrtchen und Eiern? Heute Mittag war ich traurig, da keine
Briefe da waren, aber bedarf es noch eines Wortes? Du bist in mir.
Langsam fhle ich, wie Du in meinem Blute heraufsteigst, mir die Stirne
zu streicheln, und neige meinen Kopf ber Dich, wie in den Abgrund aller
Zrtlichkeit.




                      Ein Vermchtnis in der Wste


                            An Hugo Marcus.

                                            Bagdad, den 1. Febr. 1916.
                                                          Im Jenseits.

Welche Sonne Sie in mein Zimmer gebracht haben, lieber Freund, in diesen
Tagen, wo Regen tglich sein kummervolles Haupt ber die Stadt neigt,
endlos in die zerfallenen Mauern verlassener Huser zu weinen. Sie haben
mir so hohe Worte der Liebe und der Bewunderung gesagt, und nach den
Tagen des Zweifelns und der Bedenken, die nur ungern aus Ihrer khlen
Stirne aufstiegen, wei ich, da es mehr ist als die Anerkennung der
Freundschaft. Sie wissen, wie unentbehrlich mir Ihr Urteil geworden ist,
als wre jedes Werk in seinen Zielen verfehlt, das nicht in Ihnen seinen
Widerhall fnde. Wie glcklich ich bin, nichts konnte mich freudiger
stimmen, als was Sie mir ber meine Briefe sagen. Sie wissen, da ich
darin immer einen Ausdruck der Seele gesucht habe, da sie mir als die
schnste Offenbarung tiefer Menschlichkeit gelten und da mir dies nicht
immer gelang. Aber Sie sehen auch, wie wenig es mir um Erfolge des
Augenblicks zu tun sein kann, wenn ich andere Arbeiten um ihretwillen
beiseitelege. Auch diese scheinen mir ein Ausdruck desselben Geistes zu
sein, nicht weniger wahr und heilig, als irgendein knstlerisches
Gebilde, das unter anderem Namen vor die Augen der Welt geht. Die
brgerliche Seele, stets eiferschtig ihre Rechte wahrend, immer voll
Furcht, da ihr eigenes kleines Dasein blogelegt werden knnte, wird es
freilich niemals begreifen, da unser innerstes Wesen in andern Werken
nicht minder nackt zur Schau gestellt ist, als in unsern Briefen.

Aber warum sollten wir nicht stets das Beste geben, da es denen, die
unsere Liebe verdienen, zum Trost und zum Danke wird? Und sollte es
einmal dahin kommen, da ich selbst dazu nicht mehr imstande bin, so
mchte ich Sie bitten, dieses fr mich zu tun. Dieser Brief ist ein
Vermchtnis. Denn so unglaublich es mir auch selber erscheinen mag, nun,
da ich zum zweiten Mal in diesem Lande mich von tdlicher Krankheit
erhebe, von den Erniedrigungen der Gefangenschaft und einer Summe
undenkbarer Zuflle bedroht, tglich in der Luft gifterfllter Lazarette
von unsichtbaren Gefahren umgeben, inmitten einer Wste, die auf endlose
Meilen den Atem ihrer Verwesung erhebt, das Aas von gefallenem Vieh und
menschliche Leichen bis vor die Tore der Stadt werfend, mu auch ich
daran denken, da das Schicksal von tausend Hoffnungen immer nur eine
zum Ziele fhrt. Ich habe den Tod eines Schaffenden immer als ein
Verbrechen gegen das keimende Leben empfunden, und so oft ich in diesem
Kriege davon hrte, ergriff mich jenes widerwrtige Gefhl, das uns
stets berhrt, wenn wir von der Ermordung schwangerer Frauen hren. Wie?
fragte ich mich, als man mir in den Tagen der Wiedergenesung erzhlte,
da ich in Gefahr geschwebt htte, dieses lebendigste Leben wre das
Rauschen des letzten Ufers gewesen? Nie habe ich mich dem Tode so ferne
gefhlt, und noch in diesen Wochen, als ich in der Wste durch die Lager
armenischer Flchtlinge ging und sie ihre Toten begraben sah, war mir,
als ginge ich nur hindurch als der Abgesandte einer anderen Welt, um
heimgekehrt aus der Hlle des Tages die Botschaft ewiger Liebe zu
verknden.

Aber wie sollte die Zeit, dieses menschenfressende Ungeheuer, an dessen
knochenbedecktem Tische ich nun so lange Monate sa, zurckschrecken vor
einem Geheimnis, vor dem selbst noch die franzsische Revolution
gezgert hat? Und vielleicht werden Sie doch eines hellen Frhlingstages
sich auf die Bahn setzen, um in jene wlderumrauschte Stadt zu fahren,
aus der noch einen Monat vor dem Kriege so viele Bltter auf den
Schreibtisch Ihres Zimmers regneten. Und Sie werden in das Haus dieser
alten Frau treten, von der ich Ihnen oftmals erzhlte und deren Augen
verklrt sind von dem zartesten Blau, das ich kenne, das auch Sie
vielleicht einmal fr Sekunden erblickten, wenn im Sden am Abend nach
dem Regen eine Wolke sich teilte und das Herz des Himmels uns offen lag.
Sie werden den breiten Schreibtisch betrachten, an dem ich gearbeitet
habe und der unbebaut liegt, wie der Boden dieses verruchten Landes.
Solche Tische haben ihre Geschichte. Auf diesem wurden einst Windeln
gelegt und Wsche gebreitet, und auch ich selbst habe darauf gelegen.
Aber wann war es doch? Habe ich nicht schon damals aus einem Winkel
dieses Zimmers mir zugeschaut, ehe ich selbst daran sa, um geqult von
tausend feurigen Zweifeln und Begierden des Herzens das Unsagbare in
Worte zu fassen? Oh, vergessen Sie nie, da dieses der Tisch ist, dessen
Schublade eine eiferschtige Gromutter mit einem Nagel verschlo, um
das Geheimnis ihres Enkels zu wahren, weil sein eigener Vater zwei
Nchte in diesem Raume schlief. Und man wird Sie in das Schlafzimmer
meiner Gromutter fhren, wo neben ihrem Bette jene hochwandige Kiste
steht, in der meine Papiere versammelt liegen, und die ich noch selber
beim Tischler bestellt habe, ehe ich das letzte Mal hinauszog. Und Sie
werden ein wenig verwundert vielleicht zwischen all den Zeitungen und
liegen gebliebenen Schriftstcken sitzen, in jenem Zimmer, das in die
zerflossenen Bltter eichener Bume sieht und bei denen die geliebte
Frau jeden Tag eine Stunde der Erinnerung verbrachte, sich mit den
Resten meiner angefangenen Arbeiten zu schaffen machend, sie glttend,
ordnend, berdenkend immer von neuem beiseite zu legen, jeden Abend,
seit ich fortging in die Fremde. Sie werden darin meine Tagebcher,
eigene und fremde Briefe seit meinen Knabenjahren, franzsische
Zeitungen und Erinnerungen an Algier, Bilder aus der Levante und
Sizilien und kleine Andenken aus russischen Schtzengrben finden, denn
ich bin Zeit meines Lebens ein Hamster gewesen und habe immer gesammelt
und gesammelt, weil ich nie genug zu haben glaubte fr das Werk, dessen
weite Linien ich vor mir sah, als eine Arbeit fr sptere Jahre. Dieser
Haufen Papier, mit Bleistift und Tinte unleserlich beschrieben, ist
alles, was ich hinterlasse. Ihrer liebenden Willkr vermache ich, was
Sie immer damit tun wollen, mgen Sie das Beste und Wahrhaftigste der
Gunst und dem Hasse der Menge preisgeben und geschhe es auch nur Ihnen
zuliebe. Sind doch schlielich in diesen Seiten die Dokumente eines
Dichters enthalten, wenn ich mir auch bewut bin, da selbst Ihnen viele
davon Noten bleiben mssen, die Sie nicht spielen knnen, weil ich
allein den Schlssel besitze (o wie bedaure ich jetzt das gute
Gedchtnis), und die jenen unentzifferten assyrischen Inschriften
gleichen, die wir zuweilen auf alten Tonziegeln im Sande des Tigris
finden.

Geld habe ich keines zu vergeben. Ich bin immer ein Schuldner der andern
gewesen, und jene wenigen Sparpfennige, die meine Mutter fr mich mit
rhrender Geduld seit meiner Kindheit gesammelt hat, sind eine
Opfergabe, die ich mich immer gescheut habe, aus ihren Hnden zu nehmen.
Schlielich bleibt meine Wohnung, dieser Tempel kindlicher
Glckseligkeit, die am Rande Berlins wie in einer Totenkammer
aufgespeichert liegt und die an meine Eltern und Brder zurckfallen
soll. Nur mein Schlafzimmer, dieser zwiefache Schmuckkasten, mge in die
Hnde jener ruhelosen Schauspielerin wandern, die wie ein Raffael ohne
Arme geboren wurde und deren Namen an dieser Stelle auszusprechen ich
mich scheue. Aber wer wird je diese Mbel so lieben und anbeten wie ich?
Wer wird so Erinnerungen in sie verweben und ihre Mrchen kennen wie
ich? Nicht einmal jene kleine dmonische Seele, fr die ich sie unter
Mhsal und Entbehrungen zusammensuchte und die ich nach so bitteren
Erkenntnissen der Einsamkeit und dem Begehren fremder Mnner preisgab.
Von meinen zahlreichen Bchern endlich sollen Sie, lieber Freund, sich
die Werke Charles Louis Philippes nehmen, den ich so sehr geliebt habe.
Den Rest aber mchte ich so verteilt sehen, da jeder meiner Freunde
etwas davon erhlt.

Wenn Sie mit liebender Hand diese Dinge aus ihrer Verborgenheit heben,
werde ich freilich nicht mehr dabei sein, und ich mchte wohl, da man
mich auf ihrem Scheiterhaufen verbrennt, denn diese Bcher sind mir
allezeit gute Freunde gewesen, immer bereite Pferde, auf denen ich in
das Land unerfllter Hoffnungen ritt, und diese Mbel, heroische
Schicksalsgenossen, verdienten es wohl, da man sie wie treue Frauen am
Holzsto der gefallenen Helden an meinem Sarge verbrennt. Es wre meinem
Leben gewi nicht unangemessen, so auf der Wanderung zu verscheiden, und
ich mchte wohl, da man meine Asche in alle Winde streute, da sie ruhe
auf den vier Straen des Lebens, auf denen ich so viele Jahre meiner
Jugend verbrachte. Nur mein Herz mge man in eine Kapsel schlieen, es
noch einmal in Eure Nhe zu bringen, die ich so sehr geliebt habe.
Dieses Herz, das immer der Kompa meines Geistes gewesen ist,
vielleicht, da es in Euren Hnden noch einmal zu schlagen begnne, wie
zuweilen der erstarrte Vogel in der Hand des Grtners warm wird und zu
singen anhebt.

brigens glauben Sie nicht, da ich aus Ihrer Mitte verschwinden werde.
Eines Tages, wenn Sie sich die Schnrsenkel binden, will ich aus der
Spitze Ihrer abgetragenen Schuhe hervorsehen. Vielleicht finden Sie mich
auf dem Pflaster des Nollendorfplatzes in einem verlorenen Hausschlssel
wieder, der zwischen Pferdedung und von den Rdern der Wagen verbogen
auf die Steine fiel. In einem Warenhause werde ich aus dem Wassersturze
der Dinge ber Sie herfallen. Vielleicht leuchte ich Ihnen in zehn
Jahren aus den Augen eines Jnglings wider, der in irgendeinem Saale
dieser malosen Stadt ewige Verse in eine unberhrte Menge hinabwirft;
denn wie knnte ich je glauben, da das Werk, fr das ich glhte, um
dessentwillen ich Heimat und Geliebte verlie, unvollendet verloren
ginge -- oh, dann lieben Sie ihn, wie Sie mich geliebt haben, mit dem
Ernst und den Erfahrungen Ihres Alters! Wie knnte ich glauben, da ich,
ein kosmopolitisches Knguruh, in der Wste mit dem vollen Beutel
verfaulen sollte, in den ich so fremdartige und kostbare Schtze hufte,
da die Sendung unerfllt bliebe, fr die auch ich nur ein Sendling war
und die der Zufall nur in eine ebenso herrische wie demtige Seele warf.
Denn ich habe immer die tiefe berzeugung gefhlt, da der Tod, so oft
und gern ich ihm Freund und Gefhrte war, mich erst treffen wrde, wenn
das Werk in sichtbarer Vollendung sich von mir gelst hat, wenn ich nach
so langen Jahren des drohnenhaften Umherirrens, am Glcke und am Elend
des Menschen saugend, endlich das Fegefeuer dieser brennenden Zeit
durchflogen htte, sei es auch, um aus dem Taumel seligster
Schaffenslust mit zerschmettertem Haupt auf die Erde zu strzen, nachdem
ich den Keim in die ewige Seele der Menschheit gelegt htte, die das
kostbare Gut in ihrem Innern bergend aus den Kampflften der Geister
heimkehrte in das Haus des Fleies, zu den fiebernden Brcken der
Begierde, in den schwermtigen Gesang der Arbeit.

Aber wohin verliere ich mich, Geliebter? Noch brennt die Sonne, noch
breiten vor meinem Fenster Palmen ihre stachligen Schpfe, die, wie
grne Raketen auseinanderfallend, in der blauen Luft erstarrt sind. Noch
zieht, von Frhlingswassern umsplt, die Wste einen blhenden Teppich
um ihre alternden Fe. Noch lebe ich, am Nabel der Welt, in die Rtsel
buntester Vlker geworfen, grt unendliche Auferstehung den gemarterten
Leib, noch hre ich Ihre Stimme an meinem Ohr, fhle, von heiterstem
Glcke durchstrmt, Ihre Hnde auf meinem Herzen.

                         Ihre Drohne, die Lieblingsdrohne der Knigin.




                            An eine Freundin


                                                  Bagdad, Abdul Achad,
                                                 den 25. Februar 1916.

Man merkt kaum, da die Zeit weitergeht, meine Liebe, so lautlos
streicht jedes Gesicht an uns vorber. Gestern erhielt ich Deinen Brief
vom zwanzigsten Dezember. Habe ich denn damals schon gelebt? Ich begann
ihn zu lesen, als ich in das Boot stieg, um ber den Tigris zu fahren,
wenn ich im Kahn nicht damit fertig wurde, wollte ich ihn am Ufer zu
Ende lesen. Aber wir hatten kaum die Mitte des Stromes erreicht, da war
der Brief aus, und ich fragte mich: war Dein Schreiben so kurz (es hatte
doch sechs Seiten), war der Tigris so breit, oder hatte ich zu schnell
gelesen? ... So verhungert sind wir hier drauen.

Dabei lchelt der Himmel warm durch die Glaswnde meines Hauses. Ich
blicke ber den Zaun in die Palmen und auf den Hof einer arabischen
Wagenhalterei. Auf den Dchern der Pferdestlle wird jeden Tag der
frische Dung ausgebreitet, um in der Sonne gedrrt als Brennstoff
verkauft zu werden. Ein junger Araber hat den Tag ber nichts zu tun,
als mit den nackten Fen langsam durch diese Materie zu laufen und sie
umzuwenden. Wenn ich am Schreibtisch sitze, schaue ich ihm bei seiner
Arbeit zu.

An den Ufern des Flusses liegen die Hospitler, Konsulate, Hotels, in
denen man die hlzernen Betten der Verwundeten aufgestellt hat. Luftige
Terrassen, auf deren weien Fhnchen der rote Halbmond, ein blutiger
Fleck, leuchtet. Hier kommen die Dampfer von Kut el Amara herab, ihre
traurige Last an das Ufer zu werfen. Glitzernd hebt sich der Strom, eine
weie Strae des Todes. Hier liegt Abdul Achad, das Lazarett, in dem wir
arbeiten, ein arabisches Hotel mit zweihundert verwundeten Soldaten.
Unsere Krankenpfleger sind Eseltreiber und Lasttrger der Strae. In
unserem Operationssaal fanden wir nicht mehr als eine rostige Schere,
zwei Klemmen und eine Sonde. Die durchgeeiterten Binden mssen stets von
neuem verwandt werden, und wir sind glcklich, genug ungereinigte
Baumwolle zu haben, die im Lande wchst. Die Wunden sind fast alle
verschmutzt oder vernachlssigt, und viele sterben an Blutvergiftung
dahin. Der Dienst ist anstrengend; aber unser Stabsarzt ist der
liebenswerteste Vorgesetzte und Kamerad. Ich habe darin ein so groes
Glck gehabt.

Die Luft ist milde, und es wird tglich wrmer, doch jedermann spricht
mit Schrecken vom Sommer, den wir hier an einem der heiesten Teile der
Erde am Tag in den Kellern und des Nachts auf den Dchern verleben
werden. Fast immer finde ich am Abend eine Stunde Zeit, in der Dmmerung
in das bunte Gewhl arabischer Stadtviertel und Basare zu tauchen. Stets
erfllen heitere Plne meine Seele, fremde Geheimnisse verfhren und
reizen mich. Dazu verdanke ich der Gte des Feldmarschalls ein hheres
Abzeichen der Uniform; ich trage den Rang eines Sanittsunterleutnants
und bin dem Stabe der sechsten Armee zugeteilt. Du solltest mich nur
sehen in meinem moosgrnen Waffenrock, mit violettem Sammetaufschlag und
Silberborten, wenn ich mit einem Gr Gott, Soldat am Morgen in das
Lazarett trete.

Leb wohl -- mte ich nicht tglich zehn Liter Eiter riechen und den
Pestgeruch der bis zum Skelett abgemagerten ruhrkranken Soldaten, so
wre das Leben fast vollkommen zu nennen.

Frhling, ach wie du mich rhrst ....




                          Brief an die Mtter


                                            Bagdad, am Nabel der Welt,
                                                    den 29. Mrz 1916.

Da ich noch bin, Ihr geliebten Mtter, da diese Erde noch unter mir
ist und meinen Fen nicht nachgibt, da diese Zeilen den Herzschlag
meines Atmens zu Euch hinbertragen, wie kann ich es ausdrcken, da es
mich so stark bewegt! Nie habe ich das Rauschen des Todes, seine Stille,
sein kaltes Lcheln so vernehmbar gefhlt wie in diesen Tagen, und oft
frage ich mich: darf ich noch leben? habe ich noch ein Recht zu atmen,
Plne zu tragen fr ferne, fabelhaft unwirkliche Jahre, wenn so viele
tote Augen um mich wie ein Abgrund gestellt sind?

Am 10. Mrz starb unser Stabsarzt pltzlich am Fleckfieber, und noch
jetzt, Wochen spter, erfllt mich oft eine minutenlange Erregung, die
mir Ruhe und Besinnung nimmt, zu erzhlen. Seit vielen Monaten
durchzieht eine verheerende Krankheit dieses malose, selbstvergessene
Land. Die trkischen Soldaten haben sie aus den Stdten Syriens und
Kleinasiens durch die Steppe herbergetragen, und die Rache des
armenischen Volkes, dessen faulende Leiber jeden Weg der Wste bedecken,
streckt ihre wrgende Hand immer tiefer in die Huser, in die
Hospitler, in die Zeltlager der Lebenden hinein. Noch sehe ich diesen
vllig mit kleinen blauroten Punkten bedeckten Krper vor mir, den der
Stabsarzt nichts ahnend wegen einer ungefhrlichen Verwundung an meiner
Seite entkleidete, um kurze Zeit darauf selber an einer eitrigen
Halsentzndung zu erkranken. Schon nach wenigen Tagen fand ich ihn
abgemagert und durch eine hinzugetretene Ruhr so entkrftet, da er
nicht mehr fhig war, alleine den Kopf zu heben.

Ich lie mein Bett in seinem Zimmer aufschlagen, und nun begannen jene
ruhelosen Tage und Nchte, die mich bis zu seinem Tode nicht mehr von
seiner Seite lieen. Nie werde ich diese einsamen Nchte vergessen, in
denen alle Sehnsucht des sdlichen Frhlings mit den Schmerzen des Todes
und der Bitterkeit der Fremde gemischt war. Vor mir zu Fen des
Krankenbettes stand die abgeblendete Laterne, einen schwachen Lichtkreis
ber die Steinfliesen verbreitend, der sich leise in dem knstlichen
Himmel der Decke spiegelte, die mit persischer Glasarbeit ausgelegt war
und deren Achtecke sich glitzernd ineinander verschoben. Ich starrte auf
den niedrig geschraubten Docht und hrte auf das rchelnde Atmen des
Kranken, der einen Schleimklo im Munde wlzte, von dem er vergeblich
versuchte, sich zu befreien. Raschelnd jagten die Ratten ber mir durch
die hlzerne Tfelung der Decke. Dann stand ich auf, um den Kranken aus
dem Bett zu heben, der infolge einer nervsen Strung nicht fhig war,
im Liegen Wasser zu lassen. Und in der einen Hand das Geschirr haltend,
in der andern seinen schweren, vllig willenlosen Krper, schwankte ich
atemlos, bis wir beide vllig erschpft waren und auf unsern Stirnen der
Schwei ausbrach.

Wenn der Kranke zu schlafen schien, trat ich einen Augenblick auf die
Terrasse des Hofes, in dem ein weitstiger Baum seine ersten Knospen
entfaltete und an dessen Rande eine Reihe verschlossener Zimmer lag, die
einst die Frauengemcher eines reichen Muhammedaners gewesen waren. Der
Sternenhimmel blickte durch den viereckigen Ausschnitt des Hofes, ich
stieg auf das Dach, den umgekehrten Wagen, den Sirius und den Mars zu
betrachten, der einen rtlichen Schimmer trug. Pltzlich trat ich auf
etwas Weiches, ich bckte mich und sah ein paar dunkle, von den Sternen
schwach beleuchtete Grasbschel, und merkwrdig, ich dachte: von allen
Erlebnissen dieser Tage wird vielleicht einst nur diese kleine Grasnarbe
auf dem lehmgehrteten Dach des zerfallenen Frauenhauses greifbar in
deinem Gedchtnis zurckbleiben, aber dieser eine Blick wird auch alle
bittere Wehmut der Stunden enthalten.

Als ich wieder in das Zimmer trat, war dem Kranken, der mich rufen
wollte, die kleine Kamelglocke aus den Fingern geglitten, und mit
schwacher Stimme versuchte er mir zu erzhlen, da eine Ratte von der
Decke ins Zimmer gefallen wre. Wieder setzte ich mich an seine Seite.
Eine Katze trat lautlos in das Zimmer, erschrak, als sie mich erblickte,
ging wieder hinaus. So kam der Morgen, der das Abbild der Nchte war.
Ich wute nicht mehr, da drauen ein Tag und die Geschftigkeit fremden
Lebens war. Atemlos ging ich hinter diesem Bette her, Umschlge
erneuernd, Arzeneien, Milch und Suppe reichend, die der Kranke mit dem
Gerusch der Erstickung ber die Kissen ausbrach, waschend, die
Bettlaken zurechtlegend, und mir war, als entfernte sich dieses Bett mit
immer grerer Schnelligkeit von mir, mich zu immer schnellerem Laufe
anspornend.

Einmal bat mich der Stabsarzt, ihm etwas vorzulesen. Ich hatte Hauffs
Mrchen mitgebracht, die er sehr liebte, und las ihm die Geschichte vom
Kalifen Storch vor; aber bald war er so schwach, da er die Lippen kaum
noch bewegen konnte. Am vierten Tage traten an den Weichen die kleinen
blauroten Flecken auf. Vergeblich versuchte der Kranke immer wieder,
etwas zu sagen; es war nicht mehr mglich, ihn zu verstehen. Die
trockenen, schorfbedeckten Lippen blieben tonlos, whrend er
verzweiflungsvoll den Kopf zur Seite schttelte, und nur seine schnen
blauen Augen glnzten noch zu mir auf. Am siebenten Tage begann der Puls
pltzlich zu fallen, und er fiel in der kurzen Zeit, whrend wir im
Nebenzimmer zu Mittag speisten, mit einer solchen Geschwindigkeit, da
es den rzten, die ihm noch eine Einspritzung in die Venen geben
wollten, nicht mehr mglich war, diese zu finden. Drei Stunden spter
fuhr der letzte Atem mit einem widerlichen Gerusch, glucksend wie
Splwasser, aus dem Munde des Sterbenden aus. Die rzte standen
schweigend. Schmerz wrgte mich an der Kehle. Ich hatte ihn geliebt, der
mir mehr Freund als Gebieter gewesen, glcklich, einem Berater zur Seite
zu stehen, dessen geistige Sehweite, dessen knstlerisches und
wissenschaftliches Vermgen das der anderen Offiziere so weit bertraf.
Ich drckte ihm die Augen zu, zog ihm das Laken ber das Gesicht.

Wir traten hinaus. Im Hofe stand eine prchtige Stute, die mit dem Fu
in ein Loch der Wasserleitung getreten war und sich verletzt hatte. Das
schne Pferd! sagte der Stabsarzt der Marine, rgerlich mit dem Fue
aufstampfend; aber wie merkwrdig erschien mir in diesem Augenblick sein
Wort, das doch gewi nicht weniger von Sorgfalt um ein lebendes Wesen
erfllt war. Die bunte Menge des Basars umdrngte uns. Der herrlichste
Frhlingsnachmittag stand ber der Stadt. Hatte ich je gelebt? Wieviel
Jahre hatte ich im Gefngnis gesessen? Wir nahmen ein Boot und fuhren
den Tigris hinunter, um dem Konsul den Tod des Arztes zu melden. Helle
Sonne traf die bewegten Wellen des Flusses am Ufer. Mitten auf der
Strae blieb ich stehen, betubt von Licht und dem Gefhl des Lebens:
da ich noch bin! da die Erde noch mein ist!

Als wir heimkehrten, erschrak ich vor der pltzlichen Dunkelheit des
Zimmers, in dem jede Nacht die Laterne gebrannt hatte. Mit
trostbedrftigen Seelen, an die Hrte eines unerbittlichen Daseins
gewhnt, leerten wir die Flasche Wein, die ich noch am Morgen fr den
Kranken geffnet hatte. Spt in der Nacht kamen die Juden, alte Mnner
mit weien Brten, um in einer hlzernen Kiste den Leichnam zu holen,
der nach dem Ritus begraben werden sollte. Murmelnd, von einer Laterne
begleitet, den Sarg auf dem Rcken, verschwanden sie in der finsteren
Gasse. In der Nacht konnte ich nicht schlafen, und schweibedeckt, bis
zum uersten erregt, wlzte ich mich in den heien Decken, whrend
widerwillig ohne Aufhren die Frage an mein Ohr brandete: wann du? wann
du?

Am nchsten Morgen ging ich in die israelitische Schule. In einem
Kellergewlbe, vllig entkleidet, lag auf der bloen Erde der Leichnam.
Ein Schweituch war um die Stirn gebunden, und zwei Steine lagen zu
beiden Seiten des Kopfes. Mitten auf die Brust des Toten aber, die mit
einem langen Leinentuch bedeckt war, hatte man zur Wegzehrung ein
abgebrochenes Stck arabischen Brotes gelegt. Ein zerlumpter Jude, in
die Fetzen seines Gewandes gehllt, kauerte die Wache haltend neben dem
Leichnam, und im Winkel des Raumes lag ein zusammengekehrtes Hufchen
Schmutz. Rhrung ergriff mich vor der erschtternden Schlichtheit des
Bildes, und immer wieder blickte ich auf diesen kmmerlichen Bissen
Brot, der mir das Sinnbild alles menschlichen Jammers und Elends zu sein
schien.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang begann das Begrbnis. Im Hof der
Synagoge stand der Sarg aufgebahrt. Zwanzig alte Juden sangen mit
klagender Stimme einen hebrischen Psalm. Dahinter standen die deutschen
Offiziere, Rabbiner und Wrdentrger der Stadt, brennende Kerzen in der
Hand haltend. Die Kawassen erffneten den Zug, ihnen folgten die Schulen
und die hohe Gemeinschaft der Rabbiner. Der Sarg wurde von den Schultern
jdischer Brger getragen, dahinter schritten der Grorabbiner, die
Vertreter des Stabes des Feldmarschalls, der Wali, die geistlichen und
weltlichen muhammedanischen Behrden, deutsche und trkische Offiziere
und Soldaten mit zur Erde gekehrten Waffen. Zwanzigtausend Juden
begleiteten den Zug, whrend hochgeschwungene Fackeln die Finsternis
erleuchteten, von denen der Wind Funken und brennendes Werg ber die
Kpfe des Trauergefolges hinwegwehte. Unmittelbar hinter dem Sarge
schritt ich selber, das Kissen mit den Orden des Toten tragend, und ich
dachte die ganze Strecke des Weges: wenn Ihr mich so schauen knntet,
wie ich, bernchtigt, die hohe Lammfellmtze auf dem Kopf und von dem
gelben Licht der Fackeln beleuchtet, hinter dem Sarge hinschreite,
welchen Trost wrde der warme Herzschlag Eurer Liebe mir bereiten!

Die Fenster aller Huser waren von Menschen erfllt, in den
Seitenstraen und auf den Dchern drngte sich die Menge. Sobald der
Sarg vor ihren Blicken erschien, durchzog ein ungeheures Klagen die
Luft. Die Mnner schlugen sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, die
Frauen begannen jammernd und heulend an ihren Haaren zu raufen, schlugen
sich gegen die Brste, zerfetzten die Kleider, und von den Dchern wogte
ihr Klagegesang in die Nacht hinab. Dicht vor meinen Fen aber ri, bis
zum Wahnsinn erregt, sich die wtende Menge unter den Kolbenschlgen der
Soldaten darum, ein Stck des Weges den Sarg zu tragen, der, von dem
Lichte der Fackeln umflossen, hoch ber den Huptern des Volkes erhoben
die unendlich schmale Gasse dahinschwebte. Endlich ffnete sich das
Feld, die Menge flutete auseinander, und ein khler Wind strich aus der
Wste her. Halsbrecherisch stolperten wir im Dunkel ber Hgel und
Grben. In Grabtcher gehllt, versank der Leichnam, von den
verlschenden Lichtern beleuchtet, und whrend ich an der offenen Grube
dem Toten einige Worte nachrief, wurde er in der Tiefe mit gebrannten
Tonziegeln bermauert. Sturm wehte und ein heftiger Regen begann zu
strzen, als wir endlich im Dunkel aus der Wste nach Hause tappten. --

Wieviel Tage seitdem verflossen sind, ich wei es nicht mehr. Ich ging
in einem Traume dahin. Denn mag es auch nicht unrhmlicher sein, wie ein
kranker Baum an Hnden und Fen mit Schutzringen umgeben, im Dunkel
fiebererfllter Hospitler von Ungeziefer gebissen zu werden und daran
zu sterben, als an der Wut unvernnftigen Eisens zu verbluten, so wrde
es doch meiner Aufgabe wenig entsprechen. Und whrend der widerliche
se Geruch der Medikamente und faulenden Wunden alle Rume des
Lazarettes erfllt, whrend ich auf dem Dampfer den Tigris von Kut el
Amara hinauffahre, um zu sehen, wie an jeder Landungsstelle neue Tote an
das Ufer gebracht werden, whrend ich immer wieder erlebe, wie an meiner
Seite die Sterbenden die Maske des Todes auf ihr Gesicht setzen,
berkommt mich zuweilen eine stumme und wilde Verzweiflung: genug!
genug! einmal auch etwas anderes zu sehen als Schmerz, Eiter und Wunden!
Lohnt es denn zu leben in einer Welt, die von nichts als dem Atem der
Verwesung erfllt ist? Lohnt es denn noch zu sterben in einer Zeit, wo
selbst der Tod unwichtig oder billig geworden ist wie eine geringe
Mnze?

Drauen steht der Frhling und hat noch den Staub der Wste mit einem
grnen Mantel bedeckt. Die Schwalben flattern bis in unseren
Operationssaal, so dicht ber unseren Kpfen, da ihr Flgel zuweilen
den entblten Leib der Gemarterten streift. Das Hochwasser hat alle
Palmengrten mit pltschernden Bchen erfllt. Zitronen und Mandarinen
duften schwermtig und berauschend, Wiesenschaumkraut und Sumpfdotter
blhen. Und zuweilen, wenn der Sdsturm ber die Palmengrten fhrt, die
langen Bltter der Schpfe wie aufgelstes Frauenhaar ber ihren Nacken
werfend, setze ich mich an den Fu der alten Lehmmauern und schliee die
Augen. Dann ist mir, als hrte ich das Rauschen der deutschen Wlder
wieder und sehe das Laub der Eichenbume in der Sonne erzittern. Die
Frsche quaken, und das Heimchen zirpt in der Wste, und mir ist, als
she ich Euch, Ihr geliebten Mtter, den Weg heraufkommen, ein altes und
ein alterndes Gesicht. Ich ksse das weie Haar Eurer Schlfen und
schaue in die blaue Gte Eurer Augen, die mich beschtzt hat in allem
Unheil dieser Tage, und die mir hilft, das Werk zu Ende zu tragen, das
mir alleine zu schwer ist.




     Letzter Brief an die Eltern, Brder, Freunde, Mitmenschen und
                              Geliebten[1]


                                           Bagdad, den 18. April 1916.

Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, Ihr Geliebten, fragte ich mich
erstaunt: wie? du lebst noch? Und ich fhlte es stndlich, da auch ber
meinem Wege eine gefllte Palme lag.

Seit zehn Tagen ist der Feldmarschall an Fleckfieber erkrankt. Eine
Woche pflegte ich ihn, fhlte seine zitternden Arme in den meinen, sah
in jenem kartenbehngten Zimmer, in dem sie sein Bett aufgeschlagen
haben, aus den Kissen die rhrenden Blicke seiner Geduld und Gte
leuchten, die noch immer die Welt mit Wissen und alter Liebe zu umfangen
schienen. Am siebenten Tage fand ich bei der Heimkehr in meiner Wsche
jenes kleine blutgefllte Tier, das nun seit Monaten schon fr uns das
Sinnbild des Todes bedeutet, und das der bekannte bertrger des
Fleckfiebers ist. Seit jenem Tage wute ich, wie es um mich stand, und
whrend mich noch die Angst um dieses greise Leben mit Bangen erfllte,
sah ich die eigene Jugend an den Rand der Vernichtung gestellt. Wenn ich
des Abends den Tigris hinunterblickte, an dessen Ufern Fischer eine
Seffineh stromaufwrts treidelten, immer dachte ich: wie schn ist es,
ihren Gesang noch einmal zu hren! Und ich sah den Arabern zu, die in
einer Kuffe ber den Strom fuhren, und dachte: betrachte es recht -- so
setzen sie ihre kleinen Ruder ins Wasser, so wirbelt die Flut hinter
ihnen her. Gestern stieg ich in der Finsternis auf das Dach, den Mond zu
betrachten, und zu jeder Stunde sagte ich mir: nimm noch zwei Augen voll
Schnheit mit in die Dunkelheit.

[Funote 1: Dieser Brief wurde zu Beginn einer schweren Erkrankung
geschrieben, als der Verfasser nach menschlichem Ermessen damit rechnen
mute, nicht wieder zu gesunden.]

Heute mittag, nachdem ich die Nacht unter Erbrechen und grauenvollem
Kopfschmerz zubrachte, trat das erste Fieber bei mir auf, das schnell zu
steigen beginnt. Seitdem kann fr mich kein Zweifel mehr gelten, mein
durch so viele Krankheiten geschwchter Krper, mein allzu beflgeltes
Herz wird diesem neuen Ansturm nicht widerstehen. Aber seitdem ich diese
feste Gewiheit habe, nach all den nchtelangen Zweifeln der vergangenen
Tage, kommt fast eine stille Heiterkeit ber mich. Auch der Tod ist nur
eine Gedankenberlegung, eine andere Art zu leben. Wer ihn erst geistig
berwand, den kann er nicht mehr erschrecken. Der Reiz des Daseins hat
fr mich immer darin bestanden, da es einmal mit dem Tode endet. Nicht
an dieser Stelle habe ich ihn erwartet, aber auch hier soll er
willkommen sein.

Hinter mir steht mein arabischer Diener, er hat Blumen in mein Zimmer
gestellt und erwartet ein Lob, aber ich achte nicht auf ihn und seinen
schchternen Versuch, mir Gutes zu tun, so sehr bin ich von dem Gedanken
des Sterbens erfllt. Es ist vier Uhr nachmittags, drauen blhen die
Palmen in gelben Dolden, der hellste Sommer steht ber dem Land, und ich
beeile mich, die letzten Stunden, da ich noch klar bin, Abschied von
Euch zu nehmen. Denn bald werde auch ich daliegen, wie ich so viele
gesehen habe, meiner selbst nicht mchtig, von furchtbaren Zuckungen
erschttert, der Sprache beraubt, und mit blicklosen Augen, die ihre
Welt nicht mehr kennen. Losgerissen wird meine Seele durch alle Rume
der Erde flattern, als triebe ich im Sdsturm, der die Wellen des Tigris
auftrmt, auf einer fhrerlosen Kuffe, inmitten des wtenden Stromes
ganz alleine durch die unendliche Verlassenheit dieses Landes dem Meere
zu, dessen Rauschen mich mit Gesang begrt.

Aber vom Tode umschattet, hebe ich noch einmal aus den Tiefen meiner
Seele das Bild Eurer Gesichter, langsam wie man aus dem Grunde
verschtteter Stdte die Reste alter Tempelmauern und Wohnsttten
emporhebt. Und ich frage mich: seid Ihr das wirklich? In welchen
fabelhaften Zeiten habt Ihr gelebt? Wer wart Ihr, die Ihr durch mein
Leben schrittet, fremd und liebend zugleich? Wie knnte ich Euch beim
Namen nennen? Seid Ihr mir in dieser Stunde nicht alle gleich nah,
Eltern, Brder, Freunde, Mitmenschen und Geliebte? Ihr kleinen Knaben,
mit denen ich in meiner Jugend befreundet war. Ihr weichen Wangen der
Mdchen, bla und hinreiend schn wie der Glanz des aufgehenden Mondes.
Und Du, alterndes Gesicht einer schneeweien Frau, weise und mit
rtselhaften Falten bedeckt -- wenn es einen Schmerz fr mich in dieser
Stunde gibt, so ist es der, Dich verlassen zu mssen, Dir Leid zu
bereiten. O nicht die kleinste Geste Eures Lebens bleibt mir in dieser
Minute fern. Euch, die ich liebte, denen ich mit Zrtlichkeit weh tat.
Und doch, wann war es, da ich durch Eure Mitte ging? In so verschttete
Tiefen sankt Ihr hinab, da ich Euch nicht wiedererkenne. Welcher Teil
meines Leibes, meiner Seele blieb an Euch haften? Ach, wenn ich eines
bedaure, so ist es, ohne Kinder sterben zu mssen, ohne Sohn, ohne
Mdchen, das die Mutter kommender Geschlechter wrde. Wie schn, wie
unsagbar reich war dieses Leben, das ich mir baute, und doch soviel
Samen der Liebe vergeblich verschwendet. Wie fremd war Euch meine Bitte
-- ach, ich begreife, da Ihr es hher schtzen mutet, frei zu sein,
als die namenlose Mutter meiner Kinder zu werden!

Aber verzeiht, wenn meine letzten Gedanken nicht Euch gewidmet sind,
wenn sie sich auf jene dmmernde Zukunft der Menschheit richten, fr die
ich die Verpflichtung fhlte, zu sein, der mein knftiges Leben geopfert
wurde. Und vielleicht liegt nur darin die Schwere des Abschieds dieser
Stunde, da ich der Erde den Dank nicht zeigen kann, den ich ihr
schulde. Jener tiefste Schmerz des Mannes, der Welt nicht mehr beweisen
zu knnen, was wir vermochten. Fr Dich, Du vielgestaltete unendliche
Masse der Vlker, die Du, im Elend und im Glcke leidend, an Deinen
Herrschern zugrunde gehst, Dich in Deinen Kriegen verblutest.

Das Vaterland schuldet mir keinen Dank. Aber auch in mir stirbt die
Menschheit ihren traurigen und namenlosen Tod. Auch ich litt fr sie,
auch ich konnte sie nicht erlsen, so inbrnstig dieser Wille in mir
war. Vielleicht bleibt es dabei ein geringer Trost, immerhin an den
Mhen gestorben zu sein, schmerzleidenden Menschen Linderung zu
bereiten, wenn ich mir auch in keiner Stunde verhehlt habe, da die
Sehnsucht, die mich in diese Lnder trieb, die Erde in allen Weiten und
Tiefen zu erschpfen, nicht geringer in mir gewesen ist.

Und so lebt denn wohl, lebt wohl, Ihr Geliebten! Zum letzten Male grt
Euch Euer Sohn, Bruder, Freund und Mitmensch

                                                         Armin Wegner,

im Dienste der Menschheit sterbend an der Unersttlichkeit des Lebens.

Lebt wohl! lebt wohl! Ihr Geliebten!




                            An eine Freundin


                                               Bagdad, den 25. Mai 16.
                                             Am Tage der Auferstehung.

Nach so viel stummen und verschwiegenen Gren, so viel liebend
gefalteten Bchern und Pckchen mit Sigkeiten, halte ich endlich den
Brief meiner teuren Freundin in der Hand. Es ist seltsam mit diesen
Briefen in der Fremde. Wir haben eine Liebschaft mit ihnen, wie mit
einer zrtlichen Frau, als wollten wir ohne Ende sagen: K mich noch
einmal! So, Dein Gesicht an meine Seite. Und obwohl wir sie siebenmal
gelesen haben und lange auswendig wissen, werden wir doch nicht mde,
immer von neuem ihre Zge zu betrachten.

Nun aber blickt ein Auferstandener in diese Augen, einer, der von
zwiefachem Tode heraufkommt und, aus ohnmchtigem Schlaf erwachend, sich
mit der Hand ber die Stirn streicht: ja, es ist die Erde, es ist das
Wort geliebter Seelen, das an dein Ohr tnt. Noch schwankt der Boden
unter meinen Fen, noch begreife ich nicht, da diese Flle des Glckes
mir geschenkt war. Noch zweifle ich am Tag und der Stunde der Heimkehr,
der langen, mhseligen Reise durch eine lieblose und sonnendurchglhte
Wste gedenkend. Aber vielleicht habe ich hier die Wendung jener
rasenden Laufbahn erreicht, die bestimmt scheint, mich durch alle
Schrecken und Finsternisse zu treiben! Oft frage ich mich erstaunt, wie
ist es mglich, da das Leben in dir noch neben dem Tode Raum hat? Und
mu ich der Erde nicht dankbar sein, wenn sie mich Wiedergewonnenen so
immer von neuem liebend an ihre Brust reit? Mu ich nicht heiter sein,
obwohl ein Leben bitterster Enttuschungen mich im Mutterlande erwartet?

Ich rste zur Heimkehr. Kein Wort, kein Gefhl klammert sich an mich,
das stark genug wre, mich in diesen Mauern zu halten. Vereinsamt schaue
ich mich unter der Schar dieser Mnner um, unter denen ich fast alleine
zurckblieb. Die Herzen haben mich verlassen, um derentwillen ich durch
diese Wste reiste, und mir blieb nichts als die traurige Pflicht, ihnen
das Bett des Sterbens zu bereiten. Noch sehe ich die Augen des greisen
Feldmarschalls auf mich gerichtet, hre das Wunder seiner Stimme, die,
schon vom ewigen Schlafe befangen, in dem Dunkel ferner Schlachten
umherging, und zur selben Stunde, da der geliebte Leichnam, auf die
Lafette einer Kanone gebunden, in eine Wolke von Musik gehllt, seinem
letzten Hause unter den Mauern uralter Kalifen entgegenschwebte, trug
mich selber das Boot ber den Khle atmenden Flu, schwankte ich
fieberdurchglht dem Ufer zu, mich selber zum Sterben zu bereiten. An
dem Gelnder des Hospitals stand ein anatolischer Soldat, den ich vor
Monaten in schwerer Krankheit gepflegt hatte, dessen volle Gestalt ich
kaum wiedererkannte. Und nicht ohne Verbitterung dachte ich: du hast
deine Gesundheit aus mir getrunken, dein schwerer Leib zieht mich selber
hinab. Aber die Wage stieg von neuem, und nicht ohne Wehmut bekenne ich:
also auch hier solltest du hindurch! Die Sonne des Sommers ffnet ihren
weien Himmel. Ich habe meine Toten begraben. Der Weg ist frei. Das Band
ist zerrissen, das mich an ihre Tage gefesselt hat, das mich glcklich
machte, in ihrem Schatten zu leben.

Aber je mehr ich so der Stunde gedenke, da unter meinen Fen die Meile
des Weges wieder kleiner wird, um so strker erkenne ich, wie von Tag zu
Tag die Mhe unsglicher wurde, die meinem geschwchten Leibe bereitet
ist. Und schon ruft eine sieche Steppe, rufen die Bltter verbrannter
Palmen mir entgegen: es ist zu spt! Die gelbe Glut einer bse
blickenden Sonne hat eine unsichtbare Mauer um unser Haus gezogen. Das
Thermometer in unseren Brusttaschen steigt auf einundvierzig Grade, als
wollte es sagen: sieh, auch die Mutter Erde atmet im Fieber. Wir leben
in den Kellern. Vor unseren Fenstern hngen breite Rahmen aus
Palmblttern, die mit Kameldorn gefllt sind und mit Wasser begossen
werden. Die Hunde vor unsern Tren liegen in einer Pftze von Schwei.
Wir warten, bis es Abend wird, dann kriechen wir aus unseren Verstecken,
steigen auf die Dcher, wo wir unsere Betten ausbreiten, und liegen
schlaflos und warten auf den Nachtwind. ber uns wachsen die Sterne, die
goldenen Frchte eines riesenhaften Baumes, und ich brauchte nur die
Hand auszustrecken, so griffe ich in ihre Krone und pflckte sie alle in
Deinen Scho. Zuweilen erhebt sich urpltzlich aus der Ebene ein
Sandsturm. Dunkle Wolken wirbeln aus der Tiefe herauf, der feine Sand
fllt ber Gesicht und Hnde, das Mckennetz blht sich, ein geflltes
Segel, und pltzlich rollt unser ganzes Bett ber das flache Dach dahin.
Die Leinentcher flattern nach allen Seiten, die Schlafschuhe wandern,
und der mit Wasser gefllte Tonkrug, an dem unsere Lippen Tag und Nacht
verdurstend hngen, bricht in Scherben.

Wenn aber der Mond scheint, fllt sich die Ebene mit einem zarten Licht.
Blaue Dmmerung steigt aus den Palmenhainen, zerfliet weich in die
Steppe. Wie klein wird die Erde unter uns. Dann ist mir, als wchse mein
Leib unendlich in die nchtliche Landschaft hinaus. Mein Haupt ruht in
Mossul, meine Fe rhren an die Trmmer von Babylon. Meine rechte Hand
liegt auf den Dchern von Damaskus, und mit der linken greife ich in die
Schneeberge von Luristan. Durch mich rinnt eine unendliche Ader, der
Tigris. Zu ihm kommen die Verwundeten, die Kranken, die Gefangenen, die
Sterbenden, Wasser zu schpfen. Bin ich ein Strom, an dessen Ufern die
Regimenter des Todes lagern, um zu trinken? Ich habe kein Blut mehr in
mir. Dies Land hat mich zu seiner Scholle gemacht, in deren Tiefen die
Flut versiegt ist, und auch mein Leib ist zur Wste geworden, von
verdorrenden Grsern bedeckt und von heien Winden geschlagen.




                            An die Mutter[2]


                                                    Bagdad, im Mai 16.

Auch Du, meine Mutter, hast Deine Shne der Vernichtung geboren. Auch Du
hast gedarbt, um Erkenntnis gerungen, schlaflos gelitten, da Deine
Kinder reif wrden fr die Stunde des Todes. Und auch Deinem alternden
Leib ruft eine barbarische Zeit entgegen: gebre noch einmal. Werde noch
einmal Mutter, da neues Blut da sei, das auf den Schlachtfeldern und in
den Laufgrben fliee!

O die groe Lge, die wir niemals vergessen werden, die falsche Sonne,
die ber der vorgeschichtlichen Zeit unserer Kindheit leuchtete. Denn
wofr haben wir gekmpft? Wofr trugen wir Arbeit und Hoffnung so viele
Jahre hindurch? Wofr bauten wir Eisenbahnen und Dampfschiffe,
errichteten Schulen, Fabriken und Krankenhuser, lehrten unsere Kinder
weise, krftig und pflichttreu zu sein? Glaubten wir wirklich, da wir
die Menschen nher aneinander rckten, Vlker an Vlker, Herzen an
Herzen zu binden, die Gter der Erde dorthin zu tragen, wo ihrer Mangel
wre, und die Armut zu tten? O die groe Lge, die groe Lge! So viel
Wunder des Geistes und der Hnde, nur da wir Mittel htten, Soldaten
schneller dorthin zu werfen, wo sie Menschen fnden, zu tten;
bewaffnete Mrder noch ber die weitesten Meere zu tragen, Mnner, weise
und klug und tapfer fr die Geschfte des Mordens, und Werkzeuge und
Folterkammern des Todes. Dreitausend Jahre haben wir die Sehnsucht in
uns getragen, in die Lfte zu steigen, und da sie endlich in Erfllung
ging und wir fliegen lernten, da hoben wir uns in die Lfte und warfen
den Tod vom Himmel auf die Erde herab.

[Funote 2: Dieser Brief wurde von der Zensur festgehalten und
veranlate die Rckberufung des Verfassers aus der Trkei.]

So viele Reisen ber Gebirge und fremde Lnder, so viele Wanderungen
durch Stdte, durch blhende Ortschaften, wir vollfhrten sie nicht, da
wir die Erde lieben lernten. Wir suchten nur nach den Schwchen unserer
Brder, da wir besser wten, wo ihre Wunde schmerzhaft ist. Und immer
noch wird jeder Tag zum Laufbrett einer neuen schndlichen Handlung,
immer noch rollt diese Kugel, deren knchernes Klappern uns aus halbem
Schlummer emporweckt. Glaubten wir nicht, erblindet zu sein vor dem
Schmerz dieser Zeit, gewappnet gegen die Gefhle in unserer Brust? Ach,
es gibt Falten in dem Gesicht dieses Elends, die sich so unauslschbar
einprgen, da wir sie niemals vergessen werden.

Gestern kamen die gefangenen Englnder aus Kut-el-Amara an. In langen,
staubigen Zgen trieb man sie durch die Gnge des Basars, durch die
gaffende Menge der Hndler und Straenverkufer, da sie unter dem Hohn
der Handwerker, unter dem Zischen der Wechsler doppelt empfnden, wie
tief sie gedemtigt sind. An ihrem Ende erhob sich eine unbersehbare
Reihe grauer Kamele, nur mit den Stricken ihrer Halfter
aneinandergefesselt, auf ihrem Rcken die traurige Last jener Gestalten
schleppend, die, von Hunger und Krankheit geschwcht, ihre Fe nicht
mehr tragen konnten, die fast aufgehrt hatten zu atmen und in leblosen
Bndeln an den hlzernen Lastsattel der Kamele geklammert hingen. Aus
ihren lehmfarbenen Hosen ragten die von der Sonne gerteten und
geschwollenen Knie, deren Haut sich in Fetzen zu schlen begann, und mit
langen, drren Fingern griffen sie nach den Gurken, die mitleidige Hnde
ihnen reichten, und bissen gierig in das grne Fleisch. Hier wankten
Gestalten, die, barfu und halb entkleidet, den letzten Rock, ihre
Stiefel fr ein Stck Brot, fr eine Handvoll Datteln gegeben hatten.
Auf ihren spitzen Schultern hing, wie ber einen Stock gezogen, das am
Rande ausgerissene Hemde, bei jedem Schritt ihre Scham entblend, und
zitternd erhob sich aus der Menge ihr grauenvoll ausgehungertes, noch
immer mit dem Tropenhut bedecktes Haupt, das auf dem langen Hals wie der
klappernde Kopf einer Mohnstaude schwankte. Araber hatten mit Wasser
gefllte Tonkrge vor die Haustren gestellt, aber die trkischen
Soldaten drngten die schmachtenden Inder beiseite. Ab und zu blieb
eines der Kamele stehen, um beim Weiterschreiten das nachfolgende an
seiner Leine mit einem jhen Ruck aus der Ruhe zu reien, da die
schlaffen Glieder ihrer traurigen, immer noch atmenden Last
schmerzhaft zusammenschlugen. Zuweilen schien es, als mten,
durcheinandergeschttelt, diese Augen aus ihren vertrockneten Hhlen
fallen, um im Staub unter den Fen der Tiere zu sterben, die
wiederkuend mit schaumtropfender Lippe, bald vor- bald rckwrts
gerissen, eine jammervolle Kette des Elends aus dem Dunkel des Basars
von neuem in die glhende Sonne der Wste tauchten.

Am Abend ging ich durch das Lager der Gefangenen. In der grauen Asche
des Staubes lagen ihre Leiber gleich verkohlten Knochen umher. Kleine
schlitzugige Gurkhas und die zarten Glieder der Sikhs, deren
fremdartige Augen leidend zu mir aufblickten, aus deren Tiefe die Flamme
uralter Gottesverehrung brach. Dazwischen blonde Gestalten, noch
knabenhaft und kaum der Mutter entwachsen, mit einem unsagbaren Ausdruck
des Nicht-dafr-Knnens, armselige Gestelle von Lumpen. Und wie ich sie
so liegen sah, halbnackt, fassungslos aufgelst, ganz der steigenden
Khle des Nachtwindes hingegeben, da mute ich mir unwillkrlich sagen:
wie merkwrdig, da es noch eine Erde unter den Fen dieser Verdammten
gibt, um darauf zu schlafen, da nicht auch unter ihnen eine Sonne
glht, da ihre Fe nicht auf zwei spitzen Pfhlen stehen oder auf
einem brennenden Rost, statt auf sonnendurchglhter Wste ... ja, die
Erde ist barmherziger als wir.

Und doch ist dieses nur der Ausschnitt einer Stunde, der millionste Teil
des Elends, das von allen Seiten der Erde aufbrllt und um Erlsung
schreit. Ich brauche nur die Zeitung aufzuschlagen, so finde ich eine
endlose Liste versunkener Schiffe, die die Ernte dieses einen Monats
bedeutet. Den ersten Mai ein bewaffneter englischer Bewachungsdampfer,
zwei franzsische Hilfskreuzer vor Le Havre, ein franzsischer Kreuzer
La Provence mit 4000 Mann wovon 3300 ertranken .... Das sind die
bluttriefenden Trophen, die ein ber alles geliebtes Deutschland gleich
den zahllosen Kopfhuten eines skalpierenden Indianers triumphierend an
die Schnalle seines Grtels hngt! Hat je ein Mensch so viel Kraft der
Vorstellung besessen, da er sich ausmalte, wie Tausende von Mnnern in
wahnsinniger Todesangst auf dem Deck eines sinkenden Schiffes
durcheinanderrennen in einem einzigen tierhaften Schrei der Emprung,
hat je eine Mutter es vor sich gesehen, wie die Not menschlicher Arme
durch einen Brei von Blut und zerstckelten Leibern zu schwimmen begann
-- und ging nicht hin und ri sich das Haupt von den Schultern, dies
nicht zu Ende zu denken?

O meine Mutter, wie arm und schwach sind wir geworden. Wir sterben vor
Scham, in einer Welt leben zu mssen, die so wenig dem Abbild unseres
Herzens gleicht. Auch Du mutest einem Gotte opfern, den Du nicht
verehrst. Auch Deine Shne hngen in den Speichen eines Rades, das sie
zu zerreien droht. Glaubten wir nicht unverwundbar zu sein? Hatten
unsere Seelen nicht in dem Drachenblute dieser furchtbaren Zeit gebadet?
Aber Mitleid und Liebe ngstigt und foltert uns. Auch uns blieb wie
Siegfried eine verwundbare Stelle in der Hornhaut der Seelen, und durch
die schmale ffnung zittert der grausame Speer, uns bis in die letzten
Tiefen zerfleischend.

                                                Dein gefesselter Sohn.




                             An die Mutter


                                             Babel, den 18. Juni 1916.

Meine arme Mutter, als ich Dir das letztemal schrieb, wute ich noch
nichts von dem Tode unseres Bruders, und doch ist mir, als mte eine
Stimme aus einer Ecke des Weltalls zu mir gesprochen haben, da ich Dir
dieses sagte: auch Du hast Deine Shne der Vernichtung geboren. Als
knnte ich Dir heute nur all jene Worte wiederholen, die ich Dir damals
schrieb.

Vor zwei Tagen ging ich auf das Armee-Oberkommando, um einen Urlaub nach
Babylon zu erbitten. Jemand gab mir einen versiegelten Brief in die
Hand, ich lief die Treppe zum Flu hinunter, um das Boot zu besteigen,
und im Hinabschreiten ffnete ich den Umschlag. Als ich den schwarzen
Rand erblickte, dachte ich gleich: es ist der Vater. Dann las ich von
dem Tode unseres armen Ikarus, der so frh seine Flgel gebrochen hat.
Eine Weile spter stand ich in dem Hof des deutschen Etappenoffiziers
und hrte, wie eine Stimme zu mir sagte: Was machen Sie fr ein
Gesicht? ... Da fhlte ich, von Krankheit und Hitze geschwcht, wie mir
die Trnen aufstiegen, und konnte nicht sprechen.

Ich fuhr den Flu zurck ber das opalfarbene Wasser, badende Knaben
scherzten am Ufer, der volle Mond erblhte am Himmel. In dieser Nacht
schlief ich wenig. Immer sah ich die Gestalt meiner Mutter vor mir, sah
eine unendlich zarte, pergamentene Hand, unter der sich die blauen Adern
abzeichnen, wie sie inmitten fremder Menschen und der kalten
Geschftigkeit eines ungerhrten Soldatenlebens an dem Sarge ihres
Kindes stand, mit einer schchternen Bewegung ihrer weien Finger ber
seine blonde Stirne streichend, als wollte sie noch einmal sagen: mein
Junge. Und ich sehe uns ltere Brder mit einem bunten schottischen
Kleidchen zwischen uns durch den Garten unseres Hauses rennen, da uns
die kleinen Beine kaum folgen knnen, blonde Hrchen, ber denen eine
weie Pudelmtze hing mit einem Ponpon daran. Und ich sehe unsern Bruder
nach Hause kommen mit seinem zerbrochenen rmchen, dem der Knochen aus
dem Gelenk gerissen war, weil er schon so frh seine Seiltnzer- und
Fliegerknste auf den regenglatten Barrieren des Viehmarktes bte, und
ich denke, da er eigentlich immer unglcklich in seinen Unternehmungen
gewesen ist. Armer Ikarus! Vielleicht findet meine Mutter heimkehrend
zwei braungewichste Schuhe in einem Winkel des Zimmers, blank wie eine
Kastanie, einen seidenen Schlips, auf den er stolz war, und ich bin
nicht bei ihr, ihr die Trnen von den Wangen zu kssen.

Im Dunkel gehe ich noch einmal an den Flu hinab. Unter den Palmen haben
trkische Soldaten ihre Zelte aufgeschlagen. Sie liegen, ihrer Uniform
ledig, in ihren zerrissenen Hemden auf der bloen, noch warmen Erde,
ihre Lmmer, die sie morgen schlachten werden, in ihrem weien, wolligen
Fell am Boden ruhend, zwischen sich; und ich denke, da auch sie alle
nur geopferte Menschen sind. Aber da sehe ich die Gestalt meiner Mutter
von neuem zwischen den Zelten auftauchen, bla vom Mondlicht beleuchtet,
und wieder sehe ich diese schmale, blaugederte Hand vor mir, die
zrtlich nach der Stirne ihres Kindes greift. Ich steige auf das Dach
unseres Hauses und werfe mich auf die Decken. Aber ich kann nicht
schlafen. Ruhelos liege ich, bis der Mond untergeht.

Gestern bin ich nach Babylon gefahren. Wir reisten die Nacht durch. Ich
sa mit Arabern in einem ungefederten Pilgerwagen, der von vier
Maultieren gezogen wurde. So rasten wir, von Gendarmen begleitet, durch
die Wste. Einmal an einer Wasserstelle traten einige hinaus, breiteten
ihren Teppich auf den Boden und standen zwischen Sonne und Mond ber dem
ungeheuren Zifferblatt dieser Ebene, das Gesicht gegen den Himmel
gerichtet. Wie nahe empfand ich sie mir in dieser Stunde, als sie
niederknieten, voll Anbetung diese ewige Erde mit der Stirn zu berhren,
und als ich den Wagen bestieg, stolperte ich absichtlich, mit der Hand
in den Staub greifend, erschttert von der Erhabenheit dieser Natur. Um
Mitternacht hielten wir an einer Karawanserei. Ich lie mein Bett auf
dem Dache des Hauses ausbreiten, a etwas Brot und Kse und ffnete
meine Kleider dem Nachtwind. Unten bewegten sich Araber phantastisch im
Mondlicht, ein kleiner Junge verkaufte Buttermilch aus einem
Ziegenschlauch. Libben, Libben, sagte seine schlfrige Stimme.

Um zwei Uhr weckte mich mein Diener. Wieder rasten wir im Galopp durch
die Wste, und wie glcklich war ich, die Erde von neuem unter mir
gleiten zu fhlen. Kamel- und Ziegenkarawanen schwammen im Zwielicht mit
wunderlichen Kpfen an uns vorbei. In der hellen Sonne hob sich die
Staubkrone von Babylon aus der Ebene. Wieder dringt eine neue Welt auf
mich ein, und zwischen Palmenhainen, Dorfhtten und Ziegelruinen
versunkener Riesenpalste fhle ich zwischen den vielen
Unbegreiflichkeiten, die mich unter einem heien Himmel in ausgebrannter
Seele bewegen, auch diese, da mein Bruder gestorben ist. Vielleicht
empfinde ich weniger als ihr den Schmerz dieser Stunde, von den
Gesichtern fremder Menschen und Landschaften umstellt, den Schmerz, der
vielfach gestaltet in den Straen der Heimat auf mich wartet, um in der
Stunde der Heimkehr ber mich herzufallen. Vielleicht hat eigenes Leiden
mich mde gemacht, in jenen Stunden, da auch ich abgeschlossen hatte mit
meinem Leben, dessen Tagebuchbltter mit vielfachen Zungen zu mir reden,
auf deren leergebliebenen Seiten jener Zeit ich nichts geschrieben finde
als die Worte: Meine arme Mutter. Wann werden meine Augen, die so viel
Blut getrunken haben, noch einmal die Tage der Schnheit und des
Friedens schauen? Wann werde ich wieder den Duft blhender Veilchen
riechen? Fortzugehen aus dieser Welt des Jammers und der Verbrechen,
nichts zu sein als ein Baum, ein Stein am Wege, eine Blume im Wind ... o
meine Mutter, wer das knnte! Aber glaube mir, da auch auf Deine Lippen
noch einmal ein Lcheln treten wird, wenn aus den Hnden Deiner Shne
die starken Frchte erwachsen, die Du ersehntest. Sieh, noch aus den
tiefsten Abgrnden der Erde wollen wir das Glck der Kommenden in die
Hhe bauen, da Sonne auch um Deine alternde Schlfe spielt, die ich
mich zrtlich neige zu kssen. Ach, mchtest Du im Elend so glcklich
sein, wie Dein trotz aller Leiden des Krpers und der Seele von tausend
starken, unerschpflichen Gedanken verfolgter Sohn, dessen Liebe bei Dir
sein wird immer, immer.




                            An einen Freund


         Hans Feige, gestorben den 2. Februar 1917 zu Sipote in
                      rumnischer Gefangenschaft.

                                               Babel, den 24. Juni 16.

Mein lieber Hans, es scheint, als wenn eine unsagbare Macht mich abhlt,
meinen Freunden zu schreiben, die im Felde stehen. So erging es mir mit
Fritz v. Z., bis er gefallen war, da bereute ich mein langes Schweigen
zu spt. Was ist es, das mir die Brcken zerbricht, die zu jenen
hinberfhren? Ist es die Unmglichkeit der Vorstellung, da Menschen,
die das Leben meiner Gemeinschaft fhrten, in das Rad einer Maschine
gespannt sind, die Bettigung eines Handwerks verrichten, das meinem
innersten Gefhl so sehr widerspricht? Ist es die Erkenntnis, trotz
aller Jahre der Freundschaft, aus Knabentagen heraufgewachsen, trotz
aller Gleichartigkeit der Gesinnung irdische und seelische Weiten
zwischen sich zu fhlen, die zur Stunde noch unberbrckbar sind? Ich
habe mit stiller Genugtuung Deine Briefe gelesen. Nein, Du bist Dir treu
geblieben. Noch zwischen Bajonetten und dem kalten Regen der Schsse
sehe ich Deine Seele tanzen. Noch in Laufgrben und Unterstnden sind
se Frauen an Deine Seite gebettet.

Vielleicht schmerzt es mich, da Du meine letzten Worte so wenig
verstanden hast, da Du Gefhle an Dich gerichtet empfinden konntest,
die so sehr anderen Menschen galten. Aber ich will jenes Briefes, auf
Krankenbetten, in Bitternissen geschrieben, nicht wieder gedenken. Hier
liegen Monate, die der gefolterten Seele Jahrtausende sind. Nur zu
lieben, zu schaffen ist meine Seele bereit, zwei Berufe, fr die diese
Zeit sie schwach und untchtig gemacht hat. Was soll ich Dir sagen? Wenn
ich ein Land wte, dem Krieg zu entfliehen, eine Scholle oder die
Schroffe eines Berges, noch seinem leisesten Echo fern zu sein oder dem
unberwindlichen Geruch des Blutes, den der Wind ber die Erde hintrgt,
wrde ich, ein Soldat, mit den heiligsten Eiden berufen, Wunden zu
heilen und Trost zu sprechen, nicht diese Sttten des Unheils und der
vermodernden Schdel verlassen, wortbrchig, aber treu der heiligsten
Pflicht der Seele? Wrde ich nicht schwach genug sein, dem Drange nicht
lnger zu widerstehen in der Unerreichbarkeit der Fremde, sollte ich
auch Mutter, Freunde und Geliebte fr immer verlassen, fr mich, ein
Einzelner, das Gebude des Friedens und der Arbeit neu zu errichten? Und
wenn es dennoch einen Ort gab, an dem ich Ruhe fand, eine Sttte, an der
ich glcklich wurde, so war es unter dem Dache dieses Hauses, das aus
den Trmmern Jahrtausende alter Ziegel erbaut ist, bei dem
melancholischen Gesang der Wasserheber, im Schatten uralter Palmen und
Maulbeerbume, den vergessenen Resten des Paradieses, in der
Gemeinschaft einfacher und sinnhafter Menschen, Tagediebe und
ruberischer Seelen (ja, auch diese noch wage ich zu lieben).

Freilich erschien mir auch hier das Rtsel das gleiche, von dem wir
umlauert sind, und nie empfand ich die dunkle Antwort der Erde auf die
Nichtigkeit alles menschlichen Tuns so stark, wie auf den zerbrochenen
Mauern dieser aus ewigem Schlafe erstandenen Stadt, wenn ich im
Abendschatten auf der Hhe dunkelgebreiteter Schutthgel wie auf den
Spitzen verlassener Berge zu stehen glaubte und aus den Spalten der
silberne Ton einer Blaurake sich hob. Denn auch wir waren bestrebt,
hher zu bauen als unsere Vter. Auch wir bauten an einem Turme zu
Babel. Auch wir Vlker dieser noch atmenden Erde redeten in vielerlei
Zungen, waren in Wirrnis geworfen und verstanden uns nicht. Und auch
unsere Kinder werden einst einen hohlen Abgrund finden, einen See voll
Wasser, ber den der klagende Ton einsamer Vgel hinstreicht, wo wir
einst gewaltige Mauern errichteten, ragende Trme und unendliche
Treppen, in den Himmel zu steigen. Ach, da wir nicht reif wurden, einen
andern Stern zu betreten, da die Erde nicht Raum hat, uns Erlsung zu
bringen.

Wo bist Du? In welchem Winkel der Schlachten soll ich Dich suchen,
geliebter Gefhrte so vieler unwiederbringlicher Jahre? Soll ich auch
Dich unter den Toten wiederfinden? Ich fhle, wie es einsam um mich
wird. Einsam, da ich noch immer von jugendlichem Strmen erfllt bin, da
ich erst angefangen habe, zu leben, da ich endlich die Strae fand, nach
der ich so lange suchte. Mchte mir die schmerzliche Stunde erspart
bleiben, als letzter der Freunde zu sterben.

Vor meinem Fenster, im Uferrasen des Euphrat, gehen junge Araberfrauen,
Schlinge von Palmen im Arm, und wie sie im Schatten der Dorfmauer
hinschreiten, gleichen sie sanftfigen Boten des Friedens. Mchten die
zartfingrigen Zweige ihrer Triebe, ehe sie Wurzel schlagen, seine ersten
Tage beschatten. Doch nun sehe ich Dich im Staube der Landstrae
dahinziehen, von Sonne und der frhlichen Schar der Kameraden umgeben,
das furchtbare Mordgewehr auf dem Rcken, ein Lied singend. Der Sohn
des Leichtsinns ist immer glcklich! -- rief mir gestern ein arabischer
Eseltreiber zu, der sich lachend auf das mit blutigen Striemen bedeckte
Tier schwang, und wenn Kummer und Not und die pedantische Hand des Todes
um Dein Haupt sein sollten: bleib mir erhalten, alter Junge!




                          Brief an die Eltern


                                 Im Palmengarten der Karmelitermnche.
                                          Bagdad, den 21. August 1916.

Welches gerechte Erstaunen, welcher Schmerz, Ihr einsamen Seelen, wird
Euch erfat haben, als Ihr saht, da ich fast zwei Monate geschwiegen
habe. Da ich von Zwiespltigkeiten, Demtigungen und einer Menge nur
halb gelebter Stunden umhergeworfen, mich fast selber verga, seit ich
Bagdad, dieses verlogene Gebude von Schmutz, Staub, glhenden
Backsteinen, schlechtem Essen und knechtischem Soldatenton von neuem
betrat. Denn wir waren kaum aus der Pfanne von Babel heraus, als uns
schon auf der Strae nach Mauhanil das Unheil mit verbogenen Federn in
den Staub warf. Als unser Wagen pltzlich zusammenknickte wie ein Kamel,
das sich in die Knie wirft, whrend die zerlumpten Kutscher unter den
Kolbensten der Gendarmen mit einem arabischen das tut nichts die
verbogenen Federn mit Bindfaden wieder aneinanderflickten. Ja, ich
glaube, ich verdanke es nur der Gte des Bruders gidius, wenn ich im
Schatten seiner Feigenbume noch einmal dazu kam, mich auf mich selbst
zu besinnen, wenn ich fr Augenblicke zurckschauen kann auf Leiden,
Hindernisse und Fallstricke, die ich, ein gehetztes Wild, berspringen
mute, um endlich zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe zu kommen? ... ach, um
aufgescheucht, atemlos von neuem durch Gestrpp und ber Abgrnde zu
strzen. Denn whrend ich halb krank durch die Straen von Bagdad irrte,
wie ein persischer Bettelmnch in einem hauslosen Stande lebend, whrend
ich jeden Morgen meine Wohnung wechselte, mit der Last meiner Teppiche
und dem zu einem Hausrat angewachsenen Gepck, whrend ich in
halbzerfallenen Husern nchtigte, jeden Tag der Stunde der Heimkehr
gedenkend, erreichte mich eines Abends der Tagesbefehl vom 26. Juli
1916: Der Sanittssoldat Wegner wird in die Cholerabaracken
kommandiert.

Da stand ich im Schein meiner Handlaterne in der Finsternis unseres
kleinen Hofes, faltete das Papier zusammen, und mir war, als hielte ich
mein Todesurteil in der Hand. Von Fieber und innerem Leiden geschwcht,
soeben von den rzten eines dreimonatlichen Urlaubs versichert, dennoch
von tglichen Verlockungen bewegt und noch gestern bereit, nach Persien
oder gypten zu wandern, erkannte ich an der Unterschrift dieses
Befehls, da alle Plne, die ich in den letzten Tagen erwog, mir fr
immer zerbrochen waren. Niedertracht und Verleumdung, die mit
gespreizten Beinen auf den Dchern der Stadt reiten, hatten sich an die
Spuren meines Weges geheftet. Der bse Wille eines preuischen
Offiziers, der es nicht duldete, da meine geringe Verachtung vor seiner
nur mit einer Schlafhose bekleideten Krperlichkeit sich zu verneigen
wagte, statt stramm zu stehen. Denn nach meiner Rckkehr aus Babylon
hatte man mich fr kurze Zeit in ein fremdes Haus einquartiert, dessen
Rume ich kaum betreten hatte, als ein mir unbekannter Deutscher im
Trrahmen des Zimmers erschien. An einen vertrauten Umgang gewhnt,
machte ich eine leichte Verbeugung, da er auf seinen nackten, von
Schwei gerteten Schulterblttern die Abzeichen seines Hauptmannsranges
in der Tat nicht einttowiert trug. Wer sind Sie? Ich nannte meinen
Namen. Er fragte nach meinem militrischen Rang. Ich wrde mich schmen,
Euch die Worte zu wiederholen, die darauf folgten. Am Abend fand ich das
Feldbett, das mein Diener auf dem obersten Dach aufgeschlagen hatte,
eine Stufe tiefer aus dem Wind gestellt. Wenige Tage darauf wollte es
das Unglck, da ich, noch immer auf die Ausfertigung meines
Urlaubsscheines wartend, mit einer schnen Frau durch den ffentlichen
Palmengarten von Bagdad ging, whrend der deutsche Etappenmajor vor der
Kapelle seinen Kaffee einnahm. Schon am nchsten Abend hielt ich diesen
Befehl in Hnden, der geeignet schien, die Hoffnung auf Heimkehr fr
immer in mir zu tten.

Mit wie bitteren Gefhlen, wie schmerzlicher Sehnsucht ging ich in
dieser Nacht auf der Terrasse unseres Daches umher, wo Pater Joseph, mit
dem ich das einsame Haus teilte, sich neben mir auf das von
Palmenzweigen geflochtene Bett warf. Schlafen Sie ruhig, sprach seine
Stimme durch das Dunkel, ich habe es immer gefhlt, da ber Ihnen eine
schtzende Hand schwebt. Ich aber blickte in den nchtlichen Himmel, an
dem violett schimmernde Sterne ihr ewiges Spiel begannen. Ich konnte
mich nicht losreien davon, da dies nicht der Wille der Notwendigkeit
war, der mich von neuem auf die Strae des Verderbens strzte und meinen
kaum wiederhergestellten Krper, den ich nicht ohne Mhe auf den Beinen
hielt, bald wieder auf das Lager werfen mute. Mein immer bereiter
Wunsch, den Leidenden zu helfen, sah sich gegen eine Mauer haerfllter
Blicke gestellt, die gerstet schienen, mich zu vernichten. Aus den
weien Laken der Betten sah ich von neuem die Gebrde der Hilflosigkeit
gegen mich Hilflosen gerichtet, die Gesichter des Entsetzens vor mich
hingestellt, vielfach und schmerzlich aneinandergereiht, wie ich sie so
oft in diesen Jahren gesehen.

Da gedachte ich Eurer und Eurer Liebe, die bei mir war, Ihr einsamen
Seelen. Zum ersten Male in meinem Leben, seit vielen Jahren, sah ich
Euch beide vereint wie in den Tagen der Kindheit. Eure Augen trugen den
alten Glanz, aber Kummer und Sorgen hatten Eure Gesichter gezeichnet.
Und von Sehnsucht berwltigt, griff ich zum zehnten Male nach Euren
Briefen, aber es waren die alten, trnenbeladenen Seiten, die von dem
Tode unseres Bruders kndeten. Wieder sah ich Euch abschiednehmend vor
mir stehen, wie Ihr die vterliche und mtterliche Rechte zum letztenmal
dem Sohn auf das tote Herz legtet, wie Ihr beide, ein alterndes
Zwiegespann, mde an dem verwaisten Herde zurckbliebt.

Mit einer bitteren Verzweiflung ging ich in diesen Tagen von neuem an
die Arbeit, bereit, das Letzte zu geben, das in mir war, bemht um die
Schmerzen neuer Menschen, als htte es irgendwo dort hinten nie ein
anderes Dasein gegeben als dieses, das mit bolus alber und trockenem
Brot zwischen den Betten umherlief, die mit dem Schmutz der Kranken
bedeckt waren. Eines Morgens fand ich in der Schreibstube zwischen den
Papieren einen geheimen Befehl an den leitenden Arzt des Lazarettes, der
den Vermerk trug: W. ist so zu beschftigen, da ihm jede Lust, in
Bagdad spazieren zu gehen, vergeht. Man stellte mir also nach dem
Leben, beraubte mich des hheren Ranges, den mir der Feldmarschall
verliehen hatte, zwang mich zu einer Ttigkeit, der ich bei meinem
Zustand nicht mehr gewachsen war, und bertrug mir in schndlicher
Absicht bei tglich zwlfstndigem Dienst noch drei Nachtwachen in einer
Woche. Nur einem Wunder verdanke ich es, da die Cholera in diesen Tagen
nachlie. Ein an Leiden Erblindeter, irrte ich in den gedeckten Kellern
dahin, lief mit arabischen Handwerkern durch die heie Sonne, einen
Leichnam in seinen Sarg zu lten, oder stahl mich im Dunkel zwischen den
Palmen hinaus, einem Toten drei Handvoll Erde in die Grube zu werfen,
mit dem ich noch gestern bei Tische sa. In diesen Tagen lernte ich den
Schlaf ber alles lieben. Wenn es zuweilen geschah, da ich des Nachts
emporfuhr, schlo ich erschreckt von neuem die Augen: nicht einen
Gedanken lnger in einer Welt leben zu mssen, die schamlos die Wurzeln
aller Taten entblte, eine Welt zu schauen, die so sehr das Abbild der
Selbstsucht und der Zwistigkeit war, von harten Herzen gesteinigt, unter
dem niederen Himmel bse blickender Augen, die nicht gewillt schienen,
mich mit Liebe zu lohnen. Voll Wehmut gedachte ich der Tage, da ich mit
dem Feldmarschall, mit Sven Hedin und dem erfahrenen Herzoge von
Mecklenburg zu Tische gesessen, da ich ihnen im abendlichen Lichte des
Tigris vorgelesen, gedachte der achtungsvollen Worte ihrer Freundschaft,
der liebenden Geste, mit der sie mir die Hand reichten. Es war weder
Ehrgeiz noch Beschmung, die mich erfaten, da ich mich pltzlich so
herabgesetzt sah und in den Kreis der Enttuschung gefhrt (bin ich
nicht immer der Gast der Armut gewesen?), aber es schmerzte mich,
Verleumdung und niedriger Vergeltung zu begegnen, wo ich zu halbem
Erstaunen oft Liebe und herzliche Erkenntnis fand. Der Strom der Bosheit
hatte auch mich ergriffen. Ich sah, wie er immer weitere Kreise zog,
mich immer weiter hinwegfhrte von meinen Freunden.

Ach, ich wute es wohl, die mich liebten, lagen unter den Toten drauen
oder kehrten enttuscht und unglubig in die Heimat zurck. Und eines
Mittags, nachdem ich die Nacht Wache gehalten, lief ich in die Wste
hinaus, das Grab meines Stabsarztes zu suchen. Aber ich irrte vergeblich
in glhenden Winden zwischen Aas und zerfallenen Hgeln umher, bis ich
im Staube kauernd den blinden Wrter des Friedhofes fand, der, mit
greisen Hnden ber den Buckel der Grber tastend, lange zwischen den
zerfallenen Steinen umherlief, mich endlich vor eine kahle Stelle zu
fhren. Enttuscht blickte ich auf die entblte Sttte dessen, den ich
geliebt hatte, die so Unvergeliches fr mich barg, von denen betrogen,
die mir whrend meiner langen Krankheit oft ihr Wort gegeben, dafr
Sorge zu tragen. Nicht ein Zeichen der Erinnerung war mir geblieben, als
der traurige Schatz meines Herzens, mit dem ich Trostloser zurcklief in
die Stadt.

Und ich ging durch den schlafenden Bazar, dessen hundert Augen
geschlossen lagen, denn es war Feiertag, und dessen schmale Gnge sich
in finsterer Einsamkeit dehnten, bis der Zufall mich in eine verlassene
Karawanserei fhrte, wo alte Teppiche, Mbel und Waffen vergangener
Jahrhunderte aufgespeichert lagen. Und wie ich mich so einsam und
bekmmert zwischen ihnen stehen sah, von Krankheit und Heimweh
geschwcht, in meinem abgerissenen Waffenrock und meinen staubigen
Soldatenstiefeln, da fhlte ich, da auch ich nichts anderes war, als
ein wertloser Gegenstand, noch eben gut, um als Hemmschuh fr das
gleitende Rad des Todes zu dienen, alt, abgebraucht und um sechzig
Piaster verhandelt.

                                      Euer Sohn, der Freund der Toten.




                         Der Triumph der Mutter


                                          Bagdad, Mesnil Schah Bender,
                                                  den 30. August 1916.

Am vergangenen Sonntag ging ich in die lateinische Kirche. Sie feierten
das Fest der heiligen Jungfrau Maria. Chaldische Christinnen in ihren
weiten seidenen Gewndern fllten das Schiff, arabische Kaufleute, ber
denen der Priester, schwarzbrtig, die weihrauchgefllte Kugel schwang.
Ich setzte mich unter sie, ich blickte auf das mit Palmenzweigen
geschmckte Bild der Gottesmutter, die auf ihren Armen den Sohn trug,
und mir war, als schaute ich in Deine Zge, Mutter, die in unendlicher
Liebe auf mich herabsahen. Waren nicht auch mir die Worte gesprochen
worden: _Beatus venter, qui te portavit, et ubera quae suxisti?_ Ging
nicht von diesem Lcheln aller Friede der Erde aus, stand es nicht wie
die aufgehende Sonne ber den Tagen der Kindheit, an deren Ende jene
Wildnis der Seele beginnt, in die wir alle hinausgetrieben werden,
verirrte Tiere? War nicht auch Dein Leid ein Meer? Hattest Du nicht die
sieben Schmerzen Marias getragen, den Sohn in Kummer geboren, mit ihm
die Kmpfe und Enttuschungen einer langen Jugend erlitten, ihn
dargebracht auf dem Opfersteine der Menschheit, da verblute, was mit
soviel Mhen Deinem Leibe, Deinem Herzen entwachsen war? Als Du ihn
wiederfandest in seinem zerrissenen Fliegerrock, von dem Schmutz dieser
Erde bespritzt, gekreuzigt an die zerbrochenen Flgel seiner Maschine,
waren da nicht auch Dir aus den unbarmherzigen Tiefen der Finsternis die
Worte gesprochen worden: Siehe da, Deinen Sohn! Glitt nicht in jener
Stunde vervielfacht und gelutert die namenlose Liebe auf uns Brder
herab, die von unendlicher Trauer verklrt vor uns die Flamme Deines
Hauptes emporhob?

_Inventa es Mater Salvatoris Virgo Dei Genetrix, quem totus non capit
orbis in tua se clausit viscera, factus homo._

Ich neigte den Kopf, alle Bekenntnisse der Trennung und dieser
schmerzlichen Zeit im aufgewhlten Herzen bewegend, und dachte: Ich
kann Dein Gesicht nicht zu mir hertragen, Mutter, so viele Jahre liegen
zwischen gestern und heute; aber aus jeder Landschaft noch, die ich
beschreite, blickt Deine Gte, aus jedem Sturme spricht Deine Stimme zu
mir. Mein Geist ist dem Deinen nahe. Meine Seele bettet sich in das Tal
Deiner Wangen, sie wandert in den Falten Deines Gesichtes einher wie der
Wanderer, der in den Schluchten der Berge verirrt ist, und findet nie
ein Ende. Ich bin ertrunken in Deinen Augen. Wie die Welle ber den
Schlummernden am Grunde der Wasser, so gleitet ber mich Deiner Liebe
Lcheln.

Arabische Knaben erhoben die helle Stimme zum Gesang. Die Seele, des
schwebenden Schrittes entwhnt, strzte in sich zusammen. Neben mir
knieten zwei gefangene Englnder in ihrem lehmfarbenen, sauber
gebrsteten Waffenrock; ich blickte auf die Leidenslinie ihrer jungen
Gesichter, und wie ich sie so an meiner Seite sah, die Kette des
Skapuliers ber die Schultern gehngt, die sie beschtzt hatte vor
Krankheit und Tod, vor den Gefahren der Schlacht, in dunkler
Gefangenschaft, wie sie fern von der Heimat, die liebliche Heiterkeit
englischer Drfer vor Augen, die Gesichter betend hinter der mageren
Hand verbargen, wurde die Stimme des Brudertums so laut in mir, da es
mir Mhe machte, die Trnen zurckzuhalten.

_Laudemus omnes in Domino diem festum celebrantes sub honore beatae
Mariae Virginis._

Als ich wieder aufsah zu dem palmengeschmckten Bilde, fand ich ihr
Gesicht zum zweitenmale verndert, als blickten alle, die in dieser
Kirche versammelt waren, arabische, armenische und chaldische Christen,
griechische Kaufleute, deutsche Offiziere, verwundete, kranke und
gefangene Soldaten, Frauen, Kinder und Greise mit mir empor zu der
Mutter des Menschengeschlechts, die die gesegnete Frucht ihres Leibes
umklammert hielt, sie liebevoll hinter dem schtzenden Mantel zu bergen.
Und ich sah Leid, Kummer, Zorn und Verzweiflung in den Lichtern ihrer
Augen stehen, zwei spitze, schwertheie Flammen. Da erkannte ich die
Menschheit, die von Schmerzen zerrissen und fluchbeladen mit mir in
diesem Raume kniete, eine stumme, untrstliche Gemeinde, die gekommen
war, an ihrem Bilde um Vergebung zu bitten.

_Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!_

Dumpf tnte das Aufschlagen der Hnde gegen die Brust.

Da aber klang in unendlicher Vershnung ihre erlsende Stimme aus der
Hhe herab: Ich habe Frucht getragen wie ein Weinstock, ich gab von mir
sen Geruch. Ich bin die Mutter der schnen Liebe, der Furcht, der
Erkenntnis und heiliger Hoffnung. In mir ist Gnade jeglichen Weges,
jeglicher Wahrheit. Kommt zu mir alle, die ihr mein begehrt, an meinen
Brsten werdet ihr gesttigt werden. Mein Geist ist ser denn Honig,
meine Erbschaft kstlicher denn Honig und Honigseim. Mein Andenken
bleibt in ewige Geschlechter. Die mich essen, werden noch hungern, und
die mich trinken, werden nach mir durstig sein.

_Alleluia, alleluia. Per te, Dei Genetrix, nobis est vita perdita data:
quae de coelo suscepisti prolem et mundo genuisti Salvatorem. Alleluia._

Die silbernen Schellen erklangen, der Priester kte das goldgeschmckte
Buch, Weihrauchwolken erhoben sich zum Gewlbe der Kirche. Eine se
Wehmut stieg auf in meiner Brust, und aus ewigen Grnden hrte ich eine
Stimme sagen: Lege von Dir den Rock, der mit Schmutz und Eiter bedeckt
ist. La liegen den Kranken auf seinem Bett, auf seiner Bahre den
Verwundeten, den Sterbenden in seinem Blut. Auch Du bist berufen, ein
Jnger zu sein, auf Erden das Reich Deiner Mutter aufzurichten, ein
Baumeister der Liebe unter den Vlkern und eine leise Stimme der
Zukunft. Hatte ich nicht in Dein Herz die Gabe der Liebe gelegt, die
Gewalt der Rede, die ich Dir geschenkt hatte? Httest Du nicht aufstehen
sollen, Deine Hnde gegen den Mund zu legen, sei es auch gegen eine Welt
kalter Gerechtigkeit, um zu sterben unter dem Hasse der Menge, ein Narr
des Edelmutes, eine Heldenstimme der Unvernunft? Du aber gingst hin,
verschlossest den lebendigen Strom des Gewissens, weigertest Speise und
Trank Deinen Worten, die hinter dem Gehege Deiner Zhne dahinstarben wie
gefangene Tiere. Du Knecht der Stummheit! Du Verbrecher des Schweigens!
Du Dieb der Wahrhaftigkeit!

_Regina mundi dignissima et mater perpetua intercede pro nostra pace et
salute._

Aber zum dritten Male aufschauend erblickte ich hinter dem
palmengeschmckten Bilde den Leib des Gekreuzigten, mit Blut bedeckt,
die Hnde von Ngeln zerschlagen, und erkannte in ihm das Bild dieser
Erde, die, in Kriegen verstmmelt und von grenzenlosem Elend verzerrt,
sich einen Leichnam zum Sinnbild ihrer hchsten Verehrung gemacht hat.
Sie drngten hinzu mit gierig geffneten Lippen, ich sah, da ihre Seele
ein reiendes Tier war, die verschlang das Kind Deiner Liebe, das Du
geboren hast, die trank von dem heiligen Blute des Bruders und wurde
trunken davon. Ihre Nahrung war der Leib eines Toten.

_Accipite et manducate, hoc est enim corpus meum, quod pro vobis
tradetur._

Und von grenzenlosem Schmerze erfat, drngte ich hinaus, ein Betubter,
den ein Stein vor den Kopf getroffen. Noch auf der Strae, inmitten der
Menge, die um die Tische der Bazare war, unter Handwerkern, Kaufleuten,
unter Juden und Mohammedanern, Christen, Bettlern und Soldaten, whrend
durch die offene Tr die Orgel in den Lrm des Marktes klang, schrie es
auf in mir: O Du erhabene Mutter des Menschengeschlechts -- sie beten
Dich an, aber sie durchbohren Dir das Herz! Wer soll uns erlsen, wenn
Du es nicht bist, Mutter? Aus Deinem Schoe wachsen die Kinder der Welt.
Stehe auf aus den tausend Mttern der Erde, erhebe Dich aus den
Millionen Herzen, die gelitten haben! Verschliee den Scho, der so
viele Leben geboren hat, la versiegen den Quell Deiner Brste! Stehe
auf aus den volkreichen Stdten Deutschlands; aus den Kathedralen von
Frankreich, aus der Finsternis englischer Fabriken erhebe Deine Stimme!
Aus den Wldern Indiens, aus den Zelten arabischer Wsten, den
verschneiten Htten russischer Drfer beginne den Klagegesang. Aus der
toten Verlassenheit anatolischer Felsenhhlen, aus dem traurigen
Wohnzimmer der Witwe, die in ihrem hlzernen Kfig dahinsiecht, aus der
steinernen Klippe am Hang sizilianischer Felsen, wo die Stimme des
Meeres in das Singen der Wiege klingt, la Deinen Ruf laut werden, halte
nicht lnger zurck das Gewitter Deines Zorns und der Verzweiflung! Hebe
Dich auf aus den Tiefen der Trauer und Einsamkeit, lege Deine Hnde vor
das Antlitz des Todes, und la den Lrm der Schlachten verstummen, da
die Welt rein werde von den Greueln des Blutes. Denn Deine Kinder sind
schwach und untreu ihres Gelbdes. Sie lernten es wohl, das eiserne Rohr
zu fhren, aus dem die teuflische Kugel fliegt, aber untchtig sind sie
und feige fr die Arbeit des Brudertums. Sie achteten Deiner nicht,
gingen hin und verrieten das Wort Deiner Liebe. O gib Brot und Speise
denen, die hungern, gib einen Vater den Kindern wieder, nicht lnger la
einsam sein den Schlaf des Weibes. Aus ihren weien Betten steigen die
Gebete der Kinder zu Dir auf, und aus den Grbern noch blhen die Hnde
der Toten. Denn Dir gehrt alle Herrlichkeit der Erde, Mutter, alle
Kraft der Liebe, alle Barmherzigkeit!

_Qui audit te non confitetur et qui operantur in te non peccabunt. Qui
elucidant te, vitam aeternam habebunt. Ave Maria!_




                           An Carl Hauptmann


                                          Kriegslazarett Kasim Pascha,
                                                den 3. September 1916.

Welchen Balsam haben Ihre Worte in meine Wunden getan! Wohl wei ich,
da jeder Brief ein Pfeil ist, der in das Ungewisse fliegt, von dem wir
nicht ahnen, in welchem Lande, zu welcher Stunde er niederfllt; der
Ihre aber traf mich mitten im Herzen. Mir ist, als erwachte ich fr
Augenblicke aus tiefem Schlaf. Da es noch eine lichtere Landschaft
gibt, als die flache Ebene dieses Daches, wo ich meinen Tisch zwischen
die Betten gestellt habe, und die flackernde Kerze, die von dem Atem der
Kranken bewegt scheint, um Ihnen zu schreiben; wo ich im Schlafkleid
unter dem hellen Mond seltsame Wache vor dem Tode halte, der unsichtbar
in den Adern der Menschen umhergeht, der jeden Tag mit weiem Gesicht
glhend am Himmel heraufsteigt und seine seltsamen Inseln, Kamel-,
Pferde- und Stierleichen, die aufgelsten Leiber toter Soldaten mitten
durch den Strom der Stadt treibt, da wir nie vergessen, da wir auch
hier in den Laufgrben des Krieges schlafen.

Wenn ich zurckdenke an das Leben, das ich einstmals gefhrt habe, an
die stille Tafelrunde der Geister, die diese Zeit so lange hungernd von
ihrer Mahlzeit scheuchte, so befllt mich oft eine stille Angst, da
dies alles nur ein merkwrdiger Traum war, der niemals Wahrheit
besessen. Da ich nie ein anderes Zimmer bewohnte als diesen einugigen
Raum, dessen Scheiben mit Papier verklebt sind, in dessen Winkel an
einer aufgespannten Schnur meine Wsche und meine Kleider hngen, in der
die Koffer geschlossen und die Teppiche in Ballen gepackt liegen, als
gelte es, jede Stunde des Aufbruchs gewrtig zu sein. Hat es auch fr
mich Wandernden einmal Heimat gegeben? Wann geschah es, da ich auf
etwas anderes blickte als gleiende Backsteinbauten oder in das sandige
Auge der Wste? Der stille Gleichmut des Landes hat seine trstende Hand
auch auf mich gelegt. Die Flamme des Zornes ist herabgebrannt, ich habe
lcheln gelernt, was mich noch gestern in Emprung versetzte, begreife
ich mit ergebener Anmut. Wie oft mu ich an meinen arabischen Diener
denken, der jede Frage mit einem Warum beantwortet. Ist das Essen
fertig? -- Warum soll es nicht fertig sein? -- Hast du meine Stiefel
geputzt? Ist Reis, sind Tomaten da? -- Warum nicht, Sahib? Und wenn
ich ihn darnach fragte, wrde er nicht antworten: Warum sollst du in
Deutschland sein? Kannst du mir sagen, weshalb diese Erde besser sein
sollte, als sie es ist? ... Aluan wird 17 Jahre alt, ist zum zweiten
Male verheiratet und hat zwei Kinder auf dem Friedhof liegen. Seit ich
in den Tagen meiner Krankheit an seinem feindlichen Unbegreifen so oft
in hilflose Verzweiflung geriet, hatte ich nie geglaubt, da wir
einander menschlich so nahe kmen. Wir beide haben manches von einander
gelernt.

Einmal besuchte ich ihn im Hause seines Schwiegervaters in Kazimen, lag
die heien Stunden des Mittags in seiner lndlichen Htte auf der besten
buntgedruckten Matratze, die er auf dem Erdboden ausgebreitet hatte, und
deren Muster ich noch immer auf der Rckseite meines Hemdes trage. An
der Wand hingen die kostbaren Frauenkleider aus grner und roter Seide,
und whrend ich schlief, kamen Klber und Eselinnen, mit kauenden
Mulern, und berochen mit groen Augen den Gast. Bei dieser Gelegenheit
sah ich auch Aluans starke und wohlgebaute Frau, zu der er jede Nacht
eine Stunde weit von Bagdad nach Kazimen luft, um erst im Morgengrauen
wiederzukehren.

Zuweilen fahre ich mit ihm nach der Insel hinaus, um zu baden. Hinter
der Stadt bildet der Strom eine breite Sandbank, auf der Fellachen ihr
Gemse bauen. In meinem zeltberdachten Boote versteckt, die persische
Mtze auf dem Kopf, gleite ich heimlich aus der Stadt, denn ich bin ein
scheuer Fremdling unter den Leuten des eigenen Volkes geworden. Dann
breite ich meinen Teppich auf den Sand der Insel, ziehe mein
baumwollenes arabisches berkleid an, lese im Homer, im Herodot, im
Goethe oder der Bibel, die meine nie versagenden Trster sind; denn ich
bin nun ganz zurckgekehrt zu den ewigen Menschheitswerken, die jenseits
alles Ruhmes und Streites dieser Zeit liegen. Neben mir, auf den Fersen
sitzend, hockt Aluan, und nachdem er lange geschwiegen hat, lchelt er
nachdenklich. Ja, siehst du, Sahib, sagt er zu mir, das ist der
Unterschied. Ich habe eine Frau und kein Essen. Du hast Essen und keine
Frau. Auch hier spricht die Stimme des Menschlichen zu mir, und mit
leiser Rhrung betrachte ich die sanfte Neigung seines Kopfes, wenn er
mir zuhrt, oder die zrtliche Geste, mit der er nach einem Zipfel
meines Kleides hascht, seine Lippen darauf zu drcken und mir fr eine
Kupfermnze zu danken.

Aber ich habe noch andere Brder, die heimkehrend in den Stunden des
Abends auf mich warten. Hinter der Brcke am Wasser liegt die kleine
Moschee. In den Nchten des Ramadan bin ich der Gast der alten Mollahs.
Hier ist Munir, der Erleuchtete, ich sitze zu seinen Fen und lausche
auf seine Stimme. Einmal fragen sie mich nach meinem Namen. Ich sage
ihnen, wie ich heie; seitdem rufen sie mich Tarik. Wir lesen einander
Gedichte in arabischer und deutscher Sprache vor, und obwohl keiner des
anderen Worte versteht, hren wir doch einander zu und sind voll
Andacht.

Mein arabischer Diener, die alten Gelehrten im Schatten der Moschee und
Pater Joseph, mit dem ich das Dach meines Hauses teile, sind nun meine
einzigen Freunde geblieben, vielleicht noch ein sterbender Hund, den ich
am Wasser, krank und mit Wunden bedeckt, zwischen dem Lrm der
Bootsfhrer und Wassertrger ganz in sich versunken, die geheimnisvolle
Arbeit des Todes verrichten sehe. Aber die Stunden sind selten, da ich
in ihrer Mitte bin. Ich habe aufgehrt, mir selbst zu gehren, in eine
Reihe inhaltsloser Tage gedrngt, ein bodenloses Gef, das leer wurde,
noch ehe wir es zu fllen begannen. Nicht immer ohne Bitterkeit trage
ich diese Stunden und die Demtigungen, die mit meiner Arbeit verbunden
sind; denn auch hier gilt nur, wer zu tten berufen ist, und ein
liebender Menschenpfleger ist im Grunde eine verchtliche Gestalt.
Mchte mir nur die Liebe derer bewahrt bleiben, denen ich, meiner selbst
kaum mchtig, die letzte Kraft meiner Hnde reiche.

Whrend ich diese Zeilen schreibe, blicke ich vom Dach in den Hof auf
die lange Reihe ihrer Betten hinab, wo sie, ihrer Decken entblt,
nebeneinander liegen, das eine Knie in die Hhe gezogen, als stiegen sie
noch im Schlaf eine unendlich mhsame Treppe hinauf. Und ich hre wieder
die Stimmen der deutschen Soldaten, die, heimgekehrt aus der Wste, mir
von den bitteren Mhen ihres Lebens erzhlen, wie sie hier, am Hintern
der Erde, von Hunger, Krankheit und Heimweh zernagt, der letzten Hilfe,
des Beistandes ihrer Offiziere beraubt, die sie ohne Grund in der Glut
der Mittagsstunden in der sommerlichen Wste Schanzen werfen lieen, in
einer trkischen Fremdenlegion dienten. Noch gestern sa ich an dem
Bett eines sterbenden Offiziers, in dessen letzten Trumen das bittere
Gefhl versagter Freundschaft umging, die Scham und der Vorwurf gegen
die Kameraden, die, Verbrecher aus Ehrgeiz und Niedertracht, ihren
Untergebenen die Liebe verweigerten, die sie ihnen schuldig waren. Nun
tnt aus dem Schatten der Mauer die Stimme eines jungen Soldaten, der
seinen trkischen Wrter ruft: Mustapha, Musta -- pha! leise und
klglich, als riefe er seine Mutter. Ich blicke auf und schaue den
schwarzen Strom hinunter, in dem die letzten Lichter der Stadt sich
spiegeln, blicke in das Wunder der fallenden Sterne, die wie glhende
Geieln ber den nchtlichen Himmel peitschen, die herabsickern, langsam
fallende Schneeflocken, silberne Trnen. Jetzt blitzen sie auf,
gewaltige lichthelle Kugeln, die eine unsichtbare Hand ber die Erde
hinabwirft, zu schauen, ob der Krieg noch immer nicht das verwstete
Lager entweihter Unschuld verlie. Sie verlschen, und wieder wird
Nacht. Aus dem Dunkel des Flusses aber tnt die leise Stimme eines
arabischen Fischers, der in seinem Boote schlafend den Strom
hinabtreibt:

   Die groe Palme und der kleine Schling sind dahingegangen,
   Ich blieb allein zurck.

Mitten in all das kommt Ihr Brief, und ich fahre empor wie ein
Schlafwandelnder. Freude! Freude! Aber auch Kummer erfat mich. Ich sehe
die frischgelschte Tinte Ihres Namens darunter, als wre ich eben in
der Winterstille durch den Schnee der Berge herabgekommen, trete in das
abendliche Zimmer und sehe, wie Sie vom Tische aufstehen und aufhren zu
schreiben. Wie ich zu lesen anfange, erkenne ich verwundert, da ich
selber es bin, an den diese Worte gerichtet wurden. Werde ich wirklich
noch einmal diese Stube schauen? Wann wird der Tag kommen, da mir und
Euch allen die Worte geschenkt sind: Hier gebe ich Dir Armin Wegner
zurck. Wie anders wird die Gestalt sein und die Seele, die wieder
unter die Augen der Freunde tritt. Ihr werdet die ersten weien Haare
auf dem Haupte der Jugend schauen. Denn es ist ein Weg ohne Heimkehr,
den wir beschreiten, an dem wir wohnen wie die abgeschiedenen Seelen der
Babylonier, deren Nahrung der Staub ist, und die von ihm zurckkehren,
tun es nicht ungestraft. Andere Augen sind es, mit denen sie schauen;
sie bleiben gezeichnet fr den kommenden Tag.

Dennoch glhen unter der Asche dieser Tage purpurne Flammen, die
zuweilen urpltzlich hervorbrechen, vor deren geheimer Gewalt ich
erschrecke, als wenn sie mich selber vernichten mten! Ein unbndiges
Verlangen ergreift mich, die Schritte hinaus zu setzen, in welche Hhen
und Abgrnde sie auch fhren mgen, fort! fort! verkleidet in das Gewand
eines Beduinen, bettelnd, mit Aussatz bedeckt, und sei es auch, um in
der Wste zu sterben. Aber schon hre ich die Schritte der Hscher im
Hof, die mir das Blut in den Adern erkalten lassen. Wohin? Wohin? ...
Einst sagte mir ein arabischer Wahrsager, den ich im Staub der Strae um
meine Zukunft befragte, indem er die Wrfel auf eine messingne Schale
legte, in die das Zeichen des Widders und des Steinbocks gegraben war:
Was du im Herzen trgst, wird in Erfllung gehen. Aber was ist es, das
ich im Herzen trage: Tod, Leben, Ruhm oder Untergang, Glck oder
Verbrechen? Auch der Gram ist nur eine Stufe der Lust; hinter den
hrtesten Leiden noch gilt es zu jubilieren wie eine Lerche. Nur eines
wei ich, da mit mir die Liebe ist, da sie mich weiter begleiten wird,
und sei es auch zu den Abenteuern und Lndern, die jenseits dieses
Lebens liegen. Friede sei mit Dir! rufen mir die Araber zu, denen ich
des Nachts in den dunklen Gassen begegne; mit mir aber geht der
Unfriede, mit meinem friedlichen Herzen die Unrast, die mich durch alle
Schmerzen der Erde von der Hlle bis zu den Sternen treibt, immer
duldend und immer voll Neugier.

        Ihr Armin, genannt Tarik, das ist der des Weges Schreitende.




                Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr


                            An Pater Joseph

                                             Hadit, den 30. September.
                         Frh 7, im Schatten eines alten Wasserrades.

Bester Pater! Ihnen den ersten Gru. Da es weiter geht. Da die Erde
sich wieder rundet. Als Sie mich bei meiner Abreise baten, Ihnen zu
schreiben, schien mir dies freilich ein Wunsch, dessen Erfllung fern in
einer heimatlichen Schreibstube lag. Aber nun ich die ersten Tage durch
die Wste gereist bin, sehe ich, wie sehr meine Gefhle bei Ihnen
blieben, wie fremd mir die Heimat noch ist. Dabei denke ich nicht ohne
Genugtuung daran, da ich dieser letzten kurzen Erkrankung, die mich
nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen zum drittenmal auf das
Lager warf, den Aufbruch zur Heimkehr verdanke, die fast noch in der
Stunde des Abschieds an dem Mangel an Wagen gescheitert wre. Dieser
Heimkehr, die keine Heimkehr ist; denn auch meine verblutete Seele liegt
bei den Toten in der Steppe begraben und wird nie wieder in das Land
zurckkehren, das ich vor kaum zwei Jahren verlie. Wie oft mu ich mich
unserer erregten Gesprche in den verdeckten Kellern von Mesnil Schah
Bender erinnern und jener trstlichen Worte, die ich Ihnen zurcklie:
Meine Irrtmer sind mir lieber als Ihre Wahrheiten. Aber ich fhle
auch, da hinter allen Widersprchen etwas Menschliches lag, das wieder
zu zittern anhebt. Ja, jetzt erkenne ich, wie schwer mir der Abschied
wurde, seit das letzte Wahrzeichen der Stadt verschwand, jene einsame
Grabpyramide, die halb zerfallen hinter Kazimen in der Wste steht. Zwei
Tage sahen wir sie in der Sonne leuchten, dann lste sie sich in Rauch
auf.

Heute werden wir zum erstenmal einen Tag rasten. Die Kutscher haben die
Splinte aus den Wagen gezogen und sind in das Dorf gegangen; so habe ich
Zeit, in Geduld zu warten. Ja, das Menschliche. Wie es mich auch hier
auf allen Drfern und Wegen der Wste begleitet! Jener oft wiederholte
Gru der Fellachen, jenes Bruder, Bruder, mit dem uns die Beduinen die
Frchte ihrer Felder reichen, der Bettler die Hand nach uns ausstreckt,
scheint mir ein tgliches Gleichnis meiner Gedanken. Oft, wenn ich in
die Gasse ihrer lehmgehrteten Htten trete, gesellt sich ein arabischer
Junge zu mir. Eier! Eier! ertnt unsere Stimme vor den Tren, dann
kommen die Mdchen und Frauen aus den Hfen heraus. Ich bleibe bei den
Mnnern an ihren Websthlen stehen, mit ihnen zu plaudern (sie hocken in
einem Loch in der Erde). Zutraulich legen sie mir die Hand auf die
Schulter. Ich sitze bei den Frauen auf ihren Matten, und sie
verschleiern sich nicht.

Whrend aus den tnernen Schaufeln des Wasserrades ein feiner Sprhregen
ber mich herabfllt, blicke ich nach der schmalen Insel des Euphrat
hinber, auf der zwischen Palmen die Htten aneinandergedrngt stehen,
eine graue Feste. Bronzene Gestalten treten zgernd in das Wasser, das
Bndel ihrer Kleider wie einen wunderlichen Turban um den Kopf
geschlungen. Und wie ich dem Spiel ihrer Leiber zuschaue, die sich
schwer gegen die Strmung beugen, wie sie, ihre Kinder auf dem Rcken
tragend, das Ufer hinaufklettern, ber das die warme Morgensonne
streicht, fhle ich wieder, wie ich trotz Tod und Trnen in dieses Land
verliebt gewesen bin.

Tglich streifen wir viele Stunden weit durch seine hungrige Weite.
Schon vor Sonnenaufgang, wenn die Pferde noch ungeschirrt an den Wagen
stehen, wandere ich zu Fu hinter der Karawane her. Bla hebt sich die
Staubwolke unter den Tritten der keuchenden Tiere, bis der Tag kommt,
und der Schatten ihrer spitzen Ohren deutet auf unseren Weg. Dabei bin
ich von einer so berquellenden Heiterkeit und Flle der Gesichte
bewegt, da es mir kaum gelingt, im Weiterschreiten auf ein
zerflattertes Papier ein paar kurze Aufzeichnungen zu machen. Welche
Vernderung ist mit mir vorgegangen! Selbst meine Uhr, die seit Monaten
still stand, begann drei Tagereisen hinter Bagdad wieder zu gehen. Oder
ich lehne in den heien Mittagstunden im Winkel unseres schaukelnden
Pilgerwagens und trume zwischen Wachen und Dmmern von einem groen
Manifest des Friedens. Ist es Europa, dem ich mich nhere, das mich so
froh macht? Ich glaube, wenn es nach Indien oder gypten ginge, ich
knnte nicht glcklicher sein.

Gestern, schon in der Dunkelheit, wir waren den ganzen Tag durch
lchrigen Boden gefahren, blieb unser Wagen allein in der Steppe zurck.
Ich war auf den Bock gestiegen und hatte selbst die Zgel unserer vier
Pferde in die Hand genommen, aber die hartgewordene Krume einer
ausgetrockneten Wassermulde zersplitterte unter unseren Rdern wie Glas.
Die Pferde zogen an, zerrissen die Strnge, zitterten und blieben
stehen. Und whrend der Kutscher mit trnenverzerrtem Gesicht und einem
Hilf Allah immer wieder vergeblich auf die Pferde einschlug, ging ich
im offenen Hemd und meinen weichen Schlafschuhen allein eine Stunde weit
unter dem sternenbeglnzten Himmel, das nchste Dorf zu suchen. Wie nahe
wart Ihr mir alle, whrend ich still vor mich hinschritt, einsame Worte
mit Euch tauschend. Ich htte nur die Hand auszustrecken brauchen, um
das Schlagen Eurer Herzen zu fhlen. O beglckende Mdigkeit, als
endlich auch unser Wagen in den finsteren Hof der Karawanserei rollte,
spt unter dem offenen Wind zu schlafen, unter den Kaugeruschen der
Tiere, die zwischen unsern Lagern umhergehen. Dann tnt das Donnern der
Wasserrder lauter vom Flu, und die Glocke des Leithengstes klingt noch
lange in unsern Traum ...

Gren Sie Aluan, Dschafar und Achmed und die andern kleinen
Bootsjungen, mit denen wir hinab nach der Insel fuhren. Gedenken Sie der
Lebendigen und der Toten. Und wenn Sie durch jene trmmerbeste Strae
gehen, durch die wir oft im Dunkeln stolperten, so vergessen Sie nicht,
da ich auch diesen Staub unter Ihren Fen noch liebte.




                Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr


                           Aus dem Tagebuche

                                               Rahije, den 2. Oktober,
                                                            abends 6.

Eben im Euphrat gebadet, Grund sehr steinig. Die ersten strkeren
Wolkenzge treten auf und beschatten die Sonne. Die letzten Palmen sind
verschwunden. Vor Ana habe ich mir fr zehn Piaster ein schwarzes
Lmmchen gekauft. Schon drei Tage schleppe ich es mit mir und habe die
grte Freude, es whrend der Fahrt auf dem Scho zu halten und zu
streicheln.

Gestern nachmittag, wir fuhren, Wagen und Karawane, in enggeschlossenem
Zug, uns vor berfllen der Beduinen zu schtzen (am Vorabend waren
deutsche Schahturs berfallen worden, und es gab acht tote Araber), ein
wenig schweigsam, denn es war spt geworden, stand pltzlich in der
Abenddmmerung ein seltsames Zeichen am Himmel. Ein langer, geschwnzter
Strich wie die helle Schnur einer Peitsche. War es der rauchende Schweif
einer Sternschnuppe oder spiegelte sich der leuchtende Lauf des Euphrat
in den Wolken wider? Alle Blicke waren auf den blassen Himmel gerichtet,
wo es unverndert fast zehn Minuten verweilte. Das ist ein Zeichen des
Friedens, sagte eine Stimme. Mir aber schien es eine feurige Geiel,
die ber der Erde stand. Unwillkrlich neigte ich den Kopf, als mte
ihr sausender Schlag auch ber mich und unsere kleine Karawane
herabfallen, die mhsam und gedrckt ber den steinigen Grund dahinzog.

                                           Abu Kemal. Dreizehnter Tag.
                                                         Abends 5 Uhr.

Heute nur acht Kilometer zurckgelegt. Kahle, steinige Uferhhen, die
wir nur langsam hinaufklimmen, verwahrloste Wege. Weite
violettschimmernde Hochebene, durch die der Flu stahlgrau dahinzieht.
berall liegen lose Brocken zerstreut, als wre ein ungeheurer
Steinregen herabgefallen. Gegen Mittag raste Hassan, der Fhrer der
Kutscher, mit seinem Wagen in das ausgetrocknete Bett eines Flusses.
Alle Pferde bluteten. Zwei Rder waren vllig zerbrochen, und der Wagen
schleppte sich, auf den Speichen rumpelnd, mhsam bis in den Chan.
Gestern ging ein Maultier mit allem Gepck in den Flu, konnte aber
gerettet werden. Ein Pferd, das beim Trnken ber die Uferbschung
strzte, wurde abgetrieben. So gibt es tglich Verzgerungen. Wir werden
zwei Tage hierbleiben.

                                            El Gahsim, den 6. Oktober.

Bei Sonnenuntergang unter dem Dach einer weidengeflochtenen Htte. Neben
mir vor einem Feuer von Eselsmist hockt ein blinder Araber. ber mir an
den Zweigen hngt in einem leinenen Beutel der Koran. Ein ungeheurer
Staubsturm hat die Ebene mit einem schwarzen Mantel bedeckt. Wir hatten
eben abgekocht, als die Wolke pltzlich ber den Horizont sprang, Blitze
wie feurige Flammen. Von den hohen Wellen des Euphrat wurde der Schaum
so weit durch die Luft gewirbelt, da wir glaubten, es begnne zu
regnen. Zu meinen Fen liegt alles durcheinander, das noch fettige
Geschirr, die Beutel mit Reis und getrockneten Aprikosen, das rote
Fleisch der angeschnittenen Melone, alles mit einer Schicht von grauem
Staub bedeckt. Ich fhle ihn zwischen Lippen und Zhnen. Heute wurde
unser Lmmchen geschlachtet. Ich hatte es Mona Lisa getauft, und es
sprang und meckerte lustig auf unsern Haltepltzen umher. In meinen
Mantel gehllt, versuche ich auf einer Reihe von Kisten zu schlafen. Als
ich wieder aufwache, ist klare Nacht. Der blinde Araber steht drauen im
Mondschein auf seiner Matte und betet. Die toten Augen sind in das
geisterhafte Licht gerichtet, unbeweglich, als schaute er in eine
wunderbare Landschaft. Nun sehe ich es auch. Da beugt er den Kopf und
fllt in die Kniee.

                                             Salichie, den 7. Oktober.
                                                        Nachts 12 Uhr.

Einsame Herberge in der Wste. Ich lehne, die Wache haltend, am Tor der
verlassenen Karawanserei. Drauen dmmert die endlose Ebene. Der volle
Mond steht am Himmel. Es ist so hell, da ich ohne Mhe schreiben kann.
Vom Hof tnt das Husten der brustkranken Pferde, nur unterbrochen von
dem Heulen Hassans. Sie haben ihm den Rcken und die Sohlen blutig
geschlagen, weil er im Basar von Ana die eisernen Ersatzteile der Wagen
verkauft hat, die die trkische Kommandantur fr uns requiriert hatte.
Von Futritten verfolgt, schleppt er sich von einem Winkel in den
andern.

Ich trete in einen fensterlosen Raum der Karawanserei. Als ich Licht
mache, leuchten mir von der beruten Gipswand in groen deutschen
Buchstaben die Worte entgegen: Wo waren wir gestern? Betroffen bleibe
ich stehen, leuchte mit dem Streichholz die Wand ab. Ich zhle acht
verschiedene Sprachen. Hier ist eine Trommel mit gekreuzten Schlgern an
die Mauer gezeichnet. Deutsche Namen darunter und das Datum: den 28.
August 1914. Daneben: Ankunft dritter Zug von Ekbatana, den 2. Januar
1915. Reise von Teheran nach Bagdad und Stambul, Baruch Josephsberg, 77.
Reg. Lemberg. Marga Imre, _5 Magyarka, honvd 13. IV. 16_. Marie
Stirting, Erna Erickson de Bender Abas _le 23. Julliet 15 en route pour
Beirut_. Dann die Inschrift eines englischen Gefangenen: _Happy he, who
return. London, Holting-street._ Die Unterschrift ist nicht zu
entziffern. Namen, Namen. Deutsche, englische, franzsische, ungarische,
trkische, arabische, hebrische, schwedische Inschriften. Es nimmt kein
Ende. Wie seltsam berhrt es mich, viele Tagereisen weit in der Wste
all jene mit zahlreichen Zungen zu mir reden zu hren, die gleich mir
diese tote Stille durchwandert haben, die vom Golf oder aus russischer
Gefangenschaft die endlose Reise ber die persischen Berge und durch die
Wste machten, von Hitze und Klte gepeinigt, eine Nacht in diesem
fensterlosen Raume zu schlafen. Wo sind sie, die mit verrostetem Nagel
dieses in den Mrtel der Wand gruben? Hier hat einer sein Vaterhaus, von
Bumen beschattet, an die Wand gezeichnet. Neben manchem Namen ist ein
kleines Kreuz gemalt, heimkehrende Kameraden haben es hinzugesetzt,
dreimal sind sie den Weg durch die Wste gezogen. An der
gegenberliegenden Wand steht eine arabische Inschrift: O Ali, Sohn des
Hassan, ich habe Wasserrinnen nach dir vollgeweint. Darunter auf
Trkisch: In Bagdad und Umgegend habe ich drei Monate im Elend gelebt.
O Allah, gib uns Barmherzigkeit und Frieden. Osman Hakki Tefik,
Hauptmann im Generalstab. Salichie, den 4. Tamus 1333[3].

Als ich wieder hinaustrete, schlgt mir die Nacht kalt entgegen. Ich
gehe vorsichtig zwischen den schlafenden Menschen und Tieren hindurch,
die zusammengekauert am Boden liegen. Ermdet setze ich mich auf den
Leib des toten Esels, der am Nachmittag gestorben ist. Bis hierher
schleppte er die blutgeschwollenen Glieder, aber als die Maultiere, von
ihrer Traglast befreit, den wunden Rcken im Staube wlzten, erhob er
sich nicht wieder. Und ich denke an den Weg zurck, den wir alle
gewandert sind, denke an meine Toten und wie sie mich stndig begleiten.
Wenn ich am Tage in der hellen Sonne hinter der Karawane herschreite,
winkt mir ihr Gepck vom Rcken der Maultiere herab. Dunkel leuchtet ihr
Name auf den hellen Kisten, dem traurigen Rest ihrer Habe, den ich mit
mir zurck in die Heimat trage, als ginge ich wie der Glubige hinter
dem Leichnam her, den er in heiliger Erde bestatten will, ihren
geliebten Schatten in Deutschland zu begraben. Des Abends am Feuerloch
ist mir, als mte ich wie in frheren Tagen mit ihnen die Mahlzeit
teilen. Ich blicke in ihr Gesicht: Bist du es, alter Freund und
Wstengefhrte? Willst du Brot? Magst du Tee? ... Ich fhle ihre Nhe,
die mich umgibt, die stille Gemeinschaft derer, denen wir nicht mehr weh
tun knnen. Ich schlafe in ihrem Schatten.

[Funote 3: der Hedschra.]

Frstelnd lehne ich mich ber den aufgetriebenen Leib des toten Tieres,
mit der Hand seinen Hals liebkosend, der noch eine leichte Wrme trgt.
Wieder steigt jener freundliche Gedanke des Friedens vor mir herauf, und
whrend ich einsam in der unergrndlichen Weite sitze, ist mir, als
knnte ich deutlich auf das knftige Europa hinabsehen, wie auf ein
heiteres Gebude, das sich mit freundlichen Zimmern und Grten vor mir
ausbreitet. --

Zwei Uhr nachts. Es ist Zeit zum Wecken. Ich reie den Kutschern die
Mntel fort, die sich zitternd zwischen ihren Futterscken erheben. Nun
habe ich noch eine Stunde Ruhe, aber die Fledermuse, die im Geblk
flattern, lassen mich nicht einschlafen. Bald gehe ich hinter der
Karawane her. Vor mir raucht die unabsehbare Ebene. Und wieder denke
ich: o sie liebten dich nicht, du grauer einsamer Boden, alle, die ihren
flchtigen Namen an die zerbrckelnde Wand dieser Herberge schrieben.
Sie dachten: Deutschland, oder England, oder Schweden ... irgendwo dort
hinten an eine geliebte und menschenbelebte Scholle, zogen vorber und
fluchten dir. Ich aber fhle deine grenzenlose Weite in meinem Herzen.
Fhle in mir deine Sonne, deinen Wind, deine Sterne. Fhle, wie mit
jedem Schritt meine Seele lebendiger und froher wird, als wanderte ich
vom Tode zurck in das Leben.

                                          Abu Herera, den 11. Oktober.

Der letzte Leichnam? Als wir in die verlassene Karawanserei treten, die
von Unrat und blen Gerchen erfllt ist, liegt er in der offenen Tr.
Die ausgehungerte Gestalt eines zwlfjhrigen armenischen Knaben. Mit
strohblondem Haar, den Leib bis auf die Knochen abgemagert, Hnde und
Fe wie Keulen. Nur der linke Arm steckt noch in Lumpen. Als ich an den
Flu trete, finde ich viele Grber, zahllose alte Feuerstellen. Ist
dieses das Ende einer furchtbaren und grausamen Jagd?

Wieder tritt jener Auszug eines vertriebenen Volkes vor meine Augen,
durch dessen schmerzliche Lager ich im vergangenen Jahr mit
erschrockener Seele geirrt bin. Bald begegnen wir den ersten
Flchtlingen. Die Rnder aller Wege sind mit ihren Knochen best, die
grell in der Sonne bleichen. In Maden treffen wir das erste Lager.
Kinder und Frauen umdrngen unsern Wagen, schlagen sich wund um ein
Stck Brot oder eine leere Melonenschale. In Tibini haben sie einen
kleinen Basar errichtet. Bcker, Fleischer und Schuster sitzen in der
grellen Sonne unter den ausgespannten Lumpen eines zerrissenen Tuches
auf dem nackten Steinboden und bieten ihre Ware aus. Einen trkischen
Offizier sah ich beim Garkoch ein gebratenes Stck Fleisch kaufen, und
nicht ohne Bewunderung dachte ich: sie haben dich in den Tod getrieben,
du aber bietest deinem Mrder fr einen Metalik noch in der Wste ein
Stck Fleisch an!

Bei Rakka, in einem vllig verwahrlosten schmutzigen Lager, traf ich
einen dreizehnjhrigen Knaben. Er hatte seine Mutter und seinen Bruder
verloren, nur sein Vater lebte. Er hie Manuel. Einen weien Lappen
gegen die Sonne um den Kopf gebunden, lief er, auf auf einem Kuhhorn
blasend, lachend zwischen den Haufen der Hungernden, Kranken und
Sterbenden umher, die reglos dalagen oder, dem Wahnsinn nahe, ihren Kot
als Speise verzehrten. Seine wohlgebaute, noch krftige Gestalt, sein
offenes Gesicht gefielen mir. Ich wollte ihn in unsern Wagen nehmen, um
ihn mit nach Deutschland zu bringen. Seine geraden Augen leuchteten
dunkel zu mir auf. (Meine Mutter, dachte ich einen Augenblick, ich will
dir einen neuen Sohn schenken!) Ich lie mich zu seinem Vater fhren,
einem Hndler aus Alexandrette, den sie zum Wchter des Lagers gemacht
hatten, weil er lesen und schreiben konnte. Aber obwohl sein Gesicht
sich vor Freude verklrte, war er so mde und abgestumpft, und seine
Angst vor den Gendarmen, die Furcht um das eigene Leben waren so gro,
da er keinen Ausweg finden konnte.

Da ging ich selbst zu dem arabischen Aufseher. Ich sa zwei Stunden auf
seiner Matte und bot ihm den Rest meiner Barschaft an. Aber sie wollten
ihn nicht freigeben. Ich versprach, in Aleppo bei Hakki Bey, dem Leiter
der Ansiedlungen, fr ihn zu bitten. Wieder und wieder drckte ich ihre
Hnde, ich sagte: ich werde in Deutschland an Euch denken. Manuel
begleitete mich bis an den Ausgang des Lagers. Er wollte versuchen, in
der kommenden Nacht unserer Karawane nachzulaufen. Aber ich glaube
nicht, da es ihm gelingen wird, unter den Flintenschssen der Gendarmen
zu entfliehen.

                                            Mes kene, den 15. Oktober.

Als es Abend wird, sitze ich mit dem Priester Pre Arslan Dadschad in
der offenen Tr seines Zeltes, und sie erzhlen mir von ihren Leiden.
Von den 800 Familien der Stadt, mit denen sie auszogen, von den vielen
Tausenden, die er in der Wste begraben hat, darunter dreiundzwanzig
Priester und einen Bischof. Ihre Blicke schreien mich an. Du bist doch
ein Deutscher, sagen sie, und mit den Trken verbndet ... so ist es
also wahr, da ihr selbst es gewollt habt! Ich schlage die Augen herab.
Was kann ich ihnen erwidern, um sie Lgen zu strafen? Aus einer Tasche
seines Gewandes, in einen zerlumpten Fetzen gehllt, holt der Priester
sein Christuskreuz, und als er es andchtig mit Kssen bedeckt, kann
ich, von Rhrung ergriffen, mich nicht enthalten, es gleichfalls an die
Lippen zu fhren, dieses Kreuz, das der Zeuge so vielen menschlichen
Kummers und Leidens gewesen ist.

Ich sehe nach den abendlich rauchenden Zelten und dem hellen Mond, der
ber der dmmerigen Ebene aufsteigt. Das alles ist so anheimelnd, da
ich mir einen Augenblick ein friedliches Bild vortuschen knnte. Frauen
in geschrzten Unterrcken und offenen Blusen machen einen kleinen
Abendspaziergang. Das Geschrei spielender Kinder tnt herber. Da hre
ich wieder ihre ngstlich forschende Stimme: ob ich Armenier in den
Stdten am Euphrat getroffen habe? ... Wir werden sterben, wir wissen
es. Er deutet auf sein zerlumptes Gewand: _Une fois j'tais un prtre,
maintenant je suis un mouton, qui va  mourir._

Ich gehe im Dunkel an den Flu hinunter. In einer Schlucht finde ich
einen Haufen bereinandergetrmter Menschengerippe. Weie Schdel, die
noch mit Haaren bedeckt sind, ein Becken, die Brustrippe eines Kindes,
zierlich gebogen wie eine Spange. Einen Augenblick berkommt mich eine
dumpfe Verzweiflung, die mir die Trnen in die Augen treibt, als mte
ich alle Hoffnungen, alle Keime der Liebe vernichten, die mich je an das
Lebendige banden. Unendlich mrchenhaft aber fliet der Flu in die
weite Einsamkeit hinaus, in den untersplte Erdschollen zuweilen
donnernd hinabfallen, und an dessen Ufern ich verlassen dahinschreite,
als wre ich der letzte Mensch.

                                           Der Hafir, den 16. Oktober.

Eine grne Oase, Weide mit Lmmerherden. Ich liege, o Wunder, unter
einem Baum und sehe das Licht durch die schmalen Bltter scheinen. Heute
ist mein dreiigster Geburtstag. Zum dritten Male, seit ich von Hause
fortzog, sehe ich diesen Tag sich wenden. Seit dem frhen Morgen wandere
ich in der hellen Sonne dahin, den Blick nach dem hohen Himmel
gerichtet, dort hinten, wo die Stadt aufsteigen soll, nach der wir so
lange Wochen gewandert sind, der Liebe voll und der starken Hoffnung des
kommenden Lebens. Mit welcher Freude verzeichnet das Auge das Auftauchen
jedes neuen Gegenstandes. Ein pltscherndes Wasser, eine Blume, einen
Regentropfen. Schwarzblaue Wolken beschatten den Himmel, und wieder
bricht die Sonne hindurch. Altweibersommer fliegt uns durch die Steppe
entgegen -- die weien Haare Europas, das in Gram und Elend frh
gealtert ist.

                                              Aleppo, den 19. Oktober.
                                         Bei den deutschen Schwestern.

Als das schwarze Haupt der Zitadelle sich hinter den sanften Erdwellen
aufreckt, geraten die Pferde in schnellere Bewegung. Lchelnd neigen die
Kranken sich aus den Wagen, deren hlzerne Ksten mit zerrissenen Planen
klappernd in die steinernen Straen rollen, windbrchige Schiffe, die
den letzten Sturm berstanden. Wir haben die Bahnlinie erreicht, die uns
wieder mit Stambul verbindet.

Mein erster Gang fhrt mich zu den Schwestern. Sie haben fr die
armenischen Flchtlinge zwei Huser eingerichtet, die mit Waisenkindern
berfllt sind, die an der Strae liegen blieben. Die meisten kommen aus
Van oder Erzerum und waren lnger als sechs Monate unterwegs. In den
ersten Wochen war der Hof so dicht von dem nackten Gestrpp ihrer
Scharen berwuchert, da sie sich gegenseitig zu ersticken drohten. Als
man das Haus reinigte, fand man im Brunnenschacht die Leiche eines
Kleinen, der zwischen der Wildnis der Menschen dort schweigend
verschwunden war. Auch Frauen und Mnner halten sich unter ihnen
versteckt. Ich habe angefangen, ihre Schicksale aufzuzeichnen, wobei
Schwester Beatrix mir als Dolmetscher dient. Nur mhsam beginnen sie aus
Schwche und Angst vor neuen Leiden zu reden, bis die Flle ihres Elends
sie fortreit und sie in Trnen ausbrechen.

In den letzten Tagen habe ich zahlreiche fotografische Aufnahmen
gemacht. Man erzhlt mir, da Dschemal Pascha, der Henker von Syrien,
bei Todesstrafe verboten hat, in den Flchtlingslagern zu fotografieren.
Zusammengerollt trage ich diese Bilder des Entsetzens und der Anklage
unter meiner Bauchbinde versteckt. In den Lagern von Meskene und Aleppo
sammelte ich viele Bittbriefe, die ich in meinem Tornister verborgen
habe, um sie an die amerikanische Botschaft in Konstantinopel zu
bringen, da die Post sie nicht befrdern wrde. Ich zweifle keinen
Augenblick, damit eine hochverrterische Handlung zu begehen, und doch
erfllt mich das Bewutsein, diesen rmsten wenigstens in einer
schwachen Hinsicht geholfen zu haben, mit dem Gefhl greren Glckes
als jede andere Tat es vermchte.

                                               Konia, den 28. Oktober.
                                                              Im Bade.

Heute ist der neununddreiigste Tag, seit wir Bagdad verlieen. Da der
Zug ber Mittag liegen bleibt, gehe ich ein paar Schritte in die
herbstliche Stadt. Mde setze ich mich in die verlassene Moschee, hocke
mich in einer Nische auf den Boden, lege den Daumen hinter die
Ohrlppchen und fange zu grbeln an. Bald kommen die Leute und Soldaten
von der Strae herein. Ein paar Vgel zwitschern in der Kuppel, die
Stimme des Vorbeters klingt, von tiefem Schweigen unterbrochen, durch
den Raum. Einen Augenblick denke ich, von einem Schwindel der Gefhle
erfat: Gott, wo bist du? So schlafe ich ein und erwache erst, als das
Bethaus leer ist, und wie zur Antwort singt eine grenzenlose de durch
den Raum.

In weie Tcher gehllt, liege ich auf der Ruhebank des Bades. Nur
gedmpft klingt der Lrm der Stadt herber, ein blaues Licht fllt durch
die Decke herab. Noch brennt mir die Haut von dem heien Seifenwasser,
und verwundert schaue ich mein sonnenverbranntes Gesicht im Spiegel, den
langen Bart, der mir in der Wste gewachsen ist. Zuweilen aber sinke ich
in Trume, dann steigt gewaltsam und furchtbar ein Werk vor mir auf, von
dem ich glaube, da es zu dem Grausamsten gehren mu, was je ber
menschliches Elend geschrieben wurde.

Ehe ich Aleppo verlie, ging ich in das Polizeigebude, um bei dem
Leiter der Ansiedlungen fr Manuel zu bitten. Aber obgleich er drben in
seinem Amtszimmer sa und ich seinen Kopf durch die Scheiben erblickte,
lie er mir durch den Diener sagen, er wre verreist. In allen
Gesichtern, die aus den Tren sahen, wohnte ein feiges Gewissen. Ich
lie mich bei seinem Vertreter melden. Alle waren sehr hflich, und wie
immer bot man mir eine Schale Kaffee an. Doch whrend ihm Angst und Lge
deutlich in die Augenwinkel geschrieben stand, wagte er doch zu
behaupten, mit der Frage der Ansiedlungen htten sie nichts zu schaffen.
So trat ich, ohne ein Wort meiner Bitte vorgetragen zu haben, wieder
hinaus, die Treppe hinunter, an den Polizisten vorbei, die mit falschen
Gesichtern in den Winkeln standen.

Von Neuem breitet der Badewrter ein frisches Laken ber mich. Ein
wohliges Gefhl entfesselt alle Glieder. Aber schon im Halbschlaf sehe
ich noch einmal die bloen braungebrannten Fe des armenischen Knaben
vor mir, die schon so viele Meilen in die Ferne gewandert sind. Seine
dunklen Augen blicken fragend zu mir auf ... Manuel wird in der Wste
sterben. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.




                           An die Gromutter


                                       Kospoli, den 12. November 1916.
                                 An Bord des Corcovado, Goldenes Horn.

Nur diesen Gru, mein greises geliebtes Haupt, nur dieses Wort, da ich
da bin, tausend Stunden nher an Deinem Herzen! Nichts mehr von Undank
und Bitterkeit! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! In dieser
Stunde nur Freude! Da ich zurckgekehrt bin mit unerhrten Reichtmern
des Geistes und Herzens, mit unersetzbaren, mrchenhaften Schtzen des
Leides. Nun da ich hier bin, gerettet, um das Martyrium dieses Weges,
fr mich und alle Opfer, die er gekostet hat, immer von neuem zu
durchleben, fhle ich, wie hinter mir die Wste zu wachsen beginnt,
Meilen und Meilen wandernd in das Ewig-Ungewisse hinein. Nun erst
erkenne ich, wie fern, wie fremd ich Euch war. Aber ich fhle auch, wie
in mir das Wiedergeborene sich aufhebt, wie tausend Stricke mich rufen:
Spanne dich ein, den Schatz zur Hhe zu winden, den zu entdecken du in
so weite Tiefen hinab mutest!

Sollte es mich dem gegenber bedrcken, da dieser Krieg noch immer
nicht in sich selber zusammenbrach? Da ich, zwischen unberbrckbare
Widersprche und Welten gesetzt, mich zweifelnd umschaue, wohin ich die
Schritte bewegen soll, vor mir die Hlle der Somme, in meinem Rcken die
Wste? In dem Rumpf eines alten Schiffes wohnend, in dessen Kajten man
die deutschen Soldaten einquartiert hat und das rostig, von Seemuscheln
bedeckt, im Goldenen Horn vor Anker liegt, trete ich zuweilen an die
Reeling. Und zwischen abgetakelten Seegelbooten, zwischen
schwarzbauchigen Dampfern, deren eingeschlafene Schrauben von Seetang
bedeckt sind, zwischen Schornsteinen, Brckenpfeilern und Speichern sehe
ich die grauen Leiber der Schlachtschiffe schimmern. Ja, vielleicht
werde ich morgen, von denen fortgeschickt, denen ich so lange gedient
habe, dort ber das Fallreep treten, die Hnde an der Naht und die Fe
zusammengeschlagen, mit der Bitte, mich anzumustern, wieder wie in
Knabentagen eine Matrosenbluse und einen Schifferknoten zu tragen, von
Seewind umjubelt. Aber dahinter steht ein anderes Bild, und die Hand auf
das Geschtz oder die Fahne gelegt, inmitten des grauen Kasernenhofes
einer herbstlichen Stadt, hre ich mich mit anderen die Worte sprechen:
Ich, Armin Wegner, schwre zu Gott dem Allmchtigen und Allwissenden
einen leiblichen Eid, da ich seiner Majestt dem Knige von Preuen zu
Lande und zu Wasser ... hier aber wird es pltzlich still um mich, und
umgeben von einem kalten Schweigen hre ich einsam, als wren sie etwas
Fremdes, Losgelstes, von meiner Lippe die Worte fallen: Da ich
niemals einen Menschen tten werde, an welchen Orten der Erde es immer
sei! Niemals das Geschtz oder Gewehr gegen meine fremden Brder zu
richten. So wahr mir Gott helfe!

Da streift helle Sonne mein Gesicht. Ich sehe, wie die dunkle Welle, in
die mein Blick noch eben trumend versenkt war, blauleuchtend zu blitzen
und zu schumen anhebt. Und ich begreife aus den Erfahrungen einer
langen Jugend heraus, da ich nicht mehr traurig sein darf, da nie
wieder etwas aufstehen kann, mich zu beugen oder zu brechen, so
fratzenhaft Rtsel auch immer vor mich hintreten mgen, die zu lsen
fast bermenschlich scheint und deren Ungelstheit doch den Tod
bedeutet. Sind wir nicht immer auf einer Reise begriffen? Ist die Kste
nicht stets von Nebel verhllt? Wenn ich des Nachts in meiner engen
Schiffskabine liege, und mein Blick trifft aufwachend auf die Matratze
des darberliegenden Kameraden und die engen hlzernen Wnde dieses
vermodernden Kastens, in dem es nach Schwefel und Wanzen riecht, dann
ist mir, als wre ich, wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner
abenteuerlichen Fahrt begriffen, als mte ich beim ersten Schlagen der
Glocke auf Deck und an die Brstung eilen, eine fremde, mrchenhafte
Kste zu schauen oder ein grnes Ufer der Heimat, an dem auch Dein
weies Haar wehte wie eine seidene Fahne des Friedens.

Wird es morgen sein? Wieviel Jahre werden vergehen? O, ich begreife, da
ich ein Recht habe, glcklich zu werden ... Freude! In dieser Stunde nur
Freude! Nichts von Vergangenheit, nichts von Zukunft! War nicht jede
See, die wir durchschwammen, nur der Vorbote eines greren Meeres, in
das wir uns strzten, des geretteten Lebens froh und der neugewonnenen
strkeren Krfte? O schpferische Tat des Geistes, Kraft der Seele, die
aus gemartertem Dasein gelutert emporsteigt, und du, gewaltigste
Pflicht, die ich mich freudig bereite zu erfllen, beglnzt von der
Sonne des dreiigsten Jahres, zu schaffen, zu leben fr Dich, mich, uns
alle!




                                 Inhalt


                                                                  Seite
   An die Gromutter                                                  1
   An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten                     8
   An die Eltern                                                     12
   An eine Schwester von Gl-Hane                                    16
   Traum auf dem Kelek                                               24
   An Carl Hauptmann                                                 27
   An die Frau eines im Kriege weilenden Soldaten                    34
   An die Gromutter                                                 44
   Ein Vermchtnis in der Wste                                      48
   An eine Freundin                                                  60
   Brief an die Mutter                                               64
   Letzter Brief an die Eltern, Brder, Freunde, Mitmenschen und     78
      Geliebten
   An eine Freundin                                                  85
   An die Mutter                                                     91
   An die Mutter                                                     99
   An einen Freund                                                  106
   Brief an die Eltern                                              112
   Der Triumph der Mutter                                           123
   An Carl Hauptmann                                                133
   Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr (an Pater Joseph)       145
   Die vierzig Tage und Nchte der Heimkehr (aus dem Tagebuche)     152
   An die Gromutter                                                173




                                 Werke
                                  von
                            Armin T. Wegner





            Im Verlage von _Egon Fleischel & Co._ erschienen

      Zwischen zwei Stdten 1909
      Gedichte in Prosa 1910
      Hre mich reden, Anna-Maria 1912
      Das Antlitz der Stdte 1917
      Der Weg ohne Heimkehr 1919


                    _In Vorbereitung befinden sich:_

      Im Hause der Glckseligkeit
      Trkische Novellen





                         Das Antlitz der Stdte

                    Preis geh. M. 3,--; geb. M. 5,50

   _Carl Maria Weber_ in der _Bonner Zeitung_: Unter unsern
   zeitgenssischen Lyrikern hat kaum einer das Erleben des
   geistigen Grostdters, das benervte Schauen, das
   wollstig-grausame Verfallensein an dieses Gerll von Lebendigem
   und Seelenlosem mit solcher Intensitt gestaltet wie _Armin T.
   Wegner_. Visionen sind hier geballt von bedrckenden
   Schattendimensionen. Glserne Dichte haben fr ihn Mauern und
   Wnde, kochende Lust und sieches Elend zudeckende Gewnder. Denn
   dieses Buch der Stdte ist kein Bilderbuch (und keine ist irgend
   genannt; er meint _die_ Stadt als dmonisches Wesen, Irrgarten
   der Leidenschaften, Denkmal menschlicher Kraft und Unnatur); er
   sagt auch -- und zumeist vom Menschen aus, der sie schuf, der in
   ihr gefangen ist, an tausend Ketten zerrend, ihrem Mittelpunkt --
   wie er der Mittelpunkt der Welt berhaupt ist (oder doch sein
   sollte). Gesunde, unschwle und unsentimentale (also unverlogene)
   Sinnlichkeit strahlt allenthalben auf -- was Wunder, da
   selbsthasserische, puritanische Schnffelbolde zum Staatsanwalt
   liefen, der im Interesse der ffentlichen Moral auch (kurz vor
   der Revolution) gleich bei der Hand war, die Konfiskation des
   inkriminierten Buches zu veranlassen.

   _Hans Franck_ in der _Frankfurter Zeitung_: Es gibt kein
   deutsches Versbuch, in dem das Gesicht der groen Stadt mit
   gleicher Wucht und Wahrhaftigkeit durch das Wort nachgestaltet
   wurde.

   _Richard Dehmel_: Und alle Lebensgluten sind mit der Ehrfurcht
   betrachtet, die das Hliche wie das Schne als gottgewollt liebt
   und das irdische Grauen himmlisch verklrt.

   _Nord und Sd_: Ein ethischer Wanderer ist er, groen Stils.

   _Josef Winkler_ in der _Rheinisch-Westflischen Zeitung_: Er ist
   der erste Snger der modernen Grostadt, wie sie wirklich ist.
   Man behauptete mal, wenn nur eine Grostadt bestehen bliebe,
   knne diese mit ihren Menschen und Mitteln aus einem
   Weltuntergang unsere ganze Kultur neubauen. An diesen Ausspruch
   mu man denken vor dem Reichtum, den Wegner in seinem Buch
   aufdeckt: vom titanischen Rhythmus des ungeheuren Schaffens der
   zusammengeballten Millionen .... Ich begre ihn als einen
   wahrhaft schpferischen, visionr begnadeten Dichter.




      *      *      *      *      *      *




Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 79]:
   ... des Todes bedeutet, nnd das der bekannte ...
   ... des Todes bedeutet, und das der bekannte ...

   [S. 99]:
   ... geboren. Als knnte ich dir heute nur all jene ...
   ... geboren. Als knnte ich Dir heute nur all jene ...

   [S. 176]:
   ... wie in vergangenen Jahren auf irgendeiner ...
   ... wie in vergangenen Jahren, auf irgendeiner ...



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WEG OHNE HEIMKEHR***


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