Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Erster Band, by Friedrich Gerstcker

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Title: Kreuz und Quer, Erster Band
       Neue gesammelte Erzhlungen

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: April 16, 2017 [EBook #54555]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Kreuz und Quer.

  Neue gesammelte Erzhlungen
  von
  Friedrich Gerstcker.

  Erster Band.

  Leipzig,
  Arnoldische Buchhandlung.
  1869.




Inhaltsverzeichni.


                                             Seite

  1. Den Teufel an die Wand malen                1

  2. Booby-island                              176

  3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer          225

  4. Das Hospital auf der Mission Dolores      280

  5. Eine Polizeistreife in Cincinnati         330




Den Teufel an die Wand malen.




Erstes Kapitel.

Das Wandgemlde.


In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in der Osterstrae, stand der
junge Maler Ernst Tautenau auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in
der Hand, und entwarf auf der wei getnchten Seitenwand eine groteske
Figur in bermenschlicher Gre.

Es schien eine Art von Faun zu sein -- ein nicht unschner Kopf, aber mit
gierig lsternem Blick, und breiten, sinnlichen Kinnbacken -- der nackt,
nur mit einem breiten Grtel von Weinlaub und -- sonderbarer Weise
Spielkarten um die Hften, trotzdem ein paar groe Epauletten auf den
bloen Schultern trug, aber in der Hand ein groes Herz hielt, wie man
sie wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff stand dasselbe
auseinander zu brechen.

Er war noch eifrig mit der Ausfhrung der Figur beschftigt, als sich, ohne
vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenber liegende Thr ffnete, und
ein junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, den Zipfel des langen
blauen Mantels ber die linke Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen
braunen Bart und ein paar groen ehrlichen Augen, lachend auf der Schwelle
stehen blieb, und das neu erstehende Werk des Freundes betrachtete.

Alle Wetter Ernst, rief er dabei, was malst Du denn da? ich glaube gar
den Teufel an die Wand. Was fllt Dir denn ein?

Du knntest am Ende Recht haben, Frank, sagte der Angeredete, der kaum
den Kopf nach dem Eintretenden wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht
stren lie. Der Bursche ist in der That mehr Teufel als Faun und eine
kleine Aenderung kann da nachhelfen. Noch whrend er sprach wuchsen der
Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze Hrner und zwischen
den Kartenblttern und dem Weinlaub krmmte sich ein, mit einem dicken
Haarbschel versehener Schweif heraus.

Hahaha, lachte Frank, der Teufel mit Epauletten -- gewissermaen in
Generals-Uniform bei groer Gala -- die Idee ist nicht schlecht. Aber,
Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest Du im Auftrag irgend
eines Ministeriums, um vielleicht Frescobilder fr einen Stndesaal zu
entwerfen?

Und kennst Du den Burschen nicht?

Wen? Seine hllische Majestt mit dem Pfefferkuchen-Herz in der Hand? --
Das mu gut zu dem Schwefel schmecken?

Ich meine das Gesicht.

Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes, sagte Frank, es
jetzt aufmerksamer betrachtend. Also es ist keine Phantasie?

Nein.

Portrait?

Vielleicht -- Du kennst das Original jedenfalls.

Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich darauf -- der Major von
Reuhenfels, wie?

Ernst nickte stumm vor sich hin -- Allerdings, sagte er endlich, der
Herr Major von Reuhenfels, den ich mir hier zu meinem besonderen Vergngen
abconterfeit habe.

Und liebst Du den so sehr, da Du sein Bild immer vor Augen haben willst?

Ja, sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen Zhnen, so
innig, da ich -- aber zum Teufel auch, ich will mir den schnen Tag nicht
verderben und habe mir nur den Spa gemacht die Fratze hier an die Wand zu
zeichnen.

Aber Du hast karrikirt -- der Major ist wirklich was man einen schnen,
stattlichen Mann nennt.

Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern, wie eine Kuh.

Das spricht fr seine gastronomischen Leistungen, lachte Frank.

Und mit einem paar Lippen wie ein Faun -- selbst der Schnurrbart kann den
widerlichen Zug derselben nicht verbergen.

Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth auf den armen Teufel hast.
Hat er Dir denn je etwas zu Leide gethan?

Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.

Also gefllt Dir blos sein Gesicht nicht.

Du setzest die Worte falsch -- mir gefllt sein Gesicht nicht blo, er
sollte einen Schleier darber tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich
glaube bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit mit dem.

Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den nchsten Sessel, sich selber
in einen, der Staffelei schrg gegenber stehenden Lehnstuhl und sagte
dann, indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen und noch nicht
vollendeten Bild haftete:

Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter damit, ich bin gerade in
der Stimmung Dir als lterer Freund -- denn Dein Geburtstag fllt auf den
25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, einen guten und vterlichen
Rath zu ertheilen. -- Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem Bild
da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, und Du mut es ja auch in
den letzten zwei Tagen, wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand
geworfen haben.

Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, mit rechts einer
sogenannten Lanne, einem grnbewachsenen, ziemlich schrg abfallenden
Bergabhang, an welchem ein paar einzelne Lrchen-Tannen wuchsen. An der
einen stand eine Mdchengestalt, mit im Winde flatternden Locken, und
den Baum, wie Schutz suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne
emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen in voller Flucht hinber
-- die Thiere waren wenigstens flchtig angedeutet.

Was soll denn das vorstellen? -- fuhr er nach einer kleinen Weile fort
-- willst Du noch irgendwo einen Ruberhauptmann anbringen, der die junge
Dame berfllt? Sie umfat ja den Baum als ob sie ihn im Leben nicht wieder
los lassen wollte.

Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen Augenblick unterbrochen, und
die Gestalt an der Wand nur noch immer mehr ausgefhrt. Er verschnerte
aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen daran zu finden, den
Ausdruck aller bsen Leidenschaften in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt
drehte er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den Tisch, wusch sich
die Hnde in einem daneben stehenden Becken und sagte:

Du sollst die Geschichte hren, Frank -- wenn auch nur in ihren flchtigen
Umrissen -- ich wollte es Dir schon lange erzhlen, und Dich um Deinen
Rath fragen. Aber wir mssen dazu ungestrt sein, denn wenn ich einmal
unterbrochen werde, wei ich nicht, ob ich den Muth haben werde, zum
zweiten Male zu beginnen.

Damit ging er zur Thr, riegelte sie zu, warf noch einen festen Blick
ber das unvollendete Bild auf der Staffelei und begann dann, indem er mit
untergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abging:

Ich war im vorigen Herbst, wie Du weit, in Tyrol, jene Gegend ist aus
einem der dortigen Thler; ich wanderte mit meiner Mappe durch den wilden
Grund, als ich pltzlich einen gellenden Hlferuf hre, und aufschauend,
gar nicht so weit ber mir eine weibliche Gestalt in einem lichten Kleide
und jener Stellung, wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum
umklammern sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches Wesen zu
entdecken, und obgleich ich mir nicht denken konnte, weshalb die Dame
schrie, denn eine Gefahr gab es ringsum nicht, sumte ich doch nicht, so
rasch mich meine Fe trugen, dort hinauf zu eilen, was auch mit keinen
groen Schwierigkeiten verbunden war.

Ich fand ein Mdchen -- erla mir die Beschreibung -- Du kennst sie auch
wahrscheinlich selber, denn sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater
hier in M--

Und wie heit sie?

Den Namen nachher. -- Es war ein Wesen, so zart und duftig, als ob es
dieser Erde gar nicht angehre -- eine Bergelfe, die ihre Zeit verpat, und
am hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen war, um sich--

An einen Baum anzuklammern und zu schreien, sagte Frank trocken.

Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich deshalb nicht, erwiderte,
verdrielich ber den prosaischen Einwurf, der Freund. Was wute das arme
Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem Uebermuth war sie ihrer
Gesellschaft davon gelaufen, um hier ber den grnen Wiesenhang hin ein
Stck vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, als sie
Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde und Angst bekam. Kaum erreichte
sie noch den Baum, als sie ihn auch umfate, um sich daran zu halten, und
nun durch ihr Rufen die brige Gesellschaft herbei zu ziehen suchte.

Und Du warst der Glckliche, der sie fand.

Ja -- ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, whrend sie sich fest
und schchtern an meinen Arm anklammerte, und fhrte sie den brigen Theil
der hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den durch das Thal
laufenden Pfad hinab, wo wir auch gleich darauf ihre Gesellschaft
bemerkten, die denselben nicht verlassen hatte, und nun etwas spter
eintraf.

Und wie heit Deine Schne?

Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, wollte mich aber der
Gesellschaft nicht aufdringen und zog mich bald darauf zurck, weil ich sie
den Abend schon wieder in dem nchsten Gasthof zu finden hoffte. Ich hatte
mich getuscht -- sie waren weiter gegangen -- ich folgte ihnen, umsonst;
auf der Landstrae endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr hier, vor
vierzehn Tagen etwa -- Du kannst Dir meine Freude denken, in M-- begegne.

Und hast Du schon um sie angehalten?

Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe sie aus voller, reiner
Seele, aber -- sie ist die Tochter des steinreichen Joulard und meine Liebe
deshalb hoffnungslos.

Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort an die Wand zu malen, und
in welcher Beziehung steht er mit Deiner ganzen Erzhlung, denn etwas
Derartiges mu ich doch vermuthen.

Die Sache ist sehr einfach, sagte Ernst ruhig. Vor drei Tagen war
ich zum ersten Male in dem Hause, ich knnte wohl sagen im Palais des
Banquiers, denn er bewohnt in der That ein solches. Die Treppen sind mit
schweren Teppichen belegt und mit Marmorstatuen verziert; die Vorsle
selbst haben getfelte Wnde und riesige Spiegel. Im Inneren der Rume war
ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der Major von Reuhenfels heraus, sein
widerliches Gesicht strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener
frug, wer der Herr wre, lautete die Antwort: Der Verlobte des gndigen
Fruleins Clemence.

Aha -- deshalb! meinte Frank still vor sich hinlchelnd. Nun und weiter?
Du wolltest meinen Rath.

Ja, ich wei es, sagte Ernst seufzend, aber -- er wird kaum mehr nthig
sein, denn ich sehe nicht ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen
kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter brig, als eben einfach zu
entsagen und jede Hoffnung auf ein dereinstiges Glck fallen zu lassen. --
Sie sind verlobt.

Nun, meinte Frank, was das betrfe, so ist verlobt noch nicht immer
verheirathet, und ich knnte Dir verschiedene Beispiele nennen, wo solche
Verlobungen wieder rckgngig wurden, wenn Dir dadurch die geringste
Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung bliebe -- aber Du bist doch wohl
nicht wahnsinnig genug zu glauben, da Dir der reiche Joulard seine einzige
Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht, da er dem einfach adligen
Major eine solche Gnade zu Theil werden lt; denn bis jetzt hie es in der
Stadt, da er sich einen Herzog oder Prinz fr sie ausgesucht.

Und weit Du, was dieser Major fr ein Charakter ist?

Ich kenne ihn gar nicht -- kaum dem Namen nach und nur von Ansehen.

Aber ich habe mich desto sorgfltiger in den letzten Tagen nach ihm
erkundigt. Ein berchtigter Spieler und Rou, der mehr Schulden als Haare
auf dem Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend machen wird.

Und was geht das Dich an?

Was das mich angeht? -- Mensch, Du kannst mich mit Deinen kalten Fragen
zur Verzweiflung treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, da ich zum Tollwerden
verliebt in das Mdchen bin?

In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du hast mich um meinen Rath gebeten
und den will ich Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen willst,
so bekmmerst Du Dich um die ganze Familie von diesem Augenblick an nicht
weiter, als da Du Dein Ideal meinetwegen aus der Ferne anbetest, und den
Major, wenn es Dir Spa macht, als Teufel oder sonst was an die Wand malst.
Darin bleibst Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es Dir verwehren
oder wird dadurch geschdigt. Mische Dich aber um Gottes Willen nicht in
fremde Familienangelegenheiten, in denen Dir nicht das entfernteste Recht
zusteht, denn da Du dadurch etwas zu Deinen Gunsten erreichen knntest,
wirst Du selber nicht glauben, um andere Menschen -- kmmere Dich aber
nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekmmern.

Aber wenn Clemence in der Verbindung mit jenem Menschen elend wird--

Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nhe, so komm ihr wie damals
zur Hlfe -- aber frher nicht.

Aber dann ist es zu spt. Soll ich sie denn rettungslos zu Grunde gehen
sehen?

Lieber Freund, erwiederte der junge Maler, ihr Vater ist Banquier und
Du wirst mir Recht geben, wenn ich Dir sage, da alle derartigen Leute die
Augen gewhnlich offen halten. Thun sie es nicht, so ist es ihr eigener
Schade und kein Mensch weiter hat sich darum zu qulen.

Und Clemence?

Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend vor sich nieder, endlich
sagte er:

Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wthend werden, wenn ich Dir irgend
etwas gegen Dein Ideal einwerfe, aber es geht eben nicht anders. Was ich
auf dem Herzen habe mu heraus, so sollst Du denn auch meine Meinung ber
Deine Auserwhlte hren, die allerdings nicht so gnstig lautet, als Du Dir
vielleicht wnschen knntest.

Kennst Du sie?

Zufllig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie aus und ein geht, und ich
gestehe Dir zu, da sie ein bildhbsches, ja man knnte sogar sagen schnes
Mdchen ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zgen, aber--

Aber?--

Sie ist dabei die rgste Kokette, die mir im ganzen Leben vorgekommen, und
herzlos bis zum Aeuersten.

Und woher willst Du das wissen?

Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages jenes Haus verlassen wollte,
und ihre Equipage hielt vor der Thr -- ich ging hinter ihr die Treppe
hinunter -- wurde ein armes junges Nhmdchen, die irgend eine Arbeit
dort hinauf gebracht hatte, ohnmchtig und fiel gleich neben dem gndigen
Frulein, ja so dicht bei ihr, da sie ihr wohl etwas an der Robe mute
beschdigt haben, auf der Flur nieder. Htte sie ein weiches Herz im Busen,
so wrde sie sich der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen Wagen
fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen Blick voll Abscheu und Ekel
zu, sah nach ihrem Kleid und eilte dann so rasch sie konnte in den schon
fr sie geffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher mit ihr davon
rollte.

Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders Ohnmchtigen, sehen
knnen, sagte Ernst, es geht mir selber so -- ich mu mich dazu zwingen
-- das ist kein Beweis gegen sie.

Wenn Du einen Beweis wolltest, wre der gengend, meinte Frank, aber in
dem Fall wird Dich auch das Andere, was ich Dir noch sagen knnte, nicht
berzeugen.

Und das wre--

Da sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr dort oben im Salon zusammen
war, sich so gesetzt hatte, da sie sich fortwhrend in dem Spiegel sehen
konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste benutzte.

Ernst lachte. Da sich also ein junges hbsches Mdchen gern selber sieht
und ein wenig eitel ist, rechnest Du ihr zum Verbrechen an, -- und findest
Du eine unter Allen, die davon frei wre?

Gut! wir wollen uns auch darber nicht streiten, denn die Sache hat keinen
Zweck. Dir wird Frulein Clemence kaum gefhrlich werden knnen, denn
wenn sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir auch wohl in
allernchster Zeit von ihrer Verbindung hren. Solltest Du aber wahnsinnig
genug sein, Einspruch thun zu wollen -- was ich Dir aber nicht zutraue,
denn eine Geistesstrung habe ich bisher noch nicht an Dir bemerkt, so
bedenke wohl, da Dir jedes Recht dazu fehlt. Was Du auch ber den Major
weit, knnen nur Gerchte sein, fr die Du nie wirkliche Beweise bringen
wrdest, auer vielleicht fr die Schulden, und was schadet es dem reichen
Joulard, wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler negatives Vermgen
hat? Er wird sie eben bezahlen, und die Sache ist abgemacht. Aber wie
ist's? Hast Du Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich her,
um Dich abzuholen.

Ich danke Dir -- ich bin es jetzt nicht im Stande, sagte Ernst, nicht in
der Stimmung -- es geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum -- ich mu
allein sein -- mu mich erst sammeln -- aber wenn Du zurckkehrst, sprich
wieder bei mir vor.

Also sammele Dich, rief ihm Frank zu, und ich bin berzeugt, Du wirst
in die richtige Bahn hinein kommen. -- Ich frage dann wieder vor und hoffe
Dich gegen Abend ruhig und vernnftig zu finden. Ueberdie haben wir heute
Knstlerverein, und Du darfst da nicht fehlen.

Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder um, setzte seinen Hut auf
und verlie das Zimmer. Sein Freund blieb aber in einer trben, ja fast
verzweifelten Stimmung zurck, denn er konnte sich nicht verhehlen, da
Frank in manchen -- ja in vielen Stcken Recht hatte und da mit der kalten
Vernunft eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft war. Was
wute der Vernunftmensch aber auch von Liebe -- einer Liebe, die ihm
selber das Herz zu verzehren drohte, und der er sich mit aller Zhigkeit
hingegeben hatte, mit welcher wir manchmal in der Jugend einen Schmerz
pflegen, nur um uns unglcklich zu wissen.

Unglckliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht schon das selige Bewutsein
gehabt unglcklich zu lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben
hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglcklich in dem Augenblick
-- wir verachten das Leben, das fr uns nicht den geringsten Reiz mehr hat,
begehen aber dabei den Fehler, da wir uns gewhnlich fr ewig verloren
halten -- wie denn die Jugend mit dem Worte ewig einen argen Mibrauch
treibt. So hlt sie auch ihren Schmerz fr ewig, und wei doch noch
gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis das Leben selber ernst an sie
herantritt. Aber dann ist auch ihre Kraft gesthlt, und sie trgt und
besiegt das Schwerste, wo sie frher unter dem Leichteren zusammenzubrechen
drohte.

Ernst Trautenau war aber berhaupt gar keine schmachtende oder weiche
Natur. Er rang dem Leben krftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf
kurze Zeit vielleicht das romantische Gefhl seines Leidens bewltigen
konnte, lange war es wenigstens nicht im Stand ihn niederzudrcken, denn
der Ha gegen das ihm im Wege stehende Hinderni gewann die Oberhand.

Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur an der Wand. Die
Kohlenzeichnung gengte ihm nicht mehr, und er beschlo das Bild =al
fresco= in Farben auszufhren. Rasch ging er auch an's Werk -- es war eine
grimme Genugthuung fr ihn, an dem verhaten und glcklichen Nebenbuhler in
solcher Weise seine Rache auszuben, und kaum zwei Stunden spter hatte er
das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit allen Insignien der Hlle, und
noch einer Menge irdischer Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an
der Wand vollendet.




Zweites Kapitel.

Der Besuch.


Am nchsten Morgen um elf Uhr sa Trautenau wieder an seiner
Staffelei, aber er hatte das Bild, das er am vorigen Tag darauf gehabt,
heruntergeworfen und die Leinwand zu einem neuen Gemlde aufgespannt. Mute
er Frank nicht Recht geben? -- War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung
zu nhren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? Ja, sah
er auch nur selbst die Mglichkeit voraus, sich der Geliebten zu nahen?
denn unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden lassen? -- Als
Retter in den Alpen? Wenn er die Sache ruhig berdachte, so war nicht mehr
Gefahr dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame ber eine gewhnliche
Wiese hinber gefhrt htte -- und gab ihm das berhaupt ein Recht sich
bei ihr einzufhren? -- Wahrlich nicht, ja er mute erwarten, da er als
zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine solche Demthigung wre
nur verdiente Strafe fr seinen Uebermuth gewesen.

Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an -- sie war ihm so unerreichbar
wie die Sterne und er mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber
durfte auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.

Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische Arbeit hervorgesucht. Es
war das Portrait eines benachbarten Gewrzkrmers, der das Bild seiner
neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt hatte. Das Original
erfreute sich dabei eines nicht allein alltglichen, sondern sogar gemeinen
Gesichts, mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen Haaren
eingedmmten Stirn, eines Paars dnner Lippen und sogar noch Blatternarben.
Das war eine Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und er
beschlo deshalb auch ganz besonderen Flei auf die mit groen unchten
Steinen besetzte Tuchnadel, auf die goldene Kette und das gestickte
Vorhemdchen zu wenden.

Aber die Staffelei stand so, da er, wenn er nur zwei Schritte davon
zurcktrat, gerade darber hin den Kopf des teuflischen Majors erkennen
konnte, der fast wie hhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen
Ausdruck nach ihm herber grinste, und der arme Gewrzkrmer kam dabei
am Schlimmsten weg. Unwillkrlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar
Pinselstrichen auch im Gesicht herum, so da er der Carrikatur dahinter
tuschend hnlich wurde.

Noch war er damit beschftigt und schon auf dem besten Weg das vor ihm
stehende Bild total zu verderben, als man pltzlich ziemlich herzhaft
an die Thr pochte und Trautenau, der gerade wieder von seinem Portrait
zurckgetreten war, um einen besseren Ueberblick zu gewinnen, sah, da
sich auf sein barsches Herein die Thr ffnete und ein Officier -- sein
eigenes Wandgemlde, wie es leibte und lebte, nur in etwas anderem Costm,
auf der Schwelle stand.--

Habe ich das Vergngen Herrn Portraitmaler Trautenau zu sprechen? sagte
der Fremde artig.

Mein Name ist Trautenau, erwiederte der junge Mann, in dem Moment doch
etwas verlegen, denn er hatte keine Ahnung gehabt, da sich das Original
seines Teufels so bald einstellen wrde.

Mein Name ist von Reuhenfels, erwiderte der Officier, -- Major, und Sie
sind mir als ein so vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, da
ich Sie ersuchen mchte, das Bild einer Dame in Lebensgre zu bernehmen.

Einer Dame? fragte Ernst, dem bei den Worten alles Blut in seinen Adern
zum Herzen zurckstrmte.

Ja, mein Herr. Wrden Sie vielleicht im Stande sein, ein solches Gemlde
rasch in Angriff zu nehmen, und sobald als mglich frdern zu knnen? Es
ist das Bild meiner Braut.

Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort ber die Lippen; die Kehle
war ihm wie zugeschnrt. Aber er fhlte auch, da er, gerade vor diesem
Menschen, nicht wie ein Schulknabe dastehen drfe, und sich gewaltsam
zusammenraffend, sagte er endlich:

Ich denke wohl, Herr Major -- wie heit die Dame?

Frulein Joulard -- Sie werden sie wohl kaum kennen -- Sie ist ein
reizender Vorwurf fr ein Bild -- eine imposante, prachtvolle Gestalt --
ein wahres Meisterstck der Schpfung. Und wann knnen Sie damit beginnen?
Meine Braut hat sich bereit erklrt, von morgen an dem Bild sitzen zu
wollen, und zwar tglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. Wren
Sie im Stande das Gemlde in der Zeit zu vollenden?

Zu untermalen jedenfalls; ich wrde aber dann spter noch um einige
Sitzungen bitten mssen.

Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen Trotzkopf, so schn
er ist, und wenn sie sich da einmal etwas hineinsetzt -- alle Teufel,
unterbrach er sich aber pltzlich lachend, als sein im Atelier
umherschweifender Blick auf das riesige diabolische Bild fiel -- Sie haben
sich ja da im wahren Sinn des Wortes den Teufel an die Wand gemalt -- famos
-- ganz ausgezeichnet -- Hahahahaha.

Trautenau fhlte wie er ber und ber roth im Gesicht wurde, und doch auch
hatte die Sache wieder etwas unendlich Komisches, da sich der Major ber
sein eigenes Bild amsirte, ohne anscheinend eine Ahnung zu haben, da es
eben sein eigenes sein sollte.

Verfluchte Idee, lachte der Major aber noch immer weiter -- und ein
Schurz von Wein- und Kartenblttern -- famos allegorisch -- ja wohl sind
das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das Herz, das er mit den
Krallen zerbricht, ergnzt die dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete
Idee das -- ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, mein junger Knstler,
und der Teufel dort ist ein wahres Meisterstck.

Sie sind zu gtig, Herr Major, entgegnete Trautenau, bei dem das
Humoristische der Situation die Oberhand gewann, also er gefllt Ihnen
wirklich?

Ausgezeichnet, sage ich Ihnen -- und die Epauletten -- hhere Charge
natrlich in seiner Beelzebubschen Majestt Armee; wundervoll! -- Aber ich
mu fort. Also bitte sich morgen frh um zwlf Uhr im Joulardschen Htel --
wissen Sie wo Joulard wohnt?

Ja wohl.

Gut -- also dort mit Allem was Sie brauchen, einzufinden. Ein kleines
Atelier werden Sie auch da antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn
fr die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann noch eins -- der Preis
-- ich glaube, da Sie sich spter darber mit Herrn Joulard in fr Sie
sehr befriedigender Weise verstndigen werden. Sie laufen dabei keine
Gefahr. Also Sie kommen?

Ich werde mich pnktlich einfinden.

Und noch eine Bitte, bester Freund -- knnten Sie nicht fr mich eine
kleine Skizze -- und wenn es nur Aquarell ist -- von diesem famosen Teufel
machen -- aber eine ganz treue Copie, wie? Sie wrden mich unendlich
verbinden.

Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der Mann wirklich im Ernst und so
ganz verblendet, da er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber
unwillkrlich lachte er doch auch ber die merkwrdige Bitte desselben, und
in einem Anfall von wildem Humor rief er aus:

Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, verlassen Sie sich darauf --
eine treue Copie -- und vielleicht schon in nchster Zeit.

Sie sind unendlich liebenswrdig, Herr Trautenau, versicherte der
Officier -- also unser Geschft wre soweit abgemacht -- habe die Ehre,
und militairisch grend verlie er das Zimmer, whrend Trautenau wie
in einem wachen Traum mitten in dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm
nachstarrte.

Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major -- sein Major, den er
dort als diabolisches Eigenthum an der Wand besa, war zu ihm gekommen,
hatte das Bild betrachtet und sich darber gefreut, und ihn selber zu
Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese zu malen, um ihr Stunden lang
in die guten, seelenvollen Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme zu
lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens und der Consequenzen noch
nicht zu fassen, und starrte noch immer, wie in einer Verzckung nach der
Thr, als sich diese wieder rasch ffnete und Frank eintrat.

Weit Du wer eben hier im Hause war? -- rief er -- ich begegnete ihm
unten in der Thr--

Der Teufel! sagte Ernst.

Er war doch nicht bei Dir? fragte Frank rasch.

Allerdings, und hat sich eine Copie von dem Wandgemlde bestellt.

Du willst mich zum Besten haben.

Ja, mehr als das -- ich soll Clemence malen.

Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?

Allerdings.

Und er hat wirklich das Wandgemlde dort gesehen?

Gewi hat er, und war entzckt davon.

Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?

Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich jedoch wahrhaftig um
eine Copie gebeten, die ich ihm auch versprochen.

Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel da machen?

Gewi will ich -- und weshalb nicht?

Nun, mir kann's recht sein, sagte der junge Maler, wenn es ihn eben
freut. Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt, -- und gute Freunde
werden ihn schon darauf aufmerksam machen, -- wird er wthend werden.

Und was weiter? fragte Ernst trotzig. Wenn er glaubt, da ich ihm auch
nur den Raum eines Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.

Frank lachte. Wenn ich nur in dem Moment, wo er hinter die Aehnlichkeit
kommt, bei ihm sein knnte, -- was fr ein prachtvoll dummes Gesicht er
dann machen wird. Aber zu solchen Auffhrungen bekommt man nie ein Billet.
Uebrigens kam ich eben her, um Dir zu sagen, da ich mich selber noch
gestern und heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles Das
besttigt gehrt habe, was Du ber ihn gesagt. Er scheint selbst bei seinem
Regiment sehr schlecht angeschrieben, obgleich die Officiere natrlich
nichts Nachtheiliges ber ihn uern werden.

Siehst Du, da ich recht hatte.

Aber das ndert deshalb an der Sache nichts. Du selber stehst dabei der
jungen Dame so fern als je, und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie
zu malen, Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur das geringste
Gewicht legst, den Auftrag rund ab.

Ich habe schon zugesagt.

Eine Ausrede lt sich finden. Du brauchst den Verdienst auch nicht so
nothwendig, denn was Du zum Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht
andere Arbeiten ab.

Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen? fragte Ernst trotzig,
-- glaubst Du, da ich mich vor der Dame frchte?

Ich frchte nur, da Du einen dummen Streich machst, und um Dir die Folgen
desselben zu ersparen, habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.

Ich bin kein Kind mehr.

Nein, Du wrst alt genug, um selber zu wissen, was Du zu thun hast, aber
-- nimm mir's nicht bel, Ernst, -- schon diese tolle Liebe, oder vielmehr
der Glaube, da Du sie liebst, denn Du kannst dies nach einem so flchtigen
Begegnen noch gar nicht wissen, spricht fr Dein -- kindliches Gemth. In
Dir steckt weit mehr Romantik, als Dir gut und zutrglich ist, und ohne da
Du es selber merkst, geht Dir einmal das Herz mit dem Verstand durch und
lt Dich dann in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos sitzen.
Denk' an mich.

Du httest Schulmeister werden sollen, Frank, sagte Trautenau lchelnd,
denn Du sprichst wirklich wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau
kennte, wrde ich Dich jetzt fr einen furchtbaren Philister halten.

Ich gestehe Dir zu, da ich jetzt vernnftiger spreche, als ich gewhnlich
denke, erwiderte Frank -- ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber
sei berzeugt, da es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und nur
die Sorge, Dich in eine peinliche -- und doppelt peinliche, weil
selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, lt mich so zu Dir reden. Malst
Du das junge bildhbsche Mdchen, in das Du bis ber die Ohren verliebt zu
sein selbst eingestehst, so luft die Sache auch nicht so glatt ab, und ich
frchte, Du -- ruinirst Dir ein gro Stck Leinwand um gar Nichts.

Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal angenommen habe.

Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wre Nichts leichter als das. -- Ich will
Dir einen Vorschlag machen: Wir wollen tauschen -- ich habe das lebensgroe
Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, und zwar nur durch Protection,
denn meinen bescheidenen Verdiensten kann ich das kaum zumessen. Uebernimm
Du die Arbeit. Was wir fr beide Bilder bekommen legen wir dann zusammen
und theilen.

Du bist ein Thor -- durch das Bild des Grafen erhltst Du, wenn es Dir
gelingt, Zutritt in alle aristokratischen Cirkel der Stadt.

Ich mchte Dich aus Joulard's Haus entfernt halten.

Ich danke Dir, Frank, rief Trautenau, indem er ihm die Hand reichte und
die seine herzlich schttelte -- ich wute vorher, da Du es wirklich gut
mit mir meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis Deiner Liebe
und Treue gegeben, aber -- es bleibt dabei. Ich male Clemence und werde
Dir zeigen, da ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen
unberlegten Streich ausfhrt, ohne die Folgen zu bedenken. Liebt Clemence
wirklich den Major, gut, so habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen
zu treten, die sich einander angehren wollen.

Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob sie ihn nicht liebt, wenn
sie Dir tglich ein oder zwei Stunden, und dann doch auch jedenfalls in
Gesellschaft irgend einer Begleiterin sitzt?

Das berla mir, meinte Ernst, die Liebe sieht scharf und einen Plan
habe ich mir berhaupt nicht entworfen, kann es auch gar nicht. Der
Augenblick mu das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein kaltes Blut zu
wahren -- mehr kann ich nicht thun.

Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und und ich kann Dir da nicht
weiter helfen. Aber was hast Du denn da fr eine Carrikatur auf der
Staffelei. Der alte Spiebrger sieht ja ebenfalls genau so aus wie Dein
Teufel da an der Wand. Ist die Aehnlichkeit zufllig?

Ich wei es nicht, antwortete Ernst, indem er die beiden Bilder mit
einander verglich -- wahrhaftig Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich
habe meinem wackeren Gewrzhndler da Unrecht gethan. Nun er kommt morgen
Nachmittag zu mir, und da werde ich wohl wieder in seine normalen Zge
hineinfallen. Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch fragen
wollte: Kennst Du Clemencens Vater persnlich?

Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja -- weiter nicht. Vorhin begegnete er
mir auf der Strae und rannte mich fast ber den Haufen, so in Gedanken
vertieft war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen -- eine
reine Rechenmaschine.

Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da noch immer?

Das knnen die Brsenleute ebensowenig lassen, wie wir das Malen; es
ist ihre zweite Natur geworden, und ich glaube sie wrden sich zu Tode
langweilen wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine Stunde
ber das Fallen oder Steigen ihrer Papiere ngstigen mten. Das lt uns
ruhiger, nicht wahr Ernst?

Du magst Recht haben -- ich wenigstens kenne, auer einer Banknote, kein
einziges Werthpapier von Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit
dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben was wir brauchen, sind
wir am zufriedensten.

Was willst Du aber mit dem Carton machen?

Mit dem Blatt hier? Nun die Copie fr den Major.

Bist Du denn wirklich des Teufels?

La mir doch meinen Spa -- ich habe mich jetzt einmal in das verhate
Gesicht hineingelebt und frchte fast, da ich morgen Clemence denselben
Ausdruck gebe -- es wre ein verwnschter Spa.

Frank lachte. Mit Deinem Starrkopf ist doch Nichts anzufangen, so habe
Deinen Willen. Uebrigens bin ich wirklich neugierig was der Major dazu
sagt -- und dem Freund die Hand drckend, stieg er wieder die Treppe hinab
um seinen eigenen Geschften nachzugehen.




Drittes Kapitel.

Die erste Sitzung.


Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schlieen, denn in seinem Herzen war
ein Verdacht rege geworden, da Clemence selber die Aufforderung an ihn,
ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlat haben msse. Die Mglichkeit lag
doch nicht soweit ab, da sie ihn erkannt haben konnte. Sie war vielleicht
an ihm vorber gefahren, ohne da er sie bemerkte, denn er achtete nie auf
Equipagen, und leicht genug konnte sie dann von der Dienerschaft seinen
Namen erfahren haben. Welche Seligkeit erfllte ihn aber, wenn er die
Mglichkeit -- ja die Wahrscheinlichkeit eines solchen Glckes berdachte,
denn wie wre dieser Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ltere
und berhmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es lie sich nicht anders
denken. Vielleicht hatte ihn Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug
nur ungeduldig den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel und Wege ihm
selber eine Annherung zu ermglichen. Frauen sind schlau; er durfte sich
ruhig auf sie verlassen, sie wrde es schon einzurichten wissen.

Und was dann? wenn er nun wirklich fand, da die Verbindung mit dem Major
eine erzwungene gewesen wre, wenn sie sich dagegen strubte? -- Aber das
Alles konnte er nicht jetzt berdenken, nicht in einem Augenblick, wo ihm
das Blut wie Feuer durch die Adern rollte. Das mute auch erst der Moment
bringen, in welchem sich seine Trume zu wirklichem Leben gestalteten. Das
allein konnte entscheiden wie er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem
wollte er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem Muthigen lchelt
ja das Glck.

Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber am nchsten Morgen
in einer ganz anderen, und viel ruhigeren Stimmung, denn es ist eine
allbekannte Thatsache, da Abends unsere Nerven viel aufgeregter und
wir gewhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, besonders in
Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, whrend der Morgen die
kaltbltige Ueberlegung und gewhnlich ganz andere Resultate mit sich
bringt.

Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er jetzt an das Zusammentreffen
mit Clemence dachte, aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu
betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte allerdings recht gut ein
Zufall sein, und das junge Mdchen? -- wie flchtig -- wie kurze Zeit nur
hatte sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es denkbar, da sie sich
seiner Zge da noch erinnern sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze
unbedeutende Begegnung mit ihm schon lange vergessen?

Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber auch nicht die geringste
Lust zum Arbeiten und beschlo deshalb, langsam und in aller Ruhe seine
Vorbereitungen zu der heutigen Sitzung zu treffen. Fr diesmal brauchte
er ja doch nur ein kleines Stck Leinwand, auf dem er die Skizze entwerfen
konnte, um vor der Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Gre des
Bildes mute erst besprochen und festgestellt werden und manches Andere
blieb dabei zu thun. Die Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war
elf Uhr geworden, bis er alles Nthige -- oder wenigstens was er fr nthig
hielt, beendet hatte. Dann zog er sich an, rief einen Packtrger von der
Strae herauf, um ihn mit den nthigen Utensilien zu begleiten und
schritt nun fest und entschlossen, aber doch mit starkem Herzklopfen,
dem Joulard'schen Palais entgegen, als ob er nicht beordert wre nur ein
Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes Schicksal sich gleich
endgltig entscheiden msse.

Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber hier beengte ihn
der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. Die Halle schon war mit Marmor
ausgelegt -- prchtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewchse
standen auf der mit einem reichen Teppich belegten Treppe und galonnirte
Diener schlenderten mssig auf und ab.

Trautenau fhlte sich beklommen, als er, durch einen der Lakaien, der
dem Trger seine Last abnahm, geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das
besserte sich nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir gefhrt und
dort allein gelassen wurde.

Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar reizend das Alles aussah,
aber auch wie reich, wie ausgesucht, fast bertrieben prachtvoll. Wre er
ruhig und unbefangen gewesen, so wrde das Gemach eher einen unangenehmen
als gnstigen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn es war von Gegenstnden
berladen, die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine Zimmerlast
werden drfen. Die breiten goldenen Rahmen an den Wnden standen in keinem
Verhltni zu der Gre der Bilder, welche sie umschlossen, und das war mit
allem Uebrigen der Fall. Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten drngten
sich einander. Die schweren, mit Spitzen berwallten Seidengardinen wurden
von goldenen Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Mbeln rckten zu
nahe aneinander und brachten eher ein Gefhl der Beengung als des Behagens
hervor; der mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war sogar so
gestellt, da er keine freie Bewegung in dem Raum gestattete. Sonderbarer
Weise hing dazwischen auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren
heimischen Sngern herab, mit Finken, Nachtigallen und anderen, und auf
einem gestickten Polster lag ein kleines silberweies Wachtelhndchen und
knurrte leise vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, hielt es
aber sonst nicht der Mhe werth, sich auch nur zu rhren.

Trautenau berflog das Ganze mit einem Blick, aber er sah auch, da dieses
Boudoir zugleich das kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein
mchtiges, mit einer einzigen groen Scheibe versehenes Fenster sah nach
Norden hinaus und neben dem Blumentisch stand noch, von zwei Sthlen
gehalten, eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger Freund allerdings
nicht recht begriff, wie es mglich sein wrde, sie hier in dem engen Raum
aufzustellen.

Ehe er aber darber ganz mit sich im Reinen war, hrte er pltzlich
ein seidenes Kleid rauschen, die eine Thr wurde nur durch einen
purpurdamastenen Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurck, und wie er
sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenber, das ihm mehr dem
Himmel als der Erde anzugehren schien.

Es war Clemence, -- aber nicht mehr das junge schchterne Mdchen aus den
Alpen, das sich, Hlfe und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie
eine Prinzessin schwebte sie herein, ein weies Seidenkleid vom schwersten
Stoff und mit Goldfden durchwirkt, umschlo ihre schlanke, junonische
Gestalt. Voll und schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schlfen
nieder, ihren weien Hals deckte ein Collier blitzender Brillanten, aber
ihre beiden Augensterne berstrahlten sie alle, und wie sie mit kniglichem
Anstand vor dem jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen ansah,
war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste Seele drang. Er wurde
ber und ber roth und stand so verlegen vor der Jungfrau, da diese ein
leichtes Lcheln kaum unterdrcken konnte. Aber sie schien nicht bse ber
den Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, und sagte freundlich:

Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pnktlich eingehalten und ich mchte
Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen hier in meinem kleinen Atelier zu treffen
-- Knstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen Neigung. Das Licht
ist, wie Sie sehen vortrefflich, und nur der Raum vielleicht ein wenig
beschrnkt, doch werden wir uns ja wohl einrichten.

Trautenau bemerkte jetzt erst, da eine andere Dame der Tochter des Hauses
gefolgt war, von dieser freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie
Tag und Nacht -- wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.

Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine dicke Person mit einem
Kropf, in einem schwarzseidenen, aber schon lange getragenen Kleid, und mit
einer wunderlichen Coiffre von grellrothen und gelben Blumen auf dem Kopf.
Trautenau warf einen erstaunten Blick nach ihr hinber, konnte aber nicht
klug aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, Madame Joulard?
-- Diese war, so viel er gehrt schon vor lngerer Zeit gestorben. -- Eine
Gesellschafterin? Clemence wrde sich sicherlich eine andere Persnlichkeit
dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante brauchte sie ebenfalls
nicht mehr. Vielleicht eine Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der
Persnlichkeit eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, denn Clemence
selber verlangte diese, und er rgerte sich auch, da er ihr gar so
schlerhaft gegenber stand.

Wenn Sie mir erlauben, mein gndiges Frulein, sagte er zu Clemence, so
will ich die Staffelei hier herber stellen -- an diesem Platz werden wir,
glaub' ich, das beste Licht haben.

Wie Sie es fr gut halten.

Aber die Symmetrie wird gestrt, wenn der Blumentisch dort hinber kommt,
bemerkte die Dame mit dem Kropf.

Die Symmetrie wird durch Manches gestrt, gndige Frau, entgegnete
Trautenau, durch den albernen Einwurf gergert, was sich im Leben nun
einmal nicht ndern lt.

Clemence lchelte verstohlen vor sich hin, drckte aber auch zu gleicher
Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch stehende Klingel, und bedeutete dann
gleich den eintretenden Bedienten, die gewnschte Aenderung vorzunehmen.

Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei, der Staffelei die
richtige Stellung zu geben und zugleich einen passenden Platz fr Clemence
zu haben, wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt gut
beleuchtet wurde.

Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mdchen aufmerksam zu betrachten,
und ach wie schn war sie -- wie himmlisch schn. Die dunklen, vollen
castanienbraunen Locken stachen wunderbar gegen den weien Nacken ab, auf
dem sie ruhten und diese Augen mit den Wimpern, -- diese Lippen, die Zhne,
wie Perlen an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und sich selbst
dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick an der verfhrerischen
Gestalt, da Clemence endlich errthete und lchelnd sagte:

Wie wnschen Sie, da ich mich stellen soll?

Wie Sie wollen, rief Trautenau begeistert; es giebt immer ein
prachtvolles Bild, aber -- es wird matt gegen das Original werden, frchte
ich--

Mein Vater wnscht ein hnliches Bild, sagte Clemence, und ihre, noch
eben lchelnden Zge nahmen einen weit strengeren Ausdruck an. Sie werden
also mit Ihren Farben wohl vollstndig ausreichen. Drfte ich Sie bitten,
meine Stellung zu bestimmen.

Ich wrde Sie ersuchen, sich diese selber zu whlen, erwiderte der
Maler, der die Zurechtweisung recht gut fhlte und leicht errthete -- so
natrlich und ungezwungen wie mglich, wenn ich bitten darf. Vielleicht
drfen wir zu der Stellung eine jener Vasen benutzen, und den groen
Trumeau als Hintergrund.

Nein, das ist zu gesucht, meinte Clemence und macht Ihnen auerdem
doppelte Arbeit -- die Vase, ja. -- Ich werde ein kleines Blumenbouquet
in die Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszufhren, da ich
Alpenblumen -- Edelwei, Alpenrosen und Genziane -- dazu benutzen mchte.

Trautenau fhlte, wie ihm das Herz lauter schlug. -- Also auch sie
erinnerte sich noch jener schnen Berge und schien sogar die Erinnerung
daran zu lieben -- hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr jene
Scene in's Gedchtni zurckzurufen, bedurfte er einer ruhigeren Zeit, als
den Beginn der Sitzung -- die mute er abwarten.

Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der That seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch, und wie ein electrischer Strom lief es durch
seinen ganzen Krper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren Arm
berhrte, um denselben etwas zu heben.

Mademoiselle, rief Clemence, als diese Vorbereitungen beendet waren,
bitte klingeln Sie einmal -- ich lasse meinen Vater ersuchen, einen
Augenblick herber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine Stellung gefllt.

Der Befehl wurde rasch ausgefhrt. -- Also eine Mademoiselle war die Dame
mit dem dicken Hals -- Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von
Duenna -- und abschreckend genug sah sie fr den letzteren Beruf aus.

Es dauerte brigens nicht lange, so betrat Herr Joulard das Zimmer.
Trautenau hatte ihn noch nie gesehen und er machte allerdings bei seinem
ersten Erscheinen keinen besonders gnstigen Eindruck. Es war eine kleine
etwas schwammige Gestalt, dieser Millionair, mit halb zugekniffenen Augen
und ziemlich rastlosem und unsttem Blick. Er hatte eine Glatze, aber
eine hohe Stirn, die beiden Hnde dabei in den Hosentaschen und dabei die
Angewohnheit, sich mit dem Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten.
Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke schwere Goldkette
hing ihm, als einziger Schmuck, ber die braunseidene Weste.

Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hnde aus den Taschen zu ziehen und
den jungen Maler auch kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grend,
und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete er sich die
Gestalt des jungen Mdchens ein paar Augenblicke wohlgefllig.

Sehr schn mein Herz, sagte er endlich -- sehr schn -- allerliebst,
wird sich recht gut machen. -- Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht
aufgesetzt? Das fehlt noch--

Ich mchte nicht mit dem Diadem gemalt werden, Papa, sagte Clemence --
es sieht zu anspruchsvoll aus.

Zu anspruchsvoll! Unsinn, rief lachend der alte Herr, was Du fr Ideen
hast -- Joulard's einziges Kind zu anspruchsvoll!

Es pat mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich werde ein Bouquet von
Alpenblumen in die Hand nehmen.

Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und die erbrmlichen
Wirthshuser, meinte Herr Joulard -- Dein chinesischer Fcher wrde sich
viel besser machen.

Bitte la mich das selber arrangiren, entgegnete Clemence ziemlich
bestimmt, ich hatte Dich nur rufen lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine
Stellung so gefllt.

Nichts daran auszusetzen, wiederholte der Vater, schon gewohnt, da seine
Tochter ihren eigenen Willen hatte -- wird sich ganz gut machen. Und wei
der Herr schon die Gre des Bildes?

Nein.

Gut; fhre ihn nachher durch den Salon, da er sich dort selber das Maa
nach dem Bild Deiner seligen Mutter nimmt. Es soll genau so gro werden.
Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren Personen im Zimmer
wren, verschwand er wieder durch die Thr.

Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen, und die Dame in dem
schwarzseidenen Kleid hatte es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl,
den sie aber so rckte, da sie die Staffelei im Auge behielt, bequem
gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu da, um der jungen Dame als
Ehrenwache zu dienen.

Er arbeitete auerordentlich rasch; die gegebene Stunde war ihm aber doch
nur zu bald entflogen und mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence
freundlich mit der Hand und sagte:

Meine Zeit ist fr heute um -- ich hoffe, Sie morgen pnktlich wieder hier
zu sehen, und jetzt bitte ich Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen,
damit Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen knnen.

Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern schritt ihm voran durch das
nchste Gemach hindurch in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau
wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es fand sich aber hier der
nmliche Uebelstand, wie in dem Boudoir.

Der Raum war mit kostbaren Verzierungen berfllt und genug davon
aufeinander gehuft, um zwei solche Sle frstlich auszustatten. Man
sah bei jedem Schritt, da man sich nicht in der Wohnung eines wirklich
vornehmen Mannes, sondern in dem Hause eines Parvenus befand, der diese
Rume nicht deshalb so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und
behaglich darin zu fhlen, sondern nur um damit zu prunken und seinen
Reichthum zu zeigen.

Das Maa von dem sehr groen Bilde, fr welches Herr Joulard schon vorher
eine Treppenleiter hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen.
Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer leichten Verbeugung
verabschiedend, schritt sie in ihr eigenes Zimmer zurck und berlie es
ihrer Begleiterin, dem fremden Knstler so lange Gesellschaft zu leisten,
bis er fertig sein wrde und ihm dann den Ausgang zu zeigen.




Viertes Capitel.

Das Bild.


Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild gearbeitet und sich dabei
mit immer wachsender Leidenschaft in die tadellos schnen Zge und Formen
des jungen Mdchens versenkt, ohne es aber zu wagen, ihr die frhere
Begegnung in's Gedchtni zurckzurufen. Clemence war allerdings immer
freundlich gegen ihn, aber nur mit jener hflichen Freundlichkeit, die wohl
zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes vertrauliche Entgegenkommen mit
einem kalten Lcheln zurckweist und dadurch unnahbar wird.

Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht wieder gesehen und
nicht ein einziges Mal den Major, der jedenfalls andere Besuchstunden haben
mute. Einmal wurde er allerdings gemeldet, whrend Trautenau arbeitete,
Clemence lie ihm aber, ohne sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu
rhren, sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und bte den
Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.

Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und besonders in der Ausfhrung
des Kopfes vorgerckt, da man schon recht gut ein Urtheil darber fllen
konnte.

Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid fing aber nachgerade die
Geschichte an langweilig zu werden. Sie wute, da sie eigentlich nur
Anstands halber da sa und benutzte gelegentlich die Zeit, um einen kleinen
Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann auch Niemand strte. Sie selber
genirte das aber am meisten, sie schmte sich, wenn sie wieder aufwachte
und es war in den letzten Tagen schon einige Male vorgekommen, da sie
aufstand, das Zimmer verlie und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf
und ab ging, nur um wieder munter zu werden.

Clemence hielt dabei nicht mehr so pnktlich ihre Stunde ein; es mochte ihr
wohl selber daran liegen, das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt
immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein Viertel nach Eins, auch
wohl halb zwei Uhr, ehe sie das Zeichen zum Aufhren gab.

Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor die Staffelei getreten,
um selber dem Untermalen des Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in
dieser Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen knnen, aber
dafr knstlich gemachte von Paris verschrieben und die Farben zeigten sich
lebendig genug.

Lieben Sie die Alpenblumen, gndiges Frulein, begann Trautenau, der
jetzt nicht mehr lnger schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm
zu gnstig dar.

Gewi liebe ich sie, erwiederte Clemence, sie haben freilich keinen
Duft, aber so wunderbar schne Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der
Alpenrosen.

Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in welcher Sie in den freien
Bergen umherstreiften?

Sehr gern.

Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den steilen Wegen gefrchtet?

Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des flachen Landes, entgegnete
Clemence ruhig.

Auch nicht an der einen steilen Graslanne? fuhr Trautenau, ohne die Augen
von seinem Bild zu nehmen, still vor sich hinlchelnd, fort.

An der Graslanne? -- was wissen Sie davon? rief Clemence, ihn verwundert
ansehend.

Und kennen Sie mich nicht mehr?

Ich? -- Sie? -- und doch, setzte sie pltzlich tief errthend hinzu, es
-- es wre wirklich mglich -- Waren Sie jener junge Fremde?

Ich war wirklich jener Glckliche, der Ihnen damals den kleinen, leider
nur zu unbedeutenden Dienst leisten durfte.

Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt benommen, und Sie werden
oft ber mich gelacht haben, flsterte Clemence, whrend sie wirklich
blutroth wurde. Es war zu thricht, aber ich wei nicht, ich wurde auf
einmal schwindelig und hielt den Abhang auch fr viel steiler, als er sich
spter zeigte.

Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen, bemerkte Trautenau
entschuldigend, besonders nicht fr Damen, die bei ihren langen Kleidern
nicht genau sehen knnen, wohin sie den Fu setzen und auerdem viel zu
leichtes und glattes Schuhzeug tragen. -- Ich hoffte damals Sie spter
in den Bergen wieder zu treffen, aber Sie waren so rasch und pltzlich
verschwunden, da ich selbst auf der breiten Heerstrae Ihre Spur verlor.

Ja -- mein Vater eilte etwas, um nach Hause zurckzukehren, erwiederte
das junge Mdchen, whrend ihr Blick die Zge des Malers streifte, als ob
sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus lesen wolle.

Dieser hrte indessen, wie ihm sein Herz in der Brust schlug, die
Mademoiselle schlief sanft -- seine Hand zitterte so, da er mit dem Malen
inne halten mute.

Seit der Zeit, fuhr er leise und bewegt fort, ist es immer mein
sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen wieder einmal nahen zu drfen.

Der Wunsch war so bescheiden, meinte Clemence lchelnd, da der Himmel
ihn erfllt hat. Nicht wahr, Mademoiselle, setzte sie mit lauterer Stimme
hinzu.

Ja wohl -- ja wohl -- gewi, erwiederte die sanft ruhende Dame, aus ihrem
Schlummer emporfahrend, nur ein Bischen zu wei ist das Kleid.

Wir sprachen gestern darber, ehe Sie kamen, fuhr Clemence fort, finden
Sie nicht auch, da das Kleid ein wenig zu wei ist? Mir kommt es vor, als
ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.

Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, wenn Sie hier stehen, darauf
fllt, antwortete Trautenau, und fhlte recht gut, da sie absichtlich
und fast gewaltsam dem Gesprch eine andere Richtung gegeben hatte;
Mademoiselle war auch jetzt vollstndig munter geworden und an eine
Wiederaufnahme desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich darauf
die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, wie sie sagte, und wollte
lieber morgen eine Viertelstunde nachholen.

Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand mehr zu bleiben, aber er trug
das beunruhigende Gefhl mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein,
als je, denn war es nicht augenscheinlich, da Clemence beinahe ngstlich
gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? Frchtete sie etwa deren
Fortsetzung? dann wre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war das
Gesprch ihr nur lstig geworden? dann freilich durfte er Alles verloren
geben.

In den nchsten Tagen zeigte sich auch nicht die geringste Gelegenheit das
Gesprch wieder aufzunehmen. Clemence vermied jede Mglichkeit, um einer
derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknpfungspunkt zu geben und
Mademoiselle hielt ihre sonst so schlfrigen Augen fast krampfhaft offen.
-- Dann kam eine lange Pause -- Ernst hatte das noch nicht beendete Bild
nach Hause geschickt bekommen, um es, so weit es ohne das Original mglich
war, auszufhren, und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es
vollstndig zu beenden.

Darber waren mehre Wochen vergangen und in dieser Zeit durchliefen
wunderliche Gerchte ber den Major die Stadt, die aber sein Verhltni im
Hause des reichen Joulard nicht zu stren schienen.

Von einer Seite wurde nmlich ausgesprengt, da er eine sehr bedeutende
Erbschaft gemacht habe -- Thatsache war nur, da er in den letzten Wochen
viel mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte -- von anderer
Seite hie es, da er seinen Abschied nehmen wolle -- weshalb? wute
freilich Niemand zu sagen und die natrlichste Erklrung blieb dann immer,
da er, mit eigenem Vermgen und als Schwiegersohn des reichsten Mannes
in der Stadt, die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen und ein
unabhngiger Mann zu werden wnschte. Es wre jedenfalls thricht gewesen,
da noch lnger Soldat zu bleiben. -- Einige wollten aber behaupten, er
msse den Abschied nehmen, und es gab in der That eine Menge Leute in der
Stadt, die da wissen wollten: der Major sei ein von Grund aus ruinirter
Patron, der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen halte, und
nchstens einmal mit seinem ganzen Lug- und Truggewebe zusammenbrechen
msse. Diese begriffen dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard ihm
die Hand seines einzigen Kindes geben knne. Hatte er aber wirklich so
viel Schulden, als einzelne behaupten wollten, so zahlte natrlich Joulard
Alles, und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb auch, trotz aller
Gerchte, ein vllig unbeschrnkter.

Trautenau allein vielleicht qulte sich um die Braut. Er fhlte selber, da
die Hoffnung, sie fr sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt
es fr seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimni zu bewahren, was
die Stadt erfllte, und was sie selbst als die knftige Gattin jenes Mannes
am nchsten betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit ihr zu
reden, und htte sich spter die bittersten Vorwrfe machen mssen, wenn er
da geschwiegen htte, wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend
und Jammer von einem theuren Haupt abwenden konnte.

Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; er hatte noch hchstens zwei
Tage zu malen, um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne da er im
Stand gewesen wre, seine Absicht auszufhren. Immer, wenn ihm schon das
Wort auf den Lippen schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der Vater
mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit diesen das beinahe fertige
Bild, das sich wirklich als vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern.
Eine vertrauliche Unterhaltung war deshalb unmglich geworden.

Aber Sie haben ja noch etwas vergessen, sagte da der alte Herr, indem
er mit fast zugekniffenen Augen vor dem Gemlde stand, daneben, auf dem
Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese -- das sieht zu leer aus. Soll der
nicht hinein?

Doch, entgegnete Trautenau, aber erst morgen. Ich mchte heute das Bild
soweit beenden, da ich morgen das gndige Frulein gar nicht mehr, oder
doch nur sehr wenig zu bemhen brauche. Die Herrschaften entschuldigen mich
wohl, wenn ich wieder an meine Arbeit gehe -- die Farben werden mir sonst
trocken.

Der Besuch war ihm lstig geworden und er suchte ihn zu entfernen, denn
es war doch sehr zweifelhaft, ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere
Gelegenheit haben wrde, mit Clemence zu sprechen. Aber es gelang ihm
nicht. Den beiden alten Damen war es etwas Neues, einen Maler arbeiten
zu sehen und sie wichen hartnckig nicht von der Stelle bis die Zeit
verstrichen war. Dann rauschten sie fort und Clemence verlie mit ihnen das
Gemach.

Der nchste Tag kam; Trautenau hatte die ganze Nacht gekmpft und der
Morgen fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts von seinem
Plan abschrecken zu lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen
Mademoiselle, wenn es denn nicht anders geschehen konnte, mit Clemence
ber seine Besorgnisse zu sprechen. Er mute die Last von seinem Gemth
herunterwlzen -- mute mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah
am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei dem, was sie ber ihren
Verlobten hrte, benehmen wrde. Erschrak sie -- wurde sie bleich -- aber
was half es, sich jetzt schon darber einen Plan zu machen. Das mute der
Augenblick bringen und dem Augenblick berlie er darum Alles.

Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er dieses letzte Mal das Boudoir
der jungen Dame betrat, diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis
jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin allein, sondern schon
eine kleine Gesellschaft um das so gut wie beendete Bild versammelt. In
dieser aber bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen nicht
wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit Lobeserhebungen berschttete. Er
konnte gar nicht aufhren, die Aehnlichkeit sowohl, wie die knstlerische
Auffassung des Bildes zu preisen.

Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr, brach er pltzlich ab, da
Sie noch in meiner Schuld sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich
nmlich. -- Denken Sie sich, lieber Joulard, denken Sie sich, meine Damen,
der Herr hat in seinem eigenen Atelier daheim den Teufel an die Wand
gemalt, und einen so pompsen, humoristischen Teufel, wie ich ihn in meinem
ganzen Leben nicht gesehen habe.

Eine alte Generalin schttelte darber sehr bedenklich den Kopf und
bemerkte sehr ernsthaft:

Das ist sndhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie mir das nicht bel. Das
heit Gott versuchen und den Bsen locken, denn wenn Sie ihm eine solche
Einladungskarte geben, kommt er, darauf knnen Sie sich fest verlassen --
er kommt gewi.

Er hat mich auch schon besucht, erwiderte der Maler lchelnd, aber seien
Sie versichert, gndige Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm,
wie er gewhnlich geschildert wird, und schon der Umstand, da er sich nur
das schlechteste Gesindel auf der Welt aussucht, um es fr sich zu holen,
zeugt von seiner Bescheidenheit.

Herr Joulard und der Major lachten laut auf; die alte wrdige Dame aber,
die wahrscheinlich keinen Sonntag die Kirche versumte und jedenfalls eine
heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel hatte, schlug entsetzt
die Hnde zusammen und rief:

Das ist ja eine Gotteslsterung.

Doch nicht, wenn er den _Teufel_ lobt, sagte lachend Herr Joulard,
Excellenz irren sich, und ich bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn
der Teufel wirklich so schwarz wre wie er gemalt wird, wrde ihn der
liebe Gott gar nicht auf der Erde dulden. Aber meine Damen, wir mssen dem
Knstler Platz machen, da er an seine Staffelei treten kann. Vergessen Sie
nur den Chinesen nicht.

Und meine Copie, rief der Major.

Vielleicht lt sich Beides vereinigen, versetzte der Maler in einer
tollen Laune, wollen die Herrschaften einen Augenblick Platz nehmen?
Vielleicht kann ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfllen, und die
Palette aufnehmend, die er indessen in Stand gesetzt hatte, ging er daran,
mit keckem Pinsel seine Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu
malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im Hintergrund und halb im
Schatten stand, also nicht zu sehr hervortrat, vortrefflich pate.

Aber um Gottes Willen, Kind, rief die alte Dame, die Herr Joulard
Excellenz genannt hatte, wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem
Ofenschirm herauswuchs. Du willst doch nicht neben Deinem eigenen
Conterfey den lebendigen Satan abmalen lassen?

Das wird, soviel ich bis jetzt sehe, sagte Clemence, kein Teufel,
sondern ein Faun, wenn auch mit etwas wunderlicher Ausschmckung und --
ganz absonderlichen Zgen, setzte sie langsam und mit einem forschenden
Seitenblick auf ihren Brutigam hinzu, aber irgend ein phantastisches Bild
pat an einen solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr fr
mich darin.

Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit Hrnern und Schweif, rief
die alte Dame entsetzt, whrend der Major neben dem jungen, eifrig malenden
Knstler stand und einmal ber das andere Bravo, ganz vortrefflich! rief.
Er amsirte sich ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, da eben
dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend hnlichen Zge trug.
Sonderbarer Weise fiel es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen
der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht war doch immer
carrikirt. Nur Clemence verglich still, aber desto aufmerksamer das Antlitz
des Officiers mit der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem
des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es merkte, wich ihr aber
absichtlich aus -- er wollte sich nicht vor der Zeit verrathen, und malte
so emsig weiter, da in kaum einer halben Stunde das kleine Bild vollendet
war. Als aber von keiner Seite weiter Einspruch gegen das Sacrilegium
geschah, wurde es der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte zum
Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, um dem Maler den Platz
zu berlassen, denn dieser hatte Clemence gebeten, ihm heute noch hchstens
eine viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf die letzten
Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte er dann mit leichter Mhe im
eigenen Hause fertig machen.

Mademoiselle hatte wieder ihren gewhnlichen Platz im Lehnstuhl eingenommen
-- da sagte Clemence pltzlich:

Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten drfte, im blauen Zimmer, wo meine
kleine Bibliothek steht, finden Sie das Buch der Lieder von Heine; drfte
ich Sie ersuchen, es mir zu holen. Es mu im dritten oder vierten Fach
stehen.

Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen Morgen gestanden und sich
eben erst recht bequem hingesetzt. Jetzt mute sie wieder in die Hhe,
aber es half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, da keiner der
Diener das Buch gefunden htte.

Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence selber die lstige Zeugin
entfernt, um mit ihm allein zu sein? dann durfte er auch nicht blde den
gnstigen Moment versumen, er konnte nie wiederkehren, denn heute war
seine Arbeit hier im Hause beendet. -- Aber sein Entschlu sollte ihm
erleichtert werden, denn kaum hatte sich die Thr hinter den Davongehenden
geschlossen, als das junge Mdchen zu der Staffelei trat und den jungen
Maler fest anblickend auf die Figur des Ofenschirms deutete und fragte:

Wessen Portrait ist das, mein Herr?

Und mu es ein Portrait sein, mein gndiges Frulein, rief Trautenau ber
den entschiedenen, fast harten Ton der Stimme frappirt.

Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?

Nein, sagte der Maler, denn er fhlte, da der entscheidende Moment
gekommen sei. Wenn auch keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine
Charakteristik geben.

Eine Charakteristik, sagte Clemence erstaunt--, wie verstehe ich das?

Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, nein die Secunden sind
mir zugezhlt. Frulein, von dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich
ein Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben konnte.

Mein Herr! rief Clemence, einen Schritt zurcktretend.

Frchten Sie keine Belstigung, fuhr Trautenau fort, lassen Sie mich
ruhig ausreden, denn ich werde mich sehr kurz fassen, und es ist sogar
nthig, da Sie es erfahren.

Sie sprechen in Rthseln, erwiederte Clemence, whrend hohes Roth ihre
Zge frbte.

Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. Sie sind im Begriff sich mit
dem Major von Reuhenfels zu vermhlen.

Allerdings.

Wissen Sie was man in der Stadt von ihm spricht?

Von dem Major?

Von demselben: Da er ein arger Spieler und Schuldenmacher, ja mehr als
das, da er ein schlechter Mensch sei.

Mein Herr, Sie sprechen von meinem knftigen Gatten!

Ich wei es rief Trautenau bewegt und weich -- und nur um Unglck von
Ihrem theueren Haupt abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein Freund
-- kein Fremder, das Recht beanspruchen durfte -- wage ich Sie zu warnen.

Zu warnen?

Ja, Clemence, flsterte Trautenau, der vor innerer Bewegung kaum die
Worte ber die Lippen brachte. -- Glauben Sie mir nur, da mich allein die
Sorge -- die -- Theilnahme fr Sie bewegt, Ihnen das zu sagen. Uebereilen
Sie den Schritt nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine
lebenslange Reue knnte ihn bestrafen. Sie sollen mir nicht glauben -- kein
Wort von dem, was ich Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprft zu haben;
aber prfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der Stadt ber Ihren knftigen
Gatten ist ein schweres, und Ihr Vater wenigstens mu wissen, was man ihm
zur Last legt. Die Enttuschung spter wre nachher zu furchtbar.

Haben Sie geendet? fragte das junge Mdchen kalt.

Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.

Dann ersuche ich Sie, fuhr Clemence fort, sich in Zukunft mit Anklagen,
die meinen Brutigam betreffen, an diesen selber zu wenden. Ich und mein
Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und besonders aus Neid gegen den
Herrn bswillig geklatscht und verbreitet wird. Ich will annehmen, setzte
sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung bemerkte, mit welcher
der Maler emporfahren wollte, da Ihnen solche Gehssigkeiten fremd sind.
Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke Ihnen dafr. Damit mu
aber auch die Sache und zwar fr immer, abgemacht sein. Ich selber wnsche
wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und nun bitte, beenden
Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit ist beschrnkt.

Wie Sie befehlen, erwiederte Trautenau kalt, denn er fhlte diese
Zurckweisung doppelt scharf. -- Vielleicht wnschen Sie nun auch, da ich
die Aehnlichkeit in dem Bilde des Ofenschirmes ndern soll.

Clemence zgerte einen Augenblick mit der Antwort: endlich flog ein
leichtes, fast neckisches Lcheln ber ihre Zge.

Nein, sagte sie -- lassen Sie es so. Haben Sie dies nmliche Bild an
Ihre Wand gemalt?

Ja, mein gndiges Frulein.

Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm ihre frhere Stellung wieder
ein und in demselben Augenblick ffnete sich auch die Thr, in welcher
Mademoiselle mit den Worten erschien, da sie den ganzen Bcherschrank
von oben bis unten durchgesucht habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu
finden.

Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater herausgenommen. Ich brauche
es auch nicht mehr -- wir sind gleich zu Ende, sagte Clemence in einem
gleichgltigen Ton.

Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden Arbeit, die
er rasch vollendete und erst als sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu
verlassen, sagte er herzlich und einfach:

Mein gndiges Frulein, ich wei nicht, ob ich jetzt, da ich das Letzte an
dem Bild in meinem eigenen Atelier beenden mu, noch einmal die Ehre haben
werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen Sie mich, der ich so
manche glckliche Stunde hier verlebte, nicht so kalt und frmlich von
Ihnen Abschied nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.

Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und whrend die Mademoiselle
ber dieses sonderbare und auergewhnliche Verlangen groe Augen machte,
zgerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie mochte es auch nicht
verweigern; schchtern reichte sie ihm die uersten Fingerspitzen. Der
Maler nahm sie, hob sie leicht an die Lippen und flsterte dann: Gott
gebe, da diese Hand sich nur zum Glck in die eines Mannes lege. Seien Sie
glcklich-- und seinen Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu
beachten, verlie er rasch das Zimmer.




Fnftes Capitel.

Zerronnen.


Ernst Trautenau war in einer recht trben Stimmung nach Hause gekommen
und diese wurde nicht gebessert als sein Auge auf das karrikirte Bild des
Majors fiel, dessen grinsende Zge sich ber ihn lustig zu machen schienen.
Eine ganze Weile ging er auch mit verschrnkten Armen in seinem Zimmer
auf und ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl manchmal nach
der verhaten Gestalt hinber, ja es war als ob er mit einem finsteren
Entschlu ringe. Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der Sache
eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit Clemence gesprochen und sie gewarnt
und sie ihn auch genau genug verstanden, aber auch hflich zwar, doch kalt
abgewiesen. Damit schien Alles erschpft was ihn htte veranlassen knnen
weiter vorzugehen, ja des jungen Mdchens ganzes Benehmen zeigte deutlich,
da sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.

Und was sollte er jetzt thun? Er htte sich gern mit Frank ausgesprochen,
denn er wute, da der es treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen
Tagen verreist und wurde in der nchsten Zeit nicht wieder zurck erwartet;
so blieb ihm Nichts brig, als Alles was ihn qulte, in der eigenen Brust
zu verschlieen.

Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und als er Clemencens Bild, um
es jetzt in seinem eigenen Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt
bekam, schlo er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit Niemandem,
antwortete auf kein Klopfen, und grub sich den Pfeil, diesem geliebten
Zeugen gegenber nur noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen sen
Schmerz fr sich darin, eine kleine Copie davon zurckzubehalten, er htte
sich ja sonst nicht von dem Bilde trennen knnen.

Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert worden. In der ganzen
Zeit hrte er auch nichts von Joulard -- er wollte nichts hren, bis er
eines Morgens ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in welchem
dieser ihm mit wenigen Worten fr das sehr gelungene Gemlde dankte,
und ein Honorar beifgte, das Trautenau nie gewagt haben wrde, so hoch zu
fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch eine kleine Karte zu Boden,
die er vorher nicht bemerkt hatte. Er hob sie auf, es standen mit uerst
feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:

  Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,
    Clemence von Reuhenfels zu Berg,
            ne Joulard.

Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne da er in seiner
Abgeschlossenheit etwas davon gehrt, stattgefunden und Clemence selber
seine Warnung verachtet. Die Folgen kamen jetzt ber sie.

Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der Stadt, er mute fort. Um der
Form zu gengen, schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin er
ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend anzeigte und zugleich seine
Glckwnsche fr das jung verehelichte Paar beilegte. Dann lie er noch
einen Brief fr Frank zurck, wenn dieser etwa wiederkehren sollte, packte
seinen kleinen Koffer und seine Malergerthschaften zusammen und verlie
M--, um sich nach dem Sden -- nach Italien, dem Paradies der Knstler, zu
wenden.

Dort blieb er weit ber zwei Jahre und vertiefte sich so vollkommen in
seine Arbeiten, da er von Deutschland wenig oder gar nichts hrte. Ja, er
mied es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung wachte und
bohrte noch in ihm. Clemencens Bild verlie ihn keinen Augenblick und ihre
lieben Zge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch die Zge des
Majors nicht vergessen hatte.

Eines seiner Gemlde machte Aufsehen. Es war eine Scene aus der frheren
italienischen Geschichte, wo Seeruber von der afrikanischen Kste sich
manchmal keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre Schaaren an den Strand
warfen und von Menschen und Gtern raubten, an was sie in aller Schnelle
die Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment vor, wie die Ruber
wieder, whrend ein Theil von ihnen das andringende Landvolk zurcktreibt,
mit der gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben bildete
eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgefhrte Gruppe, in welcher der Capitain
der Ruber ein junges bildschnes Mdchen, das sich aber in rasender
Leidenschaft gegen ihn strubt, zu dem nur noch wenige Schritte entfernt
liegenden Boot hinunter schleppt.

Es braucht wohl nicht erwhnt zu werden, da die Geraubte Clemencens Zge
trug, whrend der Capitain dem verhaten Major glich.

Gerade durch dies Gemlde aber, und da er sich so lebendig wieder mit
den alten besser begrabenen Erinnerungen beschftigte, erwachte in ihm die
Sehnsucht nach der Heimath strker als je. -- Clemence? -- er wute recht
gut, da er mit keiner Faser seines Herzens mehr an sie denken durfte,
aber er wollte doch wenigstens in ihre Nhe zurckkehren. Er mute sie noch
einmal sehen, er mute hren, da es ihr gut gehe, da sie sich glcklich
fhle, und dann? Ei, dann hatte er weite Reiseplne vor. Er war noch jung,
und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen Schtzen.

Einmal mit dem Entschlu erst im Reinen, fhrte er ihn auch bald aus. Seine
Gemlde hatte er fast alle auf Bestellung gemacht; fr das letzte wurde ihm
ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und schon in der nchsten
Woche trat er den Rckweg nach Deutschland an.

Als er M-- erreichte, fuhr er vom Bahnhof in einer offenen Droschke durch
die Stadt nach einem dem Kutscher bezeichneten Htel. Er wute, da er
auf dem Weg Joulard's Palais passiren mute und wenn er sich auch keine
Hoffnung machte, Clemence dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen
Blick nach ihren Fenstern werfen.

Dort lag das stattliche Gebude vor ihm, aber er schrak fast zusammen,
als er die Vernderung bemerkte, die mit demselben in der kurzen Zeit
vorgegangen war.

Das war nicht mehr das Haus eines reichen Privatmannes, denn die Industrie
hatte sich seiner bemchtigt, und groe Schilder beklebten, entstellten es
von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt und zu eleganten
Verkaufsrumen hergerichtet worden -- in der ersten Etage hatte sich ein
groes Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen riesiger Name
fast die ganze Front einnahm, und oben war in der zweiten Etage eine Thr
ausgebrochen und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin Waaren
gleich von der Strae aus, hinaufzuwinden.

Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft? frug Trautenau unwillkrlich
den Kutscher; dieser zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:

Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben Jahre in M-- und wei
gar nicht, wem das Haus frher gehrte. Jetzt ist's der Stadt und die Lden
werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich wei, mein Herr htte gern
die schnen Stlle da drin gehabt, aber sie forderten einen zu brenmigen
Zins dafr. Da war's denn Nichts.

Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten Htel, und
Trautenau's erste Frage, nachdem er sein Zimmer angewiesen bekommen, war
nach dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls die Achseln.

Das war eine faule Geschichte, sagte er, sind nun fast zwei Jahre, da
brach der Schwindel zusammen. Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard fr
einen Millionr gehalten -- ja wohl, eine halbe Million Schulden kam fast
zusammen, es ging hoch in die Hunderttausende und auf einmal war er weg,
wie Schnee im April, und kein Mensch wei noch bis zu dieser Stunde, was
aus ihm geworden ist.

Trautenau schnrte es fast das Herz zusammen, aber er wagte nicht, den
kurzjackigen, wohlfrisirten Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen
wollte er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mute sehn, ob er
Frank nicht in M-- traf.

Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, dort aber war er
nicht mehr zu finden. Jedoch sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber
jetzt eingemiethet habe, wrde Herr Trautenau wohl auf der Polizei am
sichersten erfahren.

Dorthin ging er und hrte, da Franz Rauling, Maler, sein eigenes altes
Atelier bewohnte, wohin er sich denn natrlich augenblicklich begab.

Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. Wie viel hatten sie sich
auch zu sagen und zu erzhlen, und doch scheuten sich Beide eine lange
Weile den einen Punkt zu berhren, der jedenfalls auf Beider Lippen lag und
dem doch Keiner von ihnen zuerst Worte geben mochte.

Trautenau sa in einem alten lederberzogenen Lehnstuhl, den Kopf in die
rechte Hand gesttzt, das linke Bein ber das rechte geschlagen, und sein
Blick hing, whrend er mit dem Freund sprach, fest und unverwandt an seinem
eigenen Teufelsbild, das heute noch wie damals die Mauer zierte -- oder
entstellte.

Und was ist aus dem da geworden? brach er endlich durch alle Schranken
durch, denn er mute ja doch wissen, was mit Clemence geschehen.

Aus dem da? antwortete Frank und warf den Blick ber die Schulter nach
dem Wandgemlde -- weit Du schon, was aus dem alten Joulard geworden
ist?

Sein Haus hat er verkauft.

Er? -- nein -- aber seine Glubiger haben es gethan. Das war einer der
grten Schwindler, die je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt
selber angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, die gar
nichts zu wnschen brig lie. Er verstand wie Keiner, den Leuten Sand
in die Augen zu streuen und besa dadurch einen ganz enormen Credit. Den
benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das natrlich nicht
dauern -- pltzlich und bald nachdem Du M-- verlassen, brach es zusammen,
und wie nur die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte sich
auch in wenigen Tagen, ja man knnte sagen in Stunden ein so furchtbares
Gewitter ber seinem Haupt zusammen, da er es fr gerathen fand demselben
auszuweichen. Er verschwand und hat auch keine Spur hinterlassen, was aus
ihm geworden. Einige wollten behaupten, da er freiwillig den Tod gesucht,
aber ich glaube es nicht -- sein Leichnam ist nirgends gefunden worden
und auerdem traue ich dem berechnenden Burschen eine solche That der
Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe ja nicht berrascht
werden konnte. Er mute vom ersten Augenblick an wissen, da sie ihn frher
oder spter ereilen wrde. Sie konnte nicht ausbleiben.

Und Clemence? fragte Trautenau leise -- ist sie hier?

Frank zgerte mit der Antwort. -- Nein sagte er endlich, aber ich sehe
auch nicht ein, weshalb ich Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier
in M-- kein Geheimni bleiben kann, denn die Sperlinge auf den Dchern
haben fast ein Jahr lang davon geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden,
denn das Publikum findet immer wieder etwas Neues, was die alten
Geschichten vergessen lt!

So ist etwas mit dem Major vorgegangen?

Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott des Alten ausbrach.
Wrest Du nur acht Wochen lnger in M-- geblieben, so httest Du die ganze
Sache mit erlebt.

Und was war es?

Du weit, welche Gerchte schon frher ber ihn umliefen, und
unbegreiflich ist es, da Joulard selber Nichts davon gehrt haben sollte.

Ich selber habe Clemence gewarnt.

Du?

Gewi, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie wies mich kalt und stolz
zurck.

Dann steckt auch mehr dahinter und dies besttigt einen Verdacht, den ich
schon lange gefat, da nmlich der Major sowohl, als der alte Joulard ihre
gegenseitigen Verhltnisse genau kannten. Uebrigens wurde spter behauptet,
da Clemence gar nicht Joulards Tochter gewesen sei.

Und wessen sonst?

Frank zuckte mit den Achseln. Es wrde schwer sein, das festzustellen,
und kme auch Nichts mehr darauf an, denn er ist fort aus M-- und wird wohl
schwerlich hierher zurckkehren.

Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.

Es ist mit kurzen Worten erzhlt. Es kamen Dinge zur Sprache, die den
Major auf das Aeuerste compromittirten. Er mute seinen Abschied nehmen.
Wechsel waren geflscht worden, Cassengelder unterschlagen. Man sprach von
falschem Spiel und einigen anderen Betrgereien und ging, mit Rcksicht auf
den Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, wohl schlaffer mit
der Anklage gegen ihn vor, als man gegen einen Menschen aus niederem Stande
vorgeschritten wre. Auf einmal war der Major verschwunden.

Mit seiner Frau?

Mit seiner Frau, und als nun Joulard die Wechsel zahlen sollte, brach eben
das ganze Kartenhaus zusammen.

Und wurde der Major nicht verfolgt?

Nein, man erzhlte sich, oder wute vielmehr, da er bei Prinz Y-- sehr
gut angeschrieben stand, es gingen darber allerlei tolle Gerchte, die
natrlich wenig ehrenhaft fr den Major waren. Der Prinz zahlte, wenn auch
seufzend, aber er zahlte doch, und die Klage gegen den Major, da sich die
Glubiger gern mit 50% abfinden lieen, wo sie schon gefrchtet hatten gar
nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.

Und wo hlt er sich jetzt auf?

Kein Mensch wei es. Ein Bekannter von mir wollte ihn neulich in Paris
gesehen haben, schien seiner Sache aber doch nicht ganz gewi. Unmglich
wr's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in Deutschland mehr verfolgt
wird, drfte er es doch nicht wagen, sich in anstndiger Gesellschaft
blicken zu lassen, und ein solcher Zustand wrde ihm bald unertrglich
werden.

Und Clemence ist bei ihm?

Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.

Armes, unglckliches Geschpf -- wie furchtbar elend mu sie sich jetzt
fhlen.

Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es schien fast, als ob er
noch etwas sagen wollte; Trautenau aber war zu sehr mit seinen eigenen
schmerzlichen Gedanken beschftigt, um es zu bemerken. Manche Gerchte ber
Clemence hatten nmlich ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es
ntzen, dem Freund durch Wiederholung derselben wehe zu thun. Bewiesen war
doch keins von allen worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein von
jedem Fehl sei, was kmmerte das den Stadtklatsch, der berall seine Opfer
suchte und dabei wahrlich nicht whlerisch in seinen Mitteln war.

Und weit Du nicht, was aus ihrem Bild geworden ist? fragte der Andere
nach einer lngeren Pause. -- Sind denn auch selbst die Familienbilder
unter den Hammer des Actionators gekommen?

Alles, lautete Frank's Antwort, Dein Bild soll brigens ziemlich hoch
von einem Englnder erstanden sein, der sich, Gott wei, aus welchem
Grunde, dafr interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in die Augen
gestochen. Das war doch eine verwnschte Idee von Dir, Ernst, den Brutigam
als Carricatur neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, da
Clemence selber blind gegen die wirklich frappante Aehnlichkeit blieb.

Sie hat sie damals entdeckt.

Was? und den Schirm nicht bermalen lassen?

Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies es zurck.

Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt wohl von einem ganz
eigenthmlichen Humor der jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer
Verehrung fr den Brutigam.

Sie hat sich doch keinenfalls etwas Bses dabei gedacht.

Wer kann wissen, was sich so ein Mdchenkopf denkt -- das ist
unergrndlich wie der Ocean. Aber was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du
hier in M--?

Ich wei es nicht -- wei auch nicht, ob ich berhaupt in der nchsten
Zeit Ruhe zum Arbeiten haben werde.

Aber Du hast gewi eine Mappe voll prchtiger Studien mitgebracht.

Das allerdings, aber die knnen warten. Meine Casse ist ziemlich gefllt
und ich mache vielleicht noch, ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme,
vorher eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine Sehnsucht nach dem
Rhein.

Hre, Ernst, mach' keinen dummen Streich, sagte Frank, der ihn
mitrauisch ansah -- Du hast doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen
Plan, Deiner frheren Flamme nach Paris zu folgen?

Trautenau schttelte leise den Kopf. Nein, Frank, erwiderte er, meine
Seele denkt nicht daran. Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann
fr mich natrlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, ich wrde sogar die
Stadt, in der sie wohnt, meiden, um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb
auch? es hiee nur alte Wunden aufreien, um sie frisch bluten zu sehen.

Ist das Dein voller Ernst?

Hier meine Hand darauf und mein Wort.

Gott sei Dank, rief Frank, denn ich frchtete schon, da die Nachricht
ihres Unglcks jene alte hoffnungslose Liebe wieder anfachen knne.

Wenn ich sie verlassen und im Elend wte -- ja -- nicht an der Seite
eines Gatten.

Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst, rief Frank lebendig. Ich habe
gerade verschiedene Arbeiten beendet -- bin berhaupt das letzte Jahr
merkwrdig fleiig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, diesen
Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. Wenn Du jetzt noch zwei oder
hchstens drei Tage auf mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst
Du dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein umher.

Der glcklichste Gedanke, den Du fassen konntest! rief Ernst erfreut aus
-- ich warte auf Dich und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig
zu werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir geschieht ein Gefallen
damit, denn selbststndig kann ich doch noch Nichts arbeiten und mchte
nicht die Zeit ber ganz mssig liegen.

Desto rascher werden wir fertig, entgegnete Frank lachend, also dankbar
angenommen, und hier in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch
sein.




Sechstes Kapitel.

In Wiesbaden.


Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit einander plaudernd und
erzhlend, frisch an die Arbeit, um einige Kleinigkeiten, die Frank noch
versprochen hatte abzuliefern, in den nchsten Tagen zu beenden. Das
wurde auch rascher erledigt, als sie selber geglaubt, denn in der
gemeinschaftlichen Thtigkeit flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am
dritten Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerstet, und um auch
keinen Moment mehr zu versumen, benutzten sie selbst den Nachtzug, da
der sie dem flachen Lande entfhre, und nur erst einmal hinein in die Berge
bringe.

Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in Arm den wunderbar schnen Rhein
entlang, und das Herz flo ihnen in lautem Jubel und frhlichem Gesang
ber. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen Strom in der ganzen
weiten Welt, und wem das Herz an diesen Ufern nicht aufgeht und wrmer,
freudiger schlgt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick ffnen -- ei,
der mag ruhig fortgehen und sich in der lneburger Haide oder im berliner
Sande begraben lassen -- auf Erden ist er doch zu Nichts mehr ntze.

Das war eine frohe, glckliche Zeit, die sie dort verlebten, und selbst
Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth neigte und sich nie wohler fhlte,
als wenn er allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf in der
wunderbar schnen Natur und der Gesellschaft des stets frhlichen und
heiteren Frank.

Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen zuerst durch die Berge hinber
bis Bacharach, in dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten,
dann kreuzten sie hinber nach dem Lurleifelsen und nach St.Goarshausen,
bis sie sich in St.Goar eine Zeitlang festsetzten, und dann langsam
sich wieder am rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mndung der Lahn
hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses Umherstreifen, aber deshalb
gerade so anziehend, weil es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang
auferlegte, und ihre Mappen und Skizzenbcher bereicherten sie dabei
ungemein.

So hatten sie vier volle Wochen glcklich verlebt, als Frank zuerst an den
Heimweg dachte, da er nach M-- zurckkehren mute, um einige versprochene
Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte noch nach Kln
hinunter zu gehen und sich dort einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich
aber wenigstens nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch
den Rhein bereiste und beschlo, ihn deshalb bis Mainz oder Castell zu
begleiten und dann die schne Fahrt wieder stromab bis Kln zu machen.

Aber auch diese Rckfahrt bereilten sie nicht, denn auf eine Woche kam
es dabei nicht an, und manchen hbschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt
bergangen, berhrten sie jetzt und holten das damals Versumte ein.

So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der noch nie eine Spielbank
gesehen hatte, zeigte Lust einmal auf ein paar Stunden nach Wiesbaden
hinber zu fahren. Ernst natrlich schlo sich ihm an und da der Abend
schon dmmerte, beschlossen sie, die Nacht dort zu bleiben und dann mit dem
Frhzug, der Eine wieder in das innere Land zurck zu kehren, der Andere
seine Reise nach Kln fortzusetzen.

Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden kann wohl als das
Paradies der Spielhllen betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht
gedrngt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen Spielsalons prete
sich um die grnen Tische Kopf an Kopf, so da man nicht einmal in ihre
Nhe gelangen konnte.

Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen umher, die nur eben
sehen wollten was gesetzt wurde und wer es gewann. Die Meisten lieen sich
aber doch -- hier und da durch einen augenblicklichen Erfolg einzelner
Spieler angelockt -- verleiten, kleine Summen da oder dorthin zu setzen
und erst wenn die erbarmungslosen Krcken der Croupiers das Geld, das sie
vielleicht Gott wei wie nothwendig fr sich und ihre Familien gebraucht
htten, einstrichen, zogen sie sich leise und beschmt zurck und suchten
sich unter die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf sie; das waren
ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die um das Licht flatterten und
sobald sie sich einmal die Flgel leicht versengt, untauglich fr weiteren
Gebrauch wurden.

Die hartnckigeren Spieler, Stammgste, wie man sie nennen knnte, hatten
ihren Platz am Tische selbst, auf weich gepolsterten Sthlen, mit kleinen
Tfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen Chancen des Spiels
notirten und sich dabei so gleichgltig als irgend mglich gegen Gewinn
oder Verlust zu zeigen suchten.

Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel gar nicht, und sie dachten
noch weniger daran, ihr Glck zu versuchen, wie man das gewhnlich nennt,
wie es aber besser heien sollte ihr Geld dem grnen Tisch zu opfern. Nur
beobachten wollten sie, und dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in
den verschiedenen Physiognomien der bei dem Spiel interessirten Menschen.

Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten und sich
leise ihre Bemerkungen mittheilten, fiel pltzlich in einem der anderen
Sle ein Schu, und was nicht unmittelbar an dem nchsten Tisch interessirt
war, zog sich augenblicklich davon zurck, um zu sehen, was vorgegangen
sei. Es kommt ja allerdings gar nicht so selten vor, da ein armer Commis,
der Geld fr seinen Principal eincassirt, und hier in wenigen Stunden --
vielleicht Minuten, Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger
Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht doch nicht oft, da
er einen solchen verzweifelten Entschlu gleich an Ort und Stelle ausfhrt,
und ist sicher fr die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer Fall, da
nachher zu viel darber gesprochen und geschrieben wird.

Um so mehr wollten die Meisten aber auch Zeugen einer solchen Scene sein,
und nur die wirklichen und leidenschaftlichen Spieler berhrte es nicht.
Was war es auch -- ein werthloses Menschenleben, was hier eben, inmitten
von Pracht und Haufen Goldes, geendet hatte -- ein ekelhafter, unangenehmer
Leichnam, den die Aufwrter nun so rasch als mglich entfernen, und
das Blut vom Parket wegwaschen muten. In zehn Minuten konnte das Alles
beseitigt sein und es dauerte wirklich kaum so lange.

Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls und unwillkrlich jener
Stelle zu, wo wieder einmal dieser Fluch des Rheins, das hllische
Spiel, ein Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht mglich rasch dahin zu
gelangen, denn durch die von den Tischen pltzlich zurckpressenden Leute
wurde der Raum fr kurze Zeit vollkommen angefllt. Langsam rckten sie
aber trotzdem am Tische hin und wollten eben links abbiegen um eine
freiere Stelle zu gewinnen, als Frank pltzlich seinen Arm fast krampfhaft
festgehalten fhlte, und als er sich erstaunt nach der Seite umdrehte, sah
er des Freundes Augen, dessen Antlitz aschenbleich geworden war, an einem
Punkt des noch immer besetzten Tisches haften.

Da er gar nicht wute, was er aus dem Benehmen Trautenau's machen sollte,
folgte er seinem Blick, konnte aber nicht das geringste Auffllige
entdecken. An dem Tische saen die gewhnlichen Gestalten, Herren und
Damen -- wenigstens elegant angezogene Frauenzimmer, sehr decolletirt und
in oft hchst unnthigem Putz fr diese Gesellschaft, dabei meist ltliche
Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich erregten Gesichtern, mit
aufgestellten Rollen von Gold und Silber vor sich, von denen sie dann
und wann kleine Haufen, ohne sie zu zhlen und nur nach dem Gefhl
herunternahmen und auf irgend einen Punkt setzten, oder auch gewonnene
Summen wieder sorgfltig neben die anderen huften. Diese Leute hatte der
Schu im anderen Zimmer auch nicht gestrt; was kmmerte sie irgend
ein fremder, alberner Mensch, der nicht einmal Tact genug besa, sein
unbedeutendes Leben auerhalb der Spielsle abzuschtteln. Es wre nicht
der Mhe werth gewesen, auch nur den Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger
das =jeu= seinethalben zu vernachlssigen.

Aber was hast Du nur? flsterte Frank jetzt dem Freund zu, Du drckst
mir ja blaue Flecke in den Arm.

Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem Tisch sitzt, gleich hinter
jener Dame, die den Kopf von uns abdreht?

Hinter jener Dame im weien Kleid?

Ja.

Nein, den kenne ich nicht -- kann mich wenigstens nicht auf das Gesicht
besinnen.

Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer an der Wand?

Der Major? Unsinn -- Du trumst.

Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzhlige Male gezeichnet habe
-- jeder Zug desselben steht mir so fest im Gedchtni, da ich es mit
geschlossenen Augen mit Kohle an die Wand malen knnte. Er ist es, beim
ewigen Gott.

Und jene Dame?

Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht mglich. Sie wrde sich doch
nicht zwischen diese Gesellschaft an den grnen Tisch setzen. Nein, sie
scheint zu dem jungen Herrn zu gehren, der hinter ihrem Stuhl steht und
fortwhrend mit ihr flstert. Beide pointiren wahrscheinlich zusammen.

Du mut Dich irren, Ernst.

Glaube mir, eine Tuschung ist dieser Gestalt gegenber nicht mglich.
Ich habe mir nicht den Teufel an die Wand gemalt, da ich ihn nicht
wiedererkennen sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn noch nicht in den
Zgen?

Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major, sagte Frank, der ihn
indessen aufmerksamer betrachtet hatte. Er trgt nur den Bart ganz anders
als frher und mehr in franzsischer Art; ich habe ihn auch anfangs fr
einen Franzosen gehalten. Du knntest wirklich Recht haben -- doch was
liegt daran. Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von Frankreich
herber gekommen und treibt sich hier eine Zeitlang in den Bdern herum.
La ihn und komm -- was interessirt uns der Mensch.

Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der Dame, die neben ihm sitzt,
sehen knnte, entgegnete Ernst, der noch immer zgerte, dem Freund zu
folgen.

So la uns an die andere Seite hinber gehen.

Ich mchte nicht von ihnen gesehen werden -- wenigstens jetzt noch nicht
-- nicht bis ich mich nher berzeugt habe.

Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch zurckzukehren, so rasch
hatte man da drben, in dem anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten
Spuren der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte unter keiner
Bedingung gestrt werden. Kein Mensch sprach mehr ber den Selbstmord des
Unglcklichen, wie denn berhaupt eine laute Unterhaltung im Heiligthum der
grnen Tische gar nicht mehr geduldet wurde. Alles verkehrte in Flstern
mit einander.

Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder fester um die eigentlichen
Spieler, und Trautenau wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas
nher an den entdeckten Major hinanrcken. Uebrigens war kaum Gefahr da,
da er sie bemerken wrde, denn seine Augen wanderten fr keinen Moment von
dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. Was kmmert sich der
Spieler um die Zuschauer.

Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, Trautenau dagegen hatte auf
seinen verschiedenen Reisen schon fter Gelegenheit gehabt es zu beobachten
und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr entgehen, da der Major
ziemlich hoch und zwar nach einem bestimmten Plan spiele, whrend die Dame
an seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht hielt, bald da,
bald dort pointirte und den hinter ihr stehenden jungen Mann dabei oft um
Rath frug. Die Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie schien
allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam Ernst aber weit strker vor,
als Clemence gewesen -- auch die Contur der Wangen war voller als er sie
gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen und man htte kaum
glauben sollen, da zwei Personen eine so hnliche und wahrhaft prachtvolle
Lockenflle haben knnten. Aber sie war es trotzdem nicht; es lie sich
ja auch nicht denken, da Clemence, das stolze, schne Mdchen, so weit
gesunken sein knne, um hier am grnen Tisch--

In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite -- der bis jetzt hinter ihr
stehende junge Herr hatte sie einen Augenblick verlassen, um zu einem
anderen Spieler hinber zu treten. Sie schien ihn zu suchen und ihr Blick
streifte selbst Trautenau's Gestalt -- wenn auch vollkommen gleichgltig,
denn er trug nicht die bestimmten Formen, denen sie folgte.

Beim ewigen Gott, sie ist es, sthnte da Ernst, indem er scheu und
erschrocken einen Schritt zurcktrat -- Clemence!

Wahrhaftig? das ist allerdings merkwrdig, sagte Frank, und hier der
Tisch wre der letzte, hinter dem ich sie gesucht htte. Sie scheint aber
strker geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher wieder hinter
ihren Stuhl. -- Komm Ernst; ich glaube, wir haben genug gesehen, um nicht
nach Weiterem zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem neuem Beruf
auerordentlich wohl zu fhlen.

Trautenau erwiederte kein Wort; es schnrte ihm das Herz zusammen, der
Athem wurde ihm schwer, und er drngte selber jetzt hinaus in's Freie, weil
er den Anblick nicht lnger ertragen konnte.

Das Interesse fr die frher Geliebte war aber doch zu frisch und gewaltig
geweckt worden, um es so rasch wieder abschtteln zu knnen, und da selbst
Frank neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen Verhltnissen
sich die beiden Gatten hier aufhielten, so lieen sie sich, in ihrem
Htel angelangt, vor allen Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen
aufzusuchen und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.

Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das alphabetisch geordnete und
etwas voluminse Actenstck durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels
fanden sie nirgends angegeben -- nicht in der alphabetischen Ordnung, nicht
unter den einzelnen Htels. War er etwa hier in Wiesbaden ansssig? dann
kam er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im Adrebuch stand er
nicht. Da fiel, als Trautenau noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge
zufllig auf den Namen Zu Berg -- Reuhenfels hatte ja -- soviel erinnerte
er sich, den Namen zu Berg bei dem eigenen. -- Das mute er jedenfalls
sein und als Wohnung des Baron und Gemahlin nebst Bedienung war Htel
Kompelt angegeben.

Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, doch jedenfalls verstellten
Namen, und das schien erklrlich, denn er mochte Ursache haben, sich der
Vergangenheit zu schmen. Auch der verschnittene Bart sprach dafr, der
ihn allerdings so entstellte, da ihn selbst Frank niemals unter demselben
aufgefunden htte.

Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig geworden, etwas mehr von
den alten Bekannten zu hren. Besonders Frank, der recht gut wute, da
man sich dafr in M-- auerordentlich interessiren wrde -- und beschlossen
dehalb jedenfalls noch bis zum nchsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben
und Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es dazu allerdings zu
spt geworden.

Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an dem Spieltisch gesehen,
nicht wieder aus dem Gedchtni bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre
verndert -- wie gnzlich umgestaltet. Vermgenlos konnte sie allerdings
nicht sein, denn sie prangte noch immer im hchsten Staat -- aber wohin war
der gute, liebe Ausdruck in ihren Zgen gekommen? wohin jene schchterne
Jungfrulichkeit, die er sonst darin zu finden geglaubt. Sie war wohl noch
schn -- oh so wunderbar schn wie je; aber mochte die Umgebung dabei die
Schuld tragen, genug ihm machte es den Eindruck, als ob sie jene holde
Weiblichkeit verloren habe, die gerade so bezaubernd auf das Mnnerherz
wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn im Saal umherwarf,
schien weit mehr keck und herausfordernd gewesen zu sein als er es
gewnscht, und an dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fhlen. Ja, er
erinnerte sich jetzt sogar, da sie eine kleine Geldkrcke in der Hand
gefhrt und ein Blatt zum Controliren des Spiels neben sich gehabt, -- ganz
wie es alte Spieler gewhnlich thun. Sie konnte doch nicht in den wenigen
Jahren schon so tief gesunken sein.

Wie ihn die Gedanken qulten -- und er grbelte und sorgte sich darber,
bis endlich die Mdigkeit seine Augen schlo.

Am andern Morgen war Ernst frh auf. In einem Badeort giebt es berhaupt
wenig Langschlfer, denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die
Damen wissen, da sie in ihrem einfachen Morgenanzug oft ebenso hbsch,
gewhnlich aber in Wirklichkeit noch viel hbscher aussehen, als
Nachmittags in allem Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus um
den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen sprangen, ergingen sich
denn auch schon eine Menge Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft
ihre Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, als ob sie irgend
wie nthig htten, ihrer Gesundheit wegen solch nichtswrdiges Wasser zu
trinken. Aber die Form mute beobachtet werden. Wenn sie auch nur ihres
Vergngens wegen, unter dem Vorwand von Nervenleiden, hierhergekommen
waren und das eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders
angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, so durften sie sich doch der
Kur nicht entziehen. Es htte sonst der schmerzliche Fall eintreten knnen,
da ihnen der Gatte in der nchsten Saison die nothwendigen Reisespesen
vorenthielt, und der Gedanke schon war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen
trinken.

Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige Briefe zu schreiben,
die, bei jetzt fest bestimmter Abreise seine Rckkunft daheim anzeigen
sollten. Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang nach dem
Kurhaus, um dort erst einmal zu sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen
knne. Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, um unmittelbar
von demselben auf einen lustigen Schottischen berzuspringen; aber er
suchte unter den dort auf und ab wandelnden Badegsten nach den lieben,
bekannten Zgen der jungen Frau vergebens. Er konnte sie nirgends bemerken.
Es gab allerdings in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen
getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, -- mglicher Weise, da sie
sich dort irgendwo befand, aber dort hinaus konnte er sie in jeder Strae
verfehlen, und er beschlo deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste
bezeichnete Htel zu gehen, um da womglich einiges Nhere ber das Ehepaar
zu erfahren.

Clemence befand sich brigens diesen Morgen nicht in dem gewhnlichen
Gedrng der Kurgste, weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt,
sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das Grabmal der verstorbenen
Herzogin steht, am Arm eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn --
desselben, der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am Spieltisch gestanden,
-- langsam durch das Gehlz. Beide schienen auch in ernster und eifriger
Unterhaltung begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft waren,
um nicht dann und wann wie scheu den Blick nach rechts und links zu werfen,
als ob sie frchteten beobachtet zu werden.

Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand, sagte da die junge Frau.
-- Er wird mit jedem Tage roher und unertrglicher -- ein wahrer Teufel.
Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der Gestalt mit auf mein Bild
brachte.

Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen, bat da Armand. Du
weit ja, da ich meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht
Tagen sptestens, vielleicht schon frher, kommt ihr Gatte zurck. Dann
sinnen wir auf Mittel und Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.

Dann ist es zu spt, sagte Clemence dster, denn gestern Abend noch hat
er mir erklrt, da wir in den nchsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.

Und wohin will er sich wenden?

Er wei es noch nicht, oder wrde es mir auch nie sagen, weil er unser
Einverstndni ahnt, oder doch wenigstens Verdacht geschpft hat. Er
scheint auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.

So bald schon, rief Armand erschreckt aus -- oh, ich kann Dich nicht
verlieren, Clemence, ich wrde elend mein ganzes Leben werden.

Aber, was lt sich, was kann ich thun, um es zu verhindern? Ach, Alles
Dir zu Liebe, Armand, sag' mir nur wie?

Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, und ich folge Dir dann in
wenigen Tagen nach.

Ich frchte, ich frchte, sthnte die arme Frau, da er beabsichtigt,
mich weit hinweg zu fhren. Irgend ein Vergehen mu ihn drcken -- irgend
etwas mu in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich keine Ahnung habe,
denn verschiedene Anzeigen sprechen dafr. Nicht umsonst trgt er seinen
Bart jetzt so, da er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. Dann fhrt er
oft, mitten in der Nacht, von schweren Trumen geschreckt, empor. Auch ein
Revolver liegt fortwhrend ber seinem Kopfkissen, geladen im Bett, als ob
er frchte berfallen zu werden. Irgend etwas ist jedenfalls geschehen und
er hat auch seitdem nirgends Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem
Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten Zeit sprach er sogar
manchmal von England und Amerika. Wenn er mich dort hinber fhrt, bleibt
mir ja Nichts brig, als meinem elenden Leben in den Wellen ein Ende zu
machen.

Clemence, bat sie Armand.

Wahrlich Armand, ich thte es, rief die junge leidenschaftliche Frau --
aber noch ist es nicht nthig -- noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich
fest auf Dich verlassen kann.

Und zweifelst Du daran, Clemence?

Nein -- dann bestimme mir nur einen Ort, wo ich Dich erwarten kann und
ich reise morgen frh allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie Kuno
glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn fhrt mich rasch fort von hier und
dann--

Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, als auf mich? rief Armand,
und er wrde mich nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du auch
allein reisen -- es geht nicht.

Glaubst Du, da ich mich frchte?

Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die berall auffllt, ist
leicht verfolgt und wie gesagt, er hat hier so viele Spher, da er mich
augenblicklich wrde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so wre
unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden hier, den Du genauer kennst
-- dem Du Dich anvertrauen knntest, um Reuhenfels wenigstens auf eine
falsche Spur zu bringen? -- Wir mssen sicher gehen oder Alles ist
verloren!

Ich habe Niemanden, sagte Clemence eintnig, Niemanden, als jene frechen
Spielgenossen Kuno's, die wohl zu einem Abenteuer geneigt wren, aber
niemals einer armen unglcklichen Frau Schutz verleihen wrden. Du kennst
sie ja selber.

So will ich sehen, da ich Jemanden finde, sagte Armand nach einer kurzen
Pause -- es mu sein -- es mu, denn ich selber ertrge dieses Leben
nicht, wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden lnger wissen sollte.

Aber die Zeit drngt -- denke Dir Armand, da es vielleicht schon morgen
zu spt ist.

Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick sprechen?

An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen Jahr zum ersten Mal trafen,
sagte Clemence nach kurzem Bedenken -- wenn Kuno heute Abend in das
Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand zurckbleiben. Es wird
ihm nicht auffallen, denn ich habe es schon fters gethan, weil mir der zu
lange Aufenthalt unter den Gasflammen hufig Kopfschmerzen macht. Ich folge
ihm dann gewhnlich um acht Uhr -- Du aber darfst im Saale nicht fehlen --
halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; pnktlich zu der Zeit
bin ich an der Urne, und werde auch heute Abend noch Alles packen, um jeden
Augenblick bereit zu sein.

Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence, sagte Armand herzlich --
doch noch eine Frage. Hast Du lange Nichts von Deinem Vater gehrt? Zu
ihm mssen wir, damit er das Band, das Dich an den rohen Burschen knpft,
wieder lse. Du sagtest mir ja selber, da er mit Reuhenfels gebrochen
habe.

Ja, sie haben sich, so eng sie frher auch befreundet schienen,
veruneinigt. Was da vorgefallen ist, wei ich nicht, aber harte Worte
fielen zwischen Beiden, und ich durfte, als wir fortreisten, nicht
einmal von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien sich wieder ein
Verstndni anzubahnen. Wir waren bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte
viel geheim mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir selber vorher ein
Wort davon zu sagen, eine Reise machte. Er sandte mir nur durch Reuhenfels
Botschaft, da er vielleicht acht oder vierzehn Tage knne ferngehalten
werden, und da mein Mann nicht so lange warten wollte, fuhren wir an
den Rhein in die Bder -- zuerst nach Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt
hierher.

Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder in Paris?

Ich wei es nicht -- ich habe seit der Zeit keine Nachricht bekommen,
obgleich ich selber dreimal an ihn schrieb. Wir wechselten aber den
Aufenthaltsort zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen
sein. Ha! dort kommen Leute -- verla mich jetzt Armand, wir drfen nicht
zusammen gesehen werden.

Also heute Abend halb acht Uhr.

An der zweiten Urne -- oh, wenn der morgende Tag nur erst vorber wre,
seufzte sie.

Armand hatte sie an sich gezogen und drckte einen Ku auf ihre bleiche
Wange, aber sie entwand sich ihm rasch und eilte den Pfad entlang, whrend
Armand in die nchsten Bsche glitt, und von dort ab einen andern Weg
erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurckkehren konnte.

In derselben Zeit, oder etwas spter, suchte Trautenau das Htel Kompelt
auf. Er konnte ja dort eine Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen,
dabei gab es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der Kellner
ein Gesprch anzuknpfen. Waren doch die untern Rume des Htels um diese
Tageszeit fast immer menschenleer.

Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit Nichts in Gottes Welt zu
thun, hinaus auf die Strae sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung mit
dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die Zeit todt zu schlagen, schien
ihm selber erwnscht. Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein
Ziel los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im Allgemeinen,
frug dann ob das Htel voll besetzt wre, und bltterte in der Kurliste die
Namen der dafr verzeichneten Gste auf.

Ah, zu Berg, sagte er pltzlich -- die Familie ist mir bekannt, ich
mchte wohl wissen, welcher Zweig derselben es ist. Knnen Sie mir darber
Auskunft geben, Herr Oberkellner?

Ein Herr und eine Dame sagte dieser, mit Kammerfrau -- einer ganz
allerliebsten kleinen Franzsin -- zum Anbeien sage ich Ihnen.

Noch jung?

Kaum achtzehn Jahr hchstens.

Nein, ich meine das Ehepaar.

Ach so, ich dachte, Sie frgen nach der Kammerfrau. Nun der Herr mag
etwa in den vierzigern sein. Die Dame -- auch eine sehr schne, vornehm
aussehende Frau, kann hchstens zweiundzwanzig sein. -- Aber eine
unglckliche Ehe.

Wirklich?

Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause sind. Der Herr Gemahl scheint
etwas eiferschtiger Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott,
in Badeorten fllt ja so Manches vor, und man darf sich eigentlich gar
nicht darum bekmmern.

Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau blieb in tiefes Nachdenken
versenkt, allein zurck. Still nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf --
waren ihm doch nur eben seine schlimmsten Befrchtungen besttigt worden
-- Arme Clemence! Wie Recht hatte er gehabt, als er sie vor dem Menschen
warnte, aber sie wollte ja nicht hren, und jetzt war sie vielleicht
unglcklich fr ihr ganzes Leben lang. Aber was konnte er dabei thun? Ihm
stand kein Recht zu, sich in die Familienangelegenheiten ihm vllig fremder
Menschen zu mischen. Da er sie geliebt -- da er sie noch liebte? wie
kam das in Betracht. Er stand auf -- was sollte er auch lnger hier in
Wiesbaden, wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die Verlorene jede
Stunde verbittert htte. Er wollte noch an dem Mittag fort. Es war das
Beste was er thun konnte.

Mit diesem Entschlu nahm er seinen Hut, und trat in die Thr, als er
heftige Stimmen auf dem Vorsaal hrte. Es war ein Herr und eine Dame,
die sich auf eine sehr lebhafte Art in franzsischer Sprache mit einander
unterhielten, und er verstand eben nur noch die letzten Worte der Dame, die
deutlich sagte:

Du bist wie ein Thier, und ich schwre es Dir zu, da ich von diesem
Augenblick an-- Sie schwieg pltzlich, denn sie gewahrte den Fremden. --
Es war Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das aber rasch Farbe
bekam, als ihr Blick auf den, im Moment erkannten jungen Maler fiel.

Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er es lieber vermieden htte,
Clemence zu begegnen, blieb ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben
gerade aus, und an den beiden Gatten vorber zu gehen. Er mute sogar
gren, denn der jungen Frau Blick haftete starr, ja fast wie ersteckt auf
ihm. Er zog den Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu haben,
wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau auf ihn besinnen mochte.
Nur unwillkrlich griff er ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal
nach ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe hinauf, der Dame
voran.

Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch einmal den Blick nach ihm
zurck. Sie stieg auch die Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, da sie
dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie stehen und wieder drehte
sie den Kopf, und als sie fand, da Trautenau's Blick noch immer, wie
gebannt, an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, da etwas Weies, an
ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, wo es liegen blieb. Aber sie
bckte sich nicht danach, und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.

Was war das? -- ein Zeichen fr ihn? Trautenau konnte es sich nicht
erklren, denn schien es denkbar, da Clemence Joulard ihm ein solches
hinterlassen wrde? Aber er wute wenigstens da dort etwas liegen
geblieben war. Vielleicht hatte sie irgend etwas nur zufllig verloren, und
er konnte es ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.

Der Major wie Clemence waren schon oben im Gang verschwunden, und mit
wenigen Stzen sprang Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weien,
noch warmen Handschuh -- mit einer Visitenkarte darin, auf welcher, in kaum
lesbar feiner Schrift der Name Clemence zu Berg =ne= de Joulard stand.
Aber sonderbar -- die Karte war oben am Rand sechsmal eingerissen.

Unten trat der Kellner in die Thr, Ernst barg seine Beute rasch in
der Hand und wollte das Htel verlassen, denn zuerst mute er mit Frank
sprechen, wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch gekommen, da
er kaum einen Gedanken fassen konnte.

Das waren sie, flsterte der Kellner, als er an ihm vorberschritt, indem
er mit dem Daumen ber seine Schulter zeigte. Famose Person, heh?
Damit blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drckte sich seine
Serviette unter den Arm und verschwand damit in der Kche.

Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber er begegnete dem Freund
schon unterwegs, der eben seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch
ohne Weiteres seinen Arm, und erzhlte ihm, whrend er mit ihm die Strae
hinabschritt, das Begebni der letzten Stunde sowohl, wie das, was er von
dem Kellner ber die beiden Gatten gehrt.

Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de Joulard -- eine kleine
Eitelkeit -- und sechs Risse darin.

Sie knnen zufllig hinein gekommen sein.

Sie knnen, ja -- aber ich glaube es nicht. Frau von Reuhenfels sieht mir
nicht so aus, als ob sie etwas zufllig thut.

Aber was knnen sie bedeuten?

Wenn irgend etwas, natrlich nur eine Zahl -- also sechs, und das kann
wieder nur sechs Uhr sein. Sie wnscht ein Rendezvous mit Dir.

Das ist nicht denkbar.

Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau nicht denkbar, noch dazu
wenn sie einen Tyrannen zum Gemahl hat.

Die wenigen Jahre knnen sie nicht so verdorben haben, oder ihr Mann mte
mehr als ein Teufel sein.

Erstlich hast Du sie frher gar nicht so genau gekannt, und nur =par
distance= angebetet, und dann wei man auch in der That nicht, was Alles in
der Zeit kann vorgefallen sein.

Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine Hlfe.

Hre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so gehst Du der Dame entschieden
aus dem Weg. Wir wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, und
wahrscheinlich auch Alles, was wir berhaupt erfahren werden. Hat sie
Streitigkeit, oder lebt sie in Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf
sich da natrlich kein Fremder hineinmischen -- ich wenigstens mchte dafr
danken. Und dann, was knntest Du ihr auch helfen? Also folge mir, alter
Freund. Heute Nachmittag halb drei oder drei Uhr -- ich wei es nicht
genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten Zge nach
Frankfurt und nach Kln ab. Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze
Du Dich in den anderen, und la die gndige Frau nur ruhig allein ausessen,
was sie sich dazumal eingebrockt.

Meine arme Clemence.

Werde nicht langweilig oder gar sentimental, sagte Frank, denn Du hast
gar keine Ahnung davon, in welche hchst unangenehmen Verwickelungen Dich
ein solcher Wahnsinn bringen knnte.

Und Du willst wirklich heute Mittag fort?

Ich mu jetzt. Ich habe meine Ankunft in M-- fest auf bermorgen angezeigt
und reichlich noch einen halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu
thun. Ich kann nicht lnger bleiben.

Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken neben dem Freund her.
Er war unschlssig, was er thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte
ihm wohl, da Frank vollkommen Recht habe, aber sein Herz drngte ihn doch
immer wieder, der zu dienen, die lange Jahre hindurch nicht allein sein
Ideal von Schnheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden gewesen war.
Er konnte sich den Glauben an sie wenigstens nicht so rasch erschttern
lassen.

Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach Kln?

Ich wei es nicht, erwiederte Ernst zerstreut. Ich wei es wahrhaftig
noch nicht, Frank.

Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame durch Dein Bleiben einen Gefallen
zu erzeigen.

Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder begegnen. Nur aus der Ferne
mchte ich sie noch einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll nachher
magebend fr mich sein.

Ich will Dir etwas sagen, mein Junge, bemerkte da Frank, es ist ein
ganz altes, ehrwrdiges Sprchwort: Wer nicht hren will mu fhlen, und
Du scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm, setzte er herzlich hinzu,
mach' den kleinen Umweg ber Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein
Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen zurck, und wollte
zu Gott, wir htten dies verdammte Wiesbaden im Leben nicht gesehen.

Ich bin ja doch kein Kind, Frank, da ich tolle Streiche machen wrde.
Du darfst mir mehr zutrauen. Frank seufzte, aber es lie sich eben an der
Sache nichts mehr ndern, Ernst mute in der That wissen, was er selber
zu thun hatte, und Beide schritten jetzt zu ihrer Wohnung zurck, um
wenigstens die letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank redete
dem Freund allerdings selbst noch auf dem kurzen Weg nach dem Bahnhof
ernstlich zu, wenigstens das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden
und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst war aber recht einsylbig
geworden, denn die bezeichnete Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn
Clemence nun wirklich nach ihm verlangte? -- Wohl mute er sich dabei
sagen, da er ihr gar Nichts helfen oder ntzen knne -- er wollte ja auch
nur Gewiheit darber haben, da sie sich nicht unglcklich fhle -- da
seine Befrchtungen ungegrndet seien, und dann wieder kam das Bild der
Frau dazwischen, wie er sie gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn
er sie dann dachte, wie er sie frher gekannt und geliebt hatte! Am Ende
war es das Beste, er folgte Frank's Rath. Htte er nur seine Sachen bei
sich gehabt, er wrde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte er
keine Zeit mehr.

Hab' keine Angst um mich, Frank, flsterte er ihm aber noch in das Coup
hinein, ich werde gewi vernnftig handeln. Ich sehe ein, da die jetzige
Wirklichkeit nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpat, ich werde mir eine
noch bitterere Tuschung ersparen, und die Dame nicht besuchen, sondern den
Handschuh einfach unten im Hotel abgeben.

Und versprichst Du mir das wirklich?

Hier hast Du meine Hand darauf.

Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur noch die Liebe und mach' da
Du so rasch als mglich nach Kln hinunter kommst.

Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug that den ersten Ruck --
Ernst reichte dem Freund noch einmal rasch seine Hand, dann zog sich die
lange Kastenreihe am Perron hin, immer rascher rollten die Rder, und
wenige Minuten spter zeigte nur noch in weiter Ferne eine dichte weie
Dampfwolke, welche Richtung der davonbrausende Zug genommen.

Ernst schritt langsam nach der Stadt zurck, aber es litt ihn jetzt nicht
zwischen den Huserreihen. Er wollte hinaus in's Grne, um dort noch
ein paar Stunden zu verbringen. Diesen Abend spt ging noch ein Zug
nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann blieb er dort die Nacht im
Rheinischen Hof, und fuhr am nchsten Morgen mit dem ersten oder zweiten
Boot den schnen Strom hinab.

Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen den gefundenen
Handschuh im Hotel abzugeben, und nur die Karte zum Andenken zu behalten,
aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich freilich selber nicht
eingestehen, doch zgerte er damit bis zur sechsten Stunde. Er war dabei
fest entschlossen, Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja auch dem
Freunde versprochen, aber -- er wollte doch einmal sehen, ob die sechsmal
eingerissene Karte wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen
harmlosen -- wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm in die Hand gespielt
sei.

Es mute und konnte ja auch nur ein Zufall gewesen sein. Je mehr er darber
nachdachte, desto mehr fhlte er sich davon berzeugt. Ein Zeichen? -- Wie
wre die Frau nur im Stand gewesen so rasch einen Entschlu zu fassen, oder
gar gleich danach zu handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo
sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh auf die Treppe
fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in Anspruch genommen haben. Nein, so
durchtrieben war Clemence nicht, und wre er jetzt selber zu ihr gegangen,
um ihr den Handschuh zurckzubringen, sie wrde jedenfalls ber ihn
gelacht, oder sich auch vielleicht gar beleidigt gefhlt haben, da er
sie, einer solchen Kleinigkeit wegen, belstige; dem durfte er sich nicht
aussetzen. Htte er Frank auch das Versprechen nicht gegeben, war er doch
jetzt fest entschlossen, die Rckgabe des Handschuhs durch einen Kellner zu
erledigen.

Sonderbar nur, da er sich auf dem ganzen Spaziergang immer und
ausschlielich mit Clemence beschftigte. Er passirte einige Punkte von
denen man eine reizende Aussicht ber die Stadt und das Thal hatte, aber
er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge blieb allein auf den Weg geheftet, und
fast, ohne sich der Richtung die er nahm, klar bewut zu sein, lenkte er
doch immer wieder in einem greren Bogen zu der Stadt zurck, um eben die
sechste Stunde im Hotel nicht zu versumen.




Achtes Kapitel.

Das Wiedersehen.


Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, wirklich pnktlich.
Die Uhren schlugen gerade an, als er schrg ber denselben hin, dem Hause
zuschritt. Er beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht
irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben entdecken knne -- aber
vergebens. Es zeigte sich Niemand und nur in der ersten Etage waren in
einer Stube die Gardinen herunter gelassen, so da er von unten natrlich
nicht bemerken konnte, ob irgend Jemand dahinter stand. Doch was kmmerte
das auch ihn -- Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht einmal im
Hause nachfragen, in welcher Etage die Herrschaft wohne, um den gefundenen
Handschuh abzugeben, -- weiter Nichts, und das war ja in wenigen Secunden
geschehen. Dann ginge er nach Hause, packte seinen Koffer und verlie
Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.

Wie er das Htel betrat, kam ein junges Mdchen die Treppe herunter, das
in groer Eile zu sein schien. Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den
leichten Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben damit rechts
gegen den Speisesaal wenden, als ihm das Mdchen den Weg dorthin abschnitt,
oder vielmehr direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem
Dialect sagte:

Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da tragen, hier im Haus
gefunden, mein Herr?

Allerdings, mein Frulein, erwiederte Ernst, ich war auch eben im
Begriff ihn wieder abzuliefern. Kennen Sie ihn?

Ja gewi, antwortete das junge Mdchen, das ihn nahm und betrachtete, er
gehrt meiner gndigen Frau.

Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und sagen Sie ihr, da ich
mich--

Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen? No.5. in der ersten Etage.
Sie brauchen nur anzuklopfen.

Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen Kleinigkeit wegen zu stren,
meinte Ernst und wollte sich abwenden.

Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt, erwiderte fast rgerlich
die junge und wie es schien ziemlich gewandte Person. Wenn ich Ihnen sage,
da sie sich freuen wird Sie zu sehen, so knnen Sie doch getrost
hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher, Monsieur. Einer von meinen
Landsleuten wre schon lange die Treppe hinauf.

Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb ja kein Zweifel mehr, da
die Einrisse in der Karte ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte
er eine directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich sein Wort
gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen, aber that er denn das jetzt?
nein, die Dame selber lie ihn durch ihr Kammermdchen bitten, den
Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wre ungezogen gewesen, dem
nicht Folge zu leisten.--

No.5? fragte er.

Ja! gleich links im Gang ber der ersten Treppe -- die dritte Thr. Sie
knnen gar nicht fehlen.

Er war mit wenigen Stzen hinauf, und vor dem bezeichneten Zimmer. -- Wie
ihm das Herz schlug. Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein
nicht lautes, aber deutliches Herein ertnte, und wie er die Thr
ffnete, stand Clemence mitten im Zimmer, und streckte ihm zum Gru die
Hand entgegen.

Das ist sehr lieb von Ihnen, sagte sie freundlich, da Sie alte Freunde
nicht vergessen haben.

Gndige Frau, stammelte Ernst verlegen, denn er wute sich die Anrede
nicht zu erklren, da er im Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein
Freund, sondern immer nur wie ein fremder Knstler behandelt worden. Er
nahm aber die dargereichte Hand, zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und
sagte dann befangen: vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen Ihr Eigenthum
zurckzuerstatten, das ich heute Morgen hier im Haus zufllig fand. Ich
htte auch nicht gewagt selber--

Clemence winkte ihm mit der Hand.

Herr Trautenau, sagte sie ernst, aber mit tiefem Gefhl -- lassen Sie
alle Entschuldigungen; uns bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten
sind mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und mu ich auf eine
frhere -- glckliche Zeit zurckkommen -- ich war Ihnen frher nicht
gleichgltig.

Clemence! rief Trautenau bewegt.

Sagen Sie Nichts darber, wehrte Clemence ab -- ich fhlte es, aber es
war zu spt und mein Schicksal schon besiegelt. Ich mute Sie streng in die
Grenzen kalter Gleichgltigkeit zurckweisen -- mich selber darin halten.
Aber ich habe es Ihnen nicht vergessen, da Sie damals der einzige Freund
waren, der es wagte mich zu warnen, -- wenn ich auch der Warnung nicht mehr
folgen konnte.

Ach wren Sie ihr gefolgt, seufzte Trautenau.

Wr' ich-- flsterte leise Clemence, doch jetzt ist es zu spt, fuhr
sie lebendiger fort, -- zu spt wenigstens, um das Geschehene wieder gut
zu machen, wenn auch nicht zu spt um weiterem Unheil -- um dem Schlimmsten
vorzubeugen, und Sie sind der einzige Freund, den ich hier habe. Wollen Sie
mir helfen?

Oh wenn es in meinen Krften steht, wie gern, rief der junge Mann, der
in dem Augenblick Frank's smmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen
hatte. Sagen Sie mir nur wie -- was ich thun soll.

Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine Sclavin behandelt, fuhr
Clemence fort, hat die Absicht mich nach England und von da nach Amerika
zu schleppen. Dort wre ich ganz verloren und in seinen Hnden, denn ich
habe da keinen Freund mehr, der mich selbst vor seinen rohen Mihandlungen
schtzen knnte.

Aber er wagt es doch nicht? rief Ernst entsetzt.

Er hat es gewagt, sagte Clemence dster, und nur eine Rettung giebt es
fr mich -- Flucht!

Aber wohin? -- zu wem? rief Trautenau erschreckt, denn in dem Augenblick
wre er in der grten Verlegenheit gewesen, wenn er htte sagen sollen
wohin er selbst die Geliebte entfhren knnte, obgleich ihm schon der
Gedanke das Herz mit Seligkeit fllte.

Sorgen Sie sich nicht, beruhigte sie ihn aber -- ich habe Mittel genug
zu unserer Flucht und auch ein Ziel -- ich will zu meinem Vater zurck, der
in Paris wohnt. Er allein kann und wird mich schtzen, aber ich darf nicht
allein in die Welt hinaus -- ein armes schwaches Weib; ich brauche die
Sttze eines starken Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur ein
klein wenig gut gewesen sind, setzte sie weich hinzu oh so helfen Sie ihr
zur Rettung aus diesem furchtbaren Elend--

Sagen Sie mir was ich thun soll, rief der junge Maler, seiner Sinne kaum
mehr mchtig bei den verfhrerischen Tnen, was es auch ist -- ich stehe
Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.

Ich wute es, erwiederte Clemence, indem sie seine Hand wieder ergriff
und ihn mit einer Thrne im Auge ansah, und Dank -- tausend Dank
dafr, lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur That, setzte sie
lebendiger hinzu -- denn alles Weitere besprechen wir unterwegs. Sind Sie
zur Abreise gerstet?

Jeden Augenblick.

Gut -- heute Abend ist es nicht mehr mglich. Ich mu jetzt in das Kurhaus
oder Reuhenfels wrde mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. --
Morgen frh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich ab -- Reuhenfels steht
nie vor sieben Uhr auf und wei mich dann jedesmal beim Brunnentrinken.
Er wird vor acht Uhr, wo ich gewhnlich zum Frhstck zurck bin, keinen
Verdacht schpfen.

Und wohin wenden wir uns von Bieberich?

Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs -- jetzt fort, da um
Gotteswillen Niemand Verdacht schpft oder Alles ist verloren. Sie
begleiten mich nur bis zur franzsischen Grenze, oder wenn Sie sich mir
soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme meines Vaters. -- Und noch
eins -- besuchen Sie heute Abend das Kurhaus nicht -- mein Mann hat Sie
erkannt. -- Nicht gleich als wir Ihnen begegneten, wenn ihm auch Ihr
Gesicht bekannt vorkam, aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er
schwur, da er Sie das Bild wollte entgelten lassen.

Er wei jetzt, wer es sein soll? lchelte Trautenau.

Mehr als das, erwiderte Clemence, er behauptete sogar, da Sie nur
in eiferschtigem Neid eine solche unwrdige Rache an ihm genommen, und
bedauerte, die Bosheit nicht frher entdeckt zu haben, um Sie dafr zur
Rechenschaft zu ziehen.

Bah, was kann er thun?

Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und wollte sogar nach Ihrer
Wohnung gehen, nach der er sich auf der Polizei erkundigte -- aber
glcklicher Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versumt er
nie. Morgen frh wrde er aber jedenfalls hartnckig die Verfolgung wieder
aufnehmen, und er ist furchtbar in seiner Rache.

Ich frchte ihn nicht, Clemence, sagte Trautenau ruhig, und wenn es
nicht Ihretwegen wre, mchte ich ihn wirklich lieber erwarten.

Und mich wollten Sie dadurch elend machen und zu Grunde richten?

Nein, Clemence -- nein! rief Trautenau rasch, Sie haben mein Wort, und
beim ewigen Gott, ich halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedrfen.

Sie sind ein edler, braver Mann, sagte das junge schne Weib gerhrt und
weich, -- ich vertraue Ihnen ganz -- Sie werden mich nicht verlassen. Aber
nun auch fort -- ich habe schon zu lange gezgert, denn wenn Reuhenfels nur
im Geringsten mitrauisch werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen
Sie, lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen frh, ehe der Zug
abgeht, drei Billette nach Bieberich bereit -- ich nehme meine Kammerfrau
mit mir. Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind darin
weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu finden.

Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, die er rasch an seine
Lippen drckte -- dann drngte sie ihn selber freundlich der Thr zu und
Ernst fhlte, als er das Htel verlie, kaum den Boden unter seinen Fen.

In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch dies erste Gefhl der
Aufregung und des Entzckens einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er
konnte sich nicht gut verhehlen, da er im Begriff sei, einen nicht allein
auergewhnlichen, sondern auch ziemlich tollen Streich zu begehen. Er
wollte eine Frau ihrem eigenen Manne entfhren, und wenn er auch Muth genug
besa, die Rache des Betrogenen nicht zu frchten, so konnte er doch
auch nicht gut umhin, die mglichen Folgen eines solchen Schrittes zu
berdenken.

Da er Clemence noch immer mit derselben Gluth als frher liebe, das fhlte
er jetzt klar und deutlich. Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten
Jahren bekmpft zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und heute, wie
er dem holden Wesen auf's Neue gegenber stand und ihre Blicke so lieb und
gut auf ihm hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft
frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen empor. -- Aber sie war
nicht mehr frei -- sie war vermhlt, und lie es sich denken, da
der Major, durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekrnkt und
beleidigt, je selber und freiwillig das Band lsen wrde, das sie an ihn
fesselte -- und was dann?

Da er sich selber einen Hausstand grnden und eine Frau ernhren knne,
wute er; da er an Clemence's Seite den Himmel auf Erden finden wrde,
davon fhlte er sich fest und innig berzeugt, und wenn sie auch in Glanz
erzogen und dabei verwhnt sein mochte, die Liebe zu ihm wrde sie alles
leicht berwinden lassen. -- Und Clemences Vater? -- Nur der Gedanke an
diesen blieb ihm peinlich, denn sein Bankerott damals war, nach Allem, was
er darber von vorurtheilsfreien Mnnern gehrt, eine zu offenkundige und
freche Schwindelei gewesen, um sich darber auch nur noch im Entferntesten
einer Tuschung hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nhere
Verwandschaft treten? -- Aber was konnte Clemence dafr? Trug sie die
Schuld des Verbrechens? wahrlich nicht, und von dem gestohlenen Gelde
wollte und brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fhlte, frei und
unabhngig von irgend Jemandem sich seinen Lebensunterhalt auch selber zu
erwerben.

Aber was zerbrach er sich jetzt ber alle diese Dinge den Kopf, wo es ja
vor Allem galt, die Geliebte aus den Hnden eines rohen und tyrannischen
Gatten zu befreien. Alles Andere fand sich spter von selber. Lieber Gott,
er wollte sie ja nur glcklich wissen, und wenn er dann auch noch Jahrelang
auf ihren Besitz harren, oder wenn es nicht anders mglich war, selbst die
Heimath verlassen mute, um in einem fernen Welttheil das Glck zu suchen,
das ihm hier starre Formen und Gesetze verweigerten.

Whrend er sich so in Gedanken um das Wohl der Geliebten absorgte, schritt
Clemence zu dem Kurhaus hinber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern
auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von ihrer Kammerfrau begleitet,
in voller Toilette, aber sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie
hatte nicht viel Zeit mehr zu versumen. Eben schlugen drinnen in der Stadt
die Uhren die fr das Rendezvous bestimmte Stunde.

Armand war eben so pnktlich gewesen als sie. Um jedoch auf der noch immer
sehr belebten Promenade keinen Verdacht zu erregen, grte er sehr frmlich
und achtungsvoll, und schritt dann, whrend sich die Kammerfrau tactvoll
einige Schritte zurckzog, neben ihr her.

Glckliche Nachricht, flsterte er ihr, wie das unbeachtet geschehen
konnte, zu, eben habe ich einen Brief bekommen, da bermorgen, vielleicht
schon morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da die Zwischenzeit so
kurz ist, haben wir auch keine Gefahr weiter zu frchten. Benutze jetzt die
erste Gelegenheit, Geliebte, und erwarte mich dann in St.Goarshausen im
goldenen Ro. Hinterla' fr Reuhenfels aber einen Brief, worin Du ihn auf
eine falsche Fhrte schickst, und berla mir das Weitere. Natrlich
folgt er Dir augenblicklich, aber er mu durch die Nachforschungen, die er
genthigt ist anzustellen, aufgehalten werden und ich bin dann vielleicht
schon den nchsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch daran denken, in
einem so kleinen abgelegenen Nest nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort
Zeit und Mue genug, unsere weiteren Plne zu besprechen.

Ich habe einen Begleiter gefunden, sagte Clemence rasch.

Wen? frug der junge Mann erstaunt.

Einen alten Bekannten aus M--, einen braven jungen Knstler, der frher
einmal fr mich geschwrmt hat, fuhr sie lchelnd fort. Er ist treu und
ehrlich und fhlt sich glcklich mir einen Dienst erweisen zu knnen.

Aber es ist jetzt kaum mehr nthig, meinte Armand, dem der Gedanke, einen
frheren Anbeter mit seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so
ganz angenehm war.

Aber auch unmglich, es jetzt noch zu ndern, erwiderte sie. Er erwartet
mich morgen frh um sechs Uhr am Bahnhof.

So frh willst Du fort?

Es ist die hchste Zeit, denn Reuhenfels hat mich heute Nachmittag
aufgefordert, meine Koffer zu packen und jeden Augenblick zur Abreise
bereit zu sein.

Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein Begleiter ist ein
Deutscher?

Gewi!

Und heit?

Trautenau -- ein Maler.

Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major als Teufel auf dem
Ofenschirm.

Derselbe.

Gut! rief Armand lachend. Wenn man das nur Deinem Gatten beibringen
knnte--

Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm zurcklasse, schreiben. Er
hat Trautenau gestern selber gesehen und war schon frher eiferschtig auf
ihn.

Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz falschen Fhrte und
Richtung und wir sind vollkommen sicher.

Dort ist das Kurhaus -- Du mut mich jetzt verlassen! Reuhenfels wird
schon zrnen, da ich so lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.

Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl und schlenderte dann
langsam nach dem anderen Tisch hinber; er wei, da ich nie bestimmt
setze.

Also auf Wiedersehen, Armand -- o wie mir das Herz klopft, wenn ich an die
Zeit denke.

Und Du vergit den Ort nicht?

St.Goarshausen -- im goldenen Rosse.

Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwrts.

Ich wei es, und sich fest in ihren Burnus hllend, eilte sie jetzt, so
rasch sie konnte, dem ganz nahen Kurhaus und den Spielslen zu, whrend
ihr die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und dann umdrehte, um nach
Hause zurckzukehren. Sie hatte fr morgen frh noch entsetzlich viel zu
besorgen.




Neuntes Kapitel.

Verfolgend und verfolgt.


Der nchste Morgen kam, und in demselben Moment, als vor dem Kurhaus wieder
(eine ganz merkwrdige Melodie fr ein, zu Spielhllen benutztes Gebude)
der Choral begann, lutete drauen am Bahnhof die Glocke, die Locomotive
pfiff und in einem Coup erster Classe saen, glcklich entkommen, unsere
drei Flchtigen und dampften, unmittelbar an dem schnen Strom hinab, der
Freiheit entgegen.

Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett und schlief sanft, denn er
war gestern sehr lange mit Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas
schrfer hinter der Flasche gewesen, als gewhnlich. Es mochte halb acht
Uhr sein, als er endlich aufstand, denn die in sein Zimmer fallenden
Sonnenstrahlen genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte sich
dann eine Pfeife, zndete sie an und lehnte sich damit zum Fenster hinaus,
um die wundervolle Morgenluft zu genieen -- aber er bekam Appetit nach dem
Caffee und drauen schlug es schon acht Uhr. Wo blieb nur Clemence heute?

Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte gestern Abend wieder
ein paar hundert Thaler verloren und doch gerade auf Glck gehofft, auch
schmeckte ihm, nach der halb durchschwrmten Nacht, der Taback heute
Morgen nicht besonders. Er wurde endlich rgerlich, da die Frau noch nicht
zurckkam, und klingelte nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam
und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem kleinen, aber freundlichen
Gemach auf und ab, als sein Blick zufllig auf den runden, in der Ecke
stehenden Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen Brief bemerkte.
Er nahm ihn und las die Adresse, aber das Herz stand ihm still dabei, denn
die Aufschrift lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt --
Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem Major von Reuhenfels, und das war die
Handschrift seiner Frau.

Mit zitternden Hnden ri er das zierlich gefaltete Blatt auseinander
und las, whrend seine Augen Feuer sprhten und seine Zhne sich fest
zusammenbissen:

  Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hnde fallen, bin ich frei von
  einer verhaten und unertrglich gewordenen Verbindung. Versuchen
  Sie nicht, mir zu folgen; es wre nutzlos. Ich habe den Freund
  wiedergefunden, fr den das Herz der Jungfrau in erster Liebe schlug
  -- ich werde nie wieder von seiner Seite weichen. Meine Mutter wird das
  Geschftliche mit Ihnen besorgen und die Verbindung lsen, die ich in
  unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie wohl.

                                                  Clemence Joulard.

Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor Wuth und Schreck und Staunen
ber das noch Unbegreifliche -- aber das dauerte nicht lange. Er war
wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig und geduldig ber sich
ergehen zu lassen, und wie er nur erst wieder denken und berlegen konnte,
fuhr er auch wild und entschlossen empor.

Versuchen Sie nicht mir zu folgen? rief er hhnisch vor sich hin --
hoho Madame. Sie haben sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, da Sie
mir entgehen knnten, und nur leichtsinnig und unberlegt war es von Ihnen
gehandelt, mir den Schurken zu bezeichnen, der es gewagt hat, in
meine Rechte einzugreifen. Ich kenne ihn, diesen gemeinen tckischen
Farbenschmierer der -- aber alle Teufel! unterbrach er sich pltzlich
rasch, indem ein neuer Gedanke sein Hirn kreuzte. Sollte Clemence? -- Sie
ist bei Gott schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.--

Rasch stellte er die, berhaupt schon lange ausgegangene Pfeife in die
Ecke und beendete in Hast seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem
Stubenmdchen, um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf ihrem Zimmer wre. Das
Mdchen kam nach wenigen Minuten zurck und meldete, das Frulein sei
heute Morgen mit der gndigen Frau nach dem Bahnhof gefahren und noch nicht
zurckgekehrt.

Es ist gut! brummte Reuhenfels zwischen den Zhnen durch und war wenige
Minuten spter zum Ausgehen gerstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte er
hinber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen Zimmer er ohne Weiteres
hinaufsprang.

Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. Die Thr war verschlossen und
fast zitternd vor Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.

Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist? rief er hier mit
heiserer Stimme.

So viel ich wei, gar nicht, erwiederte der hfliche Portier. Monsieur
kamen etwas spt nach Haus und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlssel
ist wenigstens nicht unten.

Ich habe an der Thr gepocht; es hat mir Niemand geantwortet.

Monsieur htten ein wenig strker pochen sollen.

Er ist nicht oben.

Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich mte ja doch sonst den
Schlssel hier haben, wenn der Herr ausgegangen wre.

Beide strzten wieder die Treppe hinauf und wiederholten ihr Pochen, als
von drinnen eine Stimme antwortete:

Wer ist da?

Machen Sie auf, Armand.

Es ist nicht verschlossen -- kommen Sie doch herein.

Reuhenfels drckte auf die Klinke; die Thr ffnete sich in der That und
der Major fand den jungen Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst
aus festem Schlaf erwacht.

Der Portier zog sich mit einem Lcheln, das etwa sagen sollte: Sehen Sie
wohl, da ich Recht gehabt? zurck und Reuhenfels betrat das Zimmer, in
welchem die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich aber jetzt
wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen frhen Besuch entschuldigen
sollte, denn was vorgefallen, mochte er gerade diesem Mann nicht
eingestehen.

Hallo, zu Berg! rief Armand, sich in seinem Bett emporrichtend, was zum
Henker fhrt Sie denn mit Tagesgrauen zu mir?

Tagesgrauen -- es ist fast neun Uhr.

So spt? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, aber das letzte Glas
Grog, das wir gestern Abend zusammen tranken, hat mir den Rest gegeben. Und
womit kann ich dienen?

Ich -- wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden einen deutschen Maler
Namens Trautenau kennen.

Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich heute in aller Frhe ein Bild
bei ihm bestellen?

Ich wollte, ich knnte ihn finden, rief Reuhenfels, und er mute sich in
der That Mhe geben, die furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand,
zu verbergen. Entschuldigen Sie, Armand, da ich Sie gestrt habe, aber da
ich gerade hier vorbei ging, fiel es mir ein, Sie zu fragen.

Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer warten, sagte Armand,
so komme ich hinunter und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in
unglaublich kurzer Zeit und mu doch zu Ihnen, denn ich habe Ihrer Frau
Gemahlin gestern Abend versprochen, ihr heute Morgen eine Photographie von
Salzburg zu bringen, die sie sich gewnscht.

Das eilt nicht, entgegnete Reuhenfels kurz, meine Frau ist -- berdies
wieder mit einer Freundin spazieren gegangen, und Sie wrden sie jetzt
nicht einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand, -- und ohne sich in
eine weitere Unterhandlung einzulassen, eilte er rasch nach Hause, raffte,
was er zu einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, berlieferte seine
Schlssel dem Wirth und lief dann mehr als er ging auf den Bahnhof hinaus,
um dort nur eine Spur von der Flchtigen zu bekommen.

Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen einzuziehen, denn die eine
Bahn fhrte nur nach Bieberich, von wo dann zwei verschiedene Geleise --
eines stromauf, eines stromab -- auszweigten. Wie aber sollte er sich dort,
in dem Gewirr von Fremden, nach der Flchtigen erkundigen -- von wem
sollte er Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter nach Mainz und
Frankfurt kannte er freilich und dort war Hoffnung, denn dieser kannte
auch seine Frau und konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen
im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich deshalb auch gar nicht in
Wiesbaden selber mit Fragen auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich
abgehenden Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich zu erreichen.
Der kleine Handkoffer, den er bei sich fhrte, enthielt auch ein paar
vortreffliche Duell-Pistolen und er war fest entschlossen, Gebrauch von
ihnen zu machen, wo er den Entfhrer antreffen mochte. Hegte er ja doch
jetzt einen doppelten Ha gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich
nicht entgehen.

In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich an die Casse und seine
erste Frage war:

Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?

Jawohl, Herr zu Berg, sagte der alte Mann freundlich. Frau Gemahlin
waren da, -- drei Billette genommen, glaub' ich -- zwei oder drei: ich wei
es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber Gott, das ist jeden Morgen
solch ein Gedrnge -- waren aber selber an der Casse.

Und wer war bei ihr?

Bin ich nicht im Stande zu sagen, erwiederte der Mann achselzuckend;
das wimmelte nur so heute Morgen, aber die gndige Frau erkannte ich den
Augenblick wieder.

Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat einschreiben lassen?

Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? -- nach Mainz nahm sie Billette.
Ich wei es noch genau, ich mute ihr einen Napoleonsd'or wechseln.

Ich danke Ihnen, -- ja wir hatten uns verabredet, eine Vergngungstour zu
machen. Wann geht der Zug nach Mainz ab?

Wird kaum noch zehn Minuten dauern, -- sobald der nach Coblenz gehende
hereinkommt, und signalisirt ist er schon.

Gut, -- bitte um ein Billet zweiter Classe Mainz.

Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, bis die Abfahrt des Zuges
angezeigt werden wrde, mit verschrnkten Armen und ganz seinen dsteren
Gedanken nachhngend, auf dem Perron auf und ab, als er pltzlich seinen
Namen hrte.

Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? Ja, die Saison geht
jetzt zur Neige und da ziehen unsere Schwalben wieder fort!

Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn von Plauen, dessen flchtige
Bekanntschaft er in Wiesbaden gemacht und der auf ihn zukam und ihm die
Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in der Stimmung, sich
mit irgend einem Fremden zu unterhalten, mochte aber auch nicht unhflich
sein und sagte nur ausweichend:

Ja -- aber nicht ganz -- nur eine kleine Vergngungstour.

Aha, mit Frau Gemahlin, meinte der andere Herr, habe sie heute Morgen
schon gesehen.

Reuhenfels bi sich auf die Lippen, aber er durfte den Fremden den wahren
Stand der Sache nicht ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgltig, als
es ihm irgend mglich war:

Ja -- wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz vorausgefahren.

Nach Mainz? -- ih bewahre, rief Herr von Plauen, sie sa ja im Coblenzer
Zug.

Im Coblenzer Zug? fragte Reuhenfels bestrzt, das ist ja gar nicht
mglich. Sie hat Billete nach Mainz genommen.

Dann ist sie in den falschen Zug gerathen, sagte Herr von Plauen, aber
ich wei es zu gewi, denn in dem nmlichen Coupe in welchem sie mit
einem Herrn und noch einer Dame sa, befand sich auch eine mir befreundete
Familie, der Assessor Hrich mit seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar
Secunden vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon reichte.

Und meine Frau war darin?

Gewi! Ich bin der gndigen Frau zwar nie vorgestellt worden, und ich wei
nicht einmal, ob sie mich kennt -- bezweifle es sogar, aber die Dame ist
nicht zu verkennen. Sie macht durch ihre Schnheit ja berall Aufsehen. Sie
sah wieder reizend heute Morgen aus.

Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren sein kann?

Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es giebt zahllose
Zwischenstationen -- aber sie wird jedenfalls auf dem ersten Halteplatz
wieder ausgestiegen sein, sobald sie nur merkt, da sie in den falschen Zug
gerathen ist.

Jedenfalls -- jedenfalls sagte Reuhenfels zerstreut -- aber -- was ich
Sie gleich noch fragen wollte -- Passagiere fr eine bestimmte Station
werden gewhnlich zusammen in ein Coupe gethan. Wohin fuhr jener Herr --
der Assessor sagten Sie, glaub' ich -- heute Morgen?

Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St.Goarshausen. Sie haben dort
Verwandte, die sie erst auf einen Tag besuchen wollen.

So? ich danke Ihnen. Merkwrdig!

Ach solche Verwechselungen sind schon hufig vorgefallen, meinte Herr von
Plauen, der den Ausruf ganz anders verstand, und auf unseren Rheinischen
Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen zu viele Zge, mit denen
man sich immer rasch wieder helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten,
kommt sie jedenfalls mit dem nchsten Zug wieder zurck.

Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet sich sonst am Ende nicht
zurecht.

Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, sie haben ein merkwrdiges
Geschick darin, sich irgendwo festzufahren. Es war ganz das nmliche im
vorigen Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour nach--

Sie entschuldigen mich, sagte Reuhenfels -- da kommt schon der Zug nach
Coblenz und ich mu mir erst noch ein Billet lsen.

Oh Sie haben berflssig Zeit, war die Antwort -- jetzt wird erst der
Zug nach Mainz expedirt und der Coblenzer hlt wenigstens zehn Minuten an.

Ich will mich doch fertig machen, denn ich mu auch erst mein Gepck
hier unterbringen. -- Guten Morgen lieber Plauen; herzlichen Dank fr die
Nachricht.

Bitte -- bitte -- sehr gern geschehen. Freut mich nur der gndigen
Frau wegen, da ich Sie hier getroffen habe. Bitte mich gehorsamst zu
empfehlen.

Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu und eilte dann rasch an die
Casse, um dort ein Billet fr St.Goarshausen zu lsen. Hatte sich der alte
Cassirer fr den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb sich jetzt gleich -- an
einen Irrthum seiner Frau glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war
jetzt nur, die Flchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen oder
in St.Goarshausen zu erfragen.

Reuhenfels hatte brigens an dem Morgen kaum mit dem Zug Wiesbaden
verlassen, als drei sehr anstndig gekleidete Herren in Civil, mit einem
etwas militairischen Anstrich, unten im Htel Kompelt nach ihm frugen,
und von dem Kellner bedeutet wurden, da der Herr Baron heute Morgen einen
Ausflug -- aller Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.

Und glauben Sie, da er heute Abend zurckkehren wird?

Der Oberkellner zuckte die Achseln.

Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da, sagte er, aber
die gndige Frau hat ihren Koffer und anderes Handgepck schon vor
Sonnenaufgang hinunterschaffen lassen, was allerdings auf einen lngeren
Ausflug deutet.

Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?

Sehr unbedeutend -- die Herrschaften zahlen hier im Htel immer jede
Woche ihre Rechnungen, und der Herr Baron hat die seinige erst gestern
berichtigt. Uebrigens kommt er jedenfalls zurck, denn er hat noch eine
Menge von Sachen oben.

Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, sondern schritten zusammen
auf den Platz hinaus, unterhielten sich aber dabei sehr angelegentlich in
franzsischer Sprache miteinander.

Der Vogel ist ausgeflogen, sagte der Eine, als sie sich auer Hrweite
des Kellners wuten -- da wir auch nicht ein paar Stunden frher hier
eintreffen konnten. Was nun?

Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei brauchen wir aber nichts
zu beeilen, meinte der Andere, denn der nchste Zug geht erst in zwei
Stunden. Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine Sachen stehn,
und es wre der Mhe werth, die indessen zu untersuchen. Vor allen Dingen
mssen wir nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren -- vielleicht
erhalten wir eine gnstige Rckantwort, und dann visitiren wir das Nest da
oben.

Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten sich jetzt erst
wieder in der Stadt, um nachher aufs Neue hier zusammenzutreffen. Hinter
den grnen Vorhngen der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam
beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hnde:

Alle Teufel, murmelte er dabei, das ist, hol mich Dieser und Jener,
Polizei; den Einen kenne ich; das ist der geheime franzsische Agent, der
sich hier immer in Wiesbaden aufhlt, und genau so thut, als ob er sich
um keinen Menschen auf Gottes Welt bekmmerte -- und ob der Halunke nicht
Alles wei was vorgeht -- Einer mute ein Fremder sein, aber der dritte
war ja unser liebenswrdiger Meier -- die rechte Hand vom Polizeidirector.
Sollten die denn hinter dem Baron her sein? -- wre nicht bel, so ein
vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens einen Wink geben knnte, aber
wei der Henker wo der jetzt steckt. -- Oder hat er vielleicht gar selber
Wind bekommen? -- Na dann knnen sie schnffeln, denn der ist von klein auf
in der Welt gewesen und wei Bescheid. -- Und mit diesen Gedanken ging
er, sich wieder vergngt die Hnde reibend, an seine gewhnliche
Morgenbeschftigung -- d.h. er setzte sich vor das groe Hauptbuch und
kratzte sich hinter den Ohren.




Zehntes Kapitel.

Die Entfhrung.


So ngstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem Morgen den Gatten
verlie, so da sie nur zitternd auf den Bahnhof eilte und dort der
furchtbaren Aufregung, in welcher sie sich befand, kaum Herr werden konnte,
so pltzlich war jede, auch die letzte Angst von ihr genommen, als sich
der Zug in Bewegung setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich fr
sicher. Trotzdem versumte sie keine nur irgend mgliche Vorsicht, und da
sie recht gut wute, da man sie in Bieberich, besonders an dem Mainzer
Schalter kannte, ging sie selber dorthin um Billete zu lsen, whrend
Trautenau die wirklichen Billete nach St.Goarshausen nahm. Die List wre
auch vollstndig geglckt, wenn eben nicht Reuhenfels zuflliger Weise den
Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen htte, der ihn freilich, ohne
es zu wissen, auf die rechte Fhrte setzte.

Indessen verfolgten die Flchtigen ahnungslos ihren Weg, und erreichten
nach einer kurzen aber reizenden Fahrt das ziemlich groe Dorf
St.Goarshausen, einen der schnsten Punkte am ganzen Rhein.

Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten sitzen, ihre Hand
halten, ihr in die guten Augen sehen und ihrer silberreinen Stimme
lauschen, ja da noch zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coup
wenn auch an der anderen Seite saen, wehte ihn sogar, als sie sich
flsternd zu ihm berbog, ihr warmer Athem an. Er hrte auch kaum was sie
sprach; es war ihm genug in ihrer Nhe zu sein. Aber wie das Alles enden
wrde! Wie htte er in diesem seligen Augenblick der Gegenwart nur an die
Zukunft denken mgen oder knnen. Er war auch mit Allem einverstanden,
was sie ihm vorschlug, da sie jetzt erst einmal in St.Goarshausen,
einem kleinen unbedeutenden Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um
Reuhenfels, der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, von
ihrer Spur abzubringen. Gewi suchte er sie auf den greren Stationen,
und hatte auch wohl Freunde veranlat, ihn dabei zu untersttzen, damit er
sowohl den Norden als Sden im Auge behalten konnte. Waren aber erst einmal
ein paar Tage vergangen, so mute er sie natrlich fern glauben, und
dann gelang es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier aus die
franzsische Grenze zu erreichen.

Clemence schien auch in St.Goarshausen bekannt, denn sie beorderte
augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, ein paar Trger, um ihre Sachen
in das goldene Ro hinauf zu schaffen. Es war das auch keines der ersten
Htels dicht am Rhein, wo allerdings ein reger Fremdenverkehr statt fand,
sondern lag etwas abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in
frherer Zeit -- gerade dem Gemeindehaus gegenber, den behbigen Bewohnern
des kleinen Orts zum Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient
zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz anderen Aufschwung
genommen und von verwhnten Fremden weit grere Ansprche gemacht
wurden, hatten sich neue sogenannte Htels, fast nur mit englischen Namen,
unmittelbar an's Ufer des Rheines gesetzt, und im goldenen Ro kehrten nur
noch die alten spiebrgerlichen Honoratioren ein, denen die Fremden ein
Dorn im Auge waren, und die ungestrt von auslndischem Kauderwlsch
einen guten Schoppen trinken wollten.

Fr ihren Zweck lag der Platz aber in der That vortrefflich, denn hierher
kam so leicht Niemand der Durchreisenden und wenn sie sich nicht drauen
zeigten, htten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet dort
leben knnen.

Clemence bernahm aber hier ohne Weiteres die Leitung ihrer inneren
Angelegenheiten. Sie bestellte zwei Zimmer, eins fr sich und Jeannette,
ihre Kammerfrau, eins fr den Herrn, und befahl dem aufwartenden Mdchen
-- denn einen Kellner schien es im goldenen Ro gar nicht zu geben -- ihnen
das Frhstck heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich verzehren wollten.

Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er htte so gerne einmal eine
Unterredung mit Clemence unter vier Augen gehabt -- so Vieles war es ja,
was sie noch besprechen muten. Aber Clemence schien das gerade vermeiden
zu wollen, und so freundlich, ja herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich
sie, fr jetzt wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau selber
entschuldigte sie aber darin -- es wre unnatrlich gewesen, wenn sie
sich anders gezeigt -- unweiblich wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser
Situation doch noch immer die Seele beklemmen mute. Morgen, wo sie eine
Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darber nachzudenken, wrde das anders --
besser werden, und er beschlo deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz sich
selber zu berlassen.

Jeannette war dabei das wahre Muster einer Kammerzofe und arrangirte alles
Nthige so leicht und schnell, da sich die Damen wenigstens in unglaublich
kurzer Zeit vollstndig eingerichtet hatten. Das Frhstck verlief ziemlich
ruhig und einsylbig, denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen
Gedanken beschftigt, und der ernste, fast verzweifelte Schritt, den sie
gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. Trautenau war allerdings fest
entschlossen, Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten,
wie aber sollte er dort dem Mann, den er berdie nicht achten konnte,
als Entfhrer seiner Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand
entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch nicht in Clemencens
Gegenwart, denn sobald er die lieben, so wunderbar schnen Zge der
verfhrerischen Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal ihn
fast traurig anschauten und nur scheu den Boden suchten, wenn er ihnen
begegnete, verga er alles Andere -- verga er sich selbst. Aber als er
wieder allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge -- und noch
viele andere -- wieder und wieder durch den Kopf, die er denn nicht so
leicht abschtteln konnte.

Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung zwingen, wie er Clemence zum
ersten Mal in Wiesbaden gesehen: an jenem grnen Tisch in der Spielhlle,
den hbschen schlankgewachsenen Franzosen hinter ihrem Stuhl. -- Er konnte
den Blick nicht vergessen, den sie ihm einmal -- gerade als sein Auge
zufllig auf ihr haftete, zugeworfen -- aber wenn ihr Mann sie nun
gezwungen htte, dem Spiel beizuwohnen? und es gab eigentlich nichts
Natrlicheres, denn er konnte die junge Frau in einem solchen Badeort doch
nicht den ganzen Abend allein, und sich selber berlassen. -- Aber der
Blick -- dieser eine Blick. -- Doch wie ungerecht war sein Verdacht, denn
wenn sie zu jenem auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung stand,
so htte sie doch wahrlich auch ihn um seinen Beistand bei ihrer Flucht
gebeten, und sich nicht an den vollkommen Fremden gewandt. -- Fremden? --
nein, sie hielt ihn nicht fr fremd -- sie wute ja ihren eigenen lieben
Worten nach -- wie lange er sie schon im Herzen getragen, und da sie das
wute und gerade ihn zu ihrer Hlfe whlte, mute sie ihm doch auch ein
klein wenig gut sein, oder sie wrde es nicht gethan haben. Wie gern htte
er sich auch mit ihr ausgesprochen; aber die verwnschte Kammerzofe
ging ihr nicht von der Seite. Und was fr ein durchtriebenes kokettes
Frauenzimmer das war. Bildhbsch in der That, mit einem kleinen kecken
Stumpfnschen und groen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie auch
eben berall, und weshalb flsterte sie nur immer so viel und geheimnivoll
mit Clemence? -- Die Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer
Vertrauten gemacht? -- es war ihm das ein peinlicher Gedanke. Aber er sah
auch recht gut ein, da sie eine weibliche Begleitung haben mute und fr
die kurze Zeit mochte es denn ja auch gehen.

Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch recht altvterlich gebauten
Hause wurde ihm zuletzt drckend, und er beschlo, einen Spaziergang
nach der Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern htte er Clemence um ihre
Begleitung gebeten; aber er wagte es nicht. Es war heute der erste Tag,
und er mute ihr den ungestrt lassen, um sich vollkommen auszuruhen. Sie
blieben ja auch jedenfalls morgen noch hier, und dann erfllte sie gewi
seinen Wunsch. Dann konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm
auf dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, da das erst morgen
geschah; er fhlte sich dann auch selber mehr mit sich im Reinen. Der
morgende Tag sollte deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch
wirklich.

Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, der hinauf zu der alten
prachtvollen Ruine fhrte -- aber er traf zu viel Menschen unterwegs
-- Kinder aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den Wundern des
Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen Wein dazu zu trinken. Er fhlte
sich heute wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren und
schlug sich seitab in die Bsche, wo er einen Platz suchte, auf dem er
ungestrt ausruhen und mit dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich
das prachtvolle Bild in voller Ruhe genieen konnte.

So lag er lange und trumend dicht versteckt im Gehlz, und wenn manchmal
einzelne Gruppen von Spaziergngern in dem weiter oben hinlaufenden Pfad
stehen blieben um die Aussicht zu genieen, so konnte er deutlich hren,
was sie mit einander sprachen, ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber
was interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute sprachen sich mit
schaalen Phrasen ber die Schnheit der Gegend aus oder zeigten sich von da
oben aus die Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzhlten sie auch
von der Eisenbahn, da der letzte, von Mainz kommende Zug entgleist und
dicht vor Rdesheim liegen geblieben sei, so da die Bahn verstopft wre
und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei wrde -- dann gingen
sie weiter und bedauerten noch dabei, da sie nun wahrscheinlich das
Frankfurter Journal nicht erhielten.

Der Zug entgleist? -- aber was kmmerte ihn das? Es konnte hchstens nur zu
ihren Gunsten sein, da dadurch die Verbindung mit den sdlicher gelegenen
Uferpltzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch jedenfalls erschwert
wurde. -- Aber die Zeit verging, er wute gar nicht wie lange er schon
gelegen und die Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er denn auch
seine Schtzlinge so lang allein lassen? Konnte er wissen, was indessen
da unten vorfiel? Wenn nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang,
erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er konnte, in die
Stadt zurck, um sich wenigstens darber erst einmal zu beruhigen. Aber die
Befrchtung war glcklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort Alles
noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, da die Damen, wie es
schien, mit dem Essen auf ihn gewartet hatten.

Aber Monsieur, rief ihn die Kammerzofe an, die ihm auf der Treppe
begegnete -- wo bleiben Sie so lange? Wir haben gewartet und gewartet und
Monsieur vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der Stadt dinirt. Wir
sind so hungrig, da wir es kaum noch aushalten knnen.

Das bedaure ich in der That unendlich rief Trautenau bestrzt, aber doch
auch im Stillen erfreut, da Clemence seinetwegen gewartet hatte. Htte
ich eine Ahnung davon gehabt, ich wre gewi eine Stunde frher gekommen.
Haben Sie das Essen schon bestellt?

Gewi, das Mdchen hat Ordre es sofort zu bringen, sowie wir die Nachricht
Ihrer Ankunft erhielten. Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie nur
hinauf zur gndigen Frau.

Am liebsten htte er das freilich gethan, aber er mute doch erst
hinber in sein Zimmer, um sich von der Hitze und dem Staub seines langen
Spazierganges zu subern, und als er das beendet, fand er Jeannette schon
wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mdchen aus dem Wirthshaus eben
emsig beschftigt die bestellten Speisen aufzutragen. Wie er sich aber
nun gegen Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen wollte,
unterbrach sie ihn freundlich und lchelte:

Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, lieber Trautenau,
wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewhlt haben. Wir haben hier Nichts zu
versumen und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier am offenen
Fenster ein paar Stunden zu plaudern, oder vielleicht auch einen kleinen
Spaziergang im Mondenschein am Rhein zu machen. -- Aber bitte, wollen Sie
nicht Platz nehmen?

Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte Clemence noch nie zu
ihm gesprochen, selbst nicht als sie ihn um seine Hlfe bat -- aber die
Kammerjungfer war ihm im Weg; er htte ihr so gern eben so geantwortet;
in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn sie sich auch hie und da im
Zimmer zu thun machte, wute er doch recht gut, da sie trotzdem jedes Wort
bewachte, auf jeden Blick selbst pate. Vielleicht erhielt er aber am Abend
bei dem versprochenen Spaziergang Gelegenheit ihr zu sagen, wie glcklich
sie ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein paar hflichen
Worten erwidernd, setzte er sich mit den Damen zu Tisch.

Es war in der That spt geworden und die Sonne selbst schon untergegangen.
Trautenau mute aber whrend des Essens von seinem Spaziergang erzhlen und
that das in so lebendiger Weise, da Clemence ihm gespannt und aufmerksam
lauschte.

Da klopfte Jemand drauen laut und deutlich zwei Mal an die Thr und
Jeannette fuhr entsetzt von ihrem Stuhl empor -- Niemand antwortete -- noch
einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den augenscheinlichen Schrecken
auch in Clemencens Zgen nicht erklren konnte, rgerlich ber die
Strung Herein rief. In dem Augenblick ffnete sich die Thr und in dem
Dmmerlicht des Abends erkannte die kleine Gesellschaft den Major, der
hhnisch lchelnd, mit triumphirendem Blick die berraschte Gruppe mit den
Augen berflog.

Ich stre doch nicht? sagte er endlich mit seiner trockenen, aber
unheimlich klingenden Stimme, denn die erregte Leidenschaft lauerte
dahinter -- sollte mir wirklich leid thun Madame -- =et Monsieur aussi= --
da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemthlich bei einander.

Herr von Reuhenfels, stammelte Trautenau, der entsetzt von seinem Stuhl
aufgesprungen war.

Kuno! hauchte Clemence und war bleich auf ihren Stuhl zurckgesunken.
Selbst Jeannette wechselte die Farbe, obgleich sie fr sich selber
wenig oder nichts zu frchten hatte. Reuhenfels schien sich aber an dem
Schrecken, den seine Erscheinung unter den Flchtigen verbreitete, mit fast
teuflischer Schadenfreude zu weiden und selbst in der Ueberraschung des
Augenblicks drngte sich Trautenau der Gedanke auf, da der Major noch
nie im Leben dem Bilde, das er an jener Wand entworfen, so hnlich gewesen
wre, wie in diesem Augenblick.

Aber die Stille dauerte nicht lange. Ha und Rache, die in des betrogenen
Gatten Augen blitzten, muten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor Wuth
heiserer Stimme sagte er endlich:

Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, und mein Verdacht, den ich
als gutmthiger Thor selber einzuschlfern suchte, war doch begrndet? Aber
Sie sollen diesen nichtswrdigen Undank bereuen -- bitter bereuen, darauf
gebe ich Ihnen mein Wort, und da ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte
ich denken -- gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der Sie es gewagt
haben, in das Heiligthum einer glcklichen Ehe die frevle Hand zu stecken.
Ich wei nicht, ob Sie ein Mann von Ehre sind -- was ich bis jetzt davon
gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafr -- wenn dem so ist, so folgen
Sie mir in ein anderes Zimmer, da wir das Nthige dort besprechen knnen.

Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major, rief Trautenau, dessen Antlitz
bei den beleidigenden Worten alles Blut verlassen hatte -- wo und wann
Sie wollen und werde Ihnen beweisen, da Sie gerade der Letzte sein drfen,
einen rechtschaffenen Mann an seine Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube
ich, werden wohl fortan unnthig sein.

Ich glaube es auch, zischte der Major in Ha und Bosheit, denn die
Anspielung des jungen Mannes auf sein vergangenes Leben war zu deutlich
gewesen um sie mizuverstehen. Folgen Sie mir, und Sie, Madame, werden
dies Zimmer nicht verlassen, bis ich zurckkehre, um Ihnen meine weiteren
Befehle kund zu thun.

Mein Herr! rief jetzt Clemence erzrnt von ihrem Stuhl emporfahrend --
Reuhenfels wrdigte sie aber keines weiteren Blicks. Ich wei, da Sie
gehorchen werden, sagte er tckisch und verlie das Zimmer, whrend
Trautenau seinen Hut ergriff, um ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort
des Abschieds konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt und zitternd vor
Aufregung schritt er auf sie zu und ergriff ihre Hand.

Frchten Sie Nichts, Clemence, sagte er leise und rasch -- so lange ich
lebe haben Sie einen Freund, der Sie nicht verlassen soll.

Er wird Sie tdten, hauchte Clemence -- er trifft mit der Pistole eine
Schwalbe im Flug.

Ich selber bin nicht ungebt darin, erwiederte Trautenau trotzig, ich
schiee rasch und sicher. Noch ist es mglich, Ihnen Ihre volle Freiheit
wieder zu geben.

Und fr mich wollen Sie in den Tod gehen, bat das junge schne Weib,
jetzt wirklich furchtbar ergriffen, ach, ich habe es nicht um Sie
verdient! und Thrnen glnzten dabei in ihren Augen.

Jetzt komme was da wolle! rief Trautenau jubelnd aus, denn diese Thrnen
waren ihm der erste Beweis ihrer Liebe -- Du weinst um mich, Clemence, und
so mcht' ich sterben. Aber es lebt ein Gott! er wird mir nicht die hchste
Seligkeit des Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von der Erde zu
nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes Wiedersehen. -- Sie strmisch in
die Arme pressend, drckte er den ersten Ku auf ihre Lippen, und wie
er jetzt zur Thr hinauseilte, wre er dem Bajonnetangriff eines ganzen
Bataillons mit nackter Brust jauchzend entgegen gerannt.

Drauen empfing ihn der Major mit eisiger Klte.

Ist es gefllig? sagte er, und ffnete eine Thr, die in einen jetzt
leer stehenden dsteren Saal hineinfhrte. Es ist allerdings schon etwas
dunkel, aber zu dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein Licht.

Trautenau folgte ihm, und die Thr hinter sich zudrckend, fuhr der Major
mit halblauter und jetzt vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:

Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, denn von dem Moment an, wo
ich entdeckte, welchen frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich
es mir zu, da unser erstes Begegnen auch unser letztes sein sollte. In
Wiesbaden entschlpften Sie mir freilich. -- Sie wissen selber am Besten
wie, jetzt hoffe ich aber, da wir unser Geschft mit einander erledigen,
ehe wir uns trennen, denn ich mchte Ihnen doch gern eine Erluterung dazu
geben, was es heit, den Teufel an die Wand malen.

Ich sehe dieser Erluterung mit groer Ruhe entgegen, Herr Major,
erwiderte Trautenau kalt. Ich werde Ihnen dann auch beweisen knnen, da
ich Ihnen in Wiesbaden nicht entschlpft bin, wie Sie sich auszudrcken
belieben, sondern nur, um eine Frau von der teuflischen Tyrannei--

Halten Sie ein, mein Herr, unterbrach ihn gebieterisch der Major, wir
wollen nicht mit Worten, sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es
freilich dafr zu dunkel -- ich konnte leider nicht frher eintreffen, da
der Zug entgleiste und ich das nchste Dampfboot benutzen mute, um heute
Abend noch den Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen frh neun
Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, bleibt es sich gleich, und wir
knnen das Tageslicht abwarten, um unsern -- wie ich jetzt vermuthen mu --
beiderseitigen Wunsch zu erfllen. Sind Sie am anderen Ufer bekannt?

So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen lngere Zeit dort. Aber
weshalb?

Weil ich auf nassauisches Gebiet zurckkehren mu, mchte ich unser
Geschft im Preuischen erledigt sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an
der Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner offener Platz.

Ich erinnere mich.

Gut -- sein Sie dort morgen frh eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang,
Waffen bringe ich mit. Haben Sie einen Secundanten?

Nein -- ich kenne Niemanden hier.

Ich habe viele Officiere heute Abend in St.Goarshausen gesehen. Sie
werden leicht einen der Herrn dazu bewegen knnen.

Ich denke ja.

Gut -- weiteres ist nicht nthig. Es bleibt Ihnen der ganze Abend dazu, da
Ihre weitere Anwesenheit im Htel, setzte er hhnisch hinzu, doch nicht
mehr verlangt wird. Fr Madame werde ich selber sorgen. Sie kommen gewi?

Schon die Frage ist eine unwrdige Beleidigung, sagte Trautenau finster,
ich hoffe der Erste auf dem Platz zu sein.

Gut, mein Herr Maler, erwiderte Reuhenfels sarkastisch, ich werde Sie
nicht lange warten lassen.




Elftes Capitel.

Die Entscheidung.


Trautenau verlie das Htel, um an den Rhein hinab zu gehen. Wenn er aber
auch sonst friedlicher, fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschieen
nur als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der er nie im Leben
einen ernstlichen Gebrauch erwartete, so konnte er jetzt kaum den anderen
Morgen erwarten, wo er Dem gegenberstehen sollte, den er nun als seinen
rgsten Feind kannte und hate. Clemencens Ku brannte ihm ja noch auf den
Lippen, und er fhlte, da Einer von ihnen Beiden -- Reuhenfels oder er,
die Erde rumen msse -- es war nicht Platz darauf fr Beide.

Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein hinab, und es dauerte nicht
lange bis er zwei nassauische Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein
spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen vortrug. Er war
vollkommen fremd hier und hatte morgen frh, zum Schutz einer Dame, eine
Ehrensache auszumachen -- ob ihn Einer der beiden Herren dabei untersttzen
wolle?

Wie ist Ihr Name? frug der Eine der Officiere.

Trautenau -- ich bin Maler, und nur zum Besuch an den Rhein gekommen.

Und wo ist das Rendezvous?

Dort drben gleich hinter der Ruine; ich werde hier morgen frh etwas
vor Sonnenaufgang ein Boot bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach
Sonnenaufgang an Ort und Stelle sein mssen.

Ich werde Sie begleiten, lautete die Antwort -- mein Name ist von
Klingen -- haben Sie Waffen?

Mein Gegner wollte sie besorgen.

Pistolen oder Sbel?

Pistolen.

Gut -- ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen mitbringen, die Herren
knnen dann whlen -- aber dann mu ich gleich nach Hause, um Alles in
Stand zu setzen.

Die jungen Leute drckten sich die Hand und Trautenau wanderte noch
schweigend und seinen Gedanken nachhngend in die Nacht hinaus.

Er dachte an Frank und was der zu dem Allen sagen wrde, wenn er es erfuhr.
Der hatte ihn wohl genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln,
als er es gethan? und wrde sich Frank, an seiner Stelle, nicht genau so
benommen haben? Arme Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden
Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend fr ihr ganzes Leben? Doch ihr
Schicksal lag ja in Gottes Hand, und dem wollte er vertrauen, da er noch
Alles zum Besten fhre. Wozu sich jetzt auch unnthige Sorgen machen, die
ihn nur weich stimmten und entmannten. Mit kaltem, ruhigen Blut mute er an
die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu siegen.

Am nchsten Morgen war er lange vor Tag auf und in seinen Kleidern. Einen
Schiffer hatte er sich noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit
seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls pnktlich ein, und
schon nherten sie sich dem anderen Ufer, als die ersten Strahlen der
Morgensonne die hchsten Thrme der alten Ruine vergoldeten. Sie durften
sich fest berzeugt halten, da sie pnktlich und auch noch vor dem
Gegenpart das Rendezvous erreichen wrden, denn da dieser schon vor ihnen
aufgebrochen sei, lie sich nicht gut denken.

Der Morgen war frisch, aber wunderbar schn und klar, und der Thau blitzte
von allen Zweigen und Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war
nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn er ging einen ernsten,
schweren Weg, und wer wute denn, ob nicht sein Blut bald hliche Flecken
auf diese Grser werfen wrde, wenn sie ihn, schwer verwundet oder todt
wieder zurck zum Ufer trugen. -- Doch gewaltsam schttelte er alle diese
Gedanken ab -- er durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger Wunsch
war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu finden, um -- was sie zu
erledigen hatten, so rasch als mglich abzumachen.

Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch leer: nur die Vgel
zwitscherten in den benachbarten Bschen und ein Zug Krhen strich
krchzend von dem einen alten Thurm ab, hinber dem Walde zu.

Wir sind die Ersten, begann der Officier, als er den Platz berschaute.

Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten haben, erwiederte Trautenau,
er versprach, pnktlich auf dem Platz zu sein.

Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer Zeit, aber desto besser;
es ist immer ein unangenehmes Gefhl, den Gegner schon uns erwartend zu
finden.

Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und schritt, die Arme verschrnkt,
auf dem kleinen offenen Raum auf und ab, -- aber Reuhenfels lie lange
auf sich warten, -- hher und hher stieg die Sonne, und als der Secundant
wieder und wieder auf seine Uhr sah, rief er endlich aus:

Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens schon drei Viertel
Stunden hinter seiner Zeit. Sind Sie auch gewi, da er berhaupt kommt?

Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu zweifeln, und begreife es
selber nicht. Ob er am Ende kein Boot bekommen hat?

Zehne fr eins, wenn er sie haben wollte. Zwischen den beiden Orten
wechseln ja die Boote fortwhrend herber und hinber. Das kann ihn nicht
zurckgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen bestimmt?

Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.

Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. Wir wollen noch eine
halbe Stunde warten, dann sind wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wren
jetzt schon vllig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.

Lassen Sie uns noch warten, bat Trautenau, und wieder schritten die
beiden Mnner eine Zeitlang schweigend auf und ab, aber es erschien
Niemand, ja noch kurz vor der gestellten Frist hrten sie sogar lautes
Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft von Reisenden, die auf die
Ruine gestiegen waren und jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der
Nachbarschaft machen wollten.

Mein lieber Herr Trautenau, sagte der Officier, indem er seinen kleinen
Pistolenkasten unter den Arm nahm, ich kann Ihnen bezeugen, da Sie Ihre
bernommene Pflicht auf das Vollstndigste erfllt und jedem Gesetz der
Ehre gengt haben. Ihr Gegner ist -- aus welchem Grunde auch immer --
ausgeblieben. Lassen Sie uns zurckkehren und zusammen frhstcken, denn
ich fange an hungrig zu werden.

Zwischen den Bschen wurden in der That schon die hellen Gestalten der
Spaziergnger sichtbar; sie durften hier gar nicht lnger bleiben, wenn
sie nicht auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an seines
Begleiters Seite um die Ruine herum, damit sie den Fremden nicht mit dem
Pistolenkasten in den Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels
nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten haben konnte;
denn wie auch immer sein Charakter sein mochte, fr feige hielt er ihn
nimmermehr.

Unten in St.Goar angelangt, bestellten sie rasch ein Boot und setzten sich
indessen in eines der nchsten Weinhuser, um etwas zu frhstcken, denn
der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld gepeinigt, wre
allerdings am liebsten gleich nach St.Goarshausen zurckgekehrt, aber der
Officier lie ihn nicht los und er konnte ihm die Geflligkeit, noch eine
Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der ihm geleisteten nicht versagen.

Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder ber den Strom hinber,
ihrem Ziel entgegen, und Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Fe
trugen, in das goldene Ro hinber, um dort den Major seines Wortbruchs
wegen zur Rede zu stellen.

Im goldenen Ro hatte sich indessen eine andere Scene zugetragen, die
allerdings das Ausbleiben des Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen
persnlichen Muth betraf, vollkommen entschuldigte.

Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag aufgestanden und fertig zum
Aufbruch, sah seine Pistolen noch einmal nach, ob auch Alles in tchtigem
Stand wre, fllte das kleine Pulverhorn, das er in die Tasche schieben
konnte, aus einem greren, und hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch
liegen, damit er den richtigen Moment nicht versume.

Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte die Stiefeln der
verschiedenen Gste, als die Hausthr geffnet wurde und ein Fremder -- zu
so frher Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.

Sagen Sie mir, lieber Freund, redete er den Hausknecht an, ist gestern
Abend oder in der Nacht, wohl noch ein Fremder hier im goldenen Ro
angekommen, der zu einem paar Damen gehrt?

Heute Nacht nicht, aber gestern Abend, sagte der Mann -- No.11.

In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen darf?

Na, wie soll er aussehn -- wie andere Fremde auch.

Trgt er einen Bart?

Ja, einen Backenbart glaub' ich -- ein Bischen breit.

Aber keinen Schnurrbart?

Ich glaube nicht, aber da mssen Sie seinen Barbier fragen.

Der Fremde drckte dem Hausknecht ein Guldenstck in die Hand, was dieser
mit uerstem Erstaunen betrachtete.

Hollo? rief er, so frh Morgens? -- der Tag fngt gut an.

Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, wie? frug der Fremde weiter.

Der Hausknecht nickte -- Ja und die Beiden haben sich mit einander
gezankt, erzhlte er, denn der Gulden hatte ihn gesprchig gemacht, --
sie waren zusammen im groen Saal allein, und wie ich den fremden Herrn
heute Morgen weckte, und ihm Licht ansteckte, hatte er einen offenen
Pistolenkasten vor seinem Bett auf dem Stuhl stehen!

So? -- das war der Letztgekommene?

Ja.

Und ist er noch auf seinem Zimmer?

Gewi, aber lange wird er nicht mehr bleiben, denn sonst htte ich ihn
nicht vor Tag zu wecken brauchen.

Da kommt Jemand die Treppe herunter.

Der Hausknecht sah hinauf, schttelte aber mit dem Kopf, -- ne, das ist
der Andere.

Der Fremde zog sich in den Schatten des Gelnders zurck, bis Trautenau
das Haus verlassen hatte; dann folgte er ihm langsam bis zur Thr und
blieb dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er leise auf einem
kleinen Instrument und es dauerte nicht lange, so traten auch vier andere
Mnner in die Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei trug.

Ich denke wir haben den Burschen, meinte der Fremde jetzt, zu diesem
gewandt, denn was ich eben von dem Hausknecht gehrt, lt kaum noch einen
Zweifel. Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.

Da wir nur keinen Verkehrten fassen, entgegnete der Polizeibeamte, --
kennen Sie ihn persnlich?

Allerdings, -- Herr von Reuhenfels, der sich in Wiesbaden zu Berg
nannte, ist eine zu allbekannte Persnlichkeit, und war jeden Abend in der
Spielbank zu treffen -- ebenso wie seine schne Frau.

Und was wird mit der Dame?

Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir werden sie nicht
belstigen.

Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.

Das ist auf No.11, rief der Hausknecht, -- ich soll ihm den Kasten
hinunter zum Wasser tragen.

Gut -- gehen Sie hinauf, sagte der Polizeibeamte. Wir sind hier um
den Herrn zu verhaften. -- Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie
verpflichtet, uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?

Ja wohl -- gewi.

Und wenn Sie ein Wort oben uern, knnten Sie in die schlimmste Lage
kommen, lieber Freund.

Werde mich hten, brummte der Hausknecht; der Herr da oben schien aber
ungeduldig, denn eben klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend strker
als vorher.

Ja, ja, komme schon, knurrte der Hausknecht, in eben nicht besonderer
Laune, na ja, murmelte er dabei -- hier unten einen Gulden gekriegt
und da oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit. -- Als guter
Deutscher hatte er aber viel zu groen Respect vor der Polizei, um irgend
einen anderen Gedanken, als den unbedingten Gehorsams zu hegen. Was ging
ihn auch der Fremde auf No.11 an, da er sich seinetwegen htte in bse
Hndel verwickeln lassen. Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das
Zimmer und lie die Thr angelehnt.

Hier mein Bursche, begann Reuhenfels, nimm einmal den Kasten und komme
mit mir zum Fluufer hinunter. Ist der andere Herr schon fort?

Oh wohl schon vor zehn Minuten.

So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr zu versumen -- komm rasch.

Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen mssen, Herr Major
von Reuhenfels, sagte in diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des
franzsischen Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels erinnerte oft
in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er auch wohl nie eine Ahnung von seiner
Function hatte. Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier
andere Mnner ins Zimmer und fllten den kleinen Raum, whrend sich der
Hausknecht vor das Fenster zurckgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus
zu verhindern.

Was wollen Sie von mir? rief Reuhenfels, und sein scheuer Blick verrieth
deutlich genug, da er kein reines Gewissen hatte. Halten Sie mich nicht
auf -- ich habe eine Ehrensache abzumachen.

Weshalb wir kommen, mein Herr, sagte der Beamte mit schneidender Klte,
betrifft keine Ehrensache, sondern einen Bubenstreich -- ja vielleicht
eine Kette von solchen, und die Erledigung derselben mu diesmal der
Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.

In wessen Namen? fuhr Reuhenfels auf.

Im Namen Sr.Majestt des Kaisers der Franzosen wegen Anklage auf Mord und
Raub, wie anderer geringfgiger Vergehen.

Das ist eine schndliche Lge! rief der Verbrecher, aber Todtenblsse
deckte seine Zge und der scheue Blick umher suchte nach Hlfe, vielleicht
nach einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht geladen und
dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben ihm die Polizeibeamten keine
Zeit mehr, sich lange zu bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder
nur beschlieen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, und obgleich er
sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, fand er sich doch machtlos in
der Hand der fnf baumstarken und gewandten Mnner. Seine Kraft war auch
gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und pltzlich getroffen und
zhneknirschend ergab er sich endlich in sein Schicksal.

Ehe man ihn abfhrte, verlangte er allerdings noch einmal seine Frau
zu sprechen, der Beamte erklrte aber strengen Befehl zu haben, keine
Unterredung weiter mit irgend wem gestatten zu drfen. Er wute berdies,
da ihm die Dame entflohen sei, und also keine Gefhlsrichtung diesen
Wunsch hervorgerufen hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, mit Allem
was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden befindlichen Sachen waren schon
mit Beschlag belegt) in Gewahrsam gebracht, bis der nchste Zug ging und
dann fort transportirt, ohne da die Leute im Haus weiter erfuhren, was mit
ihm geschah.

Zwei Stunden spter etwa kehrte Trautenau vom anderen Ufer zurck. Schon
unten in der Hausflur erzhlte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die
Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen Herrn, der jedenfalls
ein groes Verbrechen begangen haben msse, denn als man ihn auf die Bahn
gebracht, habe er Handschellen angehabt.

Und die Damen?

Die Eine ist noch oben, erwiederte der Wirth, und wartet, glaube ich,
auf den nchsten Zug, oder das nchste Boot -- die andere ist mit einem
jungen Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr fortgeschafft wurde,
oder etwa eine Stunde spter, an Bord des zu Thal gehenden Bootes
gefahren. Der Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, als Sie
heraufkamen.

Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im Kreise herum ging. -- Eine der
Damen hatte das Htel mit einem jungen Franzosen verlassen -- aber es war
doch nicht mglich -- nicht denkbar, da Clemence--

Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen hinauf, die zu der oberen
Etage fhrten. Dort lag das Zimmer, in welchem Clemence wohnte -- Er
klopfte leise an.

=Entrez!= lautete der ziemlich lebhaft gegebene Ruf, und als er die Thr
ffnete, bemerkte er Jeannette, eben im Begriff, ihren Koffer zu packen,
wie sie mitten in der Stube stand.

Ah Monsieur Trautenau! rief das junge Mdchen, indem sie auf ihn zuflog
und seine Hand ergriff -- Sie sind zurckgekehrt? Ah das ist schn, das
ist brav von Ihnen.

Mein liebes Frulein, erwiederte Trautenau, der das Alles noch gar nicht
fassen konnte, wollen Sie mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen
ist, denn der Wirth unten scheint mir verrckt -- die ganze Welt mu
wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es am Ende selber.

Nein, Monsieur, rief Jeannette lebhaft aber unter Thrnen aus -- man hat
Ihnen die Wahrheit gesagt. Das Unerhrteste ist geschehen.

Clemence ist wirklich fort?

Heute Morgen, mit Monsieur Armand.

Mit dem Franzosen?

Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, denn der gndige Herr
htte mich umgebracht, wenn er es erfuhr -- telegraphiren mute. Solch' ein
Undank ist noch gar nicht dagewesen.

Sie haben ihm telegraphirt?

Jawohl -- fr die gndige Frau, und heute Morgen, wie er ankommt, entlt
sie mich aus ihrem Dienst und reist allein mit ihm ab.

Clemence?

Nun versteht sich -- mit dem ersten Boot, das stromab kam, sind sie fort.
Ich habe sie selber an's Ufer begleitet.

Und kannte Madame jenen Monsieur Armand schon frher?

Ah gewi, rief Jeannette in Aerger ber die erlittene Unbill. Das Ganze
war eine abgekartete Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies
Htel bestimmt, um auf ihn zu warten.

So? sagte Trautenau und es war ihm zu Muthe, als ob ihn Jemand mit
eiskalter Hand sein Herz gefat und zerdrckt htte -- also eine
abgekartete Sache -- und ich selber--?

Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, gefhrliche Kokette. Sie
wren verloren gewesen, wenn Sie vollstndig in ihr Netz fielen.

Wahrhaftig?

Was ich Ihnen sage -- diesen Armand liebt sie wie rasend. Mit Ihnen hat
sie nur ihr Spiel getrieben, weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht
ihres Gatten ablenkte.

In der That?

Und mich -- die mit solcher Treue und Aufopferung an ihr hing, jetzt mit
so schmhlichem Undank zu lohnen; oh es ist schndlich! abscheulich!

Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das Zimmer verlassen, als ihn
Jeannette zurckhielt.

Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?

Ich? -- oh, Nichts, ich darf Madame natrlich nicht mehr belstigen, und
denke auch gar nicht daran. Ich werde in meine Heimath zurckkehren.

Und was wird aus mir? rief Jeannette, indem sie ihn bittend ansah --
wollen Sie mich, ein armes, unbeschtztes Mdchen hier allein in dem
fremden Land zurcklassen?

Hat Sie Madame auch um Ihren -- Lohn betrogen?

Nein das nicht -- Monsieur Armand ist reich; er war geners.

Und was verlangen Sie noch von mir?

Ist es Sitte in Deutschland, da man unbeschtzte Frauen allein reisen
lt?

Mein liebes Frulein, antwortete Trautenau, dem diese kaum versteckte
Zumuthung doch ein wenig zu stark schien, -- Sie haben der gndigen Frau
getreu geholfen und beigestanden -- es war an ihr, Sie dafr zu belohnen.
Sie werden von mir hoffentlich nicht verlangen, da ich mich zum Cavalier
ihrer Kammerfrau aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen anderen
Schutz zu suchen. Ich wnsche Ihnen eine angenehme Reise-- und sich
abwendend schritt er aus der Thr und hrte nur noch den Ausruf der
Emprung Jeannettens: Oh diese Deutschen -- diese Menschen von Holz! --
Aber er war geheilt -- vollstndig geheilt von seiner tollen Leidenschaft,
und als er etwa drei Wochen spter nach M-- zurckkehrte, konnte er Frank
sein Abenteuer -- oder vielmehr seine Kette von Abenteuern mit lachendem
Munde erzhlen.

Drei Monat spter druckte ein deutsches Blatt in M-- einen Artikel
aus einer franzsischen Zeitung ab -- einen Criminalfall, der fr M--
besonderes Interesse hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, eines
Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und berfhrt worden war, seinen
Schwiegervater, einen geborenen Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er
frher Wechselflschungen und anderen Betrug getrieben, in Paris
ermordet, und in einem Keller vergraben zu haben. Er hatte das Verbrechen
eingestanden und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen werden
konnte, zu lebenslnglicher Galeerenstrafe verurtheilt worden.

Von Clemence hrten sie Nichts wieder. Mglich, da sie als Madame Armand
irgendwo in Frankreich lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie -- er
hatte ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich nachdem er nach
M-- zurckkehrte, zerstrt, aber mit desto grerer Vorliebe zeichnete und
malte er sich in seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage an
die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit dem Verstand durchgehen
wollte, bedurfte es nur eines Blickes auf das Bild, um all die alten, fast
begrabenen Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit war denn auch jede
Gefahr beseitigt, denn er hatte sich den Teufel als Schutzengel an die Wand
gemalt.




Booby-island.

Australische Skizze.


Wenn der Leser die Karte von Australien in die Hand nimmt, so sieht er,
da im Norden dieses Welttheils, zwischen Australien und der groen Insel
Neu-Guinea, eine schmale Meerenge hindurchfhrt, die noch auerdem
mit zahlreichen Punkten -- nichts als bsartige Klippen -- gesprenkelt
erscheint. In der That fllen eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln
diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne Passagen mit kaum fnf
oder sechs Faden tiefem Fahrwasser ziehen sich hindurch und mssen von den
Schiffen sorgfltig eingehalten werden. Da diese aber, wenn sie aus dem
Stillen in den Indischen Ocean wollen, durch die Meerenge ein tchtig
Stck Weg abschneiden, so benutzen sie doch hufig den Weg, und bei ruhigem
Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht eben viel Gefahr dabei.

Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade an der Einfahrt,
besonders von Osten her, wo die Passage nicht so leicht zu finden ist,
strmisches Wetter einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an jenen
sogenannten =barrier-reefs= (Riffbarrire) gescheitert, und die Mannschaft
hat sich, wenn sie nicht gar an einer zu bsen Stelle strandete, in ihren
Booten retten mssen.

Einmal erst in der Meerenge -- welche die Torresstrae genannt wird -- und
die Boote haben auch in der That Nichts mehr von den selbst strmischen
Wogen des Oceans zu frchten, da diese Korallenriffe die schwere Dnung
vollstndig abhalten. Sie befinden sich in der Meerenge selber in ruhigem
glatten Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort berall, auf denen sie
selbst landen knnen. Freilich bieten diese Inseln auch gar Nichts weiter
als eben Land, und nur einige der grten haben drftige Quellen. Zu
gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den meisten sehr delikate,
dattelhnliche Frchte, die wie unsere deutschen Pflaumen aussehen, und
mit denen und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser knnten sich
Schiffbrchige eine Zeitlang das Leben fristen.

Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese Frchte nicht reif sind, und
haben sie -- wenn sie rasch von Bord flchten muten -- keine Gewehre bei
sich, um von den dort hufig vorkommenden Tauben zu erlegen, so sind sie
sehr bel daran, und ihre einzige Aussicht bleibt, Booby-island so bald
als mglich zu erreichen.

Alle diese Inseln -- selbst Mount Adolphus, die grte von ihnen mit
tchtigen Hgelrcken, sind unbewohnt, und nur in gewissen Zeiten kommen
einzelne australische Familien oder Stmme vom Continent herber, um
hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen Archipel, von Timor-laut und
anderen kleineren Inseln segeln mit dem gnstigen Monsuhn (temporren Wind)
die Malayen herber, um hier dem Fischfang obzuliegen, und kehren
erst, wenn diese, regelmig fnf Monate wehende Luftstrmung nach der
entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre Heimath zurck.

Die ganze Torresstrae ist derart mit kleinen Inseln angefllt, und die
westlichste davon, die schon eine ziemliche Strecke drauen im indischen
Ocean und von sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, nach den
von den Englndern =boobies= genannten groen Seemven so getauft.

Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, mit immergrnen
Rankgewchsen berwuchert, zwischen denen nur einige niedere, kaum
sechs Fu hohe Bsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz gegen die
brennenden Strahlen der Sonne, keine Quelle entspringt dem drren Boden,
keine Frucht wchst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen Wasser
mglich, und da die Insel noch dazu weit ab vom festen Lande und den
brigen Inselgruppen liegt, so fanden weder australische Eingeborene noch
die in der Nhe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, dort zu
landen und den Platz nher zu untersuchen.

Englische Seefahrer hatten das aber schon lngst gethan und eine besondere
Eigenthmlichkeit dieses kleinen Eilands entdeckt, nmlich eine tief in
den Fels hineingehende, sehr gerumige Hhle, die aber durch vorspringende
Zacken ziemlich versteckt lag. Lngst schon hatte man dabei das Bedrfni
gefhlt, in einer Gegend, wo Schiffbrche gar nicht zu den Seltenheiten
gehrten und wenigstens kein Jahr verging, da nicht ein oder das andere
Fahrzeug auf oder zwischen den Korallen scheiterte, irgendwo ein
Depot anzulegen, in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und einige
Provisionen finden konnte.

Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz vortrefflich, und die
praktischen Englnder ergriffen den hier gebotenen Vortheil auch ohne
Weiteres. In den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, da jene Insel
fr diesen Zweck benutzt werden solle, und dieselbe dem Schutz und der
Pflege englischer Seeleute empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann
dort bei und schafften Fsser mit Wasser und Schiffszwieback, gesalzenes
Fleisch, trockenes Obst und verschiedene andere Lebensmittel in die
Hhle. Selbst eine kleine Anzahl Flaschen spirituoser Getrnke wurde nicht
vergessen, wie etwas Tabak fr schiffbrchige Seeleute. Oben auf dem Felsen
befestigte man dann noch eine kleine Flagge und etablirte eine Postoffice
-- freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.

Es stand dort oben nmlich ein, nur durch ein einfaches Bretterdach
gegen den Regen geschtzter Kasten -- eine der gewhnlichen starken
und angestrichenen Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen.
Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, Oblaten, Couverte etc., und ein
Schild daneben deklarirte den Platz als Postoffice, und deutete an, da
an der Sd-Ostseite der Insel in einer Hhle Provisionen lgen -- falls
dort landende Schiffbrchige sie nicht schon vorher gefunden hatten.

Fahrzeuge, welche die Torresstrae, von Osten kommend, passirt hatten,
legten nun hier bei, sandten ein Boot an Land und hinterlieen in diesem
merkwrdigen Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, und das nchste
nach Sydney durchgehende Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und
brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, als dies auf eine
andere Weise mglich gewesen wre.

So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, und noch im Jahre 58 hatte
kein australischer Wilder den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich
versteckte Hhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben
wenigstens unberhrt, und wenn auch einzelne der dort aufgehuften Sachen,
z.B. manche Fsser mit gepkeltem Fleisch in dem heien Clima verdarben,
so wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch andere frische
ersetzt, und manche Bootsmannschaft, die sich bis hierher gerettet, segnete
die wackeren Geber, die mitten im Ocean einen Tisch fr sie gedeckt und
ihren Hunger und Durst in einer Wste gestillt hatten.

Es war im November des Jahres 59, da zuerst ein Canoe der Australier
dorthin, vielleicht auf einer Entdeckungsreise kam. Mglich, da sie
untersuchen wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend eine Art
Frucht trage -- denn auf den anderen Inseln waren die Frchte in dem Jahr
nicht gerathen, mglich, da sie nur Mveneier sammeln oder den Versuch
machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, kurz sie landeten, und
ein englisches, gerade vorbeikommendes Fahrzeug sah die dunklen Gestalten
kaum oben auf dem kahlen Felsen, als es auch nher heran hielt, einen
seiner kleinen Bller lste und zwei Boote absandte, um die Wilden
zu vertreiben. Es bedurfte aber der Boote nicht einmal; schon bei dem
abgefeuerten Schu hatten sich die erschrockenen Eingeborenen Hals ber
Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen in ihr Canoe und ruderten
in wilder Hast dem Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch eine
Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; wie ein Pfeil glitt
es ber's Wasser, und da sie sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff
entfernen durften, kehrten sie auf die Insel zurck, um zu untersuchen, ob
die schwarze, diebische Bande dort schon Schaden angerichtet habe.

Den Kasten oben _muten_ sie gefunden haben, denn das kleine ihn umgebende
Mauerwerk mit dem Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben -- an
der der Wind freilich nur noch ein paar dnne verbleichte Lappen gelassen
hatte, war zu deutlich erkennbar; aber sie konnten ihn nicht berhrt haben,
denn Alles fand sich noch in vollstndiger Ordnung wie vorher, und die
Hhle hatten sie gar nicht entdeckt.

Mglicherweise da sie den Kasten oben fr irgend eine Begrbnihtte der
bleichen Mnner gehalten, fr irgend einen Zauber auch vielleicht, denn
oben im Sand waren die Spuren ihrer nackten Fe berall zu erkennen, nur
nicht unmittelbar an der Postoffice, die sie, wie man deutlich sehen
konnte, scheu umkreist hatten, ohne ihr nher als zehn oder zwlf Schritte
zu kommen.

Die Hhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden haben, denn dort
htten sie sich schwerlich gescheut, zuzulangen, da sie in dieser Art sonst
gar nicht blde sind. Die Gefahr war deshalb noch fr diemal abgewandt und
_dies_ Canoe kehrte sicher nicht so rasch dahin zurck -- und andere? --
Man mute der Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen Schutz fr
die dort deponirten Provisionen, als eben die de und entfernte Lage der
Insel selber. Die Boote fuhren dehalb noch einmal zum Schiff, brachten ein
Fa frisches Wasser herber und gingen dann an Bord, um noch vor Nacht
den gnstigen Wind zu benutzen und ein Stck in den indischen Ocean
hineinzukommen. Oben in den Kasten hatte der Steuermann aber fr
nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, da er australische Wilde
auf der Insel gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge wurden
gebeten, ein wachsames Auge auf die Canoe's zu halten.

Ende November und Anfang December legten dort noch vier oder fnf fremde
Schiffe bei und notirten, da sie Alles in Ordnung und keine Spur von
Indianern gefunden htten.

Ende December, und die letzte gnstige Zeit benutzend, von Ost nach Westen
die Strae zu passiren, lief ein kleiner englischer Schooner gegen die
Barrierreefs auf, als es gegen Abend tchtig zu wehen anfing und eins der
hier sehr hufigen und starken Gewitter von Sden herber zog. Der Kapitn
hoffte noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht brach an, ehe er
den auf Raines Eiland errichteten hlzernen Thurm erkennen konnte. Nur die
Brandung an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das dumpfe Brausen
der sich berstrzenden Wogen drang klar und deutlich herber. Nach seiner
Mittags genommenen Observation mute er sich aber etwa auf der Hhe der
Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, und um nicht durch das
Wetter zu weit nach Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig von
den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn zum Ankern ist die See dort
viel zu tief.

Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm ber das Meer, whlte die Wogen
auf und jagte die Kmme derselben wie dnnen Wasserstaub ber die kochende
Flche. Blitze zischten dabei, der Donner rollte und es wurde eine
bitterbse Nacht, so da das kleine, auerdem leicht geladene Fahrzeug, nur
vor seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den immer wilderen
Sturzseen entgegenhalten konnte. Gegen Mitternacht drehte sich der Wind
nach Sd-Ost und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann rieth
jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus ihrem Cours zu treiben, als der
dringenden Gefahr ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; der
Kapitn strubte sich dagegen und da er selber von zwlf bis vier Uhr die
Wacht hatte, bedeutete er seinem Offizier, er wrde sehen wie sich das
Wetter mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die Mannschaft an
Deck rufen lassen.

Der Sturm lie in dieser Zeit allerdings etwas nach und der Himmel zeigte
schon an einigen Punkten wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich
indessen auch gendert und drngte das kleine, tanzende Fahrzeug mehr und
mehr nach Lee herber und den gefhrlichen Barrier-reefs zu.

Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; er hatte nicht schlafen
knnen und das Toben der gar nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner,
sogar vom Lande abliegenden Coje gehrt.

Kapitn, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben auf die Riffe!

Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, da es Zeit wird,
abzufallen; der Wind hat etwas nachgelassen und wir drfen ein wenig
Leinwand zeigen. Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.

Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen Rast, langsam
herausgeklettert; der Bug fuhr, dem Steuer rasch gehorchend, herum, und die
Leute hingen eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren Schoonersegels
aufzuhissen, als es von Osten her mit erneuter Wuth ber die See brauste.

Es war eine frische Hand am Blasbalg, wie die Seeleute sagen, und in
der Dunkelheit hatten sich die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen
nicht erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die Leute ihr
Aeuerstes, das Segel zu setzen, aber die Flanke dem Sturm zugedreht,
war es der berdie schwachen Bemannung nicht mglich, mit so furchtbarer
Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. Aufdrehen konnten sie auch
nicht mehr dagegen, und abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen?
-- und doch blieb nichts Anderes brig; der Versuch mute wenigstens
gemacht werden.

Zu spt! Brandung voraus! schrie einer der Leute, der nach oben gelaufen
war, um eins der Falle klar zu machen, und Brandung in Lee! tnte der
Schreckensruf dazwischen. Die Leute lieen die Taue los, whrend sich der
Sturm in dem nur etwas aufgehiten Segel fing -- der Kapitn sprang selber
zum Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick verfallene Fahrzeug
von der gefhrlichen Kste abzudrehen -- _zu spt!_ Die Wogen hatten
es gefat und jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich
leuchtenden Grtel der Brandungswellen zu; der Bug gehorchte zwar noch
einmal dem Steuer, aber ein anderer Windsto schlug das Segel zurck. Der
Kapitn schrie seine Befehle ber Deck, aber Niemand verstand ihn in dem
Aufruhr der Elemente, in dem furchtbaren Toben der Brandung. --
Willenlos setzte das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt -- eine einzige wilde
Brandungswoge jagte ber Deck, der Schooner wurde wie von einer Riesenfaust
emporgehoben, im nchsten Augenblick krachten Masten und Balken --
ein dumpfer Sto folgte, und der Steuermann, der das Gangspill in dem
entscheidenden Moment umklammert hatte, fhlte pltzlich, da das _Wrack_
in ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die eben noch ber ihr
Deck gestrzt, das gescheiterte Fahrzeug nicht mehr erreichen konnte.

Wie es geschehen war, wer htte es sagen knnen; mglich schien es, da
die Woge, die den Schooner zertrmmern wollte, ihn selber ber eines der
niedern Riffe hinbergehoben und dadurch, fr den Augenblick wenigstens, in
Sicherheit gebracht hatte; mglich auch da der Kiel zufllig eine Lcke in
den Korallen getroffen und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saen sie fest
in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen in tiefes Wasser mit
dem verkrppelten Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.

Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas hher liegenden
Quarterdeck, denn wie sich nachher zeigte, war der Bug zertrmmert und
das Wasser schon in den innern Raum eingestrzt -- zwei Mann fehlten; die
Brandungswelle mute sie ber Bord gewaschen haben, und dann war freilich
an Rettung nicht zu denken; der Kapitn hatte sich, von der Fluth
emporgehoben, noch in der einen Want gefangen und dort angeklammert; die
Meisten schienen nur wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.

Vorderhand lie sich indessen gar Nichts thun, es war stockfinster, der
Sturm heulte, und das einzige Licht, was einen matten Dmmerschein ber
Deck warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle herber. Den Tag
muten sie jedenfalls abwarten, und nur darber suchten sie sich vorderhand
zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens ausgesetzt seien.
Dem schien aber nicht so; das Hintertheil des Schooners sa fest auf den
Klippen, ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum zwei Fu
unter dem Wasserspiegel fhlten sie mit dem ausgeworfenen Loth an der
Starbordseite Grund, whrend der Top des groen umgestrzten Mastes auf
einer hohen Sandklippe lag, so da man dieselbe auf diesem hin recht gut
htte erreichen knnen.

Erschpft und aufgerieben warfen sich die Leute jetzt an Deck, um den nicht
mehr so fernen Tag zu erwarten; der Wind heulte noch, der Donner rollte
und ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's -- eines der Segel
schnitten sie von dem Mast herunter, um sich dadurch nur etwas gegen den
Regen zu schtzen, und sanken dann bald in einen unruhigen, kurzen Schlaf.

Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs eine Erleichterung zu
bringen, sondern lie sie nun erst das Trostlose ihrer Lage vollstndig
bersehen.

Der groe Mast hatte in seinem Sturz die auf Deck befestigte Barkasse
vollstndig zerschmettert, so da an eine Reparatur derselben nicht gedacht
werden konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrckt, und es blieb
ihnen nur zur Rettung die kleine Kapitns-Jlle, die hinten am Heck hing
und sich noch glcklicherweise in brauchbarem Zustande befand -- aber wie
diese in offenes Wasser bringen? -- Nach See zu war es ganz unmglich, denn
keine Lcke selbst lie sich in der wlzenden Brandungswoge erkennen, die
jetzt fr einen Moment von den zackigen Klippen zurckwich, um im
nchsten mit neugeschaffener Gewalt wieder darber hinzustrzen. Nach dem
Binnenwasser der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen starrer Felsen,
hie und da von grnem, und oft von blauem, also sehr tiefem Wasser
unterbrochen; welche Gefahren es aber barg, lie sich noch nicht einmal
erkennen, da es vom heftigen Winde gekrut gehalten wurde. -- Und
sollten sie hier an Bord bleiben? Es wre nutzlos gewesen, denn selbst ein
vorbeisegelndes Schiff htte ihnen durch diese Brandung hin keine Hlfe
bringen knnen; sie muten sich selber helfen.

Vor allen Dingen war es nthig, den inneren Raum zu untersuchen, ob sie
noch mglicherweise Provisionen: Wasser und Zwieback bekommen konnten. Der
Koch und der Schiffsjunge -- der Stewards-Dienste versah -- wurden zu dem
Zweck beordert, nachzusehen, whrend der Kapitn in seiner eigenen
Kajte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu bergen suchte.
Glcklicherweise fand sich ein Korb mit Zwieback, aber von eingeschlagenem
Seewasser ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als Nichts. Doch
zum Wasser konnten sie nicht kommen, denn die zwei Fsser, die an Deck
geschnrt gelegen hatten, waren mit der Kambse und dem ganzen Vordertheil
durch die eine Sturzsee rein ber Bord gewaschen worden. Gegen zehn Uhr
fiel aber wieder ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde jetzt
aufgespannt, um so viel als mglich davon aufzufangen -- es gengte
freilich noch immer nicht. Dann packte der Kapitn ein, was er an
Blechbchsen fr den Kajtstisch oben in seiner Coje hatte, und brachte
doch so viel zusammen, um fr kurze Zeit gegen den _Hunger_ geschtzt zu
sein. Vielleicht half ihnen dann der Himmel mit einem frischen Regenschauer
weiter.

So lange der Sturm wthete, lie sich nichts unternehmen, obgleich sie im
Binnenwasser keine unruhige See zu frchten hatten. Gegen Mittag
klrte sich aber der Himmel auf; der Wind lie nach, und etwa vier Uhr
Nachmittags, whrend die See noch da drauen unruhig wogte und bumte,
regte sich schon kein Lftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.

Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot flott zu machen und ihre
Ladung wenigstens erst einmal auf die Sandbank hinber zu schaffen. Das
ging verhltnimig rasch; auch ber den Sand weg konnten die Leute das
leichte Boot tragen und ziehen und auf der andern Seite in's Wasser lassen.
Weit schwieriger war es aber, ber die nchste Reihe von Korallenklippen
hinberzukommen, die mit ihren schlpfrigen und spitzen Zacken keinen
festen Fuhalt gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen
konnten, sahen sie sich genthigt, eine lange Strecke daran hin zu fahren,
bis sie endlich zu einer Stelle kamen, wo sie im Stande waren, sich
hindurchzuzwingen.

Jetzt hatten sie etwa fnfzig Schritt breit glattes Wasser und dann wieder
einen Korallengrtel, der aber gefhrlicher aussah als er war. Er bestand
nur aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche Durchfahrten,
und die kleine Bootsmannschaft, die aus neun Personen bestand, ruderte nun
bei gnzlicher Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie fr das feste
Land hielten. Glcklicherweise war es nur eine etwa hundert Schritt breite
Barre, und dahinter, als der Steuermann hinauflief, um sich von oben aus
umzusehen, entdeckte er das offene Wasser der Binnenriffe, von einzelnen
Inseln und Sandbnken nur berstreut.

Hier blieb ihnen allerdings noch eine tchtige Arbeit, das Boot und dessen
Ladung hinberzuschaffen, und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig
wurden, aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderni mehr im
Wege. Die Nacht lagerten sie auf der Sandbank, und der nchste Morgen fand
sie schon beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, um vor
allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser der Schiffe zu kommen und
die Mglichkeit zu haben, von einem oder dem anderen vorbersegelnden
aufgenommen zu werden.

Instrumente und Compa hatte der Kapitn gerettet, und die Karte der Strae
ebenfalls, da diese schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der
oberen Kajte stak. Auerdem fehlte ihnen aber jeder Leitfaden, denn Keiner
der Leute war je diesen Weg gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt
durch die Torresstrae gemacht haben, da er sich aber nicht um die Fhrung
des Schiffes zu bekmmern brauchte, wute er auch sehr wenig darber
anzugeben. Nur auf das erinnerte er sich, da Booby-island drauen vor den
Klippen im freien Wasser lag, und da sie damals dort beigelegt und ein Fa
Wasser, ein Fa Zwieback und ein halb Fa gepkeltes Schweinfleisch an Land
geschickt htten. Im Boot war er aber selber nicht mit gewesen und wute
dehalb auch nichts ber die eigentliche Beschaffenheit der Insel zu sagen.
Seiner Aussage nach sollte es nur ein groer Felsklumpen sein, um welchen
eine Unmasse groer schwarzer Mven herumschwrmte; das war Alles.
Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich wieder zu erkennen, sobald er
ihn nur sehen wrde.

Der Kapitn hatte indessen auch nicht versumt, die Schiffs_waffen_
mitzunehmen, da die australischen Eingeborenen in einem wohlverdienten
schlechten Ruf standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher Art
man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte er nicht, sie muthwillig
aufzusuchen, und an eine Insel zu landen, von welcher man sich nicht vorher
sorgfltig berzeugt hatte, da keine Eingeborenen an Land oder wenigstens
in unmittelbarer Nhe wren. Er hatte zu viel ber ihre hinterlistige
Schlauheit und Grausamkeit gehrt, um sie nicht zu frchten und jeden
Zusammensto mit ihnen ngstlich zu vermeiden.

Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autoritt in diesem Meere galt,
dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zuversichtlicher zu stimmen, denn
der Bursche -- nach Art solcher Leute, die alles Gehrte entsetzlich
bertreiben und wo mglich noch ihren Theil dazu erfinden -- wute
nicht genug von den Scheulichkeiten zu berichten, mit welchen sie
Schiffbrchige, die in ihre Hnden fielen, behandelten. Da sie dieselben
schlielich auffraen, war noch das Wenigste.

Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank an und der Kapitn nahm hier
erst einmal seine Observation, die ihm zeigte, da sie sich nrdlich von
der eigentlichen Einfahrt befnden und dehalb mehr nach Sden hinunter
halten muten. Sie sahen auch selber, da dies kein Kanal fr grere
Schiffe sein konnte, denn mehrmals hatten sie Pltze passirt, in denen sie
die Korallen so dicht und deutlich unter sich erkannten, da man glauben
mute, man knne sie mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch immer
zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie auch Klippen, die bis unter
die Oberflche reichten und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen
Boot kaum hindurchwinden konnten.

Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen Passagen und blieben
die Nacht auf einer kleinen, nur mit niederen Bschen bewachsenen Insel, wo
sie wenigstens nichts von feindlichen Indianerstmmen zu frchten hatten --
aber kein Regen fiel und ihr sprlicher Wasservorrath ging zu Ende.

Am nchsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten sie weiter und setzten auch
das mitgenommene Segel, aber die Brise war sehr schwach und trieb sie,
allerdings mit gnstiger Strmung, nur langsam vorwrts. Wieder kamen sie
aber hier, irregefhrt durch die verschiedenen Inseln und Sandbnke,
in einen falschen Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden die
grere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens Wasser zu finden hofften,
denn das vom Regen aufgefangene war in der glhenden Hitze vollstndig
ausgetrunken.

Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem einen Felsen ein paar
kleine Swasserquellen, wie sie aber den Platz erreichten, war hohe Fluth,
und weiter in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den schmalen
Thlern in einen Hinterhalt zu fallen frchteten.

Einige Frchte hatten sie allerdings auf mehreren der kleinen
Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden, welche die Mven in den
heien Sand legen, um sie dort von der Sonne ausbrten zu lassen -- sonst
nichts. Tauben, eine weie prchtige Art mit dunkelbrauner Abzeichnung,
sahen sie genug und schossen auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend
welchen Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten, nicht in
Schroth, und die alten Musketen schossen nicht so sicher, da sie einen
so kleinen Gegenstand wie eine Taube damit aus den hohen Bumen htten
herausholen knnen.

Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten und sich nicht einmal
getrauten das Boot zu verlassen, blieben sie aber wieder nur auf den Rest
ihrer mitgenommenen Vorrthe angewiesen, und ihre einzige Hoffnung lag
jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen und von den dort befindlichen
Provisionen so lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstrae
kommendes Schiff anrufen und mit diesem Batavia oder Singapore erreichen
konnten.

Der Kapitn wute brigens von hier aus, da er die genaue Beschreibung und
sogar Zeichnung der Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die
Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier Uhr Morgens setzten sie
auch mit einer gnstigen Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und
Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem Durst fast zur Verzweiflung
getrieben, sichteten sie gerade im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der
nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island sein mute.

Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er behauptete, Booby-island
sei ein ganz spitzer kleiner Felskegel, und das hier lag breit und flach
auf dem Wasser; der Kapitn lie sich aber nicht irre machen, denn seiner
Karte und Berechnung nach stimmte es und er hielt gerade darauf zu.

Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut gehalten, nur der
Zimmermann, der aber auch auf dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte
und klagte ber Durst und schpfte mit der Hand das Seewasser, um seine
Lippen zu khlen. Damit machte er freilich das Uebel nur noch rger, denn
wenn es auch fr den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes haben mochte,
der salzige Geschmack hintennach reizte und trocknete nur um so viel mehr,
und er wimmerte leise vor sich hin.

Geduld, Mann, Geduld, sagte der Steuermann zu ihm, indem er ihn auf die
Schulter klopfte, da vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden knnen
wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott wohl aushalten.
Schmt Euch doch vor dem Jungen, denn der hat noch nicht einmal geklagt.

Was wei auch so ein Junge von Durst, Steuermann, sagte der Angeredete
mrrisch, der kommt erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die
Zunge im Hals springen und bersten mte -- und wer wei denn, ob auch nur
ein Tropfen Wasser auf dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht
er aus.

Darber trstet Euch, Zimmermann, sagte der Kapitn. =The Yorkshire
lady=, die vierzehn Tage vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und
von Sydney besonders Wasser und Zwieback fr den Zweck mitgenommen, um es
dort zu lassen. Finden wir aber nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu
bleiben, nun so nehmen wir, was wir fr den nchsten Tag brauchen, und
laufen damit zu einer der Inseln im indischen Archipel hinauf. So weit ist
die Fahrt ja nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu frchten.

Geb's Gott, sagte der Zimmermann resignirt, und von jetzt ab wurde kein
Wort weiter gesprochen, whrend sich die Leute nur schrfer in ihre Ruder
legten, um den verheienen Platz desto rascher zu erreichen.

Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel setzen, die Strmung half
ebenfalls nach und das Boot glitt verhltnimig rasch ber das glatte
Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die bis jetzt nur wie ein
kurzer Streifen auf dem Horizont gelegen und dadurch weit entfernter
schien als sie wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form eines
Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich schon den Fu derselben, gegen
den die Strmung wusch, erkennen konnte.

Die Brise, die hier mehr stoweise kam, lullte nach einiger Zeit wieder
ein, und vier von den Leuten hatten dehalb die Ruder wieder aufgegriffen,
die Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im kleinen Boot,
und nur der Kapitn sa, das Gesicht dem Lande zugedreht, am Tiller und
betrachtete sich das nicht mehr so ferne Eiland. Pltzlich richtete er sich
etwas empor und schtzte die Augen mit der flachen Hand gegen die schon
im Westen stehende Sonne, die ihn auch berdie durch das Blitzen auf
dem Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen, nahm er das neben ihm
liegende Telescop auf und hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen Blick
hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt ausrief:

=Damnation!= Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!

Was? schrie der Zimmermann voller Entsetzen -- oh du grundgtiger Himmel
-- dann sind wir verloren.

Verloren? brummte der Steuermann, mit einem wilden Fluch durch die
Lippen, hat sich was von verloren -- Wie viele sind's, Kapitn?

Der Strand schwrmt von ihnen, und oben drauf tanzt auch etwa ein Dutzend
herum -- aber ich sehe keine Canoe's.

Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem Wasser. Also haben die
schwarzen Bestien den Platz endlich richtig gefunden!

Und was nun? sagte der Kapitn.

Was nun? Ei, wir mssen ihn wieder erobern.

Gegen den Schwarm?

Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitn, da ich einen Ueberblick kriege
-- immer zu, Jungen, lat die Ruder nicht schleppen, hier knnen wir doch
nicht liegen bleiben.

Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und Haar! klagte der Koch, der
sich bestrzt emporgerichtet hatte und nach dem jetzt gefrchteten Land
hinberstarrte.

Was fressen, knurrte der Steuermann rgerlich, whrend er durch das Glas
sah -- erst mssen sie uns haben. Alle Wetter! es ist eine hbsche Portion
und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden, denn wie die Ameisen
klettern sie da an den lichten Felsen in die Hh'. Jungens, Jungens, und
wie werden sie den Vorrthen mitgespielt haben!

Wie viele sind's, Steuermann?

Ich zhle siebenundzwanzig, gro und klein, erwiderte dieser, aber da
links heraus kommen noch mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die
Hhle -- da sind noch drei, vier, fnf, sechs, sieben -- es ist ein ganzer
Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.

Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im Boot? frug der Kapitn, nachdem
er selber das Glas genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel aber
indessen so nahe gekommen, da sie die schwarzen nackten Gestalten schon
mit bloen Augen erkennen konnten.

Es sollen sechs sein, sagte der Steuermann, aber an dem einen ist der
Hahn abgebrochen -- und dann Ihre Doppelflinte.

Und Pistolen?

Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.

So nahe drfen wir den Halunken nicht kommen, sagte der Kapitn
kopfschttelnd, da wir die gebrauchen knnten, sonst spicken sie _uns_
mit ihren verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich umzugehen
wissen.

Wenn wir aber zu kanoniren anfangen, sagte der Steuermann trocken, und
mit den alten, von Rost halbzerfressenen Schieprgeln nichts treffen, so
machen wir sie erst recht bermthig, und wer dann unverrichteter Sache
abziehen mu, sind wir.

Den ersten Schu, rief der Kapitn, mssen wir jedenfalls ber ihre
Kpfe feuern, denn ich mchte die armen Teufel nicht todtschieen, wenn ich
es irgend umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird gengend sein, denn
wenn sie nur den Knall eines Gewehres _hren_, laufen sie schon was
sie laufen knnen. Schuwaffen frchten sie mehr als ihren sogenannten
Devil-Devil.

Ich will's wnschen, brummte der Mate oder Steuermann, ich habe nur
so eine Ahnung, da ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt
einflen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt kmen und einen
der kleinen Bller htten lsen knnen, dann wr's vielleicht 'was Anderes,
denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schu klingt als ob er von allen
Seiten auf einmal kme.

Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn das Boot nherte sich
rasch dem Lande, und die gerettete Mannschaft nahm zu viel Interesse an
dem, was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den Augenschein von
der Zahl der Feinde zu berzeugen. Selbst die Rudernden drehten die Kpfe
ber die Schulter zurck, und deutlich konnte man auch jetzt den Schwarm
erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der Insel herumsprang, whrend
eine Anzahl von ihnen grne Zweige von den Bschen brach und damit
hinberwinkte. Fast Alle aber, wie der Kapitn deutlich durch sein Glas
erkennen konnte, trugen ihre Lanzen in den Hnden, und legten sie erst
zwischen den Steinen nieder, als sie vielleicht glaubten, da man sie vom
Boot aus mit bloen Augen erkennen knne.

Ach Kapitn, sagte der Zimmermann, die thun uns ja nichts, die schwingen
grne Bsche; das ist immer ein Zeichen bei den wilden Hallunken, da sie's
gut meinen -- Einen Tropfen Wasser geben sie uns gewi.

Ja trau' Du denen, knurrte der Koch -- mit denselben Zweigen braten sie
Dich nachher.

Dem Kapitn gefiel brigens das Winken mit den Zweigen auch nicht. Durch
sein gutes Glas sah er deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die
wieder zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine Vertiefung
-- wahrscheinlich den Rand der Hhle -- stellten, aber dicht dabei stehen
blieben und dann aus Leibeskrften mit den grnen Bschen wehten, als ein
Zeichen, da das Boot dort landen solle. Er nderte seinen Cours nicht,
sondern hielt vielmehr noch etwas nach rechts hinber, um die nrdliche
Spitze der Insel anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen
konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden hinter der
Insel, um vorn nicht damit gesehen zu werden.

Das Alles deutete auf Hinterlist, und da die Eingeborenen dieser Ksten
Alles daran setzen, um in den Besitz eines guten europischen Bootes zu
kommen, wute er schon zur Genge aus den Erzhlungen anderer Kapitne.
Geld hat fr sie nicht den geringsten Werth. Kleidungsstcke beachten
sie nicht, und selbst von Eisenwerk knnen sie nichts gebrauchen, als
vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus den harten und schweren
Hlzern bestehen, welche ihnen die Wildni in Masse liefert, aber ein
sicheres Boot war fr sie von unschtzbarem Werth, denn damit konnten sie
das Meer in jeder Jahreszeit befahren, und da sie _kein_ Mittel scheuen
wrden, um sich in den Besitz eines solchen zu setzen, lie sich denken.

Wie viel Wilde befanden sich aber berhaupt auf der Insel und hatten sie
auch schon Alle gesehen? -- wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo
sie nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloen Augen zu erkennen,
waren hchstens noch acht oder zehn sichtbar, die sich aber dafr durch das
Schwingen von grnen Bschen um so bemerkbarer zu machen suchten. Wo waren
die Anderen? Jedenfalls irgendwo hinter den Steinen oder in der Hhle
versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so wrden sie sich
ungescheut gezeigt haben -- da _ihnen_ die Weien nichts nehmen konnten,
wuten sie ohnedie. Das Wichtigste also war: einen ungefhren Ueberblick
ber ihre Zahl zu bekommen, und das konnte nur dadurch geschehen, da sie
in Sicht der Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so gro, um das
nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitn, der auf die Nordspitze
zugesteuert hatte, nderte pltzlich seinen Cours, hielt wieder vom Ufer
etwas ab und ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefhr hundert
Schritte haltend, um das kleine Eiland herum zur Westkste, wo er
allerdings einen ganzen Trupp nackter schwarzer Gestalten berraschte, die
nicht schnell genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und sich nun, so
gut das gehen mochte, hinter Korallenbnken und Steinen niederkauerten.

Auerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine kleine Flotte von elf
Canoe's, die nebeneinander auf den Sand gezogen waren, und strker an
Mannschaft wre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen Diebe
festzuhalten und zu zchtigen. Aber sie durften ihnen nicht das einzige
Mittel, sich zu entfernen, selber abschneiden, denn an Zahl waren sie
ihnen doch zu weit berlegen und das Schlimmste von Allem, nur Wenige
der Seeleute wuten wirklich mit Feuerwaffen umzugehen, und verstanden
besonders nicht, ein einmal abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig
wieder zu laden.

Der Kapitn behielt aber indessen seinen Cours bei; er wute jetzt genau,
da er es mit einer verrtherischen Bande zu thun hatte, und war nicht
gewillt, dieser auch nur den geringsten Vortheil ber sich einzurumen. Das
Boot glitt dabei, immer noch in der sicheren Entfernung, um die Insel hinum
der Sdkste zu, wo sie die wieder berraschten, die vorher an der Hhle
Posto gefat hatten.

Sind die Gewehre alle geladen? frug er ruhig.

Ja, Sir, sagte der Steuermann.

Setzt frische Zndhtchen auf; die alten knnten die Nacht ber feucht
geworden sein.

Das geschah lautlos.

Wollen wir hier landen, Kapitn? frug der Steuermann; ich glaube es wre
besser, wenn wir das so dicht als mglich bei der Hhle thten.

Sie haben Recht, Mr. Brown, nickte ihm sein Vorgesetzter zu, wir mssen
ihnen Gelegenheit zur Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben --
Alle Teufel, was ist das da oben? Er deutete zugleich mit dem Arm hinauf,
und seine Leute erkannten dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze
eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den Uebrigen wesentlich
unterschied.

Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt und trugen nicht einmal, wie
doch die meisten wilden Stmme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben
aber -- oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen weien, wehenden Talar
an, der in der Sonne schimmerte und bis ber die Kniee hinabreichte; nur
die Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er stand, als man ihn
zuerst entdeckte, war er auch durch den hheren und mit Bschen bewachsenen
Hgelrcken gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschtzt
gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang er die wenigen Schritte
hinauf und stand im nchsten Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er
anhatte, knitterte und knatterte dabei.

Gott straf' mich, das ist Papier! rief der Steuermann aus, und in
demselben Augenblick ri sich ein Stck der Kleidung los und flatterte, ehe
es der danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See, nach dem Boot
hinber, von dem es nicht weit entfernt auf das Wasser niederfiel.

Es war in der That ein Bogen weies Schreibpapier, und jetzt kein Zweifel
mehr, da die Eingeborenen dort oben die Postoffice gefunden und geplndert
hatten; welche Verwendung sie fr das Papier fanden, zeigte sich dabei. Die
Umfahrt um die Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben, da sie
es hier mit einer groen Anzahl gutbewaffneter Schwarzen zu thun bekmen,
und wren sie nur wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so wrde der
Kapitn kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen Kampf zu wagen.
Muten sie doch sogar jedes Handgemenge auf festem Land vermeiden, blieben
immer noch der Gefahr ausgesetzt, da die Wilden, erst einmal gereizt
und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar mit ihren Canoe's einen
verzweifelten Angriff auf ihr Boot machten.

Aber was blieb ihnen Anderes brig? Zurck gegen Wind und Strmung nach
Mount Adolphus _konnten_ sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren
jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene trafen und dann erst
recht, bei Theilung der Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr
brachten; Wasser aber _muten_ sie haben, und das war hier noch zu
bekommen, dort drauen im Westen lag dagegen eine weite See vor ihnen, die
sie ohne dies nthige Lebensbedrfni nicht durchschiffen konnten, also
blieb ihnen schon nichts weiter brig, als sich ihren Weg zu erzwingen, im
schlimmsten Fall mit Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu Schaden
kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben.

Das Boot umruderte indessen das Sdwestende der Insel und nherte sich der
Sdost-Ecke, wo, wie der Kapitn von anderen Collegen erfahren, die Hhle
liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene und winkten wieder,
als das Boot in Sicht kam, mit den abgebrochenen Bschen.

Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitn, sagte da der Steuermann, ob
sie uns im Guten in die Hhle lieen? Der Eingang mu dicht am Wasser sein,
und wir knnten ihn mit unseren Musketen recht gut frei halten.

Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown, meinte aber der Kapitn; die
Mglichkeit ist allerdings da, da wir _hinein_ kommen, aber schwerlich
wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens.
Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu rechnen, und ich will die
Verantwortlichkeit nicht auf mich laden, auch nur zwei von Euch an ein
Experiment gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit; wissen die
Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit denselben umzugehen?

Die Meisten, Sir -- mit einer Pistole verstehen sie es besser.

Die Pistolen helfen uns nichts, sagte der Kapitn trocken, und sind in
dem engen Boot hier gefhrlicher fr uns selbst, als fr die Schwarzen --
ha, dort ist die Hhle -- sehen Sie den dunklen Strich im Felsen? -- Er
hatte sein Telescop wieder aufgenommen und sah hindurch.

Ist das der Platz, Sir?

Ja -- ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete Fsser erkennen. Sie
wissen doch zu schieen?

Ay, ay Sir!

Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal, wenn wir noch ein klein
Stck voraus sind und den Eingang breit haben, mitten in die Hhle hinein
-- aber hoch -- verwunden Sie noch keinen; mglich doch, da wir sie mit
einem einzelnen Schu in die Flucht treiben.

Der Steuermann nahm sein Gewehr an den Backen und zielte mitten in die
Hhle hinein -- jetzt waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert
Schritte vom Land entfernt.

Feuer! rief der Kapitn, und in dem Moment krachte auch der Schu, dessen
Echo sich wohl in der gewlbten Hhlung noch tchtig brechen mochte, denn
mit Blitzesschnelle sprangen pltzlich zehn oder zwlf schwarze Gestalten,
ihre Lanzen und Midlas[1] in den Hnden, aus dem dunklen Grund der Hhle
hervor und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach oben. An
Widerstand schienen sie in der That nicht zu denken.

  [1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fu langer Hebel, der mit
  einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die Wurflanze eingreift
  und sie beim Schleudern mit vermehrter Kraft vorwrts treibt. Mit Hlfe
  dieser Midla ist der australischen Wilde im Stande, seinen einfach
  hlzernen Speer auf sechzig bis achtzig Schritte -- ja vielleicht
  noch etwas weiter -- mit groer Sicherheit zu werfen, so da er selbst
  kleineres Wild, wie die Knguru-Ratte, damit trifft und tdtet.

Aha, lachte der Steuermann, der von der alten Muskete einen Sto bekam,
da er beinah hinten bergestrzt wre -- das hat richtig geholfen; die
haben wir hinausgeruchert, und meinen Hals wollt' ich darauf verwetten,
da keine von den Canaillen mehr da drinnen steckt. Was nun, Kapitn? Ich
denke, die Luft ist rein, und ich dchte, das Beste wre, wir benutzten den
ersten Schreck und rumten was wir brauchen aus, inde Sie uns hier mit ein
paar von den Leuten die Luft rein halten.

Ich denke auch, Mr. Brown, sagte der Kapitn, der seinem Steuermann
indessen das Gewehr abgenommen hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud
-- Nehmen Sie sich drei Mann mit -- wieder zu euern Rudern, meine Jungens,
und nun scharf an Land -- und sehen Sie besonders zu, da Sie ein Fa mit
Wasser finden -- Zwieback soll genug dort liegen, packen Sie auf was Sie
fortbringen knnen, der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten --
aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht lnger auf als nthig ist. Da Sie
indessen Keiner da drinnen strt, dafr wollen wir schon mit den Gewehren
sorgen.

Also ganz ohne Waffen--

Jeder von euch nimmt eine Lanze mit -- drinnen knnt Ihr vielleicht das
Fa gleich auf die Schfte legen und damit herauslaufen -- aber da ihr
kein _faules_ Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele Jahre dorten
liegen.

Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen, meinte der
Steuermann verlegen, denn flink mu die Geschichte gehen, sonst ist's
gefehlt, und wenn sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir
ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie man mit einem Fa
umgehen mu.

Lange knnen sie noch nicht da sein, entgegnete der Kapitn, der die
Natur dieser wilden Stmme besser kannte als sein weit jngerer Steuermann,
sonst htten sie die Canoe's schon beladen und wren fortgerudert. Da
sie sich hier vor unseren Schiffen nicht sicher fhlen, ist gewi, und das
beweist auch, wie treffliche Wacht sie gehalten haben mssen, denn unser
kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es augenscheinlich schon bemerkt
hatten. Aber da sind wir -- jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts -- ehe
sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, mssen wir's haben. Vorwrts,
Steuermann -- Ihr, Bill, Ned und John, eure Lanzen -- das ist recht, mein
Junge, den Korb packst du voll Zwieback -- liegt ein Fa bei der Hand, so
rollt's nur gleich hier herunter: wenn's auch an den Steinen zerbricht,
werfen wir in's Boot, was wir brauchen. Vorwrts!

Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung, denn jeder Einzelne von
ihnen begriff recht gut, was von ihm verlangt wurde, whrend an der raschen
Ausfhrung desselben sein eigenes Leben hing. Von den Wilden schienen sie
in der That nichts weiter zu frchten zu haben, und es war fast, als ob
der eine, blind gefeuerte Schu vollkommen gengt habe, sie zu Paaren zu
treiben. Nur einzelne schwarze Kpfe schauten noch vorsichtig einen Moment
ber die Felsen nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen.
Hatten sie sich in ihre Canoe's geflchtet und die Insel bei Annherung der
gefrchteten Weien verlassen? -- Alle freilich noch nicht, denn Einzelne
kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein. Aber es blieb jetzt keine
Zeit, nach ihnen auszusehen, denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug
des Bootes den Korallensand berhrte, sprangen die bezeichneten Seeleute,
lauter krftige Burschen und jeder seine Lanze fest in der Hand gepackt,
hinaus an Land und waren auch mit wenigen Stzen in der Hhle verschwunden.
Die Zurckgebliebenen aber, jeder seine Muskete im Anschlag, behielten mit
ngstlicher Spannung die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von dort aus
ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern knnte, und kein
Wort wurde mehr gesprochen.

Da kommen sie! schrie pltzlich des Kochs ngstliche Stimme; und als der
Kapitn, der bis dahin eine oben in den Bschen lauernde Gestalt im Auge
behalten, rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts hinber vier oder
fnf Canoe's um die Inselspitze kommen, und fast zu gleicher Zeit drckte
der feige Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab.

Holzkopf! schrie der Kapitn und ri ihm die Muskete aus der Hand, wenn
ich wte, da sie _Dich_ brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu
anznden.

Oh bester Kapitn, jammerte der Mann, es ging mir ja von selber los!

Ruhe da und aufgepat! rief aber der alte Seemann, indem er das Gewehr
rasch wieder lud. Er sah dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten
hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der Schu einen von ihnen
getroffen. Jetzt stieen sie pltzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und
fast zu gleicher Zeit rief auch der Zimmermann:

Habt Acht, bester Kapitn -- von drben herber kommen sie auch. Jetzt
haben sie uns fest.

In demselben Augenblick schien es aber, als ob die Felsen selber belebt
wrden. Unmittelbar ber der Hhle konnte allerdings Keiner niederklettern,
denn die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber rechts und links
davon sprangen sie herab, und sechs, acht Speere wurden zu gleicher Zeit in
das Boot hinabgeschleudert, von denen einer dem Kapitn den Hut vom Kopfe
ri, whrend ein anderer dem Koch durch den Arm fuhr und diesen laut
aufheulen machte.

Kapitn Powel warf den Blick umher, und dem Koch erst einmal mit dem Kolben
seines Gewehrs einen Sto in den Nacken gebend, der ihn vornber sandte,
rief er dem Zimmermann zu:

Jetzt drfen wir nicht mehr schonen -- haltet in den dicksten Klumpen
hinein, sobald sie nher kommen. In den schwanken Canoe's knnen sie
mit ihren Lanzen doch nicht ordentlich treffen -- Du, Peter, nimmst die
Anderen, ziel' ruhig, Mann -- wenn Du fehlst, sind wir verloren.
Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes, mit groben Posten geladenes
Doppelgewehr angelegt und einen riesigen Schwarzen, der an der Hhle
niederglitt, auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den Schu gerade in den
Leib, da er wie ein Sack herunterstrzte. Aber er sah nicht einmal nach
ihm hin, denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit ebensogut in
Anspruch, whrend jetzt von den beiden Seeleuten ein eben so wirksamer,
aber noch viel mehr Schaden anrichtender Schu in die Canoe's hinein
gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der greren Entfernung mehr
auseinander, und der Zimmermann besonders schien so gut gezielt zu haben,
da sich die fnf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht
von den Verwundeten behindert wurden.

Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie die Fahrzeuge vorwrts
treiben konnten, an, und alle trugen aus dem eisenharten Holz der ueren
Palmenrinde gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an den Kanten
scharf geschnitten, knnen ebensogut als Keule dienen und sind dann eine
furchtbare Waffe in der Hand eines starken Mannes.

Noch einen Schu, Zimmermann, rief der Kapitn, whrend er in aller Hast
sein eigenes Doppelgewehr wieder lud, nehmt die geladene Muskete da neben
Euch, aber zielt gut -- der erste war vortrefflich.

Wieder der Knall ber das Wasser und diemal hatte der Matrose nur das
erste Boot voll auf's Korn genommen, in dem er aber eine arge Verwstung
anrichtete. Zwei der nach links berschlagenden Schwarzen drckten es sogar
auf der Seite unter Wasser und es fllte. Wohl kamen die anderen Canoe's
jetzt auch in vollem Lauf wieder nher, aber sie hatten ihre richtige Zeit
versumt. Kapitn Powel feuerte zuerst eine Ladung Rehposten zwischen einen
Trupp hinein, der sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die
andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht neben dem Boot an's
Ufer liefen und wahrscheinlich einen Angriff zu Land versuchen wollten,
da sie in den schwanken Fahrzeugen _ihre_ Waffen nicht gebrauchen konnten.
Kaum aber scho der hohe Bug des ersten auf den Sand hinauf, als der
Steuermann mit seinen drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen
gewartet zu haben, aus der Hhle sprangen und jetzt ihrerseits mit den
Lanzen auf die Feinde einstrmten. Der Angriff kam aber zu pltzlich und
aus zu unmittelbarer Nhe, und ohne sich nur zu besinnen sprang die ganze
Mannschaft der Canoe's ber Bord und tauchte unter. Wie durch Zauberei
waren sie verschwunden.

In dem Moment schien es fast, als ob smmtliche Schwarze von der Insel
verschwunden wren; aber der Kapitn traute ihnen nicht und benutzte die
ihm vergnnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre wieder zu
laden, whrend die Seeleute indessen in aller Hast das schon bis an den
Eingang gewlzte Fa Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem Anschein
nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn es trug den Brand der
=Yorkshire lady=. Auch der Junge war nicht mssig gewesen und mit einem
gehuften Korb von Zwieback angekommen, den er ohne Weiteres in's Boot
schttete und dann zurck in die Hhle sprang, um noch eine zweite Ladung
zu holen. Den Zwieback muten die Wilden nmlich zuerst entdeckt haben,
denn das eine groe Fa war auseinandergebrochen und der Inhalt ber den
ganzen Boden der Hhle zerstreut.

Ihr Boot wurde brigens durch den neuen Proviant, besonders durch das
Fa Wasser bedenklich tief geladen. In der Strae selber wre das bei dem
spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in den indischen
Ocean einlaufen wollten, muten sie wenigstens darauf vorbereitet sein,
unruhigere See zu bekommen -- aber der Steuermann wute Rath.

Schafft das Canoe herbei, Jungens! rief er, einen Blick umherwerfend,
das nehmen wir in's Schlepptau, bis wir drauen in See erst Alles richtig
weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch knnen damit nebenher
fahren. Das Ding ist breit genug, Euch zu tragen -- dort liegen auch
Ruder.

Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu, schoben das Canoe in
tieferes Wasser zurck und brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte
keine fnf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden dabei beobachtet
worden, denn wieder flogen vier oder fnf Speere nach ihnen herunter, aber
zu kurz, denn die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich der
Schuwaffe.

Fertig Alles? rief der Kapitn.

Alles klar, Sir, lautete die Antwort.

An Bord denn und fort -- die Sonne ist gleich unter und nach Dunkelwerden
mchte ich nicht mehr in der Nhe der schwarzen Halunken sein. Sie holten
dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben -- aus mit dem Boot!

Der Befehl wurde fast so rasch ausgefhrt, wie er gegeben worden, denn sie
waren mit steigender Fluth gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fnf
bis sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in die Fluth, um
es zurckzuschieben. Zwei von ihnen nahmen dann das Canoe und den eben mit
einem anderen Korb Zwieback zurckkommenden Jungen ein, und wenige Minuten
spter stieen sie von der Kste ab -- aber der Kapitn hielt noch nicht in
See hinaus.

Eine Lektion mssen wir den Burschen noch geben, sagte er finster, da
sie spter das Eigenthum der Weien mehr respektiren lernen oder wenigstens
in einer heilsamen Furcht gehalten werden -- Zimmermann, nehmt einmal Euer
Beil und bearbeitet das Canoe dort drben ein wenig.

Der Zimmermann that dies mit Vergngen und das Fahrzeug war im Nu
unbrauchbar gemacht; dann nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die
brigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen dadurch auf der Insel zu
halten, bis ein greres Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie
zu zchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen zu haben, etwas
Derartiges nicht abzuwarten, denn wie sie an den anderen Rand der Insel
kamen, sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon unterwegs, und
zwar in voller Flucht gen Sden, dem nchsten Festland zu haltend. Da
sie von dem schwergeladenen Boot der Weien nicht verfolgt werden konnten,
wuten sie gut genug, aber sie schienen auch gar nicht die Absicht zu
haben, weit zu fliehen, denn drauen ein Stck in See lagen sie jetzt
pltzlich auf ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was die Feinde
beginnen wrden.

Der Kapitn war berzeugt, da sie, sobald das Boot nur auer Sicht wre,
augenblicklich nach der Insel zurckkehren wrden, nicht allein um ihre
Todten abzuholen, sondern auch die begonnene Plnderung zu beenden. Das
Alles lie sich aber nicht mehr ndern. Der fr den Seemann so wichtige
Platz war einmal verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimni der Hhle
entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an eine weitere Niederlage
dort von Wasser und Provisionen fr verunglckte Seeleute gedacht werden.
Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewi regelmig die Hhle, um
Alles mitzufhren, was sie fanden.

Das Boot -- nachdem sich die Leute an dem erbeuteten Wasser gelabt -- hielt
eine nordwestliche Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen
Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag aber sichteten sie eine
portugiesische Brigg, die, von Europa kommend, nach der portugiesischen
Besitzung in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an Bord genommen und
gingen spter mit einem hollndischen Schiff nach Singapore, von wo aus sie
leicht in ihre Heimath zurckkehren konnten.

Der Kapitn machte allerdings in Singapore die Anzeige des zerstrten
Depots auf Booby-island, und ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff
bekam auch Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nchsten
Monsuhn Booby-island berhrte, fand es in der Hhle nur noch einen Haufen
verdorbenes Fleisch, den die Schwarzen verschmht hatten -- alles Uebrige
war ausgerumt und selbst die Postoffice wahrscheinlich nach dem Festland
geschafft worden.




Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.




Erstes Kapitel.

Die Matrosenkneipe.


Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, und den freute die
Welt nicht mehr, denn anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch kam,
aber nie und nimmer besser.

Frher ja, da lie sich's aushalten, da marschirte so ein armer
Handwerksbursch nach Herzenslust im lieben deutschen Vaterland herum,
Chaussee auf und ab, ging in den Drfern fechten, schlief Nachts auf der
Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er unterwegs mde wurde,
auf einer vorbeirollenden Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran,
die Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. Das lie schon die
Wanderlust nicht zu, und geschah es je einmal ausnahmsweise, so erfate
ihn rasch die unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der er nicht
widerstehen konnte und wollte.

Da erfanden bse und hinterlistige Menschen, aus reiner Bosheit gegen die
armen Handwerksburschen, die _Eisenbahn_, und mit dem lustigen Marsch auf
der Landstrae war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen -- wo bekam
man sie noch zu sehen? der Dampf hatte die Zgel ergriffen und bei einem
davonbrausenden Bahnzug -- mit _den_ groben Condukteuren -- war kein
Gedanke mehr hinten aufzusitzen.

Das macht zuletzt den besten Menschen verdrielich und so war denn auch
Zacharias Hasenmeier, ein wasserdichter Hutmachergesell, endlich zu dem
verzweifelten Entschlu gekommen -- nicht etwa seinem Leben ein Ende zu
machen, nein -- dazu besa er zu viel Religion und zu wenig Courage --
aber auszuwandern und sich irgend einen Platz auf der Welt zu suchen, wo es
erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, und wo ein reisender Handwerksbursch
auch noch leben konnte, wie sich's gehrt und gebhrt, d.h. wo er ein
Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.

Mit dem Entschlu erst einmal im Reinen, hielt er sich denn auch nicht
lange bei der Vorrede auf, packte seinen Tornister, mit ein paar neuen
Stiefeln oben d'rauf, da die blinkenden weien Sohlen rechts und links
unter der Klappe vorschauten, lie sich eine neue Zwinge an seinen dicken
Knotenstock machen, und ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch
visirt zu bekommen. Ordnung mu nmlich sein, und ob er nun zu den Chinesen
oder Menschenfressern kam, sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn
den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so wenig wie den Deutschen.

Die Behrde besorgte ihm das auch. Gegen seine Auswanderung hatte sie,
merkwrdiger Weise Nichts einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf
seine Anweisung, da er nach Amerika, Australien und sonst wohin wollte,
gewissenhaft und wrtlich:

  Nach Australien und weiter!

wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt hinaus wanderte.

Er hatte, als er die Stadt verlie, in der er zuletzt gearbeitet, den Hut
keck auf die eine Seite gerckt, was andeuten sollte, da er sich aus ganz
Europa Nichts mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel vorn im
Knopfloch baumelnd (einen Orden besa er nicht, den er htte hinein thun
knnen, und etwas _mu_ der Mensch doch im Knopfloch haben) mit auerdem
zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen in der Tasche,
meinte er, da er nun die Welt durchwandern knne. -- Was wei so ein
wasserdichter Hutmacher berhaupt von der Welt!

Natrlich ging er gerade in einem Strich auf Hamburg zu, weil er gehrt
hatte, da von dort ab fast tglich Schiffe nach aller Herren Lndern
ausliefen, und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit zu
den Botokuden wie zu den afrikanischen Baumaffen kommen knne. Wohin? blieb
sich aber vollstndig gleich -- Hte brauchten Alle oder konnten ihnen doch
wenigstens angepat werden, und er war von sich selber berzeugt, da er
sein Fortkommen in irgend einem Land der Welt finden wrde -- er msse nur
erst einmal dort sein.

Der liebe Gott verlt keinen Deutschen, sagte er sich und mit dem
schnen Liedchen: Mu i denn, mu i denn zum Stdtle hinaus -- Stdtle
hinaus, lie er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen wachsen, und
wanderte, jede Eisenbahn von Grund seines gekrnkten wasserdichten
Hutmacherherzens aus verachtend, zu Fu bis in die ferngelegene
Hafenstadt, um sich dort nach einer womglich wsten Insel einzuschiffen.

Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, wenn ein Bahnzug
vorberrasselte, und die Leute darin aus den offenen Fenstern hinaussahen,
und ber den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fu hinterd'rein
keuchte, whrend er doch htte, fr ein paar Groschen, so bequem darin
fahren knnen; aber Zacharias setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur
noch immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrcken und wanderte
trotzig seines Weges, ohne auch nur einmal nach ihnen umzuschauen.

Es ist berhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit sich menschliche
Gemthsbewegungen und Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung
des Hutes ausdrcken lassen.

In den Augen liegt das Herz, lautet ein altes, wunderschnes Lied,
aber es ist durchaus nicht wahr. Im _Hute_ liegt es, und der aufmerksame
Beobachter kann manchem Menschen nur allein durch den Hut direkt in's Herz
sehen.

Wer z.B. den Hut recht gerade und steif auf hat, da er ihm senkrecht
auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, das _mag_ ein sehr guter rechtschaffener
Mensch sein, aber er ist jedenfalls nach _einer_ Richtung hin Pedant und
geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter jeder Bedingung steif
und trocken durchs Leben mit nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, da
er ein ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschftsmann sein kann,
aber ein guter _Gesellschafter_ ist er keinesfalls.

Ein _klein wenig_ geneigt -- nach rechts oder links bleibt sich gleich --
und welch' einem fabelhaften Unterschied begegnen wir hier. -- _Das_ sind
die besten und interessantesten Menschen, mit gerade genug leichtem Sinn,
um liebenswrdig zu sein und ber das Ntzliche einer Sache auch nicht das
Angenehme zu vergessen -- aber ja nicht zu viel -- den Hut zu viel auf
eine Seite bedeutet sehr groen Leichtsinn -- ein keckes Herausfordern
der Menschheit, um das sich gewhnlich Niemand kmmert, Rauflust und
verschiedene andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen werden auf die
Lnge der Zeit im Umgang unertrglich.

Der Hut weit hinten verrth Sorglosigkeit, aber auch Behaglichkeit, mit
einer kleineren oder greren Mischung von Eigendnkel. Leichtsinnige
Schuldenmacher und Speculanten sind geneigt den Hut in solcher Weise zu
tragen, und je weiter er nach hinten gerckt wird, desto gefhrdeter ist
ihre Position.

Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, wenn der Hut, im
entgegengesetzten Fall, weit in die Stirn gezogen wird: dsteren Groll, ein
gepretes Herz oder gedrckte Lebensverhltnisse -- auch unsaubere Wnsche;
kurz der Hut zeigt den Menschen wie er wirklich _ist_, und Zacharias
Hasenmeier, der leichtsinnigste wasserdichte Hutmachergesell, der diese
Strae je passirt war, strafte mit seinem Hut keck auf dem linken Ohr diese
Theorie wahrlich nicht Lgen.

Zacharias machte sich auch wirklich _keine_ Sorgen, und erst nur einmal mit
seinem Entschlu im Reinen hielt er alles Andere, was ihn mglicher Weise
betreffen, oder ihm hindernd in den Weg treten knne, fr Nebensache -- und
doch hatte er gerade da, wo er die Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.

Seine Begriffe von Reisespesen waren nmlich sehr unvollkommener Art, denn
wenn er sonst von einer Stadt zur anderen wanderte -- mochte sie auch noch
so weit entlegen sein -- so brachte er dorthin doch gewhnlich noch immer
ein paar Groschen mehr mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er
verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und wenig Familien, die er
ansprach, konnten sich rhmen ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach
berechnete er also auch die etwa zu zahlende Passage nach einem fremden
Welttheil, und fand sich hier in Hamburg sehr enttuscht, als die Kapitne
dort liegender segelfertiger Schiffe eine weit grere Quantitt der
landesblichen Mnzsorte verlangten, um ihn als _Passagier_ aufzunehmen,
als er im Stande war aufzuzeigen -- selbst wenn er gewillt gewesen wre,
sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu trennen.

Wo er an Bord kam, schttelten die alten Seeleute mit dem Kopf und meinten,
das reiche nicht, und unntzes Volk knne man nicht Monate lang umsonst
an Bord fttern. Von dem Seedienst verstand er aber gar Nichts, Hutmacher
wurden nicht unterwegs gebraucht, und so blieb das Resultat auf allen
Schiffen dasselbe, so da Zacharias, am Abend des zweiten Tages, den er
auf solche Weise verwandt, mit in die Stirn gezogenem Hut -- so keck er ihn
auch noch an dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein Wirthshaus nahe
am Hafen zurckkehrte, und sich mrrisch und der ganzen See grollend hinter
ein Glas etwas dnnes Bier setzte.

Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, in der fast nur Seeleute,
oder mit der Schiffahrt zusammenhngende Personen, wie Segelmacher,
Reepschlger etc. einkehrten, und es lt sich denken, da ein
Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und einer richtigen
Landschraube auf dem Kopf nicht unbemerkt passiren konnte. Es war etwa
gerade so, als ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, und sich
einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen steckten dann auch
bald die Kpfe zusammen, und flsterten und lachten ber den wunderlichen
Gesellen. Nachdem sie inde ihren Spa eine Weile gehabt, ohne da er
weiter Notiz von ihnen genommen, wollten sie ihn auch aufziehen, aber
Zacharias war nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald so
scharf und treffend, da sie jetzt selber Vergngen daran fanden, sich mit
ihm zu unterhalten -- doch freilich nicht bei einem Glas Dnnbier, dem sich
ihre ganze Lebensweise nicht zuneigte.

Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den geringsten Grund sah,
seine Absichten, die ihn hierher gefhrt, zu verheimlichen, so erfuhr die
Gesellschaft bald, da er aus dem inneren Land kme und auswandern wolle,
aber kein Schiff finden knne, weil es ihm gerade am Besten fehle.

Die Matrosen, meist immer gutmthig gegen Fremde, sobald sie keine
Gelegenheit mehr finden sich ber sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald
das, bald jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht doch htte
bewogen werden knnen, ihn mitzunehmen -- Zacharias schttelte aber immer
mit dem Kopf, denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und wenn
auch noch ein oder das andere da lag, auf dem er noch nicht nachgefragt, so
konnte er sich doch ziemlich genau denken, welche Antwort er dort bekommen
wrde. -- Es war nicht der Mhe werth, es auch nur zu versuchen.

Sag' einmal Landsmann, frug der Wirth, ein breitschultriger,
blatternarbiger Gesell, mit einer blauen, goldgestickten, aber entsetzlich
schmutzigen Mtze auf den scharf gekruten braunen Haaren und dabei mit
ein paar kleinen verschmitzten Augen -- wo willst Du denn eigentlich hin?

Fort -- hinaus in die Welt, erwiederte der wasserdichte Hutmacher --
wohin, ist mir vollkommen gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen
-- nur die Welt mcht ich sehen, und die verfluchten Eisenbahnen los
werden.

So? sagte der Wirth, na, hast Du es denn da schon auf einem
Wallfischfnger versucht?

Auf einem Wallfischfnger? frug Zacharias erstaunt, was ist das?

Nun ein Schiff, das hinaus in die Sdsee fhrt und Fische fngt, und dabei
an allen Inseln anlegt, die es erreichen kann.

=Damn it!= rief da Einer der Matrosen, da liegt gerade die Seeschlange
drauen im Fahrwasser, vor einem Anker und will morgen frh mit der Ebbe in
See gehen -- die braucht noch Leute, und nimmt was sie kriegen kann.

Aber ich kann gar nicht angeln, sagte Zacharias.

Angeln -- =hell=! rief der Wirth, zu angeln brauchst Du auch nicht,
und die nehmen Dich mit Kuhand, denn an Bord von einem Wallfischfnger
brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur wre, um einen
Schleifstein oder Schiemannsgarn zu drehen und Feuer unter den Kesseln zu
halten.

Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. Wallfischfnger waren in der
That die einzigen Schiffe, die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen
wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. An alle Inseln,
die sie nur erreichen konnten, fuhren sie hinan und segelten jetzt an der
Japanischen Kste -- dann wieder im Eismeer, und vier, fnf Monate spter
zwischen den Corallen-Inseln der Sdsee herum. Das aber war gerade
was Zacharias wollte, denn htte er sich an _einer_ bestimmten Stelle
niedergelassen, so wre ihm doch zuletzt nichts Anderes brig geblieben,
als wieder zu arbeiten, und zu diesem _letzten_ verzweifelten Mittel, sich
eine Existenz zu sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.

Einer oder der andere von den Leuten am Tisch hatte aber auch schon eine
Fahrt mit einem Wallfischfnger gemacht, und erzhlte dann Wunderdinge,
was er da drauen gesehen: von den Meerweibchen und See-Greisen und den
Corallenhusern, die sie in der See htten, von fliegenden Fischen
und Palmen, die mit den langen Blttern in der Luft herum fchten, von
Schildkrtenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben selber, wie sie
in Booten hinter den groen Fischen herruderten, ihnen die Harpune in
den Leib warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, und den
ausgekochten Speck fr ein enormes Geld verkauften.

Zacharias sa mit offenem Mund daneben, und so gut wie ihm der Grog
mundete, gerade so gefielen ihm auch die wunderbaren Schilderungen dieses
fabelhaften Lebens, das die Matrosen -- einer solchen Landratte gegenber
-- denn auch noch tchtig auszumalen wuten. Einer erzhlte immer tollere
Geschichten als der andere, und als sie endlich fort wollten, lie sie
Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um noch immer mehr zu
hren, und jetzt konnte er schon die Zeit nicht erwarten, da es wieder Tag
wrde, um sich auf einem solchen merkwrdigen Fahrzeug einzuschiffen, und
all das Wunderbare selbst mit zu erleben.

Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzhlungen gelauscht, schttelte
zwar mit dem Kopf, denn es that ihm leid, da sie den armen Teufel mit
seinen verworrenen Ideen nur noch verrckter machten, und er meinte einmal:

Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr ist, was _ich_ von
Wallfischfngern gehrt habe, so ist verdammt wenig Vergngen und
heidenmige Arbeit dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum
Kapitn, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, so wollte ich lieber
an Land irgendwo als Kettenhund in Condition treten, ehe ich mich an Bord
eines solchen Schiffes verdingte.

Ach Unsinn, Mate, lachte aber ein Anderer, wenn das bischen Arbeit nicht
wre, machte Einen ja die Langeweile auf der langen Reise todt.

Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die Langeweile, nickte der
Segelmacher vor sich hin, so kann er zufrieden sein -- mit Deckwaschen,
Garnspinnen, Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden und
auskochen und wie die angenehmen Beschftigungen alle heien, wird ihn die
nicht viel plagen. Aber meinetwegen Kinder, sagte er, von seinem Stuhl
aufstehend und sein Glas zurckschiebend, wer nicht hren will,
mu fhlen, und wenn er's denn nicht anders haben mag, wird ihm eine
dreijhrige Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten auch gerade Nichts
schaden -- viel Glck Mate und einen guten Fang-- und damit stieg er
langsam zur Thre hinaus.

Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, aber das Lachen und
Erzhlen der Anderen trieb bald jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn.
_Das_ war eine Landratte, die berhaupt nicht mehr auf's Wasser hinaus
mochte, und von dem lustigen Leben drauen wenig wute. Nur _ein_ Bedenken
kam ihm noch -- er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal aus
dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben ihm Sitzenden, der sich
berhaupt am Meisten seiner angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade
hinaus: Schwimmen? rief er, glaubst Du, Kamerad, da Einer von uns
Allen, die wir zur See gehen, schwimmen kann? fllt uns gar nicht ein. Da
wir uns etwa lange qulen mten, wenn die Geschichte einmal schief geht,
nicht wahr? -- denken gar nicht daran. Fllt Einer ber Bord, dann geht der
Steuermann in seine Cajte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's
zu Ende -- lustig gelebt und frhlich gestorben, das hat dem Teufel die
Rechnung verdorben, und jubelnd stieen die wilden Burschen wieder mit
ihren Glsern an, und immer neuen Stoff mute der Wirth herbeischaffen.

Endlich fingen sie an zu singen -- ganz schrecklich lange Balladen, die mit
ihren zahllosen Versen gar kein Ende nehmen wollten, und Zacharias
wurde schlfrig und wre richtig eingenickt, wenn sich nicht eines der
Schenkmdchen, die bis dahin mit den Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm
gesetzt und mit ihm geplaudert htte. Die erzhlte ihm jetzt aber auch, da
der eine Wallfischfnger, der im Hafen lge -- und es war in der That nicht
der einzige -- nur auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter und
hinaus in See zu fahren, und wenn er die Zeit verpasse, knne er nicht mit
und msse hier bleiben.

Das machte ihn geschwind wieder munter, denn die Gelegenheit durfte er
nicht ungenutzt vorber lassen; sie bot sich vielleicht so bald nicht
wieder. Das Mdchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, aber er
fhlte, da er genug hatte, denn da drauen dmmerte schon wieder der Tag
-- so lange geschwrmt zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte
aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich dann ein reines Hemd aus dem
Tornister, um anstndig vor dem Kapitn zu erscheinen, und ging, als es
vollstndig hell geworden war, mit einem der Matrosen, der ihn begleitete,
zu dem bezeichneten Schiff.




Zweites Kapitel.

Zacharias Hasenmeier hlt es nicht an Bord aus.


Hatte er aber frher Angst gehabt, da es ihm hier wie auf den anderen
Fahrzeugen gehen und der Kapitn ihn abweisen wrde, so fand er sich
angenehm getuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und wenn er
zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie die Uebrigen, als er den
Handwerksburschen mit seinem Tornister und Knotenstock sah, so schien er es
doch wenigstens fr mglich zu halten, einen Matrosen aus ihm zu machen.
Er sagte, er wolle es jedenfalls versuchen. Zacharias wurde sein Platz
angewiesen, wo er schlafen konnte, und mit dem Bewutsein, jetzt endlich
sein Ziel erreicht zu haben, und einem neuen Leben entgegen zu gehen, hing
er dort seinen Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darber und -- war
eingezogen.

Aber es schien auch die hchste Zeit fr ihn gewesen zu sein, an Bord
zu kommen, denn in demselben Augenblick schon fast wurden die Segel
ausgespannt, und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die See hinaus.
-- Wie das aber tanzte und schwankte und der arme Hutmachergesell, der
schon so viel von der Seekrankheit gehrt, sich aber noch nie eine richtige
Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie das thue.

Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; Alles wirbelte im Kreis herum
-- er wute nicht mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf oder auf
den Fen stand. -- Er warf sich auf Deck nieder und breitete die Arme und
Beine aus, um nicht noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem
Zustand, der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben lt.

Wie lange er so gelegen, wute er gar nicht, und nur das einzige Bewutsein
war ihm dabei geblieben: der Wunsch zu sterben, um dieser Hllenpein,
diesem qualvollen und unertrglichen Zustand ein Ende zu machen. ----
Aber auch das ging zuletzt vorber, das Schiff lag ruhiger, oder er fhlte
vielleicht auch die Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich
erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich schon so weit drauen
in See, da er, wohin er auch blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er
hatte seine Reise angetreten und ein Rckschritt war nicht mehr mglich.

Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben mochte; er fhlte
sich keineswegs behaglich und sehnte sich fortwhrend danach, das ewig
schwankende Schiff nur erst einmal wieder unter den Fen los zu werden,
und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen -- war _das_ Reisen, wo man
in einemfort, wie ein Sack, hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fu
nie vom Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, auf die
Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in seinen festen soliden
Pappelalleen und er bekam wieder das alte Heimweh nach seinem frheren
Leben.

Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden gelassen htten, da er
sich ordentlich ausruhen und das hliche schwindliche Gefhl berwinden
konnte -- aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen wieder auf, so
kam auch schon der Steuermann und stellte ihn an die Arbeit, und keine
Entschuldigung half, da er noch hundeelend sei.

Jetzt erfuhr er, da der alte Segelmacher Recht gehabt, der ihm ganz genau
prophezeiht hatte, was ihn hier erwartete. Wo er schon auerdem schwindlich
war, mute er noch eine groe Schiemannsgarn-Winde oder gar einen schweren
Schleifstein drehen, da ihm der Kopf immer mit dabei herum ging -- und
dazu sollte er fetten Speck essen und harten Schiffszwieback kauen -- so
ein Leben -- der Bse htt's holen knnen, wenn es ihm recht gewesen wre,
aber es war ihm nicht recht.

_Arbeiten_ -- nun ja, er hatte in seinem Leben schon oft gearbeitet, und
einen Hut zu walken und zu bgeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich,
aber was half ihm das _hier_? Statt des Bgeleisens bekam er einen alten
schmutzigen Sandstein in die Hnde und mute damit das Verdeck abschleifen,
und wenn das Deck nur wenigstens ruhig gelegen htte, aber Gott bewahre;
auf und nieder gings und im Kreis herum mit ihm und dann kam auch noch der
Steuermann und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten ber, wenn er nicht
rasch genug kratzte, da er die dicken Striemen fhlen konnte.

O wie sehnschtig sah er jetzt ber Bord, ob er nicht irgendwo Land
erkennen und aussteigen knne, denn _die_ Vergngungstour hatte er schon
bis oben hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und Wasser und
immer weiter fuhren sie dabei in den groen Ocean hinein.

Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er wrde sich mit der Zeit an die
Seereise gewhnen, so fand er doch bald, da er sich da schmhlich geirrt.
Je lnger er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der Kopf brannte
ihm, als ob Feuer drinnen wre, sein Magen revoltirte gnzlich gegen den
ekelhaften Speck und er hielt sich um so mehr fr schlecht und nichtswrdig
behandelt, als es ausdrcklich in seinem Pa stand, da alle Civil-
und Militrbehrden unterwegs ersucht wurden, ihn frei und ungehindert
passiren, auch ihm nthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen -- und hier
sollte er sich behandeln lassen wie einen Hund?

Er ging jetzt direkt zum Kapitn und verlangte wieder an Land gesetzt zu
werden, aber der sagte weiter nichts als: geh zum Teufel! und drehte ihm
den Rcken, und die Matrosen verhhnten ihn und lachten ihn aus.

Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die Segel muten eingenommen
werden, und das Schiff fing an zu tanzen, da Zacharias manchmal meinte, es
msse sich berschlagen, so hoch hob es sich vorn in die Hhe und fuhr dann
wieder in die Tiefe hinab, bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft
schnappen mute.

Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf den Fen konnte er sich
doch nicht mehr halten, aber was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen
und machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach der andern Seite
hinber, und warf ihn wie ein Bndel alte Kleider an die andere Wand, da
ihn alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er hinein, hatte sich
aber noch nicht einmal ordentlich fest gelegt, als er noch unsanfter als
vorher hinaus geschleudert wurde, und jetzt bekam er's satt.

Nein, schrie er, so ein Hundeleben soll ja der Teufel holen -- ich thu'
nicht mehr mit, und zugleich fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an
und nahm dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu packen.

Die alten Matrosen, die ganz gemthlich in ihrer Hngematte schaukelten,
lachten, und frugen ihn, ob er an Land wolle und auch tchtig lange
Wasserstiefeln habe -- aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte seinen
Tornister, mit den noch unbenutzten hellglnzenden Stiefelsohlen oben,
fest, knpfte sich seinen Rock bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und
zog ihn sich vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor und
hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte Handgelenk, sagte adjes
miteinander und stieg an Deck.

Gegen Alles, was ihn nach Auen umgab, schien er vllig blind geworden,
nur an sich selber dachte er und die ihm hier gewordene nichtswrdige
Behandlung, und so schritt er denn auch fest und entschlossen auf den
Kapitn zu, der in seinen wasserdichten Kleidern auf dem Quarterdeck auf-
und abging, und die Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in
dem Wetter noch fhren konnten.

Herr Kapitn, ich wollte Ihnen man blos Adjes sagen, bemerkte hier
Zacharias, indem er seinen Hut abnahm und eine Verbeugung machte.

Junge, rief der Kapitn, wie siehst Du denn aus? Bist Du verrckt
geworden?

Bitte, sagte Zacharias, wollte nur fragen, ob Sie sonst noch etwas zu
bestellen htten.

Aber wo willst Du denn hin? -- gehst Du etwa so schlafen? lachte der
Seemann.

Auf die Wanderschaft will ich, erwiederte aber Zacharias Hasenmeier,
indem er seinen Hut jetzt wieder keck auf ein Ohr stlpte, also Adjes
Kapitain, leben Sie recht wohl, denn _die_ Wirthschaft hier htt' ich
satt, und damit drehte er sich um, der See zu, wo gerade eine riesige Woge
heraufgestiegen kam, da sie mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich
lief. Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes Stck Grund und
Boden unter sich gehabt, auf das Wasser hinaus, und sank natrlich in
demselben Augenblick, wo er die Welle nur berhrte, mit ihr in die Tiefe.

Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr -- oben hrte er nur
noch den wildverstrten Ruf: Mann ber Bord, und wute jetzt, da der
Steuermann nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch schreiben werde:
Mittwoch den 13.August Nachmittags halb vier -- soviel Grad Lnge, soviel
Grad Breite, Mann ber Bord gegangen -- Zacharias Hasenmeier -- das war
seine Grabschrift und damit fuhr er ab -- tiefer und immer tiefer.




Drittes Capitel.

Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.


Eigentlich war er selber sehr berrascht worden, als er hinaus aus dem
Schiff trat, dort erst merkte, da er auf gar nichts mehr stand und zu
gleicher Zeit fhlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln,
nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich darauf ber seinem Kopf
zusammenschlug.

Du meine Gte, dachte er, das ist doch hier eine verzweifelte
Einrichtung mit den Chausseen, und wenn ich nach Hause komme -- weiter
dachte er aber nichts, denn so rasch scho er in die Tiefe, da ihm
Luft und Gedanken ausgingen, whrend er umsonst versuchte, sich irgendwo
festzuhalten. Nicht einmal der bekannte Strohhalm war bei der Hand,
nach welchem sonst ein Ertrinkender gewhnlich greifen soll, und er kam
eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er sich gar nicht mehr besinnen
konnte, wo er sei und was mit ihm vorging.

Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr um sich her erkennen
konnte, fhlte er auch nicht mehr, da er sank, und die ganze Welt kam ihm
nur in dem Augenblick wie eine riesige, grne Glasflasche vor, in welcher
er eingestpselt herumschwamm. -- Er wollte dabei Athem holen, aber das
ging nicht, denn sobald er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser
hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es beschlich ihn eine
Empfindung, als ob er kaum so viel wiegen knne, wie ein Schneidergeselle
gleichen Alters.

Wenn ihn aber whrend dieser Zeit nicht eine -- wie bisher irrthmlich
berichtete -- purpurfarbene, sondern weit eher Bouteillenglasfarbene
Finsterni umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, da
sich die Dmmerung augenscheinlich lichtete, Gegenstnde umher wurden
sichtbar -- hie und da begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich
faul in seinem Element herumwlzte, und keine Ahnung von der Nhe eines
fremden Hutmachergesellen zu haben schien -- unangenehme Quallen und Blasen
trieben sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin schieen -- ob
_die_ aber _aufwrts_ fuhren, oder er _ab_wrts, war er nicht im Stand zu
sagen, denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick auf den,
unter ihm befindlichen Raum gerichtet, der mit jeder Secunde mehr aus der
dichten Finsterni heraustrat, und mit einem ganz eigenthmlichen Licht
bergossen schien.

So mute es einem Menschen zu Muthe sein, der aus hoher Luft in einem
Ballon zur Erde niedersank, so da unter ihm, je tiefer er kam, das weite
Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich die einzelnen
Baumgruppen und Ortschaften und zuletzt Huser und Menschen klar und genau
erkennen lieen.

Dort lagen weie, zackige Flchen, aus denen er nicht klug werden konnte,
denn sie sahen aus wie beschneit -- dort breiteten sich weite grne Ebenen,
mit Thieren auf der Weide, dort standen Huser, die in jenem wunderbaren
Licht funkelten und blitzten und in rasender Schnelle zu wachsen schienen.
Ehe Zacharias aber nur einen Ueberblick ber das Ganze gewinnen konnte,
fuhr er pltzlich bis ber die Kniee in weichen Sand hinein, blieb aber
nicht darin sitzen, sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. --
Und was das fr eine curiose Gegend war, in der er sich befand!

Jetzt -- wenn ich nicht auf Reisen wre, brummte er leise vor sich hin,
sollt' ich meiner Seel' denken, _die_ Pappelallee fhrte nach Halle hinein
-- aber puh, wo liegt Halle!

Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden Allee, die
freilich aus den wunderbarsten Bumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie
Pappeln, hatten aber gar keine Bltter, sondern nur dnne elastische und
sich fortwhrend bewegende Zweige. Gar nicht weit voraus aber lag ein
Haus -- er konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich lange
zu besinnen, marschirte er darauf zu. -- Aber sein Blick fiel dabei
unwillkrlich auf den Weg, in dem er auch nicht die Spur von einem
Wagengleis bemerkte -- mit den Extraposten sah es jedenfalls windig aus.

Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine lange Zeit, denn viel
rascher als er gedacht, erreichte er das Haus. Und wie sonderbar leicht
sich das hier ging; den Tornister fhlte er fast nicht auf den Schultern,
die Fe nicht auf dem Boden, und der schwere Knotenstock hob sich bei
jedem Schritt immer ganz von selber wieder.

Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblcken aufgefhrt, aber mit
den herrlichsten Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thren und Fenster,
wie die Huser an der Oberwelt -- die Fenster bestanden aber nicht aus
Glas, sondern aus Hausenblase und der Thrgriff war aus Bernstein, wie der
Thrklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals gemacht.

Aber nur einen Blick warf er auf diese ueren Baulichkeiten, denn zu
seinem Erstaunen bemerkte er jetzt, da vor dem Haus, auf einer dort
angebrachten Austerbank, ganz gemthlich ein menschenhnliches Individuum
sa, das ihn, anscheinend eben so berrascht, betrachtete.

Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden Schuppenmtze auf, aber
sonst wohl ganz kahlem Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen,
als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte es Arme und Beine, nur
da der untere Theil derselben an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es
eine Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, der um den Leib
mit einem Korallengrtel festgebunden war.

Gu'n Morgen, sagte der Fischschwnzige ruhig, und Zacharias erschrak
ordentlich ber die deutsche Anrede, aber alte Gewohnheit lie vor der
Hand kein anderes Gefhl in ihm aufkommen, und seinen Hut schnell
herunterreiend, erwiederte er hflich:

Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen keinen warmen Lffel im
Leibe gehabt.

Jemine Junge, lachte da der kleine Dicke vergngt, ohne aber in
die Tasche zu greifen, das ist eine lange Zeit, seit ich keinen
Handwerksburschen hier gesehen habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst
krzlich ersoffen?

Bitte, sagte Zacharias, so viel ich mich erinnere, noch gar nicht --
ich habe meinen ordentlichen Pa bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's
hier unten ausschaut -- sehr hbsche Gegend.

So? sagte der Kleine, aber dabei unglubig mit dem Kopf schttelnd,
also Du bist _nicht_ ersoffen -- das ist doch eigentlich merkwrdig. Woher
kannst denn Du das Wasser vertragen?

Entschuldigen Sie, sagte Zacharias, der die Mglichkeit eines Geschenkes
noch nicht aufgab, und deshalb seine Hflichkeit bewahrte, ich bin
wasserdichter Hutmachergesell und da--

Ja so, das ist was Anderes, nickte der Kleine, aber Du bist noch nicht
lang hier, wie? -- gefllt's Dir hier bei uns?

Mu schon sagen, da mir's gefllt, meinte der Hutmacher, nur ein
Bischen feucht kommt mir die Gegend vor.

Aber man gewhnt's, meinte der Kleine wieder, ich wohne nun jetzt schon
etwas ber zweitausend Jahr hier und befinde mich ganz wohl--

Donnerwetter, das ist eine schne Zeit, rief Zacharias, und darf man
fragen, was Sie eigentlich fr ein Geschft hier treiben, und wo Sie so gut
deutsch gelernt haben?

Geschft, sagte der Kleine, gar keins, ich bin Seegreis und beziehe
meine jhrliche Pension, und Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn
gelernt, die gar nicht weit von hier wohnen.

Deutsche? rief Zacharias erstaunt aus.

Ja wohl, nickte Jener, vor etwa fnfzig Jahren versank grad' ber uns
ein groes Schiff mit lauter Deutschen, die nach Amerika hinber wollten,
und die kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. Wollen wir
einmal hinber gehen?

Zacharias htte gar nichts Erwnschteres angeboten werden knnen, denn der
kleine komische Kauz hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein
angeboten und er wute, da er bei Landsleuten jedenfalls besser behandelt
wrde. Der Kleine stand aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam
aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' unbegrenztem
Erstaunen einen _Regenschirm_ unter der einen Flosse, den er dann
aufspannte und sagte:

So, nun kann's losgehen.

Aber entschuldigen Sie, meinte der Hutmacher, brauchen Sie denn hier im
Wasser einen Regenschirm?

_Regenschirm?_ sagte sein Begleiter, einen _Schirm_ gewi. Es fahren
hier jetzt in letzter Zeit so eine Menge Schiffe drber weg und die Leute
darauf kehren sich den Henker darum, was sie ber Bord werfen, so da man
nie sicher ist einmal unterwegs einen zerbrochenen Teller, oder sonstige
Porzellan- und Glasscherben, alte Ngel und Gott wei was, auf den Kopf zu
bekommen. Ich gehe deshalb nie ohne Schirm aus. Und damit schwamm er ganz
behaglich die Allee entlang.

Was sind denn das nur fr komische Bume, sagte Zacharias, der
nebenherkeuchte und kaum mitkommen konnte, solche hab ich doch mein Lebtag
noch nicht gesehen.

Bume? sagte der Seegreis, da drben stehen Bume -- Korallenbume --
andere haben wir hier unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen
gepflanzt werden, weil's hbscher aussieht.

Polypen -- 'sist die Mglichkeit, rief Zacharias erstaunt aus, wenn ich
wieder nach Hause komme, glauben sie mir's gar nicht.

Nach Hause kommen, sagte der Seegreis mit dem Kopf schttelnd, ich lebe
nun hier unten ber zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, da
jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach Hause gekommen wre.

Das ist bei uns gerade so, rief Hasenmeier, die ltesten Leute in einem
Orte wissen sich nie auf etwas zu besinnen -- aber entschuldigen Sie,
verehrter Seegreis, was ist denn das da drben -- das sind ja komische
Thiere.

Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite grne Seegraswiese aus und
Hasenmeier bemerkte jetzt zu seinem Erstaunen, da dort ein paar Hundert
groe Schildkrten auf der Weide herumgingen, whrend der Hirt, oder die
Hirtin vielmehr, ein junges allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft
hatte abgemalt gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie berwachte.

Das ist ja ein allerliebstes Mdel, fuhr der galante Hutmachergesell
fort, der sie schmunzelnd betrachtete, denn sie gefiel ihm ausnehmend,
knnen wir nicht einmal dort vorber gehen.

Warum nicht? erwiederte der Seegreis gefllig, wenn wir nachher schrg
durch den Korallenwald halten, schneiden wir sogar ein tchtiges Stck
Weges ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinber, und ohne Weiteres
bog er rechts durch die Grasebene ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die
neugierig aufschaute, als sie den komischen, wunderlichen Fremden bemerkte.

Es lt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanstndig einfach
gekleidet, und trug nichts als ihre langen grnen mit Meerrosen
durchflochtenen Haare, aber die klugen groen Augen funkelten wie ein paar
Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, war wei und zart wie
Elfenbein. Zacharias Hasenmeier fhlte auch, da er hier die Gesetze der
Hflichkeit nicht auer Acht lassen drfe. Er nahm also den Hut ab, und das
ihm schon aus alter Gewohnheit und mit der Bewegung zusammenhngende und
auf den Lippen schwebende Armer reisender Handwerksbursch gewaltsam
hinunter schluckend, sagte er mit grter Artigkeit:

Mein schnes Frulein, uerst angenehm ihre werthe Bekanntschaft zu
machen.

Die kleine Nixe sah ihn lchelnd an, was ihm Muth zu einer greren
Freiheit machte: er hob also den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter
das Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurck, denn das kleine
Hirtennixchen, dessen Augen pltzlich einen grnen Schein annahmen,
schnappte danach mit den Zhnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm auch
zu gleicher Zeit nach den Beinen.

Donnerwetter, rief Hasenmeier zurckspringend, und hatte eben noch Zeit,
seinen Stock vorzuhalten, um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.

Ja, die beit, lachte der Seegreis, Du darfst ihr nicht zu nahe kommen.

Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns, sagte Hasenmeier
bestrzt, bei uns beien die Mdels nicht.

Lndlich, sittlich, bemerkte der Seegreis, aber la uns weiter gehen,
siehst Du, dort fngt schon der Wald an.

Zacharias war nicht bse darber, denn die kleine Nixe hatte auf einmal
alle Reize fr ihn verloren, und er warf nur noch einen Blick auf die
wunderliche Heerde von Schildkrten, die auf ihren platten Buchen im
Seegras herumkrochen und unter Obhut der kleinen bissigen Hexe standen.
Vergebens sah er sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie jetzt
zuschritten, glich weit eher einer berzuckerten Hecke, als was er sich bis
jetzt unter einem Wald gedacht. Als er aber hinein kam, sah er doch, da es
groe stmmige Korallenbume waren, die ihre zackigen laublosen Aeste nach
allen Seiten hinausstreckten, so da man kaum seine Bahn hindurch finden
konnte.

Da blieb der Alte pltzlich unter einem der Bume halten und zankte hinauf
und als Zacharias erstaunt dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein
paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen und sich hinter den
Aesten zu verstecken suchten.

Nichtsnutziges Gesindel, schimpfte aber der Seegreis, Ihr glaubt wohl,
ich seh Euch nicht? Wollt Ihr machen, da Ihr herunter kommt, und wenn ich
Euch noch einmal dabei erwische, hng ich Euch bei den Flossen auf und
la Euch eine Woche zappeln, -- und rechts und links glitten die scheuen
Bengel jetzt, wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren
Gewirr sie bald verschwanden.

Aber was haben denn die da oben gemacht? sagte Zacharias erstaunt.

Was sie gemacht haben? rief der Alte, die Nester der fliegenden Fische
nehmen sie aus und saufen die Eier aus -- aber wartet, ich passe Euch auf
den Dienst, darauf knnt Ihr Euch verlassen. Jetzt sind wir brigens gleich
durch den Wald, -- siehst Du, dort drben stehen schon die Huser Deiner
Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen Besuch abstatten. -- Die
werden sich freuen, wenn sie Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.

Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter und bald betraten sie
wieder eine offene Ebene, in der auf einem flachen Hgel, ganz nahe bei dem
Wald, die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen Auswanderer lag.
Da sie aber zu Deutschen kamen sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege
waren hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, sondern er kam
auch bald darauf zu einem wei und grn angestrichenen Wegweiser, dessen
Arm gerade nach dem Dorf hinberdeutete, und auf dem die Worte standen:

  Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak

was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von dem Ort noch
befanden. Hasenmeier mute freilich die Beine tchtig unter den Arm nehmen,
um mit dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend Jahre
noch vortrefflich auf den Fen schien, sie rckten dadurch aber auch rasch
nher, und nach kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald verlassen,
erreichten sie die ueren Einfriedigungen des Dorfes, das mit seinen
reinlichen Straen vor ihnen lag.

Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar Heerden von Seekhen mit
ihren Klbern und auch Schildkrten getroffen, die ebenfalls von kleinen
allerliebsten Nixen gehtet wurden; der Hutmachergesell schien aber jede
Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, und es drngte ihn jetzt
selber, wieder in gesittete Gesellschaft zu kommen.




Viertes Kapitel.

Der Kampf mit der Seeschlange.


Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, da er noch gar keinen
Menschen auf der Strae sehen konnte, und er wollte sich eben dehalb gegen
seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, die hier
zum Einfassen der Grten benutzt zu werden schien, pltzlich ein Gendarm
hervortrat, und den Handwerksburschen mit barscher Stimme nach seinem
Wanderbuch frug.

Herr, du meine Gte, rief Hasenmeier berrascht aus, haben sie denn hier
unten auch Gendarmen?

Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein Bursche, rief aber der
Mann des Gesetzes trotzig, wo _keine_ gewesen wren? -- und in der That
konnten sich weder der zweitausendjhrige Seegreis noch der Hutmachergesell
auf eins in der Geschwindigkeit besinnen -- also mach' rasch, denn ich
habe keine lange Zeit.

Das ist merkwrdig, murmelte der Handwerksbursch erstaunt vor sich hin;
aber nicht gewohnt einer solchen Persnlichkeit gegenber irgend eine
Widersetzlichkeit zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte ihn auf
und suchte das Buch.

Ei du mein Herrgottchen, rief er dabei, Alles klatsche na -- wenn hier
nur ein Platz wre, wo man sein Zeug ein Bischen trocknen knnte.

Trocknen? sagte der Seegreis erstaunt, whrend der Gendarm es unter
seiner Wrde hielt, mit dem reisenden Handwerksburschen ein Gesprch
anzuknpfen, ehe sich dieser nicht vollstndig legitimirt hatte -- was ist
denn das?

Was trocknen ist? rief Zacharias, das nehmen Sie mir aber nicht bel--

Na wird's bald! rief der Gendarm.

Entschuldigen Sie gtigst, meinte der Handwerksbursch, hat ihm schon
-- hier verehrter Herr Gerichtsbehrde ist mein Pa -- Alles in Ordnung --
Civil- und Militrbehrden werden ersucht, mich geflligst--

Schon gut, unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, indem er das Papier
wieder zusammenfaltete und seinem Eigenthmer zurckgab, knnen sich hier
aufhalten, mssen den Pa aber beim Brgermeister vorher visiren lassen.

Beim Herrn Brgermeister, haben Sie denn hier auch einen Brgermeister?

Ist das wieder eine dumme Frage, brummte der Gendarm, wo sechs Deutsche
zusammen wohnen, brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofr sollte man
denn sonst nur Steuern erheben? -- Alles hier wie oben -- Alles genau so!

O du lieber Himmel, seufzte Hasenmeier, aber ganz im Stillen, denn was
er _jetzt_ dachte, durfte er nicht laut werden lassen, und deshalb die
schreckliche Seereise gemacht.

Hutmachergesell? frug der Gendarm lakonisch.

Wasserdichter, besttigte Hasenmeier ebenso.

Gut -- knnen einmal meinen alten Filz wieder aufbgeln -- ist ein wenig
lappig geworden hier unten.

Zacharias warf einen prfenden Blick auf den besagten Toilette-Gegenstand
und bemerkte allerdings, da die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes,
der einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine sehr trbselige Form
angenommen hatten.

Wird mir eine Ehre sein, erwiederte er hflich, aber wo finde ich den
Herrn Brgermeister?

Ist gerade auf der Jagd, sagte der Gendarm, knnen so lange in's
Wirthshaus gehen -- zum goldenen Haifisch.

Wirthshaus? rief Hasenmeier rasch, alle Wetter, ist hier auch ein
Wirthshaus im Ort?

Na, wenn ein Brgermeister da ist, wird doch auch ein Wirthshaus da
sein, sagte der Gendarm, gleich dort neben der Kirche -- dem Haus mit dem
kleinen Thurm.

Hasenmeier schulterte vergngt seinen Ranzen wieder und fate seinen
Knotenstock fester, denn jetzt fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine
nur genirte ihn, da der Seegreis fortwhrend um ihn herum schwamm, und ihn
dabei immer ber die Achsel ansah. Was sollte denn das eigentlich heien?
ob er sich vielleicht ber ihn lustig machte, weil er sich hatte von dem
Gendarmen so anfahren lassen? Bah, was verstand so ein Seegreis davon; wie
Gendarmen behandelt sein wollten, das wute _er_ besser, und sich an den
Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er vergngt der bezeichneten Stelle
zu.

Rechts und links standen Huser, alle aus Korallenblcken aufgebaut, und
mit breiten Muscheln, wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte
das Dorf, gar knstlich von Austernschalen gelegt, und an einer groen
Oekonomie kam er ebenfalls vorber, wo in einem mchtig breiten Stall eine
Menge Seekhe mit ihren Klbern standen, aber keinen einzigen Menschen
konnte er entdecken -- nirgends die Spur von Leben oder Thtigkeit, und das
Ganze fing schon an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf ausgestorben,
und der Gendarm ganz allein zurckgeblieben?

Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht -- fehlen konnte er's nicht, denn
ein groes Schild mit einem goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von
Weitem, und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt in der
Thr stehen, als er das ganze Gebude, das etwa noch einmal so gro wie die
gegenberliegende Kirche sein mochte, gedrngt voll frhlicher zechender
Menschen sah.

Ja, alle Wetter! rief er erstaunt aus, da wundert's mich freilich nicht
mehr, da ich Niemanden in den Husern gesehen habe, wenn sie Alle im
Wirthshaus sitzen.

Mach' die Thr zu! rief ihn aber der Wirth an -- eine groe
breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, dessen Gesicht ihm merkwrdig
bekannt vorkam -- Donnerwetter das ganze Wasser luft ja herein.

Hasenmeier zog rasch die Thr hinter sich zu und den Hut vom Kopf.

Armer reisender Handwerksbursch, sagte er dabei mit klglicher Stimme,
bittet allerseits um ein kleines Geschenk.

Hurrah, ein Handwerksbursch! lachten und schrien aber die Gste
durcheinander, und ein Toben entstand jetzt, wie es auf der Oberflche der
Erde nicht natrlicher htte aufgefhrt werden knnen.

Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, wie reichlich mit Getrnken
und Speisewaaren versehen die Bewohner dieser unterseeischen Station sein
muten, denn rings an den Wnden waren Massen von Fssern, mit allen nur
denkbaren kstlichen Weinen und Spirituosen aufgeschichtet, whrend neben
an, ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein schien. Lange Zeit
lieen ihm aber die Insassen nicht zum Umschauen, denn von allen Seiten
wurden ihm Krge und Glser entgegengehalten, und Hasenmeier wute gar
nicht, wo er zuerst zulangen sollte.

Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her? rief er dabei, Ihr lebt ja
hier wahrhaftig, wie der liebe Gott in Frankreich.

Woher? lachte der Wirth, glaubst Du denn mein Bursch, da alle die
guten Sachen verloren gehen, die uns die Schiffe herunter schtteln --
Ladungsweise bekommen wir sie, da wir manchmal gar nicht wissen wohin
damit -- aber jetzt trink aus, denn wir mssen fort.

Fort? wohin? frug der Handwerksbursch, der gar nicht daran dachte, sobald
wieder fortzugehen, hier ist's doch hbsch genug.

Ja es wird Zeit, riefen aber auch die Anderen und holten jetzt aus Ecken
und Winkeln alle nur erdenkbare Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spiee,
Flinten, Sbel, Pistolen und wer wei was hervor.

Aber was ist denn nur los? rief Hasenmeier, wollt Ihr in den Krieg? --
Donnerwetter, halten Sie mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding
kann losgehen.

Was los ist, Kamerad, sagte der Wirth, das sollst Du gleich wissen. Hier
ganz in der Nhe lt sich nmlich seit einigen Monaten die _Seeschlange_
blicken, und holt uns unsere Khe und Klber von der Weide, ja, hat neulich
sogar ein kleines Nixchen, das mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut
und Haaren aufgefressen.

Und hat denn das der Gendarm gelitten? frug Hasenmeier.

Ja, _die_ kehrt sich wohl an einen Gendarm, lachte der Wirth, nein,
wo wirklich etwas los ist, da mssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe
schaffen, denn solche Bestien giebt's leider nur zu hufig in unserer
Gegend. Der Brgermeister ist auch schon heut Morgen in aller Frh mit
seinen Hunden ausgegangen, um einmal abzuspren und wenn wir dann wissen,
wo sie sich versteckt hlt, wollen wir sie nachher schon kriegen.

Na, dann will ich derweile ein Bischen hier bleiben und mich ausruhen,
sagte Hasenmeier, dem Nichts ferner lag, als hier unten mit einer
Seeschlange anzubinden, da diese allen frher gelesenen Beschreibungen nach
ja ein ganz entsetzliches Beest sein sollte.

Mchtest Du wohl, meinte der Wirth lachend, ne mein Bursche, wenn Du
hier unten bei uns leben willst, gehrst Du auch mit zur Landwehr und mut
ausrcken.

Aber ich bin militrfrei, rief Zacharias, der Doctor hat mich untersucht
und erklrt, ich hielte die dreijhrige Dienstzeit nicht aus -- und dann
bin ich auch auf dem linken Ohr taub.

Papperlapapp! riefen aber die Anderen, das macht hier Alles Nichts --
gebt ihm einmal eine Lanze oder sonst was und nun vorwrts, sonst schimpft
der Herr Brgermeister.

Alle weiteren Gegenvorstellungen, da er sich eine Blase unter den rechten
Fu gelaufen, und den Rheumatismus im Knie htte, halfen ihm in der That
Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar groen Sbel um, der wohl einen
Fu hinten nach schleifte und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen
die Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, sammelte sich
drauen auf der Strae und marschirte nun in Reih und Glied, whrend ein
paar Jungen vorneweg auf Muscheln blieen, zum Dorf hinaus.

Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.

Wenn ich _das_ gewut htte, dachte er bei sich, so wre ich lieber
noch einen Tag an Bord geblieben, aber es ntzte ihm Nichts. Als
Vaterlandsvertheidiger mute er mit in Reih und Glied marschiren, und dabei
auch noch vergngt aussehen, wenn er nicht von seinen Nebenmnnern verhhnt
sein wollte.

So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann stark, durch die stillen Straen
der Stadt, und Hasenmeier bemerkte wohl, da hie und da verstohlen ein
Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder dem anderen der jungen
Lieutenants hinunter zu schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit
zu solchen Betrachtungen, denn schon ffnete sich vor ihnen das weite Feld,
eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, in der ihnen jeden Augenblick die
gefrchtete Seeschlange unter den Fen herausfahren konnte.

Dort drauen bewegte sich jetzt eine menschliche Gestalt, die ihnen
zuzuwinken schien -- das mute der Brgermeister sein und die Muschelblser
vorn wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja nicht wissen, wie
nahe die Bestie versteckt lag.

So rckten sie leise und geruschlos vor, aber das Seegras war hier so
tief und verwachsen, da Hasenmeier kaum darin fortkonnte und immer rger
sthnte und schwitzte.

Der Herr Brgermeister, der seine Flinte in der Hand hielt, suchte indessen
das nchste Feld ab und hielt pltzlich still und sah vorsichtig voraus.
Zacharias bemerkte jetzt, da er ein paar groe Seehunde bei sich hatte,
und der eine stand -- der Brgermeister winkte, da sie sich ruhig
verhalten sollten, und schritt leise vor. Der eine Seehund zog vortrefflich
an -- pltzlich fuhr ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und der
Brgermeister machte eine famose Doublette nach rechts und links, whrend
die beiden Seehunde vorsprangen und jeder seinen Fisch apportirte.

Hasenmeier, von dem ermdenden Marsch durch das Seegras vollstndig
erschpft, war froh genug, einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu
gewinnen, wischte sich den Schwei von der Stirn und setzte sich dann auf
einen der nahebei befindlichen Korallenblcke, die hier berall aus dem
Gras hervorschauten. Mit einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon
in demselben Moment wieder in die Hh', denn er hatte sich den Platz, auf
den er sich niederlassen wollte, vorher nicht genau angesehen, und sich
dabei mitten auf einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.

Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine Zeit zur Kurzweil mehr,
denn der Brgermeister kam heran und theilte den Leuten mit, da er das
Versteck des Meerungeheuers aufgesprt habe. Es sollte zusammengeknult
in einem kleinen Dickicht von Algen und Korallenbumen liegen, die etwa
tausend Schritt von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu
erkennen waren.

Wer ist der Neue da, sagte der Brgermeister pltzlich und streng, als
sein Blick auf Hasenmeier fiel, wo kommt er her?

Bitte um Entschuldigung, Herr Brgermeister, ich wollte nur-- stammelte
der Handwerksbursch.

Pa in Ordnung? fragte der Beamte.

Alles -- wenn Sie erlauben--

Nachher -- jetzt ist keine Zeit dazu, wehrte aber der Brgermeister
ab, der brigens wie ein ganz gewhnlicher Mensch aussah, nur da er
Schwimmhute zwischen den Fingern trug -- und Hasenmeier berzeugte sich
jetzt, da dies bei allen Uebrigen ebenso der Fall war. Der Brgermeister
aber fuhr fort: Wir mssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann
hineinschicken -- denn meine Hunde wollen nicht dran und ich mag sie auch
nicht riskiren. -- Zwei Mann, die das Beest aufstren und hinaus in's
Freie treiben -- und nun vorwrts marsch, damit wir nicht zu spt zum Essen
kommen.

Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz eigenthmlich rasche Art
geladen und fort ging's auf's Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht
zu, dem Hasenmeier viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt htte,
ausgewichen wre. Es lag ihm auch jetzt gar Nichts daran, da sie so rasch
vorrckten, aber all diese verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal
eine ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde verging,
befanden sie sich dicht vor der Dickung, in welcher das Ungeheuer seinen
Mittagsschlaf halten sollte.

Da winkte der Brgermeister mit der Hand, denn die Seehunde drckten sich
scheu zwischen seine Fe -- ein sicheres Zeichen, da die Bestie in der
Nhe sei.

Kameraden, redete er die kleine Schaar an, wir sind am Ziel. Da drinnen
liegt das Ungeheuer, das unsere Heerden und Hirten frit, und nchstens
auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um Einen von uns zu
holen. Das mssen wir verhten, denn ein solcher Satan respektirt nicht
einmal die Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum und
thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment naht. -- Vorher aber zwei
Freiwillige vor, die khn in das Dickicht hineinbrechen und den tckischen
Feind zum Weichen bringen -- dann luft er uns nachher von selber in die
Hnde. -- Also habt Ihr mich verstanden? -- _zwei Freiwillige_ vor!

Niemand rhrte sich.

Na? rief da Brgermeister entrstet, und fuhr Hasenmeier an, Hast Du es
nicht gehrt, Du Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll ich Dir
etwa erst Beine machen?

Aber bester Herr Brgermeister, rief Hasenmeier erschrocken, als
wasserdichter Hutmachergeselle--

Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten oder nicht! schnauzte
ihn da noch einmal der Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen
anderen Ausweg als sich fr das allgemeine Wohl zu opfern. Nur erst einmal
im Dickicht drin, wollte er aber schon Sorge tragen, da er dem Seeungethm
nicht zu nahe kme, denn es muthwillig aufzustren und bse zu machen,
daran dachte seine Seele nicht. -- Aber auch hierin sollte er sich
getuscht sehen, da sich der Wirth selber als _zweiter_ Freiwilliger
meldete, und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern klopfend rief:

Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit. Donnerwetter, Du hast Dich doch
jetzt genug ausgeruht und die Seeschlange geht Dir sonst meiner Seel'
durch!

Das wr' ein Unglck, dachte Hasenmeier, aber was half's, vorwrts mute
er, und sich den Hut verzweifelnd in die Stirn rckend, sagte er:

Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung ist fr eine Civil- und
Militrbehrde, so will ich Schulze heien -- und mit den Worten sprang er
so rasch in das Dickicht hinein, da ihm der Wirth kaum folgen konnte. --
Am meisten strte ihn aber dabei der lange Schleppsbel, der bald in den
Algen hngen blieb, bald zwischen seine Fe hineinkam, da er darber
hinstrzen mute. Aber er achtete das Alles nicht -- vorwrts -- weiter
hatte er in diesem Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht
wute, wie er dahin gekommen, stak er mitten im Dickicht drin und in einem
wahren Gewirr von Korallen und ekelhaften Seegewchsen.

Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er sehen, wie sich die langen
grnen schleimigen Bltter bewegten, und in den Korallensten krachte und
brach es, da die brcklichen Zweige herumstoben. Der Wirth, der dicht
hinter ihm war, fate ihn jetzt an der Schulter und schrie ihm in's Ohr:

Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie kommt!

Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide reien, aber es ging nicht
-- die verwnschte Klinge war in dem Seewasser fest eingerostet.

Herr, du meine Gte! schrie er, das hat noch gefehlt.

Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethm aus dem Gebsch und sperrte
gierig den weiten, mit ganz entsetzlichen Zhnen bewehrten Rachen gegen ihn
auf -- heier Dampf scho daraus hervor, die kleinen grnen Augen blitzten
ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen das ausersehene Opfer schon voraus
zu durchbohren.

Nur den Sbel jetzt heraus, da er sich gegen das Scheusal wehren konnte --
mit der Linken hatte er die Scheide gefat, mit der Rechten ri er an dem
Griff, da es ihm die Stirnader zu sprengen drohte -- der Sbel sa fest --
noch einmal -- jetzt brach der Griff ab, als ob er von Glas gewesen wre,
und mit einem jhen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn und fate ihn
mit den Zhnen.

Hlfe! Hlfe! brllte Hasenmeier und hrte nur noch wie der Wirth ganz
ruhig sagte:

Aber was schreist Du denn so, Hutmacher -- Donnerwetter, Mensch, Du
alarmirst mir ja das ganze Haus.

Ja -- ja -- wo ist -- wo ist denn die Seeschlange? rief Hasenmeier und
richtete sich erschreckt empor.

Die Seeschlange? lachte der Wirth, die soll wohl auf _Dich_ warten, die
ist mit der Ebbe ausgesegelt und schon aus Sicht.

Die Seeschlange? -- aber Du meine Gte -- wo bin ich denn? rief der arme
Teufel sich erschreckt die Augen reibend, wo ist denn der Brgermeister
und -- ich war doch?--

Der Brgermeister? sagte der Wirth schmunzelnd, von Civil- und
Militrbehrden hast Du genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich
auf -- es ist bald Mittag und das Mdchen will die Stube rein machen.

Hasenmeier sa in seinem Bett, aber im Kopf ging's ihm wie ein Mhlrad
herum -- da stand der Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in
einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, Algen und Korallen keine
Spur -- nicht einmal den Sbel hatte er umgeschnallt.

Aber wo bin ich denn, Herr Wirth, rief er mit klglicher Stimme, was ist
denn nur mit mir vorgegangen?

Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche? meinte der Blatternarbige,
nichts Besonderes -- einen hllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend
angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das tollste Zeug dabei
geschwatzt. -- Jetzt mach aber, da Du heraus kommst, denn das Zimmer soll
gelftet werden.

Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. Die Erinnerung an
den gestrigen Abend stieg wohl dmmernd in ihm auf, aber Seegreise, Nixen,
Schildkrten und Seeschlangen schwammen dazwischen herum, und seine Reise
selbst -- war denn das Alles nur ein Traum gewesen? -- Angezogen wie er
gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er berdie im Bett -- nur die
Stiefeln hatten sie ihm ausgezogen -- nicht etwa _seiner_ Bequemlichkeit,
sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff er in die Tasche nach
seinem Geld. -- Herr du meine Gte, das war fort und -- das machte ihn
munter.

Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestrzt alle Taschen -- nicht
die Spur davon war mehr zu finden.

Na was suchst Du Schatz? sagte der Wirth, der ihn kopfschttelnd
betrachtet hatte, Deine Brieftasche?

Nein, die ist da, rief der Hutmachergesell -- aber mein Geld -- zehn
Thaler 17 Silbergroschen.

So? lachte der Blatternarbige, einen ganzen Abend zechen und die
Gesellschaft traktiren und den Mdels Geld schenken und dann soll am
anderen Morgen auch noch die Baarschaft vollstndig beisammen sein -- wre
nicht bel. Einen solchen Geldbeutel wnschte ich mir auch.

Ja aber, stammelte Hasenmeier, hab' ich denn Alles bezahlt?

Soweit es reichte, ja, lautete die Antwort, drei Mark zehn Schilling
bist Du aber noch schuldig, mein Bursch, und wenn Du die nicht zahlen
kannst, werde ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.

Zacharias Hasenmeier sa, die Hnde gefaltet, auf dem Bettrand und starrte
wie verloren vor sich hin. Fortwhrend schttelte er dazu mit dem Kopf, und
so wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles zusammenhing,
kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, da er der unglckseligste
wasserdichte Hutmachergesell wre, der je einer Pappelallee Fhrten
eingedrckt. Er machte allerdings einen Versuch seinen Unwillen und sogar
einen Verdacht zu uern, da vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen
zugegangen sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten Andeutung
dahin, so furchtbar grob, da er das bald in Verzweiflung aufgab.

Und jetzt? -- der Wallfischfnger, die Seeschlange war allerdings schon
an dem Morgen ausgesegelt; wre er aber auch noch vor Anker gelegen,
Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, alle Lust zur
Seefahrt und zu fremden Lndern verloren und dankte sogar noch Gott, als
er spter in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine Stiefeln wieder
auszulsen und dann neues Reisegeld zu verdienen. Von Schiffen wollte er
aber Nichts mehr wissen und htete sich von da an ganz besonders keiner
Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.




Das Hospital auf der Mission Dolores.

Californische Skizze.


Es ist eine allbekannte Thatsache, da viele Kirchen und Klster, die nur
gebaut wurden, um Gott darin anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht
immer erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft nichts weniger
als heilige Verwendung fanden. Besonders in Kriegszeiten geschah
das hufig, wo die festen Mauern der Gotteshuser wie die steinernen
Einfassungen der Kirchhfe als Festungen und Verschanzungen benutzt wurden;
aber auch selbst im vollen Frieden trifft man hier und da Tempel und
Kapellen, zu denen kein Kster oder Sakristan mehr die Schlssel fhrt,
sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in Lagerhuser oder Keller
umwandelte.

Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu _Rosa's_ Zeiten, ein in der
unmittelbaren Nhe der Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator
einem Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich zu einem halben
Gefngni angewiesen hatte, und in der Kapelle selbst lagerten die wilden,
halbnackten Gestalten der braunen Krieger, whrend der Altar noch die
Ueberreste einer, wohl zerrissenen und in Fetzen niederhngenden, aber
reich gestickten Decke trug. Das Auerordentlichste in dieser Art fand aber
doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen californischen Mission
Dolores statt; denn so urpltzlich wurde nach der Entdeckung des Goldes das
Land von Einwanderern berschwemmt, und so rasend schnell folgte Schiff auf
Schiff, da die Anlangenden gar nicht gleich untergebracht werden konnten
und alle Winkel und Rume schon vorhandener Gebude fllten.

Das alte Missionsgebude, das bis dahin still und einsam in wenig mehr
als einer Wste, und etwa drei englische Meilen von San-Francisco, der
Hauptstadt des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung
nicht.

Es war ein mchtiges Gebude, aus ungebrannten Backsteinen aufgebaut und
mehrere Stockwerke hoch, einen groen gerumigen Hof umschlieend, whrend
in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. Das ganze brige
kasernenartige Haus hatten aber bis dahin nur eigentlich drei Menschen
bewohnt: der Geistliche, dessen alte Haushlterin, und eine Art Factotum
des katholischen Pfarrers, ein Deutscher -- und welche Vernderung brachten
da wenige Monate zu Stande!

Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht von jenen fabelhaften Schtzen
zu gleicher Zeit fast ber alle Welttheile verbreitet worden, als die
Einwanderung begann, und das benachbarte Mexico und die Vereinigten
Staaten zuerst ihre Schaaren hinber sandten. Dann folgten die Bewohner der
Westkste und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europer, und selbst
die Chinesen schwrmten herber, um ihren Theil von dem Gold zu holen, und
reiche Leute zu werden.

In San-Francisco sammelte sich natrlich Alles, aber nicht Jeder
fhrte Zelt oder Wohnung mit, und nun mute die Nachbarschaft ebenfalls
unterbringen, was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen ein
Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. -- Was wurde da aus dem alten
Missionsgebude!

Unten in einem der Flgel errichtete ein Deutscher eine Brauerei, mauerte
einen Kessel ein und fing an zu kochen. In der vorderen Flanke,
zunchst der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine
Restauration, wobei er es bald zweckmig fand, eines der alten, groen und
den Zimmer zu einem Tanzsalon umzuwandeln, in dem dann allwchentlich ein
paar Fandangos gehalten wurden.

Hierauf folgte ein Sohn der grnen Insel -- ein Ire, der an die andere
Seite noch eine gewhnliche Branntweinkneipe setzte, und der Priester mute
es sogar geschehen sehen, da eine chilenische alte Seora mit fnf jungen
Damen, aber keinen Nonnen, in das alte Kloster einzog und nicht wieder zu
vertreiben war.

Aber _noch_ nicht genug. Von Buenos-Ayres war ein portugiesischer Arzt nach
Californien gekommen, der in San-Francisco ein Hospital grnden wollte,
dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf die Mission
angewiesen sah.

Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung zu treffen, fand
ihn aber nicht mehr, denn dem wrdigen Herrn war der Lrm doch zu bunt
geworden, da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein Schwarm
Indianer, und dicht unter seiner eigenen Wohnung auch noch eine Rotte von
Mexikanern eingenistet, die des drauen niederstrzenden Regens wegen gar
nicht mehr fortzubringen waren.

Anfangs hatte er, um sich die Lstigen aus seinem eigenen Hause zu halten,
und nicht im Stande Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt,
aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben kennen lernen,
denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar von Geiern in die Hnde, die alle
Zahlung von _ihm_ wollten, ohne da sie das Geringste fr ihn ausgerichtet
htten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, und eines Morgens war er
spurlos verschwunden.

Der portugiesische Doctor aber sah das als kein Hinderni an. Da er
Niemanden fand, der ihm ein Quartier _vermiethen_ konnte, nahm er das
Gebude selber in Augenschein, fand die Bodenrume zu einer Aufstellung von
Betten passend und quartierte sich dabei ganz ungenirt in der verlassenen
Priesterwohnung ein. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wute, da
das Recht des _Besitzenden_ in diesem Land schwer anzutasten blieb. Schon
am nchsten Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit Matratzen und
wollenen Decken ein, whrend mit hchster Fluth ein paar Wallfischboote,
mit einer Anzahl eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen Canal,
der die Mission mit der Bai von San-Francisco verband, hinauf fuhren. Als
Aushlfe hatte sich der Doctor dabei die mig im Haus liegenden Mexikaner
und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang standen zwanzig Betten
dort oben, unmittelbar unter dem schrgen, an vielen Stellen defecten
Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft strmische Wind nach
allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte. -- Das war das _Hospital_, das
jetzt seiner unglcklichen Bewohner harrte.

Die bisherigen Insassen des alten Gebudes sahen allerdings mit nicht
geringem Erstaunen diese Vorbereitungen und schttelten auch wohl den Kopf,
wenn die Vermuthung ausgesprochen wurde, da dort hinauf _Kranke_ geschafft
werden sollten -- noch dazu mitten in der Regenzeit, wo man da oben und in
dem kalten Wetter nicht einmal ein Feuer anznden konnte. Aber was war in
damaliger Zeit in Californien nicht mglich, noch dazu mit armen Teufeln,
die sich selber nicht mehr helfen konnten!

Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, -- ein junger Matrose,
bewutlos und todtenbleich, der von vier Leuten die steilen Treppen
hinaufgeschafft und in ein Bett gelegt wurde, Nr.1. An dem nmlichen Abend
langte noch ein kranker Portugiese an und wurde in No.2 des Amerikaners
Nachbar, und ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten schon
siebenzehn mit solchen Unglcklichen gefllt, die in diesem Hospital kaum
besser als auf offener Strae lagen.

Die Bewohner des Missionsgebudes wollten jetzt allerdings gegen eine
solche Einquartierung protestiren, denn sie frchteten nicht mit Unrecht
durch irgend eine gefhrliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu
werden; aber es half ihnen Nichts. Das nmliche Recht, in dem alten Gebude
zu wohnen, das die Gesunden fr sich geltend machten, mute auch den
Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche Klagen in Californien
nahmen, hatten sie nur zu deutlich an dem eigentlichen Besitzer
der Mission, an dem katholischen Priester, gesehen, der durch die
_Gerechtigkeit_ des Landes von Haus und Hof getrieben worden war.

Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber fr die unglcklichen
Kranken selber, wenn der Regen auf die unmittelbar ber ihren Kpfen
befindlichen Ziegel schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der
Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten heulte und pfiff,
denn nirgends war der Ort, an dem sie sich befanden, auch nur durch eine
Bretterwand abgegrenzt, ja selber nach unten, zu der Brauerei fhrte nur
die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort her stieg, wenn da unten
gebraut wurde und Feuer unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor,
und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, da man kaum seine Hand vor
Augen sehen konnte.

Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings abgeholfen haben und
beschwerte sich darber bei den Brauern; aber was ntzte ihm das? Die
Brauerei hatte dort frher bestanden als das Hospital, und Niemand ihn
gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. Allerdings schien sich
die Brauerei verpflichtet zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn es
je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, aber es war nicht
bestimmt, durch was, und so zogen die Eigenthmer, da eine feste Wand gar
nicht zu bezahlen gewesen wre, einfach dnnen Kattun querber, und
durch den lie sich der Qualm natrlich nicht abhalten; er drang berall
hindurch.

So vergingen Monate. Viele, viele Unglckliche waren in diesen
entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und nur sehr wenige gesund daraus
entlassen worden; oft und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch vier
oder sechs Mnner, einen in eine Decke gewickelten Leichnam zwischen
sich tragend, die steile und schmale Holztreppe hinab und legten den
Verstorbenen unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darber hngende
Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr als einem Sumpf wandelte, in sein
kaltes, feuchtes Grab -- nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der htte zu
viel Geld gekostet.

Und immer wilderes Leben fllte die weiten, trostlosen Rume des alten
Klosters, dessen Zimmer mehr Stllen und Kellern, als menschlichen
Wohnungen glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, aber
an einen anderen Brauer verkauft, der nur noch nicht Besitz davon
ergriffen hatte, und noch zwei neue Schenkstnde wurden, der eine von einem
Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, erffnet.

Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen Mdchen gezogen, und hielten
dort wilde Fandangos, zu welchen nicht selten das rohe Mnnervolk aus der
Umgegend gezogen kam, whrend die dort in der Nachbarschaft ansssigen
Californier mit ihren Frauen und Tchtern das Lokal des Mexikaners
benutzten; denn sie haten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen
und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne Tanz konnten sie aber ebensowenig
bestehen, denn auf der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwlf
californische Familien mit einer Anzahl erwachsener Tchter, und ganz
allerliebste Mdchen unter ihnen, denen die kleinen Fe schon zuckten,
wenn sie nur Musik hrten.

Eine der hbschesten unter ihnen, und dabei unstreitig die beste,
zierlichste Tnzerin, war aber die Seorita Marequita, die Tochter eines
dort ansssigen und ziemlich wohlhabenden Viehzchters, und sobald sie bei
einem der Fandangos zum Tanze antrat, wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos
zugerufen, sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher
Silberdollar, ja manches Goldstck zu ihren Fen nieder.

Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres geben, als dies junge,
bildhbsche Wesen den Fandango oder einen jener anderen spanischen Tnze
auszufhren zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem unanstndigen
Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, die sich bei uns produciren -- jede
Bewegung war zchtig, aber auch eben so gracis, und wie eine Elfe glitt
sie herber und hinber. Die Schnheit und Liebenswrdigkeit der jungen
Californierin war auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und hufig
kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, ja selbst von den in
der Bai ankernden amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne
Officiere ein, und man erzhlte sich, da Einer von Diesen schon sogar um
ihre Hand angehalten habe. Aber er mute mit einem Korb abgezogen sein,
denn er lie sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission blicken, und
die Californier selber zeigten sich danach nur noch soviel stolzer auf ihre
Landsmnnin, da sie in keine Verbindung mit dem verhaten amerikanischen
Stamm gewilligt hatte.

Marequita wute aber auch noch einen anderen Grund, wehalb sie den
freundlichen Worten des jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz
war schon seit Monden nicht mehr frei, und sie errthete tiefer und tanzte
befangener, wenn ein junger Franzose, Jerome -- wie er von den Kameraden
genannt wurde, den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur mit
schchterner Zurckhaltung die Hand zum Grue bot. Nach und nach schien er
aber doch dreister geworden zu sein, denn er besuchte die Mission hufiger,
und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's Vater wohnte, und fate
zuletzt sogar Muth genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten,
was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage nach seinen
Vermgensverhltnissen beantwortete.

Mit diesen stand es freilich nicht -- wenigstens nach californischen
Ansprchen so, da beide Theile htten damit zufrieden sein knnen. Der
junge Franzose besa allerdings ein paar hundert Thaler Geld, aber
Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande sagen, wo man manchmal
ebensoviel zu einem Souper verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch
demzufolge: der Vater wrde gegen eine Verbindung des jungen Mannes mit
seiner Tochter nicht das Geringste einzuwenden haben, wenn -- Don Jerome
nur erst einmal nachzuweisen vermge, da er im Stande wre einen eigenen
Hausstand zu beginnen und eine Frau zu ernhren. Das sah Don Jerome denn
auch ein, nahm zrtlichen Abschied von dem lieben, unter Thrnen zu ihm
auflchelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug und schiffte sich frohen
Herzens nach Sacramento ein, um oben in den nrdlichen Minen sein Glck
zu versuchen und so rasch als irgend mglich ein reicher Mann zu werden.
Aehnliche Beispiele kamen ja alle Tage vor, und wehalb sollte _ihm_ das
Glck nicht ebenso gnstig sein als tausend Anderen, die es noch dazu nicht
einmal verdienten oder zu benutzen verstanden, weil sie fast regelmig
auch das Gewonnene gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder
verspielten.

So vergingen wieder mehrere Monate. Der Sommer war vorber, und die
Regenzeit setzte aufs Neue ein, ohne da Briefe von Jerome gekommen wren,
und er hatte doch so fest versprochen dann und wann zu schreiben und
Nachricht ber sich und seine Erfolge zu geben. Aber das junge Mdchen
fhlte sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung
zwischen San-Francisco und den Minen war eine noch so unvollkommene, und
ruhte auerdem fast ganz in Privathnden, da man auf den richtigen Empfang
eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar grade in dieser
Zeit sehr hufig vor, da derartige Leute, die bernommen hatten Briefe und
Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs berfallen und todtgeschlagen
oder beraubt wurden, oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern zu
Schiff und durchgingen.

Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen noch derart im Argen, da
irgend ein Fremder, wenn er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen,
auf dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, was er wollte, -- waren
doch die Beamten nur froh, dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und
ihnen lstig werdender Briefe aus ihren Fchern zu bekommen. Ob die Briefe
je an ihre Adressen befrdert wurden, was kmmerte es sie, sobald sie nur
das Porto dafr erhielten.

Auf der Mission hatte sich indessen Manches in sofern gendert, als die
Verbindung mit San-Francisco eine weit bessere und leichtere geworden war.
Frher mute man die drei Meilen durch kncheltiefen Sand Hgel auf und ab
waten oder reiten, whrend Fuhrwerke nur mit Mhe und Noth ihren Weg durch
den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten die unternehmenden,
thtigen Yankees eine breite, ebene, mit Planken durchaus belegte Strae
gebaut, auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. Ueberall
auf dem Weg lieen sich dabei Ansiedler nieder, theils auf den spteren
Werth der Grundstcke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshuser und
Branntweinschenken zu errichten.

Auch mit der Mission selber war eine Vernderung vorgegangen, indem
sich dort einige amerikanische Ackerbauer niedergelassen hatten und zum
erstenmale den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies sich auch in
der That viel fruchtbarer als man geglaubt, und es zeigte sich spter als
eine ganz vortreffliche Speculation, das Getreide, das man bis dahin mit
schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenpltzen kaufen mssen, hier
gleich an Ort und Stelle selbst zu bauen.

Dabei waren auch, um die Mission herum eine Menge von neuen Husern
theils schon entstanden, theils noch im Bau begriffen und ein reges
Leben herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. Nur das alte
Missionsgebude mit seiner buntgemischten, wunderlichen Bevlkerung lag
noch wie frher trumend unter seinem defecten Ziegeldach, und wenn es auch
seine Bewohner zeitweilig wechselte, blieb die _Art_ des Verkehrs darin
doch noch fr lange Zeit die nmliche.

Der Besuch des Hospitals war allerdings ein geringerer geworden, weil man
indessen in der unmittelbaren Nhe der Hauptstadt ein anderes und besseres
gebaut hatte. Da brigens der Doktor von seinen bis dahin enormen Preisen
herunterging und billigere Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von
Zeit zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel entweder
nicht ausreichten, oder fr welche Andere zu sorgen hatten, wobei sie die
Vorsicht nicht versumten, so wenig als mglich Auslagen zu haben.

In den Minen waren auch grade auergewhnlich viel Krankheiten vorgekommen,
denn so gesund das californische Klima an und fr sich sein mochte, so
trug doch die wilde, unregelmige Lebensart, wie die schwere, fr Tausende
ungewohnte Arbeit viel dazu bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu
bringen, die fr die davon Betroffenen nur zu hufig aus Mangel an Pflege
und rztlicher Behandlung einen schlimmen und tdtlichen Ausgang nahmen.

Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen Hoffnungen und Trumen in das
Land gekommen, erhielt dort oben Nichts als sechs Fu Erde und einen
Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein rohes Kreuz mit dem Beil
in den nchsten Baum eingehauen -- das war Alles. Und daheim seine Lieben
sorgten und ngstigten sich vielleicht noch Jahre lang um den Geschiedenen,
mit sehnenden Herzen seiner Rckkehr harrend, und schrieben und frugen an
bei Behrden und Regierung. Umsonst -- wer kannte die Namen der Todten, die
berall zerstreut unter den Eichbumen des weiten Landes lagen -- wer hatte
je nach ihnen gefragt!

Glcklich waren noch Solche zu schtzen, welche Krankheit nicht allein
und einsam in der Wildni traf, und welche Freunde fanden, um sie aus den
Bergen und Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation und
ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber half das freilich auch nicht;
Viele starben schon unterwegs, Andere lebten gerade lange genug, um den
Hospitalkirchhof zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich Wenige von
alle den armen hlflosen und gebrochenen Menschen konnten wieder soweit
gebracht werden, mit gekrftigtem Krper ihre Arbeit auf's Neue zu
beginnen!

Eins aber bten _Alle_ ein: das mitgebrachte Gold -- denn eben nur mit
Gold wurden in damaliger Zeit Arzneien aufgewogen und ein tchtiger
Arzt hatte seine beste und eintrglichste Mine in den Krankheiten seiner
Patienten. Was lag den Kranken auch an dem ausgewaschenen und erbeuteten
Gold? -- wo sie das gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Krper nur seine
alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der Rede werth.

Drauen am langen Werft hatte auch heute wieder das von Sacramento kommende
Dampfboot angelegt, und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen,
schafften die Matrosen noch ein paar schwer kranke Miner an's Land, oder
vielmehr auf die Spitze des ber eine halbe Meile langen Werftes hinaus,
legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die Planken und
kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit zurck. Die Freunde oder Kameraden der
Leidenden mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig wurden.

Zwei der Unglcklichen waren Amerikaner und ihr Kamerad lief das Werft
entlang, um irgendwo eine Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein
Kosthaus, oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. Der Dritte
schien ein Fremder, -- sein Begleiter, der sich zu ihm berbog und einige
Fragen an den halb Bewutlosen richtete, sprach franzsisch mit ihm. Ein
paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, blieben neben den
Beiden stehen und frugen endlich theilnehmend, was dem Armen fehle.

O Gentlemen, sagte der Franzose in sehr gebrochenem Englisch, Fieber
-- schweres Fieber -- Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt --
Landsmann von mir -- wohin er gebracht sein will -- bin selber fremd hier
-- vor einem Jahr nur zwei Stunden in San-Francisco gewesen -- Er sagt
Nichts -- nur Mission Dolores -- weiter kein Wort.

Ist es Dein Kamerad?

Nein -- habe ihn gefunden auf Dampfboot krank -- sehr krank -- wei nicht,
wie er heit -- aber Landsmann--

Also Mission Dolores sagt er? frug der andere Amerikaner.

=Toujours= -- =ever= -- kein anderes Wort.

Dann will er auch in das Hospital auf der Mission geschafft sein, sagt
der Andere -- dort ist ein Hospital, das ein Fremder hlt, ich wei nicht,
ein Spanier oder Franzose -- er spricht jedenfalls franzsisch und hat
Viele von Euren Landsleuten oben.

Und wo liegt die Mission?

Gleich dort drben, um die Landspitze herum -- rechts hinein geht ein
schmaler Kanal, in den Ihr bei Fluthzeit einfahren knnt. Wenn ihr ein
Boot miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich dicht an's
Missionsgebude, und dort fragt nur nach dem Hospital -- jedes Kind zeigt
Euch den Weg dahin.

Dank' Euch -- dank' Euch vielmals, nickte der Franzose, der sich des
armen todtkranken Landsmanns in der That erst unterwegs angenommen hatte,
weil er sah, da sich Niemand sonst um ihn bekmmerte. Keine Seele an Bord
wute auch, wie es schien, etwas von ihm. Er war allein und allerdings
schon krank auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem er seine
Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, auf Deck niedergeworfen; dort
mute das hitzige Fieber erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war
er auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um Rechenschaft ber
sich zu geben.

Sein Landsmann aber lie ihn nicht im Stich, wie denn berhaupt die
Franzosen in fremden Welttheilen besonders treu zu einander halten und uns
Deutschen dabei mit einem -- freilich selten beherzigten -- guten Beispiel
vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines der dort am Werft liegenden
Boote, und da es gerade die gnstige Zeit war, um die Mission Dolores zu
Wasser zu erreichen -- fast die hchste Fluth, -- so hoben sie den
Kranken in das Boot hinab und ruderten ihn, von der Strmung noch auerdem
begnstigt, rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und in den
schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz kaum mehr als zweihundert
Schritt von der Mission selber entfernt lag.

Der Franzose wute sich hier, da er keine Seele am Ufer fand, auch nicht
anders zu helfen, als da er den Kranken noch unten im Boot lie und
indessen selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rcksprache zu nehmen.

Konnte der Kranke fr seine Pflege und rztliche Behandlung zahlen?
war die erste, vorsichtige Frage Desselben, die der Franzose dahin
beantwortete, da er an dem Grtel seines Landsmannes, unter der Blouse,
einen Lederbeutel mit Gold gefhlt habe. Der Mann kam aus den Minen und
fhrte jedenfalls das dort Erworbene bei sich. Das gengte. Der fremde Arzt
wute recht gut, da er sich im Fall einer milungenen Kur selbst bezahlt
machen konnte, und hatte in solchen Fllen schon die Erbschaft von
verschiedenen Kranken angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht
werden konnten -- wenigstens nicht ausfindig gemacht _wurden_. Er sandte
auch augenblicklich seine Krankenwrter hinunter, die den Patienten herauf
holen muten, und der junge Franzose begleitete den Armen dann noch die
Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte freilich, als er den elenden
Aufenthalt entdeckte, der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.

Das Hospital hatte sich auch in der That nicht -- seit der Errichtung
desselben -- zu seinem Vortheil verndert, denn damals waren die Betten
doch noch wenigstens neu und reinlich gewesen -- und wie sahen die jetzt
aus!

Es war vorgekommen, da einzelne Kranke, die noch die Krfte besaen,
wieder die Treppe hinunter schwankten und dann erklrten, lieber wollten
sie auf Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen
Aufenthaltsort liegen bleiben -- aber das geschah doch nur im Verhltni
sehr selten und da Eines von diesen verwhnten Subjekten eines Abends
wirklich den Platz verlie und noch ein Stck den Hang hinan unter einen
einzeln stehenden Baum kroch und dort in der Nacht starb, so wurde
dieses Beispiel spter etwa Widerspenstigen immer mit dem besten Erfolg
vorgehalten.

Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner ganzen Umgebung; er wurde
bewutlos die Treppe hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem
Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf Wache befindliche Wrter
bekam hierauf die Ordre, den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der
letztgekommene Patient -- Nr.14, wie er nach seinem Bette genannt wurde
-- erwache; aber der Doktor brauchte nicht wieder an dem Tage gestrt zu
werden, denn Nr.14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte nur stark und
schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief auch ein paarmal einen spanischen
Frauennamen, und lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen Augen
da. Ein furchtbares Fieber schttelte seine Glieder, und der Kopf glhte
ihm, da es fast seine Stirnadern zu sprengen drohte.

Am nchsten Tag erwachte er allerdings, zeigte sich aber als ein sehr
unruhiger und auch unbequemer Gast, denn sein Geist schien zu wandern und
er wollte auf und davon. Die Wrter hielten ihn zurck und der Doktor wurde
gerufen; er verordnete, da man den Patienten an sein Bett festbinden und
ihm kalte Umschlge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, aber
es half ihm Nichts; es wurde weitere Hlfe herbeigeholt, und kaum eine
Viertelstunde spter lag er, an Hnden und Fen festgeschnrt, auf seinem
Schmerzenslager, whrend ihm einer der Wrter, mit einem Stalleimer voll
Wasser neben sich, nach der Verordnung des Arztes nasse Tcher um den Kopf
legte.

Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die khlen Umschlge schienen ihm
gut zu thun -- aber das dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder
einmal regte und die ihn haltenden Bande fhlte, so brach auch seine Wuth
von Neuem aus. Er tobte und wand sich umher und schrie dabei, da man es
weit ber die ganze Mission hren konnte, und die Frauen und Kinder
sich davor frchteten. Dieser Zustand dauerte viele Tage und Wochen
und Jedermann dort wute und erzhlte sich, da ein sehr bsartiger
Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und dem Doktor viel
zu schaffen mache. Wo er herstamme und wer er sei, darum kmmerte sich
Niemand; wer htte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost und
West und Sd und Nord nach Californien gestrmt waren, um dem Boden seine
Schtze zu entreien? Es war eben ein Fremder, und das Wort entsprach
in damaliger Zeit allen Bedrfnissen, die man sonst vielleicht empfunden
htte, nach Namen und Stand zu forschen.

Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission hatte dieser unheimliche
Gast jedoch nicht den geringsten Einflu. In beiden Flgeln des groen
Gebudes wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und wenn auch einmal in
einen ihrer Fandangos ein wilder, gellender Schrei hineintnte, so schraken
die jungen Mdchen wohl zusammen und sahen sich scheu einander an, aber die
Instrumente fielen dann nur um so rauschender und tnender ein und der Tanz
verlangte sein Recht. Was htte es auch dem armen Kranken da oben geholfen,
wenn sie ihre Lust unterbrechen wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht
einmal die Musik hren, keinenfalls aber dadurch gestrt werden.

Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, nachdem Jerome sie
verlassen, ziemlich fern von den sonst so hufig besuchten Fandangos
gehalten. Sie kam wohl dann und wann hinber und tanzte ein- oder zweimal,
lie sich aber nie verleiten lnger zu bleiben, und verlie selbst ihr Haus
nur selten. -- Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, wenn man
sich auch noch die so sprlichen Vergngungen versagen wollte, die von Zeit
zu Zeit ein unschuldiger Tanz bot. Jerome lie gar Nichts von sich hren;
er htte doch gewi einmal schreiben knnen, wie es ihm ging, und ob er
Hoffnung habe, bald zurckzukehren. Von allen Minen trafen auerdem Hndler
oder Goldwscher in San Francisco ein, und wie leicht wre es ihm gewesen,
Einen von Diesen zu bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand lie
sich sehen -- Niemand, und der Vater Marequita's frug _viele_ Menschen aus
den verschiedensten Distrikten; Keiner von alle Diesen wute freilich etwas
von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm gehrt; war es denn
ein Wunder, da ihr zuletzt die Zeit lang wurde und sie den Bitten
ihrer Freunde und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht mehr so
hartnckig widerstand? Und wie jubelten ihre Landsleute nicht allein, nein,
auch die Fremden, wenn sie sich wieder im Saale zeigte! Welche Triumphe
feierte sie! und manchen Abend mute sie die ihr geworfenen Dollarstcke
sogar in der Mantille nach Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht
mehr in den Hnden halten konnte.

Heute war der Vater wieder in San-Francisco gewesen und hatte dort,
zum ersten Mal, so oft er sich auch schon erkundigt, einen Franzosen
gesprochen, der Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet hatte. Der
aber behauptete, Jerome sei glcklich in den Minen gewesen und schon vor
langen Wochen nach San-Francisco zurckgekehrt, wo er, wie er ihm erzhlt,
heirathen und ein kleines Hotel grnden wollte. Seit dem Tage aber habe er
ihn natrlich nicht mehr gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt
befinde, msse ihm doch am Ende ein Unglck zugestoen sein.

Aber welches?

Du lieber Gott! aus den Minen zurckkehrende Goldwscher wurden aber gar
nicht etwa so selten von nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen
und beraubt; Dampfbootkessel waren auerdem geplatzt, Boote zusammengerannt
und gesunken. Er konnte auch San-Francisco glcklich erreicht und dort sein
ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt haben -- wie oft geschah
das! -- und dann stak er jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen,
um sein Glck von Neuem zu erzwingen. Das Letztere schien auch in der That
das Wahrscheinlichste, denn leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet,
und verschwindet oft rascher als es erlangt wurde, und die also Betrogenen
schmen sich dann stets, ihren Leichtsinn einzugestehen.

Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde brachte -- also das wre die
Liebe gewesen, die ihr Jerome geschworen, da er das schon in den Hnden
gehaltene Glck auf trgerische Karten setzte, und ihr nicht einmal Kunde
von seiner Rckkehr gab? Dann aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den
leichtsinnigen Menschen zu grmen, oder ihm gar ihre Jugend zum Opfer zu
bringen. -- Heute Abend war groer Fandango -- die Offiziere eines in der
Bai ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, die Mission zu
besuchen -- lag es doch auch gerade dem Kanal gegenber, und das junge
Mdchen beschlo, sich heute Abend dem Tanz wieder mit der alten,
unermdeten Lust hinzugeben wie vordem.

Allerdings machte der Wirth auch die grten und ganz auergewhnliche
Anstalten, um die einst wei gewesenen, trostlos nackten Wnde seines
Lokals fr das Fest so freundlich als mglich zu decoriren, und ein Dutzend
Indianer waren schon seit Tagesanbruch beschftigt gewesen, grne Bsche
jenes lorbeerartigen Baumes, der in Masse an den nchsten Hngen wuchs,
herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in eine Laube zu verwandeln.
Ueberall wurde gehmmert und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen
Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul des Wahnsinnigen
herunter, so da sich der Wirth noch fr den Abend eine groe Trommel
und zwei Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden Musik die
unglckseligen Laute zu bertuben. Er htte das aber nicht nthig gehabt,
denn schon gegen elf Uhr schwiegen die Aufschreie -- kein Ton wurde mehr
gehrt und bald brachte auch ein Krankenwrter die Nachricht herunter, der
Unglckliche, der ihnen die letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei
vor etwa einer halben Stunde pltzlich auf sein Lager zurckgefallen und
gestorben.

=Grazias a Dios!= rief der Wirth, Gott sei seiner armen Seele gndig
und gebe ihr den ewigen Frieden, aber ich bin froh, da wir ihn los sind,
=amigo=, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten und ich selber schon
im Begriff, den sonst so bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders
anzusiedeln. Jetzt strt er uns auch heute Abend die fremden Gste nicht,
und die jungen Damen besonders werden dem Himmel danken, da sie sich nicht
mehr vor dem Tollen zu frchten brauchen.

Das war auch in der That ein reges Leben heute auf der Mission, und
noch dazu Sonntag und prachtvolles Wetter, so da ganze Schwrme von
Lustwandelnden und Reitern und Wagen aus San-Francisco herber kamen, um
den Nachmittag hier drauen zuzubringen.

Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth seinen so stattlich
herausgeputzten Ballsaal, in welchem hchstens die Mittel zur Beleuchtung
etwas zu wnschen brig lieen. Aber Gas gab es freilich nicht, und
Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren von weiem Blech gesetzt,
muten da aushelfen.

Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht daran, den Abend zu
erwarten, um die Lustbarkeit zu beginnen; wozu sollten sie den ganzen
schnen Tag versumen? und der Wirth hatte wirklich Mhe, sie nur so lange
zurckzuhalten, bis er seine nthigsten Arbeiten im Innern beendet hatte,
denn da er nachher keinen Moment Zeit dafr behielt, wute er gut genug.

Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jllen mit Offizieren von dem
spanischen Kriegsschiffe abstieen und dem Lande zuruderten, und zugleich
begannen auch die Musici als Introduction einen lustigen Marsch zu spielen,
um die willkommenen Gste damit zu empfangen. -- In derselben Zeit drckte
der Arzt da oben dem Todten die Augen zu und die Krankenwrter lsten ihm
die bis jetzt noch immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hnde auf
der stillen Brust, wuschen ihn auch und kmmten sein volles, lockiges Haar,
das ihm bis jetzt wirr und wild um die Schlfe gehangen hatte. Dann
wurden die Wrter hinunter auf den Kirchhof gesandt, um ein Grab fr den
Unglcklichen auszuwerfen. Heute war es schon zu spt geworden, aber morgen
mit dem Frhesten sollte er beerdigt werden, denn lnger konnte man ihn
unmglich dort oben zwischen den Lebenden lassen.

Drauen schaufelten, unmittelbar neben dem alten Missionsgebude, die
Mnner das schmale Grab aus, und inwendig spielten mit Trommeln und
Trompeten die Musici den lustigen Marsch und plauderten und lachten die
jungen Mdchen mit einander, sich des schnen Tages freuend. Auch zu ihnen
war wohl die Kunde gedrungen, da der Wahnsinnige gestorben sei, aber auch
sie freuten sich darber, denn lange genug hatte er sie frchten gemacht
und auch wohl bs erschreckt, wenn manchmal mitten in der Nacht sein
gellender Aufschrei zu ihnen herbertnte. Das war jetzt vorbei -- aber
es dachte Keine von ihnen lnger als einen flchtigen Augenblick an den
Unglcklichen; andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort kamen
die fremden Offiziere in ihren prchtigen Uniformen schon ber den niederen
Kstenhang vom Ufer herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit
vollstndig in Anspruch.

Indessen sammelte sich das Volk vor dem alten Missionsgebude, und es
war in der That wunderlich anzusehen, welche bunte Mischung von Stmmen
und Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das schienen auch nicht die
Bewohner einer einzigen Stadt, die sich hier an einem Sonntag Nachmittag
versammelten, das glich weit eher einem Carneval, der die Reprsentanten
aller Zonen und Welttheile fr kurze Zeit vereinigte, und _alle_ Zonen, --
mit Ausnahme vielleicht der kalten -- waren wirklich vertreten.

Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen schwarzen Frack,
den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrckt, die Hnde in
den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknpfchen und Berloques
eingehakt. Dazwischen drngte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum,
in ihren blauen Kattunjacken und weiten weien Hosen, die langen Zpfe
wohl geflochten und gepflegt. Sdsee-Insulaner waren da, die scheu und
verwundert auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in ihrer
eigenen Sprache zusammen plauderten und lachten, wenn ihnen etwas gar zu
Absonderliches in die Augen sprang -- Mexikaner mit den, an der Seite bis
oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knpfen besetzten Sammethosen
und den kurzen, ebenfalls so garnirten Jacken, den breitrandigen
Wachstuchhut auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, in den
prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis auf die Knchel
hinabreichten und die ganze Gestalt verhllten. Deutsche, Englnder,
Franzosen, Irlnder, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die
lange Bchse noch auf der Schulter, wie sie gerade ber die Felsengebirge
gekommen waren; Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und Mulatten in allen
Schattirungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln
voll Gold zurckgekehrten Goldwscher in den phantastischsten Costmen,
die sich nur denken lassen -- abgerissen in ihren Kleidern auf das
Entsetzlichste, mit geflickten Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln,
und Hten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem Regen getrotzt und
Nachts dann als Kopfkissen gedient hatten. Und in kleinen Gruppen standen
dabei die Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmigen Herren des
Bodens, und doch vielleicht die einzigen, vollstndig Besitzlosen in der
ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn krglich fristen muten.

Welch bunte Vlkermischung trieb sich auf dem engen Platz umher, und dieser
schlossen sich nun auch noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren
blitzenden, goldgestickten Uniformen an und vollendeten eigentlich erst das
bunte, wunderliche Bild. Aber die rauschende Musik zog sich auch bald zu
dem eigentlichen Knotenpunkt des Vergngens hin, und so de der Platz da
drinnen sonst gewhnlich aussah, so freundlich schien er ihnen heute nicht
allein durch das frische Grn der Zweige, das die Wnde deckte, nein auch
durch die vielen, lieben Mdchengestalten, die sich hier versammelt hatten
und jetzt nun verschmt und doch auch wieder mit vor Vergngen blitzenden
Augen des Tanzes harrten.

Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber auch nicht lange, bis er
begann, und wie nur die kriegerischen Tne des Marsches schwiegen und in
die allbeliebte muntere Weise des Fandango bergingen, hatten sich
rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, die zusammen antraten -- und
Marequita war unter ihnen und ihr Tnzer einer der jungen Offiziere.

Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in Californien, denn das wilde
Leben im ganzen Lande bot noch keinen rechten Grund und Boden fr eine
Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa an weiblichen Wesen herber
gekommen war, gehrte nur den Klassen an, die sich darin wohl fhlen
konnten, und dazu hatte Chile die grte Zahl gestellt. Die Fremden, wenn
sie wirklich anstndige Damengesellschaft suchten, blieben deshalb allein
auf die hier ansssigen Californierinnen angewiesen.

Zu _diesem_ Fandango hatte brigens auch die weite Nachbarschaft ihre
schnen Gesandtinnen hergeschickt. Die Mission selber stellte fnf
allerliebste Mdchen, und nicht allein befand sich gerade ein Besuch von
Pueblo San-Jos hier, der drei reizende junge Damen aufweisen konnte, es
waren auch noch flinke und hbsche Tnzerinnen theils vom Prsidio, theils
von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst von der Mission San-Rafael hatten
sich zwei junge Damen eingefunden.

Allerdings wren wohl noch immer am heutigen Tage auf eine Tnzerin mehr
als zwanzig Tnzer gekommen, wenn sich Alle htten dabei betheiligen
knnen, aber die Fremden verstanden ja nicht den Fandango und seine
verwickelten und doch so grazisen Touren, und nur die Chilenen, deren
Sambacueca die grte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, Theil daran
zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit Ausnahme einiger Franzosen, die sich
rasch hineingefunden, den Spaniern, Californiern und Mexikanern, und
da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Miverhltni in der Zahl
heraus.

Kopf an Kopf gedrngt standen aber die Zuschauer wenigstens auf der einen
Seite des Saals und im hinteren Theil desselben, nur eben gengend Raum
fr die Paare lassend, whrend die andere Seite, an welcher sich auch die
Musici befanden, der einen Thr wegen, frei bleiben mute, da der Wirth
nur durch diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen Gste verlangten
Erfrischungen, denn die Hitze im Saal war fast erstickend. Wie aber die
Nacht einbrach, nderte sich das, denn die meisten heutigen Besucher
der Mission kehrten in ihre Wohnungen nach San-Francisco zurck, und die
Yankees besonders bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei einem
Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden und deshalb auch nicht
schn finden konnten. Dies ruhige Herber- und Hinberschweben gefiel ihnen
nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausfhren mochten, doch viel
zu monoton fr sie und sie vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen -- ja
wenn es ein tchtiger Reel oder eine Hornpipe gewesen wre, der htten
sie mit Hacken und Fuspitze schon Nachdruck geben wollen!

Die Miner und das brige Volk hielten ebenfalls nicht viel lnger aus,
denn es gab keine Spielzelte auf der Mission, keinen Platz, auf dem sie
ihr Glck versuchen, und das mhsam ausgegrabene Gold in leichter Weise
verdoppeln -- oder auch verlieren konnten, und sie verlieen einzeln
oder in Trupps die Mission wieder, um zu den Spielhllen der Plaza
zurckzukehren und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. Viele Mexikaner
thaten das Nmliche, aber die Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso
ergeben, hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte wichen
nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansssigen oder benachbarten
Californier, und der Raum blieb immer noch gefllt, wenn er auch nicht mehr
wie den Nachmittag ber, gedrngt war.

Je mehr dabei die spanischen Gste mit den jungen californischen Damen
bekannt wurden, desto lebendiger gestaltete sich der Tanz, und Alles schien
zu wetteifern, um neue und piquante Touren zu erfinden. Die Knigin des
Festes blieb aber, trotz vieler bildhbschen Rivalinnen, Marequita, der
ihr Tnzer fast nicht mehr von der Seite wich, und bald war sie die
Ausgelassenste und Lebendigste von Allen, und bertraf sich selber. Aber
die spanischen Offiziere sollten sie heute Abend nicht blos tanzen sehen,
sie sollten auch noch einige von den californischen Sitten und Gebruchen
kennen lernen, und Marequita flsterte deshalb ihrem Bruder zu, rasch nach
Hause zu springen und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem Zweck
schon immer vorrthig gehalten wurden, in der bekannten Art zu fllen --
galt es doch eine Ueberraschung.

       *       *       *       *       *

Oben im Hospital des Missionsgebudes herrschte tiefe Dunkelheit. Das
Wetter war den ganzen Tag ber schn und klar gewesen, und noch jetzt
funkelten die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber der Wind
hatte sich erhoben, der ber die niederen Kstenberge fast unablssig mit
solcher Gewalt herberweht, da die dort einzeln wachsenden Bume ihr Laub
alle nach der entgegengesetzten Seite hinber gedrckt tragen, und auch
selber dorthin neigen, als ob sie den steten Strmen entfliehen wollten und
sich von ihnen abwendeten.

Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff und zog! Die alten,
moosbewachsenen Ziegel klapperten ordentlich dumpf und klanglos zusammen,
und nur das Sthnen und Aechzen der unglcklichen Fieberkranken mischte
sich mit dem unheimlichen Laut.

Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf seinem Schmerzenslager
ausgestreckt, ruhte der Wahnsinnige, wie er berhaupt seit den letzten
Monaten von den Krankenwrtern nur genannt worden. Man hatte ihm eins von
seinen neuen rothen Hemden und ein paar weie Beinkleider angezogen -- denn
die Decke war augenblicklich zum Waschen gegeben, um wieder verwandt zu
werden -- und mit gefalteten Hnden trumte er der Ewigkeit entgegen.

Trumte er? -- die Betten rechts von ihm (denn man hatte ihn zunchst
der Treppe gelegt, um ihn so fern als mglich von den brigen Kranken zu
halten, die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft gestrt und
erschreckt) standen leer. Das Hospital barg jetzt nicht so viele Patienten,
um nicht Raum genug fr die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte in
dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich doch so viele Mhe gegeben,
_seine_ Kranken behaglich unterzubringen.

Und wie still das heute Abend dort oben war! Ein paar Leidende wimmerten
allerdings leise vor sich hin, aber sonst hrte man Nichts, als das dumpfe
Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich mit dem Luftzug, die von
unten herauf schallenden munteren Weisen der Trompeten und Violinen,
wie zuweilen das dumpfe Hmmern der groen Trommel, die ein Mulatte mit
unendlicher Ausdauer bearbeitete. Da unten herrschte Jubel und frische
Lebenshoffnung -- hier oben kauerte der _Tod_ und zhlte die ihm
verfallenen Opfer.

Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, und kein Wrter lie sich
sehen, obgleich der eine Fieberkranke schon lange nach einem Trunk Wasser
gewimmert hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, da sie nicht da oben
zwischen Jammer und Elend blieben, wo nur ein paar hlzerne Stufen sie
mitten unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango auf der Mission
und ein paar Glser =agua ardiente= (Branntwein) konnten ihnen gewi nicht
schaden, um den Krper zu erwrmen, und die lange mhselige Nachtwache
nachher auszuhalten. Auerdem war der Doctor gerade heute nach der Stadt
geritten, und sie brauchten deshalb nicht zu frchten, da er sie bei einer
Vernachlssigung ihrer Pflicht ertappe, ber welche sie sich selber wenig
genug Gewissensbisse machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen
Raum nicht verlassen drfen, so lange der Wahnsinnige dort tobte und an
seinen Banden ri. Heute war der _erste_ freie Abend, den sie bekamen, und
den wollten sie denn auch nach besten Krften nutzen.

Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drben in der Lorbeerwaldung,
die in der Richtung nach San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wlfe ihr
Abendconcert begonnen, die groen, braunen californischen Wlfe, und die
Cayotas, das kleine Steppengesindel, das mit seinen feinen Stimmen den
Diskant zu dem Grundba der ersteren heulte. Und wie deutlich konnte man
das hier oben hren, da der Luftzug die Laute gerade herbertrug, und wie
sonderbar das zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds klang!

Die Glocke drauen hatte eben ausgeschlagen, als ein heftiges Zittern den
Krper des Todten berflog. Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem
von Krankheit abgeschwchten Krper fehlte die schtzende Decke, die ihn
sonst wenigstens warm gehalten.

Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte den fremden, wunderlichen
Lauten, die zu ihm herberdrangen. Hatte er in einem Starrkrampf gelegen,
der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er fuhr sich mit der Hand
nach der Stirne -- auch die Hand war nicht mehr gebunden -- er hob sich vom
Lager und fhlte seinen Krper frei und unbehindert -- aber dunkle Nacht
umgab ihn -- er war nicht im Stande zu _sehen_, wo er sich befand, noch
hatte er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein knnte.

Wie schwach er auch geworden war! -- als er zum ersten Mal wieder auf den
Fen stand, vermochten ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er mute sich
zurck auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. -- Und wie das in seinem
Kopfe hmmerte, und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken herber-
und hinberzuckte! Aber die Musik da unten? -- er horchte hoch auf -- was
war das? wohin hatte ihn das Schicksal gefhrt?

Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er herumtappte, trafen
seine Finger auf einen dnnen Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes
Gelnder fhlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter durch; wie er
aber vorsichtig weiter tappte, trat sein Fu ins Leere und er merkte bald,
da er an einer Treppe stand. Einen Augenblick berlegte er, aber munterer
als vorher ertnten in diesem Moment wieder die Instrumente von unten
herauf, und ohne sich lnger zu besinnen, stieg er hinab.

       *       *       *       *       *

Wie das da unten lachte und jubelte und seiner unschuldigen Lust und Freude
folgte! Die Eier waren angekommen, und Marequita's Tnzer erschrak nicht
wenig, als ihm seine Tnzerin pltzlich, mitten im Fandango, die Mtze ein
wenig zurckschob, und er gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de
Cologne an sich niederrieseln fhlte.

=Caramba, Seorita= rief er aus, indem er erschreckt zurcksprang, was
ist das? -- Aber lautes Jubeln und Lachen beantwortete seine bestrzte
Frage und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mhe, nur noch
einen Theil seiner sorgfltig prparirten Eier fr die Schwester
zurckzubehalten, denn von allen Seiten strmten die jungen Mdchen auf
ihn ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das nicht ging, durch
List oder Gewalt zu entreien, und jetzt brach der Muthwillen der jungen
Damen voll und entfesselt los.

Und wie schn Marequita in dieser ungezwungenen Frhlichkeit war -- wie
bildschn! Der arme Marineoffizier, der Jahre lang drauen auf der See
herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder dem Reiz weiblicher
Liebenswrdigkeit begegnete und von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz
hingerissen.

Der Tanz hatte einen Moment aufgehrt, und jetzt begann ein neuer Fandango,
noch lebendiger als der vorige.

Marequita, flsterte er, indem er seinen Arm um ihre Taille legte, und
sie leise an sich zog, -- Du bist eine Sirene, Mdchen, und ich knnte
verrckt werden, wenn ich mir nur die Mglichkeit denken mte, Dich je
wieder zu verlieren -- von Dir vergessen zu sein. Sei mein, Marequita --
in kurzer Zeit kehre ich zurck, und dann folgst Du mir in mein schnes
Vaterland!

Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten sich, aber in dem ihrigen
lag vielmehr Schelmerei als Liebe -- sie hob ihre Hand, und im nchsten
Moment fhlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich aber
auch seine Mtze ergriff, sich aufsetzte, und damit einem andern Tnzer
entgegenhuschte, mit dem sie im nchsten Augenblick den Fandango begann.
Der junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier aber, der schon
den ganzen Abend die rauschende Musik mit seiner kaum hrbaren Guitarre
begleitet hatte, hielt ihn zurck und rief aus:

=Caramba, Seor=, das geht nicht -- das ist ein Recht der californischen
Seioritas beim Fandango, und wenn Ihr die Mtze wieder haben wollt, mt
Ihr sie auslsen.

O, wie gern! rief der junge Mann, indem er einen Ring vom Finger zog und
jetzt die Zeit nicht erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick vom
Tanz zurcktrat.

Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem neuen Scherz gegeben, denn die
andern jungen Damen folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst sahen sie
in der That in den kecken Seemannsmtzen aus.

Jetzt hielt Marequita dicht an der Thr, die in das Innere des Hauses
fhrte, und der junge Galan war im Nu an ihrer Seite.

Meine theure Marequita, flsterte er ihr zu, wie glcklich machen Sie
mich, da Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen ein Andenken zurcklassen
zu drfen -- wollen Sie es tragen? -- Und dabei schob er ihr leise den
kleinen goldenen, mit einem Brillant gezierten Reif an den Finger; darf
ich, Marequita?

Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen Hemd in die Thr. Das
braungelockte Haar hing ihm aber ber eine alabasterweie Stirn -- sein
Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die groen dunklen Augen
berflogen erstaunt den sich vor ihm ffnenden, buntgeschmckten und
hellerleuchteten Raum. Da traf der letzt geflsterte Name sein Ohr, und
rasch und wie erschreckt schaute er auf das vor ihm stehende junge Paar.

Marequita errthete tief, als sie den Ring an ihrem Finger fhrte, und
flsterte leise:

Tausend Dank, Seor, -- ich -- werde ihn tragen, und der junge Mann, in
der Erregung des Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog sie an
sich und prete einen heien Ku auf ihren Nacken.

Marequita, sagte eine hohle, tonlose Stimme, und das junge Mdchen wandte
bestrzt den Kopf. Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete
den stieren, entsetzlichen Augen, die glhend und wie verzehrend auf ihr
hafteten.

=Ave Maria Purisima!= schrie da eine entsetzliche Stimme; es war einer
der Krankenwrter, der sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen:
der Wahnsinnige -- der todte Wahnsinnige!

Jerome! sthnte Marequita und schlug, ehe der Offizier nur zuspringen
konnte, um sie aufzufangen, schwerfllig und bewutlos zu Boden nieder.

Der Wahnsinnige! von Mund zu Mund lief der Schreckensschrei, und entsetzt
drngten die Mdchen von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des Zimmers
zu.

Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen Moment stand er selber
regungslos, und wie scheu und erstaunt flog sein Blick ber den inneren
Raum -- ber die wild vor ihm fliehenden Gestalten der Mdchen. Da schrie
der Wrter wieder:

Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen lat ihn nicht fort! und als ob
nur der Ton dieser Stimme ihn zum Leben zurckgerufen htte, so zuckte der
Unglckliche empor. Sein Auge glhte, seine ganze Gestalt hob sich -- fast
unwillkrlich ffnete er dabei den Mund und zeigte seine beiden Reihen
blinkender Zhne, da selbst die ihm nchsten Offiziere scheu davor
zurckwichen.

Haltet ihn! haltet ihn! schrieen jetzt auch Andere, und drngten vor
-- nur der junge Offizier kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden
achtend, an der Seite der ohnmchtigen Geliebten und suchte sie zum Leben
zu erwecken.

Haltet ihn? kreischte da Jerome, dessen ganze Wildheit bei dem Rufen
auf's Neue erwachte -- haltet ihn? und ehe ihn Jemand daran verhindern
konnte, ri er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische Seeoffizier an
der Seite trug, aus seiner Scheide; haltet ihn? gellte er noch einmal,
die Waffe mit einem entsetzlichen Lachen schwingend -- Raum da vorn! und
zum Sto ausholend, warf er sich mit wildem Muth mitten auf den dichtesten
Schwarm, der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu machen.

Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm aus, um ihn zu halten, aber
nach rechts und links hinber -- unbekmmert, wen er traf, stie der
scharfe Stahl -- nach rechts und links strzten die Mnner bereinander,
zwei oder drei von ihnen schwer verwundet -- wer htte sich ihm
entgegenwerfen wollen? und jetzt war er drauen im Freien, in der dunkelen
Nacht.

Marequita! schrie seine gellende Stimme -- Marequita! und sein Fu
berhrte kaum den Boden, als er, die blutige Waffe noch immer in der Faust,
an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.

Einzelne der Tnzer und Zuschauer folgten ihm allerdings, oder thaten
wenigstens so, als ob sie ihm folgen wollten, aber es holte ihn Niemand
ein, und wenige Minuten spter war er in der da drauen lagernden
Finsterni verschwunden.

Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so belebten Raum entstand,
war nicht zu beschreiben, und an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke
mehr. Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung suchten die Mdchen
ihre Wohnungen zu erreichen, und Fackeln wurden dann angezndet, um den
entflohenen Kranken, bei dem es ein Rthsel blieb, wie er wieder vom Tode
erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden -- aber vergebens. Der Boden
war zu sehr von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten Spur folgen
zu knnen, und unverrichteter Dinge kehrten die Mnner erst spt in der
Nacht zu der Mission zurck. Auch die Offiziere der spanischen Fregatte
waren indessen wieder an Bord gerudert.

Am nchsten Morgen mit Tagesanbruch begannen die Bewohner der Mission alle
ihre Nachforschungen von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es blieb
immer ein unbehagliches Gefhl, in Nacht und Nebel einem bewaffneten
Wahnsinnigen hinaus in die Dunkelheit zu folgen -- war auch wohl Keinem von
ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. Jetzt aber gestaltete sich
die Sache anders; mit Sonnenlicht war wenigstens die Gefahr beseitigt, da
der entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen knne, und auf und
ab durchsuchten sie die Nachbarschaft und selbst den sandigen Waldrand, wo
sich die Fhrten leicht erkennen lieen. Sogar nach San-Francisco wurden
Boten gesandt, um das Geschehene zu melden und dort nach dem Flchtling zu
forschen.

Sie htten nicht nthig gehabt, so weit nach ihm zu suchen. Als die Fluth
ablief, fanden Fischer seinen Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer
in der See und zwar genau in der Richtung, die er gestern Abend auf seiner
Flucht genommen, als er aus der Thre des Missionsgebudes sprang. Es war
auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im Dunkeln von dem steilen Ufer
hinab in die See gestrzt, ob er absichtlich den Tod dort gesucht -- wer
htte es sagen knnen?

Er wurde still in das schon fr ihn ausgeworfene Grab gelegt, und drei
Tage spter verlie auch die spanische Fregatte die Bai von San-Francisco
wieder, um einer nur ihrem Kapitn bekannten Richtung zuzusteuern.

Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal an Land und in dem Hause
von Marequita's Eltern gewesen, wo er das arme Mdchen bleich und in
Thrnen fand.

Und wann kehrte er wieder? -- Wer konnte es sagen; denn sein Weg ging durch
eine weite Strecke -- aber mit den heiesten Schwren betheuerte er der
Jungfrau seine Liebe, und als er sie endlich verlassen mute, barg sie laut
schluchzend ihr Antlitz an der Brust des Vaters. -- Es war zu viel fr das
arme Kind gewesen; zu rasch war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage
an -- tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen lang. Als ich aber -- etwas
nach dieser Zeit -- Californien verlie, blheten ihre Wangen wieder wie
vordem, und sie war unstreitig das schnste Mdchen und die beste Tnzerin
auf der Mission Dolores.




Eine Polizeistreife in Cincinnati.


Eine so friedliche und geschftige Stadt das halb von Deutschen bewohnte
Cincinnati ist, so hat sie doch trotzdem ihr schlechtes Viertel, und da
sich mir die Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versumte ich
sie nicht.

In den Hauptstraen der Stadt und im ganzen brigen Theil derselben
herrscht nmlich volle Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der
Nacht ungefhrdet passiren; dieses Viertel aber drfte von einem anstndig
gekleideten Menschen doch lieber zu vermeiden sein, denn der Auswurf der
Bevlkerung hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich dahinein
mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. Ermordungen fallen dort
wenigstens gar nicht so selten vor, und noch am letzten Abend war ein
Bootsmann in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne da man bis
jetzt im Stande gewesen wre, den Thter zu ermitteln.

Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, wrde auerdem nichts weiter
zu sehen bekommen, als die der Strae zunchst gelegenen Trinklokale, und
man ihm nie gestatten, weiter in diese Hhlenwirthschaft einzudringen.
Dazu aber hat die Polizei das volle Recht und macht denn auch davon zu
unregelmigen Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal einem dort vielleicht
versteckten Verbrecher auf die Spur zu kommen, oder die Insassen der
verschiedenen, ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.

Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants (der Eine von ihnen
ein Deutscher) unternahmen, schlo ich mich mit einem Freunde an, und etwa
um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der einen Polizeistation, die an sich
schon manches Interessante bot.

Es sind das nmlich die Pltze, wo aufgegriffene Vagabonden oder auch
Verbrecher festgehalten werden, bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre
Strafe bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort unterbringt,
ist so eigenthmlich wie praktisch. Man sperrt sie nmlich keineswegs in
kleine, aus dicken Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen Thren
und Schlssern und sorgfltig verwahrten Oefen, durch welche sie aber noch
trotzdem manchmal ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem groen
Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, stehen vier
oder fnf groe viereckige, eiserne Kfige, aus starken Eisenblechbndern
zusammengenietet und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen,
zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen Gefangenen. Die
Zwischenrume zwischen den Eisenblechstreifen sind aber so weit, da man
berall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewhren dadurch ber
das Innere einen durch nichts gehemmten Blick. Polizeileute gehen auerdem
fortwhrend zwischen den verschiedenen Kfigen hin und her, und keiner
der Insassen kann sich auch nur bewegen, ohne da es bemerkt wird. An ein
Ausbrechen ist dehalb nicht zu denken, und ebensowenig knnen sie durch
Feuer Unheil anrichten -- das Eisen brennt nicht.

Eines der Zimmer brigens mit eben solchen, aber nicht verschlossenen
Kfigen ist fr Obdachlose bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz
gesucht haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei Frauen mit kleinen
Kindern da eingefunden, um hier die Nacht zuzubringen -- ja vielleicht auch
den andern Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz gegen Wind
und Wetter und wer wei, welches unsagbare Leid die armen Frauen erst
durchgemacht, ehe sie diese letzte Hlfe in der Noth bentzten.

Wir hielten uns brigens nicht sehr lange bei der Besichtigung dieser
verschiedenen Gruppen auf, sondern traten unseren Marsch an, der uns in die
stlich gelegenen Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte Negerviertel
fhrte.

Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, wenn auch an einem
Wochentage, ziemlich stark besucht zeigte. Besonders ragten die farbigen
Ladies durch bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte mich gar nicht
wundern, wenn sie es schon den weien Ladies abgesehen htten, nur
dehalb nmlich das Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder
zur Schau zu tragen.

Der Geistliche -- ein dunkler Mulatte, hielt eine schale, nichtssagende
Predigt voll lauter Phrasen und dabei ohne jede Begeisterung oder Wrme und
etwa mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer htte sagen wollen:
Nun, hab' ich nicht recht? -- ist die ganze Sache nicht sonnenklar,
und kann irgend ein vernnftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden
haben? -- Er blieb dabei auf der sehr breiten Kanzel auch nicht etwa
stehen, sondern lief darauf hin und her, sich bald an diesen, bald an jenen
Theil seiner Zuhrer wendend. Groe Ruhe schien aber nicht beobachtet zu
werden, denn fortwhrend kamen und gingen Leute, und machten oft Lrmen
genug dabei.

Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze des berchtigten Viertels,
und von dort an begannen schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus
denen hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustnte. Es herrschte
auch jetzt gerade kein rechtes Leben zwischen dieser Menschenklasse, denn
der Flu war zu niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und gerade
die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier ihre Orgien feiern und den
schmutzigen Strudel in Bewegung halten.

Wir betraten jetzt einige der Pltze, in denen unten, bei der Beleuchtung
eines einzelnen Talglichts, oder einer Petroleumlampe, schnder Whisky
und grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht einmal mehr
geschminkte weie und schwarze Dirnen, durcheinander gemischt, ihr Glas
tranken und ihre Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten
sich aber nicht lange in diesen vorderen Rumen auf, denn was hier weilte,
brauchte das Licht -- wenigstens dieser Nachbarschaft -- nicht zu scheuen.
Sie wuten auch berall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu wenden
hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter dem Schenkstand, eine steile
Treppe empor, die eher einer Leiter glich, bald wandten sie sich der
Hinterthr zu, schritten ber einen engen, stockfinsteren Hofraum und
berraschten dadurch die Bewohner eines bauflligen, halbverfallenen
Hinterhauses.

Wir folgten ihnen natrlich auf dem Fu und: Jammer, von keiner
Menschenseele zu fassen! htte ich manchmal ausrufen mgen, wenn wir
einzelne dieser hhlenartigen Wohnungen betraten.

Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen Strohmatratze eine
menschliche Gestalt zusammengekauert.

Wer ist das?

Meine Schwester, sagte eine alte, in der Ecke kauernde Frau, die man
natrlich keines Grues gewrdigt hatte, sie ist krank.

Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes Talglicht seinen
dsteren, unbestimmten Schein durch das Gemach, blies doch der kalte
Nachtwind durch drei oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der
amerikanische Polizeilieutenant begngte sich nicht mit der Antwort -- war
es doch ein zu gewhnlicher Kniff dieser Art Leute, irgend Jemanden, den
sie verstecken wollten, fr einen Kranken auszugeben. Er zog ziemlich
unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt schaute ein hohlugiges,
bleiches Antlitz zu ihm auf. Es war in der That die kranke Schwester.

Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach Cincinnati gekommen?

Die Kranke konnte nicht antworten und zog die Glieder frstelnd zusammen,
so da der Lieutenant ihr die Decke wieder berwarf. Die Schwester
antwortete fr sie.

Ihr Mann hat sie so mihandelt und die wenigen Cents, die sie verdient,
auch noch vertrunken, ohne ihr je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen.
Da hat sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.

Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens und doch lehnte daneben
auf einer alten Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mdchen, das
nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten Oberkleider ein wenig
zusammen zu raffen.

Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebude gleich in ein anderes
hinbersteigend -- und der Weg war nicht angenehm, denn man sah gar nicht,
wohin man den Fu setzte, -- erreichten wir ein niederes, schmales Haus,
in welchem oben, in zwei verschiedenen Fenstern Licht brannte. Ohne Zgern
stiegen wir die eine, durch die offenstehende, obere Thr matt beleuchtete
Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft. Zwei junge, weie
Damen lebten hier in dem rmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen
Stuhl sa ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas verlegen in der Hand
herumdrehend.

Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe mehr als eines flchtigen
Blickes zu wrdigen, in das nchste Zimmer und leuchtete hinein -- aber
es war leer. Eines der beiden Mdchen wohnte wahrscheinlich darin, und war
hier auch wohl weiter nichts Verdchtiges zu finden -- nichts wenigstens,
gegen was die Gesetze des Staates htten einschreiten knnen.

Als wir die Strae wieder erreichten, hrten wir in einer der nchsten
Negerspelunken Musik und fanden den Raum gedrngt voll Menschen. Ein
paar von diesen drckten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen
erkannten, denn es giebt Konstitutionen, denen dieselben antipathisch sind;
die meisten hielten aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren
einen alten Neger, beide Hnde auf das Widerlichste verkrppelt, der mit
den Stumpfen eine Art von Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein
paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt sang.

Der eine Polizeilieutenant wnschte mir gern den Genu eines Negertanzes zu
machen, aber die Damen schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang
machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing und ihr ein Stck
Papiergeld vorhielt, das sie haben sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie
schien allerdings, trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben, sah
aber auch, da sie nicht wieder fortkonnte, denn er hielt sie fest, und
griff dehalb nach dem Gelde. Es war eine kleine dicke, wie es schien,
unbehlfliche Gestalt, warf aber jetzt die Fe nach dem Takt der von dem
alten Neger gespielten Musik mit auerordentlicher Geschicklichkeit um
sich, da sie mit Hacken und Zehen selbst die Zweiunddreiigstel zu den
Achtelnoten schlug. Wie wir aber nun glaubten, da sie jetzt selber warm in
dem Tanz geworden wre, machte sie pltzlich einen Seitensprung und tauchte
mitten zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter, aus der sie
natrlich nicht wieder herausgefischt werden konnte.

Das gengte brigens auch vollstndig fr eine Probe, und wir schritten
ber die Strae nach einem anderen Gebude hinber, dem die Polizisten
nicht recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem Raum, den ein
einzelner Mann fast beanspruchen wrde, wenn er bequem leben sollte,
eine ganze Kolonie von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und --
eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es nicht mglich wre zu
beschreiben. Ich konnte mir auch nicht helfen und frug den Deutschen,
wie er nur im Stande sei, es in einer solchen Pesthhle mit den Seinen
auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und meinte: es wre ihm hier in
Amerika nicht besonders gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm,
als sie gemacht wrden; es liee sich recht gut mit ihnen leben.

Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir brigens nachher, da nicht etwa
die Noth deutsche Familien in einen solchen Zufluchtsort drnge, sondern
da sich derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in hnlicher Umgebung
herumgetrieben habe, oder hier durch lderliches Leben dazu gebracht
sei. Uebrigens wren die Flle gar nicht etwa so selten, und ich knnte
verschiedene deutsche Familien in hnlicher Art gehaust finden.

Wieder in die Strae hinberkreuzend, betraten wir ein anderes Schenklokal,
in welchem drei Neger Karten mitsammen spielten.

Wo habt ihr denn den Einsatz? frug sie der Polizeimann, und sie wuten
recht gut, da sie nicht um Geld spielen durften.

O, Mister, sagte der eine Neger grinsend, wissen wohl, wir sind viel zu
arm, als da wir um Geld spielen knnten -- spielen nur darum, wer von uns
nchstes Jahr Prsident wird.

Der Polizeilieutenant lachte und ging der Hinterthr zu.

=For Gods sake Massa!= sagte der eine Neger aufspringend, und mit
ziemlich lauter Stimme: Nehmen Sie sich in Acht, ist ein groes Loch im
Hof.

Schon gut, mein Bursch, rief aber der Polizeimann rgerlich, kmmere
Du Dich um Dich; ich kenne den Platz vielleicht so gut wie Du -- und ohne
sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch einige in den
Grund gestochene Stufen -- die bei Regenwetter vllig unpassirbar sein
muten -- hinauf und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr
in der Dunkelheit. Ich mu jedoch gestehen, da wir Anderen ihm viel
vorsichtiger folgten, denn die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns
nicht so spurlos vorbergegangen. Wir erreichten jedoch glcklich das obere
Gebude, ohne freilich etwas Verdchtiges dort zu finden. Hatte sich irgend
Jemand da versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen, sich
aus dem Staub zu machen, denn er brauchte nur ber eine der nchsten,
niederen Planken zu steigen, um damit schon vollstndig aus Sicht und
Bereich zu kommen.

In der nchsten Bude fanden wir, neben anderen weiblichen Gsten, eine
junge, aber sehr leidend aussehende Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas
mit Whisky vor sich stehen hatte.

Und bist Du wirklich hier wieder zurck in das Viertel gekommen, Margot?
sagte der Amerikaner, hast Du nicht fest versprochen, da wir Dich hier
nicht wieder finden sollten?

Ich halte auch mein Versprechen, sagte die junge Frau finster und leerte
dabei das Glas auf einen Zug; habt keine Furcht, da Ihr mich hier
wieder trefft, denn zum zweiten Mal mchte ich das nicht durchmachen.
Nur hereingekommen bin ich, um meine Kiste abzuholen, aber vor einer
Viertelstunde kam der Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt mu
ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen. Heute bringt er sie mir
nicht mehr fort, und wenn ich ihm einen Dollar dafr bte.

Es war berall das Nmliche: Jammer und Elend, aber nirgends Rauferei
oder wster Lrm, eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem
Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise nicht mehr
erschwingen, denn wo sie sonst die Flasche um zehn Cents gehabt, sollten
sie jetzt einen Dollar dafr bezahlen -- dehalb auch dieser anscheinend
moralische Frieden in dem schlechten Viertel.

Auf dem Rckweg nach dem bessern Theil der Stadt sprachen wir noch, der
Merkwrdigkeit wegen, in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die
schwarzen, neugebackenen Gentlemen haben sich jetzt eifrig diesem Spiele
zugewendet. Der Besitzer desselben schien indessen ebenfalls unter den
schlechten Zeiten zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr in
dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine Treppe hoch gelegen, ein
groes, hbsches Billard und einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte.
Wir tranken auch dort einmal und lieen uns einige Cigarren geben und
fanden beides, Getrnk und Tabak, gut und preiswrdig.

Am nchsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung bei, wo die ber
Nacht aufgebrachten Vagabonden abgeurtheilt und verschiedene andere
Dinge verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig wiederholende
Geschichte: Trunkene, die in ihrem Rausch Prgeleien angefangen, Frauen,
die von ihren Mnnern mihandelt worden, und in ihrer Verzweiflung bei den
Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige Dirnen, die einander in die Haare
gerathen, und wrdige dicke Damen, die Hte mit allen mglichen seidenen
Bndern und Blumen besteckt, die bezchtigt waren, ein lderliches Haus
zu halten, das durch seinen ewigen Lrm die Nachbarschaft ununterbrochen
strte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele wohl, die gerechte
Entrstung zu sehen, mit welcher sie eine solche Verdchtigung von sich
wiesen, und die Resignation zugleich, mit der sie sich zu fnfzig Dollars
Strafe oder auch sechs Monat Gefngni verurtheilen lieen. Ueberhaupt fiel
mir auf, da die Strafen von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders fr
Straenunfug, auerordentlich streng und unerbittlich diktirt wurden. Sechs
bis zehn Monat Arbeitshaus kamen in den paar Stunden fr gewhnlichen Unfug
mehrere Male vor, aber es mag auch unumgnglich nthig sein, denn wenn man
nur in die von Verbrechen und allen bsen Leidenschaften gefurchten Zge
dieser Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen, da sie
eine leichte Strafe nur verspotten wrden. Selbst diese kann sie nicht
heilen, sondern entzieht sie nur fr kurze Zeit ihrem lderlichen und
wsten Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich von
Neuem beginnen.

Ein hchst interessanter Fall kam an dem Morgen vor, leider aber nicht zur
Entscheidung, und zwar ein junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mdchen.
In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander in unerklrlicher Weise,
mehrere Brnde ausgebrochen, und das halbe Kind, denn sie konnte kaum
dreizehn Jahre zhlen, wurde beschuldigt, das Feuer an allen diesen Stellen
angelegt, ja es sogar gegen Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber
keiner von Allen klagte sie an, die That bswillig verbt zu haben, denn
dazu lag nicht der geringste Grund vor, der dagegen in einer Art von
Wahnsinn, in einer Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, berall
Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu freuen.

Sie selber sa gebckt auf der Anklagebank, und das groe Bonnet, das sie
trug, beschattete ihre, nur selten sichtbaren Zge. Ihr Advokat sa an
ihrer Seite, flsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete ihre Unschuld.
Sie selber sprach fast gar nicht, nur wenn er sich mit einer Frage leise
an sie wandte, schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern. Die
gegen sie vorgebrachten Verdachtgrnde reichten indessen noch lange nicht
hin, sie zu verurtheilen -- wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden,
und der Fall mute deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben werden, um
beiden Theilen Gelegenheit zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu
rsten.

Leider verlie ich schon vor der Zeit Cincinnati.


Leipzig,

Druck von Giesecke & Devrient.




[ Hinweise zur Transkription


In "Den Teufel an die Wand malen" fehlen Kennzeichnung und berschrift des
siebten Kapitels.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Fehlende und falsch gesetzte Anfhrungszeichen wurden korrigiert, sowie
gegebenenfalls "," gendert in ",".

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Billette" -- "Billete",
"Cajte" -- "Kajte", "Compa" -- "Kompa", "erwiderte" -- "erwiederte",
"Htel" -- "Hotel", "mssig" -- "mig", "Paar" -- "paar", "weshalb" --
"wehalb",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 1:
  "hiel" gendert in "hielt"
  (in der Hand ein groes Herz hielt)

  Seite 1:
  "," entfernt hinter "sie"
  (wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht)

  Seite 1:
  "," eingefgt
  (ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenber)

  Seite 5:
  "." eingefgt
  (einen guten und vterlichen Rath zu ertheilen.)

  Seite 5:
  "grnbebewachsenen" gendert in "grnbewachsenen"
  (einem grnbewachsenen, ziemlich schrg abfallenden)

  Seite 5:
  "irgend wo" gendert in "irgendwo"
  (noch irgendwo einen Ruberhauptmann anbringen)

  Seite 13:
  "." gendert in "?"
  (Und woher willst Du das wissen?)

  Seite 25:
  "So bald" gendert in "Sobald"
  (Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt)

  Seite 28:
  "meist" gendert in "meinst"
  (da Du es wirklich gut mit mir meinst)

  Seite 30:
  "," eingefgt
  (und frchte fast, da ich morgen)

  Seite 33:
  "," eingefgt
  (aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht)

  Seite 33:
  "," eingefgt
  (und beschlo deshalb, langsam und in aller Ruhe)

  Seite 34:
  "ab" gendert in "ob"
  (sondern als ob sein eigenes Schicksal)

  Seite 40:
  "ein" gendert in "eine"
  (Also eine Mademoiselle war die Dame)

  Seite 42:
  "," eingefgt
  (Papa, sagte Clemence)

  Seite 42:
  "," eingefgt
  (Unsinn, rief lachend der alte Herr)

  Seite 42:
  "." gendert in ","
  (Nichts daran auszusetzen, wiederholte der Vater)

  Seite 47:
  "Wren" gendert in "Waren"
  (Waren Sie jener junge Fremde?)

  Seite 53:
  "," eingefgt
  (fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts)

  Seite 62:
  "Sie" gendert in "sie"
  (Nein, sagte sie)

  Seite 62:
  "Sie" gendert in "sie"
  (setzte sie freundlicher hinzu)

  Seite 74:
  "." gendert in "?"
  (Und wo hlt er sich jetzt auf?)

  Seite 76:
  "du" gendert in "Du"
  (Bleibst Du hier in M--?)

  Seite 118:
  "Biberich" gendert in "Bieberich"
  (Und wohin wenden wir uns von Bieberich?)

  Seite 122:
  "hatt" gendert in "hatte"
  (und sie hatte nicht viel Zeit)

  Seite 123:
  "," eingefgt
  (Ich habe einen Begleiter gefunden, sagte Clemence)

  Seite 136:
  "vorrigen" gendert in "vorigen"
  (ganz das nmliche im vorigen Jahr)

  Seite 140:
  vertauschte "," und "." korrigiert
  (setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich fr sicher.)

  Seite 144:
  "so bald" gendert in "sobald"
  (denn sobald er die lieben)

  Seite 159:
  "Trautena" gendert in "Trautenau"
  (Aber Trautenau war nicht in der Stimmung)

  Seite 160:
  "," eingefgt
  (Wir sind die Ersten, begann der Officier)

  Seite 165:
  "Hauskecht" gendert in "Hausknecht"
  (was ich eben von dem Hausknecht gehrt)

  Seite 182:
  "den" gendert in "denn"
  (denn auf den anderen Inseln waren die Frchte)

  Seite 184:
  "Kapitan" gendert in "Kapitn"
  (Der Kapitn hoffte noch)

  Seite 186:
  "ihre" gendert in "Ihre"
  (Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.)

  Seite 189:
  "," hinter "dem" entfernt
  (fhlten sie mit dem ausgeworfenen Loth)

  Seite 201:
  "?" gendert in "!"
  (Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!)

  Seite 214:
  "," eingefgt
  (Steuermann -- Ihr, Bill)

  Seite 222:
  "Zimmermannn" gendert in "Zimmermann"
  (Der Zimmermann that dies mit Vergngen)

  Seite 227:
  "ihm" gendert in "im"
  (Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd)

  Seite 238:
  "mute" gendert in "wute"
  (von dem lustigen Leben drauen wenig wute)

  Seite 252:
  ";" gendert in ":"
  (seinen Hut schnell herunterreiend, erwiederte er hflich:)

  Seite 263:
  "keinen" gendert in "kleinen"
  (dem Haus mit dem kleinen Thurm)

  Seite 265:
  "ihn" gendert in "ihm"
  (Lange Zeit lieen ihm aber die Insassen nicht)

  Seite 273:
  "." eingefgt
  (Und nun komm, Kamerad -- es ist Zeit.)

  Seite 276:
  "," eingefgt
  (von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur)

  Seite 278:
  "." gendert in "?"
  (stammelte Hasenmeier, hab' ich denn Alles bezahlt?)

  Seite 278:
  "," eingefgt
  (bist Du aber noch schuldig, mein Bursch)

  Seite 300:
  "Aufenthalsort" gendert in "Aufenthaltsort"
  (in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben)]






End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Erster Band, by 
Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND ***

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Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

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