The Project Gutenberg EBook of Freiland, by Theodor Hertzka

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Title: Freiland
       Ein sociales Zukunftsbild

Author: Theodor Hertzka

Release Date: August 8, 2017 [EBook #55301]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FREILAND ***




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                               Freiland.




                               Freiland.


                       Ein sociales Zukunftsbild
                                  von
                            Theodor Hertzka.


                     Vierte durchgesehene Auflage.


                          Dresden und Leipzig.
                          E. Pierson's Verlag.

                        Alle Rechte vorbehalten.




                      Vorrede zur vierten Auflage.


Auch die dritte Auflage ist vergriffen, kaum da sie die Presse zu
verlassen vermochte, und so bergebe ich denn meinen Lesern diese
vierte. Mge sie vereint mit ihren Vorgngerinnen dahin wirken, da der
Gedanke, dem ich in den nachfolgenden Blttern Worte leihe, mglichst
rasch zur That werde.

_Wien_ im August 1890.

                                                      Theodor Hertzka.




                                Inhalt.


        Erstes Buch.
    1.  Kapitel          3
    2.  Kapitel          9
    3.  Kapitel         21
    4.  Kapitel         34
    5.  Kapitel         47
    6.  Kapitel         58
    7.  Kapitel         69
        Zweites Buch.
    8.  Kapitel         79
    9.  Kapitel         94
   10.  Kapitel        105
   11.  Kapitel        110
   12.  Kapitel        127
        Drittes Buch.
   13.  Kapitel        143
   14.  Kapitel        155
   15.  Kapitel        169
   16.  Kapitel        181
   17.  Kapitel        192
   18.  Kapitel        200
   19.  Kapitel        209
   20.  Kapitel        222
   21.  Kapitel        240
   22.  Kapitel        251
        Viertes Buch.
   23.  Kapitel        267
   24.  Kapitel        283
   25.  Kapitel        295
   26.  Kapitel        307
   27.  Kapitel        321
        Schluwort     334




                              Erstes Buch.




                              1. Kapitel.


Um die Mitte des Monats Juli des Jahres 18.. war in den angesehensten
Zeitungen Europas und Amerikas folgende Ankndigung zu lesen:

                  Internationale freie Gesellschaft.

Eine Anzahl von Mnnern aus allen Teilen der civilisierten Welt hat sich
zu dem Zwecke vereinigt, einen praktischen Versuch zur Lsung des
socialen Problems ins Werk zu setzen.

Diese Lsung suchen und finden dieselben in der Schaffung eines
Gemeinwesens auf Grundlage vollkommenster Freiheit und wirtschaftlicher
Gerechtigkeit zugleich, d. i. eines solchen, welches, bei unbedingter
Wahrung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes, jedem Arbeitenden
den ganzen und ungeschmlerten Genu der Frchte seiner eigenen Arbeit
gewhrleistet.

Zum Zwecke der Grndung eines solchen Gemeinwesens soll auf bisher
herrenlosem aber fruchtbarem und zur Besiedelung wohlgeeignetem Gebiete
ein grerer Landstrich besetzt werden.

Auf diesem ihrem Gebiete wird die freie Gesellschaft keinerlei Eigentum
an Grund und Boden anerkennen, ebensowenig dasjenige eines Einzelnen,
als ein solches der Gesamtheit.

Behufs Bearbeitung des Bodens, wie berhaupt zum Zwecke jeglicher
Produktion, werden sich Associationen bilden, deren jede sich nach
eigenem Gutdnken selber verwalten und den Ertrag ihrer Produktion unter
ihre eigenen Mitglieder je nach deren Leistung verteilen wird. Jedermann
hat das Recht, sich einer beliebigen Association anzuschlieen und
dieselbe nach freier Willkr zu verlassen.

Die Arbeitskapitalien werden den Produzenten zinslos von
Gesellschaftswegen zur Verfgung gestellt, mssen jedoch von denselben
zurckerstattet werden.

Arbeitsunfhige und Frauen haben das Recht auf auskmmlichen Unterhalt
von Gesellschaftswegen.

Die zu obigen Zwecken, sowie zu sonstigen gemeinntzigen Ausgaben
erforderlichen Geldmittel werden durch eine auf das Reineinkommen
jeglicher Produktion gelegte Abgabe beschafft.

Die Internationale freie Gesellschaft verfgt derzeit schon ber eine
Mitgliederzahl und ber Kapitalien, die zur Durchfhrung ihres Planes --
wenn auch nur in bescheidenem Mastabe -- ausreichen. Da sie jedoch
einerseits der Ansicht ist, da der Erfolg ihres Versuches desto
sicherer und durchgreifender ausfallen mu, mit je greren Mitteln
derselbe ins Werk gesetzt wird, andererseits etwaigen Gesinnungsgenossen
Gelegenheit geboten werden soll, sich an dem Unternehmen zu beteiligen,
so tritt sie hiermit vor die ffentlichkeit und giebt bekannt, da
Anfragen oder Mitteilungen, welcher Art immer, an das Bureau der
Gesellschaft: Haag, Boschstrae 57 zu richten sind. Auch wird die
Internationale freie Gesellschaft am 20. Oktober l. J. im Haag eine
ffentliche Versammlung abhalten, in welcher die letzten Beschlsse vor
praktischer Inangriffnahme des Werkes gefat werden sollen.

                               Fr den geschftsfhrenden Ausschu der
                                  Internationalen freien Gesellschaft.
                                                        _Karl Strahl._

Haag, im Juli 18..

                   *       *       *       *       *

Diese Ankndigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe
Aufregung hervor. Der Name des fr den geschftsfhrenden Ausschu
Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden
Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl
Strahl war nicht blo als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern
auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller
Deutschlands rhmlichst bekannt. Man mute also das seltsame Projekt
ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung
bemchtigten sich alsbald desselben mit grtem Eifer. Lange vor dem 20.
Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein
Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen htte, ob die
Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekndigten Plne in
den Bereich des Mglichen oder des Utopischen gehre; diese Gesellschaft
selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war
offenbar zunchst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische
Beweise zu gewinnen; sie wollte allfllige Gesinnungsgenossen an sich
ziehen und dann handeln.

Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, da selbst der grte im
Haag vorhandene ffentliche Saal nicht gengen wrde, die Menge der
erschienenen Mitglieder, Gste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich
daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des
Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschrnken, welches Mittel denn
auch darin gefunden wurde, da die von fernher zugereisten Gste zwar
unentgeltlich, die Ortsansssigen dagegen blo gegen Erlegung von 20
hollndischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erls dieser Karten
wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der
2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in
den letzten Winkel gefllt.

Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende -- Dr.
Strahl -- das Wort, um die Versammlung zu erffnen und zu begren. Die
alle Erwartungen der Einberufer berflgelnde Zahl der neuen Mitglieder
und die Hhe der gezeichneten Beitrge zeuge dafr, da die Bedeutung
des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten
Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf
erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde
ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. Die
berzeugung, da das Gemeinwesen, an dessen Grndung wir nunmehr
schreiten, so fuhr Redner fort -- bestimmt ist, Armut und Elend an der
Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die
Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgebel des Elends anzusehen
sind, sie drckt sich nicht blo in den Worten, sondern auch in der
Handlungsweise des grten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen,
opferfrohen Begeisterung, mit der sie -- ein Jedes nach seinen Krften
-- zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir
unseren Aufruf erlieen, waren wir unser 84, das Vermgen, ber welches
wir verfgten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die
Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermgen betrgt 205620 Pfd.
Sterling. (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus
unterbrochen.) Es ist selbstverstndlich, da eine solche Summe nicht
von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die
man gemeinhin als bei der Lsung des socialen Problems ausschlielich
interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man
die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich
drngt sich dabei die Erkenntnis auf, da Ekel und Grauen vor den
socialen Zustnden der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen
hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten
Mitmenschen. Denn -- und darauf mchte ich besonderen Nachdruck legen --
diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von
Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen
nicht blo als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten,
sie wollen das neue Gemeinwesen nicht blo fr ihre darbenden Mitbrder,
sondern zugleich fr sich selber grnden. Und daraus mehr als aus allem
Anderen schpfen wir die felsenfeste berzeugung vom Gelingen unseres
Werkes.

Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den
Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schlo dieser
folgendermaen seinen kurzen Vortrag:

In Ausfhrung unseres Programms soll ein annoch herrenloser grerer
Landstrich zum Zwecke der Grndung eines unabhngigen Gemeinwesens
erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu
solchem Vorhaben whlen wollen. Europisches Gebiet kann aus
naheliegenden Grnden nicht in Frage kommen; auch in Asien wrden wir
berall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen
knnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen
geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, da die
dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung
einrumen wrden, aber auch dort knnte unser junges Gemeinwesen nur
schwer jene ungestrte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen
gewhrleistet erhalten, die insbesondere fr den Anfang eine der
Voraussetzungen raschen und ungetrbten Erfolges ist. Bleibt also nur
Afrika, der lteste und doch der jngstentdeckte Weltteil. Dessen
centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir
nicht blo schrankenlosen Raum und ungestrte Ruhe zur Entfaltung,
sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar gnstigsten Verhltnisse des
Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochlnder, welche die
Vorzge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort
noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des
dunklen Weltteiles gelegenen Berglndern ist allerdings schwierig, aber
gerade das ist's, was uns fr den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen
daher vor, die neue Heimat im quatorialen Innerafrika zu suchen. Und
zwar denken wir zunchst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das
Land stlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade sdlicher bis zum 1.
Grade nrdlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade stlicher
Lnge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete fr unsere Zwecke
finden zu knnen. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden?

Allgemeine Zustimmung folgte und strmische Rufe: Vorwrts, lieber
heute als morgen! wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, da die
Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der
Vorsitzende das Wort:

So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat mu
erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und
gefahrvolles Unternehmen. Durch Wsteneien und unwirtliche Wlder fhrt
der Weg, Kmpfe mit feindseligen wilden Stmmen werden vielleicht nicht
zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur krftige Mnner, nicht
Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende
umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete mu erst noch organisirt
werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, da der Masse der Unseren
eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe
gelst haben, knnen die Anderen nachfolgen.

Damit nun alles Erforderliche mit mglichster Kraft, Umsicht und
Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewute Leitung
vonnten. Bisher lagen die Geschfte der Gesellschaft in den Hnden
eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark
gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wre eine Erneuerung
oder zum Mindesten eine Ergnzung der Geschftsleitung durch die
neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl hchst wnschenswert;
trotzdem knnen wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar
aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so
rasch auch nicht gengend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als
etwas anders, denn als ein bloes Spiel des Zufalls erscheinen zu
lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Besttigung unserer
Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer
Mitte nach unserem Ermessen verstrken zu drfen. Und zwar bitten wir um
diese Vollmachten, die brigens durch Beschlu Ihrer Vollversammlung
jederzeit widerrufbar sein sollen, fr die Dauer von zwei Jahren. Nach
Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die
neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch gengend lange
miteinander gelebt haben, um uns einigermaen kennen zu lernen.

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.

Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, da alle Kundmachungen des
geschftsfhrenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen
als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben wrden und schlo die
Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging.

Die erste That des von der Generalversammlung besttigten Ausschusses
der Internationalen freien Gesellschaft war, da er fr die Leitung des
nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei
Persnlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete.
Diese zwei Fhrer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart
teilen, da der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu
erwhlende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen
Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der
Heerfhrer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu
ersterem Amte whlte der Ausschu den bekannten Afrikareisenden Thomas
Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und
Kenia, das sogenannte Massa-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston
war ein jngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst
aus Anla seiner Ernennung zum Fhrer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur
Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der
Ausschu einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster
Freund des Grnders und geistigen Fhrers der Gesellschaft -- Dr. Strahl
-- der Geeignetste war, diesen whrend der ersten Epoche der Grndung zu
vertreten.

Dr. Strahl hatte allerdings ursprnglich die Absicht, sich
den Pfadfindern selber anzuschlieen und gleich die ersten
Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persnlich zu leiten; die
anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache.
Sie konnten nicht zugeben, da der Mann, von dessen fernerem Wirken das
Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Mae abhing, sich Gefahren
aussetze, die fr ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit
nicht eben die festeste schien. Auch mute er bei reiflichem Erwgen
selber zugeben, da fr die nchsten Monate seine Anwesenheit in Europa
weit ntzlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr.
Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem groen
Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle.




                              2. Kapitel.


Wir berlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien
Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition
erwhlten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die
Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glckliche Durchfhrung und
die ersten Kulturarbeiten in den Hochlndern des Kenia nach Auszgen aus
dessen Tagebuch mitteilen.

                   *       *       *       *       *

Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten
Fhrers hatte mich anfangs mit Schrecken erfllt. Der Gedanke, da von
meinen Fhigkeiten zu nicht geringem Teile die glckliche Einleitung
eines Werkes abhngen solle, welches wir alle als das bedeutsamste
und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen
Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewhnt hatten, erfllte mich
mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit whrte
nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu
entziehen, zu deren bernahme die Genossen mich als den Passendsten
erachteten, und als vollends mein vterlicher Freund Strahl mich fragte,
ob ich ein Milingen fr mglich hielte, wenn die meiner Leitung
Unterstellten von gleicher Begeisterung erfllt wren wie ich, und ob
ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, da diese Voraussetzung
zutreffen wrde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das
Gelingen des Werkes an die Stelle der anfnglichen Verzagtheit, eine
Stimmung, die mich frderhin keinen Augenblick verlassen hat.

Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder
wurden brigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der
Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunchst
galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen
solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener
Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten -- die
zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai --, der
kriegerischeste von allen des quatorialen Afrika ist und ihm nur durch
krftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu
zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der
Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung
aufgehalten zu werden. Schlielich einigte man sich darber, da
zweihundert Pfadfinder mitgenommen werden sollten. Natrlich muten
diese aus den krftigsten, zur berwindung von Anstrengungen,
Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der
Gesellschaft erwhlt werden. Auch jenes Ausma von Intelligenz wurde bei
jedem Teilnehmer der Expedition fr notwendig erachtet, welches dazu
gehrt, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der
bernommenen Mission zu erfassen.

In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschu an die
Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder
der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur
Expedition Meldenden einzusenden, fr deren Gesundheit, krftige
Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube
einstehen zu knnen. Zugleich sollte angegeben werden, welche
Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besen.
Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870
wrmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunchst
hundert ausgewhlt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen
Umstnden in erster Linie bercksichtigenswert erschien. Dieses erlesene
Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 rzte, 8
Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6
theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche
Gewerbsleute, die man der Expedition fr alle Flle sichern wollte und
schlielich 45 als besonders treffliche Schtzen oder als ausnehmend
krftig gerhmte Mnner. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren
Auslese den Zweigvereinen in der Weise berlassen wurde, da jedem
derselben fr angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen
zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst
rasch in Alexandrien, dem vorlufigen Versammlungsorte der Expedition,
einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen
(im brigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefhr der Hlfte,
welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt).

Darber verging der Monat November. Der Ausschu aber hatte inzwischen
nicht gefeiert. Die Ausrstung der Expedition wurde nach allen Seiten
grndlich errtert, festgestellt und fr die Beschaffung aller
Erfordernisse vorgesorgt. Fr jedes der 200 Mitglieder wurden sechs
komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte
Jgerwsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar
wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je
ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied
ein Repetiergewehr bester Konstruktion fr zwlf Schsse, einen
Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Auerdem wurden 100
Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierltige Sprengkugeln
schieenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbchse
angeschafft, selbstverstndlich ausreichende Munition nicht vergessen.

Die hierauf zu errternde wichtigste Frage war, ob die Expedition
beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Befrderung der
mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarkste ab durch Trger, sogenannte
Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs
die Absicht gehabt, blo 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der
schwereren Laststcke, teils zur Befrderung etwaiger Kranker oder
Maroder anzukaufen und als Trger des von ihm auf 400 Zentner
veranschlagten Gesamtgepcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas
anzuwerben. Diesen Plan lie er jedoch sofort fallen, als ich seiner
Gepckliste, die der Hauptsache nach blo die zum Unterhalte der
Expedition fr sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel
umfate, meine Anforderungen hinzufgte. Ich verlangte vor allem die
Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen
Gegenstnden, die uns -- am Ziele angelangt -- in den Stand setzen
sollten, mglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der
notwendigsten Bedarfsartikel fr viele Tausend uns nachfolgender
Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine
Reihe landwirtschaftlicher Gerte oder doch jene Bestandteile derselben,
die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen
lassen, hnliche Bestandteile fr eine Feldschmiede und Schlosserei,
sowie fr eine Mahl- und Sgemhle; ferner Smereien und Setzlinge in
nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche
Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wre. Schlielich machte
ich darauf aufmerksam, da zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des
Weges fr die uns nachfolgenden Karawanen die Abschlieung fester
Freundschaftsbndnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich
empfehlen wrde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke
erforderlich seien, als er sie prliminiert habe.

Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, da damit
die zu befrdernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich
verdreifachen wrde und da die sohin erforderlichen 1600 bis 2400
Pagazis den Zug allzu schwerfllig gestalten wrden. Da schlug Dr.
Strahl vor, von der Befrderung durch Pagazis gnzlich abzugehen und
ausschlielich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, da in den
Niederungen des quatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte
Wasser insbesondere den Pferden ttlich werde; auf unserer Route sei
aber solches nicht zu befrchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren
ganz zutrgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der
Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl
berwinden. Dieselben besitzen -- wie er unter anderem auch aus
Johnstons Reiseberichten wisse -- berall, wo sie Dickicht oder Gestrpp
durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fu, zu wenig fr Packtiere, die
deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden mten, wobei
menschliche Trger zeitweilig die Lastenbefrderung zu bernehmen haben.
Letzteres wre nun allerdings bei einer ausschlielich aus Tragtieren
bestehenden Karawane mit verhltnismig nur wenigen Treibern und
Begleitern entweder ganz unmglich oder doch mit unberechenbarem
Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, da es gelingen msse, mittels
einer entsprechenden Anzahl gut ausgersteter Eclaireure den Weg berall
auch fr Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm
etwa 100 mit xten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er
sich unter der Kstenbevlkerung aussuchen wrde, zur Disposition
stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren
ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu fhren.

Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee
an, auch die smtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu
machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich -- und das
habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Ansto gegeben,
msse fr die Einfhrung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und
Zugtieren in der knftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit
Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und
zwar sei es am besten, diese ntzlichen Tiere in thunlichst groer Zahl
schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, da wir beritten uns
viel rascher bewegen knnten. Er fgte hinzu, da er sowohl bei den
Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur
Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen wrde, insbesondere bei den
Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die
der spterhin zu erzielenden Nachzucht abhnge. Auch dem wurde
zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, da sich durch all dies die
Kosten der Expedition ganz auerordentlich verteuern wrden. So wie er
sie ursprnglich geplant habe, wren mit hchstens 12000 Pfd. Sterl. die
Kosten zu decken gewesen, jetzt msse mit ungefhr der vierfachen Summe
gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die
Rechnung erwies sich auch nachtrglich insofern richtig, als die
Expedition in Wahrheit 52500  verschlang; aber bereinstimmend wurde
hervorgehoben, da es eine ntzlichere Verwendung der doch so reichlich
zu Gebote stehenden und fortwhrend in raschem Wachsen begriffenen
Geldmittel gar nicht geben knne, als den Aufwand fr alles, was
geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu
grndende Gemeinwesen auf mglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten.

Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des
gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet
und seinem Gewichte nach abgeschtzt war, zeigte sich, da wir ungefhr
1200 Zentner wrden zu befrdern haben und zwar:

   150  Ztr.  verschiedene Lebensmittel und Getrnke;
   120   "    Reisegerte (darunter 50 wasserdichte Zelte fr je 4
                 Mann);
   160   "    verschiedene Smereien und Materialien;
   220   "    Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente;
   400   "    Tauschwaren und Geschenke;
   120   "    Munition und Sprengstoffe.

Auerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4
leichte sthlerne Gebirgskanonen fr Sprenggeschosse bestellt. Seine
Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen
ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf,
durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen muten,
den Frieden desto sicherer erhalten zu knnen. Dazu kamen im letzten
Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute
Hinterlader, die wir billig von der sterreichischen Regierung erstanden
und teils als Reserve, teils zur Ausrstung eines Teiles der in Zanzibar
anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten.

Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere
und 80 Kamele verladen werden. Da wir auerdem 200 Pferde brauchten, um
uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze
unterwegs eingehender Tiere wnschenswert war, so wurde beschlossen, in
allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in
gypten, teils in Arabien, die Kamele in gypten, die Esel in Zanzibar.

Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere
Bevollmchtigten whlten und bestellten alles an erster Quelle; nach
Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkufer fr Pferde und
Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten
Johnston und ich -- die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen
hatten -- uns auf den Weg nach Alexandrien.

Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thtigkeit bergehe,
mu ich einen Zwischenfall erwhnen, den wir im Ausschusse mit einer
jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen
werden wollte. Die Dame war reich, schn und exzentrisch, eine
schwrmerische Anhngerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewhnt, an
die Mglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wnschen
gegenber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende
Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten
zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten wrden. Ich mu
gestehen, da mich das herrliche Mdchen dauerte, das sichtlich von
verzehrendem Thatendrange erfllt war und die seinem Geschlechte
gegenber an den Tag gelegte ngstliche Schonung als beschmende
Zurcksetzung empfand. Allein es lie sich nichts thun; wir hatten
mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten
Ehemnner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und
konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Mi wandte sich hierauf,
da ihr Drngen bei uns Mnnern vom Ausschusse nichts half, an unsere
weiblichen Angehrigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein
auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen
herzlich und liebenswrdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend
in ihrer Schwrmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund
mehr, den Mnnern darin Recht zu geben, da so zarte Geschpfe nicht in
die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehren. Man
htschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches
Unmgliches fordere, und das brachte Frulein Ellen Fox -- so hie die
Amerikanerin -- vollends auer sich.

Pltzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit
nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die
gleichfalls, wenn auch aus anderen Grnden, unsere Expedition mitmachen
wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus
Begeisterung fr unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu
und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt.
Meine Schwester -- um zwlf Jahre lter als ich und ledig geblieben,
weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von
Distinktion und vornehmem Wesen gengend entsprochen htte -- war eine
der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten
Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich whrend der 26 Jahre
meines bisherigen Lebens gestoen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand
jedem Hilfsbedrftigen gegenber stets offen, aber vor allem, was nicht
den sogenannten hheren, gebildeten Stnden angehrte, hatte sie eine
unberwindliche Miachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der
socialen Frage Nheres erfuhr, flte es ihr Grauen ein, da vernnftige
Menschen ernstlich glauben knnten, sie und ihre Kchenmagd seien von
Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wute, da hier
alle Bekehrungsversuche eitel wren, teilte ich der Guten Jahre hindurch
nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der
Grndung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser
spielte. Ich wollte ihr den Kummer ber meine Verirrung mglichst
lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zrtlich, deren Abgott
hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die
ngstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr
und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre
Sache sei. Da ich ihrer Hut entrckt lnger als hchstens zwei bis drei
Tage existieren knne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit
und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als
ein Ding der baren Unmglichkeit. Nun denke man sich das namenlose
Entsetzen dieser meiner Vormnderin, als ich ihr endlich doch die
Erffnung machen mute, da ich nicht nur einer socialistischen
Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermgen
deren Zwecken geweiht, sondern berdies dazu ausersehen sei, 200
Socialisten in das Innere von Afrika zu fhren. Es dauerte mehrere Tage,
bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten,
Thrnen, verzweifelte Vorwrfe und Vorstellungen. Ich mge den
Strolchen mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen htten,
ruhig berlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben;
sie konsultierte unseren Hausarzt ber meine Zurechnungsfhigkeit, kam
aber dabei bel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar
Mitglied der Expedition. Schlielich, da alles nichts fruchtete,
erffnete sie mir, da sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen
wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklrte, dies gehe nicht an,
da Frauen nicht mitgenommen wrden, fhrte sie ihr schwerstes Geschtz
ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr
noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine
letztwillige Anordnung, der ich mich fgen msse; und als ich auch dem
gegenber hartnckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung
wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar blo whrend der Zeit
meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in
hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureien vermochte.
Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mtterchen, vergebens
versicherte ich ihr, da unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige
ganz ertrgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rhren mit mir
haben wrden, vergebens versprach ich ihr, da sie in Halbjahrsfrist
etwa mir nachfolgen knne -- es half alles nichts, sie gab mich
verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise
herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rhrenden
als nrrischen Schmerze gegenber wohl zu beginnen sei.

Da besuchte Mi Ellen meine Schwester; ich mute, von Geschften
gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurckkam, fand ich Klara
wunderbar getrstet. Sie jammerte und sthnte nicht mehr, ja sie konnte
sogar, ohne in Thrnen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen.
Offenbar hatte Mi Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst
gewirkt und ich segnete um deswillen die schne Amerikanerin, umsomehr,
da auch sie uns von da ab durch ihr Drngen nicht mehr qulte. Sie war
pltzlich abgereist und ich beglckwnschte mich hchlichst, einer
doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein.

Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl
unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23,
die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon
eingetroffen sein zu knnen, teils durch irgendwelche unvorhergesehene
Zwischenflle noch zurckgehalten waren. Johnston schritt ohne Zgern an
die Equipierung, Einbung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe
wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde
derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die
Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern
gebildeter Wirtschaftsausschu; jeder Mann erhielt vollstndige
Bekstigung und auerdem -- sofern er nicht ausdrcklich darauf
verzichtete -- 2  in Bargeld monatlichen Zuschu. Dieselbe Summe wurde
auch spter whrend der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur
selbstverstndlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermnze, die im
quatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen
Bedarfsgegenstnden oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die
Ausrstungsgegenstnde -- Kleider und Waffen -- ausgepackt waren,
begannen die bungen. Tglich wurde acht Stunden lang manvriert,
marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe
geschossen. Spter veranstaltete Johnston grere auf mehrere Tage
ausgedehnte Mrsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach
Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte
seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militrischer Gehorsam
geleistet werden mute, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme
freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen
angesichts der Thatsache, da wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu
grnden, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses
individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir
begriffen eben alle, da dieser Endzweck unseres Unternehmens und die
Expedition, die uns dahin fhren sollte, zwei verschiedene Dinge seien;
es kam whrend des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von
Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere
kein Fall berflssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte.

Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren
wir eine vollkommen eingebte Elitetruppe. Im Manvrieren konnten wir es
mit jedem Gardekorps aufnehmen -- natrlich nur hinsichtlich jener
bungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde
gegenber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militrischen
Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben
wir so unwissend wie die Hottentotten; dafr konnten wir ohne Beschwer
24 Stunden lang mit blo sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im
Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine
ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wre im
Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wuten wir
mit einer kleinen Batterie Congrve'scher Raketen umzugehen, die
Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen gyptischen
Offiziers, eines geborenen sterreichers, der sich in Alexandrien hufig
als Zuschauer bei unseren bungen eingefunden, aus Triest hatte
nachsenden lassen.

Am 30. Mrz schifften wir uns auf der Aurora, einem prchtigen
Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschu von der
englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in
Liverpool, Marseille und Genua die fr uns bestimmten Waren an Bord
genommen, am 22. Mrz in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung
und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in gypten
gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir
keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der
Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden
sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir -- den
Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und
Kamele eingerechnet -- hchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer
reichlich zwei Wochen fr Zanzibar und fr die berfahrt nach Mombas,
von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten
und wo wir uns, der an der Kste angeblich herrschenden Fiebergefahr
wegen, keinen Tag lnger als notwendig aufzuhalten gedachten.

Es ging auch alles ganz programmgem von statten. In Aden trafen wir
unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und
mit 25 Kamelen, nicht minder vorzglicher Rasse; ebenso wurden hier 115
Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge genderter
Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. gypten angeschafft
worden waren. Am 16. April warf die Aurora im Hafen von Zanzibar
Anker.

Die halbe Bevlkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begren.
Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf,
denn nicht blo die hier lebende, whrend der letzten Jahre auf nahezu
200 Kpfe angewachsene europische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu
und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste
Persnlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natrlich unser Zanzibarer
Bevollmchtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab,
da er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und da angesichts der uns
gegenber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen
eingeborenen Mannschaften mit grter Leichtigkeit von statten gehen
werde.

Am 26. April verlieen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen
des nchsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere smtlichen Tiere
und den grten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in
Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wrter und unter
Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen -- gleichfalls mit der Aurora -- dahin
gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch
schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die
aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten
zuzuteilen, bezogen wir auerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen
Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Fr je 2
Handpferde oder Kamele und fr je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wrter
bestellt, so da zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145
beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder
solcher Gegenstnde ausersehen, die jederzeit zur Hand sein muten; 100
-- unter diesen selbstverstndlich die Wegfhrer und zwei Dolmetscher --
dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und
durchgefhrt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen;
der Zug ins Innere konnte angetreten werden.

Da wir aber programmgem nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um
zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europische
Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren
Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses berbringen
sollte, so hatten wir einige Tage der Mue vor uns, die wir dazu
benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen.

Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich
ins Meer ergieenden und zu einer mchtigen Bucht sich ausweitenden
Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesmpfe umgeben.
Der Aufenthalt unmittelbar an der Kste und auf Mombas selber ist daher
nicht ganz gesund und keineswegs fr lngere Zeit rtlich. Aber schon
wenige Kilometer landeinwrts finden sich sanftgeschwungene Hgel,
bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten
smaragdgrner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemsebeeten
umgebenen Htten der Wanjika, der hiesigen Kstenbewohner,
hervorlauschen, welche Hgel selbst whrend der Regenzeit einen ganz
gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wre es fr einen Europer
gefhrlich, hier jahrelang zu wohnen, da die whrend der Hitzemonate --
Oktober bis Januar -- herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schdlich
wird. Im Mai jedoch, wo die groen Regen, die in den Monaten Februar bis
April niedergehen, den Boden und die Atmosphre tchtig erfrischt haben,
ist die Hitze nicht eben lstig.

Das Eilschiff der franzsischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag
versptet, so da es in Zanzibar erst am 4. spt Nachts eintraf; wir
aber erhielten, Dank der Liebenswrdigkeit des Kapitns die fr uns
bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag frher als wir erwartet hatten.
Dieser nmlich, der in Aden erfahren hatte, da und wo wir auf die von
ihm befrderte Post warteten, hielt auf der Hhe von Mombas, das er
zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde
arabische Dhau an und bergab ihr die fr uns bestimmten Pakete, die wir
demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, whrend wir andernfalls
bis zum Abend des nchsten Tages htten auf sie warten mssen. Von den
uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden
Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, da der
Ausschu unseren Bevollmchtigten in Zanzibar beauftragt habe, whrend
der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fhlung mit Mombas zu unterhalten
und dort fr alle Flle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden
Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, da bis zum 18.
April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen
Mitglieder auf 8460, das Vermgen auf nahezu 400000  gestiegen sei.

Und noch eine kleine berraschung kam in Begleitung dieser letzten
Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das
Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden
bergeben, gefhrt von 2 Wrtern, welch letztere uns Gre von ihrem
Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer
Ideen und groer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York bersende,
berzeugt, da uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben
vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12
Doggen und 20 Schferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen
Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein
scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter
hoch, die Schferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies,
alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit
grter Freude begrt wurden. Die beiden Wrter erklrten, da ihnen
zwar unsere Plne und Ideen hchst gleichgltig seien, da sie von all
dem Zeug nichts verstnden, da sie aber, wenn wir es gestatteten, in
Begleitung ihrer lieben vierfigen Freunde sehr gerne mit uns zgen. Da
sie sich als krftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige
Kerle zeigten, berdies versicherten, im Reiten und Schieen leidlich
bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen
zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein
herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und
den anderen fr Europa bestimmten Nachrichten ber Zanzibar expediert
und die Anordnungen fr morgen getroffen waren, umfing uns die letzte
Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt.




                              3. Kapitel.


Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der
Kirangozis (Karawanenfhrer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem
Schlafe. Groe, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden
angezndet, an denen das Frhstck -- Thee oder Kaffee mit Eiern und
kaltem Fleisch fr uns Weie, eine Fleisch- und Gemsesuppe fr die
Suahelis -- gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen fr den
Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100
Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30
Berittenen, schon eine Stunde spter auf. Ihm war die Aufgabe
zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehlz fhrte,
mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, da unsere
umfangreichsten Gepckstcke ungefhrdet auf dem Rcken der Tragtiere
passieren knnten, Gewsser nach Thunlichkeit zu berbrcken und die
Lagerpltze fr das nachrckende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem
Behufe mute diese Truppe -- je nach der Beschaffenheit der vor uns
liegenden Wegstrecke -- einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung
nehmen. Fr den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Fhrer
sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, gengte ein Vorsprung
von wenigen Stunden.

Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tte nahmen hier 150 von
uns Weien, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst
die Handpferde, dann die Esel, zum Schlu die Kamele; der Nachtrab war
durch 20 Weie gebildet. So verlieen wir endlich, als die Sonne schon
hei herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick
nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurck, sandten unsere
Scheidegre dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen
trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie
deutlich zu hren war -- und vorwrts ging es unter Hrnerklang und
Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Hhen
hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten
Wste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns
erreichte Landstrich offenbar nur in der heien Jahreszeit; jetzt, wo
die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir
die Landschaft eher parkhnlich. Schnes, wenn auch nicht eben hohes
Gras wechselte ab mit Gebschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit
kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Auslufer
des Kstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch ppiger, die
Bume hufiger und hher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der
Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen
das nutzlose Jagen noch nicht abgewhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr
wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem
frmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und
abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des blo
dreistndigen Marsches sehr erschpft; das vorangegangene vierstndige
Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen
und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen hchst unangenehm zu
werden.

Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette,
unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten
des dichten Lianen-Baldachins gestrkt, brachen wir schon um 4 Uhr
nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu
fnfstndigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz,
in der Nhe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die
Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast
gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert,
um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafr hinterlie sie uns unter
der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jger
unterwegs geschossen, zum Abendimbi.

Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns -- eingedenk der
Qualen des gestrigen Vormittags -- schon um 4 Uhr unterwegs. Das Land
war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das
Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heie Arbeit gefunden
hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrppe
abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren
Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen
wre. Da jene jedoch tchtig aufgerumt hatten, so kamen wir berall
rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder
besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages
Durumaland hinter uns hatten und die groe Wste betraten, die sich von
da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt.

Sonst ist ber diese Marschtage nichts zu berichten, als da wir stets
ziemlich pnktlich um 4 Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste
Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und
zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die
Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang
uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern gengende
Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen
ausreichenden Vorrat fr den Durchzug durch die Duruma-Wste
einzuhandeln. Das Land scheint von groer natrlicher Fruchtbarkeit zu
sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen,
da die Bewohner der unablssigen Einflle der Massai halber sich aus
ihren unzugnglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben
hrten wir Klagen ber die Missethaten jener ritterlichen Ruber, die
erst vor einigen Wochen einen Stamm berfallen, die Mnner
niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt
schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszusphen.
Unsere Versicherung, da wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller
Stmme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schlieen
gedchten, von dieser Plage demnchst befreien wrden, nahmen die
Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von
Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani
streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen
verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch berall in der
Umgegend.

Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in
die Wste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen
des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt,
da ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche
Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns
befinde. Wir nderten darauf unsere Dispositionen, lieen das Gepck und
die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain gnstig war,
sofort zum Gefecht. Die Geschtze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und
bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum,
letztere in die beiden Flgel unserer in einer langen Linie sich
ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es
verstrich auch keine fernere Viertelstunde, da wir die Massais, die
ungefhr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir
lieen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann
schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den
Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der
ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf
auch wir unser Tempo migten und langsam bis auf hundert Meter
heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt
leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme
fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze
Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte,
ob wir Tribut zahlen oder kmpfen wollten? Ist das _Euer_ Land, war
die Gegenfrage, da Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir
haben Geschenke fr unsere Freunde, schreckliche Waffen fr unsere
Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen,
wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir
schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu
berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret
zurck in Eure Krals, damit wir nicht gentigt seien, unsere Waffen und
Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid
thte, denn wir wnschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten.

Letztere Versicherung wurde offenbar fr ein Zeichen der Schwche
angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschchtert schienen,
schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten
sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere
Trompeten, und whrend wir Reiter vorsprengten, erffneten die Kanonen
und Raketen ihr Feuer -- nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrngten
Massen sie eben so schreckliche als berflssige Verheerungen
angerichtet htten, sondern ber deren Kpfe hinweg. Die Massai hielten
nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschtze donnerten, die Raketen
zischend und knatternd ber sie hinfegten und berdies die unheimlichen
Geschpfe mit vier Fen und zwei Kpfen -- wir Reiter nmlich -- auf
sie zustrmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder
Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre
Panik womglich zu steigern, whrend die Reiter sich damit
beschftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar
werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in
unsere Gewalt zu bringen.

Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und
die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber
und Kinder zu befreien, wre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollstndig
gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wren,
die ihnen rasches Laufen unmglich machte. Als nmlich diese armen
Geschpfe den Lrm des Gefechts sahen und hrten, machten sie
verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai
nachzulaufen. Klger benahmen sich die Rinder, die durch die Schsse und
Raketenschlge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber
trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als
ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser
Lager zutreiben lieen.

Die gefangenen Massai waren prchtige, verwegen aussehende Kerle, die
trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und
trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden,
doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich -- ein
sehr glcklicher Umstand -- auch der Leitunu, d. i. der oberste,
unumschrnkte Anfhrer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von
reichlich 2 Meter Hhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am
liebsten sein kurzes Schwert, die Sime, in die eigene Brust gestoen
htte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma
ihn und die Seinen zu verhhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu
verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit groer Strenge.
Laut, da es die Gefangenen hren konnten, erklrte er, auch die Massai
sollten unsere Freunde werden, wir htten sie blos deshalb gezchtigt,
weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, da wir
ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hlfe bedrften, um jene zu tdten,
wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen htten, wie wir in die
Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schsse aus unseren
gewaltigen Maschinen gengt htten, um alle Massai in Stcke zu reien?
Um ihnen -- mehr aber noch den Massai -- die Wahrheit dieser ohnehin mit
tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehrten
Worte zu zeigen, lie Johnston eine volle Lage unserer smtlichen
Geschtze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene,
strohgedeckte Lehmhtte abgeben. Natrlich brach diese sofort zusammen
und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den
gewaltigsten Eindruck machte.

Jetzt geht, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als
merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhrten und zusahen,
zu den Wa-Duruma, nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir
befreit haben, und lat die Massai in Ruhe. Wir werden dafr sorgen, da
sie Euch in Zukunft nicht mehr belstigen, aber vergesset nicht, da in
wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden.

Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wuten, was sie aus der
Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, lie Johnston
den gefangenen Massai ihre Waffen zurckgeben und forderte sie auf, sich
gleichfalls zu entfernen; binnen hchstens 2 Wochen gedenke er sie in
Leitok-i-tok, dem sdstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen;
um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt
jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zgerten die El Moran
(der Name fr Massaikrieger); schlielich trat Mdango, ihr Leitunu, vor
und erklrte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den
Ihrigen, heimzuziehen, wre fr eine so kleine Massai-Schaar der sichere
Tod, und wenn sie schon sterben mten, so sei es ihnen grere Ehre,
von der Hand so gewaltiger weier Leibons (Zauberer), als durch feige
Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht htten, sie
demnchst zu besuchen, so mgen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen.

Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Erffnung vor innerer Genugthuung;
den Massai gegenber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und
erklrte feierlichen Tones, das sei eine so groe Gunst, die sie da
verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig
wrdig erwiesen, da er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit
den Seinigen abhalten msse, bevor er ihnen Bescheid geben knne. Damit
lie er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunchst zu Pferde
hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gesprches mit. Da
wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der groen Zahl der von ihm
gefhrten El Moran zu schlieen, einer der einflureicheren sein drfte,
erfllen, versteht sich von selbst; der Mann mu vollstndig gewonnen
werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm
das Ergebnis unseres Schauri mitteilen.

Hre -- so wandte er sich an Mdango, wir haben beschlossen, Deinen
Wunsch zu erfllen, denn Euere Brder in Leitok-i-tok sollen nicht
sagen, da wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt htten. Aber
nachdem wir einmal -- wenn auch ohne Blutvergieen -- unsere Waffen
gegen Euch gerichtet, knnen wir Euch -- das verbieten unsere Gebruche
-- nicht als Gste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der
Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollstndig geshnt ist. Dies
wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter
uns Blut-Brderschaft schliet, der ihn zum Gefangenen gemacht hat.
Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten?

Die El Moran bejahten dies mit groer Bereitwilligkeit; hierauf neues
Schauri unter uns, dem dann die 43fache Verbrderung nach den
eigentmlichen Gebruchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde
gewonnen, die sich -- wie Johnston versicherte -- eher in Stcke hauen
lassen, als zugeben wrden, da uns ein Leides geschehe, wo sie es
irgend verhindern knnten.

ber all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glhend hei zu werden
versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wste zu
betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher
in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurck
und rsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges
wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der
einzigen Nahrung der Massai-Elmoran -- bereitet, und zum Schlusse eine
riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heiem Wasser gespendet, die
allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in
Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung berschritt alle Grenzen, als
die diversen 43 Blutbrder nach genossenem Punsche mit einer
Freundschaftsgabe von je einer -- roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu
erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels.

Die Duruma-Wste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gnzlich
unbewohnt und whrend der trockenen Monate berchtigt wegen ihres
beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit,
fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2
und 3 Metern vertieften natrlichen Lchern ertrgliches Wasser in
gengender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel
zu leiden, was uns veranlate, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in
einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen,
durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen
erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen
nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Krfte fr den nun
folgenden bsesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlcher wurden von
da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos:
eintnige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit hlichem
Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage
wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg
durchnt durch einen uns pltzlich berraschenden Platzregen, das
liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge.

Hier lernten wir zum ersten Male die entzckende Pracht quatorialen
Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Hhe bis zu 1550
Metern, ist vom Gipfel bis zum Fue mit ppiger Vegetation bedeckt,
zahlreiche silberhelle Bche und Flsse rauschen und tosen an seinen
Abhngen zu Thale und die Rundschau von gnstiger situierten
Aussichtspunkten ist geradezu entzckend. Da wir hier einen vollen
Rasttag hielten, so bentzten die meisten von uns die Gelegenheit zu
Ausflgen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu
Handels- und Missionszwecken angesiedelte Englnder in liebenswrdigster
Weise als Fhrer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das
Gewirr kstlicher, schattenreicher Thler und Gipfel, das uns rings
umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in
Teita als auch fr die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich
erstreckende Wstenei durchfhren mute. Aber meine glcklicheren
Genossen erstiegen die umliegenden Hhen, bernachteten zumeist auf oder
dicht unter denselben, erquickten sich an der khlen Luft derselben und
kamen zurck trunken von all der Schnheit die sie genossen. Im brigen
war es auch am Fue der Teitaberge kaum minder entzckend. Das Bad unter
einem der pltschernden Wasserflle, umfchelt von den milden Lften und
Dften die der Abend brachte, wrde stets zu den schnsten Erinnerungen
meines Lebens zhlen -- wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere
Naturscenen geboten htte.

Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Mrschen weiter
durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jger reiche Beute an
Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen berall
mit den Stmmen und Huptlingen durch Geschenke besiegelte
Freundschaftsbndnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch
die menschenleere, dafr aber desto wildreichere Wste von Taweta, die
im brigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am
Nachmittag des 17. die khlen Wlder der Vorberge des Kilima vor uns --
wo uns eine seltsame berraschung erwartete.

Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere
Gewehrsalven hatten -- wie dies in Afrika blich -- dort soeben die
Ankunft einer Karawane verkndigt, als Johnston und ich, die wir an der
Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhngtem Zgel auf uns
zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Fhrer unseres Vortrabs,
Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit
der er auf uns zujagte, einigermaen besorgt, dann aber zeigte uns sein
lachendes Gesicht, da es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenfhre. Er
winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend:
Deine Schwester und Mi Fox sind in Taweta!

Wir beide, Johnston und ich, mssen auf diese unerwartete Botschaft hin
erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt
in ein tolles Gelchter aus, in welches endlich auch wir einstimmten.
Dann erzhlte er, die beiden Damen htten ihn und die Seinen, die
gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als trfen sie sich
daheim auf der Strae, begrt, ihre Verblffung gnzlich ignoriert und
auf Befragen im gleichmtigsten Tone erzhlt, sie wren am 30. April,
also whrend wir in Mombas saen, von Aden kommend, in Zanzibar
eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani bergefahren und von
dort ber Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta
angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem
alten ehrwrdigen Neger, der Mi Fox berall begleite, und ihren vier
Elefanten -- denn auf dem Rcken solcher Tiere wren sie zu grenzenlosem
Erstaunen der Neger gereist -- ganz ausnehmend wohl befnden. Frulein
Klara lt Dich gren und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr,
Dich an ihr schwesterliches Herz zu drcken.

Da ich sah, da Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die
Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der
tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach
Taweta hineinfhren, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von
denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum
da ich den Boden berhrt hatte, laut weinend ans Herz drckte. Nachdem
der erste Sturm des Wiedersehens vorber war, suchte ich von meiner
Schwester nhere Aufklrung ber die Art ihres Erscheinens hier mitten
unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemhen;
so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie
Thrnen und Ausrufe der Freude ber unser Wiedersehen sowie des
nachtrglichen Entsetzens ber all die Gefahren, vor denen mich
leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glck bewahrt.
Inzwischen hatten wir uns Mi Fox genhert, die meinen Gru zwar etwas
spttisch, aber dehalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren
Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr.

Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung
verstndigt und das Komplott in seinen Grundzgen angelegt, die nheren
Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend.
Meine Schwester hatte in Mi Fox die Energie und die erforderlichen
pekuniren Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Mnner auf
eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Mi Fox dagegen in meiner
Schwester die Gefhrtin und ltere Beschtzerin gefunden, ohne welche
auch sie vor einem solchen Geniestreich zurckschreckte. Da insbesondere
Mi Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie
dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben
Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorrte, Tauschwaren
und Reisegerte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns fr
Tragtiere statt fr Pagazis, whlte aber, um wenigstens in Einem Punkte
originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es
berall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals
gezhmte Elefanten in Menge gebe, so muten -- das war ihr Kalkl,
indische Elefanten auch berall im quatorialen Afrika fortkommen. Ein
Geschftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier
Prachtexemplare dieser Dickhuter verschafft, diese mitsamt acht
erprobten indischen Fhrern und Wrtern nach Aden expediert, wo sie
dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige
Wegfhrer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der
Kste mit uns zusammenzutreffen, der Weg ber Pangani genommen, auf
welchem ihnen zwar die Neugier der Eingeborenen hie und da lstig
geworden, im brigen aber, insbesondere Dank der liebenswrdigen
Frsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten
deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoen sei. Ihre
Suaheli-Leute htten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den
Elefanten und Indern gedchten sie sich uns anzuschlieen -- es sei
denn, da wir sie allein in Taweta zurcklassen wollten.

Was war unter so bewandten Umstnden zu thun? Es verstand sich von
selbst, da die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehrten und
was mich anlangt, so mte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich
behaupten, ich sei meiner Schwester oder Mi Fox ob ihrer Hartnckigkeit
gram geworden. Die rgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den
Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren
-- wie ja der Erfolg zeigte -- auch von Frauen recht gut zu berwinden;
ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrbt
hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren -- wie ich
mit Genugthuung bemerkte -- mit dem Zuwachse, der uns in Taweta
geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten
mitsamt ihrer schnen Last -- denn nebenbei bemerkt ist auch meine
Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schnes Weib -- ihren
Platz in der Karawane angewiesen.

Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den
Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, da wir in 8-10 Tagen an den
Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen wrden, da es unsere Absicht sei,
ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten
gefallen wrde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde
dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Htten bauen wrden, zum grten
Vorteil gereichen, denn wir wrden ihn reich und unbesiegbar allen
Feinden gegenber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten wrden
wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen knnten, dazu
gengende Macht besen und noch viele Tausende unserer weien Brder
nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien
Durchzug aber wrden wir, wenn er uns nicht friedlich gewhrt werde,
berall zu erkmpfen wissen. Schlielich banden wir unseren Blutbrdern
noch ans Herz, dafr zu sorgen, da bei den Verhandlungen mglichst
zahlreiche Stmme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche lngs des
Weges nach dem Naiwascha-See -- unserer Route an den Kenia -- wohnen,
und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wnschen von
einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich
gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen beraus kostbarer Geschenke
fr ihre Herzallerliebsten, die sogenannten Dittos mit, als da sind,
Messingdraht, messingene Armbnder und Ringe mit falschen Steinen,
Handspiegel, auf Schnre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bnder.
Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt
keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Whrung, wie wir uns
spter zu berzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten
Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos ber unsere
Freigebigkeit. Geradezu unschtzbar aber war in ihren Augen das
Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrckte: ein
Kavalleriesbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge fr jeden
der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser
Waffe _ad oculos_ zu demonstrieren, lie Johnston durch einen in solchen
Kunststcken bewanderten Belgier den mchtigsten der Massaispeere,
dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen,
und wies dann den zu Bildsulen erstarrten Kriegern die vllig
unversehrte Schwertklinge vor. So schneiden _unsere_ Siemes, sagte
er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; htet Euch aber, sie
bei Raubzgen oder Mordthaten zu ziehen, sie wrden Euch in der Hand
zerspringen wie Glas und Unheil ber Eure Kpfe bringen. Damit winkten
wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen
verloren.

In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden
Mrschen Ruhe zu gnnen und uns an den ber alle Beschreibung
entzckenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl
als an Groartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus
bertreffenden Landes zu erlaben, und schlielich um unsere Ausrstung
mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen
Agenten einigermaen zu ergnzen. Diese Herren, wie nicht minder die
freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst ber jene
Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr
herrsche und da sich ergab, da wir von einer derzeit bei den Dittos
modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveaut
geltenden Sorte Baumwolltcher vollends auch nicht einen Ballen besaen,
so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.

Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima
Ndscharo in seiner vollen berwltigenden Majestt. Nahe an 4000 Meter
steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trgt dieser
zweizinkige, sich zu 5700 Metern ber die Meeresflche erhebende Riese
auf seinem breiten, wuchtigen Rcken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung
sich nicht die Gletscher unserer europischen Alpenriesen, ja in
gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen
lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so
unvermittelt nebeneinander den Kontrast der ppigsten, saftigsten
Tropenwelt und der schauerlichen de zerrissenen Geklftes und ewigen
Eises, wie hier im quatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fue des
Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und
Quell-Lande von Taweta; aber whrend die schneebedeckten Gipfel des
Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt
vom Fue desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergnnt ist,
die Reize beider zugleich zu genieen und durch den Kontrast zu
steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder
Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergrndlichen Schlnde der
Gletscherspalten zhlen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen
Eises der des ewigen Sommers gerckt. Und welchen Sommers! Eines
Sommers, der seine reichsten Schtze an Schnheit und Fruchtbarkeit
gewhrt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man
mu diese schattigen und doch lichten Wlder, diese allenthalben durch
den blumenduftenden Boden hpfenden krystallklaren Bche gesehen, diese
khlenden Lfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern
herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen
Bergabhnge wrzen, um seine Schlfen empfunden haben, um zu wissen, was
Taweta ist.

An materiellen Genssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Lndchen
eine berreiche Flle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hhner,
kstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige
besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschumenden
kleineren Gebirgswssern, Wildpret in tausenderlei Varietten,
befriedigen selbst den unersttlichen Hunger nach Fleisch; das
Pflanzenreich schttet ein nicht minder reiches Fllhorn fast aller in
den Tropen irgend gedeihenden Feldfrchte, Gemse und Obstarten aus.
Dabei ist alles so wohlfeil, da selbst der bermtigste Schlemmer nicht
im Stande ist, mehr als wenige Pfennige tglich auszugeben -- falls die
liebenswrdigen, gastfreundlichen Wataweta berhaupt Zahlung annehmen,
was z. B. uns gegenber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns
dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere
unsere Versicherung zu statten, da wir auch Taweta von diesen bsen
Gsten befreien wrden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den
uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren
Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lstig erwiesen hatte. Auch war
unsere Hand den Taweta-Mnnern und mehr noch den Weibern gegenber stets
offen. Europische Gerte aller Art, Kleidungsstcke, primitive
Schmucksachen, und hauptschlich eine Auslese von Photographien und
bemalten Mnchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen
Gastfreunde, so da, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen,
wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verlieen, als die
Wataweta uns ungern scheiden sahen. Bis ber die Grenze ihres Gebietes
begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der
keineswegs unschnen Tawetafrulein, das sein Herz an einen der weien,
oder wohl auch der Suaheli-Gste verloren haben mochte, vergo bittere
Thrnen und klagte sein Leid mit Vorliebe -- unseren beiden Damen, die
glcklicher Weise von diesen Ergssen und Erffnungen tawetanischer
Mdchen-Seelen kein Wort verstanden. Prderie ist im quatorialen Afrika
eine gnzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schnen wrden ebensowenig
begriffen haben, da irgend Jemand bles darin finden knne, wenn man
einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegentrgt, als ihre weien
Schwestern begriffen htten, da man derlei Dinge in aller Unschuld
ausplaudern knne, ohne da Freunde und Verwandte daran den geringsten
Ansto nhmen.




                              4. Kapitel.


Nach Massailand fhren von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am
Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des
Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.

Das Land ist fruchtbar und schn auf beiden Seiten; wir whlten aber die
letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und
wir uns in keine berflssigen Hndel mengen wollten, auch ganz im
allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schchternen Wadjagga
dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen
Tagemrschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von dsteren,
senkrecht abfallenden Felsen eingefaten Dschallasee, durch die waldigen
Bergabhnge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, bersetzten
dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bche, die vereint den
Tsaboflu bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima
herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder
der Eingeborenen bewssern. berall tauschten wir reiche Geschenke und
schlossen Freundschaftsbndnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt,
die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in groer Menge ergab.

Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem sdstlichen
Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach berschritten,
stie unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu
uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte
er nicht blo den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern
allen Stmmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte bermittelt
und sie zu einem groen Schauri am Minjenjeberge -- einen halben
Tagmarsch von der Grenze gegen Useri -- eingeladen. Sie waren zahlreich
erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Mnner und
Krieger, letztere in einer Gesamtstrke von ber 3000 Mann, und
vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war
der einstimmige Beschlu, uns ein Freundschaftsbndnis anzutragen.

Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser
Lager, wo wir sie Mann fr Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam
Mdango fr seine diplomatischen Bemhungen ein buntes, goldgesticktes
Ehrenkleid (wo bei Geschenken von Gold die Rede ist, welches die
Centralafrikaner nicht kennen und nicht schtzen, mu berall unechte
Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Ebesteck aus
Weiblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der
letztgenannten Dinge mute ihm allerdings erst mhsam beigebracht
werden, doch sei bemerkt, da Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange
blieb und da er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der
Gabel mit angemessener Wrde bediente.

Andere Massaigren wurden gleichfalls, wenn auch nicht so
verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen
bedacht; alle El-Moran aber erhielten auer Perlenschnren und Tchern
fr ihre Mdchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Mnner
farbige Mntel, und jedes Weib -- Frau oder Mdchen -- das unser Lager
mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und
allerlei broncenen und glsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser
Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fnfzig von uns
damit beschftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzckt
durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst
als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verlieen die letzten
Massaimnner unser Lager, whrend gerade die hbschesten der jungen
Mdchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten
aufzusuchen. Die Mnner bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der
Ordnung, da ihre Frauen und Tchter so freigebigen Fremden auch nach
Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in
Massailand, und wir hatten Mhe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren,
ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach
europischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu
beleidigen.

Am nchsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und
Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral -- es waren
deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten -- auf, den Leitunu
und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die
den Vertragsabschlu mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging
merkwrdig rasch von statten und schon eine Stunde spter war die
Ratsversammlung, an welcher unsererseits blo Johnston, ich und 6
Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien erffnet. Zuerst gab es
einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt
wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer
Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen wrden, von Seiten der
Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den
weien Freunden gegenber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston
die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt:

1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenber, als da
sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri,
unverbrchlich Frieden und Freundschaft einhalten.

2. Die Massai werden von keiner von Weien gefhrten Karawane unter
irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem
Durchzuge derselben in jeder Weise behlflich zu sein, insbesondere, so
weit ihre Vorrte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel
beizustellen.

3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder
beliebigen Zahl zu unserer Verfgung stellen, die Geleits- und
Wachdienste zu leisten haben und uns whrend der Dauer ihrer Verwendung
militrischen Gehorsam schuldig sind.

4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde
anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schtzen und ihnen gegen fremde
Angriffe beizustehen.

5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns
alljhrlich Mann fr Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff
und je 50 Schnre Glasperlen, deren Auswahl ihnen berlassen bleibt,
oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je
einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und
Mantel.

6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten auer voller
Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnre oder deren Wert als
tgliche Besoldung.

Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener
Befriedigung aufgenommene Aktenstck wurde durch eine symbolische
Blutverbrderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen
Feierlichkeiten bekrftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende
Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei
aufnahm, so wuten wir, da die ffentliche Meinung von Leitok-i-tok und
eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei.

Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, da es unsere Absicht
sei, ber Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die
unterwegs wohnenden Massaistmme womglich alle in den Bund aufzunehmen
und dann entweder ber Kikuja oder ber Leikipia an den Kenia
vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen
Beziehungen mit jenen Stmmen, deren Gebiete wir zu durchziehen htten,
verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die
unter Fhrung unseres -- inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem
Ansehen gelangten -- Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah
wie wir wnschten und Mdango fhlte sich durch die auf ihn gefallene
Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten,
wurden brigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre
stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege ber Kikuja aber rieten uns die
Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehren einer
ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt.
Sie wurden uns als verrterisch, feige und grausam zugleich geschildert,
als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz
unmglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her
wuten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander
bekmpfender Nationen legen drfe, so machte obige Schilderung
vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als da wir derselben
entnahmen, die Wakikuja seien Erbfeinde der Massai. Wie sehr im Rechte
wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde
bedeutet, da es bei der ursprnglichen Abrede sein Bewenden habe. Er
solle uns in Eilmrschen voranziehen, wo mglich bis an die Grenzen von
Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees
erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das groe
Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verstndigten und berufenen
Massai-Stmmen abzuhalten gedchten. Was es mit den Wakikuja, die das
Gebiet stlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, wrden wir selber
untersuchen.

Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach
mehrstndigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge
hinter uns und wir betraten die kahlen Flchen der Ngiriwste. Der Weg
durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau
von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir
die Berge von Kapte, lngs deren Westabhang wir in einer Seehhe von
1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintnige
unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern
aufsteigenden Kapteberge, an den Abhngen meist grasreiches Parkland,
auf den Kuppen dunkle Wlder zeigend. Zahlreiche Bche, die stellenweise
malerische Wasserflle bilden, rauschen von ihnen hernieder und
vereinigen sich im Dogilaniland zu greren Flssen, die, soweit das
Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in
den Ukerewe, diesen grten unter den Riesenseen Centralafrikas, mnden.
Alle Stmme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst
diejenigen, mit denen wir noch kein Bndnis geschlossen hatten. Zu ihnen
allen war die Wundermr von den weien Mnnern gedrungen, die sich bei
ihnen ansiedeln wollen und die so mchtig und freigebig zugleich seien;
Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war berall freudig
aufgenommen worden, groe Scharen waren schon unterwegs. Andere
schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von Hongo nirgend
die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes.

Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der
weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte ber
den heimtckischen, hlichen Charakter dieses Volkes waren uns von den
Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstrkter Form
wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus
verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen fhrten
nmlich ein Andorobomdchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen
hatten. Die Andorobo sind ein Jgervolk, welches ohne festen Wohnsitz
durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der
Zanzibarkste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher
die Gegenden am Fue des Kenia, nrdlich von Kikuja nach Elefanten
durchstreift, war Sakemba -- so hie das fragliche ungefhr 18 Jahre
zhlende Mdchen -- vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese
verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta
kam. Das Mdchen hatte -- eine Seltenheit bei diesen Rassen -- eine
unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und
Mi Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzhlten, sie
warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene
mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwrtigen Herrn
abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort wrden ihre Angehrigen
gern einige schne Elefantenzhne an ihre Auslsung wenden. Durch das
instndige Flehen des Negermdchens gerhrt, bewilligten Klara und Mi
Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der
Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als
sehr intelligent und ber die Verhltnisse ihres Heimatlandes
wohlunterrichtet sich erweisende Mdchen hatte schon in Miveruni gehrt,
wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nchster
Gelegenheit seinen Beschtzerinnen versichert, da die Sache lange nicht
so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie
einander demzufolge gegenseitig mglichst viel bles zufgen, so
glaubten und erzhlten sie auch alles erdenkliche Bse ber einander.
Wahr wre allerdings, da die Wakikuja lieber aus dem Hinterhalt als in
offener Feldschlacht kmpften, und so tapfer, als die Massai seien sie
auch nicht; verrterisch und grausam aber wren sie nur gegen ihre
Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der knne sich so gut
auf sie verlassen, als auf Angehrige irgend eines anderen Volkes. Die
Andorobo zgen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar
weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so bermtig wie diese.
Der direkte Weg an den Kenia aber fhre fr uns ber Kikuja, whrend die
Strae ber Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden
Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen lnger wre.

Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu
zweifeln, dessen letzten, fr uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf
die Karte vollauf besttigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit
Kikuja zu versuchen. Whrend also der grere Teil der Expedition unter
Johnstons Fhrung die Strae nrdlich an den Naiwaschasee weiter
verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepck bei dem
Grenzorte Ngongo-a-Bagas stlich ab. Meine Absicht war, blo Sakemba,
als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu
meiner Rckkehr der Obhut Johnstons zu bergeben. Allein meine Schwester
erklrte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomdchen
nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, berdies aber versicherte, da
fr diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem
zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals
verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege
zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig -- auch von den Massai
-- bekrftigt wurde, so waren meine Schwester und Mi Ellen mit von der
Partie.

Sowie wir die Grenze von Kikuja berschritten, nahmen uns gewaltige
schattige Wlder auf, die jedoch keineswegs undurchdringlich genannt
werden knnen, vielmehr das Eigentmliche haben, da sie an sehr
zahlreichen Stellen von breiten Durchschlgen durchschnitten sind, die
geradezu den Eindruck machen, als wren sie von einem geschickten
Grtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die
Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte
Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern;
stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die
jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, da der Boden mit dem
schnsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und da schattige Khle
in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschlge entstanden sind, war und
blieb mir rtselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen
den hochstmmigen Bumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir
konnten ganz gut bemerken, da dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns
folgten, jede unserer Bewegungen beobachtend und offenbar nicht ganz im
Reinen darber, was sie aus uns machen sollten. Da wir aus dem
feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mitrauen erregen, denn wir
waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne da unsere
Begleiter sich hervorwagten.

Dem mute ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener
Zwischenfall leicht zu Miverstndnissen und daraus sich ergebenden
Feindseligkeiten fhren konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich
getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. Warum nicht, meinte sie,
dabei ist so wenig Gefahr fr mich, als wenn ich allein in die Htte
meiner Eltern trte. Ich lie also Halt machen, die Andorobo schritt
furchtlos auf die Bsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wuten und
hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde
kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurck, die abgesandt
worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen,
d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weie
seien und ob sich -- der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten
-- wirklich auch zwei weie Mdchen unter uns befnden. Dunkle Gerchte
ber uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die
feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wuten sie nicht,
was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission
waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige
verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die
Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schnen. Unsere
Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Mnnern zurckzukehren,
sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn
auch Folge leisteten, so da wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns
verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben
waren.

Nun trat aber ich, begleitet blo von einem Dolmetsch mitten unter sie
und fragte, wo ihr Sultan oder ihre ltesten wren. Sultan htten sie
keinen, war die Antwort, sie seien unabhngige Mnner; ihre ltesten
dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. Dann lat uns sofort ein
Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen. Der
Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so
saen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen
vorbringen. Zunchst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den
Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen
unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer spterhin
bethtigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, da wir auch die
Wakikuja uns zu Freunden zu machen wnschten, woraus fr sie Ruhe vor
den Massai und groer Gewinn von uns sich ergeben wrde. Wir aber
verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch
ihr Gebiet. Sodann lie ich einen, fr solchen Anla bereitgelegten
Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, ffnen und erklrte: Das
gehrt Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten
Male gesehen, erinnern mget. Niemand soll sagen: Ich sa bei den
weien Mnnern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer.

Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der
ausgebreiteten Geschenke lie nichts zu wnschen brig. Wegen Verteilung
der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren
zuknftigen Freunden, als aber diese glcklich ohne ernsten Unfall
vorber war, ging es an Beteuerungen berschwnglicher Zrtlichkeit und
Dienstbeflissenheit uns gegenber. Zunchst wurden wir eingeladen, ihre
sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Htten mit
unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst
Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer
mglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut
einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafr, da unausgesetzt einige
von unseren Leuten in unaufflliger Weise Wache standen. Das Gepck lie
ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen
hatten. Im brigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaregeln
als berflssig; Niemand fhrte Bses gegen uns im Schilde und auch die
in den ersten Stunden noch immer hervortretende ngstlichkeit der
Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei --
nebenbei bemerkt -- die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen.
Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als hchst ersprielich, wie
uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hlfegeschrei eines
Wakikujajnglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht whnend, sich mit
einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von
einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu
Tode Erschrockenen, im brigen jedoch gnzlich Unverletzten, aus den
Fngen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf
unsere Gter zu besorgen.

Am nchsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige
Tagmrsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem
Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese
in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen knnten, zu einem
Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund
vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen
wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang
durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht
der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten
dabei die Wakikuja ohne Bezahlung fr irgend etwas zu nehmen in wahrhaft
verschwenderischer Weise. Wir schwammen frmlich in Milch, Honig,
Butter, allerlei Fleisch- und Geflgelsorten, Mtamakuchen, Bananen,
sen Kartoffeln, Yams und einer groen Auswahl sehr wohlschmeckender
Frchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschpfliche berflu
insbesondere an Feldfrchten wohl stammen mge, denn in den Lichtungen
der Wlder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht
zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende
des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rtsel gelst, denn sowie wir
den Guaso Amboni genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden
recht ansehnlichen Flu erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares
Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den
Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am
Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines
sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar
Kikuja seinen unerschpflichen Krnerreichtum. Ganz fern im Norden
dieses Plateaus sahen wir eine mchtige Gebirgsgruppe blauen, in der
Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Fhrer und
Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man knne von hier
aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des
Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen.

Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mchtige
Rhrung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorlufig nur aus weiter
Ferne, die zuknftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel
aber blieb unsichtbar in Wolken gehllt whrend der zwei Tage unseres
Aufenthaltes an der Ostlisire des Kikujawaldes. Wir machten dort in
einem entzckenden Haine riesiger Brotbume Halt, wo gastfreie Wakikuja
uns ihre Htten einrumten. Der Ort heit Semba und war als
Versammlungsplatz fr das groe Schauri verabredet worden. Wir fanden
denn auch eine groe Zahl Eingeborener bereits versammelt und am
nchsten Tage wurde Alles zu grter beiderseitiger Zufriedenheit
zwischen uns geordnet und festgemacht, so da wir schon am 16. Juni den
Rckmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht ber Ngongo, sondern,
einen Nebenflu des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter ber dem
Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der
Kikujatafelberge jh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen.
Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschpft, aber
wohlbehalten und in kstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit
erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu knnen, als
auf dem ursprnglich in Aussicht genommenen Wege ber Leikipia mglich
gewesen wre.

Am Naiwascha -- einem von malerischen Bergzgen, deren hchste Gipfel
sich zu 2800 Meter erheben, umsumten schnen See von ungefhr 80
Quadratkilometer Flchenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein
fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen
Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem groen Friedens- und
Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die
Botschaft, da sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer
Freunde gehrig zu betrachten htten, wurde zwar von den El-Moran mit
gemischten Gefhlen entgegengenommen; indessen fgten sie sich doch ohne
Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns
angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknpften
Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.

Dieses Fest aber bestand aus einer zweitgigen groen Schmauserei, bei
welcher wir nicht weniger als 6000 Gste -- Weiber und Kinder
ungerechnet -- mit riesigen Quantitten Fleisch, Backwerk, Frchten und
Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war.
150 fette Stierklber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen,
unzhlbares Federwild, und gar nicht zu bersehende Mengen von
Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in
160 je 30 Liter fassenden Tpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht
weniger als viermal frisch gefllt werden muten. Nichtsdestoweniger
kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft -- vom Feuerwerke abgesehen
-- fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke -- und zwar nur ein
Teil der uns von zahlreichen Stmmen als Zeichen dankbarer Wertschtzung
dargebrachten -- das Wild hatten wir natrlich nicht gekauft, sondern
geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so
billig, da man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was
dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich
Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland -- glcklicherweise --
nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch
verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorrte
anzugreifen, da sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den
mitgenommenen Maschinen und Gerten befand sich nmlich auch eine
Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war
in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Flle. Nur wurde dafr
Sorge getragen, da diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen
erlauscht und spterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche -- diese
Pest der Negerlnder -- wollten wir nicht unter unseren Nachbarn
einbrgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar
hei, aber anstndig verdnnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum,
was brigens nicht hinderte, da whrend der zwei Festtage 18 Hektoliter
dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der
Jubel, insbesondere whrend des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und
als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten
hatte, durch stimmkrftige Herolde ausrufen lieen, das Volk der Massai
sei von nun an _alljhrlich_ fr den 19. und 20. Juni hier an dieser
Stelle von uns zu Gaste geladen, wren wir aus purer Begeisterung
beinahe in Stcke gerissen worden.

Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und
der Ordnung des Gepcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten.
Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rckwege gewhlten Pfad
ber die steilen Abhnge der das Naiwaschathal umsumenden Berge
vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurck,
welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine
Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von
unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen,
so rasch als mglich nach Mombas und von da an den Ausschu der
Internationalen freien Gesellschaft gelangen knne. Von Mombas nach
Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten
nun, da unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer blo je eine
eintgige Anstrengung zugemutet wrde, whrend eines solchen Tages
bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen
zurcklegen knnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der
ausdauerndsten Renner zurckbeordert; diese Kuriere erhielten die
Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100
Kilometern -- wo bse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg
leicht ist, etwas mehr -- zu verteilen. An Gepck bekamen sie nebst
Waffen und Munition blo so viel europische Bedarfsartikel und
Tauschwaren auf den Weg, als die 8 berzhligen Pferde, die zugleich als
Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im brigen konnten
wir uns jetzt darauf verlassen, da sie berall, wo sie lngs der von
uns durchzogenen Strae auf Eingeborene stoen, mit offenen Armen
aufgenommen und reichlich verpflegt werden wrden. Der gleiche
Etappendienst wurde selbstverstndlich auch zwischen Ngongo und dem
Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer ma, so gengten
hier zwei Etappen, so da ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also
vorausgesetzt, da eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen
gelangen werde -- was sich denn auch als richtig erwies.

Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten
wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen
des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel,
der von uns Kaukasiern blo insofern unangenehm empfunden wurde, als er
uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine
Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals
erlebt hatten, zum Zhneklappern brachte. Fr die Nordlnder und
insbesondere fr die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die
wallenden, vom Dufte balsamischer Bume und Strucher durchtrnkten
Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da -- es war gegen 8 Uhr -- erhob
sich pltzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit
zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im
strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren
berwltigende Groartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und
seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst krzlich
verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelnde, in welchem
smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender
Saat abwechselten. Der Boden berall mit leuchtenden Blumen bedeckt,
deren sen Duft uns die laue Brise in berauschender Flle
entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich
ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all
das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier
tummelt sich bermtig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige
Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei
ungeschlachte Nashrner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend
Meter von uns dem Walde zu, und in noch grerer Ferne trottet eine nach
Hunderten zhlende Herde Bffel dem gleichen Ziele entgegen.

Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Sdost,
durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa
8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser
Standplatz, seine Fluten nach Osten trgt und soweit wir es bersehen
knnen, mindestens ein Dutzend von Quellbchen von beiden Seiten der ihn
einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Sdseite -- auf welcher wir
uns befinden -- entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die
von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mchtiger, denn
ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas,
dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und
dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt
zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von
gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf
abhebendes riesiges Eisfeld und darber hinausragend zwei krystallklare
Spitzen.

Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschnheiten gegenber stumpf
sind, brechen bei diesem Anblicke in betubendes Jubelgeschrei aus; wir
Weien aber stehen in Entzcken versunken, drcken uns stumm die Hnde
und gar Mancher wischt verstohlen eine Thrne aus dem Auge. Das Land der
Verheiung liegt vor uns, schner, herrlicher, als wir zu trumen
gewagt, die Wiege einer beglckenden Zukunft fr uns und, wenn unser
Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch fr die sptesten Geschlechter.

Von da ab war's, als ob unsere Fe und die unserer Tiere Flgel
bekommen htten. Die reine, erquickende Luft dieses schnen Tafellandes,
erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf
weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung
ermglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27.
berschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich
verproviantieren muten, weil von da ab gnzlich unbewohntes Gebiet
begann, durchstreift blo von wandernden Andorobo. Das Land glich, so
weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht
Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die grere Hlfte
des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wldchen,
ber murmelnde Bche und ansehnliche Flsse; aber Giraffen, Elefanten,
Nashrner, Bffel, Zebras, Antilopen und Straue, an den Fluufern
Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir
begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, da sie
unserem Zuge kaum auswichen, ja einige bermtige Zebras begleiteten uns
unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am
Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie
vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt
unserer Pioniere uns Bahn hauen mute. Das Terrain, schon seit zwei
Tagen, seitdem wir nmlich den Amboni berschritten hatten, allmhlich
ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fue der Keniaberge
angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloer Grtel von
verhltnismig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag
des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rcken
einer der vor uns gelagerten Erhhungen erreicht hatten, lag vor uns,
fast mit Hnden zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht
seiner Gletscherwelt.

Wir waren am Ziele!




                              5. Kapitel.


Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge -- denn
von da ab berging die Leitung der Expedition in meine Hnde -- das
ausfhrliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen
kurzen Schlubericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich
erklrte in diesem Berichte, da wir dafr einstehen knnten, bis zur
nchsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober
dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brder
vorbereitet zu haben; ebenso knnten wir versprechen, von Mombas zum
Kenia einen fr langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis
lngstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in gengender
Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf,
ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und gengender Wagen zu
veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig
angekndete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen,
gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel
nur immer mglich, in die neue Heimat zu befrdern. Zum Schlusse bat ich
um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in
Begleitung einer neuen Schar krftiger junger Mitglieder.

Die zwei Kuriere mit dieser Depesche -- die Kuriere hatten nmlich
berall zu zweien zu reisen -- ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab;
pnktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am
selben Tage noch hatte der Ausschu meinen ihm von Zanzibar
telegraphisch durch unseren Bevollmchtigten weiterbefrderten Bericht
in Hnden, whrend er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings
erst zwanzig Tage spter erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war
die Rckantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe
den gleich mir ber dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden
seltsam bewegten Brdern vorlesen. Sie war sehr kurz: Dank fr
hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 berschritten;
Wagen fr je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt;
werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter
mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um
mglichst hufige Nachricht. Letzterem Wunsche war inzwischen
meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fnf
fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was
dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der
Erzhlung ber unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von
da ab zweierlei Vorgnge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur
Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs
Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Kste.

Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines
ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher
getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe
schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und khl,
sein Gefll jedoch ein auffallend miges. Er durchstrmte von Nordwest
nach Sdost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30
Kilometer Lnge, welches sich halbmondfrmig an die Vorberge des Kenia
schmiegte; dessen grte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer,
whrend es sich am Westende bis auf 1, am Ostende bis auf 4 Kilometer
verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg
saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen-
und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Sden von den
grasbedeckten Hgeln, die wir berschritten hatten, im Westen von
schroffen Felswnden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils
gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht
nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte
sich zwischen den Hgeln des Sdens und den Felsen des Nordrandes eine
Lcke, durch welche der Flu seinen Abzug fand, und zwar, wie von
dorther trotz der groen Entfernung herbertnendes Donnern und Brausen
anzeigte, in Form eines mchtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher
von 95 Metern Fallhhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau
fand dieser Flu, der sich spterhin als der Oberlauf des an der
Witukste in den indischen Ozean mndenden Dana erwies, durch ein enges
Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen
vermochten. Vom Norden her, den Abhngen der Keniavorberge entlang,
eilten dem Dana vier grere und zahlreiche kleinere Bche zu, die
whrend ihres Laufes ber die Felsenschroffen eine Menge mehr oder
minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehhe dieses, einem groen
Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem
Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.

Noch whrend wir uns mit der nheren Untersuchung dieser Hochebene
beschftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe,
mglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden
Hhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor
uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch
die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich
doch nicht entschlieen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu
legen, bevor ich zum mindesten oberflchlichen berblick ber das
Gesamtgebiet des Kenia gewonnen htte. Die Ausknfte, die uns
diesbezglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als drftig und
ungengend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die
wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der
vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir
seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und
nun hatten wir ortskundige Fhrer, wie wir sie nur wnschen konnten. Was
wir zunchst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald
begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Fhrung je
eines Andorobo zogen aus und kehrten -- die erste schon am Abend des
nchsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit
ziemlich erschpfenden Berichten zurck.

Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten
sie von verschiedenen leichter zugnglichen Punkten des Hauptstockes,
zum Teil aus Hhen von nahezu 5000 Metern, groartige Rundsichten
erlangt. Danach war die offenste, fr Viehzucht und Ackerbau gnstigste
Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten.
Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares
Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht blo
malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende
Abwechselung von offenem Land und Wald, Hgel und Ebene, die wir im
Sden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im
Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene
Wlder. All das konnte spterhin ohne Zweifel in ppiges Kulturland
umgewandelt werden; vorlufig aber war selbstverstndlich bereits
kulturfhiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns
erfllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thlern
und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das
schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Sdwesten,
etwa fnf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die
Vorberge zurck, den Raum freilassend fr eine ausgedehnte offene
Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abflu der
Dana ist. Den Flcheninhalt dieses Thales schtzten unsere Kundschafter
auf ungefhr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin berein, da
es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schnheit
wre. Zugnglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus
welcher der Dana hervorbreche, nur msse dieselbe, so lange geeignete
Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus,
sondern auf dem Umwege ber ein sdlich einmndendes kleines Seitenthal
betreten werden.

Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nchsten Tage schon war ich,
ohne die Rckkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten,
unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in
der That sehr praktikabel sich erweisende Weg fhrte von unserem
Lagerplatze zunchst an das Westende des Plateaus, dann sdlich
ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach
Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana
durchflossene Schlucht mndete, die jedoch hier weder so eng, noch so
ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht
aufwrts verfolgend, standen wir nach einer Stunde pltzlich inmitten
des gesuchten Thales.

Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man
denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12
Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmigkeit
aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft
aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhgel, dessen Grundlinie
dagegen durch die jh und schroff sich emportrmenden Felswnde des
Kenia gebildet wird, von deren Hhe, die Wolken berragend, die
schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majesttischen
Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein
tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland.
Das Publikum, welches diese Arena fllt, sind zahllose Elefanten,
Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stck, welches in demselben zur
Auffhrung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers.
Hoch oben, in unerreichbarer Hhe, entspringen unter dem Ku der
glhenden Sonne zahllose Wasseradern den blulich und grnlich
strahlenden Eisklften; schumend und funkelnd, bald zerstubt in alle
Farben des Regenbogens, bald vereint in weilichem Glaste, eilen sie
hernieder, stets krftiger anwachsend, stets unbndiger tobend, bis
endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu _einem_ mchtigen Flusse,
der nun mit donnerndem Tosen, das bei gnstiger Windrichtung selbst da
unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hren ist,
seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustrmt; dort
angelangt aber strzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die
wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jh herab, in
Atome zerstubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Flu ist
urpltzlich in den Lften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die
Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleienden Klippen; erst 500
Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu
flieendem Wasser, um von da ab in kleineren Abstzen dumpf brausend und
grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.

In sprachloses Entzcken versunken standen wir lange vor diesem
Naturwunder sonder gleichen, dessen unsgliche Majestt und Schnheit
Worte nicht schildern knnen. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und
Farbenglanz, gierig das Ohr den aus mrchenhafter Hhe herabklingenden
Ton der Wsser, gierig die Brust das duftgeschwngerte Labsal ein,
welches als Atmosphre dieses Zauberthal durchfchelt. Zuerst fand das
Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzckten Seherin
gleich hatte sie lange dem Spiel der Wsser zugeschaut; da rief sie
pltzlich, als ein strkerer Windhauch den Nebelschleier des
Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwerthnlich
geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: Seht hin, das
Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht
hat, ist bei unserem Erscheinen zerstubt; Eden lat uns diesen Ort
nennen!

Da dieses Thal -- der Name Eden wurde fr dasselbe einhellig acceptiert
-- unser zuknftiger Wohnort sein msse, stand bei uns allen sofort
fest. Eine nhere Untersuchung desselben ergab, da dessen Gesamtflche
160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer
langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35,
auf den die Hhen umsumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind
offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die
Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten,
dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer
Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abflu des Keniagletschers
bildende Dana mndet am Nordwestende des Sees in diesen und verlt ihn
am Sdostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht
so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da
oben vermuten sollte, erwrmen sich hier mit merkwrdiger Raschheit; die
Temperatur des Sees erreicht an heien Tagen bis zu 24 Grad Celsius.
Auer dem Dana mnden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den
Keniaklippen, teils den Abhngen der seitlich und gegenber gelagerten
Berge entspringen. Wir zhlten deren nicht weniger als elf, darunter
eine heie, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.

Da wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht mig
gewesen, versteht sich von selbst. Zunchst hatten sich schon am 1.
Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten
Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas
bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die
eine unter Leitung Demestres' und dreier anderer Ingenieure, sollte die
Strae bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche
Zugvieh -- dessen Menge einstweilen auf 5000 Stck Ochsen prliminiert
war -- auftreiben und die Verproviantierung lngs der ganzen Wegstrecke
sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer
Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston
bekam blo 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schferhunde mit. Wie
diese Expeditionen ihre Aufgabe lsten, davon spter.

Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200
Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren
berdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weie, 80
Suahelis und 475 Tiere -- die Hunde und Elefanten ungerechnet. Auerdem
waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst
zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der
anstelligsten zurck, die anderen sandte ich -- begleitet von fnf der
Unserigen -- noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300
krftige Zugochsen, 150 Khe, 400 Schlachtochsen und einige tausend
Zentner verschiedener Smereien und Nahrungsmittel einzukaufen und
successive an den Kenia zu befrdern. Nachdem ich dies erledigt,
verteilte und bergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun
zunchst zu beschftigen hatten, sachverstndigen Hnden. Einer unserer
Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die
Sgemhle zugewiesen -- dazu selbstverstndlich die entsprechenden
Arbeitskrfte; zum Holzfllen war eine besondere Sektion bestimmt, eine
andere sollte die landwirtschaftlichen Gerte in Stand setzen und
ergnzen. Einer der am Kenia zurckgebliebenen Ingenieure hatte mit 100
Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu
besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brcken ber den Dana zu
bewerkstelligen.

Am 5. Juli fand die bersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain
wurde genau vermessen und zuvrderst rings um den See die zuknftige
Stadt abgesteckt, mit ihren Straen und Pltzen, ffentlichen Gebuden
und Belustigungsorten. Dieser -- zunchst allerdings blo in unserem
Geiste existierenden Stadt -- reservierten wir vorerst einen Raum fr
25000 Familienhuser, deren jedem auch ein ansehnliches Grtchen
zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Auerhalb
dieses Bauareals -- das spterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden
mochte -- wurden 1000 Hektaren als vorlufiger Ackergrund ausgesucht;
sie erhielten ein Netz kleiner Bewsserungskanle und sollten so bald
als mglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des
zahllos umherschwrmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere,
die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen,
sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der
Hunde im Freien weideten.

Inzwischen hatte die Sgemhle, die wir nicht mit nach Eden genommen,
sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft
eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bche hart am Flusse
errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten,
welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier grerer Flachboote
benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes
den Flu aufwrts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen spter erhoben
sich an dessen Ufern vierzig gerumige Holzbaracken, in welche nun wir
Weie aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten bersiedelten; die
Neger zogen es vor, in den Grashtten zu bleiben, die sie sich unter dem
Schutze eines Wldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen
Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfigen Invasion
unbersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum fr
ungefhr zweitausend Tiere und war berdies mit einem gedeckten Raume
versehen, der bei Regenwetter Schutz gewhrte.

Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von
den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflgen ergnzt; gleichzeitig war aus
Kikuja der erste Viehtransport -- 120 Ochsen und 50 Khe samt 200
Schafen und zahllosem Geflgel eingetroffen. Sofort wurden unter
Anleitung unserer Ackerbauer Pflgeversuche gemacht. Die Kikujaochsen
strubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der
Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber
hatten wir sie doch so weit, da sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug
gespannt, leidlich ackern lie. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da
der schwarze, fette Boden, gebunden berdies durch die ppige Grasnarbe,
sich auerordentlich schwer aufbrechen lie. Jedes Ochsenpaar mute zwar
anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen
trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert
wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhltnismig
kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und
leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli
kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fnfzehn fernere
Pflge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflgen waren
bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflgt, die sodann geeggt und
gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Smereien
-- hauptschlich Weizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen
mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schlielich wieder
eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthlfte war diese Arbeit gethan,
kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten
getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen.

Inzwischen war auch ein -- vorlufig blo 10 Hektare umfassender --
Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zuknftigen
Stadt als das Ackerland, denn whrend letzteres bei dem zu gewrtigenden
Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mute
fr den Garten ein mglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein
solcher, der auerhalb des Weges der zuknftigen stdtischen
Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Grtner
besaen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die
Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10
Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemsen, Blumen,
kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils
aus der alten Heimat herbergebracht, teils unterwegs vorgefunden und
mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten.
Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewsserungskanle
versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche
gesichert.

Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur
Verfgung stehenden Krfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere
praktikable Fahrwege rings um den Edensee, lngs des Flusses bis zum
Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach
mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man
darf sich darunter keine Kunststraen vorstellen, es waren eben
Feldwege, die jedoch die Befrderung ganz ansehnlicher Lasten ohne
sonderliche Kraftverschwendung ermglichten. Der Dana wurde an drei
Stellen fr Fuhrwerk und an zwei anderen fr Fugnger berbrckt; sonst
waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am
Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem groen Plateau
fhrt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen
beiden Orten muten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit
am Ufer Raum fr einen Weg geschaffen werde.

Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden
hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tchtige Wagen
und Karren fertig geworden, die alsbald ntzliche Verwendung fanden.

Grere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmhle. Dieselbe
wurde mit zehn kompleten Mahlgngen am Oberlaufe des Dana, einen
Kilometer vor dessen Einflu in den Edensee, errichtet. Diese Stelle
wurde aus dem Grunde gewhlt, weil dicht oberhalb derselben eine groe
Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe
Geflle hat, das erst am groen Wasserfall, am Ostende des Plateaus,
unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorlufig okkupierte
Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstrae zur Mhle und konnten
fr dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausntzen. Die
komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mhle hatten wir aus
Europa mitgebracht; die Rder, Wellen und die zehn Mhlsteine dagegen
erzeugten wir uns selber. Auch diese Mhle war -- vorlufig zwar nur aus
Holz und Fachwerk erbaut -- Ende September fertig, allerdings schon mit
Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der whrend der ersten Hlfte des
gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoen war.

Ich habe bereits erzhlt, da ich sofort nach unserem Eintreffen am
Kenia neue Vorrte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt
und da dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer
Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren
angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein;
hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten,
unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18.
August mit blo 50 sehr leicht bepackten Handpferden -- die 300
Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, smtlich Pferde -- auf den Weg, ohne,
von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen
mitzunehmen; sie verlie sich beinahe gnzlich auf die Aushlfe von
seiten unserer unterwegs beschftigten Wegbauer und der uns freundlich
gesinnten Bevlkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschlu,
alle etwa zu gewrtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu
ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit blo eintgiger
Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere
Mitte. Fnf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere muten
unterwegs marod zurckgelassen werden; sie selber aber trafen smtlich
bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter
Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschpft, im brigen aber
in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage spter
rstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden,
zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage
spter. Die grere Hlfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs
an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoen waren und der
darauf schon sehnschtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten
neuen Vorrte -- in allem etwas ber 300 Zentner -- enthielten auch
mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche
Krftezuwachs beflgelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Mae.

Die Mahlmhle wurde -- wie schon erzhlt -- noch Ende September fertig.
Sie fand sofort vollauf Beschftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch
nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen
allmhlich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in
Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sgemhle reichlich
Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner
zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Miernte hatten, brauchten die
ersten paar Tausend fernerer Ankmmlinge nicht Hunger zu leiden.

Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen
nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heien Jahreszeit, der
ppige, durch unser Bewsserungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit
regelmig versehene Boden einen Segen, der aller europischen
Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt
jedes gesete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner
verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren hren,
sondern in dichten, mchtigen hrenbscheln endete jeglicher Halm, der
europische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen
Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, da
schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert
Meter oberhalb der Mahlmhle eingerichtet worden war, die alsbald unter
Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils aus mitgebrachten
Bestandteilen, hauptschlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige
Erntemaschinen und zwei mit Pferdegpel zu treibende Dreschmaschinen
geliefert hatte.

Zu solcher Leistung aber war diese Werksttte befhigt, weil unsere
Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schtzen auch Eisen und
Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der
Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen
in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet,
zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter
Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein.
Es wurde in der Nhe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und
Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv,
aber doch gengend, um ganz brauchbares Gu- und Schmiedeeisen zu
liefern, das uns in unseren Ausfhrungen sofort unabhngig machte von
den aus Europa mitgebrachten Vorrten. Nun erst besaen wir eine, wenn
auch kleine, so doch auf eigenen Fen stehende Maschinenindustrie, und
diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen
wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten.

Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten
Leistungsfhigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sgemhlen
und einer Bierbrauerei. Die Sgemhlen brauchten wir, um fr die stetig
anschwellende Menge der angekndigten Ankmmlinge bequeme Unterkunft zu
schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen
Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten
heimischen Getrnks zu berraschen. Sowie die Gerste geschnitten und
gedroschen war, ging's ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Grtner an
den Hngen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Gte gezogen, und bald
fllten zahlreiche Fsser des edlen Getrnkes einen unter Benutzung
natrlicher Hhlungen angelegten khlen Felsenkeller.

Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und
Genugthuung auf unsere viermonatliche Thtigkeit im Keniagebiete
zurckblicken. Sechshundert nette Blockhuser fr ebensoviel Familien
harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorrte
an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung
und Ausrstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte
sich nicht minder schn entwickelt und seine kstlichen Gaben waren
teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier gengte unsere eigene
Produktion vorlufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen
Bedarfes; aber dem lie sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter
gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir
regelmig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet,
welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf
Ochsenkarren mit sich fhrend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und
durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten,
ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermglicht hatten. Seitdem
wir unsere Eisenhtten besaen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich
Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafr brachten
sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorlufig
nicht mehr bedurften, hauptschlich Elfenbein, von welchem wir, teils
durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis
unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert
hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; fr unser
Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergngen das
doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschtzten Materials, und jedes
eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem
zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze
Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein
bezahlt; das Vieh und die Vorrte, die Werkzeuge und Maschinen -- vom
Lande gar nicht zu reden -- gingen gratis drein.




                              6. Kapitel.


Whrend wir am Kenia solcherart damit beschftigt waren, den aus der
alten Welt erwarteten Brdern das neue Heim behaglich einzurichten,
arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Fhrung nicht
minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben.

Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging
Demestre nichts an; sein Geschft begann erst am Saume der die
Keniaregion umgrtenden groen Wlder. Von hier bis zur Grenze zwischen
Kikuja und Massailand bei Ngongo bergab er die Ausfhrung des Werkes
dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis
Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt
der Ingenieur Mllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion,
Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrt, ein Russe; die letzte
und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bsesten Einden
enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen
waren 5 Weie zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstrkt durch die
doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies
Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in
Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150
Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus
organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Bentzung
unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo
sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und
Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen
auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm
wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am
15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegen
ritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von
Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita
an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke
Teita-Taweta in Angriff nehmen lie, eilte dann weiter nach Mombas und
brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Kstenleuten auf der
schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen.

Diese Arbeiten waren berall dreifacher Art. Zunchst muten an den
wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab,
insbesondere aber in den Wsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen,
und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig
genug, um nicht nur die Arbeiter whrend der Bauzeit, sondern spterhin
Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu
versorgen. Da es im quatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige
Regengsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um
vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu
besorgen, da groe Cisternen, denen das Regenwasser aus gengend weitem
Umkreise zuflo, selbst in den heien Monaten erschpft werden knnten;
nur muten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand
als auch gegen Schmutz geschtzt werden. Ersteres geschah durch
Eindeckung und berdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen
sowie dadurch, da das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen
konnte, durch eine mehrere Meter mchtige Sand- und Schotterschicht
hindurchgeleitet wurde. Die natrlichen, jedoch in Zeiten anhaltender
Drre austrocknenden Wasserlcher, die sich in allen Einden vorfanden,
zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen
seien, denn es waren das selbstverstndlich die tiefsten Punkte, nach
denen zu das Regenwasser seinen natrlichen Abflu nahm. Die
bedeutendsten dieser Wasserlcher brauchten blos entsprechend vertieft,
gegen Verdunstung des ihnen zustrmenden Wassers geschtzt und mit den
oben erwhnten natrlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen
waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25
gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2
bis 8 Metern. Gewhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt.
An jedem dieser knstlichen Wasserbehlter ward zur berwachung gegen
Verunreinigung ein Wchter angesiedelt.

In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde
dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwrts hergestellte Strae
benutzt, blo von Hindernissen etwas sorgfltiger befreit und wo sie
durch den Busch gehauen werden mute, um mehr als das Doppelte
erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Hhen
zu berschreiten waren, mute eine neue, minder jh ansteigende Trace
gesucht werden. Da auch einige Brcken zu bauen waren, bedarf wohl
keiner Erwhnung.

Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven
Unterkunftshusern fr Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise-
und Schlafrume fr einige Hundert Menschen, Pferche fr zahlreiche
Rinder und Magazine fr Lebensmittel wurden in Abstnden von 12 bis 20
Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet.

Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September,
auf allen anderen Sektionen 14 Tage spter vollendet. Die aufgenommenen
Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur
berwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein
anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der
neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand fr das
wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hlfte in
Lhnen, zur Hlfte in Subsistenzmitteln fr die Arbeiter; zu bezahlendes
Baumaterial gab es nicht.

In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte
erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der
Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen
die ursprnglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schlielich, da die
Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom
Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche grer und
grer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte
sich auf durchschnittlich etwas ber 8 Schill. (Mark), wobei jedoch
reichlich die Hlfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte
Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per
Stck.

Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, da von Mombas
tglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen
frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die
Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe
zurckbefrdert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als
praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen
Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas,
whrend die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer blo zwischen je
zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher
Art tglich 250 Personen befrdert werden, und um die smtlichen, vom
Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage
erforderlich, es sei denn, da ein Teil derselben den Weg zu Pferde
zurcklegte.

Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen
rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder
sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhltnis zu ihrer Gre doch
leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach.
10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzpltze, bei Nacht
ein ertrgliches Lager. Eine hchst einfache Vorrichtung ermglichte
eine derartige Vernderung in der Anordnung der Sitze, da _unter_
denselben fr 6, _auf_ denselben fr 4 andere Personen gengender Raum
zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Ste des
Gefhrtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen
Regen wie Sonnenbrand, und die -- des Nachts zur Lagersttte dienenden
-- Matratzen waren tagsber derart unterhalb des Lederdaches
angeschnallt, da dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze
gewhrte. Auch fr die Unterbringung des Gepcks war in sehr praktischer
Weise gesorgt.

Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an -- und
zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In
der Voraussicht, da der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhren,
ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet,
diese Einwanderung soweit nur irgend mglich in eigener Hand zu
behalten, hatte sie 12 groe, schnellfahrende Dampfer von
durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken
entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den
Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung
genommen, weder fr den Transport noch fr die Verpflegung auf der
ganzen Reise, dafr mute sich auch Jedermann mit dem gleichen,
allerdings nicht geringen, Ausmae von Komfort begngen. Auf Deck waren
groe Speise- und Gesellschaftsrume, unter Deck zwar kleine, aber fr
jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet
ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der
Beitrittserklrungen zur Gesellschaft; die lteren Mitglieder hatten die
Prioritt. Natrlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch
auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in
der Reihe der zu Befrdernden verlustig zu werden.

In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd
oder zu Wagen zu whlen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die
Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Mrschen
voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65
Stationen mute beachtet werden; doch war thunlichst dafr gesorgt, da
der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten
gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, blo mit den
zum Wechseln der Gespanne ntigen Pausen, oder bedchtiger, unter
Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich
fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei gnstigem Wetter in
14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren
dazu 20 Tage und darber erforderlich.

Alle getroffenen Anordnungen bewhren sich aufs vollstndigste. Nirgends
gab es Aufenthalt, die Verpflegung lie nichts zu wnschen brig; eine
Massaieskorte, die Johnston in der Strke von 10 Mann fr jede Station
organisiert hatte, sorgte whrend der Nachtreisen fr Sicherheit gegen
wilde Tiere, hatte berhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu
dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem
Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo berwachten das Ganze. Die
Eingeborenen kamen den ersten Wagenzgen mit staunendem Jubel, Allen
aber mit grter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen.
Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistmme
lieen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer
Verehrung und Liebe fr die am groen Berge angesiedelten weien
Brder zu berhufen.

Die ersten neuen Ankmmlinge -- unter ihnen unser geliebter Meister --
trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener
Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor ber die damit anhebende
neue ra der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch
kurz erzhlt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.

Zunchst ist zu erwhnen, da noch im Monat August eine zahlreiche
Gesandtschaft von Massaistmmen aus Leikipia -- das ist das Land
nordwestlich von Kenia -- und aus den Distrikten nrdlich vom Naiwascha-
bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gru und
Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit
den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die
Gewhrung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit
vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf;
trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewhren und
alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von
einigen tausend Pfd. Sterling jhrlich war die vollstndige
Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tchtigsten unter allen
Volksstmmen der ganzen quatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft.
Wir hatten nunmehr gengende Sicherheit, allmhlich wachsende Kultur in
diesen bisher von unaufhrlichen Fehden und Raubzgen heimgesuchten
Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres groen
Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem
wir sie lehrten, Wohlstand und berflu fr sich selber zu erzeugen, die
Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den
braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklrte mich gerhrt
ber die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs
Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnchst
eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die,
brigens auch ihrerseits nicht mit leeren Hnden erschienenen Massai --
sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwnzige Schafe als
Ehrengabe mitgebracht -- entlassen. Johnston, den ich sofort von dem
Vorgefallenen verstndigte, bernahm die Ausfhrung des gegebenen
Versprechens. Da er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im
September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni
gestoen, reichlich mit Hlfsmitteln versorgte, habe ich schon
berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstrae erfllt war, zog er --
zu Anfang des Monats Oktober -- an den Naiwaschasee, von da weiter durch
die mchtige, meist beraus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehhe,
die, eingerahmt von 1000-2000 Meter hheren Randbergen, die Hochseen von
Massailand enthlt, nmlich auer dem Naiwascha-, dem wunderbaren
Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken,
und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in
einer blo 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der
Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwrts steigend
durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfllen, das wald- und
wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am
Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistmmen, wie
nicht minder mit den Ndemps am Baringosee, Bndnisvertrge geschlossen
hatte.

In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zhmungsversuchen zu
berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am
Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging
ursprnglich von Mi Fox aus, der dabei in erster Reihe blo die Absicht
vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankmmlinge Freude zu
bereiten. Fr diese Idee gewann sie meine Schwester, eine groe
Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja
zunchst dafr, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und
Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zhmungsversuche mit
diesen Tierchen ber Erwarten rasch und gut gelangen, so da schon nach
Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den
Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider
Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer
besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher
als eine Abart der hauptschlich in Westafrika vorkommenden
Schopfantilope (_Cephalophus rufilatus_) bestimmten. Auch dieser Versuch
war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu
und ungeberdig, da man sie schlielich laufen lie; aber mehrere Junge
gewhnten sich berraschend schnell an ihre Wrterinnen und liefen
denselben nach, wie die Hndchen. Diese Antilopengattung wird nicht
grer, als etwa ein mittelgroes Schaf, insbesondere die jungen Tiere
nehmen sich mit ihren rtlichen Schpfen beraus putzig aus und geberden
sich in allen Stcken wie bermtige Zicklein. Mi Ellen und meine
Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, ffchen,
Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten
Kinderwelt zu allerlei Kunststcken dressiert wurden.

So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwrter, die Mi
Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten,
jemals wieder in ihre Heimat zurckzukehren, seiner Herrin gegenber
-- denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewhnen, sich als
vollkommen unabhngige Mnner zu fhlen -- die Frage wagte, ob sie nicht
auch ein Elefanten-Baby als Schotierchen wnsche? Als diese bejaht
wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls
ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Fhrern fr einige
Tage in die Wlder zu ziehen. Da Mi Ellen ihre Elefanten zum Baudienste
hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu
unschtzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht
stren mochte, sagte sie dies dem Inder und erklrte, auf die Erfllung
ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu
wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren knne.
Der Inder ging; aber die Idee, da seine geliebte Herrin sich etwas
versagen sollte, was ihr -- das hatte er sofort bemerkt -- groes
Vergngen bereitet htte, rttelte ihn aus seiner gewohnten
fatalistischen Indolenz auf; er grbelte ber die Sache zwei Tage lang
und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversumnis der vier
Elefanten dadurch gut zu machen, da er und die anderen Kornaks nebst
dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit
dressieren wollten. Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht
dressieren, gleich den indischen, wandte Mi Ellen ein. Der Inder
erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren smtlich
der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie mchten das Rsseltier
sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekmen, wenn es erst
einmal in ihrer Gewalt wre. Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr
das frher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mutet, wie gut man hier
Elefanten gebrauchen kann? forschte die Amerikanerin weiter, erhielt
jedoch darauf blo ein lakonisches Weil Du uns nicht gefragt hast zur
Antwort.

Mi Ellen wute sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von
Edenthal mit Herden gezhmter Elefanten zu versehen -- denn wenn sich
diese Tiere berhaupt zhmen lieen, dann konnte man hier ebensogut
Tausende als Einen zur Stelle schaffen -- lie sie nicht zur Ruhe
kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte
gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzhmbar, und wir alle,
die sie diesfalls befragte, muten ihr besttigen, da es nirgends in
Afrika gezhmte Elefanten gebe. Sie wurde ber dieses Problem nachgerade
beinahe trbsinnig; sichtlich gelstete es sie, es auf einen Versuch
ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der
zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu knnen, und erstere in der
Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden,
das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr -- als die Elefanten
_ihr_ Eigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdnken ber
dieselben verfgen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele
Fanze, von einem lngeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurck und
stellte sich, als ihn Mi Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die
Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, da es thatschlich keine zahmen
afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies msse blo
daran liegen, da die Afrikaner verlernt htten, dies edle Tier dem
Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewi nicht,
was schon daraus hervorgehe, da zur Rmerzeit dressierte Elefanten in
Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder
nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstnden, werde ihnen dieselbe
hier so gut gelingen wie in Indien.

Und so geschah's. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der
nahen Wlder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde
wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so,
wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden
fhrerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs
mit einigem Befremden empfangen, schlielich aber in aller Freundschaft
aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere
zunchst mit dem Fhrer der Herde, dem strksten und schnsten Bullen,
zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten
aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Fe an einen
starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stieen sie ihren
Angstruf -- einen scharfen Trompetenton -- aus, als ob sie irgendeine
Gefahr bemerkt htten und strmten davon, auf welches Signal hin die
Inder unter Geschrei und Flintenschssen hervorstrzten, was die ganze
Herde veranlate, den Zahmen in grter Eile nachzufolgen. Der arme
Gefesselte konnte natrlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an
dem Stricke zerrte, und die Inder lieen ihn trampeln und trompeten,
ohne sich vorlufig um ihn zu kmmern. Ihre nchste Sorge war, die Spur
der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an
diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das
vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde
gefesselt und dann unter groem Spektakel verlassen. Noch drei weitere
Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die
Herde argwhnisch geworden zu sein, denn die bersselten Verrter
kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurck.

Nunmehr erst wurde jedem der fnf Gefesselten -- unter ihnen ein
Weibchen mit einem etwa einjhrigen Jungen in der Gre eines mittleren
Kalbes -- ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne
weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen
die Vorderfe eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne da die
Betrogenen wtenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in hchst
brutaler Weise durch Rsselschlge und Zahnste bewltigt. Hierauf
machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer
alles fr Elefantengaumen Geniebare -- also Gras, Bsche und Baumzweige
zu entfernen; wo dazu die Rssel nicht ausreichten, drngten sie die
Gefesselten auf die Seite und ermglichten es den Treibern, mit Axt und
Beil das Werk zu vollenden.

Als der Abend anbrach, waren alle fnf Gefangenen geknebelt und jeder
Mglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr muten sie
aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Lwen oder Leoparden die
Gelegenheit wahrnhmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen
Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brdern der
Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nchtlichen Toben
Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prgel
und Ste vollbracht ward und berlieen sie dann abermals ihrem
Schicksale.

Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und
Durst und bekamen, so oft ihre verrterischen Brder nach ihnen sahen,
jmmerliche Schlge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut,
da sie gar nicht mehr tobten, sondern klglich brllten, als sich ihre
Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rsseln und Zhnen ber
sie herfielen. Da erschien nun den Mihandelten ein rettender Engel --
in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunchst unter drohenden
Geberden und einigen schallenden Schlgen die Schergen von ihrem Opfer
und hielt diesem dann ein Gef Wasser hin. Stutzte darauf der wilde
Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu berblicken, so war die
Tragikomdie aus, das Tier gebndigt. Denn es acceptierte in diesem
Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige
Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollstndig getrnkt und gefttert
und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung
heimgefhrt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst
recht rabiat -- was allerdings bei dreien von den Fnfen der Fall war --
so mute mit der Prgel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis
der Elefant zu begreifen begann, Erlsung aus seiner Lage knne hier nur
das schreckliche zweibeinige Geschpf spenden.

Schlielich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die
einzige Gefahr dieser Jagd bestand blo darin, da der Jger sich auf
die Sicherheit seines Urteils ber den Charakter des Gefesselten
verlassen mute in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte.
Zwar standen die zahmen Elefanten hlfsbereit und aufmerksam dabei; da
jedoch ein einziger Rsselhieb des gereizten Tieres gengen kann, einen
Menschen zu tten, so gehrt immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu
der Sache. Die Inder versicherten brigens, da ein halbwegs an den
Umgang mit Elefanten Gewhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlssig
auf dessen Absichten schlieen knne; man brauche daher blo die
Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen vllig nahe zu treten, bevor man
in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei
berhaupt nichts zu frchten.

Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fnf Gefangenen
zurck, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber
doch schon insoweit zahm waren, da sie sich ruhig einsperren,
fttern, trnken und unterrichten lieen. Nach Verlauf fernerer zwei
Wochen waren sie der Hauptsache nach fertig, d. h. brauchbar zu
allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die
Seite gegeben wurde. Mi Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie
besa ein herziges Elefantenbaby, das zwar fr ein Schotierchen etwas
zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben
mag und sich rasch zum erklrten Liebling von ganz Edenthal aufschwang;
und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschpfliche Quelle
sehr schtzbarer Arbeitskraft erffnet, auf welche ohne sie niemand
geraten wre. Denn htte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt,
die Expedition mitzumachen, so wren wohl schwerlich so rasch indische
Elefanten und Elefantenfhrer an den Kenia gekommen, und ohne diese
wren die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjgern
ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zhmung auch nur jemand gedacht
htte.

Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rstig fort, so da binnen
kurzem der Elefant das hauptschlichste _Tragtier_ am Kenia wurde und
berall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze
Entfernungen oder auf Gebieten, die fr Wagen unpassierbar waren,
bewltigt werden sollten.

Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns
aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zhmung anderer Tiere nicht blo
zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen.
Zunchst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar
die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Fllen erwiesen sich -- wenn
sehr jung eingefangen -- als leidlich gelehrig und nicht sonderlich
scheu und in den zweiten Generationen unterschieden sich spter unsere
zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren.
Strau und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den
grten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zhmung des
afrikanischen Bffels. Es ist das das bsartigste, unbndigste und
gefhrlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so
vollstndig gezhmt, da es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als
Zugtier vollstndig verdrngte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen
waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Khe konnte
man wenigstens so weit bringen, da sie dem Wrter aus der Hand fraen,
und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Bffel anlangt, so zeigten
diese genau den nmlichen Charakter wie das gewhnliche Rind. Die Bullen
blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverllich, die
Khe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig
wie nur irgend ein Wiederkuer. Als Milchkhe wurden sie bei uns niemals
geschtzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als
Zugtiere aber waren unsere Bffelochsen unvergleichlich. Es gibt fr
diese riesigen Tiere -- sie berragen das grte Hausrind um reichlich 
Fu, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fu und ihre Hrner lassen sich
an der Wurzel mit zwei Hnden nicht umspannen -- keine zu schweren
Lasten; wo vier gewhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Bffel ihren
gleichmigen Schritt weiter, als wren sie ledig. Dabei vertragen sie
Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre lngst gezhmten
Verwandten -- kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen
noch nicht berall zu finden sind, als geradezu unschtzbar.

Das dritte Ereignis -- doch dieses geht eigentlich direkt nur mich
persnlich an und gehrt blo insofern in den Rahmen dieser Erzhlung,
als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zustnden in Edenthal
zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunchst erzhle,
wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brder in der neuen
Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten.




                              7. Kapitel.


Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmchtigten der
Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel
zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im
gemeingebruchlichen Sinne des Wortes: ich htte befehlen knnen und es
wre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht blo meinen
eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses
gem, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer
Versammlung frei ber sich selber verfgender Mnner benahm. Wo immer
mglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fgte mich
der Meinung der Mehrheit und traf selbstndige Verfgungen blo in
dringenden Fllen oder wenn es sich um Zuweisung von Auftrgen an
Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen
Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverstndnisse mit allen
betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von
ihren speziellen Genossen selber gewhlt, und wenn dabei auch in allen
wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten
und Vorschlge zur Ausfhrung gelangten, (so da -- wenn im Bisherigen
zumeist der Krze halber gesagt wurde: ich ordnete an, ich designierte
-- damit dem Wesen nach die Wahrheit erzhlt wurde) so geschah dies doch
nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen
Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig
unterordneten. Dabei wuten wir alle, da dies keine auf Dauer
berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen fr sich,
alles was wir erzeugten, gehrte nicht dem Erzeuger, auch nicht der
Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen
Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die freie
Gesellschaft, die wir grnden wollten, war noch nicht gegrndet, sie
befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenber nichts
anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewhnlichen
Lohnarbeitern blo dadurch unterschieden, da ihnen selber berlassen
war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als
Unternehmergewinn fr die Auftraggeberin zurcklegen mochten. Htte
mich bser Wille einzelner Genossen dazu gentigt, so war ich nicht blo
im Rechte, sondern auch entschlossen, den Bevollmchtigten
hervorzukehren; da ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei,
das Behagen, das uns alle erfllte, zu steigern und war auch insofern
von groem Werte, als dadurch der bergang zu den spteren endgltigen
Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ndert aber nichts an
dem Sachverhalt, da unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich
noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.

Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen fr jedermann -- ob
Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weier oder Neger -- die
gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags;
nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am
Sonntag ruhte ebenso gleichmig alle Arbeit.

Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im
Edensee -- es waren zu diesem Behufe mehrere Badehtten errichtet -- ein
Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa
notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in
solchen Knsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher
diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir
Kleidungsstcke zum Wechseln besaen, so wurden des Morgens immer die
whrend des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafr die gestern
gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages fr den morgigen Gebrauch in
Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frhstck, gleich allen
Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von
Suahelis -- um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse franzsischer
Kochkunst sich meine Schwester groe Verdienste erworben hatte. Dieses
erste Frhstck bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee,
Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend
einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Kse, Honig, Eier, kalter
Braten nebst Brot oder anderem Gebck. Nach diesem ersten Frhstck
wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frhstck kam,
bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise -- Omelette,
Fisch oder Braten mit Brot, etwas Kse und Frchten, dazu als Getrnk
entweder das kstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr
erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu
bereiten verstehen. Nach diesem Frhstck, welches in der Regel 15 bis
20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf
die groe Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heieren
Monaten, von den Meisten zunchst zu einem zweiten Bade im See benutzt,
welchem irgendeine husliche Zerstreuung, Lektre, Konversation oder
Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel gro; whrend der
heien Monate stieg das Thermometer hufig auf 35 Grad Celsius im
Schatten. Zwar verhteten khle Brisen, die bei schnem Wetter
regelmig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia
her wehten und zwar desto strker, je heier der Tag sich anlie, da
der Aufenthalt im Freien jemals unertrglich wurde; aber am angenehmsten
und zutrglichsten war whrend der Mittagsstunden jedenfalls das
Verweilen in gedeckten Rumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit
gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit
Gemsen, sem Backwerk und Frchten der mannigfachsten Art, dazu
abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten
angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes
Stndchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektre,
Spiel, worauf, nachdem die rgste Hitze vorber war, die zweistndige
Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser lieen Einzelne ein drittes
kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frhstck
hnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu greren
Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, da hinsichtlich aller
Mahlzeiten, wie berhaupt aller Genumittel als Regel galt, da
Jedermann whlen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezglich der
geistigen Getrnke hielten wir es anders -- aus leicht begreiflichen
Grnden. Spterhin, wenn Jedermann auf eigenen Fen stand, mochte er es
auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von
Gesellschaftswegen verpflegt wurden, muten wir schon mit Rcksicht auf
unsere Neger Beschrnkung ben.

Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tchtige
Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zhlendes Orchester von Blas- und
Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es
das Wetter erlaubte, hren lieen. Zwei oder drei Stunden nach
Sonnenuntergang pflegte es khl zu werden; in wenigen Nchten behauptete
sich das Thermometer ber 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad
Celsius, so da die Nachtruhe stets erquickend war.

An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der
Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflge in die benachbarten
Wlder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vortrge.

Die von uns bewohnten Blockhuser waren eigentlich dazu bestimmt, je
einer Familie als zuknftiges, wenn auch blo provisorisches Heim zu
dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeter umfassenden
Grtchens und deckte mit seinen 6 Rumen: Vorzimmer, Kche und 4 Stuben,
selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Huschen nun wurde
einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit
Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten
und diese bewogen hatten, ihre Grashtten gleichfalls in Edenthal
aufzuschlagen, war selbstverstndlich auch ein besonderes Huschen
eingerumt.

Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht.
Whrend der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt
von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten
Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch
ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen,
sah sich aber durch die Rcksicht auf einen zweiten Schtzling, der
inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox
nmlich, in der Ausfhrung ihrer Vorstze gehindert. Sie konnte doch
unmglich dies junge Mdchen inmitten so vieler Mnner allein lassen;
ebenso wenig aber konnte sie uns beide -- obwohl wir in ihren Augen die
reinen Kinder waren -- Thr an Thr im selben Huschen unterbringen. Was
htten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte
ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne da ich es
bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und
unbefangenem Geplauder eigentmlich gemengte Konversation der jungen
Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle
Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das gengte Schwester
Klara nicht und sie geriet schlielich auf den Gedanken, uns zu
verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen Narrheit -- unserer
sozialen Ideen nmlich -- paten wir ganz gut zu einander, und wenn auch
-- ihrer Meinung nach -- auer Zweifel stand, da in dieser Ehe
gesunder, hausbackener Menschenverstand gnzlich fehlen wrde, so war ja
_sie_ dazu da, fr die beiden Kindskpfe zu sorgen und zu handeln.

Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefat, legte sie sich als
vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, da in diesem
Punkte weder bei mir, noch bei Mi Ellen auf unbedingten Gehorsam zu
rechnen wre, zunchst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn
ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe hchst mangelhaften eigenen
Erfahrungen, ausgerstet blo mit dem keinem Weibe fehlenden
instinktiven Feingefhle, die berraschende Entdeckung -- da wir beiden
bereits bis ber die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie
ber diese Wahrnehmung so erstaunt, da sie ihren Augen keinen Glauben
schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als da eine Tuschung
mglich gewesen wre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im
entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Mi Fox so genau kannte,
wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen
Zusammenleben mit der offenherzigen und freimtigen Amerikanerin
selbstverstndlich war, der konnte sich nicht darber tuschen, was es
zu bedeuten habe, wenn ein Mdchen, das bisher nur seinen Idealen:
Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen
und das keinem Manne gegenber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige
fr die Ideen, denen er diente -- wenn dieses selbe Mdchen in Aufregung
geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hrte, und im
vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit
unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzgen dessen sprach, der hier
in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine
Gefhle anlangt, so wute Schwester Klara allzu genau, da mir am Weibe
bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig
Interessante gewesen, als da es ihr nicht wie Schuppen von den Augen
htte fallen sollen, als ich sie krzlich, nachdem ich Mi Fox, die eben
abseits mit etwas beschftigt war, lange und andchtig betrachtet hatte,
mit den Worten apostrophierte: Ist nicht jede Bewegung dieses Mdchens
Musik?

Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklrte, da wir uns
heiraten mten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Mi Ellen
wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenbla,
erklrte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten.
Wrden diese bermtigen Mnner, die uns Frauen allen Sinn fr das
Ideale, jede Fhigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als
Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend
behaupten, da meine vorgebliche Begeisterung fr unser soziales
Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft fr einen Mann, da
ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis
an den quator gelaufen? Nein, -- ich liebe Deinen Bruder nicht -- ich
werde berhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten! Dieser
heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thrnen, die jedoch --
als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte -- fr Zeugen
der Emprung ob des krnkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel
anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Mi
Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklrte die mir vorgehaltenen
Symptome meiner Leidenschaft als bloe Zeichen psychologischen
Interesses an einem weiblichen Geschpfe, welches echter Begeisterung
fr abstrakte Ideen fhig sei.

Doch eine mtterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefat, ihren
Bruder -- und noch dazu an ihre Freundin -- zu verheiraten, ist nicht so
leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute
und mannigfache Grnde hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf
geradem Wege nicht ging, whlte sie einen krummen -- keinen neuen, aber
einen oft bewhrten: sie machte uns beide eiferschtig. Jedem von uns
erzhlte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem dummen Plane, da
der andere Teil nicht mehr frei wre. Da sie mir gegenber schlauerweise
hinzufgte, sie habe ihr Projekt blo ersonnen, um zugleich mit der
jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebhrenden
Mutterpflichten mir gegenber neuerlich bernehmen zu knnen, so glaubte
ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, da
Ellen einen Verlobten in Amerika zurckgelassen, welcher demnchst schon
hier eintreffen werde. Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse
erst herausgerckt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee
zusetzte. Es ist nur ein Glck, da Du mein Junge Dir nichts aus der
kleinen Duckmuserin machst; das wre jetzt eine schne Bescherung, wenn
Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt httest.

Ich erklrte mich mit dieser Wendung der Dinge hchlich zufrieden, hatte
aber das Gefhl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet wrde.
Deutlich und klar stand jetzt pltzlich meine Liebe vor meinem inneren
Auge, eine glhende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden
kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfrulich geblieben. Ich konnte
hinfort -- das ward mir zu unumstlicher Gewiheit -- noch leben und
kmpfen -- mich des Lebens und des Erkmpften freuen, nimmermehr! Aber
war es denn auch gewi und unabwendbar? Gab es denn keine Mglichkeit,
diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen
Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt
pltzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu
rauben, gab es keine Mglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch
ist es berhaupt denkbar, da Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit
Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben wrde? Hin zu ihr,
mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis!

Damit strmte ich hinber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine
Schwester ein hnlich Mrchen auch Ellen erzhlt. Sie habe sich nun
einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher
in der Hoffnung, da meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen
wrde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wre, als auch ich mich
weigerte, dringender geworden, und da htte ich ihr endlich gestanden,
mich hinter ihrem Rcken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit
dem nchsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara
gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzhlung unterbrach.

Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre
Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfllten Fragen nach
dem amerikanischen Brutigam gaben ihr die Sprache wieder. Zugleich aber
hatte sie auch den Schlssel der Situation gefunden: da ich sie liebe,
da meine Schwester uns beide getuscht. Was weiter folgte, lt sich
leicht erraten. So kam es, da Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in
Edenthal anlangte -- und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich
vorher noch erzhlen wollte.

Ob das Entzcken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male
ans Herz drckte, das grere gewesen oder jenes, mit welchem ich den
Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einfhrte in jenes
irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen -- das wage ich
nicht zu entscheiden.

Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit
unserer neuen Heimat und des krftig pulsierenden frhlichen Lebens, das
sie bereits erfllte, Thrnen der Freude, in diesen aber die sichere
Brgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfate
mich zwar nicht jene berschwngliche, fr die Brust, die ihr zum ersten
Male sich ffnet, schier unertrgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als
die Geliebte mir in Kssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber
wenn einst mein Haar wei und mein Nacken gebeugt sein wird, drfte wohl
die Erinnerung an jene brutlichen Ksse mein Blut nicht mehr so
siedendhei durch die Adern jagen, wie heute, whrend der Gedanke an die
Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch
reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur
Erlsung unserer leidenden, enterbten Mitbrder aus den Martern
vieltausendjhriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine
beseligende Kraft einben wird, so lange ich unter den Lebenden wandle
und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist.

Lange, lange stand der Meister auf den Hhen vor Edenthal, jede
Einzelheit des entzckenden Bildes andchtig in sich aufnehmend; dann zu
uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem
Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere
Heimat werden solle, schon den Namen gegeben htten. Als ich dies
verneinte, mit dem Beifgen, da ihm, der dem Gedanken Worte lieh,
welcher uns hierher gefhrt, auch das Amt gebhre, das Wort fr das Land
zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da
rief er: Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtssttte finden:
_Freiland_ wollen wir es nennen!




                             Zweites Buch.




                              8. Kapitel.


Wir nehmen nunmehr den Faden der Erzhlung dort auf, wo ihn das Tagebuch
Ney's verlassen.

Zugleich mit dem Vorsitzenden waren 3 Mitglieder des dirigierenden
Ausschusses in Edenthal eingetroffen; 5 andere folgten binnen wenigen
Tagen mit der ersten Wagenkarawane aus Mombas nach, so da deren -- Ney,
Johnston, und den auf dieser Beiden Vorschlag kooptierten Demestre
eingerechnet, in Freiland 12 anwesend waren. Da es im ganzen derzeit 15
Ausschumitglieder gab, so waren ihrer noch drei zurckgeblieben und
zwar je eins in London, Triest und Mombas, wo sie bis auf Weiteres als
Bevollmchtigte des Ausschusses den abendlndischen Geschften der
Gesellschaft vorstehen sollten. Ihr Amt war die Aufnahme neuer
Mitglieder, die Einkassierung und provisorische Verwaltung der
einflieenden Gelder und die berwachung der Auswanderungen nach
Edenthal.

Ihre Instruktion bezglich der Aufnahme neuer Mitglieder ging vorerst
dahin, jeden sich darum Bewerbenden aufzunehmen, sofern er kein
rckflliger Verbrecher und des Lesens und Schreibens kundig wre.
Erstere Einschrnkung bedarf wohl keiner eingehenden Motivierung. Wir
hatten allerdings unbedingtes Vertrauen in die veredelnden, weil das
treibende Motiv der meisten Laster beseitigenden Folgewirkungen unserer
socialen Reformen; wir waren vollkommen beruhigt darber, da Freiland
keine Verbrecher erzeugen und selbst durch Elend und Unwissenheit da
drauen zu Verbrechern Gewordene, wenn nur irgend mglich, dem Laster
entreien werde; fr den Anfang aber wollten wir es vermeiden, von
schlimmen Elementen berschwemmt zu werden, und angesichts des
verzeihlichen Bestrebens einzelner Staaten, sich ihrer rckflligen
Verbrecher in irgend welcher Weise zu entledigen, muten wir von
Anbeginn vorbauen.

Hrter mag erscheinen, da wir der Einwanderung von gnzlich Unwissenden
eine Schranke zogen. Doch gerade das war ein notwendiges
Erfordernis unseres Programms. Wir wollten das absolute, freie
Selbstbestimmungsrecht des Individuums auch auf dem Gebiete der
Arbeit an die Stelle des Jahrtausende hindurch geltenden
Knechtschaftsverhltnisses setzen; wir wollten den unter der
Botmigkeit der Brotherren stehenden Arbeiter zum selbstndigen in
freier Vereinbarung mit freien Genossen auf eigene Gefahr thtigen
Produzenten umgestalten -- es ist daher selbstverstndlich, da wir zu
diesem unserem Werke blos solche Arbeiter gebrauchen konnten, die zum
mindesten ber die unterste Stufe der Brutalitt und Unwissenheit hinaus
waren. Da wir damit gerade die Elendesten der Elenden zurckstieen,
ist wahr; aber abgesehen davon, da dem Unwissenden zumeist das klare
Bewutsein seines Unglcks und seiner Entwrdigung fehlt, seine Leiden
daher in der Regel blos physischer und nicht auch moralischer Natur
sind, wie die des mit Intelligenz gepaarten Elends, abgesehen davon
durften wir uns auch durch weichliches Mitleid nicht dazu verleiten
lassen, den Erfolg unseres Werkes zu gefhrden. Der Unwissende mu
beherrscht werden und da wir unsere Mitglieder nicht erst allmhlich zu
freien Produzenten erziehen, sondern unmittelbar in die freie Produktion
einfhren wollten, so _muten_ wir uns, wie gegen das Verbrechen, auch
gegen die Unwissenheit schtzen.

Sollte hinwieder geltend gemacht werden, da Kenntnis des Lesens und
Schreibens allein denn doch kein gengendes Kennzeichen jenes Ausmaes
von Bildung und Intelligenz sei, welches bei Menschen, die ihre Arbeit
selber regieren sollen, vorausgesetzt werden msse; so ist darauf zu
erwidern, da zu diesem Behufe allerdings ein sehr hoher Grad der
Intelligenz erforderlich ist, aber nicht bei allen, sondern blo bei
verhltnismig nicht sehr zahlreichen der solcherart sich selber
organisierenden Arbeiter, whrend bei der Majoritt jenes Mittelma von
Geisteskrften und Geistesausbildung durchaus gengt, dessen es zu
richtiger Erkenntnis des eigenen Interesses bedarf. Wenn hundert oder
tausend Arbeiter sich zusammenthun, um fr gemeinsame Rechnung und
Gefahr zu arbeiten, so kann und mu nicht jeder derselben die
Fhigkeiten zur Organisation und Leitung dieser gemeinsamen Produktion
besitzen; dieses hhere Ausma von Intelligenz wird blo bei einigen
Wenigen unerllich sein, whrend es fr die Majoritt gengt, da sie
richtig beurteilen knne, was mit der gemeinsam zu betreibenden
Produktion erzielt werden soll und kann und welche Eigenschaften
Diejenigen besitzen mssen, in deren Hnde die Wahrung dieses
gemeinsamen Interesses gelegt wird. Gerade in diesem Punkte aber ist die
Kenntnis der Schrift von ausschlaggebender Bedeutung, denn das gedruckte
Wort allein ist es, welches den Menschen und sein Urteil unabhngig
macht von den zuflligen Einflssen der unmittelbaren Umgebung, seinen
Verstand der Belehrung erst ffnet. Es wird sich spter zeigen, in wie
hohem Mae die ausgedehnteste, lediglich durch Schrift und Druck zu
vermittelnde ffentlichkeit aller Vorgnge auf dem Gebiete jeglicher
produktiven Thtigkeit zum Gelingen unseres Werkes beitrug.

Es versteht sich von selbst, da diese beiden Bedingungen fr
aufzunehmende Mitglieder auch bisher schon vom Ausschusse gefordert
wurden, und zwar das zweitgenannte ursprnglich in ziemlich strenger
Form. Da sich jedoch gezeigt hatte, da das geistige Niveau der meisten
Bewerber ein berraschend hohes war, indem der Hauptsache nach von den
krperlich arbeitenden Klassen sich blos die Elite in ausgedehnterem
Mae fr unser Unternehmen interessierte, und da nunmehr, wo die Zahl
der Mitglieder 20000 berschritten hatte, die mitunterlaufende
Unwissenheit nicht mehr so gefhrlich sein konnte, so begngte sich der
Ausschu mit der Forderung, da die Anmeldungen eigenhndig und
schriftlich geschehen mten.

Die Zahl der sich meldenden Mitglieder -- es ist zu bemerken, da Frauen
und Kinder stets mitgerechnet sind -- war in stetigem Wachstume
begriffen, insbesondere seit Verffentlichung der ersten Berichte ber
die am Kenia angelegte Kolonie. Als der Ausschu sich unter
Hinterlassung seiner Delegierten in Triest einschiffte, hatte der
Mitgliederzuwachs 1200 in der Woche erreicht; drei Monate spter war er
auf 1800 wchentlich gestiegen. Die Aufgabe der europischen
Bevollmchtigten war es nun, die neuen Mitglieder -- gleichwie dies
vorher schon mit den alten geschehen -- sorgfltig nach Geschlecht,
Alter und Beruf zu registrieren und mit jeder Schiffsgelegenheit die
entsprechenden Listen nach Freiland zu expedieren; sie hatten den --
nach wie vor unentgeltlich erfolgenden -- Transport bis Mombas zu
organisieren und zu berwachen und waren mit Vollmacht versehen, alle zu
diesem Behufe erforderlichen Ausgaben, im Bedarfsfalle auch den Ankauf
neuer Schiffe, gegen nachtrgliche Verrechnung und Genehmigung zu
bestreiten. Sache der Bevollmchtigten war es ferner, den sich zur Reise
rstenden Mitgliedern mit Rat und That an die Hand zu gehen; auch hatten
sie Vollmacht, hilfsbedrftigen Genossen materiell beizuspringen. Die
Mitgliederbeitrge zeigten hnlich wachsende Tendenz, wie die
Mitgliederzahl; es wuchs eben offenbar das Interesse und Verstndnis fr
unser Unternehmen nicht blos in den arbeitenden, sondern auch in den
besitzenden Klassen; der Wochenzuflu steigerte sich in der Zeit von
Ende September bis Ende Dezember von rund 20,000  auf 30,000 . ber
diese Gelder war, nach Bestreitung der den Delegirten eingerumten
Kredite, dem Ausschusse die Verfgung vorbehalten, dessen Vollzugsorgan
brigens auch in diesem Punkte bei allen in der alten Welt zu
bestreitenden Auslagen die zurckgelassenen Delegierten waren.

Am 20. Oktober hielt der Ausschu seine erste Sitzung in Edenthal, um
ber die geeignetesten Vollzugsmaregeln zur Konstituierung jener freien
Vergesellschaftungen schlssig zu werden, deren Sache von da ab die
Produktion in Freiland sein sollte. Die Ausschusitzungen waren von
jeher ffentlich gewesen, d. h. jedes Mitglied der Gesellschaft hatte
Zutritt zu denselben und so sollte es auch fernerhin bleiben; eine blo
provisorisch eingefhrte Neuerung dagegen war es, da die Zuhrerschaft
auch eingeladen wurde, an den Verhandlungen -- allerdings nur mit
beratender Stimme, teilzunehmen. Diese Maregel hat die Bestimmung, in
der Zwischenzeit, bis die Presse ihre informierende und kontrollierende
Wirksamkeit beginnen konnte, deren Rolle zu bernehmen.

Die Grundlage des zur Durchfhrung gelangenden Organisationsplanes war
schrankenlose ffentlichkeit in Verbindung mit ebenso schrankenloser
Freiheit der Bewegung. Jedermann in ganz Freiland mute jederzeit
wissen, nach welcherlei Produkten jeweilig der grere oder geringere
Bedarf und in welchen Produktionszweigen jeweilig der grere oder
geringere Ertrag vorhanden sei. Ebenso aber mute Jedermann in Freiland
jederzeit das Recht und die Macht haben, sich -- soweit seine
Fhigkeiten und Fertigkeiten reichen -- den jeweilig rentabelsten
Produktionszweigen zuzuwenden.

Die zu treffenden Manahmen hatten also zunchst diese zwei Punkte ins
Auge zu fassen. Eine sorgfltige Statistik hatte in bersichtlicher, und
was die Hauptsache ist, in denkbar raschester Weise jede Bewegung der
Produktion auf der einen, des Consums auf der anderen Seite zu
registrieren; ebenso galt es, die Preisbewegung aller Produkte zur
allgemeinen Kenntnis zu bringen. Angesichts der entscheidenden
Wichtigkeit dieser Verffentlichungen mute Vorsorge getroffen werden,
da Tuschungen oder unbeabsichtigte Irrungen bei denselben von
vornherein ausgeschlossen seien -- ein Problem, welches wie im
Nachfolgenden gezeigt werden wird, in vollkommenster und doch
einfachster Weise gelst wurde.

Und damit nun die solcherart erlangte Kenntnis auch von Jedermann
praktisch zum eigenen Vorteile ausgenutzt werden knne, was nur mglich
ist, wenn Jedermann in die Lage versetzt wird, sich jenem seinen
Fhigkeiten entsprechenden Arbeitszweige zuzuwenden, der jeweilig die
hchste Rente bietet, mute dafr gesorgt werden, da Jedermann
jederzeit in den Besitz der hierzu erforderlichen Produktionsmittel
gelangen knne. Dieser Produktionsmittel giebt es zweierlei: Naturkrfte
und Kapitalien. Ohne diese Beiden ntzt die genaueste Kenntnis jener
Arbeitszweige, nach deren Erzeugnissen gerade der dringendste Bedarf
vorhanden ist und die deshalb die hchsten Ertrge liefern, eben so
wenig, als die vollendetste Geschicklichkeit in diesen Produktionen. Der
Mensch kann seine Arbeitskraft nur verwerten, wenn er ber die von der
Natur gebotenen Stoffe und Krfte, wie nicht minder ber entsprechende
Instrumente und Maschinen verfgt; und zwar mu er, um mit seinen
Mitbewerbern konkurrieren zu knnen, Beides in gleich guter und
vollkommener Beschaffenheit besitzen, wie diese. Man mu nicht blo
Boden zur Verfgung haben, um Weizen zu bauen, sondern auch gleich
ergiebigen Weizenboden wie die anderen Weizenbauer, sonst wird man mit
geringerem Nutzen, ja mglicherweise sogar mit Schaden arbeiten; und der
Besitz des ergiebigsten Bodens wird die Arbeit noch nicht ermglichen,
oder doch nicht gleich ertragreich machen, wenn man die erforderlichen
landwirtschaftlichen Gerte nicht, oder doch nicht in jener
Vollkommenheit besitzt, wie die Konkurrenten.

Was nun die Kapitalien anlangt, so machte sich die freie Gesellschaft
anheischig, sie Jedermann nach Wunsch zur Verfgung zu stellen, und zwar
zinslos, gegen Rckzahlung in gewissen Fristen, deren Ausma je nach der
Natur der beabsichtigten Anlagen in der Weise festgestellt wurde, da
die Abtragung aus den Produktionsergebnissen stattfand. Da die
Arbeitsinstrumente und sonstigen kapitalistischen Arbeitsbehelfe in
beliebigem Umfange und in beliebiger Qualitt hergestellt werden knnen,
so wre damit der eine Teil des Problems gelst gewesen.

Anders verhlt sich die Sache mit den Naturkrften, als deren
Reprsentanten wir den Boden, an den sie doch gebunden sind, gelten
lassen wollen. Den Boden hat Niemand erzeugt, es hat also Niemand
Eigentumsanspruch auf ihn und Jedermann hat das Recht, ihn zu benutzen;
aber den Boden hat nicht blo Niemand erzeugt, es kann ihn auch
fernerhin Niemand erzeugen; Boden ist daher blo in beschrnkter Menge
vorhanden und auerdem ist auch der vorhandene Boden nicht von gleicher
Gte. Wie soll es nun trotzdem mglich sein, nicht blo Jedermanns
Anspruch auf Boden, sondern sogar auf gleich ertragreichen Boden zur
Geltung zu bringen?

Um dies zu erklren, mu zunchst noch die dritte und in Wahrheit
fundamentalste Voraussetzung der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
dargelegt werden. Wenn in deren Sinne jedem Arbeitenden der
ungeschmlerte Ertrag der eigenen Arbeit zugesprochen wird, so ist dies
nur insofern und unter der Voraussetzung wirklich gerecht, da
angenommen wird, der Arbeitende sei selber und ausschlielich der
Erzeuger dieses ganzen Ertrages. Das war er aber nach der alten
Wirtschaftsordnung mit nichten. Der Arbeitende erzeugte als solcher nur
einen Teil des Produkts, whrend ein anderer Teil vom Arbeitgeber --
derselbe sei nun Grundbesitzer, Kapitalist oder Unternehmer --
hervorgebracht wurde. Ohne den organisatorischen, disciplinierenden
Einflu dieses Letzteren wre die Mhe der Arbeitenden unfruchtbar, oder
doch weit minder fruchtbar gewesen; der Arbeiter lieferte bisher stets
nur die zusammenhanglose Kraft, whrend der ordnende Geist Sache des
Arbeitgebers war.

Damit soll nicht gesagt sein, da die grere geistige Kraft bisher
ausnahmslos oder notwendiger Weise auf Seite des Letzteren sich
befunden; auch die Techniker und Direktoren, die den groen
Produktionsanstalten vorstehen, gehren dem Wesen nach zu den
Lohnarbeitern und ganz im allgemeinen kann ohne weiteres zugegeben
werden, da die hhere Intelligenz in zahlreichen Fllen nicht bei den
Arbeitgebern, sondern bei den Arbeitern sich gefunden haben mag.
Trotzdem ist es der Arbeitgeber, dessen Verdienst berall dort, wo es
galt, mehrere Arbeitende zu gemeinsamem Werke zu vereinigen und zu
disciplinieren, diese Vereinigung und Disciplinierung gewesen. Fr sich
zu produzieren, vermochten die Arbeitenden bisher stets nur vereinzelt;
sowie ihrer Mehrere unter einen Hut gebracht werden sollten, war ein
Herr notwendig, ein Herr, der mit der Peitsche -- dieselbe mag nun aus
Riemen, oder aus den Paragraphen einer Fabrikordnung geflochten sein --
die Widerstrebenden beisammenhlt und _dafr_ -- nicht fr seine hhere
Intelligenz, den Ertrag der Arbeit einstreicht, den Arbeitenden, sie
mgen nun dem Proletariate oder der sogenannten Intelligenz angehren,
nur so viel einrumend, als zu ihrem Unterhalte erforderlich ist. Noch
niemals bisher haben die Arbeitenden den Versuch gewagt, ohne Herrn, als
freie eigenberechtigte Mnner und nicht als Knechte -- dabei aber mit
vereinten Krften zu produzieren. Die Bentzung jener gewaltigen, den
Ertrag der menschlichen Thtigkeit so unendlich vervielfltigenden
Instrumente und Einrichtungen, die Wissenschaft und Erfindungsgeist der
Menschheit an die Hand gegeben, setzt vereintes Wirken Vieler voraus,
und dieses hat sich bisher nur Hand in Hand mit der Knechtschaft
bewerkstelligen lassen. Man spreche nicht von den Produktivassociationen
eines Schulze-Delitzsch und Anderer; sie haben am Wesen der Knechtschaft
nichts gendert, blo der Name der Herren ist ein anderer geworden. Auch
in diesen Associationen gibt es nach wie vor Arbeitgeber und Arbeiter;
Ersteren gehrt der Ertrag, Letztere erhalten Stall und gefllte
Futterraufe gleich den zweibeinigen Arbeitstieren des Einzelunternehmers
oder der gewhnlichen Aktiengesellschaft, deren Aktionre zufllig keine
Arbeiter sind. Damit die Arbeit frei und eigenberechtigt werde, mssen
sich die Arbeitenden als solche, nicht aber als kleine Kapitalisten
zusammenthun; sie drfen keinen wie immer genannten oder gearteten
Arbeitgeber ber sich setzen, also auch keinen solchen, der aus einer
Genossenschaft von Ihresgleichen besteht; sie mssen sich als Arbeitende
und nur als solche organisieren, dann erst haben sie auch als solche
Anspruch auf den vollen Arbeitsertrag. Und diese Organisation der Arbeit
ohne jeglichen Rckstand des altererbten Herrschaftsverhltnisses irgend
eines Arbeitgebers ist das Grundproblem der socialen Befreiung; ist
dieses glcklich gelst, so folgt alles Andere ganz von selbst.

Diese Organisation aber war mit nichten so schwierig, als auf den ersten
Blick scheinen mag. Der Ausschu ging von dem Grundsatze aus, da die
richtigen Organisationsformen freier Arbeit sich am besten durch das
freie Zusammenwirken smtlicher an dieser Organisation Beteiligten werde
finden lassen. Besondere Schwierigkeiten vermochte er dabei nicht zu
entdecken. Handelte es sich dabei doch dem Wesen nach um hchst einfache
Dinge. Um z. B. ein Eisenwerk zu errichten, brauchten die Arbeiter den
Gesamtmechanismus der Eisenfabrikation keineswegs smtlich zu verstehen;
was notthat, war blo zweierlei: erstlich da sie wuten, welcherlei
Leute sie an die Spitze ihrer Fabrik zu stellen htten und zweitens, da
sie diesen Leuten einerseits gengende Gewalt einrumten, um die Arbeit
in Ordnung zu erhalten, anderseits aber auch sie gengend
kontrollierten, um jederzeit das Heft ber ihr Unternehmen in eigenen
Hnden zu behalten. Dabei konnten ohne Zweifel sehr ernste Fehler
begangen werden; man konnte sich in der Organisation der leitenden
sowohl als der berwachenden Organe, im Ausmae der erteilten
Vollmachten arg vergreifen; aber gerade die einmal bereits erwhnte,
schrankenlose ffentlichkeit aller Produktionsvorgnge, die von
Gesamtheitswegen auch aus anderen Grnden gefordert werden mute,
erleichterte den Arbeiterschaften ihr Werk wesentlich, und da alle
Genossen einer jeden Produktiv-Association im entscheidenden Punkte
genau die gleichen Interessen hatten, und ihre gesammelte Aufmerksamkeit
jederzeit auf diese Interessen gerichtet war, so lernten sie wunderbar
rasch die gemachten Fehler verbessern, so da schon nach wenigen Monaten
der neue Apparat leidlich arbeitete und in merkwrdig kurzer Zeit einen
hohen Grad von Vollkommenheit erreichte. Flei und Emsigkeit aller
Genossen aber lieen von Anbeginn nichts zu wnschen brig, was
angesichts der vollkommen entfesselten Eigeninteressen, sowie der
unablssigen gegenseitigen Anfeuerung und Kontrolle Gleichberechtigter
und Gleichinteressierter eigentlich selbstverstndlich ist.

Der Ausschu arbeitete daher zum Gebrauche der Associationen zwar ein
sogenanntes Musterstatut aus, jedoch keineswegs in der Meinung, da
dasselbe sich wirklich mustergiltig erweisen werde oder auch nur knne,
sondern blo um einen Anfang zu machen, den Genossenschaften gleichsam
ein Formular zu bieten, das sie als Gerippe ihrer eigenen, durch
Erfahrung allmhlich entstehenden Organisationsentwrfe gebrauchen
knnten. Thatschlich war dieses Musterstatut, anfangs von allen
Genossenschaften beinahe unverndert angenommen, nach kaum einem Jahre
berall so grndlich gendert und ergnzt, da von seinen ursprnglichen
Bestimmungen meist nur die leitenden Prinzipien brig blieben. Diese
aber waren die folgenden:

1. Der Beitritt in jede Association steht Jedermann frei, gleichviel ob
er zugleich Mitglied anderer Associationen ist, oder nicht; auch kann
Jedermann jede Association jederzeit verlassen.

2. Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen, seiner Arbeitsleistung
entsprechenden Anteil am Nettoertrage der Association.

3. Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhltnisse der
geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Magabe jedoch, da
lteren Mitgliedern fr jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft
lnger angehren, als die spter Beigetretenen, ein Prcipuum von x
Procent eingerumt ist. Ebenso kann fr qualifizierte Arbeit im Wege
freier Vereinbarung ein Prcipuum bedungen werden.

4. Die Arbeitsleistung der Vorsteher oder Direktoren wird im Wege einer,
mit jedem Einzelnen derselben zu treffenden freien Vereinbarung, einer
bestimmten Anzahl tglich geleisteter Arbeitsstunden gleichgesetzt.

5. Der gesellschaftliche Ertrag wird erst am Schlusse eines jeden
Betriebsjahres berechnet und nach Abzug der Kapitalrckzahlungen und der
an das freilndische Gemeinwesen zu leistenden Abgaben zur Verteilung
gebracht. Inzwischen erhalten die Mitglieder Vorschsse in der Hhe von
x Procent des vorjhrigen Reinertrags fr jede geleistete oder
angerechnete Arbeitsstunde.

6. Die Mitglieder haften fr den Fall der Auflsung oder Liquidation der
Association nach dem Verhltnisse ihrer Gewinnbeteiligung fr die
kontrahierten Darlehn, welche Haftung sich bezglich der noch
aushaftenden Betrge auch auf neueintretende Mitglieder bertrgt. Auch
erlischt mit dem Austritte eines Mitgliedes dessen Haftung fr die schon
kontrahiert gewesenen Darlehn nicht. Dieser Haftbarkeit fr die Schulden
der Association entspricht im Falle der Auflsung oder Liquidation der
Anspruch der haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermgen.

7. Oberste Behrde der Association ist die Generalversammlung, in
welcher jedes Mitglied das gleiche aktive und passive Wahlrecht ausbt.
Die Generalversammlung fat ihre Beschlsse mit einfacher
Stimmenmehrheit; zu Statutennderungen und zur Auflsung und Liquidation
der Association ist  Majoritt erforderlich.

8. Die Generalversammlung bt ihre Rechte entweder direkt als solche,
oder durch ihre gewhlten Funktionre aus, die ihr jedoch verantwortlich
sind.

9. Die Leitung der gesellschaftlichen Geschfte ist einem Direktorium
von x Mitgliedern bertragen, die von der Generalversammlung auf x Jahre
gewhlt werden, deren Bestallung jedoch jederzeit widerruflich ist. Die
untergeordneten Funktionre der Geschftsleitung werden von den
Direktoren ernannt; doch geschieht die Feststellung des Gehaltes dieser
Funktionre -- bemessen in Arbeitsstunden -- auf Vorschlag der
Direktoren durch die Generalversammlung.

10. Die Generalversammlung whlt jhrlich einen aus x Mitgliedern
bestehenden Aufsichtsrat, der die Bcher sowie das Gebahren der
Geschftsleitung zu berwachen und darber periodischen Bericht zu
erstatten hat.

Es fllt sofort auf, da in diesem Statut blo fr den Fall der
Auflsung der Association (Absatz 6) von dem die Rede ist, was scheinbar
doch als Hauptsache angesehen werden sollte, nmlich vom Vermgen der
Associationen und von den Ansprchen der Mitglieder an dieses Vermgen.
Der Grund liegt aber darin, da ein Vermgen der Association im
gemeingebruchlichen Sinne gar nicht existiert. Die Mitglieder besitzen
allerdings das Nutznieungsrecht der vorhandenen Produktivkapitalien; da
sie aber dieses Recht mit jedem beliebigen Neueintretenden jederzeit
teilen und selber durch nichts anderes, als durch das Interesse am
Ertrage ihrer Arbeit an die Association gebunden sein sollen, so darf es
Vermgensinteressen bei den Associationen gar nicht geben, so lange
dieselben im Betriebe sind. Und in der That ist ein -- sei es auch noch
so ntzlicher -- Gegenstand, den Jedermann benutzen kann, kein
Vermgensbestandteil. Es giebt keine Eigentmer, blo Nutznieer der
Associationskapitalien. Und sollte darin vielleicht ein Widerspruch mit
jener Bestimmung erblickt werden, wonach die dargeliehenen
Produktivkapitalien von den Associationen zurckgezahlt werden mssen,
so darf nicht bersehen werden, da auch diese Kapitalrckzahlung -- den
bereits erwhnten Fall der Liquidation ausgenommen -- von den
Mitgliedern blo in ihrer Eigenschaft als Nutznieer der
Produktionsmittel geleistet wird. Da die Kapitalrckzahlungen von den
Ertrgen in Abzug gebracht, diese aber je nach der Arbeitsleistung unter
die Mitglieder verteilt werden, so leistet eben auch jedes Mitglied
Abzahlung je nach seiner Arbeitsleistung. Und wenn man noch genauer
zusieht, so wird man finden, da diese Abzahlungen in letzter Linie
eigentlich von den Verbrauchern der von den Associationen erzeugten
Gter getragen werden; sie bilden -- selbstverstndlich -- einen Teil
der Betriebskosten und mssen notwendigerweise im Preise des Produkts
Deckung finden. Da dies auch berall vollkommen geschehe, dafr sorgt
mit unfehlbarer Sicherheit die freie Beweglichkeit der Arbeitskrfte.
Eine Produktion, bei welcher diese Abzahlungen im Preise der Erzeugnisse
nicht vollkommen Deckung gefunden htten, wre solange von
Arbeitskrften teilweise verlassen worden, bis das sinkende Angebot die
Preise entsprechend erhht htte. Ist hinwieder die Abzahlung geleistet,
so entfllt dieser Bestandteil der Betriebskosten; die betreffenden
Gesellschaftskapitalien knnen als amortisiert angesehen werden und
nunmehr sinken -- wieder unter dem Einflusse der Freizgigkeit der
Arbeitskrfte -- die Preise des Produkts, so da die Mitglieder der
Association ebensowenig einen Sondervorteil aus der Bentzung
lastenloser Kapitalien ziehen, als sie frher einen Sondernachteil aus
der Abtragung dieser Lasten hatten. Vorteil und Nachteil verteilt sich
-- immer Dank der freien Beweglichkeit der Arbeitskrfte -- stets
gleichmig auf die Gesamtheit aller Arbeitenden Freilands.

Man sieht, die Produktivkapitalien sind infolge dieser einfach und
unfehlbar funktionierenden Einrichtung streng genommen ebenso herrenlos,
als der Boden; sie gehren Jedermann und daher eigentlich Niemand. Die
Gemeinschaft der Produzenten giebt sie her und bentzt sie, beides genau
nach Magabe der Arbeitsleistung jedes Einzelnen; und Zahlung fr den
gemachten Aufwand leistet die Gemeinschaft aller Konsumenten, abermals
ein Jeder genau nach Magabe seines Konsums.

Da mit der absoluten Freizgigkeit der Arbeit weder beabsichtigt, noch
jemals erreicht wurde, da der Ertrag berall das _absolut_ gleiche
Niveau einhielt, ist selbstverstndlich. Abgesehen davon, da ja die
Ungleichheiten oft erst nachtrglich, bei Gelegenheit der
Bilanzabschlsse, sich zeigen, also auch erst nachtrglich durch Zu- und
Abflu von Arbeitskrften ausgeglichen werden knnen, giebt es eine
nicht unerhebliche, dauernde, jeder Ausgleichung entrckte
Verschiedenheit der Gewinne, die in der Verschiedenheit der mit den
unterschiedlichen Arbeitszweigen verknpften Anstrengungen und
Unannehmlichkeiten ihre naturgeme Begrndung hat. Nur ist es
allerdings in Freiland anders, als in der alten Welt, wo nur zu oft die
Last der Arbeit im umgekehrten Verhltnisse steht zu ihrem Ertrage; bei
uns mssen schwierige, lstige, unangenehme Arbeiten ausnahmslos hheren
Gewinn abwerfen, als die leichteren, angenehmeren -- sofern Letztere
keine besonderen Fhigkeiten voraussetzen -- sonst wrde man Jene sofort
verlassen und sich Diesen zuwenden. Auerdem ist auch das im 3. Absatze
den lteren Mitgliedern eingerumte Prcipuum -- dasselbe schwankt bei
verschiedenen Gesellschaften zwischen 1 und 3 Prozent per Jahr, summiert
sich also bei lngerer Arbeitszeit zu ganz respektabler Hhe und ist
dazu bestimmt, die erprobten Arbeitsveteranen an das Unternehmen zu
binden, -- ein Hindernis absoluter Gewinnausgleichung selbst bei ganz
gleichgearteten Associationen.

Einer kurzen Erluterung bedarf Punkt 5 der Statuten. Fr das
erste Betriebsjahr war natrlich die Berechnung der den
Associationsmitgliedern zu leistenden Gewinnvorschsse in Prozenten des
vorjhrigen Reinertrags nicht mglich, und der Ausschu schlug daher fr
dieses erste Jahr ein Fixum von 1 Shilling (1 Mark) per Stunde vor. Man
wird vielleicht erstaunen ber die -- insbesondere unter
Bercksichtigung der am Kenia herrschenden Preisverhltnisse --
auffallende Hhe dieses Ansatzes und billig fragen, von wo der Ausschu
den Mut schpfte, auf derartige Ertrge zu hoffen, da solche
Gewinnanteile, und noch dazu vorschuweise ausbezahlt werden knnten.
Es gehrte aber dazu keine besondere Khnheit, vielmehr war dieser
Ansatz in Wahrheit mit uerster Vorsicht bemessen. Das Ergebnis der bis
dahin in Gang gesetzten gesellschaftlichen Produktionen war nmlich
thatschlich ein wesentlich gnstigeres gewesen. Die Krnerwirtschaft z.
B. hatte bei einem Arbeitsaufwande von insgesamt 44,500 Arbeitsstunden
einen Rohertrag von 42,000 Centnern verschiedener Smereien ergeben.
Deren Preis in Edenthal betrug derzeit im Durchschnitt allerdings nicht
ganz 3 Schilling per Centner, da wir mehr davon erzeugen konnten, als
wir brauchten, der Export ber Mombas aber, der einstweilen noch recht
primitiven Transportmittel halber, keinen greren Ertrag, als eben
diese 3 Schilling ergab. Wir hatten also rund 6,000 Pfd. Sterling
landwirtschaftlichen Rohertrag. An Produktionskosten hierfr waren zu
berechnen: 400 Pfd. Sterling fr Materialien, 300 Pfd. Sterling als
Amortisation der investierten Kapitalien (Werkzeuge und Vieh), so da
5300 Pfd. Sterling Netto-Gewinn verbleiben werden. Da zur Deckung all
der gemeinntzigen Ausgaben, die im Sinne unseres Programms Sache des
gesamten Gemeinwesens sind, und von denen spter noch gesprochen werden
soll, eine Abgabe von nicht weniger als 35 Prozent in Aussicht genommen
war, so verblieben rund 3400 Pfd. Sterling als verfgbarer Gewinn.
Repartiert man nun diesen auf die geleisteten 44,500 Arbeitsstunden, so
berechnet sich die Arbeitsstunde mit 1,5 Schilling. Das war aber auch
annhernd der Durchschnittsertrag der anderen bislang betriebenen
Produktionen gewesen, soweit sich derselbe fr die Vergangenheit, in
welcher es einen regelmigen Markt fr alle Waren am Kenia noch nicht
gab, berhaupt feststellen lie; so viel war mit grter Beruhigung
anzunehmen, da fr den Fall, als wir den Preis jedes Arbeitsprodukts
durch Angebot und Nachfrage htten regulieren knnen, im Durchschnitt
fr jedes derselben mindestens jener Preis htte bezahlt oder
angerechnet werden mssen, der dem landwirtschaftlichen Ertrage
entsprach. Denn Krnerfrchte, zu 3 Schilling ab Edenthal gerechnet,
htten wir doch vorerst erzeugen und absetzen knnen, so weit unsere
Arbeitskraft reichte; es htte also in der hinter uns liegenden
Betriebsperiode Jedermann mindestens 1,5 Schilling fr eine
Arbeitsstunde erwerben knnen. Der nchsten Betriebsepoche schon gingen
wir aber -- wie man bald sehen wird -- mit wesentlich verbesserten
Hlfsmitteln entgegen, es mute also, von unvorhergesehenen
Unglcksfllen abgesehen, die Ergiebigkeit unserer Arbeit sehr namhaft
steigen, so da, als wir 1 Schilling Vorschu fr die Arbeitsstunde
beantragten, unsere Meinung dahin ging, kaum die Hlfte des wirklichen
Verdienstes vorweg zahlen zu lassen -- eine Voraussetzung, der die
Erfahrung durchaus entsprach. In den spteren Betriebsepochen wurde es
bei den meisten Associationen blich, 90 Prozent des vorjhrigen
Reinertrages als zu bezahlenden Vorschu zu bestimmen.

Die Honorierung der Direktoren anlangend, ist zu bemerken, da dieselbe
bei den verschiedenen Gesellschaften von Anbeginn hchst verschieden
war. Wo zur Leitung keine ausnahmsweisen Kenntnisse und kein besonderer
Scharfblick erforderlich war, begngten sich die Vorsteher damit, da
ihre Mhewaltung einer Arbeitsleistung von tglich 8-10 Stunden
gleichgesetzt wurde; es gab aber auch Direktoren, die bis zu 24 Stunden
tglich angerechnet erhielten, was schon im ersten Jahre einem
Jahresgehalt von ungefhr 850  entsprach. Den Funktionren minderen
Grades wurden in der Regel zwischen 8 und 10 Arbeitsstunden angerechnet;
die kontrollierenden Aufsichtsrte erhielten fr ihre Funktion meist
keinerlei Extravergtung.

Die den Associationen gewhrten Kredite erreichten im ersten
Betriebsjahre durchschnittlich 145  per Kopf der beteiligten
Arbeiterschaft -- und wenn nun die Frage auftaucht, von wo wir diese
Betrge fr die Gesammtzahl unserer Mitglieder aufbrachten, so ist die
Antwort: eben durch die Mitglieder. Und zwar sind hier nicht blos die
von den Mitgliedern anllich ihres Beitritts zur Internationalen freien
Gesellschaft gezahlten freiwilligen Beitrge gemeint, denn diese waren
in erster Reihe dem Transportdienste zwischen Triest und Freiland
geweiht, und htten, auch wenn sie allesammt zur Ausstattung unserer
Associationen mit Kapitalien herbeigezogen worden wren, zu diesem
Behufe nicht gengt; die im Laufe des ersten Jahres beanspruchten
Kredite umfaten die Gesamtsumme von nahezu 2 Millionen Pfd. Sterling,
whrend die gleichzeitig eingelaufenen freiwilligen Beitrge nur
unwesentlich 1,5 Mill. Pfd. Sterling berstiegen. Die hauptschlichen
Mittel, die wir zu obigen Krediten an unsere Mitglieder gebrauchten,
lieferte uns einerseits das durch die verfgbaren Vorrte reprsentierte
gesellschaftliche Vermgen, andererseits die von den Mitgliedern
gezahlte Steuer.

Nicht unerwhnt darf hier bleiben, da sich der Ausschu fr die ersten
Jahre die Entscheidung ber Ausma und Reihenfolge der zu gewhrenden
Kredite vorbehielt. Diese -- wenn auch blos negative -- Einmischung in
die Betriebsverhltnisse der Associationen stand allerdings nicht im
Einklange mit dem Prinzipe des unbedingten Selbstbestimmungsrechtes der
Produzenten, war aber insolange unvermeidlich, als unser Gemeinwesen
jene hohe Stufe der Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht thatschlich
erreicht hatte, welche eben die Voraussetzung vollkommener Durchfhrung
aller ihm zu Grunde liegenden Prinzipien ist. Spterhin, als die
Ausrstung mit auf der Hhe des technischen Fortschritts stehenden
Produktionsmitteln der Hauptsache nach bei uns vollbracht war und es
sich folglich nurmehr darum handelte, das Vorhandene fortlaufend zu
ergnzen und zu verbessern, konnte niemals die Frage sein, ob die
berschsse der laufenden Produktion auch gengen wrden, selbst den
weitestgehenden neu auftauchenden Kapitalansprchen zu gengen. Anders
zu Beginn, wo die Kapitalbedrfnisse unbegrenzt und die Hlfsmittel noch
unentwickelt waren. Mehr, als es zu leisten vermochte, konnte das freie
Gemeinwesen nicht bieten, und es mute sich daher eine Auslese der zu
bewilligenden Investionskredite vorbehalten. Dank der durch die freie
Beweglichkeit der Arbeitskrfte sich geltend machenden durchgreifenden
Interessensolidaritt konnte dies geschehen, ohne da damit auch nur
vorbergehend eine gefhrliche Bevorzugung oder Benachteiligung der
verschiedenen Produzenten in ihren wesentlichen materiellen Interessen
verknpft gewesen wre. Denn wenn -- wie dies kaum zu vermeiden war --
durch die gewhrten oder verweigerten Kredite einzelne Produktionen
begnstigt oder benachteiligt wurden, so hatte dies unmittelbar und
selbstverstndlich ein derartiges Zu- und Abstrmen von Arbeitskraft zur
Folge, da die auf die gleichen Arbeitsleistungen entfallenden Ertrge
sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten.

Doch wie gesagt, nur auf Ausma und Reihenfolge der zu gewhrenden
Kredite erstreckte sich diese in den ersten Jahren gebte Einmischung,
nicht aber auf die Art der Verwendung derselben. Diesbezglich wurde von
Anbeginn das Prinzip der Selbstverantwortlichkeit der Produzenten zu
vollstndiger Durchfhrung gebracht. Da die Produzenten fr die
Rckzahlung der empfangenen Kapitalien aufzukommen hatten, so blieb es
ihre Sache, fr die ntzliche Verwendung derselben Sorge zu tragen.
Allerdings sind es -- wie frher erwhnt -- die Konsumenten, welche in
letzter Linie die Kosten der gemachten Anlagen bezahlen; aber das thun
sie selbstverstndlich nur, wenn und insoweit diese Anlagen ntzlich und
notwendig sind. Htte eine Association berflssige oder schlechte
Maschinen angeschafft, so wre es ihr unmglich gewesen, die fr
dieselben zu leistenden Abzahlungen auf die Kufer ihrer Erzeugnisse
abzuwlzen, sie htte durch solche Investionen ihren Gewinn nicht
erhht, sondern geschmlert, und man durfte es daher fglich dem
Eigeninteresse der bei den Associationen Beteiligten berlassen, dafr
Sorge zu tragen, da derartige Kapitalvergeudung unterbleibe.

Wir kommen nun zu der Frage, wie es mglich war, das gleiche Anrecht
Aller auf gleich ergiebigen Boden zur Wahrheit zu machen. -- Auch dieses
Problem lste sich in einfachster Weise durch die im Prinzipe der freien
Vergesellschaftung enthaltene freie Beweglichkeit der Arbeitskrfte.
Zwar gab es auch in Freiland besseren und minder guten Boden wie berall
in der Welt; aber da dem besseren Boden mehr Arbeiter zustrmten, als
dem schlechten und da einem bekannten konomischen Gesetze zufolge der
Mehraufwand von Arbeitskraft auf gleicher Bodenflche mit
_verhltnismig sinkendem_ Ertrage verknpft ist, so entfiel fr den
einzelnen Arbeiter, respektive fr die einzelne Arbeitsstunde auf bestem
Boden kein hherer Reinertrag, als auf berhaupt noch in Arbeit
genommenem schlechtesten.

Im Danaplateau z. B. konnten mit einem Arbeitsaufwande von 80 Stunden
120 Centner Weizen vom Hektar gewonnen werden, in Edenthal mit dem
gleichen Arbeitsaufwande blo 90 Centner. Die Bodenassociation im
Danaplateau hatte daher, da der Centner Weizen 3-1/8 Schilling galt und
1/8 Schilling zur Deckung aller Spesen ausreichte, am Schlusse des
Jahres 4 Schilling pro Arbeitsstunde als Gewinn und konnte von diesem
nach Abzug der Steuer und der Kapitalrckzahlungen 2 Schilling zur
Verteilung bringen. Die Mitglieder der Edenthal-Association dagegen
erhielten blo 2 Schilling pro Arbeitsstunde Gewinnanteil, und da nhere
Untersuchung ergab, da dieser Unterschied nicht in zuflligen
Witterungsverschiedenheiten und auch nicht in minderer Arbeit, sondern
in der Beschaffenheit des Bodens zu suchen sei, so war die Folge, da im
nchsten Jahre die neu eingewanderten Feldarbeiter mit Vorliebe den
besseren Boden des Danaplateaus aufsuchten. Dort kamen jetzt
durchschnittlich 105 Arbeitsstunden auf den Hektar, in Edenthal blo 60;
die mehraufgewendeten 25 Stunden ergaben aber auf Ersterem keinen
Rohertrag von je 1 Centner, wie im Durchschnitt die frher
aufgewendeten 80 Stunden, sondern blo einen solchen von knapp 
Centner, d. h. der Ertrag stieg nicht von 120 auf 157 sondern blo auf
138 Centner, sank also per geleisteter Arbeitsstunde auf 1,34 Centner,
was zur Folge hatte, da der Gewinn, ungeachtet der inzwischen wegen
Verbesserung der Kommunikationsmittel eingetretenen namhaften
Preissteigerung des Getreides, sich blo auf 5 Schilling erhhte, wovon
3 Schilling pro Stunde zur Verteilung gelangten. In Edenthal dagegen
verminderte sich der Rohertrag durch den Entgang von 20 Arbeitsstunden
per Hektar blo um je 8 Centner; er betrug also jetzt fr 60
Arbeitsstunden 82 Centner oder 1,27 Centner per Arbeitsstunde. Die
Edenassociation zahlte also eine Kleinigkeit mehr als die von Dana und
da zudem der Aufenthalt in Edenthal mit greren Annehmlichkeiten
verknpft war, als der im Danaplateau, so wandte sich nun der Zuzug von
Ackerbauern wieder insolange nach Edenthal, bis endlich -- nach 2
ferneren Betriebsepochen -- eine ungefhr fnfprocentige Gewinndifferenz
zu Gunsten Danas hervortrat, bei welcher es dann, von kleinen
Schwankungen abgesehen, auch sein Bewenden hatte.

Ebenso aber, wie das durch die Freizgigkeit der Arbeitskrfte
verwirklichte Prinzip der Interessensolidaritt Denjenigen, der
thatschlich schlechteren Boden bearbeitet, in den Mitgenu der Vorteile
besseren Bodens setzt, so partizipiert auch jeder, in welchem
Produktionszweige immer Beschftigte an allen wie immer gearteten
Vorteile des besten Bodens und umgekehrt zieht auch der Bodenbebauer,
wie berhaupt jeglicher Produzent, Gewinn aus smmtlichen
Produktionsvorteilen, die in welchem Arbeitszweige unseres Gemeinwesens
immer erzielt werden, gerade so, als ob er bei demselben unmittelbar
beteiligt wre. _Alle_ Produktionsmittel sind Gemeingut; ber das Ausma
des Nutzens, den ein jeglicher von uns von diesem gemeinsamen Eigentume
ziehen mag, entscheidet nicht der Zufall des Besitzes -- aber auch nicht
die Frsorge einer Alles bevormundenden kommunistischen Obrigkeit,
sondern einzig die Fhigkeit und der Flei eines Jeden.




                              9. Kapitel.


Ausgedehnteste ffentlichkeit aller wirtschaftlichen Vorgnge war -- wie
bereits erwhnt -- die oberste Voraussetzung des richtigen
Funktionierens der im Vorherigen geschilderten beraus einfachen
Organisation, die in Wahrheit in nichts anderem, als in der
Hinwegrumung aller, der freien Bethtigung von weisem Eigennutze
geleiteter individueller Willkr im Wege stehenden Hindernisse bestand.
Um so notwendiger war es, diese souverne Willkr wohl zu beraten, dem
Eigennutze alle Handhaben zu richtigem und raschem Erfassen seines
wahren Vorteils zu bieten.

Kein wie immer geartetes Geschftsgeheimnis! Das war gleichsam mit eines
der Grundgesetze von Edenthal. Da drauen, wo der Kampf ums Dasein darin
gipfelt, einander nicht blos auszubeuten und zu verknechten, sondern
berdies wirtschaftlich zu vernichten, wo infolge der allgemeinen, aus
Unterkonsum hervorgehenden berproduktion konkurrieren gleichbedeutend
ist mit: einander die Kunden abjagen; da drauen in der alten Welt wre
Preisgebung der Geschftsgeheimnisse gleichbedeutend mit Preisgebung
mhsam ergatterten, erlisteten Absatzes, also mit Untergang. Wo die
ungeheure Mehrzahl der Menschen kein Anrecht auf steigende
Produktionsertrge besitzt, sondern sich -- unbekmmert um die
Ergiebigkeit der Arbeit -- mit Arbeitslohn, d. i. mit dem zur
Lebensfristung Erforderlichen begngen mu, dort kann es auch keine
Verwendung fr die Gesammtertrge hochproduktiver Arbeit geben. Denn die
wenigen Besitzenden knnen unmglich die stetig wachsenden berschsse
verzehren und ihr Bestreben, solche zu kapitalisieren, d. h. in
Arbeitsinstrumente zu verwandeln, scheitert an der Unmglichkeit der
Verwendung von Produktionsmitteln, fr deren Produkte es keine
Verwendung giebt. Es herrscht also in der ausbeuterischen Welt ein
stetiges Miverhltnis zwischen Produktivkraft und Konsum, zwischen
Angebot und Nachfrage, und die selbstverstndliche Folge ist, da der
Absatz Gegenstand eines eben so stetigen und schonungslosen Kampfes
zwischen den verschiedenen Produzenten ist. Nicht mglichst viel und gut
zu erzeugen, sondern fr einen mglichst groen Teil der eigenen
Erzeugnisse einen Markt zu erobern, ist die vornehmste Sorge der
ausbeuterischen Produzenten, und da dieser Absatzmarkt angesichts des
oben klargelegten Miverhltnisses stets nur auf Kosten anderer
Produzenten erlangt und behauptet werden kann, so besteht hier
notwendigerweise ein dauernder und unvershnlicher Interessenkonflikt.
Anders bei uns. Wir knnen des Absatzes jederzeit sicher sein, denn bei
uns kann nicht mehr erzeugt werden, als gebraucht wird, da ja der
gesamte Produktionsertrag dem Arbeitenden gehrt und der Verbrauch, die
Befriedigung irgendeines realen Bedrfnisses, die ausschlieliche
Triebfeder der Arbeit ist; bei uns kann also durch Preisgebung seiner
Absatzquellen niemand um seine Kunden kommen, da ihm fr die eventuell
verlorenen notwendigerweise andere zufallen mten.

Und welchen Anla htte anderseits der Produzent da drauen, seine
Erfahrungen Anderen mitzuteilen? Knnen sie von der erlangten Kenntnis
berhaupt anderen Gebrauch machen, als einen auf seinen Nachteil
abzielenden? Kann er die ihm ihrerseits mitgeteilte Kunde zu etwas
anderem bentzen, als wieder zu ihrer Schdigung? Lt er den Anderen
heran zur Teilnahme an seinem Geschfte, wenn dieses das ertragreichere
ist, oder lt ihn Jener in das seine, wenn es sich umgekehrt verhlt?
Steigt die Nachfrage nach den Erzeugnissen eines Produzenten, so steht
ihm der Arbeits-Markt offen, wo er stets Knechte in Hlle findet, die
zur Arbeit bereit sind, ohne nach deren Ertrag zu fragen, sofern sie nur
ihren Lohn erhalten. Also nicht einmal die Konsumenten sind da drauen
an der ffentlichkeit der Geschftsfhrung interessiert, die brigens,
wie schon gesagt, ein Ding der Unmglichkeit wre. Ganz anders auch dies
bei uns in Freiland. Wir lassen Jedermann teilnehmen an unseren
Geschftsvorteilen, knnen dafr aber auch teilnehmen an Jedermanns
Geschftsvorteilen, und wir _mssen_ diese verffentlichen, weil Mangels
eines Marktes willen- und interesseloser Arbeiter, diese
Verffentlichung der einzige Weg ist, bei steigender Nachfrage
entsprechende Arbeitskrfte heranzuziehen.

Und was die Hauptsache ist: whrend da drauen Niemand ein wirkliches
Interesse daran hat, da die Produktion Anderer sich hebe, ist bei uns
Jedermann aufs lebhafteste dabei interessiert, da Jedermann mglichst
leicht und gut produziere. Denn die klassische Phrase von der
Solidaritt aller wirtschaftlichen Interessen ist zwar bei uns zur
Wahrheit geworden, da drauen aber nichts anderes, als eine jener
zahlreichen Selbsttuschungen, aus denen sich die nationalkonomische
Doktrin der ausbeuterischen Welt zusammengesetzt. _Allgemeine_
Steigerung der Produktion, des Reichtums ist dort wo die alte
Wirtschaftsordnung herrscht, ein Unding. Wo der Massenkonsum nicht
zunehmen kann, dort knnen auch Produktion und Reichtum nicht wachsen,
sondern nur verschoben werden, Ort und Eigner wechseln; um was die
Produktion des Einen zunimmt, genau um das nmliche mu die irgendeines
Anderen abnehmen -- es sei denn, da auch der Verbrauch einigermaen
gewachsen ist, was jedoch, wo die Massen ausgeschlossen sind vom Genusse
wachsender Arbeitsertrge, nur zufllig und keineswegs schritthaltend
mit der gewachsenen Arbeitsergiebigkeit geschehen kann. Bei uns in
Freiland dagegen, wo die Produktion -- angesichts der mit ihr
naturnotwendig genau proportional wachsenden Konsumtionskraft -- ins
Ungemessene steigen kann und steigt, soweit nur unsere Fertigkeiten und
Knste es gestatten, bei uns ist es das oberste, absoluteste Interesse
der Gesamtheit, jedermanns Arbeitskraft verwertet zu sehen, wo jeweilig
die hchsten Ertrge fr ihn zu erzielen sind, und niemand giebt es, der
nicht Vorteil daraus zge, wenn dies in mglichst vollkommener Weise
berall geschieht. Der Einzelne oder die einzelnen Associationen, die
vermge unserer Organisation gentigt sind, einen zufllig erlangten
Vorteil mit anderen zu teilen, erleiden durch dieses einzelne Faktum fr
sich betrachtet allerdings einen Gewinnentgang; aber unendlich grer
ist fr alle Flle der Vorteil, den sie davon haben, da hnliches
berall geschieht, da die Produktivitt unablssig wchst, und ihr
eigener Nutzen gebietet also, da es berall -- sohin selbstverstndlich
auch bei ihnen -- geschehe. In wie ungeahnt hohem Mae dies der Fall
ist, wird die fernere Geschichte von Freiland sattsam zeigen.

ber die zu ausgedehntester ffentlichkeit der wirtschaftlichen Vorgnge
abzielenden Manahmen ist folgendes zu sagen. Wir gehen von dem
Grundsatze aus, da die Gesamtheit sich so wenig als mglich hindernd
oder anordnend, dagegen so viel als mglich orientierend und belehrend
in das Thun und Lassen der Individuen zu mengen habe. Jedermann mag
handeln, wie ihm beliebt, sofern er nur die Rechte anderer nicht krnkt;
aber wie er immer handle, sein Thun mu vor jedermann offen daliegen. In
Gemheit dieses Grundsatzes wurde schon in der alten Heimat bei
Anmeldung des neuen Mitgliedes dessen wirtschaftliche Eignung
festgestellt und die betreffenden Listen gelangten -- wie einmal schon
erwhnt -- mit mglichster Beschleunigung an den Ausschu. Dem lag weder
mige Neugier, noch polizeiliche Bevormundungssucht zu Grunde, vielmehr
wurden diese Daten ausschlielich zu Nutz und Frommen der
Produktionsgenossenschaften sowohl als der Neuangemeldeten selber
verffentlicht. Die Folge davon war, da Letztere in der Regel schon bei
ihrer Ankunft am Kenia auf sie vorbereitete und eingerichtete
Arbeitssttten vorfanden, und zwar allemal diejenigen, an denen sie die
jeweilig beste Verwertung ihrer Arbeitskraft fanden. Niemand zwang sie,
sich diesen ohne ihr Zuthun getroffenen Vorbereitungen anzubequemen,
aber da dieselben in denkbar bester Weise ihrem eigenen Vorteile
dienten, so thaten sie es -- von vereinzelten Ausnahmen abgesehen -- mit
der grten Freude.

Der zweite und wichtigste Gegenstand der Publikationen waren die
Betriebsausweise der Produzenten -- der Associationen sowohl als der --
in geringer Zahl stets vorhandenen -- Einzelproduzenten. Von ersteren,
als den weitaus wichtigeren und berdies ihrer Natur nach schon zu
sorgfltiger Buchfhrung gentigten, wurde sehr viel, in Wahrheit die
Blolegung ihres gesamten Gebahrens verlangt. Rohertrag, Spesen,
Reinertrag, Einkauf und Verkauf, Arbeitsleistung, Verwendung des
Reinertrags, alles mute fortlaufend verffentlicht werden und zwar je
nach der Beschaffenheit der betreffenden Daten einmal jhrlich, anderes
in krzeren Abstnden, der gemachte Arbeitsaufwand z. B. allwchentlich.
Von Seite der wenigen Einzelproduzenten begngte man sich mit dem, was
infolge der nunmehr zu beschreibenden Einrichtung auch ohne ihr Zuthun
ber sie bekannt wurde.

Einkauf und Verkauf aller erdenklichen Produkte und Handelsartikel
Freilands war nmlich in groen Warenhallen und -lagern konzentriert,
deren Leitung und berwachung von Gesamtheitswegen geschah. Es war zwar
niemand verboten, zu kaufen und zu verkaufen, wo ihm beliebte, diese
ffentlichen Magazine boten aber so gewaltige Vorteile, da Jedermann,
der sich nicht selber schdigen wollte, sie in Anspruch nahm. Gebhren
fr Einlagerung und Manipulation wurden nicht berechnet, da wir von der
Anschauung ausgingen, da es ganz gleichgltig sei, ob man in einem
Lande, wo Jedermann einen seiner Produktion entsprechenden Verbrauch
hat, diese Manipulationsgebhren von den Konsumenten als solchen, oder
in Form eines minimalen Steuerzuschlages von ihnen in ihrer Eigenschaft
als Produzenten einhebe. Als reiner Gewinn verblieb die Ersparnis aus
der Vereinfachung des Verrechnungswesens.

Die oberste Verwaltung von Freiland war aber zugleich auch der Bankier
der gesamten Bevlkerung. Nicht blo jede Association, sondern Jedermann
hatte sein Konto in den Bchern der Centralbank, diese besorgte die
Inkassi und die Auszahlungen, von den Millionen Pfunden angefangen, die
spterhin gar manche Genossenschaft im Inlande wie im Auslande zu
fordern und zu entrichten hatte, bis hinab zu den auf die
Arbeitsleistung des Einzelnen entfallenden Gewinnanteilen und dessen
Kleider- oder Kchenrechnungen. Ein in Wahrheit alles umfassendes
Clearingsystem ermglichte die Durchfhrung dieser zahllosen Geld- und
Kreditoperationen beinahe ohne jeden Aufwand wirklichen Geldes,
lediglich durch Zu- und Abschreibungen in den Bchern. Niemand zahlte
bar, sondern gab Anweisungen auf sein Konto bei der Centralbank, die ihm
seine Forderungen gutschrieb, die Ausgaben zu seinen Lasten buchte und
ihm allmonatlich mitteilte, mit welchem Betrage er bei ihr aktiv oder
passiv sei. Denn auch die von Gesamtheitswegen gewhrten, zu
kapitalistischer Ausrstung der Produktion dienenden, im vorigen Kapitel
erwhnten Kredite gingen selbstverstndlich durch die Bcher der Bank.
Diese war solcherart ber jede wie immer geartete geschftliche
Beziehung im ganzen Lande fortlaufend bis ins kleinste Detail
unterrichtet. Sie wute nicht blo, wo und wie teuer die Produzenten
ihre Vorrte und Rohstoffe einkaufen, ihre Erzeugnisse absetzen, sie
kannte auch die Haushaltungsbilanz, das Einkommen und den Kchenzettel
jeder Familie. Selbst der Kleinhandel konnte an der Allgegenwart dieser
Kontrolle nichts ndern. Die meisten Lebensmittel und zahlreiche andere
Bedarfsartikel wurden von diesen Geschftszweig betreibenden
Associationen den Kunden ins Haus gestellt; auch diesen konnte die Bank
auf den Heller nachrechnen, wieviel sie verdient htten, denn auch deren
Einkufe wie Verkufe gingen durch die Bcher dieses Instituts. Die
Konti der Bank aber muten mit den Ausweisen des statistischen Amtes
stimmen, und so besaen denn alle Verffentlichungen eine nicht blo
annhernd und schtzungsweise, sondern absolut sichere Grundlage; selbst
wer es gewollt htte, wre schlechterdings auer stande gewesen, irgend
etwas zu verheimlichen oder zu flschen.

Diese allumfassende, automatisch sich ergebende Durchsichtigkeit der
gesamten Produktions- und Erwerbsverhltnisse bot nun auch fr die in
Freiland eingehobenen Abgaben eine vollkommen verlliche Grundlage.
Grundsatz war, da alle Ausgaben des Gemeinwesens von jedem Einzelnen
genau nach Magabe seines Reineinkommens gedeckt werden sollen, und da
es in Freiland anderes Einkommen als das von Arbeit nicht gab, dieses
aber genau bekannt war, so machte die Verteilung der Abgaben nicht die
geringsten Schwierigkeiten. Dieselben wurden ganz einfach schon bei
Entstehung des Einkommens erfat, und zwar durch Vermittlung der Bank
nicht blo bei den Associationen, sondern auch bei den wenigen
Einzelproduzenten. In Wahrheit hatte ja das Gemeinwesen durch seine Bank
jegliches Einkommen frher in Hnden als der Bezugsberechtigte selber,
und es brauchte diesem daher die Abgabe blo in Rechnung zu stellen,
unter den Passiven zu buchen, und die Steuer war einkassiert. Man
betrachtete daher in Freiland diese Steuer gar nicht als Abzug vom
Reineinkommen, sondern gleichsam als eine vom Bruttoertrage in
Abrechnung kommende Auslage, etwa gleich den Betriebsspesen. Niemand
empfand sie, trotz ihrer sehr bedeutenden Hhe, als Last, schon aus dem
Grunde nicht, weil Jedermann wute, da der grte Teil derselben ihm
oder den Seinen wieder zurckflieen werde, jeder Heller derselben aber
ausschlielich gemeinntzigen Zwecken gewidmet sei, deren Frchte ihm
mittelbar zu Gute kmen. Die Auffassung war also durchaus berechtigt,
zwischen den durch Vermittlung der Gesamtheit und den im engeren Kreise
vorgenommenen fruchtbringenden Ausgaben keinerlei Unterschied zu machen.

Diese Abgaben aber waren sehr hoch; sie betrugen im ersten Jahre 35
Prozent des Reinertrages und sanken niemals unter 30 Prozent, trotzdem
das Einkommen, von welchem die Abgabe erhoben wurde, den gewaltigsten
Aufschwung nahm. Denn die Aufgaben, welche sich das Gemeinwesen in
Freiland gerade zu dem Zwecke gesteckt hatte, um diesen Aufschwung des
Reichtums zu ermglichen, waren sehr umfassend und beanspruchten die
kolossalsten Betrge.

Die eine dieser Aufgaben war die Beistellung der zu Zwecken der
Produktion erforderlichen Kapitalien. Doch mute blo im Anfang dieser
Bedarf seinem ganzen Umfang nach aus der laufenden Steuer gedeckt
werden, whrend spterhin die Rckzahlungen der Schuldner dem neuen
Bedarfe teilweise die Wage hielten.

Eine stetig wachsende Ausgabenpost bildete das Erziehungswesen, welches
Summen verschlang, von denen man auerhalb Freilands keine Vorstellung
besitzt.

Ebenso beanspruchte das Kommunikationswesen einen in riesigen
Dimensionen zunehmenden Aufwand und das nmliche gilt vom ffentlichen
Bauwesen.

Die Hauptpost des freilndischen Ausgabenbudgets aber bildete der Titel
Versorgungswesen, unter welchem die Ansprche all jener zu verstehen
sind, denen wegen thatschlicher Arbeitsunfhigkeit, oder weil sie im
Sinne unserer Grundstze von Arbeit entbunden werden sollten, ein Recht
auf auskmmlichen Unterhalt eingerumt war. Zu diesen gehrten alle
Frauen, alle Kinder, alle Mnner ber 60 Jahre und selbstverstndlich
alle Kranken oder Invaliden. Die Bezge dieser verschiedenen
Versorgungsberechtigten waren smtlich so hoch bemessen, da nicht blo
der dringenden Notdurft, sondern auch hheren Ansprchen, wie sie nach
dem jeweiligen Stande des allgemeinen Reichtums in Freiland gebruchlich
waren, Genge geschah; zu diesem Behufe muten sie derart berechnet
sein, da sie parallel mit dem Einkommen der arbeitenden Bevlkerung
stiegen, waren daher nicht in festen Summen, sondern in Teilbetrgen vom
Durchschnittseinkommen ausgeworfen. Der Jahr fr Jahr erhobene, im
Durchschnitt aller im Lande betriebenen Produktionen auf den einzelnen
Produzenten entfallene Reinertrag war die Versorgungseinheit, und von
dieser Einheit entfiel nun auf jede alleinstehende Jungfrau oder Witwe
-- sofern sie nicht das Lehreramt oder Krankenpflege ausbten und
hierfr entsprechend bezahlt wurden -- 30 Prozent; verheirateten sie
sich, so sank ihr Anspruch auf 15 Prozent der Einheit; auf die drei
ersten Kinder jedes Haushalts entfielen je 5 Prozent. Vater- und
mutterlose Waisen wurden in ffentliche Verpflegung genommen und
erforderten einen Aufwand von durchschnittlich 12 Prozent der Einheit.
Mnner ber 60 Jahre und Kranke oder Invaliden erhielten 40 Prozent.

Es mag hier sofort bemerkt werden, da diese smtlichen
Versorgungsbetrge nach auerfreilndischen Begriffen geradezu horrend
zu nennen wren; schon im ersten Jahre betrug die Einheit 180 Pfd.
Sterling, es bekam also eine Jungfrau oder Witwe 48 Pfd. Sterling, eine
verheiratete Frau 24 Pfd. Sterling, eine Familie mit drei Kindern und
Frau wieder 48 Pfd. Sterling, ein Greis oder Invalide 54 Pfd. Sterling,
was angesichts der bei uns damals herrschenden Preise mehr war, als die
meisten europischen Staaten ihren hchsten Funktionren oder deren
Witwen und Waisen an Pension zahlen. Denn ein Zentner feines Mehl
kostete in jenem ersten Jahre am Kenia 7 Shilling oder Mark, ein fetter
Ochse 12 Shilling, Butter, Honig, das kstlichste Obst waren zu
hnlichen Preisen zu haben, Wohnung beanspruchte nicht mehr als
hchstens 2 Pfd. Sterling im Jahr, kurzum mit ihren 48 Pfd. Sterling
konnte bei uns eine ledige Frau in berflu leben und brauchte sich
nichts Wesentliches von jenen Annehmlichkeiten und Vergngungen zu
versagen, die zu jener Zeit in Edenthal berhaupt erreichbar waren. Und
spterhin, als die Preise in Freiland denn doch einigermaen stiegen,
eilte das Steigen der Arbeitsertrge, d. i. also auch der
Versorgungsbetrge dem gewaltig voran, so da der in diesen gewhrte
berflu stets ausgesprochener wurde. Allein das lag eben in der Absicht
des Volkes von Freiland. Warum? Davon wird an geeigneter Stelle noch die
Rede sein, insbesondere auch davon, warum den Frauen ausnahmslos
Versorgungsrecht zugesprochen wurde und warum blo das Lehramt und die
Krankenpflege als ihnen zugedachter Beruf erwhnt ist. Auch von den
Ansprchen der Kinder wird noch gesprochen werden. Hier sei nur
konstatiert, da die Deckung all dieser Ansprche selbstverstndlich
stetig wachsende Summen erforderte.

Recht namhafte Ausgabeposten waren auch die fr Statistik, Lagerhaus-
und Bankwesen; indessen nahmen die Kosten dieser Verwaltungszweige --
trotz ihres groen absoluten Wachstums -- relativ, nmlich im
Verhltnisse zu dem steuerbaren Einkommen, so rasch ab, da sie schon
nach wenigen Jahren auf einen minimalen Prozentsatz der Gesamtausgaben
gesunken waren.

Dagegen kosteten Justiz, Polizei, Militr und Finanzverwaltung, die in
anderen Lndern reichlich Neun-Zehnteile des Gesamtbudgets verschlingen,
in Freiland nichts. Wir hatten keine Richter und Polizeiorgane, unsere
Steuern flossen von selber ein und Soldaten kannten wir auch nicht.
Nichtsdestoweniger wurde bei uns nicht gestohlen, geraubt oder gemordet,
gab es keine Steuerrckstnde und wehrlos waren wir, wie sich aus dem
Spteren ergeben wird, keineswegs. Im brigen mgen unsere Waffen- und
Munitionsvorrte sowie unsere an die kriegerischen Massai gezahlten
Subsidien immerhin als Surrogat fr ein Militrbudget gelten. In Bezug
auf das Justizwesen waren wir so arge Barbaren, da wir nicht einmal
einen Zivil- oder Kriminalkodex fr ntig hielten, nebenbei bemerkt,
einstweilen auch keinerlei geschriebenes Verfassungsrecht besaen. Der
Ausschu, immer noch im Besitze der ihm im Haag erteilten Vollmacht,
begngte sich, alle seine Manahmen in ffentlichen Versammlungen
darzulegen und die Zustimmung der Gemeine zu verlangen, die ihm auch
einstimmig gewhrt wurde. Zur Schlichtung etwa auftauchender
Streitigkeiten unter den Mitgliedern wurden -- einstweilen gleichfalls
vom Ausschusse empfohlene -- Schiedsrichter gewhlt, die einzeln in
mndlichem Verfahren nach bestem Wissen ihre Entscheidungen treffen
sollten und von denen der Appell an das Schiedsrichter-Kollegium offen
stand; sie hatten aber allesamt so gut wie nichts zu thun. Gegen Laster
und deren gemeingefhrliche Folgen maten wir uns kein _Straf_-, sondern
blo ein _Schutz_recht an, und zwar erachteten wir die _Besserung_ als
das beste und wirksamste Schutzmittel. Da geistig und moralisch normal
veranlagte Menschen in einem Gemeinwesen, welches alle berechtigten
Interessen jedes seiner Mitglieder gleichmig bercksichtigt, sich
unmglich gewaltsam gegen fremdes Recht vergehen knnen, so betrachteten
wir allenfallsige Verbrecher als geistig oder moralisch Kranke, deren
Heilung eine Angelegenheit des ffentlichen Interesses sei. Sie wurden
daher -- je nach dem Grade ihrer Gemeingefhrlichkeit -- in Beobachtung
oder in Gewahrsam genommen und insolange geeigneter Behandlung
unterzogen, als dies nach dem Urteile kompetenter Fachmnner im
Interesse der allgemeinen Sicherheit rtlich erschien. Fachmnner im
obigen Sinne waren aber nicht die Friedensrichter, welche blo darber
zu entscheiden hatten, _ob_ das verklagte Individuum dem
Besserungsverfahren zu unterziehen sei, sondern besondere, zu diesem
Behufe eigens erwhlte rzte. Dem in Beobachtung oder Gewahrsam
Genommenen stand es frei, an das _Kollegium_ der vereinigten rzte und
Friedensrichter zu appellieren und seine Sache vor demselben ffentlich
zu vertreten, wenn er sich durch das Verfahren des ihm vorgesetzten
Arztes gekrnkt erachtete.

Die Anstellungen der smtlichen Beamten fr ffentliches Bauwesen,
Kommunikationswesen, Statistik, Lagerhaus und Centralbank,
Unterrichtswesen etc. gingen provisorisch vom Ausschusse aus. Die
Gehalte wurden in Stundenquivalenten angesetzt, gleich denen der
genossenschaftlichen Funktionre, und zwar betrugen diese Gehalte den
Durchschnittswert von 1200 bis zu 5000 Arbeitsstunden jhrlich, was im
ersten Jahre schon 150 bis 600 Pfd. Sterling ausmachte. Die
Bevollmchtigten in London, Triest und Mombas wurden mit je 800 Pfd.
Sterling im Jahre bezahlt. Bemerkt mu hier werden, da diese
Delegierten blo 2 Jahre lang auf ihrem auswrtigen Posten verharrten
und dann Anspruch auf entsprechende Verwendung in Freiland hatten.
Seinen eigenen Mitgliedern bestimmte der Ausschu einen Gehalt von je
5000 Stundenquivalenten.

Jedes Ausschumitglied stand einem der 12 Verwaltungszweige vor, in
welche die smtlichen ffentlichen Geschfte Freilands provisorisch
geteilt wurden. Die Verwaltungszweige waren:

    1.  _Das Prsidium_
    2.  _Versorgungswesen_
    3.  _Unterricht_
    4.  _Kunst und Wissenschaft_
    5.  _Statistik_
    6.  _Straenbau und Kommunikationsmittel_
    7.  _Post_, dazu spter Telegraph
    8.  _Auswrtige Angelegenheiten_
    9.  _Lagerhaus_
   10.  _Centralbank_
   11.  _Gemeinntzige Unternehmungen_
   12.  _Sanittswesen und Justiz._

Hiermit wren in groen Zgen die fr den Anfang in Freiland geltenden
Verwaltungs- und Organisationsprinzipien geschildert. Dieselben
bewhrten sich allseitig aufs vortrefflichste. Die Bildung der
Genossenschaften ging ohne den geringsten Anstand vor sich. Da die
Mehrzahl der successive anlangenden Mitglieder gegenseitig einander
fremd war, mute man sich bei Besetzung der leitenden Stellen vorlufig
auf die Empfehlungen des Ausschusses verlassen, begngte sich deshalb
auch zumeist mit provisorischen Wahlen, die jedoch ziemlich rasch durch
definitive ersetzt werden konnten. Die schon vorgefundenen Produktionen:
Landwirtschaft, Gartenkultur, Viehzucht, Mahlmhle, Sgmhle,
Bierbrauerei, Kohlengruben und Eisenwerke, wurden nach Magabe des
tglich mit den Mombas-Karawanen einlangenden Krftezuwachses namhaft
erweitert und mit wesentlichen Verbesserungen ausgestattet. Eine
stattliche Zahl neuer Industrien reihte sich unmittelbar daran. Eine der
ersten war eine -- der Hauptsache nach schon fertig importierte und nur
zu adjustierende Druckerei mit 2 Rotations- und 5 Schnellpressen, und
gesttzt auf diese eine tglich erscheinende Zeitung; diesen reihten
sich in rascher Folge eine Maschinenfabrik, eine Glashtte, eine
Ziegelei, eine lmhle, eine chemische Fabrik, eine Nh- und
Schuhfabrik, eine Bautischlerei und eine Eisfabrik an. Am 1. Januar des
neuen Jahres wurde der erste kleine Schraubendampfer fr den
Remorquierdienst im Edensee und Danaflusse vom Stapel gelassen, welchem
die ihres ausgezeichneten Verdienstes halber auerordentlich rasch
anwachsende Betriebs-Association in kurzen Intervallen zahlreiche andere
und grere Lasten- und Personendampfer folgen lie.

Gleichzeitig nahm auch der Ausschu einen nicht unbedeutenden Teil der
neu eintreffenden Krfte fr mehrere auf ffentliche Kosten zu
bewerkstelligende Arbeiten und Einrichtungen in Anspruch; den dabei
beschftigten Arbeitern mute selbstverstndlich ein, der
Durchschnittshhe des allgemeinen Arbeitsertrages entsprechender -- und
wo es sich um besonders anstrengende Leistungen handelte, ein diesen
Durchschnitt entsprechend bersteigender, Verdienst gesichert werden.
Diese Arbeiten waren in erster Reihe die provisorischen Hausbauten fr
die neu eintreffenden Mitglieder. Dabei wurde daran festgehalten, da
jede Familie je ein eigenes Huschen erhalte, whrend fr die
alleinstehenden Ankmmlinge mehrere groe Hotels eingerichtet wurden.
Die Familienhuser waren der Gre nach verschieden -- von 4 bis zu 10
Wohnrumen, jedes mit einem Garten von 1000 Quadratmeter Flche
ausgestattet. Jeder Ankmmling konnte ein ihm nach Gre und Lage
passend erscheinendes whlen, selbstverstndlich gegen je nach Belieben
ratenweise oder sofortige Abzahlung. Solcher Huschen muten im
Monatsdurchschnitt nicht weniger als 1500 fertiggestellt werden; sie
waren aus starken Bohlen in doppelter Lage solid gefgt und der
Bauaufwand stellte sich auf durchschnittlich 8 Pfd. Sterling fr jeden
Wohnraum. Fr die Benutzung der Hotelzimmer wurde eine zur Amortisation
der Baukosten und Deckung der Regie gengende Wochengebhr von  Sh.
berechnet.

Gleichzeitig mit diesen Wohnhusern wurde der Bau von Schulen in Angriff
genommen, und zwar mute, da bis auf weiteres dem Eintreffen von 1000
bis 1200 Schulkindern im Monatsdurchschnitt entgegenzusehen war,
fortlaufend fr gengende Rume zu entsprechender Unterbringung
dieser so rasch anwachsenden Menge Vorsorge getroffen werden.
Selbstverstndlich waren auch diese -- gleich den Wohnhusern -- teils
im Edenthale, teils auf dem Danaplateau errichteten Schulrume nur
provisorische Barackenbauten, dabei aber licht, luftig und gerumig.

In der Lebensweise am Kenia hatte sich im brigen einstweilen noch wenig
verndert, mit Ausnahme des Umstandes, da Edenthal, vor Eintreffen der
ersten Wagenkarawane ein miges Dorf, binnen wenigen Monaten zu einer
mehr als 20000 Seelen zhlenden ansehnlichen Stadt herangewachsen war.
Auf dem Danaplateau, wo sich zuvor nur einige Htten gefunden hatten,
waren zwei ansehnliche Drfer entstanden, das eine mit den
Arbeiterschaften einiger Fabriken am Ostende, hart neben dem groen
Wasserfalle, das andere, nher zu Edenthal gelegen, der Sitz einer
Ackerbaukolonie. Gemeinsam war all diesen Bewohnern von Freiland ein
ausgesprochener Zug sorgloser Frhlichkeit und unverkennbaren Behagens.
Die Lebensweise blieb, was die Wohnungs- und Kleidungsverhltnisse
anlangt, noch sehr primitiv, dagegen herrschte in Speisen und Getrnken
berflu, ja Luxus. Mit den Mahlzeiten wurde es der Hauptsache nach so
gehalten, wie einige Monate zuvor von den ersten Ankmmlingen; nur
hatten die Frauen gar bald eine ganze Reihe neuer und sinnreicher
Verwendungsarten der vielen kstlichen Landesprodukte herausgefunden.
Das Register der erreichbaren sthetischen und geistigen Gensse hatte
vorerst keine sonderliche Bereicherung erfahren. Die Zeitung, eine von
der Unterrichtsverwaltung angelegte Bibliothek, die beinahe Tag fr Tag
durch neueintreffende Bcherkisten bereichert wurde, zu Neujahr aber
doch erst 18000 Bnde zhlte, die dem insbesondere whrend der heien
Mittagsstunden sehr lebhaften Lesebedrfnisse keineswegs voll gengen
konnten, mehrere neue Sing- und Orchestervereine, Lese- oder
Debattierzirkel und zwei Dutzend Klaviere -- das war alles, was zu dem
ursprnglich Vorhandenen gekommen war. Daneben wurde in den herrlichen
Wldern fleiig gejagt, Ausflge nach nicht allzu schwierig erreichbaren
Aussichtspunkten waren an der Tagesordnung -- kurz man suchte sich das
Leben so angenehm als mglich zu machen, ohne jedoch einstweilen groe
Abwechslung in das Programm der Vergngungen und geistigen Gensse
bringen zu knnen. Das hinderte aber nicht, da Glck und Zufriedenheit
in jedem Hause herrschten.

Auch hinsichtlich der Arbeitseinteilung war im groen Ganzen das
ursprnglich beobachtete System beibehalten worden. Die Mnner
arbeiteten meist zwischen 5 und 10 Uhr morgens und zwischen 4 und 6 Uhr
abends; die Frauen -- im Bedarfsfalle untersttzt von Eingeborenen --
versahen inzwischen das Haus und die Kinder, sofern diese nicht in der
Schule waren. Doch erachtete sich niemand gerade an diese Zeiteinteilung
gebunden; jedermann arbeitete wann und so lange es ihm beliebte; auch
hatten einige Associationen, deren Betrieb die gnzliche Unterbrechung
der Arbeit whrend der Mittagszeit schwer vertrug, einen Turnus
eingefhrt, der whrend der heien Tagesstunden dem Werke einige Hnde
sicherte. Da auch hierzu niemand gezwungen werden konnte, wurde es
blich, die lstigere Mittagsarbeit hher anzurechnen, als die zu der
brigen Tageszeit, wonach dann die erforderlichen Freiwilligen sich
fanden. Dasselbe gilt fr die in einzelnen Etablissements notwendige
Nachtarbeit.




                              10. Kapitel.


Als das erste Jahr unseres Aufenthaltes am Kenia vergangen war, zhlte
Freiland 95000 Seelen, wovon 27000 arbeitsfhige Mnner, die, zu 218
Associationen vereinigt, 87 verschiedene Gewerbe betrieben. Die letzte
Ernte -- es gibt nmlich hier zwei Ernten im Jahr, die eine nach der
kleinen Regenzeit im Oktober, die andere nach der groen im Juni --
hatte von 14500 Hektaren angebauten Ackerlandes nahezu 2 Millionen
Centner Getreide getragen, die einen Wert von 300000 Pfd. Sterling
reprsentierten und den dabei beschftigten 10800 Arbeitern im
Durchschnitt nahe an 2 Schilling Gewinn fr jede darangewendete
Arbeitsstunde ergaben. Doch darf man nicht etwa glauben, da diese
smtlichen Arbeiter ihre gesamte Zeit durch landwirtschaftliche
Beschftigung ausfllten; das war blos whrend der Saat- und Erntetage
der Fall gewesen, whrend in der ganzen brigen Zeit stets zahlreiche
Landbauer in den benachbarten industriellen Etablissements lohnende
Verwendung ihrer im Ackerbau gerade berschssigen Arbeitskraft fanden.
Der Durchschnittsertrag der Industrien stellte sich um eine Kleinigkeit
hher, als der der Landwirtschaft, und da im Mittel 40 Stunden
wchentlich gearbeitet wurde, so betrug der Wochenverdienst eines
gewhnlichen Handarbeiters von migem Fleie in dieser zweiten
Jahreshlfte durchschnittlich 5 Pfd. Sterling.

Nchst der Landwirtschaft beanspruchte die Eisen- und
Maschinenfabrikation die zahlreichsten Arbeitskrfte, ja, wenn man nicht
die zeitweilig in Verwendung kommende Arbeiterzahl, sondern die
berhaupt aufgewendeten Arbeitsstunden zum Mastabe nimmt, so war diese
Industrie der Landwirtschaft sogar stark voraus. Und dies ist nicht zum
Verwundern, denn Maschinen verlangten und bestellten alle Associationen,
um ihren Betrieb mglichst zu verbessern. In der alten Welt, wo
Arbeitslohn und Arbeitsertrag grundverschiedene Dinge sind, besteht auch
zwischen Rentabilitt und theoretischer Vollkommenheit von Maschinen ein
fundamentaler Unterschied. Um theoretisch brauchbar zu sein, mu eine
Maschine blo Arbeitskraft ersparen, d. h. die zu ihrer Herstellung und
Betriebfhrung erforderliche Arbeit mu geringer sein, als die durch
ihren Gebrauch zu ersparende. Der Dampfpflug z. B. ist dann eine
theoretisch gute und ntzliche Maschine, wenn die Fabrikation eines
Dampfpfluges mit samt der Erzeugung des zu seiner Heizung erforderlichen
Kohlenquantums weniger menschliche Arbeit verschlingt, als auf der
anderen Seite beim Pflgen mit Dampf gegen das Pflgen mit Rindern
gewonnen wird. Etwas anderes aber ist die Rentabilitt einer Maschine --
wohlverstanden auerhalb Freilands. Um rentabel zu sein, mu der
Dampfpflug nicht Arbeitskraft, sondern Wert oder Geld ersparen, d. h. er
mu weniger kosten, als die durch ihn ersparte Arbeitskraft gekostet
htte. Das ist aber da drauen mit nichten schon deshalb der Fall, weil
die ersparte Arbeitskraft grer ist, als die zur Herstellung des
Pfluges und der Kohle erforderliche. Denn whrend die Arbeit, die der
verbesserte Pflug erspart, blos ihren Lohn erhlt, mu bei dem
gekauften Pfluge und der gekauften Kohle neben der zu ihrer Herstellung
erforderlich gewesenen Arbeit auch noch der aus drei Bestandteilen
bestehende Gewinn, nmlich Grundrente, Kapitalzins und
Unternehmerlohn, bezahlt werden. So kann es kommen, da der Dampfpflug
von seiner Entstehung bis zu seiner Abntzung 1 Million Arbeitsstunden
erspart, selber aber mitsamt dem ganzen, zu seinem Betriebe
erforderlichen Kohlenquantum blo 100000 Arbeitsstunden verschluckt
htte -- und dennoch hchst unrentabel ist, d. h. denjenigen, der
gesttzt auf die Sicherheit so riesiger Kraftersparnis ihn kaufen und
benutzen wollte, den grten Schaden verursachte. Denn die Million
ersparter Arbeitsstunden bedeutet eben nicht mehr, als eine Million
ersparter Stunden_lhne_, also beispielsweise ersparte 10000 Pfd.
Sterling, wenn der Arbeitslohn blo 1 Pfund fr 100 Arbeitsstunden
betrgt. An den zur Herstellung des Pfluges und der Betriebsmittel
erforderlichen 100000 Arbeitsstunden, die fr sich allein allerdings
blo 1000 Pfd. Sterling beansprucht haben mgen, haftet aber auerdem
noch die Rente, welche die Besitzer der Eisen- und Kohlengruben
einheben, der Zins, der fr die investierten Kapitalien gezahlt werden
mu und schlielich der Gewinn der Eisenfabrikanten und Kohlenerzeuger;
all dies kann unter Umstnden mehr betragen, als die Differenz von 9000
Pfd. Sterling zwischen den hier und dort aufgewendeten Arbeitslhnen,
und wenn es der Fall ist, verliert der abendlndische _Arbeitgeber_ Geld
daran, da er eine Maschine kauft, die tausend Prozent Arbeit erspart.
Ganz anders bei uns; die lebendige Arbeit, die der Dampfpflug _uns_
erspart, ist Stunde fr Stunde genau so viel wert, als die im Pfluge und
in der Kohle steckende, bereits in Warenform verwandelte Arbeitszeit;
denn in Freiland giebt es keinen Unterschied zwischen Arbeitsertrag und
Arbeitslohn; in Freiland ist daher jede theoretisch brauchbare, d. i.
jede wirklich Kraft ersparende Maschine zugleich notwendigerweise
rentabel. Dies der Grund, warum in Freiland die Maschinenindustrie von
so enormer, stetig zunehmender Bedeutung sein mute. Die eine Hlfte
unseres Volkes war damit beschftigt, jene sthlernen, von Dampf,
Elektricitt, Wasser, komprimierter oder verdnnter Luft in Bewegung
gesetzten sinnreichen Werkzeuge herzustellen, mittels deren die andere
Hlfte ihre Leistungsfhigkeit verhundertfachte, und notwendigerweise
mute sich daher bei uns in der Verwendung von Maschinenkraft eine
Vielseitigkeit und Vollkommenheit entwickeln, von welcher man auerhalb
der Grenzen unseres Landes keinerlei Vorstellung besitzt.

Die wichtigsten Einrichtungen, die noch vor Ablauf dieses ersten Jahres
in Angriff genommen wurden, waren erstlich die Herstellung von
Dampfpflgen und -- vorlufig noch durch tierische Kraft bewegten --
Se- und Erntemaschinen, gengend zur Bearbeitung von 26000 Hektaren,
die fr die Oktoberernte unter den Pflug genommen werden sollten. Wir
rechneten dabei, durch einmaligen Aufwand von 3 Mill. Arbeitsstunden
mindestens 3 Millionen Arbeitsstunden jhrlich zu ersparen. Das wre da
drauen in der alten Welt fr die solcherart berflssig werdenden
Arbeiter ein groes Unglck gewesen, ohne da die Gesamtheit davon den
geringsten Vorteil gehabt htte; wir dagegen wuten fr derart ersparte
Arbeitsstunden vortreffliche Verwendung; sie wurden zu allerlei
Veredlungsindustrien frei, fr deren Produkte eben infolge der
gewachsenen Ergiebigkeit der Arbeit die Abnehmer sofort gegeben waren.

Eine zweite, noch im Laufe des nchsten Jahres zu vollendende Arbeit war
die Verbesserung der Kommunikationsmittel durch Ausbaggerung des
Danaflusses von der Mahlmhle oberhalb des Edensees bis zum groen
Wasserfall am Danaplateau, und durch Anlage einer das Danaplateau
durchziehenden Eisenbahn. Daran sollten sich Seilbahnen auf einige der
Keniavorberge zu Zwecken des Bergwerks- und Forstbetriebs schlieen.

Da alle bestehenden Industrien neuerlich vergrert und eine stattliche
Reihe neuer eingerichtet wurden, versteht sich von selbst. Erwhnt mag
dabei werden, da nur solche Fabriken in Edenthal oder am Oberlaufe des
Dana angelegt wurden, die weder die Luft, noch das Wasser verdarben; die
minder reinlichen Betriebe siedelten sich entweder am Ostende des
Danaplateaus, hart am Wasserfalle, oder auch unterhalb desselben an.
Spter wurden Einrichtungen getroffen, die der Vergiftung der Wsser
durch industrielle Abflle ganz im Allgemeinen ein Ende machten.

Die Stadt Edenthal war auf 48000 Seelen angewachsen und deckte mit ihren
10600 Huschen und Grten, ihren zahlreichen groen, wenn auch immer
noch im Holzbarackenstil gehaltenen ffentlichen Bauten, mehr als 16
Quadratkilometer. Die zu riesiger Zahl angewachsenen Rinderherden wie
nicht minder die Pferde, Esel, Kamele, Elefanten und die neu
importierten Schweine und feinen Schafsorten bersiedelten zum greren
Teile nach dem Danaplateau.

Schon zu Beginn des zweiten Jahres hatten uns unsere europischen
Bevollmchtigten angezeigt, da die bei ihnen einlaufenden Anmeldungen
sich in gewaltigen Dimensionen vermehrten. Die in den Zeitungen
verffentlichten Berichte aus Freiland -- es waren inzwischen
Korrespondenten einiger der grten europischen und amerikanischen
Journale bei uns eingetroffen -- hatten die Auswanderungslust
selbstverstndlich in hohem Grade entfacht und wenn nicht alle Anzeichen
trogen, hatten wir uns fr das zweite Jahr unseres Aufenthalts am Kenia
auf einen Zuzug von mindestens dem doppelten, wahrscheinlich aber von
dreifachem Umfange, wie im ersten Jahre, gefat zu machen. Es mute also
fr Beschaffung der erforderlichen Kommunikationsmittel Vorsorge
getroffen werden. Da zahlreiche der bemittelten neuen Mitglieder
einstweilen die Schiffe fremder Gesellschaften gegen Zahlung benutzten,
anstatt darauf zu warten, bis auf unseren Schiffen die Reihe an sie
kme, so war das Dringendste, fr Vermehrung der Fahrgelegenheiten von
Mombas ab zu sorgen. Es wurden daher schleunigst 1000 neue Wagen nebst
der entsprechenden Anzahl von Zugtieren gekauft und successive vom Mrz
ab in Betrieb gesetzt. Gleichzeitig aber kaufte unser Londoner
Bevollmchtigter sechs und kurze Zeit darauf noch vier weitere Dampfer
von 4000-10000 Tonnen Laderaum, die zu unseren Zwecken umgebaut, je 1000
bis 3000 Passagiere faten. Mit Hlfe dieser neuen Dampfer wurde
zunchst der Verkehr ber Triest verstrkt; die grten Schiffe kamen an
dieses, zum Transport ber Suez fr ganz Mitteleuropa gnstigst gelegene
Ausfallthor; daneben aber wurde zweimal in der Woche eine Fahrt ab
Marseille und einmal im Monat eine Fahrt ab San Franzisko ber den
stillen Ocean eingerichtet. Nachdem noch fr alle Flle eine dritte
Serie von 1000 Wagen bestellt worden war, erachteten wir uns den
Anforderungen des bevorstehenden zweiten Jahres gegenber ausreichend
gerstet.

So standen die Dinge, als Demestre mit der Erklrung vor den Ausschu
trat, da die primitive Art der Befrderung von Mombas ab angesichts der
voraussichtlich auch in Zukunft anhaltenden gewaltigen Einwanderung
unmglich gengen knne. Wir mten sofort an den Bau einer Eisenbahn
von Edenthal an die Kste denken.

Alles, was Demestre zur Begrndung seines Vorschlages sagte, war so
richtig und einleuchtend, da derselbe ohne Debatte einhellig angenommen
wurde, ja, da sich Jedermann insgeheim wunderte, ihn nicht schon lngst
selber gemacht zu haben. Es handelte sich jetzt nurmehr darum, die Trace
der zuknftigen Eisenbahn festzustellen. In erster Reihe stand der alte
Weg, durch Kikuja ins Massailand, durch dieses, den Kilima stlich
umgehend ber Tawenta und Teita nach Mombas. Eine zweite, mglicherweise
viel gnstigere Trace, lie sich zwei Lngengrade weiter stlich, aber
gleichfalls nach Sden gerichtet und in Mombas die Kste erreichend,
durch Kikuja ins Land der Ukumbani und dort das Fluthal des Athi bis
Teita verfolgend, denken. Diese Trace konnte gnstigenfalls eine
Distanzverkrzung von nahe an 200 Kilometern mit sich bringen. Die
dritte, krzeste Route an den Ocean aber wre die in streng stlicher
Richtung, den Dana verfolgend, durch die Gallalnder an die Witukste
gewesen; hier konnte eventuell nahezu die Hlfte der Distanz erspart
werden, denn in der Luftlinie waren wir stlich keine 450 Kilometer vom
Meere entfernt.

Diese drei Alternativlinien sollten also nher untersucht werden, so
genau, als es binnen wenigen Monaten mglich wre; denn lnger als
hchstens ein halbes Jahr sollte mit dem Beginne der Bauarbeiten nicht
gezgert werden. Die Tracierung der alten Route, die er schon ziemlich
genau kannte, behielt sich Demestre vor; nach dem Athi und dem Dana
wurden zwei andere tchtige Ingenieure, begleitet gleich Demestre von
einem Stabe nicht minder tchtiger Kollegen, entsendet. Auerdem aber
muten diese beiden letzteren Expeditionen, da sie noch gnzlich
unbekannte Gebiete mit wahrscheinlich feindlichen Einwohnern zu
durchziehen hatten, wehrhaft gemacht werden. Sie waren je 300 Mann stark
und hatten auer entsprechenden Repetirgewehren auch einige
Kriegselefanten, Kanonen und Raketen mit sich. berdies waren alle drei
Expeditionen von einer kleinen Schar Naturforscher -- unter diesen
hauptschlich Geologen -- begleitet. Anfangs Mai zogen diese
Expeditionen aus; womglich noch vor der kleinen Regenzeit -- im August
-- sollten sie zurck sein.




                              11. Kapitel.


Die Haager Versammlung der Internationalen freien Gesellschaft hatte,
wie man sich erinnern wird, dem Ausschusse Generalvollmacht fr die
Dauer von zwei Jahren erteilt. Am 20. Oktober lief diese Frist zu Ende,
und bis dahin mute sich die Gesellschaft eine neue, endgiltige
Verfassung geben, eine frei durch das Volk von Freiland gewhlte Behrde
die bisherigen Vollmachten des Ausschusses bernehmen. Dieser berief
daher schon fr den 15. September eine constituierende Versammlung, und
zwar, da die Zahl der Bewohner Freilands zu gro war, als da allesamt
zu einer Beratung htten vereinigt werden knnen, indem er das Land in
500, der Einwohnerzahl nach gleiche Sektionen teilte und jede Sektion
zur Wahl eines Abgeordneten aufforderte. Diese derart zustande gekommene
Reprsentantenversammlung erklrte er sofort zur vorlufigen Trgerin
der obersten souvernen Gewalt und forderte sie auf, das Weitere zu
verfgen, es ihr anheim stellend, ob sie ihn bis zu Ausarbeitung der
Verfassung noch vorlufig in Funktion belassen, oder irgend eine neue,
sofort zu schaffende Behrde mit der Geschftsfhrung von Freiland
betrauen wolle. Die Versammlung entschied sich nach kurzer Debatte
einstimmig fr das Erstere und beauftragte berdies den Ausschu, einen
Verfassungsentwurf vorzulegen. Da ein solcher fr alle Flle bereits
fertig ausgearbeitet war, so konnte dieser Forderung sofort willfahrt
werden. Dr. Strahl legte den Verfassungsentwurf namens des Ausschusses
auf den Tisch des Hauses, dieses beschlo dessen Drucklegung und trat
schon nach drei Tagen in die Beratung der neuen Verfassung. Auch diese
Beratungen waren, angesichts der groen Einfachheit der vorgeschlagenen
Grundgesetze und Ausfhrungsbestimmungen nicht sehr langatmig und schon
am 2. Oktober konnten diese, einhellig approbiert, als solche verkndet,
und in ihrem Geiste die neue Verwaltung in Kraft gesetzt werden.

Die Grundgesetze lauteten:

l. Jeder Bewohner Freilands hat das gleiche unveruerliche Anrecht auf
den gesamten Boden und auf die von der Gesamtheit beigestellten
Produktionsmittel.

2. Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfhige haben Anspruch auf
auskmmlichen, der Hhe des allgemeinen Reichtums billig entsprechenden
Unterhalt.

3. Niemand kann, sofern er nicht in die Rechtssphre eines Anderen
greift, in der Bethtigung seines freien individuellen Willens gehindert
werden.

4. Die ffentlichen Angelegenheiten werden nach den Entschlieungen
aller volljhrigen (mehr als 20jhrigen) Bewohner Freilands ohne
Unterschied des Geschlechts verwaltet, die smtlich in allen, das
gemeine Wesen betreffenden Angelegenheiten das gleiche aktive und
passive Stimm- und Wahlrecht besitzen.

5. Die beschlieende sowohl als die ausbende Gewalt ist nach
Geschftszweigen geteilt und zwar in der Weise, da die Gesamtheit der
Stimmberechtigten fr die hauptschlichen ffentlichen Geschftszweige
gesonderte Vertreter whlt, die gesondert ihre Beschlsse fassen und das
Gebahren der den fraglichen Geschftszweigen vorstehenden
Verwaltungsorgane berwachen.

In diesen fnf Punkten ist das Um und Auf des ffentlichen Rechts von
Freiland niedergelegt; alles weitere ist nichts anderes, als das
selbstverstndliche Ergebnis oder die nhere Ausfhrung derselben. So
ergeben sich die Prinzipien, auf denen die Associationen sich aufbauten
-- Anrecht des Arbeiters am Ertrage, Verteilung desselben nach der
Arbeitsleistung und freie Vereinbarung mit hherwertigen Arbeitskrften
-- naturgem und notwendigerweise aus dem ersten und dritten
Grundgesetze. Da jedermann ber smtliche Arbeitsmittel verfgte, so
konnte niemand sich gedrngt sehen, auf den Ertrag der eigenen Arbeit zu
verzichten, und da niemand gezwungen werden konnte, seine hheren
Fhigkeiten anderen zur Verfgung zu stellen, so muten diese hheren
Fhigkeiten, sofern man ihrer zur Leitung der Produktion bedurfte, im
Wege freier Vereinbarung entsprechende Verwertung finden.

Mit Bezug auf das im zweiten Absatze ausgesprochene Versorgungsrecht der
Frauen, Kinder, Greise und Arbeitsunfhigen ist zu bemerken, da dieses
im Sinne unserer Grundstze als Ausflu der Wahrheit angesehen wurde,
da der Reichtum des Kulturmenschen nicht Produkt seiner eigenen,
individuellen Fhigkeiten, sondern das Ergebnis der geistigen Arbeit
zahlloser vorangegangener Generationen sei, _deren Erbe dem Schwachen
und Arbeitsunfhigen gerade so gebhre, wie dem Starken und Tchtigen_.
Alles, was wir genieen, verdanken wir nur zu unendlich geringem Teile
unserer eigenen Intelligenz und Kraft; auf diese allein angewiesen,
wren wir arme, in tiefstem, tierischem Elend vegetierende Wilde; die
reiche Hinterlassenschaft unserer Vorfahren seit unvordenklicher Zeit
ist es, von welcher wir zehren, der wir neunundneunzig Hundertteile
all unserer Gensse verdanken. Ist dem aber so -- und kein
Zurechnungsfhiger hat dies jemals in Abrede gestellt -- dann haben all
unsere Geschwister Anrecht auf Mitgenu der Erbschaft. Da diese
Erbschaft ohne unsere, der Starken, Arbeit unfruchtbar wre, ist
allerdings richtig, und unbillig, ja thricht und undurchfhrbar wre
daher das Verlangen der schwcheren Geschwister nach _gleicher_ Teilung.
Aber geschwisterlichen, nicht auf das bloe Erbarmen, sondern auf
Anerkennung ihres Erbrechts gesttzten Anteil des dem gemeinsamen
Erbgute -- und es sei immerhin blo durch _unsere_ Arbeit --
abgewonnenen reichen Ertrages knnen sie fordern; sie stehen uns nicht
als bettelnde Fremdlinge, sondern als erbberechtigte Familiengenossen
gegenber. Und unser, der strkeren Geschwister eigenes wohlverstandenes
Interesse verlangt die rckhaltlose Anerkennung dieses guten Rechtes
jedes Angehrigen der menschlichen Familie. Denn unser eigenes Glck
kann nicht gedeihen, wenn wir Geschpfe, die Unseresgleichen sind,
entwrdigen, zu Not und Schmach verurteilen. Gesunder Egoismus verbietet
uns, dem Elend und seinen Kindern, den Lastern, irgend einen
Schlupfwinkel inmitten von Unseresgleichen offen zu halten. Frei und
edelgeboren, ein Knig und Herr dieses Planeten mu jeder sein, dessen
Mutter ein menschliches Weib gewesen, sonst wird seine Not zu einem
fressenden Geschwre, welches um sich greifend den stolzen Bau auch
unserer, der Starken, Herrlichkeit vergiftet.

So viel ber das Versorgungsrecht im allgemeinen. Was aber speziell das
den Frauen zugesprochene anlangt, so war bei diesem die fernere Erwgung
magebend, da das Weib seiner physischen und psychischen Beschaffenheit
nach nicht zu aktivem Kampfe ums Dasein, sondern einerseits zu dessen
Fortpflanzung, anderseits zu dessen Verschnerung und Veredlung bestimmt
ist. So lange wir alle, oder doch die ungeheuere Mehrheit von uns allen,
in unablssigem, jammervollem Kampfe mit des Lebens gemeinster,
tierischer Notdurft uns qulten, konnte von Rcksicht auf die Schwche
und auf den Adel des Weibes keine Rede sein; die Schwche konnte --
gleich der jedes anderen Schwachen -- nicht der Rechtstitel auf
Schonung, sondern mute zu einem Anreize der Unterjochung werden; der
Adel des Weibes war geschndet -- abermals gleich dem jedes rein
menschlichen, wirklichen Adels. Eine Sklavin und ein kufliches Werkzeug
der Lste war das Weib ungezhlte Jahrtausende hindurch -- und die
vielgerhmte Civilisation der letzten Jahrhunderte hatte daran dem Wesen
nach nichts gendert. Auch unter den sogenannten Kulturnationen der
Gegenwart blieb das Weib rechtlos, und was schrecklicher ist, es blieb,
um sein Dasein zu fristen, angewiesen darauf, sich dem ersten Besten zu
verkaufen, der um seiner Reize willen die Verpflichtung bernahm, es zu
versorgen. Diese von Recht und Sitte geheiligte Prostitution ist in
ihren Wirkungen verheerender, als jene andere, ihr Wesen unverhllt zur
Schau tragende, die sich von ihr blo dadurch unterscheidet, da hier
der schmhliche Handel nicht auf Lebenszeit, sondern fr krzere Frist
geschlossen wird, fr Jahre, Wochen, Stunden. Gemeinsam ist beiden, da
das seste, heiligste Kleinod der Menschheit, das Herz des Weibes, zum
Gegenstande gemeinen Schachers, zu einem Mittel des Lebensunterhalts
gemacht wird, und schrecklicher als die Prostitution der Strae ist die
von Gesetz und Sitte geheiligte der Versorgungsehe, weil unter ihrem
verpestenden Gifthauche nicht blo Wrde und Glck der jeweilig
lebenden, sondern auch Saft und Mark der zuknftigen Geschlechter
verdorren. Da die Liebe, jener geheiligte Instinkt, der bestimmt ist,
das Weib in die Arme jenes Gatten zu fhren, mit dem vereint es der
kommenden Generation die tchtigsten Mitglieder schenken knnte, zum
Erwerbsmittel, dem einzigen das ihm offen stand, geworden, so mute das
Weib, um zu leben, sich -- in sich aber die Zukunft der Rasse schnden.

Glck und Wrde, wie das zuknftige Heil der Menschheit, erfordern daher
im gleichen Mae, da das Weib der entehrenden Notwendigkeit enthoben
werde, im Gatten zugleich den Versorger, in der Ehe das einzige
Rettungsmittel gegen materielle Not zu sehen. Aber auch gemeiner Arbeit
darf das Weib nicht berwiesen werden. Auch das verbietet das Glck der
jeweilig lebenden und die Tchtigkeit der zuknftigen Generation in
gleicher Weise. Die Gleichberechtigung des Weibes dadurch verwirklichen
wollen, da man ihm gestattet, im Broterwerb mit dem Manne zu
konkurrieren, ist eben so nutzlos als verderblich; nutzlos, weil dem
weiblichen Geschlechte als Ganzes genommen eine solche Befugnis, von
welcher es nur in Ausnahmefllen wirklichen Gebrauch machen kann, doch
nicht hilft; verderblich, weil das Weib mit dem Manne hier nicht
konkurrieren darf, ohne seinen edleren schneren Aufgaben untreu zu
werden. Und diese Aufgaben liegen nicht etwa in der Verfolgung von Kche
und Wschespinde, sondern in der Pflege des Schnen in der gegenwrtigen
Generation einerseits und der geistigen wie krperlichen Entwickelung
des Nachwuchses anderseits. Das Weib mu daher nicht blo in seinem
eigenen, sondern ebenso im Interesse des Mannes und insbesondere in
jenem der zuknftigen Geschlechter dem Kampf um des Lebens Notdurft
gnzlich entrckt werden; es darf kein Rad im Getriebe des Broterwerbs,
es mu ein Juwel am Herzen der Menschheit sein. Nur eine Arbeit ist
dem Weibe angemessen: die der Kindererziehung und allenfalls noch die
Pflege von Kranken und Gebrechlichen. In der Schule und am Siechbett
kann weibliche Zrtlichkeit und Vorsorge eine passende Vorschule fr die
Pflichten des spteren eigenen Hauses finden, und hier mag die
alleinstehende Frau zugleich Erwerb suchen, sofern sie es wnscht. Als
selbstverstndlich darf gelten, da im Sinne unserer Prinzipien jeder
dem Weibe gegenber gebte abwehrende Zwang durchaus verpnt war.
_Verboten_ war der Frau nicht, welches Gewerbe immer zu ergreifen, was
denn in vereinzelten Fllen auch jederzeit geschah, insbesondere auf dem
Gebiete der geistigen Berufe; aber die ffentliche Meinung in Freiland
billigte dies eben auch nur in Ausnahmefllen, d. h. wenn hervorragende
Fhigkeiten solches Thun rechtfertigten und es mu bemerkt werden, da
unsere Frauen in erster Reihe es waren, welche sich auf die Seite dieser
ffentlichen Meinung stellten.

Da der Versorgungsanspruch der Frauen um ein Vierteil geringer bemessen
wurde, als derjenige der Mnner -- die konstituierende Versammlung
besttigte nmlich nicht blo das Prinzip, sondern auch das bereits
mitgeteilte Ausma der verschiedenen Versorgungsrechte -- hat nicht in
einer Minderbewertung des weiblichen _Anspruches_ seine Motivierung,
sondern lediglich in der Thatsache, da die _Bedrfnisse_ des Weibes
geringer sind, als die des Mannes. Wir gingen von der Ansicht aus, da
die Frau mit ihren dreiig Hundertteilen des durchschnittlichen
Arbeitsertrages eines freilndischen Produzenten ebenso reichliches
Auslangen finden werde, als ein versorgungsbedrftiger Mann mit seinen
vierzig Hundertteilen; und die Erfahrung hat dies vollauf besttigt.

Es hatte jedoch nicht blo die alleinstehende Jungfrau oder Witwe,
sondern auch die Ehefrau -- wenn auch blo den halben --
Versorgungsanspruch. Das begrndete sich dadurch, da auch das
verheiratete Weib nicht auf die Versorgung des Mannes angewiesen und
dadurch in ein materielles Abhngigkeitsverhltnis zu diesem gebracht
sein sollte. Da im Haushalte die Thtigkeit der Frau immerhin mit einem
Teile ihres Eigenbedarfs zu veranschlagen ist, so bedurfte es, um dem
Ehemanne die Versorgungslast abzunehmen, auch nur einer teilweisen
Versorgung von Gesamtheitswegen. Mit dem beginnenden Kindersegen
vermehrt sich die Familienlast neuerlich, und da diese abermals durch
das Weib erwchst, so steigerten wir den Versorgungszuschu insolange,
bis er wieder die volle Hhe des Versorgungsanspruches der Frau, d. i.
30 Prozent erreichte.

Das vierte Grundgesetz, das allgemeine, auf volljhrige Frauen
ausgedehnte Stimmrecht, bedarf wohl keiner besonderen Erluterung. Zu
bemerken wre hier nur, da sich diese Bestimmung auch auf die in
Freiland wohnenden Neger erstreckte, mit dem Beifgen jedoch, da des
Lesens und Schreibens Unkundige insofern von der thatschlichen Ausbung
politischer Rechte ausgeschlossen waren, als alle Abstimmungen durch
eigenhndig auszufllende Stimmzettel vorgenommen wurden. Wir gaben uns
brigens redlich Mhe, unseren Negern nicht blo das Lesen und
Schreiben, sondern auch eine Reihe anderer Kenntnisse beizubringen, und
da dies im allgemeinen von gutem Erfolge begleitet war, so nahmen unsere
schwarzen Brder allmhlich an allen unseren Rechten teil.

Nherer Erklrung bedarf dagegen Punkt 5 der Grundrechte, wonach die
Gemeine ihr Beschlu- und Kontrollrecht ber alle ffentlichen
Angelegenheiten nicht durch _eine_, sondern durch mehrere, nach
Verwaltungszweigen geordnete Krperschaften ausbte, die von der Gemeine
auch ebenso gesondert gewhlt wurden. Dieser Bestimmung verdankt die
Verwaltung von Freiland ihre geradezu erstaunliche Sachkenntnis, das
ffentliche Leben Freilands seine nicht minder beispiellose Ruhe und das
Fehlen aller tiefergehenden, leidenschaftlichen Parteiungen. In den
Staaten Europas und Amerikas besteht blo die vollziehende Gewalt aus
Mnnern, die unter Rcksicht auf ihre Sachkenntnis und Befhigung fr
jenen Zweig des ffentlichen Dienstes ernannt, respektive gewhlt sein
_sollten_, dem vorzustehen ihres Amtes ist. Selbst das ist nur mit sehr
groen Einschrnkungen der Fall, ja insbesondere den sogenannten
parlamentarischen Verfassungen Europas und Amerikas gegenber mu mit
Recht behauptet werden, da sie gerade an die Spitze der verschiedenen
Verwaltungszweige Mnner stellen, die nur zu oft von den wichtigen
Angelegenheiten, denen sie vorstehen sollen, sehr wenig verstehen. Die
Versammlungen, aus deren Mitte und durch deren Willen parlamentarische
Minister zur Macht gelangen, sind in der Regel gnzlich auer Stande,
durchweg sachkundige Mnner zu berufen, schon aus _dem_ Grunde nicht,
weil sie solche hufig gar nicht in ihrer Mitte besitzen. Damit soll
nicht gesagt sein, da nicht selbst parlamentarische Schnredner und
Berufspolitiker in der Regel immer noch mehr von ihrem Amte verstehen,
als jene Gnstlinge der Macht und des blinden Glcks, die in
nichtparlamentarischen Lndern das Ruder fhren -- aber Sachverstndige
sind sie nicht, knnen sie nicht immer sein. Doch wie gesagt, die Organe
der Exekutive _sollten_ es doch zum mindesten sein, es besteht die
Fiktion, da sie es seien, und ein Mann, der sich in irgend einem Fache
rhmlich hervorthut, hat damit wenigstens einen -- wenn auch
thatschlich ziemlich untergeordneten -- Anspruch mehr, in diesem Fache
Verwendung im ffentlichen Dienste zu finden. Fr die _gesetzgebenden_
Krperschaften des Abendlandes dagegen ist Sach- und Fachkenntnis nicht
einmal prinzipiell ein Grund der Wahl. Die Mnner, welche Gesetze
erlassen und deren Ausbung zu kontrollieren haben, brauchen
grundstzlich von all den Angelegenheiten, auf welche sich diese Gesetze
beziehen, nicht das Geringste zu verstehen. Das Vertrauen ihrer Whler
ist vom Grade dieses ihres Verstndnisses in der Regel unabhngig, sie
werden nicht als Fachmnner, sondern als _gesinnungstchtige_ Mnner
gewhlt.

Das aber hat einen doppelten belstand im Gefolge; es macht zunchst den
ffentlichen Dienst mehr als irgend eine Privatangelegenheit zum
Spielballe menschlicher Unwissenheit und Unklugheit; das Wort
Oxenstiernas: Du weit nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die
Welt regiert wird, ist in weit hherem Mae, als allgemein geglaubt
wird, ein wahres Wort; der durchschnittliche Grad von Klugheit und
Sachkenntnis in zahlreichen ffentlichen Verwaltungszweigen der
sogenannten civilisierten Welt, steht tief unter dem in den
Privatgeschften der nmlichen Lnder gemeinhin anzutreffenden
Durchschnittsniveau. Zum zweiten aber gestaltet diese, zugleich
centralisierte und kenntnislose Organisation der ffentlichen
Verwaltungszweige das Parteigetriebe zu einem leidenschaftlichen und
erbitterten Kampfe, in welchem stets alles an alles gesetzt werden mu
und in welchem beinahe niemals sachliche Erwgungen, sondern stets nur
die vorgefaten politischen Meinungen entscheiden. Unablssiger Kampf,
stete, leidenschaftliche Erregung ist also die zweite, notwendige Folge
dieser verkehrten Einrichtung.

Eine nderung derselben ist aber schlechthin unmglich, so lange die
geltende soziale Ordnung in Kraft bleibt. Denn solange dies der Fall
ist, fhrt das allgemeine Wohl noch immer besser, wenn die ffentlichen
Angelegenheiten von Unwissenden, ohne Rcksicht auf ihre Fachkenntnis
Gewhlten, verwaltet und kontrolliert werden, als wenn Fachleute von
Beruf die Macht erhielten, in Sachen ihres Faches namens der Gesamtheit
zu handeln. Das Interesse dieser wirklichen Fachmnner ist nmlich in
der ausbeuterischen Gesellschaft dem der groen Masse nicht blo hufig,
sondern in der Regel entgegengesetzt. Man denke sich einen europischen
oder amerikanischen Staat, in welchem die Fabrikanten ber Fabrikation,
die Landwirte ber Bodenproduktion, die Eisenbahnleute ber
Transportwesen, und so fort die sachkundigen Vertreter jedes
Interessen-Zweiges ber das sie zunchst interessierende Gebiet Gesetze
machen, ausfhren und berwachen knnten! Da in der ausbeuterischen
Gesellschaft der Kampf ums Dasein auf gegenseitige Unterdrckung und
Verdrngung gerichtet ist, so mten die Folgen einer solchen
Verfassung fr sie geradezu schrecklich sein, und in jenen, unter dem
Sammelnamen der politischen Korruption bekannten Fllen, wo es
vereinzelten Interessenkreisen gelang, ihren Willen dem der Gesamtheit
unterzuschieben, berschritt auch thatschlich die Schamlosigkeit der
Ausbeutung alle Grenzen.

Anders in Freiland; bei uns giebt es keine dem Gesamtinteresse
entgegenstehenden oder auch nur nicht vollkommen mit diesem
harmonierenden Sonderinteressen. Produzenten z. B., die in Freiland auf
den Gedanken gerieten, ihren Gewinn dadurch zu erhhen, da sie den
Import mit Zllen belegten, mten Bldsinnige sein; denn da sie die
Konsumenten zwngen, ihre Fabrikate hher zu bezahlen, wrde ihnen
nichts ntzen -- da sofort der Zuflu von Arbeitskraft ihren Gewinn
wieder auf sein Durchschnittsniveau herabbrchte -- dagegen wrde ihnen
allerdings schaden, da sie allen andern Produzenten das Produzieren
erschwert htten, denn dadurch wrde eben jenes Durchschnittsniveau der
Gewinne, ber welches sich ihr eigener niemals dauernd erheben kann,
herabgedrckt worden sein. Und genau das nmliche gilt fr alle unsere
Interessenkreise. Dadurch, da jeder derselben Jedem zugnglich ist, und
da Niemand das Recht und die Macht hat, einen irgendwo erwachsenden
Vorteil fr sich allein zu beanspruchen, sind wir in der glcklichen
Lage, in allen Interessenfragen Jenen die Entscheidung anzuvertrauen,
welche die _zunchst_ Interessierten, also die Sachkundigsten sind.
Dadurch aber gestalten sich Gesetzgebung und Verwaltung nicht blo
sachkundig im hchsten Grade, es verschwindet auch aus dem ffentlichen
Leben jene leidenschaftliche Voreingenommenheit, die da drauen das
charakteristische Merkmal des Parteigetriebes ist. Da berall
wohlverstandenes gemeinsames Interesse und Vernunft entscheiden, so
haben wir niemals Grund, uns zu erhitzen. Bei unseren Wahlen handelt es
sich gar nicht darum, einen Gesinnungsgenossen durchzubringen, sondern
hchstens um Meinungsverschiedenheiten darber, welcher der Kandidaten
wohl der Erfahrenste, Klgste sein mge. Und da die Fhigkeiten eines
Jeden unter uns wegen der Organisation unserer gesamten Arbeit auf die
Dauer unmglich verborgen bleiben knnen, so sind Irrtmer in diesem,
fr unser ffentliches Leben allein magebenden Punkte kaum mglich.

Da die Konstituante die Zwlfteilung der Verwaltung beibehalten hatte,
so gab es von da ab in Freiland neben den zwlf verschiedenen
Exekutivbehrden -- die in ihrem Wirkungskreise etwa mit den
abendlndischen Ministerien in Parallele zu stellen wren -- zwlf
verschiedene beratende, beschlieende und berwachende, aus der
allgemeinen Wahl hervorgegangene Versammlungen an Stelle der
einheitlichen abendlndischen Parlamente. Diese zwlf Versammlungen
wurden smtlich von der Gesamtheit aller Whler gewhlt, es hatte zum
Mindesten jeder Whler das Recht, bei allen Wahlen seine
gleichgewichtige Stimme abzugeben; aber die Einteilung der Wahlkrper
war verschieden, und die Wahlen fanden fr jeden der zwlf
Vertretungskrper gesondert statt; ein Teil derselben, nmlich die fr
die Geschfte des Verwaltungsprsidiums und der Finanzen, fr
Versorgungswesen, Unterricht, Kunst und Wissenschaft, Sanittswesen und
Justiz, fand nach Wohnbezirken, die Wahlen in die anderen
Vertretungskrper fanden nach Berufskategorien statt. Zu letzterem
Zwecke waren die smtlichen Einwohner Freilands je nach ihren
Berufsgeschften in zahlreiche grere oder geringere Wahlkrper
geteilt, deren jeder, je nach der Zahl seiner Angehrigen einen oder
mehrere Abgeordnete whlte; von ganz kleinen Berufsklassen waren je
einige mglichst gleichartige zu je einem Wahlkrper zusammengelegt; die
Zugehrigkeit zu den verschiedenen Wahlkrpern hing vom Belieben jedes
Whlers ab, d. h. es konnte sich Jedermann -- und ebenso
selbstverstndlich auch jede Frau -- in eine ihm oder ihr genehme
Berufsklasse eintragen lassen, und bte dann in dieser das Wahlrecht fr
die von diesen Klassen gewhlten Vertretungskrper aus.

Die obersten Beamten der zwlf Verwaltungszweige wurden sodann je von
den zwlf Vertretungskrpern ernannt; die Ernennung der anderen Beamten
war Sache der Verwaltungschefs. In allen wichtigeren Fllen hatten diese
alle den Vertretungskrpern vorzulegenden Manahmen vorher gemeinsam
untereinander zu beraten.

Die Beratungen der verschiedenen Vertretungskrper fanden in der Regel
gesondert und meist auch in verschiedenen Sessionsperioden statt;
einzelne derselben waren in Permanenz, andere traten blo einigemal im
Jahr fr wenige Tage zusammen; auch die Mitgliederzahl dieser
Fachparlamente war verschieden; das schwchste derselben, das fr
Statistik, bestand blo aus 30 Mitgliedern, die vier zahlreichsten
zhlten je 120 Mitglieder. Wenn Angelegenheiten, die mehrere
Vertretungskrper gemeinsam interessierten, zur Sprache kamen, so traten
die betreffenden Krperschaften zu gemeinsamen Sitzungen zusammen.
Kompetenzstreitigkeiten waren unmglich, da der bloe von Seiten welches
Vertretungskrpers immer ausgesprochene Wunsch, an den Beratungen irgend
eines anderen Teil zu nehmen, dazu gengte, um die betreffende
Angelegenheit zu einer gemeinsamen zu machen.

Das naturgeme Ergebnis dieser Organisation war, da jeder Bewohner
Freilands blo an jenen ffentlichen Angelegenheiten teilnahm, von denen
er etwas verstand oder doch zu verstehen glaubte, und da er in jedem
Verwaltungszweige jenem Kandidaten seine Stimme gab, der seiner Meinung
nach der berufenste und befhigteste gerade fr den fraglichen
Verwaltungszweig war, was wieder zu naturgemen -- abendlndischem
Begriffe nach allerdings schier unglaublichen -- Folge hatte, da jeder
ffentliche Verwaltungszweig von den sachverstndigsten und berufensten
Mnnern in ganz Freiland verwaltet wurde. Und dabei entwickelte sich
sehr bald eine hchst eigentmliche Art politischer Ehre, die
gleichfalls sehr verschieden war von der berall anderwrts geltenden.
Gilt es da drauen fr gesinnungstchtig, der einmal erwhlten Partei
unterschiedlos durch Dick und Dnn zu folgen, ihr seine Stimme und
seinen Einflu zu leihen, gleichviel ob man von der Sache, um die es
sich gerade handelt, etwas versteht oder nicht, so verlangt die
politische Ehre eines Brgers von Freiland zwar noch viel entschiedener,
da er seine Aufmerksamkeit und seinen Eifer den ffentlichen
Angelegenheiten widme; die ffentliche Meinung verbelt es ihm aber
hchlich, wenn er -- gleichviel aus welchen Rcksichten -- sich in
solche Angelegenheiten mengt, von denen er offenbar nichts versteht, so
da streng genommen schon vom Whler verlangt wird, da er in jenen
Verwaltungszweigen, bei denen er das Gewicht seiner Stimme geltend
macht, einigermaen Fachmann sei. Die Wahlen befinden sich daher
durchweg in sehr guter Hand, Beeinflussung der Whlerschaften durch
phantastische Vorspiegelungen oder Versprechungen wren, selbst wenn
versucht, niemals von Erfolg. Es giebt keinen Whler, der fr smtliche
zwlf Vertretungskrper whlen wrde; speziell die Frauen halten sich
mit verschwindenden Ausnahmen fern von allen Wahlen, die nach
Berufsklassen vorgenommen wurden; dagegen beteiligen sie sich sehr
lebhaft an den nach Wohnbezirken stattfindenden; speciell bei denen fr
Unterrichtswesen geben ihre Stimmen den Ausschlag. Auch ihr passives
Wahlrecht kommt zur Geltung und in den Vertretungskrpern fr
Versorgungswesen, Kunst und Wissenschaft, Sanittswesen und Justiz
sitzen hufig, in dem fr Unterricht stets mehrere Frauen. An der
Exekutive beteiligen sie sich niemals. Der Vollstndigkeit halber mag
noch erwhnt werden, da die gewhlten Abgeordneten fr ihre Thtigkeit
bezahlt werden und zwar erhalten sie fr jeden Tag der Sessionsdauer je
acht Stundenquivalente.

Nachdem die Verfassung von der Konstituante angenommen worden war, lste
sich diese auf und es wurden sofort die Wahlen fr die zwlf
Vertretungskrper vorgenommen. Pnktlich am 20. Oktober traten diese
zusammen und der Ausschu legte in deren Hnde seine Gewalten nieder.
Die alten Ausschumitglieder wurden jedoch als Chefs der verschiedenen
Verwaltungszweige wiedergewhlt, mit Ausnahme von Vieren, welche
erklrten, kein ffentliches Amt mehr anzunehmen und an deren Stelle
neue Mnner traten. Die Regierung von Freiland war endgiltig
konstituiert.

Inzwischen waren die drei zur Feststellung der geeignetsten Trace fr
eine Eisenbahn an die Kste entsendeten Expeditionen zurckgekehrt. Die
eine derselben, die auf der krzesten Route, im Danathale an die
Witukste, operiert hatte, war zwar auf keine ungewhnlichen
Terrainschwierigkeiten gestoen und die Voraussicht, da diese weitaus
krzeste Strecke sich als die technisch empfehlenswerteste erweisen
werde, hatte sich bewhrt; auch im brigen hatte sich bis zu einer
Entfernung von 200 Kilometern vom Kenia keinerlei ernstliche
Schwierigkeit ergeben; aber von da ab bis an die Kste setzten die jenes
Gebiet bewohnenden Gallastmme der Expedition einen so hartnckigen und
bsartigen Widerstand entgegen, da die Feindseligkeiten zwei Monate
lang kein Ende nahmen, zahlreiche Gefechte bestanden werden muten, in
denen sich die Gallas zwar stets schwere Zchtigungen holten, die aber
doch nicht bewirken konnten, da die Expedition anders, als in stetem
Kriegszustande ihre doch durchaus friedliche Mission zu erfllen
vermochte. Der Eisenbahnbau durch jenes Gebiet htte durch einen
frmlichen Feldzug zur Pacifizierung oder Vertreibung der Galla
eingeleitet werden mssen und wre auch dann nur unter dauernder
Kriegsbereitschaft zu vollenden gewesen. Diese Linie mute also --
vorlufig zum mindesten -- fallen gelassen werden.

Nicht minder gewichtige Grnde sprachen gegen die Linie ber Ukumbani
lngs des Athiflusses. Die Trace durch das Fluthal wre zwar ohne
sonderliche technische Schwierigkeiten gewesen, aber sie durchzog,
insbesondere in der zweiten Hlfte, ungesundes Sumpf- und Dschungelland,
welches in nchster Zukunft nicht kulturfhig zu machen war. Entschied
man sich dagegen fr eine, das eigentliche Fluthal verlassende, die
begleitenden Hhenzge durchquerende Nebenvariante, so waren die
technischen Verhltnisse nicht gnstiger und die voraussichtlichen
Baukosten nicht geringer, als bei der dritten Linie, der lngs unserer
alten Strae nach Mombas nmlich, die denn auch einhellig gewhlt wurde.
Zu ihren Gunsten sprach der gewichtige Umstand, da sie befreundete
Gebiete durchzog, die in nicht zu ferner Zukunft hchst wahrscheinlich
von freilndischen Kolonisten zum Wohnplatze erkoren werden durften; da
sie die lngste und kostspieligste von allen war, konnte daher, wenn der
Kostenunterschied nicht allzusehr in die Wagschale fiel -- was, wie sich
zeigte, thatschlich nicht der Fall war -- nicht abhalten, ihr den
Vorzug zu geben.

Der Bau wurde unverzglich begonnen. Mchtige, neuartige Maschinen aller
Art waren inzwischen in groer Zahl durch unsere freilndischen
Maschinenfabriken konstruiert worden, und mit diesen ausgerstet,
griffen 5000 freilndische und 8000 Negerarbeiter das Werk an 18 Punkten
zugleich an, wobei die 11 greren und 32 kleineren Tunnels in einer
Gesamtlnge von 38 Kilometern, die auf der Strecke vorkamen, und die
jeder fr sich ein eigenes Bauobjekt bildeten, gar nicht mitgezhlt
sind. Die Schienen -- bestes Bessemermaterial -- lieferten teils unsere
eigenen Fabriken, teils -- und zwar fr die Strecke Mombas-Taweta --
kamen sie aus Europa. Zwei Jahre nach Beginn des ersten Spatenstiches
wurde die Teilstrecke Edenthal-Ngongo, drei Monate spter die Strecke
Mombas-Taweta und abermals  Jahre spter das Mittelstck Ngongo-Taweta
dem Verkehr bergeben, so da genau fnf Jahre, nachdem unsere Pioniere
zum erstenmale den Boden von Freiland betreten hatten, die erste
Lokomotive, die den Tag zuvor noch die Brandung des indischen Oceans an
die Ufer von Mombas schlagen gesehen, die Gletscher des Kenia mit
gellendem Pfiff begrte.

Da dieses gewaltige Werk in so kurzer Frist und mit verhltnismig so
geringem Arbeitsaufwande vollendet werden konnte, verdankten wir unseren
Maschinen, auf deren Rechnung es auch zu stellen ist, da der
Kostenaufwand sich innerhalb verhltnismig billiger Grenzen hielt,
trotzdem wir unseren Arbeitern -- selbstverstndlich -- Lhne zahlen
muten, wie sie wohl noch bei keinem Eisenbahnbaue jemals vorgekommen.
Unsere freilndischen Eisenbahnbauer -- sie hatten sich natrlich sofort
zu einer Anzahl von Associationen zusammengethan -- bezogen im ersten
Baujahre einen Tagesverdienst von je 22 Sh., im dritten einen solchen
von 28 Sh. -- und arbeiteten dabei blo je 7 Stunden tglich. Trotzdem
kosteten die gesamten 1082 Kilometer, meist ziemlich schwieriger
Gebirgsbahn, blo 9 Millionen Pfd. Sterling, d. i. nicht ganz 9000 Pfd.
Sterling per Kilometer. Unsere 13000 Arbeiter leisteten eben mit ihren
groartigen kraftersparenden Maschinen mehr, als 100000 gewhnliche
Arbeiter mit Haue, Krampe und Karren auszurichten vermocht htten: und
die Verwendung dieses kolossalen, mehr als 4 Millionen Pfd. Sterling
verschlingenden Kapitals war rentabel, gerade weil die Arbeit so
hohen Lohn empfing.

Da zugleich mit dieser -- zweigeleisigen -- Eisenbahn auch ein
Telegraph zwischen Edenthal und Mombas gelegt wurde, ist
selbstverstndlich.

Whrend aber diese Arbeiten im Zuge waren, und die unaufhaltsam
anwachsende Bevlkerung von Freiland in engere Berhrung mit der alten
Heimat trat, hatten sich in den Beziehungen zu unseren eingeborenen
afrikanischen Nachbarn wichtige Vernderungen vollzogen, teils
friedlicher, teils kriegerischer Natur, die von nicht minder bedeutsamem
Einflusse auf den Entwickelungsgang unseres Gemeinwesens waren.

Zunchst hatten die Massai von Leikipia und aus dem Seengebiete zwischen
Naiwascha und Baringo aus eigener Initiative und auf eigene Kosten, wenn
auch unter Anleitung von ihnen erbetener freilndischer Ingenieure, eine
gute, 380 Kilometer lange Fahrstrae durch ihr ganzes Gebiet vom
Naiwaschasee erst nrdlich und dann stlich durch Leikipia bis nach
Edenthal gebaut. Sie erklrten, es gehe wider ihre Ehre und ihren Stolz,
da sie durch fremdes Gebiet von uns getrennt seien und wenn sie uns
oder wir sie besuchen wollten, der einzige praktikable Weg ber das Land
der Wakikuja genommen werden msse. So gro war der eiferschtige Wunsch
nach unmittelbarem Anschlusse an unser Gebiet, da die Massai, als sie
ein Teil der angeworbenen Wataweta-Straenarbeiter irgend einer
Mihelligkeit halber whrend der besten Bauzeit pltzlich im Stiche
lie, selber zugriffen und abwechselnd in der Zahl von 3000 das Werk mit
einer Energie frderten, die Niemand bei diesem noch vor kurzem so
arbeitsscheuen Volke fr mglich gehalten htte. Wir beschlossen denn
auch, diesen Beweis ungewhnlicher Anhnglichkeit und Tchtigkeit durch
einen ebenso hervorragenden Akt der Anerkennung zu belohnen. Als die
Massaistrae fertig war und eine aus den ltesten und Fhrern aller
Stmme bestehende Massaideputation auf derselben freude- und
triumphstrahlend ihren Einzug in Edenthal hielt, wurde dieselbe mit
groen Ehren empfangen, und mit Geschenken fr das ganze Massaivolk
bedacht, die dem Bauwerte der neuen Strae ungefhr gleichkamen.

Die damit bewerkstelligte innigere Verbindung mit den nrdlichen und
westlichen Massaistmmen brachte uns bald darauf in Berhrung mit den am
Ostufer des Ukerewe-Sees wohnenden Kawirondo. Diese, ein sehr
zahlreicher und friedlich von Ackerbau und Viehzucht lebender
Volksstamm, grenzten im Norden ihres Gebietes an Uganda, wo in den
letzten Jahren mannigfache innere Kmpfe und Umwlzungen vor sich
gegangen waren. Unhnlich den anderen Vlkern, die wir bis dahin kennen
gelernt und die smtlich in unabhngigen, nur lose verbundenen kleinen
Stmmen, meist unter freigewhlten Huptlingen mit geringem Einflusse
lebten, waren die Wangwana (der Name fr die Bewohner von Uganda) schon
seit Jahrhunderten zu einem greren, despotisch regierten Staate unter
einem Kabaka oder Kaiser vereinigt. Ihr Reich, dessen Stammland sich
lngs des Nordufers des Ukerewe erstreckt, war von wechselndem Umfange,
je nachdem die wilde Eroberungspolitik des jeweiligen Kabaka den
umliegenden Vlkerschaften gegenber von grerem oder geringerem
Erfolge begleitet war; stets aber blieb Uganda eine Geiel fr alle
Nachbarn, die unter den unaufhrlichen Beutezgen, Erpressungen und
Grausamkeiten der Wangwana litten. Weite, fruchtbare Landstriche
verdeten unter dieser Plage, und als vollends seit einer Reihe von
Jahren der Kabaka es verstanden hatte, sich durch Vermittelung
arabischer Hndler in den Besitz einiger tausend -- wenn auch recht
miserabler -- Gewehre und einiger Geschtze zu setzen, mit welch
Letzteren er mangels geeigneter Munition allerdings wenig auszurichten
vermochte, wuchs der Schrecken vor dem grausamen Raubstaate in riesigen
Dimensionen. Gerade in die Zeit unserer Ankunft am Kenia war eine Epoche
vorbergehender Ruhe gefallen, weil die Wangwana, durch innere
Streitigkeiten allzusehr beschftigt, ihren Nachbarn geringere
Aufmerksamkeit schenken konnten. Nach des letzten Kabaka Tod machten
sich dessen zahlreiche Shne die Herrschaft in Kriegen streitig, die,
mit bestialischer Wut gefhrt, das Land schrecklich verheerten, bis
endlich einer der Prtendenten, der den Namen des durch seine unerhrte
Grausamkeit wie durch sein Kriegsglck berhmten groen Ahnen Suna
fhrte, sich im Vorjahre durch Verrterei der Mehrzahl seiner Brder
entledigte. Von da ab konzentrierte sich die Macht mehr und mehr in
dieses Kabaka Hnden und sofort begannen auch die berflle und
Brandschatzungen der benachbarten Stmme. Insbesondere richtete sich
Sunas Zorn gegen die Kawirondo, weil diese einen seiner Brder, der zu
ihnen geflchtet, ihm nicht ausgeliefert, sondern hatten entwischen
lassen. Wiederholt waren einige tausend Wangwana in Kawirondo
eingefallen, hatten Menschen und Vieh geraubt, die Drfer angezndet,
die Bananen umgehauen, die Ernten verwstet und sich dabei unmenschliche
Grausamkeit zu schulden kommen lassen. Die Kawirondo wandten sich in
ihrer Not an die nrdlichen Massaistmme um Hlfe. Es war die Kunde zu
ihnen gedrungen, da wir den Massai Gewehre und Pferde geschenkt htten,
und sie baten nun diese, ihnen eine Schar europisch ausgersteter
Krieger zur Bewachung ihrer Grenze gegen Uganda zu senden; als Lohn
versprachen sie jedem ihnen zu Hlfe ziehenden Massaikrieger neben
vollstndiger reichlicher Verpflegung einen Ochsen monatlich, den
Reitern zwei.

Weniger dieses Lohnes halber, als um ihrer Abenteuerlust zu gengen,
sagten die Massai zu. 2500 El-Moran machten sich nach Kawirondo auf und
bezogen dort -- es war das im Mrz des vierten Jahres von Freiland, an
der Grenze gegen Uganda eine Reihe von Kantonnements.

Anfangs ging auch alles vortrefflich; die Wangwanaruber wurden, wo sie
sich zeigten, mit blutigen Kpfen heimgeschickt, auch wenn sie mit
bedeutender bermacht auftraten und es schien nach einigen Monaten fast,
als ob man in Uganda, durch die empfangenen herben Lektionen gewitzigt,
Kawirondo knftighin in Frieden zu lassen gedenke, denn es verlautete
geraume Zeit nichts mehr von neuen Einfllen. Da pltzlich, wir waren in
Freiland eben mit Einbringung der Oktoberernte beschftigt, traf uns die
erschtternde Kunde von einer schrecklichen Katastrophe, die ber unsere
Massaifreunde in Kawirondo hereingebrochen. Der Kabaka Suna hatte nur
Ruhe gehalten, um zu einem greren, vernichtenden Schlage auszuholen.
Whrend die bisherigen Einflle nach Kawirondo immer nur mit wenigen
tausend Mann versucht worden waren, vereinigte er diesmal 30000 Mann,
darunter 5000 Flintentrger, und berfiel mit diesen persnlich die
ahnungslosen Kawirondo und Massai. Es gelang ihm, die 900 Mann mit 300
Pferden zhlende Massaibesatzung eines Grenzlagers beinahe im Schlafe zu
berfallen und bevor sie sich noch zu ernstem Widerstande zu sammeln
vermochte, niederzumetzeln. Dadurch waren die Massai nicht blo um mehr
als ein Drittel ihrer Strke reduziert, sondern auerdem in zwei
zusammenhanglose Teile getrennt, denn das berfallene Lager lag gerade
im Centrum ihres Grenzkordons. Statt nun aber schleunigst den Rckzug
anzutreten und bestenfalls erst nach vollzogener Vereinigung ihrer
getrennten Streitkrfte die Offensive zu ergreifen, lie sich einer der
Massaifhrer, kaum da er 500 Mann zusammengerafft hatte, in der Wut
ber den Untergang so vieler seiner Kameraden zu einem tollkhnen
Angriffe auf die ungeheuere berzahl der Feinde verleiten, fiel dabei in
einen Hinterhalt und wurde, nachdem er seine Patronen nur zu rasch
verschossen hatte, mitsamt den Seinen, von denen nur wenige Mann
entkamen, nach heldenmtigem Widerstande gleichfalls niedergemetzelt.
Nur 1100-1200 Massai vermochte unser nunmehr das Oberkommando
bernehmende Freund Mdango auf dem andern Flgel zu vereinen und mit
diesen gelang es ihm auch, einen ziemlich geordneten Rckzug ins Innere
von Kawirondo anzutreten, wenig verfolgt von Suna, dessen Hauptaugenmerk
auf die Bergung der kolossalen Beute gerichtet war.

Noch am nmlichen Tage, an welchem uns Massai- und Kawirondo-Eilboten
diese Trauerkunde berbrachten, ging unser Ultimatum an Suna ab. Den
Massai, die sich erboten hatten, ihre gesamten Krieger gegen Uganda zu
senden, lieen wir sagen, 1000 Mann zu den noch in Kawirondo stehenden
1200 seien mehr als genug; diese 2200 Massai stellten wir unter
freilndische Offiziere, nahmen aus unserer Mitte 900 Freiwillige,
darunter 500 Reiter, dazu 12 Geschtze und 16 Raketen nebst 30
Elefanten, und schon am 24. Oktober brach Johnston, der Fhrer dieses
Kriegszuges, unter Benutzung der Massaistrae nach Kawirondo auf.

Dort traf er rings um das -- jetzt, wo es zu spt war, sehr vorsichtig
verschanzte und bewachte -- Lager der El-Moran ungezhlte Tausende mit
Speer und Bogen bewaffneter Kawirondo und Nangi, die er aber allesamt
als unntzen Tro heimschickte. Am 10. November berschritt er die
Ugandagrenze, sechs Tage spter wurde Suna in einem kurzen Gefecht in
der Nhe der Riponflle total auf's Haupt geschlagen, sein 110000 Mann
zhlendes Heer in alle Winde zerstreut und er selbst nebst einigen
tausend Mann seiner von Kstenarabern gefhrten, mit Flinten bewaffneten
Leibgarde gefangen genommen.

Schon am zweiten Tage nach der Schlacht besetzten die Unseren Rubaga,
die Hauptstadt von Uganda. Dort stellten sich in rascher Folge die
smtlichen Huptlinge des Landes ein, bedingungslose Unterwerfung
gelobend und bereit, jede ihnen auferlegte Forderung zu erfllen.
Johnston aber bot ihnen an, sie in den groen Bund all der bisher mit
uns in Berhrung getretenen eingeborenen Vlker aufzunehmen, worauf die
Wangwana selbstverstndlich mit grter Freude eingingen. Die ihnen
auferlegten Bedingungen waren: Freigebung aller Sklaven, friedliche
Aufnahme freilndischer Kolonisten und Instruktoren und Ersatz alles den
Kawirondo und Massai zugefgten Schadens. In letzterer Beziehung war
brigens das Wangwanavolk gar nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn die
unermelichen Rinderherden ihres Kabaka, die uns als gute Beute in die
Hnde gefallen waren, gengten reichlich zu vollem Ersatz des in
Kawirondo gemachten Raubes und als Bue fr die getteten Kawirondo- und
Massaikrieger. Suna selber wurde als Gefangener abgefhrt und am
Naiwaschasee interniert.

Der fernere Verlauf der Ereignisse war dann ein friedlicher, nur von
einem vereinzelten Emprungsversuche im Lande verbliebener Araber
unterbrochener, welchen Versuch aber die Wangwana selber energisch und
prompt unterdrckten, ohne da unsere Intervention notwendig gewesen
wre. Allerdings trug eine gute Heerstrae, welche die Kawirondo und
Nangi vom Ukerewe bis zum Anschlusse an die Massaistrae am Baringosee
ausbauten, und eine an der Grenze zwischen Kawirondo und Uganda
angesiedelte Massaikolonie von 3000 El-Moran einigermaen dazu bei, die
Wangwana in gehrigem Respekt zu erhalten. Doch gengte der Hauptsache
nach seit der Schlacht an den Riponfllen der bloe Klang unseres
Namens, uns auch in diesem Teile des quatorialen Innerafrika Ruhe und
Frieden zu gewhrleisten. Rings um den Ukerewe, dessen Ufer seit
unvordenklicher Zeit der Schauplatz grimmigen, erbarmungslosen Krieges
Aller gegen Alle gewesen, stellten sich allmhlich Gesittung und
Menschlichkeit ein, und verhltnismig rasch entwickelte sich in deren
Gefolge, selbst unter den bis dahin wildesten der umwohnenden Stmme,
nicht unerheblicher Wohlstand.

Der Ukerewe ist, auch abgesehen von seiner Gre, unter den Riesenseen
des centralen Afrika der bedeutsamste. Sein Spiegel deckt eine Flche
von circa 50000 Quadratkilometern, er ist also, auer dem Kaspisee, dem
Aralsee und der groen nordamerikanischen Seegruppe, das grte
Binnenwasser der Erde. Diese ganze das Knigreich Bayern an Umfang
bertreffende Wassermasse, deren Tiefe in gutem Verhltnisse zu ihrer
Flchenausdehnung steht, denn das Senkblei erreicht stellenweise erst
bei 480 Metern den Grund, befindet sich in einer Hhe von 1350 Metern
ber dem Meeresniveau, d. i. 200 Meter ber dem Gipfel des Brocken, des
hchsten der Berge Mitteldeutschlands. Umrahmt aber wird dieser Hochsee
meist von Gebirgszgen, die sich noch 500-1500 Meter ber seinen Spiegel
erheben, so da das Klima seiner -- ausnahmslos gesunden, von Smpfen
freien -- Uferlandschaften berall gemildert, stellenweise geradezu
arkadisch ist. Und dieser gewaltige, malerische, an vielen Stellen
hochromantische See ist das Quellenbassin des heiligen Nil, der, ihn am
uersten Nordende ber die Riponflle verlassend, von hier aus dem 450
Meter tiefer gelegenen Albert Njanza zustrmt und von dort aus als
weier Nil seinen Lauf fortsetzt.

Schon zwei Monate nachdem wir uns in Kawirondo und Uganda festgesetzt,
durchfurchte ein Schraubendampfer von 500 Tonnen die meeresgleichen
Wogen des Ukerewe und vor Schlu des nchsten Jahres bestand unsere
Seeflotille aus 5 Schiffen. Dieselben wurden berall an der Kste
freundlich aufgenommen und der von ihnen entfachte lebhafte Handel
erwies sich als eines der krftigsten Befrderungsmittel rasch
zunehmender Civilisation. Die Fruchtbarkeit der Uferlandschaften dieses
herrlichen Sees ist geradezu grenzenlos; wenige hundert Quadratmeter gut
bewsserten Bodens gengen, um alle Bedrfnisse einer noch so
zahlreichen Familie zu decken, und als wir die Eingebornen erst einmal
mit brauchbaren Gerten der Bodenkultur bekannt und vertraut gemacht
hatten, war der berall erzeugte berflu der erlesensten Garten- und
Feldfrchte beispiellos. Merkwrdigerweise blieb das Wachstum der
Bedrfnisse, insbesondere unter den am Westufer des Sees wohnenden
Volksstmmen, lange Zeit hinter der Verbesserung der Produktionsmittel
erheblich zurck. Diese einfachen Vlkchen erzeugten beinahe ohne
Arbeitsaufwand, oft aus bloer Neugierde nach der Wirksamkeit der zu
ihnen gebrachten verbesserten Werkzeuge, wesentlich mehr als sie
gebrauchten und da sie den Begriff des Grundeigentums nicht kannten, der
unverwendbare berflu also bei ihnen nicht wie sonst unfraglich
geschehen wre, Massenelend erzeugen konnte, so wurde hier Jahre
hindurch das Mrchen vom Schlaraffenlande zur Wahrheit. Der
Eigentumsbegriff verlor beinahe seinen ganzen Inhalt, Lebensmittel
wurden wertlos, jedermann konnte sich davon nehmen so viel er mochte;
durchreisende Fremde fanden berall gedeckten Tisch, kurzum, das goldene
Zeitalter schien seinen Einzug am Ukerewe halten zu wollen. Indessen
erwies sich diese gnzliche Bedrfnislosigkeit ebenso auch als Hindernis
vermehrten Fortschritts und wir gaben uns daher -- wenn auch nicht ganz
ohne Bedauern -- ernstliche Mhe, diesen paradiesischen Zustand insofern
zu stren, als wir den Leutchen Geschmack an vermehrten Bedrfnissen
beizubringen suchten, was langsam zwar, aber schlielich doch gelang.
Erst zugleich mit diesen schlugen dann hhere Gesittung und geistige
Kultur in jenem Erdenwinkel tiefere Wurzeln.




                              12. Kapitel.


Eine der Hauptaufgaben der freilndischen Verwaltung, zu deren
Durchfhrung in der Regel die Ministerien fr Kunst und Wissenschaft und
fr ffentliche Arbeiten einander die Hnde reichten, war die grndliche
Erforschung unserer neuen Heimat und zwar zunchst des engeren
Keniagebietes, dann aber weiter ausgreifend auch aller benachbarten
Landschaften, mit denen wir successive in stets engere Berhrung traten.
Das oro- und hydrographische System des ganzen Landes wurde
festgestellt, Bodenbeschaffenheit und Klima genau untersucht und dabei
sowohl der hhere wissenschaftliche, als der prosaische
Ntzlichkeitsstandpunkt gleichmig vor Augen gehalten. Ersteren
anlangend kam zunchst eine genaue, wenn auch noch nicht alle Details
umfassende Terrainkarte des ganzen Massai- und Kikujalandes zu stande;
alle hervorragenden Berghhen wurden genau vermessen und -- der
Keniagipfel nicht ausgenommen -- erstiegen.

Der Ausblick vom Kenia ist groartig ber alle Maen, bietet aber --
abgesehen vom Kenia und seinem Gletscher selber -- wenig Abwechslung.
Rings im Umkreise, so weit der Blick reichen mag, dehnt sich
fruchtbarstes, ppigstes Land, durchzogen von zahllosen Flulufen, die
jedoch nirgend, mit Ausnahme einer etwa 5000 Quadratkilometer groen
Bodenmulde im Nordwesten, zur Versumpfung des Bodens fhren. Der
hervorstechende Charakter des ganzen Gebietes ist der eines in
zahlreichen Terrassen abfallenden, von migen Bergrcken durchbrochenen
Tafellandes. Erst von der obersten Terrasse ab beginnen die eigentlichen
Vorberge des Kenia, die rings um das aus einem Gusse steil und
unvermittelt aufsteigende eigentliche Keniamassiv einen Gebirgsgrtel
von verschiedener Breiten- und Hhenentwickelung schlieen. Dieses
Massiv trgt in einer Hhe von 5000 bis 5500 Metern eine Reihe riesiger
Gletscherfelder, aus deren Mitte dann steil der Gipfel des Berges
emporsteigt, in einiger Entfernung flankiert von einem noch steileren,
kleinen Horne.

Durchaus verschiedenen Charakter zeigt die zweitwichtigste der zum
Gebiete von Freiland gehrigen Gebirgsbildungen, nmlich die 70
Kilometer westlich vom Kenia in einer Lngenausdehnung von reichlich 100
Kilometern und in einer Breite von durchschnittlich 20 Kilometern von
Norden nach Sden streichende Aberdarebergkette. Die hchsten Gipfel
dieses Gebirgszuges erreichen 4500 Meter Seehhe, und whrend der Kenia
berall das Geprge des Groartigen zeigt, ist bestrickende Lieblichkeit
der hervorstechende Charakterzug der Aberdarelandschaften. Zwar fehlt es
auch hier nicht an Bergkolossen von berwltigendem Eindrucke, aber das
Charakteristische sind die in reizvollster Abwechslung sich
aneinanderschlieenden romantischen, sanftgeschwungenen Berge und weiten
Thler, teils von ppigen, aber durchschnittlich nicht allzu dichten
Wldern, teils von smaragdenen, blumigen Wiesen bestanden, berall
besplt von zahllosen kristallklaren Bchen und Flssen, Seen und
Teichen. Einem einzigen, herrlichen Parke gleicht dieses 2000
Quadratkilometer bedeckende Gebirgsland, von dessen Hhen aus gen Osten
berall das berwltigende Schneemeer des Kenia, gen Westen die Smaragd-
und Saphirflchen der groen Massaiseen -- Naiwascha, Elmeteita und
Nakuro -- sichtbar sind. Und diese wunderliebliche Landschaft, die in
sich alle Reize der Schweiz und Indiens vereinigt, birgt zugleich im
Schoe ihrer Berge berschwengliche mineralische Schtze. Hier und nicht
am Kenia, das hatten unsere Geologen bald festgestellt, war der
zuknftige Sitz der freilndischen Industrie, insbesondere der
metallurgischen. Kohlenlager, die an Mchtigkeit und Gte den besten
englischen mindestens ebenbrtig sind, Magneteisenstein mit einem
Eisengehalte von 50 bis 70 Prozent, Kupfer, Blei, Wismut, Antimon,
Schwefel in reichen Gngen, an der Westabdachung, gerade oberhalb des
Salzsees von Nakuro, ein groes Steinsalzlager, und noch eine Menge
anderer Schtze wurden in rascher Reihenfolge entdeckt und die
bestgelegenen sofort in Ausbeutung genommen. Insbesondere die
neuerffneten Kupferminen fanden unmittelbar bei Anlage des Telegraphen
an die Kste umfassende Verwendung, die jedoch an Ausdehnung von
derjenigen zu Zwecken elektrischer Kraftleitungen alsbald bertroffen
wurde.

Denn am Kenia hatte sich inzwischen mancherlei verndert. Die
Bevlkerung von Freiland war, da der Zuzug unaufhaltsam sich steigerte,
schon gegen Schlu des vierten Jahres auf 780000 Seelen gestiegen. Ein
groer Teil des Edenthals war zu einer einzigen, 102 Quadratkilometer
bedeckenden und 58000 Wohnhuser zhlenden Villenstadt geworden, deren
270000 Einwohner dem Gartenbau, industriellen Gewerben oder geistiger
Beschftigung oblagen. Aber auch die auf 140000 Seelen angewachsene
Bevlkerung des Danaplateaus betrieb neben der Kultur des dort noch
verfgbaren Ackerlandes zum weitaus berwiegenden Teil gleichfalls
verschiedenartige Industrieen, whrend die Landwirtschaft der Hauptsache
nach hinabgerckt war in die jenseits der umgrenzenden Waldzone um 200
Meter tiefer gelegene Hochebene, die -- mit mannigfaltigen
Unterbrechungen allerdings -- rings um den ganzen Gebirgsstock sich
erstreckend, auf ihrem 8000 Quadratkilometer umfassenden fruchtbaren
Boden bis auf weiteres gengenden Raum zur Ausdehnung bot.

Hier wurden zunchst 96000 Hektaren (960 Quadratkilometer) unter den
Pflug genommen, nachdem sie zuvor -- gleich allem Kulturboden in ganz
Freiland -- durch einen tchtigen Balkenzaun gegen die Besuche lstigen
Wildes geschtzt worden waren. Kleineres Wild, welches durch Einhegung
von den Saaten nicht fernzuhalten war, hielten die Hunde in Respekt,
die, in groer Menge gezchtet, darauf dressiert waren, diese
Feldeinzunungen und ebenso die Hrden des Viehs fleiig zu umkreisen.
Dieser Schutz erwies sich gegen alles den Saaten nachstellende Getier
als vollkommen ausreichend, die Affen etwa ausgenommen, unter die
zeitweise geschossen werden mute, wenn sie sich auf ihren nchtlichen
Raubzgen durch noch so wtendes Geklffe der vierbeinigen Wchter nicht
vollstndig verscheuchen lieen.

Zum Betriebe der in dieser Landwirtschaft in Gebrauch stehenden
Maschinen wurde zwar vorlufig noch Dampfkraft verwendet; es war aber
die Herstellung einer groartigen elektrischen Kraftanlage im Werke, die
knftighin die Dampfmotoren berflssig machen sollte. Die Triebkraft
fr die elektrischen Dynamos lieferte der Danaflu, der, verstrkt durch
zwei mchtige Gebirgsbche, die sich unterhalb des groen Wasserfalls
mit ihm vereinen, am unteren Ende des Tafellandes, welches wir seiner
Bestimmung entsprechend, Kornland genannt hatten, in einer Reihe
gewaltiger Stromschnellen und Katarakte dem Tieflande zueilt. Und zwar
wurde zu Zwecken der Betriebe von Kornland nicht etwa der groe
Wasserfall von 90 Meter Fallhhe am Ausgange des Danaplateaus benutzt,
sondern eben jene Stromschnellen und kleineren, aber zahlreichen
Katarakte, von denen soeben die Rede gewesen. Diese ergeben insgesamt
eine Fallhhe von 265 Metern, und da der Flu hier bereits gewaltige
Wassermassen fhrt, so war durch entsprechende Kombination von Turbinen
und elektrischen Kraftmaschinen ein Gesamteffekt von 5 bis 600000
Pferdekrften zu erzielen, weit mehr, als zur Bewirtschaftung des
gesamten Bodens von Kornland selbst bei intensivster Kultur erforderlich
sein konnte. Die fr das nchste Jahr veranschlagten Kraftanlagen waren
auf 40,000 indizierte Pferdekrfte berechnet. Gut isolierte, starke
Kupferstrnge sollten die von 20 riesigen Turbinen auf 200
Dynamomaschinen erzeugten elektrischen Strme in die Wirtschaftsgebude
und ber den zu bewirtschaftenden Boden leiten, wo die in diesen Strmen
abgelagerte Kraft alle landwirtschaftlichen Arbeiten -- vom Pflgen
angefangen bis zum Dreschen, Reinigen und Transportieren des Getreides
-- zu vollbringen hatte. Denn auch ein Netz elektrischer Bahnen gehrte
mit zum Systeme dieser landwirtschaftlichen Anlage.

Der groe Danakatarakt aber mit seiner, auf 124000 indizierte
Pferdekrfte berechneten Wasserkraft diente zunchst elektrischen
Beleuchtungszwecken in Edenthal und in den am Danaplateau gelegenen
Stdten. Einstweilen gengten zu ffentlichen Beleuchtungszwecken 5000,
auf 35 Meter hohen Masten angebrachte Kontaktlampen von je 2000 Kerzen
Lichtstrke, die insgesamt 12000 Pferdekrfte erforderten; zur
Beleuchtung der Wohnhuser und einzelner, auch bei Nacht in Betrieb
stehender Fabriketablissements standen 420000 Glhlampen in Verwendung,
die 40000 Pferdekrfte beanspruchten, so da insgesamt 52000
Pferdekrfte von den elektrischen Kraftmaschinen am groen Katarakte
erzeugt werden muten, die jedoch tagsber auch zum Betriebe eines
Eisenbahnnetzes von insgesamt 340 Kilometer Ausdehnung Verwendung
fanden, welches die Hauptverkehrsadern und belebteren Straenzge im
Danaplateau und in Edenthal durchzog. Blo abends und nachts, wenn die
Beleuchtung funktionierte, mute der Eisenbahnbetrieb aus besonderen,
einige tausend Pferdekraft abgebenden Dynamos gespeist werden. Im ganzen
waren solcherart nahezu zwei Fnfteile der verfgbaren Gesamtkraft bis
zum Schlusse des fnften Jahres von Freiland zur Ausnutzung gelangt; die
noch erbrigenden drei Fnfteile blieben vorlufig noch unverwendet und
bildeten die Reserve fr zuknftige Verwendungsarten der gleichen
Kraftquelle.

Ebenfalls in das vierte und fnfte Jahr Freilands fiel der Ausbau eines
Kanalnetzes und mehrerer Wasserleitungen, fr Edenthal sowohl als fr
das Danaplateau. Ersteres diente blo zur Abfuhr der Meteorwsser in den
Dana, whrend das Splwasser und der Unrat durch ein System
pneumatischer Aufsaugung vermittelst mchtiger Saugwerke in gueisernen
Rhren abgeleitet, dann desinfiziert und als Dnger verwertet wurden.
Die Wasserleitungen wurden unter Benutzung der besten Hochgebirgsquellen
mit einer Leistungsfhigkeit von vorlufig 1 Million Hektoliter tglich
angelegt und sowohl zur Speisung zahlreicher ffentlicher Brunnen, als
auch zur Einleitung in smtliche Privathuser benutzt. Durch
Einbeziehung neuer Quellen war die Ergiebigkeit dieser Leitung in kurzer
Frist zu verdoppeln und zu verdreifachen. Gleichzeitig waren alle
Straen makadamisiert worden, so da nach jeder Richtung fr die
Reinlichkeit und Gesundheit der jungen Stdte bestens vorgesorgt war.

Die Unterrichtsverwaltung hatte inzwischen nicht minder gewaltige
Anstrengungen gemacht. Es hatte sich eine dahingehende ffentliche
Meinung entwickelt, da die Jugend von Freiland ohne Unterschied des
Geschlechts und spteren Berufs einen Unterricht zu genieen habe, der
mit Ausnahme der lateinischen und griechischen Sprachstudien demjenigen
ungefhr entsprechen solle, der beispielsweise in den sechs ersten
Gymnasialklassen Deutschlands erteilt wird. Zu diesem Behufe sollten
Knaben wie Mdchen vom 6. bis 16. Jahre die Schule besuchen, wo sie nach
Erledigung der Elementarkenntnisse in Sprachlehre, Litteraturgeschichte,
Geschichte, Kulturgeschichte, Physik, Naturgeschichte, Geometrie und
Algebra unterwiesen wurden.

Nicht minderes Gewicht als auf die geistige und moralische wurde auf die
krperliche Ausbildung gelegt, ja es war Grundsatz in Freiland, da
letztere vorauszugehen habe, indem ein gesunder harmonisch entwickelter
Krper die Voraussetzung eines gesunden, harmonisch entwickelten Geistes
sei. Und auch bei der geistigen Ausbildung wurde weniger auf die
Ansammlung von Kenntnissen, als auf die Anregung des jungen Geistes zu
selbstndigem Denken gesehen, daher nichts ngstlicher und sorgfltiger
gemieden ward, als berbrdung mit geistiger Arbeit. Kein Kind sollte --
die huslichen Repetitionen mit eingerechnet -- lnger als hchstens 6
Stunden tglich geistig beschftigt sein; die Unterrichtsstunden fr
alle geistigen Lehrfcher waren daher auf 3 Stunden tglich beschrnkt,
whrend 2 andere Schulstunden tglich krperlichen bungen -- dem
Turnen, Laufen, Tanzen, Schwimmen, Reiten, bei Knaben auerdem dem
Fechten, Ringen und Schieen -- gewidmet wurden. Ein fernerer Grundsatz
des freilndischen Unterrichtswesens war, da auch die Kinder so wenig
wie die Erwachsenen zur Thtigkeit gezwungen werden sollten; einer
zielbewuten, konsequenten und in ihren Mitteln nicht beschrnkten
Pdagogik -- so meinten wir -- knne es unmglich schwer fallen, das
lenkbare Kindergemt zu freiwilliger und freudiger Erfllung vernnftig
bemessener Pflichten zu bringen. Und auch darin gab uns die Erfahrung
Recht. Unsere Unterrichtsleitung mute es sich zwar in hohem Grade
angelegen sein lassen, den Unterricht anregend zu gestalten; nachdem ihr
dies aber einmal gelungen war, lernten unsere Jungen und Mdchen in der
halben Zeit doppelt so viel und grndlich, als ihre physisch und geistig
mihandelten europischen Altersgenossen. Der Unterricht wurde --
abermals aus Rcksichten der Gesundheit -- so weit nur immer mglich im
Freien erteilt. Die Schulhuser waren daher smtlich entweder
inmitten groer Grten oder am Waldessaum errichtet, und die
naturwissenschaftlichen Disziplinen wurden regelmig, andere hufig,
mit Ausflgen in die Umgebung in Verbindung gebracht. Dafr bot aber
auch unsere Schuljugend ein anderes Bild, als wir es in der alten Heimat
und insbesondere in deren Grostdten zu sehen gewohnt waren. Rosige,
von Gesundheit, Kraft und Lebensfreude strotzende Gesichter und
Gestalten, Selbstvertrauen und sichere Intelligenz aus jeder Miene, aus
jeder Geberde hervorleuchtend -- so traten unsere Kinder in den Ernst
des Lebens ein.

Natrlich erforderte eine derartige Organisation des Unterrichts ein
sehr zahlreiches und tchtiges Lehrpersonal. In der That kam in Freiland
durchschnittlich schon auf je 15 Schulkinder je eine Lehrkraft, und um
die Auswahl unter den besten Intelligenzen des Landes zu haben, muten
hohe Gehalte gezahlt werden. Fr die vier ersten Klassen -- in denen
berwiegend Mdchen oder junge Witwen unterrichteten -- betrug der
Jahresgehalt zwischen 1400 bis 1800, fr die sechs anderen Klassen -- in
denen hinwieder die mnnlichen Lehrkrfte berwogen -- 1800 bis 2400
Stundenquivalente; im fnften Jahre der Grndung waren das, in Geld
umgerechnet, Gehalte zwischen 350 und 600 Pfd. Sterling.

Aber auch mit seinem sehr umfangreichen Bedarfe an hheren Intelligenzen
wollte Freiland auf eigenen Fen stehen. Es wurde daher schon im
dritten Jahre eine Hochschule errichtet, an welcher smtliche
Wissenszweige, die in Europa an Universitten, Akademien und technischen
Lehranstalten gelehrt werden, gesammelt vertreten waren. Alle Lehrfcher
waren mit einer Freigebigkeit ausgestattet, von welcher man auerhalb
Freilands kaum eine Vorstellung besitzt. Unsere Sternwarte, unsere
Laboratorien und Sammlungen verfgten ber geradezu unbegrenzte Mittel
und kein Gehalt war zu hoch, um eine glnzende Lehrkraft heranzuziehen
und festzuhalten. Das nmliche gilt von den technischen und nicht minder
von den landwirtschaftlichen und merkantilistischen Lehrkanzeln und
Lehrmitteln unserer Hochschule. Der Unterricht an dieser war in allen
Fchern durchaus frei und, gleich demjenigen in den unteren Schulen,
unentgeltlich. Im fnften Jahre der Grndung Freilands besuchten 7500
Hrer die Hochschule; die Zahl ihrer Lehrkanzeln war 215, ihr
Jahresbudget hatte die Hhe von 2 Millionen Pfd. Sterling erreicht und
war andauernd in rapidem Wachstum begriffen.

Die Mittel zu all diesen gewaltigen Ausgaben lieferte berreichlich die
vom Gesamteinkommen aller Produzenten erhobene prozentuelle Abgabe, denn
dieses Gesamteinkommen wuchs unter dem verdoppelten Einflusse der
Bevlkerungszunahme und der steigenden Arbeitsergiebigkeit in riesigem
Mae. Als die Eisenbahn zur Kste fertig war und ihre Wirkung sich
fhlbar zu machen begann, stieg der Wert des durchschnittlichen Ertrags
einer Arbeitsstunde rasch auf 6 Sh., und da um diese Zeit -- zu Ende des
fnften Jahres von Freiland -- 280000 Arbeiter im Tagesdurchschnitt
whrend 6 Stunden, d. i. 1800 Stunden im Jahre produktiv beschftigt
waren, so bezifferte sich in jenem Jahre der Gesamtwert des
Arbeitsertrages von Freiland auf 280000  1800  6 Sh., d. i. auf rund
150 Millionen Pfd. Sterling. Davon reservierte sich nun das Gemeinwesen
eine Abgabe in der Hhe von 35 Prozent, d. i. in runder Summe 52
Millionen Pfd. Sterling und dieses war die Quelle, aus welcher nach
Abzug der zur Deckung der Versorgungsansprche erforderlichen,
allerdings die grere Hlfte beanspruchenden Betrge, die als
wnschenswert erkannten Ausgaben bestritten wurden.

Ja, das Wachstum der Einnahmen war ein so gesichertes und hatte so
bedeutenden Umfang erreicht, da die Verwaltung von Freiland sich am
Ende dieses fnften Jahres entschlo, den Vertretungskrpern, die zu
diesem Behufe zu einer gemeinsamen Sitzung einberufen wurden, zwei
Maregeln von entscheidender Bedeutung vorzuschlagen: erstlich, die den
Associationen einzurumenden Kredite hinfort von der Zustimmung der
Zentralbehrde unabhngig zu machen; und zum zweiten die smtlichen, bis
dahin von neueintretenden Mitgliedern freiwillig gezahlten Beitrge
zurckzuerstatten und knftighin derlei Beitrge nicht mehr
entgegenzunehmen.

Aus den im 8. Kapitel dargelegten Grnden waren bisher Umfang und
Reihenfolge der Produktivkredite von der Entscheidung der
Zentralverwaltung abhngig gewesen; jetzt, da die Ausrstung mit
kapitalistischen Arbeitsbehelfen und damit die Leistungsfhigkeit des
Gemeinwesens eine gengend hohe Stufe erreicht hatte, wurde auch diese
Schranke des freien Selbstbestimmungsrechtes fr unntig erachtet; die
Associationen mochten fordern, was ihnen ntzlich dnkte, die
Kapitalkraft des Landes schien auch den umfangreichsten, irgend zu
erwartenden Kreditansprchen gewachsen. Und in der That erwies sich
diese Zuversicht als wohlbegrndet. In den diesem Beschlusse unmittelbar
folgenden Jahren ereignete es sich zwar zu zwei verschiedenen Malen, da
infolge unvermittelt eintretender groartiger Kapitalbedrfnisse der zur
Deckung derselben bestimmte Teil der ffentlichen Abgaben um einige
Prozente ber das normale Ma gesteigert werden mute; das wurde jedoch
angesichts des stetigen Wachstums aller Produktionsertrge ohne die
geringste Beschwerde ertragen und spterhin gengten die vom Gemeinwesen
angelegten Reserven, um selbst dieses Element der Schwankung aus dem
Verhltnisse zwischen Kapitalbedarf und ffentlichem Einkommen zu
beseitigen.

Dagegen gab dieser Beschlu den Ansto zu einem ganz merkwrdigen
Versuche, die damit eingerumte vollkommene Freiheit der Kreditgewhrung
zu einer groartigen gegen das Gemeinwesen gerichteten Schwindelei zu
mibrauchen. In Amerika hatte sich ein Konsortium unternehmender
Geschftsleute gebildet, eigens zu dem Zwecke, die Vertrauensseligkeit
von uns dummen Freilndern gehrig auszubeuten, und zwar in der Weise,
da unserer Zentralbank unter der Maske einer zu solchem Behufe zu
grndenden beliebigen Association, eine mglichst groe Summe entlockt
werden sollte. 46 der geriebensten und skrupellosesten Yankees
vereinigten sich zu diesem Feldzuge gegen unsere Taschen; wie sie es
anstellten und was sie dabei erreichten, entnehmen wir am einfachsten
der nachtrglich zum Besten gegebenen Erzhlung ihres damaligen
Anfhrers, gegenwrtig ehrsamen Werkmeisters in der groen Salzsiederei
am Nakuro-See:

Wir waren also in Edenthal angelangt und beschlossen frs erste, das
Terrain genau zu sondieren, ehe wir an die Ausfhrung unseres Geschftes
schritten. Dabei bemerkten wir sofort zu unserer groen Genugthuung, da
Mitrauen der Freilnder uns wenig zu schaffen machen werde. Das
Gasthaus, in welchem wir abgestiegen, gab Alles auf Kredit, ohne da man
uns auch nur fragte, wer wir seien. Als ich dem Wirt gegenber in
vterlichem Tone bemerkte, solch unterschiedsloser Pump fr jeden
Hergelaufenen sei doch groer Leichtsinn, lachte mir der Wirt, will
sagen der Direktor der Edenthaler Hotel-Association, ins Gesicht und
meinte zuversichtlich, hier brenne Niemand durch, wer da sei, denke
nicht daran, Freiland wieder zu verlassen. Schon gut, dachte ich mir;
fragte aber weiter, was die Hotel-Gesellschaft mache, wenn ein Gast
nicht zahlen _knne_? Unsinn, sagte der Direktor, hier kann jeder
zahlen, sowie er zu arbeiten anfngt. Und wenn er nicht arbeiten
kann? Dann erhlt er Untersttzung vom Gemeinwesen. Und wenn er
nicht arbeiten will? Da klopfte mir der Mann lchelnd auf die Schulter
und meinte: Nichtwollen hlt bei uns nicht lange vor, verlat Euch
darauf. brigens, wenn Einer durchaus mit gesunden Gliedern faullenzen
will -- Bett und gedeckten Tisch findet er bei uns trotzdem allezeit.
Macht Euch also wegen Berichtigung der Zeche in keinem Fall Sorge; Ihr
werdet zahlen wann Ihr knnt und wollt.

Machte auf uns einen ganz curiosen Eindruck, dieser Direktor; wir
sagten aber nichts, sondern beschlossen, den Freilndern weiter auf den
Zahn zu fhlen. Wir kamen in die groe Warenhalle und versuchten
Kleider, Wsche u. dgl. auf Borg zu nehmen. Es ging vortrefflich. Die
Verkufer -- es waren, wie sich herausstellte, Kommis der Anstalt --
verlangten zwar eine Zahlungsanweisung an die Centralbank, als wir
jedoch entgegneten, da wir dort noch kein Konto besen, meinten sie,
das thte auch nichts; sie begngten sich einstweilen mit schriftlicher
Besttigung der Kaufsumme, welche die Bank ihnen seinerzeit, wenn wir
unser Konto htten, schon gutschreiben werde. So ging's berall. Mackay
oder Gould kann in New-York nicht bereitwilliger Kredit finden, als wir
in Edenthal fanden.

Nach einigen Tagen schon schritten wir an unsere Grndung. Mitrauen
war, wie gesagt, frs erste nicht zu besorgen, unangenehm blieb aber
trotzdem, da die freilndischen Einrichtungen die ffentlichkeit aller
auf Geschfte bezglichen Akte, Daten und Umstnde verlangen. Wir wuten
zwar, da von Polizei oder Gerichten nichts zu befrchten sei; was aber
wollten wir thun, wenn das freilndische Publikum der vorgeschtzten
Grndung Geschmack abgewinnt und unserer Association beizutreten
wnscht? Wir konnten natrlich Kompagnons nicht brauchen, sondern muten
hbsch unter uns bleiben, sonst war unser ganzer Plan ins Wasser
gefallen. Wir forschten berall, ob es kein Mittel gbe, die Zahl der
Teilnehmer zu begrenzen, hatten ber diesen Gegenstand eingehende
Besprechungen mit gutunterrichteten Freilndern, beklagten uns ber das
himmelschreiende Unrecht, da wir gezwungen sein sollten, den Nutzen der
ausgezeichneten Idee, die wir gefat, hier mit aller Welt zu teilen,
unsere Geschftsgeheimnisse preiszugeben u. s. w.; es half aber alles
nichts. Die Freilnder blieben in diesem Punkte verstockt und meinten,
Niemand zwinge uns, unsere Geheimnisse preiszugeben, wenn wir selbe aus
eigenen Krften fruktifizieren wollten; wenn wir aber hierzu
freilndischen Boden und freilndisches Kapital brauchten, so msse
selbstverstndlich ganz Freiland wissen, worum es sich handelt. Und
wenn unser Geschft nur eine kleine Anzahl von Arbeitern brauchen kann,
wenn z. B. die Ware, die wir fabrizieren wollen, zwar groen Gewinn
abwirft, aber doch nur beschrnkten Absatz hat, mssen wir auch dann
alle Welt beitreten lassen? In diesem Fall -- so war die Antwort --
werden freilndische Arbeiter nicht so dumm sein, sich Euch massenhaft
aufzudrngen. Schn! rief ich mit verbissenem Zorn, wenn aber doch
mehr beitreten, als wir gerade brauchen knnen? Doch auch darauf wuten
die Leute eine Antwort; dann, so meinten sie, wrden die zuviel
Beigetretenen eben nachtrglich austreten, oder wenn sie partout dabei
blieben, so mten wir alle die Arbeitszeit etwas einschrnken, etwa
einen Turnus einfhren, oder dergleichen; an Gelegenheit, unsere dadurch
frei werdende Zeit ntzlich anderweitig zu verwerten, fehle es in
Freiland nirgend.

Was lie sich da machen? Wir muten unser Plnchen so einkleiden, da
den freilndischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu
beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht
gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder
beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer
Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schlielich einigten wir uns
dahin, eine Nhnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen
Geschftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu
abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir
konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung,
vorlufig auer zwei Dummkpfen, welche die Nhnadelfabrikation aus
irgend einem Grunde fr ein gutes Geschft halten mochten, und mit denen
fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu
erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des
Grndungskapitals, will sagen um die Hhe des bei der Centralbank zu
fordernden Kredits. Natrlich htten wir am liebsten gleich eine Million
Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben
muten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nhnadelfabrik fr 48
Arbeiter doch unmglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort
eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender
Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschrnkten uns also
notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen
erregte, von uns aber damit motiviert wurde, da die neuartigen
Maschinen, die wir anzuwenden gedchten, sehr teuer wren.

Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling
oder doch der grte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden?
Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der ersten Edenthaler
Nhnadel-Fabriks-Association gewhlt und als solcher begab ich mich
anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto erffnen zu lassen und
gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer
versicherte mir zwar auf Befragen, da alle von mir angewiesenen
Auszahlungen ohne weiteres durchgefhrt werden sollten, als ich aber
daraufhin um ein kleines Akonto von einigen tausend Pfunden bat,
fragte er mich verwundert, was es damit solle. Je nun, wir mssen doch
gewisse kleine Zahlungen leisten. -- Unntig, war die Antwort, alle
Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen. -- Ja, aber wovon
soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nhnadelfabrik zu
arbeiten anfngt, leben? fragte ich gereizt. Nun, von Ihrer Arbeit bei
anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche
haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen -- wir aber, die
Centralbank -- geben blo Produktivkredite; was Sie verzehren, knnen
wir Ihnen nicht vorstrecken.

Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und
fingen an zu begreifen, da derselbe doch nicht so leicht davonzutragen
sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was
wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unntze Dinge
auszugeben?

Das rgerlichste war, da wir ehrlich zu arbeiten beginnen muten,
wollten wir das allgemeine Mitrauen nicht doch schlielich gegen uns
erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei.
berwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach
reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mgliche Methode
des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermittelt zwar
alle Kufe und Verkufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den
Kufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend
erscheinenden Gter. Wir hatten also das Recht, fr unsere
Nhnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen
Fabrikanten zu bestellen, fr welche dann die Centralbank Zahlung
leisten wrde. Wir muten also blo mit einer geeigneten europischen
oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu
erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schlielich doch eine recht
ansehnliche Beute wegtragen zu knnen.

Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie
grenzenlos dumm es wre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel,
das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst
wenn es mglich gewesen wre, fr jeden Einzelnen von uns ein Vermgen
herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu
verlassen. Die Rechnung stand fr alle Flle zu ungleich. Ich war in
ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem
damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen
Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im
Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben lie, wie mit dem
Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen
Weise, gleichsam blo, um mir die Langeweile zu krzen, fortarbeitete,
mute sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier
schlimmstenfalls ein Leben fhren, wie da drauen im Besitze einer
Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annhernd so viel zu
stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch!
Ich wre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut
gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anstndigen Menschen hat etwas
Lockendes selbst fr Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann --
es kam mir damals komisch vor -- begann ich mich meines Gaunertums zu
schmen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da drauen, wo _Jeder_ dem
Nebenmanne das Fell ber die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete
ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich
hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch
der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen
befinden sie sich da drauen Alle; da ich ohne Jagdkarte zu jagen mir
erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da
ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber
jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mute sich jeder
Gauner selber gestehen, da er schlechter sei, als die Anderen alle, und
zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und
wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt htte, der da drauen die
Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt! aber auch davon keine Spur!
Nicht einmal verfolgt htten uns die Freilnder, wenn wir uns mit der
erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht htten; sie htten uns
laufen lassen wie rudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein
Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, da
ich meine Wrde als ihr Anfhrer niederlege, mich berhaupt von der
Kompagnie lossage und es hier mit anstndiger Arbeit versuchen wolle.
Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt htte. Zwar mit der
Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben
wollten sie Alle. Ein besonders zher Kerl warf zwar die Frage auf, ob
es, da wir doch einmal so hbsch beisammen seien, wie spter wohl nicht
wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wre, ein paar Tausend Pfund
herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon
bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder
fr die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses
Nachzglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht blo hier
bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen
Schelme, die wenige Wochen frher ehrlich und dumm als gleichbedeutende
Worte zu gebrauchen pflegten. So kam's, da das feine Plnchen, an
welchem die smartesten fellows von Neu-England ihren Witz erschpft
hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin,
so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anla gegeben.

Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag --
die Rckzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei
Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten greren
oder geringeren Beitrge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer
Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte
man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, da die Beitrge nicht
rckzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer
seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der
Billigkeit entsprechend, da nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines
solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe fr die Zukunft sowohl
als fr die Vergangenheit verzichtet werde. Die gromtigen Spender
hatten zwar niemals aus ihrer den rmeren Mitgliedern so reichlich
geleisteten Hlfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung
oder hhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar
verbeten, namentlich als Schenker angefhrt zu werden; auch widersprach
diese Hlfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue
Gemeinwesen begrndet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten
der Bemittelten fr die Hlflosen gerad zu als eine Forderung des
gesunden, vernnftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem
Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethtigten vernnftigen
Egoismus das Gemeinwesen krftig genug wurde, um auergewhnliche
Hlfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurckerstatten
zu knnen, erschien es uns wieder billig, da dies auch sofort geschehe.

Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur
Ausfhrung gebracht. Den smtlichen Beitragleistenden wurden die
eingezahlten Betrge zurckerstattet, resp. in den Bchern der
Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen ber dieselben verfgen
mochten.

Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als
abgeschlossen betrachtet werden. Die Grndung des Gemeinwesens -- die
erste Epoche ausfllend -- vollzog sich gnzlich durch freiwillige Opfer
einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese
Hlfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein
ntzliches und wirksames Befrderungsmittel des raschen Wachstums
gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie
Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmigen
Hlfsquellen geschpften Beistand ab, und die einst empfangene
Untersttzung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets
unerschpflicher flieende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in
welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zhlen
durften.




                             Drittes Buch.




                              13. Kapitel.


Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fnfundzwanzig Jahre, seitdem
unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich
Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der
Erfolg hat nicht gewechselt, nur da das Wachstum von geistiger und
materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablssig
steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54
der grten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im
letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Kpfen erreicht. Um diesen, aus
allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Ksten
aufzunehmen und mit mglichster Beschleunigung in das Herz des
Kontinents zu befrdern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier
verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean
fhrenden fremden Anschlubahnen vorgedrungen. Der eine dieser
Schienenstrnge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von
Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre spter, nachdem die
Pacifizierung der Gallasstmme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale
an die Witukste; nach neun ferneren Jahren war ein -- gleich allen
freilndischen Hauptbahnen zweigeleisiger -- Schienenstrang lngs des
ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza ber die gyptischen
quatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an
das gyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der
Mittelmeerkste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der
letzte Spatenstich der groen quatorialen Transversalbahn gemacht
worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen
Austritt aus dem Albert-Njanza berbrckend, von hier den Aruwhimi und
Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaen also zwei
direkte Schienenverbindungen mit dem indischen und je eine mit dem
mittellndischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die
weitaus krzere Danabahn selbstverstndlich in den Hintergrund gedrngt;
die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzge in 9
Stunden, whrend die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten
Abkrzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte.
Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu
durchmessen, deren Betrieb von Assuan -- der Grenze Obergyptens -- ab
in unseren Hnden war; die Reise beanspruchte hier -- wegen des
langsameren Betriebes auf der gyptischen Linie -- 6 Tage; trotzdem war
diese Route die meistbenutzte, da sie allen ber das Mittelmeer gehenden
Einwanderern, also allen europischen und den meisten amerikanischen,
die Reise nahezu um zwei Wochen verkrzte. Die im Einvernehmen mit dem
Kongostaate, jedoch beinahe ausschlielich auf unsere Kosten ausgebaute
und durchweg in freilndischem Betrieb stehende quatoriale
Transversalbahn endlich hatte eine Lnge von 4874 Kilometern und auf ihr
konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomndung in Edenthal
anlangen.

Edenthal, wie berhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit
aufgehrt, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar
die dichteste Menge der freilndischen Bevlkerung war noch immer in den
Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu
suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal,
Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten,
insbesondere nach Westen zu mchtig ausgedehnt. ber ganz Massailand,
Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und
Albert-Njanza hatten sich freilndische Ansiedler ausgebreitet, so weit
gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Sdosten
bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die
Hhenzge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallalndern, im
Westen die uersten Auslufer der am Albertsee beginnenden Mondberge,
im Sden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszge die
vorlufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1
Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht berall von
kompakten Massen freilndischer Bevlkerung besiedelt ist, vielmehr
unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen
sitzen, dieselben berall zu hherer, freier Kultur erziehend. Die
Gesamtbevlkerung des derzeit unter freilndischem Einflusse stehenden
Gebietes betrgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weie und 16
Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12
Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1 Millionen sind
im brigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharo und in Teita
zerstreut; die Berge westlich und nrdlich vom Baringosee haben eine
weie Bevlkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3
Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und
Albertsee 1 Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3
Millionen und endlich sdlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika
zerstreut 2 Millionen.

Die freilndische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des
Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptschlichste Produktionszweig aber
ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich fr den
inlndischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfhigkeit schon seit
Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen brigen Welt
zusammengenommen sehr wesentlich bertrifft; Freiland hat eben fr mehr
Maschinen Verwendung, als die ganze brige Welt zusammengenommen, denn
die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit
der Anderen und da unser -- die civilisierten Neger gar nicht gerechnet
-- 26 Millionen Arbeitgeber sind, so brauchen wir sehr viel sthlerne
und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer
Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedrfnissen zu gengen. Von
unseren Maschinen also geht -- mit Ausnahme einiger Specialitten --
verhltnismig wenig ber unsere Grenzen; dafr arbeitet die
Landwirtschaft berwiegend fr den Export, ja es kann fglich behauptet
werden, da die Gesamtproduktion des freilndischen Krnerbaues fr den
Export verfgbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs
erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so gro sind, als die auf
unsere Mrkte gelangenden berschsse der Negerproduktion. Im letzten
Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei
Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Krner- und sonstiger
Feldfrchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu
diesem Getreidequantum kamen nun noch fr 550 Millionen anderweitige
Ausfuhrgter, so da der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling
betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle
der Posten: Bcher und andere Drucksachen ein, diesen zunchst folgen
Kunst- und Luxusgegenstnde. Von den, anderwrts als sogenannte
Massenartikel des Auenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die
freilndischen Importlisten blo Baumwollwaren, die im Lande selbst fast
gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur
Einfuhr gelangten. Der Bcherimport -- Zeitungen eingeschlossen --
betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling -- nicht
unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze brige Welt fr
Bcher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, da
Freiland seinen Bcherbedarf gnzlich oder auch nur zum greren Teile
vom Auslande her gedeckt htte; mehr als zweimal so viel, als an
auslndische Verleger hatten im selben Jahre die freilndischen Leser an
ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir
angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum
auerhalb Freilands.

Diese Ziffern schon lassen auf die Hhe des Reichtums schlieen, zu
welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7
Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse
hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon
nach Abzug von 2 Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens,
4 Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im
Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und
dabei hatten wir im Mittel blo 5 Stunden tglich oder 1500 Stunden im
Jahre zu arbeiten gebraucht, so da der durchschnittliche Nettowert der
Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen
Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewhnlicher
Handarbeiter.

Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer
noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten
Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein
Kilogramm Rindfleisch nicht ganz  Schilling, ein Hektoliter Lagerbier
oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem
Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzglicher arabischer
Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s.
w. Teuer sind blo einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B.
einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren
es aber uerst wenig giebt. Letztere werden smtlich aus dem Auslande
importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freilnder
natrlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch
ausgebildeten, vollkrftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes
auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten,
ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und
dreifach berlegen sind, so vermgen sie doch nicht zu konkurrieren mit
einer Arbeitskraft, die fnfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die
ihrige. Ihre berlegenheit beginnt erst, wo sie den auslndischen
Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre sthlernen entgegenstellen
knnen; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese
von Dampf, Elektrizitt und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind
noch gengsamer, als die Lohnarbeiter des freien Europa. Verlangen
diese doch immerhin Kartoffeln zur Fllung ihres Magens und einige
Lumpen zur Verhllung ihrer Ble, whrend Kohle oder ein Wasserstrahl
den Hunger jener stillt und ein wenig Schmierl hinreicht, um ihre
Glieder geschmeidig zu erhalten.

Im brigen besttigt diese berlegenheit Freilands im Maschinenwesen und
die des Auslandes in Handarbeit blo einen alten Erfahrungssatz, der
deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten
Kulturnationen noch immer entgeht. Da nur die verhltnismig reichen
Nationen, d. h. jene, deren Massen verhltnismig am besten gestellt
sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft
betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem bldesten Auge auf die
Dauer unmglich entgehen, nur erklrte man sich dieses unleugbare
Phnomen umgekehrt; man glaubte, da das englische oder amerikanische
Volk deshalb menschenwrdiger existiere, als z. B. das chinesische oder
russische, weil es reicher sei und da aus dem gleichen Grunde, weil
nmlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort
mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde.
Das lt allerdings die Hauptfrage, nmlich woher denn eigentlich diese
Unterschiede des Reichtums rhren, unerledigt und schlgt anderseits den
Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen
ntzt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts;
die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine
Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln
und etwas Schnaps begngen -- aber es gehrt einmal ins Kredo der
orthodoxen Nationalkonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer
jedoch seine Augen nicht blo dazu hat, um sie den Thatsachen gegenber
zu verschlieen, seinen Verstand nicht blo dazu, um einmal angenommene
Vorurteile hartnckig festzuhalten, der mu endlich begreifen, da der
Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an
Produktionsmitteln, da dieser Reichtum gro oder gering ist, je nachdem
zahlreiche und mchtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel
vorhanden sind und da man viele oder geringfgige Produktionsmittel
braucht, nach Magabe des groen oder geringen Verbrauches jener Dinge,
die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen -- also
ausschlielich nach Magabe des groen oder geringen Konsums. Wo man
wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig
Instrumente der Erzeugung besitzen, _mu_ also arm bleiben.

Auch der Auenhandel vermag daran nichts zu ndern; denn fr die Dinge,
die man ausfhrt, mu man doch irgend etwas -- sei es nun ein
Genumittel, ein Arbeitsinstrument, bares Geld oder sonst ein Gut --
wieder einfhren, und fr dieses eingefhrte Etwas mu man Verwendung
haben, was jedoch, wenn der Konsum fehlt, unmglich ist, da in diesem
Falle auch importierte so wenig als im Inlande erzeugte Dinge Verwendung
finden knnen. Allenfalls knnte man noch jene Gter, die man erzeugt,
ohne weder sie selber noch etwas anderes an ihrer Statt gebrauchen zu
knnen, dem Auslande leihweise berlassen; aber das hngt wieder davon
ab, ob das Ausland Verwendung fr solche im Inlande unverwendbare
berschsse hat, und da dies natrlich in der Regel ebenso wenig der
Fall ist, so bleibt es ein fr allemal dabei: Jedes Volk vermag nur so
viel zu erzeugen, fr wie viel es Verwendung hat und die Hhe seines
Reichtums ist daher bedingt durch die Hhe seiner Bedrfnisse.

Natrlich ist hier nur von jenen Vlkern die Rede, deren Kultur so weit
vorgeschritten ist, da der Verwendung hochentwickelter
Arbeitsinstrumente nicht ihre Unwissenheit, sondern lediglich ihre
socialpolitische Hlflosigkeit im Wege steht. Fr diese aber gilt ihrem
vollen Umfange noch die Wahrheit, da sie arm sind lediglich aus dem
Grunde, weil sie sich nicht satt essen _drfen_ und da die Zunahme
ihres Reichtums durch nichts anderes bedingt ist, als durch das Ausma
der Energie, mit welcher die arbeitenden Klassen sich gegen ihr Elend
aufbumen. Die Englnder und Amerikaner _wollen_ Fleisch essen, sie
lassen ihren Arbeitslohn nicht so weit herabdrcken; das ist der einzige
Grund, warum England und Amerika mehr Maschinen verwenden, als China und
Ruland, wo sich das Volk mit Reis oder Kartoffeln begngt; wir in
Freiland aber haben es zuwege gebracht, unseren arbeitenden Klassen den
Genu des ganzen Ertrages ihrer Arbeit zu sichern, dieser Ertrag mag
noch so hoch wachsen -- was ist selbstverstndlicher, als da wir so
viel Maschinen verwenden, als unsere Techniker nur immer zu ersinnen
vermgen.

Nichts kann auf die Dauer der Wirksamkeit dieses obersten Gesetzes der
Volkswirtschaft widerstehen. Die Produktion ist einzig um des Konsums
Willen da und mu daher -- das htte man sich lngst sagen sollen -- in
ihrem Mae sowohl als in der Art ihres Betriebes vom Ausmae des Konsums
abhngen. Und wenn morgen ein mutwilliger Kobold all unseren Reichtum,
all unsere Maschinen ber Nacht nach irgend einem europischen Lande
versetzte, dabei aber diesem Lande unsere socialen Institutionen nicht
mit als Angebinde brchte, so wre dieses Land damit so gewi nicht um
eines Hellers Wert reicher als zuvor, als es gewi ist, da China nicht
reicher wrde, wenn man die Reichtmer Englands und Amerikas dahin
versetzte, ohne den chinesischen Arbeitern mehr als abgebrhten Reis zur
Nahrung und mehr als ein Lendentuch zur Kleidung zu gewhren. Gleichwie
in diesem Falle die englischen und amerikanischen Maschinen in China
sofort zu nutzlosem alten Eisen wrden, ebenso erginge es in jenem Falle
unseren Maschinen in Europa oder Amerika. Und gleichwie umgekehrt die
Englnder und Amerikaner das ihnen durch Koboldstcke nach China
verzauberte Maschinenkapital -- beharrten ihre arbeitenden Klassen nur
bei ihren derzeitigen Lebensgewohnheiten -- sehr rasch wieder ersetzen
und damit die frhere Stufe ihres Reichtums wieder erklommen haben
wrden, so knnte es auch uns nicht schwer fallen, zu wiederholen, was
wir einmal vollbracht, nmlich uns neuerlich in den Besitz all jener
Reichtmer zu setzen, die _unseren_ Lebensgewohnheiten entsprechen. Denn
diese letzteren, die socialen Einrichtungen Freilands, sind die wahre
und einzige Quelle unseres Reichtums: da wir sie _gebrauchen_ knnen,
ist der Seinsgrund unserer ganzen Maschinenkraft.

Diese Kraft aber, wir fassen hier berall unter dem Sammelbegriff
Maschine alles zusammen, was einerseits kein freies Geschenk der Natur,
sondern Erzeugnis menschlichen Fleies, und anderseits dazu bestimmt
ist, die Ergiebigkeit menschlicher Arbeit zu steigern -- diese Kraft ist
in Freiland zu kollosalen Dimensionen erwachsen. Unser Eisenbahnnetz --
die oben genannten Linien umfassen blo die vier groen, dem Auenhandel
dienenden Bahnen -- hat eine Gesamtausdehnung von 575000 Kilometer
erreicht, wovon allerdings blo 180000 Kilometer Hauptbahnen, whrend
nahezu 400000 Kilometer landwirtschaftliche und industrielle
Schienenanlagen sind. Unser Kanalsystem dient hauptschlich Be- und
Entwsserungszwecken und die Ausdehnung seines in unzhligen tausenden
von Adern und derchen sich verzweigenden Netzes entzieht sich jeder
Berechnung; schiffbar aber sind diese Kanle in einer Lnge von 57000
Kilometern. Auer den bereits erwhnten Passagierschiffen schwimmen auf
allen Meeren nahezu 3000 unserer Frachtendampfer mit einem Laderaume von
15 Millionen Registertonnen; auf den Seen und Flssen Afrikas besitzen
wir 17800 grere und kleinere Dampfer von insgesamt 5 Millionen
Tonnen. Die motorische Kraft aber, die all diese Verkehrsmittel und die
zahllosen Maschinen unserer Landwirtschaft und unserer Fabriken, unserer
ffentlichen und privaten Anlagen, in Bewegung erhlt, betrgt nicht
weniger als 245 Millionen indizierter Pferdekrfte, d. i. reichlich das
Doppelte der mechanischen Kraft, ber welche derzeit die ganze brige
Welt verfgt. Es kommen sohin in Freiland nahezu 9 Pferdekraft
mechanischer Arbeitsenergie auf den Kopf der Bevlkerung, und da eine
indizierte Pferdekraft die Leistungsfhigkeit von 12 bis 13 Mnnern
entwickelt, so ist der Arbeitseffekt der nmliche, als ob jeder
Freilnder Kopf fr Kopf ungefhr 120 Sklaven zu seiner Verfgung htte.
Was Wunder, da wir ein Herrendasein zu fhren vermgen, trotzdem es in
Freiland keine menschlichen Knechte gibt.

Der Wert jener ungeheuren Investitionen aller Art lt sich angesichts
der wunderbaren Durchsichtigkeit unseres ganzen wirtschaftlichen
Getriebes auf Heller und Pfennig berechnen. Das freilndische
Gemeinwesen als solches hat in den 25 Jahren seines Bestandes in runder
Summe 11 Milliarden zu Investitionszwecken ausgegeben; der Aufwand durch
Vermittlung der Associationen und einzelner Individuen (letztere
allerdings blo mit relativ verschwindenden Ziffern vertreten) hatte 23
Milliarden -- alles Pfund Sterling -- betragen, so da die
Gesamtinvestitionen einen Reichtum von 34 Milliarden reprsentieren,
durchweg vorzglich rentierendes Kapital, trotzdem, oder richtiger
gerade weil es keinen bestimmten Herrn hat, denn eben diese
Herrenlosigkeit der gesamten Produktionskapitalien ist die Ursache, da
jede Arbeitskraft sich jener Betriebsmittel bedienen kann, durch deren
Anwendung sie jeweilig die hchsten Ertrge zu erzielen vermag. Jeder
Freilnder ist Mitbesitzer dieses ganzen ungeheueren Reichtums, von
welchem -- den unschtzbaren Wert des Kulturbodens gar nicht gerechnet
-- auf den Kopf der Gesamtbevlkerung rund 1300 Pfd. Sterl., auf die
Familie rund 6000 Pfd. Sterl. entfallen. Wir sind also in diesen 25
Jahren allesamt gewissermaen ganz behbige Kapitalisten geworden;
Zinsen trgt uns dieses Kapital allerdings nicht, dafr aber verdanken
wir ihm den Arbeitsertrag von 7 Milliarden, der, umgerechnet auf die 26
Millionen Seelen Freilands, rund 270 Pfd. Sterl. per Kopf ergibt.

Ehe wir jedoch einer Schilderung des auf Grundlage dieser Flle von
Reichtum und Kraft sich entwickelnden Lebens Freilands Raum geben, wird
es notwendig sein, in kurzen Zgen einen Abri der freilndischen
Geschichte whrend der letzten 20 Jahre zu bieten.

Wir sind im vorigen Abschnitte bis zur Erffnung der ersten
Schienenverbindung mit dem indischen Ozean auf der einen Seite und bis
zu dem Feldzuge gegen Uganda und der damit beginnenden Besiedelung der
Uferlandschaften des Ukerewe anderseits gelangt. Die Aufmerksamkeit
unserer Forscher war von da ab zunchst auf das hochinteressante
Gebirgsland nrdlich und nordwestlich vom Baringosee gerichtet, wo
insbesondere das Gebiet des nahezu 4300 Meter hohen, an der Grenze
Ugandas gelegenen Elgon ihren Eifer nach mehr als einer Richtung
herausforderte. Hier war ersichtlich ein groes, den Kenia- und
Aberdarebergen an Fruchtbarkeit, klimatischen Vorzgen und
landschaftlicher Schnheit ebenbrtiges Feld zuknftiger Besiedelung
vorhanden. Die Aussicht vom Gipfel des Elgon bertraf sogar, was
Mannigfaltigkeit der gebotenen Eindrcke anlangt, alles bisher Gesehene;
im Sdosten reichte der Blick bis zu der meerartig sich in unabsehbarer
Ferne verlierenden Flche des Ukerewe; im Norden ragten, 65 Kilometer
entfernt, die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Lekakisera gen
Himmel; im Osten streifte das Auge ber mchtige Waldgebirge, whrend im
Westen sich endlos das lachende Hgelland von Uganda erstreckte.

Doch unaufhaltsam weiter drangen unsere Pioniere; Platz war zwar noch im
berflu an den alten Wohnsitzen vorhanden; aber der Forschungstrieb in
Verbindung mit dem Zauber der Neuheit, der die ferner liegenden
Landschaften umgab, lockte stets neue Scharen tiefer und tiefer hinein
in den dunklen Erdteil. Nachdem die Ufer des Ukerewe nichts
Unbekanntes mehr boten, drangen unsere Pfadfinder in die Urwaldungen der
Zwischenseegebirge gegen den Muta-Nzige und Albertsee. Hier stieen wir
zum ersten Mal auf menschenfressende Stmme, deren Bndigung keine
geringe Arbeit bot und auch keineswegs ganz ohne Blutvergieen abging.
Am Albert-Njanza angelangt, dessen Ostufer meist kahl und unwirtlich
sind, erblickte man von jenseits verfhrerisch die Mondberge, deren
hchste, 4000 Meter berragende Gipfel in der khlen Jahreszeit hufig
eine Schneedecke zeigen und von deren malerisch gegen den See
abfallenden Hngen zahlreiche Katarakte von ganz unglaublicher Fallhhe
und gewaltigem Wasserreichtum zur Tiefe strzen, angenehme Rckschlsse
auf die Beschaffenheit ihrer Quellgebiete gestattend. Selbstverstndlich
blieben sie nicht lange unbesucht und der Ruf der neuen Wunder
groartiger Naturpracht, die dort gefunden wurden, lenkte bald den
Schritt vieler Hunderttausende dahin. Auch dort gab es Kmpfe mit
anthropophagen Stmmen, die zum Teil heute noch ihren schlimmen
Gewohnheiten im Geheimen frhnen. Von hier aus wandten sich die Pioniere
mehr sdwrts, berall die Gebirgszge als Heerstrae benutzend. Vor
sechs Jahren langten unsere ersten Vorposten am Tanganika an, wo sie mit
Vorliebe die sich im Westen erhebenden Hhenzge whlten, welche
stellenweise den 900 Meter ber dem Meere gelegenen Seespiegel um 1500
Meter berragen; jetzt sitzen schon Hunderttausende in den lieblichen
Uferlandschaften dieses wenn auch nur zweitgrten, so doch weitaus
lngsten der quatorialseen. Der Tanganika hat nicht ganz den halben
Flcheninhalt des Ukerewe, er ist nirgends so breit, da ein gutes Auge
nicht die jenseitigen Uferberge zu sehen vermchte; seine Lnge aber
betrgt 580 Kilometer, also ziemlich genau drei Vierteile derjenigen des
adriatischen Meeres, und der schnellste von den 286 Dampfern, die ihn
derzeit fr unsere Rechnung befahren, braucht nahezu 24 Stunden, um von
seinem Nordende zum Sdende zu gelangen.

Jetzt war aber auch die Zeit gekommen, wo wir mehr und mehr mit
europischen, resp. unter europischem Einflu stehenden Kolonien in
unmittelbare Berhrung gerieten. Im Sden und Osten stieen wir auf
deutsche und englische Interessensphren, im Nordosten teils direkt,
teils indirekt auf franzsische und italienische, im Norden auf
gyptische, im Westen an den mchtig aufstrebenden Kongostaat. Dabei
waren die sich ergebenden Wechselbeziehungen zwar berall von den
besten, entgegenkommendsten Absichten geleitet, es tauchte aber doch
eine Menge von Fragen auf, die nachgerade dringend einer endgltigen
Lsung bedurften. Fr die benachbarten Kolonien stellte sich nmlich der
belstand heraus, da sie nirgend die unmittelbare Nhe freilndischer
Ansiedelungen auf die Dauer zu ertragen vermochten; ihre Bevlkerung
wurde von uns angezogen, wie Eisenfeilstbchen durch einen Magnet; wo
sich eine freilndische Association in der Nhe etablierte, blieb von
fremden Kolonien binnen krzester Frist nichts brig, als die verdeten
Wohnsttten, die verlassenen Plantagen; die Kolonisten waren zu uns
bersiedelt und Freilnder geworden. Dagegen konnten die fremden
Regierungen nichts thun, wollten es wohl auch nicht, da doch das
Interesse ihrer Unterthanen dabei wahrlich nicht schlecht fuhr; aber mit
Rcksicht auf die Machtstellung ihrer betreffenden Lnder mute ihnen
diese Unmglichkeit, sich in unserer Nhe zu behaupten, unbequem werden
und sie zum Nachdenken anregen.

Doch auch wir muten die Frage in Erwgung ziehen, was denn geschehen
werde, wenn freilndische Ansiedler irgendwo fremdes, einem
abendlndischen Volke gehriges Gebiet betreten sollten. Bisher hatten
wir dies absichtlich vermieden; auf die Dauer war es jedoch
unvermeidlich. Was wrde dann geschehen? Sollten wir, im Besitze der
strkeren Civilisationsform, vor der zurckgebliebenen zurckweichen?
Konnten wir es, selbst wenn wir wollten? Freiland ist kein Staat im
gemeingebruchlichen Sinne des Wortes; sein Wesen liegt nicht in der
Herrschaft ber ein bestimmtes Territorium, sondern in seinen socialen
Einrichtungen; diese sind an sich mit fremden Regierungsformen ganz gut
vereinbar, und wir muten im Interesse friedlichen Zusammenlebens mit
unseren Nachbarn bestrebt sein, diesen Einrichtungen gesetzliche
Anerkennung -- zunchst in den benachbarten Kolonialgebieten -- zu
verschaffen.

Und nicht blo auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den
anderen Weltteilen huften sich die einer Erledigung dringend
bedrftigen Fragen zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir
mengten uns zwar grundstzlich nicht in die politischen Angelegenheiten
des Auslandes, aber fr unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es,
aus der Flle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden
Brdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen.
Freilndisches Geld war berall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not
zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer
gegen Ausbeutung Hlfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe
standen jedermann zur unentgeltlichen Verfgung bereit, der sich aus dem
Jammer der alten Weltordnung zu uns herberretten wollte, und wir lieen
es an Bemhungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen
unseren leidenden Mitbrdern in stets ausgedehnterem Mae zugnglich zu
machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und
unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der
Ausbung dieser Mission durch den Einspruch auslndischer Machthaber
beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir -- auf die Dauer lie sich
das unmglich verkennen -- mehr und mehr in Kollision mit den
Anschauungen einzelner europischer und asiatischer Regierungen. Zwar im
demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die
ffentliche Meinung zu mchtig zu unseren Gunsten, als da von dorther
irgendwelcher -- und sei es auch blo passiver -- Widerstand unseren
Bestrebungen gegenber zu besorgen gewesen wre; anders aber verhielt es
sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere
Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thtigkeit die kolossalen
Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme
voraussehen lieen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der
Frage zu beschftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich
wre, freilndischem Gelde und freilndischem Einflusse die Wege zu
verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen
Bruch mit uns, teils aus Rcksicht auf die auch bei ihnen sich geltend
machende ffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen
finanziellen Hlfsmitteln, ber welche wir verfgten. Man wollte uns
nicht gerne zu erklrten Feinden haben, aber man wollte freilndische
Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach
Freiland einschrnken.

Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit
verschrnkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten
Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu
halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere
Krfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, da wir stark
genug seien, um die Absperrungsgelste der fremden Machthaber im
Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso
einig darber, da zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht
werden msse, ehe man an die Waffen appellieren drfe. Und die
Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, da ersichtlich
im Punkte der Anschauungen ber die kriegerische Strke Freilands ein
Gegensatz zwischen unserer freilndischen und der auerfreilndischen
ffentlichen Meinung bestand; whrend wir -- wie gesagt -- der
berzeugung waren, jedem Militrstaate der Welt, ja selbst mehreren
zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene
Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, fr militrisch
durchaus ohnmchtig. Wir muten also darauf gefat sein, da eine
eventuell drohende Sprache unserer Bevollmchtigten gar nicht ernst
genommen werden drfte und da gerade deshalb jeder Versuch, unseren
Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatschlichen Krieg
den erforderlichen Nachdruck erlangen knnte. Und ein Krieg war es denn
auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung
bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europischen
oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischen Gromacht,
ein Krieg zudem, der mit den soeben errterten Fragen hchstens indirekt
etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte.

Wie dies kam, darber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln
mitgeteilten Briefe Aufschlu geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo
Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der
nachmals nach Freiland bersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher
die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte.
Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der
freilndischen Zustnde und der Lebensweise im fnfundzwanzigsten Jahre
der Grndung bieten.




                              14. Kapitel.


                                             Edenthal, den 12. Juli ..

Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus
der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen
Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat?
Du weit, oder weit vielleicht auch nicht, da meine Chefs auf Monte
Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostkste
Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen,
und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo
man sich in gleichen Nten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so
einigten sich die drei westmchtlichen Kabinette schlielich dahin,
gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel
zu suchen; diesem nachzuspren sind wir nun hier, von seiten Englands
die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs.
Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe
Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nmlich. Beauftragt sind wir
insgesamt, den Freilndern nahezulegen, da es in ihrem wie in unserem
gemeinsamen Besten gelegen wre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze
gegen Abyssinien hergeben wollten.

Der Negus nmlich, der uns Europern, die wir Besitzungen an den
afrikanischen Ksten des Roten Meeres und sdlich der Strae von
Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen
machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbndeten
englisch-franzsisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die
Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal
jenes gyptischen Heeres bereitet htte, welches nach biblischen
Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertrnkt wurde, der Negus, sage
ich, hat den fnfjhrigen, fr uns nicht gerade rhmlichen Frieden --
offenbar mit Hlfe gewisser guter Freunde in Europa -- dazu bentzt, um
seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach
abendlndischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann,
durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine
vorzgliche Kavallerie von mindestens 40000 Kpfen, und eine Artillerie
von 106 Batterien, die es, unseren Militrbevollmchtigten zufolge, mit
jeder europischen an Tchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber,
die Johannes mit diesen fr das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen
Rstungen verfolgt, knnen -- insbesondere nach den Erfahrungen des
vergangenen Lustrums -- nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den
Englndern die Kstenpltze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet
sdlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Kstenfestungen und Flotten
werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt,
die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die
der reorganisierten abyssinischen gewachsen wren, an jenen unwirtlichen
Ksten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger
Rckzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft
wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch mu dem
Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der
Kstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei
Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerckten Ostafrika fr
alle europischen Mchte verloren wre. Ist uns doch nur zu wohl
bekannt, da Johannes V. sich diesbezglich mit den weitestgehenden
Plnen trgt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland,
Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar
bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der
Kstenpunkte es den Abyssiniern ermglicht, eine solche zu halten. Ob er
diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein
Rtsel. Wre ersteres der Fall, so knnte es den Nachforschungen der von
dieser Zukunftsflotte bedrohten Mchte unmglich entgehen; aber keine
der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge
unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am
Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Ksten in abyssinische
Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen
Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, ber die
Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen -- kurzum, man hat in London,
Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hrnern zu fassen und gegen
den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette
wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann
ausrsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fnfjhrigen Friedens
-- das wre also Ende September dieses Jahres -- gegen Abyssinien
vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen
Kstenorte -- sondern Freiland ausersehen. Dieses wrde den verbndeten
Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rckzugslinie gewhren, und
Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freilndische Verwaltung fr
dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive
Mitwirkung, d. h. freien Durchzug fr unsere Truppen. Ob unsere
Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu
erzwingen, wei ich nicht, denn nicht ich, blo mein Vater ist
eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswrtigen
Politik, und wenn meine bekannte Schwrmerei fr dies Land der
Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater
beizugeben, so vermute ich doch, da mir die intimeren Geheimnisse
unserer Diplomatie vorenthalten werden.

Du weit also jetzt, Freund meiner Seele, _warum_ wir nach Freiland
reisten. Bist Du zu erfahren begierig, _wie_ wir die Reise
bewerkstelligten, so diene Dir, da wir dazu von Brindisi bis
Alexandrien den Uranus, eines der Riesenschiffe bentzten, die
Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren
laufen lt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die
Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hlt,
was sie sich von ihr versprechen, so mu sie ein wahres Paradies sein.
Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freilndischen
Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei berfahrtgebhr angenommen,
dafr aber auch, wie mnniglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in
der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am
zweiten Tage der Fahrt, da er nicht bereue, meinem Drngen nachgegeben
zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel
und von peinlichster Sauberkeit, Kche und Verpflegung lieen nichts zu
wnschen brig und -- was uns am meisten wunderte -- der Umgang mit den
buntzusammengewrfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs
unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stnde und
Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein
auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewutsein, einer neuen Heimat
entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen
herrschen sollte, dermaen gehoben, da whrend der ganzen Fahrt
keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam.

In Alexandrien bentzten wir den nchsten nach dem Sudan abgehenden
Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nmlich gyptische
Kondukteure und Maschinisten ihn fhrten, von einem solchen wenig mehr
als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freilndischer Eisenbahnzug
auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheit vorwrts,
wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit
raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und
Konversationswagen fhrten uns in rasendem Fluge den Nil aufwrts, den
Riesenstrom bis Dongola zweimal bersetzend. Charakteristisch ist, da
von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen
oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getrnke muten zwar
bezahlt werden -- auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich
gewesen -- die Befrderung aber besorgte das freilndische Gemeinwesen
unentgeltlich zu Land wie zu Wasser.

Die Schilderung von Land und Leuten in gypten und dessen Dependenzen
wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezglich im letzten
Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freilndischen Nilbahn
einiges zum Besseren gendert; aber im groen Ganzen fand ich das Elend
der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach
verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen lteren
Reiseberichten ber diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus
anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza nherten
und freilndisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als
ich am Morgen des fnften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum
Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von
ppigen Grten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose
Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils
zerstreut, teils zu greren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten.
Als der Zug bald darauf in einer Station -- sie hie, ein freundliches
Omen fr uns Italiener, Garibaldi -- hielt, sahen wir auch zum
erstenmale Freilnder in ihrer eigentmlichen und, wie ich auf den
ersten Blick erkannte, beraus zweckmig den Anforderungen des Klimas
angepaten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht.

Diese ist der antik griechischen sehr hnlich, selbst die Sandalen an
Stelle der Schuhe fehlten nicht, nur da dieselben nicht auf bloem
Fue, sondern ber Strmpfe getragen werden. Die Kleider der
Freilnderinnen sind zumeist farbenprchtiger, als jene der Mnner, die
jedoch auch keineswegs jene dsteren monotonen Tinten zur Schau tragen,
wie die abendlndische Mnnertracht. Insbesondere die freilndischen
Jnglinge lieben heitere, helle Farben, die jngeren Damen bevorzugen
Wei mit farbigen Ornamenten. Der Eindruck, den die Freilnder auf mich
machten, war ein geradezu blendender. Strotzend von Kraft und
Gesundheit, bewegten sie sich in heiterer Anmut unter den schattigen
Bumen des Bahnhofgartens, mit einer vornehmen Sicherheit des Benehmens,
die mich anfangs glauben lie, da sich hier die Spitzen der
ortsansssigen Gesellschaft Stelldichein gegeben htten. Diese Meinung
wurde noch verstrkt, als spterhin einige Freilnder den Zug bestiegen
und ich aus den Gesprchen whrend der Weiterfahrt entnahm, da deren
Bildungsgrad durchaus dem ueren Eindrucke entsprach; und doch waren es
gewhnliche Landleute, Ackerbauer und Grtner mit ihren Frauen, Shnen
und Tchtern, mit denen wir es zu thun hatten.

Nicht minder berraschend war das Behagen der unter den Weien zerstreut
auftretenden und mit diesen unbefangen verkehrenden Neger. Deren
Kleidung war zwar noch leichter und luftiger als die der Weien -- meist
Baumwollzeuge an Stelle der von diesen ausschlielich bentzten
Schafwolle; im brigen aber machten diese Eingeborenen den Eindruck
durchaus civilisierter Menschen, und wie ich mich aus dem Gesprche mit
einem der den Zug gleichfalls zur Weiterfahrt bentzenden Neger
berzeugen konnte, stand ihre Bildung auf einer ziemlich hohen Stufe,
jedenfalls auf einer weit hheren, als die der Landbevlkerung in den
meisten Gegenden Europas. Der Schwarze, mit dem ich mich unterhielt,
sprach ein flieendes, korrektes Englisch, hielt eine freilndische
Zeitung, in welcher er whrend der Fahrt eifrig las und erwies sich
nicht nur in den Angelegenheiten des eigenen Landes, sondern auch ber
europische Verhltnisse sehr gut unterrichtet.

Gegen Mittag erreichten wir mit der Station Baker den Albert-See, genau
an jener Stelle, wo ihm der weie Nil entstrmt. Hier erwartete mich
eine sehr angenehme berraschung. Du wirst Dich noch David Neys, jenes
jungen freilndischen Bildhauers erinnern, mit welchem wir whrend des
letzten Herbstes in Rom zusammentrafen, und an welchen insbesondere ich
mich damals so innig anschlo, weil der herrliche Jngling es mir durch
den Adel seiner ueren Erscheinung sowohl, als seiner Gesinnung
angethan hatte. Was Du wahrscheinlich nicht weit, ist, da wir, nachdem
David nach Abschlu seiner Kunststudien Rom und Europa verlassen hatte,
wiederholt Briefe wechselten, so da er von meiner bevorstehenden
Ankunft genau unterrichtet war. Mein Freund hatte nun die
dreiigstndige Reise von Edenthal, wo er bei seinen Eltern -- sein
Vater ist, wie Du weit, einer der Regenten Freilands -- wohnt, an den
Albert-Njanza nicht gescheut, war mir bis Baker entgegen geeilt, und das
erste, was ich, in die Station eingefahren, bemerkte, war sein liebes,
mir freudig zulchelndes Antlitz. Er brachte meinem Vater und mir eine
Einladung der Seinen, whrend unseres Aufenthaltes in Edenthal ihre
Gste zu sein. Wenn Sie, Herr Herzog -- sagte er -- mit der Wohnung und
Bewirtung, die Ihnen ein Brger von Freiland zu bieten vermag, zufrieden
sein wollen, wrden Sie uns alle, insbesondere aber mich, dem damit das
Glck ungestrten Beisammenseins mit Ihrem Sohne zu teil wrde, zu
hchstem Danke verpflichten. Den Glanz und die Pracht, an welche Sie
daheim gewhnt sind, werden Sie allerdings in unserem Hause vermissen,
welches sich nur wenig von denen der einfachsten Arbeiter unseres Landes
unterscheidet; aber diese Entbehrung wre Ihnen berall in Freiland
auferlegt, und ich glaube Ihnen versprechen zu knnen, da Ihnen auch
bei uns keinerlei wirkliche Bequemlichkeit fehlen wird. Zu meiner
groen Genugthuung acceptierte mein Vater nach kurzem Besinnen dieses
herzliche Anerbieten mit lebhaftem Danke.

ber das whrend der eineinhalbtgigen Fahrt vom Albert-See nach
Edenthal Gesehene will ich mich fr heute kurz fassen, da ja noch
Gelegenheit sein wird, ausfhrlich darauf zurckzukommen, und schon
dieser erste meiner freilndischen Reisebriefe ohnehin zu ungebhrlichem
Umfange anschwellen wird, wenn ich Dir ber das mich zunchst
Interessierende, die Lebensweise der Freilnder nmlich, auch nur
oberflchlich Bericht abstatten will. Unser Kurierzug durchflog in
rasender Eile die von Saatfeldern und Plantagen bedeckten Ebenen Unjoros
und Hgellandschaften Ugandas, lief hierauf einige Stunden lngs der
Ufer des mchtig brandenden Ukerewe durch liebliches, einem einzigen
Garten gleichendes Hgel- und Bergland; bei den Riponfllen den See
verlassend, wandten wir uns in das wildromantische Gebirgsland des Elgon
mit seinen zahllosen Herden und reichen Fabrikstdten, umkreisten den
grtenumsumten Baringo-See und drangen durch Leikipia in die
Alpenlandschaften des Kenia ein. Gegen 9 Uhr Abend des sechsten Tages
der Eisenbahnreise erreichten wir endlich Edenthal.

Es war eine herrliche Mondnacht, als wir, den Bahnhof verlassend, die
Stadt betraten; berdies glnzte diese im Scheine zahlloser mchtiger
elektrischer Bogenlampen, so da dem neugierig forschenden Blicke nichts
entging. Selbst wenn ich es jetzt schon wollte, ich knnte Dir den
Eindruck, den diese erste freilndische Stadt, deren Inneres wir
betraten, auf mich machte, nicht im einzelnen schildern. Denke Dir einen
etwa hundert Quadratkilometer bedeckenden Feengarten, erfllt von
zehntausenden reizender, geschmackvoller Huschen und hunderten
mrchenhaft prchtiger Palste; dazu den berauschenden Duft aller
erdenklichen Blumenarten und den Gesang zahlloser Nachtigallen --
dieselben wurden in den ersten Jahren der Grndung des Gemeinwesens aus
Europa und Asien importiert, haben sich aber seither unglaublich
vermehrt -- und fasse all' das in den Rahmen einer Landschaft, wie sie
groartiger und pittoresker kein Teil der Erde aufweist -- so kannst Du
Dir, wenn Deine Phantasie lebendig ist, eine matte Vorstellung des
Entzckens machen, mit welchem mich diese Wunderstadt erfllte, und je
lnger ich sie kennen lerne, mehr und mehr erfllt. Die Straen und
Pltze, durch die wir kamen, waren ziemlich menschenleer, doch
versicherte uns David, da rings um den Edensee allabendlich bis
Mitternacht reges Leben flute. Und auch in zahlreichen Husern, an denen
wir vorbeifuhren, herrschte geruschvolles, heiteres Treiben. Auf
breiten, luftigen Terrassen und in den Grten rings um dieselben saen
und lustwandelten die Bewohner, zu kleineren oder greren
Gesellschaften vereint; Becherklang, Musik, silberhelles Lachen schlugen
an unser Ohr, kurzum, alles deutete darauf hin, da hier die Abende
frhlichster Geselligkeit geweiht seien.

Nach ungefhr halbstndiger rascher Fahrt langten wir bei der so
ziemlich im Centrum der Stadt, nicht weit vom Edensee gelegenen
Behausung unserer Gastfreunde an. Die Familie Ney empfing uns in der
herzlichsten, liebenswrdigsten Weise, trotzdem aber imponierte die
sichere Wrde ihres Benehmens selbst meinem stolzen Vater aufs
Grndlichste. Insbesondere die Damen des Hauses glichen so sehr
verkleideten Prinzessinnen, da mein Vater sich sofort in den galanten
Paladin von unerreichter Ritterlichkeit verwandelte, als welchen Du ihn
von den Hoffesten in Rom, London und Wien her kennst. Vater Ney verrt
auf den ersten Blick den tiefen, an ernste Arbeit gewhnten Denker, dem
jedoch heitere Sicherheit des Benehmens keineswegs fehlt. Er drfte,
nach seiner sechsundzwanzigjhrigen Thtigkeit im Dienste des
freilndischen Gemeinwesens zu schlieen, mindestens 50 Jahre zhlen,
seinem ueren nach aber wrdest Du ihm keine 40 geben. Der jngere der
Shne, Emanuel, Techniker von Beruf, ist Davids vollkommenes Ebenbild,
nur etwas dunkler und krftiger noch als dieser, der, wie Du wissen
wirst, auch gerade kein Schwchling ist. Die Hausfrau, Ellen genannt,
eine geborene Amerikanerin, die mir, Dank offenbar den Berichten meines
David, sofort mit wahrhaft mtterlichem Wohlwollen begegnete, mu nach
dem Alter ihrer Kinder zu schlieen, etwa 45 Jahre zhlen, macht
indessen vermge ihrer Jugendfrische mehr den Eindruck einer Schwester,
als einer Mutter ihrer Kinder. Sie ist von blendender Schnheit,
bezaubert aber insbesondere durch die Gte und Geisteshoheit, die ihren
Zgen aufgeprgt sind. Als ihre Tchter stellte sie uns drei junge Damen
im Alter zwischen 18 und 20 Jahren vor, von denen jedoch nur eine,
Bertha genannt, ihr und den Shnen hnlich ist. Diese, das verjngte
Ebenbild ihrer Mutter, verwirrte mich geradezu durch den unsglichen
Reiz ihrer Erscheinung, glich aber so wenig den beiden anderen, Leonore
und Klementine, da ich mich einer Bemerkung hierber vor David nicht
enthalten konnte. Diese zwei sind auch nicht blutsverwandt mit uns,
sondern die Ziehtchter meiner Mutter; was das zu bedeuten hat, erzhle
ich Dir spter, lautete die Antwort.

Da wir -- wie Du begreiflich finden wirst -- von der sechstgigen
Eisenbahnreise trotz allen Comforts freilndischer Waggons ziemlich
erschpft waren, baten wir, nach kurzem Geplauder mit unseren herrlichen
Wirten, um die Erlaubnis, uns in die uns bestimmten Gemcher
zurckziehen zu drfen. David machte unseren Fhrer. Nachdem wir von der
gerumigen Gartenterrasse aus, auf welcher wir bis dahin geweilt hatten,
einen mit einfachem, aber gediegenem Geschmack eingerichteten
Gesellschaftsraum und einen stattlichen Speisesaal durchschritten
hatten, an welchen sich, wie ich bemerkte, rechts ein groer als
Bibliothek dienender Saal und links zwei kleinere Gemcher anschlossen,
die, wie mir David auf Befragen mitteilte, seinen Eltern als
Arbeitsstuben dienten; betraten wir eine zierliche Vorhalle, von welcher
aus eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafrumen fhrte. Hier
wies uns unser Fhrer zwei Schlafzimmer mit gemeinsamem Empfangzimmer
an.

Dann ging es an eine kurze Erklrung der mannigfachen, zur
Bequemlichkeit der Bewohner dienenden Einrichtungen. Ein Druck auf
diesen Knopf hier, rechter Hand neben dem Thrstock -- demonstrierte
David -- bringt den elekrischen Lustre zum Brennen, ein gleicher dort
neben dem Nachttischchen den Wandkandelaber oberhalb des Bettes. Hier
das Telephon No. 1 ist ausschlielich dem Verkehr im Hause selbst und
mit der benachbarten Wachtstube der Association fr persnliche
Dienstleistungen bestimmt; bloes Klingeln -- so, in diesem Rhythmus --
bedeutet, da sich Jemand aus der Wachtstube herbemhen mge; alle diese
Knpfe -- sie sind durch die eigentmliche Kerbung kenntlich -- hier und
dort an den Wnden, da am Schreibtische und dort neben den Betten,
stehen mit dieser Telephonklingel in Verbindung; Sie brauchen sich also
aus dem Lehnstuhl, den Sie jetzt inne haben, nachts oder morgens aus dem
Bette, in dem Sie ruhen, gar nicht zu erheben, wenn Sie ein Mitglied
dieser allezeit dienstbereiten Gesellschaft zu sich citieren wollen.
Jedes Telephon und jedes Lutewerk hat seine Nummer in der Wachtstube
sowohl, als an einer Tafel im Vestibul, das wir soeben verlassen haben;
lngstens zwei Minuten, nachdem Sie geklingelt haben, steht der auf dem
Flgelrad herbeigeeilte Abgesandte der Gesellschaft zu Ihren Diensten.

Das ist eine wunderbare Einrichtung, bemerkte ich, die Euch die
Annehmlichkeit eines jeden Winkes gewrtigen Kammerdieners gewhrt, ohne
da Ihr den rger mit in den Kauf nehmen mtet, den uns Abendlndern
unsere Kammerdiener bereiten; nur drfte dieser Luxus ziemlich
kostspielig und deshalb nicht allgemein blich sein.

Die Kosten sind sehr bescheiden, gerade weil hier alle Welt Gebrauch
von diesen ffentlichen Dienstleistungen macht, antwortete mein Freund.
Fr je 600 bis 800 Huser ist je eine derartige Wachtstube mit je drei
Wachthabenden errichtet; es wird nun jede geforderte Dienstleistung nach
der Zeit bezahlt, richtiger gesagt, angerechnet, und zwar, wie dies nun
einmal bei uns blich ist, nach Magabe des von unserer Centralbank am
Schlusse jedes Bilanzjahres verffentlichten Durchschnittswertes der
Arbeitsstunde. Im abgelaufenen Jahre, wo der Stundenwert 8 Shilling
betrug, muten wir fr je 3 Minuten -- denn das ist die Einheit, nach
welcher diese Gesellschaft rechnet -- 40 Pfennige bezahlen; wer nun
hufig klingelt und die Association stark in Atem erhlt, auf den
entfllt am Jahresschlu ein strkerer, wer dies seltener thut, ein
geringerer Beitrag: fr alle Flle aber mu die Association auf ihre
Kosten, d. h. auf ihre Ausgaben kommen und auf den Verdienst fr ihre 9
wachthabenden Mitglieder -- denn die drei Wchter wechseln morgens,
mittags und abends. Diese fr je eine Wachtstube erforderliche Summe
berechnete sich im Vorjahre mit rund 6000 Pfd. Sterling, und da
beispielsweise die Zeitrechnungen der smtlichen 720 Familien unseres
Rayons nicht ganz zwei Dritteile dieser Summe ergeben hatten, so wurden
die restlichen 2000 Pfd. Sterling nach Magabe des von jeder Familie
gemachten Gebrauches nachgetragen. Unsere Familie hat verhltnismig
geringen Bedarf nach den guten Diensten dieser Wachtstuben; wir zahlten
z. B. im Vorjahre alles in allem 6 Pfd. Sterling, nmlich 4 Pfd.
Sterling direkte Zeittaxen und 2 Pfd. Sterling nachtrglichen Zuschlag,
denn wir hatten binnen Jahresfrist blo zweihundertmal 3 Minuten der
fraglichen Dienste bedurft.

Warum -- so fragte mein Vater -- wird in Ihrem Hause verhltnismig
weniger geklingelt, als anderwrts?

Weil unser Haushalt bestndig zwei oder drei junge Damen beherbergt,
die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all' jene
persnlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Wrde wohlerzogener,
gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese -- seit einem Jahre auch von
meiner Schwester untersttzten -- Mdchen sind junge Freilnderinnen,
wie man sie in jeder freilndischen Familie findet, wo die Hausfrau im
Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht -- Sie entschuldigen,
da ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwhlten zhle.
Jedes junge Mdchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu
groem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens fr ein Jahr
Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, da nichts den
Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschpfe mehr veredle,
als mglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen.
Selbstverstndlich ist, da derartige junge Damen durchaus wie Kinder
vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren
Adoptiveltern auch durchweg die nmlichen Dienste, wie aufmerksame,
liebevolle Tchter. Vater und Mutter knnen einen Wunsch kaum im
Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfllt.

Ei, das ist ja ganz das Institut unserer kniglichen Ehrenfrulein,
meinte lchelnd mein Vater.

Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Knigspaar so gut, und
insbesondere ob es so zrtlich betraut ist, wie mein Elternpaar
jederzeit von diesen Ziehtchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren --
denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland -- nicht weniger als 24
durch unser Haus gegangen sind, die aber smtlich heute noch in durchaus
kindlichem Verhltnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns
stehen. Unsere gegenwrtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben
Sie soeben kennen gelernt.

Sie sagten vorhin, nahm wieder mein Vater das Wort, da Ihr gesamtes
Haus -- also vier Damen und drei Herren -- whrend eines ganzen Jahres
blo zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten
dienstbaren Geister in Anspruch genommen htte; auerdem erwhnten Sie
die Dienste der reizenden Ehrenfrulein -- wer aber verrichtet jene
grberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden
jhrlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier
zu vollbringen vermchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis
zwlf Wohnrume; das Estrich ist zwar aus Marmor -- aber sie mssen doch
gefegt werden. Ich sehe berall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit
einem Worte, wer verrichtet die grbere Arbeit in diesem, wie der
oberflchlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand
gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause?

Die nmliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt
gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum
regelmigen Bedarfe gehrigen Verrichtungen besorgen zu lassen,
vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne da
man sich fernerhin darum zu kmmern htte, mit einer Pnktlichkeit, die
nichts zu wnschen brig lt. Die Association besitzt Haus- und
Stubenschlssel der mit ihr in Akkord stehenden Huser. Zeitlich
morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geruschlos ihre
Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider -- richtiger die zu
wechselnden, denn wir Freilnder tragen niemals ein Kleidungsstck an
zwei aufeinander folgenden Tagen -- von den Orten, wo sie des Abends
hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle,
bereiten die Bder -- denn in den meisten freilndischen Husern hat
jedes Familienglied sein besonderes Bad, das tglich genommen wird, es
sei denn, da man ein See- oder Flubad vorzge -- reinigen die Vorrume
und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden,
ohne da man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und
zu all dem gengen wenige Minuten. Es wird nmlich fast durchweg mit
Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im
Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das
ffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der groen, von den Keniakaskaden
gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Stdten, wo
Wasserdruck bis zu 35 Atmosphren nicht so leicht zu beschaffen ist,
thun elektrische oder atmosphrische Kraftleitungen den nmlichen
Dienst.) Hier die sthlerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter
verdeckten Hhlung am Boden, und dort oben am Plafond die broncene, die
dem Gestnge zum Aufhngen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln
hnlich sieht -- es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der
Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern
angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, bertragen. Und dort in
jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich
Ihnen schwer erklren kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine
Reihe anderer Gerte fhren die 3-4 Leute der Association bei ihren
Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestnge da oben
oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors
geffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen,
die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle
geruschlos verrichtet, was Menschenhnde nur langsam und meist mit
unangenehmem Gepolter zuwege brchten.

Einige Zeit spter erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich,
um die noch brigen Stuben zu reinigen, die frher entfernten Teppiche
an ihren Ort zu geben, in Kche und Frhstckszimmer alles zum Frhstck
Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsber
mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen.
Alles geschieht unaufgefordert, unhrbar, mit Blitzesschnelle. Unser
Haus gehrt zu den greren, unsere Einrichtung zu den besseren in
Edenthal; die Association hat also in wenigen Husern mehr zu thun, als
bei uns; trotzdem rechnete sie uns fr all' diese Dienste im Vorjahre
nicht mehr als 180 Stunden an, fr welche wir nach dem bereits erwhnten
Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle,
da irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das
Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten
werden knnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen Domestiken,
mit intelligenten, hflichen, diensteifrigen Geschftsleuten zu thun,
die schon durch die Konkurrenz -- denn wir haben in Edenthal sechs
solche Associationen -- gentigt sind, ihr uerstes zur Befriedigung
der sie beschftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser
Associationen sind Gentleman, mit denen man fglich an der gleichen
Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder
unsere zwei Ehrenfrulein, noch meine Schwester, wrden den geringsten
Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gsten auch Mitgliedern der
Association fr persnliche Dienstleistungen aufzuwarten.

Sie werden brigens die Herren der Association heute noch kennen
lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort
eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit ber jeden Ihrer
speziellen Wnsche zu unterrichten. Sie drfen nicht ungeduldig werden,
wenn _Sie_ dabei einem etwas umstndlichen Verhre unterzogen werden; es
geschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den
keine Kleinigkeit bersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so
wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewi nicht widerfahren,
des morgens ein anderes als das gewnschte Kleid an der bezeichneten
Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in
der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine
Ungehrigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile
das husliche Behagen besteht.

Mit der Association fr persnliche Dienstleistungen wren wir fertig.
Ich kann also mit der Erklrung unserer huslichen Einrichtungen
fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa
gebruchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, da
hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den
Zweck die Kaltluftleitung zu ffnen, welche knstlich gekhlte und
zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die
Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise -- wenn nmlich
in den heien Monaten ein nchtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht
-- auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube
vorsichtshalber in der Nhe des Bettes angebracht.

Ich teile Dir all' diese Details mit, weil ich glaube, da sie Dich als
Beweise dafr interessieren werden, wie wunderbar es diese Freilnder
verstanden haben, unsere abendlndischen Haussklaven durch ihre
eisernen Sklaven zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, da die
Association fr persnliche Dienstleistungen selbst meines Vaters
weitgehenden Ansprchen durchaus zu gengen vermochte; er versichert, im
Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben.

Um Dich nicht zu ermden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und
zweiten Frhstcks am nchsten Tage, und will Dir nur nach der
Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wssern machen.

David gestand mir auf Befragen, da man uns zu Ehren den sonst
gebruchlichen vier Gngen einen fnften zugelegt habe; aber nicht in
der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzglichkeit der Gerichte, wie
nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehriger und
deshalb strender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne
bertreibung kann ich versichern, selten so vorzgliche Bereitung,
niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das
Fleisch der auf den wrzigen Hochalpen gemsteten jungen Ochsen und
zahmen Antilopen hat nirgend anderwrts seines Gleichen; die Gemse
stellen die seltensten Schaustcke einer Pariser Ausstellung in den
Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner
Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysterise Art
des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank
entwickelte aus seinem Innern eine scheinbar unerschpfliche Reihe von
Ewaren. Zunchst entnahm Frulein Bertha diesem Schrank eine Terrine,
welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mute -- als
der Deckel gehoben wurde, prsentierte sich eine kstlich dampfende
Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch
heraus -- derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wre.
Nun folgte -- wieder aus einem anderen Fache -- ein warmes Ragout,
diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemsen und Salat -- dann kam
Eis mit Backwerk, Obst, Kse. Den Schlu bildete ein schwarzer Kaffee,
der aber vor den Augen der Gste bereitet wurde, nebst erlesenen
Cigarren -- alles gleich dem Biere und den Weinen freilndisches Gewchs
und Fabrikat. Dienerschaft war whrend der ganzen Mahlzeit nicht
sichtbar; die drei reizenden Mdchen holten alles aus dem
geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft
befindlichen Serviertische.

Frau Ney machte jetzt den Cicerone. Dieser Wandschrank -- erklrte sie
-- ist zur einen Hlfte Eiskeller, d. h. von geklteter Luft
durchstrmt, zur anderen Hlfte Herd, d. h. mit elektrischen
Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden
Extremen befindet sich -- durch schlechtleitende Wnde von beiden
getrennt -- eine neutrale Abteilung von gewhnlicher Zimmertemperatur.
Auerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu
ffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor.
Whrend wir nun tafelten, brachte die Speiseassociation in rascher
Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet,
teils, wie z. B. den Braten und einige Gemse, fertig adjustiert, aber
noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die
verschiedenen Fcher des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemse
kochte ein Mitglied der Association in der rckwrts befindlichen Kche
mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist brigens nicht die
gewhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das
Geschft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen
Tchtern; das nimmt blo kurze Zeit in Anspruch und Kchendnste sind
dabei niemals zu spren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und
Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften
eines guten Ventilators. Das Reinigen der Gerte ist Sache der
Association, die brigens, wenn es gewnscht wird, auch das Geschft des
Servierens bei Tisch bernimmt.

Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen
die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns
Herr Ney mit den Familienverhltnissen der beiden Ziehtchter seiner
Frau bekannt. Die eine derselben -- Leonore -- ist eines Ackerbauers
Kind aus Leikipia, die andere -- Klementine -- die Tochter eines seiner
Departementschefs. Letzteres befremdete uns. Warum -- so fragte ich --
verlt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein
vornehmes, hochgebildetes sein mu? Herr Ney erklrte nun, da die
Ziehtchter nicht sowohl das vornehme gebildete Haus, sondern
ausschlielich die gebildete, geistreiche _Frau_ des Hauses suchen. Der
Mann mag noch so berhmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein
gewhnliches Geschpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre
Schwelle. Diese Institution hat eben blo den Zweck, den betreffenden
Jungfrauen den Vorteil eines hheren Beispiels, eines veredelnden
weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz gnstiger uerer Verhltnisse
zu gewhren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden
Zustnde auch keinen rechten Sinn htte, da im groen Ganzen jede
freilndische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fue lebt. Die Mutter
Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schlielich doch
nur eine tchtige Hausfrau; deshalb bat sie meine Ellen, die, so fgte
er leuchtenden Auges hinzu, den edelsten Frauen unseres an herrlichen
Weibern so reichen Landes zugezhlt wird, um die Gunst, sich ihrer
Klementine fr zwei Jahre anzunehmen.

Ich mu fr heute schlieen, denn Mdigkeit berwltigt mich, trotzdem
ich Dir noch vielerlei ber meine Erfahrungen sowohl innerhalb als
auerhalb des Ney'schen Hauses zu erzhlen htte ....




                              15. Kapitel.


                                               Edenthal, den 18. Juli.

Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht
ber unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du
finden, da wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die
Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am
Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Fhrung
eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon.

Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefhrte auf sthlernen,
denen eines Velocipeds hnlichen Rdern, mit zwei bequemen, fr je zwei
Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen
auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine
Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst,
da wir die -- Pferde vermiten. Er sah sich also bemigt, uns zu
erklren, da man hierzulande aus mancherlei Grnden im Wagenverkehr,
insbesondere im stdtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische
ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger.
Der Lenker dieser Gefhrte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf
dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder
besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck
nach abwrts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange
den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je strker gedrckt
wird; ein Druck nach aufwrts verlangsamt den Gang oder bringt das
Gefhrte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder
links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels
hervorgebracht. Die Kraft, welche die Rder in Bewegung setzt, ist weder
Dampf noch Elektricitt, sondern die Elasticitt einer Spiralfeder, die
jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf
einzuschalten oder zu entfernen ist.

Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa  Meter lange und 20
Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier, so demonstrierte mein Freund
-- ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird
die Feder aufgezogen, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr
hochgradige, ein Geschft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der
Association fr Transportwesen besorgen, und solcherart einen
entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen
Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den
Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft gengt, um -- durch
einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades bertragen --
ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der
Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter betrgt,
so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von
20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hngt einerseits
von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder
vollstndigen Auslsung der Hemmvorrichtung -- reguliert durch den Druck
des oben erwhnten Hebels -- ab; das zu erreichende Maximum bei miger
Belastung und gutem Wege betrgt bei diesen gewhnlichen Draisinen 2
Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder
18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen,
mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die
Kraft der Spirale ist erschpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen
gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1-1 Stunden
eintritt; es mu daher bei lnger dauernden oder rascheren Fahrten fr
angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise
geschieht. Zunchst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen --
denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und
Jahre lang ihre Spannung -- fr welche hinten im Wagen eigene
Reservebehlter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede
Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art
Kraftverlngerung ihre Grenzen; auerdem ist das Auswechseln der
Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel
die zweite Methode der Kraftverlngerung vor, die darin besteht, da man
nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen
Zwecken dienenden Stationshuschen der Transportassociation, die sich
auf allen belebteren Straen finden und durch weithin sichtbare Flaggen
kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln lt. Jede Station
besitzt jederzeit einen gengenden Vorrat gespannter Spiralen und so
kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu
bleiben, zumal wenn man die Vorsicht gebraucht, fr den Fall des
bersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale
mit sich zu fhren. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht
blo in und um Edenthal, sondern in und um alle Stdte Freilands und
auerdem auf allen belebteren Landstraen, und da die unterschiedlichen
Associationen des gleichen Geschftszweiges im ganzen Lande so klug
waren, berall Spiralen von genau den gleichen Maen einzufhren, so
kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf
rechnen, berall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch vllig
sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die
Relaisspiralen fr eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in
welch letzterem Falle auch nichts hindert, die groen Straen zu
verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern
dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts
der hohen Vollendung des freilndischen Straennetzes nur bei ganz
entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart
vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei
1700 Kilometer zurckgelegt und zu der ganzen Reise in aller
Bequemlichkeit blo 14 Tage gebraucht.

Wir entschlossen uns endlich kopfschttelnd, den automatischen Wagen zu
besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den
zweiten Sitz ein; ein Druck Ney's auf den Leithebel, und geruschlos
setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee
zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer
Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais fr den Waarenverkehr sich
erstrecken, smtlich von vierfachen Palmenreihen umsumt und bestehen
teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen,
teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von sulengetragenen
Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen
Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die
balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden
Rauchverzehrern versehen sein mssen. Auch das mitnige Pfeifen der
Dampfventile ist in Edenthal verpnt. Denn der Edensee ist nur nebenbei
Verkehrsstrae; seine hauptschliche Bestimmung ist die eines gewaltigen
Zier- und Lustteiches. Ein groer Teil der Ufer wird von den luxuris
ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See
hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender bentzt
werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bdern
haben sich auch die smtlichen Theater-, Opern- und Konzerthuser
Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch
einstweilen nur von auen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde
machten uns darauf aufmerksam, da der Edensee seine Hauptreize erst bei
Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nchsten
Abende von uns aufgesucht werden solle.

Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraen, die vom See
zu den halbkreisfrmig das Edenthal umgrenzenden Hhen fhren. Hier
leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein
Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs
neue mit staunender Bewunderung erfllen mu, uns Fremden aber geradezu
die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Gre, wie
unvergleichlich an Ebenma und harmonischer Vollendung all seiner
Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des berwltigend
Majesttischen und des mrchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren
vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der
zwlf obersten Verwaltungsbehrden und der zwlf Vertretungskrper. Er
ist durchwegs aus weiem und gelbem Marmor gebaut, bertrifft an
Flchenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind hher als der
Petersdom; da er mit einem Kostenaufwande von 9 Millionen Pfd.
Sterling hergestellt werden konnte, erklrt sich blo dadurch, da alle
Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Knstler des Landes
sich dazu drngten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und --
so belehrte mich David -- das geschah nicht etwa aus patriotischer,
sondern aus rein knstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug,
um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu
gestalten, htte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus
dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, berwltigende Schnheit des
Werkes hatte es allen Knstlern angethan. Er erinnere sich noch der
fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener
Prfungskommission, welche ber die vorgelegten Bauentwrfe zu
entscheiden hatte, allenthalben erzhlten, es sei ein Plan eingelaufen,
von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares
biete; eine neue ra der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil
erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Groartigkeit
die gewaltigsten gyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung
teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten -- es
waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon
viel und schn gebaut -- zogen ausnahmslos ihre Entwrfe zurck, und
huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.

Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer
Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den
Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rcken zu kehren.
Mit der Aufzhlung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flchtig
vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, da
die Mannigfaltigkeit und Groartigkeit der den unterschiedlichen
wissenschaftlichen und knstlerischen Zwecken dienenden ffentlichen
Anstalten auf mich durchaus verblffend wirkte. Die Akademien, Museen,
Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen
und allen sah man es auf den ersten Blick an, da sie mit
verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.

Nachdem wir schon an zahllosen ffentlichen Gebuden vorbeigefahren
waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht
werden konnte, da unser civilisiertes Europa nichts ihnen hnliches
besitzt -- ich nenne Dir beispielsweise blo das Institut fr
animalische Zuchtversuche, welches den Zweck hat, durch Experiment und
Beobachtung festzustellen, welchen Einflu Erblichkeit, Lebensweise,
Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus uern -- fiel
es mir auf, da wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun
begierig war zu sehen, wie die weltberhmte freilndische Humanitt, die
seit Jahren mindestens die Hlfte aller Spitler der Welt mit reichen
Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken
annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu fhren. Ich kann Dir
ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal
zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland
keines besitzen, war dessen Antwort.

Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man wei ja, da
Ihr Freilnder Euch ohne Kriminal- und Militrwesen behelft; aber -- so
meinte ich -- Krankheiten mu es doch auch hier geben, diese haben doch
mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun!

Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben, mengte sich hier
Herr Ney ins Gesprch; auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse
unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie
allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland -- aber keine
_armen_ Kranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch
gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des
Massensiechtums, die man da drauen mit dem Namen Spital bezeichnet.
Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute
Bezahlung verpflegen lassen knnen, haben wir allerdings und sie werden
insbesondere in Fllen schwierigerer chirurgischer Operationen hufig
aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer
Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien fr
distinguierte Patienten.

Wir waren inzwischen des Fahrens mde geworden, was nach nahezu
vierstndiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen
Einrichtung der Wagen erklrlich erscheint. Neys machten daher den
Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rckweg zu
Fue anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor
einem der Stationshuschen der Transportassociation, lieen dort das
Gefhrte zurck und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede
Edenthaler Strae eingesumt ist. Jetzt hatten wir Mue, die zierlichen
Privathuser nher zu betrachten, die zwar alle den eigentmlichen, halb
an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler
Baustil zeigen, im brigen aber weder an Gre noch an Ausstattung
gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren
wunderliebliche Grten mit ihren erlesenen Bumen, ihrer unglaublichen
Blumenpracht, den weien Marmorstatuen, Fontnen und den mannigfaltigen
zahmen Tieren -- insbesondere ffchen, Papageien, Prachtfinken und
allerlei Singvgeln -- die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern
tummeln. Des weiteren berraschte uns die auerordentliche Reinlichkeit
der Straen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, da seit
Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straen
freilndischer Stdte Staub aufwhlen und Unrat hinterlassen.

Giebt es also keinerlei Pferde hier? fragte ich, worauf mir die
Erklrung ward, da deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und
von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben wrden jedoch nur
auerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten
durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wlder bentzt. Das mu aber
hierzulande ein sehr teurer Luxus sein, meinte ich. Das Pferd selber
und was es frit, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das
teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein
freilndischer Haushalt die Kosten eines Pferdewrters zu erschwingen
vermag. Oder erhlt diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise
geringeren Lohn?

Letzteres wre bei uns wohl kaum mglich, -- antwortete lchelnd Herr
Ney -- denn wer wrde dann in Freiland Pferdewrter sein wollen? Wir
mssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewhren,
wie anderen Arbeitern, und wenn ich fr die sieben Reitpferde, die ich
zum Gebrauche meiner Familie in den Stllen der Transport-Association
halte, ein Wartepersonal nach abendlndischem Zuschnitt bezahlen wollte,
so wrden die Kosten mein gesamtes Einkommen berschreiten. Aber das
Rtsel lst sich sehr einfach dadurch, da auch die Arbeit im
Pferdestall mit Hlfe von Maschinen verrichtet wird, derart, da
durchschnittlich ein Mann fr je 50 Tiere vollkommen gengt. Sie
schtteln unglubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie
wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten
riesigen cylinderfrmigen Brsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen
welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den grten
Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit subern; wie das Futter den
Tieren automatisch zugeteilt wird: so drfte Ihnen nicht blo das,
sondern ebenso die Thatsache einleuchten, da in Freiland auch die
Stallknechte gebildete Gentlemen sind, Geschftsleute so ehrenwert und
geachtet, wie alle anderen.

Unter solchen Gesprchen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger
Imbi genommen ward und einige Geschfte Erledigung fanden. Nach dem
bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden
abermals zum Edensee und besuchten zunchst die groe Oper, wo an diesem
Tage das Werk eines freilndischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe
war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freilndischen Tonwerke
ist, die auch im Auslande groen Anklang finden und hufig aufgefhrt
werden. Dagegen berraschte uns die eigenartige -- allen freilndischen
Theatern gemeinsame -- Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen
bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Hhe auf; das Dach ruht
auf Sulen, durch welche die uere Luft frei hereinstreichen kann. Bis
zu 10000 Personen finden solcherart in den greren dieser Theater
bequem Platz, ohne da jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in
denselben ansammeln knnte.

Die Darstellung war eine vorzgliche, die Ausstattung in jeder Beziehung
glnzend; trotzdem waren die Preise der -- durch keinerlei Rangordnung
unterschiedenen -- Pltze nach abendlndischen Begriffen lcherlich
mig. Der Sitz kostete einen halben Schilling -- doch wohlverstanden
blo hier, in der groen Oper; die anderen Theater sind alle noch
wesentlich wohlfeiler. Unternehmer sind berall die stdtischen
Kommunen, als deren Angestellte die ausbenden Knstler sowohl als das
Regiepersonal fungieren; als konomischer Grundsatz gilt dabei
allgemein, da die Kosten des Baues und Unterhalts der Gebude vom
allgemeinen Kommunalbudget zu tragen seien, und da die Eintrittspreise
blo die Gehalte und Tantiemen des angestellten Personals und die
Ausstattung zu decken haben.

Von David erfuhr ich, da Edenthal auer der groen Oper noch eine
Spieloper und vier Schauspielhuser besitze, ferner drei Konzerthuser,
in denen allabendlich Orchester-, Kammermusik und Chre sich hren
lieen. Als freilndische Specialitt aber nannte er mir fnf
verschiedene Lehrtheater, in denen astronomische, archologische,
geologische, palontologische, physikalische, geschichtliche,
geographische, naturgeschichtliche, kurz alle erdenklichen
wissenschaftlichen Vortrge mit dem umfassendsten Aufwande plastischer
Darstellungskunst den Hrern vorgefhrt werden. Die Vortrge sind von
den geistreichsten Gelehrten verfat, von den gewandtesten Rednern
vorgetragen, von den tchtigsten Ingenieuren und Dekorateuren in Scene
gesetzt. Diese Art Theater seien die besuchtesten; in der Regel gengen
die vorhandenen Pltze nicht, so da die Kommune krzlich zwei neue
derartige Darstellungshuser bauen lie, die binnen wenigen Monaten
erffnet werden drften. Die Groartigkeit dieser Vorfhrungen, die ich
an den nchsten Abenden kennen lernte, ist in der That staunenerregend
und wenn auch die Jugend bei den meisten derselben den greren Teil des
Auditoriums stellt, so werden dieselben doch von Erwachsenen sehr
fleiig besucht.

Nach dem Theater mieteten Neys am Ufer eine der zahllosen dort von einer
Association bereit gehaltenen Gondeln mit mechanischer Triebkraft (von
elastischen Federn getriebene Propellerschrauben) und wir steuerten in
den See hinaus. Derselbe war von gewaltigen, rings am Ufer in
betrchtlicher Hhe angebrachten elektrischen Reflektoren taghell
erleuchtet und es stand uns heute ein ganz besonderer Genu bevor, denn
Walter, der berhmteste Liederkomponist Freilands, lie an diesem Abend
eine neue Kantate durch die Mitglieder des Edenthaler Choralvereins zur
ersten Auffhrung bringen. Dieser Verein, welcher zu seinen
allwchentlichen Vortrgen in der Regel den Edensee als Schauplatz
whlt, verfgt zu solchen Zwecken ber mehrere der groartigsten
Prachtbarken, deren bisweilen geradezu mrchenhafte Ausstattung durch
freiwillige Beitrge seiner zahlreichen Mitglieder und Verehrer gedeckt
wird.

War es die Wirkung der ganz eigenartigen Scenerie, war es die Schnheit
des Tonstckes an sich -- der Effekt, den die Kantate auf mich machte,
war ein berwltigender. Als wir uns auf den Heimweg machten, gestand
ich David, da mir niemals zuvor die gleichsam transcendentale Gewalt
der Tne so deutlich geworden, wie whrend dieser Vorstellung am See;
ich hatte durchaus den Eindruck, als ob der Weltgeist in diesen Klngen
zu meiner Seele sprche und als ob diese auch ganz genau seine Sprache
verstnde und nur unvermgend sei, dieselbe in gewhnliches Italienisch
oder Englisch zu bersetzen. Zugleich aber uerte ich mein Erstaunen
darber, da ein so junges Gemeinwesen, wie das freilndische, in allen
Kunstarten Anerkennenswertes, in zweien aber, in Architektur und
Tonkunst, den besten Vorbildern aller Zeiten Ebenbrtiges leiste.

Frau Ney gab hierber ihre Meinung dahin ab, da dies die schlechthin
notwendige Konsequenz der Gesamtrichtung des freilndischen Geistes sei.
Wo frhlicher Lebensgenu mit ruhiger Mue sich paarten, dort mten die
Knste gedeihen, die ja in Wahrheit nichts anderes seien, als Produkte
des Reichtums und edler Mue. Und da gerade Architektur und Musik den
Anfang der Kunstblte machten, lasse sich ganz ungezwungen erklren.
Erstere mute durch die, dem neuartigen groartigen Gemeinwesen
entsprungenen Bedrfnisse in erster Reihe mchtig angeregt werden; auch
der Einflu der gewaltigen und doch lieblichen Natur des Landes sei hier
unverkennbar. Die Musik dagegen sei die unmittelbarste aller
Kunstformen, diejenige, deren sich der Genius der Menschheit stets in
erster Reihe bediene, wenn eine neue ra knstlerischen Schaffens durch
neue Arten des Fhlens und Denkens eingeleitet worden sei.

Bei dem so beraus regen Sinne Ihres Volkes fr das Schne -- so
wandte sich mein Vater an Frau Ney -- nimmt es mich nur Wunder, da zum
Schmucke der schnsten Zierde Freilands, seiner kniglich gearteten
Frauen nmlich, so wenig aufgewendet wird. Zwar die Tracht ist kleidsam,
und nirgend bisher habe ich noch so erlesenen Geschmack in der Wahl der
geeignetsten Formen und Farben getroffen; aber eigentliches Geschmeide
sieht man nicht. Hie und da Goldreifen im Haar, da und dort goldene oder
silberne Spangen an den Kleidern, das ist alles; Edelsteine und Perlen
scheinen bei den hiesigen Damen verpnt zu sein. Woran liegt das?

Der Grund liegt darin -- so antwortete Frau Ney -- da uns
Freilndern jene ausschlieliche Triebfeder fehlt, die den anderen
Vlkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit ist
auch hierzulande heimisch, unter Mnnern sowohl als Frauen; aber sie
findet in der Schaustellung von sogenannten Kostbarkeiten, deren
alleiniger Vorzug vor hnlichen Dingen lediglich darin besteht, da sie
teuer sind, kein Genge. Glauben Sie wirklich, da es die _Schnheit_
der Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswerten Schwestern da
drauen Glck und Ehre in die Schanze schlagen lt, um in den Besitz
solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warum stiee dann dasselbe
Weib, welches sich um echter Steine willen verkaufte, unechte, die es in
Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheiden vermag, achtlos beiseite?
Und zweifeln Sie daran, da auch der echte Diamant sofort zum
unbeachteten Kiesel wrde, den keine Dame von Geschmack fernerhin
eines Blickes wrdigte, sowie dieser Stein aus irgend einem Grunde
seinen hohen Preis verlre? Die Geschmeide gefallen also nicht, weil sie
schn, sondern weil sie kostbar sind. Sie schmeicheln der Eitelkeit
nicht durch ihren Glanz, sondern durch das Bewutsein, welches sie in
ihrem Eigner erwecken, in diesen unscheinbaren Dingerchen den Extrakt so
und so vieler Menschenleben zu besitzen. Seht her, hier an meinem
Halse trage ich einen Talisman, um den Hunderte von Knechten Jahre lang
ihr bestes Mark vergeuden muten und dessen Gewalt auch Euch, die Ihr
die netten Dingerchen ehrfurchtsvoll anstaunt, mir als Sklaven zu Fen
legen, allen meinen Launen dienstbar machen knnte! Seht her, ich bin
mehr als Ihr, ich bin die Herrin, die auf nichtigen Tand vergeuden kann,
wonach Ihr vergeblich giert um Euren Hunger zu stillen! Das etwa
ist's, was das Diamantenkollier aller Welt verkndet, und _darum_ hat
seine Besitzerin vielleicht sich und andere verraten, elend gemacht, um
es als ihr Eigen um den Nacken schlingen zu knnen. Denn beachten Sie
wohl, das Geschmeide schmckt nur, wenn es Eigentum des Trgers ist;
entliehenes Geschmeide zu tragen ist ignobel, gilt als unanstndig, und
mit Recht, denn entliehenes Geschmeide lgt, es ist eine Krone, die
ihrem Trger den Schein einer Macht verleihen soll, die er in Wahrheit
nicht besitzt.

Die Macht nun, deren legitimen Anspruch das Geschmeide zur Schau tragen
soll, die Macht ber fremdes Leben und fremde Leiber existiert in
Freiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600 Pfund
Wert bese, der htte damit auch hierzulande das Verfgungsrecht ber
einjhrigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalb erwrbe und
zur Schau trge, wrde sich damit -- angesichts unserer Institutionen --
doch nur lcherlich machen; denn _seine eigene Arbeit_ wre es, deren
Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich mte er mit Jedem,
dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machen wollte, tauschen und
statt ehrfurchtsvollen Staunens knnte er blo bedauerndes Mitleid
erwecken, Mitleid darber, da er sich bessere Gensse versagt, oder
nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernen Kiesel zu erwerben. Es
wre das gleichsam, als ob der Besitzer des Diamanten aller Welt
verknden wollte; Seht her, whrend Ihr genosset oder ruhtet, habe ich
gedarbt und gearbeitet, um den Tand zu gewinnen! Nicht der Mchtigere,
der Thrichtere wre er in Jedermanns Augen -- der Stein, dessen
fascinierende Kraft an die Vorstellung geknpft ist, da sein Besitzer
zu den Herren der Erde gehre, die ber fremde Arbeit verfgen und
_deshalb_ sich den Scherz erlauben drfen, das Produkt so groen
Schweies in nutzlosen Schelchen anzulegen -- der Stein kann fr ihn
keinen Reiz mehr haben. Wer ihn in Freiland kauft, der gliche Jenem, der
sein Leben an den Besitz einer Krone setzt, die aufgehrt hat, das
Symbol der Herrschaft zu sein.

Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmckende Kraft ab?
Sie leugnen, da Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reize eines
schnen Krpers noch wesentlich hervorzuheben? entgegnete mein Vater.

Das thue ich allerdings, war die Antwort. Nicht da ich die
dekorative Wirkung an sich berall bestreiten wollte; nur leugne ich,
da sich nicht genau der nmliche, ja in der Regel ein weit besserer
Effekt durch andere Mittel auch erreichen lt. Im allgemeinen aber
schmckt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum
menschlichen Krper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in
neunundneunzig unter hundert Fllen den stolzen Besitzer. Da ein
diamantengeschmcktes Weib Euch Herren da drauen besser gefllt, als
ein blumengeschmcktes, hat genau den nmlichen Grund, aus welchem Euch
-- Ihr mgt noch so starre Republikaner sein -- eine Knigin schner
erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangener sthetik
vielleicht schneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigentmlicher
Zauber umschwebt sie -- der Zauber -- Sie entschuldigen das harte Wort
-- des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer sthetisches Urteil ist es, was
Euch weismacht, das Diadem verleihe hheren Reiz, als der Kranz von
Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden, dessen sich nur
Kniginnen bedienen drfen, und Ihr werdet jetzt ohne Zweifel finden,
da die Rosen es sind, die wahre Majestt zur Geltung bringen.

Eitel sind wir Freilnderinnen deshalb doch. Wir wollen nicht blo
schn sein, sondern auch schn erscheinen und die Mnner bestrken uns
nach Krften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu
behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid
und Zierat einer Freilnderin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum
Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der
greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als
auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie whlt nicht das Gewand,
welches ihre persnlichen Reize am gnstigsten hervorhebt, sondern das
kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders;
schon unsere eigenen sthetischen Anschauungen bewahren uns vor der
Thorheit, einem Kleiderknstler zu Liebe andere Gewnder anzulegen, als
jene, von welchen wir vermuten oder wissen, da sie unsere Gestalt am
vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Auerdem aber steht uns
diesbezglich jederzeit der Rat knstlerisch gebildeter Mnner zur
Seite. Kein hervorragender Maler verschmht es, jungen Damen Aufschlu
ber die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewhren, ja es werden
besondere Vortrge ber diesen wichtigen Punkt gehalten. Natrlich kann
es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung,
Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualitt der
Trgerin angepat sind; da Hagere und Wohlbeleibte, Groe und Kleine,
Blonde und Brnette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen
Schablone tragen sollten, glte hier zu Lande als Gipfel der
Abgeschmacktheit. Ebenso lcherlich aber fnde es eine Freilnderin, die
gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie
als fr sich passend einmal erprobt, zu wechseln, blo aus dem Grunde,
weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es
nicht, da man, um zu gefallen, am besten thue, sich mglichst
mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals
untersttzt von unseren Mnnern, zhe fest an dem Glauben, da die
menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhllt, aber
nicht verzerrt werden drfe.

Wir erklrten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die
Wahrheit ist, da der an die Excentricitten abendlndischer Moden
gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach knstlerischen
Grundstzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu
einfach, dann aber die Rckkehr zu den abendlndischen Zerrbildern
schlechterdings unertrglich findet. Du wirst Dich erinnern, da David
uns in Rom versicherte, die europischen Moden machten ihm genau den
nmlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum
einwchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu
teilen.

Doch ich sehe, da ich abermals schlieen mu, ohne meinen Bericht
erschpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versumte nachzuholen

                                                            Dein .....
                                                                 .....




                              16. Kapitel.


                                               Edenthal, den 28. Juli.

Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil
die vergangene Woche einer Reihe krzerer oder lngerer Ausflge
gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels
automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der
benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des
Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl
freilndischer Stdte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und
Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wldern
eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen
Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und
des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer
Lngenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den
Bergen nrdlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde,
Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Bffel, Zebras, mit ihren
Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mhlenindustrie
und des Ukerwehandels. In allen Stdten fand ich dem Wesen nach die
nmlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den
Hauptstraen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken,
Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist berraschte, war, da auch die
lndlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines
hochentwickelten stdtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische
Bahnen zogen auch an ihnen vorber und setzten sie mit den
Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen -- denn der
Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland -- nebeneinander
standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph
und Telephon fehlten selbst dem entlegensten Gebirgsthale nicht, ebenso
keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu
groer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater fr sie
gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vortrge
abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben berflu, und wo
irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als da die
Kinder eine in der Nhe gelegene Schule htten besuchen knnen, dort
waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der
Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umstnden leiden.

Da ich die Gelegenheit nicht versumte, mir das freilndische Volk an
seiner Arbeit -- auf dem Felde und in der Fabrik -- zu betrachten, ist
selbstverstndlich. Hier wurde mir die Gre Freilands erst offenbar.
Ungeheuer, berwltigend war, was ich allenthalben sah. Von der
Groartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermelichen
Kraftflle, welche die gebndigten Elemente hier dem Menschen zur
Verfgung stellen, kann sich der Abendlnder ebensowenig eine
Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich mchte fast sagen
aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit berall umgeben ist.
Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die
sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen
Geschftes; er hat der Hauptsache nach blo seine unermdlichen eisernen
Sklaven zu berwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Sthnen und
Rasseln drfen diese berall geschftigen Diener das Ohr ihrer Herren
beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den
mineralischen Dnger fr die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen
Steinzermalmern von tausenden Centnern Stokraft, und kein lstiges
Gerusch war zu hren, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt
Eisenwerke, in denen Stahlhmmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht
verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen
Fabrikslen, kein Ru auf Hnden oder Gesichtern der Arbeiter strte den
Eindruck, da man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu
herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu berwachen. Ich sah auf
den Feldern ackern und sen -- wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der
Schpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen Dampf oder
Elektricitt nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm ntzlich
dnkt. Ich war _unter_ der Erde in den Kohlengruben und in den
Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine
aufreibende Plage fr den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie
seine gehorsamen Geschpfe aus Stahl und Eisen fr ihn schaffen ohne zu
ermden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als da er sie
lenke.

Whrend der nmlichen Ausflge lernte ich auch eine Reihe besonderer in
Freiland blicher Vergngungen nher kennen; ich besuchte mit David die
mannigfaltigen entzckenden Aussichtspunkte des Kenia und der
Aberdareberge, auf denen es allsonntglich Gesang und Tanz der jungen
Leute gibt, gewrzt in der Regel durch eine berraschung, welche die
Vergngungskomitees -- eine stndige Institution in jedem freilndischen
Orte -- zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die
Eisfeste auf dem groen Eislaufteiche am Keniagletscher das
berraschendste. Dort hatten vor fnf Jahren die vereinigten
Vergngungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400
Hektaren messendes, 4250 Meter ber dem Meeresspiegel gelegenes Plateau
in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wssern der unmittelbar
daran grenzenden groen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte
August gibt es nun in dieser Hhe stets sehr empfindliche Nachtfrste,
die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr
rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser
groartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxurisen
heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Slen umgeben, des ferneren
mittels einer leistungsfhigen Zahnradbahn mit dem Fue des Berges in
Verbindung gebracht worden war, bergaben die vereinigten Komitees ihr
Werk der ffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich
denken lt, sehr betrchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im
Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken
sich die Erfordernisse der Instandhaltung berreichlich durch
freiwillige Beitrge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze khle
Jahreszeit hindurch ist die Riesenflche des Eisteiches von
Schlittschuhlufern und insbesondere von Schlittschuhluferinnen nicht
blo aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde,
sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des
indischen Ozeans und der groen Seen kommen Freunde und Freundinnen
dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten
glnzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwrtig beschftigt man sich mit
dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein groartiges Hotel zu
errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso grazisen
als gesunden Leibesbung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehhe
zu bernachten. Des ferneren hat die groe Beliebtheit des
Kenia-Eisteiches den Anla gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar
dort in einer noch um 500 Meter hheren Lage ein hnliches Unternehmen
ins Werk zu setzen, welches gegenwrtig seiner Vollendung nahe ist; ein
drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das
Versuchsstadium nicht berschritten, da dem dortigen Komitee die
Auffindung eines zu solchem Zwecke gengend hoch gelegenen und dabei
ausreichend groen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll.

Mehr als all' diese Vergngungseinrichtungen aber erregte die
ungetrbte, im besten Sinne des Wortes kindliche Lust und Frhlichkeit
meine Bewunderung, mit denen nicht blo diese Veranstaltungen, sondern
das ganze Leben in Freiland genossen werden. Man gewinnt durchaus den
Eindruck, als ob die Sorge hierzulande unbekannt wre. Jene unbefangene
Heiterkeit, die bei uns in Europa der beneidenswerte Vorzug blo der
ersten Jugendjahre ist, thront hier auf jeder Stirne, strahlt aus
Jedermanns Auge. Durchwandere welches civilisierte Land der Welt immer,
Du wirst selten, ja ich mchte fast behaupten niemals, einen Erwachsenen
finden, auf dessen Antlitz behagliches Glck, ungetrbter Lebensgenu zu
lesen wre; mit sorgenschweren, meist sogar kummervollen Mienen hasten
oder schleichen bei uns daheim die Menschen aneinander vorber, und
zeigt sich irgendwo wirkliche, nicht blo erknstelte Frhlichkeit, so
ist es beinahe ausnahmslos die der Gedankenlosigkeit. Glcklich sind bei
uns hchstens die Armen an Geist; die Reflexion scheint uns nur
gegeben, um ber des Lebens Not und Qual nachzudenken. Hier zum
erstenmale finde ich Menschengesichter, die den Stempel bewuten Denkens
und unbefangenen Glckes zugleich zur Schau tragen. Und dieses
Schauspiel allgemein glcklicher Zufriedenheit ist fr mich erhebender
als alles, was wir hier zu sehen bekamen; freier und wohliger atmet die
Brust; es ist, als ob ich zum erstenmale aus der bengstigenden
Atmosphre eines mit erstickenden Dnsten geschwngerten Kerkers
hinausgelangt wre in die freie Natur, wo balsamische reine Lfte mich
umfcheln. Woher kommt Euch allen, allen dieser Abglanz sonniger
Heiterkeit? fragte ich David.

Sie ist das naturgeme Ergebnis der heiteren Sorglosigkeit, in der wir
alle leben, war seine Antwort. Denn es scheint nicht blo, es ist
wirklich an dem, da die Sorge hierzulande unbekannt ist, zum mindesten
jene hlichste, erniedrigendste aller Sorgen, die um das tgliche Brot.
Nicht da wir reicher sind, und auch nicht, da wir es alle sind, ist
diesbezglich das Entscheidende, sondern da wir, und zwar
wohlverstanden jeder Einzelne unter uns, die absolute Sicherheit
besitzen, es stets zu bleiben. Hier _kann_ niemand verarmen, denn
unveruerlich ist ihm sein Anteil am unermelichen Vermgen der
Gesamtheit. Heiter und lachend liegt das Morgen vor uns; es kann uns
nichts Schlimmes bringen, denn Gewhr und Sicherheit fr das Wohlergehen
auch des Letzten unter uns ist eine Macht, so stark und dauerhaft, wie
der Bestand unserer Rasse auf diesem Planeten, die Macht des
menschlichen Fortschritts. Wir gleichen in diesem Punkte wirklich den
Kindern, denen Schirm und Hort des elterlichen Hauses jede materielle
Sorge fernhlt.

Und befrchtet Ihr nicht -- so warf ich ein -- da diese
Sorglosigkeit schlielich gerade dem ein Ende bereiten wird, worauf sie
sich sttzt, dem Fortschritte nmlich? Bisher zum mindesten waren noch
stets Not und Sorge die besten Triebfedern menschlicher Betriebsamkeit;
erlahmen diese beiden, hat die qulende Angst um das Morgen ihr Ende, so
wird auch der Fortschritt erlahmen, Stillstand, dann Rckschritt werden
ihm folgen und zugleich mit der dadurch notwendigerweise eintretenden
Verarmung werden auch Not und Sorge wieder ihren Einzug halten. Da
bisher unter Euch nichts von alledem zu bemerken ist, mu ich zugeben;
aber es kann mich dies nicht beruhigen. Denn einstweilen geniet Ihr in
Freiland noch die Frchte des Fortschritts Anderer. Was unter Not und
Qual ungezhlter Jahrtausende ersonnen und erfunden wurde, unter Not und
Qual ungezhlter Millionen auerhalb der Grenzen Eures Landes auch heute
noch ersonnen und erfunden wird, das ist's, was Euer Glck einstweilen
ermglicht. Wie aber dann, wenn dereinst -- was Ihr ja offenbar anstrebt
-- die _ganze_ Menschheit sich zu Euren Prinzipien bekehrt? Glaubt Ihr,
da die Not gnzlich von der Erdoberflche verschwinden kann, ohne den
Fortschritt mit sich zu nehmen?

Das glauben wir nicht blo߫ -- war seine Antwort -- wir wissen es, und
jedermann, der unbeirrt durch berkommene Vorurteile die Thatsachen
prft, mu unsere Erkenntnis teilen. Kampf ums Dasein ist das
unerbittliche Gebot, an welches die Natur den Fortschritt, ja die
Existenz jeglichen lebenden Wesens geknpft hat -- das begreifen wir
besser, als irgend jemand da drauen. Aber da dieser Kampf gerade durch
den Hunger gestachelt werden mu, leugnen wir, und ebenso, da er
notwendigerweise als ein gegenseitiger Kampf der Individuen der
nmlichen Art aufzufassen ist. Auch wir kmpfen den Kampf ums Dasein,
denn mhe- und arbeitslos fllt auch uns der Genu nicht in den Scho.
Aber nicht _gegeneinander_, sondern _miteinander_ stehen wir in unserem
Streben, und gerade deshalb ist uns der Erfolg desselben niemals
zweifelhaft. Wir knnten uns, wenn auf das Beispiel des in der Tierwelt
herrschenden Kampfes verwiesen wird, darauf berufen, da der Mensch, dem
andere Kampfmittel zu Gebote stehen, als seinen niedriger stehenden
animalischen Vettern, den Entwickelungskampf auch in anderer Weise
auszutragen vermchte, als diese; aber das wre eine ebenso schlechte,
als berflssige Ausflucht. Denn in Wahrheit verhlt sich die Sache
umgekehrt; Not und materielle Sorge sind -- von hchst vereinzelten
Ausnahmen abgesehen -- keine natrlichen Kampfmittel im Mitbewerbe ums
Dasein; die weitaus berwiegende Mehrzahl aller Tiere leidet niemals
Mangel, sorgt niemals und in keinerlei wie immer gearteter Form um das
Morgen, und ist trotzdem von Uranfang aller Dinge dem groen
ausnahmslosen Gesetze des Fortschritts unterworfen gewesen. Am
allerwenigsten aber ist im Tierreiche gegenseitiger Kampf der
Angehrigen der nmlichen Art die Regel; die Individuen der gleichen Art
leben friedlich und der Hauptsache nach kampflos untereinander, ihre
Waffen sind nach auen gekehrt, gegen andersgeartete Feinde. Gegen den
Lwen und den Panther ficht die Gazelle den Daseinskampf durch
Wachsamkeit und Schnelligkeit, nicht gegen ihresgleichen; gegen die
Gazelle und den Bffel, Lwe und Panther den ihrigen durch List und
Strke, nicht aber gegen Mit-Lwen und Mit-Panther. Der Kampf unter uns
und gegen uns selber war und ist unser, der menschlichen Rasse,
Privilegium gewesen. Entsprungen aber ist dies traurige Privilegium
allerdings einer Kulturnotwendigkeit; um uns zu dem zu entwickeln, was
wir geworden sind, muten wir von der Natur mehr verlangen, als sie
freiwillig zu bieten in der Lage ist; um es zu erlangen, blieb lange
Jahrtausende hindurch kein anderer Ausweg, als das zur Befriedigung
unserer hheren Bedrfnisse Erforderliche uns gegenseitig abzujagen und
abzupressen. Und dadurch erst gestaltete sich die Not zu einem
Kampfmittel im menschlichen Daseinskampfe. Also wohlgemerkt, da der
Mensch gegen den Menschen kmpfte, und da in diesem Kampfe die
materielle Sorge den empfindlichsten Stachel bildete, war und ist nicht
die einfache bertragung eines in der ganzen belebten Natur geltenden
Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft, sondern eine ausnahmsweise
Verzerrung dieses groen Naturgesetzes unter dem Einflusse einer
menschlichen Entwickelungsphase. Wir litten Not, nicht weil die Natur es
durchaus so verlangt, sondern weil wir uns gegenseitig beraubten, und
wir beraubten uns gegenseitig, weil mit der beginnenden Kultur ein
Miverhltnis unserer Bedrfnisse und unserer natrlichen Mittel zur
Befriedigung derselben entstand. Jetzt aber hat die bis zur Herrschaft
ber die Naturkrfte gediehene Kultur dieses Miverhltnis wieder
ausgeglichen; um berflu und Mue zu genieen, mssen wir uns frderhin
nicht mehr gegenseitig ausbeuten, und wenn nunmehr der Kampf des
Menschen gegen den Menschen, und damit zugleich die materielle Not ihr
Ende finden, so bedeutet das nicht die Abwendung von den natrlichen
Formen des Daseinskampfes, sondern in Wahrheit Rckkehr zu denselben.
Nicht der Kampf ist damit zu Ende, sondern blo die unnatrliche Form
desselben. In ihrem Ringen, sich ber die rein tierische Natur zu
erheben, geriet die Menschheit in einen Jahrtausende whrenden
Widerstreit mit der Natur selber, und dieser Widerstreit war die Quelle
all der unsglichen Marter und Pein, der Verbrechen und
Scheulichkeiten, deren ununterbrochene Kette die Geschichte unserer
ganzen Rasse ist, von den ersten Anfngen ihrer beginnenden Kultur bis
zur Gegenwart. Jetzt aber ist der schreckliche Widerstreit durch den
glorreichsten Sieg beendet, wir sind geworden, was wir Jahrtausende
hindurch erstrebten, ein Geschlecht, das der Natur berflu und Mue
fr alle seine Angehrigen abzugewinnen vermag und gerade
durch diese wiedererlangte Harmonie unserer Bedrfnisse und
Bedrfnisbefriedigungsmittel haben wir den Einklang mit der Natur wieder
hergestellt. Unterworfen bleiben wir ihrem unwandelbaren Gesetze des
Kampfes ums Dasein, aber wir werden diesen Kampf hinfort in der
nmlichen Weise fhren, wie alle anderen Naturwesen, nach auen, nicht
nach innen gegen die Genossen der eigenen Art, und entledigt des
Stachels materieller Not.

Was aber -- so fragte ich -- soll hinfort den Menschen zu ferneren
Kmpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren
Stachel verloren hat?

Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge
zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der
Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung
und Gesittung anzusehen uns gewhnt haben, auch wenn diese Anschauungen
den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als
ob jemals Not die ausschlieliche, oder auch nur die vornehmste
Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wre! Der Widerstreit zur
Natur, in welchen das Miverhltnis zwischen Kulturbedrfnissen und
Kulturkrften die Menschheit in den Jahrtausenden des bergangs von
Barbarei zu wirklich menschenwrdiger Kultur brachte, hatte zwar zur
Folge, da der Kampf ums Dasein neben seinen natrlichen auch
widernatrliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn
sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese
niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mchtiger, als die
ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der
Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des
menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu
verdanken, die unserer Rasse eigentmlich sind und bleiben werden, so
lange sie als herrschende die Erde bevlkert. Dreimal blind, wer dies
nicht sehen will! Die groen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten
und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man
kann in der Mehrzahl der Flle behaupten, da sie sannen und dachten,
forschten und fanden, nicht _weil_, sondern _trotzdem_ sie hungerten.
Doch -- so knnte man einwenden -- das waren eben die wenigen
Erlesenen unseres Geschlechts; die groe Masse der Alltagsmenschen aber
kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach
besten Krften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen. Wer so
urteilt, geht abermals von einem hchst merkwrdigen bersehen aus.
Welche Voreingenommenheit gehrt dazu, sich der Thatsache zu
verschlieen, da es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden,
die am emsigsten vorwrts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur
Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf
jene Elenden weist, die thatschlich nur durch bitterste Not zur
Thtigkeit angespornt werden knnen und sofort wieder in trge Apathie
versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergit, da es
eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trgt. Der
Kulturmensch, der hhere Bedrfnisse einmal kennen gelernt, wird desto
emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwrdigende Not
die Spannkraft des Geistes und Krpers gebrochen hat und je zweifelloser
der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not,
sondern im vernnftigen, auf ein sicheres Ziel frhlich zusteuernden
Eigennutze mu jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der
Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hat _unsere_ sociale
Ordnung -- weit entfernt, ihn abzustumpfen -- in Wahrheit erst zu voller
Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darber sein:
was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, da wir nmlich
an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen
voranschreiten, es ist kein zuflliges Ergebnis irgendwelcher
vorbergehender Einflsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer
Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die
gleichen Konsequenzen verspren. So wenig als wir der qulenden Not
bedrfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die
Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Gensse zu
vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke
der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in
die glckliche Lage gert, die Frchte des Fortschritts zu genieen.

Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher
sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. Wenn ich es bei Lichte
betrachte -- erklrte ich -- so luft die gegenteilige Auffassung
darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen knne, wo er der
Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen
Euch Freilndern und uns anderen liegt doch darin, da Ihr die Frchte
jeden Fortschritts genieet, whrend wir mit demselben eigentlich blo
in das Danaidenfa der berproduktion schpfen. Niemand bezweifelt, da
Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, da alle Entdeckungen und
Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nur _eines_
arbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu
glauben, da gerade _das_ notwendig sei, damit fernerhin entdeckt und
erfunden werde!

Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurckzukommen, fuhr ich
fort, so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende
Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glcklichen atmet, noch
immer nicht ganz erklrlich. Not und materielle Sorge sind hier
unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch auerhalb Freilands
Hunderttausende und Millionen, die jeder drckenden Sorge enthoben sind;
warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche doch einmal
unsere beiderseitigen Vter. Der meinige ist unstreitig der reichere,
und doch, welch' tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben,
welch' herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und
welch' froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters.
Ich mchte beinahe vermuten, da die Luft, die man in diesem Lande
atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in
Vaters Zgen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei
Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglttet, und ich selber
fhle mich heiterer, glcklicher als jemals zuvor.

Du hast, entgegnete mir David, das Wichtigste vergessen, den Einflu
des Gesamtgefhls auf das Gefhl des Einzelnen. Der Mensch ist ein
geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem
eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, whrend ein anderer,
nicht minder wichtiger Teil, ich mchte sagen die Grundstimmung, die den
individuellen Geistes- und Gemtsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in
der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder
Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht blo uerlich, sondern
ebenso auch innerlich in unlslicher Berhrung; er glaubt zu denken, zu
fhlen und zu handeln, blo wie seine Individualitt es erheischt,
fhlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem
unentrinnbaren Banne einer alle Kpfe, Herzen und Handlungen
umschlingenden Zeitstrmung. Der aufgeklrte, humane Freidenker der
Gegenwart htte -- wre er drei Jahrhunderte frher geboren worden,
um der kleinlichsten, ihm heute lcherlich erscheinenden
Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse
verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und htte er noch um
einige Jahrhunderte frher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit
Karls des Groen das Sonnenlicht gesehen, so wren ihm Menschenopfer so
wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Gttin Hertha.
Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wldern der
Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden htte, das
Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu
lassen, wre dazumal schon von unberwindlichem Grauen vor solchem Thun
geschttelt worden, wenn ihn -- begabt mit genau den nmlichen
individuellen Anlagen -- der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter
germanischen Barbaren htte geboren werden lassen; hier dagegen htte er
skrupellos Lug und Verrat gebt, whrend er -- im brigen vom Wirbel bis
zur Zehe derselbe Mann -- umgeben von den trotzigen Germanenhelden,
solch weichlicher Laster ganz und gar unfhig geblieben wre. Da dem
aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefhle jener
unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden, die
Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings
unmglich, da der Angehrige einer von wahnsinnigster Angst vor dem
Hunger bis ins innerste Mark gerttelten Gesellschaft, jemals in
ungetrbter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure
Mehrzahl der Zeitgenossen niemals wei, was der morgige Tag bringen mag,
ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den vlligen
wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung,
die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhngig macht, da es uns
gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von
fiebernder Angst gerttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zhnen zu
reien; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von
wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns.
Kein individueller Reichtum gewhrt Schutz gegen den zermalmenden Jammer
der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionr, der nicht
den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren
kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen
Krallen ins Gemt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos,
frierend und hungernd durch die Straen Eurer Grostdte irrt. Der
Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern
lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was
der erste blo seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und
geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren.
Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen
Krsus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er
sich und der Seinen Glck und Ehre, Genu und Frieden dem Gtzen
schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet,
dem Gtzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist
von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er hufen, vermeinend, da er
hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit
erlangen knnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings
umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, da er nicht einmal bemerkt,
wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen
einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich
mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher
sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht
etwa, da unter dieser aberglubischen Angst vor dem Hunger blo die
Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen,
und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfnglicher Kopf und
Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das
Gemeingefhl der allgemeinen Not dem vorbergehenden individuellen
Behagen gegenber; blo vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete
Idioten machen hie und da eine Ausnahme; blo sie knnen sich, unbeirrt
durch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brder wrgt, mit
wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen.

Das ist's, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug
ins Antlitz prgt; Ihr knnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr
hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphre des Elends, des Jammers
und der Angst atmet. Und das ist's auch, dieses Gemeingefhl, welches
jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum
angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer,
diese Angst gnzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und
Empfindens erwachen lt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentmlich
ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten
dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten
Gesellschaft bewegen, wir haben die dstere Auffassung des
Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die
alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe
vollstndig berwunden. Ich gebrauche das einschrnkende beinahe fr
diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freilnder geworden sind.
Wir jngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne
das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte
nicht unerheblich von den lteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt
der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fnfundzwanzig
Jahre sind es her, da mein Vater und meine Mutter, die beide unter den
ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der
Entwrdigung des Menschen durch den Menschen entrckt sind; aber die
Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen
Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu knnen, sie wird bis zu ihrem
Ende nicht gnzlich aus ihrem Gemte schwinden und nimmermehr kann jene
gttergleiche Ruhe und Heiterkeit vllig von ihrem Herzen Besitz
ergreifen, die das selbstverstndliche Erbteil ihrer Kinder ist, an
deren Hnden niemals Schwei und Mark geknechteter Menschen haftete, die
um zu genieen, niemals die Frchte fremder Arbeit sich aneigneten,
niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im
Daseinskampfe zu sein.

Damit schlo David fr diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm
nachthun.




                              17. Kapitel.


                                                  Edenthal, 2. August.

Lngst schon hatte mich die Frage der hiesigen Jugenderziehung in hohem
Mae interessiert; der vorgestrige Tag nun war dem Studium dieses
Gegenstandes gewidmet. Zunchst besuchte ich in Davids Gesellschaft
einen der zahlreichen Kindergrten, die in Edenthal ziemlich gleichmig
ber die Stadt verteilt sind. In einer teils aus sonnigen Grasmatten,
teils aus schattigen Baumpflanzungen gebildeten Anlage tummelten sich
hier unter der Leitung zweier Mdchen im Alter von 18-20 Jahren und
einer jungen Witwe etwa 50 Bbchen und Mdchen im Alter zwischen 4 und 6
Jahren. Es wurde gesungen, getanzt, allerlei Possen getrieben,
dazwischen Bilderbcher besehen und erklrt, Mrchen abwechselnd mit
belehrenden Geschichten erzhlt, Spiele gespielt, die gleicherweise
teils bloer Unterhaltung, teils der Belehrung dienten. Unter dem
kleinen Volke, das sich kniglich amsierte, war ein ziemlich starkes
Kommen und Gehen; die eine Mutter brachte ihre Sprlinge herbei, eine
andere holte die ihrigen ab. Im allgemeinen ziehen es nmlich die
freilndischen Mtter vor, ihre Kinder um sich zu haben; nur wenn sie
das Haus verlassen, um einen Besuch zu machen oder etwas zu besorgen,
werden die Kleinen dem nchsten Kindergarten bergeben und bei der
Heimkehr wieder abgeholt -- es sei denn, da das junge Volk selber darum
bettelt, dortgelassen resp. dahin gebracht zu werden, und die Mutter den
Bitten zu willfahren geneigt ist. Doch das sind wie gesagt
Ausnahmeflle; in der Regel tummeln sich die Kinder daheim unter den
Augen der Eltern, und die Leitung der ersten Erziehung ist insbesondere
Sache der Mutter. Belehrung darber, wie diese am besten anzustellen
sei, braucht eine freilndische Frau selten; im Bedarfsfalle ist
brigens der benachbarte Kindergarten, spter das Pdagogium zur Hand,
wo guter Rat jederzeit geholt werden kann. Als Thatsache wurde mir
mitgeteilt, da jedes in Freiland aufgewachsene sechsjhrige Kind des
Lesens, Kopfrechnens und einer ganz artigen Summe ntzlichen Wissens
kundig sei, ohne bis dahin ein anderes als ein Bilderbuch gesehen zu
haben.

Nach dem Kindergarten kam die Elementarschule an die Reihe. Auch diese
Schulen sind mglichst gleichfrmig ber Edenthal zerstreut und liegen
gleicherweise in greren Grten. Sie sind vierklassig, und der
Unterricht wird Mdchen und Knaben gemeinsam erteilt. Das Lehramt liegt
durchweg in Hnden junger Mdchen und Frauen; nur Turnen und Schwimmen
der Knaben leiten mnnliche Lehrer. Die beiden letzteren bungen
beanspruchen bei Knaben und Mdchen tglich je eine Stunde; mindestens
dreimal wchentlich werden unter Leitung je einer Lehrerin von jeder
Klasse mehrstndige Ausflge in die benachbarten Wlder und Berge
unternommen, bei denen allerlei Anschauungsunterricht getrieben wird.
Ich beobachtete die Zglinge beim Buche und am Turnplatz, in der
Schwimmschule und auf den Bergen und hatte dabei Gelegenheit, mich zu
berzeugen, da die Kinder mindestens so viel und so systematisches
Wissen besaen, als europische Altersgenossen, dabei sich aber auf Reck
und Barren, Kletterstange und Hngeseil bewegten wie die Eichhrnchen,
im Wasser schwammen wie die Fische, und nach dreistndigem Marsche ber
Berg und Thal so munter umhersprangen wie die Rehe.

Hierauf besuchten wir die Mittelschulen, in denen Knaben und Mdchen
gesondert vom 10. bis 16. Jahre unterrichtet wurden, erstere durch
mnnliche, letztere teilweise durch weibliche Lehrkrfte. Hier war den
Leibesbungen mannigfaltigster Art noch weit grere Beachtung
geschenkt, und um den hierfr erforderlichen Raum zu gewinnen, befanden
sich diese Schulen im Umkreise der Stadt, in der Nachbarschaft der diese
umgebenden Wlder. Ich hatte Gelegenheit, die Ausdauer, Kraft und Grazie
der Knaben und Mdchen im Turnen, Laufen, Springen, Tanzen und Reiten zu
bewundern, die ersteren berdies bei ihren Ring-, Fecht- und
Schiebungen zu sehen. Einige Gnge auf Stodegen und Sbel mit
verschiedenen der jungen Leute belehrten mich zu meinem Erstaunen, da
dieselben mir nicht blo ebenbrtig, sondern in manchen Punkten
berlegen seien, obwohl Dir bekannt ist, da ich zu den besseren
Fechtern unseres in dieser Kunst so vielgepriesenen Italien gehre. Die
beim Ringen und Turnen hervortretende Muskulatur der halbwchsigen
Recken erregte in nicht minderem Grade meine Bewunderung, als die
spielende Leichtigkeit, mit welcher dieselben ein Pferd im vollen Galopp
einholten und sich auf dessen Rcken schwangen. Besonders berrascht
aber war ich von der Sicherheit, mit welcher die Knaben ihre Schuwaffen
handhabten. Auf 500 Meter Distanz wurde die kaum tellergroe Scheibe
selten verfehlt, und nicht wenige der jungen Schtzen sandten Kugel auf
Kugel ins Schwarze. Alles in allem machten insbesondere die obersten
Klassen dieser Mittelschulen dem ueren der Zglinge nach zu urteilen
den Eindruck einer Schar erlesener junger Athleten; dabei erwiesen sich
jedoch diese Athleten auch in allen Wissenszweigen wohlbewandert, die an
den besten europischen Mittelschulen getrieben werden.

Bis dahin ist, wie ich erfuhr, der Unterricht fr alle Kinder Freilands
der gleiche, mit dem alleinigen Unterschiede, da bei den Mdchen etwas
geringerer Nachdruck auf die Leibesbungen, dafr desto grerer auf
musikalische Ausbildung gelegt wird. Von da ab jedoch trennen sich die
Berufe. Die jungen Mdchen bleiben entweder im elterlichen Hause, um
sich dort in jenen Knsten und Wissenszweigen, zu denen sie bis dahin
den Grundstein gelegt, weiter auszubilden, oder sie ziehen als
Ziehtchter zu gleichem Zwecke in das Haus irgend einer als hochgebildet
und geistreich bekannten Frau. Ein anderer Teil bezieht die
pdagogischen Lehranstalten, um sich fr das Lehramt auszubilden, hrt
einen Kursus ber Krankenpflege oder ber sthetik, Kunstgeschichte u.
dergl.

Die Knaben dagegen zerstreuen sich insgesamt in die verschiedenen
hheren Lehranstalten. Die Mehrzahl besucht die gewerblichen und
geschftlichen Fachschulen, in denen ein oder zwei Jahre hindurch
wissenschaftliche und praktische Anleitung zu den verschiedenartigsten
Geschfts- und Produktionsarten erteilt wird. Durch eine dieser
Fachschulen geht jeder freilndische Arbeiter, er mag spterhin als
Landbauer, als Spinner, als Bergmann oder in welcher Eigenschaft immer
seinen Verdienst suchen. Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt:
erstens der, jeden Arbeiter ohne Unterschied in den Zusammenhang des
ganzen Getriebes seiner Produktion einzuweihen und zweitens, ihn in den
Stand zu setzen, seinen Erwerb nach Wahl auch in mehreren
Produktionszweigen zu suchen. Der simple Spinner, der nichts anderes zu
thun hat, als den Gang seiner Spindeln zu berwachen, wei hier zu Lande
auch ber die Einrichtung und den Betrieb der ganzen Spinnerei, ber
Bezugsquellen und Absatzgebiete einigen Bescheid, was zur Folge hat, da
solch ein Arbeiter, wenn es gilt die Leiter seiner Association zu
whlen, seine Stimme mit einer Sachkenntnis abgiebt, die Migriffe bei
der Auslese der geeignetsten Persnlichkeiten nahezu unmglich macht.
Zum zweiten aber ist dieser einfache Spinner in Freiland kein Automat,
dessen Wissen und Knnen mit den Handgriffen und Kenntnissen seines
engeren Faches erschpft wre; er ist jedenfalls noch in einem oder
einigen anderen Erwerbszweigen zu Hause und das hat wieder zur Folge,
da unser Mann jede in diesem anderen Erwerbszweige sich zeigende
gnstige Konjunktur sofort ausnutzen, die Spinnmaschine mit dem Pfluge,
mit dem Hammer oder mit der Drehbank, wohl auch mit dem Schreibpulte
oder der Rechentafel zu vertauschen in der Lage ist, wodurch eben jenes
wundervolle Gleichgewicht der verschiedenartigsten Einkommenszweige
ermglicht wird, welches die Grundlage der socialen Ordnung des Landes
ist.

Junge Leute, die Beruf zu hherer geistiger Thtigkeit in sich
verspren, wenden sich den eigentlichen Hochschulen zu, in denen
Freilands Professoren, hhere Verwaltungsbeamte, rzte, Techniker u. s.
w. ausgebildet werden, oder den mit groartigen Mitteln ausgestatteten
verschiedenartigen Kunstakademien, aus denen die Architekten, Bildhauer,
Maler, Musiker des Landes hervorgehen. Doch auch in allen diesen
Unterrichtsanstalten wird fortlaufend neben der geistigen auf die
krperliche Fortbildung der grte Nachdruck gelegt. Die gewerblichen
und kaufmnnischen Fachschulen haben ihre Turn-, Ring- und Reitbahnen,
ihre Schie- und Fechtpltze so gut wie die Hochschulen und Akademien,
und da die Jnglinge, welche hier ihre Fortbildung suchen, nicht so
unmittelbar unter dem Einflusse ihrer Lehrer stehen, wie die Knaben der
Mittelschulen, so ist durch das Institut der ffentlichen Gau- und
Landesbungen dafr gesorgt, ihren Eifer fr krperliche Ausbildung
nicht erlahmen zu lassen. Alle Jnglinge zwischen dem vollendeten 16.
und 22. Jahre sind nmlich je nach ihrem Wohnsitze in Tausendschaften
geteilt, die unter selbstgewhlten Fhrern allmonatlich bungen halten,
bei denen sie ihre krperlichen Krfte und Fhigkeiten erproben. Einmal
im Jahre findet in jedem der 48 Distrikte, in welche zu
Verwaltungs-Zwecken ganz Freiland geteilt ist, vor einem
Preisrichterkollegium, welches aus den Siegern frherer Jahre gebildet
wird, eine groe Preisbung statt, bei welcher erstlich von jeder
Tausendschaft gestellte Champions -- es sind das natrlich die
tchtigsten Recken, ber die jede Tausendschaft verfgt -- als
Einzel-Fechter, -Schtzen, -Reiter, -Ringer und -Lufer sich messen;
sodann kmpfen die Tausendschaften als solche, d. h. in Gesamtbungen um
verschiedene Preise. Die Sieger bei diesen Gaubungen bewerben sich dann
bei dem wenige Wochen spter in einem zu solchen Zwecken besonders
eingerichteten Thale des Aberdaregebirges stattfindenden Landesfeste um
die Ehre der Meisterschaft fr ganz Freiland und man versicherte mir,
da kein griechischer Jngling aus der Bltezeit von Hellas in heierem
Bemhen um den lzweig bei den Isthmischen Spielen warb, als die
freilndischen Jnglinge um die Ehrenpreise bei diesen Aberdarespielen,
obwohl auch hier die Preise in nichts anderem, als in schlichten
Bltterkronen, daneben aber allerdings in dem vom Indischen Ocean bis zu
den Mondbergen und vom Tanganika bis zum Baringosee wiederhallenden
Ruhmesfanfaren und in dem begeisterten Jubel jenes Gaues und jener Stadt
bestehen, die so glcklich sind, die Sieger die Ihren zu nennen.
Hunderttausende strmen aus allen Landesteilen zu diesen Preisbungen
zusammen und die Mutterstadt der Sieger, insbesondere die der siegenden
Tausendschaft, empfngt ausnahmslos die heimkehrenden Jnglinge mit
einer Reihe der erlesensten Feste.

Ich konnte mich, als mir dies berichtet wurde, der Bemerkung nicht
enthalten, da mir solcher Enthusiasmus aus Anla eines bloen Spieles
denn doch bertrieben erscheine; insbesondere uerte ich darber mein
Erstaunen, da Freiland, die Heimat der socialen Gerechtigkeit, sich fr
Leistungen zu begeistern vermge, die im kriegerischen Hellas von
besonderem Werte erscheinen mochten, hier aber, wo alles
unverbrchlichen Frieden atmet, keine andere Bedeutung haben knnten,
als die einer harmlosen Leibesbung.

Sehr richtig -- bemerkte David -- nur da die Tchtigkeit in diesen
harmlosen Leibesbungen es eben ist, was uns Freilndern die
Unverbrchlichkeit des Friedens verbrgt, dessen wir uns zu erfreuen
haben. Wir besitzen keinerlei militrische Einrichtungen und wren, wenn
wir uns nicht auf unsere berlegenheiten in allem, was krperliche Kraft
und Gewandtheit betrifft, verlassen knnten, die leichte Beute jedes
Militrstaates, dem es nach unseren Reichtmern gelstete.

Du glaubst doch nicht etwa -- rief ich nicht ohne ein sarkastisches
Lcheln -- mit euern fechtenden und schieenden Knaben und mit den
Siegern eurer Isthmischen Spiele einer groen Militrmacht gewachsen zu
sein, die es wirklich auf Euch abgesehen haben sollte? Meines Erachtens
liegt Euer Schutz in der gegenseitigen Eifersucht der europischen
Staaten, die eine solche Beute keinem einzelnen gnnt, und mehr noch in
der weiten Entfernung, dem Meere und den Bergen, die Euch so gefhrliche
Besuche vom Leibe halten. Fr alle Flle aber glaube ich, da einige
militrische Vorsorge, etwa die Aufstellung einer tchtigen Miliz und
insbesondere eine starke Flotte, deren Kosten doch bei Eurem Reichtume
gar nicht in Betracht kmen, sehr heilsam wre.

Wir sind anderer Ansicht -- erklrte David. Nicht unsere Kampfspiele,
wohl aber die berlegene krperliche Tchtigkeit, die in ihnen zu Tage
tritt, sichern uns unseres Dafrhaltens vollkommen gegen jeden, selbst
den mchtigsten Feind, der gegen unsere harmonisch ausgebildeten, im
Gebrauche jeglicher Waffe bis zur hchsten Vollendung gebten Jnglinge
und Mnner doch nichts anderes ins Feld stellen knnte, als verkommene,
ihre Waffen kaum notdrftig handhabende Proletarier. Wir glauben, da es
im Kriege weniger auf die Anzahl der Schsse, als auf die Anzahl der
Treffer, weniger auf die Masse, als auf die Leistungsfhigkeit der
Kmpfenden ankommt. Wenn Du gleich mir Zeuge gewesen wrest, in welcher
Weise bei dem vorjhrigen Landesfeste die siegende Tausendschaft ihren
Preis herausscho, so wrdest Du vielleicht zugeben, da eine Truppe,
die aus solchen, oder doch annhernd solchen Schtzen gebildet wre,
keine europische Armee zu frchten brauchte.

Wie wollt Ihr Euch aber gegen die Kanonen europischer Armeen
verteidigen? fragte ich.

Ei, eben auch durch Kanonen, entgegnete David. Da wir nun einmal mit
diesen Einrichtungen den Doppelzweck verfolgen, den Eifer fr
krperliche Ausbildung zu frdern und zugleich Sicherheit gegen
feindliche Angriffe zu erlangen, so nehmen unter unseren Schiebungen
auch solche mit Kanonen des verschiedensten Kalibers einen ausgedehnten
Platz ein. Und zwar geschieht auch das schon von der Schule aus. Von der
vierten Mittelklasse an werden jene Knaben, die sich auf den anderen
Gebieten hervorgethan haben, zu Geschtzbungen herangezogen -- was
sich, nebenbei bemerkt, als ganz besonderer Ansporn des Fleies bewhrt
hat. Da Du diese Geschtze nicht zu Gesicht bekamst, hat seinen Grund
darin, da der Schieplatz fr dieselben ziemlich weit auerhalb des
Bannkreises der Stadt liegt, was um so notwendiger ist, als sich unter
diesen bungskanonen Ungetme bis zu 200 Tonnen Gewicht befinden, deren
Donner nur schlecht zur idyllischen Ruhe unseres Edenthals passen wrde.
Die Jnglinge aber werden mit diesem artigen Spielzeug so vertraut und
zahlreiche bringen es nach eingehenderen ballistischen Studien zu so
groer Vollendung in Handhabung desselben, da sie sich meines Erachtens
auch auf diesem Gebiete europischen Gegnern ebenso berlegen erweisen
wrden, wie auf demjenigen des Schtzenwesens. Genau dasselbe gilt von
unseren Reitern. Kurzum, wir haben keine Armee, aber unsere Jnglinge
und Mnner handhaben alle Waffen, deren eine Armee bedarf, unendlich
vollkommener, als die Soldaten welcher Armee immer, und da berdies zu
Zwecken der groen Preisspiele auch eine Organisation geschaffen ist,
kraft deren aus der Mitte 2 Millionen waffengebter Jnglinge und
Mnner, welche Freiland zur Stunde besitzt, die gewandtesten und
tchtigsten 2-300000 jederzeit verfgbar sind, so meinen wir, da es uns
ein Leichtes wre, die grte Invasionsarmee abzuwehren -- eine Gefahr,
die wir jedoch im Ernste keineswegs besorgen, denn wir bezweifeln, da
irgend ein europisches Volk dazu zu haben wre, uns anzugreifen. Gegen
uns gesammelte Gewehre und Kanonen drften sich, auch ohne da wir etwas
dazu thun, sehr rasch wider diejenigen kehren, die Feindseliges gegen
uns sinnen.

Dem stimmte ich zu. Wir besprachen hierauf noch einige andere
Gegenstnde der Jugenderziehung, bei welcher Gelegenheit die Rede auf
das freilndische Erbrecht kam.

Drfte ich Dich fragen, wie Ihr es mit dem Erbrecht im allgemeinen und
mit dem Erbrecht an liegendem Besitz im besonderen haltet. Denn hier, im
Eigentum an Husern, scheint mir eine Klippe zu liegen, an welcher Eure
allgemeinen Prinzipien ber Grundbesitz Schiffbruch leiden knnen. Eine
der Grundlagen Eurer Organisation ist doch, da Grund und Boden niemand
eigentmlich gehren drfe; Huser aber stehen -- wenn ich recht
unterrichtet bin -- im Privateigentum. Wie vereinbart sich das?

Jedermann, so antwortete David, verfgt fr den Todesfall wie im
Leben vollkommen frei ber sein gesamtes Eigentum. Die Testierfreiheit
ist eine unbedingte, nur ist dabei zu beachten, da unter den Ehegatten
vollstndige Gtergemeinschaft besteht, woraus hervorgeht, da nur der
berlebende Teil ber das gemeinsame Vermgen letztwillig verfgen kann.
Das Eigentum am Hause jedoch kann nicht geteilt werden und ebensowenig
ist es gestattet, auf einem Haus- resp. Gartengrunde mehr als _ein_
Wohnhaus zu errichten. Schlielich darf das Wohnhaus nur vom Eigentmer
bewohnt, nicht aber vermietet werden. Geschieht von diesen drei Dingen
eines, wird berhaupt der Hausgrund zu irgend einem anderen Zwecke, als
zu Errichtung der Wohnsttte des Eigentmers verwendet, so trifft den
Zuwiderhandelnden zwar keinerlei besondere Strafe und es wird auch
keinerlei besonderer Zwang gegen ihn gebt, die unmittelbare Folge aber
ist der Verlust des ausschlielichen Nutzungsanspruchs am Hausgrunde.
Die Bauflche wird damit zu Boden gewhnlicher Art, an welchem es kein
Sonderrecht giebt, an welches jedermann das gleiche ungeteilte Anrecht
hat. Denn nach unseren Anschauungen giebt es berhaupt kein Eigentum am
Boden, also auch nicht am Baugrund des Hauses, und das Recht, solchen
Boden abzusondern und fr sich allein zu benutzen, ist lediglich ein zu
bestimmten Zwecken eingerumtes Nutznieungsrecht. Gleichwie z. B. der
Eisenbahnreisende ein Anrecht auf den Platz hat, den er zuerst
occupierte, jedoch nur zu dem Zwecke, um darauf zu sitzen, nicht aber,
um dort seine Gepckstcke abzuladen oder um ihn gegen Entgelt an Andere
zu berlassen; so habe ich das Recht, den Platz auf Erden, auf welchem
ich mein Heim grnden will, durch bloe Occupation fr mich zu
reservieren, und Niemand darf sich auf meinem Baugrunde neben mir
ansiedeln, so wenig, als es ihm gestattet ist, auf der Eisenbahn neben
mir auf meinem Sitze Platz zu nehmen, auch wenn im Notfalle Raum fr
zwei vorhanden wre. Aber es liegt auch nicht in meinem Belieben, auf
meinem Polster guten Freunden ein Pltzchen neben mir einzurumen, denn
die Mitreisenden brauchen sich die dadurch fr sie erwachsenden
Unbequemlichkeiten nicht gefallen zu lassen; sie knnen dagegen
protestieren, da die Beine und Ellbogen meines Sitzpartners ihnen zu
nahe kommen und da der nur fr eine bestimmte Personenzahl berechnete
Luftraum des Wagens durch meine Eigenmacht zahlreicheren Lungen
zugeteilt werde. Ebenso brauchen es sich meine Hausnachbarn nicht
gefallen zu lassen, da ihnen meine Mauern und Dachfirste zu nahe an den
Leib rcken und da ich eigenmchtig den Luftraum einer Stadt dichter
flle, als dem allgemeinen bereinkommen entspricht.

Nun habe ich aber in Ausbung meines mir auf eine bestimmte
Bodenparzelle eingerumten Nutzungsrechtes diese Parzelle untrennbar mit
einem Dinge verbunden, auf welches mir nicht blo Nutzungs-, sondern
Eigentumsrecht zusteht, dem Hause nmlich. Daraus ziehen wir die
Konsequenz, da mein Nutzungsrecht auf denjenigen bergeht, dem ich --
sei es entgeltlich oder unentgeltlich -- das Eigentumsrecht an meinem
Hause berlasse. Ich kann daher mein Haus verkaufen, vererben,
verschenken, ohne da ich daran durch den Umstand gehindert wrde, da
mir am Baugrunde des Hauses kein Eigentum zusteht.




                              18. Kapitel.


                                                  Edenthal, 6. August.

Gestern besichtigten wir in Begleitung der beiden englischen
Geschftstrger die freilndische Centralbank, deren allumfassendes und
gerade wegen dieser seiner Allgemeinheit verhltnismig so beraus
einfaches Clearingsystem die hchste Bewunderung der sachverstndigen
beiden Herren erntete. Die Erkenntnis, mit wie verschwindend geringen
Barbetrgen sich hier die Ausgleichung des gesamten riesigen Umsatzes
vollzog, regte Lord Elgin zu der Frage an, wozu Freiland berhaupt das
Gold als Wertmesser beibehalte; er sprach die Meinung aus, es wre, da
man ohnehin die wichtigsten Leistungen nach dem Werte der Arbeitszeit
berechne, das Einfachste, diese Rechnungsmethode zu verallgemeinern, d.
h. die Arbeitsstunde als Wertmesser, als Geldeinheit zu gebrauchen. Dies
wrde -- so glaube er -- auch der gesamten socialen Ordnung Freilands
weit besser entsprechen, in welcher doch die Arbeit Quelle und Grundlage
allen Wertes sei.

Das ist, entgegnete der Direktor des Instituts, Herr Clark, eine von
Fremden wiederholt schon geteilte Anschauung, sie beruht aber lediglich
auf einer Verwechslung des _Wertmaes_ mit der _Quelle_ des
_Einkommens_. Wir in Freiland haben der Arbeit das Recht auf den ganzen
mit ihrer Hlfe hervorgebrachten Ertrag gesichert; wir begrnden dies
aber nicht durch die unwahre Behauptung, da Arbeit die einzige Quelle
des Wertes dieser Ertrge sei, sondern dadurch, da wir behaupten, der
Arbeitende habe auch auf jene anderweitigen Faktoren, nmlich Kapital
und Naturstoffe oder -Krfte, die zur Wertbildung erforderlich sind, den
gleichen Anspruch wie auf seine Arbeitskraft selber. Doch das nur
nebenbei. Selbst wenn Arbeit die einzige Wert_quelle_ und der einzige
Wert_bestandteil_ wre, ist sie doch der denkbar schlechteste
Wert_mastab_, denn sie ist unter allen Dingen, die berhaupt Wert
besitzen, jenes, dessen Wert den grten Vernderungen ausgesetzt ist.
Mit jedem Fortschritte menschlicher Kunstfertigkeit und Betriebsamkeit
wchst ihr Wert, d. h. ein Arbeitstag oder eine Arbeitsstunde setzt sich
fortlaufend in eine grere Menge aller erdenklichen anderen Werte um.
Da der Wert des Arbeitsproduktes verschieden ist, je nachdem die
Arbeitskraft gut oder schlecht ausgerstet, gut oder schlecht angewendet
wird, kann gar keinem Zweifel unterliegen und wurde auch niemals
ernstlich in Zweifel gezogen. Nun ist bei uns in Freiland allerdings
_alle_ Arbeitskraft mglichst gut ausgerstet und verwendet, weil eben
die vollkommene und schrankenlose Freiheit, sich der jeweilig besten, d.
h. die hchsten Werte erzeugenden Arbeitsgelegenheit zuzuwenden, diese
wenn auch nicht absolute, so doch relative Gleichartigkeit zuwege
bringt; aber damit sie zuwege gebracht werde, ist eben ein fester und
verllicher Mastab erst recht vonnten, an welchem der Wert der durch
Arbeit erzeugten Dinge gemessen werden kann. Da die auf Schuhwaren und
auf Gespinste, auf Getreide und auf Eisenwaren gewendete Arbeit bei uns
gleichwertig ist, zeigt sich ja erst dadurch, da die in der gleichen
Zeit erzeugten Schuhe, Gespinste, Krnerfrchte und Eisenwaren gleichen
Wert besitzen, welch letzteren Umstand aber nimmermehr die Vergleichung
mit der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern blo die mit einer an sich
wertbestndigen Sache anzeigen kann. Wrden wir die in gleicher Zeit
erzeugten Dinge schon deshalb allein fr gleichwertig halten, weil sie
eben in gleicher Zeit erzeugt sind, so wrden wir sehr bald dahin
gelangen, Schuhe zu erzeugen, die Niemand braucht, dafr aber Mangel an
Gespinst zu leiden, und wir knnten unbekmmert um die berflle von
Eisenwaren deren Erzeugung steigern, whrend vielleicht alle verfgbaren
Hnde erforderlich wren, um empfindlichem Getreidemangel abzuhelfen.
Mit dem Arbeitstage als Wertma vermchte -- wenn er aus anderen Grnden
nicht unmglich wre -- nur der Kommunismus zu wirtschaften, der die
Herstellung des richtigen Wechselverhltnisses zwischen Angebot und
Nachfrage nicht dem freien Verkehre berlt, sondern von
Obrigkeitswegen bewerkstelligt, dies aber selbstverstndlich nur in der
Weise zu Wege bringt, da er Niemand fragt, was er genieen und was er
arbeiten will, vielmehr Genu und Arbeit Jedermann von Obrigkeitswegen
vorschreibt.

Wir in Freiland dagegen, die wir das Gegenteil des Kommunismus, nmlich
absolute individuelle Freiheit, verwirklicht haben, wir brauchen
notwendiger als irgendwer ein mglichst genaues, verlliches Wertma,
das ist ein solches, dessen Tauschkraft allen anderen Dingen gegenber
mglichst geringen Abweichungen und Schwankungen ausgesetzt ist. Dieses
mglichst beste, mglichst wertkonstante Ma nun hat die Kulturwelt mit
Recht seit jeher im Golde erblickt. Diese Thatsache ist nicht etwa das
Ergebnis irgend einer geheimnisvollen Eigenschaft dieses Metalles,
sondern das seiner hochgradigen Dauerbarkeit, in deren Folge im Laufe
der Jahrhunderte und Jahrtausende Goldmengen aufgestapelt und der
Nachfrage zur Verfgung gehalten wurden, im Vergleiche zu welchen die
gewaltigsten Vernderungen der jeweiligen Produktion gar nicht in die
Wagschale fallen. Whrend eine gute oder schlechte Weizenernte von
ausschlaggebender Bedeutung fr den jeweiligen Weizenwert ist, weil die
alten Weizenvorrte im Verhltnis zum Ergebnisse der neuen Ernte nur von
nebenschlicher Bedeutung sind, bleibt der Goldwert von noch so groen
Schwankungen selbst mehrerer Produktionsjahre verhltnismig unberhrt,
weil die alten Goldvorrte fr alle Flle ganz auerordentlich grer
sind, als das Ergebnis selbst der reichsten Ausbeute eines einzelnen
Jahres. Alle Goldminen der Welt knnten mit einem Schlage vollstndig
versiegen, ohne da dies auf die Menge des verfgbaren Goldes sofort von
sonderlichem Einflusse wre, whrend eine einzige allgemeine
Getreidemiernte frchterlichsten Getreidemangel zur sofortigen und
unvermeidlichen Folge htte. Dies also ist der Grund, warum Gold der
bestmgliche, wenn auch keineswegs ein absolut guter Wertmastab ist.
Die Arbeitszeit aber wre unter allen denkbaren der schlechteste
Wertmastab, denn weder sind zwei gleiche Arbeitszeiten notwendig
wertgleich, noch behlt die Arbeitszeit im allgemeinen unvernderten
Wert, vielmehr wchst ihre Tauschkraft allen anderen Dingen gegenber
mit jedem zur Geltung gelangenden Fortschritte der Arbeitsmethoden.

Wir waren alle berzeugt; nur konnte Lord Elgin die Bemerkung nicht
unterdrcken, da die Freilnder denn doch eine Reihe von Leistungen
nach Arbeitsquivalenten berechneten. Sofort erhielt er aber von meinem
Vater die treffende Antwort, da dies nach allem bisher Gehrten nur
dort geschehe, wo eine mit der Steigerung des Wertes der Arbeit parallel
laufende Erhhung einer Zahlung geradezu beabsichtigt sei. Gehalte und
Versorgungsansprche _sollen_ steigen, wenn der Ertrag von Arbeit und
damit der allgemeine Verbrauch steige, und zwar genau im selben Mae,
wie diese, und nur weil dies beabsichtigt ist, kann man sie nach
Arbeitsquivalenten bemessen.

Herr Clark machte uns jetzt darauf aufmerksam, welch' weitgehende, alles
durchdringende Offenheit und bersichtlichkeit zufolge der durch die
Bank gebten Klarstellung aller Verkehrs- und Erwerbsverhltnisse in
allen pekuniren Angelegenheiten Freilands herrsche. Niemand kann weder
sich noch andere ber seine Mittel tuschen und eine der in socialer
Beziehung wichtigsten Folgen davon ist, da es Niemand beifllt, durch
ungehrigen Aufwand glnzen zu wollen. Die Verschwendung entspringt nur
zu hufig dem Bestreben, sich in den Augen der Welt als reicher
darzustellen, als man thatschlich ist; ein solcher Versuch knnte hier
zu Lande nur Lcheln erwecken. Doch auch wer aus bertriebenem Hange zu
Luxus mehr ausgeben wollte, als er einnimmt, vermchte dies nicht, da
die Bank zu solchen Zwecken natrlich keine Kredite gewhrt, und ohne
diese der Verschwender geradezu auf die Mildthtigkeit seiner Mitbrger
angewiesen wre, um seinem Hange zu frhnen. Die Hhe aller Einnahmen
und Ausgaben liegt klar zu Tage, alle Welt wei, was jedermann hat und
woher er es hat. Und da es zudem jedermann freisteht, jeden beliebigen
Erwerbszweig zu ergreifen, so knnen Unterschiede des Einkommens auch
Niemandes Neid erwecken.

Nun warf aber Lord Elgin die Frage auf, ob sich aus den bei Feststellung
von Honoraren unterschiedlicher Art, z. B. von Beamtengehalten,
unvermeidlichen Willkr keinerlei Widerspruch zu dem sonst geltenden
Prinzipe der unbeschrnkten freien Berufswahl und dem gerade aus dieser
Freiheit hervorgehenden Gleichgewichte der verschiedenen Arbeitsertrge
ergebe. Wenn der Ertrag aus Wollenweberei aus irgendwelchem Grunde
hher ist, als der aus Getreidebau, so werden neue Arbeitskrfte
insolange zur Weberei bergehen, bis der beiderseitige Ertrag sich ins
Gleichgewicht gesetzt hat; sollte sich etwa ein dauernder Mehrertrag bei
einem dieser beiden Produktionszweige zeigen, so kann dies angesichts
Ihrer Institutionen offenbar nur daher rhren, da die Arbeit in diesem
ertragreicheren die unangenehmere, anstrengendere, eventuell auch die
hhere, seltenere Kenntnisse oder Fhigkeiten erfordernde ist; Niemand
kann sich ber die geringste Benachteiligung beklagen und insofern ist
die im Wege der Freiheit hergestellte Harmonie geradezu
bewunderungswrdig. Aber sowie es sich um Ernennungen und Gehalte
handelt, mu doch diese Gleichheit aufhren. Sie als Chef eines
Verwaltungszweiges verdienen 1400, Ihr Nachbar Handarbeiter blo 600
Pfund; woher wissen Sie, da letzterer sich darob nicht benachteiligt
fhlt?

Wenn Sie, Mylord, -- meinte lchelnd Herr Clark -- darunter
verstehen, woher ich wisse, ob sich mein Nachbar nicht dadurch _von der
Natur_ benachteiligt fhlt, da er auer stande ist, gleich mir 1400
Pfund jhrlich zu verdienen, so mu ich Ihnen antworten, da ich darber
thatschlich blo Vermutungen, aber keine sichere Wissenschaft besitze;
wenn Sie aber meinen, da dieser mein Nachbar oder sonst jemand in
Freiland in diesem meinem hheren Gehalte einen mir durch behrdliche
Willkr oder Gunst der Whler zugewendeten, mglicherweise auch
berflssigen Vorteil erblicken knnte, so kann ich dies entschieden
bestreiten. Denn mein Gehalt ist in letzter Auflsung gerade so das
Ergebnis der freien Konkurrenz, wie der Arbeitsertrag meines fraglichen
Nachbars. Ob ich der richtige Mann auf meinem Posten sei, darber
entscheidet allerdings die freie, durch keinerlei automatisch wirkende
Einrichtung zu ersetzende oder zu kontrollierende Meinung jener
Krperschaften, von denen meine Wahl abhngt; mit welchem Gehalte jedoch
mein Amt bedacht werden mu, damit geeignete, oder sagen wir als
geeignet geltende Mnner fr dasselbe sich finden, das regelt sich genau
nach den nmlichen automatischen Gesetzen, wie der Arbeitsertrag eines
Webers oder Landbauers. Und zwar gilt dies vom Gehalte des jngsten
Postbeamten angefangen bis hinauf zu uns Chefs der freilndischen
Verwaltungszweige. Die Ernennungen hngen berall vom freien Ermessen
der Vorgesetzten oder der Wahlkollegien ab; aber diese Vorgesetzten und
Wahlkollegien mssen die Gehalte so bestimmen, da jederzeit eine
gengende Anzahl geeignet befundener Bewerber vorhanden sei. Natrlich
kann es dabei auf ein Pfund mehr oder weniger im Jahre nicht ankommen;
es gilt als Grundsatz, da die Gehalte stets so bemessen sein mssen,
da eher ein kleiner berflu als ein Mangel an Bewerbern sich
einstelle; aber wenn der berflu ein gewisses Ma bersteigt, so
reduziert man eben die Gehalte, whrend bei drohendem Mangel an
Bewerbern mit Gehalterhhungen vorgegangen wrde. Als selbstverstndlich
will ich hier blo einschalten, da unter abgewiesenen Bewerbern in
Freiland nicht brotlose Aspiranten zu verstehen sind; Ernennung oder
Ablehnung sind niemals Existenz-, sondern blo Neigungs-, allenfalls
auch Eitelkeitsfragen. Ebenso verlt man ein Amt, wenn anderwrts
lohnendere oder angenehmere Beschftigung winkt. Die Staatsmter werden
auch nicht in jedem Dienstzweige gleich hoch bezahlt; besonders
anstrengende, oder besondere Kenntnisse verlangende Arbeit setzt auch
hier hheren Ertrag voraus, gerade wie bei den unterschiedlichen
Gewerben. Und whrend der Arbeitsertrag gewhnlicher Handarbeit das
Richtma der niederen Beamtengehalte ist, wirken die Honorare der
unterschiedlichen Associationsleiter bestimmend auf die Gehalte der
oberen Stellen zurck. Dabei hat sich die auch bei Ihnen gemachte
Erfahrung wiederholt, da der Reiz mit ffentlicher Thtigkeit
verbundener Stellungen die Gehalte von Verwaltungsbeamten, Professoren
u. dergl. nicht unerheblich unter das Niveau jener Bezge hinabdrckt,
welche in den leitenden Stellen der Associationen zu erlangen sind.
Im allgemeinen macht sich mit steigender Intelligenz ein
_verhltnismiges_ -- beileibe kein absolutes -- Sinken der obersten
Gehalte berall geltend. Aber whrend die Direktoren einzelner groer
Associationen noch immer bis zu 5000 Stundenwerte im Jahre beziehen,
erhalten die obersten Chefs der freilndischen Centralverwaltung derzeit
nur mehr 3600, und auch das nur, weil die Parlamente der von uns
unablssig beantragten Ermigung der oberen Gehalte ebenso unablssig
zhen Widerstand entgegensetzen und sich nur zgernd und widerwillig
dazu verstehen. Um gerecht zu sein, mu man brigens hinzufgen, da
sich bei den Associationen das nmliche Spiel wiederholt. Die Direktoren
wrden sich mit weit geringeren Gehalten begngen, und von oben
ausgehende Antrge auf Gehaltsreduktion sind, insbesondere in den
letzten zehn Jahren, seitdem der Wert der Stundenquivalente so sehr
gestiegen ist, in den meisten Generalversammlungen geradezu stehende
Formeln geworden. Ich wiederhole, da diese Reduktion immer nur
verhltnismig, d. h. mit Bezug auf den Ansatz in Stundenquivalenten
zu verstehen ist; der Wert der Arbeitsstunde hat sich binnen 20 Jahren
vervierfacht; wer also, wie z. B. wir ffentlichen Verwaltungschefs, um
28 Procent weniger Stundenwerte erhlt, als ursprnglich, dessen
Einkommen hat sich, in Geld berechnet, doch nahezu verdreifacht. Die
Associationen aber wollen in der Regel auch von einer so verstandenen
Gehaltermigung nichts wissen. Sie besorgen, da trotz aller von ihren
Direktoren an den Tag gelegten Geneigtheit, sich mit geringeren Bezgen
zu begngen, denn doch der eine oder andere sich von einer
konkurrierenden, hhere Bezge zahlenden Gesellschaft ihnen werde
abspenstig machen lassen, und da thatschlich angesichts der
Riesensummen, die solch eine groe Association im Jahre umsetzt, einige
hundert Pfund auf oder ab gar nicht der Rede wert sind, so geht es bei
den Associationen mit der Gehaltsreduktion nur langsam vorwrts.
Trotzdem gleicht sich der Abstand zwischen hchstem und geringstem
Verdienste durchweg immer mehr aus, da wir in Folge der steigenden
allgemeinen Bildung dem Gleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage
auch in den hheren, besondere Fhigkeiten voraussetzenden Berufen stets
nher kommen. Sollte dies Gleichgewicht dereinst vollkommen erreicht
werden, was mit der Ausdehnung unserer Institutionen auf die gesamte
Menschheit und dem damit verknpften gnzlichen Verschwinden
ungebildeter Massen unzweifelhaft stattfinden drfte, so ist es unsere
Meinung, da auch die Unterschiede der Gehalte gnzlich verschwinden,
oder doch auf ein Minimum sinken werden.

Lord Elgin dankte fr diese Aufklrung. Jetzt aber trat Sir Bartelet mit
einer weitaus wichtigeren Frage hervor. Was mir bei Besichtigung des
bewltigenden Getriebes Ihrer Centralbank neuerlich und ganz besonders
aufgefallen ist, meinte er, und worber ich mir noch immer keine volle
Rechenschaft zu geben vermag, das ist die Frage, wie es ohne Willkr und
kommunistische Einrichtungen mglich ist, Kapitalien und zwar so
ungeheure Kapitalien, wie sie bei Ihnen erforderlich sind, aufzubringen,
ohne da Kapitalzins gezahlt oder berechnet wird. Da der Zins die
notwendige und gerechte Belohnung des Kapitalisten fr die
Entbehrungen sei, die er sich auferlegte, glaube ich zwar nicht; aber
ich hielt ihn fr den Tribut, den man dem Sparer dafr zahlen msse, da
seine freiwillige Sparsamkeit die Gesellschaft der Notwendigkeit
ungerechten Sparzwanges enthebt, der sonst von Obrigkeitswegen ausgebt
werden mte. Was ich nun endlich wissen mchte, wre eine genaue
Darlegung der Grnde, die Sie veranlaten, den Kapitalzins zu verbieten.
Oder teilen Sie in Freiland die Ansicht, da es Unrecht sei, dem Sparer
einen Anteil an den Frchten seiner Sparsamkeit zu gnnen?

Diese Ansicht teilen wir nicht, war des Direktors Antwort. Aber
zunchst mu ich konstatieren, da Sie von einer ganz falschen
Voraussetzung ausgehen. Wir _verbieten_ den Kapitalzins ebenso wenig,
als wir den Gewinn des Arbeitgebers oder die Grundrente verbieten.
Diese drei Einkommenzweige existieren hier zu Lande blo aus dem Grunde
nicht, weil Niemand in der Notlage ist, sie bezahlen zu mssen. Niemand
wird Sie hindern, wenn Sie hier eine Fabrik erffnen und zu deren
Betrieb Lohnarbeiter anwerben wollen; nur allerdings mten Sie diesen
erstlich mindestens so viel bieten, als durchschnittlich in Freiland die
Arbeit trgt, und zum zweiten wrde es trotzdem fraglich sein, ob Sie
berhaupt Leute fnden, die sich Ihrem Kommando unterordnen. hnlich
verhlt es sich mit der Grundrente. Bei uns ist der Boden -- sofern er
nicht zu Wohnsttten, sondern als Produktionsmittel dient -- gnzlich
herrenlos, frei gleich der Luft; er gehrt weder Einzelnen, noch Vielen;
Jedermann, der Boden bebauen will, steht es frei, dies zu thun, wo ihm
beliebt, und seinen Anteil am Ertrage einzuheimsen. Damit entfllt
natrlich alle Grundrente, die nichts anderes ist, als der Herrenzins
fr die Benutzung des Bodens; aber ein Verbot wird man hier vergeblich
suchen. Darin, da ich kein Recht habe, anderen etwas zu verbieten,
liegt doch wahrlich kein Verbot; man kann nicht einmal sagen, da mir
verboten ist, etwas zu verbieten; mag ich es doch immerhin thun,
Niemand wird mich hindern, nur auslachen wird mich alle Welt, genau so
auslachen, als ob ich den Leuten das Atmen verbieten wollte, behauptend,
die atmosphrische Luft sei mein Eigentum. Wo die Macht zur Durchsetzung
solcher Prtensionen fehlt, braucht Niemand dieselben zu verbieten; sie
drfen nur nicht knstlich hervorgerufen und untersttzt werden, dann
unterbleiben sie ganz von selbst. Diese Macht aber besitzt in Freiland
Niemand, weil hier Niemand dazu gebraucht wird, den Boden mit Beschlag
zu belegen, damit er bebaut werden knne. Das Zaubermittel aber, welches
uns dazu verhalf, herrenlosen Boden zu kultivieren, ohne uns darob in
die Haare zu geraten, ist das nmliche, welches uns auch zur Produktion
ohne Arbeitgeber befhigte: die freie Association.

Ebenso wenig aber verbieten wir den Kapitalzins. Niemand wird Sie in
Freiland hindern, so hohe Kapitalzinsen zu fordern, als Ihnen nur immer
beliebt; nur werden Sie allerdings Niemand finden, der sie Ihnen zahlt,
weil Jedermann zinsloses Kapital in Hlle zur Verfgung steht. Nun
fragen Sie aber, ob in dieser Verfgung ber die Ersparnisse der
Gesamtheit zu Gunsten der Kapitalbedrftigen kein Unrecht liege? Ob das
nicht Kommunismus sei? Und zugeben will ich, da hier die Sache nicht so
einfach liegt, wie bei Unternehmergewinn und Grundrente. Der Kapitalzins
wird nmlich fr eine wirkliche greifbare Leistung entrichtet, die sich
von derjenigen des Arbeitgebers und Grundrentners sehr wesentlich
unterscheidet. Whrend nmlich die wirtschaftliche Leistung der beiden
Letzteren in nichts anderem, als in der Geltendmachung eines
Herrschaftsverhltnisses besteht, welches berflssig wird in dem
Momente, wo sich die arbeitenden Massen aus erzwungen gehorchenden
Knechten in frei vergesellschaftete Mnner verwandelt haben, bietet der
Kapitalist dem Arbeiter ein Instrument, welches unter allen Umstnden
dessen Thtigkeit befruchtet. Und whrend ohne weiteres ersichtlich ist,
da mit der Etablierung der wirtschaftlichen Freiheit Arbeitgeber und
Grundrentner nicht blo berflssig, sondern geradezu gegenstandlos
werden, knnte bezglich des Kapitalisten, des Besitzers von
Ersparnissen, sogar behauptet werden, da gerade die freie Gesellschaft
in unendlich hherem Mae auf ihn angewiesen sei, als die geknechtete,
weil sie viel mehr Kapital verwenden knne und msse, als diese. Die zur
Aufbringung der Kapitalien dienenden Abgaben werden nun gleichmig auf
alle Produzenten verteilt; der Kapitalbedarf dagegen ist ein sehr
ungleicher; wie kamen wir nun dazu, aus den Abgaben von Leuten, die
vielleicht wenig Kapital brauchen, die Produktion anderer auszustatten,
die zufllig starken Kapitalbedarf haben? Welchen Vorteil boten wir
ersteren fr die ihnen aufgentigte Sparsamkeit?

Und doch liegt die Antwort nahe genug. _In der ausbeuterischen
Gesellschaft hat allerdings der Glubiger nicht den geringsten Vorteil
von der, kraft seiner Ersparnisse durch den Schuldner bewerkstelligten
Verbesserung der Produktion; in der auf socialer Freiheit und
Gerechtigkeit beruhenden dagegen genau den nmlichen wie dieser._ Wo --
wie bei uns -- jeder Produktionsvorteil sich gleichmig auf Alle
verteilen mu, erledigt sich die Frage nach dem Anteil des Sparers am
Nutzen seines Kapitals ganz von selbst. Der Maschinenschlosser oder
Weber, dessen Abgabe beispielsweise zur Anschaffung oder Vervollkommnung
landwirtschaftlicher Maschinen verwendet wird, hat davon -- bei uns --
genau den nmlichen Vorteil wie der betreffende Landwirt, denn Dank
unseren Institutionen bertrgt sich die in welcher Produktion immer
erzielte Ertragssteigerung mittelbar auf alle Produktionsorte und
Produktionsarten.

Sollte man aber fragen, mit welchem Rechte ein den Kommunismus
verwerfendes, auf freier Selbstbestimmung des Individuums gegrndetes
Gemeinwesen seine Mitglieder berhaupt zur Sparsamkeit zwingen knne, so
ist die Antwort, da solcher Zwang in Wahrheit gar nicht gebt wird. Die
Abgabe, aus welcher die Kapitalisation bestritten wird, zahlt doch
Jedermann nur nach Magabe seiner Arbeitsleistung. Zur Arbeit wird nun
Niemand gezwungen; so weit er aber thatschlich arbeitet, nimmt er ja
die Kapitalien selbst in Anspruch; es wird von ihm nur verlangt und zwar
genau proportional verlangt, was er selber gebraucht; der Gerechtigkeit
sowohl als dem Selbstbestimmungsrechte geschieht also in jedem Punkte
volles Genge.

Sie sehen, es gilt vom Kapitalzinse genau das nmliche, was bezglich
des Unternehmergewinnes und der Grundrente steht: die erlangte Fhigkeit
der Association enthebt den Arbeitenden der Notwendigkeit, unter welchem
Titel immer irgend einen Teil des Ertrages seiner Produktion an dritte
Personen abzutreten. Der Zins verschwindet ganz von selbst, wie Gewinn
und Rente, aus dem allein entscheidenden Grunde, weil der frei
vergesellschaftete Arbeiter sein eigener Kapitalist so gut, wie sein
eigener Arbeitgeber und Grundherr wird. Oder wenn man so will: _Zins,
Gewinn und Rente bleiben, sie verlieren nur ihr vom Arbeitslohne
losgelstes Sonderdasein; sie verschmelzen mit diesem zum einigen und
unteilbaren Arbeitsertrage._

Und damit gute Nacht fr heute.




                              19. Kapitel.


                                             Edenthal, den 11. August.

Die Mitteilungen und Aufklrungen des Direktors der freilndischen
Centralbank beschftigten meinen Vater und mich noch lange aufs
lebhafteste. Da dieser zu den Intimen des Ney'schen Hauses zhlende hohe
Funktionr fr den nchsten Tag dort speiste, so bewegte sich das
Tischgesprch um verwandte Themata. Zunchst wurde von meinem Vater die
Frage aufgeworfen, in welcher Weise das freilndische Gemeinwesen der
Gefahr von _Krisen_ begegnet, die seines Erachtens hier viel
verhngnisvoller sein mten als irgend anderwrts.

Krisen welcher Art immer -- war die Antwort -- mten allerdings den
ganzen Komplex der freilndischen Institutionen geradezu in die Luft
sprengen; aber sie sind hierzulande eben unmglich, die Quelle, aus
welcher sie anderwrts entspringen, ist verschttet. Denn die Ursache
aller Krisen, sie mgen nun Produktions- oder Kapitalkrisen heien,
liegt einzig in der berproduktion, d. h. in dem Miverhltnisse
zwischen Produktiv- und Konsumtionskraft und dieses Miverhltnis
existiert bei uns nicht. Allerdings behaupteten auch in der alten,
ausbeuterischen Welt die Nationalkonomen, es gebe gar keine wirkliche
berproduktion, d. h. keine allgemeine Unverwendbarkeit von Produkten,
denn, so fhrten sie aus, der Mensch arbeitet nur, sofern ihn irgend ein
Bedrfnis dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach
ausgeschlossen, da jemals mehr Gter erzeugt, als gebraucht werden
knnten. Das ist auch, unter einer Voraussetzung, auf die ich sofort zu
sprechen kommen werde, vollkommen richtig. Jedermann will das, was er
erzeugt, zur Deckung irgend eines Bedarfs gebrauchen; er will sein
Produkt entweder selber verwenden oder gegen das Erzeugnis eines anderen
Produzenten austauschen; was dieses andere Erzeugnis sei, ist
gleichgltig, irgend ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher
niemals die Frage sein, ob berhaupt, sondern allemal nur, welche Art
von Produkten gerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenproduktion
habe eine Verbesserung erfahren, so ist es allerdings mglich, da damit
der Weizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im
Verhltnisse der gebotenen Mglichkeit der Produktionssteigerung wachse,
denn da die Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch
von Weizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann
sollte, so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend
zunehmen, z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies
nur allemal rechtzeitig vorher wte und die Produktion darauf
einrichten knnte, so sollte es niemals eine Strung des
Tauschverhltnisses der einzelnen Gterarten geben. Also nicht aus einem
Zuviel von Produkten im allgemeinen, nicht aus einem Miverhltnisse
zwischen Produktivkraft und Verbrauch schlechthin, sondern aus
vorbergehenden Strungen des richtigen Verhltnisses zwischen den
einzelnen Produktionen erklrt die orthodoxe Doktrin die Krisen, indem
sie noch hinzufgt, da angesichts des in der ganzen Welt herrschenden
Elends von mangelndem Bedarf zu reden, geradezu widersinnig sei.

Bei dieser, im brigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette, ist
nur _Eines_ vergessen worden, nmlich die Grundeinrichtung der gesamten
ausbeuterischen Gesellschaft. Allerdings ist es ein grauenerregender
Widersinn, angesichts des grenzenlosen Elends von allgemein mangelndem
Bedarfe reden zu mssen; wo aber die ungeheure Majoritt der Menschen
kein Anrecht auf die Frchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieser
Widersinn eine frchterliche Bedeutung. Was ntzt es dem darbenden
Arbeiter, da er ganz vortreffliche und beraus dringende Verwendung fr
jene Produkte wte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihm
gehren? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte
Kulturmethoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die
landwirtschaftlichen Arbeiter wren, denen das Verfgungsrecht ber das
mehr erzeugte Getreide zustnde, so wrden sie allerdings mehr oder
feineres Brot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren;
mit einem anderen Teile wrden sie verstrkte Nachfrage nach Kleidern,
mit einem dritten Teile ebenso verstrkte Nachfrage nach Werkzeugen
hervorrufen, die ja notwendig wren, um das Mehr an Getreide und
Kleidungsstoffen zu erzeugen. Hier wrde es sich wirklich blo darum
handeln, das richtige Verhltnis zwischen Weizen-, Kleider- und
Werkzeugproduktion, welches durch eine, lediglich bei Weizen eintretende
Vermehrung allerdings gestrt wre, wieder herzustellen, und vermehrte
Produktion, gesteigerter Wohlstand fr Alle, wre nach vorbergehenden
Schwankungen die unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von
Weizenproduktion nicht den Arbeitern gehrt, da diese fr alle Flle nur
das zur Fristung ihres Lebens Erforderliche erhalten, so knnen sie
infolge des auf ihrem Produktionsgebiete eingetretenen Fortschritts
weder mehr Getreide, noch mehr Kleidungsstcke verbrauchen, und da dies
nicht der Fall ist, so kann auch kein verstrkter Bedarf nach Werkzeugen
zur Erzeugung von Weizen und Geweben entstehen.

Aber -- so wendete ich ein -- damit, da den Arbeitern der Mehrertrag
der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht
herrenlos; er gehrt den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen,
die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedrfnisses verwenden wollen;
die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals -- so
sollte man meinen -- wird es unmglich sein, da ein allgemeines
Miverhltnis zwischen Angebot und Nachfrage eintrte. Nur werden es
allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion
werfen mu, um das gestrte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige
herzustellen. Gehrte der Mehrertrag den Arbeitern, so wrde man mehr
Getreide, ordinre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen
Arbeitgebern gehrt, so wird sich die Nachfrage blo bei feinen
Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur
Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind.

Vortrefflich! mengte sich hier David in das Gesprch, nur da die
Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die berschsse, welche ihnen der
Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Mae zur Steigerung
ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach
kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion
anlegen wollen. Ja, unter Umstnden ist der Arbeitgeber, wie wir
gestern schon gehrt, gar kein Mensch, der menschliche Bedrfnisse
besitzt, sondern ein Popanz, der nichts geniet und alles
kapitalisiert.

Desto besser! meinte ich, desto rascher kann der Reichtum zunehmen,
denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und
diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.

Herrlich! rief David. Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum
nicht steigern knnen, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend
steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen
Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so bentzt man die
berschssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h.
mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide -- folglich bauen wir
neue Pflge; niemand braucht mehr Gewebe -- folglich errichten wir neue
Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des
Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin fhrt?

Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, da sich gegen dieses
ebenso einfache als berzeugende Raisonnement schlechterdings nichts
einwenden lie. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des
menschlichen Fleies und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der
sie in letzter Linie alle dienen, nmlich die bessere Befriedigung
irgendwelcher menschlicher Bedrfnisse, abschneidet und sich dann
wundert, da dieselben nicht verwendet werden knnen, ist thatschlich
an der Grenze des Bldsinns angelangt. Und da die Dinge bei uns in
Europa und Amerika wirklich so liegen, mu schlielich jedermann
einleuchten.

Aber was geschieht -- um des Himmels willen -- mit der solcherart bei
uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft? fragte ich weiter. Wir
sind der Hauptsache nach in Knsten, Wissenschaften und technischen
Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich mu also
glauben, da wir, besen wir nur Verwendung fr alle Ertrge unserer
Produktion, so reich, oder doch annhernd so reich sein knnten, wie
Ihr. Nun besitzen wir aber thatschlich lange nicht den zehnten Teil
Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefhr doppelt so
angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles
arbeitet, whrend es bei uns einige Mssiggnger gibt, die lediglich von
fremder Arbeit leben, so fllt dies doch angesichts des Umstandes, da
unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darber ins Joch
gespannt sind, whrend hier durchschnittlich blo fnf Stunden lang
gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche
Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird
berreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht
kennt; wo also -- ich wiederhole es -- liegt der unermeliche
Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkrfte?

In der _Ausrstung_ der Arbeitskrfte, war die Antwort. Wir
Freilnder arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu
alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, whrend
Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermgt.
Alle Erfindungen und Entdeckungen der groen Geister der Menschheit sind
Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie
nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genu
jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene
Erfindung einzig dienen -- nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht,
oder doch nur entsprechend jenem geringen Mae, in welchem Eure
Einrichtungen Euch den Genu zumessen.

Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines
Systems, das als hchsten Ausflu ewiger Weisheit zu verehren er von
jeher gewhnt gewesen, aufs tiefste erschttert. Unglaublich!
Schrecklich! murmelte er, nur mir verstndlich.

Herr Clark aber fuhr fort: Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog.
klassischen konomie, da ein allgemeines Zuviel an Produkten unmglich
sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich
Konsum und Produktivitt thatschlich aufs vollkommenste. Hier knnte es
also wirklich blo geschehen, da vorbergehend zu viel von _einzelnen_
Dingen erzeugt, d. h. da das Gleichgewicht der verschiedenen
Produktionsarten zeitweilig gestrt wrde. Doch auch diese, an sich
geringfgige Gefahr brauchen wir nicht zu frchten. Der durch unsere
Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller
Produktionsinteressen gewhrleistet von vornherein das Gleichgewicht
aller Produktionsertrge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige
groe Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhngig
von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch
zusammenhngen, im Ertrage ihrer Arbeit nmlich. Gerade weil jedermann
arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem
einen Zwecke der Erzielung mglichst hohen Nutzens zusammenluft, so ist
es, von vorbergehenden nebenschlichen Irrungen abgesehen, anders gar
nicht mglich, als da der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen berall
der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem _einen_
Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen
war, kam es vor, da ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst
nachtrglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wuten oft
erst nach Abschlu der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient
hatten. Das ist ein lngst berwundenes Stadium der Kindheit; heute wei
jeder Freilnder bis auf geringfgige, durch unvorhergesehene kleinere
Zuflle herbeigefhrte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen
nicht blo verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in
nchster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis
Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er
sorgt dafr, da Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik
jederzeit mit untrglicher Sicherheit angibt, was in jedem
Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als
dessen Einflu auf die Preise berall aus sorgfltiger Beobachtung
frherer Jahre genau bekannt ist, so lt sich die Rentabilitt nicht
blo jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so
verllich vorherberechnen, da namhaftere Irrtmer nur im Falle
elementarer Katastrophen mglich sind. Ereignen sich solche, nun dann
greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im brigen
giebt es hierzulande nicht blo keine Krisen, sondern nicht einmal
sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen.
Unser statistisches Amt verffentlicht ununterbrochen genaue
Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nchster
Zukunft Bedarf, wo berflu an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen
Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das gengt, von
hchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des
Gleichgewichts der Ertrge. Da da oder dort ein neueingerichtetes
Etablissement verunglckt, kommt manchmal, insbesondere bei der
Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglcken darf man sich nicht etwa
als Bankerott vorstellen -- wie sollen Unternehmer bankerottieren, die
weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben
und denen fr alle Flle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt -- sondern
schlimmstenfalls als getuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz
besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den
vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe -- was
kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres
Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein
Delcredere einheben, es wrde kaum Tausendteile eines Prozents betragen
und wre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.

Und stren auswrtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen
Gleichgang Ihrer freilndischen Produktion? Werden Ihre Mrkte nicht
durch auslndische berproduktion mit Waren berflutet, fr die
entsprechende Verwendung fehlt? fragte ich.

Da die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen
Produktionsverhltnisse so hufig eintretenden heftigen
Preisschwankungen der Welthandelsgter nicht auch fr uns mit
empfindlichen Unannehmlichkeiten verknpft wren, kann allerdings nicht
behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft gentigt, einzelne
Produktionen einzuschrnken und die damit frei werdenden Arbeitskrfte
anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne da ein wirklicher Wechsel in
den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhltnissen dies begrnden
wrde. Thatschlich sind diese fremden, pltzlichen und unberechenbaren
Einflsse bisweilen Schuld daran, da zur Erhaltung des Gleichgewichts
der Ertrge wirkliche Auswanderung von Arbeitskrften aus einer
Produktion in die andere notwendig wird, whrend zu Ausgleichung der aus
natrlichen Grnden eintretenden Verschiebungen des Angebots und der
Nachfrage fast immer die planmige Zu- oder Ableitung des
Arbeiternachwuchses gengt. Eine tiefergehende Erschtterung unserer
Erwerbsverhltnisse aber vermgen auch diese sprunghaften auslndischen
Ereignisse nicht herbeizufhren. Gleichwie es unmglich ist, eine
Flssigkeit, die jedem Drucke oder Stoe nachgibt und ausweicht, aus dem
Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen
ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren.
In unntze, strende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die
natrliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichma aller Verhltnisse
wieder her.

Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu
begleiten, wo heute das Fachparlament fr ffentliche Arbeiten eine
Nachtsitzung halten werde, um ber ein von ihm vorgelegtes groes
Kanalprojekt sich schlssig zu machen. Er glaube, da der Gegenstand
auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an.

Das Fachparlament fr ffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern;
die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war,
erklrte, Direktoren groer Associationen, insbesondere der das
Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer
Hochschulen und andere Fachmnner in demselben. Laien, die von
ffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Krperschaft
nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, da dieselbe die Blte
und Quintessenz des technischen Wissens und Knnens von ganz Freiland in
sich schliet.

Das Projekt, welches gegenwrtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der
Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal,
Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren
der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich
bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer fr
Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstrae vom Tanganika ber den
Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das
Mittellndische Meer einerseits und von der Kongomndung den Kongo
aufwrts ber den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Bentzung
einiger kleinerer Strme ber den Baringosee an den Unterlauf des Dana
und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege,
deren einer die groen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere,
der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem
indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe
erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete -- dem des
Kongostaates und gyptens -- durchgefhrt werden mute, so waren
Vertrge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle
notwendigen Rechte einrumten. Die Bereitwilligkeit der fremden
Regierungen, auf die Wnsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird
man begreiflich finden, wenn man erwgt, da Freiland keinerlei Gebhr
fr die Benutzung seiner Kanle einzuheben, den Nachbarn also ein freies
Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im
Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des
Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem
Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung bergeben werden
sollte. Die englische Regierung, welcher der grte Teil der Kanalaktien
gehrte, war den Freilndern mit weitgehender Liberalitt
entgegengekommen; sie berlie ihnen ihre Aktien zu einem sehr migen
Preise, so da diese es nur mit den kleineren Aktionren zu thun hatten,
welche allerdings die Situation weidlich auszuntzen verstanden. Die
britische Regierung verlangte Sicherheit fr die unantastbare
Neutralitt des Kanals und frderte im brigen das Unternehmen nach
Krften.

Die prliminierten Kosten waren die folgenden:

   Sd-Nordkanal (Gesamtlnge 6250 Kilometer)   385  Mill. Pfund,
   Ost-Westkanal (Gesamtlnge 5460 Kilometer)   412  Mill. Pfund,
   Suez-Kanal (fr Ankauf und Erweiterung)      280  Mill. Pfund.
   Zusammen                                    1077  Mill. Pfund.

Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so da im
Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den
bisherigen Erfahrungen glaubte die freilndische Verwaltung darauf
rechnen zu drfen, da die jhrlichen Gesamteinknfte des Landes sich im
Laufe der nchsten sechs Jahre von 7 Milliarden -- ihrem vorjhrigen
Stande -- successive auf mindestens 10 Milliarden steigern und 8
Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen wrden; der
Bauaufwand beanspruchte also blo 2-1/8 Prozent des zu erwartenden
Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne da eine Erhhung der
auf dieses Einkommen gelegten ffentlichen Abgaben ber ihr
normales Ma erforderlich gewesen wre. Dem Kostenvoranschlage
waren die detaillierten Bauplne beigelegt, desgleichen eine
Rentabilittsberechnung, nach welcher die Kanle schon im ersten Jahre
ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis
von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und
unter Bercksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefhr
30 Jahren sich bezahlt machen wrden; auerdem aber sollten diese
knstlichen Wasserstraen teilweise auch als Be- und Entwsserungskanle
dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund
im Jahresdurchschnitte berechnet, so da die Kosten der smtlichen
Anlagen binnen lngstens 14 Jahren getilgt sein muten, wobei berall
blo der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit
eingerumte Nutzen in Rechnung gestellt war.

Da die smtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Hnden des
Fachparlamentes und von diesem sorgfltig studiert worden waren, so ging
dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller
Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich
der Hauptsache nach blo um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht mglich
wre, die Bauzeit zu verkrzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls
tracierte und mit allen Detailplnen vorgelegte Alternativlinie der von
der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wre. In ersterer Beziehung
stellte sich heraus, da durch ein von gewiegten Fachmnnern
vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatschlich ein halbes
Jahr Bauzeit erspart werden knnte; es wurde also beschlossen, dem
entsprechend vorzugehen; bezglich der zu whlenden Trace dagegen
entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend
gemachten Grnde einstimmig fr den Plan der Centralverwaltung. Die
ganze Debatte whrte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte
die Verwaltung die Ermchtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas
mehr als die Anlagekosten smtlicher Kanle der brigen civilisierten
Welt betragen, binnen 5 Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit
Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren,
aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade sdlich vom quator eindringen
und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebhrenfrei und ohne jeden
Aufenthalt zurcklegen knnten.

Ich war von all dem geradezu konsterniert. Wenn ich mir nicht
vorgenommen htte, das Wort >unmglich< hier aus meinem Wrtervorrate zu
streichen, so wrde ich es jetzt anwenden, meinte ich auf dem Heimwege
Herrn Ney gegenber. Bemerken will ich noch, da in den freilndischen
Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt
werden, so da ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur
Annahme gelangten Projektes oberflchlich einzusehen. Du weit, da ich
von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den
Plnen zu entnehmen, da die beiden Binnenschiffahrtkanle mehrere
Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun
zufllig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei
unseren Ausflgen erst krzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner
Schtzung nach mindestens 500 Meter ber die Kanalsohle; ich fragte nun
Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege fr
Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwrts klimmen wolle; das
sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausfhrbar.

Natrlich! gab dieser lchelnd zu. Wenn Sie jedoch die Detailplne
genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, da wir solche
Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleuen _bersteigen_,
sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnels _unterfahren_.

Jetzt blickte ich ihn aber erst recht unglubig an und auch mein Vater
machte ein nicht minder erstauntes Gesicht.

Was finden Sie daran gar so merkwrdiges, meine werten Gste? Warum
soll bei Kanlen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer
noch viel leichter _ber_ Berg und Thal zu fhren wren, schon so lange
und in so ausgedehntem Mae gebt wird? fragte Herr Ney. Unsere
Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber
beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit,
ersparen, so sind sie fr unsere Verhltnisse beraus praktisch. Zudem
hatten wir ja in zahlreichen Fllen keine andere Wahl, als die Kanle
fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie
sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser grter
Durchbruch -- er verknpft das Flugebiet des Ukerewe mit dem des
Indischen Oceans -- geht in einer Lnge von 17 Kilometern 1200 Meter
unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen
Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind
brigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es -- wie
Sie wissen -- einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen
deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur
knnen sie sich allerdings weder an Lngenentwicklung noch an
Mchtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen groe Oceanfahrer --
mit zurckgelegten Masten natrlich -- durch die Eingeweide ganzer
Gebirgszge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber
bedenken Sie doch, da jede Stunde Zeitgewinn eines freilndischen
Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an
Wert gewinnt.

Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich mchte
fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert
wurde, als handle es sich um die nchstbeste Kleinigkeit, meinte mein
Vater. Ich will der Ehrenhaftigkeit smtlicher Mitglieder Ihres
Fachparlamentes fr ffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber
verschweigen kann ich nicht, da mir die ganze Versammlung den Eindruck
machte, als versprche sie sich den grten persnlichen Vorteil aus der
mglichst raschen und groartigen Durchfhrung des Werkes.

Dieser Eindruck war auch ganz der richtige, gab Herr Ney zur Antwort.
Doch bitte ich hinzuzufgen, da jeder Bewohner Freilands genau den
nmlichen persnlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses
Kanalprojekts ziehen mu und wird. Nur weil dem so ist, weil bei uns
jene Solidaritt der Interessen Wahrheit ist, von welcher man auerhalb
Freilands flschlich spricht, nur deshalb knnen wir so ungeheure Summen
fr jede Anlage ausgeben, von welcher nachzuweisen ist, da ihr Nutzen
den Kostenaufwand berragt. Wird bei Ihnen ein Kanal gebaut, der die
Ertragsfhigkeit weiter Landstrecken erhht, so dociert Ihre
Schulkonomie zwar auch, da er den Wohlstand Aller befrdere; richtig
ist dies aber nur fr die Besitzer der betreffenden Grundstcke, whrend
den groen Massen der Bevlkerung solch ein Kanal nicht das geringste
ntzt, den Besitzern anderer, konkurrierender Grundstcke vielleicht
geradezu schadet. Die Ermigung der Getreidepreise -- so behaupten Ihre
Staatswirte -- komme den nichtbesitzenden Massen zu statten; sie
vergessen dabei die Kleinigkeit, da der >Arbeitslohn< sich auf die
Dauer nicht zu behaupten pflegt, wenn die Getreidepreise sinken. Dem
steht allerdings als Trost auf der andren Seite gegenber, da die
nichtbesitzenden Massen auch durch die Abgabenerhhung, welche solche
ffentliche Bauten beanspruchen, nicht dauernd geschdigt werden knnen;
denn wer nicht mehr Lohn bezieht, als zur Lebensfristung notwendig ist,
dem kann auf die Dauer auch nicht viel entzogen werden; ihm auferlegte
Abgaben mssen also in letzter Linie auf den Arbeitgeber oder den
Consumenten abgewlzt werden. Der Streit um solche Anlagen ist daher bei
Ihnen zu Hause ein Interessenkonflikt, einzelner Grundeigentmer und
Arbeitgeber, von denen ein Teil gewinnt, whrend andere leer ausgehen
oder geradezu geschdigt werden. Bei uns dagegen ist jedermann
gleichmig nach Magabe seiner Arbeitsleistung am Nutzen
fruchtbringender Investitionen interessiert, und da ebenso jedermann
gleichmig nach Magabe seiner Arbeitsleistungen zur Kostendeckung
herangezogen wird, so ist hier ein Interessenkonflikt, oder auch nur
eine Unverhltnismigkeit des Vorteils schlechterdings ausgeschlossen.
7 Millionen Hektaren Landes werden durch die neuen Kanle aus Smpfen in
fruchtbaren Ackerboden verwandelt werden; wer wird den Vorteil davon
haben, wenn dieser jungfruliche, dicht an so vortrefflicher
Wasserstrae gelegene Boden um etliche Pfd. Sterling pro Hektar jhrlich
mehr trgt, als anderer? Nun offenbar jedermann in Freiland und zwar
jedermann gleichmig, er mag Landbauer, Industrieller, Professor oder
Beamter sein. Wer zieht Gewinn aus der Ermigung der Frachten? Etwa
blo die Associationen und Arbeiter, welche die neuen Wasserstraen zum
Transporte thatschlich benutzen? Keineswegs; denn jeden Vorteil,
welchen sie solcherart erlangen, mssen sie, Dank der unbeschrnkten
Beweglichkeit unserer Arbeitskrfte, mit jedermann in ganz Freiland
teilen. Wir berlassen daher mit der grten Seelenruhe die Entscheidung
ber derlei Fragen jenen, die dabei am unmittelbarsten interessiert
sind. Diese wissen am besten, was ihnen ntzt, und da ihr Nutzen sich
vollkommen mit jedermanns Nutzen deckt, so steht ihnen jedermanns, d. h.
des Gemeinwesens, Kasse so weit und frei geffnet, wie nur immer ihre
eigene. Mgen sie nur hineingreifen -- je tiefer, desto besser! Wir
haben nicht zu untersuchen, _wem_ die Investition ntzt, sondern blo,
_ob_ sie berhaupt ntzlich ist, d. h. Arbeitskraft erspart.

Wunderbar, aber wahr! mute mein Vater zugeben. Da dem aber so ist,
da hierzulande wirklich die vollkommenste Interessensolidaritt besteht,
so ist mir hinwieder unerklrlich, warum sie die Rckzahlung jener
Kapitalien verlangen, die das Gemeinwesen den einzelnen Associationen
vorstreckt.

Weil das Gegenteil der Kommunismus mit allen seinen unvermeidlichen
Konsequenzen wre, war die Antwort. Der eventuelle Vorteil aus
derartiger unentgeltlicher Kapitalzuwendung kme zwar auch hier Allen
gleichmig zugute, wer aber knnte in diesem Falle dafr einstehen,
_ob_ solche Kapitalanlagen vorteilhaft oder schdlich wren. Denn
vorteilhaft ist eine Kapitalanlage doch nur in dem Falle, wenn mit deren
Hilfe mehr Arbeit erspart wird, als die Herstellung der Kapitalien
selber kostet. Eine Maschine, die mehr Arbeit fordert, als hereinbringt,
ist schdlich. Derzeit nun sind wir gegen solche Vergeudung, zum
mindesten gegen absichtliche Vergeudung von Kapitalien gesichert. Das
Gemeinwesen sowohl, als die Einzelnen knnen sich in ihren Berechnungen
tuschen, sie knnen eine Anlage fr rentabel halten, die sich
nachtrglich als unrentabel erweist, d. h. die auf ihre Herstellung
verwendete Arbeit nicht hereinbringt; die _Absicht_ bei allen Anlagen
jedoch kann immer nur auf Kraftersparnisse gerichtet sein, denn das
Gemeinwesen sowohl als die Einzelnen mssen ein jeder seine Anlagen
bezahlen. Wenn aber das Gemeinwesen auch fr die Kapitalanlagen der
Einzelnen, respektive der Associationen, aufzukommen htte, dann lge
fr die einzelne Association kein Grund vor, nicht auch solche
Einrichtungen zu fordern, die weniger Kraft ersparen, als zu ihrer
Herstellung beanspruchen; die notwendige Ergnzung dieser Liberalitt
des Gemeinwesens wre daher, da sich dieses ein Recht der berwachung
und Bevormundung den Kapitalbedrftigen gegenber herausnhme, welches
mit Freiheit und Fortschritt unvereinbar wre. Alles Gefhl der
Selbstverantwortung ginge verloren, das Gemeinwesen mte sich in
Verhltnisse mengen, denen es nicht gewachsen ist, und Verluste wren
trotz aller beengenden Willkr von Oben unvermeidlich.

Das ist wieder so einleuchtend und einfach, als nur immer mglich,
meinte mein Vater. Ich erbitte mir aber fr einen ferneren Punkt nhere
Erklrung. Kraft der bei Ihnen herrschenden Interessensolidaritt nimmt
jedermann an den Vorteilen aller wo immer eintretenden Verbesserungen
teil; dies geschieht in der Weise, da jedermann das Recht hat, einen
minderergiebigen Produktionszweig oder Produktionsort mit einem sich
ergiebiger erweisenden zu vertauschen. Welches Interesse hat also der
_einzelne_ Produzent, respektive die _einzelne_ Association,
Verbesserungen einzufhren, da es doch viel einfacher, bequemer und
gefahrloser erscheinen mu, Andere vorangehen zu lassen und sich ihnen
erst anzuschlieen, wenn der Erfolg gesichert ist? Nun sehe ich aber,
da es ihren Associationen an Regsamkeit und Unternehmungsgeist
keineswegs fehlt; wie erklrt sich dies? was veranlat Ihre Produzenten,
sich Gefahren -- sie mgen noch so gering sein -- auszusetzen, wenn der
damit erreichte Gewinn so rasch mit aller Welt geteilt werden mu?

Sie bersehen erstlich, entgegnete Herr Ney, da die Hhe des zu
erzielenden Gewinnes denn doch nicht der alleinige Beweggrund ist, von
welchem sich arbeitende Menschen, insbesondere aber unsere
freilndischen Arbeiter, leiten lassen. Der Ehrgeiz, das Etablissement,
an welchem man beteiligt ist, an der Spitze und nicht im Nachtrabe aller
anderen einherschreiten zu sehen, darf bei intelligenten, von starkem
Gemeingeiste beseelten Menschen nicht eben unterschtzt werden. Aber
abgesehen davon, bitte ich Sie zu bedenken, da die an den Associationen
Beteiligten auch sehr lebhafte _materielle_ Interessen am Gedeihen
gerade ihrer speciellen Unternehmung haben. Freilndische Arbeiter
besitzen ausnahmslos recht behagliche, ja luxurise Heimsttten --
naturgem meist in der Nhe der von ihnen gewhlten Arbeitssttten; sie
sind in Gefahr, dieselben verlassen zu mssen, falls ihr Unternehmen
sich nicht auf gleicher Hhe mit anderen erhlt. Zum zweiten genieen
die lteren, d. h. durch lngere Zeit bei einem Unternehmen beteiligten
Arbeiter ein stetig wachsendes Prcipium; ihre Arbeitszeit wird ihnen um
einige Prozente hher angerechnet, als den Neueintretenden.
Die Mitglieder jeder Association mssen also trotz aller
Interessensolidaritt sehr lebhaft darauf bedacht sein, da ihr
Etablissement nicht berflgelt werde, und da das Risiko neuer
Verbesserungen ein verschwindend geringes ist, so regt sich der
Erfindungs- und Unternehmungsgeist nirgends in der Welt so khn und
mchtig, wie bei uns. Die Associationen wetteifern aufs lebhafteste um
den Vorrang, nur da dies allerdings ein friedlicher Wettbewerb, kein
ingrimmiger, auf gegenseitige Schdigung abzielender Konkurrenzkampf
ist.

Es war inzwischen sehr spt geworden; mein Vater und ich htten
allerdings gerne noch lngere Zeit den hochinteressanten Aufklrungen
unseres freundlichen Wirtes gelauscht; doch wir durften die
Liebenswrdigkeit unserer Gastfreunde nicht mibrauchen und so trennten
wir uns -- was mir denn auch Anla giebt, von Dir, mein Luigi, fr heute
Abschied zu nehmen.




                              20. Kapitel.


                                             Edenthal, den 16. August.

Du uerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darber, da
unser Gastfreund aus seinem blo 1440 Pfund betragenden Gehalte als
Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu
fhren, eine elegante Villa mit zwlf Wohnrumen zu bewohnen, feine
Kche zu fhren, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu
treiben vermge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gnnen
drfen. Die Erklrung liegt darin, da Dank der wunderbaren Organisation
von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja
zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld
verschlingen, den freilndischen Haushalt berhaupt nicht belasten, da
sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung
schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So
erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und
Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen
frheren Briefen entnommen haben kannst, das freilndische Gemeinwesen
den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich
ebenfalls schon erwhnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen,
Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer
Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser
dagegen lt sich die freilndische Verwaltung die Selbstkosten
ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, da beinahe jede
freilndische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen
wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschnheiten
des eigenen Landes gelten, teils auch -- dies jedoch seltener -- bis ins
entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freilnder nimmt alljhrlich
mindestens sechs, bisweilen aber auch zehn Wochen Urlaub von allen
Geschften und sucht whrend dieser Zeit Erholung, Vergngen und
Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des
Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie
an den Gestaden der smtlichen groen Seen wimmelt es mit Ausnahme der
beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden,
rudernden und segelnden Mnnern, Frauen und Kindern, die in vollen Zgen
jegliche Lust des Reisens genieen.

berhaupt gehrt sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren
Schnheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freilnder. Sie
sind eben allesamt Eigentmer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen
an diesem ihrem kstlichsten Eigentum tritt berall zu Tage. So halte
ich es z. B. fr bezeichnend, da nirgend in Freiland Bche und Flsse
durch Abfallwsser vergiftet, nirgend malerische Berghnge durch wahllos
angebrachte Steinbrche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen
die landschaftliche Schnheit zu rgen ist. Warum auch sollten diese
selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen -- die sie
zudem sehr bald mit aller Welt teilen mten -- sich selber eines so
wesentlichen Genusses berauben, wie es eine mglichst gesunde und schne
Landschaft ist? Natrlich kommt diese verstndige Pflege aller
landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind
Straen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prchtiger Palmen
eingesumt, deren schlanke astlose Stmme nirgend die Aussicht
behindern, whrend ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewhren.
Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim
Reisen hier unter dem quator von Hitze und Staub weit weniger zu
leiden, als im gemigten Europa, wo whrend der Sommermonate eine
mehrstndige Eisenbahn- oder Wagenfahrt hufig zur Tortur wird. An allen
schn und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den
gewaltigsten Mitteln arbeitenden Htel- und Vergngungsassociationen
sowohl riesige Gasthfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen
die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack fr
Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden
oder allein in lndlicher Zurckgezogenheit Unterkunft und allen
erdenklichen Comfort finden.

Wunderst Du Dich schon ber den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du
erst sagen, wenn ich Dir erzhle, da hierzulande dem Wesen nach jeder
einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben
einige Wohnrume weniger, die Mbel sind einfacher, statt eigene
Reitpferde in den Stllen der Transportassociation zu halten, werden
Mietpferde bentzt, auf Kunstgegenstnde, Bcher und zu wohlthtigen
Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze
Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewhnlicher
Werkfhrer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehrt samt seiner
reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon
einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten
7 Wohnrume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die Ziehtchter
fehlen -- nebenbei bemerkt -- in seinem Hause nicht, denn auch seine
Gattin geniet -- und, wie ich hinzufgen will, nicht mit Unrecht -- den
Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die
Ziehtchter suchen, wie Du weit, nicht das groe Haus, sondern die
bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, da
solch ein Phnix von Frau Gattin eines gewhnlichen Fabrikarbeiters ist,
so bedenke, da freilndische Arbeiter etwas anderes sind, als
europische. Gediegene Mittelschulbildung geniet hier alle Welt, und
da ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder
dergl. wird, hat darin seinen Grund, da er eben keinerlei
_hervorragende_ geistige Fhigkeiten in sich entdeckt oder vermutet.
Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig
hervorragend Befhigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der
Minderbefhigte angesichts der Konkurrenz _aller_ wirklich Befhigten
unmglich aufzukommen vermag. Bei uns da drauen, wo nur eine
verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat,
gewhrt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den
Dummkpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen knnen
eben nicht alle talentiert sein -- so wenig als die Armen alle es sind;
da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern -- von
Ausnahmen, die ja berall vorkommen, mu dabei natrlich abgesehen
werden -- blo aus der kleinen Menge von Shnen reicher Familien decken,
so kommen bei uns -- gnstig gerechnet -- auf je einen fhigen
Studierenden zehn Unfhige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem
einen Fhigen natrlich nicht den ganzen Bedarf decken knnen, hchstens
die zwei oder drei Allerdmmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo
Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverstndlich
unendlich mehr befhigte Studierende, folglich brauchen die Freilnder
bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als
wir. Ihre Tchtigsten sind nicht notwendig tchtiger, als die unsrigen,
aber unsere Unfhigsten -- unter den Studierenden -- sind viel, viel
unfhiger, als ihre berhaupt noch mglichen Unfhigsten. Was bei uns
noch mittelgut wre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z.
B. htte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner Leuchte
der Wissenschaft oder Zierde des Barreau gebracht, doch ein ganz
annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wre er immerhin
geworden. Hier aber mute er -- nach absolvierten Mittelschulen --
gewissenhafter mit seinen geistigen Fhigkeiten zu Rate zu gehen und
gelangte dabei zu dem Resultate, da es ersprielicher fr ihn sei, ein
tchtiger Fabrikwerkfhrer, als ein mittelmiger Lehrer oder Beamter zu
werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger -- vielleicht
allzustrenger -- Selbstprfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich
zu degradieren, denn in Freiland schndet Handarbeit wirklich nicht, zum
Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird,
jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lgen ist, mit denen
wir uns selber hinters Licht zu fhren versuchen. Arbeit ist bei uns --
trotz aller demokratischen Redensarten -- ganz im Allgemeinen eine
Schande, denn der Arbeitende ist ein hriger Mann, ein ausgebeuteter
Knecht, er hat einen Herrn ber sich, der ihn kommandiert, fr sich
ausntzt gleich dem arbeitenden Tiere -- keine Moraltheorie der Welt
wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das
anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du blo einmal gesellige
Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur
der Sache, da Personen des gleichen Interessenkreises sich zunchst
aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefat
werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung
verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wre. Das
allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den
erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so
verbreitet, da Gelehrte, Knstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten
geistigen und gemtlichen Berhrungspunkte auch mit Fabrik- oder
Feldarbeitern finden.

Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und
Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchfhren lt. Der
Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen
Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter
den Handarbeitern ungezhlte Tausende, die ursprnglich einen anderen
Beruf gewhlt und die fr diesen erforderlichen hheren Studien
absolviert hatten, dann aber -- sei es, weil ihre geistigen Fhigkeiten
sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre
Geschmacksrichtung wechselte -- die Feder mit dem Werkzeug vertauschten.
So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre
hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt
niedergelegt und sich der Grtnerei gewidmet, weil er fand, da dieser
ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie
abziehe, als die rztliche Thtigkeit. Um sich als Astronom zu ernhren,
dazu reichten seine Kenntnisse und Fhigkeiten nicht aus, und da ihm
einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu pltzlich
des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor,
seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des
Nachts ungestrt seinen lieben Sternen nachzuspren. Ein anderer Mann,
den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrire als Bankbeamter
mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die
sitzende Thtigkeit nicht behagte; er wre wiederholt schon von den
Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewhlt worden, lehnte
aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht
berwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr gro, die
irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein
verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegen _ausschlieliche_
Kopfarbeit, da sich die smtlichen hheren Berufe, ja sogar die
ffentlichen mter darauf einrichten muten, ihren Angehrigen
zeitweilig krperliche Berufsthtigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und
Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die
Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das
Recht, auer den der Erholung gegnnten zweimonatlichen Ferien auch noch
beliebigen Urlaub von lngerer oder krzerer Dauer zu verlangen und die
Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthtigkeit auszufllen.
Natrlich wird diese auerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug
gebracht, was jedoch die weitaus grere Hlfte all' dieser
Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren
je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer,
Grtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthtigkeit zu
erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet
jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare-
oder Baringo-Distrikts; er hat -- wie er mir erzhlte -- bis jetzt den
Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen
und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von
Elmeteita.

Angesichts dieser allgemeinen und durchgngigen wechselseitigen
Durchdringung von gewhnlichster krperlicher und hchster geistiger
Thtigkeit kann selbstverstndlich von irgendwelchen Standes- oder
Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind
gerade so geachtete, selbstbewute Gentlemen, wie die Gelehrten,
Knstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon
als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die
Geistesrichtungen harmonieren.

Insbesondere aber sind die Frauen -- anderwrts die hauptschlichen
Vertreterinnen aristokratischer Absonderung -- hierzulande Frderinnen
vollstndiger Verschmelzung aller Bevlkerungsschichten. Die
freilndische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe
ethischer und geistiger Bildung. Losgelst von jeglicher materiellen
Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr
Verstndnis fr alles Gute und Erhabene zu schrfen. Da sie sich der
entwrdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernhrer zu
suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der
ueren Lebensstellung des Mannes abhngig ist, so fehlt ihr jener
exklusive Hochmut, der berall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzge
fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stnde bei uns daheim
meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glcke minder
begnstigten Schwestern gegenber, weil sie des instinktiven Gefhls
nicht ledig werden, da diese sehr gut ihren Platz ausfllen und sie
selber mitunter in deren dienende Stelle passen wrden, wenn sie die
Ehegatten vertauscht htten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die
europische Dame wirklich hheren ethischen und geistigen Wert
besitzt, so mu sie sich doch sagen, da ihre Stellung im Urteile der
Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und
Stellung des Mannes abhnge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut
jede Andere auf den erborgten Thron htte setzen knnen. Schopenhauer
hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche
Gewerbe: die Mnnerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu
Grunde liegt. Nur vergit er hinzuzufgen, oder vielmehr er wei wohl
selber nicht, da dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem
Spotte gegeielte Gewerbe mit all seinen hlichen Folgebeln ihnen
durch ihre Rechtlosigkeit aufgentigt und keineswegs mit ihrer Natur
untrennbar verknpft ist.

Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der
hchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf uere
Lebensverhltnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten
hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begrnden knnten, sie
wrden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange
lediglich von persnlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die
geistreichste, liebenswrdigste Frau ist es, deren Freundschaft von
ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte
einnehmen mag. Du begreifst also, da Frau Moro ihren Mann whlen
konnte, ohne sich in der hiesigen Gesellschaft das Geringste zu
vergeben.

Da wir gerade mit diesem Thema beschftigt sind, la mich die
Gelegenheit bentzen, einige Worte ber das Wesen der hiesigen
Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist beraus lebhaft; die bekannten
Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in
denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird.
Soweit wre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentmlichen, dem
Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhlt diese
Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton hchster Freiheit im
Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie
einigemale gekostet, drstete ich frmlich nach den Freuden dieser
Zusammenknfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu knnen ber die
Natur des Zaubers, den sie auf mich bten. Schlielich bin ich zu der
berzeugung gelangt, da es in erster Linie jene Atmosphre wahrer
Menschenliebe sein msse, die in Freiland alles umfngt, was hier den
geselligen Verkehr zu einem so genureichen gestaltet.

Europische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als
Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belgt; Zusammenknfte
von Feinden, die das Bse, das sie sich gegenseitig wnschen, unter
hflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen
ernstlich zu tuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen
Gesellschaft anders gar nicht mglich, denn in dieser ist
Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidaritt eine hchst
seltene und blo zufllige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu
lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren bung ein nicht gerade
alltgliches Ma von Selbstverleugnung gehrt, und Jedermann wei daher,
da neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in
bitterem Hasse ber einander herfallen wrden, wenn die angeborene und
anerzogene Dressur der wohlanstndigen Sitte sie auch nur einen Moment
im Stiche liee. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein
Gefhl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag,
welche in den Menagerien zum Ergtzen des schaulustigen Publikums in
einen gemeinsamen Kfig gesperrt, sich wohl oder bel miteinander
vertragen mssen. Der Unterschied liegt blo darin, da die Dressur von
uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wlfen, Bren und Hynen
vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese
umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust
sichtlich nur mhsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des
Tierbndigers unterdrckend; whrend wir den im Herzen lauernden bsen
Willen hchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tckisches
Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit
verraten. Ja, so mchtig ist die Dressur von uns zweibeinigen
Raubtieren, da wir uns durch dieselbe zeitweilig selber tuschen
lassen; die Hyne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt,
ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenber sei ehrlich gemeint, und
wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich
eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben
nur vorbergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird
man der Empfindung nicht ledig, sich unter natrlichen Feinden zu
befinden, die nur uerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber
an die Kehle zu springen. Die Freilnder dagegen sehen sich unter
wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben
einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder bervorteilen,
noch gegenseitig ausntzen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen
statt, aber dieser kann das Gefhl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht
beeintrchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten
gute Frchte trgt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches
Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in
Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen
Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz
verleiht.

Doch jetzt la mich fortfahren in meinen Berichten ber unsere hiesigen
Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten -- Betrunkenen. Wir -- d.
h. mein Vater und ich -- hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine
kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die
meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder
heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns
zukam und lallend nach einem der Gasthfe fragte. Es war sichtlich ein
erst krzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen
Schritte nach Hause allein zurckzulegen, nahm den Betrunkenen unter den
Arm und fhrte ihn nach seinem Gasthofe; ich schlo mich diesem
Liebeswerke an, whrend mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten,
fanden wir ihn im lebhaftesten Gesprche mit Frau Ney ber dieses kleine
Abenteuer. Denke nur, rief er mir zu, Madame behauptet, wir knnten
uns rhmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswrdigkeiten
begegnet zu sein; sie ihrerseits habe whrend der 25 Jahre ihres
Aufenthalts in Freiland blo drei Trunkene bemerkt, und sie sei
berzeugt, da Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in
seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit trnke! Ihr
Freilnder -- so wandte er sich nun an David -- seid doch sicherlich
keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzglich, Euere Weine
lassen nichts zu wnschen brig, und Ihr scheint mir nicht die Leute,
diese guten Dinge blo zum Gebrauche etwaiger Gste in Bereitschaft zu
halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, da Ihr ein
klein wenig ber den Durst trnket?

Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen
guten Tropfen und gnnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch
will ich nicht leugnen, da bei festlichen Gelegenheiten die
Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen
emporschlgt; ein sinnlos trunkener Freilnder gehrt aber trotzdem zu
den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder
nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und
Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das
geschieht, wie ich wei, auch bei Ihnen blo in den seltensten Fllen,
obwohl dort die ffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist,
als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pbel, der im Rausche
Vergessenheit seines Elendes suchen mte, und das Beispiel dieses
Pbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses
erniedrigendsten aller Laster zu gewhnen.

Da ihr Freilnder gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch
nicht gar so sehr Wunder, entgegnete mein Vater. Aber ihre verehrte
Mama erklrte uns, da auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar
sind, wie weie Raben. Nun ist mir nicht bekannt, da an den Grenzen
Ihres Landes Migkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehren zum
Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat
dem Trunke -- und zwar dem Trunke in seiner hlichsten Bedeutung --
keineswegs abgeneigt sind; was veranlat diese Leute hier, sich solcher
Enthaltsamkeit zu befleiigen?

Zunchst der Wegfall jener Grnde, die in Europa und Amerika zum Trunke
verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europischen Studienreise,
die nicht blo der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet
war, in den Hhlen der Armut umgesehen und dort Verhltnisse gefunden,
die es geradezu wunderbar erscheinen lieen, wenn die inmitten derselben
Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer
Schmach, ihrer Entwrdigung gesucht htten. Ich sah Menschen, die zu
zwanzig und dreiig -- alle Altersklassen und Geschlechter bunt
durcheinander gewrfelt -- in _einem_ Gemache schliefen, welches gerade
nur soviel Raum bot, da die Insassen dichtgedrngt auf der eklen, den
Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsber kein
anderes Heim hatten, als den Fabriksaal -- oder die Schenke. Und das
waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmiger Arbeit stehende
Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft
groer Landstriche. Da solche Menschen in viehischer Betubung Rettung
suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer
Weiber und Tchter, da sie das Bewutsein ihrer Menschenwrde
verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in
Entrstung versetzt; diese beiden Gefhle kehrten sich blo gegen den
Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewhren lt, als wre er in
Wahrheit der Ausflu eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so
natrlich finde ich, da diese selben Menschen hier, wo sie ihre Wrde
und ihr Recht zurckerlangt haben, wo ihnen sorglose, schne
Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das
Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankmmlinge strzen sich alle
mit wollstiger Gier in den Umgang mit uns; sie knnen es meist gar
nicht erwarten, ganz und vollstndig unseresgleichen zu werden; je
elender, entwrdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr
Entzcken, ihr Dankgefhl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen
betrachtet zu sehen; um keinen Preis wrden sie der Achtung ihrer neuen
Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so
trinken sie eben auch nicht.

Du hast uns erklrt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulande habet --
nahm nunmehr ich das Wort. Aber noch um vieles wunderbarer erscheint
mir, da Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfhigen -- er mag es aus welchem
Grunde immer sein -- einen Versorgungsanspruch einzurumen, Euch nicht
mit Krppeln und Greisen sonder Zahl berflutet. Oder gibt es
irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen
solche Gste schtzen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne
peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trgen, die das
Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfhigen erschleichen wollen, um
dem Mssiggange frhnen zu knnen? Werden hinsichtlich der
Versorgungsansprche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und
Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen
Anspruches vonnten?

Hinsichtlich der Versorgungsansprche wird keinerlei Unterschied
gemacht, und zu deren Geltendmachung gengt das Krankheitszeugnis eines
unserer rzte, oder der Ausweis des zurckgelegten 60. Jahres. Bei
Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der grten
Liberalitt vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, fr den Fall,
da ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben
einen anderen auszusuchen, da wir es grundstzlich vorziehen, lieber
zehn trge Simulanten zu fttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen.
Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische
Mssiggnger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einflu unserer
Institutionen als gengend mchtig, um alle derartigen Gelste im Keime
zu ersticken. Beachte vor allem, da der Neueingewanderte den obersten
Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschlieen; zu
diesem Behufe mu er, ist er anders gesund und krftig, an unseren
Geschften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da
glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwrde
gerettet, wrden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte,
selbstherrliche Mnner in blhende, mchtige Geschfte einzutreten,
darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen fttern zu
lassen. Die Ankmmlinge _wollen_ an allem teilnehmen, was hierzulande zu
erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert
Fllen keines anderen Anreizes zur Arbeit fr sie. Jene Wenigen aber,
denen dieser Sporn nicht gengt, finden sich, ist erst einmal die erste
Zeit des Schauens und Hrens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und
Vereinsamung gentigt, irgend eine fruchtbare Thtigkeit zu whlen. Wir
haben hier kein Wirtshausleben im abendlndischen Sinne, keine
Geselligkeit gewohnheitsmiger Mssiggnger; man _mu_ hier eben
arbeiten, um sich behaglich zu fhlen, und so arbeitet denn Alles, was
arbeitsfhig ist. Die verstockteste Trgheit und Indolenz kann hchstens
durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, da man, um
den Ersten des Landes als Seinesgleichen die Hand schtteln zu drfen,
keines anderen Ehren- und Machttitels bedrfe, als einiger ehrlicher
Arbeit. Krftige, gesunde Mssiggnger sind also auch unter den
Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als
eine Art geistiger Krankheitsflle ber uns ergehen lassen. Darben aber
drfen bei uns auch diese Trgen nicht. Sie erhalten, ohne da ihnen ein
besonderes Recht eingerumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach
europischen Begriffen berreichlich.

Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht
geradezu alles ins Land locke, was die brige Welt an krperlich und
geistig Invaliden, an Krppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf
nur antworten, da Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der
nhere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und da daher das
Verhltnis zwischen arbeitstchtigen und arbeitsuntchtigen Einwanderern
lediglich davon abhngt, ob solche Kunde leichter und rascher zu
ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurck und
befrdern den lahmen Krppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den
rstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, da die
Tchtigsten, Regsamsten sich in strkerer Zahl melden, als die Armen an
Geist und Krper.

Auf der Forderung, da jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens
kundig sein msse, um all' unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen
wir seit Grndung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung
setzen ein gewisses Ausma von Kenntnissen voraus, welche wir niemand
erlassen _knnen_. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu
bevormunden; aber damit wre den Behrden ein Wirkungskreis eingerumt,
den wir fr unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln
daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man
so will, als Gste, die nach Mglichkeit zu frdern jedermanns
Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich
leistungsfhig erweisen, den Einheimischen gegenber keineswegs verkrzt
werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuben vermgen.

Wie aber, so fragte mein Vater, konstatieren Sie diese geistige
Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem
Behufe eine besondere Behrde, und ergeben sich keine Unzukmmlichkeiten
bei solcher Inquisition?

Wir inquirieren nicht, und keine Behrde kmmert sich um das Wissen der
Leute. Anfnglich bten wir, um nicht von fremder Unwissenheit
berflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen
Befrderung nach Freiland auszuschlieen; wir haben vor 19 Jahren auch
das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither
unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen Punkt Freilands befrdert;
niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm
frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle
unsere Rechte auszuben -- nur mu er dies in derselben Weise thun, wie
wir -- und das ist dem Analphabeten eben unmglich. Wohin er sich wenden
mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus,
mu er lesen, schreiben -- und zwar der Natur der Sache nach meist mit
Verstand schreiben -- sich in Gedrucktem und Geschriebenem
zurechtfinden, kurz, ein gewisses Ma von Bildung haben, welches wir ihm
nicht erlassen knnten, auch wenn wir wollten.

Dann ist aber, meinte mein Vater, Ihre berhmte Gleichberechtigung
doch nur fr einigermaen gebildete Leute vorhanden?

Selbstverstndlich -- erklrte nun Frau Ney. Oder glauben Sie
wirklich, da vollkommen Unwissende die Fhigkeit besitzen, sich selber
zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen
gewissen Grad von Civilisation zur unerllichen Voraussetzung. Die
Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings
lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und
Mue aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie knnen nur von
wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und
reich machen will, der mu ihnen zuvor Wissen beibringen -- das liegt
nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere
Schuld ist es, da so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch
erzogen werden mssen.

Da haben Sie abermals Recht, seufzte mein Vater. Nun, und welche
Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten?

Die Erfahrung, da diese Ausschlieung von vollkommener
Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller
Benachteiligung verknpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb
zu mglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versumten wirkt.
Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen fr
Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich
ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rhrendem Eifer. Sie begngen
sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaes von
Kenntnissen, dessen sie zu Ausbung aller freilndischen Rechte gerade
bedrfen, sondern sind redlich bemht, sich mglichst vollstndiges
Wissen zu erwerben, und es sind wenige Flle bekannt, wo aus solchen
Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden
wren.

Und was schlielich die hier wirklich als Invaliden anlangenden
Einwanderer betrifft, nahm jetzt wieder David das Wort, so ben wir
diesen gegenber die Versorgungspflicht in der nmlichen Weise, als ob
sie in freilndischen Werksttten alt und schwach geworden wren. Eine
merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht versprt.
Charakteristisch ist brigens, da die invaliden Eingewanderten meist
nur unvollstndigen Gebrauch von dem ihnen eingerumten
Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewhnen sich in der
Regel nur allmhlich an das sich ihnen hier bietende Ausma hherer
Gensse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung fr den auf sie
einstrmenden Reichtum.

Jetzt bitte ich Sie, noch _ein_ Bedenken zu zerstreuen, wie mir
scheint, das wichtigste. -- Was ist's mit Verbrechern, gegen deren
Einwanderung Sie doch auch nicht geschtzt sind? Erscheint mir schon
hchst merkwrdig, da Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den
Millionen Ihrer freilndischen Bevlkerung auskommen, so kann ich
vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern
fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die
auch den Verbrecher nicht strafen, blo bessern will, doch angelockt
werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings
erzhlt, da die zur Entscheidung der Civilstreitflle eingesetzten
Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren
haben, und da von diesen der Appell an hhere Richterkollegien zulssig
sei; Sie fgten jedoch hinzu, da diese Richter allesamt so gut wie
nichts zu thun haben und nur in hchst seltenen Ausnahmefllen das
hierzulande bliche Besserungsverfahren zu verhngen in die Lage kommen.
Wirken thatschlich Ihre Institutionen so besnftigend auch auf
verstockte Verbrechergemter?

Allerdings, antwortete Frau Ney. Und wenn Sie ruhig erwgen, welches
die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie
das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, da Recht
und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das
Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen.
Der Hungernde und Frierende soll vorbergehen an fremdem berflusse,
ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines
unabweislichen Bedrfnisses bedarf, ja ohne Neid und Migunst gegen die
Glcklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam
entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade
auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unvershnlichsten sind,
weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berhren, sein Nebenbuhler,
sein Zwingherr oder sein Sklave, fr alle Flle aber sein Feind ist, aus
dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil
erwchst! Da all' dies Jahrtausende hindurch unerbittliche
Notwendigkeiten waren, lt sich freilich nicht leugnen; aber thricht
wre es, zu bersehen, da derselbe grausame Zusammenhang, welcher die
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht, zur
Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h.
die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der
Gesamtheit unerlliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die
ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, da es thue, was ihm
schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt
dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung,
die blo einzelnen edlen Naturen zugemutet werden drfe, in denen der
Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrckt hat, sondern als
etwas bei jedermann stets und berall Selbstverstndliches, dessen bung
nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch
der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert,
unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer hheren Gesamtheit, und
niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten knnen,
immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, da die Liebe zur Gattung
den Sieg davon trage ber die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf
ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet
werden, da diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen
sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird.
Aber der Name dieses Gehorsams ist Heroismus, sein Mangel noch kein
Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger
Liebestribut gro angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber
wird hnlicher, ja schwerer zu bender Heldenmut dem Letzten und
Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, mu ihm, so lange
Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und
Verbrecher heien dann alle Jene, die sich minder gro erweisen, als
ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als
jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe
gegen feindliche Naturmchte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige
Stimme in ihnen, die Stimme der Nchstenliebe, es forderte.

Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen
Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts
zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur
selbstverstndlich, da es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung
emprt. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung
blo selbstgefllige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, da nmlich
wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernnftiger Egoismus. Sie
werden es also begreiflich finden, da _vernnftige_ Menschen unsere
Rechtsordnung nicht verletzen knnen. Wir haben einige Dutzend
unverbesserlicher belthter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme
-- unheilbare Idioten.

Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine
letzte Aufklrung. Er erklrte, nunmehr vollstndig zu begreifen, da
die freilndischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien,
als die konsequente Durchfhrung des Prinzipes der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit, durchaus geeignet wren, jeglichem billigen und
vernnftigen Anspruche zu gengen. Nichtsdestoweniger drckte er seine
Verwunderung ber die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose
Zufriedenheit mit denselben aus. Ob denn _unvernnftige_ Parteiungen
Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er
wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr
Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. In den Augen
eines echten Kommunisten, so rief er, seid Ihr hier doch nichts
weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei
Euch! Welchen Wert kann Euere vielberhmte Gleich_berechtigung_ in den
Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, da jeder
Bissen Brot, den einer dem andern gegenber voraus hat, Diebstahl sei,
und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles
Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese
Tollhusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach
welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so
unschdlich machen lt!

Nichts leichter als das -- antwortete Frau Ney. Machen Sie, da
jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzhlen
wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des
Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einander _nicht_ gleich,
weder in ihren Fhigkeiten, noch in ihren Bedrfnissen; Ihr Appetit ist
strker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hbsche Kleider -- ich
gebe keinen Heller fr dieselben; dafr bin ich vielleicht ein
Leckermaul, whrend Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende.
Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen
Bedrfnisse ber denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht
untersuchen, ob es mglich ist, ob ber den davon unzertrennlichen Zwang
nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen mten; der Zweck an sich
ist so unsinnig, da absolut unbegreiflich wre, wie zurechnungsfhige
Menschen auf derartige Gedanken geraten knnen, wenn nicht _eines_
dazwischen trte, nmlich, da der eine von uns weder seinen starken,
noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder fr feine noch fr
ordinre Kleidung, weder fr leckere noch fr gewhnliche Speisen
befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu
noch der Irrtum, da mein berflu an Ihren Entbehrungen die Schuld
trgt, so wird es begreiflich, da Sie und diejenigen, die Mitleid mit
Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmiger Teilung
rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die
Erkenntnis des grenzenlosen Elends der berwiegenden Mehrzahl aller
Menschen, verknpft mit der falschen Anschauung, da es der thatschlich
vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung
dieses Elends geschpft werden knne. Diese letztere Meinung ist nun
allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen
zu ffnen, um zu sehen, welch kmmerlicher Gebrauch von den so reichlich
vorhandenen Fhigkeiten, Reichtmer zu erzeugen, gemacht wird; aber
nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere
orthodoxe konomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, da gesteigerte
Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren
vermge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind
machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgnge;
Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als glubige Anhnger
der sogenannten Grundwahrheiten orthodoxer konomie und der einzige
Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt
lediglich darin, da sie hungrig sind, whrend jene satt ist. Mit der
Erkenntnis, da es nur der vollkommenen Gleich_berechtigung_ bedrfe,
_um berflu fr alle zu schaffen_, verfliegt der Kommunismus ganz von
selbst wie ein bser, bengstigender Traum. Man kann verlangen -- wenn
auch nicht durchfhren -- da alle Menschen auf gleiche Brotrationen
gesetzt werden, so lange man glaubt, da der gemeinsame Reichtum, von
dem wir alle zehren mssen, eben nicht weiter als frs liebe Brot
reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, da jedem
die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen
werde, nachdem sich herausgestellt hat, da genug fr alle auch von
diesen guten Dingen vorhanden sein knnte, wre schlechthin lppisch. Es
gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben.

Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland
unmglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die
Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem
Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus
die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, da die
Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um berflu fr Alle zu erzeugen,
so kann man den Nihilismus als die Schlufolgerung der Verzweiflung aus
jener anderen Lehre ziehen, da Kultur und Civilisation unvereinbar
seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist's,
welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hlt sie,
als die Wortfhrerin der Satten, auch hier keine andere Schlufolgerung
fr denkbar, als diejenige, da die auf ewig enterbten Massen sich im
Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fgen mten; die
Partei der Hungrigen aber wendet sich in wtendem Grimme gegen diese
Civilisation, von welcher selbst ihre Anhnger behaupten, da sie der
ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen knne und die deshalb
fr diese keinen anderen Effekt hat, als den einer Steigerung der
_Empfindung_ des Elends. _Wir_ haben den Beweis erbracht, da
Civilisation nicht blo vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung
der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist -- auch der Nihilismus mu
also hierzulande unbekannt sein.

Sie glauben also, nahm ich das Wort, da die Gleichheit des
thatschlichen Einkommens mit der Gleich_berechtigung_ nichts zu thun
habe? Ich meinerseits mu gestehen, da mir jene nutzlose Anhufung
berflssiger Reichtmer, die wir in unserer abendlndischen
Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und fr sich
widerwrtig geworden ist, auch wenn ich mich berzeugt habe, da das
Elend der Massen weder in diesem berflusse einer kleinen Minderzahl
seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses berflusses
wesentlich lindern liee. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese
geilen berschsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer
unvollkommen bleiben, mag sie im brigen noch so ausreichend fr den
Wohlstand Aller Sorge tragen.

Auch ich kann dieses Gefhles nicht ganz Herr werden, meinte mein
Vater. Aber ich bin der Ansicht, da in dieser Auflehnung gegen die
Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein drfte,
als die sittliche Emprung, welche in jedem unbefangen denkenden
Menschen gegen die bisherigen _Ursachen_ der Ungleichheit Wurzel
geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, da groe Vermgen fast
niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmig blo
in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und
da sie ebenso regelmig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist's,
was uns dagegen einnimmt. Knnten noch so groe Vermgen blo durch
hervorragende persnliche Fhigkeiten entstehen und vermchte man sie zu
nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen
Gensse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so wrde auch die nicht
hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhren. Was ist
brigens die Meinung unserer liebenswrdigen Wirtin ber diesen Punkt?

Der Widerwille gegen bergroe Vermgen -- erklrte diese -- ist
meines Erachtens nicht blo in der ungerechten Quelle und Verwendung
derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nmlich,
da von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in
den Fhigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so
gewaltige Differenzen des Reichtums gengend zu rechtfertigen. Der
Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart
berwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und
zu verhltnismig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der
einzelnen Individuen, da ein gewisser Grad der Gleichheit -- nicht blo
der Rechte, sondern auch der thatschlichen Gensse -- allerdings im
Wesen der Sache begrndet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder
Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender
Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfhigkeit. Denken Sie sich
zurck in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der
Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende fhren
mute, so werden Sie finden, da die Unterschiede sehr gro waren: blo
der Krftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder
Begabte mute untergehen. Als dann spterhin wachsende Kultur die
Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaen, da auch dem minder
Fhigen mglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen,
blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr
gro. Der geschickte Jger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute
haben, als der minder geschickte; der krftige, gewandte Ackerbauer wird
mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwchliche,
schwerfllige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese
Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird -- was
krperliche Fhigkeiten anlangt -- mit der Erfindung der Kraftmaschinen
beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die
Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch
Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so
vollstndig wie auf krperlichem Gebiete treten auf geistigem die
individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie
rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an
welche man zu denken pflegt, wenn von groen Vermgen die Rede ist.
Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet -- er mag ein Riese oder ein
Schwchling sein -- so ziemlich das nmliche; Klugheit und Umsicht der
Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer
vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den
Wert gewhnlicher Durchschnittsleistung bertrfe, ist heutzutage nur
mehr -- dem Genie mglich, und diesem allein wrde sie dem entsprechend
auch unser Billigkeitsgefhl zuerkennen.

Damit schlo dieses Gesprch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwrdig
bleiben wird, weil es meinen Entschlu, Freilnder zu werden, zur Reife
gebracht hat.




                              21. Kapitel.


                                             Edenthal, den 20. August.

Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, da
in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit
denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein
junger Italiener -- so argumentiert Deine unerbittliche Logik -- von
schnen Mdchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster
Anblick ihn -- eigenem Gestndnis zufolge -- geradezu verwirrt habe,
nichts zu erzhlen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der
bewuten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu
lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es
vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches
Schwesterlein, und auch mit dem Korbe htte es um ein Kleines seine
Richtigkeit gehabt. Nicht, da die Geliebte meine Gefhle unerwidert
gelassen htte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die
ihr -- richtiger, die allen Freilnderinnen -- so entzckend steht, beim
ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Gestndnisse den Mut fate, da auch
sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, da sie noch am ersten Abend
unseres Beisammenseins gewut, mir oder niemand werde sie als Gattin
angehren -- und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunchst ein
Nein zu hren, das an Entschiedenheit nichts zu wnschen brig lie.
Bertha vermochte sich nmlich nicht zu entschlieen, italienische
Herzogin zu werden, und mein Vater, der -- hre und staune --
den Brautwerber fr mich machte, hatte von ihr als etwas
selbstverstndliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere
dortigen frstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre
Locken -- sie sind von einem entzckenden Blond -- flechten und im
Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts der Falieri
zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freilnder in
Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als berspannte Narrheit.
Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von
aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren;
hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich
allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs
feurigste fr die freilndischen Institutionen zu schwrmen; wenn es
einen anderen Zweig der Falieri gbe, dem man die Erhaltung der
frstlichen Familientraditionen htte anvertrauen knnen -- _per baccho_
-- mein Vater htte mich sofort gewhren lassen. Aber um einer -- und
sei es auch noch so edlen -- Schwrmerei willen, die Axt an den
Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten
Kreuzfahrern gekmpft und spterhin als italienische Duodez-Frsten die
Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfllt -- das war mehr, als er mir zu
gewhren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts
einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das
geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm
die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mdchens sicher sei, mit einem
zuversichtlichen Ja beantworten konnte. Blitzjunge rief er, dieses
Prachtgeschpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand
nachmachen! Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir,
und da dieser ganz im allgemeinen vor den freilndischen Frauen den
grten Respekt empfindet, so war ihm die brgerliche Schwiegertochter
ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, da ich den tollen Gedanken
des Hierbleibens aufgebe. Das Mdchen ist im kleinen Finger klger als
Du, rief er; sie wrde sich schn bedanken, wenn ihr der Brutigam die
Herzogskrone zerbrochen vor die Fe wrfe. Freilnderin sein ist recht
schn -- aber, glaube mir, Frstin zu sein, ist noch schner. Zudem kann
man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und
Frhling verbringt Ihr in unseren Palsten in Rom und Venedig; Sommer
und Herbst hindurch knnt Ihr dann -- wenn es Euch recht ist, in meiner
Begleitung -- hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit
genieen. Also es bleibt dabei; ich werbe fr Dich um Bertha -- aber von
dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter!

Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freilnder zu werden, hatte ich
-- Du darfst es mir glauben -- nicht der Geliebten halber gefat, aber
deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem
Frstendiadem, noch in den Prunkgemchern unserer Schlsser zu denken.
Indessen mute ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fgen und so
brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und
Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrer Tochter fr seinen Sohn,
den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufgend, da er sofort nach
vollzogener Heirat die Gter in der Romagna, im Toskanischen und
Venetianischen, sowie die Palste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und
Venedig an mich bergeben und sich blo unsere sicilianischen
Besitzungen -- als Altenteil, wie er scherzend meinte -- vorbehalten
werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts
Gutes verkndenden eisigen Zurckhaltung entgegen; nach minutenlangem
Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prfenden,
auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklrte Herr Ney:
Wir Freilnder sind nicht die Tyrannen, blo die Berater unserer
Tchter; in _diesem_ Falle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn
Bertha Ihnen als Frstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es
ihr nicht verwehren.

Hochaufgerichtet, einem erzrnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun
Bertha an meinen Vater: Niemals! Niemals! rief sie mit zuckenden
Lippen. Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben,
wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen,
als _Frstin_ verlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod!

Aber unseliges Kind, entgegnete ganz entsetzt ber diesen unerwarteten
Effekt seines Antrages mein Vater, Sie sprechen ja das Wort >Frstin<
aus, als wre es fr Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl,
Frstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Frstinnen
Europas, d. h. Sie sollen frderhin keinen Wunsch haben, den zu erfllen
nicht Tausende wetteifern wrden; Sie sollen Gelegenheit und Macht
erlangen, Tausende zu beglcken; Millionen werden Sie beneiden

und verfluchen und hassen -- unterbrach ihn mit bebenden Lippen
Bertha. Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was
eine freie Tochter Freilands empfinden mu bei dem Ansinnen, diese
glcklichen Gefilde, die Heimsttte der Gerechtigkeit und der
Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande --
nicht etwa die Thrnen Unterdrckter zu stillen, sondern zu erpressen,
nicht etwa die Scheulichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekmpfen, sondern
sie selber zu ben? Ich liebe Carlo so ber alle Maen, da ich bereit
wre, an seiner Seite dies Land des Glckes mit dem des Elends zu
vertauschen, wenn irgend eine unlsliche Pflicht ihn dahin riefe; aber
nur unter der Bedingung, da seine und meine Hand frei bliebe von
fremdem Gute, da wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum
Leben brauchen; aber _Frstin_ soll ich werden, _Frstin_! Tausende von
Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im berflu
schwelge, tausende von Flchen zu Tode gequlter Menschen sollen haften
an der Speise, die ich geniee, an der Kleidung, die meine Glieder
umhllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den
Hnden; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken
Sie doch, wenn Sie eine Tochter htten und man wrde von ihr verlangen,
unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Knigin zu
werden, und der Vater des Brutigams wrde ihr versprechen, es sollten
ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden -- was wrde
das arme Kind, das unberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der
Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland
empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne
Blutvergieen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam gettet wird, uns
flt das allmhliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht
minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstbliche Auffressen
desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu
nehmen im Stande sind, so unmglich ist es uns, von der Ausbeutung
geknechteter Mitmenschen zu leben. Ich _kann_ nicht Frstin werden, ich
kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide
darber zu Grunde gehen, und -- das wei ich nicht erst seit heute --
Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich.

Dieser Appell, verbunden mit den rhrendsten Blicken und einem sanften
Erfassen seiner Hnde, war mehr, als mein Vater -- aus solchem Munde --
ungerhrt zu ertragen vermochte. Mdchen, Du hast mir ja ordentlich
Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit
dem Unterschiede blo von Euern liebenswrdigen Njam-Njam, da wir
unsere Schlachtopfer nicht mit _einem_ herzhaften Keulenschlage erlegen
und dann sofort verschlingen, sondern stckweise, Zoll um Zoll uns zu
Gemte fhren! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will
ich Dich zu den Freuden einer Frstlichkeit zwingen, bezglich deren Du
solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem
Punkte mehr Deiner als meiner -- bisherigen Geschmacksrichtung zu
huldigen. Nehmt einander also und werdet glcklich nach Eurer Faon. Was
mich anlangt, so werde ich ber Mittel und Wege nachsinnen, um mich in
den Augen meines neuen Tchterchens einigermaen vom Geruche des
Kannibalismus zu befreien.

Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe
nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den
Hals. Das Kssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und
strmisch, da ich um ein Haar eiferschtig geworden wre. Mein Vater
aber war nun derart Feuer und Flamme fr unsere bevorstehende
Verbindung, da er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen
Formalitten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist
ungefhr glaube er -- vorbergehend -- nach Europa zurckkehren zu
mssen, und es wre ihm eine groe Freude, uns bis dahin schon vereint
zu wissen. So wurde nun festgestellt, da unsere Vermhlung nach Ablauf
von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle.

                                               Ungama, den 24. August.

               Zwischen Lipp' und Bechers Rand ........

Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke
eines Nachtrags, den Bertha hinzufgen wollte (sie erklrte sich
verpflichtet, meinem besten Freunde einige Worte der Entschuldigung ob
des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch
zurckbehielt -- da ahnte ich nicht, da gewaltige Ereignisse sich
zwischen mich und die sofortige Erfllung meiner glhenden Wnsche
drngen knnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, lt zwar mein neues
Vaterland merkwrdig ruhig, und befnde ich mich nicht in Ungama, so
wrde nichts verraten, da es den Kampf mit einem Gegner gilt, der
mehreren der mchtigsten kriegsgebten Staaten Europas wiederholt schon
schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freilnder,
um die bittere Schmach und das schwere Unglck, von welchen mein
Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden,
und fr alle Flle -- in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger
Italiener, wie als gegenwrtiger Freilnder -- halte ich es fr meine
Pflicht, den Kampf persnlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann
ich an Hochzeit und Ehe natrlich nicht denken. Einstweilen hat mich das
Wrfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Kste des
indischen Oceans verschlagen. Doch la mich ordnungsgem der Reihe nach
berichten.

Zunchst also wisse, da -- es ist dies ja jetzt kein diplomatisches
Geheimnis mehr -- meines Vaters und seiner englischen wie franzsischen
Kollegen Bemhungen, fr 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer
Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollstndigstem
Mierfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so
erklrten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in
dessen Hndel mit den Westmchten zu mischen. Anders stnden allerdings
die Sachen, wenn letztere sich entschlieen wollten, auf ihren
afrikanischen Territorien freilndisches Recht einzufhren, in welchem
Falle diese als freilndisches Gebiet angesehen und als solches dann
selbstverstndlich von Freiland geschtzt werden mten. Aber dann wre
die geforderte Militrkonvention erst recht berflssig, denn in diesem
Falle wrde Freiland jeden Angriff auf seine Verbndeten als _casus
belli_ fr sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Krften zur
Ruhe bringen. Darber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen
resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette von London,
Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre
Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr
Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflen; die
europischen Mchte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als
Bedingung eines Bndnisses geforderte Anerkennung des freilndischen
Rechts fr die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen,
beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschlu einer
Militrkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So
standen die Sachen bis in die letzten Tage.

Am Morgen nach meiner Verlobung saen wir eben beim Frhstck, als fr
meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama -- dem groen
Hafenplatze Freilands am indischen Ocean -- eintraf, nach deren
Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gnzlich
im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine
Sitzung der smtlichen Regenten der freilndischen Centralverwaltung
einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu
machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend,
erklrte mein Vater: Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so
erfahret denn aus meinem Munde die Unglcksbotschaft. Die mir von
Commodore Cialdini, dem Kapitn eines unserer in Massaua stationiert
gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: Ungama, den 21.
August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei
Avisodampfern -- einem eigenen und einem franzsischen --
schwerbeschdigt und flchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes
von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden
Friedens Massaua verrterisch berfallen und fast ohne Schwertstreich
eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und
franzsischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls berrumpelt
und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die
kleineren Kstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch smtlich
in den Hnden der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere
uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus
kampfunfhig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien
auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere
Schiffe in die Luft.

Das war in der That eine ble Botschaft, nicht blo fr die Verbndeten,
sondern auch fr Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den
man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man -- wie gesagt -- von
Anbeginn gefat darauf gewesen, den europischen Mchten als prsumtiven
Bundesbrdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich
-- im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen
Nachbarvlkern geno -- mit der Erwartung geschmeichelt, dem trotzigen
Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem
Wege zur Ruhe verhalten zu knnen. Der verrterische berfall gerade zu
einer Zeit, wo die Unterhndler der Angegriffenen eben in Edenthal
weilten, zerstrte jedoch diese Hoffnung.

Im Volkspalaste fanden wir die freilndischen Verwaltungschefs schon
vollzhlig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und
franzsischen Bevollmchtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an
den verstrten Mienen an, da ihnen die Unglcksbotschaft schon
zugekommen war; die Englnder erhielten erst einige Stunden spter
direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette Nelson, die unterwegs mit
zweien der in abyssinische Hnde gefallenen Schiffe ein mrderisches
Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als
halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an
das freilndische auswrtige Amt aus verschiedenen Kstenorten nhere
und ausfhrliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglck seinem ganzen
Umfange nach besttigten. Der mit sehr berlegener Macht unternommene
und offenbar von Verrat begnstigte berfall war den Abyssiniern
vollstndig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen
zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Kstenorte
weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier
hatten zur nmlichen Stunde -- gegen 2 Uhr nach Mitternacht -- Massaua,
Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Englnder und
Franzosen, und smtliche acht Kstenforts derselben erstiegen, die im
Schlafe berraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen
genommen und sich gleichzeitig auch der in den Hfen liegenden Schiffe
bis auf die schon erwhnten vier bemchtigt. Da sie einige derselben
schon am nchsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen
konnten, erklrt sich aus den frher schon erwhnten Matrosenwerbungen
des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf
werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der berfall gewesen. So
vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, da die vier
geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der berfall auf die anderen
gelungen war, aus Schiffsgeschtzen sehr wirksam und heftig beschossen
werden konnten. Die den Abyssiniern in den smtlichen drei Hfen in die
Hnde gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 franzsische und 4
italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Gre, und 11
englische, 8 franzsische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die
in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen
betrugen in runder Zahl 24000 Mann.

Die Bevollmchtigten aller drei Mchte hatten sofort, nachdem sie die
Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert und um
Verhaltungsmaregeln gebeten. Der freilndischen Verwaltung gegenber
erklrten sie, da nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit grter
Energie auf dem Abschlu der Militrkonvention bestanden werden drfte.
Jetzt, da die Festungen gefallen, wre es vollends unmglich, an den
unwirtlichen Ksten des roten Meeres ein so groes Heer zu sammeln, wie
es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das
auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nmlichen
Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mchte. Ebenso kategorisch
aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklrung, da man den, aller
Voraussicht nach fr Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit
Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im brigen, so gab man den
Alliierten zu bedenken, kmen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spt.
Wre der Suezkanal fr ihre Truppensendungen auch praktikabel, so
knnten ihre 350000 Mann -- fr so viel lautete die nun geforderte
Durchzugsbewilligung -- frhestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert
sein, und es hiee frwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen,
wollte man sich darauf verlassen, da er bis dahin nicht lngst schon
versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen
Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die
Hnde gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden
drften, den Suezkanal zu sperren, kmen die Alliierten, selbst wenn man
sie rufen wollte, jedenfalls zu spt. Denn auch der Landweg ber gypten
knne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, da der zur
Operationsbasis zu whlen schlechthin unsinnig wre. Bliebe also nur der
Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen wrde, bis von
dorther 350000 Mann Hlfstruppen bei uns eintrfen, das mge man sich in
Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde mchten im
brigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen
und vollstndiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England,
Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrstung eines so groen
Expeditionsheeres fertig sein knnte, wrden wir mit dem Negus
abgerechnet haben. Inzwischen mchten die Alliierten ihre neuen, nach
den Kstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen
segelfertig machen; sie knnten fr dieselben ohne weiteres den
gewohnten Weg ber den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre
Transportschiffe vor demselben angelangt sein drften -- woran vor Ende
des nchsten Monats kaum zu denken sei -- wrde Freiland den Abyssiniern
ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben.

Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden
der verbndeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich mu gestehen,
da auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur
ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eine aus 16 der
besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom
Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so
groartige Plne zu verfolgen, wre es vielleicht praktischer, ihren im
Hafen von Ungama liegenden jmmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu
zu verhelfen, da sie ihre Schden mglichst rasch ausbessern und dann
mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen knnten. Beruhe doch die
Mglichkeit, sie vor der so unendlich berlegenen feindlichen Flotte zu
retten, angesichts der vollstndigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf
der hchst unsicheren Hoffnung, da der Feind nicht sofort auf den
Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen.

Fr den Moment -- so trstete einer der Verwaltungschefs die
gengstigten Diplomaten -- d. h. fr wenige Stunden noch haben Sie
allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine
abyssinische bermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren
Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht
nach verloren. Allein das gilt eben nur fr heute. Zeigt sich morgen die
abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie
sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird.

Wie das? fragten jene wie aus einem Munde. Was thaten Sie, was
konnten Sie thun zum Schutze der traurigen berreste unserer krzlich
noch so stolzen verbndeten Flotte? Dabei hingen die Blicke dieser in
ihrem Patriotismus so tief verwundeten Mnner mit ngstlicher Spannung
an den Zgen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehrigkeit
nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst
begreifen, da es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber
endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden
zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschmender Flucht
enthoben zu wissen, das war es, was uns als se Verheiung in den Ohren
klang. Man beeilte sich uns vollstndige Aufklrung zu geben.

Wie ich Dir bereits erzhlte, besitzt die freilndische
Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl
von Geschtzen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die
grten derselben durchschlagen den strksten der derzeit in Gebrauch
befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser
Riesengeschtze aus den zunchst der Seekste gelegenen Distrikten hatte
man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama
in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetme ohnehin auf Schienen laufen,
die mit dem freilndischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so
waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit
ihrer Behandlung vertrauten Jnglinge unterwegs nach ihrem
Bestimmungsorte und muten dort successive am Abend und im Laufe der
Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewhnlichen
Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende
Schienenstrnge lngs der Seekste hinlaufen, so knnen die anlangenden
Geschtze ohne weiteres sofort in die fr sie bestimmten Stellungen
einfahren, die inzwischen -- gleichfalls noch im Laufe des nmlichen
Tages -- mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Spterhin sollen
diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; frs erste aber, so rechnete
die Centralverwaltung, muten 84 Geschtze erster Gre, denen die auf
ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne
sonderliche Deckung gengen, um von zusammengelaufenen Abenteurern
bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten.

Mich litt es nun nicht lnger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von
meinem Vater, nach etwas lngerem von meiner Bertha, eilte ich nach
Ungama, und schon der zweitnchste Tag zeigte, da die getroffenen
Schutzmaregeln weder berflssig noch ungengend gewesen waren. Am 23.
August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor
Ungama und versuchten, da sie den Ort fr wehrlos hielten, ohne weiteres
in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbndeten
vollends zu zerstren. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung
abgegebener scharfer Schu des grten unserer Panzerbrecher, der einen
der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlate sie
zwar zu etwas grerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht
auf. Jetzt lieen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner
bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von
sich zu geben; dann erffneten sie aus 37 Geschtzen zugleich das Feuer,
welches jedoch nur kurze Zeit whrte. Schon die erste Salve brachte ein
Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschdigte die smtlichen Schiffe
so stark, da die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung
geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern,
andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und
Rckwrtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten spter fegte unsere zweite
Salve ber die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, da diesmal keiner
der 37 Schsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten
schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den
ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit
mglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde
ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die grte der
Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fgten dem fliehenden
Feinde zwar betrchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein
Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den
italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem
nachfolgte, da noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch
des Kampfes unterging, und da eine der Panzerfregatten ins Schlepptau
genommen werden mute, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu
entgehen. Diese selbst hatten blo zwei Mann verloren.

Mit dem Berichte dieser ersten freilndischen Waffenthat, an welcher ich
jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte,
schliee ich diesen Brief. Wann, wo -- und ob ich Dir einen nchsten
schreiben werde, wei allein der Kriegsgott.




                              22. Kapitel.


                                               Massaua, 25. September.

Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, da
ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist
haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drben im alten Europa gar
mancherlei berraschungen gebracht haben drften und die -- tusche ich
mich ber die Absichten meiner neuen Landsleute nicht -- in ihren
mittelbaren Konsequenzen fr die ganze bewohnte Erde von entscheidender
Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es -- so glaube ich --
die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallalnder gesiegt
hat -- nicht blo ber den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern
auch ber gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen.
civilisierten Welt geknechtete Vlker darniederhlt. Doch wozu sich in
Vermutungen ergehen ber Dinge, welche die nchste Zukunft schon zur
Entscheidung bringen mu; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich
meines ungetrbten Wohlbefindens zu versichern und Dir den
freilndisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis
zum letzten Kanonenschusse mitgemacht.

Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden,
erhielt die Edenthaler Zentralbehrde das Ultimatum des Negus, in
welchem dieser erklrte, da er gegen Freiland nichts Bses im Schilde
fhre, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und --
Freiland gegen eine europische Invasion zu schtzen, die diesem, wie er
erfahren habe, aufgentigt worden sei. Da wir nicht die Macht besen,
seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die
Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger
strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fgten wir uns diesem
Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte im brigen schonen,
auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefgten Schaden verzeihen;
widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg berziehen, und da er
dafr gesorgt, da uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen
vermge, so knne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich
mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen
unsere Nordgrenze gesetzt und werde lngstens binnen Wochenfrist an
derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind
empfangen wollten.

Die Antwort an den Negus lautete dahin, da er sich zwar in seiner
Voraussetzung, da Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte,
tusche, da dieses den Englndern, Franzosen und Italienern ebensowenig
als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen
sei; in Frieden mit ihm knnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn
er sich entschliee, auch den genannten europischen Mchten gegenber
Frieden zu halten, und fr das ihnen zugefgte Unrecht volle Shne zu
leisten. Nicht verschweigen wolle man nmlich, da Freiland im Begriffe
sei, mit dessen europischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu
schlieen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten wrde, die
Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn,
Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder
Schwche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um
seine drohende Haltung aufzugeben und Brgschaften des Friedens und der
Shne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so
wrde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fnde.

Selbstverstndlich gab sich niemand ber den Erfolg dieses Notenwechsels
einer Tuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rstungen
zum Kriege betrieben.

Kaum da Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen
berfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und
Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgltigen
Beweis lieferten, da die Bevlkerung des ganzen Landes nicht blo
sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern da sich
auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene
Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine
auf den Krieg jederzeit gerstete Militrverwaltung nur immer htte
aufbieten knnen. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich,
da diese selbstdenkende Thtigkeit von Millionen intelligenter, dabei
aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Kpfe, vollkommenere
Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und
vorbereiteten behrdlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt mglich
gewesen wre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im
Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelle ihre
Mitwirkung fr wnschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse
aus den zwlf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringolnder und
Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, da sie schon am nchsten Tage
vollzhlig -- bis auf die zufllig verreisten Mitglieder -- versammelt
sein wrden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, da die Ausfechtung
des Kampfes mit Abyssinien zunchst ihre Sache sein werde. Man war
nmlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, da zur Bekmpfung
der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf gengen wrden, und
da die Norddistrikte bekanntermaen 85 der aus den Distriktsbungen als
Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaen, so war von Anbeginn
Niemand in Zweifel darber, da diesen allein die Kriegsarbeit zufallen
wrde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jnglings
auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte
sich das Gelste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als ntig
Arbeitskrfte zu entziehen oder unter Strung des naturgemen
Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu
schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurcktraten, als
ebenso selbstverstndlich erachteten es die Norddistrikte, da sie in
Aktion zu treten htten. Nur jene Tausendschaften, die whrend der
letzten Jahre bei den groen Aberdarespielen Sieger gewesen waren,
uerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten
gehrten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden;
ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelbungen der letztjhrigen
Distrikts- und Landesspiele um die Vergnstigung, in die mobilisierten
Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es
vermehrte sich solcherart das zur Verfgung gestellte Material um vier
Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wren insgesamt 90000 Mann
verfgbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefhr
doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die
betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht,
indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nchsten
Tage darber einigten, blo die vier letzten Jahrgnge zwischen 22 und
26 Jahren und in diesen blo die Unverheirateten ins Feld zu stellen.
Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann -- darunter
9500 Berittene -- und 180 Geschtze; letzteren wurden nachtrglich noch
80 Stcke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefgt.

Diese Truppe besa von Haus aus schon ihre Anfhrer bis zum Range der
Tausendfhrer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch
wurde bereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten.
Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und
Tausendfhrer der vier auswrtigen Tausendschaften in dem zu diesem
Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipias eingetroffen waren,
am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten
Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der
Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago
an, der selbstverstndlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des
Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An
diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit
der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich ber die
entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rcksicht auf meine
erst krzlich aufgegebene italienische Staatsbrgerschaft bereitwillig
zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der
mir die zrtlichsten Gre und die freudige Zustimmung meiner Braut zu
meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklrte, da er whrend des
Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde.

Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich
versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten
Pferden.

Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften
von Edenthal und Danastadt bergeben. Den technischen Dienst --
Pionierwesen, Brckenbau, Feldtelegraphie u. dergl. -- bernahmen zwei
Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich
besorgte die freilndische Centralstelle fr diesen Verwaltungszweig.
Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des
Kommunikationsnetzes die Befrderung und Verpflegung einer so kleinen
Armee natrlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man
jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den
Krieg in die Gallalnder und nach Habesch hinberzuspielen gedachte, so
wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Bffelochsen
fr den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgerte, Konserven u.
dergl. muten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, da die
Armee auch in den unwirtlichen Gegenden auerhalb Freilands an nichts
Mangel leide.

Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage
vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschtzen ber den Konsopa ins
benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fcherfrmig
ausbreitend, Fhlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf
dieser Seite erwarteten. Um fr alle Eventualitten gesichert zu sein,
sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4
Geschtzen zur Bewachung der sich nordstlich und nordwestlich von
dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszge von Endika und
Silali. Am Konsopa hinterlie er des ferneren eine Reserve von 6000
Mann und 20 Geschtzen und berschritt am 30. August mit 36000 Mann und
200 Geschtzen die Gallagrenze. Um mglichst groe Marschleistungen zu
erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepck aufs
uerste reduciert. Es bestand auer den Waffen -- Repetiergewehr,
Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem
Schwert -- nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur
Aufnahme _einer_ Mahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepckstcke
trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren
auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur
Verfgung stehende sehr bewegliche Train fhrte wasserdichte Zelte,
komplette Anzge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmntel, Konserven und
Getrnke fr einige Tage, und eine Patronenreserve fr 200 Schu per
Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Ntigen
versehen, ohne selber berlastet zu sein und sie legten daher an
einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurck, ohne da es Marode gegeben
htte.

Die freilndische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar
beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wnsche der Heeresleitung, soweit
deren Erfllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen;
ferner fr den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt
zeigen sollte, dieselben zu fhren; schlielich fr Sicherheit und
Bequemlichkeit der fremden Militrbevollmchtigten und Zeitungsreporter
Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser
Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten
bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches
dieselben ber alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt.

Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verstndigte uns unsere
vorausschwrmende Reiterei, da sie auf den Feind gestoen sei. Da
Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch
erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer
verhngnisvollen Tuschung bezglich der vorausgesetzten berlegenheit
unserer Mannschaften ber die feindlichen befangen wren, gab er der
Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den
Gegner zu mglichst vollstndiger Entfaltung seiner Krfte zu ntigen
und erst zurckzuweichen, wenn ber die Marschrichtung der feindlichen
Hauptmacht Sicherheit erlangt sei.

Am 3. September bei grauendem Morgen griffen wir -- ich war nmlich auf
meinen Wunsch dieser Truppe beigegeben worden -- die abyssinische Vorhut
bei Ardeb im Fluthale des Dschub an. Diese, der unsrigen nicht stark an
Zahl berlegen, wurde im ersten Anlauf ber den Haufen gerannt, ihr
smtliches Geschtz -- 36 Stcke -- nebst 1800 Gefangenen abgenommen,
ohne da die Unsrigen mehr als fnf Mann verloren. Die ganze Affaire
dauerte kaum 40 Minuten. Unsere Artillerie war der schon auf 6000 Meter
Distanz ein wirkungsloses Feuer gegen unsere sich entwickelnden Linien
erffnenden abyssinischen ohne einen Schu abzugeben bis auf 2500 Meter
entgegengefahren, hatte sie von hier aus mit wenigen Salven zum
Schweigen gebracht, 19 Stcke demontiert und die brigen zum Rckzuge
gentigt. Sich hierauf gegen die tollkhn heransprengende feindliche
Kavallerie wendend, hatte sie diese durch einige wohlgezielte
Granatschsse auseinander gesprengt, so da unsere Eskadronen nurmehr
die in regelloser Flucht Davoneilenden zu verfolgen und die schwache,
von der eigenen flchtenden Kavallerie ohnehin schon in heillose
Unordnung gebrachte Infanterie niederzureiten hatten. Der Rest war dann
Verfolgung und Einbringung der von panischem Schreck gejagten Gegner,
deren Verluste an Toten und Verwundeten, wenn auch die unserigen namhaft
berragend, im Ganzen verhltnismig doch nur gering waren.

Doch damit war blo das Vorspiel des blutigen Dramas zu Ende. Unsere
Reiter hatten sich eben gesammelt, und die Gefangenen mitsamt den
erbeuteten Geschtzen unter geringer Bedeckung dem Hauptquartiere
zugesandt, als sich in der Ferne dichte und immer dichtere Massen des
Feindes zeigten. Es war dies der gesamte, 65000 Mann mit 120 Kanonen
zhlende, linke Flgel der Abyssinier. Zwanzig von unseren Kanonen waren
auf einer kleinen, die Marschlinie des Feindes dominierenden Hhe
aufgefahren und gaben von dort um 7 Uhr morgens den ersten Schu auf den
Gegner ab. Alsbald sah man die feindlichen Infanteriemassen seitlich
abbiegen, whrend unserer Artillerie gegenber successive 90 der
abyssinischen Geschtze auffuhren. Der sich nun entspinnende Kampf der
Kanonen whrte eine Stunde, ohne unserer Artillerie sonderlichen Schaden
zuzufgen, denn die abyssinischen Artilleristen trafen auf so groe
Distanz -- es waren gut 5000 Meter -- nur sehr schlecht, whrend die
Granaten der unserigen nach und nach 34 feindliche Stcke zum Schweigen
brachten. Zweimal versuchten es die Abyssinier, nher an unsere Position
heranzufahren, muten aber beidemal schon nach wenigen Minuten wieder
zurckweichen, so mrderisch rumten unsere Geschosse bei dieser
Annherung unter ihnen auf. Da es so nicht ging, versuchte der Feind
unsere Position zu strmen. Seine Infanterie- und Kavalleriemassen
hatten sich lngs unserer ganzen, sehr dnn gestreckten Front entwickelt
und kurze Zeit nach 8 Uhr setzte sich die gesamte kolossale bermacht
gegen uns in Bewegung.

Was sich nunmehr abspielte, htte ich nimmermehr fr mglich gehalten,
trotzdem ich ber die Waffengewandtheit der freilndischen
Elite-Tausendschaften schon so Manches vernommen und auch der spielend
erfochtene Sieg ber die feindliche Vorhut zu hochgespannten Erwartungen
berechtigte. Ich gestehe, da ich es fr unverantwortlichen Leichtsinn
und fr eine gnzliche Verkennung der ihm vom Oberkommando zugeteilten
Aufgabe hielt, da Oberst Ruppert, der Fhrer unserer kleinen Schar, den
Kampf annahm und zwar nicht etwa in Form eines Rckzugsgefechtes,
sondern als regelrechte Schlacht, die, wenn verloren, unfehlbar mit der
Vernichtung seiner 4000 Mann enden mute. Denn in einer fnf Kilometer
umfassenden, die feindlichen Linien sogar um ein Geringes berflgelnden
dnnen Aufstellung mit nur schwachen Reserven im Rcken, hatte er seine
Reiter -- sie waren smtlich abgesessen und schossen mit ihren
vortrefflichen Karabinern -- entwickelt und erwartete die Abyssinier,
als ob diese als Tirailleure und nicht in kompakten Sturmkolonnen
heranrckten. Und diese Sturmkolonnen kannte ich sehr wohl, sie hatten
bei Erdeb und vor Obok die ihnen an Zahl gleichen indischen Veteranen
Englands, die bretonischen Grenadiere Frankreichs und die Bersaglieri
Italiens geworfen, ihre Waffen waren den Freilndischen gleichwertig,
ihre militrische Disziplin mute ich der meiner gegenwrtigen
Kampfgenossen berlegen halten; wie sollte unsere dnne Linie dem
Ansturme dieser, uns an Zahl sechzehnfach berlegenen kampfgewohnten
Krieger widerstehen? Sie mute -- das war meine felsenfeste berzeugung
-- in der nchsten Viertelstunde zerreien, wie ein Bindfaden, der einer
Lokomotive den Weg versperren will; und dann, das konnte jedes Kind
sehen, war nach einem Gemetzel von wenigen Minuten alles vorbei. Ich
nahm im Geiste Abschied von der fernen Geliebten, vom Vater -- und auch
Deiner, mein Luigi, gedachte ich in dieser Stunde, die fr meine letzte
zu halten ich damals vollen Grund zu haben whnte.

Und was mich am meisten Wunder nahm: die Freilnder schienen insgesamt
meine Empfindungen zu teilen; nichts von jener wilden Kampflust war in
ihren Mienen zu finden, die man doch bei denjenigen voraussetzen sollte,
die -- berflssiger Weise -- Einer gegen sechzehn den Kampf aufnehmen.
Tiefen, dsteren Ernst, ja Widerwillen und Schrecken las ich in den
sonst so klaren, heiteren Augen dieser freilndischen Jnglinge und
Mnner; es war als shen sie allesamt gleich mir sicherem Tode entgegen.
Auch die Offiziere, ja selbst der kommandierende Oberst, teilten
sichtlich diese unerfreulichen Gefhle -- warum um des Himmelswillen
nahmen sie dann die Schlacht an? Wenn sie bles vorher sahen, warum
zogen sie sich nicht rechtzeitig zurck? Wie sehr aber hatte ich diesen
Mnnern Unrecht gethan, wie grndlich Anla und Richtung ihrer
Besorgnisse verkannt! So unglaublich es klingen mag: meine
Kriegskameraden waren nicht fr ihre, sondern fr des Gegners Haut
besorgt, ihnen graute vor dem Gemetzel, das -- nicht ihnen, den Feinden
bevorstand. Der Gedanke, da sie, die freien Mnner, von armseligen
Knechten besiegt werden knnten, lag ihnen so fern, als etwa dem Jger
der Gedanke, die Hasen knnten ihm gefhrlich werden; aber sie sahen
sich vor der Notwendigkeit, Tausende dieser Bejammernswerten kaltbltig
niederschieen zu mssen und das erregte ihnen, denen der Mensch das
Heiligste und Hchste ist, unsglichen Widerwillen. Htte man mir das
_vor_ der Schlacht gesagt, ich htte es nicht begriffen und jedenfalls
fr Renommisterei gehalten; jetzt, nach dem was ich schaudernd mit
erlebt, finde ich es begreiflich. Denn, da ich es nur gleich sage: eine
gegen freilndische Linien anstrmende und von deren Feuer zerrissene
Kolonne bietet einen Anblick, der selbst an Massenmord einigermaen
gewhnten Mnnern, wie mir, das Blut zu Eis gerinnen macht. Ich habe den
Wrgengel des Schlachtfeldes einigemal an der Arbeit gesehen und durfte
mich daher gegen dessen Schrecken gefeit halten. Hier aber ...

Doch ich will ja nicht meine Gefhle, sondern die Ereignisse schildern.
Als die Abyssinier uns auf etwa 1 Kilometer nahe gekommen waren,
sprengten ein letztesmal Rupperts Adjutanten die Front entlang und
riefen den Unseren die Losung zu: Schonung! keinen Schu, sobald sie
weichen! Dann war es bei uns totenstill, whrend von jenseits stets
lauter der Klang der Trommeln und einer wilden Musik, unterbrochen
zeitweilig von dem gellenden Schlachtrufe der Abyssinier, herbertnte.
Als die Feinde bis auf 700 Meter etwa herangerckt waren, gab unsere
Schtzenlinie eine einzige Salve ab; als ob ein Pesthauch in sie
gefahren wre, so brach die Stirnlinie des Feindes zusammen, seine
Reihen wankten und muten sich neu formieren. Kein Schu wurde
inzwischen von den Freilndern abgefeuert; als aber die Abyssinier unter
wildem Schlachtgeschrei abermals, jetzt im Laufschritte vorrckten,
donnerte eine zweite und da die todeskhnen braunen Krieger diesmal ber
ihr zerschmettertes erstes Glied hinweg den Ansturm fortsetzten, eine
dritte Salve ber das Feld. Mit dieser aber hatten Jene einstweilen
genug; sie wandten sich zu wilder Flucht, und hielten erst, als sie sich
auerhalb unserer Schuweite wuten. Auch jetzt hrte unser Feuer
augenblicklich auf, sowie der Feind sich gewandt hatte, aber es war auch
hohe Zeit gewesen. Nicht als ob die geringste Gefahr fr unsere
Stellungen aus einer Fortsetzung des Sturmes htte entstehen knnen; die
Abyssinier hatten kaum 100 Meter gewonnen gehabt, waren also immer noch
gute 600 Meter entfernt gewesen und die Gewiheit, da Keiner von ihnen
unsere Front erreicht htte, erwies sich als augenscheinlich; aber
gerade diese eigene, jede eigentliche Kampfeserregung ausschlieende
Unnahbarkeit lie die Grlichkeit des unter den Gegnern wtenden
Gemetzels mit so elementarer Gewalt hervortreten, da mehr als
menschliche Nerven dazu gehrt htten, dies Schauspiel lngere Zeit zu
ertragen. Nahe an 1000 Abyssinier waren binnen wenigen Minuten tot oder
verwundet gefallen und zahlreiche der freilndischen Schtzen erklrten
mir spter, sie htten beim Anblicke der reihenweise zusammenbrechenden
und am Boden zuckenden Feinde Ohnmachtsanflle gehabt -- was ich
vollkommen begreife, da auch mir ernstlich bel dabei wurde.

Die freilndischen rzte und Sanittstruppen waren eben an der Arbeit,
die verwundeten Gegner vom Schlachtfelde aufzulesen, als die
abyssinische Artillerie neuerlich den Kampf aufnahm und alsbald auch die
Infanterie ein rasendes Schnellfeuer erffnete. Da Letztere sich jedoch
diesmal vorsichtig in der respektablen Entfernung von ungefhr 2000
Metern hielt, so war ihr Feuer anfangs ganz ungefhrlich und wurde daher
von den Unseren nicht erwidert; nachgerade aber verirrte sich doch die
eine oder andere Kugel in unsere Reihen und Oberst Ruppert gab daher
Befehl, die Zehntfhrer mchten den Feinden deutlich sichtbar mehrere
Schritte aus der Front hervortreten und eine Salve abgeben. Dieser Wink
wurde drben verstanden; das feindliche Infanteriefeuer hrte sofort
auf, da die Abyssinier aus der Wirkung dieser einen kleinen Salve
ersahen, da die freilndischen Schtzen auch auf so groe Distanz allzu
unangenehm werden knnten, als da es rtlich wre, sie durch ohnehin
wirkungsloses Feuer zum Antworten herauszufordern. Die zhen Burschen,
die offenbar den Gedanken nicht zu ertragen vermochten, vor einer so
kleinen Minderzahl das Feld zu rumen, formierten nun neuerlich einige
Sturmkolonnen, diesmal mit schmaler Front und von betrchtlicher Tiefe.
Doch auch diesen ging es nicht besser als ihren Vorgngern, nur da
gegen sie etwas rascheres Feuer abgegeben werden mute; sie wurden mit
einem neuerlichen Verluste von 800 Mann nach wenigen Minuten zum Weichen
gebracht und waren nunmehr zu abermaligem Vorgehen nicht mehr zu
bewegen. Um die verwundeten Abyssinier, die in freilndischer
Verpflegung weitaus besser versorgt waren, als in der ihrer Landsleute,
zu bergen, lie jetzt Ruppert einen Vorsto bewerkstelligen, vor welchem
sich der Gegner eilfertig zurckzog, so da wir unbestritten Herren des
Schlachtfeldes blieben. Unsere Verluste betrugen 8 Tote und 47
Verwundete; die Abyssinier hatten 360 Tote, 1480 Verwundete und 39
Kanonen zurckgelassen. Die erste Sorge der Unseren war, die Verwundeten
-- Freund und Feind mit gleich liebevoller Sorgfalt -- in den reichlich
vorhandenen und mit sinnreichstem Komfort ausgestatteten Sanittswagen
unterzubringen und nach Freiland zu in Bewegung zu setzen. Dann wurden
die Geschtze und sonstigen erbeuteten Waffen geborgen, die Toten
begraben.

Letztere Arbeit war eben vollendet und der Rckzug aufs Hauptquartier
sollte angetreten werden, als von Westen starke abyssinische Heersulen
auftauchten, whrend gleichzeitig auch der nach Norden abgezogene linke
Flgel des Feindes wieder sichtbar wurde. Ruppert lie sich dadurch in
seiner Absicht nicht beirren. Feindliche Kavalleriemassen machten einen
strmischen Versuch, uns zu verfolgen, wurden aber von unserer
Artillerie rasch zurckgeworfen, und fernerhin unbehelligt
bewerkstelligten wir unseren Rckzug auf das Hauptkorps.

Wir wuten nun aus Erfahrung, da die von uns vorausgesetzte
berlegenheit freilndischer Mnner ber Gegner welcher Art immer eine
Thatsache sei. Die Abyssinier hatten sich gegen uns so brav geschlagen,
als je zuvor gegen europische Truppen; ihre Bewaffnung, Disziplin und
Schulung, das vieljhrige Werk eines ausschlielich diesem Zwecke
gewidmeten rcksichtslosen Despotismus, lie -- nach europischen
Begriffen -- nichts zu wnschen brig und thatschlich hatten diese
braunen Soldaten sich gleichstarken abendlndischen Heeren im offenen
Felde stets ebenbrtig gezeigt. Wir aber hatten eine sechzehnfache
bermacht zum Weichen gebracht, ohne da dabei das Znglein der Wage
auch nur einen Moment geschwankt htte. Da der Kampf berhaupt so lange
whrte und nicht viel frher schon mit vollstndiger Niederlage der
Abyssinier endete, lag nur daran, da der Fhrer der Vorhut sich an die
Ordre hielt: den Feind zur Entfaltung seiner Krfte zu ntigen. Htte er
sich statt dessen mit voller Wucht sofort auf den Gegner geworfen, ihm
_nicht_ Zeit zur Entwicklung gelassen, und jeden erlangten Vorteil
energisch ausgebeutet, so wren die 65000 Mann des linken Flgels der
Feinde lngst zersprengt gewesen, bevor das Zentrum in die Aktion
eingreifen konnte. Damit soll aber nicht gesagt sein, da Oberst Ruppert
Unrecht that, den Kampf hinhaltend und mehr defensiv zu fhren. Ganz
abgesehen davon, da doch auch ihm erst im Laufe des Gefechtes der bis
dahin blo vermutete hohe Grad freilndischer berlegenheit zur
absoluten Gewiheit werden konnte, war es, je zweifelloser der
schlieliche Sieg unserer Sache erschien, desto entschiedener die
Pflicht jedes gewissenhaften Fhrers, das Blut unserer freilndischen
Jnglinge nicht berflssigerweise um eines Heldenstckleins willen zu
vergieen. Er mute gleich uns allen annehmen, da diese erste Lektion
vollkommen gengen werde, den Negus darber aufzuklren, da eine
Fortsetzung des Kampfes seinerseits Thorheit wre.

Wir hatten aber unsere Rechnung ohne Rcksicht auf den Dnkel eines
barbarischen Despoten gemacht. Als der dem Hauptquartier folgende
Kommissr der Centralverwaltung am nchsten Tage Parlamentre ins
abyssinische Hauptquartier sandte, um Johannes erklren zu lassen, da
Freiland gegen Rckgabe der berrumpelten Festungen und Schiffe und
gegen Leistung zu vereinbarender Friedensbrgschaften noch immer bereit
sei, sich mit ihm zu vertragen, empfing dieser die Abgesandten hochmtig
mit der Frage, ob sie gekommen seien, Unterwerfung anzubieten. Weil
unsere Vorhut sich schlielich zurckgezogen, gab er die Affaire des
gestrigen Tages fr einen abyssinischen Sieg aus. Die Offiziere der
zurckgeworfenen 5 Brigaden seines Heeres seien Feiglinge, meinte er,
wir sollten sehen, wie _er_ sich schlagen werde -- kurzum der
Verblendete wollte von Nachgiebigkeit nichts hren.

Am 8. September griffen wir die am Dschubflusse verschanzte abyssinische
Hauptarmee an. Nach zweistndigem Kampfe war der Feind geschlagen,
167000 Mann streckten die Waffen, der Rest eilte in wilder, regelloser
Flucht den abyssinischen Bergen zu. 10 Tage spter lagen wir vor den
Mauern Massauas, in welche sich der Negus mit den Trmmern seines Heeres
geworfen.

Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die
Nachricht von der Wegnahme der Kstenfestungen und der Schiffe erhalten,
den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung
gezgert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die
Zeit; sie hielt aber dafr, einer solchen nicht zu bedrfen. Was sie
plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit
tragenden Geschtzen, da ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe
zerstren knnten, ohne da die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe
zu erreichen vermchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht blo auf
die grere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der
Geschosse, sondern hauptschlich auf die berlegenheit unserer
Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die
uns passend erscheinende Distanz heranlieen, so mute -- das war der
Kalkl -- den Unseren gelingen, das strkste feindliche Schiff zu
vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden knnten. Um
Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen -- so gro sollten unsere Kanonenbote
sein -- in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszursten,
dazu gengten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde
und alles gehrig ineinander griff, die freilndischen Rhedereien und
sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in
Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000
und 3000 Pferdekrften -- von denen die greren Kriegsdampfer bis zu
vieren erhalten sollten -- waren gengend in den Maschinenwerksttten
Ungamas vorrtig. Aus allen freilndischen Schiepltzen wurden die
vorzglichsten und grten Geschtze herbeigezogen, 24 neue, alles
bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetme in den
Gustahlwerksttten von Danastadt konstruiert und solchergestalt
ermglicht, da binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich
an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte.
Die Eleganz der Ausstattung lie in einzelnen Punkten zu wnschen brig;
die Vollkommenheit der technischen Ausfhrung aber war tadellos. Die
Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein mglichst
geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um
selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht
zum Sinken gebracht zu werden; da jedes Schiff mindestens zwei
vollkommen unabhngig funktionierende Maschinen besa, so war auch eine
Lhmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und
zwar mit Platten der strksten Art, waren blo die Pulverkammern. Die
verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschtze
wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils
einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaen die 36
Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den
verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde.

Da wir den Westmchten versprochen hatten, die den Suezkanal sperrende
Flotte vor Eintreffen der europischen Expeditionskorps unschdlich zu
machen, so mute geeilt werden, dieses gegebene Wort einzulsen. Am 19.
September abends bekamen unsere Schiffe eine bei Bab-el-Mandeb kreuzende
abyssinische Eskadre von 5 Panzern in Sicht. Diese, die scharfgebauten
Schiffe fr Passagierdampfer nehmend, machte sofort Jagd auf sie und
wunderte sich nicht wenig, da die so harmlos aussehenden Fahrzeuge
ihren Kurs unbeirrt fortsetzten. Erst als die Abyssinier sich auf 14000
Meter Distanz genhert und nunmehr einige der grbsten Brocken aus
unseren Feuerschlnden zu kosten bekamen, erkannten sie ihren Irrtum und
machten augenblicklich kehrt. Das Gros unserer Flotte hielt sich auch
mit ihrer Verfolgung nicht auf, sondern setzte die Fahrt ins Rote Meer
fort; blo 6 unserer grten und zugleich als schnellste Fahrer
geltenden Kriegsdampfer eilten den Fliehenden nach, brachten deren zwei
durch eine Reihe wohlgezielter Schsse, die von den Abyssiniern der
groen Distanz halber wirksam gar nicht erwidert werden konnten, zum
Sinken, und jagten die andern auf den Strand. Unsere Schaluppen nahmen
von den im Wasser treibenden Mannschaften auf, so viel sie nur immer
erreichen konnten und setzten dann -- die Affaire mit der
Bab-el-Mandeb-Eskadre hatte blo 2 Stunden beansprucht -- den Weg nach
Suez fort.

An Massaua dampfte das Gros unserer Flotte in der Nacht vom 19. und 20.
unbemerkt vorbei; die nachfolgenden 6 Schiffe aber wurden im
Morgengrauen von einem feindlichen Kreuzer gesehen und verfolgt. Da es
weder in der Absicht der Unseren lag, sich vor Massaua jetzt schon
aufzuhalten, noch die dort liegenden abyssinischen Schiffe durch eine,
ihrem Kreuzer im Vorbeifahren erteilte Lektion vorzeitig zu warnen, so
beantworteten sie dessen Schsse nicht, trotzdem einige derselben
trafen, sondern suchten blo so rasch als mglich an ihm vorbei zu
kommen, was auch ohne ernstlichen Schaden gelang. Wie wir spter
erfuhren, wurden sie in Massaua gleichfalls fr Postschiffe gehalten,
die unbegreiflicherweise den Suez bewachenden Kreuzern in die Hnde
liefen. Alles, was der Negus that, war, da er in den nchsten Nchten
vor Massaua fleiig kreuzen lie, um die vermeintlichen 6 Postdampfer,
wenn sie vor Suez etwa rechtzeitig kehrt machen sollten, diesmal nicht
entschlpfen zu lassen.

Am 22. nachmittags erschien unsere Flotte vor Suez, griff die den Kanal
bewachenden abyssinischen Schiffe unverzglich an und bohrte drei
derselben nach kurzem Gefechte in den Grund. Die anderen, darunter drei
Panzerfregatten, liefen auf den Strand, wo die Bemannung von den
gyptischen Truppen gefangen genommen wurde. Denselben gyptern lieferte
unser Admiral auch die aufgefischten abyssinischen Matrosen und
Seesoldaten provisorisch aus, wandte sich sofort wieder nach Sden und
langte am 24. September vor Massaua an.

Dort waren wir inzwischen unthtig geblieben; wir wuten, da das
Eingreifen unserer Schiffe gengen werde, die Feste in kurzem Wege zu
Falle zu bringen. Als diese auf der Hhe von Massaua erschienen,
nherten sich ihnen einige kleinere abyssinische Kriegsfahrzeuge. Wenige
Schsse jagten sie in die Flucht und nun erst begriff der Negus die
Situation. Zwar hoffte er noch immer, mit unseren Schiffen fertig zu
werden; die schreckliche Wirkung der ersten Lagen aus unseren
Riesengeschtzen belehrte ihn und seine Admiralitt eines Besseren. Vor
den herandampfenden schwerflligen Panzerkolossen stetig zurckweichend
gaben unsere unerreichbaren Vernichtungsmaschinen ihre Geschosse ab und
zwei der Fregatten sanken in die Tiefe, bevor nur _eine_ abyssinische
Kugel ein freilndisches Schiff getroffen htte. Nun wandten sich die
Abyssinier zum Rckzuge, aber die Unseren blieben ihnen -- stets in der
gleichen unnahbaren Distanz -- auf den Fersen und bevor die feindliche
Flotte den Hafen erreicht hatte, fuhr ein drittes Panzerschiff zu
Grunde. Doch im Hafen fanden sie so wenig Sicherheit, als auf offenem
Meere; die schrecklichen Panzerzerschmetterer sandten Kugel auf Kugel
hinein; ein viertes Schiff versank und ein fnftes; gleichzeitig
hmmerten unsere Riesengeschosse zermalmend an den Steinquadern der
Hafenbastionen -- wir erwarteten jeden Moment die weie Fahne, das
Zeichen der Ergebung, in Massaua flattern zu sehen. Statt dessen machte
der Negus, die Unhaltbarkeit der Feste einsehend, von uns jedoch keine
Gnade erwartend, pltzlich einen verzweifelten Ausfall, um sich in die
Berge durchzuschlagen. Doch nur unsere uerste Vorpostenkette gelang es
ihm zu durchbrechen; vor der ersten freilndischen Linie angelangt,
brachten einige Salven den Ansturm der Seinen zum Stehen, ihm aber den
Tod. Die Abyssinier warfen die Waffen weg, der Krieg war beendet.

                   *       *       *       *       *

Hiermit schlieen die freilndischen Briefe unseres neuen Landsmannes
Carlo Falieri an seinen Freund, den Architekten Luigi Cavalotti. Die
beiden Freunde haben inzwischen den Aufenthalt getauscht; Cavalotti ist
zu uns nach Freiland bersiedelt, Falieri dagegen wurde, kaum da er mit
seinem jungen Weibe einige Wochen seligster Zurckgezogenheit auf einer
der paradiesischen Ukerewe-Inseln genossen, uns zeitweilig wieder
entfhrt. Er folgte einem Rufe seines Geburtslandes, welches seiner zu
Durchfhrung jener Reformen zu bedrfen glaubte, die in Konsequenz der
soeben von ihm geschilderten und der diesen folgenden Ereignisse dort
wie fast berall in der bewohnten Welt ins Werk gesetzt werden sollen.
Seine Gattin begleitet ihn auf dieser Mission, zu deren Durchfhrung ihm
seitens unserer Centralverwaltung die unbegrenzten Hlfsquellen
Freilands zur Verfgung gestellt sind. Doch damit geraten wir schon in
den Bereich jener Begebenheiten, deren Darstellung das folgende Buch
gewidmet sein soll.




                             Viertes Buch.




                              23. Kapitel.


Die moralische Wirkung unseres abyssinischen Feldzuges war eine
ungeheure, soweit civilisierte und halbcivilisierte Vlker die Kunde
davon empfingen. Wir selber hatten uns heilsame Folgen davon versprochen
insofern, als wir voraussahen, da die vor aller Welt abgelegte
glnzende Kraftprobe unseren Widersachern Vorsicht und grere
Geneigtheit beibringen werde, auf unsere gerechten Wnsche einzugehen.
Doch der Erfolg bertraf unsere khnsten Erwartungen weitaus. Nicht
eingeschchtert, sondern bekehrt wurden die bisherigen Gegner der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit, was indessen mehr uns Freilnder, als
unsere auswrtigen Freunde zu berraschen schien. Wir vermochten nicht
recht zu begreifen, warum Leute, die Jahrzehnte lang unsere socialen und
wirtschaftlichen Bestrebungen fr thricht oder verwerflich gehalten
hatten, aus der Thatsache, da unsere jungen Leute sich als treffliche
Krieger erwiesen, urpltzlich die Schlufolgerung zogen, es sei mglich
und ntzlich, jedem Arbeitenden den vollen Ertrag seines Fleies
zuzuwenden. Uns, die wir unter der Herrschaft der Vernunft und
Gerechtigkeit lebten, wollte der Zusammenhang zwischen Letzterem und der
Wirkung unserer Gewehre und Geschtze nicht einleuchten; auerhalb
Freilands jedoch, wo immer noch physische Gewalt die letzte Quelle allen
Rechtes war, hielt es ersichtlich Jedermann -- selbst der prinzipielle
Anhnger unserer Ideen -- fr selbstverstndlich, da die blitzartig
zerschmetternden Schlge, unter deren elementarer Gewalt der Negus von
Abyssinien erlegen, das untrglichste _Argumentum ad hominem_ fr die
Vorzglichkeit unserer gesamten Einrichtungen seien. Insbesondere das
urpltzliche siegreiche Auftreten unserer Flotte wirkte da drauen
gleichwie ein entscheidendes Beweismittel dafr, da die wirtschaftliche
Gerechtigkeit keine wesenlose Utopie, sondern sehr reelle Wirklichkeit
sei -- kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zu einem
Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieberhafte
Bewegung ergriff alle Geister, und mit _einem_ Schlage wollte man nun
berall verwirklichen, was bis dahin blo von verhltnismig Wenigen
schchtern als dereinst zu erreichendes Ideal aufgestellt, von Vielen
mit Abneigung betrachtet, von den groen Massen aber zumeist gnzlich
ignoriert worden war.

Und dabei erwies sich -- was uns nun allerdings wieder _nicht_
berraschte -- da die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto heftiger
waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschftigt hatte.
Die fortgeschrittensten freisinnigsten Vlker, deren leitende
Staatsmnner auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte,
wenn auch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitenden
Massen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in
verhltnismiger Ruhe an, die groe konomische und sociale Revolution
unter mglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten.
England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des
abyssinischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen -- wenn
auch vorlufig blo in ihren ostafrikanischen Besitzungen -- zuzulassen,
beschlossen nunmehr, ohne da dazu besondere politische Umwlzungen bei
ihnen notwendig gewesen wren, sich wegen berfhrung ihrer bestehenden
Institutionen in den unsrigen hnliche, mit Freiland ins Einvernehmen zu
setzen, und mehrere andere europische Staaten, sowie ganz Amerika und
Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. Dieses Ereignis war in
den betreffenden Staaten allenthalben von strmischen Ausbrchen der
Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einiger Fensterscheiben
litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthtiger schon ging es in den
konservativen Staaten Europas und in einzelnen Lndern Asiens her;
dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungen verhater
Staatsmnner, die vergebens beteuerten, da nunmehr auch sie gegen die
wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden htten,
stellenweise zu Blutvergieen und Vermgenskonfiskationen. Die
arbeitenden Massen mitrauten dort den besitzenden Stnden, waren aber
selber uneinig ber den einzuschlagenden Weg, so da drohender stets und
gehssiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm aber
gestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen frher wirklich
und bewut volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massen
ausgespielt und Letztere vorstzlich in Unwissenheit und Verkommenheit
darniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse,
die gengenden Einflu besessen htte, sich den Ausbrchen wtenden und
unvernnftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausamkeiten und
Scheulichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unterdrcker
massenhaft abgeschlachtet und es wre kein Ende der sinn- und zwecklosen
Gruel abzusehen gewesen, wenn nicht zum Glcke auch fr diese Lnder
unser Ansehen und unsere Autoritt schlielich die wtenden Massen
beruhigt und die Bewegung in geregelte Bahnen geleitet htte. Nachdem
eine der in diesen Gebieten sich ohne ersichtliches Ziel zerfleischenden
Parteien auf den Gedanken geraten war, unsere Intervention anzurufen,
fand dieses Beispiel allgemeine Nachahmung. Allenthalben aus dem Osten
Europas, aus Asien und aus einigen afrikanischen Staaten richteten die
der Anarchie Verfallenen die Bitte an uns, ihnen Kommissre zu senden,
denen man unumschrnkte Gewalt einrumen wolle. Wir willfahrteten dem
natrlich aufs bereitwilligste und diese freilndischen Kommissre
begegneten thatschlich allenthalben jenem ungeteilten Vertrauen, das
zur Herstellung der Ruhe erforderlich war.

Inzwischen hatten sich aber auch jene Staaten, die von Anbeginn besonnen
vorgegangen waren, freilndische Vertrauensmnner erbeten, die ihren
Regierungen bei Anbahnung der beabsichtigten Reformen mit Rat und That
behlflich sein sollten. Wir sagen nicht ohne Grund: mit Rat und _That_,
denn das freilndische Volk hatte, sowie es erkannt, da man seine
Mitwirkung in Anspruch nehmen werde, den Beschlu gefat, seinen
Delegierten -- sie mochten nun als beratende Mitglieder einer fremden
Regierung oder als mit unumschrnkter Gewalt ausgerstete Kommissre
auftreten, das Verfgungsrecht ber die materiellen Hlfsquellen
Freilands zu Gunsten der sie berufenden Vlker einzurumen, denen diese
Summen brigens nicht schenkungs-, sondern leihweise zuflieen sollten.
Der Edenthaler Centralverwaltung wurde zwar formell das Recht
vorbehalten, von Fall zu Fall ber die von diesen Delegierten
angemeldeten Geldforderungen zu entscheiden; da jedoch als Prinzip
aufgestellt war, da jede notwendige Hlfe zu gewhren sei, ber die
Notwendigkeit der Hlfeleistung aber zumeist doch nur die an Ort und
Stelle Befindlichen urteilen konnten, so lag thatschlich in Hnden
dieser Kommissre und Vertrauensmnner das diskretionre Verfgungsrecht
ber die flssig gemachten Kapitalien.

Da wir aber in der Lage waren, einem solchen, binnen wenigen Monaten
nahe an 2 Milliarden Pfd. Sterling erreichenden Bedarfe sofort zu
entsprechen, erklrt sich daraus, da unsere freilndische
Versicherungsabteilung ungefhr den fnften Teil ihrer derzeit 10
Milliarden berschreitenden Reserven in allezeit flssiger Form zur
Disposition hatte. Die anderen vier Fnftel waren arbeitend angelegt, d.
h. den Associationen sowohl als dem Gemeinwesen zu mannigfaltigen
Investitionen leihweise berlassen; ein Fnftel aber wurde als fr alle
Flle bereiter Stock in den Magazinen der Bank zurckgelegt und konnte
jetzt dem pltzlich aufgetauchten Kapitalbedarfe dienen.
Selbstverstndlich ist, da diese Reserve nicht in Form von Gold oder
Silber hinterlegt war, da sie sich in diesem Falle als unbrauchbar in
der Stunde eines eventuellen Bedarfs erwiesen htte. Nicht Gold oder
Silber, sondern ganz andere Dinge sind es, die in Zeiten der Not
gefordert werden; die Edelmetalle knnen blo als geeignete Mittel
dienen, um diese eigentlich bentigten Dinge sich zu verschaffen; damit
Letzteres jedoch geschehen knne, wird vorausgesetzt, da sie in
entsprechender Menge berhaupt irgendwo vorhanden seien, was bei einem
pltzlich auftretenden Bedarfe von auergewhnlichem Umfange eben
_nicht_ angenommen werden darf. Wer pltzlich Waren im Gesamtwerte von
Milliarden braucht, der wird dieselben nirgend _kaufen_ knnen, weil sie
nirgend vorrtig sein werden; will er auch im Falle solchen Bedarfes vor
Not geschtzt sein, so mu er nicht das Geld zum Einkaufe, sondern die
voraussichtlich erforderlichen Gter selber vorrtig halten. Was htte
es z. B. den Russen, welche die Getreidespeicher ihrer Gutsherren, die
Warenmagazine ihrer Kaufleute, die Maschinen in ihren Fabriken verbrannt
und zerstrt hatten, gentzt, wenn wir ihnen die Milliarden Rubel, deren
sie zur Ersetzung sowohl als zur Vermehrung dieser vernichteten Dinge
bedurften, in Form von Geld zur Verfgung gestellt htten? Nirgend gab
es entbehrliche Vorrte, die sie htten kaufen knnen; wren sie mit
unserem Gelde auf den Mrkten erschienen, so htte dies zum
ausschlielichen Erfolge gehabt, da alle Preise gestiegen und ihre Not
sich allen Nachbarvlkern mitgeteilt htte. Und ebenso bedurften auch
alle andere Nationen, die wir in ihrem Bestreben untersttzen wollten,
mglichst rasch aus ihrem bisherigen Elend zu einem dem unsrigen
hnlichen Reichtume zu gelangen, nicht vermehrter Geldmittel, sondern
vermehrter Nahrungsmittel, Rohstoffe, Werkzeuge. Und in Form solcher
Dinge hatten wir denn auch unsere Reserven angelegt. Ungefhr die Hlfte
derselben bestand stets aus Getreide, die andere Hlfte aus
verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Webestoffen und Metallen. Als
daher unser Kommissr in Ruland successive 285 Millionen Pfund
forderte, erhielt er von uns nicht einen Heller Geld, wohl aber 3040
Schiffsladungen Weizen, Wolle, Eisen, Kupfer, Hlzer u. dgl. zugesendet,
was zur Folge hatte, da das verwstete Land an nichts Mangel litt,
vielmehr schon wenige Monate nachher -- allerdings weniger infolge
dieser ihm dargeliehenen Schtze, als vielmehr der in freilndischem
Geiste durchgefhrten Verwendung derselben -- sich eines Wohlstandes
erfreute, den man dort noch vor kurzem kaum im Traume fr mglich
gehalten htte. In hnlicher Weise machten wir auch anderen Nationen der
Erde unsere Vorrte nutzbar und waren fr den Fall, als diese nicht
gengen sollten, entschlossen, aus den Ertrgen der kommenden Jahre das
Fehlende zu ersetzen.

Doch gedachten wir keineswegs diese uns zugefallene Rolle der
konomischen und socialen Vorsehung der Brudervlker lnger als
unumgnglich notwendig zu bewahren. Nicht weil wir die Verantwortung
oder Last scheuten, sondern weil wir es in jeder Beziehung und im
allseitigen Interesse fr das Beste hielten, wenn der soziale
Umgestaltungsproze, welchem nunmehr die gesamte Menschheit
entgegenging, von dieser auch mit gesammelten Krften nach gemeinsam
wohl erwogenem Plane ins Werk gesetzt werde, beschlossen wir, ungesumt
die Nationen der Erde zu einer Beratung nach Edenthal einzuladen, in
welcher errtert werden solle, was nunmehr zu geschehen habe. Unsere
Meinung dabei war nicht, da dieser Kongre bindende Beschlsse zu
fassen htte; es mge, so beantragten wir, jedem Volke unbenommen
bleiben, aus den Beratungen des Kongresses die ihm beliebigen
Konsequenzen zu ziehen; ntzlich aber, das war unsere Ansicht, wrde es
fr alle Flle sein, zu wissen, wie die Gesamtheit ber die im Zuge
befindliche Bewegung dchte.

Auf ernstlichen Widerstand stie diese Anregung nirgend. Insbesondere
bei den zurckgebliebeneren Vlkern des Ostens machte sich zwar eine
starke dahingehende Strmung geltend, man mge die Zeit nicht mit
nutzlosen Reden vertrdeln, sondern einfach thun, was wir Freilnder
vorschlagen wrden; sie ihrerseits, so thaten uns die konstituierenden
Versammlungen mehrerer -- und nicht gerade der kleinsten -- Nationen zu
wissen, wrden doch nur auf uns hren, der Kongre mge sagen, was er
wolle. Doch bedurfte es blo des Hinweises darauf, da wir, um ihnen zu
raten, sie doch auch hren mten und da uns hierzu der Kongre das
geeignetste Forum scheine, um sie zu dessen Beschickung zu veranlassen.
Auch konnten wir nicht verhindern, da viele von den nach Edenthal
entsendeten Delegierten die bindende Instruktion auf den Weg erhielten,
bei allen Abstimmungen unbedingt mit uns Freilndern zu gehen, welche
Instruktion sich jedoch insofern gegenstandlos erwies, als der Kongre
berhaupt nur ber Formfragen abstimmte, sonst aber blo beriet, es
Jedermann anheimgebend, sich die Diskussionsresultate selber zu bilden.

Dagegen hatte sich gerade inmitten der vorgeschrittensten Lnder eine,
wenn auch der Zahl nach geringe, Opposition wiedereingestellt, die zwar
das Prinzip der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit
anerkannte, jedoch eine ganze Reihe angeblich praktischer Bedenken
gegen dessen durchgreifende Verwirklichung geltend machte. Diese
Opposition htte, auf ihre eigenen Krfte angewiesen, nirgend vermocht,
ein Mandat fr den Welt-Kongre zu erlangen; sie fand aber allerorten
krftige Frsprecher -- in den freilndischen Vertrauensmnnern und
Kommissren, die, durchaus im Einklang mit der ffentlichen Meinung
Freilands, das Bestreben verfolgten, wo mglich jeder namhafteren
Parteirichtung eine Vertretung zu sichern, damit selbst die etwa
vorhandenen offenen Anhnger der berlebten, alten Wirtschaftsordnung
kein Recht htten, darber Klage zu fhren, da man sie nicht htte zu
Worte kommen lassen. 68 Nationen waren zur Teilnahme am Kongresse
geladen worden; die Anzahl der zu entsendenden Delegierten blieb dem
Belieben der Geladenen berlassen, nur wurde gebeten, die Zahl von je
zehn Abgesandten nicht zu berschreiten; thatschlich whlten die 68
Lnder insgesamt 425 Delegierte, was mit den 12 am Kongresse gleichfalls
teilnehmenden Chefs der freilndischen Verwaltung eine Gesamtzahl von
437 Kongremitgliedern ergab.

Am 3. Mrz des 26. Jahres nach der Grndung von Freiland versammelte
sich der Kongre im groen Saale des Edenthaler Volkspalastes. Auf der
Rechten saen die Zweifler an der allgemeinen Durchfhrbarkeit der im
Zuge befindlichen Reformen, im Centrum die Anhnger Freilands, auf der
Linken die Radikalen, denen die gewaltsamsten Mittel die besten
schienen. Den Vorsitz fhrte der Chef der freilndischen
Prsidialabteilung, welches Amt seit Grndung des Gemeinwesens
ununterbrochen Dr. Strahl verwaltet hatte. Wir lassen nunmehr den
Verlauf der fnftgigen Diskussion auszugsweise an der Hand der
Sitzungsprotokolle folgen.

                        Erster Verhandlungstag.

Der _Vorsitzende_ begrt namens des freilndischen Volkes die auf
dessen Einladung herbeigeeilten Abgesandten der smtlichen
Brudernationen der Erde und fhrt dann fort:

Um einiges, wenn auch nicht gerade strenges und starres System in den
Gang der Beratungen zu bringen, schlage ich vor, da wir von Anbeginn
eine gewisse Reihenfolge der zu behandelnden Fragen feststellen;
Abschweifungen von dieser Reihenfolge werden allerdings nicht immer zu
vermeiden sein; aber als ntzlich drfte es sich fr alle Flle
erweisen, wenn die Redner zum mindesten das Bestreben zeigen, mglichst
nur zu dem gerade in Verhandlung stehenden Gegenstande zu sprechen. Um
die Diskussion dieser Formfrage abzukrzen, hat die freilndische
Verwaltung sich erlaubt, eine Art Tagesordnung auszuarbeiten, die Sie
annehmen, amendieren oder auch verwerfen knnen; die in diese
Tagesordnung aufgenommenen Diskussionsstoffe sind jedoch, wie ich sofort
bemerken will, nicht unserer hierortigen Initiative entsprungen, sondern
wurden uns von den Fhrern der verschiedenen auslndischen Parteien als
nherer Aufklrung bedrftig bezeichnet; wir unserseits begngten uns
damit, System in diese uns vorgelegten Fragen zu bringen. Wir schlagen
also folgende Reihenfolge der Verhandlungsgegenstnde vor:

1. Wie erklrt sich die Thatsache, da es im geschichtlichen Verlaufe
vor Grndung Freilands noch niemals gelungen ist, ein Gemeinwesen auf
den Prinzipien der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und Freiheit
einzurichten?

2. Ist der Erfolg der freilndischen Institutionen nicht etwa blo auf
das ausnahmsweise und daher vielleicht vorbergehende Zusammenwirken
besonders gnstiger Verhltnisse zurckzufhren oder beruhen dieselben
auf berall vorhandenen, in der menschlichen Natur begrndeten
Voraussetzungen?

3. Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und mte nicht
bervlkerung eintreten, wenn es vorbergehend gelnge, das Elend
allgemein zu beseitigen?

4. Ist es mglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
berall unter Schonung der erworbenen Rechte und berkommener Interessen
zur Durchfhrung zu bringen; und wenn dies mglich ist, welches sind die
geeigneten Mittel hierzu?

Hat jemand zu diesem unserem Vorschlage eine Bemerkung zu machen? Es ist
nicht der Fall. Ich setze also Punkt 1 auf die Tagesordnung und erteile
dem Abgeordneten Erasmus Kraft das Wort.

_Erasmus Kraft_ (Rechte). Wir schicken uns allenthalben, so weit
denkende Menschen den Erdball bewohnen, an, den Zustand der Knechtschaft
und des Elends, in welchem, so weit menschliche Erinnerung zurckreicht,
unsere Rasse gefangen war, mit einer glcklicheren Ordnung der Dinge zu
vertauschen. Das leuchtende Beispiel, welches wir hier in Freiland vor
Augen haben, scheint dafr zu sprechen, da der Versuch gelingen werde,
gelingen msse. Doch je deutlicher sich diese Perspektive uns darstellt,
desto dringender, unabweislicher wird die Frage, warum das, was sich
jetzt vollziehen soll, nicht schon lngst geschehen, warum der Genius
der Menschlichkeit so lange geschlafen, ehe er sich zur Vollbringung
dieses segensreichen Werkes aufraffte. Wir sehen, da es gengt,
Jedermann den vollen Genu dessen, was er erzeugt, zu gnnen, um
Jedermann berflu zu verschaffen, und trotzdem hat man ungezhlte
Jahrtausende hindurch grenzenloses Elend mit all seinem Gefolge von
Jammer und Verbrechen geduldig ertragen, als wren sie unabweisliche
Naturnotwendigkeiten. Woran liegt das? Sind wir klger, weiser,
gerechter als alle unsere Vorfahren, oder befinden wir uns trotz all der
scheinbar untrglichen Beweise, die fr das Gelingen unseres Werkes
sprechen, nicht vielleicht doch im Irrtume? Die zum grten, wichtigsten
Teile allerdings in das Dunkel der Urzeit gehllte Geschichte der
Menschheit ist so alt, da schwerlich anzunehmen ist, eine so wichtige,
dem brennendsten Wunsche jeglicher Kreatur entsprechende Bestrebung, wie
diejenige nach materiellem Wohlbefinden aller, trete jetzt zum ersten
Male in die Erscheinung; sie mu nicht _einmal_, wiederholt schon
hervorgetreten sein, auch wenn keinerlei berlieferung uns darber
Verlliches erzhlt. Wo aber sind ihre Erfolge? Oder waren vielleicht
solche Erfolge vorhanden, auch wenn wir nichts davon wissen, ist die
Erzhlung vom goldenen Zeitalter mehr als eine fromme Fabel und sind wir
etwa im Begriffe, neuerdings ein solches heraufzubeschwren? Dann aber
taucht wieder die Frage auf, von welcher Dauer dieses Zeitalter sein, ob
ihm nicht abermals das eherne und eiserne folgen werden -- vielleicht in
traurigerer schrecklicherer Gestalt als jenes gezeigt, von welchem
Abschied zu nehmen wir uns eben anschicken. Ich will es, dem Winke des
verehrten Vorsitzenden gehorchend, vermeiden, jetzt schon die mglichen
Ursachen eines solchen Rckfalls in verdoppeltes Elend zu untersuchen,
da dies das Thema des dritten Punktes der Tagesordnung sein wird; auch
glaube ich, da, bevor wir an die Klarlegung aller denkbaren
Konsequenzen eines Gelingens unserer Bestrebungen schreiten, sehr
zweckentsprechend zunchst festgestellt werden sollte, _ob_ diese denn
auch wirklich und in vollem Umfange gelingen werden, zu welchem Behufe
hinwieder die Klarlegung der Frage ersprielich ist, warum dieselbe
bisher niemals gelungen, ja vielleicht niemals versucht worden sind.

_Christian Castor_ (Centrum). Der Vorredner irrt, wenn er behauptet, im
geschichtlichen Verlaufe der letzten Jahrtausende sei es zu keinerlei
ernsthaftem Versuche einer Verwirklichung des Prinzips der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit gekommen. Einer der groartigsten
Versuche dieser Art ist das Christentum. Wer die Evangelien kennt, mu
wissen, da Christus und seine Apostel die Ausbeutung des Menschen durch
den Menschen verdammen; das Wort der Schrift: Wehe dem, der sich mstet
vom Schweie seines Bruders enthlt schon im Keime den ganzen Kodex des
freilndischen Rechts und alles, was wir nunmehr ins Werk zu setzen
bestrebt sind. Da das offizielle Christentum spterhin seine sociale
Befreiungsarbeit fallen lie, ist allerdings richtig, aber einzelne
Kirchenvter haben immer und immer wieder, gesttzt auf die heiligen
Texte, die ursprnglichen Absichten Christi zu verwirklichen gestrebt.
Und da es im ganzen Verlaufe des Mittelalters wie spter in der Neuzeit
an zum Teil sehr energischen Versuchen zur Verwirklichung des
christlichen Ideals niemals gefehlt hat, ist gleichfalls bekannt. Das
wollte ich zunchst hervorheben. Die Beleuchtung der Frage, warum alle
diese Versuche Schiffbruch litten, berlasse ich anderen bewhrteren
Krften.

_Wladimir Ossip_ (Linke). Fern sei es von mir, den edlen Stifter des
Christentums mit dem, was spter aus seiner Lehre gemacht wurde, zu
verwechseln; aber unser Freund aus der amerikanischen Union geht meines
Erachtens doch zu weit, wenn er ihn und seine Nachfolger als _unsere_
Vorgnger hinstellen will. Wir verknden das Glck und die Freiheit,
Christus predigte Entsagung und Demut; wir wollen den Reichtum, er die
Armut Aller; wir beschftigen uns mit den Dingen dieser Erde, er hat das
Jenseits vor Augen; wir sind -- um es kurz zu sagen -- Revolutionre,
wenn auch friedliche, er ist ein Religionsstifter. Lassen wir die
Religion; ich glaube, es kann zu nichts fhren, sich in Fragen des Mein
und Dein auf das Christentum zu berufen.

_Lionel Acosta_ (Centrum). Ich bin diesfalls durchaus anderer Meinung
als mein geehrter Herr Vorredner und schliee mich dem Kollegen aus
Nordamerika an. Die Lehre Christi ist die reinste, edelste, wenn auch
ber Mittel und Ziele noch nicht klar bewute Verkndigung der socialen
Freiheit, die bisher gehrt worden ist, und diese Verkndigung der
socialen Befreiung, nicht religise Neuerungen, sind der Inhalt der
guten Botschaft; Christus fr einen Religionsstifter statt fr einen
socialen Reformator auszugeben, eine Lehre, die im Fluge die Herzen der
unterdrckten Massen gewonnen, weil sie ihnen Abhlfe ihrer Leiden
versprach, zu einem Einschlferungsmittel ihrer erwachenden Energie zu
gebrauchen, war das Meisterstck der Verknechtungskunst. Christus hat
sich mit Religion gar nicht beschftigt, keine Zeile der Evangelien
enthlt auch nur eine Spur davon, da er an den alten religisen
Satzungen seines Landes rttelte; der frmmste, eifrigste Jude kann
seinen Kindern unbedenklich die Evangelien zu lesen geben, sie werden
nichts darin finden, was ihr religises Gefhl verletzt. (Eine Stimme:
Warum wurde aber dann Christus ans Kreuz geschlagen?) Man fragt mich,
warum Christus von den Juden gekreuzigt wurde, wenn er nichts gegen das
mosaische Gesetz unternommen hatte. Ja mordet man denn _blo_ aus
religisen Grnden? Christus wurde zum Tode geschleift, weil er ein
_socialer_, nicht weil er ein religiser Neuerer war, und nicht die
Frommen, sondern die Mchtigen unter den Juden haben seinen Tod
gefordert. Darber auch nur ein Wort zu verlieren ist in den Augen all
jener durchaus berflssig, welche die weltbewegenden Begebenheiten
jener traurigsten und doch zugleich glorreichsten Tage Israels, in denen
der edelste seiner Shne den freiwillig gesuchten Mrtyrertod fand,
unbefangen betrachten. Zunchst ist es eine wohlbeglaubigte
geschichtliche Thatsache, da im Juda der damaligen Zeit fr religise
Sektirerei ebenso wenig auf Tod erkannt wurde, wie etwa in Europa des
letzten Jahrhunderts. Zum zweiten spricht die Art der Hinrichtung, das
den Juden ganz unbekannte Kreuz, dafr, da Christus nach rmischem,
nicht nach jdischem Recht gerichtet wurde; die Rmer, dieses in
religiser Beziehung toleranteste aller Vlker, htten aber erst recht
wegen religiser Neuerungen Niemand zum Tode gebracht; sie htten die
Hinrichtung keineswegs geduldet, geschweige denn selber das Urteil
gesprochen und in ihrer Art vollzogen; das Kreuz war bei ihnen die
Strafe _aufrhrerischer Sklaven_ oder ihrer _Verfhrer_.

Ich sage das nicht, um die Verantwortung fr Christi Tod von Juda
abzuwlzen; es ist jedes Volkes trauriges Privilegium, der Henker seiner
Edelsten zu sein, und gleichwie Niemand anders als die Athener Sokrates
ttete, so hat auch Niemand anders als die Juden Christus gettet; der
Rmer war nur das Werkzeug des jdischen Hasses, doch wohlverstanden des
Hasses der um ihre Besitztmer zitternden Reichen unter den damaligen
Juden, die den Verfhrer des Volkes dem Statthalter denunzierten. Ja,
es ist auch durchaus glaubhaft, da dieser letztere sich nicht
bereitwillig zeigte, auf die Wnsche der gengstigten Denunzianten
einzugehen, denn er, der Rmer, der im niemals erschtterten Glauben an
seine starre Eigentumsordnung Aufgewachsene, verstand die Bedeutung und
Tragweite der socialen Lehre Christi gar nicht. Er hielt ihn -- die
Evangelien lassen darber kaum einen Zweifel und es wre im Grunde
genommen anders auch schwer zu begreifen -- fr einen harmlosen
Schwrmer, den man mit ein paar Rutenstreichen laufen lassen knnte.
Generationen muten vergehen, bis die _rmische_ Welt erkennen lernte,
was die Lehre Christi eigentlich zu bedeuten habe -- dann aber fiel sie
auch mit einer Wut sonder gleichen ber ihre Anhnger her, kreuzigte
sie, warf sie den Bestien vor, kurz that alles, was Rom niemals gegen
abweichende Religionen, stets aber gegen die Feinde seiner Rechts- und
Eigentumsordnung that. Anders die _jdische_ Aristokratie; diese begriff
Sinn und Tragweite der christlichen Propaganda sofort, denn im
Pentateuch wie in den Lehren der frheren Propheten hatte sie lngst
schon die Keime dieser socialen Forderungen kennen gelernt. Das
Jubeljahr, welches neuerliche Grundverteilung nach je 49 Jahren
forderte, die Bestimmung, da alle Knechte im siebenten Jahre
freizulassen seien, was waren sie anderes, als die Vorlufer der von
Christus verlangten allgemeinen Gleichheit. Ob all diese in den heiligen
Schriften des alten Juda niedergelegten socialen Gedanken jemals zu
praktischer Durchfhrung gelangt waren, ist mehr als zweifelhaft, aber
bekannt und gelufig waren sie lngst jedem Juden, und als Christus
daher den Versuch machte, sie ins praktische Leben einzufhren, als er
in gewaltigen, hinreienden Reden Wehe ber den Reichen rief, der sich
vom Schweie seines Bruders mste, da erkannten die Mchtigen in
Jerusalem sofort die ihren Interessen drohende Gefahr, welche ihren
nicht jdischen Standesgenossen erst viel spter klar wurde. Es
unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel, da sie dem rmischen
Statthalter gegenber aus der wahren Beschaffenheit ihrer Besorgnisse
kein Hehl machten, denn nicht als Sektierer, als Aufwiegler wurde
Christus hingerichtet.

Dem Volke aber konnte ebenso selbstverstndlich nicht gesagt werden, da
man den Tod Christi fordere, weil er die in den heiligen Bchern
niedergelegte und von den Propheten oft genug geforderte Gleichheit
praktisch verwirklichen wolle; diesem mute das Mrlein von den
religisen Ketzereien des Nazareners aufgetischt werden, welches Mrlein
indessen -- abgesehen von dem bei der Hinrichtung zusammengelaufenen
urteilslosen Pbel -- lange Zeit nirgend Glauben fand. Als gut jdisch
galten die ersten Christengemeinden allenthalben in Israel, als judaei
werden sie uns von allen rmischen Schriftstellern genannt, in denen
ihrer Erwhnung geschieht. Was sie wirklich waren, wodurch allein sie
sich von den anderen Judengemeinden unterschieden, darber ist -- trotz
aller anfangs aus leicht begreiflichen Grnden beobachteten Vorsicht und
trotz der spter, aus ebenso begreiflichen Grnden gebten Flschungen
-- in den Apostelgeschichten Gengendes auf uns gekommen. Socialisten,
ja zum Teil Kommunisten waren sie; absolute wirtschaftliche Gleichheit,
Gtergemeinschaft wurde in ihnen gebt. Spter erst, als die christliche
Kirche unter Preisgebung ihres socialen Inhalts Frieden mit der
Staatsgewalt geschlossen, aus einer grausam verfolgten Mrtyrerin der
Gleichheit, sich in ein Werkzeug der Herrschaft und zwar vielleicht
gerade wegen dieses Renegatentums, doppelt verfolgungsschtiger
Herrschaft, umgewandelt hatte, erst von da ab suchte sie selber die
tckische Verleumdung ihrer einstigen Anklger hervor, spielte sich
selber als neue Religion aus -- was sie seither in der That auch
geworden ist. Und da es ihr gelang, durch lnger als anderthalb
Jahrtausende diese ihre neue Rolle mit dem Namen Christi in Verbindung
zu erhalten, ist zum weitaus berwiegenden Teile allerdings die Schuld
des jdischen Stammes, der durch die blutigen Verfolgungen, die unter
Berufung auf den milden Dulder von Golgata gegen ihn verbt wurden, sich
zu blindem, thrichtem Hasse gegen diesen seinen grten und edelsten
Sohn verleiten lie.

Aber deshalb bleibt es nicht minder wahr, da Christus fr die Idee der
socialen Gerechtigkeit und nur fr diese den Tod erlitten, ja da diese
Idee schon vor ihm dem Judentume nicht unbekannt war. Und ebenso wahr
ist, da trotz aller nachtrglichen Verdunkelung und Flschung dieser
welterlsenden Idee, die Propaganda der wirtschaftlichen Befreiung
niemals wieder vllig erstickt werden konnte. Vergebens untersagte die
Kirche der Laienwelt die Lektre jener Bcher, welche angeblich nichts
anderes, als ihre, der Kirche, Lehren enthalten sollten; immer und immer
wieder holten sich die in tiefster Erniedrigung schmachtenden
europischen Vlker aus diesen verfehmten Schriften Mut und Begeisterung
zu Versuchen der Befreiung.

_Darja-Sing_ (Centrum). Ich mchte das soeben Gehrte dahin ergnzen,
da auch noch ein anderes Volk und zwar 600 Jahre vor Christus, die Idee
der Freiheit und Gerechtigkeit aus sich gebar -- es ist das indische.
Der eigentliche Kern auch des Buddhismus ist die Lehre von der
Gleichheit aller Menschen und von der Sndhaftigkeit der Unterdrckung
und Ausbeutung. Ja, ich wage sogar die Vermutung zu uern, da die
bereits erwhnten socialen Freiheitsgedanken des Pentateuch wie der
Propheten und folglich mittelbar auch die Christi, auf indische Anregung
zurckzufhren sind. Das scheint auf den ersten Blick ein arger
Anachronismus zu sein, denn Buddha lebte wie gesagt 600 Jahre vor
Christus, whrend die jdische Legende die Abfassung der fnf Bcher in
das 14. Jahrhundert v. Chr. verlegt. Allein es ist mir bekannt, da
neuere Forschungen mit nahezu absoluter Sicherheit festgestellt haben,
da diese angeblichen Bcher Mosis frhestens im sechsten Jahrhundert,
und jedenfalls erst nach der Rckkehr aus der sogenannten babylonischen
Gefangenschaft verfat wurden. Gerade zur Zeit aber, als die Elite des
damaligen Juda nach Babylon verpflanzt war, sandte Buddha seine Apostel
durch ganz Asien, und da die an den Wassern Babels Weinenden gegen
solche Lehren damals besonders empfnglich gewesen sein muten, liegt
auf der Hand.

Wenn also einige germanische Schriftsteller die Behauptung aufstellten,
das Christentum sei ein fremder Blutstropfen im Krper des arischen
Volkstums, so haben sie insofern allerdings Recht, als ihnen das
Christentum thatschlich als Semitismus, nmlich dem Judentum
entsprossen, zukam; nichtsdestoweniger kann die arische Welt den
Grundgedanken des Christentums fr sich reklamieren, da
hchstwahrscheinlich sie es war, welche die ersten Keime hierzu dem
Semitentume bergab. Ich sage das nicht, um das Verdienst des groen
semitischen Freiheitsmrtyrers zu schmlern. Ich kann leider nicht
leugnen, da wir Arier mit dem unserem Schoe entsprossenen gttlichen
Gedanken aus eigener Kraft nichts anzufangen verstanden. Gleichwie es
wahrscheinlich ist, da gerade die Scheulichkeit des indischen
Kastenwesens, jener schndlichsten Blte, die jemals dem blut- und
thrnengedngten Boden der Knechtschaft entsprossen, Ursache gewesen,
da in Indien zuerst die geistige Reaktion gegen diese Geiel der
Menschheit sich zeigte, ebenso sicher ist es auf der anderen Seite, da
das nmliche Kastenwesen die Spannkraft unseres indischen Volkes
allzusehr gebrochen, als da dieses die empfangene Anregung selber htte
fruchtbringend verarbeiten knnen. Der Buddhismus erlosch in Indien und
wurde auerhalb Indiens sehr bald seines socialen Inhalts gnzlich
entkleidet. Jene transcendenten Spekulationen, auf welche man auch im
Abendlande das Christentum zu beschrnken _versuchte_, sie sind im Osten
Asiens thatschlich der einzige Effekt des Buddhismus gewesen. Ja schon
im Geiste der Stifter gestaltet sich der Freiheitsgedanke anders bei
dem, trotz aller Erhabenheit doch den Stempel seines Volkstumes
tragenden Avatar Indiens und anders bei dem Messias in Juda, der
inmitten eines von nie gebndigtem Gleichheitsdrange durchglhten Volkes
das Licht der Welt erblickte. Buddha konnte sich die Freiheit wirklich
nur in Form jener hoffnungslosen Entsagung vorstellen, die dem
christlichen Freiheitsgedanken blo flschlich von Jenen untergeschoben
wurde, die durch fremde Ansprche im eigenen Genusse nicht gestrt zu
werden wnschten.

Ja ich bin berzeugt, da auch unsere krftigeren, nach dem Westen
ausgewanderten Verwandten den Freiheits- und Gleichheitsgedanken nicht
htten verwerten knnen, wenn wir -- die indische Welt -- ihnen
denselben unverndert, wie wir ihn schufen, bergeben htten. Denn auch
ihnen steckte, als sie nach Europa kamen und noch ein Jahrtausend
spter, das Kastengefhl im Blute; da alle Menschen gleich, wirklich
schon hier auf Erden gleich seien, wre dem germanischen Edeling sowohl,
als dem germanischen Knechte ebenso unfabar geblieben, als es dem
indischen Paria oder Sudra und dem Brahmanen oder Ksatrija unfabar
geblieben ist. Dieser Gedanke mute zuerst von dem streng demokratisch
gesinnten kleinen semitischen Volksstamme an den Ufern des Jordan in
feste, frderhin nicht mehr zu verdunkelnde Formen gebracht und von der
freien nchternen Forschung Roms und Griechenlands in grelle -- wenn
auch vorlufig ablehnende -- Untersuchung gezogen worden sein, ehe er,
zu rein arischen Volksstmmen verpflanzt, Frchte zu tragen vermochte.
Nahmen doch die bekehrten germanischen Knige das Christentum ganz
ersichtlich nur an, weil sie es fr ein passendes Werkzeug der
Herrschaft hielten. Was die neue Lehre den Knechten etwa sagen mochte,
war ihnen vorerst gleichgiltig, denn der Knecht, der in scheuer
Ehrfurcht zu den Abkmmlingen der Asen, seinen Herren, emporsah,
erschien fr alle Ewigkeit ungefhrlich; gegen wen es sich zu wappnen
galt, das waren die Mitherren, die Groen und Edlen, die bisher nur der
faktischen Macht, nicht dem Wesen nach, von den Knigen verschieden
waren. Das Herrenrecht kam -- nach arischer Anschauung -- von Gott, sehr
wohl; aber das des kleinsten Edeln in der nmlichen Weise, wie das des
Knigs; sie alle stammten von den Gttern ab. In Christus nun fanden die
Knige den _einen_ obersten Herrn, der ihnen, ihnen allein, die Macht
verliehen hatte; abermals besaen sie eine gttliche Quelle des
Herrenrechts, aber fr sich allein und deshalb erzhlt uns die
Geschichte berall, da die Knige gegen den -- oft verzweifelten --
Widerstand der Groen das Christentum einfhrten, nirgends, da die
Groen ohne, oder gar gegen den Willen der Knige sich bekehrt htten.
Die Volksmassen, die Knechte -- wo werden diese jemals berhaupt
gefragt? Sie haben zu thun und zu glauben, was die Herren fr gut finden
-- und sie thun es ausnahmslos, ohne den geringsten Widerstand, lassen
sich gleich den Schafen herdenweise zur Taufe ins Wasser treiben und
glauben nunmehr auf Befehl, da alle Macht von _einem_ Gotte komme, der
sie _einem_ Herrn verliehen. Denn der arische Knecht ist eine willenlose
Sache, die zu eigenem Denken erst erzogen werden mu. Dieses
Erziehungswerk nun hat allerdings ziemlich lange gedauert, aber wie der
Vorredner richtig bemerkte, geschlafen hat der Gedanke der Freiheit
nicht.

_Erich Holm_ (Rechte). Ich glaube, es lt sich gegen den Nachweis, da
der Gedanke der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit
schon Jahrtausende alt ist und niemals vollstndig entschlief, nichts
stichhaltiges sagen. Aber es fragt sich, ob denn dieser allgemeine
Gleichberechtigungs- und Freiheitsgedanke mit jenem speciellen, an
dessen Verwirklichung wir jetzt schreiten, viel des Gemeinsamen hat,
nicht vielleicht in manchen Stcken das Gegenteil desselben besagt; und
zum zweiten mu nun erst recht Bedenken erregen, da dieser, wie wir
gehrt haben, 2 Jahrtausende alte Gedanke bisher noch nie und nirgend
verwirklicht werden konnte.

Ersteres anlangend mu ich zugeben, da Christus -- im Gegensatze zu
Buddha -- die Gleichheit nicht transcendent und metaphysisch, sondern
sehr materiell und buchstblich verstanden hat. Er pries zwar auch die
Armen an Geist selig, aber unter den Reichen, die ihm zufolge schwerer
ins Himmelreich eingehen sollen, als ein Schiffsseil aus Kamelhaaren
durch ein Nadelhr, verstand er ganz gewi nicht die Reichen im Geiste,
sondern die an irdischen Gtern Reichen. Auch ist es richtig, da er
sagte, mein Reich ist nicht von dieser Welt und dem Kaiser geben hie,
was des Kaisers sei; allein, wer diese Stellen nicht aus dem
Zusammenhange reit, kann unmglich bersehen, da er damit lediglich
jede Einmischung in die politischen Angelegenheiten ablehnt, nicht um
politischer, sondern um transcendenter _Zwecke_, um der ewigen Seligkeit
willen, der socialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will. Ob Rom oder
Israel herrscht, ist ihm gleichgiltig, wenn nur Gerechtigkeit gebt
wird; doch da er diese nicht erst im Jenseits, sondern schon hinieden
gebt wissen will, kann nur fromme Beschrnktheit leugnen. Aber ist das,
was Christus unter Gerechtigkeit versteht, wirklich dasselbe, was wir
darunter meinen? Zwar das von ihm gleich anderen jdischen Lehrern
verkndete Liebe Deinen Nchsten wie Dich selbst wre eine sinnlose
Phrase, wenn es nicht wirtschaftliche Gleichberechtigung zur
Voraussetzung htte. Den Menschen, den man ausbeutet, liebt man wie sein
Haustier, nicht aber wie sich selbst; wahrhaft christliche
Nchstenliebe in einer ausbeuterischen Gesellschaft verlangen, wre
einfach albern, und was dabei herauskommen kann, haben wir bisher
sattsam erfahren. Im brigen nimmt uns ja der Apostel hierber den
letzten Rest von Zweifel, denn er verdammt ausdrcklich, sich vom
Schweie des Nchsten zu msten, d. h. ihn auszubeuten. Insoweit also
wren wir mit Christus vollkommen eines Strebens. Aber er verdammt
ebenso ausdrcklich den Reichtum, preist die Armut, whrend wir den
Reichtum zum Gemeingute Aller machen, also alle unsere Mitmenschen in
einen Zustand versetzen wollen, in dem sie -- um mit Christus zu reden
-- schwerer als ein Schiffstau durchs Nadelhr, ins Himmelreich eingehen
knnten. Hier ist ein Gegensatz, dessen berbrckung mir schwer mglich
erscheint. Wir halten das Elend, Christus den Reichtum fr die Quelle
des Lasters, der Snde; unsere Gleichheit ist die des Reichtums, die
seinige die der Armut; das bitte ich frs erste festzuhalten.

Zum zweiten aber hat ja Christus -- trotz des, wie man zugeben wird,
viel bescheidenen Zieles, welches er sich steckte, dasselbe _nicht_
erreicht. Ist sohin die Berufung auf diesen erhabensten aller Geister,
statt uns in Verfolgung unserer Ziele zu strken, nicht vielmehr
geeignet, uns zu entmutigen?

_Emilio Lerma_ (Freiland). Die Verbindung, in welche der Vorredner die
von Christus gepriesene und geforderte Armut mit dem -- angeblichen --
Milingen seines Befreiungswerkes gebracht hat, ist eine verfehlte.
Nicht trotzdem, sondern _weil_ Christus die Gleichheit auf Grundlage der
Armut herstellen wollte, ist dies frs erste milungen. Die Gleichheit
der Armut lt sich nicht herstellen, denn sie wre gleichbedeutend mit
Stillstand der Kultur; wohl aber ist es nicht blo mglich, sondern
notwendig, die Gleichheit des Reichtums ins Werk zu setzen -- sowie die
Voraussetzungen dafr vorhanden sind -- weil dies mit Fortschritt der
Kultur gleichbedeutend ist. Allerdings -- so werden Sie sagen -- so
verhlt es sich nach unserer Auffassung; nach derjenigen Christi aber
ist der Reichtum ein bel. Sehr wahr. Nur kann uns bei unbefangenem
Eingehen in die Sache unmglich entgehen, _da Christus den Reichtum nur
verwarf, weil er seine Quelle in der Ausbeutung hatte_. Nichts im ganzen
Laufe des Lebens Jesu deutet darauf hin, da er jener finstere Ascet
gewesen, der er htte sein mssen, wenn er den Reichtum als solchen fr
sndhaft gehalten htte; zahllose Stellen der Evangelien legen
unzweideutiges Zeugnis fr das Gegenteil ab. Christi Bedrfnisse waren
allerdings einfach; aber er geno stets mit Behagen, was ihm etwaiger
Reichtum seiner Anhnger bot und sah nirgends ein bles darin, vom Leben
soviel anzunehmen, als sich mit der Gerechtigkeit vertrgt. Auch der
Ha, mit welchem ihn die Reichen Jerusalems verfolgen, nderte diese
seine Anschauung nicht, wie denn berhaupt das oft citierte
Verdammungsurteil gegen die Reichen etwas geradezu verletzendes, dem
Geiste der Evangelien zuwiderlaufendes hat, wenn wir es auer
Zusammenhang halten mit dem Wehe, wer sich mstet vom Schweie seines
Bruders. Im Reichtum verdammt Christus blo dessen Quelle; nur weil
Reichtum anders, als durch Ausntzung des Schweies der Brder nicht
erworben werden konnte, deshalb und nur deshalb allein war ihm das
Himmelreich verschlossen. Kein Zweifel, da Christus gleich uns sich mit
dem Reichtume vershnt htte, wre damals wie zu unserer Zeit Reichtum
auch ohne Ausbeutung, ja ohne diese erst recht mglich gewesen. Aus
welchen Grnden dies zu Christi Zeiten und noch viele Jahrhunderte
nachher unmglich war, darber werden wir uns noch ausfhrlich zu
verbreiten haben; vorlufig sei blo konstatiert, _da_ es unmglich
war, da die Wahl blo zwischen Armut oder Reichtum durch Ausbeutung
stand.

Diese Alternative schrfer als je zuvor ein Anderer erkannt und sich mit
hinreiender Glut gegen die Ausbeutung gewendet zu haben, ist eben die
unsterbliche That Christi. Er mute dafr am Kreuze sterben, denn im
Gegensatze von Gerechtigkeit und Kulturnotwendigkeit wird stets die
erstere unterliegen; er mute sterben, weil er nahezu zwei Jahrtausende
zu frh das Banner wahrer Menschenliebe, Freiheit und Gleichheit, kurz
aller edelsten Gefhle des menschlichen Herzens entrollte -- zu frh,
wohlverstanden fr ihn, nicht fr uns, denn die trge Menschheit
bedurfte dieser zwei Jahrtausende, um voll zu begreifen, was ihr
Mrtyrer gemeint, fr _sie_ starb er keinen Tag zu frh. Es gibt also
keinen Gegensatz der christlichen Ideen mit unseren Bestrebungen; der
Unterschied beider liegt blo darin, da jene, die erste Verkndigung
des Gedankens der Gleichheit, in eine Zeit fallen, wo die materiellen
Voraussetzungen der Verwirklichung dieser gttlichen Idee noch nicht
vorhanden waren, whrend diese die Fleischwerdung des Wortes zu
bedeuten haben, die Frucht des damals in den Geist der Menschheit
niedergelegten Samenkorns. Auch von einem wirklichen Milingen des
christlichen Befreiungswerkes kann daher eigentlich nicht die Rede sein:
es liegen blo zwei Jahrtausende zwischen dem Beginn und dem Abschlu
des von Christus unternommenen Werkes.

Hiermit schlo der vorgerckten Stunde halber der Prsident die Sitzung,
die Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden Frage auf den morgigen
Tag verschiebend.




                              24. Kapitel.


                        Zweiter Verhandlungstag.
     (Fortsetzung der Verhandlungen ber Punkt 1 der Tagesordnung.)

Das Wort erhlt _Leopold Stockau_ (Centrum): Ich glaube, da die
Vorfrage des ersten Punktes der Tagesordnung, nmlich ob unsere
gegenwrtigen Bemhungen im Interesse der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
wirklich ohne jedes wie immer geartete weltgeschichtliche Prcedens
dastehen, am gestrigen Tage erschpfend, und zwar im verneinenden Sinne
erledigt worden ist. Zum mindesten bin ich von den gestrigen Wortfhrern
der Gegenpartei ermchtigt, zu erklren, da sie vollkommen davon
berzeugt worden seien, die Lehre Christi unterscheide sich in keinem
wesentlichen Punkte von dem, was in Freiland verwirklicht ist und was
wir nunmehr zum Gemeingute des ganzen Erdkreises machen wollen. Wir
kommen jetzt zum Hauptgegenstande des ersten Fragepunktes, zu der
Errterung nmlich, warum diese frheren Versuche, Gerechtigkeit und
Freiheit zur Grundlage der menschlichen Wirtschaft zu machen, erfolglos
bleiben muten.

Die Antwort auf diese Frage ist durch den letzten Redner des gestrigen
Tages schon angedeutet worden. Die frheren Versuche milangen, weil sie
die Gleichheit der Armut etablieren wollten, der unsere wird gelingen,
weil er die Gleichheit des Reichtums bedeutet. Gleichheit der Armut wre
Stillstand der Kultur gewesen. Kunst und Wissenschaft, diese beiden
Triebfedern des Fortschritts, haben berflu und Mue zur Voraussetzung;
sie knnen nicht bestehen, geschweige denn sich entwickeln, wenn es
Niemand giebt, der mehr bese, als zur Stillung der tierischen Notdurft
hinreicht. In frheren Epochen menschlicher Kultur war es jedoch
unmglich, berflu und Mue fr Alle zu schaffen; es war unmglich,
weil die Hilfsmittel der Produktion nicht hinreichten, berflu fr Alle
zu erzeugen, selbst wenn Alle unausgesetzt unter Einsatz ihrer gesamten
physischen Kraft gearbeitet, geschweige denn, wenn sie sich zugleich
jene Mue gegnnt htten, die zur Entfaltung der hheren geistigen
Krfte ebenso notwendig ist, wie der berflu zur Zeitigung der hheren
geistigen Bedrfnisse. Und da es nicht mglich war, Allen ein vollkommen
menschenwrdiges Dasein zu gewhren, so blieb es eine traurige zwar,
aber darum nicht minder unerschtterliche Kulturnotwendigkeit, die
Mehrzahl der Menschen auch in dem Wenigen, das ihr Teil gewesen wre, zu
verkrzen und mit dem, den Massen entzogenen Beutestcken eine
Minderzahl auszustatten, die solcherart zu berflu und Mue gelangen
konnte. Die Knechtschaft war eine Kulturnotwendigkeit, weil sie allein
zum mindesten in einzelnen Menschen Kulturbedrfnisse und
Kulturfhigkeiten zur Entfaltung zu bringen vermochte, whrend ohne sie
Barbarei das Los Aller gewesen wre.

Falsch ist brigens die Meinung, als ob die Knechtschaft so alt wre,
als das Menschengeschlecht; sie ist nur so alt, als die menschliche
Kultur. Es gab einst eine Zeit, in der sie unbekannt war, in der es
keine Herren und Knechte gab und niemand die Arbeit seiner Nebenmenschen
auszubeuten vermochte; nur war das nicht das goldene, sondern das
barbarische Zeitalter unserer Rasse. So lange der Mensch die Kunst noch
nicht erlernt hatte, seine Bedrfnisse zu _erzeugen_, sondern sich damit
begngen mute, die freiwilligen Gaben der Natur zu sammeln, zu erjagen;
so lange daher jeder Mitkonkurrent als Feind angesehen wurde, der nach
demselben Gute trachtete, welches jeder Einzelne als die ihm bestimmte
Beute ansah; so lange richtete sich der Daseinskampf unter den Menschen
notwendigerweise auf gegenseitige _Vernichtung_, statt auf Unterjochung
und Ausbeutung. Es ntzt dem Strkeren, Schlaueren noch nichts, die
Schwcheren zu unterjochen; der Konkurrent im Daseinskampfe mu gettet
werden, und da der Kampf von Ha und Aberglauben begleitet ist, so
gelangt man bald dahin, den Getteten auch zu fressen. Ausrottungskrieg
Aller gegen Alle, gefolgt in der Regel von Kannibalismus, war daher der
Urzustand unseres Geschlechts.

berwunden aber wurde diese erste sociale Ordnung nicht durch moralische
oder philosophische Erwgungen, sondern durch einen Wandel im Wesen der
Arbeit. Der Mann, welcher zuerst auf den Gedanken geriet, ein Samenkorn
in die Erde zu legen, es zu pflegen und Frchte heranzuziehen, war der
Erlser der Menschheit aus der niedrigsten, blutigsten Stufe der
Barbarei, denn er schuf die erste Produktion, die Kunst, Nahrungsmittel
nicht blo zu sammeln, sondern zu erzeugen; und als diese Kunst sich in
dem Mae verbessert hatte, da es mglich wurde, dem Arbeitenden einen
Teil seines Ertrages zu entziehen, ohne ihn geradezu dem Hungertode zu
berantworten, zeigte es sich allgemach, da es ntzlicher sei, den
Besiegten als Arbeitstier und nicht wie bisher, als Schlachttier zu
gebrauchen. Und da dem so war, da die Sklaverei zum erstenmal die
Mglichkeit bot, berflu und Mue zum mindesten fr eine bevorzugte
Minderheit zu schaffen, so war sie die erste Anregerin hherer Kultur.
Kultur aber ist Macht und so kam es denn, da Sklaverei oder
Knechtschaft in irgend welcher Form allgemach den Erdball eroberten.

Daraus folgt aber mit nichten, da die Dauer ihrer Herrschaft eine ewige
sein mu oder auch nur sein kann. Gleichwie Menschenfresserei das
Ergebnis jenes geringsten Ausmaes der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit
gewesen, bei welchem die angestrengteste Thtigkeit eben nur zur
Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft
weichen mute, sowie die erste Mglichkeit des berflusses infolge
wachsender Arbeitsergiebigkeit sich zeigte, so ist auch diese nichts
anderes, als das sociale Ergebnis jenes mittleren Ausmaes von
Ergiebigkeit, bei welchem die Arbeit zwar gengt, um Einzelnen, nicht
aber, um Allen berflu und Mue zugleich zu gewhren, und auch sie
_mu_ einer anderen, hheren socialen Ordnung weichen, sowie dieses
mittlere Ma der Ergiebigkeit berschritten ist, denn von da ab ist sie
aus einer Kulturnotwendigkeit ein Kulturhindernis geworden.

Das ist seit Generationen thatschlich geschehen. Seitdem es dem
Menschen gelungen ist, die Naturkrfte seiner Produktion dienstbar zu
machen, seitdem er die Fhigkeit erlangt hat, an Stelle der Kraft seiner
Muskeln die unbegrenzten Elementarkrfte eintreten zu lassen, hindert
ihn nichts, berflu und Mue fr Alle zu erzeugen -- nichts als jene
berlebte sociale Einrichtung, die Knechtschaft nmlich, welche den
Massen den Genu dieser Gter vorenthlt. Wir knnen nicht blo, wir
mssen die soziale Gerechtigkeit verwirklichen, weil die neue Form der
Arbeit dies ebenso gebieterisch fordert, als die alten Formen der Arbeit
gebieterisch die Knechtschaft gefordert haben. Diese, einst das Werkzeug
des Kulturfortschrittes, ist zu einem Hindernisse der Kultur geworden,
denn sie vereitelt den vollen Gebrauch der uns zu Gebote stehenden
Kulturmittel. Dadurch, da sie die Gensse der groen Majoritt unserer
Brder auf ein uerst geringes Ma reduziert, auf ein Ma, zu dessen
Erfllung der Gebrauch der modernen Produktionsbehelfe keineswegs
erforderlich ist, zwingt sie uns, in unserer Arbeit weit hinter jenem
Umfange und hinter jener Vollkommenheit zurckzubleiben, die wir sofort
erreichen wrden, sowie nur einmal Verwendung fr die dann
unvermeidliche Flle aller Reichtmer vorhanden wre.

Ich resumiere also: die wirtschaftliche Gleichberechtigung konnte in
frheren Kulturepochen aus dem Grunde nicht verwirklicht werden, weil
menschliche Arbeit in jenen Epochen nicht hinreichend ergiebig war, um
Reichtum fr Alle zu ermglichen, die Gleichheit also Armut fr Alle
bedeutet, diese aber gleichbedeutend mit Barbarei gewesen wre; sie kann
nicht nur, sie _mu_ jetzt zur Wahrheit werden, weil Dank der erlangten
Kulturmittel unerschpflicher Reichtum fr alle produzierbar wre, die
thatschliche Produktion dieses dem Kulturfortschritte entsprechenden
Reichtums aber zudem an die Bedingung geknpft ist, da jedermann
geniee, was das Ergebnis seines Fleies ist.

Der _Vorsitzende_ fragt hierauf, ob niemand fernerhin zu Punkt 1 der
Tagesordnung das Wort ergreifen wolle und erklrt, da dies nicht
geschieht, die Diskussion ber dieses Thema fr geschlossen.

Zur Debatte gelangt nun Punkt 2:

_Ist der Erfolg der freilndischen Institutionen nicht etwa blo auf das
ausnahmsweise und daher vielleicht vorbergehende Zusammenwirken
besonders gnstiger Verhltnisse zurckzufhren, oder beruhen dieselben
auf berall vorhandenen, in der menschlichen Natur begrndeten
Voraussetzungen?_

Das Wort hat _George Dare_ (Rechte): Wir haben den groartigen Erfolg
eines ersten Versuches der Etablierung wirtschaftlicher Gerechtigkeit in
Freiland so handgreiflich vor uns, da die Frage, ob ein solcher Versuch
gelingen _kann_, gegenstandlos geworden ist. Ein anderes ist jedoch die
Frage, ob er gelingen _mu_, berall gelingen mu, weil er in diesem
einen Falle gelungen ist. Denn die Verhltnisse Freilands sind
exceptionelle in mehr als einer Beziehung. Von den hervorragenden
Fhigkeiten, dem Feuereifer und Opfermute jener Mnner ganz zu
schweigen, welche dieses glckliche Gemeinwesen grndeten und zum Teil
heute noch an dessen Spitze stehen, Mnner, wie wir sie mit Sicherheit
nicht berall zur Hand haben werden, darf auch nicht bersehen werden,
da dieses Land von der Natur so verschwenderisch ausgestattet ist, wie
wenige andere, und da ein breiter Grtel von Wste und Wildnis es --
anfangs zum mindesten -- vor jedem strenden fremden Einflusse bewahrte.
Wenn geniale, von unbedingtem Vertrauen ihrer Mitbrger getragene
Mnner, auf einem Boden, wo jedes Samenkorn hundertfltige Frucht trgt,
das Wunder vollbringen, unerschpflichen Reichtum fr Millionen aus dem
Nichts hervorzuzaubern, Elend und Laster auszurotten, den Fortschritt
der Knste und Wissenschaften auf die Spitze zu treiben, so beweist das
meines Erachtens noch immer nicht, da gewhnliche Menschen, die zudem
vielleicht miteinander hadern, einander mitrauen werden, auf mageren
Boden und mitten im Gewhle des Konkurrenzkampfes der Welt, die gleichen
oder auch nur hnliche Resultate erzielen werden. Und da ich in diesem
Punkte einige Zweifel hege, wird um so erklrlicher erscheinen, wenn man
bedenkt, da wir in Amerika Zeugen hunderter und aber hunderter von
socialen Experimenten waren, die jedoch alle entweder mehr oder minder
klglich Fiasko litten, oder gnstigen Falls die Bedeutung eines
gelungenen industriellen Einzelunternehmens zu erlangen vermochten. Es
ist wahr, einzelne dieser unserer Versuche zu socialer Revolutionierung
der modernen Gesellschaft haben ganz hbsche pekunire Erfolge gehabt;
das war aber auch alles; eine neue, ersprieliche Grundlage der socialen
Ordnung haben sie nicht geschaffen, nicht einmal im Keime. Das mchte
ich zu bedenken geben und bevor wir uns am Beispiele Freilands
berauschen, zu nchterner Erwgung der Frage auffordern, ob alles, was
fr Freiland Geltung hat, auch fr die ganze brige Welt Geltung haben
mu.

_Thomas Johnston_ (Freiland): Der Vorredner irrt, wenn er in
ausnahmsweise gnstigen Verhltnissen den Grund des Gelingens des
freilndischen Unternehmens zu finden glaubt. Zwar da unser Boden
fruchtbarer ist, als in den meisten Teilen der brigen Welt, ist ein
dauernder Vorteil, der uns jedoch blo mit dem Betrage der
Frachtdifferenz zugute kommt, denn wenn Sie diesen in Abrechnung
bringen, knnen Sie berall, wohin Eisenbahn und Dampfschiff reichen, am
Gewinne dieser Fruchtbarkeit vollstndig teilnehmen. Die Getrenntheit
vom Weltmarkte durch weite Wsten war anfangs ein Vorteil, wre aber
jetzt ein Nachteil, wenn wir ihrer nicht Herr geworden wren, und was
schlielich die Fhigkeiten der freilndischen Verwaltung anlangt, so
mu ich -- nicht aus Bescheidenheit, sondern der Wahrheit entsprechend
-- die uns gemachten Komplimente ablehnen. Wir sind nicht klger als
andere, die Sie zu Dutzenden in jedem civilisierten Lande finden werden.

Da aber jene Versuche, von denen der geschtzte Vorredner sprach,
allesamt miglckten, erklrt sich daraus, da sie allesamt auf
verkehrter Grundlage unternommen wurden. Mit dem, was wir in Freiland
vollfhrten und was Sie jetzt nachahmen wollen, haben sie alle blo ganz
im Allgemeinen das Bestreben gemein, Abhilfe gegen das Elend der
ausbeuterischen Welt zu finden; ein anderes aber ist die Abhilfe, die
wir, eins die, anderes die, welche jene suchten, und darin, nicht in
exceptionellen Vorteilen, die wir voraus gehabt htten, liegt die
Ursache des Gelingens bei uns, des Milingens bei jenen.

Denn es war nicht die wirtschaftliche Gerechtigkeit, mit deren Hilfe
jene zum Ziele gelangen wollten; sie suchten Rettung aus dem Kerker der
Ausbeutung, sei es auf einem Wege, der gar nicht hinausfhrt, sei es auf
einem solchen, der zwar aus diesem hinaus, dafr aber in einen anderen,
noch abscheulicheren Kerker hineinfhrt. Bei keinem dieser
amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den Kolonien der
Quker bis zu dem Ikarien Cabets wurde jemals der volle und
ungeschmlerte Arbeitsertrag dem Arbeitenden als solchem zugewiesen,
vielmehr gehrte der Ertrag entweder kleinen, sich am Unternehmen
zugleich als Arbeiter beteiligenden Arbeitgebern nach Magabe ihrer
Kapitaleinlage, oder der Gesamtheit, die als solche ber die
Arbeitskraft sowohl als ber den Arbeitsertrag jedes Einzelnen
despotisch zu disponieren hatte. Associierte kleine Kapitalisten oder
Kommunisten waren ohne Ausnahme alle diese Reformer. Sie mochten, wenn
sie besonderes Glck hatten, oder unter besonders fhiger Leitung
standen, vorbergehende Erfolge erzielen; an einen Umschwung der
geltenden Wirtschaftsordnung durch sie war nicht zu denken.

_Johann Storm_ (Rechte). Ich glaube, da das Fehlen jeglicher Analogie
zwischen den wiederholt unternommenen kleinkapitalistischen oder
kommunistischen Gesellschaftsrettungsversuchen und den freilndischen
Institutionen keines ferneren Beweises bedarf. Auch darber erachte ich
die Akten als geschlossen, da die exceptionellen ueren Vorteile, die
den Erfolg jener letzteren allenfalls begnstigt und erleichtert haben
mgen, nicht von der Art sind, da zu besorgen wre, unser nunmehr
beabsichtigtes Werk knnte wegen deren Mangel scheitern. Aber damit
wissen wir immer noch nicht, ob wirklich tief im Wesen der menschlichen
Natur gelegene, also mit Sicherheit berall zu erwartende
Voraussetzungen fr das Gelingen der Socialreform Gewhr leisten. Wir
haben allerdings schon bei Gelegenheit der Diskussion des ersten Punktes
de Tagesordnung festgestellt, da die Ausbeutung, Dank der ber die
Naturkrfte erlangten Herrschaft, zu einer Kulturwidrigkeit, ihre
Beseitigung also zu einer Kulturnotwendigkeit geworden ist. Die strenge
Kritik kann sich jedoch damit noch nicht beruhigen. Ist denn alles, was
behufs Frderung des Kulturfortschrittes notwendig wre, damit zugleich
auch mglich? Wie, wenn die wirtschaftliche Gerechtigkeit zwar ein ganz
auerordentliches Kulturvehikel, leider aber aus irgend einem Grunde
undurchfhrbar wre? Wie, wenn jener wunderbare Aufschwung, den wir in
Freiland staunend wahrnehmen, doch nur eine vorbergehende Erscheinung
wre, trotz aller, ja vielleicht gerade wegen seiner mrchenhaften Gre
den Keim des Unterganges schon in sich trge, mit einem Worte, wenn die
Menschheit als Ganzes und auf die Dauer jenes Fortschrittes _nicht_
teilhaftig werden knnte, dessen Voraussetzung allerdings die
wirtschaftliche Gerechtigkeit ist?

Der bisher vernommene Beweis des Gegenteils gipfelt in dem Satze, da
Ausbeutung des Menschen durch den Menschen blo insolange notwendig war,
als der Ertrag menschlicher Arbeit nicht gengte, um berflu und Mue
fr alle zu ermglichen. Wie aber, wenn auch noch andere Motive die
Ausbeutung, die Knechtschaft zur Notwendigkeit machten, Motive, deren
zwingende Wirkung mit der gestiegenen Ergiebigkeit der Arbeit noch nicht
beseitigt wre, vielleicht gar niemals beseitigt werden knnte? Als
gewaltigstes Hindernis dauernder Etablierung eines Zustandes
wirtschaftlicher Gerechtigkeit mit seinem Gefolge von Glck und Reichtum
bietet sich dem vorsorglich in die Zukunft blickenden Sinne die Gefahr
der bervlkerung dar; doch da die Errterung dieses Bedenkens einen
besonderen Punkt unserer Tagesordnung bildet, so will auch ich gleich
jenen meiner Gesinnungsgenossen, die vor mir das Wort ergriffen,
vorlufig die sich unter diesem Gesichtspunkte aufdrngenden Argumente
bei Seite lassen; es gibt deren aber noch einige andere, nicht minder
gewichtige. Kann auf die Dauer eine Gesellschaft bestehen und
fortschreiten, welcher die Triebfeder des Eigennutzes fehlt, vermgen
Gemeinsinn und vernnftige Erwgung letztere durchweg und mit gleicher
Wirksamkeit zu ersetzen? Gilt nicht dasselbe vom Eigentume? Eigennutz
und Eigentum aber sind meines Erachtens durch die freilndischen
Institutionen zwar nicht gnzlich bei Seite geschoben -- das will ich
gern zugeben -- aber doch sehr wesentlich eingeengt. Auch unter dem
Walten der wirtschaftlichen Gerechtigkeit ist das Individuum immerhin
fr das geringere oder grere Ma seines Wohlergehens selber
verantwortlich, der Zusammenhang zwischen dem eigenen Thun und dem
eigenen Nutzen ist nicht vollstndig aufgehoben; aber indem das
Gemeinwesen jedermann und fr alle Flle gegen Not, also gegen die
letzte Konsequenz eigener Fehler oder Unterlassungen unbedingt schtzt,
ist doch der Stachel der Selbstverantwortlichkeit sehr wesentlich
abgestumpft. Ebenso sehen wir das Eigentum zwar nicht gnzlich, aber
doch in seinen wichtigsten Bestandteilen abgeschafft. Die ganze Erde mit
allen an ihr haftenden Krften ist herrenlos erklrt; die
Produktionsmittel sind Gemeingut; wird das, kann das berall und
allezeit ohne schdliche Konsequenzen bleiben? Wird der Gemeinsinn auf
die Dauer jene liebevolle, alle Eventualitten sinnreich abwgende
Vorsorge ersetzen, die der Eigentmer dem ihm allein berantworteten
Gute angedeihen lt? Wird die heitere Sorglosigkeit, die bisher in
Freiland allerdings blo ihre Lichtseiten hervorgekehrt hat, nicht
schlielich in Leichtsinn und Miachtung dessen umschlagen, was
Niemandes spezieller Verantwortlichkeit bergeben ist? Die Thatsache,
da es bisher nicht geschehen, erklrt sich vielleicht nur durch die
noch immer -- es ist ja noch kein Menschenalter ber die Grndung dieses
Gemeinwesens dahingegangen -- vorwaltende Begeisterung des ersten
Anfanges. Neue Besen, sagt man, kehren gut. Der Freilnder sieht das
Auge einer ganzen Welt auf sich und sein Thun gerichtet; er fhlt sich
noch als Bahnbrecher der neuen Einrichtungen; er ist stolz auf dieselben
und der letzte Arbeiter hier mag sich solcherart noch verantwortlich
fhlen fr die Art und Weise, wie er das ihm zugefallene Apostolat der
Weltfreiheit ausbt. Wird das auf die Dauer vorhalten, wird insbesondere
die gesamte Menschheit hnlich fhlen und handeln? Ich bezweifle es, bin
zum mindesten nicht vollkommen von der Notwendigkeit berzeugt, da es
geschehen werde. Und was dann, wenn es nicht geschieht, wenn sich zeigen
sollte, da -- sagen wir nicht alle, aber doch zahlreiche -- Vlker des
Stachels von Not getriebenen Eigennutzes, des Lockmittels vollen und
ganzen Eigentums nicht entbehren knnen, ohne in Stumpfsinn und Trgheit
zu verfallen? Das sind die Fragen, auf die wir zunchst Antwort
erbitten.

_Richard Held_ (Centrum). Der Vorredner findet, da Eigennutz und
Eigentum so wichtige Befrderungsmittel der Betriebsamkeit sind, da
ohne deren volle und uneingeschrnkte Wirksamkeit menschlicher
Fortschritt auf die Dauer kaum denkbar und deren Ersatz durch den
Gemeinsinn hchst unverllich wre. Ich gehe viel weiter. Ich behaupte,
da ohne diese beiden Vehikel der Betriebsamkeit an materielles Gedeihen
irgend welchen Gemeinwesens gar nicht zu denken ist, zum mindesten
insolange nicht, bis die menschliche Natur sich nicht radikal gendert,
oder die Arbeit aufgehrt hat, eine Plage zu sein. Jeder Versuch, auf
wirtschaftlichem Gebiete den Eigennutz durch Gemeinsinn oder
anderweitige ethische Triebfedern zu ersetzen, mte schmhlich Fiasko
leiden. Das eigens zu beweisen, halte ich fr ganz berflssig; aber
gerade weil dem so ist, gerade weil der Eigennutz und sein Korrelat, das
Eigentum, die besten, durch keinerlei Surrogat gleich wirksam zu
ersetzenden Triebfedern der Arbeit sind, gerade deshalb, so sollte ich
meinen, verdienen die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
auch in diesem Betracht ganz ausgesprochener Maen den Vorzug vor denen
der ausbeuterischen Wirtschaftsordnung. Denn sie erst bringen Eigennutz
und Eigentum wirklich zur Geltung, whrend die ausbeuterische Ordnung
sich dieses Verdienst nur flschlich anmat.

Die Knechtschaft ist doch in Wahrheit geradezu die Verneinung des
Eigennutzes. Dieser setzt voraus, da der Arbeitende durch seine Mhe
dem eigenen Nutzen diene -- trifft dies unter dem Walten der
Ausbeutung zu, arbeitet der Knecht zu _eigenem_ Nutzen? Wollte man mit
Rcksicht auf die Frage des Eigennutzes einen Nachteil der
wirtschaftlichen Gerechtigkeit der Knechtschaft gegenber ableiten, so
mte man behaupten, die Arbeit gehe dann am fruchtbarsten und
erfolgreichsten von statten, wenn der Arbeitende _nicht_ zu eigenem,
sondern zu fremdem Nutzen produciere. Aber der Arbeitgeber produciert
doch zu eigenem Nutzen, wird man vielleicht einwenden. Richtig. Doch
abgesehen davon, da auch das streng genommen mit der Wirkung des
Eigennutzes _der Arbeit_ gegenber nichts zu thun hat, denn hier ist es
wieder nicht der Nutzen eigener, sondern fremder Arbeit, der in Frage
kommt; so ist es doch klar, da ein System, welches blo einer
Minderzahl Nutzen an der Arbeit einrumt, unendlich minder wirksam sein
mu, als jenes andere, von uns beabsichtigte, welches diesen Nutzen
_jedem_ Arbeitenden einrumt. In Wahrheit kennt die ausbeuterische Welt
-- von geringfgigen Ausnahmen abgesehen -- nur Menschen, welche ohne
eigenen Nutzen arbeiten und Menschen, welche ohne eigene Arbeit Nutzen
von der Arbeit haben; Arbeit zu eigenem Nutzen kommt in ihr hchstens
nebenschlich vor. Mit welchem Scheine von Recht darf sich also die
Ausbeutung damit brsten, den _Eigen_nutz als Triebfeder der Arbeit zu
gebrauchen? _Fremd_nutzen ist der richtige Name des bei ihr ins Spiel
kommenden Arbeitmotivs, und da dieser Fremdnutzen sich wirksamer
erweisen sollte, als der Eigennutz, den die wirtschaftliche
Gerechtigkeit erst als Neuerung in die moderne Welt einfhren mu, wre
denn doch einigermaen schwer zu beweisen.

Nicht viel anders verhlt es sich mit dem Eigentume. Welch grenzenlose
Voreingenommenheit gehrt dazu, einem Systeme, welches neunundneunzig
Hundertteile der Menschheit aller und jeglicher Sicherheit des Eigentums
beraubt, ihnen auer der Luft, die sie atmen, nichts lt, was sie ihr
eigen nennen drften, nachzurhmen, da es das Eigentum als
Befrderungsmittel menschlicher Betriebsamkeit gebrauche, und dies einem
anderen Systeme gegenber, welches alle Menschen ohne Ausnahme zu
Eigentmern, und zwar zu unverkrzten unbedingten Eigentmern all dessen
macht, was sie nur immer hervorbringen mgen! Oder soll vielleicht der
Vorzug des ausbeuterischen Eigentums darin liegen, da es sich auf
Dinge erstreckt, die der Eigentmer _nicht_ hervorgebracht hat? Keine
Frage, die Anhnger des Alten haben schlechthin keine klare Vorstellung
ber den Begriff des Mein und Dein. Was gehrt denn eigentlich _mir_?
Alles, was Du Irgendwem wegnimmst, wre -- wenn sie aufrichtig sein
wollten -- ihre einzige Antwort. Weil diese Aneignung _fremden_
Eigentums im Laufe der Jahrtausende in gewisse feste, durch grausame
Notwendigkeit geheiligte Formen gebracht worden ist, kam ihnen der
unlslich mit dem Wesen der Sache verknpfte, natrliche Begriff des
Eigentums gnzlich abhanden. Es geht ber ihr Begriffsvermgen, da die
Gewalt zwar in Besitz und Genu erhalten kann, wen ihr beliebt, da aber
der freie ungehinderte Gebrauch der eigenen Krfte Jedermanns
ureigenstes Eigentum ist, und da folglich jede staatliche oder
gesellschaftliche Ordnung, welche sich ber dieses Urrecht jedes
Menschen hinwegsetzt, nicht das Eigentum, sondern -- den Raub zur
Grundlage hat. Dieser Raub mag immerhin notwendig, ja ntzlich sein --
wir haben gesehen, da er es Jahrtausende hindurch thatschlich gewesen
-- Eigentum wird er darum doch niemals, und wer ihn dafr hlt, der
hat eben vergessen, was Eigentum ist.

Es erscheint mir nach dem Gesagten kaum noch ntig, viel Worte ber
jenes Bedenken zu verlieren, da mangels vollkommenen Eigentums
Leichtsinn oder liebloses Verfahren mit den Produktionsmitteln einreien
knne. Ersteres anlangend, gengt es wohl zu fragen, ob denn
hoffnungsloses Elend sich als gar so vorzgliches Befrderungsmittel
wirtschaftlicher Voraussicht erwiesen habe, da dessen Ersatz durch eine
dieses Stachels allerdings beraubte, im brigen aber vollkommen
durchgefhrte Selbstverantwortlichkeit sich als gefhrlich erweisen
knnte. Und was das zweite Bedenken betrifft, so htte dieses nur dann
Berechtigung, wenn in der bisherigen Ordnung die Arbeitenden Eigentmer
der Produktionsmittel gewesen wren. Sondereigentum an diesen wird ihnen
zwar auch die neue Ordnung nicht einrumen, dafr aber den
ungeschmlerten Fruchtgenu derselben, und wessen Begeisterung fr die
Schnheiten der bestehenden Ordnung nicht so weit geht, da er den Stock
des Herrn fr ein wirksameres Befrderungsmittel auch der liebevollen
Vorsorge hlt, als den Nutzen der Arbeitenden, der mag beruhigt darber
sein, da es auch in dieser Beziehung nicht schlimmer, sondern nur
besser werden kann.

_Charles Prud_ (Rechte). Ich begreife durchaus nicht, wie der geehrte
Vorredner bestreiten kann, da in der bisherigen Ordnung Eigennutz es
ist, was die Massen zur Arbeit ntigt. Wer wollte leugnen, da sie einen
Teil des Nutzens ihrer Arbeit abgeben mssen; aber ein anderer Teil
verbleibt doch jedenfalls auch ihnen, sie arbeiten daher, zwar nicht
ausschlielich, wohl aber mit zu ihrem eigenen Nutzen. Und jedenfalls
_mssen_ sie arbeiten, wollen sie dem Hunger entgehen, und man sollte
meinen, da dieser Sporn der wirksamste von allen ist. Soviel ber die
Leugnung des Eigennutzes als Triebfeder der sogenannten ausgebeuteten
Arbeit. Was aber den Ausfall gegen den Eigentumsbegriff von uns
Verteidigern -- nicht etwa der bestehenden belstnde, aber doch einer
besonnenen, mahaltenden Reform derselben -- anlangt, so mchte ich mir
in aller Bescheidenheit die Bemerkung erlauben, da unser Rechtsgefhl
sich dabei beruhigte, da den Arbeitenden Niemand zwang, mit dem
Arbeitgeber zu teilen. Er schlo als freier Mann einen Vertrag mit
demselben ... (allgemeine Heiterkeit). Lachen Sie immerhin, es ist doch
so. In politisch freien Lndern hindert den Arbeiter nichts, ungeteilt
fr eigene Rechnung zu arbeiten; den Anteil, den er dem Unternehmer
abtritt, Raub zu nennen, ist daher jedenfalls ungerecht.

_Bla Szkely_ (Centrum). Mir will scheinen, da es ein miger Streit
um Worte ist, den mein Vorredner zu entfesseln sich anschickt. Er nennt
den Arbeitslohn einen Teil des Nutzens der Produktion -- mag sein, da
hie und da die Arbeiter wirklich einen Teil des Nutzens als Lohn oder
als Zugabe zu diesem empfangen; bei uns und, wenn ich recht unterrichtet
bin, auch im Lande des Redners war das im allgemeinen nicht blich,
vielmehr zahlten wir den Arbeitern, ganz unbekmmert um den Nutzen ihrer
Arbeit, eine zur Fristung ihres Lebens dienende Summe; Nutzen --
eventuell auch Schaden -- der Produktion gehrte ausschlielich uns, den
Unternehmern. Mit ungefhr demselben Rechte knnte er behaupten, da
seine Ochsen oder Pferde am Nutzen der Produktion teilhaben. Wenn ich
sage, mit ungefhr demselben Rechte, so meine ich damit, da dies von
Ochsen und Pferden in der Regel mit etwas _besserem_ Rechte gesagt
werden knnte, denn whrend diese ntzlichen Kreaturen zumeist besseres
und reichlicheres Futter erhielten, wenn ihre Arbeit den Herrn reich
gemacht hatte, geschah dies bei unseren zweibeinigen, vernunftbegabten
Arbeitskreaturen hchstens in sehr seltenen Ausnahmefllen.

Dann identificiert der Herr Vorredner vollends den Hunger mit dem
Eigennutze. Die Massen _mssen_ arbeiten, sonst verhungern sie.
Allerdings. Aber der Sklave mu auch arbeiten, sonst erhlt er Prgel --
folglich, so sollten wir nach dieser seltsamen Logik sagen, wird auch
der Sklave durch Eigennutz zur Arbeit getrieben. Oder will man sich
vielleicht darauf steifen, da Eigennutz sich nur auf die Erlangung
materieller Gter beziehe? Das wre zwar falsch, denn Prgel vermeiden
ist schlielich nicht mehr und nicht minder eine Forderung des
Eigennutzes, als den Hunger stillen; aber ich will um solche
Kleinigkeiten nicht streiten; lassen wir also den Stock und die Peitsche
als Symbole vom Eigennutz beflgelter Betriebsamkeit fallen. Wie aber
steht es dann mit jenen Sklavenhaltern, die -- wahrscheinlich im
Interesse der >Freiheit der Arbeit< -- ihre faulen Sklaven nicht
prgelten, sondern hungern lieen? Unter deren Regime wurde -- dem
Vorredner nach -- offenbar der Eigennutz als Triebfeder der Arbeit auf
den Thron gesetzt? Da der Hunger ein sehr wirksames _Zwangs_mittel ist,
ein wirksameres, als die Peitsche -- wer wollte das leugnen; er hat
daher letztere auch berall und sehr zum Vorteile der Arbeitgeber
verdrngt. Aber Eigennutz? Dazu gehrt, das sagt schon der Klang des
Wortes, da der Nutzen der Arbeit Eigen des Arbeitenden sei. Soviel ber
den Eigennutz.

Und was nun vollends die Verwahrung gegen das Unrecht der Ausbeutung
anlangt, so verstehe ich dieselbe schon ganz und gar nicht. >Frei< waren
die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem Vorteil zu producieren?
Jawohl, nichts als die Kleinigkeit, der Hunger. Sie mochten es immerhin
bleiben lassen, wenn sie verhungern wollten! Wieder genau dieselbe
>Freiheit<, die auch der Sklave hat. Wenn ihn die Peitsche nicht
geniert, ntigt ihn nichts zur Arbeit fr seinen Herrn. Die Fesseln, in
denen die >freien< Massen der ausbeuterischen Gesellschaft schmachten,
sind enger, peinigender, als die Ketten des Sklaven. Das Wort >Raub<
gefllt dem Vorredner nicht? Es ist in der That ein hartes, hliches
Wort; aber der >Ruber< ist ja nicht der einzelne Ausbeuter, sondern die
ausbeuterische Gesellschaft und diese war einst, in der bitteren Not des
Daseinskampfes, zu diesem Raube gentigt. Ist das Tten im Kriege
deshalb weniger Todschlag, weil nicht der Einzelne, sondern der Staat,
und dieser hufig notgedrungen, die Veranlassung dazu giebt? Man wird
sagen, da diese Art des Ttens durch das Strafgesetz nicht verboten, ja
von der Pflicht gegen das Vaterland geboten sei und da >Todschlag< nur
verbotene Arten des Ttens genannt werden drfen. Das ist _juristisch_
sehr richtig, und wenn sich jemand beifallen liee, das Tten im Kriege
vor den Strafrichter zu ziehen, so wrde man ihn mit Fug auslachen. Aber
ebenso verlachen mte man Jenen, der, weil Tten im Kriege erlaubt ist,
bestreiten wollte, dasselbe sei Todschlag, wenn es sich nicht um die
juristische Strafbarkeit, sondern um die Begriffsbestimmung des
Totschlags als einer Handlungsweise handelte, bei welcher ein Mensch
gewaltsam vom Leben zum Tode gebracht wird. So ist auch die Ausbeutung
kein Raub im strafrechtlichen Sinne; wenn aber jede Aneignung fremden
Eigentums Raub genannt werden darf -- und nur darum handelt es sich im
vorliegenden Falle -- dann ist Raub und nichts anderes die Grundlage
jeder ausbeuterischen Gesellschaft, der modernen >freien< nicht minder,
als der auf Sklaverei oder Hrigkeit gesttzten antiken oder
mittelalterlichen. (Lang andauernder Applaus, in welchen auch die Herren
Johann Storm und Charles Prud einstimmen).

                (Schlu des zweiten Verhandlungstages.)




                              25. Kapitel.


                        Dritter Verhandlungstag.
        (Fortsetzung der Debatte ber Punkt 2 der Tagesordnung.)

_James Brown_ (Rechte). Unser Kollege aus Ungarn hat gestern die wahre
Beschaffenheit des Eigennutzes und des Eigentums in der ausbeuterischen
Gesellschaft mit so markigen Worten gekennzeichnet, da davon frderhin
wohl nicht mehr die Rede sein wird. Aber wenn es auch richtig ist, da
erst die wirtschaftliche Gerechtigkeit diese beiden Triebfedern der
Arbeit in ihr Recht einzusetzen vermchte, so mu immer noch gefragt
werden, ob der einzige Weg, der zu diesem Ziele fhrt, nmlich die
Organisation freier, selbstherrlicher, unausgebeuteter Arbeit sich
berall und ausnahmslos praktikabel erweisen wird. Mit der noch so
feierlichen Proklamierung des Grundsatzes, da jeder Arbeitende sein
eigener Herr sei und mit noch so vollstndiger Einrumung des
Verfgungsrechtes ber die Produktionsmittel an alle Arbeitenden, wre
wenig gewonnen, wenn letztere sich unfhig erweisen sollten, von diesen
Rechten den entsprechenden Gebrauch zu machen. Worauf es in letzter
Linie ankommt, das ist also die Frage, ob die Arbeiter der Zukunft
allezeit und berall jene Disciplin, jene Migung und Weisheit an den
Tag legen werden, die zur Organisierung wahrhaft fruchtbringender,
fortschrittlicher Produktion erforderlich sind? Die ausbeuterische
Wirtschaft hat eine vieltausendjhrige Routine hinter sich; wie es
anzustellen sei, um eine Schar zu stummem Gehorsam gezwungener Knechte
in Ordnung zu erhalten, das sagt dem Arbeitgeber nach altem Rechte die
gesammelte Erfahrung unzhliger Generationen. Trotzdem begeht auch er
hufig Migriffe und nur zu oft scheitern seine Plne an der
Widersetzlichkeit der Untergebenen. Die Leiter der Arbeiterassociationen
der Zukunft haben so gut wie keinerlei Erfahrungen hinter sich, wenn es
sich um die Organisationsformen handelt, welche sie anzuwenden haben;
sie werden diejenigen zu Herren erhalten, denen sie befehlen sollen --
und trotzdem, so sagt man uns, kann ihnen der Erfolg nicht fehlen, ja er
darf nicht fehlen, soll die associierte freie Gesellschaft nicht in
ihren Grundfesten erschttert werden. Denn whrend die ausbeuterische
Gesellschaft die Verantwortlichkeit fr das Schicksal der einzelnen
Unternehmungen ausschlielich diesen Unternehmungen selber berlt,
hngt vermge der so oft hervorgehobenen Interessensolidaritt der
freien Gesellschaft das Wohl und Wehe der Gesamtheit aufs unlslichste
mit dem jeder einzelnen Unternehmung zusammen. Ich will mich gern eines
Besseren belehren lassen; aber insolange dies nicht geschehen ist, kann
ich nicht umhin, in dem soeben Gesagten Bedenken zu erblicken, welche
durch die bisherigen Erfahrungen Freilands mit nichten vllig zerstreut
sind. Die freilndischen Arbeiter haben es verstanden, sich zu
disciplinieren; folgt daraus, da dies die Arbeiter berall verstehen
werden?

_Miguel Spada_ (Linke). Ich beschrnke mich darauf, eine kurze Antwort
auf jene Frage zu erteilen, mit welcher der Vorredner geschlossen. Nein,
sicherlich, daraus, da den Freilndern die Organisierung und
Disciplinierung der Arbeit ohne herrische Arbeitgeber gelungen ist und
daraus, da sie ganz unfraglich noch zahlreichen anderen Vlkern
gelingen wird, folgt mit nichten, da sie _allen_ Vlkern
notwendigerweise gelingen mu. Mglich, ja sagen wir immerhin
wahrscheinlich, da einzelne Vlker sich unfhig erweisen werden, von
dieser hchsten Art des Selbstbestimmungsrechtes Gebrauch zu machen; um
so schlimmer fr diese. Aber daraus, das will ich hoffen, wird doch
Niemand die Folgerung ableiten, da auch jene Vlker, und befnden sie
sich selbst in der Minderzahl, denen diese Fhigkeit nicht abgeht, auf
die Anwendung derselben verzichten sollen. Diese Fhigeren werden dann
die Lehrmeister der Unfhigeren werden. Sollten sich aber diese nicht
nur unfhig, sondern auch als ungelehrig erweisen -- je nun, dann werden
sie eben so von dem Erdboden verschwinden, wie ungelehrige Kannibalen
verschwinden mssen, wo sie mit Kulturnationen in Berhrung treten. Da
die Nation, welcher der Fragesteller angehrt, diesen unfhigen Nationen
_nicht_ beigezhlt werden mu, darauf mag er sich getrost verlassen.

_Wladimir Tonof_ (Freiland). Das geehrte Mitglied aus England (Brown)
hat eine unrichtige Vorstellung sowohl von den Schwierigkeiten der hier
in Frage kommenden Organisation und Disciplin, als von der Bedeutung
eventueller Mierfolge einzelner Unternehmungen in einem freien
Gemeinwesen. Erstere anlangend will ich darauf hinweisen, da in der
Organisation associierter Kapitalien, die bekanntlich Jahrhunderte alt
ist, eine keineswegs zu verachtende Vorschule der Arbeitsassociation
gegeben ist, soweit es sich um die dabei zu whlenden Formen der Leitung
und berwachung handelt. Zwar giebt es Verschiedenheiten
tiefeingreifender Art, die wohl beachtet sein wollen; es liegt aber im
Wesen der Sache, da die Unterschiede alle zu Gunsten der
Arbeitsassociation sich geltend machen. Bei diesen sind nmlich die
Hauptgebrechen der Kapitalsassociation, das sind Unkenntnis und
Gleichgiltigkeit der Genossen den Aufgaben des Unternehmens gegenber,
nicht zu besorgen und es ist daher hier auch jener peinliche, die
Aktionsfreiheit der Leitung lhmende und trotzdem nutzlose
Kontrollapparat, welcher den Statuten der Kapitalsvergesellschaftungen
als Ballast anhaftet, vollkommen entbehrlich. Der einzelne Aktionr
versteht in der Regel nichts von den Geschften seiner Gesellschaft und
hat ebenso in der Regel gar nicht die Absicht, sich um den Geschftsgang
anders, als durch Empfangnahme der Dividenden zu kmmern. Trotzdem ist
_er_ der Herr des Unternehmens, von seinem Votum hngt dessen Schicksal
in letzter Linie ab; welche Umsicht ist daher vonnten,
um diesen Aktionr vor den mglichen Folgen der eigenen
Unkenntnis, Leichtglubigkeit und Nachlssigkeit zu schtzen! Die
vergesellschafteten Arbeiter dagegen sind mit dem Wesen ihres
Unternehmens sehr wohl vertraut, dessen Gedeihen ist ihr vornehmstes
materielles Interesse und wird von ihnen auch ausnahmslos als solches
erkannt. Das sind ausschlaggebende Vorteile. Oder will man darin eine
besondere Schwierigkeit sehen, da die Arbeiter sich der Leitung von
Personen unterwerfen sollen, deren Stellung von ihrem, der zu Leitenden,
Votum abhngt? Dann knnte man mit demselben Rechte die Autoritt aller
aus Wahl hervorgehenden politischen und sonstigen Behrden anzweifeln.
Den Leitern fehlt jegliches Mittel, Gehorsam zu _erzwingen_? Falsch; es
fehlt ihnen nur eines, das Recht, den Unbotmigen willkrlich zu
entlassen. Aber dieses Recht fehlte auch gar mancher anderen, auf
Disciplin und vernnftige Fgsamkeit der Mitglieder angewiesenen
Krperschaft, die nichtsdestoweniger, oder gerade deshalb weitaus
bessere Disciplin hielt, als jene Vereinigungen, deren Gehorsam durch
die weitestgehenden Zwangsmittel gewhrleistet war. Zwar kann, wo der
uere Zwang fehlt, die Disciplin schwerer in Tyrannei ausarten, aber
das ist doch wahrlich kein bel. Zudem steht den Leitern freier
Arbeitervergesellschaftungen ein Zwangsmittel der Disciplin zur
Verfgung, dessen Gewalt schrankenloser und unbedingter ist, als die der
schonungslosesten Tyrannei: die alles umfassende gegenseitige Kontrolle
der Genossen, deren Einflu selbst der Hartnckigste auf die Dauer nicht
widerstehen kann. Allerdings ist zu all dem unerllich, da die
Arbeitenden insgesamt, oder doch zu weitaus berwiegendem Teile
vernnftige Mnner seien, deren Intelligenz zu nchterner Abwgung des
eigenen Vorteils ausreicht. Allein das ist ja ganz im Allgemeinen die
erste und oberste Voraussetzung der Etablierung wirtschaftlicher
Gerechtigkeit. Da diese -- das Endergebnis des bisherigen
Entwicklungsganges der Menschheit -- nur fr Menschen pat, die sich aus
dem untersten Stadium der Brutalitt herausgearbeitet haben, unterliegt
in keinem Betracht einer Frage. Daraus folgt, da Vlker und Individuen,
welche diese Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht haben, zu
derselben erzogen werden mssen, welches Erziehungswerk bei nur einigem
guten Willen durchaus nicht schwer ist. Da es, ernstlich in Angriff
genommen, irgendwo gnzlich milingen knnte, bezweifeln wir.

Und nun besehen wir uns die zweite Seite der aufgeworfenen Frage. Ist es
richtig, da vermge der im freien Gemeinwesen waltenden
Interessensolidaritt das Wohl und Wehe der Gesamtheit unlslich mit dem
jeder einzelnen Unternehmung zusammenhnge? Versteht man darunter, da
in einem solchen Gemeinwesen Jedermann an Jedermanns Wohl, also auch am
Gedeihen jeder Unternehmung interessirt ist, so entspricht dies
vollkommen dem Sachverhalte; soll aber -- und das war ersichtlich die
Meinung des geehrten Redners -- damit gesagt sein, da das Wohl eines
solchen Gemeinwesens vom Gedeihen jedes einzelnen Unternehmens seiner
Angehrigen abhnge, so ist dies durchaus grundlos. Geht es einem
Unternehmen schlecht, so verlassen es seine Mitglieder und wenden sich
einem besser gedeihenden zu, das ist alles. Wohl aber schtzt umgekehrt
diese mit der Interessensolidaritt verknpfte Beweglichkeit der
Arbeitskrfte das freie Gemeinwesen vor tiefergehenden Folgen etwa
wirklich begangener Migriffe. Kommt es irgendwo zu belberatenen
Wahlen, so knnen die ungeschickten Geschftsleiter verhltnismig
geringes Unheil stiften; sie sehen sich, d. h. das von ihnen geleitete
Unternehmen, sehr rasch von Arbeitern verlassen, die Verluste bleiben
bedeutungslos, weil auf einen kleinen Kreis beschrnkt. Ja, diese
Beweglichkeit erweist sich in letzter Linie als wirksamstes Korrektiv
aller wie immer gearteten Fehler, als das Mittel, welches berall die
mangelhaften Organisationsformen und schwachen Intelligenzen verdrngt
und gleichsam automatisch durch tchtigere ersetzt. Denn die aus welchem
Grunde immer schlecht gedeihenden Unternehmungen werden stets in
verhltnismig kurzer Zeit von den besseren aufgesogen, ohne da dies,
wie in der ausbeuterischen Gesellschaft, zum Ruine der bei ersteren
Beteiligten fhren knnte. Es ist daher auch nicht ntig, da diese
freien Organisationen berall gleich im ersten Anlaufe das Beste
treffen, damit schlielich allenthalben Ordnung und Tchtigkeit
herrsche; denn im friedlichen Wettbewerbe verschwindet das Mangelhafte
rasch vom Schauplatze, indem es in die als tchtig erprobten
Unternehmungen aufgeht, die dann allein das Feld behaupten.

_Miguel-Diego_ (Rechte). Wir wissen nunmehr, da die neue Ordnung alle
natrlichen Erfordernisse des Gelingens in sich vereinigt; da ihre
Einfhrung ein Erfordernis des Kulturfortschrittes sei, wurde frher
schon nachgewiesen. Wie kommt es trotz alledem, da dieselbe nicht als
das Ergebnis des Zusammenwirkens elementarer, gleichsam automatisch
eintretender geschichtlicher Vorgnge, sondern vielmehr als eine Art
Kunstprodukt, als planmig eingeleitetes Resultat der Bestrebungen
einzelner Mnner ihren Einzug in die Welt hielt? Wie, wenn die
Internationale freie Gesellschaft sich nicht gebildet htte, oder wenn
ihr Aufruf erfolglos geblieben, wenn ihr Werk gleich im Keime gewaltsam
erstickt worden, oder wenn es aus irgend einem anderen Grunde
fehlgeschlagen wre? Man wird zugeben, da dies immerhin denkbare
Eventualitten sind. Wie stnde es um die wirtschaftliche Gerechtigkeit,
wenn eine dieser Mglichkeiten Thatsache geworden wre? Wenn die
Socialreform in Wahrheit eine unvermeidliche Notwendigkeit ist, dann
mte sie sich schlielich auch gegen den Widerstand einer ganzen Welt
durchsetzen, dann mte sich zeigen lassen, da und kraft welcher
unlslich mit ihr verknpften Gewalten, sie den Sieg ber Vorurteil,
bsen Willen und Migeschick davongetragen htte. Erst damit wre der
Beweis erbracht, da das Werk, um welches wir uns bemhen, mehr ist, als
die ephemere Frucht unsicheren Menschenwitzes, da vielmehr jene Mnner,
die den ersten Anla dazu gaben und seine Entwickelung berwachten,
damit lediglich als Werkzeuge jenes Weltgeistes handelten, der -- htten
_sie_ ihm versagt -- um andere Werkzeuge und Wege zu dem unvermeidlichen
Ziele nicht verlegen gewesen wre.

_Henri Ney_ (Freiland). In der That, wenn die wirtschaftliche
Gerechtigkeit auf unser, der Grnder von Freiland, Eingreifen angewiesen
wre, um Thatsache zu werden, dann stnde es schlecht nicht blo um ihre
Notwendigkeit, sondern auch um ihre Sicherheit. Denn was einzelne
Menschen schaffen, knnen demnchst andere Menschen wieder rckgngig
machen. Zwar sind uerlich betrachtet alle geschichtlichen Vorgnge
Menschenwerk; aber die groen geschichtlichen Notwendigkeiten
unterscheiden sich dadurch von den blo zuflligen Ereignissen, da sich
bei ihnen allemal erkennen lt, ihre Akteure seien lediglich die
Werkzeuge des Schicksals, Werkzeuge, die der Genius der Menschheit
hervorbringt, wenn er ihrer bedarf. Wir wissen nicht, wer die Sprache,
das erste Werkzeug, die Schrift, erfunden hat; aber wer es auch sei, wir
wissen, da er in dem Sinne ein bloes Werkzeug des Fortschritts
gewesen, als wir mit der nmlichen Sicherheit, mit welcher wir irgend
ein anderes Naturgesetz aussprechen, die Behauptung wagen knnen,
Sprache, Werkzeug, Schrift wren erfunden worden, auch wenn ihre
zuflligen Erfinder niemals das Licht der Welt erblickt htten. Das
nmliche nun gilt auch von der wirtschaftlichen Freiheit; sie wre
gefunden worden, auch wenn keiner von uns, die wir sie thatschlich
zuerst fanden, existiert htte. Nur freilich wre in diesem Falle die
Form ihres Eintritts in die Welt der geschichtlichen Thatsachen
wahrscheinlich eine andere geworden, vielleicht eine friedlichere,
erfreulichere noch, als jene, deren Zeugen wir sind, vielleicht aber
auch eine gewaltthtige und schreckliche.

Um das in einer jeden Zweifel ausschlieenden Weise zu zeigen, mu
zunchst erwiesen werden, da der Fortbestand der modernen Gesellschaft,
so wie sie sich im Laufe des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, ein
Ding innerer Unmglichkeit ist. Zu diesem Behufe werden Sie mir
gestatten, etwas weiter auszuholen.

In der ursprnglichen barbarischen Gesellschaft, wo die Ergiebigkeit der
Arbeit so gering war, da der Schwchere durch den Strkeren nicht
ausgebeutet und das eigene Gedeihen nur durch Verdrngung und
Vernichtung der Mitkonkurrenten gefrdert werden konnte, waren Blutgier,
Grausamkeit, Hinterlist, durchaus erforderlich nicht blo zum Fortkommen
des Individuums, sondern sie dienten auch ersichtlich zum Vorteile jener
Gesellschaft, der das Individuum angehrte. Sie waren deshalb nicht blo
allgemein verbreitet, sondern galten ganz offenbar als Tugenden. Der
erfolgreichste, erbarmungsloseste Menschenschlchter war der
geehrteste seiner Horde und wurde sicherlich in Wort und Lied als
nachahmenswrdiges Beispiel gepriesen.

Als dann die Ergiebigkeit der Arbeit wuchs, verloren diese Tugenden
zwar viel von ihrer ursprnglichen Bedeutung, in ihr Gegenteil aber
verkehrten sie sich erst, als die Sklaverei erfunden wurde und nunmehr
die Mglichkeit sich einstellte, statt des Fleisches die Arbeitskraft
des besiegten Konkurrenten sich und der eigenen Gemeinschaft nutzbar zu
machen. Nun erst wurde blutgierige Grausamkeit, die bis dahin immer noch
ntzlich gewesen, schdlich, denn sie beraubte um eines vorbergehenden
Genusses -- des Menschenfleischgenusses -- willen das siegende
Individuum sowohl, als die Gesellschaft, welcher es angehrte, des
dauernden Vorteils vermehrten Wohlstandes und gewachsener Macht. Die
bestialische Blutgier mute daher in der neuen Form des Daseinskampfes
allmhlich schwinden, aus einer bewunderten und gehegten Tugend zu einer
mehr und mehr der allgemeinen Mibilligung unterworfenen Eigenschaft, d.
i. also zu einem Laster werden. Sie _mute_ dazu werden, weil nur jene
Horden, in denen dieser moralische Umwandlungsproce Platz griff, der
Vorteile der neuen Formen der Arbeit und der neuen socialen Institution
-- der Sklaverei -- in vollem Mae teilhaft werden konnten, dadurch an
Kultur und Macht zunahmen und ihre gewachsene Macht dann dazu bentzten,
die auf ihren alten kannibalischen Sitten beharrenden Stmme auszurotten
oder sich zu unterwerfen. Eine neue Moral setzte sich solcherart im
Laufe der Jahrtausende unter den Menschen fest, eine Moral, die in ihren
Grundzgen sich bis auf unsere Tage erhalten hat, die der Ausbeutung.

Eine der seltsamsten Tuschungen aber ist es, diese Ethik
Menschenliebe zu nennen. Zwar der wilde, blutdrstige Ha gegen den
Nebenmenschen war milderen Gefhlen gewichen, aber von diesen bis zu
wirklicher Menschenliebe, unter welcher wir die Wertschtzung des
Nebenmenschen als _Unseresgleichen_ verstehen, zum Unterschiede von
jenem kalten Wohlwollen, welches wir allenfalls auch dem Tiere
entgegenbringen, ist noch ein weiter Schritt. Wirkliche Menschenliebe
vertrgt sich mit der Ausbeutung so wenig, als mit dem Kannibalismus.
Denn die neue Form des Daseinskampfes verdammt zwar das Tten des
Besiegten, macht aber an dessen Statt die Unterdrckung und
Vergewaltigung des Nebenmenschen zu einem gebieterischen Erfordernisse
des eigenen Gedeihens. Und man verstehe wohl: wahre, vollkommene
Menschenliebe kann bei jener Art des Daseinskampfes, wie ihn die
ausbeuterische Gesellschaft fhrt, nicht blo nicht gefrdert werden,
sie erweist sich als geradezu schdlich und vermag -- als allgemein
verbreiteter Gattungsinstinkt -- gar nicht zu bestehen. Einzelne
Individuen mgen immerhin den Nebenmenschen als Ihresgleichen lieben;
sie bleiben, solange die Ausbeutung in Kraft ist, seltene und von der
ffentlichen Meinung keineswegs geschtzte Sonderlinge. Nur Heuchelei
oder grobe Selbsttuschung werden das in Zweifel ziehen. Allerdings
haben die sogenannten civilisierten Nationen des Abendlandes seit lnger
als einem Jahrtausend das Wort: Liebe Deinen Nchsten _wie dich
selbst_ auf ihre Fahnen geschrieben und ohne Scheu behauptet, sich an
dasselbe zu halten, oder doch zum mindesten bestrebt zu sein, diesem
Worte nachzuleben. In Wahrheit aber liebten sie den Nebenmenschen --
bestenfalls -- wie ein ntzliches Haustier, zogen ohne den geringsten
Skrupel Vorteil aus seiner Plage, seiner Marter, und schreckten auch vor
dessen kaltbltiger Ttung nicht entfernt zurck, wenn ihr wirklicher
oder vermeintlicher Vorteil sie dazu antrieb. Und das waren nicht etwa
die Gesinnungen und Gefhle einzelner, besonders hartherziger
Individuen, sondern die der Gesellschaft als solcher; sie wurden von der
ffentlichen Meinung nicht mibilligt, sondern gebieterisch gefordert,
unter allerlei wohlklingenden Namen als Tugenden gepriesen, und ihr
Widerspiel, die wirkliche Menschenliebe, galt, sowie statt leerer
Phrasen Thaten in Frage kamen, gnstigenfalls als bemitleidenswerte
Thorheit, in der Regel aber als todeswrdiges Verbrechen. Er, der jenes
Wort gesprochen und zu dem sie in ihren Kirchen beteten, wre von ihnen
allen abermals ans Kreuz geschlagen, verbrannt, gerdert, gehngt -- in
der jngsten Vergangenheit vielleicht blo eingekerkert worden, htte er
es abermals, wie vor neunzehn Jahrhunderten, gewagt, auf offenem Markte
und in zndender, nicht mizuverstehender, lebendiger Rede zu predigen,
was ihr bldes Auge und ihr durch Jahrtausende alten Selbstbetrug
verwirrter Sinn in den Schriften seiner Jnger wohl las, aber nicht
begriff.

Und das Entscheidende dabei ist, da die Menschheit in der Epoche der
Ausbeutung anders gar nicht fhlen und denken, geschweige denn handeln
konnte. Sie _mute_ auf der Ausbeutung beharren, solange diese eine
Kulturnotwendigkeit war, sie _konnte_ daher keine Menschenliebe
empfinden und ben, denn diese vertrgt sich mit Ausbeutung so wenig,
als Widerwille vor dem Totschlag mit Kannibalismus. Gleichwie in der
ersten barbarischen Menschheitsepoche schon das, was die Ausbeutung
Humanitt nennt, ein Nachteil im Daseinskampfe gewesen wre, so htte
spterhin das, was _wir_ Humanitt nennen, die wahre Menschenliebe, jede
davon befallene Nation in Nachteil versetzt. Fressen oder gefressen
werden -- das war die Alternative in der Epoche des Kannibalismus;
unterdrcken oder unterdrckt werden, in der Epoche der Ausbeutung.

Nun hat sich ein neuerlicher Wandel in der Form und Ergiebigkeit der
Arbeit vollzogen; die socialen Einrichtungen sowohl, als die moralischen
Empfindungen der Menschheit knnen davon nicht unberhrt bleiben. Aber
-- und damit bin ich zum letzten entscheidenden Punkte gekommen -- es
sind dabei allerdings mehrere Formen der Entwickelung denkbar. Die erste
ist diejenige, mit welcher wir uns bisher ausschlielich beschftigt
haben: die socialen Einrichtungen unterziehen sich dem durch die neue
Arbeitsform bedingten Wandel, und entsprechend der damit bewirkten
nderung des Daseinskampfes vollzieht sich auch der Umschwung in den
moralischen Gefhlen; friedlicher Wettbewerb, vollkommene
Interessensolidaritt lst die wechselseitige Ausnutzung, vollkommene
Menschenliebe die Menschennutzung aus.

Wollen wir nun den letzten Zweifel ber die bedingungslose Notwendigkeit
dieses Entwickelungsganges ein fr allemal beseitigen, so setzen wir den
Fall, da es anders kme: die Anpassung der socialen Einrichtungen an
die genderte Arbeitsform vollziehe sich _nicht_. _Denken_ lt sich
eine solche Mglichkeit immerhin, und ich halte es -- bis zu diesem
Punkte der Beweisfhrung gediehen -- auch fr ganz berflssig, die
Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit derselben abzuwgen; wir
nehmen einfach an, da sie sich verwirkliche. Unsinnig und undenkbar
aber wre in diesem Falle die fernere Annahme, da dieses Beharren der
socialen Einrichtungen auf den alten Formen stattfinden knne, ohne da
sehr wesentliche Rckwirkungen sowohl auf die Formen der Arbeit als die
moralischen Instinkte der Menschheit die notwendige Folge wren. Jene
beraus orthodoxen, aber nicht minder gedankenlosen Socialpolitiker, die
solches annehmen, halten es fr mglich, da eine Ursache von so
berwltigender Tragweite, wie es die bis zur Mglichkeit des
berflusses und der Mue fr alle Menschen gediehene Produktivitt der
Arbeit ist, berhaupt ohne irgend welche, wie immer geartete Wirkung auf
den Entwickelungsgang der Menschheit bleiben knne. Sie bersehen, da
der Daseinskampf innerhalb der menschlichen Gesellschaft sich unter dem
Einflusse dieses Faktors fr alle Flle ndern mu, gleichviel, ob die
socialen Einrichtungen sich einer entsprechenden Anpassung unterziehen
oder nicht, und da demnach ebenso fr alle Flle untersucht werden mu,
welche Rckwirkung diese genderte Form des Daseinskampfes auf die
Gesamtheit der menschlichen Institutionen uern knne oder msse.

Und worin besteht nun die nderung des Daseinskampfes fr den oben
gekennzeichneten Fall? _Ganz einfach in einem teilweisen Rckfalle in
die Kampfesformen der ersten, der kannibalischen Menschheitsepoche!_

Wir haben gesehen, da die Ausbeutung den frher auf Vernichtung des
Konkurrenten abzielenden Kampf in einen auf Unterjochung desselben
gerichteten umgewandelt hat; nun denn, mit dem Momente, wo die
Produktivitt der Arbeit so gro wird, da der -- durch die Ausbeutung
darniedergehaltene -- Konsum ihr nicht mehr zu folgen vermag, wird
abermals die Verdrngung, die -- wenn auch nicht physische, so doch
wirtschaftliche -- Vernichtung des Konkurrenten zu einer Voraussetzung
des eigenen Gedeihens, der Daseinskampf mu die Formen der Unterjochung
und Vernichtung zugleich annehmen. Wenig ntzt nunmehr auf
wirtschaftlichem Gebiete die noch so schonungslose Herrschaft ber noch
so zahlreiche menschliche Ausbeutungsobjekte; sofern es dem Ausbeuter
nicht gelingt, den Mitausbeuter vom Markte zu verdrngen, mu er im
Daseinskampfe unterliegen. Und ebenso haben nunmehr die Ausgebeuteten
sich nicht blo der Hrten ihrer Zwingherren zu erwehren, sie mssen,
wollen sie dem Hunger entgehen, sich gegenseitig die unzureichend
gewordenen Stellen an den Futterkrippen des Arbeitsmarktes mit Zhnen
und Klauen streitig machen.

Ist es nun denkbar, da eine so frchterliche nderung der Grundlagen
des Daseinskampfes ohne Wirkung auf die Moral der Menschheit bleibe? Die
gleiche Ursache _mu_ von der gleichen Wirkung begleitet sein, die Ethik
der kannibalischen Epoche _mu_ ihre siegreiche Wiederkehr feiern. Zwar
den vernderten Modalitten des Vernichtungskampfes entsprechend werden
auch die einstigen grausamen, bsartigen Instinkte eine Modifikation
erleiden, aber die Grundstimmung, die schonungslose Feindseligkeit gegen
den Nebenmenschen, mu wiederkehren. In den Jahrtausenden, in denen der
Kampf nur der Ausntzung des Nchsten galt, war, insbesondere wenn der
Ausgentzte sich gewhnt hatte, im Ausbeuter ein hheres Wesen zu
verehren, zwischen Herr und Knecht zum mindesten jener Grad der
Anhnglichkeit mglich, wie er zwischen Mensch und Haustier besteht.
Herren oder Knechte unter sich hatten vollends keinen notwendigen Anla
einander zu hassen. Wechselseitige Schonung, Gromut, Milde, Dankbarkeit
konnten als -- allerdings sehr krgliche -- Surrogate der Menschenliebe
bei einem solchen Zustande gedeihen. Nunmehr jedoch, wo Ausbeutung und
Verdrngung zugleich die Losung des Kampfes sind, mssen sich die
obgenannten Tugenden mehr und mehr als verderbliche Hindernisse
erfolgreichen Daseinskampfes erweisen, sie mssen folglich verschwinden
und der Erbarmungslosigkeit, Hinterlist, Grausamkeit, Tcke Platz
machen. Und wohlverstanden, all diese schndlichen Eigenschaften mssen
nicht blo allgemein verbreitet, sie mssen auch allgemein geschtzt,
aus dem Inbegriffe schmhlichster Niedertracht zum Inbegriffe der
Tugend werden. Ebenso wenig, als ein humaner Menschenfresser oder
ein von wirklicher Menschenliebe erfllter Ausbeuter denkbar sind,
ebenso wenig lt sich ein gromtiger, im bisherigen Sinne tugendhafter
Ausbeuter unter dem Alpdrucke der berproduktion auf die Dauer auch nur
denken; und ebenso sicher, als die kannibalische Gesellschaft tckische
Mordgier als preiswrdigste aller Tugenden anerkennen mute, ebenso
sicher mte die von berproduktion heimgesuchte ausbeuterische
Gesellschaft dahin gelangen, den hinterlistigsten Betrger als ihr
Tugendideal zu verehren.

Aber, so wird man einwenden, das widerspricht denn doch, trotz aller
logischen Unanfechtbarkeit, den Thatsachen allzusehr, als da es richtig
sein knnte. Die berproduktion, der Zwiespalt zwischen der
Produktivitt der Arbeit und der durch die socialen Einrichtungen
bedingten Konsumtionsfhigkeit, bestehen thatschlich seit Generationen
und trotzdem wre es zum mindesten eine arge bertreibung, wollte man
behaupten, da die moralischen Empfindungen der civilisierten Menschheit
die im obigen gekennzeichnete schreckliche Verschlimmerung erfahren
htten. Da mancherlei Nichtswrdigkeit infolge des stets schonungsloser
sich gestaltenden wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes mehr und mehr an
Verbreitung gewinne, ja da allgemach eine gewisse Verwirrung sich der
ffentlichen Meinung zu bemchtigen beginne, die den Unterschied
zwischen wahrem Verdienst und erfolgreicher Schurkerei nicht berall
mehr festzuhalten vermge, sei allerdings wahr; ebenso wahr aber
umgekehrt, da niemals zuvor Humanitt in allen Formen so hoch geschtzt
und stark verbreitet gewesen, wie eben in der Gegenwart.

Diese unleugbaren Thatsachen aber besagen nicht, da berproduktion auf
die Dauer zu anderen, als den oben gekennzeichneten Ergebnissen fhren
knnte -- sie zeigen nur, da einerseits diese schreckliche
Krankheitserscheinung im wirtschaftlichen Getriebe der Menschheit noch
nicht lange genug wirksam ist, um ihre Frchte schon voll gezeitigt zu
haben, und da anderseits der moralische Instinkt der Menschheit den
richtigen Ausweg aus dem konomischen Zwiespalte geahnt hat, lange bevor
die menschliche Erkenntnis ihn zu betreten vermochte. Blo wenige
Generationen ist es her, da das Miverhltnis zwischen Produktivitt
und Konsum uerlich in die Erscheinung getreten; was aber sind einige
Generationen im Leben der Menschheit? Auch die Ethik der Ausbeutung
bedurfte sicherlich sehr vieler Jahrhunderte, ehe sie diejenige des
Kannibalismus berwand; warum sollte der Rckfall in die kannibalische
Ethik sich um so vieles rascher vollziehen? Die instinktive Ahnung aber,
da wachsende Kultur nicht mit socialem Stillstande und moralischem
Rckschritte, sondern mit dem Fortschritte beider verknpft sein werde,
diese der abendlndischen Menschheit trotz aller Thorheiten und aller
Greuel, in denen sie sich zwischenzeitig erging, unausrottbar
eingeimpfte Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit und Brderlichkeit, sie
ist eben jener fremde Blutstropfen im Krper der europischen
Vlkerfamilie, der semitisch-christliche Sauerteig, der sie, als die
Zeit der Knechtschaft um war, davor bewahrte, auch nur vorbergehend dem
Verwesungsproze von Knechtschaft und Barbarei zugleich zu verfallen.
Die Dinge werden eben die zuletzt gekennzeichnete Entwickelung _nicht_
nehmen, die Ausbeutung wird sich neben der gesteigerten Produktivitt
_nicht_ erhalten, und das ist der Grund, warum auch die gekennzeichneten
moralischen Folgen nicht hervortraten. Wollte man aber materiellen
Fortschritt und Ausbeutung zugleich als das zuknftige Los der
Menschheit voraussetzen, so liee sich dies logischer Weise anders, als
verknpft mit vollstndigem moralischen Rckfalle gar nicht denken.

Und noch eine dritte Entwickelungsform liee sich als denkbar
hinstellen: in dem Zwiespalte, in welchen die Produktivitt der Arbeit
mit dem geltenden socialen Rechte geraten, knnte erstere, die neue Form
der Arbeit, unterliegen; vor die Unmglichkeit gestellt, von den
erlangten wirtschaftlichen Fhigkeiten den vollen Gebrauch zu machen,
knnte die Menschheit diese Fhigkeiten wieder verlieren. In diesem
Falle wre der Einklang zwischen Produktivitt und Konsum, Arbeit und
Recht, auf der alten Grundlage zurckgewonnen und dem entsprechend
knnte auch die Moral der Menschheit im alten Geleise verharren. Der
Fortschritt zu wahrer Menschenliebe mte zwar unterbleiben, denn nach
wie vor wrde der Kampf ums Dasein auf Unterdrckung des Nebenmenschen
beruhen, aber die Notwendigkeit des Vernichtungskampfes wre vermieden.
Auch die Ahnung der Mglichkeit einer solchen Entwickelung war der
abendlndischen Menschheit nicht fremd; es hat, insbesondere whrend der
jngsten Generationen, an teils bewuten, teils unbewuten Versuchen
nicht gefehlt, sie in diese Richtung hinberzuleiten. Von der wrgenden
Umklammerung der berproduktion gengstigt, dem Wahnsinne nahe gebracht,
rttelten zeitweise ganze Nationen an den Grundpfeilern der
Produktivitt, suchten die Quelle der Arbeitsergiebigkeit zu verschtten
und verfolgten mit verbissenem Hasse den Kulturfortschritt, dessen
Frchte zeitweise so bitter waren. Die Angriffe gegen die Volksbildung,
gegen die unterschiedlichen Arten der Arbeitsteilung, gegen das
Maschinenwesen, sind nicht anders zu verstehen, als eben durch dieses
zeitweilige Bestreben, den Zwiespalt, in welchen die Gtererzeugung zur
Gterverteilung geraten, durch Zurckschraubung ersterer zu berwinden.
Da solcherart auch die Moral vor einer Ausartung bewahrt werden sollte,
deren eigentlich treibende Ursache diese Sorte von Reformatoren
allerdings nicht begriff, die aber als dstere Ahnung vor ihrem
geistigen Auge schwebte, lt sich desgleichen nicht verkennen.

Und nun, nachdem wir alle drei berhaupt denkbaren Entwickelungsformen
der Reihe nach betrachtet: 1. die Anpassung des socialen Rechts an die
neue, hhere Arbeitsform und dem entsprechende Entwickelung einer neuen,
hheren Moral; 2. den dauernden Gegensatz zwischen Arbeitsform und Recht
und dem entsprechende Rckbildung der Moral; 3. die Anpassung der
Arbeitsform an das bisherige sociale Recht durch Preisgebung der hheren
Produktivitt und dem entsprechenden Fortbestand der bisherigen Moral --
nunmehr fragen wir uns, ob im Kampfe dieser drei Richtungen eine andere
als die erste Siegerin sein kann. Denkbar sind sie, wie gesagt, alle
drei; ist aber auch denkbar, da materieller oder moralischer Verfall
sich neben moralischem zugleich und materiellem Fortschritt behaupten,
oder vollends ber diesen endgltig triumphieren wrden? Mglich, sagen
wir sogar wahrscheinlich, da ohne unser vor 25 Jahren erfolgreich
durchgefhrtes Unternehmen die Menschheit zunchst noch lngere Zeit
hindurch sich vorwiegend auf den Bahnen der sittlichen Verwilderung
einerseits, der Attentate gegen den Fortschritt anderseits fortbewegt
htte; an Versuchen nach der Richtung der socialen Befreiung hin htte
es deshalb doch niemals gnzlich gefehlt, und der schlieliche Triumph
derselben konnte stets nur eine Zeitfrage sein. Nein, die Menschheit ist
uns nichts schuldig, was sie nicht auch ohne uns fr alle Flle erlangt
htte; wenn wir ein Verdienst beanspruchen, so beschrnkt es sich
darauf, das, was kommen mute, rascher und wahrscheinlich unblutiger
herbeigefhrt zu haben, als ohne uns geschehen wre. (Strmischer, lang
andauernder Applaus und jubelnde Zurufe von allen Bnken. Die Wortfhrer
der Opposition drcken der Reihe nach dem Redner die Hnde und
versichern ihn ihrer Zustimmung.)

                (Schlu des dritten Verhandlungstages.)




                              26. Kapitel.


Da zahlreiche Congremitglieder den Wunsch geuert hatten, sich
eingehender davon zu berzeugen, da thatschlich die anscheinend so
wunderbare harmonische Organisation des gesamten wirtschaftlichen
Getriebes in Freiland nichts anderes, als das selbstverstndliche
Ergebnis wohlberatenen und wahrhaft freien Eigennutzes sei, wurden die
Sitzungen des Congresses fr zwei Tage unterbrochen und diese dazu
bentzt, um eine Reihe grerer Edenthaler und Danastdter
Etablissements zu besichtigen und bei diesem Anlasse im Wege des
Gedankenaustausches mit den sich zu diesem Behufe bereitwilligst zur
Verfgung der fremden Gste stellenden Direktoren der fraglichen
Anstalten sowohl, als des Leiters der freilndischen Centralbank alle
etwa auftauchenden Zweifel grndlich zu errtern.

Das erste Bedenken, welches geltend gemacht wurde, betraf die Frage,
woher denn all die zahllosen Arbeiter allesamt die erforderliche
Sachkenntnis und Intelligenz hernhmen, um jederzeit genau beurteilen zu
knnen, wo man ihrer gerade am ntigsten bedrfe. Sie haben, so meinte
einer der Besucher, eine allumfassende, pnktliche Statistik, die jede
Regung Ihres wirtschaftlichen Lebens mit peinlichster Genauigkeit
verzeichnet -- sehr wohl; aber welch hohes Verstndnis gehrt dazu, um
sich in einer solchen Statistik zu orientieren!

Dazu gehrt in Wahrheit ein beraus bescheidenes Ma von Verstndnis,
kein hheres, als es bei jedem vernnftigen Menschen ohne weiteres
vorausgesetzt werden kann, war die Antwort. Denn kein Arbeiter braucht
sich um anderes zu kmmern, als lediglich um den auf die einzelne Stunde
seiner Arbeit entfallenden Ertrag. Htten wir keinen freien Markt, auf
welchem Angebot und Nachfrage die Preise regeln, so wre es allerdings
eine nicht blo schwierige, sondern eine in Wahrheit ganz und gar
unlsliche Aufgabe, herauszufinden, nach welcherlei Produkten jeweilig
strkerer oder geringerer Bedarf vorhanden und wo dementsprechend
vermehrte Zuwendung von Arbeitskraft wnschenswert sei. Da sich aber bei
uns jede Vernderung der Verhltnisse zwischen Angebot und Nachfrage, im
Preise der Produkte ausdrckt, so ist es ganz selbstverstndlich, da
der in Gemheit dieser Preise auf die einzelne Arbeitsstunde
entfallende Nettoertrag in untrglichster Weise anzeigt, ob der
Produktionszweig oder das einzelne Etablissement, um welches es sich
handelt, im Vergleiche zu anderen Produktionszweigen oder Etablissements
einer Vermehrung oder Verminderung der Arbeitskraft bedarf. Da z. B.
die Maschinenfabrik, in deren Rumen wir uns momentan befinden, ihren
Betrieb ausdehnen soll, ist in letzter Linie allerdings darauf
zurckzufhren, da deren Erzeugnisse derzeit besonders gesucht sind,
eine Thatsache, die an und fr sich zu konstatieren in der That hchst
kompliziert und schwierig wre; da aber diese gesteigerte Nachfrage nach
hier erzeugten Maschinen insolange, als die Produktion ihr nicht
vollkommen nachgefolgt ist, notwendiger Weise das Ertrgnis aller hier
beschftigten Arbeiter entsprechend vermehrt, so gengt es vollkommen,
letzteren Umstand zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, damit das im
Interesse der Consumenten gelegene Ergebnis, nmlich der vermehrte
Zuflu von Arbeitern, sich ganz von selbst einstelle.

Aber ist nicht auch diese Ergrndung des berall in jedem
gegebenen Momente vorhandenen Ertrgnisses eine fr gewhnliche
Durchschnittsarbeiter allzu schwierige Aufgabe? lautete die fernere
Frage.

Durchaus nicht, erklrte der Direktor der freilndischen Centralbank.
Sich in dem von all den tausenden Associationen vorgelegten, von
unserer Centralstelle ergnzten und bearbeiteten Urmateriale
zurechtzufinden, ist allerdings nicht Jedermanns Sache. Aber solch
eingehender Untersuchung unterziehen sich auch nur Diejenigen, die sich
fr statistische Studien um ihrer selbst willen interessieren. Der
gewhnliche Arbeiter, der nichts anderes wissen will, als den Ort, wo er
die seinen Fhigkeiten entsprechende hchste Rente findet, begngt sich
mit jenen bersichtlich geordneten Zusammenstellungen, welche die
statistische Centralstelle zu seinem Gebrauche bietet, und welche die
zahlreichen Fachzeitungen zudem mit Erluterungen aller Art begleiten.
Die geistige Arbeit, die von ihm dabei verlangt wird, besteht in nichts
anderem, als in der Entscheidung der Frage z. B., ob er sich mit dem am
Orte seiner augenblicklichen Arbeit gebotenen Stundenertrage von 8
Schilling begngen, oder wegen des bei einem anderen verwandten
Etablissement winkenden, um 15 Pfennige per Stunde hheren Ertrages sich
diesem, oder etwa zeitweilig einer jener Bodenassociationen zuwenden
soll, die vorbergehend -- whrend der Erntezeit nmlich -- bis zu 10
Schilling fr die Arbeitsstunde zu bieten pflegen. Er mu mit sich
darber ins Reine kommen, ob solche Gewinnsteigerung ihm gengenden
Ersatz gewhrt fr die mit dem Ortswechsel mglicherweise verknpften
materiellen oder gemtlichen Nachteile, fr die Beschwerden und
Unannehmlichkeiten des Umzuges, fr die anstrengendere Arbeit u. dergl.;
im brigen aber wird von ihm weder irgendwelches Verstndnis
verwickelter wirtschaftlicher Vorgnge, noch irgendwelches Interesse fr
anderes, als fr den eigenen Vorteil gefordert.

Wie aber verhten Sie, so fragte ein anderer der Herren, da bei
einer irgendwo eintretenden strkeren Steigerung der Ertrge der Zuzug
der Arbeitskrfte allzu massenhaft ausfalle? Da keinerlei Behrde
ordnend eingreift und bestimmt, wer und wie viele herbeieilen sollen, so
ist doch immerhin mglich, da statt der gewnschten Hunderte sich
Tausende einstellen.

Das knnte nur geschehen -- so lautete die Erklrung -- wenn
Telegraph und Druckerpresse bei uns unbekannt wren, oder wenn wir uns
ihrer nicht zu bedienen verstnden. Um welchen Teilbetrag die Rente
sinkt, wenn das Angebot von Arbeitskraft wchst, lt sich natrlich
berall mit groer Genauigkeit berechnen, und da nun niemand so thricht
ist, einer irgendwo auftauchenden hheren Gewinnziffer nachzulaufen,
ohne sich vorher zu vergewissern, da er diese hhere Gewinnziffer, am
Orte seiner neuen Bestimmung angelangt, noch vorfinden werde, so ist es
bei uns selbstverstndliche bung, da die Arbeiter ihre Absicht den
Leitungen der Associationen rechtzeitig anzeigen, da diese Anmeldungen
fortlaufend publiziert werden und da demnach Jedermann, noch bevor er
sich auf den Weg macht, vollkommen darber beruhigt sein mu, an seinem
zuknftigen Arbeitsorte auch wirklich noch vonnten zu sein.

Einen zweiten Anla zu eingehenderen Errterungen boten die in
zahlreichen der besichtigten Etablissements vorhandenen
Versuchsanstalten und wissenschaftlichen Laboratorien, die von den dort
beschftigten Technikern und Chemikern dazu benutzt werden, um die
mannigfaltigsten Experimente behufs Erzielung von Verbesserungen des
Betriebs anzustellen. Der hohe praktische Wert dieser Einrichtung
leuchtete den Gsten natrlich sofort ein, weniger einleuchtend aber
erschien den meisten derselben der erluternde Zusatz eines der
Direktoren -- es war das zufllig in der Danastdter Chemikalienfabrik
-- da man die gewonnenen Erfahrungen selbstverstndlich jederzeit
publiziere, auf besonders ntzlich erscheinende die anderen
Associationen wohl auch ausdrcklich aufmerksam mache und dafr ebenso
selbstverstndlich von diesen ber alle in deren Versuchsanstalten
gemachten Funde pnktlichst auf dem Laufenden erhalten werde.

Wenn das hierzulande selbstverstndlich ist, dann mt Ihr
freilndischen Industriellen uneigenntzig wie die Engel sein, meinte
einer der Besucher. Und sich direkt an den Direktor wendend, fgte er
hinzu: Es scheint also doch, da nicht alle Eure Einrichtungen sich
sofort zu uns Abendlndern bertragen lassen, denn bei uns, dessen kann
ich Sie versichern, wrde Niemand freiwillig von ihm ersonnene
Produktionsverbesserungen zur Kenntnis seiner Concurrenten bringen, und
am allerwenigsten knnte er sich darauf verlassen, da diese ihm die
ihrigen preisgeben.

Sie haben ganz recht, war die Antwort, das wrde Niemand bei Ihnen
thun, so lange Sie an Ihren bisherigen Einrichtungen festhalten; sowie
Sie jedoch die unserigen acceptieren, versteht sich all das, was Ihnen
so wunderbar uneigenntzig vorkommt, ganz von selbst, als unabweisliches
Gebot gerade des Eigennutzes. Denn damit z. B. wir hier in Danastadt uns
des Vorteils einer von uns ersonnenen Verbesserung mglichst vollstndig
erfreuen, ist durchaus notwendig, da alle chemischen Fabriken des
ganzen Landes die gleiche Verbesserung thunlichst rasch auch bei sich
einfhren. Wren wir so thricht, unsere Entdeckungen geheim zu halten
-- ein Versuch, der nebenbei bemerkt angesichts der ffentlichkeit all
unserer geschftlichen Vorgnge an und fr sich ziemlich aussichtslos
bliebe -- so wre das einzig mgliche Ergebnis, da aus allen
concurrierenden Associationen insolange Arbeitskrfte zu uns
einwanderten, bis der Ertrag unserer Arbeit -- umgerechnet auf die
einzelne Arbeitsstunde -- wieder auf das Niveau der anderwrts in
Freiland erzielbaren Ertrge herabgedrckt wrde, wir also von unserer
Entdeckung oder Erfindung so gut als keinen Vorteil behielten. Um das zu
vermeiden, bleibt uns schlechterdings kein anderes Auskunftsmittel, als
auch den Anderen Allen unsere Errungenschaft mitzuteilen; dadurch allein
erzielen wir, da die Arbeit auch anderwrts ertragreicher wird und da
also Niemand ein Interesse hat, sich behufs Mitgenusses unserer
Produktionsvorteile an uns heranzudrngen. Gerade so verhlt es sich
natrlich mit den in anderen Associationen gemachten Verbesserungen; wir
knnen mit absoluter Sicherheit darauf rechnen, da wir sofort von
denselben verstndigt werden, da auch die Anderen Alle das gleiche
Interesse haben wie wir, nmlich unsere Produktionsertrge zu steigern,
damit sie selber den Vorteil der ihrerseits erzielten Verbesserungen
mglichst vollstndig genieen.

Gegen dieses Raisonnement konnte nichts Stichhaltiges eingewendet
werden. Aber jetzt machte sich die Besorgnis geltend, ob es denn nicht
doch mglich sei, dieses Anrecht der Gesamtheit an den Ergebnissen jedes
irgend erzielten Produktionsvorteils auf Umwegen zu durchkreuzen.

Was geschhe -- so wurde einer der anwesenden Direktoren gefragt --
wenn beispielsweise Sie als Leiter der Bodenassociation von
Nordleikipia, dazu aufgefordert durch -- selbstverstndlich geheimen --
Beschlu der die Majoritt bildenden alten Mitglieder, es versuchen
wollten, neue Zuwanderer vom Mitgenusse irgendwelcher besonderer
Produktionsvorteile im Wege schlechter unfreundlicher Behandlung
fernzuhalten; wer schtzt in solchem Falle diese Neulinge gegen Ihre,
von der Majoritt Ihrer Associationsmitglieder nicht blo gebilligte,
sondern geradezu in deren Interesse gebte Willkr? Die Mihandelten
haben die Freiheit, fortzuziehen; aber das ist es ja eben, was -- Sie
entschuldigen wohl die, blo um der prinzipiellen Aufklrung willen
vorgebrachte Unterstellung -- erreicht werden will und was doch verhtet
werden mu, soll darber nicht Ihre ganze Gleichberechtigung in die
Brche gehen. Oder die Majoritt kann sich zu gleichem Zwecke ein so
hohes Prcipuum votieren, da das damit gebte Unrecht alle Zuwanderung
abhlt. Wo liegt der Schutz gegen derartige Ausschreitungen des
Eigennutzes in einem Gemeinwesen, welches keinerlei Einengung des
individuellen Eigennutzes kennt und kennen will?

Abermals in der freien Concurrenz, entgegnete lchelnd der Direktor.
Derartige Ausschreitungen wren bei uns nur mglich, wenn sie im
geheimen gebt werden knnten, d. h. wohlverstanden, wenn nicht blo die
darauf abzielenden Beschlsse, sondern auch deren Ausfhrung der
Aufmerksamkeit des ganzen Landes vollstndig entginge. Ich mte nicht
blo den geheimen Auftrag von meinen Associationsmitgliedern erhalten,
alle Zuwanderer hinauszuchikanieren, ich mte auch das Kunststck
zuwege bringen, diesen Auftrag derart im Verborgenen zu vollstrecken,
da Niemand, am allerwenigsten die Opfer desselben, das Geringste davon
merkten. Denn mit dem Momente, wo meine Praktiken ruchbar wrden, wre
ich -- darauf knnen Sie sich verlassen -- zum lngsten Direktor, meine
Auftraggeber wren zum lngsten Majoritt der Bodenassociation von
Nordleikipia gewesen. Und genau ebenso verhielte es sich, sowie unser
Beschlu, den alten Mitgliedern ein ungebhrliches Prcipuum zuzuwenden,
bekannt wrde. Denn wie Sie leichtlich ermessen knnen, ist die
ffentliche Meinung Freilands in keinem Punkte wachsamer und
eiferschtiger, als gerade in diesem, ihren Lebensnerv berhrenden, das
individuelle Interesse Aller gleichmig bedrohenden; und da die
schrankenlose Freizgigkeit allen Arbeitern des ganzen Landes jederzeit
gestattet, welcher Association immer beizutreten, so gehrt keine
sonderliche Phantasie dazu, um sich das mit unfehlbarer Sicherheit
Kommende genau auszumalen. Der erste Arbeiter, den meine planmigen
Chikanen zum Verlassen unserer Association zwngen, wrde vielleicht
selber noch keine bse Absicht bemerken; der zweite vielleicht schon
Lrm, aber vorerst noch vergeblichen schlagen; beim dritten und vierten
drfte bereits das ffentliche Mitrauen rege werden, und ehe ich meine
Knste am zehnten Opfer zu ben vermchte, wre durch einen aus allen
Gauen herbeistrmenden Zuflu neuer Mitglieder die belwollende
Majoritt und ich natrlich mit ihr unschdlich gemacht.

Diese Darlegung wirkte so schlagend, da fernerhin kein Zweifel gegen
die im Wege wahrhaft freier Concurrenz bewirkte Harmonie der
wirtschaftlichen Interessen laut wurde. Die Congremitglieder hatten
zwar noch wiederholt Anla, ber gar Manches, was sie sahen und hrten,
in Erstaunen zu geraten; da jedoch Freiheit und Gleichberechtigung die
unfehlbaren Zauberformeln seien, auf deren Ruf die nmlichen Wunder
allberall auch auerhalb Freilands in die Erscheinung treten mten,
war ihnen zur Gewiheit geworden.

                   *       *       *       *       *

Nach Ablauf der zweitgigen Pause wurden die Beratungen des Congresses
wieder aufgenommen. Zur Discussion gelangte Punkt 3 der Tagesordnung:
_Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und mte nicht
bervlkerung eintreten, wenn es vorbergehend gelnge, das Elend
allgemein zu beseitigen?_ Als erster Redner war vorgemerkt

_Robert Murchison_ (Rechte): Ich mu zuvrderst Namens meiner bisher die
Durchfhrbarkeit des socialen Reformwerkes bezweifelnden
Gesinnungsgenossen die formelle Erklrung abgeben, da wir nunmehr nicht
allein von der Durchfhrbarkeit, sondern von der naturgesetzlichen
Unvermeidlichkeit desselben durchaus berzeugt sind. Auch die fernere
Hoffnung hat das bisherige Ergebnis der Verhandlungen gezeitigt, da es
der geehrten Gegenpartei gelingen werde, unsere noch vorhandenen
Bedenken eben so siegreich zu zerstreuen; einstweilen kann ich mich
derselben noch nicht entschlagen und fhle mich daher im Interesse
allseitiger Aufklrung verpflichtet, dieselben nach Krften zu
begrnden.

Das weitaus gewichtigste dieser Bedenken, welches unabhngig von allen
bisher errterten Fragen noch ungebrochen aufrecht steht, ist das
nunmehr zur Diskussion gelangende. Es richtet sich nicht gegen die
Durchfhrbarkeit des allgemeinen Freiheits- und Wohlfahrtswerkes. Die
wirtschaftliche Gerechtigkeit mu und wird zur Wahrheit werden, das
wissen wir nun; wissen wir damit aber auch schon, da sie sich wird
behaupten knnen? Die wirtschaftliche Gerechtigkeit wird Reichtum fr
alle Lebenden zur Folge haben. Not und Elend mit ihrem Gefolge
zerstrender Laster werden vom Erdboden verschwinden. Mit diesen aber
werden zugleich jene Hemmnisse verschwunden sein, welche bisher der
schrankenlosen Vermehrung des Menschengeschlechts Grenzen zogen. Mehr
und mehr wird die Menge der Bevlkerung anwachsen, bis endlich -- der
Tag mag noch so ferne sein -- die Erde ihre Bewohner nicht mehr zu
ernhren im Stande sein wird.

Ich will Sie mit ausfhrlicher Wiederholung und Begrndung des bekannten
Lehrsatzes meines berhmten Landsmannes Malthus nicht ermden. Viel
wurde gegen denselben gesagt, Stichhaltiges, berzeugendes bisher nicht.
Da die Vermehrung der lebenden Individuen keine andere natrliche
Schranke als den Nahrungsmangel kennt, ist ein Naturgesetz, dem nicht
blo der Mensch, sondern jedes lebende Wesen erbarmungslos unterworfen
bleiben mu. Gleichwie die Heringe, wenn sie sich frei vermehren
knnten, endlich im Weltmeere nicht mehr Raum htten, so mte auch der
Mensch, wenn die Zunahme seiner Zahl nicht auf das Hindernis des
Nahrungsmangels stiee, endlich keinen Raum mehr auf der Erdoberflche
finden. Auch besttigt die Erfahrung aller Zeiten und aller Vlker diese
grausame Wahrheit; berall sehen wir, da es der Nahrungsmangel, die Not
mit ihrem Gefolge ist, was die Menge der Lebenden innerhalb gewisser
Grenzen hlt. Das wird auch in alle Zukunft so bleiben. Die
wirtschaftliche Gerechtigkeit kann diese traurige Grenze weit, sehr weit
hinausrcken, vllig beseitigen kann sie sie nicht. Zehnfach und
hundertfach grer kann unter ihrem Walten der Nahrungsspielraum werden,
ins Unendliche kann er sich nicht ausdehnen. Und ist einmal das
Unvermeidliche eingetreten, was dann? Mehr und mehr wird dann der
Reichtum den Entbehrungen und schlielich bitterster Not weichen und
zwar einer Not, die um so schrecklicher, hoffnungsloser sein wird, weil
es aus ihrem alle Kultur erdrckenden Bannkreise kein Entrinnen geben
wird, nicht einmal jenes teilweise, welches frher die Ausbeutung zum
mindesten einer Minderzahl geboten hatte. Wird dann die Menschheit,
nachdem sie den Kreislauf vom Kannibalismus zur Ausbeutung und von
dieser zur wirtschaftlichen Gerechtigkeit vollendet, wieder umkehren zur
Ausbeutung, vielleicht gar zum Kannibalismus? Wer knnte es sagen? Klar
scheint nur, da die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine
Entwickelungsphase ist, deren sich unser Geschlecht lngere Zeit
hindurch erfreuen knnte.

Zwar hat Malthus und haben Andere nach ihm vorbeugende Maregeln zur
Verhtung der bervlkerung vorgeschlagen, um dem rckwirkenden
Einflusse des Elends zuvorzukommen. Aber alle diese auf knstliche,
planmige Unterdrckung der Volksvermehrung abzielenden Mittel und
Mittelchen sind -- wenn sie sich berhaupt durchgreifend in Anwendung
bringen lassen, nur denkbar in einer armen, vor den uersten
Konsequenzen des Elends zitternden Bevlkerung; wie in berflu und Mue
lebende, zudem vollkommenster Freiheit sich erfreuende Menschen dahin
gebracht werden sollten, sich geschlechtlichen Einschrnkungen zu
unterwerfen, vermag ich nicht abzusehen. Diese Art Vorbeugung knnte
meines Erachtens in der freien Gesellschaft gnstigsten Falles erst dann
Platz greifen, wenn die Not der bervlkerung schon einen hohen Grad
erreicht, den einstigen Wohlstand und mit diesem vielleicht auch das
individuelle Freiheitsgefhl bedenklich vermindert htte. Das sind, ganz
abgesehen von der ethischen Widerwrtigkeit all dieser gewaltsamen
Eingriffe in das -- gerade unter dem Walten der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit so beraus zart sich gestaltende -- Verhltnis der
Geschlechter, sehr wenig erfreuliche Perspektiven. Sie zeigen uns im
Hintergrunde der Ereignisse ein Bild, welches gar traurig absticht von
der berschwenglichen Entfaltung des ersten Anfanges. Glauben die Mnner
von Freiland ihre Schpfung auch gegen diese Gefahren wappnen zu knnen?

_Franzisko Espero_ (Linke): Der Mensch unterscheidet sich dadurch von
den anderen lebenden Wesen, da er sich seine Nahrungsmittel selber
bereitet, und zwar desto leichter bereitet, je dichter mit
fortschreitender Kultur die Bevlkerung wird. Das hat ein groer
amerikanischer Volkswirt (Carey) seinerzeit bewiesen und damit gezeigt,
da das im brigen unangefochten geltende Naturgesetz des notwendigen
Zurckbleibens des Nahrungsspielraums hinter der Vermehrung der Arten,
auf den Menschen keine Anwendung findet. Da trotzdem Not und Elend
bisher stets als Hemmnisse der Volksvermehrung wirksam waren, hat nicht
in einem Naturgesetze, sondern in der Ausbeutung seinen Grund. Die Erde
htte genug fr Alle hervorgebracht, wenn man nur Allen gestattet htte,
freien Gebrauch von ihren Krften zu machen. Die Ausbeutung aber ist
eine Einrichtung der Menschen, nicht der Natur, wie wir gesehen haben.
Beseitiget sie, und Ihr habt fr immer das Gespenst des Hungers verjagt.

_Stefan Val_ (Freiland): Ich halte es fr ntzlich, den freilndischen
Standpunkt in der bisher aufgetauchten Kontroverse sofort zu
konstatieren. Das geehrte Kongremitglied aus Brasilien (Espero) hat
recht, wenn es das thatschliche Elend der Menschheit in der Epoche der
Ausbeutung statt mit dem Walten natrlicher Krfte, mit menschlichen
Einrichtungen in Zusammenhang bringt. Die Massen litten Mangel, weil sie
in Knechtschaft darniedergehalten waren, nicht weil die Erde sie
reichlicher zu ernhren unvermgend gewesen wre. Ich will brigens
hinzufgen, da dieses thatschliche Elend die Massen niemals hinderte,
sich zu vermehren in dem Mae, als dies durch andere, auf die
Bevlkerungsbewegung entscheidend einwirkende Faktoren bedingt war, ja
da sich in der Regel das Elend sogar als Ansporn zur Volksvermehrung
erwies. Im Unrecht aber befindet sich unser Freund aus Brasilien, wenn
er, gesttzt auf die hohlen Redensarten Carey's, leugnet, da die
Volksvermehrung, knnte sie ins Unbegrenzte fortschreiten, endlich zu
Nahrungsmangel fhren mte. Der erste der heutigen Redner hat ganz
richtig bemerkt, da es in diesem Falle schlielich dahin kme, da den
Menschen der Raum auf Erden mangelte. Man wird doch nicht annehmen, da
ein Zustand denkbar ist, bei welchem unsere Rasse die Erdoberflche
bedeckte gleich den Heuschrecken ein von ihnen heimgesuchtes Feld? Ja,
in letzter Linie mte bei wirklich schrankenlos fortschreitender
Vermehrung der Menschenmenge nicht blo die Oberflche, sondern sogar
der stoffliche Inhalt unseres Planeten zu klein werden, um die Elemente
fr die sich hufenden Menschenleiber herzugeben. Die Volkszunahme -- in
so weit hat Malthus mitsamt seinen Anhngern Recht, _mu_ also irgend
eine Grenze haben. Ob diese Grenze aber gerade im sog. Nahrungsspielraum
zu suchen sei, das ist denn doch eine andere Frage, eine Frage, die
vernnftiger Weise erst dann bejaht werden drfte, wenn festgestellt,
oder auch nur plausibel gemacht werden knnte, da nicht frher schon,
lange bevor Nahrungsmangel sich einstellt, andere Faktoren in Aktion
treten, deren Zusammenwirken dann zur Folge htte, da die Grenzen des
Nahrungsspielraums, von ganz auergewhnlichen Fllen abgesehen, niemals
auch nur annhernd erreicht, geschweige denn berschritten werden
knnten.

_Arthur French_ (Rechte): Das soeben Gehrte erfllt mich mit malosem
Erstaunen. Wie, das Mitglied der freilndischen Verwaltung gibt zu --
was allerdings vernnftiger Weise nicht geleugnet werden kann -- da
unbegrenzte Vermehrung eine Unmglichkeit sei, und bestreitet dennoch,
da Nahrungsmangel eben die gesuchte Grenze der Vermehrung wre? Da
Malthus geirrt, als er dieses natrliche Hemmnis auch bisher schon als
in der menschlichen Gesellschaft wirksam hinstellte, kann ja ohne
weiteres zugegeben werden. Die Menschen litten bisher Hunger, weil ihnen
verwehrt war, sich zu sttigen, nicht weil die Erde unvermgend gewesen
wre, sie allesamt reichlich, oder zum mindesten reichlicher, zu
ernhren; die Ausbeutung erwies sich also wirklich als ein schon vor
Erreichung des Nahrungsspielraums wirksam gewesenes Hemmnis der
Volksvermehrung, gleichsam als eine Hungerkur, die der Mensch sich
selber auferlegte, noch bevor die Natur ihn zu einer solchen verurteilt
hatte. Schon minder verstndlich ist mir, was Redner darunter meint,
wenn er behauptet, das durch die Ausbeutung knstlich hervorgerufene
Elend habe sich mitunter nicht als Hindernis, vielmehr als
Befrderungsmittel der Volkszunahme erwiesen. Insbesondere aber mchte
ich nheres ber jene anderen, entscheidenden Faktoren hren, welche
dies angeblich bewirkt haben sollen und von denen Redner offenbar auch
in Zukunft die Regulierung der Bevlkerungszahl erwartet. Diese anderen
Faktoren sollen des ferneren den wunderbaren Effekt haben, die
Bevlkerung gar niemals den Grenzen des Nahrungsspielraums auch nur nahe
kommen zu lassen. Knstliche, willkrlich zur Anwendung gelangende
Mittel knnen das nicht sein, sonst wrde ein Mitglied der
freilndischen Verwaltung, dieses auf schrankenloser Freiheit
gegrndeten Gemeinwesens, nicht so zuversichtlich von ihnen sprechen.
Doch abgesehen von all dem -- wie kann die Wirksamkeit eines so
elementaren Hemmnisses der Vermehrung, wie es der Nahrungsmangel ist,
gerade in der menschlichen Gesellschaft in Zweifel gezogen werden,
whrend dieselbe doch so ersichtlich in der ganzen organischen Natur
hervortritt? Ist etwa der Mensch allein unter allen lebenden Wesen
diesem Naturgesetze nicht unterworfen oder kennt man vielleicht in
Freiland sogar ein Mittel, welches z. B. die Heringe ntigen wrde, bei
ihrem Fortpflanzungsgeschfte den Grenzen ihres Nahrungsspielraums
niemals nahe zu kommen, sich vielmehr bei demselben auf jenes
vernnftige Ma zu beschrnken, welches den Rcksichten auf das
gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe entsprche?

Mchtige Erregung herrschte nach dieser mit schneidiger Schrfe
vorgebrachten Rede im Saale. Gesteigert wurde das Gefhl
erwartungsvoller Spannung noch dadurch, da mehrere Mitglieder der
freilndischen Verwaltung -- unter diesen auch der frhere Redner Stefan
Val -- zum Prsidenten eilten und demselben ersichtlich nahe legten,
sich zum Worte zu melden. Der ganzen Versammlung bemchtigte sich die
Empfindung, da die Debatte -- nicht blo die heutige, sondern die des
Kongresses berhaupt -- an ihren entscheidenden Wendepunkt gelangt sei.
Vermochten die Wortfhrer der wirtschaftlichen Gerechtigkeit auch
diesmal die Bedenken der Gegner siegreich zu widerlegen, als irrig und
gegenstandlos nachzuweisen, so war die groe Geistesschlacht endgiltig
gewonnen; was dann noch folgen mochte, konnte frderhin nicht mehr der
Frage gelten, _ob_, sondern blo derjenigen, _wie_ die neue sociale
Ordnung gedeihlich und dauernd ins Werk zu setzen sei. Erlahmte aber an
diesem Punkte die Kraft der freilndischen Beweisfhrung, gelang es ihr
nicht abermals, das Gebude der gegnerischen Argumentation umzublasen,
gleich einem Kartenhause, so waren alle bisherigen Erfolge vergebens.
Das Elend der Gegenwart zu beseitigen, um damit der Zukunft nur desto
hoffnungsloseres Elend zu bereiten, das war es nicht, wofr man sich
begeistert hatte; blieb auch nur ein Schatten dieser Gefahr bestehen, so
war der wirtschaftlichen Gerechtigkeit das Todesurteil gesprochen.

Unter atemloser Spannung ergriff endlich Dr. _Strahl_ das Wort, nachdem
er den Vorsitz an seinen Kollegen Ney aus der freilndischen Verwaltung
abgegeben hatte:

Unser Freund von der Rechten, so begann er seine Rede, hat den an uns
gerichteten Appell mit der Frage geschlossen, ob wir in Freiland das
Mittel kennten, welches die Heringe ntigen wrde, sich bei ihrem
Fortpflanzungsgeschfte innerhalb jener Schranken zu halten, die den
Rcksichten auf das gedeihliche und reichliche Fortkommen ihrer Sippe
entsprchen. Meine Antwort darauf lautet kurz und bndig: Jawohl, wir
kennen dieses Mittel. (Bewegung.) Sie erstaunen? Mit Unrecht, lieben
Freunde, denn Sie kennen es in Wahrheit so gut wie wir, und nur jene
eigenartige geistige Kurzsichtigkeit, die den Menschen hindert, noch so
bekannte Dinge wahrzunehmen, sowie es sich um deren Nutzanwendung auf
einen Gegenstand handelt, bezglich dessen die mit der Muttermilch
eingesogenen Vorurteile ihm verbieten, von seinen Sinnen und seinem
Urteilvermgen Gebrauch zu machen, nur diese ist es, die Sie glauben
macht, Sie kennten es nicht. Also, ich behaupte, da Sie Alle das
fragliche Mittel so gut wten, wie wir. Aber damit will ich keineswegs
sagen, wie Sie anzunehmen scheinen, da wir oder Sie imstande wren, den
Heringen diese vorsorgliche Rcksicht erst beizubringen, was in der That
ziemlich schwer durchfhrbar wre; ich behaupte vielmehr, da unsere
gemeinsame Kenntnis des Mittels nicht in unserer Erfindungs-, sondern in
unserer Beobachtungsgabe ihre Quelle hat, mit anderen Worten, da die
Heringe von jeher ben, wozu sie nach der Meinung des Fragestellers erst
durch unseren Witz angeleitet werden mten und da wir daher, um zur
Kenntnis des fraglichen Vorganges zu gelangen, blo ntig hatten:
erstlich, die Augen zu ffnen, um zu sehen, _was_ in der Natur vorgeht
und sodann unseren Verstand einigermaen zu gebrauchen, um auch hinter
das _Wie_ dieses Naturvorganges zu gelangen.

ffnen wir also zunchst unsere Augen, d. h. entfernen wir die Binde,
die ererbte konomische Vorurteile um dieselben gelegt haben. Um Ihnen
dieses zu erleichtern, meine Freunde, bitte ich Sie, ein beliebiges
Naturwesen, also beispielsweise den Hering ins Auge zu fassen, ohne
dabei an dessen mgliche Beziehungen zur Bevlkerungsfrage innerhalb der
menschlichen Gesellschaft zu denken, d. h. suchen Sie beim Hering keinen
Erklrungsgrund des menschlichen Elends, sondern betrachten Sie
denselben einfach als einen der vielen Kostgnger am Tische der Natur.
Unmglich wird Ihnen dann entgehen, da diese Tierspecies zwar in sehr
zahlreichen Exemplaren vertreten ist, da aber noch unendlich
zahlreichere an besagtem Tische reichlich Platz fnden. Ja ich behaupte,
da Sie sich -- immer vorausgesetzt, da Sie dabei nur den Hering und
nicht zugleich im Hintergrunde das menschliche Elend im Auge haben --
selber verlachen wrden, kme Ihnen auch nur entfernt der Gedanke, die
Heringe knnten, wenn ihrer etwas mehr wren, keine Nahrung im Weltmeere
finden, es seien ihrer gerade so viel vorhanden, als dort satt zu
werden vermchten. Oder nehmen wir eine andere Tierart, deren
Ernhrungsverhltnisse wir nicht wie bei den Heringen blo durch
unbefangenes Nachdenken, sondern erforderlichen Falls leicht durch
wirklichen Augenschein zu erkennen vermgen, also z. B. den Elefanten,
den Malthus ja auch speziell namhaft gemacht und fr den er gleichfalls
berechnet hat, in welcher Frist ein einzelnes Prchen den ganzen
Erdkreis mit seinen Nachkommen erfllen mte, um daraus die
Schlufolgerung zu ziehen, da es der Nahrungsmangel sei, was dieser
schrankenlosen Vermehrung das Ziel setze. Lehrt Sie nicht der erste,
oberflchlichste Blick, da nirgends auf Erden auch nur entfernt so viel
Elefanten sind, als reichlich und in Flle Nahrung fnden? Wrden Sie
nicht jeden fr einen Faselanten halten, der Ihnen das Gegenteil weis
machen wollte?

Sie wissen also insgesamt -- das bitte ich zunchst festzuhalten -- da
jede Tierart, sie mag nun selten oder zahlreich, mehr oder minder
fruchtbar sein, sich mit ihrer Vermehrung regelmig innerhalb solcher
Schranken hlt, die von den Grenzen des sogenannten Nahrungsspielraums
weit, unendlich weit entfernt sind. Ich gehe weiter; Sie wissen nicht
blo, da es so ist, Sie wissen auch, da und warum es so sein _mu_.
Die unbefangene Beobachtung der Naturvorgnge sagt Ihnen nmlich bei nur
einigem Nachdenken, da eine Art, die sich wirklich regelmig bis an
die Grenzen des Nahrungsspielraums vermehrte, also regelmig dem Hunger
und den Entbehrungen ausgesetzt wre, notwendiger Weise verkmmern
mte.

Sie wissen also, da jener unerschpfliche berflu, der im Gegensatze
zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur
herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller
Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der
Notwendigkeit ist und es erbrigt nur mehr die Ergrndung jenes
Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese
Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus
schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel,
welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhllt, war
damals noch nicht erhellt; man mute sich also damit begngen, alle
Vorgnge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder
der sogenannten Lebenskraft zu erklren -- was natrlich auch damals
niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses
einstweilen unerklrlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie
aber -- im Jahrhundert nach Darwin lebend -- knnen auch ber diesen
letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, da es der
Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem
entwickeln, was sie sind, da Eigenschaften, die sich als ntzlich und
notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf
hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die
sich als schdlich fr das Gedeihen der Art erweisen, unterdrckt und
beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die
Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur
Existenz jeglicher Art nicht blo ntzlich, sondern durchaus notwendig
ist, so mu eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen,
ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewut, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur
war Ihnen dieses Ihr Wissen blo in jenen Fllen auch bewut, zum
Gebrauche beim Denkprozesse gegenwrtig, wo es sich um rein botanische
oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite
der socialen oder konomischen Probleme berhrt wurde, senkte sich
augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier ber diese
soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt
nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten
Schleier -- seine Fden heien anerzogene Vorurteile und
Wahnvorstellungen -- ansieht, und Ihr Urteilsvermgen funktionierte nun
nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen
>Logik< sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige
Kapriolen, die -- lge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen --
unmglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben knnten. Ja, so
grndlich haben Sie sich daran gewhnt, die Bilder, die Ihnen dieser
Schleier zeigt, fr die wirkliche Welt zu halten, da Sie sich von
denselben nicht zu befreien vermgen, auch nachdem Sie sich dazu
aufgerafft, den Schleier selber zu zerreien.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlsse der Malthus'schen Theorie sind
doch eigentlich nur dadurch entstanden, da ihr Autor nach Grnden fr
das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu
entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der gyptische
Fellache, so fragte er sich; und da er -- gehindert durch den bewuten
Schleier -- nicht zu sehen vermochte, da sie hungerten, weil ihnen der
Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht
gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, da die Massen berall und
allezeit hungerten, rtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu
anderen Zeiten und Orten, aber schlielich doch hungerten, hungerten,
hungerten, trotz aller Plage und allen Fleies, soweit menschliche
Erinnerung zurckreicht -- so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen
allgemeinen Hunger fr die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt
wute er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die
Vlker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich
sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch
zahlreicher zu werden. Da die vom Rtsel des Elends gepeinigte Welt
_das_ glaubte, ist schlielich zu begreifen, denn einen Grund mu das
Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche
Erklrungsgrnde herhalten mssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die
Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie
glauben merkwrdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz,
welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu
konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen,
durchlchert, aber seine Fetzen umhllen Ihnen noch immer Haupt und
Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer _heute_ hungert, das zu
sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber fr unsere Nachkommen
zittern Sie noch immer vor bervlkerung, den Hering sehen Sie noch
immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift fr Sie
immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans
oder Afrikas -- sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an
diese unsere armen, der bervlkerung verfallenen Nachkommen.

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrchen lauter Heiterkeit
durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege
von der Rednerbhne zum Prsidentensitze erwarteten ihn neben den
Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drcken, auch die
Wortfhrer der Opposition, die freudig und rckhaltlos den vollkommenen
Sieg anerkannten.

                (Schlu des vierten Verhandlungstages.)




                              27. Kapitel.


                        Fnfter Verhandlungstag.

Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:

_Ist es mglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
berall unter Schonung der erworbenen Rechte und berkommenen Interessen
zur Durchfhrung zu bringen; und wenn dies mglich ist, welches sind die
geeigneten Mittel hierzu?_

_Der Vorsitzende._ Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu
entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen
Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, _William Stuart_, bitte,
sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten ber
jene Vorschlge, welche das mit Ausarbeitung der bergangsbestimmungen
in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee
dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.

_William Stuart._ Im Auftrage der Vertreter des amerikanischen Volkes
erbitte ich mir die Wohlmeinung dieser hochansehnlichen Versammlung ber
eine Reihe von gesetzlichen Verfgungen, die bestimmt sein sollen, uns
mit jener Energie, die nun einmal unseren Gewohnheiten entspricht,
zugleich aber unter vollkommener Schonung aller bestehenden Rechte, aus
dem bisherigen wirtschaftlichen Zustande in denjenigen der
wirtschaftlichen Gleichberechtigung hinberzuleiten. Meine Auftraggeber
sahen sich zu diesem Schritte durch den Umstand veranlat, da unsere
Nation unter allen Nationen auerhalb Freilands die erste ist, welche --
unseres Wissens zum mindesten -- ber das Stadium der Vorberatungen
hinaus gediehen, unmittelbar vor der zur Durchfhrung des Werkes
fhrenden Aktion steht. Die Institutionen der wirtschaftlichen
Gerechtigkeit selber sind nichts Neues mehr; wir konnten uns
diesbezglich auf ein bewhrtes Prcedenz, das Beispiel Freilands,
sttzen, was denn auch -- mit einigen hchst unwesentlichen, der
Eigenart des amerikanischen Volkscharakters und Landes entsprechenden
Abweichungen -- durchweg geschehen wird. Dagegen fehlt es fr die
bergangsbestimmungen an jeglicher Erfahrung, und da wir, ungeachtet der
bekannten Raschheit unseres Handelns, guten Rat -- insbesondere in so
wichtiger Sache -- lieber vor als nach der That einholen, so bin ich
hergesandt, Ihre Meinung zu hren und dieselbe dann im amerikanischen
Kongresse zu vertreten, bevor die Vorschlge des Komitees Gesetzeskraft
erlangen.

Es ist beantragt, allen im Gebiete der Union gelegenen Boden fr
herrenlos zu erklren, die bisherigen Besitzer aber mit dem vollen
Katasterwerte zu entschdigen. Um denjenigen, die sich dabei verkrzt
erachten sollten, die Mglichkeit der Abhilfe zu gewhren, sollen
besondere Sachverstndigenkommissionen zur Prfung allflliger
Reklamationen niedergesetzt werden und die ffentliche Meinung der Union
geht dahin, da diesen Kommissionen ein mglichst rcksichtsvolles
Verfahren zur Richtschnur empfohlen werden sollte. Der gleiche Vorgang
ist bei Gebuden beantragt, mit der Magabe jedoch, da zum eigenen
Gebrauche des Besitzers dienende Wohnhuser auf dessen Wunsch von der
Ablsung ausgenommen werden knnen. Die solcherart erhobenen und
festgestellten Ablsungsbetrge sollen je nach Wunsch der Berechtigten
entweder sofort oder in Raten zur Auszahlung gelangen, mit der Magabe,
da fr jede Erstreckung der Raten um je ein Jahr eine Prmie von 1/5
Prozent gewhrt wird, welche Prmie der Berechtigte in Form von
Zuschlagsraten nach erfolgter Abtragung des eigentlichen Kaufpreises
ausgezahlt erhlt. Auf lnger als fnfzig Jahre wird die Abzahlung nicht
erstreckt. Gesetzt also den Fall, eine Liegenschaft sei mit 10000
Dollars bewertet worden, so erhlt der Besitzer, falls er sofortige
Auszahlung der ganzen Summe verlangt, seine 10000 Dollars, mit denen er
dann anfangen mag, was ihm beliebt; verlangt er beispielsweise zehn
Jahresrenten __ 1000 Dollars, so hat er das Anrecht auf zehn Prmien
von je 20 Dollars, die ihm gesammelt als elfte Jahresrate von 200
Dollars zugezhlt werden. Verlangt er Abzahlung in fnfzig Raten __ 200
Dollars, so erwchst ihm ein Prmienanspruch von fnfzigmal 20, d. i.
also von 1000 Dollars, die er in Form fnf fernerer Jahressraten __ 200
Dollars einkassiert. Dieselben Rckzahlungsmodalitten gelten fr die
gesamte, sofort zu kndigende Nationalschuld.

Die bestehenden Kredit- und Schuldverhltnisse der Privaten
bleiben aufrecht; doch soll der Schuldner, gleichviel welche
Abzahlungsbedingungen ursprnglich vereinbart waren, das _Recht_
unmittelbarer Rckerstattung des entliehenen Kapitals haben. Die
Beistellung der zum Betriebe welcher Produktion immer erforderlichen
Kapitalien abseitens des Gemeinwesens wird die Privatschuldner in den
Stand setzen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; nur soll nach
dem Antrage der Kommission das Gemeinwesen bis auf weiteres die nmliche
Prmie, die es seinen Glubigern gewhrt, auch von seinen Schuldnern
verlangen. Der Zweck letzterer Maregel liegt auf der Hand; sie soll
verhten, da -- Mangels jedes ihnen eingerumten Vorteils -- die
Privatglubiger ihre Kapitalien aus dem Verkehre ziehen und tot liegen
lassen. Bekmen die Kapitalbedrftigen anfangs ihren Bedarf gnzlich
kostenlos, lediglich gegen die Verpflichtung allmhlicher Rckerstattung
des entliehenen Kapitals, so wrden sie sich zu keinerlei Vergtung
ihren alten Glubigern gegenber verstehen, whrend sie, wird der
Vorschlag der Kommission angenommen, jene Prmie, die das Gemeinwesen
von ihnen verlangt, auch jenen zu bewilligen bereit sein werden.

Zu bemerken wre noch, da, dank dem schon bei Gelegenheit der
Wahlagitationen fr den konstituierenden Kongre allenthalben zum
Ausdrucke gebrachten Grundsatze, alle erworbenen Rechte peinlichst zu
achten, die produktive Thtigkeit in der bergangszeit nicht allein
keinerlei Strung erlitten, sondern einen, vorher niemals noch erlebten
Aufschwung erfahren hat. Die in Bildung begriffenen freien Associationen
zwingen die alten Unternehmer, sich durch ausgiebige Lohnerhhungen die
zum provisorischen Fortbetriebe erforderlichen Arbeitskrfte zu
erhalten, und da gerade diese Lohnerhhungen den Bedarf nach allen
Produkten sprunghaft steigern, so wchst damit zugleich das Interesse
der Unternehmer, ihre Produktion vor jeder Stockung zu bewahren. Diese
beiden Strmungen steigern sich gegenseitig in solchem Mae, da im
Momente der Minimallohn drei Dollars per Tag bersteigt, und da
fieberhafter Unternehmungsgeist sich der gesamten Geschftswelt
bemchtigt hat. Insbesondere die Maschinenindustrie entfaltet eine
Regsamkeit, die aller bisherigen Vorstellungen spottet. Die Furcht vor
berproduktion ist zur Mythe geworden, und da die Unternehmer darauf
rechnen knnen, in den Associationen demnchst schon bereitwillige
Abnehmer fr guteingerichtete Anlagen zu finden, so hlt sie nichts ab,
den letzten Moment, der ihrer Privatthtigkeit noch gelassen ist,
thunlichst auszuntzen. Auch die Landbesitzer finden dabei ihre
Rechnung, denn selbstverstndlich ist der Bodenwert infolge der so rapid
gewachsenen Nachfrage nach Bodenprodukten aller Art sehr namhaft
gestiegen. Kurzum, alles berechtigt uns zu der Annahme, da sich der
bergang in die neue Ordnung der Dinge bei uns nicht blo leicht und
glatt, sondern auch zu vollster Befriedigung _aller_ Teile unseres
Volkes vollziehen werde.

Der _Vorsitzende_ fragt die Versammlung, ob sie sofort in die Diskussion
der soeben gehrten Botschaft des amerikanischen Kongresses, respektive
in die Debatte ber Punkt vier der Tagesordnung eingehen, oder zuvor
noch den Bericht entgegennehmen wolle, welchen der freilndische
Kommissr in Ruland durch einen soeben in Edenthal eingetroffenen
Abgesandten zu erstatten beabsichtige. Da sich der Kongre fr letzteres
entschied, nahm

_Demeter Nowikof_ (Abgesandter des freilndischen Kommissars fr
Ruland) das Wort: Als wir, auf Wunsch des russischen Volkes von der
freilndischen Centralverwaltung delegierten Kommissre, in Moskau
eingetroffen waren, fanden wir die Ruhe wenigstens uerlich insoweit
hergestellt, als die einander bis dahin mit schonungsloser Wut
zerfleischenden Fraktionen auf die Nachricht unserer Ankunft vorderhand
Waffenstillstand geschlossen hatten. Nicht blo die Kanonen und Gewehre,
auch die Guillotine und der Galgen feierten. Radoslajew, unser
bevollmchtigter Kommissr, berief sofort die smtlichen Parteihupter
zu sich, bewog sie, die Waffen vollends niederzulegen, die Gefangenen
freizugeben, die sieben verschiedenen, sich bis dahin smtlich als
ausschlieliche Vertreter des russischen Volkes geberdenden Parlamente
heimzusenden, und schrieb dann, nachdem er sich fr die Zwischenzeit mit
einem Rate von Vertrauensmnnern der verschiedenen Parteien umgeben, mit
thunlichster Beschleunigung allgemeine Neuwahlen fr eine
konstituierende Versammlung aus.

Da Produktion und Verkehr beinahe gnzlich stille standen, so war das
Elend grenzenlos. Die Arbeitgeberschaft war von einigen der extremsten
Parteien als todeswrdiges Verbrechen verfolgt worden, niemand wagte es
daher, Arbeiter zu beschftigen; sich selber zu organisieren, dazu waren
in den meisten Teilen des Reiches die unwissenden, in knechtischem
Gehorsam darniedergehalten gewesenen Massen gnzlich auer Stande, und
da zum berflu die radikalsten unter den Nihilisten auch die
Organisatoren freier Associationen als maskierte Herren zu
guillotinieren begonnen hatten, so schien es fast, als ob gegenseitiges
Todschlagen die einzige Thtigkeit sei, der man hinfort in Ruland
obliegen knne.

Die Proklamation, mit welcher Radoslajew die Wahlen ausschrieb,
beruhigte zwar die Gemter, gengte aber nicht zu rascher Inaugurierung
ersprielicher produktiver Thtigkeit. Als daher die neugewhlte
konstituierende Versammlung zusammengetreten war, schlug ihr Radoslajew
als bergangsstadium in das Regime der wirtschaftlichen Gerechtigkeit
ein gemischtes System vor, in welchem neben den Keimen der
anzustrebenden freien Gesellschaft und neben allflligen Resten alter
Einzelwirtschaft eine Art von bergangs-Kommunismus Platz finden sollte.

Zunchst aber mute Ordnung in die bestehenden Rechtsverhltnisse
gebracht werden. Whrend der unserer Ankunft vorhergehenden
Schreckensherrschaft war aller immobile Besitz zu Nationaleigentum
erklrt worden, ohne da die frheren Eigentmer irgendwelche
Entschdigung erhalten hatten; alle bestehenden Schuldverhltnisse waren
einfach annulliert und es galt nun, nachtrglich diese Gewaltakte
gutzumachen, soweit es irgend noch anging. Doch in diesem Punkte erwies
sich anfangs auch die neue Nationalversammlung untraitabel. Der Ha
gegen die alte Ordnung war ein so allgemein verbreiteter und tiefer, da
selbst die Depossedierten es nicht wagten, auf unsere Absichten
einzugehen. Das aus der Epoche der Ausbeutung herrhrende Privateigentum
galt schlechthin als Raub und Diebstahl, die Inanspruchnahme von
Entschdigungen als schimpflich derart, da eine Deputation frherer
Grogrundbesitzer und Fabrikanten, an ihrer Spitze zwei ehemalige
Grofrsten, Radoslajew beschwor, von seiner Forderung abzustehen, damit
der kaum entschlafene nihilistische Fanatismus nicht neuerlich gereizt
werde. Nichtsdestoweniger beharrte dieser, nachdem er sich mit uns, den
ihm beigegebenen Freilndern, beraten, auf seiner Forderung. Er erklrte
der Nationalversammlung, da es uns natrlich fern liege, dem russischen
Volke unsere Anschauungen aufzuntigen, da anderseits aber auch Ruland
von uns nicht verlangen knne, uns an einem Werke zu beteiligen, dessen
Grundlage -- in unseren Augen -- Raub wre; und diese Drohung mit
unserem Rcktritte wirkte endlich. Die Nationalversammlung machte noch
den Versuch, sich der Votierung einer ihr verhaten Maregel dadurch zu
entziehen, da sie Radoslajew fr die Zeit des berganges die Diktatur
anbot; nachdem er jedoch auch dieses Ansinnen abgelehnt hatte, fgte sie
sich und ging widerwillig in die Beratung des Entschdigungsgesetzes
ein. Im Sinne des von Radoslajew vorgelegten Entwurfes sollte den
frheren Eigentmern der volle Wert in Raten bezahlt werden, ebenso
sollten die frheren Schuldverhltnisse voll reaktiviert und gleichfalls
in Raten abgetragen werden; die unvernderte Annahme dieses Gesetzes
konnte Radoslajew jedoch nicht durchsetzen. Die Nationalversammlung
votierte einstimmig eine Klausel, nach welcher kein einzelner
Entschdigungsanspruch die Hhe von 100000 Rubel berschreiten durfte;
hatte der Eigentmer Schulden, so wurde deren Betrag in Anrechnung
gebracht, doch durfte auch der Ersatzanspruch aus dem Titel von
Schuldforderungen keines einzelnen Glubigers 100000 Rubel bersteigen.
Ebenso wurde fr verwstetes Eigentum eine auf das gleiche Maximum
beschrnkte Entschdigung gewhrt.

Inzwischen hatten wir alle Anstalten getroffen, um die Produktion auf
den neuen Grundlagen zu organisieren. Privatunternehmer wagten sich,
trotzdem ihnen das Feld freigegeben war, nicht hervor; dagegen begannen
sich insbesondere in den westlichen Gouvernements auf Grund unserer zum
Muster genommenen freilndischen Statuten, freie Arbeiterassociationen
zu bilden. Die groe Masse der arbeitenden Bevlkerung erwies sich
jedoch hiezu noch unfhig, und notgedrungen mute daher die
Regierungsgewalt organisierend eingreifen. Zwanzig verantwortliche
Komitees wurden fr zwanzig verschiedene Produktionszweige geschaffen
und diese Komitees nahmen mit Hlfe der sich bereitwillig zur Verfgung
stellenden Intelligenz die Produktion in die Hand. Der Freiheit ist
insoweit Rechnung getragen, als niemand zwangsweise zur Arbeit verhalten
wird. Derzeit sind 83000 solcher Unternehmungen mit 12 Millionen
Arbeitern im Betriebe. Bezglich der Verteilung des Ertrages herrscht in
denselben ein aus freier Vergesellschaftung und Kommunismus gemischtes
System. Die Hlfte des erzielten Nettoertrages gelangt unter den
gesamten 12 Millionen Arbeitern zur gleichmigen Verteilung; die
andere Hlfte verteilen die einzelnen Unternehmungen fr sich unter die
ihnen angehrigen Arbeiter. Wir glauben solcher Art jede Unternehmung
einerseits gegen die uersten Konsequenzen eines allflligen
Mierfolges ihrer Produktion sichergestellt, anderseits aber auch das
Interesse der Beteiligten am Gedeihen der einzelnen Produktion
wachgerufen zu haben. Die Leiter dieser Produktivkrperschaften erhalten
nach dem gleichen gemischten Systeme Zahlung.

Die Arbeitszeit ist auf 36 Stunden wchentlich fixiert. Auerdem ist ein
zweistndiger tglicher Unterricht fr Erwachsene eingerichtet, welchen
Unterricht gegenwrtig 65000 Wanderlehrer, deren Zahl jedoch stetig
vermehrt wird, zu besorgen haben. Desgleichen sind bisher 120000
Volksbibliotheken errichtet, zu deren Versorgung mit den notwendigsten
Bchern eine Anzahl groer Druckereien in Ruland selber gegrndet,
auerdem aber die bedeutenderen Druckereien des Auslandes beschftigt
sind; die freilndischen Druckereien allein haben bisher 28 Millionen
Bnde geliefert. Da auch der Jugendunterricht mit aller erdenklichen
Energie gefrdert wird -- 780 Lehrerseminare sind teils gegrndet, teils
in Grndung begriffen, vom slawischen Auslande, insbesondere aus Bhmen,
sind massenhaft Lehrkrfte herangezogen worden, und dergleichen mehr --
so hoffen wir den Bildungsgrad der Massen sich binnen wenigen Jahren so
weit heben zu sehen, da mit den Resten des Kommunismus wird aufgerumt
werden knnen.

Inzwischen wird die provisorisch gebte Bevormundung den sich derselben
freiwillig unterwerfenden Massen gegenber auch zur Hebung und Veredlung
ihrer Gewohnheiten und Bedrfnisse ausgenutzt. Geistige Getrnke,
insbesondere Branntwein, werden nur in begrenzten Dosen ausgeschenkt,
die elenden Lehmhtten und Arbeiterhhlen werden successive
niedergerissen und durch nette, mit kleinen Grten versehene
Familienhuser ersetzt; monatlich mindestens einmal werden
Volksfeste veranstaltet, bei denen leichte zwar, aber gute Musik,
Theatervorstellungen und populre Vortrge den sthetischen, eine
rationelle feinere Kche den materiellen Geschmack der Teilnehmer zu
heben bestimmt sind. Besondere Sorgfalt wird der Erziehung der Frauen
gewidmet. Nahe an 80000 Wanderlehrerinnen durchziehen heute schon das
Land, unterrichten die -- von jeder groben Arbeit befreiten -- Weiber in
den Elementen der Wissenschaft sowohl, als civilisierterer
Haushaltungskunst, suchen ihr Selbstgefhl und ihren Geschmack zu heben,
sie ber ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklren und insbesondere
der bis dahin herrschend gewesenen huslichen Brutalitt zu steuern. Da
diese Apostel hherer Weiblichkeit -- wie berhaupt alle Lehrkrfte --
die volle Autoritt der Behrden hinter sich haben und sich ihrem Berufe
mit hingebender Begeisterung widmen, so lassen sich derzeit schon nicht
unerhebliche Erfolge ihres Wirkens feststellen. Die Weiber der
arbeitenden Klassen, bis dahin schmutzige, mihandelte, strrige
Lasttiere, beginnen allgemach fr ihre Wrde als Menschen sowohl wie als
Frauen Verstndnis zu zeigen. Sie lassen sich von ihren Mnnern nicht
mehr prgeln, halten diese, sich selber, die Kinder und ihr Haus
reinlich und wetteifern untereinander in Erwerbung von allerlei
ntzlichen Kenntnissen. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, ja eine
Revolution hat -- Dank dem sofort eingefhrten Versorgungsanspruche der
Frauen -- in den Sittlichkeitsverhltnissen stattgefunden. Whrend
frher, insbesondere unter dem stdtischen Proletariate, geschlechtliche
Zgellosigkeit und Kuflichkeit allgemein verbreitet waren, sind jetzt
geschlechtliche Fehltritte eine unerhrte Seltenheit geworden. Dabei ist
es insbesondere interessant, den Unterschied zu beobachten, welchen die
Meinung des Volkes zwischen derlei Snden aus frherer Zeit und zwischen
denen der Gegenwart macht. Whrend ber jene ganz allgemein der Mantel
der Vergessenheit gebreitet wird, kennt die ffentliche Meinung fr
diese keine Nachsicht. Die sich frher verkaufte, war eine
Unglckliche, die es jetzt thte, wre eine Verworfene, so spricht und
handelt in diesem Punkte das Volk. Die ffentliche Dirne von ehemals
trgt die Stirne hoch und frei, sofern sie jetzt nur tadellos ist, und
sieht mit stolzer Verachtung herab auf das Mdchen oder die Frau, die
sich nunmehr, seitdem wir Weiber uns nicht mehr verkaufen mssen, um
Brot zu haben, auch nur das Geringste zu Schulden kommen lt.

Es wird nunmehr in die Debatte ber Punkt 4 der Tagesordnung
eingegangen.

_Ibrahim el Melek_ (Rechte). Die beraus lehrreichen Berichte aus
Amerika und Ruland liefern den drastischen Beweis dafr, da der
bergang zu dem Systeme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit sich nicht
blo im allgemeinen desto leichter, sondern insbesondere auch unter
desto annehmlicheren Formen fr die besitzenden Klassen vollziehe, je
entwickelter und vorgeschrittener zuvor die arbeitenden Klassen gewesen.
Unter diesem Gesichtspunkte darf es also nicht Wunder nehmen, da auch
wir in gypten den Systemwechsel voraussichtlich nicht ohne schwere
Erschtterungen werden durchmachen knnen. Die Nhe Freilands und das
rasche Eintreffen seiner von den aus Rand und Band geratenen Fellachim
mit nahezu gttlichen Ehren empfangenen Kommissre hat uns zwar vor
hnlichen Greuelscenen bewahrt, wie sie Ruland Wochen hindurch
zerfleischten; es sind keinerlei Mordthaten und nur geringe Zerstrungen
von Eigentum vorgekommen; aber die von den freilndischen Kommissren
einberufene gyptische Nationalversammlung zeigt sich noch weit
abgeneigter als ihre russische Kollegin, die Entschdigungsansprche der
frheren Besitzer anzuerkennen. Ich sehe darin eine Fgung des
Schicksals, gegen die sich nichts machen lt und die man daher mit
Resignation hinnehmen mu. Von Verschulden aber mchte ich die so schwer
Betroffenen freisprechen. Ohne da es ausdrcklich gesagt worden ist,
habe ich doch das deutliche Empfinden, da die groe Majoritt dieser
Versammlung von dem Gedanken ausgeht, die ehemals herrschend gewesenen
Klassen erfhren nunmehr berall das Los, welches sie sich selber
bereiteten; dem gegenber mchte ich fragen, ob denn etwa die
amerikanischen, australischen und west-europischen Grundherren,
Kapitalisten und Arbeitgeber frher die Vorteile ihrer Stellung minder
schonungslos ausbeuteten, als die russischen oder gyptischen? Da sie
ihren arbeitenden Klassen nicht so bel mitzuspielen vermochten, als die
letzteren, hat in der greren Energie des Volkscharakters, in der
greren Widerstandskraft der Massen, nicht aber in ihrer, der
Herrschenden, Gutmtigkeit seinen Grund. Ich vermag also keine
Gerechtigkeit darin zu sehen, wenn der russische Edelmann oder der
gyptische Bey sein Vermgen verliert, whrend der amerikanische
Spekulant, der franzsische Kapitalist oder der englische Lord aus dem
Umschwunge vielleicht sogar mit Gewinn hervorgeht.

_Lionel Spencer_ (Centrum). Der Herr Vorredner drfte mit seiner
Vermutung, da auch die besitzenden Klassen Englands gleich denen
Amerikas ohne Verlust aus der im Zuge befindlichen Revolution
hervorgehen werden, voraussichtlich Recht behalten; da den Besitzenden
nichts genommen werden drfe, was ihnen nicht zum vollen Werte bezahlt
wird, kann bei uns in England so gut als z. B. in Frankreich und noch in
einigen anderen demokratisch verwaltet gewesenen Lndern nicht dem
geringsten Zweifel unterliegen. Ein Spiel des blinden Fatums aber vermag
ich darin nicht zu erblicken. Bemerken Sie, da die Opfer der socialen
Revolution berall im umgekehrten Verhltnisse des bis dahin blich
gewesenen Arbeitslohnes stehen, dessen Hhe in erster Reihe bestimmend
ist fr das Durchschnittsniveau der geistigen Bildung des Volkes. Wo die
Massen in tierischem Elend schmachteten, dort darf man sich nicht
wundern, da sie, als ihre Ketten brachen, sich auch mit tierischer Wut
auf ihre Zwingherrn strzten. Die Hhe des Arbeitslohnes hinwieder ist
berall abhngig von dem Ausmae politischer und socialer Freiheit,
welches die Besitzenden den Massen gnnen. Mag immerhin der russische
Edelmann oder der gyptische Bey persnlich sogar gutmtiger sein, als
der amerikanische Spekulant oder der englische Landlord; der essentielle
Unterschied liegt darin, da das Schicksal der Massen in Amerika und
England vom persnlichen Belieben der Reichen unabhngiger war als in
Ruland und gypten. Die Besitzenden waren dort -- wenn auch vielleicht
im Privatverkehr noch hrter -- politisch klger, mavoller, als hier
und die Frchte dieser politischen Klugheit nun sind es, die sie ernten.
Mag auch sein, da sie selbst zu dieser Klugheit sich blo gezwungen
bekannt hatten -- sie _thaten_ es eben und nur die Thaten, nicht die
Gesinnungen richtet die Geschichte. Die herrschend gewesenen Klassen der
zurckgebliebenen Lnder ben jetzt fr das berma ihres
Herrenbewutseins; sie zahlen gleichsam nachtrglich jene Differenzen
des Arbeitslohnes, welche sie frher noch an dem, ohnehin krglich genug
bemessenen, allgemeinen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung
abgezwackt hatten.

_Tei-Fu_ (Rechte). Der Herr Vorredner bersieht, da die Bestimmung des
Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondern von Angebot
und Nachfrage abhngt. Da Hungerlhne zum Tiere herabdrcken, ist ja
leider richtig und die Blutbder, mit denen die zur Verzweiflung
getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalben das
Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Ruland
beredte Beweise dieser Wahrheit; aber wie htte alle politische Klugheit
der Herrschenden dem vorbeugen knnen? Der Arbeitsmarkt in China war
eben berfllt, das Hndeangebot zu gro; keine Macht der Erde konnte
den Lohn erhhen.

_Alexander Ming-Li_ (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt, da der
Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhnge; es ist das kein in
unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern ein der
Nationalkonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalb in
gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schlielich von jeder
Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie als Ware
feilgeboten werden mu. Aber daneben hngt der Preis auch noch von zwei
anderen Dingen ab, nmlich von den Produktionskosten und vom Nutzwerte
der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktoren sind es, die auf die
Dauer den Preis regulieren, whrend die Schwankungen von Angebot und
Nachfrage auch blo Schwankungen innerhalb der von Produktionskosten und
Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizufhren vermgen. Man mu auf die
Dauer fr jedes Ding so viel bezahlen, als seine Herstellung kostet und
man kann auf die Dauer nicht mehr fr dasselbe erhalten, als sein
Gebrauch wert ist. Das ist alles auch lngst bekannt, nur hat man es
sonderbarer Weise niemals vollstndig auf die Frage des Arbeitslohnes
angewendet. Was kostet die Herstellung der Arbeitskraft? Nun offenbar so
viel, als der Arbeiter an Mitteln des Unterhalts braucht, um bei Krften
zu bleiben. Und was ist der Nutzwert der menschlichen Arbeit? Nun ebenso
offenbar der Wert des durch sie zu erzielenden Produkts. Was heit das
also in seiner Anwendung auf den Arbeitsmarkt? Wie mir scheint, nichts
anderes, als da die Hhe des Arbeitslohnes -- unbeschadet der
Fluktuationen durch Angebot und Nachfrage -- auf die Dauer bestimmt wird
durch die Lebensgewohnheiten der Arbeiter einerseits und durch die
Produktivitt ihrer Arbeit anderseits. Ersteres Moment ist bestimmend
fr die Forderungen der Arbeiter, letzteres fr die Zugestndnisse der
Arbeitgeber.

Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben. Die
Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabnderlich gegebenes; jedes
menschliche Wesen hat das natrliche Bestreben, mglichst gut zu leben,
und wenn auch zugegeben werden mu, da Sitte und Gewohnheit hufig
dieser natrlichen Expansionstendenz der Bedrfnisse einige Zeit
hindurch hemmend entgegentreten knnen, so darf ich doch mit gutem
Gewissen behaupten, da unsere unglcklichen Brder im blumigen Lande
der Mitte nicht aus unberwindlicher Abneigung gegen ausreichende Kost
und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, sondern sehr gern
bereit gewesen wren, sich hhere Gewohnheiten anzueignen, wenn nur die
vorsorgliche Weisheit aller chinesischen Regierungen dem nicht jederzeit
dadurch entgegengetreten wre, da sie alle Versuche der Arbeiter, sich
behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungen zu verabreden und zu
vereinigen, mit den hrtesten Strafen verfolgte. Verbndete Arbeiter
wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen und die Besitzenden
Chinas -- das ist ihre Thorheit und ihre Schuld -- haben dieser
verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierung stets Beifall
gespendet.

Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil es nicht
blo gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegen den
eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spendenden in
grblichster Weise verstie. Die Regierung anlangend sollte man meinen,
da dieser das Aberwitzige und Selbstmrderische ihres Beginnens ganz
von selbst auch ohne tieferes Nachdenken lngst htte einleuchten
sollen. Mute doch ein Blinder sehen, da sie ihre finanzielle sowohl
als ihre militrische Kraft in dem Mae ruinierte, in welchem ihre
Maregeln gegen die unteren Volksklassen von Erfolg begleitet waren. Der
Konsum der Massen ist wie allerorten so auch in China die hauptschliche
Quelle der Staatseinnahmen, die physische Gesundheit der Bevlkerung die
Sttze der militrischen Kraft gewesen. Was sollten aber Chinas Zlle
und Accisen einbringen, wenn das Volk nichts verzehren konnte und wie
sollten seine aus dem elendesten Proletariate rekrutierten Soldaten Mut
und Kraft vor dem Feinde beweisen? Ebenso schdigte diese
Darniederhaltung der Massen auch die Interessen der Besitzenden. Weil
das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochte es auch nicht zu hher
produktiver Arbeit berzugehen, d. h. seine Arbeitskraft hatte, gerade
weil ihre Herstellungskosten so jmmerlich wenig beanspruchten, auch
jmmerlich wenig Nutzwert.

Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel fr die
Arbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrt war,
in wirksamer, d. h. nicht blo den einzelnen Arbeitgeber, sondern den
Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelne
Unternehmer htte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in
beschrnktem Mae nachgeben knnen, da er als Einzelner das Mehr an Lohn
an seinem Gewinne eingebt htte; wre aber in ganz China der
Arbeitslohn gestiegen, so htte dies den Bedarf in solchem Mae erhht,
da die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wre, d. h. mit
besseren Produktionsmitteln htte ausgestattet werden knnen; nicht aus
ihrem Gewinne, sondern aus dem gesteigerten Ertrage htten die
Arbeitgeber die Lohnaufbesserung gedeckt, ja ihr Gewinn wre sogar
gewachsen, ihr Reichtum, dargestellt durch die in ihrem Besitze
befindlichen kapitalistischen Arbeitsmittel, htte sich vermehrt. Das
schliet natrlich nicht aus, da einzelne Produktionszweige unter
diesem Umschwunge gelitten htten, denn die Zunahme des Konsums infolge
verbesserter Lhne erstreckt sich nicht gleichmig auf alle
Bedarfsartikel. Der Konsum kann sich im Durchschnitt verzehnfacht haben
und trotzdem die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationr
bleiben, ja vielleicht sogar zurckgehen; dafr aber wird in diesem
Falle ganz gewi die Nachfrage nach gewissen anderen Gtern sich mehr
als verzehnfachen, den Einbuen einzelner Arbeitgeber stehen sicherlich
desto grere Gewinne anderer Arbeitgeber gegenber und als allgemeine
Regel kann berall gelten, da der Reichtum der Besitzenden im geraden
Verhltnisse mit dem Arbeitslohne wchst, den sie bezahlen mssen. Es
ist dies ja anders auch gar nicht mglich, da dieser Reichtum der
besitzenden Klassen der Hauptsache nach in gar nichts anderem besteht,
als in den Produktionsmitteln, die zur Herstellung der Bedarfsgter des
ganzen Volkes dienen.

Und sollte mein geehrter Landsmann vielleicht meinen, da man sich mit
der Frage der Lohnerhhung in einem Zirkel bewege, indem einerseits die
Ergiebigkeit der Arbeit, d. i. der Nutzwert der Arbeitskraft allerdings
nicht verbessert werden knne, so lange der Volksgebrauch, d. i. der
Selbstkostenbetrag der Arbeitskraft, sich nicht steigere, anderseits
aber auch letztere Steigerung undurchfhrbar sei, so lange erstere nicht
zur Thatsache geworden; so sage ich ihm, da dies eben der
verhngnisvolle Aberglaube ist, den die besitzenden Klassen und die
Machthaber so manchen Landes nun so grausam zu ben haben. Da der
Arbeits_lohn_ in der ausbeuterischen Welt immer nur einen Teil und dazu
in der Regel noch einen sehr geringen des Arbeits_ertrages_
beanspruchte, so waren -- von hchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen --
die Arbeitgeber sehr wohl in der Lage, Lohnerhhungen zu gewhren, noch
bevor die, allerdings erst als Folge _allgemeiner_ Lohnerhhung zu
gewrtigende Steigerung der Ertrge faktisch eingetreten war; ich sage
ihm, da speciell in China durchschnittlich selbst der dreifache und
vierfache Lohn noch immer nicht den ganzen -- wohlverstanden nicht
einmal den alten, von der Erhhung der Ertrge noch unbeeinfluten --
Gewinn verschlungen htte. Die Arbeitgeber _konnten_ also mehr zahlen,
sie _wollten_ blo nicht. Letzteres war vom Standpunkte des Einzelnen
betrachtet auch ganz begreiflich; Jeder sorgt blo fr den eigenen
Vorteil, und dieser verlangt, da man vom erzielten Nutzen so viel als
mglich fr sich behalte, so wenig als mglich anderen abtrete. In
diesem Punkte waren die amerikanischen Spekulanten, die franzsischen
Kapitalisten und die englischen Landlords nicht um ein Gran besser als
unsere chinesischen Mandarinen. Anders aber handelten Jene und anders
Diese als Gesamtheit. Trotzdem der Unsinn, da man den Arbeitslohn nicht
erhhen _knne_, eigentlich im Westen erfunden und von allen Lehrkanzeln
verkndet worden ist, hat der richtigere Volksinstinkt der westlichen
Vlker diese doch seit einigen Menschenaltern veranlat, in ihrer
Politik so zu handeln, als ob sie das Gegenteil erkannt htten. In der
Theorie beharrten sie dabei, der Lohn knne nicht wachsen; in der Praxis
aber begnstigten sie mehr und mehr die Lohnforderungen ihrer
arbeitenden Massen, mit deren unleugbaren Erfolgen sich dann hinterher
die Theorie abfand, so gut oder so schlecht es eben ging. Ihr, meine
chinesischen Brder dagegen, habt Euch in der Politik strikte an die
Lehren dieser Theorie gehalten; Ihr habt Euere arbeitenden Massen
zunchst durch die Erkenntnis, da der Staat ihr Feind sei, in
Verzweiflung gebracht und jede Ausschreitung der Verzweifelten dann
sofort dazu bentzt, Ordnung in Eurem Sinne zu machen. Euere Hand war
stets gegen die Schwcheren erhoben -- wundert Euch nicht, da diese
einen frwahr nur geringen Teil der ihnen zugefgten Leiden vergelten,
nachdem sie die Strkeren geworden.

Das hindert natrlich nicht, da wir in Freiland -- wie ja unsere Thaten
beweisen -- auch das den ehemaligen Unterdrckern zugefgte Unrecht
beklagen und so viel an uns liegt, gutzumachen bestrebt sind. Wir halten
dafr, da auch das Volk von Ruland, gypten und China, kurzum, da
alle Welt am besten thte, das von der amerikanischen Union gegebene
Beispiel nachzuahmen; wir glauben dies schon aus dem Grunde, weil diese
weise Gromut sich nicht blo fr die Besitzenden, sondern auch fr die
Arbeitenden als vorteilhaft erweisen wird. Es liegt jedoch leider nicht
in unserer Macht, dem russischen Muschik, dem gyptischen Fellah oder
dem chinesischen Kuli sofort Anschauungen beizubringen, wie sie den
Arbeitern des vorgeschrittenen Westens natrlich sind. Die
Weltgeschichte ist das Weltgericht; in ihr wird schlielich Jedem
zugemessen, was er sich selber verdient hat.

Da kein fernerer Redner vorgemerkt war, schlo der Prsident die Debatte
ber diesen Punkt der Tagesordnung, und damit zugleich die Beratungen
des Kongresses.




                              Schluwort.


Die Geschichte von Freiland ist zu Ende. Ich knnte zwar, den Faden
der Erzhlung weiter spinnend, das Befreiungswerk der Menschheit, wie es
meinem geistigen Auge sich darstellt, in seinen Einzelheiten ausmalen;
aber wozu sollte dies dienen? Wer aus dem Bisherigen nicht die
berzeugung geschpft hat, da wir an der Schwelle eines neuen,
glcklicheren Zeitalters stehen und da es nur von unserer Einsicht und
unserem Willen abhngt, dieselbe sofort zu berschreiten, den werden
auch Dutzende folgender Bnde nicht berfhren.

Denn nicht die wesenlose Schpfung einer ausschweifenden Phantasie ist
dieses Buch, sondern das Ergebnis ernsten, nchternen Nachdenkens,
grndlicher, wissenschaftlicher Forschung. Alles, was ich als
thatschlich geschehen erzhle, es _knnte_ geschehen, wenn sich
Menschen fnden, die erfllt gleich mir von der Unhaltbarkeit der
bestehenden Zustnde, sich zu dem Entschlusse aufrafften, zu handeln,
statt zu klagen. Gedankenlosigkeit und Trgheit sind in Wahrheit annoch
die einzigen Sttzen der bestehenden wirtschaftlichen und socialen
Ordnung. Was einst notwendig und deshalb unvermeidlich gewesen, es ist
schdlich und berflssig geworden; nichts zwingt uns frderhin, das
Elend einer berlebten Weltordnung zu ertragen, nichts hindert uns,
jenes Glck und jenen berflu zu genieen, zu deren Bereitung uns die
vorhandenen Kulturmittel befhigen wrden, nichts, als unsere eigene
Thorheit.

So sprachen und schrieben seit des Thomas Morus Zeiten schon zahllose
Weltverbesserer, und stets hat sich als Utopie erwiesen, was sie der
Menschheit als Universalmittel gegen alle Leiden empfahlen -- wird man
mir vielleicht entgegenhalten; und gestehen will ich, da die Furcht,
mit der Legion von Verfassern utopischer Staatsromane vermengt zu
werden, mir anfangs nicht geringe Bedenken gegen die von mir gewhlte
Form des Buches einflte. Aber bei reiflichem Erwgen entschied ich
mich doch dafr, statt trockener Abstraktionen ein mglichst
lebensvolles Bild zu bieten, das in anschaulichen Vorstellungen deutlich
mache, was bloe Begriffe doch nur in schattenhaften Umrissen darstellen
knnen. Der Leser, der den Unterschied zwischen jenen Werken der
Phantasie und dem vorliegenden nicht selber herausfindet, ist fr mich
ohnehin verloren; ihm bliebe ich der unpraktische Schwrmer, auch wenn
ich mich noch so trockener Systematik befleiigte, denn ihm gengt, da
ich an eine nderung des Bestehenden glaube, um mich dafr zu halten. In
welcher Gestalt ich meine Beweise vorbringe, ist fr diese Art Leser
schon aus dem Grunde einerlei, weil sie -- gleich den Frommen in Sachen
der Religion -- schlechterdings auer stande sind, Beweise zu prfen,
die ihre Spitze gegen das Bestehende kehren.

Den unbefangenen Leser dagegen wird die erzhlende Form nicht hindern,
nchternen Sinnes zu untersuchen, ob meine Ausfhrungen innerlich wahr
oder falsch sind. Sollte auch er finden, da ich -- und sei es nur in
_einem_ wesentlichen Punkte -- von irrigen Voraussetzungen ausgegangen,
da die von mir dargestellte Ordnung der Freiheit und Gerechtigkeit
irgendwie den natrlichen und allgemein anerkannten Triebfedern
menschlicher Handlungsweise widerspreche, ja sollte er, nachdem er mein
Buch gelesen, nicht zu der unumstlichen berzeugung gelangt sein, da
die Durchfhrung dieser neuen Ordnung -- von nebenschlichen Details
natrlich abgesehen -- ganz und gar unvermeidlich sei -- dann allerdings
mte ich mich damit bescheiden, mit Morus, Fourier, Cabet und wie sie
alle heien mgen, die auf socialem Gebiete ihre Wnsche der nchternen
Wirklichkeit unterschoben, in _einen_ Topf geworfen zu werden.

Ausdrcklich hervorheben will ich zum Schlu, da sich die innere
Wahrhaftigkeit meines Buches nicht blo auf die der Handlung zugrunde
gelegten wirtschaftlichen und ethischen Prinzipien und Motive, sondern
auch auf den ueren Schauplatz derselben erstreckt. Die Hochlande im
quatorialen Afrika entsprechen durchaus dem im Vorstehenden entworfenen
Bilde. Wer dies bezweifelt, der kontrolliere meine Erzhlung durch die
Reiseberichte Speekes, Grants, Livingstones, Bakers, Stanleys, Emin
Paschas, Thomsons, Johnstons, Fischers, kurz all Derer, welche jene
paradiesischen Gegenden besucht haben. Um Freiland, so wie ich es
darstelle, zur Thatsache werden zu lassen, bedarf es also in jeder
Hinsicht blo einer gengenden Anzahl thatkrftiger Menschen. Werden
sich solche finden? Wird diesen Blttern die Kraft innewohnen, mir die
Genossen und Helfer zuzufhren, die zur Durchfhrung des groen Werkes
erforderlich sind?

_Wien_ 1890.

                                                      Theodor Hertzka.


                Druck von Hallberg & Bchting, Leipzig.




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 32]:
   ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrchte, Gemse und Obstgarten
       aus. ...
   ... Tropen irgend gedeihenden Feldfrchte, Gemse und Obstarten
       aus. ...

   [S. 38]:
   ... uns von dem Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in
       verstrkter ...
   ... uns von den Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in
       verstrkter ...

   [S. 51]:
   ... teils den Anhngen der seitlich und gegenber gelagerten
       Berge entspringen. ...
   ... teils den Abhngen der seitlich und gegenber gelagerten
       Berge entspringen. ...

   [S. 56]:
   ... unter Benutzung von Wasserkraft zu bearbeiten begann und
       teils ...
   ... unter Benutzung von Wasserkraft zu arbeiten begann und teils ...

   [S. 72]:
   ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten,
       ihre Glashtten ...
   ... Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten,
       ihre Grashtten ...

   [S. 86]:
   ... solche, oder durch ihre gewhlten Funktionre, die ihr jedoch
       verantwortlich ...
   ... solche, oder durch ihre gewhlten Funktionre aus, die ihr
       jedoch verantwortlich ...

   [S. 91]:
   ... Ertrge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzen. ...
   ... Ertrge sich alsbald wieder ins Gleichgewicht setzten. ...

   [S. 92]:
   ... der Edenthal-Association dagegen erhielt blo 2 Schilling pro ...
   ... der Edenthal-Association dagegen erhielten blo 2 Schilling
       pro ...

   [S. 95]:
   ... Nicht mglich viel und gut zu erzeugen, sondern fr einen
       mglichst ...
   ... Nicht mglichst viel und gut zu erzeugen, sondern fr einen
       mglichst ...

   [S. 209]:
   ... dazu antreibt und es ist daher die Natur der Sache nach
       ausgeschlossen, ...
   ... dazu antreibt und es ist daher der Natur der Sache nach
       ausgeschlossen, ...

   [S. 211]:
   ... Herrlich! rief David. Also weil die arbeitenden Massen ihr ...
   ... Herrlich! rief David. Also weil die arbeitenden Massen
       ihren ...

   [S. 221]:
   ... Schdigung abziehender Konkurrenzkampf ist. ...
   ... Schdigung abzielender Konkurrenzkampf ist. ...

   [S. 223]:
   ... sind eben allesamt Eigentmer ihres gesamten Landes, und
       inniges Betragen ...
   ... sind eben allesamt Eigentmer ihres gesamten Landes, und
       inniges Behagen ...

   [S. 227]:
   ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begrnden
       knnte, sie ...
   ... hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begrnden
       knnten, sie ...

   [S. 231]:
   ... wollen, um dem Mssiggange frhnen zu knnen. Werden
       hinsichtlich ...
   ... wollen, um dem Mssiggange frhnen zu knnen? Werden
       hinsichtlich ...

   [S. 244]:
   ... seit Wochen resultatlos hin und wieder. Sichtlich nahmen die
       Kabinette ...
   ... seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die
       Kabinette ...

   [S. 285]:
   ... nur zur Fristung des nackten tierischen Leben ausreichte, und
       der Knechtschaft ...
   ... nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte,
       und der Knechtschaft ...

   [S. 287]:
   ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den
       Kolonien ...
   ... amerikanischen oder sonstigen socialen Experimente, von den
       Kolonien der ...

   [S. 293]:
   ... Frei >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem
       Vorteil ...
   ... >Frei< waren die Arbeiter, nichts zwang sie, zu fremdem
       Vorteil ...

   [S. 306]:
   ... Preigebung der hheren Produktivitt und dem entsprechenden
       Fortbestand ...
   ... Preisgebung der hheren Produktivitt und dem entsprechenden
       Fortbestand ...

   [S. 331]:
   ... die Nachfrage nach einem einzelnem Gute ziemlich stationr
       bleiben, ja ...
   ... die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationr
       bleiben, ja ...






End of the Project Gutenberg EBook of Freiland, by Theodor Hertzka

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are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
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trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

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works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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without further opportunities to fix the problem.

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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
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unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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