The Project Gutenberg EBook of Carlos und Nicols, by Rudolf Johannes Schmied

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Title: Carlos und Nicols
       Kinderjahre in Argentinien / Auf dem Meere

Author: Rudolf Johannes Schmied

Illustrator: Georg Walter Rner

Release Date: July 17, 2017 [EBook #55130]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLS ***




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                           Carlos und Nicols


                                  von
                        Rudolf Johannes Schmied

           Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von
                          Georg Walter Rner


                     Verlegt bei Erich Rei, Berlin


                  Copyright 1909 by Erich Rei, Verlag


                  Spamersche Buchdruckerei in Leipzig




                                 Inhalt


   Carlos und Nicols Kinderjahre in Argentinien
   Die Boleadoras                                   9
   Der Chinese                                     19
   Das Brderchen                                  25
   Die Tigerjagd                                   29
   Herr Dr. Brstenfeger                           35
   Ein Tag mit Herrn Dr. Brstenfeger              41
   Die Reise nach Mendoza                          50
   Die Stadt Mendoza                               54
   In den Kordilleren                              60
   Nach Paraguay                                   70
   Paraguay                                        77
   Die Revolution                                  84
   Carlos und Nicols auf dem Meere
   Auf dem groen Meer                             97
   In der Bai von Rio                             104
   Rio de Janeiro                                 108
   Nach der Alten Welt                            121
   Europa                                         145




                           Carlos und Nicols
                       Kinderjahre in Argentinien


                               Ines Wolff
                               zugeeignet




                             Die Boleadoras


Der breite Paran mit seinen Inseln, eine Schafherde, ber der ein
hungriger Geier, nach Lmmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Khen
und Pferden, das groe, weie Herrschaftsgebude mit den Parkanlagen
unterbrechen die Monotonie der Pampa.

Carlos und Nicols saen in weien Matrosenanzgen am Stromufer. Sie
waren Brder. Carlos war sieben Jahre, Nicols sechs.

Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hlsen und groen
Kpfen, standen einige Schritte von ihnen schweibedeckt und keuchend an
einer Weide angebunden.

Die Knaben hatten hinter Strauen gejagt, ohne sie einholen zu knnen.
Carlos hatte dabei seine Boleadoras verloren.

Schenke mir deine Boleadoras[1], und ich tausche mein Pferd mit
deinem, sagte Carlos.

Carlos' Pferd war wertvoller. Wenn die Brder um die Wette rannten, war
es immer um zwei Nasenlngen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht
den Kopf zurck, da er mit dem seines Herrn zusammenstie. Es hatte
nicht die bse Gewohnheit, nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsa.
Auch wute es geschickt die gefhrlichen, im Grase versteckten Lcher
der Tucats zu umgehen, die Nicols schon manchmal zum Strzen gebracht
hatten.

Aber trotzdem wollte Nicols nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe
und gab keine Antwort.

Du kriegst meinen Sattel dazu, fuhr der Bruder fort.

[Funote 1: Ein aus Lederriemen gedrehtes Seil, an dessen Enden
Eisenkugeln hngen; zum Einfangen von Tieren.]

Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt? fragte Nicols begierig.

Sehr viel, antwortete Carlos. Zu meinem Geburtstage schenkte er mir
ein groes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer
Million Khen. Nchstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich
werde hundert Soldaten mitnehmen, um mit den Indianern zu kmpfen, drei
Tigerfelle bringe ich dir mit; ich denke vierzig Indianer zu tten. Mein
Landgut heit Isla-Verde und liegt links neben dem Flu. Aber weil du
mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich dir das Landgut.

Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von
ihnen graste: Die Schafe gehren mir. Er zeigte nach einem Baum, der
sich einsam aus der Steppe erhob: Von jenem Omb an gehrt alles Land
mir, hundert Meilen weit bis nach Chile. Ich schenke es dir.

Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurck, und ohne auf Dank zu
warten, ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und
ritt hochaufgerichtet, die Kugeln ber seinem Haupte schwingend, davon.

Nicols blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein
Bruder sei, aber zugleich auch, was fr ein Narr er sei, fr ein paar
armselige Boleadoras so viel Reichtum wegzugeben.

Eine geraume Weile lag er unbeweglich: Du hast Landgter, du hast Khe
und Pferde, sagte er sich. Er schlo die Augen und lie im Geiste all
diese Herrlichkeiten an sich vorberziehen. Du hast einen Dampfer,
sagte er, die Augen ffnend, und sah nach dem Flu hin.

Gleich wrde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden.
Ganz lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht
mehr.

Dann blickte Nicols zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er
wute, da Strme den Schiffen gefhrlich sein knnten. Er wnschte, da
es bald aus Paraguay zurckkehren mchte; er wrde hier am Ufer stehen
und mit dem Taschentuch winken.

Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht lnger in der tdlichen
Einsamkeit allein mit seinem unendlichen Glck.

Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzhlen, wie
unermelich reich er sei.

                   *       *       *       *       *

Nicols stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem
Herrschaftsgebude und dann an dem Galpon vorbei.

Unweit der Schafherde stand die Htte von Juanitas Vater, und nicht weit
davon sa sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme.

Sobald Nicols sie sah, lie er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die
losen Zgel in der Hand, darauf ein und ri es dann gleich wieder
zurck.

Er liebte Juanita, und er wollte, da sie ihn in Gefahr sehen solle.

Sie aber blickte ihn mit leisem Lcheln an. Ihr lterer Bruder Isidor
war Pferdebndiger auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das
erschien ihr weit gefhrlicher.

Nicols hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genhert und
begann sein Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und
auf Hals und Kruppe ttschelte.

Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr.

Er war sehr ernst, beinahe feierlich.

Juanita, begann er, vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weit,
er ist der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos
bekommen mit dem Silbergeschirr, mit den Betten und Sthlen und mit der
Maschine. Ich habe mir ein Landgut in Paraguay erworben mit Millionen
von Khen und Pferden. Er zeigte nach dem Baume: Von jenem Omb an ist
alles Land mein bis nach Chile. Er zeigte nach der Schafherde: Und
auch die Schafe hier sind mein.

Juanita hatte ihm zugehrt, ohne da eine Miene sich in ihrem Gesichte
vernderte; bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln,
rmpfte die Nase und wiegte den Kopf langsam hin und her.

Eine kleine Pause entstand.

Endlich sagte sie: Ich wei nicht, ob du lgst, wenn du sagst, da der
Tridente dein ist und alle Landgter in Paraguay und alles Land hinter
dem Omb bis nach Chile. Aber du lgst, wenn du sagst, da die Schafe
dein sind; die Schafe gehren meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist,
gehren sie meiner Mutter, und wenn meine Mutter tot ist, gehren sie
meinem Bruder und mir.

Nicols war ber diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der rger
in ihm auf.

Was mein ist, antwortete er, hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehrt.
Papa und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen.
Onkel Paulus lgt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die
Sachen gegeben, er darf es.

Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die
Schafe, die gehren meinem Vater.

Meinetwegen, sagte Nicols mit einer nachlssigen Gebrde, die Schafe
sollen deinem Papa gehren, ich wrde sie ihm ja sowieso geschenkt
haben. Gefallen mir einmal alle Reichtmer nicht, gebe ich sie her oder
verkaufe sie und gehe nach Europa und kaufe mir die groen Wlder. Weit
du, was Wlder sind, Juanita?

Nein, sagte sie.

Natrlich kannst du nicht wissen, was Wlder sind, weil es hier keine
gibt. In Buenos Aires und Uruguay sind die groen Stdte und die Pampas.
Die Wlder sind in Europa, und das sind viele groe Bume, die
beieinander sind. Man kann tagelang darin reisen, die Bume ragen
beinahe bis zum Himmel.

Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und
bleibe eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch.
Gibst du dir Mhe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so
vorkommen. Das hat mich Onkel Paulus gelehrt.

Juanita verharrte eine Weile schweigend.

Schlielich sagte sie: Beug' du dich doch zuerst herab, und wenn du
einen Wald siehst, so sage es mir.

Sogleich kniete Nicols nieder.

Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, pltzlich aber mute sie laut
auflachen, denn Nicols erschien ihr in seiner kauernden Stellung
komisch.

Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber
richtete er sich auf und sagte rgerlich: Ich begann schon die Wlder
zu sehen, aber durch dein Lachen hast du mir alles verdorben.

Nach einigen Sekunden aber war sein rger wieder verraucht.

Beug' dich herab, Juanita, beharrte er, bleibe eine Weile ruhig,
denke immer an die Wlder, und du wirst sie sehen.

Sie war unschlssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der
richtige Glaube fehlte und was ihr auerdem etwas lcherlich erschien.

Aber da sie schlielich doch ein bichen neugierig war, stand sie auf,
kniete nieder und blieb eine Zeitlang still.

Doch es wollten sich ihr keine Wlder zeigen.

Sie richtete sich auf, strich sich ber das Kleidchen und sagte: Ich
sehe nichts.

Nicols lie resigniert den Kopf sinken.

Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttuschung erholt.

In Europa, hub er an, ist es schner als hier, durch die Straen
flieen Strme. Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und
blau; an allen Husern sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf
einem Bilde gesehen. In Europa gibt es Knige und nicht Prsidenten, sie
fahren auf goldenen Booten und sind die reichsten Leute der Welt. Wenn
die Prsidenten sehr reich werden wollen, mssen sie stehlen, habe ich
schon oft sagen hren, die Knige brauchen das nicht, denn sie bekommen
alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal
schner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene
Haare und reiten auf weien Pferden, manchmal tragen sie groe Adler,
die man Falken nennt, auf dem Arme. Knige und Prinzessinnen wohnen
zusammen in Palsten, die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das
Meer, und das ist der grte Strom von allen. Auf dem Meere fahren die
grten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind darauf, um gegen die
Walfische zu kmpfen. Ich bin ein mchtiger Mann, Juanita, der viel Geld
und Gter hat, und wenn ich gro bin, will ich mich zum Prsidenten von
Buenos Aires machen, und weit du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde
mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als
mchtigen Prsidenten von Buenos Aires mssen mich die Knige auf ihren
goldenen Booten empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und
spielen auf goldenen Harfen.

Nicols hielt inne, um zu hren, was sie dazu sagte.

Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder
Unglauben noch Erstaunen.

Etwas gereizt fuhr er fort: Wenn ich will, kann ich die Tchter der
Knige heiraten, und ich werde es tun, Juanita, bei allen Knigen werde
ich anfragen, nur beim Knig eines groen Landes, das Paris heit,
nicht. Gegen diesen werde ich Krieg machen, denn er ist der Mchtigste,
und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert erschlagen habe, kann ich, wenn
ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. Sag' mal, Juanita,
sagte er, seine Stimme erhebend, mchtest du Knigin von Paris werden?

Es entstand eine Pause.

Ph, sagte sie, ich mchte schon.

Gut, antwortete Nicols du mut mir aber versprechen, wenn du Knigin
bist, meine Frau zu werden.

Bin ich einmal Knigin, will ich deine Frau sein, sagte sie und zuckte
die Achseln.

Du wirst es, aber da mssen wir uns zuerst verloben, und du mut mir
einen Ku geben.

Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Ku geben, aber alles,
was du erzhlst, ist ja Lge, meinte sie, die Nase rmpfend.

Wenn du glaubst, da ich lge, gehen wir zu Jos und fragen wir ihn.
Jos war Knig von England, frher, als es ihm noch gut ging und er
nicht Knecht zu sein brauchte.

Meinetwegen, gehen wir zu ihm, sagte sie und lchelte ziemlich
berlegen.

Jos, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand
dicht beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er go Eimer
auf Eimer ber Bauch und Rcken des Pferdes, das bebend auswich; dazu
fluchte er, denn jede Arbeit war ihm verhat. Unter den Pferden hate er
aber den Schecken, seiner heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die
schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen war, sich auf der
Erde zu wlzen.

Nicols trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone,
der keine Widerrede litt: Nicht wahr, Jos, du warst frher Knig von
England?

Zuerst erstaunte Jos, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem
Auflachen: Natrlich war ich Knig von England, _corpo di Dio_, war das
eine frhliche Zeit, damals, als ich noch Knig von England war! Bei
diesen Worten gab er dem Schecken einen Futritt, als wollte er ihn den
grausamen Umschwung der Dinge vergelten lassen.

Siehst du, Juanita, sagte Nicols, Jos war Knig von England. Gehen
wir jetzt.

Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: Jetzt mssen wir uns
verloben und fate sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als
sie an die Stelle gelangt waren, von wo sie gekommen waren, kte er sie
feierlich auf den Mund.

Jetzt bist du meine Braut und wirst Knigin von Paris, sagte er. Er
sah sie leuchtend an, tat einen Schritt zurck, wie vorhin sein Bruder,
und stieg zu Pferd.

Im Galopp, grazis den Oberkrper wiegend, ritt er davon.

Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken
wischte sie sich die feuchten Spuren ab, die Nicols weihevoller Ku
zurckgelassen hatte.

                   *       *       *       *       *

Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurckgekehrt, er
war beim Puestero Eusebio; Gste waren bei ihm und man hatte ein Lamm
geschlachtet. Carlos hatte es abhuten und ausweiden helfen.

Ziemlich spt ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrckt, auerdem
langweilten ihn bereits die Boleadoras.

Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und
lie es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand,
in sein und seines Bruders Schlafzimmer.

Nicols lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht.

Wo warst du? fragte Nicols.

Bei Eusebio.

Freuen dich die Boleadoras?

Carlos gab keine Antwort.

Was hast du?

Nichts, sagte Carlos und zog sich mrrisch aus.

Nicols fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und lschte das Licht
aus.

Nicols! rief er pltzlich.

Was?

Bah! sagte Carlos und drehte sich im Bett um.

Es herrschte Stille.

Und nochmals: Nicols!

Was willst du denn?

Sehr gepret kam es aus Carlos heraus: Ich meinte nur ... und dann:
... die Boleadoras sind wieder dein.

Die Knaben schwiegen.

Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: Die Boleadoras
sind dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land
hinter dem Omb bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht
geschenkt; daher durfte ich sie dir nicht schenken.

Wieder herrschte Pause.

Also hast du mich angelogen, tnte es von Nicols' Bett tief
enttuscht zurck.

Ja, ich habe dich angelogen, antwortete Carlos etwas erleichtert.

Warum hast du mich angelogen?

Weil ich die Boleadoras haben wollte, kam es zerknirscht zurck.

Nochmals Pause.

Nicols raffte sich auf: Schwrst du mir, da du mich angelogen hast?

Ich schwre es.

K' das Kreuz!

Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: _Te juro,
que Dios me castigue._

Hast du wirklich das Kreuz gekt? fragte Nicols mitrauisch, denn er
konnte es der Dunkelheit wegen nicht sehen.

Ja, sagte Carlos.

Schwrst du mir, da dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht
wahr ist?

Ich schwre es, antwortete Carlos.

Daraufhin herrschte vollstndiges Schweigen.

Nicols lag da, erfllt von einer nie gekannten, unsagbaren
Trostlosigkeit: Keine Gter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie wrde er die
Wlder von Europa kaufen, niemals wrde er den Knig von Paris bekriegen
drfen und Juanita wrde niemals seine Frau.

Er versank in tiefes Grbeln.

Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzge; er schlief
schon lange.

Was wrde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die
Augen treten? Er hatte sie angelogen, nie wrde sie ihm das verzeihen.

Und weil er die qulenden Gedanken nicht los werden konnte, zndete er
schlielich Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine
grne Eisenbahn hervor: eine Lokomotive mit drei Waggons.

Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band
ihn an den Schornstein der Lokomotive.

Lange stand Nicols da, barfu auf den Fliesen, und lie die Eisenbahn
im Kreise laufen.

Und das war seine Erlsung.

Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein.




                              Der Chinese


Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicols Tiere, Haustiere und
Tiere der Pampa. Oft machten sie Streifzge und kehrten mit einem Fang
zurck, einem jungen Strau, einer Kropfeidechse, einem Grteltier; sie
stellten Fallen im Hof auf und fingen Beutelratten. Aber ber die neuen
Tiere vernachlssigten und vergaen sie die alten. Einmal brachen die
meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon bernachtet, eine
Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde Carlos und
Nicols gedroht, die Tiere mten fort, wenn sie sich nicht besser um
sie kmmerten.

Am nchsten Tag waren die Knaben, wie gewhnlich, hinaus in die Pampa
geritten. Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach
einem Omb, um Rast zu halten; es war ein sehr heier Tag, die Pferde
lieen die Kpfe hngen und bewegten die Ohren mde nach den Seiten; die
Sttel lagen beinahe auf ihren Hlsen. Als die Knaben sich dem Baum
nherten, sahen sie dort einen seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der
Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm gelehnt. Statt eines Rockes oder
Ponchos trug er einen ganz eigentmlichen Kittel, der ihm bis an die
Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein rotes
Bndel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, da es kein Mann war,
sondern eine Frau in Mnnertracht; denn es trug einen langen, dnnen
Zopf.

Das ist komisch, sagte Carlos und lachte.

Sehr komisch, sagte Nicols und lachte auch.

Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau.

Ein Chinese! sagte Carlos und erbleichte.

Ein Chinese! sagte Nicols und erbleichte auch.

Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen
auf Bilderbogen gesehen hatten.

Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne
merkliches Erstaunen an.

Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehrt, diese
Menschen seien wild und blutdrstig wie die Indianer des Gran Chaco.
Aber sie ermannten sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen
feig erscheinen; und dazu blinzelte und lchelte der Chinese so
gemtlich und Vertrauen erweckend, da Flucht den Knaben doppelte
Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, dachten sie.

Was schaut ihr mich so an, ihr Bblein? fragte er endlich. Seine
Stimme klang sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul.

Wir schauen dich nicht an, sagte Carlos und starrte fortwhrend auf
ihn.

Seht mir diese Knaben! Der Chinese lachte und schlug sich auf die
dicken Schenkel; das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, da
auch Carlos und Nicols in Lachen ausbrachen.

Was hast du in deinem Bndel? fragte Carlos nach einer Weile.

Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.

Weite Reisen?

Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine
Herrschaft hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch
ausgezogen. Knnt ihr einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?

Nein, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke:
Wir knnen dir aber eine andere Stelle verschaffen.

So. Eine andere Stelle? Und die wre?

Du knntest unsere Tiere pflegen, denn sonst mssen sie fort. Ich will
Mama sagen, da man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere
pflegen?

Gewi; aber was fr Tiere sind's, ihr lieben kleinen Knaben?

Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.

Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast,
rckten dann die Sttel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen
zu Pferd. Der Chinese sa bei Nicols hinten auf.

Wie ist denn dein Name? fragte Carlos; denn wenn wir jetzt zu Mama
gehen, um dir die Stelle zu verschaffen, mssen wir wissen, wie du
heit.

Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben
brachten immer nur Bichuante heraus.

Nennt mich nur immerhin Bichuante! meinte der Chinese.

Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicols in das Gut ein.
Von irgendwoher erschien Jos, der Knecht, und starrte diesem seltsamen
Aufzug mit offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltr des
Hauses. Carlos sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter.

Sie sa im Musikzimmer am Klavier. Mama, schrie er, wir haben einen
Chinesen mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!

Was habt ihr mitgebracht? Sie unterbrach ihr Spiel.

Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heit.

Was redest du da fr Unsinn? Was soll denn der Mann?

Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.

Carlos fate seine Mutter am Arm, zog sie ungestm nach dem Fenster und
zeigte nach unten: Dort ist er.

Wahrhaftig: es war ein Chinese. Das ist schon euer verrcktester
Einfall! sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu
behalten.

Er trat sofort seinen Dienst an. Stlle muten ausgebessert und
grndlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und
wirtschaftete. Wei gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder
herunter. Er grub fr das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher
hatte es sich mit einem Tmpel begngen mssen, der nach einer halben
Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu
sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten
ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte;
nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh
lief ihm nach. Nicols glaubte sogar zu sehen, wie das Grteltier ihn
freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders
Nicols.

Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante mglichst fern, denn sie
lachten ber ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack.
Namentlich aber frchtete er Jos. Als er einmal an der Kche
vorbeiging, hrte er, wie der Knecht dem Grtner sagte, er wolle den
Chinesen umbringen (Jos hate ihn, weil er fand, da die Tierpflege
eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, lie aber nie ein
Wort darber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben
der Joss), verriegelte er die Tr, schlief aber trotzdem immer gleich
ein.

Er kmmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er
striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch
er sogar den Schecken des Verwalters. Als Jos das sah, war er gleich
darauf bedacht, ihm nach Krften von seiner Arbeit aufzubrden, und
seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete
alles, still, ohne zu klagen.

Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, sa er gegen Sonnenuntergang
mit den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lcheln lag auf
seinen Lippen, er pflckte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte
leise etwas vor sich hin. Carlos und Nicols rckten ganz nah an ihn
heran, um zu hren, was er sage. Dann baten sie: Sprich jetzt mal ganz
laut auf Chinesisch. Der Bichuante zog die dnnen Augenbrauen in die
Hhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige Stze,
worber die Kinder laut auflachen muten.

So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache, sagte Carlos; denn er
wute von den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht
christlich. Dann mute der Bichuante Purzelbume schlagen. Das konnte er
wie kein anderer. Nicols umarmte ihn und gab ihm lautschallende Ksse
auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn den ganzen Tag hatte er sich auf
diese Purzelbume gefreut. Und dann saen sie wieder im Gras
beieinander.

Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem
Schmetterling nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude.
Der Schmetterling setzte sich auf eine Blume, klappte die Flgel auf und
zu; aber sobald der Bichuante sich genhert hatte, flog er wieder auf
und setzte sich auf eine andere Blume. Der Chinese blieb in behutsamer
Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen und Zeigefinger den
Flgelschlag nach, ganz erstaunt, als htte er nie in seinem Leben einen
Schmetterling auf einer Blume gesehen.

Wie merkwrdig ist doch so ein Chinese! sagte Nicols zu Carlos.

Einmal hatte Nicols, ohne etwas Bses zu denken, den Bichuante am Zopf
gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und
gesagt: Tu' das ja nie wieder, mein Liebling! Nicols erschrak. Auch
freute es den Chinesen nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zpfe flochten,
wie es am Samstagabend geschah, damit die Pferde gewellte Mhnen htten,
wenn man am Sonntag zu den Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwrdig,
dachte Nicols; er fand manches an dem guten Bichuante merkwrdig ...

Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist.
Die Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen
Franzosen, der selbst einmal ein groes Gut gehabt hatte. Er kmmerte
sich uerst gewissenhaft um die Wirtschaft und alle frchteten ihn. Der
Bichuante hatte mehrmals in der Kche mithelfen mssen und da war sein
Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. Der Franzose hielt auf
gute Kche. Er entlie ohne weiteres den alten Koch und erhob den
Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weien Rock,
eine weie Schrze und eine weie Mtze und war mit einem Schlag eine
Respektsperson unter den brigen Dienstboten. Das war ein Triumph fr
Carlos und Nicols, und ihre Dankbarkeit und Verehrung fr den Verwalter
kannte keine Grenzen.

Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem auergewhnlich heien
Tage, der Chinese stand in der Kche und bereitete den Teig fr die
Nachtischpasteten. Carlos und Nicols schauten ihm zu. Weil die Hitze
geradezu unertrglich war und der Chinese, seit er seine neue Stelle
bekleidete, viel dicker geworden war, beschlo er, um sich Luft zu
machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicols halfen ihm dabei
unter Freudengeschrei.

Nie htte ich geglaubt, da du einen so dicken Bauch hast, sagte
Carlos und klopfte ihm auf den Leib.

Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein
Splein zu erlauben, zwei Hnde voll Teig nahm und, sich ein wenig nach
hinten beugend, ihn auf seinem nackten Leib zu kneten begann. Bravo!
riefen die Knaben, umtanzten ihn und schttelten sich vor Lachen. Und
der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, grinste und knetete weiter.
Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt und die Pasteten geformt
und gefllt.

Das ist meine Pastete, sagte Carlos und machte in die grte ein Loch
mit dem Zeigefinger. Und die ist meine, sagte Nicols und machte ein
Loch in die zweitgrte. Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben.

Einige Stunden spter saen Carlos und Nicols mit dem Verwalter bei
Tisch. Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden
gebracht; zum Schlu kamen die Pasteten ...

Ach, sagte der Verwalter, die Pasteten sind heute wirklich ganz
ausgezeichnet!

Carlos wrgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. Warum
sind sie so gut? sagte er, mit vollen Backen kauend; weil der
Bichuante den Teig auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man's
in seiner Heimat und dann werden die Pasteten sehr gut.

Was hat er getan? fragte der Verwalter betroffen.

Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten
Bauch gerieben, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich
etwas rckwrts und ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine
Antwort ... Er schob seinen Teller weg und drckte auf den Knopf einer
Klingel ...

Eine Viertelstunde spter hingen Carlos und Nicols weinend am Hals des
Chinesen; der Bichuante mute fort. Die Knaben wuten: der Verwalter hat
sein letztes Wort gesprochen.

Warum hast du das von den Pasteten erzhlt, Carlos? heulte Nicols.

Ich wute doch nicht ...! Carlos konnte nicht weiter. Er drckte sein
Gesicht auf den Hals des Chinesen, der ganz na von Trnen war.

Der Bichuante mu jetzt fort ...! Nicols' Stimme schnappte ber, er
gluckste und hustete.

Geh' nicht fort, Bichuante! heulte Carlos.

Weinet nicht, ihr Buben, sagte der Chinese, der seine Rhrung
niederzwang; weinet nicht, seid Mnner!

Carlos und Nicols trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie
sahen einander an, ein Beben ging ber ihre Zge und wieder brachen sie
in Trnen aus.

Am nchsten Morgen war der Aufbruch.

Carlos und Nicols sattelten ihre Ponnys; der Chinese sa bei Nicols
hinten auf. Man ritt in der Richtung des Ombs; dort wollte man Abschied
nehmen, denn dort hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen
Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes Lcheln. Carlos und Nicols
weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: Ruhig, ruhig, ihr Buben,
seid Mnner!

Als sie vor dem Omb angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er
umarmte Carlos und Nicols; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals
und kten ihn auf den Mund.

Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als
Helden scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut
zurck.




                             Das Brderchen


Am Morgen waren Carlos und Nicols mit ihren Eltern aus Buenos Aires
zurckgekehrt, es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren.
Carlos hielt im Arm einen kleinen weien Seidenpintscher, den er vor
vierzehn Tagen geschenkt bekommen hatte.

Sie kamen bis vor die einsame Htte des Puesteros Eusebio und sahen sein
sechsjhriges Shnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und
eine niedrige Holzwiege wiegte, in der ein Sugling lag. Er lag
festeingewickelt, konnte weder Arme noch Beine bewegen und schrie.

Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig.

Ist das dein Brderchen? fragte Carlos ganz erstaunt.

Ja! sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher.

Seit wann hast du dieses Brderchen? fragten Carlos und Nicols
zugleich.

Wei nicht, antwortete Miguelito. Vor einigen Wochen brachte mich
abends der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war,
war das Brderchen da.

Nicols ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu
betrachten.

Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: Seit wann
habt ihr dieses Hndchen?

Ich habe es von Papa geschenkt bekommen, antwortete Carlos.

Wie heit dein Brderchen? fragte er nach einer Weile.

Pepito.

Was ist das fr ein schnes Brderchen! sagte sich Carlos, und es
entstand ein Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte.

Doch er lie ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: Gefllt dir mein
Hndchen?

Ja! sagte Miguelito und war ganz verklrt.

Er heit Blanco, antwortete Carlos, und wenn du seine Wolle berhrst,
ist sie wie Seide. Da, fhle doch!

Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hndchen hin: Ist das nicht
schn?

Sehr schn! erwiderte Miguelito.

Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: Jetzt werde ich dir was
zeigen.

Er bckte sich, streckte den Arm aus und rief: Hops!

Blanco sprang ber seinen Arm.

Hops! rief Carlos, und Blanco sprang zurck.

Miguelito klatschte selig in die Hnde.

Und jetzt, Blanco, aufwarten! befahl Carlos.

Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito
jubelte.

Wenn du mir dein Brderchen gibst, gebe ich dir mein Hndchen! sagte
Carlos.

Miguelito war einige Sekunden unschlssig, dann aber siegte die
Versuchung, er ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das
Kind herauszuheben.

Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicols reichten ihm
Pepito hinauf.

Carlos und Nicols aber machten, da sie schnell fortkamen, denn sie
frchteten, den andern wrde der Tausch bald reuen.

Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bndel, sie ritten
im Trab, muten aber gleich halten, denn es wre beinahe
heruntergefallen.

Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicols es
tragen.

Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinber, was nicht ohne
Lebensgefahr war fr den kleinen Pepito.

Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht
zu tragen, auerdem schrie er immerfort aus Leibeskrften.

Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es
sacht auf die Erde.

Darauf pflckten sie zusammen Grser, machten daraus ein weiches Bett
und legten es hinein. So wrde es sich beruhigen.

Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen.

Nicols kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte
sich ganz nahe herab, um seinen Atem zu hren.

Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat? fragte
er Carlos.

Niemals! antwortete Carlos, denn da mte er ihm ja wehe getan haben!
Auerdem ist es gar nicht gesagt, da ihn der Storch gebracht hat.
Zenobia hat ihr Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne
Wasser schpfte.

Aber da hat doch alles gelacht in der Kche, wie sie das erzhlte,
erwiderte Nicols.

Vielleicht hat sie gelogen, meinte nachdenklich Carlos. Aber das wei
ich, man findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen
dann gewhnlich die Strche. Auch sind sie manchmal in Straueneiern,
und man mu die Eier dann zerschlagen.

Die Knaben schwiegen, Nicols kaute an einem Grashalm; schlielich
fragte er: Sag mal, Carlos, glaubst du, da wir vielleicht auch ein
Brderchen finden knnten, wenn wir in der Lagune suchten, oder wir
zerschlgen Straueneier; denn weit du, Carlos, ich habe vorhin
nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brderchen, wie ich
dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch fr den
Blanco vertauscht.

Carlos hatte darber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben
sagte, leuchtete ihm ein.

Weit du was, sagte er, reiten wir nach der Lagune und suchen wir --
wenn wir nichts finden, suchen wir Straueneier!

Nicols war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und lieen den
schlafenden Pepito so lange allein.

Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine
Bewegung. Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein
paar Strche schlugen mit den Flgeln und klapperten zu den Knaben
hinber. Ein einsamer Reiher nur suchte unbekmmert weiter nach
Frschen.

Carlos sagte zu seinem Bruder: Hre mal, Nicols, ich werde in der
Lagune suchen und du wirst Straueneier suchen, so strt keiner den
andern!

Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strmpfe aus und watete im Wasser.

Nach einer Weile rief Nicols hinber: Hast du was gefunden, Carlos?

Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er
glaubte, ein kleines Kind zu sehen.

Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brderchen.

Nicols stand vor zwei zerschlagenen Straueneiern, von pltzlicher
Melancholie befallen.

Wir haben kein Glck, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie
kehrten zu Pepito zurck.

Er schlief nicht mehr, er lag da mit groen offenen Augen, den Blick
ernst staunend zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Straue,
Hirsche, Rinder und Pferde.

Carlos und Nicols hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurck.

Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurckzubringen, weil es
doch sein Brderchen war.

Miguelito kauerte vor der Htte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu
reuen, auch hatte ihn Blanco in den Finger gebissen.

Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ...

Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurck ...

Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hrden, unter
dem Omb vor der Htte sa der Gaucho Gonzales und sang laut ein
melancholisches Steppenlied.

Carlos und Nicols schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind sugte.




                             Die Tigerjagd


Der Paran war weit aus seinen Ufern getreten; die berschwemmung nahm
zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel
von Weidenbumen bezeichneten die Stelle, wo frher das Ufer gewesen war
...

Im Norden von Argentinien hatten groe Regengsse stattgefunden, auf
schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und
nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und
Schwimmvgeln, Amphibien und Sugetieren.

Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des
Stromes, das Brllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung,
trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren
Umzunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten
mit vibrierenden Nstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend
und den Kopf emporgereckt stehen.

Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht
Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und
horchten entsetzt auf.

In der Kche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte
man die Hlse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war,
schrie Caramba!

Auch Carlos und Nicols hatten das Brllen gehrt. Sie befanden sich
oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben
hatten sie einen Jaguar brllen hren, aber sie wuten gleich, was es
war.

Ein Tiger! rief Carlos und schnellte auf.

Auch Nicols hatte sich erhoben.

Was sagst du dazu, jetzt gibt's auch Tiger hier! sagte Carlos.

Nicols antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.

Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal
brllen wrde.

Richtig, da brllte er wieder.

Sie standen auf, traten ans Fenster und sphten, ob sie ihn vielleicht
irgendwo sehen knnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er
lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen.

Carlos und Nicols warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hren
liee. Doch es blieb still.

Schrg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen
hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde.

Carlos ergriff Nicols Hand und die Knaben starrten in der Richtung.

Hast du dir was gewnscht? fragte Carlos mit unterdrckter Stimme.

Da wir den Tiger erlegen! antwortete der jngere Bruder.

Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewnscht! antwortete der
andere. Dann schwiegen sie wieder.

Endlich sagte Carlos: Sieh, Nicols, nun kann es nicht fehlen, wir
werden den Tiger schieen. Morgen gehen wir zum Capataz und er mu uns
seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, mu Papa mir eine
kaufen.

Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt
schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett
auf dem Rcken, die Hnde hinter dem Kopf verschrnkt, und dachte an den
Tiger ...

In der Frhe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, da
sich in der Nhe ein Jaguar aufhielt.

Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene,
als htte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt:
Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger
tten!

Der Capataz brach in Lachen aus: Ich werde euch Flinte geben! und
machte eine Handbewegung durch die Luft.

Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten,
wurden aber berall gleich hhnisch abgewiesen.

Nachmittags hrten sie, der Capataz und viele andere seien nach den
Inseln gefahren, um den Jaguar zu tten. Abends aber kehrten sie
unverrichteter Sache zurck.

Und es war ein Trost fr die Knaben.

Nachts hrte man wieder den Jaguar brllen. Aber am Morgen ganz in der
Frhe weckte Carlos seinen Bruder: Weit du was, reiten wir zu Benito,
er wird uns sicher sein Gewehr leihen.

Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.

Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder
zurck sein.

In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hlfte
des Weges, lieen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich
schnell die zweite Hlfte.

Benito war mit einigen Knechten drauen bei den Herden, beschftigt,
neugekauften Rindern die Marke aufzudrcken.

Auf Feuern, die in Abstnden brannten, glhten die Eisen.

Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann
brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.

Leih uns dein Gewehr! rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der
neben einem niedergestreckten Stier stand.

Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: Gib es uns, wir
wollen einen Tiger schieen!

Tiger? lachte der Capataz, denn er wute nicht, da ein Jaguar
heruntergeschwemmt worden war, die gibt es nur im Norden in Chaco! und
war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.

Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brtete: am
Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute
geschossen?!

Nicols lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche
zu fgen und sprach zu seinem Bruder: Nimm es nicht so schwer; wenn wir
gro sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und tten viele Tiger.

Das war aber kein Trost fr Carlos. Nicols war eingeschlafen; Carlos
lag am Fenster und brtete.

Pltzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rttelte ihn:

Hast du gehrt?! Er lebt, da brllt er wieder!

Das Brllen kam von ganz fern, das viele Schieen hatte den Jaguar
vertrieben.

Da brllt er wieder! murmelte Nicols schlaftrunken und schlief wieder
ein.

Aber Carlos hielt es nicht lnger im Zimmer aus. Ich kann nicht
schlafen, ich reite aus, sagte er sich, die Trnen, die ihm in die
Augen stiegen, hinunterwrgend, und wenn mich auch der Tiger
verschlingt.

Er zog sich an, nahm den Sattel mit und ging nach der Umzunung, wo die
Pferde waren.

Sein Ponny schlief stehend mit etwas gesenktem Kopfe; als Carlos sich
nherte, erwachte es und machte eine Bewegung nach der Seite, Carlos
ergriff es bei der Mhne, das Tier erbebte, Carlos warf ihm die Zgel um
den Hals und das Pferd ergab sich in sein Schicksal.

Ein paar Minuten spter sprengte er in die Pampa hinein, bis das
Herrschaftsgebude und die Parkanlagen in der Nacht verschwanden.

Er warf sein Pferd nach rechts und sprengte in der Richtung des Paran,
an einer Strauenhenne, die mit ihren Kcken floh, vorbei und an zwei
jungen schlafenden Stieren, die, sich aufrichtend, ihm feindselig
nachstarrten.

Am Flusse angekommen, stieg Carlos vom Pferde, koppelte dessen beide
Vorderbeine fest und zog sich aus. Er wollte baden.

Der Mond stand ziemlich hoch am Himmel, in der Ferne schwamm undeutlich
ein langer, schwarzer Streifen, es waren die Parkanlagen ...

Der Ritt, das laue Fluwasser hatten Carlos beruhigt.

Er legte sich nahe am Ufer in den Schlamm, der sich wie eine weiche
Decke an seine Glieder schmiegte, steckte Mund und Nase zum Wasser
heraus und sagte sich, er lge zu Hause in seinem Bett.

Dann spazierte er nach der Mitte des Stromes zu, eine gute Strecke weit,
bis das Wasser sein Kinn berhrte. Dann schwamm er. Einmal tauchte er
nach dem Grund unter, ffnete pltzlich die Augen und es war ganz
seltsam hell um ihn, weil der Mond hinein schien.

Seine Glieder leuchteten, es ward ihm unheimlich. Vom nahen Grunde lste
sich schnappend ein seltsames Ungetm, irgend ein groer, unbekannter
Fisch. Ein Grausen packte ihn, er schlo krampfhaft die Augen, arbeitete
sich nach oben und schwamm zurck, mit einem Mal erfllt von einem
Gefhl furchtbarster Verlassenheit.

Am Ufer angelangt, schlpfte er, na, wie er war, in seine Kleider und
ritt in gestreckter Karriere zum Gut zurck ...

Es war am Morgen. Carlos war soeben erwacht und sein erster Gedanke war
der Tiger.

Da hrte er vor seinem Fenster unten Stimmen. Der Franzose Dupont, der
auf einem nahen Gut, das aber vom Flu entfernt war, auf Besuch und ein
Freund des hiesigen Verwalters war, sprach zum Gaucho Gonzales: Ich
kann mich verlassen, die Kanoe ist gut? und sah auf den Eimer, den
dieser in der Hand hielt.

Sie ist gut, antwortete trocken Gonzales.

Also auf! wir werden ihn schon noch aufstbern! rief Dupont.

Mit zwei Sprngen war Carlos am Fenster; er wute, um was es sich
handelte.

Dupont! schrie er, nimm uns mit, ich bitte, nimm uns mit. Wir wollen
ja nicht schieen; wir wollen nur dabei sein, wenn du den Tiger ttest!

Dupont blickte etwas berrascht hinauf. Er stand auf sein Gewehr
gesttzt, in Poncho und Chirip, wie ein Gaucho.

Nicht ohne Feierlichkeit erwiderte er: Euch kleine Bengels, euch soll
ich auf eine Jagd mitnehmen, auf der man sein Leben riskiert?!

Pause.

Aber ihr gefallt mir, ihr seid beherzt. Ich, Dupont, auf meine
Verantwortung hin ... ich nehme euch mit!

Carlos stie einen Freudenschrei aus, da Nicols erwachte.

Warte vier Minuten noch! rief er, wir ziehen uns an, ohne uns zu
waschen!

Die Knaben strzten in ihre Kleider und standen knappe vier Minuten
spter in ihren Matrosenanzgen und mit ungekmmten Kpfen bereit zur
Tigerjagd.

_Mes braves garons_, entschlpfte es Dupont auf franzsisch, ihr
drft abwechselnd, bis wir zur Kanoe kommen, mein Gewehr tragen, weil
ihr so tapfere Bengels seid.

Stolz umklammerte Carlos das Remington, doppelt stolz, weil er
glaubte, es sei geladen, wie Dupont versicherte.

Ist die Kanoe auch wirklich gut? fragte der Franzose mit einem
mitrauischen Blick auf den Eimer.

Gut genug, sagte verchtlich der Gaucho.

Als man am Flusse ankam, sah Dupont zu seinem nicht geringen Schrecken,
da die Kanoe bis beinahe zur Hlfte mit Wasser angefllt war. Krten
schwammen darin herum, an den Wnden klebten Laubfrsche.

Ohne eine Miene zu verziehen, begann Gonzales mit seinem Eimer das
Wasser herauszuschpfen, wobei es sich herausstellte, da unten ein
nicht unbetrchtliches Loch war.

Dupont zgerte, in das Boot zu treten, Gonzales aber meinte, es mache
nichts.

Und so stie man denn ab.

Zuerst wurde das Ufer abgesucht. Der Franzose stand in der Mitte der
Kanoe, das Gewehr im Anschlag und sphte umher. Die Kanoe fllte sich
mit Wasser; Gonzales war fortwhrend mit dem Eimer beschftigt.

Carlos und Nicols saen nebeneinander, die Beine emporgezogen. Ihre
Gesichter glhten vor Erwartung.

Endlich, sagte Carlos, endlich werden wir den Tiger erschieen!

Pltzlich schnellte er auf, da der Kahn beinahe umgekippt wre,
klammerte sich bebend an Dupont und zeigte krampfhaft nach dem Ufer:
Der Tiger ... schie, Dupont!

Dupont, in maloser Aufregung, feuerte ab.

Der Rauch verzog sich, es war kein Tiger.

... die Bltter ... das Gras, und ich sah was Braunes und Gelbes,
wahrhaftig, ich glaubte ... stammelte Carlos.

Dupont sagte nichts, er sah ihn an. Er schmte sich vor Gonzales, von
dem er wute, da er ihn verachtete.

Das Absuchen des Ufers blieb erfolglos; man fuhr nach den Inseln unter
allgemeiner Besorgnis, das Boot wrde nicht standhalten.

Die erste Insel wurde nach allen Richtungen durchstreift, jedoch ohne
Ergebnis.

Ich frchte, wir schieen den Tiger nicht, sagte Carlos leise zu
Nicols, worauf Nicols erwiderte: Sei ruhig, wir werden ihn schieen,
erinnerst du dich nicht an den Meteor?

Man landete auf der zweiten Insel. Vorn ging der Franzose, hinter ihm
Carlos, dann Nicols, und es folgte Gonzales, alle drei tief gebckt,
wie es Dupont befohlen hatte.

Einmal rhrte sich etwas im Schilf, Dupont scho ab, und von der
entgegengesetzten Seite, von der Mitte der Insel zu, erhoben sich
schreiend Wildgnse und strichen gen Norden.

Die Expedition auf der dritten Insel blieb gleichfalls erfolglos, und es
war inzwischen Mittag geworden, und die Hitze war kaum zu ertragen.

Nachdem man auf Anraten von Gonzales die Kanoe ans Land gezogen hatte
und das Loch im Boden, so gut es ging, mit Gras und Schilf verstopft
hatte, fuhr man, um sich etwas auszuruhen und einen kleinen Imbi zu
nehmen, zum Italiener Barruchi, der weiter oben auf dem Festlande, nicht
weit vom Ufer, seine Htte hatte.

Als sie da ankamen, sa der Italiener auf einem Holzklotz und kaute
Tabak; vor ihm auf der Erde lag der Jaguar, den er heute erlegt hatte
...

Carlos und Nicols waren starr, Dupont entsetzt, der Italiener lchelte
mit selbstverstndlicher Miene, Gonzales lachte stumm in sich hinein ...

Eine Stunde spter aber trieb etwas, anzuschauen wie eine trbselige
Jagdmaskerade, den Strom herab: die Kanoe mit dem Franzosen Dupont,
Carlos und Nicols und Gonzales.

Mitten im Boot stand Dupont in seinem Gauchokostm mit Poncho und
Chirip, auf seine Flinte gesttzt, die Fe im Wasser. Um seine Lippen
war ein melancholischer Zug. Das Boot war mit Reihern und Strchen und
anderen Vgeln bis zum Rand gefllt, die er aus Wut und Verzweiflung
geschossen hatte. Auch ein Wasserhuhn war dabei, halb zerfleischt von
der Remingtonkugel. Carlos und Nicols saen nebeneinander, die Beine
eingezogen.

Vor ihnen Gonzales, abwechselnd rudernd und Wasser schpfend.

Lange hrte man nicht mehr das Brllen eines Jaguars in der Gegend.




                         Herr Dr. Brstenfeger


Im Herbst war man in Buenos Aires.

Es war Nachmittag, die Knaben befanden sich hinten im Stall und
stifteten Unruhe und Verwirrung unter den Pferden, zur unverhohlenen Wut
Joss, des Knechtes.

Als sie dann genug hatten, zogen sie einen Hammel, den sie vom Landgut
mitgebracht hatten, aus seinem Verschlage und banden ihn an einen
Karren. Carlos stieg auf, sein Bruder stand daneben und kniff den Hammel
in die Schwanzwurzel, damit er ziehen sollte. Das Tier drckte den
Schwanz ein, machte einen jhen Satz, und der Wagen warf um.

Darauf hielt ihm Nicols ein Bschel Weinbltter dicht vors Maul, und
nun lief der Hammel hinter ihm her; Carlos sa oben auf dem Karren und
jauchzte.

Da ertnte laut von der Terrasse die Stimme des Kindermdchens, der
Mulattin Zenobia: Kommt den Lehrer abholen!

Der Lehrer! murmelte Nicols entsetzt und blieb stehen.

Seit geraumer Zeit lag ihnen Herr Dr. Brstenfeger, der knftige
Hauslehrer, bestndig im Sinn.

Vor einem Monat hatte er sich in Bremen aufs Schiff gesetzt, und acht
Tage darauf schon sagte der Papa: Heute ist Herr Dr. Brstenfeger in
Lissabon angekommen, ich habe es auf der Agentur erfahren.

Man sa gerade bei Tische, der Diener, der auftrug, ein frecher
Galicier, grinste schadenfroh.

Und wieder nach ungefhr acht Tagen sagte der Papa: Jetzt ist er in
Teneriffa.

Gestern aber war er in Montevideo angekommen, und heute lag das Schiff
drauen auf der Rede von Buenos Aires, und alles grinste im Hause:
Zenobia, die Mulattin, Mauricio, der Galicier, der Grtner, ein strenger
Sachse, der Kutscher und vor allem Jos, der Knecht ...

Die Knaben brachten schnell Hammel und Wagen in den Verschlag und liefen
ins Haus, um sich anzuziehen.

Sie strmten die Treppe hinauf und erfllten das Haus mit Stallgeruch,
sie hatten ein warmes Bad zu nehmen unter Aufsicht der Zenobia, sie
rauften im Bade und liefen dann nackt durch die Zimmer, Zenobia hinter
ihnen her.

Eine Stunde spter aber standen sie mit leuchtend gewaschenen Gesichtern
und vor Aufregung knallroten Backen vor ihrer Mutter. Von ihren Kpfen,
die wie Schwarten glnzten, ging ein starker Duft von Eau de Quinin aus.

Die Mama befahl, da sie Handschuhe anziehen sollten, um ihre Ngel, die
durchaus nicht wei werden wollten, vor Herrn Dr. Brstenfeger zu
verbergen. Carlos tat es nur unter der Bedingung, da sie ihm drei
Knuel Bindfaden fr einen Drachen versprach und ihm erlaubte, auf dem
Rebgang herumzuklettern, was den Trauben schadete, denn die Handschuhe
machten ihn ganz wahnsinnig.

Nun stand er da, die Arme ausgestreckt, die zehn Finger gespreizt und
heulte.

Dann fuhren sie mit Zenobia, die eine blendend weie Schrze trug, zum
Papa ins Bureau.

Er schrieb gerade einen sehr wichtigen Brief.

Carlos und Nicols hatten sich eine halbe Stunde lang muschenstill zu
verhalten, sie taten es mit Schmerzen, aber dabei brummte der Papa die
ganze Zeit, sie sollten noch stiller sein.

Als der Brief fertig war, wandte er sich streng an Carlos, der noch
Trnenspuren auf den Backen hatte: Du hast geweint, warum?

Weil mich die Handschuhe ganz verrckt machen, antwortete Carlos.

So ziehe sie doch aus, meinte der Papa lchelnd.

Carlos gehorchte und dachte: Du hast doch einen guten Papa.

Zenobia kehrte nach Hause zurck, und der Papa fuhr mit den Knaben nach
der Landungsbrcke.

Es wimmelte da von Menschen; es roch nach Pasteten und Kuchen. Allerhand
Erfrischungen wurden feilgeboten, Schwrme von Fliegen summten. Irgendwo
spielte ein Orgelmann. Rechts und links dem Strand entlang flatterte
Wsche, und Mnner und Frauen hockten am Ufer und wuschen.

Weit dehnte sich der La Plata mit seinem gelb-trben Wasser, es wimmelte
von Segeln, Fludampfer lagen weiter drauen vor Anker, und am Horizont
sah man die Rauchsulen der berseeischen Steamer aufsteigen.

Es war gerade Wassertiefstand. Selbst am Ende der Landungsbrcke, die
sich ein paar hundert Meter weit in den Flu hinaus erstreckte, war das
Wasser nicht hher als zwei Fu. Es fuhren Karren darin herum, die
Fuhrleute knallten mit ihren Peitschen nach Kundschaft, gerade wie
Droschkenkutscher.

Man stieg in einen Karren und wurde zu einer Barke befrdert, die einen
bis zum kleinen Dampfer der Agentur brachte.

Nun folgte eine Fahrt von zwei Stunden, bald jedoch verschwanden die
Ufer im Horizont.

Carlos und Nicols sahen heute zum erstenmal ein berseeisches Schiff,
aber sie hatten sich ein solches viel grer vorgestellt und waren
enttuscht.

Doch ihre Aufmerksamkeit wurde bald abgelenkt durch die Sorge, wie ihr
Lehrer wohl aussehen mchte.

Dort oben auf Deck stand am Gelnder dichtgedrngt ein Haufen Menschen.
Viele schrieen und gestikulierten nach dem Dampfer der Agentur hinunter,
wo ebenfalls am Gelnder smtliche Passagiere standen, da er sich
bedenklich nach der Seite neigte, und schrieen und gestikulierten
hinauf.

Carlos und Nicols blickten gespannt nach oben, ob sie nicht vielleicht
den Lehrer erkannten, wie Zenobia ihn geschildert hatte: als einen Mann,
stark und gewaltig, mit einem langwallenden Bart, zornfunkelnden Augen
und einem furchtbaren Stock in der Hand; aber sie erkannten keinen
solchen Mann, und Carlos sagte leise zu Nicols: Ich sehe ihn nicht,
und Nicols erwiderte: Wo ist er wohl?

Oben wurde das Fallreep heruntergelassen. Carlos und Nicols erstiegen
mit ihrem Papa und einem groen Teil der Passagiere den Bauch des
Kolosses.

Knnen Sie mir nicht vielleicht einen Herrn Dr. Brstenfeger zeigen?
fragte der Papa einen Herrn in blauer Uniform mit einer Pfeife im Mund,
der auf einer Bank sa und der aufgeregten Gesellschaft teilnahmslos den
Rcken zukehrte.

Er verneinte und zeigte auf einen anderen Herrn in Uniform, dieser
nickte, wies wieder auf einen anderen Herrn mit einem uerst milden
Gesicht, der einen Regenschirm in der Rechten hielt und in der Linken
eine grne Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, mit
einem Nickelverschlu, der in der Sonne funkelte, und sagte laut: Herr
Dr. Brstenfeger ...

Carlos und Nicols waren starr.

So also sah Herr Dr. Brstenfeger aus? Er war nicht frchterlich, er
trug keinen gewaltigen Stock in der Hand, er hatte keinen gewaltigen
Bart.

Das war der Lehrer?! Sie faten es nicht.

Nachdem man sich gegenseitig vorgestellt hatte und einige Worte
ausgetauscht, stieg man wieder das Fallreep zum kleinen Dampfer
hinunter.

Whrend der Heimfahrt unterhielt sich der Lehrer meistens mit dem Papa.

Carlos und Nicols verbrachten die Zeit damit, Herrn Dr. Brstenfeger
aufmerksam zu betrachten.

Sein Anzug war schwarz, die Krawatte war schwarz, der Kragen niedrig,
die Manschetten mit den Knpfen aus Elfenbein, auf welchen die
Initialien RB standen, ragten ziemlich weit aus den rmeln heraus.

Sein hoher steifer Hut war mit dem Gummiband an dem obersten Knopf der
Weste befestigt, obgleich sich kaum ein Lftchen regte.

Carlos beobachtete sein Gesicht und berlegte, ob es vielleicht doch ein
sehr grimmiges Aussehen haben knnte, wenn er einen Bart trge, wie ihn
Zenobia geschildert hatte. Er schlo die Augen, um sich das zu
vergegenwrtigen, aber es gelang ihm nicht, trotz aller Mhe.

Es war eine Weile Stillschweigen, und Herr Dr. Brstenfeger wandte sich
an die Knaben; er sprach mit mildem Ernste: Es wird euch nicht
unbekannt sein, Karl und Nikolaus, da hier der La Plata, an dem eure
Heimatstadt erbaut ist, einer der imposantesten Strme der Welt ist?

Ja, ja, antworteten Carlos und Nicols, wuten jedoch nicht, was sie
weiter sagen sollten.

Was eure Heimatstadt anlangt, fuhr Herr Dr. Brstenfeger fort, so
werdet ihr wissen, da ihr Umfang dem der franzsischen Hauptstadt Paris
nahekommt, und da diese Tatsache darauf zurckzufhren ist, da eure
Huser, mit wenigen Ausnahmen, alle sehr niedrig sind.

Woher wissen Sie das, waren Sie schon in Buenos Aires? fragte Carlos
begierig.

Herr Dr. Brstenfeger lchelte: Gewi nicht, ich kenne von Sdamerika
nur flchtig einige wenige Hfen, die ich auf dieser Reise berhrt habe,
aber das ist Sache des Studiums, der Bildung, Karl ...

So gelangte man wieder bis zur Barke zurck, worauf man nochmal auf die
Karren stieg.

Herr Dr. Brstenfeger schttelte den Kopf ber diese originelle
Befrderungsart; er hatte darber noch nichts gelesen.

Auf der Landungsbrcke nahm er mit Erlaubnis des Papas die Knaben bei
der Hand, Carlos rechts, Nicols links. Man ging bis zum Wagen und fuhr
dann nach Hause.

Dort begab sich Herr Dr. Brstenfeger, von Nicols begleitet, auf sein
Zimmer, und Carlos lief aufgeregt zur Zenobia.

Du verfluchte Schwarze, schrie er, warum hast du mich angelogen; er
hat ja gar keinen langen Bart?!

Worauf Zenobia mit hhnischem Lachen antwortete: Pa auf, der Bart wird
ihm schon noch wachsen!

Eine halbe Stunde spter wurde der Lehrer mit der Mama bekannt gemacht,
und dann war es Zeit zum Abendessen.

Carlos und Nicols saen zu beiden Seiten von Herrn Dr. Brstenfeger.
Die Unterhaltung war sehr lebhaft, an der sich aber die Knaben nicht
beteiligten. Sie ihrerseits sprachen laut von Sachen, die mehr Interesse
fr sie hatten: von Pferden und Schafen und Ziegen, von Gnsen, Hhnern
und Hahnenkmpfen, und Herr Dr. Brstenfeger schaute manchmal mit leisem
Erstaunen auf sie, aufs hchste aber erstaunte er darber, da, wenn
ihnen ein Gericht nicht schmeckte, sie es einfach weitergehen lieen,
ohne da Papa und Mama etwas sagten ...

Nach dem Essen nahm der Lehrer Carlos und Nicols bei der Hand und ging
mit ihnen in den Garten.

Er blieb pltzlich stehen und sagte sehr ernsthaft: Karl und Nikolaus,
ein neuer Abschnitt geht in eurem Leben an. Eure braven Eltern werden
euch hinlnglich unterrichtet haben, was mein Eintritt hier in diesen
Kreis fr euch bedeutet. Karl und Nikolaus, euch wie mir sind Pflichten
auferlegt ... Ich bitte euch mit ganzer Seele, seid mir stets gehorsam,
lgt niemals ... ja, lgt niemals, denn seht, nichts auf der ganzen Welt
ist hlicher, verabscheuungswrdiger. Bei den alten Germanen machte
kein Laster den Mann verchtlicher, und Deutsche sind Germanen, merkt
euch, Karl und Nikolaus. Euer Vater ist ein Deutscher, ihr seid Deutsche
... Sagt, wollt ihr euch bestreben, gute Deutsche zu sein?

Hier machte Herr Dr. Brstenfeger eine Pause.

Carlos und Nicols, verwirrt ber diese ungewohnte Rede, schwiegen.

Wenn auch manchmal der Papa mit ihnen deutsch sprach, waren sie doch
Argentinier, dachten sie.

Carlos erwiderte endlich: Aber Deutschland verliert doch immer gegen
Argentinien?!

Wieso, Karl?! antwortete Herr Dr. Brstenfeger berrascht.

Carlos wute nicht recht, wie er diese Behauptung begrnden sollte. Es
war ihm nur eingefallen, da er neulich mit seinem Freunde Pedro Kestner
Krieg gespielt hatte, Pedro hatte eine deutsche Fahne in der Hand
gehalten und war Deutschland gewesen, und Carlos hatte eine
argentinische Fahne gehalten und war Argentinien gewesen.

Und da ist Pedro auf dem Bauch gelegen, erzhlte Carlos, und ich
stand mit dem einen Fu auf seinem Rcken und hatte gesiegt. Papa und
Mama haben zugeschaut, und Alberto Hanfstett war auch dabei und auch der
Papa von Pedro. Der lachte auch, aber nicht so sehr.

Herr Dr. Brstenfeger zwang sich zu einem leisen Lcheln, wollte dann
etwas erwidern, lie aber klug fr heute das Thema fallen.

Schweigend gingen sie weiter.

Carlos, den die Stille drckte, sagte endlich: Ich will Argentinier
sein, aber ich will mir Mhe geben, auch ein guter Deutscher zu sein.

Und Nicols sagte: Ich will auch ein wenig ein guter Deutscher sein!




                   Ein Tag mit Herrn Dr. Brstenfeger


Der Hauslehrer sagte zu Carlos und Nicols: Ihr drft wie zuvor allein
ausreiten, nur um eines bitte ich euch instndig, reitet niemals mehr
Karriere, ich bin fr euer Wohl und Wehe verantwortlich und mu
einstehen, wenn ihr Schaden nehmt.

Der Ton, in dem Herr Dr. Brstenfeger das sagte, zeugte von bestimmter
Erwartung, war aber im brigen milde.

Die Knaben fhlten beide: So frei, wie wir frher waren, sind wir nun
freilich nicht, aber sie waren erfllt von dem guten Willen, sich ihm
zu unterwerfen, da sie sich ihn ja weit schlimmer vorgestellt hatten und
auerdem Zenobia bestimmt wute, man wrde einen anderen Lehrer
anstellen, wenn sie diesem nicht gehorchten, und der wre dann wirklich
frchterlich.

Carlos und Nicols antworteten: Wir werden nicht Karriere reiten, aber
als sie knappe zehn Minuten fort waren, erreichten sie das offene Feld,
und schon rein aus Macht der Gewohnheit lieen sie den Pferden die Zgel
schieen und ritten Karriere.

Herr Dr. Brstenfeger aber war mit seinem Operngucker auf das flache
Dach des Hauses gestiegen und war Zeuge ihres Ungehorsams.

Karl und Nikolaus, sagte er, als sie zurck waren, mit gedmpfter
Traurigkeit in der Stimme, habt ihr Karriere geritten?

Carlos und Nicols senkten die Kpfe und antworteten nichts.

Zeigt ihr euch so?! ... fuhr Herr Dr. Brstenfeger mit wachsender
Traurigkeit fort. Ich schme mich fr euch, Karl und Nikolaus; geht,
wascht euch die Hnde, es ist Zeit zum Abendessen!

Wie sie aber zu Bett gebracht worden waren, kam er wie jeden Abend noch,
gab ihnen den Gutenachtku auf die Stirn, drckte ihnen leise die Hand
und dachte: Auch ihr leidet um eures Ungehorsams willen, Karl und
Nikolaus.

Anfangs waren sie wirklich ein wenig beschmt gewesen, hatten sich aber
schon lange wieder erholt und waren jetzt nur von dem einen Gefhl
erfllt: Er ist ein guter Mann, der Herr Dr. Brstenfeger!

Herr Dr. Brstenfeger jedoch ging ins Musikzimmer, wie immer zu dieser
Stunde, und phantasierte, bevor er auch schlafen ging.

Carlos und Nicols aber lauschten mit offenen Augen, und als er geendet
hatte, sagte der ltere: Wie seltsam, wenn Herr Dr. Brstenfeger
spielt, denke ich mir alles Schne aus, was kommen wird, wenn ich gro
bin, und ich mache weite Reisen in Lndern und auf Meeren, und wenn er
aufgehrt hat, versuche ich es weiter, aber es ist dann lange nicht mehr
so schn.

Seltsam, meinte Nicols, wie du das nur so sagst; ganz das gleiche
fhle ich auch! ...

Bald nachher waren sie beide eingeschlafen ...

ber einen Monat schon war der Hauslehrer in Buenos Aires, vor etwa drei
Wochen hatte der Unterricht begonnen.

Jeden Morgen um halb sieben klopfte Herr Dr. Brstenfeger dreimal
vernehmlich an Carlos' und Nicols' Tre, die Knaben sprangen aus den
Betten und zogen sich an.

Dann ging es hinunter zum Frhstck.

Bisher waren die Knaben gewohnt, des Morgens Kaffee zu trinken, auf
Herrn Dr. Brstenfegers Veranlassung tranken sie jetzt Kakao.

Frher war das Frhstck in zwei Minuten erledigt gewesen, jetzt sa man
ber eine Viertelstunde bei Tisch.

Herr Dr. Brstenfeger, der an einem sehr schlechten Magen litt, pflegte
uerst langsam und umstndlich zu kauen und stellte das gleiche
Ansinnen an Carlos und Nicols, die groartige Magen hatten, und er war
gezwungen, sie jeden Augenblick zu ermahnen, da sie immer wieder seine
Vorschrift vergaen.

Nach dem Frhstck machten sie einen dreiviertelstndigen Spaziergang.
Herr Dr. Brstenfeger ging in der Mitte und hielt die Knaben an der
Hand.

Dann folgte der Unterricht. Er fand in einem dafr hergerichteten Zimmer
statt, in dem eine Schulbank stand und eine groe schwarze Tafel mit
einem Schwamm.

Zuerst kam das Rechnen, weil die Gehirne noch unverbraucht waren.

Herr Dr. Brstenfeger stellte die Rechenmaschine vor sich auf den Tisch
und fragte: Karl, wieviel ist 3 + 2?

Pause -- Carlos schwieg.

Carlos streckte unwillkrlich die Hand nach der Maschine aus.

Herr Dr. Brstenfeger schlug ihn leise auf die Finger.

Da mute Nicols antworten, und er wute es.

Karl, wieviel ist 3 + 1?

Carlos streckte die Hand nach der Maschine aus.

Sei gehorsam, Karl! sagte Herr Dr. Brstenfeger und richtete sich ein
wenig auf, wobei er etwas rot wurde.

Carlos schwieg ratlos.

3 + 1, sagte Herr Dr. Brstenfeger, wandte sich halb ab, summte irgend
etwas und tat, als interessiere ihn zugleich die Fensterscheibe.

Nochmal griff Carlos nach der Maschine, er hatte den Kopf vollkommen
verloren. Er berhrte zitternd drei Kugeln und dann noch eine, und das
waren vier. Es fehlte ihm nmlich jeder Sinn fr die Rechenkunst.

Herr Dr. Brstenfeger aber ging im Zimmer auf und ab und murmelte: Es
kann nicht bser Wille sein!

Nachher kam das Lesen. Da war Carlos schon ganz anders.

Herr Dr. Brstenfeger schrieb ein groes U an die Wandtafel.

Karl, was fr ein Buchstabe ist das?

U! rief Carlos, er erinnerte sich ganz deutlich, daneben auf der Fibel
einen Uhu gesehen zu haben.

Richtig! Und das? Er schrieb ein I hin.

I! rief Carlos, ganz deutlich sah er einen Igel daneben.

Bravo! rief Herr Dr. Brstenfeger und schrieb ein E hin.

E! sagte Carlos. Ganz deutlich sah er einen Esel daneben.

Merkwrdig, merkwrdig, murmelte Herr Dr. Brstenfeger, wie seltsam
bei ihm die Elemente auseinandergehen; individuelles Verfahren tut hier
wohl not!

Nach dem Lesen war grere Pause. Dann ffnete der Lehrer die Tre nach
der Terrasse, und es kam Freiturnen: Beinstrecken, Kniebeugen,
Fuwippen, Mhen, Holzhacken usw. Diese bungen begleitete Herr
Dr. Brstenfeger mit seinem eigenen Beispiel.

Daran schlo sich eine Art hheren Anschauungsunterrichtes im Garten an.

Was ist das fr eine Blume? fragte der Lehrer und zeigte auf ein Beet.

Nelke! riefen Carlos und Nicols.

Nelke, besttigte Herr Dr. Brstenfeger.

Sie gingen einige Minuten schweigend weiter: Was ist das fr eine
Frucht?

Granatapfel! riefen sie.

Granatapfel, besttigte Herr Dr. Brstenfeger.

Das ist ein Sugetier, sagte er pltzlich sehr bestimmt und zeigte auf
einen Wurm. Er wollte sie irrefhren.

Nein, kein Sugetier! riefen beide triumphierend aus. Das wuten sie
doch zu genau.

Nach dem Anschauungsunterricht hatten sie frei, und dann kam das
Mittagessen.

Heute gab es Hirn. ber fnf Wochen schon hatte es keines mehr gegeben.

Herr Dr. Brstenfeger, wir knnen kein Hirn essen! sagten sie
klglich.

Der Lehrer blickte abwechselnd beide Knaben an und kaute zu Ende.

Karl und Nikolaus, tut mir den Gefallen, mkelt nicht! antwortete er
nicht ohne Milde, aber bestimmt.

Die Knaben blickten flehentlich nach der Mama.

Die Mama zeigte mit den Augen auf Herrn Dr. Brstenfeger, sie durfte
sich nicht einmischen.

Nicols sah seinen Bruder ermutigend an, und beide wrgten das Hirn
hinunter, da ihnen die Trnen auf die Teller fielen.

Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine Htte,
machten Pfeile und Bogen, um Indianer zu spielen, oder fuhren auf ihren
Karren herum. Manchmal nahm Carlos ein Blatt Papier und einen Bleistift
zur Hand und versuchte nach der Natur zu zeichnen, eine Baumgruppe oder
sonst etwas. Das wollte er einrahmen lassen und der Mama zu ihrem
Geburtstag fr den Salon schenken.

Komisch, sagte Nicols, wenn man deine Bilder von ganz nah ansieht,
erscheinen sie schlecht, stellt man sich aber weiter weg, so kommen sie
einem besser vor.

Carlos war nicht sehr erfreut ber diese Kritik. Er hatte es nicht so
gemeint.

Von zwei bis vier war in der Regel Schule, heute aber nur bis drei, denn
es fand der groe Spaziergang statt.

Es gab heute Schreiben, was die Knaben sehr liebten. Sie hatten dicke
und dnne Striche zu ziehen, gerade und schiefe. Besonders die dicken
Striche machten ihnen Freude, weil es ihnen angenehm war, auf den
Bleistift zu drcken.

Das dauerte aber nur eine halbe Stunde, und dann kam das Allerschnste
vom ganzen Schultag.

Herr Dr. Brstenfeger las ihnen eine Geschichte vor, die muten sie dann
wiedererzhlen.

Heute war es die Schilderung eines Turniers aus einem mit herrlichen
Bildern geschmckten Sagenbuch.

Die Folge dieser Vorlesung ahnte Herr Dr. Brstenfeger nicht, Carlos und
Nicols waren ganz aufgelst.

Verschiedene Male war er nahe daran, das Buch zuzuklappen, so aufgeregt
benahm sich Carlos.

Weit du was, sagte dieser nach der Schule zu Nicols, sobald wir vom
groen Spaziergang zurck sind, veranstalten wir zusammen ein Turnier.

Und Nicols war damit aufs hchste einverstanden.

Die groen Spaziergnge aber dauerten mindestens bis um sechs. So
hatte es Herr Dr. Brstenfeger eingerichtet.

Heute schlugen sie den Weg nach der Stadt ein. Da fr Carlos und Nicols
Schuhe zu kaufen waren, wollte man die Gelegenheit bentzen.

ber eine Stunde gingen sie auf der groen breiten Strae. Herr Dr.
Brstenfeger marschierte, den Blick geradeaus gerichtet, in langsamem,
aber regelmigem Tempo. Carlos und Nicols gingen an seiner Hand mit
gedmpfter Unzufriedenheit auf ihren Mienen.

Manchmal drehte sich ein Passant um und lchelte.

Auch geschah es, da irgendein Gassenjunge ihnen eine Hand voll
trockenen Kotes nachwarf.

Carlos verga sich und wollte auf ihn eindringen. Herr Dr. Brstenfeger
aber drckte strafend seine Hand und sagte: Karl, kmmere dich nicht
darum!

So gelangte man bis zum Zentrum; hier waren die Straen sehr eng, das
Pflaster zum Teil sehr holperig, berall roch es nach Gas, weil an der
Leitung gearbeitet wurde. Groe, beladene Karren fuhren unter
frchterlichem Getse langsam und schwerfllig aneinander vorber, die
Tramways fuhren im Schritt, von Zeit zu Zeit zu kurzem Trab einsetzend,
muten aber wieder jh bremsen; die kleinen abgehetzten Pampaspferde
streckten sich in ihrer ganzen Lnge, um den Wagen nochmal in Bewegung
zu bringen, eines strzte und lag da mit vor Ermattung geschlossenen
Augen.

Aus den offenen Magazinen drang der Geruch von Teer, von getrocknetem
Stockfisch. An einem Haustor stand ein Neger, einen Sack auf dem Kopf
und keuchte.

Herr Dr. Brstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicols an der Hand, einen
Weg durchs Gedrnge, schttelte den Kopf und murmelte: Schon ber 30
Advokatenschilder in einer halben Stunde gezhlt.

Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Strae des eleganten
Publikums und der schnen Lden.

Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schne
Frauen gingen vorber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.

Herr Dr. Brstenfeger blieb pltzlich stehen und sah zu einem Haus
empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl ber 8 Meter hoch. Die
Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likrs stand schrg
darauf in Riesenlettern.

Amerikanismus! murmelte Herr Dr. Brstenfeger und stampfte leise mit
dem Fu auf.

Ein paar Minuten spter traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder
herauskamen, hatten Carlos und Nicols strahlende Gesichter: jeder hielt
einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd
zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das
erschwerte sehr das Gehen im Gedrnge. In einem fort mute Herr Dr.
Brstenfeger ermahnen.

Sowie sie aus dem rgsten Gewhl heraus waren, zog Herr Dr. Brstenfeger
seine Uhr und sagte: Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren
versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.

Der siebenjhrige Alberto Hanfstett, ein bildschner und verwhnter
Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicols. Auch seine Mutter hatten
sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie
nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf.

Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen
gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmnnischen
Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren
rein pdagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet
erwiesen.

Herr Dr. Brstenfeger war nur einmal flchtig mit ihm zusammengekommen,
und er sehnte sich, in nhere Beziehungen zu ihm zu treten.

Auf der Trambahn verkrzten sich die Knaben die Zeit damit, da sie die
Insassen einer heiteren Kritik unterzogen.

Sieht nicht unser Gegenber so aus wie eine Ziege? fragte Carlos
leise.

Nicols quiekte: Groartig, ganz wie eine magere Ziege!

Carlos fragte: Schau dir mal den dort drben an, sieht er nicht so aus
wie ein Huhn?

Nicols betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblmtheit und
besttigte es frhlich.

Carlos fand, da ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen
hatte und jetzt matt und mde dreinblickte, einem abgezumten Pony
glich; auch damit war Nicols sehr einverstanden.

Herr Dr. Brstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand,
aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche
sehr unpassend.

Hanfstetts bewohnten eine prchtige Villa in einer schnen, breiten
Strae.

Der Diener, der ihnen ffnete, geleitete sie bis zur Tre des
Schulzimmers: Der Unterricht msse schon zu Ende sein.

Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.

Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:

_La mesa_ der Tisch.

Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst
erfundenen Melodie: Ich will kein Deutsch lernen!

_La mesa_ der Tisch, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen
Lcheln.

Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.

_Tschisch, tschisch_, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine
Verhhnung der deutschen Sprache.

Herr Dr. Brstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte
pltzlich einen Schritt zurck und breitete abwehrend die Hnde nach
Carlos und Nicols aus.

_La mesa_ der Tisch, sagte Herr Klausroth, lchelte, stampfte leise
mit dem Fu auf und spielte mit fnf Fingern Klavier auf der Bank.

Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicols zeigen.

Er kroch unter der Bank heraus, verfgte sich auf allen vieren hinter
eine lange Gardine und war unsichtbar.

Herr Klausroth folgte ihm.

_La mesa_ der Tisch, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.

Er rieb sich die Hnde: Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht!
_La mesa_ der Tisch.

Nun erfolgte gar keine Antwort.

Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hnde zu reiben, und lachte laut; er
schien ungemein aufgerumt zu sein.

Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: _Tschisch,
tschisch, tschisch!_

In dem Augenblick aber ging die Tr auf, und der Papa stand auf der
Schwelle, eine Gerte in der Hand.

Er hatte geahnt, was vorging.

Schnurstracks verfgte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen
weder Herr Dr. Brstenfeger noch Carlos und Nicols.

Bestrzt packte er sie bei den Hnden und verlie mit ihnen das Haus.

In ihrem Zimmer aber sa Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prgel
bekommen sollte.

Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie hate die deutsche Sprache
...

Herr Dr. Brstenfeger ging, Carlos und Nicols an der Hand, die schne
breite Strae entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung
noch mchtig in ihm war.

Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.

Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das
achtjhrige Tchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante sa.

Man grte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Brstenfeger: Das hbsche Mdchen
ist meine Braut.

Herr Dr. Brstenfeger zwang sich zu einem Lcheln: Du kannst noch keine
Braut haben, Karl.

Warum nicht?

Weil du noch zu jung bist, dabei drckte er kaum merklich seine Hand.

Bah! antwortete Carlos, Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr
jnger als ich, und hat acht Brute.

Herr Dr. Brstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.

In die schne, breite Strae, auf der sie gingen, mndete eine andere,
die stark vernachlssigt war.

Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, auerdem versank man ein
wenig in den Kot.

Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.

Aasgeruch wehte herber.

Brr! sagte Herr Dr. Brstenfeger, lie Carlos' Hand los und hielt sich
die Nase zu.

Das ist noch gar nichts! rief Carlos und bckte sich nach einem
Ziegelstein. Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann
stinkt es ganz frchterlich!

Halt ein! schrie Herr Dr. Brstenfeger, lie seine Nase los, packte
Carlos' Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.

Es waltete aber ein Unstern ber dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen,
sagte Carlos zu seinem Bruder: Wir haben noch Zeit; jetzt fhren wir
unser Turnier auf!

In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert;
aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern
spieten.

Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den
Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.

Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie
auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.

Ihrem vierjhrigen Schwesterchen, die sie die Dicke nannten, weil sie
kugelrund war, drckten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der
Herold und mute zum Kampfe blasen.

Carlos und Nicols stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie
zwei prchtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blhten sich,
Carlos und Nicols strmten aufeinander los, ber die Beete.

Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten
einen Sprung auf die Seite, so da sie unverrichteter Sache ein Stck
weitertraben muten.

Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.

Schon kndigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schen
eine Gestalt daherkam: Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!

Halt ein! schrie Herr Dr. Brstenfeger und war mit einigen Sprngen am
Zgel von Carlos' Pferd.

Die Dicke floh erschrocken mit der Kindertrompete.

Carlos lie die Lanze sinken.

Herunter! schrie Herr Dr. Brstenfeger und machte mit beiden
Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde.

Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze -- Carlos hatte auch
noch seine Hahnenfeder verloren -- folgten sie dem Lehrer in der
Richtung des Hauses.

Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, whrend die Wedel auf ihren
Kpfen leise zitterten.

Wetternd tauchte von der einen Seite der Grtner auf und hhnend von der
anderen Jos, der Knecht ...

Von nun an war Herr Dr. Brstenfeger ungemein scharf in seinen
Maregeln.

Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fu auf dem Trottoir.




                         Die Reise nach Mendoza


Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr
krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im
Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, da sie in die
Kordilleren hinauf sollte, dort wrde sie sich vollstndig erholen.

Carlos und Nicols muten mit Herrn Dr. Brstenfeger vorausreisen. Er
hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen,
der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut
oben am Fue der Berge beinahe ganz zur Verfgung gestellt hatte. Die
wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Brstenfeger so
oft und so nachdrcklich auseinandergesetzt, da er anfing, sich etwas
beleidigt zu fhlen. Man hatte ihn nmlich im Verdacht, ein wenig
unpraktisch zu sein.

Viel Mhe hatte er nun, Carlos und Nicols zu beruhigen, die die Abreise
mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule,
auf den Spaziergngen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen
Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei
Maultieren, Pumas und Kondors.

Herr Dr. Brstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen
wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bcher; die
spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus
Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und
spiete Stecknadeln auf Flsse und Berge, Stdte und Drfer, die ihn
interessierten.

Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte
aber nicht zu fragen, weil die Erluterungen des Hauslehrers immer
frchterlich lang waren ...

Zehn Tage spter saen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn.
Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen,
Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.

Carlos und Nicols hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht,
nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber
waren sie noch nie gefahren.

Alles um sie her war neu und entzckte sie. Sie kletterten auf die
Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen
konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe,
sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Brstenfeger,
der mit dem Gepck beschftigt war, es sah und einschritt.

Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.

Das war eine neue Freude fr die Knaben.

Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen
abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen
sollte, was doch zu schade wre. Und so sahen sie, auf ihren Arm
gesttzt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde,
starrten sie zur Decke empor, wo ber ihnen leise die Lampe zitterte.
Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal lie
dann ein anderer in seiner Nhe ein Wimmern oder ein Seufzen hren. Herr
Dr. Brstenfeger aber lag auf dem Rcken, die Hnde ber der Brust
gefaltet, und gab keinen Laut von sich.

Endlich schliefen auch Carlos und Nicols ein. Als sie erwachten, ging
gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von
Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte groe Frost
gettet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden
Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, gro wie ein
See, bevlkert mit Reihern und Strchen, Kibitzen und Enten. Weit
entfernt stand ein Omb, am Horizont eine groe Baumgruppe, irgendein
Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.

Herden von Strauen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete
sich als groer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.

Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans
Geleise heran und flohen wieder zurck, die Rinder mit erhobenen
Schweifen, die Pferde mit steilen Mhnen.

Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den
vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich fr
die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblmten
Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die
Passagiere noch schliefen.

Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gulen. Sie
schlugen mit den kotigen Schwnzen nach den ersten Fliegen, die ihnen
der heie Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post
heran, in eine Staubwolke gehllt. Zwlf Pferde waren davorgespannt.

Der Zug fuhr weiter.

Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und
Nicols zurckkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht
geringen Erstaunen vollstndig verndert, an der Stelle der Betten
standen Sthle.

Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Straue
und die weite Pampa.

Aber Carlos und Nicols langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die
Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zhlten z. B. die gescheckten
Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und
wer mehr gezhlt hatte, hatte gewonnen.

Oder sie fhrten seltsame Gesprche miteinander. Carlos fragte
tiefsinnig: Was mchtest du lieber sein, wenn man dich whlen liee,
der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel
auf dem Perron? Und Nicols antwortete, nachdem er eine Weile
nachgedacht hatte: Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und
braucht niemandem zu dienen.

Carlos entgegnete: Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom
Morgen bis zum Abend.

Darauf wute Nicols nichts zu erwidern.

Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung.
Carlos fragte: Was mchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du
sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?

Da griff gewhnlich Herr Dr. Brstenfeger in diese Unterhaltung ein,
weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Ntzlicheres vor. Er holte
einen Band Fabeln oder ein Mrchenbuch aus seiner Reisetasche und las
den Knaben vor.

Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten
Gesichtern hrten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.

Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die bse Hexe sagt:
Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hnsel mag fett oder mager
sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem
Stuhl auf und zuckte mit der Nase.

Herr Dr. Brstenfeger klappte das Buch ber seinen Zeigefinger zusammen
und sagte mibilligend: Verhalte dich still, Karl, und mache keine
Grimassen! Und um zu zeigen, wie hlich das ausshe, fuhr er selbst
von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich
aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er
in seiner Geschichte weiter ...

Gegen Abend wurde verkndet, da man in einer Stunde die ersten
Auslufer der Kordilleren sehen wrde.

Sofort knieten Carlos und Nicols ans Fenster und ihr Blick war
unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rhrten sich nicht von der
Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttuscht, denn
sie hatten sie sich viel, viel hher vorgestellt ...

Am nchsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.




                           Die Stadt Mendoza


Herr Dr. Brstenfeger trat, Carlos und Nicols an der Hand, aus seinem
Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort,
an dem drei groe Knochen hingen.

Was sind das fr Knochen? wandte sich Herr Dr. Brstenfeger an einen
Kellner.

Menschenknochen, eine Erinnerung an das groe Erdbeben vor dreiig
Jahren.

Barbarisch! dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken
versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich pltzlich, da
er den Eltern einen Brief zu schreiben habe.

Er berlie Carlos und Nicols eine kleine Viertelstunde sich selbst und
ging zurck in sein Zimmer.

Er schrieb, da sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus
seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen
zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Gre
bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe.

Carlos und Nicols gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen
dort einen kleinen barfigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte,
ob sie mitspielen drften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.

Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicols, das dritte
Mal wieder der Indianer.

Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.

Carlos fragte den Indianer, wie er heie.

Julio! antwortete er. Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten
Ausfall im Azul erbeutet worden.

Also bist du ein wilder Indianer? fragte Carlos nicht ohne Respekt.

Ich bin Indio Pampa! sagte Julio mit Wrde, mein Vater wurde gettet,
meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.

Siehst du oft deine Mutter? fragte Carlos.

Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr
gesehen.

Warst du sehr traurig, als dein Vater gettet wurde? fragte Nicols.

Julio grinste.

Herr Dr. Brstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicols bei der Hand,
und sie gingen zu Don Pablo Romero.

Der Hauslehrer wute, da alle Huser in Mendoza, die bekleideten und
die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten frchterlichen
Erdbeben.

Aber man begann bereits das Unglck zu vergessen, und von Zeit zu Zeit
wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.

Es war heute ein trber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den
Herr Dr. Brstenfeger sich nicht zu deuten wute.

Es war der Geruch von Krutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die
Ziegenhirten ihr Feuer anzndeten.

Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren
Straen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren
unheimlich langsam fuhren.

Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.

Herr Dr. Brstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tr.

Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden,
ffnete.

Mitten im Hof stand ein verkrppelter Orangenbaum, berall lungerten
Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und
spielte auf einer Mundharmonika.

Ein groer zottiger Hund lag auf der Erde und wlzte sich nach den
Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als
zugleich ein feiner Sprhregen ihn bespritzte.

Die Mulattin fhrte die Gste ohne weiteres in den Salon. Auf den Mbeln
waren die Bezge, auf dem unebenen Flieboden lagen Zigarettenstummel.
Es roch nach Weihrauch.

Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.

Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfllt war, im Bett.
Seine Fe schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf
einem schwarzen, vollstndig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.

Der Hauslehrer erfuhr spter, da man solche Hunde dort als Bettwrmer
gebrauchte.

Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brhe unzhlige
Zigarettenstummel.

Whrend sich Herr Dr. Brstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten
die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, da Don Pablo Romero kein
Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, da aus der einen Warze
des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr.
Brstenfeger, wie er die Hnde bewegte, whrend er sprach, denn weil er
sich nur schwer auf spanisch verstndlich machen konnte, mute er stark
durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen
Erluterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hnde
auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das
Wort gefunden hatte.

Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte drauen, er habe
beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde
wohl nichts daraus werden.

Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die
Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen
recht sei.

Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar
Straen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Brstenfeger klopfte.
Nach einer langen Pause, in der sich nichts rhrte, stellte sich Carlos
auf eine Fuspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen,
aber Herr Dr. Brstenfeger zog streng seinen Arm zurck. Schlielich
mute er sich selbst dazu entschlieen. Jetzt hrte man eine Stimme, von
der man nicht wute, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes
kam. Pancha, man hat geklopft!

Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme,
und diesmal war es bestimmt die einer Frau: Es hat geklopft, Pancha!

Darauf nherten sich trge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf
ffnete.

Herr Dr. Brstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie fhrte sie
geradewegs in den Salon.

Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr
mit einem blassen weichen Gesicht und einer hngenden Unterlippe.

Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Brstenfeger und Carlos und
Nicols wuten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Hkelarbeit in der
Hand. Zu ihrem groen Erstaunen sahen die Knaben, da auch der Herr
hkelte.

Don Jos Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von
der man nicht wute, ob sie einer Frau oder einem Mann angehrte.

Sie blieben nicht lange dort.

Um die Stunde auszufllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero
sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straen spazieren.

Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht
mehr.

Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfllte sie eine unbestimmte
Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...

Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.

Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr.
Brstenfeger ihn daran hindern konnte, geffnet.

Eingehllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte.
Der Lehrer nahm Carlos und Nicols bei der Hand, und sie verlieen das
Haus.

Sie kehrten ins Hotel zurck, Herr Dr. Brstenfeger zuerst ungemein
gekrnkt ber Don Pablo Romeros Empfang, dann aber geqult von einem
Gefhl wachsender Traurigkeit.

Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner
Regen herab.

ber ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...

Pltzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung
und wischte sich dann den Schwei von der Stirne ab.

Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Brstenfeger ein Plakat, das er in
Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Zge erhellten
sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit.

Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er
wollte sich ein wenig ausruhen.

Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und
Nicols den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde
wrden sie wieder zurck sein.

Sie gingen und gingen, lnger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an
Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber
der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen.

Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis
dahin sei.

Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: Etwa drei
bis vier Stunden.

Carlos und Nicols konnten das nicht begreifen, aber sie muten sich
entschlieen, zurckzukehren, denn es war spt und Herr Dr. Brstenfeger
wrde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurck.
Nicols schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf.

Aber Herr Dr. Brstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit
gar nicht beachtet. Er sa in seinem Bett und las in einem spanischen
Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht
hatte, ber das letzte frchterliche Erdbeben in Mendoza.

Warum haben die Menschen so viel Krpfe hier? fragte Nicols.

Ja, das ist nicht schn! antwortete Herr Dr. Brstenfeger. Aber das
macht das kalkige Wasser.

Nach Tische ging Herr Dr. Brstenfeger mit den Knaben spazieren.

Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten groen Erdbeben ein Bein
eingebt; er war geschwtzig, und um sich interessant zu machen,
erzhlte er, da er dabei seine Eltern und seine smtlichen Geschwister
verloren habe.

Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten
waren, ein eingestrzter Kirchturm, eingestrzte Tore, geborstene, mit
Gras bewachsene Mauern.

Herr Dr. Brstenfeger murmelte: In einer einzigen Nacht sind beinahe
zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.

Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straen, aber
es regnete nicht.

Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging
spter in seinem Zimmer auf und ab ber eine Stunde lang, von einer
Aufregung ergriffen, die immer mchtiger wurde ...

Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett,
als er wieder aufstand und sich anzog; er drckte den Kopf an eine
Fensterscheibe, wrgte die Trnen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen
drangen, und ballte die Fuste.

So war Herr Dr. Brstenfeger noch nie gewesen.

Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer frchterlichen Miene ein
lustiges Liedchen.

Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufsthnend ins Bett. Lange
wlzte er sich herum, pltzlich begann er zu beten: Unser Vater, der du
bist im Himmel ...

Unser Vater, der du bist im Himmel ... wiederholte er.

Vier, fnfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner malosen
Aufregung die Fortsetzung vergessen.

Er sa in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er
in wahnsinniger Erschpfung zurck.

Er schlief zwei Stunden traumlos und dann trumte er, da er von Bremen
reise, und es war Sturm auf der See.

Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.

Drauen aber schwankten die Kirchtrme, da die Glocken erklangen, die
Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.

Die Leute im Hotel strzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die
die Gefahr besser kannten, auf die Straen.

Herr Dr. Brstenfeger strzte in Carlos' und Nicols' Zimmer und dann
mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus.

Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehllt,
gefolgt von seinem schwarzen Hunde.

Don Jos Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.

Aus allen Husern strzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine
furchtbare Bewegung in Mendoza.

Der Hotelhof war angefllt mit Menschen.

In einem Zimmer aber sa eine schne, blonde Frau und hielt einen
kleinen Knaben und ein kleines Mdchen umfangen. Sie schmte sich, im
Hemd zu fliehen.

Herr Dr. Brstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Englnderin.

Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Ri ghnte
...

Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.

Da erinnerte sich pltzlich Herr Dr. Brstenfeger, da er im Hemd war,
und schmte sich.

Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und
warf sie um Carlos und Nicols.

Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.

Eine Menschenmenge war dort versammelt.

Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.

Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der,
ein Bndel in der Hand, laut heulte.

ber zwei Stunden stand dort Herr Dr. Brstenfeger mit Carlos und
Nicols. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und
schn.

Auf den Bergen zndeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kruter
erfllte die Stadt.

Carlos sagte zu Nicols: Das ist der Geruch des Erdbebens.

Herr Dr. Brstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurck. Auf seinen
Lippen ruhte ein Lcheln groer Befreiung; er legte sich zu Bett und
schlief zwlf Stunden hintereinander. Manchmal trumte er von seiner
Heimat.




                           In den Kordilleren


Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen
Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben
sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrpp und Kakteen
bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die
Ebene in die Pampa hinab.

Blo zwei Zimmer seines Huschens bewohnte Don Pablo, die brigen hatte
er Carlos' und Nicols' Eltern berlassen, und weil trotzdem Raummangel
war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits
gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine
Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr.
Brstenfeger und Carlos und Nicols.

Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergltig. Morgens, wenn
sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag lie er
sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch
und gab ihnen den Gutenachtku.

Zum nicht geringen Verdru der beiden hielt er aber immer fest am
Prinzip der weiten Spaziergnge. Nur an Tagen, an denen er besonders
zufrieden mit ihnen war, durften sie, whrend er zu Fu ging, rechts und
links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wnschten sie zu galoppieren,
muten sie fragen, und Herr Dr. Brstenfeger antwortete: Ja, aber nur
bis zu jenem Strauch oder jener Kuh! oder er verweigerte auch die
Erlaubnis.

In der Regel aber blieb es bei den gewhnlichen Spaziergngen, und sie
durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause
banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Brstenfeger, Lappen um die
Fe, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer
kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbi,
mit Pflastern und Pflsterchen gegen kleine Verletzungen, mit
Pfeffermnzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst.
Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine
blecherne Bchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war -- gefllt
mit Brot, harten Eiern, Butter und Landjger.

Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn
Fugnger und dazu noch so ausgerstete, waren hier seltene Leute.

Zu Anfang hielt Herr Dr. Brstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im
Zgel, weil er frchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden
Tieren, besonders auf den Spaziergngen in der Richtung nach den Bergen.
Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, da sie die ersten
Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf
die dahinter liegenden, hheren hatte. Herr Dr. Brstenfeger zog seine
Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heien mchten, aber
es stand kein Name da, und als er spter daheim fragte, wute es auch
niemand. Darber mute er heimlich den Kopf schtteln; er fand aber
zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.

Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume
Zeit, bis er sie berwunden hatte.

Zu den wilden Tieren zhlte er aber auch die Schlangen, obgleich er
wute, da sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehrten. Ein
abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ...
berall sah er welche.

Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr.
Brstenfeger blieb stehen, erblate, sammelte sich aber und flsterte:
der Silberlwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn. Ein
andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Hhe
ber ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wute, da er ihnen
nicht gefhrlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich
und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...

Die Spaziergnge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab
Herr Dr. Brstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht
erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nubaum, wo ein Tisch
und zwei Bnke standen.

Jeden Morgen mute sie Jos, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr.
Brstenfegers mit heiem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von
den Vgeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden,
die auch nicht ohne Zwischenflle abliefen. Es trieb sich z. B. Jos mit
einer der Mgde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bumen
geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Sue.

Diese zu hten war ein kleiner, dreijhriger Indianer angestellt, der
zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er
hie Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die
einem halbwchsigen Knaben gehrt hatten, umschlotterten seine Beine.
Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen
Schultern ruhten. So ausgerstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu
treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.

Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten.
Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und
geschrien: Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen! Sie aber waren einfach
ber ihn hinweggetrampelt.

Als Carlos und Nicols das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und
eilten Manuelito, der heulend auf dem Rcken lag, zu Hilfe.

Herr Dr. Brstenfeger stand im Hintergrund und kmpfte einen harten
Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und
Carlos und Nicols hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich
auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser
Zwischenfall aber nderte durchaus nichts am Programm des Schultages.
Zum Schlu nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den
Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein
krftigem Ba, Carlos und Nicols mit sehr falscher Stimme:

   Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,
   Lasset uns singen, tanzen und springen.

Tanzen und springen! brllte Herr Dr. Brstenfeger und schlug mit dem
Lineal auf den Tisch, da ein Huhn, das sich in der Nhe aufhielt,
gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im
Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin,
wiegte den Kopf, fletschte die Zhne und ahmte Herrn Dr. Brstenfeger
mit einem Besenstiel nach ...

Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge.
In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestrzt war und die
Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit
einem unsglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in
die Hhe und sthnte.

Der Hauslehrer erlaubte, da sofort der Spaziergang unterbrochen wurde,
und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier tten zu
lassen. Aber Don Pablo antwortete: Das Pferd ist in unser Gebiet
eingedrungen, es gehrt dem Nachbar, tte ich es, so mu ich es
bezahlen.

Die Knaben ritten zu Don Andrs (so hie der Nachbar) und stellten an
ihn die gleiche Bitte. Don Andrs lchelte und erwiderte, er werde heute
jemanden hinschicken.

Abends aber lag das Pferd zu Carlos' und Nicols' Entsetzen noch immer
in der Schlucht und sthnte.

Es fiel ihnen ein, da es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst
leiden msse, sie kehrten daher zum Gut zurck, Nicols nahm ein Bndel
Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs
von der Schlucht entfernt war, fllte.

Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte
sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem
Schmerzenslaut zurck. Carlos und Nicols hoben seinen Kopf ein wenig in
die Hhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.

Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht gettet, Don Andrs
hatte es scheint's ganz vergessen.

Der Gedanke an das Tier lie Carlos und Nicols in der Nacht nicht
ruhen.

Ich hre es chzen! rief Carlos und richtete sich im Bett auf.

Es ist nicht mglich, es ist zu weit, antwortete Nicols; aber ihm tat
das Tier nicht weniger leid.

Pause.

Weit du was, wir wollen es tten, jetzt sofort, dann leidet es nicht
mehr, meinte Carlos.

Nicols antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls
entschlossen: Ja! ...

Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Kche, sattelten ihre Maultiere
und ritten davon.

Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Strucher mit ihren
harten, ligen Blttern, die harten Kruter, gespeist vom trockenen,
vulkanischen Boden, dufteten.

In der Schlucht lag das Pferd und sthnte.

Nicols sagte zu seinem Bruder: Carlos, du bist der ltere, du wirst
das Pferd tten!

Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschmung und Mitleid mit
Carlos ergriff.

Losen wir! sagte er mit gepreter Stimme, rupfte zwei Grser aus, die
aus einem Ri in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.

Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den
krzeren gezogen.

Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die
Ohren zu.

Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil
in die Hhe, lie es aber kraftlos sinken und weinte.

Nicols hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.

Am folgenden Morgen lieen sie durch Jos, fr eine kleine Geldsumme,
die sie aus ihren Sparbchsen nahmen, das Tier umbringen ...

Drei Tage spter kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein
Mann von etwa fnfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, gro und breit
und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem groen,
schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein
weies flatterndes Tuch um den Hals.

Das war ein Fest fr die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen;
stets brachte er ihnen Geschenke mit.

Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei groe Schachteln mit
Bleisoldaten heraus und dazu noch fr jeden eine Kinderpistole mit roten
Zndhtchen.

Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General
morgen schon wieder reisen mute, fand er doch noch Zeit, ihnen einen
groen Drachen zu machen.

Am nchsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicols in sein
Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.

Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit
einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand
lag auf der Bettdecke, sie war wei, aber krftig und gut gepflegt, die
Ngel rosig und schn gestutzt.

Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewhl von Flakons. Es
roch im Zimmer nach allen mglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand
eine offene Pomadenbchse, in die drei Fliegen ihre Rssel getaucht
hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen
silbernen Initialen.

Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in
der ein Durcheinander herrschte.

Carlos und Nicols schlichen auf den Fuzehen aus dem Zimmer, um den
General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie
ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit
geschlossenen Fusten in die Hhe und ghnte.

Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.

Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels! rief der General.
Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!

Herr Dr. Brstenfeger sa unter dem Nubaum und las Klopstock, er war
ganz darin versunken.

Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt? forschte der
General.

Carlos und Nicols schwiegen und sahen ihn mit groen Augen an.

Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an
diesen _gringo_[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl,
da habe ich meinen Lehrern ...

Der General schwieg und schmunzelte.

Was haben Sie ihnen getan? fragten Carlos und Nicols.

Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwnze an die Rcke
gehngt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt,
und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat
es ein groes Unglck gegeben.

Carlos und Nicols muten lachen.

Der General hhnte: Ihr wollt Argentinier sein? Schmt euch!

Er strich Carlos ber den Schopf und sagte: Was dich betrifft, so traue
ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!

Carlos war gekrnkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch
ziemlich zaghaft: So schlagen Sie doch was vor!

Bravo! rief der General. Dann sann er nach.

Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zndhtchen,
geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nhe auf
den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprnge machen, wenn er
darauf tritt.

Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die hhnische Miene
des Generals trieb sie zum Entschlu.

Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zndhtchen
hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.

Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Brstenfeger von
seinem Buch auf und fragte: Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?

Hinten aber sa der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den
einen Arm in die Hhe und spornte die Knaben zum Kampf an.

[Funote 2: Verchtliche Bezeichnung fr Fremder.]

Carlos antwortete: Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr.
Brstenfeger.

Was ich da lese? antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, ist der
Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr
auch darin lesen knnt, Karl und Nikolaus.

Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Kpfen; sie
schmten sich vor dem General und schmten sich, da sie nie gute
Argentinier werden knnten.

Der General aber war ins Bett zurckgesunken und hielt sich den Bauch
vor Lachen ...

Am Nachmittag reiste er wieder fort ...

Weiter oben, den Bergen nher, wuchs neben einer groen schattigen Weide
bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die
schnsten Frchte trug.

Niemand wute, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn
gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorbergehender bei der Quelle
einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicols kannten ihn, und eines
Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen,
denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.

Da Herr Dr. Brstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so
durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Brstenfeger stellte
sich in die Mitte, und man brach auf.

Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren
Tieren sitzen, Herr Dr. Brstenfeger schritt zum Baume, von dem sich
eine bunte Schar von Singvgeln kreischend erhob, und rttelte am Stamm.

Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prfte sie,
bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: Karl und Nikolaus,
wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.

Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne da sie einen
einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurck.

Als die Woche vorbei war, lie er sie noch zwei Tage warten, dann sagte
er: Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!

Er nahm Carlos' Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke
und fgte mit nachdrcklichem Ernst hinzu: Karl und Nikolaus, ihr wit,
da ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen,
ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe
beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen,
ihr seid selbstndig genug.

Pause! -- Darauf feierlich: Karl und Nikolaus, ich nehme euch das
Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber
Karl und Nikolaus -- und jetzt lag ein Ausdruck von wehmtiger Sorge
auf seinem Gesicht: Ich bitte euch, als euer vterlicher Freund, et
nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!

Carlos und Nicols, glcklich, berhaupt Pfirsiche essen zu drfen,
gelobten ihm das, Herr Dr. Brstenfeger aber zog die Hnde zurck zum
Zeichen, da sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.

So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.

Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf
den Pfirsichbaum hinauf. Singvgel stoben kreischend auseinander.

Nun pflckte jeder von ihnen vier der schnsten Pfirsiche, und sie
wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie
oben zu essen, weil es ihm schien, da sie dann besser schmeckten; und
so saen sie sich denn gegenber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos
und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Bi
tat, wartete der andere eine Weile und bi ein etwas kleineres Stck ab;
denn jeder wollte, um einen lngeren Genu zu haben, der letzte sein.
Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so muschenstill, da
smtliche verscheuchten Vgel sich wieder zurckwagten, und es war ganz
still bis weithin. Unten nur hrte man die Quelle murmeln, und oben war
ein Kauen und Picken.

Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicols noch
einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab
und stiegen auf ihre Maultiere, Nicols in etwas gedrckter Stimmung,
Carlos tief melancholisch.

Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicols hielt seinen Pfirsich in der
Hand, strich mit den Fingerspitzen darber hin, manchmal roch er daran,
einmal wollte er hineinbeien, besann sich aber und steckte ihn wieder
in die Tasche.

Carlos schaute zu, seine Augen fllten sich mit Trnen, er wollte sich
zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.

Pltzlich hielt er sein Maultier an, stie einen schweren Seufzer aus
und sagte zu seinem Bruder: Ich reite zu Bernab, dem Ziegenhirten,
sage Herrn Dr. Brstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen. Dann
wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurck und setzte sich
auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschmt und zaghaft bi er
in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er khner, und bald dachte er an
nichts weniger, als an Herrn Dr. Brstenfeger und seine instndige
Bitte.

Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den
Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne da er wute wie, eingeschlafen.

Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam
krochen die Schatten die Ebene hinab.

Sein erster Gedanke war, da er Herrn Dr. Brstenfeger jmmerlich
hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfllte ihn. Er sa da,
den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.

Aber es war schon spt, und er mute an die Rckkehr denken.

Im Schritt, die losen Zgel in der Hand, ritt er heimwrts; er war aber
noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte,
da unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die
wrden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der
Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn pltzlich der
Gedanke berfiel, aus den Kernen knnten Pfirsichbume wachsen, und
obgleich er wute, da es noch in weiter Ferne lag, lie der Gedanke ihm
doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in
seine Rocktasche.

Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber
fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.

Vor ihm stand Herr Dr. Brstenfeger.

Du warst beim Ziegenhter Bernab, sagte er, du httest nicht so spt
heimkommen sollen, Karl.

Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie
leises Mitrauen in seiner Stimme.

Ich war beim Ziegenhirten Bernab, antwortete Carlos. Seine Stimme
zitterte, er blickte Herrn Dr. Brstenfeger nicht in die Augen. Trotz
der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Brstenfeger, da Carlos ber und
ber rot war.

Da wute er, da er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von
Beschmung berwltigt.

Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die
Kissen hinein.




                             Nach Paraguay


Im Garten blhten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der
Winter hatte schon lange begonnen.

In der Frhe standen Carlos und Nicols im Garten vor dem Springbrunnen.
Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Hhe, und kalte Tropfen
rieselten ihm ber Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine
dnne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drckten den Finger darauf,
da sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so
weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf
groen Tribnen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flgeln
ber die Flche.

So hatte es Tia Lolita erzhlt und hnlich auch Herr Dr. Brstenfeger.

Tia Lolita war die jngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten
sie aber gewhnlich nur Lolita.

Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein
blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein
ungewhnlich schnes Mdchen. Carlos und Nicols meinten: vielleicht das
schnste auf der ganzen Welt.

Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur
manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzhlte ihnen
schne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa
zurck war, wo sie sich mit der Gromama zwei Jahre aufgehalten hatte,
kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.

In Herrn Dr. Brstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames
vorzugehen.

Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicols ber einem
Rechenexempel saen oder aus dem Gedchtnis ein Lesestck
niederschrieben, erhob er sich pltzlich, stampfte auf, ballte die
Fuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen,
und seine Hnde rasten ber die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der
Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es
war ein sehr wehmtiges Spiel, das nun folgte.

Manchmal, wenn Carlos und Nicols hinten im Garten waren, sahen sie ihn
auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in
tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst
immer die Hefte korrigierte; die Knaben wuten nicht, was es zu bedeuten
hatte.

Eines Morgens, whrend der ersten Pause -- Carlos und Nicols schnitten
Figuren aus einem Pappdeckel -- klopfte es, und Tia Lolita stand im
Zimmer.

Herr Dr. Brstenfeger machte einen Schritt zurck, ber und ber
errtend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide
waren, an den Rockschen ab.

Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten
sie im Kreise herum.

Carlos und Nicols, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr
schwindlig, wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der
Kolonie Trinidad. Mama hlt es nicht mehr aus!

Die Knaben strzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche
reiste man. --

Es go in Strmen an dem Tage der Abfahrt.

Carlos und Nicols knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und
schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus
dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit
den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch
eine Wolke.

Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; groe beladene Barken
strichen vorber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen
waren. Carlos und Nicols schauten auf die trbe Flche des Stromes, auf
der fortwhrend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die
Maschine.

Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem groen
roten Album bltterte, und verlangten, da sie ihnen eine Geschichte
erzhlte.

Das Mrchen von Amlet! bat Carlos.

Herr Dr. Brstenfeger, der in der Nhe sa und eine Idylle von Vo las,
sah auf.

Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Mrchen, sondern ein
Trauerspiel!

Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte,
sondern ausgedacht.

Erzhle uns lieber das Mrchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel
schner! rief Nicols.

Herr Dr. Brstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.

Und Tia Lolita erzhlte, um Carlos zu befriedigen, das Mrchen von
Amlet und dann das Mrchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicols zu
befriedigen.

Herr Dr. Brstenfeger hatte zugehrt und war entzckt, er sagte sich:
Hamlet ist doch eigentlich nichts fr Kinder, aber wie hat sie gewut,
es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche
Seele!

Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Mrchen von Amlet erzhlt,
und hundertmal schon das Mrchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war
immer wieder eine neue Geschichte fr sie.

Carlos sagte: Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!

ber das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita
hatte nmlich, um ihre Gemter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund
aus umgestaltet und einen frhlichen Ausgang erdacht.

Nicols sagte: Beim Mrchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch
traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut
mir leid.

Tia Lolita besttigte das, und Herr Dr. Brstenfeger lchelte
nachsichtig und milde.

Es wurde zu Tische gelutet, nachher ging Herr Dr. Brstenfeger in seine
Kabine, um ein Mittagsschlfchen zu halten.

Carlos und Nicols spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten
sie sich, und sie mute sie suchen.

Carlos war schlau; er wute, da sie schwerlich auf Deck gehen wrde,
weil es in Strmen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine
Taurolle.

Nach seinem Mittagsschlfchen begab sich Herr Dr. Brstenfeger in den
Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schlielich oben
auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine
lange Angelrute in der Hand. Die gehrten dem Schiffskommissr. Sie
hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er
erlaube, da sie damit Fische fr das Abendessen fingen, war er beraus
erfreut darber gewesen; und nun saen Carlos und Nicols bereits
dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.

Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es
sei bei der schnellen Fahrt nicht gut mglich, Fische zu fangen, und der
Schiffskommissr, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte,
die Fische mten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitn, der
beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper.

Bei Tisch sahen Carlos und Nicols nach der Spitze, wo der Kapitn sa,
und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.

Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...

Wir werden gesattelt, sagte Carlos zu Nicols, als Herr Dr.
Brstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so msse es auch
ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zumen kamen.

brigens war es ungewi, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder
Nicols. Der Witz war alt, jeder nahm ihn fr sich in Anspruch, und sie
hatten sich manchmal ernstlich darber gestritten.

Auf Carlos' Vorschlag fhrten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der
Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in
beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben:

              Diesen Witz hat Carlos (oder Nicols) am 5.
              November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf
              einem Ritt nach Flores gemacht.

Es folgten dann beide Unterschriften.

Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der
andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als da er notiert
werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, spter, als
er bereits lngst vergessen schien, darauf zurckzukommen und fr sich
die Autorschaft zu beanspruchen. --

In Herrn Dr. Brstenfegers Kabine lag alles fein suberlich
nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die franzsische Grammatik,
zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte.

Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Franzsisch.

Drauen vor der Tr aber war Gerusch zu hren, ganz sicher stand dort
jemand und horchte.

Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Brstenfeger aber tat, als hre er
nichts. Er ffnete die Grammatik und las:

_Ma tangt a oublie song parabl_, und Carlos bersetzte: Meine Tante
hat ihren Regenschirm vergessen.

Herr Dr. Brstenfeger las: _Hannibal frangschi les Alp._

Carlos starrte nach der Tr. Er hrte kichern, ganz deutlich sah er ein
Auge durch das Schlsselloch.

Er wrgte und bersetzte: Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.

Herr Dr. Brstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen
Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung.

Er stand auf, ging entrstet nach der Tr und ffnete.

Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlpft war, ohne da Herr
Dr. Brstenfeger sie gesehen hatte.

Der Unterricht wurde fortgesetzt.

Zum Schlu kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.

Herr Dr. Brstenfeger ffnete die Luke, damit frische Luft herein kme,
und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein,
weil zu wenig Raum in der Kabine war.

Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der
Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert
war ...

In der Nacht schliefen Carlos und Nicols lange nicht ein vor Aufregung;
am Morgen wrden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff
daran vorbeigefahren. Auerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt
einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre
Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, da, wer Zeit htte: der
Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten,
Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wre, ans
Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicols mit dem Taschentuch winken
wollten.

Die Knaben baten den Kapitn, sich mglichst nahe an der Kste zu
halten, und gaben ihm den Grund an.

Der Kapitn, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht belgenommen
hatte, erklrte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei,
als er konnte.

Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der
Koch anwesend.

Carlos und Nicols waren ganz auer sich vor Freude, winkten und
schrieen, man konnte aber nichts verstehen.

In gestrecktem Galopp kam pltzlich Juan auf Carlos' Pony, das er ihm
fr die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.

Um zu zeigen, da er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere
mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem
dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstrmenden
Wildsau.

Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich ber Juan
zu rgern.

Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so! schrie er, sonst hau ich
dich!

Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hrte, und
zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte.

Die Passagiere aber lachten. --

Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa F hinter sich.

Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute
war ein schner, windstiller Tag.

Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf
langen Strohsthlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.

Auch Herr Dr. Brstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern sa, auch
rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von
denen er einen groen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie
dem Zoll vorzuenthalten.

Zwei Stunden spter hielt pltzlich das Schiff mit starkem Erbeben an,
die Schaufelrder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Glser und
sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Brstenfegers
Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank
aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglck geschehen.

Gegen Dmmerung kam ein groes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen
versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.

Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicols erwachten, war man bereits
wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das
Schiff flott gemacht.

Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf
einem Balkon sa ein schnes kleines Mdchen, fchelte sich mit einem
Papierfcher und kokettierte zu Carlos und Nicols herab. Carlos und
Nicols blieben stehen und lchelten hinauf, Herr Dr. Brstenfeger
drngte vorwrts; das schne kleine Mdchen klappte den Papierfcher zu
und lachte.

Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit
Militrbesatzung fuhr stromabwrts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen,
das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.

Carlos und Nicols hrten die Nachricht und waren trostlos, da ihr
Schiff so frh abgefahren war, so da sie sich nicht am Kampfe
beteiligen konnten. Es fiel ihnen pltzlich ein, da das kleine schne
Mdchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in groer
Lebensgefahr sein msse. Niemals wrden Carlos und Nicols erfahren, ob
sie tot sei, denn sie hatten die Strae, wo sie wohnte, vollstndig
vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr
erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie
waren erfllt von Traurigkeit.

Ganz in der Frhe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine
lange Brcke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und
Indianerinnen brachte Orangen an Bord in groen Krben, die sie auf den
Kpfen trugen.

Bis spt nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des
Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und
brachte den Duft herber.

Carlos und Nicols gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und
aen Orangen.

Der Kapitn sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.

Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden
es romantisch und abenteuerlich.

Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. --

Am Morgen nach dem Frhstck -- die Knaben saen im Ezimmer -- erscholl
pltzlich auf Deck Gewehrschieen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr
Dr. Brstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her.

Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer
sonnten.

Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zhlte man
bereits ber zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre Remingtons
heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun.

Karl und Nikolaus, rief streng Herr Dr. Brstenfeger, kommt zum
Unterricht herab!

Carlos begann zu weinen, Nicols war sehr niedergedrckt. Aber es half
nichts.

Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: _Aprs la
bataille de Marathon_ ...

Oben auf Deck aber krachte ein Schu nach dem andern.

_Aprs la bataille de Marathon_ ... heulte Carlos. Oh, Herr Dr.
Brstenfeger, lassen Sie uns hinauf!

Aber Herr Dr. Brstenfeger wehrte streng ab.

Er htte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine wrdigere
Sache gehandelt htte, aber er wollte nicht, da Carlos und Nicols
ihren Spa daran htten, da Tiere gettet werden.

Da ging die Tre auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.

Herr Dr. Brstenfeger, bat sie, lassen Sie die Knaben hinauf!

Herr Dr. Brstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend:
Mein gndiges Frulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein
gndiges Frulein ...!

Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurck.

Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er pltzlich sein
Buch zu und rief, whrend seine Stimme vor Beschmung bebte: Geht
hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf! --

Am Abend war man in Asuncion.




                                Paraguay


Nach dieser langen Flufahrt ist es ntig, da wir uns endlich einmal
grndlich Bewegung machen, sagte Herr Dr. Brstenfeger und nahm Carlos
und Nicols bei der Hand.

Und sie spazierten auf den Straen von Asuncion, der Stadt mit den
blendend weien Husern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den
bedeckten Galerien, in denen Hngematten hingen, und den breiten,
ungepflasterten Straen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der
Orangenblte erfllte die Stadt. Frauen, eingehllt in lange, weie
Tcher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krge auf den Kpfen.
In ihren Grtchen, unter Orangenbumen, lagen die Mnner, manchmal nur
mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.

Es ist dies ein paradiesisches Land, sagte der Lehrer, ohne Hast und
Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um
zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Frchten, die
diese gtige Erde ihnen spendet.

Der Weg fhrte sie am Markt vorbei.

Carlos und Nicols sahen zwei Affen je auf einem groen Krbis kauern.
Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saen um einen groen Kessel,
kauten Mais und spuckten ihn hinein.

Der Speichel bringt den Mais zum Gren, daraus wird Schnaps, sagte
Herr Dr. Brstenfeger und schttelte sich.

Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.

Wenn man nach Paraguay kme, sollten sie einen haben, hatte die Mama
gesagt.

Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen
Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin.

Sie wimmerten und kratzten sich.

Herr Dr. Brstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen! baten Carlos und
Nicols zugleich.

Herr Dr. Brstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte
sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.

Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.

Kaufen Sie uns einen Affen! wiederholten die Knaben.

Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.

Carlos und Nicols waren sich nicht einig in der Wahl; schlielich
einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand sa, und der Lehrer
gab seine Einwilligung.

Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehrte, in die Hhe
hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich
beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen.

Sie wuten es von manchen Vorgngern, da es galt, Abschied zu nehmen.

Arme Affen! sagten Carlos und Nicols.

Auch Herr Dr. Brstenfeger war voller Mitleid.

Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.

Kaufen Sie beide! baten die Knaben.

Herr Dr. Brstenfeger rang mit sich.

Es wre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen! entschied er
endlich.

Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige
Minuten spter zogen sie heim, Carlos und Nicols rechts und links von
Herrn Dr. Brstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. --

Zwei Tage spter fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein
Ritt von fnf Stunden.

Zum erstenmal in seinem Leben mute sich Herr Dr. Brstenfeger
entschlieen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein
einziger Wagen aufzutreiben. Sie htten kaum fortkommen knnen auf der
weichen, lockeren Erde der Wege.

Da der Tag zu hei war, entschlo man sich, nachts zu reisen.

Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender
Dmmerung anzukommen.

Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, da Herr Dr.
Brstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die brigen
ritten voraus. Carlos und Nicols ritten neben ihrem Lehrer und waren
beschftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewhnlich
aber ging es im Schritt, da der Weg zum grten Teil durch Urwlder
fhrte. --

Die Kolonie Trinidad war von Urwldern umgeben, nachts drang von dort
das Geschrei der Brllaffen herber.

Der grte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und
Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.

Sie waren zusammengewrfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hrte
smtliche Dialekte nebeneinander.

Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen:
verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um
die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich
alte Semester und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es
wimmelte in Trinidad von Wirtshusern. Des Tages aen sie Orangen,
Bananen und Mandioca, das kostete wenig.

Alle Einwohner lebten in Ha und Hader miteinander.

Ging Herr Dr. Brstenfeger mit Carlos und Nicols im Dorfe spazieren,
widerhallten seine Ohren von bswilligem Klatsche.

Der Bcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster
ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Brstenfeger frei war,
redete er schmhlich ber den Bcker, der Tischler folgte und erzhlte
Ruchloses von der Frau des Bienenzchters.

Und ganz so war es auch mit den rzten, Richtern und Advokaten bestellt.

Anfangs lie Herr Dr. Brstenfeger wortlos den Schwall ber sich
ergehen. Dann aber wehrte er mit den Hnden ab und floh nach dem Urwald.

Aber als er nach Hause zurckkehrte, umging er das Dorf. --

Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicols erlaubt, allein
auszureiten. Herr Dr. Brstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher
war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.

Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten
die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.

Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas
in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine
Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern
so, da die Sonne breit hineinfluten konnte.

Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war,
stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf
ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine
Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Gerusche und die
Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.

Carlos trumte, er jage hinter Strauen, dann trumte er, da er mit den
wilden Tobasindianern kmpfe. Pltzlich erwachte er. Er rieb sich die
Augen, und es war seltsam, was er eben getrumt hatte, sah er deutlich
aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die ber dem Horizonte
lagerten, und je lnger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild.
Er schlo die Augen und sah es langsam vergehen, er ffnete sie, und das
Bild schwebte ber dem Horizonte. --

Eines Tages, als Carlos und Nicols in den Urwald ausritten, begegneten
sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine groe bunte Schlange, die er
eben gettet hatte, auf einem Stocke.

Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen
wollte.

Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm
eine Satteldecke dafr.

Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.

Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Kpfe abschlugen, und
fllten sie mit Spiritus.

Einen Teil ihrer Muestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen
aufzustbern, die sie tteten, in die Flaschen taten und sorgfltig in
ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wuten, welchen Abscheu Herr
Dr. Brstenfeger vor diesen Reptilien hatte.

Aber das Unglck wollte es, da einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr.
Brstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts
Kammer.

Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr bla und sagte: Karl und
Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrbt!

Carlos und Nicols gelobten ihm unter Trnen, nie mehr eine Schlange zu
fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu drfen, da sie ja tot
seien und dabei so wunderbar schne Tiere.

Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Brstenfeger wieder ein
Gefhl des Grausens. Mit groem Nachdruck erwiderte er: Da ihr nie
mehr welche fangen werdet, wei ich -- im brigen habe ich euch nichts
mehr zu sagen!

Damit entfernte er sich.

Seine Unterhaltung mit den Knaben beschrnkte sich von nun an auf das
Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, da die
Schlangen noch immer im Schrank seien.

In der Schule sagte er mit hchst betrbtem Tonfall: Jetzt gehen wir
zum Kopfrechnen ber, oder Karl, schlag deine Grammatik auf!

Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicols es nicht mehr ertragen
konnten und die Schlangen vergruben.

Herr Dr. Brstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends
aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr
Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtku. --

Eines Vormittags whrend der groen Pause saen Carlos und Nicols
rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.

Carlos hatte ihr die Zpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern
gelegt, da auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel
schner als gewhnlich und nannte sie Genovefa.

Du siehst wie Sneewittchen aus, sagte Nicols, das war die schnste
Knigstochter.

Tia Lolita lachte: Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar
war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!

Aber der Gnsemagd gleichst du, meinte er.

Herr Dr. Brstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita
an.

Mit einer Gnsemagd vergleicht Nicols mich, was meinen Sie dazu, Herr
Dr. Brstenfeger? sagte sie und stellte sich gekrnkt.

Oh, oh! meinte Herr Dr. Brstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er
schien verwirrt.

Nicols war gergert: Ich meine doch nicht eine gewhnliche Gnsemagd,
sondern die Gnsemagd, die in Wirklichkeit eine Knigstochter war, ihr
Haar war eitel Gold, und sie mute mit Kurtchen die Gnse hten.

Mit dieser Erklrung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicols einen
Ku, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.

Herr Dr. Brstenfeger machte ganz unwillkrlich eine rasche Bewegung und
ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans
Klavier und phantasierte.

Tia Lolita und Carlos und Nicols lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.

Carlos sagte: Wie schn spielt doch Herr Dr. Brstenfeger!

Sehr schn spielt er, antwortete sie aufrichtig. --

Einige Tage spter hatten die Landbewohner Tanz weiter drauen unter
einem uralten Baum.

Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu.

Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten
feine, schmale Gesichter und groe, dunkle Augen. Die dicken
Haarflechten fielen auf die braunen nackten Schultern. Sie trugen weie
Leinenhemden und weie Sommerrcke, eine Korallenkette um den Hals und
smtliche Finger mit Ringen geschmckt.

Der Duft der Orangenblte wehte herber.

Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Brstenfeger. In einem Anfall von
Laune lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos.

Herr Dr. Brstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen.

Wollen wir auch einmal tanzen! sagte sie.

Ja, ja ...! stammelte Herr Dr. Brstenfeger; er wute selbst nicht
recht, was er sagte.

Und sie tanzten. --

Als Carlos und Nicols im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr.
Brstenfeger nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte
leise etwas vor sich hin.

Pltzlich blieb er stehen, schlug die Hnde vors Gesicht und schluchzte:
Ich liebe dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner
ganzen Seele!

Carlos und Nicols hrten das, und maloses Erstaunen ergriff sie.

Sie saen sprachlos auf ihren Sthlen und konnten es lange nicht fassen.

... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr.
Brstenfeger!!

Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfllt, waren aber weit entfernt,
den Umfang seines Schmerzes zu ehren.

Tia Lolita wrde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schlo ziehen
und die schnste Knigin der Welt werden. Niemals wrde sie Herrn Dr.
Brstenfeger heiraten! ...

Am nchsten Tag whrend des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er
hrte kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicols gaben.

Ein dunkles Gefhl sagte ihnen, er wisse, da sie den Prinzen heiraten
werde, und darber sei er so traurig.

Abends bei anbrechender Dunkelheit saen sie mit Tia Lolita in ihrem
Zimmer am offenen Fenster.

Wirst du den Prinzen heiraten? fragte Carlos.

Gewi߫, antwortete sie.

Armer Herr Dr. Brstenfeger!

Tia Lolita lachte.

Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzhlt. Anfangs
war sie betroffen gewesen und dann aufs hchste belustigt.

Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Brstenfeger daher.

Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hnde, wie im
Selbstgesprch.

Er ging zur Bank und setzte sich.

Ganz deutlich hrten sie, wie er leise sagte: Lolita!

Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Brstenfeger vorging; aber ein
Mitleid ergriff ihn, unbestimmt, doch bergewaltig.

Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Brstenfeger
entgegen: Armer Herr Dr. Brstenfeger!

Aufs hchste betroffen, sah ihn der Lehrer an.

Armer Herr Dr. Brstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!

Oben am Fenster war Bewegung.

Herr Dr. Brstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen.

Da erkannte er, da er belauscht worden war, und erhob sich jh, whrend
ihm das Blut ins Gesicht strmte.

Dann aber fiel er zurck, lie den Kopf sinken und begann zu schluchzen,
aufgelst in wahnsinnige Beschmung.

Carlos stand da, sah ihn an und begriff das groe Rtsel nicht.

Pltzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen
aus.

Aus den Urwldern aber ertnte laut das Konzert der Brllaffen.




                             Die Revolution


Ein paar Jahre waren vergangen.

Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert
wurde.

In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicols mit Herrn Dr. Brstenfeger
nach Europa reisen.

Carlos wurde nchstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so
weit, da sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und
es war dafr eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.

Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicols, das war endlich einmal eine
weite Reise. bers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man
sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch,
man strandete auf einer einsamen Insel und nhrte sich von Grsern und
Krutern, bis die Vorrte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam
ein Schiff vorbei, Carlos und Nicols wrden die Hemden ausziehen und
damit winken, und dann wrden sie endlich nach Europa kommen und eine
herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.

In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den
Straen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die groen
Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in
Karriere ging es ber Berge und Tler und durch den Wald. Oft verfolgten
sie Wlfe.

In der Schule war es schn. Man ging mit einem Tornister auf dem Rcken
dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mute man sich von zu Hause
mitnehmen.

Die Schule fand in einem groen Saale statt, darin wimmelte es von
Schlern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder
wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule
hatte, war man lange nicht so ehrgeizig.

So war es in Europa! Carlos und Nicols wuten es, obgleich Herr Dr.
Brstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. --

Heute aber saen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten
eine Liste auf von den Knaben und Mdchen, die sie fr bermorgen
einladen wollten, zu Carlos' Geburtstag.

Carlos wollte, da auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge
in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz
als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlchtereien in Barracas
war.

Herr Dr. Brstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so
verlieen denn die drei das Haus, ohne da Carlos' Wunsch willfahrt
worden wre, um die Einladungen zu besorgen.

Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.

Sie wurden zum lteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war
und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.

Er sa vor einem groen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen,
schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, da sein
kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos'
Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf.

Im Sagnan begegneten Herr Dr. Brstenfeger und die Knaben der Mama,
einer Dame aus den nrdlichen Provinzen mit mattem Teint und groen,
sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Ku und besttigte die
Erlaubnis.

An Carlos' Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frhe. Im
Dmmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.

Nicols wurde ebenfalls zu Carlos' Geburtstag beschenkt, weil der seine
kurz nach Weihnachten fiel.

Auf einer groen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn
Dr. Brstenfeger.

Nachdem sie von den brigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten,
eilte Carlos im Hemd nach der Kche und holte ein Brecheisen, um die
Kiste zu ffnen.

Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste
einnahm. Als sie diese ffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin,
und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern
zusammengeknlltes Zeitungspapier.

Wie sie bereits verzagen wollten, stieen sie auf einen groen Zettel,
auf dem zu lesen stand:

   Diese Kiste mit allem, was darin ist,
   nennt man bei uns einen Julklapp.

Unzufrieden mit dieser Erklrung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung
weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schne
Bcher als Geschenk, in die Herr Dr. Brstenfeger eine herzliche Widmung
geschrieben hatte.

Carlos und Nicols zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch
ganz still im Hause.

Auch drauen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein
Bckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Strae herab.

Carlos und Nicols hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden
ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten ber
den groen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die
Schlacht begann.

Unten auf der Strae aber ertnte gedmpfter Trommelschlag, die Knaben
sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorber.

Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren
aufgestanden.

An der Straenecke stand ein Trupp Leute, ein Stck weiter wieder einer.

Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen
Neugierigen gefolgt.

Immer noch fuhren die Tramways nicht ...

Herr Dr. Brstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglckwnschte
Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten fr das schne Geschenk;
darauf gingen sie ins Ezimmer, um zu frhstcken.

Auf dem Gang hrten sie die Kchin laut und aufgeregt sprechen.

Herr Dr. Brstenfeger stand auf, um zu hren, was geschehen war.

Ganz aufgelst erzhlte sie, man htte sie nicht auf den Markt gelangen
lassen, die Plaza sei mit Militr besetzt, Kanonen stnden dort, das
Pflaster sei ausgehoben.

Revolution! sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.

Waas ...! entgegnete Herr Dr. Brstenfeger.

Das ist die Revolution! riefen Carlos und Nicols und strmten nach
dem Balkon.

Auf der Plaza aber krachte eine Salve, da die Fenster klirrten; das war
der Beginn. --

Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Brstenfeger sich von seinem
ersten groen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter
seine Obhut.

Die Revolution, die Revolution! schrieen Carlos und Nicols und waren
ganz auer sich.

Herr Dr. Brstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und fate sie dann
streng an beide Hnde.

Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu
schlieen.

Um nun kmmerlich sehen zu knnen, was auf der eigenen Strae geschah,
mute man auf Sthle steigen.

Von Zeit zu Zeit ertnte von der nahen Plaza wieder eine Salve.

Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden;
Brger stiegen bewaffnet auf die flachen Dcher ihrer Huser, aus
Fenstern und Balkonen wurde geschossen.

Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmhlich berall still.

Losgelste Rotten durchzogen schreiend die Straen.

Man verriegelte die Huser, um sich gegen Einbrecher zu schtzen.

Auch bei Carlos und Nicols wurde das Tor sorgfltig geschlossen, und
Herr Dr. Brstenfeger ging hinunter, um sich davon zu berzeugen. --

Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange
ber die Lage.

Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der
Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse
berichteten.

Herr Dr. Brstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darber
gesprochen, und Carlos und Nicols versuchten, sich davon ein Bild zu
machen: sie waren sich klar, der Prsident hatte viel gestohlen, und wer
ein guter Argentinier war, mute Revolution machen.

Gewi wollten Carlos und Nicols sich Mhe geben, gute Deutsche zu sein,
aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben.

Weit du was! sagte Carlos. Sollte der Prsident daran sein, zu
gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere
Freunde mssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den
Prsidenten schlagen.

Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...

Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes
Schieen geweckt. Auch auf nahen Straen scho man.

Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Strae mit aufgepflanztem
Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag.

Gleich wrden sie dort sein. Carlos und Nicols erschauerten.

Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen bertnende Salve
erfolgte.

Das war der Empfang.

Mein Gott! sagte Herr Dr. Brstenfeger und entfrbte sich.

Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorber, mit Sten von
Flugblttern beladen.

Sie trmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.

Dabei brllten sie: _Viva la revolucion!_

_Viva la revolucion!_ schrien Carlos und Nicols, von Begeisterung
ergriffen.

Schweigt, um Himmels willen, rief Herr Dr. Brstenfeger; enthaltet
euch jeder Meinungsuerung!

Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise sdlich von
Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionren zu Hilfe.

Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.

Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Kche
geflchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit
vom Hause geplatzt.

Die Eltern, Carlos und Nicols und Herr Dr. Brstenfeger saen zusammen
im Ezimmer.

Recht tricht, meinte der Papa, jetzt gilt ja Freund und Feind
gleich.

Bberei! hauchte Herr Dr. Brstenfeger, er war kreidebleich.

Wenn wir aufs Dach stiegen, knnten wir alles sehen, sagte Carlos zu
Nicols.

Niemand hatte es gehrt. Die Mama stand bei der Tr, Herr Dr.
Brstenfeger war ganz aufgelst, der Papa sprach ber die Aussichten der
Revolution.

Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.

Die fnf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in
Schlachtlinie.

Sie schossen abwechselnd.

Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorbersaust? sagte Carlos zu
Nicols, wenn eine Bombe vorbeiflog.

... Pltzlich stand Herr Dr. Brstenfeger neben ihnen.

Karl und Nikol...! mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im
Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hnde waren wie
Schraubstcke.

Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte
sie zu Papa und Mama.

Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Brstenfeger die Hnde der Knaben
erfat.

Das Bombardement dauerte fort.

Herr Dr. Brstenfeger, flehten sie, lassen Sie unsere Hnde los!

Nein, sagte er.

Wir bitten Sie, Herr Dr. Brstenfeger!

Er lie sie los.

Wir mchten ins Spielzimmer, sagten sie und standen auf.

Herr Dr. Brstenfeger folgte ihnen.

Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten
Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaen sich
ganz und rckten einander auf den Leib.

Haltet ein! rief Herr Dr. Brstenfeger und ergriff sie bei den Armen.
Dann legte er seine Hnde auf ihre Schultern und sagte emphatisch: Karl
und Nikolaus! und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach
drauen, euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, da
ihr nicht werdet, wie jene bbischen ... dort ...

Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, da die
Scheiben barsten.

Carlos und Nicols aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster,
rissen es auf und sahen einige Huser weiter eine groe rote Wolke
Ziegelstaubes aufsteigen -- dort, wo die Bombe geplatzt war ...

Was in den nchsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicols
nicht.

Herr Dr. Brstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten
auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos.

Sie sahen nicht, wie der ltere Bruder ihres Freundes, der
zwanzigjhrige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Huptern der
Revolution gehrte, von vier bewaffneten jungen Brgern auf einer Bahre
am Hause vorbeigetragen wurde.

Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man
brachte ihn, weil er es wnschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er wrde
wohl heute noch sterben.

Sie hrten nur das Sausen und Krachen der Bomben.

Herr Dr. Brstenfeger aber sa, ohne da die Knaben es wuten, drauen
bei der Tr.

Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefhrlichen Stunden, kein
Vorwurf sollte ihn treffen ...

Gegen Abend hrte das Bombardement auf, und auch auf Pltzen und Straen
wurde es ruhiger.

Herr Dr. Brstenfeger entlie sie aus ihrer Haft.

Als sie einige Augenblicke spter im Ezimmer auf den Sthlen standen
und auf die Strae herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren.
Leichen von Soldaten, Polizisten und Brgern lagen darauf gehuft.

Nicols wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da
sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch
Verwundete darunter.

Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub
sein Gesicht in die Kissen.

Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Prsident siegen
sollte, hatten sie jetzt pltzlich ganz fallen gelassen ...

Als sie nachts im Bett lagen -- sie konnten lange vor Aufregung nicht
einschlafen --, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustr, es war
gegen zwlf Uhr.

Carlos fuhr auf.

ffnen, ffnen, um Gottes willen, ffnen! rief jemand unten.

Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Brstenfegers Zimmer.

Herr Dr. Brstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!

Der Hauslehrer sa aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und
antwortete nicht.

Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:

An der Haustr klopft jemand und bittet _por el amor de Dios_, da man
ihn hereinlt!

Der Papa stand auf und ging ans Fenster.

Unten stand ein Polizist, ber und ber mit Kot bedeckt, ganz verstrt.

Der Papa schlpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.

Drauen war Herr Dr. Brstenfeger.

Wir mssen ihm ffnen! meinte der Lehrer dster.

Beide gingen, von Carlos und Nicols gefolgt, hinunter.

Der Polizist trat schnell in die geffnete Tr, sein linker Arm blutete.

Er hatte einen Streifschu bekommen.

Man fhrte ihn in die Kche, weckte den Diener und verband seinen Arm.

Armer Gallego! dachten Carlos und Nicols, von Mitleid erfllt.

Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen
Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben muten.

Man schiet auf uns, von den Dchern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen
ttet man uns, ich bin der letzte der Patrouille! sagte er.

Sein angstverstrtes Gesicht war auf Herrn Dr. Brstenfeger gerichtet.

Er bat, man mchte ihm die glnzenden Knpfe seiner Uniform abschneiden,
damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.

Carlos und Nicols holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich
sofort daran.

Legen Sie auch Ihr Kppi ab, sagte Nicols, und setzen Sie einen
alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!

Der Polizist sah Nicols einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser
Vorschlag ein.

Dann aber meinte er klglich: Nein, das geht doch nicht ... ich darf
nicht ... die Knpfe hchstens.

Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Glser.

Nach einer halben Stunde aber sagte er, er msse fort, er drfe nicht
lnger bleiben.

Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des
Weines, die durchwachten Nchte und die Angst.

Der Diener begleitete ihn hinunter und ffnete ihm.

Nicols sagte: Armer Polizist, ich habe so groe Furcht, da man ihn
ttet.

Er aber huschte an den Husern entlang, sah manchmal verstohlen in die
Hhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die
Straenecke ...

Als Carlos und Nicols am Morgen erwachten, hrten sie unten auf der
Strae die Trambahn fahren, der Kutscher stie in sein Horn, es waren
die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren
kleinen dickbuchigen Pferden ritten die Milchmnner. Man hrte das
Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.

Carlos ffnete das Fenster.

Nicols, rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, die Revolution
ist zu Ende, glaube ich! ...

Wir haben Frieden, sagte Herr Dr. Brstenfeger, als die Knaben zum
Frhstck erschienen. Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus,
jetzt drft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!

In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien:
Fort ist sie, fort ist die Canaille!

Damit war der Prsident gemeint, er war gestrzt; gestern war er fort
nach Paris mit einigen Millionen.

Fort ist sie, fort ist die Canaille! Der Jubel griff um sich, alles
Volk stimmte mit ein.

Acht Tage spter reisten Carlos und Nicols nach Europa ...

Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.

Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu
verlngern.

Der Papa aber wrde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.

Sie weinte, Carlos und Nicols weinten.

Nicht wahr, du besuchst uns bald! Nicols hielt die Mama umarmt.

In einem Jahr reise ich hinber, schluchzte sie.

Pltzlich begann Carlos laut zu heulen: Ich will nicht nach Europa, ich
will bei dir bleiben!

Und Nicols heulte: Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir
bleiben!

Drauen aber stand Herr Dr. Brstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der
Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.

Eine Viertelstunde spter fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.

Carlos wandte sich dreimal schnell nach der groen Holzflasche um und
dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...

Auf der Landungsbrcke wartete der Papa.

Die Knaben fielen ihm um den Hals: Nicht wahr, bis nach Montevideo
begleitest du uns ...?!

Ja, meine lieben Jungens, sagte er und wischte sich eine Trne ab, die
ihm ber die Backe lief.




                           Carlos und Nicols
                             auf dem Meere




                          Auf dem groen Meer


Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und
Nicols standen mit Herrn Dr. Brstenfeger hinten auf Deck.

Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren
sie auf dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfllte,
mischte sich die freudige Erwartung noch nie gesehener, vielleicht
unerhrter Dinge.

Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im
Anzuge sei.

Gott sei Dank nein! antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich
auf morgen vertrsteten.

Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicols war das
obere zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenberliegende Luke
gerade aufs Meer sehen.

Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die
unfehlbar Sturm verkndete, hatte er seinen Bruder zu wecken.

Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken
frhlichen Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden.

Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht
seine Reverenz machte.

Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und
verdaute.

Seid ihr noch nicht seekrank, Swasserratten! sprach er Carlos und
Nicols an.

Wir sind keine Swasserratten, antwortete Carlos und zeigte nach
seiner Matrosenmtze, worauf der Name eines groen franzsischen Panzers
stand, und vor dem Sturm frchten wir uns auch nicht!

Bravo! rief der frhliche Priester.

Darauf erzhlten sie ihm, da sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr.
Brstenfeger, nach einem schnen Stdtchen in Deutschland reisten, das
Mufflingen hiee, um in die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel
und eine Tante von ihnen. Sie selbst zwar seien aus Buenos Aires und
daher Argentinier, aber zugleich auch Deutsche, weil ihr Vater ein
Deutscher sei.

Der frhliche Priester antwortete: Wenn ihr in Argentinien geboren
seid, so seid ihr Argentinier, und verget ihr das, seid ihr keine
braven Kerle!

Wir bleiben gute Argentinier! antworteten ein wenig gereizt beide
Knaben.

Das ist gut! meinte zufriedengestellt der Priester.

Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen
fahlen Gesicht und einer fahlen Glatze.

Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam dster hatte er vor
sich hingeschaut und manchmal ganz absonderlich gelchelt.

Jetzt machte er Carlos und Nicols heimlich Winke, die sie aber nicht
gleich verstanden. Schlielich begriffen sie, da sie zu ihm hinber
sollten, und, wie es schien, in einer sehr dringlichen Angelegenheit.

Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie mglichst
unauffllig.

Das ist ein schwarzer Pfaffe, sprach leise und finster der Herr mit
der fahlen Glatze und zeigte auf den frhlichen Priester, der mit
geschlossenen Augen wieder seine Verdauung pflegte. Gebt euch nicht mit
ihm ab, schwarze Pfaffen bringen Unglck. Ich wrde wieder an Land
gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mnche mit weien Kutten an Bord
wren.

Darauf erzhlte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines
Schiffunterganges, von Menschen, die verzweifelt mit den
sturmgepeitschten Wellen ringen, sprach vom Nachlassen ihrer Krfte, dem
vlligen Ermatten und der Drangsal des Ertrinkens, sprach vom Hai und
beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. Wehe denen, die in seinen
grausigen Rachen gerieten! Er lie krachende Knochen hren und
herzzerreiende Aufschreie und schlo seine Schilderung mit dem Bild
eines oben am hchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des
zuckenden Blitzes.

Und dabei rieb er sich die Hnde und lachte unheimlich, als bereiteten
ihm diese Vorstellungen ein unsgliches Vergngen.

Carlos und Nicols aber berlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht
mehr nach dem Sturm.

Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicols voller Angst
nach dem Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkndende Wolke
zeige.

Am nchsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff
betrchtlich. Ein wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die
Erzhlung des Herrn mit der Glatze noch nicht vergessen.

Durch die Luke sahen sie, da das Meer nun blau statt grn, die Wellen
aber nicht viel hher waren als gestern, und das enttuschte sie wieder,
denn sie muten lngst auf offenem Ozeane sein.

Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie lieen die Blicke nach
allen Richtungen schweifen, doch berall sahen sie nur Himmel und
Wasser.

Carlos und Nicols schpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte:
Es ist doch schn, das groe Meer!

Bald darauf fiel ihnen ein, da sie eigentlich auch zu Herrn Dr.
Brstenfeger mten; berdies klingelte es schon zum Frhstck.

Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich.

Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus, sagte er, mein Magen ist
wieder einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frhstck; ich
werde gleich folgen.

Im Ezimmer sa bereits der frhliche Priester vor einer Tasse
Schokolade. Er war erstaunt, Carlos und Nicols so frh munter und immer
noch nicht seekrank zu sehen.

Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der
Glatze. Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmtiges
Gesicht sahen, verging ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht
recht, da er ihnen gefhrlich sein knnte, nur darum, weil er ein
schwarzes Gewand trug.

Der frhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und
sagte: Nun, Jungens, setzt euch neben mich!

Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten.

Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den
Vorschlag, nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom.
Er werde sie dort dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon
wrde ganz sicher Nicols ein Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden.

Was ein Erzbischof sei, wuten ungefhr die Knaben; aber unter einem
Kardinal verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube.
Davon hatten sie viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen.
Aber das zu sein bedankte sich Carlos lebhaft.

Der Priester erklrte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein
mchtiger Kirchenfrst, der brigens auch eine rote Haube trage. Darauf
behauptete er, in Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und
der Grotrke sei dort Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen
die Ohren ab und mache sich daraus einen trkischen Salat.

Carlos und Nicols merkten nun, da der frhliche Priester Witze machte,
und lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr
wahrscheinlich hatte er gestern auch nur Witze gemacht.

Inzwischen erschienen die brigen Passagiere; auch der Herr mit der
Glatze. Ganz zum Schlu kam Herr Dr. Brstenfeger. Von den Damen war
keine einzige da.

Die werden jetzt schon seekrank sein, meinte der Priester.

Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf dstere
Blicke auf die Knaben.

Carlos und Nicols glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Spen fort,
grten ihn und lachten.

Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte
sie wieder ganz.

Herr Dr. Brstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicols und
schenkte sich und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe
nichts. Weder Kuchen noch Brot berhrte er; dabei aber schien er in
einemfort seltsam zu schlucken.

Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre
Gewohnheit war, hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei
der schaukelnden Bewegung des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht
sehr aufnahmefhig.

Der frhliche Priester, der Herrn Dr. Brstenfeger gegenbersa, sah ihn
einige Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu.

Carlos und Nicols schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als
vorher; es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten groes Mitleid
mit ihm, aber zugleich dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine
Schule!

Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Brstenfeger aufstand und
sagte: Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!

Ach diese Schiffsgerche! seufzte er auf der Treppe und blieb eine
Zeitlang stehen.

Es riecht nur nach Teer, meinte Nicols.

Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicols nahmen es sofort
in Beschlag.

Herr Dr. Brstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und
ab.

Nun stieg eine Dame aus einem Stdtchen in Patagonien die Treppe hinauf.
Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war
gelbgrn.

Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nhe von
Carlos und Nicols befand, blieb pltzlich stehen, blickte zu Boden,
chzte, ging dann einige Schritte nach der Seite und beugte sich ber
die Reling.

Herr Dr. Brstenfeger sah sie, und Schweitropfen perlten auf seiner
bleichen Stirn. Er machte kehrt und verfgte sich schnell nach der
anderen Seite des Decks.

Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer
Haarstrhne ber der Stirn.

Karl und Nikolaus, sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, ich
gehe in meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug
und besucht mich bald!

Damit entfernte er sich.

Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze
in Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und
eine Reisemtze mit einem groen weien Hornschirm.

Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf
ihn ein. Der Herr mit der Reisemtze wiegte den Kopf und zuckte die
Achseln; schlielich gab er ihm einen Klaps auf die Schulter und machte
sich lachend von ihm los. Er ging auf die seekranke Dame zu und
streichelte ihr teilnehmend die Wange.

Sie sthnte leise und schlo die Augen.

Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten.

Carlos und Nicols hrten, wie er eindringlich von einem schweren
Kesselschaden auf einer frheren Reise sprach und sich dann in dstere
Mutmaungen ber die Lombardia erging.

Die seekranke Dame ffnete langsam ihre groen leeren Augen, schlo sie
wieder und hauchte: Mir ist jetzt alles gleich.

Der Herr mit der Reisemtze jedoch rief: Um Himmels willen, wissen Sie
denn immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben
einem ja die ganze Reisefreude!

Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige! rief der
Herr mit der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelchter erschallen
lie.

Der Herr macht keine Spe, sagte Carlos leise und erschrocken zu
seinem Bruder.

Nein, er macht keine Spe, antwortete Nicols.

Beide sehnten sich jetzt nach dem frhlichen Priester, weil er so lustig
war, und sie gingen ihn suchen.

Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief.

Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits
langweilte, gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen.

Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken;
Leute aus allen mglichen Nationen.

Sie standen umher, saen auf Kisten und Scken oder lagen auf der Erde
ausgestreckt mit einem Bndel als Kopfkissen. Manche waren seekrank;
einige hatten sich bergeben, auf dem Platze, wo sie waren.

Im groen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang,
es wurde Gitarre gespielt. --

Kurz vor dem zweiten Frhstck gingen die Knaben zu ihrem Lehrer.

Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem
Boden stand ein Blechkbel.

Sein Aussehen war bejammernswert.

Karl und Nikolaus, ist euch wohl? fragte Herr Dr. Brstenfeger mit
matter Stimme, indem er sich langsam aufrichtete.

Ja, antworteten Carlos und Nicols zgernd, denn im Netze auf Armweite
von ihm sahen sie einen Sto Hefte.

Das ist gut, fuhr er fort, denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich
bin fr heute nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben. Er fate
sich an die Stirn und schwieg einige Sekunden. Damit ihr nun die Zeit
nicht zwecklos verbringt, nehmt diese Hefte und seht sie durch, es sind
alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord behandeln werden.

Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem
Netz, ergriff die Hefte und streckte sie ihnen hin.

Eine Weile sa er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte
er sich rasch ber sein Bett und bergab sich in den Kbel.

Carlos und Nicols verlieen ihn hchst mimutig.

Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei! sagte drauen
Carlos.

Wren wir etwas lnger in seiner Kabine geblieben, wrden wir auch
seekrank geworden sein, und wir htten frei, antwortete Nicols.

Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Ttigkeit beginnen wollten,
und beschlossen, sie fr einstweilen aufzuschieben.

Bald nachher ertnte die Glocke zum zweiten Frhstck.

Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu
gehen. Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schsseln, die ihnen
nicht schmeckten, weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt
ausgiebigen Gebrauch davon. Dafr aen sie dreimal Torte und auch
Bananen und Orangen nach Herzenslust.

Herr Dr. Brstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine.

Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob
sie auch fleiig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid.

Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers weit
ruhiger und regelmiger.

Herr Dr. Brstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf
Deck und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner
Kabine. Von Zeit zu Zeit waren ber ihren Kpfen in regelmigen
Abstnden schwere Schritte hrbar.

Whrend Carlos mhselig und weinerlich die dritte lateinische
Deklination hersagte, dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der
keine Schule hat!

Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu
erfahren, wer es sei.

Es war der frhliche Priester, der ein lustiges Lied trllernd seinen
Vormittagsspaziergang machte.

Meinen Appetitsspaziergang fr den Lunch, erklrte er. Darauf stellte
er fest, da er heute bereits drei Meilen gegangen sei.

Nachmittags hatten Carlos und Nicols nochmals Unterricht. Den Rest der
Zeit verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des
Priesters.

Abends nach Tisch hrten Carlos und Nicols den Schiffsarzt ber den
Herrn mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer
Handlungsreisender in Konserven, ein harmloser Herr, der seine
phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst.

So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der frhliche Priester a mit
Appetit, der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner dsteren Freude an
allem Ungemach, und Herr Dr. Brstenfeger gab seinen Unterricht, aber
jetzt auf Deck, weil die Hitze in der Kabine zu drckend wurde.




                           In der Bai von Rio


Am fnften Tage frhmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein.
Der Himmel war heiter, die Luft schwl.

Herr Dr. Brstenfeger stand mit Carlos und Nicols auf Deck.

Er rief begeistert aus: Unsglich lang habe ich mich auf diesen Anblick
gefreut, Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! --
Bai von Rio de Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den
hehrsten Reisenden aller Nationen, sei mir gegrt!

Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er:
Schaut hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort
Santa Cruz und links den weltberhmten Zuckerhut -- Pao d'Azuka. Der
Meerbusen -- gerade fahren wir hinein -- ist einer der inselreichsten
der Welt und hat die erstaunliche Breite von mehr als zwanzig Kilometer!
-- Betrachtet diese Hgel, diese Berge! Noch sind wir ihnen freilich zu
fern, als da wir uns ein Bild machen knnten ihrer ber alle Begriffe
gttlichen Vegetation!

Seht, rief er nach einer Weile, nun die Stadt selbst!

Eine Zeitlang geno er schweigend ihren Anblick: Wahrhaftig, man sollte
glauben, nur glcklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes
lodernder Schnheit willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich
abgrundtief der Fluch des Schpfers. Eine lautlose, gespenstische
Schlacht wird hier zum groen Teil des Jahres geschlagen, ich meine das
Wten des frchterlichen gelben Fiebers, das die Dnste dieser nur zu
freigiebigen Erde nhren. Die gnstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus,
bewahrt uns davor.

Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und
erstaunt sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe
Kruste.

Ich beschwre Sie und jedermann im Interesse von uns allen, wandte er
sich an Herrn Dr. Brstenfeger, gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich
nicht das schreckliche Fieber auf, hren Sie vielmehr auf meinen
instndigen Rat: Nehmen Sie um Himmels willen Schwefel ein oder
bestreuen Sie sich damit. Er zeigte auf seine Glatze. Es ist das
einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. Was mich betrifft,
ich schliee mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten
Ort weit hinter uns haben!

Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand.

Kopfschttelnd sah ihm Herr Dr. Brstenfeger nach. Dann meinte er: Karl
und Nikolaus, ich mu schlechterdings annehmen, da dieser Herr sich mit
seinem seltsamen Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres
Mittel wird freilich hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,
und nun lchelte Herr Dr. Brstenfeger, da durch bloes Bestreichen
des Kopfes bei Fieberanlssen irgendwelche Wirkung erzielt wird, obwohl,
ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.

Herr Dr. Brstenfeger schttelte den Kopf und lchelte noch lange.

Pltzlich rief Carlos erfreut: Nicht wahr, Herr Dr. Brstenfeger, wenn
Sie, ich, Nicols und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann
wren wir ja alle miteinander eine Schwefelbande?!

Karl, antwortete Herr Dr. Brstenfeger, ich bitte dich, la mich
wenigstens aus dem Spiel bei deinen recht trichten, wirklich bel
angebrachten Witzen!

Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker.

Als der kleine Dampfer der Sanitt das Schiff verlassen hatte, fuhren
Barken und Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas,
Kokosnssen und Kfigen mit kreischenden bunten Vgeln.

Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten.

Sofort hatten Carlos und Nicols sie gesehen. Die beiden Affen waren
ganz so wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten.

Weil sie ihnen mit der Zeit lstig geworden waren, hatten sie die Knaben
in Buenos Aires einem Straenjungen fr einen Drachen vertauscht, aber
seit einiger Zeit war wieder ihr grter Wunsch, zwei Affen zu besitzen.
Die Eltern hatten die Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein
Paar zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte.

Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Brstenfeger die
beiden Affen bemerkt.

Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicols nach
der anderen Seite des Decks verfgen.

Aber schon riefen sie: Herr Dr. Brstenfeger, sehen Sie nicht dort die
zwei Affen, kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!

Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Brstenfeger, dann erwiderte er: Es
sei, ich wei, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber
schwer; ihr seid Zeugen, zu oft und ber Gebhr haben mich die beiden
unappetitlichen Vorgnger dieser hlichen grimassierenden Tiere
gergert.

Carlos und Nicols hatten jetzt fr Herrn Dr. Brstenfegers Mimut
keinen Sinn, sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war.

Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren
nun ausschlielich mit den Affen beschftigt, die Welt um sich her
vergessend. --

Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die
Schiffsbrstung.

Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flchtig am Tage ihrer
Abreise, unten bei Tische gesehen.

Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug
ein altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war
stark gertet; sie trug eine Brille.

Himmlisches Panorama! rief sie aus und lie beide Arme auf die
Brstung sinken. Ach doppelt schn erscheint einem die Welt, und dabei
schielte sie nach Herrn Dr. Brstenfeger, wenn man fnf Tage krank in
seiner Kabine lag!

Pltzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt.

Sieh mal an, rief sie aus, was sind das fr zwei allerliebste, se
Geschpfchen!

Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei
blickte sie ganz eigentmlich Herrn Dr. Brstenfeger an.

Wohl der Papa der beiden jungen Herren, nickte sie und zeigte auf
Carlos und Nicols.

Herr Dr. Brstenfeger rieb sich die Hnde und schien etwas verlegen zu
sein.

Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Brstenfeger,
antwortete er, indem er sich verneigte.

Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires,
mein Name ist Libussa v. Pfnhl. Sie brach in ein silberhelles Lachen
aus. Mi Von nannten mich kurzweg meine argentinischen Schlerinnen.
Was wissen diese indolenten Zierpppchen von deutschem Adel! Aber das
sage ich Ihnen, glcklich bin ich jetzt, nach Deutschland
zurckzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach, sie schlug die
Augen zum Himmel auf, er ist eine Perle!

Seht erfreut, sehr erfreut, murmelte in einem fort Herr Dr.
Brstenfeger.

brigens, sie neigte den Kopf auf die Seite und lchelte Herrn Dr.
Brstenfeger schelmisch an, ich wute bereits, wer Sie sind, Herr
Doktor, nichts bleibt ja hier an Bord verborgen.

Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lcheln. Ihre Finger
spielten mit einer dnnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug.

Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicols.

Herr Dr. Brstenfeger war betreten; er rusperte sich, rieb sich die
Hnde und machte kleine Verbeugungen, indem er fortwhrend lchelte.

Karl und Nikolaus, sagte er und sah die Knaben klglich an, wollen
wir uns nicht nach einer geeigneten Unterkunft fr die beiden Affen
umsehen? Gleich kommt die Barkasse, und wir mssen an Land!

Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich
mit den Knaben.

Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut.

Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse.

Herr Dr. Brstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen
breitrandigen Strohhut; Carlos und Nicols hatten weie Matrosenanzge
an.




                             Rio de Janeiro


Erst nach lngerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn
Minuten an Land, und bald nachher spazierten sie in den Straen von Rio
im Menschengewhl umher.

Carlos und Nicols fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab.

Die Hitze auf den Straen war unertrglich. Herr Dr. Brstenfeger hielt
in der Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten
sein Taschentuch, womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schwei
von der Stirne wischte.

Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstrae Rua d'Ouvidor, die
nur fr Fugnger bestimmt war.

Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen
Gehrcken und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Brstenfeger das
Hitzegefhl.

Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fcher und
phantastische Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer
Singvgel gefertigt.

Barbarisches Verfahren! murmelte Herr Dr. Brstenfeger und schttelte
den Kopf.

Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbnder,
hergestellt aus bunt schillernden Kfern.

Schlielich trat Herr Dr. Brstenfeger in den Laden und kaufte einen
Kasten mit brasilianischen Schmetterlingen fr seinen jngeren Bruder in
Deutschland, der Botanik und Zoologie studierte.

Als sie wieder auf der Strae waren, blieb Herr Dr. Brstenfeger stehen
und chzte: Flchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen
freien Platz, wo man atmen kann; dort wollen wir in Erwgung ziehen, was
wir weiter machen wollen!

Bald darauf standen sie auf einer groen Plaza, die von grellem
Sonnenlicht durchflutet war.

Vor einem groen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in
scharlachroter Uniform auf und ab. Ein barfiger Neger, der Zuckerwaren
verkaufte, kam an Carlos und Nicols vorbei. Er schwang eine Knarre in
der Hand, hielt eine weie Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen
und nickte den Knaben einladend zu.

Die Sonne brannte unertrglich.

Carlos und Nicols hatten die Krempen ihrer Strohhte herabgezogen. Ihre
Gesichter glhten.

Herr Dr. Brstenfeger sthnte: Hier ist es schon ganz und gar nicht
mehr zum Ertragen -- fahren wir aus der Stadt.

Sie gingen auf einen mit Maultieren bespannten Wagen zu, der unter dem
Schatten eines Baumes hielt, und stiegen ein.

Botafogo, Botafogo! rief Herr Dr. Brstenfeger dem Kutscher zu.

Bald waren sie aus dem Innern der Stadt heraus und fuhren dem Meere
entlang, an vielen schnen Grten und bunt aufgeputzten Villen vorbei.

Seltsam kindlich exotische Farbenfreudigkeit, murmelte Herr Dr.
Brstenfeger.

Carlos und Nicols wetteten, wer von ihnen die meisten Neger zhlen
knnte, bis zur nchsten Ecke. Carlos sah nach rechts, Nicols nach
links.

Zehn, rief Carlos aus.

Vierzehn, rief Nicols, er hatte gewonnen: denn gerade in dem
Augenblick kamen sechs Negerweiber um die Ecke.

Was zhlt ihr da? fragte Herr Dr. Brstenfeger.

Neger, antworteten Carlos und Nicols.

Herr Dr. Brstenfeger schttelte den Kopf. Ist das euer ganzes
Interesse an dieser Stadt? Was seid ihr kindisch!

Eine Trambahn, von Maultieren gezogen, kam ihnen entgegen. Eine
Militrkapelle sa auf den Bnken. Der Kapellmeister schwang stehend den
Taktstock: er hatte eine Nelke hinter dem Ohr; grell erklangen die
Blechinstrumente, die Pauke drhnte. Immer ohrenbetubender wurde der
Lrm.

Ein mit Steinen beladener Karten kreuzte die Schienen und brachte die
Trambahn zum Stehen.

Der Droschkenkutscher hielt jetzt auch den Wagen an, damit seine
Insassen die Musik lnger genieen knnten. Er drehte sich um und rief
Herrn Dr. Brstenfeger triumphierend zu: _Imno brasileiro!_

Vorwrts, vorwrts! schrie Herr Dr. Brstenfeger auf Spanisch und
hielt sich die Ohren zu. Ergrimmt schlug der Kutscher auf die Maultiere
ein, die in raschem Galopp den Wagen mit sich fortzogen. Bald nachher
trabten sie wieder trge in ihrem frheren Tempo.

Karl und Nikolaus, bemerkte Herr Dr. Brstenfeger nach einer Weile,
ist es euch nicht aufgefallen, wie schwchlich und verkmmert diese
brasilianische Bevlkerung ist; doppelt auffllig bei Betrachtung der
Wehrkraft?!

In diesem Augenblick fuhren sie an einem schattigen, mit Palmen
bewachsenen Platze vorbei.

Ein halbwchsiger sehniger brauner Bursche, nur mit Hemd und
Zwillichhosen bekleidet, verteidigte sich mit Faustschlgen und
Futritten gegen drei Polizisten. Ein Polizist lag schon auf der Erde,
ein anderer stand keuchend daneben, der dritte hielt den Burschen fest
umklammert. Dieser wand sich wie ein Aal, entri sich ihm und floh davon
mit fliegendem zerfetztem Hemd, das eine Hosenbein ber dem Knie; die
Polizisten hinter ihm drein.

Eine fette alte Negerin unter einem Magnolienbaum hielt sich die Seiten
vor Lachen.

Dieser Junge war aber doch ein starker Brasilianer! rief Nicols aus.

Nikolaus, antwortete Herr Dr. Brstenfeger lchelnd, du weit: keine
Regel ohne Ausnahme.

Bald fuhren sie nach der Stadt zurck. Sie begaben sich in ein
Restaurant und speisten.

Darauf sagte Herr Dr. Brstenfeger: Jetzt gehen wir zur Zahnradbahn und
fahren auf den Corcovadoberg. Dort wird uns die Natur die Wunder ihrer
Vegetation in nchster Nhe offenbaren!

Als sie auf der Station anlangten, war die Bahn zur Abfahrt bereit. Es
fuhren nur wenige Passagiere.

Sie stiegen ein; mit starkem Rtteln fuhr die Zahnradbahn die Hhe
hinauf. Bald hatten sie die Stadt unter sich, weit dehnte sich die Bai.

Die Luft wird immer leichter, welche Wohltat! rief Herr Dr.
Brstenfeger aus.

Auf der Station Silvestre stieg ein brasilianisches Ehepaar mit einem
Knaben und einem kleinen Mdchen ein und nahm ihnen gegenber Platz.

Man fuhr durch den Wald. Links sah man das Meer durch die Wipfel der
Bume schimmern.

Carlos und Nicols dachten: das ist ja viel schner als in Paraguay!

Herr Dr. Brstenfeger erhob sich pltzlich von seinem Sitz und rief
begeistert aus: Unsere Erwartungen sind nicht getuscht worden: blickt
in diesen Abhang, welche Pflanzenwelt! welch grandiose Verwirrung von
Schnheit!

Die brasilianische Dame starrte Herrn Dr. Brstenfeger mit ihren groen
braunen Glotzaugen an; dann hielt sie sich das Taschentuch vor den Mund
und kicherte.

Karl und Nikolaus, rief Herr Dr. Brstenfeger und schnellte noch mal
von seinem Sitz auf, seht mir jetzt mal dorthin, die baumhohen Farne,
die mit Frchten beladenen Bananenbume und die Orchideen dort! --
Wirklich ein generses Land, wo die Schmarotzer Orchideen heien!

Die brasilianische Dame kicherte immer mehr. Auch der kleine Knabe und
das kleine Mdchen lachten.

Kurz danach beugte sich der Papa zum Wagen hinaus und schleuderte weit
ausholend ein Bambusrohr in den Abgrund.

Herr Dr. Brstenfeger fuhr zurck, die Hand vor den Augen, es
schwindelte ihm.

Die brasilianische Dame lachte laut auf. Der kleine Knabe und das kleine
Mdchen lachten auch aus voller Kehle.

Herr Dr. Brstenfeger sah die Dame aufs hchste verwundert an. Carlos
und Nicols, von ihrer Frhlichkeit angesteckt, lachten mit, ohne zu
wissen, um was es sich handelte.

Nach dreiviertelstndiger Fahrt war man am Ziel. Man hatte noch fnf
Minuten zu steigen; dann stand man oben auf der Spitze des Corcovado am
Rande einer niedrigen Mauer.

Man sah weit hinaus aufs offene Meer. In der Reede wimmelte es von
Schiffen. Von allen Richtungen fuhren Schiffe in die Bai hinein.

Herrlich, herrlich! rief Herr Dr. Brstenfeger.

Sehen Sie diese vielen schnen bunten Kfer auf der Mauer! riefen
Carlos und Nicols.

Geniet jetzt lieber den Anblick dieses unvergleichlichen Panoramas,
antwortete der Lehrer. So Schnes wird euch nicht so leicht im Leben
wieder geboten werden!

Sie standen noch einige Zeit oben, dann fuhr die Bahn wieder zurck.

Auf der Station Silvestre stiegen Herr Dr. Brstenfeger und Carlos und
Nicols aus. Zu Fu auf schattigen Wegen gingen sie nach dem schnen
Hotel auf dem Berge Santa Teresa mit dem Ausblick auf die Bai.

Hier wollten sie die Nacht verbringen.

Herr Dr. Brstenfeger begab sich auf sein Zimmer, um Toilette zu machen,
Carlos und Nicols trieben sich im Garten umher.

Der Himmel begann sich langsam zu trben ...

Es war nach dem Nachtessen. Jenseits der Bai ber den Bergen von
Petropolis ragte eine mchtige Wolkenbank; dahinter wanderte unsichtbar
der Mond. Am ganzen Himmel hingen zerfetzte Wolken.

Grell leuchteten unten am Strande bei Botafogo die Lichter der
Landesproduktenausstellung. Die Bai war dunkel.

Herr Dr. Brstenfeger und Carlos und Nicols saen im Garten unter einem
Mangobaum.

Wie schade, sagte Herr Dr. Brstenfeger, da die herrliche Mondnacht
uns so verdorben worden ist!

Aus dem Salon des Hotels ertnte jetzt ein Nocturno Chopins.

Horcht, sagte Herr Dr. Brstenfeger und ergriff Carlos' und Nicols'
Hnde ... so schn hrte ich noch nie Chopin spielen!

Stumm lauschten sie, bis das Nocturno zu Ende war.

Gleich darauf erschien am hellerleuchteten Salonfenster ein junger Mann.
Er trug Smoking, sein Gesicht war bla und von Pockennarben zerrissen.

Lange starrte er nach der Wolkenbank.

Pltzlich streckte er die geballten Fuste nach ihr aus und schrie laut:
Mond, Mond, Mond!

Einige Damen und Herren, die am Gartengelnder standen, und auch Herr
Dr. Brstenfeger und Carlos und Nicols schauten erstaunt und
erschrocken zu ihm hinauf.

Mond, Schmierenschauspieler, schrie er nochmals, was stehst du hinter
deinem Vorhang, wartest du noch auf Publikum?

Vier deutsche Exporteure aus Buenos Aires, Herr Hurtwig, Herr Drumke,
Herr Kitzian und Herr Krause, Inhaber starker Firmen, und Herr
Schurtzenjager, ein deutscher Bankier aus London, die auf dem gleichen
Schiff mit ihm die Reise gemacht hatten, traten nun aus der Hoteltre
heraus und stellten sich unter einer Gruppe von Knigspalmen auf.

Eine Weile verging. Unter den Damen und Herren war Bewegung und
Geflster.

Die Wolkenbank frbte sich am Rande silbern, der Mond erschien. Bald
erstrahlte die Bai.

Mond, jubelte der junge Mann in maloser Verzckung, o du Genie, das
du erweckst. Er wies mit ausgestreckten Armen nach unten: Sieh, wie
die Bai leuchtet, wie der Gischt hpft gegen den Pao d'Azuka!

Nanu! rief Herr Schurtzenjager aus.

Der hat mal wieder einen gehrigen sitzen, meinte gelassen Herr
Drumke.

Nochmal war Stille. Der Mond verschwand hinter einer zweiten Wolke.

Verruchter, jammerte laut der junge Mann, lt du uns wieder ganz im
Dunkeln?!

Mahlzeit! rief Herr Kitzian hinauf.

Doch jener hrte es nicht: Hahaha, lachte er laut, Licht der
Landesproduktenausstellung, du leuchtest weiter in deinem proletarischen
Glanze, grell und frech, aber du erweckst die Bai nicht; du fhrst keine
Konversation mit ihr!

Mit dem Ausdruck unendlicher Trauer lie er den Kopf sinken und blickte
hinab in den Garten und gerade auf Herrn Krause.

Verehrtester, rief Herr Krause aus, dem endlich die Geduld ri, wir
wnschen keine Konversation mit Ihnen!

Die brigen Exporteure und der Bankier lachten laut ber den Witz. Die
Damen und die brigen Herren schttelten verwirrt lchelnd die Kpfe.
Herr Dr. Brstenfeger war wortlos, Carlos und Nicols lachten. Aber der
junge Mann hatte wieder nichts gehrt.

Und nochmals erschien der Mond, und nun leuchtete er lang, denn die Bahn
war weit bis zur nchsten Wolke.

Stark vorgebeugt und reglos stand jetzt der junge Mann und starrte nach
der Bai, wie erfllt von einer unendlichen Erwartung. Sein Atem ging
schwer; er richtete sich auf. Die Augen waren ekstatisch geffnet.

Venus, hauchte er, entsteigst du dem Meere?! ... Aphrodite, jetzt
schau' ich dich! ...

Er verschwand vom Fenster, und gleich darauf ertnte ein kurzes, grell
verworrenes Spiel in den Garten hinab.

Was waren das fr schreckliche Disharmonien! rief Herr Dr.
Brstenfeger aus und erhob sich jh von seiner Bank.

Die Damen und die Herren blickten sich gegenseitig an. Alle schwiegen
bestrzt.

Ganz ausgefallene Type! rief ein junger deutscher Leutnant aus.

Herr Hurtwig sagte: Ein ganz unmglicher Kauz! Freund von
Gratisvorstellungen war er immer, aber das zuletzt bertraf alles!

Er wird noch ganz berschnappen! meinte Herr Kitzian.

Er ist es wohl schon! antwortete Herr Krause.

Herr Dr. Brstenfeger, der alles dies gehrt hatte, schaute aufgeregt
zum Fenster hinauf.

Carlos und Nicols drangen in ihn, zu erklren, wer dieser sehr seltsame
Herr sei.

Herr Dr. Brstenfeger antwortete: Karl und Nikolaus, qult mich nicht,
ich wei es selbst nicht!

Er sa noch lange in Gedanken versunken unter dem Mangobaum. Dann stand
er auf und spazierte mit den Knaben im Garten umher.

Sie stiegen die breite steinerne Treppe zum Wege nach Silvestre hinab
und standen am Rande des urwaldbewachsenen Abhanges.

Ein Nachtvogel sang, der Mond schien in den Wald. Die Kronen zweier
geknickter Wandrerpalmen ruhten schwer auf Lianen, die sich um Agaven
schlangen.

Herr Dr. Brstenfeger seufzte. Carlos und Nicols dachten: ob es wohl in
Deutschland auch so schn ist?

Nun stiegen sie wieder zum Garten hinauf.

Nochmal saen sie auf der Bank unter dem Mangobaum und blickten auf die
Bai hinab.

Ein starker Wind kam jh von der Spitze des Corcovado und schwoll
mchtig an.

Schnell zogen die Wolken; rasch wurde es hell und rasch wieder dunkel.
Es rauschten die Knigspalmen. Alle die vielen seltsamen Bume rauschten
gewaltig. In der Bai sprang hoch der Gischt gegen die Felsen.

Nun kommt ein Sturm, dachte Carlos; jetzt wird unser Schiff untergehen
...

Mit verstrtem Gesicht und Verzweiflungsgeschrei stolperte gerade durch
den Urwald auf den Hngen von Silvestre der unmgliche Kauz: Ha es
klopfte ein Herz im Mutterschoe, aber nun endlich hat die Entbindung
stattgefunden ... in Buenos Aires war ich ein verachteter Mann; aber
hier bin ich lebend geworden!

Er rannte wild mit den Fusten gegen einen mchtigen Baumstamm, prallte
zurck und brach in ein lautes, hhnisches Gelchter aus: Es darf nicht
sein, da vom Protoplasma bis zu den Menschen der Weg nher sei, als wie
von ihnen bis zu Dante und Jesus Christus; wir mssen uns stark
verbinden! Hohoho, mein Urgrovater war ein toller Mann!! ...

Herr Dr. Brstenfeger unter dem Mangobaum hielt seinen Hut in der Hand,
whrend der Sturm seine Haare zauste. Er sagte: Karl und Nikolaus, auch
dieser Aufruhr in der Natur ist wunderbar! --

Allmhlich begann sich der Wind zu legen. Die Bume hrten auf zu
rauschen; bald war berall Stille. Nur die Wipfel der Knigspalmen
bewegten sich noch leise wie lchelnd im seligen Einschlafen.

Der Himmel war bis weit hinaus frei von Wolken ...

Aus der Hoteltr trat jetzt ein bildschnes, schwarzugiges kleines
Mdchen in einem weien Kleide.

Auf den Zehenspitzen schlich sie nher und stand nun neben Herrn Dr.
Brstenfeger.

Da ist ja wieder das wunderschne Mdchen, dachten Carlos und Nicols,
denn sie hatten sie schon bei Tische bewundert, und ihre Herzen
klopften.

Senhor, fragte sie Herrn Dr. Brstenfeger und lchelte schalkhaft,
lieben Sie die Schmetterlinge?

Oh, antwortete er begeistert, diese prchtigen brasilianischen
Schmetterlinge ...

Hier schenke ich Ihnen einen! Sie machte eine rasche Bewegung nach
seiner Manschette und hpfte lachend weg.

Herr Dr. Brstenfeger sa zuerst etwas betroffen da, dann aber sprang er
auf und schttelte heftig seinen Arm; denn unter dem Hemdsrmel
krabbelte ihm etwas hinauf und kitzelte ihn sehr.

Ein kleiner schwarzer Falter fiel auf die Erde, flatterte aber gleich
davon.

Der Racker, der Racker! murmelte Herr Dr. Brstenfeger.

Wie unartig ist das wunderschne Mdchen, dachten Carlos und Nicols ...

Spt in der Nacht war Tumult im Hotel: zwischen zerschlagenen Spiegeln,
Tischen und Sthlen und herabgerissenen Bildern raste der unmgliche
Kauz in seinem Zimmer.

Der Hotelier, die Kellner und einzelne Gste strzten zu ihm.

Mit blutenden Fusten warf er sich auf sie.

Man rang mit ihm. Er heulte und tobte. Am Genick, an der Brust, an Armen
und Beinen wurde er gefat und gebndigt.

Ein weier Pfau, der drauen im Garten in einem Brotfruchtbaum
geschlafen hatte, flog krchzend auf. Irgendwo schnatterte eine Ente.

In den Gngen trieben sich flsternd aufgeregte Gste umher.

Der Hotelier trat mit zerzauster Krawatte zu ihnen. Er war ganz bestrzt
ber die schreckliche nchtliche Strung und entschuldigte sich nach
Krften.

Langsam beruhigte man sich und zog sich zurck.

Die Exporteure und der Bankier aber standen noch lange in der Halle vor
der Treppe und besprachen ernst den Fall.

Herr Drumke drckte den Zeigefinger auf seine Stirn und sagte: Wenn es
bei einem von jeher im obersten Stbchen nicht recht bestellt war, so
kann die Konsequenz der Wahnsinn sein. Was war berhaupt Natur und was
war Whisky bei diesem Menschen?!

Herr Hurtig meinte streng: Er hat zuviel gebummelt, er hat die Nacht
zum Tag gemacht. Niemand wei von seiner Arbeit!

Herr Krause sagte: Er hat manchmal bei uns verkehrt, aber um die
Wahrheit zu sagen, nie wurde ich ganz aus ihm klug!

Herr Kitzian bewegte den Zeigefinger hin und her und bemerkte: Ich sage
nur oha!

Der deutsche Bankier aus London sagte nichts. Er hatte die Hnde in den
Taschen, kniff sich in die Schenkel vor Wonne und dachte: ich trank und
trinke noch viel mehr Whisky als er und werde nicht verrckt!

Die Exporteure und der Bankier stiegen nun die Treppe hinauf, um zu Bett
zu gehen.

Drauen am Gartengelnder lehnte stumm Herr Dr. Brstenfeger.

Am Himmel bewegten sich zwei letzte dunkle Wolkenmassen langsam dem
Horizonte zu, wie abziehende Bataillone.

Auf seinem Bett lag geknebelt und an Hnden und Fen gebunden der
unmgliche Kauz und stierte gegen die Decke. Ein Hausknecht und ein
krftiger Stallbursche waren bei ihm.

Carlos und Nicols schliefen schon einige Stunden tief und traumlos in
einem der Gartenpavillong ...

Kurz nach Sonnenaufgang, als die Uistiti-fflein in den Wldern
kreischten, brachten ein Herr mit einer Brille und zwei Mnner den
unmglichen Kauz nach einem geschlossenen Wagen und fuhren mit ihm
davon. Ein Rudel kleiner Straenjungen lief im Staube jubelnd
hinterdrein.

ber den Felsen Ipanemas, wo unten stark die Brandung geht, erhob sich
ein Adler und flog ber die Bai, hinber nach dem Orgelgebirge.

Bald nachher stand Herr Dr. Brstenfeger auf. Er stand vor dem
Waschtisch in Gedanken versunken.

Wie schn spielte er Klavier ... und nachher das Schreckliche!
murmelte er. Er seufzte tief auf: Aber man darf sich nicht beladen mit
allen Qualen dieser Welt!

Als er angezogen war, ging er zu Carlos und Nicols und weckte sie.

Nach dem Frhstck machten sie einen Spaziergang in der Richtung der
Tijuca.

In vielen Krmmungen fhrte der Weg durch Sonne und Urwaldschatten.

Als sie in den Wald gelangten, sagten Carlos und Nicols: Es riecht
hier ganz so wie bei uns zu Hause im Invernaculo.

Herr Dr. Brstenfeger antwortete: Ich habe euch schon gesagt, es heit
auf deutsch Treibhaus und nicht Invernaculo!

An einer Krmmung tauchte pltzlich am Wegrand in der Einsamkeit eine
Strohhtte auf. Einige Neger und Negerinnen standen davor. Sie sprachen
mit lebhaften Gebrden alle zugleich und stieen dabei ein grausig
tierisches Gelchter aus. Die Frauen hatten gelbe Schals um die
Schultern, eine trug einen roten Turban. Die Mnner waren nackt bis zum
Grtel und schwangen lange blitzende Messer in der Hand, womit sie eben
Rinde von den Bumen geschlt hatten. Einer bi mit seinen groen weien
Zhnen in ein Stck Kokosnu, ein anderer schlug zum Zeitvertreib mit
einem dicken Knppel auf einen Strauch mit seltsamen roten Blumen.

Carlos und Nicols zerrten Herrn Dr. Brstenfeger am rmel zurck und
sagten ngstlich: Die Neger werden uns tten!

Herr Dr. Brstenfeger schaute unsicher nach der Gruppe, dann aber sagte
er: Karl und Nikolaus, frchtet euch nicht! Und mit beschleunigten
Schritten gingen sie an der Gruppe vorbei.

Bei jeder neuen Krmmung des Weges hrten sie wieder ihr tierisch
grausiges Lachen, bis es langsam verhallte.

Auf einem Umweg kehrten sie zum Hotel zurck und nahmen dort ihren
Lunch. Dann begaben sie sich hinunter in die Stadt. Dort setzten sie
sich in einen Wagen und fuhren nach dem Botanischen Garten.

Unterwegs sahen sie vor einem Gartentor ein paar Mulatinnen vergngt
schwatzend einen farbigen Sarg in einen Leichenwagen schieben. Und nicht
lange drauf kam ihnen ein Mann entgegen, einen mit rosa Stoff
berzogenen und mit Silberspitzen ausgeschmckten Kindersarg auf dem
Kopf.

Pltzliche Unruhe malte sich in Herrn Dr. Brstenfegers Zgen, er dachte
an das gelbe Fieber.

In diesem Augenblicke setzte der Mann den Sarg nieder und ffnete den
Deckel.

Herr Dr. Brstenfeger lachte laut auf: Karl und Nikolaus, seht hin, es
ist ja nur ein Kuchenkasten!

Eigentmliche Gebruche, murmelte er vor sich hin.

Bald waren sie im Botanischen Garten. Sie schritten durch das breite
Portal und standen in einer endlos schnurgeraden Allee uralter
Knigspalmen.

Die Vegetation der ganzen Tropen ist hier in diesem Garten vereinigt,
erklrte Herr Dr. Brstenfeger.

Sie spazierten umher. Nicols blieb staunend vor einer Gruppe von
Riesenbambussen stehen. Herr Dr. Brstenfeger machte Carlos auf ein Beet
mit zarten kleinen Pflnzlein aufmerksam.

_Mimosa pudica sensitiva_ stand auf einem kleinen Brettlein
geschrieben.

Karl, berhre leise ein Blatt dieser Pflnzchen, sagte Herr Dr.
Brstenfeger.

Carlos beugte sich nieder und berhrte sachte ein Blttchen. Das
Blttchen schlo sich; darauf zog das Pflnzlein langsam seine
smtlichen Bltter ein und knickte zusammen; im Fallen streifte es eine
Nachbarin -- eine ganze Gruppe sank zusammen.

Sie werden sich bald wieder aufgerichtet haben, sagte Herr Dr.
Brstenfeger.

Ob wohl die Pflanzen wie die Menschen fhlen? bemerkte Carlos.

Die Betrachtung ist nicht bel, Karl, sagte Herr Dr. Brstenfeger.

Sie gingen weiter, bis sie am Fue eines Berges standen; hier verlor
sich der Garten in den Urwald.

Herr Dr. Brstenfeger zog seine Uhr.

Carlos und Nicols sahen pltzlich einen groen blauen prchtigen
Schmetterling.

Sie liefen ihm nach, um ihn zu fangen.

Lauft nicht weg, es ist viel spter, als ich dachte, rief ihnen Herr
Dr. Brstenfeger nach, wir verlieren noch das Schiff!

Nicols blieb stehen, Carlos lief weiter.

Der Schmetterling lie sich auf einen blhenden Gardenienbusch nieder.
Carlos wollte ihn fassen.

Der Schmetterling erhob sich, setzte sich auf eine Fcherpalme, bewegte
die Flgel und glich einer lebenden, prchtigen Blume.

Beinahe htte Carlos ihn gehascht, aber schon war er wieder fort, er
flog hinein in den Wald, Carlos hinterher.

Tief drinnen in einer Wildnis baumhoher Farne verschwand der
Schmetterling, tauchte wieder auf, lie sich wieder auf einen Busch
nieder, stieg hoch in die Luft und verlor sich im blauen Himmel.

Carlos hrte in der Ferne Herrn Dr. Brstenfegers Stimme, der ihn laut
und zornig rief. Erschreckt lief er zurck, ber Baumwurzeln stolpernd
und sich in Lianen verwickelnd, vor Hitze und Wut heulend.

Am Waldrand stand Herr Dr. Brstenfeger.

Ungehorsamer Junge, schrie er, warum kamst du nicht, als ich dich
rief! Carlos heulte: Der schne Schmetterling ist fort, nie mehr werde
ich ihn fangen!

Herr Dr. Brstenfeger schttelte ihn am Arm: Wegen dir werden wir noch
das Schiff verlieren!

Carlos heulte immer lauter.

Kommt schnell zum Wagen, rief Herr Dr. Brstenfeger, wenn wir uns
beeilen, erreichen wir vielleicht noch die Barkasse!

Rasch gingen sie die Allee hinunter und stiegen drauen in den Wagen.

Zum Hafen, schnell! rief Herr Dr. Brstenfeger dem Kutscher zu.

Der Kutscher trieb die Pferde zur Eile an; in einer halben Stunde waren
sie am Hafen.

Aus dem Schornstein der Lombardia stieg schwarzer Rauch auf, sie gab
langgezogene Signale.

Herr Dr. Brstenfeger erkundigte sich aufgeregt nach der Barkasse.

Dampfer weg, Dampfer weg! schrieen frhlich einige schwarze
Bootsmnner.

Siebzigtausend, sechzigtausend, fnfzigtausend Reis nach dem Bord
Lombardia! riefen sie durcheinander.

Vierzigtausend, rief einer und sprang in sein Boot, erfate die Ruder
und winkte Herrn Dr. Brstenfeger und Carlos und Nicols zu.

Schamlose Ausbeutung! schrie Herr Dr. Brstenfeger emprt.

Senhor, zwanzigtausend Reis! rief ein anderer und zupfte Herrn Dr.
Brstenfeger am Rock.

Unverschmt teuer, aber jetzt ist nichts zu machen. Das haben wir nur
dir zu verdanken, Karl!

Sie stiegen ein, gleich stie der Bootsmann ab.

Am Ufer erhob sich ein lautes Wutgeschrei.

Ein baumstarker Neger schleuderte ihnen ein Ruder nach. Es platschte
dicht neben Herrn Dr. Brstenfeger ins Wasser.

Erschreckt fuhr er zur Seite und rief: Das sind hier die reinsten
Wilden!

Der Bootsmann legte sich mit doppelter Kraft in die Ruder; bald hatten
sie das Ufer weit hinter sich.

Carlos und Nicols blickten zurck.

Dort waren wir noch vor einer Stunde, sagte Nicols und zeigte in der
Richtung von Botafogo.

Man sieht noch den Wald, antwortete Carlos. Wie schade, der schne
blaue Schmetterling ist fort!

Denke doch nicht immer an den Schmetterling, meinte Nicols. Wir
haben ja die Affen!

In einigen Minuten waren sie an Bord. Sie stiegen das Fallreep hinauf.

Der zweite Offizier rief Herrn Dr. Brstenfeger lachend zu: Signore,
bald wren wir ohne Sie abgefahren!

Ob wohl der Herr mit der Glatze noch immer in seiner Kabine ist? sagte
Carlos zu seinem Bruder.

Herr Dr. Brstenfeger ging in den Salon, Carlos und Nicols begaben sich
zu den Affen.

Als sie zum Promenadendeck zurckkehrten, sahen sie eine groe, sehr
schne Dame mit goldblondem Haar, roten Wangen und Purpurlippen, von
Herren umringt, sich laut und lachend unterhalten.

Carlos und Nicols sahen sie verwundert an.

Das ist ja eine neue Dame, sagte Nicols, die mu hier eingestiegen
sein!

Jetzt ertnte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Brstenfeger erschien
auf Deck, trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich
entfernenden Festlande: Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach
der letzten Kste eures Heimatkontinentes; es werden viele Jahre
vergehen, bis ihr es wieder erblickt!




                          Nach der Alten Welt


Frulein von Pfnhl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am
dritten erschien sie wieder.

Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicols, da sie sehr oft zu ihnen
hinberschaute und Herr Dr. Brstenfeger dann krampfhaft auf seinen
Teller blickte.

Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben.

Auf Deck war Frulein von Pfnhl eifrig bemht, ihren Reisestuhl von
einer Stelle zur anderen zu rcken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf
Herrn Dr. Brstenfeger, der zufllig mit Nicols in der Nhe stand.

Nicols sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein.

La das, zischte sie ihn an, hast du denn nie Schularbeiten zu
machen, du Dummbart?!

Erschreckt wich Nicols zurck.

Gleich kam Herr Dr. Brstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der
Stelle, die sie wnschte, und ordnete ihre Kissen.

Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurckziehen. Aber sie
redete ihn an:

Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie
wiederzusehen; nehmen Sie doch einen Augenblick Platz! Dabei lie sie
sich auf ihren Stuhl nieder und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich.

Herr Dr. Brstenfeger murmelte: Sehr angenehm und setzte sich am Rande
des Rohrsessels.

Nun, meinte sie, wie finden Sie unsere Mitreisenden?! -- Ach, Herr
Doktor, sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu
ihm auf, ich lese in Ihrer Seele -- wie knnen Sie an dieser
zusammengewrfelten, zum Teil fragwrdigen Gesellschaft Gefallen finden
-- gerade Sie, Herr Doktor! Sie stie einen Seufzer aus, schlo die
Augen und sah ihn dann gleich wieder an.

Und berhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit
denen man eins sein mchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem
einsamen Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft? Wieder
seufzte sie und schlo die Augen: Ach nur Resignation!

In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes
Gewinsel hrbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes
Schreien und Quieken folgte.

Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig
balgten, an ihren Schnren hinter sich herzerrend.

Karl, was hast du wieder mit dem sen Tierchen getan! schrie Frulein
von Pfnhl, indem sie sich aufrichtete.

Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Brstenfeger: Ich brachte
sie auf meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken
bekommen und sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde
setzte, bekamen sie noch mehr das Zanken!

Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mhe gelang es, die
Affen wieder auseinander zu bringen.

Worauf Carlos und Nicols, von Herrn Dr. Brstenfeger begleitet, sie in
ihre Kiste zurckbrachten.

Karl und Nikolaus, sagte Herr Dr. Brstenfeger, ich gehe jetzt
einstweilen in meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt
keinen Unsinn!

Zu der verrckten Dame gehe ich nicht mehr! sagte Nicols.

Nikolaus, was sind das fr Ausdrcke! antwortete Herr Dr.
Brstenfeger.

Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!

Ein Schimpfwort, wieso?!

Sie hat mich einen Dummbart genannt!

Das ist kein Schimpfwort! Herr Dr. Brstenfeger unterdrckte ein
Lcheln. Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!

Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen
wollen! antwortete Nicols.

Schon gut, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Brstenfeger. Man
darf einer alten Dame nicht gleich alles belnehmen, sie wird es nicht
so bse gemeint haben!

Darauf ging er.

Nun erzhlte Nicols seinem Bruder, was ihm geschehen war.

Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt! sagte Carlos.

Um sich zu rchen, beschlossen die Knaben die verrckte Dame auch nur
Mi Von zu nennen.

Sie kehrten nach Deck zurck und begegneten dort dem frhlichen
Priester, der trotz der groen Hitze wieder seinen Spaziergang machte.

Sie schlossen sich ihm an, er erzhlte ihnen Geschichten, die sie sehr
lustig fanden, aber zugleich auch im hchsten Grade lgenhaft.

Als ihm nichts mehr einfiel, verlieen sie ihn und setzten sich auf eine
Bank.

Lange saen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen.

Carlos sagte schlielich: Wie langweilig ist eine Seereise ... man
sieht nichts ... nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen
Walfisch!

Es ist langweilig, aber bald sind wir im schnen Europa, trstete ihn
Nicols.

Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen.

Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem groen
gemeinsamen Schlafraum der Emigranten fhrte.

Carlos steckte den Kopf in die ffnung, zog ihn aber rasch zurck und
machte brr!

Sofort steckte nun Nicols den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich
zurck.

Das stinkt! sagten beide.

Sie wollten schon weitergehen, als Nicols vorschlug: Wenn du mir
zwanzig Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!

Gut, wetten wir, antwortete Carlos und zog die Uhr.

Nicols' Kopf verschwand in der ffnung.

Zwanzig! rief Carlos, als die Zeit um war.

Nicols aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschlo es zwanzig
Sekunden lnger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der
ffnung.

Er schttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich.

War das ein Gestank! rief er aus. Jetzt gib mir die zwanzig
Centavos!

Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis
zwanzig! antwortete Carlos.

Nicols sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht.

Ich bezahle nichts! sagte Carlos.

Meinst du, da ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten
habe?! rief Nicols zornig.

Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts! beharrte Carlos.

Du bist betrgerisch und gemein! rief Nicols und wollte auf ihn
eindringen. Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr.
Brstenfeger.

Was ist hier los, Karl und Nikolaus?! fragte er streng.

Nicols erzhlte ihm aufgeregt den Fall.

Herr Dr. Brstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete
sehr ernst: Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen,
zeugte von wenig Geschmack, Stolz und persnlicher Wrde. Die Ausfhrung
war auerdem im hchsten Grade gesundheitsschdlich. -- Nicht weniger
geschmacklos, Karl, war dein Eingehen in diesen unappetitlichen
Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus gegenber sehr mutwillig und
durchaus nicht brderlich. Jetzt kommt mit, und macht Schularbeiten, die
viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, scheint euch
nicht gut zu bekommen!

Damit erfate er sie bei den Hnden. Sie folgten ihm aufs hchste
verdutzt.

Bald folgte ein Tag von unertrglicher Hitze, denn man hatte
vollstndige Windstille. Totenstill und bleifarben lag das Meer.
Dunstschleier verbargen die Sonne; von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer
nieder. Dann aber wurde die Temperatur noch drckender.

Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Brstenfeger
lag reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche
im Badezimmer aber stand der frhliche Priester und dachte: Reiste ich
jetzt nicht nach Rom, um den Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine
Seereise sollte immer dauern. --

Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicols
lagen in ihren Betten und wlzten sich hin und her.

Kurz nach Mitternacht -- Herr Dr. Brstenfeger war eben in einen
unruhigen Schlaf verfallen -- wurde er pltzlich durch laute Schreie
geweckt.

Er richtete sich jh auf und noch unsicher, ob er getrumt habe, sa er
reglos aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt.

Hilfe, Hilfe, ich sterbe! kreischte durchdringend eine weibliche
Stimme.

Mein Gott, mein Gott, ... was fr ein Unglck ist da wieder geschehen!
Herr Dr. Brstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem
Bett.

Hilfe, Hilfe! gellte es wieder.

Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Brstenfeger im Kreise herum; er
suchte etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin.

Er strzte in den Gang; drauen standen schon Leute.

Von neuem ertnten durchdringende Schreie.

Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang! rief der Herr mit der fahlen
Glatze.

Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino
der Nachtsteward.

Er ri die Tr einer Kabine auf.

Mit einem Satz stand Herr Dr. Brstenfeger neben ihm. Aber er prallte
zurck.

In ihrem Bett lag Frulein von Pfnhl, und ein fliegender Fisch
schnellte ber ihr auf und nieder.

Auch die brigen Passagiere wichen zurck.

Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte,
in den Hnden.

Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt! rief er
vor Lachen platzend.

Es erfolgt ein allgemeines Gelchter.

Hinten vor ihrer Kabinentre standen Carlos und Nicols in ihren
Nachthemden und lachten auch aus vollem Halse.

Nicht wahr, Herr Dr. Brstenfeger, jetzt hat Mi Von auch das Gruseln
gelernt! rief Carlos aus.

Ihr mt auch bei allem dabei sein; geht schlafen! antwortete Herr Dr.
Brstenfeger und schob sie in die Kabine hinein.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen gingen Carlos und Nicols nach Zwischendeck, um ihre
Affen zu fttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste
Ration.

Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mtterchen auf der Erde, den
Rcken gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck
erschienen.

So ein uraltes Mtterchen glaubten Carlos und Nicols noch nie in ihrem
Leben gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hnde hielt sie gefaltet; die
Augen, die nie zuckten, schienen seltsam ins Weite zu blicken.

Ein Bursche, der eine Baskenmtze trug, kniete mit einem Blechteller vor
ihr und flte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem
zerrissenen Schal gegen einen schwarzbrtigen Mann gelehnt, der leise
und scheinbar zerstreut auf einer Ziehharmonika spielte, whrend sie an
einem groen Stck Brot kauend sehr ernst auf die Alte herabblickte.

Carlos und Nicols erfuhren gleich darauf, da die vier eine Familie
waren und die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind.

                   *       *       *       *       *

Als Carlos und Nicols zum Promenadendeck zurckkehrten, spazierte die
schne Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen
Herrn, der im Gesprch lebhaft mit den Hnden gestikulierte. Von seinen
Fingern, die voller Ringe waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus.

Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen
besetzter Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden.

Die Knaben bckten sich rasch danach, Nicols hatte ihn erfat, lief der
Dame nach und berreichte ihn ihr.

Ich danke dir, mein lieber Junge, sagte die schne Dame, streichelte
ihn mit der Hand ber den Kopf und gab ihm einen Ku. Ihr
liebenswrdigen Kavaliere, ich mu euch doch endlich mal die lngst
versprochenen Bonbons geben, kommt mit!

Gleich bin ich wieder da, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die
Treppe hinunter. Carlos und Nicols hinter ihr drein, in ihre Kabine.

Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank, rief Carlos aus, denn
ringsherum hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Rcke. Die Gardinen
waren vollgesteckt mit Schleiern, Krawatten und Bndern. Handtaschen und
Hutschachteln, Stiefel und Schuhe waren unter die Betten gezwngt.

Und wie es wunderschn riecht! rief nochmals Carlos.

Gefllt euch das Parfm, meine Jungens? Sie griff nach einem kleinen
silbernen Flakon, der auf dem Waschtisch stand.

Na, gebt mir eure Taschentcher.

Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicols an.

Zgernd sagte Nicols, indem er noch mehr errtete: Unsere
Taschentcher sind sehr schmutzig!

Das schadet nichts, lachte sie, gebt nur her; Jungens haben immer
schmutzige Taschentcher! und damit entleerte sie die Hlfte ihres
Flschchens in die Taschentcher der Knaben.

Darauf holte sie eine groe Schachtel mit Pralins aus ihrem Koffer und
fllte davon Carlos' und Nicols' Taschen.

Dann gab sie jedem einen laut schallenden Ku:

So, jetzt aber mu ich rasch wieder hinauf! ...

Kurz nachher lag die schne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr
Kopf lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen
fchelte ihr Khlung zu mit einem groen japanischen Fcher und redete
leise und eindringlich auf sie ein.

Sie lchelte nach einer Weile und nickte.

Ganz in ihrer Nhe saen Carlos und Nicols stumm auf einer Bank und
knabberten an ihren Bonbons.

Du, sagte Carlos, hier habe ich einen mit Likr!

Ganz weit hinten stand Herr Dr. Brstenfeger vor einer schwarzen Tafel
und konstatierte freudig: Drei Meilen mehr als gestern!

Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck.

Das alte blinde Mtterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung,
ihre zitterigen Hnde hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite.

Carlos und Nicols schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz
vorn nach der Spitze des Schiffes.

Der Steuermann auf der Brcke drehte das Rad. Langsam wandte sich das
Schiff nach Nordosten.

Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt
berhrte sie ihn. Schon war sie unter.

Die Sonne ist tot, ertrunken! sagte Carlos zu seinem Bruder.

In verschleiertem Blau dmmerte der Himmel weiter.

Zwei ungeheure Wolkenbnke standen gleich gigantischen Torflgeln
rosenrot im Nordosten.

Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff.

Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicols an
der Reling. Ihre Gesichter waren verhrmt, ihre Kleider abgetragen.

Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores.

Trnen glnzten in seinen Augen. Er sagte leise: Sieh, ist es nicht,
als fhren wir endlich unserem Ziele entgegen? --

Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken.

Zwei italienische Emigranten sangen:

   In guerra non voglio andare
   perqu si mangea male
   e si dorme in terra.

Carlos, horch', es ist das Lied, das Jos immer zu Hause sang! sagte
Nicols.

Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als
hundert Kehlen:

   In guerra non voglio andare
   perqu si mangea male ...

Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: Jesus, Maria, Mutter ist
tot!

Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreiendes Weinen.

Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das
alte tote Mtterchen umfangen.

Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika
und sie bekreuzten sich schluchzend.

Ein Haufen Mnner und Frauen umdrngte die Gruppe. Viele Frauen waren
niedergekniet, hielten die Hnde vors Gesicht und jammerten laut; bald
knieten alle Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze
groe Haufe stimmte laut mit ein in die Totenklage.

Bleich und wortlos standen Carlos und Nicols auf ihren Pltzen.

Erschreckt durch den Lrm sphte Herr Dr. Brstenfeger vom
Promenadendeck nach ihnen aus. Zugleich ertnte die Glocke zum
Abendessen.

Carlos und Nicols gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom
Haufen, der die Alte umgab, abgewandt.

Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das
alte Mtterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend
dagesessen mit gefalteten Hnden, und nun war sie eine Tote.

Nachher hrten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus
Patagonien erzhlte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett
geschnallt und in ein Segeltuch gewickelt ins Meer senken.

Carlos und Nicols erschauerten.

Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Brstenfeger die Knaben in ihre Kabine.

Als er fort war, zndeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend
in den Betten, fortwhrend an das tote Mtterchen denkend.

Endlich meinte Carlos: Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!

Um zwei Uhr hat man gesagt.

Niemand wei es genau.

Wirst du heute nacht einschlafen knnen? fragte eine Weile darauf
Nicols.

Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.

Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht knnten
wir dann doch einschlafen! -- Weit du noch, wie alle gelacht haben, als
du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Ezimmer
gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war
doch nur Papa, der auf dem Sofa frchterlich schnarchte!

Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkppchen erzhlt,
antwortete Carlos.

Er schwieg.

Arme Alte, sagte er nach einer Weile.

Denke doch nicht immer daran! --

Nicols, fhrt das Schiff nicht langsamer?! Carlos richtete sich in
seinem Bett auf. Jetzt -- ich glaube, man wirft sie ins Meer!

Nicols horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.

Nein, das Schiff fhrt gleichschnell! flsterte er.

Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und lschte die Lichter.

Carlos und Nicols hielten es jetzt nicht lnger in ihren Betten aus.

Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke.
Drauen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.

Sie hrten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen.
Sonst war es totenstill.

Wie dunkel! flsterte Carlos. Wenn man nur einen einzigen Stern sehen
knnte!

Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden? meinte er nach
einer Weile.

Sie werden sie wohl bald auffressen, antwortete Nicols, aber
vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!

Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?

Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.

Carlos schlo die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des
Meeres vorzustellen.

Sie schwiegen lange.

Wieder fuhr Carlos zusammen. Er fate seinen Bruder beim Arm: Hrst du
nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!

Sie hielten den Atem an und horchten.

Nicols sagte: Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.

Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.

Schlielich fielen Nicols die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich
eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann
begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf.
--

Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Brstenfeger in die Kabine.

Hell schien die Sonne durch die Luke.

Heraus, ihr Langschlfer, rief er. Es hat schon lngst zum Frhstck
gelutet!

Carlos und Nicols richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die
Augen.

Vom Zwischendeck ertnte Gesang und Gitarrespiel.

Die gestrigen Ereignisse traten pltzlich wieder in ihre Erinnerung.

Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mtterchen
ins Wasser geworfen! rief Carlos aufs hchste verwundert aus.

Herr Dr. Brstenfeger antwortete lchelnd: Bedenkt, Karl und Nikolaus,
da dies ein leichtlebiges Vlklein ist, unter einem heiteren Himmel
geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!

Im Ezimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der
Nacht die Leiche ins Meer gesenkt htte. Um zwei Uhr, antwortete der
Obersteward.

Wir haben aber gar nichts gehrt! sagte Carlos.

Dergleichen Sachen werden hier mglichst still abgetan, antwortete der
Obersteward.

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage spter passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der
Speisesalon war mit Fhnchen und Papiergirlanden ausgeschmckt, auf den
Tischen standen groe Aufstze mit Kuchen und Knallbonbons.

Die Damen hatten ihre schnsten Kleider angezogen; die Dame mit den
Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr.
Brstenfeger erschien im Gehrock und weier Krawatte, Carlos und Nicols
in ihren besten weien Matrosenanzgen mit hellblauen seidenen Kragen.

Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner
getrunken; auch Carlos und Nicols durften mittrinken; gegen Ende der
Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Frhlichkeit ...

Nach Tisch spazierte Herr Dr. Brstenfeger mit den Knaben auf Deck auf
und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr
aufzubleiben.

Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.

Herr Dr. Brstenfeger war sehr aufgerumt ...

Bis jetzt, Karl und Nikolaus, sagte er, knnen wir uns im groen und
ganzen ber die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich
doch auf Deutschland; der Winter hlt jetzt dort seinen Einzug, unser
prchtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und
Schneemnner machen, hei, das wird ein Spa!

Herr Dr. Brstenfeger wurde immer aufgerumter. Er erzhlte ihnen weiter
von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus
seiner Kindheit und Studentenzeit.

Carlos und Nicols hrten begierig zu. So vergngt hatten sie ihren
Lehrer noch nie gesehen.

Durch die geffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicols ins
Ezimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Frulein von Pfnhl
sa noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte
Flasche.

Herr Dr. Brstenfeger, sehen Sie, sagte Carlos, wieviel Puder sich
Mi Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!

Still, Karl, werde nur nicht bermtig, antwortete Herr Dr.
Brstenfeger lchelnd, Frulein von Pfnhl ist und bleibt eine gute,
harmlose Dame!

Er verfgte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und
begann etwas vor sich hinzusummen.

Herr Dr. Brstenfeger, singen Sie doch lauter! baten Carlos und
Nicols.

Herr Dr. Brstenfeger sang:

   Als die Rmer frech geworden, sim serim sim sim sim sim,
   sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim,
   Vorne mit Trompetenschall tertttter
   Ritt der General-Feldmarschall tertttter
   Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau,
   Herr Quintilius Varus, schnderngtng, schnderngtng, schnderng
      tngderngtngtng.

Was ist das fr ein komisches Lied?! unterbrachen ihn Carlos und
Nicols lachend.

Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in
feuchtfrhlichem Zecherkreise.

Herr Dr. Brstenfeger sang weiter:

   In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim,
   Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim,
   Raben flogen durch die Luft, tr ...

Endlich gefunden! ertnte emphatisch eine Stimme.

Vor Herrn Dr. Brstenfeger stand Frulein von Pfnhl.

Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mute Sie
sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte
Seele!

Frulein von Pfnhl machte einen Schritt nher. Ein Geruch nach Kognak,
wie noch nie, schlug Herrn Dr. Brstenfeger entgegen.

Sie guter, edler Mann, Frulein von Pfnhl begann laut zu schluchzen,
lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!

Herr Dr. Brstenfeger wich entsetzt zurck.

Sprachlos starrten Carlos und Nicols Frulein von Pfnhl an.

Ich habe den Glauben an die Welt verloren, schluchzte sie wieder laut
auf.

Von neuem nherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr.
Brstenfegers Brust.

Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die hchste Zeit! Herr Dr.
Brstenfeger ergriff Carlos und Nicols bei den Hnden und zog sie mit
sich fort.

Ich will noch nicht zu Bett! schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.

Du hast zu gehorchen! rief Herr Dr. Brstenfeger.

Wir drfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt! heulte
Carlos.

Marsch, marsch!

Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicols trabte
resigniert mit. Herr Dr. Brstenfeger eilte mit ihnen die Treppe
hinunter, in seine Kabine, dort lie er sie los.

Alberner, trichter Junge! herrschte er Carlos an.

Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Pltzlich
heulte er laut auf: Ich bekomme den Krebs!

Waas! rief Herr Dr. Brstenfeger.

Sie haben mich frchterlich am Arm gekniffen, eine alte Frau hat man
auch am Arm gekniffen, und da hat sie den Krebs bekommen und ist
gestorben!

Was schwatzt du da fr Unsinn, schrie Herr Dr. Brstenfeger, erstens
bist du keine alte Frau, und zweitens bin ich noch viel zu glimpflich
mit dir umgegangen!

Er schwieg, die Lippen fest aufeinandergepret. Nicols sah, wie sein
Kehlkopf sich ber dem niederen Klappkragen auf und ab bewegte.

Ich habe mich bedacht, ihr braucht noch nicht zu Bett, sagte Herr Dr.
Brstenfeger, geht einstweilen ins Ezimmer und verhaltet euch still,
ich komme bald nach!

Carlos wollte schon die Trklinke ergreifen.

Herr Dr. Brstenfeger hielt ihn zurck. Er sah ihn an. ber seiner
Nasenwurzel hatten sich zwei Furchen gebildet.

Rebellischer Knabe, rebellischer Knabe, pfui, schme dich -- so, jetzt
geht!

Sie gehorchten schweigend.

Stumm blickte er noch eine Weile in der Richtung der geschlossenen Tr.
Dann aber gltteten sich langsam seine Zge; er sagte vor sich hin: Ich
htte diesem aufgeregten Karl auch heute den Alkoholgenu versagen
sollen!

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen beim Frhstck wagte Herr Dr. Brstenfeger nicht vom
Teller wegzusehen, aus Angst, den Augen Frulein von Pfnhls zu
begegnen.

Als er nachher mit Carlos und Nicols auf Deck ging, lie er die Knaben
allein.

Von Unruhe geqult, spazierte er umher und sphte in alle Winkel.

Pltzlich erhellten sich seine Zge. Neben einer gromchtigen Taurolle
hatte er ein Pltzchen gefunden, das wie geschaffen schien, ihn aufs
prchtigste vor aller Welt Blicken zu verbergen.

Schon wollte er seinen Reisestuhl holen. In diesem Augenblick erscholl
zwanzig Schritte von ihm Frulein von Pfnhls Stimme: Herr Doktor!

Herr Dr. Brstenfeger sah sie starr an, machte dann kehrt und floh nach
dem Treppenhaus.

Zwei Stewards mit Teebrettern voller Teller und Schsseln kamen gerade
die Treppe hinauf und versperrten ihm den Weg.

Herr Doktor! ertnte es noch mal klglich bittend dicht hinter ihm.

Herr Dr. Brstenfeger duckte sich, und mit zwei Stzen war er unter den
Teebrettern durch, die Treppe hinab, lief durchs Ezimmer in seine
Kabine und schlo sich ein.

Schwer lie er sich auf das Sofa nieder. Gleich aber hatte er sich
wieder erhoben. Er reckte die Arme zur Decke empor und rief aus: Nichts
Frchterlicheres gibt es fr einen Mann, als wenn eine Frau, die er
nicht lieben kann, ihn immerzu mit ihrer Zrtlichkeit verfolgt!

Aber von nun an hate und verabscheute Frulein von Pfnhl Herrn Dr.
Brstenfeger aus ganzer Seele.

Auch sie begab sich gleich in ihre Kabine. Von Zorn und Bitterkeit
erfllt, schenkte sie sich ein Wasserglas Kognak ein und trank es mit
einem Zuge aus.

                   *       *       *       *       *

Mehr als eine Woche war vergangen. Man war aus dem Bereich der Tropen.

Seit St. Fernando d'Oronho, der Verbrecherinsel, hatte man kein Land
mehr gesehen.

Am zehnten Tage aber, gegen Mittag, kndeten vereinzelte Mwen die Nhe
der Kste an, gegen Abend umkreisten sie in Scharen das Schiff. Am
Horizont tauchten Dampfer und Segler auf.

Bei Dunkelwerden fuhr die Lombardia ganz nahe an einem Feuerschiff
vorbei. Carlos und Nicols schwenkten jubelnd die Mtzen.

Am frhen Morgen erschien in der Ferne die schneebedeckte Spitze des
Piks von Teneriffa; um Mittag aber sah man schon Palmen und schimmernde
Huser.

Land, Land! riefen Carlos und Nicols beglckt aus ...

Bald stieg der Lotse an Bord. Langsam fhrte er das Schiff in die Reede
des felsenumstandenen Santa Cruz ...

Die Lombardia sollte Kohlen laden.

Smtliche Passagiere begaben sich an Land. Man stieg zu Wagen und lie
sich im Stdtchen umherfahren.

Oberhalb der Stadt auf der Anhhe speiste man im Hotel auf der Veranda
mit dem Blick auf Felsen und Meer.

Die Gesellschaft war in der heitersten Stimmung, denn endlich war man
wieder an Land nach langer Seereise.

Dann spazierte man auf den Berghngen umher, und als das erste Signal
des Dampfers ertnte, kehrte man an Bord zurck ....

Noch war die Lombardia lange nicht mit dem Laden fertig, die Krane
lrmten, das ganze Schiff war schwarz vom Kohlenstaub.

Aber die gute Laune der Passagiere dauerte unvermindert fort.

Alle Welt war auf Deck; man wollte den Anblick der schnen Insel
genieen, solange es noch hell war. --

Der vorletzte Leichter hatte seine Arbeit beendet und sollte gerade
abstoen, als ein kleines schmchtiges Mnnchen in einem geflickten
Zwillichanzug das Fallreep herunterstieg. Er war barhuptig und trug ein
kleines Bndel in der Hand; ein Matrose ging hinter ihm.

Auf der letzten Stufe blieb er stehen und sah den Matrosen unschlssig
an. Aber dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und zwang ihn in den
Leichter zu steigen.

Sein Bndel krampfhaft gefat, blickte der kleine Mann verzweifelt zum
Deck der Lombardia hinauf.

Als der Leichter im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, streckte er
die Arme in die Hhe und brach in lautes Weinen aus: Herr Kapitn, ich
beschwre Sie um Himmels willen, lassen Sie mich nicht auf dieser Insel
zurck, nehmen Sie mich nach Barcelona mit, ich mu ja zu den Meinen!

Der Kapitn, ein Mann mit einem dicken gutmtigen Gesicht, stand reglos
an der Reling, mitten im Haufen der Passagiere, die neugierig
herunterschauten.

Ein blinder Passagier, der sich in Rio eingeschmuggelt hat und hier an
Land gesetzt wird, erklrte der Kapitn einigen Umstehenden, die ihn
mit Fragen bestrmten.

Um Himmels willen doch kein Anarchist! schrie Frulein von Pfnhl auf.

Warum darf der arme Mann nicht mitfahren?! fragten Carlos und Nicols
voller Mitleid einen Herrn aus Corua, der karierte Hosen trug.

Weil er sich eingeschmuggelt hat, wie ein Dieb, um umsonst zu fahren,
versteht ihr, Jungens?! belehrte sie dieser.

Herr Kapitn, schrie das Mnnchen hinauf und weinte herzbrechend, ich
flehe Sie an, nehmen Sie mich mit; ich will ja wieder jede Arbeit tun;
machen Sie mich doch nicht unglcklich!

Das fehlte noch, lachte der Herr aus Corua, wir haben bei uns schon
genug anarchistisches Gesindel!

Die meisten Passagiere schauten gleichmtig hinunter; einige
bemitleideten das Mnnchen, andere lachten ber sein Geschrei und seine
komischen Armbewegungen.

Der Kapitn zuckte die Achseln, brummte etwas in den Bart und trat von
der Reling zurck.

Herr Kapitn, ist es erlaubt, dem armen Mann etwas Geld zu geben?!
fragten aufgeregt Carlos und Nicols.

Erlaubt ist es schon, und brauchen wird er es wohl auch! lchelte der
Kapitn.

Carlos und Nicols wollten sofort in die Kabine laufen, um ihre
Sparbchse zu holen.

Aber Herr Dr. Brstenfeger hielt sie zurck: Ihr habt keine Zeit, der
Leichter fhrt schon ab!

Er zog sein Portemonnaie aus der Tasche und gab einem Matrosen ein
Goldstck, der schnell das Fallreep hinunterlief und es dem noch immer
laut weinenden Mann hinreichte.

In diesem Augenblick fuhr der Leichter weg.

_Gracias, gracias, Seores, que Dios se lo pague!_ rief schluchzend
der Mann und winkte mit dem Bndel zum Schiff hinauf ...

Es war schon lange dunkel, als der letzte Kohlenleichter abstie. Kurz
darauf lichtete die Lombardia die Anker und verlie die Reede.

Carlos und Nicols standen noch lange auf Deck und sahen stumm nach den
steilen Felsen der Insel, die allmhlich in der Dunkelheit verschwanden.

Es war ihnen traurig zumute.

Nicols sagte: Was wird wohl jetzt der arme Mann anfangen? --

                   *       *       *       *       *

Sechs Stunden vor der Lombardia hatte ein spanischer Dampfer,
gleichfalls mit Bestimmung nach Barcelona, Teneriffa verlassen.

Den werden wir morgen vormittag schon eingeholt haben! sagte der
Kapitn.

Am Morgen sphten Carlos und Nicols nach dem spanischen Dampfer aus,
aber er war noch nicht sichtbar.

Der Herr aus Corua mit den karierten Hosen stand, sein Fernglas in der
Hand, auf Deck, suchte den Horizont ab und sagte triumphierend: Den
holen wir nie ein, der Kapitn hat wieder einmal den Mund zu voll
genommen.

Nicols fragte verwundert: Freuen Sie sich denn, wenn jener dreckige
Kasten gewinnt?

Was fr ein Landsmann bist du? fragte der Herr aus Corua ein wenig
herausfordernd.

Argentiner! antwortete Nicols stolz.

So, und wenn jener dreckige Kasten ein Argentiner wre, wrdest du dich
freuen, wenn unser Schiff gewnne?

Ja, antwortete Nicols denn wir sind ja selbst darauf!

Du bist mir ein trauriger Patriot, antwortete der Herr aus Corua und
klopfte ihm auf die Schulter, ich bin ein Spanier, und jener dreckige
Kasten ist es auch, ich wnsche ihm von ganzen Herzen den Sieg!

Damit richtete er sein Fernglas wieder nach dem Horizont.

                   *       *       *       *       *

Als Carlos und Nicols kurz darauf nach Zwischendeck gingen, waren sie
aufs hchste berrascht: dort stand der blinde Passagier von gestern und
putzte eifrig Blechteller.

Er sah die Knaben, und sein Gesicht hellte sich auf. Rasch kam er auf
sie zu, erfate ihre Hnde und drckte sie lange und herzlich: Tausend
Dank, meine kleinen Herren, Sie haben mir einen groen Dienst erwiesen.
Trnen standen in seinen Augen. Von einem Matrosen habe ich erfahren,
da Sie es waren, die mir das Geld schenkten.

Ja, aber wie sind Sie wieder aufs Schiff gekommen?! riefen Carlos und
Nicols.

So ... mit einem Boot! antwortete er und zwinkerte schlau mit den
Augen.

Jubelnd liefen Carlos und Nicols zu Herrn Dr. Brstenfeger: Der arme
Anarchist ist wieder da!

Gleichfalls berrascht hrte Herr Dr. Brstenfeger die Nachricht.
Schlielich meinte er nicht ohne Bedenklichkeit: Er wird sich doch
nicht wieder eingeschmuggelt haben?

Gleich begab er sich zum Schiffskommissar, um Nheres zu erfahren.

Der Schiffskommissar lachte: Das haben Sie auf dem Gewissen, mit Ihrem
Geld hat er einen Bootsmann bestochen und sich als Kohlentrger in der
Dunkelheit wieder eingeschlichen.

Herr Kommissar, dann wre ich ja das indirekte Werkzeug dieser Tat!
meinte Herr Dr. Brstenfeger in peinlichster Verwirrung.

Beruhigen Sie sich nur, in diesem Falle war es eine gute Tat; der arme
Teufel wollte zu seiner schwerkranken Frau nach Barcelona und hatte kein
Reisegeld, aber wir haben strenge Order, blinde Passagiere an Land zu
setzen. Er lachte wieder. Da er nun aber wieder da ist, mu er mit
nach Barcelona, ins Wasser kann man ihn nicht werfen.

Beruhigt und erfreut antwortete Herr Dr. Brstenfeger: Dann freilich
war das die beste Wendung, Herr Kommissar! ...

Als Carlos und Nicols am nchsten Morgen auf Deck erschienen, stand
dort alle Welt, die Fernglser und Operngucker nach dem spanischen
Dampfer gerichtet, der einige Seemeilen vor ihnen herdampfte. Er
entsandte eine dicke Rauchsule; man konnte schon die Farben des
Schornsteins erkennen.

Der Herr mit der Reisemtze lachte: Er will nicht schmhlich berholt
werden und arbeitet mit Volldampf!

Ein Franzose aus Teneriffa meinte: Auch die Lombardia spart nicht die
Kohlen, sie sollte dem Spanier mehr Verachtung zeigen.

Nur zu, nur zu! meinte ein aufgeregter Herr aus Triest.

Der Herr aus Corua stand abseits, zuckte die Achseln und versuchte
hmisch und berlegen zu lcheln.

Carlos und Nicols aber glhten vor Stolz und Begeisterung fr die
Lombardia.

Sie liefen zu ihrem Lehrer, der auf der anderen Seite des Decks stand:
Herr Dr. Brstenfeger, kommen Sie, wir berholen den Spanier, wir
gewinnen!

Ich habe keinen Sinn fr diese alberne Wettfahrt, antwortete Herr Dr.
Brstenfeger, ich betrachte jetzt das Meer; so schn und so licht war
es auf der ganzen Reise noch nicht, schaut doch: geradezu ins Unendliche
scheint der Horizont gerckt!

Aber Carlos und Nicols waren bereits auf und davon und wieder zurck
nach der anderen Deckseite.

Der Herr mit der fahlen Glatze, der neben ihnen stand, meinte kurz:
Wenn dieser Spa noch andauert, prophezeie ich beiden Schiffen eine
Kesselexplosion!

                   *       *       *       *       *

Es war am nchsten Tag; Carlos und Nicols waren auf Zwischendeck. Unter
den Passagieren, die in Teneriffa an Bord gekommen waren, sahen sie
einen spindeldrren alten Mann mit einer Adlernase. Er trug einen
verblichenen blauen Rock und Zwillichhosen. ber dem eingesunkenen Leib
baumelte eine schwere silberne Uhrkette. Die magere Brust bedeckte eine
Lavallirekrawatte, reichlich bedeckt mit Speiseresten.

Neben ihm auf einem Feldstuhl sa eine hagere, alte Frau in einem
schmutzigen Waschkleide von sehr jugendlichem Schnitt, einen
aufgespannten Sonnenschirm in der Hand. Das Gesicht war voller Falten,
aber ihr schwarzes Haar, das seltsam aufgeklebt schien, zeigte keinen
einzigen weien Faden.

Mit lauter Stimme, die manchmal berschnappte, und lebhaften Gebrden
trug der Greis einem Haufen, der ihn umstand, ein Gesangstck vor.

Carlos und Nicols blieben in einiger Entfernung stehen und hrten zu.

Als er geendet hatte, wurde laut bravo gerufen und geklatscht. Viele
schrien begeistert: _Da capo, da capo!_

Der Alte dankte lchelnd herablassend und setzte sich neben die Frau auf
einen Holzkoffer. Mit nachlssiger Gebrde holte er eine Zigarre aus
seiner Tasche und steckte sie an.

Carlos und Nicols fragten sich; wer wohl diese beiden alten Leute sein
mchten.

Der Alte aber, der neulich Zeuge ihres Wiedersehens mit dem blinden
Passagier gewesen war, hatte sie schon lngst bemerkt.

Meine jungen Herren, sagte er und verneigte sich leicht, ich wei
nicht, ob Sie meine Darbietung angehrt haben; aber immerhin, wollen Sie
uns nicht die Ehre erweisen, nher zu treten?

Er stand auf und machte eine groartige Verbeugung: Mein Name ist
Vittorio Chiasaponte!

Etwas verwirrt ber eine so ungewhnliche Ansprache, traten die Knaben
heran.

Hier stelle ich Ihnen meine Gattin vor! Der Alte zeigte nach der Dame
auf dem Feldstuhl, die sich mit einem huldreichen Lcheln verneigte.
Santa Madonna, ohne mich brsten zu wollen, aus dem Nichts zog ich sie
einst empor, in Lumpen gehllt; ich brachte sie zur Erkenntnis ihres
schlichten Talentes, machte sie zur Sngerin, die sie wurde, machte sie
zu meiner Gattin!

Ja, das tat er, nickte sie mit berzeugung. Und emphatisch die Hand in
die Hhe bewegend: Er, der groe Vittorio! Ich habe ihm zu danken bis
zu meinem letzten Atemzuge!

Schon gut, schon gut, Elvira, winkte der Knstler gutmtig ab. Mit
schmerzlichem Pathos fuhr er fort: Freilich, Signorini, die Zeit meines
groen Wirkens liegt hinter mir, die Zeit, da mein Name in der Welt
jenen Klang hatte, den heute noch die Annalen eines Teatro San Carlo und
einer Scala verzeichnen, und der erlschen mu, wenn es der Ratschlu
der grausamen Nachwelt bestimmt, die Schauspielern, Sngern und
Virtuosen niemals dankbar war!

Vittorio, das wird nicht geschehen! rief die Gattin.

Wie dem auch sei! Zwei Zornesfalten erschienen auf seiner Stirn. Der
Schauplatz meines Wirkens hat sich verndert; Ha und Neid haben mich
von den groen Bhnen vertrieben; einzig allein mir selbst angehrend,
reise ich mit meiner treuen, geliebten Elvira als freier Knstler in der
Welt umher!

Bravo, bravissimo! sagte ein kleiner Mann, der ein rotes Halstuch
trug. Ein Beifallsgemurmel ertnte umher.

Chiasaponte trat einen Schritt zurck und machte vor Carlos und Nicols
nochmal eine Verbeugung: Signorini, meine Gattin und ich stehen mit
unserem reichen Repertoire, er zeigte in der Richtung der ersten
Klasse, einem hochdistingierten, hochkultivierten Publikum jederzeit
zur Verfgung. Wenn Sie geneigt wren, in diesem Sinne ein Abkommen zu
vermitteln, wre an Chiasaponte die Reihe, Ihnen zu dienen!

Carlos und Nicols standen ein wenig verlegen da, sie hatten den Inhalt
seiner Rede nicht ganz verstanden.

Der kleine Mann mit dem roten Halstuch trat vor: Il Signor Chiasaponte
bittet euch, zu euren Leuten in die erste Klasse zu gehen und ihnen die
Mitteilung zu machen, da zwei groe Knstler, er wies auf das Paar,
oben eine Gesangsvorstellung zu veranstalten beabsichtigen --
selbstverstndlich, der kleine Mann neigte sein Gesicht zu Carlos und
Nicols herab und rieb den Daumen gegen den Zeigefinger -- gegen
entsprechende Bezahlung!

Die Knaben hatten jetzt vollkommen begriffen. Hocherfreut ber die
Aussicht auf Theater, eilten sie nach der ersten Klasse.

Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft angenommen. Die
Honorarbedingungen lauteten: Nach der Vorstellung wird eingesammelt.

Chiasaponte war mit dem Anerbieten vollkommen einverstanden. In Sachen
der Kunst, meinte er, sei die Geldfrage Nebensache.

Die Vorstellung wurde fr den nchsten Tag bestimmt. Carlos und Nicols
konnten die Zeit kaum erwarten.

Am folgenden Abend nach dem Essen stand auf Deck eine improvisierte
Bhne. Straff gespannte Segeltcher, mit Fahnen behngt, bildeten den
Hintergrund und die Seiten, zwei groe Fahnen den Vorhang.

Das Publikum erschien vollzhlig und pnktlich. Auch die Passagiere der
zweiten Klasse waren eingeladen; die Versammlung bestand aus mehr als
sechzig Personen.

Bereits ber zehn Minuten wartete man; das Publikum wurde ungeduldig,
begann zu scharren und zu stampfen.

Da sahen Carlos und Nicols in der Dunkelheit zwei abenteuerlich
gekleidete Gestalten die Treppe nach Deck hinaufsteigen und schnell
hinter der Bhne verschwinden.

Der Vorhang bewegte sich, man hrte dahinter leise und aufgeregt
sprechen. Die Knaben unterschieden Chiasapontes Stimme. Dann wurde es
still, und bald nachher ffnete sich der Vorhang. Rechts im Vordergrund
der Bhne stand das Klavier vom Salon. Daran sa ein Herr aus der ersten
Klasse, der sich lchelnd gegen das Publikum verneigte. Links weiter
hinten stand ein kleiner runder Tisch.

Hinter der Szene hrte man wieder Chiasapontes Stimme, eine Hand mit
einem Glas Wasser kam zum Vorschein. Der Herr am Klavier stand auf, nahm
das Glas und stellte es auf den Tisch.

Kurz darauf erschienen beide Knstler. Durch den Zuschauerraum ging eine
Bewegung. Carlos und Nicols reckten die Hlse.

Chiasaponte trug einen roten Samtrock mit einem Spitzenkragen, rote
Pluderhosen und lange schwarze Strmpfe, die einige Lcher hatten, als
Fubekleidung die Stiefel, welche er immer trug, auf dem Kopf eine weie
Percke, an der Seite einen Degen. Sein Gesicht war sehr stark
geschminkt, die hageren Waden ausgestopft; den eingesunkenen Leib
bedeckte ein gestreiftes Kissen, das unter seiner schlecht schlieenden
Weste sichtbar war.

Die Knstlerin hatte ein verblates Atlaskleid an mit roten
Papierblumen, trug eine hohe weie Percke und war sehr ausgeschnitten.
Auf ihrem grotesk geschminkten Gesicht prangten Schnheitspflsterchen,
die Augen leuchteten schwarz wie Kohlen. Weie schmutzige Atlasschuhe
mit abgetretenen Abstzen zierten ihre Fe.

Jetzt wandte sich die Knstlerin halb ihrem Partner zu, legte die Hand
auf ihren Busen und begann in hohem Sopran zu singen.

Schon bei den ersten Tnen prete Herr Dr. Brstenfeger seine Hnde
zusammen, verzog schmerzlich das Gesicht und murmelte: Ach schrecklich,
arme Frau!

Chiasaponte griff nach der Hand der Knstlerin. Aber sie trippelte
lchelnd zurck, mit schnell verneinenden Bewegungen des Kopfes. Er
nherte sich ihr singend, die Hand auf der Brust.

Nochmal verzog Herr Dr. Brstenfeger schmerzlich sein Gesicht, denn auch
sein Tenor erschien ihm ganz unertrglich.

Wieder griff Chiasaponte nach ihrer Hand. Sie wich nicht mehr zurck,
sondern lehnte ihren Kopf an seine Schulter und lchelte zu ihm hinauf.
Sie sangen ein Duett.

Pltzlich stie er sie zurck. Seine Miene war mit einem Schlage
verndert, die Augen schossen Blitze; sein Tenor erscholl drohend und
racheheischend.

Unter den Zuschauern hrte man unterdrcktes Kichern; irgendwo rief
jemand laut: Bravo! Mit flammenden Backen verfolgten Carlos und
Nicols die Vorgnge.

Flehend und beteuernd mischte sich Donna Elviras Gesang in den
Chiasapontes.

Er langte in eine Seitentasche und berreichte ihr wild triumphierend
einen Brief, worauf er seinen Degen zog.

Sie berflog die Zeilen, ihr Busen wogte heftig. Schmerzlich
aufschreiend warf sie den Brief von sich und sang mit wild verzweifelten
Gebrden eine leidenschaftliche Arie.

Er warf seinen Degen auf die Erde und schlug sich mit den Fusten gegen
die Brust. Flehentlich nherte er sich ihr.

Sie machte eine streng abwehrende Bewegung, ging nach dem Tisch und
griff nach dem Glase.

Er fiel auf die Knie und rang die Hnde zu ihr empor.

Die Heiterkeit beim Publikum wuchs.

Chiasaponte trat an die Rampe, und gegen das Auditorium gewandt, gab er
in einer langen Arie verzweifelt kund, sie werde nun doch das Gift
nehmen, und niemand knne sie mehr erretten.

Die rechte Wade war ihm heruntergerutscht, die Percke sa ihm schief
auf dem Kopf, seine Stimme schnappte wiederholt ber.

Das Lachen beim Publikum wurde immer haltloser. Der Herr mit der
Reisemtze, der Carlos und Nicols schrg gegenber sa, hatte sein
Taschentuch in den Mund gestopft und wand sich.

Carlos zupfte Herrn Dr. Brstenfeger am Rock und fragte: Ist das ernst
oder komisch? Nicols sagte leise: Ich glaube komisch. Eher wohl
ernst, meinte kurz Herr Dr. Brstenfeger.

Mit wachsendem Feuereifer sang Chiasaponte. Hinten lag seine Gattin
schon lngst als Leiche auf der Erde.

Nun war die Arie beendet. Laute Bravo-, _bis, da capo_-Rufe ertnten.

Chiasaponte verbeugte sich verschiedene Male.

_Bis, da capo!_ ertnte es von neuem.

Nochmal sang er die Arie. Darauf kehrte er sich nach seiner Gattin um.

Mit einem Schrei taumelte er zurck; dann aber machte er einige Schritte
vorwrts, und nach einem kurzen, ergreifenden Schlugesang bckte er
sich nach seinem Degen, stie ihn sich in den Leib und fiel neben seine
Gattin nieder.

Ein grenzenloser Applaus erfolgte. Man stampfte, jubelte, der Beifall
wollte nicht enden.

Das Paar erhob sich; Chiasaponte nahm die Hand seiner Gattin, sie traten
bis zur Rampe und verbeugten sich viele Male; worauf sie sich dann
wieder zurckzogen.

Kurz danach erschien Donna Elvira mit einem Teller unter den Zuschauern.
Man war allgemein in der freigebigsten Stimmung. Gold und Banknoten
flogen in den Teller. Die Knstlerin ging die Reihen auf und ab, der
Teller zitterte in ihrer Hand. Beinahe taumelnd verschwand sie hinter
der Szene.

Das Publikum begann sich von den Pltzen zu erheben.

Pst, stille! ertnte es pltzlich, denn in demselben Augenblick
erschienen wieder beide Knstler auf der Bhne. Ihm wie ihr rannen dicke
Trnen ber die geschminkten Backen.

Sie traten bis zur Rampe und verbeugten sich.

Meine Damen und Herren ..., begann Chiasaponte. Seine Stimme bebte, er
hielt inne und schluckte heftig. ... Ich danke Ihnen ... Wohl wei
ich, zitternd berhrte er seine Kehle, da ich nicht meiner Stimme
diesen Erfolg zu verdanken habe ... sie ist nicht mehr die frhere; ich
bin ein Greis ... aber das, was hher steht als die Materie, der Geist,
der zu den Gemtern spricht, er ist noch nicht ganz erloschen, er hat
einen Widerhall bei Ihnen gefunden! -- Wieder hielt er inne Meine
Damen und Herren, nicht immer hat man Gelegenheit, vor ein solches
Publikum zu treten!

Die Knstler verneigten sich und zogen sich von der Szene zurck.

Im Publikum war groe Stille. Allmhlich ging man auseinander.

Warum weinten sie, sie haben ja soviel Geld bekommen? fragte Carlos
Herrn Dr. Brstenfeger.

Arme, arme Menschen, flsterte der Lehrer.




                                 Europa


                             Ilona Ritscher
                                gewidmet

Ein paar Tage waren vergangen. Morgen in der Frhe wrden Carlos und
Nicols zum ersten Male die Kste Europas erblicken.

Vor freudiger Aufregung konnten sie die halbe Nacht nicht schlafen.

Kurz nach Sonnenaufgang waren sie schon wach. Sie schauten durch die
Luke, sahen aber nichts als Himmel und Wasser.

Schnell zogen sie sich an und eilten auf Deck; nirgends sah man noch
Land.

Vor acht Uhr wrde noch nichts zu sehen sein, erklrte ein Matrose.

Von Ungeduld erfllt, gingen Carlos und Nicols bis zur Spitze des
Schiffes; dort waren sie der Kste nher.

Carlos sagte: Man sieht nur Schiffe.

Ein kalter Wind wehte; sie froren und kehrten aufs Promenadendeck
zurck.

Dort standen einige Passagiere und schauten mit Fernglsern nach dem
Horizont.

Sieht man was? fragte Carlos gespannt.

Nein, noch nichts!

Herr Dr. Brstenfeger erschien.

Karl und Nikolaus, sagte er, ihr seid heute frhzeitig auf!

Ja, antwortete Nicols, wir sind ja bald in Europa.

Na, das wird noch eine kleine Weile dauern, antwortete Herr Dr.
Brstenfeger lchelnd.

Bald ertnte die Frhstcksglocke.

Carlos und Nicols gingen widerwillig hinunter und rgerten sich, weil
Herr Dr. Brstenfeger so gemchlich kaute.

Als sie wieder oben waren, sagte ein Offizier, man wrde jetzt schon
Land sehen, wenn die Luft klarer wre.

Eine Stunde verging; es wurde immer dunstiger. Noch immer sah man kein
Land.

Gergert und gelangweilt gingen Carlos und Nicols in den Salon und
spielten Mhle.

Manchmal blickten sie zum Fenster hinaus; ein Dampfer und zwei Segler
fuhren an ihnen vorbei.

Als die Knaben auf Deck zurckkehrten, erfuhren sie, da man bereits am
Eingang der Meerenge sei.

Aber Land sah man nicht.

Wie schade, nicht einmal Afrika, sagte Carlos.

Wir bekommen Nebel, sagte der Herr mit der Reisemtze, das wird eine
schne Durchfahrt!

Einige Seemeilen von ihnen fuhr ein Schiff in leichte Dunstschleier
gehllt.

Etwas spter sa man beim Lunch. Der Kapitn war nicht zu Tisch
erschienen.

Kaum waren die Passagiere mit dem Essen fertig, als ber ihren Kpfen
ein langgezogenes dumpfes Signal ertnte.

Der Herr mit der fahlen Glatze rief aus: Die Sirene, da haben wir die
Bescherung!

Alles ging schnell auf Deck. Es war bereits starker Nebel, man sah kaum
zweihundert Meter weit.

Wieder ertnte laut und dumpf die Sirene.

Unverantwortlich vom Kapitn, sich bei solchem Nebel in die Meerenge zu
wagen; ich mache mich auf alles gefat! rief der Herr mit der fahlen
Glatze aus.

Wir fahren jetzt nur mit halber Kraft, bemerkte der Herr mit der
Reisemtze.

Der Herr mit der Glatze meinte: Damit uns ein fixer Englnder um so
leichter in den Grund rennt!

Herr Dr. Brstenfeger sah ihn an und dachte: Eine peinliche Erscheinung!

Irgendwo hrte man ein Nebelhorn, ganz in der Ferne eine Sirene.

Der Nebel wurde dichter; immer hufiger gab die Lombardia ihre Signale.

Brrr, diese Feuchtigkeit dringt in die Knochen, bemerkte Herr Dr.
Brstenfeger. Karl und Nikolaus, geht hinunter und holt eure Mntel!

Carlos und Nicols gingen in ihre Kabine. Gleich erschienen sie wieder
in ihren Pelerinenmnteln, die Kapuzen ber die Kpfe gezogen.

Man kann nicht mal mehr bis zur Spitze des Schiffes sehen, sagte
Nicols.

Es wird immer schlimmer, murmelte Herr Dr. Brstenfeger zwischen den
Zhnen.

Wieder hrte man ein Nebelhorn.

Grausiges Getute, dachte Herr Dr. Brstenfeger.

Karl und Nikolaus, marschieren wir etwas schneller, es ist sehr kalt!

Kurz darauf ging er mit ihnen ins Rauchzimmer.

Vier Herren spielten Karten, der Schiffsarzt stand dabei und rauchte
eine Toskanazigarre.

Herr Dr. Brstenfeger wandte sich leise an ihn: Wird dieser
schreckliche Nebel noch lange anhalten?

Der Schiffsarzt zuckte die Achseln: Das ist sehr schwer vorauszusehen!

Ist wohl ernstliche Gefahr vorhanden? fragte Herr Dr. Brstenfeger
noch leiser.

O nein, kaum; unser Kapitn ist sehr vorsichtig.

Herr Dr. Brstenfeger nahm ein Buch zur Hand und setzte sich.

Lassen Sie uns bitte wieder hinaus, Herr Dr. Brstenfeger, baten
Carlos und Nicols, es ist schrecklich langweilig hier.

Gut, aber ich komme mit euch, antwortete der Lehrer.

Sie traten hinaus.

Nicht weit von ihnen ertnte eine Sirene; die Lombardia gab Antwort.

Der Nebel war noch dichter geworden.

An der Reling lehnte der frhliche Priester.

Ich glaube, unser Dampfer steht still, sagte er.

Der Herr mit der Reisemtze tauchte auf.

Ein Dampfer kommt uns entgegen, raunte er Herrn Dr. Brstenfeger zu;
gehen wir nach vorn und stellen wir uns hinter die Kommandobrcke!

Herr Dr. Brstenfeger, gehen wir! drngten die Knaben.

Aber ihr mt euch dort ganz still verhalten, um die Offiziere nicht zu
stren, sagte der Herr mit der Reisemtze.

Sie gingen nach Zwischendeck, stiegen dort eine schmale Treppe hinauf
und standen hinter der Kommandobrcke neben dem Schornstein.

Vorn, unter ihnen saen und kauerten die Emigranten, frstelnd in ihre
Mantel und Decken gehllt.

Wie Chirurgen bei einer schweren Operation standen schweigend die
Offiziere hinter ihren Instrumenten.

Ihre Gegenwart erfllte Herrn Dr. Brstenfeger mit Beruhigung.

Pltzlich machte er von eisigem Schrecken erfat einen Satz.

Auch der Herr mit der Reisemtze und die Knaben fuhren zusammen. Denn
gerade ber ihnen ertnte markerschtternd der Schrei der Sirene.

Um Gottes willen! rief Herr Dr. Brstenfeger und prete die Hnde an
die Ohren.

Sofort kam die Antwort des Dampfers vor ihnen, und wieder heulte die
Sirene der Lombardia.

Wenn wir nur endlich aus diesem schrecklichen Nebel heraus wren! Die
Hnde fest an die Ohren gepret, starrte Herr Dr. Brstenfeger in den
dichten Nebel, er fhlte eine Beklemmung auf der Brust, Schweitropfen
standen ihm auf der Stirn.

Miserikordia! ertnte es pltzlich aus dem Haufen der Emigranten;
mitten unter ihnen stand der Herr mit der fahlen Glatze und verbreitete
Panik. Man sah seine Hnde im Nebel fuchteln.

Jetzt stieg ein Offizier schnell die Treppe von der Kommandobrcke
hinab.

Carlos und Nicols sahen, wie er energisch auf den Herrn mit der fahlen
Glatze zuschritt und in der Richtung der ersten Klasse zeigte.

Der Herr mit der fahlen Glatze duckte sich und verschwand.

Nochmals heulte die Sirene ber ihnen; ganz nahe erfolgte die Antwort.

Karl und Nikolaus, gehen wir nach dem Promenadendeck, sagte Herr Dr.
Brstenfeger.

Sie kehrten zurck.

An der Reling lehnte ernst der frhliche Priester, sein Brevier in der
Hand.

Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.

Frulein von Pfnhl sa in ihrem Reisestuhl in ihren Schal gehllt und
weinte leise: Wir werden untergehen; mein guter, lieber Bruder, du
siehst mich nie wieder!

Bewegungslos stand die Lombardia, die Sirene heulte. Aus nchster Nhe
erfolgte jetzt die Antwort des fremden Dampfers.

Herrn Dr. Brstenfegers Herz krampfte sich zusammen.

Einige Sekunden vergingen; Lichter glitten im Nebel vorber.

Gott sei Dank ... er ist an uns vorbei! murmelte Herr Dr.
Brstenfeger.

Bald setzte die Lombardia wieder zu langsamer Fahrt an.

Herr Dr. Brstenfeger ging mit Carlos und Nicols ins Rauchzimmer; die
vier Herren waren noch immer in ihr Kartenspiel vertieft.

In einer Ecke sa stumm und finster der Herr mit der fahlen Glatze und
brtete vor sich hin ...

Nicols zeigte heimlich auf ihn und sagte zu Carlos: Er ist noch wtend
ber den Anschnauzer, den er vom Offizier bekommen hat ...

Zwei Stunden war die Lombardia langsam weitergefahren. In kurzen,
regelmigen Abstnden gab sie ihre Warnungssignale.

Pltzlich ertnten nahe vor dem Schiffe Schreie, zugleich laut ein
Nebelhorn. Einige Barken huschten wie Schatten dicht an der Lombardia
vorbei.

Die Maschine des Dampfers arbeitete nach rckwrts. Das Schiff stand.

Smtliche Passagiere waren aufs Deck gestrzt. Von rechts und links kam
schrilles Pfeifen; wieder ertnten Nebelhrner, dazwischen Schimpfen und
Fluchen.

Wir sind in eine Fischerflottille geraten, rief ein Steward.

Um Gottes willen, man hat doch keine Barke berfahren?! rief Herr Dr.
Brstenfeger.

Es ist nichts passiert, lachte der Steward ...

Die Schreie und Rufe verklangen in der Ferne.

Eine Mwe flog nahe an Carlos und Nicols vorbei, beinahe die Reling
streifend.

Lange rhrte sich die Lombardia nicht von der Stelle, unaufhrlich
ertnten ihre Signale.

Dann fuhr sie wieder langsam weiter ...

Nach dem Nachtessen sa Herr Dr. Brstenfeger mit Carlos und Nicols im
Rauchzimmer.

Auf dem Sofa sa die Dame aus Patagonien, neben ihr der Herr mit der
Reisemtze.

Heute nacht gehe ich nicht zu Bett! sagte sie.

Das Klgste wre, wir blieben alle auf, bemerkte er.

Lange sa man schweigend.

Pltzlich rief Carlos aus: Es tutet ja schon lange nicht mehr!

In dem Augenblick kam der Herr aus Corua hereingelaufen und rief laut
und freudig: Meine Herrschaften, der Nebel zerteilt sich!

Alles eilte auf Deck. Man sah weit hinaus ins Meer. Hell erleuchtete
Schiffe fuhren vorber.

Gibraltar erstrahlte in tausend Lichtern.

Herr Dr. Brstenfeger, sehen Sie, Europa! riefen Carlos und Nicols.

Bald leuchteten smtliche Sterne am Himmel.

Ein groer Dampfer fuhr mit Musik nahe an der Lombardia vorbei.

Herr Dr. Brstenfeger stand noch eine Weile mit Carlos und Nicols auf
Deck, dann ging er hinunter in den Salon, und von Begeisterung erfllt,
setzte er sich ans Klavier und spielte Beethovens Eroika ...

Zwei Tage spter war man in Barcelona.

Schon frhmorgens war ein groer Teil der Emigranten ausgeschifft
worden.

Etwas spter stiegen die Passagiere der ersten Klasse aus.

Herr Dr. Brstenfeger und Carlos und Nicols standen auf Deck.

Schade, da wir nicht an Land knnen, weil das Schiff so kurze Zeit
hlt, sagte Herr Dr. Brstenfeger.

Ist es denn in Deutschland nicht schner als hier?! bemerkte tief
enttuscht Carlos.

Barcelona ist eine schne spanische Stadt, freilich ist dies hier von
der Ferne aus schwer zu beurteilen, antwortete Herr Dr. Brstenfeger.

Aber Deutschland ist doch viel schner?!

Es wird euch dort schon gefallen, antwortete Herr Dr. Brstenfeger.

Jetzt stieg die schne Dame mit den Purpurlippen in Begleitung eines
jungen Exdeputierten aus Buenos Aires als Letzte in die unten wartende
Barkasse.

Unzhliges Handgepck folgte.

Die Barkasse stie ab.

Die schne Frau sah Carlos und Nicols oben an der Reling stehen und
warf ihnen zum Abschied Kuhnde zu.

Carlos und Nicols winkten mit den Taschentchern und schrieen aus
Leibeskrften: Adieu, adieu, auf Wiedersehen!

Schon gut, schon gut, jetzt hrt mal endlich auf! sagte Herr Dr.
Brstenfeger rgerlich und legte ihnen die Hand auf die Schulter ...

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage spter in der Frhe fuhr die Lombardia in den Hafen von Genua
ein.

Beinahe alle Passagiere waren auf Deck.

An der Reling standen Herr Dr. Brstenfeger und Carlos und Nicols,
neben ihnen das Handgepck und die Kiste mit den Affen.

Die Knaben dachten: Wie schn, bald sind wir in Mufflingen!

Herr Dr. Brstenfeger murmelte: Genua, Knigin des Meeres, letzte groe
Station vor meiner Heimat!

Auf Zwischendeck standen zwischen Koffern, Ballen und zusammengerollten
Matratzen die Emigranten zum Aussteigen bereit.

Ganz vorn an der Spitze lehnte an der Reling ein alter Mann.

Vierzig Jahre war er von seiner Vaterstadt fortgewesen. Arm wie er
fortgezogen, kehrte er jetzt wieder zurck.

Die Lippen aufeinandergepret, blickte er schon lange auf das sich
nahende Genua.

Pltzlich breitete er die Arme aus, und laut weinend rief er, da es
ber das ganze Schiff ertnte: _Genova mia Genova!_

Auf den Hafendocks spazierte Frulein von Pfnhls guter Bruder. In Angst
und Sorge wartete er auf seine Schwester. Er wute, da sie
sich dem Trunk ergeben hatte, und stand bereits mit einer
Alkoholentziehungsanstalt Mitteldeutschlands in Verbindung.


                               -- Ende --




Anmerkungen zur Transkription


Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen (vorher/nachher):

   [S. 29]:
   ... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren
       Umzumungen ...
   ... trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren
       Umzunungen ...

   [S. 44]:
   ... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten ein
       Htte, machten ...
   ... Nach dem Essen gingen die Knaben in den Garten, bauten eine
       Htte, machten ...

   [S. 53]:
   ... auf dem ich sitze. ...
   ... auf dem ich sitze? ...

   [S. 103]:
   ... Zeit zu Zeit waren ber ihren Kpfen in regelmigen
       Abstnden schwere Schritt ...
   ... Zeit zu Zeit waren ber ihren Kpfen in regelmigen
       Abstnden schwere Schritte ...






End of Project Gutenberg's Carlos und Nicols, by Rudolf Johannes Schmied

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CARLOS UND NICOLS ***

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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