The Project Gutenberg EBook of Sewastopol, by Leo N. Tolstoj

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Title: Sewastopol

Author: Leo N. Tolstoj

Editor: Raphael Lwenfeld

Illustrator: J. V. Cissarz

Release Date: April 17, 2017 [EBook #54560]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEWASTOPOL ***




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                                                          Leo N. Tolstoj
                                                     Novellen Band _III_




              Leo N. Tolstoj

             Smtliche Werke

       Von dem Verfasser genehmigte
               Ausgabe von
            Raphael Lwenfeld

                III. Serie

          Dichterische Schriften

                   Band
                    5

  Mit Buchausstattung von J. B. Cissarz




                             Leo N. Tolstoj

                               Sewastopol

               im Dezember * Sewastopol im Mai * Sewastopol im August *
               Der Holzschlag * Begegnung im Felde * Der berfall

                               3. Auflage

               Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig 1901




Inhalt


  Sewastopol im Dezember        1

  Sewastopol im Mai            34

  Sewastopol im August        105


  *Kaukasische Erzhlungen*

  Ein berfall                217

  Der Holzschlag              267

  Begegnung im Felde          339




Sewastopol

im Dezember 1854, im Mai und
August 1855


Leo Tolstoj war aus dem Kaukasus in die Heimat zurckgekehrt. Er
war Soldat und konnte sich -- nach den kleinen Scharmtzeln mit den
ungebndigten Gebirgsstmmen, -- auch dem gewaltigen Vlkerkriege
nicht entziehen, dessen Schauplatz die Krim ward. Vor Sewastopol fiel
die Entscheidung in diesem ungleichen Kampfe, den Ruland gegen zwei
Gromchte des Westens zu fhren hatte.

Am 23. September hatten die Russen ihre ganze Flotte in das Schwarze
Meer versenkt, um den Angriff von der Seeseite her zu vereiteln, und
Totlebens Kunst hatte die Festung durch Auffhrung von Forts und
Bastionen zu einer fast uneinnehmbaren gemacht. Die fortgesetzte
Beschieung aber mit ihren Opfern an Menschenleben, die Abschneidung
der Zufuhr von Lebensmitteln und die gnzliche Ermattung des russischen
Heeres fhrten endlich am 27. August 1855 nach einem furchtbaren
Sturmangriff zur Uebergabe Sewastopols.

Alle Leiden des russischen Heeres hatte der junge Offizier in der
vierten Bastion, an einer der gefhrlichsten Stellen der belagerten
Festung, mitgemacht. Und gewohnt, das Erlebte im dichterischen
Spiegelbilde festzuhalten, bannte Leo Tolstoj auch die Leidenstage von
Sewastopol in drei gewaltige Schilderungen, die das entzckte Ruland
mit steigender Bewunderung las, whrend noch der Heldenmut seiner
Shne vergeblich um den Sieg rang. Kaiser Nikolaus selbst, der Urheber
des groen Vlkerunglcks, war von dem Werke des jungen Offiziers
begeistert. Er gab den Befehl, ihn von dem gefhrlichen Orte zu
entfernen, damit das Leben eines zukunftsreichen Talents geschont werde.

Tolstoj whlte fr seine Schilderungen den Anfang, den Hhepunkt und
das Ende der Kmpfe vor Sewastopol, und benennt sie uerlich nach der
Zeit: Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai, Sewastopol im August.

Aus diesen drei Augenblicksbildern sprechen mit beredten Worten das
tiefe Mitgefhl mit den Leiden des Volks, die Bewunderung fr seine
unwandelbare Tapferkeit und Leidensfhigkeit, der groe Schmerz um den
Vlkerwahn des Krieges, die Geringschtzung fr Eigenschaften, die eine
hergebrachte Anschauung Tugenden nennt -- genug, all die Grundideen
Tolstojscher Ethik, die auch in seinen anderen dichterischen Werken zum
Ausdruck kommen, und die erst im sechsten Jahrzehnt seines Lebens sich
zu einer systematischen Weltanschauung verdichten sollten.

Aber trotz des scheinbar auf sittliche Ziele gerichteten Inhalts ist
die Schilderung von ruhigster Sachlichkeit. Dem Dichter ist nichts
gut, nichts bse; nicht zur Nachahmung aneifern will er in seinen
Schilderungen der Tapferkeit, nicht abschrecken vom Bsen durch
grausige Darstellung des Entsetzlichen, nicht einmal in den einzelnen
Personen, die er handeln lt, Muster kriegerischer Tugenden oder
abschreckende Beispiele des Gegenteils vorfhren. Die Menschen alle
knnen nicht die Uebelthter, noch die Helden der Erzhlung sein.

Der Held meiner Erzhlung -- sagt Tolstoj -- den ich mit der ganzen
Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schne zu schildern bemht
war, und der immer schn gewesen ist und immer schn sein wird -- ist
die Wahrheit.

Erscheinen in dieser Hinsicht die Schilderungen der Sewastopoler Kmpfe
gewissermaen als eine kunstlose Wiedergabe der Wirklichkeit, so zeigt
sich die berechnende Kunst des Dichters deutlich in der Steigerung, die
in der Wahl der drei Momente liegt, die von entscheidender Bedeutung
fr den Krieg waren: die Zeit der Entwicklung, der Wendung und des
tragischen Abschlusses.

Alle drei Skizzen sind unter den Eindrcken der Sewastopoler
Leidenstage selbst geschrieben, in den Jahren 1854 und 1855. Zwischen
ihnen liegt nur die Abfassung der kurzen Erzhlung: Der Holzschlag.

Die Kritik nahm die Sewastopoler Skizzen mit Bewunderung auf. Sie waren
das erste Werk Leo Tolstojs, das einen allgemeinen, unbestrittenen
Erfolg hatte. Das lesende Ruland sah in den poetischen Schilderungen
des Grafen Tolstoj nicht blo interessante Thatsachen in der Wiedergabe
eines Augenzeugen, nicht blo begeisterte Erzhlungen von Heldenthaten,
die auch den Leidenschaftslosesten htten fortreien knnen; jeder
Leser erblickte darin die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit und
die Verewigung ihres Andenkens.

Nie vorher hatte Ruland Soldatenschilderungen solcher Art gekannt.
Skobelews vielgelesene Erzhlungen waren unter den Vorurteilen einer
schnfrberischen Vaterlandsliebe entstanden und sind die Schpfungen
einer mittelmigen Dichtergabe. Tolstoj strebte nach einer treuen
Wirklichkeitsschilderung und besa zugleich die Kraft, dem Alltglichen
den Charakter des Erhabenen zu geben.

                                                  R. L.




*Sewastopol* im December 1854


Eben beginnt die Morgenrte den Horizont ber dem Ssapunberg zu
frben; die dunkelblaue Meeresflche hat bereits das nchtliche Dunkel
abgestreift und erwartet den ersten Sonnenstrahl, um in glnzenden
Farben zu spielen; von der Bucht her weht es kalt und neblig; es
liegt kein Schnee, alles ist schwarz, aber der scharfe Morgenfrost
greift das Gesicht an und macht die Erde unter den Fen knirschen;
nur das entfernte, unaufhrliche, bisweilen von rollenden Schssen in
Sewastopol bertnte Brausen des Meeres unterbricht die Stille des
Morgens. Auf den Schiffen ist es still; die achte Stunde schlgt.

Auf der Nordseite beginnt allmhlich die Ruhe der Nacht der Thtigkeit
des Tages zu weichen: hier marschiert eine Wachablsung, mit den
Gewehren klirrend, vorbei; dort eilt ein Arzt schon ins Lazarett;
hier kriecht ein Soldat aus einer Erdhtte, wscht sich mit eisigem
Wasser das sonnenverbrannte Gesicht und betet, nach dem sich rtenden
Osten gewendet und sich schnell bekreuzigend, zu Gott; hier
schleppt knarrend eine hohe, schwere, mit Kamelen bespannte Madshara
(tatarischer Bauernwagen) blutige Leichen, mit denen sie fast bis an
den Rand beladen ist, zur Beerdigung auf den Kirchhof ... Wir gehen
auf den Hafen zu, -- hier schlgt uns ein eigentmlicher Geruch von
Steinkohlen, Dnger, Feuchtigkeit und Fleisch entgegen; tausend
verschiedenartige Gegenstnde -- Brennholz, Fleisch, Schanzkrbe, Mehl,
Eisen u. s. w. -- liegen haufenweis am Hafen; Soldaten verschiedener
Regimenter, mit Scken und Gewehren, ohne Scke und ohne Gewehre,
drngen sich hier, rauchen, zanken sich, schleppen Lasten auf den
Dampfer, der rauchend an der Landungsbrcke liegt; Privatkhne, voll
von allerlei Volk, -- von Soldaten, Seeleuten, Kaufleuten, Weibern, --
legen an oder stoen ab.

Nach der Grafkaja, Euer Wohlgeboren, wenn's gefllig ist! bieten uns
zwei oder drei verabschiedete Matrosen ihre Dienste an, indem sie in
ihren Bten aufstehen.

Wir whlen den, der uns am nchsten ist, schreiten ber den
halbverfaulten Kadaver eines braunen Pferdes, der hier im Schmutz in
der Nhe des Bootes liegt, und gehen an's Steuerruder. Wir stoen vom
Ufer ab. Rings um uns haben wir das schon in der Morgensonne glnzende
Meer, vor uns den alten Matrosen, in einem berrock aus Kamelhaar, und
einen blonden Knaben, die unter Schweigen emsig die Ruder fhren.
Wir sehen die vielen segelfertigen Schiffe, die nah und fern in der
Bucht zerstreut sind, die kleinen, schwarzen Punkte der auf dem
glnzenden Azur des Meeres sich bewegenden Schaluppen und die auf der
andern Seite der Bucht befindlichen, durch die hellroten Strahlen der
Morgensonne gefrbten, schnen und hellen Huser der Stadt; wir sehen
die schaumbespritzte Linie des Molo und der versenkten Schiffe, deren
schwarze Mastenspitzen hie und da dster aus dem Wasser ragen; unserm
Blicke begegnet die entfernte feindliche Flotte, die am kristallenen
Horizont des Meeres unthtig daliegt, endlich sehen wir die durch
unsere Ruder in den schumenden Wellen in die Hhe geworfenen und
springenden Tropfen der Salzflut; wir hren den einfrmigen Laut von
Stimmen, die ber das Wasser her zu uns dringen, und die majesttischen
Tne der Kanonade, die, wie uns scheint, immer strker wird in
Sewastopol.

Es ist unmglich, da bei dem Gedanken: auch wir sind in Sewastopol,
unsere Seele nicht das Gefhl eines gewissen Mutes und Stolzes
durchdringe, und das Blut nicht schneller in unsern Adern fliee.

Euer Wohlgeboren! Steuern Sie direkt auf den Kistentin (das Schiff
Konstantin), sagt zu uns der alte Matrose, indem er sich rckwrts
wendet, um die Richtung, die wir dem Boote geben, zu berichtigen, das
Steuerruder rechts!

Und er hat noch all seine Kanonen! bemerkt der blonde Bursche, whrend
er am Schiffe vorbeirudert und es betrachtet.

Freilich. Er ist neu, Kornilow hat ihn befehligt, bemerkt der Alte,
indem er ebenfalls das Schiff betrachtet.

Sieh, wie sie geplatzt ist! sagt der Knabe nach einem lngeren
Schweigen, indem er auf ein weies Wlkchen zerflieenden Rauches
sieht, das sich pltzlich hoch ber der sdlichen Bucht erhebt und von
dem lauten Krachen einer platzenden Bombe begleitet ist.

Er feuert heut aus einer neuen Batterie, fgt der Alte hinzu, indem
er sich gleichmtig in die Hnde spuckt. Nun, Mischka, zugerudert,
wir wollen die Barkasse berholen! ... Und unser Boot eilt schneller
vorwrts ber die weite, wogende Bucht, berholt wirklich die schwere
Barkasse, die mit Scken beladen ist und von ungeschickten Soldaten
ungleich gerudert wird, und landet, zwischen einer Menge am Ufer
befestigter Bte, im Grafkaja-Hafen.

Auf dem Uferdamm bewegen sich lrmend Scharen von Soldaten in
grauen Mnteln, von Matrosen in schwarzen Winterrcken und von
buntgekleideten Frauen. Alte Weiber verkaufen Semmeln, Bauern mit
Theemaschinen schreien: Heier Sbitjen![A] und dort auf den ersten
Stufen der nach dem Landungsplatz fhrenden Treppe liegen verrostete
Kanonenkugeln, Bomben, Karttschen und gueiserne Kanonen verschiedenen
Kalibers; etwas weiter ist ein groer Platz, auf dem mchtige Balken,
Kanonenlafetten, schlafende Soldaten liegen, und Pferde, Fuhrwerke,
grne Pulverkasten mit Geschtzen, und Sturmgerte der Infanterie
stehen; Soldaten, Matrosen, Offiziere, Weiber, Kinder und Kaufleute
bewegen sich durcheinander; Bauernwagen mit Heu, mit Scken und Fssern
kommen angefahren; hier reitet ein Kosak und ein Offizier, dort fhrt
ein General in einer Droschke. Rechts ist die Strae durch eine
Barrikade gesperrt, auf der in Schiescharten kleine Kanonen stehen;
neben diesen sitzt, seine Pfeife rauchend, ein Matrose. Links erhebt
sich ein hbsches Haus mit rmischen Ziffern an der Stirnseite, vor
dem Soldaten neben blutigen Tragbahren stehen, -- berall sehen wir
die hlichen Spuren des Lagerlebens im Kriege. Der erste Eindruck,
den wir empfinden, ist jedenfalls der unangenehmste; die eigentmliche
Vermischung des Lagerlebens mit stdtischem Leben und Treiben, der
schnen Stadt mit dem schmutzigen Biwak ist nicht nur unschn, sondern
kommt uns wie ein widerwrtiges Durcheinander vor; es scheinen uns
sogar alle bestrzt und unruhig, und nicht zu wissen, was sie thun
sollen. Aber wenn wir den Menschen, die sich um uns herum bewegen,
nher ins Gesicht sehen, kommen wir zu einer ganz andern Ansicht.
Betrachten wir nur diesen Train-Soldaten, der seine drei Braunen zur
Trnke fhrt, und so ruhig vor sich hinsummt, da man ihm anmerkt, er
wird sich in dieser bunten Menge, die fr ihn nicht existiert, nicht
verirren, er verrichtet seine Arbeit, welche es immer sei, ob Pferde
zu trnken, oder am Geschtz zu ziehen, ebenso ruhig, selbstvertrauend
und gleichgltig, als wenn das alles irgendwo in Tula oder Saransk
geschehe. Denselben Ausdruck lesen wir auch auf dem Gesicht des jungen
Offiziers, der in tadellosen weien Handschuhen vorbeigeht, auf dem
Gesicht des Matrosen, der rauchend auf der Barrikade sitzt, auf den
Gesichtern der als Trger verwendeten Soldaten, die mit Bahren auf der
Auentreppe des ehemaligen Kasinos warten, und auf dem Gesicht des
Mdchens, das, in der Furcht, sein rosafarbenes Kleid na zu machen,
von Stein zu Stein ber die Strae hpft.

 [A] Getrnk aus Wasser, Honig und Lorbeerblttern oder Salbei, das von
 den Aermeren als Thee getrunken wird. Anm. d. Herausg.

Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt
enttuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren
von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut
und Entschlossenheit, -- nichts von alledem: wir sehen ruhig mit
ihrer Alltagsarbeit beschftigte Alltagsmenschen, so da wir uns
vielleicht selbst ein berma von Enthusiasmus vorwerfen, da wir leise
Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut
der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzhlungen, den
Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite
gesehen und gehrt. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen,
betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der
Verteidigung selber, -- oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus
gegenber, das frher das Sewastopoler Kasinogebude gewesen und auf
dessen Auentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, -- da werden wir die
Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige,
groe, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.

Wir wollen in den groen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die
Thr geffnet, da erschreckt uns pltzlich der Anblick und der Geruch
von vierzig oder fnfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken,
die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir drfen
dem Gefhl, das uns an der Schwelle zurckhlt, nicht nachgeben -- es
ist kein schnes Gefhl; gehen wir nur vorwrts, schmen wir uns nicht,
da wir gekommen, von den qulendsten Schmerzen Gepeinigte zu *sehen*
-- schmen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen:
die Unglcklichen sehen gern ein mitfhlendes Menschenantlitz, sprechen
gern von ihren Qualen und hren gern Worte der Liebe und Teilnahme ...
Wir wollen in der Mitte der Lagersttten entlang gehen und ein weniger
dsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen
knnen, um zu sprechen.

Wo bist du verwundet? -- fragen wir unentschlossen und zaghaft einen
alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit
einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an
ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur
tiefes Mitgefhl, sondern auch Scheu vor der Mglichkeit zu beleidigen
und Hochachtung vor dem, der sie ertrgt, einflen.

Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den
Falten der Decke, da ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank,
fgt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.

Und ist es schon lange her, da du verwundet worden bist?

Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.

Schmerzt es dich jetzt?

Nein, jetzt schmerzt es nicht, -- gar nicht; nur die Wade scheint mir
weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.

Wie und wo bist du verwundet worden?

Auf der fnften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement
war, ich hatte das Geschtz hergerichtet, wollte nach einer anderen
Schiescharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob
ich in eine Grube strzte, -- fort war das Bein.

Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?

Nein, nur ein Gefhl, als wenn ich mit etwas Heiem ans Bein gestoen
wrde.

Nun, aber dann?

Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war
mir, als ob sie wund gerieben wrde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist,
*an nichts denken*; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts.
Alles kommt daher, da der Mensch denkt.

Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide,
mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in
unser Gesprch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzhlen, von
seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen
lang befunden, -- wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten
lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Grofrsten mit
ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, da
er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen,
wenn er selber nicht mehr arbeiten knnte. Whrend die Frau dies in
einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der,
abgewandt und als wenn er nicht auf sie hrte, auf seinem Kopfkissen
Charpie zupft, -- und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen
Entzcken.

Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit
einem Ausdrucke, als wenn er sprche: Sie mssen ihr schon verzeihen,
es ist einmal so, Weiber mssen dummes Zeug schwatzen.

Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schmen
uns frmlich vor diesem Menschen. Wir mchten ihm gar viel sagen, um
ihm unser Mitgefhl und unsere Bewunderung auszudrcken, aber wir
finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade
einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und
unbewuten Gre und Strke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen
Werte.

Nun mge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und
bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und
in unertrglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.

Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht.
Er liegt auf dem Rcken, den linken Arm hinten unter gelegt, in
einer Lage, die frchterliche Schmerzen ausdrckt. Der vertrocknete,
geffnete Mund stt mit Mhe rchelnden Atem aus; die blauen,
glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen
Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der
dumpfige Geruch, den der leblose Krper ausstrmt, fllt uns stark auf
die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des
Dulders durchdringt, bemchtigt sich auch unser.

Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und
uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.

Noch nicht, er hrt, befindet sich aber sehr schlecht, fgt sie
flsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl
er mir fremd ist, so mu man doch Mitleiden haben, -- er hat fast gar
nicht mehr getrunken.

Wie fhlst du dich? fragen wir ihn.

Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und
versteht uns nicht.

Im Herzen brennt's.

Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wsche
wechselt. Sein Gesicht und Krper sind ziegelfarbig und mager wie bei
einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gnzlich, er ist ihm an der
Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefat da, -- er befindet sich
auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trben Auge, an der
schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, da
dieses Wesen schon den greren Teil seines Lebens durchlitten hat.

Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes,
bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Rte
spielt.

Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein
getroffen, sagt uns unsere Fhrerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf
die Bastion.

Hat man sie amputiert?

Sie ist ber'm Knie amputiert worden.

Jetzt gehen wir durch eine Thr links, wenn unsere Nerven stark sind;
in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir
sehen hier die rzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit
blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschftigt, auf der
mit geffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache
und rhrende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt.
Die rzte sind mit einer widerwrtigen, aber wohlthtigen Arbeit
beschftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weien,
gesunden Krper einschneidet; -- wir sehen, wie der Verwundete mit
einem schrecklichen, herzzerreienden Schrei und mit Verwnschungen
pltzlich zur Besinnung kommt; -- wir sehen, wie der Feldscher den
abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; -- wir sehen in demselben
Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der
beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und sthnt, nicht
so sehr aus krperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; -- wir
sehen schreckliche, herzerschtternde Szenen, wir sehen den Krieg
nicht in dem blichen schnen und glnzenden Gewande, mit Musik und
Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir
sehen den Krieg in seinem wahren Wesen -- in Blut, in Leiden, in Tod ...

Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir
unfehlbar ein trstliches Gefhl, atmen voller die frische Luft ein,
empfinden Vergngen im Bewutsein unserer Gesundheit, schpfen aber
zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewutsein unserer
eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen
...

Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes,
wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler? Aber
der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schnen
Stadt, der geffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen
Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen
Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der
Gegenwart.

Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begrbnis eines
Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden
Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Tne der Kanonade von den
Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frhere Stimmung zurck:
das Leichenbegngnis erscheint uns als ein wunderschnes militrisches
Schauspiel, die Tne als ein minder schnes Kriegsgetn, und wir
verknpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tnen den
klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das
an dem Verbandort gethan haben.

An der Kirche und Barrikade vorber kommen wir nach dem belebtesten
Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushngeschilder von
Verkaufslden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hten
und Tchern, stutzerhafte Offiziere, -- alles spricht uns von der
Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.

Wir mssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gesprch
von Seeleuten und Offizieren hren wollen; hier werden jedenfalls
Gesprche ber die verflossene Nacht, ber Fenjka, ber den 24.
gefhrt, darber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und
wie der und jener Kamerad gefallen ist.

Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Bastimme
ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der
eine grne, gestrickte Schrpe trgt.

Wo ist das -- bei uns? fragt ihn ein anderer.

Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir
betrachten unfehlbar mit groer Aufmerksamkeit und sogar mit einer
gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: auf der vierten
Bastion. Seine bermige Ausfhrlichkeit, sein Herumfuchteln mit den
Hnden, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen,
erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach
einer Gefahr ber junge Leute kommt; wir denken, da er anfangen wird,
uns zu erzhlen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und
Gewehrkugeln wegen -- weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig
ist. -- Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er
auf seine bis ber die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und
heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn
ist er getroffen worden, sagt ein anderer. -- Wer war es? Mitjuchin?
Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr
Kanaillen! fgt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt.
Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad -- sechs
Ausflle hat er mitgemacht!

Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer
Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der
Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel,
ein junger Mann, erzhlt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne
Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig
getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzhlung
macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint,
ob man ihm auch glaube, hauptschlich aber an der allzu groen Rolle,
die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, da er
stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind
nicht in der Stimmung, diese Erzhlungen mit anzuhren, die wir noch
lange an allen Enden Rulands werden zu hren bekommen; wir wollen
so schnell als mglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte,
von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzhlt hat. Wenn
jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das
mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf
die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder
allzugroen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich
sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und
fragt: woher? -- so bekommt man meist die Antwort: von der vierten
Bastion. Es giebt berhaupt zwei vllig verschiedene Meinungen ber
diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und
die berzeugt sind, da die vierte Bastion das sichere Grab fr jeden
ist, der dorthin geht -- und solcher, die dort hausen, wie der blonde
Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns
sagen, ob es in der Erdhtte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist
u. s. w.

In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich
das Wetter gendert: der Nebel, der ber das Meer gebreitet lag, hat
sich zu grauen, dsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhllt
die Sonne; ein trauriger Staubregen sprht vom Himmel und netzt die
Dcher, die Straen und die Soldatenmntel ...

Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thr
heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Strae bergauf.
Hinter dieser Barrikade sind die Huser zu beiden Seiten unbewohnt,
Schilder fehlen, die Thren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster
eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach
durchgeschlagen. Die Gebude gleichen Veteranen, die alle Not und
Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschtzig auf uns
herabzusehen. Unterwegs stolpern wir ber herumliegende Kanonenkugeln
und fallen in Lcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen
Grunde gerissen. Auf der Strae treffen wir Soldatendetachements,
Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem
Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine
Matrosenfrau und trgt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir
auf der Strae weitergehen und unter eine kleine Anhhe gelangt sind,
bemerken wir um uns nicht mehr Huser, sondern sonderbare Trmmerhaufen
-- Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen
Anhhe eine schwarze, schmutzige, von Grben durchzogene Flche,
und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch
weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen
schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen
wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein
fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: Wo ist
er verwundet? sagen die Trger rgerlich, ohne sich zu uns zu wenden,
am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie
schweigen mrrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der
Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.

Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den
Berg zu besteigen beginnen, berrascht uns in unangenehmer Weise. Wir
begreifen pltzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen
haben, die Bedeutung der Kanonentne, die wir in der Stadt gehrt
haben. Ein friedlich trstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken
auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschftigen, als die
Beobachtungen: die Aufmerksamkeit fr alles, was uns umgiebt, nimmt
ab, und ein unangenehmes Gefhl der Unentschlossenheit berkommt uns
pltzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem
Anblick der Gefahr pltzlich in unserm Innern sich vernehmen lt,
und bringen, -- besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit
ausgebreiteten Hnden ber den flssigen Kot schnell lachend an uns
vorbei den Berg hinanklimmt, -- diese Stimme zum Schweigen, strecken
unwillkrlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den
schlpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den
Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen
zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thten, den
Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel luft; aber
der Laufgraben ist *so* voll von flssigem, gelbem, belriechendem,
bis ber die Knie reichendem Schmutz, da wir unbedingt den Weg auf
dem Berge whlen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert
Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Flche,
die auf allen Seiten von Schanzkrben und von Erdaufschttungen
umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden,
und auf denen groe gueiserne Kanonen, mit regelmigen Haufen von
Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung
aufgetrmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen,
dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene,
zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch
die Batterien und zieht mit Mhe seine Fe aus dem Schmutz. Aber
berall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstcke,
nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und
das alles ist in flssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hren
das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hren die verschiedenen Tne der
Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine
Darmsaite klingen, wir hren furchtbaren Geschtzdonner, der uns alle
erschttert und mit furchtbarem Entsetzen erfllt.

Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche,
wirklich furchtbare Ort! denken wir und empfinden ein kleines Gefhl
des Stolzes und ein groes Gefhl unterdrckter Angst. Aber wir
sind enttuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die
Jasonow-Redoute, ein verhltnismig sehr gefahrloser und durchaus
nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen,
mssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein
Infanterist gebckt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht
wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen
zu Minen, Erdhtten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebckt
herumkriechen knnen, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der
Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak
rauchen, wohnen, und sehen wiederum berall denselben belriechenden
Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt
umherliegendes Gueisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder
zu einer Batterie, -- zu einem kleinen mit Lchern bedeckten Platze,
der von Schanzkrben voll Erde, von Geschtzen auf Plattformen und von
Erdwllen umgeben ist. Hier sehen wir nun fnf Mann Matrosen, die unter
der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als
neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende
zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschtz sitzend,
eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schiescharte
zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gnzlich ungezwungen, da
wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die hufiger als frher ber uns
pfeifen, kaltbltig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzhlungen
des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir
ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzhlen; er wird erzhlen,
wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschtz thtig sein konnte,
und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann brig geblieben
waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen
Geschtzen gefeuert; er wird uns erzhlen, wie am 5. eine Bombe in
eine Matrosen-Erdhtte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat;
er wird uns von der Schiescharte aus die nicht mehr als dreiig bis
vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgrben des Feindes zeigen.
Nur das eine frchte ich, da wir, zur Schiescharte hinausgelehnt, um
zu dem Feinde hinberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der
Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden,
da dieser uns so nahe weie Steinwall, ber dem weie Rauchwlkchen
emporsteigen, der Feind ist -- er, wie die Soldaten und Matrosen
sagen.

 [B] Plastuns hieen die am stlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am
 Kuban lebenden Kosaken.

Es ist sogar leicht mglich, da der Marineoffizier aus Eitelkeit oder
nur so, um sich ein Vergngen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig
schieen lassen will. Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft
ans Geschtz! -- und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife
in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch
und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut
auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Zge,
die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses
verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in
diesen breiten Schultern, in diesen krftigen Beinen, die in gewaltigen
Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen
Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzge, die die Kraft des Russen
ausmachen -- Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dnkt uns, hat
die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht auer
diesen Hauptzgen noch die Spuren des Bewutseins des eigenen Wertes,
erhabenen Denkens und Empfindens eingeprgt.

Pltzlich berrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehr,
sondern unseren ganzen Organismus erschtternder Knall, so da wir am
ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hren wir, wie das Gescho sich
pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hllt uns, die Plattform
und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein.
Wir hren verschiedene Gesprche der Matrosen ber diesen Schu. Wir
sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefhl offenbaren, das wir kaum
erwartet htten -- das Gefhl der Wut, der Rache am Feinde, das in
der Seele eines jeden verborgen ruht. Gerade in die Schiescharte
hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trgt
man sie heraus, hren wir freudig ausrufen. Sieh, er rgert sich,
-- gleich wird er hierher schieen, sagt jemand, und wirklich sehen
wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr
stehende Posten schreit: Kano--one! und gleich darauf kommt eine
Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlgt auf die Erde auf und wirft,
sich trichterfrmig einbohrend, Steine und Erdstcke um sich. Der
Batteriechef, rgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und
drittes Geschtz zu laden, -- der Feind beginnt uns zu antworten, und
wir durchleben interessante Empfindungen, hren und sehen interessante
Dinge. Der Posten schreit wiederum: Kanone! und wir hren denselben
Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstcke; oder er schreit: Mrser!
-- und wir hren ein gleichmiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der
Bombe, mit dem man nur mhsam den Gedanken an etwas Furchtbares in
Verbindung bringt, wir hren das Pfeifen, das sich uns nhert und sich
beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen
auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der
Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher,
schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen.
Bei diesen Tnen empfinden wir ein sonderbares Gefhl, gemischt aus
Angst und Genu. In dem Augenblicke, wo das Gescho auf uns zufliegt,
schiet uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, da es uns ttet;
aber das Gefhl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das
Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafr aber leben wir, wenn
das Gescho vorbergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf,
und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefhl kommt, wenn auch
nur einen Augenblick, ber uns, so da wir an der Gefahr, an diesem
Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genu finden; wir wnschen, es
mchten noch nher und nher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen.
Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme:
Mrser! -- wiederum ertnt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der
Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Sthnen eines
Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trgern zu dem Verwundeten
heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches
Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen
worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten
Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden
zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem
Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit
seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, da dieser Ausdruck
sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen,
unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die
Zhne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung
in die Hhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hlt er die
Bahre an und spricht mhsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden:
Lebt wohl, Brder! -- er will noch etwas sagen, man sieht, er will
etwas Rhrendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: Lebt wohl,
Brder! Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die
Mtze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhlt, und kehrt ruhig,
gleichmig die Arme schwenkend, zu seinem Geschtz zurck. So ist es
jeden Tag -- sieben oder acht Mann, sagt uns der Marineoffizier, indem
er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zgen
spricht, und dabei ghnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.

       *       *       *       *       *

So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung
selber gesehen und gehen zurck, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln,
die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin
pfeifen, Beachtung zu schenken, -- wir gehen mit ruhiger, erhobener
Seele. Die hauptschliche, trstliche berzeugung, die wir davontragen,
ist die berzeugung von der Unmglichkeit, die Kraft des russischen
Volkes an irgend einem Punkte zu erschttern. Und diese Unmglichkeit
haben wir nicht in der Menge der Quergnge, der Brustwehren, der
kunstvoll gezogenen Laufgrben, der Minengnge und Geschosse, die
bereinander getrmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben,
nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen,
in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie
thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, da
wir die berzeugung gewinnen, sie knnen noch hundertmal mehr -- sie
knnen alles. Wir begreifen, da das Gefhl, das sie schaffen heit,
nicht das Gefhl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit
ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefhl,
ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig
unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Mglichkeiten des
Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind,
und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener
Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels
willen, um des Zwanges willen knnen Menschen sich so entsetzlichen
Lebensbedingungen nicht fgen: es mu eine andere, eine erhabenere
Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefhl, das selten,
verschmt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem
Grunde der Seele eines jeden ruht -- die Liebe zum Vaterland. Erst
jetzt sind uns die Erzhlungen von den ersten Zeiten der Belagerung
Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte,
da es physisch unmglich war, es zu halten, und doch nicht der
mindeste Zweifel bestand, da es sich dem Feinde nicht ergeben wrde,
glaubhaft geworden, -- die Erzhlungen von den Zeiten, da Kornilow,
dieser des alten Griechenlands wrdige Held, bei einer Musterung der
Truppen sprach: Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht
bergeben, und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei
haben, antworteten: Wir wollen sterben! Urra! -- erst jetzt haben
die Erzhlungen aus jener Zeit aufgehrt, fr uns eine schne
geschichtliche berlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur
Thatsache geworden. Wir verstehen klar und wrdigen die Menschen, die
wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut
nicht sinken lieen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod
gegangen sind, nicht fr die Stadt, sondern fr das Vaterland. Lange
wird in Ruland diese Epope von Sewastopol, deren Held das russische
Volk war, tiefe Spuren zurcklassen ...

Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den
grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet
pltzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und
Bten bedeckte, gleichmig wogende grnliche Meer, die weien Huser
der Stadt und die in den Straen wogenden Menschen. ber das Wasser
tnen die Klnge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem
Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der
sie seltsam begleitet.

*Sewastopol*, den 25. April 1885.




*Sewastopol* im Mai 1855


I

Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste
Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in
den feindlichen Werken aufri, und seit der Zeit sind unaufhrlich
Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in
die Laufgrben und aus den Laufgrben nach den Bastionen geflogen, und
unaufhrlich hat der Engel des Todes ber ihnen geschwebt.

Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekrnkt, tausendfach
befriedigt und genhrt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum
Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmckte Srge, wie viel
linnene Leichentcher! Und noch immer erschallen dieselben Tne von den
Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkrlichem Schrecken und Zittern,
die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche,
aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen,
auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zhlen die
Schiescharten, aus welchen gueiserne Kanonen trutzig hervorragen;
noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhgel
aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre
Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grnen
Hhe bewegen, und die in den Laufgrben aufsteigenden Rauchwlkchen,
-- und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene
Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren
Wnschen nach dieser schicksalsreichen Sttte. Und immer noch ist die
Frage, die die Diplomaten nicht gelst haben, nicht gelst durch Pulver
und Blut.


II

In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem
Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen
bewegten sich mig in den Gngen. Die helle Frhlingssonne, die am
Morgen ber den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren
Weg ber die Bastionen, dann ber die Stadt, ber die Nikolai-Kaserne
zurckgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte
sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmig wogende
Wellen im Silberglanze funkelten.

Ein hochgewachsener, etwas gebckter Infanterieoffizier, der einen
nicht ganz weien, aber sauberen Handschuh ber die Hand zog, trat
aus dem Pfrtchen eines der kleinen Matrosenhuschen heraus, die
auf der linken Seite der Seestrae standen, und ging, nachdenklich
seine Fe besehend, ber eine Anhhe zum Boulevard. Der Ausdruck
des unschnen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade groe
Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit
und Ordnungsliebe. Er war nicht schn gebaut, ein wenig linkisch,
gewissermaen verschmt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig
gebrauchte Mtze, einen dnnen Mantel von etwas eigentmlicher,
veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit
Strippen und reine, glnzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man
htte ihn fr einen Deutschen halten knnen, wenn seine Gesichtszge
nicht seine rein russische Abkunft verraten htten, oder fr einen
Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann htte er Sporen
tragen mssen), oder fr einen Offizier, der fr die Zeit des Feldzugs
von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde bergetreten war. Es
war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie bergetreten war,
und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte
er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der
jetzt auer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und
seiner Gattin, der blassen, blauugigen Natascha, seiner Busenfreundin,
erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem
der Kamerad schreibt:

Wenn der *Invalide* bei uns eintrifft, strzt *Pupka* (so pflegte
der frhere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfber in das Vorzimmer,
greift nach der Zeitung und rennt damit nach der *Plauderecke*, in das
*Empfangszimmer* (in dem wir so schn die Winterabende zusammen verlebt
haben, weit du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und
liest mit solchem Feuereifer *Euere* Heldenthaten, da Du Dir's kaum
vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. >Nicht wahr, Michajlow --
sagt sie -- ist doch eine *Seele von Mensch*. Ich knnte ihn abkssen,
wenn ich ihn sehe. *Er kmpft auf den Bastionen* und bekommt gewi das
Georgskreuz, und die Zeitungen werden ber ihn schreiben ...< u. s.
w. u. s. w., so da ich entschieden anfange, auf Dich eiferschtig zu
werden. An einer anderen Stelle schreibt er: Die Zeitungen bekommen
wir schrecklich spt, und wenn es auch viele mndliche Nachrichten
giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B.
haben die Dir bekannten *jungen Damen mit der Musik* erzhlt, Napoleon
sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg
transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube.
Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzhlt (er ist im Ministerium
fr besondere Auftrge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand
in der Stadt ist, eine solche *Ressource* fr uns, da Du Dir's kaum
vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen htten Eupatoria
genommen, *so da die Franzosen von Balaklava abgeschnitten* sind, und
wir htten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren.
Meine Frau war so entzckt davon, da sie die ganze Nacht *gezecht*
hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne
das, und httest Dich ausgezeichnet.

Trotz der Worte und Ausdrcke, die ich absichtlich durch die Schrift
ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der
Stabskapitn Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse
Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker
gesessen und ber das Gefhl gesprochen hatte, er dachte an den
guten Kameraden, den Ulan, wie er bse war und brummte, wenn sie in
seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin ber ihn
lachte -- dachte an die Freundschaft, die diese Menschen fr ihn hatten
(vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen
Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine
Phantasie in einem wunderbar sen, beseligend-rosigen Lichte und,
lchelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in
der dieser ihm so liebe Brief steckte.

Von Erinnerungen ging der Stabskapitn Michajlow unwillkrlich zu
Trumen und Hoffnungen ber. Wie gro wird Nataschas Verwunderung
und Freude sein -- dachte er, whrend er durch das schmale Gchen
dahinschritt, -- wenn sie auf einmal im *Invaliden* die Schilderung
lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz
bekommen habe! Kapitn mu ich nach altem Brauch werden. Dann kann
ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es
sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewi noch viele in
diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und
ich als ein berhmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ...
den Annenorden um den Hals ... Oberst ... und er war schon General,
und wrdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie
er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war -- als die Tne der
Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drngende Volk ihm
in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte -- als der alte
Stabskapitn von der Infanterie.


III

Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen,
denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten
hielten und umbltterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn
als Zuhrer, Schreiber, Junker und Wrterinnen mit Kindern einen
Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saen und
gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weien
Handschuhen. In der groen Allee des Boulevards spazierten Offiziere
aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hten, meist aber
in Kopftchern (es gab auch welche ohne Tcher und ohne Hte), aber
nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwrdig, alle waren jung. Unten
in den schattigen, duftenden Alleen weier Akazien gingen und saen
abgesonderte Gruppen.

Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitn
Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitn Obshogow
und Kapitn Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die
Hand schttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern,
hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so
rotes, schweitriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und
ausgelassen, da es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor
den Offizieren in weien Handschuhen (von diesen begrte Stabskapitn
Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier htte er
begren knnen, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen
Bekannten zusammengetroffen). Im brigen aber, welches Vergngen htte
es fr ihn sein knnen, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow
spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen
zusammentraf und ihnen die Hand drckte? Nicht darum war er *zur Musik*
gekommen.

Er wre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrt hatte,
und htte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit
die Kapitne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und
die anderen shen, da er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie
nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzhlt
htten.

Warum aber scheut sich der Stabskapitn Michajlow, warum entschliet
er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? Wie, wenn sie mich auf einmal
nicht wiedergren -- denkt er -- oder wenn sie mich gren und in
ihrem Gesprch fortfahren, als ob ich nicht da wre, oder sich ganz von
mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den *Aristokraten*?
Das Wort Aristokraten (im Sinne eines hheren, auserwhlten Kreises,
gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Ruland, wo es, wie
man glauben mte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit
eine groe Popularitt bekommen und ist in alle Gegenden und in
alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dnkel
eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhltnisse dringt
diese klgliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der
Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in
Winniza -- berall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten
Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dnkel, d. h.
auch viel *Aristokraten*, obgleich jede Minute der Tod schwebt ber dem
Haupte jedes *Aristokraten* und *Nicht-Aristokraten*.

Fr den Kapitn Obshogow ist der Stabskapitn Michajlow ein Aristokrat,
fr den Stabskapitn Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat,
weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht.
Fr den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er
Flgeladjutant ist.

Dnkel, Dnkel, Dnkel berall, selbst am Rande des Grabes und unter
Menschen, die bereit sind, aus einer edlen berzeugung in den Tod zu
gehen, berall Dnkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und
eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den
Menschen vergangener Zeit nichts gehrt von dieser Leidenschaft, wie
von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur
drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dnkels als eine
notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen
und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen
unheilvollen, aber unberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte,
die unbewut sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer
und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das
Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzhlung
von Snobs und Dnkel?

Der Stabskapitn ging zweimal an der Gruppe *seiner Aristokraten*
vorber, beim drittenmal berwand er sich und trat zu ihnen heran.
Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows
Bekannter, der Adjutant Frst Galzin, der sogar fr Kalugin selbst ein
wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten
*Hundertzweiundzwanzig* Brgerlichen (Verabschiedete, die fr diesen
Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister
Prakuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows
Glck war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben
erst mit ihm hchst vertraulich gesprochen, und Frst Galzin, der eben
aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht
fr erniedrigend, dem Stabskapitn Michajlow die Hand zu reichen, was
Prakuchin jedoch sich nicht entschlieen konnte zu thun, obgleich
er sehr hufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war,
mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar
vom Prfrence her zwlf und einen halben Rubel schuldete. Da er
den Frsten Galzin noch nicht nher kannte, wollte er vor ihm seine
Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitn der Infanterie nicht
zeigen. Er grte ihn mit einem leichten Kopfnicken.

Wie, Kapitn, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ...
Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es
ging hei her?

Ja, es ging hei her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er
in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der khn
und mutig mit dem Sbel klirrend, vorwrts ging.

Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier
krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...

Er wollte sagen, da die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur
der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fhnrich brig
sei, htte er es fr seine Pflicht gehalten, sich fr die Stelle des
Leutnants Nepschiezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion.
Kalugin lie ihn nicht aussprechen.

Ich fhle, da es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Frsten
Galzin.

Wie, wird es heut nichts geben? fragte schchtern Michajlow, indem er
bald Kalugin, bald Galzin ansah.

Niemand antwortete ihm. Frst Galzin runzelte nur eigentmlich die
Stirn, lie seinen Blick an seiner Mtze vorbeischweifen und sagte nach
einer kurzen Pause:

Ein prchtiges Mdchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht,
Kapitn?

Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete
der Stabskapitn.

Gehen wir, sehen wir sie uns an.

Und Frst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen --
den Stabskapitn unter den Arm; er war im voraus berzeugt, da dies
dem letzteren ein groes Vergngen bereiten msse, was in der That
zutreffend war.

Der Stabskapitn war aberglubisch und hielt es fr eine groe Snde,
sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle
spielte er den Schwerenter, was ihm Frst Galzin und Kalugin offenbar
nicht glaubten, und was das Mdchen in dem roten Tuch auerordentlich
verwunderte, da sie fter bemerkt hatte, wie der Stabskapitn errtet
war, wenn er an ihrem Fenster vorberging. Prakuchin ging hinterdrein,
stie den Frsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in
franzsischer Sprache; da es aber nicht mglich war, zu Vieren den
schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm
nur in der zweiten Gruppe den berhmten, tapferen Marineoffizier
Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gesprch mit
ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der
*Aristokraten* anzuschlieen. Und der berhmte Held schob mit Freuden
seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Prakuchins, der allen,
auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter
Mensch. Als Prakuchin dem Frsten Galzin seine Bekanntschaft mit
*diesem* Marineoffizier erklrte und ihm zuraunte, er sei ein berhmter
Held, schenkte Frst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit;
er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer
Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich
daher fr keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so
mancher Ruhm werde fr nichts gewonnen.

Dem Stabskapitn Michajlow machte es so viel Vergngen, in dieser
Gesellschaft umherzuschlendern, da er den *lieben* Brief aus T.
und die dsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange
auf die Bastion berkommen hatten, verga. Er blieb so lange in
ihrer Gesellschaft, bis sie ausschlielich untereinander zu plaudern
begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben,
da er gehen knne, und sich schlielich ganz von ihm entfernten. Der
Stabskapitn war trotzdem zufrieden und krnkte sich nicht im mindesten
ber die verdchtig-hoffrtige Art, in der der Junker Baron Pest sich
brstete und die Mtze vor ihm zog, als er an ihm vorberging; der
Junker war nmlich seit der gestrigen Nacht, -- die er zum ersten Male
in der Blindage der fnften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich
fr einen Helden hielt, -- besonders stolz und selbstbewut.


IV

Kaum aber hatte der Stabskapitn die Schwelle seiner Wohnung
berschritten, als ihm vllig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah
sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen,
mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darber
befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und ber dem
zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke
versehene Lagersttte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah
seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von
der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestlpten
Stiefel und ein Bndel, aus dem das Ende eines Kses und der Hals einer
groen Flasche mit Branntwein, den er sich fr den Aufenthalt auf der
Bastion besorgt, hervorragten; und pltzlich fiel ihm ein, da er heut
auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schtzengrben gehen msse.

Gewi, ich werde heut sterben mssen, -- dachte der Stabskapitn --
ich fhle es. Die Hauptsache ist, da ich nicht zu gehen brauchte,
aber mich selbst angeboten habe. Immer fllt der, der sich selber
anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschiezki? Er ist
vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer fr ihn fallen, ja,
gewi fallen. brigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher
vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur
gefiel, als ich sagte: Gestatten Sie, da ich gehe, wenn Leutnant
Nepschiezki krank ist. Setzt es nicht den Major, so ist mir der
Wladimir gewi. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion.
Ach, dreizehn ist eine bse Zahl. Ich werde bestimmt fallen -- ich
fhle es, da ich fallen werde. Aber Einer mu doch gehen, ein Fhnrich
kann doch nicht die Kompagnie fhren. Und wenn sich etwas ereignen
sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hngt ja davon
ab. Meine *Pflicht* war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe
Vorahnungen. Der Stabskapitn verga, da er derartige Vorahnungen
mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion
gehen sollte, und wute nicht, da dieselbe Vorahnung mehr oder
minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das
Pflichtbewutsein, das bei dem Stabskapitn besonders entwickelt und
stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief
an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief
beendet, stand er mit thrnenfeuchten Augen vom Tische auf und begann,
im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden.
Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm trge seinen neuen
Rock (der alte, den der Stabskapitn gewhnlich anzog, wenn er auf die
Bastion ging, war nicht gereinigt).

Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du!
du! rief Michajlow zornig.

Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag luft man
umher wie ein Hund, da wird man wohl mde; und dann heit es: schlaf'
nicht mal ein!

Du bist wieder betrunken, sehe ich.

Nicht fr Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwrfe?

Schweig', Tlpel, schrie der Stabskapitn und wollte seinem Diener
einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war
er vollends auer sich und erbittert ber die Grobheit Nikitas, den
er gern hatte, sogar verwhnte, und mit dem er bereits zwlf Jahre
zusammen lebte.

Tlpel? Tlpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie
mich Tlpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu
schimpfen.

Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schmte sich.

Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter
Stimme, diesen Brief an meinen Vater la auf dem Tische liegen, rhr'
ihn nicht an, fgte er errtend hinzu.

Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den
er, wie er sagte, fr *sein eigenes Geld* getrunken hatte, ein Gefhl
der Rhrung berkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thrnen
auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.

Als der Stabskapitn auf der Auentreppe sagte: lebe wohl, Nikita!
brach Nikita pltzlich in Schluchzen aus und strzte auf seinen Herrn
zu, um ihm die Hnde zu kssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er
schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Auentreppe stand,
konnte als Weib dieser Gefhlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie
wischte sich mit dem schmutzigen rmel die Augen und sprach ihre
Verwunderung darber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen
aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzhlte zum
hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr
Mann schon beim ersten Bandirement gettet und ihr Huschen total
zerstrt worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehrte nicht ihr) u.
s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zndete Nikita sein Pfeifchen
an, bat das Haustchterchen, Schnaps zu holen und hrte sehr bald auf
zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines
kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.

Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitn, als er
bereits in der Dmmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. --
Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn.
-- Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), wrde der Knochen ganz
bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann
ist es aus!

Der Stabskapitn gelangte glcklich durch die Laufgrben bis zu den
Schtzengrben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in
vollstndiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in
eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen,
nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei ihm Blitze auf und
beschrieb eine leuchtende Bombenrhre einen feurigen Bogen am dunklen,
gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts
von dem Schtzengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitn sa.
Er trank seinen Schnaps, a seinen Kse, rauchte seine Cigarette
und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu
schlafen.


V

Frst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Prakuchin, den niemand
gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen
hielt, verlieen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu
trinken.

Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzhlt von Wasjka Mendel,
sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, sa am Fenster auf
einem weichen, bequemen Sessel und knpfte den Kragen seines weien,
gestrkten Oberhemdes auf, -- wie hat er sich verheiratet?

Zum Kranklachen, Kamerad! ... _Je vous dis, il y avait un temps, on
ne parlait que de a  Ptersbourg_, sagte Frst Galzin lachend,
erhob sich von dem Klavier, vor dem er sa, und setzte sich auf das
Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die
Geschichte schon ganz genau ...

Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu
erzhlen, die wir hier bergehen, weil sie fr uns nicht interessant
ist. Aber merkwrdig war's, da nicht blo Frst Galzin, sondern alle
diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im
Fenster, der andere mit bergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier,
ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von
der lcherlichen Aufgeblasenheit und Dnkelhaftigkeit, die sie den
Infanterie-Offizieren gegenber hatten; hier waren sie unter sich,
gaben sich natrlich und waren, besonders Kalugin und Frst Galzin,
hchst liebenswrdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von
Petersburger Kameraden und Bekannten.

Was macht Maslowski?

Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?

Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt,
wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ltere ist Rittmeister?

O, schon lange!

Geht er noch immer mit seinem Zigeunermdel?

Nein, die hat er laufen lassen ... oder so hnlich.

Dann setzte sich Frst Galzin an das Klavier und sang prchtig ein
Zigeunerlied. Prakuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu
begleiten, und so gut, da man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren,
was er auch sehr gern that.

Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee, Sahne und Bretzeln auf
einem silbernen Prsentierteller.

Reiche dem Frsten! sagte Kalugin.

Es ist doch eigentmlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein
Glas nahm und ans Fenster ging, da wir hier in der belagerten Stadt,
... Klaviergesang, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie
ich sie wirklich in Petersburg haben mchte.

Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene
alte Oberstleutnant, so wre diese bestndige Erwartung einfach
unertrglich, -- zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und
fallen, ohne da man ein Ende absieht, -- wenn man dabei noch im
Schmutz leben mte und keine Bequemlichkeit htte! ...

Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die
auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und
Soldatensuppe essen? -- was sollen die sagen?

Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wsche, aber das
sind auch Helden, bewunderungswrdige Menschen.

In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.

Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den
Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schchtern und grte.

Kalugin erhob sich; aber ohne den Gru des Offiziers zu erwidern,
fragte er ihn mit beleidigender Hflichkeit und einem erzwungenen
offiziellen Lcheln, ob es Ihnen nicht beliebte zu warten, dann
wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken,
an Galzin, sprach mit ihm franzsisch, so da der arme Offizier, der
mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wute, was er mit
seiner Person machen sollte.

In einer uerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach
einem minutenlangen Schweigen.

Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und
begleitete den Offizier zur Thr.

_Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit!_ sagte
Kalugin, als er vom General zurckgekommen war.

Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.

Ich wei nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem
geheimnisvollen Lcheln.

Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum mu ich wohl auch hingehen,
sagte Prakuchin und legte den Sbel an.

Aber niemand antwortete ihm, er mute selber wissen, ob er zu gehen
habe oder nicht.

Prakuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Pltze zu
begeben.

Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiedersehen, meine Herren! Wir werden
uns heute Nacht noch wiedersehen! schrie Kalugin aus dem Fenster,
als Prakuchin und Neferdow ber ihre Kosakensttel gebeugt, den Weg
entlang trabten. Das Getrabe der Kosakenpferde verklang bald in der
dunklen Strae.

_Non, dites moi, est-ce qu'il y aura vritablement quelque chose cette
nuit?_ sagte Galzin, whrend er mit Kalugin im Fenster lag und die
Bomben betrachtete, die ber den Bastionen aufstiegen.

Dir kann ich's erzhlen. Siehst du, ... du bist ja auf den Bastionen
gewesen? -- (Galzin machte ein Zeichen der Zustimmung, obgleich er nur
einmal auf der vierten Bastion gewesen war.) -- Dort, unserer Lunette
gegenber war ein Laufgraben ... und Kalugin, der kein Fachmann war,
trotzdem aber seine strategischen Ansichten fr sehr richtig hielt,
begann, ein wenig verwirrt und die technischen Ausdrcke verdrehend,
den Stand unserer und der feindlichen Werke und den Plan des
beabsichtigten Unternehmens zu schildern.

Aber um die Schtzengrben beginnt es zu knallen. Oho! Ist das eine von
uns oder von ihm? Da platzt sie, riefen sie, indem sie vom Fenster
aus, die feurigen, in der Luft sich kreuzenden Linien der Bomben, die
den dunkelblauen Himmel auf einen Augenblick erleuchtenden Blitze der
Schsse und den weien Pulverrauch betrachteten und den Tnen des immer
strker werdenden Schieens lauschten.

_Quel charmant coup d'oeil, a?_ sagte Kalugin, indem er die
Aufmerksamkeit seines Gastes auf dies wirklich schne Schauspiel
lenkte. Weit du, bisweilen kann man einen Stern nicht von einer Bombe
unterscheiden.

Ja, ich dachte soeben, da das ein Stern sei; aber er fllt ... sieh,
sie ist geplatzt. Und dieser groe Stern ... wie heit er? -- sieht
ganz wie eine Bombe aus.

Weit du, ich habe mich so an diese Bomben gewhnt, da mir in Ruland,
ich bin davon berzeugt, in einer Sternennacht alles als Bomben
erscheinen wird, -- so gewhnt man sich daran.

Soll ich aber nicht lieber diesen Ausfall mitmachen? sagte Frst Galzin
nach einem minutenlangen Schweigen.

La nur gut sein, Kamerad, und denk' nicht daran; ich lasse dich auch
nicht fort, antwortete Kalugin, du kommst schon noch zurecht, Kamerad!

Im Ernst? ... Du meinst also, ich brauche nicht zu gehen -- wie?

In diesem Augenblicke lie sich in der Richtung, nach der die Herren
sahen, auf das Kanonengebrll, schreckliches Gewehrgeknatter hren, und
Tausende von kleinen Feuern, die ununterbrochen aufflammten, blitzten
auf der ganzen Linie.

So ist's, wenn's richtig losgeht! sagte Kalugin. Solches Gewehrfeuer
kann ich nicht kaltbltig anhren: weit du, es erschttert einem
gewissermaen die Seele. Horch, das Urra! fgte er hinzu, indem er auf
den entfernten, gedehnten Ton von Hunderten von Stimmen: a--a, aa,
die von der Bastion her zu ihm drangen, horchte.

Wessen Urra ist das -- das ihrige oder das unsere?

Ich wei nicht; aber das Handgemenge ist schon losgegangen, denn das
Feuer schweigt.

In diesem Augenblick kam ein Offizier, von einem Kosaken begleitet,
unter das Fenster an die Auentreppe gesprengt und stieg vom Pferde.

Woher?

Von der Bastion. Ich mu zum General!

Gehen wir. Nun, was giebt's?

Wir haben die Schtzengrben angegriffen ... genommen ... die Franzosen
haben zahllose Reserven herangefhrt ... haben die Unsrigen angegriffen
... wir hatten nur zwei Bataillone, sprach atemlos und nach Worten
ringend, nach der Thr gewandt, derselbe Offizier, der am Abend
dagewesen war.

Haben wir die Schtzengrben gerumt? fragte Galzin.

Nein, antwortete rgerlich der Offizier, ein Bataillon kam noch
zur rechten Zeit, -- wir haben sie zurckgeschlagen; aber der
Regimentskommandeur ist tot, viele Offiziere, -- es ist Befehl
gegeben, um Verstrkung zu bitten.

Mit diesen Worten ging er, von Kalugin begleitet, zum General, wohin
wir ihm nicht mehr folgen wollen.

Schon nach fnf Minuten sa Kalugin auf einem Kosakenpferde und wieder
in der eigentmlichen _quasi_-kosakischen Weise, in der, wie ich
beobachtet habe, alle Adjutanten etwas Besonderes, Anmutiges sehen,
und ritt im Trabe nach der Bastion, um einige Befehle zu berbringen
und Nachrichten ber das endgltige Resultat des Treffens abzuwarten;
Frst Galzin begab sich unter dem Eindruck der peinigenden Erregung,
welche die nahen Anzeichen eines Treffens auf einen Zuschauer zu machen
pflegen, der nicht daran teilnimmt, auf die Strae, um hier ziellos
hin- und herzugehen.


VI

Soldaten brachten Verwundete auf Tragbahren oder fhrten sie unterm
Arme. Auf der Strae war es vollstndig dunkel; nur selten glnzte
Licht in einem Hospitale oder bei zusammensitzenden Offizieren. Von
den Bastionen her drang der frhere Geschtz- und Gewehrdonner,
und die frheren Feuer flammten unter dem schwarzen Himmel auf.
Bisweilen hrte man den Hufschlag des Pferdes eines fortgesprengten
Ordonnanz-Offiziers, das Sthnen eines Verwundeten, die Schritte und
das Gemurmel von Krankentrgern und die Reden bestrzter Einwohner, die
auf die Auentreppe gegangen waren und sich die Kanonade mit ansahen.

Unter den letzteren befand sich auch der uns bekannte Nikita, die
alte Matrosenfrau, mit der er sich schon vershnt hatte, und deren
zehnjhrige Tochter. Herr Gott, heil'ge Mutter Gottes! sprach
seufzend die Alte vor sich hin, als sie die Bomben sah, die wie
Feuerblle unaufhrlich von einer Seite nach der anderen flogen;
schrecklich, wie schrecklich! ... i--i--hi--hi ... So schlimm war's
nicht beim ersten Bandirement. Sieh, wo die Verfluchte geplatzt ist!
gerade ber unserm Hause in der Vorstadt.

Nein, weiter, zur Tante Arinka fallen alle in den Garten, sprach das
Mdchen.

Und wo, wo ist jetzt mein Herr? sagte Nikita mit etwas singender Stimme
und noch ein wenig betrunken. Wie ich diesen Herrn liebe, das kann ich
gar nicht sagen, -- ich liebe ihn so, wenn man ihn, was Gott verhte,
sndhaft tten sollte, dann, glauben Sie mir, liebe Tante, wei ich
selber nicht, was ich mit mir anfangen soll, -- bei Gott! Ein solcher
Herr ist er, da ... mit einem Worte! Soll ich ihn denn mit denen
vertauschen, die da Karten spielen? ... Was? -- pfui, mit einem Worte!
schlo Nikita und zeigte dabei auf das erleuchtete Fenster im Zimmer
seines Herrn, wohin Junker Shwadtschewskij, whrend der Abwesenheit
des Stabskapitns, zur Feier seiner Dekoration den Oberstleutnant
Ugrowitsch und den Oberstleutnant Nepschiezki, der an Reien litt, zu
einem Festmahl geladen hatte ...

Wie die Sternchen, die Sternchen fliegen! unterbrach, nach dem Himmel
sehend, das Mdchen das Nikitas Worten folgende Schweigen: sieh, sieh,
dort springt es noch! Weshalb ist das so, liebe Mutter?

Sie werden unser Huschen ganz und gar vernichten, sprach seufzend und
ohne auf die Frage des Mdchens zu antworten, die Alte.

Und wie ich heut mit der Tante dorthin ging, Mtterchen, fuhr das im
singenden Tone sprechende Mdchen fort, da lag eine groe Kanonenkugel
in der Stube neben dem Schranke, sie hatte, wie man sah, den Vorraum
durchgeschlagen und war in die Stube geflogen ... So gro, da man sie
nicht aufheben konnte!

Wer einen Mann hatte und Geld, der ist fortgezogen, -- hier haben sie
auch das letzte Huschen zu Schanden geschossen, sagte die Alte. Sieh,
sieh, wie er feuert, der Bsewicht! Herr Gott! Herr Gott!

Und wie wir gerade fortgehen, kommt eine Bombe geflogen, sie platzt und
berschttet uns mit Erde, fast htte mich und die Tante ein Stck
getroffen.


VII

Immer mehr und mehr Verwundete auf Tragbahren und zu Fu, die einen von
den andern gesttzt und laut untereinander sprechend, kamen dem Frsten
Galzin entgegen.

Wie sie herangestrzt kamen, Kameraden, sprach mit Bastimme ein groer
Soldat, der zwei Gewehre auf dem Rcken trug, wie sie herangestrzt
kamen und losschrien: Allah, Allah![C] so klettert einer ber den
andern weg. Schlgt man die einen tot, gleich kommen andere hinterdrein
geklettert -- da ist nichts zu machen. Kopf an Kopf ...

 [C] Unsere Soldaten waren aus den Trkenkriegen so an diesen
 Schlachtruf gewhnt, da sie jetzt immer erzhlen, die Franzosen
 schreien auch Allah.

An dieser Stelle seiner Erzhlung unterbrach ihn Galzin.

Kommst du von der Bastion?

Jawohl, Euer Wohlgeboren.

Nun, was gab's dort? Erzhle.

Was es dort gab? Ihre Macht rckte heran, Euer Wohlgeboren, sie
klettern auf den Wall und aus war's. Sie haben vollstndig gesiegt,
Euer Wohlgeboren!

Was? gesiegt? ... Ihr habt sie ja doch zurckgeschlagen?

Wie soll man ihn zurckschlagen, wenn seine ganze Macht
heranrckt! Er hat alle Unsrigen gettet, und Hilfe kommt nicht.

Der Soldat hatte sich geirrt, denn der Laufgraben war in unserem
Besitz; aber das ist eine Eigentmlichkeit, die jeder beobachten kann:
ein Soldat, der in einer Schlacht verwundet worden ist, hlt sie stets
fr verloren und fr schrecklich blutig.

Wie hat man mir da sagen knnen, da Ihr den Feind zurckgeschlagen
habt? sagte Galzin unwillig. Vielleicht ist er, nachdem du fort warst,
zurckgeschlagen worden? Bist du schon lange von dort fort?

Diesen Augenblick, Euer Wohlgeboren! antwortete der Soldat, er ist
schwerlich zurckgeschlagen; der Laufgraben ist jedenfalls in seinen
Hnden. -- Er hat vollstndig gesiegt.

Nun, und ihr schmt euch nicht, den Laufgraben gerumt zu haben? Das
ist schrecklich! sagte Galzin, emprt ber diese Gleichgltigkeit.

Was soll man thun gegen die Macht? brummte der Soldat.

Euer Wohlgeboren, sprach in diesem Augenblick neben ihnen ein Soldat
von einer Tragbahre herab, wie soll man nicht weichen, wenn er beinahe
alle gettet hat. Wre unsere Macht dagewesen, wir wrden lebend nicht
zurckgegangen sein. Was will man aber machen? Den einen habe ich
niedergestoen, da bekam ich auch sogleich einen Hieb ... O -- ach,
ruhiger, Brderchen, gleichmiger, geh langsamer ... O--o--o! sthnte
der Verwundete.

Hier geht in der That, glaub' ich, viel berflssig Volk, sagte Galzin,
indem er den langen Soldaten mit den zwei Gewehren wieder zurckhielt.
Warum gehst du fort? He, du, still gestanden!

Der Soldat blieb stehen und nahm mit der linken Hand die Mtze ab.

Wohin gehst du und weshalb? schrie er ihn barsch an. Verf...

Aber in diesem Augenblick war er ganz nah herangekommen, und bemerkte,
da sein rechter Arm ber dem Aufschlag bis ber den Ellbogen hinaus
blutig war.

Bin verwundet, Euer Wohlgeboren.

Wodurch verwundet?

Hier, wohl durch eine Gewehrkugel, sagte der Soldat, auf seinen Arm
zeigend, und hier, aber ich kann nicht sagen, was mich hier an den
Kopf getroffen hat, er beugte den Kopf vor und zeigte die blutigen,
zusammenklebenden Haare am Hinterkopf.

Und wem gehrt das zweite Gewehr?

Ein franzsischer Stutzen, Euer Wohlgeboren, ich habe es einem
fortgenommen. Ja, ich wre auch nicht fortgegangen, wenn ich nicht
diesen Soldaten htte fhren wollen, sonst fllt er, fgte er hinzu,
indem er auf einen Soldaten wies, der ein wenig vor ihm ging, sich auf
das Gewehr sttzte und mit Mhe das linke Bein schleppend vorwrts
bewegte.

Frst Galzin schmte sich auf einmal sehr wegen seines ungerechten
Verdachts. Er fhlte, wie er rot wurde, wandte sich ab und ging,
ohne die Verwundeten weiter auszufragen oder zu beobachten, nach dem
Verbandplatz.

Mit Mhe wand sich Galzin auf der Auentreppe durch die zu Fu gehenden
Verwundeten und durch die Krankentrger, die Verwundete brachten und
Tote forttrugen, hindurch; dann ging er in das erste Zimmer, warf einen
Blick hinein, wandte sich sogleich unwillkrlich zurck und eilte
hinaus ins Freie -- das war zu schrecklich!


VIII

Der groe, hohe, dunkle Saal, nur von vier oder fnf Kerzen
erleuchtet, bei deren Licht die rzte die Verwundeten besichtigten,
war buchstblich voll. Die Krankentrger brachten fortwhrend
Verwundete, legten sie nebeneinander auf die Diele, auf der es
schon so eng war, da die Unglcklichen sich stieen und einer in
des andern Blute lag, und holten neue. Die auf den nicht besetzten
Stellen der Diele sichtbaren Blutlachen, der fieberheie Atem von
einigen Hunderten Menschen und die Ausdnstungen der Trger erzeugten
einen eigentmlichen, drckenden, dicken, belriechenden Dunst, in
dem die Lichte an den verschiedenen Enden des Saales trbe brannten.
Sthnen, Seufzen, Rcheln, bisweilen durch einen durchdringenden
Schrei unterbrochen, erfllte den ganzen Saal. Die Schwestern
schritten mit ruhigen Gesichtern und mit dem Ausdruck thtiger,
praktischer Teilnahme, nicht mit dem des wertlosen, frauenhaften,
krankhaft-thrnenreichen Mitleids, bald hierhin, bald dorthin durch
die Reihen der Verwundeten mit Arznei, mit Wasser, mit Binden, mit
Charpie, und tauchten zwischen blutigen Mnteln und Hemden auf. Die
rzte knieten mit aufgestreiften rmeln vor den Verwundeten, in deren
Nhe die Feldscher Lichte hielten, und untersuchten, befhlten, und
sondierten die Wunden, ohne auf das schreckliche Sthnen der Dulder zu
achten. Einer der rzte sa in der Nhe der Thr an einem kleinen Tisch
und trug in dem Augenblick, da Galzin ins Zimmer trat, bereits den
532ten Verwundeten in die Liste ein.

Iwan Bogajew, Gemeiner der dritten Kompagnie des S..-Regiments,
_fractura femuris complicata_, rief ein anderer vom Ende des Saales
her, indem er das zerschossene Bein befhlte. Dreh' ihn um.

O weh, Vterchen, mein liebes Vterchen! schrie der Soldat und flehte,
man mchte ihn nicht anrhren.

_Perforatio capitis!_

Ssemjon Neferdow, Oberstleutnant im N..-Infanterieregiment. Sie mssen
ein wenig Geduld haben, Oberst, sonst geht es nicht: ich lasse Sie
sonst liegen, sprach ein dritter, indem er mit einem Hkchen in dem
Kopfe des Oberstleutnants hin- und hertastete.

Ach, nicht doch! O, um Gotteswillen, schneller, schneller, um ...
A--a--a--a--a!

_Perforatio pectoris!_ ... Sewastjan Ssereda, Gemeiner ... von welchem
Regiment? ... Lassen Sie das Schreiben: _moritur_. Tragt ihn weg, sagte
der Arzt, und ging von dem Soldaten fort, der mit brechenden Augen
dalag und schon rchelte.

Vierzig Mann, als Trger verwendete Soldaten, standen an der Thr, um
die Verbundenen ins Lazarett, die Toten in die Kapelle zu tragen, und
betrachteten von Zeit zu Zeit schwer seufzend dieses Bild ...


IX

Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus
Erfahrung wute, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel
auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen,
um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten.
Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem
Galopp von der Bastion gesprengt kam.

Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.

Nun, was giebt's?

Wo kommen Sie her?

Aus den Schtzengrben.

Nun, wie geht's dort zu, hei?

Ach, entsetzlich!

In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwcher geworden, die
Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.

Ach, grlich! dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefhl
empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natrlicher Gedanke --
der Gedanke an den Tod berkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit
sthlernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab
sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen,
er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem
Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe
zu Napoleon herangesprengt kam.

_Vous tes bless?_ sagte Napoleon zu ihm. -- _Je vous demande pardon,
Sire, je suis mort._ Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der
Stelle tot.

Das erschien ihm sehr schn, und in seiner Einbildung kam er sich
selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der
Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke Kosakenpose, warf einen
Blick zurck auf den Kosaken, der in den Steigbgeln aufrecht stehend
hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an,
wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf
Steinen saen und ihre Pfeifen rauchten.

Was macht ihr hier? schrie er sie an.

Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben
uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er
seine Pfeife hinter dem Rcken verbarg und die Mtze abnahm.

Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Pltze!

Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf,
wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Hhe des
Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte
gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm
vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor
ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Pltzlich
wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fnf Schritte weit
und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar
entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr bse, er stand auf und
sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt htte; aber niemand war
da.

Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemchtigt hat, weicht sie nicht
bald einem anderen Gefhle. Er, der sich immer gebrstet hatte, da
er sich niemals bcke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und
fast kriechend den Laufgraben entlang. Ach, schlimm! dachte er, als
er stolperte, ich werde unfehlbar gettet, er fhlte, wie schwer
es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schwei an seinem ganzen Krper
hervortrat, und wunderte sich ber sich selber, versuchte aber nicht
mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.

Pltzlich lieen sich Schritte vor ihm hren. Schnell richtete er sich
auf, hob den Kopf in die Hhe und ging, munter mit dem Sbel klirrend,
nicht mehr mit den frheren schnellen Schritten einher. Er erkannte
sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem
Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: Duck dich! indem er
auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und
heller, immer schneller und schneller sich nherte und in der Nhe des
Laufgrabens platzte, -- bog er nur ein wenig und unwillkrlich, unter
dem Einflu des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.

Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende
Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, da
ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt
sich nicht einmal!

Nur noch einige Schritte hatte Kalugin ber einen kleinen Platz bis
zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das
dumpfe Gefhl und die thrichte Furcht von vorhin berkam; sein Herz
schlug strker, das Blut strmte ihm nach dem Kopfe, und er mute sich
zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.

Warum sind Sie so auer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle
berbrachte.

Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!

Wollen Sie nicht ein Glas Wein?

Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht
hatte bereits aufgehrt, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden
Seiten fort. In der Blindage sa der General N., der Kommandeur der
Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Prakuchin, und sprachen
ber verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem
behaglichen Zimmer sa, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war,
das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine
Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt,
-- als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fu dicken
Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tnenden
Schsse hrte, -- konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal
von einer so unverzeihlichen Schwche hatte knnen bermannen lassen.
Er war ber sich selber erzrnt und sehnte sich nach der Gefahr, um
sich von neuem zu prfen.

Ich freue mich, da auch Sie hier sind, Kapitn, sagte er zu einem
Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart
und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war
und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner
Batterie verschttete Schiescharten wieder herzustellen. Der General
hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der
Batteriekommandeur aufgehrt hatte, mit dem General zu sprechen, ob
Ihre Geschtze den Laufgraben mit Karttschen beschieen knnen.

Nur ein Geschtz kann es, antwortete mrrisch der Kapitn.

Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.

Der Kapitn runzelte die Stirn und schrie zornig:

Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen,
um nur ein wenig auszuruhen, knnen Sie nicht allein hinuntergehen?
Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles
zeigen.

Der Kapitn kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine
der gefhrlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung,
da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und
hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine
Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. Was
bedeutet der Ruf! dachte er.

Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in
etwas spttischem Tone dem Kapitn, der jedoch seine Worte nicht weiter
beachtete.

Kalugin bedachte aber nicht, da er zu verschiedenen Zeiten alles in
allem nur an fnfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, whrend
der Kapitn sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die
Eitelkeit, der Wunsch zu glnzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen,
auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitn hatte all das schon
durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr
nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch
beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht
ber ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er
erfllte aufs pnktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl
bewut, wie wenig Aussichten ihm fr das Leben blieben, und setzte
darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese
Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so da der junge
Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie
jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unntzerweise zur Schiescharte
hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer
erschien, als der Kapitn.

Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage
zurckging, stie er in der Finsternis auf den General, der sich mit
seinen Ordonnanzoffizieren auf die Hhe begab.

Rittmeister Prakuchin! sagte der General, gehen Sie geflligst in den
rechten Schtzengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des
M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, da es die Arbeit abbrechen,
ohne Lrm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll,
das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es
selbst zum Regiment fhren.

Zu Befehl.

Und Prakuchin lief im Trabe zum Schtzengraben.

Das Feuer wurde strker.


X

Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Prakuchin,
als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stie, die in
Scken Erde trugen.

Jawohl, Herr.

Wo ist der Kommandeur?

Michajlow war in dem Glauben, da nach dem Kompagniekommandeur
gefragt wrde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am
Mtzenschirm, an Prakuchin heran, den er fr einen Vorgesetzten hielt.

Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurckzugehen
... nein, nicht zurck, sondern zur Reserve, sprach Prakuchin, indem
er nach dem feindlichen Feuer schielte.

Als Michajlow Prakuchin erkannt hatte, lie er die Hand sinken und
gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter;
das Bataillon hrte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die
Mntel an und setzte sich in Bewegung.

Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen,
die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistndigen Bombardement
einen so gefhrlichen Platz, wie ein Schtzengraben ist, verlt.
Michajlow, der whrend dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne
Grund geglaubt, da sein *Ende* gekommen, hatte sich schon mit dem
Gedanken vertraut gemacht, da er unzweifelhaft fallen msse und da
er nicht mehr dieser Welt angehre. Aber trotzdem kostete es ihm groe
Mhe, seine Beine vom Laufen zurckzuhalten, als er neben Prakuchin an
der Spitze der Kompagnie aus dem Schtzengraben ging.

Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen
Bataillons, das in den Schtzengrben zurckblieb, und mit dem er in
der Grube an der Brustwehr gesessen und Kse gegessen hatte. Glck auf
den Weg!

Und Ihnen wnsche ich, glcklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es,
wie mir scheint, ruhig geworden.

Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die
Bewegung in den Grben bemerkt hatte, immer strker und strker zu
feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich
eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glnzten
aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, da man die Hand vor
den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schsse und die platzenden
Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstnde. Die Soldaten
gingen schnell und schweigend und suchten unwillkrlich einander
zuvorzukommen; nach dem unaufhrlichen Rollen der Schsse wurden
nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege,
das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines
Soldaten: Herr, Herr! Was ist das? gehrt. Bisweilen lie sich
das Sthnen eines Verwundeten und der Ruf: Tragbahre! vernehmen.
(In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch
Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann gettet.) Ein Blitz flammte am
dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie:
Kano--o--ne! und die Kugel sauste ber die Kompagnie hin, ri die
Erde auf und warf Steine in die Hhe.

Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Prakuchin, indem
er neben Michajlow einherschritt und fortwhrend zurckblickte.
Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja berbracht
... brigens, nein: man knnte ja sagen, da ich ein Feigling bin. Mag
geschehen, was will, -- ich gehe mit den brigen.

Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. -- Soviel
ich bemerkt habe, bringt er immer Unglck. Da kommt eine geflogen,
schnurstracks hierher, wie mir scheint.

Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stieen sie auf
Kalugin, der, mit dem Sbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den
Schtzengrben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen,
wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow
traf, fiel ihm ein, er knne, anstatt selbst in diesem schrecklichen
Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen
Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzhlte
ihm Michajlow ausfhrlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin
noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage fhrenden
Laufgraben ein.

Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer sa
und Abendbrot a.

Nichts, es scheint, da es kein Gefecht mehr geben wird.

Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder
auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's
ja los ... hren Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen?
Wozu das? fgte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die
Kalugin machte.

Eigentlich mte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich
habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer
ist schrecklich.

Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.

Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm
befindlichen Offiziere zurck; unter ihnen befand sich der Junker
Baron Pest, aber Prakuchin fehlte. Die Schtzengrben waren von den
Unsrigen genommen und besetzt worden.

Nachdem Kalugin ausfhrliche Nachrichten ber das Gefecht erhalten,
verlie er mit Pest die Blindage.


XI

Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn
Kalugin.

Ach, schrecklich! Sie knnen sich vorstellen ...

Und Pest begann zu erzhlen, wie er seine Kompagnie gefhrt, wie
der Kompagniekommandeur gettet worden, wie er einen Franzosen
niedergestochen und wie ... wre er nicht gewesen, das Gefecht verloren
wre.

Das Wesentliche dieser Erzhlung, da der Kommandeur gettet war
und da Pest einen Franzosen gettet hatte, war richtig; aber in
der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und
prahlschtig.

Er prahlte unwillkrlich, da er sich whrend des ganzen Gefechts in
einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so da alles,
was geschah, ihm so vorkam, als wre es irgendwo, irgendwann und mit
irgend jemandem geschehen; und es war natrlich, da er sich Mhe gab,
diese Einzelheiten in einer fr ihn vorteilhaften Weise darzustellen.
Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?

Das Bataillon, dem der Junker whrend des Ausfalls zugeteilt war,
stand zwei Stunden im Feuer, in der Nhe einer Wand, dann gab der
Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen
ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor
die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in
Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den
rechten Flgel der zweiten Kompagnie zu stellen.

Ohne sich Rechenschaft darber zu geben, wo er sich befinde und
weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah
mit unwillkrlich verhaltenem Atem und mit kaltem, ber den Rcken
laufendem Zittern bewutlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus,
etwas Schreckliches erwartend. brigens war ihm nicht so schrecklich
zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke
eigentmlich, seltsam, sich auerhalb der Festung, auf freiem Felde zu
befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der
Front, wiederum berbrachten ihn flsternd die Offiziere, und pltzlich
senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, -- es war befohlen
worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls,
wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der
Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt,
mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwhrendem Sprechen hin- und
herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.

Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen
Schu, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich Urra schreie,
dann mir nach und nicht zurckgeblieben! ... Frisch drauf los ist die
Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den
Staub! Nicht wahr, Kinder? Fr den Zaren, den Vater! ...

Wie heit unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben
ihm lag, er ist wirklich tapfer!

Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker,
Liinkowski heit er.

Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertnte,
der die ganze Kompagnie betubte, hoch in die Luft schwirrten Steine
und Sprengstcke (wenigstens fiel nach fnfzig Sekunden ein Stein
nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe
aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies,
da die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.

Mit Bomben schiet er! ... La uns nur erst an dich heran sein, dann
sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten!
rief der Hauptmann so laut, da der Bataillonskommandeur ihm befehlen
mute zu schweigen und nicht so viel zu lrmen.

Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es
wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen,
und das Bataillon ging vorwrts. Pest hatte vor Furcht das Bewutsein
verloren, wie betrunken ging er mit. Aber pltzlich blitzte von allen
Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und
lief vorwrts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel
auf etwas. Das war der Kompagniefhrer, ... er war vor der Kompagnie
verwundet worden, er hielt den Junker fr einen Franzosen und packte
ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stie
in der Finsternis ein Mensch mit dem Rcken ihn an und htte ihn fast
wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: Stich ihn nieder! Was
gaffst du? Er nahm das Gewehr und stie das Bajonett in etwas Weiches.
_Ah Dieu!_ schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme,
und erst da begriff Pest, da er einen Franzosen erstochen hatte. --
Kalter Schwei trat an seinem ganzen Krper hervor, er schttelte sich
wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick
dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, da er ein
Held sei. Er hob das Gewehr und lief Urra schreiend mit der Menge
von dem getteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen
war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der
Bataillonskommandeur.

Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.

Brav, Baron!


XII

Und wissen Sie, Prakuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der
nach Hause ging, begleitete.

Nicht mglich!

Warum? Ich habe es selbst gesehen.

Leben Sie wohl, ich habe Eile!

Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal
habe ich whrend meines Tagdienstes Glck gehabt. Es ist mir
vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen
wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Sbel. brigens habe
ich es verdient.

Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein
Zimmer.

Mit auerordentlichem Behagen fhlte sich Kalugin zu Hause auer
Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,
erzhlte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie
sehr natrlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten
bewiesen, da er, Kalugin, ein sehr tchtiger und tapferer Offizier
sei, was, wie ich meine, gar nicht ntig war zu betonen, da alle
Welt das wute und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran
zu zweifeln, auer dem seligen Rittmeister Prakuchin vielleicht,
der, obgleich er es oft spter als ein Glck betrachtete, Arm in Arm
mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzhlt
hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt,
furchtbar ungern auf die Bastion.

Kaum hatte sich Prakuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin
getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem
weniger gefhrlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz
hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: Mrser! sowie die
Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: Direkt nach der Bastion
fliegt sie! hrte.

Michajlow sah sich um. Der glnzende Punkt der Bombe schien in seinem
Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, da es entschieden
unmglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen
Augenblick: die Bombe kam immer schneller und nher, so da schon
die Funken der Rhre sichtbar waren und das verhngnisvolle Pfeifen
hrbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.

Legt euch! rief eine Stimme.

Michajlow und Prakuchin legten sich auf die Erde. Prakuchin kniff
die Augen zu und hrte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nhe auf die
feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde
erschien, -- die Bombe platzte nicht. Prakuchin erschrak: sollte
er unntig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm
niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Rhre
in seiner Nhe gezischt? Er ffnete die Augen und sah mit Befriedigung
Michajlow dicht an seinen Fen unbeweglich liegen. Aber da begegnete
seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Rhre der nur eine Elle
entfernt von ihm sich drehenden Bombe.

Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fhlen lhmender Schreck --
ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden.

Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt
von Gefhlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste
vorberblitzte.

Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und
wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann
wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, da man mich
chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber ttet
sie nur Michajlow, dann werde ich erzhlen, wie wir zusammen gegangen,
wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir
ist sie nher ... mich ttet sie!

Da fielen ihm die zwlf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und
noch eine Schuld in Petersburg, die er lngst htte bezahlen mssen;
ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm
durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie
in einer Haube mit lila Bndern; der Mensch, der ihn vor fnf Jahren
beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte,
fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen
Erinnerungen, das Gefhl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes
-- ihn nicht einen Augenblick verlie. brigens, vielleicht platzt
sie nicht, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit
die Augen ffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die
geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem
Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er strzte vorwrts,
stolperte ber den Sbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und
fiel auf die Seite.

Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschu! war sein erster Gedanke,
und er wollte mit den Hnden seine Brust befhlen; aber seine Hnde
waren wie gelhmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt.
Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorber, und bewutlos zhlte
er sie: Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehllt, ein
Offizier, dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf,
und er dachte darber nach, woher der Schu wohl kommt: aus einem
Mrser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da
neue Schsse; da noch Soldaten: fnf, sechs, sieben Mann, alle gehen
vorber. Pltzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand
wrgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschu bekommen, aber
sein Mund war so vertrocknet, da ihm die Zunge am Gaumen klebte, und
ein schrecklicher Durst ihn qulte. Er fhlte, wie na er um die Brust
war: dieses Gefhl der Nsse rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er
htte auch das trinken mgen, wovon seine Brust na war.

Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel, dachte
er. Er berlie sich immer mehr und mehr der Furcht, da die Soldaten,
die an ihm vorberhuschten, ihn erwrgen wrden. Er nahm alle Krfte
zusammen und wollte schreien: Nehmt mich mit! Aber anstatt dessen
sthnte er so schrecklich, da es ihm frchterlich war, sich zu
hren. Dann hpften rote Flmmchen vor seinen Augen, und es war ihm,
als legten Soldaten Steine ber ihn; die Flmmchen hpften immer
schneller und schneller, die Steine, die man ber ihn legte, drckten
immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine
abzuwlzen, streckte sich aus, und dann sah, hrte, dachte und fhlte
er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust
getroffen und auf der Stelle gettet worden.


XIII

Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen;
whrend der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag,
dachte und fhlte er ebenso viel, wie Prakuchin. Er betete in Gedanken
zu Gott und wiederholte fortwhrend: Dein Wille geschehe! Und wozu
bin ich in den Dienst getreten -- dachte er gleichzeitig -- und noch
dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wre es nicht
besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei
meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ... Und er begann zu zhlen:
eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heit lebendig bleiben,
ungerade tot: Nun ist alles zu Ende, ich bin tdlich getroffen!
dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf
bekam und einen rasenden Schmerz empfand. Herr, verzeih' mir meine
Snden, rief er mit gefalteten Hnden, wollte sich erheben, fiel aber
besinnungslos auf den Rcken.

Das erste, was er fhlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut,
das ihm ber die Nase strmte, und der bei weitem schwcher gewordene
Schmerz am Kopf. Die Seele entflieht, dachte er. -- Wie wird es dort
sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist
sonderbar, dachte er, da ich sterbend so deutlich die Schritte der
Soldaten und die Schsse hre.

Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie ber seinem
Kopfe eine Stimme, die er unwillkrlich als die des Trommlers Ignatjew
erkannte.

Da fate ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu
ffnen und sah ber seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen
und zwei ber ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten
-- er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall
des Laufgrabens, und berzeugte sich pltzlich, da er noch nicht im
Jenseits sei.

Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste
Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig
auf den bergang dorthin vorbereitet, da ihn die Rckkehr in
die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgrben und Blute unangenehm
berhrte; seine zweite Empfindung war die unbewute Freude darber,
da er lebendig war; die dritte -- der Wunsch, so bald als mglich die
Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf
mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach
dem Verbandort fhren.

Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitn, als er etwas
zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben
und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer
herauskommen wird, flsterte eine innere Stimme ihm zu.

Es ist nicht ntig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem
dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort
gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.

Und er wandte sich zurck.

Sie thten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer
Wohlgeboren, sagte Ignatjew, -- nur in der ersten Hitze scheint das
nichts zu sein; Sie machen es blo schlimmer; hier giebt's ein ganz
gehriges Feuer ... gewi, Euer Wohlgeboren!

Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und wrde
wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht
htte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein wrden.

Vielleicht werden die Doktoren ber meine Schramme nur lcheln,
dachte der Stabskapitn und ging, trotz der Grnde des Trommlers,
entschlossen zur Kompagnie zurck.

Wo ist der Ordonnanzoffizier Prakuchin, der mit mir gegangen war?
fragte er den Fhnrich, der die Kompagnie fhrte.

Ich wei nicht ... tot, glaube ich, antwortete mrrisch der Fhnrich,
tot oder verwundet.

Wie knnen Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und
weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?

Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!

Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten
Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist,
muten Sie doch den Leichnam mitnehmen.

Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen!
sagte der Fhnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen
Leute fortgeschafft htten! ... Sieh' da, jetzt schiet die Kanaille
mit Kanonenkugeln! fgte er hinzu.

Michajlow setzte sich und fate sich an den Kopf, der ihm von der
Bewegung aufs heftigste schmerzte.

Nein, wir mssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt
er noch, sagte Michajlow. -- Das ist unsere *Schuldigkeit*, Michail
Iwanytsch!

Michail Iwanytsch antwortete nicht.

Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt mu ich die Soldaten
allein schicken; aber darf ich sie schicken? -- Bei solch einem
schrecklichen Feuer knnen sie zwecklos gettet werden, dachte
Michajlow.

Kinder! wir mssen zurckgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort
im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend,
da er fhlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfllung dieses Befehls
sein wrde, -- und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte,
trat keiner vor, dem Gehei nachzukommen.

Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es *lohnt* sich nicht,
die Leute einer unntigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die
Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekmmert. Ich werde
selber gehen, mich zu berzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine
*Schuldigkeit*, sprach Michajlow zu sich selbst.

Michail Iwanytsch! fhren Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen,
sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der
andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes
Vertrauen hatte, fortwhrend berhrend, im Trabe den Laufgraben entlang.

Nachdem sich Michajlow berzeugt, da Prakuchin tot war, schleppte
er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und
den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurck. Als er sein Bataillon
erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast
auerhalb Schuweite. Ich sage: *fast*, nicht auerhalb Schuweite,
weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.

Aber morgen mu ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben
lassen, dachte der Stabskapitn, als der herbeigekommene Feldscher ihn
verband.


XIV

Hunderte von frischen, blutigen Menschenkrpern, die vor zwei Stunden
noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und
Wnschen erfllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten,
blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf
dem ebenen Fuboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von
Menschen, mit Verwnschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen,
krochen, wanden sich und sthnten: die einen zwischen den Leichnamen
im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der
blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an frheren Tagen,
stand Wetterleuchten ber dem Ssapunberg, erbleichten die glnzenden
Sterne, kam ein weier Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher
gezogen, flammte die helle Morgenrte im Osten auf, zerstreuten sich
die dunklen Gewitterwlkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie
an den frheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude,
Liebe und Glck verheiend, das mchtige, schne Tagesgestirn empor.


XV

Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jgerkapelle auf
dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten
und junge Frauenzimmer mig in der Nhe des Pavillons und in den
niedrigen, von blhenden, wohlriechenden, weien Akazien gebildeten
Alleen.

Kalugin, Frst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon
und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.

Der leitende Faden ihres Gesprchs war, wie es immer in hnlichen
Fllen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil,
den der Erzhlende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der
Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste
des gestrigen Tages jeden von ihnen berhrten und schmerzten; in
Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen
einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck,
den sie fr ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der
Oberst wren jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen,
wenn sie nur jedesmal einen goldenen Sbel oder den Generalmajor
bekommen htten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich hre es
gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu
Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fhnrich
Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen,
dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und
jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen
zu tten, nur um einen unntzen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu
bekommen.

Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken
Flgel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.

Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin
zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal
ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es hei her.*

Ja, gewi, so ist es, Kalugin wei es, sagte Frst Galzin zu dem
Oberst. Weit du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein
tapfrer ...

Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem
Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *da ich lebendig
davongekommen bin*.

Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit
verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.

Wie, Sie sind verwundet, Kapitn? sagte Kalugin.

Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.

_Est ce que pavillon est baiss dj?_ fragte Frst Galzin und sah
dabei nach der Mtze des Stabskapitns, ohne sich an eine bestimmte
Person zu wenden.

_Non, pas encore_, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, da er
franzsisch verstehe und spreche.

Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch,
und wandte sich an den Kapitn, um dadurch, wie dem Stabskapitn
schien, auszudrcken, es mu Ihnen wohl schwer fallen, franzsisch zu
sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten
sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitn fhlte sich, wie gestern,
auerordentlich vereinsamt, begrte mehrere, und da er sich zu den
einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht
entschlieen konnte, setzte er sich in der Nhe des Kasarskij-Denkmals
nieder und rauchte eine Cigarette an.

Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzhlte, er habe
den Verhandlungen ber den Waffenstillstand beigewohnt und mit
franzsischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:
_S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les
embuscades auraient t reprises_, und er habe ihm geantwortet:
_Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un dmenti_, so
vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.

In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen
war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen,
obwohl er groe Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch
ein ungeheures Vergngen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron
Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen,
die in seiner Nhe waren, gefragt: _De quel rgiment tes-vous?_ Sie
antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit ber
die Linie hinauswagte, schimpfte der franzsische Wachtposten, der
nicht vermutete, da dieser Soldat franzsisch verstehen knnte, ihn
in der dritten Person aus: _Il vient regarder nos travaux ce sacr
..._ sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein
Vergngen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten
und hatte unterwegs ber die franzsischen Stze nachgedacht, die
er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitn Sobow in
lautem Gesprch und Kapitn Obshogow, der ganz erregt aussah, und der
Artilleriekapitn, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner
Liebe glckliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch
mit denselben Wnschen und Trieben. Nur Prakuchin, Neferdow und noch
einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Krper noch nicht
gewaschen, geschmckt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht
oder erwhnt.


XVI

Auf unserer Bastion und dem franzsischen Laufgraben sind weie
Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale,
liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen,
verstmmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen.
Der Geruch der toten Krper erfllt die Luft. Aus Sewastopol und aus
dem franzsischen Lager strmen Menschenscharen herbei, um dieses
Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt
die eine Schar zur andern.

Hren wir, was diese Leute untereinander sprechen.

Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger
Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend franzsisch spricht, um
verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.

Eh sei purkua se uaso li? sagt er.

_Par ce que c'est un giberne d'un rgiment de la garde, Monsieur, qui
porte l'aigle imprial._

Eh wu de la gard?

_Pardon, Monsieur, du 6^{me} de ligne._

Eh sei u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hlzerne gelbe
Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.

_A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme._

Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gesprch weniger von
seinem Willen leiten lt, als von den Worten, die er kennt.

_Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre,
vous m'obligerez._

Und der hfliche Franzose blst die Cigarette heraus und berreicht dem
Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt
ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie
Russen, scheinen sehr vergngt darber zu sein und zu lcheln.

Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit
umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hnde
auf dem Rcken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen,
an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer fr seine
Pfeife. Der Franzose blst seine Pfeife strker an, stochert den Tabak
auf und schttet Feuer in des Russen Pfeife.

Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lcheln.

_Oui, bon tabac, tabac turc_, sagt der Franzose, _et chez vous autres,
tabac -- russe? bon?_

Ru -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schtteln
sich vor Lachen. Frane nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im
rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf
einmal erschpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.

_Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes_, sagt ein Zuave mitten aus
dem Franzosenhaufen.

_De quoi de ce qu'ils rient donc?_ sagt ein anderer, ein dunkelbrauner
Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.

Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Sche des
Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.

_Ne sors pas de la ligne,  vos places, sacr nom!_ schreit der
franzsische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher
Unzufriedenheit auseinander.

Da drben, im Kreise franzsischer Offiziere, steht ein junger
Kavallerieoffizier von uns und lst sich in Liebenswrdigkeiten auf.
Es ist die Rede von einem gewissen _comte Sazonoff, que j'ai beaucoup
connu, M._, sagt ein franzsischer Offizier, dem eine Achselklappe
fehlt; _c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons_.

_Il y a un Sazonoff, que j'ai connu_, sagt der Kavallerist, _mais il
n'est pas comte,  moins, que je sache; un petit brun de votre ge 
peu prs_.

_C'est a, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte.
Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. --
Capitaine Latour_, sagt er mit einer Verbeugung.

_N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? a
chauffait cette nuit, n'est-ce pas?_ sagt der Kavallerist, der die
Unterhaltung fortzusetzen wnscht, und zeigt auf die Leichen.

_Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels
gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme
eux._

_Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus_ --
sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswrdig zu
sein.

Aber genug.

Betrachten wir lieber den zehnjhrigen Knaben, der in einer alten,
jedenfalls von seinem Vater stammenden Mtze, mit Schuhen an den
nackten Fen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten
werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes ber den Wall
gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer
Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname
betrachtet und blaue Feldblumen gepflckt hat, von denen dieses Thal
berst ist. Da er mit dem groen Blumenstrau nach Hause zurckgeht,
hlt er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zutrgt, bleibt
bei einem Haufen zusammengetragener Krper stehen und betrachtet lange
einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nhe liegt.
Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er nher heran und berhrt
mit dem Fu den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der
Arm bewegt sich ein wenig. Er berhrt ihn noch einmal, strker, --
der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurck. Der Knabe
schreit pltzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und luft
spornstreichs fort nach der Festung.

Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weie Flaggen aufgesteckt,
das blumenreiche Thal ist voll von toten Krpern, die schne Sonne
sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glnzt in den
Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drngen sich, schauen,
sprechen und lcheln einander zu. Und diese Menschen sind Christen,
die das eine groe Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und
fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem
Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die
Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten
und Schnen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thrnen der Freude
und des Glcks als Brder? ... Die weien Flaggen sind entfernt, und
von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem
wird unschuldiges Blut vergossen und Sthnen und Fluchen laut.

[Illustration: Gedankenwechsel]

So htte ich denn gesagt, was ich fr dieses Mal zu sagen hatte. Aber
ein drckender Zweifel berkommt mich. Vielleicht htte ich das nicht
aussprechen sollen, vielleicht gehrt das, was ich gesagt habe, zu
jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewut in der Seele eines jeden
schlummern und nicht ausgesprochen werden drfen, um nicht schdlich zu
werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschtteln darf,
um den Wein nicht zu zerstren.

Wo ist in dieser Erzhlung das Abbild des Bsen, das wir vermeiden
sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr
Bsewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.

Weder Kalugin mit seiner glnzenden Tapferkeit -- _bravoure de
gentilhomme_ -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch
Prakuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe fr den
Glauben und fr Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit
seiner Schchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste berzeugung
und Grundstze -- sie alle knnen nicht die Bsewichter, noch die
Helden der Erzhlung sein.

Der Held meiner Erzhlung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele
liebe, den ich in ganzer Schne zu schildern bemht war, und der immer
schn gewesen ist und immer schn sein wird, -- ist die Wahrheit.




*Sewastopol* im August 1855


I

Gegen Ende August fuhr auf der zerklfteten Sewastopoler
Heerstrae zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol)
und Bachtschiaraj, in dichtem und heiem Staube, langsam ein
Offizierswgelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends
sieht und die die Mitte hlt zwischen einer Judenbritschke, einem
russischen Wagen und einem Korb).

Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und
einer vollstndig abgetragenen alten Offiziersmtze und fhrte die
Zgel; hinten sa auf Bndeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel
bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der
Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen
konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern,
als ber Brust und Rcken breit und stmmig; Hals und Nacken waren
bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille --
den Einschnitt in der Mitte des Rckens -- hatte er nicht, er hatte
aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders
im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war.
Sein Gesicht htte man schn nennen knnen, wre es nicht aufgedunsen
gewesen, und htte es nicht groe, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln
gehabt, die die Zge verwischten und vergrerten und dem ganzen
Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben.
Seine Augen waren klein, grau, ungewhnlich lebhaft, sogar stechend;
der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn,
besonders die Kinnbacken, von einem auerordentlich starken, ppigen,
schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai
durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn
noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollstndig
gesund fhlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem
Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schsse kamen; ob in
Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand
genau erfahren knnen. Die Schsse hrte man, besonders wenn keine
Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, auerordentlich
deutlich, hufig und, wie es schien, nahe: bald erschtterte eine
Explosion die Luft und machte ihn unwillkrlich erzittern, bald folgten
aufeinander schwchere Tne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch
ein erschtterndes Getse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in
ein rollendes Krachen, Donnerschlgen hnlich, wenn das Gewitter am
strksten ist und sich der Platzregen ergiet. Alle sprachen von einem
frchterlichen Bombardement, das auch wirklich hrbar war. Der Offizier
trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als mglich
an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern fhrten, die
Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen
kehrten jetzt von dort zurck und waren von kranken und verwundeten
Soldaten in grauen Mnteln, Matrosen in schwarzen berrcken,
Freiwilligen in rotem Fez und brtigen Landwehrleuten angefllt. Das
Offiziersfuhrwerk mute in einer dicken, unbeweglichen, durch den
Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte
und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund
eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorberziehenden
Kranken und Verwundeten.

Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu
seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angeflltes
Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.

Vorn auf dem Fuhrwerk sa seitwrts ein echtrussischer Breitbart in
einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im
Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fnf Mann, in verschiedenen
Stellungen, tchtig gerttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd
und umgeworfenem Mantel, sa, obwohl bla und mager, doch gefat in
der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach
der Mtze greifen; aber er erinnerte sich wohl, da er verwundet war
und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag
neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hnde,
mit denen er sich an den Wagenrndern festhielt, und die in die Hhe
gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein
dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine
Soldatenmtze in die Hhe ragte, sa an der Seite, die Beine hielt er
baumelnd nach auen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gesttzt, zu
schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.

Dolshnikow! schrie er.

Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen ffnete und die
Mtze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Ba, als wenn zwanzig Mann
Soldaten zusammen schrien.

Wann bist du verwundet worden, Brderchen?

Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er
erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.

Wir wnschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben
schwerflligen Ba.

Wo steht jetzt das Regiment?

Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer
Wohlgeboren.

Wohin?

Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren!
Jetzt, Euer Wohlgeboren, fgte er mit gedehnter Stimme und die Mtze
aufsetzend hinzu, hat er bereits berall zu feuern angefangen, am
meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschiet er; jetzt trifft er so,
da es ein wahres Unglck ist, sogar ...

Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hren, aber aus dem
Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, da
er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge
erzhlte.

Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er
gehrte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen
so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die
anderen thaten dasselbe, und waren berzeugt, da es gut war. Er war
von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schn, er
spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht,
besonders amtliche Schriftstcke, in deren Abfassung er sich eine groe
Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor
allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichschtige Energie,
die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an
sich ein entscheidender und berraschender Charakterzug war. Er besa
einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen
war und der sich am hufigsten in Kreisen von Mnnern, besonders von
Militrs, entwickelt, da er etwas anderes, als der erste zu sein oder
nichts zu sein, gar nicht verstand, und da sein Ehrgeiz auch der Hebel
seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste
unter den Menschen, die er sich gleichstellte.

Wie? ich werde mich gerade um das kmmern, was *Moskau*[D] schwatzt!
... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf
dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten
und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Tne des
Bombardement verstrkt und besttigt wurde, hatten diese Gefhle in ihm
zurckgelassen. *Dies Moskau ist lcherlich!* ... Vorwrts, Nikolajew!
Rhr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an,
indem er die Sche seines Mantels in Ordnung brachte.

 [D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verchtlich,
 halb schmeichelhaft die Soldaten Moskau oder auch Eid.

Nikolajew zog die Zgel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk
rollte im Trabe weiter.

Nur einen Augenblick fttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte
der Offizier.


II

Als Leutnant Koselzow bereits in eine Strae von Duwanka eingebogen
war, an deren Seiten die Trmmerhaufen der steinernen Mauern von
Tartarenhusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben
und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege
zusammendrngte, aufgehalten.

Zwei Infanteristen saen im dichtesten Staube auf den Steinen eines
zertrmmerten Zaunes am Wege und aen eine Wassermelone und Brot.

Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, whrend er sein Brot
kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rcken bei
ihnen stehen geblieben war.

Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete
der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf
seinem Rcken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der
Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurckberufen;
es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwrtig steht. Es
heit, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja
abmarschiert. Haben Sie nichts gehrt, meine Herren?

In der Stadt, Brderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere,
ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen,
weilichen Wassermelone whlte. Wir sind erst seit Mittag von dort
fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brderchen!

Weshalb denn, meine Herren?

Hrst du denn nicht, wie *er* jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen
unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten gettet hat -- das
lt sich gar nicht sagen.

Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und
setzte sich die Mtze zurecht.

Der wandernde Soldat schttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit
der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne
sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zndete ein
Stck Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lftete die
Mtze.

Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging,
den Sack auf dem Rcken, weiter.

Ei, thtest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der
Melone stocherte.

Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rdern
der zusammengedrngten Fuhrwerke hindurchwand.


III

Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die
erste Person, die ihm schon auf der Auentreppe begegnete, war
ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei
nachfolgenden Offizieren stritt.

Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig
Stunden werden Sie warten mssen! ... Auch Generale warten, mein
Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich fr Sie nicht einspannen
lassen.

Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb
hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ltere von den beiden
Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied
absichtlich das Frwort und wollte damit andeuten, da man zum
Vorsteher ohne weiteres auch *du* sagen knnte.

Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend
der andere, jngere Offizier, da wir nicht zu unserm eigenen Vergngen
reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt
hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das
eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.

Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ltere: Sie
hindern mich nur; man mu mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle
Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.

Wrde sie gern geben, Vterchen, aber woher nehmen? ...

Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich pltzlich zu
ereifern und sprach, mit den Hnden fuchtelnd:

Ich selbst, Vterchen, verstehe das und wei alles, aber was will man
thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte
sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann
werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hgel
gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mgen Sie machen, was Sie wollen.
Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk,
und ein Bschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht
gesehen.

Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthr.

Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.

Was ist da weiter, sagte vollstndig ruhig der ltere Offizier zum
jngeren, obgleich er eine Minute vorher wtend gewesen war, drei
Monate sind wir schon unterwegs, -- warten wir noch. 's ist kein
Unglck, wir kommen schon noch zurecht.

Das verrucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und
Koffern, da Koselzow nur mit Mhe einen Platz am Fenster fand, wo er
sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hrte die Gesprche an
und begann sich eine Cigarette zu drehen.

Rechts von der Thr, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem
zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grn geworden
waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, sa die Hauptgruppe:
ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus
buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich
in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz
unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt
Hammelbraten fr einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm
fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere
mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer
Tasche ber der Schulter, saen in der Nhe der Ofenbank; und schon
daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine
Cigaretten rauchte, konnte man sehen, da sie nicht Offiziere von der
Linien-Infanterie waren, und da dies ihnen Selbstbewutsein gab. Nicht
etwa, als ob in ihren Manieren Geringschtzung gelegen htte, wohl
aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf
ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General sttzten
-- ein Bewutsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging,
sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein
Artillerist mit deutscher Physiognomie saen fast auf den Beinen des
auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen
schlummerten die einen, whrend die anderen mit Koffern und Bndeln an
der Thr hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges
bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprchen zu lauschen. Die
jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben
erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die
Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, da sein Bruder ebenfalls in
diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols
kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er
irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwrtig und frech.
Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa
einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und
setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte
er berhaupt die Stabsleute nicht gern, und als solche hatte er auf
den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.


IV

Das ist aber schrecklich rgerlich! sagte einer der jungen Offiziere,
schon so nahe, und nicht hinkommen knnen. Vielleicht giebt's heute
etwas, und wir sind nicht dabei.

Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des
Offiziers belebten, whrend er das sagte, sprach die liebenswrdige,
jugendliche Schchternheit eines Menschen, der bestndig in der Furcht
ist, es knnte ihm ein Wort miglcken.

Der Offizier ohne Arm sah ihn lchelnd an.

Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur,
sagte er.

Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das
abgemagerte Gesicht, in dem pltzlich ein Lcheln aufleuchtete,
verstummte und beschftigte sich wieder mit dem Thee. In der That
sprach aus den Zgen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und
besonders aus seinem leeren rmel jener ruhige Gleichmut, den man so
erklren kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei
jedem Gesprch, das er anhrte, sagte: Das ist alles schn, das wei
ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.

Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem
Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier bernachten oder mit
unserm eigenen Pferde fahren?

Der Kamerad wollte nicht fahren.

Sie knnen sich vorstellen, Kapitn, fuhr er fort, nachdem er Thee
eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das
Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, da
die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, -- daher haben wir beide
gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.

Man wird Sie wohl gehrig gerupft haben?

Ich wei wirklich nicht, Kapitn; wir haben fr Pferd und Fuhrwerk
neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und
zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.

Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.

Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, da es teuer ist. Nur lahmt es
ein wenig, das wird aber vorbergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht
stark.

Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach
seinem Bruder erkundigen wollte.

Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und
gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der
redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien
stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.

Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow
weiter.

Man wei es nicht ... Knnen Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in
die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie knnen
sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige
Cigarette gefllig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine
Cigarettentasche hervorholen wollte.

Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzcken gefllig.

Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie
erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die
Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu
Koselzow gewandt.

Wenn Sie nun aber zurckreisen mten? fragte der Leutnant.

Sehen Sie, das frchten wir auch. Knnen Sie sich vorstellen,
nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen -- einer
Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen
haben, ist uns gar kein Geld brig geblieben, sagte er mit leiser
Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurckreisen
mten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.

Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.

Nein, antwortete er flsternd, man hat uns nur versprochen, da wir sie
hier bekommen.

Und haben Sie eine Bescheinigung?

Ich wei, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir
ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man wrde es uns
hier geben; sonst htte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns
hier geben?

Ganz bestimmt.

Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone,
der bewies, da er jetzt, wo er auf dreiig Stationen ein und dasselbe
gefragt und berall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr
recht glaubte.


V

Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin,
ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schssel Suppe
ins Zimmer trat.

Das Gesprch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten
ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar,
mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.

Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man mu
ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa
Schlafenden und rttelte ihn an der Schulter.

Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und
roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend,
mitten im Zimmer stehen.

Ach, entschuldigen Sie geflligst, sagte er zum Doktor, den er beim
Aufstehen angestoen hatte.

Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn
zu.

Erkennst du mich nicht? fragte er lchelnd.

Ah--ah--ah! rief der jngere Bruder, das ist ja wunderbar! und kte
den Bruder.

Sie kten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wre
beiden der Gedanke gekommen: warum mu es durchaus dreimal sein?

Wie freue ich mich! sagte der ltere, indem er den Bruder betrachtete.
Gehen wir auf die Auentreppe, -- um uns auszusprechen.

Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... I du sie, Federson!
sagte er zu einem Kameraden.

Du wolltest ja doch essen?

Ich will nichts.

Auf der Auentreppe fragte der jngere den lteren immer wieder: Sag',
wie geht's, wie steht's? Erzhle, und wiederholte unaufhrlich, wie er
sich freue, ihn wiederzusehen, erzhlte aber selbst nichts.

Nach fnf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der
ltere Bruder den jngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten
wre, wie dies alle erwartet haben.

Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann
man noch besser vorwrts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn
Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren
vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was
ist da weiter ...

Ei, wie du bist, meinte der Bruder lchelnd.

Aber hauptschlich, weit du, Bruder, fuhr der Jngere lchelnd und
errtend fort, als htte er etwas sehr Verschmtes zu sagen: das ist
alles Unsinn; hauptschlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man
sich doch schmt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen frs
Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen
zu sein, fgte er noch schchterner hinzu.

Wie komisch du bist! rief der ltere Bruder, indem er seine
Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, da
wir nicht zusammen sein werden.

Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen?
fragte pltzlich der Jngere.

Anfangs ist's schrecklich, dann gewhnt man sich daran, und es ist
weiter nichts. Du wirst selber sehen.

Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol
nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.

Gott wei.

Nur das Eine ist rgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglck ich
gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bndel gestohlen worden,
darin war auch mein Tschako, so da ich jetzt in einer fatalen Lage bin
und nicht wei, wie ich mich melden soll.

Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr hnlich,
aber die hnlichkeit war die einer blhenden Rose mit einer abgeblhten
Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den
Schlfen gelockt. Auf seinem weien zarten Nacken hatte er ein blondes
Zpfchen -- ein Zeichen des Glcks, wie die Ammen sagen. Auf seiner
zarten weien Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von
Zeit zu Zeit ein vollbltiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der
Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine
waren offener und heller, und das kam hauptschlich daher, weil sie
hufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum
sprote auf den Wangen und ber den roten Lippen, die sich sehr hufig
zu einem schchternen Lcheln falteten und die weien glnzenden Zhne
sehen lieen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten
Rcken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem
schrgen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das
Gelnder der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zgen und im
Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hbscher
junger Mann, da man ihn immer htte anschauen mgen. Er freute sich
auerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz
und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in
Hinsicht der weltlichen Bildung, des Franzsischsprechens, des Verkehrs
mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schmte
er sich ein wenig fr ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar
die Hoffnung, ihn womglich fortzubilden. Alle seine Eindrcke waren
noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hbsche
junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden
pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf
einem groen Balle getanzt hatte.


VI

Die Brder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem
Gefhl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames
hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.

So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der
ltere.

Der Jngere errtete pltzlich und schwieg.

Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen
Schweigen.

Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir knnen sie
unterbringen.

Schn! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jngere mit einem
Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.

Aber ohne die Thr zu ffnen, blieb er auf dem Flur stehen, lie
traurig den Kopf hngen und dachte:

Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber
gleichviel, einmal mu es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens
mit dem Bruder zusammen ...

Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, da er das Fuhrwerk
bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme,
und da kein Zufall ihn jetzt noch zurckhalten knne, stand die
Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er
war betrbt bei dem bloen Gedanken an ihre Nhe. Als er sich ein
wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine
Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder
heraus, so da dieser endlich die Thr ffnete, um ihn zu rufen. Der
jngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schlers, der etwas
verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thr ffnete,
verlor er vollstndig die Fassung.

Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der
Hand ab, erwarte mich dort drin.

Eine Minute spter kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen
Seufzer auf seinen Bruder zu.

Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.

Wie? ... Was ist das fr Unsinn!

Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner
mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitn, den du
da gesehen hast. Ich schme mich schrecklich!

Der ltere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen
nicht.

Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.

Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schme mich schrecklich.
Auf drei Stationen hat er fr mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist
drauf gegangen, so da ich nicht wei ... Auch Prfrence haben wir
gespielt -- ich blieb ihm etwas schuldig ...

Das ist hlich, Wolodja! Was httest du denn angefangen, wenn du mich
nicht getroffen httest? sagte streng der ltere Bruder, ohne den
jngeren anzusehen.

Ich glaubte, Bruder, ich wrde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen.
Dann htte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So
ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.

Der ltere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern
zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.

Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?

Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle
Wahrheit: er hatte noch vier Goldstcke, die er fr alle Flle in
seinem rmelaufschlag eingenht hatte, er hatte sich aber das Wort
gegeben, sie nicht anzurhren.

Es zeigte sich, da Koselzow vom Prfrence und fr den Zucker im
ganzen acht Rubel schuldig war. Der ltere Bruder gab sie ihm und
bemerkte nur, da man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Prfrence
spielen drfe.

Worauf hast du gespielt?

Der jngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien
ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der rger, den er
gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem
Bruder, den er so liebte, solche Verdchtigungen und Beleidigungen
abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfhigen Natur ein so
schmerzliches Gefhl in ihm hervor, da er nichts antwortete. Da er
empfand, da er nicht imstande sein wrde, die vor Thrnen zitternden
Laute zu unterdrcken, die ihm die Kehle wrgten, nahm er, ohne
hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.


VII

Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestrkt
hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brcke gekauft, fhrte die
Zgel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen
Strae dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol fhrte; die Brder
stieen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnckig, obwohl
sie bestndig einer an den andern dachten.

Warum hat er mich gekrnkt? dachte der Jngere, konnte er nicht
darber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er
glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er bse zu
sein, so da wir fr immer auseinander sind. Und wie prchtig wre es
fr uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brder, die sich innig
lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der ltere, zwar
nicht bermig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere,
der Jngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche
htte ich allen bewiesen, da ich gar nicht mehr so sehr jung bin!
Ich werde dann nicht mehr errten, in meinen Zgen wird Mnnlichkeit
liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht gro, aber
doch tchtig gewachsen sein. Und er zwickte an dem Flaum, der an
den Rndern seines Mundes sprote. Vielleicht komme ich heute hin
und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher
ausdauernd und hchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht,
aber mehr als die anderen thut. Ich mchte gern wissen -- fuhr er
fort -- ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den uersten
Rand des Wagens drngt. Er fhlt doch gewi, da ich unbequem sitze,
und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an
-- fuhr er in seinen Gedanken fort und drckte sich an den Rand des
Wagens; er scheute sich, sich zu rhren, um den Bruder nicht merken
zu lassen, da er unbequem sitze -- und auf einmal schnurstracks auf
die Bastion: ich mit Geschtzen, mein Bruder mit der Kompagnie, und
wir ziehen zusammen. Pltzlich strzen sich die Franzosen auf uns.
Ich schiee: ich tte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf
mich losgestrzt. Da hilft kein Schieen mehr, ich bin rettungslos
verloren; pltzlich aber strzt der Bruder hervor, mit dem Sbel in der
Hand, die Franzosen strzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und
tte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an
einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne
vorwrts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt,
ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse
ich mich und rufe: >Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder ber
alles in der Welt geliebt< -- sage ich -- >und ich habe ihn verloren.
Rchen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf
dem Platze!< Alle schreien und strzen mir nach. Das ganze Heer der
Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber
am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und
sinke tdlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestrzt,
Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will
nichts, ich wnsche nur, da man mich neben meinen Bruder lege, da
ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den
blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage
nur: >O ja, -- ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft
geliebt haben, nicht zu schtzen gewut; nun sind sie beide gefallen;
Gott mge euch verzeihen!< -- und ich sterbe. Wer wei, wie viele von
diesen Gedanken wahr werden!

Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er pltzlich
seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, da er nicht mit ihm sprechen
wollte.

Nein, kein einziges Mal, antwortete der ltere. Von unserm Regiment
sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und
auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders
gefhrt, als du glaubst, Wolodja!

Das Wort Wolodja rhrte den jngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich
mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten
daran dachte, da er Wolodja gekrnkt htte.

Du bist mir nicht bse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.

Weshalb?

Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.

Nicht im mindesten, antwortete der ltere, wandte sich zu ihm und
klopfte ihm auf das Bein.

So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekrnkt habe.

Und der jngere Bruder wandte sich ab, um die Thrnen zu verbergen, die
ihm pltzlich in die Augen traten.


VIII

Ist dies schon Sewastopol? fragte der jngere Bruder, als sie oben
angekommen waren.

Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer
mit der entfernten feindlichen Flotte, die weien Strandbatterien,
die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebude der Stadt
und weiblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Hhen
aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne,
deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen
Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.

Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken,
an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit
sthetischem Genu und dem heroischen Gefhl des Selbstbewutseins,
da ja auch er in einer halben Stunde dort sein wrde, dieses wahrhaft
reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter
Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem
Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier muten sie genau
den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.

Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nhe des
sogenannten neuen Stdtchens -- hlzerner, durch Matrosenfamilien
errichteter Baracken -- in einem Zelt, das mit einer ziemlich groen,
aus grnen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten
Htte verbunden war.

Die Brder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem
ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkrnchen
und Brotkrmel stand, blo mit einem gelblich-schmutzigen Hemde
bekleidet; er zhlte an einem groen Rechenbrett einen ungeheuren
Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persnlichkeit des Offiziers
und seiner Unterhaltung etwas sagen, mssen wir uns genauer das
Innere seiner Htte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise
und seiner Beschftigung bekannt machen. Die neue Htte war so
gro, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bnken
versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur fr Generale
und Regimentskommandeure macht; die Seitenwnde und die Decke waren,
damit die Bltter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behngt,
die zwar sehr hlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem
eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin
abgebildet war, lag eine hellrote Plschdecke, ein schmutziges,
zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein
Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige
Brste, ein zerbrochener, mit ligen Haaren besetzter Hornkamm, ein
silberner Leuchter, eine Likrflasche mit einer riesigen goldenen
roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Groen,
zwei goldene Federn, ein Krbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein
auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei
leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment
und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein
Busenfreund, der Kommissionr, der sich mit den Geschften befate.
Er schlief in dem Augenblick, wo die Brder eintraten, in der Htte,
der Train-Offizier aber zhlte Kronsgelder, da das Ende des Monats
vor der Thr stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr
schn und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tchtiger Schnauzbart,
adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweiiges,
aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen lie
(als ob es ganz mit Porter begossen wre), und die auerordentliche
Unsauberkeit, von dem dnnen, ligen Haar bis zu den groen nackten
Fen, die er in Hermelinpantoffeln trug.

Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow _I._, als er in die Htte
trat und mit unwillkrlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten
richtete. Wenn Sie mir nur die Hlfte borgen wollten, Wassilij
Michajlytsch!

Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gste einen krummen Rcken
und grte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.

Ach, wenn das mein wre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen
Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende
Schatulle legte und Wolodja ansah.

Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir
wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.

Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den
Gsten Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas
trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.

Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!

Wolodja war berrascht von der Wrde des Train-Offiziers, seinem
ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm
entgegenbrachte.

Das mu ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschtzen:
gewi einfach, aber gastfrei und tapfer, dachte er und setzte sich
bescheiden und schchtern auf das Sofa.

Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ltere Bruder.

Wie?

Er wiederholte die Frage.

Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fnfte
Bastion gezogen.

Bestimmt?

Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; brigens, der Teufel
wei! es kommt ihm auf eine Lge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter
trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.

Ich trinke, sagte Koselzow.

Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort,
jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionr gewandt. Sie haben genug
geschlafen, -- es ist bald fnf Uhr.

Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete
eine faule, dnne Stimme.

Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.

Und der Train-Offizier ging zu den Gsten.

Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.

Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Htte, holte
den Porter unter der Bank hervor, und stie dabei Wolodja.

Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gesprch
dauerte noch in der frheren Weise fort, als die Vorhnge des Zeltes
auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem
blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmtze mit rotem Rand
und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen
kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach
einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung
der Schulter den Gru der Offiziere.

Lat mich auch ein Glschen trinken! sagte er, indem er sich an den
Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er,
sich freundlich zu Wolodja wendend.

Ja, ich gehe nach Sewastopol.

Haben Sie selber darum gebeten?

Ja.

Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der
Kommissionr fort. Ich wrde jetzt, glaube ich, gern zu Fu nach
Petersburg gehen, wenn man mich fortliee. Ich habe, bei Gott, dies
verfluchte Leben satt!

Was fehlt Ihnen hier? fragte der ltere Koselzow, sich zu ihm wendend:
wenn *Sie* hier kein gutes Leben fhren!

Der Kommissionr sah ihn an und wandte sich ab.

Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er
fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich
entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile
davon htten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, pltzlich frs
ganze Leben zum Krppel zu werden?

Der eine macht Geschfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte
sich im Tone des Unwillens der ltere Koselzow wieder ein.

Schne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionr mit
verchtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darber
lachte.

Stell' sie auf Lucia, wir hren zu, sagte er und zeigte auf eine
Spieldose. Ich hre sie gern.

Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja
seinen Bruder, als sie, bereits in der Dmmerung, die Htte verlieen
und nach Sewastopol weiter fuhren.

Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen
Kommissionr kann ich nicht ausstehen ... Den prgele ich noch einmal
durch.


IX

Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei
Anbruch der Nacht, zu der groen, ber die Bucht fhrenden Brcke kam,
fhlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und
hrte, wich sehr ab von den frheren, eben erst verlassenen Eindrcken:
dem hellen, getfelten Prfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der
Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre
hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thrnen in den
Augen von ihnen Abschied nahm -- so wenig glich alles seinen schnen,
buntschillernden, hochherzigen Trumen.

Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ltere Bruder, als sie
zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns
ber die Brcke lt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort
bleibst du bis morgen frh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu
erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.

Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit
dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich mu mich
daran gewhnen. Wenn *du* gehst, kann ich es auch.

Besser ist es, du gehst nicht.

Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...

Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...

Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhrlich
leuchtenden Feuer der Bomben und Schsse glnzten hell in der
Finsternis. Das groe, weie Gebude der Batterie und der Anfang der
Brcke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstblich jede Sekunde
erschtterten einige Gewehrschsse und Explosionen, entweder schnell
aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft.
Diesem Getse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der
Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit
daher. Die Brder gingen an die Brcke. Ein Landwehrmann schlug
schwerfllig mit dem Gewehr auf und rief:

Wer da?

Soldat.

Ist verboten, durchzulassen.

Was? wir mssen ...

Fragen Sie den Offizier.

Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob
sich und befahl, sie durchzulassen.

Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr
hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkrben beladenen
Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brcke zusammengedrngt hatten.

Die Brder stiegen zum ersten Ponton nieder und stieen auf Soldaten,
die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.

Wenn er das Geld zur Ausrstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr
zu fordern.

Ach Brderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite
hinbergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!

Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine
Verfluchte herbergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen
...

Die Brder gingen ber das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk
erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits
berschwemmt war. Der Wind, der landeinwrts schwach erschien, war hier
sehr stark und reiend; die Brcke schaukelte, und die Wellen, die
mit Gerusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich
brachen, berschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und
dunkelte in verrterischen Nebel gehllt die See und hob sich durch
einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont
ab; in der Ferne glnzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links
zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hrte
die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der
geruschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer
in seiner Nhe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf
dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkrbe, die beiden Leute, die
oben standen, und den weien Schaum und den Sprhregen der von dem
Dampfer durchschnittenen grnlichen Wellen. Am Rande der Brcke sa,
mit den Fen im Wasser, ein Mann im bloen Hemd und machte etwas auf
dem Ponton. Vor ihnen, ber Sewastopol, lie sich das frhere Feuer
hren, und immer lauter drangen von da schreckliche Tne herber. Eine
hoch aufspritzende Welle ergo sich ber die rechte Brckenseite und
machte Wolodjas Fe na; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an
ihm vorbei. Pltzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brcke, das
vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter
fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.

Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd
vor dem lteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollstndig wieder
hergestellt?

Wie Sie sehen. Wohin fhrt Sie Gott?

Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den
Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.

Und wo ist Marzow?

Gestern ist ihm ein Fu fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt
im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?

Das Regiment steht auf der Fnften, nicht wahr?

Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach
dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie fhren.

Nun, und mein Quartier auf der Seestrae, ist das unbeschdigt?

I, mein Lieber! Schon lngst ganz von Bomben zertrmmert ... Sie
erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem
Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist
der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich de ...
Leben Sie wohl!

Und der Offizier ritt im Trabe weiter.

Wolodja wurde pltzlich ganz trbselig zu Mut: es schien ihm immer, als
ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen
kommen und ihn gerade an den Kopf treffen mte.

Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende
Pltschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter
gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fu wrde nie wieder den
Boden jenseits der Bucht betreten, er mchte auf der Stelle umkehren
und fliehen -- weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes.
Aber vielleicht ist es schon zu spt, vielleicht ist es schon so
beschlossen, dachte er und erbebte, teils ber diesen Gedanken, teils,
weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Fe feucht
machte.

Herr! werde ich wirklich fallen, -- gerade ich? Herr, erbarme dich
meiner! murmelte er flsternd und bekreuzte sich.

Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ltere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf
die Brcke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?

Auf der Brcke begegneten den Brdern Wagen mit Verwundeten, mit
Schanzkrben, und einer mit Mbeln, den eine Frau fhrte. Auf der
andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurckgehalten.

Die Brder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der
Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Tne
der hier ber ihren Kpfen platzenden Bomben und das Brausen der
niederfallenden Sprengstcke hrten, zu dem Platz der Batterie, wo
das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, da die fnfte leichte,
der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen,
trotz der Gefahr, zum ltern Bruder auf die fnfte Bastion bernachten
zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen
in den Flur ein, schritten ber die Beine schlafender Soldaten, die
lngs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum
Verbandplatz.


X

Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen
Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwrtigen
Lazarettgeruch erfllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die
ihnen entgegenkamen.

Die eine, eine Frau von ungefhr fnfzig Jahren, mit dunklen Augen und
strengen Gesichtszgen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem
jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle;
die andere, ein sehr hbsches Mdchen von ungefhr zwanzig Jahren, mit
einem zarten, blonden Gesichtchen, das auerordentlich reizvoll in
seiner Hilflosigkeit unter dem weien Hubchen hervorsah, ging, die
Hnde in den Schrzentaschen, neben der Alten und schien zu frchten,
sie knnte hinter ihr zurckbleiben.

Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wten, wo
Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.

Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von
Ihnen?

Nein, ein Kamerad.

Fhren Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester franzsisch,
... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den
Verwundeten zu.

Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die
Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Hhe zog und nicht
die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir
nur!

Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte
unbewut:

Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!

Sie sind gewi noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow,
indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im
Zwischengange hinter ihnen schritt.

Er ist soeben erst angekommen.

Die hbsche Schwester sah Wolodja an und brach pltzlich in Thrnen
aus. Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben, sagte
sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere.
Marzow lag auf dem Rcken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblten
Arme ber den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte
sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zhne zusammenpret, um
vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe
bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er
krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.

Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren
dnnen zarten Fingern -- an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring --
seinen etwas kahlen Kopf in die Hhe hob und das Kissen zurechtrckte.
Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.

Natrlich habe ich Schmerzen! sagte er rgerlich. Lassen Sie's nur,
so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller.
Guten Tag! Wie heien Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow
gewandt ... Ach, ja, Sie mssen verzeihen, -- hier vergit man alles,
fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht
mit dir zusammen gewohnt? fgte er hinzu, indem er, ohne jeglichen
Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.

Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.

Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit
gerunzelter Stirn. Ach, was fr Schmerzen! ... Ja, es wre am besten,
wenn's bald zu Ende wre ...

Er zog die Beine in die Hhe, bewegte die Zehen mit vermehrter
Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden.

Wir mssen ihn verlassen, sagte flsternd die Schwester, mit Thrnen in
den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.

Noch auf der Nordseite hatten die Brder beschlossen, auf die fnfte
Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verlieen,
beschlossen sie, -- als ob sie sich verabredet htten, sich keiner
unntzen Gefahr anzusetzen, ohne da sie nur ein Wort miteinander
darber gesprochen hatten, -- jeder einzeln zu gehen.

Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der ltere.
brigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde
allein gehen und morgen bei dir sein.

Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der
beiden Brder.


XI

Der Kanonendonner dauerte mit der frheren Strke fort, aber die
Katharinenstrae, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden
Nikolajew ging, war still und de. In der Dunkelheit sah er nur die
breite Strae, mit den weien, an vielen Stellen zertrmmerten Mauern
groer Huser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen
trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der
Strae und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer
Mauer brannte, die lngs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren
grnen Pfhlen und ihren verkmmerten, bestaubten Blttern. Deutlich
hrte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und
schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hbsche Schwester, Marzows
Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und
die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste
vorber. Seine ganze junge, eindrucksfhige Seele krampfte und prete
sich zusammen unter dem Einflusse des Gefhls der Verlassenheit und
der allgemeinen Gleichgltigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr!
Ich kann gettet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint
um mich. Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens
eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Nher und nher
platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch hufiger,
ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er ber die Brcke
ging, die nach der Korabelnaja fhrte, sah Wolodja, wie unweit von ihm
etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen
purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Hhe flog.

Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.

Ja, antwortete er ganz unwillkrlich und sich selbst unerwartet mit
dnner, piepsender Stimme.

Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen
mit Schanzkrben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und
Reiter ritten vorber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung
eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er
neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag
und ritt davon. Allein, allein; es ist allen ganz gleichgltig, ob ich
da bin oder nicht, dachte der Jngling und hatte ernstlich Lust zu
weinen.

Er schritt bergauf, an einer weien Mauer vorber, und kam in eine
Strae zerstrter, unaufhrlich von Bomben beleuchteter Huschen. Da
stie er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen
aus einem Pfrtchen herauskam.

Denn, w--w--wenn er ein Ehrenm--m--mann w--wre, -- lallte sie --
_pardon_, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!

Dem armen Jngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrckt; und
am schwarzen Horizont flammten immer hufiger Blitze auf, und immer
hufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nhe. Nikolajew seufzte
auf und begann pltzlich, wie es Wolodja schien, mit bestrzter,
gepreter Stimme:

Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher,
nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!

Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja,
in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gesprch das schreckliche Gefhl,
das ihn beherrschte, zu verscheuchen.

Gesund ... Schne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer
wirklich gesund ist, thte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu
leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder
der Arm abgerissen -- das ist alles! Ein Unglck ist schnell geschehen!
Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht
es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts,
als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fgte er
hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden
Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew.
Wohlgeboren zu fhren. Wie's unsereinem geht, das wei man ja: was
befohlen wird, mu man ausfhren; da berlt man dem ersten besten
Soldaten den Wagen, und das Bndel ist offen. Aber du geh, geh mit; und
was an Sachen verloren geht -- Nikolajew, steh dafr ein!

Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew
schwieg und seufzte.

Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er pltzlich, fragen
Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.

Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hrte er die
Seufzertne Nikolajews nicht mehr hinter sich.

Er fhlte sich pltzlich vollstndig, ganz und gar allein. Dieses
Bewutsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte,
lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er
blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht
jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte
mit Entsetzen: Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender,
abscheulicher, niedriger Feigling -- gilt es nicht das Vaterland, den
Zaren, fr den ich gestern noch mit Wonne zu sterben whnte? Nein,
ich bin ein unglckliches, bejammernswertes Geschpf! Und mit einem
wahren Gefhl der Verzweiflung und der Enttuschung ber sich selbst,
fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und
ging in der Richtung, die er ihm wies.


XII

Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte,
war ein kleines, zweistckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her.
Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht
einer Kerze. Der Bursche sa auf der Auentreppe und rauchte seine
Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und fhrte
Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter
einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren ber und ber
bedeckter Tisch, einige Sthle und eine eiserne Bettstelle mit reiner
Bettwsche und einem kleinen Teppich davor.

Dicht an der Thr stand ein hbscher Mann mit starkem Schnurrbart --
der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz
und die Medaille fr den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des
Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjhriger Stabsoffizier, mit einer
verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dnnen, alten Mantel hin und
her.

Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fnften Leichten kommandiert,
Fhnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als
er ins Zimmer trat.

Der Batteriekommandeur beantwortete khl seinen Gru und forderte
Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.

Wolodja lie sich schchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch
nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der
Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hnde auf dem Rcken,
unaufhrlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit
dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will,
und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hnde, die mit der
Schere spielten.

Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer
groen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade
heruntergekmmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen
Augen; er hatte schne, reine, rundliche Hnde, seine Beine waren
stark nach auen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen
Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, da der Batteriekommandeur nicht
gerade schchtern war.

Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschtzmannschaft
wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben mssen, sie werden zu
schlecht behandelt. Was meinst du?

Gewi, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist
der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei
die Finger an den Hnden, die er an den Nhten hielt, die aber offenbar
gern seine Rede mit ihrer Gebrde untersttzten. Gestern hat mir auch
unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer
Hochwohlgeboren, wir mten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es
heit, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?

Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann
wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. -- Und wo sind Ihre Sachen?
fragte er pltzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.

Den armen Wolodja hatte der Gedanke, da er ein Feigling sei, so
niedergedrckt, da er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung
gegen sich, als einen klglichen Feigling, sah. Es war ihm, als htte
der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte
seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafkaja und
der Bruder htte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.

Der Oberst aber hrte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:

Wo werden wir den Fhnrich unterbringen?

Den Fhnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr
verlegen durch den flchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der
gewissermaen die Frage ausdrckte: Was ist das fr ein Fhnrich?
-- Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitn knnen Seine
Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig
nachgedacht hatte; der Stabskapitn sind jetzt auf der Bastion, so da
seine Pritsche leer steht.

Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie
mssen, denk' ich, mde sein; morgen werden wir es besser einrichten.

Wolodja stand auf und verbeugte sich.

Ist Ihnen nicht Thee gefllig? fragte der Batteriekommandeur, als
er bereits bis zur Thr gegangen war. Man kann eine Theemaschine
aufstellen.

Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten
begleitete ihn nach unten und fhrte ihn in ein kahles, schmutziges
Zimmer, in dem allerlei Germpel umherlag und ein eisernes Bett
ohne Wsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel
zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.

Wolodja hielt ihn fr einen gemeinen Soldaten.

Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schlfer
an der Schulter rttelte. Hier werden sich der Fhnrich hinlegen ...
Das ist unser Junker, fgte er, zum Fhnrich gewandt, hinzu.

Ach, lassen Sie sich nicht stren, bitte! sagte Wolodja; aber der
Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hbschen, aber
sehr dummen Zgen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und
ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.

Schadet nichts, ich werde mich drauen hinlegen, brummte er.


XIII

Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes
Gefhl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein
Gemt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher,
vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er lschte das Licht, legte
sich auf das Bett und zog seinen Mantel ber den Kopf, um sich zu
schtzen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frhester
Jugend anhaftete. Pltzlich aber fiel ihm ein, es knnte eine Bombe
geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn tten ... Er horchte
auf; gerade ber ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.

brigens, wenn eine geflogen kommt -- dachte er -- trifft sie erst
oben und dann mich -- also wenigstens nicht mich allein. Dieser
Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern.
Wie aber, wenn pltzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und
die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen? Er
stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der
wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis
verschlungen. Auer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer
nichts Festes. Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher
Feigling, dachte er pltzlich, und wieder berkam ihn das drckende
Gefhl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte
sich wieder hin und gab sich Mhe, nichts zu denken. Da tauchten
unwillkrlich die Eindrcke des Tages in seiner Phantasie wieder
auf, begleitet von ununterbrochenen Tnen, die die Scheiben in dem
einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die
Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von
Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hbschen,
barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt
und ber ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an
seiner Seite geht und inbrnstig unter Thrnen vor dem wunderthtigen
Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmglich. Pltzlich
trat der Gedanke an Gott, den Allmchtigen, der alles wirken und jedes
Gebet erhren kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte
sich und faltete die Hnde, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten
gelehrt hatte. Diese Gebrde versetzte ihn mit einem Schlage in eine
lngst vergangene, trstliche Stimmung.

Wenn ich sterben mu, wenn es sein mu, da ich vergehe, la es
geschehen, Herr -- dachte er -- la es schnell geschehen! ... Bedarf es
aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe,
so gieb sie mir, schtze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht
ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu
erfllen.

Seine kindliche, eingeschchterte, gengstigte Seele ward pltzlich
von Mannesmut erfllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte
Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen
Augenblick, den diese Stimmung whrte; er schlief bald ruhig und
furchtlos ein, mitten unter den Tnen des fortdauernden Getses des
Bombardements und des Klirrens der Scheiben.

Groer Gott! Nur du allein hast gehrt und kennst die einfltigen, aber
inbrnstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden
Reue, die Bitten um Heilung des Krpers und Erleuchtung der Seele, die
zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind,
aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat
und mit Bangen Deine Nhe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich
auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wlzt und Dich bittet, ihm
im Jenseits Belohnung zu gewhren fr alle Leiden! ...


XIV

Der ltere Koselzow hatte auf der Strae einen Soldaten seines
Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der
fnften Bastion.

Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.

Weshalb?

Es ist gefhrlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon
hinber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer
Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite
der Strae einschlug.

Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hren, khn in der Mitte der
Strae.

Es waren dieselben Straen, dasselbe sogar noch hufigere Feuern,
dasselbe Sthnen, Vorbertragen von Verwundeten und dieselben
Batterien, Brustwehren und Laufgrben, wie im Frhjahr, da er in
Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und
zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dcher, Licht
in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, auer in Kuschtschins
Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Strae, auf
allem lag nicht mehr der frhere Charakter des Alltglichen und der
Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Mdigkeit.

Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tnt auch die Stimme eines
Soldaten vom P.-Regiment, der seinen frheren Hauptmann erkannt hat; da
steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt,
bisweilen auf einen Augenblick durch Schsse beleuchtet und seine
Gegenwart nur durch gedmpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre
verratend.

Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.

In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein
dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie fhren.

Von Laufgraben zu Laufgraben fhrte der Soldat Koselzow zu einem
kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben sa ein Matrose, der
seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thr sichtbar, durch deren
Spalt Licht schimmerte.

Darf man eintreten?

Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thr ein.

Drinnen sprachen zwei Stimmen.

Wenn Preuen die Neutralitt bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird
auch sterreich ...

Ach was, sterreich, sagte die andere, wenn die slavischen Vlker ...
La eintreten.

Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn
durch ihren Luxus. Der Fuboden war getfelt, an der Thr hielt
eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wnden
aufgestellt; in einer Ecke stand ein groes Bild der Gottesmutter
in goldenen Gewndern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem
einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollstndig angekleidet; auf
dem andern saen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen
Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gesprch mit seinem
Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich
weder der Behrde, noch dem Regimentskommandeur gegenber einer Schuld
bewut war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der
vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser
Hauptmann, um ihn auszufragen. Sonderbar, dachte Koselzow, whrend
er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, da er das
Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was
ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem
Blick, die Wrde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem -- dachte er
-- hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein
dunkles Zitzhemd getragen, das lnger rein hlt, nie jemand zu sich
eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und
jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen
scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur
neuer Schule bin, glaube nur, ich wei, wie gern du dein halbes Leben
hingbest, um an meiner Stelle zu sein!

Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu
Koselzow und sah ihn khl an.

Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz
geschlossen.

So sind Sie unntz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete
mitrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie knnen aber doch den
Dienst versehen?

Gewi kann ich das!

Nun, ich freue mich sehr. So bernehmen Sie vom Fhnrich Sajzow die
neunte Kompagnie -- Ihre frhere; sogleich werden Sie die Ordre
erhalten.

Zu Befehl!

Wollen Sie die Gte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten
zu mir zu schicken, schlo der Regimentskommandeur, und gab durch eine
leichte Verbeugung zu verstehen, da die Audienz beendet sei.

Whrend Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor
sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz,
Unbehagen oder rger -- rger nicht ber den Regimentskommandeur (der
hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was
um ihn her vorging, unzufrieden.


XV

Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er,
seine Kompagnie zu begren und zu sehen, wo sie stand. Die aus
Schanzkrben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgrben, die
Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, ber
die er unterwegs stolperte, -- das alles, unaufhrlich durch das
Feuer der Schsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor
drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf
derselben Bastion zugebracht, seinem Gedchtnisse lebhaft eingeprgt.
Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch
den groen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergngen, als
wren die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die
bekannten Orte und Gegenstnde wieder. Die Kompagnie lag an der
Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.

Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollstndig offene
Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der
ganzen Blindage war buchstblich kein Fu breit Platz: so voll war sie
vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes
Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein
Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem
trben Halbdunkel der Blindage erhobene Kpfe sichtbar, die gespannt
dem Leser zuhrten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die
Blindage eintrat, hrte er folgendes:

Ge--bet nach Be--en--di--gung des Un--terrichts. Ich dan--ke Dir
Schp--fer ...

Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prchtig ... Mein
... Gott ... fuhr der Vorleser fort.

Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die
Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnuzten sich, wie stets
nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen
Mantel zuknpfend, von seinem Platz in der Nhe des Vorlesers und kam,
ber die Fe und auf den Fen derer, die nicht Zeit hatten, sie
wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.

Guten Tag, Brderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?

Wir wnschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der
Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. -- Hat sich
Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach
Ihnen gesehnt.

Man sah gleich, da Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.

Im Hintergrunde der Blindage lieen sich Stimmen hren: der frhere
Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail
Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der
Trommler begrte ihn.

Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wnsch' euch
Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.

Wir wnschen Ihnen Gesundheit! tnte es tosend in der Blindage.

Wie geht's euch, Kinder?

Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, -- er
schiet so bs von den Schanzen her -- und damit basta, ins Feld wagt
er sich nicht.

Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glck, da sie auch ins Feld kommen,
Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir
werden sie wieder ausklopfen.

An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige
Stimmen.

Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.

Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, da es hrbar
war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die
Worte des Kompagniefhrers rechtfertigen und ihn berzeugen wollte, da
in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.

Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen
zu den Offizieren, seinen Kameraden.


XVI

In dem groen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-,
Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere
unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer
Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine groe
und laute Gruppe, sie saen auf der Diele auf zwei ausbreiteten
Filzmnteln, tranken Porter und spielten Karten.

Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, da du gekommen bist. Brav! ... Was
macht die Wunde? lie sich von verschiedenen Seiten hren. Auch hier
konnte man sehen, da man ihn gern hatte und sich ber seine Ankunft
freute.

Koselzow schttelte seinen Bekannten die Hand und gesellte sich zu
der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten
spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hbscher,
magerer, brnetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem
starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die
Bank mit seinen weien, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er
einen groen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten
gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte
nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen
gesttzt, ein graukpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter
Kaltbltigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur
linken Hand sa kauernd ein hbscher junger Offizier mit schweiigem
Gesicht, lchelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war,
bewegte er unaufhrlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er
spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was
den hbschen, brnetten Herrn wurmte. Ein kahlkpfiger Offizier mit
riesiger Nase und groem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im
Zimmer auf und nieder, hielt einen groen Haufen Banknoten in der Hand,
spielte immer mit barem Gelde _va banque_ und gewann immer.

Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.

Setzen Sie doch, Michail Ssemjonytsch! sagte der Bankhalter zu ihm.
Geld, meine ich, mssen Sie die Menge mitgebracht haben.

Wie soll ich zu Geld kommen? Im Gegenteil, ich habe das letzte in der
Stadt gelassen.

Wie? Sie haben doch gewi jemanden in Ssimferopol aufsitzen lassen.

Wahrhaftig, ich habe nicht viel, sagte Koselzow, aber er wnschte
offenbar nicht, da man ihm glaube, knpfte den Rock auf und nahm die
alten Karten zur Hand.

Ein Versuch kann nicht schaden. Man mu das Schicksal versuchen! Jedes
Tierchen hat sein Plaisierchen! ... Sie mssen nur eins trinken, sich
Mut zu machen.

Er trank ein zweites Glschen Schnaps und etwas Porter, und hatte in
kurzer Zeit seine letzten drei Rubel verspielt.

Der kleine schweiige Offizier war mit hundertfnfzig Rubel in der
Kreide.

Nein, es will nicht glcken, sagte er und griff nachlssig nach einer
neuen Karte.

Wollen Sie einsetzen, sagte der Bankhalter zu ihm, hielt einen
Augenblick inne und sah ihn an.

Gestatten Sie mir, morgen zu setzen, antwortete der schweiige
Offizier, erhob sich und bewegte noch lebhafter seine Hand in der
leeren Tasche.

Hm ... brummte der Bankhalter, warf sich rgerlich nach rechts und nach
links und fhrte die Taille zu Ende. -- Aber nein, so geht's nicht,
sagte er und legte die Karten hin. Ich passe. So geht's nicht, Sachar
Iwanytsch, fgte er hinzu. Wir haben auf bar gespielt und nicht auf
Kreide.

Wie, zweifeln Sie an mir? ... Merkwrdig, wahrhaftig!

Von wem wnschen Sie Geld? brummte der Major, der etwa acht Rubel
gewonnen hatte. Ich habe schon mehr als zwanzig Rubel gesetzt, und habe
gewonnen, aber ich bekomme nichts.

Woher soll ich denn zahlen, sagte der Bankhalter, wenn kein Geld auf
dem Tische ist.

Was kmmert das mich? schrie der Major und erhob sich, ich spiele mit
Ihnen und nicht mit dem da.

Der schweiige Offizier wurde pltzlich hitzig.

Ich sage, ich bezahle morgen -- wie knnen Sie es wagen, mir Grobheiten
zu sagen.

Ich sage, was ich will! So handelt man nicht, wissen Sie's nun? schrie
der Major.

Lassen Sie gut sein, Fjodor Fjodorytsch, begannen alle und hielten den
Major zurck.

Aber senken wir schnell den Vorhang ber dieses Schauspiel. Morgen,
heute schon wird vielleicht jeder dieser Menschen heiter und stolz
dem Tode entgegengehen und standhaft und ruhig sterben; aber der
einzige Lebenstrost in diesen, auch die khlste Einbildungskraft
entsetzenden Verhltnissen des Mangels alles Menschlichen und der
Aussichtslosigkeit einer Besserung, der einzige Trost ist Vergessen,
Vernichtung des Bewutseins. Auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht
der edle Funke, der einen Helden aus ihm macht; aber dieser Funke hrt
auf hell zu glimmen -- kommt die entscheidende Stunde, dann lodert er
flammend auf und beleuchtet groe Thaten.


XVII

Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Strke
fort. Gegen elf Uhr morgens sa Wolodja Koselzow in dem Kreise der
Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewhnt und
betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzhlte. Das
bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende
Gesprch der Artillerieoffiziere flte ihm Achtung ein und gefiel ihm.
Das schamhafte, unschuldige und hbsche uere Wolodjas machte ihm die
Offiziere geneigt. Der lteste Offizier in der Batterie, ein Kapitn,
ein Mann von kleiner Gestalt und rtlichem Haar mit einem Schopf und
glattgekmmten Schlfen, in den alten berlieferungen der Artillerie
aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte
Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen
Erfindungen, spttelte liebenswrdig ber sein hbsches Gesichtchen
und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um,
was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger
Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen
Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer
eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel
aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Auenseite natrlich
einen sehr prchtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja
fortwhrend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, da alle
Geschtze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant
Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er
war zwar hflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen,
wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfltig geflickten Rock und lie
auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht mde
zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzhlte
ihm unaufhrlich mit erknstelter Begeisterung von den Heldenthaten
vor Sewastopol, klagte darber, da es so wenig Patrioten gebe und
lie berhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken;
aber es berhrte doch alles Wolodja unangenehm und unnatrlich. Vor
allem bemerkte er, da die brigen Offiziere mit Tschernowizkij
fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt
hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern sa bescheiden in
einer Ecke und lachte, wenn etwas Spahaftes erzhlt und dabei etwas
vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum
und machte fr alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene,
hfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie
mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder
sein angenehmes uere Wlanga, wie ihn die Soldaten nannten, indem
sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte
seine gutmtigen, groen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers
nicht abwenden, indem er alle seine Wnsche zu erraten und ihnen
zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der
Verliebtheit befand, die natrlich von den Offizieren bemerkt und
verspottet wurde.

Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitn von der Bastion abgelst und
schlo sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitn Kraut war ein blonder,
hbscher, fescher Offizier mit groem rtlichen Schnurrbart und
Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht
und schn fr einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in
seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad,
der zuverlssigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als
Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an
ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein
sonderbarer Gegensatz zu den idealen Deutschen, im hchsten Grade
praktisch.

Da erscheint unser Held! rief der Kapitn, als Kraut, die Arme
schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.

Was wnschen Sie, Thee oder Schnaps?

Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber
einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut
des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich
bitte Sie, uns Freund und Gnner zu sein, sagte er zu Wolodja, der
aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitn Kraut ...
Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, da Sie schon gestern
angekommen sind.

Ich danke Ihnen sehr fr Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.

Aber auch gut? ... Ein Fu ist abgebrochen, und beim
Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, -- man mu
was unterlegen.

Nun, wie war's, haben Sie glcklichen Tagesdienst gehabt? fragte
Djadjenko.

Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine
Lafette mute ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stcke
geschossen worden.

Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war
ihm anzumerken, da er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung
eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.

Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitn auf die
Knie. Wie geht's, Vterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur
Befrderung?

Noch nichts.

Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar
gemacht.

Warum denn nicht?

Warum? weil die Relation nicht so abgefat ist.

Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut
und lchelte frhlich. Ein echter, hartnckiger Chacholl (Spitzname fr
die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.

Nein, er wird nicht herauskommen.

Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir,
sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife
lief.

Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzhlte vom Bombardement,
fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit
allen.


XVIII

Na, wie haben Sie sich bei uns schon eingerichtet? fragte Kraut
Wolodja. Verzeihen Sie, wie ist Ihr Vor- und Vatersname? Bei uns in der
Artillerie ist es einmal so Sitte ... Haben Sie schon ein Reitpferd
angeschafft?

Nein, sagte Wolodja, ich wei nicht, was werden wird. Ich habe dem
Kapitn gesagt ... ich habe kein Pferd, ich habe aber auch kein Geld,
so lange ich nicht Zehr- und Reisegelder bekomme.

Apollon Sergjeitsch? -- er brachte mit den Lippen einen Laut hervor,
der starken Zweifel ausdrckte und sah den Kapitn an, -- kaum!

Je nun, schlgt er's ab, ist's auch kein Unglck, sagte der Kapitn,
hier braucht man eigentlich kein Pferd, aber man kann's immerhin
versuchen, ich will heute fragen.

Wie, kennen Sie ihn nicht? mischte sich Djadjenko ein, etwas anderes
kann er abschlagen, aber Ihnen wird er keineswegs ... Wollen Sie wetten?

Na ja, Sie mssen natrlich immer widersprechen.

Ich widerspreche, weil ich wei: in anderen Dingen ist er geizig, aber
ein Pferd giebt er, er hat ja auch keinen Vorteil von der Ablehnung.

Gewi hat er Vorteil davon, wenn ihm hier der Hafer acht Rubel
zu stehen kommt, sagte Kraut. Man hat Vorteil, wenn man keine
berflssigen Pferde hlt.

Bitten Sie um den Staar, Wladimir Ssemjonytsch, sagte Wlang, der mit
Krauts Pfeifchen zurckkam, ein ausgezeichnetes Pferd!

Mit dem Sie in Ssoroki in den Graben gefallen sind, Wlanga, hm?
bemerkte der Stabskapitn.

Nein, aber was sprechen Sie da, acht Rubel der Hafer, fuhr Djadjenko
fort im Streit, wo er seine Rechnung mit zehneinhalb macht? ...
Natrlich, hat er keinen Vorteil davon.

Das wre schn, wenn ihm nicht noch was brig bliebe! Wenn Sie, so Gott
will, Batteriekommandeur sind, so geben Sie kein Pferd, nach der Stadt
zu reiten.

Wenn ich Batteriekommandeur bin, Vterchen, soll jedes Pferd vier Ma
Futter haben, ich werde keine Gelder zusammenscharren, haben Sie keine
Sorge.

Wer's erlebt, wird's sehen ... sagte der Stabskapitn. Und Sie werden
ebenso handeln, und Sie auch, wenn Sie eine Batterie kommandieren
werden, fgte er hinzu und zeigte auf Wolodja.

Warum glauben Sie, Friedrich Christianytsch, da auch Sie Profit machen
wollen? mischte sich Tschernowizkij ein. Vielleicht haben Sie Vermgen,
wozu sollten Sie Vorteil suchen?

Nicht doch, ich halte ... Verzeihen Sie mir, Kapitn, sagte Wolodja und
wurde bis ber die Ohren rot, ich halte das fr unehrenhaft.

Aha, wie heikel er ist! sagte Kraut.

Das ist ganz gleich: ich meine nur, wenn es nicht mein Geld ist, darf
ich's auch nicht nehmen.

Und ich sage Ihnen nur so viel, junger Mann, begann der Stabskapitn in
ernsterem Ton, Sie mssen wissen, wenn Sie eine Batterie kommandieren,
wenn Sie da Ihre Sache gut machen, dann ist alles in Ordnung; in
die Ernhrung der Truppen mischt sich der Batteriekommandeur nicht:
das wird in der Artillerie von altersher so gehalten. Sind Sie ein
schlechter Wirt, so behalten Sie nichts brig. Hier mssen Sie Ausgaben
machen, im Widerspruch mit Ihren Verhltnissen, fr Hufbeschlag --
das ist eins (er bog einen Finger ein), fr die Apotheke -- das ist
zwei (er bog einen zweiten Finger ein), fr die Kanzlei, drei, fr
Handpferde an die fnfhundert zahlen, Vterchen -- das ist vier, Sie
mssen den Soldaten neue Kragen geben, Kohlen brauchen Sie viel, Tisch
fr die Offiziere mssen Sie halten. Sind Sie Batteriekommandeur, so
mssen Sie anstndig leben, Sie mssen einen Wagen haben, einen Pelz
und noch zwei, drei, zehn andere Dinge ... Was ist da viel zu reden!

Die Hauptsache aber, fiel der Kapitn ein, der die ganze Zeit
geschwiegen hatte, die Hauptsache, Wladimir Ssemjonytsch, ist die:
stellen Sie sich vor, ein Mensch, wie ich zum Beispiel, dient zwanzig
Jahre, erst fr zwei-, dann fr dreihundert Rubel Gehalt; soll man ihm
fr seinen Dienst nicht wenigstens ein Stck Brot im Alter geben?

Ach, was soll das! begann wieder der Stabskapitn, urteilen Sie nicht
voreilig, kommt Zeit, kommt Rat, leisten Sie nur Ihren Dienst.

Wolodja berkam eine schreckliche Scham, weil er so unberlegt
gesprochen hatte, er brummte etwas in den Bart und dann hrte er weiter
schweigend zu, wie Djadjenko im hchsten Eifer wieder zu streiten
begann und das Entgegengesetzte behauptete.

Der Streit wurde durch den Eintritt des Hauptmannsburschen
unterbrochen, der zum Essen rief.

Aber sagen Sie heute Appollon Sergjeewitsch, er solle Wein geben, sagte
Tschernowizkij zum Kapitn und knpfte sich den Rock zu. Was knausert
er? Sind wir erst tot, kriegt keiner was!

Sagen Sie's ihm selbst.

Das geht nicht. Sie sind der lteste Offizier. Alles mu seine Ordnung
haben.


XIX

In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet
hatte, war der Tisch von der Wand abgerckt und mit einem schmutzigen
Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und
fragte ihn ber Petersburg und seine Reise aus.

Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen.
Die Fhnriche trinken keinen, fgte er lchelnd hinzu.

berhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht
so mrrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen
eines guten, gastfreien Wirts und eines lteren Kameraden unter den
Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die grte
Achtung, vom alten Kapitn an bis zum Fhnrich Djadjenko, die sich
darin kundgab, wie sie mit einem hflichen Blick auf den Kommandeur
sprachen und wie sie einer nach dem andern zgernd herantraten und den
Schnaps tranken.

Das Mittagessen bestand aus einer groen Schssel Kohlsuppe, in der
fette Stcke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge
von Pfeffer und Lorbeerblttern gewrzt war, aus polnischen Zrazy mit
Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab
es nicht, die Lffel waren aus Blech und Holz, Glser gab es zwei,
und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse;
aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte
keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede,
an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzhlte seine
Eindrcke und sprach seine Meinung ber die Ursache des Mierfolges
aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen
begann; dann ging das Gesprch ungezwungen auf die Unzulnglichkeit des
Kalibers der leichten Geschtze ber, zu den neuen leichteren Kanonen,
und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie
zu zeigen. Aber bei der gegenwrtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols
blieb das Gesprch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen
Gegenstand dachte, als da er noch darber sprechen sollte. Auch von
den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war
zu seinem Erstaunen und Verdru gar nicht die Rede, als ob er nach
Sewastopol gekommen wre, nur um ber die leichteren Geschtze zu
plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Whrend des
Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saen, eine Bombe nieder.
Der Fuboden und die Wnde zitterten, wie von einem Erdbeben, und die
Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.

Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche
berraschungen hufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie
nach, wo sie geplatzt ist.

Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der
Bombe nicht mehr die Rede.

Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber
ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und bergab sie dem
Batteriekommandeur.

Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom
Oberbefehlshaber der Artillerie berbracht.

Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen
Dingen gebten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen
und das sehr dringliche Schriftstck herauszogen. Was kann das wohl
sein? stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch
aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung
der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.

Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf
den Tisch.

Was enthlt es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der lteste Offizier.

Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft fr eine
Mrserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere,
und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzhlig, brummte der
Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer mu gehen,
meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet,
um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer
geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.

Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf
Wolodja zeigend.

Der Batteriekommandeur antwortete nichts.

Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fhlte, wie ihm kalter Schwei auf
dem Rcken und am Halse hervortrat.

Nein, weshalb! fiel der Kapitn ein. Natrlich wird sich niemand
weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns
Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es
damals gethan haben.

Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie
zusammen und warf sie in eine Mtze. Der Kapitn scherzte dabei und
entschlo sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein
zu bitten, um tapfer zu bleiben, wie er sich ausdrckte. Djadjenko
sa finster da, Wolodja lchelte, Tschernowizkij behauptete, es werde
bestimmt ihn treffen. Kraut war vollstndig ruhig.

Wolodja lie man zuerst whlen. Er nahm einen Papierstreifen, der war
sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu whlen, -- er zog einen
zweiten, kleineren und dnneren, entfaltete ihn und las: gehen.

Ich! sagte er seufzend.

Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der
Kommandeur, indem er mit einem gutmtigen Lcheln dem Fhnrich in das
verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie
sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.


XX

Wlang war mit diesem Befehl auerordentlich zufrieden, er machte
sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das
Bett, den Pelz, eine alte Nummer der Vaterlndischen Annalen,
die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge
mitzunehmen. Der Kapitn riet Wolodja, zunchst im Handbuch[E]
den Abschnitt ber das Schieen aus Mrsern zu lesen und sich die
Schietabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und
bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, da, obwohl das Gefhl
der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen,
ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade
der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrcken
des Tages und seiner Thtigkeit, zum Teil, und zwar zum greren Teil
daran, da die Furcht, wie jedes starke Gefhl, nicht lange in gleichem
Grade dauern kann. Mit einem Worte, er war schon so weit, da er den
Furchthhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich
eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel
zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.

 [E] Handbuch fr die Offiziere der Artillerie von Bezaque.

Ich habe Wlanga die Namensliste bergeben. Belieben Sie, ihn zu
fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.

Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an
einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man
ihnen eine kleine Rede hlt oder einfach sagt: Wnsch' euch Gesundheit,
Kinder! -- oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man
nicht einfach sagen: Wnsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das
Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme:
Wnsch' euch Gesundheit, Kinder!

Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme
tnte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten khn
voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus
Leibeskrften gelaufen wre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht
heiter. Bereits dicht an dem Malachowhgel und die Hhe hinaufsteigend,
bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu
Hause so tapfer gezeigt hatte, bestndig auf die Seite ging und den
Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon
sehr hufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kmen. Einige Soldaten
thaten dasselbe, berhaupt drckte sich auf den meisten ihrer Gesichter
wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstnde beruhigten
und ermutigten Wolodja vollstndig.

So bin denn auch ich auf dem Malachowhgel, den ich mir tausendmal
schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor
Kanonenkugeln zu bcken und bin weit mutiger als andere ... Also bin
ich kein Feigling? dachte er mit Vergngen, ja mit einem gewissen
Entzcken des Selbstbewutseins.

Aber dieses Gefhl wurde bald erschttert durch das Schauspiel, das
ihm entgegentrat, als er in der Dmmerung auf der Kornilowbatterie
den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an
der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und
Mantel an Fen und Hnden und schwenkten ihn hin und her, um ihn ber
die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man
nicht berall die Krper auf den Bastionen sammeln knnen und warf sie
in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja
erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Hhe
der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte;
aber hier traf ihn zum Glck der Befehlshaber der Bastion, erteilte
ihm Befehle und gab ihm einen Fhrer nach der Batterie und der fr
die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht
erzhlen, wie viel Gefahren, Enttuschungen unser Held an diesem Abend
noch erlebt hat: wie er, statt den Schiebungen auf dem Wolkowofeld
unter allen Bedingungen der Pnktlichkeit und Ordnung, die er hier zu
finden erwartete, zwei auer Stand gesetzte Mrser fand; die Mndung
des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere
stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem
Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern.
Nicht ein Gescho hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier
wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war
zwanzigmal whrend dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glck
war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hnenhafter Gestalt bestimmt
worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mrsern
diente; dieser berzeugte ihn von der Mglichkeit, aus ihnen zu
schieen, fhrte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion,
wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in
Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Fhrer geleitete, war
eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit
ellendicken Eichenbalken bedeckte lngliche Grube. Hier quartierte er
sich mit seinen smtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige,
eine Elle hohe Thr der Blindage gesehen, als er kopfber allen voran
auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem
Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen
schlug, als alle Soldaten sich lngs der Wnde auf den Boden gelagert
und einige ihre Pfeifen angezndet hatten, sein Bett in einer Ecke auf,
zndete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine
Pritsche. ber der Blindage hrte man ununterbrochen Schsse, die aber
nicht sehr laut tnten, ausgenommen die einer in der nchsten Nhe
stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschtterte. In
der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen
Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem
der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer fr
die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen.
Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah,
seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen,
dichtbevlkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand
dasselbe Gefhl des Glckes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind
beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen
war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ngstigte sich in der
Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer
und heiter zugleich zu Mute.


XXI

Im Laufe einer Viertelstunde fhlten sich die Soldaten heimisch und
wurden gesprchig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nchsten
hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker,
der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen,
ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und
Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie
berall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen.
Die Bombardiere und die Reiter saen in der Mitte; und dort im Schatten
am Eingange hatten sich die Gehorsamen[F] untergebracht. Unter diesen
begann auch das Gesprch. Die Veranlassung dazu gab der Lrm, den ein
in die Blindage strzender Mensch verursachte.

 [F] S. Der Holzschlag II. Anm. d. Herausg.

Weshalb bist du nicht auf der Strae geblieben, Brderchen? ... Singen
denn die Mdchen nicht lustig? fragte man ihn.

Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals
gehrt hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage
gekommen war.

Ah, Wain hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der
Aristokratenecke, -- ach, er hat sie nicht gern!

Wie so? Wenn es sein mu, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete
langsam Wain, bei dessen Worten alle brigen zu schweigen pflegten.
Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht
anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unntz
totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank'
schn dafr.

Bei diesen Worten Wains lachten alle.

Mjelnikow sitzt vielleicht noch drauen, sagte jemand.

Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fgte der alte Feuerwerker
hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.

Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.

Wir haben hier einen einfltigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er
frchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer drauen
umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Br aus.

Er kann besprechen, sagte Wains trge Stimme.

Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine
auerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht,
ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.

Wie, frchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.

Weshalb soll ich mich vor den Bomben frchten? antwortete Mjelnikow,
indem er einen krummen Rcken machte und sich kratzte; durch eine Bombe
sterbe ich nicht, das wei ich.

So mchtest du hier wohnen?

Gewi, ich mchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er
pltzlich in Lachen ausbrach.

O, da mu man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich
es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General
kannte.

Warum soll ich's nicht wollen, -- ich will's.

Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.

Lat uns Nase spielen, Kinder! Wer hat Karten? lie sich seine
hastige Stimme vernehmen.

Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, -- man hrte die
Schlge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja go sich Thee aus
dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die
Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch,
sich populr zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die
ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, da er ein
leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprchig zu werden.

Einer erzhlte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende
haben, denn ein zuverlssiger Mann von der Marine habe erzhlt, wie
Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu
Hilfe komme, ferner, da bald ein Vertrag kommen wrde, zwei Wochen
lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte,
mte er fr jeden Schu 75 Kopeken zahlen.

Wain war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner,
brtiger Mann mit groen, gutmtigen Augen, er erzhlte, erst unter
allgemeinem Schweigen, dann unter Gelchter, wie sie sich, als er auf
Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut htten, wie ihn der
Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen
gestellt htte, um seine Frau abzuholen.

Alles das vergngte Wolodja auerordentlich. Er fhlte nicht nur
nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem
auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar
auerordentlich heiter und angenehm zu Mut.

Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf
dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem
er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem
Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der
Blindage zu gehen, um zu sehen, was drauen vorging.

Zieh' die Fe weg! schrieen, kaum da er aufgestanden war, die
Soldaten einander zu; sie zogen die Fe an sich und lieen ihm den Weg
frei.

Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob pltzlich den Kopf und fate
Wolodja an den Schen des Mantels.

Lassen Sie das, gehen Sie nicht, -- wie kann man nur! sagte er in
weinerlichem, berredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort
schlagen unaufhrlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.

Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drngte sich Wolodja aus der
Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow sa.

Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage;
die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getse der Schsse hrte man
das Gerusch der Fuhrwerke, die Schanzkrbe herbeibrachten, und das
Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben
wlbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen
der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links fhrte eine kleine, eine
Elle hohe ffnung in eine andere Blindage, in dem die Fe und Rcken
der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hrbar waren;
vor sich sah Wolodja die Erhhung eines Pulverkellers, neben dem die
Gestalten gebckter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die
Hhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhrlich an diesem
Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen berrock stand,
die Hnde in den Taschen und mit den Fen die Erde festtretend, die
andere Leute in Scken dorthin trugen. Bomben kamen hufig dorthin
geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die
Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze
Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Fen die Erde fest
und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.

Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.

Ich wei es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.

Geh nicht! Es ist nicht ntig.

Mjelnikow aber hrte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt
heran und stand sehr lange, ebenso gleichmtig und unbeweglich neben
ihr.

Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurckgekehrt,
eine Bombe hat den Pulverkeller beschdigt, darum tragen Infanteristen
Erde dorthin.

Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thr der
Blindage. Da drckte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem
hervor, um in die Hhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen kme.

Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat,
zurckzukehren, sa dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle,
er fand ein gewisses Vergngen daran, das Geschick zu versuchen und
den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wute er
bereits, woher so viele Geschtze feuerten und wo ihre Geschosse sich
niedersenkten.


XXII

Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstndigen
Schlaf, frisch und munter frhmorgens ber die Schwelle der Blindage.
Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten
Kanonenschusse strzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf
den Weg bahnte, nach der ffnung der Blindage zurck, unter dem
allgemeinen Gelchter der zum grten Teil ebenfalls an die Luft
gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere
gingen selten in den Laufgraben hinaus, die brigen aber lieen sich
nicht abhalten: sie traten alle aus der belriechenden Blindage an die
frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso
heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der
Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendmmerung auf den
Batterien spazieren, indem er gleichgltig in die Luft sah.

An der Schwelle saen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger,
jdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser
Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit
einem Sprengstck an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus
ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern
sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hbsches Kreuz
heraus.

Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird
man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?

Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner
Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fnf Monate in Sewastopol.

Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.

Da pfiff eine Kanonenkugel ber den Kpfen der Sprechenden und schlug
eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.

Sie htte bald Mjelnikow gettet! rief der eine.

Mich ttet sie nicht, antwortete Mjelnikow.

Da hast du das Kreuz fr deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der
das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.

Nein, Brderchen, der Monat wird fr ein ganzes Jahr gerechnet, so
ist's befohlen, ging das Gesprch fort.

In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in
Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir
doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.

Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen ber die Kpfe der Sprechenden hin
und schlug an einen Stein an.

Seht, noch vor Abend kann's mit einem aus sein, Soldaten.

Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden
war es mit zweien von ihnen aus und fnf waren verwundet; aber die
brigen scherzten wie frher.

Wirklich waren am Morgen die beiden Mrser wieder soweit ausgebessert,
da aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja,
auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und
begab sich mit ihm nach der Batterie.

An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefhls zu entdecken,
das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen.
Nur Wlang konnte sich nicht berwinden: er versteckte und bckte
sich noch immer, ja, auch Wain hatte ein wenig seine Ruhe verloren,
er war unruhig und duckte sich fortwhrend nieder. Wolodja war in
auerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr
beunruhigte ihn. Die Freude, da er seine Pflicht erflle, da er nicht
nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefhl des Kommandierens
und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wute, mit Neugierde
auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er
prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank
hinaus und knpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu
sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft,
wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von
acht Monaten daran gewhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen,
nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hbschen jungen Menschen zu
betrachten, mit dem aufgeknpften Mantel, unter dem ein, einen weien
zarten Hals umschlieendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit
flammendem Gesicht und Augen in die Hnde klatschte und mit tnender
Stimme kommandierte: das erste, das zweite! und heiter auf die
Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um
halb zwlf hrte das Schieen auf beiden Seiten auf, und punkt zwlf
Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hgel -- die zweite, dritte und
fnfte Bastion.


XXIII

Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der
Nordseite, auf dem Telegraphenhgel, standen um die Mittagszeit
zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol
hinbersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu
der hohen Signalstange gekommen war.

Die Sonne stand hell und hoch ber der Bucht, die im heitern und
warmen Glanz mit den Bten und den Schiffen und ihren bewegten
Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Bltter der
vertrockneten Eichenstrucher um den Telegraphen, blhte die Segel
der Bte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer
dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Sule, seinem
Hafendamm, dem grnen Boulevard auf der Hhe, dem schnen Bau der
Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefllten
Buchten, den malerischen Bgen der Wasserleitung und mit den Wolken
blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schsse
beleuchtet -- noch immer schn, feiertglich, stolz, umgeben auf der
einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem
hellblauen, in der Sonne schillernden Meer -- Sewastopol war jenseits
der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein
Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen
langgestreckte weie Wolken hin, die Wind ankndigten. Auf der ganzen
Linie der Befestigungen, besonders auf den Hhen der linken Seite,
bildeten sich unaufhrlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der
Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weie Rauchmassen,
die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Hhe stiegen und
sich am Himmel dunkler frbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald
hier, bald dort, auf den Hhen, in den feindlichen Batterien, in der
Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und
erschtterten, ineinander flieend, die Luft. ...

Um zwlf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft
wurde weniger von Getse erschttert.

Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde
sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ...
Schrecklich.

Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schsse nur einen zur
Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, da er
schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und
man antwortet ihm nicht.

Aber sieh, um zwlf Uhr hrt er immer mit dem Bombardement auf, wie
ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frhstcken, --
man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.

Wart', str' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit
besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinbersah.

Was ist da, was?

Bewegung in den Laufgrben. Dichte Kolonnen rcken vor.

Das sieht man auch so. Sie rcken in Kolonnen an.

Wir mssen das Signal geben. ...

Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgrben herausgekommen!

In der That konnte man mit bloem Auge sehen, wie sich dunkle
Flecken bergab von den franzsischen Batterien durch das Thal nach
den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen
schon in der Nhe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten
an verschiedenen Stellen, wie vorbergehend, weie Rauchwolken von
Schssen auf. Der Wind trug die Tne des beiderseitigen Gewehrfeuers,
das so hufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlgt, hinber.
Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer nher und
nher. Die immer strker werdenden Tne des Gewehrfeuers schmolzen in
ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer hufiger
emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell ber die ganze Linie und
verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte,
und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Tne
vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.

Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das
Fernrohr zurck.

Kosaken sprengten den Weg entlang; der Hchstkommandierende kam
in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges
begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe
und Erwartung.

Es ist unmglich, da sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu
Pferde.

Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er
seufzte und vom Fernrohr fortging: die franzsische Fahne weht auf dem
Malachow.

Es ist unmglich!


XXIV

Der ltere Koselzow, der in der Nacht noch tchtig gespielt und erst
gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den rmel
eingenhten Goldstcke, schlief noch am Morgen einen ungesunden,
schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fnften
Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhngnisvolle
Schrei ertnte:

Alarm!

Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm pltzlich
eine Stimme zu.

Gewi ein Schulbube ... murmelte er, die Augen ffnend, er glaubte es
nicht.

Pltzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit
einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, da
er alles begriff. Der Gedanke, da man ihn fr einen Feigling halten
knnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle,
machte ihn ganz bestrzt. Er lief aus Leibeskrften zur Kompagnie.
Das Geschtzfeuer hatte aufgehrt, das Gewehrgeknatter dagegen seinen
Hhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen,
sondern flogen, wie Scharen von Herbstvgeln, in Schwrmen ber die
Kpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war
in Rauch gehllt. Wirres Schreien und Rufen lie sich hren. Verwundete
und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreiig
Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt
hatte.

Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles
ist verloren!

Unsinn! sagte er zornig, fate seinen kleinen, eisernen, stumpfen Sbel
und schrie:

Vorwrts, Kinder! Urra--a!

Die Stimme war klangvoll und krftig, und regte Koselzow selber an. Er
strzte vorwrts den Querwall entlang; fnfzig Mann Soldaten eilten mit
Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen
offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.

Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift
oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im
Pulverdampf waren bereits blaue Waffenrcke und rote Hosen zu sehen und
Geschrei zu hren, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der
Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war berzeugt, da
er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwrts
und vorwrts. Einige Soldaten berholten ihn; andere zeigten sich von
der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben
in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgrben
zurckliefen; aber seine Fe stieen an Verwundete und Tote.

Als Koselzow bereits den Auengraben laufend erreicht hatte, wurde es
ihm schwarz vor den Augen, und er fhlte einen Schmerz in der Brust.

Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der
Nikolajew-Kaserne und wute, da er verwundet war, fhlte aber fast
keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.

Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knpfte
ihm den Mantel auf. Koselzow sah ber das Kinn auf das, was der Doktor
mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber
keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte
sich die Finger an den Schen seines berrocks ab und ging schweigend,
ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte
unbewut mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte,
was auf der fnften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein
trstenden Gefhl daran, wie er seine Pflicht brav erfllt, wie er zum
erstenmal whrend seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als mglich
benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen knne. Der Doktor, der
einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend,
etwas zu einem Geistlichen mit einem groen roten Barte, der mit einem
Kreuze in der Hand dastand.

Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm
herangekommen war.

Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem
Verwundeten das Kreuz zum Ku.

Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Hnden das
Kreuz, drckte es an seine Lippen und begann zu weinen.

Sind die Franzosen zurckgeworfen? fragte er mit fester Stimme den
Geistlichen.

Der Sieg ist berall den Unsrigen geblieben, antwortete der
Geistliche, um den Verwundeten zu trsten. Er verbarg ihm, da auf dem
Malachow-Hgel bereits die franzsische Fahne wehte.

Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fhlte nicht, wie ihm die
Thrnen ber die Wangen rannen.

Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf.
Gott gebe ihm ein ebensolches Glck! dachte er.


XXV

Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade
einem Mrchen, das ihm Wain erzhlte, als man pltzlich schrie: Die
Franzosen kommen! Das Blut strmte ihm augenblicklich nach dem Herzen,
er fhlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde
blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die
Soldaten ziemlich ruhig ihre Mntel zuknpften und einer nach dem
andern herauskrochen, -- der eine, wie es schien, war es Mjelnikow,
sagte sogar scherzend:

Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!

Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der
Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder
diesseits noch jenseits zu hren. Nicht so sehr das ruhige Aussehen
der Soldaten, als vielmehr die klgliche, unverhohlene Feigheit des
Junkers ermutigte ihn. Darf ich denn wie dieser sein? dachte er und
lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mrser standen. Er konnte
deutlich erkennen, wie die Franzosen ber einen freien Platz gerade
auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne
blitzenden Bajonetten, in den nchsten Laufgrben bewegten. Ein kleiner
breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und
sprang ber die Gruben.

Mit Karttschen schieen! schrie Wolodja und stieg eilig von der
Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der
metallene Ton einer abgeschossenen Karttsche pfiff ber seinen Kopf
hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mrser. Das erste! das
zweite! kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem
Mrser zum andern lief und vollstndig die Gefahr verga. Von der Seite
her lie sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und
unruhiges Geschrei hren.

Pltzlich ertnte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein
erschtternder Schrei der Verzweiflung: Wir sind umzingelt,
umzingelt! Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen
zeigten sich im Rcken. Einer von ihnen, ein hbscher Mann mit
schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie
herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und
lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert
da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich
umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen;
zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In
seiner Nhe war auer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel
gefallen, und Wlang, der einen Geschtzhebel erfat und mit wtendem
Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwrts strzte, niemand mehr.
Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach! schrie die verzweifelte
Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von
hinten gekommen waren. Des Junkers wtende Gestalt machte ihn stutzig.
Einem der vordersten schlug er ber den Kopf, und die anderen blieben
unwillkrlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: Mir
nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie! --
lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen
scho. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder
hervor, um zu sehen, was sein vergtterter Fhnrich mache.

Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur
Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen,
die auf die Unsrigen schossen.


XXVI

Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den
zwanzig Soldaten, die bei der Mrserbatterie gewesen, hatten sich nur
acht gerettet.

In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit
Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefllten Dampfer nach
der Nordseite ber. Die Schsse hatten berall aufgehrt. Die Sterne
glnzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein
heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion
flammten lngs der Erde Blitze auf; Explosionen erschtterten die Luft
und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstnde und in die Luft
fliegende Steine. In der Nhe der Docks war ein Brand, und die rote
Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen berfllte Brcke
war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet.
Die groe Flamme schien ber dem Wasser auf der fernen Landzunge
der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer
Rauchwolke, die ber ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen,
herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte.
Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brnde waren
die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten
Schiffe sichtbar. Gesprch lie sich auf dem Verdeck nicht hren; nur
hrte man durch das gleichmige Gerusch der zerteilten Wellen und des
Dampfes auf der Fhre die Pferde schnauben und mit den Fen stampfen,
die Kommandoworte des Kapitns und das Sthnen der Verwundeten. Wlang,
der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stck Brot aus
der Tasche und begann es zu kauen; pltzlich aber erinnerte er sich
Wolodjas und begann so laut zu weinen, da die Soldaten in seiner Nhe
es hrten.

Sieh, unser Wlanga it Brot und weint dabei! sagte Wain.

's ist wunderbar! entgegnete ein anderer.

Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezndet ... fuhr er seufzend
fort. Daran, da von unsereinem so viele dort gefallen, hat der
Franzose noch nicht genug!

Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafr sei
dem Herrn Dank! sagte Wain.

Aber doch ist es krnkend ...

Ach was, krnkend? Wird er denn dort herumspazieren? Wo denkst
du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder
abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber,
so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt -- wird's ihm
abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewi nicht! ...
Behalt dir nur die nackten Wnde, die Schanzen sind smtlich in die
Luft gesprengt ... Auf dem Hgel hat er sein Fhnchen aufgesteckt, aber
in die Stadt wagt er sich nicht.

Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... La uns nur
Zeit! schlo er, zu den Franzosen gewandt.

Gewi wird das geschehen! sagte der andere mit berzeugung.

Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate
hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war,
die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten,
einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht,
den Ha und endlich das Entzcken der Feinde erregt hatten, auf
den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war
tot, de, schrecklich, aber nicht still, -- noch immer wurde das
Werk der Zerstrung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen
aufgerissenen und eingestrzten Erde lagen berall zerbogene Lafetten
auf russischen und feindlichen Leichen, -- schwere gueiserne, fr
immer verstummte Kanonen, die durch eine frchterliche Gewalt in
Gruben geworfen und halb mit Erde berschttet waren, -- Bomben,
Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstcke von Balken aus den
Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mnteln. Das
alles zitterte noch hufig nach und wurde durch die Purpurflamme der
Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschtterte.

Die Feinde sahen, da etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen
Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des
Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter
dem Eindruck des krftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht
zu glauben, da ihr unerschtterlicher Feind verschwunden sei, und
erwarteten, ohne sich zu rhren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.

Wie das Meer in strmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und
ngstlich erbebt in seiner ganzen Flle und am Ufer brandet, so bewegte
sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis
ber die Brcke auf der Nordseite -- fort von dem Ort, auf dem es
so viel tapfere Brder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute
getrnkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt
strkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen
mute.

Unbegreiflich und schwer war fr jeden Russen der erste Eindruck dieses
Befehls. Das zweite Gefhl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute
fhlten sich widerstandsunfhig, sobald sie die Orte verlassen hatten,
an denen sie zu kmpfen gewohnt waren, und drngten sich unruhig in
der Finsternis am Anfang der Brcke zusammen, die von einem starken
Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre
Bajonette stieen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen
drngten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich
Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren
beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rdergerassel arbeitete
sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als mglich
davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen
in Anspruch genommen waren, war doch das Gefhl der Selbsterhaltung
und der Wunsch, so schnell als mglich von diesem furchtbaren Orte des
Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefhl hatte der
tdlich verwundete Gemeine, der unter fnfhunderten solcher Verwundeter
auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der
Landwehrmann, der sich mit uerster Kraftanstrengung in die dichte
Menge drngte, um dem vorberreitenden General den Weg freizumachen,
der General, der standhaft den bergang leitete und gegen die Hast der
Soldaten ankmpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon
geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepret wurde, da
ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf
einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederlieen, weil die
gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der
sechzehn Jahre sein Geschtz bedient hatte und der es auf den Befehl
der Fhrung, der ihm unverstndlich war, mit Hilfe der Kameraden
den steilen Abhang der Bucht hinabgestrzt hatte, die Seeleute, die
eben das Wasser in die Schiffe einlieen und in ihren Barkassen mit
schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das
jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mtze ab und bekreuzte sich.
Aber diesem Gefhl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes
Gefhl: es war ein Gefhl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder
Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol
hinberblickte, seufzte mit unsagbarer Trbsal im Herzen und drohte den
Feinden.




Kaukasische Erzhlungen


Ein Ueberfall -- Der Holzschlag

Begegnung im Felde


Vom Sommer 1851 bis zum Herbst 1853 war Leo Tolstoj als Offizier im
Kaukasus. Die neue Welt, die ihn hier umgab, wirkte auf den Dichter mit
solcher Macht ein, da auch die kurze Zeit seines Aufenthalts ungemein
reiche Frchte trug.

Der Kaukasus lebte in der Vorstellung des gebildeten Russen als ein
fernes Paradies, in dem der seelenkranke Westeuroper Gesundung
findet. Diese romantische Vorstellung von den Gebirgslndern, die an
der Scheide Europas und Asiens liegen, hatten die Lyrik Puschkins,
die Erzhlerkunst Lermontows und die Romanschilderungen Marlinskijs
erzeugt. Leo Tolstoj tritt an die neue Welt, die sich ihm aufthut, mit
unverschleiertem Blick heran und entkleidet sie ihres erborgten Reizes.
Nicht geringer ist fr ihn die Majestt der Natur, nicht schwcher die
Eindrcke, die der Mensch der Unkultur und der unter ihrem Einflusse
vernderte russische Mann aus den niederen Schichten des Volks auf
ihn machen. Aber anders *geartet* ist alles. Es ist der Unterschied
des Wirklichkeitsbildes und der idealisierenden, absichtsvollen
Selbsttuschung.

Die Werke, die dieser Zeit ihre Anregung verdanken, sind: Ein
Ueberfall, Der Holzschlag, Eine Begegnung im Felde mit einem
Moskauer Bekannten und Die Kosaken. Ich habe alle vier (in meiner
Biographie Leo Tolstojs) unter dem gemeinsamen Titel *Kaukasische
Erzhlungen* zusammengefat. Nicht alle vier sind im Kaukasus selbst
niedergeschrieben: Ein Ueberfall ist aus dem Jahre 1852, Der
Holzschlag ist in den Jahren 1854/55 zu Papier gebracht, mitten unter
den Strmen der Sewastopoler Kmpfe, Eine Begegnung im Felde stammt
aus dem Jahre 1856, und Die Kosaken sind gar erst ein Jahrzehnt
spter (1861) zum Abschlu gediehen und im Jahre 1863 verffentlicht.

Alle diese Erzhlungen durchzieht als leitender Gedanke: die Abneigung
gegen die Kultur und *die* Gesellschaftsschicht, die sich als ihre
ausschlieliche Eigentmerin fhlt, und die Liebe zu dem schlichten
Volk, das unbewut Tugenden bewahrt hat, die dem Gebildeten fehlen.
Hie und da bricht auch schon ernster die Verabscheuung des Krieges
hindurch, eine Idee, die spter, gesttzt auf den Satz des Evangeliums:
da ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel zu einer der wichtigsten
Grundstze Tolstojscher Weltanschauung geworden ist.

                                                  R. L.




Ein Ueberfall

Erzhlung eines Freiwilligen


I

Es war am 12. Juli, Kapitn Chlopow trat in Epauletten und Sbel --
einer Uniform, in der ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nie
gesehen hatte -- durch die niedrige Thr meiner Erdhtte ein.

Ich komme direkt vom Obersten, antwortete er auf den fragenden Blick,
mit dem ich ihm entgegenkam. Morgen rckt unser Bataillon aus.

Wohin? fragte ich.

Nach N. N., dort sollen sich die Truppen sammeln.

Und von da wird es gewi einen Marsch geben.

Wahrscheinlich.

Wohin aber, was glauben Sie?

Was ich glaube? Ich sage Ihnen, was ich wei. Gestern Nacht kam ein
Tatar vom General hergesprengt und brachte den Befehl, das Bataillon
solle ausrcken und fr zwei Tage Zwieback mitnehmen; wohin es geht,
weshalb und wie lange, danach, Freundchen, fragt man nicht; der Befehl
ist da, und das gengt.

Wenn aber nur fr zwei Tage Zwieback mitgenommen werden soll, so
werden wohl auch die Mannschaften nicht lnger unterwegs bleiben?

Nun, das will noch gar nichts sagen ...

Wie denn aber? fragte ich verwundert.

Das ist einmal so! Wir marschierten nach Dargi, fr acht Tage nahmen
wir Zwieback mit und blieben fast einen Monat dort.

Werde ich mit Ihnen mitgehen drfen? fragte ich nach einer kurzen Pause.

Drfen werden Sie schon, aber ich rate Ihnen, gehen Sie lieber nicht
mit. Warum sollen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen? ...

Nein, Sie mssen mir schon gestatten, Ihrem Rate nicht zu folgen. Ich
habe hier einen ganzen Monat ausgehalten, um endlich die Gelegenheit
abzuwarten, ein Gefecht mit anzusehen, und nun wollen Sie, da ich sie
vorbergehen lasse.

Bitte, kommen Sie mit; aber, wahrhaftig, ist es nicht gescheiter, Sie
bleiben hier? Sie knnten hier abwarten, bis wir wiederkommen, Sie
knnten jagen, und wir werden mit Gott ausrcken. Das wre prchtig!
-- sagte er in so berzeugendem Tone, da es mir im ersten Augenblick
wirklich so vorkam, als wre das herrlich; dann sagte ich entschlossen,
da ich um keinen Preis zurckbleibe.

Und was wollen Sie denn dort sehen? fuhr der Kapitn fort mir
zuzureden. Sie mchten gern wissen, wie es in einer Schlacht zugeht?
Lesen Sie Michajlowskij-Danilewskijs Beschreibung des Kriegs,
ein wundervolles Buch! Da ist alles ausfhrlich beschrieben: wo die
einzelnen Korps gestanden haben, wie die Schlachten vor sich gehen.

O nein, das interessiert mich nicht, antwortete ich.

Nun was denn: Sie wollen also, wie es scheint, einfach mit ansehen,
wie man Menschen totschlgt? ... Da war hier im Jahre 32 auch so ein
Civilist, ein Spanier war es, glaube ich. Zwei Feldzge hat er mit
uns mitgemacht, in seinem blauen Mntelchen -- schlielich haben sie
den Burschen abgemurkst. Hier, Vterchen, wird kein Mensch dich viel
bewundern ...

So peinlich es mir auch war, da der Kapitn meine Absicht in so
hlichem Sinne auslegte, gab ich mir doch keine Mhe, ihm eine andere
berzeugung beizubringen.

War er tapfer? fragte ich ihn.

Das wei Gott: er war immer in den ersten Reihen; wo man Gewehrknattern
hrte, sah man ihn.

Er mu also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich.

Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer berall herumrennt, wo man
ihn nicht braucht ...

Was nennen Sie also tapfer?

Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitn, mit der Miene eines
Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: *Tapfer*
ist, *wer sich so benimmt, wie sich's gehrt*, sagte er nach einigem
Nachdenken.

Mir fiel ein, da Plato die Tapferkeit definiert als die Kenntnis
dessen, was man zu frchten hat und was man nicht zu frchten hat, und
trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition
des Kapitns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so
schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitns sei
sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn
htte er sich so auszudrcken verstanden, wie Plato, so wrde er sicher
gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das frchtet, *was man frchten mu*,
und nicht das, *was man nicht zu frchten braucht*.

Ich hatte Lust, dem Kapitn meinen Gedanken klarzumachen.

Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und
eine Wahl, die z. B. unter dem Einflu des Pflichtgefhls getroffen
ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einflu eines
niedrigen Gefhls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen
Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben
aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen,
der unter dem Einflu des ehrenwerten Gefhls von Familienpflicht oder
einfach der berzeugung -- einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen
Feigling nennen.

Der Kapitn sah mich, whrend ich sprach, mit einem sonderbaren Blick
an.

Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein
Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch
gern. Mit dem mssen Sie sprechen. Er macht auch Verse.

Ich hatte den Kapitn erst im Kaukasus kennen gelernt, aber gekannt
hatte ich ihn schon in Ruland. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopowa,
war Besitzerin eines kleinen Gtchens, zwei Werst von meiner Besitzung.
Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus war ich bei ihr gewesen; die Alte
war sehr erfreut, da ich ihren Paschenka (wie sie den alten, grauen
Kapitn nannte) aufsuchen wollte und -- ein lebendiger Brief -- ihm von
ihrem Leben und Treiben erzhlen und ein Pckchen berbringen konnte.
Sie hatte mir einen vorzglichen Pirogg und Spickgans vorgesetzt,
dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam von da mit einem schwarzen,
ziemlich groen Heiligenbilde zurck, an dem ein Seidenbndchen
befestigt war.

Das ist das Bild unserer Mutter Gottes, der Frsprecherin, vom
brennenden Dornbusch, sagte sie, bekreuzte sich, kte das Bild
der Gottesmutter und berreichte es mir: berbringen Sie ihm das,
Vterchen. Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus ging, habe ich eine
Messe lesen lassen und ein Gelbde gethan, wenn er gesund und
unversehrt bleibt, dieses Mutter-Gottesbild zu bestellen. Nun sind
es schon achtzehn Jahre, da die barmherzige Frsprecherin und die
Heiligen ihn schtzen; nicht ein einziges Mal war er verwundet, und
in wieviel Schlachten ist er schon gewesen! ... Wie mir Michajlo, der
mit ihm war, zu erzhlen anfing, glauben Sie mir, die Haare stehen
einem zu Berge; sehen Sie, was ich von ihm wei, wei ich alles nur von
fremden Leuten, er selbst, mein Tubchen, schreibt nichts von seinen
Kriegszgen -- er frchtet mich zu ngstigen.

(Schon im Kaukasus hatte ich erfahren, und zwar nicht von dem Kapitn
selbst, da er viermal schwer verwundet gewesen, und es versteht sich
von selbst, da er ber die Verwundungen wie ber die Feldzge nie
seiner Mutter ein Wort geschrieben hatte.)

Dieses Heiligenbild soll er nun auf seiner Brust tragen, fuhr sie fort,
ich segne ihn damit.

Die heilige Frsprecherin wird ihn beschtzen! Besonders in der
Schlacht soll er es immer tragen. Sag's ihm, Vterchen, das lt dir
deine Mutter sagen.

Ich versprach ihren Auftrag pnktlich auszufhren.

Ich wei, Sie werden ihn liebgewinnen, meinen Paschenka, fuhr die Alte
fort, er ist ein so prchtiger Mensch! Wollen Sie glauben, kein Jahr
geht vorber, in dem er mir nicht Geld schickt, und meine Tochter, die
Annuschka, untersttzt er auch sehr; und alles nur von seinem Gehalt!
Mein ganzes Leben werde ich Gott danken, schlo sie mit Thrnen in den
Augen, da er mir ein solches Kind geschenkt hat.

Schreibt er Ihnen oft? fragte ich.

Selten, Vterchen, so einmal im Jahre, wenn er Geld schickt, schreibt
er wohl ein Wrtchen, sonst nicht. Wenn ich dir nicht schreibe
Mtterchen, sagt er, dann bin ich gesund und munter, und wenn, was Gott
verhte, etwas passiert, so wirst du es auch so erfahren.

Als ich dem Kapitn das Geschenk der Mutter berreichte (es war in
meinem Zimmer), bat er mich um Umschlagpapier, hllte es sorgfltig ein
und steckte es in die Tasche. Ich erzhlte ihm viel und ausfhrlich
ber das Leben seiner Mutter -- der Kapitn schwieg. Als ich mit meiner
Erzhlung zu Ende war, ging er in die Ecke und stopfte auffallend lange
sein Pfeifchen.

Ja, eine prchtige Frau! sagte er von dort her mit etwas dumpfer
Stimme. Ob's mir Gott noch vergnnt, sie wiederzusehen? In diesen
einfachen Worten lag sehr viel Liebe und Sehnsucht.

Warum dienen Sie hier? sagte ich.

Man mu doch dienen, antwortete er mit berzeugung, fr einen armen
Teufel wie unsereins will das doppelte Gehalt viel sagen.

Der Kapitn lebte sparsam: Karten spielte er nicht, Wein trank er
selten und rauchte einen einfachen Tabak, den er, ich wei nicht
warum, nicht Rauchtabak, sondern sambrotalischen Tabak nannte. Der
Kapitn hatte mir schon frher gefallen: er hatte eine von den
schlichten, ruhigen, russischen Physiognomien, denen man mit Vergngen
und leicht gerade in die Augen sieht; nach dieser Unterhaltung aber
empfand ich vor ihm wahre Hochachtung.


II

Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitn, mich
abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten,
breite Hosen, eine weie Fellmtze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem
Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Sbel ber die Schulter.

Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem
Schritt und schlug bestndig mit seinem dnnen Schweife um sich.
Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitns nicht nur wenig
Kriegerisches, sondern auch wenig Schnes lag, sprach aus ihr doch so
viel Gleichgltigkeit gegen alles, was ihn umgab, da sie unwillkrlich
Achtung einflte.

Ich lie ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd,
und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.

Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine
schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur *daran* konnte man
erkennen, da es Infanterie war, da die Bajonette wie dichte, lange
Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Tne eines
Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prchtigen Tenors aus der
sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzcken
gehrt hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und
breiten Engpa am Ufer eines kleinen Flchens entlang, der gerade um
diese Zeit spielte, d. h. ber die Ufer trat. Scharen wilder Tauben
flatterten um den Flu: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer,
bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden
unsern Blicken.

Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite
des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weilichen
Steine, das gelbgrne Moos, die taubedeckten Strucher des Kreuzdorns,
der Mispel und der Korkulme traten mit auerordentlicher Deutlichkeit
und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne
hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel
gehllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und
dster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blalila, fast
schwarz, dunkelgrn und wei.

Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in
berraschender Helligkeit die hellweien, matten Massen der Schneeberge
mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schnen
Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere
Insekten erwachten im hohen Grase und erfllten die Luft mit ihrem
hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge
winziger Glckchen in unsern eigenen Ohren tnte. Die Luft duftete nach
Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schnen
Sommermorgen. Der Kapitn schlug Feuer und zndete sein Pfeifchen
an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir
auerordentlich angenehm vor.

Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller
einzuholen. Der Kapitn schien nachdenklicher als gewhnlich, lie
sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stie bei
jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite
auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrne Spur in
dem feuchten, hohen Grase zurcklie. Unter seinen Fen flog mit
Gackern und mit dem Flgelschlage, bei dem der Jger unwillkrlich
zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Hhe. Der Kapitn
schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.

Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns
der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hrbar wurde, und in
demselben Augenblick sprengte ein sehr hbscher, junger Bursche in
Offiziersuniform und in einer hohen, weien Fellmtze vorber. Als er
uns erreicht hatte, lchelte er, nickte dem Kapitn zu und schwang
sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, da er mit besonderer
Anmut im Sattel sa und die Zgel hielt, und da er schne, schwarze
Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbrtchen hatte.
Besonders hatte mir an ihm gefallen, da er das Lcheln nicht hatte
unterdrcken knnen, nachdem er gesehen, da wir Freude an seinem
Anblick hatten. Aus diesem Lcheln allein htte man schon schlieen
knnen, da er noch sehr jung war.

Wohin eilt er? brummte der Kapitn mit mrrischer Miene, ohne den
Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.

Wer ist das? fragte ich.

Der Fhnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist
erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.

Er geht gewi zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.

Darum ist er auch so glcklich ... -- antwortete der Kapitn,
tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!

Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, da
das fr einen jungen Mann sehr interessant sein mu.

Der Kapitn schwieg einige Minuten.

Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann
man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst fter
ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind
jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fllt oder
wird verwundet, das ist gewi. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir,
bermorgen einem dritten: was giebt es da fr einen Grund zur Freude?


III

Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergo
ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken
zerstreuten sich, und es wurde hei. Die Soldaten marschierten mit
ihren Gewehren und Sbeln auf dem Rcken langsam die staubige Strae
dahin, in den Reihen hrte man von Zeit zu Zeit ein Gesprch in
kleinrussischer Mundart und Gelchter. Einige alte Soldaten in weien
Kitteln, -- meist Unteroffiziere --, gingen neben dem Wege, mit dem
Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispnnige
Fuhren bewegten sich Schritt fr Schritt vorwrts und wirbelten den
dichten, schwerflligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die
einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das
Pferd mit der Peitsche und lieen es vier, fnf Sprnge machen, dann
parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rckwrts.
Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz
Glut und Stickluft unermdlich ein Lied nach dem andern spielten.

Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem groen Schimmel
neben den berittenen Tataren ein schlanker und schner Offizier in
asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkhnen
Tapferkeit bekannt und als ein Mann, der jedem die Wahrheit in
die Augen wirft. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte,
ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Fen anliegende Stiefel
mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe
nach hinten eingedrckte Fellmtze. ber Brust und Rcken liefen
silberne Borten, daran hingen auf dem Rcken Pulverhorn und Pistole;
eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen
am Grtel. ber der Kleidung war sein Sbel in schner Saffianscheide
mit Silberbesatz umgrtet, ber die Schultern hing die Windbchse in
schwarzem berzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem
ganzen Gebahren, berhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich,
da er sich Mhe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den
Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber
an den verwunderten, spttischen Blicken, die diese letzteren einander
zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, da sie ihn nicht verstanden. Es
war einer von unseren jungen Offizieren, einer der khnen Ritter und
Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen.
Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer
Zeit, eines Mulla Nur und hnlicher und lassen sich in allen ihren
Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem
Beispiel dieser Vorbilder.

Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anstndiger
Frauen und ernster Mnner: Generale, Obersten, Adjutanten -- ja, ich
bin berzeugt, da er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er
war im hchsten Grade eitel; aber er hielt es fr seine unbedingte
Pflicht, allen ernsten Mnnern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er
auch in seiner Derbheit sehr mavoll war; und lie sich eine Dame
in der Festung sehen, so hielt er es fr seine Pflicht, mit seinen
Kameraden blo in einem roten Hemd und mit Fulappen an den nackten
Beinen an ihrem Fenster vorberzugehen und so laut als mglich zu
schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu krnken, als
in der Absicht, zu zeigen, was er fr schne weie Fe habe, und
wie man sich in ihn verlieben knnte, wenn er das nur wollte. Oder
er zog hufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nchte
in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die
vorberkamen, aufzulauern und sie zu tten; und obgleich ihm sein Herz
oft genug sagte, da darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich
fr verpflichtet, den Menschen Leid zuzufgen, die ihm, wie er meinte,
Enttuschungen bereitet, und die er verachtete und hate. Zwei Dinge
legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug,
und das Dolchmesser, das ber dem Hemd hing, und mit dem er sich auch
zu Bette legte. Er war aufrichtig davon berzeugt, da er Feinde habe.
Sich selbst zu berzeugen, da er an jemandem Rache zu nehmen und mit
Blut eine Beleidigung zu shnen habe, war fr ihn der hchste Genu. Er
war berzeugt, da die Gefhle des Hasses, der Rache und der Verachtung
des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefhle seien.
Seine Geliebte aber, -- natrlich eine Tscherkessin -- mit der ich
spter zufllig zusammentraf, erzhlte, er sei der beste und sanfteste
Mensch, und er schreibe jeden Abend seine dsteren Aufzeichnungen
nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und
knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur
um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil
seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie
er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nchtlichen
Straenstreifzge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel
einen feindlichen Tschetschenzen am Fu und nahm ihn gefangen. Dieser
Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte
ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war,
entlie er ihn mit Geschenken. Spter einmal, whrend eines Kriegszugs,
als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurckwich und sich gegen den
Feind durch Schieen verteidigte, hrte er aus den Reihen der Feinde
seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten
und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der
Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drckte ihm die Hand.
Die Bergbewohner standen in der Nhe und schossen nicht; als aber der
Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine
Kugel streifte ihn unterhalb des Rckens. Ein andermal habe ich selbst
gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien
Soldaten waren mit dem Lschen beschftigt, pltzlich erschien mitten
in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe
Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drngte die Menge
auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz
nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und strzte in das Haus,
das von einer Seite lichterloh brannte. Fnf Minuten spter kam der
Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurck
und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet
hatte.

Er hie Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete
sie von den Wargern ab und suchte klar zu beweisen, da er und seine
Vorfahren echte Russen waren.


IV

Die Sonne hatte die Hlfte ihres Wegs zurckgelegt und sandte ihre
glhenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde
herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fu der
Schneeberge begann sich in ein weies, leichtes Wolkengewand zu
hllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub
erfllt zu sein, es war unertrglich hei geworden. Als die Truppen an
einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hlfte unseres Weges
flo, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen
und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im
Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze
Wrde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum
Imbi bereit; der Kapitn legte sich im Grase unter einem Fouragewagen
nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge
Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmntel und trafen
Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen
konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute,
die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein
kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:

  Schamyl wollte revoltiren
  In vergangnen Jahren,
  Traj--raj, ra--ta--taj ...
  In vergangenen Jahren.

Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fhnrich, der uns
am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen
leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute kssen und ihnen
seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wute noch nicht, da man
in diesem Zustande lcherlich sein kann, da seine Offenheit und die
Zrtlichkeit, die er allen aufdrngte, die anderen nicht zu der Liebe
stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. -- Er wute auch
nicht, da er nachher, als er sich in glhender Erregung endlich auf
seinen Filzmantel warf, sich in die Hand sttzte und sein schwarzes,
dichtes Haar zurckwarf, auerordentlich hbsch war.

Zwei Offiziere saen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren
Reisekstchen Karten.

Neugierig lauschte ich auf die Gesprche der Soldaten und Offiziere
und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte
bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich
empfand: Scherze, Gelchter, Erzhlungen deuteten auf eine allgemeine
Sorglosigkeit und Gleichgltigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin.
Als knnte man gar nicht vermuten, da vielen von ihnen bestimmt sein
sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurckzukommen.


V

Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und mde durch das breite,
befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und
warf ihre schrgen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschtzstnde
und die Grten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die
bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weien Wolken,
die sich auf den Schneebergen trmten, als ob sie es ihnen nachthun
wollten, und eine nicht minder wunderliche und schne Kette bildeten.
Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wlkchen am
Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf
dem Dach einer Erdhtte stand, die Rechtglubigen zum Gebet; die
Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.

Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich
zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General
von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt,
wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung
N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine
hbsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Htchen zu sehen
und franzsische Unterhaltung zu hren war, fuhr an mir vorber. Aus
dem geffneten Fenster des Kommandanturgebudes drangen die Klnge
einer Lieschen- oder Kthchenpolka, die auf einem schlechten,
verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich
vorberkam, saen, die Cigaretten in den Hnden, einige Schreiber beim
Glase Wein, und ich hrte, wie der eine zum andern sagte: Ich mu
sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns
die erste Dame. Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von
krnklichem Aussehen schleppte mhsam einen krchzenden, zerbrochenen
Leierkasten, und ber die ganze Vorstadt erklangen die Tne des
Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen
Halstchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Hnden gingen auf
dem Fusteig von Holz leichten Schritts an mir vorber. Zwei junge
Mdchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen
unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Huschens
und lachten mit einem unnatrlichen, hellen Lachen; sie wnschten
offenbar die Aufmerksamkeit der vorbergehenden Offiziere auf sich zu
lenken. Offiziere in neuen Rcken, weien Handschuhen und glnzenden
Achselbndern stolzierten durch die Strae und ber den Boulevard.

Ich traf meinen Bekannten im Erdgescho des Generalsgebudes. Kaum
hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, da er
sehr leicht erfllt werden knne, als an dem Fenster, an dem wir saen,
die hbsche Kutsche vorbergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt
hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in
Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.

Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem
Platze, ich mu unbedingt dem General Meldung machen.

Wer ist denn angekommen? fragte ich.

Die Grfin, antwortete er, knpfte die Uniform zu und eilte hinauf.

Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hbscher Mann in einem
Rock ohne Epauletten mit einem weien Kreuz im Knopfloch auf die
Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei
andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen
des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl
bewut ist.

_Bon soir, madame la comtesse_, sagte er und reichte ihr durch das
Wagenfenster die Hand.

Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drckte seine
Hand, und ein hbsches, lchelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien
an dem Fenster des Wagens.

Von dem ganzen Gesprch, das nur wenige Minuten dauerte, hrte ich nur
im Vorbergehen, wie der General lchelnd sagte:

_Vous savez, que je fait v[oe]u de combattre les infidles, prenez donc
garde de le devenir._

Im Wagen erklang ein Lachen.

_Adieu donc, cher gnral._

_Non, au revoir_, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe
hinausging, _n'oubliez pas, que je m'invite pour la soire de demain_.

Der Wagen rollte weiter.

Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles
hat, was man in Ruland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen;
und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott
allein kennt, mit einer hbschen Dame, verspricht ihr, am nchsten
Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle
zusammengetroffen wre.

Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen,
der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom
K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und
Schchternheit anzeichnete.

Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem rger und seinem
Unwillen ber die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn
intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es
sei hlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er
werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Zge
beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte,
ich mute die berzeugung gewinnen, da er sich keineswegs verstellte,
da er vielmehr tief erregt und erbittert darber war, da man ihm
nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schieen und sich ihren
Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu
sein pflegt, das man eben unverdient gezchtigt hat ... Mir war das
alles gnzlich unverstndlich.


VI

Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrcken. Um halb neun stieg ich
zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, da er und sein
Adjutant beschftigt seien, hielt ich an der Strae, band mein Pferd
an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem
General nachzueilen, wenn er ausreiten wrde.

Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Khle der Nacht
und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich
her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des
Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster
der Huser und durch die Ritzen der Lden der Erdhtten schimmerten
Lichter. Die schlanken Pappeln der Grten, die sich am Horizont hinter
den weigetnchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhtten mit den
Schilddchern abhoben, erschienen noch hher und dunkler.

Die langen Schatten der Huser, der Bume, der Zune breiteten sich
schn ber den hellen staubigen Weg ... Vom Flu her tnte ohne
Unterla das Quarren der Frsche.[G] Auf den Straen hrte man bald
eilige Schritte und Gesprche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der
Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klnge einer Drehorgel herber:
bald Es wehen die Winde, bald so was wie ein Aurora-Walzer.

 [G] Die Frsche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts
 gemein hat mit dem Quaken unserer Frsche.

Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschftigte:
erstens weil ich mich schmen wrde zu gestehen, da es dstere
Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, whrend
ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens
aber, weil das nicht zu meiner Erzhlung gehrt. Ich war so in Gedanken
versunken, da ich nicht einmal bemerkte, da die Glocke elf schlug und
der General mit seinem Gefolge an mir vorberritt.

Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mhe gelang es
mir, ber die Brcke zwischen den zusammengedrngten Geschtzen,
Pulverkasten, Kompagniewagen und der geruschvoll kommandierenden
Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen
war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die
sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit
vorwrts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie
vorberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren,
die zwischen den Geschtzen ritten, traf mich wie ein beleidigender
Miklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme
eines Deutschen. Er schrie: Achtillechist, gieb mir die Lunte, und
die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: Schewtschenko, der Herr
Leutnant wnscht Feuer.

Der grte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen
Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne
hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der
dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf ber
ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dmmerlicht, das sich scharf
von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das ber ihren Fu gebreitet
lag. Die Luft war warm und so still, da sich nicht ein Grschen, nicht
ein Wlkchen regte. Es war so finster, da man selbst in nchster Nhe
die Gegenstnde nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege
sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen
-- und ich erkannte erst dann, da es Strucher waren, wenn ich ihr
Rascheln hrte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blttern
hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter
der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der
ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, da man deutlich all
die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfllten Stimmen der
Nacht hrte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie
verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einfrmige
Zirpen der Grillen, das Quaken der Frsche, den Schlag der Wachtel,
einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht
erklren konnte; und all die nchtlichen, kaum vernehmbaren Regungen
der Natur, die man weder begreifen, noch nher erklren kann, flossen
zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen.
Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, flo
zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases,
das die langsam vorwrtsgehende Abteilung hervorrief.

Von Zeit zu Zeit nur hrte man in den Reihen das Getse eines schweren
Geschtzes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrcktes
Plaudern und das Schnauben der Pferde.

Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schnheit und Kraft.

Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schnen Welt,
unter diesem unermelichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser
bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefhl der Bosheit,
der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von
Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen mte,
meine ich, sich verflchtigen bei der Berhrung mit der Natur -- diesem
unmittelbaren Ausdruck des Schnen und Guten.


VII

Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte
ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis
sah ich dieselben dunklen Gegenstnde unklar vor mir: in geringer
Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe
neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte
und die Hinterfe breit auseinander setzte, einen Rcken in weier
Tscherkeska, ber dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war
und der weie Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh
schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart,
einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete.
Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schlo die Augen und
versank einige Augenblicke in Trume; da pltzlich traf bekannter
Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich
stnde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag,
komme auf mich zu, oder diese Wand stnde fest, und ich ritt gerade auf
sie zu. In einem dieser Augenblicke berraschte mich das herannahende,
dumpfe Getse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch
strker -- es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe
Schlucht und nherten uns einem Bergflu, dessen berschwemmungszeit
gerade den Hhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getse wuchs, das feuchte
Gras wurde dichter und hher, die Strucher wurden seltener, der
Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem
dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer
auf und erloschen sofort wieder.

 [H] Die Ueberschwemmungszeit der Flsse im Kaukasus ist der Juli.

Sagen Sie mir, bitte, was sind das fr Feuer? fragte ich flsternd den
Tataren, der neben mir ritt.

Ei, weit du das nicht? antwortete er.

Nein.

Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den
Feuerbrand werfen.

Warum denn?

Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fgte er lachend hinzu,
herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er
in die Schlucht schleppen.

 [I] Tomascha bedeutet Unfrieden in der eigentmlichen Mundart, die
 die Russen und Tataren in ihrem gegenseitigen Verkehr erfunden
 haben. Diese Mundart kennt viele Worte, deren Wurzel weder aus dem
 Russischen, noch aus den tatarischen Sprachen zu erklren sind.

 [J] Churda-Murda bedeutet in demselben Mundart Hab und Gut.

Wissen sie denn in den Bergen schon, da eine Abteilung herankommt?
fragte ich.

Ja, wie soll er das nicht wissen, er wei es immer, die Unseren sind
solch ein Volk!

So rstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich.

Jok,[K] antwortete er und schttelte den Kopf zum Zeichen der
Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die
Nabs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg
herunter.

 [K] Jok ist das tatarische Nein.

 [L] Nabs sind Leute, welchen Schamyl irgend einen Teil der Verwaltung
 anvertraut hat.

Wohnt er weit von hier?

Weit nicht, hier links, zehn Werst knnen's sein.

Woher weit du? ... fragte ich, warst du denn dort?

O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen.

Und hast du Schamyl gesehen?

Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert,
tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit
dem Ausdruck unterwrfigster Hochachtung.

 [M] Das Wort Muriden hat viele Bedeutungen, aber in dem Sinne, in dem
 es hier gebraucht ist, bezeichnet es ein Mittelding zwischen einem
 Adjutanten und einem Mitglied der Leibwache.

Wenn man emporsah, konnte man bemerken, da der lichter werdende Himmel
im Osten zu leuchten begann und der kleine Br sich zum Horizont
herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht
und dunkel.

Pltzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige
Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die
Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither
Schsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett
des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei,
schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander.

Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar
in weier Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm
flsternd mit lebhafter Gebrde eine lange Zeit.

Oberst Chassanow, lassen Sie die Schtzenkette ausschwrmen! sagte der
General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme.

Die Abteilung nherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge,
die Schluchten blieben im Rcken; es begann Tag zu werden. Der
Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren,
erschien hher; die Morgenrte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein
frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel
stieg wie Dampf ber dem rauschenden Flusse auf.


VIII

Der Fhrer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr
nach auch der General mit seinem Gefolge, berschritt den Flu. Das
Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit auerordentlicher Kraft
strzte es zwischen den weien Steinen dahin, die hie und da aus der
Wasserflche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde
schumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen
des Wassers, richteten die Kpfe empor, spitzten die Ohren, gingen
aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strmung ber den
unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Hhe,
die Fusoldaten, die buchstblich nur mit einem Hemd bekleidet waren,
hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbndel befestigt hatten,
ber dem Wasser, faten sich je zwanzig Hand an Hand und kmpften mit
einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprgt
war, gegen die Strmung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre
Pferde im Trab mit groem Geschrei in das Wasser. Die Geschtze und
die Pulverkasten, ber die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte,
klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen
wacker die Strnge, teilten die schumende Flut und erklommen mit
feuchtem Schweif und feuchter Mhne das andere Ufer.

Sobald der bergang vollzogen war, lag pltzlich auf dem Antlitz des
Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd
und ritt im Trab mit der Reiterei ber die von dem Walde umsumte Wiese
dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten
schwrmten am Waldesrand entlang.

Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmtze, ein
Fugnger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren
sagt: Das sind die Tataren. Da wird auch ein leichter Rauch hinter
dem Baum sichtbar ... Ein Schu, ein zweiter ... Unser rasches Schieen
bertnt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die
mit gedehntem Klang, hnlich dem Summen der Bienen, vorberfliegt,
da nicht alle Schsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist
das Fuvolk, im Trab die Geschtze in die Schlachtlinie eingerckt;
man hrt den drhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der
fliegenden Karttschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der
Gewehre. Die Reiterei, das Fuvolk und die Geschtzmannschaft tauchen
von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwlkchen der
Gewehre, der Raketen und Kanonen flieen mit dem taubedeckten Grn und
dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General
heran und hlt sein Pferd in vollem Ritt pltzlich an.

Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mtze gelegt, befehlen Sie,
da die Kavallerie vorrckt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er
zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit
roten und blauen Fhnchen an den Lanzen, auf weien Rossen vorausreiten.

 [N] Die Zeichen haben bei den Bergvlkern beinahe die Bedeutung von
 Fahnen, nur mit dem Unterschied, da jeder Dshigit sich seine eigenen
 Zeichen machen und fhren kann.

Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.

Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Sbel und
ruft: Urrah!

Urrah, urrah, urrah, ... tnt es durch die Reihen, und die Reiterei
strmt ihm nach.

Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein
drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff
abzuwarten, im Walde und erffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die
Kugeln kommen dichter geflogen.

_Quel charmant coup d'[oe]il!_ sagt der General, indem er seinen
dnnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprnge machen lt.

_Charmant!_ antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd
einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. _C'est un
vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays_, sagt er.

_Et surtout en bonne compagnie_, fgt der General mit anmutigem Lcheln
hinzu.

Der Major verneigte sich.

In diesem Augenblick fliegt mit raschem, hlichem Zischen eine
feindliche Kugel vorbei und schlgt irgendwo ein; hinter uns hrt
man das Sthnen eines Verwundeten. Dieses Sthnen ergreift mich so
sonderbar, da das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber
fr mich verliert; aber niemand auer mir scheint das zu bemerken: der
Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier
wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General
sieht auf die entgegengesetzte Seite hinber und sagt mit dem ruhigsten
Lcheln etwas auf franzsisch.

Befehlen Sie ihre Schsse zu erwidern? fragt heransprengend der
Befehlshaber der Artillerie.

Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlssig
und raucht eine Cigarette an.

Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde sthnt
unter dem Geschtzdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein
Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft
der Geschtze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.

Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten
und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei
erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke,
die sie selbst aufwirbelt.

Das Schauspiel war wahrhaft groartig. Eines nur strte mir, als einem
Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war,
den Eindruck, weil es berflssig erschien -- diese Lebhaftigkeit,
diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkrlich drngte sich mir der
Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit
einem Beile die Luft zu spalten.


IX

Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war
vom Feinde zurckgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das
auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.

Die langen, reinlichen Htten mit den flachen Lehmdchern und den
hbschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hgeln zerstreut,
zwischen denen ein kleines Flchen hinflo. Auf der einen Seite
schimmerten im hellen Sonnenlicht die grnen Grten mit den ungeheuren
Birnen- und Pflaumenbumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten
empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hlzerne
Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fhnlein befestigt
waren. (Das waren die Grber der Dshigiten.)

Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.

Eine Minute spter zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fugnger
mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der de Aul war
im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlgt eine
Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthr wird erbrochen; hier
wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Htte in Brand gesteckt, und dichte
Rauchwolken steigen in Sulen in die klare Luft empor. Da schleppt
ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trgt mit
freudestrahlendem Gesicht aus der Htte ein blechernes Waschbecken und
einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer mht sich mit ausgebreiteten
Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern;
ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er
trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.

Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch
im Aul. Der Kapitn sa auf dem Dach einer Htte und blies aus seinem
kurzen Pfeifchen die Rauchwlkchen seines *sambrotalischen* Tabaks mit
so gleichgltiger Miene in die Luft, da ich bei seinem Anblick verga,
da ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefhl hatte, als
sei ich hier vllig zu Hause.

Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.

Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald
dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thtigkeit und hatte das
Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen
ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Htte herauskam;
ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden fhrten.
Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen
herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich,
da seine fest auf dem Rcken zusammengeschnrten knochigen Arme sich
kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten
Beine sich nur mit Mhe vorwrts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar
ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen.
Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener
Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhrlich, als ob er
etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das
Feuer und prgte sich deutlich des Alters Gleichgltigkeit gegen das
Leben aus.

Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den
andern geflohen sei.

Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.

Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.

Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin
ein alter Mann.

Frchtest du dich denn nicht vor den Russen?

Was knnen mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder
und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet
hatte.

Als ich wieder zurckkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mtze
mit gebundenen Hnden zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken
sa und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war
zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.

Ich kletterte auf das Dach und lie mich neben dem Kapitn nieder.

Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu
ihm, denn ich wollte seine Meinung hren ber den eben beendeten Kampf.

Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind
gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen,
wenn wir den Rckzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns
begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fgte er hinzu und
zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen
waren.

Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitn, indem
ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns
gesammelt hatten.

Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herber und die
Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man knnte es sehen ... hast du
ein Messer, Ewstignjetsch? ... Gieb das Messer her ...

Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitn ruhig.

Aber in demselben Augenblick kam pltzlich mit glhendem, erregtem
Gesicht der hbsche Fhnrich um die Ecke gestrmt und strzte, mit den
Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.

Rhrt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.

Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und
lieen einen weien Ziegenbock los. Der junge Fhnrich wurde uerst
verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene
vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitn auf dem Dache erblickte,
errtete er noch mehr und kam in hpfenden Schritten zu uns heran.

Ich glaubte, sie wollten ein Kind tten, sagte er mit schchternem
Lcheln.


X

Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich
die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des
Kapitns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rckten gleichzeitig aus.

Die Prophezeiung des Kapitns ging vollstndig in Erfllung. Wir hatten
kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als
von beiden Seiten unaufhrlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fu
vorberhuschten, und in solcher Nhe, da ich ganz deutlich sah, wie
einige zusammengekauert, die Bchse in der Hand, von einem Baum zum
andern hinberrannten.

Der Kapitn entblte sein Haupt und bekreuzte sich andchtig;
einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hrte man wildes
Kriegsgeschrei und die Worte: Iaj, giaur! uru iaj! Knatternde kurze
Bchsenschsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von
beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur
selten hrte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: *Er*[O] feuert von
da, *er* hat es leicht, hinter den Bumen versteckt, *Kanonen* mten wir
haben ... u. s. w.

 [O] *Er* ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den
 Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.

Die Geschtze rckten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen
Karttschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen
Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das
Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder strker.

Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurckgezogen, als die
feindlichen Kugeln pfeifend ber unsern Huptern zu schwirren begannen.
Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber
wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzhlen, da
ich doch selbst viel dafr gbe, wenn ich es vergessen knnte.

Leutnant Rosenkranz selbst scho, ohne auch nur einen Augenblick
zu unterbrechen, aus seiner Bchse, schrie mit heiserer Stimme die
Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flgel zum andern. Er
war ein wenig bla, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.

Der hbsche Fhnrich war entzckt. Seine schnen schwarzen Augen
strahlten vor Khnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lcheln;
immer wieder kam er zu dem Kapitn herangeritten und bat um die
Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.

Wir werfen sie zurck, sagte er mit innerer berzeugung. Wahrhaftig,
wir werfen sie zurck.

Nicht ntig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir mssen zurckgehen.

Die Kompagnie des Kapitns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte
das feindliche Feuer liegend. Der Kapitn, in seinem abgetragenen
berrock und in seiner zerzausten Mtze, hatte seinem Pagnger,
einem Schimmel, die Zgel hngen lassen und seine Beine in dem kurzen
Steigbgel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und
derselben Stelle. (Die Soldaten wuten so gut, was sie zu thun hatten,
und fhrten es so gut aus, da man ihnen nicht zu befehlen brauchte.)
Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die
an, die die Kpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitns hatte wenig
Kriegerisches an sich, dafr aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit
und Schlichtheit, da sie mich auerordentlich berhrte. Das heit
wahrhaft tapfer, sprach es unwillkrlich in mir.

Er war *ganz so, wie ich ihn immer sah*. Dieselben sicheren Bewegungen,
dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem
unschnen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender
war, als gewhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines
Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt
sich leicht: *ganz so wie immer*; aber wie mannigfache Abstufungen habe
ich bei andern wahrnehmen knnen: der eine will ruhiger, der andere
ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewhnlich; an dem Gesicht
des Kapitns aber konnte man merken, da er gar nicht begreifen konnte,
warum man etwas scheinen sollte.

Der Franzose, der bei Waterloo sagte: _La garde meurt, mais ne se
rend pas_ und andere, besonders franzsische Helden, die denkwrdige
Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwrdige
Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des
Kapitns ist der Unterschied, da er, wenn sich auch ein groes Wort,
gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt
htte, er es -- davon bin ich berzeugt -- nicht ausgesprochen htte:
erstens, weil er gefrchtet htte, durch das groe Wort selbst, wenn
er es aussprach, das groe Werk zu zerstren; zweitens, weil, wenn
ein Mensch die Kraft in sich fhlt, ein groes Werk zu vollbringen,
jedes Wort berflssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere
und groe Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein
russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern
fade franzsische Phrasen hrt, die es dem veralteten franzsischen
Rittertum gleich zu thun streben? ...

Pltzlich erklang von der Seite, wo der hbsche Fhnrich mit seinem
Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei
dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und
dem Sack auf dem Rcken mit Mhe und Not ber ein bebautes Ackerfeld
liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei
vorwrts. Ihnen voraus sprengte mit gezcktem Sbel der junge Fhnrich.

Alles verschwand im Walde.

Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam
aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestrzt, und am Saum erschienen
Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den
Letzteren war der junge Fhnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den
Arm gesttzt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hbsches Kpfchen,
auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war,
die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den
Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weien Hemd
unter dem aufgeknpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.

Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkrlich und wandte mich von
diesem traurigen Schauspiel ab.

Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit dsterer
Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gesttzt, neben mir stand. Er
frchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fgte er hinzu
und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinber. Er ist noch nicht
gescheit und hat es ben mssen.

Frchtest du dich denn? fragte ich.

Etwa nicht?


XI

Vier Soldaten trugen den Fhnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm
fhrte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei
grne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers
aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu
der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mhe, den Verwundeten zu
ermuntern, aufzurichten und zu trsten.

Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten
tanzen knnen, sagte lchelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.

Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte wrden den Mut des hbschen
Fhnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck
des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete
Wirkung nicht.

Auch der Kapitn kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten
unverwandt, und in seinen stets gleichmtig-khlen Zgen prgte sich
aufrichtiges Mitleid aus.

Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von
so zrtlicher Teilnahme erfllt war, wie ich es nie von ihm erwartet
htte. Gott hat es offenbar so gewollt.

Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges
Lcheln.

Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.

Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitn.

Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde
und was er sonst noch brauchte, streifte die rmel auf und trat mit
einem ermunternden Lcheln an den Verwundeten heran.

Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen
Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.

Der Fhnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen
Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht.
Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete
aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem
Sthnen zurck.

Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz
gleich, ich sterbe.

Mit diesen Worten fiel er zurck, und fnf Minuten spter, als ich
an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen
Soldaten fragte: Wie steht's mit dem Fhnrich? antwortete man mir:
Er geht hinber.


XII

Es war schon spt, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit
klingendem Spiel sich der Festung nherte. Die Sonne war hinter dem
schneebedeckten Bergrcken versunken und warf ihre letzten rosigen
Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten
Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in blulichen Nebel zu
hllen; nur ihre hchsten Umrisse hoben sich mit auerordentlicher
Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der lngst
aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem
hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grn des Grases und der Bume
wurde schwrzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen
bewegten sich mit gleichmigem Laut ber die duftigen Wiesen; von
allen Seiten tnten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der
Stimmfhrer der sechsten Kompagnie lie seine Stimme mit voller Kraft
erschallen, die Tne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und
Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.




Der Holzschlag

Erzhlung eines Junkers


I

Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie
stand im Felde in der groen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar
hatte ich erfahren, da der Zug, den ich in Abwesenheit des
Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum
Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die ntigen
Befehle empfangen und weitergegeben und mich frher als gewhnlich in
mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es
mit glhenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war,
auf mein Bett, das auf Pflcken hergerichtet war, zog die Fellmtze
ber die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den
eigentmlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick
der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schlft. Die Erwartung des
Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.

Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, ri mir jemand den
warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rtliche Farbe der Kerzen
traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.

Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schlo die Augen,
zog unbewut den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben
Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rttelte mich
erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rckt aus. Da wurde
mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schttelte mich und sprang
auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem
eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der
Ort, wo die Geschtze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die
nchtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum
gelagert waren, und verstrkten die Dunkelheit durch ihren matten
Purpurschein. In der Nhe war ein gleichmiges ruhiges Schnarchen zu
hren, in der Ferne die Bewegungen, das Gesprch und das Waffengeklirr
des Fuvolks, das sich zum Aufbruch rstete; es roch nach Rauch, Lunte
und Nebel; der Schauer der Morgenkhle lief mir ber den Rcken und
meine Zhne schlugen unwillkrlich gegeneinander.

Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag
konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die
bespannten Protzwagen und Pulverksten, und an den leuchtenden Punkten
der Lunten, wo die Geschtze standen. Mit den Worten: Mit Gott!
erklirrte das erste Geschtz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten,
und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mtzen
ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den
Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete
etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der
Befehlshaber gekommen war.

Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle
Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den
Zugfeuerwerker Maksimow erkannte.

Wer?

Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, -- ich habe ihn
gesehen --, jetzt fehlt er.

Da nicht anzunehmen war, da die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen
wrde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um
Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit
zwei Reiter vorber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in
diesem Augenblick rhrte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in
Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht
da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwrts gekommen, als beide
Soldaten uns einholten.

Wo war er? fragte ich Antonow.

Er hat im Park geschlafen!

Wie, hat er denn einen Rausch?

Ei, Gott bewahre.

Warum ist er denn aber eingeschlafen?

Das wei ich nicht.

Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den
Nebel ber unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gestruch
dahin, das unter den Rdern der Geschtze knirschte. Endlich, als
wir den flachen, aber auerordentlich reienden Bach berschritten
hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertnten abgerissene
Bchsenschsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf
alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen
ertnte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine
mit dem Kameraden, der eine hpfte von einem Bein auf das andere,
ein dritter kaute Zwieback oder bte zum Zeitvertreib: Prsentiert
das Gewehr, oder: Gewehr bei Fu. Dabei begann der Nebel im Osten
sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fhlbarer, und die
Gegenstnde rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte
schon die grnen Lafetten und Pulverksten unterscheiden, das von der
Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschtze, die bekannten, ohne
meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen
Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der
Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotscken, Kugelausziehern
und Kesseln auf dem Rcken.

Bald wurde uns befohlen, vorwrts zu gehen, und nachdem wir
einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde
uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des
schlangenartigen Flchens und die hohen hlzernen Sulen eines
tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein
dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie,
die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon
Soldaten ging mit Gewehren und xten in den Wald.

Es waren kaum fnf Minuten vergangen, als von allen Seiten die
Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten
sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Hnden und Fen an,
schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhrlich schallte durch den
Wald der Klang von hundert xten und gefllten Bumen.

Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der
Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezndet, und obgleich es schon in
solcher Glut loderte, da man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen
konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehngten Zweige
emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten,
und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen
und absterbendes weies Gras rings um das Feuer bildete, schien doch
alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stmme heran,
legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an.

Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuznden,
holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem
Schuldbewutsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte,
in einem Anfall von bereifer ganz aus der Mitte mit bloer Hand eine
Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und
dann auf die Erde warf.

Znde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer.

Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich
endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Hnden eine
Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die
verbrannten Finger an den hinteren Schen seines Schafpelzes und hob,
wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen groen Cedernklotz auf
und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich
glaubte, ausruhen zu drfen, ging er ganz nahe an die Glut heran,
faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug,
aneinander, spreizte die Beine, streckte seine groen schwarzen Hnde
vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen.

Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist
schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte,
ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden.


II

In Ruland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die
man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der
kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie,
der Artillerie u. s. w.

Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel
Gemeinschaftliches haben, sind:

1. die Gehorsamen,

2. die Befehlerischen und

3. die Tollkhnen.

Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltbltig Gehorsame und b) in die
eifrig Gehorsame.

Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b)
Hflichbefehlerische.

Die Tollkhnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkhnen und b) in die
ausschweifenden Tollkhnen.

Der Typus, der am hufigsten vorkommt -- der liebenswrdigste,
sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit
Sanftmut, Frmmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes
verbundene Typus -- ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der
hervorstechende Zug des kaltbltig Gehorsamen ist die durch nichts
zu erschtternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschlge, die
ihn treffen knnen. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen
Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit;
das hervorstechende Merkmal der Eifrigen -- die Beschrnktheit der
Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Flei und Geschftigkeit.

Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in
den hheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren,
Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff
Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer
Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschliet.
(Zu diesem Typus gehrte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser
bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die hflich
Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen
beginnen. Der hflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen
und schreiben, trgt ein rosa Hemd, it nicht aus dem gemeinsamen
Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hlt sich fr etwas
unvergleichlich Hheres als den gewhnlichen Soldaten und pflegt selbst
selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten
Klasse.

Der Typus der Tollkhnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen
in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen
Tollkhnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschtternde
Heiterkeit, auerordentliche Fhigkeit zu allem, reiche Naturanlagen
und Khnheit sind -- und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten
Abteilung: der der ausschweifenden Tollkhnen, die indessen, wie zur
Ehre des russischen Heeres gesagt werden mu, hchst selten vorkommen,
und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der
Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Khnheit
im Laster sind die Hauptcharakterzge dieser Abteilung.

Welentschuk gehrte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war
Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher
und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, auerordentlich
eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und auerordentlich
ehrenhaft. Ich sage: auerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen
Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, hchst augenscheinlich diese
charakteristische Eigenschaft hervortreten lie. Ich mu bemerken, da
fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten
Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk
selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt,
da Michail Dorofetsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen
Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht.
Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel
fr Michail Dorofetsch zu machen bernommen; aber in der Nacht, in
der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im
Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglck. Das
Tuch, das *sieben Rubel* kostete, war in der Nacht verloren gegangen!
Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thrnen in den Augen, mit
zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail
Dorofetsch wurde wtend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte
er dem Schneider, dann lie er die Sache, als ein Mann von Wohlstand
und Gte, sein und forderte von Welentschuk nicht, da er ihm den
Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war,
soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglck vorerzhlte,
der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen
ausschweifenden, tollkhnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm
in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der
hflichbefehlerische Michail Dorofetsch hatte, als ein Mann von
Wohlhabenheit, der mit dem Kapitn _d'armes_ und dem Leiter der Artel,
den Aristokraten der Batterie, Geschfte hatte, bald den Verlust seines
Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglck nicht
vergessen. Die Soldaten sagten, sie htten damals fr ihn gefrchtet,
ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, --
so stark hatte dies Unglck auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er a
nicht, selbst zur Arbeit war er unfhig und weinte bestndig. Nach drei
Tagen kam er zu Michail Dorofetsch, ganz bleich, zog mit zitternder
Hand einen Gulden aus dem rmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei
Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofetsch, und auch das habe ich
von Shdanow borgen mssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch
zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer
er war, wute Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu
einem Schurken gemacht. Er -- die giftige, gemeine Seele! -- hat seinem
Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fnfzehn Jahre
diene ich und ... Zu Michail Dorofetschs Ehre mu ich sagen, da er
von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm
Welentschuk zwei Monate spter brachte.


III

Auer Welentschuk wrmten sich am Wachtfeuer noch fnf Mann meines
Zuges.

An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschtzt war, sa auf
einem Holzfchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein
Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses
Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewutsein des
eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfchen, auf dem er
sa, das in der Raststtte das Abzeichen der Macht bildete, und den
Nanking-berzogenen Pelzrock.

Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber
blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel spter wandte sich sein
Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein
Einhfer. Er besa Vermgen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht
erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich
und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich,
wie er einmal bei einer bung im Scheibenschieen mit dem Quadranten
den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklrte, da die
Wasserwage nichts anderes sei, als das atmosphrische Quecksilber
seine Bewegung hat. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und
verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglckselige
Eigentmlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, da man ihn
unmglich verstehen konnte, und da er selbst, wie ich berzeugt bin,
seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die
Worte: hervorgehen und fortfahren und wenn er anfing: daraus
geht hervor oder fortfahrend, dann wute ich schon vorher, da ich
von allem, was dann kam, nichts verstehen wrde. Die Soldaten aber
hrten, wie ich bemerken konnte, sein fortfahrend mit Vergngen und
vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich,
kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verstndnisse setzten
sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor
Maksimytsch war nur um so grer. Mit einem Worte, Maksimow war einer
von den Hflichbefehlerischen.

Der zweite Soldat, der in der Nhe des Feuers die Stiefel auf seine
sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der
schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschtz ohne
Deckung zurckgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit
zwei Kugeln im Schenkel das Geschtz weiter bedient und geladen hatte.
Er htte lngst Feuerwerker sein mssen, wenn er einen anderen
Charakter htte, sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der
That einen sonderbaren Charakter. War er nchtern, so gab es keinen
ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber
getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine
Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz
unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche
tchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er
ans Geschtz gebunden wurde, hrte er nicht auf zu saufen und Unfug
zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber
nhrte er sich, trotz des Befehls, da die ganze Mannschaft keine
Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten
Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. brigens mute
man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswrts
gebogenen Beinen und der glnzenden, brtigen Fratze sehen, wenn er
im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschtzig nach
allen Seiten umhersah und die Herrin zu spielen begann, oder wenn er
den Mantel, an dem die Orden baumelten, khn umwarf und, die Hnde in
die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, ber die Strae ging --
man mute den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschtzung
alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Zge spielte, um
zu begreifen, da es fr ihn ganz unmglich war, in einem solchen
Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufllig in den
Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz
Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht
so sehr zum eigenen Vergngen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und
des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fhlte.

Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer sa, war
der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges
Schnurrbrtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife
im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten
zu nennen pflegten, war ein *Spamacher*. Im furchtbarsten Frost,
im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der
Musterung, bei der bung, immer und berall schnitt der gute, liebe
Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Spe und trieb
solche Scherze, da der ganze Zug sich vor Lachen schttelte. Auf der
Raststtte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis
junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzhlte
Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord,
oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch
einfach seine Bemerkungen, ber die sich alle zu Tode lachen konnten.
Allerdings war sein Ruf als eines Spamachers in der Batterie schon so
gefestigt, da er nur den Mund zu ffnen und mit den Augen zu blinzeln
brauchte, um ein allgemeines Gelchter hervorzurufen, aber er hatte
wirklich viel echt Komisches und berraschendes an sich. Er verstand
in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht
in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fhigkeit, in allem
etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung.

Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut
der vorjhrigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge
teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, da man
glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock msse jeden Augenblick
Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurckgeschlagenen
Schen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den
hervortretenden Waden erkennen, da er ein groes Behagen empfand.

Der fnfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer
sa und ein Stbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an
Dienstjahren der lteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte
sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten
Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte
nie, er spielte nie Karten (nicht einmal Nase), er brauchte nie ein
hliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschftigte er sich
mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es
mglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild
und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte.
Mit den Soldaten lie er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang hher
standen, wenn sie auch jnger an Jahren waren, war er von khler
Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig
Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und
die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las
ihnen die Instruktionen vor und half ihnen hufig. Alle Leute in der
Batterie hielten ihn fr einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besa,
die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow,
derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzhlte mir, als er
einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten,
trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe
Shdanow, der seine unglckliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen,
ihm einen strengen Verweis wegen seiner Auffhrung erteilt, ihn sogar
geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu
fhren habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr
hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. Er hat einen
Menschen aus mir gemacht, pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung
und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich
stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem
Unglck wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen
anderen whrend seiner 25jhrigen Dienstzeit.

Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der
seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als
er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt
zu werden, obwohl er schon fnfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows
einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder
besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von
Sngern unter den jngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen,
obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hnde in den Taschen
des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drckte durch Bewegungen
des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich wei nicht, warum
ich in dieser gleichmigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die
ich nur bei ihm beobachtet habe, auerordentlich viel Ausdruck fand.
Der schneeweie Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das
gebrunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein
strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine groen runden
Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so
wurde man pltzlich durch etwas auerordentlich Mildes, fast Kindliches
berrascht.


IV

Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden!
sagte Welentschuk immer wieder.

Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei
verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen -- ich rauche zu Hause
auch immer Cigarren, die schmecken ser.

Selbstverstndlich schttelten sich alle vor Lachen.

Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine
Gelchter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten
stolz seine Pfeife auf der Flche der linken Hand aus. Wo bist du denn
eigentlich gewesen, Welentschuk, he?

Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mtze, lie
sie aber bald wieder sinken.

Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, da du im
Stehen einnickst. Dafr wird man euresgleichen keinen Dank sagen.

Zerreit mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur
ein Trpfchen im Munde gehabt habe; ich wei selbst nicht, was mit mir
geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben,
da ich mich htte betrinken sollen? brummte er vor sich hin.

Das ist's ja eben, da ist man fr euresgleichen seinem Vorgesetzten
verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art!
schlo der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone.

Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem
minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und
wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's!
Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir
noch nie passiert. Als es hie zum Appell antreten, da war ich zur
Stelle, wie sich's gehrt -- ganz in der Ordnung -- da pltzlich beim
Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig.
Und wie ich eingeschlafen bin, wei ich nicht, Kameraden! Es mu die
Schlafsucht selbst gewesen sein, schlo er.

Ich habe dich ja kaum wach kriegen knnen, sagte Antonow, whrend er
sich den Stiefel aufzog. Ich rttelte und rttelte dich ... wie ein
Stck Holz.

Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich mu tchtig betrunken gewesen sein
...

So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch
zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie -- sie
schlft, denken die Leute -- und sie liegt euch tot da; sie bekam auch
immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.

Aber erzhl' doch, Tschikin, wie du whrend des Urlaubs den Ton
angegeben hast, sagte Maksimow lchelnd und sah mich an, als wollte er
sagen: Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhren?

Was fr einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir
schielend einen Blick zu. Das wei ja jeder. Ich habe erzhlt, wie es
im Kaukasus aussieht.

Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzhle, wie du
sie angefhrt hast.

Das ist bekannt, wie ich sie angefhrt habe ... Sie fragten, wie wir
leben -- begann Tschikin in berstrzter Rede mit der Miene eines
Menschen, der schon oft dasselbe erzhlt hat. -- Wir leben gut, lieber
Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und
abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt
es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins
bekommt jeder ein Glschen Modera -- Modera Divirje, der ohne Flasche
zweiundvierzig Kopeken kostet.

Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schttelte sich mehr als die
anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!

Na und was hast du von den Asiaten erzhlt? fuhr Maksimow fort zu
fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.

Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stbchen eine
kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als
bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hrern erregt
hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich
Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mtze
noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem
leichten Lcheln fort:

Sie fragen mich auch, was das da fr ein kleiner Tscherke ist, oder,
sagt er, schlgt man bei euch im Kaukasus den Trken? Bei uns, sag'
ich, lieber Freund, giebt's nicht *einen* Tscherkessen, sondern viele.
Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt
Brot essen. Die sind so gro, sag' ich, wie ein tchtiger Klotz, haben
ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mtzen, die brennen nur so, ganz
wie deine, lieber Freund! fgte er hinzu, zu einem jungen Rekruten
gewandt, der wirklich eine hochkomische Mtze mit rotem Deckel trug.

Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache
pltzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches
Lachen und Husten aus, da er nur mit tonloser Stimme hervorbringen
konnte: Das sind die Tawlinzen!

Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren -- fuhr Tschikin fort und
rckte mit einer Kopfbewegung seine Mtze in die Stirn, -- das sind
wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten
sie sich bei den Hnden und rennen, sag' ich, so wie der Wind, da man
sie zu Pferde nicht einholen kann. -- Wie, sagt er, wie ist das bei
den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte
er mit kehlartiger Bastimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen.
Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die
Hnde auseinanderzureien, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen,
nimm ihm die Mtze ab, gleich kommt Blut. -- Aber sag' uns, Kleiner,
wie schlagen sie sich, sagt er. -- Ei so, sag' ich: Sie packen dich,
schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedrme um den Arm
und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die
Seele aus dem Leibe ...

Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit
leichtem Lcheln, whrend die anderen sich halb tot lachten.

Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch -- bei
Gott, sie glauben alles! ... Dann erzhlte ich ihnen vom Berge Kasbek,
da da den ganzen Sommer ber der Schnee nicht schmilzt, da lachten
sie mich tchtig aus, guter Freund! -- Was faselst du, Kleiner? Hat
man so etwas gesehen, ein groer Berg und darauf soll der Schnee nicht
schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hgel
-- und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch
liegen. -- Da hast du's! -- schlo Tschikin und blinzelte mit den Augen.


V

Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweien Nebel
hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue
Horizont erweiterte sich allmhlich und war, wenn auch bedeutend
weiter, aber doch ebenso scharf von der tuschenden weien Nebelwand
begrenzt.

Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich
weites Feld auf. ber das Feld breitete sich von allen Seiten her ein
schwarzer, dort ein milchweier oder violetter Rauch von Wachtfeuern,
und die weien Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten.
Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hrte
man in Zwischenrumen die Schsse aus unsern Stutzen, aus ihren Bchsen
und Geschtzen.

Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz, wie der gute
Kapitn Chlopow sagt.

Der Kommandeur der neunten Jgerkompagnie, der sich bei uns in der
Deckung befand, trat zu seinen Geschtzen heran, zeigte auf drei
berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorberkamen,
mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen
Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe fr Artilleriefeuer, eine Kugel
oder Granate auf sie zu schleudern.

Sehen Sie, sagte er mit einem guten und berzeugenden Lcheln und
streckte die Hand ber meine Schulter, dort, wo die zwei groen
Bume stehen, vorn ... Einer auf einem weien Pferd und im schwarzen
Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, knnte man
nicht, bitte ...

Und da reiten noch drei am Waldessaum, fgte Antonow, der sich durch
ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und
die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rcken verbarg. Der
Vordere nimmt eben seine Bchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz
deutlich, Euer Wohl'boren!

Ei sieh, er hat losgedrckt, Kameraden! da steigt ein weies
Rauchwlkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die
ein wenig hinter uns standen.

Gewi auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.

Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen
gewi den Ort -- wollen ein Geschtz aufstellen, fgte ein dritter
hinzu. -- Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen
hinberschickte, die wrden euch spucken ...

Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.

Fnfhundert oder fnfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte
Maksimow kaltbltig, als ob er mit sich selbst sprche, obgleich man
ihm anmerkte, da er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die
anderen, wenn man fnfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so mu
man ganz genau treffen, d. h. ganz vollstndig.

Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Hufchen zielt, so mu man
unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden
zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als mglich zu
schieen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhrlich.

Befehlen Sie das Geschtz zu richten? fragte pltzlich Antonow mit
seiner schwerflligen Bastimme und mit einer Miene finsteren Zornes.

Ich gestehe, ich hatte selbst groe Lust dazu, und ich befahl, das
zweite Geschtz zu richten.

Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate
mit Pulver bestreut und eingefhrt, und Antonow kommandierte schon, an
die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des
Geschtzes sttzend: Protzstock rechts und links.

Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch,
noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene
von dem Geschtz zurck.

Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem
andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.

Bei Gott, es trgt hinber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit
der Zunge, obgleich er nur ber Antonows Schulter hinweggeblickt und
daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trgt
schnurstracks hinber, in den Baum dort mu sie einschlagen, Kameraden!

Zweites Geschtz, kommandierte ich.

Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite,
um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zndrohr flammte auf,
das Erz erdrhnte. In diesem Augenblick hllte uns Pulverdampf ein,
und von den erschtternden, dumpfen Tnen des Schusses lste sich der
metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden
Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.

Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weier Rauch sichtbar,
die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der
krepierten Granate klang zu uns herber.

Das war schn! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben
sie nicht gern! lieen sich Beifall und Scherze in den Reihen der
Artilleristen und der Infanteristen hren.

Htte man's ein bichen niedriger gerichtet, so htte sie ganz genau
getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum,
und so war's auch -- nach rechts ist sie gegangen.


VI

Ich verlie die Soldaten, whrend sie darber sprachen, wie die Tataren
davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie
hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wren, ging mit
dem Kompagniefhrer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen
Baum, und erwartete die aufgewrmten Klopse, die er mir angeboten
hatte. Der Kompagniefhrer Bolchow war einer von den Offizieren,
die man im Regiment die Bonjours nannte. Er besa Vermgen, hatte
frher in der Garde gedient und sprach franzsisch. Aber trotzdem
hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besa Takt
genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen
und franzsisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps bermig zu
beleidigen. Wir sprachen ber das Wetter, ber die Kriegsereignisse und
die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den
Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die berzeugung,
da wir in unseren Ansichten ziemlich bereinstimmten, und so gingen
wir unwillkrlich zu einem vertraulicheren Gesprch ber. Im Kaukasus
pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn
auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen:
weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage
schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.

Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er trge -- langweilig!

Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch
langweiliger.

Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wtend. Aber
nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?

Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.

Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte
er.

Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn
Ihnen hier so wenig gefllt?

Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es
so hergebracht ist. In Ruland giebt es doch eine besondere Tradition
vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land fr unglckliche Menschen
jeder Art.

Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...

Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser
Tradition gem nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich,
und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer
unglcklichen Liebe oder bei zerrtteten Verhltnissen lieber in
den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach
Kaluga. In Ruland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes
vor, mit ewig jungfrulichen Gletschern, mit reienden Strmen, mit
Dolchen, Filzmnteln, Tscherkessenmdchen -- alles das hat etwas
Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges.
Wenn sie wenigstens wten, da wir nie zu dem jungfrulichen Eise
gelangen, ja, da es gar kein Vergngen ist, dahin zu kommen, und da
der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w.
...

Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Ruland den Kaukasus mit ganz
anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren?
Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht,
stellt man sie sich viel hbscher vor, als sie sind.

Ich wei wahrhaftig nicht. Aber mir mifllt der Kaukasus im hchsten
Grade, unterbrach er mich.

Oh nein, der Kaukasus ist fr mich auch jetzt schn, nur in anderem
Sinne.

Er mag vielleicht auch schn sein, fuhr er mit einer gewissen
Gereiztheit fort. Ich wei nur, da ich mir im Kaukasus nicht gefalle.

Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.

Nun, erstens, weil *er* mich getuscht hat. Alles das, wovon ich
Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher
begleitet, nur mit dem Unterschied, da all dies frher auf der groen
Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe
ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen,
Gemeinheiten, Krnkungen finde; zweitens, weil ich fhle, wie ich mit
jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil
ich mich fr den Dienst in diesem Lande unfhig fhle: ich kann keine
Gefahren ertragen -- kurz, ich bin nicht tapfer ...

Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich auerordentlich in Erstaunen
setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wnschte,
sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das
immer in solchen Fllen zu sein pflegt.

Sie mssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal
im Feuer, fuhr er fort, und Sie knnen sich nicht vorstellen, was
mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, da
meine Kompagnie fr die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie
Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wten
Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, da Menschen
vor Angst grau werden, so mte ich heute ganz wei sein, denn
sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel
gelitten, wie ich; sogar jetzt fhle ich noch etwas hier drinnen, wenn
mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fgte er hinzu und
bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lcherlichste ist,
fuhr er fort, da sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man
selbst Klopse mit Lauch it und sich einredet, es sei sehr lustig ...
Giebt's Wein, Nikolajew? fgte er ghnend hinzu.

Das ist *er*, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte
Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des
fernen Waldes.

Eine bluliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne
und wurde grer und grer. Als ich begriffen hatte, da es ein Schu
des Feindes gewesen, nahm pltzlich alles, was in diesem Augenblick
vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die
zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel,
die grnen Geschtzgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem
groen Schnauzbart -- all dies schien mir zu sagen, da die Kugel, die
schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der
freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet
sein knnte.

Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlssig,
whrend im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich
sprachen: die eine Herr, nimm meine Seele in Frieden auf, die
andere Ich hoffe mich nicht zu bcken, sondern zu lcheln, wenn die
Kugel vorberkommt, -- und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich
Unangenehmes ber unsere Kpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die
Kugel ein.

Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wre, sagte Bolchow in
diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltbltig zu mir, htte
ich unbedingt irgend eine Liebenswrdigkeit gesagt.

Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur
mit Mhe die Unruhe verbergen, die die berstandene Gefahr in mir
hervorgerufen hatte.

Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.

So werde ich es niederschreiben.

Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik,
wie Mischtschenkow sagt, fgte er lchelnd hinzu.

Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und
spie rgerlich zur Seite aus, um ein Haar htte sie meine Beine gepackt.

Alle meine Bemhungen, kaltbltig zu erscheinen und alle unsere
knstlichen Phrasen erschienen mir pltzlich unertrglich dumm nach
diesem gutherzigen Ausruf.


VII

Der Feind hatte wirklich zwei Geschtze an der Stelle aufgepflanzt,
wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten
Schsse auf unsere Holzfller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese
vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am
Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hrte einen Schu, ein
Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die
feindlichen Geschosse fielen glcklich, und wir hatten keinen Verlust.

Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden
rasch, richteten sorgfltig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten
ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer
Unthtigkeit in unserer Nhe und wartete, bis sie an die Reihe kam.

Die Holzfller machten ihre Arbeit: die xte erklangen schneller und
hufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines
Geschosses hren lie, verstummte pltzlich alles, und durch die
Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: Bckt euch, Kinder!
-- und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer
und an die abgehauenen ste anschlug.

Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von
Wolken an und verschwand allmhlich in dem tiefdunklen Blau des
Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren
heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschtze,
auf die auftauchende Erde und den glnzenden Reif. In der Luft
fhlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wrme der
Frhlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in
dem trockenen Laub der Bume zusammen, und auf den ausgefahrenen,
glnzenden Wegen wurden die Spuren der Rder und der Hufeisendornen
deutlich sichtbar.

Die Bewegung unter den Truppen wurde immer strker und deutlicher.
Von allen Seiten sah man immer hufiger die blulichen Rauchwolken
der Schsse. Die Dragoner mit den flatternden Fhnlein an den Lanzen
ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertnten Lieder,
und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu
unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rckzuge
zu rsten. Der Feind hatte sich in den Gebschen unserem linken Flgel
gegenber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu
beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorbergesaust
und schlug in das Geschtzgestell, dann eine zweite, eine dritte ...
die Infanteriedeckung, die in unserer Nhe lag, sprang lrmend auf die
Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette.
Das Gewehrfeuer wurde strker, die Kugeln kamen hufiger geflogen.
Der Rckzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im
Kaukasus immer zu sein pflegt.

Aus allem konnte man erkennen, da den Artilleristen die Gewehrkugeln
unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow
machte ein verdrieliches Gesicht. Tschikin ffte das Summen der Kugeln
nach und trieb seinen Spa mit ihnen; aber man sah wohl, da sie ihm
nicht behagten. Bei einer sagte er: Wie eilig sie's hat, eine andere
nannte er Bienchen, eine dritte, die mit einem seltsam trgen und
klagenden Laut ber uns hinflog, nannte er eine Waise und rief damit
allgemeines Gelchter hervor.

Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder
Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei
den Soldaten Gelchter hervor. Wie, ist das eine Bekannte von
dir, da du sie grest? sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der
immer auerordentlich gleichmtig war in Gefahren, befand sich
jetzt in erregtem Zustand: es krnkte ihn offenbar, da wir nicht
mit Karttschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln
hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrielicher
Stimme: Soll *er* uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein
Geschtz richten wollte und eine Karttsche hinberblasen, dann wrde
er schon stumm werden.

In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte
Granate zu werfen und Karttschen zu laden.

Karttschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stckputzer
an das Geschtz heran, kaum da die Ladung heraus war.

In diesem Augenblick hrte ich ein wenig hinter mir den raschen
summenden Laut einer Gewehrkugel, der pltzlich mit einem trockenen
Schlag abri. Mein Herz krampfte sich zusammen. Es scheint jemand
von den Unsrigen getroffen zu haben, dachte ich, scheute mich
indessen zurckzublicken, unter dem Eindruck einer bengstigenden
Ahnung. Wirklich hrte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines
Krpers und oh--oh oh oh--oi! -- das herzzerreiende Sthnen eines
Verwundeten. Getroffen, Kameraden! sagte mhsam eine Stimme, die
ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rcken zwischen dem
Protzkasten und dem Geschtz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war
nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und ber das
rechte Auge und die Nase flo ein dichter roter Strom. Er hatte eine
Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er
sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.

Alles das ward mir viel spter erst klar; im ersten Augenblick sah ich
nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.

Keiner von den Soldaten, die das Geschtz geladen hatten, sprach ein
Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: Sieh mal
dieses Blut, und Antonow chzte mit dsterer Miene rgerlich; aber
an allem war zu erkennen, da der Gedanke an den Tod allen durch die
Seele zog. Alle gingen mit noch grerer Geschftigkeit ans Werk. Das
Geschtz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenfhrer, der die
Karttschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an
der der Verwundete lag und fort und fort sthnte.


VIII

Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewi das
seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefhl des Abscheus
vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch gettet oder verwundet
wurde. Diesem Gefhl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine
Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen
zu laden, der herangekommen war. Tschikin nherte sich rgerlich dem
Verwundeten, fate ihn, ohne auf sein strker werdendes Geschrei zu
achten, unter der Achsel und hob ihn auf. -- Was steht ihr da, greift
an, schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann,
Helfer, die kaum noch ntig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der
Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu
schlagen begann.

Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am
Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.

Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit:
Ach, das ist mein Tod! Ah -- ach Kameraden!

Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hrte er sogar auf zu
chzen, und ich hrte, da er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den
Kameraden sprach -- wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.

Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv
beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn
so schnell als mglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu
den Geschtzen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk
wnsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.

Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden
Hnden am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen
Sekunden vollstndig verndert. Es war, als ob er abgemagert und um
einige Jahre lter geworden wre; seine Lippen waren dnn, bla und mit
sichtbarer Anstrengung zusammengepret; an die Stelle des unstten und
stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten,
und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Zge des
Todes.

Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen
verursachte, bat er, man mchte von seinem linken Bein sein
Geldtscheres[P] abnehmen.

 [P] Tscheres ist ein Beutelchen in der Form eines kleinen Grtels, den
 die Soldaten gewhnlich unterhalb des Knies tragen.

Ein entsetzlich niederdrckendes Gefhl rief der Anblick seines
nackten, weien und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den
Stiefel abzog und den Tscheres losband.

Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem
Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so
gut sein, sie aufzubewahren.

Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er lie ihn halten.

Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie
haben mir zwei Moneten gegeben. Fr anderthalb habe ich Knpfe gekauft,
und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knpfen.
Geben Sie sie zurck.

Schn, schn, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.

Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er
begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreiender Stimme zu sthnen
und zu chzen. Als htte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet
waren, keine Ursache mehr, sich zu berwinden, hielt er jetzt diese
Erleichterung, die er sich schaffte, fr erlaubt.


IX

Ei, wohin? ... Zurck! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der
seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stckchen
in der Hand mit grter Kaltbltigkeit dem Wagen folgte, auf dem der
Verwundete fortgefhrt wurde.

Der Rekrut aber warf mir nur einen trgen Blick zu, brummte etwas
vor sich hin und ging weiter, so da ich einen Soldaten hinschicken
mute, um ihn zurckzubringen. Er nahm sein rotes Mtzchen ab, lchelte
tlpelhaft und sah mich an.

Wo hast du hinwollen? fragte ich.

Ins Lager.

Warum das?

Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lchelnd.

Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.

Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltbltig um, setzte
seine Mtze auf und ging auf seinen Platz.

  [Illustration: Gedankenwechsel]

Der Kampf war im allgemeinen ein glcklicher. Die Kosaken hatten,
wie es hie, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren
eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zhlte im
ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der
eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafr hatte man
etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesubert, da man
ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man
frher dort gesehen hatte, ffnete sich eine ungeheure Wiesenflche,
bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die
sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhrte, uns
mit Geschtz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flchen und den
Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der
Rckzug glcklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der
Hammelrippe mit Grtze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht
kam, der General habe befohlen, am Flchen eine Schanze aufzuschtten
und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der
vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den
Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fuvolk mit den Gewehren
und dem Holz ber den Schultern -- alles zog mit Lrmen und Gesang an
uns vorber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie
sie die berstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen
hatten. Nur wir und das dritte Bataillon muten auf diese angenehmen
Gefhle noch bis morgen warten.


X

Whrend wir, die Artilleristen, um die Geschtze beschftigt waren,
whrend wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den
Pferden die Fustricke lsten, hatte die Infanterie schon die Gewehre
zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus sten und Maisstroh
Htten gebaut und angefangen die Grtze zu kochen.

Es begann zu dmmern. Am Himmel zogen blauweie Wolken hin. Die
Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und
netzte den Boden und die Mntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde
enger, und die ganze Umgegend hllte sich in dstere Schatten. Die
Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fhlte,
die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gesprch, an
dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Fe
ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drckendste,
unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer
Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze
einfache Geschichte eines Soldatenlebens drngte sich unabweislich
meiner Phantasie auf.

Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie
sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als da
sein einfltiger Glaube an ein zuknftiges, himmlisches Dasein in dem
entscheidenden Augenblicke htte schwanken knnen.

Gr Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich
geflligst zum Kapitn bemhen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.

Ich drngte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten
Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow
und dachte mit Vergngen an das Glas heien Thees und an die frhliche
Unterhaltung, die meine dsteren Gedanken vertreiben wrden.

Gefunden? ertnte Bolchows Stimme aus der Maishtte, in der ein
Flmmchen schimmerte.

Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in
tiefem Ba.

Bolchow sa im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknpftem
Rock und ohne seine Pelzmtze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und
stand eine Trommel mit allerlei Imbi. In dem Fuboden steckte ein
Bajonett mit einem Licht.

Wie? sagte er mit Stolz und lie seinen Blick ber seinen gemtlichen
Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hbsch, da
ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten
Welentschuk ganz verga. Wir kamen in ein Gesprch ber Moskau, ber
Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.

Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die
belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lchelnd an.

Ich mu glauben, unser Gesprch von heute morgen ist Ihnen sehr
sonderbar vorgekommen? sagte er.

Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig.
Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie
sprechen darf.

Warum nicht? Wenn es irgend eine Mglichkeit gbe, dieses Leben selbst
mit dem abgeschmacktesten und rmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und
ohne den Dienst, zu vertauschen, ich wrde mir's keinen Augenblick
berlegen.

Warum gehen Sie nicht nach Ruland? sagte ich.

Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht.
Ich kann jetzt nicht eher nach Ruland zurck, als bis ich den
Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen,
wie ich es erwartete, als ich herging.

Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, fr den hiesigen Dienst
untauglich fhlen?

Wenn ich mich aber noch weniger fhig fhlte, nach Ruland so
zurckzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den
berlieferungen, die in Ruland von Mund zu Mund gehen, denen Passek,
Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, da man nur nach dem Kaukasus
zu gehen braucht, um mit Belohnungen berschttet zu werden. Und von
uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier,
habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich
besitze doch soviel Eigenliebe, da ich um keinen Preis von hier
fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den
Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt,
da es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und
ich nicht. Und dann, wie soll ich in Ruland meinem Starosten, dem
Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante
in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach
zweijhrigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurckkomme?
Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden
sich gewi auch sehr wenig um mich kmmern; aber der Mensch ist nun
einmal so beschaffen, da ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um
ihretwillen meine schnsten Jahre vergeude, all mein Lebensglck, all
meine Zukunft zerstre.


XI

In diesem Augenblick klang von drauen die Stimme des
Bataillonskommandeurs herein:

Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?

Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere
in die Htte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines
Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.

Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen
Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese
kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie.
Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glnzende Sternchen, und
diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem
langgereckten Halse einen hchst sonderbaren Ausdruck von Bldigkeit
an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Auffhrung und Haltung.
Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn,
obgleich die allgemeine Meinung ber ihn war, er sei nicht weit her. Er
verstand seinen Dienst, war pnktlich und eifrig, war immer bei Gelde,
besa eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natrliche
Weise den Stolzen zu spielen.

Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.

Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.

Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich -- einen Junker --
bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fhlen zu lassen,
als htte er Bolchows Antwort nicht gehrt, mit einem Blicke auf die
Trommel:

Wie, sind Sie mde, Nikolaj Fjodorowitsch?

Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.

Aber die Wrde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, da
er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:

Es war doch ein prchtiges Gefecht heute?

Der Bataillonsadjutant war ein junger Fhnrich, der vor kurzem
noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann
mit einem verschmten und gutmtig freundlichen Gesicht. Ich hatte
ihn frher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn
hufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg
stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er
sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen,
russischen jungen Edelmanns, der die militrische Laufbahn als
die einzige seiner Bildung entsprechende gewhlt hatte und seinen
Offiziersberuf hher stellte als alles in der Welt -- ein gutmtiger
und liebenswrdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen
lcherlichen Eigentmlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks,
der Guitarre, des Schnurrbartbrstchens, ohne die wir uns ihn nicht
vorstellen knnen. Im Regiment erzhlte man von ihm, er prahle damit,
da er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. -- Ich strafe
selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe. Und
als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch
seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache
gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten,
sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, da
er nur die Worte hervorbringen konnte: Na, siehst du ... ich knnte
doch ... dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue
sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die
Kameraden lieen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe
oftmals gehrt, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis ber die
Ohren errtend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.

Die dritte Person, Kapitn Trossenko, war ein alter Kaukasier in
der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, fr den die
Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der
Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines
Lebens geworden sind -- ein Mensch, fr den alles, was nicht der
Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwrdig ist; alles aber,
was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hlften, unsere und nicht unsere:
die eine liebte er, die andere hate er mit aller Kraft seiner Seele,
und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger
Tapferkeit, von seltener Gte im Umgang mit seinen Kameraden und
Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im
Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaten Adjutanten und
Bonjours. Als er in die Htte trat, stie er beinahe mit dem Kopf das
Dach durch, dann lie er sich schnell nieder und setzte sich auf die
Erde.

Nun, wie? sagte er; da bemerkte er pltzlich mein ihm unbekanntes
Gesicht, stockte und heftete seinen trben Blick unverwandt auf mich.

Worber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und
sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest berzeugt bin, gar nicht das
Bedrfnis hatte, das zu thun.

Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...

Selbstverstndlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen,
und dann geht's nach Haus.

Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?

Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm?
fgte er hinzu, obgleich alle schwiegen. -- Gestern bekam ich einen
Brief aus Ruland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den
Gesprchsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so
sonderbare Fragen.

Was fr Fragen denn? fragte Bolchow.

Er lachte.

Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht
geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und lie seine Blicke ber uns
hinschweifen.

Ei was, sagte Bolchow lchelnd.

In Ruland, mssen Sie wissen, da ist es schn, fuhr er fort, als ob
seine Phrasen ganz natrlich eine aus der anderen folgten. -- Als ich
im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich berall wie ein Flgeladjutant
aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur,
wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die
Frau Gouverneurin selber, mssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir
und fragte mich aus ber den Kaukasus und alle ... was ich nicht
alles wute! ... Meinen goldenen Sbel besah man, wie eine Raritt,
dann fragte man mich: wofr ich den Sbel bekommen habe, wofr den
Annen-, wofr den Wladimirorden, -- und ich erzhlte ihnen alles
Mgliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schne am Kaukasus, Nikolaj
Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht
man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, mssen Sie wissen, der
Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat -- das will
viel heien in Ruland ... Hm?

Und Sie haben auch ein bichen aufgeschnitten, meine ich, Abram
Iljitsch? sagte Bolchow.

Hi--hi--hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das
gehrt dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und
getrunken.

Ei was, schn ist's dort in Ruland? sagte Trossenko; er fragte nach
Ruland, wie man nach China oder Japan fragt.

Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken
haben, furchtbar!

Was Sie sagen! Sie haben gewi Limonade getrunken. Ich wrde schon
loslegen, damit die Leute wten, wie die Kaukasier trinken! Ich wrde
den Ruf schon wahr machen. Ich wrde zeigen, wie man trinkt ... Was,
Bolchow? fgte er hinzu.

Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow,
denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist
erst sechs ...

Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.

La doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fgte er
lchelnd hinzu. Wir trinken, Major!

Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitn sich an
ihn wandte, rgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich bse und suchte
in seiner eignen Wrde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin
und sah wieder nach der Uhr.

Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem
schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt,
russisch zu gehen und zu sprechen. Was fr ein Wundertier ist da
gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heien. Nicht wahr,
Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Ruland? Mir ist's
gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute
fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der
achten Kompagnie anfangen, he? fgte er hinzu, immer zu dem Major
gewandt.

Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne
dem Kapitn zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal berzeugt
war, gar nicht ntig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.

Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, da Sie doppeltes
Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu
dem Bataillonsadjutanten.

Gewi, sehr.

Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr gro, Nikolaj Fjodorowitsch,
fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anstndig leben und sich
sogar manchen Luxus gestatten.

Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schchtern der Adjutant, wenn's
auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man mu doch ein Pferd
halten ...

Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fhnrich und wei
das. Glauben Sie, wenn man haushlterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen
Sie uns rechnen, fgte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken
Hand ein.

Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte
Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.

Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?

In diesem Augenblick schob sich ein weier Kopf mit einer
plattgedrckten Nase durch die ffnung der Htte, und eine scharfe
Stimme sagte mit deutscher Betonung:

Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.

Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.

Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thr gekrochen
und drckte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.

Ei, lieber Kapitn, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.

Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und kte ihn, wie
mir schien, zu seiner grten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den
Mund.

Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will, dachte ich.


XII

Meine Vermutung besttigte sich bald. Kapitn Kraft bat um Schnaps,
nannte ihn Branntwein, krchzte furchtbar und warf den Kopf zurck,
whrend er das Glas leerte.

Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja
herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den
dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und lie den
Major erst seine Befehle geben.

Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?

Zu Befehl, Herr Major.

Sind die gedeckten Posten ausgesandt?

Zu Befehl, Herr Major.

So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als
mglich zu sein.

Zu Befehl, Herr Major.

Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.

Und sagen Sie den Leuten, da sie jetzt ihre Grtze kochen knnen.

Sie kochen sie schon.

Schn, Sie knnen gehen.

Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr
der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lcheln zu uns.
Rechnen wir.

Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?

Richtig, nehmen wir an: fnfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also
fnfundzwanzig Rubel fr die Kleidung; dann kommt Essen, tglich zwei
Abas ... richtig?

Richtig, das ist sogar viel.

Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur
Remonte 30 Rubel -- das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und
30 = 175, bleibt Ihnen immer noch fr Luxusausgaben, fr Thee und
Zucker, fr Tabak 20 Rubel. -- Sehen Sie nun? ... Habe ich recht,
Nikolaj Fjodorowitsch?

Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schchtern der Adjutant.
Nichts bleibt fr Thee und Zucker brig. Sie setzen ein Paar auf zwei
Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszgen kann man ja gar nicht genug
Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat
ein Paar auf. Dann erst Wsche, Hemden, Handtcher, Fulappen, das mu
man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts
brig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.

Ja, Fulappen sind ein vorzgliches Tragen, sagte pltzlich Kraft
nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort Fulappen mit
besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.

Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie
wollen, es kommt immer darauf hinaus, da unsereiner die Zhne in den
Kasten legen mu. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren
Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so
lange wie ich, fuhr er fort, an den Fhnrich gewandt, dann lernt Ihr
auch, wie man leben mu. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem
Burschen umgeht?

Und Trossenko erzhlte uns die ganze Geschichte von dem Fhnrich und
seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehrt hatten,
und lachte sich halb tot dabei.

Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum
Fhnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lchelte,
da es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. -- Thut nichts, Bruderherz, ich
war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich fr ein Kerl geworden
bin. La doch mal so einen Jngling aus Ruland herkommen -- wir haben
ja viele gesehen -- Krmpfe kriegt er und Reien; ich aber habe mich
hier eingesessen -- ich habe hier mein Huschen, mein Bett, alles.
Siehst du ...

Dabei trank er noch ein Glschen Schnaps.

He? fgte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.

Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier!
Geben Sie mir Ihre Hand!

Und Kraft stie uns alle fort, drngte sich zu Trossenko durch, ergriff
seine Hand und schttelte sie mit besonderer Liebe.

Ja, wir knnen sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er
fort. -- Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitn? Denken Sie
noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz
Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung strmten? Ich
war damals beim Hchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15
Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitn?

Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die
Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.

Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewhnlicher Lebhaftigkeit zum
Major gewandt und machte mit den Hnden ungeschickte Bewegungen ...

Der Major aber, der diese Erzhlung wohl schon fter gehrt hatte, sah
pltzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, da Kraft
sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd
bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er
whrend der ganzen Erzhlung nicht mit einem Blicke an.

Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der
Hchstkommandierende zu mir: Kraft, nimm diese Schanze. Sie wissen,
wie's im Dienst ist, da giebt's keine Errterungen -- Hand an die
Mtze: Zu Befehl, Euer Erlaucht! und marsch! Wie wir zu der ersten
Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: Kinder,
ohne Furcht, Augen offen! Wer zurckbleibt, den haue ich mit eigner
Hand in Stcke. Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, mu man
geradezu reden. Pltzlich kommt eine Granate ... Ich sehe -- ein Mann,
ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch,
sch! ... Vorwrts, Kinder, sage ich, mir nach! Wie wir herangekommen
waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ...
wissen Sie ... wie heit das? -- und der Erzhler fuchtelte mit den
Hnden durch die Luft und suchte nach dem Wort.

Ein Graben, sagte Bolchow vor.

Nein, ach, wie heit es doch? Du lieber Gott, wie heit es doch? ...
Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra!
ta--ra--ta--ta--ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war
berrascht. Also ... schn. Wir gehen weiter -- zweite Schanze. Das
war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz hei geworden, wissen
Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe -- eine zweite Schanze: weiter
geht's nicht. Da -- wie nennt man das -- nun wie heit das ... Ach! wie
...

Wieder ein Graben, sagte ich vor.

Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott,
wie heit denn das? -- und er machte mit der Hand eine linkische
Bewegung. -- Ach, du lieber Gott, wie ...

Er qulte sich offenbar so sehr, da man unwillkrlich den Wunsch
hatte, ihm vorzusagen.

Ein Flu vielleicht? sagte Bolchow.

Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben,
geht ein solches Feuer los, ein Hllenfeuer ...

In diesem Augenblick fragte drauen jemand nach mir. Es war Maksimow.
Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei
Schanzen gehrt hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh,
diese Gelegenheit ergreifen zu knnen, um zu meinem Zuge zurckzugehen.
Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.

Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Htte
entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... -- Und
Trossenko lachte so herzlich, da auch mich das Lachen berkam.


XIII

Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit
mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen
Soldaten herankam. Ein groer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um
ihn herum saen drei Mann: Antonow, der ber dem Feuer einen kleinen
Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow,
der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin
mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur
Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu,
noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen
unterschied ich die mir bekannten Rcken, Fe und Kpfe; unter den
letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien
schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn
und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden
feuchten Holzes erfllte ringsum die Luft und bi in die Augen, und
noch immer trpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.

Neben uns hrten wir das gleichmige Schnarchen, das Knistern der
Reiser im Feuer, flchtiges Gesprch und von Zeit zu Zeit das Klirren
der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und
beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei
den nchstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten
Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden ber der Flamme
hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und
bewegten sich in einem Umkreis von fnfzehn Quadratfaden plaudernd hin
und her; aber die dstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung
ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fhlte jeder die dstere
Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn
ich ein Wort sprach, fhlte ich, da meine Stimme anders klinge. In
den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich
dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie htten bis zu meiner Ankunft von
dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte
von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der
Stadt erzhlt.

Ich habe immer und berall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten
einen besonderen Takt beobachtet -- in der Zeit der Gefahr alles zu
unterdrcken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der
Kameraden einwirken knnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht
nicht, wie die Tapferkeit der sdlichen Vlker, auf einer schnell
entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu
entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner
Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und
Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung
alles Erknstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen
Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im
Augenblick der Gefahr zu betuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil.
Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fhigkeit, in der Gefahr etwas
ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden
Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am
Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue
Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm
unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte,
um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls
bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zndrohr einer
gefllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl,
die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu
werfen, und die Soldaten sie nicht in nchster Nhe bei dem Zelt des
Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter
forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und
beide in Stcke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im
Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen whrend
des Kampfes sagte, der Zug wrde wohl kaum hier wieder fortkommen, und
wie der ganze Zug wtend ber ihn herfiel wegen der dummen Redensarten,
die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hrten jetzt, wo jedem
Welentschuk htte im Sinne liegen mssen, und wo jeden Augenblick die
heranschleichenden Tataren auf uns htten feuern knnen, alle der
lebendigen Erzhlung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem
Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des
Verwundeten. Als ob das wei Gott wie lange hinter uns lge, oder
gar nie gewesen wre. Mir aber schien es, als wren ihre Gesichter
nur finsterer als gewhnlich. Sie hrten nicht allzu aufmerksam auf
Tschikins Erzhlung hin, und Tschikin fhlte sogar, da man ihm nicht
zuhrte, sprach aber immer ruhig weiter.

Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir
nieder. Tschikin machte ihm Platz, hrte auf zu sprechen und begann
wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.

Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte
Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurckgekommen.
-- Er spie ins Feuer. -- Ein Unteroffizier hat erzhlt, sie haben
unsern Verwundeten gesehen.

Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.

Nein, er ist tot.

Der junge Rekrut erhob pltzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten
Mtzchen ber das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich
aufmerksam an, dann lie er ihn schnell sinken und hllte sich in
seinen Mantel.

Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut frh zu ihm gekommen, wie ich
ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.

Leeres Geschwtz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um;
alle verstummten.

Mitten durch die allgemeine Stille ertnte hinter uns im Lager ein
Schu. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich.
Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog
seine Mtze. Wir alle folgten seinem Beispiel.

Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der
Mnnerstimmen:

Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns
komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf
Erden; unser tglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld,
wie wir vergeben unsern Schuldigern; fhre uns nicht in Versuchung und
erlse uns von dem bel.

So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet
worden ... sagte Antonow, als wir die Mtze aufgesetzt und uns wieder
um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschtz
herumgefahren, weit du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben
wir ihn unter einem Baum niedergelassen.

In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mchtigem
Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.

Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.

Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte
Tschikin.

Ihr sprecht gewi von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an
Antonow.

Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.

Der Infanterist schttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und
hockte neben uns nieder.

Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.

Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.

Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's,
wenn wir uns aber vom Fleck rhrten, da schrie er furchtbar auf. Er
beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch
ein Jammer. Na, als *er* uns dann auf den Leib rckte, drei von unserer
Geschtzmannschaft ttete, und wir unsere Batterie mit Mhe hielten ...
's war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschtz davonzukommen. Es
war ein Schmutz.

Das Schlimmste war, da es am Fu des Indierbergs schmutzig war,
bemerkte einer der Soldaten.

Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, -- es war ein
alter Feuerwerker -- Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun,
leben kann er nicht, und beschwrt uns bei Gott -- lassen wir ihn also
hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit groen
breiten sten. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin --
Shdanow hatte welche mit -- lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein
reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehrt, und lieen
ihn so liegen.

Und war's ein tchtiger Soldat?

Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.

Und was mit ihm geschehen sein mag, wei Gott, fuhr Antonow fort. Dort
sind gar viele von den Kameraden geblieben!

In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine
Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und
her. Da ging es hoch her!

Damit ging er von uns.

Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen
sind? fragte ich.

Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch
sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.

Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die
Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es mu bald ein Jahr
sein, da er fort ist.

Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.

Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.

Es ist schn, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause
ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja
angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.

Was soll man gehen, wenn man zwei Brder hat? fuhr Shdanow fort. Sie
haben Mhe, sich selbst zu ernhren, nicht noch unsereinen zu fttern.
Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und
wer wei, ob sie noch leben?

Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.

Ei gewi! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken
sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie
nmlich selbst in Armut leben -- wie soll ich da hin?

Ist es lange her, da du geschrieben hast?

Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.

Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu
Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gesttzt,
ein Liedchen vor sich hinsummte.

Antonow stimmte Die Birke an.

Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir
Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp
Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.

Shdanow sa zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden
Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rtlichen Lichts
auerordentlich dster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den
Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob
er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter
dem Wachtfeuer nieder.

War es, weil er sich hin- und herwlzte und chzte, whrend er sich
schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das
mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, da er weine.

Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte,
flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit
seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem
umgehngten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rcken eines anderen. Von
oben fiel noch immer der trbe Nebel herab, die Luft war noch immer
von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfllt, ringsumher waren
noch immer die hellen Punkte der verlschenden Wachtfeuer zu sehen und
durch die allgemeine Stille die Klnge des schwermtigen Liedes zu
hren, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte,
antworteten ihm die Klnge der schwachen nchtlichen Bewegung des
Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des
leisen Gesprchs.

Zweite Ablsung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.

Antonow hrte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt ber
den Baum hinweg und ging zu den Geschtzen.

15. Juni 1855.




Eine Begegnung im Felde

mit

einem Moskauer Bekannten

(Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Frsten Nechljudow)


Wir standen im Felde. Die Kmpfe gingen schon ihrem Ende entgegen,
wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom
Stabe den Befehl zum Rckzuge in die Festung. Unsere Division der
Batteriegeschtze stand am Abhang eines steilen Bergrckens, der von
dem reienden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe,
die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschieen. Auf dieser malerischen
Ebene zeigten sich auer Schuweite von Zeit zu Zeit, besonders vor
Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener
Bergbewohner, die aus Neugier herbeigestrmt waren, um das russische
Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend,
wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war
hinter den steilen Gebirgsauslufern zur Linken versunken und warf
ihre rosigen Strahlen auf die Zelthtten, die ber den Berg zerstreut
lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf
unsere beiden Geschtze, die schwerfllig, wie mit ausgereckten Hlsen,
unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein
Infanteriepiket, das auf dem Hgel zur Linken zerstreut lag, war mit
seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens,
einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers
in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen.
Rechts und links auf der halben Hhe des Berges schimmerten auf dem
schwarzen, ausgetretenen Boden die weien Zelte, und hinter den
Zelten die dunklen, entbltterten Stmme des Platanenwaldes, in dem
unaufhrlich xte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefllte Bume
krachend niederstrzten. Blulicher Dampf stieg von allen Seiten in
Sulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der
Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher
die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Trnke
zurckkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu
hren, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin ber die
Ebene. Die Huflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der
Soldaten erregten, ritten ruhig ber die hellgelben Stoppeln der
Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bumen die hohen
Sulen der Kirchhfe und die rauchenden Auls herber.

Unser Zelt stand unweit der Geschtze an einem trocknen und
hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem
Zelt, ganz in der Nhe der Batterie, hatten wir auf einem gesuberten
Pltzchen ein Holzkltzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten
hatten uns hier geflochtene Bnke und einen kleinen Tisch hergesetzt.
Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere
Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer
Batterie und nannten den Ort den Klub.

Es war ein prchtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und
wir spielten Kltzchen. Ich, der Fhnrich D. und der Leutnant O. hatten
hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergngen
und Gelchter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen,
die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem
Rcken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war
die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitns Sch., der keuchend
und gutmtig lchelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf
dem kleinen, schwchlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spt
geworden. Die Burschen brachten fr sechs Mann, die wir waren, drei
Glas Thee ohne Unterstze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den
geflochtenen Bnken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroer Mann mit
krummen Beinen in einem Pelz ohne berzug und in einer Fellmtze mit
langem, herabhngendem weien Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen
waren, zog er einige Mal zgernd die Mtze und setzte sie wieder auf,
dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte
immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mute, da
er nicht mehr unbemerkt bleiben knne, zog er die Mtze, ging im Bogen
um uns herum und trat auf den Stabskapitn Sch. zu.

Ah, Guscantini! Wie geht's, Vterchen? sagte Sch. zu ihm und lchelte
gutmtig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.

Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mtze auf und
machte eine Bewegung, als ob er die Hnde in die Taschen seines Pelzes
stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz
keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten
Lage. Ich htte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker
oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, da mein Blick (d. h. der
Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete
ich aufmerksam seine Kleidung und sein ueres. Er mochte dreiig
Jahre zhlen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie
schlfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weien
Schafpelz der Mtze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke,
unregelmige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine
krankhafte, unnatrliche Magerkeit, die Lippen, die sehr sprlich von
einem dnnen, weichen, hlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden
sich unaufhrlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald
diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas
Unfertiges an -- in seinen Zgen blieb bestndig der eine Ausdruck der
Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener
Hals war mit einem grnseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz
verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den
falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert,
aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwrzte Soldatenschfte.

Machen Sie keine Umstnde, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit
einem scheuen Blick auf mich, die Mtze gezogen hatte.

Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mtze
auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnren aus der
Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.

Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht
mehr dazu taugte, jngeren Kameraden gutmtig Geflligkeiten zu
erweisen, und ein Junker ohne Vermgen. Ich kannte daher sehr gut den
ganzen moralischen Druck einer solchen Lage fr einen nicht mehr jungen
und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme fr jeden, der
sich in hnlicher Lage befand, und gab mir Mhe, mir seinen Charakter,
den Grad und die Richtung seiner geistigen Fhigkeiten zu erklren,
um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser
Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem
absichtlichen, unaufhrlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an
ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, hchst selbstbewuter und darum
hchst bedauernswerter Mensch zu sein.

Der Stabskapitn Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie
Kltzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte auer dem Umritt
einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glhwein
stellen, der in diesem Winter wegen der groen Klte auf unserem
Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde
auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, fhrte er,
offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung
machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitn Sch. auf die Seite
und flsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmtige Stabskapitn klopfte ihm
mit seiner fleischigen, groen Hand auf die Schulter und antwortete
laut: Thut nichts, Vterchen, ich traue Ihnen.

Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte
Subalterne gehrte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren
Offizieren, dem Fhnrich D., reiten sollte, wurde der Fhnrich rot,
ging zu dem Bnkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als
Lsegeld an. Whrend der Glhwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt
das emsige Wirtschaften Nikitas zu hren war, der einen Boten nach
Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rcken die schmutzige
Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei
dem Bnkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Glsern,
betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dmmerung hllen
wollte, und plauderten und lachten ber die verschiedenen Wechselflle
des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem
Gesprch, lehnte hartnckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male
angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend,
aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte
sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergngen,
als um sich den Anschein eines mit etwas beschftigten Menschen zu
geben. Als man davon sprach, da morgen der Rckzug vielleicht auch
ohne Gefecht stattfinden knnte, richtete er sich auf die Knie auf
und sagte, nur zu dem Stabskapitn Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem
Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rckzuge fr morgen
geschrieben. Wir schwiegen alle, whrend er sprach, und obgleich er
deutlich seine Schchternheit verriet, veranlaten wir ihn, diese
fr uns auerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte,
was er gesagt hatte, fgte jedoch hinzu, er *sei* bei dem Adjutanten
*gewesen*, mit dem er *zusammen wohne*, und habe dort *gesessen*,
gerade als man den Befehl brachte.

Sehen Sie, wenn Sie nicht lgen, Vterchen, so mu ich zu meiner
Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitn Sch.

Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewi ... begann
der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den
Beleidigten zu spielen, verzog unnatrlich die Stirn, brummte etwas in
den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine
Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch.,
ihm eine *Cigarette zu leihen*. Wir setzten dieses einfrmige Gesprch
ber den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzgen teilgenommen
hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten ber
die Langeweile und die Lnge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher
Weise ber die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den
einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung
darber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u.
s. w. u. s. w.

Siehst du, Vterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tchtig
'reingefallen! sagte der Stabskapitn Sch. Beim Stabe war er immer
im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und
jetzt verliert er seit zwei Monaten bestndig. Dieser Feldzug hat ihm
wenig Glck gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und
Sachen fr 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat,
die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew
geschenkt hat -- alles ist er losgeworden.

Geschieht ihm recht, sagte Leutnant O., er hat die anderen alle tchtig
gerupft. Es war gar nicht zu spielen mit ihm.

Erst hat er alle gerupft, und nun ist er in die Luft geflogen -- dabei
schlug der Stabskapitn Sch. ein gutmtiges Lachen an. Der Guskow wohnt
bei ihm, den htte er beinahe auch verspielt, wahrhaftig, ist's nicht
wahr, Vterchen? wandte er sich an Guskow.

Guskow lachte. Sein Lachen war traurig und schmerzlich und vernderte
seine Zge vollkommen. Bei dieser Vernderung war es mir, als mte ich
diesen Menschen frher einmal gekannt und gesehen haben, zudem war mir
sein eigentlicher Name, Guskow, nicht fremd. Aber wie und wann ich ihn
gekannt, und wo ich ihm begegnet war, dessen konnte ich mich durchaus
nicht erinnern.

Ja, sagte Guskow und hob dabei unaufhrlich die Finger zu seinem
Schnurrbart, lie sie aber wieder sinken, ohne ihn zu berhren.
Pavel Dmitrijewitsch hat in diesem Feldzuge kein Glck gehabt, eine
solche _veine de malheur_ -- fgte er mit etwas mhsamer, aber reiner
franzsischer Aussprache hinzu, und dabei war es mir wieder, als htte
ich ihn schon irgendwo gesehen. -- Ich kenne Pavel Dmitrijewitsch
genau, er vertraut mir alles an, fuhr er fort.

Wir sind alte Bekannte, d. h. er hat mich gern, fgte er hinzu,
offenbar erschrocken ber die allzu khne Behauptung, da er ein alter
Bekannter des Adjutanten sei. Pavel Dmitrijewitsch spielt vortrefflich,
jetzt -- merkwrdig, was mit ihm vorgeht -- jetzt ist er ganz auer
sich, _la chance a tourn_, fgte er hinzu, vornehmlich zu mir gewandt.

Wir hatten Guskow anfangs mit hflicher Aufmerksamkeit zugehrt, sobald
er aber noch diese franzsische Redensart ausgesprochen hatte, wandten
wir uns unwillkrlich von ihm ab.

Ich habe tausendmal mit ihm gespielt, und Sie werden mir doch
zugeben, es ist sonderbar, sagte der Leutnant mit besonderer Betonung
des Wrtchens *sonderbar*: ich habe nicht ein einziges Mal mit ihm
gewonnen, nicht einen Abas. Warum gewinne ich mit anderen?

Pavel Dmitrijewitsch spielt vorzglich, ich kenne ihn schon lange,
sagte ich. Wirklich kannte ich den Adjutanten schon mehrere Jahre,
hatte ihm schon oft zugesehen bei seinem Spiel, das fr die
Verhltnisse der Offiziere hoch zu nennen war, und war immer entzckt
gewesen von seinen schnen, ein wenig dsteren und stets unvernderten
Zgen, seiner gedehnten, kleinrussischen Aussprache, seinen schnen
Sachen und Pferden, seiner gemessenen sdrussischen Ritterlichkeit und
besonders von seiner Kunst, das Spiel so schn, klar, verstndlich und
anmutig zu fhren. Manchmal -- ich bekenne es reuig -- wenn ich seine
vollen weien Hnde mit dem Brillantring am Zeigefinger betrachtete,
die mir eine Karte nach der anderen schlugen, wurde ich wtend ber
diesen Ring, ber die weien Hnde, ber die ganze Persnlichkeit des
Adjutanten, und es tauchten schlimme Gedanken gegen ihn in mir auf;
wenn ich aber dann mit ruhigem Blute berlegte, berzeugte ich mich,
da er einfach ein gewandterer Spieler war als alle die, mit denen er
gerade spielte. Wenn man seine allgemeinen Betrachtungen ber das Spiel
hrte, darber, wie man kein Paroli biegen drfe, wie man von einem
kleinen Einsatz zu einem greren fortschreiten, wie man in gewissen
Fllen passen msse, wie es eine erste Spielregel sei, nur mit Barem zu
spielen u. s. w., wurde es einem immer klarer, da er nur darum stets
im Gewinnen war, weil er geschickter und kaltbltiger war, als wir
alle. Und jetzt zeigte sich, da dieser zurckhaltende, selbstsichere
Spieler whrend des Feldzugs alles bis auf den letzten Heller verloren
hatte, und nicht nur Geld, sondern auch Sachen, was fr einen Offizier
den uersten Grad des Spielverlusts bedeutet.

Mit mir geht es ihm immer verteufelt, fuhr der Leutnant O. fort, ich
habe mir schon das Wort gegeben, nicht mehr mit ihm zu spielen.

Was sind Sie fr ein komischer Kauz, Vterchen, sagte Sch., zwinkerte
mir mit dem ganzen Kopfe nickend zu und wandte sich an O. Sie haben 300
Moneten an ihn verloren, nicht wahr, soviel haben Sie verloren?

Mehr, sagte der Leutnant rgerlich.

Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spt, Vterchen! Das
wei alle Welt lngst, da er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte
Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war uerst befriedigt
von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm
die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Vterchen.
Und der Stabskapitn Sch. brach in ein so gutmtiges Lachen aus und
schttelte sich so mit dem ganzen Krper, da er das Glas Glhwein
verschttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem,
abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Rte; er versuchte mehrere Male
den Mund zu ffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und lie sie wieder
zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich
und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu
Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche
Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem
fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und
wieder gingen seine kleinen roten Hndchen mit den schmutzigen Ngeln
von dem Pelz zum Gesicht und fuhren ber den Schnurrbart, das Haar
und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles
Bedrfnis die Backen.

Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Vterchen! fuhr Sch.
fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten
Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flsterte noch ein paar Worte,
sttzte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins,
betrachtete in der unnatrlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene
an, als ob er verchtlich lchelte.

Nein, -- sagte ich innerlich berzeugt, whrend ich dieses Lachen
beobachtete -- ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch
mit ihm gesprochen.

Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen
unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann.
Guskows vernderliches Gesicht leuchtete pltzlich auf, und seine Augen
hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.

Gewi, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er franzsisch. Im Jahre
48 hatte ich ziemlich oft das Vergngen, Sie in Moskau bei meiner
Schwester Iwaschina zu treffen.

Ich entschuldigte mich, da ich ihn in dieser Tracht und in dieser
neuen Kleidung nicht sofort erkannt htte. Er erhob sich, trat auf
mich zu, drckte mir mit seiner feuchten Hand zgernd, schwach die
meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so
froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer
unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es,
weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack
im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung pltzlich
in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als htte
sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, pltzlich verndert: sie
zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit
im Bewutsein dieses Geistes und eine gewisse geringschtzige
Nachlssigkeit, so da mein alter Bekannter -- ich gestehe es -- trotz
seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflte, sondern
ein gewisses Gefhl der Feindseligkeit.

Ich erinnerte mich lebhaft zurck an unsere erste Begegnung. Im
Jahre 48 besuchte ich, whrend meines Aufenthaltes in Moskau, hufig
Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte
Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine
liebenswrdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie
gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie
oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem
seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten
und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute
sei. Da ich vom Hrensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war
und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise
der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil
entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm
einen mittelgroen, nach seiner ueren Erscheinung sehr angenehmen
jungen Mann in schwarzem Frack, in weier Weste und heller Binde,
mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen verga. Der junge Mann,
der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem
Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber hflich
mit ihm ber einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im
ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte
sei durchaus kein Held und nicht fr den Krieg geschaffen, wie
man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich
erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und lie
mich fortreien, ihm sogar zu beweisen, da Klugheit und Bildung
stets im umgekehrten Verhltnisse zur Tapferkeit stnden, und ich
erinnere mich, wie Guskow in liebenswrdiger und kluger Weise mir
auseinandersetzte, da Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit
und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und da ich dem,
da ich mich selbst fr einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht
anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, da mich Frau Iwaschina
am Schlusse unseres Gesprchs mit ihrem Bruder bekannt machte, und
er mir mit einem herablassenden Lcheln seine kleine Hand reichte,
auf die er den weien Handschuh erst halb gezogen hatte, und da er
mir ebenso schwach und zgernd wie jetzt die Hand gedrckt hatte.
Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mute ich damals Guskow
Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen,
da er wirklich ein kluger und liebenswrdiger junger Mann war, der
in der Gesellschaft Erfolge haben msse. Er war auerordentlich
sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene
Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um
dessentwillen man ihm unwillkrlich den Ausdruck der Selbstgeflligkeit
und den Wunsch, anderen seine berlegenheit empfinden zu lassen, den
sein kluges Gesicht und besonders sein Lcheln bestndig zur Schau
trug, gern verzeihen mochte. Man erzhlte sich, er habe in diesem
Winter groe Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei
seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glck und
Zufriedenheit, den sein jugendliches ueres bestndig zeigte, und aus
seinen bisweilen unbescheidenen Erzhlungen schlieen, bis zu welchem
Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und
sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach
meist franzsisch in vorzglicher Ausdrucksweise, sehr gewhlt
und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in
geflliger, hflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte berhaupt
mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer
geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen berzeugung auftreten,
da man mit mir von oben herab verkehren knne und mit denen ich nicht
genauer bekannt bin, fhlte ich auch hier, da er in diesem Punkte ganz
im Rechte war.

Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte,
erkannte ich in ihm den frheren hochmtigen Ausdruck lebhaft wieder,
und es schien mir, als ntze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den
Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenber aus,
indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch
gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede
Frage russisch antwortete, begann er immer wieder franzsisch; aber
er drckte sich offenbar nicht mehr so gelufig in dieser Sprache aus
wie frher. Von sich erzhlte er mir so nebenbei, er habe nach seiner
unglckseligen, dummen Geschichte (was das fr eine Geschichte war,
wei ich nicht und hat er mir auch nicht erzhlt) drei Monate im Arrest
gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt
worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem
Regimente.

Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir franzsisch, was ich alles
in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden mssen! Ein Glck
fr mich, da ich von frher her den Adjutanten gekannt habe, von dem
wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte
er in hflichem Tone -- ich wohne bei ihm und fr mich ist das immer
eine kleine Erleichterung. _Oui, mon cher, les jours se suivent, mais
ne se ressemblent pas_, fgte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und
erhob sich, denn er hatte bemerkt, da eben der Adjutant, von dem wir
sprachen, auf uns zukam.

Welch eine Freude, einem Menschen zu begegnen, wie Sie! sagte Guskow zu
mir im Flstertone, whrend er sich von mir entfernte, ich htte viel,
viel mit Ihnen zu sprechen.

Ich sagte, ich sei sehr erfreut, in Wirklichkeit aber, mu ich
bekennen, flte mir Guskow ein unsympathisches, drckendes Mitgefhl
ein.

Ich hatte eine Ahnung, da ich mich mit ihm unter vier Augen
unbehaglich fhlen wrde, aber ich htte gern mancherlei von ihm
gehrt, besonders wie es komme, da er bei dem Reichtum seines Vaters
in Armut lebe, wie man seiner Kleidung und seinem Auftreten anmerkte.

Der Adjutant begrte uns alle, nur Guskow nicht, und setzte sich neben
mich an die Stelle, die der Degradierte eingenommen hatte. Stets ein
ruhiger und langsamer, gleichmtiger Spieler und ein vermgender Mann,
war Pavel Dmitrijewitsch jetzt ein ganz anderer geworden, als ich ihn
in der Bltezeit seines Spielens gekannt hatte -- er schien immer Eile
zu haben und lie seine Blicke umherschweifen, und es waren nicht fnf
Minuten vergangen, als er, der sonst immer das Spiel ablehnte, dem
Leutnant O. den Vorschlag machte, ein Bnkchen aufzulegen. Leutnant O.
lehnte unter dem Vorwande ab, da er vom Dienst in Anspruch genommen
sei, in Wirklichkeit aber, weil er wute, wie wenig Geld und Gut Pavel
Dmitrijewitsch geblieben war, und weil er es fr unvernnftig hielt,
seine dreihundert Rubel aufs Spiel zu setzen gegen die hundert und
vielleicht auch weniger, die er gewinnen konnte.

Sagen Sie, Pavel Dmitrijewitsch, begann der Leutnant, der offenbar den
Wunsch hatte, einer Wiederholung der Bitte aus dem Wege zu gehen, ist
es wahr, es heit, wir sollen morgen ausrcken?

Ich wei nicht, bemerkte Pavel Dmitrijewitsch, es ist nur der Befehl
gekommen, da wir uns bereit halten sollen. -- Aber wirklich, es ist
besser, wir machen ein Spielchen, ich verpfnde euch meinen Kabardiner.

Nein, es ist heute schon ...

Den Grauen, wenn es nicht anders ist, oder wenn Sie wollen, um Geld.
Nun? ...

Nun ja ... Ich wre schon bereit, Sie drfen nicht glauben, ... begann
Leutnant O., indem er seine eignen Zweifel beantwortete. Aber morgen
giebt es vielleicht einen berfall oder einen Marsch, da mu man
ausschlafen.

Der Adjutant erhob sich und ging, die Hnde in den Taschen, auf dem
gereinigten Platze hin und her. Sein Gesicht nahm den gewohnten
Ausdruck der Khle und eines gewissen Stolzes an, den ich gern an ihm
sah.

Wollen Sie nicht ein Glschen Glhwein? sagte ich zu ihm.

Gern! -- Und er kam auf mich zu. Guskow aber nahm mir schnell das Glas
aus der Hand und brachte es dem Adjutanten entgegen; dabei gab er
sich Mhe, ihn nicht anzusehen. Er bersah den Strick, der das Zelt
zusammenhielt, stolperte darber, lie das Glas fallen und strzte
vornber.

So ein Hanswurst! sagte der Adjutant, der schon seine Hand nach
dem Glase ausgestreckt hatte. Alle lachten laut auf, Guskow nicht
ausgenommen; dabei rieb er sein hageres Knie, das er bei dem Falle
nicht im geringsten verletzt haben konnte, mit der einen Hand.

Wie der Br den Einsiedler bedient hat, fuhr der Adjutant fort.
So bedient er mich jeden Tag! Alle Pflcke im Zelt hat er schon
umgerissen, -- immer stolpert er.

Guskow entschuldigte sich vor uns, ohne auf ihn zu hren, und sah
mich mit einem kaum merklichen traurigen Lcheln an, mit dem er sagen
zu wollen schien, ich allein wre imstande, ihn zu verstehen. Er war
beklagenswert, und der Adjutant, sein Beschtzer, schien aus irgend
einem Grunde erzrnt auf seinen Zeltgenossen zu sein und wollte ihn
durchaus nicht in Ruhe lassen.

Nun, Sie geschickter Jngling, wo fallen Sie denn nicht?

Wer stolpert nicht ber diese Pflcke, Pavel Dmitrijewitsch, sagte
Guskow, Sie sind selbst vorgestern gestolpert.

Ich, Vterchen, bin kein Subalterner, von mir verlangt man keine
Geschicklichkeit.

Er darf schwere Beine haben, fiel der Stabskapitn ein, aber ein
Subalterner mu springen knnen ...

Merkwrdige Scherze! ... sagte Guskow beinahe flsternd und schlug die
Augen nieder. Der Adjutant war offenbar nicht gut gelaunt gegen seinen
Zeltgenossen. Er horchte begierig auf jedes seiner Worte.

Man wird ihn wieder auf einen gedeckten Posten schicken mssen, sagte
er zu Sch. gewandt, mit Zwinkern auf den Degradierten weisend.

Da wird's wieder Thrnen geben, sagte Sch. lchelnd. Guskows Augen
waren nicht mehr auf mich gerichtet, er that, als ob er Tabak aus dem
Beutel nhme, in dem lngst nichts mehr war.

Machen Sie sich bereit, auf gedeckten Posten zu ziehen, sagte Sch.
unter Lachen. Die Kundschafter haben heute gemeldet, es wrde einen
Angriff auf das Lager geben, da heit es sichere Leute bestimmen.

Guskow lchelte unentschlossen, als bereitete er sich vor, etwas zu
sagen, und richtete mehrere Male flehentliche Blicke auf Sch.

Nun ja, ich bin ja schon manchmal gegangen, und ich werde wieder gehen,
wenn man mich schickt, stammelte er hervor.

Man wird Sie schicken.

So werde ich gehen. Was soll ich thun?

Ja, wie in Argun: wo Sie vom Posten weggelaufen sind und das Gewehr
fortgeworfen haben ... sagte der Adjutant, dann wandte er sich von ihm
ab und begann, uns die Befehle fr morgen auseinanderzusetzen.

In der That erwartete man in der Nacht eine Beschieung des Lagers von
Seiten des Feindes und am folgenden Tage irgend eine Bewegung. Der
Adjutant sprach noch von allerlei allgemeinen Dingen, pltzlich schlug
er, wie zufllig, als ob es ihm eben eingefallen wre, dem Leutnant O.
vor, ein kleines Spielchen zu machen. Leutnant O. war wider Erwarten
vollstndig einverstanden, und sie gingen mit Sch. und dem Fhnrich
in das Zelt des Adjutanten, der einen grnen Spieltisch und Karten
hatte. Der Kapitn, der Kommandeur unserer Abteilung, ging in sein Zelt
schlafen, auch die anderen Herren gingen auseinander und ich blieb
mit Guskow allein. Ich hatte mich nicht getuscht -- ich fhlte mich
wirklich unbehaglich unter vier Augen mit ihm. Unwillkrlich stand ich
auf und begann auf der Batterie auf- und niederzugehen. Guskow ging
schweigend neben mir her und machte hastige und unruhige Bewegungen, um
nicht hinter mir zurckzubleiben und mir nicht vorauszueilen.

Ich stre Sie doch nicht? sagte er mit sanfter, klagender Stimme.

So viel ich in der Dunkelheit sein Gesicht sehen konnte, schien es mir
tief nachdenklich und traurig.

Nicht im mindesten, antwortete ich; da er aber nicht zu sprechen
begann, und ich nicht wute, was ich ihm sagen sollte, gingen wir
ziemlich lange schweigend hin und her.

Die Dmmerung war schon vollstndig dem Dunkel der Nacht gewichen, ber
dem schwarzen Umri des Gebirgs flammte helles Abendwetterleuchten,
ber unseren Huptern funkelten am hellblauen Winterhimmel kleine
Sterne, von allen Seiten loderten in rotem Schein die Flammen der
rauchenden Wachtfeuer, nah vor uns schimmerten die grauen Zelte und der
dstere, schwarze Erdwall unserer Batterie durch den Nebel. Vor dem
nchsten Wachtfeuer, um das unsere Burschen sich zum Wrmen gelagert
hatten und leise plauderten, glnzte von Zeit zu Zeit auf der Batterie
das Erz unserer schweren Geschtze und erschien in ihrem umgehngten
Mantel die Gestalt des Wachtpostens, die sich gemessenen Schrittes
unterhalb des Erdwalls hin- und herbewegte.

Sie knnen sich nicht vorstellen, welche Freude es fr mich ist, mit
einem Menschen wie Sie zu sprechen! sagte Guskow zu mir, obgleich er
mit mir noch nichts gesprochen hatte. Das kann nur der begreifen, der
einmal in meiner Lage gewesen ist.

Ich wute nicht, was ich ihm antworten sollte, und wir schwiegen wieder
beide, obgleich er offenbar Lust hatte sich auszusprechen, und ich ihn
anzuhren.

Wofr sind Sie ... Wofr haben Sie leiden mssen? fragte ich ihn
endlich, da mir nichts Besseres einfiel, um das Gesprch zu beginnen.

Haben Sie nichts gehrt von der unglckseligen Geschichte mit Metenin?

Ja, ein Duell, glaube ich, war es; ich habe flchtig davon gehrt,
antwortete ich, ich bin ja schon lange im Kaukasus.

Nein, kein Duell; es ist diese dumme, schreckliche Geschichte! Ich
will Ihnen alles erzhlen, wenn Sie es nicht wissen. Es war in
demselben Jahre, als ich Sie bei meiner Schwester traf, ich lebte
damals in Petersburg. Sie mssen wissen, ich hatte damals, was man
_une position dans le monde_ nennt, und eine recht gute, um nicht
zu sagen glnzende. _Mon pre me donnait 10000 par an._ Im Jahre 49
wurde mir Aussicht auf eine Stellung bei der Gesandtschaft in Turin
gemacht: mein Onkel mtterlicherseits konnte sehr viel fr mich thun
und war stets gern dazu bereit. Es ist jetzt schon lange her, _j'tais
reu dans la meilleure socit de Ptersbourg, je pouvais prtendre_
auf eine vortreffliche Partie. Ich hatte gelernt, was wir alle in
der Schule lernen, so da ich eine besondere Bildung nicht hatte;
ich habe zwar spter viel gelesen, _mais j'avais surtout ce jargon
du monde_, Sie wissen schon; und wie dem auch war, ich galt, Gott
wei warum, fr einen der ersten jungen Leute Petersburgs. Was mir in
der ffentlichen Meinung eine besondere Stellung gab, _c'est cette
liaison avec Mme. D._, ber die in Petersburg viel gesprochen wurde;
aber ich war schrecklich jung und schtzte damals alle diese Vorteile
gering. Ich war einfach jung und dumm. Was brauchte ich mehr? Damals
hatte in Petersburg dieser Metenin Ruf ... -- und Guskow fuhr immer
weiter so fort und erzhlte mir die Geschichte seines Unglcks, die
ich aber hier bergehen will, weil sie ganz uninteressant ist. --
Zwei Monate sa ich im Gefngnis, fuhr er fort, ganz allein, und was
habe ich in dieser Zeit nicht alles durchdacht! Aber wissen Sie, als
alles vorber war, als sozusagen schon endgltig jede Verbindung mit
der Vergangenheit gelst war, da war mir leichter zu Mute. _Mon pre,
vous en avez entendu parler_, sicherlich, er ist ein Mann von eisernem
Charakter und mit festen berzeugungen, _il m'a deshrit_ und hat alle
Beziehungen mit mir abgebrochen. Nach seiner berzeugung hat er so
handeln mssen, und ich will ihm keineswegs Vorwrfe machen: _il a t
consquent_. Dafr habe auch ich keinen Schritt gethan, um ihn seinem
Entschlu untreu zu machen. Meine Schwester war im Auslande. Mme. D.
war die Einzige, die mir schrieb, als man es ihr erlaubte, und mir
ihre Hilfe anbot; aber Sie werden begreifen, da ich ablehnte, und da
ich Mangel hatte an all den Kleinigkeiten, die in einer solchen Lage
ein wenig Erleichterung gewhren: ich hatte weder Bcher, noch Wsche,
noch Kost -- nichts. Ich habe viel, sehr viel damals nachgedacht. Ich
begann alles mit andern Augen anzusehen: der Lrm z. B., das Gerede
der Gesellschaft ber mich in Petersburg kmmerte mich nicht --
schmeichelte mir nicht im geringsten -- alles das kam mir lcherlich
vor. Ich fhlte, da ich selbst schuld war, da ich unvorsichtig, jung
gewesen war, da ich meine Laufbahn zerstrt hatte, und dachte nur
darber nach, wie ich es wieder gut machen knnte. Ich fhlte die Kraft
und die Energie dazu in mir. Aus dem Gefngnis wurde ich, wie ich Ihnen
sagte, hierher in den Kaukasus zum N.-Regiment geschickt. Ich hatte
geglaubt -- fuhr er fort und wurde immer lebhafter -- hier im Kaukasus
sei _la vie de camp_, seien schlichte und brave Menschen, mit denen ich
verkehren werde, gbe es Kriegsgefahren -- alles das wrde zu meiner
Gemtsstimmung gerade passen, und ich wrde ein neues Leben beginnen.
_On me verra au feu_ -- man wird mich lieb gewinnen, mich schtzen
lernen, nicht blo meines Namens wegen -- mir Orden geben, mich zum
Unteroffizier machen, die Strafe aufheben, und ich werde wieder in
die Heimat zurckkehren, _et vous savez avec ce prestige du malheur_.
Aber _quel dsenchantement_! Sie knnen sich nicht vorstellen, wie
ich mich getuscht habe! ... Sie kennen das Offizierkorps unseres
Regiments? -- Er schwieg ziemlich lange und schien zu erwarten, da ich
ihm sagte, ich wte, wie schlecht die hiesigen Offiziere seien. Aber
ich antwortete ihm nicht. Es widerte mich an, da er, wahrscheinlich,
weil ich franzsisch verstand, voraussetzte, ich mte gegen das
Offizierskorps eingenommen sein, whrend ich im Gegenteil durch meinen
lngern Aufenthalt im Kaukasus dahin gekommen war, es nach seinem Werte
zu beurteilen und tausendmal hher zu schtzen, als den Kreis, aus dem
Herr Guskow hervorgegangen war. Ich wollte ihm das sagen, aber seine
Lage fesselte mir die Zunge. -- Im N.-Regiment ist das Offizierskorps
tausendmal schlimmer als im hiesigen, fuhr er fort. _J'espre, que
c'est beaucoup dire_, d. h. Sie knnen sich nicht vorstellen, wie es
ist! Ich will gar nicht von den Junkern und den Gemeinen sprechen. Das
ist eine entsetzliche Gesellschaft! Sie nahmen mich anfangs gut auf,
das ist wahr, aber spter, als sie sahen, da sie mir verchtlich sein
muten, an den unmerklichen, kleinen Beziehungen sahen sie das, Sie
wissen schon, da ich ein ganz anderer Mensch sei, der weit ber ihnen
stand, da wurden sie bse auf mich und fingen an, mir mit allerlei
kleinen Demtigungen heimzuzahlen. _Ce que j'ai eu  souffrir, vous
ne vous faites pas une ide._ Dann der unwillkrliche Verkehr mit den
Junkern, besonders _avec les petits moyens, que j'avais, je manquais
de tout_, ich hatte nur, was meine Schwester mir schickte. Ein Beweis
fr das, was ich zu leiden hatte, ich, bei meinem Charakter, _avec ma
fiert, j'ai cris  mon pre_, ich flehte ihn an, mir wenigstem etwas
zu schicken ... Ich begreife wohl, wenn man fnf Jahre ein solches
Leben gefhrt hat, kann man so werden, wie unser Degradierter Dromow,
der mit den Gemeinen trinkt und allen Offizieren Briefe schreibt, in
denen er bittet, ihm drei Rubel zu leihen, und die er _tout  vous_
Dromow unterschreibt. Man mu einen Charakter wie meinen haben, um
in dieser schrecklichen Lage nicht ganz zu versumpfen. -- Er ging
lange schweigend neben mir her. -- _Avez vous un papiros?_ sagte er.
-- Ja, wo bin ich stehen geblieben? ... Ja. Ich konnte das nicht
aushalten, nicht krperlich; denn war es auch schrecklich, plagte
mich auch Klte und Hunger, fhrte ich auch das Leben eines gemeinen
Soldaten, so hatten doch die Offiziere eine gewisse Achtung vor mir
-- auch besa ich noch fr sie ein gewisses _prestige_. Sie schickten
mich nicht auf Wachtposten, auf bung. Ich htte das nicht ertragen.
Aber seelisch litt ich entsetzlich. Und vor allem -- ich sah keinen
Ausweg aus dieser Lage. Ich schrieb an meinen Onkel, ich flehte ihn
an, mich in das hiesige Regiment zu versetzen, das wenigstens die
Feldzge mitmacht, und dachte, hier ist Pavel Dmitrijewitsch, _qui est
le fils de l'intendant de mon pre_, der wird mir wenigstens ntzlich
sein knnen. Mein Onkel that das fr mich -- ich wurde versetzt. Nach
jenem Regiment kam mir dieses wie eine Versammlung von Kammerherren
vor. Dann war Pavel Dmitrijewitsch da, er wute, wer ich war, und
ich wurde vortrefflich aufgenommen. Auf die Bitte meines Onkels ...
Guskow, _vous savez_? ... Aber ich machte die Beobachtung, da mit
diesen Menschen ohne Bildung und Intelligenz -- sie knnen einen
Menschen nicht achten und ihm ihre Achtung bezeigen, wenn er nicht
den Strahlenkranz des Reichtums, des Ansehens hat. Ich machte die
Beobachtung, wie allmhlich, als sie erkannt hatten, da ich arm war,
ihr Verkehr mit mir immer nachlssiger und nachlssiger und endlich
nahezu geringschtzig wurde. Das ist entsetzlich, aber es ist die volle
Wahrheit.

Hier habe ich an den Feldzgen teilgenommen, ich habe mich geschlagen,
_on m'a vu au feu_, fuhr er fort -- aber wann wird das ein Ende haben?
Ich glaube, nie; und meine Krfte und meine Energie fangen an sich zu
erschpfen. Dann habe ich mir _la guerre, la vie de camp_ ausgemalt,
aber ich sehe, es ist alles ganz anders: in der Pelzjacke, ungewaschen,
in Soldatenstiefeln geht man auf verdeckten Posten und liegt die ganze
Nacht hindurch in einem Hohlweg mit dem ersten besten Antonow, der
wegen Trunksucht unter die Soldaten gesteckt ist, und jeden Augenblick
kann man vom Gebsch her totgeschossen werden -- ich oder Antonow, das
ist ganz gleich ... Da thut's keine Tapferkeit, das ist entsetzlich,
_c'est affreux, a tue_.

Nun ja, Sie knnen aber jetzt fr den Feldzug Unteroffizier und im
nchsten Jahr Fhnrich werden, sagte ich.

Ja, ich kann es, man hat es mir versprochen, aber es sind noch zwei
Jahre hin, und vielleicht auch dann nicht, und was das heit, solche
zwei Jahre, wenn das einer wte! Stellen Sie sich ein Leben mit diesem
Pavel Dmitrijewitsch vor: Kartenspiel, grobe Spe, Saufgelage ...
Sie wollen etwas sagen, was Ihnen das Herz abdrckt, es versteht Sie
niemand, oder Sie werden gar noch ausgelacht. Man spricht mit Ihnen
nicht, um Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, sondern um aus Ihnen
womglich noch einen Narren zu machen. Und das alles ist so gemein,
so grob, so hlich, und Sie fhlen immer, da Sie zu den niederen
Chargen gehren -- man lt Sie das immer fhlen. Darum knnen Sie auch
nicht verstehen, welch ein Genu es ist, _ c[oe]ur ouvert_ mit einem
Menschen zu sprechen, wie Sie sind! ...

Ich verstand nicht im mindesten, was fr ein Mensch ich sein sollte,
und darum wute ich auch nicht, was ich ihm antworten sollte.

Werden Sie etwas essen? sagte in diesem Augenblick Nikita zu mir,
der unbemerkt in der Dunkelheit zu mir herangeschlichen und, wie ich
wahrnahm, ber die Anwesenheit des Gastes ungehalten war. -- Es giebt
nur Quark-Piroggen, und etwas Fleischklops ist noch brig geblieben.

Hat der Kapitn schon gegessen?

Sie schlafen schon lange, antwortete Nikita mrrisch. Auf meinen
Befehl, uns hierher etwas Essen und Schnaps zu bringen, brummte er
unwillig etwas in den Bart und ging schleppend in seine Htte. Er
brummte auch dort noch weiter, brachte uns aber ein Kstchen; auf das
Kstchen stellte er ein Licht, das er vorher gegen den Wind mit Papier
umwickelt hatte, eine kleine Kasserolle, Mostrich und eine Bchse,
einen Blechbecher mit einem Henkel und eine Flasche Wermut. Nachdem
Nikita alles das hergerichtet hatte, blieb er noch eine Weile in der
Nhe stehen und sah zu, wie Guskow und ich Schnaps tranken, was ihm
offenbar sehr unangenehm war. Bei dem matten Schein, den die Kerze
durch das Papier warf, und bei der Dunkelheit, die uns umgab, sah
man nur das Seehundsleder des Kstchens, das Abendbrot, das darauf
stand, Guskows Gesicht, seine Pelzjacke und seine kleinen roten Hnde,
mit denen er die Piroggen aus der Kasserolle herausnahm. Ringsumher
war alles schwarz, und nur, wenn man scharf aussphte, konnte man
die schwarze Batterie, die ebenso schwarze Gestalt des Wachtpostens,
der ber die Brustwehr zu sehen war, an den Seiten die brennenden
Wachtfeuer und ber uns die rot schimmernden Sterne unterscheiden.
Guskow lchelte kaum merklich, traurig und verschmt, als wre es ihm
unbehaglich, mir nach seinem Gestndnis in die Augen zu sehen, er
trank noch ein Glschen Schnaps und a gierig, indem er die Kasserolle
auskratzte.

Ja, fr Sie ist es doch immerhin eine Erleichterung, sagte ich, um
etwas zu sagen, da Sie mit dem Adjutanten bekannt sind; ich habe
gehrt, er ist ein guter Mensch.

Ja, antwortete der Degradierte, er ist ein lieber Mensch; aber er
kann kein anderer sein, er kann kein Mensch sein -- bei seiner
Bildung kann man's auch nicht verlangen. Pltzlich schien er zu
errten. -- Sie haben seine groben Scherze mit dem verdeckten Posten
gehrt? -- und obgleich ich zu wiederholten Malen das Gesprch zu
unterbrechen suchte, begann Guskow sich vor mir zu rechtfertigen und
mir auseinanderzusetzen, da er nicht von seinem Posten weggelaufen
war, und da er kein Feigling sei, wie das der Adjutant und Sch. htten
durchblicken lassen.

Wie ich Ihnen gesagt habe -- fuhr er fort und wischte seine Hnde an
seiner Pelzjacke ab -- solche Leute verstehen nicht zart mit einem
Menschen umzugehen, mit einem gemeinen Soldaten, der kein Geld hat;
das geht ber Ihre Krfte. Und in der letzten Zeit, wo ich seit fnf
Monaten, ich wei nicht warum, von meiner Schwester nichts bekomme,
habe ich beobachtet, wie verndert ihr Benehmen gegen mich ist. Dieser
Pelzrock, den ich von einem Gemeinen gekauft habe und der nicht wrmt,
weil er ganz abgeschabt ist (dabei zeigte er mir den kahlen Scho)
flt ihnen nicht Mitleid oder Achtung mit dem Unglck, sondern
Verachtung ein, die sie nicht zu verbergen imstande sind. Meine Not
mag noch so gro sein, wie jetzt, wo ich nichts zu essen habe, als
Soldatengrtze, und nichts anzuziehen, fuhr er mit niedergeschlagenen
Augen fort und go sich noch ein Glschen Schnaps ein -- es fllt ihm
nicht ein, mir Geld anzubieten, und er wei, da ich es ihm wiedergebe.
Er wartet, bis ich, in meiner Lage, mich an ihn wende. Und Sie werden
begreifen, wie schwer mir das wird, und noch bei ihm! Ihnen zum
Beispiel wrde ich gerade heraussagen: _vous tes au dessus de cela,
mon cher, je n'ai pas le sou_. Und wissen Sie, sagte er und sah mir
pltzlich mit verzweifeltem Blick in die Augen -- Ihnen sage ich es
gerade heraus, ich bin jetzt in einer entsetzlichen Lage: _pouvez-vous
me prter 10 roubles argent_? Meine Schwester mu mir mit der nchsten
Post schicken, _et mon pre_ ...

Oh, ich bin sehr erfreut! sagte ich, whrend es mir im Gegenteil
sehr unangenehm und krnkend war, besonders weil ich tags zuvor im
Kartenspiel Verluste gehabt und selbst nicht mehr als fnf Rubel und
einige Kopeken bei Nikita hatte. -- Gleich, sagte ich, und stand auf,
ich will in das Zelt gehen, um es zu holen.

Nein, spter, _ne vous drangez pas_.

Ich hrte aber nicht auf ihn und kroch in das zugeknpfte Zelt, wo mein
Bett stand und der Kapitn schlief.

Aleksej Iwanytsch, geben Sie mir, bitte, zehn Rubel bis zum
Gehaltstage, sagte ich zu dem Kapitn, whrend ich ihn aufrttelte.

Was, wieder abgebrannt? Und gestern erst haben Sie erklrt, da Sie
nicht mehr spielen wollen? sagte der Kapitn, halb im Schlafe.

Nein, ich habe nicht gespielt, ich brauche es so, geben Sie mir's,
bitte.

Makatjuk! schrie der Kapitn seinem Burschen zu, hole das Geldkstchen
und gieb es her.

Leiser, leiser, sagte ich. Ich hrte in der Nhe des Zeltes die
gleichmigen Schritte Guskows.

Was? ... warum leiser?

Der Degradierte hat mich um ein Darlehn gebeten. Er ist da.

Htte ich das gewut, dann htte ich es nicht gegeben, bemerkte der
Kapitn. Ich habe von ihm gehrt: der Bursche ist einer der schlimmsten
Wstlinge! -- Der Kapitn gab mir aber doch das Geld, befahl die
Schatulle wegzusetzen, das Zelt gut zu verschlieen, wiederholte noch
einmal: Wenn ich gewut htte wozu, htte ich es nicht gegeben
und zog sich die Decke ber den Kopf. -- Nun schulden Sie mir 32,
vergessen Sie nicht! rief er mir nach. Als ich aus dem Zelte trat,
ging Guskow um die Bnkchen herum, und seine kleine Gestalt mit den
krummen Beinen und der scheulichen Fellmtze mit den langen weien
Haaren tauchte in der Dunkelheit auf und nieder, wenn er an der Kerze
vorberkam. Er that, als bemerkte er mich nicht. Ich gab ihm das Geld.
Er sagte _merci_, knitterte den Schein zusammen und steckte ihn in die
Hosentasche.

Jetzt mu das Spiel bei Pavel Dmitrijewitsch, denke ich, im vollsten
Gange sein! begann er gleich darauf.

Ja, das denke ich auch.

Er spielt merkwrdig, immer _ rebours_ und biegt nie ein Paroli,
glckt's, dann ist es gut, wenn es aber nicht gelingt, kann man
furchtbar viel Geld verspielen. Er hat das auch bewiesen. In
diesem Feldzuge hat er, wenn man die Sache berechnet, mehr als
anderthalbtausend verloren. Und mit welcher Migung hat er frher
gespielt, so da Ihr Offizier da an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln
schien.

Ja, er hat das so ... Nikita, haben wir keinen Most mehr, sagte ich
und fhlte mich sehr erleichtert durch Guskows Redseligkeit. Nikita
brummte immer noch, er brachte uns aber den Wein und sah wieder wtend
zu, wie Guskow sein Glas leerte. In Guskows Benehmen machte sich wieder
die frhere Ungezwungenheit bemerkbar. Ich htte gewnscht, er wre
so schnell als mglich gegangen, und es schien mir, als thte er das
nur deshalb nicht, weil er sich schmte, gleich nachdem er das Geld
bekommen hatte, fortzugehen. Ich sprach kein Wort.

Wie ist es mglich, da Sie bei Ihren Mitteln ohne jede Notwendigkeit,
_de gaiet de c[oe]ur_ sich entschlossen haben, im Kaukasus Dienste zu
nehmen? Sehen Sie, das verstehe ich nicht, sagte er zu mir.

Ich gab mir Mhe, mich wegen dieses fr ihn so aufflligen Schrittes zu
rechtfertigen.

Ich kann mir denken, wie schwer auch fr Sie der Verkehr mit diesen
Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von
Bildung haben. Es ist nicht mglich, da sie fr Sie Verstndnis haben.
Sie knnen zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen
und hren als Karten, Wein und Unterhaltung ber Auszeichnungen und
Feldzge.

Es berhrte mich unangenehm, da er verlangte, ich sollte durchaus
seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller
Aufrichtigkeit, da ich Karten, Wein und Gesprche ber Feldzge sehr
gern htte. Aber er wollte mir nicht glauben.

Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h.
ich meine _femmes comme il faut_, ist das nicht eine schreckliche
Entbehrung? Ich wei nicht, was ich jetzt drum gbe, wenn ich mich nur
auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein
Thrspltchen ein reizendes Weib sehen knnte.

Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein.

Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glck, uns
in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu
verkehren und zu leben. -- Er trank den letzten Rest Wein aus, der
noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie
htten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut.
Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, _et je n'ai pas la tte
forte_. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) _au
rez de chausse_ wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung,
eigene Mbel, mssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend
einzurichten, wenn auch nicht bermig teuer. Allerdings, _mon pre_
gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. _Le matin je sortais_,
Besuche machen; _ 5 heures rgulirement_ fuhr ich zu ihr zu Mittag,
oft war sie allein. _Il faut avouer que c'tait une femme ravissante!_
Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht?

Nein.

Wissen Sie, Weiblichkeit besa sie im hchsten Mae, Zrtlichkeit,
und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glck
nicht zu schtzen gewut. Oder nach dem Theater kehrten wir hufig zu
zweien nach Hause zurck und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr
Langeweile empfunden, _toujours gaie, toujours aimante_. Ja, ich ahnte
gar nicht, was fr ein seltenes Glck das war. _Et j'ai beaucoup  me
reprocher_ ihr gegenber. _Je l'ai fais souffrir et souvent_, ich war
grausam. Ach, es war eine kstliche Zeit! Langweilt Sie das?

Nein, keineswegs.

Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzhlen. Ich komme: diese
Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thrklinke -- alles so lieb,
so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals,
niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern
ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe -- ich bin ein
Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr wrdig ... Ja, ich bin fr ewig
verloren! _Je suis cass._ Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts
mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein
Mensch wird je mein Leiden begreifen -- niemand fhlt mit mir. Ich bin
ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin
moralisch gesunken -- in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke
klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich
nicht an und sa unbeweglich da.

Warum so verzweifeln? sagte ich.

Weil ich abscheulich bin, dies Leben hat mich zu Grunde gerichtet,
was in mir war, alles ist erttet ... Ich leide nicht mehr mit Stolz,
sondern mit Wrdelosigkeit -- die _dignit dans le malheur_ habe ich
nicht mehr. Jeden Augenblick erdulde ich Demtigungen, alles ertrage
ich, ich suche selbst den Weg zur Demtigung. Dieser Schmutz _a dteint
sur moi_, ich bin selbst roh geworden, ich habe vergessen, was ich
gewut habe, ich kann nicht mehr franzsisch sprechen, ich fhle, da
ich gemein und niedrig bin. An Kmpfen kann ich in dieser Umgebung
nicht teilnehmen, um nichts in der Welt; ich wre vielleicht ein
Held: geben Sie mir ein Regiment, goldene Achselklappen, Trompeter;
aber in Reih und Glied mit dem ersten besten rohen Antonow Bondarenko
und dem und dem zu gehen, und zu denken, da zwischen ihm und mir
nicht der geringste Unterschied ist, da es ganz gleich ist, ob er
erschossen wird oder ich -- dieser Gedanke ttet mich. Begreifen Sie,
wie entsetzlich es ist, zu denken, da der erste beste Lumpenkerl
mich tten soll, einen Menschen, der denkt und fhlt, und da es ganz
dasselbe ist, ob er den Antonow neben mir ttet, ein Geschpf, das
sich durch nichts von einem Tiere unterscheidet, und da es leicht
geschehen kann, da man gerade mich ttet und nicht Antonow, wie es
immer vorkommt, _une fatalit_ fr alles Hohe und Gute. Ich wei, da
sie mich einen Feigling nennen: schn, ich mag ein Feigling sein --
ich bin eben ein Feigling und kann nicht anders sein. Aber nicht genug,
da ich ein Feigling bin, ich bin nach Ihrer Meinung -- ein Bettler und
ein verachteter Mensch. Sehen Sie, ich habe Sie eben um Geld gebeten,
und Sie haben ein Recht, mich zu verachten. Nein, nehmen Sie Ihr Geld
zurck -- und er streckte mir den zerknitterten Schein entgegen. -- Ich
will, da Sie mich achten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Hnden und
brach in Thrnen aus; ich wute nicht, was ich sagen und thun sollte.

Beruhigen Sie sich, sprach ich zu ihm, Sie sind zu empfindlich, nehmen
Sie sich nicht alles zu Herzen, grbeln Sie nicht, sehen Sie die Dinge
einfacher an. Sie sagen selbst, Sie haben Charakter. Tragen Sie es, Sie
haben nicht mehr lange zu leiden -- sprach ich zu ihm, aber in sehr
unklaren Worten, denn ich war erregt durch ein Gefhl des Mitleids und
ein Gefhl der Reue darber, da ich gewagt hatte, in Gedanken einen
wahrhaft und tief unglcklichen Menschen zu verdammen.

Ja, begann er, wenn ich auch nur einmal seit der Stunde, wo ich in
dieser Hlle bin, auch nur ein einziges Wort der Teilnahme, des Rates,
der Freundschaft gehrt htte -- ein menschliches Wort, ein Wort, wie
ich es von Ihnen hre -- vielleicht knnte ich alles ruhig ertragen,
vielleicht knnte ich es auch auf mich nehmen und sogar ein gemeiner
Soldat sein, aber jetzt ist es entsetzlich ... Wenn ich mit gesundem
Sinne berlege, wnsche ich mir den Tod; warum sollte ich aber auch
dieses schmachvolle Leben und mich selbst lieben, da ich fr alles Gute
in der Welt verloren bin? und bei der geringsten Gefahr unwillkrlich
wieder anfange, dieses niedertrchtige Leben zu vergttern und es zu
schonen wie etwas Kostbares? Und ich kann mich nicht berwinden, _je ne
puis pas_ ..., d. h. ich kann es -- fuhr er nach einem minutenlangen
Schweigen wieder fort -- aber es kostet mich zu groe Mhe, ungeheure
Mhe, wenn ich allein bin. Mit den anderen, unter den gewhnlichen
Bedingungen, wie man in den Kampf geht, bin ich tapfer, _j'ai fait mes
preuves_, denn ich bin voll Eigenliebe und Stolz: das ist mein Fehler,
und in Gegenwart anderer ... Wissen Sie, gestatten Sie mir, bei Ihnen
zu bernachten, bei uns wird die ganze Nacht gespielt werden. Mir ist's
gleich, wo, auf dem Fuboden.

Whrend Nikita das Bett herrichtete, erhoben wir uns und gingen in der
Dunkelheit wieder auf der Batterie hin und her. Guskow mu wirklich
einen sehr schwachen Kopf gehabt haben, denn er schwankte von den zwei
Glschen Schnaps und den zwei Glas Wein. Als wir aufstanden und uns
von der Kerze entfernten, beobachtete ich, da er den Zehnrubelschein,
den er whrend des ganzen vorangegangenen Gesprches in der Hand
gehalten hatte, wieder in die Tasche schob, aber so, da ich es nicht
sehen sollte. Er sprach immer weiter, er fhlte, er knnte sich noch
aufrichten, wenn er einen Menschen htte wie ich, der Mitgefhl mit ihm
habe.

Wir wollten schon in das Zelt gehen, um uns schlafen zu legen, als
pltzlich ber uns eine Kugel dahinpfiff und nicht weit von uns in den
Boden schlug. Es war so sonderbar: dieses stille, in Schlaf versunkene
Lager, unser Gesprch und ... pltzlich die feindliche Kugel, die, Gott
wei woher, mitten unter unsere Zelte geflogen kam -- so sonderbar, da
ich mir lange nicht Rechenschaft darber geben konnte, was eigentlich
vorging. Einer unserer Soldaten, Andrejew, der auf der Batterie Wache
stand, kam auf mich zu.

Ei, das hat sich herangeschlichen! Hier hat man das Feuer gesehen,
sagte er.

Wir mssen den Kapitn wecken, sagte ich und sah zu Guskow hinber.

Er stand, ganz zu Boden geduckt, da und stammelte, als ob er etwas
sagen wollte: Das ... das ... Feind ... das ... komisch! Weiter sagte
er nichts, und ich hatte nicht bemerkt, wie und wohin er pltzlich
verschwunden war.

In der Htte des Kapitns wurde ein Licht angezndet, sein gewhnlicher
Husten vor dem Erwachen lie sich vernehmen, und er kam bald selbst
heraus und forderte eine Lunte, um sein kleines Pfeifchen anzustecken.

Was ist das heute, Vterchen? sagte er lchelnd, man will mich gar
nicht schlafen lassen, bald Sie mit Ihrem Degradierten, bald Schamyl!
Was ist zu thun, erwidern oder nicht? War darber nichts gesagt im
Befehl?

Nein, nichts. Da, wieder, sagte ich, und jetzt aus zweien.

In der That leuchteten durch die Dunkelheit, rechts vor uns, zwei
Flammen wie zwei Augen auf, und bald flog ber unsern Huptern eine
Kugel und mit lautem, durchdringendem Pfeifen eine leere Granate dahin;
sie war wohl von uns. Aus dem Zelte in der Nachbarschaft kamen die
Soldaten herausgekrochen, man hrte ihr Hsteln, Recken und Plaudern.

Schau, er pfeift vor deinen Augen wie eine Nachtigall, bemerkte ein
Artillerist.

Ruft Nikita! sagte der Kapitn mit seinem gewohnten guten Lcheln. --
Nikita! Verstecke dich nicht, hre, wie die Bergnachtigallen pfeifen.

Ach, Euer Hochwohlgeboren, sprach Nikita, der neben dem Kapitn stand,
ich habe sie schon gesehen, die Nachtigallen, ich frchte mich nicht,
aber der Gast, der eben hier war und Ihren Wein getrunken hat, wie der
sie gehrt hat, da hat er schnell Reiaus genommen, an unserem Zelt
vorber, wie eine Kugel ist er davongerollt, wie ein Tier hat er sich
zusammengeduckt!

Aber es wird doch ntig sein, zum Oberbefehlshaber der Artillerie
hinunterzureiten, sagte der Kapitn zu mir in ernstem, befehlerischem
Tone, um ihn zu fragen, ob wir das Feuer erwidern sollen oder nicht; es
kann kaum davon die Rede sein, aber man kann doch immerhin hinunter.
Bemhen Sie sich, bitte, hin und fragen Sie ihn. Lassen Sie ein Pferd
satteln, damit es schneller geht, nehmen Sie, wenn nicht anders, meinen
Polkan.

In fnf Minuten brachte man mir das Pferd, und ich ritt zu dem
Befehlshaber der Artillerie.

Achten Sie darauf, die Losung ist Deichsel, flsterte mir der
frsorgliche Kapitn zu, sonst kommen Sie nicht durch die Postenkette.

Zum Befehlshaber der Artillerie war es eine halbe Werst; der ganze
Weg fhrte zwischen Zelten hindurch. Sobald ich mich aber von unserem
Wachtfeuer entfernt hatte, wurde es so schwarz, da ich nicht einmal
die Ohren des Pferdes sah, nur das Flackern der Wachtfeuer, die mir
bald ganz nahe, bald ganz fern erschienen, flimmerten vor meinen
Augen. Ein kleines Stck ritt ich ganz wie mein Pferd wollte, dem ich
die Zgel hngen lie. Ich konnte nun die weien, viereckigen Zelte
unterscheiden, dann auch die schwarzen Spuren des Weges; in einer
halben Stunde kam ich bei dem Befehlshaber der Artillerie an. Dreimal
hatte ich nach dem Wege fragen mssen, und viermal war ich ber die
Pflcke der Zelte gestolpert, wofr ich jedesmal Scheltworte aus dem
Zelte zu hren bekam, und zweimal wurde ich von dem Posten angehalten.
Whrend des Rittes hatte ich noch zwei Schsse in unserem Lager gehrt,
aber die Geschosse hatten nicht bis zu dem Ort getragen, wo der Stab
lag. Der Befehlshaber der Artillerie gab nicht den Befehl, die Schsse
zu erwidern, umsoweniger, als der Feind aufhrte, und ich machte mich
auf den Heimweg, indem ich mein Pferd am Zgel hielt und mich zu Fu
zwischen den Zelten der Infanterie durcharbeitete. Oft verlangsamte
ich meinen Schritt, wenn ich an einem Soldatenzelt vorberkam, in dem
ein Feuerschein leuchtete, oder lauschte auf eine Erzhlung, die ein
Spavogel vortrug, oder auf ein Buch, das ein Schriftkundiger vorlas,
dem die ganze Abteilung, den Vorleser von Zeit zu Zeit durch allerlei
Bemerkungen unterbrechend, in dichtem Haufen im Zelt und um das Zelt
zusammengedrngt, zuhrte, oder auch nur auf die Gesprche ber den
Feldzug, ber die Heimat, ber die Vorgesetzten.

Als ich an einem der Bataillonszelte vorberritt, hrte ich die laute
Stimme Guskows, der sehr angeheitert und lebhaft sprach. Junge,
ebenfalls lustige Stimmen, von vornehmen Herren, nicht von gemeinen
Soldaten, antworteten. Es war offenbar das Zelt der Junker oder der
Feldwebel. Ich blieb stehen.

Ich kenne ihn schon lange, sprach Guskow. Als ich in Petersburg lebte,
hat er mich hufig besucht, und ich war oft bei ihm. Er hat in der
besten Gesellschaft verkehrt.

Von wem sprichst du? fragte die Stimme eines Betrunkenen.

Von dem Frsten, sagte Guskow. Ich bin ja doch mit ihm verwandt, und
was die Hauptsache ist, wir sind alte Freunde. Es ist gut, meine
Herren, einen solchen Bekannten zu haben, mssen Sie wissen. Er ist ja
schrecklich reich. Hundert Rubel sind nichts bei ihm. Ich habe mir auch
eine Kleinigkeit von ihm geben lassen, bis mir meine Schwester schickt.

Nun, so la doch schon holen! ...

Sofort. Sawjelitsch, Tubchen! erklang die Stimme Guskows, immer mehr
dem Zelteingang sich nhernd. Hier hast du zehn Moneten, geh' zum
Marketender und bringe zwei Flaschen Kachetischen und ... was noch,
meine Herren? Na! -- Und Guskow trat schwankend, mit zerzaustem Haar,
ohne Mtze, aus dem Zelt. Er schlug die Sche seines Pelzrocks zurck,
steckte die Hnde in die Taschen seiner grauen Hose und blieb am
Eingang stehen. Obgleich er im Lichte stand und ich in der Dunkelheit,
zitterte ich doch vor Angst, er knnte mich bemerken, bemhte mich,
jedes Gerusch zu vermeiden und ging weiter.

Wer da? schrie mich Guskow mit vllig trunkener Stimme an. Die Klte
hatte ihn offenbar ganz aus Rand und Band gebracht. Was fr ein Teufel
schleicht hier mit seinem Pferd herum?

Ich antwortete nicht und suchte schweigend den Weg.





End of the Project Gutenberg EBook of Sewastopol, by Leo N. Tolstoj

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEWASTOPOL ***

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