The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof
bei Dikanka, by Nikolaj Gogol

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Title: Smmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
       Phantastische Novellen

Author: Nikolaj Gogol

Commentator: B. Schenrock

Editor: Otto Buek

Translator: Ludwig Rubiner
            Frieda Ichak
            Alexandra Ramm

Release Date: July 2, 2017 [EBook #55026]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 3: ABENDE ***




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                             Nikolaus Gogol
                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka




                             Nikolaus Gogol
                            Smmtliche Werke
                              In 8 Bnden


                             Herausgegeben
                                  von
                               Otto Buek


                                 Band 3


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1910


                             Nikolaus Gogol




                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka


                         Phantastische Novellen

                                Deutsch
                                  von
                             Ludwig Rubiner
                                  und
                              Frida Ichak.


                          Mnchen und Leipzig
                            bei Georg Mller
                                  1910




                                 Inhalt


   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka I                                1
   Vorrede                                                             3
   Der Jahrmarkt in Sorotschintzy                                     11
   Die Johannisnacht                                                  55
   Mainacht oder die Ertrunkene                                       83
   Der verschwundene Brief                                           133
   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka II                             155
   Vorrede                                                           157
   Die Nacht vor dem Weihnachtsfest                                  163
   Schreckliche Rache                                                239
   Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante                      311
   Der verhexte Ort                                                  355
   Biographische Skizze von B. Schenrock                             373
   Anhang                                                            399




                  Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
                              Erster Teil


                              Erzhlungen
          Herausgegeben von _Rotfuchs Panjko_, Bienenzchter.

                     bersetzt von _Ludwig Rubiner_
                           und _Frida Ichak_




                                Vorrede


Was ist denn das wieder fr ein Ding: Abende auf dem Gutshof bei
Dikanka? Was fr Abende sind denn das? Und die dazu gar noch ein
Bienenzchter in die Welt gesetzt hat! Gott bewahr' uns! Hat man etwa
noch zu wenig Gnsefedern gerupft und allzu wenig Lumpen zu Papier
verarbeitet! Hat etwa noch zu wenig Pack, haben etwa noch zu wenig Leute
von jeglichem Stand ihre Finger mit Tinte bekleckst! Da mu der Teufel
nach all dem anderen Volk auch noch einen Bienenzchter reiten, es den
andern nachzumachen! Wahrhaftig! Es gibt doch schon so viel bedrucktes
Papier, da man bald nicht mehr recht wei, was alles man hineinwickeln
soll!

All diese Reden hat meine Prophetie schon gehrt, schon vor einem Monat
gehrt! Ich will nmlich sagen, da es fr unsereins, da es fr uns
Vorwerksbesitzer genau dasselbe ist, wenn man -- o du grundgtiger
Himmel --, die Nase aus seinem Loch in die groe Welt steckt, als wenn
man in die Gemcher eines feinen Herrn tritt: alle bilden einen Kreis um
einen, und der Schabernack geht los; derartiges knnte man sich am Ende
noch von besseren Lakaien gefallen lassen, -- aber nein, irgend so ein
zerlumpter Junge, irgendein Lmmel, der sich im Hinterhof herumdrckt,
auch so einer traut sich heran. Da stampfen sie mit den Fen und rufen
einem von allen Seiten zu: Wohin willst du? Zu wem? Pack dich du
Bauernkerl! Scher dich zum Teufel! ..... Ich kann euch sagen .... Aber
was sollen alle Worte! Mir fllt's wahrhaftig leichter, zweimal im Jahr
nach Mirgorod zu reisen, wo mich schon seit fnf Jahren weder der
Schreiber vom Landgericht noch seine Hochwrden zu Gesicht bekommen
haben, als zu den groen Leuten zu steigen; tu ich's aber mal, dann
heit's, ob's dir nun pat oder nicht, Rede und Antwort stehen.

Nichts fr ungut, meine lieben Leser (und ihr nehmt's vielleicht bel,
da ein einfacher Bienenzchter zu euch redet wie zu seinem Gevatter
oder Ehestifter), wir Vorwerksleute haben von jeher solche Bruche:
sowie die Feldarbeiten zu Ende sind, der Bauer bern Winter zur Ruh'
hintern Ofen kriecht und unsereins seine Bienen in den dunklen Keller
steckt; sowie es keinen Kranich mehr am Himmel und auf dem Baum keine
Birne mehr gibt, da kann man, wenn es Abend wird, sicherlich irgendwo am
Ende der Dorfstrae ein Licht blinken sehen; von ferne hrt man lachen
und singen, die Balalaika klimpert, oft auch vernimmt man Geigenklnge,
lauten Schwatz und Lrmen .... Das sind die _Unterhaltungen_ unserer
_Abende_! Sie hneln sozusagen euren Bllen, aber doch nicht ganz. Wenn
ihr auf einen Ball fahrt, so geschieht's doch nur, um herumzuspringen
und in die hohle Hand zu ghnen. Bei uns dagegen, wenn da in einer Stube
ein Haufen Mdchen mit Spinnrocken und Spindelkamm zusammenkommt, so ist
das durchaus kein Ball. O nein! -- Zuerst sieht's aus, als ob sie
ernstlich an die Arbeit gehen wollten. Die Spindeln surren, die Lieder
schwirren, und keine wagt es, zur Seite zu blicken. Kaum aber kommen die
Burschen mit dem Fiedelmann in die Stube, da beginnt ein Toben und
Schreien, es wird getanzt, und solche Streiche geschehen da oft, da
man's gar nicht erzhlen kann.

Aber am schnsten ist's doch, wenn alle sich zu einem Haufen
zusammentun, und man beginnt, Rtsel zu raten, oder ganz einfach -- zu
schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzhlt! Was wird da
nicht fr alter Kram ausgegraben! Was fr Gruselzeug wird da nicht
herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzhlt wie
an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzchter. Warum mich die
Leute den Rotfuchs Panjko nennen, das vermag ich, wei Gott, nicht zu
sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt' ich wohl glauben, eher grau als
rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte:
haben die Leute einem mal 'nen Spitznamen gegeben, so behlt er ihn in
alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave
Leute in die Htte des Bienenzchters zu Gaste, und wenn die sich erst
an den Tisch gesetzt hatten, da gab's dann was zu hren. Das waren nicht
etwa Leute aus den einfachen Stnden, nicht etwa Bauern aus einem
Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzchter ist, wrde ihr Besuch
Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Kster an
der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte der
nicht fr Geschichten erzhlen! Zwei davon sollt ihr in diesem Bchlein
finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so
vielen Kstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen
zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von
einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, fr das er in Poltawa fast
sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf
dem ganzen Weiler behaupten knnen, sie htten nach Teer gerochen; jeder
wei, da er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das,
glaub' ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan htte.
Auch wird niemand zu sagen wagen, da er sich je die Nase mit dem
Rockscho gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun
pflegen; nein, er zog ein weies, suberlich gefaltetes Tchlein aus dem
Busen, dessen Bnder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein
Bedrfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwlffach zusammen und barg
es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein
feines Herrchen, da man ihn stracks zum Prsidenten oder Exekutor htte
machen knnen. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann
blickte er die Spitze an und erzhlte so spitzfindig durch die Blume,
akkurat wie es in den gedruckten Bchern steht! Wenn ihn unsereiner
manchmal so hrte, da mute man ja ganz nachdenklich werden. Kein
Sterbenswrtchen war zu verstehen. Wo hat der blo solche Worte
hergenommen? Diesbezglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine
treffliche Schnurre erdacht: er erzhlte ihm eine Geschichte von einem
Schler, der einst bei einem Kster zur Schule ging; als der wieder zu
seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, da er sogar
unsere rechtglubige Sprache vergessen hatte -- alle Worte lie er auf
us endigen: statt Schaufel sagte er Schaufelus, statt Weib Weibus
usw. Einmal ging er mit seinem Vater ber Feld. Der Lateiner erblickt
eine Harke und fragt: Wie nennt man das bei euch, Vater? und dabei
sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zhne. Der Vater
hatte kaum antworten knnen, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit
einem Schwung gegen die Stirn. Die verdammte Harke! schrie der
Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch
in die Luft. Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht
hat! Sie tut so weh! So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein
Tubchen? -- Dieses Mrchen wollte dem verblmten Erzhler nicht
besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze
auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf
etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen
Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem
Finger ber das draufgemalte Gesicht eines auslndischen Generals, nahm
eine ziemlich groe Prise seines mit Asche und Liebstckelblttern
vermischten Tabaks, fhrte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu
das ganze Hufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei
sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein
blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich
hin, wie: _Man darf seine Perlen nicht vor die Sue werfen!_ ..... Da
gibt's einen Krach, dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs
Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glck hatte meine
Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weibrot mit Butter auf den Tisch
zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs
Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle
begannen, wie blich, die tchtige Hausfrau zu loben. Dann gab's bei uns
noch einen, der zu erzhlen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran
gedacht!) der erzhlte so gruselige Geschichten, da einem die Haare zu
Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die
guten Leute knnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzchter
bekommen, wie -- Gott bewahre mich -- vor dem Teufel. Lieber will ich,
wenn's Gott gefllt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Bchlein
heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt
entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem
rechtglubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht
auch einige Parabeln vom Bienenzchter selbst finden, wie er sie seinen
Enkeln erzhlt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab' nur
keine Lust herumzukramen, sonst knnte ich wohl noch zehn solche
Bchlein zusammenbringen.

Doch halt -- ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben
Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststrae nach Dikanka
ein. Ich hab' mit Flei den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr
den Weiler schneller zu erreichen wit. Doch Ihr habt wohl schon zur
Genge von Dikanka gehrt. Wahrlich, dort sind die Huser stattlicher
als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzchters. Ganz zu schweigen
vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg.
Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt blo den ersten besten Jungen, der
im schmierigen Hemde seine Gnse htet: Wo wohnt hier der Bienenzchter
Panjko? -- Da hier, wird er sagen, und zeigt's euch mit dem Finger,
und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte
ich euch, legt nur nicht zu gemchlich die Hnde auf den Rcken und
springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraen sind nicht
so glatt wie die vor euren feinen Husern. Als Foma Grigorjewitsch vor
zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wgelchen
mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die
Zgel fhrte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte
aufsetzte.

Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen
kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren
Honig, das schwr' ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden:
stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strmt euch ein
Geruch durchs ganze Zimmer -- es lt sich gar nicht ausdenken, was fr
ein Geruch! Klar wie eine Trne oder wie teures Kristall, das man in den
Ohrringen trgt! Und was fr Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was fr
Pasteten! Wenn ihr das wtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter
luft einem beim Essen nur so ber die Lippen. Es ist nicht zu glauben,
was diese Weiber alles knnen! Habt ihr schon je Birnenmost mit
Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und
Pflaumen? Oder Gekrse in Milch? O Gott, was es alles fr Gerichte in
der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genu: zum
Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz' ich da
zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet
werden, da ihr's ganz sicher weit und breit erzhlen werdet.

                                                    _Rotfuchs Panjko_.
                                                        Bienenzchter.




                     Der Jahrmarkt in Sorotschintzy


                                   I.

                       Trb wird mir in dieser Htte,
                       O so fhr mich aus dem Haus!
                       Fhr mich hin zu Lrm und Braus,
                       Dorthin, wo die Mdel springen
                       Und die Burschen Glser schwingen!

                                              Aus einer alten Legende.

Wie kstlich und erquickend ist doch ein Sommertag in Kleinruland! Wie
schmachtend hei sind jene Stunden, da der Mittag in Stille und Glut
erstrahlt, der unermeliche blaue Ozean wie eine Kuppel der Wollust ber
der Erde hngt und wie ein Schlafender, ganz versunken in Wonne, seine
luftigen Arme um die Schne schlingt! Keine Wolke steht am Himmel, kein
Laut ist im Felde zu hren. Alles liegt da wie tot; nur oben in der
Tiefe des Himmels schwirrt eine Lerche, silberne Lieder fliegen die
luftigen Stufen herab zur verliebten Erde, und ab und zu hallt der
Schrei einer Mve oder der gellende Ruf einer Wachtel durch die Steppe.
Trg und allen Denkens bar, wie Lustwandelnde ohne Ziel, stehen bis zu
den Wolken ragend die Eichen, und die blendende Glut der Sonnenstrahlen
entzndet ganze Haufen von Laub, die malerisch daliegen, whrend sie
andere in nachtschwarze Schatten hllt, die nur bei starkem Winde wie
Gold aufleuchten. Smaragde, Topase und Saphire therischer Insekten
regnen auf die bunten Farben der Grten herab, die von steilen
Sonnenblumen geschirmt werden. Graue Heuschober und goldene Garben malen
ein Kriegslager auf das Feld und wandern weit hinaus ber den
unermelichen Raum. Breite Zweige, die unter der Schwere der Frchte
herabsinken, Kirschbume, Pflaumen, pfel, Birnenbume; der klare Himmel
und sein heller Spiegel, der Flu in grnem, stolz erhhten Rahmen .....
wie voll Wonne und Lust ist doch der kleinrussische Sommer!

In solcher Pracht erglnzte einer der heien Augusttage des Jahres
achtzehnhundert ..... achtzehnhundert .... es werden wohl etwa dreiig
Jahre her sein, -- da die Strae schon zehn Werst vorm Stdtchen
Sorotschintzy ganz schwarz von wimmelndem Volke war, das von allen nahen
und fernen Vorwerken der Umgebung auf den Jahrmarkt eilte. Seit dem
frhen Morgen zog sich eine endlose Reihe Wagen mit Salz und Fisch
dahin. Ganze Berge von Tpfen, die in Stroh gewickelt waren, schwankten
langsam hin und her und schienen sich hchlich zu langweilen ber das
Dunkel ihrer Verkerkerung; nur stellenweise guckte eine buntbemalte
Schssel oder ein tnerner Mrser prahlerisch unter dem hoch berm Wagen
aufgespannten Schutznetz hervor und lenkte die entzckten Blicke aller
Verehrer von Prunk und Luxus auf sich. Viele von den Vorbergehenden
blickten neidisch auf den hochgewachsenen Tpfer, den Besitzer dieser
Kostbarkeiten, der langsamen Schrittes hinter seiner Ware einherging,
und seine tnernen Gecken und Koketten sorgfltig in das ihnen so
verhate Stroh einwickelte.

Ein einsamer Wagen schleppte sich abseits hinter mden Ochsen einher. Er
war mit Scken, Hanf, Flachs und allerhand Huslichkeit beladen, und
hinter ihm trollte sich der Besitzer in reinem Leinwandhemd und
schmutzigen Hosen einher. Mit trger Hand wischte er den herabrieselnden
Schwei vom braunen Gesicht und dem langen Schnurrbart, der von jenem
unerbittlichen Barbier gepudert war, der ebenso ungerufen, zum schnsten
Mdchen wie zum Krppel kommt und seit Tausenden von Jahren das ganze
menschliche Geschlecht wider seinen Willen mit Puder bestreut. An der
Seite des Mannes trottete eine an den Wagen gebundene Stute, deren
demtiges uere ihr hohes Alter bezeugte. Viele Fugnger, besonders
die jungen Burschen, griffen an ihre Mtze, wenn sie den Bauer
einholten. Allein es war weder sein Schnurrbart, noch sein stolzer Gang,
was sie zu diesem Grue veranlate; man brauchte nur die Augen etwas zu
heben, um den Grund dieser Hochachtung wahrzunehmen: Oben auf dem Wagen
sa sein hbsches Tchterlein mit rundem Gesichtchen, schwarzen
Augenbrauen, die sich wie steil geschwungene Bgen ber den hellgrauen
Augen abzeichneten, und sorglos lchelnden rosigen Lippchen; sie hatte
den Kopf mit roten und blauen Bndern umwunden, die zusammen mit den
langen Zpfen und einem Strau aus Feldblumen wie eine prchtige Krone
auf ihrem entzckenden Kpfchen ruhten. Alles schien sie zu locken;
alles war ihr so seltsam neu .... Und die hbschen uglein sprangen
unablssig von einem Ding zum anderen hinber. Wie sollten sie auch
nicht! War sie doch zum ersten Male auf dem Jahrmarkt! Ein Mdchen von
achtzehn Jahren und das erstemal auf dem Jahrmarkt! ..... Aber keiner
der Vorbeiziehenden und Vorberwandernden konnte wissen, wieviel Mhe es
sie gekostet hatte, ihren Vater zu erweichen, der es ja von Herzen gern
getan htte, wre nicht die bse Stiefmutter dagewesen. Die verstand's
nmlich, ihn ebenso geschickt zu lenken, wie er seine alte Stute, die er
jetzt am Zgel hielt und nach langem Dienste zum Verkauf mit sich
fhrte. Diese ruhelose Ehegattin ..... Aber wir haben ganz vergessen,
da sie ja auch da oben auf dem Wagen dasa in einer schmucken, grnen
Wolljacke, auf die, wie beim Hermelin, kleine Schwnzchen aufgenht
waren; allerdings waren es nur solche von roter Farbe. Das reiche Tuch
sah fast so bunt aus wie ein Schachbrett, und das bunte baumwollene
Hubchen verlieh ihrem hbschen runden Gesicht eine ganz besondere
Wrde. Aber ihre Zge hatten etwas so Unangenehmes und Wstes an sich,
da jeder sich sofort beeilte, seinen erschreckten Blick dem heiteren
Gesichtchen der Tochter zuzuwenden.

Doch jetzt leuchtete vor den Augen unserer Reisenden bereits der
Psjoll-Flu auf; schon wehte aus der Ferne eine frische Khle herber,
die nach der ermattenden, zehrenden Hitze um so deutlicher sprbar war.
Durch das Dunkel und Hellgrn des Laubs schwarzer und schlanker Pappeln
und Birken, die hie und da auf der Wiese verstreut waren, leuchteten
feurige in schattige Khle gehllte Funken auf, und der Strom entblte
blitzend, wie ein schnes Weib, seine silberne Brust, auf die die
dichten grnen Locken der Bume ppig herabsanken.

In jenen kstlichen Stunden, wo der treue und beneidenswerte Spiegel den
stolzen und blendenden Glanz von des Flusses Stirn, seine lilienweien
Schultern und seinen Marmorhals, der von einer dunkel vom blonden Haupte
fallenden Flut berschattet ist, in sich aufnimmt, wo der Strom
verchtlich den einen Schmuck von sich streift, um ihn durch einen
anderen zu ersetzen, und seine Launen kein Ende finden wollen, -- in
diesen Stunden wechselt er mutwillig, wie er ist, fast jedes Jahr seine
Umgebung, whlt sich einen neuen Weg und umgibt sich mit neuen,
mannigfaltigen Landschaften. Die langen Reihen der Mhlen hoben die
breiten Wellen auf ihre schweren Rder und warfen sie mchtig zurck,
zerstubten sie, lieen sie ber die ganze Umgebung herabsprhen und
erfllten ringsherum alles mit Lrm. Um diese Zeit fuhr der Wagen mit
den uns schon bekannten Passagieren ber die Brcke, und nun streckte
sich vor ihnen der Strom in seiner ganzen Pracht und Schnheit hin, wie
eine riesige Flche von Glas. Der Himmel, die grnen und blauen Wlder,
die Menschen, die Wagen mit den Tpfen, die Mhlen -- alles schien
umgestrzt, zog vorber und stand auf dem Kopfe, ohne doch in den
schnen, blauen Abgrund herabzufallen. Das schne Mdchen wurde bei der
Herrlichkeit der Aussicht ganz nachdenklich und verga sogar, an ihren
Sonnenblumenkernen zu knabbern, was sie whrend des ganzen Weges getan
hatte, als ihr auf einmal die Worte: Ei was fr ein Mdel! ans Ohr
drangen. Sie schaute sich um und sah auf der Brcke einen Haufen
Burschen stehen, deren einer etwas feiner gekleidet war als die anderen;
er hatte eine weie Bluse an und eine graue Lammfellmtze auf dem Kopf,
sttzte die Hnde auf die Hften und sah sich keck die Vorberfahrenden
an. Die Schne konnte ihn unmglich nicht bemerken, ihr Blick streifte
sein braungebranntes, doch angenehmes Gesicht und seine feurigen Augen,
die sie gleichsam durchbohren wollten, aber sie senkte ihn wieder bei
dem Gedanken, das Wort, das sie vernommen hatte, sei von ihm gekommen.
Ein prchtiges Mdel! fuhr der Bursch in der weien Bluse fort, ohne
seine Augen von ihr abzuwenden. Ich wrde mein ganzes Hab und Gut darum
geben, wenn ich sie einmal kssen knnte. Aber da vorne sitzt der
Teufel! Von allen Seiten erhob sich Gelchter, allein der geputzten
Gefhrtin des langsam voranschreitenden Gemahls war diese Begrung doch
zu stark: ihre roten Backen wandelten sich in lauter Feuer, und eine
Salve ausgesuchter Flche regnete auf den Kopf des ausgelassenen Jungen
herab:

Da du erstickst, nichtsnutziger Kerl! Ein Topf mge deinem Vater den
Schdel einschlagen! Er soll sich auf dem Eise die Beine brechen, der
verdammte Antichrist! Mge ihm doch der Teufel in jener Welt den Bart
verbrennen!

Was die nur schimpfen kann, sagte der Bursche die Frau anstarrend und
gleichsam verblfft durch dies Geknatter unerwarteter Begrungen: Da
der hundertjhrigen Hexe bei solchen Worten nicht die Zunge weh tut!

Hundertjhrig! .... fiel die alte Schne ein. Du Heidendreck, geh,
wasch dich mal zuerst! So ein unntzer Tunichtgut! Ich habe deine Mutter
nie gesehen, aber das wei ich, da sie nichts taugt! Auch dein Vater
ist ein Nichtsnutz, und deine Muhme ist es auch! ...... Hundertjhrig!
..... Der ist ja noch grn hinter den Ohren ...

Hier begann der Wagen von der Brcke herunterzufahren, und man konnte
die letzten Worte nicht mehr hren; aber der Bursche wollte offenbar
noch nicht Schlu machen: ohne sich lange zu besinnen, packte er einen
Haufen Schmutz und warf ihn hinter ihr her. Der Wurf war geschickter,
als man erwarten konnte: das ganze neue baumwollene Hubchen wurde mit
Dreck bespritzt, und so das Gelchter der ausgelassenen Windbeutel nur
noch doppelt angefacht. Die wohlbeleibte Kokette entbrannte vor Zorn;
aber der Wagen war schon ziemlich weit davongefahren, und ihre Rache
sprang auf die unschuldige Stieftochter und den langsamen Ehemann ber,
der, schon lange an solche Vorkommnisse gewhnt, hartnckig Schweigen
bewahrte und die tobenden Reden der erzrnten Gemahlin kaltbltig
aufnahm. Trotzdem knarrte und zappelte ihre unermdliche Zunge so lange
im Munde herum, bis sie endlich in der Vorstadt, bei ihrem alten
Bekannten und Gevatter, dem Kosaken Zybulja, dem Zwiebelmann,
anlangten. Die Begegnung mit den Gevattersleuten, die sie lange nicht
mehr gesehen hatten, verscheuchte fr eine Zeitlang die Erinnerung an
diese unangenehme Begebenheit aus ihrem Kopfe. Sie sprachen erst ein
wenig ber den Jahrmarkt und ruhten sich dann von der langen Reise aus.


                                  II.

                    Ach du lieber Herrgott! Was gibt es nicht alles auf
                    diesem Jahrmarkt! Rder, Glas, Teer, Tabak, Riemen,
                    Zwiebel, Ware aus aller Welt ..... Und wenn man
                    selbst dreiig Rubel in der Tasche htte, man
                    knnte noch lange nicht den ganzen Jahrmarkt
                    aufkaufen.

                                    Aus einem kleinrussischen Schwank.

Ihr habt wohl schon einmal einen Wasserfall in der Ferne sich
herabwlzen hren? Die aufgestrte Gegend ist voller drhnenden Getses,
und ein Chaos wundersamer und unbestimmter Gerusche braust im Wirbel an
euch vorber. Nicht wahr? Es sind dieselben Empfindungen, die euch
pltzlich im Trubel eines lndlichen Jahrmarktes erfassen, wenn das
ganze Volk zu einem riesigen Ungeheuer zusammenwchst und sich mit
seinem riesigen Leibe ber den Platz und durch die engen Straen
schiebt, schreit, johlt und tobt. Lrmen, Schimpfen, Meckern, Blken,
Brllen -- alles verschmilzt zu einem verwirrenden Miklang. Stiere,
Scke, Strohbndel, Zigeuner, Geschirr, Weiber, Lebkuchen, Mtzen -- all
dies Grelle, Bunte, Miklingende whlt und wimmelt haufenweise herum und
schwirrt einem vor den Augen. Vielstimmige Reden verschlingen einander,
und in dieser Sintflut lt sich kein Wort retten und ist kein Ruf mehr
deutlich zu vernehmen. Der Handschlag der Hndler beim Kaufe ist noch
das einzige, was man auf allen Seiten des Jahrmarktes hrt. Wagen
krachen, Eisenstangen klirren, Bretter fallen lrmend zur Erde nieder,
und der schwindelnde Kopf wei nicht, wohin er sich wenden soll. Unser
zugereister Bauer mit dem schwarzbrauigen Tchterchen drckte sich schon
lange unter dem Volk herum: bald trat er an einen Wagen heran, bald
befhlte er den anderen und fragte nach den Preisen, unterdessen aber
kreisten seine Gedanken unaufhrlich um die zehn Scke Weizen und die
alte Stute, die er zum Verkauf mitgebracht hatte. Aus dem Gesichte
seiner Tochter konnte man ersehen, da es ihr nicht besonders angenehm
war, neben dem mit Mehl und Weizen beladenen Wagen herumlungern zu
mssen. Sie htte lieber dahin gewollt, wo unter Leinwandzelten rote
Bnder, Ohrringe, Kreuze von Zinn und Messing und Schmuckdukaten kokett
aufgehngt waren. Aber auch hier fand sie viel Dinge zu beobachten: es
ergtzte sie hchlich, wie ein Zigeuner und ein Bauer einander den
Handschlag gaben und dabei selbst vor Schmerz aufschreien muten; wie
ein betrunkener Jude einem Frauenzimmer von hinten Pffe versetzte; wie
zankende Hndlerinnen einander mit Schlgen und Schimpfworten
berschtteten; wie ein Moskowiter sich mit der einen Hand sein
Ziegenbrtchen strich und mit der anderen ...... Aber da fhlte sie, wie
sie jemand am gestickten rmel zupfte. Sie wandte sich um -- und der
Bursche im weien Kittel und mit den hellen Augen stand vor ihr. Sie
erbebte, ihr Herz schlug so heftig, wie es noch nie, bei keiner Freude
und keinem Schmerz geschlagen hatte: Wunderlich und lieblich zugleich
ward ihr zumute, und sie konnte sich selbst nicht erklren, was mit ihr
geschah.

Frchte dich nicht, Herzchen, frcht' dich nicht! sprach er halblaut
zu ihr und ergriff ihre Hand: Ich will dir nichts Schlimmes sagen!

Es mag schon sein, da du mir nichts Schlimmes sagen willst, dachte
die Schne bei sich, aber mir ist so wunderlich zumute ... das ist
sicher der Satan! Ich wei ja selbst, da sich's nicht schickt ... aber
mir fehlt die Kraft, meine Hand fortzuziehen.

Der Bauer drehte sich um und wollte seiner Tochter etwas sagen, aber da
hrte er pltzlich aus nchster Nhe das Wort: Weizen! fallen. Dieses
magische Wort veranlate ihn im Nu, sich an zwei laut miteinander
sprechende Handelsmnner zu wenden, und seine Aufmerksamkeit konnte nun
durch nichts mehr abgelenkt werden. Die Handelsmnner unterhielten sich
ber den Weizen und sprachen folgendermaen.


                                  III.

                       Schau, was fr ein Kerl da steht!
                       So gibt's wenige auf der Welt.
                       Schnaps suft der wie sen Meth!

                                                 Kotljarewski neas.

Du glaubst also, da unser Weizen sich schlecht verkaufen wird,
Landsmann, sagte der eine Mann, nach seinem ueren zu urteilen ein
zugereister Kleinbrger, in geteerten, fettigen und fleckigen
Hanfleinwandhosen, offenbar der Bewohner irgendeines winzigen
Stdtchens, zu dem anderen, der einen blauen, stellenweise etwas
geflickten Kittel trug, und dessen Stirn eine riesige Beule schmckte.

Was soll ich da gro von denken: ich will mir 'ne Schlinge um den Hals
legen und an diesem Baum hier hin und her baumeln wie die Wurst vor
Weihnachten in der Stube, wenn wir auch nur ein Ma verkaufen!

Was schwatzst du da, Landsmann? Wir sind doch hier die einzigen
Weizenleute, erwiderte der Mann mit den Leinwandhosen.

Ihr knnt reden, was ihr wollt! dachte der Vater unserer Schnen, der
sich kein Wort vom Gesprch der beiden Handelsleute entgehen lie: Ich
habe meine zehn Scke im Vorrat!

Das stimmt ja, aber wenn der Teufel sich ins Spiel mischt, richtet man
gerad so viel aus, wie bei einem hungrigen Moskowiter, sprach der Mann
mit der Beule auf der Stirn bedeutungsvoll.

Was fr ein _Teufel_? fragte der Mann mit den Leinwandhosen.

Hast du nicht gehrt, was die Leute da reden? fuhr der mit der Beule
auf der Stirne fort und sah ihn mit seinen mrrischen Augen von der
Seite an.

Nun?

Nun? Was >nun<? Der Prsident -- mge er sich doch nach der Rahmspeise
die Lippen nicht mehr wischen knnen! -- Der Prsident hat einen ganz
verdammten Ort fr den Jahrmarkt ausgesucht, auf dem wird man kein
Krnchen los, und wenn man platzt! Siehst du dort am Berge die
verfallene Scheune? (Hier rckte der neugierige Vater unserer Schnen
noch nher und wurde ganz Ohr.) In dieser Scheune treibt der Teufel
sein Spiel, und an diesem Ort verluft kein Jahrmarkt ohne Unglck.
Gestern geht da spt abends der Gemeindeschreiber vorbei und pltzlich
sieht er -- aus der Luke ein Schweinemaul herausgucken: das grunzte so,
da es ihn ganz kalt berlief. Bald wird uns noch der _rote Kittel_
heimsuchen.

Was fr ein _roter Kittel_?

Hier strubten sich unserem aufmerksamen Zuhrer die Haare. Voller Angst
drehte er sich um und sah, wie sein Tchterchen und der Bursche ruhig
dastanden, sich umarmt hielten, ein Liebesliedchen sangen und alle
Kittel der Welt vergessen hatten. Das zerstreute seine Angst und gab ihm
seine frhere Sorglosigkeit wieder.

Hehe! Landsmann! Du verstehst dich aber aufs Kssen! Ich habe es erst
drei Tage nach der Hochzeit gelernt, meine selige Chwesjka zu kssen,
und auch das nur dank dem Gevatter: der hat's mich als Brautfhrer
gelehrt!

Der Bursche merkte sofort, da der Vater seiner Liebsten da stand, und
begann in Gedanken Plne zu schmieden, wie er ihn fr sich gewinnen
knne.

Du bist sicher ein guter Mensch, du kennst mich zwar nicht, aber ich
habe dich gleich erkannt!

Kann schon sein.

Wenn du willst, kann ich dir deinen Vor- und Zunamen nennen und dir
auch alles andere sagen: du heit Solopi Tscherewik!

Stimmt!

Sieh mich mal recht an, erkennst du mich nicht wieder?

Nein. Nimm's mir nicht bel, ich erkenne dich nicht! Ich habe mein
Lebtage so viel Fratzen gesehen, da nur der Teufel sich auf alle
besinnen knnte!

Schade, da du dich nicht mehr auf Golupupenkos Sohn besinnst!

So bist du der Sohn des Achrim?

Wer denn sonst? Bin ich etwa der kahlkpfige Satan?

Da faten beide an die Mtze, und es begann ein gegenseitiges
Abschmatzen; Golupupenkos Sohn beschlo sofort, ohne viel Zeit zu
verlieren, seinen neuen Bekannten zu berfallen.

Sieh mal, Solopi, deine Tochter und ich, wir lieben uns und wollen
immer beieinander bleiben!

Nun, Paraka, sagte Tscherewik zu seiner Tochter und lachte,
vielleicht solltet ihr wirklich, wie man so sagt, gemeinsam ..... auf
einer Weide grasen! Nun, schlag ein! Trinken wir eins darauf, mein Herr
nagelneuer Schwiegersohn!

Und alle drei zogen miteinander zur wohlbekannten Jahrmarktsschenke --
in die Bude des Judenweibes -- die mit einer zahlreichen Flotille von
Kruken und Flaschen jeder Art und jeden Alters angefllt war.

Brav, brav -- alle Achtung! rief Tscherewik lustig, als er sah, wie
sein knftiger Schwiegersohn sich ein Glas, das ein Viertelma fate,
vollschenkte, es, ohne eine Miene zu verziehen, auf einen Zug
hinuntergo und dann das Glas in Stcke schmi. Nun, was sagst du,
Paraka? Was ich dir fr einen Brutigam ausgesucht habe! Schau, schau,
der suft wie ein Held! ...

Und lachend und sich hin und her wiegend, schwankte er mit ihr bis zu
seinem Wagen. Unser Bursche strich die Budenreihen ab, vor denen sogar
Kaufleute aus Gadjatsch und Mirgorod, jenen beiden so berhmten Stdten
des Gouvernements Poltawa, standen; er wollte sich eine Holzpfeife mit
Messingbeschlag, ein rotgeblmtes Tuch und eine Mtze kaufen; als
Hochzeitsgeschenke fr den Schwiegervater und die anderen, wie es sich
nun einmal gehrte.


                                  IV.

                       Hltst dich wohl fr einen Mann,
                       Aber rckt ein Weibsbild an,
                       Dann setzt's Senge .......

                                                       _Kotljarewski._

He, Frauchen, ich habe einen Brutigam fr unsere Tochter gefunden!

's ist wohl gerad die rechte Zeit, sich einen Brutigam zu suchen! Du
Dummkopf du, mut wohl dein Leben lang ein Dummkopf bleiben! Wo hast du
gesehen oder wo hast du gehrt, da ein anstndiger Mensch jetzt hinter
einem Brutigam herluft? Httest du doch lieber daran gedacht, den
Weizen loszuwerden. Das wird ein schner Brutigam sein! Sicher ist's
der zerlumpteste aller Habenichtse!

Ach was, davon ist keine Rede! Du solltest nur mal sehen, was das fr
ein Bursche ist! Sein Kittel allein kostet mehr als deine grne Jacke
und die roten Stiefel zusammengenommen. Und wie der groartig Schnaps
saufen kann! ..... Der Teufel hole mich mit dir zusammen, wenn ich je
gesehen habe, da ein Bursche ein halbes Ma hinuntergiet, ohne mit der
Wimper zu zucken .....

Ei freilich, also ein Trunkenbold und ein Landstreicher wie du! das
wrde dir so passen! Ich mcht' darauf wetten, da es derselbe Lmmel
ist, der uns auf der Brcke angerempelt hat. Schade, da ich ihn bis
jetzt noch nicht erwischt habe -- ich htte ihm schon was gezeigt!

Und wenn's nun wirklich derselbe wre, Chiwrja? Warum soll er denn ein
Lmmel sein?

Warum soll er _kein_ Lmmel sein? Ach du hirnloser Schdel! So hr doch
-- warum soll er denn kein Lmmel sein! Wo hattest du denn deine
kreuzdummen Augen versteckt, als wir an den Mhlen vorbeifuhren? So
einem Mann kann man wahrhaftig geradeswegs vor seiner, mit Tabak
beschmutzten Nase die eigene Frau beleidigen, und er kmmert sich nicht
drum!

Ich kann nichts Schlimmes dabei sehen: der Junge ist groartig!
Hchstens, da er dir die Fratze mit Mist vollgekleistert hat!

Aha! Ich sehe schon, du willst mich nicht mehr zu Worte kommen lassen!
Das wr' mir noch was Neues! Du hast wohl einen zu viel getrunken, noch
bevor du berhaupt etwas verkauft hast!

Unser Tscherewik merkte jetzt selbst, da er in seiner Rede zu weit
gegangen war, und bedeckte schnell den Kopf mit den Hnden, da er
annehmen mute, da die erzrnte Gattin es nicht unterlassen wrde, ihre
ehelichen Tatzen in sein Haar zu krallen.

Den Teufel auch, da hast du deine Hochzeit! dachte er bei sich,
whrend er die heftig vordringende Gattin abwehrte. Ich werde dem
lieben Kerl ohne allen Grund eine Absage erteilen mssen. Himmel,
Herrgott! Wofr strafst du uns arme Snder so? Es gibt doch schon soviel
Unrat, mutest du auch noch die Weiber in die Welt setzen.


                                   V.

                       Bumlein, Bumlein, bck dich nicht,
                       Weil du noch zu fein bist!
                       Sei nicht bs, Kosakenbursch,
                       Weil du noch zu klein bist!

                                                 Kleinrussisches Lied.

Zerstreut sa der Bursch im weien Kittel neben seinem Wagen und blickte
auf das rings um ihn dumpf rauschende Volk. Die mde Sonne, die Morgen
und Mittag ruhig ber den Himmel dahingeglht hatte, verlie nun die
Welt, und der erlschende Tag bemalte sich in berckender Helligkeit mit
rotem Gold. Blendend blitzten die Spitzen der weien Zelte und Buden,
von einem kaum merkbaren feurig rosigen Glanz berstrahlt; die Scheiben
des zu Haufen aufgestapelten Fensterglases glhten; die grnen Flaschen
und die Glser auf den Tischen der Schankweiber verwandelten sich in
Feuer; die Berge von Krbissen und Melonen schienen aus Gold und dunklem
Kupfer gegossen zu sein. Die Gesprche wurden merkbar leiser und
dumpfer, und die mden Zungen der Hndler, Bauern und Zigeuner regten
sich trger und langsamer. Irgendwo glomm ein Feuerchen auf, und ein
wrziger Dampf von gekochten Klen verbreitete sich in den immer
stiller werdenden Gassen.

Was sinnst du, Grytzko? rief ein hochgewachsener brauner Zigeuner, und
schlug unserem Burschen auf die Schulter. Also gibst du die Bullen fr
zwanzig her?

Du denkst an nichts als an Bullen und wieder Bullen! Ihr Leute wollt
nur immer Geschfte machen und einen ehrlichen Menschen bers Ohr
hauen!

Pfui Teufel! Im Ernst, bei dir rappelt's wohl! Vielleicht gar aus
rger, da du dir selbst eine Braut zugelegt hast?

Nein, so bin ich nicht: ich halte mein Wort. Was ich einmal getan habe,
das bleibt ewig bestehn. Aber dieser alte Knaster, der Tscherewik, hat
auch nicht fr einen halben Heller Gewissen: erst versprochen, dann
gebrochen .... Na, ihm kann man keine Schuld geben: der ist ein Klotz
und nichts weiter. Das sind alles die Streiche der alten Hexe, die wir
Jungen heut auf der Brcke so recht nach Noten ausgeschimpft haben. Ach,
wenn ich ein Knig oder ein groer Herr wre, ich wr' der erste, der
alle die Dummkpfe an den Galgen brchte, die sich von Weibern in die
Kandare nehmen lassen ....

Gibst du uns die Bullen fr zwanzig, wenn wir Tscherewik zwingen, dir
Paraka zu geben?

Ganz erstaunt blickte ihn Grytzko an. Die braunen Zge des Zigeuners
hatten etwas Boshaftes, Grausames, Niedriges und zugleich Hochmtiges an
sich: jeder, der ihn ansah, mute gestehen, da in dieser seltsamen
Seele groe Gefhle brodelten, fr die es jedoch nur einen Lohn auf
Erden gibt -- den Galgen. Den Mund, der zwischen der Nase und dem
spitzen Kinn wie eingefallen erschien, umspielte ewig ein giftiges
Lcheln, kleine Augen, die lebhaft wie Feuer waren, und ein ewig
wechselndes Aufleuchten von Unternehmungen und Plnen im Gesicht, -- zu
alledem schien nur ein ganz besonderes Kostm zu passen und zwar gerad
ein so sonderbares, wie er es trug. Dieser dunkelbraune Kaftan, der sich
bei der geringsten Berhrung sicherlich in Staub verwandelt htte; das
lang in Strhnen ber die Schultern fallende Haar, die Schuhe an den
nackten braunen Fen, -- all das schien mit ihm verwachsen zu sein und
seine eigentliche Natur auszumachen.

Nicht nur fr zwanzig, ich geb' sie dir fr fnfzehn, wenn du Wort
hltst! antwortete der Bursche, ohne seine prfenden Augen von ihm
abzuwenden.

Fr fnfzehn? -- Gut! Pa auf und vergi nicht: fr fnfzehn! Hier hast
du einen Blauen als Handgeld!

Und wenn du lgst?

Wenn ich lge, ist das Handgeld wieder dein!

Gut! Also schlag ein!

Nun gut, 's ist recht!


                                  VI.

                    Welch ein Malheur: da seh ich Roman kommen, der
                    bringt mir gewi Schlimmes, aber auch Sie, Herr
                    Choma, kriegen was ab!

                                    Aus einem kleinrussischen Schwank.

Hier, Afannassi Iwanowitsch! Da ist der Zaun etwas niedriger, steigt
nur hinber und habt keine Angst: mein Tlpel ist mit dem Gevatter zu
den Wagen gegangen, um dort zu bernachten, damit die Moskowiter nichts
stibitzen!

So ermutigte Tscherewiks gestrenge Herrin freundlich den Popensohn, der
sich ngstlich an den Zaun quetschte. Eilig kletterte er hinauf und hing
lange und unschlssig dort oben, wie ein hageres schreckliches Gespenst,
mit den Augen abmessend, wo er wohl am besten abspringen knne; endlich
plumpste er mit viel Lrm ins Gras.

O jemine! Habt Ihr Euch nicht weh getan? Habt Ihr Euch nicht am Ende,
was Gott verhte, noch gar das Genick gebrochen? jammerte Chiwrja
besorgt.

Pst! es ist nichts passiert, meine Liebe! sprach der Popensohn
schmerzbewegt im Flsterton, und sprang wieder auf die Fe: abgesehen
von der Blessur durch die Nesseln, dieses schlangengleiche Kraut, wie
unser hochseliger weiser Protopope zu sagen pflegte.

Kommt nur in die Stube, es ist niemand da. Ich habe schon gedacht, was
hat blo mein Afannassi Iwanowitsch? am Ende hat er gar das Reien oder
das Magendrcken, er kommt und kommt nicht! Wie geht es Euch? Ich habe
gehrt, Euer Herr Vater hat jetzt mancherlei schne Dinge bekommen!

Ach, 'ne reine Kleinigkeit, Chawronja Nikiforowna: Vterchen hat
whrend der ganzen Fasten nur etwa fnfzehn Sack Korn, vier Sack Hirse
und etwa hundert Laib Brot bekommen; was die Hhner betrifft, so waren's
alles in allem hchstens fnfzig Stck; und die Eier waren zum grten
Teil faul. Wahrhaftig, gute Gaben sind nur von Euch zu erwarten, meine
Liebe! fuhr der Popensohn fort, indem er sie s ansah und nher
rckte.

Da sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch! sprach sie, whrend sie die
Schsseln auf den Tisch stellte und geziert ihre Jacke zuknpfte, die
wie zufllig aufgegangen war, da sind Zuckerfrchte, Weizenkle,
Krapfen und Strizel!

Ich wette darauf, da dies hier die flinksten Hnde aus Evas Geschlecht
hergerichtet haben! sprach der Popensohn, indem er sich an die Strizel
machte und mit der anderen Hand die Krapfen zu sich heranzog. Aber mein
Herz schmachtet nach einer anderen Speise, die ser ist, als alle
Klchen und Krpfchen.

Ich wei nicht, was fr eine Speise Ihr meint, antwortete die
wohlbeleibte Schne, die so tat, als ob sie nicht verstnde.

Natrlich Eure Liebe, meine unvergleichliche Chiwrja! sagte der
Popensohn im Flsterton, indem er mit der einen Hand einen Krapfen
ergriff und die andere um ihre breiten Hften legte.

Wei Gott, was Ihr Euch nur alles ausdenkt, Afanassi Iwanowitsch,
sagte Chiwrja, schmig die Augen senkend. Am Ende wollt Ihr mich gar
noch kssen!

Was das anbetrifft, so will ich Euch sagen, fuhr der Popensohn fort,
als ich gewissermaen noch auf dem Seminar war -- ich erinnere mich
noch als wr' es heute, da ....

Hier wurde auf dem Hof ein Bellen laut, und jemand klopfte ans Tor.
Chiwrja lief eilig hinaus und kam ganz bleich zurck.

Wir sind verloren, Afanassi Iwanowitsch: ein ganzer Haufen Leute klopft
ans Tor, und ich glaube, ich habe die Stimme des Gevatters gehrt ....

Der Krapfen blieb dem Popensohn im Halse stecken .... Seine Augen
quollen heraus, als ob eine Erscheinung aus jener Welt ihm soeben ihre
Visite abgestattet htte.

Kriecht hier herauf! rief die erschrockene Chiwrja und zeigte auf die
Bretter, die dicht unter der Stubendecke ber zwei Balken angebracht
waren, und auf denen allerlei Hausgermpel herumlag.

Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Er kam wieder zur Besinnung,
sprang auf die Ofenbank und kletterte von dort vorsichtig auf die
Bretter; unterdessen lief Chiwrja ganz auer sich ans Tor, denn das
Klopfen wiederholte sich mit immer grerer Kraft und Ungeduld.


                                  VII.

                    Das ist ja ein Wunder, mein Herr!

                                    Aus einem kleinrussischen Schwank.

Auf dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis zugetragen: alles
war von dem Gerchte erfllt, da irgendwo unter den Waren der _rote
Kittel_ aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, behauptete,
den Satan in Gestalt eines Schweines gesehen zu haben, das unaufhrlich
unter den Wagen umherschnffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das
Gercht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des nun schon
stillen Lagers, und jeder htte es fr ein Verbrechen gehalten, nicht
daran zu glauben, obgleich die Brezelverkuferin, die ihren Stand neben
der Bude des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben Tag
ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und mit den Fen hnliche
Linien beschrieb wie ihre leckere Ware. Dazu kamen noch die
bertriebenen Gerchte von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber
angeblich nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so da sich
alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drngten; die Ruh war gestrt,
und die Angst lie keinen ein Auge zutun. Die, welche ein Nachtlager in
den Husern haben konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter
Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehrten auch der Gevatter und
Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen mit den Gsten, welche
ebenfalls ins Haus drngten, das Gepolter verursacht hatten, das unsere
Chiwrja so sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. Das
konnte man daraus ersehen, da er bereits zweimal mit dem Wagen den Hof
abgefahren hatte, bevor er sein Haus fand. Die Gste waren ebenfalls
alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstnde vor dem Wirt ins
Haus. Die Frau unseres Tscherewik sa wie auf Nadeln, als sie in allen
Ecken der Stube umherzuscharren begannen.

Nun, Frau Gevatter, rief der eintretende Hausherr, wirst du immer
noch vom Fieber geschttelt?

Ja, mir ist nicht wohl! antwortete Chiwrja, unruhig auf die Bretter
unter der Decke blickend.

So, Frau, hole uns doch das Fchen dort vom Wagen! sprach der
Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm gekommen war, wir wollen eins mit
den guten Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem solche
Angst eingejagt, da es einfach eine Schande ist! Bei Gott, Brder, wir
sind ganz umsonst hierhergekommen! fuhr er, aus dem Tonkrug schlrfend,
fort. Ich setz' eine neue Mtze zum Pfand, da die Weiber uns zum
besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan wre, -- was ist denn das,
der Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im
Augenblick hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, wenn ich
ihm nicht einen Nasenstber versetze!

Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden? rief einer der
Gste, der alle anderen einen Kopf hoch berragte und sich stets als
Held aufspielte.

Ich? ..... Was fllt dir ein! Du trumst wohl!

Die Gste lachten. Ein zufriedenes Lcheln glitt ber das Gesicht des
prahlmutigen Helden.

Warum soll denn der bleich werden! fiel da ein anderer ein: seine
Backen blhen ja wie Mohn; jetzt sieht Zibulja nicht mehr wie eine
Zwiebel aus, sondern wie eine rote Rbe, oder richtiger wie der _rote
Kittel_ selbst, der die Leute so erschreckt hat!

Das Fchen wurde auf den Tisch gerollt und machte die Gste noch
lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange von dem Gedanken an den
_roten Kittel_ geqult wurde, und dessen neugieriger Geist keinen
Augenblick Ruhe fand, machte sich an den Gevatter heran.

Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und frage und kann's
nicht herausbekommen, was fr eine Bewandtnis es mit dem verdammten
_Kittel_ hat!

He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur Nacht erzhlen; aber
um dir einen Gefallen zu tun und den guten Leuten da (dabei wandte er
sich zu den Gsten), die, wie ich merke, die Geschichte genau so wie du
kennen lernen wollen -- Meinetwegen, also hrt!

Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockscho ab, legte beide
Arme auf den Tisch und begann:

Einst wurde -- ob er nun etwas verschuldet hatte oder nicht, das wei
ich bei Gott nicht -- ein Teufel aus der Hlle gejagt .....

Wieso denn, Gevatter? unterbrach ihn Tscherewik. Wie ist das blo
mglich, da ein Teufel aus der Hlle gejagt wird?

Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt ihn heraus und fertig! --
wie ein Bauer seinen Hund aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die
Lust berkommen, eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn eben
hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so bang zumute, und er begann
sich so nach der Hlle zu sehnen, da er sich am liebsten aufgehngt
htte. Was war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, er
nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die du dort am Berge
gesehen hast, und an der jetzt kein guter Mensch vorbergeht, ohne
vorher das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde
zu so einem Sufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum finden
kann: vom frhen Morgen bis zum spten Abend sa er nur immer in der
Schenke ......

Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum unseren Erzhler:

Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn das mglich, da jemand
den Teufel in die Schenke hineinlt? Er hat doch, Gott sei gelobt,
Krallen an den Tatzen und Hrner auf dem Kopf.

Das ist's ja eben! er hatte eine Mtze aufgesetzt und Dumlinge
angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? Er fing an, ein lustiges
Leben zu fhren und endlich kam es so weit, da er alles versoffen
hatte, was er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm lngere Zeit Kredit,
aber endlich hrte er damit auf. Da war der Teufel gezwungen, seinen
roten Kittel fast fr ein Drittel des Wertes bei dem Juden zu versetzen,
der damals auf dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank in
Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: Gib acht, Jude, genau
nach einem Jahre hole ich mir den Kittel wieder, heb ihn wohl auf! --
und weg war er, wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel
genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, und die rote
Farbe brannte wie Feuer, da man sich an ihr gar nicht satt sehen
konnte. Nun wurde es dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er
kratzte sich die Schlfenlckchen, und nahm einem zugereisten Pan ganze
fnf Dukaten fr den Kittel ab! denn den Termin hatte der Jude schon
lngst vergessen. Einmal, so gegen Abend, kam da ein Mensch angerckt:
Nun Jude, gib mir meinen Kittel! Der Jude erkannte ihn zuerst nicht,
aber dann tat er so, als ob er ihn nie gesehen htte: Was fr einen
Kittel? Ich wei von keinem Kittel! Jener ging seiner Wege, aber gegen
Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen und das Geld in
den Ksten gezhlt hatte, ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott
zu beten anfing, -- da hrte er ein Gerusch .... Sieh da -- aus allen
Fenstern gucken Schweineschnauzen herein .....

Hier wurde tatschlich ein undeutlicher Laut hrbar, der dem Grunzen
eines Schweines sehr hnlich war; alle erbleichten ... Der Schwei trat
dem Erzhler auf die Stirn.

Was gibt's! fragte Tscherewik ganz erschrocken.

Es ist nichts! .... antwortete der Gevatter, der am ganzen Leibe
zitterte.

Ah! rief einer der Gste.

Hast du was gesagt? ......

Nein!

Wer hat da gegrunzt?

Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? Es war ja nichts!

Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel abzusuchen. Chiwrja
war mehr tot als lebendig. Ach was seid ihr doch fr Weiber, was seid
ihr fr Weiber! rief sie laut aus: Ihr wollt Kosaken und Mnner sein!
Man sollte euch ein Spinnrad in die Hnde geben und an den Rocken
setzen! Einem von euch ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Snde
entfahren, oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, und ihr springt in
die Hhe, als ob ihr halb toll seid!

Das beschmte unsere Helden und gab ihnen neuen Mut. Der Gevatter
schlrfte aus dem Krug und erzhlte weiter: Der Jude war fast tot vor
Schreck; aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang wie
Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im Nu mit dem dreischwnzigen
Kantschu wieder lebendig und lieen ihn hher springen, als dieser
Balken da oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles ein.
Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu finden. Der Pan war
unterwegs von einem Zigeuner bestohlen worden, der den Kittel an eine
Hndlerin verkauft hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt von
Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand etwas bei ihr kaufen.
Die Hndlerin wunderte sich lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache
auf den Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; daher
fhlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, da sie etwas drckte. Ohne
lange zu berlegen, warf sie ihn ins Feuer -- aber der Teufelsrock
wollte nicht brennen! .... Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!
Die Hndlerin war so klug, ihn einem Bauern unter den Wagen zu schieben,
der Butter zum Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber
niemand fragte mehr nach seiner Butter. O weh, da haben mir bse Hnde
den Kittel da unter den Wagen gesteckt! Er ergriff eine Axt und hackte
ihn in Stcke; aber sieh da, ein Stck kriecht zum andern, und wieder
ist's ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch mal darauf,
streute die Stcke auseinander und machte sich davon. Und seit jener
Stunde geht jedes Jahr, pnktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in
Gestalt eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht die Stcke
seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur noch der linke rmel fehlen.
Die Leute hten sich seitdem vor jenem Orte, und bald werden es zehn
Jahre sein, da dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da mu nun der
Bse den Prsidenten reiten, da er gerade _hier_ den Jahr......

Die andere Hlfte des Wortes erstarb dem Erzhler auf den Lippen:
krachend sprang das Fenster auf; klirrend flogen die Scheiben herum, und
eine schreckliche Schweinsfratze erschien in der ffnung, die Augen
rollend, als ob sie fragen wollte: Was treibt ihr hier, ihr lieben
Leute?


                                 VIII.

                       Dem Hunde gleich, dem man den Schwanz geklemmt,
                       So steht dies Jammerbild, wie Kain zitternd,
                       Und aus der Nase tropft Tabak aufs Hemd.

                                                Kotljarewski: neas.

Entsetzen packte alle in der Stube. Der Gevatter sa offenen Mundes da
und schien zu Stein erstarrt; seine Augen krochen hervor, als ob sie
schieen wollten, und die Finger blieben regungslos in der Luft
gespreizt. Der lange Kerl, der so mutig getan hatte, sprang in
unverkennbarer Angst bis zur Decke und stie mit dem Kopf gegen den
Balken; die Bretter klafften auseinander, und der Popensohn flog Knall
und Fall zu Boden.

Au! au! au! schrie der eine verzweifelt, fiel entsetzt auf eine Bank
und zappelte mit Armen und Beinen.

Hilfe! brllte ein anderer und zog sich schnell seinen Pelz ber die
Augen.

Der Gevatter, den dieser zweite Schreck aus seiner Erstarrung geweckt
hatte, kroch, an allen Gliedern zitternd, seiner Ehefrau unter den Rock.
Der lange Maulheld kroch, trotz der kleinen ffnung, in den Ofen und
schlug selbst die Klappe zu. Tscherewik stlpte sich, wie von brhheiem
Wasser begossen, statt der Mtze einen Topf ber den Kopf, strzte zur
Tr hinaus und rannte besinnungslos, ohne auf den Weg zu achten, wie ein
Wahnsinniger durch die Straen; erst die Ermdung zwang ihn, seinen
schnellen Lauf zu hemmen. Sein Herz ratterte wie eine Mhlenstampfe, und
die Schweitropfen rollten an ihm herunter wie die Hagelkrner. Ganz
erschpft wre er fast zu Boden gesunken, als er auf einmal hrte, wie
jemand hinter ihm herjagte .... Sein Atem stockte ....

Der Teufel! der Teufel! schrie er ganz auer sich, seine Krfte
verdreifachend, und einen Augenblick spter strzte er besinnungslos zu
Boden.

Der Teufel! der Teufel! schrie es hinter ihm her: er hrte nur noch,
wie etwas lrmend auf ihn herabstrzte; aber da verlie ihn die
Besinnung, und er blieb wie der grausige Bewohner eines engen Sarges
stumm und reglos mitten auf dem Wege liegen.


                                  IX.

                       Vorne geht die Sache noch halbwegs,
                       Aber hinten ist's der ganze Teufel!

                                               Aus einem Volksmrchen.

Hrst du, Wlas! sprach einer von den Leuten, die im Freien geschlafen
hatten, nachts aus dem Schlafe auffahrend. Jemand in der Nhe hat hier
>Teufel< geschrien.

Was geht mich das an? brummte der neben ihm liegende Zigeuner, sich
rkelnd. Mag er doch nach der ganzen Sippe schreien!

Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn abwrgte!

Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!

Na, wie du meinst. Ich geh' nachsehen. Mach mal Feuer!

Der andere Zigeuner stand brummend auf, lie ein paar Funken wie Blitze
vor sich aufstieben, blies den Zunder mit dem Munde an und ging mit
seinem Lmpchen in der Hand -- einer der blichen kleinrussischen
Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit Hammelfett gefllt
ist, bestehen -- die Strae hinunter.

Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte mir!

Noch einige Menschen schlossen sich ihm an.

Was liegt da, Wlas?

Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine liegt oben, der andere
unten; wer von ihnen der Teufel ist, wei ich nicht!

Wer liegt oben?

Ein Frauenzimmer!

Dann ist _das_ der Teufel!

Ein allgemeines Gelchter weckte fast die ganze Strae.

Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, na, die versteht das
Kutschieren! sprach einer aus der herumstehenden Menge.

Seht doch blo, Brder! sprach ein anderer und hob einen Scherben des
Topfes auf, von dem nur noch die eine Hlfte auf dem Kopfe Tscherewiks
ganz geblieben war. Was der gute Mann sich fr eine Mtze aufgesetzt
hat!

Der Lrm und das Gelchter, die immer mehr anschwollen, riefen unsere
beiden Toten wieder ins Leben zurck, Tscherewik und seine Frau, die
voll Entsetzen ber den berstandenen Schreck, mit starrem Blick in die
braunen Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren Flackern des
Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, umhllt von einem
unterirdisch schweren Qualm in der Finsternis einer tiefen Nacht.


                                   X.

                    Packe dich, Satansbrut!

                                    Aus einem kleinrussischen Schwank.

Die Frische des Morgens wehte ber der erwachten Stadt. Aus allen
Schloten stiegen Rauchsulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde
es wieder lebendig. Schafe blkten, Pferde wieherten, das Schnattern der
Gnse und der Hndlerinnen erfllte wieder das ganze Lager -- und die
schrecklichen Gerchte vom _roten Kittel_, die in der geheimnisvollen
Stimmung der Dmmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt
hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden.

Ghnend und sich rkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten
Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlscken und Weizen weiter und
schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Trumen zu trennen, als
er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie
der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten
Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses
entfernt war, diese Zufluchtssttten seiner groen Faulheit.

Steh auf! Steh auf! knurrte die zrtliche Gattin, die ihn aus aller
Kraft am Arm zerrte, ber seinem Ohre.

Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den
Armen zu fuchteln wie ein Trommelschlger.

Du verrckter Kerl! schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner
Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wre, zurck.

Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um.

Hol' mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor,
auf der ich den Zapfenstreich schlagen mute, mein Tubchen. Akkurat wie
die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....

La das Tratschen! Geh, fhr die Stute auf den Markt. Es ist einfach
zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch
keine Handvoll Hanf verkauft ....

Ja, Frauchen, sagte Tscherewik, jetzt wird man schn ber uns
lachen!

Geh, geh! Man lacht ohnehin ber dich!

Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen! fuhr Tscherewik
ghnend und sich den Rcken kratzend fort, um Zeit fr seine Faulheit zu
gewinnen.

Du hast dir ja eine recht passende Zeit fr deine Reinlichkeit gewhlt!
Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch fr dich, wisch dir
deine Fresse ab.

Sie ergriff etwas, das zu einem Knuel geballt dalag, und -- schleuderte
es entsetzt von sich: es war der rmelaufschlag eines _roten Kittels_.

Geh schon, geh an deine Sachen! wiederholte sie, bereits wieder
ermutigt, als sie sah, da ihm vor Angst die Beine gelhmt waren und die
Zhne klapperten.

Das wird ja jetzt ein schnes Geschft werden! brummte er bei sich,
whrend er die Stute losband und sie auf den Platz fhrte. Nicht ohne
Grund also lag mir's, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so
schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh
aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf
dem Wege umgekehrt. Und da fllt mir ein, wir sind ja auch am Montag
abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schner Strenfried ist
mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen
rmel tragen! Aber nein, er gnnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn
ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wre, -- htte ich mich
da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?

Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in
seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein groer Zigeuner.

Was hast du zu verkaufen, guter Mann?

Der Hndler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Fen an
und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zgel
aus der Hand zu lassen: Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen
habe!

Riemen? fragte der Zigeuner und blickte auf die Zgel in Tscherewiks
Hand.

Jawohl, Riemen -- wenn eine Stute 'nem Riemen hnelt!

Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefttert!

Mit Stroh?

Tscherewik wollte eben die Zgel anziehen, um seine Stute vorzufhren,
und den schamlosen Beleidiger Lgen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm
mit ungewhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! -- Die Zgel waren
durchgeschnitten, und daran gebunden sah man -- oh Entsetzen! Seine
Haare standen ihm zu Berge! -- den rmelfetzen eines _roten Kittels_!
.... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er
von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als
irgendein junger Bursch in der Menge.


                                  XI.

                    Wes das Korn, des die Prgel.

                                                           Sprichwort.

Haltet ihn! Haltet ihn! so schrien einige Burschen am schmalen Ende
der Strae, und Tscherewik fhlte, wie er pltzlich von festen Hnden
gepackt wurde.

Bindet den Kerl! 's ist derselbe, der dem guten Mann die Stute
gestohlen hat!

Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?

Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden Bauern, dem Tscherewik,
seine Stute gestohlen?

Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn je gesehen, da einer sich
selbst etwas stiehlt?

Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn so atemlos davongelaufen,
als wenn der Satan selbst dir auf den Fersen wre?

Soll man denn nicht laufen, wenn einem der Teufelsrock .....

He, Bester, das lg' du anderen vor. Du wirst noch was Schnes vom
Prsidenten erleben, weil du die Leute mit Teufelsgeschichten
erschreckst!

Haltet ihn, haltet ihn! ertnte da ein Ruf am anderen Ende der Strae,
da ist der Ausreier!

Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter im allerjmmerlichsten
Aufzuge, er hielt die Arme auf dem Rcken und wurde von einigen Burschen
vorwrts gestoen.

Wunder ber Wunder, rief einer von ihnen.

Ihr solltet nur hren, was dieser Halunke erzhlt. Man braucht ihm doch
nur ins Gesicht zu schauen, und man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn
fragte, warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: >Ich steckte
die Hand in die Tasche, um eine Prise zu nehmen, aber statt der
Tabaksdose zog ich ein Stck von dem teuflischen _Kittel_ heraus, und
eine rote Flamme sprang auf.< -- Darum sei er davongerannt!

He he! Es sind also beides Vgel aus demselben Nest! Bindet sie alle
beide!


                                  XII.

                       Was hab' ich denn getan, ihr lieben Leute?
                       Was glotzt ihr mich so an? sprach unser Bursche,
                       Was spottet ihr und hhnt ihr denn mich Armen?
                       Warum, warum? so ruft er aus und flennt,
                       Da ihm die Trne auf der Backe brennt.

                            Artemowski-Gulak: Der Herr und der Hund.

Gevatter, vielleicht hast du in der Tat etwas stibitzt? fragte
Tscherewik, der zusammen mit seinem Gevatter gebunden in einer
Strohhtte lag.

Also auch du, Gevatter! Hnde und Fe sollen mir verdorren, wenn ich
je etwas gestohlen habe, hchstens Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter,
aber auch das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.

Wofr werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei dir ist's ja noch
nicht schlimm: du wirst doch wenigstens nur beschuldigt, einen anderen
bestohlen zu haben; aber mich Unglcksmenschen verleumdet der Satan: ich
soll mir selbst 'ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl nicht
beschieden, auch mal ein bichen Glck zu haben, Gevatter!

O weh uns armen Waisen!

Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen.

Was hast du, Tscherewik? fragte da Grytzko, der in diesem Augenblicke
eintrat. Wer hat dich gebunden?

Ach, Golupupenko, Golupupenko! schrie Tscherewik freudig. Gevatter,
das ist der, von dem ich dir erzhlt habe. O, das ist ein tchtiger
Kerl! Gott soll mich hier auf der Stelle tten, wenn er nicht einen Krug
ausgelutscht hat, so gro wie dein Kopf; und dabei verzog er keine
Miene!

Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen Prachtkerl abgewiesen?

Sieh, fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: Gott straft mich wohl,
weil ich mich gegen dich versndigt habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei
Gott, ich htte ja alles fr dich getan .... Aber was soll man da
machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!

Ich trage nie jemandem Bses nach! Wenn du willst, so befreie ich
dich!

Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die Tscherewik
bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln.

Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie's sich gehrt! Und wir wollen
tanzen, da uns vom Hopsen die Beine ein ganzes Jahr lang weh tun!

_Recht so!_ rief Tscherewik und klatschte in die Hnde. Nun bin ich
wieder so vergngt, als ob meine Alte von den Moskowitern geholt worden
wre! Was ist da viel zu bedenken! Ob's nun recht ist oder nicht --
heute ist Hochzeit und damit Schlu!

Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm' ich zu dir, und jetzt
geh nach Hause, dort warten Kufer auf dich, die deine Stute und den
Weizen haben wollen.

Wie? Hat sich die Stute gefunden?

Ja, sie hat sich gefunden!

Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach.

Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht? fragte der lange
Zigeuner den vorbereilenden Burschen. Jetzt kriege ich doch die
Bullen?

Ja, ja, du sollst sie haben!


                                 XIII.

                       Frcht dich nicht, lieb Mtterchen,
                       Zieh die roten Schhchen an.
                       Tritt mit Fen
                       Deine Feinde.
                       Wenn die Schuh'
                       Von Eisen klirren,
                       werden alle Feinde schweigen.

                                                        Hochzeitslied.

Das liebliche Kinn auf die Hand gesttzt sa Paraka sinnend allein im
Zimmer. Mancherlei Trume umschwirrten ihr blondes Kpfchen. Manchmal
berhrte pltzlich ein leichtes Lcheln ihre rosigen Lippen, und ein
freudiges Gefhl lie sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber
senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren
Augen.

Wie wenn es nun doch nicht so kme, wie er gesagt hat! flsterte sie
mit einem Ausdruck des Zweifels. Wenn er mich nun aber doch nicht
bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut
alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was _ich_ will? Mein Trotz
ist gro genug! Wie schn ist er doch! Wie wunderbar glhen seine
schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: >_Paraja, mein Tubchen!_< --
Wie gut steht ihm der weie Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen
Grtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue
Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue! fuhr sie fort, indem sie
ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog,
das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem
Vergngen hineinschaute. Wenn ich ihr spter begegne, so gre ich sie
nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmtterchen, du hast deine
Stieftochter genug geprgelt! Eher wchst Sand auf Steinen, und neigt
sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als da ich mich vor
_dir_ neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das
Hubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn's auch der Stiefmutter
gehrt.

Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf ber ihn geneigt,
und ging behutsam durch die Stube, als frchtete sie sich hinzufallen;
denn statt des Fubodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen
neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den
Tpfen drauf vor sich.

Ich bin doch wirklich wie ein Kind! rief sie lachend aus, ich hab
Angst, einen Fu vor den andern zu setzen!

Und sie begann laut mit den Fen aufzustampfen, immer mutiger und
mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die
Hfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf
los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen:

   Grne Grser, grne Auen,
   Wachset nicht zu sehr!
   Liebster mit den schwarzen Brauen,
   Schmieg dich zu mir her!

   Grne Grser, grne Auen,
   Wachset nimmermehr!
   Liebster mit den schwarzen Brauen,
   Schmieg dich nher her!

In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Trffnung, und als
er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah
er ihr zu, ber die seltsame Laune des Mdchens lachend, das ganz in
Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber
die bekannten Laute des Liedes hrte, da wurde es ihm hei ums Herz;
stolz die Hnde auf die Hften gestemmt, sprang er vor und begann so zu
hopsen, da er all seine andern Geschfte verga. Das laute Lachen des
Gevatters lie beide auffahren.

Groartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt!
der Brutigam ist da!

Bei den letzten Worten glhte Paraka in einem Rot auf, das tiefer war
als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe frbte. Dem
sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher
gekommen war.

Tchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, da ich die Stute
verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tcher und allerhand
Schmucksachen zu kaufen! sprach er und sah sich dabei ngstlich nach
allen Seiten um. Bis zu ihrer Rckkehr wollen wir alles erledigt
haben!

Kaum hatte Paraka die Schwelle des Hauses berschritten, da fhlte sie
sich schon in den Armen des Burschen im weien Kittel, der sie inmitten
einer Menge von Leuten auf der Strae erwartete.

Gott segne euch! sagte Tscherewik, ihre Hnde vereinend. In Glck und
Glanz haltet fest wie ein Kranz!

Da gab's pltzlich einen Lrm.

Eher will ich zerspringen, als da ich das zulasse! schrie Tscherewiks
Ehehlfte, die von der lachenden Menge zurckgedrngt wurde.

Wt nicht so, wte doch nicht! sprach Tscherewik kaltbltig, als er
sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemchtigten.
Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht fr nderungen!

Nein, nein, das darf nicht sein! schrie Chiwrja, aber niemand hrte
auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten
eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie.

Ein sonderbares unsagbares Gefhl mute einen Zuschauer ergreifen, der
mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben
Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkrlich ein
einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht berging. Leute,
deren mrrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lcheln
erhellt hatte, stampften mit den Fen und warfen die Schultern empor.
Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch
unsagbareres Gefhl mute in der Tiefe der Seele beim Anblick jener
Greisinnen erwachen, ber deren uralten Gesichtern schon die
Gleichgltigkeit des Grabes wehte -- und die sich unter die neuen
Menschen drngten, die dem Leben angehrten und dem Lachen. Die
Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des
Mitgefhls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine
leblosen Automaten, zu einer menschlichen uerung zwingt, -- selbst
_sie_ nickten leise mit den berauschten Kpfen und hpften ein wenig
hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten.

Das Lrmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren
Summen. Die Fiedel erstarb, ertnte schwcher und schwcher und lie nur
noch ein paar undeutliche Tne durch die leere Luft zittern. Noch hrte
man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber
bald lag alles wieder de und stumm da.

Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schne und flatterhafte
Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu
singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und
Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch
die ausgelassenen Freunde der freien strmischen Jugend einer nach dem
andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang
wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz,
doch fr ihn gibt es keine Hilfe!




                           Die Johannisnacht


                               Eine Sage
               Erzhlt vom Kster an der --Kirche zu ***

Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwrdige Eigentmlichkeit: Er konnte
es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals
erzhlen zu mssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und
erzhlte etwas zum zweiten Male, dann fgte er entweder hier eine neue
Wendung hinzu, oder nderte dort etwas, so da man die Geschichte kaum
wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren -- wir einfachen
Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder
dergleichen, so was hnliches wie die Makler auf unseren Jahrmrkten;
sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden
dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Bchelchen so dick wie eine
Fibel in die Welt hinaus, -- einmal also hatte einer jener Herren
unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und
der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen
im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und
von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, -- er kommt
also, bringt ein kleines Bchelchen mit, schlgt's in der Mitte auf und
zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine
Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, da er vergessen
hatte, ein Stck Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und
so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs
Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte
noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm
und unterbrach.

Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?

Ich mu gestehen, diese Frage verblffte mich ein wenig.

Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure
Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!

Wer hat Euch das erzhlt, da das meine Worte sind?

Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht's doch gedruckt. Erzhlt von dem
Kster Soundso.

Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lgt,
der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als htte
der Satan einen Sparren! Hrt zu, die mu ich Euch selbst erzhlen!

Wir rckten am Tische zusammen, und er begann.

                   *       *       *       *       *

Mein Grovater (Gott hab' ihn selig! Mge er in jener Welt nur
Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Grovater
verstand es wunderbar zu erzhlen. Wenn der erst einmal damit anfing, so
mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze
rhren und nur immer zuhren. Und er redete nicht etwa wie einer von den
heutigen Faselhnsen; wenn so einer anfngt, sein Garn herunter zu
spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als htte er drei Tage lang
nichts zu essen gekriegt, dann mchte man am liebsten nach der Mtze
greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wre,
-- meine Mutter selig war noch am Leben, -- an die langen Winterabende,
wenn drauen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen
unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken sa,
mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fu die Wiege schaukelte und
ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lmpchen
beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die
Spindel surrte; und wir Kinder hrten alle, zu einem Haufen
zusammengedrngt, dem Grovater zu, der vor Alter schon ber fnf Jahre
nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen
Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den
Polen, von den khnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des
Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte ber eine alte,
sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer ber den Leib lief und
das Haar sich strubte. Manchmal kam eine solche Angst ber einen, da
man abends Gott wei was fr Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal
nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du
sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt,
um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft
meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes fr einen zusammengekauerten
Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzhlungen des Grovaters war,
da er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er's sagte, genau so war es
auch.

Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzhlen.
Ich wei wohl, es werden sich schon etliche Klglinge finden, die
Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, -- welche
zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand
drckt, -- aber dafr um so besser die Zhne zu fletschen wissen. Was
man denen auch erzhlen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt
fr ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte
Jungfrau mgen mir beistehen -- ihr werdet's vielleicht nicht glauben:
als ich einmal von Hexen sprach -- da fand sich doch wahrhaftig so ein
Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich
lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche
Heiden waren, da es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lgen, als
unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe
das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will's gar nicht erst
ber die Zunge bringen .... was soll man ber sowas noch Redens machen.

Vor vielen vielen Jahren, 's werden wohl sicher ber hundert sein, --
erzhlte mein Grovater selig -- war unser Dorf noch etwas ganz anderes
als jetzt! Da war's noch ein Weiler, der allerrmste Weiler! Zehn
ungetnchte und ungedeckte Htten lagen mitten im Felde verstreut, und
es gab weder einen Zaun, noch einen anstndigen Schuppen, in dem man
Vieh oder einen Wagen htte unterstellen knnen. Und die, die so lebten,
das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der
Brderschaft der Habenichtse fr ein Leben hatte, das lt sich kaum
beschreiben! Ein Loch in der Erde -- das war das ganze Haus! Nur an dem
Rauch konnte man merken, da da ein Menschenkind unseres lieben
Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut
allein war's nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und
hatte sich in fremden Lndern nicht wenig Reichtmer erbeutet; nein, man
sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich
damals nicht allerorts fr Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen,
Litauer usw. Oft geschah es auch, da man von den eigenen Landsleuten
geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.

In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz pltzlich ein Mensch oder
richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu
welchem Zwecke -- das wute niemand. Er soff, vergngte sich, -- und auf
einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wre. Dann
kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straen des
Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr brig ist, und das
vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war,
sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und
Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschttet, und der Schnaps rann
dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mdchen und schenkte ihnen Bnder,
Ohrringe und Perlen -- in vollen Haufen! Freilich, so manches Mdel
wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Wei Gott, am Ende waren sie in
der Tat durch unreine Hnde gegangen. Die leibliche Tante meines
Grovaters, die damals auf der heutigen Landstrae von Oposchnjani einen
Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hie dieser Teufelskerl) oft
zechte, pflegte zu sagen, sie wrde um keinen Preis in der Welt ein
Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas
zurckweisen? -- Jedem wurde gruselig zumute, wenn _er_ seine borstigen
Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, da man am
liebsten ausgerissen wre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man
schon in der nchsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hrnern
auf dem Kopfe, erwarten. Und der wrgte einen, wenn man Perlen am Halse
trug, bi einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder ri
einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte.
Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war
es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser -- aber der teuflische
Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die
Hand zurck.

Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem
heiligen Pantelej angehrte. Damals nun waltete in ihr ein Priester
namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, da
Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn
ausschelten und ihm eine Kirchenbue auferlegen; aber sieh da, er kam
kaum mit heiler Haut davon. Hr mal, _Herr_! brllte ihn jener an,
kmmere dich lieber um deine Geschfte, anstatt dich in fremde zu
mischen, wenn du nicht willst, da dir dein Ziegenhals mit einem heien
Sterbekuchen verkleistert wird! Was konnte man mit diesem
Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklrte nun jeden, der mit
Bassawrjuk verkehren wrde, fr einen Rmling, und fr einen Feind der
Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts.

In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter,
den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder
seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar
gesagt, die wren schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest
gestorben; aber die Tante meines Grovaters wollte es nicht wahrhaben
und war aus aller Kraft bemht, ihm Eltern aufzudrngen, obgleich der
arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kmmerte, wie wir um den
vorjhrigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch
in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Trken gewesen,
habe Gott wei welche Qualen erdulden mssen, und habe nur durch ein
Wunder, als Eunuch verkleidet, Reiaus nehmen knnen. Die
schwarzbrauigen Mdels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um
seine Verwandtschaft. Sie uerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock
-- etwa einen neuen Schupan -- anzge, einen roten Grtel umlegte, eine
neue Mtze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe
aufsetzte, ihm einen trkischen Sbel an die Seite schnallte, und in die
eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hbsch eingefate
Pfeife gbe -- dann wrde er alle andern Burschen in die Tasche stecken.
Aber der arme Petrusj besa alles in allem nur einen einzigen grauen
Kittel, der mehr Lcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche.
Doch das wre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr
dies: der alte Korsch hatte ein Tchterchen, eine Schnheit, wie ihr sie
wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Grovaters pflegte zu
erzhlen, -- und ihr wit ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher
den Teufel kssen, als eine andere schn nennen, -- da die runden
Bckchen des Kosakenmdchens so frisch und glnzend waren wie die
allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun
aufleuchtet, ihre Blttchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden
Sonne putzt. Wie schwarze Schnrchen, die die Mdchen heutzutage bei den
Hausierern in den Drfern fr ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so
zart schwangen sich die Brauen ber ihren Augen, als spiegelten sie sich
in ihrem klaren Kristall. Ihr Mndchen, nach dem der ganzen jungen Welt
von damals der Mund wsserte, schien wie geschaffen fr die Gesnge
einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie
junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mdchen noch nicht zu
kleinen Zpfchen, durch die sie sich jetzt hbsche bunte Bnderchen
ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten berwurf herab. Ei,
da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen
lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abkssen mchte, und wenn auch
der alte Wald auf meinem Schdel schon so ziemlich grau ist, und meine
Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein
Bursch und ein Mdel nah beieinander wohnen .... ja, da wit ihr schon,
was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrhe den Abdruck der
Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj
gestanden hatte. Korsch htte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber
einst, -- und das kam durch nichts anderes als durch die List eines
Teufels -- da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen,
sozusagen von ganzer Seele einen Ku auf die rosigen Lippen des
Kosakenmdchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, -- mag doch der
Hundesohn vom heiligen Kreuz trumen! -- ritt den alten Knasterbart, da
er gerade zu dieser Zeit die Tr ffnete. Korsch stand da wie ein
Holzklotz, sperrte den Mund auf und mute sich an die Tr lehnen. Der
verdammte Ku schien ihn vollkommen betubt zu haben. Er kam ihm lauter
vor als der Schlag eines Mrserstels auf ein Brett, mit dem zu unserer
Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu
Ehren Johannes des Tufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen
war, nahm er seine Nagaika aus Urvter Zeiten von der Wand und wollte
sie schon auf den Rcken des armen Peter niedersausen lassen, da
erschien auf einmal Pidorkas sechsjhriges Brderchen Iwasj, kam
erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Hndchen und
schrie: Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht! Was war da zu machen?
Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und
fhrte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. Wenn du dich jemals wieder hier
im Hause sehen lt oder auch nur am Fenster, so hre, Petrusj: Bei
Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke,
die du dir doppelt ums Ohr wickelst, -- ich will nicht Terenti Korsch
sein, wenn sie nicht von deinem Schdel Abschied nimmt! Bei diesen
Worten versetzte er ihm einen leichten Sto in den Nacken, so da
Petrusj Hals ber Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Kssen
gebracht. Ein schwerer Kummer berfiel unser Tubchen; dazu ging noch im
Dorfe das Gercht um, zu Korsch ins Haus kme ein goldbeladener Pole mit
Schnurrbart, Sbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der
Klingelbeutel, den unser Mener Taras tglich in der Kirche umgehen
lt. Nun man wei ja, wozu man einen Vater besucht, der eine
schwarzugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren
Bruder Iwasj: Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein
goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzhl ihm
alles: ich mchte seine grauen Augen liebkosen und sein weies Antlitz
kssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit
meinen heien Trnen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz.
Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen
in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch
es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Kster
werden plrren, statt da Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde
ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man
mich aus dem Hause. Dunkel und dster wird mein enges Haus sein -- aus
Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein
Kreuz auf dem Dache stehn!

Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rhren zu knnen, hrte
Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. Dacht' ich
Unglcklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Trkenland zu
ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gtern beladen zu dir
zurckzukehren, du meine Schnste? Doch es sollte nicht sein. Ein bser
Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures
Fischlein du, aber kein Kster wird auf unserer Hochzeit singen -- statt
eines Popen krchzt mir zu Hupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld
wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen
hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich
waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem
klag' ich was vor? Gott hat's wohl so angeordnet! Verloren ist
verloren! -- Und stracks zog er in die Schenke.

Die Tante meines seligen Grovaters war nicht wenig erstaunt, als sie
Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver
Mensch zur Frhmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn
sie noch im Schlafe lge, als er einen Krug -- oder richtiger fast einen
halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der
rmste seinen Kummer zu ertrnken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge
wie Nesseln und dnkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er
den Krug zu Boden. Da drhnte es im Ba ber seinem Kopfe: La doch das
Trauern, Kosak! Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze!
Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! Ich wei,
was dir fehlt: das da! rief er und klirrte teuflisch grinsend mit
seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Grtel hing. Petrusj erbebte.
Hehe, wie die glhen! brllte er und schttete sich die Dukaten auf
die Hand. Hehe, die klimpern! Und doch heit's nur eine einzige Tat
vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel! -- Satan! schrie
da Petrusj. Her damit! Ich bin zu allem bereit! Beide gaben sich den
Handschlag und waren einig. Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten
Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres
treibt das Farnkraut Blten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte
dich um Mitternacht in der Brenschlucht.

Ich glaube, die Hhner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die
Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwhrend
blickte er aus, ob die Baumschatten nicht lnger wrden, ob nicht die
tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglmme, und je lnger er wartete,
um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag
konnte wohl kein Ende finden. -- Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf
einer Seite rtet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird
klter im Felde; dunkler und dunkler wird's, und alles liegt in
nchtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der
Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch
den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Brenschlucht
genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, da
man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch
die Smpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrpp und
strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen
Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch
Bassawrjuk blieb stehen.

Siehst du: da vor dir liegen drei Hgel. Viel mannigfache Blumen
wachsen dort; doch alle Mchte der Welt mgen dich bewahren, auch nur
eine zu pflcken. Kaum aber erblht der Farn, so greif nach ihm und
blick dich nicht um, was du auch hinter dir dnken magst.

Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er
ging auf die Hgel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen.
Schwarz lag das wilde Steppengras da und berwucherte alles mit seinem
Gestrpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein
ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er
auch die einfachen Bltter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte
Petrusj beide Hnde in die Hften und stellte sich nachdenklich vor sie
hin.

Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches
Kraut: was ist denn das fr ein Mirakel? Am Ende macht sich die
Teufelsfratze nur ber mich lustig!

Auf einmal aber glht ein kleines Knspchen rot auf und rhrt sich wie
wenn es lebendig wre. Seltsam frwahr! Rhrt sich, wird immer grer
und grer und glht hei wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen
auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die
Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und berstrahlt alles rings
herum.

Jetzt ist's Zeit, dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber
siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hnde nach der Blume
aus, und hinter ihm luft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drckte die
Augen zu, ri am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles
verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor:
ganz blulich wie eine Leiche. Er rhrte keinen Finger, seine Augen
waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein
Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rhrte sich
nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj
ein Pfeifen, da ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor,
als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dnnen Stimmchen
unterhielten, die wie silberne Glcklein klangen. Die Bume donnerten
grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal
lebendig. Seine Augen funkelten. Endlich ist sie da, die Hexe, grunzte
er durch die Zhne. Petrusj schau, bald wird dir eine schne Frau
erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig
verloren! Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor
ihnen erschien ein Huschen, das auf Hhnerfchen stand, wie es im
Mrchen heit. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand
wankte. Ein groer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen,
verwandelte sich pltzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen.
Tobe nicht, wte nicht, alte Teufelin, rief Bassawrjuk und wrzte
seine Rede mit so einem Wrtlein, da sich ein rechtschaffener Mensch
dabei die Ohren zugestopft htte. Da wurde die Katze zu einem alten
Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und
krmmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nuknacker.
Welch herrliche Schnheit! dachte Petrusj, und es berlief ihn kalt.
Die Hexe ri ihm die Blume aus der Hand, beugte sich ber sie, flsterte
einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer
unbekannten Flssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat
ihr auf die Lippen. Wirf sie hin, rief sie, indem sie ihm die Blume
reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber -- o Wunder: die Blume fiel
nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel
mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann
sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, da das
Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht grer erschien, denn ein
Mohnkorn. Hier! krchzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm
einen Spaten hin und rief: Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so
viel Gold finden, als weder du noch Korsch je getrumt haben! --
Petrusj spie sich in die Hnde, ergriff den Spaten, trat mit dem Fu
darauf und whlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal,
noch einmal .... Da stie er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte
und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen
pltzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste
wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste
begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich
vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. Nie sollst
du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst! rief
die Hexe und fhrte auf einmal ein etwa sechsjhriges Kind vor ihn hin,
das mit einem weien Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an,
er msse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist's denn eine
Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf
abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wtend ri er das
Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand
mit gekreuzten Hndchen und gesenktem Kpfchen da .... Wie ein Rasender
sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand ....

Was versprachst du, fr das Mdchen zu tun? donnerte ihn Bassawrjuk
an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rcken, der ihn traf wie ein
Schu. Die Hexe stampfte mit dem Fue, und eine blaue Flamme sprang aus
dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und
alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als lge es auf der
flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine
haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen.
Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich ....
wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte
ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelchter toste auf allen Seiten. --
Widerwrtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein
Wolf, die Hnde in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das
Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten
Krfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle
Bume brannten in rotem Blut und sthnten. In Rotglut getaucht wankte
der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen
auf. Entkrftet lief er bis in seine Htte, sank dort zu Boden wie eine
hre und ein totenhnlicher Schlaf umfing ihn.

Zwei Tage und zwei Nchte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am
dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und
Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten
der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedchtnis glich der Tasche eines
alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem
er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er pltzlich zu seinen Fen
ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Scke voll Gold. Erst jetzt
erinnerte er sich wie in einem Trume, da er einen Schatz gesucht
hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen
Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr
besinnen.

Sowie Korsch die Scke erblickte, da wurde er seidenweich. Petrusj, so
ein Herzensjung', den sollt' ich nicht lieben? Der war mir doch stets
wie mein eigner Sohn! Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln,
da dem Petrusj die Trnen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestrzt
herbei und begann zu erzhlen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern
gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn
besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun
war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tr gesetzt,
und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wsche genht, man
rollte ein Fchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch
gesetzt, das Hochzeitsgebck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und
die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern
summten -- und die Lustbarkeit begann ....

Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu
vergleichen. Die Tante meines Grovaters erzhlte -- hei juchhei! Ei wie
da die Mdels im prchtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa
Bndern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine
Hemden an, deren Nhte mit roter Seide bestickt waren und die kleine
silberne Blmchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen
beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind
rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen
hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat
gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Hubchen
mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell
hervorguckte, in ihren blauen Ueberwrfen aus herrlichstem Seidenstoff
mit roten Aufschlgen -- ei wie sie da gar wrdig, die Hnde auf die
Hften gesttzt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren
Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmtzen, in
feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Grtel, und die Pfeife zwischen
den Zhnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht
unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des
jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten
Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied
vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem
Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter
zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon
wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab's da nicht
alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen
Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als
Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete
sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst kte man sich, und
dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt' euch, das gab ein
Lachen, da man sich den Bauch halten mute. Oder man legte trkische
und tatarische Gewnder an, die da glhten wie das reine Feuer .... Und
wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben ....
das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen
Grovaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige
Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit
dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mute
einen der Teufel reiten, da er sie von hinten mit Branntwein bego, ein
anderer mute gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten
sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf:
die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die
Kleider vom Leibe zu reien .... Was sich da fr ein Lrm, Gelchter und
ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die
ltesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen.

Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten
Herrschaften. Alles war in Hlle und Flle vorhanden, alles blinkte und
funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand
mitansahen, schttelten nur den Kopf. Vom Teufel kommt nichts Gutes!
sagten sie alle einstimmig. Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht
vom Versucher aller rechtglubigen Christen? Wo htte er einen solchen
Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben
Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam? -- Und was die
Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat
vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm
geschehen war, das wei Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben
Stelle fest und redet kein Wort; er grbelt nur immer, als wollte er
sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm
herauszupressen, soda er sich verga, ins Gesprch kam und sogar ganz
heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufllig auf die Geldscke zu
blicken, und sofort schrie er los: Halt, halt, ich hab's vergessen!
Und wieder verfiel er in Sinnen und qulte sich ab, eine Erinnerung
heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke sa,
kam es ihm so vor, als ob etwas Lngstvergangenes wieder in sein
Gedchtnis zurckkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder.
Es dnkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der
Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm
-- schlgt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor
ihm in einen Nebel zu sinken, der Schwei rann ihm vom Gesicht, und er
sank erschpft wieder auf seinen Platz zurck.

Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser
besprechen -- nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein
Kosak hatte schon sein Korn abgemht und sein Heu geschnitten; manch
khnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwrme von Enten drngten sich
auf unseren Weihern, und der Zaunknig war schon lngst verschwunden.
Die Steppen frbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut
wie Kosakenmtzen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen
begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart,
und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel
herab, und die Zweige der Bume waren mit Rauhreif verziert wie mit
Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrstige
Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher
und suchte sich Krner, und die Kinder trieben mit Riesenstben hlzerne
Blle bers Eis, whrend ihre Vter ruhig hinter den fen lagen und nur
ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tchtig
auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulften, oder
weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten.
Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem
Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so
dsterer geworden, je weiter die Zeit vorrckte. Wie angeschmiedet sa
er mitten im Zimmer, die Scke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er
verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres
Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins
Gedchtnis zurckrufen, grollt mit sich und wtet, da es ihm nicht
gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fhrt mit den Hnden
umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte;
seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein lngst vergessenes Wort
aussprechen und -- erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt
und beit er an seinen Hnden, und voll Grimm reit er sich ganze
Bschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewutlos hinsinkt,
wieder zu sinnen anfngt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe
Qual ..... Was fr eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen
mute, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie's, allein im Hause zu
bleiben, aber dann gewhnte sich die rmste an ihr Unglck. Die Pidorka
von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe
noch ein Lcheln mehr; abgehrmt und abgezehrt war's, ausgeweint waren
die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle
zu der Zauberin gehen, die in der Brenschlucht hauste, und von der der
Ruf ausging, sie knne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschlo, dies
letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her berredete sie
endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor
Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen
Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten
und um sich zu blicken. Pltzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein
Haar strubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, da die
Angst Pidorka ins Herz schnitt. Ich hab's, ich hab's! schrie er in
frchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und lie es aus
aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in
die Eichentr hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube
stand ein Kind von sieben Jahren in weiem Hemdchen mit verhlltem
Haupte .... Das Tuch flog herunter. Iwasj! schrie Pidorka und strzte
auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Fen mit Blut bedeckt
und erglhte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot
tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu
sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tr war so
fest hinter ihr zugeschlagen, da man nicht imstande war, sie wieder zu
ffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tr
ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der
Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und
da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Scken, darin lagen statt der
Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten
Mulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie
angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt.

Was weiter geschah, das wei ich nicht. Pidorka legte das Gelbde ab,
eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr
vom Vater brig geblieben war, und war in der Tat einige Tage spter aus
dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wute niemand
zu sagen. Geschwtzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch
Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzhlte, er habe im
Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwhrend
betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka
wiedererkannt htten. Bis jetzt, hie es, habe noch niemand von ihr ein
einzig Wrtlein gehrt, sie solle allein zu Fu gekommen sein und habe
eine Fassung fr das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine
Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, da allen
die Augen flimmerten, wenn sie sie anshen.

Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage,
als der Bse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk
wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wute jetzt, was das
fr ein Vogel war: niemand anders als der Satan war's, der
Menschengestalt angenommen hatte, um Schtze zu heben; und da unreine
Hnde nicht Schtze heben knnen, so lockte er brave Burschen an sich.
Noch in demselben Jahre lieen alle ihre Lehmhtten stehen und liegen
und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem
verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Grovaters
erzhlte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte
Schenke auf der Landstrae nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er
habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst
waren die Dorfltesten in der Schenke beieinander; sie saen und
unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Wrden am Tisch, auf
dessen Mitte ein gewi nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man
schwatzte ber dies und jenes, auch ber mannigfache Wunder und
Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien's, und nicht nur einem, -- was ja
nichts bedeuten wrde, -- sondern allen, als ob der Hammel den Kopf
erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob
pltzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden
zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze
Bassawrjuks, und die Tante meines Grovaters dachte schon, er wrde
gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren
Mtzen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in
eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stndchen bei Grovaters
Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert
hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis
zur Erde zu verneigen. Hol' dich der Teufel! rief er und begann sich
zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehlfte gleichfalls ein
Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mchtigen Trog zu
kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Hhe. Halt! Halt! Wohin
willst du? rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hften
gestemmt, ehrwrdig in der Stube umherzutnzeln ..... Ja lacht nur! Aber
unserem Grovater war's nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater
Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel
durch Besprengen aller Straen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange
klagte die Tante meines verstorbenen Grovaters darber, da, sobald es
Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wnden kratzte.

Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser
Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her,
-- mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt -- da kein
ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit
danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne
Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem ruigen Schlot schlugen Sulen Qualms
empor, die so hoch in die Luft stiegen, da einem beim Hinaufsehen die
Mtze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glhende Kohlen ber die
ganze Steppe. Und der Teufel -- gar nicht nennen drft' man den
Hundesohn -- schluchzte so jmmerlich in seiner Kammer, da die Aasgeier
erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwldchen emporstieen
und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen.




                                Mainacht
                                  oder
                             Die Ertrunkene


                    Der Teufel mag wissen wie's kommt! Machen sich
                    ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so mssen
                    sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen,
                    und kriegen's doch nie zu fassen. Kommt aber der
                    Bse und wackelt blo mit dem Schwnzchen -- da
                    geht's auf einmal wie vom Himmel gefallen.


                                   I.
                                 Hanna

Hell wie ein leuchtender Strom ergo sich ein Lied durch die Straen des
Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mdchen, matt von des
Tages Mh und Sorge, sich lrmend im Kreise versammeln, um im Glanz des
reinen Abends ihre Lust in Klngen hinauszujubeln, in denen stets etwas
wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang
der Abend trumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in
Ungewiheit und Ferne. Schon begann es zu dmmern, aber die Lieder
verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher.
Er hat sich von den Sngern weggeschlichen, der junge Kosak, des
Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmtz' auf dem Kopfe zieht der
Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tnzelt dazu.
Doch nun blieb er vor der Tr eines Huschens stehen, das niedrige
Kirschbume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tr? Nach kurzem
Verweilen spielte er und sang:

   Sonne sinkt, Abend winkt,
   Komm zu mir, mein Herzenskind!

Nein, mein hellugiges Liebchen schlft wohl schon fest, sprach der
Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. Halja, Halja!
Schlfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du frchtest gewi, es
knnt' uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weies
Gesichtchen nicht in die Klte hinauswagen? Frcht' dich nicht, niemand
ist in der Nhe; der Abend ist warm. Ja, km' auch jemand, ich deck'
dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Grtel umwinden, mit
meinen Hnden bedecken, -- und niemand wird uns sehen. Und wehte es
selbst eisig kalt, ich drck' dich noch nher an mein Herz, ich wrm'
dich mit Kssen und zieh meine Mtze ber deine weien Fchen. Mein
Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus.
Steck nur dein weies Hndchen durchs Fensterchen ... Nein, du schlfst
nicht, stolzes Mdchen! rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl
jemand findet, der sich ber einen Augenblick der Erniedrigung schmt.
Dir gefllt's, mich zu verhhnen. Leb' wohl!

Er wandte sich ab, schob die Mtze schief aufs Ohr und zog stolz davon,
leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tr,
knarrend ffnete sich die Pforte, und ein Mdchen, das etwa siebzehn
Lenze zhlte, trat, von Dmmerung umwoben, ber die Schwelle; scheu sah
sie sich um, ohne den hlzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre
hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein;
die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen
blieb nicht einmal die Rte verborgen, die ihr schamhaft ber die Wangen
flammte.

Wie ungeduldig du bist! sprach sie halblaut zu ihm. Gleich bist du
bse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewhlt? Eine Unmenge von
Leuten lungert auf den Straen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.

O zittere nicht, mein Knspchen! Drck dich recht fest an mich! sprach
der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen
Riemen um den Hals hing, und lie sich neben ihr vor der Tre nieder.
Du weit: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter fr
mich!

Weit du, was ich glaube? unterbrach ihn das Mdchen und richtete
sinnend die Augen auf ihn. Mir ist's, als raunte mir jemand ins Ohr,
da wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen
sind bei euch so schlimm, die Mdchen sehen mich so neidvoll an, und die
Burschen .... Fhl' ich's doch gar, da mich die Mutter seit einiger
Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir's gestehen, frhlicher war's in
der Fremde!

Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug ber ihr Gesicht.

Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir's zu lang;
bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?

O nein, du bist mit nicht zuwider! sagte sie lchelnd, ich liebe dich
doch, du schner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen,
und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lchelt alles in meiner
Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so
freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Strae
singst und spielst, und lieblich ist's, dir zuzuhren.

O meine Halja! rief der Bursch, und drckte sie unter Kssen noch
fester an seine Brust.

Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen?

Was? rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, da wir uns heiraten
wollen? Ich habe mit ihm gesprochen. Doch das Wort gesprochen klang
voller Bitterkeit in seinem Munde.

Und nun?

Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner
Gewohnheit taub, will nichts hren, und schilt noch, da ich mich, wei
Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straen vergnge.
Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, da
ich ihn doch beuge!

Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wrtlein zu sagen, und alles geschieht
nach deinem Willen. Wei ich es doch von mir: Ich mchte mich dir so
manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die
eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh -- fuhr sie fort,
indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Hhe
erhob. Dort blaute der warme unermeliche Himmel der Ukraine, der unten
von den krausen Zweigen der Kirschbume verhngt war. Sieh dort, --
weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fnf ....
Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen
Himmelsstbchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere
Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flgel htten wie die Vgel, --
und so hinauffliegen knnten, hoch, hoch in die Hhe .... O, wie
schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll
irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in
den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur
Erde herabsteigen.

Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde
reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln
aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren
alle unreinen Geister empor und strzen zu Haufen herab in die Hlle.
Und darum ist zum Fest Christi kein bser Geist auf der Erde.

Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der
Wiege, fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mrrisch von
dunklem Ahorngehlz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die
ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis
hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, berschttete
mit frostigen Kssen die brennenden Sterne, die trbe mitten im warmen
Meer der nchtlichen Luft glimmten, in ngstlicher Vorahnung, da bald
der Knig der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten wrde. Auf dem Berge
schlummerte neben dem Walde ein altes hlzernes Haus mit geschlossenen
Lden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbume
wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und
warf eine wilde Dsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein
Nubaumhain aus und glitt zum Teiche herab.

Ich erinnere mich wie im Traume, sagte Hanna, ohne die Augen von ihm
abzuwenden. Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei
meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause
gesprochen. Lewko, du weit es sicher, erzhle!

Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummkpfe nicht alles
erzhlen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du knntest dich ngstigen
und nachher nicht gut schlafen!

Erzhl, erzhl, liebster, schnster Junge! rief sie, prete ihr
Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. Nein, du liebst mich
nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mdchen! Ich ngstige mich doch
nicht -- ich schlafe die Nacht ber ganz ruhig. Aber wenn du mir's nicht
erzhlst, werde ich nicht einschlafen knnen. Ich werde mich qulen und
werde grbeln .... erzhle, Lewko!

Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, da ein Teufel in
den Mdchen sitzt und bestndig ihre Neugier reizt. So hre denn. Vor
langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser
Hauptmann hatte ein Tchterlein, ein hbsches Frulein, so wei wie
Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon
lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu
nehmen. >Wirst du mich auch liebkosen wie frher, Vterchen, wenn du dir
eine andere Frau nimmst?< -- Freilich, mein liebes Tchterchen, noch
fester als frher werd' ich dich an mein Herze drcken! Glnzendere
Ohrringe noch und Perlen werd' ich dir schenken!

Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schn war das junge
Weib, rosig und wei war das junge Weib, und doch blickte sie so
furchtbar auf ihre Stieftochter, da die aufschrie bei ihrem Anblick,
die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag ber kein Wort. So
kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe
ins Schlafgemach; und auch das schneeweie Frulein schlo sich in ihre
Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Pltzlich
sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell
glht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst
springt sie auf die Bank, -- die Katze ihr nach; sie springt auf die
Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt
sie dem Mdchen an den Hals und beginnt sie zu wrgen. Mit einem Schrei
ri das Mdchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und
wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfat das
Mdchen. An der Wand hing ihres Vaters Sbel. Sie packte ihn, und
sausend fiel der Hieb, -- die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und
die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag ber
verlie die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien
sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Frulein eine
Ahnung auf, da ihre Stiefmutter eine Hexe war, und da sie ihr die Hand
abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter,
Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und
verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemchern zu zeigen. Der
rmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mute ja
den Willen des Vaters erfllen. Am fnften Tage jagte der Hauptmann
seine Tochter barfu aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein
Stckchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Frulein die Hnde vor das
Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. >O mein Vater, in Verderben
gestrzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sndige Seele
ins Verderben gestrzt! Mge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht
lnger zu leben beschieden ....< -- Siehst du da ....? wandte sich
Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, schau hin: dort
hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer strzte sich
das Frulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....

Und die Hexe? unterbrach ihn Hanna ngstlich und richtete ihre
trnenschweren Augen auf ihn.

Die Hexe? Alte Weiber haben das Mrchen ersonnen, da seit jener Zeit
in mondhellen Nchten alle ertrunkenen Mdchen in den Garten des
Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wrmen, und des Hauptmanns
Tchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre
Stiefmutter neben dem Teich, fiel ber sie her und schleppte sie mit
Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal lie sich die Hexe nicht aus der
Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den
Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grnem Schilf, mit der die
Ertrunkenen sie schlagen wollten.

Glaub' einer den Weibern! -- Man erzhlt auch noch, da das Frulein
seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins
Gesicht blickt, und sich abmht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe
sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen
_Menschen_ in die Hnde bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen,
und droht ihm, ihn sonst zu ertrnken. So erzhlen die alten Leute,
liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine
Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister
hergeschickt .... Doch ich hre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen
zurck. Leb' wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese
Weibermrchen. --

Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, kte sie und ging.

Leb' wohl, Lewko! sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den
dunklen Wald.

In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majesttisch
aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hlfte unter der Erde, aber
schon erfllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der
Teich sprhte Funken. Der Schatten der Bume lste sich scharf vom
dunklen Grn.

Leb' wohl, Hanna! tnt es hinter ihr, und ein Ku begleitete diese
Worte.

Du bist wieder zurckgekehrt? sagte sie und schaute sich um. Aber als
sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite.

Leb' wohl, Hanna! ertnte es da wieder, und wieder kte sie jemand
auf die Wange.

Hat der Teufel noch einen hierhergefhrt! rief sie voller Zorn.

Leb' wohl, liebe Hanna!

Ein Dritter!

Leb' wohl, leb' wohl, leb' wohl, Hanna! Und von allen Seiten regneten
Ksse auf sie herab.

Das ist ja eine ganze Horde! schrie Hanna und mute sich gewaltsam aus
einem groen Haufen von Burschen losreien, die sie um die Wette
umarmten. Wie ist ihnen nur das ewige Kssen nicht zuwider! Bei Gott,
bald darf man sich nicht mehr auf der Strae zeigen!

Nach diesen Worten schlug die Tre zu, und man hrte nur noch, wie der
eiserne Riegel sich klirrend vorschob.


                                  II.
                            Der Dorfamtmann

Kennt Ihr die Nchte der Ukraine? O Ihr kennt die Nchte der Ukraine
nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre
Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als
sonst ist die unermeliche Wlbung des Himmels, dehnt sich noch weiter
in unermelichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die
ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von
einer schwlen Khle und Wonne erfllt, und strmt einen Ozean von
Wohlgerchen aus. Gttliche Nacht! Berckende Nacht! Regungslos und wie
begeistert stehen die Wlder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure
Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Klte und die
Finsternis sind dster verkerkert in die dunkelgrnen Mauern der Grten.
Die jungfrulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbumen strecken scheu
ihre Wurzeln in die khle Flut der Quellen, und ihre Bltter lispeln ab
und zu, als ob sie zrnten oder sich emprten, wenn der schne,
flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie kt. Die
ganze Natur schlft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier.
Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeliche, und
Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Gttliche Nacht!
Berckende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wlder, Teiche
und Steppen. Majesttisch rollt das Schmettern der ukrainischen
Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der
Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der
Anhhe. Noch weier und prchtiger strahlen die Haufen der Huschen im
Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der
Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen
Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen
auf. Auf den Schwellen einzelner Htten sitzt noch eine Familie und
verzehrt ihr sptes Nachtmahl.

I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging's nicht vom
Fleck! -- Was erzhlt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! --
hop, trala! -- hop, hop, hop! So sprach ein angeheiterter Bauer
mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Strae zu
tanzen. Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln?
Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! -- Hop trala! -- hop, hop,
hop!

Der Mensch ist ja ganz nrrisch. Wenn's noch ein junger Kerl wre, aber
so ein alter Br .... der tanzt blo den Kindern zum Spott hier nachts
auf der Strae! rief eine ltere Frau im Vorbergehen, die Stroh in der
Hand trug. Geh nach Haus! Es ist schon lngst Schlafenszeit!

Ich gehe ja schon, sagte der Bauer und blieb stehen. Ich geh' ja
schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel
soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei strkstem
Frostwetter noch mit kaltem Wasser begiet, hat er darum etwa das Recht,
so hochnsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin
mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen -- ich bin mein eigner
Amtmann! Jawohl, fuhr er fort, und nicht etwa .... Er trat ans erste
beste Huschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemhte sich,
mit den Fingern ber die Scheibe gleitend, den hlzernen Griff zu
finden. Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der
Kosak will schlafen!

Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten!
schrien lachend die Mdchen hinter ihm her, die vom frhlichen Sang
heimkehrten. Sollen wir dir dein Haus zeigen?

Zeigt mir's, meine lieben jungen Damen!

Damen? Hrt ihr's? rief die eine, wie artig Kalenik ist! Dafr mssen
wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!

Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mdel! rief Kalenik gedehnt lachend, mit
dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den
Beinen. Lat Ihr euch auch kssen? Ich will euch alle kssen -- alle
.... alle! Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die
Mdchen schrieen alle durcheinander; aber bald faten sie Mut und liefen
auf die andere Seite der Strae, als sie merkten, da Kalenik nicht
allzu flink auf den Beinen war.

Da ist dein Haus! schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf
ein Haus, das grer war als die brigen und dem Dorfamtmann gehrte.
Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinber und begann dann von neuem
auf den Amtmann zu schimpfen.

Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so bses Gerede ber
sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande.
Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit
finden, einiges ber ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem
Anblick an die Mtze, und selbst die allerjngsten Mdchen sagen ihm
Guten Tag. Wer im Dorfe mchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der
Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der krftige Bauer steht die ganze
Zeit ber ehrfurchtsvoll mit der Mtze in der Hand da, solange jener
seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im
Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht
noch durch andere Stimmen beschrnkt wird, und er heit fast ganz nach
seiner Willkr jeden, der ihm gerade pat, den Weg ebnen oder einen
Graben anlegen. Der Amtmann ist mrrisch, von plumpem ueren und redet
nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die groe Zarin Katharina
seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwhlt worden,
an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage
und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin
sitzen zu drfen. Seit dieser Zeit wei der Amtmann wrdevoll und
sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas
krausen Schnurrbart zu gltten und drohende Falkenblicke um sich zu
werfen. Seit dieser Zeit wei er auch, worber man immer mit ihm
sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, da er die Zarin
begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe.
Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn
er etwas hren mu, was er nicht gerne hrt. Er liebt es nicht, Staat zu
machen, trgt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgrtet sich
mit einem bunten Wollgrtel, und noch _nie_ hat ihn jemand in einem
anderen Kostm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin
in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan,
trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen
Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schlo
und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine
Schwgerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bnke scheuert, die
Stube weit, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im
Dorfe heit es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben
ja schon gesehen, da der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein
wenig verleumden. brigens hat vielleicht der Umstand Anla dazu
gegeben, da es der Schwgerin immer mifiel, wenn der Amtmann aufs Feld
ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken,
der ein junges Tchterchen hatte. Der Amtmann ist einugig, dafr aber
ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hbsches
Bauernmdchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches
Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfltig um, ob ihm die
Schwgerin auch nicht zuschaut.

Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzhlt, und der
betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hlfte des Weges zurckgelegt.
Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die
ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen.


                                  III.
                      Ein unerwarteter Nebenbuhler
                            Die Verschwrung

Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit?
Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon fr
Gott wei was fr Raufbolde. Geht lieber schlafen! So sprach Lewko zu
seinen frhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen berreden
wollten. Lebt wohl, Brder! Gute Nacht! Und schnellen Schrittes eilte
er davon.

Schlft meine hellugige Hanna? dachte er, als er an das uns schon
bekannte, von Kirschbumen umstandene Huschen trat. Mitten in der
Stille vernahm er ein leises Gesprch. Lewko blieb stehen. Durch die
Bume schimmerte ein weies Frauengewand .... Was soll das? dachte er,
schlich nher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der
Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mdchens.

Hanna? Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rcken zu ihm
stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den
Fen in Schatten gehllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber
schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der
Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt,
blieb er stehen. Das Mdchen hatte ganz deutlich seinen Namen
ausgesprochen.

Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart! rief der groe Mann. Wenn ich
ihn bei dir treffe, reie ich ihm den Schopf aus ....

Ich mchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen
Schopf ausreien! sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um
ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, da
man nichts mehr hren konnte.

Schmst du dich denn gar nicht! sprach Hanna, als er zu Ende geredet
hatte. Du lgst, du willst mich betrgen. Du liebst mich nicht, ich
werde dir nie glauben, da du mich liebst!

Ich wei, erwiderte der groe Mann, Lewko hat dir viel unsinniges
Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht! (Hier kam es dem Burschen
so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als
habe er sie schon einmal gehrt.) Aber ich werd' es dem Lewko schon
zeigen! fuhr der Unbekannte fort. Er glaubt, ich sehe alle seine
Streiche nicht, er soll meine Fuste schon zu kosten bekommen, der
Hundesohn!

Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht lnger unterdrcken. Er
schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft
aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner
offenbaren Stmmigkeit vielleicht nicht standgehalten htte; aber in
diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko
erstarrte -- er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein
unwillkrliches Kopfschtteln und ein leises Pfeifen durch die Zhne
verrieten seine Verblffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna
floh eiligst ins Haus und schlug die Tr hinter sich zu.

Leb wohl, Hanna! rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der
leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte
entsetzt zurck, als er den struppigen Schnurrbart berhrte.

Leb wohl, mein schnes Kind! rief ein anderer, aber dieser flog Hals
ber Kopf, von einem schweren Sto des Amtmanns getroffen, zur Erde.

Leb wohl, leb wohl, Hanna! riefen einige Burschen und hingen sich ihm
an den Hals.

Fahrt doch zur Hlle, ihr verdammten Lmmel! schrie der Amtmann, indem
er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Fen. Bin
ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vtern her; an den Galgen mit
euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am
Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist ....

Der Amtmann, der Amtmann! 's ist der Amtmann! schrien die Burschen und
liefen nach allen Seiten auseinander.

Ei, ei, Vterchen! sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen
erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach.
Solche Streiche machst du also? Groartig! Und ich habe mich noch
gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, da er sich immer
taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange.
Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heit, sich
vor den Fenstern junger Mdchen herumzudrcken; fremde Brute abspenstig
machen? -- na, ich will dir's schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!
schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich
wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. Kommt
doch her! Ich hab' euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab's
mir wieder berlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln.

Das la ich mir gefallen! rief ein breitschultriger und stattlicher
Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt.
Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar
Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte
mir etwas, es kommt mir dann so vor, als htte ich die Mtze oder die
Pfeife verloren, kurz, ich fhle mich nicht mehr als rechter Kosak!

Wollt ihr heute den Amtmann mal tchtig rgern?

Den Amtmann?

Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert
bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, da er uns hin und her hetzt
wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mdchen
heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt's auch nicht _ein_ hbsches
Mdchen, mit dem der Amtmann nicht anbndelte.

's ist wahr, 's ist wahr! riefen alle Burschen wie aus einer Kehle.

Aber, Kinder, was sind wir denn fr Kerle? Sind wir nicht Mnner von
altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen
wir ihm, da wir freie Kosaken sind!

Ja, ja, wir wollen's ihm zeigen! riefen die Burschen. Und kommt erst
der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht
vergessen!

Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben
ist mir so ein hbsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich
will es euch lehren, fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten
der Harfe an. Aber hrt: jeder mu sich verkleiden wie sich's gerad
trifft!

Los, Kosaken! rief der wilde, stmmige Mensch, schlug die Beine
zusammen und klatschte in die Hnde. Ist das eine Freude! Das nenn' ich
Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so mcht' ich fast glauben, die alten
Tage erstnden aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und
die Seele fhlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los! ....

Und die Menge zog lrmend durch die Straen. Die frommen alten Frauen,
die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Hhe,
bekreuzigten sich mit ihren schlfrigen Hnden und sprachen: Ja, ja,
jetzt gehen die Burschen bummeln!


                                  IV.
                          Die Burschen bummeln

Nur in einem Hause, am Ende der Strae brannte noch Licht. Das war das
Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon lngst sein Nachtmahl beendet
und wre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch
einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher
mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besa, hierher geschickt worden
war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze
unterm Heiligenbilde, sa der Gast -- ein kurzes, dickes Mnnchen mit
ewig lachenden uglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen,
mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite
und prete den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche
verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken
trmten sich schnell ber ihm auf und hllten ihn in ein Kleid von
blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik
herunterspaziert wre, weil er es berdrssig geworden war, ewig auf
seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei
Tisch se. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter
Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der
Tabaksluft hervor, als wre er eine Maus, die der Branntweinbrenner
gefangen htte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht
htte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der
Amtmann sa als Hausherr in bloem Hemd und in einer Leinwandhose da;
sein Adlerauge begann allmhlich zu blinzeln und zu erlschen wie die
Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbttel, die das
Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er sa aus Respekt vor dem
Hausherrn im Kittel da.

Gedenkt ihr, sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein
Kreuz ber seinen ghnenden Mund machte, gedenkt ihr die Brennerei bald
zu erffnen?

Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu
brennen anfangen. Ich wette, zu Mari Geburt werden der Herr Amtmann
schon auf der Strae mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln
beschreiben!

Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an
ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze
Krper schttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten
sich fr einen Augenblick von der paffenden Pfeife.

Das gebe Gott! sprach der Amtmann und drckte auf seinem Gesicht so
etwas wie ein Lcheln aus. Jetzt gibt's Gottlob, wenig
Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der
Landstrae von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko
...

An was fr Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem
ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei
finden. Jetzt dagegen .. hast du gehrt, was sich diese verdammten
Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heit, den Schnaps
nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun,
sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe! ... Bei diesen Worten
blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den
Tisch sttzte. Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das wei ich bei
Gott nicht!

Was fr Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich!
sagte der Amtmann. Die sollten den Knppel zu kosten kriegen, diese
Hundeshne! Wo hat man je gehrt, da man mit Dampf kocht? Auf diese Art
knnte man ja keinen Lffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne
sich die Lippen zu verbrhen und auch kein junges Ferkel ....

Gevatter, rief da die Schwgerin, die mit bereinandergeschlagenen
Beinen auf der Ofenbank sa: Wirst du denn die ganze Zeit ber ohne
deine Frau bei uns leben?

Wozu brauche ich _die_? Wenn's noch was Rechtes wr'!

Ist sie nicht nett? fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend.

Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze
voller Runzeln wie ein leerer Beutel! Und die gedrungene Gestalt des
Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er.

In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tr; die Tr ging auf -- ein
Bauer trat ber die Schwelle, ohne die Mtze abzunehmen, und pflanzte
sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde
die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik.

So, nun bin ich zu Hause! rief er aus und setzte sich auf eine Bank
neben der Tr, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. Wie
lang mir der Sohn des Bsen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und
es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir
doch den Schafspelz als Unterlage. Wei Gott, ich kriech' nicht zu dir
auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt
er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem
geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, la ihn lieber! Du bist heute
vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst.

Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unberwindliche Macht fesselte
ihn an die Bank.

Das gefllt mir, sagte der Amtmann, der kommt in fremde Stuben und
benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder
hinaus! ....

Lat ihn ausruhen, Gevatter, sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann
an der Hand zurckhaltend. Das ist ein ntzlicher Mensch: noch mehr
solche Leute -- und unsere Brennerei geht groartig!

Es war jedoch nicht Gutmtigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlate.
Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand ble Vorzeichen, und einen
Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hie fr ihn so
viel wie ein Unglck heraufbeschwren.

Ach ja, das Alter rckt heran .... brummte Kalenik und streckte sich
auf die Bank hin. Wre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott,
nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das
will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn's sein mu! Was ist mir
denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn.
Ein Wagen soll ihn berfahren, den einugigen Teufel! Was hat er den
Leuten Wasser auf den Kopf zu gieen, wenn's friert! ....

Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch
die Pfoten auf den Tisch! sagte der Amtmann und stand zornig von seinem
Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der
die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Fe. Der Amtmann blieb
stehen. Wenn ich wte, sagte er, und hob den Stein auf, welcher
Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem wrde ich schon
zeigen, was das heit, Steine werfen! Was fr Streiche! fuhr er fort,
indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte.
Er soll ersticken an diesem Stein! ....

Halt, halt! Beht dich Gott, Gevatter! fiel der Branntweinbrenner mit
bleichem Gesichte ein. Beht dich Gott in dieser und jener Welt, jemand
mit einem solchen Fluch zu bedenken!

Oho, der hat ja einen schnen Beschtzer gefunden! Krepieren soll er
....

Hr auf, Gevatter! Du weit wohl nicht, was meiner seligen
Schwiegermutter widerfahren ist?

Deiner Schwiegermutter?

Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bichen frher als
heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen
Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fnf Kinder. Die
Schwiegermutter schttete ein paar Kndel aus dem groen Kessel in die
Schssel, damit sie ein wenig abkhlten, denn nach der Arbeit waren alle
hungrig und wollten nicht warten, bis die Kndel kalt waren. Sie
steckten ihre langen Holzstbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal
taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das
war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht
zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stbchen. Aber der Gast
rumt mit den Kndeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Kndel
gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der
Boden der Schssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die
Schwiegermutter tat noch Kle hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast
sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im
Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch
die zweite Schssel. Da du an den Kndeln ersticktest! dachte die
hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und
sank zu Boden. Man strzte zu ihm hin -- aber sein Geist war schon
entflohen. Er war erstickt!

Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Fresack! sagte der Amtmann.

Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die
Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird's Nacht, sofort kommt der
Tote angerckt. Sitzt rcklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und
hlt einen Kndel zwischen den Zhnen. Am Tage ist alles ruhig, er lt
weder etwas von sich sehen noch hren; kaum aber dmmert es, so braucht
man nur auf's Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf
dem Schornstein!

Mit einem Kndel zwischen den Zhnen?

Ja mit einem Kndel zwischen den Zhnen!

Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was hnliches von meiner
Seligen gehrt ....

Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Gerusch, ein
Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hrte man die Harfensaiten
leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen
strker, mehrere Stimmen fielen ein -- und wie ein Wirbel ertnte
rauschend das Lied:

   Burschen, habt ihr schon vernommen?
   Sind wir wirklich solche Narren?
   Unser Amtmann hat bekommen
   In dem Schdel einen Sparren!
   Bttcher, schlag um unsern Amtmann
   Deine festen Eisenreifen!
   Bttcher, la um unsern Amtmann
   Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!

   Unserm Amtmann alt und grau,
   Fehlt ein Auge in dem Kopf!
   Unser Amtmann ist 'ne Sau,
   Schleicht zu Mdels, dieser Tropf!
   Lufst du zu den jungen Leuten,
   Bleib nur lieber fein zu Haus!
   Denk' mal: wenn sie dich verbluten
   Und den Schopf dir rissen aus! ....

Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter! sagte der Branntweinbrenner, indem
er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte,
der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war.
Ausgezeichnet! 's ist nur schade, da man in nicht ganz anstndigen
Worten vom Amtmann spricht ...

Und wieder sttzte er mit einer slichen Rhrung in den Augen die Arme
auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhren, denn vor dem
Fenster erdrhnte ein Gelchter, und man vernahm den Ruf: Noch einmal,
noch einmal! Ein scharfes Auge htte jedoch sofort bemerkt, da nicht
das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So
lt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus
rings um seinen Schwanz herumlaufen, whrend er Plne schmiedet, wie er
ihr am besten den Rckzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war
das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag
seine Hand, die dem Bttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der
Tr; auf einmal erhob sich auf der Strae ein lautes Geschrei ..... Der
Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzgen auch eine gewisse
Neugierde gehrte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und
lief auf die Strae hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon
auseinandergestoben.

Nein, du wirst mir nicht entwischen! schrie der Amtmann und zerrte
einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen
Fell nach auen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und
eilte herzu, um dem Friedensstrer ins Gesicht zu schauen; aber er wich
angstvoll zurck, als er einen langen Bart und eine schreckhaft
ausgemalte Fratze erblickte. Nein, du wirst mir nicht entwischen!
schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig
und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene,
als ob's sein eignes Haus wre. Karpo, mach' die Kammer auf! rief der
Amtmann dem Bttel zu. Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann
wecken wir den Schreiber, holen die Bttel herbei, fangen all diese
Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab!

Der Bttel klapperte im Flur am Hngeschlo und ffnete die Kammer. In
diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur
zunutze und ri sich pltzlich mit ungewhnlicher Kraft aus den Hnden,
die ihn hielten.

Wohin? rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen.

La los, ich bin's ja! hrte man ein dnnes Stimmchen rufen.

Das ntzt dir nichts, das ntzt dir gar nichts, Brderchen! Quiek du
nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht bertlpeln!
Und der Amtmann stie ihn in die dunkle Kammer, so da der arme
Gefangene aufsthnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung
des Bttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der
Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht.

Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf
einmal stieen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gchen einen Schrei
aus -- jeder hatte einen mchtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und
eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann
kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Btteln vor
sich.

Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!

Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!

Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!

Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!

Was denn?

Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den
Straen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schmt
sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter wrde sich
hten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte
begleitete der drre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine
hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem
Zurckziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten
mich die verdammten Lmmel mit ihren unfltigen Liedern und ihrem
Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben,
aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach
allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rdelsfhrer ist uns aber nicht
entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Hftlinge festhlt.
Ich brannte darauf, zu erfahren, was das fr ein Vogel sei, aber seine
Fratze ist mit Ru beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Ngel fr
die Snder schmiedet.

Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?

Er trgt einen schwarzen, nach auen gekehrten Pelz, der Hundesohn,
Herr Amtmann!

Lgst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts
_bei mir_ in der Kammer se?

Nein, Herr Amtmann, sei nicht bse, aber da irrst du dich selbst ein
wenig.

Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!

Man holte Licht herbei, machte die Tr auf -- und der Amtmann stie vor
Verwunderung ein lautes Ah! aus, als er seine Schwgerin vor sich sah.

Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen! rief sie und
ging mit diesen Worten auf ihn zu. Wre auch nur ein Quentchen Gehirn
in deinem einugigen Schdel, -- httest du mich wohl dann in die dunkle
Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glck, da ich mir nicht den Kopf
an der eisernen Trangel zerschlagen habe! Hab' ich dir nicht zugerufen,
da ich es bin? -- Mu mich dieser verfluchte Br mit seinen eisernen
Tatzen packen und mich herumstoen. Da dich in jener Welt der Teufel so
stoen mge! ....

Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mute aus
gewissen Grnden hinausgehen.

Freilich sehe ich, da du es bist! sagte der Amtmann, der unterdes
wieder zu sich gekommen war.

Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel
nicht ein Schelm?

Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!

Wre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tchtig ins Gebet zu
nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen?

Es wre schon Zeit, hchste Zeit, Herr Amtmann!

Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich hre meine
Schwgerin auf der Strae schreien .... diese Narren haben sich in den
Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur
ein einfacher Kosak! .... Aus dem nun folgenden Hsteln und Blitzen des
Auges, das er im Kreise umherschweifen lie, konnte man erraten, da der
Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. Im Jahre Eintausend, ....
Gott tte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten
.... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissr Ledatschi den
Befehl, einen Kosaken auszuwhlen, der gescheiter sei, als die anderen.
O, (der Amtmann sprach dieses O mit erhobenem Finger) gescheiter als
die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....

Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr
Amtmann! Alle wissen doch, da du dir die Gnade der Zarin verdient hast.
Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas
geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt?

Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre fr die
anderen in Ketten geschmiedet und tchtig abgestraft werden. Sie sollen
schon merken, was das heit, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann
eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen
Lausbuben kmmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten
Lmmel eine Schweineherde in meinen Gemsegarten getrieben haben, die
mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfra. Ich habe auch nicht
vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu
dreschen; o nein, ich hab's nicht vergessen! .... Aber sie sollen
verrecken, ich mu auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!

Man merkt's, das ist ein flinker Vogel! sagte der Branntweinbrenner,
der sich whrend dieses ganzen Gesprches fortwhrend die Backen mit
Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschtz, und dessen Lippen eine
ganze Rauchfontne ausstieen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife
trennten.

Es wre auf jeden Fall nicht bel, diesen Menschen in der Brennerei zu
haben, noch besser wr's freilich, ihn an einem Eichenwipfel
aufzuhngen, wie einen Kirchenkronleuchter.

Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er
beschlo sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich
selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen.

In diesem Augenblick nherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde
gesunkenen Htte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch
vergrert; alle drngten sich vor der Tre zusammen. Der Schreiber nahm
einen Schlssel heraus und das Schlo klirrte; aber dieser Schlssel
gehrte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche
herumzuwhlen, fand jedoch den Schlssel nicht.

Da! sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen
Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand.

Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen
Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, da sein
unregelmiges Hmmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses
bertnt wurde. Die Tr ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie
ein Stck Leinwand; den Branntweinbrauer berlief's kalt, und sein Haar
wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des
Schreibers; die Bttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal
imstande, ihre aufgesperrten Muler zu schlieen: vor ihnen stand die
Schwgerin.

Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie
sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen.

Halt! schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Tre zu.
Leute, das ist der Satan! rief er dann. Feuer! Schnell Feuer her! Es
ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen
nicht lnger auf dieser Erde bleiben!

Die Schwgerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tr von der
frchterlichen Absicht vernahm.

Was macht ihr da, Brder? rief der Branntweinbrenner. Euer Haar ist
gottlob fast so wei wie Schnee, trotzdem aber scheint's euch noch am
Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts
anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand
stecken! Halt, ich mach gleich welches an!

Bei diesen Worten schttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubndel
und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwgerin verlieh
ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die
Mnner zu beschwichtigen.

Haltet ein, Brder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Snde schuldig
machen. Vielleicht ist's wirklich nicht der Satan, rief der Schreiber.
Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das
Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, da es nicht
der Teufel ist!

Der Vorschlag wurde angenommen.

Packe dich, Satanas! fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an
die Trspalte. Wenn du dich nicht vom Platze rhrst, machen wir dir die
Tr auf.

Die Tr wurde aufgemacht.

Bekreuzige dich! rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er fr
den Fall des Rckzuges einen Zufluchtsort suchte.

Die Schwgerin schlug ein Kreuz.

Was Teufel! Das ist wirklich die Schwgerin!

Welche unsaubere Macht hat dich blo in diese Kammer gebracht,
Gevatterin?

Die Schwgerin erzhlte schluchzend, wie die Burschen auf der Strae sie
gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die
Htte hineingeschoben und die Fensterlden geschlossen hatten. Der
Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und
der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt.

Du bist mir ein feiner Kerl, du einugiger Satan du, schrie sie und
ging auf den Amtmann zu, der zurckwich und sie immer noch mit seinem
Auge ma. Ich kenne deine Absichten schon, du httest mich wohl am
liebsten aufgefressen, damit du dann ungestrt jeder Schrze nachlaufen
kannst, und keiner mehr wei, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren
macht. Du meinst, ich wei nicht, was du heute abend mit Hanna
gesprochen hast? O, ich wei alles! Mich kann keiner so leicht betrgen,
nicht einmal einer, der weniger bld ist als du! Ich habe lange Geduld,
aber dann: nimm dich in acht ....!

Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und
lie den Amtmann in vlliger Erstarrung zurck.

Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel! dachte er, sich den
Kopf kratzend.

Wir haben ihn! riefen die eintretenden Bttel.

Wen habt ihr? fragte der Amtmann.

Den Teufel im umgewendeten Pelz!

Bringt ihn her! rief der Amtmann und packte den hereingefhrten
Gefangenen an der Hand. Seid ihr verrckt geworden? -- Das ist doch der
besoffene Kalenik!

Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann!
antworteten die Bttel. In dem einen Gchen umringten uns die
verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren,
steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Hnden. .... Der
Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krhe
hier gekommen sind, das mag Gott wissen!

Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die
Verfgung, diesen Ruber unverzglich gefangen zu nehmen, sprach der
Amtmann; desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straen antrefft,
und sie mir zur Aburteilung vorzufhren! ....

Erbarm dich doch, Herr Amtmann! riefen da einige Bttel und verneigten
sich tief bis zur Erde vor ihm. Httest du nur gesehen, was das fr
Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben
wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfllt man der
Snde, Herr Amtmann! Die knnen einen rechtschaffenen Menschen so
erschrecken, da einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen
kann!

Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr
zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das?
.... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich
werde das dem Kommissr melden! Auf der Stelle, hrt ihr, auf der
Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vgel! Ich werde euch schon ....
Ihr sollt mir ....!

Alle stoben auseinander.


                                   V.
                             Die Ertrunkene

Unbekmmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, nherte
sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich
glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, da es Lewko war.
Sein schwarzer Pelz war aufgeknpft, er hielt seine Mtze in der Hand,
und der Schwei rann ihm von der Stirn. -- Dster und hehr stand der
schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt
war, lag ein feiner Silberstaub ber ihm ausgestreut. Vom regungslosen
Teich wehte eine khlende Frische dem mden Fugnger entgegen und lud
ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen
Dickicht des Waldes hrte man das Schmettern der Nachtigall. Ein
unberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die
ermatteten Glieder lsten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine
Sttze .... Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein! sprach er,
stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag
noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich
in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas hnliches gesehen.
Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blhenden
Apfelbumen und Nachtblten war ber die ganze Erde ausgegossen. Mit
Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte
Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestrzt, klar und in lichter
Erhabenheit. Statt der dsteren Fensterlden blinkten einem lustige
Glasfenster und Tren entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren
Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geffnet. Er
hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des
Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weier Ellenbogen aus
dem Fenster, dann schaute ein liebliches Kpfchen heraus mit glnzenden
Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und
sttzte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf
schttelte, wie sie winkte und lchelte .... Sein Herz fing pltzlich an
heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schlo sich
wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an:
Die dsteren Fensterlden standen weit offen, und die Scheiben funkelten
im Monde. Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben!
dachte er bei sich. Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch,
als ob sie erst heute aufgetragen wren. Hier mu doch jemand wohnen!
Und er trat schweigend nher, aber im Hause war alles still. Mchtig und
klingend tnten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und
wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das
Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels,
der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug.
Lewko empfand eine se Stille in seinem Herzen, es schien sich zu
weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an
zu spielen und zu singen:

   Du mein helles Licht der Nacht,
   Du mein Mond, ach bester Mond!
   Leucht mir ber Haus und Hof,
   Wo mein liebstes Mdchen wohnt!

Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Kpfchen, dessen
Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte
aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb ber die Augen
gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber
wie kstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. Sing
mir ein Lied, junger Kosak! sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur
Seite und senkte die dunklen Lider ganz ber die Augen.

Was fr ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Frulein?

Stille Trnen flossen ber ihr bleiches Antlitz. Jngling, sprach sie,
und etwas unsglich Rhrendes klang aus ihren Worten, Jngling, finde
mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schn fr dich sein. Ich will
dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit
Seide bestickte Gewnder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen
Grtel schenken, der mit Perlen best ist. Ich habe Gold .... Jngling,
finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte
keine Ruh' vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und lie
mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie lie
die Rte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst.
Blick auf meinen weien Hals: kein Wasser wscht die blauen Flecke fort,
keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen!
Sieh meine weien Fe an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf
Teppichen, auch ber heien Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende
Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie
sehen nichts mehr vor Trnen! .... Finde sie mir, Jngling, find mir die
Stiefmutter! ...

Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf
einmal. Trnenstrme flossen ber ihr bleiches Antlitz. Ein drckendes
Gefhl des Mitleids und der Trauer schnrte dem Burschen das Herz
zusammen.

Zu allem bin ich fr dich bereit, mein herrliches Frulein, rief er in
tiefster Erregung. Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?

Sieh, sieh! rief sie schnell, sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit
meinen Mdchen den Reigen und wrmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau
und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber
ich wei, ich hr' es, sie ist hier! Sie macht, da mir so drckend
schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir's verwehrt, so leicht
und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle
zu Boden wie ein Schlssel. Find sie mir, Jngling!

Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern.
Eine Schar Mdchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten
Gewndern, die so hell waren, wie die Maiglckchen auf der Wiese;
goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glnzten an ihren Nacken;
allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken
gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend
und tanzend nherte sich der Mdchenreigen und man hrte schon ihre
Stimmen.

Lat uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel, suselten alle
durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller
dmmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berhrt.

Wer soll Rabe sein?

Das Los ward geworfen -- und ein Mdchen trat aus der Menge hervor.
Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so
wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, da sie ihre Rolle nicht
gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den
Angriffen des ruberischen Feindes aus.

Nein, ich will nicht Rabe sein! rief das Mdchen, ganz schlaff vor
Mdigkeit. Es tut mir so leid, der armen Henne die Kken zu rauben.

Du bist nicht die Hexe! dachte Lewko.

Wer soll Rabe sein?

Die Mdchen wollten wiederum losen.

Ich will Rabe sein! rief da eine aus ihrer Mitte.

Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und khn machte sie
Jagd auf die Schar und strzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu
fangen. Da sah Lewko, da ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der
anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Pltzlich ertnte
ein Schrei: der Rabe stie auf ein Mdchen herab, fing es ein, und es
deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in
ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf.

Hexe! rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf
sie.

Das holde Frulein lachte auf, und die Mdchen fhrten die, welche den
Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort.

Womit soll ich's dir lohnen, Jngling? Ich wei, du brauchst kein Gold,
du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir's nicht erlauben, sie
zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und
gib es ihm ...

Sie streckte ihm ihr weies Hndchen hin, ihr Antlitz leuchtete
wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und
sehnschtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und ....
erwachte.


                                  VI.
                                Erwachen

Hab' ich wirklich geschlafen? sprach Lewko zu sich selbst, als er sich
von der kleinen Bschung erhob. Alles war doch so lebendig wie in
Wirklichkeit .... Seltsam, seltsam! wiederholte er, indem er sich
umsah. Der Mond stand gerade ber seinem Kopfe und wies auf Mitternacht.
Alles war still; vom Teich wehte es khl her; ber ihm stand traurig das
verfallene Haus mit den geschlossenen Lden; Moos und wildes Steppengras
lieen erkennen, da sich die Menschen schon lange von ihm getrennt
hatten. Lewko ffnete seine Hand, die er whrend des Schlafes krampfhaft
geballt hatte, und stie einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte
einen Zettel in ihr entdeckt. Ach, wenn ich doch lesen knnte! dachte
er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem
Augenblick vernahm er hinter sich ein Gerusch.

Frchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu
zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....

Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und
Lewko fhlte sich von mehreren Hnden gepackt, von denen einige vor
Furcht zitterten. Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche
Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre gefhrt! rief der
Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck
mit seinem einzigen Auge an: Lewko, mein Sohn! schrie er
zurckweichend, und lie vor Staunen die Hnde herabsinken. Du bist's?
Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hlle! Ich denke: was fr ein
Schelm, was fr ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun
stellt sich heraus, da du es bist. -- Der ungekochte Mehlbrei soll
deinem Vater im Halse stecken bleiben! -- Du treibst bse Streiche auf
den Straen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich
juckt wohl der Rcken? Bindet ihn!

Halt Vater! Ich hab' dir einen Zettel zu geben! sagte da Lewko.

Jetzt ist keine Zeit fr Zettel, mein Tubchen! Bindet ihn!

Halt ein, Herr Amtmann! sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel.
Das ist ja die Handschrift des Kommissrs!

Des Kommissrs?

Des Kommissrs? wiederholten die Bttel mechanisch.

Des Kommissrs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher! dachte Lewko
bei sich.

Lies, lies! sagte der Amtmann, was schreibt denn der Kommissr da?

Hren wir, was der Kommissr schreibt, sprach der Branntweinbrenner,
mit der Pfeife in den Zhnen, und schlug Feuer.

Der Schreiber hstelte und begann zu lesen:

Verfgung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, da
du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die
Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, nrrisch geworden bist und
Unzucht treibst ....

Bei Gott! unterbrach der Amtmann die Verlesung, ich kann nichts
hren!

Der Schreiber begann von neuem.

Verfgung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, da du
alter Tro....

Halt, halt, es ist nicht ntig, schrie der Amtmann, ich habe zwar
nichts gehrt, aber ich wei, da die Hauptsache noch kommt. Lies
schnell weiter!

Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn
Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf,
Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstrae
die Brcke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren
vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer
Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfgung nicht
erfllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen.
Kommissr und Leutnant auer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.

So? meinte der Amtmann mit offenem Munde. Hrt ihr, hrt ihr, fr
alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heit's gehorchen,
gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du, fuhr
er, zu Lewko gewandt, fort, sollst auf Befehl des Kommissrs
verheiratet werden -- wenn's mich auch sonderbar dnkt, wie er das wohl
erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten
bekommen! Kennst du _die_, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der
Wand hngt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast
du diesen Zettel her?

Trotz seines Staunens ber diese unerwartete Wendung der Sache, war
Lewko so vernnftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen
und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen.

Ich war gestern abend noch in der Stadt, sagte er, und da begegnete
ich dem Kommissr, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, da
ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hie mich,
dir mndlich ausrichten, er wrde auf dem Rckwege bei uns zu Mittag
essen, Vater.

Hat er das gesagt?

Ja, das hat er gesagt!

Hrt ihr's, sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebrde an seine
Begleiter wendend, der Kommissr kommt in eigner Person zu unsereinem,
das heit zu mir, zur Tafel. Oh .... Dabei hob der Amtmann den einen
Finger in die Hhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas
lausche. Der Kommissr, hrt ihr's, der _Kommissr_ kommt zu mir zu
Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa
eine kleine Ehre, wie?

Noch nie hat, so viel ich mich besinne, fiel hier der Schreiber ein,
je ein Amtmann einem Kommissr mit einer Mahlzeit aufgewartet.

Es gibt eben Amtmnner und Amtmnner! sprach der Amtmann mit
selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein
dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners
glich, kam ber seine Lippen.

Wie denkst du, Herr Schreiber? Mte man nicht eigentlich zu Ehren des
hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, da jedes Haus wenigstens ein
Hhnchen, ein bichen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....

Ja, das mte man eigentlich, das mte man, Herr Amtmann!

Und wann ist die Hochzeit, Vater? fragte Lewko.

Die Hochzeit? Ich mchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem
hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der
Teufel mag euch holen! Der Kommissr soll sehen, was Pnktlichkeit ist!
Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige
Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!

Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit wrdig und
bedeutungsvoll drein.

Jetzt wird der Amtmann zu erzhlen anfangen, wie er die Zarin begleitet
hat! sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten
Huschen, das von niedrigen Kirschbumen umstanden war. Gott schenke
dir die ewige Seligkeit, schnes gutes Fruleinchen! dachte er sich.
Mgen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulcheln! Niemand soll je
aus meinem Munde von dem Wunder hren, das in dieser Nacht geschah. Nur
dir allein, Hanna, will ich's erzhlen, du allein wirst mir glauben und
wirst mit mir fr die Seele der unglcklichen Ertrunkenen beten!

Und er nherte sich dem Huschen; das Fenster stand offen, die
Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf
lag auf den Arm gesttzt, ihre Wangen glhten sanft, und ihre Lippen
bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. Schlaf, mein
schnstes Mdchen! Mgest du trumen von dem Herrlichsten, was es auf
der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!

Er schlug ein Kreuz ber sie, schlo das Fenster, entfernte sich leise,
und wenige Augenblicke spter schlief alles im Dorfe. Der Mond allein
segelte voller Glanz und Wunder durch die unermelichen Fernen des
prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Hhen dort
oben, und die Nacht, die gttliche Nacht glomm majesttisch ihrem Ende
entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schnheit da, in ihrem
wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genieen
konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen
fr einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte
der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte
sein Haus.




                        Der verschwundene Brief


                               Eine Sage
                Erzhlt vom Kster der -- Kirche zu ***

Ihr mchtet also, da ich euch noch mehr vom Grovater erzhle? --
Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spa
machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust berkommt
doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in
der Welt geschah, und niemand wei mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so
ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein
Grovater oder ein Urgrovater, -- dann ist's ganz um mich geschehen:
Ich will beim Lobsingen auf die heilige Mrtyrerin Barbara den Schlucken
kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles
selbst durchgemacht htte: gerad als wenn ich in des Grovaters Seele
hineingekrochen wre, oder als wenn die Seele des Grovaters in mir
selbst rumorte .... Nein, aber am rgsten sind die Mdels und die jungen
Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heit es: Foma
Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Mrchen recht zum
Gruseln, bitte, bitte, ein Mrchen zum Gruseln ....! Taratata --
taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein
Mrchen erzhlen, aber pat mal auf, was nachher mit ihnen im Bett
geschieht. Ich wei doch, da jede unter der Decke zittert, als wenn sie
das Fieber htte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken
mchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie
gert selbst mit dem Fu an den Feuerhaken, Gott bewahre, -- gleich
fliegt die Seele bis in die Strmpfe. Am anderen Tage aber ist alles
vergessen; und sie drngen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein
recht grusliges Mrchen erzhlen! Was soll ich euch nun erzhlen? Es
fllt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzhlen, wie
die Hexen mit meinem seligen Grovater Schafskopf gespielt haben. Aber
darum mu ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem
Geleis, sonst giebt's so einen Brei, da man sich schmen mu, ihn ins
Maul zu nehmen. Also mein seliger Grovater war, wie ich euch bemerken
mu, durchaus nicht einer von den gewhnlichen Kosaken. Der verstand's,
auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine
Apostel so herunterschnurren, da sich auch jetzt noch mancher Popensohn
vor ihm verstecken knnte. Na, und das wit ihr ja selbst, wenn man in
der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln
wollte, da brauchte man nicht erst die Mtzen bereitzuhalten, -- die
offene Hand htte schon vollstndig gengt. Was Wunder, da jeder, der
am Grovater vorberging, sich tief vor ihm verneigte.

Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus
irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige
Regimentsschreiber (da dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf
seinen Namen besinnen .... hie er Wisrjak oder Motusotschka oder
Goloputzek .... ich wei nur, da er einen sehr komischen Namen hatte,
der ganz absonderlich anfing) er lie also den Grovater zu sich kommen
und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem
Briefe zu der Zarin senden. Mein Grovater liebte die langen
Vorbereitungen nicht, nhte den Brief in die Mtze ein, fhrte sein
Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie
er sie selbst nannte) -- einer von ihnen war mein leiblicher Vater --
ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob
fnfzehn Jungen auf der Strae Schlagball spielten. Am andern Tage hatte
der Hahn noch nicht zum vierten Male gekrht, als der Grovater schon in
Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute
auf den Straen herum, da es einem vor den Augen flimmerte. Weil es
aber noch frh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der
Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der
wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Hndlerin im Sitzen
mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag
ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann,
mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein brtiger Moskowiter
mit Grteln und Dumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie
man's auf den Jahrmrkten trifft. Der Grovater machte Halt, um sich's
anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden
lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der
Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heien Buchteln
zog bers ganze Lager. Da fiel es dem Grovater ein, da er weder Zunder
noch Tabak vorrtig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt
herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt
ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgnger, man sieht's ihm schon am
Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter
Grtel, ein Sbel an der Seite und 'ne Pfeife mit einer Messingkette,
die bis zu den Fersen reicht -- mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf
bis zu den Fen! Ist das ein Vlkchen! Wie der so dasteht, sich reckt,
sich den prchtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt -- und
dann loslegt! Ja, sag' ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren
nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhnden; wie ein Wirbelwind
saust seine Hand ber alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die
Hften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein
jauchzendes Lied an -- da einem die Seele erzittert! .... Ja diese
Zeiten sind vorbei; jetzt gibt's keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie
trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu
schwatzen, und der Grovater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging
ein Saufen an wie auf 'ner Hochzeit vor den groen Fasten. Endlich aber
kriegten sie's satt, Tpfe zu zerschmeien und Geld unters Volk zu
werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben!
So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr
trennen und den Weg zusammen zurcklegen. Es war schon gegen Abend, als
sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon
zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor
kurzem gestanden hatte, ein paar rtliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen
lagen ausgestreut da wie die Sonntagstcher schwarzbrauiger, junger
Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen.
Mein Grovater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt
hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte
er blo all das Zeug her, all diese Geschichten und Mren so
verwunderlicher Art, da der Grovater sich die Seiten halten mute, um
nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer dsterer,
je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer
unzusammenhngender. Endlich aber verstummte unser Erzhler und fing
beim leisesten Gerusch an zu zittern.

Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zhlen! Du mchtest wohl
heim, hinter den Ofen?

Ich will nichts vor euch verbergen, sprach er, sich auf einmal
umwendend, und seine Augen blickten starr. Wit ihr, da ich meine
Seele schon lange an den Bsen verkauft habe?

Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bsen zu tun gehabt? In
solchen Fllen ist's das Beste, man ist lustig und geht lumpen.

O je, Jungens, lumpen mcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin!
O je, Brder! sprach er und schttelte ihnen krftig die Hnde. O je,
gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage
will ich eure Freundschaft nicht vergessen!

Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglck nicht beistehen? Der
Grovater erklrte glattweg, er wrde sich eher sein Kosakenhaar vom
eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine
christliche Seele beschnffeln lassen. Unsere Kosaken wren vielleicht
noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben
htte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden
wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein
entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und
starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien
ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schnke auf,
die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das
von einer frhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schnke
etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, da man nicht ordentlich
losgehen und drinnen kein Tnzchen oder 'nen Hopser machen konnte, es
gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch
berkommen hatte, und die Fe von selbst anfingen, Zeichen in die Luft
zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den
Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine
zusammengekrmmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die
Kater. Nur der Wirt sa vorm Lmpchen und schnitt Kerben in einen Stock,
um sich's zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute
ausgepfiffen htten. Der Grovater bestellte ein drittel Eimer fr drei
Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander
nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, da
seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der
Grovater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoen war, und
erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben
hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und
schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mute also allein Wache
halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen,
beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurck und
setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, da man eine Fliege
htte hren knnen. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der
Nhe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hrner zeigte .... Seine
Augen begannen zuzufallen, und er mute sie jeden Augenblick mit den
Fusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber
konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden.
Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetm von neuem hinterm Wagen
.... Der Grovater ri die Augen auf, so weit er konnte; aber die
verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hnde wurden
steif, der Kopf sank hintenber, und ein fester Schlaf bermannte ihn,
so da er hinfiel wie ein Toter. Der Grovater mute wohl recht lange
geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tchtig auf den Schdel
brannte, sprang er auf die Beine. Er rkelte sich, kratzte sich den
Rcken und merkte, da schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie
gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon
gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der
Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wute was. Nur
sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Grovater wurde von
Angst ergriffen und fing an zu grbeln. Er sah nach den Pferden -- sie
waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu
bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer
aber hatte die Pferde mitgenommen?

Nach reiflicher berlegung kam der Grovater zum Schlu, da der Teufel
sicherlich zu Fu herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hlle
wre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, da er sein
Kosakenwort nicht gehalten hatte. Nun, dachte er, da ist nichts zu
machen. Ich gehe zu Fu; am Ende treff' ich unterwegs einen
Pferdehndler, der vom Jahrmarkt zurckkehrt, und dann kaufe ich mir bei
dem ein Pferd. Wie er aber nach der Mtze griff, war auch die Mtze
fort. Da schlug mein seliger Grovater die Hnde berm Kopf zusammen,
denn er erinnerte sich, da er ja gestern mit dem Saporoger die Mtzen
getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht
der Unreine! Na, das war eine schne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief
an die Zarin! Und der Grovater begann den Teufel mit solchen Namen zu
traktieren, da es dem in seiner Hlle wohl mehr als einmal in den Ohren
klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der
Grovater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war
da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen:
sammelte all die guten Leute, die in der Schnke waren, die Fuhrleute
und die anderen Reisenden, um sich und erzhlte ihnen alles: so und so,
und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saen lange, das Kinn
auf den Peitschenstiel gesttzt, da, sannen nach, schttelten die Kpfe
und meinten, von so einem Wunder htten sie wahrhaftig in Gottes
getaufter Welt noch nie vernommen, da ein Hetmans-Brief vom Teufel
geholt worden sei. Andere fgten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein
Moskowiter etwas stibitzten, dann knne man hinterher nur noch drei
Kreuze machen. Der Schankwirt allein sa schweigend in seinem Winkel.
Der Grovater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so
bedeutet das, er hat's dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr
wortkarg, und htte der Grovater nicht fnf Gulden aus der Tasche
geholt, so htte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen knnen.

Ich will's dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst,
sprach er endlich und fhrte ihn auf die Seite. Dem Grovater wurde
bedeutend leichter ums Herz. Ich sehe dir's an deinen Augen an, da du
kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schnke fhrt ein Pfad
rechts nach dem Walde. Sobald die Dmmerung sich ber's Feld senkt, sei
bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nchten,
wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren
Ofengabeln reiten, aus ihren Hhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden.
Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich
nicht zu kmmern. Da wird's im Wald ein gewaltiges Getse geben. Aber
geh du nicht dahin, woher der Lrm kommt; ein enger Pfad wird vor dir
liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeifhrt: auf diesem Wege
geh' weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und
dichtes Gestrpp versperrt dir den Weg, -- aber geh du nur immer weiter!
Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen.
Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergi ja nicht, deine
Taschen damit zu fllen, wofr die Taschen gemacht sind .... Du
verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die
Menschen! Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag
zurck und wollte nichts weiter sagen.

Mein Grovater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so
leicht ins Bockshorn jagen lie; wenn er einem Wolf begegnete, so packte
er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fusten einen
Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom
Baum schttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam,
da berlief's ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es
herrschte eine dstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz
hoch oben ber dem Kopfe, da hrte man den kalten Wind durch die
Baumwipfel streichen, und die Bume wackelten wie berauschte
Kosakenkpfe und die Bltter flsterten sich trunkene Reden zu. Auf
einmal wehte eine solche Klte daher, da der Grovater an seinen
Schafpelz denken mute; und pltzlich fing's an zu hmmern, wie wenn
hundert Hmmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlrm durch den
Wald, da es ihm frchterlich im Kopfe drhnte. Der ganze Wald wurde auf
einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Grovater
ersphte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebsch dahinfhrte:
da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau
so, wie's ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht
betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das
dastehende Gestrpp hindurcharbeiten zu mssen. Sein Lebtag hatte er
noch nie gesprt, da die verfluchten ste und Dornen so schmerzhaft
stechen knnen: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien.

Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er
gewahrte, da die Bume seltener wurden, und als er weiter zusah, da
waren sie so dick, wie er's nicht einmal jenseits vom Knigreich Polen
gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bchlein zwischen den Bumen
auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Grovater am
Ufer und sphte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer.
Schon will es erlschen, da fllt sein Wiederschein aufs neue ins
Bchlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben
Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brcke! Da drber kann doch
hchstens ein Teufelswgelchen fahren! dachte der Grovater, aber er
betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der
Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst
nahm er wahr, da Leute am Feuer saen; aber die hatten solche garstige
Fratzen, da er zu andern Zeiten Gott wei was drum gegeben htte, ihrer
Bekanntschaft entgehen zu drfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er
mute schon mit ihnen anbndeln. Der Grovater verneigte sich tief bis
zur Erde vor ihnen. Gr Gott, gute Leute! Aber auch nicht einer
nickte mit dem Kopfe: sie saen stumm da, schwiegen und streuten etwas
ins Feuer. Da der Grovater fand, da noch ein Platz frei war, so setzte
er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen
nichts, und auch der Grovater sagte nichts. Lange saen sie schweigend
so da, und der Grovater bekam die Sache schon satt; er griff in die
Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich -- aber keiner sah nach ihm
hin. Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Gte haben, sozusagen
.... (Mein Grovater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am
rechten Fleck ein hfliches Wrtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren
htte er, wenn's drauf ankam, in Ehren bestehen knnen.) ....
sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen
hab' ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen? Auch auf diese Rede
erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Migestalten ergriff ein
brennendes Holzscheit und stie es dem Grovater geradewegs gegen die
Stirn, und wenn er nicht etwas zurckgefahren wre, htte er auf ewig
von seinem einen Auge Abschied nehmen mssen. Als er endlich sah, da
die Zeit unntz verrann, beschlo er -- ob's die unreine Brut nun
anhren wollte oder nicht -- ihnen seine Sache zu erzhlen. Jene
spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Grovater begriff,
was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin,
wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da
schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er
geriet -- _wie_, das konnte er selbst nicht erzhlen -- schier in die
Hlle. Mein Gott! schrie der Grovater auf, als er sich wieder umsah.
Was fr Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab's Hexen in so ungeheuerer
Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und
alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Frulein auf dem Jahrmarkt. Sie
alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu
tanzen. Der Staub wirbelte in die Hhe, -- Gott bewahr, welch ein Staub!
Einen ehrlich getauften Menschen htte ein Zittern erfassen mssen, wenn
er gesehen htte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Grovater
berkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit
ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden
Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die
hbschen Mdchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen
herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flten. Kaum
aber hatten sie den Grovater erblickt, da strzten sie sich wie ein
ganzes Heer auf ihn: Schweinemuler, Hundemuler, Bocksmuler,
Gnsemuler, Pferdemuler -- sie alle reckten sich vor und wollten,
kam's wie's kam, von ihm gekt werden. Der Grovater mute ausspucken,
so ein Ekel berkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen
Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach
Baturin. Na, das ist wenigstens nicht bel, dachte der Grovater, als
er Schweinefleisch, Wrste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere
Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. Das Satanspack hlt wohl die
Fasten nicht! Der Grovater lie die Gelegenheit, einen guten Bissen zu
nehmen, nie auer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rckte er ohne
viel Federlesens die Schssel mit dem angeschnittenen Speck und einen
Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war
als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spiete ein riesiges
Stck Fleisch auf, nahm noch ein mchtiges Stck Brot dazu und schob es
geradewegs in -- einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren
aufgetaucht war, er hrte sogar noch, wie das Maul kaute und ber den
ganzen Tisch hin mit den Zhnen klapperte. Der Grovater muckste nicht,
gabelte ein anderes Stck auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen
zu spren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er
versuchte es ein drittes Mal -- und wieder traf er vorbei. Der Grovater
raste vor Wut. Er verga all seine Angst und in wessen Hnden er sich
befand, und sprang auf die Hexen los: Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt
ihr euch vielleicht ber mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der
Stelle meine Kosakenmtze herausgebt, so will ich ein Rmling sein, wenn
ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe! Noch hatte
er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zhne
zu fletschen begannen und ein solches Gelchter aufschlugen, da dem
Grovater die Seele zu Eis erstarrte.

Gut! winselte eine der Hexen, die der Grovater fr das Oberhaupt der
anderen hielt, denn ihr Lrvchen war vielleicht noch wundervoller als
die Fratzen der anderen. Die Mtze wollen wir dir geben, aber nicht
eher, als bis du dreimal mit uns _Schafskopf_ gespielt hast.

Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit Weibern zusammen sitzen
und Schafskopf spielen? Der Grovater weigerte und weigerte sich immer
wieder. Endlich aber lie er sich doch dazu herbei. Man brachte Karten,
und zwar so schmierige wie die, aus denen sich bei uns die Popentchter
wahrsagen, wenn sie wissen wollen, was fr Brutigams sie bekommen
werden.

Hr'! bellte die Hexe wieder los, wenn du auch nur ein einziges Mal
gewinnst, so ist die Mtze dein. Wenn du aber alle dreimal Schafskopf
bleibst, so nimm's mir nicht bel, dann wirst du nicht blo deine Mtze,
sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!

Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!

Die Karten wurden verteilt und der Grovater nahm die seinen in die
Hnde. Nicht hinblicken mochte er auf den Schund! wenn auch blo zum
Scherz nur ein einziger Trumpf darunter gewesen wre! Bei _einer_ Farbe
war die _Zehn_ schon der hchste Stich, und nicht einmal ein Paar hatte
er; die Hexe aber spielte immer Fnfer aus. So blieb er denn Schafskopf!

Kaum war der Grovater Schafskopf geworden, so begannen die Muler von
allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen: Schafskopf,
Schafskopf, Schafskopf!

Mgt ihr doch platzen, ihr Satansbrut! schrie der Grovater und
stopfte sich mit dem Finger die Ohren zu. Na, denkt er, die Hexe hat
wohl falsch gemischt! Jetzt werde _ich_ mal mischen! Er gab also die
Karten, sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das groartige
Karten, auch Trmpfe waren dabei! Zuerst ging die Sache, wie's nicht
besser gehen konnte; aber die Hexe hatte eine Fnf und alle Knige! Der
Grovater jedoch hatte lauter Trmpfe in Hnden! Ohne da gro zu
berlegen, deckte er, bumms, alle Knige mit Trmpfen!

Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du denn da, Nachbar?

Was da -- womit? Mit Trmpfen natrlich!

Das sind vielleicht bei euch Trmpfe, bei uns aber nicht!

Sieh mal an -- es war in der Tat nur eine einfache Farbe. So eine
hundsfttische Zauberei! Er mute zum zweitenmal Schafskopf werden, und
das Teufelspack brllte von neuem: Schafskopf, Schafskopf! so da der
Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische herumhpften. Der Grovater
geriet in Hitze; er gab zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht
und recht. Die Hexe spielte wieder eine Fnf aus; der Grovater deckte
sie und kaufte eine ganze Hand voll Trmpfe.

Trumpf! schrie er und schlug mit der Karte so mchtig auf den Tisch,
da sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer
Acht. Und womit stichst du, alter Teufel? Die Hexe hob die Karte auf,
unter der eine einfache Sechs lag. Ach verdammtes Satansgeflunker!
rief der Grovater und schlug vor rger aus aller Leibeskraft mit der
Faust auf den Tisch. Ein wahres Glck, da die Hexe schlechte Karten
hatte; der Grovater hatte wie zu Flei lauter Paare in seiner Hand. Er
begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam
so schlechte Karten, da er die Hnde sinken lie. Es gab keine Karten
mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit
einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. Da hast du die
Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!
Der Grovater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug
ein Kreuz ber sie; und auf einmal hatte er Trumpf-A, Trumpf-Knig und
Trumpf-Bube in Hnden, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt.
Ein schner Narr bin ich gewesen, dachte er sich. -- Trumpf-Knig!
Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein A? Ein A!
einen Buben! .... Ein donnerndes Drhnen rollte durch die ganze Hlle;
die Hexe verfiel in Krmpfe, und auf einmal flog dem Grovater --
patsch! -- die Mtze ins Gesicht. Nein, das ist zu wenig! schrie der
Grovater schon viel dreister, als er erst seine Mtze aufgesetzt hatte.
Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll
mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage
wahrhaftig das heilige Kreuz ber euch alle! Und schon erhob er die
Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hrte.

Da hast du dein Pferd!

Der rmste brach bei diesem Anblick in Trnen aus, wie ein trichtes
Kind. Schade um den alten Freund! Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit
ich aus eurem Nest herauskomme! Der Teufel knallte mit seiner
Hetzpeitsche, -- ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Grovater
herauf, und er flog wie ein Vogel in die Hhe. Aber mitten im wilden
Ritt ergriff ihn eine mchtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe
oder auf die Zgel zu achten, ber Grben und Smpfe dahinjagte. An was
fr Orten war er damals nicht berall gewesen! schon beim bloen
Erzhlen berkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und
erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das
Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drber weg! Der
Grovater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals ber
Kopf, durch Gestrpp und ber Felsen flog er hinab in den Schlund und
prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, da ihm der Atem verging.
Wenigstens konnte er sich spter auf nichts mehr besinnen, was damals
mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah,
da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte
Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses.

Als der Grovater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz.
Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht fr Wunderdinge
widerfahren knnen! Er sah seine Hnde an. Sie waren voll Blut; er sah
in das vor ihm stehende Wasserfa -- auch sein Gesicht war voller Blut.
Er wusch sich grndlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen
Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rcklings
auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: Sieh doch, sieh -- die
Mutter springt herum wie verrckt! Und wahrhaftig: sein Weib sitzt
eingeschlafen vorm Spinnrocken, hlt die Spindel in der Hand und hpft
im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Grovater nahm sie sanft bei
der Hand und weckte sie. Gr Gott, Frau, bist du auch ganz wohl? Jene
starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Grovater und erzhlte,
sie habe getrumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der
Schaufel alle Tpfe und Schsseln hinausgejagt ... und der Teufel wei,
was noch alles! Na ja, sagte der Grovater, dein Traum war meine
Wirklichkeit, ich sehe schon, man mu unser Haus mit Weihwasser
besprengen -- aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren. So sprach
der Grovater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd
und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er
sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief bergeben hatte. Da
bekam der Grovater solche Wunderdinge zu sehen, da er noch lange
nachher davon erzhlen konnte: wie er in ein Schlo gefhrt wurde,
welches so hoch war, da man zehn Huser htte bereinander bauen
knnen, und es htte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach
hineinblickte -- die Zarin war nicht drin, -- dann in ein zweites --
auch da war sie nicht, in ein drittes -- auch da nicht, -- in ein
viertes -- sie war immer noch nicht da. Erst im fnften Zimmer sa sie
selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen,
funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und a goldene
Kndel. Sie lie ihm die ganze Mtze mit blauen Scheinen vollstopfen,
und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der
Grovater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und
wenn es geschah, da ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als
ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mhe, ihn so weit zu
bringen, da er's erzhlte. Aber wohl zur Strafe dafr, da er damals
das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau
jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, da sie immerzu
tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige
und zwangen sie frmlich, ein Tnzchen aufzufhren.

Ende des ersten Teils.




                  Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
                              Zweiter Teil





                                Vorrede


Hier habt ihr das zweite Bchlein, oder richtiger gesagt, das letzte.
Erst wollt' ich's ja nicht, nein, ich wollt' es ganz und gar nicht
herausgeben. Wahrhaftig, man mu auch mal 'nen Schlupunkt setzen
knnen. Und ich kann euch nur mitteilen: auf dem Vorwerk fngt man schon
an, ber mich zu lachen. Sieh mal einer an! sagt man, der alte Toback
ist ja schon ganz nrrisch: der amsiert sich auf seine alten Tage noch
mit Spielereien! Ja wirklich, 's wre doch lngst Zeit, zur Ruhe zu
gehen. Ihr, lieben Leser, glaubt natrlich, ich tue nur so, als ob ich
schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heit da Verstellung, wenn
einem kein Zahn mehr im Munde sitzt! Was Weiches kann ich ja noch
irgendwie kauen, aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beien.
Hier habt ihr also noch ein Bchlein! Blo eins, aber schimpft nicht! 's
ist nicht recht, beim Abschied zu schimpfen, besonders auf einen
Menschen, den man Gott wei wann wiedersieht. In diesem Bchlein werdet
ihr Erzhler zu hren bekommen, die euch fast alle unbekannt sind,
ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. Was aber jenes erbsengraue
Herrchen angeht, das immer so verblmt zu erzhlen pflegte, so da ihn
selbst irgend so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte,
-- der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er sich grndlich mit uns
allen verkracht, und dann lie er sich berhaupt nicht mehr blicken. Ja,
hab' ich euch denn diesen Fall nicht erzhlt? Hrt doch nur, es war
wirklich eine hchst possierliche Geschichte. Im vorigen Jahr, es war
gegen Anfang des Sommers, -- ich glaube beinahe am Namenstage meines
Schutzheiligen, -- kamen einige Gste zu mir .... (Das mu ich euch
sagen, lieben Leser; meine Landsleute -- Gott schenke ihnen ein langes
Leben und eine gute Gesundheit -- haben mich alten Mann nicht vergessen.
Es geht schon ins fnfzigste Jahr, da ich mich auf meinen Namenstag
besinne; aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder _ich_ euch
sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen siebzig. Der Pope von
Dikanka, Vater Charlampi, hat's gewut, wann ich geboren bin; aber
leider sind's schon fnfzig Jahr, da er tot ist.) Also es kamen Gste
zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan Iwanowitsch
Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, und der Assessor Charlampi
Kirilowitsch Chlosta; dann war noch .... sieh mal einer an, da hab' ich
doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... Ossip .... Ossip
.... mein Gott, ganz Mirgorod kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er
zuerst mit den Fingern, und dann stemmt er die Hnde in die Hften ....
Na, Gott helf' ihm! 's wird mir ein andermal einfallen. Ferner war auch
der euch schon bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma
Grigorjewitsch rechne ich brigens nicht mit; der gehrt schon zur
Familie. Man kam ins Gesprch (ich mu schon wieder was einschalten! Bei
uns wird nmlich nie Firlefanz geredet: ich kann nur hchst anstndige
Gesprche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, zugleich dem
Vergngen, und der Erbauung Genge geschieht). -- Man kam also ins
Gesprch darber, wie man wohl am besten pfel einlegt. Meine Alte
sagte, man msse die pfel zuerst gut waschen, dann in Sauerbier
einweichen, und dann erst .... Aber kein Gedanke! fiel das Herrchen
aus Poltawa ein, schob die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und
stolzierte wrdevoll im Zimmer auf und ab. Aber kein Gedanke! Erst mu
man Minze auf sie streuen, und dann erst .... Ich mu _euch_ zu Zeugen
aufrufen, liebe Leser, sagt mal ganz ehrlich: habt ihr je gehrt, da
man Minze auf die pfel streut? Freilich legt man Johannisbeerbltter,
Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber da man Minze einlegte .... nein,
das habe ich noch nie gehrt. Besser als meine Alte wei wohl niemand
Bescheid mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr's selbst! Ich fhrte ihn
also, als honetten Menschen, ein wenig zur Seite und sagte: Hre, Makar
Nasarowitsch, treib doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner
Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische mit
gegessen. Wenn du da so etwas sagst, da werden dich ja alle auslachen!
Und was glaubt ihr nun, hat er drauf gesagt? -- Nichts! Er hat auf den
Boden gespuckt, hat seine Mtze genommen und ist gegangen. Nicht einmal
Abschied hat er von irgendeinem genommen, ja nicht einmal jemandem
zugenickt; wir hrten blo, wie sein Wgelchen mit den Schellen am Tore
vorfuhr; und schon sa er drin und fuhr davon. Na, um so besser! Solche
Gste knnen wir nicht brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben
Leser, es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese Ritter vom
hohen Ro. Weil sein Ohm mal Kommissr war, mu er drum die Nase
rmpfen? Als ob Kommissr schon so ein Rang wre, da es gar nichts
Hheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt noch hhere Tiere, als
so ein Kommissr. Nein, diese Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen!
Nehmt doch zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein feiner
Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht glnzt stets eine gewisse
Wrde; sogar wenn er seinen gewhnlichen Tabak schnupft, da hat man
unwillkrlich Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf dem
Chore steht und singt, -- da kommt es ordentlich wie Rhrung ber einen!
Man mchte am liebsten vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm!
Der glaubt ganz gewi, ohne seine Geschichten knne man gar nicht
auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat sich ein Bchelchen
zusammengefunden.

Ich habe euch, glaub' ich, versprochen, da in diesem Bchlein auch ein
Mrchen von mir sein wird. Ich wollt' es auch wirklich so machen, aber
da hab' ich gemerkt, da man fr meine Geschichte wenigstens drei
solcher Bchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders drucken
zu lassen, aber dann hab' ich mir's berlegt. Ich kenne euch ja: ihr
werdet noch ber mich alten Mann lachen. Nein, ich mag's nicht! Gehabt
euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, oder vielleicht auch
nie. Aber was ist daran gelegen? Euch kann's ja gleich sein, auch wenn
ich gar nicht auf der Welt wre. Ein Jahr wird dahingehn und noch eins
-- und ich bin sicher, niemand von euch besinnt sich mehr auf mich, oder
denkt mit Bedauern an den alten Bienenzchter

                                                    _Rotfuchs Panjko_.




                    Die Nacht vor dem Weihnachtsfest


Der letzte Tag vor dem Weihnachtsfeste war verstrichen. Klar brach die
Winternacht an, die Sterne schauten hervor, der Mond stieg majesttisch
am Himmel empor, um allen guten Leuten und der ganzen Welt zu leuchten,
damit allen frhlich ums Herz sei, wenn nach dem Weihnachtsbrauch unter
den Fenstern zu Christi Lob und Preis gesungen wrde. Der Frost war noch
schneidender als am Morgen; aber dafr war es so still, da man das
Knirschen des Schnees unter den Stiefeln eine halbe Werst weit hren
konnte. Noch war unter keinem Fenster eine einzige Schar von Burschen zu
sehen; allein der Mond blickte verstohlen durch die Scheiben, als wollte
er den sich putzenden Mdchen zuwinken, sie sollten schneller
hinauslaufen in den knisternden Schnee. Da wlzten sich dichte Ballen
von Qualm aus dem Schornstein einer Htte und stiegen wie eine Wolke zum
Himmel auf, und zugleich mit dem Rauch ritt eine Hexe auf einem
Besenstiel in die Hhe.

Wenn in diesem Augenblick der Herr Assessor aus Sorotschintzy in einem
mit Gutspferden bespannten Dreispnner vorbeigefahren wre, die Mtze
mit der Hammelfellborde, wie sie die Ulanen tragen, auf dem Kopf, in
seinem blauen, mit schwarzem Lammfell geftterten Pelz, und mit seinem
Teufelsding, der geflochtenen Peitsche, mit der er gewhnlich seinen
Kutscher anfeuerte, so htte er sie bestimmt gesehen; denn dem Assessor
von Sorotschintzy kann keine Hexe entgehen. Er kann sich's nmlich von
jedem Frauenzimmer an den Fingern abzhlen, wieviel Ferkelchen ihre Sau
wirft, wieviel Leinwand in ihrem Kasten liegt, und er wei aufs
Tpfelchen, was ein wackerer Mann an einem Sonntag in der Schenke an
Kleidern und Wirtschaftssachen versetzt. Aber der Assessor von
Sorotschintzy kam nicht vorbeigefahren, und dann kmmerte er sich auch
nicht um fremde Leute -- er hatte ja seinen eigenen Bezirk. Unterdessen
aber stieg die Hexe so hoch empor, da sie da oben nur noch wie ein
schwarzes Pnktchen aussah. Aber wo dies Pnktchen sich zeigte, dort
verschwand ein Stern nach dem andern vom Himmel. Bald hatte die Hexe
einen ganzen rmel voll von ihnen heruntergeholt. Nur noch drei oder
vier blinkten so herum. Auf einmal jedoch tauchte an der
entgegengesetzten Seite ein andres Pnktchen auf, wurde immer grer,
dehnte sich in die Breite, und bald war es kein Pnktchen mehr. Ein
Kurzsichtiger htte sogar statt einer Brille die Rder vom Wagen des
Kommissrs auf die Nase setzen knnen, aber auch dann htte er nicht
genau erkennen knnen, was das fr ein Ding war. Von vorne sah es sich
ganz an wie ein Welscher: das spitzige Mulchen, das sich fortwhrend
bewegte und alles und alle beschnffelte, lief in ein rundes
Fnfkopekenstck aus, wie bei unsren Schweinen; die Beine waren so dnn,
da sie auch dem Jereskower Amtmann, wenn er solche gehabt htte, schon
beim ersten Sprung im Kosakentanz gebrochen wren. Dafr aber war's von
hinten ein waschechter Gouvernementsprokurator in Uniform, denn ihm
baumelte ein Schwanz herunter, der so lang war und so spitz zulief wie
die Sche an den neumodischen Uniformen; hchstens aus dem Bocksbart
unterm Maul, aus den kleinen Hrnerchen auf dem Kopfe und daraus, da er
nicht viel weier war als ein Schornsteinfeger, konnte man erraten, da
das weder ein Kerl aus dem Auslande, noch ein Gouvernementsprokurator
war, sondern ganz einfach der Teufel in eigener Person, fr den die
letzte Nacht gekommen war, wo er sich in Gottes weiter Welt umhertreiben
und die guten Menschen zu allerlei Snden verfhren durfte. Denn morgen
schon sollte er beim ersten Glockenschlage der Frhmesse mit
eingezogenem Schwanz zur Hlle fahren.

Indessen aber schlich sich der Teufel leise an den Mond heran und
streckte die Hand aus, um nach ihm zu greifen; pltzlich jedoch ri er
seine Hand zurck, als wenn er sich verbrannt htte, sog an den
Fingerspitzen, schlenkerte mchtig mit dem einen Bein und schlpfte dann
auf die andere Seite; aber da prallte er wiederum zurck und zog
schleunigst die Hand weg. Trotz dieser Mierfolge lie jedoch der
listige Teufel nicht von seinen bsen Streichen. Mit einem Anlauf rannte
er heran und packte den Mond mit beiden Hnden; er krmmte sich hin und
her, blies aus vollen Backen auf ihn und warf ihn aus einer Hand in die
andere, wie ein Bauer, der sich mit bloen Hnden Feuer fr seine Pfeife
holt; endlich steckte er ihn rasch in seine Tasche und sauste weiter,
als ob ganz und gar nichts geschehen wre.

In Dikanka hatte niemand gemerkt, da der Teufel den Mond gestohlen
hatte. Freilich, als der Gemeindeschreiber, brigens auf allen Vieren,
die Schnke verlie, sah er, da der Mond pltzlich am Himmel
umhertanzte, und er beschwor das bei allen Heiligen vor dem ganzen
Dorfe; aber die Leute im Dorfe schttelten nur die Kpfe und lachten ihn
einfach aus. Doch was hatte den Teufel eigentlich zu einer so
schndlichen Tat veranlat? Der Grund war folgender: er wute, da der
reiche Kosak Tschub vom Kster zum Weihnachtsschmaus eingeladen war, und
da auerdem noch der Amtmann, ein Anverwandter des Vorsngers von der
Bischflichen Sngerkapelle, ein Mann im blauen Rock, der die tiefsten
Batne mhelos hervorbrachte, ferner der Kosak Swerbygus und noch
dieser und jener da sein wrden. Da wrde es auer dem Weihnachtskuchen
noch sen Branntwein, Safranschnaps und noch allerhand Gutes zum Essen
und Trinken geben. Unterdessen wrde aber sein Tchterchen, die erste
Schne im ganzen Dorf, allein zu Hause bleiben; und dann wrde sicher
der Schmied zu dem Mdel kommen, ein handfester, krftiger Bursch, ein
Mordskerl, der dem Teufel noch widerwrtiger war als die Predigten des
Vaters Kondrat. In seinen Muestunden pflegte der Dorfschmied sich
nmlich mit der Malerei zu beschftigen, und er galt als der beste Maler
in der ganzen Umgegend. Der Kosaken-Hauptmann L...ko, der damals noch
lebte, hatte ihn sogar eigens dazu nach Poltawa kommen lassen, um den
Bretterzaun vor seinem Hause zu tnchen. Alle Schsseln, aus denen die
Kosaken in Dikanka ihren Borschtsch schlrften, waren von ihm bemalt.
Der Schmied war ein gottesfrchtiger Mann, malte oft Heiligenbilder, und
man kann jetzt noch in der Kirche zu T..... einen Evangelisten Lukas von
seiner Hand sehen. Aber der Triumph seiner Kunst war ein Bild, das er an
die Wand der rechten Kirchenvorhalle gemalt hatte; da hatte er den
heiligen Petrus dargestellt mit Schlsseln in der Hand, wie er am
jngsten Tage den bsen Geist aus der Hlle vertreibt: der erschrockene
Teufel rennt, seinen Untergang vorausahnend, hin und her, und die
Snder, die einst in die Hlle gesperrt waren, prgeln mit Knuten,
Holzscheiten und allem, was ihnen unter die Hnde kommt, auf ihn los.
Zur Zeit, als der Maler an diesem Bilde arbeitete -- er malte es auf ein
groes Brett -- hatte sich der Teufel aus aller Kraft bemht, ihn dabei
zu stren: er puffte ihn unsichtbar am Arm, holte Asche aus der
Schmiede-Esse und streute sie auf das Bild; aber trotz alledem wurde das
Werk zu Ende gefhrt, das Brett wurde in die Kirche gebracht, an der
Wand der Vorhalle angenagelt, und seitdem hatte der Teufel dem Schmied
Rache geschworen.

Nur noch eine Nacht war ihm nun geblieben, durch die Welt zu ziehen; in
dieser Nacht aber wollte er seine ganze Wut an dem Schmied auslassen,
und darum beschlo er, den Mond zu stehlen; er hatte es sich nmlich
folgendermaen ausgedacht: der alte Tschub ist trge, und schwer auf die
Beine zu kriegen, und dann ist es auch von seinem Hause bis zum Kster
nicht sehr nahe. Der Weg zu ihm fhrte hinterm Dorfe an Windmhlen und
am Friedhof, an einem Abgrund vorber, und dann konnten bei hellen
Mondnchten auch noch der se Branntwein und der Safranschnaps den
Tschub locken; aber bei dieser Finsternis konnte es wohl kaum jemandem
gelingen, ihn von seinem Pltzchen hinterm Ofen hervor und auf die
Strae hinaus zu lotsen. Und da wrde der Schmied, der schon lange nicht
im besten Einvernehmen mit ihm lebte, es sicher nicht wagen, seine
Tochter aufzusuchen, und wenn er auch noch so krftig war.

Und so kam es, da der Teufel kaum den Mond in die Tasche gesteckt
hatte, als es pltzlich in der ganzen Welt so stockfinster wurde, da
manch einer den Weg ins Wirtshaus nicht gefunden htte, geschweige denn
_den_ in des Ksters Haus. Die Hexe fand sich auf einmal im Dunkeln und
stie einen Schrei aus. Da scharwenzelte der Teufel auf sie zu, fate
sie flink unterm Arm und begann ihr allerhand schne Dinge ins Ohr zu
flstern, wie man sie den Weibern gewhnlich zuzuraunen pflegt. Es geht
doch recht wunderlich zu in unserer Welt! Alles was in ihr leibt und
lebt, alles ist bemht, einander was abzugucken und andere Leute
nachzuffen. Frher gab's einmal eine Zeit, da trugen in ganz Mirgorod
nur der Richter und der Brgermeister im Winter Pelze, die mit Tuch
berzogen waren, whrend die brigen Unterbeamten gewhnlich die Pelze
mit dem Fell nach auen trugen; jetzt dagegen haben sich der Assessor
und der Unterrendant neue Pelze aus feinem Lammfell mit Tuchbezgen
zugelegt. Vor zwei Jahren kauften der Kanzlist und der Gemeindeschreiber
Nanking zu sechzig Kopeken die Elle, und der Kirchendiener hat sich zum
Sommer gar eine Pluderhose aus Nanking und sogar eine Weste aus Kammgarn
machen lassen. Kurz, alles will zur feinen Welt gehren! Wann werden die
Menschen endlich einmal von ihrer Eitelkeit ablassen! Nun knnte man
wetten, manchem kommt der Gedanke sonderbar vor, da der Teufel sich
ebenso benimmt. Am rgerlichsten ist's aber, da er sich am Ende gar
noch auf seine Schnheit was zugute tut, und dabei hat er doch eine
Fratze, da es eine wahre Schande ist. Geradezu eine Fresse, wie Foma
Grigorjewitsch zu sagen pflegt, das Garstigste vom Garstigen, und so
einer geht auch noch auf Liebschaften aus! Aber am Himmel war es so
stockfinster geworden, da man durchaus nichts mehr von dem sehen
konnte, was sich zwischen dem Prchen weiter abspielte.

                   *       *       *       *       *

Also, Gevatter, du bist noch nicht beim Kster in der neuen Htte
gewesen? sprach der Kosak Tschub, trat aus der Tr seines Hauses und
ging auf einen hageren, baumlangen Bauer in kurzem Schafspelz zu, mit
einem dichten Bart, der davon Zeugnis ablegen konnte, da dies Kinn
schon ber vierzehn Tage lang nicht mehr von dem Sensenstck berhrt
worden, mit dem sich die Bauern in Ermanglung eines Rasiermessers ihren
Bart schaben. Dort wird es jetzt ein schnes Gelage geben! fuhr
Tschub, bers ganze Gesicht schmunzelnd, fort. Da wir nur nicht zu
spt kommen!

Dabei rckte Tschub seinen Gurt zurecht, der seinen Pelz fest
zusammenzog, schob die Mtze tief in die Augen und nahm die Knute -- den
Schrecken und die Angst aller lstigen Hunde -- fester in die Hand. Als
er jedoch nach oben blickte, hielt er inne ....

Teufel noch einmal! Schau! schau nur, Panas! ....

Was denn? sprach der Gevatter und hob ebenfalls seinen Kopf.

Was? Der Mond ist fort!

Verflucht! Wahrhaftig, der Mond ist fort!

Das ist es ja eben, rief Tschub, einigermaen rgerlich ber die
unerschtterliche Teilnahmslosigkeit des Gevatters. Du scherst dich
wohl wenig drum!

Ja, was soll _ich_ denn dabei machen?

Mute sich da gerad so ein Teufel, fuhr Tschub fort und wischte sich
mit dem rmel den Schnurrbart, grad so ein Teufel hineinmischen! So ein
Hundsfott! Da er morgens doch nie wieder sein Glas Schnaps zu trinken
kriegte! .... Wahrhaftig! Es ist zum Lachen .... Als ich in der Stube
sa, da sah ich zu meinem Vergngen zum Fenster hinaus: die Nacht war
ein reines Wunder! Es war ganz hell, der Schnee leuchtete im Mondlichte
und alles war so klar zu sehen wie am lichten Tag; kaum aber trete ich
aus der Tr -- da herrscht eine Dunkelheit, da man die Hand vor den
Augen nicht sieht! Mag er sich doch alle Zhne an hartem Buchweizenbrot
ausbrechen!

Lange noch brummte und schimpfte Tschub, zugleich aber berlegte er,
wozu er sich entschlieen solle. Fr sein Leben gern htte er beim
Kster ber dies und jenes schwatzen mgen; denn sicher saen dort schon
der Amtmann, der zugereiste Ba und der Teersieder Mikita, der alle
vierzehn Tage zum Markt nach Poltawa zu fahren pflegte und solche Possen
trieb, da die Leute auf dem Dorf sich den Bauch vor Lachen hielten.
Schon sah Tschub in Gedanken den sen Branntwein auf dem Tische stehn.
Freilich, all das war verlockend, aber die Dunkelheit der Nacht lockte
wieder zu jenem Faulenzerleben, das jedem Kosaken so lieb ist. Wie gut
wre es jetzt, mit untergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank zu sitzen,
seine Pfeife zu rauchen und in s umnebelndem Schlummer den lustigen
Burschen und Mdeln zuzuhren, die in Scharen vor den Fenstern ihre
Lieder singen und die Weihnacht preisen! Ohne Zweifel htte er sich auch
fr das letztere entschieden, wenn er allein gewesen wre; aber zu zweit
war es jetzt nicht mehr so langweilig und so gruselig, mitten durch die
Nacht zu gehen, auch wollte er vor dem andern nicht faul und feige
erscheinen. Als er mit dem Schimpfen fertig war, wandte er sich an den
Gevatter.

Der Mond ist also weg, Gevatter?

Ja, er ist weg!

Wirklich sonderbar! Gib mir mal eine Prise! Du hast einen
vortrefflichen Tabak, Gevatter! Wo hast du ihn her?

Vortrefflich? Ei, da soll mich doch der und jener -- antwortete der
Gevatter, indem er seine Dose aus Baumrinde mit den eingeritzten Mustern
zuklappte. Nicht einmal ein altes Huhn wrde bei diesem Tabak niesen!

Ich erinnere mich, fuhr Tschub in demselben Tone fort, der
verstorbene Schankwirt Susulja hatte mir einmal etwas Tabak aus Njeschin
mitgebracht. O, war das ein Tabak! Also, Gevatter, was machen wir nun?
Es ist ja mchtig dunkel.

So bleiben wir meinetwegen zu Hause! rief der Gevatter und griff schon
nach der Trklinke.

Htte der Gevatter das nicht gesagt, so htte Tschub sich wohl
entschlossen, zu Hause zu bleiben; jetzt aber schien ihn geradezu etwas
zum Widerspruch zu reizen. Nein, Gevatter, wir wollen gehen! Unmglich!
Wir mssen gehen!

Kaum hatte er das gesagt, so rgerte er sich schon ber seine eigenen
Worte. Es war ihm hchst unangenehm, sich in solcher Nacht herumtreiben
zu mssen, aber der Gedanke trstete ihn, da er es selbst so gewollt,
und da er wider den Ratschlag eines anderen gehandelt hatte.

Der Gevatter lie auch nicht die leiseste Regung von Verdrielichkeit
auf seinem Gesichte erkennen. Er war ein Mann, dem es durchaus gleich
war, ob er zu Hause sa, oder ob er sich drauen umhertrieb. Er sah sich
nur noch einmal um, kratzte sich mit dem Stiel der Knute die Achseln --
und die beiden Gevattern machten sich auf den Weg.

                   *       *       *       *       *

Doch sehen wir nun zu, was seine schne Tochter trieb, die allein zu
Hause geblieben war. Oxana war noch nicht ganz siebzehn Jahre alt, als
man schon beinah in der ganzen Welt, sowohl diesseits wie jenseits von
Dikanka, von nichts anderem sprach als von ihr. Die Burschen erklrten
einstimmig, ein herrlicheres Mdchen gbe es im ganzen Dorfe nicht, habe
es noch nie gegeben und werde es auch niemals geben. Oxana hrte und
wute alles, was ber sie geredet wurde, und sie war so eingebildet, wie
ein schnes Mdchen es eben ist. Htte sie nicht ein Kopftuch und die
Jacke einer Buerin getragen, sondern ein Stadtkleid, so htte sie
sicher alle Mdchen in den Schatten gestellt. Die Burschen liefen ihr
scharenweise nach; aber sie verloren allmhlich die Geduld, verlieen
nach und nach die eigensinnige Schne und wendeten sich anderen, weniger
verwhnten Werbern zu. Nur der Schmied blieb hartnckig und hrte nicht
auf, sie zu umwerben, obwohl er keineswegs besser behandelt wurde als
die anderen. Sobald nun der Vater fortgegangen war, putzte und schmckte
sich Oxana noch lange vor dem kleinen Spiegel im Bleirahmen. Sie konnte
sich nicht satt sehen an ihrer Schnheit.

Was fllt den Leuten nur ein, mich zu rhmen, ich sei schn? sprach
sie mit zerstreuter Miene, nur um einen Vorwand zu haben, mit sich
selbst zu plaudern. Die Leute lgen, ich bin gar nicht schn!

Aber das frische, lebhafte, kindlich jugendliche Gesicht im Spiegel, mit
den strahlenden schwarzen Augen und dem unsagbar anmutigen Lcheln, das
die Seele erglhen machte, bewies das Gegenteil.

Sind denn meine schwarzen Brauen und meine Augen in der Tat so schn?
fuhr sie fort, ohne den Spiegel aus der Hand zu legen, da sie nicht
ihresgleichen in der Welt haben? Was ist nur Schnes an dieser
Stumpfnase? an meinen Wangen? an meinen Lippen? Meine schwarzen Zpfe
sollen schn sein? O jeh, am Abend knnen sie einem Menschen einen
ordentlichen Schreck einjagen: wie lange Schlangen winden und schlingen
sie sich um meinen Kopf. Ich sehe jetzt, da ich gar nicht schn bin!
Und sie rckte den Spiegel etwas von sich fort und rief: Nein, ich bin
doch schn! Ach, wie ich schn bin! Wundervoll! Welch eine Freude werde
ich einst dem bereiten, dessen Frau ich werde. Wie wird mein Gemahl
entzckt von mir sein! Er wird auer sich sein vor Freude. Er wird mich
zu Tode kssen!

Wunderbares Mdchen! flsterte der Schmied, der leise eingetreten war.
Aber sie ist nicht wenig eitel! Schon eine Stunde lang steht sie da,
besieht sich im Spiegel und kann sich nicht satt sehen an sich selbst,
und dazu lobt sie sich noch ganz laut!

Ja, ihr Burschen, ich bin nicht euersgleichen, seht mich an, fuhr die
reizende Kokette fort. Wie ist mein Gang so geschmeidig. Mein Hemd ist
mit roter Seide genht. Und was fr Bnder ich auf dem Kopf habe! Euer
Lebtag werdet ihr nicht mehr solche Goldborden sehen! All das hat mit
mein Vater gekauft, damit mich der schnste Bursch der Welt zur Frau
nimmt. Sie lchelte, wandte sich um und erblickte den Schmied ....

Sie schrie auf und blieb mit strenger Miene vor ihm stehen.

Der Schmied lie die Hnde herabsinken.

Es wre schwer zu sagen, was das braune Gesicht des wundervollen
Mdchens ausdrckte: ein strenger Ausdruck spiegelte sich in ihm und
durch die Strenge hindurch blickte ein gewisser Hohn ber den
verblfften Schmied, und eine kaum merkliche Rte, die ihr der rger ins
Gesicht getrieben hatte; all das zusammen war so unbeschreiblich schn,
da das Beste, was man hier htte tun knnen, dies gewesen wre: -- sie
eine Million Mal abzukssen.

Wie bist du hierhergekommen? begann Oxana. Willst du denn, da ich
dich mit der Schippe davonjage? Ihr versteht euch meisterhaft darauf,
euch an uns heranzumachen. Im Nu schnffelt ihr aus, wann die Vter aus
dem Hause sind. O, ich kenne euch schon! Nun, ist meine Truhe fertig?

Sie ist bald fertig, mein Herzchen; nach den Feiertagen wird sie
fertig. Wenn du wtest, wieviel Mhe ich mir gegeben habe: zwei Nchte
lang habe ich die Schmiede nicht verlassen. Dafr soll aber auch keine
Popentochter so eine Truhe haben. Ich habe Eisenbeschlge darauf getan,
wie ich sie nicht einmal fr den Wagen des Hauptmanns nahm, als ich noch
in Poltawa auf Arbeit war. Aber wie wird sie erst bemalt sein! Und wenn
du die ganze Umgegend mit deinen weien Fchen ablufst, du findest
solch eine Truhe nicht mehr! ber den ganzen Grund werden rote und blaue
Blumen verstreut sein, und es wird so leuchten wie Feuer. Zrne mir
nicht! Erlaube mir wenigstens, zu dir zu reden und dich nur
anzuschauen!

Wer verbietet dir das? Rede und schau!

Und sie nahm Platz auf der Bank, blickte wieder in den Spiegel und
begann ihre Flechten auf dem Kopfe zu ordnen. Sie blickte auf ihren
Hals, auf das neue seidenbestickte Hemd, und ein leises Gefhl der
Selbstzufriedenheit spiegelte sich auf ihren Lippen und auf ihren
frischen Wangen und leuchtete aus ihren Augen.

Erlaube mir, da ich neben dir Platz nehme! sagte der Schmied.

Setze dich, sprach Oxana immer noch mit demselben selbstzufriedenen
Ausdruck auf den Lippen und in den Augen.

Wundervolle, herzallerliebste Oxana, erlaube mir nur, da ich dir einen
Ku gebe! sagte der Schmied ermutigt und prete sie an sich, in der
Hoffnung, ein Kchen von ihr zu erwischen. Doch Oxana wandte ihre
Wangen ab, die sich schon in erreichbarer Nhe von den Lippen des
Schmiedes befanden, und stie ihn von sich. Was du nicht alles
mchtest! Kaum hat er den Honig, so braucht er gleich auch noch einen
Lffel dazu! Geh doch, deine Hnde sind noch hrter als Eisen. Auch
riechst du nach Rauch. Ich glaube gar, du hast mich ganz mit deinem Ru
beschmiert.

Sie nahm den Spiegel und begann sich von neuem zu putzen.

Sie liebt mich nicht! dachte der Schmied bei sich und lie den Kopf
hngen. Fr sie ist alles nur Spielerei; und ich stehe vor ihr da wie
ein Narr, und kann meine Augen nicht von ihr wenden. Ja, ich mchte
immer so vor ihr stehen und meine Augen nicht von ihr wenden. Welch
herrliches Mdchen! Was wrde ich alles darum geben, zu erfahren, was in
ihrem Herzen vorgeht und wen sie eigentlich liebt. Aber nein, sie
kmmert sich um niemand. Sie freut sich nur ihrer Schnheit, qult mich
Armen, und ich bin so traurig, da mir alles trb und dunkel erscheint.
Und dabei liebe ich sie doch so, wie kein Mensch in der Welt sie je
geliebt hat oder lieben wird.

Ist es wahr, da deine Mutter eine Hexe ist? fragte Oxana und brach in
lautes Lachen aus; auch der Schmied fhlte, wie alles in seinem Innern
auflachte. Dieses Lachen schien pltzlich in seinem Herzen
wiederzuhallen und in den leise erschauernden Adern, aber gleich darauf
erwachte ein rger in seiner Seele, weil er nicht die Macht hatte,
dieses so anmutig lachende Antlitz zu kssen.

Was geht mich meine Mutter an? Du bist mir Mutter und Vater und alles,
was es auf der Welt an Teurem fr mich gibt! Wenn mich der Zar zu sich
rufen liee und zu mir sagte: Wakula, du darfst mich um alles bitten,
was es Schnes in meinem Reiche gibt, ich will dir alles geben. Ich will
dir eine Schmiede aus purem Golde bauen lassen, und du sollst silberne
Hmmer zum Schmieden bekommen, -- dann wrde ich zu dem Zaren sagen:
Ich will weder kostbare Edelsteine, noch eine goldene Schmiede, noch
dein ganzes Reich. Gib mir lieber meine Oxana!

Schau, schau, so einer bist du also! Aber mein Vater ist auch nicht auf
den Kopf gefallen. Pa auf, er heiratet noch deine Mutter! sagte sie
und lchelte listig. Aber, wo bleiben nur die Mdchen? .... Was soll
das bedeuten? es ist schon hchste Zeit, da man vor den Fenstern zu
singen beginnt. Ich fange an, mich zu langweilen.

Mgen sie nur bleiben, wo sie sind, du meine Holde!

Warum nicht gar! Mit den Mdchen werden auch wohl die Burschen
mitkommen. Da wird's was geben. Ich stell' mir vor, was fr putzige
Sachen sie da erzhlen werden!

Du sehnst dich also wohl nach ihrer Gesellschaft?

Sicherlich mehr als nach dir. Ah! Jemand hat geklopft. Das sind wohl
die Mdchen und Burschen.

Worauf soll ich noch lnger warten? sprach der Schmied zu sich selbst.
Sie macht sich ber mich lustig. Ich bin ihr ebensoviel wert, wie ein
verrostetes Hufeisen. Wenn das aber wirklich so ist, dann soll
wenigstens kein anderer ber mich lachen. Sobald ich merke, da ein
anderer ihr besser gefllt als ich, dem will ich doch gleich ....

Hier wurden seine Gedanken durch ein Pochen an die Tr unterbrochen, und
eine Stimme, die bei dem kalten Frost ziemlich scharf klang, rief: Mach
auf!

Warte, ich mache schon selbst auf, sagte der Schmied und trat in den
Flur hinaus mit dem Vorsatz, dem ersten, der hereinkme, aus rger die
Rippen einzuschlagen.

                   *       *       *       *       *

Der Frost nahm zu, und oben in der Hhe wurde es so kalt, da der Teufel
von einem Huf auf den anderen hpfte und sich in die Fuste blies, um
nur einigermaen seine frierenden Hnde zu erwrmen. Es war auch kein
Wunder, wenn's einen fror, der sich Tag fr Tag in der Hlle
herumdrckte. Dort ist's bekanntlich lngst nicht so kalt wie bei uns im
Winter, er aber steht da unten vor dem Feuer, mit einer Zipfelmtze auf
dem Kopf, akkurat wie ein wirklicher Kchenmeister, und brt die Snder
mit solchem Vergngen, wie wohl die Weiber zu Weihnachten Wurst braten.

Selbst die Hexe litt unter der Klte, trotzdem sie recht warm angezogen
war; daher hob sie die Arme in die Hhe, schob ein Bein vor, gab ihrem
Krper die Haltung eines Schlittschuhlufers und sauste, ohne ein Glied
zu rhren, durch die Luft, wie wenn's einen steilen Eisberg hinabginge,
geradeswegs in den Schornstein hinunter.

Der Teufel folgte ihr auf dieselbe Art. Da dieses Vieh aber viel
gewandter ist als so mancher Geck in Seidenstrmpfen, so ist's kein
Wunder, da er gerad am Eingang zum Schornstein seiner Geliebten auf den
Hals flog, und schnell sahen sich die beiden in dem gerumigen Ofen
mitten unter den Tpfen.

Die Besenreiterin schob leise das Ofentrchen auf, um zu sehen, ob ihr
Sohn Wakula nicht die Stube voller Gste geladen hatte; als sie aber
sah, da niemand da war auer etwa ein paar Scke, die in der Stube
umher lagen, so kroch sie aus dem Ofen, warf den warmen Pelz ab, ordnete
ihre Kleidung, und niemand htte ihr mehr ansehen knnen, da sie noch
vor einer Minute auf einem Besenstiel geritten war.

Die Mutter des Schmieds Wakula war nicht mehr als vierzig Jahre alt und
war weder schn noch hlich. Es ist ja auch ziemlich schwer, in diesen
Jahren schn zu sein. Sie verstand es aber, selbst die gesetztesten und
wrdigsten Kosaken an sich zu fesseln (denen es, nebenbei bemerkt, auch
wenig um die Schnheit zu tun war), so da sie ebensowohl der Amtmann,
wie der Kster Ossip Nikiforowitsch (natrlich, wenn die Frau Ksterin
nicht zu Hause war), der Kosak Korni Tschub und der Kosak Kassjan
Swerbygus aufzusuchen pflegten. Zu ihrer Ehre mu brigens gesagt
werden, da sie es vorzglich verstand, mit ihnen umzugehen: keinem
einzigen von ihnen kam es auch nur von ferne in den Sinn, er knne einen
Nebenbuhler haben. Ging ein frommer Bauer oder ein Edelmann, wie die
Kosaken sich selbst zu nennen pflegen, am Sonntag in seinem Mantel mit
der Kapuze zur Kirche, oder -- wenn das Wetter schlecht war -- ins
Wirtshaus, so lie er sich's nicht nehmen, bei der Solocha
vorzusprechen, um ein paar fette Ksekrapfen mit Rahm zu essen und ein
Weilchen mit der gesprchigen und geflligen Hausfrau in der warmen
Stube zu schwatzen. Der Edelmann machte eigens zu diesem Zweck einen
groen Umweg, bevor er im Wirtshaus anlangte -- und nannte das
unterwegs mal vorsprechen. Oder ging die Solocha einmal an einem
Festtag, in ihrem grellen Kopftuch und ihrem Nankingkittel und dem
blauen Rock darber, der hinten mit goldenen Bndern benht war, zur
Kirche, und stellte sie sich gerade neben dem rechten Chor auf, so fing
der Kster sicherlich an zu hsteln und blinzelte unwillkrlich nach
jener Seite hinber; der Amtmann aber strich sich den Schnurrbart,
wickelte sich seine Kosakenlocke ums Ohr und sprach zu dem neben ihm
stehenden Nachbar, Ei, ei, das ist mir ein Weibsbild! Ein ganz
verteufeltes Weib! Die Solocha pflegte denn auch jeden Menschen zu
gren, und jeder glaubte, sie gre ihn allein.

Aber wer es liebte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, der
konnte sofort merken, da die Solocha am freundlichsten gegen den
Kosaken Tschub war. Tschub war Witwer. Vor seinem Hause standen stets
acht Schober Getreide, zwei Paar mchtige Ochsen streckten bestndig
ihre Kpfe durch das Geflecht des Schuppens auf die Strae hinaus und
brllten jedesmal, wenn sie eine Muhme oder einen Ohm, das heit eine
Kuh oder einen dicken Bullen kommen sahen. Ein brtiger Bock kletterte
hoch auf das Dach hinauf und meckerte mit einer gerad so schrillen
Stimme von dort herab wie der Brgermeister, um die auf dem Hofe umher
stolzierenden Truthhne zu reizen, oder er kehrte seinen Hintern hervor,
wenn er seine Feinde, die Dorfjungen, erblickte, die sich ber seinen
Bart lustig zu machen pflegten. In Tschubs Truhen lagen viele Ellen
Leinwand, teure Schupans und altertmliche Rcke mit Goldborden: seine
verstorbene Frau war nmlich sehr putzschtig gewesen. In seinem
Gemsegarten gab es auer Mohn, Kohl und Sonnenblumen auch noch zwei
Beete mit Tabak. Von all dem, meinte die Solocha, wre es ganz nett,
wenn es ihrer eigenen Wirtschaft einverleibt wrde; sie rechnete schon
im voraus damit, welche Ordnung sie einfhren wollte, wenn all das in
ihre Hnde gelangen wrde, und daher verdoppelte sie ihr Wohlwollen
gegen den alten Tschub. Damit aber ihr Sohn Wakula sich nicht an seine
Tochter heran machte, alles Hab und Gut selbst einheimste, und ihr dann
am Ende nicht mehr erlaubte, sich in irgend etwas einzumischen, so griff
sie nach dem blichen Mittel aller vierzigjhrigen Weiber, das heit,
sie ste mglichst viel Fehde zwischen Tschub und dem Schmied.
Vielleicht waren gerade diese Rnke und Listen der Grund davon, da die
alten Weiber, besonders wenn sie in frhlicher Gesellschaft zusammen
saen und etwas ber den Durst getrunken hatten, davon munkelten, die
Solocha sei wirklich eine Hexe: der Bursche Kisjakolupenko habe hinten
bei ihr einen Schwanz gesehen, der ungefhr so lang gewesen sei wie eine
Weiberspindel; am verflossenen Donnerstag erst sei sie in Gestalt einer
schwarzen Katze ber die Strae gelaufen; auch sei einmal eine Sau zur
Popenfrau gerannt gekommen, habe wie ein Hahn gekrht, dann sich die
Mtze des Vaters Kondrat aufgesetzt und darauf sich wieder davongemacht
....

Der Zufall wollte es, da gerade zu der Zeit, als die alten Weiber ber
diese Dinge redeten, ein gewisser Kuhhirt namens Tymisch Korostjawi bei
ihnen erschienen war. Er versumte nicht, zu erzhlen, wie er einmal im
Sommer, kurz vor Peter und Paul, gerade als er sich im Stall schlafen
gelegt und sich ein Bndel Stroh unter den Kopf gebettet hatte, mit
eigenen Augen gesehen habe, wie eine Hexe mit aufgelstem Haar und in
bloem Hemde angefangen habe, die Kuh zu melken; er habe sich nicht vom
Fleck rhren knnen, so behext habe sie ihn, auch habe sie ihm die
Lippen mit einem so widerlichen Zeug beschmiert, da er noch einen
ganzen Tag danach immer ausspucken mute. Doch all das war immerhin
zweifelhaft, denn nur der Assessor von Sorotschintzy kann eine Hexe
sehen. Und daher wehrten sich alle Kosaken von Ansehen und Wrden mit
Hnden und Fen dagegen, wenn sie solche Reden mit anhren muten. Sie
lgen, die hundsfttischen Weiber! war gewhnlich ihre Antwort.

Kaum war die Solocha aus dem Ofen gekrochen und hatte sich ihre Kleider
wieder ein wenig in Ordnung gebracht, so begann sie sofort als gute
Wirtin die Stube aufzurumen und alles auf seinen Platz zu stellen. Die
Scke aber rhrte sie nicht an. Die hat Wakula gebracht, mag er sie
doch auch selbst wieder hinaustragen! Der Teufel aber hatte sich, als
er in den Schornstein hineinflog, zufllig umgeschaut, und da hatte er
ganz nahe am Hause den Tschub Arm in Arm mit seinem Gevatter erblickt.
Im Nu flog er wieder aus dem Ofen, rannte ihnen auf ihrem Wege voran und
begann von allen Seiten Haufen hartgefrorenen Schnees aufzuwirbeln. Es
erhob sich ein richtiges Schneegestber, in der Luft flimmerte es nur so
wei durcheinander. Der Schnee wogte hin und her wie ein Netz und
drohte, den Fugngern Augen, Mund und Ohren zu verstopfen. Der Teufel
aber flog wieder in den Schornstein hinein, fest davon berzeugt, da
Tschub und der Gevatter umkehren wrden; dann wrde Tschub den Schmied
bei sich im Hause treffen und ihn sicherlich so traktieren, da der auf
lange Zeit nicht mehr imstande sein sollte, einen Pinsel in die Hand zu
nehmen und Spottbilder zu malen.

                   *       *       *       *       *

Und in der Tat, kaum hatte sich das Schneegestber erhoben und kaum fing
der Wind an, ihnen gerade ins Gesicht zu fegen, so uerte Tschub schon
Reue. Er schob sich die Mtze tiefer ber die Ohren und regalierte alle,
sich selbst, den Teufel und den Gevatter mit Schimpfworten. brigens war
diese Wut nur geheuchelt. Tschub war sehr froh ber das Unwetter. Bis
zum Hause des Ksters war es ungefhr achtmal so weit, wie die Strecke,
die sie schon zurckgelegt hatten. Die Wanderer kehrten also um. Der
Wind blies ihnen zwar in den Nacken, aber es war gnzlich unmglich, in
diesem Schneegestber auch nur das geringste zu sehen.

Halt, Gevatter! Ich glaube, wir gehen falsch, sagte Tschub nach einer
kurzen Weile. Ich sehe keine einzige Htte. He, ist das ein
Schneegestber! Bieg doch mal etwas zur Seite, Gevatter, vielleicht
findest du da einen Weg, unterdessen will ich hier nach ihm suchen.
Mute uns auch der Gottseibeiuns bei solchem Unwetter aus dem Hause
locken! Vergi nur nicht zu rufen, wenn du den Weg gefunden hast.
Herrgott, was fr einen Haufen Schnee hat mir der Satan in die Augen
gejagt!

Der Weg war jedoch noch immer nicht zu sehen. Der Gevatter schlug einen
Seitenweg ein und irrte in seinen langen Stiefeln hin und her, bis er
endlich auf das Wirtshaus stie. Diese Entdeckung freute ihn dermaen,
da er alles verga, den Schnee von sich abschttelte und ins Wirtshaus
trat, ohne sich im Geringsten um seinen Gevatter auf der Strae zu
scheren. Unterdessen war es Tschub so vorgekommen, als ob er den
richtigen Weg gefunden htte. Er machte Halt und schrie aus voller
Kehle, als er aber sah, da der Gevatter nicht zum Vorschein kam,
beschlo er, den Weg allein fortzusetzen. Etwas weiter erblickte er sein
Haus. Vor dem Hause und auf dem Dache lagen ganze Berge von Schnee. Er
klatschte in die vor Klte erstarrten Hnde und begann, an die Tr zu
klopfen und seiner Tochter gebieterisch zuzurufen, sie solle aufmachen.

Da trat der Schmied aus dem Hause und schrie ihn grob an: Was willst
du?

Tschub erkannte die Stimme des Schmieds und wich etwas zurck. Hm,
nein, das ist nicht mein Haus, sagte er sich, in mein Haus wrde sich
der Schmied doch nicht hineinwagen, aber wenn ich's mir wiederum genauer
ansehe, so ist's auch nicht das Haus des Schmieds. Wessen Haus knnte
das blo sein? Holla! Da ich's nicht gleich erkannt habe! Das ist ja
das Haus des lahmen Lewtschenko, der sich erst vor kurzem eine junge
Frau genommen hat. Nur sein Haus sieht dem meinen so hnlich. Daher kam
es mir doch auch gleich etwas sonderbar vor, da ich schon so schnell zu
Hause war! Aber Lewtschenko sitzt jetzt ja beim Kster, das wei ich
genau. Was hat nur der Schmied hier zu suchen? .... Hahaha! Er besucht
seine junge Frau. Das ist's also! Schn! .... Jetzt verstehe ich alles.

Wer bist du und was treibst du dich vor fremden Tren herum? rief der
Schmied noch grber als frher und rckte nher.

Nein, ich sag' ihm nicht, wer ich bin, dachte sich Tschub, am Ende
krieg ich noch Hiebe von ihm, diesem verfluchten Bastard! Und er
antwortete mit verstellter Stimme: Ich bin doch ein anstndiger Mensch!
Ich will euch nur ein paar Weihnachtslieder vorsingen, um euch einen
kleinen Spa zu machen!

Scher' dich zum Teufel mit deinen Weihnachtsliedern, schrie Wakula
wtend. Was stehst du noch da? Hrst du! Packe dich auf der Stelle!

Tschub hatte diesen vernnftigen Vorsatz schon selbst gefat; es war ihm
nur unangenehm, dem Befehle des Schmieds folgen zu mssen. Es schien
ganz so, als ob ihn ein bser Geist vorwrts stie und ihn zum
Widerstand ntigte. Was schreist du da so? rief er mit derselben
Stimme. Ich will euch Weihnachtslieder vorsingen und sonst nichts!

Aha! du hast also wohl an Worten noch nicht genug? rief der Schmied,
und Tschub fhlte einen hchst schmerzhaften Schlag auf der Schulter.

Du bist gleich mit Prgeln bei der Hand, wie ich sehe! sagte er und
wich etwas zurck.

Pack' dich, marsch! schrie der Schmied und regalierte ihn mit einem
zweiten Schlag.

So! rief Tschub mit einer Stimme, in die sich Schmerz, rger und
Furcht mischten. Wie ich sehe, machst du keinen Spa, deine Prgel tun
ja ordentlich weh!

Marsch, vorwrts! rief der Schmied und schlug die Tre zu.

Schau einer an, wie tapfer der tut! sprach Tschub, als er nun allein
auf der Strae stand. Versuch's nur und komm blo heran! He, wer bist
du denn? Etwa ein groes Tier, was? Du glaubst wohl, ich kann dir nichts
anhaben? Nein, mein Tubchen, ich gehe geraden Wegs zum Kommissr, da
sollst du was von mir erleben! Ich werde keine Rcksicht darauf nehmen,
da du ein Schmied bist und noch ein Maler dazu. Hm, wenn ich mir meinen
Rcken und meine Schultern ansehe, so werde ich wohl sicher blaue
Flecken finden. Er hat mir tchtig zugesetzt, der hundsgemeine Lmmel.
Schade nur, da es so kalt ist, ich mchte nmlich nicht gern den Pelz
ausziehen. Warte nur, du Teufelsschmied! Der Satan soll dich und deine
Schmiede in Stcke schlagen. Du sollst noch ein Tnzchen bei mir
erleben! Verfluchter Hallunke! -- Also ist er jetzt nicht zu Hause?
Solocha ist wohl allein! Hm .... Es ist ja nicht weit. -- Ob ich am Ende
hingehe! Um diese Zeit wird uns niemand berraschen. Vielleicht hab' ich
auch Glck und .... Seine Hiebe tun aber weh .... O, dieser
gottsverdammte Schmied!

Und Tschub kratzte sich den Rcken und schlug die entgegengesetzte
Richtung ein. Die Gensse, die seiner bei der Solocha harrten,
verringerten einigermaen den Schmerz, und machten Tschub sogar weniger
empfindlich gegen den Frost, der auf den Straen knirschte, und der
nicht einmal vom Sausen des Windes bertnt wurde. Eine sauerse Miene
erschien manchmal auf seinem Gesicht, dessen Kinn und Schnurrbart das
Unwetter schneller mit Schnee eingeseift hatte, als irgendein Barbier,
der sein Opfer tyrannisch an der Nase packt. Wre jedoch der Schnee
einem nicht kreuz und quer vor den Augen herumgewirbelt, so htte man
noch lange sehen knnen, wie Tschub immer wieder stehen blieb, sich den
Rcken kratzte, ausrief: Die Hiebe von diesem verfluchten Schmied tun
aber mchtig weh! und dann weiter zog.

                   *       *       *       *       *

Whrend der flinke Stutzer mit Schwanz und Bocksbart aus dem Schornstein
und wieder in den Schornstein zurckflog, blieb ihm zufllig seine
Tasche, die ihm an der Seite hing und in die er den gestohlenen Mond
hineingesteckt hatte, im Ofen hngen und ging auf. Der Mond benutzte
diese Gelegenheit, flog aus dem Schornstein des Hauses der Solocha in
die Freiheit hinaus und stieg flugs zum Himmel empor. Alles wurde hell!
das Schneegestber war wie weggeblasen, der Schnee dehnte sich weit in
die Ferne wie ein groes silbernes Gefild, ber das kristallene Sterne
ausgestreut waren. Selbst der Frost schien etwas nachgelassen zu haben.
Burschen und Mdchen kamen in Scharen mit ihren Scken herbei. Die
Lieder schwirrten durcheinander, und beinahe vor keinem Fenster fehlten
Snger, die den heiligen Christ besangen.

Der Mond leuchtet wundersam vom Himmel herab! Es ist schwer zu
beschreiben, wie schn es ist, sich in solcher Nacht unter die Scharen
laut lachender Mdchen und Burschen zu mischen, die zu allen Spen und
losen Streichen aufgelegt sind, wie sie nur eine lustig verbrachte Nacht
eingeben kann. Unter dem dicken Pelze ist's warm; die Backen glhen nur
noch lebhafter vor Klte, und der Teufel scheint einen hinterrcks nur
so zu mutwilligen Stckchen zu treiben.

Scharen von Mdchen brachen mit Scken in Tschubs Haus ein und umringten
Oxana. Das Geschrei, das Gelchter und die Erzhlungen betubten den
Schmied. Alle beeilten sich, der Schnen etwas Neues zu erzhlen, sie
luden ihre Scke aus und prahlten mit dem Kuchen, den vielen Wrsten und
Krapfen, die ihnen ihr Straengesang bereits eingebracht hatte. Oxana
schien sehr vergngt und frhlich zu sein, schwatzte bald mit der einen,
bald mit der anderen und lachte ohne Ende.

Der Schmied sah dieses frhliche Treiben voller Neid und rger an, und
verfluchte diesmal das ganze Christsingen, obwohl er sonst wie besessen
darauf war.

Du, Odarka! rief die Schne lustig, zu einem der Mdchen gewandt, du
hast ja neue Schuhe an. Ach, wie reizend! Mit Goldstickerei! Du hast es
gut, Odarka, du hast jemand, der dir alles kauft, mir kauft niemand so
entzckende Schuhe.

Grm dich nicht, meine herzallerliebste Oxana! unterbrach sie der
Schmied. Ich will dir solche Schuhe schenken, wie sie selbst ein
Edelfrulein selten trgt!

Du? rief Oxana sofort und blickte ihn stolz an. Ich mchte doch
sehen, wo du solche Schuhe herkriegen willst, die an meine Fe passen.
Ja, wenn du mir die Schuhe brchtest, die die Zarin trgt ....!

Sieh einer an, was die will! riefen die Mdchen lachend.

Ja! fuhr die Schne stolz fort. Seid ihr meine Zeugen: wenn mir der
Schmied Wakula die Schuhe bringt, die die Zarin trgt, so habt ihr mein
Wort darauf, da ich sofort seine Frau werde.

Die Mdchen fhrten die launische Schne mit sich fort.

Lache nur, lache! sprach der Schmied, der gleich nach ihnen das Haus
verlie. Ich lache selbst ber mich! Ich grble und grble und kann's
nicht fassen, wo mein Verstand geblieben ist. Sie liebt mich nicht --
nun, da ist nichts zu ndern! Als ob's in der Welt nur die eine Oxana
gbe. Gott sei Dank, es gibt auch auer ihr noch viele nette Mdchen im
Dorfe. Was soll ich denn berhaupt mit der Oxana? Sie wird ja doch nie
eine gute Hausfrau; sie versteht es nur, sich zu putzen. Nein, nun ist's
genug! Nun soll die Narretei aufhren!

Aber gerade zur selben Zeit, als der Schmied diesen Entschlu fassen
wollte, fhrte ihm ein bser Geist Oxanas lachendes Antlitz vor Augen,
und das sprach hhnisch: Schmied, hol mir die Schuhe der Zarin, und ich
bin deine Frau! Und alles in ihm geriet in Wallung, und er dachte nur
noch an Oxana.

Scharen von Sngern: Burschen und Mdchen in getrennten Trupps eilten
aus einer Strae in die andere. Aber der Schmied schritt dahin, ohne
etwas zu sehen, und teilnahmslos gegen die Lustbarkeit, die er einst
mehr geliebt hatte, als alle andern Burschen.

                   *       *       *       *       *

Unterdessen wurde der Teufel allen Ernstes zrtlich gegen Solocha: er
kte ihr die Hand mit denselben Fratzen, mit denen der Assessor der
Popentochter die Hand zu kssen pflegt, legte seine Hand aufs Herz,
sthnte und erklrte geradeheraus, wenn sie nicht seine Leidenschaften
stillen und ihn nach Brauch und Sitte erhren wrde, wre er zu allem
fhig: er wrde sich ins Wasser strzen und seine Seele geradeswegs in
die Hlle schicken. Solocha war nicht so hartherzig; und dann unterhielt
der Teufel ja bekanntlich auch mit ihr eine alte Freundschaft. Sie
liebte es, sich von Anbetern umringt zu sehen, und selten war sie ohne
Gesellschaft. Diesen Abend gedachte sie jedoch allein zu verbringen,
denn alle angesehenen Bewohner des Dorfes waren zum Weihnachtsschmaus
beim Kster geladen. Aber es kam alles anders: Kaum hatte der Teufel
seine Werbung vorgebracht, da vernahmen sie pltzlich ein Klopfen und
die Stimme des beleibten Amtmanns vor der Tre. Solocha lief hin, um ihm
aufzumachen, der flinke Teufel aber sprang hurtig in einen der Scke.

Nachdem der Amtmann den Schnee von sich abgeschttelt und ein Glschen
Schnaps aus Solochas Hand entgegengenommen und ausgetrunken hatte,
erzhlte er, er sei nicht zum Kster gegangen, denn es habe sich ein
Schneegestber erhoben; da habe er in ihrer Stube Licht gesehen und sei
bei ihr eingekehrt, um den Abend mit ihr zu verbringen.

Kaum aber hatte der Amtmann das gesagt, als an die Tre geklopft wurde
und sich die Stimme des Ksters vernehmen lie. Versteck mich
irgendwo, flsterte der Amtmann, ich mchte jetzt nicht mit dem Kster
zusammentreffen.

Solocha berlegte lange, wo sie einen so dicken Gast verstecken knnte;
endlich whlte sie einen der grten Kohlenscke, schttete die Kohlen
in einen Zuber, und der feiste Amtmann kroch mitsamt seinem Schnurrbart,
Kopf und Mtze in den Sack.

Der Kster kam chzend und sich die Hnde reibend, herein, und erzhlte,
es sei niemand zu ihm zum Essen gekommen, er sei aber herzlich froh ber
die Gelegenheit, sich mit ihr unterhalten zu knnen, und habe sich nicht
einmal durch das Schneegestber davon abhalten lassen. Dann trat er
nher auf sie zu, rusperte sich, grinste, tippte mit seinen langen
Fingern auf ihren nackten vollen Arm und sagte mit einer Miene, in der
Schlauheit und Selbstzufriedenheit lagen: Was habt Ihr denn da,
reizende Solocha? Und indem er das sagte, sprang er etwas zurck.

Was kann das wohl sein! Ein Arm, Ossip Nikiforowitsch! antwortete
Solocha.

Hm! Ein Arm! Hhh! rief der Kster herzlich zufrieden ber diesen
Anfang und ging im Zimmer auf und ab.

Und was habt Ihr hier, teuerste Solocha? sprach er mit derselben
Miene, ging wieder auf sie zu, betappte ihren Hals mit seiner Hand und
sprang ganz so wie vorher wieder zurck.

Als ob Ihr das nicht seht, Ossip Nikiforowitsch, erwiderte die
Solocha, mein Hals ist es, und dies hier ist ein Halsband!

Hm! Ein Hals mit einem Halsband! Hhh! und der Kster ging wieder
ein paarmal im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hnde.

Und was habt Ihr hier, unvergleichliche Solocha? .... Es ist nicht
ganz sicher, was der Kster jetzt mit seinen langen Fingern berhrt
htte, denn auf einmal ertnte ein Klopfen an der Tr, und die Stimme
des Kosaken Tschub lie sich vernehmen.

Oh Gott, ein Fremder! rief der Kster erschrocken. Das soll nur
werden, wenn man eine Person meines Standes hier antrifft .... Vater
Kondrat wird es noch erfahren! .....................

Aber die Befrchtungen des Ksters lagen auf anderem Gebiet; am meisten
frchtete er, seine Ehehlfte knnte es erfahren, deren schreckliche
Hand ohnehin aus seinem dicken Priesterzopfe ein dnnes Mauseschwnzchen
gemacht hatte. Um Gottes willen, tugendhafte Solocha! sprach er, am
ganzen Leibe zitternd. Eure Gte, wie es im Evangelium Lucae heit,
Kapitel dreiz.... dreiz.... Man klopft, bei Gott, man klopft! Versteckt
mich doch nur irgendwo!

Solocha schttete die Kohlen aus noch einem Sack in den Zuber, und der
nicht besonders umfangreiche Kster kroch hinein und kauerte sich ganz
am Boden des Sacks zusammen, so da man noch einen halben Sack voll
Kohlen ber ihn hatte ausschtten knnen.

Gr Gott, Solocha! sagte Tschub, der jetzt in die Stube trat. Du
hast mich vielleicht nicht erwartet, was? Nicht wahr, du hast mich nicht
erwartet? Vielleicht stre ich? .... fuhr Tschub fort und lie auf
seinem Gesichte eine verschmitzte und vielsagende Miene sehen, aus der
man von vornherein erkennen konnte, wie sehr sein schwerflliger Kopf
sich abmhte, etwas recht Spitzes und Schelmisches zu sagen. Vielleicht
hast du dir gerade mit jemandem die Zeit vertrieben. Vielleicht hast du
doch jemanden versteckt, was? Und entzckt ber diese Bemerkung brach
Tschub in ein Gelchter aus, innerlich darber triumphierend, da nur er
allein Solochas Gunst geniee. Nun, Solocha, trinken wir jetzt ein
Schnpschen. Ich glaube, mir ist die Kehle ganz eingefroren von der
verfluchten Klte. Mute uns Gott gerad zu Weihnachten solch eine Nacht
schicken! Was das fr ein Schneetreiben war! hrst du, Solocha, was das
fr ein Schneetreiben war .... Mir sind die Hnde ganz steif geworden:
ich kann nicht einmal den Pelz aufknpfen! Wie das Schneegestber
losging ....

Mach auf! ertnte in diesem Augenblick eine Stimme von der Strae her,
die von einem Sto gegen die Tr begleitet wurde.

Es klopft jemand, sagte Tschub und hielt inne.

Mach auf! schrie es noch lauter.

Das ist der Schmied! rief Tschub und griff rasch nach der Mtze.
Hrst du Solocha, versteck mich, wo es auch sei, um keinen Preis der
Welt will ich mich hier vor dieser gottverdammten Migeburt sehen
lassen. Diesem Satanskind sollen doch gleich unter beiden Augen Blasen
anlaufen: so gro wie zwei Heuschober!

Solocha erschrak gleichfalls und rannte umher, als ob sie nicht ganz
gescheit wre. Ohne sich viel zu besinnen, machte sie Tschub ein
Zeichen, er solle in denselben Sack hineinkriechen, in dem bereits der
Kster steckte. Der arme Kster konnte nicht einmal durch Husten oder
chzen seinen Schmerz kundgeben, als sich der schwere Mann ihm beinah
auf den Kopf setzte und ihm seine hartgefrorenen Stiefel gegen die
Schlfen drckte.

Der Schmied trat ein und lie sich, ohne ein Wort zu reden, und ohne die
Mtze abzunehmen, auf eine Bank sinken. Er war ersichtlich schlechter
Laune.

Zur selben Zeit, als Solocha die Tr hinter ihm zumachte, ertnte ein
neues Klopfen. Es war der Kosak Swerbygus. Aber den htte man schon
nicht mehr in einem Sack verstecken knnen, denn ein solcher Sack war
nirgends mehr zu finden. Er war noch beleibter als selbst der Amtmann
und hher von Wuchs als Tschubs Gevatter. Daher fhrte ihn Solocha in
den Gemsegarten, um alles von ihm zu hren, was er ihr zu sagen hatte.

Der Schmied blickte zerstreut in alle Winkel seiner Stube und lauschte
ab und zu den weit vom Dorfe herber hallenden Liedern der Snger;
endlich blieben seine Augen an den Scken haften. Wozu liegen diese
Scke hier? Man htte sie schon lngst wegrumen sollen. Die dumme Liebe
hat mich ganz wirr gemacht. Morgen ist Feiertag, und in der Stube liegt
noch immer aller mgliche Plunder herum. Ich trage sie gleich in die
Schmiede!

Der Schmied kauerte sich neben den riesigen Scken hin, band sie fest
zusammen und machte sich daran, sie auf seine Schultern zu heben. Aber
es war ersichtlich, da seine Gedanken Gott wei wo herumspazierten;
sonst htte er hren mssen, wie Tschub keuchte, als ihm das Haar auf
dem Kopfe vom Strick festgeklemmt wurde, und wie der feiste Amtmann
ziemlich deutlich den Schlucken bekam.

Will mir diese abscheuliche Oxana denn gar nicht aus dem Sinne? sprach
der Schmied. Ich will nicht an sie denken; und doch kreisen meine
Gedanken, immerfort und wie zu Flei allein um sie. Wie kommt es, da
man wider Willen an etwas denken mu? Verflucht! Die Scke scheinen ja
schwerer geworden zu sein! Sicher hat man zu den Kohlen noch etwas
hinein gestopft. Ich Dummkopf. Ich vergesse ja ganz, da mir jetzt doch
alles schwerer erscheint. Frher konnte ich mit einer Hand
eine Fnfkopekenmnze und ein Hufeisen zusammen- und wieder
auseinanderbiegen, und jetzt kann ich nicht einmal mehr ein paar
Kohlenscke aufheben. Bald wird mich noch ein Windhauch umblasen ....
Nein! rief er nach einem kurzen Schweigen und fate Mut. Was bin ich
doch fr ein Frauenzimmer! Ich erlaube niemandem, ber mich zu lachen!
Und wenn es auch zehn solche Scke wren, -- ich trag sie alle weg! Und
rstig warf er sich die Scke ber die Schultern, diese Scke, die nicht
einmal zwei krftige Mnner htten aufheben knnen. Ich nehme auch den
da noch mit, fuhr er fort und hob den kleinen Sack in die Hhe, auf
dessen Boden der Teufel zusammengekauert lag. Da hab ich meine
Werkzeuge hineingetan. Mit diesen Worten verlie er das Haus, und vor
sich her summte er das Liedchen:

   Ach vom Weibe sollt ich lassen!

                   *       *       *       *       *

Immer lauter und lauter erklangen die Lieder und das Gelchter auf den
Straen. Den Scharen der umherziehenden Leute schlossen sich auch noch
solche an, die aus den kleineren Nachbardrfern herbeigekommen waren.
Die Burschen tobten umher und verbten nach Herzenslust allerhand
Streiche. Oft auch klang in die Weihnachtsgesnge ein lustiges Liedchen
hinein, das einer der jungen Kosaken eben erst verfat hatte. Oder
pltzlich sang einer aus der Menge statt eines Weihnachtsliedes ein
Silvesterliedchen und brllte aus vollem Halse:

   Silvester, Bester!
   Will lecken 'nen Wecken!
   Will papfen 'nen Krapfen!
   Will Wurst nach'm Durst!

Lautes Lachen belohnte den Spavogel. Die kleinen Fenster wurden
zurckgeschoben, und die drren Arme einer alten Frau, die allein mit
den wrdigen Vtern des Hauses daheimgeblieben war, streckten sich, mit
einer Wurst oder einem Stck Kuchen in der Hand, hervor. Die Burschen
und Mdchen hielten um die Wette ihre Scke unter und fingen die Beute
auf. An einer andern Stelle umringte ein Haufen von jungen Burschen
mehrere Mdchen. Da gab es Lrm und Geschrei; der eine warf einen
Schneeball, und ein anderer raubte einen Sack, der mit allerhand Kram
angefllt war. Wieder an einer anderen Stelle haschten Mdchen nach
einem Burschen, sie stellten ihm ein Bein, und er flog mitsamt seinem
Packen Hals ber Kopf zu Boden. Es schien, als ob sie die ganze Nacht
hindurch in toller Lust verbringen wollten. Die Nacht war, wie mit
Absicht, so herrlich und milde! Und noch heller und weier erschien der
Mondschein vom Leuchten des Schnees!

Der Schmied machte mit seinen Scken halt. Er glaubte die Stimme und das
feine Lachen Oxanas in der Mdchenschar vernommen zu haben. Er fhlte,
wie ihm ein Schauder durch alle Adern rann, warf die Scke zu Boden, so
da der Kster im Sack aufsthnte und der Amtmann aus vollem Halse
aufschluckte, und schlo sich mit dem kleinen Sack ber der Schulter dem
Haufen der Burschen an, die hinter der Schar der Mdchen herzogen, in
der er die Stimme Oxanas vernommen zu haben glaubte.

Sie ist es! Steht da wie eine Zarin, und ihre schwarzen Augen leuchten.
Ein stattlicher Bursch erzhlt ihr etwas; sicher etwas Ergtzliches,
denn sie lacht. Aber sie lacht ja immer. Und unwillkrlich und ohne zu
begreifen, wie es geschah, drngte sich der Schmied durch die Menge
hindurch und stellte sich an ihre Seite.

Ah, Wakula, du bist hier! Gr Gott! rief die Schne mit jenem
Lcheln, das Wakula beinah wahnsinnig machte. Nun, hast du dir viel
ersungen? He, was hast du denn da fr einen kleinen Sack bei dir! Und
die Stiefelchen der Zarin? hast du mir die schon gekriegt? Schaff mir
die Stiefelchen, so heirate ich dich .... Und lachend lief sie mit
einem Trupp Mdchen davon.

Der Schmied stand wie angewurzelt auf einem Fleck. Nein, ich kann
nicht; ich hab keine Kraft mehr .... rief er endlich. Himmel Herrgott,
warum ist sie nur so verteufelt schn? Ihr Blick, ihre Rede, alles
brennt in mir, glht und brennt! Nein, ich kann mich nicht mehr
berwinden. Es mu ein Ende gemacht werden. So geh denn zugrunde, meine
Seele! Ich will mich in einem Eisloch ertrnken, dann ist alles aus!

Er eilte entschiedenen Schritts voraus, holte die Mdchen ein, erreichte
Oxana und rief mit fester Stimme: Leb wohl, Oxana! Suche dir einen
Brutigam, wie du ihn haben magst, halte zum Narren, wen du willst; mich
wirst du nie mehr auf der Welt erblicken.

Die Schne schien erstaunt und wollte etwas sagen, aber der Schmied
wehrte mit der Hand ab und rannte davon.

Wohin, Wakula? schrien die Burschen, als sie den Schmied davonlaufen
sahen.

Lebt wohl, Brder! rief ihnen der Schmied zu. Wenn Gott will, sehn
wir uns in jener Welt wieder, in dieser werden wir uns nie mehr
zusammenfinden. Lebt wohl! Gedenkt meiner nicht in Bsem! Sagt dem Vater
Kondrat, er mge eine Totenmesse fr meine sndige Seele lesen. Ich wei
es, ich bin schuldig und habe die Kerzen an den Bildern des heiligen
Wundertters und der Mutter Gottes nicht bemalt, ich war zu sehr in
irdischen Dingen befangen. Mein ganzes Hab und Gut und alles, was sich
in meinem Kasten findet, vermach' ich der Kirche. Lebt wohl!

Nach diesen Worten lief der Schmied mit dem Sacke auf dem Rcken weiter!

Er ist von Sinnen! sprachen die Burschen.

Eine verlorene Seele! murmelte fromm eine vorbergehende Alte. Ich
mu doch gleich herumgehen und allen erzhlen, wie sich der Schmied
erhngt hat!

                   *       *       *       *       *

Unterdessen lief Wakula durch die Straen; endlich blieb er stehen, um
Luft zu schpfen. Wohin renne ich eigentlich so? dachte er. Als ob
wirklich alles verloren wre. Ich will noch das letzte Mittel versuchen.
Ich gehe zum Saporoger, zu Patzjuk Schmerbauch. Der soll doch alle
Teufel in der Welt kennen und alles machen knnen, was er will. Ich geh
zu ihm, meine Seele ist ja ohnehin verloren!

Der Teufel, der lange regungslos dagelegen war, hpfte im Sack vor
Freude; der Schmied aber glaubte, er selbst htte den Sack irgendwie mit
der Hand berhrt und diese Bewegung hervorgerufen, schlug mit seiner
mchtigen Faust auf den Sack, rttelte ihn und begab sich zu Patzjuk
Schmerbauch.

Dieser Schmerbauch Patzjuk war in der Tat vormals ein Saporoger Kosak
gewesen; aber niemand wute, ob er aus der Gemeinschaft vertrieben oder
von selbst davongelaufen war. Er lebte schon seit langem in Dikanka,
vielleicht an die zehn oder gar fnfzehn Jahre. Zuerst fhrte er den
Lebenswandel eines echten Saporogers: arbeitete nicht, schlief
dreiviertel des Tages, a wie sechs Drescher und trank einen ganzen
Eimer voll auf einen Zug; brigens hatte der auch bequem Platz, denn
obwohl Patzjuk klein von Statur war, war er doch recht stark in die
Breite gegangen. Dazu trug er so weite Pluderhosen, da seine Beine, so
lang er auch ausschreiten mochte, kaum zu sehen waren, und da es den
Eindruck machte, als ob sich eine Branntweinkufe die Strae entlang
bewege. Daher mochte wohl auch sein Spitzname Schmerbauch stammen. Noch
waren keine vierzehn Tage seit seiner Ankunft im Dorfe verstrichen, da
wute schon jedermann, da er ein Hexenmeister sei. Hatte jemand irgend
eine Krankheit, sogleich wurde Patzjuk gerufen, Patzjuk brauchte nur ein
paar Worte zu murmeln und das Gebrechen war wie mit der Hand
weggewischt. Oder geschah es, da einem unmigen Edelmann eine
Fischgrte in der Kehle stecken geblieben war, so verstand es Patzjuk,
den Rcken des Herrn so geschickt mit der Faust zu beklopfen, da die
Grte den rechten Weg einschlug, ohne der adligen Kehle auch nur den
leisesten Schaden zuzufgen. In der letzten Zeit hatte man ihn wenig
gesehen. Der Grund davon lag vielleicht in seiner Faulheit, vielleicht
aber auch in dem Umstande, da es ihm mit jedem Jahre schwerer wurde,
durch die Tr zu kommen. Und so muten denn die Leute zu ihm in sein
Haus kommen, wenn sie seiner bedurften.

Nicht ohne Furcht ffnete der Schmied die Tr und erblickte Patzjuk, der
wie ein Trke auf dem Boden und vor einem kleinen Fasse sa, auf dem
eine Schssel mit Klen stand. Diese Schssel stand wie mit Absicht
gerade vor seiner Nase. Ohne auch nur einen Finger zu rhren, neigte er
blo den Kopf leise ber die Schssel und schlrfte die Brhe ein, ab
und zu schnappte er auch mit den Zhnen nach einem Klo.

Nein, dachte Wakula bei sich, der da ist noch fauler als Tschub:
jener it doch wenigstens noch mit einem Lffel, dieser aber mag nicht
einmal die Hand aufheben!

Patzjuk war sicherlich mchtig mit seinen Klen beschftigt, denn er
schien das Kommen des Schmiedes gar nicht bemerkt zu haben; kaum aber
war dieser ber die Schwelle getreten, so machte er eine tiefe
Verbeugung.

Ich komme zu Euer Gnaden, Patzjuk! sagte Wakula und verbeugte sich von
neuem.

Der dicke Patzjuk erhob den Kopf und begann wieder die Klobrhe zu
schlrfen.

Die Leute sagen, -- nimm es mir nicht bel .... sagte der Schmied,
indem er sich selbst Mut zusprach, ich sag's nicht, um dich zu
beleidigen -- die Leute sagen, du bist mit dem Teufel verschwgert!

Kaum hatte Wakula diese Worte gesprochen, so erschrak er schon, denn er
dachte, er htte sich zu eindeutig ausgedrckt und die herben Worte
nicht gengend gemildert. Er erwartete, da Patzjuk das Fa mitsamt der
Schssel packen und ihm an den Kopf werfen wrde; darum wich er etwas
zur Seite und hielt sich den Arm vor, damit die heie Klobrhe ihm
nicht das Gesicht bespritze.

Aber Patzjuk blickte ruhig vor sich hin und a weiter.

Der Schmied entschlo sich ermutigt, fortzufahren: Ich komme zu dir,
Patzjuk; Gott schenke Dir viel Reichtum, gebe dir alles in Hlle und
Flle, und auch Brot in Proportion! Der Schmied verstand es sehr wohl,
ab und zu ein neumodisch Wrtchen in seine Rede einzuflechten. Das hatte
er sich whrend seines Aufenthaltes in Poltawa angewhnt, als er den
Bretterzaun des Hauptmanns tnchte. Ich armer Snder mu zugrunde
gehen!! Nichts in der Welt kann mir mehr helfen! Komme, was kommen mag.
Es bleibt mir nichts mehr brig, als den Teufel selbst um Beistand zu
bitten. Also, Patzjuk, rief der Schmied, als er bemerkte, da jener
unerschtterlich schwieg, was soll ich anfangen!

Wenn du den Teufel brauchst, so scher dich doch auch zum Teufel!
antwortete Patzjuk, richtete nicht einmal die Augen auf ihn, und fuhr
fort, seine Kle zu vertilgen.

Deshalb komme ich ja eben zu dir, erwiderte der Schmied mit einer
Verbeugung, auer dir, glaube ich, wei niemand den Weg zu ihm.

Patzjuk sprach kein Wort -- und a seine Kle zu Ende. Erbarm dich,
guter Mensch, schlag mir die Bitte nicht ab! drngte der Schmied. Ob
Schweinefleisch oder Wurst, ob Leinewand oder Hirse, -- oder
Buchweizenmehl, und alles, was du brauchst .... wie es so unter guten
Leuten Sitte ist .... es soll dir an nichts fehlen. Sage mir doch nur so
beispielsweise, welcher Weg zu ihm fhrt?

Der braucht nicht weit zu gehen, der den Teufel auf dem Buckel hat,
sprach Patzjuk gleichgltig, ohne seine Stellung zu verndern.

Wakula starrte ihn an, als stnde die Erklrung dieser Worte auf seiner
Stirne zu lesen. Was spricht er? schien seine Miene stumm zu fragen;
und sein halbgeffneter Mund bereitete sich vor, das erste Wort, das er
sagen wrde, zu verschlingen wie ein Klchen. Aber Patzjuk schwieg.

Da merkte Wakula, da weder Kle noch ein Fa vor Patzjuk standen;
statt dessen aber standen zwei Holzschsseln auf dem Boden: die eine war
mit Krapfen, die andere mit Rahm gefllt. Seine Gedanken und seine Augen
wandten sich unwillkrlich diesen Gerichten zu. Sehn wir mal zu, wie
Patzjuk die Krapfen essen wird, sagte er zu sich selbst. Er wird sich
sicher nicht bcken wollen, um sie mit dem Mund einzuschlrfen, wie die
Kle; es geht ja auch gar nicht: man mu den Krapfen ja zuerst in den
Rahm tunken!

Doch kaum hatte er dies gedacht, da sperrte Patzjuk seinen Mund weit
auf, blickte auf die Krapfen und ri dann den Mund noch weiter auf. Da
plantschte ein Krapfen aus der Schssel, fiel klatschend in den Rahm,
drehte sich auf die andere Seite, hpfte hoch empor und fiel ihm stracks
in den Mund. Patzjuk verzehrte den Krapfen, machte den Mund wieder auf,
und mit einem anderen Krapfen geschah dasselbe. Er selbst mute sich nur
die Mhe nehmen, zu kauen und ihn zu verschlucken.

Potztausend! dachte der Schmied und machte vor Verwunderung den Mund
weit auf; aber da merkte er, da auch ihm ein Krapfen in den Mund
hineinspazierte, und schon waren seine Lippen mit Rahm beschmiert. Der
Schmied stie den Krapfen verwirrt von sich, wischte sich die Lippen und
begann darber nachzudenken, was fr Wunder es doch in der Welt gbe,
und bis zu welchen Spitzfindigkeiten des Satans Macht einen Menschen
gelangen liee; und er sagte sich beilufig, da nur Patzjuk imstande
sei, ihm zu helfen.

Ich will mich noch einmal verbeugen, vielleicht sagt er's mir ....
Aber, Teufel! Morgen ist ja Weihnachten, und er it Krapfen -- das ist
doch kein Fastenessen! Was bin ich doch fr ein Dummkopf: steh da und
belade mich mit Snde! Zurck! .... Und der gottesfrchtende Schmied
strzte aus dem Hause.

Da aber konnte der Teufel, der im Sack sa und sich schon im Voraus
gefreut hatte, vor Angst, es knne ihm eine so groartige Beute
entgehen, nicht mehr an sich halten. Kaum lie der Schmied den Sack zu
Boden gleiten, so sprang er flugs hinaus und setzte sich rittlings auf
seinen Hals.

Den Schmied berlief es kalt; er erschrak, wurde totenbleich, und wute
einfach nicht, was er tun sollte; schon wollte er sich bekreuzigen ....
Aber der Teufel neigte sein Hundeschnuzchen an Wakulas rechtes Ohr und
sagte: Ich bin's, dein Freund; ich werde alles fr meinen Kameraden und
Genossen tun! Ich gebe dir Geld, soviel du willst, murmelte er ihm ins
linke Ohr. Oxana wird heute noch die Unsere sein, flsterte er, sein
Maul wieder zum rechten Ohr neigend. Der Schmied stand da und sann.
Schn, sagte er endlich, um diesen Preis bin ich bereit, dir
anzugehren!

Der Teufel schlug die Hnde zusammen und begann vor Freude auf dem Halse
des Schmiedes auf und ab zu hpfen. Jetzt habe ich den Schmied! dachte
er bei sich. Gut, mein Tubchen, du sollst mir all deine Malereien und
Schmierereien, mit denen du den Teufel verspottet hast, bezahlen! was
werden meine Genossen dazu sagen, wenn sie erfahren, da der frmmste
Mann des Dorfes in meinen Hnden ist?

Und der Teufel lachte und stellte sich vor, wie er in der Hlle die
geschwnzte Rotte necken werde; und wie der hinkende Teufel, der als
Meister aller satanischen Streiche galt, Wut schnauben wrde.

Na Wakula! piepste der Teufel, der den Hals des Schmiedes immer noch
nicht verlassen hatte, gerade als ob er befrchtete, jener knne ihm
entwischen. Du weit ja, da ohne Vertrag nichts unternommen wird.

Ich bin bereit! sagte der Schmied. Wie ich gehrt habe, unterzeichnet
man bei euch die Vertrge mit Blut; halt, ich hol mir nur einen Nagel
aus der Tasche!

Dabei griff er mit der Hand nach hinten -- und siehe -- er hatte den
Teufel am Schwanze gepackt.

Ei ei, du Schker! rief der Teufel lachend, jetzt aber la los, genug
der Schelmenstreiche!

Nein, warte mein Tubchen! schrie der Schmied. Und was sagst du
dazu? Dabei machte er das Zeichen des Kreuzes, und der Teufel wurde
lammstill. Warte mal! rief er und zerrte ihn am Schwanze zu Boden.
Ich will dich lehren, ehrliche Leute und anstndige Christenmenschen in
Snden zu strzen.

Und der Schmied sprang rittlings auf ihn und hob die Hand empor, um das
Zeichen des Kreuzes zu machen.

Hab Erbarmen, Wakula! sthnte der Teufel klglich. Ich tue ja alles,
was du willst; nur verschone mich; lege mir nur nicht dies furchtbare
Kreuz auf.

Jetzt singst du schon ein andres Lied, du gottverdammter Welschling du!
Nun wei ich, was ich zu tun habe. Fhre mich sofort im Ritt auf und
davon. Hrst du? eile dahin wie ein Vogel!

Wohin? rief der Teufel traurig.

Nach Petersburg, geradewegs zu der Zarin! Aber da erstarrte der
Schmied vor Schreck, denn er fhlte, wie er in die Lfte emporgehoben
wurde.

                   *       *       *       *       *

Noch lange stand Oxana da und dachte an die sonderbaren Reden des
Schmieds. Schon regte sich etwas in ihrem Innern und raunte ihr zu, sie
habe ihn zu hart behandelt. Und wenn er sich wirklich etwas
Schreckliches antut? Nichts ist unmglich! Vielleicht verliebt er sich
noch am Ende aus Kummer in eine andere und wird sie aus lauter Aerger
fr die Schnste im Dorfe erklren. Aber nein, er liebt mich. Ich bin ja
auch so schn! Er wird mir keine andere vorziehen; er treibt nur Unsinn
und tut nur so. Es werden noch keine zehn Minuten verstreichen, und er
wird wiederkommen, um mich zu sehen. Ich bin wirklich zu hartherzig. Ich
mu mich einmal scheinbar widerwillig von ihm kssen lassen. Das wird
eine Freude fr ihn sein! Und die leichtsinnige Schne fing schon
wieder an, mit ihren Freundinnen zu scherzen.

Halt! rief die eine von ihnen, der Schmied hat seine Scke vergessen;
o schaut nur, was fr grliche Scke das sind! Er hat ganz andre
Geschenke fr seinen Gesang bekommen als wir; ich glaube, man hat ihm
ein ganzes Viertel von einem Hammel geschenkt, und sicherlich Wrste und
Brote ohne Zahl. Prchtig! Da kann man die ganzen Feiertage davon
essen.

Sind das die Scke des Schmiedes? rief Oxana. Schleppen wir sie doch
zu mir in die Stube und sehn wir zu, was er alles drin hat.

Alle billigten lachend diesen Vorschlag.

Aber wir knnen sie nicht in die Hhe heben! rief auf einmal die ganze
Schar, die bemht war, die Scke vom Platze zu rcken.

Halt, meinte Oxana, holen wir einen Schlitten und schleppen wir sie
auf dem Schlitten zu mir!

Und die ganze Schar lief fort, um einen Schlitten zu holen.

Den Gefangenen wurde indessen in den Scken die Zeit gewaltig lang, wenn
auch der Kster sich ein tchtiges Loch in den Sack gebohrt hatte. Wren
keine Leute dagewesen, so htte er vielleicht auch noch ein Mittel
gefunden, herauszukriechen; aber in Gegenwart aller aus dem Sack zu
kriechen, sich lcherlich zu machen .... dieser Gedanke hielt ihn
zurck, und er beschlo daher, zu warten; und nur hie und da sthnte er
unter Tschubs unhflichen Stiefeln schmerzlich auf. Tschub selbst aber
sehnte sich nicht minder nach Freiheit, denn er fhlte, da ein gewisses
Etwas unter ihm lag, auf dem ganz grauenhaft unbequem zu sitzen war.
Sobald er aber vom Entschlu seiner Tochter vernahm, beruhigte er sich
und wollte jetzt schon selbst nicht mehr zum Vorschein kommen, denn er
dachte daran, da es bis zu seinem Hause noch mindestens hundert Schritt
oder gar noch mehr waren; htte er aber hinauskriechen wollen, so htte
er seine Kleidung ordnen, den Pelz zuknpfen, und sich den Gurt umbinden
mssen -- welche Arbeit! Und dann war auch seine Mtze bei der Solocha
geblieben. Da sollten ihn doch lieber die Mdel nach Hause fahren! Es
kam jedoch ganz anders, als Tschub erwartet hatte. Whrend die Mdchen
davonliefen, um einen Schlitten zu holen, trat der hagere Gevatter
verstrt und migestimmt aus dem Wirtshaus. Die Schankfrau hatte sich
durchaus nicht entschlieen knnen, ihm zu borgen. Er wollte im
Wirtshause abwarten, ob nicht irgendein frommer Edelmann kommen und ihm
was vorsetzen wrde; aber wie zum Trotz waren alle Edelleute zu Hause
geblieben und verzehrten als ehrliche Christen ihren Weihnachtskuchen
inmitten ihrer Familie. Wie nun der Gevatter so ber die allgemeine
Sittenverderbnis und das steinerne Herz des Judenweibs, das den Schnaps
feilhielt, nachdachte, stie er pltzlich auf die Scke und blieb
erstaunt stehen. Schau, schau, hier hat jemand Scke auf die Strae
geworfen! sagte er und sah sich um. Wahrscheinlich ist Schweinefleisch
drin. Es gehrt doch ein groes Glck dazu, sich so viel zu ersingen!
Was fr riesige Scke! Angenommen selbst, sie wren nur mit
Buchweizenbroden und Brezeln gefllt, das wr' auch gar nicht bel, aber
selbst wenn nur einfaches Brot darin wre, so liee ich mir auch das
gefallen: die verfluchte Jdin gibt ein Achtel Schnaps fr jeden Laib.
Ich will sie rasch fortschleppen, so da niemand es sieht.

Da wlzte er sich den einen Sack, gerade den mit Tschub und dem Kster,
auf die Schulter, fhlte jedoch, da er zu schwer sei. Nein, fr mich
allein ist der zu schwer, rief er. Aber da kommt ja gerad wie gerufen
der Weber Schapuwalenko. Gr Gott, Ostap!

Guten Abend! erwiderte der Weber und blieb stehen.

Wohin gehst du?

Ganz ohne Ziel, wohin mich gerad die Fe tragen.

Hilf mir doch die Scke forttragen, lieber Mensch, da hat jemand seine
Weihnachtsgeschenke hergeschleppt und sie mitten auf der Strae
hingeschmissen. Wir wollen das Gut redlich unter uns teilen.

Die Scke? Und was ist drin? Kuchen oder Brot?

Ich glaube, es ist von allem etwas drin.

Sie rissen schnell eine Latte vom Zaun, legten die Scke darauf und
trugen sie auf den Schultern fort.

Wohin wollen wir sie tragen? Ins Wirtshaus? fragte der Weber
unterwegs.

Ich hab's mir auch gedacht; aber die verdammte Jdin wird uns am Ende
nicht recht trauen, sie wird glauben, wir htten sie gestohlen, und
auerdem _komme_ ich gerade aus dem Wirtshaus. Tragen wir den Sack zu
mir. Niemand wird uns stren: meine Frau ist nicht zu Hause.

Ist sie auch sicher nicht zu Hause? fragte der vorsichtige Weber.

Wir sind ja, Gott sei Dank, noch bei vollem Verstande, sagte der
Gevatter, nur der Teufel knnte mich dorthin bringen, wo sie jetzt ist.
Ich glaube, sie wird sich bis morgen frh mit den Weibern herumtreiben.

Wer ist da? rief die Frau des Gevatters, als sie den Lrm hrte, den
die beiden Freunde im Flur mit dem Sack machten, und ffnete die Tr.

Der Gevatter war starr vor Schrecken.

Na, da haben wir die Bescherung! rief der Weber und lie die Arme
sinken.

Des Gevatters Frau war so ein Juwel, wie es deren durchaus nicht wenige
in der Welt gibt. Genau wie ihr Gemahl sa sie fast niemals zu Hause und
schmarotzte fast den ganzen Tag lang bei allerhand Basen und
wohlhabenden Muhmen umher, schmeichelte sich bei ihnen ein, a mit
vielem Appetit und prgelte sich nur am Morgen mit ihrem Manne herum,
denn blo um diese Tageszeit pflegte sie ihn zuweilen zu sehen. Ihre
Htte war doppelt so alt wie die Pluderhosen des Gemeindeschreibers. Das
Dach hatte an manchen Stellen gar kein Stroh mehr, und vom Zaun waren
nur noch ein paar klgliche berreste brig, denn kein Mensch pflegte
beim Ausgehen noch einen Stock zur Abwehr der Hunde mitzunehmen, weil
jeder hoffte, am Gemsegarten des Webers vorberzugehen und sich da
einen Knppel aus seinem Zaun reien zu knnen. Der Ofen wurde oft drei
Tage lang nicht geheizt. Alles, was die zrtliche Gattin bei gutherzigen
Leuten zu erbetteln pflegte, verbarg sie mglichst vor ihrem Manne, und
manchmal nahm sie sogar Sachen als Beute an sich, die ihm gehrten,
falls er sie noch nicht in der Schenke versoffen hatte. Der Gevatter
wollte ihr trotz seiner ewigen Gleichgltigkeit doch nicht nachgeben,
daher verlie er auch das Haus fast immer mit ein paar Beulen unter
beiden Augen, und die geschtzte Ehehlfte trollte sich chzend zu ihren
alten Weibern, um ihnen von der Lderlichkeit ihres Mannes und von den
Schlgen vorzuklatschen, die sie zu ertragen hatte.

Man kann sich ausmalen, wie verblfft der Weber und der Gevatter durch
ihr unerwartetes Erscheinen waren. Sie lieen den Sack zu Boden sinken,
stellten sich vor ihn hin und bedeckten ihn mit ihren Rockschen; aber
schon war es zu spt; des Gevatters Frau hatte den Sack schon erblickt,
obwohl ihre alten Augen nur noch schlecht sahen. Das ist aber fein!
sagte sie mit einer Miene, in der die Freude eines Habichts aufzuckte.
Das ist fein, da ihr euch so viel zusammengesungen habt! Anstndige
Leute machen es immer so. Aber nein, ich glaube doch, ihr habt es
irgendwo stibitzt. Zeigt mir's sofort, hrt ihr, zeigt mir sofort, was
ihr in eurem Sacke habt!

Vielleicht zeigt dir's ein kahlkpfiger Teufel, aber nicht wir, sagte
der Gevatter und stellte sich in Positur.

Was geht dich das an? sagte der Weber, _wir_ haben das fr unseren
Gesang bekommen und nicht du!

Nein, du sollst es mir zeigen, du nichtsnutziger Trunkenbold! rief die
Frau, versetzte dem langaufgeschossenen Gevatter einen Schlag unters
Kinn und drngte sich an den Sack heran. Jedoch der Weber und der
Gevatter verteidigten den Sack tapfer und ntigten sie zum Rckzuge.
Kaum aber hatten sie Zeit, sich recht zu besinnen, als die Gattin schon
mit einem Feuerhaken in der Hand wieder auf den Flur herausgerannt kam.
Sie schlug ihrem Mann flink mit dem Haken auf die Hnde und dem Gevatter
bern Rcken, und schon stand sie neben den Scken.

Warum haben wir sie herangelassen? rief der Weber, als er wieder zu
sich gekommen war.

Ja, warum haben wir sie herangelassen! Warum hast du sie
herangelassen? sagte der Gevatter kaltbltig.

Ihr habt wohl einen eisernen Ofenhaken! sagte der Weber nach kurzem
Schweigen, indem er sich den Rcken kratzte. Meine Frau hat im vorigen
Jahr auf dem Jahrmarkt einen Ofenhaken gekauft und ein halb Schock Eier
fr ihn gegeben: der ist besser ..... er tut nicht so weh ......!

Unterdessen stellte die triumphierende Gattin ihr Lmpchen auf den
Boden, band den Sack auf und blickte hinein.

Aber ihre alten Augen, die den Sack doch so gut wahrgenommen hatten,
tuschten sie wohl diesmal. He, da liegt ja ein ganzer Eber! rief sie,
vor Freude in die Hnde klatschend.

Ein Eber! Hrst du, ein ganzer Eber! rief der Weber und puffte den
Gevatter in die Seite, du allein hast an allem schuld!

Was ist da zu machen! rief der Gevatter achselzuckend.

Was? Warum stehen wir auch so ruhig da? Nehmen wir ihr doch den Sack
ab! Pack dich!

Vorwrts marsch, du Teufelsweib! Der Eber gehrt uns! rief der
Gevatter und rckte vor. Seine Gattin griff wieder zum Ofenhaken, aber
in diesem Augenblick kroch Tschub aus dem Sack und stellte sich
breitbeinig mitten im Flur hin, indem er sich dehnte und reckte, wie ein
Mensch, der soeben aus einem langen Schlafe erwacht ist.

Des Gevatters Frau stie einen Schrei aus, schlug die Hnde zusammen,
und alle miteinander sperrten unwillkrlich die Muler auf.

Was faselt sie da von einem Eber, diese Nrrin! Das ist doch kein
Eber, sagte der Gevatter, die Augen weit aufreiend.

Sieh einer an, was fr einen Kerl sie da in den Sack gesteckt haben!
rief der Weber, vor Schreck zurckweichend. Sag, was du willst, ich
will auf der Stelle platzen, wenn da nicht der Bse seine Hand im Spiel
hat. Der da kann doch durch kein Fenster, geschweige denn in einen Sack
geraten!

Das ist ja Gevatter Tschub! rief der Gevatter, als er nher zusah.

Und was dachtest du? rief Tschub schmunzelnd. Was? habe ich euch
einen Schabernack gespielt? Ihr wolltet mich wohl schon gar verspeisen,
wie ein Stck Schweinefleisch? Wartet nur, ich will euch noch eine
Freude bereiten: im Sacke liegt noch etwas, wenn das kein Eber ist, so
ist's sicher ein Ferkel oder irgendein anderes Vieh. Es hat fortwhrend
unter mir gezappelt.

Der Weber und der Gevatter strzten sich auf den Sack, die Hausfrau
klammerte sich auf der anderen Seite an ihn und das Gefecht wre wieder
losgegangen, wenn nicht der Kster, der einsah, da er sich nirgends
mehr verbergen konnte, von selbst aus dem Sacke herausgekrochen wre.

Die Frau des Gevatters wurde starr wie Stein und lie den Fu los, an
dem sie den Kster bereits aus dem Sacke ziehen wollte.

Also noch einer! rief der Weber in heller Angst. Der Teufel mag
wissen, was in der Welt los ist .... Der Kopf dreht sich mir im Kreise
herum .... Weder Wrste noch Brot, sondern lauter Menschen wirft man
jetzt in die Scke!

Das ist der Kster! rief Tschub, der noch mehr erstaunt war, als die
anderen. Da haben wir's! Ei, ei, die Solocha! Die Menschen in einen
Sack zu stecken .... Ich dachte mir gleich: warum ist nur die Stube
voller Scke .... Jetzt wei ich alles: bei ihr saen zwei Kerle in
jedem Sacke. Und ich glaubte, da sie mir allein .... Ei, ei! diese
Solocha!

                   *       *       *       *       *

Die Mdchen waren einigermaen erstaunt, als sie den einen Sack nicht
mehr fanden.

Nun, da ist nichts zu machen, wir werden auch an dem anderen genug
haben! meinte Oxana.

Alle ergriffen den Sack und wlzten ihn auf den Schlitten. Der Amtmann
beschlo zu schweigen, denn er bedachte die Folgen, wenn er schrie, man
solle den Sack aufbinden; die dummen Mdel wrden auseinanderlaufen,
wrden glauben, im Sacke sitze der Teufel, und er mte dann vielleicht
bis morgen auf der Strae bleiben.

Indes flogen die Mdchen, Hand in Hand, wie der Sturmwind mit dem
Schlitten ber den knisternden Schnee. Einige von ihnen setzten sich
mutwillig auf den Schlitten; und manche setzten sich sogar auf den
Amtmann selbst. Der Amtmann aber war entschlossen, alles zu ertragen.

Endlich waren sie angekommen, sie rissen die Tren zum Flur und zur
Stube weit auf und schleppten den Sack unter lautem Gelchter hinein.

Sehn wir zu, was drin ist, riefen alle auf einmal und beeilten sich,
ihn aufzubinden.

Da aber wurde der Schlucken, der nicht aufgehrt hatte, den Amtmann
whrend der ganzen Zeit seines Aufenthalts im Sack zu qulen, so arg,
da der laut aufzuschlucksen und zu husten begann.

Ach, da sitzt ja jemand drin! schrien alle, und strzten erschrocken
zur Tr.

Was Teufel! Wohin rennt ihr denn alle, als ob ihr nicht gescheit seid?
fragte Tschub, der in die Tre trat.

O, Vater! rief Oxana, im Sacke sitzt jemand!

Im Sacke? Wo habt ihr diesen Sack her?

Der Schmied hat ihn mitten auf die Strae hingeschmissen, riefen alle
zugleich.

Na also; hab ich's nicht gleich gesagt? .... dachte Tschub bei sich.
Worber seid ihr so erschrocken? Wir wollen doch mal nachsehn. Holla,
Menschenskind -- nimm's mir nicht bel, da ich dich nicht bei deinem
Vor- und Zunamen rufe -- kriech mal aus dem Sack heraus!

Der Amtmann kroch heraus.

Ah! riefen die Mdchen.

Auch der Amtmann war also dabei, sprach Tschub verblfft zu sich, und
ma ihn vom Kopfe bis zu den Fen. So so? .... Hehe! .... Mehr konnte
er nicht hervorbringen.

Der Amtmann selbst war nicht minder verlegen und wute nicht, was er
anfangen sollte. Es ist wohl recht kalt drauen? fragte er, zu Tschub
gewandt.

Ein mchtiges Frostwetter, antwortete Tschub. Darf ich dich fragen:
womit schmierst du eigentlich deine Stiefel: mit Schmalz oder mit Teer?
Er hatte natrlich etwas ganz andres sagen wollen, und fragen wollen:
Wieso kommst du, der Amtmann, in den Sack? und er wute selbst nicht,
wie es kam, da er etwas ganz anderes gesagt hatte.

Mit Teer ist's besser, erwiderte der Amtmann. Leb wohl, Tschub! Und
er drckte die Mtze in die Stirn und verlie die Stube.

Warum habe ich so dumm gefragt, womit er seine Stiefel schmiert! rief
Tschub, auf die Tr blickend, durch die der Amtmann hinausgegangen war.
Ei, ei, diese Solocha! Solch einen Herrn in den Sack zu stecken! Dieses
Teufelsweib! Und ich Dummkopf .... Aber wo ist nur der verfluchte Sack
geblieben?

Ich habe ihn in die Ecke geschmissen, es ist nichts mehr drin, sagte
Oxana.

Ich kenne diese Scherze schon. Nichts drin! Gib ihn mal her: dort sitzt
doch noch jemand! Schttelt ihn nur mal ordentlich. Wie? ist wirklich
nichts drin? Ei, _so_ ein verfluchtes Weibsbild! Und dabei ist sie von
Aussehen die reinste Heilige, als ob sie noch nie was anderes als
Fastenspeisen gekostet htte .....!

Aber lassen wir Tschub in aller Gemtlichkeit seinen rger verpuffen und
kehren wir zu dem Schmied zurck; denn es geht gewi schon in die neunte
Stunde.

                   *       *       *       *       *

Zuerst war's Wakula sehr unheimlich zumute, besonders als er so hoch
oben schwebte, da er unten auf der Erde nichts mehr unterscheiden
konnte, und als er wie eine Fliege hart am Monde vorbeigeflogen kam, so
da er, htte er sich nicht etwas gebckt, den Mond mit der Mtze
gestreift htte. Bald darauf fate er jedoch Mut, und begann wieder ber
den Teufel zu scherzen. Es ergtzte ihn auerordentlich, wie der Teufel
jedesmal, wenn Wakula sein Kreuz aus Zedernholz vom Halse nahm und es
ihm vor die Nase hielt, niesen und prusten mute. Absichtlich erhob er
die Hand, um sich den Kopf zu kratzen, aber der Teufel dachte, er greife
nach dem Kreuze und flog noch rascher dahin. Alles in der Hhe leuchtete
hell. Die Luft schimmerte durchsichtig in dem sanften silbernen Nebel.
Alles war klar zu sehen und man konnte sogar wahrnehmen, wie ein
Zauberer rittlings auf einem Topfe sitzend an ihnen vorberjagte, wie
die Sterne, zu einem Haufen geballt, Blindekuh spielten, wie ein ganzes
Rudel Geister sich gleich Wolken dahin wlzte, wie ein im Mondschein
tanzender Teufel beim Anblick des daherreitenden Schmiedes die Mtze
zog, und wie ein Besen, auf dem offensichtlich soeben eine Hexe zu ihrem
Ziel geritten war, heimwrts flog ......! Und noch vieles andere und
mancherlei bses Gesindel trafen sie auf ihrem Wege. Beim Anblick des
Schmiedes machten alle halt, um ihn anzusehen, und dann rasten sie zu
ihren Verrichtungen weiter; der Schmied flog immer weiter und weiter,
und auf einmal leuchtete Petersburg ganz in Feuer gehllt vor ihm auf.
(Damals fand dort aus irgend einem Anla gerade eine Illumination
statt.) Der Teufel flog ber den Schlagbaum hinweg, verwandelte sich in
ein Ro, und der Schmied fand sich pltzlich mitten auf der Strae auf
einem hitzigen Renner wieder.

Himmel Herrgott! War das ein Lrmen, Rasseln und Funkeln; auf beiden
Seiten ragten vier Stockwerk hohe Mauern in die Hhe; das Stampfen der
Pferdehufe und das Rollen der Wagenrder hallte donnernd aus allen vier
Himmelsrichtungen wider; da schossen Huser empor und schienen auf
Schritt und Tritt der Erde zu entsteigen; Brcken bebten; Equipagen
flogen dahin, Kutscher und Vorreiter brllten; der Schnee pfiff unter
den tausenden, von allen Seiten vorbeifliegenden Schlitten; die
Fugnger drckten sich ngstlich an die Huser, die mit Lmpchen
berst waren; und ihre riesigen Schatten huschten ber die Wnde und
reichten mit den Kpfen bis an die Dcher und Schornsteine.

Voller Staunen sah sich der Schmied nach allen Seiten um. Es schien ihm,
als ob alle diese Huser ihre zahllosen Feueraugen auf ihn richteten und
ihn anschauten. Soviel feine Herren in ihren mit Tuch berzogenen Pelzen
erblickte er, da er nicht wute, vor wem er zuerst die Mtze ziehen
sollte. O Gott, wieviel Herrschaften es hier gibt! dachte der Schmied.
Ich glaube, hier ist jeder, der einem auf der Strae in einem Pelz
begegnet, Assessor und wieder Assessor! Und die, die in diesem
wunderbaren Wagen mit Glasscheiben dahinfahren, sind, wenn nicht
Brgermeister, so doch sicherlich Kommissre oder vielleicht sogar noch
mehr. Hier wurden seine Betrachtungen durch eine Frage des Teufels
unterbrochen: Soll ich gradeswegs zur Zarin? -- Nein, ich habe
Angst! dachte der Schmied. Ich wei nicht, hier sind doch irgendwo die
Saporoger Kosaken abgestiegen, die im Herbst durch Dikanka gekommen
sind. Sie fuhren mit einem Schreiben zur Zarin; nicht bel wre es, sie
um Rat zu fragen. He, Satan! kriech mir in die Tasche und fhre mich zu
den Saporogern!

Im Nu magerte der Teufel ab und wurde so klein, da er ohne Mh zu ihm
in die Tasche hineinhpfen konnte. Noch bevor Wakula sich umzusehen
vermochte, stand er schon vor einem riesigen Hause und, ohne selbst zu
wissen wie, stieg er die Treppe empor, machte die Tre auf und prallte
ein wenig zurck vor dem blendenden Glanze, als er das geschmckte
Gemach erblickte; doch er fate wieder etwas Mut, als er die Saporoger
erkannte, die durch Dikanka gekommen waren, und die nun auf seidenen
Sofas saen: mit geteerten Stiefeln an den bereinandergeschlagenen
Beinen, und den allerstrksten Tabak rauchten, jenen Tabak, den man
gewhnlich Wurzeltabak nennt.

Gr Gott, Herrschaften! Helf euch Gott! Wo wir uns wiedersehn! sprach
der Schmied, trat nher und verbeugte sich tief bis zur Erde.

Was ist das fr ein Mensch? fragte der dem Schmied zunchst Sitzende
einen andern, der etwas abseits sa.

Habt ihr mich nicht wiedererkannt? rief der Schmied. Ich bins ja, der
Schmied Wakula! Als ihr im Herbst durch Dikanka kamt, da wart ihr ja
zwei Tage lang bei mir zu Gaste, Gott schenke euch Gesundheit und langes
Leben. Ich hab euch doch noch damals einen neuen Reifen ans Vorderrad
eures Wagens geschlagen!

Ah! rief da der Saporoger, das ist ja derselbe Schmied, der so
groartig malt. Gott zum Gru, Landsmann! Was fhrt dich hierher?

Ich wollte mich nur ein wenig umsehen .... Man sagt ja ....

Nun, Landsmann, rief der Saporoger wichtig und da er zeigen wollte,
da er nicht blo seine Kosaken-Mundart, sondern auch reinstes Russisch
sprechen konnte, sagte er: Eine gewoltige Stadt, wie?

Der Schmied wollte sich auch nicht blostellen und als Neuling zeigen,
auerdem verstand er sich auch selbst auf die Schriftsprache, wie wir
bereits oben zu bemerken Gelegenheit hatten, und so antwortete er ruhig:
Eine mchtige Goubernie! Hier gibt's unstreitig groe Huser, und
meisterhafte Bilder hngen darin. Gar viele Huser sind mit kstlichen
Lettern aus Blattgold bemalt. Man mu zugeben, eine herrliche
Proportion!

Als die Saporoger den Schmied so frei sich ausdrcken hrten, bekamen
sie die gnstigste Meinung von ihm.

Wir wollen uns spter weiter unterhalten, Landsmann: Jetzt mssen wir
gleich zur Zarin fahren.

Zur Zarin? O seid so lieb, meine Herren, nehmt mich auch mit!

Dich? rief der Saporoger in einem Ton, wie etwa ein Kinderwrter zu
seinem vierjhrigen Zgling redet, der bittet, ihn auf ein groes Pferd
zu setzen.

Was willst du denn dort? Nein, das geht nicht. Dabei nahm sein Gesicht
eine wichtige Miene an. Wir mssen mit der Zarin ber unsere eigenen
Angelegenheiten reden, Bruder!

Nehmt mich doch mit! drngte der Schmied. Bitte du sie! flsterte er
dem Teufel leise zu, indem er mit der Faust auf seine Tasche schlug.

Kaum aber hatte er das gesagt, als ein anderer Saporoger ausrief:
Nehmen wir ihn doch wirklich mit, Brder!

Uns ist's recht, nehmen wir ihn mit! sprachen die Anderen.

So leg ein Kleid an, wie wir es tragen.

Der Schmied beeilte sich, einen grnen Schupan anzuziehen, als auf
einmal die Tr aufging und ein Mann mit Tressen am Rock eintrat und
sagte, es sei die hchste Zeit, abzufahren.

Dem Schmied war es wieder wunderlich zumute, als er in der riesigen
Kalesche dahinfuhr, die auf Sprungfedern hin und her schaukelte; und als
die vierstckigen Huser auf beiden Seiten an ihm vorbeirannten, und das
Pflaster mit Gepolter wie von selbst unter den Fen der Pferde
dahinzurollen schien.

O Gott, wie hell es ist! dachte der Schmied bei sich, bei uns ist es
nicht einmal am Tage so hell!

Die Wagen hielten vor einem Palaste. Die Saporoger stiegen aus, traten
auf den prchtigen Vorplatz und begannen die blendend beleuchtete Treppe
hinaufzusteigen.

Was fr eine Treppe! flsterte der Schmied vor sich hin, es wre doch
schade, mit den Fen drauf zu treten. Welch ein Schmuck! Und da sage
noch einer: die Mrchen lgen! Wahrlich, die lgen nicht! O Gott, mein
Gott, was fr ein Gelnder! Was fr eine Arbeit! Da hat man allein frs
Eisen mindestens fnfzig Rubel ausgegeben!

Oben angelangt, durchschritten die Saporoger den ersten Saal. Scheu
folgte ihnen der Schmied, voller Angst, er knnte bei jedem Schritt auf
dem Parkett ausgleiten. Drei Sle durchschritten sie und der Schmied war
noch immer nicht aus seiner Verwunderung herausgekommen. Wie sie in den
vierten Saal traten, ging er unwillkrlich an ein Gemlde heran, das an
der Wand hing. Es war ein Bild der heiligen Jungfrau mit dem Sohne auf
dem Arm.

Was fr ein Bild! Was fr eine wunderbare Malerei! dachte er und
stellte seine Betrachtungen an. Es sieht aus, als wollte es reden! Wie
lebendig es ist! Und das Christkind! Wie es die Hndchen faltet und
lchelt, das rmste! Und diese Farben! O Gott! Welche Farben! Da hat man
wohl auch nicht fr eine Kopeke Ocker gebraucht, glaub ich, sondern
nichts als Karmin und Grnspan. Und wie das Blau leuchtet! Eine
meisterhafte Arbeit. Der Grund ist wahrscheinlich mit dem kostbarsten
Bleiwei angelegt. Aber wenn diese Malerei wunderbar ist, so ist doch
dieser Messinggriff noch mehr der Bewunderung wrdig, fuhr er fort,
indem er an die Tr trat und das Schlo betastete. Was fr eine saubere
Arbeit! Ich bin sicher, das alles ist von auslndischen Schmieden
gemacht und die haben sich sicherlich die hchsten Preise dafr zahlen
lassen.

Der Schmied wre vielleicht noch lange in seinen Betrachtungen
fortgefahren, wenn ihn nicht ein betreter Lakai am Arm gepufft und
ermahnt htte, nicht hinter den anderen zurckzubleiben. Die Saporoger
durchschritten noch zwei Sle und machten dann halt. Da hie man sie
warten. Im Saale standen einige Generle in goldbestickten Uniformen.
Die Saporoger verbeugten sich nach allen Seiten und traten zu einer
Gruppe zusammen.

Einen Augenblick spter kam, begleitet von einem ganzen Gefolge, ein
korpulenter Mann von majesttischer Statur, in Hetmansuniform und mit
feinen gelben Stiefeln herein. Sein Haar war wirr, das eine Auge
schielte etwas, das Gesicht drckte Stolz und Erhabenheit aus, allen
seinen Bewegungen merkte man die Gewohnheit, zu befehlen, an. Alle
Generle, die in ihren goldenen Uniformen umherstolzierten, gerieten in
Bewegung und schienen jedes seiner Worte, ja die leiseste Bewegung von
ihm unter tiefen Verbeugungen auffangen zu wollen, um alles schleunigst
auszufhren. Aber der Hetman achtete nicht einmal darauf, nickte kaum
mit dem Kopfe und ging auf die Saporoger zu.

Smtliche Saporoger verbeugten sich tief.

Seid ihr alle hier? fragte er gedehnt und mit etwas nselnder Stimme.

Alle, alle miteinander, Vterchen! antworteten die Saporoger und
verbeugten sich von Neuem.

Verget nicht, zu reden, wie ich's euch gelehrt habe!

Nein, Vterchen, wir werden's nicht vergessen!

Ist das der Zar? fragte der Schmied den einen Saporoger.

Der Zar? Warum nicht gar! Das ist doch Potemkin in eigener Person!
antwortete jener.

Im Nebenzimmer wurden Stimmen laut, und der Schmied wute nicht, wo er
seine Augen lassen sollte, soviel Damen in Atlaskleidern mit langen
Schleppen und Hflinge in goldgewirkten Kaftans und mit steifen Zpfchen
traten jetzt herein. Er sah nur ein Aufleuchten -- sonst nichts.

Auf einmal fielen alle Saporoger zu Boden und schrien wie ein Mann:
Gnade, Mtterchen! Erbarmen!

Der Schmied, der schon gar keine Ahnung mehr hatte, was da eigentlich
vorging, streckte sich in seinem Eifer auch lang auf den Boden hin.

Steht auf! erklang ber ihnen eine gebieterische, aber zugleich
angenehme Stimme. Einige Hflinge gaben den Saporogern geschftig ein
paar Rippenste.

Wir stehen nicht auf, Mtterchen! Wir wollen nicht aufstehen! Wir
sterben lieber, als da wir aufstehen! schrien die Saporoger.

Potemkin bi sich auf die Lippen; endlich trat er selbst zu ihnen und
flsterte dem einen Saporoger gebieterisch etwas zu. Die Saporoger
erhoben sich sofort.

Da wagte es auch der Schmied, den Kopf zu erheben und erblickte eine --
etwas beleibte -- Frau von mittlerer Gre vor sich; sie war gepudert,
hatte blaue Augen und jene erhaben lchelnde Miene, die es so gut
verstand, sich alles untertan zu machen, und nur einem kniglichen Weibe
angehren konnte.

Durchlaucht haben mir versprochen, mich heute mit meinem Volke bekannt
zu machen, das ich bisher noch nicht gesehen habe, sprach die Dame mit
den blauen Augen, whrend sie die Saporoger neugierig musterte. Seid
ihr hier gut aufgehoben? fuhr sie fort und trat nher.

Danke, Mtterchen! Die Kost ist gut, obwohl die Hammel hier lange nicht
so gut sind -- wie bei uns daheim -- aber es lt sich leben! ....

Potemkin runzelte die Stirn, als er sah, da die Saporoger keineswegs
sagten, was er sie gelehrt hatte ....

Ein Saporoger gab sich nun ein Ansehen und trat vor: Erbarmen,
Mtterchen! Womit hat dein treues Volk dich erzrnt? Haben wir etwa dem
heidnischen Tatarenvolke beigestanden, haben wir gemeinsame Sache mit
den Trken gemacht, haben wir dir in Wort oder Tat die Treue gebrochen?
Womit haben wir deine Ungnade verdient? Erst hrten wir, du lieest
berall Festungen gegen uns bauen; nachher vernahmen wir, du wollest
Scharfschtzen aus uns machen; jetzt hren wir von neuem Unheil. Welche
Schuld trifft das Heer der Saporoger? Ist's etwa die, da sie deine
Armee ber den Perekop gefhrt und deinen Generlen geholfen haben, die
Mnner der Krim niederzuwerfen? ....

Potemkin schwieg und putzte mit einem kleinen Brstchen lssig die
Brillanten, mit denen seine Hnde best waren.

Was wnscht ihr also? fragte Katherina freundlich.

Die Saporoger sahen einander vielsagend an.

Jetzt ist's Zeit! Die Zarin fragt, was wir wnschen, sagte der Schmied
zu sich selbst, und auf einmal strzte er zu ihren Fen nieder.

Eure kaiserliche Hoheit, straft mich nicht, sondern schenkt mir Eure
Gnade! Mgen meine Worte Eure kaiserliche Hoheit nicht erzrnen: woraus
sind die Schuhe gemacht, in denen Eure Fchen stecken? Ich glaube, kein
Schuster in der Welt vermag je wieder solche Schuhe zu machen. O Gott!
Wenn mein Frauchen nur solche tragen knnte!

Die Kaiserin brach in Lachen aus. Die Hflinge lachten ebenfalls.
Potemkin rgerte sich, aber er lchelte gleichfalls. Die Saporoger
glaubten, der Schmied sei verrckt geworden und begannen ihm Rippenste
zu geben.

Steh auf! sagte die Kaiserin freundlich. Du willst durchaus solche
Schuhe haben? Nun wohl, das hat keine Schwierigkeiten. Bringt ihm sofort
die kostbarsten, mit Gold bestickten Schuhe. Wahrlich, diese Einfalt
gefllt mir sehr! Da habt Ihr, fuhr die Kaiserin fort, indem sie ihre
Augen auf einen abseits stehenden Herrn mit einem vollen aber ein wenig
bleichen Gesicht richtete, dessen bescheidener Kaftan mit den groen
Perlmuttknpfen erkennen lie, da er nicht zu den Hflingen gehrte,
da habt Ihr ein Sujet, das Eurer geistvollen Feder wrdig ist!

Majestt sind allzu gndig. Dazu bedrfte es mindestens eines
Lafontaine! erwiderte der Mann mit den Perlmutterknpfen, der Dichter
Von Wisin, indem er sich verneigte.

Auf Ehre und Gewissen: ich mu sagen: ich bin jetzt noch von Eurem
Brigadier in hellem Entzcken. Ihr lest aber auch ganz wunderbar vor.
Dann wandte sich die Kaiserin wieder dem Saporoger zu. Ihr habe
brigens gehrt, bei Euch in der Ssjetsch soll kein Kosak heiraten
drfen!

Was sagst du, Mtterchen! Du weit doch selbst: kein Mensch kann ohne
ein Frauchen leben, antwortete der Saporoger, mit dem der Schmied
gesprochen hatte, und der Schmied mute staunen, als er hrte, da
dieser Saporoger, der die Schriftsprache so gut beherrschte, gerade, wie
absichtlich, mit der Zarin in der grbsten Mundart redete, jener
Mundart, die man gewhnlich die Bauernsprache nennt. Schlaue Leutchen!
dachte er bei sich, sicher tut er es nicht ohne Absicht.

Wir sind doch keine Mnche, fuhr der Saporoger fort, wir sind ja nur
sndige Menschen. Wir sind, wie die ganze ehrliche Christenheit, der
Fleischeslust verfallen. Es gibt nicht wenige unter uns, die Frauen
haben, nur wohnen die Frauen nicht in der Ssjetsch. Es gibt auch solche,
die ihre Frauen im Polenlande und in der Ukraine haben; es gibt aber
auch solche, deren Frauen in der Trkei leben.

Unterdessen hatte man dem Schmied die Schuhe gebracht.

O Gott, was fr eine Zier! rief er freudig und ergriff die Schuhe.
Kaiserliche Hoheit! Wenn Ihr solche Schhchen anhabt und darin
einhergeht, Euer Gnaden, oder gar noch bers Eis mit ihnen gleiten knnt
-- wie mssen da die Fchen selbst sein? Ich glaub', wahr und
wahrhaftig, sie sind von reinstem Zucker.

Die Kaiserin, die in der Tat die zierlichsten und reizendsten Fchen
besa, mute lcheln, als sie ein solches Kompliment aus dem Munde eines
einfltigen Schmiedes vernahm, der trotz seines braunen Gesichtes in
seinem Saporogergewand fr einen wirklich schnen Mann gelten konnte.

Hocherfreut ber diese wohlwollende Aufmerksamkeit wollte der Schmied
die Zarin schon ber alles ordentlich ausfragen: ob's wahr sei, da die
Zaren nichts wie Honig und Speck en und hnliches mehr. Da aber fhlte
er, wie die Saporoger ihn in die Rippen pufften, und er beschlo, zu
verstummen. Und als die Zarin sich den alten Leuten zuwandte und sie
ber ihr Leben und Treiben in der Ssjetsch auszufragen begann, trat er
zur Seite, neigte sich zu seiner Tasche hinab, sagte leise: Bring mich
schnell von hier weg! Und auf einmal befand er sich wieder hinter dem
Schlagbaum.

                   *       *       *       *       *

Ertrunken! Bei Gott, er ist ertrunken! Ich will mich nicht mehr vom
Fleck rhren, wenn er nicht ertrunken ist! murmelte die dicke
Webersfrau, die mitten auf der Strae in einem Haufen von Weibern stand.

Was, ich bin also eine Lgnerin? Hab' ich etwa jemandem eine Kuh
gestohlen? Oder hab' ich jemand bse angesehen, da ihr mir nicht trauen
wollt? schrie eine Frau mit violetter Nase und in einem Kosakenkittel,
indem sie mit ihren Armen hin und her fuchtelte. Ich will nie wieder
Wasser trinken, wenn die alte Perepertschicha nicht mit eigenen Augen
gesehen hat, wie der Schmied sich erhngt hat!

Der Schmied hat sich erhngt? Eine schne Bescherung! rief der
Amtmann, der eben aus dem Hause Tschubs kam; er blieb stehen und drngte
sich unter die Keifenden.

Sage lieber, du willst keinen Schnaps mehr trinken, du alte Sauftrine
du! antwortete die Webersfrau. Da mte man ja gerad' so blde sein,
wie du, um sich aufzuhngen! Er ist ertrunken, er ist im Eisloch
ertrunken! Das wei ich so gewi, wie da du soeben im Wirtshaus gewesen
bist.

Was, du freches Frauenzimmer? Sieh mal einer an, was die mir vorwirft!
entgegnete wtend die Frau mit der violetten Nase. Du httest doch
lieber das Maul halten sollen, du Weibsstck du! Als ob ich nicht wte,
da jeden Abend der Kster zu dir kommt!

Die Webersfrau geriet auer sich.

Was tut der Kster? Zu wem kommt er? Was faselst du da?

Der Kster? krhte die Frau des Ksters, sich in ihrem Hasenpelz, der
mit blauem Nanking bezogen war, an die Streitenden herandrngend. Ich
will dir schon zeigen, was es heit, so vom Kster zu reden! Wer sagt da
was vom Kster?

Man wei ja doch, wen der Kster besucht! schrie die Frau mit der
violetten Nase und zeigte auf die Weberin.

Du also bist's, du Hndin, rief die Frau des Ksters und ging auf die
Webersfrau los, du bist's, du Hexe, die ihn umnebelt und ihn mit
Satanskrutern behext, da er zu dir kommt?

Pack dich fort, du Satan! sprach die Webersfrau zurckweichend.

Sieh mal einer die verdammte Hexe an, du sollst's nicht mehr erleben,
da du deine Kinder jemals wiedersiehst! Du niedertrchtiges Weib!
Pfui! Und dabei spuckte die Ksterin der Webersfrau gerade in die
Augen.

Die Webersfrau wollte dasselbe tun, aber statt dessen spuckte sie dem
Amtmann, der nher an die Streitenden herangekommen war, um alles besser
zu hren, in seinen unrasierten Bart.

Ah, du garstiges Weibsbild, du! rief der Amtmann, wischte sich mit dem
Rockscho das Gesicht ab und schwenkte seine Knute.

Diese Bewegung veranlate alle, schimpfend nach allen Seiten
auseinanderzustieben. So was Ekelhaftes! wiederholte der Amtmann und
wischte sich wieder ab. Der Schmied ist also ertrunken! O du meine
Gte! Was war das fr ein groartiger Maler! Was fr starke Messer,
Sensen und Pflge konnte der schmieden! Und wie krftig der war! Ja,
ja, fuhr er nachdenklich fort, bei uns im Dorfe haben wir wenig solche
Leute. Ich hab's ja gleich gemerkt, als ich noch in diesem verfluchten
Sacke sa, da der Aermste ganz bedrckt und traurig war. Ja, da haben
wir nun den Schmied! Einst war er, und nun ist er nicht mehr! Ich wollte
doch gerade noch meine scheckige Stute beschlagen lassen! .... Und
solcher christlicher Gedanken voll, trottete der Amtmann langsam seinem
Hause zu.

Oxana war ganz bestrzt, als diese Gerchte zu ihr drangen. Sie traute
zwar den Augen der Perepertschicha und dem Weibergetratsch nur wenig,
denn sie wute, da der Schmied fromm genug war, seine Seele nicht ins
Verderben zu strzen. Wie aber, wenn er in der Tat mit der Absicht
davongegangen war, nie wieder ins Dorf zurckzukehren? Schwerlich konnte
man wo anders einen so schmucken Burschen finden, wie der Schmied einer
war. Und dann liebte er sie doch so sehr! Er ertrug auch ihre Launen
lnger als alle anderen ... Die Schne drehte sich die ganze Nacht
hindurch unter ihrer Decke von der rechten Seite auf die linke, und von
der linken auf die rechte, und konnte doch nicht einschlafen. Bald warf
sie sich in ihrer berckenden Nacktheit, die das nchtliche Dunkel sogar
vor ihr selbst verbarg, hin und her, und schalt laut auf sich, bald
verstummte sie, fate den Entschlu, an nichts mehr zu denken -- und
grbelte doch weiter und weiter. Sie lag da wie in lohendem Feuer, und
gegen Morgen war sie bis ber die Ohren in den Schmied verliebt.

Als Tschub den Tod Wakulas vernahm, lie er weder Freude noch Trauer
erkennen. Seine Gedanken waren nur mit einer Sache beschftigt: er
konnte Solochas Treubruch nicht vergessen, und lie sogar im Schlafe
nicht davon ab, auf sie zu schimpfen.

Der Tag brach an. Die Kirche war schon vor Morgengrauen voll von
Menschen. Die alten Frauen in ihren weien Kopftchern und Tuchkitteln
standen ganz nahe am Eingang und bekreuzigten sich fromm. Vor ihnen
standen die adligen Damen in grnen und gelben Jacken, ja manche sogar
in blauen berwrfen, die hinten mit Brokatschleifen versehen waren. Die
Mdchen, die einen ganzen Laden von aufgewickelten Bndern auf dem Kopfe
und ebensoviel Perlenbnder, Kreuze und Dukaten um den Hals trugen,
suchten so nahe als mglich an den Altar heran zu kommen. Ganz vorne
aber standen die Edelleute und die einfachen Bauern mit Schnurrbrten,
Haarschpfen, mit dickem Hals und frisch rasiertem Kinn, die meisten in
Mnteln, unter denen ein weier, oder bei manchen auch ein blauer Kittel
hervorguckte. Wohin man auch blicken mochte, auf allen Gesichtern
spiegelte sich die Feiertagsstimmung wieder. Der Amtmann leckte sich
schon die Lippen, wenn er an die Wurst dachte, mit der er die Festtage
beschlieen wrde; die Mdel dachten daran, wie sie mit den Burschen auf
dem Eise schlittern wrden, und die alten Frauen murmelten eifriger denn
je ihre Gebete. Durch die ganze Kirche konnte man hren, wie der Kosak
Swerbygus niederkniete. Nur Oxana stand wie abwesend da: sie betete und
betete doch auch nicht. Ihr Herz bestrmten so viele und mannigfaltige
Empfindungen, von denen eine immer peinlicher war, als die andere, da
ihr Gesicht nichts wie eine starke Verwirrung ausdrckte, und in ihren
Augen zitterten Trnen. Die Mdchen konnten natrlich den Grund davon
nicht erkennen, und ahnten nicht, da der Schmied daran schuld war.
Jedoch der Schmied beschftigte nicht nur Oxana allein. Alle Bewohner
des Dorfes fhlten, da der Feiertag kein rechter Feiertag war, und da
gewissermaen etwas fehlte. Unglcklicherweise war auch der Kster nach
seiner Reise im Sack vom Abend vorher noch heiser geworden, und sang
seine Lieder mit kaum hrbarer krchzender Stimme; wohl brachte der
zugereiste Snger ein paar prchtige Batne hervor, aber wieviel besser
wre es gewesen, wenn man auch noch den Schmied dagehabt htte, der
jedes Mal, wenn man das Vaterunser oder die Himmlischen Heerscharen
sang, auf den Chor stieg und so schn sang, wie man es sonst nur in
Poltawa hren konnte. Dazu kam noch, da er ganz allein sich um das Amt
des Kirchenvorstands kmmerte. Schon war die Frhmesse zu Ende und nach
der Frhmesse war bald auch das Hochamt vorbei ..... In der Tat, wo war
nun der Schmied geblieben?

                   *       *       *       *       *

Noch rascher fast flog der Teufel in den letzten Stunden der Nacht mit
dem Schmied auf dem Rcken heimwrts, und im Nu befand sich Wakula vor
seiner Htte. In diesem Augenblick krhte der Hahn.

Wohin? rief der Schmied und ergriff den Teufel, der ausreien wollte,
am Schwanz. Halt, Freundchen, das ist noch nicht alles: ich hab mich
noch nicht bei dir bedankt.

Und er ergriff eine Gerte und versetzte ihm drei mchtige Hiebe, da der
arme Teufel davonrannte wie ein Bauer, dem der Assessor eben
tchtig eingeheizt hat. Und so geschah's, da der Erzfeind des
Menschengeschlechts, statt andere Leute zu foppen, zu versuchen und zu
narren, selbst genarrt wurde.

Hierauf trat Wakula in den Flur seines Hauses, warf sich auf ein
Heubndel und schlief bis spt in den Mittag hinein. Als er erwachte,
erschrak er heftig, denn er sah, da die Sonne schon hoch am Himmel
stand. Ei, Herrjeh, ich habe ja die Frhmesse und das Hochamt
verschlafen! rief er aus.

Und der gottesfrchtige Schmied verfiel in eine tiefe Zerknirschung,
denn er vermeinte, Gott habe zur Strafe fr sein schlimmes Vorhaben, und
um seine Seele zu verderben, einen Schlaf auf ihn herabgeschickt, der
ihn verhindert habe, an einem so groen Feiertag die Kirche zu besuchen.
Er beruhigte sich jedoch bald, nachdem er den Beschlu gefat hatte, in
der knftigen Woche alles dem Popen zu beichten und von da ab ein ganzes
Jahr lang tglich fnfzig Knieflle zu machen. Er blickte in die Stube
hinein: es war niemand da. Die Solocha war offenbar noch nicht
zurckgekehrt.

Behutsam zog er die Schuhe aus dem Busen, staunte von neuem die kostbare
Arbeit an, und wunderte sich ber die sonderbaren Ereignisse der
vergangenen Nacht; er wusch sich, kleidete sich an, so gut er nur
konnte, zog das Gewand an, das er von den Saporogern bekommen hatte,
holte seine neue Lammfellmtze mit dem blauen Dach, die er, seit er sie
seinerzeit in Poltawa gekauft, noch niemals aufgesetzt hatte, aus der
Truhe; holte auch einen neuen, vielfarbigen Gurt hervor, packte alles,
zusammen mit einer Nagaika, in ein Tchlein ein und begab sich gradewegs
zu Tschub.

Tschub machte groe Augen, als der Schmied eintrat und wute nicht,
worber er mehr staunen sollte: darber, da der Schmied von den Toten
auferstanden war, da er es wagte, zu ihm zu kommen, oder darber, da
er so stutzerhaft herausgeputzt und wie ein echter und rechter Saporoger
angezogen war. Noch mehr aber staunte er, als Wakula das Tuch aufband,
die funkelnagelneue Mtze nebst einem Gurt, wie man ihn noch niemals im
Dorfe gesehen hatte, vor ihm auf den Tisch legte, ihm zu Fen fiel und
flehentlich ausrief: Hab' Erbarmen, Vterchen! Zrne mir nicht! Da hast
du eine Peitsche: schlag zu, soviel deine Seele verlangt. Ich gebe mich
selbst in deine Hand, ich bereue ja alles; schlage mich, aber zrne mir
nicht. Du warst ja vormals meinem seligen Vater wie ein Bruder, ihr habt
doch zusammen gegessen und getrunken!

Nicht ohne heimliche Freude sah Tschub, wie der Schmied, der sich den
Teufel um jemand im Dorfe scherte und der Fnfkopekenstcke und Hufeisen
mit der Hand zusammendrckte wie Buchweizenflinsen, wie dieser selbe
Schmied jetzt zu seinen Fen lag. Um sich nichts zu vergeben, ergriff
Tschub die Peitsche und schlug ihn dreimal auf den Rcken. Nun ist's
aber genug, steh auf! Hr stets auf die Alten! Wir wollen alles
vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Und nun sag, was du
mchtest?

Vterchen, gib mir Oxana zur Frau!

Tschub berlegte einen Augenblick und sah sich die Mtze und den Gurt
an: die Mtze war wunderbar und der Gurt nicht minder; dabei fiel ihm
auch noch die treulose Solocha ein, und er rief entschlossen: 's ist
recht! Schicke deine Brautwerber her!

Ah! schrie Oxana auf, die ber die Schwelle getreten war und den
Schmied erblickt hatte, und sie richtete freudig und ganz erstaunt ihre
Blicke auf ihn.

Schau mal, was ich dir fr kleine Schuhe mitgebracht habe! sagte
Wakula, dieselben sind's, die die Zarin trgt.

Nein, nein! Ich brauche keine Schuhe! rief sie, ihn mit den Hnden
abwehrend und ohne ihre Augen von ihm abzuwenden; ich bin auch ohne
Schuhe .... Und sie sagte nichts weiter, sondern errtete nur.

Der Schmied kam nher heran, ergriff sie bei der Hand, und die Schne
schlug die Augen nieder. Noch nie hatte sie so wunderbar schn
ausgesehen. Der Schmied kte sie voller Entzcken auf die Lippen, ihr
Antlitz verfrbte sich noch tiefer, und sie wurde nur noch schner.

                   *       *       *       *       *

Der Bischof seligen Angedenkens kam einmal durch Dikanka, lobte die
schne Lage des Dorfes und hielt, als er die Strae herunterfuhr, vor
einer der Htten an.

Wem gehrt diese schn bemalte Htte? fragten Seine Hochwrden die
hbsche Frau, die mit einem Kinde auf dem Arm vor der Tre stand.

Dem Schmied Wakula! antwortete ihm mit einer Verbeugung Oxana, denn
sie war es.

Groartig! Eine wundervolle Arbeit! sprachen Seine Hochwrden, als sie
sich Tren und Fenster ansahen. Die Fenster waren ringsherum mit roter
Farbe bestrichen und auf den Tren waren berall Bildnisse von reitenden
Kosaken mit Pfeifen in den Zhnen aufgemalt.

Noch mehr aber lobten Seine Hochwrden den Schmied Wakula, als sie
erfuhren, da er eine Kirchenbue eingehalten, die er sich selbst
auferlegt, und in der Kirche den ganzen linken Chor mit grner Farbe
gestrichen und mit roten Blumen bemalt habe.

Das ist jedoch noch nicht alles. An die Wand, die, wenn man die Kirche
betritt, sich gleich zur Linken befindet, hatte Wakula einen in der
Hlle sitzenden Teufel gemalt und zwar einen so abscheulichen Teufel,
da jedermann, der vorbeiging, ausspeien mute, und wenn einer Frau das
Kind auf dem Arme zu weinen anfing, so trug sie es ans Bild und sprach:
Schau, schau, hu, hu, was da hingemalt ist! Und das Kind verschluckte
seine Trnen, schielte scheu nach dem Bilde und schmiegte sich enger an
die Brust der Mutter.




                           Schreckliche Rache


                                   I.

Drhnend braust's dahin durch Kijews Vorstadt: Da feiert Gorobetz, der
Kosakenhauptmann, den sie Jessaul nennen, die Hochzeit seines Sohnes.
Viel Leute sind beim Jessaul zu Gast. In alten Zeiten liebte man's wohl,
gut zu essen, gut zu trinken und noch lieber mocht' man lustig sein. Auf
braunem Ro kam Mikitka, der Saporoger Kosak, stracks vom gewaltigen
Zechgelag auf dem Pereschlaj-Gefilde, allwo er sieben Nchte und sieben
Tage des Knigs Schlachta mit rotem Weine bewirtet hatte. Auch der
Kriegskamerad des Jessaul, Danilo Burulbasch kam angefahren vom anderen
Ufer des Dnjepr, wo zwischen zwei Bergen sein Landgut lag; er kam mit
seinem jungen Weibe Katerina und seinem einjhrigen Sohne. Die Gste
staunten ber das weie Gesicht der Pani Katerina, ber die Brauen, die
schwarz wie deutscher Sammet waren, ber den prchtigen Rock und die
Jacke aus altertmlich blauer Seide, und ber die Stiefel mit den
silbernen Hufen; aber mehr noch nahm sie's wunder, da der alte Vater
nicht mit ihnen zusammen gekommen war. Der lebte seit einem Jahr in dem
Landstrich hinterm Dnjepr, einundzwanzig Jahre war er verschollen
gewesen und erst zu seinem Tchterchen zurckgekehrt, als es vermhlt
war und einen Sohn geboren hatte. Gewi htt' er viel Wunderliches
erzhlen knnen. Ja, wie htte er auch nicht erzhlen knnen, da er doch
so lange im fremden Lande geweilt! Dort ist doch alles so anders wie
hier: die Menschen sind anders, und dort gibts auch keine christlichen
Kirchen ..... Allein er war nicht gekommen.

Den Gsten ward Schnaps mit Rosinen und Pflaumen und auf einer groen
Schssel Hochzeitsbrot gereicht. Die Musikanten griffen tief in den
Brotlaib hinein, wo Geld eingebacken war; verstummten eine kurze Zeit
lang und legten die Zymbeln, Geigen und Pauken beiseite. Indes wischten
sich die jungen Frauen und die Mdchen mit gestickten Tchern den Mund
und traten wieder aus ihren Reihen hervor, whrend die Burschen, die
Hnde in die Hften gesttzt, stolz zur Seite blickend, gerad ihnen
entgegen wollten, als der alte Jessaul zwei Heiligenbilder herbeitrug,
um das junge Paar zu segnen. Er hatte diese Bilder von einem wrdigen
Eremiten, dem greisen Bartholomus erhalten. Ihr Zierat war nicht reich,
weder Silber noch Gold funkelte auf ihnen, und doch htte keine unreine
Macht es gewagt, den zu berhren, in dessen Haus sie sich befanden. Der
Jessaul hob die Bilder in die Hhe und schickte sich an, ein kurzes
Gebet zu sprechen ...... da schrien die Kinder, die am Boden spielten,
auf einmal in hellem Schreck auf, das Volk wich zurck hinter ihnen, und
alle wiesen voll Angst auf einen Kosaken, der in ihrer Mitte stand. Wer
er war, das wute niemand zu sagen, aber schon fing er wacker an, seinen
Kosakentanz zu tanzen und ergtzte die Menge, die ihn umringte und
brachte sie zum Lachen. Als jedoch der Jessaul die Heiligenbilder
emporhob, da verwandelte sich auf einmal das Antlitz des Kosaken: die
Nase fing an zu wachsen, wurde grer und grer und krmmte sich zur
Seite; grne uglein blitzten anstelle der grauen hervor, die Lippen
wurden blau, das Kinn fing an zu zittern und wurde spitz wie ein Speer,
aus dem Mund entsprangen zwei Hauer, hinter dem Kopfe wlbte sich ein
Buckel empor, und der Kosak wurde zum Greise.

Das ist _er_! Das ist _er_! schrien die Menschen, sich eng aneinander
drngend.

Der Zauberer ist wieder da! schrien die Mtter und faten ihre Kinder
schnell bei der Hand.

Wrdig und stolz trat der Jessaul vor, und whrend er die Heiligenbilder
vor sich hinhielt, sprach er mit lauter Stimme:

Verschwinde, Satansbild! Fr dich ist kein Platz hier!

Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend mit den Zhnen wie
ein Wolf, und verschwand.

Da erhob sich ein Raunen und Reden unter dem Volke, schwoll immer mehr
an und rollte dahin wie das Brausen des Meeres im Ungewitter.

Was ist das fr ein Hexenmeister! fragten die Jungen und Unerfahrenen.

Ein Unheil zieht herauf! sprachen die Alten kopfschttelnd, und
berall im weiten Gehfte des Jessaul lauschten die Haufen des Volkes
den Geschichten von dem unheimlichen Zauberer. Doch beinahe alle wuten
Verschiedenes zu erzhlen, und niemand konnte etwas Sicheres von ihm
berichten.

Ein Fa Meth ward auf den Hof gerollt und nicht allzuwenige Eimer voll
griechischen Weines stellte man hin. Und wiederum tobte es lustig
weiter. Die Musikanten spielten drauf los -- und die Mdchen, die jungen
Frauen und die noblen Kosaken in blanken Schupans wirbelten wild
durcheinander. Das Greisenvolk der Neunzig- und Hundertjhrigen wagte,
auch schon bezecht, ein Tnzchen und gedachte so mancher Jahre, die
nicht ganz tatenlos verflossen waren. Bis zur spten Nacht wurde gezecht
und so wurde gezecht, wie man's jetzt nimmermehr tut. Dann strmten die
Gste auseinander, aber nur wenige gingen ihres Weges: viele blieben in
dem weiten Hofraume des Jessaul ber Nacht, und noch viel mehr Kosaken
schliefen von selbst ein, ungebeten, unter den Bnken, auf dem Fuboden,
neben den Rossen oder vor den Stllen: und wo ein rechter Kosak im
Rausche hintaumelte, da lag er auch schon und schnarchte laut ber ganz
Kijew.


                                  II.

Still leuchtete es ber dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg
empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweiem Damast verhllte er
des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurck bis ins
Dickicht der Fichten.

Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei
Burschen, die schwarzen Kosakenmtzen schief in die Stirn gedrckt, und
von ihren Rudern sprhen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus
dem Feuerstein Funken.

Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, da die
rmischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und
zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze
Tage lang am Salzsee gekmpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von
khnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein rmel
seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber
ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge
von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schtzender
Leinwand bedeckt war, sprhte das Wasser herab wie grauer Staub.

Kstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die
weiten Wiesen und die Wlder im Grn! Das sind nicht Berge wie andere
auch: ihr Fu ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die
spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und ber und unter ihnen
dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hgeln die Wlder sind
keine Wlder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten
umsplt ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch ber dem Barte und ber
den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine
Wiesen: ein grner Grtel ist's, der den runden Himmel in der Mitte
umgrtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hlfte lustwandelt
der Mond.

Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib.
Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?

Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten
nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar
furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf
wollte kein Kind mit ihm spielen. Hr', Pan Danilo, wie schrecklich das
ist, was man erzhlt: man sagt, es dnkte ihn stets, da ihn alle
verhhnten. Geschieht's, da abends, wenn's dunkelt, ein Mensch ihm
begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und
die Zhne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es
ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mren
vernahm, sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem
Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit
Blttern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren.

Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinber,
wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen
Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schlo in die Hhe
starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten ber den
Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. Nicht
das ist schrecklich, da er ein Zauberer ist, sprach er, schrecklich
ist's, da er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu
kommen? Ich hrte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg
zu den Saporogern abzuschneiden. Mag's wahr sein ..... Dies Teufelsnest
will ich vernichten, sobald nur das Gercht umzugehen beginnt, da das
ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, da
selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er
besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist's, wo dieser
Satan wohnt! Wr' Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich
bei den Kreuzen vorbei -- da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein
seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich fr einen
Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem
zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, drfte man
jetzt nicht lange mehr zgern, nicht immer kann man's im Kriege da
erbeuten.

Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkndet mir die Begegnung
mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so
finster ber den Augen geballt! ....

Schweig, Weib! rief Danilo wtend, wer sich mit euch verbindet, wird
selbst zum Weibe. Gib mir Feuer fr meine Pfeife, Junge!

Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glhende Asche aus
seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn.

Sie schreckt mich mit dem Zauberer! fuhr Pan Danilo fort. Der Kosak
frchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch rmische Priester. Das
wr' was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hren anfingen. Nicht wahr,
Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schrfe des Schwerts!

Katerina verstummte und lie die Augen ber das trge Wasser gleiten;
der Wind kruselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte
silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht.

Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt
wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drngten
sich da aneinander. Da blhte kein Wachholder zwischen ihnen, da grnte
kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Hhe wrmend
auf sie herab.

Hrt ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe! sprach
da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.

Ja, wir hren jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint's!
riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war
schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine
Landzunge herum. Pltzlich lieen die Leute ihre Ruder sinken und
blickten starr zum Ufer hinber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und
kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.

Das Kreuz auf einem der Grber wankte, und pltzlich erhob sich daraus
ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf
den Grtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch lnger
waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte
und verzerrte sich. Man sah ihm an, da er entsetzliche Qualen litt.

Mir ist so schwl, so schwl! sthnte er mit wilder unmenschlicher
Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber
pltzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte
ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch
schrecklicher und noch grer als jener: er war ganz von Haar
berwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den
Knochen waren noch lnger. Er rief noch wilder: Mir ist so schwl! und
sank in die Erde zurck. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter
Leichnam stand auf. Da schien's, als wenn ein riesenhaftes Knochengerst
sich hoch ber die Erde erhob. Der Bart flo bis zu den Fersen herab,
die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde,
furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen
wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben
Knochen zersgte ....

Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stie einen Schrei aus
und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer lieen die Mtzen
in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.

Auf einmal aber war alles verschwunden, als wr' es berhaupt nie
gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern.
Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind
voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drckte sie an sein
Herz und kte sie auf die Stirn. Frchte dich nicht, Katerina! Schau:
es ist ja nichts! sprach er und wies nach allen Seiten. Der Zauberer
will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein
unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den
Sohn doch herber!

Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Hhe und drckte ihn
an seine Lippen. Nun, mein Iwan, frchtest du dich vor Zauberern? --
Sag: >nein, Vater, ich bin ein Kosak!< Doch genug, hr auf zu weinen!
Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter
dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:

   Lulli, lulli, lulli, lulli!
   Schlaf, mein Shnchen, schlafe ein!
   Bleib gesund und wachs mir fein!
   Bring Kosaken Ruhm und Freud,
   Und den Feinden Schmerz und Leid!

Hr', Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns
leben. So mrrisch kam er hier an und so verdrielich, als zrnte er uns
... Wenn er nicht zufrieden ist -- wozu kam er denn her? Er wollte nicht
mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in
den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das
Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurck, und meine Rede stockte.
Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fngt gleich laut in der
Brust an zu schlagen, wenn's einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen,
ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mtzen bekommen. Du,
Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab'
sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein
ganzes Rstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein lie ich
frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch
immer! Nimm ihn, Katerina!

Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war
Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich
freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine
Kosakenseele zu stoen.


                                  III.

Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal,
das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von
auen der Htte eines einfachen Kosaken, und blo eine Stube ist drin;
doch ist Raum darinnen genug fr ihn, wie fr sein Weib und fr die alte
Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wnden entlang laufen oben
eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schsseln und Tpfe fr die
Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefate Becher, die
der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare
Musketen hngen von den Wnden herab, Sbel, Feuergewehr und Lanzen;
freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhnden oder von
Trken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr
Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen
Gefechte. An den Wnden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbnke hin
und daneben, vor der Ofenbank, hngt die Wiege an ein paar Stricken, die
man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen
Stube ist der Fuboden glatt gestampft und mit Lehm berstrichen. Auf
den Bnken schlft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte
Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem
Fuboden schlafen die Burschen. Doch ist's dem Kosaken lieber, auf
nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder
Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und
streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut's ihn wohl, wenn er mitten
in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besten Himmel zu
sehen, und in der nchtlichen Klte, die doch den Kosakenknochen soviel
Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken
etwas, steckt seine Pfeife an und hllt sich fester in seinen warmen
Pelz.

Es war nicht mehr ganz frh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest
erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu
eingetauschten trkischen Sbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte
sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken.

Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrmig und mrrisch, mit einer
fremdlndischen Pfeife zwischen den Zhnen. Er ging auf seine Tochter zu
und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, da sie so
spt nach Hause gekommen.

Nach solcherlei Dingen hast du, Schwher, nicht sie zu befragen,
sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So
ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht bel! sprach Danilo,
ohne von seiner Arbeit zu lassen, vielleicht ist es in manchen Lndern,
wo Unglubige wohnen, anders -- das freilich wei ich nicht!

Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfrbte sich, und seine Augen
blitzten wild auf. Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn
nicht der Vater! murmelte er vor sich hin. Nun denn, so frage ich
dich: wo bist du herumgestrichen bis spt in die Nacht?

Das hrt sich schon anders an, lieber Schwher. Darauf will ich dir
antworten, da ich schon lange nicht mehr zu denen gehre, die von einem
Weib in Windeln gewickelt werden. Ich wei wohl, hoch zu Pferde zu
sitzen und in der Hand den scharfen Sbel zu schwingen; auch manches
andere noch versteh' ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft
zu geben ber das, was ich treibe!

Ich seh' es, Danilo, ich wei, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der
fhrt sicher nichts Gutes im Schilde.

Denk doch, was dir beliebt, sagte Danilo, auch ich denke das Meine.
Noch war ich nie in einen schndlichen Handel verwickelt, stets stand
ich fr rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher
Landstreicher, der sich, Gott wei wo, umhertreibt, wenn rechtglubige
Leute sich bis aufs Blut schlagen mssen; der will dann das Korn ernten,
das nie er gest. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal
in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen,
wo sie sich umhertreiben!

Holla, weit du wohl, Kosak! rief jener .... Ich schiee ja nicht
gut, hchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch
bin ich kein allzu starker Fechter: die Stcke, in die ich die Menschen
schlage, sind kleiner als die Krner, draus man Brei kocht!

Ich bin bereit, rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein
Kreuz in der Luft, als htt' er gewut, wozu er's geschliffen.

Danilo! schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an
ihn, du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst!
Vater, dein Haar ist so wei wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie
ein trichter Knabe!

Weib! rief Danilo streng, du weit, das leide ich nicht, bleibe bei
deinen Weibergeschften!

Furchtbar erklirrten die Sbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken
wurden von Funken besprht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine
gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um
nichts von den Sbelhieben zu hren.

Doch so schlecht kmpften die Kosaken nicht, da man ihren Hieb
berhren konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hrt' es in ihrem
ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick -- klack!

Nein, ich halt es nicht aus, ich halt's nicht aus ... vielleicht
sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weien Leibe, vielleicht hat
meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier!
Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube.

Gleichmig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch
jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und
Pan Danilo wich zurck oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte
sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in
ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Sbel schmettern .... und tosend
fliegen die Klingen zur Seite.

Ich danke dir, Gott! rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen
Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie
richteten die Feuersteine und spannten die Hhne.

Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war
alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand
nicht. Da krachte der Schu ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein
helles Blut in den linken rmel des Kosakenschupans.

Nein! rief er, so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm
ist der Herr, 's ist der rechte! Bei mir an der Wand hngt eine
trkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden.
Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen
Dienst! Und Danilo streckte die Hand aus.

Danilo! schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich
vor ihm auf die Knie, nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist
auch das meine: unwrdig ist die Frau, die ihren Mann berlebt; der
Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn
an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer
wird es htscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse
dahinzufliegen, fr Freiheit und Glauben zu kmpfen, nach Kosakenart zu
trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater
will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir
abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein
Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen
Schlange! Glaubt' ich denn nicht, du hegest ein Trpflein Erbarmen in
deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich
Gefhl? Wie tricht tuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude.
Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen,
wie diese unglubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme
werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser
liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wrest du wahrlich,
aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mtze zu schren, das
unter ihm lodert!

Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich kssen!
Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Hrchen krmmen. Du wirst
aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst
vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmtze auf dem Kopfe und mit dem
scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen
vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab' ich dir Unrecht getan, nun so
gesteh' ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand?
sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze
dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Vershnung sprach.

Vater! rief Katerina, umarmte und kte ihn, la dich erbitten.
Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr krnken!

Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter, erwiderte jener, kte
sie und seine Augen glnzten absonderlich auf.

Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Ku, so
seltsam der Glanz seiner Augen. Sie sttzte sich mit der Hand auf den
Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann
Danilo darber nach, da er falsch gehandelt, und nicht nach rechter
Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld
bewut war.


                                  IV.

Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und
ein feiner Regen rieselte ber die Felder und Wlder und ber den
breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war
nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und
ruhelos. Geliebter Mann, teurer Mann, sprach sie, ich hab' einen
wunderlichen Traum getrumt!

Was fr einen Traum, meine liebe Pani Katerina?

Mir trumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob
ich wachte, mir trumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer,
das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt' dich, trau' dem Traume
nicht: was trumt man nicht alles fr Torheit! Mir war's, als stnde ich
vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm sthnte es auf in
meinen Adern. O httest du gehrt, was er gesprochen ....

Was sprach er denn, meine goldene Katerina?

Er sprach: Schau mich an, Katerina, ich bin schn! Zu Unrecht sagen
die Leute, da hlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann
sein. Sieh, wie mein Auge glht! -- Da warf er einen flammenden Blick
auf mich, und ich schrie auf und erwachte!

Ja, vieles Wahre sagen die Trume. Ist es dir auch bekannt, da hinter
den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder
gezeigt haben. Gorobetz lie mir verknden, ich solle nicht schlafen;
doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schlfer.
Meine Burschen schlugen heut Nacht zwlf Schanzen auf. Wir wollen den
Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen
sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!

Und wei mein Vater das?

Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rtsel bis zur
Stunde. Er hat wohl viel gesndigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag
das fr einen Sinn haben -- schon einen Monat fast lebt er hier, und
noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich,
Meth zu trinken! Hrst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich
herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche! rief Pan
Danilo, lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch
trinkt er keinen Schnaps! Hlle und Teufel! mir scheint fast, Pani
Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was
dnkt dir?

Wei Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!

'S ist wunderlich, Pani, fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der
Hand des Kosaken entgegen. Selbst die Katholiken im heidnischen Rom
sind Freunde des Schnapses. Nur die Trken trinken ihn nicht. Nun,
Stetzko, hast du im Keller tchtig vom Meth geschluckt?

Ich habe nur gekostet, Pan!

Du lgst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen
Schnurrbart strzen! Ich seh's an deinen Augen, da du einen halben
Kbel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was fr ein tolles Volk seid
ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn's
gilt zu saufen, dann schluckt ihr's selbst herunter. Ich war schon lange
nicht mehr betrunken, wie, Katerina?

Ei, warum lange! Erst am letzten .....

Frchte dich nicht, frchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen
Krug! Da kommt der trkische Abt durch die Tr geschlichen! murmelte er
durch die Zhne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bckte,
um durch die Tr zu kommen.

Nun, meine Tochter, sagte der Vater, nahm die Mtze vom Kopf und
ordnete seinen Grtel, an dem ein Sbel mit wundersamem Gestein hing,
die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht
bereitet.

Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den
Topf mit den Klen vom Feuer! fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin
gewandt fort, die das Holzgert abwischte. Nein, warte, ich tu' es
lieber selbst, ruf mir die Burschen!

Alle lieen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenber dem
Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina
und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans.

Ich mag diese Kle nicht! sprach der Herr Vater; er a nur wenig und
legte den Lffel hin, sie schmecken nach nichts!

Ich wei, besser schmecken dir Judennudeln! dachte Danilo bei sich.
Warum, meinst du, die Kle schmeckten nach nichts, Herr Schwher?
fuhr er laut fort. Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine
Katerina macht so gute Kle, wie sie selbst der Hetman selten zu essen
bekommt. So was verschmht man nicht: 's ist ein christlich Gericht!
Alle heiligen und gottesfrchtigen Mnner haben stets Kle gegessen!

Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde
ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. Ich mag das
Schweinefleisch nicht! sprach Katerinas Vater und steckte den Lffel in
den Kohl.

Wie kann man Schweinefleisch verschmhen? sagte Danilo: nur Trken
und Juden essen kein Schweinefleisch.

Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und dsterer; nichts als
Mehlbrei mit Milch a der Alte, und statt des Schnapses trank er nur
dann und wann eine dunkle Flssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen
verwahrt hielt.

Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem krftigen Schlfchen nieder und
wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben
an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber sa whrenddessen auf der
Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fue. Pan Danilo sitzt da,
blickt mit dem linken Aug' auf die Schrift und mit dem rechten nach dem
Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glnzt der Dnjepr von
ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wlder, und von oben glimmt
der geklrte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf
dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden
Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schlo. Ihn deuchte, es
blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb
still; gewi hatte es ihm nur so geschienen. Unten hrte man nur den
Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jh erwachten
Wogen herber hallen. Nicht Aufruhr war's oder Emprung: der Dnjepr
murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles
um ihn herum war verndert; er fhrte einen heimlichen Krieg mit den
Bergen, den Wldern und den Wiesen am Ufer und Klage trgt er ob ihrer
zum Schwarzen Meere hin.

Da erschien pltzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten
Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise
pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: Nimm
schnell den scharfen Sbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir!

Du gehst? fragte Pani Katerina.

Ja, Frau, ich gehe. Ich mu berall hingehen, zu sehen, ob alles in
Ordnung ist.

Ich frchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt ber mich.
Wie, wenn ich heute wieder dasselbe trumte? Ich bin nicht gewi, ob es
auch wirklich nur ein Traum war, -- so lebendig stand alles vor mir!

Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die
Kosaken!

Die Alte schlft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht
sehr. Hr, Pan Danilo: Schlie mich im Zimmer ein und nimm den Schlssel
mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken la
vor der Tr schlafen.

Sei's denn so, sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und
schttete Pulver auf.

Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen
Kosakenausrstung. Danilo setzte die Lammfellmtze auf, machte das
Fenster zu, schob den Riegel vor die Tr, schlo sie ab und ging
zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge
hinaus.

Der Himmel war jetzt schon fast vllig klar. Ein frischer Wind wehte
leise vom Dnjepr herber. Und htte man nicht von ferne den Schrei einer
Mwe gehrt, so wre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm
man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem
treuen Diener hinter dem Gestrpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge
kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an
der Seite den Sbel. -- Das ist der Schwher! sagte Pan Danilo,
whrend er ihn hinterm Busch beschaute. Wohin nur geht er zu dieser
Stunde und wozu? -- Ghne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der
Herr Vater einschlgt! Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer
hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: Ah, dahin
geht's also! sprach Pan Danilo. Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs
in die Hhle des Zaubrers geschlichen?

Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst wrden wir ihn auf
jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.

Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach.
Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab's dir wohl gleich gesagt, da
dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines
Rechtglubigen!

Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge.
Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das
Schlo rings umgab, lie nichts von ihnen gewahr werden. In der Hhe
leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und
trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tr zu sehen; vom
Hof aus gab's sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen?
Von ferne hrte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen.

Was grble ich noch lange! sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche
vor dem Fenster erblickte. Bleib hier, mein Junge! Ich steig' auf die
Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.

Da nahm er seinen Grtel ab, legte den Sbel nieder, damit er nicht
klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war
immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem
Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte
kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wnde waren mit wunderlichen
Zeichen bedeckt und mit Waffen behngt; doch war es hchst seltsames
Gewaffen: solches tragen weder die Trken noch die Bewohner der Krim,
weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der
Decke flogen Fledermuse hin und her, und ihr Schatten huschte ber die
Wnde, die Tren und die Diele. Doch da ffnete sich ganz leise und ohne
zu knarren die Tr. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging
geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weien Tuche bedeckt war. Er
ist's! Es ist der Schwiegervater! Pan Danilo kauerte sich noch mehr
zusammen und drckte sich noch fester an den Baumstamm.

Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand
ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig ri er
die Decke vom Tisch herab -- und pltzlich ergo sich fast unmerklich
ein blau durchsichtiges Licht bers Zimmer, und nur die Wellen des alten
bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt
hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie
ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte
er einen Topf auf den Tisch und begann Kruter hineinzuwerfen.

Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten
Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie
sie die Trken tragen, in seinem Grtel steckten Pistolen, und auf dem
Kopfe hatte er eine wunderliche Mtze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber
weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehrten. Er sah
ihm ins Antlitz -- und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die
Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald ber die Lippe herber;
der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor
und bog sich zur Seite -- vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst
beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. Dein Traum ist wahr,
Katerina! dachte Burulbasch.

Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an
der Wand begannen sich rascher zu ndern und Fledermuse flatterten
wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und
milder und schien ganz zu verlschen. Und schon hellte die Kammer sich
auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so flo das
wundersame Licht in alle Winkel, doch pltzlich schwand es dahin, und es
wurde ganz dunkel. Nur ein Gerusch war noch zu hren, wie wenn zur
stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und
die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist's, als
ob im Gemach ein Mond aufglnzte, Sterne auf und ab wandelten und ein
dunkelblauer Himmel darber aufleuchtete, ja sogar die Khle der
Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist's Pan Danilo pltzlich
so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite
sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine
eigene Schlafkammer: an den Wnden hngen seine Sbel von Tataren und
Trken; lngs der Wnde Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgerten;
auf dem Tische Brot und Salz, und dort hngt die Wiege. Doch statt der
Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und
auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich
auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfllt sich der Raum
in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer
regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klnge werden immer
strker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas
wie eine weie Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so
vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das,
war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu
berhren? Sie sttzte sich auf nichts, und das rosige Licht und die
Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte
sie den durchsichtigen Kopf: die blablauen Augen leuchteten still auf,
das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel ber die Schultern, ein
blasses Rot frbte ihre Lippen, wie wenn in der Frhe das junge
Morgenrot kmmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel
hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre
Brauen. Ah! es ist Katerina. Und Danilo fhlte, wie ihm die Glieder
erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos.

Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. Wo bist du gewesen?
fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte.

Oh, warum hast du mich gerufen? sthnte sie leise. Ich war so froh.
Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte
fnfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist's da! Wie grn und duftig
ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die
Feldblmelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie
zrtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen!
Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund gekt und meine blonden
Flechten mit dem dichten Kamme gekmmt. Vater! Sie heftete ihre
bleichen Augen auf den Zauberer. Warum hast du meine Mutter ermordet?

Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. Hab' ich verlangt, du
sollest davon sprechen? Und die aus Luft gewobene Schne erbebte.

Wo ist deine Herrin jetzt?

Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich
des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon
lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fnfzehn Jahre alt und so
leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?

Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt? fragte der
Zauberer so leise, da man's kaum hren konnte.

Gewi denk' ich dran, gewi. Aber was wrd' ich darum geben, es zu
vergessen. Arme Katerina! Sie wei gar manches von dem nicht, was ihre
Seele wei.

Das ist die Seele Katerinas! dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch
immer nicht, sich zu bewegen.

Tu Bue, Vater! Ist's dir denn nicht frchterlich, wenn nach jedem
deiner Morde die Toten aus den Grbern steigen?

Schon wieder die alten Reden! unterbrach sie der Zauberer streng Ich
setz' meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen.
Katerina wird mich lieben lernen!

Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater! sthnte sie auf.
Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen
Zauberknsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwren und sie
zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun.
Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat
vollbringen. O, Vater! Das jngste Gericht ist nahe! Und wrst du auch
nicht mein Vater, nie wrdest du mich zwingen knnen, meinen treuen,
geliebten Gatten zu betrgen. Ja, wr' mir mein Gemahl auch nicht so
lieb und so treu, ich wrd' ihn dennoch nie betrgen; denn Gott liebt
die meineidigen und treulosen Seelen nicht!

Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo
sa, und hielt starr inne ....

Wohin blickst du? Was siehst du dort? schrie der Zauberer auf.

Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon lngst
wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die
Berge.

Furchtbar, furchtbar! sprach er bei sich selber und Angst umfing sein
Kosakenherz.

Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest
schliefen; nur der eine sa da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen.

Der Himmel war ganz mit Sternen best.


                                   V.

Wie gut tatest du, da du mich wecktest! sprach Katerina, und whrend
sie sich mit dem gestickten rmel ihres Hemdes die Augen rieb,
betrachtete sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis zu Fen.
Welch schrecklichen Traum ich gehabt! Wie schwer atmete meine Brust!
Oh! .... mir war's als strbe ich ....

Was war das fr ein Traum? Vielleicht dieser? und Burulbasch erzhlte
seinem Weibe alles, was er geschaut.

Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl? fragte Katerina
erstaunt. Doch, nein. Gar vieles, was du erzhlt hast, ward mit nicht
bekannt. Nein, mir hat nicht getrumt, der Vater habe meine Mutter
gettet; auch hab' ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen.
Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du's erzhlst. O, wie furchtbar
ist doch mein Vater!

Das ist frwahr auch kein Wunder, da du gar vieles davon nicht sahest!
Du weit doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele wei.
Weit du -- dein Vater -- das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr,
als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals
hielt ich's noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des
Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der
Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwren; die
lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschlft, und fliege
zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten
Blick wollt' mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Htt' ich
geahnt, da du solch einen Vater hast, nie htt' ich mich mit dir
vermhlt; ich htt' dich verlassen und der Seele nimmer die Snde
aufgebrdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwgern.

Danilo! rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Hnden und
schluchzte auf. Hab' ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen?
Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab' ich deinen Zorn auf
mich gelenkt? Hab' ich dir nicht treu gedient? Hab' ich denn je ein
widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus
heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...

Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie
verlassen. Alle Snden liegen bei deinem Vater!

Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist
mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein
Gottesverchter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet' ich die
Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden
Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. _Du_ bist mir
mein Vater!


                                  VI.

In Pan Danilos tiefem Verliee sitzt der Zauberer in eiserne Ketten
geschmiedet; fern ber dem Dnjepr brennt sein satanisches Schlo, und
blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht
wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen
Verlie: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt
er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtglubigen
Russenlands -- den er mit den Rmlingen eingegangen, um ihnen das
ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen
niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer;
nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt
ihm zu leben, und morgen gilt's, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen
erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gndig
ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sndhafte Haut
abgezogen wrde. Dster und grimmig ist der Zauberer, und er lt den
Kopf hngen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich;
doch sind seine Snden nicht so, da Gott ihm verzeihen knnte. Hoch
oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstbe vergittern. Mit
seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu
schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein
Tubchen und nicht racheschtig. Wrde sie sich nicht des Vaters
erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin,
aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei;
aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist's dem
Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.

Da erschien jemand auf dem Wege -- es war ein Kosak! Schwer seufzte der
Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der
Ferne kam jemand herab ...... Ein grner berwurf flatterte empor, ein
goldener Kopfschmuck glnzte auf dem Haupte. Das war _sie_! Noch enger
prete er sich ans Fenster. Sie kam nher und immer nher ...

Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab' Mitleid mit mir! .......

Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hren. Sie wendete nicht
einmal die Augen nach dem Gefngnis, und schon war sie vorbei und wieder
verschwunden. Leer wird die Welt, wehmtig rauscht der Dnjepr;
hoffnungslose Trauer und Wehmut umfngt das Herz; aber wute wohl der
Zauberer, was Wehmut ist?

Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht
mehr. Schon war es Abend. Khl ward es, irgendwo brllte ein Stier, von
irgendwo tnten verwehte Klnge herber; sicherlich kamen jetzt die
Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und frhlich zu sein: ber den
Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kmmerte sich um den Gefangenen?
Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der
anderen Seite den Weg empor; schwer war's, im Dunkeln zu erkennen, wer
das war: Es war Katerina, die jetzt zurckkehrte.

In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes
zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick
auf deinen sndigen Vater!

Aber sie hrte ihn nicht und ging weiter.

Tochter, im Namen deiner unglcklichen Mutter ... Sie blieb stehen.

Komm und vernimm mein letztes Wort!

Wozu rufst du mich, Gottesverchter? Nenn' mich nicht Tochter! Zwischen
uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner
unglcklichen Mutter?

Katerina, mein Ende ist nahe! Ich wei, dein Mann gedenkt, mich an den
Schweif eines Rosses zu binden und bers Feld zu schleifen, oder
vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod fr mich ...

Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Snden gleichkommt?
Mach dich darauf gefat, fr dich wird niemand bitten!

Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in
_jener_ Welt! ...... _Du_ bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele
wird im Paradies in Gottes Nhe weilen, aber die Seele deines gottlosen
Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer
erlschen, nur noch hher und hher wird es emporlodern. Kein Tautropfen
wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.

Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern! sprach
Katerina und wandte sich ab.

Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du
weit noch nicht, wie gut und gndig Gott ist. Hast du je vom Apostel
Paulus gehrt, der voller Snden war und dann in sich ging -- und ein
Heiliger wurde?

Was kann ich tun, deine Seele zu retten? sprach Katerina. Sollte ich,
ein schwaches Weib, daran denken knnen?

Wenn es mir gelnge, von hier zu entfliehen, so wrde ich mein ganzes
altes Leben aufgeben! Ich wrde Bue tun, in die Wste gehen, ein
hrenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal
Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berhren! Kein Gewand
breit' ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur
werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den
hundertsten Teil meiner Snden von mir nimmt, dann will ich mich bis an
den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich
aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und
sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mnchen vermachen, auf
da sie vierzig Tage und vierzig Nchte lang Seelenmessen fr mich
lesen!

Katerina sann nach. Selbst wenn ich dir das Tor aufschlsse, ich kann
dir doch die Ketten nicht aufschmieden!

Die Ketten frchte ich nicht. Du meinst wohl, sie htten mir Hnde und
Fe zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der
Menschen und hielt ihnen statt der Hnde ein trockenes Holz hin. Schau,
hier bin ich: jetzt trag' ich keine Kette mehr! sagte er und trat frei
in die Mitte des Raumes. Ich htte ja auch die Wnde nimmer gefrchtet
und wre hindurchgeschritten; aber dein Mann wei nicht, was das hier
fr Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und
keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die
Zelle mit jenem Schlssel aufzuschlieen, mit dem der Heilige sie
verschlo. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Snder, auch
mir erbauen, wenn ich nur frei bin!

Nun wohl, so hre: ich lass' dich hinaus, doch, wie wenn du mich
trgst, sprach Katerina und blieb vor der Tr starr stehen. Wenn du,
statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?

Nein, Katerina, ich hab' nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese
Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, da ich mich selbst zu
ewigen Qualen verurteilen will?

Die Schlsser klirrten. Leb' wohl, der barmherzige Gott behte dich,
mein Kind! sprach der Zauberer und kte sie.

Rhr mich nicht an, schrecklichster aller Snder! Geh schnell von
hinnen! rief Katerina.

Doch er war schon verschwunden.

Ich hab' ihn befreit! flsterte sie und blickte voller Schrecken wie
irr auf die Mauern. Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin
verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen. Und sie sank
schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. Aber
ich habe eine Seele gerettet! sagte sie leise. Ich tat ein Gott
wohlgeflliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab' ihn zum ersten
Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir's werden, ihm die
Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, _er_ ist es! es ist mein Mann!
rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden.


                                  VII.

Ich bin's, meine liebe Tochter, ich bin's, mein Herzchen! hrte
Katerina jemand sagen, als sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte
Dienerin vor sich. Die Alte beugte sich ber sie, schien ihr etwas
zuzuflstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit kaltem
Wasser.

Wo bin ich? sagte Katerina, indem sie aufstand und um sich blickte.
Vor mir rauscht der Dnjepr und hinter mir liegen die Berge ... Wohin
hast du mich gefhrt, Weib?

Ich hab' dich nicht weggefhrt, sondern hinausgetragen; auf meinen
Armen trug ich dich aus dem dumpfen Gewlbe. Ich habe die Tr mit dem
Schlsselchen zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet und
bestraft!

Wo ist der Schlssel? sprach Katerina und blickte auf ihren Grtel,
ich seh' ihn nicht!

Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem Zauberer zu sehen, mein
Kind!

Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin verloren! rief Katerina.

Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! Schweig du nur, liebe Herrin.
Niemand wird etwas erfahren!

Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast du gehrt, Katerina?
Er ist entflohen! rief Pan Danilo, der auf seine Frau zutrat. Seine
Augen sprhten Feuer, und sein Sbel schttelte sich klirrend an seiner
Seite. Sein Weib erstarrte.

Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann? sprach sie zitternd.

Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat ihn befreit. Schau hin!
Statt seiner liegt ein in Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat's nun
einmal so eingerichtet, da der Teufel sich nicht vor Kosakenfusten
frchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch nur von fern daran gedacht
haben sollte, und ich erfahre es ..... O, ich wrde keine Strafe
ausdenken knnen, die schwer genug fr ihn wre!

Und wenn ich es wre? sprach Katerina unwillkrlich und hielt
erschrocken inne.

Wenn du's getan httest, so wrest du mein Weib nicht mehr! Ich wrde
dich in einen Sack einnhen lassen und mitten im Dnjepr ertrnken! ....

Katerina stockte der Atem und ihr war, als lsten sich ihr die Haare vom
Haupte.


                                 VIII.

In einer Schnke am Grenzwege sind die Polen versammelt und zechen schon
zwei Tage lang. Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie sind wohl
zusammengekommen, um einen berfall auszuhecken! Manche von ihnen haben
Musketen, die Sporen klirren und die Sbel rasseln. Die polnischen
Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch von unerhrten
Taten, sie spotten ber den rechten Glauben, nennen das Volk der Ukraine
ihre Knechte, zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Hhe, und mit
hochmtig zurckgeworfenen Kpfen recken sie sich auf den Bnken. Auch
ihr Priester ist bei ihnen; doch auch der ist vom selben Schlage wie
sie. Er gleicht nicht einmal dem uern nach einem christlichen
Priester, denn er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge
fhrt unzchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen in nichts nach: sie
haben die rmel der schbigen Schupans aufgestreift und stolzieren so
aufrecht einher, als wren sie was Rechtes! Sie spielen und hauen
einander mit den Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber bei
sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... Die polnischen Herren
toben nur so und treiben Schabernack mit den Leuten; sie packen einen
Juden am Bart, malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schieen
mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und tanzen einen
Krakowiak mit ihrem schndlichen Priester. Gab's doch nicht einmal von
den Tataren solch rgernis im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl
beschieden, solche Schmach fr seine Snden zu erdulden. Und mitten in
diesem Sodom hrt man sie vom Gutshof des Pan Danilo am Dnjepr und von
seinem schnen Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt die
Rotte, die hier versammelt ist!


                                  IX.

Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen
gesttzt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und
singt ein Lied.

Mir ist so traurig zumute, Weib! spricht Pan Danilo, der Kopf tut mir
weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht
mehr fern.

O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst
du so schwarze Gedanken in deiner Brust? dachte Katerina, wagte es aber
nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewuten, wurde es schwer, des
Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen.

Hr, liebes Weib! sagte Danilo, verla meinen Sohn nicht, wenn ich
einst tot bin! Gott wird kein Glck auf dich herabsenden, weder in
dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stt. Schwer wrde es
meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch
trauriger wr' meine Seele!

Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache
Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches
Weib. Du wirst noch lange leben!

Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so
traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich
wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals
war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr' unseres
Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen
vorber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman sa auf
seinem Rappen und in seiner Hand glnzte der Hetmansstab; rings um ihn
standen die Fhrer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der
Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da
wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der frheren Taten und Gefechte
gedachte. Ach, wenn du wtest, Katerina, wie wir damals uns mit den
Trken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier
Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je
vollstndig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die
Edelsteine schpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mtzen. Und was
fr Pferde, wenn du wtest, was fr Pferde wir damals raubten,
Katerina! Nein, solche Kriege erleb' ich nie wieder! Noch bin ich ja
nicht alt, ich bin noch rstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner
Hand, ich lebe tatenlos dahin und wei selbst nicht, wozu ich lebe. In
der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls
beien sich herum wie die Hunde; 's ist keiner da, dem alle gehorchten
und der ihr Haupt wre. Unsere Schlachzizen haben alles gendert und
polnische Sitten eingefhrt, sie sind so schlau und so tckisch geworden
und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen
Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O
Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine
vergangenen Jahre? Geh ins Gewlbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug
mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen
Zeiten!

Womit sollen wir die Gste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der
Wiese her! rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer
hereinstrzte.

Ich wei wohl, wozu sie kommen! sprach Danilo, sich von seinem Platze
erhebend. Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch
an und heraus mit den Sbeln! Verget auch die blauen Bohnen nicht! Die
Gste sollen mit Ehren empfangen werden!

Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen,
da berschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von
den Bumen fllt.

Hehe, da gibt's eine feine Gesellschaft! rief Danilo und blickte auf
die dicken Pans, die sich wrdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen
schaukelten. Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln!
Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das
Fest hat begonnen!

Und auf den Bergen ward es frhlich, und das Fest hub an: da schwirren
die Sbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde.
Die Schdel drhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die
Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo
Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer
Reitersmann strzt vom Ro; ein Sbel klirrt -- und ein Kopf wlzt sich,
zusammenhanglose Reden lallend, am Boden.

Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmtze des Pan
Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen
Grtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mhne
des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald
dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Sbel und schlgt
rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak!
Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der
Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Fen! Stich
zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon
stecken die frevelnden Polen die Htten in Brand und treiben das
ngstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurck, die Mtze
mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Husern auf, und rings
um ihn wird der Haufen geringer.

Nicht nur eine Stunde oder zwei kmpften die Kosaken und Polen. Immer
weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht:
mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit
seinem tapferen Ro das Fuvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon
fliehen die Polen, schon reien die Kosaken die goldenen Schupans und
die reiche Rstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur
Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln
..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf.
Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo
treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben!
Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge
verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote
Gewand und die seltsame Mtze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und
strzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt
ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das
hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen
Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an:
Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht
verlassen! Verlat auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener! und er
verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe
entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schlft einen Schlaf, aus
dem es kein Erwachen gibt.

Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand:
Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt
er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche
erwachen!

Da schlug Katerina die Hnde zusammen und sank ber den Leichnam hin wie
eine Garbe. O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du's, der geschlossenen
Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rhr deine se
Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina,
reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wrtlein! ... Doch ach, du
schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Blulich wardst du
wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlgt nicht! Warum bist du so
kalt, mein Pan? O, ich seh's, meine Trnen sind nicht hei genug, sie
knnen dich nicht erwrmen! Ich seh's, nicht laut genug ist meine Klage,
denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anfhren?
Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den
Kosaken den Sbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer
Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der
feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm!
Streut mir Erde auf die Augen, pret die Bretter von Ahorn mir auf die
weien Brste! Ich brauche meine Schnheit nicht mehr!

Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine
Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu
Hilfe heran.


                                   X.

Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und
ungehemmt durch Gebirg und Wlder seine reichen Wasser trgt. Da ertnt
kein leises Rauschen und kein mchtiger Donnerlaut. Du blickst hin und
weit es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rcken regt, ob nicht; ganz
aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet
sich, breit ohne Maen, lang ohn' Ende, in verschlungenen Bahnen durch
die grne Welt. Dann blickt auch die heie Sonne selig von der Hhe
herab und taucht ihre Strahlen in die khlen glsernen Wsser, und selig
spiegeln sich die Wlder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr
Grngelockten! Ihr drngt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt
euch hinab, schaut hinein und knnt euch nicht satt sehen an eurem
klaren Angesicht und ihr lchelt ihm zu und grt es, indem ihr die
Zweige schttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu
blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und
selten nur kommt ein Vogel bis mitten ber den Dnjepr geflogen. O, du
herrlicher Flu! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder
ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in
Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt
majesttisch auf Himmel und Erde und schttelt gewaltig sein wunderbares
Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glhen
und leuchten ber die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der
Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoe, und kein einziger kann
ihm entrinnen -- es sei denn, da er am Himmel erlischt. Der schwarze
Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit
geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren
langen Schatten zu bedecken -- vergebens! Es gibt nichts auf der Welt,
das den Dnjepr berdecken knnte. Azurblau fliet er gemessen dahin, und
bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen
kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzrteltes Kind bei der
nchtlichen Khle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und
die flammt auf, wie die sthlerne Schneide einer Damaszenerklinge und
dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der
Dnjepr voller Wunder und kein Flu in der Welt kommt ihm gleich! Doch
wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze
Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den
Wolken splitternd, pltzlich die ganze Welt erhellt -- o, dann ist der
Dnjepr schrecklich! Die Wasserhgel tosen, wenn sie gegen die steinigen
Felsen anprallen, sinken blitzend und sthnend zurck und chzen und
heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie
ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und khn reitet er auf seinem
rabenschwarzen Ro dahin, die Hand in die Hfte gestemmt und die Mtze
keck aufs Ohr geschoben, sie aber luft schluchzend hinter ihm her,
hngt sich an den Steigbgel, greift ihm in die Zgel, ringt die Hnde
und zerfliet in heien Trnen.

Wild und schwarz ragen zwischen den kmpfenden Wellen auf der Landzunge
verkohlte Baumstmpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will,
wird ans Ufer geworfen, schiet hoch empor und sinkt dann wieder tief
abwrts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit,
da der alte Dnjepr grollt? Der wei nicht, da der Dnjepr die Menschen
hinabschlingt wie Fliegen!

Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht
heiter zumute. Er grollt ber den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem
erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen muten ihn teuer
bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schnen Schupans, ihr ganzes
Pferdegeschirr und dreiunddreiig Knechte dazu wurden in Stcke gehauen,
und die brigen saen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die
Tataren verkauft werden.

Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstmpfen
hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Htte befand. Leise und ohne
mit der Tre zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den
gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kruter in
ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem
merkwrdigen Holz geschnitzt war, schpfte Wasser und begann es wieder
auszugieen, whrend seine Lippen Beschwrungen murmelten.

Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht
zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich
drein, und die Augen glhten wie ein Feuer. Schrecklicher Snder! Der
Bart war ihm lngst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht,
schon ist er fast gnzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach
gottlsterlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weie
wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte ber des Zaubrers Gesicht.
Doch warum stand er pltzlich regungslos mit weitgeffnetem Munde da,
warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum strubten sich die
Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein
sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer
deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein.
Die Zge, die Brauen, die Augen, die Lippen -- alles war ihm unbekannt
und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts
eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unberwindliches
Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr
durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das
unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen
schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer
wurde so wei wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber
fremd dnkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.


                                  XI.

Sei ruhig, liebe Schwester! sprach der alte Jessaul Gorobetz. Trume
reden selten die Wahrheit.

Leg dich doch hin, Schwesterchen! sagte seine junge Schwiegertochter.
Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt
widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.

Frchte nichts! rief der Sohn und griff nach dem Sbel, niemand soll
dir etwas zuleide tun.

Mit trben und dsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein
Wort zur Antwort. Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab
ihn befreit! Endlich aber sprach sie: Ich habe keine Ruhe vor ihm.
Schon sind's zehn Tage, da ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz
ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in
aller Stille mein Shnchen als Rcher aufziehen ...... O, furchtbar,
furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Beht euch Gott davor,
ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer! -- Ich hack dir dein
Kind in Stcke, Katerina! schrie er, wenn du nicht mein Weib sein
willst! .... Schluchzend strzte sie sich auf die Wiege, da das
erschrockene Kindlein die Hnde ausstreckte und zu schreien begann.

Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hrte.

Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: Mag er's nur wagen, hierher
zu kommen, der gottlose Antichrist -- er soll die Kraft meiner alten
Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge! rief er und hob die scharf
blickenden Augen gen Himmel empor. Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu
Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf
dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat
man ihm zu Ehren nicht dafr einen prchtigen Leichenschmaus gefeiert?
Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind!
Niemand wird es wagen, dich zu berhren, solange wir leben, ich und mein
Sohn!

Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen
erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den
Beutel mit dem glnzenden Feuerstein, streckte die Hndchen zu ihm hin
und lachte. Der wird ganz wie der Vater! sprach der alte Jessaul, nahm
die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. Noch hat er die
Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!

Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man
verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen
Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein.

Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache
hielten, schlummerten nicht. Pltzlich wachte Katerina mit einem Schrei
auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. Er ist tot, man
hat ihn ermordet! schrie sie und strzte zur Wiege hin ..... Alle
umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose
Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wute, was er
von dem unerhrten Frevel denken sollte.


                                  XII.

Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon
die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stt man auf eine
Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts
und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen
Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die
Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge
hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und
Ungarns Vlkern empor. Solche Berge gibt's in unserer Gegend nicht, und
das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat
noch kein menschlicher Fu betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu
schauen: gleich als wre ein trotziges Meer whrend eines Sturmes seinen
weiten Ufern entflohen und als htte es migestalte Wogen aufgetrmt,
die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind
es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestrzt sind und den Weg zur
Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der
Wolken, und der weie Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den
Karpathen hin hrt man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen
hallt's hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen
Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt
das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht
schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn's gilt, goldene
Dukaten fr Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen.
Gro und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas
sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge
und die grnende Sohle zurck.

Doch wer kommt dort inmitten der Nacht -- bei Finsternis oder
Sternenglanz -- auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke
von bermenschlichem Krperma fegt die Berge entlang und ber die Seen
dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenro in den leblosen Gewssern,
da sein unermelicher Schatten furchtbar ber die Berge hinhuscht? Es
glnzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trgt eine Pike auf
der Schulter, am Sattel rasselt der Sbel, das Visier ist
niedergelassen, schwarz hngt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind
geschlossen, und die Lider gesenkt. -- Er schlft und hlt im Schlafe
die Zgel fest, hinter ihm auf demselben Ro sitzt der junge Page und
auch er schlft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er,
wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer wei etwas von ihm? Nicht
einen Tag nur oder zwei reitet er schon ber die Berge dahin. Der Tag
bricht an, die Sonne geht auf, aber _er_ ist nicht zu erblicken. Nur
selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge
huschen -- und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht ber
ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so
lt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter
ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an
vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er
hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg hher als
dieser, denn einem Knige gleich erhebt er sich ber die andern. Da
machte Ro und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und
herabsinkende Wolken bedeckten ihn.


                                 XIII.

Pst ... still doch, Weib! Lrme nicht so! Mein Kind ist eingeschlafen.
Lang hat mein Kindchen geschrien, jetzt aber schlft es. Ich geh' in den
Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? Du bist frchterlich: eiserne
Zangen strecken sich aus deinen Augen hervor -- -- oh, und wie lang sie
sind, und brennen wie Feuer! Du bist gewi eine Hexe! Hr, wenn du eine
Hexe bist, so verschwinde! Du willst mir meinen Sohn stehlen! Wie
tricht ist doch dieser Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergngen, in
Kijew zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind hier, wer soll
denn das Haus berwachen? Ich bin so leise davongeschlichen, da weder
Katze noch Hund es hren konnten. Weib, du willst wieder jung werden? O,
das ist garnicht so schwer: man mu nur recht viel tanzen. Schau, wie
ich tanze ..... Und nachdem sie diese zusammenhanglosen Worte
gesprochen hatte, fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein
Wirbel herum -- blickte stier nach allen Seiten, stemmte die Arme in die
Hften, und ihre silbernen Hufeisen klirrten regellos und ohne Takt.
Ihre schwarzen aufgelsten Flechten hingen ihr ber den weien Hals
hinber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und immer weiter ohne
Halt, schwang die Arme im Kreise, schttelte den Kopf, und es schien so,
als mte sie gleich matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus
dieser Welt.

Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Trnen strmten ihr ber
die tiefen Runzeln hinab, schwer wie ein Stein lastete es auf dem Herzen
der treuen Burschen, die zusehen muten, wie ihre Herrin tanzte. Doch
schon fing sie an, mde zu werden, trg stampfte sie mit den Beinen auf
ein und derselben Stelle herum und glaubte doch, sie tanze den
Lachtaubentanz. Ah, ich hab' auch ein Perlenhalsband, ihr Burschen!
rief sie endlich aus und hielt inne. Ihr aber habt keins! .... Wo ist
mein Mann? schrie sie pltzlich auf und zog rasch einen Trkendolch aus
dem Grtel. Oh, das ist kein Messer, wie ich es brauche! und dabei
flossen ihr die Trnen ber ihr schmerzbewegtes Gesicht. Das Herz
meines Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird's nicht
erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat es ihm auf dem
hllischen Feuer geschmiedet. Warum erscheint mein Vater nur nicht? Wei
er denn nicht, da die Zeit gekommen ist, wo ich ihn tten mu? Er will
wohl gar, da ich selbst zu ihm komme .... Und ohne ihre Rede vollendet
zu haben, lachte sie seltsam auf. Eine komische Mr kam mir in den
Sinn: Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. Sie haben ihn
lebendig begraben ... O, wie mute ich lachen! ...... Hrt, hrt! und
statt weiterzureden, begann sie ein Lied zu singen:

   Da fhrt 'ne Karre im Blut .....
   'S liegt ein Kosak im Wagen
   Zerschossen und zerschlagen,
   Hlt in der Rechten einen Spie,
   Und von dem Spie luft soviel Blut
         Soviel Blut,
   Da es 'nen Blutstrom wies.

   berm Bach da steht ein Ahornschragen
   Und ein Rabe krchzt darber her.
   Vom Kosaken will die Mutter klagen,
   Wein nicht, Mutter, grm dich nicht zu sehr!

   Dein Sohn hat wohl genommen
   Ein Fruleinchen gar fein,
   Drum soll er auch bekommen
   Ein Stbchen eng und klein,
   Ohne Fenster, ohne Tr,
   So geht's immer fr und fr.

   Ging ein Fisch mit 'nem Krebs zu Tanz ...
   Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck ..

So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. Schon einen oder zwei
Tage lang lebte sie in ihrem Hause und wollte nichts von Kijew hren;
sie betete nicht, sie floh vor den Menschen und vom frhen Morgen bis in
die spte Nacht hinein streifte sie im dunklen Eichwald umher. Spitzige
ste ritzten ihr weies Gesicht und ihre Schultern, der Wind zerzauste
ihr die aufgelsten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren Fen
-- sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, da das Abendrot erlischt,
die Sterne noch nicht vom Himmel herab blinken und der Mond noch nicht
leuchtet, ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die ungetauften
Kinder kratzen an den Baumstmmen, hangen an den Zweigen, heulen, lachen
gellend auf und wlzen sich wie ein Knuel ber die Wege und durch das
dichte Dornengestrpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein Reigen von
Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, die Haare rieseln ihnen
vom grnlichen Haupte auf die Schultern herab; das Wasser rinnt laut
glucksend vom langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau schimmert
durchs Wasser hindurch wie durch ein glsernes Hemd, seltsam lcheln die
Lippen, die Wangen glhen, die Blicke locken einem die Seele aus dem
Leibe .... sie mchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heien
Kssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein Christ, ihre Lippen
sind Eis, ihr Bett ist das khle Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln
und dich mit in den Flu schleifen. Katerina aber blickt niemanden an.
Sie, die Wahnsinnige, frchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen
nicht; zu spter Stunde luft sie umher mit dem Dolche im Busen und
sucht nach dem Vater.

Ganz frh am Morgen kam ein stattlicher Gast in rotem Schupan angeritten
und fragte nach Pan Danilo; als er die traurige Kunde vernahm, wischte
er sich die weinenden Augen mit dem rmel und zuckte die Achseln. Er
habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen Burulbasch gemacht, und
sie htten gemeinsam gegen die Krimschen Tataren und Trken gefochten;
wie htt' er erwarten knnen, da Pan Danilo so enden wrde! Und noch
von manchem anderen wute der Gast zu berichten, und dann wnschte er
Pani Katerina zu sehen.

Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast erzhlte; schlielich
aber begann sie dennoch, seinen Reden zu lauschen, ganz als ob sie bei
Vernunft wre. Er sprach davon, da er und Danilo miteinander wie Brder
gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den Krimschen Tataren
versteckt hielten und mehr dergleichen ....... Katerina hrte dies alles
und wandte keinen Blick von ihm ab.

Sie kommt wieder zu sich, dachten die Burschen, die sie aufmerksam
beobachteten. Der Gast wird sie heilen! Schon hrt sie ihm zu wie ein
vernnftiges Wesen!

Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie Pan Danilo ihm in
vertraulicher Stunde gesagt hatte: Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal
Gottes Wille, und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm mein
Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....

Da heftete Katerina die Augen mit einem frchterlichen Ausdruck auf ihn.
Ah! rief sie, er ist es, er ist es. Es ist mein Vater! und sie
strzte sich mit einem Messer auf ihn.

Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer entwinden; endlich
ri er ihr's aus den Hnden, holte aus -- und die schaurige Tat geschah:
der Vater erstach seine wahnsinnige Tochter.

Entsetzt strzten sich die Kosaken auf ihn, aber der Zauberer schwang
sich aufs Pferd und war aller Blicken entschwunden.


                                  XIV.

Vor Kijew begab sich ein unerhrtes Wunder. Alle hohen Herren und
Hetmans kamen zusammen, dies Wunder anzustaunen, und pltzlich war es
weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. Weit in der Ferne blaute
die breite Mndung des Stroms, und hinter ihr rollte das Schwarze Meer.
Weltkundige Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie ein Berg aus
dem Meere emporstieg, und auch den sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur
Linken aber sah man das galizische Land.

Und was ist _das_? fragte das versammelte Volk die groen Mnner, und
alle wiesen auf die fern am Himmel leuchtenden mchtigen weien Spitzen,
die grauen Wolken glichen.

Das sind die Karpathen! sprachen die alten Mnner. Da gibt's auch
solche darunter, von denen der Schnee nie verschwindet; dort landen und
bernachten die Wolken.

Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken senkten sich vom hchsten
Berggipfel herab, und auf seiner Spitze erschien ein Recke zu Ro und in
voller Ritterrstung; seine Augen waren geschlossen, und er war zu
schauen, als ob er ganz in der Nhe vor allen dastnde.

Da sprang einer von der schreckvoll staunenden Menge aufs Pferd und
jagte eilig und so schnell er konnte, fort.

Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen Augen prfen, ob nicht
jemand ihm nachsetzte. Es war der Zauberer! Doch was hatte ihn so in
Schrecken gesetzt? Als er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er
pltzlich dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei seinen schwarzen
Knsten so ungerufen erschienen war. Er konnte es selbst nicht
begreifen, warum bei diesem Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er
raste, scheu um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der Abend
berraschte und die Sterne am Himmel erschienen. Da erst machte er kehrt
und floh heimwrts, vielleicht um die unreinen Mchte zu befragen, was
dies Wunder wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem Ro ber den
schmalen Bach setzen, der wie ein rmel sich mitten ber den Weg
dahinzog, als sein Ro mit einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das
Maul zu ihm wandte, und -- o Wunder! -- zu lachen begann. Zwei Reihen
weier Zhne grinsten ihm aus der Dunkelheit entgegen. Das Haar strubte
sich auf dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte laut
wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks auf Kijew zu. Es war
ihm, als ob jemand von berall her nach ihm haschte: die Bume schienen
zu einem dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschlieen, sie
schttelten ihre schwarzen Brte und reckten ihre langen Zweige heraus,
als ob sie lebendig wren und ihn erdrosseln wollten. Die Sterne
schienen ihm vorauszueilen und vor der ganzen Welt auf den Snder zu
weisen; selbst die Landstrae, schien ihm, jagte auf seinen Spuren
hinter ihm her.

Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den heiligen
Wallfahrtsorten der Stadt Kijew.


                                  XV.

Ein Anachoret sa einsam in seiner Hhle vor einer Leuchte und wandte
seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit
vielen Jahren schon hatte er sich in der Hhle eingeschlossen und schon
hatte er sich den hlzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte,
wie in einem Bett. Der heilige Greis schlo eben das Buch und begann zu
beten .... Da strzte pltzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem
ueren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und
trat einen Schritt zurck vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen
Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches
Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die
Seele erschauern.

Bete, Vater! So bete doch! schrie er verzweifelt. Bete fr eine
verlorene Seele! Und er strzte zu Boden.

Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch
hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurck und lie das Buch
wieder herabsinken. Nein, du unerhrter Snder! Es gibt keine Gnade fr
dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich fr dich zu beten!

Nie! schrie der Snder wie toll.

Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutberstrmt ....
noch niemals hat die Welt einen solchen Snder gesehen.

Vater! Du spottest ber mich!

Geh, du gottverdammter Snder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich.
Nichts Gutes bedeutet es fr einen Menschen, in deiner Nhe zu weilen.

Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich
ffnet und mich die weien Reihen deiner alten Zhne spttisch
anblicken!

Und er sprang rasend vor -- und erschlug den heiligen Einsiedler.

Da sthnte etwas schwer auf, und das Sthnen hallte durch Feld und Wald
weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar drre hagere Hnde mit
langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder.

Und schon war keine Angst mehr da, und er fhlte nichts mehr. Alles
erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im
Kopfe wie wenn er trunken wre. Er sprang aufs Ro und ritt gen Kanew,
von dort gedachte er seinen Weg ber Tscherkany geradeaus zu den Tataren
und nach der Krim zu lenken, doch wute er selbst nicht, zu welchem
Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber
Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige
Weg, und er htte schon lngst in Kanew sein mssen, aber die Stadt
wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten pltzlich in der Ferne die
Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der
Zauberer war aufs hchste betroffen, als er sah, da er eine falsche
Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Ro zurck auf Kijew zu, und
einen Tag spter tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder
nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew
entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu
wissen, was er tun sollte, ri er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum
fhlte er, da er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer
weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt htte sagen knnen, was in
der Seele des Zauberers vorging; und htte jemand hinein geblickt und
gesehen, was dort geschah, so htte er keine Nacht mehr ruhig
geschlafen, und nie htt' er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht
Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafr in der Welt. Es glhte
und siedete in ihm, die ganze Welt htte er mit seinem Rosse
zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den
Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere
ertrnken mgen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er
wute selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die
Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke
wie eine Mtze auf seinen Schdel gestlpt hatte; aber das Ro jagte
immer weiter dahin und trabte schlielich bis ins Gebirge. Pltzlich
verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit
der Reiter ..... Der Zauberer mhte sich, Halt zu machen und zog die
Zgel straff, aber das Ro wieherte wild, warf den Kopf empor und raste
dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm
erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rhrte sich vom Fleck;
er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden
Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde
Gelchter durchs Gebirge, hallte drhnend im Herzen des Zauberers wieder
und erschtterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein
furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wre und in seinem
Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshmmerte,
so gewaltig hallte das Gelchter in ihm wieder!

Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn
hoch in die Lfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er ffnete nach
dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein
Toter vor sich hin. So frchterlich blickt kein Lebender und auch kein
Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er
sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben,
und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander
gleichen.

Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Gre berragend, und der
eine knochiger als der andere, so drngten sie sich um den Ritter, der
seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter
auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen
in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre
Zhne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der grer und furchtbarer
war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er
vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. -- So
riesengro war er geworden in seiner Erdengrube; htte er sich erhoben,
so htte er die Karpathen umgestrzt und das Siebengebirge und das
Trkenreich dazu. Ein wenig nur rhrte er sich im Grabe -- und es ging
ein Beben ber die ganze Erde, viele Huser wurden allerorten
umgeworfen, und viele Menschen erstickten.

Oft hrt man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser ber
tausend Mhlrder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem
Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch
gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen.
Gar oft geschieht es, da die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt:
das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, da irgendwo, in der
Nhe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und flieen
brennende Strme hervor. Aber die greisen Mnner im Ungarlande und auch
in Galizien wissen es besser und erzhlen von dem ungeheueren Toten, der
in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall
erschttert.


                                  XVI.

In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler
geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des
Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich
hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der
alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war
eine andere Zeit: weit berhmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie
zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es,
ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er lie
seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit
den Knochenstbchen flogen wie Fliegen ber die Saiten, soda die Saiten
von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, -- die
Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Snger erhoben,
und wagten es nicht einmal, untereinander zu flstern.

Wartet einmal! sprach der Alte. Ich will euch singen von einer
lngstvergangnen Begebenheit.

Die Leute drngten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann:

Zur Zeit Pan Stephans, des Frsten von Siebenbrgen (der Frst von
Siebenbrgen war auch Knig der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken:
Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brder. Hr, Iwan, sagte Petro
einst, alles, was wir erbeuten, -- sei zu gleichen Teilen unter uns
geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei
des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und
wenn der eine in Gefangenschaft gert, soll der andere alles verkaufen
und Lsegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen. Und so
geschah's auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie
untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde -- sie
teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.

                   *       *       *       *       *

Einst fhrte Knig Stephan Krieg mit dem Trkenvolk. Drei Wochen schon
focht er gegen den Trken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben.
Die Trken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn
Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat Knig
Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fnde, der ihm den Pascha lebend
oder tot brchte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen,
wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen lie. Da sprach Iwan zu
Petro: Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen! Und die
Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.

                   *       *       *       *       *

Ob ihn Petro nun gefangen htte oder nicht, das lt sich nicht sagen,
doch schon fhrt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den
Knig. Tapfrer Kosak, sprach Knig Stephan und lie ihm allein soviel
Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hie ihm
Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel
er nur wnschte. Wie Iwan nun den Lohn vom Knig erhalten hatte, teilte
er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro.
Petro bekam die Hlfte vom Lohne des Knigs, aber der konnte es nicht
verwinden, da Iwan vom Knige solche Ehren zuteil geworden waren, und
in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.

                   *       *       *       *       *

Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land,
das der Knig ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch
seinen Sohn neben sich auf dem Ro sitzen und ihn fest an sich gebunden.
Schon senkte sich die Dmmerung aufs Land herab -- sie aber ritten immer
weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an
einzuschlummern. Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in
den Bergen! .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte,
und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den
Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen,
denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum
Grunde jener Schlucht. ber den Abgrund fhrte ein Steg -- ber dem noch
gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam
schritt das Ro mit dem schlummernden Kosaken ber den Steg. An seiner
Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den
Atem an, und nun blickte er um sich, stie seinen selbst erkorenen
Bruder in den Abgrund hinab, und das Ro strzte mitsamt dem Kosaken und
dem Kinde in die Tiefe.

                   *       *       *       *       *

Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd
strzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem
Rcken, in die Hhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da
erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte,
um ihn wieder hinabzustoen. O, du gerechter Gott! Htte ich doch
lieber nicht die Augen erhoben; warum mu ich jetzt sehn, wie mein
erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder
hinabzustoen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn's mir denn
schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das
unschuldige Kind denn getan, da es solch grimmen Tod erleiden soll? Da
lachte Petro, stie mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem
Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an
sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden
wie Petro, und nirgends gab's so viel Schafe und Hammel, wie er besa.
Doch eines Tages starb Petro.

                   *       *       *       *       *

Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brder, Petro und
Iwan, vor Gericht. Dieser Mensch ist ein groer Snder! sprach Gott.
Iwan! Ich wei keine Strafe, die gro genug fr ihn wre; whle du
sie! Lang grbelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich
sprach er: Dieser Mensch hat mir einen groen Schmerz zugefgt: er hat
seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen
Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein
Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein
Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt.
Da gibt's keine Saat, und niemand erfhrt je, da ein Same ausgest
ward.

                   *       *       *       *       *

So tu denn also, o Gott, da sein ganzes Geschlecht auf Erden kein
Glck habe und da der letzte seines Geschlechts solch ein Bsewicht
werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen
mgen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Grber aufgestrt
werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Grbern
entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu
erheben, auf da noch viel grere Martern ihn peinigen; wtend soll er
Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden!

                   *       *       *       *       *

Und wenn das Ma der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so
erhebe mich mitsamt meinem Ro aus jenem Schlunde bis auf den hchsten
Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in
den tiefen Abgrund strzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie
sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten
geweilet haben mgen, und an ihm nagen zum Dank fr die Qualen, die er
ihnen zugefgt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich
freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht
aus der Erde erheben knnen, er soll _auch_ den Wunsch haben, an dem
andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen
sollen immer grer werden und hher empor wachsen, auf da darob seine
Qual noch strker werde. Diese Qual ist die frchterlichste von allen;
denn es gibt keine grere Folter fr den Menschen, als sich rchen zu
wollen und nicht rchen zu knnen.

                   *       *       *       *       *

Furchtbar frwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch! sprach da
Gott. Und alles mge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du
sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht
beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mut! Und
alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare
Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten
an einem Leichnam nagen, und er fhlt, wie der Leichnam unter der Erde
wchst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und
schrecklich die Erde erschttert ........

Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die
Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergtzliche Mrlein von
Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und
Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie
mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken ber die
schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten.




                      Iwan Fjodorowitsch Schponjka
                            und seine Tante


Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzhlt hat
sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun mu ich euch
vermelden, da mein Gedchtnis ganz unmglich schlecht ist: ob mir einer
was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau
so, als wenn man Wasser in ein Sieb giet. Weil ich aber meinen Fehler
kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen
einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir
gegenber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte
denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen
in das kleine Tischchen: -- Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht
gleich in der Ecke, wenn man zur Tr hereinkommt ..... Ja, da hab' ich
richtig vergessen, da ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit
der ich schon an die dreiig Jahre zusammen lebe, hat, -- was soll ich
ein Hehl daraus machen, -- ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden.
Einmal bemerkte ich nun, wie sie Kchel auf Papier bckt. Diese
Kchelchen kann sie nmlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere
Kchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den
Boden eines Kchelchens anschaue, da finde ich pltzlich geschriebene
Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt htte: -- vom
Hefte ist kaum mehr als die Hlfte brig! Sie hatte sich alle brigen
Bltter fr ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man
kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich
aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor
ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins
Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, da ich Stepan Iwanowitsch
meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das
Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen wrde, daran zu
erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste
auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und verga es dennoch; erst als
ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da
war nichts mehr zu machen, und so mute die Geschichte denn notgedrungen
ohne Schlu abgedruckt werden. brigens, wenn jemand unbedingt wissen
will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu
fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit
dem grten Vergngen von Anfang bis zu Ende erzhlen. Stepan
Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so
ein kleines Gchen: sobald ihr in dies Gchen einbiegt, ist's der
zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange
Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem
grnen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er fhrt ein
Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr knnt ihm brigens auch auf
dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder
Gemse fr seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem
jdischen Hndler unterhlt. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn
niemand auer ihm trgt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben
Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht,
so schlgt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis
Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen
sah: Seht, seht doch, da kommt die Windmhle!


                                   I.
                      Iwan Fjodorowitsch Schponjka

Es ist schon vier Jahre her, da Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied
vom Militr genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste.
Als er noch der kleine Iwan hie, besuchte er die Kreisschule zu
Gadjatsch, und das mu man sagen, er war ein hchst sittsamer und
fleiiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor
Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleiig
gewesen wren wie Schponjka, dann htte er das Ahornlineal nicht in die
Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es
schon mde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen.
Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande
versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er sa stets
still mit gefalteten Hnden und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da;
nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den
Rcken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte
auch nie Drngeln, bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand
ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich
sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wute, da er stets ein
Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch
einfach Wanjuscha genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen
Ledertschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur
darum, man mchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers
schaben, denn er behauptete, da die stumpfe Seite dazu da sei.

Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen
Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor
sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tr erschien,
die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser frchterliche
Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbndel prangten, und bei dem
die Hlfte aller Schler auf den Knien stehen muten, machte Iwan
Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele
Schler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall
nicht bergangen werden, der einen gewissen Einflu auf Iwans Leben
gewann. Einer der ihm anvertrauten Schler, der den Auditor bewegen
wollte, ihm ein _Scit_ ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine
blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier
eingewickelten und mit Butter bergossenen Eierkuchen in die Klasse mit.
Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade
in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung
nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich
auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschftigt, da er
nicht einmal merkte, wie es pltzlich in der Klasse totenstill wurde. So
kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem
Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse
zerrte. Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du
Taugenichts! rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen
Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es
brigens nicht verga, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs
strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan
Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle krftig auf die Finger, und das
mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, _sie_ hatten
sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Krperteil. Wie dem
auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schchternheit, die aufs engste mit
seiner Person verwachsen war, nur noch grer. Vielleicht war eben
dieses Geschehnis der Grund davon, da er spter nie Lust hatte, in den
Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt,
da es uns nicht immer gelingt, unsere Snden zu verbergen.

Er war nicht weniger als fnfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse
versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in
der Arithmetik, zum groen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des
Menschen und zu den Brchen berging. Aber da er merkte, da, je grer
der Wald, um so dichter die Baumstmme beieinander stnden, und als er
die Nachricht erhielt, da sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb
er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter
in das P--er Infanterieregiment.

Das P--er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der
die meisten Infanterieregimenter gehren; und obwohl es gewhnlich nur
in Drfern lag, lebte es doch auf groem Fue, so da es manchem
Kavallerieregiment nichts nachgab. Der grte Teil der Offiziere trank
den strksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und
verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den
Schlfenlckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den
Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P--schen
Regiments lie sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies
besonders zu betonen. Bei mir, sagte er gewhnlich und ttschelte sich
bei jedem Wort seinen Bauch, bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka,
jawohl viele, sogar sehr viele! Um dem Leser den Grad der Bildung, der
im P--er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu
fhren, wollen wir noch hinzufgen, da zwei seiner Offiziere ganz
schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mtze, Mantel samt ihrer
Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja
selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor.

Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu
beigetragen, die Schchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern,
und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar _ein_ Glschen vor dem
_Mittag_- und _ein_ Glschen _vor_ dem _Abend_essen -- weder Mazurka
tanzte noch Karten spielte, so blieb er natrlich immer allein. Auf
diese Art pflegte er, whrend die anderen auf Gutspferden zu den
kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen
und sich Beschftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gtigen
Seele passen: bald putzte er seine Knpfe, bald las er im Wahrsagebuch,
bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und
bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf
dem Bette.

Dafr aber gab es niemand im Regiment, der zuverlssiger gewesen wre,
als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut,
da der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafr
wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fhnrichscharge erhalten
hatte, zum Sekondeleutnant ernannt.

Whrend dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben
und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die
er nur _daher_ kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal
getrocknete Rosinen und uerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln
mitgebracht hatte und die ihm spter dergleichen schne Dinge sogar nach
Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher
bekam sie Iwan Fjodorowitsch spter nicht mehr zu sehen), -- diese Tante
habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes
bernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte.

Iwan Fjodorowitsch, der von dem verstndigen Sinn seiner Tante
vollkommen berzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie
frher. Manch einer an seiner Stelle wre, wenn er solch einen Rang
erklommen htte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm vllig
fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan
Fjodorowitsch, der er auch als Fhnrich gewesen war. Er brachte nach
diesem fr ihn so denkwrdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu,
und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement
Mohilew nach Groruland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts
erhielt:

                  Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch!

   Ich schicke Dir Wsche: fnf Paar Zwirnsocken und vier feine
   Leinenhemden; auch mchte ich geschftlich mit Dir reden: da Du ja
   schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein
   Alter erreicht hast, wo man wei, da es an der Zeit ist, sich mit
   der Landwirtschaft zu beschftigen, so solltest Du nicht lnger noch
   beim Militr bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem
   Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch mu ich Dir vieles
   persnlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnschtig auf
   das Vergngen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich
   innig liebende Tante

                                              Wassilissa Zuptschewska.

   _P. S._ Bei uns im Garten gibt's jetzt herrliche Rben: sie gleichen
   schon mehr Kartoffeln als Rben.

Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante
folgende Antwort:

                  Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!

   Vielen Dank fr die Wschesendung. Besonders meine Socken sind
   schon sehr alt, so da der Bursche sie bereits viermal stopfen
   mute; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht
   ber den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden,
   und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich
   den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren
   frheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte
   ich leider nicht ausfhren: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es
   keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais
   gemstet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut.

                            Mit vorzglicher Hochachtung verbleibe ich
                                                             Ihr Neffe
                                                      Iwan Schponjka.

Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum
Oberleutnant befrdert; mietete sich fr vierzig Rubel einen jdischen
Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der
Zeit, da die Bume sich mit den ersten jungen Blttern schmckten, die
Erde in frischem Grn prangte, und alle Felder einen herrlichen
Frhlingsduft ausstrmten.


                                  II.
                               Die Reise

Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas
ber vierzehn Tage lang. Vielleicht wre Iwan Fjodorowitsch noch frher
angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und
nicht den ganzen Tag ber, in seine Pferdedecke gehllt, gebetet htte.
Wie ich brigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch
ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen lie. Whrend dieser Zeit
schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wsche heraus, musterte sie,
ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte
behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten
mehr zierten, und legte alles wieder in schnster Weise zusammen. Er
liebte im Allgemeinen das Bcherlesen nicht; und wenn er auch hie und da
in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es
gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder
einmal zu begegnen. Genau so besucht der Stdter seinen Klub, nicht etwa
um irgend etwas Neues zu hren, sondern um dort Freunde zu treffen, mit
denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist.
Oder so liest ein Beamter ein paarmal tglich mit viel Genu das
Adrebuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Plne
willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amsieren. Ah! Das ist
Iwan Gawrilowitsch so und so! .... murmelt er dumpf vor sich hin. Ah!
Da bin ich! hm! .... Und am folgenden Tage liest er's wieder, wobei er
seine Lektre mit denselben Interjektionen begleitet.

Nach einer vierzehntgigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein
Drfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade
ein Freitag und die Sonne war schon lngst untergegangen, als er samt
seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr.

Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren
Gasthusern, die man in kleinen Drfern vorfindet. Dort bringt man dem
Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er
ein Postgaul wre. Will er dagegen frhstcken, wie anstndige Leute es
gewhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und
unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan
Fjodorowitsch all das wute, hatte er sich rechtzeitig zwei Bndel
Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an
dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er
auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden
eingegraben war.

Whrenddessen kam unter mchtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor
knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man
hrte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das
Wirtshaus gehrte. Gut, ich steige hier ab, hrte Iwan Fjodorowitsch
den Fremden rufen, wenn mich aber auch nur eine Wanze beit, so prgle
ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prgle dich durch, und
bezahle dir nichts fr dein Heu!

Einen Augenblick spter ging die Tr auf, und herein trat, oder
richtiger gesagt, _kroch_ ein dicker Mann in einem grnen Rock. Sein
Kopf sa unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns
noch dicker erschien. Schon nach dem bloen ueren htte man glauben
knnen, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf ber
Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie l.

Ich wnsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr! rief er, als er
Iwan Fjodorowitsch erblickte.

Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.

Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen? fuhr der
dicke Fremde fort.

Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkrlich von seinem
Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein
Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. Leutnant auer
Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka, antwortete er.

Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?

Auf mein Gut Wytrebenjki.

Wytrebenjki! rief der gestrenge Frager. Gestatten Sie, mein Herr,
gestatten Sie! rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um
sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich
durch eine Menschenmenge hindurchdrngen wollte. Dann aber trat er auf
ihn zu, schlo Iwan Fjodorowitsch in die Arme und kte ihn zuerst auf
die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange.
Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zrtlichkeitsausbruch, denn
die groen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche
Kissen.

Erlauben Sie, mein Herr, da wir einander kennen lernen! fuhr der
Dicke fort. Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise
Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne hchstens fnf Werst von Ihrem
Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heie
Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr,
unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir
nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt mu ich eilig in Geschften
weiter .... Was soll denn das da bedeuten? sprach er mit sanfter Stimme
zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten
Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln
auf den Tisch stellte. Was soll das? Wie? -- und Grigori
Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. Habe ich
dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir
nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!
rief er und stampfte mit dem Fue auf. Halt, du Fratz du! Wo ist denn
das Kstchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch! fuhr er fort, indem
er ein Glschen Kruterschnaps einschenkte, bitte ergebenst: rztlich
empfohlen!

Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit .... sagte
Iwan Fjodorowitsch stockend.

Nein, ich will nichts hren, mein Herr! rief der Gutsbesitzer mit
erhobener Stimme, ich will nichts hren! Ich rhr' mich nicht vom
Fleck, bis Sie getrunken haben ....

Iwan Fjodorowitsch sah ein, da hier eine Weigerung unmglich war, und
trank den Schnaps nicht ohne Vergngen.

Hier ist Huhn, mein Herr, fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort,
indem er das Huhn in seinem Holzkstchen mit dem Messer zerlegte. Ich
mu Ihnen sagen, meine Kchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Glschen
hinter die Binde zu gieen, und daher macht sie's zuweilen zu trocken.
He, Junge! und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel,
der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, mach mir das
Bett auf dem Fuboden, mitten in der Stube! Pa aber auch gut auf, lege
recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reie dem Frauenzimmer ein
bichen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen
kann! Sie mssen nmlich wissen, mein Herr, da ich die Gewohnheit habe,
mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo
mir einmal in einer grorussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen
ist. Wie ich spter erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar
Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmglich zu beschreiben, was damals mit
mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf
die Wnde zu klettern! Schlielich hat mir ein einfaches altes Weib
geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben
Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie ber die
rzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum
Besten; manche alte Frau wei zwanzigmal mehr, als all diese rzte.

In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In
der Tat, es gibt .... Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein
passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle mu ich sagen, da er
berhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rhrte das von seiner
Schchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche,
sich mglichst hbsch auszudrcken.

Schttle das Heu nur recht tchtig; tchtig, hrst du! rief Grigori
Grigorjewitsch seinem Lakai zu. Hier ist das Heu so abscheulich, da
man nur allzuleicht auf ein stchen stoen kann. Ich erlaube mir, Ihnen
eine gute Nacht zu wnschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht
mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier
wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nmlich Sonnabend; da brauchen
Sie nicht so frh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich
will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche
kommen.

Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus,
half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori
Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn
ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt htte.

He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke
zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die
Pferde schon getrnkt? _Noch_ mehr Heu! Hierher, _da_ unter die Seite!
Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch
besser .... Oh! ....

Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und
erfllte das ganze Zimmer mit einem frchterlichen Pfeifen, das aus
seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, da die alte
Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle
Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte,
beruhigt wieder einschlief.

Als Iwan Fjodorowitsch am nchsten Morgen erwachte, war der dicke
Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwrdige Ereignis,
das sich whrend seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf nherte
er sich seinem Gutshof.

Er fhlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmhle,
ihre Flgel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Mae, wie der Jude
seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden
auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und
strmte eine khlende Frische aus. Hier pflegte er frher zu baden; und
in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse
im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wgelchen fuhr den
Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf
gedeckte Huschen, und die alten pfel- und Kirschbume, auf denen er
einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof
eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller mglichen Rassen
herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen
warfen sich den Pferden bellend vor die Fe, die anderen liefen
hinterdrein, da sie merkten, da die Achse mit Fett eingeschmiert war;
ein Hund stand neben der Kche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt
und klffte aus Leibeskrften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin
und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte:
Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch fr ein Jngling bin! Mehrere
Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine
Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre
Schnauze mit prfender Miene in die Hhe und grunzte noch lauter als
sonst. Im Hofe lag auf einem Stck grober Leinwand eine Unmenge Weizen,
Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf
dem Dache lagen allerhand Kruter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut
und mehr dergleichen.

Iwan Fjodorowitsch war dermaen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten
versunken, da er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den
vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade bi. Das Gesinde, das
auch herbeigeeilt war und aus einer Kchin, einer Frau und zwei Mdeln
in wollenen Rcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen
hatten Da ist ja der junge Herr!, da sich die Tante im Gemsegarten
befnde und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher
Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Grtners und Wrters versah,
Weizen se. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war
schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast
in ihren Armen in die Hhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob
das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer
Gebrechlichkeit und Krnklichkeit geschrieben hatte.


                                  III.
                               Die Tante

Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fnfzig Jahre alt. Sie
war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfruliche Leben
sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. brigens hatte -- so viel ich
mich besinnen kann, -- auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam
daher, da alle Mnner ihr gegenber eine gewisse Schchternheit
empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefhle zu erklren.
Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter, sagten die Freier,
und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen
sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Mller, der zu gar nichts
mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher uerer
Mittel und nur indem sie ihn tglich ein paarmal am Schopfe rupfte,
verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen
Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre
Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die
Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum
Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen
Morgenrock mit kleinen Sumchen und am Ostersonntag und an ihrem
Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, whrend ihr ein
Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden htten.
Dafr aber entsprach ihre Beschftigung vollkommen ihrem Charakter, sie
konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die
Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Krbisse
und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fnf
Kopeken von jedem Wagen, der ber ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die
Bume und schttelte die Birnen herunter; sie prgelte eigenhndig ihre
faulen Vasallen mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Wrdigen
mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen
Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand frben, in die Kche rennen, Kwas
bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu
schaffen und versumte nichts. Die Folge davon war, da Iwan
Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn
Leibeigene gezhlt hatte, frmlich aufblhte, und zwar im vollen Sinne
dieses Wortes. brigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und
hob sorgsam jede Kopeke fr ihn auf.

Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine groe Vernderung
in seinem Leben vor und es schlug vllig neue Bahnen ein. Es schien so,
als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen htte, ein Gut mit
achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, da er
einen guten Landwirt abgeben wrde, obwohl sie ihm brigens nicht
gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. Der Junge
ist noch nicht alt genug! pflegte sie gewhnlich zu sagen, trotzdem
Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; woher soll er auch
alles wissen!

Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und
Mhern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen
Genu. Ein Dutzend glnzender Sensen und mehr fliegen einmtig in einem
Schwunge in die Hhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen
zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig,
wie beim Empfang von Gsten, und bald wehmtig, wie bei einer Trennung;
der Abend ist still und die Luft ist rein! -- O wie kstlich ist solch
ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles
belebt: die Steppe rtet sich, blaut und glht in allen Farben auf;
Wachteln, Trappgnse, Mwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie
alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist's ein
harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur fr einen Augenblick.
Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und
wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzndet
und Kessel aufgestellt, und die schnauzbrtigen Schnitter setzen sich
rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klen steigt ein Dampf
auf; der Abend graut .... Es wre schwer zu sagen, was dann in Iwan
Fjodorowitsch vorging. Er verga es, wenn er sich zu den Schnittern
gesellte, von ihren Klen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne a,
stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel
schwirrende Mwe mit den Augen oder zhlte die Garben des abgemhten
Kornes, die das Feld berfluteten.

Bald erzhlte man berall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein groer
Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug ber ihren
Neffen freuen und lie sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu
prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber -- es war am Ausgang des
Juli und schon nach Beendigung der Ernte -- fate Wassilissa
Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und
erklrte ihm, sie wolle mit ihm ber etwas sprechen, was sie schon seit
langem beschftigte.

Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch, begann sie, da
dein Gutshof achtzehn Leibeigene zhlt; brigens nur laut der letzten
Revision, in Wirklichkeit werden's vielleicht noch mehr sein, vielleicht
gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du
kennst wohl das Wldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und
wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens
zwanzig Dejatin gro, und es wchst so viel Gras darauf, da man jedes
Jahr fr mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn,
wie man erzhlt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.

Gewi, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!

Ich wei selbst, da es sehr gut ist; aber weit du auch, da dieses
ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehrt? Was siehst du mich so
gro an? Hr mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an
Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst
ja damals noch so klein, da du nicht einmal seinen Namen aussprechen
konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich
wei noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die
Arme nahm, da httest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum
Glck konnte ich dich noch der Amme Matrjona bergeben, so abscheulich
warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze
Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf
Chortystsche gehrte damals Stepan Kusmitsch. Und da mu ich dir sagen
-- denn damals warst du noch nicht auf der Welt -- der kam zu jener Zeit
oft zu deiner Mutter zu Besuch, -- freilich zu einer Zeit, da dein Vater
nicht zu Hause war. Ich sag' es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf
daraus zu machen. -- Gott sei ihrer Seele gndig! Obwohl die Selige mir
gegenber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie
dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf,
in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine
selige Mutter hatte jedoch, -- unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen
Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies hliche Wort!)
htte sie nicht verstehen knnen. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat
-- das wei der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in
den Hnden des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko.
Und nun ist alles diesem dickbuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott,
ich wre bereit, um alles in der Welt zu wetten, da er die Urkunde
einfach unterschlagen hat.

Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich
auf der Station kennen gelernt habe? Und Iwan Fjodorowitsch erzhlte
ihr von seiner Begegnung.

Wer wei! antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. Vielleicht ist
er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang
hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen
lernen. Die Alte, das heit seine Mutter, soll, wie ich gehrt habe,
eine sehr vernnftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen,
Gurken einzulegen, und ihre Mgde sollen groartige Teppiche weben. Da
er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm
hin: vielleicht wird der alte Snder auf sein Gewissen hren und
zurckgeben, was ihm nicht gehrt. Du kannst meinetwegen die Kalesche
nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Ngel herausgezogen;
man mu vorher dem Kutscher Omeljko sagen, da er das Leder festnageln
soll.

Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wgelchen, in dem Sie auf
die Jagd fahren.

Damit schlo das Gesprch.


                                  IV.
                               Das Diner

Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und
wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause nherte. Dieses Haus
war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Huser so vieler
Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei
Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdchern versehen; und das Tor
war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die
auf einen Ball kommen und pltzlich bemerken, da, wohin sie auch
blicken mgen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er lie
sein Wgelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fu
auf die Freitreppe zu.

Ah! Iwan Fjodorowitsch! rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der
gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine
Kravatte, keine Weste und keine Hosentrger. Aber auch dies Kostm
schien ihn bei seiner Leibesflle noch zu belstigen, denn der Schwei
rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.

Sie sagten doch, da Sie sofort kommen wrden, sobald Sie Ihre Tante
gesehen htten; warum sind Sie denn dann nicht frher gekommen? Und bei
diesen Worten berhrten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm
wohlbekannten Kissen.

Ich war meist in der Wirtschaft beschftigt .... Ich komme auch nur auf
einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschften ....

Was, nur fr einen Augenblick? Nein, das gibt's nicht. He, Junge! rief
der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon
kannte, kam aus der Kche gelaufen. Sage dem Kajan, er solle sofort
das Tor schlieen, -- hrst du! -- fest zuschlieen! Und die Pferde
dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie
mit mir ins Haus: hier ist es so hei, da mein Hemd schon ganz na
ist.

Im Zimmer angelangt, beschlo Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu
verlieren, und trotz seiner Schchternheit, mit aller Entschiedenheit
vorzugehen.

Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, da die
Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch ....

Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite
Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. Bei Gott, ich
hre rein gar nichts! antwortete er. Ich mu Ihnen sagen, da eine
Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten
Russen gibt's berall Schwaben in den Husern); keine Feder kann Ihnen
beschreiben, was das fr eine Qual war -- es kitzelte so frchterlich,
sage ich Ihnen, -- es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau
hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen ....

Ich wollte nur sagen .... wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu
unterbrechen, als er sah, da Grigori Grigorjewitsch das Gesprch
absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, da im Testament des
verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von
einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich ....

Ich wei schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles
erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste
Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer
Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen knnen. Ich
sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei
Gott, es ist erlogen!

Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es knnte der
Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein.

Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern! rief Grigori
Grigorjewitsch. Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir!

Und er zog Iwan Fjodorowitsch am rmel ins Zimmer, wo bereits allerhand
Schnpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen.

In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein
und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge
Mdchen, ein blondes und ein brnettes, begleiteten sie. Als
wohlerzogener Kavalier kte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann
den beiden Fruleins die Hand.

Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mtterchen! sagte
Grigori Grigorjewitsch.

Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch
nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. brigens war sie die Gte
selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich htte fragen
wollen: Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein?

Haben Sie schon einen Schnaps genommen? fragte die Alte.

Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mtterchen, meinte Grigori
Grigorjewitsch. Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen
Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken
oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte:
Wollen Sie Tausendgldenkruterlikr oder diesen Schnaps? Welchen ziehen
Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da? rief Grigori
Grigorjewitsch, indem er sich rckwrts wandte, und Iwan Fjodorowitsch
sah den soeben erwhnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies
war ein Mann in einem Rock mit langen Schen und mit einem riesigen
Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so da sein Kopf ganz im
Kragen steckte, wie in einer Kutsche.

Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hnde, sah
sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und go
den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte
ihn nicht herunter, sondern splte sich erst ordentlich den Mund,
schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene
Eierschwmme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch.

Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?

Jawohl, antwortete Iwan Fjodorowitsch.

Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verndern.
O ja! fuhr Iwan Iwanowitsch fort: ich kannte Sie, als Sie noch so gro
waren! Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit ber den Boden.
Ihr seliger Vater -- Gott schenke ihm die ewige Seligkeit -- war ein
seltener Mann. Er hatte solche Krbisse und Melonen, wie man sie jetzt
nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel, fuhr er fort, indem er ihn zur
Seite fhrte, werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden -- aber was
sind das fr Melonen? Nicht ansehen mchte man sie. Glauben Sie mir's,
seine Melonen waren .... rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte
die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, bei Gott,
seine Melonen waren so dick!

Gehn wir zu Tisch! sagte Grigori Grigorjewitsch und fate Iwan
Fjodorowitsch rasch unterm Arm.

Grigori Grigorjewitsch lie sich auf seinen blichen Platz am Ende des
Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so
einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen
lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errtend auf den ihm zugewiesenen
Platz, den beiden Fruleins gegenber, und Iwan Iwanowitsch versumte
nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, da er
jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.

Nehmen Sie doch lieber kein _Brzelbein_, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja
noch ein Truthahn! rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem
der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade
eine Schssel reichte. Nehmen Sie doch ein Stck vom Rcken!

Mtterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde
Angelegenheiten zu mischen! rief Grigori Grigorjewitsch. Seien Sie
versichert, unser Gast wei selbst, was er nehmen soll! Iwan
Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flgelchen und noch dies zweite und
den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie
noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schssel da und sperrst den
Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke
und sag sofort: >Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!<

Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen! brllte der Diener,
mit der Schssel in der Hand, und kniete nieder.

Hm! Was sind denn das fr Truthhne! sagte Iwan Iwanowitsch halblaut
und mit verchtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. Darf denn ein
Truthahn so sein, wie der da? Sie htten mal meine Truthhne sehen
sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich,
als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar
nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren -- so fett
sind sie! ....

Du lgst, Iwan Iwanowitsch! schrie Grigori Grigorjewitsch, der
zugehrt hatte.

Ich will Ihnen was sagen, fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar
gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte
gar nicht gehrt htte. Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch
brachte, da bot man mir fnfzig Kopeken pro Stck, und doch wollte ich
sie nicht dafr hergeben.

Ich sage dir, du lgst, Iwan Iwanowitsch! rief Grigori Grigorjewitsch,
hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach
noch lauter als vorher.

Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr
in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als frher.
Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte
kein Gutsbesitzer ....

Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts, rief Grigori
Grigorjewitsch laut. Iwan Fjodorowitsch wei doch das alles besser als
du und glaubt dir sicher nicht!

Da aber fhlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann,
mit dem Truthahn aufzurumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war,
wie die Truthhne, die man gar nicht ansehen mochte.

Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Lffel und Teller
das Gesprch; am lautesten aber hrte man, wie Grigori Grigorjewitsch
das Mark aus einem Hammelknochen aussog.

Haben Sie schon gelesen, fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem
Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan
Fjodorowitsch zu, haben Sie das Buch: >Korobejnikows Reise ins heilige
Land< gelesen? Ein wahrer Genu fr Seele und Leib! Jetzt werden keine
solchen Bcher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus
welchem Jahre es stammt.

Als Iwan Fjodorowitsch hrte, da es sich um ein Buch handelte, begann
er, eifrig seine Sauce aufzulffeln.

Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, da ein einfacher
Kleinbrger all diese Lnder durchwandert hat: ber dreitausend Werst,
mein Herr! ber dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn wrdig
befunden, bis nach Palstina und Jerusalem zu kommen.

Sie sagen, da er auch in Jerusalem war, rief Iwan Fjodorowitsch, der
noch als Soldat von seinem Burschen viel ber Jerusalem gehrt hatte.

Worber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch? rief Grigori Grigorjewitsch
vom Ende des Tisches herber.

Ich habe, das heit, ich bemerkte gelegentlich, da es in der Welt
ferne Lnder gibt! antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich
hochbefriedigt, da es ihm gelungen war, einen so langen und schweren
Satz zu Ende zu bringen.

Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch! sagte Grigori
Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhren, alles ist gelogen!

Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner
Gewohnheit zurck, um ein Nickerchen zu machen; und die Gste folgten
der alten Hausfrau und den jungen Mdchen ins Gastzimmer, wo derselbe
Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum
Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit
Schlchen voll verschiedener Konfitren und Schsseln mit Melonen,
Kirschen und Zuckerkrbissen bedeckt hatte.

Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die
Hausfrau wurde gesprchig und teilte ganz von selbst, ohne dazu
aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse ber die Zubereitung
von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mdchen
begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jnger
aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fnfundzwanzig Jahre alt
sein mochte, etwas schweigsam.

Am meisten aber redete und bettigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher
war, da ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen
wrde, redete er von allem mglichen: von Gurken und Kartoffelsaat,
davon, wie gescheit die Leute frher waren -- was wren die Heutigen
dagegen? -- und davon, wie jetzt alle immer klger wrden, je weiter man
komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen wrde; kurz er
war einer von den Menschen, die sich mit dem grten Vergngen
erbaulichen Gesprchen hingeben und ber alles reden, worber man nur
reden kann. Wenn das Gesprch wichtige und heilige Gegenstnde berhrte,
seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem
Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte
er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus
denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost
zubereiten msse, wie gro die Melonen seien, von denen er sprach, und
wie fett die Gnse wren, die bei ihm im Hofe herumliefen.

Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mhe und erst gegen
Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu berreden war und
man ihn geradezu zwingen wollte, ber Nacht dazubleiben, bestand er doch
auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren -- und fuhr richtig davon.


                                   V.
                        Der neue Plan der Tante

Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt? Dies war
die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen
wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der
Freitreppe erwartete, und sich schlielich kaum hatte berwinden knnen,
nicht bis vors Tor zu laufen.

Nein, liebe Tante! sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg.
Grigori Grigorjewitsch _hat_ gar keine Urkunde.

Und du hast ihm geglaubt? Er lgt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme
ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prgle ich ihn mit
meinen eigenen Hnden durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem
Fett abzapfen! brigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber
reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt
sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?

Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!

Nun, und was gab's dort zu essen? Erzhle! ich wei schon, die Alte
versteht sich gut auf die Kche.

Ksekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefllten Tauben ....

Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen? fragte die Tante, denn
sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten.

Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch
sind sehr hbsche junge Mdchen, besonders die Blonde!

Ah! rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errtete
und lie die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. So?
fragte sie voll Neugierde, und was fr Augenbrauen hat sie? Hier ist
es nicht berflssig zu bemerken, da fr die Tante das Schnste an der
Frau die Augenbrauen waren.

Das Frulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie
nach Ihren Erzhlungen in Ihrer Jugend gehabt haben mssen, und ihr
ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen.

Ah! rief die Tante, uerst befriedigt ber Iwan Fjodorowitschs
Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein
Kompliment machen zu wollen. Und was fr ein Kleid hatte sie an? Man
findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum
Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt
sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?

Das heit, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht
schon ....

Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille!
Vielleicht ist's euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu
werden.

Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden knnen. Das
beweist doch nur, da Sie mich absolut nicht kennen ....

So, nun fhlt er sich richtig beleidigt! sagte die Tante. Der Junge
ist noch nicht alt genug! dachte sie bei sich. Er wei noch von
nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander
nher kennen lernen!

Und die Tante ging nach der Kche und lie Iwan Fjodorowitsch allein.
Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen
mglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen.
Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit
erfllt, und man sah ganz deutlich, da sie noch viel emsiger war als
vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt
einen Kuchen zubereitete, den sie brigens niemals der Kchin
anzuvertrauen pflegte, versank sie hufig in Gedanken, bildete sich ein,
neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stckchen Kuchen haben
wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stcke aus; der
Hofhund machte sich das gewhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen
und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit,
wofr der Hund brigens immer Schlge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab
sogar ihre Lieblingsbeschftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd,
besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krhe geschossen
hatte, was ihr frher niemals widerfahren war.

Vier Tage spter sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den
Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Grtner und
Aufseher war, fing schon seit dem frhen Morgen an zu hmmern und das
Leder anzunageln, whrend er immerzu die Hunde davonjagen mute, die
herankamen und an den Rdern leckten. Hier halte ich es fr meine
Pflicht, dem Leser zu berichten, da dies dieselbe Kalesche war, in der
schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere fr die
Adams ausgeben, so wre das sicherlich eine freche Lge, und die
Kalesche wre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut
entronnen ist, man kann nur annehmen, da in der Arche Noah ein
besonderer Schuppen fr sie vorhanden war. Es ist sehr schade, da ich
dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen fhren kann. Es genge
daher zu sagen, da Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart uerst
zufrieden war und es stets bedauerte, da die alten Equipagen aus der
Mode gekommen seien. Selbst das, da die Kalesche etwas schief, und da
die rechte Seite etwas hher war, als die linke, erregte ihren Beifall,
denn so konnte von der _einen_ Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von
kleinem Wuchse, und von der anderen ein groer aussteigen. Im brigen
konnte die Kalesche etwa fnf Personen von kleiner Statur und drei
solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen.

Als er mit der Kalesche fertig war, fhrte Omeljko gegen Mittag drei
Pferde aus dem Stall, die etwas jnger waren als die Kalesche und band
sie mit einem Strick fest an die majesttische Equipage. Iwan
Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der
anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen
begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante
pflegte nmlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen,
nahmen die Mtzen ab und verbeugten sich bis zur Erde.

Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich
glaube, es ist hier nicht erst ntig zu sagen, vor wessen Freitreppe er
hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die
Fruleins empfingen die Gste im Speisezimmer; die Tante nherte sich
ihnen mit majesttischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit
einen Fu vor und sagte laut:

Gndige Frau, ich freue mich, da ich die Ehre habe, Ihnen persnlich
meine Hochachtung ausdrcken zu drfen, zugleich erlaube ich mir mit
Respekt, Ihnen meinen Dank fr die gastfreundliche Aufnahme meines
Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie
haben einen wundervollen Buchweizen, gndige Frau, das habe ich bemerkt,
als ich mich dem Dorfe nherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro
Dejatin ernten?

Hierauf kten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im
Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte:

Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darber
sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschftige mich
schon lngst nicht mehr damit, auch knnte ich's nicht, selbst wenn ich
wollte: ich bin schon zu alt dazu! In frheren Zeiten wuchs, wie ich
mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, da er einem bis an den
Grtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet,
es werde jetzt alles immer besser. Die Alte stie einen Seufzer aus,
und ein aufmerksamer Beobachter htte in ihm das Aufseufzen des alten
achtzehnten Jahrhunderts vernehmen knnen.

Ich habe gehrt, da bei Ihnen im Hause groartige Teppiche gemacht
werden, gndige Frau, sagte Wassilissa Kaschparowna und berhrte damit
die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf,
und nun strmten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe frben,
welchen Faden man dazu nehmen msse und was dergleichen mehr ist.

Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und
Birnentrocknen ber. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da
unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr
Lebtag miteinander bekannt gewesen wren. Ja, Wassilissa Kaschparowna
sprach sogar ber viele Dinge so leise mit der Alten, da Iwan
Fjodorowitsch nichts mehr hren konnte.

Wollen Sie nicht selbst sehen? sagte die greise Hausfrau und erhob
sich.

Die Fruleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und
begaben sich ins Mdchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein
Zeichen, er solle zurckbleiben und flsterte der alten Dame etwas zu.

Maschenjka! sagte die Alte zu dem blonden Frulein, bleibe bei
unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang
wird!

Das blonde Frulein blieb zurck und setzte sich auf das Sofa. Iwan
Fjodorowitsch sa auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errtete und schlug
die Augen nieder; aber das Frulein schien dies gar nicht zu bemerken,
sa gleichgltig auf dem Sofa, beobachtete fleiig die Fenster und die
Wnde, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Sthlen umherlief,
mit den Augen.

Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gesprch
anknpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren
htte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen.

Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Frulein sa
noch immer ebenso da wie frher.

Endlich fate Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. Im Sommer gibt's so
viel Fliegen, gndiges Frulein! rief er mit einer Stimme, die vor
Erregung zitterte.

Ja, auerordentlich viele Fliegen! versetzte das Frulein. Mein
Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe
hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele brig.

Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus
kein Wort mehr einfallen.

Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Frulein zurck.
Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa
Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fruleins, obwohl sie
dringend gebeten wurde, ber Nacht da zu bleiben. Die Dame und die
Fruleins begleiteten die Gste bis zur Freitreppe und winkten der aus
der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu.

Nun, Iwan Fjodorowitsch, worber hast du dich mit dem Frulein
unterhalten? fragte die Tante unterwegs.

Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Frulein!
sagte Iwan Fjodorowitsch.

Hre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott
sei Dank, schon fast achtunddreiig Jahre alt; und einen schnen Rang
hast du _auch_ schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du
brauchst unbedingt eine Frau ....

Wie, liebe Tante! rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: Wie? Eine
Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschmen mich
.... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich wei ja gar nicht,
was ich mit einer Frau anfangen soll!

Du wirst's schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen,
rief die Tante lchelnd und dachte bei sich: >Kein Gedanke! Der Junge
ist noch ein richtiges Kind: er wei ja von gar nichts!< -- Ja, ja,
Iwan Fjodorowitsch! fuhr sie laut fort, eine bessere Frau als Marja
Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Auerdem hat sie dir ja doch gut
gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darber gesprochen: sie wre
sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich wei man noch
nicht, was dieser alte Snder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird;
aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift
nicht herausgeben wollen, so wrden wir ihn auf gerichtlichem Wege ....

In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten
lebten auf, als sie die Nhe des Stalles witterten.

Hre, Omeljko! la die Pferde zuerst gut ausruhen und fhre sie nicht
gleich zur Trnke. Die Pferde sind ja noch ganz hei. -- Also, Iwan
Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache grndlich zu berlegen. Ich
mu noch etwas in der Kche nachschauen: ich habe vergessen, das
Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat
sicher nicht von selbst daran gedacht.

Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerhrt. Marja Grigorjewna
war zwar ein sehr nettes Frulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm
so sonderbar und wundersam, da er nicht ohne Schreck daran denken
konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz
unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein knnen,
sondern sie wrden immer zu zwei sein! .... Und der Schwei trat ihm auf
die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte.

Frher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemhungen konnte er
nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser
Ruhebringer und Trster aller Menschen auf. Aber was war das fr ein
Schlaf! Unzusammenhngendere Trume hatte er noch niemals gesehen. Bald
trumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst
laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verlieen ihn die Krfte ....
Pltzlich aber packte ihn jemand am Ohr. O je! Wer ist das? -- Das
bin _ich_, deine Frau! sprach eine lrmende Stimme zu ihm -- und er
erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem
Huschen sei so absonderlich und so merkwrdig; in seinem Zimmer stehe
statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze
seine Frau. Es war ihm ganz eigentmlich zumute: er wute nicht, wie er
an sie herantreten, worber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst
merkte er, da sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufllig drehte er sich
um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gnseschnabel hatte, er
drehte sich auf die andere Seite um -- da stand eine dritte Frau, er
wandte sich nach hinten -- da stand noch eine Frau. Da erfate ihn eine
wilde Angst; er strzte in den Garten, aber im Garten war es hei, er
nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute sa eine Frau. Schwei bedeckte
sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen -- aber
auch in der Tasche sa eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre --
auch da sa eine Frau .... Dann hpfte er wieder auf einem Bein, und die
Tante sah zu und sprach mit wrdevoller Miene: Ja, jetzt kannst du
hpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann. Er
eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein
Glockenturm. Und er fhlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den
Glockenturm hinaufzog. Wer zieht mich da hinauf? fragte Iwan
Fjodorowitsch klagend. Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist
eine Glocke! Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!
schrie er. Nein, du bist eine Glocke! sprach der Oberst des P--er
Infanterieregiments im Vorbergehen.

Oder er trumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener
Stoff; er kme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn:
Was fr einen Stoff wnschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der
modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Rcke daraus. Und
der Kaufmann ma und schnitt ein Stck von der Frau ab. Iwan
Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jdischen
Schneider. -- Nein, meinte der Jude, das ist ein schlechter Stoff!
Daraus lt sich doch niemand einen Rock machen ....!

Voller Angst und ganz auer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte
Schwei troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen.

Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch,
dem ein tugendhafter Buchhndler in seiner seltenen Gte und
Uneigenntzigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehngt hatte. Aber
dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaen
entsprochen htte.

Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie
im nchsten Kapitel hren sollen.




                            Der verhexte Ort


                                  Sage
                Erzhlt vom Kster an der Kirche zu ***

Bei Gott, ich hab' das Erzhlen satt! Was glaubt ihr denn? Es ist
wahrhaftig auch zu langweilig: man erzhlt und erzhlt, und kommt nie
wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will euch noch was erzhlen, aber
gebt acht, es ist das letztemal. Ja, ihr habt also davon gesprochen, da
ein Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden knne. Gewi, das
heit, wenn man genauer zusieht, dann merkt man dennoch, da es in der
Welt allerhand sonderbare Vorflle gibt .... Indessen sagt das nicht:
will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei Gott, sie tut
es! ..... Nun also, mein Vater hatte im ganzen vier Kinder; ich war
damals noch ein Grnschnabel, und war erst elf Jahre alt ... Doch nein,
ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie wenn's heute
wre, da ich einmal auf allen Vieren herumkroch und wie ein Hund zu
bellen anfing, und wie da mein Vater den Kopf schttelte und mich
anschrie: Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, da man dich verheiratet, sonst
wirst du noch so nrrisch wie ein junges Maultier!

Mein Grovater war damals noch gesund und -- mag ihm in jener Welt der
Schluckauf leicht werden -- noch ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der
nun manchmal so ..... Aber wozu erzhle ich euch das eigentlich? Der
eine von euch whlt schon seit einer Stunde im Ofen herum und sucht nach
einer Kohle fr seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer
gelaufen, um sich was zu holen ... Ach was! Wenn ich mich euch noch
aufgedrngt htte -- aber ihr habt ja selbst darauf bestanden .... Man
hrt entweder ordentlich zu oder gar nicht.

Mein Vater war schon im Anfang des Frhlings in die Krim gefahren, um
Tabak zu verkaufen. Ich kann mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er
zwei oder drei Wagen ausgerstet hatte; aber der Tabak stand damals hoch
im Preise. Er nahm meinen dreijhrigen Bruder mit sich, um ihn
frhzeitig an das Handwerk zu gewhnen; wir dagegen: der Grovater, die
Mutter, ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu Hause.
Der Vater hatte dicht an der Landstrae ein Stck Land, das er bebaut
hatte; er siedelte daher in seine Htte auf dem Felde ber, und nahm
auch _uns_ mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern
verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, da es uns gerade schlecht
ging. Den Tag ber a man sich so sehr an Gurken, Melonen, Rben,
Zwiebeln und Erbsen voll, da es einem zumute war, als ob einem die
Hhne im Bauche krhten. Dazu brachte es auch noch etwas ein: manch ein
Reisender zog auf der Strae vorbei, und da wollte jeder gerne eine
Wassermelone oder eine Zuckermelone kosten, oder man brachte von den
umliegenden Vorwerken Hhner, Eier und Truthhne herbei und tauschte sie
ein. Das war ein schnes Leben.

Am meisten aber freute sich der Grovater, wenn jeden Tag an die fnfzig
Frachtfuhrleute vorbeigezogen kamen. Das sind meist Leute, die was
erlebt und erfahren haben: und dann ging ein Erzhlen los, da man nur
so die Ohren aufsperren mochte! Fr den Grovater aber war das halt, so
wie Kndel fr einen Hungrigen. Manchmal stie er auf alte Bekannte, --
denn meinen Grovater kannte jedermann, -- na, ihr knnt euchs ja wohl
selbst denken, wie das ist, wenn die alten Leute zusammensitzen: dann
geht's taratata und taratata, ber dies und jenes, diese und jene
Zeiten, da flo ihnen wohl der Mund ber, wenn sie so anfingen, sich auf
Anno dazumal zu besinnen.

Einst ging der Grovater ber Feld -- 's ist mir wahrhaftig, als wr's
jetzt eben geschehen --; die Sonne war im Begriff unterzugehen, und
Grovater war damit beschftigt, die Bltter von den Zuckermelonen
abzunehmen; er pflegte die Melonen nmlich den Tag ber mit Blttern zu
bedecken, damit sie nicht so in der Sonne brieten.

Schau, Ostap! sagte ich zu meinem Bruder, da kommen Frachtfuhrleute
angefahren!

Wo sind die Fuhrleute? fragte der Grovater und machte ein Zeichen auf
einer groen Melone, damit sie ihm die Buben nicht gelegentlich wegen.

Und in der Tat, auf der Landstrae kamen so an die sechs Wagen
dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann mit einem angegrauten
Schnurrbart. Er kam uns -- nun, wie soll ich sagen, -- so etwa bis auf
zehn Schritte nah' und blieb dann stehen.

Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns wieder zusammengefhrt hat!

Der Grovater kniff die Augen zusammen: Ah! Guten Tag! Guten Tag! Woher
des Wegs? Ist Boljatschka auch da? Gr Gott, Bruder! Was Teufel! Da
sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und Petzcherytzja, Kowelek
und Stetzko! Gr euch Gott! Haha, hoho! ... Und alle umarmten und
kten sich.

Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese getrieben, die Wagen
aber blieben auf der Landstrae stehen; alle setzten sich in einen Kreis
zusammen und steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner recht
zum Rauchen! Vor lauter Erzhlen und Klatschen kam kaum ein Zug auf
jeden. Nach dem Essen begann der Grovater, die Gste mit Melonen zu
bewirten. Jeder nahm eine Melone und putzte sie hbsch mit dem
Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die waren weit in der
Welt herumgekommen, und hatten mancherlei erfahren, daher wuten sie
auch, wie man in der vornehmen Welt it -- man htte sie geradezu an
einen herrschaftlichen Tisch setzen knnen), sie putzten die Melonen
also hbsch ab, bohrten mit dem Finger ein Lchelchen in sie hinein,
sogen den Saft raus, zerschnitten sie in Stcke und schoben sie in den
Mund.

Und ihr, Jungens! rief der Grovater uns zu, was haltet ihr Maulaffen
feil? Tanzt doch los, ihr Hundeshne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun
also, einen Kosakentanz! Foma, die Hnde auf die Hften! Recht so! hei,
hopp!

Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach ja, dieses verdammte
Alter! Jetzt kann ich's nicht mehr so: anstatt zierliche Sprnge zu
machen, stolpere ich ber meine eigenen Beine. Lang schauten der
Grovater und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, da seine Beine
nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob jemand an ihnen zupfte.

Schau, Foma! sagte Ostap, der alte Knaster tritt wohl selbst noch zum
Tanze an!

Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da konnte das Grovterchen
wirklich nicht mehr an sich halten! Der wollte den Fuhrleuten nmlich
zeigen, was er konnte. Was, ihr Teufelskinder? tanzt man denn so? _So_
tanzt man! rief er, sprang auf die Beine, streckte die Arme vor und
stampfte mit dem Hacken auf.

Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, er tanzte wahrhaftig so
gut, da er auch mit der Hetmansfrau htte tanzen knnen. Wir traten ein
wenig zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine Beine auf dem
glatten Pltzchen, das sich neben dem Gurkenbeet befand, in die Luft zu
werfen. Kaum war er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt -- und
wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit den Fen
dahinfahren und uns ein besonderes Kunststckchen zeigen -- da wollten
die Beine pltzlich nicht vom Fleck und aus war es! War das ein
sonderbarer Teufelsspuk! Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung,
kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht weiter! Tu einer,
was er will -- es ging und ging nicht! Die Beine waren pltzlich so
steif wie ein Stck Holz. So eine verteufelte Stelle, so ein
Satansspuk! Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des
Menschengeschlechts mit im Spiel! Und nun gar noch diese Schmach vor
den fremden Lastfhrern! Er fing aber wiederum an, und begann von neuem
mit ganz kleinen Schritten im Takt herumzuhpfen, da es nur so eine
Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur Mitte kam, ging's
wieder nicht weiter, und der Tanz wollte ihm durchaus nicht gelingen!
Ah, verdammter Satan! Da du doch an einer faulen Melone erstickest!
Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! Mir in meinen alten
Tagen noch eine solche Schmach anzutun .... Und in der Tat, hinter ihm
lachte jemand laut auf.

Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter
ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. He
... da haben wir die Bescherung! Er begann mit den Augen zu blinzeln,
der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald,
und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der
Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im
Gemsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau
herber; er sah nher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers.
Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein
paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen
kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein
weier Fleck durch eine Wolke. Morgen wird's sehr windig sein! dachte
der Grovater, da leuchtete pltzlich, etwas abseits vom Wege auf einem
kleinen Grabe, ein Flmmchen auf. Sieh mal an! und der Grovater blieb
stehen, stemmte die Hnde in die Hften und sah nher hin: nun war das
Flmmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein
anderes auf. Ein Schatz! schrie der Grovater, bei Gott, ich mchte
alles darum geben, da das ein Schatz ist! Und schon wollte er sich in
die Hnde spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, da er
ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. Schade, schade! Aber wer
wei? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzurumen, und der
Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen!
Merken wir uns wenigstens den Platz, da wir's spter nicht vergessen.

Er nahm einen mchtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden
war, wlzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging
seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener
Zaun tauchte vor ihm auf. Na also, hab' ich's nicht gleich gesagt, da
es die Trift des Popen ist! dachte der Grovater, da ist ja auch sein
Zaun. Jetzt ist's keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.

Er kam aber erst spt am Abend heim und wollte nicht einmal von den
Klen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die
Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen
Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. Wo haben dich denn heute
die Teufel hingebracht, Grovater? begann er.

Frage nicht, sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hllend,
frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare! Und er
fing so an zu schnarchen, da die Sperlinge, die sich im Melonenfelde
niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in
Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das fr eine
schlaue Bestie war -- Gott hab ihn selig -- aber er verstand es
vorzglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt' er einem ein
Liedchen singen, da man sich nur so in die Lippen bi.

Kaum aber brach der nchste Tag an, und kaum begann es im Felde zu
dmmern, da zog der Grovater seinen Kittel an, legte den Grtel um,
nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mtze auf,
trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockscho und
ging geradewegs in des Popen Gemsegarten. Er war schon am Zaun und an
dem niedrigen Eichenwldchen vorbei. Da schlngelte sich zwischen den
Bumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld fhrte; offenbar derselbe, den
er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld -- es war dieselbe Stelle,
wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Hhe,
aber die Scheune war nicht zu sehen. Nein, das ist nicht der rechte
Ort. Der liegt also etwas weiter; ich mu offenbar umkehren und auf die
Scheune zugehen! Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege
weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag
fort! Er kehrte also wieder um und nherte sich dem Taubenschlag, doch
nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Flei,
noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune --
aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag -- dann war die
Scheune fort.

Verfluchter Satan, da du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu
sehen! Der Regen aber rauschte in Strmen herab. Der Grovater zog sich
die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tchlein ein, damit sie sich
nicht vor Nsse zusammenzgen und gab Fersengeld wie ein
herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnt bis auf die Knochen,
in die Htte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch
die Zhne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu
traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehrt habe. Ich gestehe,
ich wre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen
wre.

Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Grovater zieht auf dem
Felde umher, als ob nichts geschehen wre und bedeckt die Wassermelonen
mit Blttern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder
gesprchig und begann meinen jngeren Bruder damit zu schrecken, da er
ihn gegen ein Paar Hhner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach
Tisch schnitt er sich selbst eine Flte aus Holz und fing an, auf ihr zu
blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz
zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine trkische
Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte
den Samen von weit her gesandt bekommen.

Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Grovater mit dem Spaten
ins Feld, um ein neues Beet fr die spten Krbisse zu graben. Wie er
nun an der behexten Stelle vorberkam, da konnte er nicht an sich halten
und murmelte durch die Zhne: Verfluchter Ort!, er trat in die Mitte
des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen knnen, und
schlug wtend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag pltzlich wieder
dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor,
auf der anderen stand die Scheune. Noch gut, da ich so klug war, einen
Spaten mitzunehmen, dachte er: Da ist auch der Pfad, da ist das Grab,
und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flmmchen! Da
ich mich nur nicht irre!

Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Hhe, als ob er einem Eber,
der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und
blieb vor dem Grabe stehen. Das Flmmchen war erloschen und auf dem
Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. Diesen Stein mu ich heben!
dachte der Grovater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben.
Der verfluchte Stein war verdammt gro! Doch, nun stemmte er die Fe
fest gegen die Erde und stie ihn vom Grabe herab. Bums --! drhnte es
weit durch's Tal. Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit
schneller gehen! dachte der Grovater.

Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor,
schttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase
bringen, als pltzlich ber seinem Kopfe ein Psch! ertnte und jemand
so laut nieste, da die Bume zu schwanken begannen und das ganze
Gesicht des Grovaters bespritzt wurde. Du knntest dich doch auch
abwenden, wenn du niesen willst! rief der Grovater und rieb sich die
Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. Der Teufel liebt wohl
den Tabak nicht! fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust
und nahm den Spaten wieder in die Hand. Er ist wirklich dumm genug
dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Grovater noch sein Vater je
geschnupft! Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten
versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg
und erblickte einen Kessel.

Ah, Tubchen, hier also bist du! rief der Grovater und schob den
Spaten unter den Kessel.

Ah, Tubchen, hier also bist du! piepte ein Vogel und pickte auf den
Kessel.

Der Grovater wich zur Seite und lie den Spaten fallen.

Ah, Tubchen, hier also bist du! blkte ein Hammelkopf von einem
Baumwipfel herab.

Ah, Tubchen, hier also bist du! brllte ein Br, seine Schnauze
hinter dem Baum hervorschiebend.

Den Grovater berlief es kalt. Hier hat man ja rein Angst, noch ein
Wort zu sagen, brummte er vor sich bin.

Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen! piepte der Vogelschnabel.

Angst, ein Wort zu sagen! blkte der Hammelkopf.

Wort zu sagen! brllte der Br.

Hm .... machte der Grovater, und schrak zusammen.

Hm! piepte der Vogel.

Hm! blkte der Hammelkopf.

Hum! brllte der Br.

Voll Angst blickte der Grovater um sich: O Gott, was fr eine Nacht!
Weder Mond, noch Sterne; und ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu
Fen lag ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Hupten hing ein Fels
herab, der gerade auf ihn herunterstrzen wollte! Und es deuchte den
Grovater, als blinzelte ihn hinter dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu!
Die hatte eine Nase wie der groe Blasebalg in der Schmiede; die Nstern
waren so gro, da man einen Eimer Wasser in jede hinein gieen konnte,
und zwei Lippen hatte sie, bei Gott, rein wie zwei Holzkltze! Die roten
Augen glotzten nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus und
blkte ihn an! Hol dich der Teufel! rief da der Grovater und warf den
Kessel hin. Da hast du deinen Schatz! Solch eine widerwrtige Fratze!
Und schon wollte er Reiaus nehmen, aber da sah er sich um, und siehe
da, es war alles wie frher. Der Satan will mich nur schrecken! dachte
er sich.

Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben -- doch nein, er war zu
schwer! Was war da zu machen? Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen!
So nahm er denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden Hnden:
Nun also, eins -- zwei, drei! und er hatte ihn emporgehoben. So,
jetzt nehmen wir mal erst eine Prise! dachte er sich.

Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah er sich um, ob auch
niemand da war. Nein, es war niemand da, so schien es wenigstens! Aber
auf einmal kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte und
sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein Paar rote Augen quollen
heraus, die Nstern bliesen sich auf und eine Nase zog sich kraus, als
wollte sie niesen. Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen! dachte
der Grovater und steckte den Tabak wieder ein. Sonst spuckt mir der
Satan wieder in die Augen! Er ergriff also schnell den Kessel und
begann aus allen Leibeskrften zu laufen, da fhlte er, wie ihm von
hinten jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... O je, o je!
schrie der Grovater und rannte weiter, als ob er nicht gescheit wre;
erst als er an des Popen Gemsegarten vorbeikam, schpfte er wieder ein
wenig Atem.

Wo mag nur der Grovater geblieben sein? dachten wir, nachdem wir drei
Stunden auf ihn gewartet hatten. Die Mutter war schon lngst vom Vorwerk
zurckgekommen und hatte einen Topf mit heien Klen mitgebracht. Der
Grovater aber kam und kam nicht! Wir setzten uns also allein hin, um zu
vespern. Nach dem Abendessen wusch die Mutter den Topf und suchte mit
den Augen nach einer Stelle, wo sie das Splicht ausgieen konnte; denn
ringsum gab es nichts als Beete, da sieht sie auf einmal, wie ihr eine
Tonne entgegengerollt kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte
sich jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne gesteckt und
schob sie vor sich hin. Ei, da kann ich ja das Splicht in die Tonne
gieen, sagte sie und go das heie Splicht hinein.

O weh! schrie da eine tiefe Bastimme auf. Sieh da. Es war der
Grovater! Ja, wer konnte denn das wissen! Bei Gott, wir dachten
einfach, ein Fa kme herangerollt! Offen gestanden, wenn's auch eine
Snde ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue Kopf
des Grovaters ganz von Splicht triefend und mit Melonenschalen behngt
hervorschaute.

So ein Teufelsweib! rief der Grovater und wischte sich den Kopf mit
dem Rockscho ab. Wie die mich verbrht hat, rein wie ein Schwein vor
Weihnachten! Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. Ihr
sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr Hundeshne. Seht her!
Seht, was ich euch mitgebracht habe! rief der Grovater und deckte den
Kessel auf.

Und was glaubt ihr wohl, was drin war? berlegt's euch wohl, hrt ihr --
ihr denkt wohl: Gold? Aber das ist's ja eben, da es kein Gold war:
Mist, Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu sagen, was alles da
drin war. Der Grovater spuckte aus, warf den Kessel hin und wusch sich
die Hnde.

Und seit der Zeit beschwor uns der Grovater, niemals dem Teufel zu
trauen. Denkt lieber gar nicht dran! sagte er oft zu uns. Alles, was
der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der
hat auch nicht fr einen Deut Wahrheitsliebe! Und kaum vernahm der
Alte, da es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: Schnell Kinder,
machen wir ein Kreuz darber! So, so, so geschieht's ihm recht! Tchtig
soll er's kriegen! und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen
verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, lie er
umzunen und lie von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also
den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort
hinwerfen.

So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr
gut: spter haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem
Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die
Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie
Gutes kommen. Man st etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf,
wovon nur der Teufel wei, was es ist: Es ist kein Krbis, keine Melone
und auch keine Gurke ..... Wei der Teufel, was es ist.




                          Biographische Skizze
                                  von
                              B. Schenrock


                     bersetzt von _Alexandra Ramm_

Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der groen
schpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat
sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch
die groen Qualitten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende
Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte
Entwicklung des russischen Schrifttums ausbte. Als ein Schriftsteller,
der der Literatur unschtzbare Dienste erwies: indem er sie von der
Nachahmung befreite und sie endgltig auf die Darstellung des wirklichen
Lebens richtete, hat Gogol sich fr immer einen der ersten Pltze in der
Literaturgeschichte gesichert, wie gro auch die Verdienste seiner
Nachfolger sein mgen.

Die persnlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die
unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem
hchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, da er fast allein
durch sein natrliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte,
die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum mglich, einen hnlich
bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich
geringem Mae fremden Einflssen verpflichtet ist.

Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der groen
russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung
nach fast gnzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit
den frhesten Eindrcken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen
Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner
heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm
Kleinruland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er
forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne
genealogischen Nachsprens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den
_dichterischen_ Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden
tief gefhlten Zeilen Ausdruck gab: O Vergangenheit, Vergangenheit!
Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfllt unsere Seele, wenn wir von
dem hren, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der
Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Grovater oder
Urgrovater an jenen Ereignissen teilnahm, ah -- dann verstummt der
sonst so beredte Mund. Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps
erzhlen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, da diese
echt kleinrussische Familie, wenn auch nur fr kurze Zeit, mit zweien
ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war,
was eine Erklrung fr den zweiten polnischen Namen liefert, dem die
Gogols dem ihren anfgten: Gogols Urgrovater hie Jan, nach ihm nannten
sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod,
Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein
anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij
erhalten hatte). Spter war Gogol bemht, diesen zweiten Namen
abzulegen, denn er behauptete, da die Polen dieses Anhngsel erfunden
htten.

Und doch war Gogol den Professoren und Mitschlern fast ausschlielich
unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war
griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen
und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Grovater
unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein
echter Kleinrusse. Fr uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols
vor allem die Bedeutung, da sie uns von der berlieferung alle als
hochbegabte Menschen geschildert werden -- jedenfalls waren sie keine
gewhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij
Afanajewitsch, war ein auerordentlich begabter und herzensguter
Mensch, mit einem lebendigen und wibegierigen Verstand, literarischen
Neigungen und einem ausgesprochenen Erzhlertalent. Sorglos und geliebt
von Nachbarn und Freunden begngte er sich mit seinem bescheidenen
Familienglck und trumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein
Zufall, die bersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen
Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu,
erschlo der dichterischen Begabung Wassilij Afanajewitschs ein
wrdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys
war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze
Flgel fr die Ankmmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger
Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste -- und
alles war immer von einer erregten Atmosphre von Freude und Glanz
umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen
nach: selbst bloe Vergngungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes
und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des
Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem
zeitgenssischen Athen dem alltglichen Leben ganz entrckt zu sein.

Am 19. Mrz 1800 wurde W. A. Gogol, das ltere von den zwei am Leben
gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war
er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Gte und
Freundlichkeit allgemein hochgeschtzt wurde. Es ist selbstverstndlich,
da der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behtet wurde,
und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf.
Schon als Kind hatte ihm die Natur eine auerordentliche
Beobachtungsgabe verliehen, und so prgte sich ihm von frher Jugend an
das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich
die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tnze in sein Herz. Auf dem Gute
Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines
vterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wre. Und hier erlebte er
seinen ersten knstlerischen Genu: als er bezaubert den Dramen
Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt
wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort fr
sein spteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach
Njschin geschickt in das Gymnasium der hheren Wissenschaften, wo er
vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schler verblieb. In der Schule machte
der krnkliche, nicht allzufleiige Knabe, der seine geringe Zuneigung
zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine
Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch
auf die lteren Schler einen besonders guten Eindruck: die einen
lachten ihn als einen Spamacher aus, die andern verachteten ihn als
einen Faulenzer. Der natrlichen Begabung des Knaben, die sich vorlufig
nur dadurch kundgab, da er den Lehrern treffende Spitznamen gab und
ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche
ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von
den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine nrrischen
Streiche, wenn auch keiner glaubt, da sich hierin irgend etwas
ungewhnliches ausdrckt. In dieser Zeit fat er pltzlich eine
leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Bchern: aber
bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemht
sich, im Njjiner Lyzeum kleine Auffhrungen zu arrangieren und als
Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten.
Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine
Schlerzeitschrift heraus und trumt von seiner Zukunft, die sich in
lichten Farben vor ihm erffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt
sein Vater pltzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in
eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens
ein Jngling. Sein und seiner Angehrigen Schicksal, dem er sich ganz
widmen will, bemchtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der
jngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine
Fortschritte in der Schule gering, nur fr Geschichte wird ein greres
Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso fr die Poesie, wenn ihn auch der
Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich ber den
Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der guten alten
Zeit wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht
die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Auer seiner
Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt
er noch Wyssozki und die Brder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten
Jahre der Schulzeit eilen schnell vorber; Wyssozki, der die Schule
absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem
Freunde von der Hauptstadt im Norden getrumt hat, sehnt sich hei nach
den Ufern der Newa. Seine Trume zaubern ihm das herrliche Leben in
Petersburg vor, wo die groen Ziele locken: gereizt empfindet er das
Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet
sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den khnen Trumen
der Jugend gestaltet sich das Idyll Hans Kchelgarten. Endlich naht
die Zeit der Abschluprfung. Gogol fhlt, da er noch groe Lcken
auszufllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an
seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule
bittere Vorwrfe, da sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere
Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prfling.

Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurck, um dann mit seinem
treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttuscht
die grausame Wirklichkeit die groartigen Trume der Jugend: statt in
einem groen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen,
mu er sich mit einem Raum in einer hheren Etage in einer viel
prosaischeren Gegend begngen; die hohen Preise machen ihn
niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche
Mutter ausgerstet hatte, ffnen ihm zwar die Huser einiger angesehener
Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet
Not und mu im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er mu allen
Vergngungen entsagen: nicht einmal das heigeliebte Theater kann er
besuchen ... Er fhlt sich tief unglcklich und mit fieberhafter Eile
unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles miglckt ihm.
Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bhne des Schultheaters
errungen hatte und lt sich als Schauspieler prfen: aber sein Organ,
klar und jeder bertreibung bar, macht auf die zeitgenssischen
Theateraristarchen einen ungnstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es
whrend der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat
abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll Hans Kchelgarten drucken
zu lassen, aber die Kritik nahm es khl auf, und der gekrnkte Dichter
warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das
Interesse der Petersburger fr alles Kleinrussische aufgefallen, und der
unternehmungslustige Jngling beschftigt sich mit dem Plan, die
Komdien seines Vaters aufzufhren. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der
Mutter und seiner Freunde nheres Material fr einige geplante
kleinrussische Erzhlungen zu sammeln, die er auch wirklich
niederschreibt und die unter dem Namen Abende auf dem Gutshof bei
Dikanka bald eine umfassende Popularitt erlangten. ber seine Stimmung
zu dieser Zeit mgen einige Zeilen Auskunft geben, die einem
gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: Ist das eine ein
Mierfolg, kann man zum andern greifen, und miglckt das auch -- dann
zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine groe Hilfe bedeuten.
In dieser Stimmung reifte pltzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu
reisen -- in das Ausland, von dem er seit seiner Schlerzeit zu Njschin
getrumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glcks
und der schpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttuschte die
Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendtrume. In der Beichte des
Dichters bekannte er, da er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer,
unter fremden Menschen befand, als schon die frohen Trume von einem
glcklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich
flchtig umgesehen, kaum hatte er Lbeck, Travemnde, Hamburg kennen
gelernt, als er schon zurck nach Petersburg eilte. (Nach A. S.
Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in
Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rckkehr erhielt er eine Stellung
im Apanagen-Departement. So klglich hatten seine herrlichen
Dichtertrume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer
gefrchtet, und mit allen Krften strubte er sich gegen den Gedanken,
da das Schicksal ihm ein dsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht
htte.

Inzwischen aber gediehen die Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
fleiig weiter; auerdem begann Gogol seine ersten literarischen
Versuche in Zeitschriften zu verffentlichen und Beziehungen zu
Schriftstellern anzuknpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu
einer Verwirklichung seiner Trume fhren konnte. Delwig, Schukowski,
Pletniew -- vor allem der letztere -- erkannten seine glnzende Begabung
und entwickelten fr seine Zukunft eine geradezu vterliche Besorgnis.
Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am
Patriotischen Institut, wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte,
und ebenso einige Stunden in vornehmen Husern. Er war es auch, der ihn
mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mierfolge hatte Gogol zu
berwinden, und dann erhaschte er das Glck, das phantastische,
zauberhafte Glck ... Pltzlich fhlte er sich in die Sphre der hheren
literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen erffneten
sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Frulein
A. O. Rosset, der spteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heie Liebe
zur Ukraine hatte sie zusammengefhrt, und das war fr ihn um so
bedeutungsvoller, als sich sein Verhltnis zur Heimat in den seelischen
Erschtterungen der letzten Jahre wesentlich verndert hatte. War es
frher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt
zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttuschungen der
groen Stadt in seine geliebte Ukraine zurck, obwohl er die Bedeutung
Petersburgs fr seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er
unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die Abende
auf dem Gutshof bei Dikanka heraus. Den Sommer verbrachte er in
Zarskoje Selo, in glcklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski.
(Nunmehr war er berhaupt einer derer um Puschkin geworden.) Erst im
Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine
neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemchtigt: er wollte eine
Komdie schreiben, deren Stoff dem alltglichen Leben entnommen sein
sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mute einmal einen solchen
Gedanken gebren, um sich vollkommen entladen zu knnen: durch sie
wurden Zge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewhnlichen Blick
fr immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten
charakteristischen sind. Das zeitgenssische Repertoire bestand in der
Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragdien: teils waren es lrmende
Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose
Komdien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann
nicht stark genug betont werden, da in dieser Lage Gogols Plan geradezu
eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schpferischer Stellung
in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann ber seine
Bedeutung fr die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel
herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch
so starke sthetische Schpfungen wie Puschkins Geizige Ritter,
Mozart und Salieri oder Der steinerne Gast nicht erklrt werden:
berall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine
Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern
zugeflossen war, war so selbststndig und neu, da sie ihm bei einem
vorbergehenden Aufenthalt in Moskau die gerhmten Produkte der
zeitgenssischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen
lie; diesen Aufenthalt in Moskau -- brigens auf seiner Reise in die
Heimat -- benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknpfen, die er
sich vorher sorgfltig ausgewhlt hatte und von denen er eine Frderung
seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer
praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten.
Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter
Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen
uerungen aufs tiefste berrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer
scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P.
Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler
Schtschepkin in nhere Berhrung. Seine Rckkehr in die Heimat
bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr
als der glckliche, von lichten Trumen erfllte Jngling zurck, als
der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei
Jahren hatte er etwas kstliches verloren: die frohen Trume der Jugend.
Die Trume der Jugend, die voll blhender Sehnsucht die Welt als einen
Triumphpfad trumt, mit bunten Blumen berschttet. Aber der rosa
Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestrzten Auge die kahle
Mittelmigkeit des Alltags. Und Gogol erfllt die ernste Tragik des
Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt.
Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der
Ferne ihm begehrenswert erschienen war -- alles zeigte sich noch
nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und
in der Nhe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die
magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklrt hatte. Das alles
drckt sich in der vernderten Stimmung seiner nchsten Werke aus:
deutlich scheidet sich schon Mirgorod hierin von den Abenden auf dem
Gutshof bei Dikanka, die in allem die zrtliche Verklrung der Jugend
atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich
schon den Traum einer neuen glcklichen Zukunft ausmalt: er will nach
Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben
erffneten Universitt zu bewerben. Erfllt von dem Gefhl seiner
reichen inneren Krfte, durchdrungen von der berzeugung, die im Kreise
Puschkins alle beherrschte, da das Genie der Masse und ihrer Meinung
absolut berlegen sei -- hatte er sich nie ernste Gedanken ber die
Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest
berzeugt, da allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten
Vorstellung die Knste der welken Schulmeister in Schatten gestellt
wrden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den
Lehrstuhl fr mittelalterliche Geschichte an der Petersburger
Universitt erobert hatte, hielt er es natrlich auch nicht fr ntig,
sich fr die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt
dessen berlt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen
Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den Revisor. Sein
Selbstvertrauen wchst malos: er denkt daran, eine Geschichte
Kleinrulands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht
anders, als man erwarten konnte: in seiner Universittszeit entstehen
dichterische Schpfungen von hohem Werte, wrdig seines Talents -- aber
seine wissenschaftlichen Plne scheitern jammervoll, und seine
Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glnzenden absteht,
flchtig und mittelmig. Die Hrer verlieren Achtung und Vertrauen vor
ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen,
geschieht es nur, um sich durch seine phantastische Diktion unterhalten
zu lassen. Gogols Professur endete mit einem vollstndigen Fiasko,
zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material
ausfallen lassen mute. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen
an die Professoren erhht wurden, blieb ihm nichts anderes brig, als
seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im
Patriotischen Institut verloren.

Nach diesen Mierfolgen richtete er all seine Kraft auf die Auffhrung
des Revisors. Am 19. April 1836 wurde dieses groe Werk, das bis heute
noch eine hohe Zierde der russischen Bhne ist, endlich zum erstenmal
gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren khnste Hoffnung nur bis
zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die
Bhne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines
Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Krfte gelegt hatte.
Die Pfeile der Komdie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte
eine auerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj
Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war,
entschlpften folgende denkwrdige Worte: Das ist ein Stck! Alle haben
ihr Teil bekommen -- aber ich am meisten! Von tiefer Anteilnahme fr
die schonungslose Entblung sozialer Schden erfllt, ebnete der Kaiser
durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bhne. Aber statt da der
Dichter ber eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er
berrascht und niedergeschlagen und wehmtig ruft er aus: Herrgott,
wenn nur einer oder zwei geschimpft htten -- Gott segne sie. Aber alle
... alle! Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, da alle das Werk
schmhten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Auffhrungen
werden durch die blichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehrden
immer wieder gestrt: und das alles bringt den Kelch schlielich zum
berlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre geqult und
zerrttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins
Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden.

Trotz der vielen Mierfolge blickt er mit unzerstrbarer Heiterkeit in
sein zuknftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus,
jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende,
fremde, westeuropische Leben zu strzen. Frhlich, als htten sie die
Last dsterer, ewig gleicher Eindrcke fr immer abgeworfen, eilten sie
einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Trume der Jugend
schwebten noch ber ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenrte eines
besseren poetischeren Lebens, erfllt von Jubel und lichtem Glck.

Mit dieser Reise in das Ausland begann fr Gogol eine neue Epoche seines
Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt,
gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er
schliet neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner
Vergangenheit wird mit jedem Tage grer, entscheidender. Ein, zwei
Monate vergehen -- und er fhlte sich allen ehmaligen Sorgen und
rgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder:
und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die
Bitterkeit, mit der sie die schnste Zeit seines Lebens erfllt hatte,
lie sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen
stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen ber ihre
Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend fr des Dichters
unbertroffene Aufnahmefhigkeit. Mit der Hingabe eines Jnglings wei
er die zahllosen neuen Eindrcke zu genieen, er reist von einem Land in
das andere, um sich endlich fr lngere Zeit in Italien niederzulassen,
das er spter seine zweite Heimat nennt. Die Wunder der italienischen
Natur und Kunst, die groe Eigenart Roms, die Lebensfhrung, die allem
frher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach -- wie stark
mute das alles auf die empfngliche Seele des Knstlers wirken! Und
gierig schlrft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem
Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und
reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glcklichen poetischen Umgebung
geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem sthetischen Genieen der
Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie
Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen
materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berhrten alle Dinge die Seele
unserer Einsiedler zrtlich: das stille Genieen der Kunst, der Zauber
der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende berraschender
Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des sdlichen
Himmels. Jede durchkreuzte Strae dieser hingebend geliebten Stadt,
jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen
Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es fr Gogol, hier
in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit
einem Wort: es war die glcklichste, hellste Zeit seines Lebens.

Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer,
und ihr Glck mute hart gebt werden. Das Schicksal ist nicht
freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange
beschieden, in dieser Hochflut sthetischer Gensse zu leben. Allein in
dieser Zeit hatte er den ersten Band der Toten Seelen geschrieben,
eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwchst. Das
glckliche Leben verdsterte sich durch materielle Sorgen, und auch
Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mute er
eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus
dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mdchen wenigstens
nach Moskau zu begleiten, und die Rckreise brachte neue Sorgen, die
eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein
Leben; im Jahre 1840 berstand er nacheinander in Wien und Rom zwei
schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des
Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religis gestimmte
Gogol als eine gttliche Erlsung von dem Tode, die ihm das Schicksal
nur gewhrt hat, um durch neue Schpfungen dem Nutzen der Menschheit in
einem hheren Sinne dienen zu knnen oder, wie er sich spter uerte,
um einen Hymnus auf die gttliche Schnheit zu singen.

Das alles geschah an der Grenze der dreiiger und vierziger Jahre. Die
sensible Natur des Knstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu
erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der
schwersten Schicksalsschlge, die ihn betroffen hatten, war der frhe
Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er whrend der letzten Monate
seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol
war fr die Freundschaft aufs uerste empfindlich, und gerade darum
blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder
zerrtteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den
aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenssischen
literarischen Welt, beschrnkt durch seine persnlichen Beziehungen und
materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht
tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprche und gegenseitiger
Gereiztheiten geriet er unwillkrlich in eine unangenehme und unbequeme
Lage, da sie sich alle fr berechtigt hielten, eine Untersttzung ihrer
zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen.
So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr
nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt
fhlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern
Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annherung an die Moskauer
nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst
sagte, bertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhnglichkeit an
Italien verletzt. Die Mhen, die das Erscheinen der Toten Seelen im
Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die
schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Auffhrung des
Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien,
vor allem mit der Zensur, die Meinungen uerte wie folgende: der Titel
Tote Seelen schon knne nicht zugelassen werden, da die Seele
unsterblich sei! Besonders hatte die Erzhlung vom Kapitn Kopeikin
darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche
hochgestellte Persnlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei
qulende Intrigen. Und waren es frher nur die Intrigen im Theater, die
ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei
Schwierigkeiten: vor den Aksakows mute er seine Beziehungen zu
Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, da er mit
dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher
Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhltnisse seiner Familie auf
das uerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da
seine eigene materielle Lage eher alles andere als glnzend war. Noch
whrend seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung
allen Boden unter den Fen verloren. Nachdem er seinen frheren Beruf
aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer
bestimmten Ttigkeit zurckzukehren -- ausgenommen natrlich die Arbeit
an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der
Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, da es
sein heier Wunsch sei, dem Vaterlande zu ntzen, und da er, da er sich
in keiner Stellung befnde, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig
befestigt sich in ihm die berzeugung, da er sich ganz dem heiligen
Werk der Arbeit an den Toten Seelen widmen msse. Er glaubt sich von
Gott dazu berufen, in den folgenden Bnden die Ganzheit des russischen
Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Fr
Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit
immer strker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknpfen;
und um die ihm gestellte Aufgabe wrdig lsen zu knnen, glaubt er sich
geistig ganz neu gebren zu mssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu
verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu knnen.
Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschliet seine Seele vor
den andern. Er beginnt, seinen frheren Arbeiten wenig Bedeutung
beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele
geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so ntige,
noch nie gesagte Wort zu verknden. Grandiose Perspektiven erffnen sich
vor seinem Auge, und unwillkrlich drngt sich ihm die Empfindung auf,
da der erste Teil der Toten Seelen nur die Vorhalle zu einem
mchtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung
schreibt er Zeilen, wie jene ber Ruland, die tiefster Inspiration
entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten
Zeitgenossen als mehr denn anmaend erscheinen lieen. Tnend verkndet
er in diesen Zeilen, da nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und
da er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, wo aus einem anderen
Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus
einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht
ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer
Reden hren. Gogol trumt von seiner messianischen Sendung: wenn er
auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit
Segen bringen knne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er
vergit seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die
Vorsehung fr sein hohes, ber der Ebene des gewhnlichen Lebens
gelegenes Schicksal, und er heit alle Prfungen willkommen: selbst die
Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der
Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschrnkt er
seine Habe auf ein Kfferchen mit den Handschriften seiner Werke und
einigen Bchern religisen Inhalts; und zuletzt sucht er Trstung selbst
in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Krper mehr und
mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein
ganzes sittliches Sein erfllt, wandelt seine moralische Persnlichkeit
vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Vernderung ist, vielmehr
erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der
Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht
gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das bergewicht. Dieser Proze
beginnt Ende der dreiiger Jahre und erfllt das ganze nchste
Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und
wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene
Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des
Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das strmische
Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten
Idealismus lutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom
Standpunkt des sthetikers bewertet, der ihren zerstrenden Einflu auf
seine schpferische Kraft betrachtet. Unter diesem sthetischen
Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des
Zwiespaltes, in den die freie schpferische Kraft durch ihre Bindung mit
-- wenn auch zweifellos idealen -- religisen Motiven geraten mu. Eines
aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen
schmerzlichen und langwierigen Auflsungsproze seiner physischen Krfte
dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner sthetischen
Schpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religise
Ekstase. Aber trotz der hartnckigen Gerchte, die sich bis ber seinen
Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige
Strung festgestellt. Andererseits hat jeder von der uerst schroffen
Umwandlung Gogols whrend seiner letzten Jahre berichtet, und dieser
Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski
besttigt wird, mu bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus
mit bercksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die
Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm -- aber
immer noch frher als die andern Freunde -- S. T. Aksakow, sind unter
dem Eindruck der berstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not
der Todesstunde schnell gereift, auerdem fanden sie auch einen
gnstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich whrend seines Lebens
im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A.
P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwhlt
zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflssen
des westeuropischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und
hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen.
Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgltige:
mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden
Selbstbespiegelungen und bestrmt von grausamen unablssigen Leiden
zerrann ihm sein frheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und
innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden
verwandelte sich in eine mitrauische Gespanntheit, seine dichterische
Schpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im
Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber
er ist nicht mehr der frhere Enthusiast, der sich vor der wundervollen
italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschlielicher beschrnkten
sich seine Gedanken auf das Religise: es zieht ihn nach Palstina, und
eine Zeitlang lt er sogar die Arbeit an den Toten Seelen, um die
Ausgewhlten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden zu
schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich
leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefllt er in seiner von
der Zensur entstellten und verkrzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist
bis zum uersten geqult und niedergedrckt.

[Funote 1: berhmter russischer Kritiker.]

Der bekannte Brief Belinskis und eine andere uerung seiner Freunde,
verstrkt durch eine Anzahl Kritiken zerrtteten Gogol endgltig. Er
fhlt sich zu einer Gegenuerung gezwungen und schreibt die Beichte
des Dichters. Und Anfang 1848 gibt er seiner heien Sehnsucht nach und
reist nach Jerusalem. Nach seiner Rckkehr bleibt er in der Heimat,
langsam nur schreitet die Arbeit an den Toten Seelen vorwrts. Sein
Lebensmut sinkt und allmhlich unterliegt er in dem schweren Kampfe
zwischen der ungeheuren Aufgabe, die er sich gestellt hat, und seinen
immer schwcher werdenden geistigen und krperlichen Krften. In dieser
Zeit gewinnt der Geistliche von Rschew, Pater Mathus, einen
tiefgehenden Einflu auf ihn, und seine strengen asketischen Worte
peinigen die kranke Seele des Dichters so, da er die Predigt des
Geistlichen einmal mit dem Angstschrei unterbricht: Genug, genug, es
ist furchtbar! Hier soll bemerkt werden, da ein starker Bestandteil
von Gogols Religiositt die Furcht vor dem Jenseits war.

Kurz vor seinem Tode verbrannte er den zweiten Teil der Toten Seelen.
Hartnckig verweigert er die Annahme von Nahrung: er will sterben.
Beides, Verzweiflung und Todessehnsucht, erklrt sich aus der
peinigenden Ungewiheit des Dichters, ob seine Werke Gutes stiften
wrden oder nicht: bis zu seinem Tode kmpften in Gogol flammende
Hoffnung und dumpfes Verzweifeln. Und hinzu kommt die unertrgliche
Angst vor der Qual der Todesstunde, die nur einen Wunsch gestattet, sich
so weit wie mglich auf den furchtbaren Augenblick der Abrechnung mit
dem Irdischen vorzubereiten, um die Seele vor der ewigen Verdammnis zu
retten.

Gogol starb in Moskau am 21. Februar 1852. Zu seinem Begrbnis
erschienen die Spitzen der Stadt, die Leichenfeier fand in der
Universittskirche statt. Eine groe Menge Volk hatte sich eingefunden,
um dem Dichter die letzte Ehre zu erweisen.

Die feindlichen Stimmen verstummen, und die groe Bedeutung Gogols
stellt sich immer klarer, wahrnehmbarer heraus. Und in unsern Tagen wird
keiner versuchen, an der Bedeutung seiner gewaltigen Dichtungen zu
zweifeln, an diesem starken Darsteller der Wirklichkeit -- dem ersten,
den Ruland aus eigener Kraft hervorgebracht hat.




                                 Anhang


                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
                             (Erster Teil.)

Der erste Teil der in diesem Bande vereinigten Erzhlungen erschien im
September des Jahres 1831. Die Unterschrift des Zensors trgt das Datum
den 26. Mai 1831.


I. _Der Jahrmarkt in Sorotschintzy_ stammt aus dem Jahre 1830. 1851
wurde diese Novelle mit unwesentlichen stilistischen nderungen in der
Gesamtausgabe von Gogols Werken wieder abgedruckt.

II. _Die Johannisnacht._ Diese Erzhlung erschien zuerst im Februar- und
Mrzheft der Vaterlndischen Annalen (Otetschestwennye Sapiski),
Jahrgang 1830 und zwar anonym unter dem Titel: _Basawrjuk oder die
Johannisnacht_. Eine kleinrussische Novelle (nach einer Volkssage),
erzhlt vom Kster an der Kirche zu Pokrowsk. Gogol arbeitete die
Novelle spter fr die Abende auf dem Gutshof bei Dikanka um. Hierbei
beseitigte er einige nderungen, die _Swinjin_ bei der Drucklegung in
den Vaterlndischen Annalen eingefgt hatte, und schickte der Erzhlung
eine kleine Vorrede voraus, in der er auch auf Swinjins nderungen
hinwies.

III. _Mainacht oder die Ertrunkene._ Ist im Jahre 1829 entworfen und
dann fr die Abende neu bearbeitet worden. 1851 fgte Gogol noch
einige kleine nderungen ein.

IV. _Der verschwundene Brief._ Stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831,
und wurde von Gogol fr die Gesamtausgabe (II. Aufl.) noch einmal
durchgesehen.


                   Abende auf dem Gutshof bei Dikanka
                            (Zweiter Teil.)

Der zweite Teil der Abende erschien Anfang Mrz 1832; die Unterschrift
des Zensors trgt das Datum: den 31. Januar 1832.


I. _Die Nacht vor dem Weihnachtsfest_ wurde 1831 niedergeschrieben und
1851 noch einmal durchgesehen.

II. _Schreckliche Rache_ stammt wahrscheinlich aus dem Jahre 1831. In
der ersten Ausgabe der Abende lautete der Titel dieser Novelle
Schreckliche Rache (eine alte Sage). In der zweiten und den
folgenden Auflagen der Abende vom Jahre 1836 wurde der Untertitel
(eine alte Sage) fortgelassen.

III. _Iwan Fjodorowitsch Schponjka und seine Tante._ Die Zeit der
Entstehung dieser Novelle ist unbekannt.

IV. _Der verhexte Ort._ Auch ber die Entstehungszeit dieser Erzhlung
liegen keine Nachrichten vor.

                                                    _Der Herausgeber._

                   *       *       *       *       *


                Druck von Mnicke und Jahn, Rudolstadt.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Auch
Variationen in der Transliteration der russischen Namen wurden nicht
verndert.

Offensichtliche Fehler wurden, teilweise unter Zuhilfenahme des
russischen Originaltextes, korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   ... Frieda Ichak. ...
   ... Frida Ichak. ...

   [S. 6]:
   ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konten ...
   ... Dikanka? Das ist ein Kopf, sag' ich euch! Was konnte ...

   [S. 92]:
   ... Die Hexe hat deine sndige Seele in Verderben gestrzt! ...
   ... Die Hexe hat deine sndige Seele ins Verderben gestrzt! ...

   [S. 127]:
   ... Verfgung: An den Amtman Jewtuch Makohonenko. ...
   ... Verfgung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. ...

   [S. 198]:
   ... erschien der Mondschein vom Leuchten der Schnees! ...
   ... erschien der Mondschein vom Leuchten des Schnees! ...

   [S. 205]:
   ... Dem Schmied berlief es kalt; er erschrak, wurde ...
   ... Den Schmied berlief es kalt; er erschrak, wurde ...

   [S. 210]:
   ... Weber Schapuwalenko. Gr Gott, Ostop! ...
   ... Weber Schapuwalenko. Gr Gott, Ostap! ...

   [S. 219]:
   ... Herrschaften es hier gibt! dache der Schmied. ...
   ... Herrschaften es hier gibt! dachte der Schmied. ...

   [S. 228]:
   ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben, anwortete der ...
   ... kein Mensch kann ohne ein Frauchen leben, antwortete der ...

   [S. 242]:
   ... ht' er viel Wunderliches erzhlen knnen. Ja, ...
   ... htt' er viel Wunderliches erzhlen knnen. Ja, ...

   [S. 243]:
   ... Und siehe da, der seltsame Greis knirrschte zischend ...
   ... Und siehe da, der seltsame Greis knirschte zischend ...

   [S. 244]:
   ... schon und schnarrchte laut ber ganz Kijew. ...
   ... schon und schnarchte laut ber ganz Kijew. ...

   [S. 260]:
   ... Hetmann selten zu essen bekommt. So was verschmht ...
   ... Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmht ...

   [S. 299]:
   ... von seltsamem und schrecklichen ueren herein. Zum ...
   ... von seltsamem und schrecklichem ueren herein. Zum ...

   [S. 309]:
   ... vergangener Zeiten. ...
   ... vergangenen Zeiten. ...

   [S. 313]:
   ... und so hat er die Geschiche denn auch wirklich
       aufgeschrieben. ...
   ... und so hat er die Geschichte denn auch wirklich
       aufgeschrieben. ...

   [S. 322]:
   ... Unterwegs passierte nicht besonders Bemerkenswertes. ...
   ... Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. ...

   [S. 322]:
   ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischen Plne willen, ...
   ... etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Plne willen, ...

   [S. 326]:
   ... Kopfkissen! Und reie dem Frauenzimmer ein bischen ...
   ... Kopfkissen! Und reie dem Frauenzimmer ein bichen ...

   [S. 342]:
   ... Burschen viel ber Jerusalem gehrt hatte? ...
   ... Burschen viel ber Jerusalem gehrt hatte. ...

   [S. 359]:
   ... Wo sind die Fuhrleute, fragte der Grovater und ...
   ... Wo sind die Fuhrleute? fragte der Grovater und ...

   [S. 365]:
   ... Stmen herab. Der Grovater zog sich die neuen ...
   ... Strmen herab. Der Grovater zog sich die neuen ...

   [S. 368]:
   ... bei Gott, rein wie zwei Holzkltze! Die roten Augen glotzen ...
   ... bei Gott, rein wie zwei Holzkltze! Die roten Augen glotzten ...

   [S. 369]:
   ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Splicht aufgieen ...
   ... Augen nach einer Stelle, wo sie das Splicht ausgieen ...

   [S. 383]:
   ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selow, in glcklicher ...
   ... Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glcklicher ...

   [S. 391]:
   ... Pletniew und seinen andern Petursburger Freunden gefiel ...
   ... Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 3: Abende auf dem
Gutshof bei Dikanka, by Nikolaj Gogol

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 3: ABENDE ***

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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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