The Project Gutenberg EBook of Alle guten Geister..., by Anna Schieber

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Title: Alle guten Geister...
       Roman von Anna Schieber

Author: Anna Schieber

Release Date: April 1, 2017 [EBook #54469]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALLE GUTEN GEISTER... ***




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                        Alle guten Geister ...


                                Roman

                                 von

                            Anna Schieber


                          Vierzehnte Auflage


                 Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn
                                 1908



         Christliches Verlagshaus, Buchdruckerei, Stuttgart.




                    Erstes Buch




                    Erstes Kapitel


Es sind allerlei Leute, die sich in diese Geschichte hereindrngen.
Es ist eine ganze Versammlung von Leuten, alten und jungen, und es
ist gar nicht leicht, sie alle an den richtigen Platz zu stellen.
Da sind wohl solche darunter, die warten knnten, bis die Reihe an
sie kme. Zum Beispiel der Rektor Cabisius, der mit seinen heitern,
milden, jungen Augen durch den Garten geht und mit siebzig Jahren noch
an die Freude glaubt, oder jetzt erst recht, wie er selber sagt.
Und der Turmwchter und Schneidermeister Nssel und seine Schwester,
Frau Judith, die so wunderbare Dinge sah, und der alte Hollermann, und
immer noch mehrere, da nun das Tor offen ist. Da ist der alte Hirt,
der dreimal ber den Stock sprang, wenn er sein Morgengebet verrichten
wollte, und der sinnige Kfermeister Riedel, von dem auch einiges zu
sagen sein wird. Sie alle knnten wohl warten, bis die Reihe an sie
kommt, denn das Warten haben sie unter andern guten Tugenden durch ein
langes Leben hindurch gelernt und wenn sie gefragt wrden, so wrden
sie sagen, wie so oft im Leben: nur immer die Jugend voran. Wir Alten
gehen gern einen sachten, behaglichen Schritt, und dann: es ist auch
besser, die Jungen im Aug' zu behalten. Und die Frau Rektorin Cabisius
wrde nach ihrer Gewohnheit ein paar rasche, trippelnde Schritte
machen, dem Mittelpunkt zu, und dann wieder stehen bleiben und ihrem
Mann zunicken: so komm doch, Alter. Ich sehe nicht ein, warum du dich
so hinten hltst. Und dann wrde sie selber zu ihm zurcktreten und
nur die kleine Gertrud vorschieben und mit bescheidenem Stolz sagen:
das Kind hat heute seinen ersten Schritt gemacht; das darf nicht
bergangen werden.

So soll nun die Frau Rektorin Recht behalten, und der erste Schritt in
das Buch hinein soll auch von einem ersten Schritt ins Leben hinein
handeln. Und die andern mgen ihm zusehen, und es wird nach und nach
ein jedes seinen Platz in der Geschichte finden, die einen kommend,
die andern gehend, ganz wie im Leben drauen auch. Und es wird Lichter
und Schatten darin geben und zuletzt wird die Sonne ber die Schatten
siegen, wie das so ihre Art ist.

       *       *       *       *       *

Es ist wohl der Mhe wert, von dem ersten Schritt zu reden. Da ist so
eine lange, lange Bahn, es ist nicht zu sagen, wieviel Schritte darauf
zu tun sind. Und niemand wei, wann er sie zum erstenmal betritt, was
er auf ihr finden wird. Wo sollte sonst ein junges Menschenwesen den
Mut hernehmen, sich auf die Fe zu stellen und sich auf den Weg zu
machen?

Der Frhlingssonnenschein lag auf der alten Stadtmauer, auf den
Giebeldchern des Stdtchens und auf den Grten, die in der Hut der
Stadtmauer und der Giebeldcher lagen und sich darauf besannen, da es
ein schnes, festliches Ding um Frhling, Leben, Werden und Wachsen sei.

Die Luft war voll Schwalbengezwitscher und Starengeschwtze. Auf dem
Kirchendach klapperten die Strche, in den Blten der Frhkirschenbume
summten die Bienen wie toll vor ausgelassener Daseinsfreude. Eine
Katze schnurrte auf dem Bretterzaun. Es war kein bler Zeitpunkt, den
ersten Schritt zu wagen.

Freude, Tochter aus Elysium, sang die Schpfung und lie alle
Instrumente dazu klingen. Es war ihr einerlei, da es Leute gab, die
behaupteten, es sei nicht der Mhe wert, in diese Welt herein geboren
zu werden.

Der Rektor Cabisius gehrte nicht zu ihnen. Er ging in den
sonnigen Wegen auf und ab, besah sich seine Obstbume, wie sie mit
ausgebreiteten Armen auf ihren Frhling warteten, paffte groe und
nicht besonders zierliche Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, und
nahm ab und zu diese Pfeife aus dem Mund, um damit irgend eine Melodie
zu taktieren, die ihm durch den Sinn zu gehen schien. Vielleicht war es
dieselbe Melodie, die durch die Luft schwirrte; wer kann das wissen? Er
sah nicht aus, als ob er irgend jemandem htte den freundschaftlichen
Rat erteilen mgen, nicht in diese Welt herein geboren zu werden.

Sein Haar war grau; auf der Stirn lagen ein paar tiefe Querfalten, und
unter den Augen hatte er unzhlige feine Fltchen, ein ganzes Heer von
Fltchen.

Aber was waren das fr junge Augen, warme, lebendige, ungetrbte, die
zwischen den Fltchen heraus sahen, so, als ob sie sagen wollten: Ach,
das ist ja alles nur uerlich, das Alte, Graue, Faltige, Mitgenommene.
Wenn ihr da innen hinein sehen knntet, wie da Leben ist. Aber das
knnet ihr nicht.

Ihn freute der Frhling. Er nahm sich das Recht dazu, sich zu freuen
trotz allerlei trbem, das ihn durchaus aus dem Winter herber
begleiten wollte. Und es ist nicht zu sagen, wieviel Trauriges ein
ehrlicher Mensch, der es von Herzen mit der Freude halten will, durch
sie besiegen kann. Die lieblichsten Frhlingswunder zeigt sie ihm,
und ein solches zeigte sie ihm jetzt eben, als er stillstehend nach
dem grnen Rasenfleck hinbersah, wo auf einem ausgebreiteten, groen
Tuch ein kleines Menschenkindlein sa. Es krabbelte mit den Hndchen
nach den rosa Bltenblttern, die der junge Pfirsichbaum ber ihm von
Zeit zu Zeit niederschweben lie. Und als sich einige davon etwas zu
entfernt niederlieen, da kam ihm das Verlangen, sie zu holen.

Und da geschah es, da das Kindlein seinen ersten Schritt auf dieser
Erde machte, den ersten von so vielen, die ihm zu tun vorbehalten waren.

Die runden Hndchen faten den schlanken Stamm als Sttze, und als die
Fe fest standen, etwas gespreizt und unsicher freilich, aber doch
wirklich und wahrhaftig auf dem Grund, da lieen die Hndchen los. Und
da geschah der erste Schritt.

Der Grovater sah ihm zu. Er klopfte die Pfeife aus, legte die Hnde
auf den Rcken und sah in das blhende Wunder hinein, still, und ein
wenig bewegt, und ein wenig belustigt. Das war so etwas Selbstndiges,
was da vor seinen Augen geschah, da regte sich so eine junge, sichere
Kraft, die etwas werden wollte. Mit ernstem Gesicht vollbrachte die
kleine Enkelin ihre brave Tat.

Aber dann kam die Angst ber sie. Da war solch ein groer, leerer
Raum, in den sie sich hineingewagt hatte; darin war sie so allein. Sie
streckte die Hndchen aus und wute nicht weiter.

Nun war es Zeit fr das Alter. Da, sagte der Grovater und trat
vollends heran. Er streckte sein langes Pfeifenrohr aus. Halt's fest,
sagte er. Da schlossen sich die kleinen Fingerchen darum, da kam nun
die Sicherheit wieder, die im Alleinsein so klglich vergangen war.
Da war ja nun eine Sttze, und der unendliche Raum war liebevoll
ausgefllt durch ein Menschengesicht.

Und nun machten die beiden jungen Leute eine groe, groe Wanderung
mitsammen, wohl fnf, sechs Schritte, und immer das Pfeifenrohr
zwischen ihnen als Halt und Leiter. Dann nahm der alte Herr das
kostbare, kleine Menschenwunder in die Arme, und sah zu, wie es ber
das ernsthafte Gesichtchen flog, wie lauter Sonne; da war ein Leuchten
des Glcks zu sehen; bis unter die braunen Hrchen auf dem runden,
weichen Kinderkopf alles ein Lachen und ein Stolz.

Ja, ja, sagte er, ja, ja, das htten sie sehen sollen, und er
meinte damit nicht die Leute im Stdtchen, die Nachbarn und Freunde,
sondern zwei andere Menschen, die vor allen hierhergehrt htten.

O du Symboliste, sagte seine kleine, heitere, behende Frau, als sie
spter las, was ihr Mann in das Bchlein geschrieben hatte, in dem er
denkwrdige Ereignisse zu verzeichnen pflegte, o du Symboliste, das
sagte sie fters, wenn er mit weitsichtigem Blick in die Lebensfernen
in den kleinen Geschehnissen des Tages wie durch einen Spiegel den
tiefen Sinn des Lebens sah. Das war ihm eigen, und sie war stolz auf
ihn und liebte ihn, gerade so, wie er war. Aber darum konnte sie es
doch nicht unterlassen, ihn zu necken. Es htte ihm auch gefehlt, wenn
sie es eines Tages nicht mehr getan htte.

Der Eintrag in das Bchlein aber lautete:

Das war nun der Anfang. Sie hat sich tapfer auf den Weg gemacht,
allein und ohne Hilfe. Das ist gut und ntig. Es wird noch oft ntig
sein, da sie das tut. Aber, o du Kind meines Kindes, mgest du nie im
Alleinsein des Lebens vergeblich die Hnde ausstrecken nach einem, der
dir die Leere flle.

Jetzt eben kam die Frau Rektorin eilfertig durch den Kchengarten
geschritten und trat zu den beiden. Sie hatte graues Haar, wie ihr
Gatte, und uerlich betrachtet, hatte sie keinerlei Grund, so
strahlend auszusehen, wie sie es wirklich tat. Es lag eine traurige
Geschichte in dem Lebensjahr, das die kleine Gertrud schon hinter sich
hatte.

War nicht ihr Vater der jngste Sohn der beiden alten Leute und seiner
Mutter Liebling gewesen? Und hatten nicht beide Eltern das junge
Pflnzchen auf Erden zurckgelassen, nachdem sie es in die Hut der
Alten gegeben hatten?

Was fr ein wackerer Helfer ist doch ein Kinderlachen, wenn es
gilt, ber so viel Leid und Sorgen hinber wieder froh und jung und
hoffnungsvoll zu werden.

Es war ein Festtag heute. Die Gromutter erfuhr das frhliche
Geschehnis und wollte es auch mit ihren eigenen Augen sehen; und als
das geschehen war, da stimmten die drei, wenn's erlaubt ist, so zu
sagen, ein Terzett an, das mit reinen Tnen in das Frhlingsorchester
hinein klang: Freude, schner Gtterfunken! Gertrud fing an. Mama,
Mama, rief sie, und darauf folgte allerlei Kauderwelsch, das man nicht
widergeben kann.

Was die beiden Alten dazu taten, eignet sich gleichfalls nicht fr den
Druck, und so mu auch der Text hier verschwiegen bleiben und, zusamt
der Melodie, dem Ahnungsvermgen derer berlassen werden, die gleich
dem Herrn und der Frau Rektor schon die Sonne haben durch Trnentropfen
hindurch scheinen sehen.




                    Zweites Kapitel


Es erklte sich niemand, wenn unmittelbar nach diesem linden,
sonnigen Tag im Frhling von Schnee und Eis, Nordostwind, knarrenden
Wetterfahnen und Neujahrsglckwnschen die Rede ist. Denn man kann
sich ja ebensowohl die Seele erklten, als den Leib bei solch einem
schroffen Wechsel. Und der Leser teilt nicht den Vorzug, den die Leute
von Wiblingen haben, da nmlich seit dem letztgenannten Tage alle
Jahreszeiten in guter Ordnung an ihnen vorbeigezogen sind, wie das in
dem Kreislauf der Dinge liegt, der sich seit den Tagen Noahs nicht
gendert hat. Die Erde hat seitdem einige Male ihre gewiesene Bahn um
die Sonne gemacht, und es liegt jetzt der Winter ber der nrdlich
gemigten Zone.

       *       *       *       *       *

Unter der Tr von seines Vaters Haus stand ein Bub von zehn Jahren. Er
hatte einen kurzen, steil aufstrebenden Haarschopf, blaurote Ohren und
ein vergngtes Gesicht. Die Hnde hatte er in den Taschen vergraben. Er
sah nicht aus, als ob er sie an diesem sicheren Zufluchtsort zu Fusten
geballt hielte.

Auf der Strae lag ein frischer Schnee, der ber Nacht gefallen war.
Am Himmel hing weies, zerrissenes Gewlk und dazwischen sah ein
krftiges, reines Blau heraus. Es fuhr ein scharfer, lustiger Wind
durch die Straen. Er wirbelte einzelne Schneeflocken in der Luft
umher, bis er ihnen gestattete, sich zu ihren Vorfahren zu versammeln
und tat sehr herrisch, weil er zugleich mit dem neuen Jahr in Wirkung
getreten war.

Dem Jungen gefiel es nicht bel bei diesem Zustand der Welt. Er lie
sich auf die Nase schneien und pfiff dazu vor sich hin. ber ihm
baumelte an einem eisernen Haken die groe, goldene Bretzel, die das
Abzeichen des Hauses war. Der Wind spielte mit ihr und sie knarrte
beim Hin- und Herschwanken wie ein ungeltes Wagenrad. Er hie Franz
Ehrensperger und sein Vater hie auch so, und vor ihm hatte dessen
Vater und Grovater auch so geheien. Und ber ihnen allen hatte die
goldene Bretzel gebaumelt und im Winde geknarrt und sie war von jeder
neuen Generation frisch vergoldet worden. Die Ehrensperger hatten es
dazu. Sie hatten von jeher ihr Brot zu backen gewut, wie es sich
gehrte und ihre Mitbrger erkannten das auch an. Es war zu erwarten,
da auch Franz der Junge in spteren Jahren die Bretzel neu vergolden
wrde; es lag gar kein Grund vor, etwas anderes anzunehmen.

Und so konnte er an diesem Neujahrsmorgen wohl mit Seelenruhe ins
Wetter schauen und, wenn ihm die erfreuliche Gegenwart nicht gengte,
auch in eine erfreuliche Zukunft blicken, die wie eine weie, saubere,
wohlgeebnete Landstrae vor ihm lag und an der es freundliche Rastorte
zur Rechten und zur Linken gab.

Es ist nicht gesagt, da er es getan habe. Der Erbe des Hauses
Ehrensperger war nicht so veranlagt, da er allzuweit in die Ferne
gesehen htte und mit neun Jahren pflegt man das auch nicht zu tun.
Jungfer Liese tat es fr ihn; und sie tat es mit Wohlgefallen, mit
innerlichem Schmunzeln. Sie stand hinter dem Ladentisch und verkaufte
die Neujahrsbretzeln und legte den honorigen Kunden noch eine
extra obendrauf zusamt dem Prosit Neujahr, das sie mit wohlwollend
zugespitztem Munde im Namen der Firma aussprach. Und lchelte breit
und sonnig, wann die Kundschaft ebenfalls ihre Glckwnsche hergab
und legte sie alle suberlich auf die Seite, einen zum andern,
nicht fr sich, behte, fr das Haus, und fr den Franz besonders.
Es war eine stattliche Anzahl von Bretzeln, die sie verkauft, und
von Glckwnschen, die sie eingeheimst hatte, Jungfer Liese konnte
schon mit Behagen um sich blicken. Drinnen in der Ladenstube sa
Franz Ehrensperger, der ltere, und hielt einen kleinen Nicker im
Grovaterstuhl. Das runde Haupt mit dem Doppelkinn ruhte auf dem
Brustlatz der weien Schrze, die Hnde waren auf dem stattlichen
Bauch gefaltet, er drehte noch halb im Traum die Daumen umeinander,
dann hrte auch diese Bewegung auf. ber ihm an der blauen Tapetenwand
hingen ein paar ldruckbilder, ein Ritter und ein Edelfrulein; sie
sahen einander mit feurigen Blicken an. Der Mann unter ihnen schlief
in Gelassenheit und Jungfer Liese sah ihm durch das Guckfenster in der
Zwischentr zu, es war ihr erbaulich zu Mute.

Sie war vor zwei Jahren ins Haus gekommen, eine arme Base des
Hausherrn, aus einem rmlichen, mageren Leben heraus, selbst ein
leibarmes Persnchen, das, wie der Herr Vetter in einer scherzhaften
Stunde sagte, wohl htte eine Gais zwischen den Hrnern kssen
knnen. Seither war ihr auer einigen Anfngen zur krperlichen
Rundung ein unbegrenzter Respekt gegen alles, was nahrhaft, wohlhabend
und stattlich aussah, angewachsen. Sie bewegte sich ehrfrchtig
zwischen den Mehlscken und Brotschrnken des Hauses und wenn sie mit
dem Inhalt der ledernen Geldtasche klimperte, so tat sie es verstohlen
und mit Furcht vor bser Hoffart.

Es stolperte etwas die Treppe vom Oberstock herunter und dann kam ein
kleiner Ehrensperger herein, der jngere Sohn des Hauses. Er hie Georg
und seine Zukunft war noch nicht so ber jeden Zweifel hinaus klar und
sichergestellt wie die seines Bruders. Es hatte noch Zeit dazu, denn
er war erst acht Jahre alt, aber das hinderte Jungfer Liese nicht, ihn
zuweilen mit einigem Mitleid zu betrachten, weil er ja doch spter
einmal ins Leben hinaus mute, Gott mochte wissen, wohin. Inzwischen
tat sie ihre Pflicht an ihm. Es wre ein anderer Grund zum Mitleid
vorhanden gewesen, da nmlich die Mutter der Kinder seit Jahren fern
von ihrer Familie in einer Anstalt lebte und kaum eine Aussicht war,
da sie je wieder einmal gesunden Geistes zu den Ihrigen zurckkehre.
Aber, sagte diese ihre Stellvertreterin, wenn die Rede drauf kam,
ein Kreuz ist ein Kreuz, der Herr Vetter mu es tragen, und er trgt
es auch, das mu man ihm lassen. Die Kinder vermissen nichts. Denn
erstens sind sie zu jung dazu, und zweitens bin ich da. Und sie
spitzte den Mund zu einem bescheidenen Lcheln und schluckte alles
Lobenswerte, das sie ber sich selbst zu sagen gehabt htte, hinunter,
doch so, da es der Beschauer wenigstens ahnen konnte. Georg wollte
durch den Laden eilfertig ins Freie entwischen. Aber seine Ziehmutter
hatte erst noch Pflichten an ihm auszuben. Halt, sagte sie und
fate ihn am Grips, an diesem heiligen Neujahrsmorgen willst du mit
Mehl am rmel und einem solchen Strobelkopf hinaus? Und in der Kche
bist du mir gewesen und hast einen Rufleck am Kinn. Und sie begann
ihn zu subern und zu brsten, und machte des Ruflecks halber ihren
Schrzenzipfel auf sehr natrliche Art feucht. Der Junge tat borstig,
wie ein Igel, aber das half nichts, er mute aushalten. So, sagte
Jungfer Liese und gab dem aufrechtstehenden Haar des Buben noch einen
Strich nach hinten, so, jetzt bist du sauber, um und um. Pa' auf,
verlier' dein Sacktuch nicht wieder, wie gestern. Und ungebetet kommst
du mir auch nicht hinaus. Das walte Gott der Vater und der Sohn und der
heilige Geist. So leg' doch die Hnde zusammen, Bub', es hat keine Art,
dazu mit den Fen zu trippeln.

Es ist betrblich zu sagen, aber Georg lief ihr unter den Hnden weg,
eh' sie noch Zeit gefunden hatte, ihre Ermahnung zu beendigen.

Drauen rief eine helle Stimme seinen Namen. Da tat er einen Ruck und
schlpfte hinaus. Jungfer Liese stand und schttelte den Kopf, und mit
ihr schttelt ihn vielleicht mancher, der es liest.

Und es ist nur zu hoffen, da wir zu einer anderen Zeit erfahren, da
noch allerlei Gutes in dieses junge Leben hereinkam, dem es nicht unter
den Hnden weglief, und da sich noch andere Hnde fanden als die
der braven Jungfer Liese, um es ihm darzureichen. Denn es war nicht
jedermanns Meinung gleich der ihrigen, da die Kinder der traurigen
Frau, deren Geist hinter schweren Riegeln sa, keinerlei Mangel an
irgend einem Gut aufzuweisen htten.

Georg, rief es noch einmal, komm schnell, sonst kommen wir zu spt
zum Luten, es mu gleich anfangen.

Natrlich, sagte Jungfer Liese hinter ihrer Ladentr, natrlich, ist
mir doch das Mdchen, die Gertrud, schon wieder auf der Gasse, und
stapft durch den Schnee wie ein Storch, in ihren roten Strmpfen. Und
Rcke bis an die Knie, und alles fliegt an ihr, das Haar am meisten.
Beht' mich. Wenn ich ihre Gromutter wr'. Es verlautete auch diesmal
nicht alles, was sie zu sagen hatte, vielleicht versagte ihr die
Phantasie, wann sie versuchte, sich an die Stelle der Frau Rektorin
Cabisius zu versetzen.




                    Drittes Kapitel


Inzwischen ging die Jugend ihrer Wege und berlie das Alter seinen
Betrachtungen.

Es fhrte eine steile, schmale Gasse gleich hinter dem Bckerhaus
in die sogenannte alte Stadt hinunter, in der die Kirche stand, ein
schmuckloses, nchternes, weigetnchtes Bauwerk, an dem nur der Turm
bemerkenswert war, der, eine viereckige, trotzige Masse, hoch, frei
und stark aufstieg und ber die nah herangebauten Huser hinwegragte,
wie ein groer Mann ber die Menge der Durchschnittsmenschen. Auf der
Hhe dieses Turmes, gleich ber den Glocken, hauste der Nacht- und
Feuerwchter Nssel, der auch zugleich Flickschneider war. Er hatte
mehr als die Hlfte seines Lebens dort oben zugebracht. Jetzt war er
ein alter Mann. Aber immer noch stieg er zweimal in der Woche seine
hundertundfnfzig Treppenstufen hinunter, um die geflickten Gewnder an
ihren Ort zu bringen und neue Schden zur Heilung mit sich hinauf zu
nehmen.

Wann er schlief, wute man nicht so recht. Die Mitbrger hrten,
sofern sie nicht im Schlafe lagen, mit Behagen sein halbstndliches,
hellbimmelndes Glockenzeichen durch die Nacht klingen und zogen sich
getrost die Decke ber die Ohren, da ja auer dem Herrn im Himmel auch
noch der alte Nssel auf dem Turm ber die Sicherheit der Stadt wachte.
Am Werktag flickte er die Lcher, die der Kampf ums Dasein in die
Gewnder ri, und auerdem besorgte er an Sonn- und Feiertagen und zu
den Betzeiten das Luten der Glocken. Er sa nie unter den Andchtigen
in der Kirche, sondern blieb in der Hhe bei den Glocken und streckte
seinen grauen Kopf durch ein Mauerloch, das eigens zu diesem Zweck
ausgehauen war, fast an der Decke des Kirchenschiffs, der Gemeinde
und dem Pfarrer entgegen. Begann der letztere dann das Vaterunser,
so verschwand, zur groen Befriedigung der Schuljugend, die hierauf
fast mehr achtete als auf das Schlugebet, der Kopf an der ffnung und
allsogleich begann das Luten.

Diesem wichtigen und interessanten Mann war der Besuch der Kinder
zugedacht, und es war nicht das erste Mal, da er denselben
entgegennahm. Er galt auch nicht ihm allein, sondern ebensowohl
der Mitbewohnerin des Turmes, deren Bekanntschaft nicht lang mehr
wird auf sich warten lassen, und deren Dasein die freundliche Flle
an lebendigen Gestalten vermehrte, die das Jugendbilderbuch der
Kleinstadtkinder aufzuweisen pflegt. Gehst du mit, Franz? fragte
Gertrud und pflanzte sich vor dem greren Nachbarssohn auf. Dann
komm, aber schnell. Franz bejahte, um aber schon an der Ecke wieder
umzukehren, da ihm, wie er sagte, von Jungfer Liese ein Apfelkrapfen
auf die Ofenplatte gelegt sei und derselbe sicherlich jetzt im
richtigen Wrmezustand sich befinde.

Georg strebte mit langen Schritten voran; er hrte mit Wohlgefallen
das leise Knirschen des leichtgefrorenen Schnees und sah die
scharfumrissenen Abdrcke seiner genagelten Schuhe in der reinen weien
Decke; auch trieb ihn die Furcht, zu spt zu dem erwnschten Genu
des Lutens zu kommen, zur Eile. So blieb Gertrud, die sich mit Franz
aufgehalten hatte, einen Augenblick zurck, und ihr Spielkamerad sah
sich erst mahnend nach ihr um, als sich, aus einem Haus der engen Gasse
kommend, ein drittes Kind zu ihr gesellte. Es war ein zierliches,
feingebautes Mdchen mit rtlichblondem Haar, das in Locken unter
einem hellgrnen Samtmtzchen hervorquoll. Auf dem Kragen des weiten
und etwas eigenartig zugeschnittenen Mntelchens lag ein Machwerk von
gelblichen Spitzen. Die ganze Erscheinung machte nicht den gewhnlichen
Eindruck, den die Brgerskinder, auch die bessersituierten, in einem
kleinen Stdtchen zu machen pflegen.

Das Kind gehrte der Putzmacherin Maute, einer, wie sie selbst von
sich sagte, unglcklichen, verlassenen, aber nicht herabgekommenen
Frau, die nur zu gutmtig und zu ideal fr diese Welt sei. Man war
gewhnt, es in einem etwas ungewhnlichen Aufputz zu sehen. Und die
Leute verziehen die Abweichung von dem allgemeinen Geschmack, da ja
die Frau ohnehin weder zu den Vornehmen, noch zu den Geringen so recht
gehrte, und da sie mit praktischem Sinn einsahen, da in einer solchen
Hantierung, wie die Putzmacherei, doch immer Reste brig blieben, die
dann das Kind vollends auftrage. Es hie Lore und war, obgleich im
gleichen Alter wie Gertrud, viel kleiner, zarter und zierlicher als
diese.

Komm mit, Lore, sagte Gertrud, die eine besondere Vorliebe fr alles
Feine, Zarte und Schwache hatte und die die Affenlore schon fters
mit Mut gegen die Angriffe der Schulkinder verteidigt hatte. Darfst
du mit auf den Turm? Erlaubt's deine Mutter? Lore nickte glcklich.
Sie war so viel allein und mute sich so oft anders fhlen als die
andern, da sie es als Glck empfand, wenn gute Brgerskinder sie
als eins der ihrigen an sich zogen. Die Frau Putzmacherin nickte mit
etwas struppigem Kopf aus dem Fenster, als die Kinder abzogen; Georg
blieb stehen und sagte bockig und mit offener Geringschtzung: Die
soll mit? Die hat ja doch Angst vor den steilen Treppen und dann erst
noch vor den Glocken. Er hatte noch keinen offenen Sinn fr die
Anmut und schtzte Gre und Kraft mehr als Zierlichkeit. Aber die
Kleine wute sich einzukaufen. Sie zog ein schwarz und wei geflecktes
Kaninchenschwnzchen aus der Manteltasche. Da, willst du das? fragte
sie. Es ist ein Tintenwischer. Ich habe gar keine Angst, die Gertrud
hlt mich schon. Da nahm der Junge das Schwnzchen und dann gingen sie
mitsammen durch den Schnee. Guck einmal, sagte Gertrud, meine Fe
sind grad so gro wie die deinen. Sie setzte vergngt ihre breiten,
krftigen Stiefelabdrcke neben die ihres Freundes und verhie ihm,
der es sich auch von ihr gefallen lie, da sie immer mit ihm Schritt
halten wrde und ebenso gro, krftig und gescheit zu werden gedenke;
oder auch noch ein bichen mehr, setzte sie hinzu, zog aber das
letztere willig zurck, als Georg aufzubegehren drohte. Im Grunde war
es ihr nur um die keckliche und ungeminderte Kameradschaft zu tun,
nicht um den Wettbewerb. Whrend nun die beiden in gleichem Schritt und
Tritt krftig auszogen, trippelte Lore in ihren Futapfen hintendrein,
flink und leicht und immer noch einen eigenen, kleinen Fuabdruck in
den groen der Vorgnger hineinsetzend und kam so fast mit ihnen und
ohne Schaden ihres zierlichen Schuhwerks am Fu des Turmes an.

Das ist nun wieder so eine Neujahrsbetrachtung. Meister Nssel
setzte die Hornbrille mit den runden Glsern auf und sah zu, wie eins
ums andere von den blhenden Kindergesichtern aus dem dunklen, engen
Treppenhaus auftauchte und ans Licht des Glockenbodens kam. Und dann
wnschten sie ihm ein gutes Neujahr und er nickte ernsthaft und sagte:
Das ist wie eine Neujahrsbetrachtung, sag' ich. Da kommet ihr so
herauf zu mir und stehet da, breit und keck, und seid schon ein Stck
ins Leben hineingewachsen und kaum war's doch, da ihr hereingekommen
seid, in die Welt, mein' ich, nackt und blo, wie der Psalmiste sagt.
Und vordem sind eure Vter da heraufgestiegen und haben mir am Luten
geholfen, und sind nun schon dahingegangen. Heit das, deiner nicht,
Georg, aber heraufsteigen tut er auch nicht mehr, er ist zu dick dazu.
Und deine Mutter sitzt im Dunkeln und mu in Geduld warten, bis ihr
Gott wieder das Licht ansteckt, und war ein schnes Mdchen zu ihrer
Zeit und mein Sohn htte sie gern gefreit, aber sie hat ihn nicht
genommen. Und so gehen denn die Jahre dahin und man wei nicht, was
noch kommt und ist das Beste, da unser Herrgott noch immer auf seinem
Stuhle sitzt, und wollen wir denn in Gottes Namen ans Luten gehen, und
er walte das zu Anfang, Mittel und Ende. Damit nahm er die Brille
ab und steckte sie in die Tasche, und seinen jungen Gsten, ob sie
ihn gleichwohl nur halb verstanden hatten, war es zu Mute, als ob sie
durch die Dachluken hindurch den lieben Gott auf seinem Stuhle sitzen
shen und wie er nun das Zeichen zum Beginn des Lutens gbe. Sie
faten mit zager Hand nach dem Strick der beiden kleinen Glocken, inde
Meister Nssel die groe anzog. Lore drckte sich in die entfernteste
Ecke an die Wand. Und dann war es nicht anders, als ob hier oben die
Brunnenstube des Zeitstroms sei, und die Wellen kmen aus innerem Trieb
zu Tage und strmten ber und zu den Schalllchern hinaus und wrden
ein Meer und fllten die ganze Welt, und berall mte man sie rauschen
hren, hier oben am lautesten und fernhin leiser und leiser und bis in
den Himmel hinein. Und dann schwiegen sie; leise klang noch einmal ein
Ton auf, noch einer, dann verzitterte nur noch der Nachhall in der Luft.

So und nun geht in die Stube hinauf zur Judith und wrmt euch.
Meister Nssel klappte sein Ldchen an der Mauerluke auf und setzte
sich in Positur. Drunten in der Kirche begann die Orgel zu tnen,
es flogen einzelne Laute von ihr bis hierher, und dann schwoll der
Gemeindegesang, der die Kirche fllte, ber, und bis in die Stille hier
herauf. Den Kindern war es, als ob er aus einem fernen, unsichtbaren
Lande komme, demselben, in das sie vorhin zu sehen meinten, und ihre
jungen Seelen regten sich und schwangen leise mit und versuchten,
aufzuflattern, als ob sie irgendwo zu Hause wren, nicht hier. Aber sie
wuten nicht, wo.

Und dann schlichen sie auf den Zehenspitzen die Treppe hinauf und als
Lore einen ungeschickten Tritt auf einen astigen Knorren tat, der
mitten auf einer ausgetretenen Stufe hervorsah, denn die Treppe war ihr
noch ungewohnt, und es polterte etwas, da gab ihr Georg einen Schubs
und sagte leise und eindringlich: Du Trampelliese. Und das Wort war
nicht aus einem streitschtigen Bubenherzen, sondern aus dem Bedrfnis
heraus geboren, da die Feierlichkeit des eben vergangenen Augenblicks
ungestrt nachhallen knne, und mangelte nur der Feinheit. Die konnte
er sich aber noch erwerben.

       *       *       *       *       *

Da seid ihr denn nun, sagte Frau Judith und ffnete ihre Stubentr,
da das helle Licht des Wintertags in breitem Strom aus der lichten
Stube auf die dunkle Treppe flo. Da seid ihr denn wieder einmal
heraufgekrabbelt, und wit ihr auch, wie lang es her ist, seit ihr das
letzte Mal hier oben waret? Ganze sechs Wochen ist es her und seither
war so viel zu sehen von meinen Fenstern aus, und das ist nun alles
vorbei und kommt nicht mehr. Nun mgt ihr hinaussehen, so viel ihr
wollt, es ist nur Schnee zu sehen, sonst nichts. Ach, gar, sagte
Gertrud und lachte ein bichen unsicher, la mal sehen, Frau Judith,
es mu doch sonst noch was da sein, und sie zog ihren Kameraden, der
mit groen, erschrockenen Augen dastand, mit ans Fenster. Siehst du,
du muts ihr auch nicht immer gleich glauben, Georg, rief sie in
ausbrechendem Jubel, da sind alle Huser und Gassen und der Himmel,
und die Raben auf den Bumen! O, o, Frau Judith, der Grovater sagt's
auch immer, da man dir nicht alles glauben soll. Und jetzt sagst du
gleich, was alles noch zu sehen war, so lang wir nicht hier waren.
Komm, Lore, setz' dich nur hier auf den Schemel und nimm deine Mtze
herunter, denn jetzt erzhlt Frau Judith so lang fort, da mans gar
nicht sagen kann.

So meinst du? Frau Judith stand an der Krcke in der Mitte der
Stube und ihr breites Gesicht glnzte vor unsglichem Vergngen. Sie
versuchte vergeblich, zu tun, als ob sie heut nichts wte; Georg sah
so flehentlich drein und nahm die kleinste Weigerung so ernst, da ihr
das Herz zerschmolz. Und Gertrud pflanzte sich kriegerisch vor ihr auf
und ihr ehrliches, rundes Kindergesicht flammte. So, nun setz' dich
einmal in deinen Stuhl und fang' an, sagte sie. Du kannst sagen, von
was du willst, es wird doch eine Geschichte draus. Und mein Grovater
kommt auch nchstens, das hat er noch extra heut morgen gesagt, und
dann will er mit dir eine Reise machen, ins Jugendland, hat er gesagt
und du wissest schon, wo es liege. Aber das ist ja auch blo Spa, du
kannst ja gar nicht verreisen. So, jetzt fang an.

Lore sa ganz still. Die beiden andern waren hier so zu Hause, das
konnte sie wohl sehen, sie aber fhlte sich fremd und scheu in ihrem
Putz und ihrer ganzen Art. Die Mutter hatte sie heut frh vor den
Spiegel gestellt. Herzig siehst du aus, hatte sie gesagt, und noch
anderes. Von der Zukunft, und da Schnheit ein Reichtum sei. Jetzt
htte sie gern den Staatsmantel ausgezogen, wenn nicht darunter ein
zerrissenes Werktagskleidchen gewesen wre.

Da strich ihr pltzlich eine groe, weiche Hand sacht und leise ber
das Haar. Sie duckte sich wie ein Vgelchen unter der ungewohnten
Berhrung. Ich kenn' dich schon, du Kleines, sagte Frau Judith. Bist
noch nie bei mir gewesen, gelt. Aber ich kenn' dich doch. Ich tu' dir
nichts, mut dich nicht so ducken. Und Georg und Gertrud nickten ihr
zu: Sie tut dir nichts, natrlich nicht; mut dich nicht so ducken,
sagten ihre Gesichter. Da fing sie pltzlich an zu lachen, und lachte
und lachte, und hielt sich die Hnde vors Gesicht und die Locken fielen
ihr drber her. Und kein Mensch wute, warum sie lachte, und sie
fragten und fragten, und lachten endlich mit und wuten auch nicht,
warum, und als Frau Judith ihr die Hnde vom Gesicht zog, da waren sie
na, ber und ber.

Beht uns, sagte Frau Judith leise, und dann fing sie an, zu
erzhlen, was sie von ihrem Fenster aus gesehen habe all' die Zeit
daher.

Sie kam nie mehr hinunter, seit sie ein hlzernes Bein und eine Krcke
hatte, das war schon 10 Jahre her. Meister Nssel war ihr Bruder. Er
hatte sie sich da herauf geholt, nachdem man ihr im Krankenhaus das
Bein abgenommen hatte. Und das ist ein solches Stck Arbeit gewesen,
sagte sie und meinte nicht ihr Unglck, sondern die Reise auf den Turm,
da ich nun hier oben bleibe, bis mich einmal die schwarzen Mnner
holen. Es sei denn, fgte sie hinzu, der Turm falle vorher ein, was
aber nicht wahrscheinlich ist. Da kme ich dann freilich schneller
hinunter als ein Vogel fliegt. Sie war in diesen Jahren und bei der
sitzenden Lebensweise ungeheuer in die Dicke und Breite gegangen und es
war ein gruselig machender Genu, sich auszudenken, wie das alles vor
sich ging. Es war alles, wie im Mrchen; man konnte nie wissen, was mit
Frau Judith geschah und mit dem Meister Nssel und mit dem ganzen Turm.
Unten auf ebener Erde, da ging alles seinen nchternen Gang. Aber hier
oben, es war nicht auszusagen, was man hier oben alles erleben konnte.
Ja, sagte Frau Judith, und darum mchte ich auch nicht fr Geld und
einen neuen Fu wieder in die Unruhe da hinunter, wo man nicht weiter
sieht, als bis an die nchste Mauer. Wenn man nun zehn Jahre hinter
einander hat am heiligen Abend die Christbume im Himmel brennen sehen.
Ja, im Himmel, und das ist sicher, denn von hier aus sieht man mitten
hinein, wenn man rechte Augen hat und die Zeit nicht verpat, wo er
offen ist.

Daran war nicht zu zweifeln. Und wenn auch Gertrud hie und da den
klugen Kopf schttelte, im Grunde glaubte sie es doch. Um es recht zu
sagen: es war wie im Mrchen vom unsichtbaren Knigreich. Die Knigin
ging an Krcken und kochte mhselig in irdenen Tpfen im Ofen, und der
Knig war ein zusammengesessenes Mnnlein und flickte den Leuten die
Hosen. Und die meisten Leute wuten nicht, da sie ein Land hatten und
ein Reich. Aber das tat nichts zur Sache. Das konnten die Leute halten,
wie sie wollten. Man konnte daran nur sehen, da sie nicht desselben
Landes waren. Die beiden wuten es selber und das war die Hauptsache.
Der Rektor Cabisius wute es auch, und seine Frau, und der alte
Korbmacher Hollermann. Und die Kinder, die fast am besten, obgleich sie
keinen Namen dafr hatten.

Da sa denn die Frau Judith Tag fr Tag an ihrem Fenster und nhte.
Und dann kam die Sonne herauf und lachte, bers ganze Gesicht, zu ihr
herein, und dasselbe tat Frau Judith, zu ihr hinaus. Und die Spatzen
kamen, die ihr Nest an der Dachrinne hatten, und die Schwalben strichen
hin und her und schwatzten von ihren Erlebnissen, und im Winter, wenn
sie fort waren, hockten doch die Raben flgelschlagend auf dem Dach
und holten sich mit Geschrei die Brocken, die ihnen Frau Judith zuwarf.
Zuweilen kam eine groe, schwarze Katze und guckte mit blanken, grnen
Augen ins Fenster und machte einen Buckel und stellte den Schwanz in
die Hhe. Und alle diese Geschpfe wuten so viel zu erzhlen, von
den Leuten im Stdtlein unten weniger, aber sonst eine ganze Menge
wunderbarer Sachen, und das taten sie sonst niemanden, als nur der
Frau Judith und etwa, der Verwandtschaft halber, ihrem Bruder; und
daran konnte man es mit Pelzhandschuhen greifen, wie der Rektor
Cabisius sagte, da etwas Besonderes an ihnen sei. Am Abend war es
noch viel wunderbarer. Da kam der Mond und fllte die Stube bis in den
letzten Winkel mit seinem Licht, und, sagte Frau Judith, wenn wir
noch eine zweite htten, dann bekmen wir die auch noch voll, aber wir
haben nur die eine, und das ist gerade gut, denn dann haben wir alles
nher beieinander. (Es war fast alles gerade gut, und das sei das
kniglichste an der Frau Judith, sagte ihr alter Freund, der Rektor,
und da er sie so genau kannte, so mute er es ja auch wissen.)

Da glnzte dann die ganze Gegend in einem silbernen Schimmer, das ganze
Tal war wie ein leise wallendes Meer von geheimnisvollen, verhaltenen
Lichtfluten; das Stdtlein und die Wiesen und Berge und Wlder, alles
ruhte auf dem klaren Grund und die Flut ging hoch darber hin. Und da
ist es denn, als sollte man mitschwimmen, sagte Frau Judith zu den
Kindern, zum Fenster hinaus und ganz weich und sachte durch die Luft,
nicht fliegen, schwimmen. Aber seht ihr, ich bin zu schwer dazu, das
ist der einzige Grund, warum ich's nicht tue. Aber das kommt noch.
Und die Kinder horchten, mit groen Augen sahen sie in Frau Judiths
Gesicht. Ja, die war freilich anders, als andere Leute. Man konnte nie
wissen, was mit ihr noch geschehe. Sie wuten auch wohl, da oben, ganz
weit oben ber den Wolken der liebe Gott sitze und, Meister Nssel
hatte es gesagt, direkt durch die Fenster hier in die Stube sehe, da
man sich denn freilich wohl in acht nehmen msse, da alles mit Ehren
zugehe, weil man ihm ja doch nicht unter die Augen treten mchte mit
irgend einer zweifelhaften Sache.

Ob denn, fragte Georg einmal, der liebe Gott auch in die Taschen sehe?
Es war ihm nicht recht behaglich dabei, das konnte man ihm ansehen.
Natrlich, sagte Meister Nssel, in die Taschen, und durch und
durch. Da drckte sich der Bub so an der Wand hin und suchte mit guter
Manier zur Tr hinaus zu kommen, und polterte die Treppen hinunter, da
er sich fast berschlagen htte. Unten aber auf dem Kirchplatz gab er
Kindern und Hunden ein Fest mit zerdrckten, verkrmmelten Eierwecken,
die er sich aus der Backstube gemaust hatte und die ihm pltzlich die
Taschen verbrennen wollten. Es war ihm noch nicht so ganz wohl dabei,
er htte sie am liebsten wieder nach Haus getragen. Aber wer konnte sie
so noch gebrauchen? Auch war niemand da, bei dem man eine Lossprechung
von dem unbehaglichen Gefhl erhoffen konnte, das sich da auf einmal
eingestellt hatte. Da mute es denn auch so gehen. Er kehrte die
Taschen um, da der liebe Gott so recht deutlich sehen konnte, es sei
nichts unrechtes mehr darin, und dann lie er sie frhlich heraushngen
und erstieg neuerdings die Hhe mit verhltnismig gereinigtem
Gewissen.

Meister Nssel schien nichts gemerkt zu haben. Er sa auf seinem Tisch
und flickte einen Arbeitskittel, und als das geschehen war, putzte
er noch die Flecken heraus, mit Wasser und grner Seife, und bgelte
die Runzeln glatt, und es war nichts zu verbergen, in der ganzen Stube
nicht. Und das war eine so frhliche Sache, da man den lieben Gott
wohl einladen konnte, zuzusehen. Meister Nssel aber blinzelte zu Frau
Judith hinber, und sie zu ihm. Und er nahm die Brille ab, deren er nur
in der Nhe bedurfte, und sah mit hellen Augen ber sein Knigreich
hin. Das reichte, so weit man sehen konnte, und noch weiter, und die
Beiden nahmen es niemanden weg und niemand hatte einen Schaden davon.
Denn es war ihnen alles zu eigen, weil sie sich an allem zu erfreuen
vermochten. Und sie flleten die Erde und machten sie sich untertan
mit ihren stillen und frhlichen Gedanken; und alle guten Geister
halfen ihnen dazu.




                    Viertes Kapitel


Es saen drei alte Mnner beisammen auf dem Kanapee. Es war ein
breites, gerumiges, altes Kanapee, ohne Sprungfedern und schwellende
Polster, hart und zusammengesessen, und es hatte einen rot und blau
gewrfelten berzug. Die drei Mnner hatten bequem Platz darauf; es tat
ihnen auch in ihrem Behagen keinen Eintrag, da sie mit den Ellenbogen
zusammenstieen, wann einer sich rhrte, um seine Pfeife frisch zu
fllen. Sie waren alle drei Wiblinger Stadtkinder, der Rektor Cabisius,
der Korbmacher Hollermann und der Meister Nssel. Einst waren sie
miteinander auf einer Schulbank gesessen und hatten miteinander in den
Freistunden ihre berschssige Kraft vertobt. Dann waren sie ihrer Wege
gegangen, ein jeder den seinigen, und hatten nichts mehr von einander
gewut. Und nun waren sie alte Mnner und saen eng beisammen, und
waren hier zusammengekommen, um eine Reise in ihr Jugendland zu machen.

Auf dem Tisch stand Frau Judiths braune Kaffeekanne, und Frau Judith
hantierte am Ofen mit den Tpfen und bereitete den Trank. Sie konnte
gut mitreden, denn sie war einst als wildes Mdchen mit den drei Jungen
ber die Hecken gestiegen, und sie war, wie sie selbst sagte, jetzt
noch jnger, als sie alle drei zusammen.

Die Frau Rektorin sa im Lehnstuhl und klapperte mit ihren
Stricknadeln, als ob es ums Geld geschhe. Sie hatte einen kleinen
rger zu verstricken. Denn erstens war sie kein Wiblinger Stadtkind und
konnte darum die Reise nicht so recht mitmachen. Und zweitens versprte
sie einen unangenehmen Kitzel in der Nase, weil sich ihr Gemahl mitten
zwischen die zwei alten Schulkameraden gesetzt hatte, und weil er nun
soeben sagte: Aber natrlich dutzen wir uns. Das wre noch schner.
Wie, ich soll wohl Herr Hollermann sagen? Denn der alte Korbmacher war
die ganze Zeit bisher in der Fremde gewesen und war nun vor kurzem in
seine Heimat zurckgekehrt, ohne Frau und Kinder und ohne viel Habe,
und wohnte in einem Huschen ganz drauen an der alten Synagoge, die
auf freiem Felde stand, und schien der Frau Rektorin ganz und gar kein
Mann zu sein, mit dem sich ihr Gatte zu dutzen brauche.

Er war ihm einerlei, das wute sie wohl, was die andern Herren des
Stdtchens zu dem Verkehr sagen wrden, er war darum doch berall
beliebt. Aber das schlo nicht aus, da es #ihr# nicht einerlei war.
Sie hatte sonst gute Augen, die wohl geeignet waren, durch abgetragene
Kleider und kmmerliche Gesichter und Gestalten hindurch zu sehen und
sich die Seele eines Menschen anzuschauen und zu fragen: Was bist du
fr ein Mensch? Ich meine, du selbst, dein eigentlichstes Ich. Bist du
ein froher Mensch, ein wackerer, ehrlicher, tapferer? Oder schleppst du
dich mit dem Leben? Und warum?

Aber heute abend waren sie nicht so hell wie sonst. Sie war eine
Dekanstochter, ihr Grovater war Oberamtsrichter gewesen. Das stieg ihr
noch hie und da nackensteifend auf. Und nun sa ihr Mann hier auf dem
alten Kanapee und tat, als ob er sein Leben lang als Handwerksbursche
durch die Welt gezogen wre. Er war ja doch auf Schulen gewesen. Er
war ja doch akademisch gebildet und war Rektor der Lateinschule. Und
nun sagte er eben: Ach, Hollermann, weit du noch, wie wir zu deinem
Grovater auf die Weide gingen? Weit du noch, wie sein schwarzer
Schferhund nach der Flte tanzte, immer rundum, hinter seinem eigenen
Schwanz drein?

Sie war noch nicht recht reif fr die Jugenderinnerungen. Sie hatte
heie Backen. Warum war sie auch mitgegangen? Was hatte sie keuchen
mssen die engen Wendeltreppen herauf. Aber ihr Gatte hatte es gewollt.
Du wirst deine helle Freude haben, Anne, hatte er gesagt. Es wird
sein wie eine _laterna magica_, immer ein Bild nach dem andern. Wie
ein leibhaftiges Stck Jugend wird es sein. Er war ein groes Kind.
Er sah es gar nicht ein, da er denn doch etwas anderes geworden sei,
als der Flickschneider und der Korbmacher. Warum hatten sie sich nicht
auch geregt? Warum waren sie nicht auch so klug? Was, dachte die
Frau Rektorin, nun soll ich wohl einen Kranz mit ihnen halten, immer
reihum, bei uns, und auf dem Turm, und in der Villa Hollermann, dem
windschiefen Lehmhuschen? Das knnte eines Tags mit uns umfallen und
dann hiee es in der Stadt, da wir ganz ordnungsgem mit unseren
besten Freunden zusammen unter den Trmmern liegen.

Die Phantasie der Frau Rektorin war im besten Zug, ins Kraut zu
schieen und ganz ppige Blten zu treiben. Die Stricknadeln klapperten
dazu. Man kann die Menschenfreundlichkeit auch zu weit treiben, eine
Nadel; wenn das mein Grovater wte, die zweite; aber so ist mein
Mann, immer ist er so, die dritte. Da fhlte die Frau Rektorin eine
leichte Berhrung am Arm. Sie kannte sie. Das war ihr Mann, der sie
ber den Tisch herber mit der Mundspitze seines Pfeifenrohrs antippte,
ganz leicht und leise. Und als sie aufsah, mit einem hellen, raschen
Blick, da lagen seine Augen auf ihr; sein ganzes Gesicht fragte in das
ihrige hinein und gab zugleich die Antwort, lchelnd und warm, und ein
bichen belustigt. Ja, was ist denn, Anne? Was denkst du dir denn fr
krause Sachen zusammen, Weib? Bist doch sonst so klug. Ein bichen
Kastengeist, was? So, jetzt komm, jetzt la das; jetzt pa einmal auf,
was das fr Leute sind, du hast ja selber deine Freude dran. Alle
guten Geister, Anne. So, so. Er nickte ihr noch ein paarmal zu, kaum
merklich, die andern sahen von dem allem nichts. Aber es war, als ob
man einem Kind beschwichtigend auf den Rcken klopft, ganz sachte und
gelind. Da gltteten sich die Wogen. Da fiel es ihr wieder ein, wie er
sie gelehrt hatte, durch sich selbst, durch sein eigenes, ehrliches,
aufgeschlossenes Wesen, all' die Jahre daher, seit sie seine Frau
war, an das unsichtbare Knigreich der schlichten, frohen, kindlichen
Menschen zu glauben und sie sich unter allen Hllen herauszusuchen,
und sie als Landsleute der besten Art zu begren. Und sie war froh,
da nur er ihre Gedanken gelesen hatte, und nickte ihm auch zu und
schttelte sich ein wenig, als wolle sie etwas los werden. Und dann
legte sie den Strickstrumpf in den Scho und die Hnde behaglich
bereinander und hrte zu, wie die Bilder der Vergangenheit lebendig
wurden und ins Reden kamen.

Sie tat einen suchenden Blick nach dem alten Korbmacher hin. Der hatte
ein braunes, hageres Gesicht und hngte die Schultern etwas nach vorn,
und ber den Augen liefen die dichten, struppigen Brauen zusammen. Die
Augen selbst und der Mund aber waren weich, fast kindlich, als wren
sie nicht auf einer beschwerlichen, weiten Lebensreise gewesen. Der
mu wohl fromm sein, dachte die Frau Rektorin, so auf eine stille, in
sich gekehrte Art. Der mu wohl nicht viel wissen von den Dingen rings
um ihn her. Der hat sich da innen irgend etwas aufgebaut, das wird man
ja noch erfahren, was.

Und sie war schon geneigter, ihm zu verzeihen, da er's im Leben nicht
weiter gebracht habe.

Ja, sagte er jetzt eben, ich habe oft an ihn gedacht, drauen herum,
an meinen Grovater, meine ich, den alten Schfer Hollermann. Meinen
Vater hab' ich nie gekannt und meine Mutter war so still und gedrckt,
wie meine Gromutter laut, stark und entschlossen. Da sagte er, als
ich noch ein kleiner Knirps war, oft zu mir: Komm, Bub, geh' mit mir
hinaus, das ist nichts fr uns zwei. Geh' mit mir auf die Weide. Da
sa ich denn unter einem Weidenbusch und ringsum war die Welt ganz
rund um mich her, ich sa ganz in der Mitte. Die Schafe grasten auf
den Brachckern, die Staren saen ihnen auf den Rcken, und flogen
ab und zu, und mein Grovater stand und lehnte sich auf seinen Stock
und sah still um sich. Es mu im Frhling gewesen sein. Er sagte nie
viel. Aber wenn er auf der Flte blies, dann verstanden wirs Beide, der
Schferhund und ich. So war es uns auch zu Mut, gerade so. Das kann man
nicht sagen. Ich habe die Flte berkommen, ich habe sie noch.

Er schwieg wieder und sah still vor sich hin. Da kam Frau Judith
in den Kreis. Jetzt das von dem Stock, sagte sie, das war das
Geheimnisvollste, was man sich denken kann, das ist ein Mrchen.

Ja, sagte er, das ist es auch, warum ich so viel an ihn dachte in
der Welt drauen. Wenn die Leute so alles wuten, und sich stritten um
das Wahre, und dabei so unruhig wurden und arm. Dann dachte ich an den
Stock.

Mein Grovater war so, was man einen unwissenden Menschen nennt. Er
konnte weder lesen, noch schreiben, und auswendig gelernt hat er nur
einen einzigen Vers aus dem Lied: Wer wei, wie nahe mir mein Ende.
Das verdro die Gromutter und sie hielt ihm hundert Mal vor, da sie
ihn eigentlich lieber nicht htte nehmen sollen, wenn er, sagte sie,
nicht sonst solch ein guter Kerl wre, und da er eigentlich auch
gar kein rechter Christ sei. Auch sagte sie des fteren, da sie ber
seine Zukunft in jenem Leben ihre starken Zweifel habe, da er ja nicht
einmal den Katechismus knne, und da sie sich jedenfalls werde einen
anderen Platz aussuchen mssen. Dazu lchelte er aber nur vor sich hin
und sah so nach seinem eisenbeschlagenen Schferstock hin, der in der
Ecke stand, als ob der es besser wisse. Und das war auch so, denn der
Grovater legte ihn jeden Morgen quer vor sich hin auf die Erde, wenn
er drauen war bei den Schafen. Und dann legte er die Hnde zusammen
und sprang darber, ein, zwei, dreimal. Er sagte nichts dazu, ich habs
oft genug gesehen. Aber sein Gesicht war feierlich und festlich dabei.
Ich glaube doch, da er den Schferstock vor unsern Herrgott hingelegt
hat und nachher wieder in Gottes Namen aufgehoben.

Das ist so mit mir gegangen, und da er dabei frhlich war und lieb
und ohne Streit. Und ich htte manchmal sagen mgen, wenn sich einer
abmhte mit Grbeln und Sorgen und dabei das Licht in seinen Augen
erlosch: Leg' deinen Stock hin und spring' in Gottes Namen drber.

Da waren sie eine Weile still und stieen groe Rauchwolken aus
und sahen, ein jeder, in ihre vergangenen Wege hinein und die noch
kommenden derer, die sie lieb hatten, und waren eine Gemeinde
untereinander. Frau Judith nickte stark und frhlich mit dem Kopf.
Das war so ihre Art, wenn ihr innerlich etwas Frohes aufging. Und die
Frau Rektorin schluckte tapfer den Antrieb hinunter, den sie einen
Augenblick lang hatte, zu sagen, da der alte Schfer doch wohl ein
halber Heide gewesen sein mchte, wenn auch vielleicht ein frommer.

Ihr Tchterlein fiel ihr ein, das sie einst mit sechs Jahren in den
Sarg gelegt hatte, unter lauter Blumen. Und ihr Gatte, wie der damals
sagte: Besseres kann keinem widerfahren, als nach einem Kinderleben zu
sterben als ein Kind.

Und es wurde ihr warm ums Herz; da schwieg sie.

       *       *       *       *       *

Sie hatten sich viel zu erzhlen aus den langen Jahren ihrer
Lebenswanderung. Sie blieben nicht an den Kindertagen stehen. Das
hatten sie gern gewollt. Aber das Leben trat vor sie hin und sagte:
und dann, und dann. Da kamen sie ber die Grenzen der Jugend hinaus,
und sprachen von Lehr- und Wanderjahren, von Hochzeit, Geburt und
Tod. Meister Nssel hatte sein Weib verloren, und Frau Judith ihren
Mann, und der Rektor Cabisius seine Kinder, und der Korbmacher hatte
weder das eine noch das andere jemals besessen. Da kamen sie in ihrer
Rede nach und nach darauf, da der Mensch in das Leben hereingeboren
werde als ein junger Baum, den man ins Land pflanzt, und der des
Sonnenscheins bedarf und der Strme und all' des Wechsels von
Trockenheit und Erdfeuchte, Frost und Hitze, um daran stark zu werden
und fruchtbar und eigenstndig, und, sagte der Rektor Cabisius,
seine Wurzeln tief und fest in den Grund zu versenken, den keiner
sieht und jeder bedarf. Aber sie machten nicht viele und kluge Worte
darber, denn sie waren einfache Leute, und was das Leben sie gelehrt
hatte, das war mehr in die Tiefe gegangen, als in die Breite.

Nur die Frau Rektorin sagte, aus ihrem wallenden Gromutterherzen
heraus: Aber den Kindern mchte man doch manches Harte ersparen. Wenn
ich an Gertrud denke, und da das Leben sie so rtteln sollte. Ich mag
nicht daran denken. Sie ist so zur Freude geschaffen. Darum wird sie
auch zur Freude gelangen, das ist sicher, sagte ihr Mann herzlich
und bot ihr ber den Tisch herber die Hand, und die andern sahen mit
stillen Augen zu.




                    Fnftes Kapitel


So hatte Georgs und Gertruds Freundschaft angefangen; das lag ein paar
Jahre zurck.

Es war ein Drehorgelmann durchs Stdtchen gezogen, ein alter Invalid
mit einem lustig zwinkernden Gesicht und einem groen, roten
Schnauzbart. Der rechte rmel hing ihm schlaff herunter, die Orgel
trug er an einem Riemen, der ber die Achsel ging; mit der linken Hand
drehte er die Kurbel herum, da kamen die Lieder aus dem Kasten heraus,
eins ums andere. Es waren deren vier. Ein Choral; da horchten die alten
Leute auf und die ganz einfachen, frommen Gemter. Sie unterbrachen
ihre Hantierung, legten den schrillen, gellenden Tnen den Text unter,
den sie aus dem Gesangbuch kannten und nickten beifllig. Und die alten
Weiblein, die unter den knospenden Akazienbumen des Marktplatzes ihre
Enkel hteten, summten mit, und suchten in der Rocktasche nach einem
Stck Kupfergeld. Dann ein Marschlied, wie es die Soldaten singen,
wann sie heimziehen vom Exerzierplatz. Da hrten die Gesellen in den
Werksttten auf zu hmmern, und den Mgden, die am Spltrog standen
oder die Strae kehrten, schwellte sich die Brust. Denn mit dem Lied
zogen ganze Regimenter an ihnen vorbei, junge, starke Burschen, so
recht aus dem Vollen. Der Oberlehrer Hlzle in der Knabenvolksschule
ging von Fenster zu Fenster und schlo alle Flgel. Denn nun schallte
das dritte Lied herauf: Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs
Pferd. Und in der Schule wollte mit einem Mal alles jung werden.
Was Geographie von Hindostan! Was Stromgebiet des Ganges! Ins Feld,
in die Freiheit gezogen. Die Buben rutschten hin und her und hatten
nicht bel Lust, auszubrechen. Es war auch solch eine starke, frische
Frhlingsluft drauen. Darum schlo Herr Hlzle die Fenster. Denn er
dachte, da fern von der Versuchung, fern von der bertretung sei. Und
dann fuhr er fort, von der Hhe des Himalaja zu sprechen. Gegenber war
die Lateinschule. Da bog sich ein grauer Kopf aus dem Fenster und ein
heiteres Gesicht sah auf den Markt hinunter, wo der alte Kriegsmann
seine Orgel drehte und ein immer feurigeres Tempo anschlug. Denn
er war jetzt von einer ganzen Schar umgeben. Aus allen Husern und
Hfen und Nebengchen quoll es von Kindern, solchen, die noch in dem
glcklichen, freien Alter standen. Sie drngten sich um ihn und als er
weiter ging, die Hauptstrae entlang, schwrmten sie mit, stolpernd und
keuchend vor Eifer, ihm ganz nah zu sein, und traten einander auf die
Schuhbnder, bis einige fielen, und die Mtter hintendrein rannten, um
ihre Sprlinge unter ihre Augen zurckzuholen.

Da gab die Oper Martha noch das vierte Lied her: Ach, so fromm, ach,
so traut. Das schmolz nur so hin. Und die Amtsdienersfrau Ramsler
putzte ihrem Jngsten das Nschen mit der Schrze und schneuzte
hernach sich selbst in Rhrung. Denn das Lied hatte sie einst in einem
Biergarten gehrt, in Blechmusik, damals, als sie mit ihrem Ramsler
versprochen war, und es war schn gewesen damals.

Als der Rektor Cabisius das noch mit angesehen hatte, trat er vom
Fenster zurck zu seinen Lateinern.

Er hatte vorhin seine Enkelin unter der horchenden Jugend entdeckt.
Sie war mit groen Augen in dem Schwarm gestanden, die Hnde auf dem
Rcken, und hatte den Tnen nachgesprt, wie sie so unbegreiflich aus
dem braunen Kasten kamen, eine Welle nach der andern. Da hatte er ihr
zugerufen; es war ein gutes Stck vom Hause weg: Verlauf' dich nicht,
Gertrud, hrst du? Und sie hatte, wie erwachend, zu ihm hinaufgesehen
und dann lachend den Kopf geschttelt. Verlaufen? Nein, nur noch ein
Stckchen mit dem Mann.

Da war er zufrieden gewesen. Sie war fnf Jahre alt damals, und ein
festes, stmmiges, kleines Mdchen. Sie stand so wacker unter all'
den andern. Das freute ihn. Er dachte nicht, da seine Frau unter der
Haustr stehe und mit der Hand ber den Augen Ausschau halte, bis das
Kind sein Geldstck abgegeben habe und wieder komme, um dann, als
ein nettes Kind im Garten zu spielen. Er war so sorglos. Es fiel ihm
gar nicht ein, eine Topfpflanze aus dem Kind zu machen, und es wurde
denn auch keine, obgleich die Gromutter hie und da einen Anlauf nahm,
wenigstens ein Honoratiorenkind zu erziehen.

Die Drehorgel tnte ferner und ferner. Es hatten sich nur wenige
Leute im Stdtchen ber die Musik, die sie hervorbrachte, gergert,
und diese Wenigen konnten nun aufatmen. Die andern, die sich gefreut
hatten, nahmen ihre Arbeit wieder auf, und da und dort ging einem
und dem andern noch eine der Melodien durch den Kopf. Drauen auf
einem Grasrain setzte sich der Invalide nieder und begann das Geld,
das in seiner Mtze lag, zu zhlen. Da standen noch zwei Kinder vor
ihm. Sie waren, jedes fr sich, nicht bewut miteinander, hinter ihm
hergegangen, bis er hier anhielt. Das eine war ein Bub. Er hatte ein
blasses, sommersprossiges Gesicht und ernsthafte Augen, die auf den
Orgelkasten blickten, als knnten sie etwas aus ihm herausholen. Ist
es jetzt ganz aus? Ist nichts mehr da drin?, fragte er und machte ein
sehnschtiges Gesicht. Der Invalide lachte. Hast du etwas? fragte er
zurck. Es ist schon noch etwas drin, aber nicht fr nichts. Hast du
Geld? Da scho dem Buben das Blut ins Gesicht vor hilfloser Scham.
Er wendete sich ab und suchte in seinen Taschen. Da kamen ein paar
alte Brotrinden hervor, ein Stck Bindfaden und ein Stck farbiges
Glas. Das Glas hielt er zgernd hin, ohne etwas zu sagen; vielleicht
fand es Gnade vor dem Orgelmann, wann er es sah. Der lachte noch viel
lauter. Ha, ha, lachte er, damit willst du mich wohl bezahlen? du
Knirps! ha, ha, das ist gut. Du, das kann man nicht essen, das Glas.
Da kamen dem Buben die Trnen. Er schmte sich so sehr und htte so
gerne noch etwas Musik gehrt. Ganz voll Wasser standen seine Augen;
da fuhr er sich mit dem rmel darber und schluckte und schluckte. Das
kleine Mdchen, das daneben stand, sah es. Es war auf eigene Faust
hier heraus gekommen. Aber nun war es pltzlich ganz lebendig dabei.
Warum lachst du so, Mann? fragte es zornig. Jetzt weint er, siehst
du's? Da, so nimm das Bildchen, es ist eine Rose drauf. Jetzt mach'
Musik, du mut nur da herumdrehen, ich habs gut gesehen. Der Junge
sah mit Staunen auf die Beschtzerin, die ihm so unverhofft erwachsen
war. Sie war nicht grer als er, aber viel kecker, so wie Kinder sind,
deren frhliche Zuversicht noch nirgends schmerzhaft beschnitten und
zur Schchternheit herabgedmpft ist. Da kam wieder ein wenig Lebensmut
in seine Augen. Der Invalid lachte, da es drhnte. Aber es war ein
wohlgeflliges Lachen. Mit der Faust schlug er auf die Drehorgel, da
erhob sich ein leises Schwirren und Klingen darin. Fri mich nicht,
Kleines, sagte er. Ich werd' doch noch lachen drfen. Wenn man blo
noch einen Arm hat und sich sein bichen Notdurft mu zusammendudeln,
und soll nicht einmal lachen drfen. Was hat man denn sonst, he? Das
sag' mir.

Sie sah ihn gro an. Einer, der solche Musik machen konnte, und fragte
so. Wo ist dein anderer Arm? fragte sie. La einmal sehen, unter dem
Kittel.

Der? liegt in Frankreich begraben, sagte er. Dort liegt er und ich
plage mich hier herum mit dem einen. Wenn das nicht zum Lachen ist, was
denn sonst? Den hat mir eine Kugel weggerissen. Aber davon versteht
ihr nichts. Oder, versteht ihr das, warum die Leute einander die Arme
wegschieen und die Fe, und einander totschieen? Ich meine, Leute,
die gar nichts von einander wissen, blo so von Weitem her; blo weil
ihnen das einer befiehlt? He, versteht ihr das?

Nein, das verstanden sie nicht. Musik wollten sie hren; das andere,
das war ihnen eine dunkle Sache. Arme und Beine wegschieen? Sie waren
noch nicht sehr lang in der Gegend, das will sagen, auf der Welt. Es
war da noch sehr viel Fremdes, das sie noch nicht kannten.

Ja so, sagte der Invalide. Ja so, ja, ihr krieget noch ein Lied
da heraus; heit das, das Mdel kriegt eins. Du kannst dich in ein
Mausloch hinein schmen, Bub, da du dich hinstellst und heulst. So,
angefangen. Aufgepat.

Da drehte er seinen Handgriff herum und drehte ein Lied heraus. Noch
eins. So, das gefllt euch wohl? sagte er, als die Beiden horchten,
wie die Muse. Sie nickten nur. Es war wohl jetzt unwiderbringlich zu
Ende? Denn der Invalide stand auf und hngte sich seinen Kasten um.

Da mt ihr eben sehen, da ihrs auch einmal so weit bringet, als
ich, sagte er. Das ist ein feines Leben, das knnt ihr glauben. Seht
ihrs, ich habe die Taschen voll Brot. Was will man mehr? So weit knnt
ihrs auch bringen.

Wir haben daheim den ganzen Laden voll Brot und Wecken, sagte der
Bub, und noch Feinbackwerk, so viel, da mans gar nicht zhlen kann.
Er hatte einen gewaltigen Anlauf dazu genommen, um auch etwas Rechtes
zu sagen; da scho er bers Ziel hinaus und protzte. Das hatte er nicht
beabsichtigt.

Aber ich will auch Musik machen, wann ich gro bin, und dann mach ich
so viel Musik, den ganzen Tag, und hr' nicht immer gleich auf, wie
du. Bis ich genug habe, so lang spiel' ich. Da wurde er wieder rot.
Denn der Orgelmann sah ihn so spttisch an, da er in seine vorige
Verlegenheit zurckfiel.

So, sagte er. Aha. Da it du dich zuerst dicksatt und dann, wenn du
noch kannst, dann kommt die Musik dran. Aha. Da setzst du dich wohl an
den Backofen dazu? Bis du genug hast, so lang tust du das alles? Du
Teigprotz.

Ganz erstaunt sahen ihn die Kinder an. Da kam solch ein verbissener
Grimm heraus. Sie faten einander an der Hand. Sie verstanden nicht,
da behagliche Sattheit und ein geruhlicher Sitz in der Ofenwrme dem
landfahrenden Mann ein Paradies war, in das er nie gelangen konnte,
und da seine Grobheit unwillige Bewunderung des Versagten sei. Es
pate nicht zu dem lustigen Gesicht, das der Invalid den ganzen Morgen
gemacht hatte. Es war wie einer der schrillen, gellenden Nebenaustne,
die seine Orgel oft mitten in eine heitere Melodie hineinwarf. Aber
die Kinder verstanden diesen Ton aus einer fremden, dsteren Welt
nicht. Sie kehrten still um und lieen ihre Hnde ineinander und sahen
sich nur noch einmal schchtern nach dem Mann um, wie er davonstapfte
zwischen den hellbegrnten Hecken und immer noch den Kopf schttelte
und einmal mit dem Fu aufstie, da der Kasten schtterte.

So, jetzt la ihn, sagte Gertrud, da der Bub bla und still neben ihr
hertrottete. Jetzt gehen wir heim; meine Gromutter wartet. Hast du
auch eine Gromutter? Dann sagst du's ihr, das von dem Mann.

Nein, sagte er; eine Gromutter? Nein.

Er war kein Prahlhans. Es war ein schchternes Kind, und hatte allen
Mut zusammengenommen, um sich auch an der Unterhaltung zu beteiligen.
Die Musik und das kecke kleine Mdchen hatten ihn so khn gemacht. Nun
war er gewaltig aus dem Sattel geworfen.

Aber einen Grovater, das hast du doch? sagte Gertrud. Sie sagte es
sehr eindringlich, denn es war ihr unbehaglich, zu fhlen, da solch
etwas durchaus Ntiges in irgend einem Leben fehle.

Nein, sagte der Bub noch einmal. Einmal, da habe ich einen
gehabt, aber das ist schon lang. Da war ich noch ganz klein. Der ist
gestorben. Es war eine durchaus khle Mitteilung.

Hm, sagte Gertrud, (das hatte sie von dem Rektor Cabisius
aufgeschnappt), gerade wie mein Vater und meine Mutter. Die sind auch
gestorben, wie ich noch klein war. Sie sind im Himmel. Meine Gromutter
hat's gesagt.

Und auch das war ohne Trauer ausgesprochen. Es fehlten zwei gute,
starke Ringe an der Kette, die das Kind mit dem Leben verband. Aber es
war darum nicht in steuerlosem Nachen auf der See, es war nur um so
fester an das vorige Glied angebunden.

Die zwei Alten standen unter der Gartentr, als die Kinder herankamen,
denn der Rektor war inzwischen aus der Schule heimgekommen, und nun
mute er mitanhren, da das Kind anfange, auszureien und da er wohl
ein wenig Schuld daran sei. Das Keckliche, Ungebundene, sagte die
Gromutter, das habe es von ihm. Und er lie das ber sich ergehen mit
seinem guten, stillen Lcheln. Da kam die Erwartete um die Ecke und
zog den kleinen Buben mit sich. Grovater, sagte sie, du mut ihm
auch noch Musik machen, noch schnere, als der Orgelmann. Er hat keinen
Grovater und niemand.

Was? sagte der Rektor, niemand? Bist du nicht ein kleiner
Ehrensperger? Gehrst du nicht dem Bcker drben am Marktplatz? Was
faselst du da, Gertrud?

Da trat seine Frau dazwischen. Nein, la nur, Mann, sagte sie, und
war ganz Gte und Mtterlichkeit, es ist doch ein armes Kind, das wei
ich. Er hat eine Mutter und doch keine. Er hat nicht umsonst solch ein
freudloses Gesicht.

Wit ihr, wie das ist mit der Liebe? Das ist wie mit dem Apfelbaum
im Garten der Frau Holle, der stand und rief: Pflcke mich, pflcke
mich, meine pfel sind alle miteinander reif, und als das Kind kam und
anstie, da rollte ihm der schwere Segen in den Scho.

So schwer von Reichtum und Frchtesegen steht ein liebereiches Herz,
und wartet, ob nicht irgend eine Leere sei, in die es seine Flle
gieen knne, und ist noch dankbar und froh, da es wieder Raum
gewinnt zu neuen Trieben. Sie hatten schon so vieles aus ihrem Leben
hingegeben, das sich hatte von ihnen lieben lassen, die beiden alten,
jungen Leute. Und da noch quellendes Leben in ihnen war, das lieben
mute, so kam das den anderen zugute.

Ich will nicht hoffen, da irgend jemand absprechend den Kopf
schttelt, wann von dem warmen, weiten Herzen der Frau Rektorin die
Rede ist. Etwa, weil er ihr den kleinen Hochmutsanfall vom vorigen
Kapitel stark ins Wachs gedrckt hat. Trug nicht der groe, alte
Zwetschgenbaum in meiner Gromutter Garten alljhrlich auer den
sen Frchten eine Anzahl aus der Art geschlagener merkwrdiger
Knorpeln, die wir Zwetschgennarren nannten? Und verspeisten wir
diese suerlichen Dinger nicht mit besonderem Behagen als eine heitere
Merkwrdigkeit des Alten, um uns nachher mit umso grerer Lust an die
Erzeugnisse seiner besten, sesten Sfte zu machen?

Lchelte nicht ihr Gemahl selbst sein helles, humorvolles Lcheln zu
ihren kleinen Schwchen? Und traute er ihr nicht darum doch das Beste,
Reichste zu, das in dem fruchtbaren Boden eines liebreichen Herzens
gedeihen kann?

Er aber mute es doch wohl wissen.

So wunderte er sich denn auch gar nicht, da sie den kleinen Georg von
diesem Tag an ins Herz schlo, und ihm eine Heimat darin schuf. Das
begab sich ganz von selbst, es war weiter nicht die Rede davon. Sie
htte sich das Kind nicht ins Haus geholt. Sie wre nicht hingegangen
und htte gesagt: So und so. Ich wei wohl, da Sie das Unglck haben
mit der kranken Frau, Herr Ehrensperger. Schicken Sie mir die Kinder,
oder wenigsten den Kleinen, den Georg. Man mu einander beistehen,
das ist Christenpflicht. Das htte sie nicht getan. Aber als der
ernsthafte Bub' so unter ihrer Gartentr stand an Gertruds Hand, und
nicht recht Leben zeigte, da nahm sie ihn mit hinein. Natrlich. Was
denn weiter?

Der Drehorgelmann hat wahrscheinlich Hunger gehabt, ihr Lmmer,
sagte sie, nicht nach alten Brotrinden, die in seiner Tasche waren,
sondern nach etwas Besserem, das ihr noch nicht so versteht; da hat
er denn so ein wenig gepoltert. Wenn die Leute Hunger haben, darf man
ihnen nichts bel nehmen. Die Beiden saen hinter dem Tisch und bissen
tief in dickgestrichene Geslzbrote und nickten einander mit blaurot
verschmierten Gesichtern zu, und waren geborgen in einem Hafen, in den
weder der eine noch der andere Hunger Zutritt hatte.

Die Alten aber lieen mit Vergngen ihre reifen pfel von den Zweigen
fallen. So, du mchtest gern noch mehr hren, Bub'? sagte der
Rektor. Das kann wohl sein. Und ging ans Klavier und lie die Saiten
tnen. Ich hatt' einen Kameraden, spielte er, und behielt dazu die
Pfeife zwischen den Zhnen und sah sich drunterhinein nach den Kindern
um. Noch eins, Grovater, sagte Gertrud. Da spielte er ein altes
Studentenlied: Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium. Und es kam
ihn an, da er die Pfeife neben sich legte und dazu sang.

Aber Mann, sagte seine Frau. Ist das auch ein Kinderlied? Nein, so
eigentlich nicht, gab er zu, aber sie htten doch ihr helles Vergngen
daran gehabt, und ob das nicht genug auf einmal sei?

Sie kam mit Wasser und Schwamm und wusch ihnen die Gesichter ab. Und
konnte es nicht lassen, den kleinen Buben in die Backe zu kneifen und
nachher snftigend darber zu streichen. Es war ihr darum, ihm einen
Ku in sein ernsthaftes Gesicht hinein zu geben. Aber den hielt sie
noch zurck. Sie wollte ihn nicht scheu machen. Das Kneifen tat auch
heute denselben Dienst.

Es fing etwas an, in dem Kinderherzen auseinanderzugehen. Es war, wie
wenn sich ein grnes Blttlein in der Sonne auseinanderwickelt.

Da war frher einmal, als Georg noch auf ungeschickten Fen von
einem Stuhl zum andern trippelte, eine Frau gewesen, die hatte ihn
auch gewaschen und auch, -- in die Backe gekniffen hatte sie ihn wohl
nicht, aber hnlich mute es doch gewesen sein. Sie hatte spter viel
geweint. Es war einmal ein kleines Kindlein dagewesen, das war durch
irgend einen Unfall bald wieder gestorben, und sie hatte sich ja wohl
die Schuld daran zugemessen und hatte Tag und Nacht geweint. Es war
oft laut dabei zugegangen. Das lag alles noch in unklaren Umrissen
in dem Gedchtnis des kleinen Buben. Dann war sie eines Tages nicht
mehr dagewesen. Das sei die Mutter, sagte Franz, der wute es noch
besser, der war zwei Jahre lter. Dem sagten es auch die Mgde genau.
Sie sei hintersinnig geworden, sagten sie, und das sei schlimmer
als tot und werde nie mehr anders. Denn sonst knnten sie eine neue
Mutter bekommen und damit sei nun nichts. Der Vater sprach nie davon.
Er sprach berhaupt selten etwas mit Georg, er wute nichts mit dem
stillen Kind anzufangen. Er tat ihm weder wohl noch weh. Nun war
Jungfer Liese da, erst seit kurzem. Die sprach viel und hatte viel an
ihm zu hantieren, zu putzen, zu flicken, zu erziehen. Sie hatte sich
sozusagen mit aufgestlpten rmeln an ihre Aufgabe gemacht. Aber das
lie er so ber sich ergehen. Seine Seele, die lag wohl noch in der
Knospe, die regte sich nur so hie und da ein wenig. Aber jetzt, heute.
Es war ihm so wunderlich zu Mute. Er mochte sich nicht rhren. Es war,
als ob sonst alles aus wre. Darum blieb er ruhig sitzen, bis irgendwo
eine Glocke lutete und der Rektor sagte, da das die Betglocke sei und
da er jetzt nach Haus gehen msse. Ja, und morgen kommst du wieder,
sagte Gertrud, und morgen komm' ich wieder, sagte Georg, und der
Rektor setzte auf dieses Versprechen einen ungeheuren Handschlag. Einen
Handschlag, der an Kraft und Wrme alles bertraf, was Georg in den
sechs Jahren seines Lebens in dieser Art kennen gelernt hatte und dem
er seine kleine, braune Bubenhand und sein ganzes erwachende Ich ohne
Widerstand auslieferte.




                    Sechstes Kapitel


Es war einmal ein Mensch, der sa ganz im Dunkeln. Er hatte sich ein
Haus gebaut und daran die Fenster vergessen; es war ein einfltiger
Mensch. Da sa er nun und sann, wie er Licht in sein Haus bringen
knne. Denn da es drauen die Welt erfllte, das sah er, wenn er unter
seine Tr trat. Und er ging aus, nahm einen Sack mit, in den lie er
die Sonne scheinen, dann, als er voll von Licht war, band er ihn zu
und trug ihn in sein Haus. So tat er eine lange Zeit und wunderte
sich, da es nicht hell werden wollte, wenn er den Sack aufband und
ausleerte. Es ist noch nicht genug, sagte er und ging aufs Neue,
Licht hereinzutragen. Es war ein hartes Leben. Es war nur zu ertragen
durch die stete Mhe, die er sich machte. Denn die Mhe hat doch immer
irgend eine Hoffnung, etwas zu erreichen, sei es noch so wenig.

Da, als er eines Tages lange ausgewesen war, fand er, als er heim kam,
die Wnde seines Hauses eingeschlagen. Das hatte sein Feind getan.
Der hatte ihm einen rechten Schabernack antun wollen. Nun konnte das
Licht herein. Es strmte durch das ganze Haus und drang in alle Ecken.
Ganz voll von Licht war das Haus. Aber nun war es auch zerstrt. Das
schadet nichts, sagte der einfltige Mensch vergngt, wollen schon
ein neues kriegen. Von dem neuen Haus ist nichts gesagt. Da wird er ja
wohl das Licht hereingelassen haben.

       *       *       *       *       *

Es war ein groes, weies Haus mit unzhligen Fenstern. Es stand
abseits von dem Lrm der Gassen. Ein groer, schattiger Garten war
rings darum her; die alten, hohen Bume reichten mit ihren obersten
Zweigen bis an das Dach. Aber es ging ein hoher, eiserner Zaun um den
Garten; an der Eingangspforte war ein Wchter und er lie nur hinein
und heraus, wen er des Ein- und Ausgangs fr berechtigt hielt. Die
Fenster waren vergittert. Es waren Gefangene des Geistes, die in dem
hohen Hause wohnten, Leute, die in irgend einer Art im Dunkel tappten.
Sie konnten sich oder andere stoen, wenn man sie drauen in der
Weite gehen lie. Darum hielt man sie hier verwahrt. Es war wohl der
eine und der andere darunter, der nur fr eine Zeitlang hier Zuflucht
suchen mute, der, so hoffte man, bald wieder hinaus konnte in das
freie Licht. Aber es waren ihrer mehr, hinter denen sich das eiserne
Gittertor fr immer geschlossen hatte. Was man so menschlich immer
heit, die Spanne Zeit, von der ein alter Dichter sagte, da sie
dahinfahre wie ein Rauch. Es ist nicht so weit her mit dem immer
eines Menschenlebens. Aber es kann doch lang whren, fr den, der
wartet, bis eine Zeit um die andere verstreicht, in Not der Gegenwart
und Angst vor dem Knftigen.

Es war wohl viel Angst und Not in den Gemchern des Hauses. Wache,
helle Pein, die sich ihrer bewut war, und die zu Zeiten ihr Elend
in lauten, starken Tnen hinausschrie, als ob es die Tr des Himmels
aufstoen mte; dumpfe, unklare Angst, unter der sich der Geist wand,
der aufwachen wollte und nicht konnte. Lchelndes, bldes Elend, das
seiner selbst vergessen hatte und mit der Not spielte, wie das Kind,
das in der Wolfsgrube sa unter jungen Wlfen und sie mit dem Lffel
aufs Maul schlug im Spiel: Geh weg, oder ich geb' dir eins.

Man kann nicht sagen, da eins oder das andere das grte Elend von
allen sei. Man darf wohl die Augen aufheben und sagen: Sondern erlse
uns von dem bel. Es ist gut, es ist wohl gewi gut, da das fr
immer eines Menschenlebens nicht gar so lang whrt, wenn man das
betrachtet.

Da war eine Frau, eine von denen, die keine Aussicht hatten, wieder
mit hellen Augen durch die Welt zu gehen. Sie war noch jung; es sollte
noch ein langes Leben vor ihr liegen, wer konnte das wissen? Als sie
hereingebracht worden war, hatte sie immer in die dunkelsten Ecken
gesehen, ratlose Angst im Gesicht, und hatte geweint und gewimmert.
Nein, es ist nicht tot. Lat es mich noch einmal versuchen, nur noch
einmal. Ich kann nichts dafr. Nein, ich kann nichts dafr. Kann auch
ein Weib ihres Kindes vergessen, da sie sich nicht erbarme ber den
Sohn ihres Leibes? Ihre Reden und ihre Gedanken gingen durcheinander.
Die Krankheit hatte sich in das Gewand der Schuld verkleidet. Die sa
nun neben ihr und sah sie starr an und sagte: Das war wohl so: du
warst in der Backstube, als das kleine Kind so allein in dem groen
Bett lag. Das war dir wohl wichtiger, da das Geschft blhe? Du
hattest es wohl so eilig mit dem Reichwerden? Da schrie das Kind, und
kam ins Ausgleiten, das arme kleine Ding. Und kam unter das groe
Deckbett. Da erstickte es. Das war zu spt, da du es aufhobst und all'
die Mhe daran wandest, ob es nicht wieder erwache. Du httest bei ihm
bleiben sollen. Was? Das litt der Mann nicht? Das Gepimpel mit dem
Kleinen, sagte er? Ist er die Mutter oder du?

Es war auch noch nicht getauft, nicht wahr? Es war doch schon acht
Wochen alt? Ihr hattet keine Zeit, weil Ostern so nahe war und
Konfirmation und sonst noch allerlei Festliches; da blhte das
Geschft. Das ging ja vor, natrlich, man konnte es spter taufen. Dazu
ist es nun viel zu spt. Man kann nicht wissen, kein Mensch wei, was
aus dem kleinen Seelchen geworden ist. Und du bist schuldig. Doch, das
bist du.

So redete die Krankheit, die in dem Gewand der Schuld mit der jungen
Frau hier hereingekommen war. Da schlo sie die Augen, um sie nicht
zu sehen. Aber das ntzte nichts. Sie drang auch durch die Lider. Sie
war berall und immer wach. Es war ein dunkles, dunkles Haus, in dem
die Frau sa. Da schickte sie ihre irren hilflosen Gedanken aus, um
etwas Licht hereinzubringen. Aber sie verstanden es nicht. Einer kam
und sagte: Irgendwo ist Gott, du mut beten. Der wute, da ein Licht
sei. Aber er konnte es nicht hereintragen. Da fing die Frau an: Wenn
wir in groer Angst und Pein, und wissen nicht wo aus und ein, und
finden weder Hilf noch Rat; da gingen alle ihre Gedanken rundum und
wuten immer nur bis zu dieser Stelle zu sagen. Das whrte eine lange
Zeit. Da fand sie eines Morgens die Wrterin, wie sie ein kleines
Bndel aus Tchern sorgfltig zusammenwickelte und es an die Brust
drckte. Schlaf, Kindlein, schlaf, sang sie leise. Das tat sie nun
immer. Sie lie das Bndel nicht mehr aus den Armen, niemand durfte es
berhren. Seitdem weinte sie nicht mehr. Sie sang und lchelte, und
trug das Bndel umher. Wenn sie nicht hie und da mit groen, suchenden
Augen, wie in sich selbst hineinschauend gestanden wre, so htte man
nun denken knnen, sie habe es aufgegeben, nach Licht auszugehen. Aber
auch das kam nur noch selten vor.

Da, nach Jahren, kam einer mit einer blanken Axt, der hatte den
Auftrag, ihr die Wnde ihres dunklen Hauses einzuschlagen. Er zerstrte
es nicht ganz und gar auf einen Hieb. Er stie ein Loch hinein, da
flog viel Staub und Lehm und Mrtel davon, und etwas Helle kam zu dem
Bewohner herein. Dann wartete er ein paar Tage. Er war kein Feind,
er handelte, wie schon gesagt, im Auftrag, und nun sollte er seinen
letzten, strksten Hieb noch sparen. Vielleicht wre das Licht sonst
gar zu blendend gewesen, wer kann das wissen? Also wartete der Tod
noch. Es kam eine Krankheit an die junge Frau, eine von denen, die
man eine Erlsung nennt, weil sie rasch und sicher die Krperkraft
aufzehren, und ein sanftes Ende der Pein bringen. Sie hatte ein paar
Tage im Fieber gelegen und fast nichts geredet. Nun schlug sie die
Augen auf; es war mitten in der Nacht. Oder, es ging schon etwas gegen
den Morgen hin. Das Fenster stand offen. Drauen in den Bumen wehte
ein sachter Wind, sie rauschten leise. Die Welt lag in tiefem Schlaf,
es war ganz still ringsum. Die Kranke hob den Kopf ein wenig und wandte
die Augen nach dem Fenster. Da stand der Morgenstern hoch am Himmel
ber den Baumkronen. Die waren in tiefem Schatten, oben aber leuchtete
in der fast durchsichtigen Glocke des Sommernachthimmels der Stern in
wunderbarem Glanz. Den hatte sie lang nicht gesehen. Sie hatte in den
trben Nchten ihrer Krankheitsjahre keine Augen fr die Schnheiten
der Welt gehabt; sie hatte immer ins Dunkel gesehen.

Sie strich sich ber die Stirn. Da war so etwas Freies. War da nicht
ein Band gewesen? Wo mochte das hingekommen sein? Wer war sie, und wo?

Da sah sie das Gitter am Fenster; hinten in der Stube brannte ein
kleines Nachtlicht, nur eines Funkens gro. Aus dem anstoenden Gemach,
dessen Tr offen stand, verkndeten krftige Atemzge, da dort jemand
schlief, das war die Wrterin. Auf dem Stuhl am Bett lag ein Paket,
aus Tchern zusammengebunden, mit einem Band umwickelt. Da kamen ihr
die Gedanken wieder, schreckhaft und schwer. Aber doch anders, als
seit langem. Sie griff nicht nach dem Bndel. Die Furcht, die ihr ans
Herz kroch, war die Furcht vor etwas Gewesenem. Ob es vorbei war? Ob
das abziehende Schatten waren, die wie wogende Nebel durch ihren Kopf
zogen? Abziehende und nicht kreisende, die nur einen Augenblick frei
lieen, um dann wieder desto fester einzuziehen? Wie war das nur?
Sie war so mde, sie konnte kaum eine Hand rhren. Aber als sie so
hinaussah in die stille Sommernacht, und das milde Licht des Sterns
auf ihr Lager fiel, da versuchte ihr Geist, sich zu regen. Man wei
nicht, was sie erlebte, bis der Morgen kam. Der Arzt sagte, als er die
Vernderung sah, das sei von dem Fieber. Aber, sagte er drauen, das
helfe nun nichts, denn die Lebenskraft sei am Erlschen. Das sei hie
und da, da solch ein heller Schein komme vor dem Ende. Denn sie lag
mit einem stillen, sanften Gesicht da, und in den Augen war geistiges
Leben, kein irres Flackerlicht mehr. Und sie hatte vorhin gefragt,
wie das denn sei, sie habe doch zwei kleine Buben, und, nach einigem
Zgern, und einen Mann? Die lebten ja doch noch? Und klagte, mit einem
Lcheln, das wie um Entschuldigung bittend war, da sie sich auf nichts
recht besinnen knne, ihr Kopf sei so mde. Da ging der Tag so hin,
und gegen den Abend sagte sie, schchtern wie ein Kind, das zaghaft
eine Bitte tut, von der es denkt, da sie ungeheuer sei, -- ob das denn
mglich wre, da die Ihrigen herkmen? Oder ob das gar zu weit sei?
Denn sie wute nicht recht, ob sie in der gleichen Welt lebe mit denen,
nach denen ihr aufwachendes Ich mit seinen ersten Regungen verlangte.

Ja, sagte man ihr, das knne freilich wohl sein. Gut knne das sein,
sie solle ruhig einschlafen und morgen werden sie wohl da sein, denn es
gehe heut in der Nacht noch ein Brief ab.




                    Siebentes Kapitel


Den folgenden Tag haben die Ehrenspergerskinder mit allen Einzelheiten
im Gedchtnis behalten. Es war der Feiertag Petri und Pauli, und sie
zogen so recht in der Morgenfrische aus, um den Kirschbumen in der
Wingerthalde einen Besuch zu machen. Jungfer Liese sah ihnen mit
Behagen nach. Sie hatte beiden Brdern tags zuvor das Haar glatt
abgeschoren und sie heute, den Kirschbumen zulieb, in verwaschene
Drilchkleider, mit neueingesetzten Ellbogen und Hosenbden gesteckt. Es
rhrte sie in ihrem eigenen Busen, da sie dem Herrn Vetter, der ja ihr
Nchster unzweifelhaft war, so getreulich sein Gut und Nahrung helfe
fordern und behten. Denn, sprach sie zu sich selbst, wo viel ist,
will mehr hinkommen, und meinte damit die Ehrenspergershabe, deren
Vermehrung sie mit erbautem Gemt zusah. Sie glaubte nicht befrchten
zu mssen, da ihr dieser erfreuliche Lebenszweck abhanden komme,
auch nicht im Fall, da, wie sie sagte, unser Herrgott nun richtig
ein Einsehen habe, wie das ja an der Zeit sei mit der Frau. Denn der
Herr Vetter war allmhlich ein bichen bequem, und ein bichen sehr
korpulent geworden, und er lie sich die brave Frsorge der Jungfer
Liese sowohl fr sich selbst als fr sein Haus immer behaglicher
gefallen. Es mu bezeugt werden, da sie nicht daran dachte, die
Nachfolgerin der ersten Frau zu werden. So hoch verstiegen sich ihre
Gedanken nicht. Das wre ja auer aller Standesordnung gewesen und
solche Durchbrechung der brgerlichen Schranken begehrte sie nicht
fr sich. Auch war ihr jngst der letzte breite Schaufelzahn, der
noch ihren Oberkiefer geschmckt hatte, entfallen. Das gemahnte ans
Altwerden, wie das fallende Laub an den Winterschlaf der Natur. Es
sollte ihr lieb sein, wenn alles seinen Gang weiterging, und da das
geschehe, hoffte sie mit Zuversicht.

So waren die Gedanken, die sie den Shnen des Hauses nachsandte,
freundlicher und gedeihlicher Art und kamen auch nicht ans Stocken,
als an der Ecke noch Gertrud und Lore sich zu den Beiden gesellten.
Warum sollten sie sich nicht Gesellschaft mitnehmen? Die Kirschbume
standen zum Brechen voll, es kam auf ein paar Spatzen mehr oder weniger
nicht an. Als die leuchtenden blaugrauen Flicken, das Werk ihrer Hnde,
verschwunden waren, kehrte sie ins Haus zurck.

Es fhrte ein steiler Weg zwischen Weinbergen zu der sonnigen Hhe
empor, auf der das Baumgut lag. Georg wute spter noch genau, als ob
ihm das lebendige Bild vor der Seele stnde, wie ihnen beim Aufsteigen
die hellroten Herzkirschen aus dem grnen Laub entgegenleuchteten,
gleich einem freudigen, ersprielichen Lebenszweck, der dem Wanderer
zuruft: Hoch, immer hher, Mhe ist nichts, Schwei ist nichts, denn
hier bin ich, hier oben. Nun komm.

Das und anderes gehrte fr ihn zu dem Inhalt des Tages, der ihm
in seinem Verlauf noch einmal und dann nicht wieder seine Mutter
zeigte und der ihm darum kostbar vor andern Tagen war. Er konnte es
die wenigen Male, die er in seinem Leben davon redete, nur schwer
unterdrcken, alle Einzelheiten dazu zu erzhlen.

Er mute von diesem Tag zehren, so oft sein Herz zu seiner Mutter
wollte. Da konnte er nichts entbehren, was damit zusammenhing.

Zwei Handwerksburschen lieen sich aus dem Gest des
Schwarzkirschenbaumes fallen, der weiter hinten, dem Waldrand zu,
stand, als sie die Kinder kommen sahen. Vielleicht vermuteten sie ein
Gefolge von Erwachsenen hinter ihnen. Da verlor einer von ihnen beim
Herabgleiten seinen einen durchlcherten Stiefel, der ihm schlapp
genug um den Fu gehangen haben mochte. Den warfen sie ihm in hellem
Mutwillen nach. Dann ging es ber die Kirschbume her. Lore blieb
unten stehen und zog, auf den Zehenspitzen stehend, einen niedrig
hngenden Zweig um den andern zu sich heran, um ihn abzuernten. Dann
setzte sie sich in den Schatten und wartete, bis ihr die andern hie und
da eine Handvoll Kirschen ins Gras warfen. Es lag von Anfang an nicht
in ihrer Art, auf Bume zu steigen. Gertrud sa oben in dem groen
Herzkirschenbaum, Georg gegenber. Hoch ber ihnen beiden kletterte
Franz in den uersten Zweigen, wo die sen Frchte in der Sonne
kochten. Du, sagte Georg unter's Essen hinein, mu dir was sagen.
Meine Mutter ist krank, anders, weit du, als vorher. Sie liegt im
Bett und hat immer die Augen zu. Jungfer Liese hat's zur Frau Metzger
Konz gesagt. Vielleicht stirbt sie; wahrscheinlich stirbt sie, hat
sie gesagt. Wie die meinige. Gertrud nickte sachverstndig. Guck'
einmal, da sind lauter Zwillingskirschen, die kann man sich an die
Ohren hngen. Streck' mir deinen Kopf herber, so, noch ein bichen
nher, jetzt hast du Ohrringe. Wart' einmal, ich hnge mir auch an.
Da fing sie an zu lachen. Weit du, wer wir jetzt sind? Der Kaufmann
Henne und seine Frau. Guten Morgen, Mann. Du, weit du, warum die
immer so groe goldene Ohrringe tragen, er und seine Frau und seine
Shne, und glaub' ich noch die Magd? Soll ich dir's sagen? Ich wei es
von Frau Judith; aber man wei nicht, ob es auch so ist. Also: da war
einmal einer von ihnen, glaub' ich, sein Grovater, der war so krank,
da ihm kein Doktor mehr helfen konnte; er mute bald sterben und das
wollte er noch nicht. Da ging er in den Wald und setzte sich unter
einen Baum und seufzte ganz laut und sagte so vor sich hin: Wenn es
doch nur etwas gbe, das mir die Krankheit aus dem Leibe zieht. Da
stehen die Kruter um mich herum und sind stark und frisch. Wer wei,
was sie fr Krfte haben? Warum mu ein Mensch krank sein? Das ist
etwas Fremdes, Bses. Das ist wider die Natur.

Da regte sich etwas neben ihm, und was er fr eine groe Baumwurzel
gehalten hatte, war ein altes Mnnchen. Das stand auf und stellte
sich vor ihn hin und sagte: Da hast du recht. Krank sein mu einer
nicht. Aber die Kruter tun's nicht. Da hilft nur das lautere Gold, das
ganz tief aus der Erde kommt. Da griff es in seine Kitteltasche und
holte ein paar groe, goldene Ohrringe heraus. Die mut' du in den
Ohrlppchen tragen, sagte er. Die ziehen dir die Krankheit aus dem
Leibe. Das reine Gold verzehrt alle bsen Sfte.

Der alte Kaufmann Henne besah sich die Ohrringe. Sie waren gro und
schwer, kein Mensch trug solche. Was wrden die Leute sagen zu dem
sonderbaren Schmuck? Aber das war ja doch einerlei. Wenn man darum
gesund wurde. Da stach er sich Lcher in die Ohren und hngte die Ringe
hinein. Und, sagte Frau Judith, dann sei er ganz stramm und aufrecht
nach der Stadt zurckgekehrt und habe noch lang gelebt.

Seither mssen alle Hennes solche Ringe tragen. Zuerst, wenn sie
geboren werden, kleine, und dann immer grere. Wenn einer stirbt,
begrbt man seine Ohrringe besonders in der Erde. Ein Jahr lang, dann
sind sie wieder zu gebrauchen, dann hat die Erde alles angezogen. Da
war eine Tochter von dem vorigen Henne, die wollte nicht anders sein
als andere Leute und hngte sich die Ohrringe aus, wenn sie aus dem
Haus ging. Die wurde krank und starb.

O du, sagte Georg, die wre wohl ohnehin gestorben. Er nahm sich
den hngenden Schmuck von den Ohren und a ihn auf. Er war ihm nicht
mehr recht geheuer. Das ist wohl nur so eine Geschichte.

Was fr ein Unsinn, sagte Franz, der auch zugehrt hatte, damit
ist gar nichts anzufangen. So ist's: Als der alte Henne, der vorige,
das Haus baute, da drang das Grundwasser vom Stadtbach her in den
Keller. Da war alles feucht im Haus und sie kriegten alle miteinander
entzndete Augen, nur der Knecht nicht, der hatte kleine, goldene
Knpfchen in den Ohren von seinem Taufpaten her.

Da sagte der alte Henne: Ist wenig Gold gut, so ist mehr besser,
und lie gleich fr die ganze Familie Ringe machen, wie ein guter
Schlsselring in der Gre. Da wurden sie gesund, und jetzt ist das
Haus lange trocken, aber jetzt sind sie's gewhnt. Ja, und wenn sie
einer ablegt, dann zieht ihm irgend was aufs Herz. Die Entzndung,
sagt Jungfer Liese, und dann stirbt er.

Ach, das ist ja einerlei, sagte Gertrud. Das sind alles so
Geschichten. Willst du gleich die Steine heraustun, Franz! Wenn man
einen Kirschenstein schluckt, wchst einem ein Baum im Magen. Der
zersprengt einen, dann mu man sterben. Das sagt Frau Judith.

Ach, immer mit eurer Frau Judith. Immer mit eurem Sterben. Franz war
ein bichen erschrocken. Da tat er rgerlich: Wenn ihr sonst nichts
wit.

Die Mutter mu auch, sagte Georg. Das ging ihm heute so neben allem
her. Nicht als Schmerz gerade. Er war jetzt zehn Jahre alt und als
sie von ihren Kindern ging, in das dunkle Haus ihrer Seele, da war er
erst zweijhrig gewesen. Die paar schattenhaften Zge, die noch von
ihr in seinem Herzen lebten, waren immer blsser geworden. Da hatte er
angefangen, sich ein neues Bild von ihr zu schaffen; abends, wenn er
im Bett lag. Das bekam von ihm alle schnen freundlichen, starken und
liebenswerten Zge zugeteilt, die er irgend an andern Menschen sah.
Aber auch die Menschen seiner Umgebung arbeiteten an dem Bild, und
fgten traurige, mitleidenswerte, grausige und sogar schuldige Zge
hinzu. Da mit einem Wort und dort mit einem. Das gab eine Mischung von
Wonne und Grausen in die Gedankenwelt des kleinen Buben hinein. Es war
nur ein Traumbild, das ihm sterben wollte. Aber es war ihm nun doch,
als ob er nie mehr abends unter der Decke seine stillen Fden in Furcht
und Liebe zu diesem Bild hin spinnen knne. Es gab doch auch eine
Leere. Er wute nichts, das an dessen Stelle treten knne. Er konnte
mit niemand davon reden; am Tag dachte er auch nur selten daran; nur
heute ging der Gedanke so mit ihm. Darum fing er immer wieder davon an.

Das kann man noch nicht wissen, sagte sein Bruder Franz. Wir mssen
noch Kirschen brechen zum Heimbringen. Gib einmal den Korb herauf,
Lore.

Lore! Die schlft ja wohl? Nein, das tat sie nicht. Sie hatte sich
aus den trockenen, harten Kirschen eine breite, prchtige Halskette
gemacht, immer einen Stiel neben den andern mit rotem Garn gebunden.
Die hatte sie nun umgehngt, gerade als sie gerufen wurde. Das mute
zuerst in Ordnung sein.

Da, sagte sie dann. Nein, ich schlafe gar nicht. Guckt einmal. Bin
ich nicht schn? Sie stellte sich auf die Fuspitzen und drehte sich
einmal im Kreise.

Doch, das war sie. Das sahen auch die anderen. Wie die roten,
schimmernden Frchte um den weien Hals lagen, der, gleich den Armen,
entblt war; wie die losen, rotblonden Haare auf das hellblaue
Kleidchen fielen. Nein, sie wuten nicht so recht, warum Lore schn
sei; sie fhlten es mehr. Sie war solch ein kleines, feines, leichtes
Ding. Es tat nichts, da sie in der Schule selten etwas recht konnte,
und auch nicht, da sie bei den Spielen immer zimpferlich tat. Sie
mochten sie doch gern dabei haben. Wit ihr was? sagte Franz einmal,
zum Wegblasen ist sie. Wie Mehlstaub ist sie, sagte er und whlte
den Vergleich aus seinem knftigen Handwerk, man mu nur blasen, dann
fliegt sie. Nein, sagte Georg, wie ein Lwenzahnstengel; wenn man
blst, fliegen die Samen hinaus, und so fliegt ihr Haar, aber Lore
selber? Die steht doch fest auf den Fen. Er war grndlicher, er
konnte nicht recht solch ungenaue Vergleiche leiden.

Franz sah von seinem hohen Sitz aus wohlgefllig auf Lore herunter.
Du Krott, sagte er. Das sollte eine Schmeichelei sein; so fate sie
es auch auf. Sie lachte vergngt und hpfte ein paar Schritte gegen
den Abhang zu. Da sah man den steilen Weg hinunter und weit ber das
Tal hin. O, rief sie und drehte den Kopf zurck, da kommt Lude. Der
rennt, was er kann. Jetzt ist er an den Staffeln. So rennt kein Mensch
sonst den Berg herauf. O, jetzt verliert er seinen Schlappschuh. Schon
wieder! Jetzt nimmt er beide in die Hand und luft in den Strmpfen.

Lude war der Bckerlehrling. Es war schon bemerkenswert, da er es
so eilig hatte, er gehrte im gewhnlichen Leben nicht gerade zu den
Hastenden. Er war klein und rund und sah meistens schlfrig aus. Er
wollte sicher etwas anderes, als etwa Kirschen brechen.

Ein paar mal stand er still und schnappte nach Luft, dann trabte er
vollends weiter den steilen letzten Stich herauf. Nun kam er heran.
Was ist, Lude? Sie fragten alle miteinander. Da stie er unter Pusten
und Schnauben heraus: Heimkommen sollet ihr. Aber schnell; was ihr
laufen knnt. Ihr msset verreisen. Es ist, es ist, da hin, wo, wo die
Frau ist. Euer Vater hat schon seine schwarzen Hosen an; er geht auch
mit.

Da waren sie schon vom Baum herunter und rannten davon. Keines von
ihnen sagte ein Wort. Was war da zu sagen? Da war etwas zu erleben. Der
Vater hatte die schwarzen Hosen an. Und sie sollten dorthin reisen; das
war etwas Wirkliches, das war nicht mehr nur Gerede und ausgemaltes
Phantasiewerk. So wart doch, Georg, rief Gertrud, als sie den langen
Sprngen ihres Kameraden nicht mehr nachkam; du rennst auch gar zu
arg. Da blieb er stehen und sah sich um, aber nur einen Augenblick.
Du gehst ja doch nicht mit, sagte er, und dann rannte er weiter, bis
ins Tal und bis nach Hause.

Da hatte auch Gertrud ihr Erlebnis des Tages, das sie nicht verga. Da
war eine Sache, das nur ihn anging, sie nicht, und die sie nicht mit
ihm teilen konnte.

Da hatte sie einen schweren Satz aus dem Katechismus des wirklichen
Lebens zu lernen. Er handelte davon, da kein Mensch dem andern berall
hin folgen kann und da man sich darin ergeben mu, zu Zeiten drauen
zu stehen, whrend der andere, mit dem man gleichen Schritt halten
mchte, drinnen im Haus ganz allein ein Stck weiter lebt, in Lust
oder Leid, oder in Mhe, die beides in sich schliet.

Sie lernte heute nur die ueren Umrisse davon. Es war schon dafr
gesorgt, da sie spter wieder und wieder daran zu lernen hatte. Es war
auch fr heute ganz genug. Das geht nicht nur so wie eine Kopfarbeit.
Sie stampfte mit dem Fu auf aus einem machtlosen inneren Grimm heraus.
Und dann fing sie an zu laufen, da die Rcke flogen. Nach Haus, nach
Haus. Sie wollte nicht so allein zurckbleiben. Lore? ja, die stieg
behutsam hintendrein; und oben im Kirschbaum sa Lude, der sich fr
die vorige Eile durch einen behaglichen Schlendrian und einen Schmaus
bezahlt machen wollte. Aber sie war dennoch allein.

Darum lief sie, was sie konnte, da sie nach Hause kam.

Der Bcker Ehrensperger hatte nicht nur die schwarzen Hosen an, die dem
Lude solchen Eindruck gemacht hatten, sondern auch die Weste und den
Rock. Er sah unbehaglich und hilflos genug aus in diesem feierlichen
Anzug, der ihm doch von Jungfer Liese als passend und erforderlich
fr die heutige Fahrt aufgentigt war. An der Weste hatte sie findig
das Rckenfutter auseinandergetrennt; das klaffte nun unter dem Rock;
da schlossen vorn die Knpfe ber Brust und Buchlein. Aber der Rock.
Der war nach allen Seiten hin zu eng. Vorne stand er weit offen. Aber
am Rcken und an den Schultern versprte der Mann ein bestndiges
Ziehen und Drcken. Ihm war, als knacke da und dort etwas. Das
waren wohl die Nhte? Es war ihm unbehaglich zu Mute. Innerlich und
uerlich. Die Reise schuf ihm auch ein Mibehagen. Er war nicht aufs
Absonderliche, Tragische angelegt. Und dies hier war absonderlicher
als alles, was er bisher erlebt hatte. Denn hin und her besehen, was
sollte er dort? Er hatte immer unweigerlich bezahlt, was die Sache
kostete. Aber, noch einmal, persnlich gefragt, was sollte er dort? Es
war ihm unzweifelhaft unbehaglich zu Mut. Da war solch' eine fremde,
andersartige Welt; so eine gewisse, geistige Macht, eine dstere,
tragische. Es war ihm, als sollte er mit Geistern aus dem Jenseits in
Verbindung treten. Wie sollte er sich da benehmen? Was sollte er sagen?
Er htte gern einen tchtigen Kuchen eingepackt und sich mit dieser
Gabe von der persnlichen Verpflichtung gelst, der er sich unterworfen
fhlte. Aber das war ja wohl nichts. Wie hatte es in dem Eilbrief
geheien, der vor einer Stunde in den Vormittagsnicker des Meisters
hereingefallen war?

Ihre Frau, von deren Krankheit Ihnen bereits Anzeige gemacht ist, hat,
nicht ganz ungewhnlicherweise, noch eine fast vollstndige Klrung
ihrer Sinne erlebt und verlangt in diesem wachen Zustand nach Mann und
Kindern. Sollten Sie, wie anzunehmen ist, diesem Wunsch zu entsprechen
gedenken, so wird es gut sein, dies unverzglich zu tun, da die Kranke
ihrer Auflsung in den nchsten vierundzwanzig Stunden entgegengeht.

Diesem Ruf war nicht zu entgehen. Den letzten Wunsch eines Sterbenden
mu man erfllen. Das wurzelt tief im Volk, im Menschen berhaupt. Es
ist wohl die unbewute Hochachtung vor der Majestt des Todes. Der
Mensch, der vor solch einem Gegner steht, ist ernst zu nehmen und nimmt
sich selber ernst.

Ja, er mute hin.

Da kamen die Buben an, und bekamen, mitten in der Woche, frische
Hemden, und wurden mit den Sonntagsanzgen bekleidet. Und Jungfer
Liese ging geschftig hin und her und steckte ihnen noch ein
Extrataschentuch ein. Ihr werdet's brauchen, sagte sie.

Dann gingen sie zur Bahn und wagten alle drei nicht umzusehen auf der
Strae und gingen ungelenk dahin, wie Leute tun, die sich beobachtet
fhlen. Denn unter den Tren der Werksttten, und auf den Hausstaffeln,
und unter den Fenstern erschienen die Nachbarn und stieen einander an
und flsterten vernehmlich: Da gehen sie. Es ist eine Erlsung. Es ist
eine Wohltat, da die Frau stirbt. Aber hinreisen? Da knnen sie etwas
Schnes erleben. Nicht fr hundert Mark in so ein Haus. Und die andern
sagten: Da knnen sie nicht anders. Es stirbt eins nur einmal.

Durch das Getuschel hindurch gingen die drei, mit verlegenen
Gesichtern, und waren froh, als sie in der Bahn saen.

Sie sprachen unterwegs nicht viel miteinander. Hie und da fing einer
der Buben etwas an. Aber der Vater gab nicht recht Antwort. Wie mochte
sie aussehen, seine Frau? Was konnte sie mit ihm reden wollen? Er hatte
sie einst gern gehabt; sie war ein feines, blhendes Mdchen und eine
fleiige, rhrige, mtterliche junge Frau gewesen. Aber als das Unglck
geschah und dann die Krankheit kam, ja, er hatte ihr wohl so ein
bichen Vorwrfe gemacht damals; (das htte ein anderer auch getan,
dachte er), da hatte er nichts mehr mit ihr anzufangen gewut. Seitdem
war sie ihm wie gestorben. Und nun lebte sie noch einmal auf und wollte
mit ihm reden.

Das ging rundum mit ihm. Da konnte er nicht auf die Fragen seiner Shne
hren.

Und als, kurz vor dem Eintritt durch das eiserne Tor, schon das Haus
mit den Gitterfenstern vor Augen, Franz seinen Rockflgel ergriff und
sagte: Knnte ich nicht lieber drauen warten? Ich, ich mchte lieber
nicht mit hinein, da kam es ihm vor, als ob die Kinder doch wohl nicht
recht auf den Besuch bei ihrer Mutter vorbereitet seien.

Und er wollte noch rasch seiner Pflicht Genge tun, als Mann und Vater,
und gab seinem Lieblingssohn, obgleich er ihm seinen Wunsch mehr als
nur nachfhlen konnte, eine Ohrfeige, da ihm der Hut aufs Pflaster
fiel, und sagte: Was? Drauen bleiben? Das knnte dir passen. Du gehst
mit hinein, sag' ich und besuchst deine Mutter, wie sichs gehrt.
Bleib' ich vielleicht drauen? Und er fhlte sich nach dieser Tat und
Rede sicherer und erhobener als zuvor.

Da schritten sie miteinander durch das Tor und gingen ber Treppen
und lange Gnge, und hrten unterwegs allerlei Tne, die sie nicht
verstanden und die ihnen Herzklopfen machten, weil sie nicht wuten,
von welcherlei Wesen sie kamen. Und dann tat sich ihnen eine Tr auf;
helles Licht kam durch das breite, geffnete Fenster in den Raum, den
sie betraten; und Georg Ehrensperger, der Jngste, der von allen Dreien
am meisten mit Herz und Sinnen dabei war, dachte mit Staunen, da
Meister Nssel, der Flickschneider auf dem Turm, nichts Rechtes gewut
habe.

Denn er hatte gesagt, da die Mutter im Dunkeln sitze und warten msse,
bis ihr Gott das Licht wieder anznde.

Und hier war helles Licht.

Oder? Oder war das bereits wieder angezndet?

Aber es war helles, gewhnliches Tageslicht, solches, in dem alle
Menschen wandeln. Es war gar nichts Absonderliches dabei.

Auch die Frau, die in den weien Kissen ruhte und ihnen entgegensah,
war weder so besonders schn noch so besonders schrecklich, wie das
abendliche Phantasiegebild, das die Stelle einer Mutter bei ihm
vertreten hatte, wechselsweise gewesen war.

Sie hatte ein weies, sanftes Gesicht, und Augen, in denen das ganze
Leben zusammengedrngt schien, suchende, bittende, hungrige Augen; man
wute nicht, ob sie lachen oder weinen, sich frchten oder sich freuen
wollten. Es war wohl das alles miteinander, und lste sich in raschem
Wechsel in ihrer Seele ab. Sie hatte gescheiteltes Haar; links und
rechts hing ihr eine Flechte davon ber die Schulter und lag auf ihrer
Brust, blond und silbern gemischt und verlor sich unter der Bettdecke.

Die Hnde hatte sie schwer auf der Decke liegen; da hob sie mit Mhe
eine davon zum Willkomm, und lie sie wieder fallen. Da seid ihr,
sagte sie. Das seid ihr? ach! Denn sie hatte kleine, zwei- und
vierjhrige Kinder verlassen. Die waren ihr wieder ans Herz getreten,
als ihr Ich zu sich selber kam. Nun standen ein paar sonnverbrannte,
halbwchsige Buben an ihrem Bett, und traten nher, als ihnen ihr Vater
einen kleinen Puff von hinten her gab, und machten verlegene Gesichter.

Gr Gott, sagte der Kleinere und sah sie so von unten herauf an. Da
fand er, da hier nichts zu frchten sei, und da er schon lang mit
dieser Frau zusammengelebt habe, irgendwie und wo. Und auch, da sie
sowohl mit Frau Judith, als mit der Rektorin Cabisius irgend eine
hnlichkeit habe; er besann sich nicht, welche, er fhlte sie nur. Vor
denen aber war er lngst nicht mehr scheu. Da war er es auch vor ihr
nicht mehr. Ich glaube doch, sagte er spter, als er sich selbst
besser verstand, ich glaube doch, da mir damals einen Tag lang meine
Mutter gehrt hat, wie eine Mutter ihrem Kind gehrt, und ich auch ihr.

Denn es whrte an jenem Tag nicht lange, da sa Georg auf dem Bettrand
und hatte seine rauhe Bubenhand in die feine, weie, heie Hand seiner
Mutter geschoben. Und sie holte die eine und andere Frage aus sich
heraus, Fragen, wie ein Kind sie tut, und sah ihn an, als trinke sie
etwas Langentbehrtes, Frisches aus seinem Gesicht und aus seinen Reden.

Der Bcker Ehrensperger war froh, da er nicht viel zu sagen brauchte.
Sie waren Beide etwas hilflos, als sie versuchen wollten, einander ein
Wort zu sagen. Die Frau bekam einen Augenblick eine heie Rte in die
Wangen; er war ihr fremd geworden, er war wohl nie so recht ein Teil
ihres Wesens gewesen. Da setzte er sich auf einen Stuhl, der am Fenster
stand und sah mit Erleichterung, da Georg die Sache in die Hand nahm.
Er ertappte sich nach einer Weile darauf, da er die Daumen umeinander
drehte. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden; so oft er in Ruhe
dasa, tat er so. Da hrte er erschreckt auf; es war wohl nicht passend
heute. Aber nach ein paar Minuten fing er wieder an. Die Uhr auf dem
Trmchen, das zwischen den Bumen herausblickte, zeigte auf ein Uhr. Da
stand er auf und sagte, er wolle mit den Kindern gehen, etwas zu essen.
Franz griff nach seinem Hut, er war mehr als Georg Fleisch von seines
Vaters Fleisch; er wute hier auch nicht recht etwas anzufangen.
Georg rhrte sich nicht. La mich da, sagte er. Da leuchtete aus den
Augen der blassen Frau ein Strahl, als ob ein helles Licht sich darin
spiegele, und sie drckte in ihrer Schwachheit leise die Kinderhand,
als ob sie sie festhalten wolle fr immer. Ihre Gedanken gingen wohl
nicht weit hinaus. Jetzt war immer.

Da lieen sie ihn sitzen und gingen.

Sie kamen lang nicht wieder.

Als sie wiederkamen, hatte Georg eine kleine Mundharmonika an den
Lippen, die er meist in der Tasche bei sich trug. Er blies darauf,
weich und sachte, als ob er fhle, da hier herein keine lauten Tne
paten. Es war keine eigentliche Melodie, es war nur so ein Tonreigen,
nicht tonreicher, als das Gepltscher eines Bchleins ist. Aber sie
waren froh dabei, beide.

Willst du wohl? sagte der Vater, das fehlte noch, Musik machen.

Da lchelte die Kranke. Nein, la ihn, sagte sie, freier als zuvor,
er hat mir gesagt, da er etwas werden will, bei dem man Musik machen
kann. La ihn.

Dann sah sie aus, als ob sie einschlafen wollte.

Georg hielt ihre Hand und fhlte, wie die Pulse in den Fingerspitzen
pochten, als ob das Leben berall da innen gegen die Wnde stiee und
heraus wolle. Und einmal klopfte es hart und stark unter der leichten
Decke der Mutter, klopf, klopf, klopf.

Mutter, was klopft so bei dir? fragte er.

Er sagte heute in jedem Satz Mutter.

Das ist mein Herz, sagte sie mde.

La einmal hren. Da legte er seinen runden Bubenkopf auf die Decke.
Sie lchelte.

Sie lchelte auch noch, als die Wrterin wieder hereinkam und zu dem
Mann sagte: Sehen Sie doch, und den Buben von ihrer Brust wegnahm und
auf den Boden stellte.

Bst, sagte er, es klopft nicht mehr. Ich habe den Kopf draufgelegt,
jetzt hat es aufgehrt.

Aber er wute nicht, was das war.

Nein, sagte die Wrterin, es klopft nicht mehr.

Da hatte nun der Mann mit der Axt, der Tod, den letzten Hieb getan. Da
hatte der Bewohner nicht mehr seines Bleibens in dem Haus. Es tat ihm
auch nicht mehr not.

Er hatte heute ein freundliches Licht und eine kleine, keimende Liebe
gesehen, und die Augen waren ihm davon gro und froh geworden.

Nun waren sie ja wohl stark genug, in eine Flut von Licht und in eine
groe, berwallende Liebe zu schauen, die in dem neuen Haus auf ihn
warten mochten.

Aber unsere Sprache hat kein Wort, #davon# zu reden.

       *       *       *       *       *

Die Stadtzinkenisten hatten den Trauerchoral vom Wiblinger Kirchenturm
geblasen und waren eben die Treppe hinuntergepoltert, um nun auch auf
dem Weg zum Kirchhof zu blasen. Es war nchstens Zeit, ans Luten zu
gehen.

Die beiden Freunde, der Korbmacher Hollermann und der Turmwchter
Nssel, hatten still zugehrt und in wandernden Gedanken der Lebenden
und der Toten gedacht und da sie wohl alle in guten Hnden seien und
alle einmal mtterlich nach Hause geleitet werden.

Sie hatten es nicht beredet; sie wuten einer des andern Gedanken auch
ohne das.

Da griff der Turmwchter auf den Sims ber dem einen Fenster und
holte da ein Buch herunter und las, da schon auf der Strae unten
der schwarze Wagen ber das Pflaster rasselte, eine Stelle, die
angestrichen war und bei der ein getrocknetes Krutlein lag:

Denn die Welt ist vor dir wie ein Stublein an der Wage und wie ein
Tropfen des Morgentaus, der auf die Erde fllt.

Aber du erbarmst dich ber alles; denn du hast Gewalt ber alles.

Denn du liebest alles, was da ist, und hassest nichts, das du gemacht
hast; denn du hast ja nichts bereitet, dazu du Ha httest.

Wie knnte etwas bleiben, wenn du nicht wolltest? oder wie knnte
erhalten werden, das du nicht gerufen httest?

Du schonest aber aller; denn sie sind dein, Herr, du Liebhaber des
Lebens, und dein unvergnglicher Geist ist in allen!

Als er das gelesen hatte, nickte er zufrieden mit dem Kopf und legte
das Buch wieder an seinen Ort.

Da brauchen wir uns ja nicht weiter den Kopf zu zerbrechen, sagte er.
Da versammeln sie sich nun allmhlich, da unten um die weie Kapelle
her, und liegen ganz still, ein jedes an seinem Ort. Und haben viel
Qual und Unruhe hinter sich, und Sorgen, und haben viel Umwege gemacht,
da man nicht wissen knnte, ob sich auch nur eins von ihnen nach Hause
findet, wenn das nicht wre, davon hier geredet ist: Denn sie sind
dein, du Liebhaber des Lebens, und dein unvergnglicher Geist ist in
allen.

Ja, sagte Hollermann und setzte die Schildkappe auf, um zu gehen,
es wird uns ja wohl zu gut gehalten werden, da wir davon reden als
einfltige Leute, die wohl wissen, da unser Herrgott ein ganzes Stck
klger ist als wir.

Nmlich, da wir das nicht in unser Herz hineinbringen, das mit dem
groen Unterschied drben, der nicht auszusagen sei und nicht aufhre;
und das mit dem Gedanken, da Gott es mit etlichen seiner Kinder in
alle Ewigkeit nicht mehr zurecht bringe und ohne sie leben msse in
seiner himmlischen Herrlichkeit und Pracht. Da man ihm doch zutrauen
mchte, da er sie alle herausholen mchte aus Sumpf und Feuer und dem
Tod und sie endlich einmal bei sich zu Haus sein lasse, wenn's genug
ist mit der Plage.

Der Flickschneider hatte die Brille eingeschoben und ging mit seinem
alten Kameraden das Treppchen hinab zum Luten. Wir haben wohl
nicht so den Verstand, sagte er. Das liegt uns nur so im Gemt.
Etliche sagen, die Bosheit sei allzugro, und etliche wieder anders;
es sei, als ob drben die Geister ineinander flssen, wie die Bche
in die Flsse, und die Flsse ins Meer, da man die Wasser nicht mehr
unterscheidet und alles ein groes Wallen ist. Aber das ist uns nicht
bekannt und das wird auch so recht sein, damit wir unseres Weges gehen
wie die Kinder, und nicht gar so klug sein wollen.

Da lieen sie die groe Frage, die sie nicht um der Frau willen allein
aufgeworfen hatten, der das Luten galt, sondern die je und je ihre
Herzen bewegte in Hoffnung und demtigem Vertrauen.

Unten bliesen die Stadtmusikanten einen Trauermarsch aus aller Kraft
ihrer Lungen, und gingen die Ehrenspergersbuben hinter dem Sarg her
mit neuen Kleidern und Blumenstruen, und schritt der Bckermeister
zwischen zwei Anverwandten einher, ernsthaften Gesichtes und in einem
Rock, der breit und weit genug war, als ein stattlicher Witwer, und
ging Jungfer Liese in der Zahl der Frauen als leidtragende Verwandte
des Hauses, das Taschentuch zwischen den Hnden. Es war alles, wie es
sein mute, denn das Besondere, das um die Frau her war, das hatte der
Tod ausgelscht.

Gertrud stand in der Reihe mit den singenden Schulkindern; und als sie
ihren Kameraden sah, der mit einem merkwrdig erloschenen Gesicht nach
dem sinkenden Sarg blickte, da war es ihr doch, als msse sie neben ihm
stehen, als gehe das gar nicht anders an. Und sie verstie gegen alles
Herkommen, wie das rasch und lebhaft empfindende Menschen zuweilen tun,
und schob sich leise, einen Schritt um den andern, zwischen den Mnnern
des Gefolges und etlichen Cypressen und Grabkreuzen durch, bis sie
dicht hinter Georg stand und ihn sachte am rmel zupfte. Jungfer Liese
warf einen vernichtenden Blick nach ihr und verga einen Augenblick, zu
schluchzen.

Aber das schadete nichts. Darum hatten die zwei Kinder doch zu dieser
Stunde einen Teil aneinander, und konnten das dunkle Kapitel des
Lebens, das sie nicht recht verstanden und das hier seinen Schlupunkt
erhielt, schlieen lassen, um sich nach Kinderart ihrem eigenen
Weg zuzuwenden. Sie nahmen etwas von dem Vergangenen mit da hinein
und holten es hie und da gesprchsweise heraus, wenn sie im Dmmer
beisammen waren. Aber das Dstere daran, das ging nicht mit. Das
zerflo im Nebel, nur das Lichte, Freundliche blieb. Es war den Kindern
doch spter, als htten sie einmal Mtter besessen. Das machte, da
sie das Wenige, das sie von diesem Schatz besaen, miteinander zu
teilen wuten, da wuchs es daran.




                    Achtes Kapitel


Mutter, sagte Lore, das Kind der Putzmacherin Maute, du mut schnell
was anziehen. Da kommt die Frau Rektor Cabisius aufs Haus zu. Sie macht
so kurze, rasche Schritte, wie ein Mdchen geht sie und ist doch schon
eine alte Frau. Das heit, wenigstens hat sie ganz graues Haar. Und
berall hlt sie den Rocksaum hoch; sieh' mal, Mutter, da ist doch
tiefer Schmutz auf der Gasse, und sie hat nie ein Tpfelchen Schmutz
an sich. Lore sa am Fenster und sah in den kleinen Straenspiegel,
der da angebracht war und durch den man alles beobachten konnte, was
drauen vorging, ohne selbst gesehen zu werden.

Ihre Mutter sa ihr gegenber. Sie hatte die Haare auf Papilloten
gewickelt und war mit einer Nachtjacke bekleidet, die, der fehlenden
Knpfe wegen, am Hals mit einer blitzenden Hutagraffe zugesteckt war.
Sie hatte eben noch an einem bestellten Samthut gestichelt; nun stand
sie auf und ging ins Nebenzimmer. Sag', wenn sie kommt, ich kme
sogleich, sagte sie im Hineingehen. Und, Lore, rum' noch rasch ein
bichen auf. Denn es fiel ihr nun pltzlich auf, da das Waschgeschirr
noch auf dem Tisch stand und Kmme und gebrauchte Kaffeetassen sich
mit Seidenbndern und Hutformen auf der Kommode breit machten. Da
nahm das Mdchen einen Anlauf und trug einiges ins Nebenzimmer. Dort
stellte sie es auf den Boden. Und anderes streifte sie mit rascher Hand
in eine geffnete Schublade; und fuhr mit einem Pfauenwedel ber die
Kommodenplatte und legte rasch eine Decke auf den Tisch. Es sah nicht
mehr so bel aus im Zimmer, wenn man nicht gerade kritisch hinsah.

Da klopfte es, und als die Frau Rektorin eintrat, kam ihr Lore
entgegen, frisch und zierlich, wie ein Bachstelzchen und bat, Platz
zu nehmen, nur einen Augenblick zu warten, da die Mutter sogleich
kommen werde. Sie habe nur etwas Notwendiges zu schaffen, das gleich
erledigt sei. Darauf setzte sie sich wieder an ihren Fensterplatz und
hob sittig an, zu hkeln. Irgend etwas Zartes, Zierliches, es gab einen
Halskragen, das konnte man schon erkennen.

Die Uhr tickte, es war still im Zimmer. Drauen rieselte der Regen
herunter und klopfte hie und da ein wenig an die Fensterscheiben.
Von der nahen Kirche her hrte man vereinzelte Orgeltne; irgend ein
musikbeflissener Unterlehrer bte sich da.

Die Frau Rektorin sa und sah nachdenklich aus.

Sie sah dem Spiel der feinen Hnde des Kindes da auf dem Fenstertritt
zu. Es war eine wahre Freude, zuzusehen.

Warum machte sich nur Gertrud nichts aus selbstgehkelten Halskragen?
Warum war sie so ganz anders als alle Mdchen, die die Frau Rektorin
kannte?

Sie sa in ihres Grovaters Studierstube und lernte Latein von ihm. Ja,
Latein. Und ihre Gromutter richtete jetzt und immer die Frage an das
Weltall, was ein Mdchen mit Latein zu tun habe? Aber hier war niemand,
der ihr Antwort gab.

Sie, nmlich Gertrud, war gro und stark fr ihr Alter und hatte ein
kluges, etwas breites, offenes Gesicht, und ihre Bewegungen erinnerten
etwas an die einer jungen Dogge.

Sie war die Freude der beiden Alten. Ja, unstreitig auch die ganze
Freude ihrer Gromutter. Aber das verhinderte nicht, da die Frau
Rektorin in einer eiferschtigen Regung ihres Nchsten Schnheit
begehrte; nicht fr sich, fr das Kind, und da sie innerlich bereit
war, etwas von der unntigen Gelehrsamkeit, mit der sie mein Mann
fttert, dafr dranzugeben.

Sie hatte jetzt nicht lang Zeit, sich den Tausch auszudenken, denn
nun kam die Putzmacherin herein und fing sogleich eine wortreiche
Entschuldigung an, da sie habe warten lassen. Es ist immer so vieles
im Haushalt, wenn man alles ordentlich haben will, sagte sie, und
vielleicht glaubte sie es in diesem Augenblick selbst, da sie alles
ordentlich haben wolle, obgleich sie soeben aus ihrer Schlafstube kam,
in der das Chaos herrschte.

Und dann fing sie an, mit Hutformen, Samt und Spitzen zu hantieren
und Lore verlie ihren Fensterplatz und ihre Handarbeit, um bald die
Stecknadeln, bald eine Schere, bald das Meterma zu suchen. Denn die
Frau Rektorin sollte mit einer neuen Winterkopfbedeckung versehen
werden. Das war aber so, da die neue der alten immer noch ein wenig
hnlich sein mute, und es gehrte eine gewisse Kunst dazu, einen
neuen, haubenhnlichen Hut, (oder eine huthnliche Haube, was in der
Wirkung auf eins herauskommt,) zu schaffen, der weder modern noch
altmodisch, weder rmlich, noch groartig war. Sondern der, sagte
die Frau Rektorin, auf meinen eigenen Kopf pat und nicht auf den von
hundert anderen Menschen.

Ja, das war immer eine Art von Kunstwerk, so einfach es aussah und Frau
Maute war die Erste und Einzige, die die schwierige Frage mit einer Art
von Genialitt zu lsen wute. Es gibt allerlei Bande, die sich um die
Menschen schlingen, und das Geschick der Frau Maute, einen sthetisch
befriedigenden Hut fr die Frau Rektorin herzustellen, war so eine
Art von Band, das die beiden Frauen nach einer gewissen Richtung hin
umschlo.

Aber es war ein Band, das im Begriff war, sich zu lsen.

Das wird nun der letzte Hut sein, den ich der Madam Cabisius mache,
begann die Putzmacherin das Gesprch. (Sie war nicht davon abzubringen,
ihre honorigeren Kundenfrauen mit Madam' zu titulieren und die Rektorin
Cabisius lie sich das nun allmhlich gefallen, weil Widerspruch nichts
ntzte und der Klgste nachgibt.)

Was, den letzten? fragte sie. Das mu merkwrdig zugehen. Entweder
sterb' #ich# bald, oder sterben #Sie# bald, oder, was ists? am Ende
ist Maute wieder aufgetaucht und Sie gehen mit ihm und dem Kind nach
Amerika, wohin er damals verschwunden sein soll?

Ach, Madam Cabisius scherzen. Madam Cabisius wissen wohl, da Maute
fr mich abgetan ist. Und wenn er auch mit Gold berzogen kme, und
kniete hier vor mir nieder, da, wo Madam Cabisius sitzen, ich lie' ihn
knieen. Ich nhme das Kind an der Hand und sagte: Maute, du weit, da
du mich verlassen hast. Keine Widerrede, das hast du. Ich habe das
Kind und mich ernhrt und werde es ferner ernhren und brauche dein
Gold nicht. Und dann wrde ich ihm die Tr aufmachen. 'Bitte, hier ist
die Tr,' wrde ich sagen.

Und damit machte sie ein paar Schritte nach der Tr hin, um sie fr
den Abzug des imaginren Maute zu ffnen, besann sich aber und kehrte
wieder um. Lore stand mit aufgesttzten Armen am Tisch und sah und
hrte dem Schauspiel zu, das sie offenbar nicht zum ersten mal geno.

Die Rektorin zupfte Frau Maute am rmel. Das Kind, sagte sie mahnend.

Ja, das Kind, das ist noch mein Trost. Ich sag's alle Tage: Lore, du
bist mein Trost, denn ich bin eine verlassene, unglckliche Frau.

Ich bin viel zu ideal, das ist mein Hauptfehler.

Ja, aber warum wollen Sie mir keinen Hut mehr machen? Das mcht' ich
wissen.

Denn die Rektorin war ber diesen Punkt noch ebensowenig aufgeklrt,
als wir es sind.

Alles wegen des Kindes, Madam Cabisius. Denn das Kind ist alles, was
ich habe, und es soll glcklicher werden, als seine Mutter. Das sag'
ich immer: Lore, du sollst glcklicher werden als ich.

Darum habe ich beschlossen, nach Tbingen zu ziehen. Madam Cabisius
mssen nicht denken, da es um meinetwillen sei. O nein, mir ist alles
recht, mir ist's auch in dieser kleinen Stadt recht, obgleich fast
niemand Sinn fr den hheren Geschmack hat, auer der Madam Cabisius,
und -- noch ein paar wenigen.

Aber dort kann ich mich besser aufschwingen. Ich bin so sehr fr den
Aufschwung. Das sagte schon Maute immer, obgleich ich sonst nicht viel
auf seine Meinung gebe: 'Henriette, du bist viel zu schwunghaft.'

Er verstand mich nicht. Das hat uns getrennt.

Dort kann ich einen Laden mieten und das bessere Publikum gewinnen. Und
vielleicht nehme ich Studenten in mblierte Zimmer, spter dann. Frau
Maute sah in diesem Augenblick auerordentlich schwunghaft aus. Man
sah ordentlich ihr Mutterherz durch die Falten ihrer geblumten Bluse
scheinen. Denn das mit dem Laden und den mblierten Zimmern geschah ja
nur des Kindes wegen, dem ein besseres Los bereitet werden sollte, und
dem zuliebe die Mutter sich in jede verlangte Hhe zu schwingen bereit
war.

Mutter, dein Haar, sagte Lore leise.

Denn es hatte sich ein dnnes, rotblondes Zpfchen unter den Spitzen
des Morgenhubchens vorgestohlen und wippte auf der geblumten Bluse auf
und nieder, alle schwungvollen Bewegungen seiner Trgerin begleitend.

O, es ist mir nicht bange, sagte Frau Maute, und schob das Zpfchen
wieder an seinen Ort. Ich kann mit allerlei Leuten verkehren. Wenn
ich sonst nichts gelernt htte, so htte ich doch das gelernt. Und
nun gar mit #jungen# Leuten. Wenn man selbst Mutter ist und das Leben
kennt. Ich werde sie mtterlich beraten, meine Studenten, meine ich.
Daran werden Madam Cabisius nicht zweifeln. Madam Cabisius hatte
wohl so ihre Zweifel, aber diese waren von einer Art, die hier nicht
ausgesprochen werden konnte.

Darum schwieg sie darber und dachte nur im Stillen: Ich bin froh, da
Gertrud nicht zu studieren hat. Mtterliche Beratung. Ich danke. Und
dann bot sie ihren grauen Kopf her, um sich das werdende Kunstwerk
ausprobieren zu lassen, und sah unter Samt und Spitzen hervor mitleidig
auf das junge Kind, das zu seinem Besten an dem Aufschwung der Mutter
teilnehmen sollte.

Soll mich wundern, was sie aus dem Mdchen macht, sagte sie zu sich
selbst, als sie auf dem Nachhauseweg mit hochgehaltenen Rcken durch
den Schmutz der Straen stieg. Einreden lt sich da nichts. Nun ja.
Mit ihren Hten war ich immer zufrieden. Eine gelungene Person, das ist
sie. Aber soll mich wundern, was sie aus dem Mdchen macht. Ein feines,
kleines Ding ist das.

Und dann kam ihr mtterliches Herz ins Wallen.

Ich wollte doch, sagte sie, aber sie sprach nicht aus, #was# sie
wollte. Vermutlich war ihr der Wunsch aufgestiegen, das kleine, feine
Ding zu behten. Wovor? Da eilten ihre Gedanken weit voraus.

Aber das war eigentlich nicht ihre Art so. Sie trat fest auf und machte
rstige Schritte, als sie ber den gepflasterten Marktplatz ging. Das
lerne ich allmhlich von #ihm#, sagte sie entrstet zu sich selbst,
das Vorausdenken. Aber das ist nichts fr mich. Braucht man mich etwa
dazu? Ich meine, zur Weltregierung? Und sie schttelte sich wacker
unter dem Regenschirm und rief ihre sorgenden Gedanken zur Ordnung. Da
kam sie hellen und heiteren Angesichts nach Hause und fand Gertrud,
das Mdchen, das ihr zu gelehrt werden wollte, auf dem Treppengelnder
reitend, da die Zpfe flogen. Sie sagte nichts darber, wie sie an
andern Tagen wohl getan htte, und wute auch warum.




                    Neuntes Kapitel


Kennt ihr das Geschlecht der Sonntagskinder?

Es hat allerlei Namen. Man knnte es auch das Geschlecht der Schauenden
nennen, oder der Horchenden.

Es hat eine Gabe mitbekommen, die nicht alle haben, von dem Strom
heimlichen Lebens zu wissen, der unter der Oberflche aller Dinge
hingeht. Die dazu gehren, die ahnen die wundersame Schnheit, die in
die Welt gelegt ist, und lieben sie und horchen nach ihr hin. Und weil
sie sich nach ihr sehnen, die Leben ist und Liebe, Licht, Freude und
Werdekraft, so suchen sie sie berall.

Im Grauen des Morgens, in der Glut des Mittags, im Wehen des Windes, im
Zirpen der Grille im Grase.

Im Lachen eines Kindes, in einem Mnnerzorn, in einer jungen, starken
Menschenkraft, im Ringen der Leidenschaften, in tausend und tausend
Regungen des Lebens vernehmen sie etwas von dem tiefen Grund, aus dem
das Leben quillt.

Und wenn ein Klang aus jener verborgenen Welt ihr Ohr streift, dann
halten sie den Atem an und horchen still hinein.

Manchem von ihnen ist es gegeben, in Tnen davon zu reden, manchem in
Bildern, in der Glut der Farben oder in beredten Linien, manchem in
Worten.

Aber nicht allen. Es sind viele, die tragen den empfangenen Glanz still
in sich herum und die Welt wei nichts davon. Oft sind sie arm und
unscheinbar, und oft macht sie die innere Flle ungelenk, steif und
wortarm nach auen. Aber was schadet das? Wer ihnen zu rechter Stunde
in die Augen she, der she in einen tiefen See, in dem ein Schatz
verborgen liegt.

       *       *       *       *       *

Der alte Korbmacher Hollermann war keiner von denen, die die Welt
mit Harmonien fllen. Aber seine Seele war voll von einer Musik, die
niemand gehrt hatte, obgleich an warmen Abenden, wann die Fenster
seines Huschens offen standen, die Tne seiner Flte, der ererbten
Grovatersflte, ber die cker hin und ber die Landstrae und zu den
wenigen Husern, die hier drauen an der Landstrae standen, hinflogen.
Das, was aus der Flte strmte, das war das, was an die Oberflche
drang. Aber wie wenig war das im Vergleich zum Ganzen. Wenn er so
dasa, mitten zwischen seinen Weidenkrben und Hhnerkfigen, auf dem
niedrigen Drehstuhl und in der grnen Schrze, mit hngenden Schultern
und braunen, rissigen Hnden, die die Flte hielten, da sah ihm niemand
an, da er innerlich wunderbare Chre hrte. Vielleicht waren sie
wirklich, vielleicht tnten sie aus irgend einer Welt zu ihm herber,
wer vermag das zu sagen?

Was er hervorbrachte, waren selten so eigentliche Melodien. Es war
ein Reden in Tnen, vielleicht auch nur ein Stammeln. Es fragte ihn
niemand danach und er sagte es zu niemand. Das heit, das war seitdem
so gewesen. Aber das sollte nun nicht lnger so fortgehen. Die Jugend
kam zu ihm herein unter das tief herabhngende Dach.

Gertrud kam. Sie war einmal auf einem Spaziergang mit dem Grovater
einen Augenblick eingetreten, hatte dem alten Hollermann bei der Arbeit
zugesehen, hatte das Wetterhuschen, aus dem der Kapuziner trat, wenn
es schn Wetter wurde, bewundert, und die rankenden Krbisse an der
Hinterwand. Und da es ihr schien, als ob hier noch viel zu bewundern
sei, so versprach sie das Wiederkommen. Das hielt sie auch. Als sie
hier einigermaen zu Hause war, brachte sie Georg mit. Der wurde es
noch mehr als sie, und noch schneller. Das machte, da er Meister
Hollermanns Fltenspiel gehrt hatte. Es war an einem Samstagabend
gewesen. Die Kinder hatten ber ihren Aufgaben gesessen, bis es dunkeln
wollte. Dann hatte sie die Gromutter ins Freie gejagt: jetzt geht!
wollt ihr mir hier versitzen und mit sechzehn Jahren Brillen tragen?

Nein, das wollten sie nicht. Da gingen sie los. Die beiden Alten
wandelten zwischen den Rabatten des Gartens hin und her, und die
Kinder machten einen Streifzug. Durch den Baumgarten, da hingen kleine
grasgrne pfel in den Zweigen, es gab noch nichts Reifes; ber den
Lattenzaun, durch den trockenen Burggraben, da kamen sie auf freies
Feld.

Jetzt besuchen wir den alten Hollermann, sagte Gertrud. Da liefen sie
in langen Stzen den schmalen Feldweg entlang. Das Korn war noch grn
und wogte leise hin und her, eine Blindschleiche glitt ber den Weg. In
der zitternd warmen Sommerluft summten die Schnaken. Hinter dem Wald
ging die Sonne hinunter.

Dann blieben sie stehen. Horch, sagten sie beide. Da schwebte es in
der Luft, wie ein ser Gesang. Und doch wieder anders als ein Gesang.
Jetzt fltet er, sagte Gertrud. Das tut er alles auswendig, so aus
sich selber heraus. Und dann liefen sie wieder. Es war bezeichnend fr
Georg, da er es hbscher fand, auen auf dem Bnkchen neben der Tr
zuzuhren, weil er den Fltenblser nicht kannte, und fr Gertrud, da
sie ihn an der Hand hineinzog ohne viel Federlesens. Da sind wir,
sagte sie. Wir wollen zuhren.

Aber er war es nicht gewhnt, Zuhrer zu haben. Er setzte die
Flte ab und sah vor Verlegenheit grimmig aus. So lang, bis er in
das enttuschte Gesicht des Buben sah. Es konnte niemand sonst so
enttuscht aussehen. Nun war er hier hereingekommen und gleich hrte
das auf, was ihn so herangezogen hatte.

Der alte Hollermann war in Not. Das, was er soeben geblasen hatte,
das konnte er jetzt nicht fortsetzen. Davon war ihm der Faden
abgeschnitten, und das war auch etwas wie ein Selbstgesprch gewesen.
Da besann er sich auf alte, lngst gehrte Klnge. Denn er konnte es
den Kindern nicht antun, da er so verstummte, so gern er das getan
htte.

So, nun merkt auf, sagte er. Und spielte ein klingendes, singendes
Lied, und dann noch etwas, das tat, wie zwitschernde Vogelstimmen.
Das ist von Mozart, sagte er und nickte mit dem Kopf. Kennt ihr
den nicht? Das ist aus der Zauberflte. Vor zwanzig Jahren hab ich
das gehrt. Als Mina noch lebte. Ja so, ihr kennt Mina nicht. Sie war
in Mnchen und dort hrten wir das miteinander. Sie wollte meine Frau
werden, aber dann starb sie.

So, nun war es wohl aus?

Nein, sie kannten Mina nicht. Sie waren nun zwlf und dreizehn Jahre
alt, hatten schon vieles gelernt und hatten den starken Trieb, noch
viel mehr zu lernen, und htten am liebsten eines immer dasselbe
gelernt, was das andere lernte, obgleich das ja nicht so durchzufhren
war.

Sie hatten auch schon von Mozart gehrt, wenn auch nicht allzuviel.
Aber noch fragten sie nicht viel danach, wer die und jene Musik
geschaffen habe. Es mute nur klingen und singen, das war die
Hauptsache.

Es wurde auch rasch vollends dunkel, darum gingen sie nun wieder,
hielten einander an der Hand und gingen auf der breiten Landstrae ins
Stdtchen hinein.

Meister Hollermann sa wieder am Fenster und fltete. Es war jetzt ein
leises, weiches Getn. Vielleicht dachte er dabei an Mina und wie sie
mit glnzenden Augen neben ihm gesessen hatte jenes einzige Mal, da sie
miteinander so im Reich der Tne waren.

Oder vielleicht sah er in die ziehenden Abendwolken und fragte, wohin
ihr Geist gegangen sei, damals, als sie an einem schnen Juniabend,
einem Abend wie heut, fr immer ihre Bgelsthle und ihre Kundenwsche,
ihre kleine trauliche Stube und ihn selbst, der sie so liebte,
verlassen hatte.

Die Kinder wuten das nicht. Aber Georg stand pltzlich still und
sagte: ich will noch ein wenig horchen und es half nichts, da
Gertrud vor Ungeduld trippelte. Er hatte die Hnde in den Taschen und
horchte.

       *       *       *       *       *

Das war das erste Mal gewesen.

Von da an war der alte Hollermann hie und da gentigt, etwas von dem
herauszugeben, was ihn innerlich bewegte.

Er war viel gewandert in seinem Leben, weit umher. Viel erworben hatte
er sich nicht. Gerade genug, um das kleine, windschiefe Huschen kaufen
zu knnen und darin die Korbmacherei zu betreiben. Er flickte die
Waschkrbe der Brgersfrauen und die Marktkrbe der Bauernweiber, und
flocht aus Weiden Tragkrbe fr die Weingrtner und was so mehr des
lndlichen Bedarfs war.

Dabei konnte er die Bilder der weiten Welt an sich vorbeiziehen lassen.
Einmal, zu Minas Zeiten, war Aussicht gewesen, da er sich, wie die
Putzmacherin Maute, des Aufschwungs befleiigen werde. Damals lag ihm
an einem freundlichen Nest und an Brot fr sie beide. Nachher, als sie
gestorben war, hatte er keinen solchen Antrieb mehr. Da wurde er mehr
und mehr einer der Horchenden. Er ging so still fr sich hin. Und als
er's einzurichten wute, kehrte er in die Heimat zurck und spann sich
da in eine eigene, stille und doch belebte Welt ein. Wer konnte wissen,
was alles seine schweigsame Seele fllte?

Es war eine kleine Gemeinde von Pietisten im Stdtchen. Und weil dabei
fromme, eingezogene Leute waren, die sich versammelten, um miteinander
bers Evangelium zu reden, so ging er auch hin, denn ihn verlangte
nach Gemeinschaft. Aber er sprach nicht ihre Sprache. Sie hatten alle
Worte der Bibel so schn genau zurechtgelegt und nun redeten sie ber
die tiefen Geheimnisse, die in der Offenbarung des Johannes stehen und
es war ihnen alles so klar, da kaum noch etwas zu fragen blieb. Da
wurde er noch einsamer; und als sie sagten, nun solle er auch reden, da
schttelte er leise den Kopf.

Der junge Zimmermann Dieterle, der dabei war, der sagte, wenn er darauf
zu sprechen kam, da seine Augen wie in eine unergrndliche Tiefe
gesehen htten, und, sagte er, ich htte wissen mgen, was er sah,
aber er fand das Wort nicht.

Von da an ging er allein dahin, wenn er nicht hie und da auf den
Turm stieg zu seinen alten Freunden, dem Turmwchter und der Frau
Judith. Er war aber freundlich gegen alle, die ihm nahe kamen, und
nchtigte einmal zwei Handwerksburschen in seinem Bett. Da brachte er
die eine Hlfte der Nacht am Tisch sitzend ber einem alten Buch zu,
und sah die andere Hlfte lang zum Fenster hinaus nach den Sternen
und nach dem Kommen des Morgens. Nun kam, wenige Tage nach jenem
Samstagabend, an dem er den beiden Kindern die Flte geblasen hatte,
der lang aufschieende Knabe mit dem schmalen Gesicht und den hungrigen
Augen vor seine Tr, diesmal ohne Gertrud. Die sa daheim und hatte
Handarbeitsstunde bei ihrer Gromutter. Hollermann hrte ein kleines
Gerusch am Fenster, dann an der Stubentr. Und als er, in Strmpfen,
denn so sa er an der Arbeit, hinging und ffnete, da prallte der Kopf
mit dem dunklen Haarbusch vom Schlsselloch zurck, an das er sich
horchend gelegt hatte. Dunkelrot wurde der Knabe und sagte verwirrt und
stotternd: ich, ich wollte -- ich habe hier eine Flte. Da zog ihn
Meister Hollermann mit sich hinein.

Es war eine alte, verstaubte Flte mit grnspanigen Klappen, die
Georg in Papier gewickelt unter dem Arm trug. Er hatte sie in einer
Bodenkammer gefunden und sie tnte ihm in Gedanken nun fort und fort
so lieblich, tnte ihm in der Schule in die Geschichte des Hannibal
hinein, tnte beim Vesper zu den Lauten der Jungfer Liese, die an sich
gar keine hnlichkeit mit Musik hatten, tnte, tnte, bis er nun hier
stand und sagte, als ob er vor dem Knig stnde und um die Hlfte
seines Landes bte: wenn Sie mir zeigen tten, wie man's macht. Das
brige sagte sein flehendes Bubengesicht.

Nun studierten sie miteinander, da es eine Art hatte. Das machten
sie so: Georg hatte die Melodien im Kopf, die er von der Schule und
Kirche her kannte und die er etwa auf der Strae hrte. Die pfiff er
seinem Lehrer vor, worauf dieser sie auf die Flte bertrug, was dann
hinwiederum Georg so lange nachprobierte, bis er die Melodie richtig
heraus hatte.

Das trieben sie eine ganze Weile und vergngten sich sehr damit. Bub,
sagte der alte Hollermann, du lernst das besser als ich. Daran ist
nicht zu drehen. Ich hab's in mir drin, das hab' ich. Aber ich kann's
nicht so von mir geben. Ich hab' schon gedacht, nachher einmal, in
einer andern Welt, da knn' ich das vielleicht.

Was mein Grovater war, der Schfer Hollermann, der wute eine
Geschichte von einem Geiger. Der zog herum und wollte das schnste Lied
spielen lernen, das es gibt.

Da ging er zu den Vgeln in den Wald und horchte und horchte. Das
konnte er bald. Er konnte geigen, da man die Amseln und die Finken und
Drosseln heraushrte.

Aber das war ihm noch nicht schn genug. Da horchte er auf den
Wind. Was konnte der fr Lieder singen. Ganz leise, feine, da man
die Bltter an den Bumen rascheln hrte und die hren hin und her
schwanken. Und dann starke und frohe, weit du? so, wie es tnt, wenn
der Frhling kommt. Und die ganz wilden, wo sich die Eichen biegen,
wenn der Sturm durch sie hinfhrt.

Das lernte er auch nachspielen. Da zog er weiter, denn er wute, da
ihm noch viel fehle. Und, sagte er, eher will ich nicht aufhren,
bis ich das schnste Lied von allen habe.

Das Wasserrauschen konnte er nachbilden, man glaubte die Wellen blinken
zu sehen und die Bchlein rieseln zu hren.

Und er spielte Hochzeitsreigen und Tanzlieder, und was die jungen
Mdchen und Burschen singen, und Kirchenlieder. Und manchmal spielte
er etwas, das kein Mensch verstand. Da mute weinen, wer es hrte. Es
war, als ob er etwas suche und das tat er auch. Er suchte das schnste
Lied von allen; da hrte er hie und da einen Ton, aber er fand nie das
Ganze.

Darber wurde er alt und grau und kam zu sterben. Er war aber ganz
allein, denn, Georg, wer das will -- aber das verstehst du noch nicht.

Ja, und da klang es auf einmal irgendwo, und nun wute er, da dies das
Lied sei, das einzige, das es gebe. Und er griff nach seiner Geige,
und, so stark seine Hand zitterte, er konnte es doch spielen. Aber die
Saiten zersprangen davon, eine nach der andern. Da starb er und das
war auch ganz gut, denn sonst hatte er ja nichts gewollt. Und siehst
du, darum denke ich, da es einen Ort gibt, wo man das alles kann, was
man in sich hat, weil es dem Geiger irgendwo her tnte, als er schon
im Sterben lag. Und weil ihm die Seiten sprangen, als er es zu spielen
versuchte, darum denke ich, es mu irgendwo bessere Geigen geben. Aber
ich bin ein alter Mann, Bub. Ich bin begierig, wie alles wird, und ich
denke, es wird irgendwie gut. Das ist alles, was ich so sagen kann.

Das will ich alles auch lernen, sagte Georg und machte ein sehr
entschlossenes Gesicht dazu. Ja, das tu' du. Der Alte war sehr
einverstanden damit.

Ich kann dich das nicht lehren. Aber mein Grovater sagte, wenn er
die Geschichte erzhlte: 'Das kann man einen berhaupt nicht lehren,
wenn's einer nicht in sich hat.' In groen Stdten da haben sie Schulen
dazu, dahin gehen die Leute, um das alles zu lernen. Ich meine, das
Musikmachen und so was. Dahin gehen sie noch, wenn sie Mnner sind. Ich
hab' schon solche gesehen mit Brten, die gingen da hinein und lernten
Musik machen. Den ganzen Tag Musik und nichts weiter. Das mu ein Leben
sein, Bub. Wie im Himmel. Aber ich wei nicht, ob's die alle in sich
haben. Da schlug sich der Bub aufs Knie, da es schallte.

Dahin mcht ich auch, sagte er. Was sagst du? Ganze Sle voll mit
Orgeln und Klavieren und Geigen und Flten? Dahin mcht ich auch.

       *       *       *       *       *

Nun hatte er wieder ein Bild, das er sich abends beim Einschlafen
vormalen konnte. Er steckte sich unter die Decke und hielt die Ohren
zu, da kein Laut von auen herein dringe. Und dann lie er den Saal
vor sich aufsteigen. Der war riesig gro, er wurde immer noch ein wenig
grer. Und an den Wnden standen Orgeln, immer eine grer als die
andere, mit blanken Pfeifen, und oben schwebte an jeder ein nackter
Posaunenengel, denn solch einer war auch an der Wiblinger Kirchenorgel
und Georg konnte sich keine Orgel denken ohne diesen Zierrat. In der
Mitte des Saals aber standen Klaviere, die waren so schn wie das
des Rektors Cabisius und waren alle aufgeschlagen. Da standen sie
mit ihren schwarzen und weien Tasten und vor jedem stand ein Stuhl.
Menschen waren da nicht, und das war gut. Denn sonst htte Georg sich
nicht getraut, zu spielen. Aber das tat er nun. Heidi, wie seine Finger
auf und nieder fuhren. Es war gut, da er unter der Decke steckte, so
konnte ihm niemand den khnen Gedanken ansehen, der sich nun entspann:
Er konnte es wahrhaftig noch besser als der Rektor.

So, nun hatte er genug am Klavier. Da griff er nach einer der Geigen,
die an den Wnden hingen, oder nach einer Flte. Jagdhrner waren auch
da. Trari, trara.

Einmal, als er soweit war, verga er sich und tutete das Geheimnis ber
die Grenzen seines Bettes hinaus.

Da brachen merkwrdige Tne unter der schweren Federdecke hervor wie
ein unterirdisches Donnerrollen.

Jungfer Liese, die in der anstoenden Stube sa und Strmpfe stopfte,
kam herein und zog ihm das Deckbett ein Stck weit hinunter. Es sei
kein Wunder, wenn einer schwer trume, sagte sie. Wenn man sich
dermaen begrabe.

Und Franz, der am Einschlafen war, warf sich herum und beklagte sich.
Da soll einer schlafen knnen, sagte er. Franzens Schlaf aber war
heilig.

Denn er war nun Bckerlehrling seit Ostern, das war drei Monate her.
Und er mute aus den Federn, eh' der Tag graute. Er wollte das auch.
Er wollte spter die Bretzel, die ber der Ladenstaffel schwebte, neu
vergolden, und wollte alles tun, was sich fr den Hauptsprossen der
Ehrenspergersfamilie gehrte.

Da beugte sich Jungfer Liese ber das Bett des jngeren Sohnes, und
wisperte ihm mit gedmpfter Entrstung mahnende Worte zu. Der aber
hielt die Augen geschlossen und atmete tief und lang und tat, als ob er
schliefe, bis der wache Traum in einen wirklichen berging.

Darin ging er mit dem alten Hollermann ber ein flaches Feld, das sich
weit und breit dehnte. Es wehte leise in der Luft, rings, so weit das
Auge ging, wogte ein Meer von braunem, goldig glnzendem Heidegras, das
rauschte so sachte, als ob es am Einschlafen sei. Fern am Horizont,
wo die Sonne versunken war, standen die Hhen in rotem und violettem
Glanz, und leuchtende Wolken mit Gold- und Purpursumen zogen darber
hin und entschwanden, eine nach der andern.

Da fing der alte Hollermann an zu singen, und hatte ein so glnzendes
Gesicht dabei, als ob auch er in das Licht der Sonne getaucht sei.

Georg verwunderte sich weder ber das eine, noch ber das andere,
obgleich er ihn noch nie so gesehen oder gehrt hatte. Das mute nun
gerade so sein.

Es war aus einem alten Kreuzfahrerlied, was Meister Hollermann sang.
Georg hatte es einmal irgendwo gehrt, er wute nachher nicht mehr wo.

      Alle die Schnheit
      Himmels und der Erden
      Ist verfat in dir allein.

Ist das nun das rechte Lied? fragte der Georg. Ja, sagte der Alte
und bog den Kopf vor, um zu lauschen, hrst du, wie alles mitsingt,
ringsumher?

Wer? aber er erhielt keine Antwort mehr.

Das Feld dehnte sich weit und weiter und wurde grau und still. Und der
Traum versank; und Georg versank in die Tiefen eines jungen, festen
Schlafes.




                    Zehntes Kapitel


Es war ein Sptnachmittag im Frhherbst.

Die Sperlinge schwirrten mit viel Geschrei um das Weinspalier her.
Das war an der Sdwand des Rektorhauses, die nach dem Garten geht. Es
war nicht viel fr sie zu holen, es war ein feines, dichtes Netz ber
die Trauben gezogen. Da hatte es eine Lcke und dort eine. Aber was
waren die paar Beeren fr solch eine Schar? Das war gerade genug, um
den Appetit zu reizen. Aber darum konnten sie es doch nicht lassen,
schimpfend hin und her zu schwirren. Sie hielten lange Reden darber,
da es nicht recht zugehe auf der Welt? Was? Nun waren die Trauben
unbedeckt geblieben, so lang sie hart und grn waren, und wurden nun
unter das Netz gesteckt, da sie tglich weicher, ser und reifer
wurden?

Drben im Obstgarten standen die Bume voll reifender pfel. Schwer
hingen die ste herunter, sie vermochten kaum ihre Last zu tragen.
Warum wurden nun #diese# nicht mit einem Schleier berzogen? Danach
htten die Sperlinge nicht gefragt; die pfel mochten ruhig reifen
und zur Erde fallen, sie rhrten keinen an. Aber gerade das bichen,
was wir gern htten, das mignnen sie uns, sagte ein alter, dicker
Spatz und hpfte schwerfllig und rgerlich auf den Syringenbusch, von
dem man die beste Aussicht auf das Weinspalier hatte, und die andern
schrieen ihm Beifall.

Da ging die Gartentr und drei Kinder kamen herein. Die Sperlinge
kannten sie wohl, sie waren hier tglich zu sehen. Der lange, magere
Bub, der so oft stand und die Hnde in den Taschen hatte und in die
Luft sah; das starke, brunliche Mdchen mit den langen Zpfen, und
das kleine, feine rothaarige, dem die jungen Spatzen gern die Augen
ausgepickt htten, weil sie aussahen, wie reife Kirschen.

Die gingen nun auch an das Weinspalier. Seht ihr, seht ihr, riefen
die Krakehler unter den Spatzen. Die nehmen sich, was unser ist.
Das ist Raub, das gehrt in die Chronik. Aber die Kinder kmmerten
sich keinen Augenblick um das Spatzengeschrei. Eine fr uns drei
miteinander, sagte Gertrud. Ich sag's nachher der Gromutter, ich
nehm' sie nicht heimlich. Sie griff in das grne Laub und Georg hielt
das Netz ein wenig zurck und sah mit hinein. Aber eine groe, wenn
sie fr drei reichen mu, sagte er.

Da fanden sie miteinander eine groe, durchsichtig schimmernde Traube
heraus und nahmen sie sachte herunter und sahen sich ein bichen um, ob
niemand zusehe, obgleich sie's nachher sagen wollten. Dann gingen sie
miteinander und mit ihrem Raub, (denn das war es doch, da hatten die
Sperlinge nicht unrecht gehabt,) in den Obstgarten.

Ganz hinten in der Ecke, dort, wo der Garten an den Stadtgraben
anstt, unter dem Sapfelbaum, lieen sie sich nieder.

Der Baum hing zum Brechen voll. Hie und da raschelte es in den
Zweigen; dann lste sich eine Frucht und fiel ins Gras.

Die Kinder sahen nicht viel danach hin. Aber nicht aus demselben Grund,
wie die Spatzen. Sie hatten nur heute Wichtigeres zu bedenken. Lore
war gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie teilten ihre Traube, Beere um
Beere und sagten nicht viel dazu. Den leeren Kamm warfen sie ber den
Lattenzaun in den Stadtgraben und standen und sahen ihm nach, als ob es
ein Stck ihres vergangenen Lebens sei.

Vorhin waren sie ein letztes Mal miteinander auf dem Turm gewesen. Ein
letztes Mal; das war sonderbar. Warum konnte nicht immer alles gleich
fortgehen, wie es von jeher gewesen war?

Es war nicht gerade ein Schmerz, da sie nun scheiden sollten. So ganz
zum tglichen Leben hatte Lore den beiden andern nicht gehrt. Es war
nur so etwas Neues, anderes.

Da war so ein groes Tor aufgetan, und eins von ihnen ging hindurch, in
die weite Welt hinein. Was mochte dort alles sein? Es war wohl alles
ganz anders, als hier? Grer und schner und voller Wichtigkeiten,
voll neuer, unentdeckter Wunder. Es ging so etwas wie ein Reisewind
durch alle drei hindurch.

War es schner, zu gehen, oder zu bleiben?

Wer konnte das sagen?

Oben auf dem Turm, von Frau Judiths sonnigem Fenster aus, hatten sie in
die leuchtende Ferne geschaut, Kopf an Kopf. Dort hinten lag Tbingen,
weit hinten. Man konnte es nicht sehen, natrlich; es war viel zu weit
dorthin.

Die ganze Albkette lag davor; alle die Hhen, die sich am Horizont
hinzogen, Berg an Berg, als ob sie sich an den Hnden gefat hielten
und so durch die schne Welt marschierten.

Hie und da glnzte es wei aus den blulichen, duftigen Schleiern, in
die sich die Berge gehllt hatten. Ein felsiger Abhang, eine Burgruine.
Da eine und dort eine. Warum hatten sie das sonst nie so gesehen, wie
heute?

Dort hinten irgendwo, in dieser blauen Ferne, lag Tbingen.

Sie saen unter dem Sapfelbaum und sahen den umfriedeten Garten vor
sich liegen in seiner stillen, heimeligen Schnheit. Die Dahlien und
Astern und die hochstmmigen Herbstrosen blhten an den Rabatten. Die
groe Laube schimmerte leuchtend rot; sie war ganz und gar umsponnen
von den Ranken des wilden Weins, auf dessen purpurnen Blttern die
Sonne lag.

Die schwarz und wei gefleckte Katze der Frau Rektorin stieg voll
Behagen auf dem Gartenweg einher und lie sich die Sonne auf den Pelz
scheinen.

Wie schn war es hier. Und wie schn auch drauen in der Weite. Hie und
da fingen sie an, von gleichgltigen Dingen zu reden. Aber es wollte
nicht so recht fort mit der Unterhaltung.

Sollten sie von dem und jenem reden, das hier blieb, whrend Lore ging?
Wie es aber drauen sei, davon wuten sie nicht viel. Da zog Lore ein
braunes Paketchen aus der Tasche. Es war ein Buch darin. Das hat mir
die Spitalbbel geschenkt, sagte sie.

Es sei ein Andenken, und ich soll drin lesen. Ich wei nicht, es ist
keine rechte Geschichte, es ist, glaub' ich, ein bichen langweilig.
Ich hab' nur so hineingesehen.

Langweilig? Dann wollten die andern nichts damit zu schaffen haben.
Das war das rgste von allem.

Die Spitalbbel war ein einsames, altes Weiblein, das oben in einer
Dachkammer desselben Hauses, wie die Putzmacherin Maute, wohnte.
Sie war frher Leichenbesorgerin gewesen, und sie hatte in einer
lngst verflossenen Pockenzeit die Kranken gepflegt, drauen im
Siechenhaus, das weit von den andern Husern auf freiem Feld stand,
und nun mit geschlossenen Tren und Fensterladen auf irgend eine neue
Inwohnerschaft zu warten schien. Worauf die Spitalbbel wartete, wute
man nicht so genau. Sie hatte ein kleines Krautgrtlein, das sie baute,
und auerdem strickte sie grobe Strmpfe und Socken um mageren Lohn fr
Handwerksgesellen und Dienstmgde.

Das Siechenhaus hatte fr jedermann etwas Unheimliches. Denn wer konnte
wissen, zu welchem Zweck es dereinst wieder aufgetan werden wrde? Da
aber an der Bbel selbst auch etwas besonderes hngen geblieben war,
das war eine merkwrdige Tatsache.

War es das, da sie so viel mit den Toten zu schaffen gehabt hatte?
Sie hatte ein spitziges Vogelgesicht mit ein paar beweglichen,
graugrnen uglein, und eine hohe, dnne Stimme. Auch ging sie immer
noch gekleidet wie einst als Totenfrau, in ein groes, schwarzes
Umschlagtuch, dessen hinterer Zipfel fast die Erde berhrte, und mit
einer Haube, deren beide schwarze Flgel wie groe Nachtschmetterlinge
um ihren Kopf flogen. Sie hatte dereinst das Siechenhaus abgeschlossen
und den Schlssel dem Gemeinderat gebracht, und sie allein wute, wie
es nun dort drinnen aussah.

Wenn sie htte reden wollen. Aber sie kniff die dnnen Lippen fest
aufeinander. Das war das Allergeheimnisvollste.

Sie tat keinem Menschen etwas zuleide. Aber die Kinder hatten ein
Grauen vor ihr, so ein gelindes, das bei Tag angenehm wirkt und nur in
der Dmmerstunde die Schritte beschleunigt, wenn es einem begegnet, da
man ins Helle, Warme komme.

Und nun hatte sie der Lore ein Buch zum Abschied geschenkt.

Das war etwas Wunderbares.

Sie ist mir auf der Treppe begegnet, sagte Lore.

Und da hat sie sich vor mich hingestellt, und hat mir die Hand auf den
Kopf getan, so --, Lore stand auf und legte ihre feine, weie Hand auf
Gertruds Kopf, und das war eine eiskalte, drre Hand, sie schttelte
den Kopf ganz stark und sagte: Kind, Kind, wenn du alles wtest, was
kommt. Aber das weit du nicht.

Ich wollte gern sagen, da ich es gar nicht wissen wolle und da sie
ihre Hand wegtun solle, aber ich konnte nicht. #So# habe ich gezittert.

Lore schwankte hin und her, als ob sie der Sturmwind schttle.

Die andern lachten so ein bichen unsicher. Und Gertrud zog sachte
ihren Kopf zurck, obgleich es gewi keine eiskalte, drre Hand war,
die auf ihr lag.

Und da hat sie gesagt -- und die Augen dabei ganz klein gemacht --:
'Da, das nimm mit auf den Weg, Kind. Da steht's, was alles kommt. Es
ist nichts mit der Welt.' -- Ach was, ich wei nicht mehr, was sie
alles gesagt hat. Es ist auch einerlei.

Da gab sie dem Buch, das auf ihrem Scho lag, einen kleinen Sto, da
es ins Gras flog, und stie mit der Spitze ihres zierlichen Fues noch
ein wenig daran und sa und wickelte sich ihre Locken um die Finger.

Das Buch war aber aufgegangen und als die Kinder so beilufig danach
hinsahen, war ein Bild auf der obersten Seite.

Das war etwas anderes, Bilder.

Da hob Georg es aus dem Gras und sie sahen miteinander hinein. Es war
aber ganz und gar kein Kinderbuch.

Es war eine merkwrdige, schwere Geschichte von einem Mann, der aus
seiner Heimat ging, weil ihm gesagt war, da sie die Stadt des
Verderbens sei, und der durch unendlich viele Hindernisse, Fuangeln
und Gefahren hindurch nach einer wunderbaren Stadt reiste, die ihm als
Reiseziel immerwhrend vor Augen stand.

Es war ein Gleichnis fr das Leben der Christen, die sich mit starkem
Mut und Willen aufmachen als Wandersleute, die in dieser Welt noch
nicht zu Hause sind, aber gern nach Hause kommen wollen, wann ihr Tag
sich neigt, und die sich unterwegs durch nichts halten lassen.

Es hie Bunyans Pilgerreise und es ist ein Buch, das in vielen
Husern der frommen, tiefdenkerischen und zuweilen grblerischen Leute
zu finden ist, die als Stille im Lande da und dort zerstreut leben
und sich zusammenfinden, um miteinander ber das zu sprechen, was
ihnen bei der Arbeit und am Abend bei der Lampe hinter den Bchern
aufgegangen ist.

Nun sahen die Kinder miteinander hinein.

Und da es ihnen niemand erklrte, so drangen sie auf ihre eigene Weise
in das seltsam-geheimnisvolle Buch ein.

Sie genossen es aber, da sie sich mehr an die Bilder hielten, die
das Buch durchzogen, wie ein Mrchen oder eine Sage und berschlugen
die langen Gesprche und die Belehrungen und gingen mit Christ, dem
Wanderer, durch all die Schrecknisse seines Weges. Und steckten
eintrchtig die Kpfe zusammen ber dem Bild, da er zwischen den
aufspringenden Lwen hindurchging, und dem, da er lag und schlief und
sich ihm ein Gewappneter nahte mit gezcktem Schwert.

Und atmeten tief auf, als er sich des Schlssels erinnerte, der ihm
und seinen Gefhrten die eiserne Tr im Schlo des Riesen Verzweiflung
auftat.

Und als sie das Buch wieder zumachten, waren sie so froh wie vorher und
keiner der dsteren Schatten war auf ihren Weg gefallen, und als sie
anfingen, davon zu reden, wie es spter kommen werde, da sprach das
Buch nicht mit.

Denn das, was sie bis jetzt vom Christentum gesehen hatten, das trug
freundliche, liebreiche Zge und hatte keine Schrecken und keine
Finsternisse.

Und daran sieht man, sagte der Rektor Cabisius, als er mit seiner
Frau beim sinkenden Abend durch den Garten ging und die kleine
Gesellschaft beieinander und das Buch neben ihnen fand, daran sieht
man, da die Kinder wahrhaftig im Himmelreich leben, da sie mit den
gewaltigen Mchten, vor denen die groen Leute erbeben, umgehen, als
seien es Riesen und Drachen eines Mrleins.

       *       *       *       *       *

Also, wenn du dann ein Student wirst, dann kommst du nach Tbingen. Da
fangen wir wieder alles von vorne an, sagte Lore. Das wird fein.

Georg nickte ihr zu. Er hatte sich die Hnde unter den Kopf geschoben
und lag der Lnge nach im Grase.

Durch die Lcken zwischen dem grnen Geste des Baumes sahen kleine,
schimmernde Fleckchen des blauen Septemberhimmels herein, nach denen
sah er hin, als ob seine zuknftige Geschichte da geschrieben stnde.
Das war sicher, da unendlich viel Schnes in der Zukunft lag. Dies
oder anderes, es wrde sich schon finden, was.

Ich will Musik machen lernen, das ist die Hauptsache. Sonst ist mir's
einerlei. Das sagte er seit einiger Zeit immer. Es ging nicht mehr so
klipp und klar mit der Gleichheit, wie sonst, zu Gertruds Kummer. Was
hatten sie fr gemeinsame Plne gemacht. Die verflogen nun so sachte
und neue traten an ihre Stelle, die nicht mehr zu teilen waren. Das
heit, sie beredeten alles miteinander. Aber nun hie es: ich will das
und jenes tun. Und zuvor hatten sie immer gesagt: Das wollen #wir#.

Ich geh' in die weite Welt, sagte Georg, denn er dachte an jenen
Geiger, der das schnste Lied suchte.

Sie aber nahm seine Knabentrume fr feste Entschlsse und erschrak
sehr.

In die weite Welt? Dann kommst du wohl nie wieder?

Ich wei noch nicht, vielleicht.

Er sagte es sehr gleichmtig. Aber als er ihren Schreck sah lenkte er
ein.

Doch, ich denke, ich kann es einrichten, Gertrud. Ach, ich wei noch
nicht, es hat noch Zeit, das alles.

Seine Wnsche lagen noch in der Morgendmmerung und wogten,
aufsteigenden Nebeln gleich, durch seinen Sinn. Bald nahmen sie dies
Bild an, bald jenes.

Man wrde schon sehen, was an ihnen war, je mehr der Tag heraufstieg.

Gertrud sa und legte ihren Arm um Lore.

Ach, du kleines Ding, sagte sie. Und sagte es weich und mtterlich,
so mit einem Ton, als ob sie Lores Gromutter wre. Nein, ihre viel
ltere Freundin; und sie war doch gleichen Alters.

Sie war nur geistig weit mehr entwickelt, und sie hatte auch von Haus
aus eine viel tiefere, schwerflligere Art. Sie konnte nichts obenhin
nehmen, so stark und tief sie Freude und Schmerz empfand. Sie mute
immer alles ganz erleben, schon als Kind.

Und das Mtterliche, das den echten Frauennaturen angeboren ist, das
regte sich stark in ihr. Aber sie wute nicht, was es sei. Sie liebte
nur alles Zarte, Kleine, und alles, was irgend der Hilfe bedurfte.

Ja, und das Schne, das liebte sie auch.

Aber es focht sie heute noch nicht an, da sie selber nicht schn sei.
Sie dachte nicht von ferne daran.

Wenn die beiden Mdchen in den nchsten Jahren so nebeneinander
herangegangen wren, wie bisher, so htte es sich, noch mehr als schon
jetzt, geoffenbart, da ihre Wege auseinandergingen.

Es htte keiner ueren Trennung bedurft. Denn sie waren von ganz
verschiedener Art. Aber nun, da sie schieden und Lore in all'
ihrer frischen, feinen Schnheit dahinging, und aussah, wie ein
Schmetterling, der soeben auf die erste Blte geflogen ist und noch den
ganzen Schmelz auf seinen Flgeldecken hat -- nun wallte es in Gertrud
warm und stark auf: ach, du kleines Ding.

Das mochte Lore gern. Sie schmiegte sich an, wie ein Ktzchen.

Da raschelte etwas an dem Lattenzaun, der den Garten vom Stadtgraben
trennte.

Als sie aufsahen, schwang sich Franz Ehrensperger daran in die Hhe
und kam mit einem Satz herber in den Rektorsgarten. Jetzt kommt
#der#, sagte Lore und setzte sich zurecht, und streckte ihre zierliche
Gestalt, so gut sie konnte und sah sehr wrdevoll aus.

Er war in Hemdsrmeln und trug sie aufgekrempelt bis ber die Ellbogen,
wie das ein richtiger Bckerjunge tut, und hatte eine weie Schrze an,
die leuchtete durch die Bume vor groer Sauberkeit. Als er nher kam,
sah man, da er ein Paket in den Brustlatz der Schrze gesteckt hatte.
Aber die Gesellschaft unter dem Sapfelbaum erfuhr nicht, was darin
sei.

Da bin ich, sagte er, und stemmte die Arme in die Seite.

Das sieht man, sagte sein Bruder.

Ich mu jetzt heim, es wird dunkel.

Damit stand Lore auf, und Gertrud tat ihren Arm um sie, wie sie
pflegte, wenn sie ihr das Geleite gab bis zu dem Brunnen vor der
Haustr.

Jetzt, wenn ich komme gehst du? Franz tat ein wenig beleidigt.

Httest halt frher kommen sollen.

Lore konnte nicht wenig schnippisch sein, wann sie wollte, und wann sie
mit Franz redete, wollte sie das zuweilen.

Dafr hatten die beiden andern kein Verstndnis.

Aber Franz lachte nur.

Racker, sagte er. Frher kommen, das kannst du leicht sagen. Und
berhaupt, wei ich, da du da bist?

Er hatte es wohl gewut, aber das brauchte er ja nicht zu gestehen. Es
ist einerlei. Wenn du doch gehst, ich mu auch in die Kirchgasse, ich
-- ich mu den Schneider Butz etwas fragen; er hat meine Sonntagshosen.
Da knnen wir ja miteinander gehen. Dann komm. Erst mu sie noch der
Gromutter adieu sagen. Da fhrte Gertrud das Mdchen ins Haus, und
umschlang sie im dunkeln Hausflur und kte sie. Ach Lore, jetzt gehst
du. Schreib' auch, hrst du's?

Und die Frau Rektorin kam aus der Kche und trocknete sich die Hnde an
der Schrze ab, und trocknete sich nach einer kleinen Weile auch die
Augen an derselben Schrze.

So beht dich Gott, lieb's Kind, sagte sie, und gab ihr auch einen
Ku. Sag' deiner Mutter einen Gru. Und sie soll dich nicht so -- ach
nein, du brauchst ihr nichts zu sagen. Es geschieht doch, was geschehen
soll. Beht dich Gott.

Und Lore schluchzte auf einmal hei und heftig und wute nicht recht,
warum. Und stellte sich auf die Zehen und legte ihre weien Arme um
Gertruds Hals.

Aber das ging schnell vorber.

Drauen, an der Hausstaffel, stand Georg und bot ihr die Hand, etwas
tapsig und ungeschickt, und tat, als ob es nur ein Abschied bis morgen
wre. Gut Nacht, Lore, sagte er.

Da lachte sie hell auf. Sonst weit du nichts? sagte sie.

O du. Weit du was? Du sollst in Tbingen bei uns wohnen, wenn du ein
Student wirst. Weit du was? Dann, wenn du kommst, sag' ich 'guten
Morgen' zu dir. Sonst nichts. Wie wenn das nur einen Tag gedauert
htte, seit du zu mir 'gut Nacht' gesagt hast.

Komm, sagte Franz.

Er stand noch da und wartete.

Wir gehen hinten herum, zwischen den Krautgrten; es ist nher, und
berhaupt.

Sie sagte nichts dagegen. Auf ihrem Gesicht stritt sich Lachen und
Weinen. Aber als er sie ber den Bretterzaun heben wollte und schon den
Arm ausstreckte, glitt sie ihm aus und schlpfte, ein paar Schritte
weiter unten durch den Zaun. Man konnte da eine Latte aufheben und
wieder an ihre Stelle rcken. Er sah sich verdutzt nach ihr um, da
stand sie schon drben. Fang' mich, rief sie, und flog vor ihm her,
wie ein Vogel.

So warte doch, rief er rgerlich und keuchte hinter ihr drein.

Es war schon fast dunkel; von der Kirche her tnte das Betluten;
das hallte in groen, vollen Tnen ber die stillen Grten hin. Eine
Fledermaus schwirrte mit flatternden Flgelschlgen hin und her. Lore
hielt sich die Hnde vors Gesicht. Uh, ich frchte mich, sagte sie.
Wem eine Fledermaus auf den Kopf sitzt, dem gehen alle Haare aus. Da
deckte Franz einen Zipfel seiner Schrze auf das Lockengeringel, und
nun gingen sie ruhig nebeneinander her. So, sagte er, als das erste
Haus, zu dem sie kamen, seinen Lichtschein auf die Strae warf, jetzt
mu ich hier hinunter. Ich will dir hier Lebewohl sagen.

Da zog er das Pckchen aus dem Schrzenlatz und reichte es ihr hin.

Es war ein lngliches, braunglnzendes Gebck darin, das die Wiblinger
Feiertagsbrot nannten. Er hatte es aber stark mit Rosinen und Mandeln
gespickt, und es war seiner Hnde Werk fr sie.

Du kannst es unterwegs essen oder wann du willst, sagte er
gleichgiltig. Ich komme vielleicht einmal durch Tbingen, so zufllig,
das kann man nie wissen. Dann kann ich ja sehen, wie es bei euch steht,
nicht? Sie nickte. Das kannst du, sagte sie.

Da blieb er noch einen Augenblick unschlssig stehen. Er hatte sich
auf dem ganzen Weg ausgedacht, da er sich einen Ku von ihr ausbitten
wolle. Sie war so ein feines, schnes, schlankes Ding, er mochte sie
wohl leiden, obgleich sie oft so spitzig mit ihm tat. Es mute fein
sein, wenn sie ihre roten Lippen hergab. Seine Kameraden wuten von
solchen Erlebnissen zu erzhlen. Einer von ihnen, der schon siebzehn
Jahr alt war, hatte einen Schatz, das war ein rundes, dralles Mdchen
von fnfzehn Jahren und ging sechs Tage in der Woche ber Feld ins
Hlders Garnfabrik nach Rudersloch.

Das war lange nichts so feines. Wenn er dem erzhlen knnte! Aber er
war doch zu ungelenk. Und wenn sie es ihm abschlug? Da lie er sie
ihres Weges gehen, ohne etwas davon zu sagen.

Reise gut, sagte er und drckte ihre Hand, da es in den Gelenken
leise knackte. Leb' wohl.

Da fuhr sie ihm flink mit der andern Hand in seinen aufrechten
Haarschopf und zauste ihn ein weniges.

Das hielt er fr eine Liebkosung und vielleicht war es auch eine, wer
konnte das wissen? Er stand und sah ihr nach, bis sich der letzte
Schein ihres hellen Rckchens im Dunkel der Gasse verlor.




                    Elftes Kapitel


Wer mir irgend einen Ort zu nennen wei, in dem es zur Dmmerstunde
heimlicher, wrmer und behaglicher ist, als in der Studierstube des
Rektors Cabisius, der komme und zeige mir ihn.

Ich meine nicht zur Sommerszeit, wo die Fenster nach der Strae offen
stehen und das Jauchzen und Singen der spielenden Kinder hereinschallt.

Da stand der Rektor wohl oft am Fenster und summte leise mit, wenn sie
in den Kreis traten und sangen: Es war ein Markgraf berm Rhein, der
hatt' drei schne Tchterlein, oder: Ei, wer sitzt in diesem Turm?
Und anderes mehr.

Da sa wohl in der Dachrinne eine Amsel und sang auch mit, ber all die
Lust hin.

Aber fter ging er um diese Zeit mit seiner Frau Anne im Garten auf
und ab, zwischen den Rabatten mit der Buchseinfassung, oder hinten, im
Obstgarten, unter den Bumen.

Nein, ich meine nicht im Sommer.

Ich meine im Sptherbst, wenn die Tage kurz werden und der Wind durch
die Straen fhrt auf breiten, rauhen Flgeln.

Wenn er im Garten die Bume herumreit, da sie chzen, und das drre
Laub, das sich gern zur Ruhe begeben wollte, in die Luft wirbelt.

Oder im Winter, wann die Laternen trb durch den Nebel scheinen, oder
wann die Eiszapfen an den Dchern hangen und auf den Straen Stein und
Bein zusammenfriert.

Ich sage, wenn einer einen Ort wei, der um diese Zeit wrmer,
heimelicher und behaglicher ist, als es dieser war, der komme und zeige
ihn mir.

Aber das wird schwer halten.

Ist irgendwo noch solch ein breiter, tiefer, lederbezogener
Grovaterstuhl, wie der, der in der Wandnische neben dem Stehpult
stand? Man konnte sich darein verkriechen und glauben, vor allem Wetter
geschtzt zu sein.

Da sa die Frau Rektorin, und redete sich vom Herzen herunter, was der
Tag gebracht hatte, und sah zu, wie der Feuerschein aus dem Ofen auf
den alten, blumigen Teppich fiel, und wie er kleine, frhliche Lichter
an den Wnden herumhuschen lie, da die Gesichter der ehrwrdigen
Vorfahren in ihren dunkeln Rahmen ins Lcheln kamen.

Bei diesem flackernden Schein hatte der jngste Sohn, der Liebling der
Frau Rektorin, einst erzhlt, da das Wunder geschehen sei und Eugenie,
sein schwarzbraunes Mgdelein, auf Befragen zugegeben habe, da
sie ihn liebe. Und ber sein Gesicht waren dabei alle hellen Lichter
gegangen, die auf einem jungen, warmen, glcklichen Menschengesicht
Platz haben, und seine Mutter hatte in ihrem Herzen gedacht, da das
Wunder so gro nicht sei. Denn wer sollte ihren lieben Sohn auch #so#
sehen und nicht lieb haben?

Und derselbe Feuerschein hatte sich auch ber ihr gutes, altes Gesicht
gestohlen, als sie ein paar Jahre spter in dem alten Stuhl sa und
Leid um ihre Kinder trug, die beide nacheinander an einer ansteckenden
Krankheit gestorben waren.

Ihr Gatte sa neben ihr auf der Seitenlehne des Stuhls und legte den
Arm um sie und streichelte leise ihr Haar.

Ja, weine nur, Anne. Jetzt sind sie alle drben, unser ganzes
Huflein. Nun mssen wir Alten miteinander hintendrein gehen. Weit du
noch? Wir sagten immer: die Kinder voran, da man sie im Aug' behlt.
Nun sind sie alle vorangegangen.

Da redete er eine Weile auch nicht mehr, und sie hrte, wie er tief und
schwer Atem holte aus bedrngter Brust.

Und sie drngte sich an ihn und nahm ihr Herz fest in die Hnde, und
sagte, ob ihr auch die Stimme zitterte: Alle? Sie haben uns das Kind
gelassen. Das mu doch eine Heimat haben, nicht? Nun mssen wir von
vorne anfangen, Mann. Wir mssen so jung sein als wir knnen. Fr das
Kind.

Das aber lag und schlief, und wute nicht, da ber seinem jungen Leben
schon so hohe Wellen hingegangen seien.

Und nun war das zwlf Jahre her, bald dreizehn. Wie die Zeit dahingeht.
Sie waren so jung als mglich gewesen, die beiden Alten. Das waren
sie noch. Das blieben sie ja wohl vollends, die paar Jahre, die sie
noch zu leben hatten.

Jetzt war das Kind herangewachsen.

Zwischen den beiden hohen Bcherstndern an der einen Langwand des
Zimmers, unter dem Bild des Urgrovaters, der im Richtertalar und
Barett gemalt war, stand eine niedrige Truhe. Sie enthielt Manuskripte
aus des Rektors Studentenzeit. Das war Gertruds Sitzplatz. Er war
gerumig genug fr Zwei. Das war auch durchaus ntig. Denn auch Georg
hatte hier seine Heimsttte. Jungfer Liese war nicht so zufrieden
damit. Nicht, da sie ihn zu Hause vermit htte, aber sie fand, da es
in Ehrenspergers Haus Platz genug gebe, Platz und einen warmen Ofen.
Das war ja wohl richtig.

Aber dieser Sitzplatz beim Schein des Feuers, und dieses ganze Zimmer
war in Georgs Leben durchaus nicht zu entbehren. Was ging fr eine
Wrme und Helle davon in sein Leben hinein. Das wute Jungfer Liese
freilich nicht so genau.

Auf und ab wanderte der Grovater, auf und ab. Das Zimmer war nicht
allzulang; sechs Schritte hin, sechs Schritte her. Aber was fr groe
Reisen machte er dabei.

Es war ein wunderbares Zimmer. In allen Ecken saen gute Geister, in
den Bchern, hinter den Bildern, in dem alten, hohen Schrank, der in
einem besonderen Fach, in ein grnes Tuch eingeschlagen, einen samtenen
Schnrenrock und einige durchstochene grne Mtzen enthielt. Grn mit
schwarz-roten Bndern.

In der niedrigen Truhe saen sie und klopften gegen den Deckel und
wollten heraus, wenn der Feuerschein aus der offenen Ofentr daran
vorbeitanzte.

Weit du noch? rief es aus allen Ecken, nicht nur aus dem
Grovaterstuhl, der so viel erlebt hatte.

O ja, der Rektor wute noch.

Wann die Geister lebendig wurden, fing er an, zu erzhlen.

Es war ein langes Leben, das hinter ihm lag, und er war sein lebenlang
jung geblieben. Darum konnte er es nun gut mit der Jugend teilen. Und
es kam, da sie, als die Frau Rektorin in der Kche war, zu dreien vor
der Ofentr saen und das groe Studentenbild vor sich hatten und beim
flackernden Licht beredeten, was aus dem und jenem geworden sei, der
darauf abgebildet war.

Da stand er selber, mit einem jungen, feurigen Gesicht, das Band ber
der Brust, und hatte den Arm um einen baumstarken, stmmigen Menschen
gelegt, der gradaus vor sich sah, als ob er zu ernster Tat schreite.
Grovater, was ist aus dem geworden?

Der machte ein ernstes Gesicht.

War ein Mensch, wie ein Eichbaum. Ernst und grad und fest. Innen und
auen war er wie ein Eichbaum.

Der Blitz hat ihn erschlagen.

Grovater, der Blitz?

Nein, nicht gerade der Blitz. Er wurde vom Schlag getroffen, als er
gerade eine Braut und ein Amt gewonnen hatte. Aber es war doch, als
ob der Blitz in einen Baumriesen gefahren wre und ihn zerschmettert
htte. Er war mein liebster Freund.

Da sahen sie mit groen, erstaunten Augen auf ihn.

Das war wohl schon lange her? Er konnte hier sitzen und davon reden,
und der andere war schon lange tot.

Von den dreien erzhlte er, die oben in der Mitte des Bildes standen
und die Hnde ineinandergelegt hatten, wie zu einem Schwur.

Das waren die Vaterlandsfreunde, sagte er. So nannten sie sich,
obwohl wir das vielleicht alle waren. Sie hofften, da Deutschland
einig werde, und dichteten Lieder drauf, und einer von ihnen, der hier,
mit der Locke in der Stirn, fand Melodien dazu.

Einer hat es auch erlebt. Der kam von Amerika herber, als wir Alten
uns nach dem Friedensschlu anno einundsiebzig mit den Jungen der
Verbindung zusammentaten, um den Frieden und das Vaterland zu feiern.
Ich sehe ihn noch. Er hatte damals schon schneeweies Haar, denn das
Leben hatte ihn hart mitgenommen. Aber seine Augen blitzten, und er sa
und sang mit einer mchtigen Bastimme, und die Trnen liefen ihm in
den Bart und tropften ihm ins Glas: Wie mir deine Freuden winken, nach
der Knechtschaft, nach dem Streit! Vaterland, ich mu versinken hier in
deiner Herrlichkeit!

Da waren sie hingerissen und wnschten, auch so Herrliches zu erleben
und fragten nach den beiden andern.

Dem zweiten hat er einen Eichenzweig mit nach Kansas genommen, den
wollte er ihm aufs Grab legen, da er seinen Jugendtraum nicht mehr
hatte zur Wahrheit werden sehen.

Und der Dritte?

Ist unter die Philister gegangen.

Unter die Philister? Nein, Grovater, nun red' im Ernst.

Weit nicht, was Philister sind? Denen alles einerlei ist, was man
nicht essen und trinken kann, und was sonst noch so ihr bichen Ich
betrifft. Auch gehen sie immer der Nase nach in gewiesenen Bahnen und
halten es verboten, die Augen aufzumachen.

Ach, das gibt's ja nicht. Sag' lieber noch, was mit dem hier ist,
unten in der Ecke, dem mit dem lachenden Gesicht. Das ist der Nettste
von allen.

Ich wei nicht, ob es fr richtig gefunden wird, da der Rektor den
beiden erzhlte, wie dieser, der Nettste von allen, geendet habe.
Ich sage nur, wie es war. Vielleicht war er kein so richtiger Pdagog,
vielleicht lie er die Kinder nur so mit sich leben und zeigte ihnen
das Bilderbuch seines Lebens mit den frhlichen und mit den ernsten
Seiten, wie es sich beim Umblttern traf. Weil er selber auch ein
kindlicher Mensch war, dachte er nicht so viel daran: dies hier ist nun
fr Kinder, -- und dies fr Erwachsene.

Es war keiner so sonnig wie er, sagte er und nickte ernst.

Man mute ihn lieb haben in seinen jungen und schnen Tagen.

Das mute man. Er war seines Vaters einziger Sohn. Er hatte Geld und
Gaben des Geistes, und Schnheit und Witz. Und er meinte, es gehe
durchs ganze Leben mit Kling und Klang, alle Tage und Jahre.

Er hie Ernst. Aber der Name war alles, was er vom Ernst besa.

Wir wollen es mit der Freude halten, sagte er.

Das habe ich hernachmals fr richtig gefunden und halte es noch fr
richtig. Ich wei nicht, wie einer das Leben bestehen kann ohne Freude.
Aber er wute nicht so recht, was Freude sei. Er meinte, die brausende
Jugendlust, das sei sie schon.

Ich sag' euch, man mu Ernst dahintersetzen, es geht nicht anders.

Er glaubte das nicht ntig zu haben. Wenn er einmal wollte, dann flog
ihm das Wissen nur so zu. Aber er verbummelte. Er ballte nie die Hand
zur Faust und sagte: leicht oder schwer, #das will# ich. Er dachte wohl
immer: spter dann, das kommt noch alles. Man sagt, er habe zuletzt,
als er viele Semester durchkneipt hatte, noch einen Anlauf genommen.
Das war damals, als sein Vater starb und nichts vom Vermgen brig
blieb.

Aber nun konnte er nicht mehr wollen.

Das Wollen, das kann einer in sich tten, so nach und nach.

Er hatte das Glas ausgetrunken und nun warf er es weg.

Er konnte nicht mehr leben als er sah, da es leer sei. Und er wute
keinen, der es ihm neu htte fllen knnen.

Sie sahen fragend zu ihm auf.

Er strich sich ber die Stirn.

Ja, und dann ging er aus dem Leben. Dieser hier, der 'Nettste von
allen'. Er ertrank im Neckar. Das konnte er noch wollen, sonst nichts
mehr.

Die Kinder atmeten tief auf und sahen scheu auf das Bild. Nun streifte
der bittere Lebensernst ihre jungen Seelen.

Wenn das #so# war.

Der Grovater stand auf und hngte das Bild wieder an seinen Platz. Sie
waren eine Weile stumm und drngten sich nah zusammen.

Grovater, sagte Gertrud, lebst nur du noch allein von allen?

Da hrte er, da eine leise Angst in ihrer Stimme lag.

Und er wute, da es #das# war:

Oben an der Hhe, die gleich hinter dem Stdtchen ansteigt, und die
ein kleiner Laubwald krnt, da war, einige hundert Schritte von der
breiten Strae entfernt, eine junge Eichenpflanzung. Er ging dort gern
hin. Er setzte sich manchmal im Sommer auf einen der Stmpfe, die dort
als Reste von frheren Bumen zwischen den jungen, schwanken Stmmchen
standen, und hrte zu, wie es in den Wipfeln leise rauschte und sah,
wie die Sommerluft in der Sonne zitterte.

Und er gedachte aller der alten Bume, die hier vor Zeiten gestanden
hatten, und was aus ihnen geworden sei, und sah liebend auf die jungen,
die noch so schwank waren und im ersten Saft standen. Und es war ihm
trstlich in der Seele der jungen Bume, da dort drben ber dem
Weg noch ein alter, knorriger Eichbaum stand. Nicht eben einer der
schnsten, aber doch einer der alten.

Denn er umfate liebenden Gemtes alles, was geschaffen war.

So verstand er nun das leichte Zittern in seines Kindes Stimme: wo sind
die andern? Und bleibst #du#? Du bleibst doch?

Allein? sagte er. Nein, wir sind noch zu vieren.

Und er streichelte ihr Gesicht. Noch stehst du nicht in der ersten
Reihe, dachte er. Wie lang noch? Aber ich will nicht darum sorgen. Es
ist nichts zu frchten. Die ganze Welt ist Gottes Haus. Du kommst ihm
nicht aus den Hnden. Da richtete er sich stramm auf und holte neue,
frohe und starke Bilder aus seinem Bilderbuch, und wie er erzhlte,
dehnte sich ihnen, ihm selbst und den Kindern, die Welt, und wurde
vorwrts und rckwrts und zu beiden Seiten gro und weit und war voll
lebendigen Lebens.

       *       *       *       *       *

So war es, wann die Kinder zur Dmmerstunde dort waren.

Das ging mit ihnen, das haben sie sich spter hervorgeholt, wenn sie es
je eine Zeitlang vergaen.

Sie wuten nicht, da sie in jenen Stunden zu einem guten Teil frs
Leben erzogen worden seien.

Erzogen? Es war die gemtlichste Stunde des Tages gewesen. So schn
konnte es sonst nirgends sein.

Manchmal lustig, und manchmal still -- froh, und manchmal ernsthaft,
sehr ernsthaft, und manchmal ein bichen schaurig.

Aber immer schn.

Aber nun war die Frau Rektorin allein bei ihrem Mann.

Sie hatte Gertrud zur Nhterin ins Ezimmer gesetzt.

Da, nun sumst du das Taschentuch. Immer zwei Fden auf die Nadel, und
zwei liegen lassen. Nein, kein Buch daneben legen. Du siehst sonst doch
hinein. Was soll aus dir werden, wenn du nicht einmal ordentlich nhen
kannst?

Georg war zu Hause, er hatte Aufgaben zu machen. Er mute sich rhren,
er mute gleichfalls allmhlich Ernst dahintersetzen.

Mann, sagte die Frau Rektorin, lieber Mann, nun mu ich mit dir ber
Gertrud reden.

Das tun wir hie und da, sagte der liebe Mann und lchelte. Er wute
wohl, was nun kme? Er sah so aus.

Er ffnete die untere Ofentr. Es war erst allmhlich dunkel geworden
und es gehrte nun zu seinem Behagen, da der Feuerschein in die Stube
fiel.

Da sah sie sein lchelndes Gesicht.

Mann, sagte sie, es ist mir nicht zum Lachen.

Das wird nun allmhlich Ernst.

Du lt sie bei dir sitzen und Latein lernen, und lehrst sie alles
Mgliche mit dem Jungen, dem Georg, zusammen. Du hast dein Vergngen
dran, ich wei es.

Das hatte er, das mute er zugeben, es war nicht zu leugnen.

Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sah nicht besonders schuldbewut
aus.

Sie nimmt einem das Wort vom Munde weg, sagte er.

Wenn sie eine Weile nachdenklich und ernsthaft ausgesehen hat, dann
blitzt es in ihren Augen. Dann hat sie mich verstanden. Es ist eine
Freude, das zu sehen, und eine Freude, sie zu lehren.

Aber dahin wollte die Frau Rektorin den Wagen nicht lenken.

Was? sagte sie. Erzhlst den beiden von den alten Griechen und
Rmern und von den Sagengeschichten. Ja, ich hab' neulich zugehrt; das
von den Argonauten und vom goldenen Vlie. Und von Odysseus, dem ganz
und gar durchtriebenen Lgner. Als ob du selber dabei gewesen wrst.
Ist's nicht genug, was sie in der Schule haben? Du gibst es ihnen wie
ein Stck Leben.

Das hat dir auch gefallen, Anne.

Davon red' ich nicht. Aber was soll das fr ein Mdchen werden?

Frgt sie etwas nach hbschen Handarbeiten? Ist es ihr nicht einerlei,
was fr ein Kleid sie anhat? Ist das weiblich?

Nun mute er sie ausreden lassen, das wute er.

Setz' dich, Anne, sagte er. Komm, hier in deinen alten Freund, den
Sorgenstuhl.

So, nun leer dein Herz aus.

Es brachte sie aus dem Konzept, wenn er solchergestalt Edelmut bte.
Sie mute ihn dann immer ansehen. Ob er sich nun lustig macht? Die
kleinen Fltchen um Mund und Augen zuckten wie von einer inneren
Erheiterung. Und die Frau Rektorin wollte ernst genommen sein.

Weit du was? sagte sie.

Gestern, als der starke Wind ging, der die Lden herumwarf und die
Straenlaternen fast auslschte, da steht sie in der Kche bei Marie,
die ohnehin ein Hasenfu ist.

'Hrst du?' sagte sie, 'nun ist das Wuotesheer in der Luft. Hrst du,
wie sie johlen und in die Hrner stoen, und wie die Hunde bellen?'

Da fngt die Marie an zu sthnen: Uh, ich frcht' mich. Uh, ich geh'
nicht mehr an den Brunnen um Wasser. Meinetwegen hol' Wasser, wer will,
ich nicht. Dazu hab' ich mich nicht verdingt, da ich dem wilden Jger
in die Hnde laufe. Und Gertrud nimmt den Eimer und geht selbst und
kommt wieder mit einem Gesicht, als ob ein Fest sei: 'prachtvoll ist
das. Ich geh' nochmals.'

Jetzt frag' ich dich: ist das ein Bub' oder ein Mdchen? Gehrt so ein
Kind in die Lateinschule unter lauter Buben hinein?

Der Herr Rektor lie die Frage vorlufig offen.

Vielleicht dachte er, es komme noch mehr dazu.

Da hatte er nicht so unrecht.

Ja, Mann, das Latein. Du lachst, ich wei es. Aber es drckt mir das
Herz ab. Ich mu es nun einmal sagen.

Da war bei uns zu Haus, in meiner Heimat, eine Frau. Sie hatte ja wohl
frher einen Mann gehabt, aber der war nun lange tot. Die konnte auch
Latein, jedermann wute das. Sie kannte alle die heidnischen, alten
Schriftsteller, wie unsereins sein Kochbuch. Kurzes, schwarzes Haar
hatte sie, und so etwas wie einen Schnurrbartanflug. Und sie war der
Schrecken aller guten Leute, aller netten, geordneten.

Einmal, da ging ich mit meiner Freundin, (du hast sie nicht mehr
gekannt, sie hat vor mir geheiratet, nach sterreich hinein --) ja,
also da ging ich mit ihr vor Tau und Tag hinaus. Wir wollten uns
im Maientau waschen. Das taten wir alle Jahr einmal. Da steigt das
lateinische Frauenzimmer in hohen Mnnerstiefeln und kurzen Rcken
einher und watet durch Smpfe und Grben, und hat eine Blechkanne mit
einem Henkel am Arm, darin sie das scheulichste Gewrm sammelt.

Und grt uns noch freundlich, und hlt mit der Hand, ja, mit der
bloen Hand, Mann, eine gelb und braun gestreifte Krte empor, die
glotzt uns dumm und breit an.

Das ist eine besondere Art, die ist hier herum selten, sagte sie.

Und, schlo die Frau Rektorin ihre Geschichte, jetzt frag' ich dich,
was hat das Kind, die Gertrud, das unser letztes ist -- hier brach ihr
die Stimme, -- was hat das mit Reiterstiefeln und Krtenfang zu tun?

Denn sie wute nun seit jenem Maimorgen eine Frau, die Latein konnte,
nicht von diesem ihrem Schreckbild zu trennen.

So lache doch nicht, Mann. Wirst du aufhren?

Aber das war leicht zu sagen.

Sie lachte schlielich wider Willen mit, nur weil diesem Lachen niemand
widerstehen konnte.

Aber dann trocknete sie sich ihr gutes, rundes Gesicht und sagte, da
ihr die Sache bitterlich ernst sei.

Da unterbrach er seine Wanderung und setzte sich zu ihr auf die
Seitenlehne des Stuhls und war sehr ernsthaft und sagte:

Nun fhrst du wieder vierspnnig, Anne. Auf und davon.

Also weil die Gertrud ein Mdchen ist, soll sie nicht lernen, was ihr
Freude macht? Und weil du einmal eine sonderbare Frau gekannt hast, die
gleichfalls lernbegierig war, darum gertst du nun in Angst, da unser
Kind ebenso sonderbar werde?

Ich will dir sagen, Anne: Die Welt ist so gro und mannigfaltig.

Es wachsen allerlei Bume darin. La wachsen, was wachsen will.

Wir knnen nicht sagen: es mu so sein und nicht anders.

Wir knnen nur helfen, da da keine Unnatur mit unterluft; nichts
Unwahres und nichts Geziertes. Nicht, Anne?

Alle guten Geister, Anne.

Wenn er das sagte, war sie stets besiegt. Sie war eine von denen, bei
denen man die guten Geister nur anzurufen braucht, wenn sie einmal
nicht von selber am Platz sind.

So leise und leicht schlafen sie.

Nun saen sie beisammen und beredeten sich wie ein paar gute Kameraden,
die sie ja auch waren, und die guten Geister der Stube spitzten die
Ohren und horchten, und das Feuer knisterte leise vor sich hin und lie
seinen friedlichen Schein an der Decke und an den Wnden und auf dem
Teppich spielen.

Siehst du, sagte der Mann, ich wei wohl, das gert so ein bichen
ungewhnlich, wenn ein paar ganz alte Leute so ein junges Kindlein
ins Haus bekommen. Da fehlt ein Mittelglied. Wir wissen nicht mehr so
genau, wie das ist mit der sogenannten Erziehung.

Wir leben so mit dem Kind und geben ihm, was wir haben.

Du das deine und ich das meine. Ich meine, wir sind alle zusammen
Kinder, und der liebe Gott hat aufzupassen, da etwas Rechtes daraus
wird und da wir so gerad als mglich heimzu gehen.

Nicht, Anne? Das andere, das ist nicht so wichtig.

Ist das Kind nicht warmherzig und liebreich und offen?

Ein bichen derb? Und nicht so recht aufs Zierliche, Ordentliche,
Mdchenhafte aus?

Ist das schlimm? Du bringst das nicht an sie hin?

Nun, dann wollen wir dem Leben auch noch etwas zu tun lassen, nicht?

Da nickte sie getrstet.

Es war eine wunderbare Stube, es glttete sich alles darin, was hohe
Wellen der Unruhe schlagen wollte, und kam in ein friedliches Gleiten.




                    Zwlftes Kapitel


So dmmerhaft traulich ging es im Ehrenspergerhaus nicht zu, wenn es
etwas zu verhandeln oder zu entscheiden galt. Aber das begehrten die
Bewohner auch nicht. Sie htten sich auch nicht so besonders dafr
geeignet. Ein jeder nach seiner Art.

Bei Franzens Berufswahl bedurfte es berhaupt keiner Beratung. So
wenig als sich, mit allem schuldigen Respekt zu sagen, ein Kronprinz
besinnt, ob er einmal Knig werden will, so wenig besann sich Franz, ob
er der Erbe der goldenen Bretzel werden wolle. Das war ganz natrlich
und selbstverstndlich. Bei Georg ging es nicht so fraglos zu, das
wissen wir von Anfang an. Und also kam der Tag heran, von dem wir jetzt
erzhlen.

Es ging gegen den Frhling zu und war so ungefhr sechs Wochen vor
Ostern, sieben Wochen vor der Konfirmation, Georgs Konfirmation nmlich.

Ja, und zur Nachmittagsvesperstunde war es, so zwischen vier und fnf
Uhr.

Vater Ehrensperger sa an dem einen Ende des Vespertischs und der
Sohn Franz am andern. Und sie aen und tranken als gute, friedliche
Brger, die das ihre tun und sich nicht gern unntige Gedanken machen.
Das letztere taten sie denn auch nicht. ber dem lteren hingen immer
noch die beiden Edelleute und machten dieselben Gesichter wie von
jeher; ber dem Jungen prangte in goldenem Rahmen der Meisterbrief des
letztverflossenen Ehrensperger, der, wie bereits gesagt ist, ebenfalls
ein Franz gewesen war. Anmutig kreuzten sich zwei schneeweie
Gnseflgel ber dem goldenen Rahmen, es sah friedlich aus, wie Franz
der Jngere unter ihnen sein Brot a.

Jungfer Liese ging ab und zu nach dem Laden, und wieder herein,
und hatte gleichfalls eine Seite des Tisches inne, und setzte sich
respektvoll immer nur halben Leibes auf den Stuhl. Und so oft sie die
Tr nach dem Laden auf und zu machte, drang ein nahrhafter Duft von
Brot und Wecken herein, und also war die Luft, wenn man so sagen soll,
ganz in der richtigen Mischung fr Haus und Leute.

Es war alles gut, herkmmlich und behaglich.

Aber das blieb nicht so.

Denn der lange, magere Bub, der jetzt mit seinem Bcherpack unter dem
Arm, mit langen Schritten und hungrigem Gesicht durch die Ladentr
herein kam, der dieselbe offen lie, da die Schelle bimmelte, bimmelte
in einem hohen, dnnen, schrillen Ton, bis Jungfer Liese ging und sie
schlo und dazu einiges vor sich hinsagte, was kein Mensch verstand,
-- und der heut wieder so ungemein der verstorbenen Frau gleichsah,
wie Jungfer Liese vorwurfsvoll bei sich selbst dachte, der war so gar
nicht herkmmlich, da er geradezu die Luft verdarb, die behagliche,
nahrhafte Luft dieser Vesperstunde.

Es ist damit nicht gesagt, da dieser, der jngste Sohn des Hauses
Ehrensperger, kein volles Heimatrecht in der Stube seiner Vter
genossen htte. Es war kein einziges streitschtiges oder mignstiges
oder sonst ungerechtes Element in dieser Stube. Er war nur niemand da,
der mit den Augen des Rektors Cabisius, oder mit den Augen einer Mutter
zugesehen htte, was da werden wolle.

Und es war jetzt gerade ein unbehaglicher Zeitpunkt. Es mute ein
Entschlu gefat werden, und, ohne dem Meister Ehrensperger irgendwie
zu nahe zu treten, mu doch von ihm bekannt werden, da es nicht zu
seinen Liebhabereien gehrte, Entschlsse zu fassen.

Er hielt es fr einen Vorzug, wenn die Dinge von selber ihres Weges
gingen. Jetzt dies, jetzt das, immer eins aus dem andern.

Es war ihm etwas unbehaglich zu Mute. Er kaute stumm und schwer, und
auch Georg fing an, desgleichen zu tun. Aber er sah seinem Vater dabei
fragend in die Augen. Das pflegte er seit einiger Zeit fters zu tun,
nicht ohne Grund. Denn der Vater sollte einmal zu dem Rektor gehen und
mit ihm besprechen, wie die Geschichte nun weiter laufe.

Gehst du heut? sagte der fragende Blick.

Nun wird vielleicht mancher verstehen, da es strend ist, whrend des
Essens mit fragenden Augen angesehen zu werden.

Das ging dem Vater Ehrensperger nicht anders.

Er wurde nicht leicht hitzig. Es lag nicht in seiner Natur, hitzig zu
werden. Aber dies ging ihm gegen den Strich.

Bub, sagte er, und stellte das leere Mostglas auf den Tisch, da es
drhnte, Bub, guck nicht so.

Aber damit war nichts erreicht, das fhlte der Vater selbst.

Und es wuchs ihm der Mut, den sauren Apfel, den er nun schon lang in
den Hnden hin und her drehte, -- nicht anzubeien.

Du, sagte er, als der Junge vor sich hinsah wie einer, mit dem das
Schicksal hart verfhrt, der aber gesonnen ist, sich nicht allzuviel
draus zu machen, du, ich hab' mir das berlegt. Ich brauch' da nicht
hinzugehen, ich versteh' #so# nichts vom Studieren.

Ich, ich hab' seither gezahlt, was es kostet, und, ja, und ich zahl's
auch nachher noch. Das ist die Hauptsach'. Gar so viel wird's nicht
mehr kosten, was meinst?

Das wute Georg nicht so genau und sagte das auch, obgleich Jungfer
Liese lebhaft mit dem Kopf nickte in der Hoffnung, da es nicht mehr
allzuviel koste.

Ja, also, und jetzt sag's, es kommt auf dich an. Was willst jetzt
werden? Lateinisch kannst und also studiert mu sein, aber ich sag' da
nichts drber. Denn warum? Einen Lernkopf hast du, und was es kostet,
zahl' ich. Wiewohl, es ist eine Hungerleiderei nachher. Das sieht man
am Vetter Hberle.

Der Vetter Hberle war Przeptor in einer greren Stadt, und hatte
sechs Kinder und eine leidende Frau, und die ganze Familie sah etwas
blutarm aus und war dem Meister Ehrensperger eine Warnungstafel vor
der hungerleidigen Schulmeisterei.

Ich werd' kein Hungerleider, ich werd' Pfarrer, sagte Georg etwas
patzig. Es ward ihm doch ein bichen unsicher, da er das so fr sich
entscheiden sollte.

Was? sagte der Vater, Pfarrer? Jetzt wird's Tag. Wie kommst du denn
grad auf einen Pfarrer?

Und alle drei hrten zu essen auf und legten die Arme auf den Tisch,
um recht fest zusehen und zuhren zu knnen, was nun kme. Nicht, da
sie etwas dagegen gehabt htten, gegen das Pfarrerwerden nmlich.
Aber es war ihnen so ein erstaunlicher Gedanke, da dieser hier, der
jngste, an dem Jungfer Liese mehr als genug zu meistern hatte, da der
einst in einem langen, schwarzen Rock hier herumgehen und ihnen allen
gelegentlich den Leviten lesen wrde. Und da er dereinst das schne,
vornehme Stadtpfarrhaus mit den Rollden bewohnen und da heraustreten
und von jedermann gegrt werden wrde. An die Kanzel, da durften sie
schon gar nicht denken. Da stand er und hatte einen Kirchenrock an und
Bffchen und sagte: in dem Herrn Geliebte!

Das alles scho den dreien so geschwind durch die Gedanken, da konnten
sie schon auf ihn hin staunen.

Georg hatte schon eine Vorgeschichte fr seinen Ausspruch; aber als
er das Wort gesprochen hatte, staunte er selber mit den andern. Jetzt
hatte er es gesagt, jetzt mute er das auch werden. Da klopfte ihm doch
sein Bubenherz.

So war es zugegangen:

Er hatte durch einige Jahre hindurch nicht viel Kameradschaft mit
seinen Altersgenossen gehabt. Denn er war ein Einspnner von Natur und
schlo sich nicht leicht auf. Auch hatte er, trotz seiner mutterlosen
Kindheit, reichlich gehabt, was er frs Gemt brauchte; wir wissen es.

Aber nun hatte es ihm einen starken Ruck gegeben. Denn nun fingen
sie alle an, sich zu zerstreuen und ein jeder in eine gewiesene Bahn
einzutreten. Alle wuten sie irgendwie, wo hinaus. Es schwirrte
in jeder Freistunde von Zukunftsplnen. Und das war fr Georg
Ehrensperger, der ein Trumer war, ein krftiger Ansto dazu, da er
sich fest auf die Fe stellte und die Augen rieb, und, da er all
das junge Blut um sich her als etwas nah Verwandtes erkannte, es
ihnen gleich tun wollte. Und da er erschrocken war, wie einer, der
zu lang geschlafen hat und es nicht Wort haben will und rasch nach
einer Arbeit greift, um es zu verbergen, so griff er schnell ins
Leben hinein: her mit einer Aufgabe! ich will hier auch mittun. Ganz
ernsthaft will ich hier mittun.

Konnte er den Kameraden, wenn sie ihn fragten: was willst du werden,
Ehrensperger? -- konnte er ihnen sagen, was er sich nchtlicher Weile
unter der Bettdecke ausgedacht, oder was er mit Hollermann ausgemacht
hatte? Das alles hatte ja weder Hand noch Fu fr ihn. Traumland war
es. Kein einziger von allen wollte Musiker werden, es fiel keinem ein.
Das konnte man wohl gar nicht.

Also gab er sich einen gewaltigen Ruck und legte die klingenden
Zukunftstrume auf den Altar der Vernunft, und gedachte auch ganz
ernsthaft, sie dort zu lassen, und machte zu dieser Verrichtung des
Opfers ein Gesicht, streng und pflichtbewut, wie ein spartanischer
Knabe, der seine schwarze Suppe ohne Mucken a, weil das Vaterland es
wollte.

Es war aber bezeichnend fr diese Zeit, da er nicht den Rektor um Rat
fragte, sondern sich mit den Schulbuben beriet, die seinesgleichen
wenigstens dem Alter nach waren.

Und weil Fritz Hornstein, der Sohn des Oberfrsters von Aichelbronn,
Pfarrer werden wollte, ganz aus eigenem Antrieb, und weil Fritz
Hornstein der feinste, klgste unter den Buben war, Georgs heimliches
Ideal, und weil er sagte, Pfarrer zu werden drfe einen niemand
anweisen, das msse man ganz selbst, von innen heraus, (-- so sagte er
wirklich --) so wurde es Georg auf einmal ganz klar, da er ebenfalls
ganz aus eigenem Antrieb Pfarrer werden wolle, und da es ihn niemand
anweisen drfe, sondern da er es deutlich in sich selber spre, da er
das werden msse.

Es war ihm zwar ein Trost, zu denken, da man als Pfarrer immer den
Kirchenschlssel habe und darum an jedem Werktag ohne Zeugen in
der leeren Kirche die Orgel spielen knne. Denn das tat der sehr
musikliebende Stadtpfarrer fters und das gedachte er dann auch zu tun.

Das hatte er sich nun deutlich ausgesonnen und so konnte er seine
Antwort ohne Zgern geben. Da er vor der Gre des Augenblicks
erschrak, war nur natrlich.

Ja, also, Bub, sagte endlich der Vater in die entstandene Pause
hinein, jetzt knntest einem einmal eine Antwort geben, wieso du grad
Pfarrer werden willst.

Ha, was soll ich denn sonst? Ich mu doch etwas werden. Przeptor
werd' ich nicht. Was soll ich dann?

Da wuten sie alle drei keine Antwort.

Ja, dann konnte er ja freilich ebensogut Pfarrer werden, wie etwas
anderes. Sie fhlten wohl alle etwas von der Wichtigkeit des
Entschlusses, und da es ihnen frei stand, ob sie einen Doktor
oder einen Amtmann, oder sonst etwas Bedeutendes unter ihrem Dach
hervorgehen lassen wollten.

Ja, Bub, dann kann man ja nichts machen, wenn du das partout willst.
Dann werd' das eben. Dann ist das ja in der Ordnung. Dann kannst du ja
nachher hingehen und sagen, da du das werden willst und da ich das
zahle.

Nun hatte er noch das Gefhl, da er irgend eine vterliche Ermahnung
hinzufgen msse und fuhr sich ein paarmal durch das Haar und sagte:
Aber das sag' ich dir, Bub: sparsam mut du sein und fleiig. Und
eine Klag' will ich nicht hren. Und brav sein. Zu dummen Streichen
geb' ich kein Geld her. Und einzubilden brauchst dir auch nichts. Wir
sind auch noch Leut hier, nicht blo ihr.

Er rechnete ihn wohl schon zu den Angestellten? Zu den hoch Gebildeten?
Die beiden andern kopfnickten lebhafte Zustimmung. Nein, einzubilden
brauchte er sich nichts.

Dann stand der Vater auf und zog seinen Ausgangsrock an. Er hatte noch
mit dem Mller Hensler zu reden.

Siehst du, sagte Jungfer Liese erbaut und gerhrt. Siehst du, da
geht er hin ber den Markt. Und einen besseren Vater kriegst du deiner
Lebtag nicht mehr.

       *       *       *       *       *

Also hatte der Bcker Ehrensperger seine vterlichen Funktionen auf
sich genommen, und es blieben dem Rektor Cabisius auch noch einige
brig, und er kam niemanden damit ins Gehege, da er sie ausbte. Es
war eine friedliche Teilung. Es gab jeder, was er zu geben hatte, und
keiner gab, was er nicht hatte.

Einiges, was der Rektor zu tun hatte, war bewut und sozusagen
offiziell. Das hing mit dem Studienplan zusammen, mit allerlei
Ratschlgen, die sonst niemand zu geben wute.

Einiges andere geschah nebenher und war selbstverstndlich und nicht
minder wichtig. Das war das, was aus dem alten, abgeklrteren Gemt in
das junge hinberflo. Bei dem Besten, das geschieht, pflegt man es am
wenigsten zu wissen, da etwas geschieht.

       *       *       *       *       *

Es war bald nach jener Unterredung in Ehrenspergers Ladenstube gewesen.
Am Konfirmationssonntag. Mitte April. Aprilwetter. Der Schnee wirbelte
in der Luft umher, und der Wind blies aus vollen Backen. Er nahm es
ganz ernst; er meinte wunder was er zu verrichten habe. Aber gleich
war die Sonne wieder da. Sie war in guter Laune; so recht wie eine
frhliche Kindermutter, die am Sonntag Nachmittag ein bichen mit
den Kindern spielt, und die sich nun den Spa gemacht hat, sich zum
Versteckspiel herzugeben.

Kinder, sagte sie lachend, und schob die Wolkenvorhnge weit zurck
und trat ganz hervor, da alle sie sehen konnten, Kinder, das war ja
nicht ernst gemeint. Seid ihr erschrocken? Nun bin ich wieder da. Ihr
mt auch Spa verstehen.

Denn die hellbegrnten Hecken und einige voreilige Bltenbume, die
schon in wei und rosa prangten, standen ganz verdutzt. Es war ihnen
Schnee in die Augen geflogen. Nun rieben sie die aus und konnten es
nicht hindern, da groe Tropfen, wie helle Kindertrnen, herausquollen
und zur Erde fielen.

So, so, sagte die Sonne und streichelte sie warm und trocknete ihnen
die Gesichter. Da lachten sie wieder. Da lachte alles mit ringsumher.
Die braune Erde und die junge, aufsprossende Saat, und die lichtgrnen
Raine, an denen die Gnseblmchen mit groen Augen in den Tag hinein
guckten.

Und der blaue Himmel, und die weien, geballten Wolken, die wie
Schneeberge aussahen. Die erst recht, da sie geholfen hatten, den Spuck
zu verben.

So, nun ist das recht, sagte die Sonne, denn sie mag gern freundliche
Gesichter leiden. Und ihr mtterliches Gesicht war ganz rund und
glnzend vor Freude.

Da kamen die drei den schmalen Feldweg entlang, der auf einer Seite
die Hecke hat und an der andern hart an die Korncker stt. Der
Rektor Cabisius und die beiden Kinder Georg und Gertrud. Die Kinder
gingen voran und gingen eine Weile Hand in Hand. Aber das nicht lange.
Der aufgeschossene Junge in schwarzen Konfirmationskleidern, der den
Kopf mit dem neuen Hut so steif hielt, als wre er einzig des Hutes
wegen da, der war heut nicht so eigentlich ein Genosse. Der war etwas
Besonderes, eine eigene Sorte von Menschen, um und um feierlich.
Nach einer Weile machte er seine Hand los und ging aufrecht einher,
und das Mdchen bckte sich und brach einige Gnseblmchen und blaue
Ehrenpreis. Der Rektor hatte den Hut abgenommen und lie die starke,
lebensvolle Frhlingsluft ber seinen grauen Kopf hinspielen. Seine
Augen gingen auf eigene Faust spazieren, in die Nhe und in die Weite.
Da wurde seine Seele voll von dem frischen Bilde, das durch die hellen
Fenster zu ihr hineinschien und sie freute sich dessen und mute es
auch aussprechen.

      Es war ein wunderlicher Krieg
      Da Tod und Leben rungen,
      Das Leben behielt den Sieg
      Und hat den Tod bezwungen.

Das sagte er leise und zustimmend vor sich hin.

Er hatte das Scharmtzel vorhin ernst genommen, das Schneien und
Strmen, und da nun die Sonne schien.

Aber wir wissen schon, da er zu denen gehrte, die im Heiteren den
Ernst und im Ernst das Frohe finden.

Da, als die drei ein wenig schweigsam dahingingen, ein jedes in seinen
Gedanken, hrten sie einen frischen Gesang ber die Felder hinschallen,
der kam nher und nher.

Die sangen, waren junge Burschen und Mdchen aus dem Weiler
Hinkelsbach, die nach ihrer Gewohnheit am Sonntag Nachmittag ein Stck
weit in die Felder hinausgingen. Sie gingen zu dreien oder vieren, wie
es der Weg erlaubte, und hielten einander lose an den Hnden gefat,
und ihr Lied klang gut zusammen aus frischen Kehlen. Es war eins von
den ernsten, traurig-schnen Liedern, die das Volk gerne singt, wenn
es frhlich ist, und handelte von jungem Leben, das in Kampf und Tod
geht, von der Schnheit und Kraft, die schnell entschwindet, von der
Lust, die ein Ende findet, eh' man's denkt, und davon, da der Mensch
sich still fgen mu, wie Gott es will. Die drei blieben stehen und
horchten. Da bogen die Snger ab, gegen den Waldrand hin, und der
Schlu ihres Liedes tnte nur noch so verloren herber.

      -- -- -- und so will ich wacker streiten,
      Und soll ich den Tod erleiden
      Stirbt ein braver Reitersmann.

Der Rektor nickte mit dem Kopf und sah eine Weile ber das Feld hin,
als she er den Tnen nach.

Das ist ein schnes Lied, sagte er. Und ein frommes Lied. Man mu es
recht verstehen. Ja, nun seht ihr mich an und wit es noch nicht. Das
kommt noch, spter.

Der Rektor hatte einst in seiner Jugend Theologie studiert. Aber kurz
bevor er ins Pfarramt treten sollte, hatte er sich entschlossen,
lieber ein Schulmeister zu werden. Denn erstens hatte er sich stark
im Verdacht, da er bei seiner Neigung, innerliche Wahrheiten auf
eigene Weise und in eigener Sprache ins Leben zu bersetzen, doch nicht
so recht auf die Kanzel passe, und zweitens zog es ihn auch stark
zur Jugend. Das hat er nie bereut. Aber etwas war doch an ihm hngen
geblieben. Er hatte die Neigung, hie und da eine Predigt zu halten. Er
wute meistens nicht, da es eine sei, und die ihm zuhrten, wuten
es auch nicht. Auch mischte er leicht geistliches und weltliches
durcheinander. Er hatte keine Schubfcher in seinem Innern: hie Gott,
hie Mensch, hie geistliches, hie weltliches. Es war ihm alles ein Stck
Leben, es flo alles aus einer Quelle, gro, schwer und schn. Schlug
ein ueres Geschehen eine innere Saite an, dann lie er sie klingen.
So auch jetzt. Seine Seele war liebender Gedanken voll fr die jungen
Menschen, die heute gelobt hatten, mit den empfangenen Waffen fr das
Leben, gegen den Tod, zu streiten. Das Lied brachte ihn zum berflieen.

Ja, sagte er, wacker streiten, das ist's. Das hat Jesus auch getan
und ist gestorben als ein Held. Das sollen wir auch tun.

Und er erzhlte ihnen, innere Gedankenreihen zusammenhngend, zuerst
von der Schlacht bei Sempach, und von Arnold Struthan von Winkelried.
Der war einer seiner Lieblingshelden, obgleich er nicht geschichtlich
erwiesen ist.

Die beiden horchten hoch auf.

Wie der starke und treue und khne Mann sah, da seinen Genossen der
Mut entwich, und wie er beschlo, sie zu retten, und die Speere der
Feinde mit den Armen zusammendrckte und sich in die Brust stie und
rief: Brder, ich will euch eine Gasse machen, und darber starb. Und
wie die Seinen durch die Gasse hindurchbrachen, zur Freiheit.

Als er das erzhlte, da blitzten seine Augen, als ob ein starkes,
loderndes Feuer dahinter lge.

Und er sagte, da das Jesus auch getan habe, nicht einigen, nein, allen
zuliebe und in einer viel greren Sache. Wie er die Menschen aus der
schmhlichen Knechtschaft herausfhren wollte und sie wieder zu freien,
frohen, adeligen Shnen Gottes machen, -- und wie er, als kein anderer
Weg dazu war (denn er warf sein Leben nicht leicht weg), beschlo, sein
nicht zu achten um der andern willen. Und ging den Feinden entgegen,
und drckte sich die Speere in die Brust, und starb, und machte der
Freiheit eine Gasse, grer, als ein anderer Held auf Erden je getan
hat. Da sahen die Seinen, da nichts fr sie zu frchten sei, nicht
das Leben und nicht der Tod, und gingen ihm nach. Und, da sie vorher
zag und ngstlich gewesen waren, bekamen sie nun mutige Herzen und
frhliche Augen. Das machte, da sie dem Vater nahe kamen, so nahe, da
sie ihn mit du anreden konnten. Und sie trugen seine Waffen. Georg,
man hat dir gesagt, welche das sind. Und sie sahen sich um nach denen,
die nach ihnen kamen, die Alten nach den Jungen, die Starken nach den
Schwachen, die Reinen nach den Unreinen, und reichten ihnen die Hand,
und halfen ihnen, vorwrts zu kommen. Wie sie es ihn, der die Gasse
gemacht, hatten tun sehen. Das ist nun bald zwei Jahrtausende her, das
strmt noch immer. Das ist ein langer, langer Zug, unabsehbar lang.
Der wird strmen, so lang Menschen auf der Erde sind. Seht ihr's, dazu
gehren wir auch.

Da waren sie eine Weile still und sahen ber das Feld hin, als ob sie
dort lange, lange, ziehende Menschenheere shen, von Jahrtausenden
her, bis zu ihnen hin. Die trugen alle blitzende Waffen, und reichten
einander die Hnde und gingen gerade aus, dorthin, wo hinter dem
waldigen Berg nun die Sonne niedrig stand und das Land mit einem
goldenen Licht segnete. Und sie winkten ihnen mit Augen und Hnden:
kommt. Da ging etwas Groes durch die Kinder hindurch; sie wuten
es aber nicht zu benennen. Es war etwas Gewaltiges, Starkes, das in
ihr Leben griff, zu dem sie selbst gehrten, ernst und froh. Leise
faten sie die Hnde des alten Mannes, und als sie zu ihm aufsahen,
da staunten sie. Der ganze Glanz der Abendsonne, in die er sah, lag
auf seinem Gesicht. Aber nun kehrte er sich wieder zu ihnen, und dann
gingen sie mitsammen nach Hause.

       *       *       *       *       *

Er hatte nicht viel dazu gesagt, als Georg an jenem Tag kam und ihm
seine Berufswahl verkndigte. Er fragte ihn auch nicht viel nach den
Grnden, die er dazu habe. Das konnte ja noch alles werden, wie es
wollte. Ein Wort, ja, am andern Tag, als sie in der Schule Goethes
Iphigenie lasen. Da kam es an Georg Ehrensperger, wie Pylades sagt: ein
jeglicher mu seinen Helden whlen, dem er die Wege zum Olymp hinauf
sich nacharbeitet. --

Da stand pltzlich der Rektor neben ihm und klopfte ihm mit dem Buch
auf die Achsel, sah zu ihm hinein und sagte lchelnd: Nun, also, du
hast dir den deinigen gewhlt, Georg. Ja, man mu sich an einen ganz
Groen halten, die mittleren versagen unterwegs.

Georg wurde rot. Wute der Rektor, da Hornstein --? Ach nein, das
konnte er nicht wissen. Er verstand ihn damals nicht so recht. Es war
gerade jetzt eine Zeit, da die jungen Leute in gute und treue Belehrung
bis ber die Ohren eingewickelt waren.

Sie hatten den Katechismus und das Fragenbuch auswendig gelernt und
waren in die christliche Kirchenlehre eingefhrt worden. Aber Georg war
manchem davon, wie damals der braven Jungfer Liese, unter den Hnden
weggelaufen, wenigstens mit seinen Gedanken.

In seiner Kammer hing der Stundenplan, den las er morgens ab: Religion,
Latein, Latein, Griechisch, Algebra. Und was das mehr war. Oder auch in
anderer Reihenfolge. Es waren lauter Fcher, auf die man zu arbeiten
hatte. Auf Religion noch am wenigsten, das war gut, weil sich die
Aufgaben manchmal stauten. Einiges auswendig lernen; das war bald
geschehen. Auch war es leider kein besonders anregendes Fach. Das
ging vielleicht manchem andern anders. Ihm ging es nun so, da es ihn
nur selten persnlich aufstrte: Du, das geht dich selbst an. Es war
kein Stck Leben; fr ihn noch nicht. Er war in Gefahr, nicht viel
lebendiges mit sich zu nehmen. Vielleicht war er noch zu jung dazu,
vielleicht auch zu trumerisch.

Darum verstand er damals den Rektor nicht so recht. Aber heute war es
anders.

Nun war da ein Funke hineingeflogen. Wann das #so# war!

Alle die ziehenden Menschenheere, und ein Held voran, auf den sie
sahen, grer als Kolumbus, der Neulandentdecker und Alexander der
Groe, und alle Sagenhelden der Vorzeit. Und er sollte da mitgehen.

Es mu ja gestanden werden, da er noch nicht recht sicher war, gegen
was er alles streiten wollte. Aber streiten wollte er nun sicher,
wacker streiten. Vielleicht waren das nun auch wieder Trume, wer kann
das untersuchen?

Aber es war wohl etwas, da an diesem Tag sein junges Herz ins Klopfen
kam und eine Gre und Weite sprte, wie noch nie.




                    Dreizehntes Kapitel


Eins -- zwei -- drei -- nun schlug die Uhr auf dem Rathaustrmchen aus.
Vier Uhr des Morgens.

Ein leichter Windsto bewegte den offenen Fensterflgel und blhte den
dnnen Vorhang ein wenig. Auf dem Dache sa eine Amsel und sang ihr
Morgenlied. Nun hallte die Morgenglocke vom Turm her ber das Stdtchen
hin. Bam bam -- bam bam -- in groen, feierlichen Schlgen.

Die Tauben gurrten am Schlag. Der war dicht neben Georg Ehrenspergers
Kammer.

Die Kammer hatte er sich nun vor einem Jahr eingerichtet. Es war eine
Rumpelkammer gewesen, ganz voll von altem, verstaubten Gerte, mit
einem holperigen, ausgetretenen Fuboden und schadhaftem Kalkbewurf. Es
gab bessere Rume im Haus.

Aber er hatte ein paar freie Nachmittage im Schwei seines Angesichts
geschafft, und war am Abend mit Spinnweben im Haar und bestubten
Kleidern heruntergekommen, stolz wie ein Knig. Nun hatte er ein ganz
eigenes Reich, das stattete er sich aus, wie er wollte. Bilderbogen
an den Wnden: ein Schlachtenbild, und eine Geschichte von Till
Eulenspiegel, und eine von Reinecke Fuchs. Und die Flte hing an der
Wand. Ach, es war viel mehr in der Kammer, als man so mit bloem Aug
sehen konnte. Niemand wute, wie vielerlei es darin zu sehen gab,
als er allein. Gertrud wute es auch. Aber sie kam nie hier herauf;
sie wute es nur vom Hrensagen. Das allerdings so genau, als ob sie
stndlich hier aus- und einginge.

Das ganze Heer der Bubentrume ging durch die Tr herein, die immer
knarrte und sthnte, wann der Wind um den Giebel strich, -- und unter
der schrgen Wand hin, und flog wieder zu dem hochgelegenen Dachfenster
hinaus, ber die Huser und Felder und Hhen, und in die Weite. Das
hatte hier oben Raum, sonst nirgends im ganzen Hause.

Der Bewohner der Kammer war schon wach. Als die Glocke anfing zu
luten, stand er auf und trat ans Fenster. Die Morgenluft strich herein
und um ihn her; er schauerte ein wenig; es war khl.

Die Luft war noch ein wenig grau, durchzogen von den letzten,
fliehenden Schatten der Dmmerung. Der Marktplatz lag leer und still;
der Rhrenbrunnen lie seine Wasser pltschernd in den groen Trog
fallen. Nun ging eine Stalltr. Ein Knecht -- der Knecht des Fuhrmanns
Rammlinger, der in dem gelben, vorspringenden Haus schrg gegenber
wohnte, -- fhrte zwei schwere, braune Gule aus dem Stall zur Trnke,
an den niedrigen Steintrog, der den Abflu von dem groen Brunnentrog
erhielt. Die Hufe hallten auf dem Steinpflaster, schwerfllig, trab,
trab, trab. Man hrte das Schnaufen der Gule, einer wieherte auf, dann
der andere; der Knecht stand stumm dabei. Als sie fertig waren, fhrte
er sie wieder hinein, dann war der Platz still und leer wie vorher.

Nun ein heller, zirpender, zwitschernder Laut.

Eine Schwalbe flog aus dem Nest, das oben an der schrgen Giebelwand
klebte, und flog mit schnellem Flgelschlag quer ber den Platz
hin. Nun kamen sie von da und dort her -- da flog eine und da eine;
sie setzten sich auf die Telegraphendrhte, die quer ber den Platz
gespannt waren, von der Posthalterei zum Rathaus, -- und von da weiter,
irgendwo, in die Welt hinein. Da saen sie auf den blinkenden Drhten
und schwatzten. Sie wollten nun bald fortfliegen, bers Meer, es wurde
wieder einmal Herbst. Und sie hatten noch vieles zu beraten. Da waren
einige der Fhrer vom vorigen Jahr nicht mehr da, und es war die
Frage, ob sie den Weg auch richtig wten. Ach, sagten die einen,
Kinderspiel. Das hat man doch in sich. Der Sehnsucht nach, sagte
ein Schwalbenjngling, der am Dachfenster des Mdchenschulhauses gro
geworden war. Dort wohnte der jngste Lehrer, der zu einem dnnen
Klavier mit vollem Brustton sang:

      All' mein Sehnen und Verlangen
      Geht, du Wunderland, nach dir.

Der Schwalbenjngling wute nicht, was das fr ein Land sei, aber es
war anzunehmen, da sie beide dasselbe meinten, und es gefiel ihm, von
der Sehnsucht zu reden, da es eine angenehme, drngende Empfindung war:
auf, fort, hinaus.

Einige Schwlbchen zwitscherten leise und ehrfurchtsvoll dazu, andere
sagten: zur Sache, und dann wurde das Ganze mehr geschftlich
behandelt, wie es sich fr solch ein wichtiges Unternehmen auch
gehrte. Darum konnten sie doch danebenher hohe und starke Gefhle
haben; ja, das brauchten sie doch. Denn wer will den Flug bers Meer
unternehmen, ber druende Untiefen und in schwindelnde Hhen -- der
nicht einen groen starken Trieb und ein mchtiges Verlangen hat?

Georg stand eine Weile am Fenster und sah in die lebendige Morgenstille
hinein. Es war ihm wohl hnlich zu Mut wie den Schwalben. Auch
er rstete sich zum Flug. Darum schuf die Morgenfrhe mit ihren
wenigen Bildern und Tnen eine groe, feierliche Erwartung in seinem
fnfzehnjhrigen Herzen. Was mochte der Tag bringen? Der heutige, und
dann weiter -- weit hinaus?

Da lagen die neuen Kleider, lange Beinkleider und eine Joppe. Er
war ein junger Mann, als er sie angezogen hatte. Da wurde ihm schon
sicherer zu Mute. Es war ja alles klar und ausgemacht. Nun kam er in
die groe Stadt, da ging er noch drei Jahre aufs Gymnasium. Dann kam
die Universitt, dann vielleicht einmal ein Militrjahr dazwischen.
Dann lag da hinten irgendwo das Leben. Als ob bis dahin ein Flu sei;
dann ein Strom, dann, in grauer Ferne, das Meer. Es war alles ganz
gerade und sicher. Es war zwar, das mu gesagt werden, ein Ri in
Georgs Vorleben. Gerade in der Geschichte dieses Sommers. Er hatte mit
fnf anderen Schlern aus des Rektors Schule, wie es das Herkommen
bestimmte, das Landexamen gemacht, um dann durch die Seminarien zu
laufen in schner, glatter Bahn. Aber er war nicht durch das enge Tor
gekommen. Er war vielleicht nicht fleiig genug gewesen oder man hatte
gerade andere Sachen gefragt, als er wute. Kurz, er kam nicht hinein.
So mute er denn seinen Weg von den andern scheiden. Einer, der kleine,
blonde Ernst Daxer, der Sohn der Postmeisterswitwe aus der Sporengasse,
der ging auch mit ihm. Der fand einen Unterschlupf bei Verwandten in
Stuttgart. Sonst htte es seine Mutter nicht an ihn wenden knnen.

Aber Ernst Daxer war nicht gerade Georgs Hchstes. Er hatte ein
weiches, rundes Kindergesicht mit Grbchen in beiden Backen und
hatte enge, kurze Hosen. Nichts um sich daran zu erheben, gar nichts
Heldenhaftes. Und Fritz Hornstein, der alles hatte, eine tiefe Stimme
und alle angehende Mnnlichkeit in Haltung und Wesen, der war natrlich
hineingekommen.

Ja, es war schon ein Ri. Aber der Pfarrersgedanke war nun doch schon
genugsam ausgesponnen; er hatte jetzt Lebenskraft genug, um auch ohne
solche ueren Sttzen, wie Seminar und Hornstein, fort zu bestehen.
Georg wute, was er zu tun hatte. Er wollte Ernst dahintersetzen. Alle
verschwommenen Zukunftsgedanken hatte er weggelegt. Als er sich dessen
versichert hatte, ging er aus seiner Kammer und ging die knarrende
Stiege hinunter und in die Backstube. Dort setzte er sich auf den
Tisch, lie die langen Beine herabhngen, a heie Wecken und mischte
in seinem Innern die feierlichen und die behaglichen Gefhle, und es
gab eine Mischung, wie man sie am Morgen eines Abschiedstags, frh
zwischen vier und fnf Uhr nur verlangen kann.

       *       *       *       *       *

Der Abschiedstag schien auch in die Backstube; hinten herein stahl er
sich, durch den schmalen Hof, zwischen Holzschuppen und Hauswand, und
sah durch das Fenster auf den Buben, der da mit den Fen baumelte und
die Arme gekreuzt hatte: So, da bist du? Bist mir oben ausgerissen?
Aber das hilft dir nichts, denn ich habe auch nicht mehr Stunden als
andere Tage, leider, und die Eisenbahn wartet nicht.

Da fiel es dem Ausreisenden ein, da er noch viel zu tun habe. Er glitt
vom Tisch herab, der Geselle lschte das Gas; Franz ging, vom Kopf bis
zu den Fen mehlbestubt, in ledernen Schlappschuhen hin und her,
und trug das Brot fr die Wiblinger, schwarzes und weies, auf seinen
Armen. Jungfer Liese aber fllte die Fcher des Ladens damit.

Da stand eine Wanne voll Wecken, hochaufgetrmt, die waren brunlich
und glnzend und dufteten so lieblich, als wollten sie den Reisenden
noch in letzter Stunde an der Nase festhalten. Sie knisterten leise,
wenn man an die Wanne anstie, so rsch gebacken waren sie. La mich,
sagte Georg, und trug die Wecken vor sich her. Er stolperte aber
auf der mittleren der drei Stufen, die von der Backstube zum Laden
hinauffhrte und kollerte samt den Wecken dort hinein. Wie schn war es
zu Hause. Wenn er nun dabliebe und ein Bcker wrde, so streifte ihn
ein sekundenlanges Gefhl. Ach, hinweg damit. Das Leben mute ja seinen
Gang gehen.

Da setzte er die rote Mtze auf und ging aus dem Hause. Er hatte es ja
nicht wie die Schwalben, er hatte seine alten Fhrer noch. Nun ging er,
um sich von ihnen ein gutes Wort zum Abschied zu holen. Es war zwar
noch frh, aber es litt ihn nicht mehr im Hause. Zu Hollermann konnte
er ja immerhin schon gehen. Der war ein Frhaufsteher von jeher.

       *       *       *       *       *

Ach, wit ihr, wie das ist, wenn man seine Vaterstadt zum erstenmal
verlt? Wit ihr aus Erfahrung, wie da alles und jedes ein Gesicht und
eine Stimme bekommt, auch das allergleichgltigste?

Es ist ja wie ein Bilderbuch, das man noch einmal durchblttert, nur
da die Bilder lebendig sind.

Da sind die alten, hohen Huser am Sumarkt. Ja, so heit er, das
lt sich nun nicht ndern. Die stehen beisammen und neigen, wenn man
so sagen soll, oben die Kpfe zusammen. Die mgen schon etwas erlebt
haben, seit sie da stehen. Da ist das Haus des uralten Kaufmanns Hahn,
der nach der Meinung der Jugend ebenso alt und ebenso vornbergebeugt
ist, wie sein altes Haus. Ach, riecht es dort drinnen in seinem Laden
nach Schnupftabak, Kse und Hring! Ach, liegt und steht und hngt es
dort voll mit allem erdenklichem Germpel. Es ist ja fast nicht vor dem
Haus vorbei zu kommen. Wie oft sind die Buben dort drin gewesen, ihrer
so viele als mglich miteinander, und einer kaufte einen Bleistift
fr drei Pfennig und die andern fragten nach tausenderlei unmglichen
Dingen. Und jeden fragte Herr Hahn: was 'fllig, he, hm? Er war nicht
von Wiblingen gebrtig, der Herr Hahn. Sonst htte er nicht so gefragt.
Aber das gab jedesmal ein unauslschliches Gelchter. Es bedarf so
wenig, um die Wiblinger Jugend zu solch einem Jubel zu bringen. Wenn es
gar zu bunt wurde, dann ging er umstndlich in seine Ladenstube hinein
und brachte von dort einen Hakenstock heraus. Man konnte sich denken,
was er damit wollte. Aber das warteten die Buben nicht ab. Wie das
wilde Heer strmten sie hinaus.

Und dann das Haus des einzigen Juden im Stdtlein, des alten, reichen
Samuel Wormser. Es hat unten vergitterte Fenster und hinter den
vergitterten Fenstern sitzt der Samuel in seinem bunten Schlafrock
und dem Sammetkppchen und zhlt seine unermelichen Reichtmer, wenn
es die Jugend recht wei. Seine Frau Lea ist alt und dick und hat ein
gelbes Gesicht und eine schwarze Percke auf und ruft ihrem Mann so
unnachahmlich: Sa--moel! Aber sie ist daneben unsglich gut. An Ostern
essen alle Kinder Matzen, die sie von Samuel Wormsers Lea haben. Das
ist ein interessantes Haus. Am Samstag Abend steigen die Buben hie
und da ber die Hofmauer hinein und sehen ins Fenster, wie da der
Samuel und die Lea und ihr Enkelsohn, der Hirsch Rosenstock, und die
Magd, die Sannel, und der Knecht, der Kallmann, um den siebenarmigen
Leuchter herumsitzen, und wenn sie angestrengt horchen, so hren sie,
halb gesungen, halb gesprochen, ein fremdartiges Beten. Hier jubeln
und toben sie nicht, da sind sie ganz still und es schaudert sie
ein bichen an. Das ist so eine fremde Welt, aber sie ist nicht zum
auslachen, sie ist heilig und verlangt Respekt. Einmal haben sie einen
durchgehauen, der die alten Leute stren wollte. Das sei ein gutes Werk
gewesen, sagte der Rektor Cabisius. Das Durchhauen nmlich.

Da ist auch das Haus des Doktors. Das ist das schnste dort herum. Es
hat einen groen, messingenen Trgriff, zwei Schlangen, die aus einer
Schssel fressen, und die Tr glnzt von Sauberkeit und Leinl und
die Schlangen glnzen auch. Hat noch eine Tr auf Erden einen solch
feierlichen, dumpfen Schall, wenn sie zufllt? fhrt noch irgendwo
eine solch glnzende leinlgetrnkte breite Treppe zu solch einem
atemraubend feierlichen Zimmer empor, wie das Sprechzimmer des Doktors
ist? Es ist kaum mglich. Georg Ehrensperger stellte sich lange Zeit
den lieben Gott nicht viel anders vor, als den Doktor.

Ein bichen freundlicher vielleicht, und den Bart ebenso gro, aber
wei, und einen blauen Mantel, -- aber sonst, so gro und breit und
so unsglich imponierend und eine so volle Stimme, auch aus dem Bart
heraus, alles.

Ach, das Bilderbuch nimmt ja kein Ende. Es ist ja kein Fertigwerden.
Man kann ja nur alles streifen mit einem raschen Blick.

       *       *       *       *       *

Hollermann sa am Fenster, als Georg zu ihm kam. Die Morgensonne lag
auf ihm und fllte sein Stbchen; man sah, er wrmte sich daran. Er
fror so oft in letzter Zeit, er war auch recht hinfllig geworden.
Man konnte nicht recht sagen, was ihm fehlte, er hatte nur, wenn er
ging, einen mden Tritt, und seine Haltung war nachlssig und schlaff.
Manchmal schlief er so sitzend ein und dann, wann er erwachte, konnte
er sich nicht recht besinnen. Auch verga er hie und da, was in der
neueren Zeit geschah, das Alte, das konnte er gut behalten.

Nun gehst du, sagte er. Nun hat das alles ein Ende, was wir so
miteinander getrieben haben. Du bist in der Stadt und ich sitze hier
und warte auf dich. Wenn du kommst, mut du mir alles vorspielen, was
du bis dahin gelernt hast. Das ist so um Weihnachten herum, nicht?
Heit das, wenn ich nicht vorher -- er sah mit einem schnellen,
glnzenden Blick auf und machte eine auffliegende Bewegung mit der Hand.

Ein weiches Lcheln ging um seinen Mund. Nun sah er aus, wie ein Kind,
das ein wenig von einem schnen, frohen Geheimnis enthllt und es
schnell wieder zudeckt, um die Freude nicht vorweg zu nehmen.

-- Was ich bis dahin gelernt habe? Da ist nichts vorzuspielen. Georg
bemhte sich, sehr viel Festigkeit in seinen Ton zulegen. Dazu ist
keine Zeit, jetzt nicht. Ach, ich glaube, berhaupt nicht. Das habe
ich auf die Seite gelegt. Ich mu furchtbar fleiig sein, da ich nach
einander mit allem fertig werde.

Da sah der Alte sehr erschrocken aus.

Nun hatten sie alles so schn ausgemalt.

Wenn du das aber in dir drin hast, sagte er kleinlaut.

Was mein Grovater war, der alte Schfer Hollermann, der pflegte zu
sagen: 'was drin ist, das will heraus. Das lt sich nicht totdrcken.'
Nun ist das so. Was willst du denn nun werden?

Pfarrer, sagte Georg. Das weit du doch. Das ist furchtbar schwer,
das kannst du dir denken.

Der Alte nickte ein wenig verlegen. Er hatte es ja richtig vergessen
gehabt. Er war auch darum verlegen, weil der Bub, mit dem er immer
wache Trume gesponnen hatte, nun auf einmal so pflichtbewut und
selbstsicher vor ihm stand. Das war ja gar nicht mehr derselbe Bub.

Da hatte der zum Glck einen unvernnftigen Augenblick. Dir kann ich's
schon sagen, -- er tat wichtig und geheimnisvoll, -- sobald ich so
ein bichen voran bin, da unter den Stadtschlern, und sehe, da sie
mich nicht hinunterkriegen, dann -- es ist ein Klavier in dem Haus,
in das ich komme. Das kommt schon alles noch dran, spter. Man wird
schon sehen, was noch kommt. Ich, wenn ich Pfarrer bin, -- und habe
den Kirchenschlssel, dann -- dann will ich alle Werktag, wenn niemand
in der Kirche ist, Orgel spielen. Dann hol' ich dich. Dann kannst du
zuhren.

Der Alte schttelte leise den Kopf: Das hr' ich nicht mehr.

Aber der Knabe hrte das nicht.

Ihm flogen die Gedanken wieder ber die nchterne, pflichtgetreue
Wirklichkeit hinaus, wie Vgel, und setzten sich auf einen Wunderbaum,
der irgendwo in der Welt drauen stand und fingen an zu flten und zu
singen: Das Leben macht die Tore weit, weit, weit! Zickh, zickh, es
hat alles drin Platz.

Und unter dem Baum stand die Jugend und reckte ihre herrlichen Glieder
und nickte ihm mit leuchtenden Augen zu:

Natrlich ist das so. So lang ich whre. Wie lang ich whre? Immer,
immer, weit du das nicht?

       *       *       *       *       *

Also guckten seine jungen Trume hie und da zwischen den groen
Pflichtgedanken heraus, wie frhliche Kindergesichter zwischen
zugezogenen Vorhngen. Wir sind noch da; wir kommen schon wieder; es
macht uns nur Spa, so ehrbar zu tun. Das wute Georg selbst nicht. Er
nahm es gewaltig ernst mit allen guten Vorstzen und mit seiner neuen,
verstndigen Jungmnnerwrde.

Gertrud htte davon zu sagen gewut. Er qulte sie viel in dieser Zeit.
Sie sagte aber nichts. Manchmal lachte sie, und manchmal gab sie einen
Puff zurck und gestern abend war sie ihm kurzer Hand davon gelaufen.

Nun kam er heute morgen und fand es noch zu frh, um der Frau Rektorin
Lebewohl zu sagen und htte gern noch einen kleinen Schwatz mit ihr
getan. Da stand er wie gewhnlich an der hinteren Haustr, die nach
dem Garten fhrt und rief mit langgezogenen Ton ihren Namen. Ger -- --
trud. Sie aber sa oben hinter einem Buch und stopfte die Finger in die
Ohren, um ihn nicht zu hren.

Sie hrte ihn aber doch; der Schelm flog ber ihr Gesicht, und sie tat
noch eine Weile, als ob sie lse. Dann stand sie auf und ging gemtlich
hinunter.

Hast du mich gerufen? Es war mir so.

Ja, schon zwanzigmal. Wo steckst du denn?

Ich? Oben. Warum?

Warum? Sei doch nicht so. Ich gehe heute fort. Du, ich mu dir noch
sagen, da -- -- -- Da kam irgend etwas ganz notwendiges zum Vorschein.

Denn er mute ihr alles erzhlen, auch jetzt. Seine spartanische Suppe
schmeckte ihm nur, wenn er sie mit ihr teilen konnte. Ja, und wenn er
ihr auch eine einbrocken konnte. Das tat er auch, oft genug. Und es
gewhrte ihm eine sonderbare Befriedigung, wenn sie das Gesicht verzog.

Er fing seit einiger Zeit an, von all den jungen Leuten als von seinen
Freunden zu reden. Das durfte er ja gern. Aber erstens entsprach es
nicht recht dem Tatbestand, und zweitens legte er eine Herausforderung
in seinen Ton.

Mein Freund so und so. Damit fing jedes Gesprch an.

Heute auch. Gertrud wunderte sich. Der auch? Und der auch? Das sind
alles deine Freunde? Das hast du sonst nie gesagt.

Ja. Hast du was dagegen? Sind alle aus meiner Klasse. Natrlich.

Sogar von Ernst Daxer sagte er seit einiger Zeit immer: mein Kamerad
Daxer. Das sagt er, das tut er. Aber immer: mein Kamerad Daxer.

Gertrud war es fremd dabei zu Mute. Nun ging er nicht als landfahrender
Geiger in die weite Welt. Kein abenteuerlicher Plan kam ins Werden.
Aber nun entfernte er sich in anderer Weise von ihr. Sie wute nicht,
da er wieder einmal einen zu starken Anlauf genommen hatte und bers
Ziel hinausscho. Sie versuchte aber, tapfer mitzugehen.

Du, das wird fein. Wenn du in die Vakanz kommst, dann machen wir
gerade so weiter. Es wird sein, als ob du gar nicht fort gewesen
wrst. Du mut mir alles erzhlen und ich dir. Er tat, als ob das
unwahrscheinlich sei.

Das sind Bubengeschichten, was ich jetzt erlebe, sagte er. Das
interessiert Mdchen nicht so. Und da kommen auch alle meine Freunde
nach Haus. Bis man da an allen herumkommt, das nimmt viel Zeit.

Da hatte sie ihre schwarze Suppe. Sie schluckte daran, sie war scharf
gepfeffert.

Er schielte nach ihr hin, ohne den Kopf zu drehen. Er konnte die freie
Mnnlichkeit noch nicht so recht vertragen. Er war ja doch da zu
Hause; sie gehrte ja so sicher zu ihm, da er sie auch kecklich ein
bichen qulen durfte. Aber nun war es ihm doch unbehaglich.

Ich freue mich aufs Luten in der Sylvesternacht, sagte er
unvermittelt. Und aufs Kindleinwiegen in der Christnacht. Da gehen wir
auf den Turm, nicht? Du, sagst du gar nichts?

Wer geht? Deine Freunde und du?

Ach, Dummheiten, du und ich. Sei nicht so empfindlich. Mdchen sind
immer empfindlich, Buben nicht.

Nein, sie war nicht empfindlich, das konnte man nicht sagen. Wenigstens
nicht mehr, als unter diesen Umstnden billig war. Sie machte den
groen Gedankensprung mit. Also wrde es doch wie sonst. Das war die
Hauptsache.

Da lachte sie. Sie war froh darber.

Du, gestern hat mich der Grovater gefragt, ob ich nicht Lehrerin
werden wolle. Ich wei aber nicht. Wir hatten einmal eine, als ich noch
in der Volksschule war, in der untersten Klasse, nein, in der zweiten.
Die hatte einen so langen Stock, da sie damit ber eine ganze Bank
hinreichen konnte. Wenn eins nicht aufpate, zog sie allen eins hinten
ber. Den Stock hat ihr der Oberlehrer abgeschnitten. Und dann leckte
sie sich immer die Lippen ab. Ich dachte immer: was sie wohl heut
gegessen hat? Ich wei nicht, ob ich eine Lehrerin werden will.

Darum? sagte Georg. Das brauchst du ja nicht nachzumachen. Du kannst
ja auch eine nette werden. Das kommt ja auf dich an.

Ja, wenn du meinst? Sie machte ein ernsthaftes Gesicht. Das tat ihm
mchtig wohl. Nun konnte er seine berlegenheit zeigen. Ach, sagte
er, es ist ja einerlei, Buben mssen etwas Rechtes werden. Meine
Kameraden werden alle etwas, ich auch. Bei Mdchen ist das nicht so
wichtig. Du kannst auch zu Hause bleiben. Es ist einerlei.

Da stand sie schon in der Haustr. Wie der Wind war sie die Steintreppe
hinaufgefahren. Die braunen Zpfe lagen ihr um den Kopf. Sie machte ein
hochmtiges Gesicht. Darin verstand sie keinen Spa.

So warte doch, ich gehe mit. Du, Gertrud, spring doch nicht so.

Aber sie rief schon von der Treppe her: Ich habe mich ganz vergessen,
ich mu ben. Ich habe nachher Klavierstunde.

Weg war sie.

Da machte er ein grimmiges Gesicht. Klavierstunde? und er? Da stieg er
langsam hintendrein.

Aber nach einer Weile guckte Gertrud lachend hinter der Gromutter vor.
Die war beschftigt, ihm die Taschen mit Nssen zu fllen. Sie sind
von unserem groen Baum. Du bist oft genug darunter gesessen. Vergi
nicht --, da stieg ihr etwas Gerhrtes bis in die Kehle empor. Vergi
nicht, da du hier daheim bist, sagte der Rektor. Das hatte sie nicht
sagen wollen; sie hatte einige kleine Ermahnungen bereit gehalten. Die
waren nun im Keim erstickt.

Aber was schadete das?

Sie gaben ihm mehr mit ins Leben hinaus, als Ermahnungen, viel mehr.

Sie hatten Sonne und Wrme in seine Kinderjahre gebracht. Sie waren
so unberwunden vom Weltleid und von allen grauen Geistern. Und sie
behielten ihm einen Schatz von Liebe auf, dessen Zinsen, das wute
Georg, er jederzeit erheben konnte, solang -- ja, solange die beiden da
waren.




                    Zweites Buch




                    Erstes Kapitel


Sollen wir mit den beiden jungen Leuten ins Leben hinausfahren?

Sie sitzen in der Eisenbahn, und die Lokomotive schnaubt und zischt,
ungeduldig wie ein Renner, der am Zgel gehalten wird und auf das
Zeichen wartet, das ihn dahinfliegen lt.

Der Rektor Cabisius steht an dem einen Fenster, und sagt zu Georg
Ehrensperger: Gr den Herrn Professor Lindemann von mir. Ich -- ich
hab' einmal eine Wanderung mit ihm gemacht, den Rhein hinunter, und wir
haben in Rdesheim miteinander, -- doch, das ist lange her. Gr ihn
von mir.

Und die Postmeisterswitwe Daxer, die groe, hagere Frau mit dem
strengen Gesicht, das dem ihres Sohnes so unhnlich wie mglich ist,
steht an dem anderen Fenster, und langt mit ihrer zerarbeiteten Hand
hinein und streicht ihrem Buben ein paarmal subernd ber den rmel.
Du bist an der Wand gestreift, sagte sie, gib fein acht auf deine
Sachen. Der Anzug ist aus Vaters Sonntagskleidern. Sie hat fnf
Kinder, von denen Ernst das lteste ist, und sie lt sich's sauer
werden, mit ihnen durchzukommen. Sie wurde Witwe, als das Kleinste
eben geboren war. Da, im strengen Kampf gegen die Armut und gegen
das Verderben der Kinder, sind ihre Zge und ihre Hnde etwas hart
geworden. Auch kann sie keine besonders lieben Worte machen. Aber man
mu ihr #jetzt# in die Augen sehen. Ein ganzer Quell von Mutterliebe
liegt darin. Und da kommt noch zu guter Letzt Meister Nssel an, mit
einer Traglast zerrissener Kleider beladen, die er in sein altbekanntes
grnes Tuch gehllt hat, und zwinkert mit den Augen, und wei nicht
recht, was sagen, so voll ist er von der Bedeutung des Augenblicks, und
sagt ein paarmal hintereinander: Also so weit wren wir, so weit wren
wir.

Und die beiden Reisenden nicken heraus und wissen auch nichts mehr zu
sagen. Drauen ist die Ferne, die lockt und schimmert, und die auch ihr
Grauen hat, und hier ist die Heimat. Es sitzt etwas wie ein Butzen in
ihrem Hals. Es ist gut, da es nun abgeht.

Sollen wir mit ihnen fahren? Sie werden viel Neues erleben, und das
Leben wird an ihnen arbeiten, da sie meinen, selbst tchtig an der
Arbeit zu sein.

Oder sollen wir hier bleiben, wo die Alten sind, deren Tag sich neigt?
Sollen wir noch ein Stck weit mit ihnen gehen und zusehen, wie die
sinkende Sonne einen milden, heiteren, lichten Schein ber ihre guten
Gesichter wirft?

Wir sind alle Wandersleute, wie wir wissen, und beides verlohnt es sich
fr uns zu sehen: wie die Jungen ins Leben hineingehen, und Besitz
davon ergreifen, und feste, dauerhafte Huser da zu bauen gedenken, --
und wie die Alten sich leise davon los machen und hinausgehen.

Wir werden beides zu sehen bekommen. Es reist sich leicht und schnell
in Gedanken. Wir kommen wohl noch hinter den Jungen drein, wenn es
dann an der Zeit ist. Um es rund heraus zu sagen: wir haben jetzt
gerade hier zu tun. Wir haben den alten Hollermann zu pflegen, und wir
haben noch einiges von ihm in Empfang zu nehmen, eh' er seine ledernen
Pantoffel fr immer auszieht und seine windschiefe Lehmhtte verlt
und sich auf die Reise begibt, -- auf die Suche nach dem Land, in dem
es nach seiner Meinung bessere Geigen gibt.

Er sa noch eine Zeitlang am Fenster, das auf die Felder hinausgeht,
und manchmal versuchte er auch, noch einen Korb zu flicken. Aber damit
ging es nicht mehr recht. Da lie er es. Es wute niemand so recht,
was seine Krankheit sei. Eines Tags schickten ihm die Freunde den
Doktor, den schwarzbrtigen starken Mann, der in dem bekannten Haus am
Marktplatz wohnte. Der war zuerst ein wenig kurz angebunden und seine
Augen blitzten unter den buschigen Brauen hervor. Es war seine Art
so, er meinte es nicht bse. Aber nach einer Weile sa er neben dem
alten Korbflicker am Fenster. Ja, ja, sagte er, das ist freilich
das Vernnftigste. Sich schicken, das mu jeder. Ich will Ihnen weiter
keine Flausen vormachen; es ist das Alter, und das Herz, das tut nicht
mehr mit. Ja, ja. Er hatte aber ein Wohlgefallen an dem alten Mann.
Der sa so gelassen da und sein Gesicht war so mild und freundlich, wie
der Oktobertag drauen. Und er hatte zu dem Doktor gesagt: Es freut
mich, da Sie mich besuchen; es freut mich. Ich -- wissen Sie, ich habe
hier so eigentlich nichts mehr verloren, und es nimmt mich Wunder,
es nimmt mich schon lang stark Wunder, was nachher kommt. Da ist so
vieles, ber das ich mich besonnen habe, wenn ich so allein dasa bei
meiner Arbeit, oder nachts, wenn ich keinen Atem kriegen konnte im
Bett, und hinaussah, wie die Sterne da oben hingehen. Da steht ja in
den Bchern, die die klugen und gelehrten Leute schrieben, das seien
lauter Welten, und man knne nicht wissen, wer darauf wohne. Ganze
Welten, Herr Doktor, und so viele, da einem die Augen vergehen, wenn
man nach ihnen hinsieht. Ob da Menschen sind und ob der eine Gott nach
ihnen allen hinsehen kann und anordnen, was da geschehen soll? Und was
mit uns selber geschieht? Da stehen lauter Fragen, rings herum. Und
darum -- er lchelte still vor sich hin, darum denk ich oft: kann
sein, du erfhrst etwas von dem allem, wenn du da hinber kommst. Daran
herumraten hilft nichts; aber erleben, Herr Doktor, erleben. Nein,
es braucht Ihnen nicht leid zu tun, ich kann hier gut abkommen. Der
Doktor sah ihn freundlich an und nickte ihm zu.

Er war selber schon mit einer groen und treibenden Wibegierde vor
den tiefen Fragen des Weltalls gestanden und hatte nichts unversucht
gelassen, um hinter die Geheimnisse zu kommen, die so gro und dunkel
dastanden. Hie und da war es ihm gewesen, als ob ihn die Wissenschaft
in groe, lichte Weiten schauen lasse, die glnzten wie im Morgenrot
und verhieen einen vollen Tag. Und manchmal war er wieder dicht vor
dem Nichts gestanden, das hatte ihn mit kalten, furchtbaren Augen
angesehen. Es war aber etwas in ihm, noch aus seinen Kindertagen her,
das fragte immer noch weiter. Das war nicht mit dem Nichts zufrieden
und wute doch, da das Rtsel nicht zu raten ist: Woher wir kommen und
wohin wir gehen, und was fr ein Sinn in dem ganzen Getriebe des Lebens
ist.

Erleben, Herr Doktor, erleben, sagte der alte Mann neben ihm und
sagte, da er gern von hier fortgehen wolle, weil er denke an einen
Ort zu kommen, wo ihm einiges gesagt werde von dem, was ihm die Seele
fragend bewegte. Ja, er hoffte wohl, da ihn der liebe Gott auf die
Arme nehme, wie ein Vater sein Bblein: Da, nun sieh einmal zum
Fenster hinaus: Siehst du? Sieh dir's recht an. #So# ist das. Und
wiese ihm mit dem Finger dahin und dort. Und stellte ihn auf den Boden,
satt und froh vom Schauen.

Es war dem Doktor, als wrme er sich an einem hellen und freundlichen
Feuer, wenn er auch nicht so sagen konnte, wie Hollermann. Ich komme
wieder, sagte er, als er ging, und gab dem Alten die Hand. Und er kam
auch wieder, obgleich da nichts zu kurieren war.

Die Freunde kamen, einer um den andern. Meister Nssel und der Rektor
Cabisius, und die Frau Rektorin wre gerne auch gekommen, wenn sie
nicht mit einem Rheumatismus htte im Lehnstuhl sitzen mssen. Den
hatte sie sich beim Wscheaufhngen geholt. Nun sa sie und rgerte
sich weidlich, da angebunden zu sein, und kam sich vor, wie die jngste
Frau, die eigentlich mit solchen Dingen nichts zu schaffen zu haben
brauchte, trotz ihrer zweiundsiebzig Jahre, und schickte Gertrud im
Haus hin und her mit Auftrgen, treppauf, treppab. Gertrud hier,
Gertrud da. Gertrud war jetzt vierzehn Jahre alt, zu gro, um mit den
Lateinschlern zusammen zu sitzen, sagte die Gromutter. Die begehrte
nun ihr gutes Recht an dem Mdchen. Halbpart, Mann, sagte sie, wann
die beiden, der Rektor und die Enkelin, sich nun allzu tief in die
Bcher verbeien wollten, die in den hohen Schrnken standen, und nach
denen beider Sinn stand. Was waren da noch fr Schtze zu heben. Ein
Lebenlang mute man daran zu sammeln haben.

Der graue und der braune Kopf beugten sich zusammen darber; ja, der
Rektor hatte ja seine Schule, freilich; aber konnte nicht Gertrud, bis
er allemal nach Hause kam, ein gutes Stck weiter lernen? Das wre so
der beiden Sinn gewesen.

Halbpart, sagte die Gromutter, denn noch hatte sie hier auch etwas
dreinzureden. Was? mit vierzehn Jahren hab' ich an den Waschtagen
allein gekocht, und habe, hier wurde ihr Ton ein wenig vorwurfsvoll,
meiner alten Gromutter einen Schemel gestickt, ganz in Perlen, zwei
weie Lapins mit blauen Bndchen um den Hals, und auf grnem Grunde.
Abend fr Abend habe ich daran gestickt, ein ganzes Vierteljahr lang.
Den Schemel mu meine Base in Ulm noch haben.

Da lachte Gertrud hellauf und der Rektor lachte mit. Es war nichts
Gescheites anzufangen mit den beiden, die alte Frau htte es sich
denken knnen. Gromutter, Perlensticken, das ist ja nicht mehr Mode.
Anne, das Sticken, das erlt du ihr. Aber kochen, ja, das soll sie
lernen. Das wird ja nicht so schwer sein? Aber da hatte es der Rektor
nun auch verschttet.

So, du denkst: das kann man so nebenher? Aber ich will es euch schon
zeigen. Gertrud, heut' abend hast du die Kche. Erbsensuppe mit
Leberwurst fr uns; und fr den alten Hollermann -- nein, das tun wir
morgen. Ich habe ein Hhnchen fr ihn. Ihr lat es mir doch verbrennen,
du und die Marie. Ihr seid nicht mit dem Kopf dabei, das ist die Sache.
Es ist ein Elend, wenn ich alte Frau in der Stube sitzen soll. Morgen
geh' ich in die Kche, und wenn ich dahin #kriechen# mu.

Das hatte sie nun schon oft gesagt. Aber noch war sie nicht dahin
gekommen. Der Rheumatismus dauerte schon eine ganze Weile und die
Beine versagten den Dienst. Da war nichts zu machen. Es war keine
Kleinigkeit, und das nicht wegen der Schmerzen allein. Mute sie
nicht alles aus den Hnden geben, was sie allein richtig besorgen
konnte? Und mute sie nicht den alten Hollermann, der nun allmhlich
bettlgerig wurde, mute sie ihn nicht liegen lassen, wie er lag? Sie
war schon lngst gut Freund mit ihm geworden. Aber was konnte das nun
helfen? Hier sa sie, und auf dem Turm sa Frau Judith; sie lagen
beide sozusagen an der Kette, und da drauen war eine Mnnerwirtschaft
ohne gleichen. Die Frau Rektorin konnte sich denken, wie es zuging,
obgleich ihr der Gatte lauter Liebes und Gutes erzhlte. Meister
Nssel kam tglich, das Bett zu machen, und manchmal fegte er auch die
Stube aus, und das Essen -- ja das Essen, das schickte sie ja freilich
durch Gertrud hin, und der Rektor trug fters eine Flasche Wein in
der Rocktasche hinaus. Aber dennoch, es wurde sicherlich eine Menge
versumt, das konnte gar nicht anders sein, wo kein Frauenauge wachte.

Mann, du hast geraucht. Du kommst doch von drauen herein? Voll
Pfeifengeruch ist dein Ausgangsrock.

Er sa neben ihr auf der Seitenlehne des Grovaterstuhls. Er war eben
nach Haus gekommen.

Natrlich hab' ich. Er nickte vergngt.

Es war immer so langweilig drauen bei Hollermann. Man will sich
doch hie und da eine Stunde zu ihm setzen. Aber ohne Pfeife? Da hab'
ich gestern die mittellange mitgenommen. Nssel hat die seinige auch
gebracht. Es war ein feiner Einfall. Wir saen ums Bett und rauchten.
Hollermann auch. Er hat sich ein kleines Loch ins Kopfkissen gebrannt;
da lag ein Stckchen Fidibus, das glimmte so fort. Wir sahen es erst,
als ein paar Federn angesengt waren. Nun haben wir das Loch mit einem
Bindfaden zugebunden, wie man einen Sack zubindet; es ist grad an der
Ecke. Wir haben als Buben manchen Apfelsack miteinander zugebunden.
Fein war das damals, wir kamen heute stark an jene Zeiten.

Aber nun fand die Frau Rektorin endlich Worte.

Und das erzhlst du mir noch? Seid ihr immer noch Schuljungen, oder
wie? Setzt euch zusammen und raucht? Und Hollermann liegt im Bett, und
weit du, was mir der Doktor gesagt hat? 'Das erlischt so vollends wie
ein Licht,' hat er gesagt. Er mag den Alten wohl leiden. Wollt' ihr
ihn vollends aus dem Leben ruchern? Sie fand es schwer, dort drauen
nicht die Zgel in der Hand zu haben. Dies hatte alles keine Art.

Der Mann war nicht besonders schuldbewut. Sieh' einmal, Anne, sagte
er, nun hat Hollermann schon fnfundsiebzig Jahre lang geraucht.
Nein, nicht ganz so lang, obgleich wir als Buben schon Kartoffelkraut
rauchten. Aber doch nicht viel weniger. Nun la' ihn vollends. Es sei
ihm schdlich? Ach, Anne, was ist da noch zu schaden? Das weit du ja.
Und es ist so behaglich. Nein, nun la' uns nur.

Da mute sie auch hier die Hnde vom Spiel lassen. Das Weltrad ging
herum wie sonst. Aber es war schwer einzusehen, da es ohne der Frau
Rektorin ttiges Eingreifen ging.

Es ging herum wie sonst. Und eines Tages ging es auch ohne den alten
Hollermann. Der war leise davon gegangen. Ihm war nie ein Zweifel
darber aufgestiegen, da es auch ohne ihn gehe. Er hatte die letzten
Tage mit stillen und staunenden Augen vor sich hingesehen und nicht
mehr viel gesagt.

Da wollte eine Tr aufgehen, und hinter der Tr, was da wohl war?
Darauf richteten sich nun alle Sinne in einer groen und feierlichen
Erwartung.

       *       *       *       *       *

Im November bekam Georg Ehrensperger folgenden Brief mit der
sauberen, etwas eckigen und etwas schnrkelichen Handschrift des
Schneidermeisters und Turmwchters Nssel:

               Lieber Georg!

Indem ich es als eine Pflicht in die Hand hinein versprochen habe, tue
ich Dir zu wissen, da unser gemeinsamer alter Freund und Schulkamerad
Hollermann heute nachmittag begraben worden ist. Zu liegen kam er neben
den reichen Lohgerber Kmmerle, der sich noch diesen Sommer ein neues
Haus gebaut hat, und ist der eine gern gegangen und der andere ungern,
und das ist, soviel man von hier aus sehen kann, der ganze Unterschied.
Denn hinber sieht man nicht und mu warten, bis es an der Zeit ist und
wird wohl bei uns Alten nicht allzu lang dauern damit. Sagen soll ich
Dir aber von dem alten Hollermann, da Dir seine Flte gehren soll und
da Du daran denken sollst, wenn Du sie blasest: da, wer den rechten
Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen liegt, der mu in die
Stille gehen und mu allein sein und horchen. Und darf nicht fragen:
Ist es so den Leuten recht? sonst schallen die Pfeifen und Trommeln von
den Jahrmrkten hinein und der rechte Ton geht darber verloren, da
man auf zweierlei hat gehorcht. Lieber Georg, der alte Hollermann ist
ein Sinnierer gewest, und Frau Judith, als ich ihr das erzhlte, was
ich Dir schreiben soll, hat gesagt, da Du erst mssest in das Leben
hineinwachsen, eh' Du das verstehest, und sollest nur derweil gradaus
gehen und Deine Schuldigkeit tun, das andere, das komme schon noch dran.

Und wird es bei uns immer leerer, da der Alten nur noch wenige sind,
und die Jungen wachsen herauf, und ist das wohl immer so gewest, seit
Anbeginn der Welt.

Die Gertrud sitzt auch da am Tisch, da ich dieses schreibe, und treibt
ihren Scherz mit der Frau Judith, und sagt, sie mchte gern ein Mann
sein und ein Professor werden, nur des Lernens und der Bcher wegen.
Und kriegte ich keinen kleinen Schreck, als ich das hrte, denn es
tut nicht gut, da ein Mdchen so sehr an der Mnner Weisheit hngt;
sie gehen darber der lieblichen Einfalt verlustig. Aber Frau Judith
ist nicht ngstlich. Sie hat gestern vom Fenster aus gesehen, da die
Gertrud den Karren der Sandrse, der na und schwer war vom Regen, den
ganzen Mhlberg herauf geschoben hat. Und hat die Rse nicht gewut,
wie ihr geschieht. Du weit, sie ist alt und mhselig und kam nicht
mehr so fort mit dem schweren Karren. Und da sie sich umsieht und
will sich bedanken, luft das Mdchen schon wieder den Berg hinunter
mit langen Schritten. So sagt nun die Judith, da es keine Not habe,
solange eins die Augen offen habe fr die Armen und Geringen, und
greife kecklich zu beim Helfen. Das sei das Rechte, das den Frauen
zieme. Da mu ich wohl still sein. Auch ist die Gertrud noch fast ein
Kind. Es dnkt mich, ich habe mein Leben lang nicht solchen langen
Brief geschrieben. Es ist am Dunkelwerden, ich mu Betzeit luten. So
gre ich Dich denn, von mir und der Judith. Und vergi nicht Gottes
und der Alten.

      Dein wohlgesinnter Freund und Turmwchter

                  Friedrich Nssel, Schneidermeister.

       *       *       *       *       *

Als dieser Brief an seine Adresse kam, lag der, an den er geschrieben
war, der Lnge nach ausgestreckt auf seinem Sofa. Das Sofa war viel zu
kurz und hatte hohe, steife Seitenlehnen, und sein Polster war wellig,
wie das Ebenen- und Hgelland von Niederschwaben und Franken. Indessen,
es war doch ein Sofa, und Georg Ehrensperger hatte das Recht, sich
darauf auszustrecken. Er war vor kurzem nach Haus gekommen und war ein
wenig bedrckt und wute nicht recht warum. Er hatte Heimweh und wollte
es vor sich selbst nicht Wort haben. Drauen ging der Novembertag
in die Abenddmmerung ber. Grau und eintnig, wie er vom Morgen an
ausgesehen hatte, ging er dem Horizont entgegen, still und bedrckt,
wie ein Mensch, der keinen rechten Lebenszweck hat und sich zur Ruhe
begibt, und dabei denkt: es ist alles einerlei. Es kommt gar nicht
darauf an, was ich tue; ich kann ebensogut schlafen gehen.

So etwas steckt an, und Georg war denn auch angesteckt, wie man sieht.
Er war eine lange Zeit seines Lebens vom Wetter abhngig. Das hat er
erst spter abgeschttelt.

Da, als er so lag und in die Stube hineinsah -- (es war eine lange,
schmale Stube und hatte ein Fenster, das ging auf einen viereckigen,
gepflasterten Hof), da klopfte es, und da kam der Brief. Den las er,
und stand nicht auf dazu, und zndete nicht die Lampe an, und las das
ganze Grau des Tages und des Wetters und der Stube und der Fremde mit
dem Brief in sich hinein.

O Heimat! da brach es los.

Vielleicht gibt es schnere Namen dafr, aber Ernst Daxer, der am Abend
eine Weile kam, der sagte sachverstndig, es sei das heulende Elend,
das den Freund befallen habe, und sagte, da das eine Krankheit sei,
die jeder einmal kriege.

-- Er lie den Brief auf den Boden fallen und zog die langen Beine
hinauf, um wenigstens sein bichen Ich nahe beieinander zu haben, und
drckte den Kopf in eine Vertiefung zwischen zwei Beulen des Sofas. Und
dann schluchzte er drauf los.

Von jenem Tag an war ihm das steife, beulige Sofa wie ein Freund und
Vertrauter, da es seine Trnen in den grn und braun gestreiften
berzug aufgenommen hatte. Da, als er eine Weile, ohne sich zu wehren,
aus Herzensgrund geschluchzt hatte, und es inzwischen dunkler geworden
war, fing er an, sich nach einem Trost umzusehen, und verfiel auf
den steinernen, zugebundenen Topf voll Zwetschgenmus, der in seinem
Kleiderkasten stand. Den holte er herbei und fing an, zu schlecken.
Das Zwetschgenmus war ihm von Jungfer Liese geschickt worden, damit
er so bis gegen Weihnachten hin etwas auf sein tgliches Vesperbrot
zu streichen habe. Aber darauf konnte heut keine Rcksicht genommen
werden. Er war so trostbedrftig, und dies hier war etwas von zu Hause.
Da a er denn, still und beharrlich, einen Lffel voll um den andern.
Zuerst stie es ihn noch, es tropften noch einige Trnen in den Topf.
Dann fing er zusehends an, sich zu erholen. Je tiefer er in das Mus
eindrang, je leichter wurde ihm das Herz.

Als der Topf so ungefhr halb leer war, zndete er die Lampe an und
las den Brief nochmals, und hatte in der linken Hand den Brief und
in der rechten den Lffel, den fhrte er so sachte hin und her. Das
Mus war gut. Er hatte nun wieder Verstndnis dafr. Also der alte
Hollermann war gestorben. Das war traurig. Georg konnte sich nicht
recht vorstellen, da er nicht mehr da sei, wann er heimkomme. Aber
es war noch vieles, auf das man sich freuen konnte, es zerflo nicht
mehr alles in einen trostlosen, grauen Nebel. Zum Beispiel bekam er
die Flte. Nein, das mit dem Rat des Alten verstand er im Augenblick
nicht so recht, obgleich ihm wie aus der Ferne vieles aufstieg, das
sie in der Korbmachersstube miteinander geredet hatten. Als er an der
Stelle war, die von Gertrud erzhlte, wie sie den schweren Sandkarren
der alten Rse den Berg herauf geschoben hatte, sprte er einen starken
Kitzel im Halse. Er mute lachen, mitten in die Trbsal hinein. Da war
er gerettet. Die Gertrud war doch ein Staatskerl. Er fate ihre Tat
nicht so sehr vom Standpunkt der Nchstenliebe aus auf, mehr als einen
lustigen Streich. So war sie, er kannte sie wohl so, nichts weniger
als zimperlich. Jungfer Liese hatte noch nicht lang einmal gesagt:
aus #der# wird ihrer Lebtag nichts Feines; die ist ber einen Buben.
Das hatte ihm mchtig gefallen; gerade so mute sie sein, ein rechter
Kamerad, gescheit, krftig, heiter und immer bei der Hand zu allem
frischen Tun. Er freute sich auf sie. Es war nur noch fnf Wochen bis
Weihnachten. Als er so weit war, sah er in den steinernen Topf; es war
nicht mehr viel darin. Es war nicht mehr der Mhe wert, ihn zuzubinden.
Da kratzte er ihn vollends aus, aber mit einiger Beschwerde.
Zwetschgenmus gehrt zu den Trstungen, die man mig genieen mu.

Als Ernst Daxer kam, lag Georg wieder auf dem Sofa, und hatte die Beine
wieder etwas hochgezogen. Aber das geschah nun aus einem andern Grunde
als zuvor.




                    Zweites Kapitel


Er hatte dem Professor Lindemann den Gru des Rektors Cabisius
ausgerichtet. Und er hatte ihn darauf angesehen, ob er mit diesem
Jngling in weien Haaren verwandt sei, und ob er noch eine Spur von
jener Rheinwanderung und von jenem ungenannten Rdesheimer Erlebnis
an sich trage. Auch hatte er, da er viel Schnes und Erfreuliches
in der Welt drauen zu finden hoffte, sich auf dem Weg von seiner
Wohnung in der Pfarrstrae nach dem Gymnasium ausgedacht, der Lehrer
werde, berwltigt von alten Erinnerungen, die Hand ausstrecken und
seine, Georg Ehrenspergers, schtteln, und ausrufen, wie der alte Homer
den brunlichgelockten Menelaus ausrufen lie: Gtter, so ist ja
mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes, oder auch sonst etwas
hnliches. Aber der Professor Lindemann rief das nicht aus.

Wenn dieser Mann einmal mit dem Rektor Cabisius in einer gemeinsamen
Welt gelebt hatte, so mute das lange her sein. Und das war es auch.
Er war ein gut Teil Jahre jnger als der Rektor. Aber er war ziemlich
vertrocknet und verstubt.

So, so, sagte er, und kniff die Augen zusammen, so, so, Cabisius.
Ja, ja, ich wei. Setzen Sie sich, Ehren -- Ehren -- wie ist der Name?

Ehrensperger, sagte Georg und setzte sich.

Also damit war es nichts gewesen.

Da mute das Wiblinger Stadtkind die Kammern seines Herzens anderweitig
zu fllen trachten. Es gab noch anderes in der groen Stadt, was
des Erlebens wert war. Es gab helle und breite Straen mit glatten
Pflastern, auf denen es sich anmutig dahinschlendern lie, und mit
hohen, stattlichen Husern, in denen Georg Ehrensperger zwar nichts
verloren hatte, die anzustaunen, soweit es ihre Vorderseite betraf,
ihm aber unverwehrt war. Palste gab es, und zwar sowohl solche, in
denen die Regierung des Landes vorgenommen, als solche, in denen Bier
verschenkt wurde, und letztere waren, alles in allem gerechnet, die
pompseren. Wagen fuhren dahin, und obgleich der Hufschlag der Rosse
und das Rollen der Rder auf dem Holzpflaster der schnsten Straen
eine Dmpfung erfuhr, so gab es, da ihrer viele waren, doch ein
nicht unbetrchtliches Getse, mit dem sich der bescheidene Lrm der
Wiblinger Ochsen- und Kuhfuhrwerke nicht im entferntesten messen konnte.

Lden gab es, die so glnzend, vornehm und ppig ausstaffiert waren
und die sowohl bei Tage als beim Schein des elektrischen Lichtes so
zauberisch aussahen, da es den Sohn des Wiblinger Bckerhauses eine
der gewagtesten und -- unmglichsten Taten dnkte, in einen derselben
einzutreten und fr ganz gewhnliches Geld etwas von ihrem Inhalt zu
erhandeln.

Er fhrte diese Tat denn auch nicht aus. Er wute engere, stillere
Straen, und niedrigere, dunklere Lden, in denen er sein Brot und
seine Wurst, seine Bleistifte und Schreibhefte, seine -- aber das
geschah nur einmal im ersten Jahr, und dann in etlichen Jahren nicht
wieder, seine Zigarren, sieben Stck fr zwanzig Pfennig, erstand.

Die Zigarren rauchte er eines schnen Herbstabends mit einigen
Kameraden, neugewonnenen Genossen seiner Studien. Das heit, er rauchte
eine davon und bot die brigen mit einer groartigen Handbewegung, die
er dem Grten unter ihnen abgelernt hatte, im Kreise an. Es war auf
der Knigstrae, kurz vor Dunkelwerden.

Er wollte sein Mglichstes tun, mitzumachen. Er hatte sich vorgenommen,
ganz mit den andern zu tun und ein rechter Kamerad zu sein.

Aber es ging nicht. Weder mit dem Rauchen, noch mit der Kameradschaft.
Es pate beides nicht zu seiner Natur. Es gab sich ganz von selbst, da
er bald wieder allein war.

Er hatte viel zu denken und zu staunen. Was war da fr ein rauschendes,
buntes Leben rings um ihn her. Wohin alle die vielen Leute gingen?
Immer sahen sie aus, als seien sie in Sonntagskleidern.

Und wer da begraben wurde? Es mute jemand Bedeutendes sein. Die vielen
Kutschen im Gefolge und ein ganzer Blumenwagen. Ein Lorbeerkranz
dabei, nein, zwei, drei.

Und die hohen, hohen Huser. Wie viele Leute mochten da bereinander
wohnen, und welche Aussicht man von ganz oben hatte? Er stieg einmal
auf den Stiftskirchenturm und sah ber das Husergewimmel hin und stieg
ganz still wieder herunter.

Mit dem einen oder andern Schulkameraden schritt er um zwlf Uhr
mittags hinter der Wachtparade drein, die mit klingendem Spiel auf den
Schloplatz zog. Da wogte es von Menschen, und die Springbrunnen lieen
ihre Wasser steigen; in bunten Farben leuchteten die Beete, rings
um den Musikpavillon her; hoch und schlank ragte die Jubilumssule
ber all das Gewimmel hin; wie aus einem fremden, schnen Lande
hierher versetzt, winkte die Sulenreihe des Knigsbaues herber; mit
klingendem, singendem Wellenschlag fllte die Musik das bunte Strombett
des Lebens; fters, als es den Kameraden gefiel, verstummte Georg
Ehrensperger vor dem allem und lie sich schweigend und ohne viel
Schwimmbewegungen von dem Strom dahintragen.

Da kamen sie nach und nach berein, da er ein guter, aber etwas
langweiliger Kerl sei, von dem weder im Guten, noch im Schlimmen viel
Bewegung in dem Einerlei des Schuljahres zu erwarten sei, weder auf der
Strae, noch vor den Lehrern. Und, da er manchmal sonderbar versonnene
Fragen tat, nannten sie ihn Joseph: seht, da kommt der Trumer her,
und lieen ihn im brigen seines Weges gehen, so viel er wollte.

Der fhrte ihn durch Jungfer Liesens Frsorge in das Gassen- und
Gchengewinkel der Altstadt. Es lebte ihr daselbst die Kanzlistenwitwe
Mollenkopf, die eine entfernte Base von einer Base der braven
Ziehmutter der Ehrenspergerskinder war, sich mit knstlichen und
kunstvollen Flickarbeiten ihr Brot erwarb und nebenher Logisherren in
den zwei langen, schmalen Stuben nach der Hofseite beherbergte.

Es lag nichts nher, da die Frau Mollenkopf eine brave Person und eine
geborene Wiblingerin war, als die beiden Landsleute unter einem Dach zu
vereinigen.

Und hier siegte denn auch Jungfer Liese ber den Vorschlag des Rektors
Cabisius, der seinen Schler und Schtzling gern in einer Familie mit
andern jungen Leuten zusammen unterbringen wollte.

Sie hatte ein gutes Mundwerk, und, seit es ihr der Respekt nicht mehr
allzusehr verschlo, hatte sie auch ein keckliches Mundwerk, und sie
bewies mit demselben Franz Ehrensperger dem lteren, da Nutzen und
Willigkeit auf ihrer Seite seien.

Es war nicht schwer, ihn zu berzeugen.

Und so war Georg unter die Obhut der Frau Mollenkopf geraten, eh' er
sich dessen versah. Er hatte nichts dagegen. Als er nach jenem so
glcklich gestillten Anfall des heulenden Elends seine Augen getrocknet
hatte und sie wieder aufhob, gefiel es ihnen nicht bel in dieser
Region der engen, krummen Gassen, der schiefen, alten Huser, der
spitzen Giebeldcher, der Verkufer- und Antiquittenlden, dieser
Region der kleinen Leute, die zum Teil ein alteingesessenes Brgertum
bildeten, zher, eingewurzelter und -- interessanter, als es die Region
der Backsteinkasernen erzeugt, die zu Hunderten dieselbe Uniform
tragen, neue, helle, weitlufige Stadtviertel ergeben und alle Quartal
eine andere Inwohnerschaft haben.

War nicht die Botenhalle in der Nhe? Und war es nicht unsglich
heimatlich, die braven, schweren Gule vor den leinwandberspannten
Wagen dahertraben zu sehen? Blies nicht der Bote von Beckenhardt,
solange es irgend etwas Grnes in der Natur gab, jeden Mittwoch- und
Samstagmorgen sein Lied auf einem Blttchen, das er zwischen den
brtigen Lippen hatte, und fuhr nicht der Bote von Beckenhardt durch
Wiblingen, schon seit Georg auf der Welt war und lnger?

Im Schatten der St. Leonhardskirche breitete sich der Germpelmarkt aus
und es gab vielerlei dort zu sehen. Alte Weiblein, die mit rostigen
Ngeln und dergleichen Wertsachen handelten, fliegende Antiquare, die
ihre Bcher und Broschren auf einem Karren ausbreiteten, Kleider-,
Mbel- und Bettenhndler. Ein untrglicher Kitt fr alles Zerbrochene
wurde verkauft und der Verkufer war selbst Knstler in der Anwendung
und klebte alte Scherben zusammen, da es eine Art hatte. Wir knnen
die genauere Bekanntschaft aller Spezialitten dieses interessanten
Marktes leider nicht machen, da sie uns auf unserem Weg durch das
Buch allzusehr aufhalten wrden. Es ist genug, da Georg Ehrensperger
auf seinem Weg ins Gymnasium hie und da durch sie aufgehalten wurde,
und da er dann wie aus einer andern Welt in die Schule und unter die
Genossen trat, mit versonnenen Augen und rckwrts gerichteten Gedanken.

Die Schulkameraden konnten ihn ruhig seines Wegs ins sogenannte
Bohnenviertel gehen lassen, und auch wir knnen ihn ruhig dahin gehen
lassen, er fand schon seine Nahrung, Freude und Genge dort, wie es
jede Kreatur auch tut, wenn man sie nur gewhren lt.

Auf einen viereckigen, gepflasterten Hof ging das Fenster der langen,
schmalen Stube, die Georg Ehrenspergers erste Jnglingsjahre umschlo;
auf das bunte Treiben des schon genannten Germpelmarkts gingen die
zwei Fenster der Wohnstube seiner Hausfrau, der Frau Mollenkopf.

Die Witwe wohnte schon manches Jahr in derselben Stube, und sie
hatte demnach auch schon manches Jahr dasselbe bewegte Bild unter
ihren Fenstern. Wenn sie ihren Platz auf dem Fenstertritt, auf
dem Holzstuhl mit dem grnen Kissen, einem Philosophen oder einem
Geschichtenschreiber abgetreten htte, so htte der eine wahrscheinlich
tiefsinnige Betrachtungen ber den Satz: es ist alles eitel; es ist
alles ganz eitel, angestellt; und der andere htte den verblichenen
Staatsgewndern, den Bildern in morschen Goldrahmen, den Sesseln mit
zerschlissenen berzgen, die hier feilgehalten wurden, die seltsamsten
Vorerlebnisse angedichtet. Und es ist manches zu wetten, da die
Erlebnisse mancher dieser Dinge -- noch viel seltsamer waren, als er
sie zu erdichten vermocht htte.

Frau Mollenkopf trat aber ihren Platz an keinen Vertreter einer dieser
beiden nachdenklichen Richtungen ab. Sie sa selber fest und beharrlich
auf dem grnen Kissen, lie Nadel und Faden heilungsbeflissen
zwischen den mottenzerfressenen Ranken und Blumen alter Teppiche,
den zerrissenen Maschen eines wertvollen Spitzenwerks, den brchig
gewordenen Vgeln und Frchten eines seltenen Tafeltuchs herumspazieren
und hatte auf diese Art selber das Material zu den merkwrdigsten
Mutmaungen in der Hand. Da sie diese Gelegenheit nicht bentzte,
lag in ihrer Art, die mit der der Jungfer Liese einige hnlichkeit
hatte insofern, als sie auf das Greifbare, Ntzliche, Reale allzusehr
gerichtet war, als da fr Phantasien viel Raum in ihrem Sinn gewesen
wre.

Sie sprach gern von dem seligen Mollenkopf, der ihr etwas weniges
auf der Sparkasse hinterlassen hatte, und gab zu verstehen, da sie
dieses wenige bereits um ein gutes Teil vermehrt habe. Sie hegte die
Hoffnung, mit Hilfe dessen, was bereits auf der Sparkasse lag, und
dessen, was sie noch dorthin zu bringen gedachte, sich nicht nur ein
Sitzkissen, sondern auch ein behagliches Kopfkissen auf ihre alten Tage
zu erwerben. Und es war nur schade, da sie zu der Klasse von Menschen
gehrte, die, wenn diese alten Tage kommen, mit dem Rest ihrer Kraft
fr #noch# ltere Tage sorgen, und die weder der jungen noch der alten
Tage jemals froh werden.

Fest und beharrlich sa sie an ihrem Fensterplatz und verlie ihn
nur, um die ntigen huslichen Verrichtungen vorzunehmen, und in der
Dmmerung, um die wiederhergestellten Gegenstnde an ihre Eigentmer
abzuliefern. Und zu der letzteren Stunde kam Georg am liebsten aus
seiner Hofstube und -- tat, als ob er zu Hause wre, wie das mit Frau
Mollenkopf eigentlich ein fr allemal verabredet war.

       *       *       *       *       *

Es dreht sich der Schlssel von auen im Schlo, es fllt sich die
Stube mit Dmmerung und Stille. Steig' auf, unsichtbares Eiland der
Glcklichen, tretet in den Kreis, ihr trauten Gestalten der Kindheit
mit den webenden Trumen der Zukunft, fanget an zu reden, und horchet
auch ihr auf das, was wir zu sagen haben, auf da wir eine kleine Weile
der Fremde vergessen und zu Hause seien.

Tne, du alter, hochbeiniger Klimperkasten von Klavier, du bist zu
dieser Stunde voll Wohllaut und Flle. Georg Ehrensperger hat dich
aus dem Schlaf geweckt, in dem du lagest, seit der selige Mollenkopf
zum letztenmal den Blmchenwalzer auf dir spielte. Er hat den Stapel
zerrissener Gegenstnde von deinem Deckel entfernt, sie liegen
ebenso gut auf einem Stuhl. Nun gleitet das Licht der Straenlaterne
ber deine Tasten. Es ist unsicher, es huscht gespenstig hin und
her, es erinnert an die spukenden Flmmchen in des Rektor Cabisius'
Studierstube. Der geht um diese Zeit in dem wohlbekannten Raum auf und
ab, und Gertrud sitzt wohl auf der Truhe, die Platz fr zwei hat. Und
die Frau Rektorin sitzt im Lehnstuhl, sie hat immer noch Rheumatismus,
sie sa in den Weihnachtsferien, als wir zu Hause waren, in Kissen und
Decken gehllt alle Tage im Lehnstuhl. Hollermann war nicht mehr da,
und es ist nicht sicher, was sich alles verndern kann, so lang wir
fern sind.

Es ist uns manchmal fremd zu Mute, altes Klavier. Und du bist das
einzige, dem wir es anvertrauen knnen. Es ist uns, als ob wir uns
eine Weile auf Mutters Scho setzten und ihr alles erzhlten, und sie
erzhlte #wieder#, merkwrdige, traumhafte Geschichten, die man nie bei
Tage erzhlen knnte. Von einer Welt, die man nicht sehen kann, in der
man aber zu Hause ist. Sie hat vielerlei Namen, diese unsichtbare Welt.
Wir suchen eine Sprache, um von ihr zu reden, und es ist uns, als ob
man in Tnen von ihr reden knnte.

Hat einmal einer auf dir gespielt, als deine Saiten noch rein und stark
klangen, einer, der es verstand, die Harmonien zu entlocken? Dann sei
geduldig, altes Klavier, wenn hier einer ist, dessen Spiel noch ein
Stammeln ist, kein Reden. Keine Sprache, nur das Suchen nach einer
Sprache. Er wird's noch besser lernen.

Er hat zu Weihnachten das Geld zu Klavierstunden bekommen, und die Zeit
nimmt er sich selbst dazu. Jungfer Liese hatte den Kopf geschttelt
und der Bruder Franz hat ihn auf den Rcken geschlagen, breit und
wohlwollend und hat gesagt: Mach voran, dann kannst du uns einen
Walzer spielen, wenn du heimkommst. Denn der Bruder Franz tanzt jetzt
mit den Wiblinger Brgerstchtern und der Walzertakt kommt ihm sogar
zuweilen in die Finger, wenn er Teig knetet. Auch wei er nicht so
recht, wozu man auerdem noch Musik machen soll. Aber du wirst schon
sehen, da Georgs Sinn nicht nach dem Walzer steht. Es ist ein Luten
irgendwo, wie von einer fernen Waldkapelle, dem horcht er nach, schon
seit er ein Kind war und wei nicht, da er es in sich selber trgt,
und sehnt sich, es nahe zu hren. Wenn du das in ihm erlsen knntest.
Er hrt es zuweilen auf den Gassen, und zuweilen mitten in den alten
Geschichten der Menschheit, vom Paradies an, in den Bchern, und
manchmal sogar in der Schule. In den Gesngen der Dichter hrt er es
und wird es bald noch besser hren, wenn er die Musiker kennen lernt,
von deren Saitenspiel er so wenig wei und so vieles ahnt.

Aber fhre auch du ihn in der Dmmerung, beim flackernden Licht, das
von drauen hereinfllt, immer wieder in jene Welt, die verborgen unter
allen Dingen hingeht, und la da seine eigene Seele zum Wort kommen.
Es will etwas in ihm tnen, du weit es. La ihn darauf horchen, altes,
verstimmtes Klavier, auf da der rechte Ton nicht verloren gehe, wie
der Alte in der bauflligen Htte zu Wiblingen gesagt hat, vor den
Trommeln und Pfeifen der Jahrmrkte rings umher.




                    Drittes Kapitel


In der Ladenstube des Ehrenspergerhauses stand ein gelb angestrichener
Eckkasten, und in dem Eckkasten lag eine alte braune Mappe. In der
Mappe aber hob Vater Ehrensperger auf, was von Familienpapieren in
seinen Hnden war: Geburts-, Tauf-, Trau- und Todesscheine, seinen
eigenen Meisterbrief und Franzens Gesellenbrief, als dieser ausgelernt
hatte.

In dieser Mappe legte er auch, wenn die Zeit dazu kam, die
halbjhrlichen Zeugnisse, die Georg nach Hause brachte, und nach drei
Jahren, von jenem Auszugstag an gerechnet, das Maturittszeugnis, das
er gleichfalls nach Hause brachte.

Glnzende Zeugnisse waren es nicht gerade. Der Rektor Cabisius, der
sie jedesmal zu sehen bekam, ehe sie in der Mappe verschwanden, sah
jedesmal das Blatt und dann den Knaben an, der vor ihm stand und --
htte vielleicht etwas gesagt, wenn nicht seine raschere Frau, die ihm
ber die Achsel in das Blatt hineingesehen hatte, ihm zuvorgekommen
wre. Er lie sie ruhig gewhren; sie hatte immerhin ein mtterliches
Recht an den jungen Menschen, und er kam zu seiner Zeit schon auch
dran.

Wenn du aber etwas Rechtes werden willst, so mut du dich noch ganz
anders dran halten, mein lieber Sohn. Denn sieh, du bist hie und da
zerstreut, dann siehst du aus, als ob du auf etwas horchtest, das nicht
da wre. Man mu aber in der Gegenwart leben. Und dann hast du auch zu
viel Nebenliebhabereien, und manchmal fehlt es am Willen bei dir. Ja,
da fehlt's manchmal. Ich kenne dich nun schon lange. Ich darf dir das
wohl sagen.

So sagte die Frau Rektorin, oder doch hnlich und es war nicht ntig,
da sonst noch jemand viel sagte. Der Vater Ehrensperger tat es nicht
und auch wir tun es nicht.

Wir halten uns lieber an einige Erlebnisse aus jenen Jahren, die Georg
nicht schriftlich hatte und die nur in dem Stammbuch standen, das wir
alle in uns tragen und in das sich von unserer ersten Kindheit an
Menschen und Ereignisse eingetragen haben.

Menschen und Ereignisse kommen und gehen und fllen ihr Blatt in dem
Buch unseres Lebens. Und wer will von allem sagen: Dies war bedeutsam
und jenes war ohne Wirkung? So offen liegt Werden und Wachsen nicht vor
uns, da man von jedem Zoll sagen knnte: Das ist von jenem Sommertag
und dies von jener Sturmnacht.

Einmal, da ging Georg Ehrensperger an einem Sonntagmorgen aus dem Haus
und wute nicht recht, wohin mit sich selbst.

Ernst Daxer, der ging regelmig zur Kirche, und wenn er es zu machen
wute, so kam er und holte den Wiblinger Schulkameraden auch dazu
ab. Sonst gingen ihre Wege auseinander. Er wohnte in einer andern
Stadtgegend und lebte in einem andersartigen Kreise und besuchte ein
anderes Gymnasium. Er war in einem Haus und unter einer Obhut, da sich
alles Gute, Fromme, Geordnete von selbst verstand, da an einem wohl
umzunten Weg Kirche, Bibelstunde, Jnglingsverein und Hausandacht zur
Rechten und zur Linken lagen und gar nicht zu versumen waren.

Man konnte ihn vorlufig weder loben noch tadeln, da er das alles
mitmachte; so wenig als man einen Bach loben oder tadeln kann, den man
in ein tiefes Bett mit hohen Ufermauern geleitet hat und der nun glatt
und sicher darin fortluft.

Er war aber ein kindlicher, einfacher Mensch mit einem offenen Wesen,
den man wohl gern haben konnte und der seiner Mutter niemals unntige
Sorgen machte. Auch verdarb er nicht, wie leider manche tun, an
geistiger berftterung, noch auch daran, da man seine ganze Jugend
hindurch alle seine Schritte behtete und er nicht frei stehen konnte,
als er ins Leben und in die Selbstndigkeit hinauskam.

Er hatte seinen Vater sterben sehen, wie er mit bittern Sorgen rang
und ein schwer errungenes Vertrauen fate, und er hatte seiner
Mutter herben, zhen Kampf mit der Not miterlebt. Vielleicht war
das beides ein gutes Gegengewicht gegen das weiche, behagliche,
selbstverstndliche Christentum, das ihn hier umgab.

Nun also, in dieser Zeit, da sie noch beide Gymnasisten waren,
trieb ihn ein starkes Heimatgefhl, immer wieder Georg Ehrensperger
aufzusuchen.

Er erschien an manchem Sonntagmorgen in Frau Mollenkopfs Wohnung und
half ihm, der sich leicht an Kleinigkeiten verga, in die Kleider
und zum Haus hinaus und war glcklich, wenn er ihn mit sich hatte.
Auch erfllte es ihn mit einem fast vterlichen Stolz, wenn Georg mit
seiner reinen, frischen Stimme das Lied mitsang, da sich der und jener
umwandte und nach dem Snger hinsah. Sie probierten aber nach und nach
fast smtliche Kanzeln der Stadt, und taten sehr kritisch, weil sie
spter auch zu predigen gedachten und blieben schlielich an einem
Pfarrer hngen, der einfach, frisch und natrlich vom Evangelium, als
von einer frohen Botschaft, die im Leben richtig zu verwenden sei,
sprach. Der stand im Geruch, ein wenig frei zu sein. Also whlten sie
das Schwere, da man das spter auch von ihnen sage, und beschlossen,
gerade ein solcher zu werden, wie er.

Aber heute war Ernst Daxer nicht gekommen. Er war, soviel Georg wute,
mit seinem Jnglingsverein, der einen Posaunenchor hatte, zu irgend
einem auswrtigen Jahresfest gefahren.

Und Georg hatte dem Kirchenluten zugehrt, wie es so voll
und stark ber die Stadt hinhallte, und es hatte ihm allerlei
Gedanken aufgerhrt, und erst, als es still wurde und von der St.
Leonhardskirche die Orgel herbertnte, fiel es ihm bei, da es nun
zu spt sei. Also ging er aus dem Haus und ging ein wenig planlos
durch die Straen und kam bald an einem schnen, schlichten, vornehmen
Gebude vorbei, das hatte einen Mittelbau mit einem sulengetragenen
Portal und zwei Seitenflgel und hatte einen Vorgarten, darin blhte
es in den Beeten ber und ber von Monatsrosen. Das war alles so
ruhig-schn, so festlich und feierlich schon von auen. Museum der
bildenden Knste stand ber dem Portal in groen goldenen Lettern.

Da ging er hinein. Eine Vorhalle, breite Treppen fhrten rechts und
links in die Hhe. Aber da unten stand eine Tr offen. Weie Gestalten
schimmerten, von hellem Licht bergossen, heraus in die Dmmerung der
Vorhalle. Denen ging er nach. Er wute sich nicht recht zu helfen. Es
hatte ihm noch niemand Anweisung zum Anschauen gegeben. Es waren ihrer
so viele, groe, schweigende Menschengebilde. Er sah sie alle an, wie
man fremde Wesen ansieht, sie wirkten alle auf ihn ein.

Er war der einzige lebende Mensch unter ihnen; sie bildeten eine Welt
fr sich. Es wurde ihm still und feierlich und ein wenig fremd zu Mute.

Da, als er sich sammeln wollte und die Augen auf einen Punkt zu
richten gedachte, da fand er sich vor der riesigen, prachtvollen
Jnglingsgestalt des jungen David. Es war nur ein Gipsabgu nach
Michelangelos groem Werk. Aber was wute Georg Ehrensperger von der
reinen, groen Wirkung des edlen Marmors?

Hier stand er und versank ins Schauen.

Und das starke, khne Gesicht des Sohnes Isai nahm vor ihm Leben an;
es strafften sich die Sehnen der hohen Gestalt; es zuckte der Stein,
den der Jngling gegen den Riesen, den Verderber des Vaterlandes,
schleudern wollte, in der rechten Hand.

Und hoch auf richtete sich der lang aufgeschossene Knabe, und seine
Augen blitzten heller, je lnger er davor stand, und er ballte die Hand
zur Faust.

Taten tun, Groes erleben; starkes, reines Heldentum.

Wo waren die Zeiten, in denen es das alles gab? Was konnte man jetzt
tun?

Studieren, hinter Bchern sitzen, dann ein Examen machen, dann ein Amt.
Predigen, reden, wieder reden, lesen.

Und er stand Aug' in Aug' mit dem herrlichen Jngling, und das Herz
brannte ihm, und seine junge Seele schwoll, wie ein Bach im Frhling
ber die Ufer schwillt, und begehrte, Taten zu tun in der Heerschaar
der Guten, Echten, Tapfern; irgend etwas Groes zu verrichten in der
Sache der Menschheit.

Aber was?

Das Glockenzeichen erscholl und ri ihn aus seinen Gedanken. Der
Schlieer rasselte mit dem Schlsselbund; die Galeriestunde war vorber.

Da war er wieder auf der Strae, da wogten die Menschen um ihn her,
sonntagsfroh, geputzt, und manche laut und lustig. Und der Abstand
zwischen hier drauen und dort drinnen war gro.

Da schlug ein Kinderweinen an sein Ohr. An einem Laternenpfahl lehnte
ein Bbchen, das weinte bitterlich. Es war rmlich angezogen und
hatte ein verschmiertes Gesicht und seine krummen Fchen steckten in
Schlappen, die ihm viel zu gro waren.

Ich wei nicht, ob es davon kam, da er aus der Kleinstadt war, wo
alles Menschenwesen nher beieinander ist, oder wovon es kam; aber es
war schlechterdings unmglich, hier vorbeizugehen.

Was gibt's, Brschlein? sagte er und besah sich den Jammer.

Das Bbchen hielt mit Schluchzen inne und sah mit groen Augen auf. Es
hatte sich verlaufen und war sich dessen mit Schrecken bewut geworden,
und war sich so unmenschlich verloren vorgekommen. Wie ein Sternlein,
das die Milchstrae verlassen hat und sich nun im Weltall nicht mehr
zurechtfindet.

Aber der junge Herr hier, der eine rote Mtze trug und sich zu ihm
niederbeugte, der hatte so etwas in seinem Gesicht, das einem neuen Mut
machen konnte.

Da fuhr sich das Bbchen mit dem rmel ber das trnennasse Gesicht,
schob eine schmutzige, kleine Hand in die groe, und setzte sein
krummes Beinwerk in Bewegung.

Ich wei nicht, wo meine Mutter ist, sagte der kleine Kerl, zeig'
mir's. Es war ungemein selbstverstndlich. Es gab gar keine Frage mehr.

Ja, so hatte es Georg Ehrensperger freilich nicht gemeint. Er sah sich
einen Augenblick um. Die Leute hatten heute so viel Zeit; sie fingen
schon an, stehen zu bleiben und zuzusehen.

Ich wei nicht, wo deine Mutter ist, sagte er; die kleine Hand fallen
zu lassen, das wagte er aber nicht.

Nicht? Der kleine Bube sah unglubig aus. Du bist doch so gro.

Es war nichts anderes zu machen, sie gingen mitsammen durch die Straen.

Da war es nun Georg Ehrenspergers erste Heldentat, einem kleinen,
schmutzigen Bbchen den Weg nach Hause zu zeigen.

An der beschtzenden Hand wuchs dem kleinen Kerl der Mut. Dort hinein
geht's, das ist die Strae, sagte er pltzlich und strebte mit Macht
voran. Es war in dem Gchengewinkel, das um die Markthalle her ist.
Und dann schrie er pltzlich auf. Mutter, schrie er entzckt und
lief auf eine Frau zu, die mit angstvoll sphendem Gesicht auf eine
Hausstaffel herausgetreten war. Er sah sich nicht mehr um. Er lag fest
in ihren Armen und sie schalt und liebkoste ihn.

So, nun konnte Georg Ehrensperger gleichfalls nach Hause gehen. Er
drehte noch einmal den Kopf; da trug eben die Mutter ihr Bbchen ins
Haus. Wie es kam, wute er selbst nicht, aber auf einmal war er mitten
drin, zu pfeifen: Und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod
erleiden, stirbt ein braver Reitersmann.

       *       *       *       *       *

Einen eigentlichen Freund und Weggenossen hatte Georg Ehrensperger
damals nicht, wie schon gesagt. Er ging so fr sich hin, nahm am
Leben der Schule und an den jungen Leuten teil, wie der Tag es mit
sich brachte und lebte im brigen sein eigenes Leben fr sich allein.
Er gewann aber im zweiten Jahr, das er in Stuttgart verlebte, eine
heimliche Liebe, die fllte fr kurze Zeit sein einsames Herz, das ja
dennoch nach Anschlu verlangte, mit einem Reichtum, den die andern
nicht ahnten.

Es war aber nicht die Liebe zu einer Frau, sondern zu einem Lehrer, der
lange krank gewesen und nun wieder gekommen war.

Als Georg ihn das erste Mal auf dem Katheder sah, mute er in
seinem Gedchtnis nachsuchen, wo er dieses schmale, ernste Gesicht
mit den dunkeln, ruhig betrachtenden Augen unter einer hohen,
furchendurchzogenen Stirn schon gesehen habe, und es fiel ihm das
alte Bild eines Magisters ein, das in der Sakristei der Wiblinger
Stadtkirche hing. Ja, das war es. Georg war beim Konfirmandenunterricht
ihm gegenber gesessen und die Augen hatten ihn immer im Bann gehalten.
Da war es ihm, als ob er den Mann kenne, der lebendig hier vor ihm
stand. Und als der Lehrer anfing zu sprechen, da kannte er auch seine
Stimme. Aber er wute nicht, woher.

An diesem Tag aber fing Georgs heimliches Glck und Unglck an. Denn
diese Liebe trug alles in sich, was zu einer rechten, heimlichen
Liebe gehrt: Begeisterung, Sicherheit, da sie einem niemand streitig
machen kann, der sie nicht ahnt, Wonne des Genieens und Schmerz des
Entbehrens.

Der Lehrer gab Stunden in Literatur, Kunstgeschichte und Weltgeschichte
und war ein Mann, der in seinen Gegenstnden lebte und sie herzlich
und eindringlich in andere Gemter zu bertragen wute. Sein Ton blieb
immer schlicht und gelassen und verstieg sich nur in Augenblicken
besonderer Gehobenheit zu einer Wrme, die sich dann den Hrenden
mitteilen mute. Wenn dieser Mann ein Stck aus dem Nibelungenlied
vorlas, oder wenn er ber die Akropolis sprach, oder was es sei, dann
bekam alles Leben, echtes, wahrhaftiges Leben.

Dann schien der blaue Himmel Griechenlands auf den weien Marmor, dann
rauschten die deutschen Eichen zu den Heldentaten der alten Recken,
dann schwollen die Herzen der jungen Deutschen. Dann schwoll vor allen
Georg Ehrenspergers Herz in einer hellen und warmen Begeisterung.

Aber dabei blieb es nicht. Er, der die Begeisterung entfachte, war
selber so ein Held. Er war ernst und gtig, und es war kein Zweifel,
da er auch tapfer, treu und stark war wie nur einer. Er verstand sie
alle, die Helden des Geistes und des Arms, darum stand er ber allen.
So schien es dem Knaben. Und es war nur schade, da der Lehrer es nicht
wute, da er so etwas Groes sei. Er wre vielleicht manchmal mutiger
nach seiner Wohnung zurckgekehrt, wenn er das helle Feuer in seines
Schlers Herzen gesehen htte. Aber er sah es nicht. Georg Ehrensperger
verbarg es sorgfltig. Nur zu gut verbarg er es.

Aber eines Tages bekam er etwas davon zu sehen. Einmal und dann nicht
wieder.

Es war an einem warmen Nachmittag, der sich schon dem Abend zuneigte.
Sie hatten beide, ohne da einer vom andern wute, die steile Hhe
erstiegen, die gleich hinter der Stadt ansteigt und die vom Walde
bekrnt ist, und hatten beide etwas in den Wald hineingetragen, das
in der ruhevollen Stille hier oben ausklingen und verebben mute;
der Jngere eine herzklopfende Unrast, die ihm heut nachmittag der
Eichendorff und der Lehrer miteinander geschaffen hatten, der eine als
Dichter, der andere als Rezitator.

Und der ltere eine Niederlage, die ihm seine schulmden Nerven und ein
paar ausgelassene Schlingel miteinander bereitet hatten. Er war heftig
geworden und hatte das Buch mit hartem Nachdruck zugemacht als ein
Besiegter, nicht als ein Sieger.

Nun lag die Stadt unter ihnen. Der Sonnenschein lag still darber; es
war Sommer. Hier oben rhrte sich nichts. Kaum da ein Lftchen durch
die Baumkronen hinging, oder eine Eidechse mit leisem Rascheln durchs
Gebsch schlpfte. Auf einem schmalen, grn bewachsenen Fusteig ging
Georg Ehrensperger dahin. Gleich daneben fhrte die weie Strae durch
eine Birkenallee. Dort ging der Lehrer. Er trug den Hut in der Hand und
lie sich den heien Kopf verlften, und hie und da blieb er stehen
und atmete tief auf. Er war hier zu Hause, es brauchte nicht lang, bis
die stillen Geister des Waldes ihr snftigendes Werk an ihm getan
hatten. Da freute ihn wieder der wilde Rosenstrauch am Wege, und der
Ameisenhaufen, und das leise Spiel der Birkenbltter ber ihm.

Die armen Kerle, sagte er und gedachte seiner jungen Leute; es sind
so baumstarke Burschen unter ihnen; was wollen die von der Poesie? Sich
recken und vertoben mchten sie. Etwas schaffen mit ihren Gliedern.
Er sah an seiner eigenen, schmalen Gestalt hinunter. Er hatte freilich
keinen berschu an Krperkrften. Er lchelte, es war etwas Befreites
darin. Es mchten doch zehn Fromme in Sodom sein, oder fnf. Er lie
die Gesichter seiner Schler an sich vorbergehen. Ganz umsonst --
ein Schlag ins Wasser -- nein, das ist es doch nicht, was ich tue. --
Der? Oder der? Der Ehrensperger, das ist ein besonderes Kraut. Dumm ist
er nicht, aber zerstreut. Da ich den nicht anzufassen verstehe. Aber
was ist das? Da schallte eine helle Knabenstimme durch die Bsche. Es
war von einem, der sich ganz allein dnkte. Was war das? Das hatte er
heut vorgetragen. Da scho ihm eine lichte Freude durchs Herz. Er stand
still. Da drinnen schritt der lange, blasse Junge, der ihm soeben so
stark nachzudenken gegeben hatte. Er hatte die Mtze tief im Nacken und
sein Gesicht strahlte von heller Begeisterung.

      La die Ketten mich zerschlagen;
      Frei zum schnen Gottesstreit
      Deine hellen Waffen tragen,
      Gib zur Kraft die Freudigkeit!

Wie es darin klirrte von hellen Waffen, wie es sich reckte von
Freiheitsverlangen, alles war frisch und stark und aufgerichtet darin.
Das war der Trumer? Jetzt hatte er ein waches Gesicht. Alle guten
Geister wohnten darin. Und der Lehrer wute mit einemmal: Der da
gehrt zu deiner Gemeinde. Das war nichts kleines. Er wollte ihn aber
vorbergehen lassen, still und ohne ihn zu stren.

Da sah Georg pltzlich auf ihn. Gerade durch einen Ausschnitt in dem
Buschwerk, das da am Grabenrand stand. Gerade in die ruhigen, dunkeln
Augen des Wiblinger Magisterbilds hinein, das da in einem Rahmen von
grnen Zweigen auftauchte. Das Bild war aber lebendig und nickte ihm zu.

Da wurde er dunkelrot. Ob der Lehrer wohl alles gehrt hatte?

Gr Gott, Ehrensperger. Auch da oben?

Gr Gott, Herr Professor. Ja.

Wir knnten aber miteinander gehen, wenn wir doch denselben Weg haben.
Wohin gehen Sie, Ehrensperger?

Ich? O, nirgends. Es fiel ihm absolut keine andere Antwort ein. In
seinen Phantasien, da wute er immer bedeutende Dinge zu sagen. Aber
dies war Wirklichkeit.

Nirgends? Dahin geh' ich auch. Da gehen wir zusammen. Nur so durch den
Wald.

Da kam der Lehrer auf den Fusteig herein, weil Georg nicht zu ihm
herauskam. Und dann schritten sie selbzweit dahin.

Innen jubilierte die heimliche Liebe. Auen ging ein sehr gesetzter
junger Mann neben seinem Lehrer her. Wer nun zuerst etwas sagte? Und
was? Die allergrten Gedanken schwirrten durch den Kopf des Beglckten.

Da trug er die innere Bewegung nicht mehr und um sich Luft zu machen,
ri er einen stattlichen, hellgrnen Zweig von einem Haselbusch und
schlug sich damit aufs Knie, da die Bltter flogen.

Der Lehrer blieb stehen, sah den Haselbusch an und dann den Zweig.

Setz' ihn wieder dran, sagte er lchelnd, wenn du kannst.

Er dachte nicht daran, da er du sagte. Dies war so ein junges, rasches
Gemt und er mute es liebhaben.

Dem Jungen stieg eine schnelle Blutwelle bis unters Haar.

Er besah den Zweig; es hing ein Trpflein Saft daran wie ein
Blutstropfen. Und er besah den Mann; er hatte ihn im Verdacht, da er
der Rektor Cabisius sei in einer Verkleidung. Der htte auch so sagen
knnen.

Ich tu's nicht mehr, sagte er. Nein, er konnte den Zweig nicht
mehr dransetzen, er blieb abgerissen. Das Herz schlug ihm darber.
Daran hatte er noch nie gedacht. Und auf Greres kamen sie nicht
miteinander. Sie erlebten gar nichts. Sie gingen nur so miteinander
durch den Wald und besahen sich die Gallpfel an den Eichenzweigen und
ein Heer von kleinen, purpurnen Blattlusen, die an einem Rosenstrauch
saen und fraen. Eine groe, gelbe Krte sahen sie ber den Weg tappen
in plumpen Stzen, und dachten sich aus, bei wem sie auf Besuch gewesen
sei, und sie horchten auch auf die Stimmen der Waldstille. Derer waren
mancherlei.

Als sie aber an eine Kolonie von Pilzen kamen, die beieinander in
einem vermodernden Baumstrunk standen, da hielt Georg Ehrensperger
die Haselgerte zurck, die schon in seiner Hand zuckte, um ihnen
allesamt die Kpfe abzuschlagen. Sie standen da so zierlich und fein
und lebten ihr kurzes Leben, und war jeder wieder ein bichen anders,
als der andere. Und als sie beide nher hinsahen, da lebte der ganze
Baumstrunk. Ameisen schleppten ihre Lasten und Kfer kletterten an
den Pilzen empor. Sie wuten wahrscheinlich schon zu welchem Zweck;
das ging die Menschen nichts an. Und das war alles, was die beiden
miteinander erlebten.

Der Lehrer wohnte auf der Hhe und der Schler im Tal, und als sie sich
trennten, hatten sie gar nicht viel Interessantes miteinander geredet.
Es war merkwrdig, da sie einander dennoch so bekannt vorkamen, ja,
da jeder fr sich gesonnen war, das heutige zufllige Begegnen mit
Willen zu wiederholen.

Da konnten sie ja dann nachholen, was sie etwa heut versumt hatten. Da
konnte Georg Ehrensperger noch einen Anlauf nehmen und sagen, da er
gesonnen sei, Eichendorffs Lieder in Musik zu setzen, und da ihn der
Gedanke daran in den Wald herauf getrieben habe, und da ihm das nicht
so schwer vorkomme.

Und der Lehrer konnte ihm dann mitteilen, da auf diesen Gedanken schon
einige Zeit vorher auch rechte Leute gekommen seien und da sie ihn
auch ausgefhrt haben, aber da es ihm ja unbenommen sei, sein Heil
auch noch daran zu versuchen.

Und es war nur schade, da jetzt die Sommervakanz kam und da nach
derselben auf des Professors Katheder ein anderer Mann stand. Und
da Georg Ehrensperger alles, was sich whrend der langen Wochen in
ihm angesammelt hatte, samt seiner heimlichen Liebe, die nur einen
Sonnentag erlebt hatte, auf den Pragfriedhof tragen mute, wenn er es
an den Mann bringen wollte.

Er brach aber einen Strau von grnen Zweigen, und brach jedes
Zweiglein mit Bedacht und es reute ihn nicht; den trug er dort hinaus.

       *       *       *       *       *

Einmal, das war an einem Werktag, da war ein auergewhnlicher freier
Nachmittag. Cannstatter Volksfest. Die Stadt war wie ausgeleert. Es
schien, als ob alle Menschen dort unten auf dem Festplatz seien;
niemand auf den Straen, niemand an den Fenstern. Frau Mollenkopf war
auch fort; sie war mit einer Nachbarin gegangen. Es mute schon etwas
so berwltigendes sein, wie das Cannstatter Volksfest, wenn sie am
Werktag frei machte.

Aber, hatte die Nachbarin gesagt: am Volksfest schaffen? Das kommt
mir vor, wie eine Snd'. Einmal der Brauch ist's nicht.

Ja, und gegen den Brauch wollte Frau Mollenkopf nicht angehen. Da zog
sie ihr zweitbestes Kleid an und zog mit der Nachbarin aus. Georg
Ehrensperger war auch dort drunten gewesen; gestern gegen Abend. Die
ganze Klasse war dort gewesen und er mit. Karussell, Schiebuden,
Wachsfigurenkabinette, Moritatensnger, neues Sauerkraut und warme
Wrstchen, neuer Wein.

Er hatte genug von gestern.

Nun sa er am Klavier und bte. Er wollte den ganzen Nachmittag dazu
bentzen. Er mute vorwrts kommen, es ging viel zu langsam fr seinen
Geschmack. Das war nicht nur so, wie zu Haus in Wiblingen unter der
Bettdecke, wo es mhelos gegangen war. Hier, in der Wirklichkeit, da
gab es Fingerbungen, fnfzig mal dieselbe, und dann zur Abwechselung
Tonleitern.

Sie haben etwas spt angefangen, sagte der Lehrer trstlich, das
kommt noch; nur bung, bung.

Ja, da sa er denn und bte. Aber ob er es jemals dazu bringen wrde,
so zu spielen, wie sein Lehrer?

Er zog whrend der Schulstunden an den Fingern, da sie knackten. Das
sollte ja gut fr die Gelenkigkeit sein.

Nein, das war wohl nicht mglich, da er je so weit kam. Zuweilen,
da konnte es ihn frmlich rtteln. Ich will aber, sagte er zu sich
selbst und zu Ernst Daxer, der immer bereit war, ihn anzuhren. Und
dann konnte sich Frau Mollenkopf segnen, wenn er im Gymnasium war,
und segnen, wann er in seiner Stube sa und zu lernen hatte. Denn im
brigen gab es keine Rettung, weder fr ihre Ohren, noch fr ihr altes
Klavier.

Es war ein Klimperkasten; aber da war nun nichts zu machen, Georg fand,
es sei immerhin besser als gar keins.

Wenn nur das Denken nicht wre.

Es wre ein solch schner, ungestrter Nachmittag gewesen.

Aber nun fiel ihm ein: ob er wohl spter, wenn er das alles in den
Fingern hatte, und wenn er einmal ein rechtes Klavier besa, ob er dann
alles das, was ihm so eigenes durch den Kopf ging, spielen konnte?
Nicht nur so ein bichen verlegen in der Dmmerung -- nein, recht wie
es sein mute? Am Ende gar niederschreiben? Aber dazu mute man noch
ganz andere Dinge lernen, soviel wute er nun auch von der Sache.

Whrend dieses Nachdenkens lagen die Hnde ruhig auf den Tasten. Dann
erschrak er und spielte weiter. Es war eine dumme Geschichte, das war
nicht zu leugnen: er htte das alles schon lang lernen sollen, dann
wre er jetzt weiter. Eine einfache Wahrheit; aber nun war es so,
wie es war. -- Der Milchwagen da unten; die Blechkanne stieen beim
Fahren aneinander; im Dreivierteltakt, dachte er. Aber eine davon, die
ratterte immer dazwischen, ratatat--ta. Es war unausstehlich. So, nun
war es vorbei.

Er konnte wohl auch eine Pause machen, das bungsstck war nicht so
beraus anziehend. Ja, um es recht zu sagen, er hatte es pltzlich
dicksatt. Er nahm es und warf es mit Wucht auf den Klavierdeckel, da
rutschte es weiter und fiel zu Boden. Von dort mute es Georg spter
wieder aufheben, das war alles, was damit erreicht war.

Obwohl gar nichts besonderes auf der Strae zu sehen war? Nein, nach
vorn heraus nicht. Aber vielleicht im Hof? Es konnte ja ausnahmsweise
sein. Ja, da stand ein kleiner, buckliger Mann und spaltete Holz. Georg
kannte ihn vom Sehen, er wohnte im Hinterhaus und ging als Holzsplter
auf Taglohn und hatte eine groe, starke Frau. Sonntags, da gingen die
beiden schon des morgens mit den Gesangbchern aus dem Haus; also wohl
in die Kirche. Der Mann trug dann immer einen langen, schwarzen Rock;
es sah eigentlich drollig aus: die kleine, gebckte Gestalt, und die
langen Rocksche, die fast auf dem Boden hingen.

Georg hatte pltzlich Lust, den Mann ein bichen kennen zu lernen.
Es war sicher besser, ein wenig mit dem Spielen auszusetzen. Es ging
nachher um so frischer voran. Als er so weit war in seinen Gedanken,
lie er eins der Handtcher, die zum Trocknen aus dem Fenstersims
ausgebreitet waren, in den Hof hinunterfallen. Ja, es mu gestanden
werden, da er es tat. Er htte ja ruhig hinuntergehen knnen und ein
Gesprch anknpfen. Aber so war Georg Ehrensperger nun eben nicht
beschaffen. So htte es Gertrud Cabisius gemacht; daran dacht er im
Hinabgehen. Denn nun mute er das Handtuch wieder holen.

Der kleine Mann drehte sich um und sah auf, als er die Tr hinter sich
knarren hrte. Da stand der lange, schmale, junge Mensch vor ihm.
Ich -- es ist mir etwas -- nein, nun mochte er doch nicht lgen.
Er bckte sich und hob das Tuch auf. Aber der Holzsplter war nicht
schwerfllig. Er hatte gleichfalls Lust zu einem kleinen Schwatz. Er
hatte ein rundes, freundliches Gesicht, das an beiden Seiten von einem
schmalen, dunklen Bart eingerahmt war. Das Kinn war glatt rasiert. Auf
dem Kopf prangte eine mchtige Glatze. So?, sagte er, nicht auf dem
Volksfest, junger Herr, hm? Nein, sagte Georg, und, da ihn beim
Anblick des kleinen Mannes ein heimatlich-behagliches Gefhl berkam,
so wuchs ihm der Mut, hinzuzusetzen: Und Sie, Sie sind ja auch nicht
dort.

Ha, ha, lachte der Holzsplter und trennte mit einem mchtigen Hieb
ein Stck Holz in zwei Teile, das wr ja schn. Ich da unten! Nein,
wissen Sie, alles was recht ist, ich kann Holz spalten, wie einer.
Aber so extra gewachsen bin ich nicht, da ich mich grad auf dem
Volksfest zeigen mchte. Ha, ha, er lachte wieder, es schien ihm ein
erheiternder Gedanke zu sein, da er dort drunten seinem Vergngen
nachgehen knnte, er!

Meine Frau ist hingegangen, fuhr er fort, natrlich. Wissen Sie,
nun reckte er sich aber doch ein wenig und legte die geballte Faust auf
die Brust, bei mir, da tt es sich auch wegen des Standes nicht recht
schicken, da ich zu so was ginge.

Georg machte groe Augen. Wegen des Standes?

Ja, sagte der Mann, das sieht man mir nicht an, wenn ich Holz
spalte; ich bin so ein bichen geistlich, wenn man so sagen will.
Kirchlicher Beamter. An der Hoforgel; Orgeltreter in der Schlokirche.
Sein Gesicht drckte pltzlich etwas wie Wrde aus; es war ihm
vollstndig ernst mit dem Stand. Man mu immer wissen, was sich
schickt, sagte er.

Da kamen sie denn unversehens in ein dauerhaftes Gesprch. Es fiel
Georg Ehrensperger nicht ein, zu lachen. Er interessierte sich fr die
Orgel, er fand es viel schner, selbst etwas damit zu tun zu haben, als
nur zuzuhren. Und er gestand, Orgelspielen, das gehre zum Hchsten;
wenn er heimkomme nach Wiblingen, in der groen Vakanz, dann wolle
er es versuchen; er bekomme schon den Schlssel, das wisse er. Der
Hoforgeltreter staunte. Das war ein khner Gedanke; ihm, das mute er
gestehen, war es immer unbegreiflich, wie man es so weit bringen knne.
Mit Hnden und Fen zu spielen, das war doch schon eine Leistung.
Aber freilich, nun lachte er wieder, ich hab's in der Musik auch
nicht weit gebracht. Alles, was recht ist. Auf einem Kamm blasen, das
kann ich, und das Orgeltreten, das versteh' ich, wie einer. Aber mein
Sohn, der! Er schttelte den Kopf, als ob ihm jeder Ausdruck fehle, zu
sagen, was sein Sohn fr einer sei. Der ist bei den Posaunenblsern
auf dem Stiftskirchenturm. Alle Achtung.

Ja, das war so das richtige Thema fr die beiden.

Georg Ehrensperger sa auf der Holzbeige und der Alte, er hie Knupfer,
auf dem Haublock.

Wenn einer will, sagte er, wenn einer wei, was er will. Der? der
hat's wohl gewut. Jawohl, junger Herr. Alles was recht ist.

Ich hab' ihn zu einem Schreiner in die Lehr' getan. Aber immer
gepfiffen und gesungen, und immer Musik im Kopf. Hat alle Pfennig
zusammengespart, wissen Sie, hat allemal Trinkgelder bekommen, wenn er
die toten Leut hat mssen helfen in die Srge legen. Ja, und da ist
beim Vorkufer da drben ein Piston feil gewesen, ein altes Ding, aber
noch gut. Das hat er gekauft, als er die Hlfte des Geldes beieinander
hatte; die andere Hlfte hat er nach und nach bezahlt. Der Vorkufer,
der kann auch rein alles, der hat ihm die Griffe gezeigt. Und da ging's
an. Aber, o je, als der Bub in seiner Kammer hat blasen wollen, da ist
der Meister gekommen, der Schreiner. Hat einen Kopf gehabt, so rot wie,
wie -- er sah sich vergeblich nach einem Vergleich fr die Rte von
des Meisters Kopf um, es gab nichts so rotes -- und hat gesagt -- und
hat geschrieen: 'Still, auf der Stell', und da ich das nimmer hr.
Meine Frau sitzt drunten und hat die Hnd' vor den Ohren. Meinst du,
ich woll' deinethalb um den Hausfrieden kommen?'

Denn, junger Herr, die Frau Meisterin, die hat das Heft in der Hand
gehabt und der Meister, der hat so tun mssen, wie sie wollte.

Und als er gesehen hat, wie dem Buben alles verhagelt war, und da ihm
das Wasser in die Augen geschossen ist, da -- er ist so unrecht nicht
gewesen --, da hat er gesagt: 'Wenn du's einmal kannst, dann darfst du
blasen, sauber und glatt, dann hat meine Frau -- dann haben wir nichts
dagegen. Aber vorher nicht.'

Alles was recht ist, junger Herr. Es tut nicht schn, -- obgleich ich
nicht viel davon verstehe, -- wenn einer ein Blasinstrument an den Mund
setzt, das er noch nicht zu blasen gelernt hat.

Aber das mu ich doch sagen, wenn er sich nicht ben darf, dann lernt
er's auch nicht. Also, so war's bei meinem Buben.

Aber, das hab' ich schon einmal gesagt und sag's noch einmal: wenn
einer wei, was er will. Da hat der Bub ein ganzes Jahr lang jeden
Abend in den Kleiderkasten hineingeblasen, kein Mensch hat's gehrt,
und hat sich gebt. Und als das Jahr herum war, da hat er eines Abends
das Fenster aufgemacht und hat ber die Gasse hin geblasen: Wie
schn leucht't uns der Morgenstern, und hat zu keinem Menschen etwas
gesagt. Und am andern Morgen sagt der Meister beim Kaffee: Wilhelm,
wenn du's so knntest, wie der, der gestern Abend geblasen hat in der
Nachbarschaft, dann htt' kein Mensch etwas dagegen. Siehst du? Der
kann's. Da hat mein Wilhelm ein Schelmengesicht gemacht und gesagt:
Meister, das bin ich gewesen.

Ja, und von da an, sehen Sie, junger Herr, da ist er ber das Grbste
hinber gewesen. Und jetzt? hab' ich's schon gesagt? jetzt ist er bei
den Stadtzinkenisten auf dem Stiftskirchenturm. Ja, und so weit kann's
der Mensch bringen, wenn er sich bt in der Geduld und wenn er das
Schenie dazu hat.

Da glitt Georg Ehrensperger von seinem hohen Sitz herunter und sagte,
da er nun wieder ins Haus msse und gab dem Alten die Hand.

Und es war eine Pause von einer halben Stunde gewesen, und der
Nachmittag lag noch ebenso still ber der Altstadt, und das Notenheft
lag noch auf dem Boden, ganz wie vorher.

Aber nun hob er es auf und machte sich dahinter und tat, wie Knupfers
Wilhelm, er bte sich in Geduld, und als Frau Mollenkopf nach Hause
kam, da bte er auch sie in der Geduld, und es ging ihm wie allen, die
auf mhseligen und eintnigen Wegen an ein ersehntes, schnes Ziel
gelangen mssen: er kam, einen Schritt um den andern, -- um noch einmal
mit dem Hoforgeltreter Knupfer zu reden ber das Grbste hinaus.




                    Viertes Kapitel


Inzwischen war weder in Wiblingen noch sonstwo auf der Welt das Leben
stehen geblieben. Die Alten waren mehr in das Alter und die Jungen mehr
in die Jugend hineingewachsen.

So, sagte Gertrud Cabisius, als Georg nach dem Maturitas nach Hause
kam, das htten wir hinter uns. Immer noch wir, wie einst, da sie
als Kinder unter dem Apfelbaum saen und Plne schmiedeten.

Dort saen sie auch jetzt wieder, dort und an allen alten Pltzen.
Aber nun waren sie gro geworden. Er lang und schmal und etwas bla,
immer noch mit leichten Sommersprossen auf der Stirn, immer noch mit
dem weichen, etwas verlorenen Gesichtsausdruck, den Kopf manchmal wie
horchend etwas vorgeneigt, immer noch leicht zu hohen, starken Gefhlen
entflammt, die ihn wie Flgel trugen, und leicht auf die Erde geworfen,
die Nase nach unten. Sie breit und hoch gewachsen, mit krftigen, etwas
schweren Bewegungen, trug den stark entwickelten, klugen Kopf, um den
die braunen Zpfe lagen, sicher und aufrecht, so, wie ein guter, junger
Baum seine Krone trgt. Ihr Gesicht war ein wenig brunlich, breit und
offen, der Mund schmal und fein, die Nase, die war ihrer Gromutter
geheimer Kummer, denn sie nahm entschieden ein bichen viel Platz ein,
die Augen braun, klug und warm dabei.

Wenn sie ein Mann wre, dachte die Gromutter im Stillen, dann wr
alles gut. Dem Rektor war die Enkelin recht, wie sie war; er fand so
viel Erfreuliches an ihr, da er nicht noch mehr begehrte.

Er hatte im vergangenen Herbst Feierabend gemacht. Achtundvierzig Jahre
seines Lebens hatte er der Jugend gewidmet. Als er ging, hatten sie in
der Wiblinger Lateinschule ein Fest gefeiert, mit Reden und Gesngen,
und man hatte ihm gesagt, da er ein gutes und wackeres Werk vollbracht
habe, und hatte ihm eine goldene Taschenuhr von betrchtlicher Gre
und Dicke gewidmet, und ein Schler hatte ihm in Versen gewnscht, da
diese Uhr noch viele freundliche Stunden fr ihn zeigen mge. Es war
ein schnes Fest gewesen; und jedermann fand, da dem alten Herrn nun
das Ausruhen zu gnnen sei; auch der neue Rektor, der ein feuriger,
eifriger Mann war, fand das. Und es gehrte offenbar zu den Schwchen
des Alters, das sich nicht mehr leicht umgewhnen kann, da der Rektor
Cabisius sein gewohntes Tagewerk und seine Jugend dennoch vermite.

Aber das sollte er nicht lange tun.

Grovater, jetzt soll's fein werden, sagte Gertrud und nistete sich
in der Studierstube ein, und schlug alle die Bcher auf, nach denen ihr
lebendiger, junger Geist stand.

Da ging es dem alten Herrn wieder wie einst: Sie nimmt einem das Wort
vom Munde weg, es ist eine Freude, ihr zuzusehen, und eine Freude, sie
zu unterrichten.

Da freuten ihn denn bald seine freien Jahre wieder. Er hatte die Jugend
bei sich im Haus.

Die Gromutter konnte sich billigerweise auch nicht beklagen.
Eigentlich und im Grunde tat sie's auch nicht. Die Gegenwart war ihr
recht, nur die Zukunft machte ihr hie und da Sorge.

Aber sie hatte nicht viel Zeit, darber zu grbeln, obgleich sie immer
noch im Lehnstuhl sa und sich nicht fortbewegen konnte. Denn nun
horchte sie wahrhaftig noch zu, was die beiden mit einander zu bereden
hatten. Sie wollte nicht allein im Wohnzimmer sitzen, obgleich der
Rektor sagte: Wenn dir's aber zuviel wird, Anne? Es fing allerlei an,
sie zu interessieren, wozu sie frher nicht so die ruhigen Gedanken
gehabt hatte. Von unseren Vorfahren von alten Zeiten her, und wie das
deutsche Land aussah, zur Zeit von Christi Geburt und noch frher.

Einmal, da nickte sie sehr einverstanden mit dem Kopf. Das war, als
die Rede darauf kam, wie die alten Frauen, die unter unseren Vorvtern
lebten, in so hohen Ehren standen. Von der Last der Jahre gebckt,
den Schnee des Alters auf dem Scheitel, zahnlos der Mund, aber noch
glnzend das Auge, so wohnten sie unter den ihrigen und sahen Enkel und
Urenkel, und die starken Mnner, rauh vom Jagd- und Kriegshandwerk,
gingen ehrerbietig mit ihnen um, und die Jugend zgelte vorlaute Reden,
wenn die Ahnfrau sprach.

Ja, manchmal erhob sich eine zusammengekauerte Gestalt vom Herdfeuer,
an dem sie gesessen, zu voller Hhe, wann der Feind ins Land fiel oder
wenn die Barden neue, seltsame Nachrichten brachten von fremden Gttern
und Vlkern. Und sie reckte die Hand aus und deutete Vogelflug und
Wetterzeichen, verwob Vergangenes und Knftiges und sprach verheiende
Worte und sank wieder auf den Ruhesitz zurck. Und im Kreise ging ein
Gemurmel: Hrt ihr's, was die Ahnfrau sprach?

Abgesehen von der unchristlichen Zeichendeuterei, sagte die Rektorin,
wre es nicht bel, wenn heutzutage noch etwas davon brig wre. Aber
das ist nun anders. Wo in aller Welt hat eine alte Frau noch etwas zu
sagen?

Da waren sie schon neben ihr.

Ja, jetzt lacht ihr; das Lachen, das soll wohl etwas helfen?

Aber Anne, wer hat denn zum Beispiel hier in diesem Hause etwas zu
sagen auer einer gewissen alten Frau?

Gromutter, du kannst dich nicht beklagen.

So? Ich alte Frau sitze hier und soll das alles mitanhren. Still. Ich
rede nicht von heute. Aber gestern, das mit den Erdschichten, und wie
die Gletscher entstanden und die Gebirge und Meere. Was soll ich damit?
Auch habe ich starken Verdacht, da es nicht christlich sei, dem allem
nachzugrbeln. Wenn wir das wissen sollten, stnde es in der Bibel.

Aber Anne; Gott hat ein Haus gebaut und wir sollten als Kinder des
Hauses nicht darin umherstbern drfen, und, so viel Kinder verstehen
knnen, nachsehen, wie das Kellergewlbe beschaffen ist und das
Fachwerk und das Dach? Weil uns das nicht von vornherein gesagt ist,
sollen wir uns nicht besinnen drfen und nicht fragen? Anne, es bleibt
noch genug brig, das nicht zu ergrnden ist; davon wollen wir die
Hnde lassen und warten, ob der Vater uns einmal als erwachsene Shne
wird in seinen Bauplan mit hineinsehen lassen. Wenn nicht, mssen wir
auch so zufrieden sein.

Dagegen wute sie nichts zu sagen.

Sie sa und hatte die dick geschwollenen Fe auf einen hohen Schemel
gelegt und mit Decken umhllt, und war von Liebe umgeben. Sie wuten
es wohl, da das nicht mehr anders komme, bis -- ja bis. Unser
Leben whret siebenzig Jahre und wenn's hoch kommt, achtzig Jahre.
Fnfundsiebenzig war die Rektorin und ihr Gatte siebenundsiebzig. Das
sprach von selbst. Nun kamen die geschwollenen Fe hinzu. Aber sie
gingen wie bisher miteinander weiter, jedes nach seiner Art und wuten,
da sie zusammengehrten.

Es war nie mehr die Rede davon, da Gertrud ein Examen machen
sollte. Es ging alles fort wie bisher; nur da die alte Frau weiter
hinaussorgte, nicht fr sich, fr das Kind. Ihr Gatte tat das nicht. Es
war frher umgekehrt gewesen; da hatte #er# in die Ferne gesehen, nun
tat #sie# es.

Ich knnte es dem lieben Gott berlassen, sagte sie, aber Gertrud
ist anders als andere Mdchen, das ist es, was mir Sorge macht.

Ach, du denkst: Diese Spezies ist dem lieben Gott noch nicht
vorgekommen, da mu schon die Rektorin Cabisius eingreifen?

Da sah sie zu ihm auf, mit demselben Blick wie in jungen Jahren, rasch
aufflammend und ein wenig rgerlich, und dann, wider Willen lchelnd,
wenn die Augen einander begegneten, und dann immer stiller.

Er hatte ja Recht. Was konnte das Sorgen helfen? War nicht immer alles
gut geworden? Da lehnten sie ihre grauen Kpfe aneinander und saen
still beisammen.

Gertrud focht die Zukunft noch nicht an. Sie war siebzehn Jahre alt,
und das Leben fing erst an, ihr seine Weiten aufzuschlieen. Es
verstand sich von selbst, da es schn wurde; es war aber auch jetzt
schn. Reich war es. Sie erzhlte ihrem Kameraden, Georg Ehrensperger,
der in der Vakanz daheim war -- er rstete sich zur Hochschule --
von allem, was dazu gehrte. Sie stand in der Kche; mitten in der
Kche stand ein weier tannener Tisch, darauf die groe, steinerne
Teigschssel. Den Teig darin klopfte sie mit viel Kraft und in vielen
Pausen. Die Pausen hingen mit der Unterhaltung zusammen.

Georg Ehrensperger sa auf der Wasserbank, links und rechts von ihm
standen hlzerne Wasserglten.

Du wirfst noch eine davon hinunter, du solltest dich anderswo
unterbringen, sagte Gertrud.

Er lachte behaglich.

Ich sitze gut hier. Was soll aus dem Teig werden?

Weibrot. Gromutter ist jedesmal in Sorge, da es speckig werde oder
sonst mirate, wenn ich den Teig nicht unter ihren Augen mache. Ich mu
ihn besonders gut durchschaffen.

Sie gab dem Teig ein paar krftige Ste.

Ich bin siebzehn. Brotbacken ist nicht schwer. Ich bin froh, da ich
nicht buntsticken mu. Grovater hat mir geholfen, er sagt, man komme
auch so durch die Welt. Kochen und backen aber, das soll ich. Das tu'
ich auch gern.

Da hat er Recht. Georg nickte sachverstndig.

Du schlgst aber die Schssel auseinander. Was fr feste Arme du hast.

Nicht? Sie reckte sich. Die rmel ihres Hauskleids waren bis ber die
Ellbogen hinaufgeschlagen.

Da kam ihr ein guter Gedanke.

Wir wollen sehen, wer strker ist. Das ist jetzt drei Jahre her, seit
wir nicht mehr gerungen haben. Komm.

Sie setzte immer noch wie einst ihre Fustapfen neben die ihres
Kindheitskameraden. Geistig und krperlich war sie stark und frisch.

Er blieb behaglich auf der Wasserbank sitzen.

Du mut dir vorher die Hnde waschen, sonst teigst du mich ganz und
gar ein. Nachher. Du zwingst mich nicht nieder, bilde dir nichts ein.

Die Rektorin Cabisius wre nicht besonders hoffnungsvoll fr das
Gelingen des Weibrots gewesen, wenn sie gesehen htte, wie das nun
ging. Eins, zwei, drei, Laibe geformt, in die Krbe gesetzt.

Was sagst du, Marie? Nicht genug durchgeknetet? Ist nicht mglich.
Denk' einmal, als Sarah Kuchen buk, damals im Hain Mamre, da saen die
drei Mnner schon und warteten aufs Essen. Wenn die htte eine Stunde
lang Teig kneten wollen! Ich bin berzeugt, da die Kuchen gut wurden
und da das Weibrot vorzglich wird.

Schttle den Kopf nicht so bedenklich, du bist nicht so viel lter als
ich!

Marie war das Mdchen. Sie stand an der Splbank und warf hie und da
einen Blick hier herber. Achtzehn war sie, klein, rund und rotbackig,
mit lustigen, braunen Augen; eins davon schielte, aber das sah immer
nach einer Schelmerei aus. Es konnte ihr einerlei sein mit dem Brot,
aber sie war dennoch berzeugt, da es nicht genug durchgeknetet sei.

So, jetzt komm, sagte Gertrud, du bist doch wohl nicht zu gediegen
fr so etwas?

Da warf Georg den Kopf zurck und reckte die Arme: Komm. Es wurde
aber nicht entschieden, wer strker sei, denn sie warfen richtig das
eine, volle Wassergef um.

Es ist zu nah am Rand gestanden, sagte Gertrud, es kippte gleich
um. Dann half sie, den Kchenboden aufzutrocknen.

       *       *       *       *       *

Es wurde auch in allerlei andern Dingen nicht entschieden, wer strker
sei. Dazu nahmen sie es nicht ernst genug, wenn sie je einmal daran
gingen, sich zu messen.

Marie mute noch oft den Kopf schtteln. So etwas hatte sie doch ihrer
Lebtage noch nicht gesehen.

Manchmal, da schienen sie zwei richtige Kindskpfe zu sein.

Sollte man es glauben? Sie ritten ja wahrhaftig noch auf dem
Treppengelnder: wer es besser konnte. Und sie stiegen miteinander auf
den Turm und lieen sich von Frau Judith Mrchen erzhlen: Goldmarie
und Pechmarie, und vom Machandelbaum, und halfen dem Meister Nssel
beim Luten. Der war auch eisgrau geworden. -- Und dann wieder waren
sie so beraus ernsthaft, huh. Da saen sie ehrbar in der Laube, oder
an dem Steintisch unter dem Ahorn, oder in der Wohnstube und lasen aus
schweren, dicken Bchern und oft in einer unverstndlichen Sprache, und
machten nachdenkliche Gesichter und sprachen so klug, da es Marien
eine Gnsehaut gab, wenn sie nur in die Nhe kam. Sie, Marie, htete
sich wohl, in ein Buch zu sehen, auer Sonntags, wo sie in der Kirche
das Gesangbuch bentzte. Es war ihr rein unverstndlich, wie zwei junge
Genossen derlei Dinge miteinander treiben konnten.

Manchmal stritten sie sich auch. Aber worber? Kein Mensch konnte
verstehen worber, meinte Marie.

Aber Marie hatte eine Ahnung, wie Georg sich ausdrckte, was ja
freilich heien sollte, da sie keine Ahnung habe.

Sie war aus dem Weiler Hinkelsbach, der ganz nah bei Wiblingen lag,
und konnte von der Dachluke aus den Rauch ihres vterlichen Hauses
sehen, und war ein junges, vergngtes Ding, und konnte wunderschne,
alte Volkslieder singen, zu denen Gertrud hufig die zweite Stimme
sang. Aber im brigen, was wute sie von dem, was die beiden einander
mitzuteilen hatten?

Sie bekamen ja richtig den Kirchenschlssel, und Georg spielte die
Orgel und Gertrud sang einmal mit ihrer tiefen Altstimme Hndels Largho
von dort oben herunter in die leere Kirche hinein und wunderte sich,
wie voll es klang, und sa ein andermal mit in dem Scho gefalteten
Hnden und horchte vom Schiff aus und meinte, da die Orgel noch nie so
geklungen habe, wie heute, da ihr guter Kamerad daran sa. Sie wuten
es nicht anders, als da sie immer noch Kameraden seien. Sie besannen
sich auch nicht darber. Hatten sie nicht ihr Leben lang alles geteilt,
und einander geqult, wenn's sein mute, und einander verstanden,
besser als alle anderen Freunde, trotz mancher Reibereien?

Gertrud hatte nicht so recht das Zeug zur Freundschaft mit den jungen
Mdchen des Stdtchens. Das war von jeher so gewesen, weil sie immer am
liebsten beim Grovater gewesen war.

Es waren verschiedene Versuche gemacht worden, ein Krnzchen, ein Kurs
im Englischen mit den Honoratiorentchtern, weil die Gromutter es
wnschte. Aber Gertrud war dort nicht ganz sie selbst, ihr eigenes
frhliches Ich. Sie wute nicht recht mitzureden und wute, was sie
selber hatte, nicht anzubringen. Seit die Gromutter so anhaltend krank
war, blieb sie zu Hause. Es war ihr lieber so.

Sie hatte auch Freunde.

Eine Kamerdin aus der Volksschule, ein kluges, feines, lahmes Mdchen,
das einer Witwe gehrte und so gut es ging, ums Brot nhte. Dort
wute sie sich aufzutun. Dem Mdchen ging ein helles Freudenlicht
auf, wenn Gertrud kam und sich zu ihr setzte. Und sie nahm ihr das
Wort aus dem Munde. Sie hatte solch einen hungrigen Geist. Und weil
der Acker ihrer Seele so sehnlich wartete und so aufgerissen war vom
Entbehren und Verlangen, so fielen die Krner, die Gertrud aus ihrem
berflu hinwarf, tief hinein und gingen an den langen, einsamen Tagen
auf und gaben eine reiche Ernte. Feine, sinnige, tiefe Gedanken und
eine stille, stolze Freude, am Sein und Leben teilzuhaben, und ein
Verstndnis fr die Menschen in den Bchern, die sie zu lesen bekam:
ob sie echt und lebendig seien oder nicht. Es kam hundertmal wieder
herein, was Gertrud dort hintrug. Das war #eine# Freundschaft. Es gab
deren mehrere.

Den uralten Totengrber Heilemann, der so wunderbare Geschichten aus
der Franzosenzeit wute, und die junge, lustige Frau Liselotte, die
einst Magd bei der Gromutter und ihr Patenkind gewesen war. Sie hatte
einen Fabriknachtwchter und Flickschuster geheiratet und ihr kleiner,
dickkpfiger Bube war Gertruds Patenkind. Und die Spinnricke, die ums
Geld spann und die mit tiefer Stimme erzhlte, da sie schon wieder
einen Blick ins Jenseits getan habe. Es war nichts, das Gertrud in
ihrem jungen Leben vermite. Aber Georg war ihr Kamerad. Das war doch
wieder anders.

       *       *       *       *       *

Seinen Platz an dem breiten, gerumigen Ecktisch in der Ladenstube des
Ehrenspergerhauses nahm Georg wieder ein; aber auch seinen Platz auf
der niedrigen Truhe in des Rektors Studierstube. An beiden Orten holte
er sich, was da fr ihn zu holen war.

Jungfer Liese, die sich allmhlich angewhnt hatte, die Ellbogen breit
auf den Tisch zu legen und sich kecklich ganz auf den Stuhl zu setzen,
tat ein briges und ftterte an dem langen, mageren Menschen herum; und
fate eines Tages ein Herz und fragte, was denn aus dem vielen Geld
geworden sei, das der Herr Vetter immer bezahlt habe, da der Sohn nach
Hause komme, drr, wie eine von Pharaos Khen? Er solle Franz ansehen,
das sei noch ein junger Mensch, wie man ihn knne gelten lassen.

Franz war vor kurzem aus der Fremde zurckgekommen, wo er sich in Zeit
von einem knappen Jahr einige Welt- und Lebenserfahrung, einen schn
geschwungenen Schnurrbart und einige neue Backrezepte angeeignet hatte.

Er nahm je lnger je mehr die Leitung des Geschfts in die Hand und
lie nicht undeutlich vermerken, da er nicht zu denen gehre, die
mit irgend einer Lebensfunktion allzu lange warten. Und Jungfer Liese
nickte und blinzelte Franz dem lteren zu: Kehr' die Hand um -- bringt
er eine junge Frau herein. Ja, dann? Dann ziehen wir in den Oberstock.
Ich verlasse den Herrn Vetter nicht; das tue ich nicht.

Da konnte ja denn der Herr Vetter unbesorgt sein, und das war er auch.
Er konnte sich's jetzt leicht machen. Da sa er Abend fr Abend mit dem
Mller Hensler im Schwarzen Adler bei einem gediegenen Schoppen Roten,
und sie kamen darauf zu reden, was fr Prachtsbursche sie in ihrer
Jugend gewesen seien, und kamen zu guter Brgerzeit wieder nach Hause,
ein klein wenig warm vom Prahlen und vom Wein. Da kam ber den Markt,
von der andern Seite her der Student, wie ihn der Mller Hensler
jetzt schon nannte, und sie stichelten ihn ein wenig: Da sieh' #uns#
an; jnger als du sind wir heute noch. Und der Bcker Ehrensperger
sagte: Nein, la ihn, die Studierten, die sind alle so ein bichen
dsig. Das kommt vom Bcherlesen. Und das Mitleid fate ihn, da sein
einer Sohn so still und ernst sei, und er selber war solch ein forscher
Kerl gewesen: Jetzt sag, Bub, hast du einen Wunsch? Ich zahl's, was es
kostet.

Er war ihm am andern Tag nicht so ganz angenehm, denn nun mute er das
Klavier bezahlen, das in des alten Schullehrer Haldenwangs Auktion
verkauft wurde; hundertundfnfzig Mark. Es wurde in die Wohnstube im
ersten Stock gestellt, gerade ber dem Laden. Und Jungfer Liese sagte
zu den Kunden, wenn sie aufhorchend die Kpfe hoben: Das ist unser
Jngster, der Student. Er will's nicht besser haben. Da sitzt er und
spielt, und oft genug ohne Noten, und das Essen schlgt nicht an bei
ihm.

So war es daheim. In der Dmmerstunde war Georg im Rektorhaus. Da sa
er auf der Truhe und streckte die langen Beine weit ins Zimmer hinaus,
er konnte sie nicht anders unterbringen. Der Rektor mute einen Umweg
machen. Aber er mochte den Heimgekehrten nicht von seinem alten Sitz
verjagen. Nun tanzte der freundliche Flammenschein ber das groe
Studentenbild.

Das wirst du nun alles erleben, sagte der Rektor.

Wenn es sich so begbe, es sollte mich freuen, wenn du bei
meiner alten Verbindung eintrtest. Es sind tchtige Leute daraus
hervorgegangen.

Er paffte groe Wolken aus seiner Pfeife. Die zogen an den Wnden
entlang.

Ich will dir nicht viel sagen. Du mut dein Leben selber erleben.
Es hilft nichts, da wir Alten euch viel vorreden. Freue dich deiner
Jugend, und mach' die Augen auf. Das Leben ist rings um dich her und
ist in dir drin. Du hast viel Neigung, allein zu sein und dich vor den
andern zuzuschlieen und hast doch auch ein Verlangen nach ihnen. Ich
wei es ja. La beidem sein Recht zu seiner Zeit. Sei bei dir selbst
zu Hause, dann kannst du unbeschadet auch mit den andern gehen. Ach,
was hilft das Reden? Geh' nur. Man kann euch ja doch keinen Schritt
abnehmen. Es ist auch wohl besser so.

Und hier hast du eine Pfeife. Ich will dir zeigen, wie man sie stopft.
Ich habe sie dir angeraucht.

Aber Mann, das Rauchen, das fngt er frh genug an. Du brauchtest es
ihn nicht zu lehren, sagte die Rektorin.

Ich will dir auch etwas sagen, Georg. Du siehst dich einmal
gelegentlich nach dem kleinen Mdchen um, nach der Lore. Ein feines
Kind war das. Mich soll's wundern, was die Maute aus ihr gemacht hat.
Aber dort zu wohnen gehst du nicht, falls sie ja richtig mblierte
Zimmer vermieten. Die Maute ist, -- kurz, sie ist etwas schlappig. Das
war sie von jeher. Du kannst aber sagen, ich lasse beide freundlich
gren.

Gertrud sa auf dem hohen Drehstuhl vor des Rektors Stehpult. Sie
hatten nicht mehr beide Platz auf der Truhe.

Sie redete heut nicht viel dazwischen. Das Herz brannte ihr. Sie sah
nach ihrem Kameraden hin. Der ging nun wieder einmal neue, weite Wege;
er freute sich darauf. Er sagte ihr von allem, was ihn bewegte. Aber
was konnte das helfen?

Selbst erleben, das war doch anders. Und sie ffnete durstig die
Lippen. Das galt dem Leben, das drauen war in der Weite. Dort zog es
hin, wie Wolken am Himmel. Wrde es wohl Gertrud Cabisius vergessen,
die hier zurckblieb? Ach, Unsinn, sagte sie laut und verweigerte
die Antwort auf die erstaunte Frage der drei andern, welchen Unsinn
sie meine. Dann glitt sie von dem Stuhl herunter und brachte die Lampe
und schttelte sich innerlich; das sollte ihr noch fehlen, graue
Dmmergespinste zu spinnen.




                    Fnftes Kapitel


Tbingen. Die Neckargasse herauf schritt der neugebackene Student
Georg Ehrensperger. Er sah sich suchend um, rechts und links, und fand
auch nach einiger Zeit, was er gesucht hatte: ein Schaufenster mit
Damenhten, Schleifen und Schleiern.

Da trat er in den Laden ein, zu dem das Schaufenster gehrte, und
konnte nicht im Zweifel sein, da er am rechten Orte sei. Denn hinter
dem Ladentisch stand die Putzmacherin Maute, und sah noch immer so
schwungvoll aus wie ehedem, halb elegant und halb schlappig. Und als
sie sich -- sie bediente eben eine junge Frau und warf nicht schlecht
mit Madam um sich -- umwandte, um eine Schachtel von einem der oberen
Bretter herabzuholen, da sah Georg ja richtig das rotblonde Zpfchen,
das ihm von Kindertagen her bekannt war, unter der Morgenhaube
vorgucken. Es war am Vormittag. Das Zpfchen wippte lustig hin und her.
Es htte den letzten Zweifel aufgelst, wenn da noch einer gewesen
wre. Es war aber keiner.

Guten Morgen, sagte Georg. Er hatte den weichen, schwarzen Filzhut
in der Hand und den dunklen Anzug ber der Brust zugeknpft und sah
nicht anders aus als ein Stiftler, obgleich er keiner war. Die alten
Genossen aus der Wiblinger Lateinschule, die waren nun glcklich an der
letzten Station ihres gemeinsamen Werdegangs angelangt und saen im
theologischen Stift, gut umzunt und verwahrt vor den Versuchungen der
akademischen Freiheit.

Fritz Hornstein, der einst so vorbildlich Voranschreitende, sa auch
darin und sehnte sich ein wenig hinaus, und mit ihm noch mehrere, die
sich wohl getraut htten, auf eigenen Fen zu stehen und denen der
Gedanke an irgend eine Enge schwerer fiel, als die Enge selbst, die so
gro nicht war.

Georg Ehrensperger aber, der in aller Freiheit lebte, der sehnte sich
eher hinein. Denn er hatte sich selbst -- und das war nicht ohne Grund
-- im Verdacht, da er, auf sich selbst gestellt, an dem und jenem
hngen bliebe, das nicht zur Sache gehrte. Auch zog ihn eine alte
Liebe zu den Genossen seiner Kindheit.

Einstweilen galt es, sich einrichten. Die ersten vier Wochen gingen
hin, eh' man sich's versah.

Ernst Daxer, der war auch im Stift. Aus besonderer Vergnstigung
war er hineingekommen. Der hatte ihn gestern zu einem Spaziergang
abgeholt. Nachher waren sie in der Mllerei gesessen, der Wirtschaft
am Neckarufer. Zwei ltere Studenten saen am selben Tisch mit ihnen.
Aufs Wohlsein der Lore, hatten sie gesagt und angestoen. Das mute
ja natrlich eine andere Lore sein, als die, die er meinte. Er htte
sich auch nicht zu fragen getraut. Aber nun wute er wieder, da er das
Kind aufsuchen solle, das noch vor seinen Augen stand, fein, zierlich
und von schnen Farben, wie ein Bildchen aus dem Bilderbuch seiner
Kindheit.

Frau Maute lie die Kundin hinaus und wandte sich zu dem jungen Mann.
Da ging hinter ihr die Tr, die nach der Ladenstube fhrte. Ein heller
Lichtschein fiel von dem Fenster, das dort drinnen war, hier heraus,
und in dem Lichtschein stand Lore. Und Georg sah an der schwunghaften
Frau vorbei, als ob sie nicht vorhanden sei. Das war Lore?

Nun war die Zeit gekommen, von der die Wiblinger Kinder beim
Auseinandergehen geredet hatten: da sie einander gren wollten, als
ob nur eine einzige Nacht zwischen jenem Abend und diesem Morgen lge.

Aber welch ein Morgen war das. Stand hier Jugend und Schnheit und
lachendes Leben in einer Person und bot ihm den funkelnden Becher
der Freude? Er erschrak so, da er kein Wort fand. Lore lachte, ein
klingendes Lachen. Es war nicht das erste Mal, da sie in eines
Menschen Angesicht das Staunen las: da es so Schnes geben konnte,
hier in dieser niedrigen Stube, in dieser engen Gasse.

Das Lachen erlste ihn. Er fand etwas von dem Kind darin, das er einmal
gekannt hatte. Es war noch etwas anderes darin, aber das hrte er jetzt
nicht. Gr Gott, sagte er nochmals.

Du bist -- du hast dich -- er verbesserte sich -- Sie haben sich
da stockte er. Er hatte sagen wollen, da sie sich verndert habe. Da
lachte Lore nochmals. Das ist noch ganz derselbe, sagte sie, ganz
derselbe. Hab ich mir's nicht so gedacht? Aber natrlich sagen wir noch
du. Gr Gott, Georg.

Da atmete er befreit auf und fate ihre feine Hand und schttelte sie,
da Lore einen leisen Wehlaut ausstie.

Feiner bist du nicht geworden, sagte sie und lachte. Aber das tut
nichts, das kommt noch alles. Wo solltest du das lernen? Komm da
herein, du mut mir erzhlen, so lang und so viel, als Frau Judith auf
dem Turm.

Da ging sie ihm voran in die kleine Stube mit dem geblmten Sofa und
zog ihn mit sich hinein. Frau Maute hatte wieder einen Kunden im Laden
und nickte nur hinter den beiden drein. Da waren sie allein. Drauen,
unter den Fenstern, zog der Neckar vorbei, nur durch ein schmales,
steil abfallendes Grtchen von ihnen getrennt. Rot und golden glnzten
die Kronen der Ulmen und Platanen von den Alleen herber; die Sonne
stand am blauen Oktoberhimmel und leuchtete durch die bunten Farben der
herbstlichen Welt und glitzerte auf den ziehenden Wellen, und fllte
die kleine Stube mit Licht. Und in dem Licht sa Lore.

Georg Ehrensperger, der sa und staunte und fand das Wort nicht.

Ich soll dich gren, sagte er, von Gertrud und von Franz, und von
Rektors, beiden. Aber seine Augen sagten etwas anderes.

Wie bist du schn, sagten sie, bist du das wirklich?

Die Sonne lag auf dem krausen, rotblonden Haar und ging streichelnd an
der jungen, schlanken Gestalt hinunter, die von einem groen Meister so
herrlich gebaut war. Sie mhte sich, auch in das Gesicht zu scheinen.
Aber da wandte sich Lore kurz um, ganz nach der Stube zu. Sie brauchte
die Sonne nicht im Gesicht, zwei funkelnde, dunkle Sterne hatte sie
darin, die flimmerten und schossen lange Strahlen. bermtig und
sieghaft und ein wenig kindlich fragten sie: Gelt, das httest du
nicht gedacht? Ja, sieh nur her und staune. Das geht dir nicht allein
so.

Aber als die beiden einander eine Weile angesehen hatten und Georg nun
ein wenig hilflos dasa, da fing Lore an zu lachen und sprang auf und
fragte nach hunderterlei Dingen und holte die alten Zeiten hervor; da
wurde auch er mit fortgerissen. Und dann trat sie pltzlich wieder
in die Gegenwart ein; da wute sie noch besser Bescheid als in der
Vergangenheit.

Das mu fein werden, sagte sie. Wo wohnst du? du mut oft kommen,
wir sind doch alte Freunde. Wir haben auch Studenten, oben im ersten
Stock. Die bringen oft ihre Freunde mit sich. Lebhaft geht es da zu.

Sie ging ans Fenster und sah auf die Neckarbrcke hinunter und wandte
sich wieder um und lachte. Und dann horchte sie mit etwas vorgeneigtem
Kopf nach der Ladentr hin. Dort klingelte es. Die Mutter lie jemand
hinaus, und gleich darauf wurde eine Mnnerstimme hrbar. Frulein
Lore drin?, und dann trat ein junger Mann ins Zimmer. Er trug die
Farben eines vornehmen Korps, war hoch und breit gewachsen und hatte
ein kluges, scharfes, herrisches Gesicht. Sein Hund kam hinter ihm
drein, eine hohe, gelbe Dogge. Sie lie sich zu Lores Fen nieder und
stie einen winselnden Laut aus. ber Lores Gesicht flog ein feines
Rot, als der Ankmmling einen groen Blick auf sie und dann einen auf
Georg warf.

Das ist ein Kindheitsgespiele von mir, sagte sie, und bemhte sich,
leichthin zu reden. Wir haben miteinander Kirschen von den Bumen
gebrochen, und haben miteinander Mrchen erzhlt bekommen. Heut' seh'n
wir uns zum erstenmal wieder. Das ist jetzt acht Jahre her. Nun staunt
er, da ich gewachsen sei.

Aber sie sprach nicht so sicher und harmlos, wie zuvor. Die Augen des
Neuangekommenen lagen auf ihr, das machte es wohl.

Der sagte nicht viel.

Als Lore ihren Gast vorstellte, grte er gemessen. Dann nahm er einen
Schlssel, der am Haken neben der Tr hing. Ich habe den meinigen
verloren, sagte er, Sie wollen, bitte, einen neuen bestellen. Und
dann, gestern Abend fiel das Tintenfa auf die Tischdecke. Sie ist
unbrauchbar geworden. Die neue geht auf meine Rechnung. Komm, Harras.

Die Dogge erhob sich zgernd. Sie schien es anders gewhnt zu sein.
Da tat ihr Herr einen kurzen Pfiff. Lore warf den Kopf zurck. Geh,
sagte sie, und gab dem Hund einen leisen Schlag. Darauf verschwanden
beide, der Herr und der Hund, in dem halbdunkeln Flur, und Georg hrte
sie die Treppe emporsteigen.

Als er sich nach Lore umsah, war das sieghafte Lachen von ihrem
Gesichte verschwunden. Sie stand am Fenster und bi sich auf die
Unterlippe. Aber nur einen Augenblick. Dann schnipste sie mit den
Fingern. Komm, wir wollen weiter plaudern; er soll uns nicht
drausbringen. Aber sie war nicht mehr recht dabei. Georg war auch
gestrt. Was ist das fr ein Mensch? fragte er. Er scheint kurz
angebunden. So ein Herrscher. Ist er immer so?

Nein, sagte Lore, er ist nicht immer so. Ein verhaltenes Lcheln
glitt ber ihr Gesicht. Es ist unser Mieter. Er hat das beste Zimmer
und bezahlt es gut. Und dann sah sie ihn an und dachte: Du Kind. Du
bist noch ein rechter Junge. Aber ein lieber, guter. Und auf ihrem
Gesicht gingen Rhrung und Spott durcheinander.

Dann kam Frau Maute und entfaltete einen groen Wortreichtum und sagte,
da Georg sich hier fhlen solle wie zu Hause. Wie zu Hause, sagte
sie, und sah ihn mtterlich an und nickte ihm ermutigend zu: Ja,
nicht wahr, die Lore? Was sagen Sie zu ihr? Aber das hat sie nicht
gestohlen. Ich, als ich jung war. Mutter, sagte Lore, und trat mit
dem Fu auf, drauen ist jemand.

Da entschwand sie, ohne den Satz zu Ende gesagt zu haben.

Es war eine starke Mischung von angenehmen und unangenehmen Gefhlen,
mit denen Georg eine Weile spter aus dem Hause trat. Aber die
angenehmen berwogen bald.

Wenn das Gertrud wte. Wenn sie es sehen knnte. Unmglich, die Lore
zu beschreiben. Schn, er hatte noch nie etwas so Schnes gesehen, und
lieb und natrlich. Hie und da ein bichen, -- wie sollte man's nennen?
Er beschlo, es gar nicht zu nennen, das, was ihm nicht so recht
gefiel. Er wute kein Wort dafr.

Das ist von der Mutter, entschied er. Solch eine Erziehung, ich
danke. Das htte wahrhaftig schlimmer ausfallen knnen. Er konnte
ihr vielleicht auch manches abgewhnen, wenn sie nun fters seinen
Umgang geno. So, abgewhnen? Ja. Er richtete sich hoch auf, als seine
Gedanken das fragten. Hatte sie nicht beim Abschied, noch unter der
Haustr, gesagt: Ach, Georg, ich bin anders als Gertrud, ganz anders.
Ich glaube, es wre einiges zu bessern an mir. Du mut oft kommen. Wir
wollen wieder gute Freunde sein. Weit du noch? Das haben wir damals
ausgemacht, im Rektorgarten unter dem Sapfelbaum.

Und dazu hatte sie ihn angesehen; es hatte ihn noch nie ein Mensch so
angesehen. Georg versuchte sich den Blick vorzustellen, da durchstrmte
es ihn, warm und lebendig. Ja, also, so sollte es werden: er wollte, --
ach, was wollte er alles. Es war ihm so vterlich zu Mute, als ob er
der Rektor Cabisius sei; das meinte er selbst.

Er meinte es sehr gut mit Lore, und mit sich selbst, und mit der ganzen
Welt. Als er sich dessen versichert hatte, trat er einem alten Herrn,
der um eine Ecke bog, wuchtig auf den Fu, und erschrak so sehr, da er
verga, sich zu entschuldigen. Der alte Herr murmelte etwas rgerliches
vor sich hin, schttelte den Kopf, und hinkte ein wenig im Weitergehen.
Georg kraute sich verlegen im Haar, und drehte sich, als er ihm eine
Weile nachgesehen hatte, um, und stieg zu seiner Behausung empor.

       *       *       *       *       *

Ob es Schicksal oder Neigung war, oder beides: Nun hatte er sich
richtig wieder eine Stube in einer engen, winkeligen, alten Gasse
gemietet. Er wute nicht recht zu sagen, wie er dazu gekommen war. Er
hatte einen Zettel heraushngen sehen: Zimmer, mit oder ohne Klavier,
zu vermieten; auf der Hausstaffel waren zwei rotbackige Kinder
gesessen; am Rhrenbrunnen, der vor dem Haus stand und sein Wasser
pltschernd in einen Steintrog fallen lie, war eine frische junge Frau
gestanden und hatte sich mit einer raschen, krftigen Bewegung das
volle Wassergef auf den Kopf gehoben.

Die Kinder hatten sich ihr links und rechts an die Rockfalten gehngt,
als sie ins Haus zurckging. Da war Georg hintendrein gegangen, er
wute nicht recht, warum. Die liebe, kleine Gruppe zog ihn hinter sich
drein.

Es war ein Handwerkerhaus. Hinten vom Hof herein scholl eine wackere,
arbeitsame Musik: schwere Hmmer, die auf Eichenholz niederfielen,
lustige Schlegel, die raschen Taktes auf klingenden Eisenreifen
tanzten. Ein Feuerschein flammte hoch auf und erhellte einen Augenblick
den schmalen, halbdunklen Hausgang. Drauen schritten ein paar
handfeste Gesellen hinter einander drein um ein groes Fa herum, um
das sie eben die Reifen legten. Ein Lehrjunge trug eine Schrze voll
Hobelspne herbei und warf sie in das Feuer, das inmitten des werdenden
Fasses brannte; es knisterte und stieg kerzengerade in die Hhe.

Georg trat unter die schmale Tr, die nach dem Hofe fhrte. Romdibom,
der Kfer kommt. Ein Kinderreimlein fiel ihm ein, das so anfing. Sie
hatten es in Wiblingen oft genug gesungen. Er hatte nicht bel Lust,
sogleich damit loszulegen, denn das Bild im Hofe heimelte ihn stark an.

Da kam der Meister aus der Werkstatt in den Hof und auf ihn zu. Ein
breiter, hochgewachsener, krftiger Mann; er hatte die Hemdrmel an
den sehnigen Armen hinaufgeschlagen bis ber die Ellbogen; im Gurt der
blauen Leinwandschrze steckte der eiserne Schlegel, die Mtze sa
weit hinten auf dem dunklen, schlichten Haar; ein ernstes, brtiges
Mnnergesicht sah darunter hervor. Es war eins von den Gesichtern,
deren Inhaber man ohne weiteres Geld und guten Namen zur Aufbewahrung
anvertrauen wrde, gewi, da man seinerzeit beides unverkrzt zurck
bekme.

Geradlinig, fest und sicher, und in den Augen etwas, als ob sie mit
Kindern frhlich zu lachen verstnden.

Da das letztere der Fall war, zeigte sich auch sogleich.

Als der Meister auf Georgs Frage, ob bei ihm das betreffende Zimmer zu
vermieten sei, mit ihm ins Haus trat, kam aus der Kchentr, hinter der
sie vorhin verschwunden war, die junge Frau wieder in den Hausgang,
diesmal ein einjhriges Brschlein auf dem Arm.

Das Kind schien eben erst aus dem Schlaf gekommen zu sein und
blinzelte, das Kpfchen gegen die Wange der Mutter lehnend, mit
aufwachenden blauen Augen aus dem rosig angeschlafenen Gesichtlein
heraus.

Komm', sagte der Vater und streckte die Arme nach dem kleinen Buben.
Mutter, du solltest dem Herrn das Zimmer zeigen, la' mir den Helmle
so lang.

Da hatte er auch schon den kleinen Buben auf dem Arm, und als er ihn
emporhob und das Kinderkpfchen an seine brtige Wange drckte, da
brach ein so leuchtender Strahl aus seinen blauen Augen, da der ganze
Mann bersonnt schien.

Und dem Herrn, der das Zimmer sehen wollte, war es so, als ob es
jedenfalls ein ganz vortreffliches Zimmer sein msse, das in diesem
Haus zu vermieten sei, obgleich er vorher an Neckaraussicht und grne
Wipfel vor den Fenstern gedacht hatte. Daran, am Blick ins Grne
nmlich, fehlte es auch nicht ganz. Die Frau wies mit bescheidenem
Stolz auf ein winziges, hchst anspruchsloses Grtchen, das zwischen
Hof, Werkstatt und Nachbarhaus eingeklemmt war und aus einer
Bohnenlaube, zwei Beeten mit Kchenkrutern, einer Blumenrabatte,
ungefhr zwei Hand breit, und einem alten, hohen, knorrigen
Zwetschgenbaum bestand.

Auf dieses Grtchen gingen die Fenster des Zimmers, das im zweiten
Stock lag. Auerdem sah man ein Stck des Hofes mit drei kunstreich
gebauten Trmen aus Fadauben, die Rckseite mehrerer Huser,
eins davon mit einer braunen, verwitterten Holzaltane, ein Stck
Stadtkirchenturm, und ein nicht unbetrchtliches Stck blauen
Herbsthimmels.

Die Aussicht hat dem vorigen Herrn gut gefallen und das Zimmer auch,
sagte die Frau. Er war auch ein Theologe, und er hat immer gesagt, so
sei's ihm gerade recht: Wenn man nicht so weit herumsehe, bleiben einem
die Gedanken nher beieinander zum Studieren.

Es kam Georg vor, als ob der vorige Herr ein uerst vernnftiger
Mensch gewesen sei. Das war ja freilich die einzig richtige Anschauung.
Was ihn selbst betraf, so konnte er froh sein, gerade hierher gekommen
zu sein. Das war nun das erste Zimmer, das er ansah und nun stimmte
gleich alles so vorzglich. Er hatte hier in Tbingen Glck, das konnte
er gleich zum Anfang sehen. Das Zimmer gefiel ihm, er mochte hinsehen,
wo er wollte. Aber das hatte er eigentlich schon unten gewut.

Wenn Sie das Klavier geniert, sagte die Frau, als sie sah, da Georgs
Augen an dem groen, alten Tafelklavier hngen blieben, es nimmt ein
bichen viel Platz weg, es ist wahr. Man kann's im Notfall in eine
Kammer stellen. Der vorige Herr hat immer seine Bcher darauf liegen
gehabt, und, er hat seltene Pflanzen gesammelt, die hat er auch darauf
ausgebreitet. 'Lassen Sie's nur,' hat er gesagt, 'so lang der Deckel
zu ist, strt mich kein Klavier.' Und der Deckel bleibt zu, solang ich
hier hause.

Georg fhlte, wie die Sympathie, die ihn mit dem vorigen Herrn einen
Augenblick verbunden hatte, wieder entschwand. Er fand nicht gleich
Worte. Was gab es doch fr Menschen auf der Welt. Er strich mit der
Hand ber den Deckel des Klaviers; es war wie eine Abbitte, die er im
Namen der Menschheit tat.

Wir hatten's bei uns unten stehen, sagte die Frau. Aber seit ein
Kinderbettchen ums andere kommt, fehlt's am Platz. Es ist von meinem
Schwiegervater her noch da. Der war blind, zwanzig Jahr lang und ist
auch blind gestorben. Aber spielen hat er knnen; alle Leut sind stehen
geblieben auf der Gasse, wenn er gespielt hat.

Jetzt kam der neue Herr auch zur Sprache. Sie kam ein bichen schroff
heraus; das machte die Wichtigkeit des Augenblicks und die innere
Erregung.

Bei mir liegt nichts auf dem Deckel, sagte er. Ich kann nicht
begreifen, wie man das einem Klavier antun kann. Ich mache Musik
darauf; dazu ist es doch wohl auf der Welt. Wenn Sie das nicht wollen,
so sagen Sie's mir gleich. Dann ziehe ich anderswo hin.

Aber so war es nicht gemeint gewesen.

Nein, behte, der Herr knne ruhig spielen, so viel er wolle. Das werde
den Mann freuen, wenn er es erfahre. Wenn er hie und da ein Fenster
offen lassen wolle, da man es unten hre.

Es ging eine stolze Freude ber ihr frisches, offenes Gesicht:
mein Mann, der macht auch Musik. Er hat eine Geige. Er hat einmal
Schulmeister werden wollen. Da ist sein Vater blind geworden und er hat
das Geschft bernehmen mssen. Eine Stimme hat er, man knnt' ihn auf
die Orgel brauchen zum Vorsingen. Mit der Geige will's nicht recht. Er
hat schwere Hnde bekommen von der Arbeit. Aber wenn er dazu singt,
dann tut's doch schn.

Diese Mitteilung hatte gerade noch gefehlt um in Georg Ehrensperger das
Bewutsein zu erwecken, er sei in das einzig richtige und mgliche Haus
eingezogen; ja, es war ihm, als habe er sich gewissermaen in einen
Familienscho gesetzt, so wohl gefielen ihm die Leute und ihr Haus und
die Stube, die sie ihm darin abtraten; aber der Mann am meisten.

Und als die Frau hinunterging, um das Helmle wieder aus den vterlichen
Armen zu nehmen und dem Mann zu erzhlen, da man wieder einen Herrn
habe und was fr einen, da verriegelte dieser Herr oben seine Tr, und
tat einen Blick aus dem Fenster, ob ihm auch niemand zusehe, und machte
einen Spaziergang, zweimal um den Tisch herum, auf den Hnden, und
streckte seine langen Beine hoch in die Luft vor Vergngen.




                    Sechstes Kapitel


Das war im Herbst geschehen, jetzt war Frhling. -- Eine weiche, laue
Nacht, eine Nacht, in der man deutlich wahrnehmen konnte, wie sich
die erwachenden Krfte in der Natur regten. Es wehte in den Bumen,
es rieselte in den schmalen Rinnsalen, die sich von der Hhe des
waldigen Berges in die Weinberge und Obstgrten verloren, von frischen
Wsserlein, die zu Tale strebten, es raschelte und pochte berall leise
und geheimnisvoll. War es der Pulsschlag der neuerwachten Erde? Hrte
man den Saft in die Bume steigen? Hrte man die Knospen schwellen und
springen?

Unten im Tale lag die Stadt im Schein ihrer vielen Lichter. Viel Leben
barg sie und viel Menschenschicksal. Hier oben auf dem Berg sah man
beides: die Lichter unten und die Lichter oben, die schweigend ihre
hohen leuchtenden Pfade hinzogen.

Georg Ehrensperger trat aus dem Wald, da wo am Eingang die alte,
rissige Eiche steht mit den vielen eingeschnittenen Namen. Er hatte
einen weiten, einsamen Spaziergang gemacht, nun stand er still, legte
die Mtze auf die Steinbank unter der Eiche und sah hinauf und hinunter.

Das Wehen in den Bumen war strker geworden. Groe, schweigende
Wolkengebilde glitten ber die Sterne hin; immer mehr wurden ihrer,
von allen Seiten sammelten sie sich und wurden ein Heer. Westwind flog
voraus; er war der Rufer und trieb sie zusammen: Auf und schliet
euch aneinander. Die Milchstrae entlang, nein, breiter und weiter
dehnt euch. Um Mitternacht fngt es an zu regnen. Wit ihr nicht, da
Frhling ist? Wit ihr nicht, da die Erde blhen will? Viel ist zu
tun; in wenigen Tagen mu alles wei und grn sein.

Es war so recht eine Nacht, da es sich in einem jungen Blut regen
konnte von treibenden, frischen Krften: Auf die Riegel! Ich fange an,
jung zu werden, ich fange an zu erwachen, Frau Welt! Alles Groe und
Schne gedenke ich mitzuerleben.

Es geschah nicht oft zu dieser Zeit, da Georg Ehrensperger allein die
Welt durchstreifte. Er drckte damals seine Neigung zu beschaulicher
Trumerei und einsamem Wandel in eine Ecke seines Wesens hinunter. Dort
spuckte sie zuweilen umher; wenn er ber den Bchern sa in seiner
Stube, die bei #ihm# trotz der schmalen Aussicht die Gedanken #nicht#
zusammenhielt, oder noch mehr, wenn er am Klavier sa, das ein besseres
war, als das der Frau Mollenkopf. Dann hatte er eine Welt fr sich, in
der er mit sich selber hauste, oder mit denen, die er in Gedanken zu
sich einlud. Das war ein schnes Dabeisein. Aber es dauerte nie lange.
Denn die wirkliche Welt griff da hinein. Unten auf der Strae pfiff
es, oder es polterte die Treppe herauf, und junge, krftige Gestalten
traten zu ihm ins Zimmer. So war es gestern gewesen.

Da sitzt er wieder, wie der Dachs im Bau. Auf und heraus. Eine Nacht
zum Ausfliegen. Musik machen, das kannst du im Waldhrnle, wir wollen
singen und du begleitest. Mach dich ntzlich, Mensch. Was? dableiben?
du bist ein Hhlenbr.

Das waren die Bundesbrder. Er war ja nun richtig in eine Verbindung
eingetreten. Und es war richtig die des Rektors Cabisius. Die Jugend
wollte ihr Teil an ihm.

Aber heute war heut. Es konnte ihn suchen, wer wollte, Georg streifte
da oben herum und hatte mit sich selbst zu tun. Er war nicht recht bei
sich selbst zu Hause und, -- da hatte der Rektor Cabisius recht gehabt,
-- wenn er das nicht war, konnte er nicht mit den andern gehen. Er
hatte nicht die Gabe, sich ber etwas hinwegzusetzen.

Da war erstens die Theologie, die anfing, ihn bslich zu bedrcken.
Er fhlte, da sie etwas von ihm wollte und da er sich einmal mit
ihr auseinander zu setzen habe. Und er empfand ein Unbehagen dabei.
Wie wrde es damit ausfallen? Indessen konnte man das immer noch ein
wenig verschieben und inzwischen etwas anderes in den Vordergrund
stellen. Vielleicht machte es sich dann irgendwie. Ader da stand noch
etwas anderes bereits im Vordergrund und lie sich nur schwer von da
vertreiben. Das hing mit Lore zusammen. Es ging schon lngst nicht
mehr so vterlich zu in seinem Gefhls- und Gedankenhaushalt, wie im
Herbst. Es war nicht ohne Bedeutung gewesen, da er dazumal den alten
Herrn auf den Fu getreten hatte, gerade als er in Gedanken Lorens
nachtrgliche Erziehung in die Hand nahm. Er konnte sich das Nachdenken
darber schenken. Es wurde ja doch nichts daraus. In einiger Hinsicht
erzog sie ihn. Das konnte ja nichts schaden. Aber wenn er den Stiel
umkehren wollte, erging es ihm milich.

Er war eines Tages bei ihr angekommen, etwas bedrckt und unsicher, und
hatte ihr auf Befragen gesagt, da er an der Tanzstunde der Verbindung
teilnehmen sollte und da es ihm ngstlich sei, ob er so ein Mdchen
richtig anzufassen wisse. Da hatte sie seine Bedenken weggelacht:
Komm, ich lehre dich, wie du's machen mut. Sie hatten den Tisch auf
die Seite gerckt und hatten in der Ladenstube getanzt, bis sie auer
Atem waren.

Da war er etwas sicherer geworden.

Manchmal, wenn sie ihm gegenber sa an dem Fenster, das nach dem
Neckar ging, und irgend etwas Zierliches nhte, stand sie pltzlich
auf und hatte einen hausmtterlich-gestrengen Zug im Gesicht, holte
eine Brste und brstete ihm die Kleider: Du siehst auch gar nicht auf
dich, Georg. Du mut dich immer im Spiegel besehen, eh' du ausgehst.
Hier ist auch ein Knopf locker, den mu ich dir annhen, komm.

Solchergestalt bte sie schwesterlich-frauenhafte Zucht an seinem
ueren Menschen.

Da gedachte auch er das seinige an ihr zu tun, und versuchte, ihren
Geist zu speisen, und wollte es machen, wie mit Gertrud, der er alles
bringen konnte, seine Bcher, seine Musik, und seine Gedanken. Und
er brachte eines schnen Nachmittags die Edda mit und wollte ihr die
alten, schnen Sagen und Lieder vorlesen. Da hielt sie sich die Ohren
zu: Liebster Georg, das ist nichts fr mich. Mit so etwas mut du
mich verschonen. Ich bin ein kleines, dummes Ding, das bin ich immer
gewesen.

Er wollte sich rgern, aber es gelang nicht so recht. Sie sah ihn so
an, da er es nicht konnte.

So, jetzt gefllst du mir, sagte sie, als sie sah, da Georg sein
Gesicht wieder glttete, das einen Augenblick verdrielich ausgesehen
hatte. Sie strich ihm mit dem Zeigfinger ber die Stirn. Dort war
zuweilen eine kurze, gerade Falte, mitten zwischen den Brauen, zu
sehen. Das war, wenn er gern ein wenig pdagogisch sein wollte. Da
mute er lachen, als sie ihm die Falte glttete. Wie konnte sie etwas
anderes sein, als sie nun eben war? Sie war etwas sehr Reizendes,
konnte er sie nicht in Ruhe lassen? Da hatte das Bildungsbestreben
wieder ein Ende.

Aber das war noch nicht schlimm. Schlimm war, da ihre Stimmung gegen
ihn umsprang, wie bei Mondwechsel das Wetter umspringt.

Oft war sie lieb und freundlich, und sa, wenn es dmmern wollte, auf
dem breiten Fenstersims, verschrnkte die Hnde hinter dem Kopf und
sang ein Volksliedchen, mit halber Stimme, als ob sie die traulichen
Geister der Dmmerung nicht verscheuchen wollte. Da kam es ihm, der
ihr zuhrte, vor, als ob es nichts so unsglich liebliches mehr gebe,
nirgends und niemals wieder.

Und hie und da war sie kurz und etwas schnippisch, und hie und da
sonderbar aufgeregt.

Sie ist in zu vielerlei Hnden, entschied er, und nicht in den
allerbesten. Ich sollte sie allein zu beeinflussen haben.

Wie ein feiner Erzieher kam er sich vor. Er konnte es sich schn
ausmalen, wie es wre -- wenn es anders wre. Es kam nur nichts dabei
heraus, als da er viel zu viel an sie dachte und viel zu oft hinging
und viel zu unruhig dabei war.

Oft fate es ihn: wenn ich das alles Gertrud erzhlen knnte! Sie war
so fest und gleichmig und klar. Aber das konnte er jetzt nicht. Wenn
er heimkam, dann.

Da hatte er es nun alles hier heraufgetragen. Es wurde einem frei und
weit zu Mute in dem starken, frischen Wehen. Es war ja doch viel mehr
in der Welt, das des Erlebens wert war, als das: sich in einem so
unruhigen, krausen Mdchensinn zurechtzufinden.

Er sang ein Lied in den Wind hinein: Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd,
aufs Pferd; ins Feld, in die Freiheit gezogen. Und dann wurde er
pltzlich still und horchte.

Wie hatte ihm der alte Hollermann schreiben lassen?

Wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen beschlossen
liegt, der mu in die Stille gehen und horchen. Sang da irgendwo sein
Fltenton?: Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das
Leben gewonnen sein. War ringsum alles mit einer Stimme begabt?

Das mute man ja alles in Tnen sagen knnen: Das eigene, klopfende,
drngende Leben flo mit dem Leben ringsumher zusammen. Sa da innen,
tief im Wald der groe Alte an der Orgel und spielte sie? Er zog
ein Register ums andere; breite, volle, tiefe Akkorde strmten ber
die Baumwipfel hin. Man mute sie festhalten knnen; horch -- die
Wsserlein sangen dazu, wie dnne, helle Kinderstimmen rieselten sie
durch die groen Tne hindurch, und hie und da lachte eins pltschernd
auf. Und eins schluchzte auch im Niederfallen. Das mute so allein in
die Nacht und in die Fremde hinaus.

Das mu ich auch, du. Georg blieb stehen und horchte, hinaus und in
sich hinein. Htte er Meister Riedels, seines Hauswirts, Geige bei sich
gehabt. Mit der hatte er sich im Lauf des Winters angefreundet, mit
ihr und mit dem Meister. Nun sehnte er sich, sie im Arm zu haben. Das
konnte man alles spielen. Alle die unruhigen, klopfenden Untertne, die
durch ihn selbst hindurchgingen und die er auch auer sich zu vernehmen
glaubte, alles das kleine Lachen und Pltschern und Schluchzen, alles
das Schweigen, das ber dem Tal lag und aus dem doch hie und da ein
Ton hervorbrach, wie von einer verhaltenen Unruhe, alles das mute man
spielen knnen, um es dann in der groen, breiten Harmonie untergehen
zu lassen, die aus der Waldorgel strmte. Wie die tausend kleinen
Wolken am Himmel nun ein groer, schweigender Heereszug geworden waren,
ohne Unruhe und Hast, groen, gemeinsamen Lebens voll.

Da nahm er die Mtze in die Hand und fing an zu laufen. Und stand
wieder still, und horchte, und sann, und fing wieder an zu laufen, bis
er an die Stadt kam.

Dort war noch Leben und Bewegung; es war noch nicht so spt. Dort oben
war es still gewesen.

Er aber ging durch die Gassen wie ein Nachtwandler und horchte nur auf
das, was in ihm selber war. Da pfiff ihm einer dazwischen, unrein und
schrill. Von allen den Mdchen so blink und so blank gefllt mir am
besten die Lore.

Er kam die Strae herauf und mute an Georg vorbei. Langsam ging er,
die Hnde in den Taschen, und pfiff immer von neuem die gleichen Takte.
Wollte es kein Ende nehmen? Es war zum Verzweifeln. Was ging den Kerl
die Lore an? Was hatte er zu pfeifen? Und #so# zu pfeifen?

Und Georg konnte nicht sagen: still, Mensch. Er hatte die Strae nicht
gepachtet. So, endlich bog der Strenfried in eine Seitengasse ein.

Aber das war zu spt. Es war, als ob ein groer, frecher Spatz, den
dicken Kopf voran, durch ein feines, zierlich aufgespanntes Spinnennetz
gefahren wre und sich nicht darnach umshe, da das Spinnlein nun
erschreckt in einer Ecke sitze, und die zerrissenen Fden im Winde
hingen. Denn auch hier waren die Fden zerrissen. Da ging Georg
Ehrensperger still und bedrckt weiter, und nach einer Weile stampfte
er aus einem machtlosen, inneren Grimm mit dem Fu auf. Aber das half
nichts. Er versuchte, die Fden wieder anzuknpfen, und als es ihm
nicht gelang, und er gerade in der Nhe der Neckargasse war, beschlo
er, sich auf einen Augenblick an Lorens Anblick neu zu begeistern. Er
hatte gestern ein schnes Dmmerweilchen mit ihr erlebt. Es war noch
nicht zu spt, sie heute zu gren.

Im Laden brannte noch eine kleine, stark zurckgedrehte Gasflamme;
die Ladentr war angelehnt. Frau Maute mochte irgendwo einen kleinen
Schwatz mit einer Nachbarin halten. Da kam Georg ungehrt zur Tr der
Ladenstube.

Das kleine Fenster in der Tr war mit einem leichten Vorhang verhllt,
und hinter dem Vorhang webten ein paar Schatten hin und her. Gedmpfte
Stimmen, ein leises Mdchenlachen, dann sahen die Schatten aus, als ob
sie sich zusammenschlssen.

Georg klopfte. Innen knurrte die Dogge. Ein Hin- und Herhuschen, eine
Pause, dann ffnete Lore. Ach, du bist's. Es war mir doch, als ob
es klopfte. Hat die Tr nicht geschellt? Wo ist die Mutter? Sie sah
erhitzt aus; das Haar lag ihr lose und etwas zerzaust um das Gesicht;
die Augen funkelten.

Kommst du herein? fragte Lore. Sie fragte es kurz und etwas verlegen.
Da sah er sie erstaunt an. War sie das? Sie war ein anderes Mdchen als
gestern. Drinnen lag die Dogge auf dem Boden; sie strubte sich und
knurrte. Am Fenster stand ihr Herr. Er hatte die Arme auf dem Rcken;
er sah aus, als ob er die kleine Stube flle, so hoch und mchtig war
seine Gestalt und so blitzten seine Augen. Georg fand keinen Platz fr
sich hier drinnen. Er setzte sich, aber er wute nichts zu sagen; es
war ihm eng und schwl. Wre er doch nicht hier hereingekommen. Wre er
doch nur zuhause. Denn wo flohen nun seine Tne hin? Er hatte sie hier
neu anknpfen wollen.

Da fing Lore an, mit dem Hund zu spielen. Er legte ihr die Tatzen auf
die Schultern und leckte ihr die Hnde. Und sie schwatzte mit ihm und
ihre lachenden Augen gingen zwischen dem Herrn und dem Hund hin und her
und streiften zuweilen Georg, der etwas im Schatten sa: so mach' doch
ein anderes Gesicht, Schulmeister. Du bist ein Schulmeister, ja, aber
ich lasse mich nicht von dir kritisieren. Gestern? Ja das war gestern.
Aber heute ist heut.

Georg hatte die bekannte Falte zwischen den Brauen und sein Gesicht
mochte ihr einige Mibilligung dessen, was er sah, ausdrcken. Es war
ein unbehagliches Dabeisein. Der hochgewachsene Mensch am Fenster sah
so erdrckend auf Georg, der schmal gebaut und unsicheren Wesens und
ganz und gar kein Ellbogenmensch war.

Er drckte ihn durch sein bloes Dabeisein zur Tre hinaus. Da erhob
er sich und nahm Abschied. Gute Nacht, Lore. Sie blieb mitten in der
Stube stehen und es war Georg, als fliege es wie Spott ber ihr schnes
Gesicht, und als hre er die tiefe Stimme des Hausgenossen noch lachen,
als er schon vor dem Haus war, ber ihn lachen.

Vor dem Haus begegnete ihm Frau Maute.

Sie trug einen grogeblumten Morgenrock ohne Grtel und sah wie immer
ein wenig theatralisch aus. Der Aufschwung war nicht besonders hoch
gegangen. Aber das war ja auch nicht zu erwarten gewesen.

Ja, nicht wahr, die Lore, sagte sie, als Georg mit kurzem Gru an ihr
vorbergehen wollte. Hi, hi. So lachte sie. Es war, als ob sie einen
Refrain lache zu dem Lachen, das er eben da drinnen verlassen hatte.
Nicht wahr, die Lore? Das ist ein Mdchen. Sie ist etwas verwhnt; das
ist sie. Aber man mu sie machen lassen. Hi, hi.

Da strmte er voran, da sie ihm kopfschttelnd nachsah und beschlo,
mit der Lore zu reden, obgleich das eine keineswegs leichte Sache
war. Es mute doch sein. Denn der junge Mann hatte allerlei gute und
solide Eigenschaften an sich. Und obgleich Frau Maute nicht gerade das
war, was man gewhnlich mit solid bezeichnet, so wute sie es doch zu
schtzen, wenn andere es waren.

Ein Brief von Gertrud. Er lag auf dem Klavier, als Georg seine Stube
betrat.

Als Georg ihn sah, wurde ihm schon freier und ruhiger zu Mute. Und
whrend er ihn las, trat das Mdchen neben ihn in seiner klugen,
warmen, einfachen Art und fate seine Hand: Ganz verstrt bist du?
ganz verwettert? Ach, das ist alles nicht so arg. Nun setz' dich ans
Klavier und spiele. Angefangen. Das kommt alles wieder, das ist nur ein
bichen verscheucht. Siehst du? Hier setze ich mich hin und horche. Ich
bin dein guter Kamerad. Das bin ich.

Gertrud. Er sagte es laut vor sich hin. Dann las er den Brief zum
zweiten mal. Die einfachen, kleinen Erlebnisse aus der Welt seiner
Kindheit kamen ihm vor wie lauter sonn- und festtgliche Bilder. War es
noch lang, bis er nach Hause konnte?

Es kam ein Drang ber ihn. Was sollte er hier?

Da setzte er sich ans Klavier, und sah auf den Stuhl am Fenster,
ob Gertrud dort sitze, und es war ihm, als ob alle verscheuchten,
zerflatterten Geister und Geistchen wieder zutraulich wurden und ihre
Stimmen hergben. Es war alles still, im Hause und rings umher. Er
aber sa und hielt aufs neue fest, was der nchtliche Spitzberg ihm
geschenkt hatte, und spielte, und stand nach einer Weile auf und holte
die Geige, die im Kasten auf seinem Tisch lag. Ja, nun hrte er alles
wieder; ganz voll Musik war seine Seele, und er war selig und unselig
zu gleicher Zeit. Denn er hrte es deutlich in sich; das war das
Schne; und er konnte es nicht so hervorbringen, wie er wollte; das war
das Schwere. Es mute fr Klavier und Geige zusammen werden, die beiden
miteinander muten es singen knnen. Und er holte sein Notizbuch und
legte es neben Gertruds Brief auf den Tisch, als ob der ihm helfen
sollte, und schrieb auf, was sich ihm in eine Form fgen wollte. Und
bald war er so froh, als ob er an der Weltschpfung Teil habe, und bald
legte er den Kopf auf die Geige und wollte es aufgeben, etwas aus ihr
herauszuholen, so verzagt war er.

Da knarrte es auf der Stiege von behutsamen Tritten und dann trat
nach vorsichtigem Klopfen Meister Riedel ins Zimmer. Er trug seine
stramingenhten Hausschuhe in der Hand und schlpfte erst im Zimmer
behutsam hinein.

Ich hab' noch kommen mssen und es melden, sagte er, und seine Augen
strahlten. Er ist da. Der Bub' ist da. Ich hab' gehrt, da Sie noch
auf sind und Musik machen.

Georg war noch nicht so recht an der Weltoberflche angelangt, er mute
sein Bewutsein zusammen sammeln. Was fr ein Bub? fragte er. Wer
ist angekommen? Es war ihm, als ob er es wissen sollte, aber es fiel
ihm nicht gleich ein.

Unserer. Der Meister lachte. Nummer fnf. Heit das, wenn man die
drei Mdchen mitzhlt. Soeben angekommen; er ist ein Prachtskerl.

Ja, nun war Georg wieder auf dem Laufenden.

Das ist ja fein, sagte er. Einfach: da ist er. In der Welt drin. Wie
soll er denn heien? Feierlich schalle der Jubelgesang!

Bst, sagte der glckliche Vater. Ich glaube, es wird besser sein,
wenn wir den morgen anstimmen. Den Jubelgesang nmlich. Die Frau wird
schlafen wollen. Wie er heien soll? Friedrich, denk' ich. So hat mein
Vater geheien. Wenn er wird, wie der, kann mir's recht sein.

Georg nickte einverstanden. Er kannte den blinden alten Mann gut vom
Hrensagen.

Dann kriegt er einmal die Geige? sagte er. Dann darf er wohl das
alles lernen?

Natrlich. Das ist abgemacht. Der Helmle kommt ins Geschft, und der
Friedrich, der --, der Vater machte eine Handbewegung, als ob er damit
dem Friedrich die ganze noch brige Welt zusprche.

Georg tat einen tiefen Atemzug, und dann sahen sie alle beide
verlangend nach dem offenen Klavier.

Die Schwgerin schlft bei der Frau, sagte der Meister. Ich bin
ausquartiert. Da oben, in der Kammer nebenan ist mein Bett. Ich mag
aber noch nicht hinein. Es ist doch etwas Besonderes. Wenn da auf
einmal etwas lebendig wird. Das ist vorher nicht dagewesen. Und das
gehrt so zu einem. Es ist mir jedesmal so, wenn eins kommt, ein Kind.
Es dreht einen um und um. Hren Sie's?

Es drang ein dnner, heller Ton in die Stille herauf.

Das ist er. Sie horchten beide.

Mir geht's auch so, sagte Georg. Da ich nmlich noch nicht ins
Bett mag. Bei mit geht auch etwas um, das lebendig werden will. Ich
hab' etwas komponieren wollen, etwas Wunderschnes. Droben auf dem
Spitzberg hab' ich's gefunden. Aber ich kann's nicht recht loskriegen.
Stckweise, ja; einmal auf dem Klavier und einmal auf der Geige, aber
es hat keine rechten Zusammenhnge. Hier, in mir drin, da hab' ich's.
Er schlug sich mit der Faust auf die Brust. Da tnt alles miteinander.
Nein, ich geh' noch nicht ins Bett. Ich sprnge ja doch wieder heraus
und finge von vornen an.

Wissen Sie was? Meister Riedel machte ein vergngtes Gesicht ber
einen guten Einfall, der ihm kam.

Da oben ist's nichts mehr. Es geht stark auf ein Uhr. So spte
Wiegenlieder sind nicht so passend. Wir geh'n in den Keller. In den
kleinen, hinteren Weinkeller. Dort setz' ich mich auf ein Falager und
hre zu und Sie spielen sich's vom Herzen herunter. Da wird's dann
schon kommen. Vorsichtig, leise. Die Treppe knarrt bei jedem Tritt, sie
ist alt, wie das ganze Haus. Morgen frh wird die Frau schelten; es
kann nichts im Hause vor sich gehen, ohne da sie es hrt. Aber so sind
die Frauen. Was sie nicht sehen, das hren sie; was sie nicht hren,
das ahnen sie sonstwie.

Da stiegen sie in Strmpfen die Treppe hinunter und bargen sich und
ihre wachen Lebensgeister im Keller.

An einem Drahthaken von dem runden Deckengewlbe herunter hing
schaukelnd und schwebend eine Ampel, die warf rtliche, flackernde
Lichter durch den dunklen Raum. Zwischen zwei braven, bauchigen Fssern
sa der Meister auf dem Falager, sttzte beide Ellbogen auf die Knie
und den Kopf in die Hnde. Gluck, gluck, gluck fiel es in eintnigem,
hellem Tropfenfall irgendwo in einer Ecke aus einem hochgestellten
Gef in ein niedriges. Sie horchten beide eine Weile darnach hin.
Immer der eine Tropfen; sonst tiefe Stille.

Da, in dieser mitternchtigen Stunde und vor dem viel lteren Mann,
zu dem ihn ein Gefhl von Freundschaft und Vertrauen hinzog, weil er
gleich ihm sinnig und nachdenklich war und zu den Horchenden gehrte,
da wuchs Georg Ehrensperger der Mut aufs neue. Und er stand unter der
schwebenden Ampel und hielt die Geige im Arm und spielte. Meister
Riedel sah mit warmen, freundlichen Blicken auf den jungen Mann, der
whrend des Spielens glnzende Augen bekam, und nickte ihm zu und sagte
in einer Pause still und bedchtig: Das ist, als ob Sie mir das alles
erzhlen und als ob ich es ganz verstnde. Und fing an, langsam und
die Worte zusammensuchend, zu reden: Ich wei nicht, wie es den andern
geht damit. Sie sagen: Musik ist Musik. Tnen mu das und klingen.
Ich meine: Reden mu es. Alles das, wofr es keine Worte gibt und
will einen doch auseinanderdrcken, das kann man #so# sagen. Ganz von
unten herauf. Mein Vater, der schwere Sorgen hatte, und nach und nach
blind wurde und oft einherging, den Kopf und die Schultern gebckt wie
unter einer Last, der setzte sich oft im Dmmer, wenn er sich allein
glaubte, ans Klavier. Und was er sonst niemanden sagte, das tat er
da von sich. Zuerst war es lauter Jammer, als ihm nach und nach das
Licht seiner Augen erlosch, und dann fand er den Weg zu einem Choral:
'Wenn wir in hchsten Nten sein,' oder 'Befiehl du deine Wege.' Und
ich stand manchmal in einer Ecke und horchte und meinte, ich kenne ihn
erst jetzt. Spter, als er still und friedlich seine letzten Jahre
hinlebte, da hat er auch noch heitere und freundliche Tne gefunden.
Als unser erstes Kind zur Welt kam, die Lene, da hat er nichts gesagt,
sondern hat nur so still fr sich hingelchelt, und dann hat er ein
Lied gespielt, das tat wie ein Schlaflied, ganz zart und fein. Aber auf
einmal hat das aufgehrt, da hat es aus dem Klavier herausgewettert,
wie wenn einer einen Juchzer unterdrcken will und kann nicht mehr und
#mu# hinaussingen; und nachher ist ihm der Schmerz dreingekommen: da
er es nicht sehen kann, das Kind nmlich.

Und sehen Sie, Herr Ehrensperger, alles das, was einer gern in seinem
Leben drin htte und hat's nicht und mu sich danach sehnen und kann's
niemand sagen, das, mein' ich, das sollte man auf so einem Instrument
sagen knnen. Ich kann's nicht; wenn's mich packt und ich will's
probieren, dann bringen's meine schweren Hnde nicht heraus. Oder fehlt
es sonstwo. Aber wenn einer ein rechter Musiker wre, und er wte von
allem Schmerz und von aller Freude der Menschen, und htte den Glauben,
da da etwas dahinter steckt, hinter dem Leben, etwas, das man nicht
sehen kann, etwas Groes, Schnes, das zu uns gehrt, dann -- dann
mte es sein, wie eine Predigt, was er spielt.

Ich kann's nicht so sagen, wie ich's meine. Er lchelte ein wenig
verlegen, da er so viel gesagt hatte, da er am hellen Tageslicht eher
ein schweigsamer Mann war.

Ich red', wie ich's versteh. Ich hab' noch nicht viel ganz rechte
Musik gehrt. Ein paar mal in meinem Leben. Das verge ich nie. So alt
ich werd', verge' ich's nicht. Aber ich mein', ich spr's, wie es sein
msse und wie nicht, und ob's von unten herauf kommt. Man sprt's ja
den Leuten auch an, ob sie fromm sind und recht und ehrlich, oder ob
sie nur so daherreden.

Da stand er auf und holte ein Glas aus einer Mauernische und fllte es
mit einem braven, roten Wein, der war bei Stetten im Remstal gewachsen,
und bot es seinem jungen Genossen. Der tat einen tiefen Zug daraus, und
sah den Meister an und mute ihn liebhaben, und fand auch das Wort, ihm
von seinem jungen Leben und von seinen Freuden und Unruhen und von
seinen Wnschen und Trumen zu erzhlen.

Darauf trank auch der Meister und fllte das Glas aufs neue. Da tranken
sie umschichtig aufs Wohlsein aller, die zu ihnen gehrten und auf ihr
eigenes, und auf das Gedeihen aller schnen Lebensplane und sprten mit
der Zeit die freundlichen Geister des Remstlers, der ihnen mutmachend
und siegverheiend durch die Adern strmte, besonders dem Jngeren.
Zuletzt nach allen tranken sie auch aufs Wohlsein der Lore, nachdem
sie miteinander beredet hatten, da so die meisten jungen Mdchen
seien. Es tat nichts zur Sache, da sie beide nicht viele junge Mdchen
kannten, es war doch ein beruhigender Schlu.

Und nach einiger Zeit nahm auch der Meister die Geige und spielte ein
paar schne, alte Volkslieder: Es war ein Markgraf berm Rhein, und
Es waren einmal drei Reiter gefangen, gefangen waren sie.

Sie sangen auch dazu, da das Gewlbe widerhallte, der Meister mit
einer schnen, tiefen Bastimme. Droben schlief die Welt; hier unten
war waches Leben.

Als es auf der Stadtkirche vier Uhr schlug, spuckte und knisterte die
Ampel und wollte erlschen. Da hoben sie das Gelage auf und suchten
beim letzten Flackerschein den Ausgang und erstiegen die Treppen. Und
es war nun eher als beim Abstieg zu frchten, da die hellhrige Frau
ihr Teil zu denken bekomme. Denn allzu leicht waren ihre Tritte nun
nicht mehr.

Es bleibt ber das Schicksal der beiden Neugeborenen dieses Abends noch
zu sagen, da Meister Riedels Sohn nach drei Wochen richtig Friedrich
getauft wurde und da er jetzt in einer Prparandenanstalt fr
knftige Schullehrer ist und ihm also die Welt offen steht, wenn auch
nicht ganz so unumschrnkt, wie sein Vater damals andeutete. Und da
Georg Ehrensperger in einer mutlosen und zornigen Stunde einige Wochen
spter die Niederschrift seines Musikstcks, das er Frhlingsnacht
hatte taufen wollen und das nie fertig geworden war, in tausend kleine
Fetzen zerri und hernach ganz gebrochen in der Kferwerksttte auf
einer Schnitzbank sa, den Kopf in die Hnde gesttzt.

Der Meister stand vor ihm, den Helmle auf dem Arm, und machte ein
bedenkliches Gesicht.

Das geht nur so, sagte er. Gleich zerreien, gleich ganz wegwerfen.
Wir htten es doch noch zusammen gespielt. Es ist viel Schnes drin
gewesen. Es wird einer nicht gleich Meister. Aber so ist solch ein
junger Feuerkopf, gleich, entweder ganz oder gar nicht. Denn Georg
hatte versichert, er lasse in Zukunft die Hnde davon, es sei sicher,
er bringe nie etwas zustande. Ja, sagte er und hob den Kopf:
Entweder ganz oder gar nicht. Das Stmpern, das hat ja keinen Wert.
Ich will es lassen; ich habe ja anderes zu tun. Ich mu mich ans
Studium machen, es wird Zeit. Die Semester gehen so schnell herum.

Der Meister lchelte; aber das konnte auch dem Helmle gelten, der
seinen Lockenkopf ganz in den vterlichen Bart hineinwhlte. Er stellte
den Buben auf den Boden und nahm das Schnitzmesser. Ja, dann wollen
wir uns halt ernstlich an die Arbeit machen und sehen, wie weit wir's
bringen. Es war aber doch schn an dem Abend, nicht? Ja, dann mssen
wir das halt lassen in Zukunft. Da ging Georg Ehrensperger aus dem
Hause, wie einer, der ein schweres Gelbde getan hat und den es
bereits anfngt zu drcken.

       *       *       *       *       *

Sie hatten im Keller Lorens Gesundheit getrunken und das war fr Georg
so eine Art von Vershnungsakt gewesen. Wenn er sich recht besann: er
hatte wohl ebensoviel Schuld an dem unerquicklichen Abend, als sie.
Am nchsten Tag ging er nicht hin. Am bernchsten kam er zufllig
ber die Neckarbrcke, da sah er sie von Weitem in dem schmalen
Mauergrtchen, das sich lngs des Hauses am Neckarufer hinzog. Sie
sa auf der sonnigen Mauer und hatte ein paar Nachbarskinder um sich
her. Die strebten an ihr in die Hhe und sie schien irgend einen
vergnglichen Unsinn mit ihnen zu treiben, soviel von weitem zu sehen
war.

Sie ist selber noch ein Kind, dachte Georg, er konnte die Augen nicht
von dem frhlichen Bild da unten losbringen. Ach ja, nun wollte er
hingehen und nicht so empfindlich sein. Da sah sich Lore um und winkte
ihm zu. Und nach zwei Minuten sa er neben ihr auf der Mauer und die
Nachbarskinder steckten ihm alle Knopflcher des Rocks und der Weste
voll mit roten und weien Blmchen, und Lore sah ihn an, so sonnig wie
der Apriltag. Hatte es vor zwei Stunden noch geregnet und geschneit
untereinander? Wer wute das noch? Es dachte kein Mensch mehr daran.




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War hier der Weltlauf stehen geblieben? War es noch alles ganz wie
einst? Ein Drehorgelmann zog durch Wiblingen und blieb vor all den
alten Husern stehen, und als er seine Lieder herausorgelte, da taten
sich die Fenster auf und die Haustren, und Kpfe bogen sich heraus,
junge und alte, und Leute traten unter die Tren und suchten eine
kleine Mnze heraus. Handwerker hielten einen Augenblick mit irgend
einer lrmenden Hantierung inne, und Lehrjungen suchten durch eine
Hintertr zu entwischen, um ein Stckchen hintendrein zu traben;
Gromtter und Mtter hteten ihren Nachwuchs unter den Akazien des
Marktplatzes, aus allen Hfen, Husern, Gassen und Gchen quoll es von
Kindern, -- es war alles ganz wie einst. Nur da jetzt Sommer war und
die Akazien dichte, grne und etwas staubige Kronen hatten; und da es
nicht mehr jener grimmig-lustige Spielmann war, dessen einer Arm in
Frankreich begraben lag, sondern ein alter, mhseliger Blinder, der die
lichtlosen Augen, whrend er die Orgel drehte, sehnlich nach der Sonne
hob, weil ihm von ihr etwas wie ein ferner Lichtschein in seine Nacht
hineindrang. Ein groes, starkknochiges Weib zog ihn mit festem Griff
hinter sich drein, und lie ihn hie und da los, um die Mnzen, die aus
den Fenstern fielen, in der Schrze aufzusammeln.

Es war alles, wie einst, nur da die Kinder von damals nun erwachsene
Leute waren, und die jungen Leute von damals ltere, gesetzte, biedere
Brger, und die Alten, -- ja, von den Alten mssen wir hier ein wenig
reden. Wir wollen uns im Leben und im Buch nicht allzuweit von den
Alten entfernen. Denn sind sie nicht vor uns dagewesen, und haben
einen Zaun um uns geschlossen, da wir aufwachsen konnten, ehe die
Unbilden des Lebens uns hart anlieen? Haben sie uns nicht gegeben,
was sie zu geben hatten, und ist nicht jetzt noch manches von ihnen zu
holen, das wir zu unserer jungen, eigenen Weisheit hin gut und ntig
brauchen knnen? Sie knnten eines Tages nicht mehr da sein, wenn wir
nach Hause kommen. Sie knnten leise fortgegangen sein, wenn wir's uns
nicht versehen haben; ja, wenn wir uns in der weiten Welt umhertreiben
und aus allen Bechern trinken, und nach aller Weisheit suchen und aller
Kunst, -- es wre doch mglich, da wir darber etwas versumten, das
wir spter nicht mehr wiederfinden.

Ja, so ist es uns mit Frau Anne gegangen, mit der Rektorin Cabisius.
Als wir fortgingen, sa sie noch in dem groen Lehnstuhl, den wir so
wohl kennen, und hatte noch ihre Freude am Leben und Dasein, und hatte
auch einiges daran auszusetzen, und einiges zu sorgen. Aber sie war
ganz unzweifelhaft da. Und nun --

Der blinde Orgelmann zog durch das Stdtchen, und auch an des Rektors
Haus gingen die Fenster auf, und im Oberstock neigte sich horchend
ein weier Kopf heraus und nickte lchelnd, als das nnchen von
Tharau ist's, die mir gefllt von der zitternd-warmen Sommerluft hier
herauf getragen wurde. Ein paar krftige Zge aus seiner Pfeife tat
der Rektor, dann wandte er sich der Stube zu: Hrst du's? Aber sein
Gesicht verschattete sich, und er strich sich mit der Hand ber die
Stirn. Es geschah ihm hie und da, da er sich einen Augenblick verga.
Wenn man ein ganzes, langes Leben miteinander geteilt hat, dann gewhnt
man sich nicht mehr leicht um. Sie war noch immer um ihn, trotzdem, da
ihr Stuhl leer stand, trotzdem, da auf ihrem Grab schon die weien
Sommerlevkoyen blhten. Er meinte zu fhlen, da sie ihm nahe sei.
Sie hatte sich ja, ehe der Vorhang zwischen ihm und ihr herabgelassen
wurde, noch einmal umgewandt: So, Alter, also du kommst ja auch bald;
als ob sie, wie in den ersten Jahren ihrer jungen Ehe, auf ein paar
Tage ins Elternhaus reise, und er nachkomme, sie abzuholen.

Ja, er konnte sie freilich nicht verlieren. Aber es war doch anders,
als vordem. Ach ja, es war doch anders. Die Welt wurde doch allmhlich
ein wenig fremd und leer. Er hatte sein Stck Arbeit darin getan und
sein Stck Menschenleben, ja ein volles und groes Stck Menschenleben
darin gelebt, und seit ihm Frau Anne keine Antwort mehr gab, wenn er
mit ihr redete, seither kam es hie und da ber ihn, wie es ber die
Schwalben kommt, wenn es Herbst wird.

Aber als er nun wieder ans Fenster trat, nicht, um dem Orgelmann zu
lauschen, sondern um den weien, schwimmenden Wlkchen in der fernen
Himmelsblue nachzusehen: wohin sie schifften, und ob sie wohl eine
Botschaft mitnehmen knnten in ein fremdes, unbekanntes Land, da
vernahm er spielende Kinderstimmen auf der Strae, und das hohe,
klgliche Weinen eines Kleinen in seinem Wgelchen, und sah eine Mutter
aus dem Nachbarhaus treten und sich trstend ber das Kind beugen. Und
er sah Gertrud, seine Enkelin, wie sie mit einer Giekanne und einem
groen Blumenstrau aus dem Garten kam, und sein Herz kehrte zu ihr
zurck, wie sie so ernst und gelassen daherkam in ihrem schwarzen
Kleid, mit dem stillen, klugen Gesicht. Da freute er sich, da die
Kinder auf sie zusprangen und um Blumen bettelten, und da sie sich auf
die Staffel setzte und den kleinen Bettlern die Hnde mit Balsaminen
und Reseden und Rittersporn fllte. Er war sein Leben lang so ehrlich
und ganz und mit liebendem Herzen in der Gegenwart gestanden, er hatte
auch jetzt noch Teil an Gottes Menschenkindern. Er hatte Teil an ihnen,
so lange er lebte. Nein, es gab keine Trennung zwischen der Welt, die
man sieht, und der, die man nicht sieht. Ach, Anne, sagte er, und
sagte es laut, und es war ihm, als nicke sie ihm zu, rasch und lebhaft,
wie in ihren besten Tagen: Wir mssen so jung sein, als wir knnen,
Alter, fr das Kind.

Da klopfte er die Pfeife aus und stieg hinunter und wollte Gertrud
rufen: Komm, wir tun noch einen Gang durch den Garten. Die
Drehorgelmusik tnte fern verhallend vom Stadtgraben herber. Dort
fhrte der Weg ins Nachbarort, Wiblingen hatte nun sein Gutes empfangen.

Als der Rektor hinunterkam, war Gertrud nicht mehr allein bei den
Nachbarskindern.

Ja so, sagte er, ja so, der Herr Kandidat ist da. Gr' dich Gott,
Georg. Steht Tbingen noch? Alles am alten Fleck, wie einst? Ja? Dann
wollen wir's uns berlegen, ob wir uns da hinwagen, Gertrud. Nchsten
Herbst, falls wir den erleben, zum Hausweihfest der Verbindung. Ich
bin der lteste von den alten Herren, Georg. Ich mchte mich wohl noch
einmal unter euch junges Volk hineinsetzen, so recht ins Volle.

Georg stimmte eifrig bei. Er war zur Hochzeit seines Bruders Franz
hierhergekommen. Die sollte morgen sein. Vor zwei Stunden war er
angekommen.

Sie knnen mich drben nicht brauchen, sagte er. Jungfer Liese
hantiert mit der Schwgerin im Haus herum. Ich wei mich nirgends hin
zu retten. Auch habe ich einen Sack voll zu erzhlen. Ich wei nicht,
wo anfangen.

An irgend einem Zipfel, sagte Gertrud und lachte. Wenn sie lachte,
hatte sie gleich ein anderes Gesicht, ein junges, warmes. Sonst --
Georg hatte, als er kam, gedacht: sonderbar ist es; sie ist so alt wie
Lore, aber sie ist so ernst und ruhig und klug. Sie ist etwas anderes,
etwas Gutes, Prchtiges; aber ein junges Mdchen ist sie nicht.

Jetzt atmete er befreit auf, als sie lachte.

Geht ihr beiden nur in den Garten, sagte der Rektor. Spter komme
ich auch zu euch. Ich mu meine alte Freundin besuchen, Frau Judith.
Leicht geht es nicht mehr: Hundert und fnfzig Treppenstufen. Ich bin
nah an achtzig, Kinder. Aber es ist so eine Sache, sie ist mit mir jung
gewesen. Meister Nssel? ja, der auch. Aber Judith wei noch mehr von
damals. Er sitzt dabei und horcht, wenn sie erzhlt. Ja, das werdet ihr
auch noch erleben, wenn ihr alt seid, wie das tut, wenn noch irgendwo
ein Mensch aus der jungen Zeit da ist.

Da lachten sie beide. Sollten sie jemals so alt werden? Breit und weit
lag das Leben vor ihnen.

Wir kommen auch auf den Turm, bermorgen. Das riefen sie dem Rektor
nach. Frau Judith mu uns Mrchen erzhlen, bis ihr der Atem ausgeht.
Vom Rotkelchen Liebseelchen, und von Jorinde und Joringel.

Er winkte, er wollte es ausrichten.

Ja, bermorgen! Wer hat bermorgen in der Hand?

       *       *       *       *       *

Am andern Tag war die Hochzeit.

Die goldene Bretzel ber der Ladentr des Ehrenspergerhauses prangte in
neuem Glanz. Festlich prangten schlanke Birken links und rechts von der
steinernen Staffel, festlich duftete das ganze Haus nach Gebackenem und
Gebratenem, festlich knirschte der Sand auf Treppe und Hausgang unter
den Tritten der Hausbewohner.

Die beiden Edelleute in der Ladenstube waren unvertrieben und sahen
nur von einer neuen blauen Tapete herab auf Franz den Jngeren und
seine Braut. Sie mochten sich noch des Tages entsinnen, da vordem eine
junge Frau hier eingetreten war, ein liebes, feines Ding, ein wenig
schchtern und ein wenig weich von Gemt, mit hoffenden, hingebenden
Augen.

Die heutige Braut war anders. Sie war ebenso gro und breit und blond
als Franz, und hatte rasche, krftige Bewegungen und von Unsicherheit
war nichts in ihrem Wesen. Sie war gleichfalls einem Bckerhause
entwachsen und Jungfer Liese staunte, wie rasch sie sich in all' das
Neue fand.

Ja, Jungfer Liese. Sie hatte es ja wahrhaftig in ihren alten Tagen noch
zu einem Schwarzseidenen gebracht und ihr rotes, runzeliges Gesicht
sah aus einer huthnlichen Haube mit lila Astern heraus. Wie ein
bekrnzter Truthahn, sagte Mller Hensler. Aber Mller Hensler war
nicht der Allerfeinste, und Jungfer Liesens Wrde konnte heute durch
nichts zerstrt werden. War sie nicht so eine Art von Brutigamsmutter?
War nicht sie es eigentlich, die Franz den Jngeren an seine junge
Frau abgab, und die zugleich mit ihm den Laden und die Ladenstube, den
unteren Stock und die lederne Geldtasche an das neue Regiment abtrat?
Denn Franz der ltere nahm sich der Sache nicht so recht an, und
Jungfer Liese war die letzte, die es ihm zumuten wollte. Friedlich sa
er, das behaglich gediehene Buchlein von einer gestickten Sammetweste
bersponnen, einen Strau im Knopfloch, im Grovaterstuhl unter den
beiden Edelleuten. Friedlich drehte er und ohne Hast die Daumen
umeinander und wartete, wie sich die Dinge entwickeln wrden, und als
sich der Mller Hensler zu ihm gesellte, da saen sie, wie ein paar
brave Knaben, die warten knnen, beisammen, und saen auch nach dem
Kirchgang an ihren Pltzen an der Festtafel im Hirschen beisammen, fest
und sicher, wie angewachsen. Und als der Abend kam, da konnte jedermann
es hren, was fr flotte Kerle sie in ihrer Jugend gewesen seien, und
da der Nachwuchs im Ganzen nicht viel tauge.

Es war eine stattliche Hochzeit, und Georg Ehrensperger war ein
stattlicher Brautfhrer und fhlte sich als den Glanzpunkt der
Gesellschaft und es war ihm kein unangenehmes Gefhl. Er fhrte eine
Wiblinger Brgerstochter am Arm, ein groes, brunliches Mdchen mit
einem vollen Rosenkranz in dem krausen Haar und mit weien Handschuhen
an den breiten, schaffigen Hnden. Und er tat sein Mglichstes, Leben
in die Sache zu bringen. Aber als er gegen Abend am Klavier sa und
den Hochzeitsmarsch aus Mendelssohns Sommernachtstraum spielte, kam
von einer Seite her Mller Hensler und schlug ihm krftig auf die
Achsel und fragte: Eigenes Mehl? und versicherte den Umstehenden:
Das ist ein Tausendkerl, das macht er alles selber, der Heimtcker,
der Pfarrer; und von der anderen Seite her kam sein Bruder Franz und
sagte: Da kann man nicht drauf tanzen, du. Spiel etwas lustiges,
spiel: Als wir jngst in Regensburg waren, oder einen Walzer.

Da lie Georg fr heute das Musikmachen sein und nach einiger Zeit kam
es ber ihn: Er mute eine kleine Weile in den Garten hinaus. Er mute
eine Weile allein sein. Der Mond stand am Himmel, die Bume rauschten
leise im Abendwind. Aus dem Saal klangen die Geigen und Fltentne; da
ging er noch ein Stck weiter vom Hause weg.

Er war doch wohl anders, als die da drinnen. Wer aber gehrte zu ihm
und seiner Art? Er war doch auch ihres Blutes. Wie hatten Franz und
sein junges Weib einander vorhin angesehen, als sie, vom Tanz veratmend
neben einander standen. Lachend, frohlockend, verheiend, eines aus
des andern Augen trinkend. Und sie waren nicht die tiefsten Menschen.
Das war nur, weil sie gleicher Art waren und sich zusammengeschlossen
hatten. Und es kam etwas Drngendes ber ihn, da er, whrend er von
den Menschen wegging, sich nach ihnen sehnen mute.

       *       *       *       *       *

Zur selben Stunde schien der Mond in die Turmstube und fllte sie
bis in den hintersten Winkel mit seinem silbernen Licht. Die beiden
alten Menschen, Frau Judith und ihr Bruder, saen feiernd an ihren
Fensterpltzen und schwiegen eintrchtig miteinander und nach einiger
Zeit stand Meister Nssel auf und ging, Betzeit zu luten. Er kam lang
nicht mehr. Er hatte es seit einiger Zeit stark mit den Gedanken, oder
vielmehr sie mit ihm: sie kamen ber ihn, wo er gerade sa oder stand;
dann war er ihnen verfallen.

Er stand auf dem dunklen Glockenboden und lehnte an dem Balken eines
Glockengerstes; sein altes Herz aber ging den Tnen nach, die er ber
die stille Welt hingeschickt hatte.

Er wute wohl, wie es da unten zuging; er hatte fast allen Wiblingern
im Lauf der Jahre die Hosen geflickt und die Hosen nicht allein. Frau
Judith wute es: er hatte manchen Brast, der auf irgend einem Herzen
lag, mit sich heraufgetragen und da oben in der hellen Stube vor ihren
Augen ausgebreitet. Und wie sie mitsammen ratschlagten, ob der und
jener Kittel noch zu reparieren sei und seine Flecken zu tilgen, so
bewegten sie auch miteinander in guten und einfltigen Gedanken die
unruhigen Wege, auf denen die Leute zu ebener Erde sich die Herzen
und den Mut und das Gewissen zerrissen, und fanden aus ihrer eigenen
Herzensstille ein gutes Wort und gaben es umsonst darein. Sie konnten
nichts dafr, wenn es nicht immer half. Vielleicht war es so, da
sie, die wie wir wissen, ein unsichtbares Knigreich hatten, nur
denen helfen konnten, die ihres Landes waren: einfachen, einfltigen,
glubigen Gemtern, die in und hinter allem Geschaffenen eines Gottes
Herz und Hand fanden. Vielleicht wuten sie mit den andern nicht so zu
reden. Tatsache war es, da einige Leute, die sehr gescheit und von
gutem Appetit und nchternen Anschauungen waren, lachten, wenn sie
das eisgraue Schneiderlein mit seinen kindlichen Augen sahen, und da
einige andere Leute ihm die Hand schttelten und die Kappe vor ihm
abnahmen.

Aber Meister Nssel machte sich nicht so viel aus beidem. Vielleicht
merkte er's gar nicht, das kann wohl sein. Da, als er so stand und
der Menschen da unten gedachte, fing drben im Weiler Hinkelsbach ein
sptes Glcklein an zu rufen und vom Wald her, von Buchenbronn und von
Ettersbhl kam Antwort; es waren fromme, sanfte Glockenstimmen, die
miteinander redeten. Und der Alte, der noch von vorher sein tuchenes
Hauskppchen in der Hand hatte, tat die Hnde darber zusammen und
sagte sein:

      Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ,
      Dieweil es Abend worden ist,

und sagte es fr sich und fr die andern aus einem sehnlichen Herzen
heraus. Darber war er aus seinem Sinnen gekommen und nun stieg er das
Treppchen hinauf in die Stube. Schlfst du, Judith? sagte er, als
er seine Schwester in dem hellen Mondlicht sitzen sah, den Kopf auf
der Brust und die Augen geschlossen. Er lchelte still, da sie keine
Antwort gab. Sie wird allmhlich md, sagte er. Sie hat's mit dem
Schlafen und war sonst so ein munteres Frauenwesen. Was war das fr ein
Mdchen seinerzeit. 'ber sieben Buben,' sagte die Mutter. Na, sieben,
das ist ein bichen viel. Aber doch. Sie stieg ber alle Zune.

So, nun war er im richtigen Fahrwasser. Wohin waren alle die Jahre
gekommen, die zwischen heut und damals lagen? Wie weggewischt waren
sie. Er setzte sich in die eine Ecke des Kanapees. In der andern war
gestern abend Rektor Cabisius gesessen. Das war auch so einer. Dem war
auch wie vorgestern geschehen, was sechzig und siebenzig Jahre her war.
Aber mitten im Gesprch hatte die Judith gestern Zeiten und Personen
verwechselt und dann hatten sie miteinander darber gelacht. Sie, die
immer alles so genau wute.

Meister Nssel fuhr aus seiner Ecke empor. Es hatte elf Uhr geschlagen,
noch verzitterte der Nachhall der drhnenden Schlge in der Luft. Er
war ja richtig auch eingeschlafen gewesen. Er hatte eben noch getrumt.
Was war es nur gewesen? Er konnte sich nicht mehr recht besinnen und
strich sich erwachend ber die Stirn. Judith, komm, wach auf. 's ist
Zeit zum Bettgehen. Sie rhrte sich nicht. Das Mondlicht war weiter
gegangen, sie sa im Schatten. Da trat er heran und legte ihr die Hand
auf die Achsel. Judith, wir wollen noch den Abendsegen lesen. Ich
znde die Lampe an, Judith.

Aber als er mit der Lampe kam, da sah er, da sie keines Abendsegens
mehr bedurfte. Sie war schon zur Ruhe gegangen. Sie war so mde gewesen.

Da setzte sich Meister Nssel still neben sie. Jetzt war er ganz
allein. Aber er wute schon, da er das nicht lange bleibe. Er hatte
auch nicht mehr weit bis zum letzten Abendsegen.

       *       *       *       *       *

Und wieder ein Abend.

Da hatten sie in alter Weise auf den Turm steigen und zu Frau Judiths
Fen sitzen und Mrchen hren wollen. Wie in Kindertagen hatten sie
tun wollen. Aber sie waren keine Kinder mehr.

Es war aber doch etwas wie aus einem Mrchen, was sie heute erlebten.

Frau Judith, die so wunderbare Dinge gesehen, gehrt und erlebt hatte,
die mute ja freilich auch anders zu Grabe gehen, als andere Leute.

Hatte sie nicht prophezeit, da sie einst in der vollen Flut des
Mondlichts durch die Luft schwimmen werde, breit und sicher und ohne
viel Gerusch? Es war eine weiche, schimmernde, warme Julinacht.

Unten, dem Turm gegenber, an eine Mauer gelehnt, standen die beiden
jungen Menschenkinder, Gertrud und Georg. Sie hielten sich an den
Hnden gefat und sahen stumm in die Hhe. Der Vollmond stand hoch
am Himmel und leuchtete seiner alten Freundin, die er so oft da oben
besucht hatte. Nun kam sie auf die ebene Erde herunter zu den andern.
Sie wollten sie in die weie Friedhofskapelle tragen und taten es bei
Nacht, der Leute wegen. Frau Judith durfte nicht im Tod ein Schauspiel
geben; das hatte sie im Leben nie getan.

Der riesige Turm ragte hoch auf; er schien bei Nacht noch massiger und
schwerer zu sein als bei Tag. Das bluliche, unsichere Licht hllte ihn
ein und schien durch die Luken, hinter denen die Glocken hingen, und
glnzte in den Fensterscheiben des Kirchenschiffs.

Da kam es von oben her, schwarz und schwer, und senkte sich langsam
nieder, langsam, langsam.

Die beiden hielten den Atem an und rckten nher an einander. Die Hnde
faten sich fester. So waren sie nicht allein dem unbegreiflichen Etwas
gegenber, das da herniederkam.

Das stie nun auf dem Pflaster auf. Es gab einen dumpfen Ton. Da stand
es still, gro, schwer und unbeweglich. Wie ein dunkles Schicksal stand
es da. Das war der Sarg. Ein stummes, stummes Ding. Ein schwarzes
Tuch lag darauf, es warf einen langen, schrgen Schatten auf die
mondbeglnzte Gasse. Die hellen, starken Seile, die darum geschlungen
waren, zogen gerade, feste Striche durch die Luft, von der Hhe des
Turmes bis hierher.

Ein paar Gestalten kamen aus dem Turmeingang hervor. Sie sprachen
einiges mit gedmpfter Stimme, lsten die Seile ab und hoben den Sarg
auf eine Bahre. Dann gingen sie mit der stummen Last davon, man hrte
ihre Tritte hallen durch die Nacht.

Droben in der Turmstube flimmerte ein Lichtlein; irgend jemand beugte
sich zum Fenster heraus; dann wurden die Seile hinaufgezogen und die
Gasse lag still, wie zuvor. Sie atmeten tief auf. Ihre Hnde lsten
sich auseinander. Das war ein groes, helles Stck ihrer Jugend
gewesen, was hier davongegangen war. Das war nun vorbei. Selige Kinder
waren sie da droben gewesen. War nun niemand mehr, der ihnen das
Paradies der Kindheit htete, da sie es finden konnten, so oft sie
kamen? Morgen ging Georg wieder nach Tbingen, gleich nach Frau Judiths
Begrbnis.

Wenn ich wiederkomme, erzhlt mir kein Mensch mehr Mrchen. Er sagte
es mit unsicherer Stimme; es war ihm nicht um die Mrchen zuerst und
allein. Er war ja nun Kandidat, er wollte im nchsten Jahr das Examen
machen, er war wohl zu alt fr solche Kindereien. Er hatte andere
Dinge zu bedenken. Nur, er war ein Trumer. Er verga manchmal all das
andere und war wieder der kleine Bub, dem der liebe Gott hoch oben ber
der Turmspitze sa und das Ganze berschaute und in dessen Welt es
wunderbar genug zuging.

Gertrud schien das in der Ordnung zu finden. Sie wandte sich zu ihm
hin. Er sah, da sie Trnen in den Augen hatte, sie flimmerten im
Mondlicht. Doch, sagte sie und zwang sich zum Lcheln und sah ihn
mtterlich an, so jung sie war. Doch, das tu' ich. Ich habe sie alle
in mir drin.

       *       *       *       *       *

Marie, die junge Magd aus dem Weiler Hinkelsbach, die sich so gut aufs
Brotbacken verstand und so mitrauisch gegen das Bcherwesen war, die
erlebte zu dieser Stunde, in dieser warmen, dftereichen Sommernacht,
ganz hinten im Rektorgarten, da, wo er an den Stadtgraben anstt,
auch etwas Mrchenhaftes. Es ist bis jetzt nicht aufgeklrt, was der
Seiler Andres Hagenbach, der auf der andern Seite des Stadtgrabens
seine Seilerbahn hatte, zu so spter Stunde noch dort nachzusehen
hatte; und Marie, die noch von der Rektorin Cabisius zu einer regsamen,
umsichtigen Magd erzogen war, htte gleichfalls nicht ntig gehabt,
noch bei Mondschein im allerletzten Beet Salat zu schneiden. Der Rektor
sagte spter in der Hochzeitstischrede, die er den Zweien hielt, die
beiden Herzen seien wohl damals schon unsichtbar an einander angeseilt
gewesen und solche Seile htten, das wisse er noch von seiner eigenen
Jugend her, eine merkwrdige Zugkraft.

Tatsache war, da Marie von dem Salatbeet weg, anstatt den langen,
geraden Hauptweg nach dem Haus einzuschlagen, nach dem Baumgarten zu
ging, sie, die sonst weder fr Mondschein noch fr einsame Gnge etwas
brig hatte. Und Tatsache war, da, als Georg und Gertrud nach Hause
kamen -- sie hatten den Schlssel zum hinteren Gartenpfrtchen bei
sich und schritten still und wie im Traum durch den Garten, -- da
sich dort unter den Bumen eine dunkle Gruppe bewegte, flsternd und,
ja nun kam ein zarter Laut, wie ein Ku, dann noch einer, dann ging
jemand fort. Es raschelte und knackte in dem trockenen Stadtgraben,
und dann kam Marie unter den Bumen hervor und sagte, als sie der
beiden ansichtig wurde, halb trotzig und halb bermtig: Er ist mein
Schatz. Er will mich. Vorhin hat er's gesagt. Ich hab's aber schon lang
gewut. So was merkt man doch. Sie war so erregt, da ihre Augen,
sowohl das gerade, als das, mit welchem sie ein wenig schielte, Blitze
schossen, Jubelblitze, wenn man so sagen will. Morgen kommt er, sagte
sie. Vornen zur Haustr herein bei Tag. So will ich's. Er soll's zum
Herrn sagen, die Frau ist meine Patin gewesen. Dann ging sie vor den
Beiden her mit flinken Schritten ins Haus. Auf ihrer vollen, runden,
beweglichen Gestalt und auf ihrem krausen Haar lag das Mondlicht. Er
will mich, sagte jede Bewegung, er hat gesagt, ich sei ihm grad
recht, er mchte kein Hrchen anders haben an dem ganzen Mdchen.

Am andern Morgen sah der Rektor, als er seinen Frhspaziergang unter
den Bumen machte, sowohl die abgeschnittenen Salatkpfe als auch das
Messer und das kupferne Salatbecken unter dem Sapfelbaum liegen, der
seine uersten ste noch ber den Stadtgraben hin streckte. Da blieb
er stehen und lchelte. Er hatte sich vorhin in der Kche seine Pfeife
angezndet, und er besa Mariens Vertrauen.

       *       *       *       *       *

In des Rektors Studierstube brannte heut weder Feuer noch Lampe. Die
guten Geister und Geisterchen dieses Raumes muten im Mondschein
spucken, und das war ihnen ganz gelegen. Aus allen Ecken kamen sie
hervor, tanzten auf dem silbernen Teppich, den das Mondlicht auf
den Stubenboden wob, ritten auf den Wlkchen, die der Rektor seiner
allerlngsten Pfeife entsteigen lie, trieben allerlei Allfanzereien
mit den Bchern in den groen Stndern und den Bildern an der Wand und
unterhielten sich mit dem alten Mann, der da sa und auf die Jugend
wartete.

So, da kommt ihr?, sagte der Rektor. Nun lat euch nieder, wir
wollen noch eine Weile beisammen sein. Ach, du Kind.

Denn Gertrud hatte sich einen Schemel geholt und nun sa sie neben
ihm und legte die Hnde um die Kniee und den braunen Kopf gegen des
Grovaters Arm.

Georg sa auf der Truhe.

Hier bin ich daheim, sagte er. Er streckte die langen Beine weit von
sich und lehnte sich an die Wand.

Bei uns drben bin ich's nicht, je lnger, je weniger.

Franz ist mein Bruder und nur zwei Jahre lter als ich. Aber wir wissen
nur wenig miteinander anzufangen. Es gibt nichts Verschiedeneres,
als uns beide. Jetzt hat er noch seine Frau dazu; es ist, als ob er
nun vier Augen habe, um alles zu sehen, was ich -- nicht sehe, und
vier Fe, um breit und kecklich und sicher mitten im hellen Tag
zu stehen. Es gibt nichts Verschiedeneres als uns beide, und gibt
nichts Verschiedeneres, als das ganze Haus Ehrensperger und mich. Sie
sind praktisch, ich bin unpraktisch, sie sind fr das Nahrhafte und
Gedeihliche, immer nchtern, klar und fertig: so ist's -- und so wird's
-- und damit gut. Du bist ein Sinnierer, sagen sie, und Sinnieren
trgt nichts ein.

Er war ein bichen kleinlaut.

Sie haben gewi ein Recht, so zu sein, wie sie sind. Aber kann ich
aus meiner Haut heraus? Ich kann nicht mit ihnen laut und lebhaft
sein; wenn sie lachen, finde ich nichts daran, und wenn ich versuche,
mitzutun, so gelingt es eine kurze Weile, mehr nicht. Es ist, als ob
wir in zwei Welten lebten.

Sie verstehen die meinige nicht und ich die ihrige nicht.

Ja, jetzt durften sie ihn nicht stren. Sie wuten es, da er jetzt den
Sack, von dem er gesagt hatte, ausleere bis auf den Grund. Sie nickten
ihm nur zu, ermutigend: sprich nur, du kannst alles sagen.

'Du, Pfarrer,' sagte Franz heut zu mir, (er sagt immer schon 'Pfarrer',
obgleich kein Mensch wei, ob es jemals so weit kommt), du, Pfarrer,
du trgst so ein zugeschlossenes Gesicht herum. Ich kann dir aber
sagen, so duckmusig sind nicht alle Studenten. Fritz Hornstein, der
studiert doch auch auf den Geistlichen, der kam an Ostern heim und
besuchte alle Bekannten. Und wohin er kam, da gab es lustigen Lrm
und Lachen. Er kam auch zu uns und drang bis in die Backstube vor. Da
machte er einen Gaul aus Milchbrotteig, mit vier bocksteifen Fen. Den
muten wir ihm backen und dann nahm er ihn mit sich nach Tbingen. Er
wolle ihn jemand verehren, sagte er. Ist der lustig, warum bist du es
nicht? Du mut doch nicht Hunger leiden.

Und alle stimmten bei: Du mut doch nicht Hunger leiden. Sie meinen es
gut auf ihre Art. Sie sind nur anders als ich, das ist alles.

Die Schwgerin -- Jungfer Liese ist begeistert von ihr, aber sie
frchtet sie, glaub ich, in aller Stille ein wenig, -- sagt, da Franz
noch eine Weinwirtschaft einrichten solle. In unsern Stuben, Gertrud.
Weit du, wo die Gitterbettchen standen und das Himmelbett mit den
roten Vorhngen. Franz ist nicht bel einig damit. Der Vater auch.

Er machte einen Versuch, zu scherzen, aber es gelang ihm nicht recht.
Ich glaube, ich bin eiferschtig. Franz und der Vater sind die besten
Freunde. Der Vater liest tglich drei Zeitungen. Aber ich verstehe
nicht viel von Politik, und das wenige sieht bei mir anders aus als
bei ihm. Da beredet er alles mit Franz, und sie streiten sich wacker
herum, haben groe Mostglser auf dem Tisch und schlagen mit der Faust
dazwischen. Die besten Freunde sind sie.

Ich aber sitze stumm daneben.

Und dann gehe ich in der Verzweiflung ans Klavier. Das ist immer noch
meine Zuflucht.

'Das ist recht, Pfarrer,' sagte Franz, als ich es heut ffnete. Und
Jungfer Liese ging gleich ans Fenster und machte einen Flgel auf,
damit die Nachbarschaft auch ihren Teil bekme.

'Spiel' etwas Eigenes,' sagte Franz, 'spiel' etwas, das du selbst
gemacht hast.'

Da lie ich mich verleiten. Ihr wit, es ist mir hie und da etwas
eingefallen im letzten Jahr. Ich htte es ihnen nicht vorspielen
sollen. Ich htte wissen knnen, da es nicht zu ihnen redet. Aber es
war ein starker Wunsch in mir, etwas mit ihnen zu teilen, das mich
angeht. Ja, vielleicht war auch ein wenig Grotuerei dabei, das kann
ich nicht sicher sagen.

Denn Gertrud hatte ihm so einen Blick zugeworfen, der etwas hnliches
andeuten mochte.

Er tat einen langen Atemzug. Es ist mir nicht gut gegangen damit.

Ihr wit, als Fritz Bauer beim Baden ertrank, -- ihr kennt ihn, er war
so ein lebensvoller, frischer Mensch, Neuphilolog, mein Bundesbruder,
da habe ich etwas komponiert, eine Totenklage, wenn ihr wollt. Ich
habe die Musik in mir gehrt, eine ganze Nacht lang; ich stand um vier
Uhr auf und sa den ganzen Vormittag daran und es gelang mir, sie
festzuhalten. Ich habe sie in der Verbindung vorgespielt, als wir die
Trauerfeier hielten. Ich habe den Eindruck, als ob einige gefunden
htten, da etwas daran sei.

Also, das spielte ich heute vor und vertiefte mich ganz darein und
meinte, sie alle mit mir zu fhren in die Stimmung: da solch ein
junges Leben so jh endigen msse. Jetzt noch heiter und krftig
und voll Frohmut, und junge Genossen dabei, und sonnige Ufer und
pltschernde Fluwellen, -- und dann der starre Tod, der ihn in die
Tiefe zog. Das htt' ich alles mit Worten nicht so sagen knnen,
aber ich meinte, sie sollten es mit mir hren in den Tnen, die ich
anschlug. Aber als ich fertig war und mich nach ihnen umwandte, da
blieben sie alle still und sahen einander verdutzt an. Es war nicht das
beredte Schweigen, das einem so viel sagt, es war das lhmende, tote
Schweigen, bei dem nichts herber und hinber geht.

Und nach einer Weile fing Franz an zu ghnen und sagte: 'Also das
wr's, so, so. Du, jetzt, jetzt spielst du noch etwas anderes. Jetzt
spielst du noch den Radetzkymarsch. Was, den kannst du nicht? Na, mach'
kein Gesicht. Ich glaube, ich kann ihn, wenn auch nur mit drei Fingern.
La mich einmal heran.'

Und die Schwgerin sagte: 'Ach ja, Franz, den Radetzkymarsch.' Den
hatte sie mit ihm gehrt, als sie miteinander in Stuttgart bei der
Wachtparade waren.

Und er spielte ihn, und der Vater taktierte mit dem Kopf und versuchte,
mitzupfeifen. Jungfer Liese sah mich vorwurfsvoll an: Siehst du? Der
Franz. Er hat nicht studiert und kann es doch. Das ist einer, der
Franz.

Da kam es ber mich, da ich aufsprang und den Deckel zuschlug und noch
die Tr zuwarf, da es knallte und in den Garten ging.

Nachher schmte ich mich und ging noch einmal hinein. Da waren sie ganz
harmlos und freundlich und Jungfer Liese sagte, ich msse neue Hemden
haben und wir sprachen eingehend ber die Hemden.

Aber davon wurde es nicht anders. Sie sind fremd in meiner Welt,
und ich bin fremd in der ihrigen. Und es fhrt kein Weg herber und
hinber. Ich hnge an ihnen; ihr wit es. Und das ist mein Kummer, da
ich anders sein mu meinem Wesen nach. Es ist nicht nur mein Studium,
es ist mein Wesen.

Das kenn' ich besser, als du denkst, sagte der Rektor in seiner
verstehenden, linden Art.

Das kenn' ich aus der Zeit, als ich, selber noch jung und meines
Wesens ungewi, mit Schmerzen sehen mute, da ich anders sei als die,
zu denen mich Geburt und Kindheitsgenossenschaft gestellt hatte und zu
denen auch mein wachsendes Ich noch drngte. Ich wei, wie das ist, was
du heut erlebtest. Ich habe es auch erlebt.

Georg sah auf. Die alten Augen lagen liebend auf ihm und es wallte warm
in ihm empor.

Er war also auch nicht immer ein so harmonischer, klarer Mensch
gewesen? Er hatte auch seine Art durch Schmerzen und Zweifel hindurch
tragen mssen? Und war doch solch ein Mann geworden. Dann -- dann
verlohnte es sich also, da man es versuchte, mit sich selber zu
hausen, wie man nun einmal war? Da man versuchte, auch aus seiner Art
etwas Rechtes zu machen?

Gertrud nickte ihm zu. Hatte sie seine Gedanken verstanden? Franz ist
Franz und du bist du. La dich's nicht so sehr anfechten. Das kommt
vielleicht noch, spter. Siehst du, bei dir ist noch nicht alles so
klar und fertig. Sie sind schon, was sie werden mssen, du nicht. Es
geht noch so vielerlei hin und her in dir, nicht, du?

Ach ja, das tat es freilich. Bis zum berlaufen voll war er davon.
Er hatte ja heute mit ihnen davon reden wollen. Je nher das Examen
kam, je mehr frchtete er sich davor. Nicht nur vor dem Examen selbst,
obgleich er auch dazu einige Ursache hatte; viel mehr vor dem Leben,
das darnach kam. Vor dem Amt. Wo war das knabenhaft ausgesponnene
Pfarrersideal hingekommen, das er eine Zeitlang gehabt hatte? Haus und
Garten auf dem Land, eine kleine, nette Dorfkirche, einfache, schlichte
Menschen, denen er alles Schne, Fromme, Ewige vermitteln durfte. Er
selbst -- ach, wir kennen ja Georg Ehrensperger, -- er hatte sich
bereits gesehen, wie er durch die Gassen schritt und alle kannte und
grte, und alle ihn. Und wie er an stillen Sommernachmittagen die
Kirche aufschlo und -- dann brauste die Orgel durch den Raum. Ganz
deutlich hatte er das gewut. Ach, wo war es hin? Je mehr er sich mit
den Wissenschaften auseinandersetzte, desto mehr zerflo ihm alles,
was er unter Christentum verstanden hatte. Was blieb ihm noch? Was war
das Ewige, das Frohe, Heilige, das er den Menschen bringen wollte? Er
hatte ihnen nichts zu geben. Er hatte selber keinen festen Besitz.
Was er hatte, das lag zu tiefst innen und sah kaum aus wie Religion.
Man konnte es nicht in Worte kleiden und nicht lehren. Es war ein
Verlangen, sich hinzugeben, sich brauchen zu lassen, etwas zu sein
fr die Menschen, und ein Verlangen darnach, an den Quell des Lebens
hinzudringen, der unter allem Sichtbaren seine Fluten hinschickt. Und
er wute es noch nicht, damals noch nicht, da er hundert Jahre lang zu
leben und zu predigen gehabt htte aus dem einen Verlangen seiner Seele
heraus: Gebt euch hin an Gott, gebt euch hin an die Menschen. Allen
Glauben und alle Liebe konnte man da hineinfassen. Aber er verstand
sich selbst noch nicht.

Arm und unklar kam er sich vor. Was sollte ein solcher wie er ins Amt
treten? Er konnte ber diese Dinge nicht mit den Genossen reden, er war
zu scheu, sie in sich hineinsehen zu lassen. Und er konnte sich auch
nicht bei den Professoren Rats erholen, wie manche taten.

Und immer fter kam die Angst ber ihn: Wo hinaus mit mir? wenn nun
die Zeit da ist, was dann?

Zweierlei war, an dem er sie hie und da verga.

Lore. Wenn er bei ihr war und sie sah, so blhenden Lebens voll, dann
kam es ber ihn, wie von frischer Mrzluft angeblasen, da das Leben
denn doch nicht nur eine Sache des Nachdenkens sei, und da Jugend und
Schnheit auch gute Gaben seien. Wenn er sie gut antraf, so scherzte
sie ihm die schweren Gedanken hinweg: Ach du, du nimmst alles so
schrecklich ernst. Weit du, was gut ist gegen das Traurigsein?
Frohsein, du. Dergestalt rief sie ihm nach auen.

Nach innen rief ihn die Musik. Ans Klavier trug er die Unruhe, die ihm
die Wissenschaft machte. Die Musiker, das schienen ihm die wahren
Propheten und Lehrer zu sein von dem allerinnerlichsten, das es gab.
Sie konnten trsten, froh machen, die Herzen erheben. Sie konnten der
Seele auf den Grund leuchten und alles Gute mit Namen rufen, da es
lebte, und alles Niedrige erschttern.

Aber das konnte ihn nichts helfen, da er das wute. Er mute selber
etwas zu geben haben, etwas Eigenes. Es wollte etwas in ihm leben, und
suchte eine Sprache; da horchte er und suchte sie zu finden.

Die Bcher und Kollegien kamen nicht gut weg dabei.

Denn je lnger er Musik machte, desto klter wehte es ihn aus den
Bchern an. Ja, freilich -- er durfte es sich nicht verhehlen, es waren
nicht immer gerade die reinsten Triebe, die ihn ans Klavier zogen. Er
mute es sich gestehen, zuweilen floh er nur dahin vor den langweiligen
Pflichten, zuweilen war es reine Zerstreutheit, da er da sa und
spielte. Gertrud kannte ihn wohl, als sie sagte: Es geht noch so
vielerlei hin und her in dir.

Von dem allem hatte er heut reden wollen. Er hatte es sich fest
vorgenommen. Aber die friedlichen Geister dieser Stube lsten so manche
Unruhe, noch ehe sie in Worten an die Oberflche kam. Mute denn alles
gesagt sein? Es war so wohltuend, eine Weile still dazusitzen. Die
beiden verstanden ihn auch so, das wute er. Hier bin ich daheim, das
macht es. Und als er sich dessen aufs neue versichert hatte, da wuchs
ein neuer Mut in Georg. Warum sollte ich's im Ehrenspergerhaus nicht
auch sein knnen? Es ist nicht so leicht, aber es mu doch zu machen
sein. Ich will mich morgen mit Franz und dem Vater an den Vespertisch
setzen und -- ja, und will ihnen von mir erzhlen. Ich will es so
einfach tun, als ich kann. Ich will nicht fremd werden in meinem
Vaterhause.

Als er das beschlossen hatte, sah er froher aus, als zuvor.

In die Stille hinein sagte der Rektor: Man mu auch nicht mit Gewalt
verstanden sein wollen. Man mu zuweilen den Mut fassen, sich in sich
selbst zu bergen, bis etwas Sicheres und Gewordenes von innen heraus
kommt. Das wirft uns dann kein Kaltsinn und kein Miverstehen um.
Aber freilich, -- er lchelte und sah die beiden jungen, horchenden
Gesichter an, -- das Wartenknnen, auf sich selbst und auf andere, das
will auch erst gelernt sein.

Siehst du, Georg, ich habe einst gemeint, ich sei ein Dichter, weil
alles Geschaffene in einer eigenen Schnheit und stillen Sprache zu
mir redete. Und manchmal fand ich auch das Wort, es wieder zu sagen.
Da sammelte ich nach und nach einen kleinen, heimlichen Schatz von
Gedichten, gereimten und ungereimten an. Sie waren zum Teil mangelhaft
in der Form, ich wei es. Es war oft ein Stammeln von einer innerlichen
Welt, fr die ich des klaren Ausdrucks nicht mchtig war. Aber sie
waren ein Teil von mir und waren mir teuer.

Da lie ich mich einmal in einer aufgeschlossenen, warmen Stunde
hinreien und zeigte sie meinem Bruder. Der war Arzt, ein frischer,
heiterer, allgemein beliebter Mensch, und ich liebte ihn mehr, als
er wute. Zuweilen aber kam es mich an, da ich in meiner heimlichen
Gedankenwelt von ihm verstanden sein wollte. Dann ging es mir wie
jenem, der alles wollte und nichts bekam.

Er sah hinein, las wohl auch in den Blttern. Am andern Tag gab er
mir sie wieder: 'nett, zum Teil ganz nett. Ein bichen versonnen.'
Er lachte und gab mir einen Schlag auf die Achsel: Du bist immer ein
Sinnierer gewesen, Joachim.

Siehst du nun, da ich wei, wie es ist, Georg?

Er konnte wohl nicht anders; er sagte, wie es ihm ums Herz war. Aber
mir war das leichthin geredete Wort wie ein Schlag ins Gesicht. -- Das
war alles? Da kam wieder so leer zurck, was ich aus mir heraus gegeben
hatte und ich stand da und schmte mich, da ich meine Seele so nackt
hatte sehen lassen, und htte sagen mgen: gib's wieder zurck, mach's
ungeschehen, da du mich gesehen hast. Und dann zog ich mich in mich
selbst zurck, so weit ich nur konnte.

Der Rektor lie ein paar groe Rauchwolken steigen, die bildeten im
Mondlicht einen schmalen hellen Streifen wie eine Brcke, darauf die
Gedanken des alten Mannes in seine Jugend zurckgingen.

Ja, heute versteh ich das alles; damals --, er sah es, da er mich
arm gelassen hatte. Und er meinte, ich habe mehr Lob erwartet und sei
nun verschnupft, da es mager ausgefallen sei, und erklrte mir, -- er
klopfte mir nochmals dazu auf die Achsel, da ja wirklich ganz nette
Sachen darunter seien, aber da es ja natrlich viel bedeutendere Leute
gebe und da ich nicht erwarten drfe, mit ihnen zusammengestellt zu
werden.

Da packte ich mein Bchlein wieder ein. Nein, das hatte ich nicht
erwartet. Etwas anderes. Was denn?

Ach, einen aufblitzenden Funken, der von seiner Seele zu meiner
sprnge, es htte kaum ein Wort gebraucht, es htt's ein Blick getan,
ein Hndedruck, oder auch ein Schweigen.

Da hast du recht, Georg, es gibt ein beredtes Schweigen. Georg sa
und horchte. Den Kopf lehnte er an die Wand und die langen Beine
streckte er weit in die Stube hinein. Die Uhr tickte friedlich und
gelassen: still -- still -- still -- still. Bis die Stille redete. Ach
wie friedlich war es hier.

Es war keine Unterbrechung dieser Stille, als der Rektor wieder anfing:
Das ist's, was wir suchen und begehren: Gemeinschaft, Verstehen, nicht
Lob. Ein Wort, das unserem verborgenen Leben eine Erlsung gibt, eine
Befreiung. Aber wir drfen das Wort von keinem verlangen. Es mu ber
uns kommen, wie ein Wunder. Es mu von einer verstehenden, liebenden
Seele kommen. Und wir drfen zu niemand sagen: sei du mir das, ich
bitte dich.

Aber wie wir still hingehen und es tragen, da wir einsam sind unter
denen, von denen wir geliebt sein mchten, wchst eine Macht in uns,
selber zu lieben und zu verstehen. Die den Armen das Evangelium
verknden wollen in irgend einer Weise, die mssen selber arm gewesen
sein, arm in sich selbst vor allem.

Ich wei das auch, Georg.

Ja, dachte Gertrud, und ihre Augen gingen zwischen dem alten und dem
jungen Haupt hin und her, aber manchmal begegnet uns doch auf diesem
stillen Wege, von dem du sagst, ein Mensch, der die gleiche Sprache
spricht oder doch die unsere in sich widerhallen lt. Und dann geht
ein Gren von Seele zu Seele: Du Bruder, o du Bruder.

Aber sie sagte es nicht laut.

Es ging etwas Neues durch sie hindurch, etwas, das sie nicht benennen
konnte. Das verschlo ihr den Mund.

So, nun wollen wir zu Bett gehen.

Der Rektor lehnte seine Pfeife an die Wand.

So beht dich Gott, Georg. Glck auf den Weg. Es gibt jetzt harte
Bretter zu bohren, ich wei es. Es ist ein enges Tor, das Examen. Aber
dahinter ist das Leben. Du mut dich nicht frchten; es ist nirgends
etwas zu frchten. Die Sonne steht ber allen Wolken, und Gott ber
allen Sonnen. Ich bin kein Dichter geworden, Georg. Du weit es. Aber
es ist dennoch eine Harmonie durch mein Leben hindurchgegangen; es
hat sich dennoch gereimt. Ich habe nie aufgehrt, die Rufe aus den
Menschenherzen und aus den Kinderherzen vor allen, und aus dem Leben
ringsumher zu vernehmen und zu verstehen. Das darf ich jetzt sagen. Es
wird sich bei dir auch reimen, da habe ich keine Sorge.

Ja, er hatte keine. So fest berzeugt war Georg nicht davon. Er hatte
starke Zweifel in dieser Hinsicht. Er sah etwas unsicher nach der Ecke,
in der sonst die Rektorin sa. Er vermite noch ihre Ermahnung: Du
mut dich zusammennehmen, mein Sohn. Und so weiter.

Heute ermahnte ihn niemand. Er mute es selbst tun, wenn es geschehen
sollte.

Da zog er seine langen Beine an sich und stand auf.

Gertrud leuchtete ihm die Treppe hinunter und stellte, als sie unten
waren, das Lmpchen in die steinerne Wandnische im Haushrn.

Ich lasse dich zur hinteren Gartentr hinaus. So weit gehe ich noch
mit dir.

Das tat sie meistens. Es war nichts besonderes, da sie es heute tat.
Aber es war ihr anders zu Mut, als sonst. Sie htte ihm so gern noch
etwas gesagt. Er sah so zwiespltig aus, so unsicher.

Ach, sag mir alles, was dich unruhig macht. So wie sonst. La mich an
allem teilhaben.

Aber sie dachte es nur, sie sagte es nicht.

       *       *       *       *       *

Es war eine wundersame Nacht. Eine rechte, echte Sommernacht, voll
von schwerem Duft der Rosen und des Jasmin. Es war, als ob das Leben
nur leise schliefe und sich hie und da im Schlafe bewegte. Ein
Rotschwnzchen stie einen leisen, zirpenden Laut aus, als Gertruds
Kleid an der Hecke streifte, in der sein Nest war. Von dem sogenannten
Feuersee, einem grn berwachsenen Wasserbecken, das drauen zwischen
den Krautgrten lag, scholl das berlaute Quaken der Frsche, im Grase
zirpten die Grillen, die Bume rhrten sich im leichten Nachtwind wie
im Traum. Am Himmel hielt der liebe Gott das silberne Licht der Nacht
in seiner ausgestreckten Hand und leuchtete damit ber seine Welt hin.
Er hatte gesehen, wie Marie vor einer Stunde ihr glckliches Herz ins
Haus getragen hatte, und nun sah er, wie Gertrud schweigend dahinging,
sah, wie sie sich im Heben und Dehnen der Brust erst Raum schaffen
mute zu gelassenem Leben und Atmen.

Sie streifte ihren jungen Genossen mit einem erwachenden Blick, so, als
sei sie seither in Trumen gegangen und es fiele ihr nun auf einmal
ein, was Wirklichkeit sei und was Traum. Und als sie ihn so ansah, wie
er gro und schlank neben ihr ging und ein feines Gesicht hatte, in dem
alle guten Geister wohnten, da kam es wie etwas Neues ber sie, wie
etwas Schnes, Groes, das sie seither unbewut mit sich herumgetragen
hatte und das nun die Augen aufschlug: Da sie beide in ihrer frischen
Jugend miteinander durch den Garten gingen, und da ihr Sein und Werden
so miteinander fortgehen msse, durch Nacht und Tag hindurch und durch
die ganze Welt. Wie eine helle, weie Strae lag das Leben vor ihr,
und auf der Strae gingen Gertrud Cabisius und Georg Ehrensperger, in
gleichem Schritt und Tritt und hielten sich an den Hnden gefat und
sahen eins nach dem andern. Da strmte etwas Starkes durch ihre Adern,
und drang ihr bis ans Herz. Sie schauerte leise in sich zusammen. Sie
verstand sich nicht recht. Sie htte es ihm sagen mgen, der da neben
ihr ging, aber statt dessen lste sie ihren Arm, der bisher in groer
Selbstverstndlichkeit auf dem des Jugendfreundes gelegen war, und
wandte sich ab und beugte den braunen Kopf ber einen Rosenstrauch, der
in voller Blte stand. Eine volle, duftende, rote Rose drckte sie an
den Mund. Da drang ihr die Khle der Blumenbltter snftigend in das
wallende Blut.

Was tust du, Gertrud? fragte Georg. Willst du die Welt umarmen?

Aber sie gab keine Antwort. Sie bot ihm nur abschiednehmend die Hand.
Gute Nacht, Georg.

Gute Nacht, Gertrud. Er zgerte noch einen Augenblick. Wollte er auch
noch etwas sagen? Dann ging er in die Nacht hinaus. Das Pfrtchen fiel
hinter ihm zu. Gertrud hrte seine Schritte verhallen.

Dann, im Hineingehen horchte sie auf Mariens Singen, das aus der Kche
kam. Dort sa sie nun an dem weigefegten Tisch und nhte und sang dazu.

Noch so fleiig, Marie?

Ja, sie lachte. Ich mu mich dran halten. Wenn man heiraten will.
Die Unruhe des Glcks war ihr in die fleiigen Finger gefahren. Da
wurden sie noch fleiiger.

Gertrud erschrak.

Jaso. Dann willst du uns verlassen?

An diese Seite der Sache hatte sie noch nicht gedacht.

Natrlich. Was hatte das Mdchen fr bermtige braune Augen. Sie
hatte bloe Arme bis ber die Ellbogen. Die reckte sie und machte
eine zugreifende Bewegung mit beiden Hnden, als ob sie sogleich ans
Einrichten zu gehen gedenke. Natrlich. Es ist mir -- ach nein, sie
konnte nicht sagen, da es ihr leid sei, hier wegzugehen. Es kam nichts
dagegen in Betracht, nichts.

Im Sptherbst wollen wir heiraten.

Schon?

Ja, das ist alles ausgemacht.

Alles heut Abend da hinten unter dem Baum?

Ja. Nun mssen Sie auch bald --. Marie lachte.

Sie durfte sich schon etwas erlauben.

Gute Nacht, Marie.

Gertrud stieg die Treppe hinauf. Aber in halber Hhe blieb sie stehen
und hrte ihr Herz schlagen. Was war dies fr eine Nacht. Es wendete
sich alles um und um. Es sah alles anders aus als vordem.




                    Achtes Kapitel


Die Wiblinger Stadtgemeinde war nicht mehr so ganz berzeugt von ihrer
Sicherheit, seit Meister Nssel allein auf dem Turm wohnte. Er war
doch allmhlich ein hinflliger, alter Mann geworden. Man konnte nicht
wissen, was nchtlicherweile unten in der Stadt geschah, wann der
Schlaf zu ihm kam, oder wann sein sehnliches Gemt hinter den Gedanken
drein ging, die in ferne Zeiten wanderten, in vergangene und knftige.
So wurde die Turmwchterstelle mit ihren dreihundertundfnfundsiebenzig
Mark Einknften nebst freier Wohnung und l fr die Laterne neu
ausgeschrieben und dem Flickschuster und seitherigen Fabriknachtwchter
Konrad Entenmann bertragen, dem Mann der heiteren, raschen, lebendigen
Frau Lieselotte, von der wir wissen, da sie einst von der Rektorin
Cabisius geschult und herangezogen worden war. Also blieb der Turm
sozusagen in der Freundschaft, wenigstens fr Gertrud, die nun schon
drei kleine Entenmnner ber den Taufstein gehalten hatte. Sie zog denn
auch hier oben mit ein; wenigstens brachte sie am Abend des Einzugstags
die drei Buben auf den Turm, die sie heut gehtet hatte und besah
sich das Wunder: wie in der einzigen Stube fr zwei groe und drei
kleine Menschen Platz geschaffen war. An Frau Judiths Fenster stand
der Schustertisch samt dem Schemel davor. Ob wohl in Zukunft auch so
wunderbare Dinge von hier aus zu erschauen sein wrden? Einmal, Frau
Lieselotte neigte nicht zum Geheimnisvollen, und -- nein, und ihr Mann
auch nicht. Nun zeigte sie ihr neues Reich, und sah es mit #ihren#
Augen: Die Kleiderksten habe ich auf den Glockenboden gestellt;
und drauen vor der Tr, siehst du, Gertrud, da habe ich so etwas wie
eine Kche eingerichtet, zwei Schritte lang und drei breit, neben der
Treppe. Ein Petroleumherdchen und ein Kchenkasten. Und oben, es geht
eine Hhnerleiter hinauf, hast du je den Verschlag gesehen? Das gibt
eine Schlafkammer fr die beiden greren Buben, wann sie zu lang
werden fr das Gitterbettchen. Sie drehte sich um und um. Ich mu
mich erst daran gewhnen, so hoch oben zu sein. Mann, du mut morgen
frh eine Gattertr an die Stiege machen. Handumkehr fllt einer von
den Buben hinunter. Buben, das sag' ich euch, wenn einer da ausrutscht
und fllt, sie schauderte und nahm den Jngsten auf den Arm und
drckte den zweiten an sich, dann, dann hau' ich euch, bis es genug
ist. Jawohl, ihr dummen Kinder, das geht hinunter, hinunter, kein
Mensch kann sagen, wie weit.

Sie hatten es nicht im Sinn; sie drngten sich um die Mutter und
guckten mit groen Augen das dunkle Treppchen hinunter. Eben war
der Vater gegangen, sechs Uhr zu luten. Bscht, seid still. Frau
Liselotte kam sich nun doch auch ein bichen wie etwas Regierendes
vor. Das war ihr Mann, der die Glocke ber die Stadt und das ganze Tal
hinrufen lie, und alle andern Menschen waren da unten und horchten.

Gute Nacht, Gertrud. Ich dank' dir schn. Gelt, du steigst auch wieder
da herauf, du weit ja den Weg.

Ja, den wute sie. Aber es war ihr, als ob sie nicht allzu oft kme.
Es war, als ob man aus einem schattigen Hain mit lockenden Pfaden und
rieselnden Quellen einen Kchengarten gemacht htte. Es war ein braver,
wackerer Kchengarten, es war gar nichts an ihm auszusetzen, als da
es eben der alte Hain nicht mehr war. Sie mute sich erst umgewhnen.
Der Mann lutete auch anders, als Meister Nssel, so schien es ihr.
Zu schnell und ein wenig unruhig. Als Gertrud an ihm vorbeiging, um
hinabzusteigen, sagte er, mitten unters Luten hinein: Jetzt heult
der Fabrikhund, mein alter Hilfsnachtwchter, zum Erbarmen. Immer beim
Luten heult er. Das kann er nicht ertragen. Bam, bam, fielen die Tne
dazwischen. Es ist sonst ein braves Tier, es tut ihm ahnd nach mir,
ich wei es. Bam, bam, bam.

Wenn das Georg gehrt htte! Gertrud stieg die Treppen hinunter.
Meister Nssel, der vollbrachte das Luten wie eine heilige Handlung.
Wie ein Priester oder ein Knstler. Ernst und still war er dabei und
niemand durfte ihn anreden und ein Ton glich dem andern und jeder war
ein Rufen nach den Menschenseelen.

Das wute Gertrud nicht, als sie rasch und unmutig zu sich selber
sagte: So lernts der Entenmann nie, er kann nicht so luten, weil er
nicht so #ist#, da Meister Nssel drauen in Hollermanns Htte, die
er gestern bezogen hatte, auch auf das Luten horchte. Und da er leise
sagte: Du wirst ihn lehren, wie du mich gelehrt hast. In Lieb' und
Leid, in Gemeinschaft und im Einsamsein, in Sehnsucht und Befriedigung,
in eigener Not und ber fremde Schmerzen hin habe ich die Glocken
gelutet. Da haben sie die Welt und mich gesegnet.

Er lchelte verstehend, als die hastigen, ungleichen Tne niederfielen.
Sie taten ihm nicht weh. Er wute wohl, da #sein# Werk getan sei,
und das der Glocken an ihm, und da das beides bei diesem Mann erst
anfange.

Stapfte da Frau Judiths Krcke?

Nein, es klopfte jemand mit dem Stock ans Fenster, und als er ffnete,
stand sein alter Freund, der Rektor drauen und streckte seinen weien
Kopf herein:

Komm Leonhard, es ist ein schner Abend und wir haben alle Freiheit,
zu feiern. Wir setzen uns aufs Bnkchen, hinten am Haus, gegen die
Felder hin. Hrst du die Amsel? Hrst du, wie sie fltet? Als ob
Hollermann in der Nhe wre. Aber ich glaube, das ist er auch. Nein,
wir wollen es nicht bereden. Wir setzen uns hin und horchen. Nachher
kommt das Kind, die Gertrud, und holt mich ab.

Da saen sie beisammen, bis die Abendschatten niedersanken. Der Rektor
hatte es wohl gewut, da ihn sein alter Schulkamerad heute brauche.
Aber sie sprachen nicht viel. Sie kannten einander allmhlich so gut,
da sie miteinander schweigen konnten. Es war ein warmer, schner
Abend im Juli. Es war gerade ein Jahr seit Frau Judiths Tod. Die
weie Kapelle schimmerte im letzten Abendstrahl. Hinten am Horizont
erglnzten weie Wolken mit purpurnen Sumen wie Gefilde der Seligen.

       *       *       *       *       *

Er nannte sie immer noch das Kind. Aber sie war kein Kind mehr. Sie war
schon lange wachen und regen Geistes gewesen und nun war das noch hinzu
gekommen, da sie sich selbst entdeckt hatte, wie sie jung und krftig
war und aufsteigenden Saft in sich hatte, wie ein starker, gesunder
Baum. Es hob ein Fragen in ihr an: wozu, fr wen? Und sie reckte die
Arme aus gegen das weite Leben und begehrte sich zu fllen mit groen,
schnen, reichen Gtern, und sah die Menschen, die rings um sie her
waren, und verlangte, warm und nah zu ihnen zu gehren. Auf dem Grunde
ihrer Seele aber war das andere: Das Du, das zu ihrem Ich gehrte.
Aber das mute noch schweigen. Das war immer da und sah sie mit groen
Augen an: Du, wenn wir einmal ganz beisammen sind, -- immer. -- Du,
ach, alles, was ich habe, das gebe ich dir. Du, du. Da fllte sie ein
groer, mchtiger Lebensdrang. Georg, sagte sie. Und dann schlo sie
die Augen und deckte noch die Hand darber. Still.

In dieser Zeit bat sie oft den Grovater, wenn sie mit ihm durch den
Garten ging oder bei der Lampe sa: Erzhl mir aus der Zeit, als du
jung warest. Als du die Gromutter kennen lerntest. Erzhl mir von
meiner Mutter, als sie zum erstenmal zu euch ins Haus kam.

Da lchelte er und lie dichte Rauchwolken steigen: Von deiner
Mutter? Ja, ich wei nichts neues mehr. Es ist mir, als wre es erst
krzlich gewesen. Sie war gleich zu Hause bei uns, sie hatte eine so
warme, sonnige Art. Sie konnte lachen, da die alten Stuben und Gnge
widerhallten, man mute mitlachen. Hier, in den Augenwinkeln, da sa
ihr der Schelm.

Er sah nachdenklich vor sich hin. Er sah wohl die lngst vergangenen
Gestalten vor sich aufsteigen?

Sie war das, was man anmutig nennt, sagte er. Dann sah er seine
Enkelin prfend an. Du gleichst ihr nicht; du gleichst deinem Vater.
Der war gro und breit wie du, und hatte so ernste, feste Zge und eine
hohe, breite Stirn wie du, -- ja und die Nase, die hast du auch von
ihm. Sie aber war klein und zierlich und hatte Grbchen im Gesicht,
eins in der linken Wange und eins im Kinn. Nein, du gleichst ihr nicht.

Er wute wohl nicht, da er zu einem jungen Mdchen sprach? Sie war ihm
im Lauf der Jahre so etwas wie ein Kamerad geworden. Er beredete alles
mit ihr, so, wie es Georg Ehrensperger auch tat. Und daneben war sie
ihm das Kind, das letzte, das ihm geblieben war.

Sie aber besah ihr Gesicht nachher in ihrer Stube im Spiegel und wurde
vor sich selber rot, da sie es tat.

Ach, das ist ja einerlei. Ich bin jung und gesund. Still. Ja, ich bin
ein wenig braun und eckig und ein wenig ernsthaft bin ich auch. Es
liegt nicht viel zu lachen vor. Aber das schadet nichts. Darum bin ich
doch -- ach, still. Und sie zwang ihre Gedanken zu ernsthafter Arbeit,
und senkte den braunen Kopf ber dicke, schwere Bcher, die redeten von
lngst vergangenen Zeiten und Vlkern und von vieler Weisheit alter
Tage, und manche von ihnen in lang verklungenen Sprachen.

Stieg zwischen den Blttern jener Wintertag auf, an dem sie ihre
Futapfen neben die ihres Kameraden gesetzt hatte: Ich werde ebenso
gro und stark und gescheit, wie du? Begehrte sie in gleichem Schritt
mit ihm zu gehen auch von Weitem? Oder hungerte sie nach dem Wissen
selbst? Es war wohl beides.

Das Lernen fllte sie ein wenig. Aber es war nicht genug. Und sie
ging in den Garten und schaffte sich mde und konnte doch nicht alle
ihre Kraft verbrauchen. Und holte sich Nachbarskinder und spielte mit
ihnen, aber sie konnte es nicht so recht; etwas Weiches, Lachendes
fehlte ihr, so stark und mtterlich ihr Herz empfand. Einmal brachte
ihr der Grovater einen Schler, den sollte sie auf das Gymnasium
vorbereiten. Das tat sie whrend dreier Frhlingsmonate und brannte
vor Eifer und ri den Buben mit sich und brachte ihn richtig dazu, da
er in der Stadt mit seinen Altersgenossen fortkam. Vorher war er ein
trger, unlebendiger Schlingel gewesen. Das Interesse, das hatte sie
ihm eingeflt. Aber nun war er fort. Und sie besuchte ihre Freundin,
das lahme Mdchen, das seine ganze Jugend auf einem Fleck versitzen
mute. Dort wurde sie mit leuchtenden Augen empfangen. Sie hatte
zuweilen Lust, ihren Kopf in dem Scho des stillen, feinen Mdchens zu
verstecken und zu klagen, da sie eine Unruhe in sich habe, ein Drngen
nach etwas Groem, das doch nirgends sei. Aber sie konnte es nicht.
Die Freundin empfing ja ihren Anteil vom Auenleben durch sie; ihr war
Gertrud Cabisius das Beste, Reichste, Klgste, das es gab. Sollte sie
etwas zu klagen haben?

Nein, Gertrud fuhr fort, ihr Bcher zu bringen und ihr zu erzhlen, was
der Tag so mit sich brachte und was sie nun wieder gelernt hatte und
sah die geduldigen, hingebenden Augen und die blassen, feinen Zge auf
sich gerichtet, und hrte, wie aus der Tiefe dieses leidenden Lebens
die Sehnsucht sprach, die auch fr sich ein Gengen begehrte. Und es
war ihr, als msse sie fr sich und fr die Freundin noch etwas finden,
etwas Groes, Neues, Fllendes.

Aber, dachte sie mitleidig, fr sie wird es doch nicht kommen. Sie
kann kein volles Menschenleben leben. Warum mu es Kranke geben und
Schwache?

Da fhlte sie, wie ihr das Blut frisch und warm durch die Adern
rann. Ach, es wrde schon alles kommen. Es war auch jetzt schn. Die
Hoffnung, die liebliche Mrchenerzhlerin, die winkte mit der weien
Hand: Du aber, du wirst das alles erleben, du bist lebenswillig und
lebenskrftig.

Ja, das war sie.

       *       *       *       *       *

Grovater, bist du noch da? Wir haben uns ganz verschwatzt. Du glaubst
nicht, was Veronika sich zusammendenkt, wenn sie so sitzt und nht.
Ich glaube, sie stattet sich Himmel und Erde auf ihre Weise aus. Du
solltest wieder einmal zu ihr gehen. Ich glaube, du bist ihr das
Hchste, was ein Mensch sein kann.

Gertrud lachte leise.

Ich streite es ihr nicht ab. Jetzt komm, jetzt mssen wir heim. Vllig
dunkel ist es geworden.

Da hatte er seine Freude an ihr, Freude und keine Sorge.

Sie aber ging neben ihm her und fate ihn nach Kinderweise an der Hand
und war doch lngst kein Kind mehr.

       *       *       *       *       *

Es gibt eine Geschichte von einem, der im Wachen viel Hunger zu leiden
hatte. Er hatte aber die Gabe, da er vom Essen trumen konnte, so oft
er wollte, und wenn ihm der Magen gar zu arg knurrte, so suchte er
wohl auch mitten im Tag irgend ein verschwiegenes Eckchen auf, um dort
in der Schnelligkeit ein kleines, bescheidenes Trumlein zu trumen,
nur so gegen den grbsten Hunger. Er konnte es freilich nie so weit
bringen, da er sich wirklich satt vorkam, das stand ihm noch aus;
indessen konnte er sich doch einbilden, nahe daran zu sein, und das war
immerhin etwas.

Er war aber ein besinnlicher Mensch und dachte sowohl ber sich
selbst als auch ber den Lauf der Welt fleiig nach, und als er seine
Augen bei den andern Menschen herum gehen lie, da fand er, da sie
alle irgend ein Eckchen hatten, in dem sie vom Essen und vom Sattsein
trumten, die einen so, die andern anders, und da der Hunger so
vielgestaltig auf Erden sei, als das Menschenschicksal selbst, und das
Sattwerden etwas Seltenes.

Franz Ehrensperger der Jngere, der schien nicht zu den Hungrigen zu
gehren und auch kein Trumer zu sein.

Aber darum hatte er doch auch einiges ausstehen, was ihm zum Sattsein
erforderlich war.

Als er sich ein Weib genommen hatte, da hatte er geglaubt, nun mit ihr
so recht ins helle, heitere, behagliche Leben zu treten. Er sah es
gern, da sie praktisch und sparsam und rhrig sei, aber so beraus
rhrig hatte er sie sich doch nicht gedacht, als sie sich nun in der
Folge zeigte. Er hatte groe Lust, ein wenig gemtlich zu sein, und hie
und da eine Weile vertraulich mit ihr zusammen zu sitzen und auch etwas
Gutes mit ihr zu essen, das sie ihm etwa aus Liebe gekocht htte, und
hatte groe Lust, fter einmal den Arm um ihre stattliche, krftige
Gestalt zu legen: Du, wir wollen wieder einmal ber Land fahren. Was
sagst du dazu? Wir sind jung; das ist man nur einmal. Wir wollen uns
des Lebens freuen.

Aber da kam er nicht so gut an.

Was ich dazu sage? Wir sind jung und mssen schaffen. La mich los.
Wenn man es zu etwas bringen will, mu man sich rhren. Da sah er
verdutzt drein.

Sie trieb Haus und Geschft um, da es eine Art hatte. Sie war nicht
schuld, wenn die Habe nicht wuchs, so lange sie am Ruder war. Sie
verschwendete nichts, weder Geld, noch Zeit, noch Zrtlichkeiten.
Sie hatten richtig eine Weinwirtschaft eingerichtet und die junge
Frau war eine umsichtige Wirtin und versorgte die Gste, ohne viele
Worte mit ihnen zu machen, und zog nur die Brauen zusammen, wenn der
Schwiegervater gar zu sehaft an einem der grnen Tische wurde, und
mehr noch, wenn Franz ihm hie und da ein bichen dauerhaft Gesellschaft
leistete.

Dann rief sie ihren Mann wohl hinaus und hatte dies und das ber
das Geschft mit ihm zu verhandeln, und trieb ihn durch ihre eigene
Geschftigkeit hin und her und er kam nicht recht zum Gemtlichsein.

Das war das erste, was ihn ein bichen hungrig lie und was er sich
anders ausgedacht hatte.

Dann kam eine Zeit, bald, da wnschte er sich einen Sohn und dachte
sich hie und da aus, wie das wrde, wenn wieder ein kleiner Franz da
sei, und wie dann die Frau wohl oder bel mehr ins Weiche, Mtterliche
hineinkommen msse, und wie sie miteinander vergngt sein wollten.

Sie aber hatte in dieser Zeit nur noch mehr den Trieb, zu schaffen,
zu treiben, zu sparen und auszuntzen, also da selbst Jungfer Liese
in einer Mischung von Bewunderung und leisem Unbehagen den Kopf
schttelte. -- Das war eine Frau. Die brachte es zu etwas. Aber
freilich, so beraus behaglich dabei zu sein war es nicht. -- Sie
durfte aber nichts dazu sagen, denn die junge Frau hatte ihr einst kurz
bedeutet, da sie alles, was die unteren Regionen betreffe, vollstndig
bernommen habe und auch gut versehen knne. (Mit Ausnahme, fgte sie
hinzu, der wenigen Tage, die sie dann im Bett zu liegen habe, wenn die
Zeit herankomme, da solle Jungfer Liese dann fr sie eintreten.)

Aber als die Nhterin in der Ladenstube sa und die letzten Stiche
an den kleinen Sachen tat, die so einfach als mglich angeschafft
worden waren, und die Wiege, die alte Wiege der Ehrenspergershne zum
Reparieren beim Schreiner war, da stieg die junge Frau eines Tages in
den Keller, weil sie neuerdings der Magd nicht recht trauen konnte,
und hatte es gewaltig eilig und stolperte ber eine Kartoffel, die auf
einer Stufe lag. Da glitt sie aus und strzte die ganze Stiege hinunter
und stand wieder auf und kam mit schmerzhaft verzogenem Gesicht herauf.
Am andern Tag wurde ein totes Mdchen geboren und die Mutter schwebte
in Lebensgefahr. Da konnte nun Jungfer Liese noch einmal ihr altes Amt
versehen und das neue einer Wirtin dazu.

Aber das dauerte nicht allzulange. Denn die junge Frau war berzeugt,
da alles den Krebsgang gehe, so lange sie hier liege und sich pflege,
und wollte es erzwingen, wieder selbst auf den Fen zu sein, und lie
sich weder durch des Doktors noch ihres Mannes Gebot lnger halten, als
sie es selbst fr unumgnglich ntig hielt. Da verdarb sie sich und
schleppte sich so hin, und lag bald auf dem Sofa, bleich und mager und
fast verblht, und war bald hinter dem Gesinde her mit scharfer Stimme
und scheuchenden Worten.

Sie wollte aber nicht nachgeben und zwang es auch wirklich, das
Hauswesen wieder in die Hand zu bekommen, obgleich sie erschpfter war,
als sie zeigen wollte und obgleich niemand bei diesem Regiment recht
aufatmen konnte; denn sie suchte mit Drngen und Treiben einzubringen,
was sie mit eigener Hand nicht mehr vollbrachte.

So kam es, da eh' ein Jahr vorbei war, seitdem die Flten und Geigen
der Hochzeit verstummt waren, aus der jungen, blonden Braut ein
reizbares, krnkelndes Weib mit scharfen Zgen und scharfem Wesen
geworden war, hinter dem die einen die Kpfe zusammenstreckten: Der
Ehrensperger, der hat auch sein Hauskreuz, und die andern: gar zu
lang wird er's nicht haben, denk' ich.

Und so kam es, da, wie oben gesagt, Franz Ehrensperger noch einiges
ausstehen hatte, das ihm zum Sattsein gehrte, und da er sich hie
und da des Gedankens nicht erwehren konnte, er habe sich das Ganze
anders vorgestellt. Er ging in jener Zeit ein wenig gedrckt umher und
sa zuweilen in der Backstube auf einem Mehlsack und nickte da ein,
anstatt sich oben einen behaglichen Ruhesitz zu suchen. Jungfer Liese,
die hatte wohl auch an das Teil der Gter gedacht, das ihr gehre. Sie
war nicht unbescheiden, wir wissen es. Sie hatte nur davon getrumt,
nun mit dem Herrn Vetter in Ruhe und Frieden im Oberstock zu wohnen,
fr ihn und sich gut zu kochen und mit einem Strickzeug am Fenster zu
sitzen und zu sehen, wie die Kunden im Laden aus- und eingingen. Das
war ja schon mehr, als sie in ihrer Jugend hatte hoffen drfen. Dann
wollte sie ein Auge auf das Glck und Gedeihen der jngeren Generation
haben und sich in dem Gedanken sonnen, da sie dieses Gedeihen durch
eine Reihe von Jahren gefrdert hatte.

Aber ehe sie das genannte Auge so recht hatte darauf werfen knnen,
schlo ihr der Tod beide Augen, nachdem sie nur wenige Tage krank
gewesen war, und so ging sie aus der Zeitlichkeit, ohne nur auch
an ihrem bescheidenen Gericht von der Lebensmahlzeit sich recht
sattgegessen zu haben. Den Herrn Vetter aber lie sie so hilflos und
unbehaglich zurck, wie er sich in vielen Jahren nicht gefhlt hatte,
und das hatte Jungfer Liese auch in aller Bescheidenheit vorausgesehen,
und es hatte ihr die letzten Lebenstage bitter und s zugleich
gemacht. Denn wer ist, der nicht gerne vermit werden und der nicht
irgendwo nur auch ein schmales, kleines Lcklein hinterlassen mchte,
wenn er von dannen geht?

Das ist das Zeugnis ber ein Leben, ob es wirklich gelebt worden sei,
ob irgend ein Werk oder ein Mensch hinter ihm drein sagt: nun mu ich
ohne dich sein.

Das wurde Jungfer Liese zuteil.

Denn der Herr Vetter fhlte sich weder in seinem Hause noch in seiner
Haut, die beide unter ihrer Obhut gestanden waren, mehr recht wohl.

Er ging in dieser Zeit fleiig mit dem Mller Hensler, der immer noch
der feurige Knabe von ehedem war, mit kurzen, eilfertigen Schritten
ber den Markt und zum Stdtlein hinaus, -- (Franz der Jngere stand
dann wohl einen Augenblick unter der Ladentr und sah ihnen nach und
wre gern mitgegangen) -- und sie kehrten miteinander in irgend einem
Wirtshaus ein.

Da saen sie und tranken einen oder etliche Schoppen Roten, und wenn
sie ganz unter sich waren, so vertrauten sie einander an, wie vielfach
die vergangene Zeit der jetzigen vorzuziehen sei, hielten eine kleine,
eintrchtige Klatscherei ber Die Junge, und lobten Jungfer Liese
ber den Schellenknig, so sehr sie vordem auch ihre Mngel gehabt
hatte. So sehr lobten sie sie, da ihr das linke Ohr, das man das
Klingohr nennt, htte luten mssen, wenn einem im Grabe berhaupt die
Ohren luten knnten.

Das taten sie einige Wochen, vier oder sechs. Dann zogen sie eines
Tages auch zu dreien aus: Die beiden alten Schulkameraden und Franz
der Jngere, alle drei in stattlichen Sonntagsgewndern, jeder eine
Nelke von Jungfer Liesens Lieblingsstock im Knopfloch, in dem sauberen,
neulackierten Wgelchen des Kronenwirts. Es war an einem strahlend
schnen Septembermorgen. Die Fahrt ging nach Tbingen. Sie wollten
miteinander ihren Studenten besuchen, so lang er noch einer war. Das
zhlte nur noch nach Wochen. Das Examen war vor der Tr. Er mochte
so verschieden von ihnen sein, als er wollte, darum war er doch ihr
Student und sie waren stolz auf ihn.

Man mu ihn nur aufmuntern, sagte der Mller Hensler. Er kann
sicherlich den ganzen Krempel, der verlangt wird, aber er ist
schchtern, das ist es. Bei den Professoren da ist es wie bei meinem
Tyras, dem Kukukskerl. Wenn er sieht, da einer Angst vor ihm hat, so
fhrt er ihm an die Waden. Wer kecklich auftritt, dem tut er nichts.
Was? Die Herren sind auch keine Herrgtter, sag' ich. Man mu ihn nur
aufmuntern, den Georg.

Also fuhren die drei nach Tbingen, um den jngsten Ehrensperger
aufzumuntern.

Sie hatten einen Gugelhopf unter dem Spritzleder des Wgelchens und ein
paar Flaschen Uhlbacher in den Rocktaschen.

Den Gugelhopf lieferten sie unverkrzt ab, den Uhlbacher aber tranken
sie selbst. Das war nicht programmgem, indessen wurden sie sehr
vergngt davon. So eigneten sie sich um so besser zur Aufmunterung.

Sie hatten den heutigen Tag mit Bedacht gewhlt. Die Verbindung,
zu der Georg gehrte, hatte sich ein Haus gebaut, das wurde heute
eingeweiht. Zu dem Hausbau aber hatte der Vater Ehrensperger
beigesteuert, ein Heidengeld, wie er selber sagte. Und darum hatte er
beschlossen, der Einweihung beizuwohnen. Er kam sich so ein bichen wie
ein Gnner vor. Wie einer, der ein Recht auf jegliche Ehrung hat.

Als die Stadt in Sicht kam, tranken die drei den letzten Schluck. Sie
tranken ihn mit Hochgefhl. Die leere Flasche warfen sie in die Weiden
am Neckarufer. Sie selbst setzten sich in Positur. Sollte ihnen einer
kommen. Sie waren von Wiblingen. Dort durfte man nach ihnen fragen.




                    Neuntes Kapitel


Lore. Es wre vielleicht mehr unsere als Georg Ehrenspergers Sache
gewesen, uns um ihr Werden und Wachsen, und um ihre Erziehung, zu
kmmern. Wir lieen sie alle ruhig nach Tbingen ziehen, wo ihre Mutter
dem Aufschwung huldigen wollte, wir, das heit die Rektorin Cabisius
und Frau Judith, sandten einige sorgliche Gedanken hinter dem Kinde
drein: Was mag nun aus ihm werden? Dann aber hatten wir mit andern
Dingen zu tun.

Nun ist inzwischen aus dem schnen Kind ein schnes Mdchen geworden,
das, soviel haben wir schon gemerkt, auch noch andere Leute als uns
ntigt, die Augen aufzumachen in Staunen und Verwunderung, und das,
soviel haben wir gleichfalls gemerkt, gar nicht gleichgiltig dagegen
ist, ob die Leute auch wirklich die Augen aufmachen und was in ihnen zu
lesen ist.

Wir haben auch sonst noch einiges gesehen, was wir lieber vermit
htten, da es fr Georg Ehrenspergers Seelenruhe und fr sein Studium
zutrglicher gewesen wre, wenn Lore -- kurz, wenn ihre Erziehung in
manchen Dingen anders ausgefallen wre.

Aber eigentlich wissen wir doch nicht so viel von ihr, als wir billig
sollten.

Fragt ihre Mutter. Die reibt die Hnde ineinander vor Vergngen und
blinzelt mit den Augen: Ja, ja, das ist ein Mdchen. Ich, als ich jung
war, sah ganz hnlich aus. Geschickt ist sie auch, und flink, und so
ideal. Wenn Maute sie so she. Er sagte immer --, ja, nun bekommen
wir den entwichenen Maute auf den Hals. Den schenken wir ihr. Sie hat
aber nebenbei ein klein wenig Furcht vor ihrer Tochter, und so wenig
uns ein solches Verhltnis gefallen knnte, so mu doch zu Lorens Ehre
gesagt werden, da sie meistens #dann# mit dem Fu aufstampft, wann
wir auch aufstampfen mchten. Vielleicht hat sie von jeher mehr damit
abgeschnitten, als wir ahnen.

Ja, und fragt die Nachbarn. Die Alten sehen einander zgernd an und
rcken nicht recht mit der Sprache heraus, denn sie sehen, da wir ein
Interesse an ihr haben.

Hm, sagen sie, das Mdchen wr ganz recht. Man mu ja eine Freud'
an ihr haben, wenn sie nur aus dem Haus kommt. Freundlich -- und immer
mit den Kindern voller Vergngen, und dann, -- eine Augenweide. Aber
so -- ach, da ist die Mutter schuld, die putzt sie und streicht sie
heraus, und dann mit den Studenten. Man kann nichts Bses sagen. Nur
ein bichen viel Getue und Eingeladenwerden und Mitmachen. Du lieber
Gott, das pat doch nicht zu den Verhltnissen. Eigentlich ist es ein
Wunder, bei der Maute, ich meine, bei der Mutter, -- es htt' eins
bler geraten knnen.

Und fragt die Nachbarskinder. Nein, fragt sie nicht. Seht einmal zu. Es
fllt euch doch ein Stein vom Herzen, wenn ihr seht, wie sie einander
anstrahlen, die Kleinen und das groe, schne Mdchen. Sie macht ihnen
auch Puppenkleider und tanzt und spielt mit ihnen; sie mu doch noch
ein Kinderherz haben, wenn sie auch gern, sehr gern hrt: Lore, du,
bleib einmal ganz ruhig. Jetzt scheint die Sonne auf dein Haar und dann
sieht es aus wie Gold. Ja, das hrt sie freilich gern.

Die Studenten mt ihr nicht gerade fragen. Die sind oft nicht so
zuverlssig in ihren Berichten. Manche sind zu enthusiastisch, manche
zu spttisch, manche wissen auch, was sie wissen, nur vom Hrensagen.
Sie tanzen gern mit ihr und bewundern ihre Schnheit, und es ist auch
nicht nur einer, der sich in sie verliebt hat. Aber man wei nichts
davon, da auch nur einer, berhaupt ein Mensch, sie so recht lieb
gehabt htte. Denn lieb haben, das ist immerhin etwas anderes, als
verliebt sein und hlt auch lnger.

Doch ja, da ist jemand. Der wohnt im Dachstock neben den Magdkammern,
ebenfalls in einer Kammer. Der liebt sie und sie wei es, obgleich
er es noch nie gesagt hat. Das ist der alte Kopist Riedesel, der den
Studenten Manuskripte abschreibt und kmmerlich davon lebt. Er hat
trbe, rotumrnderte Augen und trgt eine groe Stahlbrille; aber
hinter derselben hervor leuchtet es auf, und aus den Manuskripten
hebt sich der struppige Kopf, wenn ein rascher, leichter Tritt auf der
ausgetretenen Treppe hrbar wird. Nun noch ein paar Schritte, dann
knarrt nebenan die Tr; dort ist Mautes Kammer, eine Art von Magazin.
Da kramt Lore in den Schachteln. Sie singt dazu, eigentlich trllert
sie nur, leichte, kleine Liedchen. Dann steckt sie den Kopf zur Tr
herein. Wie geht's? Ach, es geht ihm gut, wenn Lore kommt. Und sie
kommt oft. Sie bringt Blumen mit und stellt sie auf das Fensterbrett.
Auf den Bettrand setzt sie sich selbst und spricht mit dem Alten. So
lieb ist sie da, so offen und so unschuldig. Sie erzhlt ihm alles, er
wei alles, versteht alles. Denn er liebt sie. Er sah sie heranwachsen,
gro und schn werden, er sah, wie sich die Leute nach ihr drehten,
er sah, wie die Mutter war. Gott behte dich, Kind! Es geschah zum
Glck bald, da sie anfing, ihm alles zu erzhlen. Sie zeigte sich
ihm, als sie zum erstenmal ausging, um zu tanzen, sie war so frhlich
ber ihre junge Schnheit; er war es auch. Aber immer: Gott behte
dich. Sie lachte ber ihn, wenn er das so ernsthaft sagte. Aber sie kam
immer wieder. Sie kam nicht immer frhlich. Manchmal hatte sie groe,
ernsthafte Augen und sah still vor sich hin. Dann fragte er es aus
ihr heraus: Manche Leute htten so eine schne, friedliche Heimat, da
wren sie beisammen und htten einander lieb. -- Oder anderes. Von der
Mutter, und da sie, Lore, oft so unfreundlich gegen sie sei. Aber es
sei auch kein Wunder.

Es kamen auch Zeiten, da weinte sie hier oben. Da war einer abgereist,
von dem sie vorher so viel Schnes erzhlt hatte. Der alte Kopist
kannte sie alle gut, die kamen und die gingen. Er neigte teilnehmend
den Kopf. Innerlich war er grimmig. Was machten sie aus dem Kind? Sie
war ihnen eine Weile gut zum Bewundern, aber sie wollten nicht das
Beste in ihr aufwecken. Ja, sie verderbten es geradezu. Die Mutter half
mit. O, die. Dumm war sie und eitel.

Er, wenn er jnger gewesen wre! Aber sie htte dann nichts von ihm
gewollt. Sie war zutraulich gegen ihn, sie mute einen Ort haben, wo
sie alles hintragen konnte. Aber im brigen. Da schickte sie ihre
schnen Augen aus nach einem glnzenden Glck. Die Mutter hatte es ihr
zu oft vorgesagt, es schien ihr allmhlich so natrlich, da es kme.
Und immer wieder klopfte es an, aber immer wieder war es ein neckisches
Spiel, wie der Wind mit einem Baumzweig an das Fenster klopft und
gleich ist es wieder still.

Da gewhnte sich Lore an die Bewunderung, an das Staunen in den
Gesichtern der Menschen. Als sie nichts Besseres bekam, trank sie
begierig den leichten, perlenden Schaumwein der Tndeleien, der
Vergngungen. Aber immer wieder gingen ihre Augen auf die Suche: wann
kommt das Schne? kommt es bald?

Der Alte wute es gut. Er hoffte mit ihr. Aber er frchtete sich auch
davor. Denn wenn Lore ging, was hatte er dann noch in seinem Leben? Sie
war es, die seiner armen Kammer Glanz und Farbe gab.

Da fing sie auch an, ihm von Georg Ehrensperger zu erzhlen. Das klang
anders, als bei den andern. Es kam unbewut ein Stck ganz schuld- und
harmlose Kinderzeit mit zum Vorschein, als sie von ihm erzhlte. Er
sah ihn auch selbst, den schmalen, feinen Menschen mit dem sonderbar
vertrumten Gesicht.

Den nimmt sie nicht, dachte er bekmmert. Sonderbar, er zweifelte
nicht, da das von Lorens Belieben abhnge. Sie war ihm ja weit
berlegen, was Lebensklugheit, was Helligkeit betraf. Und doch war es
dem Alten: Das ist ein Guter.

Ach nein, es schien nicht, da der Jugendgespiele etwas ndern sollte
an Lorens Lebensfhrung. Allzusehr war sie berzeugt, da er noch
ein Knabe sei, allzuviel wute sie zu spotten: Er sieht nicht, was
um ihn her vorgeht. Mit der Nase mu man ihn auf die Dinge stoen.
Mich? ja, mich sieht er wohl. Aber das war selbstverstndlich. Dann
klagte sie sich zuweilen an: Abscheulich bin ich gegen ihn. Es reizt
mich so sehr, ihn ein bichen zu necken. Dann sieht er so erschrocken
aus und wird rot. Ach, er ist ein lieber, guter Mensch. Ich will das
nchste Mal recht nett mit ihm sein. So war sie dann das nchste
Mal, da Georg verzckt nach Hause ging und dachte: Das war heut ihr
eigentliches Ich, so ist sie. Das andere, das hngt noch so an ihr,
auen herum. Das mu noch abfallen.

Aber es wurde mit der Zeit ein wenig anders. Immer fter nahm der alte
Riedesel die Brille ab, wenn sie hereinkam, und lie die angestrengten
Augen auf seinem Augentrost ausruhen. Denn sie war jetzt oft so
fraulich lieb, sanft und demtig.

Immer fter wute sie etwas von Georg Ehrensperger zu sagen.

Er ist so gut mit mir. Viel zu gut und viel zu fein. Ich passe gar
nicht zu ihm. Ich nhme ihn nie. Ach, Unsinn, er nhme mich nie.
Ich und eine Pfarrfrau. Ich verstehe ihn auch gar nicht. Er sagt so
sonderbare Sachen. Er glaubt manches nicht, was man glauben mu, um
ein Pfarrer zu sein und das drckt ihn. Warum er es nicht glaubt,
versteh' ich nicht. Er wollte es mir erklren. Die Bibel sei etwas ganz
anderes, als man gewhnlich meine. Er ist so klug und gibt sich so viel
Mhe mit mir, und gestern sagte er, ich solle ums Himmels Willen nicht
denken, er sei nicht fromm. Gerade weil er fromm sein wolle, knne er
nicht alles annehmen. Ganz bedrckt sah er aus. Ich habe ihn aber auf
andere Gedanken gebracht. Schlielich lachte er wieder und sah mich so
an, so -- ich glaube, er kann mich furchtbar gut leiden.

Der alte Riedesel sa schon lang mit der Brille auf der Stirn. Ja,
Kind, das glaube ich auch. Und wenn auch die andern flotter sind und
lebiger, so ist er um so getreuer. Ich meine --

Aber da stand sie schon an der Tr: Himmel, ich verschwatze mich
ganz. Ich mu mit dem Karton hinunter. Die Mutter wartet auf den Samt.
Heut abend bin ich zum Nachenfahren eingeladen. Ich ziehe mein blaues
Satinkleid an. Nein, nicht mit ihm. Sie lachte. Er ist viel zu
ernsthaft und zu schwerlebig fr mich, und viel zu gut. Er will mich
auch gar nicht. Denke nicht daran. Fort war sie.

Und es kam der Tag, an dem die drei Wiblinger gen Tbingen fuhren.
Jener Septembertag. Blau und golden stieg er herauf. Der alte Copist
sa frh an seiner Arbeit. Er hatte es eilig. Schon zweimal war der
Mediziner aus dem ersten Stock dagewesen: Noch nicht fertig? Er
wollte abreisen. Er war ein Sachse und er ging im Wintersemester an
eine andere Universitt, wohl nach Leipzig. Und Riedesel sa, schrieb
und schrieb. Er htte gern einiges da hineingeschrieben, das der
Empfnger nicht an den Spiegel stecken sollte. Der hatte sich gewaltig
mausig gemacht. Frulein Lore hier, Frulein Lore da, und sich selbst
eingeladen in die Ladenstube und so heimelich getan. Und nun ging er
weg und tat, als ob nichts gewesen sei. Glaubt ihr denn, das Kind habe
kein Herz? Er knurrte vor sich hin, wie ein guter, alter Kettenhund.

Da -- husch, das flog nur so, kaum hatten die alten Bretter auf dem
Vorplatz Zeit zu knarren, so flchtig gingen die Tritte darber hin.
Herein. Er hob den Kopf. Kam sie so frh? Holla, da ist sie. Und
schon geschmckt, wie der junge Tag. Blau und golden.

Ja, so war es. Die Morgensonne schien ihr gerade ins Gesicht und bers
Haar. Und das Festkleid, das sie anhatte, war lichtblau.

Er blinzelte nach ihr hin. Die Augen taten ihm weh. Aber hier war
etwas, an dem sie ausruhen konnten. Keine Spur irgend eines Kummers im
Gesicht. Nun, ihm konnte es recht sein. Gestern abend war es anders
gewesen. Er hatte nur zu trsten gehabt. Ich gehe fort, sich will
nicht mehr hier bleiben. Ich geh' in eine Stelle; zu mindestens sieben
Kindern. Alles wegen dieses langen und breiten Sachsen, der so viel --
na ja, Lore hatte sich seine Huldigungen ja gern gefallen lassen. Aber
wer hatte sie daran gewhnt, wer?

Und nun heute frh das taghelle Gesicht. So ist's recht. Er legte die
Feder hin. Geht die Sache so bald los? Alle Achtung. Das war so eine
Art von Besitzerstolz, was ihm aus den Runzeln seines alten Gesichts
lachte. Die wrden heut wieder die Augen aufmachen.

Da sa sie schon auf dem Bettrand. Vorsichtig hatte sie das Kleid
glatt gezogen. Sie war zum Hausweihfest geladen. Darum war sie so
geschmckt.

Ich -- ich frchte mich halb und halb, sagte sie. Frchten? Seit wann
frchtete sich Lore Maute vor einer Festlichkeit?

Ja, vor dieser Gertrud Cabisius. Die kommt gleichfalls dazu und ihr
Grovater, der Rektor Cabisius, auch. Der mu nun steinalt sein. Er war
schon schneewei, als ich ihn das letzte Mal sah. Das ist nun dreizehn
Jahre her. Was der noch bei dem Fest will? Und dann -- Gertrud. Sie mu
so beraus gescheit geworden sein. Sie kann alle alten Sprachen und
hat alle Bcher gelesen, die es gibt, und daneben scheint es, da sie
ein Ausbund ist von allen Tugenden. Hu. Und dann ich daneben. Sie sah
vor sich hin. Aber dann meisterte sie mhsam ein Lcheln, das ihr von
innen heraus bers ganze Gesicht ging. Es half nichts, es wurde doch
ein Lachen daraus. Riedesel verstand das Lachen.

Ach, was habe ich zu frchten? sagte es. Gescheit mag sie sein,
obgleich ich auch nicht dumm bin, und meinetwegen alles andere dazu.
Ich aber, seht mich nur an. Ich brauche es ja gar nicht zu sagen, was
ich voraus habe. Das wiegt einiges andere auf, mein' ich.

Aber dann wurde sie wieder nachdenklich. Ich will nur sehen, was es
heut' alles gibt. Als die Mutter aufstand, mute sie dreimal niesen.
Nun sagt sie, es sei etwas Besonderes in der Luft. Was das wohl ist?
Ich -- es ist mir auch so sonderbar. Nmlich, Georg Ehrensperger -- mit
dem geht etwas vor. Er luft herum, als ob er jetzt erst jung geworden
sei. Das macht, er hat ein Lied komponiert, ein Festlied, das soll
heut abend beim Kommers gesungen werden. Vorgestern abend war Probe. Da
sind sie nachher alle auf ihn zugekommen und haben ihm zugetrunken und
sind ganz stolz auf ihn. Das ist so neu. Bisher ging er immer zwischen
den andern herum, so -- fast schchtern, da er berhaupt da sei. Und
jetzt ist das so.

Sie wurde ganz warm. Ihr alter Freund und Liebhaber mute sie nur
ansehen. Unten rief die Mutter: Lore, wo bleibst du? Komm herunter,
der Herr Georg ist da. Ja, gleich.

Da knarrte es auf der Stiege und gleich nachher kam der, von dem sie
sprachen, ebenfalls in die Kammer herein. Er war schon vor lngerer
Zeit einmal dagewesen. Nein, wie verndert sah er aus. Grer und
stattlicher, und den Kopf trug er hoch und frei. Im Sammetrock, das
Band ber der Brust, die Mtze in der Hand.

Lore, ich wollte dir nur sagen, da ich jetzt an die Bahn gehe.
Nachher komme ich mit Gertrud hier vorbei und hole dich ab. Dann gehen
wir in meine Stube und ich spiele euch mein Lied vor, vielleicht auch
sonst noch etwas. Ich wollte dir sagen, da du dich bereit haltest.
Aber du, du bist ja schon fix und fertig.

Er sah sie lachend an und sie ihn.

Dann ging er wieder.

Und Lore stieg hinter ihm drein die Treppen hinunter. Sie dachte jetzt
nicht an sich, sie dachte an ihn, der so treulich sein Erleben mit ihr
teilte. Sie war so viel Schwankendes, Unechtes gewhnt geworden, so
viel leichtes Obenhinleben. Bei ihm aber stieg alles aus einem tiefen
Grund heraus. Alles. Er war so ganz er selbst, ob er nun Freude empfand
oder Druck und Sorgen. Er spielte nie etwas, er war immer so, wie
er war. Ach, wie oft hatte sie ihn darum ausgelacht, da er alles so
ernsthaft nahm. Hatte ihn noch ausgelacht, schon als es ihr lngst
nicht mehr so war. Sie wollte das Neue, Ungewohnte, das Innige, das
sich in ihr regen wollte, hinweglachen. Wie sie es als Kind in Frau
Judiths Stube hatte weglachen wollen.

Aber nun konnte sie nicht mehr damit fortkommen.

Es sa etwas im Winkel ihrer Seele, das breitete die Arme aus nach --
ja, nach was denn? Vielleicht nach Liebe. Jedenfalls nach etwas ganz
Echtem.

Sie stand am Fenster und sah ihm nach, wie er ber die Neckarbrcke
schritt. Wenn nun alles anders wurde mit Georg Ehrensperger? Ich kann
nie eine Pfarrfrau werden. Dazu passe ich nicht ein bichen. Ganz
anders mu mein Leben aussehen. Ach -- tralala, er wird ja gar kein
Pfarrer. Es hatten schon so viele Theologen umgesattelt, gerade noch
vor Torschlu. Das wissen die Mdchen in den Universittsstdten gut.
Warum sollte er es nicht auch knnen? Er trug ja so schwer an der
Theologie. Da reihte sich pltzlich in heiterem Farbenspiel Bild an
Bild vor ihren Augen. Ein heiteres, behagliches Heim, nicht glnzend,
wie sie vordem oft gedacht hatte, aber freundlich und ohne Sorgen
und mit ihm, der dort so aufgerichtet hinging; in den Kreisen guter,
angesehener Menschen, und sie selbst, Lore, dazwischen, fleiig und
huslich, gut und lieb. Sie dachte an das Rektorhaus in Wiblingen. --
Was? Ein Tropfen auf dem schnen Kleid? Wahrhaftig, noch einer. Ich
glaube gar, ich stehe hier und flenne. Das fehlte noch. Tralala. Ein
bichen eleganter mu es schon sein. Die Rektorin. Ich danke fr solche
Hauben und so weiter.

Da steckte Frau Maute den Kopf zur Tr herein, fast schchtern: Lore,
was soll ich nur tun? Ich habe gestern Abend das Paket fr unsern Herrn
vergessen. Es sollte auf die Post. Nun liegt es noch da. Der wird schn
schelten. Knntest du nicht auf den Laden acht geben? Ich mache mich
fertig und trage es hin.

Das tu' ich, Mutter. Sie sagte es ganz freundlich. Ich ziehe den
Regenmantel ber das Kleid. Nein, la nur. Ich habe schon noch Zeit.

Die Neckargasse ging sie hinauf, dann an der Stadtkirche vorbei. In
der schmalen Gasse, die nach der Stadtpost hinunter fhrt, gingen zwei
Studenten dicht hinter ihr. Der Ehrensperger, der hat's in sich.
Sprachen sie von Georg? Ihr feines Ohr fing den Namen sogleich auf.

Ja, der. Stille Wasser -- und so weiter. Ich htt's nicht hinter ihm
gesucht. Der Hornstein, der auch am liebsten irgendwo hinaus mchte, wo
kein Loch ist, nur nicht ins Pfarramt, der sagte gestern Abend zu ihm,
ich hab's mit angehrt: Mensch, wenn ich du wre, ich hielte nie eine
andere Predigt, als so eine. Was? Musik ist auch eine Predigt.

Jetzt geht, sagte der erste Sprecher wieder, der Mensch drei Jahre
unter uns herum. Ein guter Kerl, aber ein bichen, na -- soll ich
sagen, langweilig? Und jetzt zum Schlu noch so ein Glanz. Der lt
noch von sich hren, denk' an mich.

Du, aber mit seiner Musik ist er immer wieder aufgetaucht. Man hat ihn
nur nicht so ankommen lassen. Heut freilich --, da bogen sie rechtsum
und Lore mute links gehen.

Das war aber noch der Mhe wert gewesen, auf die Strae zu gehen. Das
wollte sie meinen. Nun, er sollte es zu spren bekommen, da sie in
Zukunft mehr Respekt vor seiner Kunst haben wollte. Denn, sie mute
es gestehen, sie hatte ihn oft leer abziehen lassen, wenn er etwas
von ihr begehrte, ein Zuhren, ein Mitschwingen. Ach, schaff' etwas
anderes, etwas rechtes, hatte sie oft gesagt und manchmal nur, um ihn
zu rgern. Aber das kam nun anders, holla.

Konnten ihn seine Kameraden ehren, -- sie konnte es gleichfalls und
noch ein bichen besser.

Sie rief in Gedanken das ganze Ehrenspergerhaus, das sie so gut kannte,
zum Zuhren auf. Lauter Wohlklang war es, was die beiden vorhin gesagt
hatten.

Es scho ihr eine Blutwelle bis unters Haar, als es ihr einfiel:
im Frhling, als das letzte Semester anfing, da hatte er daheim in
Wiblingen davon geredet, da er am liebsten jetzt noch umsatteln und
Musik studieren wolle.

Er hatte es ihr erzhlt. Wie sie da gelacht hatten und gewettert und
sich geschttelt: sonst weit du nichts mehr? ein Musikant? aber das
konnte man kommen sehen. Immer zuviel den Willen hat man dir gelassen;
rein berspannt bist du geworden.

Jungfer Liese lebte damals noch und schttelte den Kopf: all' das
verstudierte Geld. Und die Schwgerin: du denkst wohl, das finde man
hier auf der Gasse? Und der Mller Hensler: Kopf hoch, Bub, wenn man
noch so sagen darf. Jetzt hast auf den Pfarrer studiert und jetzt wirst
einer. Trink eins; das sind Grillen, die mu man fortschwemmen.

Sie wute es wohl noch, sie, Lore Maute, hatte mit eingestimmt, als er
es sagte: Ach, das wirst du doch nicht im Ernst wollen? Du sinnst dir
auch Sachen aus. Aber so bist du immer gewesen. Ganz recht haben deine
Leute. Er aber hatte darauf, halb zaghaft und halb trotzig geschwiegen
und war bisher im alten Gleise weitergegangen. Es war nur eine Scheu
vor dem einen, eine Sehnsucht nach dem andern in ihm, keine strmende
Gewalt, ein Mchten, kein Mssen.

Aber nun war es auf einmal, als breche sich etwas mchtig Bahn.

Nur schnell, nur schnell nach Hause. Denn ich mu da sein, wann er
kommt. Ich will mich weder vor Gertrud, noch vor sonst jemand scheuen.
Ich habe viel hereinzuholen, und das will ich auch.

Ging da der Mieter, der lange Sachse? Er sah ber die Strae herber
und grte und sah sich noch ein paarmal nach ihr um. Das sah sie mit
einer Viertelswendung des Kopfes. Ein kleiner Stich ins Herz -- ach,
so lauf doch. Sie hatte ihn ja nie ganz ernst genommen. Sie hatte nie
zuvor irgend jemand ganz ernst genommen, es war immer ein wenig Spiel
dabei gewesen trotz manches Kummers und mancher Wnsche und Hoffnungen.
Aber so blieb es nicht immer. Nein, so blieb es nicht immer.




                    Zehntes Kapitel


Die drei Wiblinger fuhren mit ihrem Wgelchen bei einem alten Bekannten
vor, der einst mit dem Vater Ehrensperger auf der Wanderschaft gewesen
und somit auch eine Art Studiengenosse von ihm war, sozusagen, da es
heut schon so akademisch zuging. Jetzt hatte er einen Mehlhandel,
den indessen seine Frau besorgte und der ihm Zeit genug lie, sich
einer kleinen Weinwirtschaft zu widmen, die er in einem niedrigen,
halbdunklen Loch von Wirtsstube hielt. Es verkehrten da hauptschlich
Handwerksleute, die etwa einen Zwischentrunk unter die Arbeit hinein
tun wollten und die ganz ohne Umstnde in Schurz und Hemdsrmeln kamen,
und solche, die sich zu einem stillen, dauerhaften Abendschoppen
versammelten. Ihnen allen widmete sich der frhere Wandergenosse auf
die Art, da er sich sowohl zu den Morgen-, als zu den Mittags- und
Abendgsten fest und beharrlich hinsetzte und ihnen bei der Trinkung
seines Weines mit eigenem Beispiel voranging. Auch hielt er fr den
allgemeinen Niebrauch eine birkene Schnupftabaksdose von riesigen
Dimensionen im Umlauf, daraus konnte jeder Gast nach Belieben schnupfen
und sich so das Hirn erleichtern, das ihm irgendwie schwer war. An
diesem Tagewerk nun trafen die drei Wiblinger den Wirt und setzten sich
sofort zu ihm nieder, um die alte Bekanntschaft aufzufrischen. Franz
der ltere und der Mller Hensler waren auch bald in einem Fahrwasser,
das ihnen ganz vertraut war, indem sie mit aufgesttzten Ellbogen
an dem runden Tisch saen und einmal bers andere mit dem frheren
Wandergenossen anstieen, im brigen aber vorlufig die Mitwelt sich
selbst berlieen. Sie wurden noch um ein Weniges vergngter und
bekamen, -- denn der Wirt war gleichfalls ein kurzer, breiter, dicker
Mann und von hnlicher Beschaffenheit, wie die Wiblinger, -- alle drei
rote Kpfe, und saen so wie drei Leuchtkugeln in dem dunklen Loch von
Wirtsstube.

Franz der Jngere aber hatte sich ans Fenster gesetzt, um die
Vorbergehenden zu betrachten, und war nicht gesonnen, den schnen
Vormittag hier zu versitzen. Als er nun eine Weile so durch die
Scheiben gesehen hatte und eben bei sich erwog, wie er den Alten, die
ihm zu sehaft wurden, fr eine Weile davon und an den Schauplatz der
heutigen Festlichkeiten kommen knne, da sah er unvermutet seinen
Bruder Georg in der engen Gasse auftauchen. Er schritt einher, wie
einer, der wohl wei, da die Welt ohne ihn nicht ganz das wre, was
sie nun ist, in festlicher Kleidung, mit Band und Mtze und mit einem
hellen, heiteren Gesichtsausdruck. Er schien in diesem Augenblick
der Aufmunterung nicht zu bedrfen, oder vielmehr schien er die
Aufmunterung, die ihm taugte, selbst mit sich zu fhren. Denn rechts
und links von ihm gingen zwei Mdchengestalten, mit denen er in
eifrigem Gesprch begriffen war und alle drei schienen sich schon in
der erwnschtesten Feststimmung zu befinden, so verschieden sie auch
sonst von einander sein mochten.

Eins der Mdchen kannte Franz; das war Gertrud Cabisius. Sie trug ein
einfaches, hellgraues Kleid und schritt in ihrer bekannten, aufrechten
Haltung und mit festen Tritten, denen man brigens die Elastizitt,
die die Freude gibt, wohl anmerkte, neben Georg her. Franz sah aber
flchtig ber sie weg. Da war die andere, die er nicht kannte. Oder
doch? Oder sollte das die Lore sein? War so etwas mglich? Die war in
ein lichtes Festgewand gekleidet und schien die dstere Gasse ganz zu
erhellen, so leicht und hell und beraus anmutsvoll schwebte sie dahin.

Alle Wetter! sagte Franz und nahm seinen Hut vom Nagel. Es galt, er
mute sich sputen, die drei gingen rasch die Strae hinab, er konnte
sie aus den Augen verlieren, wenn er sumte.

Die Alten sahen erstaunt hinter ihm drein. Bleibt hier sitzen, bis ich
komme, rief er noch unter der Tr. Es ist der Georg, ich bringe ihn
dann mit.

Da blieben sie denn sitzen. Es war geschickt so, sie hatten ohnehin
schon ihre Zweifel gehabt, wie der Student heut werde aufzufinden
sein. Denn sie muten es sich ja gestehen, sie hatten es ihm nicht
mitgeteilt, da sie kommen wollten.

Glck mu der Mensch haben, sagte der Mller Hensler, und darauf
stieen sie alle drei an. Nun konnten sie das brige vollends erwarten.

       *       *       *       *       *

Georg Ehrensperger, der konnte heut einmal aus dem Vollen leben. Es war
kein Wunder, da er aufgehellt aussah.

Rechts hatte er Gertrud Cabisius, und links Lore, und sie gingen wie
ein schnes Doppelwesen, das zu ihm gehrte, mit ihm. Er fhrte sie in
seine Stube und als er sie da hatte, da sah er von einer zur andern mit
stolzer Freude und htte am liebsten aus drngendem innerem Vergngen
heraus einen Purzelbaum geschlagen; aber das erlaubte dann wieder die
sieghafte Mnnlichkeit nicht, in der er sich neuerdings befand.

So hatte er sich das hundertmal ausgedacht: Da saen sie beide
nebeneinander, Lore in ihrer funkelnden Schnheit und in guter,
freundlicher Stimmung, lieb und lachend, wie sie oft, aber nicht immer
war, und Gertrud in ihrer festen, geraden, klugen Art, die so sicher
und selbstverstndlich zu ihm gehrte, und die heute noch von einer
festlichen Freude berglnzt war, so da er sie nur ansehen mute.

Es schien ihm, da er sie so beisammen hatte, alle Flle unter sein Dach
eingekehrt zu sein; denn was er an der einen manchmal vermite, das
hatte die andere an sich, und so bildeten sie ihm miteinander einen
reichen Hort von Holdseligkeit, Liebe, Freundschaft und ernster stiller
Klugheit, den er htte am liebsten immer in erreichbarer Nhe behalten,
um bald das eine, bald das andere nach Bedrfen daraus zu entnehmen.

Das war nun zwar nicht wohl mglich. Da er die beiden aber wenigstens
zu dieser Stunde so erfreulich beisammen hatte, so konnte er sich fr
den Augenblick aller weiteren Gedanken entschlagen und die schne
Gegenwart genieen.

Er tat sein Mglichstes dazu. Er wollte so gern fr heute, nur einen
Tag lang, alle ernsten Pflichtgedanken in den hintersten Winkel
seines Bewutseins verschlieen. Morgen, da mute er sie ja wieder
hervorholen. Er warf einen scheuen Blick nach den Bchern, die auf
einem Tisch in der Ecke aufgestapelt lagen.

Dort drinnen lag ein ganzes Heer von Geistern und Geistchen
verschlossen, und sie waren ihm nicht alle freundlich gesinnt. Lange
nicht alle. Er hatte sie zum Teil etwas vernachlssigt, das lieen
sie ihn empfindlich fhlen. Manche schienen ihm so trocken, wie der
Wiblinger Feuersee an heien Sommertagen, und manche so eigensinnig
und widerspruchsvoll wie ein alter Schafbock. Manche aber, das war das
Schlimmere, standen vor seinen Augen auf und wurden gro, immer grer
und sahen ihn streng und ernst an.

Lehre, sagten sie, predige. Du weit doch alles, was zu glauben
ist? Du glaubst es doch? Nicht? Du sollst aber. Eidlich sollst du
es versprechen. Vom Hchsten und Tiefsten sollst du reden, was es
gibt: von dem Gott, der in und hinter allen Dingen ist. Aber nicht so
geheimnisvoll. Klar und deutlich sollst du es sagen: Was? Das kann man
nicht? Das kann man wohl. Du tust, als ob es keine Offenbarung gbe,
du. Du hast dich nicht mit uns auseinandergesetzt, wie du solltest.

Ach nein, das hatte er nicht. Er hatte mit diesen Riesen nie recht
gerungen. Er war ihnen fters davongelaufen, denn er frchtete sie. Es
ging ihm, wie Mose, als er zum gypterknig sollte: Sende, welchen du
willst.

Nur, Mose war dann schlielich doch gegangen. Er aber? Was wollte aus
ihm werden? --

So, jetzt will ich mein Lied spielen. Hrt zu.

Als er mitten drin war, klopfte es und dann trat sein Bruder Franz
herein.

Nein, aber ihr seid gelaufen. Ich verlor euch auf einmal aus den
Augen. Ein paar kleine Buben haben mir den Weg gezeigt. Gr Gott
brigens.

Er lachte, vergngt und halb verlegen, da er so pltzlich da sei. Denn
hier fhlte er sich nicht so sicher, wie zu Hause. Er mute hier den
Jngeren gelten lassen, dessen Geist sozusagen um die Wnde webte. Es
war doch ein anderes Verhltnis als in Wiblingen. Er fuhr sich mit
den Fingern durchs Haar. Er hatte immer noch einen steil aufstrebenden
Schopf.

Der Vater ist auch hier und der Mller Hensler, sagte er. Wir haben
die Einladungskarte erhalten, da gedachten wir mitzufeiern.

Bei diesen Worten sah Lore prfend zu Georg hinber. Ja, das hatte sie
wohl gedacht, er hatte richtig die kurze, gerade Falte zwischen den
Brauen. Die hatte er, wann er sich rgerte.

Er dachte wohl, er htte die Seinigen lieber an einem andern Tag
empfangen? Er sah so aus. Die Bemerkungen des Mllers Hensler
entbehrten oft eines gewissen Taktes, und die beiden Franze, Vater und
Sohn, -- nun ja, er htte sie lieber ein andermal in dem neuen Haus
umhergefhrt.

Aber dann warf er pltzlich den Kopf zurck und sein Blick begegnete
dem Lorens. Sein Lied, ja, das durften sie wohl hren; das war ja
gerade geschickt. Sie sollten nur staunen, wie er in Ehren stand unter
seinen Genossen. Und berhaupt, hinweg mit allem rger, heute sollte
alles hell und freudig sein und war es auch.

Lore nickte ihm zu; so warm und so ermutigend.

Ach, sei nur zufrieden, das machen wir alles. La mich nur sorgen. Du
weit, wenn ich will, -- und ich will, -- niemand und nichts soll dir
heut die Festfreude stren.

Das sagte sie alles mit einem raschen Blick und dann wandte sie sich
triumphierend an Franz. Wie ehrlich entzckt der sie ansah. Er dachte
gar nicht daran, seinen Augen irgend einen Zwang anzutun.

Ja, ja, sagte sie und lachte. Da ist nichts zu fragen und nichts
vorzustellen. Das sind wir, beide. Mssen wir Sie zueinander sagen?
Ich meine nicht. Wir sind doch Nachbarskinder gewesen, und dann sind
Georg und ich auch so gute Freunde.

Ja, dagegen hatte Franz natrlich nichts einzuwenden. Es konnte ihm
nichts lieber sein. Mchtig gemtlich war das. Das war ein Mdchen.
Sie fing sofort an mit ihm zu plaudern. Und dann unterbrach sie sich
pltzlich: Wir mssen still sein, denn nun spielt uns Georg sein Lied
vor. Fang noch einmal vorne an, Georg. Ja, du, Franz, heut mssen wir
stolz auf ihn sein. Das wit ihr in Wiblingen wohl noch gar nicht?

Nein, davon wuten sie in Wiblingen nichts. Sie waren hergefahren, um
ihn aufzumuntern. Er hatte doch sein Examen noch nicht gemacht? Worauf
denn stolz?

Und dann sa Georg wieder am Klavier und spielte. Wenn er aufsah, dann
fiel sein Blick auf Gertrud. Die hatte den Kopf vorgeneigt und horchte.
Den Arm hatte sie leicht auf das Klavier gesttzt. Er sah, da sie sich
mitfreute, als ob das Lied ihr eigenes wre und da sie alles verstand,
was er darin zum Ausdruck bringen wollte. Das belebte ihn so, da er
sogleich fortfuhr und, wie er am liebsten tat, ein wenig phantasierte.

Hinter ihm saen auf dem Sofa Bruder Franz und Lore. Zweimal ging die
Tr. Einmal kam Meister Riedel herein. Den hatte er im Heraufgehen
gebeten, zu kommen, denn er wollte ihn gern mit Gertrud bekannt machen.
Er hatte ein sauberes Wams angezogen und sein blauer Schurz war neu.
Er lie sich dicht neben der Tr auf einen Stuhl nieder. Das zweite
Mal kam der Rektor Cabisius. Er winkte mit der Hand, Georg solle
fortfahren: Wir sprechen uns dann nachher. Ja, das dachte Georg
auch; aber unwillkrlich ging das auch in sein Spiel ber, was er
nachher bereden wollte.

Gertrud verstand ihn auch jetzt. Sie hatte einen besonderen Sinn des
Verstehens fr ihn.

Wie reich bin ich heut, -- sagte ihr sein Spiel. -- Alles ist um mich,
was in Wahrheit zu mir gehrt, alles ist freudig und freundlich. Ach,
wie schn ist das Leben, eine Flle hat es, auch fr mich. Wo ist das
de geblieben, das Leere, Hungrige? Wo ist das machtlose Nichtknnen?
Hohe, starke Wellen schlgt das Leben, und ich -- ich werfe mich in die
Fluten. Es trgt mich, -- ja, es trgt mich.

Dann schlug er weiche, leise Tne an.

Hilf mir, guter Geist, sagten sie. Was soll ich tun? Es ruft mich nach
zwei Seiten. O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell aller Gaben. -- Ja,
da war wirklich die Choralmelodie dazwischen und rief nach einem Rat,
nach einer Klarheit.

Ich, -- ich sehe dich nicht, wie du bist. Aber ich will dir dennoch
dienen.

Du Lieber, dachte Gertrud, versuch' es nur, fang nur an. Es wird dir
schon gelingen. Sie dachte wohl an das Examen und das Pfarramt. Georg
sah pltzlich in ihr Gesicht, und irgend etwas drin reizte ihn. Sie sah
so mtterlich-verstndig aus.

Und auf einmal brach die zarte Melodie ab, die wie das Rufen einer
Kinderstimme geklungen hatte: hilf mir, guter Geist, -- und es tat ein
paar rasche Schlge, hinunter -- hinauf, dann brach ein Wetter aus dem
Klavier.

Ich will nicht immer sollen und mssen. Still. Lat mich. Lat mich
meiner Wege gehen. Ich will es ergreifen, das, was mein ganzes Wesen
will. Ich will es erreichen.

Es war, als ob einer alles Schne an sich risse mit einer drngenden
Leidenschaft des Lebens.

Jetzt geht es mit ihm durch, dachte Gertrud.

Sie war warm verstndnisvoll mitgegangen bisher. Sie versuchte, auch
das zu verstehen. Denn er brach immer von Zeit zu Zeit einmal ber
die Ufer, wie ein Bach im Frhling. Das war ihr so bekannt, da sie
lcheln mute, wie jemand, der pltzlich an einem brtigen Mann das
Kindergesicht von ehemals wieder in irgend einem Zug entdeckt. Nur, es
war diesmal ein verzweifelter Ernst darin, vor dem sie dennoch erschrak.

Was hat er im Sinn? Mit einem jhen Aufschrei brach das Spiel ab. Da
sprang Georg auf. Meister Riedel bewahrte den Stuhl vor dem Umfallen
und dabei trafen seine Augen Gertruds Gesicht. Und er trat zu ihr und
bot ihr die Hand und sie hatten von diesem ersten Augenblick an ein
Wohlgefallen aneinander.

Lore war zu gleicher Zeit aufgesprungen. Wie Feuer brach es aus ihren
Augen, sie atmete rasch und erregt. Du, sagte sie, und achtete nicht
auf die andern und streckte Georg beide Hnde hin, du bist anders als
ich meinte. Du bist auf einmal aufgewacht. Du fhrst das alles aus,
was du dir vornimmst. Das Letzte, das war schn. Das hab' ich ganz
verstanden.

Jetzt war nichts Vorstzliches, Bedachtes in ihr. Das
Leidenschaftliche, das hatte sie aus allen Gedanken gerissen.

Ach, wie schn erschien sie ihm so. Und sie hatte ihn verstanden. Georg
htte sie am liebsten in den Arm genommen. Es sprangen Funken herber
und hinber, aus ihren Augen in die seinigen, aus einer Seele in die
andere.

Und in diesem Augenblick geschah es, da Georg Ehrensperger mit Wissen
und Willen eine neue Richtung in seinem Leben einschlug. Er ist sich
sein Lebenlang der merkwrdigen Vorgnge dieses Augenblicks bewut
geblieben, da es ihm vor den Augen flimmerte und in Hirn und Herzen
brauste vor dem Wogen und Wallen seines aufgestrten Blutes, und da
doch unten in seiner Seele ein klarer, khler Entschlu aufstieg: ich
tue es.

Wie in einem Spiegel sah er sich: es ist nicht nur die Scheu, von
inneren Dingen zu reden und nicht nur der Mangel an rechtmigem,
erforderlichem Glauben, der dich abhlt, in das Pfarramt zu treten,
sondern noch viel mehr ein starker Zug in das weite und breite Leben
hinaus, dessen Beschaffenheit du noch gar nicht kennst, und ein Wille,
die reiche Welt ans Herz zu nehmen und ihren Pulsschlag zu erlauschen,
auch da, wo sie nicht von geistlichen Dingen redet.

Zugleich aber fhlte er den starken Trieb, mnnlich in die Reihen zu
treten und doch auch etwas zu leisten, das die Welt ohne ihn nicht
htte, etwas, das ganz und wahrhaftig seinem eigenen Wesen entsprche
und also auf Wahrheit beruhe von innen heraus.

Es schien ihm, als ob aller Zweifel und alle Unklarheit seines
Wesens von diesem Augenblick an abgetan sei, da er sich entschlossen
hatte, die Gabe, die ihm als seine eigenste vorkam, zur Aufgabe und
Fhrerin zu machen, koste es, was es wolle. Freilich sah er das alles
zusammengefat als in einem Brennpunkt in den leuchtenden Augen des
schnen Mdchens, das ihm darum von der Minute an so sicher und fest
zu seinem neuen Weg gehrte, wie ein glnzender Stern, nach dem ein
Wanderer die Richtung einhlt.

Er bedurfte aber nicht so lang, um dies alles von sich zu wissen, als
es Zeit braucht, es zu erzhlen. Sondern in wenige Sekunden drngte
sich die neue Erkenntnis zusammen, die ja freilich vorbereitet in ihm
gelegen war. Es war, als ob jemand ein brennendes Streichholz an ein
sorgfltig aufgeschichtetes Feuerholz gehalten htte. Es flammte auf
und brannte sogleich, hell und ohne Einhalt und gab nur wenig Rauch.
Er hrte zu, was der Rektor Cabisius sagte, gab ber dies und das
Bescheid, und wute nicht, da sein junges, offenes, erregtes Gesicht
so gar nichts verbergen konnte.

Ich will hingehen und sie fr mich gewinnen. Es ist ein Wunder, da
ich es kann. Sie ist fr mich gewachsen, ich wei es seit dieser
Stunde. Und wenn ich sie habe, dann habe ich auch Melodien. Lauter
Lieder von Freude, Jugend, Leben und Liebe habe ich dann. Lauter Lieder
von der Schnheit. Wie ein quellender Brunnen wird sie fr mich sein,
aus dessen blinkender Flut ich unaufhrlich schpfen kann. Und Gertrud.
Gertrud geht mit uns beiden, wie bisher mit mir. Sie ist mein bester
Kamerad. Das wird ein Leben. So dachte er und das trat ihm in die
Augen, das machte sein ganzes Gesicht warm und glcklich.

Du Lieber, dachte der Rektor, du bist mir wie ein Sohn. Ich darf
dich nicht halten. Ich mu dich dein Leben selbst erleben lassen.
Schwer ist es. Ich mchte dir weite Umwege ersparen, denn das machst
du. Aber ich darf nicht. Du mchtest dich sonst noch schlimmer
losreien. Ach, mchte ich noch fr dich da sein, wenn die hohe Flut
verlaufen ist. Siehst du, du willst alles mitnehmen. Satt trinken
willst du dich an der Freude. Schaffen willst du und meinst es zu
knnen, weil die Saiten deiner Seele zittern von Liebe und Leidenschaft
und Begeisterung. Aber das Groe, Echte, das wird nicht so leicht
geboren. Und du bist nicht mit dem Geringeren zufrieden, du kannst es
nicht sein, dazu ist dein Geist zu hungrig und zu tief.

So waren der Beiden Gedanken, und daneben sprachen sie von dem neuen
Haus und den Bundesbrdern und kamen auch auf das Examen. Und auf
einmal sah der Jngere, wie warm und liebend die alten Augen auf ihm
lagen, und er fate die Freundeshand.

Ach, ich mchte dir so viel sagen, alles.

Da trat Gertrud zu ihnen.

Wollen wir nun gehen? Es wird Zeit sein. Wir wollen doch dabei sein,
wann der Schlssel bergeben wird.

       *       *       *       *       *

Im Glanz der Septembersonne lag das neue Haus. Es war ein Stck weit
den sterberg hinangestiegen, um besser auf die alte Stadt, auf den
schimmernden Flu und auf das sonnige Tal heruntersehen zu knnen. Die
neue Fahne in den Verbindungsfarben wehte, von einem leichten Lftchen
bewegt, die hellen Fensterscheiben glnzten; Krnze und Girlanden
hingen an allen Tren und Fenstern.

Der Baumeister bergab den Schlssel. Die Rechnung bergab er ein
anderesmal. Der Rektor Cabisius als der lteste der alten Herren
steckte den Schlssel ins Schlo und ffnete die Tr, und sagte, was
ihm der Augenblick eingab, als er alle die jungen und die alten Mnner
sah, die bereit waren, ber die neue Schwelle zu schreiten.

Davon redete er, da das Haus ein gemeinsamer Hort fr sie alle sein
solle, in dem sie sich zusammenfinden knnten, um sich immer neue Lust
und neuen Mut zu allem Groen und Guten beieinander zu holen. Gott und
den Menschen wollten sie dienen, jeder mit seiner Gabe; keiner sei nur
fr sich selbst da; auf jeden warte die Menschheit irgendwie. Kein
Pfund solle vergraben, keine Kraft vergeudet, keine Fhigkeit ungentzt
gelassen werden. Dazu wollten sie sich in Freundschaft verbinden.

Er sagte noch mehreres, worauf die Alten den Jungen und die Jungen
einander die Hnde reichten. Es war viel froher und ernster Mut zu
starkem und rechtem Tun beisammen zu dieser Stunde. Und darauf flo
der Strom der Verbrderten und ihrer Gste ber die Schwelle. Gesnge
erschallten, Scherz und Lachen und frhliches Staunen fllte die Rume,
Freude blitzte aus den Augen, Freunde fanden sich zusammen, sowohl
junge als alte. Gertrud Cabisius stand dicht neben ihrem Grovater.
Leise schob sie ihre Hand in seinen Arm. Wie schn war das alles. Wie
weitete es ihr das Herz. War nicht Freundschaft, die sich in allem
Groen und Guten fand, das Schnste, was es geben konnte? Da kam er,
der ihr Freund und Bruder gewesen war, seit sie denken konnte, auf sie
zu: Was sagst du dazu, Gertrud? Was sagst du zu dem allem? Er hatte
zwei oder drei Studenten bei sich und machte Gertrud mit ihnen bekannt.
Ihr wit von ihr, ihr kennt sie; sie ist gescheiter, als wir alle. Sie
ist meine ganz gute Freundin.

Was sie dazu sagte? Es war, als ob das groe Studentenbild in des
Grovaters Stube lebendig geworden sei und sich hier herum bewege.
Diese Menschen kannte sie alle. Sie hatte keinen von ihnen je
gesehen, aber darum kannte sie sie doch. Sie, die nie dazu gekommen
war, Mdchenfreundschaften zu pflegen (die lahme Kameradin aus der
Volksschule ausgenommen), sie hatte das Gefhl, als ob sie diesen
allen wesensverwandt sei. Hoch und stark klopfte ihr das Herz. So
gefllst du mir, sagte Georg zufrieden. Du warst vorhin so finster.
Finster? Ach nein, nicht gerade, aber so ausgelscht. Ich sehe es so
gern, wenn du ein vergngtes Gesicht machst.

So? Sie lachte. Ja, das war vorhin auch nicht schn gewesen, was ihr
geschwind bers Herz gekrochen war, als sie Georg und Lore miteinander
beobachtet hatte. Eine ganz ungewohnte Empfindung. Eifersucht? Gertrud
Cabisius und eiferschtig? Ach, Unsinn. Sie brauchte es ihm zum Glck
nicht zu sagen und wischte die noch einmal aufsteigende Erinnerung
daran hinweg, wie einen Staubfleck vom Kleide. Das fehlte noch.

Einer der jungen Mnner trat zu ihr hin und es stellte sich heraus,
da es ein alter Bekannter von der Wiblinger Lateinschule war und
da Gertrud mit ihm auf den Bnken gesessen hatte -- einst: Fritz
Hornstein, den sie hinter seinem Bart nicht mehr erkannt hatte.

Natrlich sprachen sie von Georg, und natrlich sprachen sie von ihrer
gemeinsamen Kindheit. Georg und immer Georg.

Wie warm sie wird, dachte Fritz Hornstein. Wie natrlich und offen
sie ist. Es ist kein Wunder, da er stolz auf sie ist. Sie ist ein
feines Mdchen.

Als sie sich trennten, gab er ihr die Hand. Er hoffte, sie heute noch
fter zu sehen.

Ja, das hoffte sie auch. Es sollte sie freuen. Sie war nicht im
mindesten befangen oder schchtern, sie, die nie sonst in Gesellschaft
kam.

Ach, Grovater, ich wollte, ich wre einer von diesen. Sie hing sich
an seinen Arm. Sind sie nicht glcklich?

O, Kind. Er strich ihr sachte ber das Haar. Warum mute ein Becher
voll bittern Leides auf sie warten, da sich ihr Herz so willig
jeglicher Freude erschlo? Er sah es kommen, da sie von diesem Fest
nicht so frhlich heimging, wie sie gekommen war. Aber er hatte keine
Macht, irgend etwas zu verhindern, was geschehen sollte. Er wute, da
man das nicht konnte. Gott allein wute, wie der Menschen Wege gehen
sollten; er wute, wo sie irren und sich tuschen und sich vergebliche
Mhe machen muten.

Es mu ein Sinn in dem allem liegen, den wir nicht verstehen. Das
Leben ist wie ein Gewebe, dessen Rckseite so verworren aussieht. Und
alles, was wir tun knnen, ist: zu vertrauen, da es von vorne klar und
schn sei und da der Weber keinen Webfehler machen werde.

Ja, schlo er sein Selbstgesprch, und vielleicht wird es uns eines
Tags von vorne gezeigt.

Das letzte hatte er halblaut gesagt.

Grovater, was willst du von vorne sehen?

Gertrud machte ein fragendes Gesicht.

Aber nun bekam sie keine Antwort.

       *       *       *       *       *

Sonne berall. Sonne ber der ganzen alten Stadt, Sonne auf der Strae
nach Niedernau, Sonne ber dem Reitertrupp, der dahinsprengte, auf
einigen braven, wackeren Gulen und auf einigen alten, drrbeinigen
Kleppern, Sonne ber den offenen Wagen, die nach einander hinausfuhren,
alle voll frhlicher, festlicher Menschen, Sonne ber dem grnen
Wiesenplan, Sonne auf den Angesichtern und in den Herzen.

Wer wird an einem solchen Tag an Schatten denken? Alles ist voll Licht
und Farben, alles ist in Bewegung. Bunte Mtzen und Bnder, helle
Mdchenkleider, helles Mdchenlachen, Musik erklingt und fliet ber
die Wiese hin, auf der Wiese tanzen fnfzig Paare, nein, mehr. Wer hat
sie gezhlt?

Der Mller Hensler tanzt auf kurzen, flinken Beinen zwischen all' den
jungen Leuten herum; er hlt die Putzmacherin Maute umfat, die ein
Stck grer ist als er und in einer grnseidenen Bluse steckt. Alle
Wetter, sie tanzt wie ein junges Mdchen, er mu ihr einmal auf den
Rcken klopfen, um ihr seine Bewunderung zu zeigen. Ja, das hat schon
Maute immer gesagt. Henriette, hat er gesagt, wenn du sonst nichts
knntest, tanzen, das kannst du.

Ja, das wollte der Mller Hensler meinen, das konnte sie. Und Franz ist
dazwischen und tanzt mit Lore, das heit, wenn er sie bekommen kann;
denn sie geht aus einem Arm in den andern. Herrlich sieht sie aus, jede
ihrer Bewegungen ist Leben und Lust und Grazie, und sie wird weder hei
noch rot vom Tanzen. Leicht und ruhig atmet sie, sicher und berlegen
geht sie mit den jungen Leuten um; aber wenn sie zu Georg kommt, dann
ist sie anders. Dann sagen ihre Augen: Siehst du mich? siehst du, da
ich schner bin als alle? Das bring ich alles dir; ja, ja, staune nur;
wage nur, frage nur.

Und andere junge Mdchen sind da und gleiten ber den Rasen, einfache,
warmherzige, frische Geschpfe, Schwestern der jungen, oder Tchter
der alten Bundesbrder, Lust und Frohsinn in den Augen, Lachen
auf den Lippen. Und es kommt auch die Alten an und siehe da, der
Rektor Cabisius erinnert sich noch eines Maienfestes vor sechzig
-- oder beinah sechzig Jahren, an dem er ein kleines Schulmdchen
herumgeschwenkt hat, ein mageres, braunes Ding mit einem langen Zopf.
Wissen Sie noch, Frau Oberamtspfleger? Was meinen Sie, wir knnten's
noch einmal probieren.

Wie sie sich wehrt, die alte Frau mit dem runzeligen Gesicht, und wie
ihr Gatte, der rund und klein ist und engatmig, lacht und sie antreibt,
und wie schlielich -- es ist ja nur zur Erinnerung, und anders ist
es auch nicht -- die beiden alten Leute ein Tnzchen machen. Wie sie
junge, rhrend junge Gesichter bekommen, alle beide. Wer hat zugesehen
und hatte ein Mifallen daran? Ach, niemand, niemand als der drre,
vertrocknete Professor Kauz, der die Lippen zusammenkniff und den Kopf
schttelte und sagte, da das Alter zu ernst sei fr solchen Tand. Er
ist aber wohl niemals so recht jung gewesen, der Arme.

Und da waren auer den Tanzenden noch viele, viele Menschen, die
zusahen. Sie saen an Tischen und aen und tranken, und gingen umher
und unterhielten sich und taten, wie ihnen gefiel. Unter ihnen war
Gertrud Cabisius. Wie ihr die Jugendlust durch die Adern strmte. Wie
sie alle diese hellen Bilder in sich hinein gehen lie. Ach, war sie
denn seither nicht jung gewesen? Hatte man vergessen, ihr zu zeigen,
wie junge Mdchen leben? Hatte sie selber nicht gewut, da sie ein
junges Mdchen sei? Schlicht und glatt zurckgekmmt trug sie ihr
Haar, einfach, fast schmucklos war ihr graues Kleid, ernsthaft, schwer
und verstndig ihr Denken, pflichtbewut ihr Sinn. Hohe Ideale trug
sie in sich, gro und weit war ihr Anschauen von Welt und Menschen, in
wenige, starke und tiefe Zge fate sich ihr Gemts- und Herzensleben
zusammen. Wo aber war das Weiche, Lachende, Harmlose der Jugend, das
Zierliche, Leichte, Beschwingte, das diese Mdchen alle dahintrug, wie
es ihr schien?

Gertrud konnte nicht tanzen und sie wagte auch nicht es zu versuchen,
so oft auch einer der jungen Mnner kam und sie bat. Nein, das konnte
sie ja doch nicht. Sie war keins dieser leichten, heiteren Wesen, sie
war anders als sie alle. Georg hatte es oft genug gesagt, aber nun sah
sie es auch.

Doch, was schadete das? Noch war es Zeit, sich zu freuen, noch war
sie ja jung, noch war nichts versumt. Es brannte etwas in ihr. Heran
mit der Freude und herein. Gertrud Cabisius tut ihr die Tore ihres
Herzens auf. Es wartet etwas in ihr auf ein groes Werde, wie die Erde
am Morgen auf den Sonnenaufgang wartet. Aber schickt die Sonne nicht
das Morgenrot voraus? Frbt sie nicht die tausend kleinen mutwilligen
Lmmerwlkchen rosig und golden? Es ist ein groer Augenblick, wann
die Sonne kommt. Aber es geht nicht in der ganzen Natur so beraus
feierlich und ernsthaft zu dabei. Es ist Raum fr alles Frohe,
Leuchtende, Lachende.

Ja, das ist ja wahr, sagte der Grovater, das Tanzen, das hast du ja
nie gelernt. Rein vergessen hat man das. Er sah ein wenig hilflos aus.
Zu Hause hatten sie nie an dergleichen gedacht.

Vielleicht knntest du es doch, wenn du es nur versuchen wolltest.
Meine Schwestern, als sie jung waren, pflegten miteinander auf dem
Speicher zu tanzen, nur nach einer Mundharmonika, die mein Bruder zu
blasen verstand. Sie hatten es in sich. Das liegt ja im jungen Blut.

Ja, aber nicht in dem ihrigen. Das war doch wohl zu schwer dazu. Die
Jugendlust hatte sie mit ihren Schwingen gestreift, und etwas in
Gertruds Wesen antwortete ihr. Aber darum konnte sie nun doch nicht
sogleich auffliegen. Das mu auch gebt sein.

Doch, zu dem allem war ja noch Zeit.

Fritz Hornstein kam und brachte noch einen Freund mit, Ernst Daxer,
und da sie beide keine Lust hatten, noch lnger herumzuspringen,
wie sie sagten, so richteten sie sich gemtlich zum Zusehen ein und
kamen auch bald in ein lebhaftes Gesprch, da konnte Gertrud denn von
Herzen mittun. Und der Rektor Cabisius kam dazu und brachte seine alte
Jugendbekannte mit und der Gatte der Jugendbekannten kam und wollte
sich seine Frau nicht entfhren lassen, und hatte in jeder Rocktasche
eine Flasche Wein. Da lagerten sie sich an einem grnen Rain, fast am
Waldrand und wurden so angeregt, da Georg Ehrensperger, als er nach
einiger Zeit auf der Suche nach Gertrud hierherkam, fast eiferschtig
sagte: Hier geht's ja herrlich ohne mich. Hier werde ich ja wohl gar
nicht vermit?

Doch, das wurde er. Und Gertrud war zu einfach, um es nicht zu sagen.
Sie hatte ihm immer nachgesehen, so lange er sich mit Lore im Reigen
gedreht hatte, und so lange er an dem Tisch der Wiblinger gesessen war.

Du bist nur so in Anspruch genommen, sagte sie.

Da war er froh, da sie ihn vermit hatte. Das bin ich, sagte er.
Ich wei nicht, wo anfangen. Ich bin froh, da ihr ber Nacht bleibet.
Denn ich mu noch mit dir reden. Jetzt? Ja, jetzt kann ich nicht. Ich
bin jetzt nicht ruhig genug dazu. Ich bliebe ja gern hier.

Da stand schon Lore neben ihnen.

Ach, es ist jammerschade, Gertrud, da du nicht tanzen kannst. Wrest
du nur frher gekommen, ich htte es dich gelehrt.

Sie schlug Georg leicht auf den Arm.

Dich hab' ich's auch gelehrt, nicht? Es ist schade, Gertrud.

Das war es, das dachte sie auch. Aber als sie sich besann, da war es
doch nur darum, weil sie nicht mit Georg tanzen konnte. Nun hatte sie
immer alles mit ihm geteilt, alles Ernsthafte, Pflichtgeme, alles
Groe, Starke, alles Schwere, Drngende, Hungrige. Mute sie nun auf
der Seite stehen, wenn er leicht und froh und heiter war? Mute sie
andern berlassen, mit ihm frhlich zu sein? Das war einen Augenblick
ein bitteres Gefhl. Aber hinweg damit.

Ich bin das alles nicht gewhnt. Ich komme vllig aus dem
Gleichgewicht. Ich will froh sein, wenn Georg nach dem Examen zu uns
kommt. Das soll schn werden. Dann wollen wir auf unsere Art vergngt
sein.

Sie nickte beiden freundlich zu, als sie nach einiger Zeit wieder
abzogen. Er gehrt dennoch zu mir, sein Lebenlang tat er das schon. Es
ist keine Frage.

       *       *       *       *       *

Du, hre, was ist diese Gertrud fr ein Mdchen geworden?
Unaussprechlich brav und gescheit und ein bichen langweilig.

Lore schttelte den schnen Kopf. Sie ging neben Georg her nach dem
Tisch der Wiblinger.

Sag nichts ber Gertrud. Sie ist -- ach, du kennst sie nicht. Sag kein
Wort ber sie. Er sagte es fast rauh.

Da sah sie ihn an mit diesem Blick, dem er nie zu widerstehen
vermochte, aus Schelmerei und Zrtlichkeit gemischt: Ach, ich tu ihr
nichts. Gewi nicht. Ich bin nur so ein trichtes, nichtsnutziges Ding
neben ihr. Ich bin nur neidisch auf sie. Da hatte sie ihn wieder
gewonnen. Wie hatte er sonst oft nach einem solchen Blick verlangt;
frher, da pflegte sie ihn andern zu schenken. Und nun flog einer um
den andern zu ihm.

Du, du wirst ausreien, ich sehe es. Du wirst es durchsetzen, das, was
du jetzt anfngst. Heute hast du mich vollends aufgeweckt, heute morgen
in deiner Stube, als es dich so fortri. Du sollst mir berhmt werden,
du.

Mir? Er sah rasch nach ihr hin. Mir, sagst du?

Ja. Sie lachte. Ich habe es alles nie so verstanden, das mit deiner
Musik, und da dich das Studieren nicht so anzog. Aber das ist nun
anders. Ich habe heute frh ein Gesprch mitangehrt. Zwei sagten
zueinander: 'Du, der Ehrensperger, der hat's in sich.' Siehst du, das
denke ich auch. Pfarrer? ach, das kann jeder werden. Du sollst mir --
au, du drckst mich. Du tust mir weh.

Sie entzog ihm lachend ihre Hand, die er gepret hatte, da es knackte.

Komm in den Wald. Wir gehen nachher zu den andern. Hier sind wir
schon dran. Ich -- ich mu dir etwas sagen. Er atmete schwer.

Was du wohl sagen willst? Mu das heute sein?

Sie lachte, aber unsicher. Sie wute wohl, worauf es hinauslaufen
werde. Das Herz klopfte ihr. Wurde es nun Ernst?

Ja, ich mu mit dir ber das alles reden, heute noch. Und berhaupt.
Komm.

Da traten sie in die grnen Hallen ein. Still ging sie neben ihm, fern
von den andern, und ihre herabhngende Hand lag leicht in der seinigen.

Die grnen Bsche schlugen hinter ihnen zusammen.

Die Buchen wlbten sich ber ihren Huptern.

Von drauen herein sangen die Geigen und Flten.

Lore, ach Lore. Da du so sagst. Was ist das fr ein Tag heute. Es
wendet sich alles um und um. Ich mu das nicht tun, wovor mir so angst
war. Es ist mir, als sei ich frmmer seit dem Augenblick. Es war so
eine Qulerei, immer ein Wollen und Nichtknnen. Das ist auf einmal
von mir abgefallen. Jetzt sollst du sehen, da ich dennoch ein Ziel
erreiche. Ich will Schnes schaffen, Wahrhaftiges, etwas, das mein
eigen ist. Alle sollen sich mit mir freuen. Du besonders. Das ist das
Schnste, da du daran glaubst. Er sah ihr in die Augen. Tat sie es
wirklich? Ja, da stand es gro geschrieben.

Lore, du warst noch nie so, wie heut. Es ist, als ob ich dich zum
erstenmal she. Komm, la dich ansehen. Du, was habe ich mich geqult,
ja, auch um dich. -- Nein, la es mich sagen. Es ist ja wie ein
Mrchen. Das hat immer alles so hoch gehangen, was ich wollte. Wenn ich
darnach griff, schnellte der Zweig zurck, an dem es hing. Wenn es in
mir brannte, da ich dem nachgehen msse, was in mir tnen wollte, und
ich versuchte es, dann kam wieder die Mutlosigkeit: du kannst es doch
nicht. Und du darfst auch nicht. Du mut am Wege bleiben. Du darfst
nicht darnach greifen. Alles Schne, nach dem mein Wesen verlangte, war
wie Snde. Heut nicht. Ist heut ein Wunschtag? Du kommst -- ach, Lore,
sieh mich nicht so an -- und beugst mir den vollen Zweig herunter und
sagst: du kannst. Und mir ist, ich knne. Ich will -- -- du, -- du mut
dabei bleiben, -- du mut mit mir gehen, -- ach, komm.

Da schlug es ber ihnen zusammen wie weiche, warme Wellen. Da vergaen
sie Reden und Denken ber dem, was eins in des andern Augen geschrieben
fand.

Du, du. Sagten sie das Wort heut zum erstenmal?

Du. Da schlo Lore die Augen, wie geblendet von einem groen Glanz
und lehnte den Kopf an seine Brust, und sein Arm umfate sie. Sie aber
rhrte sich nicht darin.

       *       *       *       *       *

Ein Rotkehlchen hpfte von Ast zu Ast und sah aus hellen Augen zu, wie
den beiden jungen Menschen die Hnde von den Schultern und ineinander
glitten und wie sie darauf nebeneinander her gingen, schweigend. Auf
einmal erschrak es und flatterte hinauf in den Wipfel einer jungen
Buche. Denn das Mdchen hatte gelacht, ein so zwitscherndes, helles
Lachen, da das Vglein aus einiger Entfernung sehen mute, was darauf
erfolge. Das Mdchen hatte ja doch seinen Genossen bei sich und
brauchte ihn nicht zu rufen und ein solches Gezwitscher bedeutete in
der Vogelsprache einen Lockruf. Da fiel dem Rotkehlchen sein eigenes
Liebchen ein, das ein bichen weiter drin im Wald wohnte und es
breitete seine Flgelein aus und rief: ich komme.

Der junge Mann aber sah fragend aus. Jetzt kannst du lachen?

Da lachte sie noch einmal und noch viel heller. Ja, du, so bin ich.
Ich mu einmal lachen, wenn mir das Herz ganz voll ist. Das ist nicht
so leichtsinnig, wie du meinst. Ich kann's nur nicht sagen, wie es ist.
Du mut mich eben nehmen, wie ich bin, ich kann nicht anders sein. Du
bist viel zu gut fr mich, da du's nur weit.

Ach du, du bist lieber und schner als du weit. Komm, wir wollen
noch ein bichen tiefer in den Wald gehen. Horch, wie es in den Bumen
weht. Wir wollen ganz still sein und auf die Stille ringsum hren. Du
und ich miteinander. Kann denn so etwas wahr sein? Das ist ber uns
hereingefallen, eh' wir uns versahen. Du, ist es denn wahr?

Natrlich ist es wahr. Wir drfen aber nicht so lang da bleiben.
Wir mssen wieder zu den andern gehen. Ich will mich zwischen deinen
Vater und Franz setzen und mich mit ihnen anfreunden. Das ist jetzt
ntig, nicht? Wir sagen ihnen heut noch nichts, gelt? Ich meine von uns
zweien. Du mut sie zuerst dafr gewinnen, da du die Musik erwhlt
hast. Ach, du mut es mir zuerst selber erzhlen, nur rasch, so in
der Krze, wie du es angreifst. Also jetzt geht die Studiererei noch
einmal an; das ist nun pltzlich sicher. Auf einmal hast du es gewut;
das mut du mir noch sagen, wie das kam. Du gefllst mir so gut, wenn
du entschlossen bist. -- Nein, sei jetzt vernnftig. -- Wenn du so
bist, knnen sie dir nichts versagen. Du sagtest einmal, du habest
mtterliches Vermgen, das kannst du doch dazu --

Lore, liebe Lore, red' jetzt nicht davon. Wie kann man jetzt reden?
Das kommt ja alles in Ordnung. Ich mu es ja selbst berlegen.

So komm hinaus auf den Festplatz.

Nur ein Weilchen, ein kleines. Ich kann jetzt nicht gleich unter
Menschen sein. Wir sind wie das erste Menschenpaar hier, ganz allein.
Wir sind fr einander geschaffen. Still -- -- --. Siehst du das
Stckchen blauen Himmel? Du, Lore -- er sagte es leiser, sieh, da,
zwischen den grnen Baumkronen, -- es ist wie im Garten Eden, am Anfang
der Bibel, da ging Gott im Garten spazieren. Es ist wie ein blaues
Auge, das da heruntersieht.

Ach, du Trumer. Das bist du immer gewesen. Sie betrachtete ihn wie
etwas Neues, das man zum erstenmal sieht. Du, du bist eigentlich doch
ein geborener Pfarrer. Er guckt berall heraus bei dir. Wem fiele sonst
so etwas ein?

Da zuckte etwas wie ein scharfer Schmerz durch ihn durch. Verlor er
das Kstliche mit dem Schweren, das er abwarf? Nein. Das sagte er
laut, da sie ihn verwundert ansah. Und dann nahm er die Mtze ab und
richtete sich hoch auf.

Auch die Kunst hat ein Priestertum, Lore. Auch sie vermittelt das
Gttliche an die Menschen. Ich will, wahrhaftig ich will ihrer wert
sein.

Es klang wie ein Gelbnis. Sie sah ihn an und staunte ber ihn. Und
nach einer Weile sagte sie, fast beklommen: Ich glaube, wir kennen
einander noch nicht recht. Wenn du bei mir bliebest und ich she dich
jeden Tag, dann knnte ich mich in das alles hineinfinden. Dann
knntest du etwas aus mir machen. Glaub' mir's nur, ich spr's selber,
da mir's an vielem fehlt. Ach, Georg, ich bin ein armes Kind gewesen.
Du weit nicht, wie meine Mutter zuweilen war. Meine liebe Mutter.
Nein, nein, du darfst nichts ber sie sagen. Sie hat mich ber alles
lieb.

Sie kehrte sich zu ihm und hatte die leuchtenden Augen voll Trnen.
Aber als er nach einem Wort suchte, um sie zu trsten, schttelte sie
sich, da die Tropfen sprangen und lachte mit nassen Augen.

Kehr' dich nicht dran, was ich sage. Sag' lieber noch so etwas Schnes
wie vorhin, da ich einen rechten Stolz auf dich haben kann. Wenn ich
stolz auf dich bin, dann habe ich dich am allerliebsten.

Ach du, ich bin auch stolz auf dich. Es ist, als ob du eine Quelle in
mir aufgeschlossen httest und ich knnte gleich morgen, gleich heut
anfangen, zu komponieren. Wenn ich dich ansehe, dann tnt es gleich.

Weiter, das gefllt mir.

Siehst du, es ist etwas aus meiner Kindheit mit mir herbergegangen,
das mu mein schnstes und bestes Lebenswerk werden. Das lt mich nie
mehr los. Es ist mir, als ob alles, was ich zu erleben habe, nur dazu
sei, da es immer besser tne.

Und er erzhlte ihr die Geschichte von dem Geiger, der das schnste
Lied suchte, und einen Ton davon in allem Geschaffenen fand, da einen
und dort einen, und der es nie zur vollen Harmonie bringen konnte und
sie erst im Tode fand.

Er wurde warm dabei.

Das mchte ich alles in Tne fassen, es ist mir, ich hre es schon.
Das ganze Menschenleben liegt darin, Lieb' und Leid, und was dahinter
steckt, alles Fromme und alles Arge, und die ganze Natur, bis hinauf zu
den Sternen. Alles hat seinen eigenen Ton. Dann, wenn ich das habe --

Ach, nun komm'. Das ganze Fest geht vorber. Ich mchte noch einmal
mit Franz tanzen. Ich habe es ihm versprochen. Du, ich kann ihn gut
leiden, er ist so lebensfroh und so breit und stattlich. Das gefllt
mir. Du? Du bist ganz anders. Niemand ist, wie du. Darum will ich dich
gerade. Ich mu etwas ganz besonderes haben.

Immer noch sangen die Flten und Geigen. Ganz nah klangen sie jetzt
wieder, und zwischen den Bschen schimmerte es hell herein.

Du, ich will sehen, was Gertrud fr ein Gesicht macht, wenn sie es
erfhrt. Nein, heute sagst du es ihr nicht mehr. Ich mchte es einen
Tag lang fr uns behalten. Was ist mit der Falte auf deiner Stirn? Die
will ich heute nicht mehr sehen.

Gertrud soll ichs nicht sagen? Sie ist meine Schwester. Mein ganz
guter Kamerad ist sie. Ich habe immer alles mit ihr geteilt.

Das sollst du auch. Morgen oder bermorgen. Sie sah ihn an, wie nur
#sie# konnte. Es durchrieselte ihn ganz.

Dann traten sie aus dem Wald auf die Wiese. Dort war noch alles, wie
zuvor.

       *       *       *       *       *

Ha, hollah, ihr Waldlufer, rief der Mller Hensler und hob ihnen
sein Glas entgegen, hierher gesessen; was habt ihr fr Geheimnisse
miteinander auszubrten? Ist das eine Art, wenn man Gste hat?

Georg staunte. Wie munter vermochte Lore jetzt zu sein. Als ob nichts
geschehen wre. Er konnte kaum ein Wort sagen. Still sa er da und sah
in seinen Wein und schickte nur hie und da die Augen nach Lore hin. Am
liebsten wre er zu Gertrud gegangen und htte ihr alles erzhlt. Wie
konnte er die Last seines Glckes und seines neuen Entschlusses tragen,
ohne sie mit ihr zu teilen? Dort drben war sie und er war hier.

Lore aber trieb tausend Possen mit den beiden Franzen, dem alten und
dem jungen und tat sehr geheimnisvoll mit ihrem Waldgang: Ja, das
mchtet ihr wissen, das lt sich denken, und neckte Georg: Seht
ihr's, wie er sitzt und sein Geheimnis htet? Ja, ihr wit noch lange
nicht, was hinter ihm steckt.

War es mglich, konnte sie darber scherzen?

Aber der Mller Hensler hielt nun den Augenblick gekommen, wo er seine
Aufmunterungsgedanken anbringen konnte. (Er war auch selbst mglichst
aufgemuntert.)

Du, Georg, sagte er behaglich und knpfte sich die Weste auf, mach
nicht so ein Gesicht. Das kommt alles in Schick und Ordnung. Die -- die
Herren brauchst du nicht zu frchten, die wissen selber nicht alles.
Was ein forscher Kerl ist -- er blinzelte nach dem Bcker Ehrensperger
hinber, nicht, du?

Ach, lachte Lore, wenn ihr glaubt, er frchte sich. Er wei nur noch
nicht, ob er nicht lieber Musikdirektor oder so etwas werden will. Wir
haben es beredet. Sie sind alle hinter ihm her.

Da sah Georg gro auf und wollte etwas berichtigen. Aber sie blinzelte
ihm zu: Nun, stre mich nicht.

Musikdirektor? Das wre. Ja, kann man das nur so vom Fleck weg? Ist
das auch ein richtiges Brot? Er hat doch auf den Pfarrer studiert? Sie
konnten der Sache nicht nachkommen. Nun fing die auch davon an.

Da lie sie alle Raketen steigen, die sie hatte, und tat gro mit
Georgs verschwiegensten Trumen, als ob sie schon Wirklichkeit wren.

Vielleicht glaubte sie es selber, vielleicht dachte sie auch: Stark
auftragen hilft mehr. Die Mutter Maute nickte eifrig und sah mtterlich
nach Georg hin. Wenn es Lore sagte, die mute es ja wissen.

Was? sagte Vater Ehrensperger und sah hilflos vom Mller Hensler zu
Franz und von Franz zu seinem Jngsten hin, der Tausendskerl, nun will
er noch #das# werden. Was? ich habe gemeint, die Musiker, die seien
lauter arme Hungerschlucker. Wenn es auch wahr ist? Und was wird das
noch kosten?

Sein ohnehin schon roter Kopf war noch rter geworden.

So sag doch auch etwas, Georg. Lore stie ihn ein wenig an, und alle
sahen auf ihn, der dasa und schwieg.

Ach, hatte er je an dergleichen gedacht? Hatte er je glnzende
Plne entworfen? Das hatte er nicht getan. Hatte ihn denn Lore #so#
verstanden? Sie baute ja Huser darauf. Er mute es ihr sagen, da sie
es recht verstehe, er hatte sich die Zukunft noch nicht so praktisch
ausgedacht. Die Kunst -- und Lore. Weiter war er noch nicht gekommen.
Es wrde schon einen Weg fr beide zusammen geben. Da, als sie so
glnzende Bilder malte, stieg etwas wie eine Traurigkeit in ihm auf:
Wer den rechten Ton will finden, der mu in die Stille gehen und
allein sein und horchen.

Aber das konnte er ja nicht sagen.

Sie schttelten die Kpfe. Nun gab er wieder keine Antwort, so war er.

Er ist zu bescheiden, sagte die Putzmacherin Maute. Er macht nichts
aus sich. Wir haben es ihm oft gesagt. Zu bescheiden und zu ideal. Dies
war auch mein Fehler in meiner Jugend.

Maute sagte es immer: 'Henriette du bist viel zu ideal.' Aber das macht
sich spter. Wenn man einmal Familie hat.

Hi hi; sie lachte und sah sich im Kreise um.

Das sag ich auch, sagte der Mller Hensler. Forsch mu einer sein
und auftreten.

Er war nicht mehr so ganz auf der Hhe des Denkens. Er kniff Lore ins
Ohrlppchen. Die da, das ist ein Tausendsasa. Familie? Wenn du die da
kriegen kannst, dann nimm sie nur. Die wird dich schon -- ja so, du
willst ja nun -- ach, man wird auch noch ein Wort sagen drfen, das
flammt gleich zum Dach hinaus.

Denn Georg war heftig aufgestanden. Eine jhe Blutwelle war ihm bis
unters Haar gestiegen. Nun redete der Mller auch noch #davon#. Wollten
sie ihm alles zerpflcken? Sollte nichts Schnes, Heiliges mehr
verschwiegen in ihm leben?

Ach, wre er doch mit Lore allein im Walde und knnte ihr recht sagen,
wie er es meinte. Aber als er ihr in Gedanken seine Sorgen ausbreitete:
ob es gelingen werde? ob es nicht nur ein Schattenspiel sei? und da
er ja noch gar nicht wisse, ob ihm die Kunst ein Haus bauen werde,
oder nur eine Htte -- oder das auch nicht? -- und ob sie Schnes
#und# Schweres mit ihm teilen wollte? -- da nahm sie pltzlich Gertruds
Gestalt und Gesicht an.

Er strich sich bers Gesicht. Er atmete tief auf.

Ich mu es ihr sagen. Gleich mu ich zu ihr hin. Sie mu dabei
bleiben, wie bisher.

Aber Lore sah ihn an und schttelte den Kopf. Nicht jetzt, sagte sie
halblaut. Hatte sie seine Gedanken gelesen? Da setzte er sich wieder.

       *       *       *       *       *

Und es wurde Abend und die drei Wiblinger fuhren heimzu und waren
weder ber sich selbst noch ber ihren Studenten so ganz im Klaren.
Festlich umnebelt waren ihre Kpfe und ihre Gemter, aber dunkel war
ihr Wissen von der Zukunft. Eins stand fest: es mute noch einmal
Geld herausgerckt werden; aber dafr schien denn auch etwas ganz
besonderes aus dem Jngsten zu werden. Sie wollten es sich am Tag
noch einmal berlegen. Sie hatten doch wohl noch nichts Sicheres
versprochen? -- Doch, das hatten sie, Lore, das Hexenmdchen, hatte
mit ihnen darauf angestoen, Franz der Jngere wute es noch genau.
Wir wollen der Frau noch nichts davon sagen, heute noch nicht, sie --
sie rgert sich sonst, sagte er, als das Wgelchen ber das Wiblinger
Pflaster rasselte. Er hatte den Tag ber die husliche Unlust ein
wenig vergessen, nun kam das Gewicht wieder. Was half ihn die goldene
Bretzel? Was half ihn die wachsende Habe, wenn nirgends eine Ruhe und
ein Behagen war? So hatte er es nicht gemeint, als er sich ein Weib
nahm.

Was? Ich soll wohl die Junge fragen? Bin ich nicht mehr mein eigener
Herr? Der Vater Ehrensperger wollte aufbegehren. Er konnte seinen
Jngsten werden lassen, was er wollte, er war noch eben so forsch, als
er in seiner Jugend gewesen war.

Er konnte es sich leisten, wollte er meinen. Aber als er das sagte, sah
er die junge Frau mit einem Licht unter der Ladentr stehen, und er
machte sich etwas verlegen am Spritzleder des Wgelchens zu schaffen
und schwieg und suchte sein Lager auf, so bald er konnte.

       *       *       *       *       *

Wir wollen es ihr heute noch nicht sagen, sagte auch Lore und meinte
Gertrud damit.

Was sollen wir ihr sagen? Etwa, da wir uns --, sie lachte leise --
es ist alles noch so unfertig. Sie ist so gescheit, sie wrde uns fr
trichte Kinder halten. Du, das #sind# wir auch, nicht? Spter, da soll
sie alles erfahren, sie zuerst, meinetwegen. Nun sei nicht brummig.

Ja, wie sollte er #das# erzhlen? Aber es drckte ihn, da er es nicht
konnte. Er hatte ihr noch nie etwas verhehlt. Er wollte Gertrud nicht
verlieren, das konnte er nicht, niemals.

Ach, wuten sie denn beide nicht, da sie schon so vieles gesagt
hatten? Sie waren Hand in Hand gegangen, als sie in den Wald gingen,
und als sie wieder aus dem grnen Tor traten, da wetterleuchtete es
auf ihren Gesichtern, wie von einer heien und groen Freude und wie
von einem neuen Erleben. Sie konnten es nicht verbergen und dachten
auch nicht daran, es zu tun. Die Wiblinger merkten es nicht, und die
Putzmacherin Maute -- tat, als ob sie es nicht merke.

Aber wuten sie denn nicht, da Gertrud in ihren Gesichtern zu lesen
verstand? Dachten sie nicht daran, da das Feuer ihrer Augen und die
Unruhe in Georgs Wesen und das bermtige Lachen in Lorens Gesicht eine
Sprache redete, die #sie# nicht miverstehen konnte?

Sie dachten nicht daran. Aber darum war es doch so. Sie waren im
festlich erleuchteten Saale. In hohen Wellen ging die Festesfreude,
-- Gesnge erschallten, Trinksprche wurden ausgebracht, Freund-
und Bruderschaften wurden geschlossen, es schumte das Bier in den
Krgen, es funkelte alter Wein in den grnen Rmern, es leuchtete die
Lebensfreude in jungen Angesichtern und in alten, jung gebliebenen
Augen.

Der Rektor Cabisius sa mitten im Saal und war der Jngsten einer und
trug das Band ber der Brust und sein weies Haar glnzte wie Silber.

Das Festlied war durch den Saal geflutet; der junge Komponist fhlte
sein Herz schwellen vom Glck der Gegenwart und vom verheienden
Leuchten der Zukunft. Was war schn, wenn es nicht diese Stunde war?
Sie stieen mit ihm an, sie tranken ihm zu. Und Lore trat zu ihm,
rasch und leicht kam sie durch den Saal auf ihn zu. Sie war stolz und
froh. Fing sein Stern schon an, zu glnzen? Sie wollte ihren Teil
daran. Du, sagte sie, Du bist der Knig. Er lie seine Augen auf
ihr liegen. Deiner? fragte er, und sie nickte lachend: auch, aber
nicht nur meiner. Da zuckte er zusammen und hob die Hnde und lie sie
wieder sinken. Zu Fusten ballte er die niederhngenden Hnde, damit
er sie ihr nicht vor aller Welt um den Hals lege. Und du, du bist die
Knigin, sagte er. Deine? sie fragte es mit einem trunkenen Leuchten
ihrer Augen. Ja, meine ganz allein. Morgen gehn wir noch einmal in den
Wald, da setze ich dir ein Krnelein auf.

Ach, wuten sie nicht, da hinter ihnen Gertrud an einer Sule stand?
Sie war von der andern Seite her durch den Saal gekommen. Sie war immer
zu Georg gestanden, wenn er Wichtiges erlebt hatte. Und sie wute, da
ihm sein Lied wichtig sei.

Ja, da kam sie gerade bis an die Sule, und sie hrte und sah, und
konnte keinen Schritt mehr vorwrts tun und konnte kein Wort sagen, und
wute nicht, wo sie hinsehen sollte, um ihre Not zu verbergen.

Und als die beiden weitergingen, da wandte sie sich leise um und ging
mit schweren Tritten zu ihrem Platz zurck. Nun war das alles, was
ringsum flutete, farb- und tonlos geworden. Nun waren es fremde, lauter
fremde Menschen, die sich da herumbewegten. Was sollte sie unter ihnen?
Sie war allein mit sich, und etwas in ihr schrie auf.

Still, da es niemand hrt.

Grovater, bleibst du noch lang da? Ich -- ich bin mde. Sie zwang
sich, zu lcheln: Ich bin das alles nicht gewhnt. Feste feiern, das
mu man auch ben.

Er sah auf, er sang eben aus Herzensgrund mit. O alte
Burschenherrlichkeit, wohin bist du verschwunden? Die alten Herren,
das heit, die Alten unter ihnen, hatten sich zusammengesetzt und die
Geister ihrer Jugend waren bei ihnen.

Ist es schon so spt? Du siehst bla aus, Kind. Ja, ich wollte, -- das
heit, natrlich begleite ich dich nach Hause, wenn du willst. Oder, ja
so, er sah sich suchend um, das darf ich ja nicht, das will ja wohl
der Georg, das ist sein altes Recht. Der ist ja wohl heut Hans in allen
Hecken, nicht?

Sie nickte, schwer und freudlos. Er htte es sonst zu allen Zeiten
gesehen, aber er war jetzt gerade ein wenig geblendet. Es ging so ein
Klang aus alten, schnen Zeiten durch den Saal rund durch den Rektor
Cabisius hindurch.

Nun, da kann ich ja wohl noch ein bichen bleiben? Soll ich dir den
Georg holen? Nicht? Siehst du, da kommt er schon. So ein langer Mensch,
er ragt ber alle andern hinaus.

Er nickte ihr zu. Gute Nacht, Kind. Schlaf gut, morgen ist auch noch
ein Tag.

Da floh sie aus dem Saal. Was sollte sie noch hier?

Sie fand ihren Weg allein. Es war nicht so weit nach dem Gasthof zum
Lamm. Und wenn es weit gewesen wre, sie htte sich nicht gefrchtet.
Was gab es, das nun noch zu frchten war? Ein schweres, schweres
Steingewicht trug sie in sich, das wollte sie langsam und stumm zu
Boden drcken.




                    Elftes Kapitel


Morgennebel wogten durch das Tal, von ferne rauschte der Neckar,
still lag die Stadt, es war noch frh. Still lag das Gasthaus zum
Lamm, nur der Hausknecht ging und ffnete die Haustr, und ein
halbwchsiger Bube sa in einem blauen Schurz auf der Steinbank und
hatte eine Stiefelversammlung um sich und wichste darauf los. Es war
eine erfreuliche Beschftigung; man hatte sein redliches Teil an der
Weltverbesserung, wenn man Stiefelputzer im Lamm in Tbingen war. Der
Bub pfiff denn auch drauf los, was er konnte, ihn freute sein Morgen,
das konnte man deutlich sehen. Aber nun unterbrach er sich, mitten im
Liede von der Leineweberzunft, und ri seine hellblauen Augen weit
auf. Es war aber auch kein Wunder. Wenn man vor Tau und Tag aufsteht,
damit an allen Tren zu rechter Zeit die glnzenden Stiefel stehen, und
da geht Nummer siebenundzwanzig in aller Gottesfrhe zum Haus hinaus,
und hat natrlich ungeputzte Schuhe an, und macht ein Gesicht, -- ein
Gesicht, so geisterhaft ernst, da man gleich --, der Schuhputzer wute
nicht, #was# man gleich konnte, etwas Erfreuliches sicherlich nicht.
Nummer siebenundzwanzig hat die Schuhe nicht herausgestellt, sagte
der Hausknecht; und da hat man's nicht putzen knnen, sagte der Bub,
und so fhlten sie sich beide unschuldig an dem Kummer von Nummer
siebenundzwanzig, und der Bub fuhr fort, das Leineweberlied zu pfeifen.
Es konnte ja einer nicht mehr tun, als seine Schuldigkeit.

Zum Haus hinaus und durch die morgenstillen Gassen schritt sie,
die im Lamm Nummer siebenundzwanzig war. Sie wollte gern irgendwo
hinkommen, wo keine Menschen und keine Huser waren; es konnte
jemand erwachen und zu ihr kommen und sie fragen: was ist dir? --
und konnte sie zu trsten versuchen. Sie hatte die Nacht hindurch
auf den Morgen gewartet, bald schmerzhaft wach, bald, was schlimmer
war, in einem dmmernden Halbschlaf. Nun war sie auf den Fen und
trug sich selbst hinaus aus dem Menschenbereich. Sie wute nicht so
recht, wo es hinging; ihre ernsten Augen suchten einen Ausweg aus dem
Gchengewirre; sie machte wohl Umwege, aber endlich fand sie doch
eine schmale Steige, die aufwrts fhrte. So mag einst Noahs Taube
unsichere, suchende Flgelschlge getan haben, ob sie irgendwo in der
Wasserwste einen Ort finde, da sie ruhe, und endlich die Bergspitze
gefunden habe, die ber die unendlichen Wogen hinausragte.

Zwischen hohen Husern, die eng aneinander standen, ging der Weg
aufwrts; dann traten die Huser zurck, ein weiter und freier
Blick tat sich auf. Eine Linde hob ihre hohe und volle Krone in den
Morgenhimmel hinein, ein Steintor stand weit offen, fast mechanisch
ging Gertrud Cabisius hindurch. Dann stand sie im Schlohof. Ein
zuckender Schmerz: den wollte Georg mir heute zeigen. Still. Nichts
denken jetzt. Sie ging durch den Hof und fand den Weg ins Freie, und
ging weiter, ohne viel nach dem Weg zu sehen, dann kam der Wald.

Frisch und still war es hier oben, weie Morgenwolken hingen in dem
reinen Blau des Himmels, Tau lag auf allen Grsern, leise rief der
Wald, vom leichten Morgenwind bewegt: komm. Aus leichten Nebelschleiern
traten die Berge der schwbischen Alb und traten still in den Reihen
und schlossen den weiten Raum, in dem sich ein Menschenkind des
Alleinseins, der groen, groen Einsamkeit bewut war. Rauschte der
Neckar aus dem Tale herauf oder fing die Stille an zu tnen?

Gertrud trat in den Wald und ging noch eine kleine Strecke weiter
hinein und wute nicht, was sie hier drinnen wollte. Die Menschen waren
ihr fremd geworden, mit einem Male alle. Sie hatte ihr Wesen von jeher
so einig und ungeteilt auf ihn zu entwickelt, den sie seit gestern
abend nicht mehr verstand. Wo war er hingekommen? Was war er ihr noch?
War das das Werde, auf das ihr lebensreifes Ich gewartet hatte?

Weit offen war es gewesen fr die hohe, groe Gemeinschaft, nun
standen die Hallen leer und de, und ihre Seele fragte in die groe
Stille hinein: Ist niemand, der zu mir gehrt, niemand? Und sie ging
noch weiter hinein in die grne Dmmerung, und schlang die Arme um
einen Baumstamm und legte den Kopf an das rissige Holz. Sie war kein
so starker Geist, da sie allein stehen konnte, sie mute etwas zu
umfassen haben. Aber der Stamm schlug ihrem klopfenden Herzen keine
Antwort. Da glitt sie an ihm nieder und sank in sich zusammen im Moos
und schlo die Augen vor der Auenwelt. Und ihre Seele machte sich
zitternd auf und rief mit ngstlicher Stimme in die Einsamkeit hinein,
ob nicht einer drinnen sei, mit dem sie reden knne.

       *       *       *       *       *

Es war einmal ein kleines Kindlein gewesen, das war ganz allein auf der
Welt und wute noch nichts von sich und nichts von der groen Weite,
die rings umher war. Das spielte mit Bltenblttchen und wollte sie
alle haschen und als sich einige zu weit von ihm entfernten, da -- wir
wissen es, machte sich das Kindlein auf den Weg, sie zu holen. Und da,
wer kann sagen, was ihm so die Augen auftat? -- erschauerte es zum
erstenmal vor dem Alleinsein. Es war aber Liebe um den Weg, die trat in
die Kluft, und des Kindleins Augen spiegelten sich in anderen Augen und
sein junges, erschrockenes Seelchen barg sich darinnen.

Und das Kindlein wuchs heran und lernte erfahren, da die Welt viel und
reiches Leben berge, und gewann eine Liebe zu allem Lebendigen und sah
mit hellen und klugen Augen in die Runde und in die Tiefe und in die
Hhe, und lernte auf die Pulsschlge des Lebens horchen und hatte Teil
an dem allem, was da war, an der Oberflche und unter der Oberflche.
Auch war ihm gesagt, da alles Leben aus einer starken, lichthellen,
unversieglichen Quelle fliee, die lernte das Kind staunend verehren,
und das je mehr, je grer es wurde.

Treue und liebreiche Hnde hatten es so nah an diese Quelle gefhrt,
als das ehrfrchtige Menschen nur knnen, und es war schn, zu wissen,
da wie die Sonne ber der Erde eine reine, groe Liebe, die aller
Weisheit und Kraft voll wre, ber allem Geschaffenen sei. Es war auch
schn, selber jung und stark und voll frischer, treibender Krfte zu
sein und in ausbrechender Werdelust die Arme nach der ganzen Welt und
nach dem Gott, der sie geschaffen hatte, zu breiten. Und es war schn,
zu wissen, da aus der Flut von gleichgeschaffenen Wesen eins ganz nah
und mit Willen zu einem gehrte. Wo blieb da jegliche Furcht? Wo jedes
Alleinsein?

Und nun war wieder ein Tag, da gingen dem Kind die Augen auf und es
sah, da es in Wahrheit allein sei, und -- wir wissen nicht, ob es ein
grerer Schauer war, als das erste Mal, denn wir wissen nicht, was
eine kleine Kinderseele berflutet -- da streckte es wieder die Hnde
aus. Bist du? wo bist du? halte mich. Es ist alles so leer, sie haben
mich allein gelassen. #La dich# finden.

Der Morgen war in den Vormittag bergegangen, als Gertrud Cabisius
wieder in die Stadt herunterkam. Der alte Herr hat gesagt, Sie mchten
sich nur um elf Uhr an der Bahn einfinden, sagte das Stubenmdchen.
Er ist ausgegangen, er kommt auch dorthin.

Sie hatte dem Grovater einen Zettel hinterlassen, da er sich nicht um
sie sorge. Sie wute, sie durfte seinetwegen ruhig tun, wie sie mute,
er wrde sie nicht zuviel fragen.

Da, als sie eben in ihrem Zimmer einiges zusammenpackte und vor dem
Augenblick bangte, da Georg zu ihr kme, um ihr alles zu erzhlen (denn
sie wute, da er das tue), da hrte sie seinen Schritt auf dem Gang
und dann sein Klopfen. Da war er schon.

Hast du nicht Herein gerufen? Wo steckst du? berall habe ich dich
gesucht. Gestern abend und heute frh. Ach, Gertrud. Er war bla und
erregt. Er trug ein Blatt Papier in der Hand. Ich habe ein Telegramm
von Wiblingen. Mein Vater hat einen Schlaganfall bekommen. Ich mu nach
Hause. Ich will mit euch fahren. Ihr fahret doch nachher? Und ich, ich
war bse, da er gestern kam. Wenn ich ihn nun nicht mehr she? Er
hatte ein hilfloses und verstrtes Knabengesicht, und er hatte groe
Lust, seinen Kopf in Gertruds Scho zu legen. War das der Georg von
gestern Abend? Das war der, den sie kannte. Ach, hatte er sich nur ein
bichen verlaufen und kam nun wieder?

Da aber hob der Schmerz wieder sein Haupt:

Nein, nein, das ist Ernst. Sein Herz gehrt nicht dir, das gehrt ihr
-- Lore gehrt es. Weit du nicht mehr: Du bist meine Knigin, meine
ganz allein.

Gertrud, so weine doch nicht so. Du, warum weinst du? Wegen meines
Vaters? Aber er lebt ja noch.

Ganz erstaunt sah er sie an. Sie hatte ja nie irgend eine Gemeinschaft
mit seinem Vater gehabt. Weinte sie aus Mitleid mit ihm? Er zog ihr
die Hnde vom Gesicht: Bleib bei mir; du bist mein Kamerad. Was auch
komme, Gertrud. Ich mte dir so vieles sagen, aber ich bin jetzt so
verwirrt.

Da trocknete sie ihre Trnen und sah ihn mit ihren guten Augen an und
zwang ein blasses Lcheln auf ihre Lippen.

Sei still, red jetzt nichts. Ich bin -- ach, du kennst mich ja. Hole
dir, was du brauchst. Da zitterte ihre Stimme wieder. Und sie wandte
sich ab und packte ihr Kfferchen fertig.

       *       *       *       *       *

Er hatte nie viel nahen Zusammenhang mit seinem Vater gehabt. Sie waren
sich beide so unhnlich als mglich. Georg war mehr seiner Mutter Sohn
als seines Vaters.

Seine Mutter war einst als ein Sonntagskind, -- obgleich sie das
nicht von sich wute -- ins Leben getreten, weich, lieblich und voll
wunderbarer Hoffnungen, und hatte ihre hellen Augen unter die Tr ihres
Hauses geschickt, um nach allen lichten und frohen und guten Geistern
auszusphen. Die wollte sie zu sich einladen und sie gut bewirten.

Wie sie zu ihrem Mann gekommen war, das war ihr spter selbst
unfalich. Sie war wohl noch nicht ganz wach und reif gewesen, als
ihr verstndige Leute zugeredet hatten, da er ganz vorzglich zu
ihr passe; und sie hatte seine stattliche Gestalt und sein lachendes
Gesicht fr Zeugen von Kraft und Lebensfreude gehalten. Da erfuhr sie
bald etwas, das war ihre erste Enttuschung: sie konnten beide lachen,
aber sie lachten nicht ber dasselbe und nicht auf die gleiche Weise.

Nachher, als das Unglck kam, da konnten sie auch nicht miteinander
weinen.

Sie gingen einander innerlich nichts an.

Der Mann schalt und polterte eine Zeitlang und ging dann seiner Wege;
die Frau aber, die immer noch nach dem Lichten, Hellen ausgesehen
hatte, -- ihre Kinder an der Hand, da der Mann nicht mitgehen wollte --
die wurde nun pltzlich von dsteren Riesen niedergeworfen, von Schmerz
und Schuld und Verzweiflung, und in ein enges, dunkles Gefngnis
geworfen und da ihr Lebenlang behalten. Sie schickte aber, wie wir
wissen, aus diesem Gefngnis bestndig nach Boten aus, da sie so sehr
nach Licht und Liebe hungerte und wurde schlielich von einem unter
ihnen nach Hause gefhrt. Von dieser Frau nun hatte Georg Ehrensperger
ein Erbe berkommen, das war schn und schwer zugleich.

Das war die Sehnsucht nach allem Schnen, das im Leben liegt, sowohl
in und hinter den Dingen, als auen an ihnen, und der starke Drang, es
alles in seinem Leben zu vereinigen.

Es war so ein hungriger Mensch und er trumte, wie jener, viel vom
Sattwerden. Er glaubte aber jetzt auf dem Wege dazu zu sein.

Nun sa er in dem lederbezogenen Grovaterstuhl neben seines Vaters
Bett und sprte pltzlich, da auch dieser ihn etwas anging und langte
nach der Hand, die schwer auf der Decke lag und htte gern etwas zu ihm
gesagt. Aber unten am Fuende sa der Mller Hensler und sah auf einmal
aus, wie ein alter Mann, da er gestern noch ein feuriger Jngling
gewesen war, und schttelte den Kopf, einmal ums andere; und neben ihm
stand Franz und hatte die Augen voll Trnen, denn er war von seines
Vaters Art und stand ihm menschlich nahe. Auch war er neben aller
Neigung zu krftigem und sorglosem Lebensgenu weich von Gemt und flo
leicht ber.

Da konnte Georg nichts sagen. Er war eben angekommen und war noch
verwirrt und bedrckt von dem raschen Wechsel: Gestern Lebensflle
und ein Klingen aller Saiten -- und heute die ernste Schnitterarbeit
des Todes. Da, als er so sa und in seinem Innern bewegt war und nach
einem Ausdruck dafr suchte, geschah etwas, das ihn gegen seinen Willen
komisch berhrte, also da er das Gesicht zwischen Lachen und Weinen
verzog, wie wenn einer niesen will und nicht kann: Nmlich der Mller
Hensler hob halb unbewut an, sachte die Daumen umeinander zu drehen,
als ob er seinem alten Freund diese seine gewohnte Beschftigung nun
abnehmen und weiter fhren msse. Und dazu sagte er wehmtig vor sich
hin: Ja der Wein, -- ja, ja. Sein Lebenlang hat er ihm nichts getan,
das kann ich bezeugen. Noch nie. Und nun auf einmal.

Es war nmlich schon lange eine Streitsache zwischen dem Wiblinger
Doktor und dem Bcker Ehrensperger gewesen. Der Letztere hatte um
ein Mittel gebeten, da ihn fters ein Engsein am Halse und dazu ein
Flimmern vor den Augen und ein Sausen in den Ohren befiel.

Aber der Doktor hatte ihm kein Mittel gegeben. Fubder sollte er
nehmen, und Wasser trinken -- und dann das Weinverbot.

Aber um des Weinverbots willen ging der Doktor der Hochachtung des
Bckers Ehrensperger verlustig.

-- Wenn er sonst nichts wei. Wozu die studieren, das mcht ich
wissen. Mir hat der Wein noch nie etwas getan. Aber man ist verkauft,
sobald man einen Arzt frgt. Krank ist man von dem Tage an.

Denn der Doktor hatte kurz und trocken den Schlagflu in Aussicht
gestellt, falls seine Vorschriften nicht befolgt wrden.

Schwer war es. Wenn man sich zur Ruhe gesetzt hat und will noch ein
paar gute Tage haben in seinem Alter und hat das Geld dazu. Was soll
man dann mit sich anfangen? Nicht einmal trinken soll man.

Man brauchte ja dem Doktor nicht alles zu glauben. Aber unbehaglich
war es von nun an doch. In jedem Krug voll roten Heilbronners sa ein
Ungetm, es konnte einem alles entleiden.

Da hatte er sich nun gestern entschlossen, da, als sie bei der Ausfahrt
im Wagen den Uhlbacher tranken, sich nur auch einen Tag lang der
unangenehmen Gedanken zu entschlagen und zu leben, wie ein Junger, so
sagte er.

Das hatte er auch getan in seiner Weise.

Aber nun mute er die Rechnung bezahlen.

Es war in der Nacht noch geschehen. Niemand wute, wann und wie der
Schlaganfall gekommen war. Als der Vater nicht herunterkam, ging Franz
hinauf und sah nach ihm und fand ihn, halb im Bett und halb auer dem
Bett, mit offenen, unruhigen Augen und schwerem Atem. Das lie sich
Georg alles erzhlen und verwand rasch das Komische, das ihm angeflogen
war, und war fast froh, da er etwas wie Trauer empfand und htte sie
gern noch tiefer gesprt. Eine Stunde, nachdem Georg gekommen war, hob
der Kranke den Kopf ein wenig und zwinkerte dem Mller Hensler zu, und
sah seine Shne an und formte mit den Lippen undeutliche Worte. Sie
verstanden nur weniges: Immer gutes Brot gebacken -- der Kleine, der
will -- ich bezahl's -- Franz, du -- nein, nicht die Junge --. Er
hatte einen Pik auf seine Shnerin. Und dann sah er sich mit dem Mller
Hensler unterwegs und der ging ihm zu schnell und er mute keuchen, um
mitzukommen: Immer -- langsam -- voran, -- die -- die Jngsten sind
wir -- auch nicht mehr.

Da kam der Anfall noch einmal und machte ein Ende.

Und er war ein geruhlicher, starker und dicker Mann gewesen, und
hatte auch ein geruhliches Leben gefhrt und hatte nicht viel Hunger
gelitten, so viel man wei. Sie begruben ihn aber an der Seite der
Frau, die ihm so lang vorangegangen und ihm so unhnlich gewesen war,
und als es Zeit war, da setzten sie ihnen beiden miteinander einen
Stein, und schlossen das Grab mit einem Gitter ein und es war nun
weiter kein Unterschied zwischen ihnen beiden zu sehen.

Ihre Shne aber trugen, ein jeder in seinem Teil, ihre Art weiter, und
suchten und fanden ihren Weg durchs Leben, der eine leichter, der
andere schwerer, und werden einmal ein jeder ein Ziel erreichen.

       *       *       *       *       *

Wer aber ist nun besser gefahren? sagt es, ihr Schlfer.

Es ging ein alter Mann durch den Garten des Todes, es war in einer
Dmmerstunde, wenige Wochen nachdem sie den Bcker Ehrensperger
begraben und ihm viele und teure Krnze auf den Hgel gelegt hatten.

Er kam von etlichen Grbern her, die er liebend besucht hatte. Es
waren solche darunter, die lngst eingesunken und nur mit langem
Kirchhofsgras bewachsen waren, und solche, die noch in guter Hut und
Pflege standen. Er stand nun still vor dem neuen Grab und dachte an
einen, der seinem Herzen teuer war und der vor wenig Tagen einen neuen
Weg eingeschlagen hatte, um, so es ginge, einer edlen Kunst Meister zu
werden.

Das snftigt das Herz und stillt die Gedanken, wenn man die langen
Reihen der Schlafenden grt und ihrer Wege und ihres Ruhens gedenkt.

Ihr, die ihr Lasten truget und Hunger littet und wunde Fe bekamet von
steinigen Wegen; ihr, die ihr euch sehntet nach Freude, nach Licht und
nach vollem Leben; ihr, die ihr brennende Herzen hattet und strmisches
Verlangen, sagt, habt ihr etwas von dem gefunden, das ihr erhofftet?
Hat euch jemand in Empfang genommen, als ihr mde nach Hause kamet?
Habt ihr nun gesehen, was des Hungers und der Sehnsucht allertiefster
Grund war und ist euch eine Stillung dafr geworden? Ihr schweiget,
soviel wir auch fragen mgen.

Wie, oder habt ihr andern recht gehabt? Ist es genug, zu nehmen, was
am Wege liegt und an der Oberflche? Reut es euch nicht, da ihr
meintet, das Beste sei, gut zu essen und gut zu schlafen und sich keine
berflssigen Gedanken zu machen?

Ihr hattet nichts, wonach ihr euch sehnen mutet, ihr seid satt
gewesen. Seid ihr das noch? Sagt, seid #ihr# besser gefahren?

Und auch ihr schweiget, soviel wir auch fragen mgen. Es bleibt uns
nichts, als selber unseres Weges zu gehen, dem Drange nach, der in
unserer Brust lebt. Wir mssen etwas suchen, das wir nun nicht haben;
wir knnen nicht anders. Wir verfehlen es oft dabei und gehen nicht
immer gerade aus und verstehen uns selber nicht immer recht. Aber wir
gehen dennoch weiter. Und wenn wir hie und da meinen, uns im Kreise
zu drehen und umsonst zu suchen, was unsres Herzens Verlangen ist, so
fllt es uns trstlich ein, da einer, auf den wir viel halten, und
der etwas von Menschenseelen verstand, gerade die Hungrigen und Armen
und Verlangenden glcklich, ja selig pries, weil irgendwo eine Flle
fr sie sei. Und dann fangen wir von neuem an, zu suchen, und fangen
am Kleinen an und werden nicht satt davon und suchen das Grere. Aber
es ist etwas in uns, das will das Grte und gibt sich anders nicht
zufrieden.

       *       *       *       *       *

Der Rektor Cabisius hatte etwas getan, was er selten tat, er hatte ein
Machtwort gesprochen. Er hatte so lang als mglich damit gewartet. Wie
damals, als seine Enkelin klein war und ihren ersten Schritt wagte,
hatte er zugesehen, was da werden wolle. Aber als es Zeit war, streckte
er die Hand aus und sagte: Doch, Georg, du machst nun dennoch das
Examen. Ja, ja, ich rede dir nicht drein. Ein gezwungener Pfarrer,
ein Mutheologe, davor beht' uns Gott. Das Hchste und Schnste darf
man nicht unwillig tun. Wenn Jesus einen seiner Zwlfe hinter sich
hergeschleppt htte, -- nein, nein, ich versteh' dich. Gut versteh'
ich dich. Aber das Examen machst du dennoch. Ich sage dir: Verweht
und verloren kmest du dir vor, wie einer, der allerlei angreift und
nichts zu Ende fhrt, wenn du #so# davongingest. Nun ja, mach' kein
so bedenkliches Gesicht. Du wirst keine Glanznummer davontragen. Es
wird nur gerade reichen. Aber das ist ja nicht so wichtig. Du wirst
an mich denken, wenn einmal Schwierigkeiten kommen, -- die kommen
berall, Georg, es wre nicht gut, wenn sie nicht kmen, -- und du dich
daran erinnerst, da du nicht als Hasenfu in die Weite gelaufen bist,
sondern als ein Mann, der wute, was er wollte.

Georg Ehrensperger hatte es nicht fr so ntig gehalten. Aber wenn
der Rektor #so# sagte. Da ging er richtig hinein und hielt eine
Probepredigt, ber die einige der Herren staunten: Der will umsatteln?
Der hat keine Freude an der Sache? Ich wollte, sie wren alle so
frisch dran hin. Aber die so sagten, wuten nicht, da dem Prfling
die frische Luft der Freiheit zur offenen Kirchentr hereingeblasen
hatte, als er seinen Text verlas und da ihn heimatlich anrhrte, was
ihn nicht binden und verpflichten wollte. Auch hatten sie ihm einen
Text gegeben, der ihm ein Stck Sphrenmusik war und ber den er am
liebsten auf der Orgel gepredigt htte: Eine andere Klarheit hat die
Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond, eine andere Klarheit haben
die Sterne. Und ein Stern bertrifft den andern an Klarheit. Das
brige, das ja freilich die Hauptsache war und himmlische und irdische
Krper, verklrte und natrliche Leiber miteinander verglich, kam -- es
mu gestanden sein, -- etwas kurz dabei weg. Es war mehr ein Lobpreis
nach der Weise des alten Liedes, das er einst von Hollermann gelernt
hatte: Alle die Schnheit Himmels und der Erden ist verfat in dir
allein, und war eine Kandidatenpredigt, wie andere auch. Aber es ging
ein warmer Zug von Gottesbegeisterung hindurch, so da die Herren,
auch die, die ber einen pantheistischen Anklang darin leise den Kopf
schttelten, nicht anders konnten, als freundlich zu gestehen, da
Georg fhig gewesen wre, und nicht nur mit knapper Not, verwendet zu
werden. In der Kinderlehre ging es nach dem Spruch: Ich bin gekommen,
da ich ein Feuer anznde, und was wollte ich lieber, denn es brennete
schon? Aber die Buben und der Herr Kandidat blieben miteinander an
der Beschreibung eines Bismarckfeuers hngen, in das ein jeder von
den Studenten seine Fackel warf, und eh' der Kandidat zu der sehr
tiefsinnigen Nutzanwendung kam, ein jeder msse dazu beitragen, da das
Hhenfeuer durch die Nacht leuchte, war die Zeit um. Die Herren aber
hatten nur gesehen, da, sagte einer, der Kandidat selber noch ein
Kindskopf sei. Es wurde ihm aber nicht bel vermerkt. Denn, fuhr der
vorgenannte Professor fort, immerhin wute er die Kinderkpfe, die vor
ihm saen, anzufassen und das ist mehr als nichts.

Alles in allem, obgleich die eigentlichen Wissenschaften nicht gut
wegkamen und im Schriftlichen hie und da ein schnes, leeres Blatt
Georg Ehrenspergers Namen trug, gedieh das Ganze nicht #so# bel,
als sich der Kandidat vorher in schwarzen Stunden ausgedacht hatte.
Und es ist nur schade, sagte der Mller Hensler, wenn er darauf zu
sprechen kam, da er das Forsche erst jetzt angefangen hat, wo er
nach den Herren nichts zu fragen hat. Er wute ja freilich nicht, da
das, was er Forschheit nannte, nur aus dem neuen, frischen Gefhl der
Freiheit herkam.

       *       *       *       *       *

Der Wind trug halbverwehte Tne auf seinen Flgeln daher. -- -- beht
dich Gott, Philisterhaus. -- Horch, sagte Georg, sie singen einen
hinaus. Heut abend kommt's an mich. Ich wei nicht, soll ich lachen
oder weinen, nun ich Tbingen Lebewohl sage. Ich bin den ganzen Morgen
durch die Straen gewandert und bin auf dem Schlo gewesen und habe
alles mit den Augen gestreichelt.

Es ist so eine Sache. Die andern, die bisher mit mir gegangen sind, die
fangen nun an, zu amten. Ich aber -- manchmal kommt es ber mich, Lore:
Nun habe ich so viel schne Zeit verstudiert, und --

Verstudiert? Lore lachte. Das geht an. Es ist nicht so bermig
gewesen, gelt? Du, was hast du nur immer getan? Sie saen in dem
schmalen Mauergrtchen, an dem der Neckar vorberflo. Astern und
Dahlien blhten darin und rotviolette Malven; Herbstfden waren von
einem Stengel zum andern aufgespannt und hie und da glnzte ein lichter
Tropfen an dem zarten Gespinste, wie eine Trne. In den Kronen der
Platanen drben in der Allee whlte der Wind. Er spielte auch mit dem
Haar des schnen Mdchens und legte eine der rtlichen Locken auf
die Stirne herein. Georg griff darnach und zog sie spielend ber die
Finger.

Was ich getan habe? Du weit es. Ich habe mich nicht so
zusammengerafft, wie ich gesollt htte. Es war mir immer, als ob ich
das Rechte, das mich ganz fllen sollte, noch nicht htte; da suchte
ich es berall. Einmal, da half ich einem Weingrtner, drauen in der
Neckarhalde, Erde tragen, wohl zwei Stunden lang. Er lie sich die
Hilfe gefallen, aber er hielt meine Arbeit doch fr einen Studentenulk;
er dachte, es komme noch irgend ein Unsinn hintendrein und sah sich
zuweilen mitrauisch um.

Aber es war nur das drngende Verlangen, etwas zu tun, das der Mhe
wert wre, getan zu werden. Begreifst du das? Es kommt manchmal mit
Gewalt ber mich. Ich mchte der Welt etwas geben, das sie ohne mich
nicht hat, etwas Groes, Schnes.

Aber sie schttelte lachend den Kopf.

Ach, du denkst dir immer so sonderbare Sachen aus. Weit du nichts
anderes mit mir zu reden? Nun hast du doch, was dir noch gefehlt hat,
nicht? Neulich sagtest du es.

Sie sah ihm tief in die Augen, lockend und verheiend: da hast du mich,
das wolltest du doch?, und lehnte den Kopf an seine Schulter.

Nun rede von etwas anderem. Du mut dich beeilen, da du etwas recht
Schnes schaffst, ich will nicht zu lange warten. Du mut sehr oft
hierher kommen. Du sagst, wenn du neben mir sitzest, fallen dir die
schnsten Melodien ein. Das gefllt mir. Sag noch so etwas Hbsches.

Sie sah ihn mit glnzenden Augen erwartungsvoll an. Da strich er ihr
weich und zrtlich ber das Haar: Du Liebste, du mut mich ein wenig
trsten. Nun bin ich fast vierzehn Tage zu Hause gewesen und habe
Gertrud fast gar nicht zu sehen bekommen. Sie war so anders als sonst,
so still und ernst. Ernst war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Und
immer in Ttigkeit. Den ganzen Tag mit etwas Dringendem beschftigt,
und immer in der Dmmerung bei den Turmwartsleuten, wo die Frau krank
ist. Und nie ein rechtes Gesprch mit ihr. Was das nur ist? Sie war in
ihrem Leben noch nie launisch. Nun sagte der Rektor, als ich es ihm
klagte: 'Du mut sie jetzt gewhren lassen. Man hat Zeiten im Leben, da
kann man nicht mit den andern gehen, da mu man fr sich sein.' -- Ich
verstehe es nicht. Was sagst du dazu, Lore?

Aber sie htete sich wohl, zu sagen, was sie davon dachte.

Tausenderlei Dinge fragte sie und zog ihn spielend in ihre
Gedankenkreise. Da verga er, was ihn drcken wollte.

Und dann kam Frau Maute aus dem Hause und war sehr mtterlich, und
Georg mute das ber sich ergehen lassen, obgleich er immer ein
gewisses Grauen davor hatte. Er hatte sich nicht in Lorens Mutter
mitverliebt. Aber da war nun nichts zu machen. Er mute von Franz
erzhlen, den beide Frauen ins Herz geschlossen hatten, und von seinem
Examen, und von seinen Plnen fr das neue Studium. Und darauf bekam
er eine Menge Ermahnungen, sich ein wenig zu beeilen, und -- sagte
Frau Maute, auch ans Praktische zu denken. Allzu ideal, das sei fr
die ersten Jugendjahre gut, aber -- hi hi -- wenn man einmal -- sie
blinzelte nach Lore hin --, da stand Georg auf.

Es brannte etwas in ihm, aber nicht fr Frau Maute.

Morgen ging er nach Mnchen. Und bermorgen wollte er anfangen,
zu arbeiten, zu lernen, dann selber zu schaffen, das drngte ihn
am meisten. Auf der Neckarbrcke stand er still und winkte nach
dem Mauergrtchen hin. Mute er nicht umkehren? Wie konnte er nur
fortgehen? Wrde ihm Lore von weitem das sein knnen, was er in der
Gegenwart von ihr hatte? Am liebsten htte er sie mitgenommen. Aber
dazu war ja keine Mglichkeit; jetzt noch nicht. Weiter! Streck dich
nach vorn aus allen Krften, im Zeitstrom, der vorberrauscht.

Wo hatte er nur das gelesen? War es nicht bei Gertrud gewesen? Er wute
es nicht mehr. Aber nun klapperten es die Rder des Zugs, unaufhrlich
dasselbe, es nahm eine Melodie an, eine monotone: Im Zeitstrom, der
vorberrauscht.




                    Drittes Buch




                    Erstes Kapitel


Wenn nur die Menschen mehr darauf ausgingen, die Freude zu suchen.

Sie vermissen sie, sie rufen nach ihr. Da sie von ihr verkrzt seien,
sagen sie klagend.

Aber sie machen sich nicht auf, voll guten, mutigen Willens, sie zu
finden.

Und die Freude ist berall und will sich finden lassen. Denn sie liebt
die Menschen.

Nur ist ihr Gewand schlicht, und ihre Augen sind ernst, und ihre Hnde
zeugen von Mhe und Arbeit. Da schrecken manche, denen sie ans Herz
treten will, zurck und machen erstaunt die Augen auf: Du bist es? So
siehst du aus? Ach, entschuldige, dich habe ich nicht gemeint. Ich --
ich htte gern etwas mehr Geld, oder etwas mehr Behagen, oder ein Haus
im Grnen, oder einen hbschen Titel. Oder ein groes, sonniges Glck,
oder ein machtvolles Knnen. Siehst du, das nenne ich Freude. Wer aber
bist du?

Und die Freude zieht weiter. In dieser Sprache kann sie nicht mitreden.
Sie stammt aus einem ganz anderen Lande und bringt nichts, als sich
selbst. Aber es geht ihr nicht bei allen so. Manche nehmen sie auf,
denen teilt sie das Geheimnis des Frohseins in sich selbst, denen zeigt
sie das Leben, das nicht von Zuflligkeiten abhngt.

Kennt ihr Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist? Die durch das
drre Land gehen und machen sich daselbst Brunnen? Wenn ihr sie kennet,
so geht zu ihnen hin, denn es ist gut bei ihnen zu sein. Sie haben
die Bitterkeit und das Alleinsein und den Neid und was der dunklen
Geister mehr sind, nicht ber sich herrschen lassen. Sie haben selbst
geblutet und verstehen die andern. Sie haben neue Quellen des Lebens
entdeckt und bieten die Schale mit dem frischen Trunk den andern: Nun
trinket auch ihr. Seht ihr's? Man bleibt nicht liegen. Das Leben ist an
sich ein Frohgeschenk, auf, lat uns hindurchschreiten, denn es wird
lichter, nicht dunkler.

Ja, solches haben die Menschen, bei denen die Freude eingekehrt ist.
Solches lehrt sie die Himmelsbotin in langen, dunklen Tagen und Nchten
und fhrt sie an der Hand ins weite, groe Leben hinein.

Kennt ihr sie? Lat euch nicht davon abschrecken, da ihre Zge oft
eine Schrift tragen von viel berstandenen Schmerzen, und da manche
von ihnen nicht viel Leichtes, Lustiges zu sagen wissen. Wenn es euch
schwer dnkt, zu leben, dann geht zu ihnen. Dann seht ihr in leuchtende
Augen, und fhlet linde Hnde und hret liebreichen Trost von einer
Stimme, die ist wie einer Mutter Stimme.

       *       *       *       *       *

Es war eine Zeit, da glaubte Gertrud Cabisius nicht mehr an die Freude.
Sie hatte sich weit aufgetan und hatte sie empfangen wollen, da war
das Leid gekommen. Nun wute sie nicht, was das Leben von ihr wollte.
Sie war so ganz ungeteilt nach einer Richtung hin gegangen. Nun sollte
sie umwenden und wute nicht, wohin? Es war leer, wohin sie blickte.
Es stand in den Bchern, die sie aufschlug, es tnte aus den Liedern,
die die Jugend sang, es stand auf Weg und Steg geschrieben, -- da es
anders sei, als vordem. Ja, anders, aber wie sollte das werden?

Es war aber ein guter, tchtiger Kern in ihr. Der bewahrte sie vor
allzu groer Selbstbejammerung. Da bi sie die Zhne bereinander
und versuchte, ihre Arbeit zu tun, wie sonst. Es traf sich, da das
junge Dienstmdchen krank wurde und oben in der Kammer lag, und es
traf sich, da der Rektor Cabisius ein Starleiden bekam und nicht mehr
selber lesen konnte. Lauter Trost, lauter Tagesaufgaben, nicht fr die
Zukunft, nichts Groes, Weites, nur fr die Stunde, fr jetzt. Und
Gertrud kniete auf den Steinfliesen des Kchenbodens, und fegte ihn
sauber, und kochte Krankensuppen fr das Mdchen, das ungeduldig und
sthnend in seiner Kammer lag und sich selbst bejammerte und sich nach
heimatlichem Kraut und Speck sehnte. Und sie band die Kchenschrze
ab und kam zu dem alten Herrn ins Zimmer: Soll ich dir vorlesen,
Grovater?

Da las sie ihm viel und lange vor, und er whlte groe, ausweitende
Stoffe, die aus alter Zeit zu uns herberreden von Glck und Not und
Kampf der Menschen.

Aber er schttelte leise den Kopf: Noch ist ihr Wesen nicht dabei,
wenn des blinden dipus dunkles und schweres Schicksal und Antigones
Kindesliebe und ihre stille, gelassene Todbereitschaft keinen hellen,
hohen Klang in die Mdchenstimme brachten, wenn alle die starken,
grozgigen Gestalten wie Schatten durch das Zimmer glitten.

Er ermahnte sie nicht, er war ganz unberedt dem still getragenen Kummer
seines Kindes gegenber; er wartete nur. Wie man auf den Frhling
wartet und wei: er mu doch kommen, so wartete er darauf, da in den
tiefernsten Augen und auf den blassen, verstummten Lippen ein neues
Leben erscheine.

Du wirst sie zur Freude fhren, ich kann es nicht, sagte er, und
wute, wen er damit meinte.

       *       *       *       *       *

Gertrud war lange nicht mehr zu ihrer lahmen Freundin gekommen. Was
konnte sie jetzt in das leere, stille Leben hineintragen, sie, die
selbst nichts hatte?

Auch regte sich in ihr die Angst vor dem Gleichartigen in ihrem
Schicksal. Sollte sie in Zukunft ebensowenig zu erwarten haben, als
Veronika? Es war ihr, als msse sich in dem stillen Mdchen ein kleines
Triumphgefhl regen: Siehst du, dir ergeht es nicht viel anders als mir.

Aber eines Abends, als es dmmern wollte und alles so grau und leer
aussah, und das Mdchen wieder in der Kche hantierte und der Grovater
einen Besuch bei sich drinnen hatte, da, als Gertrud sich hin und her
besonnen hatte: Will ich, will ich nicht? Da schlug sie dennoch wieder
den Weg nach der Heinersgasse ein und nach der niedrigen Stube, in der
Veronika am Fenster sa, seit sie sich denken konnte.

       *       *       *       *       *

Befand man sich hier auch im Zeitstrom, der vorberrauscht? Oder war
der einfache, schier rmliche Raum, der Veronikas ganze Jugend gesehen
hatte, ausgenommen von dem Wellenschlag des Lebens, ein trockenes
Bachbett ohne rinnende Wasser? Es war ein und jeden Tag dasselbe: Ein
mhsames Aufstehen und Sichschleppen bis zu dem Fensterplatz, ein
mhsames Regen der Hnde und ein mangelhaftes Gelingen der Flickarbeit,
die sie frderten. Anderes bekam Veronika nicht leicht zu tun. Ihre
Mutter hatte Kundenhuser zum Waschen und Putzen, da brachte sie die
zerrissenen Rcke und Hemden der Dienstmdchen oder die Schrzen und
Blusen der Knechte zum Flicken mit heim.

Die gaben das Tagewerk des stillen, feinen Mdchens. Jetzt ruhten ihre
Hnde. Es war halb dunkel in der Stube, nur das weie Gesicht mit den
dunkeln Augen hob sich, da es dicht neben dem Fenster am Holzrahmen
lehnte, lebendig heraus. Da kam Gertrud herein, nicht so rasch und
lebhaft, wie sonst, schon ein Erlebnis, eine Mitteilung auf den Lippen,
sondern ein wenig zgernd und still, und setzte sich auf einen Stuhl
und fing nach einer Weile ein gleichgltiges Gesprch an. Aber sie
verstummte wieder bald, und holte sich einen kleinen Holzschemel, und
lie sich darauf nieder, und barg ihr Gesicht in Veronikas Scho.

Die legte ihre Hnde still auf das volle, dunkle Haar und strich sachte
darber, und nach einer Weile hob Gertrud den Kopf ein wenig und sagte
leise: frag mich nicht. Ich sag dir's, wenn ich kann. Nicht jetzt.

Nein, Veronika fragte nicht.

Aber sie wute, da nun die Stunde fr sie gekommen sei, nach der ihr
wacher Geist oft gefragt hatte, wann die Tage kamen und gingen, eine
unabsehbare, stille Schaar, die sich an den Hnden fate und einander
so gleichsah, so verzweifelt gleich: Wozu bin ich? Bin ich nur fr
mich? Ist niemand, der meiner bedarf? Sie wollte ihren Teil an den
andern und nicht nur empfangend, nehmend #und# gebend begehrte ihr
reiches Wesen in die Reihen der Lebendigen zu treten.

Ihrer Mutter, das wute sie, war sie eine Last. Eine geduldig
getragene, aber dennoch eine Last; sie konnte dem mdgeschafften Weib,
wenn es spt abends heimkam, so wenig mehr sein. Es brauchte nur Ruhe
und seinen kargen Schlaf, war es nicht ein rechtschaffenes Kreuz, nun
auch noch die Tochter versorgen zu mssen? Was aber das Mdchen zu
geben hatte in seiner stillen, feinen Art, dafr war sie wohl zu stumpf
geworden in den harten Arbeitsjahren.

Einmal hatte Veronika Worte fr das gefunden, was ihr Leid und ihre
schwere Flle war. Es hatte sich ihr zu einem Lied gestaltet und als
sie es mit den ungefgen Fingern mhsam niederschrieb, fhlte sie sich
einigermaen erleichtert. Hier ist es:

      Quillt im Wald ein tiefverborgner Bronnen
      Rieselnd kommen seine klaren, hellen,
      Aus dem Felsgestein entsprungnen Wellen
      Zwischen Moos und Farren hingeronnen.

      Keiner wei es, und die Wasser quillen
      Immer fort aus nie erschpften Grnden.
      Wt ein Durstiger den Quell zu finden,
      Ein unendlich Drsten knnt er stillen.

      Rauscht der Wind wohl in den hohen Buchen,
      Landwrts trgt er eine leise Klage:
      Und so rinn und rinn ich alle Tage;
      Will denn keiner meine Fluten suchen?

      So ein Born aus ungeseh'nen Meeren
      Fllt mein Wesen, fllt es bis zum Rande,
      Und ich trag' sein Wallen durch die Lande.
      Leise fragt's: wem soll die Flut gehren?

Das Lied hatte sie damals nach langem Zgern und Besinnen Gertrud
gezeigt, aber die hatte keine rechte Antwort darauf gehabt. Sie wute,
wem ihre Flut gehre. Nun war es anders. Bei beiden war es anders, als
damals.

Sag, Veronika, wie ertrgst du dies Leben hier? Brennt es nicht in
dir, da du aufspringen mchtest, und irgendwo eintreten, in irgend
eine Lcke, die sonst niemand -- ach, Veronika.

Wie sie es ertrug? Fingen nicht die Wnde an zu reden von der groen
Sehnsucht, die sich in dem kleinen Raume barg, und von dem Leben, das
ganz still und unaufhaltsam hier erwuchs, einer Kellerpflanze gleich,
die sich nach dem Lichte streckt?

Es war vollends dunkel geworden. Aber drauen stapfte der
Laternenanznder ber das holperige Pflaster. Sein Lichtlein glomm
an den Fenstern vorbei, nun ein leises Klirren an der Laterne schrg
gegenber, dann fiel ein heller Lichtstreifen hier herein auf ein
angstvoll fragendes Gesicht, das sich wartend emporhob, und auf ein
anderes, das vom Widerschein einer inneren Freude erhellt war.

Doch, sagte Veronika, es brennt manchmal. Aber nun nicht mehr so wie
frher.

Sie schwieg eine lange Weile. Dann sagte sie leise: Ich mchte es dir
recht sagen knnen, Gertrud. Es ist das erste Mal, da ich davon rede.
Ich sage es dir auch nur, weil -- weil -- sie suchte nach einem Wort.

Weil ich dich brauche, sagte Gertrud.

Ein warmer Schein glitt ber des lahmen Mdchens Gesicht.

Das war das Wort, das hatte sie so gern einmal aus eines Menschen Mund
hren wollen. Nun kam es, und daher, von wo sie es nie erwartet htte.
Ging es so wunderbar zu im Leben? Sollte sie etwas fr Gertrud haben?
O wie gern wollte sie es ihr geben.

Siehst du, du kamst seltener und seltener und nun so lang nicht mehr.
Und ich sa hier und nhte und war so allein. So wrde es wohl das
ganze Leben hindurch fortgehen, dachte ich; es war mir kein Trost, da
der Doktor sagte, ich knne gut alt werden. Drauen gingen die Menschen
vorbei, ich sah sie vom Fenster aus und dachte mich in ihre Schicksale
hinein. Wie sie arbeiteten und sich regten und einander brauchten. Ja,
da brannte es freilich. Wenn ich doch strbe, dachte ich. Denn ich lebe
ja doch nicht. Sie alle leben, nur ich nicht. Und ich flchtete mich
in die Bcher und suchte mich zu vergessen. Aber berall stand da vom
Leben und von Taten und bewegten Schicksalen der Menschen. Und immer
schwerer fiel es auf mich hinein, da ich vergessen sei, nutzlos und
allein. Wenn es doch nur ein Ende htte.

Da trugen sie eines Tags den alten Hpfner hier vorbei, weit du?
Den Kleiderhndler in dem grnen Haus, hinten am Burgeck. Er hatte
Kinder und Enkel, und war reich, man sagt, die halbe Stadt sei ihm
Geld schuldig. Er war sein Leben lang gesund und frisch. Aber seit
einiger Zeit war er schwermtig, kein Mensch wute, warum. Es lohnt
sich wahrhaftig nicht der Mhe, alt zu werden, soll er fters gesagt
haben. Ja, und da machte er ein Ende, du weit es. Aber als sie ihn auf
der Bahre vorbeitrugen, wassertriefend, schlaff und mit gebrochenen
Augen, da fuhr es mir wie ein heier Schreck ins Herz: das Leben ist an
sich etwas Groes, Heiliges. Man darf es nicht gering achten und nicht
wegwerfen wie etwas Wertloses. Man mu suchen, dahinter zu kommen. Es
mu etwas daran sein. Den ganzen Tag ging es durch mich durch: lieber
Gott, zeig mir das Leben, das ich leben soll. La mich nicht so am Rand
des Todes hingehen, lebendig tot.

Ich konnte nichts arbeiten, ich war so schwach und so erregt. Da legte
ich mich ins Bett und schlo die Augen und rings um mich war es dunkel,
und als es Nacht wurde, da gingen die wachen Gedanken in einen Traum
ber.

Da stand ich auf einem hohen Berg und wute, ohne zu sehen, da rings
um mich Menschen waren. Aber ich war dennoch so furchtbar allein unter
ihnen, denn sie gehrten nicht zu mir, nicht einer. Und es war graue
Dmmerung und ringsum eine weite, weite de und ich stand und sah da
hinein.

Da wurde ich gewahr, da dicht vor mir ein Abgrund aufghnte, tief und
schrecklich. Von drben aber, ber dem Abgrund, rief es mich, laut und
lauter: komm. Und ich wute, hier waren die Menschen, drben aber die
groe Einsamkeit, und in die Einsamkeit hinein rief mich einer, der mit
mir reden wollte. Es war grausig. Es trennte mich von allen Menschen,
nach denen ich mich doch sehnte. Und der Spalt klaffte, und es wehte
khl da herber, und ich war so klein, aber das unbekannte Etwas, das
mich rief, das wurde immer riesiger, immer mchtiger und zog mich, und
es war Sehnsucht und Furcht zugleich in mir. Da schlo ich die Augen
und wagte den Sprung.

Sie schwieg. Und dann? fragte Gertrud.

Und dann? -- es ist so schwer zu sagen. Ich wei nicht, was zu mir
geredet wurde, vielleicht nichts. Vielleicht empfing ich es ohne Worte,
das, was mich erfllte, als ich wach wurde, mitten in der Nacht, das
starke, hohe Gefhl davon, da ich mit Gott allein gewesen sei, und
da das so bleiben msse, innen, ganz innen in mir. Da das Leben an
sich ein hohes, frohes Gut sei, ein unantastbares. Es hngt von nichts
uerem ab, es ist ganz fr sich. Es ist das Allergrte. Aber es ist
schwer zu sagen.

Sie sah ein wenig verlegen aus, weil sie das nun erzhlt hatte, aber
Gertrud hob den Kopf: Weiter.

Ja, weiter? Siehst du, seither hat Manches angefangen, anders zu
werden. Es verlangt mich immer noch nach den Menschen, ich mchte zu
ihnen gehren. Das liegt wohl so in uns, das mssen wir verlangen. Als
du vorhin sagtest: Ich brauche dich, da war ich froh; es war mir,
als habe ich seit Jahren darauf gewartet, da das ein Mensch sage. Wir
drfen die Kammern unseres Herzens nicht leer stehen lassen, es ist
nicht gut fr uns. Auch hngen wir mit den andern zusammen und sie mit
uns. Aber weit du, ganz innen, da -- ach, du weit es selbst, da mu
man etwas allereigenstes haben, das von nichts anderem abhngt. Es ist
wie im Mrchen vom Marienkind. Weit du noch? Du hast es mir erzhlt.
Es durfte alle Himmelstren aufmachen, nur die zwlfte nicht, dort sa
die heilige Dreifaltigkeit in goldenem Glanz. -- Die zwlfte Kammer,
die mssen wir fr uns behalten, da darf kein Mensch hinein, nicht in
Lieb und nicht in Leid. Sie mgen sich in die elf andern teilen. Du,
Gertrud, ich glaube, man mu allein gewesen sein, eh' man recht mit den
andern gehen kann.

       *       *       *       *       *

Durch die nchtlichen Gassen ging Gertrud Cabisius.

Aus allen Fenstern blinkten Lichter. Dort drinnen saen die Menschen
nun beisammen. Mtter besorgten ihre Kleinen und brachten sie zur Ruhe,
Vter verlieen das Tagewerk ihrer Hnde und traten in den Kreis der
ihrigen. Waren keine Einsamen unter ihnen? Hingen sie alle mit einander
zusammen? Am Himmel hing zerrissenes Gewlk; da und dort leuchtete ein
Stern auf, ja, wenn man nher hinsah, waren ihrer viele, mehr, als man
anfangs dachte. Gertrud ging langsam. Aber es war nicht das mutlose
Schlendern, das sagte: es hat ja doch alles keinen Zweck. Es war, als
ob die Gedanken leise bten: verscheuch' uns nicht, geh sachte, wir
mssen uns erst besinnen.

So war das? In die zwlfte Kammer darf kein Mensch eingehen, sei es in
Liebe oder Leid. Sie mssen sich mit den elf anderen begngen.

Ach, still, ihr Gedanken. Hatte sie Georg Ehrensperger denn das ganze
Haus bergeben gehabt? Hatte sie ihn auch in die zwlfte Kammer gefhrt
und gar kein eigenes, ganz eigenes Leben mehr fr sich behalten?

Da lag ihre Not. Sie konnte ihm nun nicht weniger geben, als vordem,
und nichts anderes, als ihr Ich. Sie besa sich selbst nicht mehr.
Er beklagte sich darber, da sie anders geworden sei; er verstand
sie nicht. Gott Lob da er sie nicht verstand. Aber wie waren sie nun
einander fern und fremd. Gott wute es.

Wute er es?

Sie tat einen tiefen, tiefen Atemzug. Die zwlfte Kammer. Sie mute
sie wieder fr sich bekommen, sie mute ja leben, sie wollte es auch.
Noch war es ja Zeit. Noch lag das Leben vor ihr, das durfte sie nicht
versumen; auch nicht vertrauern.

Sie richtete sich hoch auf. Hatte nicht auch sie jene Stimme vernommen,
die in der groen Einsamkeit redet? Hatte sie bisher gezgert, den
groen Sprung zu wagen, ber den klaffenden Ri hinber? Ja, aber
nun wollte sie nicht lnger zgern. Sie wollte versuchen, ernst und
ehrlich, ob es weh tat oder nicht, das Leben zu leben, das vor ihr lag.
Sie wollte in sich hineinhorchen, und tun, was ihr da gesagt wurde.

O Georg. Sie mute ihn ja dennoch lieb haben. Ja, das durfte sie auch.
Das konnte sie ja nicht anders.

Gott wute es.

Grovater, ich habe dich lange allein gelassen. Sei nur nicht bse.
Ach, du und bse! Viel zu gut bist du fr mich. Ganz im Dunkeln sitzest
du? Hat dir Marie kein Licht gebracht? Nun bleib' ich den Abend
vollends bei dir.

Er hrte wohl den frischeren Ton in ihrer Stimme.

Es ist gut, da du da bist. Ich brauchte kein Licht, du weit, ich
kann doch nicht lesen. Auch bin ich nicht allein, wenn ich so im
Dunkeln sitze. Da kommen sie alle zu mir und reden von alten Tagen;
Anne, -- ich meine deine Gromutter, und die andern alle. Aber nun
freue ich mich, da du da bist, Kind. Komm da her, so -- es ist ein
Trost, dich da zu haben.

#War# es das? Es tat wohl, so etwas zu hren.




                    Zweites Kapitel


Horch, -- still, Nssel, ich glaube, -- ja, wahrhaftig, es ist so.
Hast du's auch gehrt?

Meister Nssel hatte es auch gehrt. Er nickte eifrig mit dem grauen
Kopf und hielt ihn dann horchend vor.

Da, noch einmal.

Dann ging ein zufriedenes Leuchten ber seine Runzeln. Er stand vor
dem Rektor Cabisius. Der hatte einen grnen Schild ber den Augen;
man konnte nicht sehen, welchen Ausdruck sie hatten; aber der Mund
lchelte, weich und froh. Da ich das jetzt grad so mitangehrt habe,
sagte Meister Nssel. Das freut mich. Das htte die Judith auch
gefreut, wenn sie noch da wr. Ja, die Judith.

Ich hab' so gedacht: trgst den Schlafrock noch herauf vor
Dunkelwerden. Er hat ein ganz neues rmelfutter, Rektor, und da, das
Loch von der Pfeife, das hineingebrannte, das hab' ich unterlegt und
gestopft. Und da hab' ich gedacht: redst ein Stckchen mit dem Rektor,
er sitzt da so allein. Da macht mir die Gertrud das Haus auf, mit ihrem
ernsthaften Gesicht. Nein, sag nichts, Rektor, ich wei schon, es ist
ihr ein Hagelwetter ber ihr Feld gegangen. So etwas merkt man. Was
hat unsereiner denn noch fr eine Freude, als das bichen Jugend, das
um einen herum ist? -- Ja, und sie guckt jetzt immer an einem vorbei,
die Strae herunter, als ob etwas kommen mte und km doch nicht. So
auch heut. Aber dann hat sie sich gleich einen Ruck gegeben und mich
freundlich angesehen. -- Da du wieder froh wrest, hab' ich gesagt.
Aber gesagt hab' ich nichts.

Und jetzt das.

Setz dich doch, Nssel. Was stehst du da vor mir? Das hab' ich immer
gewut, da sie sich wieder herausreit. Sie ist ein gesegnetes Kind.
Aber wenn man's dann zum erstenmal wieder merkt, da es aufwrts geht.
Es ist so still gewesen im Haus, die Zeit daher.

Und dann schwiegen sie beide.

Da kam es noch einmal. Aus dem Nebenzimmer kam es, und tnte unter
schwatzende Kinderstimmen hinein. Ein kurzes, helles Mdchenlachen.

Das mochte andern Leuten nichts so besonderes sein; aber die beiden
Greise horchten andchtig darnach hin.

Es war ja Gertrud, die gelacht hatte.

Wie auf den ersten Frhlingsgesang der ersten Lerche, so horchten sie
darauf.

Sie hat die Kinder von den Turmwartsleuten bei sich, sagte der Rektor.

Die Frau ist krank, seit der Geburt des Jngsten, da holt sie sich die
greren Kinder, so oft sie kann. Und sie lernt und spielt mit ihnen,
und flickt ihnen die Strmpfe und die Kittel.

Aber das alles hat sie seither so ernsthaft getan, sogar das Spielen;
es kam alles wie aus einem tiefen Brunnen heraus. Es war nur, um etwas
zu tun, nur um sich den Tag zu fllen.

Und jetzt hat sie gelacht. Es ist ein Gottessegen.

Drauen ging der kurze Tag in die Dmmerung ber. Es war ein
absonderliches Wetter fr den Anfang Dezember. Grauweie, schwere
Wolken hingen am Himmel, es konnten Schneewolken sein. Aber dabei
strich ein lauer Wind durch die Gassen, und wenn er stillstand, dann
war die Luft schwl, wie vor einem Gewitter.

Nun kam Gertrud herein. Ein pfeifender Windsto fuhr mit ihr in die
Stube und drauen schlug das Gangfenster klirrend zu. Ich will die
Kinder fortbringen, sagte sie.

Es zieht ein Wetter herauf. Merkwrdig ist das: Morgen ist der zweite
Advent, und heute streiten sich Sommer und Winter in der Luft.

Geh' nur. Meister Nssel sa neben dem Rektor und beide hatten sich
eine Pfeife angezndet. Wir sind hier gut versorgt, bis du wieder
kommst. Was knnen wir Alten anders tun, als uns bescheiden? Geh' nur.

Da zog sie mit den drei Buben ab. Die hatten gestrickte Sturmhauben
ber die kurzgeschorenen Kpfe gezogen und trabten, die Hnde in den
Hosentaschen, lustig durch das Wetter. Heit das, der lteste und der
Jngste taten so. Der lteste war ein krftiger, untersetzter Bub, der
schon den Bcherranzen auf dem Rcken trug und seine Stumpfnase keck in
die Welt streckte. Er machte gescheite Bemerkungen ber alles und jedes
und der Jngste, der sein verkleinertes Abbild war bis zu den etwas
krummen Fen herunter, sah stolz zu ihm auf und mhte sich, mit ihm
Schritt zu halten. Der mittlere von den Brdern ging dicht neben der
Patin, und nach einiger Zeit zog er eine Hand aus der Tasche und hielt
sich damit an Gertruds Rockfalten. Er war ein feines, blasses Bbchen
mit versonnenen Augen und etwas zaghaftem Wesen. Ich wei nicht, wie
ich zu dem komme, ich wei gar nicht, wie ich ihn unterbringen soll,
pflegte Frau Lieselotte zu sagen, wenn sie von ihren Buben sprach. Er
gleicht weder meinem Mann noch mir im Geringsten, er htte mssen ein
Mdchen werden, als Bub ist er vllig aus der Art geschlagen.

Aber gerade diesen Zweiten hatte Gertrud besonders ins Herz
geschlossen. Die Freundschaft war gegenseitig und sie war in letzter
Zeit besonders gewachsen.

Komm, Leonhard, sagte Gertrud und nahm die kleine, warme Kinderhand
in die ihrige. Guck, wie die Wolken fliegen; ganz tief hngen sie
herunter, schier um den Turm herum.

Wohin fliegen sie?, wollte der Bub wissen. Aber das konnte die
Patin auch nicht sagen. Wir steigen schnell hinauf, von droben aus
sieht man's besser, weit fliegen sie jedenfalls, ber die Berge hin,
vielleicht bis ans Meer. Dort kommen sie her; sie werden wieder heim
wollen zu ihrer Mutter.

Komm. Nun strebte Leonhard selber vorwrts, den Brdern nach, die
schon im Turmeingang verschwunden waren. Man hrte ihre Stiefel
drhnend poltern, die vielen Stufen der Schneckentreppe hinauf. Er
wollte auch heim zu seiner Mutter. Er hing an der heiteren, raschen,
lebhaften Frau, er konnte es nur nicht so zeigen, er war ein wenig
scheu. Seit sie aber krank war und im Bett lag, stahl er sich hie und
da zu ihr hin und strich ber ihre Decke. Da nickte sie ihm dann ein
paar mal zu: Du bist mein gutes Bble. Dann war sein Herzlein voller
Glck. Das war frher nicht vorgekommen.

Jetzt waren sie oben. Vater Entenmann stand oben an dem hlzernen
Treppchen. Leise, sagte er, es ist am besten, ihr geht gleich oben
hinauf in eure Kammer. Die Mutter hat's heute schwer gehabt und will
jetzt schlafen. Das Kleine schlft auch. Da erblickte er Gertrud, die
hinter den Kindern drein kam. Sie sah, da er Kopf und Schultern ein
wenig schlaff und mde trug und da sein Gesicht sorgenvoll aussah.

Er nickte ihr zu, ernst und trbe. Es ist ein Kreuz, es will gar
nicht besser kommen. Wo will das noch hinaus? Ich mu jetzt zum Luten
gehen; ich wecke sie wieder auf damit; sie hat sich eben zum Schlafen
hingelegt.

Da kam Frau Lieselottes Stimme aus der Stube; die Tr war nur
angelehnt: Jammere doch nicht so, Mann. Die Kinder sollen mir gute
Nacht sagen. Herein, ihr Buben.

Sie traten ans Bett und waren berfroh, da sie noch hinein durften,
und da die Mutter aussah, wie sonst, ja, noch ein wenig lachen konnte.
Sie wuten nicht, da dieses kleine Lachen und jedes arme Wort, das sie
zu ihnen sagte, ein Stck Arbeit sei. Sie sollten es auch nicht wissen.
Sie sollten ihre heitere Mutter sehen, so lang es sein konnte.

Sie haben schon gegessen, sagte Gertrud. Reisbrei mit Zucker
und Zimt, sagte Ernst, der lteste und verzog das Gesicht in der
Erinnerung zu einem Lachen, das ihn seiner Mutter hnlich sehen lie.
So? Dann geht zu Bett. Dann wollen wir alle schlafen. Seht ihr's? Das
Kleine schlft schon.

Sie legte sich mde hin. Da gingen sie auf den Zehen hinaus, aber das
konnten sie nicht verhindern, da es dennoch polterte, besonders, als
sie die leiterartige Stiege zu dem Verschlag erklommen, in dem sie
schliefen, alle drei.

Droben wehte der Wind durch den engen Raum, rttelte an den zwei
kleinen, vergitterten Fenstern, die gleich ber dem Boden angebracht
waren, suchte sich seinen Weg zwischen den Dachziegeln und Sparren
durch, nahm so recht die Backen voll, huh --, als Gertrud die Tr
ffnete und die Kinder hineinschob. Sie sah etwas bedenklich drein:
hier sollten sie schlafen? Im Sommer hatte sie nie etwas daran
gefunden; es war ein prchtiges Schwalbennest, so hoch oben, weit ber
den Glocken. Aber nun; wrde es die Schwlbchen nicht fortwehen heut
Nacht bei dem Unwetter? Den Buben kam es lustig vor, auf drei steckten
sie schon unter der Decke, nur die Stumpfnasen und die hellen Augen
guckten heraus. Der Groe und der Kleine lagen beieinander in einem
groen Bett, Leonhard allein in einem Gitterbettchen. Still, der Vater
lutet. Da rhrte sich nichts mehr. Alle vier horchten sie still.

Der Sturm brauste durch die Lfte, er sang und pfiff und orgelte und
ri die Wollen herum, da sie angstvoll flogen, flogen wie scheue,
gejagte Vgel. Und dazwischen fand die Glocke ihren Weg. Sie hatte
ihren ganz eigenen, starken Ton in dem groen Konzert, das ber das
Stdtlein hin hallte. Wie eine einzige Singstimme, die ber einem
ganzen Orchester liegt. Gertrud neigte den Kopf horchend vor. Wie
anders lutete der Mann, als vor zwei Jahren noch. Oder lag das an
ihrem Zuhren? Aus tiefer Not lat uns zu Gott von ganzem Herzen
schreien. Hie so der Choral, den die Glocke in den Sturm hinein sang?
Oder war auch etwas Freudiges dabei? Etwas Starkes, Ausweitendes einmal
sicherlich. Gertrud fhlte es, o das war gut, das war besser als alles
Weiche, Laue. Da fuhr eine Helle durch die Kammer. Unter die Decke mit
den Bubenkpfen, alle drei in einer Sekunde. Aber sie streckten sie
sofort wieder hervor. Es hat geblitzt. Ja, das hatte es. Nun kam auch
schon der Donner. Von fern, fernher kam er auf schwerem Wagen gefahren.
Nun war er ber ihren Huptern, da schien er zu bleiben. Wollte er denn
nicht mehr aufhren? War das eine Stimme. Riesenhaft berschrie sie
den Sturm: horchet alle, ihr da unten. Still, wenn ich zu reden habe.
In der Kammer war es dunkel geworden, schon whrend des Lutens. Aber
nun kam ein Meer von Helle herein, ganze Lichtfluten, die warfen sich
gegen die Wnde, und zogen sich wieder zurck, und kamen wieder, hell
-- dunkel -- hell -- dunkel. Und darber die machtvolle Stimme, vor der
der Sturm zu schweigen schien.

Dote, komm zu mir. Leonhard sa mit groen, angstvollen Augen in
seinem Bett. Als sie sich zu ihm herunterbeugte, schlang er beide Arme
um ihren Hals: Bleib da, bleib bei mir.

Er barg sein Gesicht an ihrem Hals. Da durfte es auch bleiben. Sie
kniete an dem Bettchen nieder: So, du kleiner Kerl, komm. Da sahen
sie miteinander in das Wetter hinein und war keines von ihnen allein
und der blonde Kopf whlte sich nur fester in die beschtzenden Arme
hinein, wenn der Donner stark und neu seine Stimme erhob.

Das war ein Blitzen, grell und hell. Die ganze Stadt und die Berge
ringsum und der Wald, alles lag sekundenlang taghell da. Es wollte
nicht regnen, so tief die Wolken hingen, nur hie und da fielen einzelne
Tropfen, wie schwere, zornige Trnen. Als ob die ganze Natur, wie ein
gescholtenes, trotziges Kind, mit dem Fu aufstampfe und das Weinen
verbisse.

Dote, du, hr, ist es wahr, da der liebe Gott zornig ist und zankt,
wenn es donnert? Ich -- ich frchte mich ein bichen. Ich auch, das
kam aus dem groen Bett, in dem die beiden andern Brder einander fest
umschlungen hielten, aus Not, nicht aus Zrtlichkeit. Unter der Decke
hervor kam es, klglich und halb erstickt von dem Federgebirge, das sie
sich ber den Kopf gezogen hatten.

Dann noch einmal: Frchtest du dich auch, Dote? Du?

Es blieb eine Weile still. Die Buben horchten begierig hin. Aber beim
nchsten Blitzen sahen sie in ein helles, warmes Gesicht.

Nein, ich frchte mich nicht. Es ist nirgends etwas zu frchten.
Zornig? ach nein, das ist er nicht. Er mu nur so laut reden, da die
Leute auf ihn horchen sollen; sie vergessen ihn sonst und sind selber
so laut. Er ist strker als alles und grer als alles. Aber man
vergit es so oft.

Verga sie, da sie zu den Kindern redete? Sie dachte an ihre eigene
Furcht und Not. Aber sie war ja auch ein Kind, nur da ihr die Furcht,
die atemraubende, groe, ein wenig vergangen war.

Und mit dem hellen Licht, das er in die Nacht hineinwirft mit seiner
Hand, -- es fhrt durch die ganze Welt, schneller als Wind und Wolken,
viel schneller, -- da, habt ihr's gesehen? -- damit leuchtet er in
alles Dunkle hinein und grt uns: Nun seid still. Das bin ich. Ich
kenne euch alle, ich wei von euch allen. -- Seht ihr? So ist das. Da
ist nichts zu frchten.

Da waren sie zufrieden. Das durfte der liebe Gott wohl. Er leuchtete
stark in die Kammer herein; eigentlich tat man am besten, die Augen
zuzumachen. Dote Gertrud war ja da, die konnte ber alles Auskunft
geben, was die drei Entenmnner betraf. Ernst, Leonhard und Gotthilf
hieen sie, und drunten war noch ein kleiner Bruder namens Johann, den
die Mutter immer Hanselmann nannte. Der liebe Gott wrde aber wohl
den rechten Namen wissen wollen. Auch redete er nun schon ein wenig
leiser. Es war aber dennoch gut, den Kopf noch eine Weile unter der
Decke zu lassen. Was mochte es sein, da er so laut in die Welt hinein
rief? Dote Gertrud! Aber sie gab keine Antwort mehr. Sie hatte selber
zu horchen. Sie strich leise mit der Hand ber das blonde Haar, das
an ihrer Brust lag, aber ihre Augen sahen in die Weite. Wer will die
Gedanken anhalten, die mit den Wolken fliegen, ber die Berge hin,
ins weite Land hinaus? Suchten sie einen, der dort war, etwa in der
Richtung der Tannengruppe auf dem Bhel, die jetzt eben in hellem
Lichte stand, nur weit, weit dahinter? Was mochte er jetzt tun? Wie
mochte es ihm ergehen? Es trieb ihr etwas unruhig das Herz um. Er
hatte dieser Tage geschrieben, an den Grovater und sie miteinander;
er vermite sie, bat um Briefe, es ging kein froher Ton durch sein
Schreiben hindurch.

Gertrud konnte den Brief fast auswendig. Es stand auch von Lore darin.
Habt sie lieb um meinetwillen. Gertrud, du, besonders du. Du bist
immer meine Schwester gewesen, mein ganz guter Kamerad. Bleib es uns
beiden. Du bleibst es doch? Ich -- ach es ist von weitem schwer zu
sagen, ich wollte, ich knnte einen Abend bei euch sitzen. Auf der
Truhe, auf meinem alten Platz.

Ach, wie sollte sie das machen? Wie konnte sie ihm eine Schwester sein?
Das war sie nicht. Nein, sie hatte Lore nicht lieb, sie konnte sich
nicht helfen. Kam es nun wieder? Hob der Schmerz aufs neue sein Haupt?

Hilflos sahen ihre Augen in das Blitzen und Wettern und Toben hinein.

Ich will ja. Ich will wollen. Es ist, als ob ich in Nesseln griffe,
so weh tut das. Aber worum er mich bittet, das mu ich tun. Ich -- ich
will es versuchen. -- -- --

Du Starker, Gewaltiger, Groer, nein, ich will mich nicht vor dir
frchten, so hart du hereingreifst in mein Leben. Was willst du aus mir
machen? Du mut es wissen.

Wie die Wolken flogen vor seiner Hand, wie er allem auf den Grund
leuchtete mit seinem Blitz, wie sein Sturmwind alles Schwle, Schlaffe,
Weichliche hinausfegte!

Und hltst doch die Welt an deinem Herzen. Das mut du, aus dir selbst
heraus mut du das. Du hast sie gemacht. Auch mich. Ein Recht haben wir
an dich. Du mut uns Leben schaffen, denn du riefst uns.

Schwcher rollte der Donner, fernehin zog er und verhallte, leise fing
es an zu regnen und hrte bald wieder auf und es wurde stiller. Es war,
als ob jemand dem geschlagenen Kind, der Erde, die Trnen abtrocknete,
und zu dem Donner und dem Wind sagte: Nun ist es genug, nun la sie
schlafen. Fernehin zogen die Blitze, ein paarmal noch zuckte es auf,
drben am Horizont; es war, als wrde das Licht weiter getragen, um nun
in eine andere Kammer zu leuchten. Zwischen den Wolken hervor drngten
sich ein paar Sterne, stille, friedlich brennende Lichter der Nacht:
Nun schliet getrost die Augen, ihr Menschen, nun sind wir da und
wachen.

Tiefe, lange Atemzge. Gertrud kam mit ihren Sinnen in die Kammer
zurck und wurde gewahr, da Leonhard schwer in ihrem Arm lag und
die Augen geschlossen hatte und schlief, und da die beiden Brder,
drben in dem groen Bett, auch schliefen. O, ihr Kinder. Sie mochte
sich nicht rhren. Wie warm und traut war es, die rmchen um den Hals
zu fhlen, wie tief und friedlich kam der Atem aus der kleinen Brust
herauf. Aber nun machte sie sich doch leise los. Bleib bei mir, das
kam aus tiefem Schlaf heraus, dann ein Seufzer, nun lag der Blondkopf
auf dem Kissen und schlief weiter.

Es ist doch schn, wenn jemand 'bleib bei mir' sagt, und wenn es auch
nur ein Kind ist. Und wenn es auch nicht meines ist. Ich will gehen
und Frau Lieselotte gute Nacht sagen, und will ihr sagen, da ich
mich um die Kinder, -- ach nein, ich will ihr nichts sagen, sie soll
gesund werden und ihren Reichtum behalten; heimgehen will ich und den
Grovater pflegen. Wer ist so gut und liebreich, wie er? Und will fr
ihn -- fr Georg will ich --

Da drhnte das Treppchen von Vater Entenmanns schweren Tritten. Still,
sie schlafen alle. Ich komme. Das war ein Wetter. Aber nun ist es
vorber.

Ich wollte lngst nach euch sehen, aber ich konnte nicht abkommen. Das
Kleine schrie, und die Frau brauchte mich. Es ist ein Leid, Gertrud;
sie trug uns alle, so lang sie gesund war, es gibt keine so frische,
heitere Frau mehr wie sie. Nun liegt sie so da.

Sie trgt euch noch immer; sie hat Mut und Vertrauen, das ist es;
das hat sie auch jetzt noch. Sie wei, da es uns nicht ziemt, Ihm
Vorschriften zu machen, wenn wir's uns auch freilich manchmal anders
wnschen, als es kommt. Ich wute nicht, was an ihr ist, ich wei es
erst, seit sie krank ist.

Er lie den Kopf sinken. Es ist nicht leicht. Und dann das Wetter heut
abend. Das ist so ungewhnlich um diese Zeit. Er bedeutet sicher etwas
Schlimmes. Es ist nicht genug an dem, was schon ist, es mu noch mehr
kommen. Die Wolken hingen so tief herunter, fast zum Fenster herein. Um
den zweiten Advent, Gertrud. Was sagst du dazu?

Was ich sage? Wir sollten es machen wie die Kinder. Du solltest sie
schlafen sehen. Unter Blitz und Donner sind sie eingeschlafen, weil ich
sagte, es sei nichts zu frchten. Was wissen wir von Zeit und Unzeit?
Ich glaube nicht, da etwas zur Unzeit ber uns kommen kann. Wenn wir
das sicher wten, dann bedeutete alles etwas Gutes. Er mute sie
ansehen. Als er ihr die Treppen hinableuchtete und der Strahl seines
Lmpchens ein paarmal ihr Gesicht traf, staunte er, wie es ernst und
doch froh war, und wie sie den Kopf und die ganze Gestalt aufrecht
trug, hoch und sicher, und doch so warme, kindliche Augen hatte.

Ein wenig besonders war sie immer, aber nicht so wie jetzt. Schn
kann man sie nicht heien, -- Konrad Entenmann, Flickschuster und
Nachtwcher, hatte so gut wie andere Leute seine besondere Anschauung
ber die menschliche Schnheit, -- das nicht, aber es ist etwas an
ihr. Ich wei aber nicht, was es ist.

Er wute nicht, da die Freude an ihr Herz getreten war und es leise
angerhrt hatte. Die rechte, echte Freude, die nichts bringt, als
sich selbst, die an das Leben glaubt und in sich selber Teil daran
hat, obgleich sie nichts zu besitzen scheint, die aus ewigen,
unversieglichen Quellorten kommt. Noch war sie zaghaft und still, noch
stritt das Heer der dunklen Geister um den Vorrang. Aber zuweilen stieg
sie aus dem Grund der Seele empor und trat bis in die Augen, da kam
ein warmes Leuchten hinein. Da freute sich, wer hineinsah; wie sich
einer freut, der im Tal wohnt, wo noch die Schatten liegen und der hoch
am Berg ein Fenster aufblitzen sieht wie von Feuer, weil die ersten
Sonnenstrahlen darein geflogen sind.




                    Drittes Kapitel


Streck dich nach vorn aus allen Krften -- im Zeitstrom, der
vorberrauscht -- vorberrauscht, vorberrauscht -- klapper, klapper
-- nun standen die Rder. Eine hohe Halle, ein Menschengetriebe,
ein Sausen und Brausen von der groen Stadt her, ein einsamer Mann,
der aus dem Wagen stieg und sich hineinwagte in den Zeitstrom, der
vorberrauscht. Fest und still sah sein Gesicht aus. Nun galt es; es
galt, Ernst dahinter zu setzen. Das wollte er auch und nichts anderes.
Aber da fiel es ihm ein, da ja doch sehr viel schne Dinge, helle,
lichte Wellen in diesem Zeitstrom seien. Darber mute er sich ja doch
wohl freuen drfen. Also Kopf hoch und die Arme gereckt: komm her, du
reiches Leben.

Nun mute zuerst eine Wohnung gesucht werden. Er hatte bisher immer in
engen Gassen gewohnt; man denke an Frau Mollenkopfs Stube, und dann
in Tbingen. Diesmal nun sollte es aber etwas anderes sein. Da geriet
er in ein Prachtsgebude, er mute allen Mut zusammennehmen, um den
Hausmeister zu fragen: Hier sei ein Zimmer mit gutem -- vorzglichem
stand auf der Wohnungsliste -- Klavier zu vermieten? und wohin er sich
da begeben msse? Der Hausmeister fhrte ihn in den dritten Stock. Frau
Amtsgerichtssekretrswitwe Habermaas. Glnzende, polierte Treppen,
dicke Lufer darauf, farbige Scheiben in den Treppenfenstern. Das
Zimmer oben, das zu vermieten war -- rote Plschmbel, groe ldrucke
in breiten Goldrahmen, hohe Alabastervasen mit knstlichen Struen
links und rechts von dem geschliffenen Spiegel, der diese Pracht
widerstrahlte. Die Dame sehr majesttisch, dick, so um die vierzig
herum, hatte lockig frisiertes Haar, eine Schmelzgarnitur auf der
Brust, eine goldene Brille auf. Ah, Musiker, angehender Knstler? Das
trifft sich --. Bitte, nein, so drfen Sie nicht sagen. Aber es war
nicht aufzuhalten, Georg mute erfahren, da die Dame nahe daran
gewesen sei, sich gleichfalls dieser Laufbahn zu widmen. Welcher
Laufbahn? fragte Georg, aber sie sprach schon weiter. Ebensogut htte
er den Uracher Wasserfall aufhalten knnen. Das sei ausgezeichnet;
der Herr knne versichert sein, da sie -- Verstndnis und so weiter.
Er wagte nicht, das Zimmer nicht zu nehmen, er nahm es. Aber es war
ihm wind und weh darin. Als sie ging, wurde es besser. Er sah aus dem
Fenster. Da unten wogte der Menschenstrom vorbei; es klingelte, tutete,
schwirrte, es fuhr mit Wagen, Straenbahnen, Rdern; eine Abteilung
Militr ging vorbei, da, schrg hinber ber den Platz, da war ein
Schilderhaus, ein Posten wurde abgelst, weiter. Ein groer Brunnen
lie vielstrahlig seine Wasser springen, schn abgezirkelte Blumenbeete
rings herum, Sonne lag darauf. Irgend etwas rauschte wie von ferne; das
war aber wohl in seinem Kopf, -- im Zeitstrom, der vorberrauscht.

Er wandte sich nach innen. Das Klavier war gut, das war die Hauptsache.
Die ldrucke htte er gern von der Wand genommen, aber das wagte er
doch nicht. Die Dame war so beraus imposant, so liebenswrdig sie auch
war. Sie kam wieder und fragte nach seinen Wnschen. Dann: werden Sie
wohl Stunden geben? Singstunden? Nein? Ah, Sie studieren noch. Wre
es unbescheiden, zu fragen, was Sie --, mit sechs Fragen hatte sie
alles aus ihm heraus. Er war machtlos, er mute es sagen, wonach sie
fragte. Theologie studiert? und umgesattelt? was, um zu komponieren?
-- eine ehrfurchtsvolle Neigung des Kopfs und der Schultern, dann ein
neckisches Lcheln: Der Herr ist noch nicht verlobt, da kann man
schon --. Er htte sie hinauswerfen mgen, aber er sagte mit innerem
Zhneknirschen: Doch, ich bin, das heit, beinah, er stotterte.
Wieder das Lcheln; als verstehe sie alles von ferne. Aha, und das
hngt dann wohl mit dem Wechsel zusammen? Da stieg ihm der Grimm doch
bis in den Hals. Ich bin evangelisch, sagte er grob. Bei uns knnen
die Pfarrer heiraten. Sie sind wohl katholisch?

Sie sah ihn wieder lchelnd an. Der Herr hat eine Knstlernatur, das
flammt leicht auf. O, ich verstehe.

Wenn sie doch nur irgend etwas nicht verstanden htte. Aber sie
verstand alles. Es war zum davonlaufen. Und das tat er auch. Das war
das erste, was sie nicht verstand, als er nach einem Monat umzog. Aber
sie fate sich. So sind die Knstler. Immer Vernderung. Der Herr
will in eine einfachere Gegend ziehen? Ah, ich verstehe, es ist wegen
der Stille. Ja, still ist es hier, in der Mitte der Stadt, nicht. Das
versteh' ich so gut.

Da konnte er ja ruhig gehen. Er hatte bereits eine neue Stube gefunden.
Drauen lag sie, am Rand der Theresienwiese, vier Stock hoch, frei,
still und mit einem weiten Blick ber das Isartal hin, bis ans Gebirge.
Einfache Mbel, aber sauber, einfache Leute.

Die Hausfrau fand er, als er kam, in dem Gemsekeller, von dessen
Ertrag sie lebte, umgeben und umhangen von Rot- und Weikraut, Zwiebel-
und Knoblauchkrnzen, Rettichen, Tomaten und allerhand Rben. Da
sa sie, rund, rot und frisch glnzend, wie eine Schnecke in einem
Salatboschen und strickte an einem Strumpf. Viele Worte verlor sie
nicht. Emerenz, sagte sie und drehte den Kopf ein wenig, Emerenz,
zeig dem Herrn den Weg. Er hat das Zimmer gemietet. Da fand es sich,
da noch ein lebendes Wesen in dem Raum war, sozusagen ein junges
Schnecklein, das in einer andern Falte des Salatboschens gesessen war.

Es war ein schmales, schlankes, brunliches Ding von vielleicht elf
Jahren, hatte das Ende eines schwarzen Zopfs im Munde und ergriff einen
Schlsselbund. Mit diesem rasselte sie einladend.

Dann stiegen sie mitsammen hinauf.

Als sie oben waren, steckte der Schneider, der auf dem gleichen
Boden wohnte, den Kopf heraus. Na, Emeritz, vermietet? Sie lachte
vergngt. Sie war nicht im mindesten scheu. Das Zimmer war zwei Monate
leer gestanden und daran hatten ihre Freunde, die Schneidersleute,
teilgenommen. Das war eine Sache von Wichtigkeit. Der neue Herr war
hier nicht so beklommen, wie bei Frau Habermaas. Emeritz, sagen Sie?
Ja. Der Schneider lachte. Ist sie nicht grad so 'n Vgelchen? Ich
streu' den Emeritzen den ganzen Winter Futter hinaus, da kommen sie
immer an mein Fenster. Aber ich sag' sie ist auch so. Sie ist so
leicht und flink und hpft so und hat so schwarze Augen, alles wie ein
Emeritz. Ha ha. Dann schlug er die Tr zu, machte sie aber gleich
nochmals auf: Wnsch' gute Angewhnung. Ja, das kam dem neuen Herrn
selbst so vor, als ob er sich gut angewhnen wrde. Emerenz war schon
drin. Sie ging auf knarrenden Stiefelsohlen, deren Musik ihr offenbar
Vergngen zu machen schien, hin und her, tat rasch und leicht die
kleinen Dienste, die der Einzug verlangte. Dann nahm sie den glsernen
Wasserkrug und ging, ihn zu fllen. Krach, flog die Stubentr und dann
die Glastr zu. Das, dachte der neue Herr, mu ich ihr abgewhnen.
So, schon wieder erzieherisch? Er mute lachen, als es ihm einfiel.
Ich htte Schulmeister werden sollen. Ja, das kannst du ja noch.
Du kannst ja nun Musiklehrer werden, sagte sein Inneres. Aber da
schttelte er sich. Sein eigener Musiklehrer fiel ihm ein, ein ganz
feiner, vornehmer Musiker; der war zerschunden und verbraucht vom
Stundengeben. Immer wieder von vorne an, Tonleitern und Fingerbungen.
Nein, das knnte ich nicht. Das sagte er laut. Er wute ja, was er
wollte, zuerst und vor allem komponieren. Damit hatte er ja schon
begonnen. Aber ob es damit allein ging? -- Ach, zum Donnerwetter,
mu denn immer irgend ein Zweifel sein? Da ging er ans Klavier und
ffnete es. Noten hatte er noch nicht da, aber das tat nichts. Er mute
sich nur ein wenig Luft machen und mitten in den breiten Akkorden,
die er versuchsweise anschlug, kam ihm eine kleine, hpfende Melodie
zwischen die Finger. Er mute lachen. Das war Emeritz. Er beschlo, sie
auch so zu nennen, der Name gefiel ihm. War sie nicht mehr da? Doch,
da stand sie, mitten in der Stube, und horchte. Hr einmal. Weit du,
wer das ist? Das bist du. Da ri sie die Augen mchtig auf. Ich? bin
ich denn im Klavier drin? Ja, du, da ist die ganze Welt drin, die
will ich nach und nach herausholen. Ha ha. Der neue Herr, das war ein
gspassiger. Ist denn die Mutter auch drin? und der Schneider? holen
S' den auch einmal heraus.

Da holte er den auch. Er war ein groer, starker Mann, mit einem
Krper wie ein Schmied, aber mit einer weichen, hohen Stimme und einem
Schelmengesicht, grauem Haar und Stoppelbart. -- Sieh, da schritt er
ber die Tasten, schweren Schrittes und stolperte ein wenig, -- ist
sie nicht wie ein Vgelchen? sagte er. Emeritz war auer sich vor
Vergngen. Das konnte lustig werden. Wupp, war sie drauen, knallte die
Tr zu, dann hrte Georg sie drben. Der Schneider wohnte Wand an Wand
mit ihm. Sie redete eifrig. Dann kamen verschiedene Schritte, schwere
und leichte. Und als es klopfte -- herein -- da stand Emeritz und lud
mit einer Handbewegung ein. Das gibt ein Gaudi, sagte ihr Gesicht.
Da stand der Schneider und zwei Buben drngten sich neben ihm in der
Trffnung, und hinter ihnen sah ein dnnes, spitzes Gesicht hervor.
Was? Die Spitalbbel von Wiblingen? Nein, doch nicht. Aber so hnlich.
Jungfer Roggenbart, die Patin der Buben; sie hielt ein zerrissenes Hemd
in der Hand und hatte den Fingerhut auf. Sie war am Flicken.

Na? Georg war doch etwas berrascht. Fing das so an? Das war doch ein
wenig --. Aber da sah er, wen der Schneider in den Armen hielt. Ein
Bbchen, so um sechs oder acht Jahre herum, bla und elend, der Kopf
lag an des Vaters Brust und die Augen, -- weitoffen und glanzlos -- er
war blind.

Ach, verzeihens, aber die Emeritz, ha ha, sie hat gesagt, -- es ist
aber doch gar zu keck, -- der Herr, der hole uns alle aus dem Klavier
heraus. Ha ha. Da hab' ich gedacht -- der Bub, der Theodor, das ist
sein Leben, wenn er Musik hrt. Er ist mein Jngster und das Weib ist
gestorben.

Ja, natrlich durften sie hereinkommen. Sie sollten nur alle Platz
nehmen, das sei dann die Einweihungsfeier. Da kamen sie, Jungfer
Roggenbart machte tausend Komplimente, schlielich aber sa sie auf
einem Stuhl und versuchte sich noch dnner zu machen, so, dachte sie,
nehme sie wenig Platz weg.

Aber dem Herrn war es nun pltzlich nicht mehr um eine Spielerei
zu tun. Das blinde Kind, und dann die kleine Gemeinde, die da so
selbstverstndlich sa, war das ein Zeichen, da er nun dennoch den
Geringen, Armen dienen solle, er mochte tun, was er wollte? Es schien
ihm pltzlich so. Den Kindern an Jahren und den Kindern am Gemt. Wie
hatte er, damals im Wald, zu Lore gesagt? Auch die Kunst hat ein
Priestertum. Auch sie vermittelt das Gttliche an die Menschen. -- O
du Pfarrer, hatte Lore gesagt.

Da nickte er ihnen rasch zu, warm und freundlich, und spielte ihnen
vor, was ihm einfiel, eine Haydnsonate, und dachte nicht, da sie
das am Ende nicht verstehen knnten. Als er sich einmal flchtig
umsah, sah er in andchtige Gesichter und sprte einen guten Geist
des Aufhorchens, der belebte ihn sehr und er nahm mit ihnen die
kinderreinen Tne in sich hinein.

Sie sagten nichts, als er geendet hatte, aber er sah, da ein
feiertgiges Gefhl in ihnen war und da das blinde Kind ein feines
Rot auf dem Gesicht hatte, das ging spielend auf und ab und bis unter
das blonde Haar. War es etwa nichts, ein solches Rot der Freude in ein
solches Gesicht zu bringen? Ja, das konnte er fhlen: dies war ein
guter Anfang. Mchte er nur immer so offene Zuhrerschaft haben, auch
wenn er etwas Eigenes zu geben hatte.

       *       *       *       *       *

Sie gaben ihm viel damit, da sie von ihm nahmen.

Wenn ein schwerer, reicher Mensch seine Flle mit sich herumtrgt:
Gedanken und einen Widerhall von der groen Weltharmonie, dann kann ihm
nichts Besseres widerfahren, als da eine hungrige Menschenseele --
oder ihrer etliche -- sich, bereit und herzlich willig zum Empfangen,
vor ihn hinstellt: Nun tu dich auf und la regnen, denn ich bin ein
drres Land, das des Segens bedarf.

O, wer von uns fordert, der gibt uns berschwenglich viel. Gemeinschaft
gibt er uns, und Teil an der Menschheit, deren Glied wir sind, und Teil
am Leben, dessen Kind wir sind. Das alles geben sie ihm, der vergeblich
versuchte, mit Seinesgleichen Verkehr, verstehenden Umgang zu pflegen.

Nach den Besten unter denen, die mit ihm desselben Weges gingen,
verlangte es ihn je und je. Aber es war wohl seine Art so, sein
Schicksal oder wie man das nennt: er konnte sich gerade ihnen nicht
aufschlieen.

Er hatte gedacht in das gelobte Land der Gleichstehenden,
Gleichempfindenden zu kommen, als er nach Mnchen ging. Da spukte
noch das Bild herum, das ihm Hollermann einst gezeichnet hatte: ein
aufgetanes Tor, durch das sie alle schritten, brtige Mnner und
Jnglinge. Und alle, alle machten Musik. Den ganzen Tag nichts anderes.

Ja, Musik. Aber er war in seinem Leben noch nicht so allein gewesen,
als gerade unter ihnen. Das lag wohl an ihm selbst. Aber darum war es
doch so.

Er nahm ein paarmal einen Anlauf.

Einmal, im Winter, fing er an, sich, schchtern zuerst, dann nach und
nach mutiger, an einen Lehrer anzuschlieen. Der war ein feiner Musiker
und ein feiner, verstehender Mensch, der ermutigte ihn und lockte
allerlei Zutrauliches und allerlei von dem, was ihn schaffend bewegte,
aus ihm heraus. Zweimal besuchte ihn Georg; das dritte Mal wurde er
abgewiesen. Der Professor lag krank: berreizte Nerven. Dann reiste
er ab, irgendwo nach dem Sden fr lngere Zeit. Da war Georg wieder
allein.

Einmal fate er sich ein Herz und lud drei Mitstudierende in sein
Zimmer ein. Emeritz machte die Hausfrau und trug das kalte Nachtessen
auf. Nachher sa sie auf einem Schemel und hrte zu. Ihr Herr spielte
wunderschn, sie wute, da er das selber gemacht habe, was er spielte.
Es wre vielleicht besser gewesen, er htte nur einen eingeladen,
oder wenigstens nicht den groen, rotbrtigen Schweizer dazu, der
mit gekreuzten Armen am Fenster stand und so merkwrdig lchelte.
Aber gerade zu dem hatte er so einen besonderen Zug. Er fhlte aber
wohl seinen Blick auf sich ruhen, so berlegen oder wie es war. Denn
er verwirrte sich, fing an, zu hasten, um fertig zu werden, spielte
schlielich so seelenlos, sprang dann auf: Ich bin nicht in der
Stimmung, es geht nicht. Dann, unter dem Zwang der ruhig-verwunderten
Blicke des Schweizers nahm er sich zusammen und spielte zu Ende.

Nachher, als sie fort waren, -- sie hatten noch heftig gestritten --
sa Georg am Tisch und sah stumm vor sich hin. Emeritz ging hin und
her, rumte ab, blieb wieder wartend stehen. Dann sagte sie: Heut hab'
ich was gesehen, was Feines.

So? Was denn? Er sagte es gleichgltig.

Halt eine Prinzessin in einem rotseidenen Kleid, wissens, drben in
dem Wachsfigurenkabinet. Sie kniet am Boden und ein Ruber steht vor
ihr und will sie totschlagen. Sie sieht dem Frulein Lore gleich, blo
da das Frulein Lore lacht und die Prinzessin lacht nicht.

Das htte ein andermal gezogen. Sie fhrten hie und da Gesprche ber
Lore, deren Bild auf einer braunen Holzkonsole stand, Freude und
Lebenslust in den Augen, Sonne in dem ganzen Gesicht.

Heut sah er nur flchtig auf. Wie konnte man so strahlend aussehen?

Also das war nichts gewesen.

Der Theodor hat eine Mundharfen 'kriegt, setzte Emeritz wieder an.
Er hat gern blasen wollen, so arg gern. Er kann sie aber nicht halten,
seine Hnd zittern so. Jetzt weint er und hat doch keine Augen. Armer
Tropf du, hat der Schneider zu ihm gesagt.

Da stand er auf und holte das Bblein herber. So tat er hie und
da. Er gab ihm ein Lied und lehrte es zuhren und freute sich, wenn
er das lichte Rot der Freude entstehen sah und es strte ihn nicht,
wenn ein paarmal die Tr knarrte und noch eins hereinkam. Er, der die
reiche Welt hatte ans Herz nehmen wollen, war froh, wenn er ein paar
Menschen fand, die er an der Hand nehmen und sie an den Zeitstrom,
der vorberrauscht fhren konnte: Da, hrt ihrs? nun horchet mit mir
hinein. Und obgleich sie nichts von der Kunst wuten oder verstanden,
empfingen sie doch eine Ahnung von dem groen Rauschen, das unter der
Oberflche hingeht. Das war ja auch etwas.

       *       *       *       *       *

Frhling, kurz nach Ostern. Er war in einer Hauptprobe gewesen, Bach,
ein Orgelstck, dann eine Kantate: Liebster Gott, wann werd' ich
sterben. Er war voll davon. Den Klavierauszug trug er unter dem Arm.
Als er an der Glastr war, zgerte er. Dann machte er die Tr zu der
Schneiderswohnung auf. Willst du etwas hren, Theodor? Das wollte
er immer, das war keine Frage. Aber da war auch der Vater und die
drei andern Buben und da war Jungfer Roggenbart, die sa und flickte
Strmpfe. -- Heut sei der Mutter Todestag, sie seien alle in der Kirche
gewesen. Ja, dann kommt nur alle mit herber.

Das pate denn auch vorzglich fr heute. Nicht der Text allein --
er sang ihn -- die ganze Musik handelte von Sterben und Auferstehen.
Aber doch mehr vom Auferstehen. Da lagen die Grber um die Kirche
her, Orgelton kam heraus, aber hier drauen war es auch lebendig.
Vgel sangen in den knospenden Zweigen, ein Wind wehte hindurch, es
war sicher ein Tag gemeint, wie heute, um Ostern herum. Das lag alles
in der Musik, das sprten sie, sie htten es nicht sagen knnen. Das
lag darin, da das Leben ber den Tod siege. Es war etwas Festliches;
es war wie in der Kirche und doch wieder nicht. Es gehrte ihnen so
zu eigen, es schwebte nicht in Weihrauchwolken hoch oben, es war hier
in der Stube. Es war ihr eigener Herr, der es spielte. Ja, so weit
waren sie schon gediehen, da sie Beschlag auf ihn legten in aller
Bescheidenheit und Stille, ohne da er es wute.

Im Vertrauen und untereinander gesagt, es kam ihnen ein schnes,
festliches Leben vor, das er fhrte. Wenn er nicht so gut und
freundlich gewesen wre, sie htten es ihm kaum gegnnt. Sie muten
alle tchtig arbeiten; er aber, wenn er morgens aus dem Haus ging,
hatte er Notenhefte unter dem Arm und wenn er heimkam, machte er auch
Musik. Sa er aber still ber seinen Bchern, so wuten sie, da
sie ja auch davon handelten, und -- ja, manchmal las er in dicken
Notenbchern, wie andere Leute im Gebetbuch. Emerenz wute es, die war
ja am meisten um ihn. So eigentlich geschafft war das nicht. Aber wie
gesagt, sie hielten doch viel auf ihn. Abends war er viel aus. Da hrte
er wohl auch Musik? Dann, wenn er heimkam, ging er oft noch lang in
seiner Stube hin und her, hin und her, das konstatierten sie von rechts
und links. Aber warum er es tat, das wuten sie nicht.

Jungfer Roggenbart sa und hatte die Hnde gefaltet, denn nun ging
das ganze in einen Choral aus. Da ging drauen die Vortr. Emerenz
drehte rasch den Kopf. War sie denn nicht geschlossen? Nein; da wurden
Mnnertritte hrbar, jemand rusperte sich, putzte die Fe ab, dann
klopfte es. Natrlich, der Herr hrte nichts, er sang und spielte aus
Leibeskrften. Der Schneider bernahm es Herein zu rufen und alle
hoben erwartungsvoll die Kpfe. Aber als die Tr aufging, da brach
ihr Herr auch das Spiel ab, kurz und rasch. Fritz Hornstein, du, --
Mensch, -- da steht er auf einmal. Er hatte eine Reisetasche umhngen
und hatte den groen Filzhut in der Hand. Er sah so kurzsichtig auf die
Leute, die Brillenglser waren berlaufen, als er ins Zimmer trat; er
nahm die Brille ab und putzte sie. Dann, als er wieder sehen konnte,
lachte er mit Mund und Augen. Du hltst also hier bereits Konzerte?
Das geht schnell voran, mu ich sagen. Oder -- oder habe ich eine
andere Versammlung gestrt? Ja, jetzt seh' ich's: Du hast es nicht
ertragen knnen, da du der Theologie den Abschied gabst und fngst nun
hier auf eigene Faust an -- --, ach la doch, Fritz. Ich habe diesen
Leuten etwas vorgespielt, das ist alles. Es sind gute Leute, feine, sie
sind fast wie bei uns daheim.

Das war ein hohes Lob, das sah Fritz Hornstein ein.

Ja, dann la dich nicht stren. Da ist noch ein Sitzplatz, ich hre
zu. Aber es war gerade aus. Der Schneider nahm sein Bblein auf den
Arm, und Jungfer Roggenbart knixte und dann bekam Fritz Hornstein von
allen einen Hndedruck, eh' sie gingen. Zuletzt stand noch Emeritz
da und machte fragende Augen. Sollte sie das Nachtessen nun dennoch
bringen? Es stand schon in der Kche bereit, Tee pflegte Georg sich
selbst zu machen.

Komm her, Emeritz. Siehst du, Fritz, das ist ein verzauberter Vogel,
den hab' ich mir eingefangen, er trgt mir alles, was ich brauche, im
Schnabel herbei. Es ist ein Emeritz. Sieht man's nicht an den Augen?
Emeritz lachte. Der Gast auch. Ja, und am Gezwitscher, da kann man's
auch merken. Sie leiht mir ihre Ohren, so oft ich's brauche; sie
kann kritisieren. Mit einem einzigen Seufzer kann sie alles sagen,
was sie ausdrcken will, wenn sie mir zugehrt hat, je nachdem es ein
bedauerlicher, entzckter oder unzufriedener Seufzer ist. -- Bring
Wein, Emeritz. Ich habe ein paar Flaschen Remstler, sie haben ihn von
daheim geschickt. Dann waren die Freunde allein.

Also so betreibst du deine Studien? Volkskonzerte?

Nein, jetzt sei ernsthaft, du. Ich freue mich, da du da bist. Bist du
fr lnger hier?

Fr fnf Tage, dies ist der dritte. Ich habe, um es gleich zu
sagen, eine kleine Erbschaft gemacht, siebenundvierzig Mark, nachdem
die Sporteln abgezogen sind. Nun bin ich daran, sie sofort wieder
hinauszubringen. Die Mhe ist nicht so gro, es ist bald geschehen.

Ja, das wollte Georg Ehrensperger gern glauben. Siebenundvierzig Mark,
-- er wute, wie das Geld hier in Mnchen davonlief, obgleich er nicht
groartig lebte.

Nein, das ist so: Ich bin Vikar bei einem uralten Pfarrherrn mitten
im Schwarzwald, drei Filialdrfer und jedes zwei Stunden vom andern
entfernt. -- Nicht ganz zwei Stunden, -- aber doch, man sieht und hrt
da nichts von der Welt. Man gibt und gibt aus, den ganzen Winter lang
-- Unterricht, Krankenbesuche -- schlielich war ich so ausgebeutelt
wie ein leerer Mehlsack und ging ganz trbselig einher. Vorigen Herbst
noch in Tbingen und nun so. Da regt und rhrt sich nichts Geistiges.
Von was kann man mit den Leuten reden? Und dann, mein alter Herr.
Mensch, wie lang ist das her, seit er jung war. Da hatte der aber eine
Idee.

'Sie sollten ein bichen hinaus, Herr Vikar,' sagte er. 'Nur ein paar
Tage. Etwas sehen und hren. Sie werden mir sonst mauderig.' Ich --
Kfig auf und hinaus. Der alte Herr war einst auch hier in Mnchen,
als er noch jung war. Er taute pltzlich auf, als er darauf zu reden
kam. Alles lag in wohlverschlossenen Schubladen in seinem Gedchtnis
aufbewahrt. Nun zog er eine um die andere auf. Ich sage dir, er wurde
ganz jung. Ich freue mich geradezu, bis ich es ihm wieder erzhlen
kann, was ich nun sehe. Ich glaube fast -- im Vertrauen gesagt -- man
bildet sich das so ein bichen ein, da unsereiner mit den Alten nichts
anzufangen wisse. Schlielich waren sie doch auch einmal jung, nicht?
Aber Georg Ehrensperger hatte noch nie gemeint, da mit den Alten
nichts anzufangen sei. Davor war der Rektor Cabisius gewesen, und --
und die andern alle. Er war eher ein solcher, der mit den Jungen nichts
anzufangen wute.

Und du, fuhr der Gast fort, seit ich nun hier so herumstreife,
geht mir's sonderbar. In all' dem Gewimmel und Getriebe seh' ich mein
stilles Drflein vor mir. Ganz anders als vorher. Als ob mir hier erst
die Augen aufgingen, -- wie es so daliegt in seiner Wlderstille. Und
alles ist so einfach und so lebendig. Wie aus dem Boden gewachsen.
Und dann, meine Konfirmanden, es sind helle, aufgeweckte Kinder
darunter. Heut, vor mehr als einem Bild, dachte ich, -- ich war in
beiden Pinakotheken, -- da mchtest du deine jungen Leute hinfhren.
So gnzlich unverbildet wie sie sind. Da merkte ich an mir, da doch
etwas herber und hinber geht zwischen ihnen und mir. Ich habe nicht
fr mich allein genossen; immer fiel mir jemand ein, dem ich dies und
jenes erzhlen wolle, wann ich heimkomme.

Jetzt sag: Bin ich doch schon verbauert? Oder was ist es? Denn ich
glaube, ich freue mich ja wahrhaftig wieder auf mein kleines Nest, so
sehr ich alles geniee.

Verbauert? Du? Beneiden knnt' ich dich. Ich, wenn ich dabei geblieben
wre, -- eine kleine Landgemeinde, nichts anderes. Ich sage dir, das
sogenannte geistige Leben in den Stdten, na -- ich kann wohl nicht so
mitreden; ich bin immer meine eigenen Wege gegangen.

Das bist du. Aber nun von dir, Joseph, Trumerseele. Erzhl' mir von
dir, was du schaffst, lebst, liebst. Erzhl' mit von deinem Schatz,
deiner Gertrud. Ich freue mich, da sie zu dir gehrt. Ich wei nicht,
ob ich sie einem andern gnnen mchte. Am Hausweihfest, da hatte
ich meine Freude an ihr. Ich dachte: der Ehrensperger, der ist ein
Glckskerl. Das geht so sicher neben ihm her, und wenn er hie und
da -- du nimmst mir das nicht bel -- davonluft und nach farbigen
Schmetterlingen hascht -- dann ist es immer fr ihn da, wenn er
zurckkommt. So hat's nicht jeder.

Mensch, was machst du fr ein Gesicht? Hast du eine Erscheinung? Was
ist mit dir?

Gradaus sah Georg Ehrensperger und seine Augen weiteten sich.

War ein Blitz vor ihm niedergefahren? War er bisher blind gewesen?
Gertrud -- Gertrud? War sie nicht seine Schwester? Nicht sein bester
Kamerad? War es mglich, da sie --? Ach nein, das war es nicht. Oder?
Sie war nicht mehr die Alte und er hatte sich viele Gedanken darber
gemacht. War es das? Um Gottes willen. Er atmete hastig auf. Nein --
doch? Nein.

Das sagte er laut. Er zwang sich zum Lachen. Er lachte hart und kurz
auf.

Diesmal hast du doch nicht recht gesehen, Alter. Gertrud und ich
sind wie Geschwister. Sie ist -- wir sind nichts weniger als verliebt
ineinander. Ha--ha. Und kurz -- ich bin -- ich dachte, du httest das
gemerkt, mit Lore Maute verlobt, so gut wie verlobt. Ja, eigentlich
kann man wohl so sagen. Ich sage es dir, es ist ja natrlich noch in
weitem Feld.

Was? -- Der Gast war unsglich verblfft. Er konnte es nicht gleich
verbergen. Lore? Er kannte sie, das heit, so flchtig. Er hatte schon
mit ihr getanzt und gelegentlich ein wenig gescherzt. Lore? Ja, aber
dann --. Er konnte es nicht lassen, er pfiff leise zwischen den Zhnen.

Nun, dann verzeih', sagte er trocken. Das habe ich freilich nicht
gewut. Und sonst sagte er nichts.

Da fing Georg Ehrensperger an, eifrig von seinem Leben und von seinen
Studien zu erzhlen. So still er vorher gewesen war, so lebhaft wurde
er nun. Als sollte weder ein Wort noch ein Gedanke mehr dazwischen
fallen.

Das heit geschafft, sagte er, kann ich dir sagen. Vom Morgen
bis zum Abend. ben, ben, ben. Dann Tonsatz, Kompositionslehre --
Selbststudium, so viel dazwischen Platz hat. Abends Konzerte, Opern.
Aber es geht mir anders damit, als ich dachte. Mensch, es kann nichts
Neues mehr geben. Es ist alles schon da. Grer, gewaltiger, als es
noch einer sagen kann. Manchmal ist es mir, als ob das alles, was ich
in mir selber hatte, in graue Fernen entschwnde. Wo ist es? Was war
es nur? Und was bin ich selbst? Ein Zwerg bin ich, der vor lauter
Riesen steht.

Als ich noch ein halbwchsiger Bub war, dann ein Student, da war es
mir, als ob ich Erd' und Himmel in mir trge und es alles klingen
lassen knne. Dann fand ich Lore -- und sie mich. Da war alles Jubel
und Reigen. Nun mu ich mich da hindurchbeien, durch all' das Fremde,
und dann versuchen, ob mir noch etwas Eigenes bleibt. Aber, er
straffte sich unwillkrlich, das will ich auch.

Er sah flchtig nach dem Nebentisch hinber. Dort lag eine dicke Mappe.
Sprach sie nicht laut davon, da er es tat?

Sein verschwiegenstes Schaffen war darin, aller Jubel und alle Angst
und alle auffahrende Ungeduld, alle Hoffnung und alles Streben.

Dort lag die Mappe und rhrte sich nicht. Nein, er wollte lieber nichts
von ihr erzhlen.

Das will ich auch, sagte er nochmals, wie um sich selber zu
vergewissern.

Sie sagen alle: ohne ernstes Studium geht es nicht, ohne Lehrer
auch nicht. Also. Obgleich es mir oft ist, als ob es mich arm mache
und leer. Denn das ist ja nicht meines, was ich treibe, das ist
das der andern. Dann geh' ich einen Tag lang fort, hinaus, auf den
Starnbergersee, nach Nymphenburg, in den Wald, irgendwo, wo ich mich
auf mich selbst besinnen kann. Dann hr' ich es wieder von weitem.

Er sprach unruhig, erregt, so, als ob unten in seiner Seele ein starker
Wellenschlag wre. Es wetterleuchtete in seinen Zgen von Glck und
Not.

Und Fritz Hornstein sah ihn an und mute ihn liebhaben trotz seiner
Enttuschung mit Gertrud Cabisius.

Einen Augenblick berlegte er auch, ob er nun nicht die Einladung des
Rektors annehmen solle, ihn und die Enkelin einmal zu besuchen. Nun
konnte er ja ruhig hingehen, er kam dort niemand ins Gehege. Aber dann
schttelte er den Kopf: das ist keine von denen, die den Gegenstand
vertauschen.

       *       *       *       *       *

Als die Freunde auseinandergingen, war es spt in der Nacht. Sie waren
schlielich im Dunkeln gesessen.

Nun, als er allein war, zndete Georg die Lampe an und holte ein
kleines Bndel Briefe hervor. Nur ein kleines. Sie waren von Gertrud
und sie hatte nur selten geschrieben. Lorens Briefe lagen daneben;
viele kleine, leichte Bltter, oft nur halb beschrieben, hellfarbiges
Papier, ein schwacher Duft von Maiglckchenessenz kam ihm entgegen.
Zwischen den zierlichen und oft ein wenig hpfenden Buchstaben sah ihm
ihr helles, lachendes Gesicht heraus.

Gertruds Briefe, ihre festen, weien Bogen mit den klaren, geraden
Schriftzgen, lagen so schlicht dabei.

Warum konnten sie nur nicht mehr miteinander gehen wie in der
Kinderzeit, alle drei? Da stie er die Schublade zu, da die Lampe
klirrte und setzte sich an den Tisch, um zu lesen.

Und wie er las, ein Blatt ums andere, da war es ihm, als ob er Gertrud
von weitem she, wie sie abschiednehmend grte und mit der Hand
winkte: nun ist es alles aus und vorbei.

Er versuchte, es nicht zu glauben, was Fritz Hornstein gemeint hatte.

Es waren ja so herzlich einfache Briefe. Sie fragten nach seinem Leben
und Schaffen, zart und ohne zu drngen. Dann erzhlten sie vom Rektor
Cabisius, da er nun fast blind geworden sei, aber aus seiner reichen,
inneren Welt heraus so viel sonniges, liebreiches Leben spende, und
dann einiges von Gertrud selbst. Das heit von dem, was sie arbeitete
und las und ein weniges von dem, was sie drber dachte und von dem sie
meinte, da es ihn beschftigen knne. Und immer etwas, das ihm Mut
machen sollte.

Aber wenn er die Briefe zum zweitenmal las, dann war es ihm, als ob
jeder Satz etwas verhalte, etwas Unausgesprochenes. Als ob die rechte
Hand geschrieben und die linke vorsichtig eine wunde Stelle beschtzt
htte, die keine Berhrung vertrage. Da senkte sich eine schwere,
bittere Traurigkeit auf ihn. Er hrte die Betglocke auf dem Wiblinger
Kirchenturm und sah die Lichter hinter den Scheiben brennen und wute,
da er nach Hause mute und konnte doch nicht.

Bitterlich kam da das Heimweh ber ihn.




                    Viertes Kapitel


Als das zweite Jahr in Mnchen um war, bekam Georg die Nachricht, da
seine Schwgerin gestorben sei.

Da kaufte er sich einen schwarzen Filzhut, ein Florband um den rmel
und eine Fahrkarte nach Hause.

Er war ihm um Franz. Der hatte ja doch niemand als ihn. Er empfand auf
einmal mit Macht den starken natrlichen Zusammenhang mit ihm.

Aber als er ins Haus trat und in die Ladenstube, fand er da schon
einige Leidtragende: den Mller Hensler und zwei schwarzgekleidete
Frauen -- Lore und ihre Mutter. Lore, du? Sie lie das Kuchenmesser,
mit dem sie eben hantiert hatte, fallen und drehte sich rasch um. Du
-- o -- Georg -- wir hatten dich erst heut abend erwartet -- o --
Da umschlossen sie schon seine Arme. Still. War sie noch schner
geworden? In dem schwarzen Kleid sah sie so gro und schlank und
vornehm aus. Da kam Frau Maute heran. Sie hatte eine breite Schrze aus
Trauerkattun an und etwas aus schwarzem Krepp gemachtes auf dem Kopf
und ihr Gesicht drckte eine Mischung von feierlichen, traurigen und
angenehmen Gefhlen aus.

Sie war mit einem Plan hierhergekommen, den sie gleich nach der
Beerdigung dem jungen Witwer zu offenbaren gedachte. Vorderhand zeigte
sie durch die Tat ihre verwandtschaftliche Gesinnung fr Franz, indem
sie geschftig hin und her ging, dem Mller Hensler einschenkte,
die Blumenspenden der Wiblinger in Empfang nahm, hie und da eine
Nachbarin in die Totenkammer fhrte, in der die junge Frau lag, die
einst so rhrig hier herumgewirtschaftet hatte, und indem sie hie und
da ein Federchen oder Hrchen sorgfltig von Franzens schwarzem Rock
entfernte, das etwa daran hngen geblieben war.

Alle diese Taten vollbrachte sie unter vielen und mtterlichen
Reden, die sie in etwas klglichem Ton hervorbrachte, denn sie hielt
denselben fr am Platz und passend bei dieser Gelegenheit. Auch hatte
sie fr Zwei gerhrt und bewegt zu sein, da Lore sich ganz natrlich
und anmutig betrug als ein Wesen, das durch sein bloes schnes und
erfreuliches Dasein genug zum Trost der betrbten Menschheit beitrgt.

Gelt, du wunderst dich, da wir da sind?

Sie lehnte sich an Georg und sah ihm in die Augen.

Sag etwas; du bist ganz verstummt.

Ja, er hatte sich im ersten Augenblick gewundert, wie man sich im Traum
wundert, da etwas pltzlich da sei, das man fern glaubte. Aber er war
froh genug, da sie da war.

Alles zweifelhafte, unruhige Denken, das ihn in letzter Zeit oft
geqult hatte, wenn er an sie dachte, verstummte vor ihrer leiblichen
Gegenwart.

Aber als er nicht gleich etwas sagte, hielt es Frau Maute fr
angezeigt, eine Erklrung zu geben.

Sie klopfte Franz, der im Grovaterstuhl sa, auf die Achsel.

Wenn man so nah verwandt ist. Wir konnten ihn doch nicht im Stich
lassen, -- jetzt. Hi hi. -- Sie verga sich und lachte geschwind ein
bichen. Dann suchte sie schnell wieder den leidtragenden Ton hervor,
nahm die Schrze vor die Augen und sagte hinter derselben hervor:

Es ist vollends so schnell gegangen, man htt's nicht gedacht. Vor ein
paar Wochen, als Franz bei uns war --

Franz war bei euch?

Ja, hab' ich dir das nicht geschrieben? Lore streichelte Georgs Hand.
Er war beim Doktor fr seine Frau, da besuchte er uns natrlich.

Ja, wir haben die Verwandtschaft ein bichen gepflegt, sagte Mller
Hensler behaglich, nicht, Franz?

Franz nickte. Er sah stark mitgenommen aus, trug sich etwas schlaff
und machte einen lteren Eindruck, als es seine achtundzwanzig Jahre
wollten.

Mller Hensler war auch mit in Tbingen? Das habt ihr mir alles nicht
mitgeteilt.

Ja du, du stecktest ja bis ber die Ohren in deinen Arbeiten. Was hast
du fr Briefe geschrieben -- hu. Ich traute mich nicht mehr mit so
kleinen Ereignissen an dich heran. Lore machte ein trotziges Mulchen.
Es ist nur gut, da du endlich wieder einmal da bist.

Da mischte sich Frau Maute wieder ein.

Er hatte es schwer, der arme Franz. Es tat ihm gut, ein bichen bei
uns zu sein. Ich -- wenn man selbst Mutter ist -- aber nun wollen wir
ihn wieder herauskriegen.

Mutter, sagte Lore, da kommt jemand mit einem Kranz. Da enteilte
sie und man hrte von drauen herein ihre klgliche Stimme, mit der sie
irgend eine Teilnahmsbezeugung quittierte.

       *       *       *       *       *

Wenn jetzt Jungfer Liese dagewesen wre. Wenn sie jetzt wieder
Schlsselbund und Geldtasche an sich genommen htte, sie, die Getreue,
die so ungern ihre beiden Franze, den alten und den jungen, aus ihrer
Obhut entlassen hatte.

Aber sie war nicht mehr da, um die alten Pflicht- und Wrdezeichen
an sich zu nehmen. Da muten sich andere Leute dazu bequemen, und
das taten sie auch. Man mu es ihnen lassen, da sie es uerst
bereitwillig taten.

Es war je lnger je mehr mit Hngen und Wrgen gegangen, sowohl was
die Putzmacherei als die mblierten Zimmer betraf. Sie waren zu nichts
gekommen und es hatte nirgends recht hinreichen wollen. Dazu kam, da
Lore nicht mehr recht Lust hatte, in Tbingen zu sein.

Ach, es wchst immer wieder so junges Gemse daher, was will ich
davon? Ich wollte, Georg machte voran.

Ja, das htte Frau Maute auch gewollt.

Als Georg, etwas spter als die andern, denn er hatte die bekannten
Grber besucht und an Frau Judiths Grab Meister Nssel getroffen, --
als er vom Kirchhof zurck kam und in die Ladenstube trat, wo alle
um den Kaffeetisch saen, verstummte ein lebhaftes Gesprch, das sie
soeben gefhrt hatten.

Sag's ihm, Franz. Nein, du. Nein, ich, sagte Lore und machte ihm
an ihrer Seite Platz.

Was wrdest du dazu sagen, wenn wir hier blieben, die Mutter und ich?

Man kann doch Franz nicht im Stich lassen. Er mu doch jemand haben.
Das sagte Frau Maute. Und da du wohl doch noch nicht so schnell
Hochzeit machen kannst, so dachten wir, sie brach ab und sah ihn
erwartungsvoll an.

Wie merkwrdig das alles war. Eben noch dort drauen der eisgraue Mann,
Meister Nssel, der ein ganzes Stck seiner Kindheit und Jugend in
ihm wachgerufen hatte, dann im Heimgehen die alten Gassen und Huser,
unter den Akazien Mtter mit Kindern -- mit den Mttern hatte er
selber als Kind gespielt -- nun hier in seinem Vaterhaus, in der alten
Ladenstube, wo noch die beiden Edelleute an der Wand hingen, wie vor
Zeiten, dieser Kreis von Menschen, niemand neues dabei, nur so neuartig
zusammengeschlossen.

Franz, der nur zwei Jahre lter war als er, sa da als Witwer, hatte
schon alles erlebt, was in ein Menschenleben herein gehrt, was wollte
er nun noch?

Und Lore, seine Lore, die sollte hier daheim sein, indes er drauen
war? Und ihre Mutter sollte hier schalten?

Frau Maute im Ehrenspergerhaus? Wie merkwrdig.

Er fand nicht gleich eine Antwort, er sah fragend von einem zum andern.

Der Mller Hensler sa neben Frau Maute und sah sehr einverstanden aus.

Jetzt wird's wieder gemtlich hier, sagte er. Jetzt werden wir
wieder jung miteinander. Mach voran, Musikante, dann kommst du auch
dazu.

Ja, mach voran. Das sagte auch Franz. Er hatte den schwarzen Rock
ausgezogen und sa in Hemdrmeln da. Es war mhselig und traurig
zugegangen in seinem Leben die letzten Jahre her. Er hatte seiner Frau
alle Erleichterung und alle Pflege angedeihen lassen, die sie sich
nicht selber als zu teuer verbat. Er glaubte sich nichts vorwerfen zu
mssen. Jetzt, glaubte er, drfe er ein wenig aufatmen.

Platz hat's genug, sagte er. Ihr knnet im Oberstock wohnen, heit
das, den Tag ber gibt's genug zu tun so unten herum. Da ist die
Wirtschaft und der Laden und die Kche, und --

Und der Krautgarten und das Baumgut, sagte Lore und lachte. Heidi,
das gibt ein Leben. Dauert mich nur mein alter Riedesel in Tbingen,
sonst kein Mensch. Und derweil macht mein Herr Musikdirektor seine
wunderbaren Sachen fertig, von denen kein Mensch etwas rechtes erfhrt,
und dann -- -- jetzt mach #du# weiter, Georg.

Da sahen sie alle auf ihn.

Und dann? Er sa da und sah vor sich hin.

Es war ihm auf einmal, als ob er nicht daher gehre. Gar nicht in
diese Stube und in diesen Kreis. Er htte allein mit Franz auf das
Baumgut gehen mgen, wie in Kindertagen und eine Weile mit ihm von ganz
harmlosen Dingen reden, oder allein mit Lore in den Wald gehen. Er
hatte ihr so viel zu sagen, so viel. Er konnte es nicht hier tun, vor
allen, er konnte es nicht.

Er sah sie bittend an: Kommst du ein wenig mit mir?

Aber sie merkte es nicht. Oder wollte sie nicht?

Du, Georg, sagte sie, die Mutter hat erfahren, da man frs
Komponieren fast gar nichts bekomme. Man mge noch so schne Sachen
hinbringen. Sag, ist das wahr? Du kannst dir denken, da ich keinen
schlechten Schreck gekriegt habe. Aber du verstehst es wohl besser,
gelt? Du mut ja wissen, worauf es hinausluft. Sag.

Und alle sahen ihn an und wollten wissen, worauf es hinauslaufe. Das
war so natrlich -- so natrlich. Aber es wandelte ihn dennoch die Lust
an, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen aus innerem Grimm heraus.
Er mute sie im Sack ballen, da er es nicht tat. Sie hatten ja doch
ein Recht, zu fragen. Aber wie tausendmal er sich selber schon gefragt
hatte, das wuten sie ja nicht.

Er atmete schwer. Ich habe mit dir davon reden wollen, Lore, sagte er
endlich, da sie ihn alle ansahen.

Du kannst nicht sagen, du wissest nichts von dem, was ich schaffe, ich
habe es dir immer geschrieben.

Ich habe etwas angefangen, das, wovon ich dir einst sagte, im Wald, an
jenem Tag, etwas unsglich Schnes. Die ganze Welt ist drin. Ich hre
es im Wachen und im Traum. Das #mu# werden. Es wird auch. Aber la mir
Zeit dazu, Lore, glaub' an mich, sei geduldig. Sieh, manchmal ist es
zum Greifen nahe, dann entschwindet es wieder in alle Fernen.

Er sprang auf, lehnte sich an das Fensterkreuz und redete im Stehen
weiter. Seine Augen lagen auf Lore, er suchte in ihrem Gesicht. Suchte
er den hellen Funken, der damals von ihr zu ihm gesprungen war,
zndend, verheiend, befruchtend?

Ich -- ich habe es dir schreiben wollen. Ich will aus dem
Konservatorium austreten, es ist nichts fr mich. Es ist da so viel zu
hren und zu lernen, das mich nichts angeht innerlich. Ich will einmal
nur auf das horchen, was aus mir herauswill. Sonst kommt mir hundertmal
das Fremde dazwischen.

Er sah sie alle der Reihe nach an. Sie machten verdutzte Gesichter.

Ja, sagte Frau Maute, davon ist ja aber nicht die Rede und
das verstehen wir auch nicht so. Es ist nur die Frage, worauf es
schlielich hinausluft. -- Doch, Lore, das mu ich als Mutter doch
fragen.

Und Franz und Mller Hensler nickten bedchtig dazu und nahmen breite
Schlcke von dem roten Wein, der in den Glsern stand; denn mit dem
Kaffee waren sie nun fertig.

Ich kann es euch nicht sagen, dachte er trostlos. Ihr versteht mich
doch nicht. Ihr fraget nur: was bringt es ein? Dann raffte er sich auf.

Lat mir noch ein wenig Zeit, sagte er. Wenn ich das Werk fertig
habe -- es brennt mich und ich mu es schaffen, dann freut ihr euch
mit mir. Dann wird sich das Weitere auch zeigen. Dann ist mir auch
um eine Stellung nicht bange. Ich will es ihnen schon in die Ohren
bringen, sie #mssen# es hren. Glaub' daran, Lore, du hast es doch
immer getan. Sein Gesicht sah so warm und bittend in das ihrige, es
wurde ihr so frhlingshaft zu Mute, als ob sie vor einem Baum stnde,
der war voller Knospen, und der Baum gehrte ihr, und wenn er in Blte
stnde, dann sollte sie Hochzeit machen. Aber als sie aufstand und ihm
liebe, vertrauende Worte sagen wollte, sah sie zufllig in den Spiegel
und sah, da ihre Mutter, die hinter ihr stand, ihr zuwinkte: Sei
nicht zu nachgiebig; du mut ihm den Ernst zeigen. Du weit, er ist ein
vertrumter Idealist. Und sie trat zwar zu ihm und legte den Arm um
seinen Nacken und sah ihn an; aber es war nicht das glubige Leuchten,
nach dem er sich sehnte, in ihren Augen, sondern eine drngende Glut:
liebster Mensch, man ist nur einmal jung. Siehst du mich? Da hast du
mich. Komm bald. Du hast es mir versprochen. Und in ihm schrie etwas
auf, das hatte er lange und oft in sich verstummen heien: an einem
wirst du schuldig. An Lore oder an deiner Kunst. Es ist anders, als du
gemeint hast. Schuldig wirst du, so oder so. Du wirst wohl ein Brot
suchen mssen; du bist dazu verpflichtet, bald. Aber das war es nicht,
nach dem du ausgingest.

Er wute nicht, wo er hinsehen sollte, um seine Not zu verbergen und
verbarg sein Gesicht in ihrer Hand und sagte nach einer Weile, da er
jetzt gehen wolle, um den Rektor zu besuchen. Und Gertrud, dachte er
im stillen, und auch da war ein Druck, wie von Schuld oder Furcht oder
Sehnsucht. Er hatte sie jetzt zwei Jahre lang nicht gesehen und wute
nicht, wie er ihr gegenbertreten sollte, ihr, der er am liebsten alles
ausgeleert htte, was in ihm umging von Glck und Not.

Aber als er, um dem Denken ein Ende zu machen, an der Glocke des
Rektorhauses zog, da guckte ein junges Dienstmdchen heraus und sagte,
da der Herr Rektor und das Frulein verreist seien fr etliche Tage,
und da der Herr Rektor sich einer Augenoperation unterziehe.

Also brauchte er sich nun nicht mehr zu besinnen: will ich? will ich
nicht? sondern konnte gleich umkehren, denn da war nichts fr ihn
zu holen. Er brachte es aber nicht ber sich, fortzugehen, sondern
klinkte die Gartentr auf und schritt zwischen den buchseingefaten
Beeten durch den Gemsegarten, kam bis unter die Obstbume, die dies
Jahr nicht viel trugen und setzte sich in schweren Gedanken unter den
Sapfelbaum. Wo waren die Bubentrume, die er hier gesponnen hatte?
Und wo war Gertrud, der er sie erzhlt hatte?

Hier waren sie zu dreien gesessen, damals, eh' Lore nach Tbingen ging.
Ein Schwarzkpfchen sang in der Hecke am Stadtgraben sein Abendlied;
die Zweige des Baumes rauschten leise in einem weichen Wind, und er
sa und die Augen fielen ihm zu. Er war in der Nacht gereist und der
Tag war unruhig gewesen. Aber pltzlich sah er staunend auf. Unter den
Bumen kam ein alter Mann daher, gebckt, grau -- nein, das war nicht
mglich -- doch -- es war der alte Hollermann. Ganz so wie einst sah
er aus, nur da das Hinfllige, Schlaffe, Runzelige wie bersonnt oder
durchschienen war von etwas Festem, Frohem, Starkem.

Nun blieb er stehen, sttzte sich auf seinen Stock und sah auf den
Dasitzenden.

Der erschrak und das Herz klopfte ihm.

Ach, sagte er unsicher, das bist du? Bist du das und kommst zu mir?
-- Das kann ja doch aber nicht sein. Du bist ja doch gestorben. Da
lchelte der Alte. Es war ganz sein stilles, feines Lcheln von einst;
es ging aber ber den ganzen Mann hin.

Ja, gestorben, das nennt ihr so, weil ihr keine andere Bezeichnung
wisset. Ihr sehet nicht so besonders weit hinaus, ihr auf Erden. Aber
dafr knnet ihr nichts. Wir nennen das nur sich verndern, und ich
habe mich verndert, das ist wahr. Und es ist gut so.

Aber davon wollte ich nicht reden. Ich wollte dich nur fragen: Hast du
etwas gefunden?

Gefunden?

Ja, du wolltest ja doch das schnste Lied suchen, das, bei dem die
ganze Welt mitsingt? Du bist doch noch auf der Suche?

Da senkte Georg den Kopf in groer Traurigkeit.

Der Alte aber sah ihn immer an mit seinen ruhig betrachtenden Blicken.

Was hast du denn fr einen schweren Sack auf dem Rcken? Es rasselt
darin und poltert, #so# kannst du ja nicht horchen.

Das hatte der Jngere selber nicht gewut, da er den Sack trug. Also
daher kam der schwere Druck, den er empfand? O, es sind nur Steine
drin, sagte er. Ich mu ein Haus bauen fr Lore, sie sagt, ich habe
es ihr versprochen. Ich habe es nicht so bedacht, da ich das mu. Aber
darum ist es nun doch so. Da mu ich jetzt die Steine tragen. Es ist
schwer, ich kann mich nicht bei dir aufhalten. Horchen? Nein, horchen
kann ich auch nicht. Aber der Alte wuchs so sonderbar. Er schien
die Bume zu berragen und seine Augen wurden immer leuchtender und
durchdringender.

Du, sagte er, du Sonntagskind, du gehrst dennoch zu den Horchenden.
Du mut die Steine wegwerfen, du kannst jetzt kein Haus bauen. Das
weit du ja selber. Du mut ja doch das Lied suchen. Du willst nicht,
du mut. Hrst du nicht, wie es klingt?

Da zog eine ferne, leise Musik an ihnen vorber und Georg horchte mit
klopfendem Herzen.

Das war's, das ist's. Aber als er aufspringen wollte, rasselten die
Steine in dem Sack.

Und er warf sich vor Hollermann auf die Kniee und umfate ihn.

Hilf mir, sagte er. Du siehst mich durch und durch. Du weit, wie es
ist.

Aber Hollermann sagte nichts mehr. Nur mit einer sonderbar linden,
feinen Hand streichelte er den Knieenden, immer von der Stirn bis zum
Nacken, da es ihn durchrieselte wie von einer belebenden Wrme. Da
wurde es ihm so leicht zu Mute, so leicht und frei.

Ich will aufstehen und ihm nachgehen, sagte er.

Ja, sagte Hollermann, und da ist auch die Geige.

Da sah Georg mit Staunen feine, silberglnzende Fden, wie aus
Mariengarn gesponnen, die gingen von seiner Brust aus und waren an den
Bumen und Struchern ringsum befestigt und Hollermann rhrte daran, da
klangen sie, teils stark teils leise.

Ein Ton die Schuld, ein Ton die Liebe, ein Ton die Sehnsucht, ein Ton
das Alleinsein, das groe, herbe, ein Ton die Mhe -- kannst du sie
alle? Du mutest sie alle erleben, um sie zu kennen.

Still. Georg horchte atemlos. Das klang alles in seinem Herzen, aber
drauen in der Welt klang es mit.

Einiges fehlt noch, sagte Hollermann und lchelte.

Das mut du noch suchen. Und einiges, das weit du, findest du erst
in dem andern Land. Aber la dich nicht irre machen, es ist doch da
und ist wirklich. Davon sollst du singen: Was sichtbar ist, das ist
zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig --.

Jetzt war es auf einmal nicht mehr Hollermann, sondern Frau Judith,
und dann war es Meister Nssel, und dann Georgs Mutter, wie sie aussah
an dem Tag, dem einen, da es Licht bei ihr geworden war. Und dann kam
die Rektorin Cabisius daran, und weit weg tauchte der Rektor auf, und
Gertrud noch weiter, wie ein Schatten, aber alle waren sie da und er
hrte Hollermann sagen: Sind wir nicht viele? Sind wir nicht eine
feine, stille Gemeinde? Nun wollen wir ihm das Lied singen. Leise, --
man mu hren, da alles mitsingt.

Da entstand ein wogender, schwebender Gesang, ein feines und doch
starkes Klingen. Die Sterne standen am Himmel und lieen silberne Tne
niederfallen, die Bume regten singend ihre ste und jedes Blttlein
schwang leise mit, der Wind trug auf seinen Flgeln von ferne her
starke Harmonieen, irgendwo rauschte es, da war doch aber kein Flu?
Ach nein, Gertrud sagte: Im Zeitstrom, der vorberrauscht. Und aus
den wenigen Menschen im Garten waren viele, unzhlige geworden, wie
Schatten glitten alte Bekannte und fremde Gesichter an ihm vorbei, und
sie sangen alle:

      Alle die Schnheit Himmels und der Erden
      Ist verfat in dir allein,

und alles ringsumher sang mit. Das Lied hatte Georg schon frher einmal
gehrt, er wute nur nicht mehr, wo. Ihm brannte das Herz und er
versuchte mitzusingen, aber da wurde alles undeutlich und zerflo, und
er sa mit offenen Augen und klopfenden Pulsen unter dem Sapfelbaum.
Es war ein Klingen und Schwirren in ihm, das zog mit den Strmen
seines wallenden Blutes auf und ab; es rauschte leise wie von weichen
Gewndern, es war ein Schimmern zwischen dem Gestruch hindurch, wie
von weien Fittichen, da rieb er sich die Augen und stand auf und war
allein.

Der Mond ging heute frh auf, er kam schon am Horizont herauf und warf
einen milden, silbernen Schein da herein. Drben ber dem Stadtgraben
war die Seilerbahn, die aufgespannten Seile schimmerten wei in dem
bleichen Licht, irgendwo sang eine Mnnerstimme -- ein Volkslied
--und so will ich wacker streiten, und soll ich den Tod erleiden --
mehr war nicht zu hren.

Und Georg Ehrensperger, der mutlos und schweren Herzens hierher
gekommen war, reckte sich, da er aufrecht und hoch den Gartensteig
wieder zurckging und in seiner Seele gingen hohe Wellen. Ich kann
noch nicht gleich heimgehen, ich will noch in den Wald hinauf. Die
Nacht mchte ich durchwandern, ganz allein. Still, da kein Ton
vergeht. Wie ein Segen ist es auf mich herabgekommen. Und er beugte
den Kopf, wie um es besser tragen zu knnen, was ihn wie ein schwerer
Reichtum fllte, und trug den Hut in der Hand. Vor den Fenstern des
Rektorhauses blieb er stehen und grte die Abwesenden. Ihr gehret
dennoch zu mir. Ich gehre dennoch zu euch. Dann schritt er durch die
Gassen. Es war niemand mehr drauen. Das war ihm recht. Die Brunnen
pltscherten, hinter den Scheiben entzndeten sich die Lichter, er lie
das Stdtlein mit seinen Heimwesen hinter sich und ging die kleine
Anhhe hinauf, den Dinkelsbhl, und kam in den jungen Eichenwald, der
dort droben steht.

Als einem, der lang in der Fremde gewesen und dann heimgekommen ist,
war es ihm.

Khl und weich war das Moos am Waldrand, in das er sein Gesicht
drckte. Ganz still standen die jungen Bume und horchten. Aber sie
hrten nicht, was er redete, es kam nicht ber die Lippen.

Vielleicht wute er es auch selber nicht so genau, was alles in starkem
Lebensdrang aus seiner Seele strmte. Ein Dank und eine Freude und ein
Sich-hin-geben-wollen an die Welt. Ein Gebet: Bleib mir nah, du -- du
ew'ger Geist, des Wesen alles fllet --, bleibet mir nah -- ihr, die
ihr zu mir gekommen seid -- schlieet einen Kreis um mich. Das und mehr.
Es wurde immer stiller, grer, es ging immer mehr nach innen.

Leise ging der Nachtwind ber ihn hin.

Er ist schon ber manchen hingegangen, der in der Nacht auf einen Berg
besonders ging, um sich in der ewigen Einheit zu fassen, und um den
rechten Ton zu finden, am Morgen mit den Menschen vom Ewigen zu reden.

Es war ziemlich spt, als Georg wieder den Berg hinabstieg. Alles
war still umher, er fing hie und da leise an zu summen: Alle die
Schnheit Himmels und der Erden ist verfat in dir allein und dann
brach er wieder ab: still! und sagte:

      Das wahre mir zur Leuchte,
      Auf da mir's auch den Pfad erhellt,
      Der mich umnachtet deuchte.

Sie hatten auf ihn gewartet und waren etwas rgerlich, da er so lange
ausgeblieben war. Und Lore sa im Grovaterstuhl und rhrte sich nicht,
als er hereinkam. War sie bse? Daran hatte er gar nicht gedacht, er
wollte ihr sein ganzes, volles Herz bringen, das hatte ihm zuletzt die
Schritte beflgelt. Da sah sie auf und sah ihn an und wollte irgend
etwas Gekrnktes sagen und blieb staunend still. So rein und schn war
der Glanz seiner Augen und so still und fest seine ganze Haltung, so
sehr leuchtete ihr seine hohe Liebe entgegen und dann noch etwas, das
sie nicht kannte, etwas Sieghaftes, Heiliges.

Komm, sagte er. Ich mu morgen frh abreisen, wir haben nur den
einen Abend. Komm mit mir in meine Kammer herauf, in der ich mit
vierzehn Jahren schlief. Nein, sag nichts, ich mu dir viel erzhlen.

Da fhrte er sie an der Hand aus der Stube und die Treppen hinauf
bis unters Dach, und die Zurckbleibenden schttelten ratlos die
Kpfe: Was hat er jetzt wieder? Ist das ein nrrischer Mensch. Und
ratschlagten, ob denn jemals etwas aus ihm werde, und fanden groe
Beruhigung in der Erkenntnis, da so etwas sonst nicht in der
Ehrenspergersfamilie daheim sei, -- wenn er aber nur nichts Ungutes von
seiner Mutter geerbt habe.

       *       *       *       *       *

Sie war viel hin- und hergezogen worden, so lang er fern war. Etwas,
das Beste in ihr, das strebte nach ihm, das kam zur Entfaltung in der
Gemeinschaft mit ihm, in seiner Liebe, und in dem Willen, mit ihm in
seiner Welt zu leben.

Aber da war so viel anderes daneben. In ihr selbst und in ihrer
Umgebung. Nun sa sie neben ihm, auf der Kiste, die er sich einst zu
einem Sofa getrumt hatte. Das alte bunte Umschlagtuch seiner Mutter
lag noch darber ausgebreitet von lang her. Sie sah zu ihm auf mit
erstaunten Augen. Was hatte er nur? Da war nichts zu kritteln und zu
tadeln, er stand sicher und hoch in einer reinen, schnen Welt.

Und ohne den Druck und die Unsicherheit des Nachmittags fing er an, ihr
von seinem Werk zu erzhlen, das ihm jetzt wie ein Ganzes vor der Seele
stand, ja, das ihm innerlich fertig zu sein schien, so gewaltig tnte
es.

Knnt' ich dich nur dazu hineinhorchen lassen, Lore. Das wr das
Beste. Denn mit Worten ist es schwer zu sagen. Aber dennoch. Also du
weit: Da geht einer aus und will das schnste Lied suchen. Ein Geiger.
Er hat es im Traum gehrt, jetzt lt es ihn nicht mehr los, er mu
es wieder haben. Zuerst hrt man den Traum, das fngt ganz fein an
mit Streichinstrumenten die tragen eine Melodie wie auf Fittichen.
Dann will es eine einzelne Geige nachbilden, das ist immer er; aber es
tnt ihm anders, nicht so, wie er es gehrt hat. Dann geht er auf die
Wanderung und sucht immer. Da kommen Vogelstimmen, Wasserwellen, Winde,
Gewitterstrme. berall ist ein bichen davon drin, aber nur da ein Ton
und dort einer. Und immer wieder die Geige, die ihn festhalten will,
und immer wieder bricht sie ab und verstummt, weil da so viel anderes
hereinklingt. Und er merkt, da er in der Natur allein das Lied, das
ganze nicht findet, und er geht unter die Menschen und will das ganze,
reiche Leben kennen lernen. Da mu es doch irgendwo tnen. Da -- da
mten eigentlich Chre hinein, ich wei noch nicht, -- sind spielende
Kinder, und singen junge Burschen und Mdchen, weit du, Lore, nach
Hinkelsbach zu am Sonntag nachmittag, und er spielt ihnen zum Tanz auf,
und erschrickt, denn er hat auf einmal die Melodie vergessen, die immer
auf dem Grund seiner Seele war. Und zieht weiter und im Alleinsein
fngt sie wieder an zu tnen.

Er kommt durch Stdte und Drfer und findet allen Reichtum und
alle Armut und lernt Liebe kennen und alles Verlangen und alle Not
und auch die Schuld und auch die Sehnsucht. Das alles tnt in den
Menschenherzen, das hrt man immer von den Instrumenten, und es klopft
auch in dem seinigen, das ist immer die einsame Geige. Und berall ist
etwas darin von dem schnsten Lied, aber es ist nie das ganze. Er kommt
auch in die Kirche, -- das hab' ich schon, Lore, ich mchte es dir
vorspielen, -- da ist ein breiter Strom von einer tiefen, feierlichen
Musik, und er glaubt schon, hier am Ziele zu sein, denn ein paarmal
klingt stark und deutlich die ersehnte Melodie heraus, aber -- weg ist
sie wieder, auch da nicht das Ganze, und das Bruchstck nicht ganz
rein. O, wo bist du?

Da ist ein Stck weit mde, hoffnungslose Grauheit in der Musik und nur
die Geige, sein eigenes Herz, summt sich hie und da die paar Takte,
die es noch wei. Aber siehst du, Lore, er gibt das Suchen nicht auf,
das ist es, was ich sagen mchte. -- Was sagst du? ich sei dennoch
ein Pfarrer? weil ich das Predigen nicht lassen knne? Ja, das mu
ja wohl so sein. Und sieh, es ist auch nicht umsonst. Denn als alle
die andern Stimmen schweigen und er alt wird und still, da -- da ist
zwei -- drei Takte lang Pause in der Musik, -- da tnt ihm auf einmal
die Traummelodie wieder, irgendwo her, immer schner, immer strker,
und er hrt pltzlich, da alles Geschaffene mitklingt, nicht mehr
bruchstckweise, ganz, und er erkennt, da sie nicht im Leben drin, da
sie das Leben selber ist. Das geht nun nicht aus, das ist ewig, das
geht fr ihn erst an. Und er will rasch mitklingen, denn die Saiten
seiner Geige zittern schon, und er spielt und spielt, da reit eine
Saite um die andere, jauchzend brechen sie ab -- dann ist die Geige
still -- dann hrt man nur noch die Melodie im Orchester, leiser --
immer leiser, bis es alles wie in weite Fernen entschwindet.

Sie wagte kein Wort zu sagen, als er nun aufatmend schwieg. Sie sah
ihn nur an, wie man ein fremdes, schnes Bild ansieht, das dennoch so
rtselhaft bekannte Zge trgt. Er war so anders, als sie ihn sonst
kannte, so erhoben, -- so glnzend von dem inneren Licht, das ihn zu
erhellen schien. Aber dann wute sie doch, da er ihr gehrte und
sie strich sich mit der Hand ber die Stirn, wie um die Befangenheit
abzustreifen. Und das hrst du alles in dir drin? fragte sie. Das
kannst du alles in Tne bringen? Da nickte er. So Gott es mir htet.
So stark war es noch nie wie heut Abend. Es war oft eine Qual in den
letzten Monaten -- ach, wir wollen jetzt nicht mehr davon reden. Ich
glaubte, ich htte mich verlaufen. Sie fragten immer: Wo hinaus? Und
ich wute es nicht. Und dabei entschwand mir alles. Lore, das kommt
nicht, wenn man es zwingen will, es kommt nur ungerufen. So kam es
heute.

Da ging auch durch sie etwas Groes hindurch, ein Glauben an ihn, --
oder ein Glauben an seinen Glauben.

Geh, sagte sie, und er sah das Leuchten ihrer Augen wieder, geh und
halt's fest, und wenn du es festgenagelt hast, dann komm wieder. Und
dann -- gelt dann --. Er legte leicht die Hand auf ihren Mund. Sag
nichts sonst, heute nicht. Es kommt alles, eins ums andere. Und schlo
sie in seine Arme. Du, o du, wenn ich nicht mehr zwischen beidem hin-
und hergerissen bin, und kann froh an dich denken und froh an meinem
Werke sein -- halt die Hnde darber, Lore -- dann komm ich einst zu
dir -- dann sind wir beide gesegnet, du und ich.

       *       *       *       *       *

Als der Morgen graute, ging er aus dem Haus seiner Vter. Lore hrte
ihn, wie er die Treppe hinabstieg und hrte die Haustr ins Schlo
fallen und hrte seine raschen, festen Tritte auf dem Pflaster des
Marktplatzes. Sie sah zu ihrer Mutter hinber, die lag auch wach, sie
blinzelte zwischen verschlafenen Lidern zu der Tochter herber. Na,
ihr habt's ja wichtig gehabt gestern abend. Was habt ihr denn jetzt
ausgemacht? Ausgemacht? Ach, er hat mir erzhlt, was er schafft.
Ja, und dann? Lore drckte den Kopf in die Kissen und dehnte sich
wohlig. Dann hab ich ihm versprochen, da ihr ihn in Ruh lassen sollt.
Er wei selber, was er zu tun hat. Hrst du? Sie machen schon die
Ladentr auf. Ist das Franz? Das Frhaufstehen, weit du, Mutter, das
ist eigentlich nicht so meine Sache.

       *       *       *       *       *

Er ging im dmmernden Morgen nach der Bahn, die Seele voll frischen
Mutes und Glaubens, das Herz erwrmt von der alten Heimat und von Lore,
die nun dort leben sollte. In wenigen Tagen schon wollten die beiden
Frauen nach Wiblingen umziehen. Ach -- es konnte ihm ja nur lieb sein.
Sie war so wohl behtet in seiner Heimat. Er konnte so ruhig an sie
denken und konnte einmal heimkommen und sich erfrischen an ihr -- an
allem Heimatlichen, bis -- ja bis er ganz kam und sie zu sich holte.
Wann? wohin? Das lag heute nicht so schwer auf ihm. Es fand sich, eins
ums andere, jetzt, da er so reich an tnenden, treibenden Krften
wieder auszog.

Ach, das habe ich nicht gesagt. Das habe ich vergessen. Sie soll
Gertrud besuchen, bald und oft. Sie soll lieb mit ihr sein. Ich will es
ihr schreiben, so bald ich nach Mnchen komme. -- Gertrud -- sie mu
unsere Schwester sein, sie wird es auch, sie war die meinige, so lang
ich denken kann. Das mu wieder zurecht kommen, es mu ja.

Da hallten feierliche Schlge vom Turm. Und weit tat sich ihm das Herz
auf. Die Morgenglocke. Mit der alten vertrauten Stimme rief sie ihn und
gab ihm alles mit auf den Weg, was sie von jeher fr ihn gehabt hatte.
Es war aber alles schon vorher wach, wer wei, ob sie sonst den Weg in
sein Inneres gefunden htte. Er nahm den Hut ab. Die Morgenluft spielte
mit seinem Haar.

Ich -- ich will dir nicht entlaufen. Ich will dir dennoch dienen. Das
wahre mir zur Leuchte.

Und alle die alten, vertrauten Gestalten standen um ihn und nickten ihm
zu und er war der ihren einer.




                    Fnftes Kapitel


Ein Frhlingstag, ein ganz rechter und echter. Alles, was blhen
konnte, drngte und trieb und machte die Augen auf, alles, was
zwitschern und schwirren und summen konnte, tat es, alles, was sich
zu freuen vermochte, nahm, falls es den Winter hindurch aus der bung
gekommen war, einen neuen Anlauf dazu.

Im Rektorgarten blhten Syringen und Goldregen, und in den Beeten
Narzissen und Kaiserkronen, es schwatzten die Staren und schmetterten
die Buchfinken, es saen um den steinernen Tisch unter dem groen
Nubaum drei Kinder, ebenfalls blhend, ebenfalls in lauten und
lebendigen Tnen in das allgemeine Konzert der Daseinsfreude
einstimmend.

Der Rektor Cabisius ging nicht wie an jenem ersten Frhlingstag, da
wir ihn kennen lernten, in den Steigen auf und ab. Er sa an der
sonnigsten Stelle des Gartens in einem Korblehnstuhl und lie sich
anscheinen, ohne da er das Licht erblicken konnte. Denn er war jetzt
bis auf einen kleinen, ganz kleinen Schein blind geworden. Aber die
Pfeife hielt er noch in der Hand und als seine Enkelin zu ihm trat,
da sa er umgeben von einem leichten Rauchwlkchen und taktierte,
wenn er wieder ein paar Zge getan hatte, nach irgend einer Melodie,
die er zu vernehmen schien, und sein Gesicht war so klar und heiter
wie je. Vielleicht war es die Jubelouvertre der Schpfung, zu der
ihm auch das Kindergeschwtz gehrte: Freude, schner Gtterfunken,
Tochter aus Elysium, vielleicht auch zeigte ihm ein inneres Licht die
Eingangshalle zu den Gefilden, die wir mit unseren guten Augen nicht
zu erblicken vermgen und es klang feierlich in ihm: wir betreten
feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum. Jedenfalls sah er aus, als
ob er einer von denen sei, bei denen es um den Abend licht wird.

Und das stimmte ja freilich nicht mit den ueren Tatsachen. Aber
darnach fragte der Rektor Cabisius nicht so viel.

Grovater, du bekommst Besuch, sagte Gertrud. Und da kamen auch
schon hinter ihren raschen, festen Tritten die etwas schlurfenden,
von Stocksten begleiteten des Meisters Nssel den Gartenweg herauf.
Sie gab dem Grovater nur geschwind die Hand, eine breite, krftige,
nicht eben zarte Hand, denn sie mute ihn hie und da ihres Dabeiseins
versichern. Dann fhrte sie den alten Mann zu ihm. Da ist noch ein
bequemer Stuhl, Meister Nssel, und -- ja, und Konrad soll noch eine
Pfeife herunterholen, und da steht der Tabak und das Feuerzeug. Ich
mu wieder zu meinen Kindern. Und dann ging sie wieder an den Tisch
hinber und hatte es sehr wichtig und sehr mtterlich mit einem groen
Brotlaib und der Butterdose, und sah nicht, wie der eine der beiden
alten Mnner ihr kopfnickend nachsah und wie der andere zu seinen
Worten lchelte: Wenn sie die Judith #so# sehen knnte, wie sie da
hantiert und so ein helles Gesicht hat und so aufrecht ist. Ja, da
waren die beiden Alten wieder an ihrem Lieblingsthema angelangt: die
Vorangegangenen, und die alten Zeiten, und das, was noch aus den alten
Zeiten in der Gegenwart mit ihnen lebte, -- das Kind.

Es war ein reiches und ein herzerwrmendes Thema, und all' das
Lebendige rings umher gab eine gute Begleitung dazu. Es hatte in diesem
Garten von jeher und immer wieder Kinder und Blumen und Vgel gegeben,
und auch mtterliche Frauen, die sich an Kindern und Blumen und Vgeln
zu freuen wuten, -- auch dann, wenn in ihrem eigenen Leben schon
einiges abgeblht und verklungen war. Gertrud pate nicht schlecht in
die Futapfen ihrer Vorgngerinnen in diesem Garten. Sie hatte wacker
aufgehoben, was ihr an Leid des Lebens auf den Weg gelegt worden war,
und sie trug es nun nicht wie einen Trauerflor um sich her, sondern sie
hatte es, da es ja freilich nicht von flchtiger Art war, tief in sich
hineingeschlossen. Da wohnte es, ganz nah bei der zwlften Kammer,
von der schon einmal die Rede war, und trat ans Tageslicht nur in einer
reifen, warmen Mtterlichkeit gegen alles, was eines Schutzes oder
einer Hilfe zu bedrfen schien, in einem ernsten und klugen Verstehen
von allerlei Nten, die den Menschen in ihrem Bereich -- auch nicht
immer auf der Stirne geschrieben standen.

Es war Feiertag und sie hatte sich die Kinder geholt. Es waren die
drei Buben der Trmersleute, die drei Entenmnner, die damals bei dem
Adventsgewitter so heldenhaft die Kpfe unter die Decke steckten.
Sie waren seitdem um ein gutes Stck gewachsen, hatten helle,
kurzgeschorene Kpfe und lebhafte Augen, und Gertrud ging damit um,
ihnen ein gut Teil von dem allgemeinen Wissen, das sie selber einst
so hungrig in sich aufgenommen hatte, zukommen zu lassen. Warum war
sie nicht Lehrerin geworden, wie einst bestimmt war? Warum sahen die
beiden, der lteste, starke und der Mittlere, zarte, mit so hungrigen
Augen drein, wenn sie ihnen hinten unter dem Sapfelbaum von den
Wundern und Sagen der alten Griechen und von den Taten unserer eigenen
Vorvter und zuweilen auch von dem Zug der Kinder Israel durch die
Wste erzhlte? Der Jngste, der war ein wenig dick und ein wenig
denkfaul, der mochte ja ihretwegen Flickschneider werden, obgleich --
wenn sie das sagte, dann erschien sie noch einen Zoll hher als sonst
-- droben auf dem Turm Meister Nssel auf dem Schneidertisch gesessen
war, der sich mit allerhand Weisen und Gelehrten messen konnte. Sie
wollte das ihrige tun, da diese ihre Patenkinder, sie mochten werden
was sie wollten, Teil htten an den geistigen Gtern der Menschheit.
Ja, macht nur die Augen auf, ihr Buben. Dote Gertrud hat so vieles in
sich angesammelt, sie hilft sich selbst, wenn sie euch hilft.

Aber was versteht ihr davon?

Ihr rennet davon, alle drei, wenn ihr euer Vesperbrot gegessen habt
und spielet unter den Bumen, Frau Mutter leih mir d' Scheer, nach
einiger Zeit liegt einer von euch, der kleine, feine Leonhard, unter
dem jungen Birnbaum am Stadtgraben und verschrnkt die Hnde hinter
dem Kopf und guckt nach dem blauen Himmel, der zwischen dem Gest
hereinsieht und guckt den Wolken nach. Wer hat dich gelehrt, gerade so
trumerisch dreinzusehen, wie Georg Ehrensperger, und gerade so leise
vor dich hinzusummen, als ob dir etwas Schnes durch Kopf und Herz
ginge?

Abgewendet hat sich Gertrud, als sie dir eine Weile zugesehen hatte und
nun steht sie an dem Bretterzaun, der den Garten von der Strae nach
Hinkelsbach trennt und sieht hinaus -- hinaus.

Weier Staub liegt auf der Landstrae, ein Lftchen kommt und wirbelt
ihn in die Hhe. Kinder verlassen den schmalen Steig, der neben
der Strae hergeht und schlrfen mit den Schuhen durch den Staub,
es ist so lustig, wenn sich das schwarze Leder wei frbt. Mgen
die Eltern auf dem ehrbaren Steig einhergehen und ihre sauberen
Feiertagskleider schonen. Ihr Teil Staub bekommen sie dennoch, so
gut wie die hellbegrnten Hecken am Weg und das junge Gras davor.
Aber es schadet nichts, der Frhlingswind ist lustig und der tanzende
Staub ist lustig, und die weien Wlkchen, die durch den blauen
Frhlingshimmel schimmern, sind lustig, und in Hinkelsbach ist eine
groe Bauernhochzeit, da wird's erst recht lustig werden. Da mssen
die Wiblinger dabei sein, die Metzger und die Bcker und die Schuster
und die Schneider, die alle mit den Hinkelsbachern zu schaffen haben.
Es ist Pflicht, sie tun es der Kundschaft zulieb, wenn sie mit Kind
und Kegel hinausziehen und essen und trinken und tanzen und sich
im saubersten Staat zeigen. Sie greifen heut tief in den Beutel in
dieser Pflichterfllung. Wieder eine Gruppe und wieder eine, und nun
kommen zwei, bei deren Anblick Gertrud Cabisius -- nicht so ganz
ruhig bleibt. Ein stattlicher, breit gewachsener Mann in hellgrauem
Anzug, im Knopfloch eine rote Nelke, im Gesicht heiteres Behagen,
krftige Lebenslust, in der ganzen Haltung eine behbige, vermgliche
Brgerlichkeit. Und ein hochgewachsenes, schnes Mdchen, nicht mehr
so ganz jung, nicht so viel jnger als Gertrud, so recht reif und voll
erblht, im weien Kleid, Korallen um den feinen Hals, leuchtend roten
Mohn auf dem groen, gelben Hut.

Sie gehen im Takt, rasch, leicht, wie auf Federn; falls es auch fr sie
ein Pflichtgang ist, -- er fllt ihnen nicht schwer. Worber sie nur so
viel zu lachen haben? So hell und herzlich kommt es heraus, so leicht
und unbeschwert.

Gr Gott, Gertrud. Lore sagte es so bermtig, so sieghaft.

Schier ein bichen Mitleid ist auch dabei, oder meint Gertrud das blo?
So etwa: Was weit du von Lebensfreude, du -- du Gromutter? Ich --
ich wei davon. Du auch, Franz, gelt?

Da ist wieder das Lachen. Und Gertrud wei nicht recht, warum es ihr so
ins Herz schneidet.

Vorber.

Hintendrein kommt ein anderes Paar, der Mller Hensler, kurz, dick,
rot im Gesicht, auch eine Blume im Knopfloch, Lore hat sie ihm
hineingesteckt. berhaupt, Lore. Wer kann sich noch denken, da sie
einmal nicht dagewesen sei? Der Mller Hensler nicht. Die Gste in der
Weinwirtschaft auch nicht. Franz? -- Franz auch nicht.

Frau Maute geht in einer lilaseidenen Bluse, mit roten Blmchen
best, neben ihm her, ein wohlhabendes Lcheln um Mund und Augen, den
Ansatz zu einem Doppelkinn auf der Perlborte des Halskragens ruhend,
das rotblonde Zpfchen sauber aufgesteckt unter einem meergrnen
Spitzenhtchen.

Immer jnger, sagt der Mller Hensler, wenn er sie ansieht. Er selbst
wird auch immer jnger. Man wei nicht, was noch werden mag. Wenn ihm
nur der Wein nichts tut. Der Doktor hat dieselben Bedenken bei ihm, wie
beim Bcker Ehrensperger.

Vorber.

Gertrud sieht ihnen nach und wei nicht, da sie es tut. Denn ihre
Gedanken sind fern von hier, bei einem, der in diesem Augenblick in der
kleinen, altersgrauen Kapelle, auf der Anhhe am Isarufer sitzt. Es ist
eine Orgel drin, und er lt sie erklingen. Er hat geschrieben, da
ihm dort zuweilen, zwischen den grauen Steinwnden, an denen nur wenig
Schmuck haftet, hie und da ein Heiligenbild, hie und da ein Krnzlein
-- da ihm dort zuweilen schne, schne Melodien, wie in feierlichem
Zuge kommen.

Nun sieht sie ihn dort sitzen, ein blindes, elendes Bbchen bei sich,
das sitzt ganz still da und hebt die lichtlosen Augen und horcht. Wie
die Klnge zu der offenen Tr hinausschweben in das grne Dunkel des
Busch- und Baumwerks drauen. Wie Gesang einer Gemeinde, die krperlos
hier drinnen versammelt ist.

Hie und da ist Emeritz bei ihnen; hie und da kommt der Schneider,
Theodors Vater, wenn er seine Kundengnge gemacht hat. Dann ldt er
das Bblein auf seinen Rcken und trgt es heim, ein zweiter Sankt
Christoforus, nur da ihn das leichte Gewicht nicht niederdrckt, den
breiten, starken Mann. Ihn drckt etwas anderes; ihn drckt der Kummer
um das Kind. Da es so hinleben soll, so lichtlos, so arm. Aber das
Kind lchelt. Es ist so schn gewesen, Vater. Bilder einer reichen
Welt sind an ihm vorbeigezogen, die hlt es noch fest.

Und nun ist der Komponist allein. Gertrud sieht ihn; sie sieht ihn
deutlich. Wie er aufsteht und in dem dmmerigen Raum hin und her geht.
Das wei sie, da er so zu tun pflegt. Aber sie wei nicht, ob er mutig
und froh darein sieht, ob er das, was ihm durch den Sinn zieht, fassen
konnte, oder ob er sich mde daran zerarbeitet.

Es wird so anders als ich dachte, schrieb er neulich an den
Grovater, es wird religis, ernst, sehnlich -- und ist doch keine
Kirchenmusik. Ich wei nicht, wer es auffhren soll und nicht, wie
ich es nennen soll. Es ist keine Symphonie, kein Oratorium, es ist
eine musikalische Dichtung. Aber ich kann nichts anderes schaffen als
das. Alles, was ich habe, strmt dahin. Es mu mich doch noch segnen.
Ich bin jetzt weit voran. Ich denke bis zum Sommer fertig zu werden.
Dann, wenn er nach Haus geht, das heit, in seine Stube zurck, geht
er den Strom entlang, und sieht den Abendhimmel sich darin spiegeln,
und die Ufer, und kommt zu den Menschenwohnungen und sieht Kinder auf
der Strae spielen, und sieht ein Paar mit einander gehen, und sieht
den Blick, mit dem sich die beiden ansehen, und erschrickt, da er so
allein sei und kein Auge habe, in das er das seinige senken knne,
nun seine Seele zurckgekehrt ist aus der Welt, die er ahnend, tnend
festhalten wollte.

Dann, das wei Gertrud, ruft er sich ein Bild vor die Seele, das gehrt
ihm, -- sie ist es aber nicht, es ist Lore. -- Und er breitet im Geist
die Arme nach ihr aus. Bald, bald.

Wie sie da am Zaun zusammenschrickt, als msse sie noch die beiden
stattlichen Gestalten dahinschreiten sehen, die vorhin vorbeigingen.

Weit du es, Lore, da er die Arme nach dir ausbreitet? Wartest du
ebenso auf ihn? Sicher, glubig, still und fest? Warum kommst du nie
mehr zu Gertrud Cabisius? Du habest so viel zu schaffen, sagst du? Sie
hat dich aufnehmen wollen, um seinetwillen, sie hat ihr Herz bezwungen,
da es dich hereinlie. Und nun Lore? -- Vorber. Kein Staubwlkchen
zeigt mehr, wo ihr gegangen seid. Leer und still die Strae.

Und Gertrud wendet sich um und geht zu den Kindern und spielt mit
ihnen, und geht zu den Greisen, die schon durch ein langes Leben
gegangen sind. Dauert es lang, bis man so alt wird? Still.

       *       *       *       *       *

In der Krone zu Hinkelsbach ging es hoch her. Er war eine stattliche
Bauernhochzeit mit vielen Gsten. Wagen an Wagen drngte sich vor der
Tr, Ellbogen an Ellbogen sa man in der groen Wirtsstube, Paar an
Paar drngte sich im Tanzsaal. Die Wiblinger waren mitten drunter. Die
Kinder tanzten drauen im Haushrn und hinter dem Haus auf der Wiese,
die Alten drinnen.

Auf einer kleinen Erhhung waren die Musikanten untergebracht. Ein
alter Bageiger, kurzatmig, den Kopf tief zwischen den Schultern
eingebettet, strich, bestndig mit den kleinen uglein zwinkernd, so
eifrig auf seiner Bageige hin und her, als sei sie ein Stck Brennholz
und der Bogen eine Sge, die es zu zerkleinern habe. Didel dudel
dudel -- didel dudel dudel. Neben ihm blies ein Klarinettist von fast
schwindschtiger Hagerkeit, lang und oben vornbergebeugt, mit dsterm
Gesicht in sein Instrument hinein. Wie lange mochte er noch Atem haben,
um die Tne hervorzubringen, die den Bauern und den Stdtern in die
Beine fuhren?

Didel dudel dudel -- didel dudel dudel. Und noch zwei Musikanten.
Ein Geiger und ein Harfenmdchen. Sie schienen zusammenzugehren,
wenigstens tauschten sie hie und da einen Blick des Einverstndnisses,
der Geiger aus feurig blitzenden Augen, an deren Blinken indessen
zum Teil der reichlich genossene Wein schuld sein mochte. Wenn solch
ein Strahl das Mdchen traf, dann hob es fr flchtige Sekunden die
dunklen, etwas schwermtigen Augen, die in einem brunlich-blassen
Gesicht standen, und langsam frbte eine aufsteigende Rte ihre Haut
bis unter das krause dunkelbraune Haar.

Sie trug ein grnes Kleid, das zu einer lngst verklungenen Zeit ein
Prachtstck gewesen sein mochte, mit vielen Garnituren und Falten, und
um den bloen Hals ein Kettlein aus kleinen Goldblechmnzen, und ihre
Schuhe sahen unter dem Saum ihres Kleides hervor wie solche, die fr
glatte, ebene Wege gemacht und widerwillig steinige, mhselige Straen
gegangen waren. Didel dudel dudel. Sie griff ihre Akkorde dazu wie
eine, die es aufgegeben hat, in der weiten Welt noch etwas besseres zu
suchen als tanzenden Bauern aufzuspielen, den schwermtigen Unterton
zu dem Gekreisch und Gelchter der Geigen und Klarinetten, heute hier,
morgen dort, -- weiter, weiter, ohne Heimat, ohne friedlichen Rastort.
Was ihr der Geiger war, wer konnte es wissen? Ein Trauring blinkte
nicht an der Hand der Harfnerin, an der seinigen sa ein Siegelring.
Er fhrte den Bogen nicht ohne Geschick, es hatten schon schlechtere
Musikanten als er hier gefiedelt. Didel dudel dudel.

Dachte Lore Maute an einen andern Tanzsaal, einen weiten, grnen
Wiesenplan am Saum des Waldes? Damals waren die Englein auf wei
schimmernden Wlkchen gesessen und hatten aufgespielt, alles war Glanz
und Jubel und Seligkeit gewesen, alles Jugend, Jugend. Das war lang her
seitdem, es ging ins vierte Jahr. Sie hatte damals wohl auch mit Franz
getanzt -- heimlich lchelnde Blicke des Einverstndnisses mit Georg
tauschend. Es war so anders als heut.

Warum kam er auch so lange nicht? Warum tat er sich nicht um eine
Stelle um, ein Brot? Warum mute mit Gewalt jenes Werk vorher fertig
sein, von dem man nicht einmal wute, ob es dann Geld und Ehren
brachte? Sah so das Glck aus, nach dem Lore Maute, die schne,
bewunderte Lore ausgeschaut hatte, seit sie denken konnte?

Komm, Franz. Und sie tanzten, tanzten, ruhig, sicher, beherrscht
und gut im Takt, #sie#, -- warm und angeregt vom Wein und von der
Frhlingsluft und von der Musik, und von dem Anblick des schnen
Mdchens, das er im Arm herumschwenkte -- er --. Er war ein stattlicher
Mann, gerade im besten Alter, und heiter, und gutmtig, und hatte
schne, weie Zhne; wenn er lachte, sah er hbsch aus. Und seine Augen
und seine Gedanken waren gleicherweise hell, nchtern und aufs Reelle
gerichtet.

Prosit, Frau Base, sagte der Mller Hensler und stie mit Frau
Maute an. Sie saen an einem Ecktischchen und sahen in das Gewhl der
Kommenden und Gehenden. Mit dem Tanzen war es bei dem Mller Hensler
vorbei, trotz seines jugendlichen Gemtes, es fehlte am Atem. Prosit,
Herr Vetter. Frau Maute lchelte s und sah in den offenen Tanzsaal
hinein, wie in einen vollen Geldbeutel. Was sie da sah, gefiel ihr.
Jetzt setzte die Musik aus, die Jungen kamen herein, hochatmend
und vergngt. Jetzt etwas zu essen her, aber viel und etwas Gutes,
sagte Franz. Ich mu hier etwas draufgehen lassen, sie kaufen viel
bei mir. Ihr wit es. Ja, das wuten sie. An ihnen sollte es nicht
fehlen, wenn die Kundschaft knftig schlechter wurde. Die Musikanten
kamen auch in den Saal. Ganz hinten beim Schenktisch lieen sie sich
nieder. Das Harfenmdchen war nicht dabei. Der Geiger lie die Augen
unruhig umherlaufen. Als sie nach einer Weile nicht kam, stand er auf
und ging mit groen Schritten durch den Saal und durch die offene Tr
in den Tanzraum. Dort mute er sie gefunden haben, denn er fhrte sie
an der Hand mit sich herein. Sie sperrte sich, es mute etwas zwischen
ihnen gegeben haben. Die Gste sahen auf und einige lachten. Nimm dich
zusammen, raunte der Geiger und sah sie zornig an. Da ging sie mit
gesenktem Kopf neben ihm her; er hielt ihr Handgelenk umspannt wie mit
einem Schraubstock.

Als die beiden an dem Tisch der Wiblinger vorbergingen, fing Lore
einen Blick von Franz auf, der ihr nicht gefiel. Was wollte er? Du,
sagte er, so mit einer spttischen Lustigkeit, die man nicht an ihm
gewhnt war, du, Lore, was meinst du, das Harfenspielen wird nicht so
schwer zu erlernen sein?

Das Harfenspielen? Sie sah ihn gro an. Warum, willst du es ben?

Nein, er lehnte sich in seinen Stuhl zurck und lie seine Augen ber
sie hingehen, ich dachte nur so bei mir, die Musikerfrauen knnen
doch auch zuweilen, wenn Not an Mann geht, den Mnnern im Handwerk
helfen. Sauber ist die da auch, nimm mir's nicht bel, wenn du auch
schner bist. Du knntest immerhin zeitig anfangen. Jetzt hatte sie
ihn verstanden.

Sei still, sagte sie. Ihre Stimme war klanglos und ihre Augen
flammten zornig auf. Was fllt dir ein? Sie kehrte sich mit einem
Ruck von ihm ab. Die Alten hatten nichts bemerkt, sie waren eifrig mit
Essen beschftigt. Da erschrak er, weil er sie nun verletzt hatte. Er
wute nicht, wie es ihn so pltzlich angekommen war, das zu tun. Er war
aufgeregter, als er von sich selbst gewhnt war.

Lore, sagte er halblaut, Lore, es war ja nur ein Spa. Es fiel mir
so ein. Sieh einmal den Geiger an, er sieht dem Georg ein bichen
gleich. Lore. Ich mein's doch gut mit dir. Das weit du doch. Jetzt sei
nicht bs. Guck, ich hab's schon lang sagen wollen: er bringt's ja doch
zu nichts. Ich mag ihn, er ist mein einziger Bruder. Aber das sag' ich
doch. Er bringt's zu nichts. Er ist nicht praktisch und nicht nchtern.
Ich will dir sagen, was er ist: er ist zu ideal.

Jetzt war er ganz bei der Sache. Die Worte flossen ihm leichter von den
Lippen als sonst.

Guck, er hat immer bei allem so einen Gedanken, wie es eigentlich
sein mte. Da kommt er mit dem, was ist, nicht ins Glatte. So
war's beim Pfarrer werden. Er sei nicht fromm genug dazu, er wre
nicht wahrhaftig, wenn er's wrde, hat er gesagt. Und so ist's
jetzt. Das weit du selber. Ist er etwas? Wird er etwas? Immer so
eine Eigenbrtlerei, anstatt drauf loszugehen. Sich ein bichen gut
dran machen bei den Lehrern, ein Examen machen, dann sich irgendwo
niederlassen, hier in Wiblingen, wenn's sein mu. Er knnte Stunden
genug kriegen und knnte Organist werden. Aber nein, da mu komponiert
sein. Und was? Ach, ich rger' mich ja zu sehr, komm, wir wollen
tanzen, Lore.

Sie sa lngst wieder gerade neben ihm, sah in ihren Scho, whrend er
redete, und ber ihre Mienen spielten unruhige Lichter. Als er sie zum
Tanzen aufforderte, stand sie auf, ohne ein Wort zu sagen und ging hoch
und aufrecht neben ihm her.

Sie dachte jetzt nicht gut an den Fernen. Franz hatte recht. Er brachte
es zu nichts. Jahr um Jahr verging -- sie sah jetzt nicht mehr das
stille, tiefinnerliche Glck, das sie zuweilen in seiner Gegenwart
berschattet hatte, -- sie sah auch nicht mehr das Leuchten seines
Sterns, seiner Zukunft, -- sie sah nur den Sonderling, der, nicht
mehr im schnen, stolzen Sinn, anders war, als alle andern. Ein Zorn
berkam sie, eine jhe Blutwelle stieg ihr bis unters Haar, bis in die
Fingerspitzen. Franz sah es. Du knntest es besser kriegen. Ihr passet
ja nicht fr einander. Er sagte es kaum hrbar. Als nichts darauf
erfolgte, fuhr er fort: Ihr drcket einander, -- du ihn und er dich.
Lore, du solltest -- du solltest einen Knopf an die Geschichte machen
-- einen Schlu, mein' ich. Er ist froh -- schlielich -- nicht gleich,
-- aber bald. Und du auch. Und dann -- dann nimmst du mich. Dann bleibt
alles in der Familie. Er lachte ein wenig, so, als sollte es ein Spa
sein und war doch Ernst.

Sei still. Sie brachte es kaum heraus. Sei doch still. Ich frag'
ihn; er soll mir's sagen. Ich will keine alte Jungfer werden. Ich
nicht. Das kann er nicht verlangen.

Der Geiger und das Harfenmdchen kamen Hand in Hand auf ihren Platz bei
der Musik zu. Sie waren scheints wieder einig.

Als Lore sie sah, verdunkelten sich ihre Augen, so mchtig scho ihr
das Blut in die Stirn. Wer wagte es, sie mit einer herumziehenden
Musikantenbraut zusammenzustellen?

Dort in Wiblingen stand das solide, gedeiliche Ehrenspergerhaus. Dort
konnte sie Herrin sein, wenn sie wollte. Komm, Franz. So hatte sie
noch nie getanzt. Alles war Leben, Wallung, zornige und hingebende
Leidenschaft an ihr. Der Mller Hensler stand unter der Tr und
pfiff leise zwischen den Zhnen, als er sie sah. Sie hatten ja recht,
es war gewi das Gescheiteste, wenn sie zusammenkamen, die Zwei da.
Indessen, er konnte sich nicht helfen, der Pfarrer, der Musikant,
der Georg tat ihm doch leid. Allein, die Lore blieb ja in der Familie,
und alles konnte einer auch nicht haben: das schnste Mdchen #und#
alle Freiheit, zu leben wie er wollte. Es fiel ihm eine Geschichte
aus Georgs Kindheit ein. Da hatte man ihn gefragt: Willst du lieber
Kirschen oder Butterbrot? und er hatte nach kurzem Besinnen gesagt:
Lieber Kirschen und Butterbrot.

So ging es aber nicht das ganze Leben hindurch, da konnte ihm niemand
helfen. Er tat ihm aber dennoch leid.

       *       *       *       *       *

Als an diesem Abend die Wiblinger nach Hause gingen, ziemlich spt
und ziemlich lebhaft angeregt, da sa der, der einst Kirschen #und#
Butterbrot gewollt hatte, an einem Kinderbettchen und drckte
die trockenen, berwachten Augen und die heie Stirn in die khle
Decke, die darauf lag. Drben in seiner Stube beschien die Lampe
viele verstreute Notenbltter, ein offenes Klavier, ein unberhrtes
Nachtessen. Die Lampe flackerte unruhig, denn beide Fenster standen
offen, und hie und da hob der Wind ein Blatt und trug es ein Stck
weit, bis es auf den Boden fiel. Wollte er Georg Ehrenspergers
schnstes Lied in die weite Welt hinaus tragen, damit es bekannt
wrde? Er, der Wind, war ja auch darin, und die Frhlingsnacht mit
ihren wundervollen Sternen. Es war ja aber noch nicht fertig. Da mute
wohl der Wind noch warten. Darum lie er die Bltter, eins ums andere,
nahe beim Fenster zu Boden fallen. Georg war nur zur Erfrischung auf
eine Weile zu dem blinden Theodor hinbergegangen. Der war seit einigen
Tagen krank. Nicht schwer, nur ein bichen fiebrig und matt. Er lag in
der Wohnstube und war allein. Der Schneidervater war vorhin ins Bett
gegangen, er war rechtschaffen mde. Nehmen Sie nur die Lampe mit,
hatte Georg gesagt. Wir brauchen kein Licht, gelt, Theodor?

Nein. Ein schmales, heies Hndlein schob sich in seine groe Hand.

So, jetzt sind wir allein. Willst du noch nicht schlafen, Theodor?
Sag's, wenn du mde bist.

Nein, ich schlafe noch nicht. In deiner Hand klopft es so stark. Da,
in den Fingern, und berall. Was tut da so? Das tut berall so, in
meiner Stirn und in meinem Herzen und berall. Das ist mein Blut. Das
ist so unruhig, weil mich etwas stark umtreibt.

Was treibt dich denn so stark um? Was ist das -- umtreiben?

Ach, sieh, es ist mir auf einmal angst geworden: es ist so viel, viel
Musik in der Welt. Allein in dieser Stadt, lieber Bub, so viel. Du
glaubst es nicht. Und jetzt will ich doch auch kommen und sagen: hrt
auf mich. Und wenn jemand horcht, wem wird es dann Freude machen?

Sie waren so gute Freunde geworden. Immer bessere mit der Zeit. Sie
verstanden einander ausgezeichnet. Was dem einen an Jahren abging, das
hatte er an wartender, sehnlicher Armut voraus, die hungrig auf- und
annahm, was in das verdunkelte, abgeschlossene Kinderleben dringen
wollte.

Ach, das gefllt allen. Es ist ja so schn. Er war aber doch ein
bichen bedenklich. So viele Musik war? Wo denn nur? War die Welt so
reich? Und wrden die andern einmal eine Weile still sein, da man
Georg Ehrensperger hren konnte? Also sieh, auf morgen, da ist mir's
angst. Da will ich zu einigen Leuten gehen, die etwas verstehen, meine
Mappe unter dem Arm, und will ihnen etwas vorspielen. Weit, die
Stellen, die dir so gut gefallen. Ich will sie fragen, ob sie mir zur
Auffhrung helfen wollen. Oder, Theodor, -- ob mir's einer abnimmt,
ganz und gar, und druckts -- viele hundertmal, du. Ach, das darf ich
ja fast nicht denken. Aber schn wr's. Und dann -- Konzert in den
Mathildenslen -- oder sonstwo, und das ganze Orchester setzt ein -- ob
sie mir's auch fein genug spielen, -- und ich, ich sitze ganz hinten
und horche, und du bist auch dabei. Und wer noch? in einem weien Kleid
und hat eine einzige, rote Rose vorn stecken? und sieht mich an: du, so
schn htt' ich mir's nicht gedacht? Wer? Und sagt: du, ich bin stolz.
Alle die vielen Menschen hren auf dich?

Das Frulein Lore, sagte Theodor vergngt. Es war nicht das erste
Mal, da sie davon sprachen.

Und dann nachher kommt sie zu mir und sagt: Theodor, wenn wir aber
einmal in einem schnen Haus mit einem groen Garten dran wohnen, dann
hol' ich dich, dann mut du zu uns auf Besuch kommen. Das sagt sie,
weil sie die Kinder gern hat und weil ich dein Freund bin.

Man sieht, da die zwei miteinander die allerbeste Meinung von dem
Frulein Lore hatten. Sie konnten gar keine bessere Meinung von irgend
jemand haben.

So, jetzt mu ich wieder hinber und du mut schlafen. Schlaf dich
gesund. Wirst du schlafen knnen?

Ich wei nicht. In meinem Kopf drin ist alles ganz wach. Spiel' mir
noch etwas. Spiel' das, wie die Kinder auf der Wiese tanzen. Das tu'
ich auch, wenn ich in den Himmel komme und gesunde Fe habe, und
Augen, und kein Rckenweh. Spiel' mir das, dann schlaf' ich ein.

Da ging Georg Ehrensperger in seine Stube hinber und sah, da
die Lampe am Erlschen war und was der Wind fr Arbeit mit seinen
Notenblttern gemacht hatte. Und lschte das Licht und nahm seine
Geige und spielte beim Sternenschein dem blinden Kind das Schlaflied:
wie gesunde, frohe Kinder auf einer Wiese tanzen und springen und
einander Blumenkrnze aufs Haar drcken und ein heiteres Lied singen.
Auf der einen Seite, Wand an Wand mit ihm, hob die dicke, brave
Gemsehndlerin, Emeritz's Mutter, das runde Haupt, das in einer
gestrickten Schlafhaube steckte und sagte mit gutmtigem Brummen:
Na, geht er heut gar nimmer ins Bett? mu er vollends zu Haut und
Knochen werden? und beschlo, ihm morgen einen extrazarten Rettich zu
spendieren, wann er kommen wrde, um die Miete zu bezahlen. Und schalt
Emeritz, die neben ihr im Schlafe lachte: Ja, jetzt lachst du. Steh'
auf und tanz', im Nachthemd meinetwegen. Das mchtest du, Nichtsnutz!
Und gestern hast du ihm die staubigen Stiefel unters Bett gestellt. Das
kommt mir noch einmal vor. So einem Herrn, den die Engel Gottes hten
mssen, da er in der schlechten Welt nicht unter einen Wagen kommt,
so unbewut ist er. Und kte das Kind, das immer noch lachte, auf
den Mund. Das tat sie bei Tag niemals. Da hrte sie aber auch Georg
Ehrenspergers Geigenspiel nicht. Und auf der anderen Seite zogen durch
die Seele des elenden Bbleins die lieblichen, heiteren Klnge wie
lichte, festliche Boten aus einem Land, in dem es keinerlei Mangel,
noch Dunkelheit, noch Schwche gibt und zogen sich in einen purpurnen
Traum hinein, der das Kind in seine Arme nahm.

Denk daran, Georg Ehrensperger, wenn du morgen saure Tritte tun wirst
und Achselzucken und befremdete Mienen sehen und ablehnende Worte hren.

Denk daran, da du einem armen Kind wohl getan und ein anderes lachen
gemacht und einer Mutter das Herz zum Wallen gebracht hast. Denk daran,
wie viel festliche Stunden du deinen Freunden, den armen Leuten, schon
bereitet hast und wie dir selber im Ringen mit dem schaffenden Geist
der Ernst und die Schnheit und die Tiefe des Lebens aufgegangen ist.
Und la deine Hnde sinken, wenn sie unruhig nach dem Kranz, den der
Ruhm flicht, greifen wollen. Aber die Augen la nicht sinken, Georg
Ehrensperger.




                    Sechstes Kapitel


Es ist eine alte Geschichte und schwer zu erzhlen, die Geschichte von
dem Geiger, der das schnste Lied suchte. Sie ist schon oft erzhlt
worden in vielen Sprachen, zu allerlei Zeiten. Sie ist die Geschichte
vieler. Ja, sie geht durch die ganze Menschheit hindurch. Wer erlebt
sie nicht mit? Nur die ganz Satten, ganz Heimischen wissen gar nichts
davon zu sagen. Die andern alle sind irgendwie am Suchen und sind es
ihr Leben lang und bis an den Tod.

Aber es sind doch immer noch einzelne, die Sonntagskinder, die
Horchenden, von denen wir schon einmal geredet haben, denen vom
Paradies her noch das Rauschen der vollen Lebenswellen in den Ohren
klingt, die sind von einem Verlangen getrieben, sie wieder zu hren,
ganz rein, ganz stark, -- und die andern auch hineinhorchen zu lassen.

Still!

Es ist ein langer, schweigender Zug, der an unsern Augen vorbergeht.

Auch jener gehrt dazu, der ahnend sagte: Was kein Auge gesehen und
kein Ohr gehrt hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das
hat Gott bereitet denen, die ihn lieben. Auch Er -- ach er wie kein
anderer, der seinen Glauben und seine Liebe durch eine Welt voll
Enttuschungen und Mierfolge und Nichtverstehen hindurchtrug und
dennoch in der letzten Stunde noch einem armen Menschen versprach, da
er jetzt dann gleich -- heute noch -- sagte er, mit ihm das Rauschen
der Paradiesesstrme hren werde.

Auch Jabal und Jubal, als sie zum erstenmal Pfeifen schnitten und
versuchten, das, was sich nicht in Worte fassen lie, den Menschen in
Tnen zu sagen.

Auch alle Propheten und Dichter und Knstler und Priester aller Zeiten
und Vlker, so fern sie nur wahrhaftig das, was vom Ewigen in ihrer
Seele lebendig wurde, -- und nichts anderes -- aufnahmen und ihm
nachgingen, immer hinter ihrem Glauben und ihrer Hoffnung her, immer
wieder in die Stille gehend und sich sammelnd, wenn ihnen die Melodie
verloren ging, immer wieder den andern mitteilend, dass sie Gott in und
hinter dem Leben vernahmen.

Auch jener alte Mann gehrt zu ihnen, den Georg Ehrensperger am Abend
eines Tages, an dem ihm allerlei Hoffnungen fehlgeschlagen hatten,
in der kleinen, grauen Kapelle am Isarufer fand, von einer Schwche
befallen, und den er sorgsam nach Hause fhrte. Der hatte in seiner
Stube, vier Treppen hoch in einer engen Gasse, achtundzwanzig Mal
dasselbe Bild an der Wand, in Bleistift-, Kreide- und Kohlezeichnungen
und in Aquarellfarben ausgefhrt, einigemal sehr mangelhaft, einigemal
besser, einmal in einer reifen warmen Schnheit. Es war ein Stckchen
kahle Heide, an deren Rand ein kleiner Weiher lag, in dem sich eine
Birke spiegelte. Ein armes, einfaches Stck Land, aber auf dem letzten
Bild war alles, Heide, Weiher und Birke vom Lichte der scheidenden
Sonne golden bergossen. Man sah den feurigen Ball nicht mehr, nur
die Flut des segnenden Lichtes, das von ihm ausging. Kein Lublein
schien sich an der Birke zu rhren, kein Wellchen in dem Weiher, kein
Grslein in der Heide; es war, als ob alles den Atem anhielte, um nicht
durch eine Regung einen funkelnden Tropfen des goldenen Reichtums zu
verlieren.

Ich habe nichts sonst zu hinterlassen, sagte der alte Mann, als Georg
still davor stand, nichts als das, wenn ich davon gehe. Ich habe es
hundertmal versucht, es schien mir ein Bild meines Lebens zu sein. Aber
die Sonne hat mich doch gesegnet, einmal doch. Sie ist doch da, auch
wenn man sie nicht sieht. Man mu nicht an ihr verzagen. Man kann sie
nicht so malen, wie sie ist, er lchelte fein, ich einmal nicht; --
wir haben auch wohl keine Augen, um hineinzusehen -- hchstens wenn sie
sinkt, ganz zuletzt. Aber sie segnet uns doch.

Und Georg wute, da ihm hinter dieser Sonne eine andere stand, der
er nachging in Liebe und Verlangen, und da er hoffte, irgend einmal
rechte Augen dafr zu bekommen.

Ja, er gehrte auch zu jenem stillen Zug, von dem wir sprachen. Und
Georg Ehrensperger auch.

Sie wissen nichts von einander, oder doch nur selten. Sie gehen viel
allein, in Armut und mit sehnlichen Herzen, und es gehrt zu ihrer
groen Hoffnung, da irgendwann einmal das groe, herbe Alleinsein
aufhre.

Alle guten Geister....

Da gren sie einander durch Lnder, Zeiten und Ewigkeiten hindurch und
sind dennoch eine Gemeinde untereinander. Es ist eine alte Geschichte
und oft ist es auch eine leidvolle Geschichte, schwer zu erzhlen, die
Geschichte von dem Geiger, der das schnste Lied suchte.

Wenn er es in sich selber vernimmt und seine Finger sind schwer und
seine Geige hat keine Saiten dafr.

Wenn die andern herumstehen und die Kpfe schtteln: Was ist das? Das
ist wirres Zeug, dunkles. Ein Narr bist du.

       *       *       *       *       *

Der Frhling und der Sommer war vergangen, es war Herbst geworden.

Daheim in Wiblingen lag die Sonne auf den reifenden Trauben in den
Weinbergen und auf den Apfelbumen droben am Berg in dem Obstgut,
wo einst die Kinder miteinander Kirschen gebrochen hatten, und auf
Lore Mautes breitrandigem Strohhut, unter dem ihr lachendes Gesicht
hervorsah. Sie stand unter einem Rosenapfelbaum und hatte einige
niedrige Zweige zu sich heruntergezogen und brach die reifen Frchte
in einen Korb. Oben auf einer Leiter stand Franz und hatte einen
Zwerchsack umhngen. Er war an der gleichen Beschftigung. Heitere
Reden flogen hinauf und hinunter, neckische Sonnenlichter tanzten in
den Zweigen, im herbstlichen Duft und in glnzenden Farben lag die
Landschaft da.

Es sa einer fern davon am Isarufer und sah in die ziehenden Wellen des
Flusses, auf denen auch die Sonne lag und hatte doch ein anderes Bild
vor Augen, das schtzte er sich nach einer Weile mit der vorgehaltenen
Hand, damit es ihm nicht vergehe. Darauf war mit freundlichen, warmen
Farben die Heimat gemalt, das ganze Stdtlein und die Berge und Felder
ringsumher und die Huser und die Menschen. Ach ja, die Menschen. Ihrer
bedurfte er am meisten zu dieser Stunde. Dachten sie seiner? Einige
waren, die wuten, was er jetzt, heute, vorhatte. Da strkte er sich im
Gedanken an ihr Dabeisein, an Lores vor allem. Sie ging es vor andern
an, darum schuf er sich von ihr, was er in ihr suchte, treues und
ernstes Gedenken.

Als es von einem nahen Kirchturm sechs Uhr schlug, stand er auf, mit
stillem, gefatem Gesicht, obgleich es hinter seiner Stirn und in
den Hnden pochte und zuckte, und ging in die Stadt. Es war Zeit.
Drinnen auf der Theresienwiese ging es laut und farbig zu. Es war
ein Menschengewhl und ein Gelrme von schriller Karussellmusik, von
Moritatensngern und Schiebudenausrufern. Das Oktoberfest hatte
begonnen. Durch all das Gewhl hindurch ging Georg Ehrensperger seiner
Wohnung zu. Wie es ihm pltzlich im Ohr klingelte, als wollte sich
etwas anmelden von ferne her. Das war's, der Lrm rief es in ihm wach,
er hatte lang nicht an jenes hinterlassene Wort des alten Hollermann
gedacht: wer den rechten Ton will finden, der in allen Dingen
beschlossen liegt, der mu in die Stille gehen und horchen. Und darf
nicht fragen: ist es so den Leuten recht? Sonst lrmen ihm die Trommeln
und Pfeifen der Jahrmrkte dazwischen.

Ja, aber jetzt mute er doch darnach fragen, jetzt, da sein Werk fertig
dalag und nach Menschen begehrte, zu denen es reden knne. Es sollte
ihm nicht gehen, wie jenem alten Musiklehrer, den er kannte. Der hatte
ihm einst geschriebene Noten gezeigt, drei Schubladen voll, lauter
eigene Kompositionen, die nie vor Menschenohren hatten klingen drfen,
weil sie ihm niemand abgenommen hatte. Da steh' ich manchmal davor,
hatte er gesagt, und hre, wie es da drinnen wimmert und klagt und
heraus will. Noten sind doch lebendig, -- lebendig begraben sind sie.

Nein, so nicht, so sollte es ihm nicht gehen.

Da stieg er seine Treppen hinauf. Emeritz kam ihm entgegen, als er
die Tr aufschlieen wollte. Der alte Herr ist schon drin, der eine,
der schon zweimal dagewesen ist. Sie sah wichtig und feierlich aus.
Da atmete Georg auf. Der alte Herr, das war der Lehrer, der sich so
freundlich und verstehend um ihn angenommen hatte. Der half ihm, der so
allein fr sich hingegangen war, auch jetzt, da einige Mnner, Musiker
von Fach, und einige Laien, die im Geruch standen, etwas rechtes zu
verstehen, sich bereit fanden, einmal eine oder zwei Stunden daran zu
rcken und sich das Werk des jungen Sonderlings, der so eigene Wege
ging, vorspielen zu lassen, wenn auch nur im Klavierauszug. Man konnte
doch sehen, ob etwas daran war. Denn einen Verleger dafr hatte er
nicht gefunden, bis jetzt noch nicht, hatte er nach Hause geschrieben.

Das sollte nun heute geschehen.

Gr Sie Gott. Der alte Herr schttelte ihm die Hand.

Lassen Sie sich nicht draus bringen, durch nichts. Das Leben ist ja
doch noch mehr, als die Kunst.

Georg mute ihn scharf ansehen. Steckte etwa der Rektor Cabisius hinter
ihm? So htte der auch sagen knnen.

Aber da klingelte es schon, und wieder, und wieder. Die Stube fllte
sich, man begrte sich, man tuschelte, rusperte, nahm Pltze ein.
Dann war es Zeit, anzufangen.

Alle guten Geister ...

Die Herren hatten ein beschriebenes Blatt in der Hand, eine Einfhrung
in das Ganze. Darber steckten sie die Kpfe zusammen. Er hatte es
selbst geschrieben zum besseren Verstndnis.

Georg zwang sich, nicht mehr nach ihnen hinzusehen.

Dann fing er an. Dann breitete er alle die Zeugen seiner stillen
Stunden, der frohen und der bsen, vor fremden, horchenden Ohren aus.
All' sein Ringen mit dem Innersten, das es gab, da es einen Ausdruck
finde, das zeigte er diesen Leuten. Eine Zeitlang ging es gut. Er hielt
sich fest am Zgel: Nicht denken jetzt, nicht fragen. Aber dann lief
doch ein Gedanke zu einem Spalt hinaus: Ob einer, auch nur einer, mit
dem Herzen dabei ist? Und eben, als er das fragte, bekam sein einziger
nherer Bekannter unter ihnen den Schlucken und schluckte ein paar mal
laut hinaus, eh' er Zeit fand, es zu unterdrcken. Es war ein nervser
Reizzustand bei dem Mann, das wute Georg, er strte ihn oft. Aber
warum kam es gerade jetzt? -- Weiter -- Aber der Spalt lie sich nicht
mehr schlieen. Ein Unruhgeistchen um das andere schlpfte herein und
sa auf den Tasten oder rumorte in seinem Gemte. Alle Fehler, die sein
Werk hatte -- und es hatte deren viele, wenn man es kritisch ansah, --
die fielen ihm jetzt auf, mehr, immer mehr. Es war ihm, als ob er sie
zhlen msse. Und in seinem Kopf klopfte etwas hart und hlzern den
Takt dazu, tak -- tak -- tak.

Seine Lieblingspartieen kamen, da eine, dann wieder eine, dahin wollte
er sich retten, wie auf selige Inseln. Einmal gelang es auch, da atmete
er auf und wute: das ist schn, da mgen sie sagen, was sie wollen.
Aber dann mute er wieder weiter schwimmen, und da hrte er hinter
sich ein Sthlercken und -- hatte da nicht der Deckel einer Dose
geschnappt? -- Weiter. --

Aber er war nicht mehr der Geiger, der das schnste Lied suchte, er
war es nicht mehr selbst, er selbst, wie whrend des Schaffens. Er sa
daneben und spielte etwas fremdes, das sagte nicht das, was in ihm
lebte, es war anders und er kannte es nicht mehr.

Hilf mir, guter Geist, -- bleib bei mir! Bleib da drin, in diesen
Tnen, wie du drin warest, als ich sie schuf. Wo bist du? -- Jemand
stand auf und ging, jemand trat ans Fenster und ffnete einen Flgel,
da gellte wie ein Hohnschrei die Jahrmarktsmusik herein. Darauf wurde
er freilich wieder geschlossen, aber der Schrei blieb hier drinnen.

Er wute, da er bis zum Ende spielen mute. Sie saen doch nun einmal
da, und er sa auch da, und die Noten standen auf dem Papier. Aber er
wute auch, da dann irgend etwas sonst noch zu Ende sei. Was? Nicht
denken jetzt, fertig machen.

Und pltzlich sprte er wieder so ein Summen und Klingen im Ohr, wie
vorhin auf der Strae. Und er wute, da da drben, Wand an Wand mit
ihm, die kleine Gemeinde der Hausfreunde sei und liebend horchte, mit
dem Herzen, nicht nur mit den Ohren, -- und dann taten sich die Wnde
auf, und weiterhin auf der Welt waren noch mehr solche Menschen, und --
ja und Gertrud Cabisius sah ihn an, ganz wie einst und horchte auch. Da
schwanden die ngste, die fast krperlich gewesen waren, und die Mnner
hinter ihm. Wie im Traum spielte er weiter und merkte nicht viel davon,
da es allmhlich unruhig wurde in der Stube, und da jemand neben ihn
trat, um zu sehen, ob es noch nicht bald aus sei, und da eine fette
Stimme etwas von absolutem Mystizismus sagte, und da der Inhaber
dieser fetten Stimme ging, eh' es aus war.

Er ging hinter seinem Lied her und es war ihm, als ob sich, wenn nun
der Schlu kam und die Saiten sprangen und der Geiger starb, die vollen
Chre von drben herber hren lassen mten, von daher, wo es bessere
Geigen gab.

Aber es geschah nichts so Wunderbares.

Es geschah ein Sthlercken und Aufstehen und er selbst merkte, da
er auch aufstand und da einiges zu ihm gesagt wurde, und da ihm
jemand ein Glas Wasser einschenkte und hinhielt. Da trank er und kam
in die Welt zurck, und sie schenkte ihm auch einen Becher ein, der
war gefllt mit einiger zgernden Anerkennung dessen, was immerhin
musikalisch daran sei, und ein wenig Hoffnung, da bei tchtigem
Studium schon noch etwas herauskomme, und mit viel lchelnder
Gleichgiltigkeit. Da wute er und war pltzlich wach geworden, -- es
war ein scharfes, wehtuendes Wachsein, -- da er zu denen gehre, die
das hohe Lied des Lebens, das in ihnen erklingt, nicht singen knnen,
nicht so, da es in den Menschen widerhallt. Da sprang auch in ihm
eine Saite. Die wird nie wieder ganz. Das wute er. Einmal bekam er
einen guten Hndedruck. Der war von dem alten Herrn. Aber es brauste
so wunderlich in Georgs Ohren, er hrte nicht recht, was gesagt wurde.
Ich komme morgen wieder, ich habe Ihnen allerlei zu sagen. Dann ging
der alte Herr zgernd fort. Er stieg allein hinter den andern drein
die Treppe hinunter; das Herz war ihm voll. Das war doch echte Musik
gewesen, dennoch, obgleich er, der sie geschaffen hatte, wohl nie zu
den Meistern zhlen wrde, die die Welt anerkennt. Er wollte es ihm
sagen, morgen. Als Georg sich nach einiger Zeit umsah, war er allein.

Nicht ganz allein. Emeritz stand an der Tr und machte fragende Augen.
Ob Sie nicht zum Theodor kommen knnten? Aber sie fragte umsonst. Er
rhrte sich nicht. Er sa da, wie einer, der nun nicht mehr weiter kann
und auch nicht will und nicht wei.

Da wetterte sie in ohnmchtigem Grimm und Mitleid die Stubentr und
dann die Gangtr zu, und polterte die Treppen hinunter; es #sollte#
poltern, sie wollte es so. Und schwang dabei die Schultasche, die sie
in der Hand hatte, da die Schiefertafel am Treppengelnder verkrachte.
Aber mochte sie doch verkrachen, es gab noch mehr Verkrachtes in der
Welt. Sie hatte deutlich gehrt, was die Herren beim hinuntergehen
zueinander sagten; es war viel Spttisches darunter gewesen, und sie
hatte es sofort den Schneidersleuten erzhlt und wollte es jetzt der
Mutter erzhlen.

Aber sie wute nicht, da er, dem ihr grimmiges Mitleid galt, droben
in Hast und Eile eine Reisetasche packte und nach dem Fahrplan sah. Es
war ihn pltzlich angekommen, heimzugehen. Was sollte er noch hier? In
seiner Kammer neben dem Taubenschlag wollte er sich besinnen, was nun
aus seinem Leben zu machen sei. Und er wollte sich von Liebe umfangen
und trsten lassen, und am Glauben der Liebe wollte er wieder an sich
selbst glauben lernen.

       *       *       *       *       *

Als der alte Herr am andern Tag wieder kam, um sich mit Georg zu
besprechen, da saen Theodor und Emeritz schluchzend beisammen. Er sei
fort, sagten sie, in aller Frhe sei er abgereist, und ob er wieder
komme, das wisse kein Mensch. Hier liege auch ein Brief an ihn, den
msse man ihm nachschicken nach Wiblingen. Und dann schmiegten sie
sich von neuem aneinander, um ihre Betrbnis besser tragen zu knnen.
Lorens Bild aber lchelte noch von seinem Eckbrett herunter. Das hatte
er zurckgelassen? Er war ja zu ihr selbst gegangen.

       *       *       *       *       *

Es war eine Zeitlang, wohl drei Monate, nachher. Ein stilles Zimmer,
grn gestrichene Wnde mit wenig Schmuck daran. Beim letzten Schein der
sinkenden Sonne sa einer und schrieb.

Weit du noch, Gertrud, das Mrchen von dem Fuhrmann, der noch nicht
arm genug war? Zuerst fiel ihm sein Pferd, dann sein Hund, dann seine
Frau, dann sein Haus, dann er selbst. Nun, ich selbst lebe noch. Und
vielleicht bin ich jetzt auch arm genug. Denn mehr als mich selbst
-- und was fr ein Ich -- habe ich nicht mehr. Es lebt aber irgendwo
in mir etwas wie eine tiefe, schauerliche Freude, dochzuleben und
dazusein. Das mu fr den Anfang gengen. Es mu ja auch denen, die um
mich herum sind, gengen, zu leben. Denn viel mehr als das Leben selbst
haben sie, die nicht einmal das Licht sehen knnen, nicht.

Ich will aber versuchen, dir alles der Reihe nach zu erzhlen, du bist
es wert, du Getreue. Es ist nur nicht leicht, und du mut verzeihen,
wenn hie und da eine Blase aufsteigt und zerplatzt, ich habe hie und da
noch einen bittern Geschmack in mir. Es wird ein langer Brief werden.

Also das hast du erfahren, ich schrieb es mit drei Worten deinem
Grovater, und du, die du sein Auge bist, hast es ihm wohl vorgelesen:
Es war nichts mit dem Lied, das ich singen wollte. Davon zu reden
ntzt ja nichts. Du weit, wie es von Anfang an war: als ich mich von
der Theologie abwandte, weil sie mir zu gro und zu schwer war, da
mute ich erfahren, da etwas von ihr meinem Wesen gem sei und meine
tiefste Neigung besitze. Als ich vor der Kanzel floh, weil ich der
Meinung war, da man den Glauben nicht lehren knne, das Innerste im
Menschen, das allem Zugang der Menschen verborgen sei, -- da merkte ich
erst, da ich dennoch einen Zug dazu hatte, ihnen zu predigen, wenn man
so sagen will. Ich wollte ihnen etwas bringen, ein Aufhorchen auf das,
was die Stille redet, einen Glauben an das Innerliche, Unsichtbare, das
erst das eigentliche Leben ist, und daran, da die Sehnsucht nach dem
Ewigen Recht behalte.

Und weil mich Worte dazu so unvermgend und arm dnkten, wollte ich
versuchen, es in Tnen zu sagen.

Meiner eigenen Sehnsucht und ihrer wollte ich damit nachgehen. Nun, du
weit es, ich bin beides nicht, kein Priester und kein Knstler. Ich
#wollte# es nur sein. Andere #sind# es, das ist der Unterschied.

Aber genug davon. Ich war noch nicht ganz arm. Ich hatte ja noch meine
Liebe. Das war Schmerz und Trost zugleich. Schmerz, weil ich ihr noch
kein Haus bauen konnte, -- ich wollte jetzt mit ihr beraten, wie es zu
machen sei, und wollte ihr auch die Freiheit anbieten; aber mein Herz
lachte: das nimmt sie nicht an. -- Und Trost, weil ich von jemand sagen
konnte: meine Heimat du.

Da ich #dir# das erzhle, Gertrud. Aber ich habe sonst keinen Menschen
und du hast von Kind auf zu mir gehrt.

Ich bin zu spt gekommen. Sie hatte so lang gewartet, als sie
konnte. Als ich kam, sa sie an der Nhmaschine und nhte rot- und
weigestreifte Hemden fr Franz, und Franz bog eben ihren schnen Kopf
zurck, da er in seinen beiden bloen Armen lag und sie hatten ein
Lachen des Glcks in ihren Gesichtern. Zu lachen, Gertrud, hatte sie
nicht viel bei mir, und sie lacht so gern und ist so schn, wann sie
lacht. Ich hoffte, es spter auch noch zu lernen. Aber es hatte zu lang
gedauert. Da ging ich leise von der Tr zurck, die war offen gewesen,
und stieg in meine Kammer hinauf. Weit du, Gertrud, meine Kammer unter
dem Dach. Spter kam Lore nach. Der Lehrling hatte mich hinaufgehen
sehen und es ihr gesagt.

Ich darf ihr nicht zrnen, Gertrud. Sie konnte nicht anders. Franz,
der ist ja mein Bruder, der htte eigentlich --, nun, es hat wohl so
sein mssen. Was ist eine Liebe, die keinen Boden hat, keinen rechten,
natrlichen Nhrboden? Er aber ist Bcker, Weinwirt und Hausbesitzer
und -- ich darf nicht bitter sein, ein heiterer, nchterner Mensch, der
keinen vergeblichen Trumen nachgeht. Nur, ich habe sie sehr geliebt,
und eine Seite ihres Wesens, die ich kenne, die htte doch wohl zu mir
gepat.

Zu dir konnte ich damals nicht gehen, Gertrud, das verzeihst du mir. Es
zog mich mit Gewalt zu dir, und du httest mich aufgenommen. Aber ich
konnte doch nicht.

Eins noch aus jenen Tagen: ich kann so gar nicht durchfahren. Ich
htte, wr' ich ein ganzer Mann gewesen, sogleich wieder gehen sollen,
irgendwo hin. Ich gehrte ja doch nicht in dieses Haus. Aber sie
kamen herauf und setzten mir auseinander, wie es gegangen sei, ganz
verstndlich, es war gar nichts dawider zu sagen, und Lore bat mich
tausendmal, zu sagen, da es so besser sei auch fr mich. Ich glaube,
ich habe sogar so etwas gesagt. Da blieb ich drei Tage. Ich war auch
so stumpf und mde. In dieser Zeit schickten sie mir einen Brief von
Fritz Hornstein nach, der fragte mich, ob ich noch nicht genug von
der Freiheit htte. Denn du gehrst ja doch zu uns und in ein Amt
gehrst du auch. -- So? In ein Amt? In was fr eins? Ich mochte nicht
weiterlesen. Wie ein verlorenes Paradies stand das Ideal meiner Jugend
-- du kennst es, -- vor mir. Sollte es jetzt gut genug sein fr einen
verlaufenen Musikanten?

Es schttelte mich. Ich war ja rmer als je. Was hatte so einer, wie
ich, zu geben?

Aber schlielich las ich doch weiter. Falls es dir mit dem Neuschaffen
nicht so klappt -- verzeih', da ich das fr mglich halte, aber es
kommt ja vor und ich meine, in deinem letzten Brief so etwas gelesen
zu haben -- (ach ja, ich meine es auch), ich wte dir einen Posten,
dem ich dich gnnen mchte, wenn er dir auch nicht lang gengen wird.
Es wird von einer Blindenanstalt ein Musiklehrer, der auch sonst einige
Stunden, am liebsten Religion und Weltgeschichte, und etwa Literatur zu
geben htte, gesucht.

Seit ich das wei, mu ich immer an dich denken, wie ich dich unter dem
Huflein armer Leute antraf, damals in Mnchen. Du magst machen, was du
willst, du gehrst dennoch zu uns. Im brigen wirf mir getrost einige
Grobheiten an den Kopf, falls es dir nicht pat.

Jetzt bin ich da, Gertrud, und merke erst, wie arg zerbrochen. Ich will
aber versuchen, zu leben und nun dennoch --.

Als Georg Ehrensperger, Musiklehrer und Vikar der Blindenanstalt,
droben in seiner einsamen Stube im dritten Stock soweit geschrieben
hatte, legte er die Feder weg und es flutete in heien Wellen ber ihn
hin, da er nicht wute, #was# er #dennoch# wollte, und er lie den
Kopf tief auf die Brust herabsinken und sa mutlos da.

Da ging die Tr geruschlos auf und ein Zgling des Hauses, ein
blasser, feiner Jngling mit lichtlosen Augen stand da und sagte: Ich
habe geklopft, aber Sie haben es nicht gehrt. Es ist Besuch fr Sie
da.

Besuch?

Feste, wohlbekannte Tritte auf dem Gang, eine liebe Stimme.

Georg. Da trat sie, der er soeben sein Herz ausgeschttet hatte,
herein zu ihm und nahm ihn bei der Hand. Gr Gott.

Er konnte nicht gleich reden. Gertrud. Das war alles. Es war auch
nicht ntig, mehr zu sagen, er schickte sie nicht fort, das merkte sie
dennoch.

Da, lies, das ist fr dich, sagte er.

Aber sie wute ja alles. Ahnte er denn nicht, wie sie mit ihm
fortgelebt hatte?

Wie kommst du hierher, Gertrud? Wie hast du mich gefunden?

Eine tiefe Rte berzog ihr ernstes Gesicht. Sie kmpfte einen
Augenblick mit der Versuchung, ihm zu sagen, da sie ein Kind im Hause
besucht und nicht habe versumen wollen, ihn auch --. Weg damit. Ich
bin nur zu dir gekommen. Das Herz schlug ihr bis an den Hals, aber sie
sagte es dennoch. Ich mute, ich habe immer zu dir gehrt, Georg. Ich
habe so lang gezgert, ich hatte -- ach, das ist ja gleich. Da bin ich.

Da zum erstenmal seit -- ach seit langer Zeit, berkam ihn eine
Bewegung, die warm und weich und schmerzvoll zugleich war und die heie
Tropfen in seine Augen trieb und auf seine Hnde fallen lie. Er dachte
nicht daran, sie zu verbergen. Du bist -- mein guter Kamerad, wollte
er sagen, aber es ging nicht, er schttelte den Kopf. Da sagte sie es
selbst. Das will ich jetzt auch sein.

Er mute sie ansehen. Er hatte sie ja lang nicht gesehen.

Es war eine ernste, reife Schnheit in ihrem Gesicht und Wesen; sie sah
lter aus, als ihre Jahre es wollten, aber so sicher und aufgerichtet
und auf irgend eine Art froh, von innen heraus. Nun sa sie neben ihm.

Sie las seinen Brief, damit er nicht reden mute. Dann legte sie ihn
zurck auf den Tisch.

Und nun dennoch? fragte sie leise mit den letzten Worten des Briefs.

Da schttelte er den Kopf. Ich wei nicht. Ich meinte, dennoch irgend
einen Teil an den Menschen haben. Aber ich wei nicht, welchen. Ich
habe ihnen nichts zu geben. Ich habe nur einen starken Zug zu ihnen,
das ist alles. Ach, Gertrud, es geht ein Ri durch mein Leben hindurch.
Der lt sich vielleicht notdrftig flicken, mehr nicht. So viel
Miratenes, so viel verlorene Zeit, vergebliches Streben, unklares
Wollen, -- ach, es ist nicht aufzuzhlen. Und dann auf einmal gar
nichts mehr zu haben, nichts, Gertrud. Weg ist alles Schne, auf das
man hoffte, weg wie ein Traum.

Das verstehe ich besser, als du denkst, sagte sie, und verbarg ihm
ihre Augen nicht.

Man glaubte ein Ziel zu haben, einen eigenen, bestimmten Inhalt fr
sein Leben, und auf einmal steht man da und hat ganz leere Hnde.

Das mute sie erlebt haben, das sprte man, und Georg wute nun, da
auch das wahr sei, was er sich hie und da auszureden versucht hatte,
da er ihr, an die er nicht in einer solchen Liebe gedacht hatte, das
Leid des Lebens gebracht hatte. Das kam auch noch hinzu, er senkte den
Kopf noch ein wenig tiefer.

Aber das wird wohl so sein mssen. Die den Armen etwas bringen wollen,
eine Liebe oder eine Botschaft, die mssen selber arm gewesen sein.
Wie knnten sie sonst die andern verstehen? Warte du nur, es geht dir
nichts Gutes ganz verloren, du mut es nur zuerst wagen, ohne alles
dazustehen, ganz allein und ohne Besitz.

Sie zgerte, ob sie das auch noch sagen solle, was ihr von unten
heraufstieg und auf den Lippen lag, dann fuhr sie leiser fort, wie
man von einem schnen Geheimnis redet: Es bekommt alles ein anderes
Gesicht fr einen von da an. Alles, auch Er, du weit, wen ich meine.
Von dem ihr so oft so zaghaft redet -- ich meine, ihr Theologen, weil
ihr nicht recht wisset, wo ihr ihn unterbringen sollt. Von da an, wo
man sich wundert, da er die Armen selig preist. Gerade die, die es
in sich selber -- im Geist, sagt er, -- sind. Er mu es auch gewesen
sein, sonst knnte er es nicht tun. Dann wte er es nicht. Da tritt
er einem ganz nah, ganz nah. Alles versteht man anders von da an. Da
geht ein neuer Weg in die Welt hinaus, zu den andern. Man versteht sie,
wenn sie schwer an sich tragen und hat sie lieb. Das spren sie. Das
schliet sie auf. Ach -- fang' nur an -- sagen ist nichts, erleben, das
ist alles.

Er sah sie immer an, solang sie sprach. Er trank das alles in sich
hinein, wie man frisches Wasser trinkt.

Nun war sie wahrhaftig wieder auf seinen Weg gekommen, wie damals auf
der Landstrae, als er verstrt und erschrocken bei dem invaliden
Drehorgelmann stand, und wieder fate sie seine Hand und sagte: Komm,
wir gehen nach Hause.

Wie war sie ernst und stark, wie war sie gesund und frisch.

Unten lutete eine Glocke, das war fr ihn das Zeichen zu einer Stunde.

Geh' mit, ich will dir alles zeigen, die Menschen, die groen und die
kleinen, und das ganze Haus. Es ist mir heimatlicher, wenn du alles
gesehen hast.

Und sie durchwanderte mit ihm das Haus, und hrte zu, wie er einen
blinden Knaben im Orgelspiel unterwies, und sa mit gefalteten Hnden
dabei, als er nachher eine ernste, schne Musik ertnen lie, die ihr
fremd war und sie doch vertraut anmutete. Die war aus seiner eigenen
Seele geflossen, das wute sie, und wute auch, da er neu aufstehen
und das Leben angreifen werde, ja, da er es im Grunde schon getan habe.

Da ging eine groe Freude durch ihr ganzes Wesen hindurch, viel grer,
als in jener Nacht, da sie zu erkennen glaubte, da sie beide, Georg
Ehrensperger und Gertrud Cabisius fr einander geschaffen seien.

B'het Gott. Sie reichte ihm die Hand, da eben die Blinden in langen
Reihen mit stillen Tritten in den Saal kamen, und die Abendandacht
beginnen sollte. Er konnte sie nicht zur Bahn geleiten.

Bleib nur. Du weit, ich mute kommen. Gelt, du verstehst es. Ich bin
deine Schwester, das bleib' ich. Du hast es immer gewut, ich nicht
immer.

Da ging sie hin. Er sah ihr nach, bis sie um die Ecke verschwand.

Dann atmete er hoch auf. Untergehen? Nein.




                    Siebentes Kapitel


Die Fenster standen weit offen, die laue Abendluft trug den Duft der
Reseden und Levkojen vom Garten herauf ins Zimmer. Es war ein stilles
Zimmer. In dem groen Lehnstuhl sa der Rektor Cabisius. Er hatte das
weie Haupt auf die Brust gesenkt und dmmerte so zwischen Schlaf und
Wachen dahin. Die Zeit war gekommen, da er von dem allem, was ihn hier
umgab, Abschied nehmen sollte. Es war kein Losreien, er ging still und
gern. Das groe Studentenbild sah von der Wand herunter auf den Greis.
Wo waren alle die jungen, kraftvollen Gestalten hingekommen? Sie hatten
alle ihren Weg durch die Welt gemacht und waren wieder gegangen; neue
Generationen waren nach ihnen gekommen. Er war wohl der Letzte von den
Alten, damals Jungen.

Der Greis regte sich und hob den Kopf.

Ja, Anne, so jung als mglich.

Hast du etwas gesagt, Grovater?

Unter der offenen Tr des Nebenzimmers erschien Gertrud.

Sie trat zu ihm. Er lchelte und ffnete die Lider seiner blinden
Augen. Das tat er wohl aus alter Gewohnheit, denn die Gestalt seines
Kindes, das vor ihm stand und ihr Gesicht mute er ja mit andern Augen
wahrnehmen, als mit den erloschenen seines Leibes.

Ich glaube, ich habe mit deiner Gromutter geredet. Sie ist jetzt
immer neben mir. Sie sagte in ihrer raschen Art, wie sie frher oft
sagte: Wir mssen so jung als mglich sein, Alter. Fr das Kind. Du
bist aber kein Kind mehr, Gertrud.

Du bist aber so jung als mglich gewesen, Grovater, du bist es fr
mich gewesen. Ich danke dir so herzlich dafr. Sie kniete neben ihm
und legte ihren Kopf in seinen Scho.

Du Kind, du bist lebensreifer, als ich je gewesen bin. Das hat das
Leid getan, das groe Alleinsein. Ich habe es gewut, wir haben nur nie
darber geredet. Aber jetzt, da ich gehe, sag, Gertrud, wie ist es?
Ich mu es Anne sagen knnen. Wie ist es mit dir und Georg?

Er mischte Traum und Wirklichkeit durcheinander.

Ach, Grovater, da ist nichts zu sagen. Er ist wieder bei mir, wie
einst. Er hat mich lieb und ich gehre zu ihm, wie ich es von Kindheit
an tat. Aber wenn du #das# meinst, das eine: ich bin ihm nicht das
Weib, nicht sein anderes Ich. Ich wei es. Das kann nie kommen, das ist
nicht. Das ist ein Rtsel des Lebens, das Gott allein wei. Ich wei
nicht, ob irgendwo jemand lebt, der zu ihm gehrt; bis jetzt wei er
nichts davon. Manchmal denke ich, wir werden so leben und alt werden
und davongehen, und irgendwo sei die Lsung des Rtsels, die andere
Seite des Gewebes, die wir dann zu sehen bekommen. Aber ich wei es
nicht. Bis dahin, -- man mu sich stillen und nichts verlangen, und
sein Leben fllen, so gut man kann. Sie sind ja alle irgendwie in Not,
die Menschen. Man mu sie lieb haben und verstehen, nicht in ihrer
Snde, in ihrer #Not#. Das tat Er auch.

Sie schwieg. Der Abend dunkelte durch das Zimmer. Der Greis schlief
wieder. Er war so mde.

Drauen wurden Schritte hrbar, rasche, krftige Tritte.

Das kleine Dienstmdchen verhandelte etwas mit jemand, dann klopfte es
an die Tr des Nebenzimmers.

Herein.

Gr Gott, Gertrud.

Gr Gott, Georg. Sie war aufgestanden und ihm entgegengegangen.

Lebt er noch?

Ja.

Ich habe nicht blder kommen knnen. Es war so vieles in den letzten
Wochen und Tagen, Prfung und Jahresfest, und, Gertrud, ich habe es
nicht lassen knnen, ich habe einiges von meinem Eigenen mit den
Blinden eingebt, einen Chor, und ein Orgelstck, und ein Andante fr
Klavier und zwei Violinen. Es ist aus dem Alten, das nicht schweigen
will. Sie haben es mir so lebendig abgenommen, du glaubst nicht, wie
froh es mich gemacht hat. Sie haben nicht so viele Tore ihrer Seele,
durch die das Leben aus- und einstrmt, darum sind sie gesammelter,
einheitlicher. Wir hatten kein Publikum dazu, wir waren unter uns. Es
war aber ein Fest.

Sie sah auf ihn und freute sich, da er so hell und frisch dreinsah
und dachte, wie eine Mutter denkt: Wie hat er sich herausgerissen und
ist des Seins und Lebens mchtig geworden. Ach, das ist ja nicht so
wichtig, was sein Amt und Titel ist, und ob seine Altersgenossen weiter
sind, als er. Was er #ist#, das ist das Wahre, und er ist ein Mensch
und Mann, an dem Gott selber seine Freude haben kann.

Sie saen aber still in der Stube neben des Rektors Studierstube. Von
drinnen kam ein leichtes, kurzes Atmen und hie und da ein Wort, im
Halbschlaf geredet.

Da, nach lngerer Zeit, fingen sie an, sich flsternd zu unterhalten.

Wenn er aufwacht, dann will ich zu ihm hineingehen. Ich mchte ihm
noch so vieles sagen, aber das werde ich ja nicht knnen. Weit du,
mit dem Danken, es ist so eine Sache. Wer sich selber von Herzen gab,
der will keinen Dank dafr. Und #so# gab er sich, sein Leben lang,
wenigstens seit #ich# denken kann.

Seit #wir# denken knnen. Das ist so ziemlich das gleiche.

Ja. Er dachte zurck, so weit er konnte.

Weit du noch? Da machten sie es wie die Alten, die ganz Alten und
tauchten in den Jungbrunnen der Kindheitserinnerung ein. Tausend
und eine Erinnerung. Hie und da wurden sie lebhaft und verfielen in
lauteres Reden, dann erschraken sie vor dem eigenen Ton ihrer Stimmen
und flsterten wieder.

Frau Judith schritt am Stock durch das Gemach, und Jungfer Liese, und
die Rektorin, und Hollermann. Und dann glitt ihr Schifflein unvermerkt
in das breitere Flubett des Lebens hinaus.

Du, Gertrud, wo bist du mit deinen Gedanken?

Sie schrak auf. Sie hatte soeben einen kleinen Privatausflug gemacht,
davon sollte er nichts wissen.

Ja?

Ich bin heute nachmittag drben gewesen, bei Franz und Lore. Sie
wissen gar nicht, was sie mir alles zuliebe tun sollen. Aber, du -- du
hrst nicht recht zu.

Doch, ich hre alles.

Du, Lore geht ins Korpulente. Das ist sehr heilsam fr mich. Diese
Frau mit den dicken Backen und der breiten, gestreiften Schrze habe
ich nicht gekannt. Heute, als ich kam, stand sie unter der Ladentr und
sah hinaus. Ich hatte ein wenig Mitleid mit ihr; man sollte es nicht
glauben, aber es ist doch so. So, als ob ihr Gesicht fragte: 'Ist das
jetzt alles?' Und, Gertrud, es ist ja tatschlich alles. Sie hat ihren
Franz und ihren rundkpfigen Buben, und ein gutes Geschft und viel
Geld. Aber ich wei, irgend etwas in ihr hungert nach mehr. Sie ist
nicht zufrieden mit dem allem.

Und das ist ihr Bestes, sagte Gertrud. Das ist ein Faden, der sie
ans Innerliche, Ewige knpft. Wenn sie lter wird, wird das Heimweh
steigen, und zuerst wird sie meinen, es sei nach dir, und dann wird sie
erkennen, da es nach deiner Welt ist. Und sie wird ihrem Sohn davon
erzhlen, und wird den Armen Brot und Liebe geben, und wird ihren Mann
davor behten, da ihm gut Essen und Trinken alles wird. Und das hast
du ihr gegeben.

Da schwiegen sie wieder.

Die Hausglocke schellte.

Das ist Meister Nssel. Er kommt jeden Abend um diese Zeit und sieht
nach dem Grovater. Es ist ein Wunder, da er es noch kann, er ist so
eingetrocknet und zusammengerunzelt wie eine Hutzel. 'Wenn mich nur der
liebe Gott nicht abzurufen vergit,' sagte er gestern. Ich glaube, er
ist in Sorge darum. Aber es ist nicht mehr viel Leibliches an ihm, man
kann ruhig sein in dieser Hinsicht.

Da kamen trippelnde Schrittlein und schwere Stockste nher.

Guten Abend.

Guten Abend, Meister Nssel.

Ist er noch da? Ja? Ich dachte, er sei heut gegangen. Heut sind's elf
Jahre, da Judith starb. Ich htte nicht gedacht, da es noch so lang
daure, bis ich nachkomme.

Still.

Vom Turme hallten die feierlichen Schlge der Betglocke.

Er hat's doch gelernt. Das Luten, meine ich. Ich habe einst im rger
gesagt: Das lernt er nie so recht, er lutet anders, weil er anders
ist. Aber er hat's doch gelernt. Er hat inzwischen viel erlebt und auch
erlitten, das macht's.

Dann schwiegen sie wieder.

Der letzte Hall, noch einer.

Und wenn das Leben neiget sich, la uns einschlafen seliglich.

Das hatte Meister Nssel gesagt. Sonst begehrte er ja auch nichts mehr.
Das andere, das Unruhige, Mdmachende, Glck und Leid und Sorge und wie
alle die Erdengeister heien, das lag weit dahinten, nicht vergessen,
nicht verachtet, aber ausgedient.

Gute Nacht. Er gab seinem alten Freund die Hand, der war in Trumen
und kannte ihn nicht.

Das tut nichts. Wir -- wir kennen uns doch wieder, wenn es Tag wird,
Joachim Cabisius. Schlaf wohl, schlafet alle wohl.

Sie hrten die Ste seines Stockes auf der nchtlichen Gasse. Bleibst
du da, Georg? Ich bleibe die Nacht auf; wenn du willst, bleib bei mir.
Der Doktor war da, kurz, eh' du kamst, er sagt, es knne ganz leise
ausgehen, wenn das Herz versage. Aber ich glaube es noch nicht. Er
erwacht hie und da und spricht dann ganz klar und wie sonst, wenn auch
fast ganz ohne Stimme. Hrst du?

Sie traten leise zu ihm, da redete er undeutliche Worte, und, da er
mde an die Seitenlehne gesunken war, wie ein schlaftrunkenes Kind,
brachten sie ihn miteinander zu Bett.

Der Mond war heraufgestiegen und leuchtete wie vor Zeiten in die
altbekannte Stube und wunderte sich, da die lange Pfeife unbentzt am
Haken neben dem Stehpult hing und da alle die Geister und Geistchen,
die sonst auf weien Rauchwlkchen da herumspukten, schwiegen und den
Atem anhielten. Als er aber bis an das weie Bett hinleuchtete, das
sonst nicht in diesem Raum gestanden war, da hrte auch der Mond auf,
zu flimmern und herumzuspielen. Ganz still lag sein Licht auf dem Boden
und an den Wnden und blieb auf dem Bett und der ruhigen Gestalt darin
liegen.

Es tut ihm nicht weh, du brauchst den Vorhang nicht zuzumachen, Georg.

Da setzte der sich auf die Truhe, wie einst und sah sich um, wie die
Stube in dem weichen, ruhigen Licht dalag und dachte, da es jetzt auch
anders werde, da ihr alter Bewohner davonging.

Was willst du nun anfangen, Gertrud? Hast du dir etwas ausgedacht?

Sie zuckte nun doch ein wenig zusammen. Was hilft das Ausdenken? Ich
bleibe vorlufig da. Ich habe es alles mit dem Grovater besprochen.
Ich will Veronika zu mir nehmen, meine lahme Freundin, der die Mutter
gestorben ist, und will mich um meine Patenkinder annehmen, so gut ich
kann. Eines von ihnen, (du kennst ihn ja, es ist Leonhard, der mittlere
Bub von den Trmersleuten, -- der ist so zart und kann nicht gut so oft
die vielen Stufen steigen), bekomme ich vielleicht ganz ins Haus. Dann
will ich sehen, ob ich ihm etwas von allem dem geben kann, was er --
sie zeigte nach dem Bett hin -- was er mir gab. So ist noch manches.

Ich habe frher an einen bestimmten Beruf gedacht, Krankenpflege, oder
Lehrerin, oder sonst etwas. Aber daraus ist jetzt nichts geworden, und
ich glaube, es ist auch besser so.

Sie sa da so hell im Licht und Georg sah, wie es in ihren Zgen
arbeitete und wie dann ein Lcheln darber ging.

Das ist jetzt so. Ich passe wohl nicht recht in irgend einen Model,
ich bin so ein wenig anders geraten als andere Mdchen. Ich stiee wohl
da und dort an, wenn ich nicht sein drfte, wie ich gewachsen bin. Da
mu ich sehen, da ich mir selber ein Leben zimmere. Es wird auch schon
gehen.

Im Stillen dachte sie: Und dann will ich fr dich da sein, so oft du
eines treuen und ehrlichen Menschen bedarfst, der zu dir gehrt.

Sie sagte es nicht; sie war doch wohl noch nicht heil genug, um ganz
rckhaltslos von ihm und sich zu reden.

Aber er sagte es selber.

Das ist gut fr mich, sagte er. Ich mu dich immer finden knnen.
Ich wei ja nicht, was noch aus mir wird, obgleich ich vorlufig bei
meinen Blinden bleibe und noch nicht ans Fortgehen denken mag. Wie lang
das noch dauert, wei ich nicht. Was sagst du Gertrud?

Was ich sage? Du sollst einmal einen Schritt um den andern tun und
einen Tag um den andern nehmen, wie du das bereits angefangen hast. Es
wird eines aus dem andern herauswachsen, eine Aufgabe aus der andern
und ein Knnen aus dem andern. Das sage ich und sonst nichts.

Doch noch eins, Gertrud.

Ich wei nicht, was meine Altersgenossen von mir denken. Hie und
da kommt einer -- sie sind aber nicht alle so, lange nicht, -- so
ein bichen mitleidig, ein bichen vorsichtig zurckhaltend zu mir,
neulich beim Jahresfest, oder wenn einer das Haus betrachten will, und
glaubt dann, nachsichtig mit mir reden zu mssen, wie mit einem, der
eigentlich etwas wie eine 'verfehlte Existenz' ist. Und das, Gertrud,
das will ich nicht sein. So sehe ich mein Leben nicht an, es komme, wie
es wolle.

Das bist du auch nicht. Durch das alles hindurch geht ein gerader Weg
zum rechten Leben, weit du, dazu, 'das Leben zu haben in sich selbst'.
Das kann man freilich den andern nicht sagen. Sie sehen nur das uere.
Aber das wird gerade gut sein. -- Gut sein mssen, setzte sie doch mit
einem leichten Seufzer hinzu. Denn leicht war es nicht immer, das wute
sie wohl.

Ja, und das sollst du mir hie und da sagen. Dazu will ich dich finden
knnen -- und zu manchem anderen. Du weit es. Wenn ich es nicht mehr
wei, will ich dich fragen knnen.

Sie nickte ernst und einverstanden.

Das will ich. Das sollst du knnen, mein Bruder.

Und so sah Gertrud Cabisius' Glck aus?

So sah es aus.

Sie hatte sich einst weit aufgetan, um ein ganz groes, ganz volles
Menschenlos in sich zu empfangen. Und nun war sie zufrieden, -- nun
fand sie eine tiefe Freude darin, dem, den sie liebte, ein ruhender
Punkt, hie und da eine Zuflucht, eine Weggenossenschaft zu sein?

Es wird nicht allen so gut, dachte sie dankbar. Es ist mehr, als ich
an bsen Tagen hoffen konnte.

-- Wer will sagen, was ein ganzes Menschenlos sei? Vielleicht wird
im Entbehren, im tiefen Leid des Einsamseins strker als im warmen,
sonnigen Glck die Ahnung davon wach, da das hier nicht alles sei.

Da die kurze Spanne Zeit, die wir unser Leben heien, nur ein Teil
jenes grozgig angelegten Planes sei, in den sich der Schpfer der
Menschengeschlechter nicht hineinsehen lt. Wie der Geiger, der das
schnste Lied suchte, so sucht die Menschenseele einen Ort, da es
bessere Geigen gibt, damit einmal, endlich einmal das ganze Konzert
von groen, schrecklichen und herrlichen Dingen, die die Menschenbrust
zu Zeiten fast zersprengen wollten in Liebe und Sehnsucht, zur
Auffhrung kommen knne, oder da in dem ungeahnt Allergrten das jetzt
Groe untersinke und verstumme.

Mitternacht war vorber. Sie saen noch da, manchmal still fr sich und
in Gedanken jedes, manchmal flsternd, Gegenwrtiges und Zuknftiges
beredend. Da Georg einen Brief von Emeritz, seiner Mnchener Freundin,
habe, und da es ihm gelungen sei, den blinden Theodor in der Anstalt
unterzubringen. Gertrud wollte ihn einmal ber eine Vakanz zu sich
holen und freute sich darauf.

Er soll es gut haben, sagte sie lebhaft und dmpfte sogleich wieder
ihre Stimme; die leisen, schwachen Atemzge, die nur in der tiefen
Stille der Nacht hrbar sein konnten, gaben hier drinnen den Ton
an. Es ist nichts Geringes, dabeizusein, wenn ein ernster, Gottes
und des Lebens bewuter Mensch sich anschickt, in die dunkle Flut
unterzutauchen, deren Grund und anderes Ufer wir nicht kennen.

Ein Uhr.

Horch, er redet.

Sie traten ans Bett.

Immer #ein# Wort mit versagender Stimme, schnell aufeinander, dann
langsamer, deutlicher, dann kam mehr Stimme hinein.

Immer dasselbe -- ewig -- ewig -- ewig. Immer lauter, immer
staunender wurde der Ton. Ewig -- ewig -- ewig. Sonst nichts. Sie
versuchten ihn anzureden. Aber fr den leisen Laut einer Menschenstimme
war Joachim Cabisius nicht mehr da, er, der zu vergehen schien an etwas
ganz Riesigem, ganz Unfabarem.

Ewig -- ewig -- ewig.

Es dauerte immer noch fort. Fast nicht zu tragen fr die Zuhrenden,
denen der Vorhang noch nicht gehoben ist, der #ihm# sich aufzurollen
scheint. Es war so riesig, alles andere versank davor.

Ewig -- ewig -- ewig.

Sie waren ans Fenster getreten, dicht nebeneinander und hatten sich
fest an den Hnden gefat.

Da uns werde klein das Kleine, und das Groe gro erscheine, sagte
Gertrud leise.

Dann nach und nach wurde es stiller, dann ganz still.

Waren auch ihm die Saiten zersprungen, als er in den vollen Chor
einzustimmen versuchte?

Er hatte sein Lebenlang zu der stillen, schnen Gemeinde der guten
Geister gehrt, die in allerlei Sprachen und auf allerlei Weise, ein
jeder nach seiner Art loben Gott den Herrn und deren Bundeslied, ob
ihnen schon die Worte vielfach nicht bewut sind, doch durch alles
Geschaffene tnt:

      Alle die Schnheit Himmels und der Erden
      Ist verfat in dir allein.

Wenn wir Ohren htten.

Aber es wird so gut sein, wie es ist und wird gut werden, wie es wird.

       *       *       *       *       *

Der Morgen graute ganz von ferneher. Kaum ein erstes, blasses Dmmern
drang durch die Nacht. Die kleine Nachtlampe fing an zu flackern in
dem khlen Wind, der ber die Berge herkam und drauen in den Bumen
rauschte und in die Stube hereinwehte. Da standen sie auf von ihren
Sitzen und deckten ein weies Tuch ber das liebe, stille Gesicht.

Ich gehe, Gertrud. Ich will mit dem Morgenzug reisen und meine Stunden
halten, wie sonst. Morgen komme ich wieder.

Ich komme immer wieder, du weit es. Dieses Haus ist mir eine Heimat
gewesen und dieser Mann ein Vater, und du -- du bist mir eine
Schwester. Meine einzige. Bist du es nicht?

Doch, Georg.

Ihr bleiches, berwachtes Gesicht glnzte von einem inwendigen Licht.

Sie gaben sich die Hnde.

Das leise Sausen drauen schwoll strker und strker an.

Als sie ihm die Haustr ffnete, stand der Morgenstern ber dem
Nachbarhaus:

Wohlauf in den Tag hinein, so lang er whrt. Ist er auch jetzt noch
grau, er wird hell und heller werden wann die Sonne kommt.

Vor ihnen lag das Leben. Sie hrten leise seine Strme rauschen in der
Morgenstille. Es wrde schon Wege geben, hindurchzugehen.

Auf dem Dach, auf dem spitzen Giebel sang eine Amsel und sang die
anderen Vgel wach. Wuten sie nicht, was heut nacht geschehen war? Sie
sangen ihr altes Lied:

    Freude, Tochter aus Elysium,
    Wir betreten feuertrunken,
    Himmlische, dein Heiligtum.

Sie knnen kein anderes. Es ist ihnen das Lied des Lebens, und wollte
Gott, wir alle knnten, ber Leid und Tod hinber, alle nur das
einzige, das Lied des Lebens, zu dem die Saiten in uns aufgespannt sind.




                      Urteile

    ber Anna Schieber, Alle guten Geister ...


=Kurt Aram= in der #Frankfurter Zeitung#: Aus Wrttemberg wchst
uns, wie es scheint, wieder einmal ein neues Erzhlertalent von
Bedeutung zu. Man wird sofort an die Erzhlerart Wilhelm Raabes
erinnert. In den letzten Jahren kamen mir eine ganze Menge von Romanen
unter die Hnde, die sich in der Art dieses Meisters versuchten, aber
klglich scheiterten, weil ihre Verfasser blutige Dilettanten waren.
#Mit Anna Schieber jedoch versucht sich ein =Talent= in der Art Raabes,
und zwar nicht nur, weil sie ihr besonders gut gefllt, sondern auch
weil ihr diese Art innerlich entspricht.# Manche ihrer Gestalten
erinnern direkt an Raabesche Figuren. #Und doch sind sie ihnen nicht
einfach nachgemacht, sondern wirklich von hnlicher seelischer Art,
also keine imitierten Puppen, sondern tieflebendige Menschenkinder...
Dies schne Buch wird seinen Weg schon machen.#

=Dr. Hch. Lhotzky= im #Leben#: Ein ganz ungewhnlicher Roman,
fesselnd und erquickend zugleich. Niemals ist mir ein Buch vorgekommen,
das ich so bedingungslos jedem in die Hand geben wrde. Die Verfasserin
ist ein Segensmensch und wahrscheinlich durch viel Einsamkeit und
herbes Leid hindurchgegangen. Sonst wte sie ja nicht zu trsten.
Man mu allein gewesen sein, eh' man recht mit den andern gehen kann.
#Das ist weit hinausgewachsen ber das bliche Christentum und steht im
wahrhaft Menschlichen und Gttlichen. Menschen, die solches verstehen,
habe ich mir immer ersehnt, und freue mich, da sie erstehen.# Wer
irgend jemandem ein liebes Buch schenken will, ein Buch zum immer
wieder Lesen, schenke dieses. Aus ihm kann man sehen und hren lernen,
was den Vielen meistens entgeht.

=Dr. C. Busse= in Velhagen & Klasing's Monatsheften: Mit heller
Freude und daneben mit einem verwunderten Kopfschtteln mu ich heut
von einem Buche erzhlen, das anders ist als andere Bcher, das wie
eine schne Predigt ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen
vor uns hinstellt, die wir zu Vtern, Brdern, Schwestern, Freunden
haben mchten, das alles Gute in uns anspannt, das uns frhlich und
getrost macht: Wie ein Mrchen aus einer schnen, verlorenen Heimat
ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Mrchen voll der hchsten
Wahrheit.




                    Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn.

                       =Vortreffliche Erzhlbcher!=


  =Helene Christaller, Meine Waldhuser.= Bilder aus einem Dorfe. 2.
      Aufl. Mk. 2.--, geb. Mk. 3.--.

  =Fritz Philippi, Von der Erde und vom Menschen.= Bauerngeschichten.
      Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--.

  =Fritz Philippi, Unter den langen Dchern.= Neue Erzhlungen vom
      Westerwald. 2. Aufl. Mk. 3.--, geb. Mk. 4.--.

  =Fritz Philippi, Hasselbach und Wildendorn.= Erzhlungen aus dem
      Westerwlder Volksleben. Mk. 2.40, geb. Mk. 3.20.

        Die Erzhlungen des Westerwlder Roseggers gehren zu der
        besten Heimatkunst.

  =A. Supper, Leut'.= Schwarzwaldgeschichten. 1.-3. Aufl. Mk. 2.20,
      geb. Mk. 3.--.

  =A. Supper, Da hinten bei uns.= Erzhlungen aus dem Schwarzwald. 5.
      Aufl. Mk. 2.20, geb. Mk. 3.--.

        =Trmer-Jahrbuch 1906:= Diese Frau vereinigt mit scharfem
        Tiefblick in die Seele des Bauerntums eine starke Liebe zu
        dessen unverwstlichen Krften. =Ihr Buch gehrt zu dem
        wertvollsten, was die Heimatkunst bislang hervorgebracht
        hat.=

                              =Dr. Karl Storck.=

  =A. Supper, Der schwarze Doktor.= Eine Erzhlung aus Wrzburgs
      dsterer Zeit. Mk. 2.20, geb. Mk. 3.--.

  =A. Supper, Der Mnch von Hirsau.= 2. Aufl. Kart. Mk. 2.--, geb. Mk.
      2.80.

        =Gr Gott:= Wir knnen das Buch wohl Steinhausens Irmela
        und Webers Dreizehnlinden zur Seite stellen. Duftig wie
        das erste und dramatisch wirksam wie das zweite Stck -- so
        tritt der Mnch von Hirsau in die Reihe der neuromantischen
        Dichtungen, die religise Tiefe mit humaner Weitherzigkeit
        verbindend.

           *       *       *       *       *

  =Aus der verlorenen Kirche.= Religise Lieder und Gedichte fr das
      deutsche Haus. Gesammelt von R. #Gnther#. Geb. Mk. 3.--.

        =Lit. Rundschau f. d. evang. Deutschl.:= Unter den
        Sammlungen religiser Gedichte in weitestem Sinn ist dies
        die umfassendste und planvollste. Ein schnes Buch, das wir
        herzlich begren, warm empfehlen fr Haus und Schule.




    Anmerkungen zur Transkription


    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, auch wenn
    verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander verwendet
    wurden. Nur offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit # markiert. Im Original
    fett gesetzter Text wurde mit = markiert. Text, der im Original nicht
    in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, wurde mit _ markiert.





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by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
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1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
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things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
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of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
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States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
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prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
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  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
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warranties or the exclusion or limitation of certain types of
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violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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