The Project Gutenberg EBook of Nachbarn, by Hermann Hesse

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Title: Nachbarn
       Erzhlungen

Author: Hermann Hesse

Release Date: August 10, 2017 [EBook #55321]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                                Nachbarn


                              Erzhlungen
                                  von
                             Hermann Hesse

                             Vierte Auflage


                       S. Fischer, Verlag, Berlin
                                  1909


      Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.

          Published, October 15, 1908. Privilege of copyright
          in the United States reserved under the act approved
              March 3, 1905 by S. Fischer, Verlag, Berlin.




                                 Inhalt


                        Seite
   Die Verlobung            9
   Karl Eugen Eiselein     49
   Garibaldi              109
   Walter Kmpff          137
   In der alten Sonne     227




                             Die Verlobung


In der Hirschengasse, die nur aus sieben Husern besteht, gibt es einen
bescheidenen, doch anstndigen Weiwarenladen, der gleich seiner
Nachbarschaft noch unberhrt von den Vernderungen der neuen Zeit in
einer etwas krglich gewordenen Wohlhabenheit dasteht und hinreichenden
Zuspruch hat. Man sagt dort noch beim Abschied zu jedem Kunden, auch
wenn er seit zwanzig Jahren regelmig kommt, die Worte: Schenken Sie
mir die Ehre ein andermal wieder, und es gehen dort noch zwei oder drei
alte Kuferinnen ab und zu, die ihren Bedarf an Band und Litzen in Ellen
verlangen und auch im Ellenma bedient werden. Die Bedienung wird von
einer ledig gebliebenen Tochter des Hauses und einer angestellten
Verkuferin besorgt, der Besitzer selbst ist von frh bis spt im Laden
und stets geschftig, doch redet er niemals ein Wort. Er kann nun gegen
siebzig alt sein, ist von sehr kleiner Statur, hat nette rosige Wangen
und einen kurz geschnittenen grauen Bart, auf dem vielleicht lngst
kahlen Kopfe aber trgt er allezeit eine runde steife Mtze mit
stramingestickten Blumen und Mandern. Er heit Andreas Ohngelt und
gehrt unbestritten zur echten, ehrwrdigen Altbrgerschaft der Stadt.

Dem schweigsamen Kaufmnnlein sieht niemand etwas Besonderes an, es
sieht sich seit Jahrzehnten gleich und scheint ebensowenig lter zu
werden, als jemals jnger gewesen zu sein. Doch war auch Andreas Ohngelt
einmal ein Knabe und ein Jngling, und wenn man alte Leute fragt, kann
man erfahren, da er vorzeiten der kleine Ohngelt geheien wurde und
eine gewisse Berhmtheit wider Willen geno. Einmal, vor etwa
fnfunddreiig Jahren, hat er sogar eine Geschichte erlebt, die frher
jedem Gerbersauer gelufig war, wenn sie auch jetzt niemand mehr
erzhlen und hren will. Das war die Geschichte seiner Verlobung.

Der kleine Ohngelt hatte seinen bernamen von der geringen Hhe seines
Wuchses, doch htte diese Eigenschaft nicht ganz hingereicht, ihn in den
Augen seiner Mitbrger zu einer interessanten und komischen Figur zu
machen. Diese Art von Beachtung verdankte er vielmehr seiner inwendigen
Natur, in welcher ein schchtern sanftes Wesen sich mit einem ungemein
zrtlichen Gemte hbsch und drollig verband.

Der junge Andreas war schon in der Schule aller Rede und Geselligkeit
abgeneigt, er fhlte sich berall berflssig und von jedermann
beobachtet und war ngstlich und bescheiden genug, jedem andern im
voraus nachzugeben und das Feld zu rumen. Vor den Lehrern empfand er
einen abgrndigen Respekt, vor den Kameraden eine mit Bewunderung
gemischte Furcht. Man sah ihn nie auf der Gasse und auf den
Spielpltzen, nur selten beim Bad im Flu, und im Winter zuckte er
zusammen und duckte sich, sobald er einen Knaben eine Handvoll Schnee
aufheben sah. Dafr spielte er daheim vergngt und zrtlich mit den
hinterbliebenen Puppen seiner lteren Schwester und mit einem Kaufladen,
auf dessen Wage er Mehl, Salz und Sand abwog und in kleine Gucken
verpackte, um sie spter wieder gegeneinander zu vertauschen,
auszuleeren, umzupacken und wieder zu wgen. Auch half er seiner Mutter
gern bei leichter Hausarbeit, machte Einkufe fr sie oder suchte im
Grtlein die Schnecken vom Salat.

Seine Schulkameraden plagten und hnselten ihn zwar hufig, aber da er
nie zornig wurde und fast nichts belnahm, hatte er im ganzen doch ein
leichtes und ziemlich zufriedenes Leben. Was er an Freundschaft und
Gefhl bei seinesgleichen nicht fand und nicht weggeben durfte, das gab
er seinen Puppen. Den Vater hatte er frh verloren, er war ein Sptling
gewesen, und die Mutter htte ihn wohl anders gewnscht, lie ihn aber
gewhren und hatte fr seine fgsame Anhnglichkeit eine etwas
mitleidige Liebe.

Dieser leidliche Zustand hielt jedoch nur so lange an, bis der kleine
Andreas aus der Schule und aus der Lehre war, die er am obern Markt im
Dierlamm'schen Geschft abdiente. Um diese Zeit, etwa von seinem
siebzehnten Jahre an, fing sein nach Zrtlichkeiten drstendes Gemt
andere Wege zu gehen an. Der klein und schchtern gebliebene Jngling
begann mit immer greren Augen nach den Mdchen zu schauen und
errichtete in seinem Herzen einen Altar der Frauenliebe, dessen Flamme
desto hher loderte, je trauriger seine Verliebtheiten verliefen.

Zum Kennenlernen und Beschauen von Mdchen jeden Alters war reichliche
Gelegenheit vorhanden, denn der junge Ohngelt war nach Ablauf seiner
Lehrzeit in den Weiwarenladen seiner Tante eingetreten, den er spter
einmal bernehmen sollte. Da kamen Kinder, Schulmdchen, junge Frulein
und alte Jungfern, Mgde und Frauen tagaus tagein, kramten in Bndern
und Linnen, whlten Bestze und Stickmuster aus, lobten und tadelten,
feilschten und wollten beraten sein, ohne doch auf Rat zu hren, kauften
und tauschten das Gekaufte wieder um. Alledem wohnte der Jngling
hflich und schchtern bei, er zog Schubladen heraus, stieg die
Bockleiter hinauf und herunter, legte vor und packte wieder ein,
notierte Bestellungen und gab ber Preise Auskunft, und alle acht Tage
war er in eine andere von seinen Kundinnen verliebt. Errtend pries er
Litzen und Wolle an, zitternd quittierte er Rechnungen, mit Herzklopfen
hielt er die Ladentr und sagte den Spruch vom Wiederbeehren, wenn eine
schne Junge hoffrtig das Geschft verlie.

Um seinen Schnen recht gefllig und angenehm zu sein, gewhnte Andreas
sich feine und sorgfltige Manieren an. Er frisierte sein hellblondes
Haar jeden Morgen auf das Nobelste, hielt seine Kleider und Leibwsche
sehr sauber und sah dem allmhlichen Erscheinen eines Schnurrbrtchens
mit leidenschaftlicher Ungeduld entgegen. Er lernte beim Empfange seiner
Kunden elegante Verneigungen machen, lernte beim Vorlegen der Zeuge sich
mit dem linken Handrcken auf den Ladentisch sttzen und auf nur
anderthalb Beinen stehen, und brachte es zur Meisterschaft im Lcheln,
das er bald vom diskreten Schmunzeln bis zum innig glcklichen Strahlen
beherrschte. Auerdem war er stets auf der Jagd nach neuen schnen
Phrasen, die zumeist aus Umstandsworten bestanden und deren er immer
neue und kstlichere erlernte oder erfand. Da er von Hause aus im
Sprechen unbeholfen und ngstlich war und schon frher nur selten einen
vollkommenen Satz mit Subjekt und Prdikat ausgesprochen hatte, fand er
nun in diesem sonderbaren Wortschatz eine Hilfe und gewhnte sich daran,
unter Verzicht auf Sinn und Verstndlichkeit sich und andern eine Art
von Sprechvermgen vorzutuschen.

Sagte jemand: Heut ist aber ein Prachtswetter, so antwortete der
kleine Ohngelt: Gewi -- o ja -- denn, mit Verlaub -- allerdings --.
Fragte eine Kuferin, ob dieser Leinenstoff auch haltbar sei, so sagte
er: O bitte, ja, ohne Zweifel, sozusagen, ganz gewi. Und erkundigte
sich jemand nach seinem Befinden, so erwiderte er: Danke gehorsamst --
freilich wohl -- sehr angenehm --. In besonders wichtigen
und ehrenvollen Lagen scheute er auch vor Ausdrcken wie
nichtsdestoweniger, aber immerhin, keinesfalls hingegen nicht zurck.
Dabei waren alle seine Glieder vom geneigten Kopf bis zur wippenden
Fuspitze ganz Aufmerksamkeit, Hflichkeit und Ausdruck. Am
ausdrucksvollsten aber sprach sein verhltnismig langer Hals, der
mager und sehnig und mit einem erstaunlich groen und beweglichen
Adamsapfel ausgestattet war. Wenn der kleine schmachtende Ladengehilfe
eine seiner Antworten im Staccato gab, hatte man neben dem Gefhl
unendlicher Hingabe vor allem den Eindruck, er bestehe zu einem Dritteil
aus Kehlkopf.

Die Natur verteilt ihre Gaben jedoch nicht ohne Sinn, und wenn der
bedeutende Hals des Ohngelt in einem Miverhltnis zu dessen
Redefhigkeit stehen mochte, so war er als Eigentum und Wahrzeichen
eines leidenschaftlichen Sngers desto berechtigter. Andreas war in
hohem Grade ein Freund des Gesanges. Auch beim wohlgelungensten
Komplimente, bei der feinsten kaufmnnischen Gebrde, beim gerhrtesten
Immerhin und Wennschon war ihm vielleicht im Innersten der Seele
nicht so schmelzend wohl wie beim Singen. Dieses Talent war in den
Schulzeiten verborgen geblieben, kam aber nach vollendetem Stimmbruch zu
immer schnerer Entfaltung, wenn auch nur im Geheimen. Denn es htte zu
der ngstlich scheuen Befangenheit Ohngelts nicht gepat, da er seiner
heimlichen Lust und Kunst anders als in der sichersten Verborgenheit
froh geworden wre.

Am Abend, wenn er zwischen Mahlzeit und Bettgehen ein Stndlein in
seiner Kammer verweilte, sang er im Dunkeln seine Lieder und schwelgte
in lyrischen Entzckungen. Seine Stimme war ein ziemlich hoher Tenor,
und was ihm an Schulung gebrach, suchte er durch Temperament zu
ersetzen. Sein Auge schwamm in feuchtem Schimmer, sein schn
gescheiteltes Haupt neigte sich rckwrts zum Nacken und sein Adamsapfel
stieg mit den Tnen auf und nieder. Sein Lieblingslied war Wenn die
Schwalben heimwrts ziehn. Bei der Strophe Scheiden, ach Scheiden tut
weh hielt er die Tne gar lang und zitternd aus und hatte manchmal
Trnen in den Augen.

In seiner geschftlichen Laufbahn kam er mit schnellen Schritten
vorwrts. Es hatte der Plan bestanden, ihn noch einige Jahre nach einer
greren Stadt, etwa Pforzheim oder Heilbronn zu schicken. Nun aber
machte er sich im Geschft der Tante bald so unentbehrlich, da diese
ihn nicht mehr fortlassen wollte, und da er spter den Laden erblich
bernehmen sollte, war sein ueres Wohlergehen fr alle Zeiten
gesichert. Anders stand es mit der Sehnsucht seines Herzens. Er war fr
alle Mdchen seines Alters, namentlich fr die hbschen, trotz seiner
Blicke und Verbeugungen nichts als eine komische Figur. Der Reihe nach
war er in sie alle verliebt und er htte jede genommen, die ihm nur
einen Schritt entgegen getan htte. Aber den Schritt tat keine, obwohl
er nach und nach seine Sprache um die gebildetsten Phrasen und seine
Toilette um die angenehmsten Gegenstnde bereicherte.

Eine Ausnahme gab es wohl, allein er bemerkte sie kaum. Das Frulein
Paula Kircher, das Kircherspule genannt, war immer nett gegen ihn und
schien ihn ernst zu nehmen. Sie war freilich weder jung noch hbsch,
vielmehr zwei Jahre lter als er und ziemlich unscheinbar, sonst aber
ein tchtiges und geachtetes Mdchen aus einer anstndigen und
wohlhabenden Handwerkerfamilie. Wenn Andreas sie auf der Strae grte,
dankte sie nett und ernsthaft, und wenn sie in den Laden kam, war sie
freundlich, einfach und bescheiden, machte ihm das Bedienen leicht und
nahm seine geschftsmnnischen Aufmerksamkeiten wie bare Mnze hin.
Daher sah er sie nicht ungern und hatte Vertrauen zu ihr, im brigen
aber war sie ihm recht gleichgltig und sie gehrte zu der geringen
Anzahl lediger Mdchen, fr die er auerhalb seines Ladens keinen
Gedanken brig hatte.

Bald setzte er seine Hoffnungen auf feine, neue Schuhe, bald auf ein
nettes Halstuch, ganz abgesehen vom Schnurrbart, der allmhlich sprote
und den er wie seinen Augapfel pflegte. Endlich kaufte er sich von einem
reisenden Handelsmanne auch noch einen Ring aus Gold mit einem groen
Opal daran und mute es erleben, da auch diese Verschnerung ohne
Einflu auf die geringe Wertschtzung der Damenwelt fr ihn blieb.
Damals war er sechsundzwanzig Jahre alt.

Als er aber dreiig wurde und noch immer den Hafen der Ehe nur in
sehnschtiger Ferne umsegelte, hielten Mutter und Tante es fr
notwendig, frdernd einzugreifen. Die Tante, die schon recht hoch in den
Jahren war, machte den Anfang mit dem Angebot, sie wolle ihm noch zu
ihren Lebzeiten das Geschft abtreten, jedoch nur am Tage seiner
Verheiratung mit einer unbescholtenen Gerbersauer Tochter. Dies war denn
auch fr die Mutter das Signal zum Angriff. Nach manchen berlegungen
kam sie zu dem Befinden, ihr Sohn msse in einen Verein eintreten, um
mehr unter Leute zu kommen und den Umgang mit Frauen zu lernen. Und da
sie seine Liebe zur Sangeskunst wohl kannte, dachte sie ihn an dieser
Angel zu fangen und legte ihm nahe, sich beim Liederkranz als Mitglied
anzumelden.

Trotz seiner Scheu vor Geselligkeit war Andreas in der Hauptsache sofort
einverstanden. Doch schlug er statt des Liederkranzes den
Kirchengesangverein vor, weil ihm die ernstere Musik besser gefalle. Der
wahre Grund war aber der, da dem Kirchengesangverein Margret Dierlamm
angehrte. Diese war die Tochter von Ohngelts frherem Lehrprinzipal,
ein sehr hbsches und frhliches Mdchen von wenig mehr als zwanzig
Jahren, und in sie war Andreas seit neuestem verliebt, da es schon seit
geraumer Zeit keine ledigen Altersgenossinnen mehr fr ihn gab,
wenigstens keine hbschen.

Die Mutter hatte gegen den Kirchengesangverein nichts Triftiges
einzuwenden. Zwar hatte dieser Verein nicht halb so viel gesellige
Abende und Festlichkeiten wie der Liederkranz, dafr war aber die
Mitgliedschaft hier viel wohlfeiler, und Mdchen aus guten Husern, mit
denen Andreas bei Proben und Auffhrungen zusammenkommen wrde, gab es
auch hier genug. So ging sie denn ungesumt mit dem Herrn Sohn zum
Vorstande, einem greisen Schullehrer, der sie freundlich empfing.

So, Herr Ohngelt, sagte er, Sie wollen bei uns mitsingen?

Ja, gewi, bitte --

Haben Sie denn schon frher gesungen?

O ja, das heit, gewissermaen --

Nun, machen wir eine Probe. Singen Sie irgend ein Lied, das Sie
auswendig knnen.

Ohngelt wurde rot wie ein Knabe und wollte um alles nicht anfangen. Aber
der Lehrer bestand darauf und wurde schlielich fast bse, soda er am
Ende doch sein Bangen berwand und nach einem resignierten Blick auf die
ruhig dasitzende Mutter sein Leiblied anstimmte. Es ri ihn mit und er
sang den ersten Vers ohne Stocken.

Der Dirigent winkte, es sei genug. Er war wieder ganz hflich und sagte,
das sei allerdings sehr nett gesungen und man merke, da es _con amore_
geschehe, allein vielleicht wre er doch mehr fr weltliche Musik
veranlagt, ob er es nicht etwa beim Liederkranz probieren wolle. Schon
wollte Herr Ohngelt eine verlegene Antwort stammeln, da legte seine
Mutter sich fr ihn ins Zeug. Er singe wirklich schn, meinte sie, und
sei jetzt nur ein wenig verlegen gewesen, und es wre ihr gar so lieb,
wenn er ihn aufnhme, der Liederkranz sei doch etwas ganz anderes und
nicht so fein, und sie gebe auch jedes Jahr fr die Kinderbescherung,
und kurz, wenn der Herr Lehrer so gut sein wollte, wenigstens fr eine
Probezeit, man werde ja alsdann schon sehen. Der alte Mann versuchte
noch zweimal begtigend davon zu reden, da das Kirchensingen kein Spa
sei, und da es ohnehin schon so eng hergehe auf dem Orgelpodium, aber
die mtterliche Beredsamkeit siegte zuletzt doch. Es war dem bejahrten
Dirigenten noch nie vorgekommen, da ein Mann von ber dreiig Jahren
sich zum Mitsingen gemeldet und seine Mutter zum Beistand mitgebracht
hatte. So ungewohnt und eigentlich unbequem ihm dieser Zuwachs zu seinem
Chore war, machte ihm die Sache im stillen doch ein Vergngen, wenn auch
nicht um der Musik willen. Er bestellte Andreas zur nchsten Probe und
lie die beiden lchelnd ziehen.

Am Mittwoch Abend fand sich der kleine Ohngelt pnktlich in der
Schulstube ein, wo die Proben abgehalten wurden. Man bte einen Choral
fr das Osterfest. Die allmhlich ankommenden Snger und Sngerinnen
begrten das neue Mitglied sehr freundlich und hatten alle ein so
aufgerumtes und heiteres Wesen, da Ohngelt sich selig fhlte. Auch
Margret Dierlamm war da und auch sie nickte dem Neuen mit freundlichem
Lcheln zu. Wohl hrte er manchmal hinter sich leise lachen, doch war er
ja gewhnt, ein wenig komisch genommen zu werden, und lie es sich nicht
anfechten. Was ihn hingegen befremdete, war das zurckhaltend ernste
Betragen des Kircherspule, das ebenfalls anwesend war und, wie er bald
bemerkte, sogar zu den geschtzteren Sngerinnen gehrte. Sie hatte
sonst immer eine wohltuende Freundlichkeit gegen ihn gezeigt, und jetzt
war gerade sie merkwrdig khl und schien beinahe Ansto daran zu
nehmen, da er hier eingedrungen war. Aber was ging ihn das
Kircherspule an?

Beim Singen verhielt sich Ohngelt beraus vorsichtig. Wohl hatte er von
der Schule her noch eine leise Ahnung vom Notenwesen und manche Takte
sang er mit gedmpfter Stimme den andern nach, im ganzen aber fhlte er
sich seiner Kunst erbrmlich wenig sicher und hegte bange Zweifel daran,
ob das jemals anders werden wrde. Der Dirigent, den seine Verlegenheit
lcherte und rhrte, schonte ihn und sagte beim Abschied sogar: Es wird
mit der Zeit schon gehen, wenn Sie sich dran halten. Den ganzen Abend
aber hatte Andreas das Vergngen, in Margrets Nhe sein und sie hufig
anschauen zu drfen. Er dachte daran, da bei dem ffentlichen Singen
vor und nach dem Gottesdienst auf der Orgel die Tenre gerade hinter den
Mdchen aufgestellt waren und malte sich die Wonne aus, am Osterfest und
bei allen knftigen Anlssen so nahe bei Frulein Dierlamm zu stehen und
sie ungescheut betrachten zu knnen. Da fiel ihm zu seinem Schmerze
wieder ein, wie klein und niedrig er gewachsen war und da er zwischen
den andern Sngern stehend nichts wrde sehen knnen. Mit groer Mhe
und vielem Stottern machte er einem der Mitsinger diese seine knftige
Notlage auf der Orgel klar, natrlich ohne den wahren Grund seines
Kummers zu nennen. Da beruhigte ihn der Kollege lachend und meinte, er
werde ihm schon zu einer ansehnlichen Aufstellung verhelfen knnen.

Nach dem Schlu der Probe lief alles davon, kaum da man einander
grte. Einige Herren begleiteten Damen nach Hause, andere gingen
miteinander zu einem Glas Bier. Ohngelt blieb allein und klglich auf
dem Platze vor dem finsteren Schulhause stehen, sah den andern und
namentlich der Margret beklommen nach und machte ein enttuschtes
Gesicht, da kam das Kircherspule an ihm vorbei und als er den Hut zog,
sagte sie: Gehen Sie heim? Dann haben wir ja einen Weg und knnen
miteinander gehen. Dankbar schlo er sich an und lief neben ihr her
durch die feuchten, mrzkhlen Gassen heimwrts, ohne mehr Worte als den
Gutenachtgru mit ihr zu tauschen.

Am nchsten Tag kam Margret Dierlamm in den Laden und er durfte sie
bedienen. Er fate jeden Stoff an, als wre er Seide, und bewegte den
Mastab wie einen Fiedelbogen, er legte Gefhl und Anmut in jede kleine
Dienstleistung, und leise wagte er zu hoffen, sie wrde ein Wort von
gestern und vom Verein und von der Probe sagen. Richtig tat sie das
auch. Gerade noch unter der Tre fragte sie: Es war mir ganz neu, da
Sie auch singen, Herr Ohngelt. Singen Sie denn schon lang? Und whrend
er unter Herzklopfen hervorstie: Ja -- vielmehr nur so -- mit
Verlaub, entschwand sie leicht nickend in die Gasse.

Schau, schau! dachte er bei sich und spann Zukunftstrume, ja er
verwechselte beim Einrumen zum ersten Male in seinem Leben die
halbwollenen Litzen mit den reinwollenen.

Indessen kam die Osterzeit immer nher, und da sowohl am Karfreitag wie
am Ostersonntag der Kirchenchor singen sollte, gab es mehrmals in der
Woche Proben. Ohngelt erschien stets pnktlich und gab sich alle Mhe,
nichts zu verderben, wurde auch von jedermann mit Wohlwollen behandelt.
Nur das Kircherspule schien nicht recht mit ihm zufrieden zu sein und
das war ihm nicht lieb, denn sie war schlielich doch die einzige Dame,
zu der er ein volles Vertrauen hatte. Auch fgte es sich regelmig, da
er an ihrer Seite nach Hause ging, denn der Margret seine Begleitung
anzutragen, war wohl stets sein stiller Wunsch und Entschlu, doch fand
er nie den Mut dazu. So ging er denn mit dem Pule. Die drei ersten Male
wurde auf diesem Heimgang kein Wort geredet. Das nchste Mal nahm die
Kircher ihn ins Gebet und fragte, warum er nur so wortkarg sei, ob er
sie denn frchte.

Nein, stammelte er erschrocken, das nicht -- vielmehr -- gewi nicht
-- im Gegenteil.

Sie lachte leise und fragte: Und wie geht's denn mit dem Singen? Haben
Sie Freude dran?

Freilich ja -- sehr -- jawohl.

Sie schttelte den Kopf und sagte leiser: Kann man denn mit Ihnen
wirklich nicht reden, Herr Ohngelt? Sie drcken sich auch um jede
Antwort herum.

Er sah sie hilflos an und stotterte.

Ich meine es doch gut, fuhr sie fort. Glauben Sie das nicht?

Er nickte heftig.

Also denn! Knnen Sie denn gar nichts reden als wieso und immerhin und
mit Verlaub und dergleichen Zeug?

Ja, schon, ich kann schon, obwohl -- allerdings.

Ja obwohl und allerdings. Sagen Sie, am Abend mit Ihrer Frau Mutter und
mit der Tante reden Sie doch auch deutsch, oder nicht? Dann tun Sie's
doch auch mit mir und mit andern Leuten. Man knnte dann doch ein
vernnftiges Gesprch fhren. Wollen Sie nicht?

Doch ja, ich will schon -- gewi --

Also gut, das ist gescheit von Ihnen. Jetzt kann ich doch mit Ihnen
reden. Ich htte nmlich einiges zu sagen.

Und nun sprach sie mit ihm, wie er es nicht gewhnt war. Sie fragte, was
er denn im Kirchengesangverein suche, wenn er doch nicht singen knne
und wo fast nur Jngere als er seien. Und ob er nicht merke, da man
sich dort manchmal ber ihn lustig mache und mehr von der Art. Aber je
mehr der Inhalt ihrer Rede ihn traurig machte, ja demtigte und
entrstete, desto eindringlicher empfand er die gtige und wohlmeinende
Art ihres Zuredens. Etwas weinerlich schwankte er zwischen khler
Ablehnung und gerhrter Dankbarkeit. Da waren sie schon vor dem
Kircher'schen Hause. Paula gab ihm die Hand und sagte ernsthaft:

Gute Nacht, Herr Ohngelt, und nichts fr ungut. Nchstes Mal reden wir
weiter, gelt?

Verwirrt ging er heim und so weh ihm war, wenn er an ihre Enthllungen
dachte, so neu und trstlich war es ihm, da jemand so freundschaftlich
und ernst und wohlgesinnt mit ihm gesprochen hatte.

Auf dem Heimweg von der nchsten Probe gelang es ihm schon, in ziemlich
deutscher Sprache zu reden, etwa wie daheim mit der Mutter, und mit dem
Gelingen stieg sein Mut und sein Vertrauen. Am folgenden Abend war er
schon soweit, da er ein Bekenntnis abzulegen versuchte, er war sogar
halb entschlossen, die Dierlamm mit Namen zu nennen, denn er versprach
sich Unmgliches von Pules Mitwisserschaft und Hilfe. Aber sie lie ihn
nicht dazu kommen. Sie schnitt seine Gestndnisse pltzlich ab und
sagte: Sie wollen heiraten, nicht wahr? Das ist auch das Gescheiteste,
was Sie tun knnen. Das Alter haben Sie ja.

Das Alter, ja das schon, sagte er traurig. Aber sie lachte nur und er
ging ungetrstet heim. Das nchste Mal kam er wieder auf diese
Angelegenheit zu sprechen. Das Pule entgegnete blo, er msse ja
wissen, wen er haben wolle; gewi sei nur, da die Rolle, die er im
Gesangverein spiele, ihm nicht frderlich sein knnte, denn junge
Mdchen nehmen schlielich bei einem Liebhaber alles in den Kauf, nur
nicht die Lcherlichkeit.

Die Bedenken und Seelenqualen, in welche ihn diese deutlichen Worte
versetzt hatten, wichen endlich der Aufregung und den Vorbereitungen zum
Karfreitag, an welchem Ohngelt zum ersten Mal im Chor auf der
Orgeltribne sich zeigen sollte. Er kleidete sich an diesem Morgen mit
besonderer Sorgfalt an und kam mit gewichstem Zylinder frhzeitig in die
Kirche. Nachdem ihm sein Platz angewiesen worden war, wandte er sich
nochmals an jenen Kollegen, der ihm bei der Aufstellung behilflich zu
sein versprochen hatte. Wirklich schien dieser die Sache nicht vergessen
zu haben, er winkte dem Orgeltreter und dieser brachte schmunzelnd ein
kleines Kistlein, das wurde an Ohngelts Stehplatz hingesetzt und der
kleine Mann darauf gestellt, so da er nun im Sehen und Gesehenwerden
dieselben Vorteile geno wie die lngsten Tenre. Nur war das Stehen auf
diese Art mhevoll und gefhrlich, er mute sich genau im Gleichgewicht
halten und vergo manchen Tropfen Schwei bei dem Gedanken, er knnte
umfallen und mit gebrochenen Beinen unter die an der Brstung postierten
Mdchen hinab strzen, denn der Orgelvorbau neigte sich in schmalen,
stark abfallenden Terrassen niederwrts gegen das Kirchenschiff. Dafr
hatte er aber das Vergngen, der schnen Margret Dierlamm aus
beklemmender Nhe in den Nacken schauen zu knnen, was ihn ebenfalls
nicht wenig mitnahm. Da der Gesang und der ganze Gottesdienst vorber
war, fhlte er sich erschpft und atmete tief auf, als die Tren
geffnet und die Glocken gezogen wurden.

Tags darauf warf ihm das Kircherspule vor, sein knstlich erhobener
Standpunkt sehe recht hochmtig aus und mache ihn lcherlich. Er
versprach, sich spterhin seines kurzen Leibes nicht mehr zu schmen,
doch wollte er morgen am Osterfeste noch ein letztes Mal das Kistlein
benutzen, schon um den Herrn, der es ihm angeboten, nicht zu beleidigen.
Sie wagte nicht zu sagen, ob er denn nicht sehe, da jener die Kiste nur
hergebracht habe, um sich einen Spa mit ihm zu machen. Kopfschttelnd
lie sie ihn gewhren und war ber seine Dummheit so rgerlich wie ber
seine liebe Arglosigkeit gerhrt.

Am Ostersonntage ging es im Kirchenchor noch um einen Grad feierlicher
zu als neulich. Es wurde eine schwierige Musik aufgefhrt, und Ohngelt
balancierte tapfer und erfolgreich auf seinem Gerste. Gegen den Schlu
des Chorals hin nahm er jedoch mit Entsetzen wahr, da sein Standrtlein
unter seinen Sohlen zu wanken und unfest zu werden begann. Er konnte
nichts tun, als stillhalten und womglich den Sturz ber die Terrasse
vermeiden. Dieses gelang ihm auch und statt eines Skandals und Unglcks
ereignete sich nichts, als da der Tenor Ohngelt unter leisem Krachen
sich langsam verkrzte und mit angsterflltem Gesichte abwrts sinkend
aus der Sichtbarkeit verschwand. Der Dirigent, das Kirchenschiff, die
Emporen und der schne Nacken der blonden Margret gingen nach einander
seinem Blick verloren, doch kam er heil zu Boden und in der Kirche hatte
auer den grinsenden Sangesbrdern nur ein Teil der nahesitzenden
mnnlichen Schuljugend den Vorgang wahrgenommen. ber die Sttte seiner
Erniedrigung hinweg jubilierte und frohlockte der kunstreiche
Osterchoral, whrend der Versunkene reuig an die guten Ermahnungen der
Jungfer Kircher dachte.

Als unterm Kehraus des Organisten das Volk die Kirche verlie, blieb der
Verein auf seiner Tribne noch auf ein paar Worte beinander, denn morgen
am Ostermontag sollte wie jedes Jahr ein festlicher Vereinsausflug
unternommen werden. Auf diesen Ausflug hatte Andreas Ohngelt von Anfang
an groe Erwartungen gestellt. Er fand jetzt sogar den Mut, Frulein
Dierlamm zu fragen, ob sie auch mitzukommen gedenke, und die Frage kam
ohne viel Ansto ber seine Lippen.

Ja, gewi gehe ich mit, sagte das schne Mdchen mit Ruhe, und dann
fgte sie hinzu: brigens, haben Sie sich vorher nicht weh getan?
Dabei stie sie das verhaltene Lachen so, da sie auf keine Antwort mehr
wartete und davonlief. In demselben Augenblick schaute das Pule
herber, mit einem merkwrdig mitleidigen und ernsthaften Blick, der
Ohngelts trostlose Verwirrung noch steigerte. Sein flchtig
aufgeloderter Mut war nicht minder eilig wieder umgeschlagen, und wenn
er von dem Ausflug nicht schon mit seiner Mama geredet und diese nicht
schon zum Mitgehen aufgefordert gehabt htte, so wre er jetzt am
liebsten vom Ausflug, vom Verein und von allen seinen Hoffnungen still
zurckgetreten.

Der Ostermontag war so blau und sonnig wie gemalt und um zwei Uhr kamen
fast alle Mitglieder des Gesangvereins mit mancherlei Gsten und
Verwandten oberhalb der Stadt in der Lrchenallee zusammen. Ohngelt
brachte seine Mutter mit. Er hatte ihr am vergangenen Abend gestanden,
da er in Margret verliebt sei und zwar wenig Hoffnungen hege, dem
mtterlichen Beistande aber und dem Ausflugsnachmittage doch noch
einiges zutraue. So sehr sie ihrem Kleinen das beste gnnte, so schien
ihr doch Margret zu jung und zu hbsch fr ihn zu sein. Man konnte es ja
versuchen; die Hauptsache war, da Andreas bald eine Frau bekam, schon
des Ladens wegen.

Man rckte ohne Gesang aus, denn der Waldweg ging ziemlich steil und
beschwerlich bergauf. Frau Ohngelt fand trotzdem Sammlung und Atem
genug, um erstlich ihrem Sohn die letzten Verhaltungsmaregeln fr die
kommenden Stunden einzuschrfen und hernach ein aufgerumtes Gesprch
mit Frau Dierlamm anzufangen. Margrets Mutter bekam, whrend sie Mhe
hatte im Bergansteigen Luft fr die notwendigsten Antworten zu
erbrigen, eine Reihe angenehmer und interessanter Dinge zu hren. Frau
Ohngelt begann mit dem prchtigen Wetter, ging von da zu einer Wrdigung
der Kirchenmusik, einem Lob fr Frau Dierlamms rstiges Aussehen und
einem Entzcken ber das Frhlingskleid der Margret und ihre Schnheit
ber, sie verweilte bei Angelegenheiten der Toilette und gab schlielich
eine Darstellung von dem erstaunlichen Aufschwung, den der
Weiwarenladen ihrer Schwgerin in den letzten Jahren genommen habe.
Frau Dierlamm konnte auf dieses hin nicht anders, als auch des jungen
Ohngelt lobend zu erwhnen, der so viel Geschmack und kaufmnnische
Fhigkeiten zeige, was ihr Mann schon vor manchen Jahren whrend
Andreas' Lehrzeit bemerkt und anerkannt habe. Auf diese Schmeichelei
antwortete die entzckte Mutter mit einem halben Seufzer. Freilich, der
Andreas sei tchtig und werde es noch weit bringen, auch sei der
prchtige Laden schon so gut wie sein Eigentum, ein Jammer aber sei es
mit seiner Schchternheit gegen das Frauenzimmer. Seinerseits fehle es
weder an Lust noch an den wnschenswerten Tugenden fr das Heiraten,
wohl aber an Zutrauen und Unternehmungsmut, und wenn schon dies ja in
einem gewissen Sinne fr ihn spreche, so komme er doch auf diese Weise
in der erwhnten Hauptsache niemals vorwrts.

Frau Dierlamm, da die Gesellschaft mittlerweile die Hgelhhe und einen
nahezu ebenen Pfad erreicht hatte, begann mit wiedergewonnenem Atem nun
die besorgte Mutter zu trsten und wenn sie dabei auch weit davon
entfernt war, an ihre Tochter zu denken, versicherte sie doch, da eine
Verbindung mit Andreas fr jede ledige Tochter der Stadt nur willkommen
sein knnte. Diese Worte sog die Ohngelt wie Honig ein und ber ihr vom
Gehen warm gewordenes Gesicht leuchtete eine so reine Genugtuung, da es
fast wie Schadenfreude anzusehen war.

Unterdessen war Margret mit anderen jungen Leuten der Gesellschaft weit
voran geeilt und diesem kleinen Kreise der Jngsten und Lustigsten
schlo sich auch Ohngelt an, obwohl er alle Not hatte, mit seinen kurzen
Beinen nachzukommen.

Wieder waren alle ausnehmend freundlich gegen ihn, denn fr diese
Spavgel war der ngstliche Kleine mit seinen verliebten Augen ein
gefundenes Fressen. Auch die hbsche Margret tat mit und zog den Anbeter
je und je mit scheinbarem Ernste ins Gesprch, so da er vor glcklicher
Erregung und verschluckten Satzteilen ganz hei wurde.

Allein das Vergngen dauerte nicht lange. Allmhlich merkte der arme
Teufel doch, da er hinterrcks bestndig ausgelacht wurde, und wenn er
sich auch darein zu schicken wute, so ward er doch niedergeschlagen und
lie alle Hoffnung wieder sinken. uerlich lie er sich jedoch
mglichst wenig anmerken. Die Ausgelassenheit der jungen Leute stieg mit
jeder Viertelstunde und er lachte angestrengt desto lauter mit, je
deutlicher er alle Witze und Andeutungen als auf ihn selber gemnzt
erkannte. Schlielich endete der Keckste von den Jungen, ein baumlanger
Apothekergehilfe, die Neckereien durch einen recht groben Scherz.

Man kam gerade an einer schnen alten Eiche vorber und der Apotheker
bot sich an zu versuchen, ob er den untersten Ast des hohen Baumes mit
den Hnden erreichen knne. Er stellte sich auf und sprang mehrmals in
die Hhe, aber es reichte nicht ganz, und die im Halbkreise
umherstehenden Zuschauer begannen ihn auszulachen. Da kam er auf den
Einfall, sich durch einen Witz wieder in Ehren und einen andern an die
Stelle des Ausgelachten zu bringen. Pltzlich griff er den kleinen
Ohngelt um den Leib, hob ihn in die Hhe und forderte ihn auf, den Ast
zu fassen und sich daran zu halten. Der berraschte war emprt und wre
gewi nicht darauf eingegangen, htte er nicht in seiner schwebenden
Lage Furcht vor einem Sturze gehabt. So packte er denn zu und klammerte
sich an; sobald sein Trger dies aber bemerkte, lie er ihn los und
Ohngelt hing nun unter dem Gelchter der Jugend hilflos hoch am Aste,
mit den Beinen zappelnd und zornige Schreie ausstoend.

Herunter! schrie er heftig. Nehmen Sie mich sofort wieder herunter,
Sie!

Seine Stimme berschlug sich, er fhlte sich vollkommen vernichtet und
ewiger Schande preisgegeben. Der Apotheker aber meinte, nun msse er
sich loskaufen, und alle jubelten Beifall.

Sie mssen sich loskaufen, rief auch Margret Dierlamm.

Da konnte er doch nicht widerstehen.

Ja, ja, rief er, aber schnell!

Sein Peiniger hielt nun eine kleine Rede des Inhalts, da Herr Ohngelt
schon seit drei Wochen Mitglied des Kirchengesangvereins wre, ohne da
jemand ihn habe singen hren. Nun knne er nicht eher aus seiner hohen
und gefhrlichen Lage befreit werden, als bis er der Versammlung ein
Lied vorgesungen habe.

Kaum hatte er gesprochen, so begann Andreas auch schon zu singen, denn
er fhlte sich von seinen Krften verlassen. Halb schluchzend fing er
an: Gedenkst du noch der Stunde -- und war noch nicht mit der ersten
Strophe fertig, so mute er loslassen und strzte mit einem Schrei
herab. Alle waren nun doch erschrocken und wenn er ein Bein gebrochen
htte, wre er gewi eines reumtigen Mitleids sicher gewesen. Aber er
stand zwar bla, doch unversehrt wieder auf, griff nach seinem Hute, der
neben ihm im Moose lag, setzte ihn sorgfltig wieder auf und ging
schweigend davon -- denselben Weg zurck, den sie gekommen waren. Hinter
der nchsten Wegbiegung setzte er sich am Straenrande nieder und suchte
sich zu erholen.

Hier fand ihn der Apotheker, der ihm mit schlechtem Gewissen
nachgeschlichen war. Er bat um Verzeihung, ohne eine Antwort zu
erhalten.

Es tut mir wirklich furchtbar leid, sagte er nochmals bittend, ich
hatte gewi nichts Bses im Sinn. Bitte verzeihen Sie mir und kommen Sie
wieder mit!

Es ist schon gut, sagte Ohngelt und winkte ab, und der andere ging
unbefriedigt davon.

Wenig spter kam der zweite Teil der Gesellschaft mit den lteren Leuten
und den beiden Mttern dabei langsam angerckt. Ohngelt ging zu seiner
Mutter hin und sagte:

Ich will heim.

Heim? Ja warum denn? Ist was passiert?

Nein. Aber es hat doch keinen Wert, ich wei es jetzt gewi.

So? Hast du einen Korb gekriegt?

Nein. Aber ich wei doch --

Sie unterbrach ihn und zog ihn mit.

Jetzt keine Faxen! Du kommst mit und es wird schon recht werden. Beim
Kaffee setz' ich dich neben die Margret, pa auf.

Er schttelte bekmmert den Kopf, gehorchte aber und ging mit. Das
Kircherspule versuchte eine Unterhaltung mit ihm anzufangen und mute
es wieder aufgeben, denn er blickte schweigend geradeaus und hatte ein
gereiztes und verbittertes Gesicht, wie es niemand an ihm je gesehen
hatte.

Nach einer halben Stunde erreichte die Gesellschaft das Ziel des
Ausflugs, ein kleines Walddorf, dessen Wirtshaus durch seinen guten
Kaffee bekannt war und in dessen Nhe die Ruinen einer kleinen
Raubritterburg lagen. Im Wirtsgarten war die schon lnger angekommene
Jugend lebhaften Spielen hingegeben, Gelchter und laute Rufe klangen
hell durch die sonnige Frhlingsluft. Jetzt wurden Tische aus dem Hause
gebracht und zusammengerckt, die jungen Leute trugen Sthle und Bnke
herbei; frisches Tischzeug wurde aufgelegt und die Tafeln mit Tassen,
Kannen, Tellern und Backwerk bestellt. Frau Ohngelt gelang es richtig,
ihren Sohn an Margrets Seite zu bringen. Er aber nahm seines Vorteils
nicht wahr, sondern dmmerte im Gefhl seines Unglcks trostlos vor sich
hin, rhrte gedankenlos mit dem Lffel im erkaltenden Kaffee und schwieg
hartnckig trotz allen Blicken, die seine Mutter ihm sandte.
Gleichgiltig hrte er zu, wie Margret mit ihrem andern Tischnachbarn ein
lebhaftes Gesprch begann und weiterfhrte, und er nickte nur still vor
sich hin, als weiter unten an der Tafel im Gewirre der Unterhaltungen
auch Anspielungen auf sein Abenteuer laut wurden. Er hrte mehrmals
unter Kichern das Wort Zachus aussprechen und wute, wem es galt, und
dennoch war er nicht mehr zornig, sondern gab sich dem Gefhl eines
widerstandslosen Untersinkens in Schmach und Unglck mit einer Art von
Wollust hin.

Nach der zweiten Tasse beschlossen die Anfhrer der Jungen, einen Gang
nach der Burgruine zu tun und dort Spiele zu machen. Lrmend erhob sich
die Jungmannschaft samt den Mdchen. Auch Margret Dierlamm stand auf und
im Aufstehen bergab sie dem mutlos verharrenden Ohngelt ihr hbsches
perlengesticktes Handtschlein mit den Worten:

Bitte bewahren Sie mir das gut, Herr Ohngelt, wir gehen zum
Spielen. Er nickte und nahm das Ding zu sich. Die grausame
Selbstverstndlichkeit, mit der sie annahm, er werde bei den Alten
bleiben und sich nicht an den Spielen beteiligen, wunderte ihn nicht
mehr. Ihn wunderte nur noch, da er das alles nicht von Anfang an
bemerkt hatte, die merkwrdige Freundlichkeit bei den Proben, die
Geschichte mit dem Kistlein und alles andere.

Als die frhlichen jungen Leute gegangen waren und die Zurckgebliebenen
weiter Kaffee tranken und Gesprche spannen, verschwand Ohngelt
unvermerkt von seinem Platz und ging hinterm Garten bers Feld dem Walde
zu. Die hbsche Tasche, die er in der Hand trug, glitzerte freudig im
Sonnenlicht; er aber wute nicht, sollte er das nette Spielzeug mit
Kssen bedecken oder weit in die Bsche schleudern. Vor einem frischen
Baumstrunk machte er Halt. Er zog sein Taschentuch heraus, breitete es
ber das noch lichte, feuchte Holz und setzte sich darauf. Dann sttzte
er den Kopf in die Hnde und brtete ber traurigen Gedanken und als
sein Blick wieder auf die bunte Tasche fiel und als zugleich mit einem
Windzug die Schreie und Freudenrufe der in der Burg Ballspielenden
herberklangen, neigte er den schweren Kopf tiefer und begann lautlos
und kindlich zu weinen.

Wohl eine Stunde lang blieb er so sitzen. Seine Augen waren wieder
trocken und seine Erregung verflogen, aber das Traurige seines Zustandes
und die Hoffnungslosigkeit seiner sehnlichsten Bestrebungen waren ihm
jetzt noch klarer als zuvor. Da hrte er einen leichten Schritt sich
nhern, ein Kleid rauschen, und ehe er von seinem Sitze aufspringen
konnte, stand die Paula Kircher neben ihm.

Ganz allein? fragte sie scherzend. Und da er nicht antwortete und sie
ihn genauer anschaute, wurde sie pltzlich ernst und fragte mit
frauenhafter Gte: Wo fehlt es denn? Ist Ihnen ein Unglck geschehen?

Nein, sagte Ohngelt leise und ohne nach Phrasen zu suchen. Nein. Ich
habe nur eingesehen, da ich nicht unter die Leute passe. Und da ich
ihr Hanswurst gewesen bin.

Nun, so schlimm wird es nicht sein --

Doch, gerade so. Ihr Hanswurst bin ich gewesen, und besonders noch den
Mdchen ihrer. Weil ich gutmtig gewesen bin und es redlich gemeint
habe. Sie haben recht gehabt, ich htte nicht in den Verein gehen
sollen.

Sie knnen ja wieder austreten und dann ist alles gut.

Austreten kann ich schon, und ich tu es lieber heut als morgen. Aber
damit ist noch lange nicht alles gut.

Warum denn nicht?

Weil ich zum Spott fr sie geworden bin. Und weil jetzt vollends keine
mehr --

Das Schluchzen bernahm ihn beinahe. Sie fragte freundlich: -- und weil
jetzt keine mehr --?

Mit zitternder Stimme fuhr er fort: Weil jetzt vollends kein Mdchen
mehr mich achtet und mich ernst nehmen will.

Herr Ohngelt, sagte das Pule langsam, sind Sie jetzt nicht
ungerecht? Oder meinen Sie, ich achte Sie nicht und nehme Sie nicht
ernst?

Ja, das wohl, das war nicht recht von mir. Aber das war auch eigentlich
nicht das, was ich gemeint habe. Ich glaube schon, da Sie mich noch
achten. Aber das ist es nicht.

Ja, was ist es denn?

Ach Gott, ich sollte gar nicht davon reden. Aber ich werde ganz irr,
wenn ich denke, da jeder andere es besser hat als ich, und ich bin doch
auch ein Mensch, nicht? Aber mich -- mich will -- mich will keine
heiraten!

Es entstand eine lngere Pause. Dann fing das Pule wieder an:

Ja, haben Sie denn schon die eine oder andre gefragt, ob sie will oder
nicht?

Gefragt! Nein, das nicht. Zu was auch? Ich wei ja vorher, da keine
will.

Dann verlangen Sie also, da die Mdchen zu Ihnen kommen und sagen: Ach
Herr Ohngelt, verzeihen Sie, aber ich mchte so schrecklich gern haben,
da Sie mich heiraten! Ja, auf das werden Sie freilich noch lang warten
knnen.

Das wei ich wohl, seufzte Andreas. Sie wissen schon, wie ich's
meine, Frulein Pule. Wenn ich wte, da eine es gut mit mir meint und
mich ein wenig gut leiden knnte, dann --

Dann wrden Sie vielleicht so gndig sein und ihr zublinzeln oder mit
dem Zeigfinger winken! Lieber Gott, Sie sind -- Sie sind --

Damit lief sie davon, aber nicht etwa mit einem Gelchter, sondern mit
Trnen in den Augen. Ohngelt konnte das nicht sehen, doch hatte er etwas
Sonderbares in ihrer Stimme und in ihrem Davonlaufen bemerkt, darum
rannte er ihr nach und als er bei ihr war und beide keine Worte fanden,
hielten sie sich pltzlich umarmt und gaben sich einen Ku. Da war der
kleine Ohngelt verlobt.

Als er mit seiner Braut verschmt und doch tapfer Arm in Arm in den
Wirtsgarten zurckkehrte, war alles schon zum Aufbruch bereit und hatte
nur noch auf die zwei gewartet. In dem allgemeinen Tumult, Erstaunen,
Kopfschtteln und Glckwnschen trat die schne Margret vor Ohngelt und
fragte: Ja, wo haben Sie denn meine Handtasche gelassen?

Bestrzt gab der Brutigam Auskunft und eilte in den Wald zurck, und
das Pule lief mit. An der Stelle, wo er so lang gesessen und geweint
hatte, lag im braunen Laube der schimmernde Beutel, und die Braut sagte:
Es ist gut, da wir noch einmal herber sind. Da liegt ja auch noch
dein Sacktuch.




                          Karl Eugen Eiselein


Schorsch Eiselein, Kolonialwarenhndler in Gerbersau, besa einen
Kaufladen, von dem er anstndig und bequem leben konnte und der ihm
wenig Sorgen machte, und eine kluge kleine Frau, mit der er beraus
zufrieden war, ferner einen kleinen Sohn, der vom Vater sowohl wie von
der Vorsehung zu Hherem bestimmt war und ihm darum viele Sorgen machte.

Dieser Sohn hie Karl Eugen Eiselein, und es wollte etwas bedeuten, da
er von klein auf nicht Karl oder Eugen, sondern stets mit dem
frstlichen Doppelnamen Karleugen gerufen ward. Dementsprechend gab der
Kleine auch fr zwei zu tun und zu sorgen, schrie fr zwei und brauchte
Windeln und Kleider fr zwei, bis er allmhlich in das Alter trat, wo
die Erzeuger an ihren Sprlingen eine gewisse Freude zu erleben
wnschen. Daran lie es denn der Knabe auch nicht fehlen; es zeigte
sich, da er nicht zu den Dummen gehre und wohl einer hhern Ausbildung
fhig sei.

Herr Eiselein war sehr glcklich. Ihm selbst waren die Gefilde der
klassischen Bildung zu seinem Schmerze unerschlossen geblieben; desto
sehnlicher wnschte er, seinen Sohn in dieser fremden Welt sich tummeln
zu sehen. Er legte daher eines Tages einen Festrock, gestickte Weste und
reinen Hemdkragen an, strich dem Knblein zrtlich ber den glatten
blonden Scheitel und fhrte es zur Lateinschule, wo er es der Obhut des
Kollaborators Wurster bergab.

Von da an ging der junge Karl Eugen den gewohnten Weg eines Gerbersauer
Lateiners. Ein Jahr lang regierte ihn der Kollaborator Wurster, ein
sanfter lchelnder Mann mit altmodischen Lcklein und engen Hosen; dann
gab ihn dieser an den Przeptor Dilger weiter, einen feisten Wterich
mit langem Meerrohr und furchtbarer Stirnrunzel, und wieder nach einem
Jahr bernahm ihn Doktor Mller, ein eleganter Stutzer von feinen
Manieren.

Der Bub erwies sich als gescheit und kam glatt von einer Klasse in die
andere. Nicht so glatt und tadellos ging er aus manchen langwierigen
Affren und Untersuchungen hervor, welche pfeldiebsthle,
Unehrerbietigkeiten gegen die Lehrer, Schulschwnzereien und schlechtes
Betragen beim Kirchenbesuch zum Gegenstande hatten. Zwar verstand er die
Kunst, sich hinter andere zu bergen und einleuchtende mildernde Umstnde
beizubringen, vortrefflich; trotzdem verbte er manchen sonnigen
Mittwoch nachmittag im Klassenarrest und kam oft genug geprgelt und
gescholten und jammervoll nach Hause, wo der Vater ihn mit Trost und
Teilnahme empfing und jedesmal schnell wieder einer freundlicheren
Betrachtung des Lebens entgegenfhrte.

Nichtsdestoweniger war Karl Eugen Eiselein in seinem elften Lebensjahre
eines Tages spurlos verschwunden, samt vier Talern aus seines Vaters
Ladenkasse, einem halben Zuckerhut und zwei Schulkameraden, deren
bestrzte Eltern ihre Klagen mit denen des Kolonialwarenhndlers
vereinigten.

Als die Knaben gegen Abend noch immer fehlten, wurden nach allen Seiten
Boten ausgesandt, der ganze Flu ward mit Stangen abgestochen und bei
jedem Stiche schauderte die zuschauende Kinderschar zusammen, gewrtig,
im nchsten Augenblick einen der Ertrunkenen am Spiee zu sehen. Es kam
aber keiner zum Vorschein.

Herr Eiselein war in seiner Not den ganzen Abend herumgelaufen. Er
kehrte spt und trostlos heim und schob den Suppenteller, den die Frau
ihm warmgestellt hatte, traurig zurck. Aber die kleine Frau, so ruhig
und nachgiebig sie sonst war, stellte ihm den Teller sogleich wieder
hin, zwang ihm den Lffel in die Hand und sagte sehr bestimmt: Fr nix
will ich 's Essen nicht gewrmt haben, i du jetzt nur. Der Lausbub wird
wohl wiederkommen, wenn er Hunger kriegt. Sei jetzt so gut und i! Und
der Vater war so gebrochen und widerstandslos, da er nicht einmal
aufbegehrte, sondern ganz still den Lffel nahm und a, bis nichts mehr
da war. Das hatte die Frau doch nicht erwartet, und da sie daraus seine
Verzweiflung ersah, wurde jetzt auch sie beklommen und angstvoll, und
beide saen den ganzen Abend beisammen am Tisch, sagten nichts und gaben
sich dsteren Gedanken hin.

Nachts nach elf Uhr geschah ein kurzes schwaches Luten an der
Hausglocke und gleich darauf ein strkeres, khneres, und an der Pforte
stand und wartete und schmte sich Karl Eugen. Nachdem man ihm abgefragt
hatte, da auch seine Kameraden wieder da und noch am Leben seien, lie
man ihn schlafen. Ehe der aufatmende Vater vom Bette aus nach dem
Kerzenlscher griff, hustete seine khn gewordene Frau und sagte:
Schorsch, wenn du morgen dem Bub nicht eine gesalzene Portion gibst,
dann geb' sie ihm ich. Er seufzte, lschte das Licht und konnte noch
lang nicht einschlafen.

Am anderen Tag kam alles sauber an das Licht und als Hauptverfhrer ward
der gefhrliche Fennimore Cooper entdeckt. Die Knblein hatten
beschlossen, miteinander die langweilige alte Welt zu verlassen und die
Heimat der Mohikaner aufzusuchen, wo statt Meerrohr und Grammatik
Skalpmesser, Kriegsbeil und Flinte die Begleiter der Jugend sind. Auch
wre alles gut gegangen, aber die Nacht war so kalt und sie hatten im
Walde nimmer aus noch ein gewut, obwohl der eine von ihnen Pfadfinder,
der zweite Falkenauge und der dritte Waldlufer hie. Von den vier
Talern waren drei Batzen fr eine Blechpistole und sieben fr ein
grausam langes Sackmesser ausgegeben worden, der Rest fand sich
unversehrt vor und nur der Verbleib des Zuckerhutes blieb ein Rtsel.

Diesen ganzen Tag lief Karl Eugens Mutter in Spannung umher und als bis
zum Abendessen noch nichts geschehen war, ging sie zum Vater in den
Laden hinunter. Eh' der Kleine seine Prgel nicht hat, kriegt er auch
nix zu essen, sagte sie mit Nachdruck und der Gatte sah ein, da es
Pflichten gibt, denen niemand sich entziehen kann, und Weltgesetze,
denen wir widerstandslos unterliegen. Gleich darauf machte das Shnchen
dieselbe Erfahrung; whrend jedoch der Vater sich mit Seufzen begngte,
lie jener nach Art der Jugend seinen Gefhlen und Trnen freien Lauf,
ja erhob ein so erschtterndes Wehegeschrei, da der Zchtiger schon
nach wenigen Streichen innehielt und froh war, als Karl Eugen nur wieder
aufstand und sich zum Essen bewegen lie.

Dieses Abenteuer hatte zur Folge, da in der Lateinschule ber dreiig
Indianerbcher konfisziert wurden, da die drei Amerikaner zuerst vom
Klassenlehrer eine angemessene Strafpredigt samt Arrest zugeteilt
erhielten und dann noch dem schonungslosen Spott der Schulkameraden
anheimfielen, und da der kleine Eiselein fr eine Weile in sich ging
und mehrere Wochen lang ein Musterschler war. Allmhlich wurden die
kassierten Bcher durch neue ersetzt, die Strafrede und der Arrest
verschmerzt, auch der Musterschler verschwand wieder wie ein Nebelbild
und nur der Schlerspott hielt noch lange Zeiten vor.

Es kamen die Jahre heran, in welchen es sich zu zeigen pflegt, ob ein
Schler Lust und Beruf zu den hheren Studien habe oder ob es geratener
sei, ihn sein Latein in einem Kaufladen oder in einer Schreibstube
vergessen zu lassen. Beim jungen Eiselein war es unzweifelhaft, da er
zu ersterem bestimmt sei. Seine Hefte waren sauber und wiesen gute
Zeugnisse auf, seine Aufstze hatten Schwung und Feuer, ebenso seine
Deklamationen, und bei der Entlassungsfeier der obersten Klasse trug er,
nun fnfzehnjhrig, eine selbstgefertigte Rede vor, bei der dem Rektor
ein Schmunzeln auf die Lippen und dem andchtig zuhrenden
Kolonialwarenhndler eine Trne ins Vaterauge trat. Es war beschlossen,
ihn in die Residenz auf das Gymnasium zu tun.

Vorher waren noch ein paar Wochen Ferien, und in dieser Zeit legte Karl
Eugen die ersten Zeugnisse seiner Dichterbegabung ab. Es fand nmlich
der Geburtstag einer Grotante statt, die Familie Eiselein war
eingeladen und beim Kaffee trat der Jngling mit einem Gedicht hervor,
dessen Schnheit und Lnge die ganze Festgesellschaft in Erstaunen
setzte. Seinem Vater gab der Bengel auf Befragen zur Antwort, er habe
schon seit einem Jahr oder noch lnger eine Masse Gedichte gemacht und
wisse schon lngst, da er zum Dichter und nur zum Dichter geboren sei.
Dies hrte der berraschte Papa mit ebensoviel Befremdung als Stolz.
Denn wenn er auch nie an den auerordentlichen Gaben seines Sohnes
gezweifelt hatte, so war doch dieser frhe und khne Flug des jungen
Adlers ihm eigentmlich berraschend. Teils um ihn zu belohnen, teils
vielleicht auch um ihn in gute Bahnen zu lenken, kaufte und schenkte er
dem Jungen Theodor Krners Werke in rot Leinen gebunden und eine
ebenfalls schn gebundene, jedoch im Preise herabgesetzte ltere
Lebensbeschreibung Gotthold Ephraim Lessings.

Um die Zeit dieser Ereignisse hatte der inzwischen auch schon
konfirmierte Karl Eugen das uere eines Knaben vollkommen abgelegt,
Pausbacken sowohl wie kurze Hosen, und sich in einen schlanken, stillen
und wohlgekleideten Jngling verwandelt, der etwas auf sich hielt und
jedem, der ihn etwa noch als Bub zu behandeln und mit du anzureden
wagte, eine ironische Haltung entgegenzusetzen wute, deren Wirkung,
obwohl er selbst sie berschtzte, nicht zu leugnen war. Seine Schuhe
waren stets blank, sein Gang gemessen, sein Scheitel glatt und gepflegt.
Das hauptstdtische Gymnasium wrde sich seiner nicht zu schmen
brauchen. Vorwegnehmend drang er auch schon in den Ferien tief in die
homerische Welt ein und las die halbe Odyssee, allerdings in der
Vossischen bersetzung. Er htte sie ganz gelesen, wenn nicht der
rotleinene Krner dazwischen gekommen wre.

Die Ferienzeit erreichte ihr Ende, diesmal nicht zum Leidwesen Karl
Eugens, welcher vielmehr die Reise nach der Stadt und den Eintritt in
das Gymnasium mit freudigster Ungeduld erwartete. Whrend in den letzten
Tagen Herr Eiselein seinen Sohn mit verdoppelter Zrtlichkeit und
Sorgfalt behandelte und schon im voraus ein mit Stolz gemischtes
Abschiedsweh empfand, war die Mutter still und emsig mit dem Einkaufen
und Packen, Waschen und Gltten, Flicken und Brsten des Notwendigen
beschftigt. Am vorletzten Tage machte der Gymnasiast in seinem
schwarzen Konfirmandenrock eine Reihe von Abschiedsbesuchen bei
Verwandten, Gevattern, Lehrern und guten Freunden, nahm Ratschlge,
Geschenke und Glckwnsche, Hndedrcke und Scherzworte mit manierlichem
Lcheln entgegen und trug die Gefhle eines in rhmliche Kriegsdienste
abgehenden jungen Fhnrichs in seiner Brust. Der feste Vorsatz, schon in
die ersten Ferien verndert, gealtert und vornehmer heimzukommen,
verlieh ihm dabei eine zurckhaltende berlegenheit von delikater
Nuance.

Alsdann kam die Stunde des Abschieds und der Abreise. Der Vorsteher
einer Knabenpension in der Hauptstadt, in dessen Hause Karl Eugen
unterkommen sollte, war gekommen, um ihn abzuholen. Die Mutter lchelte,
gab noch einige gute Winke und Ratschlge, sah nach dem Gepck und warf
prfende Blicke auf den Pensionsherrn. Dieser benahm sich sehr gemessen,
sehr hflich und sehr fein. Der Vater hingegen war traurig, seinen
Liebling zu verlieren und doch aber auch stolz, ihn einer glnzenden
Laufbahn und Zukunft entgegenschreiten zu sehen, und die Mischung dieser
Gefhle arbeitete in seinen Zgen so heftig, da sein Gesicht ganz
blulich anlief und so mitgenommen aussah, als htte der brave Herr die
unverantwortlichsten Ausschweifungen zu bereuen.

Also, geehrter Herr, seien Sie ohne Sorgen, Ihr Sohn kommt in gute
Hnde, versicherte der fremde hfliche Herr des ftern, wobei Vater
Eiselein ihn mit einem Blicke ansah, als htte jener ihm seine Teilnahme
bei einem Todesfall ausgesprochen.

Und der Fremde zog hflich den Hut, und ein letzter inbrnstiger
Hndedruck machte den Sohn erbeben. Und der Zug hielt an und man stieg
ein, und der Zug pfiff und stank nach Rauch und l und lief wieder
davon, so schnell, da er schon fast auer Sicht gerckt war, als
Eiselein sein farbiges Taschentuch gefunden, herausgezogen und
ausgebreitet hatte, um nachzuwinken. Nun flatterte das stattliche Tuch
wie ein Fhnlein in den Lften und sah mit seinem goldgelben Grund und
wei und roten Muster so frhlich und erquicklich aus, als sei dem Hause
Eiselein heute eitel Freude widerfahren. Whrend sein Knabe im Wagen
nicht ohne peinliche Gefhle der Unterhaltung des Herrn standhielt,
dessen Hflichkeit und Lcheln auf dem verlassenen Bahnhof liegen
geblieben schienen, wandelten die Eltern langsam und in Gedanken, aber
in Gedanken verschiedener Art, in die Stadt und in ihren
Spezereiwarenladen zurck.

Du, der Pensionsherr gefllt mir nicht bel, sagte sie.

Ja, ja, er war ja sehr freundlich. Jawohl, sagte er.

Sie schwieg. Im stillen baute sie aber ihre Hoffnungen durchaus nicht
auf die Freundlichkeit jenes Herrn, sondern auf das, was sie von Strenge
und schneidiger Art an ihm bemerkt zu haben glaubte. Und als auch sie
nun einen Seufzer ausstie, dachte sie dabei vorwiegend an das sndliche
Geld, das ihr Bub nun kosten wrde, denn die Pension war nicht billig.

Nach der Abreise des Knaben trat im Hause eine groe Ruhe ein und
zugleich ein Stillstand in der begonnenen langsamen Verschiebung der
Machtverteilung. Seit der Indianergeschichte nmlich hatte sich des
ftern der Fall wiederholt, da Frau Eiselein den Buben mnnlicher
anfate als ihr Gemahl und eine Lanze zur Rettung der elterlichen
Autoritt einlegte. Dabei war von den bis dahin unbestrittenen
hausherrlichen Machtbefugnissen jedesmal ein Krnlein der Wagschale
ihres Mannes entglitten und auf die ihrige gefallen, so da das Znglein
unmerklich, aber sicher nach ihrer Seite hinberstrebte.

Nach acht Tagen kam der erste Brief aus der Hauptstadt. Er enthielt
vornehmlich eine Aufzhlung der schnsten Straen und Denkmler, eine
etwas unklare Abhandlung ber die Sprache Homers und die Bitte um etwas
mehr Taschengeld, da man so mancherlei Kleinigkeiten in und auer der
Schule brauche.

Die Mutter fand das unntig, der Vater aber begriff den Wunsch
vollkommen und bestand darauf, da dem Buben, da er jetzt unter fremden
Leuten leben msse, nicht gleich die erste kleine Bitte abgeschlagen
werde. Doch verlangte dafr die Mutter, da Karl Eugen ein Bchlein ber
seine Ausgaben fhre und monatlich darber Bericht ablege. Sie schrieb
ihm das. Der Gymnasiast antwortete, es sei ihm unmglich, seine Zeit an
eine solche Pfennigklauberei zu wenden, er sei doch kein Krmer. Die
Worte Krmer und Pfennigklauberei waren unterstrichen.

Da schrieb die Mama kurz und klar ohne Unterstreichungen zurck, unter
diesen Umstnden msse es eben beim alten Betrage bleiben. Es blieb aber
nicht dabei, sondern das Shnlein fhrte nun sauber Buch und verfehlte
nicht, rechtzeitig seine Abrechnungen vorzulegen, deren Inhalt freilich
zuweilen Zweifel und Kopfschtteln erregte.

Mit den Bleistiften und Linealen, die er da wieder gebraucht haben
will, knnte man ein fele heizen, seufzte die Mutter.

Sie seufzte noch ganz anders, als im nchsten Frhjahr fr den Sohn ein
neuer teurer Anzug zu bezahlen war, der das Doppelte von dem kostete,
was man zu Haus dafr htte aufwenden mssen. Karl Eugen hatte ihn
ungefragt machen lassen und antwortete auf einen entrsteten Brief der
Mutter sehr ruhig, Kleider seien in unserem nrdlichen Klima nun eben
einmal etwas Notwendiges und er knnte nicht nackt und auch nicht wie
ein Strolch herumlaufen.

Wie ein Strolch sah er auch gar nicht aus, als er bald darauf in die
Osterferien heimkam. Den eleganten neuen Anzug vervollstndigten ein
feiner weicher Hut, ein paar Manschetten und ein steifer Stehkragen. Als
die Mama ber diese feinen teuren Sachen schalt und Rechenschaft
verlangte, zuckte der Schlingel die Achseln und machte ein ergebenes
Gesicht. Was will man machen? meinte er bedauernd. Die Sachen sind ja
noch recht einfach. In meiner Pension ist einer, der zahlt achtzig und
neunzig Mark fr jeden Anzug. Es gelang dem Eleganten denn auch,
wenigstens den Papa so zu bercken, da nicht weiter davon die Rede war.
Er fhrte sich zierlich auf, plauderte und erzhlte sehr nett und hatte
ordentliche Zeugnisse mitgebracht. Einen groen Teil des Tages dichtete
er, jedoch insgeheim und ohne jemand seine Leistungen zu zeigen. Auf der
Strae grte er alle Bekannten mit einer fast herzlichen Hflichkeit
und sah Gassen, Huser und Leute mit einem freundlich sorglosen
Interesse an, ganz wie ein Fremder, den der Zufall fr eine kurze Zeit
in das altmodische kleine Nest gefhrt hat.

In diese Ostervakanz fiel auch Karl Eugens merkwrdige erste
Verliebtheit. Eines Tages erzhlte ihm ein Schulkamerad, es sei bei
seiner Schwester ein sechzehnjhriges Mdchen aus Karlsruhe zu Besuch,
was Feines, sag' ich dir, und kolossal schn. Von da an trachtete er
danach, diese Augenweide selber zu erleben, und war schon im voraus ganz
bereit, sich in sie zu verlieben. Doch hatte er Pech und als die schne
Karlsruherin nach einigen Tagen wieder abreiste, hatte er sie nicht zu
sehen bekommen. Aber sein Verlangen war nun einmal erwacht, seine
Gedanken hingen nun einmal an jener Fremden, verliebt sein schien ihm
ohnehin fr einen jungen Dichter lblich und ntzlich zu sein, und so
verliebte er sich in die Niegesehene nicht schlechter und nicht weniger
als andere Buben in ihre Mdchen. Die Versmappe schwoll wie ein
Alpenbach im Frhjahr, barst schlielich und mute durch eine grere
ersetzt werden.

   Ich sah dich nicht und dennoch kenn' ich dich,
   Ich kenn' dich nicht und dennoch lieb' ich dich -- usw.

Einige Mal weinte er sogar beim Schreiben. Es war ein Elend. Das fand
auch Herr Eiselein, als einige von den Blttern ihm zufllig in die
Hnde fielen. Zwei davon hatte er schon zum Einwickeln von Salami
verwendet, beim dritten fiel ihm die Handschrift auf, er erkannte _ex
ungue leonem_ und las die Liebesverse seines Sohnes mit steigendem
Entsetzen, denn Karl Eugen nannte sich darin einen unseliger
Leidenschaft rettungslos Verfallenen, einen tief im Tale des Elends
Wandelnden usw. Die Aussprache war fr beide Teile peinlich. Der Vater
mute bekennen, da zwei von diesen Gedichten, wenn auch auf eine
seltsam schlichte Weise, den Weg ins Volk gefunden htten; der Sohn
hingegen mute sich stellen, als seien die feurigen und mit Trnen
benetzten Beweise seiner Leidenschaft nichts weiter als Stilbungen.
Frau Eiselein erfuhr nichts davon. Als der Dichter den ersten Schrecken
berstanden hatte, trumte er hold verschmt davon, wie es wre, wenn
seine Salamigedichte nun doch ihren Weg zu irgend einer jungen Schnen
und Gnade bei ihr fnden, und wre in diesem Falle sehr gerne bereit
gewesen, seine Gefhle auf selbige zu bertragen. Da dies ein Traum
blieb, war er froh, als die Ferien zu Ende gingen. Er packte seine
schwere Mappe sorgfltig ein und kehrte etwas stiller, als er gekommen
war, in die Stadt und Schule zurck.

Seine Briefe begannen in dieser Zeit eine groartige und manchmal schwer
verstndliche Sprache anzunehmen. Zuzeiten lieen sie auch lange auf
sich warten, bis die Mutter mahnte.

Und wieder kam Karl Eugen in die Ferien. Er war jetzt ausgewachsen, trug
sich sehr elegant und hatte vllig erwachsene Manieren. Unter anderm kam
er gleich am zweiten Tage lchelnd in den Laden herunter, suchte sich
mit Umsicht eine Zigarre aus und zndete sie an. Ja, seit wann rauchst
du denn? fragte der Papa; da war Karl Eugen erstaunt und fast
entrstet, da man das nicht selbstverstndlich fand. Leicht und
zierlich schenkte er sich, whrend der Vater mit ihm sprach, einen
Magenbitter aus der Flasche und setzte jenen dadurch vollends so in
Erstaunen, da er verstummte. In seiner Stube lagen die Werke von
Heinrich Heine und ein paar moderne Romane herum, statt der dicken
Versmappe hatte er ein Heftlein mitgebracht mit dem Titel: Schlamm. Ein
Schauspiel von K. E. Eiselein. Auf der nchsten Seite stand ein
ellenlanges Personenverzeichnis.

Die Ferien verliefen still und heiter. Das folgende Schuljahr aber
brachte einen kleinen Sturm. Es kam ein Schreiben des Pensionsherrn --
des Inhalts, der Bursche sei auf schlimmen Wegen, habe sich wiederholt
nachts aus dem Hause entfernt, sei krzlich in einer Kneipe getroffen
worden und stehe sogar im Verdacht, Umgang mit einer Kellnerin zu haben.
Und whrend die erschrockenen Eltern noch trostlos und ratlos ber diese
Greuel nachdachten, kam ein Brieflein vom Sohn selber, liederlich auf
einen Fetzen gekritzelt, darin stand: Ich brauche bis Mittwoch zwlf
Mark 50 Pf. Wenn Ihr mir's nicht geben knnt, erschiee ich mich. Karl
Eugen.

Das war also der Schlamm. Doch verlief diese Sache ruhiger, als man
gedacht htte. Die Mutter reiste in die Hauptstadt, die Kneipschulden
des Buben wurden bezahlt, er selber kam unter strenge Aufsicht, zeigte
echte Reue und legte eine Zeitlang eine musterhafte Bescheidenheit an
den Tag. Dann fing er allmhlich wieder an, den Feinen zu spielen und
bezeichnete gelegentlich in Gesprchen und Briefen jene bse Affre als
einen komischen und verzeihlichen Jugendstreich gleich jener
Amerikafahrt.

Je nher der Abschlu der Gymnasialjahre heranrckte, desto hufiger und
deutlicher erinnerte Karl Eugen daran, da er zum Dichter geboren sei
und daher unmglich ein Brotstudium ergreifen knne. Geschichte und
Philosophie waren die einzigen Fcher, denen er einen bedingungsweisen
Wert zugestehen konnte. Aber hier zeigte sich zum ersten Male der Vater
zh, und auch nachdem er einige Gedichte seines Sohnes gelesen hatte,
beharrte er fest dabei, da dieser ein solides Studium und einen
bestimmten Beruf erwhle. Als Karl Eugen sah, da er diesmal in einen
lecken Kbel schpfe, machte er eine entgegenkommende Schwenkung und
erklrte sich bereit, Philologie zu studieren unter der Bedingung, da
er dann in eine Burschenschaft eintreten drfe. Und obwohl jetzt die
Mutter in den Kampf eingriff und sich mchtig dagegen stemmte, drang er
dennoch durch. Die Eltern aber machten bekmmerte Gesichter. Das
Geschft rentierte sich neuerdings schlechter als je, seit an jeder Ecke
irgend ein neues Ldchen aufgegangen war, und der Sohn hatte schon als
Schler so stattlich verbraucht, da die Eltern sich ziemlich hatten
einschrnken mssen und mit Sorgen in die kommenden Zeiten blickten.

Das erste Semester mit Kollegiengeldern, Bchern, Burschenschaft,
Reitkurs und Hauboden wurde denn auch strflich teuer. Aber stolz und
froh waren die Alten doch, auch die strenge Mutter, als der Student in
die ersten Ferien kam, schn und stark, heiter und ritterlich, mit
Schnurrbart und Reitstiefeln. Alle Mdchen der Stadt wurden unruhig, und
die Brgergesellschaft, zu deren Kegelabend der Vater ihn mitbrachte,
empfing ihn mit Achtung und gratulierte dem Alten zu seinem stattlichen
Burschen. Einige schwere Seufzer konnten ihm freilich doch nicht erspart
werden, auch nicht eine peinliche, zgernd gefhrte Unterredung ber den
starken Geldverbrauch. Ein so kostspieliges Semester durfte nicht wieder
kommen, die Geschfte gingen schwach und es mute doch auch fr nachher
etwas brig bleiben.

berhaupt wurde im Verkehr mit den Eltern, mndlich und brieflich, das
leidige Geld mehr und mehr zum Kardinal- und Angelpunkt. Da Herr
Eiselein sich stark verrechnet hatte, konnte bald jeder Beobachter
merken.

Es gibt kaum etwas so peinlich Rhrendes, als wenn ein ehrenhafter
Brger, der bislang zu den Wohlhabenden zhlte, allmhlich mehr und mehr
in ein armseliges Sparen hineingert. Er knnte sehr gut einen neuen
schwarzen Rock brauchen, aber der alte mu weiter dienen und wird nach
und nach zum Sinnbild des ganzen rckwrtsgehenden Hauswesens. Er wird
immer ein wenig brauner, ein wenig fettiger, die Schulternhte werden
deutlicher und schrfer wie zunehmende Sorgenfalten, die rmel beginnen
auszufransen, bis eine aufgenhte Litze dem Verfall vorlufig Einhalt
tut und als erstes Notflickwerk entstellend in den Baustil des Kleides
eingreift.

Ganz so weit war es mit Eiselein noch nicht, aber die Vorzeichen huften
sich. Fr seinen Stand und sein Stdtchen war er wohlhabend gewesen, der
Laden htte auch noch ein paar Kinder bequemlich mit ernhrt, aber der
in immer fremdere und groartigere Verhltnisse hineinwachsende Sohn
fra alles auf. Es blieb nicht aus, da er das stets hufiger zu hren
bekam und da das Verhltnis zwischen Sohn und Eltern allmhlich in
einen vorsichtigen, zhen, fast erbitterten Krieg ums Geld ausartete.

Unterdessen folgte dem ersten Semester das zweite, dazwischen Ferien
voll unbehaglich schwler Stimmung, und das Geldausgeben nahm eher zu
statt ab. Im dritten Semester meldete aber der Sohn pltzlich, er sei
aus der Burschenschaft ausgetreten, deren geistloses Leben ihn seinen
literarischen Studien zu sehr entzogen und entfremdet habe. Die
Reitkurse, Dedikationen, Ausflge, Mtzen und Bnder und dergleichen
verschwanden vom Budget und machten starken Buchhndlerrechnungen Platz.
Und eines Tages kam unter Kreuzband die neueste Nummer einer
merkwrdigen Zeitschrift und enthielt ein langes Gedicht von Karl Eugen.
Das Blatt hie Der Abgrund, erschien zweimal im Monat, kostete
jhrlich zwanzig Mark und hatte sich die Aufgabe gestellt, bedeutenden
jungen Talenten der neuesten literarischen Richtung den Weg in die
ffentlichkeit zu bahnen. Herr Eiselein verstand weder das Gedicht
seines Sohnes, noch die anderen Beitrge, freute sich aber doch dieses
ersten Erfolges und nahm an, da eine so vornehme, fettgedruckte und
teure Zeitschrift jedenfalls ihre Mitarbeiter auch ordentlich bezahlen
werde. Er schrieb in diesem Sinne an den Studenten, bekam aber keine
Antwort.

Als dieser wieder einmal fr ein paar Wochen heimkehrte, hatte er sich
erheblich verndert. Die Eleganz der Kleidung war verschwunden und statt
ihrer trat eine zwischen stromerhaft und knstlermig schwankende
geniale Nachlssigkeit zutage. Ein paar groe Flecken auf den Rockrmeln
schienen ihn gar nicht zu stren, nur auf die Farben und Schlingung
seiner groen selbstgeknpften Flatterschlipse legte er noch Wert. Sein
Hut war schwarz und weich und hatte Rnder von mehr als italienischer
Breite. Statt der Zigarren rauchte er jetzt grobe, kurze Pfeifchen aus
Holz oder Ton. Sein Benehmen war ironisch schlicht. Da auch seine
Rechnungen diesmal etwas schlichter waren, fanden die Eltern keinen
Grund, diese Vernderung zu tadeln, sondern hofften nun einen
bescheidenen und fleiigen Kandidaten aus ihm werden zu sehen. Er htete
sich auch, diese Trume zu stren oder gar zu erzhlen, welche Wege die
unter dem Titel von Kollegiengeldern bezogenen Summen gegangen waren.
Wenn etwa einmal von Examen und dergleichen Dingen die Rede war,
schmckte ein ernstes, schwermtiges Lcheln seine Lippen, welche jetzt
ein ungepflegter Stoppelbart umrahmte. Alle vierzehn Tage aber brachte
die Post den Abgrund, und mehrmals enthielt er Gedichte des Studenten.
Es war merkwrdig -- der junge Mann schien durchaus gesund, verstndig
und harmlos zu sein, diese Gedichte aber waren zumeist krank,
unverstndlich und todeselend, als wre es wirklich ein Abgrund, der ihn
verschlungen htte. Die andern waren nicht besser, alles klang wie ein
spukhaft idiotisches Gewinsel, dessen Sinn nur besonderen Eingeweihten
zugnglich war. Es tnte darin von Tempeln, Einsamkeiten, wsten Meeren,
Zypressenhainen, welche stets von einem zagen Jngling unter schweren
Seufzern besucht wurden. Man begriff wohl, da es symbolisch gemeint
war, aber damit war wenig gewonnen.

In der Universittsstadt verbrachte Karl Eugen die Abende, die ihm das
Dichten brig lie, meist in derselben kleinen Kneipe in der Nhe der
Reitschule, wo bei Wein und Knobelbecher einige fallit gegangene
Studentchen ihre Jugend vertrauerten. Es waren lauter geniale Kerle,
Leute, die einen ganzen Hrsaal voll Streber aufwogen, die auf Gott und
die Welt flteten und dem Leben seine paar Geheimnisse lngst
abgezwungen hatten. Eben darum taten sie auch nichts mehr als dasitzen,
trinken und knobeln, die Partie um zehn Pfennig.

Der Dichter stand im fnften Semester. Da kam einstmals ein schwler Tag
-- Widersacher, Weiber, Schulden --, die Widersacher aber waren die
Professoren, denen Karl Eugens lngeres Verweilen an der hohen Schule
weder notwendig noch erwnscht erschien. Und der Abgrndige setzte sich
hin und schrieb an Herrn Georg Eiselein, Kolonialwarenhndler in
Gerbersau, einen Brief:

Lieber Vater!

Dieser Tage -- ich bin schon am Packen -- komme ich zu Euch nach Hause
und denke lngere Zeit zu bleiben. Es ist Zeit fr mich, an ein ernstes
Schaffen zu gehen, dazu kommt man hier ja nie. Bitte rumt mir meine
Ferienstube ein. Fhrst du den feineren hollndischen Tabak eigentlich
noch im Laden, oder mu ich von hier mitbringen? Alles weitere mndlich.
Dein Sohn K. E.

Noch nie war ein so sanfter Brief von ihm gekommen, so entschlossen,
still und mnnlich. Der Vater war hoch erfreut, bestellte eine Sendung
von dem Tabak, den er nicht mehr hatte fhren wollen, und bat Frau
Eiselein, die Stube fr den Heimkehrenden bereit zu machen. Es wurde
gescheuert, gekratzt, gerckt und geklopft, der Lehnstuhl neu berzogen,
die Fenster gewaschen und mit frischen Vorhngen versehen. Man konnte
sich das jetzt leisten -- ein wohlig tiefes Aufatmen ging durch das
gedrckte Hauswesen, da seine Krfte aufhren sollten, fr den
Entfernten zu verbluten.

Es kam ein Koffer mit Kleidern und zwei schwere Bcherkisten, und am
nchsten Tage kam der Sohn selber. Der Alte war ganz gerhrt, ihn zu
sehen, wie still und ernst er geworden war. Dankbar bezog jener die
behagliche Stube, stellte Bcher auf und hngte Pfeifen und Bilder an
die Wnde, darunter das Portrt eines Dichters, dessen Werke fr die
Jnger des Abgrundes eine Art Bibel waren. Es war ein Brustbild in
modernster Schwarzweimanier, sichtlich gewaltig bertrieben, und
stellte einen jungen Mann mit bsartigen Augen, sorgenvoller Stirne und
ungemein hochmtigem Munde vor, Kragen und Binde von der
allermodischsten Fasson. Im Hintergrunde war man erstaunt die Abbildung
eines berhmten Reiterstandbildes aus der schnen wilden Kondottierizeit
zu erblicken, dessen khle Khnheit den vorne abgebildeten
Nervenknstler zu verhhnen schien. Die umfangreiche Bchersammlung
enthielt einige Griechen und Lateiner, ein paar Grammatiken und
Wrterbcher aus der Schulzeit her, Zellers Geschichte der griechischen
Philosophie und zwei Bnde aus dem Handbuch fr klassische Philologie,
alles andere war schne Literatur. Hier sah man die Werke junger
Autoren, die aber schon viel geschrieben hatten, in Umschlgen von
dmonisch lodernder Farbe, mit geheimnisvollen Linearknsten von ebenso
jungen und fleiigen Malern bedeckt, und wer die Sprache dieser Farben
und Linien nicht verstand, der konnte aus den Titeln auf die Flle und
Tiefe des Inhaltes schlieen. Das All. Eine Trilogie -- Violette Nchte
-- Mysterien der Seele -- Die vierzehn geheimen Trstungen der
Schnheit. Das waren einige davon. Die meisten waren mit Widmungen des
einen Dichters an den andern versehen, eines aber war der Schlange
Zarathustras und ein anderes dem sechsten Erdteil gewidmet. Die paar
gewhnlichen Schweinereien aus der Demimonde und dergleichen, die sich
irgendwie in diese stolzen Kreise verirrt hatten und deren Umschlge
minder schn, aber viel deutlicher als die der anderen waren, krochen
schmal und schamhaft zusammen. Ein teilweise aufgeschnittener Dante
lehnte sich an einen ganz aufgeschnittenen deutschen Boccaccio. Ein paar
Bnde des Zrchers Meyer erweckten im Beschauer den Verdacht, es mchten
sich von den verstorbenen biederen und schlichten Poeten der vormodernen
Epoche noch mehrere vorfinden. Dies erwies sich jedoch als unbegrndet.

Es war Hochsommer und Karl Eugen ging manchmal, mit einem Buch in der
Tasche, in den Tannenwald hinaus, um dort im Schatten zu lesen. Der Wald
selber interessierte ihn nicht. Die Freude an der rohen Natur, die von
jeher nicht sehr stark in ihm gewesen war, hatte ihm jener
Kondottiere-Dichter vollends abgewhnt und in der feinen Schule des
Englnders Oskar Wilde hatte er gelernt, da die Natur stets nur das
Mittelmige zu schaffen vermag, im Gegensatze zur Kunst, deren
neidische Feindin sie ist. Zu Hause hielt er sich stets beiseite in
seinem Zimmer; die Umgebung dort, namentlich der Laden mit seinen
Geruschen und Gerchen, war allzu stillos und vulgr. Er sa da,
rauchte, schrieb und las in jenen Bchern mit den sonderbaren Titeln und
Umschlgen. Mit Vorliebe las er die beiden Bcher von Oskar Wilde, die
er besa. Sie waren bersetzt; englisch konnte er nicht. Das eine davon
hatte er noch als Burschenschafter kennen gelernt und gekauft, und einst
hatte es bittere Hndel mit einem Bundesbruder gegeben, der das Buch
verrckt fand und den Verfasser eine Zeitlang den wilden Oskar nannte.
Es war nicht zu sagen, wie viel er diesem Englnder verdankte.

Es mochte von dieser Lektre herrhren, da seine eigene Arbeit nicht
recht gedeihen wollte. Er hatte die Absicht, ein ausbndig tiefes und
feines Buch zu schreiben in einer Art lyrischer Prosa, deren Vorbilder
die Lieder im Zarathustra waren. Aber die bestndige Beschftigung mit
so raffinierten Bchern machte ihn immer wieder unfhig, sie raubte ihm
Zeit und Krfte und machte ihn manchmal ganz mutlos, da es ihm vorkam,
das Auserlesenste und Feinste sei alles lngst von anderen gesagt. Es
fehlte ihm nicht an Gedanken, aber den einen hatte Nietzsche, den andern
Dehmel, den dritten Maeterlinck schon ausgesprochen. Und auch seine
Stimmungen, seine Leiden, seine Sehnsucht -- alles stand schon da und
dort in schnen Bchern, gesungen, geseufzt oder gestammelt. Und wenn er
sich selber ironisch betrachten wollte, worauf er gut eingebt war, so
kam wieder ein Bild heraus, das auch schon -- sei es von Verlaine, sei
es von Bierbaum oder einem andern -- wiederholt und gut gezeichnet
lngst vorhanden war. Vielleicht htte er daraus den Schlu ziehen
sollen, da er eben nichts Neues zu sagen wisse und darum besser tue,
das Papier zu sparen und sich auf anderes zu verlegen.

Aber das hatte allerdings einen Haken. Von einer Rckkehr zum
Brotstudium konnte wohl nicht die Rede sein, weil keinerlei Anfang da
war. Er hatte nie zu studieren begonnen. Und es fror ihn, wenn er an den
unentrinnbaren Tag dachte, an dem diese schmerzliche Wahrheit aufhren
wrde sein Geheimnis zu sein. Bisher hatte er immer gehofft, eines Tages
pltzlich mit seinem Werk hervorzutreten und dadurch die verbummelten
Jahre zu rechtfertigen. Er hoffte es auch jetzt noch, aber mit weniger
Zuversicht. Zwar druckte Der Abgrund immer wieder Gedichte von ihm ab,
aber er zahlte nichts dafr und die Bedingung, da nur von Abonnenten
unter Einsendung der Abonnementsquittung Beitrge aufgenommen wurden,
kam ihm neuestens nicht mehr so harmlos vor wie im Anfang. Andere
Zeitschriften, an die er sich wandte, gaben keine Antwort oder schickten
ihm seine Verse eiligst zurck, manchmal sogar mit hhnischen Glossen.

Wenn er htte schreiben wollen wie diese altmodischen Romanfabrikanten
und derartige Leute, dachte er, wrde der Erfolg nicht ausbleiben! Aber
wer nur das Eigenste, Innerste, Persnlichste darbot, wer seinen Stolz
in die Prgung neuer Formen, in die Pflege einer priesterlich reinen,
feiertglichen Sprache setzte, mute natrlich zum Mrtyrer des Ideals
werden. Nein, wenn auch nie Erfolg und Ruhm ihn belohnte, er wrde doch
niemals von etwas anderem reden und singen als von den erlesenen tiefen
Stimmungen und Visionen seiner innerlichsten Stunden.

Eines Tages tauchte eine neue Hoffnung in ihm auf. Er schrieb Briefe an
die beiden Dichter, die er am meisten verehrte. Darin schilderte er, wie
ihre Werke ihm Offenbarungen gewesen seien, drckte seine kniefllige
Verehrung aus und schlo mit der Bitte um Rat in seinen Dichternten,
fgte auch eine Abgrund-Nummer und einige Gedichte bei.

Und siehe, beide Gren antworteten. Der eine schrieb im feierlichsten
Stil, die Kunst sei allerdings ein Martyrium, es sei aber Ehre, die
schwere Last tragen zu drfen, und was heute keine Anerkennung finde,
werde vielleicht in einer spteren Epoche erkannt und zum gebhrenden
Ruhm erhoben werden. Er ermahnte den Jnger, treu zu bleiben und niemals
das alte _ars longa, vita brevis_ zu vergessen.

Der zweite Dichter schrieb einen ganz gewhnlichen Briefstil. Er danke
schn fr die herrlichen Worte und sende die hbschen Verse anbei
zurck; brigens scheine Herr Eiselein, wenn er nicht irre, in der
angenehmen Lage eines Privatmannes zu sein, der zu seinem Vergngen
dichte und das Elend derer nicht kenne, die davon leben mssen. In
diesem Falle mchte er Herrn Eiselein, dessen Brief und Gedichte einen
so feinsinnigen Kunstfreund verraten, um ein Darlehen von zweihundert
Mark ersuchen, da er zurzeit sehr in der Klemme sei. Man knne sich das
Leben eines Dichters nicht traurig genug vorstellen; von dem von Herrn
Eiselein so enthusiastisch verehrten Buche Das All, eine Trilogie zum
Beispiel habe er in den drei Jahren seit seinem Erscheinen an Tantiemen
den baren Betrag von 24 Mark 75 Pfg. eingenommen, und wenn er nicht
nebenher die Sportsberichte fr ein Tageblatt besorgen wrde, wre er
lngst verhungert.

Der enttuschte Karl Eugen legte beide Briefe zu unterst in die
Schublade. Oft hatte er schon frher darber mitgeschimpft, da das
deutsche Volk seine Dichter darben lasse, doch blickte er in diesen
Jammer jetzt zum ersten Mal so nah und klar hinein. Er hatte in seinem
Leben noch wenig anderes getan, als Gedichte gemacht -- woher htte er
wissen sollen, da die meisten Leute, auch wenn sie wirklich Bcher
lasen, Wichtigeres kannten und lesen wollten als die Trume und
schwankenden Stimmungen von ein paar Schwrmern? Freilich, er glaubte
das Leben zu kennen; er wute nicht, da er abseits desselben in einer
unfruchtbaren Wste lebe und da drben, im wirklichen Leben, jeder Tag
Wunder gebar, neben denen die raffiniertesten Symbolistenknste harmlos
und farblos waren.

Ohne da er viel tat auer Lesen, flossen die Tage weg. Der Sommer wurde
braun und neigte zur Welke, Septemberregen wuschen den Staub vom Grnen,
es gab schon farbige Bltter, khle Nchte und neblige Morgenfrhen. Und
mit dem fallenden Laube des groen Ahorns wehte ein Brief zur Tre des
Ladens herein, lag mit der brigen Post auf der Tischecke, ward von
Herrn Eiselein mit ins Kontor hinein genommen, gelesen, wieder gelesen,
mit einem hoffnungslosen Seufzer weggelegt und schlielich vom Herrn
selber zur Mama hinaufgebracht. Der Brief kam von einem Kaufmann in der
Universittsstadt und brachte die Enthllung, da Karl Eugen daselbst
noch viele Schulden habe, von denen der Vater keine Ahnung gehabt hatte.

Der Sohn war morgens im Laden gewesen, um seinen Tabaksbeutel zu fllen.
Er hatte den Brief dort liegen sehen und erkannt, und war stark in
Versuchung gekommen, ihn wegzunehmen. Aber schlielich mute es doch
einmal an den Tag kommen und da hatte es ihm besser geschienen, den
Zusammenbruch jetzt zu erleben, als noch lnger die Angst in sich
herumzutragen. Seither sa er in seiner Stube, von Augenblick zu
Augenblick das Eintreten der Eltern erwartend und frchtend, und jede
Minute kam ihm so lang wie ein Wintersemester vor. In dieser Stunde
fhlte, erlebte und litt er mehr, als in allen seinen Gedichten stand,
und seine freie, heitere Knstlermoral schmolz zu einem wehmtigen und
gequlten Trotz zusammen. Es kam aber niemand. Es wurde Zeit zum
Mittagessen und nach einigem Zgern fate er Mut und ging ins Ezimmer
hinber. Dort fand er nur seinen Vater, der schon an der Suppe sa und
nicht aufschaute. Die Suppe wurde abgetragen, das Rindfleisch und das
Gemse wurde gebracht und schweigend verzehrt, und Karl Eugen verging
fast vor Angst und Spannung.

Wo ist denn die Mutter? fragte er schlielich beklommen.

Verreist.

Wohin denn?

Wirst's dann schon hren.

Er fragte nicht weiter. Aber er sah im Geist seine kleine, schneidige
Mutter durch die Gassen der Universittsstadt laufen und seine
Versumnisse, Schandtaten und Schulden aufspren, eins ums andere. Sie
ging in seine ehemalige Wohnung, sie ging zu den Kaufleuten und
Gastwirten, zum Buchhndler und zum Juden Werzburger, und ach, sie ging
auch zu den Professoren, deren Ausspruch sein Schicksal vollends
besiegelte und ihm den Hals abdrehte.

Der arme Versmacher wute nun, welche Stunde es geschlagen habe. Wenn
wenigstens der Vater hingereist wre! Aber die Mutter! Sie wrde nichts
vergessen, ihr wrde nichts verborgen bleiben, sogar ber die
vergessenen und vergebenen ersten Semester wrden ihr blutrote Lichter
aufgehen.

Vier stille, scheue, bange Tage vergingen, voll Mitrauen und Zweifel
fr den Vater und voll Spannung und Qual fr den Jungen. Sie sprachen
nicht miteinander, obwohl beide den Wunsch dazu in sich trugen. Der Sohn
mochte nichts sagen, ehe er wute, wie viele seiner Snden entdeckt
seien. Der Vater war zum ersten Mal unvershnlich und tief emprt, da er
auf die scheinbare Besserung Karl Eugens, die sich nun als Komdienspiel
erwies, heimlich schon wieder herrliche Hoffnungen gebaut hatte.

Am fnften Tage kam Frau Eiselein zurck und jede verschwiegene kleine
Hoffnung, die der Alte und der Junge etwa noch genhrt hatten, sank in
Staub und Trmmer. Sie wute nicht nur genau, wie viel Schulden ihr Sohn
noch hatte, sie wute auch alles andere. Da es mit dem Studium aus und
vorbei und das Geld fr all die Semester weggeworfen und verloren war.
Da der Studiosus aus der Burschenschaft nicht ausgetreten, sondern
gewimmelt worden war. Da er sein Zimmer mit einer japanischen Tapete
und unzchtigen Bildwerken geschmckt, da er Verhltnisse mit schlimmen
Weibern gehabt und fr eine vom Theater eine Brosche gekauft hatte. Und
vieles andere von dieser Art.

Nachdem sie vor dem betretenen Snder und dem gebrochenen Vater alles
sachlich und gelufig berichtet und hergezhlt hatte, setzte sich die
Mutter auf einen Stuhl, blickte ihren Sohn durch und durch und sagte:
So, was sagst du dazu? Ist's wahr oder nicht?

Es ist wahr, besttigte er leise.

Bist du ein Lump oder nicht?

Mama --

Ja oder nein!

Ja, flsterte er und wurde fuchsrot.

Jetzt kannst du mit ihm reden, Schorsch, sagte sie zum Papa, dessen
Entrstung nun verzweifelt losbrach. Alle Kraftworte, die er frher an
dem Buben gespart hatte, strzten nun versptet und hitzig hervor, so
da der Malefikant seinen Vater kaum mehr kannte, whrend zu seinem
Erstaunen die Mutter ruhig sitzen blieb und mit merkwrdigem Mienenspiel
das Losheulen, Wten und Verrollen des groen Donnerwetters beobachtete.

Du kannst uns jetzt allein lassen, sagte sie ruhig zu Karl Eugen, als
der Vater verstummte, in seinen Sessel sank und mit dem Ersticken rang.
Wieder hatte sich das Znglein der Wage bewegt und von diesem Tage an
hatte die kluge, entschlossene Frau den Schwerpunkt der huslichen Macht
auf ihre Seite gebracht. Es wurden keine Worte darber verloren, aber
Eiselein senior tat nun vollends gar nichts mehr, ohne sie vorher mit
stummer Frage anzublicken, und der junior witterte und begriff, da er
von nun an seinen Wandel allein vor den Augen der Mutter zu fhren und
zu rechtfertigen haben werde. Darum fgte er sich ihr schweigend und
wartete lautlos, bis die Reihe an ihn kme, mit ihr zu reden.

Das geschah denn auch bald und grndlich. Er bekam nichts geschenkt, vom
Indianerzug bis zur japanischen Tapete fand er seine Vergehen und Laster
treu gezhlt und gebucht, und die Abrechnung schlo fr ihn mit einem
bodenlosen Minus. Zugleich hielt die Mutter es jetzt fr angezeigt, ihm
die verschlimmerte Lage des vterlichen Handels und Vermgens zu
erffnen, versteht sich nicht ohne nachdrcklich darauf hinzuweisen, wie
erheblich er, der Sohn, an diesem Rckgange mitschuldig war.

So stehen die Sachen, schlo sie endlich, und an deinen Schulden
haben wir mindestens noch vier, fnf Jahre zu ben. Was soll jetzt mit
dir werden?

Karl Eugen hatte mehrmals Miene gemacht, die lebhafte, aber sachliche
Darlegung seiner Mutter zu unterbrechen, war aber streng zur Ruhe
verwiesen worden. Nun sa er da, geschlagen und vernichtet, und sollte
Antwort geben. Mit finsterer Miene erhob er sich, rckte den Stuhl und
sagte: Ich wei nichts zu sagen, du wrdest mich doch nicht verstehen.
Es ist besser, ich gehe jetzt fort; wenn ich mein Ziel erreiche, hret
ihr wieder von mir, im andern Falle bin ich nicht der erste, der so
zugrunde gegangen ist.

Und schon nherte er sich der Tre, fast stolz auf sein Elend und auf
den tragischen Ton, in dem er seine Worte vorgebracht hatte. Aber die
Mutter rief ihn zurck.

Du bleibst geflligst sitzen, sagte sie, bis ich fertig bin.

Er nahm leise wieder Platz. Sie lachte vor sich hin.

Soll denn die Theaterspielerei gar nicht aufhren, dummer Bub? Wo
willst du denn hin? Hast du denn Geld? Du bist gar nicht der Mann, mir
was vorzuspielen, und fr das Verzweifelttun geb' ich dir keinen
Kreuzer. Oder willst du dir etwa das Leben nehmen? O du! Tust's ja doch
nicht, ich kenn' dich schon. Nun, du bist nun einmal leider Gottes unser
Bub und wir mssen sehen, da noch was aus dir wird. Fortgereist wird
jetzt nimmer, also mach' keine Komdie und sag', was du zu sagen hast.
Ob ich's dann versteh' oder nicht versteh', ist meine Sache. Warum soll
ich dich durchaus nicht verstehen? Du hast doch meiner Seel' nicht so
viel studiert. Also los!

Im Herzen war der Jngling froh, da sie ihn nicht hatte laufen lassen,
und trotz der Beschmung begann er ein wenig Vertrauen zu ihr zu fassen.
Er hustete also ein bichen, seufzte und schnitt die vorbereitenden
Grimassen, und dann begann er zu erzhlen und zu erklren, da er von
jeher ein Dichter habe werden wollen. Er habe, man mge es glauben oder
nicht, genug Studien gemacht und viel gelernt, und er sei jetzt auf dem
Sprung, sein erstes Werk zu schaffen. Wenn er jetzt davon ablassen
msse, so wre all die schne Zeit doppelt verloren; vielleicht glcke
es ihm damit und dann sei alles wettgemacht. Er begann von
Schriftstellern zu erzhlen, die Landhuser besitzen und erster Klasse
reisen; von den Briefen der beiden Symbolisten sagte er nichts. Sie
unterbrach ihn und meinte, er knne schon zufrieden sein, wenn es
hinreiche, seine Schulden zu zahlen. Bis wann er denn sein Werk fertig
machen wolle, wenn es in all den Semestern nicht fertig geworden sei? Da
wurde er wieder lebhaft und erklrte ihr, welche Reife so etwas
erfordere. Reife! lchelte sie. Jetzt aber sei er so weit; wenn er nur
noch diesen Winter zur Arbeit frei habe, wrde er fertig.

Ich will noch drber schlafen, sagte sie, es kommt jetzt vollends auf
einen Tag nimmer an. Wir reden morgen weiter. Da du Tabak und Schnaps
nach Belieben aus dem Laden holst, mu aber schon heut ein Ende haben,
denk' dran!

Als der junge Mensch in seiner Stube sa und die Sache berdachte, kam
er sich zwar erbrmlich klein und gedemtigt vor und schmte sich fast
vor den stolzen Bchertiteln an der Wand; aber froh war er doch, die
Angst vom Halse und wieder Boden unter seinen Fen zu haben. Er zog das
dicke Heft hervor, in welchem die paar ersten Zeilen seiner groen
Dichtung standen. Das Tal der bleichen Seelen stand auf dem Umschlag,
und der Titel schien ihm gut, ein kleines Meisterwerkchen. Er war eine
Offenbarung und ihm vor einem Vierteljahr auf dem Heimweg von einer
einsamen Kneiperei eingefallen, und seither glaubte er an sein Werk und
hatte ein Gefhl, als sei das Schwerste, Entscheidende daran schon
getan. Auch die Widmung war schon fertig. Sie war an jenen Dichter, der
ihm den Mrtyrerbrief geschrieben hatte, gerichtet, kurz und schn, in
feiner Mischung von Stolz und Demut, das ehrerbietige Sichneigen vor dem
auserwhlten Geiste ausdrckend.

Herr Eiselein hatte noch am selben Abend eine zweite Unterredung mit
seiner Frau. Er wute durchaus keinen Rat, sthnte und fluchte
abwechselnd und wurde desto elender, je lebhafter die Frau ihn um
Vorschlge drngte.

Du weit also nichts? sagte sie dann am Ende freundlich.

Wtend sprang er auf und lief in der Stube hin und her wie ein
Eingesperrter.

Nach Amerika schick ich ihn, den Gutedel! schrie er zornig.

Damit er vollends ein Lump wird? Und meinst du, die Reise kostet
nichts? Nein, er soll schn dableiben, bis er seine Streiche abverdienen
kann. Man hat schon Schlimmere wieder zuwege gebracht.

Ja, aber wie denn?

Wenn dir's recht ist, will ich sehen, was zu machen ist. Geduld wird's
schon brauchen. berla ihn nur mir!

Dabei blieb es, denn der Hausherr wehrte sich nicht. Er fhlte, ohne da
sie etwas weiteres sagte, den Sinn dieses Abkommens wohl heraus. Du
hast ihn verlottern lassen, meinte sie, ich will ihn wieder kurieren,
du aber la die Finger davon.

Folgenden Tages rief sie den bange harrenden Sohn zu sich und gab ihm
ihre Entschlsse kund.

Ich habe mit Papa ber dich beraten, sagte sie. An deine Dichterei
hab ich keinen rechten Glauben. Damit du aber nicht sagen kannst, wir
htten dich mit Gewalt von deinem Glck abgehalten, sollst du deinen
Willen noch einmal haben, aber zum letzten Mal. Du kannst also diesen
Winter dichten so viel du willst. Wir sind jetzt im Oktober, da kannst
du bis zum Frhjahr schon was hinter dich bringen. Aber wenn es dann
nichts damit ist, hat das Bummeln ein Ende und du mut dann endlich
daran glauben und eine solide Arbeit anfangen. Ist's dir so recht?

Es war ihm recht und er lie es nicht an Dankesworten fehlen. Das Herz
schlug ihm vor Lust, da er nun nicht mehr heimlich, sondern erlaubter-
und anerkannterweise das Leben eines Dichters fhren sollte. Der Druck
der Angst und des bsen Gewissens war von ihm genommen, er atmete wieder
legitime Lebensluft, nachdem er so lang auf dem dnnen Glasboden einer
rechtlosen Scheinexistenz gewandelt war. Nun hoffte er einen neuen
Aufschwung und freute sich darauf, tchtig zu arbeiten. Denn von
Arbeiten redet ja niemand lieber als Dichter, Knstler und dergleichen
Miggnger. Freudig stieg er die schmale Stiege zu seiner Stube hinauf,
warf sich aufatmend in den Lehnsessel, steckte eine Pfeife an und griff
nach den Violetten Nchten, einem seiner Lieblingsbcher, in dessen
dunkle, reimlose Verse er sich mit Wollust vertiefte.

Das Tal der bleichen Seelen war einstweilen immer noch ein dickes
Quartheft mit weien Blttern. Der Dichter htete sich wohl, diese
harrende unbeschriebene Flche zu entweihen. Auf ihr sollte nur etwas
Kostbares, Delikates Platz finden, Zge bleicher Seelen sollten ber sie
hinweg schauern wie Herbstwolken, zart und dster, abwechselnd mit
tieftnigen, farbig lodernden Trumen im Stile des Gabriele d'Annunzio,
der seit einiger Zeit fr Karl Eugen die Rolle des Vermittlers
romanischer Kultur spielte. Selber hatte er nie das Glck gehabt,
Italien oder italienische Kunstwerke zu sehen, doch hatte die Lektre
dieses Italieners ihn so erzogen, da er mhelos Vergleiche und Bilder
anwenden konnte wie vornehm gleich den Gesten einer Madonna des Karlo
Crivelli oder khn wie eine Form des gttlichen Benvenuto Cellini
oder ein Lcheln von lionardesker Lieblichkeit. So hufte er spielend
die Schnheiten alter und fremder Kulturen; er gab seinem Stil bald die
Glut des d'Annunzio, bald die welke Reife von Huysmans, bald die
trumerische Mrchenfarbe Maeterlincks oder die weiche Sigkeit
Hofmannsthals. Noch ein wenig Zeit, ein wenig Reife, und es mute daraus
etwas berckend Kstliches entstehen.

Er wartete ab, las in seinen Bchern, liebkoste das leere Papier und
setzte sich in Bereitschaft, die bleichen Seelen wrdig und feierlich
durch symbolische Traumlnder zu geleiten. Sie sollten von allem reden,
was schn und fern und seltsam ist, und an alles erinnern, was in
einsamen Nchten die schauernde Seele eines stheten berhrt und
entzckt und traurig gemacht hat. Von den Wnden schauten erwartungsvoll
und segnend die Bcherreihen, die Tabakspfeifen und das Bildnis des
Dichters mit dem Kondottiere herab. Zuweilen schien es ihm, als seien
dies alles Dinge, welche berwunden oder doch berboten werden knnten.
Dann strich er sich leise mit der Rechten bers Haar, blickte sinnend
und lchelnd vor sich nieder und trumte von den wunderbaren, reichen,
schpferischen Stunden, in denen er im Sinnbilde der bleichen Seelen
alles Wunderbare und Unerhrte aus dem Reich der Schnheit erfassen und
in adlige Formen schpfen wrde.

Nach einer solchen Stunde war es ihm immer doppelt peinlich, wenn er im
Laden, wo er sich mit irgend einer Strkung versehen wollte, dem
strafenden Blick des Vaters oder gar der Mutter begegnete und
unverrichteter Dinge wieder abziehen oder ein paar Zigarren und
dergleichen durch lange, demtige Bitten und Reden erkmpfen mute. Doch
wute er sich in diese Milichkeiten fast immer mit Ergebung und
freundlicher Ruhe zu finden oder fr die Stillung seiner Bedrfnisse
unbewachte Minuten zu bentzen.

Der November brachte noch eine Reihe von sonnig blauen Tagen und am
Rande der Tannenwlder leuchtete noch immer rot und gelbes Laubgebsch.
Um diese Zeit begann der Abgrund seine Leser zur schleunigen
Erneuerung ihres Abonnements aufzufordern, was eine Zwiesprache zwischen
Mutter und Sohn zur Folge hatte, worin er den krzeren zog, so da er
sich darein schicken mute, die Trstung, sich je und je gedruckt zu
sehen, knftig zu entbehren.

Dann kam ein tagelanger schwerer Regen, und eines Morgens lag auf den
vllig entbltterten Bschen im Garten der erste leichte Reif.

Kaum hatte den der Dichter erblickt, so stieg er in den Keller und holte
sich ein Becken voll Kohlen und einen Arm voll Holz herauf. Das
wiederholte er am Nachmittag und acht Tage lang tglich zweimal, bis an
einem Abend, whrend es im Ofen knallte und krachte, Frau Eiselein in
die Stube trat.

Du bist wohl verrckt, sagte sie und deutete auf den glhenden Ofen.
So heizen kann man zur Not bei zehn Grad Frost. Das ist auch so eine
Studentenmode. Du weit wahrscheinlich nicht, was die Kohlen kosten?
Drunten mssen wir jeden Pfennig sauer verdienen und du verbrennst das
Zeug da gleich zentnerweise.

Karl Eugen war aufgestanden und blickte scheu herber.

Ungesund ist die bertriebene Heizerei auch noch, fuhr sie fort.
Frieren sollst du nicht, aber auch nicht das Dreifache verbrennen wie
andere Leute. Knftig findest du jeden Morgen ein Becken voll Kohlen und
das ntige Holz dazu parat gemacht. Damit kommst du aus, wenn du
Vernunft hast. Das Selberholen mu aber aufhren.

Des Sohnes Vorstellungen waren erfolglos und er blieb schmollend in
seiner Stube. Vierzehn Tage lang behalf er sich mit dem zugemessenen
Vorrat; da er aber die Gewohnheit hatte, zu berheizen und weit in die
Nacht hinein lesend aufzubleiben, reichte er bald damit nimmer aus.
Morgens einmal, als er noch das ganze Haus schlafend glaubte, stand er
frstelnd auf und schlich in den Keller, fand aber zu seinem nicht
geringen rger und Schrecken den Kohlenverschlag wohlverschlossen. Noch
grer war seine Verlegenheit, als er beim Hinaufsteigen in der Tre die
Mutter stehen sah, die ihm guten Morgen wnschte.

Machst dir ein bichen Bewegung? rief sie lchelnd. Ja, ja,
Frhaufstehen ist gesund.

Du, Mutter, sagte er flehend, mit dem bichen komm' ich nicht aus.
Leg' ein paar Schaufeln zu!

Tut mir leid, war die Antwort, tut mir leid, junger Herr. Wer nichts
verdient, mu wenigstens sparen knnen. Wenn du aber durchaus mehr
brauchst, so weit du ja den Weg in den Wald, wo du als Bub schon oft
genug Tannenzapfen aufgelesen hast. Wenn du jeden Morgen so zeitig
aufstehst wie heute und statt in den Keller in den Wald gehst, kannst du
leicht einen Korb voll oder zwei zusammenbringen. Arme Leute heizen mit
nichts anderem.

Am nchsten Morgen blieb er zum Trotz recht lang im Bett liegen. Am
bernchsten stand er in der Frhe leise auf, nahm einen Sack mit und
ging in den Wald. Das Lesen kam ihm schrecklich mhsam vor, nach einer
guten Stunde war der Sack aber voll und er konnte ihn noch heimtragen,
eh' die Gassen sich belebten. Von da an ging er tglich und die Mutter
tat, als nehme sie keine Notiz davon. Bald kannte er im Walde die guten
Reviere, vermied die Kiefernwlder und die jungen Bestnde und hielt
sich an den alten Tannenforst, wo das dichte Moos voll Zapfen lag. Dabei
wurde er immer so warm, da er nachher kaum mehr zu heizen brauchte. Die
harsche Herbstmorgenluft tat ihm sichtlich gut und allmhlich lernte er,
zum ersten Mal seit seiner Schulbubenzeit, auch wieder ein Auge auf das
Waldleben haben. Er sah die Sonne aus dem Nebel steigen, gewhnte sich
dran aufs Wetter zu achten, jagte bald einen Hasen, bald ein Wildhuhn
aus dem Schlaf und da er doch einmal mit den verdammten Zapfen zu tun
hatte, lernte er sie allmhlich nach Form und Herkunft kennen und die
dunklen harzreichen von den leichten und drren, die der Weitannen von
den rottannenen unterscheiden. Anfangs verbarg er sich, so oft ein armes
Weiblein, ein Forsthter oder Bauer daherkam, nach und nach wurde er
weniger scheu und schlielich trug er im Notfall, wenn auch ungern,
seinen Sack vor jedermanns Augen heim.

Es kam ein Tag, noch im November, da gab er seinen letzten, aus den
ppigen Zeiten her brig gebliebenen Batzen aus. Zaghaft wandte er sich
an die Mutter um ein wenig Taschengeld.

Was brauchst du denn? fragte sie. Du hast doch alles Ntige.

Nun ja, er brauchte eigentlich nichts, aber man mute doch fr alle
Flle ein paar Groschen im Sack haben.

Ach so. Die Mutter nickte. Zu einem Glas Bier oder so, nicht wahr?
Ist ganz recht. Leider hab' ich fr solche Sachen gar nichts brig --
aber wenn dir neben dem Dichten etwa eine Stunde brig bleibt, kannst du
dir ja leicht ein bichen was verdienen. Fr den Sack Tannenzapfen, den
du mir bringst, geb' ich fnfzig Pfennig. Oder wenn du morgen vormittag
mit dem Vater Kisten packen willst, kannst du auch eine Mark verdienen.

Er war einverstanden und wenn er knftig fr sein wohlverdientes Geld im
Adler oder Sternen einen Schoppen trank oder eine Kegelpartie mitmachte,
schmeckte es ihm besser als frher bei manchem Kommers.

Kurz vor Weihnachten fiel ein wenig Schnee und gleich darauf trat Frost
ein, so da es mit der Waldarbeit pltzlich ein Ende hatte. Dem Dichter
tat es fast leid um die gewohnte Morgenbeschftigung, als aber
Weihnachten kam und vorberging, fiel es ihm pltzlich auf die Seele,
wie schnell die Zeit verstrich und wie notwendig es nun war, seine
Dichtung ernstlich vorwrts zu bringen. Scke holen, Kisten packen, Holz
spalten und dergleichen hatte ihn in der letzten Zeit ganz davon
abgebracht.

Als er zum ersten Mal das Tal der bleichen Seelen wieder zur Hand nahm,
gefiel der Titel ihm nicht mehr so ganz und er suchte einen neuen zu
finden, aber es fiel ihm keiner ein. Mimutig lief er eine Zeitlang
herum, ging fter als sonst zu einem Bier und Billard und sah sich daher
bald wieder ohne Taschengeld. Diesmal half er beim Ausschreiben der
Neujahrsrechnungen und sa drei Tage beim Papa im Kontor. Er bekam ein
paar Mark dafr, aber seine Dichtung wurde davon nicht fett. Vielmehr
war es merkwrdig, wie nach jeder solchen Arbeit die Gedanken
ausblieben, statt zu kommen. Whrend er das Widmungsblatt nochmals
berlas und sich daran begeistern wollte, geschah es, da er pltzlich
daran denken mute, da der reiche Direktor Selbiger seinem Vater die
letzte Halbjahrsrechnung noch immer schuldig geblieben war. Ob es wohl
anging, den Mann zu mahnen? Bei Tische sprach er mit dem Alten darber,
aber der war entschieden frs Abwarten.

Und immer fter nahm Karl Eugen mit Verzweiflung wahr, da er mit jedem
Schritt, den er im ttigen Leben machte, seiner Dichtung ferner kam und
Abbruch tat. Er zwang sich nun gewaltsam und schrieb ein paar Seiten,
die ihn aber nicht befriedigten. Die Sprache war geqult und steif, es
kam kein Leben hinein. rgerlich warf er das Heft dann in die Schublade
und ging zu einem Kartenspiel im Hecht, verlor ziemlich und bot sich
wieder fr zwei Tage zum Mithelfen im Laden an.

Dann suchte er bei seinen Bchern Trost, die er in letzter Zeit
vernachlssigt hatte. Und nun erlebte er es zum ersten Mal, da sie ihn
im Stich lieen, ihm keine Stimmung gaben und ihm sogar fast langweilig
vorkamen. Er htte jetzt ein Dichterwerk gebraucht, das seine
gegenwrtige Not erfat und ausgesprochen und trstlich verklrt htte.
Aber d'Annunzio betrachtete griechische Gemmen und streichelte die
Schultern schner Baronessen, Oskar Wilde roch an exotischen Blumen und
analysierte sein Nervenleben, und der Kondottiere-Dichter besang eine
blaue Stunde und einen leierspielenden Knaben.

Eine leise erste Ahnung stieg bitter in ihm auf, da alle diese schnen
Bcher vielleicht eben nur Bcher, nur ein Luxus fr Glckliche und
Reiche und Zufriedene seien, mit dem Leben und seiner Not aber keine
Berhrung hatten und haben wollten -- Olympier an goldenen Tischen,
welche von unten her, aus dem Wirrsal des Menschlichen, kein Klagelaut
erreichte. Sie waren schn gewesen, als er sie in ppigen, faulen Zeiten
genossen hatte. Und jetzt, da das Leben seine Hnde nach ihm
ausstreckte, schwiegen sie und wollten nichts von ihm wissen. Der
Dichter des All fiel ihm ein, der keine Trilogien mehr, sondern
Sportsberichte fr ein Tageblatt schrieb. Und er warf das Buch, das er
gerade in der Hand hielt, zornig und traurig an die Wand.

Im Februar tat Frau Eiselein die erste behutsame Frage nach dem Gedeihen
der Dichtung. Karl Eugen hatte gerade ein Fa Petroleum hereingerollt.
Er drckte sich um die Antwort. Und als sie neugierig war, wenigstens
den Titel zu erfahren, rckte und schob er unmutig an dem Fa herum und
brummte: Den Titel macht man immer zuletzt. Doch wurde er rot dabei.

Ende Mrz klopfte die Mama wieder an, trat zu dem Dichter an den
Schreibtisch und verlangte sein Werk zu sehen.

Es ist nicht fertig, sagte er in unbehaglichem Ton.

Dann ist's eben halbfertig, beharrte sie. Ich gehe nicht aus der
Stube, bis ich's gesehen habe. Sei vernnftig, du kennst mich doch.

O ja, er kannte sie. Dennoch zgerte er noch eine ganze Weile, ehe er
die Lade herauszog und sein Heft vorlegte.

Das Tal der bleichen Seelen! Schau, jetzt ist ja doch der Titel da,
freilich ein komischer.

Es folgten etwa zehn beschriebene Bltter, auf denen aber das meiste
wieder durchgestrichen war.

Ist das alles? fragte sie ruhig.

Das ist alles .... Ich wollte -- --

La nur, 's ist schon gut.

Da die Frau das schmerzliche Gesicht ihres Sohnes sah, hielt sie an sich
und brach erst nachher auf der Treppe in ein krftiges Gelchter aus.

Als sie spter den Dichter auf den Kopf fragte, bis wann sein Werk wohl
Hoffnung habe, fertig zu werden, senkte er den Kopf und gestand: Ich
glaube nie.

                   *       *       *       *       *

Im April trat Karl Eugen in das Geschft seines Vaters ein. Im nchsten
Jahre ging er als Volontr in ein auswrtiges Kaufhaus, von wo er mit
guten Zeugnissen zurckkam, und als nach einigen weitern Jahren der alte
Herr anfing krnklich zu werden, bernahm er den Laden allein und
berlie dem Vater nur noch die Korrespondenzen.

Whrend dieser Jahre fiel das Geniewesen in aller Stille vollends von
ihm ab wie eine Schlangenhaut, und es zeigte sich, da unter der Hlle
recht viele vterliche und mtterliche Erbstcke unverloren geschlummert
hatten. Die erstarkten nun und traten bald auch uerlich zutage. Wie
mit dem Lesen und Dichten der Weltschmerz, so war mit dem Schlips und
den Geniemanieren auch die falsche Bedeutsamkeit und Wichtigkeit des
Auftretens verschwunden und der absonderliche Apfel also doch nahe beim
Stamm gefallen. Und der vom milden Stachel tglicher Arbeit aus dem
Traum geweckte Jngling sah allmhlich ein, da seine vermeintliche
Frhreife weit eher ein ungewhnlich langes Kapriolenmachen der
Jugendlichkeit gewesen war. Aber desto grndlicher fate er die Arbeit
und Umkehr an.

Die Zeit ging hin, er heiratete und wurde Vater, das Geschft ging nicht
bel und seine Schulden waren alle lngst bezahlt. Zuweilen nahm er etwa
einmal abends eines der Bcher von damals in die Hand, bltterte darin
hin und her, schttelte nachdenklich den Kopf und stellte es an seinen
Ort zurck. Das Dichterbildnis aber hing noch immer an der Wand: der
Jngling im modischen Kragen blickte stolz und verachtend aus dem Rahmen
und hinter ihm sa unerschttert der khne Kondottiere auf seinem
ehernen Ro.




                               Garibaldi


Dieser Tage fuhr ich in der Eisenbahn von Steckborn nach Konstanz. Durch
Obstbume glnzte mattrot der abendliche Untersee, Bauerngrten mit
Geranien, Fuchsien und Georginen leuchteten durch braun und grne
Lattenzune, jenseits des Wassers lag die Reichenau und ber Ried und
Rebbergen das hohe Horner Kirchlein goldig umleuchtet in der milden
Abendklarheit. Es war noch hei und ich hatte streng rudern mssen, um
den Zug noch zu erreichen. Nun sa ich mde und gedankenlos allein in
der Wagenecke und sah durchs offene Fenster die wohlbekannten Berge,
Matten und Wasser im roten Abenddunst verglhen.

Der Wagen war fast leer. Ein paar Bnke weiter saen zwei grauhaarige
Herren in lebhaftem Gesprch beisammen. Ich war zu md und teilnahmlos,
um etwas davon zu verstehen; ich hrte nur die einzelnen Worte und nahm
wahr, da der eine von den Redenden ein Thurgauer vom See, der andere
aber ein Zrcher sein msse, der Sprache nach zu urteilen. Dann
interessierte mich auch das nicht mehr, ich lehnte mich trg in die Ecke
und begann zu ghnen.

Da hrte ich in dem benachbarten Gesprch pltzlich mehrmals den Namen
Garibaldi nennen und war verwundert, da dieses Wort mich so merkwrdig
erregte. Was ging mich Garibaldi an?

Ja wohl, der Garibaldi! rief da wieder der Thurgauer laut, und die
Betonung, mit der er den Namen aussprach, weckte mich aus meiner
Stumpfheit und zwang mich, dem lang nicht mehr gehrten Klange folgend
lange Erinnerungswege zu wandern, zurck und weiter zurck bis in die
Zeiten, in denen jener Name mir vertraut und wichtig gewesen war. Aus
khlen Brunnentiefen ferner Kinderjahre wehte mich ein fremder, starker
Heimwehzauber an. Und als ich spt am Abend von Konstanz zurck war und
dann langsam durch die bleiche Seenacht meinem Dorfe entgegen fuhr, als
der leise laue Wind im Segel sang und seltene Rufe aus entfernten
Fischerbooten bers Wasser wehten, stand ein Stck Kinderzeit und
halbvergessenes, glckliches Ehemals neu und lebendig vor mir auf.

                   *       *       *       *       *

Garibaldi war ein Mrchen, ein Phantasiebild, eine Dichtung.

Eigentlich hie er Schorsch Grojohann, wohnte jenseits unseres
gepflasterten Hofes und trieb das dunkle Gewerbe eines Winkelreinigers,
das ihn kmmerlich ernhrte. Ich wurde aber zehn Jahre alt, ehe ich
seinen eigentlichen Namen erfuhr; bis dahin hrte ich ihn nie anders als
den Garibaldi nennen und wute nicht, da schon dieser Name, der mir so
wohl gefiel, eine Dichtung war. Ihn hatte meine Mutter erfunden, und da
ich ohne meine Mutter nie zum Trumespinner und Fabulierer geworden
wre, war es billig, da sie auch bei jenem Kindermrchen Pate stand.
Sie hatte das Bedrfnis und auch die Gabe, ihre ganze Umgebung bestndig
nach ihrem eigenen, lebhaften Geist zu gestalten und zu benennen, und
ich darf von dieser ihrer Zauberkunst nicht zu reden anfangen, da ich
sonst kein Ende fnde.

So hatte sie auch, schon lang vor meiner Geburt, mit dem alten
Winkelreiniger Grojohann, den man tglich mehrmals ber unsern Hof
gehen sah und mit dem man doch kaum alle Jahr einmal ein Wrtlein
sprach, nichts anzufangen gewut. Dem schmierigen Winkelreiniger half es
nichts, da er eine mchtige, wetterfeste Figur, breite Schultern und
ein abenteuerlich kriegerisches Gesicht mit greisem, langem Doppelbart
besa; an ihm war das nur lcherlich. Aber sobald man ihn Garibaldi
nannte, war er seines stolzen ueren wrdig, dann umwitterte ihn statt
des Winkelgestankes eine heroische Luft und war es jedesmal ein Erlebnis
und eine Freude, ihm zu begegnen. Meine Mutter wnschte stets unter
Menschen und Sachen zu leben, deren Anblick ihr jedesmal ein Erlebnis
und eine Freude war. So nannte sie den alten Nachbar Garibaldi.

Ich kleiner Bub wute vom wahren, historischen Garibaldi, dessen Bild
und Taten meiner Mutter wohlbekannt waren, damals noch kein Wort. Aber
der stattliche welsche Name machte mir groen Eindruck und hllte den
Schorsch Grojohann wie eine sagenhafte Wunderwolke ein.

Soweit war Garibaldi die Schpfung meiner Mutter. Ohne davon eine Ahnung
zu haben, dichtete ich nun an ihm weiter und machte ihn zu einem
seltsamen Helden, dessen Leben ich mitlebte und dessen Schicksale mich
wie eigene Schicksale bewegten, ohne da ich je ein Wort mit ihm
gesprochen htte. Fast jeden Tag sah ich ihn ein oder zweimal in seiner
Ttigkeit, auerdem abends im Hof oder hinter den niederen Fensterchen
seiner Wohnung.

Er war damals schon bald siebzig und, wenn man auf Kleidung und
Reinlichkeit nicht allzu streng achten wollte, ein schner Greis. Das
Kriegerische, das er an sich hatte, bestand neben der groen sehnigen
Gestalt hauptschlich in der braunen Gesichtsfarbe und in dem langen,
gelblichgrauen, stark verwilderten Haar und Bart. Wenn man das Gesicht
genauer aufschaute und mit dem ueren Wesen und Lebenswandel des alten
Mannes zusammenhielt, kam eher ein milder Charakter heraus. Mund und
Nase zwar waren fest, scharf und schneidig geformt, aber die groe
stille Stirn wies weder Narben noch tiefe Falten auf, sondern glich etwa
einer abendlichen Strae, auf welcher das Leben vollends eindmmert oder
wo Wanderer, Wagen und Rosse, das sind Gedanken, Hoffnungen und
Leidenschaften schon so lange vorbergebraust und gefahren sind, da
ihre Spuren sich wieder zu gltten beginnen. Dies besttigten auch die
hellgrauen Augen. Sie waren noch klar und scharf und saen klein und
wachsam ber der braunen Hakennase, aber der Blick zeigte eine etwas
mde Ruhe, als suche er in diesen spten Tagen auf Erden keine Ziele
mehr.

Schn und merkwrdig war in diesem gefestigten und stillgewordenen
Angesicht ein manchmal auftauchendes, ganz schwaches Lcheln der Ruhe
und leidlosen Resignation, wenn der alte Schorsch etwa einem Festzug,
einem Kinderauflauf, einer Prgelei oder dergleichen zuschaute. Wenn
hinter diesem Lcheln irgend ein bewuter Gedanke stand, so war es der
eines ironisch zuschauenden, berlegen Unbeteiligten, dem die
Wichtigkeit dieser kleinen menschlichen Hndel schon lange lcherlich
und kindlich vorkam.

Hauet einander nur, sagte dieses Lcheln, hauet nur zu! Und
meinetwegen knnt ihr ja Feste feiern, wenn's euch Spa macht. Was
kmmert's mich?

Mein Verstand war noch viel zu klein, um diese Zge zu lesen und sich
einen Reim darauf zu machen. Aber meine Phantasie nahm von dem stillen
Alten Besitz und lie ihn nicht los, sie liebte ihn und schuf ihn zu
einem Wesen um, das mir viel ferner und fremder war als er selber und
das doch zu mir gehrte und zum Helden meiner Gedanken wurde, whrend
der Schorsch selber jahraus jahrein mir vorberging und unbekannt blieb.
Und wenn ich nun vom alten Garibaldi erzhle, ist es mehr Getrumtes als
Gesehenes, aber lauter Erlebtes, und vielleicht ist das Erfundene so
wahr wie das Gesehene; vielleicht erlebte meine Phantasie nichts anderes
als was der Alte htte erleben knnen und sollen, wenn er nur dazu
gekommen wre.

                   *       *       *       *       *

Vom Hofe aus fhrte eine kaum fubreite, schadhafte und berhngende
steinerne Treppe, ein richtiger Halsbrecher, an der alten, weit
ausgebauchten Bergmauer hin in ein winziges Grtchen hinauf, das dem
Nachbar Staudenmeyer gehrte. Grtchen ist eigentlich schon viel gesagt,
denn das zwischen zwei in den Berg hinein gebauten Hinterhusern und
einer jhen Terrassenmauer eingeklemmte Stck abschssigen Bodens war
nicht grer als eine tchtige Stube. Vom Berge her schwemmte jeder
Regen eine Menge Sand herab und nahm dafr die gute schwarze Erde mit,
und auf der einen Seite stand das Dach des daraufstoenden Hauses so
weit ber, da man dort in Wirklichkeit kaum das Gefhl haben konnte, im
Freien zu sein. Die Nachbarin hatte, noch auer der Witterung und dem
Unkraut, um den Besitz ihres Fleckchens Erde ohne Unterla mit einer
groen Schar von verwilderten Katzen und mit einer nicht kleineren Horde
strohblonder Kinder zu kmpfen. Beide, Kinder und Katzen, entstammten
der benachbarten, steilen und finsteren Armutgasse, wilderten ppig in
dem Winkel dort herum, waren nicht auseinander zu kennen und so wenig
mit Erfolg zu bekriegen wie ein Mckenschwarm. Allmhlich wurde also
Frau Staudenmeyer des Kmpfens mde und das Grtlein fiel ganz den
ungebetenen Gsten anheim. Es wucherten nun auf dem verwahrlosten Platze
alte Stachelbeerstauden mit einem geilen, niemals Frchte reifenden
Erdbeergeschlinge samt vielerlei Unkrutern zu einem grnen Wirrwarr
zusammen, aus welchem hier und dort ein Rest der ehemaligen
Gartenherrlichkeit, etwa ein himmelhoch aufgeschossener Salatstock oder
eine faustgroe Zwiebelblte hervorragte.

Im Sommer und Herbst, wenn an schnen Tagen abends noch Sonne dort
hinunter kam und die feuchten Mauern erwrmte, dann erschien gegen
sieben Uhr der greise Garibaldi im Hof, stieg langsam die schmalen
Steinstaffeln zum Grtchen hinauf und setzte sich auf den ausgetretenen
obersten Treppenstein. Dort ruhte er schweigend in der schwachen
Sptsonne, tat seltene Zge aus einer schwarzgebrannten, kurzen
Holzpfeife und gab nur, wenn etwa ein Nachbar ihn vom Fenster aus
anrief, ein kurzes Wort zurck. Sonst redete er keinen Ton, sondern sa
regungslos auf dem schmalen Stein und ruhte und rauchte, bis es dunkelte
und khl wurde. ber und unter ihm rumorten die Kinder, rauften und
zankten miteinander, fraen unreife Beeren und erfllten die goldige
Abendluft mit Gelchter, Geschrei und Gewimmer. Sie hieben einander die
Kpfe blutig, stahlen einander das Vesperbrot, fielen ber die Mauer
herab und schrien Mordio. Den Alten berhrte es nicht, obwohl er
ungezhlte Enkel und Groneffen unter der Horde hatte. Wenn einmal etwas
Besonderes los war und das Geschrei zum Gebrll anwuchs, drehte er den
verwitterten Kopf vielleicht ein wenig danach hinber und auf seine
schmalen Lippen trat fr einen flchtigen Augenblick das khle,
gleichgltige Lcheln, mit welchem er den Lauf der Ereignisse zu
betrachten gewohnt war.

Er hatte an anderes zu denken als an das kleine Zeug um ihn herum.
Whrend sein brauner Daumen die Glut in die Holzpfeife zurck stopfte,
verweilte seine Erinnerung weit von hier, in alten Zeiten und fremden
Lndern, in wilden Feldzgen und auf weiten, abenteuerlichen Raub- und
Wanderfahrten.

Er sah Hfe und Drfer in Brand stehen und mit langen, unwilligen
Flammen durch die Nacht gen Himmel klagen. Er sah auf verlassenen
Straen und auf den Trschwellen verlassener Huser Erschlagene in
schmutzigen Blutlachen liegen, krepierte Pferde und zertrmmerte Wagen,
dazwischen herrenlos umherirrendes Vieh und verlaufene, weinende Knaben
und Mdchen.

Kam dann etwa eins von seinen strohblonden, verwahrlosten Enkelkindern
hergelaufen und bettelte: Grovater, schenk' mir was!, dann streifte
er es mit flchtigem Blick und setzte, ohne eine Antwort zu geben, sein
spttisch stilles Lcheln auf, und das Kind lief wieder weg. Er aber
hrte schnell wieder auf zu lcheln, zog die Kniee ein wenig hher,
neigte den grauen Kopf ein wenig weiter vor und blickte wieder in die
Lnder der Erinnerung, der Abenteuer, mit demselben unverwandten,
glhenden und auch verschleierten Blick, welchen die in Kfige
gesperrten Raubvgel haben. ber seine hohe, braune Stirne fiel in
fahlen Strngen das lange Haar und nichts an der ganzen Gestalt hatte
Leben und bewegte sich als der schmale, alte Mund, der zuweilen eine
dnne Rauchfahne hinaus blies, und als sein hagerer Schatten, der ber
die Mauer hinab und langsam ber den ganzen Hof wanderte, immer lnger
und phantastischer und immer wesenloser werdend, bis er in die
allgemeine Dmmerung untertauchte.

So im Dunkelwerden war es mir eine grausige Lust, vom Fenster meiner
Knabenkammer aus den Garibaldi dasitzen zu sehen, von Haar und Bart
umfilzt, aufrecht und bewegungslos, mit geisterhaft undeutlichen Zgen,
bis sein Gesicht vollstndig in das Dunkel versank und nur noch die
Silhouette eines sitzenden Riesen brig blieb, hin und wieder von einer
sprlichen Rauchwolke umflogen. Die vielen Kinder waren um diese Zeit
nicht mehr da, von der berdachten Gartenseite her wuchs die Finsternis
heran, die uraltmodisch geschweiften Giebel und krummen Dcher all der
Armenhuser standen schwarz in den noch lichten Himmel, da und dort
glhte ein Fensterlein gleich einem trben roten Auge auf, und damitten
kauerte rastend der alte Abenteurer, bis ihn frstelte, dann verschwand
er still in den finsteren Torweg hinein wie in eine unzugnglich fremde
Welt.

                   *       *       *       *       *

Der alte Garibaldi hatte zwei Shne gehabt, junge stramme Riesen von
gewaltiger Erscheinung und vom belsten Ruf, aber beide waren eines
Tages ohne Abschied verschwunden und man brachte sogleich alle in den
letzten Jahren am Ort begangenen und unaufgeklrt gebliebenen Verbrechen
mit ihrem Flchtigwerden in Verbindung. Fast ein Jahr spter kam Bericht
aus Brasilien, da beide nicht mehr am Leben seien. Der eine war schon
unterwegs auf dem Schiff am Fieber gestorben, der andere nachher in Rio,
offenbar im bittersten Elend. Zusammen mit dem dazu beauftragten
Polizeidiener besuchte mein Vater den Alten, um ihm die Todesnachricht
zu bringen.

Ihren Shnen ist's drben nicht gut gegangen, fing mein Vater an.

Wo drben denn? fragte der Garibaldi.

In Brasilien, 's ist ihnen nicht gut gegangen.

Wieso?

Wieso? Tot und gestorben sind sie, schrie der Bttel, dem es nicht
wohl war, bis er es herausgesagt hatte.

So so? machte der Garibaldi und schttelte den Kopf. Und:

Alle beide? fragte er nach einer Weile.

Ja wohl, alle beide, sagte mein Vater.

So so. -- So so.

Und als jetzt mein Vater sich anschickte einen Anfang mit dem Trsten zu
machen, winkte er ab und lchelte verachtungsvoll. Da ging denn mein
Vater mit dem Polizeidiener wieder fort und Garibaldi machte sich wie
sonst an seine Arbeit.

Am Abend dieses Tages, da jedermann die Nachricht schon wute, sa er
wieder auf seiner Staffel und alle Nachbarn schauten ihn an und alle
paar Minuten rief ihn einer vom Fenster oder von der Gasse herber an:
Mein Beileid auch, du!

Und er sagte jedesmal _merci_. Da kam der Stadtpfarrer auch noch
gegangen und gab ihm die Hand und sagte freundlich: Wir wollen in Ihre
Stube hinein gehen, kommen Sie!

Aber Garibaldi schttelte den Kopf. 's ist gut, sagte er, und ich sag
meinen _merci_, und blieb sitzen, und die vielen Herumsteher drckten
sich hintereinander und kicherten. Der Stadtpfarrer schien betrbt und
es sah aus, wie wenn er noch einiges zu sagen htte, aber er zog nur den
Hut und grte wieder freundlich und ging langsam aus dem Hof und fort,
und der Garibaldi blies eine groe Rauchwolke hinter ihm her.

Von da an, wenn ich ihn des Abends wieder rasten sah, schien mir sein
Gesicht ein wenig tiefer gefurcht und noch abwehrender und einsamer als
sonst, und ich betrachtete ihn, der zwei starke Shne im fremden Land
verloren hatte, mit vermehrter Scheu.

Auer jenen untergegangenen Shnen hatte Garibaldi noch drei
verheiratete Tchter, deren lteste verwitwet war. Dies war die Lene
Voler, ein wildes und berchtigtes Weib, gro von Wuchs und von einer
seltsam ungelenken, aber lngst verwilderten Schnheit. Diese war von
allen seinen Kindern das einzige, das zu ihm pate, und auch das
einzige, das in Verkehr und Freundschaft mit ihm stand. Sie kam den
Winter ber fast jeden Abend zu ihm in seine Hinterhausstube, dort sa
sie neben dem Alten, oft bis es spt wurde, und redete kaum ein Wort mit
ihm, der seine kleine Pfeife im Munde hielt und ebenfalls schwieg. Ich
besann mich oft genug, was die zwei wohl mit einander anstellen mchten,
aber sie saen hinter den alten groblumigen Gardinen aus Wolle und man
konnte im Schimmer der schlechten lfunzel nur zuweilen ihre ernsten
Kpfe sehen.

Und hufig kam zu diesen beiden merkwrdigen, geheimnisvollen Menschen
noch eine dritte Fabelgestalt. Dies war der alte Penzler, ein gewesener
und verarmter Mhlenbauer, der aus Bayern stammte und den schon seine
Herkunft und sein seltenes Handwerk zu etwas besonderem machten. Seit
Jahren lebte er einsam und vielbesprochen in der finsteren
Hengstettergasse ein rmliches Sonderlingsleben, drehte ewig an seinem
ungeheuren Schnauzbart, redete in alttestamentlichen Wendungen und
betrank sich alle paar Wochen einmal, was meistens zu Nachtskandal und
schlimmen Szenen fhrte. Der einzige Mensch, dem er Achtung zeigte und
mit dem er eine Freundschaft unterhielt, war Garibaldi. Als dessen Shne
totgesagt wurden, kam Penzler zu ihm, schlug ihm auf die Schulter und
rief mit gewaltiger Trsterstimme: So geht's, alter Prophete! Wir sind
allesamt wie Gras und wie des Grases Blte. Na, die Lausbuben haben
jetzt keine Sorgen mehr.

Winterabends kam der Mhlenbauer sehr oft zum Garibaldi und sa mit ihm
und seiner Tochter, der Lene Voler, in der niedrigen, trb erhellten
Stube, die sich allmhlich ganz mit Tabaksrauch fllte. Ich schaute
immer hinber und lief manchesmal noch spt Nachts von meinem Bett ans
Fenster, schaute nach ob drben noch Licht sei und stierte das einsame
rote Fenster ahnungsvoll und begierig an, bis mich fror und ich ins Bett
zurck mute.

An einem Abend, es ging schon gegen den April und man brauchte fast
nimmer zu heizen, wurde meine Neugierde belohnt und das eigentliche
Treiben und Wesen des Alten ward mir klarer. Es fehlte nmlich diesmal
der wollene Vorhang hinter seiner Scheibe und ich sah den Garibaldi mit
der Lene und dem Penzler am Tische sitzen. Es mochte neun Uhr oder
spter sein. Eine Blechlampe gab trbes Licht, die beiden grauhaarigen
Mnner bliesen Rauch aus ihren Pfeifchen und saen still und vorgebeugt
auf ihren Hockern, die Lene Voler aber hatte ber den ganzen Tisch im
Viereck ein Kartenspiel ausgebreitet, ein Blatt dicht am andern. Auf
diese Karten starrten alle drei. Bald nahm die Lene, bald ihr Vater eine
Karte in die Hand und legte sie nachdenklich und zgernd an einen
anderen Platz; der Mhlenbauer sah mit scharfem Gesichte zu, deutete mit
dem Pfeifenstiel hierhin und dorthin, schnitt ernste Grimassen,
schttelte den Kopf oder zuckte mchtig mit den gewaltigen Augenbrauen,
die so stark wie Schnurrbrte waren. Gesprochen wurde nichts. ber den
drei gebeugten Kpfen wlkte der dichte Rauch und stieg ber der
Lampenflamme in einer ununterbrochenen Sule in die Hhe.

Zwei Stunden lang schaute ich zu. Penzler schnitt immer schrfere
Grimassen, die Lene ordnete ihre Karten immer leidenschaftlicher und
legte sie hastig aus, der alte Garibaldi aber sa mir gerade gegenber
und so oft er den Kopf erhob, floh ich in meine Stube zurck, obwohl er
mich am dunklen Fenster nicht htte sehen knnen. Seine Augen waren auf
die Karten gerichtet und brannten in dem braunverwelkten Gesicht mit
leiser Glut.

Sie taten also Karten legen und wahrsagen, und es wunderte mich nicht.
Aber wer wahrsagen kann, der mu auch zaubern knnen. Vom Bayern, dem
Penzler, wute man ja schon immer, da er mit Geistern umging und viele
geheime Heilmittel kannte. Ich pate auf wie ein Jagdhund und brannte
vor banger Begierde. Und als die Tage wrmer und die Abende lang und
mild wurden, sah ich ftere Male wie Garibaldi, sobald es zu dunkeln
begann, an seinem Staffelplatz vom Penzler abgeholt wurde und mit ihm
die Gasse hinab verschwand. Ich wute genau, da er nicht ins Wirtshaus
ging, dafr hatte ihn meine Mutter oft gerhmt; da man aber in diesen
lauen, stichdunkeln Frhjahrsnchten viel Zauber treiben konnte, war
gewi.

Ich sah in meinen Gedanken die zwei alten Hexenmeister die Stadt
verlassen, im finstern Walde Kruter suchen, ein Feuer anfachen und
Beschwrungen ausben. Ich sah sie unter moosigen Felsen beim Lichte
kleiner Diebslaternen Schtze aus der feuchten Erde graben. Ich sah sie
Wetter machen und Krankheiten beschwren.

Ob wohl die Lene Voler auch mitging? Nein, sie ging nicht mit. Eines
Abends konnte ich der Neugier nicht widerstehen. Sobald ich den
Mhlenbauer im Hof erscheinen sah, verlie ich still das Haus durchs
Gartentor und schlich mich zwischen den Grten hindurch auf die Gasse.
Garibaldi und Penzler gingen miteinander straabwrts. Der eine hatte
etwas unter dem Arm, was wie ein aufgerollter langer Strick aussah, der
andere trug eine Art Kachel oder Kanne. Ich folgte ihnen mit groem
Herzklopfen die Gasse hinunter, ber den Balkensteg und bis auf den
Brhel, wo das letzte Haus der Stadt, ein alter Gasthof steht und wo der
Weg sich teilt. Es fhrt von dort aus ein Strlein eben den Flu
entlang, das andere stark ansteigend bergan in den Wald hinein.

Weiter wagte ich nicht hinterher zu gehen, der Gasthof war schon
geschlossen, ringsum brannte keine Laterne, von der Stadt hrte man
nichts mehr als vielleicht ein fernes Wagenrollen; vor mir lag
kirchenstill der Brhel mit seinen riesigen Linden und Kastanien und
durch die alten Kronen sthnte der feuchte, strmische Frhlingswind.
Und die beiden dunklen Mnner, die unter den hohen Bumen auf einmal
klein erschienen, wandelten in die schwarze Stille hinein, gleichmig
im Schritt und ohne miteinander zu reden, ihre Gerte tragend. Ich sah
sie schwer und stille schreiten, der Nacht entgegen, mitten in das sich
auftuende Reich der Finsternis und der schrecklichen Wunder, wo sie
heimisch waren.

Mir wurde todesangst, als der Penzler einmal hinter sich schaute; ich
blieb am Brhel stehen und sah nur noch, da die beiden den Talweg
fluabwrts einschlugen. Dann lief ich im Galopp zurck, kam ungesehen
wieder durch die Hintertre ins Haus und als ich dann geborgen im Bette
lag, konnte ich noch lang nicht einschlafen, weil mein Herz vom
schnellen Laufen und vor Angst nicht aufhren wollte gewaltig zu
schlagen.

                   *       *       *       *       *

Von da an wagte ich dem Garibaldi kaum mehr zu begegnen und wich ihm und
dem Penzler auf der Strae ngstlich aus. Und daran tat ich wohl, denn
es zeigte sich nicht allzu lange darauf, da sie gefhrliche Wege
gegangen seien.

An einem Morgen im Sommer -- ich hatte Ferien -- sprach es sich in der
Stadt herum, es sei zu Nacht ein Unglck passiert. Nach einer Stunde
erfuhr man, der Mhlenbauer Penzler sei in aller Gottesfrhe tot aus dem
Wasser gezogen worden und liege drunten im Gutleuthaus. Alles strmte in
groer Aufregung und Neugierde dorthin. Auf den steinernen Korridor des
Gutleuthauses waren ein paar Bndel leinene Scke und darber eine rote
Wolldecke gelegt, darauf lag halb entkleidet eine Gestalt, das war der
Mhlenbauer. Aus der Nhe betrachten durfte man ihn nicht, ein Landjger
stand dabei, und mir war es recht, denn das Grausen htte mich
umgebracht.

Der Garibaldi war auch da, ging aber bald wieder weg und hatte sein
gleichmtiges Gesicht aufgesetzt, so als gehe die Geschichte ihn nichts
an. Als er wegging und die vielen Leute immer noch neugierig
herumstanden und die Muler offen hatten, lchelte er auf seine stille,
verchtliche Art. Und der Penzler war sein einziger Freund gewesen.

Wahrscheinlich war er nachts dabei gewesen, als der andere ins Wasser
fiel. Warum hatte er dann nicht sogleich Leute geholt?

-- Oder war der Bayer vielleicht mit seinem Wissen und durch seine
Schuld ertrunken? Hatten sie Streit gehabt, vielleicht bei der Teilung
eines Schatzes?

                   *       *       *       *       *

Man hrte auf von dem Unglck zu reden. Garibaldi tat wie immer seine
Arbeit in der Stadt herum und rastete bei gutem Wetter jeden Abend auf
der Treppenstaffel ber unserem Hof, wo die Kinder lrmten. Der dem
Zauberwesen zum Opfer gefallene Mhlenbauer fand keinen Nachfolger.
Garibaldis Gesicht wurde je lter desto undurchschaulicher und ich, der
einen Teil seiner Geheimnisse kannte, sah hinter seiner gleichmtigen
Stirn und hinter seinem ruhig berlegenen Blick eine Welt von dunklen
Schicksalen trumen.

Im folgenden Herbst geschah es, da ihm bei der Arbeit die hohe Leiter
eines Gipsers auf die Schulter fiel und ihn beinah erschlagen htte. Er
lag vier Wochen krank im Spittel. Als er von dort wiederkam, war in
seinem Wesen eine gewisse Vernderung wahrzunehmen. Er lebte wie sonst,
tat seine Arbeit und sprach womglich noch weniger als frher, aber er
hatte jetzt die Gewohnheit, leise mit sich selber zu reden und zuweilen
zu lachen, wie wenn ihm alte lustige Geschichten einfielen. An stillen
Abenden, wenn die Kinder gerade anderswo tobten oder einem
Kunstreiterwagen oder Kamelfhrer oder Orgelmann nachliefen, hrte man
ihn im Hfchen ohne Unterla murmeln. Auch sa er nie mehr lange Zeit
auf seinem Steine still, sondern ging fters unruhig auf und ab, was
zusammen mit dem Murmeln und Kichern etwas Unheimliches hatte.

Ich fhlte damals zum ersten Mal Mitleid mit dem alten Hexenmeister,
ohne ihn aber deswegen weniger zu frchten. Sein neuerliches Gebaren
schien mir bald auf Gewissensbisse, bald auf neue schlimme
Unternehmungen zu deuten.

Der Garibaldi will auch anfangen altwerden, sagte einmal meine Mutter
beim Nachtessen. Ich verstand das im Augenblick nicht, denn ich hatte
ihn nie anders als grau und alt gesehen. Aber ich verga das Wrtlein
nicht und merkte nach und nach selber, da Garibaldi wirklich jetzt erst
zu altern begann.

Noch einmal machte er von sich reden. Eines Abends war, nach langem
Ausbleiben, seine Tochter Lene wieder einmal zu ihm gekommen. Sie waren
in der Stube beieinander und ich glaube, die Lene wollte auswandern.
Darber kamen sie in Streit, bis das Weib mit der Faust auf den Tisch
schlug und ihm Schimpfworte sagte. Da hub der alte Mann seine Tochter,
so gro und stark sie war, jmmerlich zu hauen an und warf sie die
Stiege hinunter, da das Gelnder krachte und das Weib nur mit Mhe und
Schmerzen davonhinken konnte.

Von da an blieb Garibaldi ganz einsam und nun brach das Alter pltzlich
vollends ber ihn herein. Die Pfeife begann ihm im Munde zu wackeln und
hufig auszugehen, die Selbstgesprche nahmen kein Ende, die Arbeit
wurde ihm sauer. Schlielich gab er sie auf und war fast ber Nacht zu
einem gebckten und zittrigen Kerlchen geworden.

Fr mich hrte er darum nicht auf wichtig und rtselhaft zu sein. Ich
frchtete ihn mehr als je und konnte es doch nicht lassen, ihm halbe
Stunden lang vom sicheren Fenster aus zuzuschauen. Beim Rauchen sttzte
er jetzt den Ellenbogen aufs Knie und hielt die Pfeife mit der Hand
fest, aber auch die war zittrig und hatte keine Krfte mehr.

Die Tage waren noch khl und im Walde lag noch ein wenig Schnee, da war
eines Tages der Garibaldi gestorben.

Mein Vater brstete seinen Schwarzen und ging zur Leiche. Ich durfte
nicht im Zug gehen (wenn man das Dutzend Nachbarn einen Zug heien
will), aber ich stieg auf die Kirchhofmauer und hrte zu und erfuhr
dabei zum ersten Mal, da der Tote nicht Garibaldi, sondern Schorsch
Grojohann geheien hatte, was mich in lange Zweifel strzte, denn
fragen mochte ich niemand.

Nachher sagte mein Vater zur Mutter: Unser Garibaldi war doch ein
sonderbarer Mensch, fast unheimlich; wei Gott, wie er so geworden ist.

Darber htte ich nun mancherlei mitteilen knnen. Aber ich behielt
alles fr mich -- das Wahrsagen, das Zaubern, die Nachtgnge fluabwrts
und das, was ich ber den Tod des bayerischen Mhlenbauers vermutete.




                             Walter Kmpff


Die Leute von Gerbersau, die da auf den Straen laufen, unter ihren
Ladentren stehen, ihr Handwerk und Geschft besorgen und fast alle so
zufrieden sind, obwohl sie bestndig ber die schlechten Zeiten zu
klagen haben, alle diese Leute haben den Walter Kmpff noch gut gekannt.
Sie sind mit ihm in die Schule gegangen, sie sind mit ihm Soldat
gewesen, sie haben Geschfte mit ihm gehabt und frher oft abends ein
Bier mit ihm getrunken. Und dann machte er pltzlich so viel von sich
reden, eine Zeitlang!

Aber alle diese Leute sprechen nimmer von ihm und haben ihn vergessen.
Es gab eine Zeit, da htte man meinen sollen, sie wrden von Walter
Kmpff noch als weihaarige Grovter zu reden haben und mit keinem
auswrtigen Geschftsfreund ber den Marktplatz gehen knnen, ohne ihm
das vormals Kmpffsche Haus zu zeigen und ihm nachher im Adler oder
Hirschen die Geschichte dazu zu erzhlen, der Lnge und Breite nach.

Und wenn auch gar nichts zu verwundern und zu erzhlen gewesen wre, wie
war es mglich, diesen Mann so ganz zu vergessen? Htte noch vor zehn
Jahren irgend ein Gerbersauer sich den Marktplatz vorstellen knnen ohne
den Kmpffschen Laden und das Schild darber und den mit seinem Namen
bemalten grauen Pritschenwagen und ohne ihn selber, wie er unter der Tr
stand oder ber den Platz schritt oder auf dem grnen Feierabendbnklein
sa? Oder htte jemand sich einen Jahrmarkt denken knnen, ohne da er
in seiner Ladentre stand und die vielen Dutzende von auswrtigen
Bekannten begrte?

Beispielsweise gesprochen, stelle man sich jetzt einmal den jngeren
Giebenrath vor, den Tuchhndler! Nicht wahr, da luft er gaauf, gaab,
ruft hier Guten Morgen! und dort Gr Gott!, langt da an den Hut und
macht dort ein Kompliment, und dann geht er in sein Haus, und man wei,
da ist er jetzt drin und verkauft Tuch, und berm Laden steht mit Gold
auf Schwarz sein Name. Es ist niemand in der Stadt, der ihn nicht kennt
und der nicht wei, wie er spricht und wie er lacht und was er im Winter
fr einen Mantel hat und mit wem er verwandt ist und was er fr
Geschfte macht und da er zu den Demokraten gehrt. Also, wieder
beispielsweise, der jngere Giebenrath stirbt jetzt -- oder, um niemand
weh zu tun, sagen wir, er geht weg, vielleicht nach Stuttgart oder nach
Pforzheim.

Ja, wenn ich das nur sage, da lachen sie alle und winken mir mit dem
ganzen Arm ab: Wo denkst hin! Der bleibt, wo er ist! Der und
wegziehen!

Also gut, aber vielleicht zieht er doch weg, und niemand begreift's, und
man schttelt den Kopf, und sein Firmenschild wird heruntergenommen und
die Kinder sehen zu. Am Morgen vermit ihn der Friseur und am Abend der
Ankerwirt und untertags vermit ihn da einer und dort einer in der
Stadt, und seine Nachbarn mgen gar nimmer ans Fenster, weil er doch
nimmer vorbeikommt und hereingrt und einen kleinen Spa macht, oder
wenn er's eilig hatte, konnte man ihm nachsehen und sich besinnen,
wohin's ihm denn so eilig pressierte. Und ich wrde dann sagen: Ihr
Leute, sei's um eine kleine Weile, so redet kein Mensch mehr vom
jngeren Giebenrath, auer er htte Schulden. -- Ja, da wrde man wieder
abwinken und lachen und den Kopf schtteln und mich heimschicken!

Und doch ist es mit dem Kmpff um kein Haar anders gewesen. Kaum da man
jetzt seinen Namen noch etwa einmal hrt. Nun, ich erzhle, wie es mir
damit gegangen ist.

Wie es die jungen Leute im Brauch haben, war ich auf der Wanderschaft,
und wohin ich kam, schien mir's kein schlechtes Leben in der Fremde; ich
kam mir extra gescheit vor und wollte gar nicht begreifen, wieso man
eigentlich gerade immer in Gerbersau leben msse. Da war zum Beispiel
Cannstatt, ein wohlhabender Ort, und dann Tbingen, auch nicht bel, und
dann Basel und Zrich, und wiederum Mnchen, alles angenehme Pltze, wo
auch Leute wohnen und wo man so gut seine Batzen verdienen und wieder
verjucken kann wie irgendwo in der Welt. Also kam mir, aus der Ferne
gesehen, die Stadt Gerbersau immer kleiner und unntiger und sogar
ziemlich lcherlich vor, und ich bin lnger drauen geblieben, als es
der Brauch ist. Zwischenein hre ich, der Kmpff am Marktplatz fange an,
sonderbare Geschichten zu machen, das und jenes. Dann hr' ich, er sei
bergeschnappt, und nicht lang darauf von einem andern, er sei
vortrefflich bei Verstand und berhaupt viel zu gut und edel fr seinen
Ort, und er werde auch wahrscheinlich fortgehen. Und so durcheinander,
wenig Gutes und viel Bses, bis ich gar nichts mehr glaubte. Ich dachte:
wenn ich zufllig einmal wieder besuchsweise heimkomme, will ich den und
jenen darum fragen und etwas Sicheres zu erfahren suchen.

Die Zeit verging und ich war nachgerade nimmer ganz jung. Daheim dachten
sie kaum mehr daran, da ich am Ende auch wieder einmal heimkommen
knnte, und ich selber dachte es am wenigsten.

Wie es gegangen ist, da ich jetzt doch wieder in Gerbersau sitze,
anfangs nicht ohne Unbehagen und Beschmung, und da ich jetzt wieder
hier so zu Hause bin wie nur je in den Bubenzeiten, das wre eine lange
Geschichte. Aber davon ist diesmal nicht die Rede. -- Also ich komme
wieder heim, lasse mich begren und begutachten, anschielen und
auslachen, finde die alten Gassen und Winkel und einige neue dazu, und
kaum habe ich nach ein paar Tagen mir die alte Mundart wieder recht
angewhnt, so frage ich rechts und links nach dem Herrn Walter Kmpff.
Ich meine, jeder msse gleich vor lauter Geschichten und Erklrungen
berlaufen und herzensfroh sein, da er einen Neuen findet, der's ihm
abhrt.

Aber wie ich den ersten frage: Du, wie war's denn eigentlich damit?,
da besinnt er sich ein bichen, klopft die Zigarre ab, zieht, blst eine
Verlegenheitswolke hinaus, und schlielich meint er: Ja, das sind
Sachen, da schwtzt jetzt kein Mensch mehr davon. Frag einmal den
Kberle. Also abends, wie ich ihn bei der Metzelsuppe im Rle treffe,
frage ich den Kberle. Er behlt den Wein ein Weilchen im Mund, macht
Telleraugen, schluckt dann und runzelt, so gut er kann, die glatte Stirn
und sagt: Ja, weit du, das ist eigentlich schon recht lang her. Liebe
Zeit, der Kmpff! Ja ja, ich kann mir's noch gut denken. Na, wir sehen
uns ja bald einmal wieder, da reden wir dann. Am Donnerstag schenkt der
Kronenwirt den ersten Neuen aus, du kommst doch auch?

So allmhlich ist das Ntigste ja auch zusammengetrpfelt. Ich wollte
nun einmal alles wissen, da redete und fragte und horchte ich's so
zusammen, das eine bei einem Voressen im Waldhorn, das andere bei einer
Kindsleiche unterwegs zum Kirchhof, da etwas in einer Schusterwerkstatt
und dort etwas im Kaufladen. Was eigentlich damals Merkwrdiges passiert
sei, bekam ich denn auch allmhlich heraus, aber keinerlei Schlssel
dazu, denn darum hatte sich niemand gekmmert.

Bis mir die Holderlies einfiel. Die war ja in alten Zeiten im
Kmpffschen Haus Magd gewesen. Richtig lebte sie auch noch und wohnte
droben in der allerobersten Vorstadt, wohin es ein schweitreibendes
Klettern ist und wo trotzdem fast lauter alte, gebrechliche Leute
hausen. Wenn ich an meine Bubenzeit dachte, konnte ich mir die Lies
wieder vorstellen, die schon damals nimmer auffallend jung war. Ich
stieg denn in die Vorstadt hinauf, und so oft ich meinte, jetzt sei es
erreicht, ging es noch ein Glein und einen schmalen Gartensteig und
eine bse Mauerstiege hinauf, bis ich ganz bei den letzten Huschen war;
da lag die Stadt senkrecht mit ineinander verwirrten Dchern so
verschoben und seltsam unter mir, als sei sie betrunken oder ich. Dann
ging es noch eine steinerne Gartentreppe, fr die ich fast zu breit war,
und zwei hlzerne stichdunkle Stiegen hinauf. Und dann klopfte ich und
es tat eine Tre sich auf, und ich stand in einem lichten, stillen
Altenstbchen und htte nie geglaubt, da es in unserm engen Bergtal so
viel Luftraum gebe, wie ich hier ber die Geranien weg vor den kleinen
klaren Fenstern liegen sah.

Die Holderlies kannte mich natrlich nimmer, denn ich war in den zwanzig
Jahren gro und breit geworden, und ich kannte auch sie nicht mehr, die
unglaublich eingegangen und klein geworden war. Aber es gab sich schon,
und wie ich nach dem langen Steigen erst wieder Atem hatte, fingen wir
mit dem besten Humor von den alten Zeiten an, die fr sie freilich noch
lange nicht die wirklich alten waren.

Spter kam ich wieder, fnfmal, zehnmal, und ich erfuhr alles, was die
Alte von meinem Kmpff wute und vermutete. Bald darauf starb sie, und
ich ging bei dem sonderbaren Leichenzug durch die steilen Grtchen und
ber alle die Steige und Treppchen mit. -- Und nun will ich die
Geschichte des Walter Kmpff erzhlen, soweit sie mir klar geworden ist.

                   *       *       *       *       *

ber den alten Hugo Kmpff ist wenig zu sagen, als da er in allem ein
echter Gerbersauer von der guten Sorte war. Das alte, feste und groe
Haus am Marktplatz mit dem niedrigen und finsteren Kaufladen, der aber
fr eine Goldgrube galt, hatte er von Vater und Grovater berkommen und
fhrte es im alten Sinne fort. Nur darin war er einen eignen Weg
gegangen, da er seine Braut von auswrts geholt hatte. Sie hie
Kornelie und war eine Pfarrerstochter vom oberen Schwarzwald, eine
hbsche und ernste Dame ohne das geringste bare Vermgen. Das Erstaunen
und Reden darber dauerte seine Weile, und wenn man die Frau auch spter
noch ein wenig seltsam fand, gewhnte man sich doch zur Not an sie oder
lie wenigstens den Mann darum ungeschoren. Der lebte auch in einer sehr
stillen Ehe und bei guten Geschftszeiten unauffllig nach der
vterlichen Art dahin, war gutmtig und wohlangesehen, dabei ein
vortrefflicher Kaufmann, so da es ihm an nichts fehlte, was hierorts
zum Glck und Wohlsein gehrt. Zur rechten Zeit stellte sich ein
Shnlein ein und wurde Walter getauft; er hatte das Gesicht und den
Gliederbau der Kmpffe, aber keine graublauen, sondern von der Mutter
her braune Augen. Nun war ein Kmpff mit braunen Augen freilich noch nie
gesehen worden, aber genau betrachtet schien das dem Vater kein groes
Unglck, und der Bub lie sich auch nicht an wie ein aus der Art
Geschlagener. Es lief alles seinen leisen, gesunden Gang, das Geschft
ging vortrefflich, die Frau war zwar immer noch ein wenig anders, als
man gewohnt war, aber das war kein Schade, und der Kleine wuchs und
gedieh und kam in die Schule, wo er zu den Besten gehrte. Nun fehlte
dem Kaufmann noch, da er in den Gemeinderat kam, aber auch das konnte
nimmer lang auf sich warten lassen, und dann wre seine Hhe erreicht
und alles wie beim Vater und Grovater gewesen.

Es kam aber nicht dazu. Ganz wider die Kmpffsche Tradition legte sich
der Hausherr schon mit vierundvierzig Jahren zum Sterben nieder. Es nahm
ihn ohne zu viel Schmerzen und doch langsam genug hinweg, da er alles
Notwendige noch in Ruhe bestimmen und ordnen konnte. Und so sa denn
eines Tages die hbsche dunkle Frau an seinem Bette, und sie besprachen
dies und jenes, was zu geschehen habe und was die Zukunft etwa bringen
knnte. Vor allem war natrlich von dem Buben Walter die Rede, und in
diesem Punkte waren sie, was sie beide nicht berraschte, keineswegs
derselben Gesinnung und gerieten darber in einen stillen, doch zhen
Kampf. Freilich, wenn jemand an der Stubentre gehorcht htte, der htte
nichts von einem Streit gemerkt.

Die Frau hatte nmlich vom ersten Tag der Ehe an darauf gehalten, da
auch an unguten Tagen Hflichkeit und sanfte Rede herrsche. Mehr als
einmal war der Mann, wenn er bei irgend welchem Vorschlag oder
Entschlusse ihren stillen, aber festen Widerstand sprte, in Zorn
geraten. Aber dann verstand sie ihn beim ersten scharfen Wort auf eine
Art anzusehen, da er schnell einzog und seinen Groll wenn nicht abtat,
so doch in den Laden oder auf die Gasse trug und die Frau damit
verschonte, deren Wille dann meistens ohne weitere Worte bestehen blieb
und erfllt wurde. So ging auch jetzt, da er schon nah am Tode war und
seinem letzten und strksten Wunsch ihr ruhiges Andersmeinen
gegenberstand, das Gesprch in Ma und Zucht seine Bahn. Doch sah das
Gesicht des Kranken so aus, als wre es mhsam gebndigt und knne von
Augenblick zu Augenblick die Haltung verlieren und Zorn oder
Verzweiflung zeigen.

Ich bin an mancherlei gewhnt, Kornelie, sagte er, und du hast ja
gewi auch manchmal gegen mich recht gehabt, aber du siehst doch, da es
sich diesmal um eine andre Sache handelt. Was ich dir sage, ist mein
fester Wunsch und Wille, der mir seit Jahren feststeht, und ich mu ihn
jetzt deutlich und bestimmt aussprechen und darauf bestehen. Du weit,
da es sich hier nicht um eine Laune handelt und da ich den Tod vor
Augen habe. Wovon ich sprach, das ist ein Stck von meinem Testament,
und es wre besser, du wrdest es in Gte hinnehmen.

Es hilft nichts, erwiderte sie, soviel drber zu reden. Du hast mich
um etwas gebeten, was ich nicht gewhren kann. Das tut mir leid, aber zu
ndern ist nichts daran.

Kornelie, es ist die letzte Bitte eines Sterbenden. Denkst du daran
nicht auch?

Ja, ich denke schon. Aber ich denke noch mehr daran, da ich ber das
ganze Leben des Buben entscheiden soll, und das darf ich so wenig, wie
du es darfst.

Warum nicht? Es ist etwas, was jeden Tag vorkommt. Wenn ich gesund
geblieben wre, htte ich aus Walter doch auch gemacht, was mir recht
geschienen htte. Jetzt will ich wenigstens dafr sorgen, da er auch
ohne mich Weg und Ziel vor sich hat und zu seinem Besten kommt.

Du vergit nur, da er uns beiden gehrt. Wenn du gesund geblieben
wrest, htten wir beide ihn angeleitet, und wir htten es abgewartet,
was sich als das Beste fr ihn gezeigt htte.

Der kranke Herr verzog den Mund und schwieg. Er schlo die Augen und
besann sich auf Wege, doch noch in Gte zum Ziel zu kommen. Allein er
fand keine, und da er Schmerzen hatte und nicht sicher sein konnte, ob
er morgen noch das Bewutsein haben werde, entschlo er sich zum
letzten.

Sei so gut und bring ihn her, sagte er ruhig.

Den Walter?

Ja, aber sogleich.

Frau Kornelie ging langsam bis an die Tr. Dann kehrte sie um.

Tu es lieber nicht! sagte sie bittend.

Was denn?

Das, was du tun willst, Hugo. Es ist gewi nicht das Rechte.

Er hatte die Augen wieder zugemacht und sagte nur noch mde: Bring ihn
her!

Da ging sie hinaus und in die groe, helle Vorderstube hinber, wo
Walter ber seinen Schulaufgaben sa. Er war zwischen zwlf und
dreizehn, nicht sehr gro, aber gesund, ein ruhiger und gutwilliger
Knabe. Im Augenblick war er freilich verscheucht und aus dem
Gleichgewicht, denn man hatte fr besser gehalten, ihm nicht zu
verheimlichen, da es mit dem Vater zu Ende gehe. So folgte er der
Mutter verstrt und mit einem inneren Widerstreben kmpfend in die
Krankenstube, wo der Vater ihn einlud, neben ihm auf dem Bettrand zu
sitzen.

Der kranke Mann streichelte die warme, kleine Hand des Knaben und sah
ihn gtig an.

Ich mu etwas Wichtiges mit dir sprechen, Walter. Du bist ja schon gro
genug, also hr gut zu und versteh mich recht. In der Stube da ist mein
Vater und mein Grovater gestorben, im gleichen Bett, aber sie sind viel
lter geworden als ich, und jeder hat schon einen erwachsenen Sohn
gehabt, dem er das Haus und den Laden und alles hat ruhig bergeben
knnen. Das ist nmlich eine wichtige Sache, mut du wissen. Stell dir
vor, da dein Urgrovater und dann der Grovater und dann dein Vater
jeder viele Jahre lang hier geschafft hat und Sorgen gehabt hat, damit
das Geschft auch in gutem Stand an den Sohn komme. Und jetzt soll ich
sterben und wei nicht einmal, was aus allem werden und wer nach mir der
Herr im Hause sein soll. berleg dir das einmal. Was meinst du dazu?

Der Junge blickte verwirrt und traurig vor sich nieder; er konnte nichts
sagen und konnte auch nicht nachdenken, der ganze Ernst und die
feierliche Befangenheit dieser sonderbaren Stunde in dem dmmernden
Zimmer umgab ihn wie eine schwere, dicke Luft. Er schluckte, weil ihm
das Weinen nahe war, und blieb in Trauer und Verlegenheit still.

Du verstehst mich schon, fuhr nun der Vater fort und streichelte
wieder seine Hand. Mir wr' es sehr lieb, wenn ich nun ganz gewi
wissen knnte, da du, wenn du einmal gro genug bist, unser altes
Geschft weiterfhrst. Wenn du mir also versprechen wrdest, da du
Kaufmann werden und spter da drunten alles bernehmen willst, dann wre
mir eine groe Sorge abgenommen und ich knnte viel leichter und froher
sterben. Die Mutter meint --

Ja, Walter, fiel die Frau Kornelie ein, du hast gehrt, was der Vater
gesagt hat, nicht wahr? Es kommt jetzt ganz auf dich an, was du sagen
willst. Du mut es dir nur gut berlegen. Wenn du denkst, es wre
vielleicht besser, da du kein Kaufmann wirst, so sag es nur ruhig; es
will dich niemand zwingen.

Eine kleine Weile schwiegen alle drei.

Wenn du willst, kannst du hinbergehen und es noch bedenken, dann ruf'
ich dich nachher, sagte die Mutter. Der Vater heftete die Blicke fest
und fragend auf Walter, der Knabe war aufgestanden und wute nichts zu
sagen. Er fhlte, da die Mutter nicht dasselbe wolle wie der Vater,
dessen Bitte ihm nicht gar so gro und wichtig schien. Eben wollte er
sich abwenden, um hinauszugehen, da griff der Leidende noch einmal nach
seiner Hand, konnte sie aber nicht erreichen. Walter sah es und wandte
sich ihm zu, da sah er in des Kranken Blick die Frage und die Bitte und
fast eine Angst, und er fhlte pltzlich mit Mitleid und Schrecken, da
er es in der Hand habe, seinem sterbenden Vater weh oder wohl zu tun.
Dies Gefhl von ungewohnter Verantwortung drckte ihn wie ein
Schuldbewutsein, er zgerte, und in einer pltzlichen Regung gab er dem
Vater die Hand und sagte leise unter hervorbrechenden Trnen: Ja, ich
verspreche es ganz gewi.

Dann fhrte ihn die Mutter still ins groe Zimmer zurck, wo es nun auch
zu dunkeln begann; sie zndete die Lampe an, gab dem Knaben einen Ku
auf die Stirn und suchte ihn zu beruhigen. Darauf ging sie zu dem
Kranken zurck, der nun erschpft tief in den Kissen lag und in einen
leichten Schlummer sank. Die grogewachsene, schne Frau setzte sich in
einen Armstuhl am Fenster und suchte mit mden Augen in die Dmmerung
hinaus, ber den Hof und die unregelmigen, spitzigen Dcher der
Hinterhuser hinweg an den bleichen Himmel blickend. Sie war noch in
guten Jahren und war noch eine Schnheit, nur da an den Schlfen die
blasse Haut gleichsam ermdet war. Und nun, da sie den Kopf mit
halbgeschlossenen Augen senkte und ruhend sa, erschien sie lter, als
sie war.

Sie htte wohl auch einen Schlummer ntig gehabt, doch schlief sie nicht
ein, obwohl alles an ihr ruhte. Sie dachte nach. Es war ihr eigen, da
sie entscheidende, wichtige Zeiten ungeteilt bis auf die Neige
durchleben mute, sie mochte wollen oder nicht. So hielt es sie auch
jetzt, der Ermattung zum Trotz, mitten in dem unheimlich stillerregten,
berreizten Lebendigsein dieser Stunden fest, in denen alles wichtig und
ernst und unabsehbar war. Sie mute an den Knaben denken und ihn in
Gedanken trsten, und sie mute auf das Atmen ihres Mannes horchen, der
dort lag und schlummerte und noch da war und doch eigentlich schon nicht
mehr hierher gehrte. Am meisten aber mute sie an diese vergangene
Stunde denken.

Das war nun ihr letzter Kampf mit dem Mann gewesen, und sie hatte ihn
wieder verloren, obwohl sie im Recht war und es besser wute. Alle diese
Jahre hatte sie den Gatten berschaut und ihm ins Herz gesehen in Liebe
und in Streit, und hatte es durchgefhrt, da es ein stilles und
reinliches Miteinanderleben war. Sie hatte ihn lieb, heute noch wie
immer, und doch war sie immer allein geblieben. Sie hatte es verstanden,
in seiner Seele zu lesen, aber er hatte die ihre nicht verstehen knnen,
auch in Liebe nicht, und war seine gewohnten Wege hingegangen, bald
dankbar und bald grollend und schnell wieder vershnt. Er war immer an
der Oberflche geblieben mit dem Verstand wie mit der Seele, und wenn es
Dinge gab, in denen es ihr nicht erlaubt und mglich war, sich ihm zu
fgen, hatte er nachgegeben und gelchelt, aber ohne sie zu verstehen.

Und nun war das Schlimmste doch geschehen. Sie hatte ber das Kind mit
ihm nie ernstlich reden knnen, und was htte sie ihm auch sagen sollen?
Er sah ja nicht ins Wesen hinein. Er war berzeugt, der Kleine habe von
der Mutter die braunen Augen und alles andere von ihm. Und sie wute
seit Jahren jeden Tag, da das Kind die Seele von ihr habe, und da in
dieser Seele etwas lebe, was dem vterlichen Geist und Wesen
widersprach, unbewut und mit unverstandenem Schmerze widersprach.
Gewi, er hatte viel vom Vater, er war ihm fast in allem hnlich. Aber
den innersten Nerv, dasjenige, was eines Menschen wahres Wesen ausmacht
und geheimnisvoll seine Geschicke schafft, diesen feinen, schnen
Lebensfunken hatte das Kind von ihr, und wer in den innersten Spiegel
seines Herzens htte sehen knnen, in die leise wogende, zarte Quelle
des Persnlichsten und Eigensten, htte dort die Seele der Mutter
gespiegelt gefunden.

                   *       *       *       *       *

Behutsam stand Frau Kmpff auf und trat ans Bett, sie bckte sich zu dem
Schlafenden und sah ihn an mit halbem Bewutsein, da sein Gesicht zum
letzten Mal unentstellt das alte sei, das sie so lang gekannt hatte. Sie
hatte es lieb, wenn es auch nicht schn war. Sie wnschte sich noch
einen Tag, noch ein paar gute Stunden fr ihn, um ihn noch einmal recht
zu sehen. Er hatte sie nie ganz verstanden, aber ohne seine Schuld, und
eben die Beschrnktheit seiner krftigen und klaren Natur, die auch ohne
inneres Verstehen sich ihr so oft gefgt hatte, erschien ihr liebenswert
und ritterlich. berschaut hatte sie ihn schon in der Brautzeit, damals
nicht ohne einen feinen Schmerz. Aber er war ihr in herzlicher und
mannhafter Liebe entgegengekommen, und so fein und berlegen sie war,
hatte sie nicht gezgert, mit ihm zu gehen. Es hatte ihr besser
geschienen, sich einem echten und treuen Liebhaber anzuvertrauen, als
auf den Auserlesenen, Unwahrscheinlichen zu warten, dem sie auch ihr
Innerstes htte zeigen und hingeben knnen; und sie hatte recht gehabt.

Spter war der Mann in seinen Geschften und unter seinen Kameraden
freilich um ein weniges derber, gewhnlicher und spiebrgerlich
beschrnkter geworden, als ihr lieb war, aber der Grund seiner ehrenhaft
festen Natur war doch geblieben, und sie hatten ein gutes und tchtiges
Leben miteinander gefhrt, an dem nichts zu bereuen war. Nur hatte sie
gedacht, den Knaben unmerklich seine Wege gehen zu lassen und es so zu
leiten, da er frei bleibe und seiner eingeborenen Art unbehindert
folgen knne. Und jetzt ging ihr vielleicht mit dem Vater auch das Kind
verloren.

Der Kranke konnte bis spt in die Nacht hinein schlafen. Dann erwachte
er mit Schmerzen, und gegen den Morgen hin war es deutlich zu sehen, da
er abnahm und die letzten Krfte rasch verlor. Doch gab es dazwischen
noch einen Augenblick, wo er ruhig und klar zu reden vermochte. Die
Nachtlampe brannte schwach und rot hinter der Bettstatt, vor den
Fenstern war es noch nchtig und im Hause alles still. Die Frau ruhte
angekleidet im niederen Liegesessel und war durch ihren leisen Schlummer
hindurch bestndig gegenwrtig und aufmerksam. Dann begann er zu reden.

Du, sagte er. Du hast doch gehrt, da er es mir versprochen hat?

Ja, freilich. Er hat es versprochen.

Dann kann ich darber ganz ruhig sein?

Ja, das kannst du.

Das ist gut. -- Du, Kornelie, bist du mir bse?

Warum?

Wegen Walter.

Nein, du, gar nicht.

Wirklich?

Ganz gewi. Und du mir auch nicht, nicht wahr?

Nein, nein. O du! Ich dank' dir auch.

Sie war aufgestanden und hielt seine Hand. Die Schmerzen kamen und er
sthnte leise, eine Stunde um die andere, bis er am Morgen erschpft und
still mit halb offenen Augen lag.

Er starb erst zwanzig Stunden spter.

                   *       *       *       *       *

Die schne Frau trug nun schwarze Kleider und der Knabe ein schwarzes
Florband um den Arm. Sie blieben im Hause wohnen, der Laden aber wurde
verpachtet. Der Pchter hie Herr Leipolt und war ein kleines,
geschmeidiges Mnnlein von einer etwas aufdringlichen Hflichkeit. Zu
Walters Vormund war ein gutmtiger Kamerad seines Vaters bestimmt, der
sich selten im Hause zeigte und vor der strengen und scharfblickenden
Witwe einige Angst hatte, die er unter unsicher vorgebrachten Witzen zu
verbergen bestrebt war. brigens galt er fr einen vorzglichen
Geschftsmann. So war frs erste alles nach Mglichkeit wohlbestellt,
und das Leben im Hause Kmpff ging ohne Strungen weiter, nur etwas
stiller als zu Lebzeiten des Herrn.

Nur mit den Mgden, mit denen schon zuvor eine ewige Not gewesen war,
haperte es wieder mehr als je, und die feine schne Witwe mute
zwischenhinein sogar einmal drei Wochen lang selber kochen und das Haus
besorgen. Zwar gab sie nicht weniger Lohn als andere Leute, sparte auch
am Essen der Dienstboten und an Geschenken zu Neujahr keineswegs,
dennoch hatte sie selten eine Magd lang im Hause. Denn whrend sie in
vielem fast zu freundlich war und namentlich nie ein grobes Wort hren
lie, zeigte sie in manchen Kleinigkeiten eine kaum begreifliche
Strenge. Vor kurzem hatte sie ein fleiiges, anstelliges Mdchen, an der
sie sehr froh gewesen war, wegen einer winzigen Notlge entlassen. Das
Mdchen bat und weinte, doch war alles umsonst. Der Frau Kmpff war die
allergeringste Ausrede oder Unoffenheit unertrglicher als zwanzig
zerbrochene Teller oder verbrannte Suppen.

Da fgte es sich, da die Holderlies nach Gerbersau heimkehrte. Die war
lngere Jahre auswrts in Diensten gewesen, brachte ein ansehnliches
Erspartes mit und war hauptschlich gekommen, um sich nach einem
stattlichen Vorarbeiter aus der Deckenfabrik umzusehen, mit dem sie
vorzeiten ein ehrenhaftes Verhltnis gehabt und der seit langem nicht
mehr geschrieben hatte. Leider kam sie zu spt und fand den Ungetreuen
frisch verheiratet, was ihr so nahe ging, da sie sogleich wieder
abreisen wollte. Da fiel sie durch Zufall der Frau Kmpff in die Hnde,
lie sich trsten und zum Dableiben berreden und ist von da an volle
dreiig Jahre im Hause geblieben.

Ihr Verhltnis zu Frau Kornelie war etwas Merkwrdiges. Einige Monate
war sie als fleiige und stille Magd in Stube und Kche ttig. Ihr
Gehorsam lie nichts zu wnschen brig, doch scheute sie sich auch
gelegentlich nicht, einen Rat unbefolgt zu lassen oder einen erhaltenen
Auftrag sanft zu tadeln. Da sie es in verstndiger und gebhrlicher
Weise und immer mit voller Offenheit tat, lie die Frau sich darauf ein,
rechtfertigte sich und lie sich belehren, und so kam es allmhlich, da
unter Wahrung der herrschaftlichen Autoritt die Magd zu einer
Mitsorgerin und Mitarbeiterin herangedieh. Dabei blieb es jedoch nicht.
Sondern eines Abends, nach einer besonders lebhaften und vershnlich
abgeschlossenen Aussprache ber Kchenangelegenheiten, kam es wie von
selber, da die Lies ihrer Herrin am Tisch bei der Lampe und
feierabendlichen Handarbeit ihre ganze sehr ehrbare, aber nicht sehr
frhliche Vergangenheit erzhlte, worauf Frau Kmpff eine solche Achtung
und Teilnahme fr das ltliche Mdchen fate, da sie ihre
Offenherzigkeit erwiderte und ihr selber manche von ihren streng
behteten Erinnerungen mitteilte. Und bald war es beiden zur Gewohnheit
geworden, miteinander ber ihre Gedanken und Ansichten zu reden, und die
einsame Frau sprach schlielich mit der Holderlies ohne Scheu sogar ber
manche Dinge, auf die einst zwischen ihr und ihrem Manne nie die Rede
gekommen war.

Dabei geschah es, da unvermerkt vieles von der Denkart der Frau auf die
Magd berging. Namentlich in religisen Dingen nahm sie viele Ansichten
von ihr an, nicht durch Bekehrung, sondern unbewut, aus Gewohnheit und
Freundschaft. Frau Kmpff war zwar eine Pfarrerstochter, aber keine ganz
orthodoxe, wenigstens galt ihr die Bibel und ihr angeborenes Gefhl weit
mehr als die Norm der Kirche. Sie wre mglicherweise lngst eine
eifrige Pietistin geworden, wre sie nicht so ungesellig und scheu
gewesen. Auch waren ihr Bibelauslegung und Gebet kein sehr starkes
Bedrfnis. Desto peinlicher achtete sie darauf, ihr tgliches Tun und
Leben stets im Einklang mit ihrer Ehrfurcht vor Gott und den ihr
gefhlsmig innewohnenden Gesetzen zu halten. Dabei sparte sie aber das
Grbeln und auch das Reden und entzog sich den natrlichen Ergebnissen
und Forderungen des Tages nicht, nur bewahrte sie sich ein stilles
Gebiet im Innern, wohin Begebnisse und Worte nicht reichen durften und
wo sie in sich selbst ausruhen oder in unsicheren Lagen Festigung und
Gleichgewicht suchen konnte.

Es konnte nicht ausbleiben, da von den beiden Frauen und der Art ihres
Zusammenhausens auch der kleine Walter hier und dort beeinflut wurde.
Doch nahm ihn frs erste die Schule zu sehr in Anspruch, als da er viel
fr sonstige Gesprche und Belehrungen brig gehabt htte. Auch lie ihn
die Mutter gern in Ruhe, und je sicherer sie seines innersten Wesens
war, desto unbefangener und froher beobachtete sie, wie viele
Eigenschaften und Eigentmlichkeiten des Vaters nach und nach in dem
Kinde zum Vorschein kamen. Namentlich in der ueren Gestalt wurde er
ihm immer hnlicher.

Aber wenn auch keine Mistnde zutage traten und niemand etwas
Besonderes an ihm fand, war der Knabe doch von ungewhnlicher und
vielleicht allzu zwiespltiger Natur. So wenig die braunen Augen in sein
Kmpffsches Familiengesicht paten, so unverschmelzbar schienen in
seinem Gemt vterliches und mtterliches Erbteil nebeneinander zu
liegen, so da es schien, er werde Mhe haben, es zu einem gefestigten
eignen Wesen zu bringen.

Einstweilen sprte selbst die Mutter nur selten etwas davon. Doch war
Walter nun schon in die spteren Knabenjahre getreten, in welchen
allerlei Grungen und seltsame Rsselsprnge vorkommen und wo die jungen
Leute sich bestndig zwischen empfindlicher Schamhaftigkeit und derberem
Wildtun possierlich hin und wieder bewegen. Da war es immerhin
gelegentlich auffallend, wie schnell oft seine Erregungen wechselten und
wie leicht seine Gemtsart umschlagen konnte. Ganz wie sein Vater fhlte
er nmlich das Bedrfnis, sich dem Durchschnitt und herrschenden Ton
anzupassen, war also ein guter Klassenkamerad und Mitschler, dabei auch
von den Lehrern gern gesehen. Herzensfreunde hatte er nicht, stand aber
fast mit allen vertraulich. Und doch schienen daneben andre Bedrfnisse
in ihm mchtig zu sein. Wenigstens war es manchmal, als besnne er sich
auf sich selbst und lege eine Maske ab, wenn er sich von einem tobenden
Spiel beiseite schlich und sich entweder einsam in seine Dachbodenkammer
setzte oder mit ungewohnter, stummer Zrtlichkeit zur Mutter kam. Gab
sie ihm dann gtig nach und erwiderte sein Liebkosen, so war er
unknabenhaft gerhrt und weinte sogar zuweilen. Auch hatte er einst an
einer kleinen Rachehandlung der Klasse gegen den Lehrer teilgenommen und
fhlte sich, nachdem er sich zuvor laut des Streiches gerhmt hatte,
nachher pltzlich so zerknirscht, da er aus eignem Antrieb hinging und
um Verzeihung bat.

Das alles war erklrlich und sah recht harmlos aus. Es zeigte sich dabei
zwar eine gewisse Schwche, aber auch das gute Herz Walters, und niemand
hatte Schaden davon. So verlief die Zeit bis zu seinem fnfzehnten Jahr
in Stille und Zufriedenheit fr Mutter, Magd und Sohn. Auch Herr Leipolt
gab sich um Walter Mhe, suchte wenigstens seine Freundschaft durch
fteres berreichen von kleinen, fr Knaben erfreulichen Ladenartikeln
zu erwerben. Dennoch und obwohl Walter die Sachen annahm, liebte er den
allzu hflichen Ladenmann gar nicht und wich ihm nach Krften aus.

Am Ende des letzten Schuljahrs hatte die Mutter eine Unterredung mit dem
Shnlein, wobei sie zu erkunden suchte, ob er auch wirklich entschlossen
und ohne Widerstreben damit einverstanden sei, nun Kaufmann zu werden.
Sie traute ihm eher Neigung zu weiteren Schul- und Studienjahren zu.
Aber der Jngling hatte gar nichts einzuwenden und nahm es fr recht und
selbstverstndlich hin, da er jetzt ein Ladenlehrling werde. So sehr
sie im Grunde darber erfreut sein mute und auch war, kam es ihr doch
fast wie eine Art von Enttuschung vor. Doch berwog das Gefhl der
Beruhigung in ihr und sie sah Walters weiterer Zukunft ohne groe Sorgen
entgegen. Zwar gab es noch einen ganz unerwarteten Widerstand und
ziemlich herben Streit, indem der Junge sich hartnckig weigerte, seine
Lehrzeit im eignen Hause unter Herrn Leipolt abzudienen, was das
einfachste und fr ihn auch weitaus das leichteste gewesen wre und bei
Mutter und Vormund lngst fr selbstverstndlich gegolten hatte. Doch
war das nur eine leichte Trbung. Die Mutter fhlte nicht ungern in
diesem festen Widerstand etwas von ihrer eignen Art, sie gab am Ende
nach und es wurde in einem andern Kaufhaus eine Lehrstelle fr den
Knaben gefunden.

Walter begann seine neue Ttigkeit mit dem blichen Stolz und Eifer,
wute tglich viel davon zu erzhlen und gewhnte sich schon in der
ersten Zeit einige bei den Gerbersauer Geschftsleuten bliche
Redensarten und Gesten an, die ihm vom Vater her im Blut lagen und zu
denen die Mutter freundlich lchelte. Allein dieser frhliche Anfang
dauerte nicht sehr lange.

Schon nach kurzer Zeit wurde der Lehrling, der anfangs nur geringe
Handlangerdienste tun oder zusehen durfte, zum Bedienen und Verkaufen am
Ladentisch herangezogen, was ihn zunchst sehr froh und stolz machte,
bald aber in einen schweren Konflikt fhrte. Kaum hatte er nmlich ein
paarmal selbstndig einige Kunden bedient, so deutete sein Lehrherr ihm
an, er mge vorsichtiger mit der Wage umgehen. Walter war sich keines
Versumnisses bewut und bat um eine genauere Anweisung.

Ja, weit du denn das nicht schon von deinem Vater her? fragte der
Kaufmann.

Was denn? Nein, ich wei nichts, sagte Walter verwundert.

Nun zeigte ihm der Prinzipal, wie man beim Zuwgen von Salz, Kaffee,
Zucker und dergleichen durch ein nachdrckliches letztes Zuschtten die
Wage scheinbar zugunsten des Kufers niederdrcken msse, indessen
tatschlich noch etwas am Gewicht fehle. Das sei schon deshalb
notwendig, da man zum Beispiel am Zucker ohnehin fast nichts verdiene.
Auch merke es ja niemand.

Walter war ganz bestrzt.

Aber das ist ja unrecht, sagte er schchtern.

Der Kaufmann belehrte ihn eindringlich, aber er hrte kaum zu, so
berwltigend war ihm die Sache gekommen. Und pltzlich fiel ihm die
vorige Frage des Prinzipals wieder ein. Mit rotem Kopf unterbrach er
zornig dessen Rede und rief: Und mein Vater hat das nie getan, ganz
gewi nicht.

Der Herr war unangenehm erstaunt, unterdrckte aber klglich eine
heftige Zurechtweisung und sagte mit Achselzucken: Das wei ich besser,
du Naseweis. Es gibt keinen vernnftigen Laden, wo man das nicht tut.

Der Junge war aber schon an der Tr und hrte nicht mehr auf den Mann,
der ihn scheltend und drohend zurckrief, sondern ging im hellen Zorn
und Schmerz nach Hause, wo er durch sein Erlebnis und seine Klagen die
Mutter in nicht geringe Bestrzung und Verlegenheit brachte. Sie wute,
mit welcher gewissenhaften Ehrerbietung er seinen Lehrherrn betrachtet
hatte und wie sehr es seiner Art widerstrebte, Auffallendes zu tun und
Szenen zu machen. Aber sie verstand Walter diesmal sehr gut und freute
sich trotz aller augenblicklichen Sorge, da sein empfindliches Gewissen
strker als Gewohnheit und Rcksicht gewesen war. Sie suchte nun
zunchst selbst den Kaufmann auf und sprach beruhigend mit ihm, obwohl
es ihr sauer wurde; dann mute der Vormund zu Rate gezogen werden, dem
nun wieder Walters Auflehnung und Entrstung unbegreiflich war und der
durchaus nicht verstand, da ihm die Mutter auch noch recht gebe. Auch
er ging zum Prinzipal und sprach mit ihm. Dann schlug er der Mutter vor,
den Jungen ein paar Tage in Ruhe zu lassen, was auch geschah. Doch war
dieser auch nach drei und nach vier und nach acht Tagen nicht zu
bewegen, wieder in jenen Laden zu gehen. Und wenn wirklich jeder
Kaufmann es ntig habe, zu betrgen, sagte er, so wolle er auch keiner
werden.

Nun hatte der Vormund in einem etwas weiter talaufwrts gelegenen
Stdtchen einen Bekannten, der ein kleines Ladengeschft betrieb und fr
einen Frmmler und Stundenbruder galt, als welchen auch er ihn gering
geschtzt hatte. Diesem schrieb er in seiner Ratlosigkeit, und der Mann
antwortete in Blde, er halte zwar sonst keinen Lehrling, sei aber
bereit, Walter einmal versuchsweise bei sich aufzunehmen. So ungern die
Mutter den Jungen jetzt schon von Hause weggab, konnte sie doch nichts
Ernstliches einwenden, und so wurde Walter nach Deltingen gebracht und
jenem Kaufmann bergeben.

Der hie Leckle und wurde in der Stadt der Schlotzer geheien, weil er
in nachdenklichen Augenblicken seine Gedanken und Entschlsse aus dem
linken Daumen zu saugen pflegte. Davon abgesehen, war er zwar wirklich
sehr fromm und Mitglied einer kleinen Sekte, aber darum kein
schlechterer Kaufmann. Er machte sogar in seinem Ldchen vorzgliche
Geschfte und stand trotz seinem stets schbigen ueren im Geruch eines
sehr wohlhabenden Mannes. Er nahm Walter ganz zu sich ins Haus, und
dieser fuhr dabei nicht bel; denn war der Schlotzer etwas knapp und
krittlig, so war Frau Leckle eine sanfte Seele voll unntigen Mitleids
und suchte, soweit es in der Stille geschehen konnte, den Lehrling durch
Trostworte und Ttscheln und gute Bissen nach Krften zu verwhnen.
Vielleicht htte er das lieber abgewiesen, aber dazu war er zu jung,
auch machte ihn in der ersten Zeit das Heimweh schmiegsam und dankbar
fr ihre Zrtlichkeiten.

Im Leckleschen Laden ging es zwar genau und sparsam zu, aber nicht auf
Kosten der Kunden, denen Zucker und Kaffee gut und vollwichtig zugewogen
wurden. Walter Kmpff begann daran zu glauben, da man auch als Kaufmann
ehrlich sein und bleiben knne, und da es ihm an Geschick zu seinem
Beruf nicht fehlte, kam er rasch vorwrts und war selten einem Verweis
seines strengen Lehrpatrons ausgesetzt. Doch war die Kaufmannschaft
nicht das einzige, was er in Deltingen zu lernen bekam. Der Schlotzer
nahm ihn fleiig in die Stunden mit, die manchmal sogar in seinem
Hause stattfanden. Da saen Bauern, Schneider, Bcker, Schuster
beisammen, bald mit, bald ohne Weiber, und suchten den Hunger ihres
Geistes und ihrer Gemter an Gebet, Laienpredigt und gemeinschaftlicher
Bibelauslegung zu stillen. Zu diesem Treiben steckt im
schwarzwlderischen Volk ein starker Zug, und es sind meistens die
besseren und hher angelegten Naturen, die sich ihm anschlieen. Auer
gelegentlichen harmlosen Unfreundlichkeiten gegen Kirche und Pfarrer ist
dabei auch noch selten etwas Schlimmes herausgekommen, und das mit den
Fabriken um sich greifende moderne bel der Verflachung und
Seelenlosigkeit hat am Pietismus einen krftigen und ehrenwerten Feind.
Gerade in den Fabriken gibt es manche solche Fromme, die unter Spott und
Miachtung fest bleiben und tglich zu Helden und Mrtyrern werden,
wovor die aufgeklrten Gromuler und Schwindelidealisten billig Respekt
haben drften.

Da es unter diesen wacker strebenden Hungrigen des Geistes nicht an
seltsamen und auch nrrischen Brdern fehlt, ist natrlich und schadet
der Sache nichts. Immerhin gewann der junge Walter an einigen solchen
Kuzen einen zweifelhaften Eindruck. Im ganzen war er, ob ihm auch das
Bibelerklren manchmal zu viel wurde, diesem Wesen von Natur nicht
abgeneigt und brachte es fters zu wirklicher Andacht. Aber er war nicht
nur sehr jung, sondern auch ein Gerbersauer Kmpff; als ihm daher nach
und nach auch einiges Lcherliche an der Sache aufstie und als er immer
fter Gelegenheit hatte, andre junge Leute sich ber sie lustig machen
zu hren, da wurde er mitrauisch und hielt sich mglichst zurck. Wenn
es auffllig und gar lcherlich war, zu den Stundenbrdern zu gehren,
so war das nichts fr ihn, dem trotz allen widerstrebenden Regungen das
Verharren im blichen und brgerlich Hergebrachten ein unbewutes, aber
desto tieferes Bedrfnis war. Immerhin blieb von dem Stundenwesen und
vom Geist des Leckleschen Hauses genug an ihm hngen.

Er hatte sich schlielich sogar so eingewhnt, da er nach Abschlu
seiner Lehrzeit sich scheute, fortzugehen und trotz allen Mahnungen des
Vormundes noch zwei volle Jahre bei dem Schlotzer blieb. Viel trug es
auch zu seinem dortigen Wohlsein bei, da er von Deltingen aus
mindestens einmal im Monat fr einen Sonntag heimfahren und bei der
Mutter sein konnte.

Endlich nach zwei Jahren gelang es dem Vormund, ihn zu berzeugen, da
er notwendig noch ein Stck Welt und Handelschaft kennen lernen msse,
um spter einmal sein eigenes Geschft fhren zu knnen. So ging denn
Walter am Ende in die Fremde, ungern und zweifelnd, nachdem er zuvor
seine Militrzeit abgedient hatte. Ohne diese rauhe Vorschule htte er
es vermutlich nicht lange im fremden Leben drauen ausgehalten. Auch so
ging es ihm noch kunterbunt genug und fiel es ihm nicht leicht, sich
durchzubringen. An sogenannten guten Stellen fehlte es ihm freilich
nicht, da er berall mit guten Empfehlungen ankam. Aber innerlich hatte
er viel zu schlucken und zu flicken, um sich oben zu halten und nicht
davonzulaufen. Zwar mutete ihm niemand mehr zu, beim Wgen zu mogeln,
denn er war nun meist in den Kontors groer Geschfte ttig, aber wenn
auch keine beweisbaren Unredlichkeiten geschahen, kam ihm doch der ganze
Umtrieb und Wettbewerb ums Geld oft unleidlich roh und grausam und
nchtern vor, besonders da er nun keinen Umgang mehr mit Leuten von des
Schlotzers Art hatte und nicht wute, wo er die unklaren Bedrfnisse
seiner Phantasie befriedigen sollte.

Trotzdem bi er sich durch, arbeitete treulich und lernte viel, und fand
sich allmhlich mit mde gewordener Ergebung darein, da es nun einmal
so sein msse, da auch sein Vater es nicht besser gehabt habe und da
alles mit Gottes Willen geschehe. Die geheime, sich selber nicht
verstehende Sehnsucht nach der Freiheit eines klaren, in sich
begrndeten und befriedigten Lebens starb allerdings niemals ganz in ihm
ab, nur wurde sie stiller und glich ganz jenem seinen, stetigen
Schmerze, mit dem jeder tiefer veranlagte Mensch am Ende der
Jnglingsjahre sich in die Ungenge des Lebens findet und in dem die
reifende Manneswrde oft ihre tiefsten Wurzeln stecken hat.

Seltsam war es nun, da es wieder die grte Mhe kostete, ihn nach
Gerbersau zurckzubringen. Anfnglich hatte ihn zwar in Kln, wo er
damals lebte, eine Verliebtheit festgehalten. Allein das Mdchen, um das
er sich Mhe gab, wollte nichts von ihm wissen und htte wohl auch
schlecht zu ihm gepat. Sie verlobte sich mit einem Einheimischen, und
Kmpff htte allen Grund gehabt, sich jetzt zur Mutter und in die Heimat
zu flchten, da es um seine innere Festigkeit und Lebensfreude bel
bestellt war. Dennoch und obwohl er einsah, da es sein Schade sei, das
heimische Geschft lnger als ntig in fremder Pacht zu lassen, wollte
er durchaus nicht heimkommen. Es war nmlich, je nher diese
Notwendigkeit ihm rckte, eine wachsende und zuletzt fast verzweifelte
Angst in ihn gefahren. Wenn er erst einmal im eignen Haus und Laden sa,
sagte er sich, dann gab es vollends kein Entrinnen mehr. Es graute ihm
davor, nun auf eigne Rechnung Geschfte zu treiben, da er zu wissen
glaubte, da das die Leute schlecht mache. Wohl kannte er manche groe
und kleine Handelsleute, die durch Rechtlichkeit und edle Gesinnung
ihrem Stand Ehre machten und ihm verehrte Vorbilder waren; aber das
waren smtlich krftige, scharfe Persnlichkeiten, denen Achtung und
Erfolg von selbst entgegenzukommen schienen, und soweit kannte sich
Kmpff, da er wute, diese Kraft und Einheitlichkeit gehe ihm vllig
ab.

Fast ein Jahr lang zog er die Sache hin. Dann mute er wohl oder bel
kommen, denn Leipolts schon einmal verlngerte Pachtzeit war nchstens
wieder abgelaufen, und dieser Termin konnte ohne erheblichen Verlust
nicht versumt werden.

Er gehrte schon nicht mehr ganz zu den Jungen, als er gegen
Wintersanfang mit seinem Koffer in der Heimat anlangte und das Haus
seiner Vter in Besitz nahm. uerlich glich er nun fast ganz seinem
Vater, wie derselbe zur Zeit seiner Verheiratung ausgesehen hatte. In
Gerbersau wute auch auer seiner Mutter niemand, wie es nun bei ihm
aussah, und so nahm man ihn berall mit der ihm zukommenden freundlichen
Achtung als den heimkehrenden Erben und Herrn eines respektabeln Hauses
und Vermgens auf, und Kmpff fand sich leichter, als er gedacht hatte,
in die Rolle eines wohlgeschtzten und ehrenwerten Jungbrgers. Die
Freunde seines Vaters gnnten ihm wohlwollende Gre und hielten darauf,
da er sich ihren Shnen anschliee. Die ehemaligen Schulkameraden
schttelten ihm die Hand, wnschten ihm Glck und fhrten ihn an die
Stammtische im Hirschen und im Anker ein. berall fand er durch das
Vorbild und Gedchtnis seines Vaters nicht nur einen Platz offen,
sondern auch einen unausweichlichen Weg vorgezeichnet und wunderte sich
nur zuweilen, da ihm ganz dieselbe Wertschtzung wie einst dem Vater
zufiel, whrend er fest berzeugt war, da jener ein ganz andrer Kerl
gewesen sei und sich seiner vielleicht jetzt schmen wrde.

Da Herrn Leipolts Pachtzeit schon in sechs Wochen abgelaufen war, hatte
Kmpff in dieser ersten Zeit vollauf zu tun, sich mit den Bchern und
dem Inventar bekannt zu machen, mit Leipolt abzurechnen und sich bei
Lieferanten und Kunden einzufhren. Er konnte nachrechnen, da der
Pchter sich in all den Jahren ein kleines Vermgen erworben habe, das
er ihm aber gnnte denn er fand das Geschft in guter Ordnung und
leidlicher Blte. Er sa oft nachts noch ber den Bchern und war im
stillen froh, gleich so viel Arbeit angetroffen zu haben, denn er verga
darber zunchst die tiefersitzenden Sorgen und konnte sich, ohne da es
auffiel, noch eine Zeitlang den Fragen der Mutter entziehen. Er fhlte
wohl, da fr ihn wie fr sie ein grndliches Aussprechen notwendig sei,
und das schob er gern noch hinaus. Im brigen begegnete er ihr mit einer
ehrlichen, etwas verlegenen Zrtlichkeit, denn es war ihm pltzlich
wieder klar geworden, da sie doch der einzige Mensch in der Welt sei,
der zu ihm passe und ihn verstehe und in der rechten Weise liebhabe.

Als endlich alles im Gange und der Pchter abgezogen war, als Walter die
meisten Abende und auch den Tag ber manche halbe Stunde bei der Mutter
sa, erzhlte und sich erzhlen lie, da kam ganz ungesucht und
ungerufen auch die Stunde, in der Frau Kornelie sich das Herz ihres
Sohnes erschlo und wieder wie zu seinen Knabenzeiten seine etwas scheue
und unstete Seele offen vor sich sah. Mit wunderlichen Empfindungen fand
sie ihre alte Ahnung besttigt: ihr Sohn war, allem Anschein zum Trotz,
im Herzen kein Kmpff und kein Kaufmann geworden, er stak nur, innerlich
ein Kind geblieben, in der aufgentigten Rolle und lie sich verwundert
treiben, ohne da er lebendig mit dabei war. Er konnte rechnen,
buchfhren, einkaufen und verkaufen wie ein andrer, aber es war eine
erlernte, unwesentliche Fertigkeit. Und nun hatte er die doppelte Angst,
entweder seine Rolle schlecht zu spielen und dem vterlichen Namen
Unehre zu machen, oder am Ende in ihr zu versinken und schlecht zu
werden und seine Seele ans Geld zu verlieren.

                   *       *       *       *       *

Es kam nun eine lange Reihe von stillen Jahren. Herr Kmpff merkte
allmhlich, da die ehrenvolle Aufnahme, die er in der Heimatstadt
gefunden hatte, zu einem Teil auch seinem ledigen Stande galt. Da er
trotz vielen Verlockungen lter und lter wurde, ohne zu heiraten, war
-- wie er selbst mit schlechtem Gewissen fhlte -- ein entschiedener
Abfall von den hergebrachten Regeln der Stadt und des Hauses. Doch
vermochte er nichts dawider zu tun. Auch nachdem der Schmerz um jene
frhere Liebe still geworden und eingeschlafen war, ging es nicht
besser. Denn nun ergriff ihn mehr und mehr eine peinliche Scheu vor
allen wichtigen Entschlssen. Er mute fast lachen, wenn er bedachte,
da er eigentlich nun heiraten sollte. Er hatte zu sorgen genug, wie
sollte er auch noch ein Familienherr und Vater werden mgen! Wie htte
er seine Frau und gar die Kinder behandeln sollen, er, der sich selber
oft wie ein Knabe vorkam mit seiner Herzensunruhe und seinem mangelnden
Zutrauen zu sich selber? Manchmal, wenn er am Stammtisch in der
Honoratiorenstube seine Altersgenossen sah, wie sie auftraten und sich
selber und einer den andern ernst nahmen, wollte es ihn wundern, ob
diese wirklich alle in ihrem Innern sich so sicher und mnnlich
gefestigt vorkamen, wie es den Anschein hatte. Und wenn das war, warum
nahmen sie ihn dann ernst und warum merkten sie nicht, da es mit ihm
ganz anders stand?

Solche Fragen kamen ihm zuweilen. Aber es dachte kein Mensch daran, ihn
etwa nicht fr voll zu nehmen und seinem brgerlich biederen Aussehen
und Auftreten irgend zu mitrauen. Und doch war er in vielem geradezu
ein Kind. Obwohl vielleicht in sechs, acht Jahren man ihn gewi in den
Gemeinderat whlen wrde, schien ihm das doch unmglich und lcherlich
und kam ihm diese Ehre immer ebenso seltsam, groartig und entlegen vor
wie damals, als er noch in die Schule ging und mit Ehrerbietung und
Erstaunen davon reden hrte, sein Vater kme vielleicht das nchste Jahr
in den Gemeinderat -- lieber Gott! Sie htten ihn ebensogut zum Papst
machen knnen. Es schien ihm, als spielten alle Leute Komdie.

So htte er das seltsame Schauspiel eines geachteten, wohlhabenden
Brgers gewhrt, dem auf der Welt nichts mangelt als die Hauptsache,
nmlich das Zutrauen zu sich selber. Doch sah das niemand, kein Kunde im
Laden und kein Kollege und Kamerad auf dem Markt oder beim Schoppen,
auer der Mutter. Diese mute ihn freilich genau kennen, denn bei ihr
sa das groe Kind immer wieder, klagend, Rat haltend und fragend, und
sie beruhigte ihn und beherrschte ihn, ohne es zu wollen. Die Holderlies
aber nahm bescheiden daran teil. Die drei merkwrdigen Leute, wenn sie
abends beisammen waren, sprachen ungewhnliche Dinge miteinander. Sein
immerfort unruhiges Gewissen trieb den Kaufmann auf neue und wieder neue
Fragen und Gedanken, ber die man zu Rate sa und aus der Erfahrung und
aus der Bibel Aufschlsse suchte und Anmerkungen machte. Der Mittelpunkt
aller Fragen war der belstand, da Herr Kmpff nicht glcklich war und
es gern gewesen wre.

Ja, wenn er eben geheiratet htte, meinte die Lies seufzend. O nein,
bewies aber der Herr, wenn er geheiratet htte, wre es eher noch
schlimmer; er wute viele Grnde dafr. Aber wenn er etwa studiert
htte, oder er wre Schreiber oder ein Handwerker geworden. Da wre es
so und so gegangen. Und der Herr bewies, da er dann wahrscheinlich erst
recht im Pech wre. Man probierte es mit dem Schreiner, Schullehrer,
Pfarrer, Arzt, aber es kam auch nichts dabei heraus.

Und wenn es auch vielleicht ganz gut gewesen wre, schlo er traurig,
es ist ja doch alles anders und ich bin Kaufmann wie der Vater.

Zuweilen erzhlte Frau Kornelie vom Vater. Davon hrte er immer gern.
>Ja, wenn ich ein Mann wre, wie der einer gewesen ist!< dachte er dabei
und sagte es auch bisweilen. Darauf lasen sie ein Bibelkapitel oder auch
irgend eine Geschichte, die man aus der Brgervereinsbibliothek da
hatte. Und die Mutter zog Schlsse aus dem Gelesenen und sagte: Man
sieht, die wenigsten Leute treffen es im Leben gerade so, wie es gut fr
sie wre. Es mu jeder genug durchmachen und leiden, auch wenn man's ihm
nicht ansieht. Der liebe Gott wird es schon wissen, zu was es gut ist,
und einstweilen mu man es eben auf sich nehmen und Geduld haben.

Dazwischen trieb Walter Kmpff seinen Handel, rechnete und schrieb
Briefe, erschien als ruhiger Gast an den regelmigen Wochenabenden,
machte da und dort einen Besuch und ging in die Kirche, alles pnktlich
und ordentlich, wie es das Herkommen erforderte. Im Lauf der Jahre
schlferte ihn das auch ein wenig ein, doch niemals ganz; in seinem
Gesicht stand immer etwas, das einem verwunderten und bekmmerten
Sichbesinnen hnlich sah.

Seiner Mutter war anfangs dies Wesen ein wenig bengstigend. Sie hatte
gedacht, er wrde vielleicht noch weniger zufrieden, aber mannhafter und
entschiedener werden. Dafr rhrte sie wieder die glubige Zuversicht,
mit der er an ihr hing und nicht mde wurde, alles mit ihr zu teilen und
gemeinsam zu haben. Und wie die Zeiten dahinliefen und alles im Gleichen
blieb, gewhnte sie sich vllig daran und fand nicht viel Besonderes und
Beunruhigendes mehr an seinem bekmmerten und ziellosen Wesen.

                   *       *       *       *       *

So stand es und so blieb es. Walter Kmpff war nun nahe an vierzig und
hatte nicht geheiratet und sich wenig verndert. In der Stadt lie man
sein etwas zurckgezogenes Leben als eine Junggesellenschrulle hingehen
und wute glcklicherweise nicht, wie eigentmlich es in der groen
Vorderstube seines Hauses an den stillen Abenden aussah, an denen er mit
den beiden alten Frauen seine ernsten Beratungen hielt und auf die
Mutter hrte wie ein Zehnjhriger. Da in dies resignierte Leben noch
eine nderung kommen knnte, hatte er nie gedacht.

Sie kam aber pltzlich, indem Frau Kornelie, deren langsames Altern man
kaum bemerkt hatte, auf einem kurzen Krankenlager vollends ganz wei
wurde, sich wieder aufraffte und wieder erkrankte, um nun schnell und
still zu sterben. Am Totenbette, von dem der Herr Stadtpfarrer eben
weggegangen war, standen der Sohn und die alte Magd.

Lies, geh hinaus, sagte Herr Kmpff.

Ach, aber lieber Herr --!

Geh hinaus, sei so gut!

Sie ging hinaus und sa ratlos in der Kche. Nach einer Stunde klopfte
sie, bekam keine Antwort und ging wieder. Und wieder kam sie nach einer
Stunde und klopfte vergebens. Sie klopfte noch einmal.

Herr Kmpff! O Herr!

Sei still, Lies! rief es von drinnen.

Und mit dem Nachtessen?

Sei still, Lies. I du nur!

Und Sie nicht?

Ich nicht. La jetzt gut sein! Gute Nacht!

Ja, darf ich denn gar nimmer hinein?

Morgen dann, Lies.

Sie mute davon abstehen. Aber nach einer schlaflosen Kummernacht stand
sie morgens schon um fnf Uhr wieder da.

Herr Kmpff!

Ja, was ist?

Soll ich gleich Kaffee machen?

Wie du meinst.

Und dann, darf ich dann hinein?

Ja, Lies.

Sie kochte ihr Wasser und nahm die zwei Lffel gemahlenen Kaffee und
Zichorie, lie das Wasser durchlaufen, trug Tassen auf und schenkte ein.
Dann kam sie wieder.

Er schlo auf und lie sie hereinkommen. Sie kniete ans Bett und sah die
Tote an und rckte ihr die Tcher zurecht. Dann stand sie auf und sah
nach dem Herrn und besann sich, wie sie ihn anreden solle. Aber wie sie
ihn ansah, kannte sie ihn kaum wieder. Er war bla und hatte ein
schmales Gesicht und machte groe merkwrdige Augen, als wollte er einen
durch und durch schauen, was sonst gar nicht in seiner Art war.

Sie sind gewi nicht wohl, Herr --

Ich bin ganz wohl. Wir knnen ja jetzt Kaffee trinken.

Das taten sie, ohne da ein Wort gesprochen wurde. Aber der Lies schien
es durchaus ntig, da das groe Unglck auch beredet werde, schon weil
es ihr mifiel und gefhrlich vorkam, da ihr Herr seinen ganzen Schmerz
und Schrecken in sich verschlo. Also fing sie nach einigem Warten
wieder an:

Unsere liebe, arme Frau! Ja, Herr Kmpff, das ist ein schwerer Schlag
fr uns.

Sie sagte erst seit gestern Herr Kmpff zu ihm, bisher hatte er fr
sie Herr Walter geheien.

Er gab keine Antwort.

Lieber Gott, fing sie nochmals an, und so schnell ist es gegangen,
kein Mensch hat daran gedacht. Es ist ja gut fr sie. Wenn sie auch noch
lang htte leiden mssen! Aber fr uns ist es doch schrecklich traurig.

Ja, Lies.

Nicht wahr? Und sie war auch noch gar nicht so besonders alt. Du liebe
Zeit, vierundsechzig! Das ist doch noch lang kein hohes Alter, Herr
Kmpff.

Er blickte sie mit seinen groen, vernderten Augen an.

Jesus, was fehlt Ihnen? rief sie bestrzt.

Nichts, Lies. Aber du gehst jetzt hinaus und lt mich in Ruhe.

Den ganzen Tag, whrend die Leichenfrau da war und die Tote besorgte,
sa er allein in der Stube. Es kamen ein paar Trauerbesuche, die er sehr
ruhig empfing und sehr bald und khl wieder verabschiedete, ohne da er
jemand die Tote sehen lie. Nachts wollte er wieder bei ihr wachen,
schlief aber auf dem Stuhle ein und wachte erst gegen Morgen auf. Erst
jetzt fiel es ihm ein, da er sich schwarz anziehen msse. Er holte
selber den Gehrock aus dem Kasten. Abends war die Beerdigung, wobei er
nicht weinte und sich sehr ruhig benahm. Desto aufgeregter war die
Holderlies, die in ihrem weiten Staatskleid und mit rotgeweintem Gesicht
den Zug der Weiber anfhrte. ber das nasse Sacktuch weg ugte sie
fortwhrend, vor Trnen blinzelnd, nach ihrem Herrlein hinber, um das
sie Angst hatte. Sie fhlte gut, da dieses kalte und ruhige Gebaren
nicht aus seinem inneren Wesen kam und da die trotzige Verschlossenheit
und Einsiedlerei ihn verzehren msse.

Doch gab sie sich vergebens Mhe, ihn seiner Erstarrung zu entreien. Er
sa daheim am Fenster oder lief ruhelos durch die Zimmer. An der
Ladentr verkndete ein Zettel, da das Geschft fr drei Tage
geschlossen sei. Es blieb aber auch am vierten und fnften Tag zu, bis
einige Bekannte ihn dringend mahnten.

Kmpff stand nun wieder hinter dem Ladentisch, wog, rechnete und nahm
Geld ein, aber er tat es, ohne dabei zu sein. An den Abenden der
Brgergesellschaft und der Hirschengste erschien er nicht mehr und man
lie ihn gewhren, da er ja in Trauer war. In seiner Seele war es leer
und still. In der ersten Verzweiflung nach dem Tod der Mutter hatte es
ihn stark gelstet, sich in einer dunkeln Bodenkammer aufzuhngen. Denn
wie sollte er nun leben? Eine tdliche Ratlosigkeit hielt ihn wie ein
Krampf bestrickt, er konnte nicht stehen noch fallen, sondern fhlte
sich ohne Boden im Leeren schweben. Da er die Kammer mied und den
Strick unberhrt lie, geschah ohne berlegung aus einer verborgen
fortwirkenden Gewissenhaftigkeit, ber die er nicht Herr war.

Nach einiger Zeit begann es ihn unruhig zu treiben; er fhlte, da
irgend etwas geschehen msse, nicht von auen her, sondern aus ihm
selbst heraus, um ihn zu befreien. Damals fingen nun auch die Leute an,
etwas zu merken, und die Zeit begann, in der Walter Kmpff zum
bekanntesten und meistbesprochenen Mann in Gerbersau wurde.

                   *       *       *       *       *

Wie es scheint, hatte der sonderbare Kaufmann in diesen Zeiten, da er
sein Leben erobern wollte und sein Schicksal der Reife nahe fhlte, ein
starkes Bedrfnis nach Einsamkeit und ein Mitrauen gegen sich selbst,
das ihm gebot, sich von gewohnten Einflssen zu befreien und sich
gewissermaen eine eigne, abschlieende Atmosphre zu schaffen.
Wenigstens fing er nun an, die beiden Wirtshausabende zu meiden;
anfnglich entschuldigte er sich noch bei seinen Herren Freunden, dann
hrte auch dieses auf, und man begann ihn fr einen unfeinen Bruder zu
halten. Schlimmer war, da er um dieselbe Zeit die treue Holderlies zu
entfernen suchte.

Vielleicht kann ich dann die selige Mutter eher vergessen, sagte er
und bot der Lies ein betrchtliches Geschenk an, da sie in Frieden
abgehe. Die alte Dienerin lachte jedoch nur und erklrte, sie gehre nun
einmal ins Haus und werde auch bleiben. Sie wute gut, da ihm nicht
daran gelegen war, seine Mutter zu vergessen, da er vielmehr ihrem
Andenken stndlich nachhing und keinen geringsten Gegenstand vermissen
mochte, der ihn an sie erinnerte. Und vielleicht verstand die Holderlies
ihres Herrn Gemtszustnde ahnungsweise schon damals; jedenfalls verlie
sie ihn nicht, sondern sorgte mtterlich fr sein verwaistes Hauswesen
und half ihm auch das Gedchtnis der Hingegangenen redlich pflegen.

Es mu nicht leicht fr sie gewesen sein, in jenen Tagen bei dem
Sonderling auszuharren. Walter Kmpff begann damals zu fhlen, da er zu
lange das Kind seiner Mutter geblieben war. Strme, die ihn nun
bedrngten, waren schon jahrelang in ihm gewesen, und er hatte sie
dankbar von der Mutterhand beschwren und besnftigen lassen. Jetzt
schien ihm aber, es wre besser gewesen, beizeiten zu scheitern und neu
zu beginnen, statt erst jetzt, da er nicht mehr bei Jugendkrften und
durch jahrelange Gewohnheit hundertfach gefesselt und gelhmt war. Seine
Seele verlangte so leidenschaftlich wie jemals nach Freiheit und
Gleichgewicht, aber sein Kopf war der eines Kaufmanns und sein ganzes
Leben lief eine feste, glatte Bahn abwrts und er wute keinen Weg, aus
diesem sicheren Gleiten sich auf neue, bergan fhrende Pfade zu retten.

Und whrend er mit zrtlicher Trauer jede Erinnerung an die gestorbene
Mutter wach erhielt und innig am Herzen hegte, schmte er sich dieser
Treue und hielt sich tglich vor, wie notwendig es ihm sei, von heute an
ein eignes Leben zu fhren und keine Stimme mehr zu lieben und zu hren
als das Schreien seines vereinsamten Herzens nach Rast und Erlsung.

In seiner Not besuchte er mehrmals die abendlichen Versammlungen der
Pietisten. Eine Ahnung des Trostes und der Erbauung wachte dort zwar in
ihm auf, doch mitraute er heimlich der inneren Wahrhaftigkeit dieser
Mnner, die oft ganze Abende mit unendlich kleinlichen Versuchen einer
untheologischen Bibelauslegung verbrachten, viel verbissenen
Autodidaktenstolz an den Tag legten und selten recht einig untereinander
waren. Es mute eine Quelle des Vertrauens und der Gottesfreude geben,
eine Mglichkeit der Heimkehr zur Kindeseinfalt und in Gottes Arme; aber
hier, meinte er, war sie nicht. Die Redner und Gste dieser
Versammlungen waren alle ehrenwerte, redliche Menschen, aber sie hatten
doch alle, schien ihm, irgend einmal einen Kompromi geschlossen und
hielten in ihrem Leben eine irgend einmal angenommene Grenze zwischen
Geistlichem und Weltlichem inne. Eben das hatte Kmpff selber sein Leben
lang getan, und eben das hatte ihn mde und traurig gemacht und ohne
Trost gelassen.

Das Leben, das er sich dachte, mte in allen kleinsten Regungen Gott
hingegeben und von herzlichem Vertrauen erleuchtet sein. Er wollte keine
noch so geringe Ttigkeit mehr verrichten, ohne dabei mit sich und mit
Gott einig zu sein. Und er wute genau, da dies se und heilige Gefhl
ihm bei Rechnungsbuch und Ladenkasse niemals zuteil werden knne. In
seinem Sonntagsblttlein las er zuweilen von groen Laienpredigern und
gewaltigen Erweckungen in Amerika, in Schweden oder Schottland, von
Versammlungen, in denen Dutzende und Hunderte, vom Blitz der Erkenntnis
getroffen, sich gelobten, fortan ein neues Leben im Geist und in der
Wahrheit zu fhren. Bei solchen Berichten, die er mit Sehnsucht
verschlang, hatte Kmpff ein Gefhl, als steige Gott selber zuzeiten auf
die Erde herab und wandle unter den Menschen, da oder dort, in manchen
Lndern, aber niemals hier, aber niemals in seiner Nhe.

Die Holderlies erzhlte, er habe damals jmmerlich ausgesehen. Sein
gutes, ein wenig kindliches Gesicht wurde mager und scharf, die Falten
tiefer und hrter. Auch lie er, der bisher das Gesicht glatt getragen
hatte, jetzt den Bart ohne Pflege stehen, einen dnnen, farblos blonden
Bart, um den ihn die Buben auslachten. Nicht weniger vernachlssigte er
seine Kleidung, und ohne die zhe Frsorge der bekmmerten Magd wre er
schnell vollends zum Kindergesptt geworden. Den lfleckigen alten
Ladenrock trug er meistens auch bei Tisch und auch abends, wenn er auf
seine langen Spaziergnge ausging, von denen er oft erst gegen
Mitternacht heimkam.

Nur den Laden lie er nicht verkommen. Das war das letzte, was ihn mit
der frheren Zeit und mit dem Althergebrachten verband, und er fhrte
seine Bcher peinlich weiter, stand selber den ganzen Tag im Geschft
und bediente. Freude hatte er nicht daran, obwohl die Geschfte
erfreulich gingen. Aber er mute eine Arbeit haben, er mute sein
Gewissen und seine Kraft an eine feste, immerwhrende Pflicht binden,
sonst htte ihn das planlose Suchen und Sehnsuchtleiden verzehrt. Auch
wute er genau, da mit dem Aufgeben seiner gewohnten Ttigkeit ihm die
letzte Sttze entgleiten und er rettungslos den Mchten verfallen wrde,
die er nicht weniger frchtete als verehrte.

                   *       *       *       *       *

In kleinen Stdtlein gibt es immer irgendeinen armen, entgleisten
Bettler und Tunichtgut, einen alten Sufer oder entlassenen
Zuchthusler, der jedermann zum Spott und rgernis dient und als Entgelt
fr die sprliche Wohlttigkeit der Stadt den Kinderschreck und
verachteten Auswrfling abgeben mu. Als solcher diente zu jenen Zeiten
ein Alois Beckeler, genannt Gckeler, ein schnurriger, alter Taugenichts
und weltkundiger Herumtreiber, der nach langen Landstreicherjahren hier
hngen geblieben war. Sobald er etwas zu beien und zu trinken
hatte, tat er groartig und gab in den Kneipen eine drollige
Faulpelzphilosophie zum besten, nannte sich Frst von Ohnegeld und
Erbprinz von Schlaraffia, bemitleidete jedermann, der von seiner Hnde
Arbeit lebte, und fand immer ein paar Zuhrer, die ihn halb heimlich
bewunderten, halb verachtend protegierten und ihm manchen Schoppen
zahlten.

Eines Abends, als Herr Walter Kmpff einen seiner langen, einsamen und
hoffnungslosen Spaziergnge unternahm, stie er auf diesen Gckeler,
welcher der Quere nach in der Strae lag und einen kleinen
Nachmittagsrausch soeben ausgeschlafen hatte.

Kmpff erschrak zuerst, als er unvermutet den Daliegenden zu Gesicht
bekam, auf den er im Halbdunkel beinahe getreten wre. Doch erkannte er
rasch den Vagabunden und rief ihn vorwurfsvoll an:

He, Beckeler, was machet Ihr da?

Der Alte richtete sich halb auf, blinzelte vergngt und meinte: Ja, und
Ihr, Kmpff, was machet denn Ihr da, he?

Dem so Angeredeten wollte es mifallen, da der Lump ihn weder mit Herr
noch mit Sie titulierte.

Knnet Ihr nicht hflicher sein, Beckeler? fragte er gekrnkt.

Nein, Kmpff, grinste der Alte, das kann ich nicht, so leid mir's
tut.

Und warum denn nicht?

Weil mir niemand was dafr gibt, und umsonst ist der Tod. Hat mir
vielleicht der hochgeehrte Herr von Kmpff irgend einmal was geschenkt
oder zugewendet? O nein, der reiche Herr von Kmpff hat das noch nie
getan, der ist viel zu fein und zu stolz, als da er ein Aug' auf einen
armen Teufel knnte haben. Ist's so oder ist's nicht so?

Ihr wisset gut, warum. Was fanget Ihr an mit einem Almosen? Vertrinken,
weiter nichts, und zum Vertrinken hab' ich kein Geld und geb' auch
keins.

So, so. Na, denn gute Nacht und angenehme Ruhe, Bruderherz.

Wieso Bruderherz?

Sind nicht alle Menschen Brder, Kmpff? He? Ist vielleicht der Heiland
fr dich gestorben und fr mich nicht?

Redet nicht so, mit diesen Sachen treibt man keinen Spa.

Hab' ich Spa getrieben?

Kmpff besann sich. Die Worte des Lumpen trafen mit seinen grblerischen
Gedanken zusammen und regten ihn wunderlich auf.

Gut denn, sagte er freundlich, stehet einmal auf. Ich will Euch gern
etwas geben.

Ei, schau!

Ja, aber Ihr msset mir versprechen, da Ihr's nicht vertrinket. Ja?

Beckeler zuckte die Achseln. Er war heute in seiner freimtigen Laune.

Versprechen kann ich's schon, aber Halten steht auf einem andern Blatt.
Geld, wenn ich's nicht verbrauchen darf, wie ich will, ist so gut wie
kein Geld.

Es ist zu Eurem Besten, was ich sage, Ihr drft mir glauben!

Der Trinker lachte.

Ich bin jetzt vierundsechzig Jahre alt. Glaubt Ihr wirklich, da Ihr
besser wit, was mir gut ist, als ich selber? Glaubt Ihr?

Mit dem schon hervorgezogenen Geldbeutel in der Hand stand Kmpff
verlegen da. Er war im Reden und Antwortenknnen nie stark gewesen und
fhlte sich diesem vogelfreien Menschen gegenber, der ihn Bruderherz
nannte und sein Wohlwollen verschmhte, hilflos und unterlegen. Schnell
und fast ngstlich nahm er einen Taler heraus und streckte ihn dem
Beckeler hin.

Nehmet also ...

Erstaunt nahm Alois Beckeler das groe Geldstck hin, hielt es vors Auge
und schttelte den struppigen Kopf. Dann begann er, sich demtig,
umstndlich und beredt zu bedanken. Kmpff war ber die Hflichkeit und
Selbsterniedrigung, zu der ein Stck Geld den Philosophen vermocht
hatte, beschmt und traurig und lief schnell davon.

Dennoch empfand er eine heimliche Erleichterung und kam sich vor, als
htte er eine Tat vollbracht. Da er dem Beckeler einen Taler zum
Vertrinken geschenkt hatte, war fr ihn eine abenteuerliche Extravaganz,
mindestens so khn und unerhrt, als wenn er selber das Geld verldert
htte. Er kehrte an diesem Abend so zeitig und zufrieden heim wie seit
Wochen nicht mehr.

Fr den Gckeler brach jetzt eine gesegnete Zeit an. Alle paar Tage gab
ihm Walter Kmpff ein Stck Geld, bald eine Mark, bald einen Fnfziger,
so da das Wohlleben kein Ende nahm. Einmal, als er am Kmpffschen Laden
vorberkam, rief ihn der Herr herein und schenkte ihm ein Dutzend gute
Zigarren. Die Holderlies war zufllig dabei und trat dazwischen.

Aber Sie werden doch dem Lump nicht von den teuren Zigarren geben!

Sei ruhig, sagte der Herr, warum soll er's nicht auch einmal gut
haben?

Und der alte Taugenichts blieb nicht der einzige Beschenkte. Den
einsamen Grbler befiel eine zunehmende Lust am Weggeben und
Freudemachen. Armen Weibern gab er im Laden das doppelte Gewicht oder
nahm kein Geld von ihnen, den Fuhrleuten gab er am Markttag berreiche
Trinkgelder und den Bauernfrauen legte er gern bei ihren Einkufen ein
Extrapckchen Zichorie oder eine gute Handvoll Korinthen in den Korb.

Das konnte nicht lange dauern, ohne aufzufallen. Zuerst bemerkte es die
Holderlies, und sie machte dem Herrn schwere, unablssige Vorwrfe, die
zwar erfolglos blieben, ihn aber nicht wenig beschmten und qulten, so
da er allmhlich seine Verschwendungslust vor ihr verstecken lernte.
Darber wurde die treue Seele mitrauisch und begann sich aufs
Spionieren zu legen, und das alles brachte in Blde den Hausfrieden
bedenklich ins Wanken.

Nchst der Lies und dem Gckeler waren es die Kinder, denen des
Kaufmanns sonderbare Freigebigkeit auffiel. Sie kamen immer fter mit
einem Pfennig daher, verlangten Zucker, Sholz oder Johannisbrot und
bekamen davon soviel sie wollten. Und wenn die Lies aus Scham und der
Beckeler aus Klugheit schwiegen, die Kinder taten es nicht, sondern
verbreiteten die Kunde von Kmpffs groartiger Laune bald in der ganzen
Stadt.

Merkwrdig war es, da er selber wider diese Freigebigkeit kmpfte und
sich vor ihr frchtete. Nachdem er tagsber Pfunde verschenkt und
verschwendet hatte, befiel ihn abends beim Geldzhlen und beim
Buchfhren Entsetzen ber diese liederliche, unkaufmnnische Wirtschaft.
Angstvoll rechnete er nach und versuchte seinen Schaden zu berechnen,
sparte beim Bestellen und Einkaufen, forschte nach wohlfeilen Quellen,
und alles nur, um andern Tages von neuem zu geuden und seine Freude am
Geben zu haben. Die Kinder jagte er bald scheltend fort, bald belud er
sie mit guten Sachen. Nur sich selber gnnte er nichts, er sparte am
Haushalte und an der Kleidung, gewhnte sich den Nachmittagskaffee ab
und lie das Weinfchen im Keller, als es leer war, nimmer fllen.

Die milichen Folgen lieen nicht lange auf sich warten. Kaufleute
beschwerten sich mndlich und in groben Briefen bei ihm, da er ihnen
mit seinem sinnlosen Dreingeben und Schenken die Kunden weglocke. Manche
solide Brger und auch schon mehrere seiner Kunden vom Lande, die an
seinem vernderten Wesen Ansto nahmen, mieden seinen Laden und
begegneten ihm, wo sie ihm nicht ausweichen konnten, mit unverhohlenem
Mitrauen. Auch stellten ihn die Eltern einiger Kinder, denen er
Leckereien und Feuerwerk gegeben hatte, rgerlich zur Rede. Sein Ansehen
unter den Honoratioren, mit dem es schon einige Zeit her nicht glnzend
mehr ausgesehen hatte, schwand dahin und ward ihm durch eine
zweifelhafte Beliebtheit bei den Geringen und Armen doch nicht ersetzt.
Ohne diese Vernderungen im einzelnen allzu schwer zu nehmen, hatte
Kmpff doch das Gefhl eines unaufhaltsamen Gleitens ins Ungewisse. Es
kam immer hufiger vor, da er von Bekannten mit spttischer oder
mitleidiger Gebrde begrt wurde, da auf der Strae hinter ihm
gesprochen und gelacht ward, da Spavgel ihm mit umstndlicher
Herzlichkeit die Hand drckten und ernste Leute ihm mit Unbehagen
auswichen. Die paar alten Herren, die zur Freundschaft seines Vaters
gehrt hatten und einigemal mit Vorwrfen, Rat und Zuspruch zu ihm
gekommen waren, blieben bald aus und wandten sich rgerlich von ihm ab.
Und immer mehr verbreitete sich in der Stadt die Ansicht, Walter Kmpff
sei im Kopf nimmer recht und gehre bald ins Narrenhaus.

                   *       *       *       *       *

Mit der Kaufmannschaft war es jetzt zu Ende, das sah der gequlte Mann
selber am besten ein. Aber ehe er die Bude endgltig zumachte, beging er
noch eine Tat unkluger Gromut, die ihm viele Feinde machte.

Eines Montags verkndigte er durch eine Anzeige im Wochenblatt, von
heute an gebe er jede Ware zu dem Preis, den sie ihn selber koste.

Einen Tag lang war sein Laden voll wie noch nie. Die feinen Leute
blieben aus, sonst aber kam jedermann, um von dem offenbar
bergeschnappten Hndler seinen Vorteil zu ziehen. Die Wage kam den
ganzen Tag nicht zum Stillstehen und das Ladenglcklein schellte sich
heiser. Krbe und Scke voll spottbillig erworbener Sachen wurden
fortgetragen. Die Holderlies war auer sich. Da ihr Herr nicht auf sie
hrte und sie aus dem Laden verwies, stellte sie sich in der Haustr auf
und sagte jedem Kufer, der aus dem Laden kam, ihre Meinung. Es gab
einen Skandal ber den andern, aber die verbitterte Alte hielt aus und
suchte jedem, der nicht ganz dickfellig war, seinen wohlfeilen Einkauf
ordentlich zu versalzen.

Willst nicht auch noch zwei Pfennig geschenkt haben? fragte sie den
einen, und zum andern sagte sie: Das ist nett, da Ihr wenigstens den
Ladentisch habt stehen lassen.

Aber zwei Stunden vor Feierabend erschien der Brgermeister in
Begleitung des Amtsdieners und befahl, da der Laden geschlossen werde.
Kmpff weigerte sich nicht und machte sogleich die Fensterlden zu. Tags
darauf mute er aufs Rathaus und wurde nur auf seine schriftliche
Erklrung, da er sein Geschft aufzugeben entschlossen sei, mit
Kopfschtteln wieder laufen gelassen.

Den Laden war er nun los. Er lie seine Firma aus dem Handelsregister
streichen, da er sein Geschft weder verpachten noch verkaufen wollte.
Die noch vorhandenen Vorrte, soweit sie dazu paten, verschenkte er
wahllos an arme Leute. Die Lies wehrte sich um jedes Stck und brachte
Kaffeescke und Zuckerhte und alles, wofr sie irgend Raum fand, fr
den Haushalt beiseite.

Ein entfernter Verwandter stellte den Antrag, Walter Kmpff zu
entmndigen, doch sah man nach lngeren Verhandlungen davon ab, teils
weil nahverwandte, namentlich minderjhrige Erbberechtigte nicht
vorhanden waren, teils weil Kmpff nach der Aufgabe seines Geschfts
unschdlich und der Bevogtung nicht bedrftig erschien.

Es sah aus, als kmmere sich keine Seele um den entgleisten Mann. Zwar
redete man in der ganzen Gegend von ihm, meistens mit Hohn und
Mifallen, manchmal auch mit Bedauern; in sein Haus aber kam niemand,
etwa nach ihm zu sehen, einen Rat zu geben, oder ein wenig Gesellschaft
zu leisten. Es kamen nur mit groer Schnelligkeit alle Rechnungen, die
noch offen standen, denn man frchtete, hinter der ganzen Geschichte
stecke am Ende ein ungeschickt eingeleiteter Bankrott. Doch brachte
Kmpff seine Bcher richtig und notariell zum Abschlu, zahlte alle
baren Schulden ohne Abzge und wurde, als alles erledigt war, amtlich
entlastet. Freilich nahm dieses bereilte Abschlieen nicht nur seine
Brse, sondern noch mehr seine Krfte unmig in Anspruch, und als er
fertig war, fhlte er sich elend und dem Zusammenbrechen nahe.

In diesen bsen Tagen, als er nach einer berhitzten Arbeitszeit
pltzlich vereinsamt und unbeschftigt sich selber berlassen blieb, kam
wenigstens einer, um ihm zuzusprechen, das war der Schlotzer, Kmpffs
ehemaliger Lehrherr aus Deltingen. Der fromme Handelsmann, den Walter
frher noch einigemal besucht, nun aber seit Jahren nicht mehr gesehen
hatte, war alt und wei geworden und es war eine Heldentat von ihm, da
er noch die Reise nach Gerbersau gemacht hatte.

Er trug einen langschigen braunen Gehrock und fhrte ein ungeheures,
blau und gelb gemustertes Schnupftuch bei sich, auf dessen breitem Saum
Landschaften, Huser und Tiere abgebildet waren.

Darf man einmal reinsehen? fragte er beim Eintritt in die Wohnstube,
wo der Einsame gerade md und ratlos in der groen Bibel bltterte. Dann
nahm er Platz, legte den Hut und das Schnupftuch auf den Tisch, zog die
Rocksche ber den Knieen zusammen und schaute seinem alten Lehrling
prfend in das blasse, unsichere Gesicht.

Also Sie sind jetzt Privatier, hrt man sagen?

Ich habe das Geschft aufgegeben, ja.

So, so. Und darf man fragen, was Sie jetzt vorhaben? Sie sind ja,
vergleichsweise gesprochen, noch ein junger Mann.

Ich wr' froh, wenn ich's wte. Ich wei nur, da ich nie ein rechter
Kaufmann gewesen bin, drum hab' ich aufgehrt. Ich will jetzt sehen, was
sich noch gut machen lt an mir.

Wenn ich sagen darf, was ich meine, so scheint mir, das sei zu spt.

Kann es zum Guten auch zu spt sein?

Wenn man das Gute kennt, nicht. Aber so ins Ungewisse den Beruf
aufgeben, den man gelernt hat, ohne da man wei, was nun anfangen, das
ist unrecht. Ja, wenn Sie das als junger Bursch getan htten!

Es hat eben lang gebraucht, bis ich zum Entschlu gekommen bin.

Es scheint so. Aber ich meine, fr so langsame Entschlsse ist das
Leben zu kurz. Sehen Sie, ich kenne Sie doch ein wenig und ich wei gut,
da Sie es schwer gehabt haben und nicht ganz ins Leben hinein passen.
Es gibt mehr solche Naturen. Sie sind Kaufmann geworden Ihrem Vater
zulieb, nicht wahr? Jetzt haben Sie Ihr Leben verpfuscht und haben das,
was Ihr Vater wollte, doch nicht getan.

Was wollte ich machen?

Was? Auf die Zhne beien und aufrecht bleiben. Ihr Leben schien Ihnen
verfehlt und war es vielleicht, aber ist es jetzt im Gleis? Sie haben
ein Schicksal, das Sie auf sich genommen hatten, von sich geworfen, und
das war feig und unklug. Sie sind unglcklich gewesen, aber Ihr Unglck
war anstndig und hat Ihnen Ehre gemacht. Auf das haben Sie verzichtet,
nicht etwas Besserem zulieb, sondern blo, weil Sie es mde waren. Ist
es nicht so?

Vielleicht wohl.

Also. Und darum bin ich hergereist und sage Ihnen: Sie sind untreu
geworden. Aber blo zum Schelten htte ich mit meinen alten Beinen den
Weg hierher doch nicht gemacht. Drum sage ich, machen Sie's wieder gut
so bald wie mglich.

Wie soll ich das?

Hier in Gerbersau knnen Sie nicht wieder anfangen, das sehe ich ein.
Aber anderswo, warum nicht? bernehmen Sie wieder ein Geschft, es
braucht ja kein groes zu sein, und machen Sie Ihres Vaters Namen wieder
Ehre. Von heut auf morgen geht's ja nicht, aber wenn Sie wollen, helfe
ich suchen. Soll ich?

Danke vielmal, Herr Leckle. Ich will mir's bedenken.

Aber bald, nicht? Und dann kommen Sie oder schreiben mir gleich?

Ja, gern. Und schnen Dank! Sie sind so gut gewesen.

Der Schlotzer nahm weder Trank noch Essen an und fuhr mit dem nchsten
Zug wieder heim.

Kmpff war ihm dankbar, aber er konnte seinen Rat nicht annehmen.

                   *       *       *       *       *

In einer Mue, an die er nicht gewhnt war und die er nur schwer ertrug,
machte der Exkaufmann zuweilen melancholische Gnge durch die Stadt.
Dabei war es ihm jedesmal wunderlich und bedrckend zu sehen, wie
Handwerker und Kaufleute, Arbeiter und Dienstboten ihren Geschften
nachgingen, wie jeder seinen Platz und seine Geltung und jeder sein Ziel
hatte, whrend er allein ziellos und unberechtigt umherging.

Der Arzt, den er wegen Schlafmangels um Rat fragte, fand seine
Unttigkeit verhngnisvoll. Er riet ihm, sich ein Stckchen Land vor der
Stadt drauen zu kaufen und dort Gartenarbeit zu tun. Der Vorschlag
gefiel ihm und er erwarb an der Leimengrube ein kleines Gut, schaffte
sich Gerte an und begann eifrig zu graben und zu hacken. Treulich stach
er seinen Spaten in die Erde und fhlte, whrend er sich in Schwei und
Ermdung arbeitete, seinen verwirrten Kopf leichter werden. Aber bei
schlechtem Wetter und an den langen Abenden sa er wieder grbelnd
daheim, las in der Bibel und gab sich erfolglosen Gedanken ber die
unbegreiflich eingerichtete Welt und ber sein elendes Leben hin. Da er
mit der Aufgabe seiner Geschfte Gott nicht nher gekommen sei, sprte
er wohl, und in verzweifelten Stunden kam es ihm vor, als sei Gott
unerreichbar fern und sehe auf sein trichtes Gebaren mit Strenge und
Spott herab.

Bei seiner Gartenarbeit fand er meistens einen zuschauenden
Gesellschafter. Das war Alois Beckeler. Der alte Taugenichts hatte seine
Freude daran, wie ein so reicher Mann sich plagte und abschaffte,
whrend er, der Bettler, zuschaute und nichts tat. Zwischenein, wenn
Kmpff ausruhte, hatten sie Diskurs ber alle mglichen Dinge
miteinander. Dabei spielte Beckeler je nach Umstnden bald den
Groartigen und Alleswisser, bald war er kriechend hflich.

Wollt Ihr nicht mithelfen? fragte Kmpff etwa.

Nein, Herr, lieber nicht. Sehen Sie, ich vertrage das nicht gut. Es
macht einen dummen Kopf.

Mir nicht, Beckeler.

Freilich, Ihnen nicht. Und warum? Weil Sie zu Ihrem Vergngen arbeiten.
Das ist Herrengeschft und tut nicht weh. Auerdem sind Sie noch in
guten Jahren und ich bin ein Siebziger. Da hat man seine Ruhe wohl
verdient.

Aber neulich habt Ihr gesagt, Ihr wret vierundsechzig, nicht siebzig.

Hab' ich vierundsechzig gesagt? Ja, das war im Dusel gesprochen. Wenn
ich ordentlich getrunken hab', komm' ich mir immer viel jnger vor.

Also seid Ihr wirklich siebzig?

Wenn ich's nicht bin, so kann wenig daran fehlen. Nachgezhlt hab' ich
nicht.

Da Ihr auch das Trinken nicht lassen knnt! Liegt's Euch denn nicht
auf dem Gewissen?

Nein. Was das Gewissen anlangt, das ist bei mir gesund und mag was
aushalten. Wenn mir sonst nichts fehlte, mcht' ich leicht nochmal so
alt werden.

Kmpff hatte einen Widerwillen gegen diesen leichtfertigen Ton,
bewunderte und beneidete aber im geheimen den Strolch um seine
ungebeugte Lebensfreude. Auch war Beckeler jetzt sein einziger Umgang,
und wenn er einmal zwei Tage ausblieb, konnte er sicher auf ein kleines
Geschenk rechnen. Und er rechnete auch darauf.

Es gab auch Tage, an denen Kmpff finster, elend und ungesprchig war.
Der Gckeler hatte dafr eine feine Witterung und merkte schon beim
Herankommen, wie es mit dem nrrischen Lustgrtner stehe. Dann blieb er,
ohne hereinzutreten, am Zaune stehen und wartete etwa eine halbe Stunde,
eine Art schweigender Anstandsvisite. Er lehnte stillvergngt am
Gartenzaun, sprach keinen Ton und betrachtete sich seinen sonderbaren
Gnner, der seufzend hackte, grub, Wasser schleppte oder junge Bume
pflanzte. Und schweigend ging er wieder, spuckte aus, steckte die Hnde
in die Hosenscke und grinste und zwinkerte lustig vor sich hin.

Schwere Zeiten hatte jetzt die Holderlies. Sie war allein in dem
unbehaglich gewordenen Hause geblieben, besorgte die Stuben, wusch und
kochte. Anfangs hatte sie dem neuen Wesen ihres Herrn bse Gesichter und
grobe Worte entgegengesetzt. Dann war sie davon abgekommen und hatte
beschlossen, den bel Beratenen eine Weile machen und laufen zu lassen,
bis er mde wre und wieder auf sie hren wrde. So war es ein paar
Wochen gegangen.

Am meisten rgerte sie sein kameradschaftlicher Umgang mit dem Gckeler,
dem sie die feinen Zigarren von damals nicht vergessen hatte. Aber gegen
den Herbst hin, als wochenlang Regenwetter war und Kmpff nicht in den
Garten konnte, kam ihre Stunde. Ihr Herr war trbsinniger als je.

Da kam sie eines Abends in die Stube, hatte ihren Flickkorb mit und
setzte sich unten an den Tisch, an dem der Hausherr beim Lampenlicht
seine Monatsrechnung studierte.

Was willst, Lies? fragte er erstaunt.

Dasitzen will ich und flicken, jetzt wo man wieder die Lampe braucht.
Oder darf ich nicht?

Du darfst schon.

So, ich darf? Frher, wie die Frau selig noch da war, hab' ich immer
meinen Platz hier gehabt, ungefragt.

Ja, ja.

Freilich, es ist ja seither manches anders worden. Mit den Fingern
zeigen die Leute auf einen.

Wieso, Lies?

Soll ich Ihnen was erzhlen?

Ja, also.

Gut. Der Gckeler, wissen Sie, was der tut? Am Abend sitzt er in den
Wirtshusern herum und verschwtzt Sie.

Mich? Wie denn?

Er macht Sie nach, wie Sie im Garten schaffen, und macht sich lustig
darber und erzhlt, was Sie allemal mit ihm fr Gesprche fhren.

Ist das auch wahr, Lies?

Ob's wahr ist! Mit Lgen geb' ich mich nicht ab, ich nicht. So macht's
der Gckeler also, und dann gibt es Leute, die sitzen dabei und lachen
und stacheln ihn an und zahlen ihm Bier dafr, da er so von Ihnen
redet.

Kmpff hatte aufmerksam und traurig zugehrt. Dann hatte er die Lampe
von sich weggeschoben, so weit sein Arm reichte, und als die Lies nun
aufschaute und auf eine Antwort wartete, sah sie mit wunderlichem
Schrecken, da er die Augen voll Trnen hatte.

Sie wute, da ihr Herr krank war, aber diese widerstandslose Schwche
htte sie ihm nicht zugetraut. Sie sah nun auch pltzlich, wie gealtert
und elend er aussah. Schweigend machte sie an ihrer Flickarbeit weiter
und wagte, gerhrt und bestrzt, nicht mehr aufzublicken, und er sa da
und die Trnen liefen ihm ber die Wangen und durch den dnnen Bart. Die
Magd mute selber schlucken, um Herr ber ihre Bewegung zu bleiben.
Bisher hatte sie den Herrn fr ein wenig berarbeitet, fr launisch und
kurios gehalten. Jetzt sah sie, da er hilflos, seelenkrank und im
Herzen wund war.

Die beiden sprachen an diesem Abend nicht weiter. Kmpff nahm nach einer
Weile seine Rechnung wieder vor, die Holderlies strickte und stopfte,
schraubte ein paar Mal am Lampendocht und ging zeitig mit leisem Gru
hinaus.

Seit sie wute, da er so elend und hilflos war, verschwand der ganze
eiferschtige Groll aus ihrem guten Herzen. Sie war froh, ihn pflegen
und sanft anfassen zu drfen, sie sah ihn auf einmal wieder wie ein Kind
an, sorgte fr ihn und nahm ihm nichts mehr bel.

Als Walter bei schnem Wetter wieder einmal in seinem Garten
herumbosselte, erschien mit freudigem Gru Alois Beckeler. Er kam durch
die Einfahrt herein, grte nochmals und stellte sich am Rand der Beete
auf.

Gr Gott, sagte Kmpff, was wollet Ihr?

Nichts, nur einen Besuch machen. Man hat Sie lang nimmer drauen
gesehen.

Wollet Ihr sonst etwas von mir?

Nein. Ja, wie meinen Sie das? Ich bin doch sonst auch schon dagewesen.

Es ist aber nicht ntig, da Ihr wiederkommt.

Ja, Herr Kmpff, warum denn aber?

Es ist besser, wir reden darber nicht. Gehet nur, Beckeler, und lat
mir meine Ruhe.

Der Gckeler nahm eine beleidigte Miene an.

So, dann kann ich ja gehen, wenn ich nimmer gut genug bin. Das wird
wohl auch in der Bibel stehen, da man so mit alten Freunden umgehen
soll.

Kmpff war betrbt.

Nicht so, Beckeler! sagte er freundlich. Wir wollen im Guten
voneinander, 's ist immer besser. Nehmt das noch mit, gelt.

Er gab ihm einen Taler, den jener verwundert nahm und einsteckte.

Also meinen Dank, und nichts fr ungut! Ich bedank mich schn. Adieu
denn, Herr Kmpff, adieu denn!

Damit ging er fort, vergngter als je. Als er jedoch nach wenigen Tagen
wiederkam und diesmal entschieden verabschiedet wurde, ohne ein Geschenk
zu bekommen, ging er zornig weg und schimpfte drauen noch ber den Zaun
herein: Sie groer Herr, Sie, wissen Sie, wo Sie hingehren? Nach
Tbingen gehren Sie, dort steht das Narrenhaus, damit Sie's wissen.

                   *       *       *       *       *

Leider hatte der Gckeler nicht unrecht. Kmpff, der schon jahrelang in
ungesundem Grblertum lebte, war in den Monaten seiner Vereinsamung
immer weiter in die Sackgasse seiner selbstqulerischen religisen
Spekulationen hineingeraten und hatte sich in seiner Verlassenheit in
fruchtlosem Nachdenken aufgerieben. Als nun mit dem Einbrechen des
Winters seine einzige gesunde Arbeit und Ablenkung, das Gartengeschft,
ein Ende hatte, kam er vollends nicht mehr aus dem engen, trostlosen
Kreislauf seiner krnkelnden Gedanken heraus. Von jetzt an ging es
schnell mit ihm bergab, wenn auch seine Krankheit noch Sprnge machte
und mit ihm spielte.

Zunchst brachte das Migsein und Alleinleben ihn darauf, da er immer
wieder sein vergangenes Leben durchstberte. Er verzehrte sich in Reue
ber vermeintliche Snden frherer Jahre. Dann wieder klagte er sich
verzweifelnd an, seinem Vater nicht Wort gehalten zu haben. Oft stie er
in der Bibel auf Stellen, von denen er sich wie ein Verbrecher getroffen
fhlte.

In dieser qualvollen Zeit war er gegen die Holderlies weich und fgsam
wie ein schuldbewutes Kind. Er gewhnte sich an, sie wegen
Kleinigkeiten flehentlich um Verzeihung zu bitten, und brachte sie damit
nicht wenig in Angst. Sie fhlte, da sein Verstand am Erlschen sei,
und doch wagte sie es nicht, jemand davon zu sagen.

Eine Weile hielt sich Kmpff ganz zu Hause. Gegen Weihnachten hin wurde
er unruhig, erzhlte viel aus alten Zeiten und von seiner Mutter, und da
die innere Ruhelosigkeit ihn wieder oft aus dem Hause trieb, fingen
jetzt manche Unzutrglichkeiten an. Denn inzwischen hatte der arme Mann
seine Unbefangenheit den Menschen gegenber verloren. Er merkte, da er
auffiel, da man von ihm sprach und auf ihn zeigte, da Kinder ihm
nachliefen und ernste Leute ihm auswichen.

Nun fing er an, sich unsicher zu fhlen. Manchmal zog er vor Leuten,
denen er begegnete, den Hut bertrieben tief. Auf andre trat er zu, bot
ihnen die Hand und bat herzlich um Entschuldigung, ohne zu sagen wofr.
Und einem Knaben, der ihn durch Nachahmung seines Ganges verhhnte,
schenkte er seinen schnen Spazierstock mit elfenbeinernem Griff.

Einem seiner frheren Bekannten und Kunden, der damals auf seine ersten
kaufmnnischen Torheiten hin sich von ihm entfernt hatte, machte er
einen Besuch und sagte, es tue ihm leid, bitter leid, er mge ihm doch
vergeben und ihn wieder freundlich ansehen.

Eines Abends, kurz vor Neujahr, ging er -- seit mehr als einem Jahr zum
ersten Mal -- in den Hirschen und setzte sich an den Honoratiorentisch.
Er war frh gekommen und der erste Abendgast. Allmhlich trafen die
andern ein, und jeder sah ihn mit Erstaunen an und nickte verlegen, und
einer um den andern kam und mehrere Tische wurden besetzt. Nur der
Tisch, an dem Kmpff sa, blieb leer, obwohl es der Stammtisch war. Da
bezahlte er den Wein, den er nicht getrunken hatte, grte traurig und
ging heim.

Ein tiefes Schuldbewutsein machte ihn gegen jedermann unterwrfig. Er
nahm jetzt sogar vor Alois Beckeler den Hut ab, und wenn Kinder ihn aus
Mutwillen anstieen, sagte er Pardon. Viele hatten jetzt Mitleid mit
ihm, aber er war der Narr und das Kindergesptt der Stadt.

                   *       *       *       *       *

Man hatte Kmpff vom Arzt untersuchen lassen. Der hatte seinen Zustand
als primre Verrcktheit bezeichnet, ihn brigens fr harmlos erklrt
und befrwortet, da man den Kranken daheim und bei seinem gewohnten
Leben lasse.

Seit dieser Untersuchung war der arme Kerl mitrauisch geworden. Auch
hatte er sich gegen die Entmndigung, die nun doch ber ihn verfgt
werden mute, verzweifelt gestrubt. Von da an nahm seine Krankheit eine
andre Form an.

Lies, sagte er eines Tages zur Haushlterin, Lies, ich bin doch ein
Esel gewesen. Aber jetzt wei ich, wo ich dran bin.

Ja, und wie denn auf einmal? fragte sie ngstlich, denn sein Ton
gefiel ihr nicht.

Pa auf, Lies, du kannst was lernen. Also nicht wahr, ein Esel hab' ich
gesagt. Da bin ich mein Leben lang gelaufen und hab' mich abgehetzt und
mein Glck versumt um etwas, was es gar nicht gibt!

Das versteh' ich nun wieder nicht.

Stell dir vor, einer hat von einer schnen, prchtigen Stadt in der
Ferne gehrt. Er hat ein groes Verlangen, dorthin zu kommen, wenn es
auch noch so weit und teuer ist. Schlielich lt er alles liegen, gibt
weg, was er hat, sagt allen guten Freunden Adieu und geht fort, immer
fort und fort, tagelang und monatelang, durch dick und dnn, so lang er
noch Krfte hat. Und dann, wie er so weit ist, da er nimmer zurck
kann, da fngt er an zu merken, da das von der prchtigen Stadt in der
Ferne ein Lug und Mrchen war. Die Stadt ist gar nicht da und ist
niemals da gewesen.

Das ist traurig. Aber das tut ja niemand, so was.

Ich, Lies, ich doch! Ich bin so einer gewesen, das kannst du sagen, wem
du willst. Mein Leben lang, Lies.

Ist nicht mglich, Herr! Was ist denn das fr eine Stadt?

Keine Stadt, das war nur so ein Vergleich, weit du. Ich bin ja immer
hier geblieben. Aber ich habe auch ein Verlangen gehabt und darber
alles versumt und verloren. Ich habe ein Verlangen nach Gott gehabt --
nach dem Herrgott, Lies. Den hab' ich finden wollen, dem bin ich
nachgelaufen, und jetzt bin ich so weit, da ich nimmer zurck kann --
verstehst du? Nimmer zurck. Und alles ist ein Lug gewesen.

Was denn? Was ist ein Lug gewesen?

Der liebe Gott, du. Er ist nirgends, es gibt keinen.

Herr, Herr, sagen Sie keine solchen Sachen! Das darf man nicht, wissen
Sie. Das ist Todsnde.

La mich reden. -- Nein, still! Oder bist du dein Leben lang ihm
nachgelaufen? Hast du hundert und hundert Nchte in der Bibel gelesen?
Hast du Gott tausendmal auf den Knieen gebeten, da er dich hre, da er
deine Opfer annehme und dir ein klein wenig Licht und Frieden dafr
gebe? Hast du das? Und hast du deine Freunde verloren -- um Gott nher
zu kommen, und deinen Beruf und deine Ehre hingeworfen, um Gott zu
sehen? -- Ich habe das getan, alles das und viel mehr, und wenn Gott
lebendig wre und htte auch nur so viel Herz und Gerechtigkeit wie der
alte Beckeler, so htte er mich angeblickt.

Er hat Sie prfen wollen.

Das hat er getan, das hat er. Und dann htte er sehen mssen, da ich
nichts wollte als ihn. Aber er hat nichts gesehen. Nicht er hat mich
geprft, sondern ich ihn, und ich habe gefunden, da er ein Mrlein ist.
Eine Kinderfabel, weit du.

Von diesem Thema kam Walter Kmpff nicht mehr los. Er fand beinahe einen
Trost darin, da er nun eine Erklrung fr sein verunglcktes Leben
hatte. Und doch war er seiner neuen Erkenntnis keineswegs sicher. So oft
er Gott leugnete, empfand er ebensoviel Hoffnung wie Furcht bei dem
Gedanken, der Geleugnete knnte gerade jetzt ins Zimmer treten und seine
Allgegenwart beweisen. Und manchmal lsterte er sogar, nur um vielleicht
Gott antworten zu hren, wie ein Kind vor dem Hoftor Wauwau ruft, um zu
erfahren, ob drinnen ein Hund ist oder nicht.

Das war die letzte Entwicklung in seinem Leben. Sein Gott war ihm zum
Gtzen geworden, den er reizte und dem er fluchte, um ihn zum Reden zu
zwingen. Damit war der Sinn seines Daseins verloren und in seiner
kranken Seele trieben zwar noch schillernde Blasen und Traumgebilde,
aber keine lebendigen Keime mehr. Sein Licht war ausgebrannt und es
erlosch schnell und traurig.

Eines Nachts hrte ihn die Holderlies noch spt reden und hin und wieder
gehen, ehe es in seiner Schlafstube ruhig wurde. Am Morgen blieb er viel
lnger als sonst liegen und gab auf kein Klopfen Antwort. Und als die
Magd endlich leis die Tr aufmachte und auf den Zehen in sein Zimmer
schlich, schrie sie pltzlich auf und rannte verstrt davon, denn sie
hatte ihren Herrn an einem Kofferriemen erhngt gefunden.

                   *       *       *       *       *

Eine Zeitlang machte sein Ende die Leute noch viel reden. Da es
verbrecherisch war, verzieh man seinem Irrsinn. Aber wenige empfanden
etwas von dem, was sein Schicksal gewesen war. Und wenige dachten daran,
wie nahe wir alle bei dem Dunkel wohnen, in dessen Schatten der arme
Walter Kmpff sich verirrt hatte.




                           In der alten Sonne


Wenn im Frhling oder Sommer oder auch noch im Frhherbst ein linder Tag
ist und eine angenehme, auch wieder nicht zu heftige Wrme den
Aufenthalt im Freien zu einem Vergngen macht, dann ist die
ausschweifend gebogene halbrunde Straenkehle am Allpacher Weg, vor den
letzten hochgelegenen Husern der Stadt, ein prchtiger Winkel. Auf der
berghinan sich schlngelnden Strae sammelt sich die schne Sonnenwrme
stetig an, die Lage ist vor jedem Winde wohl beschtzt, ein paar krumme
alte Obstbume spenden wenn auch kein Obst, so doch ein wenig Schatten,
und der Straenrand, ein breiter, sanfter, rasiger Rain, verlockt mit
seiner wohlig sich schmiegenden Krmmung freundlich zum Sitzen oder
Liegen. Das weie Strlein glnzt im Lichte und hebt sich schn langsam
bergan, schickt jedem Bauernwagen oder Landauer oder Postkarren ein
dnnes Stublein nach, so viel es vermag, und schaut ber eine schiefe,
von Baumkronen da und dort unterbrochene Flucht von schwrzlichen
Dchern hinweg gerade ins Herz der Stadt, auf den Marktplatz, der von
hier aus gesehen freilich an Stattlichkeit stark verliert und nur als
ein sonderbar verschobenes Viereck mit krummen Husern und drollig
herausspringenden Vortreppen und Kellerhlsen erscheint.

An solchen sonnig milden Tagen ist der wohlige Rain jener hohen
Bergstraenkrmmung unwandelbar stets von einer kleinen Schar
ausruhender Mnner besetzt, deren khne und verwitterte Gesichter nicht
recht zu ihren zahmen und trgen Gebrden passen und von denen der
Jngste mindestens ein hoher Fnfziger ist. Sie sitzen und liegen bequem
in der Wrme, schweigen oder fhren kurze, brummende und knurrende
Gesprche untereinander, rauchen kleine schwarze Pfeifenstrnke und
spucken hufig weltverchterisch in khnem Bogen bergabwrts. Die etwa
vorbertapernden Handwerksburschen werden von ihnen scharf betrachtet
und peinlich begutachtet und je nach Befund mit einem wohlwollend
zugenickten Servus, Kunde! begrt oder schweigend verachtet.

Der Fremdling, der die alten Mnnlein so hocken sah und sich in der
nchsten Gasse ber das seltsame Huflein grauer Brenhuter erkundigte,
konnte von jedem Kinde erfahren, da dieses die Sonnenbrder seien, und
mancher schaute dann noch einmal zurck, sah die mde Schar trg in die
Sonne blinzeln und wunderte sich, woher ihr wohl ein so hoher,
wohllautender und dichterischer Name gekommen sei. Etwaige reisende
Enthusiasten empfanden mythische Schauer dabei und machten aus dem
Halbdutzend grauer Faulpelze die berbliebenen Reste einer aussterbenden
uralten Gemeinschaft von Verehrern des Tagesgestirns. Das Gestirn aber,
nach welchem die Sonnenbrder genannt wurden, stand lngst an keinem
Himmel mehr, sondern war nur der Schildname eines rmlichen und schon
vor manchen Jahren eingegangenen Wirtshauses gewesen, dessen Schild und
Glanz dahin waren, denn das Haus diente neuerdings als Spittel, das
heit als stdtisches Armenasyl, und beherbergte freilich manche Gste,
die das Abendrot der vom Schild genommenen Sonne noch erlebt und sich
hinter dem Schenktisch derselben die Anwartschaft auf ihre Bevormundung
und jetzige Unterkunft erschppelt hatten.

Das Huschen stand, als vorletztes der steilen Gasse und der Stadt,
zunchst jenem sonnigen Straenrand, bot ein windschiefes und ermdetes
Ansehen, als mache das bestndige Aufrechtstehen ihm viele Beschwerde,
und lie sich nichts mehr davon anmerken, wie viel Lust und Glserklang,
Witz und Gelchter und flotte Freinchte es erlebt hatte, die frhlichen
Raufereien und Messergeschichten gar nicht zu rechnen. Seit der alte
rosenrote Verputz der Vorderseite vollends erblat und in rissigen
Feldern abgeblttert war, entsprach die alte Lotterfalle in ihrem
ueren vollkommen ihrer Bestimmung, was bei stdtischen Bauten unserer
Zeit immerhin eine Seltenheit ist. Ehrlich und deutlich, ja sogar fast
beredt gab sie zu erkennen, da sie ein Unterschlupf und Notdchlein fr
Schiffbrchige und Zurckgebliebene war, das betrbliche Ende einer
geringen Sackgasse, von wo aus keine Plne und verborgenen Krfte mehr
ins Leben zurckstreben mgen.

Von der Melancholie solcher Betrachtungen war glcklicherweise im Kreis
der Sonnenbrder meistens nur wenig zu finden. Vielmehr lebten sie fast
alle nach Menschenart ihre spten Tage hin als ginge es noch immer aus
dem Vollen, bliesen ihre kleinen Geznke und Lustbarkeiten und
Spielereien, Brderschaften und Eiferschteleien nach Krften zu
wichtigen Angelegenheiten und Staatsaktionen auf und nahmen zwar nicht
einander, aber doch jeder sich selber so ernst wie mglich. Ja sie
taten, als fange jetzt, da sie sich aus den geruschvollen Gassen des
ttigen Lebens beiseite gedrckt hatten, der Hallo erst recht an, und
betrieben ihre jetzigen unbedeutenden Affren mit einer Wucht und
Zhigkeit, welche sie in ihren frheren Bettigungen leider meist hatten
vermissen lassen. Gleich manchem anderen Vlklein glaubten sie, obwohl
sie vom Spittelvater absolut monarchisch und als rechtlose
Scheinexistenzen regiert wurden, eine kleine Republik zu sein, in
welcher jeder freie Brger den andern genau um Rang und Stellung ansah
und emsig darauf bedacht war, ja nirgends um ein Haarbreit zu wenig
stimiert zu werden.

Auch das hatten die Sonnenbrder mit anderen Leuten gemein, da sie die
Mehrzahl ihrer Schicksale, Befriedigungen, Freuden und Schmerzen mehr im
Gemt oder in der Einbildung als in greifbarer Wirklichkeit erlebten.
Ein frivoler Mensch knnte ja berhaupt den Unterschied zwischen dem
Dasein dieser Ausrangierten und Steckengebliebenen und demjenigen der
ttigen Brger als lediglich in der Einbildung begrndet hinstellen,
indem diese wie jene ihre groen und kleinen Geschfte und Taten mit
derselben emsigen Wichtigkeit verrichten und schlielich doch vor Gottes
Augen so ein armer Spittelgast mglicherweise nicht viel schlechter
dasteht als mancher groe und geehrte Herr. Aber auch ohne so weit zu
gehen, kann man wohl finden, da fr den behaglichen Zuschauer das Leben
dieser Sonnenbrder kein unwrdiger Gegenstand der Betrachtung sei, da
das Menschenleben auch auf einer geringen Bhne immer noch ein amsantes
und nachdenkliches Schauspiel darbietet.

Je nher die Zeiten heranrcken, da das jetzt aufwachsende Geschlecht
den Namen der ehemaligen Sonne und der Sonnenbrder vergessen und seine
Armen und Auswrflinge anders und in anderen Rumen versorgen wird,
desto wnschenswerter wre es, eine Geschichte des alten Hauses und
seiner Gste zu haben. Als chronistischer Beitrag zu einer solchen soll
auf diesen Blttern einiges vom Leben der ersten Sonnenbrder berichtet
werden.

                   *       *       *       *       *

In den Zeiten, da die heutigen Jungbrger von Gerbersau noch kurze Hosen
oder gar noch Rckchen trugen, und da ber der Haustre des nachmaligen
Spittels noch aus der rosenroten Fassade ein schmiedeiserner Schildarm
mit der blechernen Sonne in die Gasse hinaus prangte, kehrte an einem
Tage spt im Herbste Karl Hrlin, ein Sohn des vor vielen Jahren
verstorbenen Schlossers Hrlin in der Senfgasse, in seine Heimatstadt
zurck. Er war etwas ber die Vierzig hinaus, und niemand kannte ihn
mehr, da er seinerzeit als ein blutjunges Brschlein weggewandert und
seither nie mehr in der Stadt erblickt worden war. Nun trug er einen
sehr guten und reinen Anzug, Knebelbart und kurzgeschnittenes Haar, eine
silberne Uhrkette, einen steifen Hut und hohe saubere Hemdkragen. Er
besuchte einige von den ehemaligen Bekannten seiner Familie, ein paar
alte Schulkameraden und Kollegen, und trat berall als ein fremd und
vornehm gewordener Mann auf, der seines Wertes ohne berhebung bewut
ist. Dann ging er aufs Rathaus, wies seine Papiere vor und erklrte,
sich hierorts niederlassen zu wollen. Als das Ntige eingeleitet worden
war, entfaltete Herr Hrlin eine emsige und geheimnisvolle Ttigkeit und
Korrespondenz, unternahm ftere kleine Reisen, kaufte ein Grundstck im
Talgrunde und begann daselbst an Stelle einer abgebrannten lmhle ein
neues Haus aus Backsteinen zu erbauen und neben dem Hause einen Schuppen
und Remise und zwischen Haus und Schuppen einen gewaltigen
backsteinernen Schlot. Zwischendrein sah man ihn in der Stadt
gelegentlich bei einem Abendschoppen, wobei er zwar anfangs still und
vornehm tat, nach wenigen Glsern aber laut und mchtig redete und nicht
damit hinterm Berge hielt, wie er zwar Geld genug im Sack habe, um sich
ein schnes Herrenleben zu gnnen, doch sei der eine ein Faulpelz und
Dickkopf, ein anderer aber ein Genie und Geschftsgeist, und was ihn
betreffe, so gehre er zur letzteren Sorte und habe nicht im Sinn, sich
zur Ruhe zu setzen, ehe er sechs Nullen hinter die Ziffer seines
Vermgens setzen knne.

Geschftsleute, bei denen er Kredit zu genieen wnschte, taten sich
nach seiner Vergangenheit um und brachten in Erfahrung, da Hrlin zwar
bisher nirgends eine erhebliche Rolle gespielt hatte, sondern da und
dort in Werksttten und Fabriken, zuletzt als Aufseher, gearbeitet, vor
kurzem hingegen eine erkleckliche Erbschaft gemacht hatte. Also lie man
ihn gewhren und gnnte ihm ein bestimmtes Ma von Respekt, einige
unternehmende Leute steckten auch noch Geld in seine Sache, so da bald
eine mig groe, schmucke Fabrik samt Wohnhuschen im Tale erstand, in
welcher Hrlin gewisse fr die Wollwebeindustrie notwendige Walzen und
Maschinenteile herzustellen gedachte.

Kaum war der Betrieb erffnet, so wurde der Unternehmer von jener selben
Fabrik, deren Aufseher er frher gewesen war, gerichtlich belangt, indem
er gewisse technische Geheimnisse, die er sich dort angeeignet,
widerrechtlich als eigene Erfindung ausgeben und ausntzen sollte. Aus
dem endlosen Proze zog er sich schlielich, wenn auch ohne Schande, so
doch mit erheblichen Kosten, betrieb aber nun sein Geschft mit
doppeltem Eifer, indem er seine Preise etwas niedriger ansetzte und die
Welt mit Anpreisungen berschwemmte. Die Auftrge blieben nicht aus, der
groe Schlot rauchte Tag und Nacht, und ein paar Jahre lang florierte
Hrlin und seine Fabrik auf das erfreulichste und geno Ansehen und
ausgiebigen Kredit.

Damit war sein Ideal erreicht und sein alter Lieblingstraum in Erfllung
gegangen. Wohl hatte er schon in jngeren Jahren des fteren Anlufe zum
Reichwerden gemacht, aber erst jene ihm fast unerwartet zugefallene
Erbschaft hatte ihn flott gemacht und ihm erlaubt, seine alten khnen
Plne auszufhren. brigens war der Reichtum nicht sein einziges Sehnen
gewesen, sondern seine heiesten Wnsche hatten zeitlebens dahin
gezielt, eine gebietende und groe Stellung einzunehmen. Er wre als
Indianerhuptling oder als Regierungsrat oder auch etwa als berittener
Landjger ganz ebenso in seinem Element gewesen, doch schien ihm nun das
Leben eines Fabrikbesitzers sowohl bequemer als selbstherrlicher. Eine
Zigarre im Mundwinkel und ein sorgenvoll gewichtiges Lcheln im Gesicht,
am Fenster stehend oder am Schreibtisch sitzend allerlei Befehle zu
erteilen, Vertrge zu unterzeichnen, Vorschlge und Bitten anzuhren,
mit der faltigen Miene des Vielbeschftigten eine gelassene
Behaglichkeit zu vereinigen, bald unnahbar streng, bald gutmtig
herablassend zu sein und bei allem stets zu fhlen, da er ein Hauptkerl
sei und da viel in der Welt auf ihn ankomme, das war seine leider erst
spt zu ihrem vollen Recht gekommene Gabe. Aber nun hatte er das alles
reichlich, konnte tun, was er mochte, Leute anstellen und entlassen,
wohlige Seufzer des sorgenschweren Reichtums ausstoen und sich von
vielen beneiden lassen. Das alles geno und bte er auch mit
Kennerschaft und Hingabe, er wiegte sich weich im Glcke und fhlte sich
endlich vom Schicksal an den ihm gebhrenden Platz gestellt.

Inzwischen hatte aber jener geschdigte Konkurrent, auf dessen Kosten
Hrlin gro geworden war, eine neue Erfindung gemacht, nach deren
Einfhrung mehrere der frheren Artikel teils ganz entbehrlich, teils
viel wohlfeiler wurden, und da Hrlin trotz seines Glaubens und seiner
Versicherungen eben kein Genie war und nur das uerliche seines
Geschftes verstand, sank er anfnglich langsam, dann aber immer
schneller von seiner Hhe und konnte am Ende nicht verbergen, da er
abgewirtschaftet habe. Er versuchte es in der Verzweiflung noch mit ein
paar waghalsigen Finanzknsten, durch welche er sich selber und mit ihm
eine Reihe von Kreditoren schlielich in einen gewaltigen und unsauberen
Bankrott hineinritt. Er entfloh, wurde aber eingebracht, verurteilt und
ins Loch gesteckt, und als er nach mehreren Jahren wieder in der Stadt
erschien, war er ein entwerteter und lahmer Mensch, mit dem nichts mehr
anzufangen war.

Eine Zeitlang drckte er sich in unbedeutenden Stellungen herum; doch
hatte er schon in den schwlen Zeiten, da er den Krach herankommen sah,
sich zum heimlichen Trinker entwickelt, und was damals heimlich gewesen
und wenig beachtet worden war, wurde nun ffentlich und zu einem
rgernis. Aus einer mageren Schreibersstelle wegen Unzuverlssigkeit
entlassen, ward er Agent einer Versicherungsgesellschaft, trieb sich als
solcher in allen Schenken der Gegend herum, wurde auch da wieder
entlassen und fiel, als auch ein Hausierhandel mit Zndhlzern und
Bleistiften nichts abwerfen wollte, am Ende der Stadt zur Last. Er war
in diesen Jahren schnell vollends alt und elend geworden, hatte aber aus
seiner fallitgegangenen Herrlichkeit einen Vorrat kleiner Knste und
uerlichkeiten herbergerettet, die ihm ber das Grbste hinweghalfen
und in geringeren Wirtshusern noch immer einige Wirkung taten. Er
brachte gewisse schwungvoll groartige Gesten und nicht wenige
wohltnende Redensarten in die Kneipen mit, die ihm lngst nur noch
uerlich anhafteten, auf Grund derer er aber doch noch immer eine
Schtzung unter den Lumpen der Stadt geno.

Damals gab es in Gerbersau noch kein Armenhaus, sondern die
Unbrauchbaren wurden gegen eine geringe Entschdigung aus dem
Stadtsckel da und dort in Familien als Kostgnger gegeben, wo man sie
mit dem Notwendigsten versah und nach Mglichkeit zu kleinen huslichen
Arbeiten anhielt. Da nun hieraus in letzter Zeit allerlei
Unzutrglichkeiten entstanden waren und da den verkommenen Fabrikanten,
der den Ha der Bevlkerung geno, durchaus niemand aufnehmen wollte,
sah sich die Gemeinde gentigt, ein besonderes Haus als Asyl zu
beschaffen. Und da gerade das rmliche alte Wirtshuslein zur Sonne
unter den Hammer kam, erwarb es die Stadt und setzte nebst einem
Hausvater als ersten Gast den Karl Hrlin hinein, dem in Krze mehrere
andere folgten. Diese nannte man die Sonnenbrder.

Nun hatte Hrlin schon lange zur Sonne nahe Beziehungen gehabt, denn
seit seinem Niedergang war er nach und nach in immer kleinere und rmere
Schenken gelaufen und schlielich am meisten in die Sonne, wo er zu den
tglichen Gsten gehrte und beim Abendschnaps mit manchen Kumpanen am
selben Tische sa, die ihm spter, als auch ihre Zeit gekommen war, als
Spittelbrder und verachtete Stadtarme in eben dasselbe Haus nachfolgen
sollten. Ihn freute es, gerade dorthin zu wohnen zu kommen, und in den
Tagen nach der Gant, als Zimmermann und Schreiner das alte Schankhaus
fr seinen neuen Zweck eilig und bescheiden zurichteten, stand er von
frh bis spt dabei und hatte Maulaffen feil.

Eines Morgens, da es schn mild und sonnig war, hatte er sich wieder
daselbst eingefunden, stellte sich neben die Haustre und sah dem
Hantieren der Arbeiter im Innern zu. Es wurde ein Dielenboden
ausgebrochen und neu gelegt, die ausgetretene Stiege geflickt und mit
einer festen Brstung versehen, ein paar dnne Wnde eingezogen, der
Stadtbaumeister schimpfte hinter den Meistern her, die Gesellen
heuchelten groen Flei, und die Lehrbuben drckten sich von Wand zu
Wand. Dieser Umtrieb gefiel dem alten Hrlin wohl, er guckte hingerissen
und freudig zu und berhrte gern die bsartigen Bemerkungen der
Arbeiter, hielt die Fuste in den tiefen Taschen seines schmierigen
Rockes und warf mit seinen geschenkten, viel zu langen und zu weiten
Beinkleidern spiralfrmige Falten, in denen seine Beine wie Zapfenzieher
aussahen. Daneben sog er emsig an einem defekten Tonpfeifchen, das zwar
nicht brannte, aber doch nach Tabak roch. Der bevorstehende Einzug in
die neue Bude, von dem er sich ein bequemes und schneres Leben
versprach, erfllte den alten Tropf mit glcklicher Neugierde und
Unruhe.

Indem er dem Legen der neuen Stiegenbretter zuschaute und
stillschweigend die dnnen tannenen Dielen auf ihre Gte und mutmaliche
Haltbarkeit abschtzte, fhlte er sich pltzlich beiseite geschoben, und
als er sich gegen die Strae umkehrte, stand da ein Schlossergeselle mit
einer groen Bockleiter, die er mit groer Mhe und vielen untergelegten
Bretterstcken auf dem abschssigen Straenboden aufzustellen versuchte.
Hrlin verfgte sich auf die andere Seite der Gasse hinber, lehnte sich
an den Prellstein und verfolgte die Ttigkeit des Schlossers mit groer
Aufmerksamkeit. Dieser hatte nun seine Leiter aufgerichtet und
gesichert, stieg hinauf und begann ber der Haustre am Mrtel
herumzukratzen um das alte Wirtsschild hinwegzunehmen. Seine Bemhungen
erfllten den Exfabrikanten mit Spannung und auch mit Wehmut, indem er
der vergangenen Tage gedachte, der vielen unter dem jetzt fallenden
Wahrzeichen genossenen Schoppen und Schnpse und der frheren Zeiten
berhaupt. Es bereitete ihm keine kleine Freude, da der schmiedeeiserne
Schildarm so fest in der Wand sa, und da der Schlossergesell sich so
damit abmhen mute, ihn herunterzubringen. Es war doch unter dem armen
alten Schilde oft heillos munter zugegangen! Als der Schlosser zu
fluchen begann, schmunzelte der Alte, und als jener wieder daran zog und
bog und wand und zerrte, in Schwei geriet und fast von der Leiter
strzte, empfand der Zuschauer eine nicht geringe Genugtuung. Da ging
der Geselle fort und kam nach einer Viertelstunde mit einer Eisensge
wieder. Hrlin sah wohl, da es nun um den ehrwrdigen Zierrat geschehen
sei. Die Sge pfiff klingend in dem guten Eisen und nach wenig
Augenblicken bog sich der eiserne Arm klagend ein wenig abwrts und fiel
gleich darauf klingelnd und rasselnd aufs Pflaster.

Da kam Hrlin herber. Du, Schlosser, bat er demtig, gib mir das
Ding! 's hat ja keinen Wert mehr.

Warum auch? Wer bist du denn? schnauzte der Bursch.

Ich bin doch von der gleichen Religion, flehte Hrlin, mein Alter war
Schlosser, und ich bin auch einer gewesen. Gelt gib's her!

Der Geselle hatte indessen das Schild aufgehoben und betrachtet.

Der Arm ist noch gut, entschied er, das war zu seiner Zeit keine
schlechte Arbeit. Aber wenn du das Blechzeug willst, das hat keinen Wert
mehr.

Er ri den grn bemalten, blechernen Bltterkranz, in welchem mit
kupferig gewordenen und verbeulten Strahlen die goldene Sonne hing,
herunter und gab ihn her. Der Alte bedankte sich und machte sich eilig
mit seiner Beute davon, um sie weiter oben im dicken Holdergebsche vor
fremder Habgier und Schaulust zu verbergen. So verbirgt nach verlorener
Schlacht ein Paladin die Insignien der Herrschaft, um sie fr bessere
Tage und neue Glorien zu retten. Als er wiederkam, um von neuem die
Arbeiten der Zimmerleute zu inspizieren, kam ihm das Haus so sonderbar
anders und verdet vor, lediglich, weil die Sonne fehlte und statt ihrer
ob der Tr nur noch ein brchiges Loch im Verputz zu sehen war.

Wenige Tage darauf fand ohne viel Sang und Klang die Einweihung des
drftig hergerichteten neuen Armenhauses statt. Es waren ein paar Betten
beschafft worden, der brige Haushalt stammte noch aus der Wirtsgant
her, auerdem hatte ein Gnner in jedes der drei Schlafstblein einen
von gemalten Blumengewinden umgebenen Bibelspruch auf Pappdeckel
gestiftet. Zu der ausgeschriebenen Hausvaterstelle hatten sich nicht
eben sehr viele Bewerber gemeldet, und die Wahl war sogleich auf Herrn
Andreas Sauberle gefallen, einen verwitweten Wollenstricker von gutem
Leumund, der seinen Strickstuhl mitbrachte und sein Gewerbe weiter
betrieb, denn die Stelle reichte knapp zum Leben aus und er hatte keine
Lust, auf seine alten Tage einmal selber ein Sonnenbruder zu werden.

Als der alte Hrlin seine Stube angewiesen bekam, unterzog er sie
sogleich einer genauen Besichtigung. Er fand ein gegen das Hflein
gehendes Fenster, zwei Tren, ein Bett, eine Truhe, zwei Sthle, einen
Nachttopf, einen Kehrbesen und einen Staubwischlappen vor, ferner ein
mit Wachstuch bezogenes Eckbrett, auf welchem ein Wasserglas, ein
blechernes Waschbecken, eine Kleiderbrste und ein Neues Testament lagen
und standen. Er befhlte das solide Bettzeug, probierte die Brste an
seinem Hut, hielt Glas und Becken prfend gegen das Tageslicht, setzte
sich versuchsweise auf beide Sthle und fand, es sei alles befriedigend
und in Ordnung. Nur der stattliche Wandspruch mit den Blumen wurde von
ihm mibilligt. Er sah ihn eine Weile hhnisch an, las die Worte:
Kindlein liebet euch untereinander! und schttelte unzufrieden den
struppigen Kopf. Dann ri er das Ding herunter und hngte mit vieler
Sorgfalt an dessen Stelle das alte Sonnenschild auf, das er als einziges
Wertstck in die neue Wohnung mitgebracht hatte. Aber da kam gerade der
Hausvater wieder herein und gebot ihm scheltend, den Spruch wieder an
seinen Platz zu hngen. Die Sonne wollte er mitnehmen und wegwerfen,
aber Karl Hrlin klammerte sich ingrimmig daran, trotzte zeternd auf
sein Eigentumsrecht und verbarg nachher die Trophe schimpfend unter der
Bettstatt.

Das Leben, das mit dem folgenden Tage seinen Anfang nahm, entsprach
nicht ganz seinen Erwartungen und gefiel ihm zunchst keineswegs. Er
mute des Morgens um sieben Uhr aufstehen und zum Kaffee in die Stube
des Strickers kommen, dann sollte das Bett gemacht, das Waschbecken
gereinigt, die Stiefel geputzt und die Stube sauber aufgerumt werden.
Um zehn Uhr gab es ein Stck Schwarzbrot und dann sollte die gefrchtete
Spittelarbeit losgehen. Es war im Hof eine groe Beuge buchenes Holz
angefahren und das sollte gesgt und gespalten werden.

Da es noch weit hin bis zum Winter war, hatte es Hrlin mit dem Holz
nicht eben eilig. Langsam und vorsichtig legte er ein Buchenscheit auf
den Bock, rckte es sorgfltig und umstndlich zurecht und besann sich
eine Weile, wo er es zuerst ansgen solle, rechts oder links oder in der
Mitte. Dann setzte er behutsam die Sge an, stellte sie noch einmal weg,
spuckte in die Hnde und nahm dann die Sge wieder vor. Nun tat er drei,
vier Striche, etwa eine Fingerbreite tief ins Holz, zog aber sogleich
die Sge wieder weg und prfte sie aufs peinlichste, drehte am Strick,
befhlte das Sgeblatt, stellte es etwas schiefer, hielt es lange
blinzelnd vors Auge, seufzte alsdann tief auf und rastete ein wenig.
Hierauf begann er von neuem und sgte einen halben Zoll tief, aber da
wurde es ihm unertrglich warm und er mute seinen Rock ausziehen. Das
vollfhrte er langsam und mit Bedacht, suchte auch eine gute Weile nach
einem sauberen und sicheren Ort, um den Rock dahin zu legen. Als dies
doch endlich geschehen war, fing er wieder an zu sgen, jedoch nicht
lange, denn nun war die Sonne bers Dach gestiegen und schien ihm gerade
ins Gesicht. Also mute er den Bock und das Scheit und die Sge, jedes
Stck einzeln, an einen anderen Platz tragen, wo noch Schatten war; dies
brachte ihn in Schwei und nun brauchte er sein Sacktuch, um sich die
Stirne abzuwischen. Das Tuch war aber in keiner Tasche, und da fiel ihm
ein, er habe es ja im Rock gehabt, und so ging er denn dort hinber, wo
der Rock lag, breitete ihn suberlich auseinander, suchte und fand das
farbige Nastuch, wischte den Schwei ab und schneuzte auch gleich,
brachte das Tuch wieder unter, legte den Rock mit Aufmerksamkeit
zusammen und kehrte erfrischt zum Sgebock zurck. Hier fand er nun
bald, er habe vorher das Sgeblatt vielleicht doch allzuschrg gestellt,
daher operierte er von neuem lange daran herum und sgte schlielich
unter groem Sthnen das Scheit vollends durch. Aber nun war es Mittag
geworden und lutete vom Turm, und eilig zog er den Rock an, stellte die
Sge beiseite und verfgte sich ins Haus zum Essen.

Pnktlich seid Ihr, das mu man Euch lassen, sagte der Stricker. Die
Lauffrau trug die Suppe herein, danach gab es noch Wirsing und eine
Scheibe Speck und Hrlin langte fleiig zu. Nach Tisch sollte das Sgen
wieder losgehen, aber da weigerte er sich entschieden.

Das bin ich nicht gewhnt, sagte er entrstet und blieb dabei. Ich
bin jetzt todesmd und mu nun auch eine Ruhe haben.

Der Stricker zuckte die Achseln und meinte: Tut was Ihr mget, aber wer
nichts arbeitet, bekommt auch kein Vesper. Um vier Uhr gibt's Most und
Brot, wenn Ihr gesgt habet, im anderen Fall nichts mehr bis zur
Abendsuppe.

Most und Brot, dachte Hrlin und besann sich in schweren Zweifeln. Er
ging auch hinunter und holte die Sge wieder hervor, aber da graute ihm
doch vor der heien mittglichen Arbeit und er lie das Holz liegen,
ging auf die Gasse hinaus, fand gleich einen Zigarrenstumpen auf dem
Pflaster, steckte ihn zu sich und stieg langsam die fnfzig Schritte bis
zur Wegebiegung hinan. Dort hielt er veratmend an, setzte sich abseits
der Strae an den schn erwrmten Rain, sah auf die vielen Dcher und
auf den Marktplatz hinunter, konnte im Talgrund auch seine ehemalige
Fabrik liegen sehen und weihte also diesen Platz als erster Sonnenbruder
ein, an welchem seither bis auf heute so viele von seinen Kameraden und
Nachfolgern ihre Sommernachmittage, und oft auch die Vormittage und
Abende, versessen und verduselt haben.

Die wohltuend sanfte Beschaulichkeit eines von Sorgen und Plagen
befreiten Alters, die er sich vom Aufenthalt im Spittel versprochen
hatte, und die ihm am Morgen bei der sauren Arbeit wie ein schnes
Trugbild zerronnen war, fand sich nun allmhlich ein. Die Gefhle eines
fr Lebzeiten vor Sorge, Hunger und Obdachlosigkeit gesicherten
Pensionrs im Busen, beharrte er mollig faul im Rasen, fhlte auf seiner
welken Haut die schne Sonnenwrme, berschaute weithin den Schauplatz
seiner frheren Umtriebe, Arbeit und Leiden und wartete ohne Ungeduld
bis jemand kme, den er um Feuer fr seinen Zigarrenstumpen bitten
knnte. Das schrille Blechgehmmer einer Spenglerwerkstatt, das ferne
Ambogelut einer Schmiede, das leise Knarren entfernter Lastwagen
stieg, mit einigem Straenstaub und dnnem Rauch aus groen und kleinen
Schornsteinen vermischt, zur Hhe herauf und zeigte an, da drunten in
der Stadt brav gehmmert, gefeilt, gearbeitet und geschwitzt wrde,
whrend Karl Hrlin still und ungeplagt in vornehmer Entrcktheit
darber thronte.

Um vier Uhr trat er leise in die Stube des Hausvaters, der den Hebel
seiner kleinen Strickmaschine taktmig hin und her bewegte. Er wartete
eine Weile, ob es nicht doch am Ende Most und Brot gbe, aber der
Stricker lachte ihn aus und schickte ihn weg. Da ging er enttuscht an
seinen Ruheplatz zurck, brummte vor sich hin, verbrachte eine Stunde
oder mehr im Halbschlaf und schaute dann dem Abendwerden im engen Tale
zu. Es war droben noch so warm und behaglich wie zuvor, aber seine gute
Stimmung lie mehr und mehr nach, denn trotz seiner Trgheit berfiel
ihn eine gewaltige Langweile, auch kehrten seine Gedanken unaufhrlich
zu dem entgangenen Vesper zurck. Er sah ein hohes Schoppenglas voll
Most vor sich stehen, gelb und glnzend und mit ser Herbe duftend. Er
stellte sich vor, wie er es in die Hand nhme, das khle runde Glas, und
wie er es ansetzte, und wie er zuerst einen vollen starken Schluck
nehmen, dann aber langsam sparend schlrfen wrde. Wtend seufzte er
auf, so oft er aus dem schnen Traum erwachte, und sein ganzer Zorn
richtete sich gegen den unbarmherzigen Hausvater, den Stricker, den
elenden Knauser, Knorzer, Schinder, Seelenverkufer und Giftjuden.
Nachdem er genug getobt hatte, fing er an sich selber leid zu tun und
wurde weinerlich, schlielich aber beschlo er, morgen zu arbeiten.

Er sah nicht, wie das Tal bleicher und von zarten Schatten erfllt und
wie die Wolken rosig wurden, noch die abendmilde, se Frbung des
Himmels und das heimliche Blauwerden der entfernteren Berge; er sah nur
das ihm entgangene Glas Most, die morgen unabwendbar seiner harrende
Arbeit und die Hrte seines Schicksals. Denn in derartige Betrachtungen
verfiel er jedesmal, wenn er einen Tag lang nichts zu trinken bekommen
hatte. Wie es wre, jetzt einen Schnaps zu haben, daran durfte er gar
nicht denken.

Gebeugt und verdrossen stieg er zur Abendessenszeit ins Haus hinunter
und setzte sich mrrisch an den Tisch. Es gab Suppe, Brot und Zwiebeln,
und er a grimmig, so lange etwas in der Schssel war, aber zu trinken
gab es nichts. Und nach dem Essen sa er verlassen da und wute nicht
was anfangen. Nichts zu trinken, nichts zu rauchen, nichts zu schwtzen!
Der Stricker nmlich arbeitete bei Lampenlicht geschftig weiter, um
Hrlin unbekmmert.

Dieser sa eine halbe Stunde lang am leeren Tische, horchte auf
Sauberles klappende Maschine, starrte in die gelbe Flamme der Hngelampe
und versank in Abgrnde von Unzufriedenheit, Selbstbedauern, Neid, Zorn
und Bosheit, aus denen er keinen Ausweg fand noch suchte. Endlich
berwltigte ihn die stille Wut und Hoffnungslosigkeit. Hoch ausholend
hieb er mit der Faust auf die Tischplatte, da es knallte, und rief:
Himmelsternkreuzteufelsludernoch'nmal!

Holla, rief der Stricker und kam herber, was ist denn wieder los?
Geflucht wird bei mir fein nicht!

Ja, was ins heiligs Teufels Namen soll man denn anfangen?

Ja so, Langweile? Ihr drfet ins Bett.

So, auch noch? Um die Zeit schickt man kleine Buben ins Bett, nicht
mich.

Dann will ich Euch eine kleine Arbeit holen.

Arbeit? Danke fr die Schinderei, Ihr Sklavenhndler, Ihr!

Oha, nur kalt Blut! Aber da, leset was!

Er legte ihm ein paar Bnde aus dem drftig besetzten Wandregal hin und
ging wieder an sein Geschft. Hrlin hatte durchaus keine Lust zum
Lesen, nahm aber doch eins von den Bchern in die Hand und machte es
auf. Es war ein Kalender, und er begann die Bilder darin anzusehen. Auf
dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gekleidete ideale Frauen-
oder Mdchengestalt als Titelfigur abgebildet, mit bloen Fen und
offenen Locken. Hrlin erinnerte sich sogleich an ein Restlein
Bleistift, das er besa. Er zog es aus der Tasche, machte es na und
malte dem Frauenzimmer zwei groe runde Brste aufs Mieder, die er so
lange mit immer wieder benetztem Bleistift nachfuhr und ausmalte, bis
das Papier mrb war und zu reien drohte. Er wendete das Blatt um und
sah mit Befriedigung, da der Abdruck seiner Zeichnung durch viele
Seiten sichtbar war. Das nchste Bild, auf das er stie, gehrte zu
einem Mrchen und stellte einen Kobold oder Wterich mit bsen Augen,
gefhrlich kriegerischem Schnauzbart und aufgesperrtem Riesenmaul vor.
Begierig netzte der Alte seinen Bleistift an der Lippe und schrieb mit
groen deutlichen Buchstaben neben den Unhold die Worte: Das ist der
Stricker Sauberle, Hausvater.

Er beschlo, womglich das ganze Buch so zu vermalen und
verschweinigeln. Aber die folgende Abbildung fesselte ihn stark, und er
verga sich darber. Sie zeigte die Explosion einer Fabrik und bestand
fast nur aus einem mchtigen Dampf- und Feuerkegel, um welchen und ber
welchem halbe und ganze Menschenleiber, Mauerstcke, Ziegel, Sthle,
Balken und Latten durch die Lfte sausten. Das zog ihn an und zwang ihn,
sich die ganze Geschichte dazu auszudenken und sich namentlich
vorzustellen, wie es den Emporgeschleuderten wohl im Augenblick des
Ausbruches zu Mut gewesen sein mchte. Darin lag ein Reiz und eine
Befriedigung, die ihn lange in Atem hielten, denn bei aller Selbstsucht
gehrte er zu den vielen Menschen, denen anderer Leute Schicksale,
namentlich wenn sie gehrig illustriert erscheinen, viel mehr
nachzudenken und innerlich zu erleben geben als ihre eigenen.

Als er seine Einbildungskraft an diesem aufregenden Bilde erschpft und
gesttigt hatte, fuhr er fort zu blttern und stie bald auf ein
Bildlein, das ihn wieder festhielt, aber auf eine ganz andere Art. Es
war ein lichter, freundlicher Holzschnitt: eine schne Laube, an deren
uerstem Zweige ein Schenkenstern aushing, und ber dem Sterne sa mit
geschwelltem Hals und offenem Schnblein und sang ein kleiner Vogel. In
der Laube aber erblickte man um einen rohen Gartentisch eine kleine
Gesellschaft junger Mnner, Studenten oder Wanderburschen, die
plauderten und tranken aus heiteren Glasflaschen einen guten Wein.
Seitwrts sah man am Rande des Bildchens eine zerfallene Feste mit Tor
und Trmen in den Himmel stehen, und in den Hintergrund hinein verlor
sich eine schne Landschaft, etwa das Rheintal, mit Strom und Schiffen
und fernhin entschwindenden Hhenzgen. Die Zecher waren lauter junge,
hbsche Leute, glatt oder mit jugendlichen Brten, liebenswrdige und
heitere Burschen, welche offenbar bei ihrem Wein die Freundschaft und
die Liebe, den alten Rhein und Gottes blauen Sommerhimmel priesen.

Zunchst erinnerte dieser Holzschnitt den einsamen und mrrischen
Betrachter an seine besseren Zeiten, da er sich noch Wein hatte leisten
knnen und an die zahlreichen Glser und Becher guten Getrnkes, die er
damals genossen hatte. Dann aber wollte es ihm vorkommen, so vergngt
und herzlich heiter wie diese jungen Zecher sei er doch niemals gewesen,
selbst nicht vor Zeiten in den leichtbltigen Wanderjahren, da er noch
als junger Schlossergeselle unterwegs gewesen war. Diese sommerliche
Frhlichkeit in der Laube, diese hellen, guten und freudigen
Jnglingsgesichter machten ihn traurig und zornig; er zweifelte, ob
alles nur die Erfindung eines Malers sei, verschnert und verlogen, oder
ob es auch in Wirklichkeit etwa irgendwo solche Lauben und so hbsche,
frohe und sorgenlose junge Leute gebe. Ihr heiterer Anblick erfllte ihn
mit Neid und Sehnsucht und je lnger er sie anschaute, desto mehr hatte
er die Empfindung, er blicke durch ein schmales Fensterlein fr
Augenblicke in eine andere Welt, in ein schneres Land und zu freieren
und gtigeren Menschen hinber als ihm jemals im Leben begegnet waren.
Er wute nicht, in was fr ein fremdes Reich er hineinschaue, und da er
dieselbe Art von Gefhlen habe wie Leute, die in Dichtungen lesen, indem
ihre Freude an der Schnheit des Dargestellten durch die berlegung, wie
viel geringer die alltgliche Wirklichkeit sei, zu einer leichten, sen
Trauer und Sehnsucht wird. Diese Art Trauer und Heimweh als etwas Ses
auszukosten, verstand er vollends nicht, also klappte er das Bchlein
zu, schmi es zornig auf den Tisch, brummte unwillig Gutnacht und begab
sich in seine Stube hinber, wo ber Bett und Diele und Truhe das
Mondzwielicht hingebreitet lag und in dem gefllten Waschbecken leise
leuchtete. Die groe Stille zu der noch frhen Stunde, das ruhige
Mondlicht und das leere, fr eine bloe Schlafstelle fast zu groe
Zimmer riefen in dem alten Rauhbein ein Gefhl von unertrglicher
Vereinsamung hervor, dem er leise murmelnd und fluchend erst spt in das
stille Land des Schlummers entrann.

Es kamen nun Tage, an denen er Holz sgte und Most und Brot bekam,
wechselnd mit Tagen, an denen er faulenzte und ohne Vesper blieb. Oft
sa er oben am Straenrain, giftig und ganz mit Bosheit geladen, spuckte
auf die Stadt hinab und trug Groll und Verbitterung in seinem zuchtlosen
Herzen. Das ersehnte Gefhl, bequem in einem sicheren Hafen zu liegen,
blieb aus und statt dessen kam er sich verkauft und verraten vor, fhrte
Gewaltszenen mit dem Stricker auf oder fra das Gefhl der Zurcksetzung
und Unlust und Langeweile still in sich hinein.

Mittlerweile lief der Pensionstermin eines der in Privathusern
versorgten Stadtarmen ab, und eines Tages rckte in der Sonne als
zweiter Gast der frhere Seilermeister Lukas Heller ein.

Wenn die schlechten Geschfte aus Hrlin einen Trinker gemacht hatten,
war es mit diesem Heller umgekehrt gegangen. Auch war er nicht wie jener
pltzlich aus Pracht und Reichtum herabgestrzt, sondern hatte sich
langsam und stetig, mit den ntigen Pausen und Zwischenstufen, vom
bescheidenen Handwerksmann zum unbescheidenen Lumpen heruntergesffelt,
wovor ihn auch sein tchtiges und energisches Weib nicht hatte retten
knnen. Vielmehr war sie, die ihm an Krften weit berlegen schien, dem
nutzlosen Kampf erlegen und lngst gestorben, whrend ihr nichtsnutziger
Mann sich einer zhen Gesundheit erfreute, noch einige Jahre
weiterlumpte und dann, nachdem er ruiniert und bevormundet war, trg und
ungeschwcht einem hheren Alter entgegenbummelte. Natrlich war er
berzeugt, da er mit dem Weib so gut wie mit der Seilerei ein
unbegreifliches Pech gehabt und nach seinen Gaben und Leistungen ein
ganz anderes Schicksal verdient habe.

Hrlin hatte die Ankunft dieses Mannes mit der sehnlichsten Spannung
erwartet, denn er war nachgerade des Alleinseins unsglich md geworden.
Als Heller aber anrckte, tat der Fabrikant vornehm und machte sich kaum
mit ihm zu schaffen. Er schimpfte sogar darber, da Hellers Bett in
seine Stube gestellt wurde, obwohl er heimlich froh daran war.

Nach der Abendsuppe griff der Seiler, da sein Kamerad so strrisch
schweigsam war, zu einem Buch und fing zu lesen an. Hrlin sa ihm
gegenber und warf ihm mitrauisch beobachtende Blicke zu. Einmal, als
der Lesende ber irgend etwas Witziges lachen mute, hatte der andere
groe Lust, ihn danach zu fragen. Als aber Heller im gleichen Augenblick
vom Buch aufschaute, offenbar bereit, den Witz zu erzhlen, schnitt
Hrlin sofort ein finsteres Gesicht und tat, als sei er ganz in die
Betrachtung einer ber den Tisch hinwegkriechenden Mcke versunken.

So blieben sie hocken, den ganzen langen Abend. Der eine las und blickte
zuweilen plauderschtig auf, der andere beobachtete ihn ohne Pause,
wandte aber den Blick stolz zur Seite, so oft jener herberschaute. Der
Hausvater strickte unverdrossen in die Nacht hinein. Hrlins Mienenspiel
wurde immer verbissener und feindseliger, obwohl er eigentlich
seelenfroh war, nun nicht mehr allein in der Schlafstube liegen zu
mssen. Als es zehn Uhr schlug, sagte der Hausvater: Jetzt knntet ihr
auch ins Bett gehen, ihr zwei. Beide standen auf und gingen hinber.

Whrend die beiden Mnnlein in der halbdunkeln Stube sich langsam und
steif entkleideten, schien Hrlin die rechte Zeit gekommen, um ein
prfendes Gesprch anzubinden und ber den lang ersehnten Haus- und
Leidensgenossen ins klare zu kommen.

Also jetzt sind wir zu zweit, fing er an und warf seine Weste auf den
Stuhl.

Ja, sagte Heller.

Eine Saubude ist's, fuhr der andere fort.

So? Weit's gewi?

Ob ich's wei! -- Aber jetzt mu ein Leben reinkommen, sag' ich, jetzt!
Jawohl.

Du, fragte Heller, ziehst du 's Hemd aus in der Nacht oder behltst's
an?

Im Sommer zieh ich's aus.

Auch Heller zog sein Hemd aus und legte sich nackt ins krachende Bett.
Er begann laut zu schnaufen. Aber Hrlin wollte noch mehr erfahren.

Schlafst schon, Heller?

Nein.

Pressiert auch nicht so. -- Gelt, du bist 'n Seiler?

Gewesen, ja. Meister bin ich gewesen.

Und jetzt?

Und jetzt -- kannst du mich gern haben, wenn du dumme Fragen tust.

Jerum, so spritzig! Narr, du bist wohl Meister gewesen, aber das ist
noch lange nichts. Ich bin Fabrikant gewesen. Fabrikant, verstanden?

Mut nicht so schreien, ich wei schon lang. Und nachher, was hast denn
nachher fabriziert?

Wieso nachher?

Frag auch noch! Im Zuchthaus mein' ich.

Hrlin meckerte belustigt.

Du bist wohl 'n Frommer, was. So ein Hallelujazapfen?

Ich? Das fehlt gerad noch! Fromm bin ich nicht, aber im Zuchthaus bin
ich auch noch nicht gewesen.

Httest auch nicht hineingepat. Da sind meistens ganz feine Herren.

O jegerle, so feine Herren wie du einer bist? Freilich, da htt' ich
mich geniert.

's redet ein jeder, wie er's versteht oder nicht versteht.

Ja, das mein' ich auch.

Also sei gescheit, du! Warum hast du die Seilerei aufgesteckt?

Ach, la mich in Ruh! Die Seilerei war schon recht, der Teufel ist aber
ganz wo anderst gesessen. Das Weib war schuld.

Das Weib? -- Hat sie gesoffen?

Das htte noch gefehlt! Nein, gesoffen hab ich, wie's der Brauch ist,
und nicht das Weib. Aber sie ist schuld gewesen.

So? Was hat sie denn angestellt?

Frag nicht so viel!

Hast auch Kinder?

Ein Bub. In Amerika.

Der hat recht. Dem geht's besser als uns.

Ja, wenn's nur wahr wr. Um Geld schreibt er, der Dackel! Hat auch
geheiratet. Wie er fortgegangen ist, sag ich zu ihm: Frieder, sag ich,
mach's gut und bleib gesund; hantier, was du magst, aber wenn du
heiratest, geht's Elend los. -- Jetzt hockt er drin. Gelt, du hast kein
Weib gehabt?

Nein. Siehst, man kann auch ohne Weib ins Pech kommen. Was meinst?

Danach man einer ist. Ich wre heut noch Meister, wenn die Dundersfrau
nicht gewesen wr.

Na ja!

Hast du was gesagt?

Hrlin schwieg still und tat so, als wre er eingeschlafen. Eine
warnende Ahnung sagte ihm, da der Seiler, wenn er erst einmal recht
angefangen habe, ber sein Weib loszuziehen, kein Ende finden wrde.

Schlaf nur, Dickkopf! rief Heller herber. Er lie sich aber nimmer
reizen, sondern stie noch eine Weile knstliche groe Atemzge aus, bis
er wirklich schlief.

Der Seiler, der mit seinen sechzig Jahren schon einen krzeren Schlummer
hatte, wachte am folgenden Morgen zuerst auf. Eine halbe Stunde blieb er
liegen und starrte die weie Stubendecke an. Dann stieg er, der sonst
schwerfllig und steif von Gliedern erschien, leicht und leise wie ein
Morgenlftchen aus seinem Bette, lief barfu und unhrbar zu Hrlins
Lagerstatt hinber und machte sich an dessen ber den Stuhl gebreiteten
Kleidern zu schaffen. Er durchsuchte sie mit Vorsicht, fand aber nichts
darin als das Bleistiftstmpchen in der Westentasche, das er herausnahm
und fr sich behielt. Ein Loch im linken Strumpf seines Schlafkameraden
vergrerte er mit Hilfe beider Daumen um ein betrchtliches. Sodann
kehrte er sachte in sein warmes Bett zurck und regte sich erst wieder,
als Hrlin schon erwacht und aufgestanden war und ihm ein paar
Wassertropfen ins Gesicht spritzte, da sprang er hurtig auf, kroch in
die Hosen und sagte guten Morgen. Mit dem Ankleiden hatte er es gar
nicht eilig, und als der Fabrikant ihn antrieb, vorwrts zu machen, rief
er behaglich: Ja, geh nur einstweilen hinber, ich komm schon auch
bald. Der andere ging und Heller atmete erleichtert auf. Er griff
behende zum Waschbecken und leerte das klare Wasser zum Fenster in den
Hof hinaus, denn vor dem Waschen hatte er ein tiefes Grauen. Als er sich
dieser ihm widerstrebenden Handlung entzogen hatte, war er im Umsehen
mit dem Ankleiden fertig und hatte es eilig zum Kaffee zu kommen.

Bettmachen, Zimmeraufrumen und Stiefelputzen ward besorgt, natrlich
ohne Hast und mit reichlichen Plauderpausen. Dem Fabrikanten schien das
alles zu zweien doch viel freundlicher und bequemer zu gehen als frher
allein, und er fing an, dem Kameraden die freundschaftlichsten Gefhle
entgegenzubringen und sich auf ein ersprieliches und frhliches
Zusammenleben zu freuen. Sogar die unentrinnbar bevorstehende Arbeit
flte ihm heute etwas weniger Schrecken ein als sonst, und er ging,
wenn auch zgernd, mit fast heiterer Miene auf die Mahnung des
Hausvaters mit dem Seiler ins Hflein hinunter.

Trotz heftiger Entrstungsausbrche des Strickers und trotz seines zhen
Kampfes mit der Unlust des Pfleglings war in den vergangenen paar Wochen
an dem Holzvorrat kaum eine wahrnehmbare Vernderung vor sich gegangen.
Die Beuge schien noch so gro und so hoch wie je, als htte sie die
gesegnete Haltbarkeit jenes lkrugs und Kades der Witwe, und das in
einer Ecke liegende Huflein zersgter Rollen, kaum zwei Dutzend,
erinnerte etwa an die in einer Laune begonnene und in einer neuen Laune
liegengelassene spielerische Arbeit eines Kindes.

Nun sollten also die beiden Graukpfe zu zweien daran arbeiten; es galt,
sich ineinander zu finden und einander in die Hnde zu schaffen, denn es
war nur ein einziger Sgbock und auch nur eine Sge vorhanden. Nach
einigen vorbereitenden Gebrden, Seufzern und Redensarten berwanden die
Leutlein denn auch ihr inneres Struben und schickten sich an, das
Geschft in die Hand zu nehmen. Und nun zeigte sich leider, da Karl
Hrlins frohe Hoffnungen eitel Trume gewesen waren, denn sogleich trat
in der Arbeitsweise der zwei Trpfe ein tiefer Wesensunterschied zutage.

Jeder von ihnen hatte seine besondere Art, ttig zu sein. In beider
Seelen mahnte nmlich, neben der eingebornen bermchtigen Trgheit, ein
Rest von Gewissen schchtern zum Fleiigsein; wenigstens wollten beide
zwar nicht wirklich arbeiten, aber doch vor sich selber den Anschein
gewinnen, als seien sie etwas ntze. Dies erstrebten sie nun auf
durchaus verschiedene Weise und es trat hier in diesen abgentzten,
verwischten und scheinbar vom Schicksal zu Brdern gemachten Mnnern ein
unerwarteter Zwiespalt der Anlagen und Neigungen hervor.

Hrlin hatte die Methode, zwar so gut wie nichts zu leisten, aber doch
fortwhrend sehr beschftigt zu sein oder zu scheinen. Ein einfacher
Handgriff wurde bei ihm zu einem hchst verwickelten Manver, indem mit
jeder noch so kleinen Bewegung ein sparsam zhes Ritardando
verschwistert war; berdies erfand und bte er zwischen zwei einfachen
Bewegungen, beispielsweise zwischen dem Ergreifen und dem Ansetzen der
Sge, bestndig ganze Reihen von wertlosen und mhelosen
Zwischenttigkeiten und war immer vollauf beschftigt, sich durch solche
unntze Plempereien die eigentliche Arbeit mglichst noch ein wenig vom
Leibe zu halten. Darin glich er einem Verurteilten, der dies und das und
immer noch etwas ausheckt, was noch geschehen und stattfinden und getan
und besorgt werden mu, ehe es ans Erleiden des Unvermeidlichen geht.
Und so gelang es ihm wirklich, die vorgeschriebenen Stunden mit einer
ununterbrochenen Geschftigkeit auszufllen und es zu einem Schimmer von
ehrlichem Schwei zu bringen, ohne sich doch anzugreifen und eine
nennenswerte Arbeit zu tun.

In diesem eigentmlichen, jedoch praktischen System hatte er gehofft von
Heller verstanden und untersttzt zu werden, und fand sich nun vllig
enttuscht. Der Seiler nmlich befolgte, seinem inneren Wesen
entsprechend, eine entgegengesetzte Methode. Er steigerte sich durch
krampfhaften Entschlu in einen schumenden Furor hinein, strzte sich
mit Todesverachtung in die Arbeit und wtete, da der Schwei rann und
die Spne flogen. Aber das hielt nur Minuten an, dann war er erschpft,
hatte sein Gewissen befriedigt und rastete tatenlos zusammengesunken,
bis nach geraumer Zeit der Raptus wieder kam und wieder wtete und
verrauchte. Die Resultate dieser Arbeitsart bertrafen die des
Fabrikanten nicht erheblich.

Unter solchen Umstnden mute von den beiden jeder dem andern zum
schweren Hindernis und rgernis werden. Die gewaltsame und hastige,
ruckweise einsetzende Art des Heller war dem Fabrikanten im Innersten
zuwider, whrend dessen stetig trges Schffeln wieder jenem ein Greuel
war. Wenn der Seiler einen seiner wtenden Anflle von Flei bekam, zog
sich der erschreckte Hrlin einige Schritte weit zurck und schaute
verchtlich zu, indessen jener keuchend und schwitzend sich abmhte und
doch noch einen Rest von Atem brig behielt, um Hrlin seine Faulenzerei
vorzuwerfen.

Guck nur, schrie er ihn an, guck nur, faules Luder, Tagdieb du! Gelt,
das gefllt dir, wenn sich andere Leut fr dich abschinden? Natrlich,
der Herr ist ja Fabrikant! Ich glaub, du wrst imstand und ttest vier
Wochen am gleichen Scheit herumsgen.

Weder die Ehrenrhrigkeit noch die Wahrheit dieser Vorwrfe regte Hrlin
stark auf, dennoch blieb er dem Seiler nichts schuldig. Sobald Heller
ermattet beiseite hockte, gab er ihm sein Schimpfen heim. Er nannte ihn
Dickkopf, Ladstock, Hauderer, Seilersdackel, Turmspitzenvergolder,
Kartoffelknig, Allerweltsdreckler, Schoote, Schlangenfanger,
Mohrenhuptling, alte Schnapsbouteille, und erbot sich mit
herausfordernden Gesten ihm so lang auf seinen Wasserkopf zu hauen, bis
er die Welt fr ein Erdpfelgems und die zwlf Apostel fr eine
Ruberbande anshe. Zur Ausfhrung solcher Drohungen kam es natrlich
nie, sie waren rein oratorische Leistungen und wurden auch vom Gegner
als nichts anderes betrachtet. Ein paar Mal verklagten sie einander beim
Hausvater, aber Sauberle war gescheit genug, sich das grndlich zu
verbitten.

Kerle, sagte er rgerlich, ihr seid doch bigost keine Schulbuben
mehr. Auf so Stnkereien la ich mich nicht ein; fertig, basta!

Trotzdem kamen beide wieder, jeder fr sich, um einander zu verklagen.
Da bekam beim Mittagessen der Fabrikant kein Fleisch und als er trotzig
aufbegehrte, meinte der Stricker: Reget Euch nicht so auf, Hrlin,
Strafe mu sein. Der Heller hat mir erzhlt, was Ihr heut wieder fr
Reden verfhrt habt. Der Seiler triumphierte ber diesen unerwarteten
Erfolg nicht wenig. Aber abends ging es umgekehrt, Heller bekam keine
Suppe und die zwei Schlaumeier merkten, da sie berlistet waren. Von da
an hatte die Angeberei ein Ende.

Untereinander aber lieen sie sich keine Ruhe. Nur selten einmal, wenn
sie nebeneinander am Rain droben kauerten und den Vorbergehenden ihre
faltigen Hlse nachstreckten, spann sich vielleicht fr eine Stunde eine
flchtige Seelengemeinschaft zwischen ihnen an, indem sie miteinander
ber den Lauf der Welt, ber den Stricker, ber die Armenpflege und ber
den dnnen Kaffee im Spittel rsonierten oder ihre kleinen idealen Gter
austauschten, welche bei dem Seiler in einer bndigen Psychologie der
Weiber, bei Hrlin hingegen aus Wandererinnerungen und phantastischen
Plnen zu Finanzspekulationen groen Stils bestanden.

Siehst du, wenn halt einer heiratet -- fing es bei Heller allemal an.
Und Hrlin, wenn an ihm die Reihe war, begann stets: Tausend Mark wenn
mir einer lehnte -- oder: Wie ich dazumal in Solingen drunten war.
Drei Monate hatte er vor Jahren einmal dort gearbeitet, aber es war
erstaunlich, was ihm alles gerade in Solingen passiert und zu Gesicht
gekommen war.

Wenn sie sich mdgesprochen hatten, nagten sie schweigend an ihren
meistens kalten Pfeifen, legten die Arme auf die spitzen Kniee, spuckten
in ungleichen Zwischenrumen auf die Strae und stierten an den krummen
alten Apfelbaumstmmen vorber in die Stadt hinunter, deren Auswrflinge
sie waren und der sie in ihrer Torheit schuld an ihrem Unglck gaben. Da
wurden sie wehmtig, seufzten, machten mutlose Handbewegungen und
fhlten, da sie alt und erloschen seien. Dieses dauerte stets solange,
bis die Wehmut wieder in Bosheit umschlug, wozu meistens eine halbe
Stunde hinreichte. Dann war es gewhnlich Lukas Heller, der den Reigen
erffnete, zuerst mit irgendeiner Neckerei.

Sieh einmal da drunten! rief er und deutete talwrts.

Was denn? brummte der andere.

Mut auch noch fragen! Ich wei was ich sehe.

Also was, zum Deihenker?

Ich sehe die sogenannte Walzenfabrik von weiland Hrlin und
Schwindelmeier, jetzt Dallas und Kompagnie. Reiche Leute das, reiche
Leute!

Kannst mich im Adler treffen! murrte Hrlin.

So? Danke schn.

Willst mich falsch machen?

Tut gar nicht not, bist's schon.

Dreckiger Seilersknorze, du!

Zuchthusler!

Schnapslump!

Selber einer! Du hast's grad ntig, da du ordentliche Leute
schimpfst.

Ich schlag dir sieben Zhne ein.

Und ich hau dich lahm, du Bankrttler, du naseweiser!

Damit war das Gefecht erffnet. Nach Erschpfung der ortsblichen
Schimpfnamen und Schandwrter erging sich die Phantasie der beiden
Hanswrste in ppigen Neubildungen von verwegenem Klange, bis auch dies
Kapital aufgebraucht war und die zwei Kampfhhne erschpft und erbittert
hintereinander her ins Haus zurckzottelten.

Jeder hatte keinen anderen Wunsch, als den Kameraden mglichst
unterzukriegen und sich ihm berlegen zu fhlen, aber wenn Hrlin der
Gescheitere war, so war Heller der Schlauere, und da der Stricker keine
Partei nahm, wollte keinem ein rechter Trumpf gelingen. Die geachtetere
und angenehmere Stellung im Spittel einzunehmen, war beider sehnliches
Verlangen; sie verwandten darauf so viel Energie, Mitrauen, Nachdenken
und geheime Zhigkeit, da mit der Hlfte davon ein jeder, wenn er sie
seinerzeit nicht gespart htte, sein Schifflein htte flott erhalten
knnen, anstatt ein Sonnenbruder zu werden.

                   *       *       *       *       *

Unterdessen war die groe Holzladung im Hof langsam kleiner geworden.
Den Rest hatte man fr spter liegen lassen und einstweilen andere
Geschfte vorgenommen. Heller arbeitete tagweise in des
Stadtschultheien Garten, und Hrlin war unter hausvterlicher Aufsicht
mit friedlichen Ttigkeiten wie Salatputzen, Linsenlesen,
Bohnenschnitzeln und dergleichen beschftigt, wobei er sich nicht zu
bernehmen brauchte und doch etwas ntze sein konnte. Darber schien die
Feindschaft der Spittelbrder langsam heilen zu wollen, denn da sie
nimmer den ganzen Tag beisammen waren, hatte jeder in den Muestunden
genug zu klagen und zu berichten. Auch bildete jeder sich ein, man habe
ihm gerade diese Arbeit seiner besonderen Vorzge wegen zugeteilt und
ihm damit ber den andern einen Vorrang zugestanden. So zog sich der
Sommer hin, bis schon das Laub braun anzulaufen begann und die Abende,
an denen man bis neun Uhr ohne Licht sein konnte, ein Ende nahmen.

Da begegnete es dem Fabrikanten, als er eines Nachmittags allein im
Torgang sa und sich schlfrig die Welt betrachtete, da ein fremder
junger Mensch den Berg herunterkam, vor der Sonne stehen blieb und ihn
fragte, wo es denn zum Rathaus gehe. Hrlin war aus Langeweile hflich,
lief zwei Gassen weit mit, stand dem Fremden Rede und bekam fr seine
Mhe zwei Zigarren geschenkt. Er bat den nchsten Fuhrmann um Feuer,
steckte eine an und kehrte an seinen Schattenplatz bei der Haustre
zurck, wo er mit berschwenglichen Lustgefhlen sich dem lang
entbehrten Genusse der guten Zigarre hingab, deren letzten Rest er
schlielich noch im Pfeiflein aufrauchte, bis nur noch Asche und ein
paar braune Tropfen brig waren. Am Abend, da der Seiler vom
Schulzengarten kam und wie gewhnlich viel davon zu erzhlen wute, was
fr feinen Birnenmost und Weibrot und Rettiche er zum Vesper gekriegt
und wie nobel man ihn behandelt hatte, da berichtete Hrlin auch sein
Abenteuer mit ausfhrlicher Beredsamkeit, zu Hellers groem Neide.

Und wo hast denn jetzt die Zigarren? fragte dieser alsbald mit
Interesse.

Geraucht hab' ich sie, lachte Hrlin protzig.

Alle beide?

Jawohl, alter Schwed, alle beide.

Auf einmal?

Nein, du Narr, sondern auf zweimal, eine hinter der anderen.

Ist's wahr?

Was soll's nicht wahr sein?

So, meinte der Seiler, der es nicht glaubte, listig; dann will ich
dir was sagen. Dann bist du nmlich ein Rindvieh und das kein kleines.

So? Warum denn?

Httest eine aufgehebt, dann httest morgen auch was gehabt. Was hast
jetzt davon?

Das hielt der Fabrikant nicht aus. Grinsend zog er die noch brige
Zigarre aus der Brusttasche und hielt sie dem neidischen Seiler vors
Auge, um ihn vollends recht zu rgern.

Siehst was? Ja gelt, so gottverlassen dumm bin ich auch nicht, wie du
meinst.

So so. Also da ist noch eine. Zeig einmal!

Halt da, wenn ich nur mte!

Ach was, blo ansehen! Ich versteh' mich darauf, ob's eine feine ist.
Du kriegst sie gleich wieder.

Da gab ihm Hrlin die Zigarre hin, er drehte sie in den Fingern herum,
hielt sie an die Nase, roch ein wenig daran und sagte, indem er sie
ungern zurckgab, mitleidig: Da, nimm sie nur wieder. Das ist vom
allergeringsten Kraut, von der Sorte bekommt man zwei fr den Kreuzer.

Es entspann sich nun ein Streiten um die Gte und den Preis der Zigarre,
das bis zum Bettgehen dauerte. Beim Auskleiden legte Hrlin den Schatz
auf sein Kopfkissen und bewachte ihn ngstlich. Heller hhnte: Ja, nimm
sie nur mit ins Bett! Vielleicht kriegt sie Junge. Der Fabrikant gab
keine Antwort, und als jener im Bett lag, legte er die Zigarre behutsam
auf den Fenstersimsen und stieg dann gleichfalls zu Nest. Wohlig
streckte er sich aus und durchkostete vor dem Einschlafen noch einmal in
der Erinnerung den Genu vom Nachmittag, wo er den feinen Rauch so stolz
und prahlend in die Sonne geblasen hatte und wo mit dem guten Dufte ein
Rest seiner frheren Herrlichkeit und Gromannsgefhle in ihm aufgewacht
war. So hatte er frher zwischen Bureau und Fabriksaal am feinen Stengel
gesogen und sorglose, herrschaftliche, grokaufmnnische Wolken
hinausgeblasen! Und dann schlief er ein und whrend der Traum ihm das
Bild jener versunkenen Glanzzeit vollends in aller Glorie
zurckbeschwor, streckte er schlafend seine gertete und aus dem
Richtma geratene Nase mit der ganzen vornehm stolzen Weltverachtung
seiner besten Zeiten in die Lfte.

Allein mitten in der Nacht wachte er ganz wider alle Gewohnheit
pltzlich auf, und da sah er im halben Licht den Seilersmann zu Hupten
seines Bettes stehen und die magere Hand nach der auf dem Simsen
liegenden Zigarre ausstrecken.

Mit einem Wutschrei warf er sich aus dem Bette und versperrte dem
Missetter den Rckweg. Eine Weile wurde kein Wort gesprochen, sondern
die beiden Feinde standen einander regungslos und faselnackend
gegenber, musterten sich mit durchbohrenden Zornblicken und wuten
selber nicht, war es Angst oder berma der berraschung, da sie
einander nicht schon an den Haaren hatten.

Leg die Zigarre weg! rief endlich Hrlin keuchend.

Der Seiler rhrte sich nicht.

Weg legst sie! schrie der andere noch einmal, und als Heller wieder
nicht folgte, holte er aus und htte ihm ohne Zweifel eine saftige
Ohrfeige gegeben, wenn der Seiler sich nicht beizeiten gebckt htte.
Dabei entfiel demselben aber die Zigarre, Hrlin wollte eiligst nach ihr
langen, da trat Heller mit der Ferse drauf, da sie mit leisem Knistern
in Stcke ging. Jetzt bekam er vom Fabrikanten einen Puff in die Rippen,
und es begann eine gelinde Balgerei. Es war zum ersten Mal, da die
beiden handgemein wurden, aber die Feigheit wog den Zorn so ziemlich
auf, und es kam nichts Erkleckliches dabei heraus. Bald trat der eine
einen Schritt vor und bald der andere, so schoben die nackten Alten ohne
viel Gerusch in der Stube herum, als bten sie einen antiken Tanz, und
jeder war ein Held und keiner bekam Hiebe. Das ging so lange, bis in
einem gnstigen Augenblick dem Fabrikanten seine leere Waschschssel in
die Hand geriet; er schwang sie wild ber sich durch die Luft und lie
sie machtvoll auf den Schdel seines unbewaffneten Feindes herabsausen.
Sonderlich weh tat es gewi nicht, aber dieser Hauptschlag mit der
Blechschssel gab einen so kriegerisch schmetternden Klang durchs ganze
Haus, da sogleich die Tre ging, der Hausvater im Hemde hereintrat und
mit Schimpfen und Lachen vor den Zweikmpfern stehen blieb.

Ihr seid doch die reinen Lausbuben, rief er scharf, boxet euch da
splitternackt in der Bude herum, so zwei alte Geibcke! Packet euch ins
Bett, und wenn ich noch einen Ton hr', knnt ihr euch gratulieren.

Gestohlen hat er -- schrie Hrlin, vor Zorn und Beleidigung fast
heulend. Er ward aber sofort unterbrochen und zur Ruhe verwiesen. Die
Geibcke zogen sich murrend in ihre Betten zurck, der Stricker horchte
noch eine kleine Weile vor der Tre und auch als er fort war, blieb in
der Stube alles still. Neben dem Waschbecken lagen die Trmmer der
Zigarre am Boden, durchs Fenster sah die blasse Sptsommernacht herein
und ber den beiden tdlich ergrimmten Taugenichtsen hing an der Wand
von Blumen umrankt der Spruch: Kindlein, liebet euch untereinander!

Wenigstens einen kleinen Triumph trug Hrlin am andern Tage aus dieser
Affre davon. Er weigerte sich standhaft, fernerhin mit dem Seiler
nachts die Stube zu teilen, und nach hartnckigem Widerstand mute der
Stricker sich dazu verstehen, jenem das andere Stbchen anzuweisen. So
war der Fabrikant wieder zum Einsiedler geworden, und so gerne er die
Gesellschaft des Seilermeisters los war, machte es ihn doch schwermtig,
so da er zum ersten Mal deutlich sprte, in was fr eine hoffnungslose
Sackgasse ihn das Schicksal auf seine alten Tage gestoen hatte.

Das waren keine frhlichen Vorstellungen fr den armen Alten. Frher war
er, ging es wie es mochte, doch wenigstens frei gewesen, hatte auch in
den elendsten Zeiten je und je noch ein paar Batzen frs Wirtshaus
gehabt und konnte, wenn er nur wollte, jeden Tag wieder auf die
Wanderschaft gehen. Jetzt aber sa er da, rechtlos und bevogtet, bekam
niemals einen blutigen Batzen zu sehen und hatte in der Welt nichts mehr
vor sich als vollends alt und mrb zu werden und zu seiner Zeit sich
hinzulegen.

Er begann, was er sonst nie getan hatte, von einer hohen Warte am
Allpacher Straenrain ber die Stadt hinweg das Tal hinab- und
hinaufzuugen, die weien Landstraen mit dem Blick zu messen und den
fliegenden Vgeln und Wolken, den vorbeifahrenden Wagen und den ab- und
zugehenden Fuwanderern mit Sehnsucht nachzublicken, als ein trauernder
Ausgeschlossener und Liegengebliebener, der nimmer mitkann. Fr die
Abende gewhnte er sich nun sogar das Lesen an, aber aus den erbaulichen
Geschichten der Kalender und frommen Zeitschriften heraus hob er oft
fremd und bedrckt den Blick, empfand, da er mit diesen Leuten und
Begebenheiten nichts gemein und nichts zu tun habe, erinnerte sich an
seine jungen Jahre, an Solingen, an seine Fabrik, ans Zuchthaus, an die
Abende in der ehemaligen Sonne und dachte immer wieder daran, da er nun
allein sei, hoffnungslos allein.

Der Seiler Heller musterte ihn mit bsartigen Seitenblicken, versuchte
aber nach einiger Zeit doch den Verkehr wieder ins Geleise zu bringen.
So da er etwa gelegentlich, wenn er den Fabrikanten drauen am
Ruheplatz antraf, ein freundliches Gesicht schnitt und ihm zurief:
Schnes Wetter, Hrlin! Das gibt einen guten Herbst, was meinst? Aber
Hrlin sah ihn nur an, nickte trg und gab keinen Ton von sich.

Vermutlich htte sich allmhlich trotzdem wieder irgendein Fdlein
zwischen den Trutzkpfen angesponnen, denn aus seinem verstockten
Tiefsinn und Gram heraus htte Hrlin doch ums Leben gern nach dem
nchsten besten Menschenwesen gegriffen, um nur das elende Gefhl der
Vereinsamung und Leere zeitweise loszuwerden. Der Hausvater, dem des
Fabrikanten stilles Schwermteln gar nicht gefiel, tat auch, was er
konnte, um seine beiden Pfleglinge wieder aneinander zu bringen. Da kam
endlich allen dreien eine Erlsung, wenn schon eine zweifelhafte.

Es rckten kurz hintereinander im Laufe des September zwei neue
Ankmmlinge ein und zwar zwei sehr verschiedene.

Der eine hie Louis Kellerhals, doch kannte kein Mensch in der Stadt
diesen Namen, da Louis schon seit Jahrzehnten den Beinamen Holdria trug,
dessen Ursprung unerfindlich ist. Er war, da er schon viele Jahre her
der Stadt zur Last fiel, bei einem freundlichen Handwerker untergebracht
gewesen, wo er es gut hatte und mit zur Familie zhlte. Dieser
Handwerker war nun aber unvermutet schnell gestorben, und da der
Pflegling nicht zur Erbschaft mitgerechnet werden konnte, mute ihn
jetzt der Spittel bernehmen. Er hielt seinen Einzug mit einem
wohlgefllten Leinwandscklein, einem ungeheuren blauen Regenschirm und
einem grnbemalten Holzkfig, darin sa ein sehr feister gewhnlicher
Sperling und lie sich durch den Umzug wenig aufregen. Der Holdria kam
lchelnd, herzlich und strahlend, schttelte jedermann innig die Hand,
sprach kein Wort und fragte nach nichts, glnzte vor Wonne und
Herzensgte, so oft jemand ihn anredete oder ansah und htte, auch wenn
er nicht schon lngst eine berall bekannte Figur gewesen wre, es keine
Viertelstunde lang verbergen knnen, da er ein gutwilliger und
ungefhrlicher Schwachsinniger war.

Der zweite, der etwa eine Woche spter seinen Einzug hielt, kam nicht
minder lebensfroh und wohlwollend daher, war aber keineswegs schwach im
Kopfe, sondern ein zwar harmloser, aber durchtriebener Pfiffikus. Er
hie Stefan Finkenbein und stammte aus der in der ganzen Stadt und
Gegend von alters her wohlbekannten Landstreicher- und Bettlerdynastie
der Finkenbeine, deren komplizierte Familie in vielerlei Zweigen in
Gerbersau ansssig und anhngig war und viele Dutzende von Mitgliedern
zhlte. Die Finkenbeine waren alle fast ohne Ausnahme helle und lebhafte
Kpfe, dennoch hatte es von jeher niemals einer von ihnen irgend zu
etwas Nennenswertem gebracht, denn von ihrem ganzen Wesen und Dasein war
die Vogelfreiheit und der Humor des Nichtshabens ganz unzertrennlich.

Besagter Stefan war noch keine sechzig alt und erfreute sich einer
fehlerlosen Gesundheit. Zwar war er etwas mager und fast zart von
Gliedern, aber zh und stets wohlauf und rstig, und auf welche schlaue
Weise es ihm gelungen war, sich bei der Gemeinde als Anwrter auf einen
Spittelsitz einzuschmuggeln und durchzusetzen, war rtselhaft. Es gab
ltere, Elendere und sogar rmere genug in der Stadt. Allein seit der
Grndung dieser Anstalt hatte es ihm keine Ruhe gelassen, er fhlte sich
zum Sonnenbruder geboren und wollte und mute einer werden. Und nun war
er da, ebenso lchelnd und liebenswrdig wie der treffliche Holdria,
aber mit wesentlich leichterem Gepck, denn auer dem, was er am Leibe
trug, brachte er einzig einen zwar nicht in der Farbe, aber doch in der
Form wohlerhaltenen steifen Sonntagshut von altvterisch biederer
Eleganz mit. Wenn er ihn aufsetzte und ein wenig nach hinten rckte, war
Stefan Finkenbein ein klassischer Vertreter des Typus Bruder
Straubinger.

Er fhrte sich als einen weltgewandten, spahaften Gesellschafter ein
und wurde, da der Holdria schon in Hrlins Stube gesteckt worden war,
beim Seiler Heller untergebracht. Alles schien ihm gut und lobenswert zu
sein, nur die Schweigsamkeit seiner Kameraden gefiel ihm nicht. Eine
Stunde vor dem Abendessen, als alle viere beisammen drauen im Freien
saen, fing der Finkenbein pltzlich an: Hr' du, Herr Fabrikant, ist
das bei euch denn alleweil so trbselig? Ihr seid ja lauter
Trauerwedel.

Ach la mich.

Na, wo fehlt's denn bei dir? berhaupt, warum hocken wir alle so fad da
herum? Man knnte doch wenigstens einen Schnaps trinken, oder nicht?

Hrlin horchte einen Augenblick entzckt auf und lie seine mden
uglein glnzen, aber dann schttelte er verzweifelt den Kopf, drehte
seine leeren Hosentaschen um und machte ein leidendes Gesicht.

Ach so, hast kein Moos? rief Finkenbein lachend. Lieber Gott, ich
hab' immer gedacht, so ein Fabrikant, der hat's alleweil so im Sack
herumklimpern. Aber heut ist doch mein Antrittsfest, das darf nicht so
trocken vorbeigehen. Kommt nur ihr Leute, der Finkenbein hat zur Not
schon noch ein paar Kapitalien im Ziehamlederle.

Da sprangen die beiden Trauerwedel behend auf die Fe. Den
Schwachsinnigen lieen sie sitzen, die drei anderen stolperten im
Eilmarsch nach dem Sternen und saen bald auf der Wandbank jeder vor
einem Glas Korn. Hrlin, der seit Wochen und Monaten keine Wirtsstube
mehr von innen gesehen hatte, kam in die freudigste Aufregung. Er atmete
in tiefen Zgen den lang entbehrten Dunst des Ortes ein und geno den
Kornschnaps in kleinen, sparsamen, scheuen Schlcken. Wie einer, der aus
schweren Trumen erwacht ist, fhlte er sich dem Leben wiedergeschenkt
und von der wohlbekannten Umgebung heimatlich angezogen. Er holte die
vergessenen khnen Gesten seiner ehemaligen Kneipenzeit eine um die
andere wieder hervor, schlug mordsmig auf den Tisch, schnippte mit den
Fingern, spuckte vor sich hin auf die Diele und scharrte tnend mit der
Sohle darber. Auch seine Redeweise nahm einen pltzlichen Aufschwung
und die volltnenden Kraftausdrcke aus den Jahren seiner Herrlichkeit
klangen noch einmal fast mit der alten brutalen Sicherheit von seinen
blauen Lippen.

Whrend der Fabrikant sich diesermaen verjngte und im Nachglanze
seines einstigen Virtuosentums und Glck sonnte, blinzelte Lukas Heller
nachdenklich in sein Glschen und hielt die Zeit fr gekommen, wo er dem
Stolzen seine Beleidigungen und den entehrenden Blechhieb aus jener
Nacht heimzahlen knnte. Er hielt sich still und wartete aufmerksam, bis
der rechte Augenblick da wre.

Inzwischen hatte Hrlin, wie es frher seine Art gewesen war, beim
zweiten Glase angefangen ein Ohr auf die Gesprche der Leute am
Nebentisch zu haben, mit Kopfnicken, Ruspern und Mienenspiel daran
teilzunehmen und schlielich auch zwischenein ein freundschaftliches
Jaja oder Soso dareinzugeben. Er fhlte sich ganz in das schne Ehemals
zurckversetzt und als nun das Gesprch nebenan lebhafter wurde, drehte
er sich mehr und mehr dort hinber und nach seiner alten Leidenschaft
strzte er sich bald mit Feuer in das Wogen und Aneinanderbranden der
Meinungen. Die Redenden achteten im Anfang nicht darauf, bis einer von
ihnen, ein Fuhrknecht, pltzlich rief: Jeses, der Fabrikant! Ja, was
willst denn du da, alter Lump? Sei so gut und halt du deinen Schnabel,
sonst schwtz ich deutsch mit dir.

Betrbt wendete der Angeschnauzte sich ab, aber da gab ihm der Seiler
einen Ellbogensto und flsterte eifrig: La dir doch von dem Jockel
das Maul nicht verbieten! Sag's ihm, dem Drallewatsch!

Diese ehrenvolle Ermunterung entflammte sogleich das Ehrgefhl des
Fabrikanten zu neuem Bewutsein. Trotzig hieb er auf den Tisch, rckte
noch mehr gegen die Sprecher hinber, warf khne Blicke um sich und rief
mit tiefem Brustton: Nur etwas manierlicher, du, bitt ich mir aus! Du
weit scheint's nicht, was der Brauch ist.

Einige lachten. Der Fuhrknecht drohte noch einmal gutmtig: Pa
Achtung, Fabrikantle! Dein Maul wenn du nicht hltst, kannst was
erleben.

Ich brauch nichts zu erleben, sagte Hrlin, von Heller wieder durch
einen Sto angefeuert, mit Wrde und Nachdruck, ich bin so gut da und
kann mitreden wie ein anderer. So, jetzt weit du's.

Der Knecht, der seinem Tisch eine Runde bezahlt hatte und dort den Herrn
spielte, stand auf und kam herber. Er war der Klfferei mde. Geh heim
ins Spittel, wo du hingehrst! schrie er Hrlin an, nahm den
Erschrockenen am Kragen, schleppte ihn zur Stubentre und half ihm mit
einem Tritt hinaus. Die Leute lachten, sahen belustigt zu und fanden, es
geschehe dem Spektakler recht. Damit war der kleine Zwischenfall abgetan
und sie fuhren mit Schwren und Schreien in ihren wichtigen Gesprchen
fort.

Der Seilermeister war selig. Er veranlate Finkenbein, noch ein letztes
Glschen zu spenden. Und da er den Wert dieses neuen Genossen erkannt
hatte, bemhte er sich nach Krften, sich mit ihm anzufreunden, was
Finkenbein sich ruhig und lchelnd gefallen lie. Dieser war vorzeiten
einmal im Hrlinschen Anwesen betteln gegangen und von dem Herrn
Fabrikanten streng hinausgewiesen worden. Trotzdem hatte er nichts gegen
ihn und stimmte den Beschimpfungen, die Heller dem Abwesenden jetzt
antat, mit keinem Worte bei. Er war besser als diese aus glcklicheren
Umstnden Herabgesunkenen daran gewhnt, der Welt ihren Lauf zu lassen
und an den Besonderheiten der Leute seinen Spa zu haben.

La nur, Seiler, sagte er abwehrend. Der Hrlin ist freilich ein
Narr, aber noch lang keiner von den belsten. Da dank ich doch schn
dafr, da wir da droben auch noch dumme Hndel miteinander haben
sollen.

Heller merkte sich das und ging gefgig auf diesen vershnlichen Ton
ein. Es war nun auch Zeit zum Aufbrechen, so gingen sie denn und kamen
gerade recht zum Nachtessen heim. Der Tisch, an dem nunmehr fnf Leute
saen, bot einen ganz stattlichen Anblick. Obenan sa der Stricker, dann
kam auf der einen Seite der rotwangige Holdria neben dem hageren,
verfallen und grmlich aussehenden Hrlin, ihnen gegenber der dnn
behaarte, pfiffige Seiler neben dem fidelen, hellugigen Finkenbein.
Dieser unterhielt den Hausvater vortrefflich und brachte ihn in gute
Laune, zwischenein machte er ein paar Spe mit dem Blden, der
geschmeichelt grinste, und als der Tisch abgerumt und abgewaschen war,
zog er Spielkarten heraus und schlug eine Partie vor. Der Stricker
wollte es verbieten, gab es aber am Ende unter der Bedingung zu, da um
nichts gespielt werde. Finkenbein lachte laut.

Natrlich um nichts, Herr Sauberle. Um was denn sonst? Ich bin ja
freilich von Haus aus Millionr, aber das ist alles in Hrlinischen
Aktien draufgegangen -- nichts fr ungut, Herr Fabrikant!

Sie begannen denn und das Spiel ging auch eine Weile ganz frhlich
seinen Gang, durch zahlreiche Kartenwitze des Finkenbein und durch einen
von demselben Finkenbein entdeckten und vereitelten Mogelversuch des
Seilermeisters anregend unterbrochen. Aber da stach den Seiler der
Haber, da er mit geheimnisvollen Andeutungen immer wieder des
Abenteuers im Sternen gedenken mute. Hrlin berhrte es zuerst, dann
winkte er rgerlich ab. Da lachte der Seiler auf eine schadenfrohe Art
dem Finkenbein zu. Hrlin blickte auf, sah das unangenehme Lachen und
Blinzeln, und pltzlich wurde ihm klar, da dieser an der Hinauswerferei
schuld war und sich auf seine Kosten lustig mache. Das ging ihm durch
und durch. Er verzog den Mund, warf mitten im Spiel seine Karten auf den
Tisch und war nicht zum Weiterspielen zu bewegen. Heller merkte sofort,
was los war, er hielt sich vorsichtig still und gab sich nun doppelt
Mhe, auf einem recht brderlichen Fu mit Finkenbein zu bleiben.

Es war nun also zwischen den beiden alten Gegnern wieder alles
verschttet, und desto schlimmer, weil Hrlin berzeugt war, Finkenbein
habe um den Streich gewut und ihn anstiften helfen. Dieser benahm sich
unverndert lustig und kameradschaftlich, da aber Hrlin ihn nun einmal
beargwhnte und seine Spe und Titulaturen wie Kommerzienrat, Herr von
Hrlin usw. ruppig aufnahm, zerfiel in Blde die Sonnenbrderschaft in
zwei Parteien. Denn der Fabrikant hatte sich als Schlafkamerad schnell
an den blden Holdria gewhnt und ihn zu seinem Freund gemacht.

Von Zeit zu Zeit brachte Finkenbein, der aus irgend welchen verborgenen
Quellen her immer wieder ein bichen kleines Geld im Sack hatte, wieder
einen gemeinsamen Kneipengang in Vorschlag. Aber Hrlin, so gewaltig die
Verlockung fr ihn war, hielt sich stramm und ging niemals mehr mit,
obwohl es ihn emprte zu denken, da Heller desto besser dabei wegkomme.
Statt dessen hockte er beim Holdria, der ihm mit verklrtem Lcheln oder
mit ngstlich groen Augen zuhrte, wenn er klagte und schimpfte oder
darber phantasierte, was er tun wrde, wenn ihm jemand tausend Mark
liehe.

Lukas Heller dagegen hielt es klglich mit dem Finkenbein. Freilich
hatte er gleich im Anfang die neue Freundschaft in Gefahr gebracht. Er
war des Nachts einmal nach seiner Gewohnheit ber den Kleidern seines
Schlafkameraden gewesen und hatte dreiig Pfennige darin gefunden und an
sich gebracht. Der Beraubte aber, der nicht schlief, sah ruhig durch
halbgeschlossene Lider zu. Am Morgen gratulierte er dem Seiler zu seiner
Fingerfertigkeit, die er hchlich lobte, forderte ihm das Geld wieder ab
und tat, als wre es nur ein guter Scherz gewesen. Damit hatte er
vollends Macht ber Heller gewonnen, und wenn dieser an ihm einen guten
und lustigen Kameraden hatte, konnte er ihm doch nicht so unverwehrt
seine Klagelieder vorsingen wie Hrlin dem seinigen. Namentlich seine
Reden ber die Weiber wurden dem Finkenbein bald langweilig.

's ist gut, sag ich, Seilersmann, 's ist gut. Du bist auch so eine
Drehorgel mit einer ewigen Leier, hast keine Reservewalze. Was die
Weiber angeht, hast du meinetwegen recht. Aber was zuviel ist, ist
zuviel. Mut dir eine Reservewalze anschaffen -- mal was anderes, weit
du, sonst kannst du mir gestohlen werden.

Vor solchen Erklrungen war der Fabrikant sicher. Und das war zwar
bequem, aber es tat ihm nicht gut. Je geduldiger sein Zuhrer war, desto
tiefer whlte er in seinem Elend. Noch ein paarmal steckte ihn die
souverne Lustigkeit des Taugenichts Finkenbein fr eine halbe Stunde
an, da er nochmals die groartigen Handbewegungen und Kernworte seiner
goldenen Zeit hervorlangte und bte, aber seine Hnde waren doch
allmhlich ziemlich steif geworden, und es kam ihm nimmer von innen
heraus. In den letzten sonnigen Herbsttagen sa er zuweilen noch unter
den welkenden Apfelbumen, aber er schaute auf Stadt und Tal nimmer mit
Neid oder mit Verlangen, sondern fremd, wie wenn all dieses ihn nichts
mehr anginge und ihm fernlge. Es ging ihn auch nichts mehr an, denn er
war sichtlich am Abrsten und hatte hinter sich nichts mehr zu suchen.

Das war merkwrdig schnell ber ihn gekommen. Zwar war er schon bald
nach seinem Sturze, in den drftigen Zeiten, da die Sonne ihm vertraut
zu werden begann, grau geworden und hatte angefangen, die Beweglichkeit
zu verlieren. Aber er htte sich noch jahrelang herumschlagen und
manchen Schoppen trinken und manchesmal das groe Wort am Wirtstisch
oder auf der Gasse fhren knnen. Es war nur der Spittel, der ihm in die
Knie geschlagen hatte. Als er damals froh gewesen war, ins Asyl zu
kommen, hatte er nicht bedacht, da er sich damit selber seinen besten
Faden abschneide. Denn ohne Projekte und ohne Aussicht auf allerlei
Umtrieb und Spektakel zu leben, dazu hatte er keine Gabe, und da er
damals der Mdigkeit und dem Hunger nachgegeben und sich zur Ruhe
gesetzt hatte, das war erst sein eigentlicher Bankrott gewesen. Nun
blieb ihm nichts mehr als sein Zeitlein vollends abzuleben.

Es kam dazu, da Hrlin allzulange eine Wirtshausexistenz gefhrt hatte.
Alte Gewohnheiten, auch wenn sie Laster sind, legt ein Grauhaariger
nicht ohne Schaden ab. Die Einsamkeit und die Hndel mit Heller halfen
mit, ihn vollends still zu machen, und wenn ein alter Blagueur und
Schreier einmal still wird, so ist das schon der halbe Weg zum Kirchhof.

Es ist unerquicklich anzusehen, wie ein in Nichtigkeiten, Prahlerei und
Selbstsucht alt gewordener Lebensknstler geringer Art, statt in dem ihm
zukommenden Stil etwa bei einer Schlgerei oder bei einem nchtlichen
Heimwandel von der Kneipe hinzufallen und zu verschwinden, aufs letzte
noch trbsinnig wird und als Pfuscher auf dem ihm zeitlebens fremd
gewesenen Gebiet des Sentimentalen endigt. Allein da das tgliche Leben
doch unbestreitbar ein gewaltiger Dichter ist und also keine sinnlose
Willkr ben kann, bleibt einem nichts brig als zuzuschauen, sich zu
verwundern und sich das beste dabei zu denken. Und schlielich hat das
ja auch seine Tragik und Schnheit, wenn solch ein lebenslang
verwahrlostes und roh gebliebenes und vergewaltigtes Gemt ganz am Ende
noch rebelliert und sein Recht haben will, mit ungelenken Flgelschlgen
taumelt und sich, da ihm nichts anderes bleibt, wenigstens noch an
Schwermut und Klage ersttigen will.

Es war vielerlei, was jetzt an dieser rden und bel erzogenen Seele zu
rtteln und zu nagen kam, und es zeigte sich, da sie ungeachtet ihrer
frheren Starrheit und Selbstherrlichkeit recht wenig befestigt war. Der
Hausvater war der erste, der seinen Zustand erkannte. Zum Stadtpfarrer,
als dieser einmal seinen Besuch machte, sagte er achselzuckend: Der
Hrlin kann einem schier leid tun. Seit er so drunten ist, zwing ich ihn
ja zu keiner Arbeit mehr, aber was hilft's, das sitzt bei ihm
anderwrts. Er sinniert und studiert zu viel, und wenn ich diese Sorte
nicht kennen tte, wrd ich sagen, 's ist das schlechte Gewissen und
geschieht ihm recht. Aber weit gefehlt! Es frit ihn von innen, das
ist's, und das hlt einer in dem Alter nicht lang aus, wir werden's
sehen. Auf das hin sa der Stadtpfarrer ein paarmal beim Fabrikanten
auf seiner Stube neben dem grnen Spatzenkfig des Holdria und sprach
mit ihm vom Leben und Sterben und versuchte irgend ein Licht in seine
Finsternis zu bringen, aber vergebens. Hrlin hrte zu oder hrte nicht
zu, nickte oder brummte, sprach aber nichts und wurde immer fahriger und
wunderlicher. Von den Witzen des Finkenbein tat ihm zuzeiten einer gut,
dann lachte er leis und trocken, schlug auf den Tisch und nickte
billigend, um gleich darauf wieder in sich hinein auf die verworrenen
Stimmen zu horchen, die ihn beschftigten und qulten, und die er nicht
verstand.

Nach auen zeigte er nur ein stilleres und weinerlich gewordenes Wesen
und jedermann ging mit ihm um wie sonst. Nur dem Schwachsinnigen, wenn
er eben nicht ohne Verstand gewesen wre, htte ein Licht ber Hrlins
Zustand und Verfall aufgehen knnen und zugleich ein Grauen. Denn dieser
ewig freundliche und friedfertige Holdria war des Fabrikanten
Gesellschafter und Freund geworden. Sie hockten zusammen vor dem
Holzkfig, streckten dem fetten Spatzen die Finger hinein und lieen
sich picken, lehnten morgens bei dem jetzt langsam herankommenden
Winterwetter am leicht geheizten Ofen und sahen einander so
verstndnisvoll in die Augen, als wren sie zwei Weise und nicht zwei
arme hoffnungslose Narren gewesen. Man sieht manchmal, da zwei
gemeinsam eingesperrte Waldestiere einander so anblicken -- je nachdem
man will und gestimmt ist, kann man ihren Blick stumpfsinnig, drollig
oder erschreckend seelenvoll finden.

Was am heftigsten an Hrlin zehrte, das war die auf Hellers Anstiften im
Sternen erfahrene Demtigung und Schande. An dem Wirtstisch, wo er lange
Zeiten fast tglich gesessen war, wo er seine letzten Heller hatte
liegen lassen, wo er ein guter Gast, Hausfreund und Wortfhrer gewesen
war, da hatten Wirt und Gste ruhig und mit Gelchter zugesehen, wie er
hinausgeworfen wurde. Er hatte es an den eigenen Knochen erfahren und
spren mssen, da er nimmer dorthin gehre, nimmer mitzhle, da er
vergessen und ausgestrichen war und keinen Schatten von Recht mehr
besa.

Fr jeden anderen bsen Streich htte er gewi an Heller bei der ersten
Gelegenheit Rache genommen. Aber diesmal brachte er nicht einmal die
gewohnten Schimpfworte, die ihm so locker in der Gurgel saen, heraus.
Was sollte er ihm sagen? Der Seiler war ja ganz im Recht. Wenn er noch
der alte Kerl und noch irgend etwas wert wre, htte man nicht gewagt
ihn im Sternen an die Luft zu setzen. Er war fertig und konnte
einpacken.

Und nun schaute er vorwrts, die ihm bestimmte schmale und gerade
Strae, an ungezhlten Reihen von leeren, dunklen, toten Tagen vorbei
dem Sterben entgegen, an das er bald fast mit Sehnsucht, bald mit
zornigem Grausen dachte. Da war alles festgesetzt, angenagelt und
vorgeschrieben, selbstverstndlich und unerbittlich. Da war nicht die
Mglichkeit, eine Bilanz und ein Papierchen zu flschen, sich in eine
Aktiengesellschaft zu verwandeln oder in Gottes Namen sich durch
Bankrott und Zuchthaus auf Umwegen wieder ins Leben hineinzuschleichen.
Denn er war jetzt keine Firma und kein Name mehr, sondern lediglich ein
mrber alter Mensch, vor dem der Abgrund des Unendlichen sich grauenhaft
geffnet hatte und dem der drre Rippenmann still und grinsend den
Rckzug versperrte. Und wenn der Fabrikant auf vielerlei Umstnde und
Lebenslagen eingerichtet war und sich in sie zu finden wute, so war er
doch auf diese nicht eingerichtet und wute sich nicht in sie zu finden,
sondern bald schlug er ungebrdig abwehrend mit schwachen Greisenarmen
um sich, bald steckte er den Kopf in die Hnde, machte die Augen zu und
zitterte in Angst vor der unentrinnbaren Faust, die er bestndig seinem
Nacken nahe fhlte.

Der gute Finkenbein, da er allmhlich ahnte, da es bei dem Fabrikanten
erheblich spuke, gab ihm nicht selten ein ermunterndes Wort oder klopfte
ihm mit gutmtig trstendem Lachen auf die Schulter.

Du, Oberkommerzienrat, studier nicht so viel, du bist allweg gescheit
genug, hast so viel reiche und gescheite Leut seinerzeit eingeseift,
oder nicht? -- Nicht brummen, Herr Millionr, 's ist nicht bs gemeint.
Ist das ein Spritzigtun -- Mann Gottes, denk' doch an den heiligen Vers
ber deiner Bettlade.

Und er breitete mit pastoraler Wrde die Arme aus wie zum Segnen und
sprach mit Salbung: Kindlein, liebet euch untereinander!

Oder pa auf, wir fangen jetzt eine Sparkasse an und wenn sie voll ist,
kaufen wir der Stadt ihren schbigen Spittel ab und tun das Schild raus
und machen die alte Sonne wieder auf, da l in die kranke Maschine
kommt. Was meinst?

Fnftausend Mark wenn wir htten -- fing Hrlin zu rechnen an, aber da
lachten die anderen; er brach ab, seufzte und fiel in sein Brten und
Stieren zurck.

Whrend es vollends Winter wurde, sah man ihn stiller und ruheloser
werden. Er hatte die Gewohnheit angenommen, tagaus tagein in der Stube
hin und wieder zu traben, einmal grimmig, einmal angstvoll, ein andermal
lauernd und tckisch. Sonst aber strte er niemand. Der Holdria leistete
ihm hufig Gesellschaft, schlo sich in gleichem Tritt seinen
Dauerlufen durchs Zimmer an und beantwortete nach Krften die Blicke,
Gestikulationen und Seufzer des unruhigen Wanderers, der bestndig vor
dem bsen Geiste auf der Flucht war, den er doch in sich trug. Wenn er
sein Leben lang schwindelhafte Rollen geliebt und mit wechselndem Glcke
gespielt hatte, so war er nun dazu verurteilt, ein verzweifelt trauriges
Ende mit seinen hanswurstmigen Manieren durchspielen zu mssen. Er
spielte denn auch miserabel und lcherlich genug, aber wenigstens war
die Rolle echt und der frhere Poseur trat nun zum ersten Mal und nicht
zu seinem Vorteil ohne Maske auf. Die Ahnung des Ewigen und der Durst
nach dem Unaussprechlichen, der auch dieser Seele eingeboren und ein
ganzes Leben lang vergessen und vernachlssigt worden war, fand nun, da
er berquoll, nach keiner Seite hin seinen Ausdruck und gebrdete sich
in Grimassen, Bewegungen und Tnen seltsamster Art absurd und lcherlich
genug. Aber er war doch eine echte Kraft, und dieses sich selber nicht
verstehende Sterbenwollen war gewi seit Jahrzehnten die erste
groartige und im hheren Sinn vernnftige Regung dieser geringen Seele.

Zu den Sprngen und Kapriolen des aus dem Geleise Gekommenen gehrte es,
da er neuerdings mehrmals am Tage unter seine Bettstatt kroch, das alte
Sonnenschild hervorholte und einen sehnschtig nrrischen Kultus damit
trieb, indem er es bald feierlich vor sich hertrug wie ein heiliges
Schaustck, bald vor sich aufpflanzte und mit verzckten Augen
betrachtete, bald wtend mit Fusten schlug, um es dann sogleich wieder
sorglich zu wiegen, zu liebkosen und endlich an seinen verborgenen Ort
zurck zu bringen. Als er diese symbolischen Possen anfing, verlor er
seinen Rest von Kredit bei den Sonnenbrdern und wurde gleich seinem
Freunde Holdria als vlliger Narr behandelt und besprochen. Namentlich
der Seiler sah ihn mit unverhohlener Verachtung an, hnselte und
demtigte ihn wo er konnte und rgerte sich, da Hrlin das kaum zu
merken schien.

Einmal nahm er ihm sein Sonnenschild und versteckte es in einer anderen
Stube. Als Hrlin es holen wollte und nicht fand, irrte er eine Zeit im
Haus umher, dann suchte er wiederholt am alten Orte danach, dann
bedrohte er der Reihe nach alle Hausgenossen, den Stricker nicht
ausgenommen, mit machtlos wtenden Reden und Lufthieben, und als alles
das nichts half, setzte er sich an den Tisch, legte den Kopf in die
Hnde und brach in ein jammervolles Heulen aus, das eine halbe Stunde
dauerte. Das war dem mitleidigen Finkenbein zu viel. Er gab dem zu Tod
erschreckenden Seiler einen mchtigen Fausthieb und zwang ihn, das
versteckte Kleinod sogleich herbeizubringen.

Der zhe Fabrikant htte trotz seiner fast wei gewordenen Haare noch
manche Jahre leben knnen. Aber der Wille zum Sterben, der wenn auch
unverstanden in ihm arbeitete, fand bald einen Ausweg und machte der
unschnen tragischen Komdie ein erwnschtes Ende. In einer
Dezembernacht konnte der alte Mann zufllig nicht schlafen. Im Bett
aufsitzend gab er sich seinen den Gedanken hin, stierte ber die
dunklen Wnde hin und kam sich verlassener vor als je. In Langeweile,
Angst und Trostlosigkeit stand er schlielich auf, ohne recht zu wissen
was er tue, nestelte seinen hanfenen Hosentrger los und hngte sich
damit geruschlos an der Trangel auf. So fand ihn am Morgen der Holdria
und der auf des Narren ngstliches Geschrei herbergekommene Hausvater.
Das Gesicht war ein wenig blulicher geworden, sonst war wenig daran zu
entstellen gewesen.

Schrecken und berraschung waren nicht klein, aber von sehr kurzer
Dauer. Nur der Schwachsinnige flennte leise in seinen Kaffeetopf hinein,
alle anderen wuten oder fhlten, da dieses Ende des Fabrikanten nicht
zur unrechten Zeit gekommen war, und da es weder zur Klage noch zur
Entrstung hinreichende Veranlassung biete. Auch hatte ihn ja niemand
lieb gehabt.

Natrlich strzten sich auch ein paar Winkelredakteure auf den
interessanten Fall und teilten in ihren Schundblttlein den Lesern nebst
den ntigen moralischen Posthaltern die Tatsache mit, da der einst
nicht unbekannte Bankrotteur Karl Hrlin nunmehr verdientermaen im
Armenhaus als Selbstmrder geendet habe.

                   *       *       *       *       *

Wie seinerzeit der Finkenbein als vierter Gast in den Spittel gekommen
war, hatte man in der Stadt einige Klagen darber vernommen, da das
kaum gegrndete Asyl sich so ungehrig rasch bevlkere. Nun war schon
einer von den berzhligen verschwunden. Und wenn es wahr ist, da die
Armenhusler meistens merkwrdig gedeihen und zu hohen Jahren kommen, so
ist es doch ebenso wahr, da selten ein Loch bleibt wie es ist, sondern
um sich fressen mu. So ging es auch hier; in der kaum erblhten
Lumpenkolonie war nun einmal der Schwund ausgebrochen und wirkte weiter.

Zunchst schien freilich der Fabrikant vergessen und sonst alles beim
alten zu sein. Lukas Heller fhrte, soweit Finkenbein es zulie, das
groe Wort, machte dem Stricker das Leben sauer und wute von seinem
bichen Arbeit noch die Hlfte dem willigen Holdria aufzuhalsen. So
fhlte er sich sehr wohl und heiter, begann sich im Neste warm zu sitzen
und beschlo, unter so behaglichen Umstnden sich keine Sorgen zu machen
und jedenfalls noch reichliche Jahre in diesem Wohlleben zu verweilen,
der Gemeinde zum rger und sich zum Plsier. Er war nun, nach Hrlins
Tode, der lteste von den Sonnenbrdern, fhlte sich ganz heimisch und
hatte nie in seinem Leben sich so im Einklang mit seiner Umgebung und
Lebensstellung befunden, deren ob auch rmliche, doch sturmsichere Ruhe
und Trgheit ihm Zeit lie, sich zu dehnen und zu fhlen und sich als
ein achtungswerter und nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft, der
Stadt und des Weltganzen vorzukommen. Ihm war es seelenwohl dabei, den
Umtrieb hinter sich und vor sich die Aussicht in trge, sorgenlose Jahre
zu haben.

Anders erging es dem Finkenbein. Das ideale Bild, das seine lebhafte
Phantasie sich einst vom Leben eines Sonnenbruders erdacht und herrlich
ausgemalt hatte, war ganz anders gewesen als was er in Wirklichkeit hier
gefunden und gesehen hatte. Zwar blieb er dem Ansehen nach ganz der alte
Leichtfu und Spamacher, geno freudig das gute Bett, den warmen Ofen
und die solide, reichliche Kost und schien keinen Mangel zu empfinden.
Er brachte auch immer wieder von geheimnisvollen Ausflgen in die Stadt
ein paar Nickel fr Schnaps und Tabak mit, an welchen Gtern er den
Seiler ohne Geiz teilhaben lie. Auch fehlte es ihm selten an einem
Zeitvertreib, da er gaauf gaab jedes Gesicht kannte und wohlgelitten
war, so da er in jedem Torgang und vor jeder Ladentre, auf Brcke und
Steg, neben Lastfuhren und Schiebkarren her, sowie im Sternen, im Leuen
und im scharfen Eck jederzeit mit jedermann sich des Plauderns erfreuen
konnte.

Trotzdem aber war ihm nicht recht wohl in seiner Haut. Denn einmal waren
Heller und Holdria als tgliche Kameraden von geringem Wert fr ihn, der
mit flotteren und ergiebigeren Leuten umgehen konnte, und dann drckte
ihn je lnger je mehr die Regelmigkeit dieses Lebens, das fr
Aufstehen, Essen, Arbeiten und Zubettgehen feste Stunden vorschrieb.
Schlielich, und das war die Hauptsache, war dies Leben zu gut und zu
bequem fr ihn. Er war gewohnt, Hungertage mit Schlemmertagen zu
wechseln, bald auf Linnen und bald auf Stroh zu schlafen, bald bewundert
und bald angeschnauzt zu werden. Er war gewohnt, nach Belieben
umherzustreifen, die Polizei zu frchten, kleine Geschfte und Streiche
an der Kunkel zu haben und von jedem lieben Tag etwas Neues zu erwarten.
Diese Freiheit, Armut, Beweglichkeit und bestndige Spannung fehlte ihm
hier vollkommen und bald sah er ein, da der mit vielen Listen und
Schikanen ermglichte Eintritt in den Spittel nicht, wie er gemeint
hatte, sein Meisterstck, sondern ein dummer Streich mit betrblichen
und lebenslangen Folgen gewesen war.

Freilich, wenn es in dieser Hinsicht dem Finkenbein wenig anders erging
als vorher dem Fabrikanten, so war er in allem brigen dessen fertiges
Gegenteil. Vor allem lie er den Kopf nicht hngen wie jener und lie
die Gedanken nicht ewig auf demselben leeren Felde der Trauer und
Ungenge grasen, sondern hielt sich munter, lie die Zukunft mglichst
auer Augen und tndelte sich leichtfig von einem Tag in den andern.
Er gewann dem Stricker, dem Simpel, dem Seiler Heller, dem fetten
Sperling und der ganzen Sachlage nach Mglichkeit die fidele Seite ab
und hatte aus seinem frheren Leben die bequeme Virtuosengewohnheit
herbergebracht, niemals ber die gegenwrtige Lage hinaus Plne zu
machen und Wnsche und Hoffnungen zu verankern. Damit gelang es ihm auch
jetzt noch, da er doch fr allezeit versorgt und versichert war, das
Leben der Vglein und Fliegen zu fhren, und das tat nicht ihm allein,
sondern dem ganzen Hause gut, dessen tgliches Leben durch ihn einen
Hauch von Freisinn und zierlicher Heiterkeit bekam. Den konnte es
freilich ntig brauchen, denn zur Erheiterung und Verschnerung der
gleichfrmigen Tage hatten Sauberle und Heller aus eigenen Mitteln
ungefhr so wenig wie der gute Wasserkopf Holdria beizusteuern.

Es liefen also die Tage und Wochen so leidlich hin, und wenn es nicht
immer frhlich herging, gab es doch auch keine Hndel und rgernisse.
Der Hausvater schaffte und sorgte sich md und mager, der Seiler geno
eiferschtig sein billiges Wohlsein, der Finkenbein drckte ein Auge zu
und hielt sich an der Oberflche, der Holdria blhte in ewigem
Seelenfrieden und nahm an Liebenswrdigkeit, gutem Appetit und
Beleibtheit tglich zu. Das Idyll wre fertig gewesen. Allein es ging
inmitten dieses nahrhaften Friedens der hagere Geist des toten
Fabrikanten um. Das Loch mute um sich fressen.

Und so geschah es an einem Mittwoch im Februar, da Lukas Heller morgens
eine Arbeit im Holzstall zu tun hatte, und da er noch immer nicht anders
als ruckweise und mit langen Pausen fleiig sein konnte, kam er in
Schwei, ruhte unter der Tre aus und bekam Husten und Kopfweh. Zu
Mittag a er kaum die Hlfte wie sonst, nachmittags blieb er beim Ofen
und zankte, hustete und fluchte gewaltig, und abends legte er sich schon
um acht ins Bett. Am andern Morgen holte man den Doktor. Diesmal a
Heller um Mittag gar nichts, etwas spter ging das Fieber los, in der
Nacht muten der Finkenbein und der Hausvater abwechselnd bei ihm
wachen. Tags darauf starb der Seiler, widerwillig, neidisch und
keineswegs geduldig und lrmlos, und die Stadt war wieder einen
Kostgnger los geworden, was niemand zu Verdru gereichte.

Sie sollte es aber bald noch besser bekommen. Es brach nmlich im Mrz
ein ungewhnlich frhes Sommerwetter und Wachstum an. Die groen Berge
und die kleinen Straengrben wurden grn und jung, die Strae war von
pltzlich aufgetauchten Hhnern, Enten und Handwerksburschen frhlich
bevlkert und durch die Lfte strzten sich mit freudigem Schwunge groe
und kleine Vgel.

Dem Finkenbein war es in der zunehmenden Vereinsamung und Stille des
Hauses immer enger und bnglicher ums Herz geworden. Die beiden
Sterbeflle schienen ihm bedenklich und er kam sich immer mehr wie einer
vor, der auf einem untersinkenden Schiffe als Letzter am Leben blieb.
Nun roch und lugte er stndlich zum Fenster hinaus in die Wrme und
milde Frhjahrsblue hinein. Es grte ihm in allen Gliedern und sein
jung gebliebenes Herz, da es den lieben Frhling witterte, gedachte
alter Zeiten und begann zu berlegen, ob nicht auch ihm bei diesem
allgemeinen Quellen, Sprossen und Wohlergehen vielleicht ein Lenz
beschieden sei.

Eines Tages brachte er aus der Stadt nicht nur ein Pcklein Tabak und
einige neueste Neuigkeiten, sondern auch in einem schbig alten
Wachstchlein zwei neue Papiere mit, welche zwar schne Schnrkel und
feierliche blaue Amtsstempel trugen, aber nicht vom Rathaus geholt
waren. Wie sollte auch ein so alter und khner Landfahrer und
Trklinkenputzer die zarte und geheimnisvolle Kunst nicht verstehen, auf
sauber geschriebene Papiere beliebige alte oder neue Stempel zu
bertragen. Nicht jeder kann und wei es, und es gehren feine Finger
und eine gute bung dazu, von einem frischen Ei die dnne innere Haut zu
lsen und makellos auszubreiten, die Stempel eines alten Heimatscheins
und Wanderpasses darauf abzudrcken und reinlich von der feuchten Haut
aufs neue Papier zu bertragen.

Und wieder eines Tages war Stefan Finkenbein ohne Sang und Klang aus
Stadt und Gegend verschwunden. Er hatte auf die Reise seinen hohen,
steifen Straubingerhut mitgenommen und seine in vlliger Auflsung
begriffene alte Wollenkappe als einziges Andenken zurckgelassen. Die
Behrde stellte eine kleine vorsichtige Untersuchung an. Da man aber
bald gerchtweise vernahm, er sei in einem benachbarten Oberamt lebendig
und vergngt in einer beliebten Kundenherberge erblickt worden, und da
man kein Interesse daran hatte, ihn ohne Not zurckzuholen, seinem
etwaigen Glcke im Weg zu stehen und ihn auf Stadtkosten weiter zu
fttern, wurde auf fernere Nachforschungen klug verzichtet und man lie
den losen Vogel mit den besten Wnschen fliegen wohin er mochte. Es kam
auch nach sechs Wochen eine Postkarte von ihm aus dem Bayrischen, worin
er dem Stricker schrieb: Geehrter Herr Sauberle, ich bin in Bayern. Es
ist hier ziemlich klter. Wissen Sie was? Nehmen Sie den Holdria und
seinen Spatz und lassen sie fr Geld sehen. Wir knnen dann mitnander
drauf reisen. Wir hngen dann dem Hrlin selig sein Schild raus. Ihr
getreuer Stefan Finkenbein, Turmspitzenvergolder.

Vielleicht htte in dem fast geleerten Neste das Verhngnis noch weiter
gewtet, aber der dermalige letzte Sonnenbruder Holdria war allzu
schuldlos und allzu sehaft. Es sind seit Hellers Tode und Finkenbeins
Auszug fnfzehn Jahre vergangen und der Blde haust noch immer feist und
rotbackig in der ehemaligen Sonne. Er ist zuerst eine Zeitlang allein
geblieben. Die zahlreichen Aspiranten hielten sich eine gute Weile
bescheiden und ngstlich zurck, denn der schauervolle Tod des
Fabrikanten, das schnelle Wegsterben des zhen Seilers und die Flucht
Finkenbeins hatten sich zur allbekannten Moritat gestaltet und umgaben
etwa ein halbes Jahr lang den Wohnsitz des Bldsinnigen mit
blutrnstigen Sagen und Schreckensgeschichten. Allein nach dieser Zeit
trieb die Not und die Trgheit wieder manche Gste in die alte Sonne
hinauf und der Holdria ist von da an nie mehr allein dort gesessen.
Kuriose und langweilige Brder hat er kommen, mitessen und sterben sehen
und ist zurzeit der Senior einer Hausgenossenschaft von sieben Kumpanen,
den Hausvater nicht mitgerechnet. An warmen, angenehmen Tagen sieht man
sie hufig vollzhlig am Rain des Bergstrleins hocken, kleine
Stummelpfeifen rauchen und mit verwitterten Gesichtern und
verschiedenartigen Gefhlen auf die inzwischen talauf und talabwrts
etwas grer gewordene Stadt hinunterblicken.

                                  Ende


           Buchdruckerei Roitzsch, Albert Schulze, Roitzsch.




                        Werke von Hermann Hesse
                      (S. Fischer, Verlag, Berlin)


   Peter Camenzind

   Roman. 50. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark.

   Es ist ein kstliches lebensstarkes Buch, eines von den Bchern,
   die, nachdem wir sie gelesen, eine stille Gewalt ber unsere
   Seele ben. Diese Schpfung von Hesse ist so reich und meist auch
   von so reifer Kunst, da sie dem Besten, was seine Landsleute
   Keller und Meyer geschaffen haben, an die Seite gestellt werden
   darf.

                                                  (Der Tag, Berlin)

   Ein Buch fr die Vertrumten im Lande. Von allerlei Liebe und
   Freundschaft, von sonderbaren Menschen, von schneeweien Wolken,
   die am kornblauen Himmel stehen, und von den Schatten der Bume
   wird erzhlt. Die Beichte einer Jugend, bser Bangigkeiten voll
   und arm an schmalen Freuden, durchaus nicht immer gewandt, aber
   immer in Worten, die von einer kstlichen Innigkeit und
   Innerlichkeit berleuchtet sind: Abendrte der Seele, duftende
   Keuschheiten.

                        (Tagesbote aus Mhren und Schlesien, Brnn)


   Unterm Rad

   Roman. 18. Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

   Hier ist etwas Freies, Unknstliches, Naturgewachsenes. Immer
   wenn ich ein Buch von Hesse lese, habe ich die Empfindung, da
   sich ber mir der blaue Himmel wlbt, da Bume ringsum grnen
   und frische Luft weht.

                                                   (Die Zeit, Wien)

   Es ist dieser Roman ein gutes, tiefes, starkes Buch, geluterter
   noch als der Camenzind, von einer tchtigen Mnnlichkeit
   durchweht, eine Wohltat fr den, der ihn liest, treuherzig,
   berzeugend, von lebhaftem, heiem Natursinn kndend, frei von
   sthetischer Krnkelei -- ein klares Schwabenbuch, ein durch und
   durch deutscher Roman.

                                    (Mnchener Neueste Nachrichten)

   Es ist die einfache Geschichte von einem Jungen, der stolz und
   mit der Anwartschaft auf Ruhm und Glck ins Leben eintritt und
   unters Rad kommt und berfahren wird; ein Buch voll Schwermut und
   heimlicher leiser Klage und auch ein Buch voll Anklage. Schwer
   und gewichtig in seiner Einfachheit, die um so tiefer wirkt, als
   sie das Resultat einer unnachahmlichen sprachlichen Meisterschaft
   und stilistischen Adels ist.

                                                (Mnchener Zeitung)


   Diesseits

   Erzhlungen. 16. Aufl. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50

   Wie man etwa Eduard Mrikes Gedichte lesen sollte, an einem
   stillen, schnen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder
   Alltglichkeit weit entrckt, ruhevoll nur sich und dem Weben der
   leise schaffenden Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung
   sollte man Hermann Hesses neuen Novellenband Diesseits lesen.

                                             (Neue Zrcher Zeitung)

   Wie lange habe ich mich darauf gefreut, dieses Buch anzuzeigen!
   Eine erlesene Schar der Novellen Hesses, die verstreut in
   Zeitschriften lagen, in einem Bande gesammelt in Hnden zu
   halten, zu eigen zu haben wie Hausschwalben, die ihr Nest an
   unserem Dache sich bauen. Es ist ein stilles, vornehmes und
   unsglich schnes Buch geworden, das man ehrfrchtig in die Hand
   nimmt, ehrfrchtig aus der Hand legt, still, ergriffen,
   nachdenklich, voll einer Liebe zu dem Menschen, der ein so
   starkes, reines Herz hat und es so lauter schenkt. Hermann Hesse
   bedeutet einen Gipfelpunkt deutscher Erzhlerkunst.

                                                (Mnchener Zeitung)




Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 25]:
   ... machte er einen der Mitsinger diese seine knftige ...
   ... machte er einem der Mitsinger diese seine knftige ...

   [S. 65]:
   ... merkwrdige erste Verliebheit. Eines Tages erzhlte ...
   ... merkwrdige erste Verliebtheit. Eines Tages erzhlte ...

   [S. 179]:
   ... fest berzeugt wur, da jener ein ganz andrer Kerl ...
   ... fest berzeugt war, da jener ein ganz andrer Kerl ...

   [S. 194]:
   ... Gefhl ihm bei Rechnungsbuch uud Ladenkasse ...
   ... Gefhl ihm bei Rechnungsbuch und Ladenkasse ...

   [S. 210]:
   ... zuweilen melancholiche Gnge durch die ...
   ... zuweilen melancholische Gnge durch die ...

   [S. 224]:
   ... und htte auch nur so viel Herz uud Gerechtigkeit ...
   ... und htte auch nur so viel Herz und Gerechtigkeit ...

   [S. 239]:
   ... Versicherungen eben keine Genie war und nur das ...
   ... Versicherungen eben kein Genie war und nur das ...

   [S. 240]:
   ... auf Grund deren er aber doch noch immer ...
   ... auf Grund derer er aber doch noch immer ...

   [S. 244]:
   ... und rasselnd aufs Plaster. ...
   ... und rasselnd aufs Pflaster. ...

   [S. 251]:
   ... knnte. Die schrille Blechgehmmer einer Spenglerwerkstatt, ...
   ... knnte. Das schrille Blechgehmmer einer Spenglerwerkstatt, ...

   [S. 252]:
   ... wrde. Wtend seuzte er auf, so oft er aus ...
   ... wrde. Wtend seufzte er auf, so oft er aus ...

   [S. 255]:
   ... dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gegekleidete ...
   ... dem ersten Blatte war irgend eine phantastisch gekleidete ...

   [S. 272]:
   ... Psychologie der Weiber, bei Hrlein hingegen ...
   ... Psychologie der Weiber, bei Hrlin hingegen ...






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