The Project Gutenberg EBook of Gesichte, by Else Lasker-Schler

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Title: Gesichte
       Essays und andere Geschichten

Author: Else Lasker-Schler

Release Date: October 9, 2016 [EBook #53239]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESICHTE ***




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                                Gesichte


                     Essays und andere Geschichten
                                  von
                          Else Lasker-Schler




                                  1914
                   Verlag der Weien Bcher, Leipzig




                               2. Auflage




              Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig

                Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig




                                 Inhalt


                                                      Seite
   Sterndeuterei                                          9
   Handschrift                                           18
   Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup                  24
   Knstler                                              27
   In der Morgenfrhe                                    30
   Elberfeld im dreihundertjhrigen Jubilumsschmuck     32
   Arme Kinder reicher Leute                             37
   Am Kurfrstendamm                                     40
   Die beiden weien Bnke vom Kurfrstendamm            43
   Die Odenwaldschule                                    45
   Lasker-Schler contra B. und Genossen                 48
   Coranna                                               55
   Die schwere Stunde                                    57
   Peter Hille                                           59
   Karl Kraus                                            66
   Loos                                                  69
   Oskar Kokoschka                                       72
   Peter Baum                                            74
   Franz Werfel                                          76
   S. Lublinski                                          77
   Paul Leppin                                           83
   Richard Dehmel                                        85
   Max Brod                                              86
   Alfred Kerr                                           87
   Bei Guy de Maupassant                                 89
   Albert Heine                                         100
   Karl Vogt                                            101
   Paul Lindau                                          102
   Bei Julius Lieban                                    104
   Friedrich von Schennis                               107
   Tilla Durieux                                        109
   Paul Zech                                            112
   Rudolf Blmner                                       113
   William Wauer                                        115
   Wauer-Walden via Mnchen und so weiter               117
   Emmy Destinn                                         122
   Franziska Schultz                                    126
   Kete Parsenow                                        127
   Ruth                                                 128
   Unser Caf                                           130
   Marie Bhm                                           133
   Der Alpenknig und der Menschenfeind                 135
   Egon Adler                                           138
   Ein Amen                                             141
   Wenn mein Herz gesund wr --                         143
   Der Eisenbahnruber                                  150
   Im neopathetischen Kabarett                          152
   Kabarett Nachtlicht, Wien                            154
   Apollotheater                                        158
   Tigerin, Affe und Kuckuck                            161
   Im Zirkus                                            163
   Zirkuspferde                                         169
   Zirkus Busch                                         172




                        Dieses Buch schenke ich
                               Kurt Wolff




                             Sterndeuterei


                                    _St. Peter Hille_ in Ehrfurcht

Soll Ihr Leib noch lnger mit seinen Sternen in der Hand Ihres Arztes
liegen, und wie lange berlassen Sie ihm noch Ihren Verstand? Fragen Sie
einmal so im Vorbergehen den Doktor, ob er von Ihrem Sternensystem eine
Ahnung hat. Oder wenden Sie sich an einen Irrenarzt, der am
grndlichsten Bescheid wissen mte von der Astronomie des Menschen;
sitzt er doch an seinem Pol, wie ein falscher Gott am Scheidewege, wo
sich der Stern vom Chaos trennt. Es gibt gar keinen Irrsinn im Sinne der
Eisenbrte, aber wer wird mich nicht verspotten, wenn ich behaupte, es
gibt eine Vernderung im Chaos des Menschen. Darum sind Ihre Leiden aus
keinem anderen Grunde entstanden, als aus allzu wuchtigen
Sternenvorgngen. Senkte sich unerwartet Ihre Sonne in eins Ihrer Meere?
Jedwede Behandlung Ihres Arztes ohne genaue astronomische Kenntnis Ihres
Planeten ist ein Vergehen. Unbeschreiblich friedlich stimmt es, einen
Mond in sich zu fhlen, und wer ihn in sich trgt, steht im
verwandtschaftlichen Verhltnis mit dem Grogehenden da oben. Nach einem
Schwchezustand, den ich berwand, meine Tore standen noch unbefestigt,
fhlte ich den Durchgang des Vollmonds dicht an dem meinen vorbei, wie
ein leichtes Beben. Nicht dieser Vorgang war ein krankhafter, aber durch
die Kraft des Vorgangs erlitt ich Sternenschaden. Ich war noch lange
nach diesem Ereignis eingehllt in schwermtigen Wolkengedanken. Glauben
Sie, die Erde leide etwa nicht noch durch die krzlich erlittene,
erduldete Kometkraft? Denken Sie an Maria, durch die Gott schritt. Das
wird noch einmal geschehen, noch ewigkeitsmal, immer nach Gottesdrehung,
er wendet sich durch Maria. Sie leidet das hchste Fest durch das
Gottwillkommen, sieben Schwerter krankt ihr Herz. Wir sind das feinste
Werk aus Sonne, Mond und Sternen und aus Gott. Wir sind seine
Inspiration, seine Skizze zur groen Welt. Ich spreche nicht in
Symbolen, obschon Symbole die Schatten groer Wahrheiten sind,
Milderungsgrnde: wenn etwas Ihren Horizont bersteigt. Sie setzen das
allzu klare Licht mit gewisser berlegenheit gern ins Dunkle. Ich mchte
aber die Nacht von Ihnen nehmen, wachen Sie auf durch meine
Raketensterne! Ich bin ja keine Gelehrte. Aber wenn ich Menschen
medizinisch behandelte, wrde ich sie regnen lassen, Luft in weiten
Kreisen atmen lassen. Mancher Menschplanet erstickt an Drre. Ich
wrde die verwandtschaftlichen Sterne ausfindig machen, die mit meinem
Planetpatienten in irgendeinem Zusammenhang stehen knnten; namentlich,
wenn es sich um eine epidemische Ursache handelte. Den kleinen Mars des
Menschen kann man nur mit dem grberen, groen Mars der Welt impfen. Ich
kenne Leute, die unter dem Zusammensto ihrer Fixsterne leiden. Es sind
schlechte Pchter ihrer Welt. Jeder Schlaganfall ist ein Zerbersten
zweier vom Wege geirrter Sterne. Die Folge dieser Folge erst ist der
Tod. Ich bitte Sie nicht, an sich herauf und herunter zu suchen; Sie
sehen Ihre Sterne nicht, das was Sie betasten knnen, ist Chaos. Und
weil ich vom Unantastbaren des Menschen spreche, glauben Sie nicht an
meine Medizin und halten mich fr eine Kurpfuscherin. Aber wer an meine
Dichtungen glaubt, die man auch nicht in die Hand nehmen kann, und doch
vorhanden sind, wird auch nicht zweifeln an den Sternen der Menschen,
wovon ich ihnen erzhle. Sind Sie nicht reicher, als Sie glauben? Ich
spreche von Ihrem Unsichtbarsten, von Ihrem Hchsten, das Sie nicht
greifen knnen, wie die Sterne ber Ihnen. Sind Sie nicht reicher, als
Sie fassen knnen! Oder haben Sie schon einmal ein Stck Mond gegessen?
Sie wrden immer nur sein Chaos greifen, wie der Arzt Ihr Fleisch,
daraus er keinen Stern formt. Der Doktor hat mich lngst berfhrt,
indem er mit dem Messer diese Leiche sezierte: Der Tote ist an
Schwindsucht gestorben, am Zerbersten der Lunge. Ihr Doktor hat doch
keine blasse Ahnung von meiner Medizin. Allerdings ist dieser Tote an
Tuberkulose gestorben, an der Folge seiner und des Arztes Unkenntnis
seines Sternensystems. Und was ich von einer Epidemie halte? Die ist die
Folge der Sintflut im Massenmenschsternensystem, ein Bacchanal tausender
Sterne, daran alle Bruchteile, alle ungeordneten, unberufenen
Fleischchaosse zersplittern. Ich glaube darum an Wunder, an ungestaltete
Medizin. Wer aber kann sie mischen! Jesus von Nazareth tat Wunder, er
ergriff die keimenden Sterne und trennte sie von den faulen und erweckte
die Erblaten an ihrer noch verglhenden Sternschnuppe. Der Nazarener
wandelte durch das Sternensystem des Menschen und erlebte die Welt so
tief und ging in Gott ein, und Gott in ihn, darum man ihn verwechselt
noch auf den heutigen Tag mit Gott. Moses der Prophetarzt erkannte den
Gott seines Volkes, heilte es und machte es stark. Eine Sage meiner
Bcher sagt von einem Derwisch, der sein Herz in die Hand nehmen konnte
und doch lebte durch die Kraft seiner Sterne. Wir sind das glhendste
Werk von Mond und Sternen, nach unserm Modell hat Gott die groe Welt
erschaffen, in der wir: Ureigentum in unserer erweiterten Kopie leben
...

Ureigentum noch unverblat zu begegnen, erlebe ich berraschend oft.
Diese testamentarischen Sehenswrdigkeiten, bertragungen, die an Wert
nicht einzuschtzen sind! Ich meine nicht die gemtlichen Hausvter aus
der alten, guten Zeit oder den Waldmenschen, oder den aus der nackten
Krperkultur oder den Zwiebelasketen. Merkwrdig, da man gerade in den
Irrenanstalten Gesichte erblickt aus allererster Sternzeit; Bilder, alte
Meister, Menschen, die erstarrt sind in der Vision. Und kein Arzt wei
sie aus dem Augenblick der Erscheinung zu fhren, wie aus engem Rahmen.
Ich besuche diese scheintoten Galerien; mich lieben die unverstandenen,
verfangenen Gesichte. Etwa weil ich ihnen den richtigen Platz zu geben
vermag? O, ihre Angstgefhle! Die andern testamentarischen Gestalten
unterscheiden sich von den irrenden Denkmalbildern ihres ungestrten
Sternenlaufs wegen. Solchen Sterngeschpfen geschehen Wunder. Wie St.
Peter Hille, er hatte noch mit Moses und Jesus von Nazareth gesprochen
und mit Buddha, und erzhlte von ihnen, wie der Urenkel etwa von seinem
Grovater Goethe. Das war der unumstliche Beweis von der ersten
Leuchtkraft Gottes in St. Peter Hille. Ich gehre nicht zu den
Spiritisten; Spiritismus ist Epigonentum, Nachahmung, gewaltttige
Wunder. Um wirkliche Visionen zu erleben, mu man noch in der ersten
Leuchtkraft Gottes sein. So ein gotterhaltener Mensch ist fromm und
selbst Inspirationen fhig. Aus Isaaks weitem Munde seh' ich viel im
Traum Sterne aufsteigen, die er benennt nach Gottes Einverstndnis.

Die hungrige Zeit fra meine Leuchtkraft goldweise. Aber ich kann
erzhlen von der Astronomie des Menschen, wenn ich auch in meinen ersten
zehn Jahren noch zwischen weichem Dunkel, zwischen ungeordneter Nacht,
im Chaos lag. Ich war wie ungeboren neben meiner Mutter, noch ganz
Chaos.

Das Kind ist nicht fromm, es ist dumpf. Dieser Irrtum! Fromm kann nur
der wissende Mensch sein, aber nicht jeder macht die sechs
Schpfungstage in seiner Hlle durch und wird Stern, und wenige nur den
Sonntag. Wie viele Heilige gibt es und doch ist jeder Andchtige oder
Lauschende, jeder Staunende oder Liebende ein Heiliger. Wenn Jesus von
Nazareth die Kinder rief, so fhlte er Verantwortung mit ihnen, mit dem
Chaos, das sich entfalten werde. Er wute, wie weit der Weg zum Sterne
war. Die Kinder sind wie die Lmmer so dumpf. Darum beleidigt mich das
irrige Wort: Jesus das Lamm Gottes. Solche Unschuld ist eine
Chaosunschuld, und der Nazarener war der Sonntag der Schpfung. Der Jude
hat sich mit ihm der vollendetsten Welt entledigt. Sagte der
Sonntgliche doch zu einem der Mrder am Kreuztag: Wahrlich, ich sage
dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein. Der Jude, der den
Himmlischen verstt, beweist, da er ein Brger ist, um nichts weniger
der Mensch des Abendlandes, der den verlornen Gott der Juden aufnahm,
ihn sich erzog und erwog nach seinem lammblutenden Wort. Im Menschen
bereitet sich immer Fleischdumpfheit, Chaos, Fleischsehnsucht; Gott aber
ist umgestaltet, ungerahmt und breitet ber alles sich. Wir reden immer
zu dem Chaos des Menschen, wollen wir ihn gewinnen, denn der Stern ist
bse, darum sind wir alle einmal krampfhaft enttuscht in Gott. Wir
finden in ihm kein Chaos, keinen fabaren Schlupfwinkel. Er sandte darum
seinen Sohn, das heit, er kam in Menschgestalt zur Erde. Solcher
Umgestaltung Demut vom Stern zum Chaos ist nur ein Gott fhig. Nie war
solche Dunkelheit je auf Erden und am Himmel und im Menschen wie in der
Zeit des Gottbesuchs. Dem Priester und Phariser flte seine
Betastbarkeit Mitrauen ein, der Armselige umklammerte den vertriebenen
Gtzen aus Fleisch und Blut wie einst am Fu des Mosesberges das goldene
Kalb.

Sie wollen noch wissen, wie lange sich der Menschplanet erhlt. Die
meisten Menschen werden nicht lter und nicht jnger als sechzig Jahre.
Jesus von Nazareth ist gottalt wie die Ewigkeit. Moses war zehntausend
Jahre, als die Tochter Pharaos ihn im Korbe fand. Und von dem Propheten
St. Peter Hille mchte ich sagen: Niemand wute um seinen Geburtstag.
Meine Mutter war dreimal sechzehn Jahre alt, mein Vater erlebte sechsmal
seine tollsten Knabenstreiche. Wie schtzen Sie mich ein? Ich bin David
und tue Simsontaten, ich bin Jakob und deute die Trume der Khe und
hren. (Oder zweifeln Sie daran, da mich meine Brder verkauft haben,
das Brgermillion!) So verwirrt sich die Zeit der Vergangenheit im
Menschen. Heute bin ich eine Dichterin, und ich bitte Sie, mir zu
verzeihen, da meine Dichtung keine Gehirnkarte geworden ist mit Farben,
lila, grn, rot gefrbt. Meine Bekenntnisse nehmen Sie als ein
Luxusgeschenk hin, denn ich bin verschwenderisch, das liegt in meinem
Sternsystem. Es kommt mir selbst nicht darauf an, einige Monde meines
Planeten fallen zu lassen. Auch mit meinem Chaos, ohne das Chaos kommt
kein Mensch davon, hat es eine besondere Bewandtnis. Darber mchte ich
schweigen, aber eines kann ich Ihnen sagen, wir Knstler sind einmal bis
ins tiefste Mark und Bein Aristokraten. Wir sind die Lieblinge Gottes,
die Kinder der Marien aller Lande. Wir spielen mit seinen erhabensten
Schpfungen und kramen in seinem bunten Morgen und goldenen Abend. Aber
der Brger bleibt Gottes Stiefsohn, unser vernnftiger Bruder, der
Strenfried. Er kann nicht heimisch werden mit uns, er und seine
Schwester nicht. Verwechselt die lrmende Brgerin oder die zur Hure
gewordene Magd nicht mit dem spielenden Sternenmdchen, die den Tanz aus
nackter Scham tanzt! -- --

Wohin mir doch heute alle meine Sterne geleuchtet haben! Immer mu ich
wiederholen, der Arzt sollte sich auf die Astronomie des Menschen
verstehen. Welcher von Ihren Hausrzten wre imstande, eine
Sonnenfinsternis in Ihnen herbeizufhren, geschweige den Stillstand
Ihres Planeten?

Ich sehe Ihre Kanle, Ihre Berge auf Ihren Sternen und Ihren Mond
aufgehen hinter Ihrer Stirn. Jeder Schmerz und jedes Freudegefhl,
Vernichtung oder Erhebung ist ein neues Bild Ihres Sternensystems. Sie
sterben eigentlich an zerborstenen Sternen oder Erkaltung Ihrer Sonne
oder an Finsternis. Wenn nur Ihr Leben den Hhepunkt erreicht hat vor
dem Zerfall Ihres Chaos: den Himmel. Aber wenn er Ihnen nicht auf den
Kopf pate? Vom Blitzstrahl getroffen, das Chaos gespaltet, einzugehen
in die Allmacht ist Seligkeit. So lausche ich auf mich. Aber der Brger
belauert sich, der Kranke in Arzthand betrauert sich, weil er keine
Achtung vor dem Schmerz hat. Ich bin mde -- wie ich mir entkomme, ein
Schatten aus Mond und Sternen, riesengro fiel ich um Mittag und sinke
nun ein in meinen eigenen Planeten. Ich habe einen kritischen Tag hinter
mir, manche Menschen wichen mir furchtsam mit den Augen aus. Einem
kleinen Mdchen bohrte ich im Anblicken ein Loch in die Brust. Solche
Kraft macht traurig. Ich sehne mich nach Glck, nach ihm, nach
Hascha-Nid, dem goldhutigen Sohn des Huptlings. Der spielt mit sich,
treibt und lockt die Sterne ber seine Grenzen, ein gttliches Spiel,
Wirbel und Wstenwind. Ich liebe ihn, weil er so reich und rein an
Sternen ist, und ich staune vor solch verschwenderischen Launen ... Aber
das geht Sie nichts an. Gern htte ich Ihnen noch vom Himmel erzhlt.
Spter, wenn ich ihn erreiche und Gott --

   Gott, wo bist du?
   Ich mchte nah an deinem Herzen lauschen,
   Mit deiner fernsten Nhe mich vertauschen,
   Wenn goldverklrt in deinem Reich
   Aus tausendseligem Licht
   Alle die frhen und die spten Brunnen rauschen.




                              Handschrift


                                  Dr. _Otto Jahnke_ mit dem seltenen
                                           Handschriftsbild

                              Fr den Knstler der Handschrift ist der
                              Inhalt seines Schreibens nur ein Vorwand,
                              wie fr den Maler das Motiv seines
                              Bildes.

Ich habe beobachtet, da Kinder und Groe so recht in Gedanken
versunken, mit der Feder, mit dem Bleistift an zu kritzeln fingen, dann
ganz unbewut bemht waren, schne oder verschnrkelte Buchstaben und
Worte zu schreiben; sich dann spter selbst ber die Bedeutung des
Geschriebenen wunderten. Auf einmal steht auf dem weien Rand der
Zeitung ein Name im Arabeskenschmuck oder blumenverziert. Dort ist ein
Zeitwort auf den Kopf gestellt, ich meine ein xbeliebiges Wort in
Spiegelschrift geschrieben. Ich habe dasselbe fesselnde Gefhl beim
Ansehen einer interessanten Handschrift wie bei einer guten
Federzeichnung oder einem Gemlde. Und doch mchte ich darum die
Handschrift nicht mit der Malzeichenkunst in einen Farbentopf oder in
ein Tintenfa werfen. Aber der, welcher sich verzweifelt nach einem
Talent sehnt, mge es zunchst in seiner Handschrift suchen. Oft hat
schon der Lehrer sie im Keim erstickt. Den meisten bleibt die Schrift
nichts wie Inhalt -- die Nachricht erfreut ihn, rgert ihn, namentlich
wenn sie noch dazu undeutlich geschrieben ist. Warum hre ich nie jemand
sagen: Erklren Sie mir diese oder jene Handschrift. Ich meine nicht des
sprachlichen Verstndnisses wegen, auch nicht aus graphologischem
Grunde; rein knstlerisch! Wie ja so oft die Frage aufgeworfen wird vor
einem Bildnis. Es hat noch nie jemand von einer Handschrift den
alltglichen Ausruf getan: Die ist mir zu hoch! Und doch gibt es
gerade Meister dieser Schulmeisterkunst. Diejenigen sind's, die sich im
Klassenzimmer Strafe holten ihrer Klaue wegen. Es geht ihnen wie dem
Genie, welches die Kunstschule ausspie. Handschrift ist erblich wie
jedes Talent. -- Fr mich kommt kaum der Inhalt eines Briefes in
Betracht; ich kann mich fr den Schreiber nur seiner Buchstaben wegen
interessieren. Und es geschah schon, da ich ganz entzckt einen
unverschmten Brief beantwortete und umgekehrt. Die Schrift ist ein Bild
fr sich und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Jeder lernt schreiben,
eine Menge Menschen haben es in ihrer Handschrift zur Kunst gebracht.
Und darum auch gibt es in keiner Kunst so viele Epigonen, wie in der
Kunst der Buchstaben. Fr diese Nachahmer ist jeder Buchstabe ein
Gestell, dem sie einen Mantel umhngen, den ein anderer gewebt hat, sie
verstehen eben ihre Ble zu bemnteln. Die alltglichsten Epigonen sind
reichgewordene Frauen, die sich bemhen, ihre so oft charakteristische
Ladenmdchenschrift zentimeterhoch heraufzuschrauben direkt zu
hochmtigen Gnsehlsen. Der Mann mchte Bedeutung in seine Schrift
legen und ahmt der Hand des ihm Geistigberlegenen nach. Ungemein
sympathisch berhrt mich die sogenannte Tatze, die Schrift der Knaben,
wenn sie den Aufsatz ins Diarium schreiben. Hier diese Zeilen hat ein
Mdchen vorsichtig und sanft geschrieben. Manchmal lachen auch Briefe
oder sind erbittert, die Schrift riecht fast nach Galle. Meines Freundes
Brief blinzelt, eine Faunlandschaft. Dein Onkel schreibt eine kleine,
rundliche, gleichmige Handschrift wie Taler. Geizhals ist er, aber ein
Handschriftenknstler wie mein Freund der Faun. Interessant sind die
spitz auslaufenden Buchstaben auf dieser Seite, jedes Wort ein
Wolfsgebi. Und doch kein Tiergemlde. Interessant wirkt auf mich die
Korrespondenz, die ich erbrach zugunsten der Kunst, zwischen Karl Kraus
und Herwarth Walden. Alte und neue Meisterstcke. Ich sprach schon
einmal in meinem Essay ber die Kunst in Karl Kraus' Buchstaben. Seine
Handschrift ist ein Drergemlde. Meine Handschrift hat als Hintergrund
den Stern des Orients. Oft sagten mir Theologen, ich schreibe deutsch
wie hebrisch oder arabisch. Ich denke an der spten gypter
Fetischkultur; ihnen ging aus dem Buchstaben schon die Blte auf, der
Zwischenduft, der Handschrift mit Zeichenmalkunst verbindet. Mir fallen
noch die Schriften der Chinesen und Japaner ein. -- Die Mitternacht zog
nher schon, in stummer Ruh' lag Babylon -- die pltzliche
Geisterschrift an der Wand entsetzte die berauschten Gste nicht des
Inhalts wegen, das furchtbare Schrift_bild_ war es. Sie _erblickten_ den
Inhalt des Fluches. Darum ist auch das Verstndnis zur Kunst ein
Seltenes und Erhabenes -- es liegt uns im Gesicht und geht uns vom
Gesicht aus. -- Die Kaufmannshandschrift -- ich mchte noch vorher
fragen, hat schon einer der Leser einmal ein Lebenszeichen vom Dichter
Peter Baum bekommen? Nmlich gerade bringt mir der Postbote so ein
Sommerbildchen, Buchstaben: Mckenschwarm, der zerstreut in der Sonne
tanzt. Seine Karte blendet. Ich bin bei der Kaufmannshandschrift --
phantasielos, nchtern, sie liegt bewegungslos auf dem Papier. Khle
Tatsache. Der kaufmnnische Reisende dreht seinen Buchstaben eitel den
Schnurrbart. Stutzig machen mich Briefe, die vom Geschftsmann
geschrieben sind und von der Buchfhrung doppelt abweichen. In dem
Schreiber steckt sicherlich das Handschrifttalent. Es gibt auch Launen
der Schrift. Kinder, die erst morgen dem Christkind schreiben wollen, da
sie heute nicht schn schreiben knnen. Meiner Mutter Briefe waren
schwermtige Zypressenwlder, meines Vaters Schrift reizte zum Lachen,
humoristische Zeichnungen aus dem Struwelpeter. Kohlrabenpechschwarze
Mohren oder der bse Nikolas steckt die Jungens ins Tintenfa.
Gelungene, amsante berschwemmungen von Tinte waren die Briefe meines
Vaters. -- Es gibt auch Schriftinspirationen, viele Menschen berauschen
sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den sie aufschreiben, ist nur
Vortuschung. Ich schreibe oft, um mich durch meine Schrift zu erinnern,
mein Vater, um sich zu ergtzen. Meine Schwestern schreiben zweierlei:
die lteste: Reisebilder, die andere: Kinderbilder. Der einzige
Plastiker der Handschrift, den ich kannte, war St. Peter Hille, Petrus
-- er schrieb Rodins. Wie viel deutlicher gemalt ist das tiefsinnigste
Bildnis, als die ausgeschriebene Handschrift (rein knstlerisch
verstanden). Aber auch die kann dilettantisch sein, wenn sie ohne Tiefe
und Geist und nur aus Ausbung entstanden ist. Manche sogenannte schne
Schrift allzu deutlich, lbilder nach Sichel. Lieber ist mir schon die
Pfote von Aujuste. Ihr Brief und die Antwort vom Schatz geben sich einen
Schmatz. Derbe Genrebilder. Vielerlei gibt's davon. hnlich wie die
Kchin schreibt das Dienstmdchen, die Kellnerin, das kleine Mdchen,
die kecke Hure. Aber loser geheftet, unordentlicher ihr Brief, ein
leicht schaukelndes Gerippe. Weit eher ist die Demimonde eine Epigonin.
Sie stiehlt lchelnd und liebkosend die Buchstaben der Originale oder
versteht wie die Sprache auch die Schrift ihres in Fesseln gelegten
Herrn zu kopieren und zu belecken. -- Habe ich schon gesagt, da es auch
Stilleben in der Handschrift gibt, zehn Seiten lange Briefe, die
schlafen, aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftknstler,
die schulakademisch erzogen und erwogen sind. -- Manche Buchstaben
gucken neugierig. Gewissenhafte Schriften: Wie die Buchstaben getrennt
auseinanderstehen. Er war sehr niedergeschlagen, als er diesen Brief
schrieb, seine Handschrift war dnn aufgelegt. Hochbeglckt, glnzen die
Vokale -- glckliche Handschrift. Ich habe ein kleines Laboratorium von
Schreibkaninchen, die ich anrege, mir Briefe zu schreiben. Sie knnen
sich also schon auf meine Erfahrung verlassen, lieber Sturmleser; es tut
mir unendlich leid, da mein Manuskript dieses Aufsatzes nicht in Ihre
Hnde gelangt. Trotzdem es mit schwarzer Tinte geschrieben ist, wirkt es
blau, tiefblau, liebesblau. Den wissenschaftlichen, langweiligen Inhalt
mssen Sie schon in Kauf nehmen -- seine Handschrift ist ein
Liebesbildnis. Ich dachte nmlich, indem ich ber Handschrift schrieb,
an drei schne Knigsshne. In Wirklichkeit schrieb ich drei Briefe; den
ersten an Zeuxis, den griechischen Maler, der nun in Berlin wohnt. Er
sei mein Ideal, aber ich ginge nicht an ihm zugrunde. Ich schrieb dem
sen Prinzen von Afghanistan, da er mein Typ sei und da wir
ineinander verwachsen wren. Ich schrieb Wilhelm von Kevlaar, da er
mein Symbol war, da ich am Sterben lge, denn ich htte an die groe
Treue geglaubt, an seine Treue zu mir, und er habe sie gebrochen.

Das Manuskript liegt dem interessierten Leser zur Verfgung in der
Direktion.




                  Johann Hansen und Ingeborg Coldstrup


                    Zur Kindertragdie in Kopenhagen

Ingeborg, seine kleine Knigin ist tot -- Johann Hansen lebt noch; an
seinem Bettchen sitzt eine barmherzige Schwester und betet, da der
arme, verirrte Knabe bald genesen mge. Der Stationsarzt hat ihm das Tor
des Todes verriegelt, sein Herz, das Ingeborgs Namen trgt, kann nicht
zu ihr ins Himmelreich. Nun wird das Kinderspiel erst eine
Kindertragdie. Die beiden wollten ja nur zum Tod, weil der einen Himmel
besitzt, in dem sie sich vor allen Engeln ohne Furcht vor Strafe herzen
knnten. Nicht diese Heimlichkeiten der Freude, ihre Gesichter schienen
durch die Spalte der Tren, durch das Eisen der Tore. Immer bauten sie
auf ihren Hnden glserne Schlsser, darin sie sich tausendbunt
spiegelten bis ans Ende der Welt, wo der Himmel anfngt. Dort wohnt der
Tod. Johann Hansen hob Ingeborg mit seinen Knabenarmen die Treppe zum
Einla des Todes empor. Der ffnete und lie die kleine Knigin ein,
Johann stolperte rcklings ins Leben zurck. Diese beiden feinen Kinder
ergreifen meine Seele. Das Leben lie sie aus der Haft, der Tod
schmckte ihnen rosig sein Tor. Ich mchte, der Engel aus Andersens
Mrchen kme und trge den verwundeten Knaben zu Ingeborg ins
Himmelreich. Wie bsmtig sind die Menschen, die immer helfen wollen,
ins Leben zu befrdern. Es ist Nacht, berall blht ein Stern. An der
Decke im Krankensaal stehen viele Sterne, rotgoldene, sgelbe, wie
Honig, und auch mattfunkelnde Immortellen. Alle pflckt der kleine,
heldenmtige Brutigam fr seine Braut, wenn er im Himmel mit ihr
Hochzeit feiert. Auf einmal schlgt er die Augen auf: Ingeborg, ich
halte mein Wort! Hast du es gehrt, groer Engel aus Andersens Mrchen?
Oder soll er aufwachen aus seinem Traum des Himmels -- und die Erde ist
wieder da, das Himmelreich verschwunden wie fortgezaubert, und Ingeborg
liegt im Grabe. Ein Keller wird dann die Welt sein, kahl, viel kahler
wie seines Hauses Keller. Alt ist er, wenn er aufwacht, jung, wenn seine
Augen sich schlieen. Was bietet das Leben? Nicht das Kind braucht den
Eltern dankbar sein; wie knnen die Eltern aber das Nichtgeborensein dem
Kinde ersetzen!!? _Solch_ zwei Kindern vor allen Dingen, zwei Engel, die
nicht auf die wankelmtige Erde gehren. Flgel wuchsen ihnen; die
Pistole, die sich der Knabe vom Erls seiner Geige kaufte, war
Vortuschung. Denn es geschah hier ein Todeswunder. Nicht mehr wre ich
berrascht gewesen, wenn dieselben Kinder anstatt fr ewig zu
schlummern, auferstanden wren aus einem Grabe. Wie will der Christus,
der den Knaben auferweckt, ihm ein Himmelreich ersetzen? Es werden keine
Landeserholungsheime die festgestellte Neurose (Edelneurose)
fortkurieren. Aber ich denke an Selma Lagerlf die herrliche Menschin,
an Karin Michaelis das liebe groe Kind, sie knnten dem Knaben den
himmelblauen Verlust ersetzen. Sie tragen die Bilder des Himmels in
ihren Dichterinnenherzen -- halten sie zwischen ihren Hnden. Ich bin
keineswegs sentimental, ich bin traurig. Man vergleiche nur nicht die
unaufgeblhte Liebe dieser Engel mit den Tndeleien koketter
Schulmdchen und greisenhafter Zwerge auf den Spazierwegen am
Sonntagmittage. Diese beiden Kinder ergreifen meine Seele, ihre Lippen
sind Himmelschlsselchen.




                                Knstler


Herr von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims und schnappt mit seinem
zugespitzten Mund alle meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer
liegen blieben, und ich wrde schlielich in der berschwemmung von
Todtrauer ertrinken. Auch sieht er so spaig bei der Ftterung aus, ich
mu manchmal hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht ausstehen.
Er ist eine Beleidigung neben dir. Aber ich mu immer einen Hofnarr
haben, das ist so ein uraltes, erbbertragenes Gelste. Er folgt mir
berall hin -- auf dem Salzfa sitzt er in der Kche, wenn ich am Herd
stehe und mit dem Quirl dem Feuer behilflich bin -- ich meine wegen des
Weichwerdens der Erbsen -- -- ich trage goldene Pantoffel, aber in
meinen seidenen Strmpfen sind schon Lcher. Herr von Kuckuck wird
merkwrdig dster, immer wenn er auf dem Salzfa sitzt und meinem Kochen
zusieht. Er erzhlt von Prinzessinnen, die in Goldpantoffeln und
Seidenstrmpfen kochen und scheuern mssen und sich die Hnde blutig
reiben und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich glaube, ich
bin im Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden
Riesenpalast auf die schbige Erde gefallen -- meine leuchtenden
Blutstropfen knnen vor Durst nicht ausblhen, sie verkmmern immer vor
dem Tage der Pracht, und mein Mann erzhlte mir dasselbe, und darum
haben wir uns geheiratet. Wenn sich mein Budget besser gestaltet, sagt
Herr von Kuckuck, so braucht Prinzessin keine Erbsen mehr zu kochen.
Er verspricht es feierlich, zwei groe Tropfen fallen aus seinen Augen,
die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: eine Burleske, die
pltzlich auf geraden, rabenschwarzen Beinen steht. Ich rieche zu gern
Ananas -- ich glaube, wenn ich mir tglich eine Ananas kaufen knnte,
ich wrde die hervorragendste Dichterin sein. Alles hngt von Kuckucks
Budget ab. Mein Mann der wnscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens
schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett rauchen wird. Die
Lampe zuckt, es ist alles so dnn im Zimmer. Herein! Eine Erbse klopft
an meinen Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und wackeln mit
ihren dicken Wasserkpfen -- eine plumpst den Berg herunter. Bist du
aufgewacht? Mein Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden auf
-- dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht -- die Finger tragen
alle Notenkpfe -- sie singen -- und immer, wenn das hohe C kommt, sgt
mein Arm ber seine Brust und seinen Leib -- ich nehme die Gedrme
hervor -- eine Schlangenbndigerin bin ich -- dudelsack Ladudel ludelli
liii!!!! Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen Krper,
die kleinste hat sich fest um meinen Finger gesogen, aber sie ist die
hauptschlichste Schlange, sonst kann er keine indischen Vogelnester
mehr essen. Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem weien
Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen um den Hals und schwimmen
hinter mir ber die flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. Im
Rahmen ber dem Schrank hngt von Kuckuck und ber ihm sein Onkel
Pankratius, einer der gestrengen drei Herren, und zhlt -- Budget lauter
goldene Schnbel. Es wird alles so grau -- ich habe solche Angst, ich
verkrieche mich in die Achselhhle meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein
Jngling, er hat groe, braune, spttische Augen, die lcheln
schchtern. Wer bist du! ruft mein Mann. Ich bin der Schatten Ihrer
Frau und habe Theologie studiert.




                           In der Morgenfrhe


                                 Meinem Freund, dem Bildhauer _Georg
                                                Koch_

Ich gehe an Mandelbumen vorbei, aber die blhen in den Grten fremder
Huser, und die Fenster sind noch geschlossen hinter Spitzengeweben. Ich
bin unendlich mde, gewohnheitsmig bewegen sich meine Fe vorwrts,
Maschinen sind es, und sie mten eigentlich unverhllt in blauen
Sandalen gehen, denn sie sind von goldzagem Wandel, wie die Sonne, die
aufstieg. Ich kenne die Menschen nicht, die mir begegnen, ich weiche
ihrem Dnkel aus, und ich brauche nur meinen grauen Mantel abzulegen, um
Knig zu sein. Ich bin unendlich mde, ich glaube, ich bin im tiefsten
Leben erkrankt, aber die Vorbergehenden merken es nicht, sie heben auf,
was lrmend auf den Straen liegt, aber sie hren nicht das schmerzliche
Murmeln, das tdliche Verrauschen einer Seele. Da liegt ein Nachtfalter
vor mir -- er stirbt -- wie drftig seine Flgel sind, ein Lumpenhndler
war es, ein Vagabund, der sich nachts auf den Straen herumtrieb und am
Feuerrausch der Lampen endete. Er stirbt -- ich trete ihn tot. Ich denke
an ihn -- wenn es fr ihn doch einen Himmel, einen blauen Strand gbe --
er wrde dort ein schner Schmetterling sein. Ich bin unendlich mde --
wenn ich nun auch eines Morgens so daliege, wie der graubraune Strolch
-- welcher Fu wrde mich zertreten. Es kommen Mnner an mir vorbei in
weien Sportschuhen und Frauen schreiten hastig ber den Damm. Ich mag
diese Frauen nicht im Ornat, derbgewordene Philisterinnen sind sie --
was wissen sie von der Knabenzeit. Aber das kleine Mdchen mit der
Bubenbluse, es wird mich bermtig zertreten im Scherzwort, im
Frhlingslachen. Ich bin unendlich mde und es beginnt der
rcksichtslose Tag. Der Mann aus Glas mit der Vollstreckungsmappe unterm
Arm wartet vor der Haustr auf mich, heute klebt er die Siegel. Ich mu
ihn zart am Henkel fassen -- so ganz vorsichtig, liebevoll, da er nur
keinen Sprung bekommt. Drauen an dem fremden Hause blhen die
Mandelbume: der Falter ist tot, ich verga, ihn vom Weg in einen der
Grten zu werfen.




           Elberfeld im dreihundertjhrigen Jubilumsschmuck


                                   _Paul Zech_, meinem Wupperfreund

Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es god, dat
es god, gwt et wat tu erwen! Ich bin verliebt in meine buntgeschmckte
Jubilumsstadt; das rosenblhende Willkomm gilt mir, denn ich bin ihr
Kind, die flatternden Fahnen auf den Dchern, aus den Fenstern winken
mir zu, lange Rotschwarzwei-Arme, die mich umfangen wollen. Ich soll
berall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt
der Schieferdcher. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen
herrisch zur Hhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem muten wir
einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei scharfe
Arzeneien und Farbstoffe frben die Wasser, eine Sauce fr den Teufel.
Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbche
fliet die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt
in meine zahnbrckelnde Stadt, wo brchige Treppen so hoch aufsteigen,
unvermutet in einen sen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres
Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht -- wer aber war die
Urpatrizierin des Rokokohauses aus der friderizianischen Zeit? Es lebt
noch einbalsamiert zwischen jngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und
Doktorhusern. Denn jeder etwas wohlhabende Brger der Stadt besitzt ein
Wohnhaus, worber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht,
frech gewordene Sklaven, die nach Belieben ein- und herauslassen. Selbst
viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mtter. Gequacksalbert hat die
Alte an der grnen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und
Beingeschwre. Und das berhmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der
sterbende Grovater Willig dem Vater ins Ohr gelallt, und der hat es
wieder dem Sohn anvertraut, und nun wei es der Enkel, der
wahrscheinlich seiner gesprchigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam.
Und berhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; -- immer
trumte ich davon auf dem Schulweg ber die Au. Manchmal lief ich durch
graue, lose Schleier, Nebel war berall; hinter mir kamen schauerliche
Mnner mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Huschen
mute ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, ewwer en
doller Gesell wors gewsen. Oft lie ich vor Angst die Bcher fallen
oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grnt nicht
mehr die von Zunen umgrenzte Au; Tore verschlieen Huser; kein
Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule trumen, jedes Fenster zur
Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor
Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor
Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf
seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und
legt er sich mit vielen Bahnhofkpfen und sprhenden Augen ber den
schwarzgefrbten Flu. Immer fliegt mit Tausendgetse das Bahnschiff
durch die Lfte ber das Wasser auf schweren Ringfen durch Elberfeld,
weiter ber Barmen zurck nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen
Garten vorbei. Mein Vater mute an den Sonntagen mit mir dorthin gehen,
der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mtze. Auf dem Hgel im
Tannenwldchen am Brenkfig versprachen wir uns zu heiraten. -- Ich mu
an alles denken und stehe pltzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus;
unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall' ihm
um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, da ich
weine -- sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermtig
erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja
das kleine Mdchen, das immer rote Kleider trgt. Fremd fhlte ich mich
in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die
Stadt, weil ich sie vom Scho meiner Mutter aus sah. Von jeder Hhe der
vielen Hgel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines
Vaters lustige Streiche strmen eben um die Ecke der Stadt. Wat wollt
hr van meck, eck sie jo sing Doochter. Das rettet mich vor der schon
erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte
Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von
neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das
Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flchen rauher Muler und
Kreischen frivoler Weibsbilder ist zrtlich meinem Ohr. Denn ich bin
verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht
mich zu berreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber
ich mu noch einige Male Karussell fahren. Lott es doot, Lott es doot,
ich fahr fr mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am
frhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen
Aujust und Aujuste die Bewute, hinter Caal und Caaroline, Alma,
Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich -- sie beginnen mich zu
lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei' ich ganz laut
auf, das berzeugt das rohe, arme Gesindel. Den Hrrn Schler haben
viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Husern. --
Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor dreihundert Jahren. Mina
singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen
Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfe, ein knappes Rckchen bedeckt
ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer
ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich wei ihr Achtung
einzuflen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zu guter Letzt
erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln
bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. Die sinn ut Engeland bei
Paris. -- Nun hinein ins Klner Hnnesken! Gewaltsam zerre ich den
Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. Sie werden
noch gestochen werden, wie Ihr Vater einmal. Durch seine Uhr ging die
Spitze des Metzgermessers. Am anderen Morgen fhrten die jammernden
Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er
wute, da sie kommen wrden, und drei Glser und eine Flasche Rotwein
standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er chzte vor Schmerz,
namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et dr wackere Hr
Schler verzeehen mdd ... Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon
mu ich Abschied nehmen wie von einem alten, dsteren Bilderbuch mit
lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt
nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner fr mich herbeischaffen
mute am Festtag, wenn wir dort Forellen aen. Und die Einkehr in meine
Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin
lange nach mir. Paul Zechs feine knstlerische Gedichte duften morsch
und grn nach der Seele des Wuppertals.




                       Arme Kinder reicher Leute


                                     Der kleinen _Hedwig Grieger_

Und wo die ganze Erde im grnen Lachen steht und ein groer Spielplatz
ist, fallen mir die vielen lieblichen Kindergesichtchen um so
schmerzlicher auf, die da weinen im Sonnenschein. Ihre Lckchen flattern
zwar lustig aus den feinen Spitzenhubchen hervor, und viele von den
Kleinen stecken in seidenen Tanzkleidchen. Aber sie drfen sich an der
Hand ihrer Begleiterinnen nicht recht freuen, und ihre runden Herzchen
mchten hpfen. Baby hat ein Knpfchen von seinem Schuh abgerissen, es
hat sich so gelangweilt -- aber Detta mu ihn am Abend wieder annhen,
dafr gibt's eine Saftige. Auf dieselbe Bank setzt sich ein sogenanntes
Frulein, allerdings, sie trgt einen Federhut und hat die Allren ihrer
Dame abgesehen ... Sie rckt, den Abstand zwischen ihrer Person und
ihren dienenden Kolleginnen zu wahren, vorsichtig an das uerste Ende
der Bank. Wie schon angedeutet, ist sie nicht aus der Gattung der
gemeinen Kuhblume (s. Caltha), sie straft gebildeter. Mit einem Roman
von Emile Zola schlgt sie ihre kleine Schutzbefohlene auf den Mund, auf
die weien Zuckerzhnchen. Und nur selten rgen Vorbergehende die
brutale Eigenmchtigkeit dieser Donnas.

Lottchen wird ber die Strae geschleift, es ist so hei, seine
zweijhrigen Beinchen knnen nicht mehr ausschreiten. Ick soll dir woll
tragen, olle Pute. Keine der Mtter erbarmt sich seiner, und nur einige
Mdchen mit der Schulmappe am Arm oder dem Ranzen auf dem Rcken bleiben
entrstet stehen und versuchen, die Kleine von der Hand ihrer Peinigerin
zu befreien, die aber schlgt kreischend um sich -- ein Volksauflauf
entsteht und nimmt sich der armen dienenden Person an -- ich und meine
kleinen Verbndeten sind das Gesptte der Strae.

Am Nachmittag begegnen mir die tapferen Schulmdchen wieder, sie fhren
ihre kleinsten Geschwister spazieren und tummeln sich mit ihnen ber die
Wiesen; wie zrtlich sie mit den langen Zpfen ihrem Brderchen die
Patschklatschhndchen und das bestaubte Gesichtchen subert! Und welche
Wonne, durch den khlen Wiesenbach zu waten! Viele von ihnen brauchen
nicht erst ihre Fe entblen -- heirassassa wie das Wasser aufspritzt.
Da nur nicht die neuen Kleider na werden! erinnert die lteste mit
den langen Zpfen. Sie steht noch im Pflichtgefhl zur Puppe. Vierzehn
Jahre wird sie nchsten Monat; ich komme, erzhlt sie mir, in den
Dienst nach der Einsegnung. Sie hat keine Erfahrungen gemacht, und was
sie von Hrensagen getrbt wei, ist noch zu verwischen. Ich habe immer
solch eine Puppenmutter bei meinem Bengel, fr seine sechs Jahre wei er
genug Streiche, ich lache ob seiner Ausgelassenheit, die auch von seiner
Kameradin ungezchtigt bleibt. Sie balgen sich und springen miteinander
ber die Wege, mutwillige Ziegenbcke. Aber auch besonnen kann seine
junge Begleiterin sein. Auf jeden Fall befolgt sie noch schulgewohnt
meine Worte und streikt nicht heimlich wie manche ausgewachsene
Personen, die schon aus Oppositionslust das Gegenteil ausfhren.

Ja, diese Allzufreien. Arm machen sie manchmal die Kinder der reichen
Leute mit ihren gehssigen Launen und niederen Liebeleien. Allerdings
gibt es auch noch musterhafte Pdagoginnen unter den Kindermdchen oder
Fruleins -- ich meine nicht solche, die unter jeden Schritt des
Kindes ein Rechenexempel oder ein Abc legen, nein, ich meine jene, die
zu spielen verstehen, und die mten doppelt besoldet werden -- welche
ungeheuren Summen werden fr den Magen ausgegeben, warum nicht fr die
Seele seines Kindes? Nichts fordert Technik in solch feinem Mae wie die
Kunst des Kindes, das Spiel -- die bunten Gedanken zu drehen im
Krauskpfchen, wie in einem Kaleidoskop. Ja, es gibt vortreffliche
Bonnen, besorgte und doch heitere Freundinnen der Kinder. Aber wre es
nicht ratsam, weibliche Detektivs anzustellen, verheiratete Frauen, die
die berschreitungen der -- minder Trefflichen drauen auf den Wegen
beurteilen knnten? Mtter und Vter, sucht einmal euer Kind drauen in
der sorglosen Natur statt nur im Spielzimmer auf, dort werdet ihr die
Hterinnen eurer Kleinen ungeschminkt kennen lernen.




                           Am Kurfrstendamm


               Was mich im vorigen Winter traurig machte

                                    _Georg Fuchs_ in Freundschaft

Blumen werden bald blhen an beiden Seiten des Reitwegs am
Kurfrstendamm. Wenn die lieblichen Reiterinnen an all dem Duft
vorbeigaloppieren werden, dann ist es zu spt, ihnen zu sagen, da die
buntlachende Allee gesprengt wurde mit Schwei und Blut Peitschender und
Gepeitschter. Die Pferde vornehmer Landauer tanzen, ihre schwarzen Augen
znden vor Leuchten. Ich beginne sie mit ihren geplagten, wiehernden
Brdern zu beneiden. Die knnen nicht weiter durch den Hgel an Hgel
aufgeworfenen Erdboden; ihre Hufe muten sich selbst den Schmerzensweg
bereiten. Da gibt es kein Pardon! Auch kein Mitleid der Spaziergnger,
niemand will was mit den Fuhrleuten zu schaffen haben; in den
neumodischen, wogenden Busen der Damen pocht kein Herz. Sie verhindern
sogar ihre Mnner, sich in Straenangelegenheiten zu mischen. Manchmal
stellen sich Kinder auf zur rechten und linken Seite des Dammes. Fr sie
ist es eine Unterhaltung, ein wirklicher Kientopp. Heute besah sich ein
Schutzmann den unerhrten Vorgang. Aus einem Bckerladen schickte eine
Kuferin fr die Pferde alte Semmeln. Ich sah ber dem Gesicht des
uniformierten Mannes eine krftige Freude marschieren. Und ich bat ihn,
ob er nicht eingreifen wollte. Er erklrte mir, die Fuhrleute sind nicht
so schlimm wie ihre Brotgeber. Weigert sich einer der Angestellten,
wegen der nicht gengenden Anzahl Pferde an seinem Karren loszufahren,
verliert er seine zwanzig Mark per Woche. Da lauern schon immer genug
Brotlose vor der Tre. Fr die zwanzig Mark. -- Sie leben, sie
peitschen, sie fluchen dafr. Ihre Roheit besteht das Examen. Dmlich
Vieh, windelweich hau ick dir, faulet Luder! Die Wut rinnt den
Unmenschen ber die Backen, den entblten Hals hinab. Die Rcken der
Tiere bluten vor Hieben. Wie sollen sie es anders machen? Verteidigt sie
der Schutzmann. Denn es dauern ihn die Treiber ebenso wie die Pferde.
Die Treiber, die nur zwanzig Mark verdienen pro Woche und sich so plagen
mssen mit dem Vieh. Es ist doch mal Vieh, es ist doch zum Ziehen da!
Ein paar Brger stimmen ein in den bequemen Sang. Rhren sollen gelegt
werden zum Ablauf des Wassers. Die Blumen, die bald auf beiden Seiten
der Allee wachsen, mssen bewssert werden. Gibt es denn keine
Maschinen, die die Erde schlielich aufwlzen knnen? meint ein
sechsjhriger kleiner altkluger Ingenieur. Er hlt auch eine Maschine im
kleinen aus einem Spielwarengeschft in der Hand. Die Mnner toben.
Wilde Australneger sind Engel dagegen mit ihrem Schlachtgeschrei. Ich
aber fhle ebenfalls die schwere Schuld, die die Besitzer dieser
Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll schielen seine Knechte ber die
gefrigen Pferde auf uns: Sie htten selbst Hunger. Endlich aber
entschlieen sie sich, nach all den vergeblichen Peitschenhieben, die
Pferde umzuspannen. Zu sechsen geht es doch besser ber die holprige
Strecke. Ich hab das gleich gedacht, gesteht der Schutzmann. Aber
sagen Sie mal was zu den Leuten! Wenn die lieblichen Reiterinnen im
Sommer auf ihren verwhnten Schimmeln durch die Allee des
Kurfrstendamms reiten, wird der Geranium zu ihren Seiten rot wie die
vergossenen Blutstropfen der armen Pferde blhen. Sie hatten alle
traurige Augen und lieen die Kpfe hngen.




               Die beiden weien Bnke vom Kurfrstendamm


                                Meinem lieben Freunde _Andreas Meyer_

Morgens standen sie pltzlich auf dem Kurfrstendamm wie vom Himmel
gefallen in Mondsichelfasson. Die eine weie Bank winkte den Leuten, die
aus der Friedrich-Wilhelm-Gedchtniskirche kamen, freundlich zu, die
andere weie Bank lud eine blonde Schne ein in aschgrnem Samt. Ich bin
seitdem fters an den weien Bnken vorbeigegangen; gestern setzte ich
mich zum erstenmal auf die eine, den Damm weiter, auf die andere. Guckte
ich geradeaus, bot sich mir ein Kreuz- und Querbild. Man sieht es vielen
Vorbeieilenden an am Operngucker in ihrer Hand, wohin sie wollen -- zur
Hochbahn --, in einer halben Stunde fangen die Theater an. Andere kommen
aus der Stadt, biegen um die Joachimsthaler Strae und kehren ein in das
heimatliche Caf des Westens. Kommen da zwei kleine, arme Mdchen; in
ihrer Mitte ihren lebendigen, rotbckigen Hampelmann, der sprechen kann.
Zwei Jahre ist er, erzhlen sie mir und streiten sich, wer ihn
aufwarten, das heit, wer mir von ihnen seine Kunststcke zeigen wird.
Wir sind keine Schwestern, antworten die beiden gernegroen Mtter,
sie lassen schon behbig das Kinn hngen, frsorglich sind sie um ihren
kleinen Kasperle. Wir sind jede fr uns allein. Sie meinten damit, sie
sind nicht einmal verwandt. Lieschen ist in Pflege, ihr Pflegevater ist
Nachtwchter -- manchmal legt er sich vor Mdigkeit, wenn er morgens
nach Haus kommt, mit dem Bund Schlsseln und der Laterne ins Bette. Das
andere Lieschen, sie heien beide ganz gleich, erzhlt: Sein Vater helfe
einem Zauberer. Ein schwarzer Neger ist sein Papa! Es ruft mich jemand
von der Haltestelle der Elektrischen, ein Dichter im Florentiner, er
will in die Kolonie fahren. Reisen Sie alleine, Torquato Tasso, ich
will mich noch auf die weie Schwesternbank setzen. Ich sehe mich nach
ihr um, sie glnzt viel brutlicher wie diese, von der ich mich erhebe;
und ich zgere, mich auf die myrtenweie niederzusetzen. Aber die beiden
Verliebten da bemerken es nicht. Aus der Kirche treten schon die ersten
Sonntaglinge, die Sonne spielt Orgel um das Haus mit ihren schlanken
Strahlen. Ich verstecke mein Gesicht in dem groen Glockenturm -- sehe,
hre und denke nichts, und doch findet man sich auf den weien Bnken
wieder, wenn man sich verloren hat.




                           Die Odenwaldschule


                                       _Edith Geheeb-Cassirer_

In den Bergen zwischen Laub und Wiesen stehen fnf bemalte
Waldschlchen: jedes ist einem Dichter gewidmet, und drinnen lachen
Knaben und Mdchen mit ihren Lehrern und Lehrerinnen. Und unter ihnen
lebt der Rbezahl mit seinen gtigen nubraunen Augen und dem langen
Weihnachtsbart. Paul Geheeb, der Schpfer der Odenwaldschule, ist ein
Rbezahl, er zaubert Freude durch die Hallen und Sle seiner
Gnomenhuser, und berall ist es hell, wohin seine sonnigen Augen
scheinen. Immer steigt sein Fu, ob er auf die Gipfel will oder ber die
Ebene schreitet. Von Rbezahl sprechen die Bauern im Tal, wenn sie den
Direktor oben meinen, den die Kinder alle so lieb haben. Jedem Mdchen
schenkt er ein trstendes Wort, und den verirrten Wanderer beherbergt er
und seine Gnomen fr die Nacht: die sitzen in bunten Spielreihen beim
Vesper und trinken Milch aus groen Kannen.

Heute macht die blonde Adi den Vorschlag, alle Jungen mssen einen
Stoffaffen und alle Mdchen einen Stoffbren mit zum Sonntagsmahl
bringen: die zwei vorhandenen hat die Schelmin dem lieben Rbezahl in
die Brusttaschen seines Rockes gesteckt, da die beiden wulstigen
Tierkpfe zur Belustigung aller Kinder hervorgucken zur Rechten und zur
Linken.

Paul Geheeb versteht das junge Herz des Kindes wie einen Kaleidoskop zu
drehen, er wei die bunten Bilder zu wrdigen. Aber auch seine Lehrer
sind Knstler: sie haben alle noch Knabenherzen wie ihre Zglinge und
fhren mit ihnen manchen Indianerstreich aus. Die Knaben tragen alle
Sweater, und die Kleider der Mdchen sind durch Bnder ber der Achsel
gehalten, echte Kindertracht: sie pat zu roten Backen und leuchtenden
Augen. Und alle haben gesunde Lungen, die atmen wie die starken Bume
das Leben ein und aus. In der Frhe mssen die Odenwaldkinder ins
Luftbad, sich viel, viel Luft holen, und es gibt keinen Sdwind und
keinen Nordsturm, dem die Rbezahlbande nicht gewachsen wre. Die
verzrteltsten Kleinen trotzen dort der Welt mit den allerhand
Erkltungen. Aber Vernunft liegt in jeder Anordnung Paul Geheebs: seine
ihm anvertrauten Lieblinge bewegen sich in wohlgewrmten Rumen in der
Winterzeit. Die Korridore, die Lesehallen, die Schlafgemcher sind
mollig temperiert.

Jedes Kind besitzt sein Heim, oder es mte dicke Freundschaft
geschlossen haben und den Wunsch aussprechen, sein Eigentum mit
irgendeinem Spielgefhrten zu teilen. Mein Paul und der Bruno Tillehsen;
was der Torquato Tasso dichtet, illustriert mein Junge. Auch das
Burgfrulein Irmgard und der kleine Landwirt Bubi, die Kinder von
Wilhelm von Scholz, sind Zglinge der Odenwaldschule. Auch der Peter ist
oben beim Rbezahl, vom Bildhauer Gaul der kleine Sohn: der it so gern
Nsse: berall kracht es nur so zwischen den Zhnen. --

Nachmittags ist immer frei: die saftigen pfel werden von den sten
geschttelt, oder die kleinen Gnomen helfen den Bauern in den Scheunen,
in der Zeit, da die emsigen Gnominnen Blumen pflcken oder Himbeeren und
Brombeeren sammeln fr den Tisch ihrer groen Freundinnen. Liebe,
erwachsene Schulmdchen sind die Lehrerinnen: in den Frhstunden
lauschen die Kinder mit offenem Munde ihren Lehrwundern. Jede Lehrerin
und jeder Lehrer verstehen es, auf spannende Art die jungen Zuhrer zu
fesseln. Die freuen sich auf jeden Morgen wie auf den Geburtstagstisch,
immer bietet der Unterricht neue, berraschende Gaben.

Pltschernde Bche, goldene Grten begleiten den Ankmmling die
Bergstrae hinauf von Heppenheim bis oben ins Gnomenstdtchen; holde
Landschaft, befreite Erde -- kommt man aus der Grostadt dorthin, wo
Rbezahl seine Odenwaldschule erbaut hat!




                 Lasker-Schler contra B. und Genossen


                                 Dem lieben Rechtsanwalt _Hugo Caro_
                                             in Verehrung

Seitdem einige Tageszeitungen um mein lyrisches Gedicht: Leise sagen,
soviel Lrm geschlagen und mich fr geisteskrank erklrt haben, hat sich
eine Partei um mich erhoben, die es sich zum Lebenszweck angedeihen
lt, diese gefhrliche Behauptung mit allen gerichtlichen Gegenbeweisen
aus der Welt zu schaffen. Das Resultat ist: Ich werde beobachtet, nicht
allein von einem Psychiater, auch von mir selbst -- (ich wollte, ich
knnte mir was dafr anrechnen --). Ich kann den ganzen Tag nicht auf
einen Namen kommen, auf den Namen meines Urgrovaters, der Scheik in
Bagdad war. Dieser Zustand ist unsglich unertrglich, als ob man ghnen
mu und kann nicht, als ob man in eine Posaune blasen mu und findet die
ffnung nicht. Ich war heute schon berall, wo irgend etwas von Asien zu
spren ist. Auch im orientalischen Seminar war ich beim Rektor, der
dachte freundlich ber den Namen meines ehrwrdigen Urherrn nach, und
alle seine Schler taten das, und Schlerschler, Muselmnner, Chinesen,
Japaner, Studenten aus Vampur, Koreaner, Sudanesen; es dachten Siamesen,
Indier, Serben, Trken, Montenegriner, Talmudisten, Zionisten, auch die
beiden Shne einer Kaffernfamilie dachten, und denken wahrscheinlich
jetzt noch nach. Ich habe kein Gedchtnis mehr, seitdem bei mir
Gehirnerweichung in Frage genommen ist. Rechts vom Gehirn steht mein
Heer -- links der Feind. Ich fhle seitdem auch nicht mehr richtig, ich
taste; die Sternwarte meines Herzens ist getrbt -- und mein Horizont
liegt hinter dem Rubikon -- und der Sturm -- verweht meinen Geist. Wie
soll ich mich beschftigen? Ist mein Psychiater nicht bei mir, fahr' ich
zu ihm heraus und bringe ihm einen Klo meines Gehirns. Ich mu immer
meckern, wenn ich bei ihm bin; er hat einen roten Ziegenbart. Ich konnte
mich schon als Kind nicht beschftigen, meist habe ich mit Knpfen
gespielt, aber ich habe alle verloren oder wo angenht, und wenn der
Psychiater nicht eindringlicher mich beobachtet, werde ich es den
Redaktionen der Zeitungen mitteilen, die mich bei der Gehirnerweichung
ertappten; sie haben ihn doch fr mich engagiert, und er mu seine
Pflicht tun.

Ich laufe jetzt so gern ber Wiesen; Knaben gewhre ich mit Vorliebe
mein Gehirn, solange es noch einigermaen hartkpfig ist, zur
Zielscheibe ihrer Gewehre. Das Sprechen wird mir schwer; wenn ich singen
knnte! Dann knnte ich viel besser alles sagen. Aber ich habe zu jung
gesungen, die frhe Blte meines Kehlkopfs war noch nicht befestigt.
Sprechen lernte ich schon beim Milchtrinken, aber das Singen htte ich
unterdrcken mssen, Talente sollte man mindestens fnfzehn Jahre im
Steckkissen herumtragen. Dabei wird man immer kleiner und schlfriger.
Ich bat heute den Psychiater, er solle mich ein bichen in seinem
Kinderwagen herumfahren. Er hat nmlich einen im Nebenzimmer stehen,
darin seine Frau ihre Hoffnungen spazierenfhrt, schon zwei Jahre, damit
er sie nicht verstt. Von seinem zuknftigen Sohne lasse er sich die
Fesseln der Ehe gefallen, aber nicht von seiner Frau, die geht immer in
blau, weil sie den Himmel auf Erden vermit. Er aber hat mir ein
Rasselchen geschenkt, ich htte viel lieber die Gummipuppe gehabt, fr
in den Mund zu nehmen. Ich habe einen Brief von mir selbst von frher
gefunden, an meine britische Busenfreundin, den lese ich dem Psychiater
vor. Seitdem ich diesen Brief geschrieben habe, ist mein Herz
graumeliert, und Dr. Ziegenbart sagt: Lesen Sie! Dear Mabel! Manchmal
hab ich so Sehnsucht, ich s wieder nachmittags an einem groen, runden
Tisch neben meiner Mama und so zwischen meinen Schwestern und Brdern,
und oben sitzt mein Papa, und wir trinken zusammen um vier Uhr Kaffee
aus der silbernen Kaffeemaschine durch Filtrierpapier -- und so ganz
zusammengerckt sitzen wir, wie eine Insel, aus einem Stck. Nichts
Fremdes mehr, aber wir flieen ineinander, trotzdem wir Geschwister alle
anders waren, und frchten uns nicht vor dem Tode, weil einer den andern
ersetzt. Das ist lange her, ich wei auch nicht, warum ich daran so oft
denke, zumal ich doch Robinson wurde, durchbrannte in die Welt, weil ich
dem Robinson auf dem Deckel seiner Geschichte so hnlich sah. Und ich
liebte das Abenteuer, das hat nichts mit der Stube zu tun, und wenn es
auch eine herrliche ist. Aber dreimal im Leben hatte ich eine groe
Sehnsucht, wieder in einer Stube neben Mama und Papa und Geschwistern zu
sitzen. Als ich mich zum ersten Male vermhlte. Aber ich fiel ins Haus
und verletzte mir die Knie, die bluten seitdem. Und das zweitemal, das
war noch trauriger; da folgte ich meinem Verlobten in seine Heimatstube.
Ich sa neben seiner Schwester; mein Verlobter sa neben seiner Mama,
und oben am Tischanfang trank sein Papa den Nachmittagskaffee, und auf
einmal sah ich, da die fremde Mama meinem Verlobten ein groes Stck
Kuchen auf den Teller legte, ein Stck Torte mit einer Frucht darauf;
und ich bekam ein schmales Stck Torte ohne eine rote Kirsche; da war
ich pltzlich ganz klein wie zu Haus und weinte. Und zum dritten Male
berkam mich die Sehnsucht, mit meinen Verehrern in ihr Haus zu gehen.
Das erinnerte mich am wirklichsten an zu Haus. So viel Geschwister, die
sprachen wie meine Schwestern und Brder und waren schn, aber dann kam
ein groer Hund und schnffelte um den Tisch herum, bis er mich fand;
denn einem von den drei Brdern hatte ich das Herz gefressen. Ich sehne
mich nun nicht mehr nach einer Stube, wo eine Mama und ein Papa und
Geschwister um den Tisch sitzen und eine Insel sind. Mein Angebeteter
verspottet mich und meint, ich ziere mich wie ein Backfisch. Ich habe
kein Verlangen mehr nach der heiligen Nachmittagsstube, und ich bin
wirklich der Robinson auf dem Deckel seiner Abenteuer. Aber ich mchte
noch die ganze Nacht so traurig erzhlen. Many greetings, dein Robinson.
-- Wer mich alles in die drei ersten Stuben gefhrt habe, meint der
Psychiater, sei fr ihn nicht schwer zu entrtseln, aber den Angebeteten
mchte er kennen lernen, der eine Ausnahme bilde, da ich seiner Eltern
Stube nicht heimsuchte. Ich verstehe; des Doktors ironische Weise ist
mir sympathisch. Der Psychiater nickt mit dem Kopf; er ist
Schriftsteller nebenbei, und hat Momente der Psyche aufzuweisen, die bei
Doktoren ohne Drum und Dran nicht vorhanden sind. Sein Ton ist
mitleidig, wre er eine Frau, sprche er wehleidig. Ich habe das Glck,
da er keine Frau ist. Zwischen ihm und seiner Frau fllt ein schwarzer
Vorhang, aber ber seinem Schreibtisch hngt unverschleiert, aber zahm
verblmt, ein deutscher Gelehrter mit einem Bart aus Eichenlaub; sein
frherer Universittsprofessor; den mu er zum Aufreizen seiner Nerven
haben. Auch steht in seinem Sprechzimmer eine Lampe, deren Birne
streikt, weil sie kein Apfel ist. Der Waschtisch seiner medizinischen
Hnde luft nicht, er steht auf Plattfen. Mein Zimmer funktioniert
viel besser, es liegt am See, an der Waschschssel. Und dabei spreche
ich immer vom Tigris, nicht wahr? Verhhnt mich nur, liebwerte,
wahrhafte Leser; oh, diese Welt mit ihren Flssen, Nebenflssen und
berflssen! Es hat jemand dem Psychiater gesagt, ich sei abnorm
eiferschtig. Das knnte allenfalls ein Symptom von Gehirnerweichung
sein. Aber was soll ich mit meinem Mann sprechen, wenn er in der Nacht
nach Haus kommt, als Eifersucht. Der Leser soll mir die Frage ganz
aufrichtig beantworten, bitte. Ich lehne an seinem Rcken wie vor einem
blinden Fenster. brigens ist meine Eifersucht nicht subjektiv, sie ist
eine Landeigenschaft, ein Kostm, eine Nationaltracht der Seele. Meinem
Psychiater leuchtet die landlufige Logik wirklich ein; ich bin ein fr
allemal von ihm als gesund entlassen, und brauche mich nicht mehr seinen
Beobachtungen zu unterziehen. Der Feind ist verurteilt vom hohen
Gerichtshof zu zehn Mark Schadenersatz; htte er nicht schon Berufung
eingelegt, so htte ich es ihm geraten, denn er soll in schlechten
Verhltnissen sein -- ich bin zu weich ...! Was soll ich nun tun, als
ber den Namen meines Urgrovaters nachdenken? Im Augenblick, wo ich
glaube, ich habe ihn, kugelt er noch schwerer als Blei in meinen Rachen
zurck. Wie ein einbalsamierter Leib. Dabei hre ich den Namen meines
Urgrovaters auf meiner Zunge, eine Melodie, einen Psalm. Ich mu mich
zerstreuen, ich werde die Redaktionen, die so lange nun mit mir in
Konnex standen, um Verzeihung bitten; ich kann doch nicht dafr, da ich
keine Gehirnerweichung habe! Der Psychiater glaubt doch nicht daran! Das
Leben ist was furchtbar Schmerzliches; alle meinen, da es nur was
Enttuschendes ist. Ich meine beides und gaukle mit Geschicken. Und wie
das Leben vom Milieu abhngt, wenigstens meins. Lge zum Beispiel das
Fenster meines Zimmers statt nach gegenber, seitwrts mit dem Blick
nach dem Westhimmel, wo abends der Mars aufmarschiert, htte ich Freude
am Leben gehabt und wte, warum ich lebe -- aber so! Ich kann mich
nicht mehr sehen, ich ertrage in den Spiegeln mein Gemlde nicht mehr,
wenn nun mein Angebeteter kommt und hat meine Augen? Und darum gerade,
wegen seiner hellen Lichter liebe ich ihn, gelbe Rosen, und wenn sie
traurig sind, fallen sie wie Goldregen. Er ist ein Sonntagskind, ich bin
ein Feiertagskind, das nicht gehalten wird; er findet keine Ruhe in mir.
Wir lieben uns, wie die verschiedenen Liebenden auf Erden und im Himmel.
Wie selige Engel mit der Pose des Flgels, wie die ersten Menschen, die
noch glhend waren, wie zwei groe Blumen hinter der Hecke, die nichts
wiedersagt, wie zwei Rubinen im Reichsring eines Kaisers und manchmal
frh am Morgen wie zwei Schakale. Ich mache mir gar kein Gewissen
daraus; alle Romane der Ehe sind Unwahrheiten! In Wirklichkeit gibt es
kein Gewissen. Aber, da ich den Namen meines Blutpchters, meines
Urgrovaters, vergessen habe, darber mache ich mir heftige
Gewissensbisse.




                                Coranna


             Eine Indianergeschichte gestaltet von Slevogt

                                 Dem hochverehrten, feinen Professor
                                            _Walther Otto_

Mein Junge trgt einen Indianerschmuck in den Haaren, grne, gelbe,
blaue, lila und rote Federn, und um seine Lenden einen Gurt aus
Vogelbeeren und harten Muscheln. Aber er wei nichts von den Menschen in
Wild-West. Ich kaufe ihm aus Furcht, er knne eines Tages nach drben
durchbrennen, keine Indianergeschichten. Der kupferrote Gott ist der
Fanatismus der Knaben. Seine Legenden sind gefhrlich, sie kommen ber
einen, ihre Bilder machen Mut, sthlern. Grngelbblaulilarot! Meine
Brder machten sich in nchtlicher Frhe mit ihren Freunden auf und
davon -- der Skalpgott rief sie aus dem Elternhaus. Sie hatten sich
schon Wochen vorher fr ihr Sonntagsgeld Pfeifchen, Tabak, Zigarren und
dergleichen mehr fr den Tausch am Lande besorgt. Manche von ihnen
stahlen ihren Schwestern Ohrringe, Broschen, Ketten fr die
Huptlingsfrauen und Indianermdchen. Aber die Reise ging nur bis
Bremen, die strafenden Vter lieen die Durchbrenner grausam wieder in
die Heimat transportieren. Mein Vater jedoch war im Grunde seines
Herzens stolz darauf; er lie meinen Brdern im Garten ein Indianerzelt
aufschlagen, kaufte Speere und andere Mordwaffen und Grtel, deren
Skalpflachshaare fast bis zur Erde reichten ... Es ist schon lange,
lange her, ich habe seit Indianerjahren kein Indianerbuch mehr
aufgeschlagen. Nun liegt ein groes in den Farben der Kupferhaut auf
meinem Scho. Slevogt hat gezaubert, als er die Gestalten des Werkes
erschuf nchtlich auf weier Prrie; seine schwarze Feder zeichnete
kupferrotes Leben. Ich mu die wilden Wildwestmenschen festhalten, sie
laufen, galoppieren meinen Blick entlang, ber meine Hnde hinweg in die
Freiheit. Tnze, Kmpfe, Ritte fhren sie auf, ich vernehme
Pferdegetrampel, hre Kriegsrufe, werde eingehllt vom aufwirbelnden
Nebel flchtender, feindlicher Stmme. Mich ergreift die Sehnsucht
meiner Brder.




                           Die schwere Stunde


                                 Ich wollte ein Schmerzen rege sich
                                 Und strze mich grausam nieder
                                 Und ri mich je an mich!
                                 Und es lege eine Schpferlust
                                 Mich wieder in meine Heimat
                                 Unter der Mutterbrust.

Ein sorglos abgetanes Urteil las ich dieser Tage ber die ungeheure
Schpfung: Die schwere Stunde von Charlotte Berend. Die Wirkung des
Bildes auf den Kritiker hat mich zwar nicht berrascht; viele seiner
kritisierenden Vorfahren verwechselten schon die Erzkraft eines
Kunstwerks mit der entblten Brutalitt. Es gehrt schon ein
Jahrtausendblick dazu, gerade den Wert dieses gottalten Bildes der
Charlotte Berend zu erkennen -- sein Allvatername heit das Gesetz. Ich
hoffe nicht, da die Knstlerin aus Bescheidenheit den kniglichen Namen
flschte. Sie hat ihre Schpfung aus dem Mark aller Farben erschaffen.
Es nahte ihre selige, schwere Stunde selbst. Das Wunder der Inspiration
schlug sie zur Riesin.

Ich sehe zunchst khl und sachlich eine Mutter, die ein Kind zur Welt
bringt. Die weise Frau am Fuende des Bettes wartet hilfebereit. Herr,
gestehen Sie es, und auch Sie, Frau Ehegattin. Sie vermiten den
besorgten Hausvater zwischen dem Spalt der Tre vorsichtig lauschend.
Das wre wenigstens noch gefhlvoll gewesen ... gerade das
Nichtfamilire verleiht dem Bild das Unpersnliche, baut das Werk mit
kosmischen Knochen auf. -- Was soll das kleine Mdchen am Bett der
Mutter? Es ist ja erst zwlf Jahre alt. Es ist vielleicht noch jnger,
und es tat mir wirklich furchtbar leid, wenn beim Betrachten der kleinen
Gegenwart des unschuldigen Wesens, gefhlvollen Damen eine schmerzhafte
Entrstung anging, aber ich sage: die Kleine gehrt zu der ungeheuren
Landschaft des Leibes; auf dem Rand des Lebenskelches sitzt sie, das
schwebende Auge zurckgelehnt, voll Grauen und Wunder gelhmt. Ein
Seraph -- aber gleich wird er seine Lippen ffnen und die ernste Melodie
der Dichtung ber den sich bumenden, felsgeffneten Leib der Mutter
singen. -- Und die Vorsehung, wie man die Wartende am Fuende des Lagers
nennen knnte, wendet die letzte Nchternheit des Vorganges mit einem
Tuch, wie mit einer Wolke ab. -- Eine Heilige htte nicht keuscher
gedichtet, das Problem des Odems gestaltet. Ich habe nie in Wirklichkeit
ein kindtragendes Weib mit solcher Ehrfurcht betrachtet, wie diese
Riesenmutter, von einer Riesin gemalt, auf ihrem Riesenbilde. Sie
hauchte nicht nur ber den lebengeffneten Vorgang die Scham, sie nahm
dem Prangen auch jede Fessel der Sklaverei, die mich anwidert beim
Anblick einer begnadeten Frau.

Charlotte Berend hat ein Historienbild des Naturgesetzes gemalt; es
mte neben Michelangelos Moses im Tempel der Galerien hngen.




                              Peter Hille


                                  Meiner teuren Mutter in Liebe und
                                              Ehrfurcht

Es dauert hchstens zwanzig Minuten, Peter! Er nickte lchelnd -- aber
er verga auch sofort wieder, da er den Kopf nicht hin- und
zurckbiegen durfte, von der Zeitung auf und nieder, und so kam 's, da
ich entweder das rechte oder das linke Auge nicht an seinem Platz oder
die Nase zu lang im Verhltnis zur Stirn zeichnete. Und manchmal nahm er
noch seinen Bleistift und beschrieb andchtig den weien Rand des
Zeitungsblattes.

Du kannst gleich weiterzeichnen, schrecklicher Tyrann du! sagte er und
las mhsam entziffernd sein eigenes Schreiben.

Es waren einige steinige Einflle, die er seinem Myrdin und seiner
Viviane ferner vermachen wollte. Und er zog die groe vergilbte
Papierrolle aus seiner Manteltasche und las von den beiden Menschen, die
lter waren als Adam und Eva, von seinem Menschenpaar Myrdin und
Viviane. Die sprachen eine Sprache, mit der am ersten Schpfungstage
sich Himmel und Erde erzhlten -- -- sie waren mit der Erde zugleich
erschaffen -- gewachsen mit der Erde -- aus der Erde; ja, das fand auch
Peter ...

Da magst du recht haben!

Und er sa, den Kopf herabgesenkt auf den groen Lehnstuhl nahe dem Ofen
in seinem olivenfarbigen Mantel, als ob er die Wrme mit sich nach Hause
nehmen wollte.

                   *       *       *       *       *

Eines Abends klingelte es um halber Mitternacht -- das sah Peter
hnlich. Seine Augen lachten mutwillig wie Knabenaugen, die einen
Streich hinter sich hatten. Der Verleger hat mir Vorschu gegeben --
Tino, toller Kerl, komm mit! Wir sitzen alle in der Weinrebe.

Und Peter sah aus wie ein Bacchus, seine Seele war aufgeblht wie einer
der Weinberge in Alt-Athen. Und wir saen um ihn im Kreise und sangen:
fahrende Schler, wie die Jnger des Weins aus der bacchantischen Szene
seines Werkes Des Platonikers Sohn. Wir waren der Most, der Lenz des
Weines, das Leben, das wildse Auf- und Niederbrausen.

   O Wein, du lieber, dummer Wein,
   Was willst du da im Kerker sein?
   Hervor du rieselnde Sonne,
   Und la die alberne Tonne.

   Weit du denn nicht, du dummer Wein,
   Bin Bruder Lustig, frisch vom Rhein,
   Ein Kenner erlesener Tropfen,
   So la mich nicht harren und klopfen!

Am Morgen in meinem Halbschlaf sah ich Peter; durch seinen langen Bart
guckten blaue und gelbe Weinaugen mutwilliger kleiner Dionysinnen mit
roten Pausbckchen und kecker Faunbuben mit frechen Schwnzchen. Und die
neckten ihn und zupften ihn an seinen langen Kraushaaren, jauchzten und
sprangen um den groen Bacchus, und ein ganz kleines, ngstliches
Bacchschen kroch in seine weite, weite Ohrmuschel. Und wir alle saen
zu seinen Fen, und er erzhlte von seiner Frhjugend, von seinen
vielen Liebchen -- ja, ja, Bacchus mute verliebt sein.

                   *       *       *       *       *

Einmal an einem Wintermorgen kam Hugo, der Landsknecht, wie ihn Peter
seines rauhen Organs und seiner kecken Launen wegen nannte. Kommen Sie
mit, Prinzessin! Peter ist krank, wir wollen ihn besuchen! Und wissen
Sie auch, Hugo, da heute sein Geburtstag ist?

Davon wute er nichts, der Unglubige. Und wir zogen gen Norden, und als
wir durch das Tor seines Hauses traten, lagen vor uns Treppen, zu
besteigen wie knstliche Gebirge aus Brettern. Na, det is man scheene,
dat Se sich bis her verstiegen han -- -- denken Se so wat, er is mir
jestern dot in de Arme jeblieben! ... Und Peters gemtliche Wirtin
drckte mich an ihren Busen, aus dem der dicke Atem jammerte. Und sie
geleitete uns durch die Kche bis an Peters Kammertr, drckte diese
behutsam auf und blickte zunchst vorsichtig durch die Spalte. Nu
kommen Se sachte rin! -- -- Und da lag der Peter wirklich in seinem
Nest halb aufgerichtet: ein kranker grimmiger Geier. Der Kragen seines
Mantels hing wie ein dunkler Fittich ber dem Bettgestell, und einer der
Fe, mit dem Stiefel angetan, scharrte ungeduldig an der senfgelben
tapezierten Wand. Als er uns sah, war es, als ob er uns nach und nach
erst erkannte, und er fuhr durch seinen Bart wie ein reiender
Herbststurm. Setzt euch, wenn ihr Platz findet, ihr Einbrecher, ihr
Strenfriede, setzt euch! Aber nicht allein der Boden, sondern auch das
tausendjhrige Sofa waren begraben unter groen, gelben Papierflocken.
Wir setzten uns auf das kleine Fensterbrett und stellten unsere Fe
sndhaft auf die groen Scke, die, wie wir spter hrten, die
Manuskripte der Dramen Peters enthielten. Du, Peter, ich will dir den
Doktor holen, sagte der Landsknecht besorgt. Oh, und das klang so
lcherlich, und die dicke Wirtin hatte et ooch jewollt, er will aber
nich. Der Doktor soll mir wohl Sonne oder Mairegen fr meinen Katarrh
verschreiben? Und Peter lchelte wieder wie Frhlingsanfang, und auf
einmal begann er laut zu reden: Heute abend mu ich noch ins Theater.
Da fiel seine alte dicke Wirtin vor Schreck auf das tausendjhrige Sofa.
Sie wollen im Thiater jehn, Sie? Na gewi, antwortete Peter und
machte die Bewegung, aus dem Nest zu fliegen. In der Kche seufzte die
Gute und meinte: Na, so ntig hat er det Schreiben doch ooch nich, wo
er bei uns is! Und sie brachte ihm zur Frsorge die dampfende
Hafergrtze und zwei Schmalzstullen ins Zimmer. Und dann sich vor uns
entschuldigend, sagte sie: Er ist so reene wie eene Jungfer, ick seh
schon, wie se ihm spter in de Kirche uffbahren als Heiligen.

                   *       *       *       *       *

Es war ein kalter Nachmittag; der Mond blhte sich auf zwischen seinen
Sternen wie ein goldener Bauch, ein wohlbeleibter Dukatenmillionr.
Peter und ich wanderten wohl schon stundenlang durch die Straen
Berlins, durch die Bleiluftgegenden mit den kahlen, grauen Husern, in
denen der Hunger mit seinen tausenden Kindern wohnt. Und ber dieser
Gegend spazierte behaglich durch das weite Land der Wolken der fette
Mond, der satt an Gold getrunkene Mond. Aber, Tino, ich wute ja gar
nicht, da du ein kleiner Bebel bist. Ja, ich denke an die armen,
blassen Kinder, die nie in die Sonne sehen, und an dich, Peter, an dich,
dem die Welt ihr jubelndstes, tiefstes Spiel schenkte und das Leben eine
Stiefmutter ist. O du Fromme, sagte Peter leise zu mir. Nach einer
Weile blieb er unter einer Laterne stehen, nahm ein kleines schwarzes
Heftchen aus der groen Manteltasche und schrieb.

Das tat er oft, und ich ging gemchlich des Weges weiter.

Wir kamen ber einen groen Platz. Vielleicht gaben die schloartigen
Bauten mit den gegossenen Toren, die eisernen Hter der kniglichen
Grten, Peter den Anla, mir zu erzhlen, da sein Vater der Frst S.
aus Westfalen sei und seine Mutter eine Leibeigene. Ich war gar nicht
verwundert darber, als ich seine schlanken Hnde betrachtete.

Meine Mutter, erzhlte er weiter, war eine stille, blasse Frau. Ich
kann mich kaum an den Ton ihrer Stimme erinnern; aber als ich meine
>Brautseele< dichtete, hrte ich ihr Blut aus meinem Herzen singen,
sanft und dann sehnsuchtswild, wie eine einsame Sptherbstblume. Wir
schwiegen beide lange Zeit, ber Erinnerungen wandelnd, bis es Abend
lutete und die Glocken uns erweckten.

Wir fragten einen Mann, der an uns vorbereilte: Wie kommen wir aus dem
Tiergarten wieder auf die Strae?

Und wir bogen und wendeten uns, bis wir glcklich den Weg wiederfanden.
Sieh, Tino, hier tief im Dickicht habe ich Wochen zugebracht und
Dunkelheiten getrunken! Oh, das waren einzige Gottnchte!

Aber ich sah schmerzlich auf seine eingefallenen Wangen.

                   *       *       *       *       *

Ich ging, meiner Ahnung vertrauend, voraus. Peter studierte indessen
noch die Hausnummern gegenber dem groen Gebude, in das ich eintrat.
Und wirklich, hier wohnte Gerhart Hauptmann. Er kam mir schon im
Treppenflur entgegen, ja, er war es. Herr Hauptmann, ich bringe Ihnen
den Peter Hille lebendig hier; er htte sicherlich wieder die
verabredete Stunde versumt. Sah ihn schon von meinem Fenster aus,
rief Gerhart Hauptmann, er war nmlich schon unten, den Peter selbst
heraufzuholen. Als die beiden kamen, sagte der Herrliche zu Hauptmann,
mir schelmisch zunickend, Dies ist mein Kamerad, Tino nenne ich sie. Es
ist der Name ihres Blutes, die grnrote Ausstrahlung ihrer Seele. Wir
setzten uns, nachdem Hauptmann zrtlich den Mantel von Peter Hilles
Schulter genommen hatte. Auf den Tischen lagen berall Journale, die
meines Propheten Dichtungen enthielten, auch des Platonikers Sohn fehlte
nicht, das wundergroe Schauspiel. Hauptmann schwang es triumphierend in
die Hhe. Und ich hrte lauter Melodien; der Dichter Worte wurden
Lieder. Und Hauptmanns stolzes Gesicht neigte sich seinem hohen Gaste
zu, die Quelle seines Herzens zu erreichen, denn wie aus Leben gehauen
sa Peter Hille in dem weiten, klaren Raum, sein Bart wallte ungeheuer.




                               Karl Kraus


Im Zimmer meiner Mutter hngt an der Wand ein Brief unter Glas im
goldenen Rahmen. Oft stand ich als Kind vor den feinen piettvollen
Buchstaben wie vor Hieroglyphen und dachte mir ein Gesicht dazu, eine
Hand, die diesen wertvollen Brief wohl geschrieben haben knnte. Darum
auch war ich Karl Kraus schon wo begegnet -- -- in meinen Heimatjahren,
beim Betrachten der kostbaren Zeilen unter Glas im goldenen Rahmen. Den
Brief hatte ein Bischof geschrieben an meiner Mutter Mutter, ein
Dichter. Blau und mild waren seine Augen, und sanftbewegt seine schmalen
Lippen und sein Stirnschatz wohlbewahrt, wie bei Karl Kraus; der trgt
frauenhaft das Haar ber die Stirn gekmmt. Und immer empfangen seine
Augen wie des Priesterdichters Augen gastlich den Trumenden. Immer
schenken Karl Kraus' Augen Audienz. Ich sitze so gerne neben ihm, ich
denke dann an die Zeit, da ich den Schreiber des Briefes hinter Glas aus
seinem goldenen Rahmen beschwor. Heute spricht er mit mir. Ich bewundere
die goldgelbe Blume ber seinem Herzen, die er mir mit feierlicher
Hflichkeit berreicht. Ich glaube, sie war bestimmt fr eine blonde
Lady; als sie an unseren Tisch trat, begannen seine Lippen zu spielen.
Karl Kraus kennt die Frauen, er beschaut durch sie zum Denkvertreib die
Welt. Bunte Glser, ob sie fein getnt oder vom einfachsten Farbenblut
sind, behutsam behtend, feiert er die Frau. Verkndet er auch ihre
Schden dem Leser seiner Aphorismen -- wie der wahre Don Juan, der nicht
ohne Frauen leben kann, sie darum hat -- im Grunde aber nur die Eine
sucht. Ich begegne Karl Kraus am liebsten unter kriegsberatenen
Mnnern. Seine dichterische Strategie sind Strophen feinster
Abschtzung. Ein gtiger Pater mit Pranken, ein groer Kater,
gestiefelte Papstfe, die den Ku erwarten. Manchmal nimmt sein Gesicht
die Katzenform eines Dalai-Lama an, dann weht pltzlich eine Khle ber
den Raum -- Allerleifurcht. Die groe chinesische Mauer trennt ihn von
den Anwesenden. Seine chinesische Mauer, ein historisches Wortgemlde,
o, plastischer noch, denn alle seine Werke treten hervor, Reliefs in der
Haut des Vorgangs. Er bohrt Hhlen in den Samt des Vorhangs, der die
Schden verschleiert schwer. Es ist geschmacklos, einen Papst zu hassen,
weil sein Raunen Flsternde strt, weil sein Wetterleuchten
Kerzenflackernden heimleuchtet. Karl Kraus ist ein Papst. Von seiner
Gerechtigkeit bekommt der Salon Frost, die Gesellschaft Unlustseuche.

Ich liebe Karl Kraus, ich liebe diese Ppste, die aus dem Zusammenhang
getreten sind, auf ihrem Stuhl sitzen, ihre abgestreifte Schar, flucht
und sucht sie. -- Mnner und Jnglinge schleichen um seinen Beichtstuhl
und beraten heimlich, wie sie den grandiosen Zynismusschdel zu Zucker
reiben knnen. O, diese Not, heute rot -- -- morgen tot! Unentwendbar
inmitten seiner Werkestadt ragt Karl Kraus ein lebendiges,
berschauendes Denkmal. Er blst die Lufttrme um und hemmt die
Schnellufer, den Kniginnen mit gewinnendem Lcheln den Vortritt
lassend. Er kennt die schwarzen und weien Figuren von frher her von
neuem hin. Mit ruhiger Papsthand klappt er das Schachbrett zusammen, mit
dem die Welt zugenagelt ist.




                                  Loos


Von der Seite betrachtet, erinnert sein Kopf an den Totenschdel eines
Gorillas; wendet mir Loos langsam das Gesicht zu, prfen mich scharf des
Gorillas runde, hellbraune Augen. Die sind gefhrlich, greifen aus einem
andern Denken, aus einem fremden, geschwinden Grund. Die Blicke der
Gste strafen mich fr meinen Ausspruch, Loos selbst aber scheint nichts
gehrt zu haben. Ist er schwerhrig? Auf mich wirkt sein Unvernehmen
geisterhaft, wundersam wund; fr den unverstandenen Sprecher --
unverstndlich. Senkt Loos den Kopf, neigen sich seinem Ohre die Lippen
zu; o, wie sanft er die Lider hngen lt -- man hat ihn dann lieb, die
Lotosseele unter den Gorillen. Schielende, deren Zge etwas Rhrendes
erhalten, und Hinkende, die im verlorenen Gleichgang se
Interessantheit hinschaukeln -- zehnfach tnt Loos das Wort wieder, ruft
man es in ihn hinein. Dann wird er ein reiender Geist, den man im Echo
heraufbeschwor, ein affenbser Knstler, reit er dem die Percke vom
Kopf, setzt ihm den Skalp wieder an, da er mit seiner Person vernarbe.
Ein handgreiflicher Philosoph ist er, dem die Verschnrkelung der
Architektur ein eitler Greuel, ein verwirrtes Knuel ist, den er
rcksichtslos lst. Loos will Ordnung schaffen in den Welten hier unten,
in der Welt, die sich der von sich abstrebende Mensch erschaffen lt
vom Architektenmenschen und nicht hineinpat. Wie viele sitzen und
schwitzen in fremden vier Huten, denn die Wnde unseres Gemaches sollen
unser passendstes Kleid sein, sie sollen die Schrift unseres Atems
tragen. Die Seuche der Einrichtung hat sich schon in die Schlsser der
Frsten begeben, auf Altren liegen stilvolle Decken, und durch die
Tempel der Knstler flutet das elektrische Licht der Birnen aus
neuerfundenen Kelchen. Wollte man mir sogar auf den Rcken meines
Zigeunerkarrens, meines grnen Holzvogels, die sogenannte aufsteigende
Kurve (ich wei gar nicht, was das ist) und langweilige khle Linien
ziehen, die groe Klassikerlinie Weimarer Sptgeburt van de Veldisch
architektiert. Man sehnt sich rein nach dem Buckel. Die Wnde meiner
Rast sind auch die Wnde meiner Last, sind mit mir verwachsen,
aufgewachsen. Meine Behausung gleicht mir auf ein Haar. Darum springe
ich gerne aus meiner Haut mal, am liebsten in das mir vermhlte Zimmer.
Ist sein Bewohner auch meist nicht in seiner Hauptperson anwesend, sein
Heim aber spricht fr ihn. Khlritterblau empfngt mich das
Tapetengesicht; ich setze mich vor den Schreibtisch, vor Rhodopes
farbige Statuette, meines auserwhlten Zimmers heimliche Liebe. ber den
Flgeldeckel kehren Lieder heim und legen sich auf die Tasten --
schlummern und trumen laut; hingezaubert sitzt ja ihr Schpfer auf dem
runden Stuhl und spielt. Ich denke an meine Prinzessinnenzeit ... Wer
salbt meine toten Palste, sie trugen alle die Kronen meiner Vter. --
Ich hasse die Tische, Sthle, Sessel und so weiter, die sich verkuppeln
lieen, mit ihrem Plebejerbesitzer; das sind Mesallianzen, Sessel, deren
Lehne sich beugte immer tiefer ihrem Sitz zu. Ich denke an einen wie ein
Melancholischer. -- Ich helfe dir rumen, Loos, aber wehe dir, wenn ich
nach Wien komme, und du sitzt nicht auf einem australischen Urwaldast
zurckgezogen hinter Gedanken tausendgitterig.




                            Oskar Kokoschka


Wir schreiten sofort durch den groen in den kleinen Zeichensaal, einen
Zwinger von Brinnen, tappischtnzelnde Weibskrper aus einem
altgermanischen Festzuge; Met fliet unter ihren Fellhuten. Mein
Begleiter flchtet in den groen Saal zurck, er ist ein Troubadour; die
Herzogin von Montesqiou Rohan ist lauschender nach seinem Liede als das
Brenweib auf plumpen Knollensohlen. Denn Treibhauswunder sind
Kokoschkas Prinzessinnen, man kann ihre feinen Staub- und Raubfden
zhlen. Blutsaugende Pflanzlichkeiten alle seine atmenden Schpfungen;
ihre erschtternde hnlichkeitswahrheit verschleiert ein Duft, aus
Hflichkeit gewonnen. Warum denke ich pltzlich an Klimt? Er ist
Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflckt, grbt Kokoschka die
Wurzel aus -- wo Klimt den Menschen entfaltet, gedeiht eine Farm
Geschpfe aus Kokoschkas Farben. Ich schaudere vor den rissig gewordenen
spitzen Fangzhnen dort im blulichen Fleisch des Greisenmundes, aber
auf dem Bilde der lachende Italiener zerrt gierig am Genu des
prangenden Lebens. Kokoschka wie Klimt oder Klimt wie Kokoschka sehen
und sen das Tier im Menschen und ernten es nach ihrer Farbe. Liebesmde
lt die Dame den schmeichelnden Leib aus grausamen Trumen zur Erde
gleiten, immer wird sie sanft auf ihren rosenweien Krallen fallen. Das
Gerippe der mnnlichen Hand gegenber dem Frauenbilde ist ein zeitloses
Blatt, seine gewaltige Blume ist des Dalai-Lamas Haupt. Auch den
bekannten Wiener Architekten erkenne ich am Lauschen seiner bsen
Gorillenpupillen und seiner stummen Affengeschwindigkeit wieder, ein
Tanz ohne Musik. Mein Begleiter weist mit einer Troubadourgeste auf
meinen blonden Hamlet; in ironischer Kriegshaltung kmpft Herwarth
Walden gegen den kargen argen Geist. Auf allen Bildern Kokoschkas steht
ein Strahl. Aus der Schwermutfarbe des Bethlehemhimmels reichen zwei
Marienhnde das Kind. Viele Wolken und Sonnen und Welten nahen, Blau
tritt aus Blau. Der Schnee brennt auf seiner Schneelandschaft. Sie ist
ehrwrdig wie eine Jubilumsvergangenheit: Drer, Grnewald.

Oskar Kokoschka ist eine junge Priestergestalt, himmelnd seine
blauerfllten Augen und zgernd und hochmtig. Er berhrt die Menschen
wie Dinge und stellt sie, barmherzige Figrchen, lchelnd auf seine
Hand. Immer sehe ich ihn wie durch eine Lupe, ich glaube, er ist ein
Riese. Breite Schultern ruhen auf seinem schlanken Stamm, seine doppelt
gewlbte Stirn denkt zweifach. Ein schweigender Hindu, erwhlt und
geweiht -- seine Zunge ungelst.




                               Peter Baum


Er versumt den Tag, und die Dunkelheit erreicht er, wenn es zu spt
ist. Aber er trumt noch schnell unter dem verschwindenden Mond. Einmal
kam Peter Baum barhuptig im Januar ins Theater gegangen, drauen waren
15 Grad Zerfahrenheit. Einmal steckte er seine brennende Zigarre in die
Hosentasche, spter meinte Peter Baum -- da es nicht die Kartoffeln auf
dem Feld gegenber wren, aber da seine Lende versenge. Und doch hat
St. Peter Hille einmal gesagt: Peter Baum sei der sensibelste Mensch,
den er je kennen gelernt habe. Peter Baum ist ganz blau. Das heit
bersetzt: Er ist ein Dichter. Sternenpsalme hat er gedichtet fr die
Harfe Davids, fr das Herz Salomos, des Dichterknigs von Juda. Und doch
ist Peter Baum der leibliche Sohn und Erbe des Evangeliums. Seine Vter
waren die Herren von Elberfeld im Wupper-Muckertale. Sie beteten zu
Luther und wachten auf in Sonntagsfrhe beim ersten Schrei des
Kirchenhahns. Manchmal erscheinen sie ihrem Urenkel im Schlafe, weniger
der jdischen Psalme, aber seines abtrnnigen Romans Spuk wegen. Es
ist ein Roman im Kaleidoskop; die Bilder kommen buntartig und schwinden
blendend wie teuflische Spiegel. Ein flackerndes Fleckenspiel hinter
geschlossenen Augen. O, und seine wundervollen Novellen Im alten
Schlo߫ brachte er mir eines Abends; seine groe Tannengestalt erschien
mir noch eine Krone hher, so aufwrts wie der Graf seines Buches, ein
wetternder Weihnachtsbaum, der seinen Schmuck abgeschttelt hat. Die
Wochenschrift Sturm wird Peter Baums neuestes Werk bringen, das spielt
zur Rokokozeit und ist in geblmter Seidensprache geschrieben. Wie tief
seine Dichtungen doch ihn erleben und er sich an ihnen verwandelt!




                              Franz Werfel


   Ein entzckender Schuljunge ist er.
   Lauter Lehrer spuken in seinem Lockenkopf.

   Sein Name ist so mutwillig:
   Franz Werfel.

   Immer schreib' ich ihm glhende Liebesbriefe,
   Die unbeantwortet bleiben.

   Aber wir lieben ihn alle
   Seines zarten, zrtlichen Herzens wegen.

   Sein Herz hat Echo,
   Pocht verwundert.

   Und fromm werden seine Lippen
   Im Gedicht.

   Manches trgt einen staubigen Turban.
   Er ist der Enkel seiner eigenen Verse.

   Doch auf seiner Lippe
   Ist eine Nachtigall gemalt.

   Mein Garten singt,
   Wenn er ihn verlt.

   Immerblau streut seine Stimme
   ber den Weg.




                              S. Lublinski


S. Lublinski ist von Geburt Ostpreue. Er hat mir oft von seiner Heimat
erzhlt: dort sind noch die Wlder so finster und verwachsen wie kleine
Urwlder. Zwischen knolligen Wurzeln und Stmmen ist sein Nest; knollig
ist auch er an Leib und Seele, ein Knollengewchs, aus dem jh eine
leuchtende Blte aufsteigt. Zusammengekauert in seinem Korbstuhl sitzt
er, wie in einem groen Pflanzenkbel, und grbelt, ob er den Entschlu,
den er zunchst erst in einiger Perspektive wohlwollend betrachtet,
wirklich fassen soll oder nicht ... Wir beide haben manchen Abend bei
schweigender Dunkelheit zusammen auf der Veranda des Kaffeehauses
gesessen. Die Gste sehen nach der Richtung unsers Tisches und lachen
ber das Holpern seiner Stimme; jedoch die Kellner, vom allerdicksten
bis zum blawangigen Groom, haben sich schon an die eigentmliche,
stoende Hornsprache S. Lublinskis gewhnt; sie harren aufmerksam seinem
Wink und entreien raubtierartig den lesenden Gsten Journale und
Zeitschriften, die er verlangt. S. Lublinski schiebt seine Brille
vorsichtig hher auf den Nasenrcken -- der kleine Literat und der
phlegmatische Baccalaureus-Referendarius nhern sich unserm Tisch. Mit
auergewhnlicher, liebenswrdiger Handgebrde fordert er die beiden
jugendlichen Opfer auf, sich an unsrer Seite niederzulassen. Ich wei:
S. Lublinski ist in Kampfstimmung, er hat tagsber Aufstze schreiben
mssen, und ihn rgert die Erde mit den vielen Tintenfssern; und ohne
jede Veranlassung, oder auf eine geringfgige Bemerkung hin, berfllt
er den Nachbar -- sein Herz jedoch schlgt Kobolz dazu. Mich
interessiert die Strategie seines Angriffs -- der arme Gegner, der an
den Zorn seiner rollenden Augen glaubt und ihn gutmtig besnftigen
will. Ihn reizt der bequeme Widerstand. Worte werden Kugeln, Bomben
explodieren, der Kampf wird ernst. S. Lublinski schlgt mit der Faust
drhnend auf den Tisch; seine Augen bluten ... Gold hat sein Vater in
der Jugend aus Kanadas Gefilden gegraben ... und die Lust nach
Abenteuern hat sich in S. Lublinski vergeistigt. Aber der Freund kennt
ihn auch im Zelt; er hat seine trumende Stirn gesehen mit dem
poetischen Schneehauch. Und jauchzen mchte S. Lublinski! -- Selten
sehnte sich ein zweiter tiefer nach dem bbischen Lenztag, hinter dem
Horizont auf der blauen Wiese nach dem frhlichen Ringelrangelspiel, wie
er. Aber der groe Ungeschickte frchtet, zu stolpern; und es ist ihm
nichts beschmender, als lcherlich zu wirken -- er wrde eher mit einem
Gnsekiel Verse schreiben. Unschnheit ist S. Lublinskis Kinderkrankheit
... Wie auf gerosteten Geleisen bewegt er sich vorwrts; seine Arme
schleudern beim geringsten Auertaktkommen. So ist auch der Rhythmus
seiner Seele, seiner Novellen und Dramen. Ich wrde jede andre Fassung
fr unecht betrachten ... Aber da steht kein Tor, daran er nicht
rttelt. Ich habe Prinzessin mein neues Buch: >Gescheitert<
mitgebracht ... S. Lublinski beobachtet mich mitrauisch unter seiner
Brille -- er wei, mich interessieren eigentlich nur meine eigenen
Dichtungen; aber ich bitte ihn auf seine stumme Voraussetzung, mir
selbst eine Novelle seines Buches vorzulesen. Er liest die Geschichte
des gehnselten Knaben -- er ffnet seine Seele. Schwerer als jedes
Kind, dessen Eigenart sich abhebt vom Durchschnitt, hat er gelitten --
aber aus der dumpfen, beklemmenden Nacht seiner Leiden recken sich
eiserne, kleine Fuste, grauenhaft verzerrte Fratzen, aus denen klagende
Kinderaugen blicken. Endlich von seinen peinigenden Altersgenossen
befreit, den folgenden Schultag vergessend, fhrt er Kriegsspiele auf,
allein, hinter den Hecken seines Gartens. In Reih und Glied tausend
gehorchende Soldaten --: Vorwrts marsch! Und er an ihrer Spitze, als
Befehlshaber, als Feldherr! Aus kleinen Steinen besteht in Wirklichkeit
das tapfere Heer ...

Wieder angelehnt im Sofapolster, das Buch zugeklappt auf dem Tisch,
beginnt S. Lublinski in zynischster Weise seine Nachteulenhnlichkeit zu
verspotten. Selten sehnte sich ein Zweiter schmerzlicher und unerfllter
nach Liebe wie der da ... Hannibal (eines seiner wuchtigen Dramen), der
schwermtige, schwerwtige Krieger, der erwachsene Feldherr seiner
Spiele hinter den Hecken seines Gartens. Peter Hille sagte einmal: Den
Hannibal hat er aus gerostetem Eisen geschmiedet. Aber nicht minder
hart ist der zweite Akt seines Kniginnendramas: Elisabeth und Essex.
Ich habe oft S. Lublinski durch die durchsichtigen, groblumigen
Gardinen seiner Fenster dichten sehen und hren. Die Kissen fliegen von
den Sesseln, die Beine der Sthle und Tische knaxen, und ein Ertappter
sitzt er nun wieder vor seinem Schreibtisch, die reine Stirn in die Hand
gesttzt. Leise fllt vom Himmel ein feiner Regen -- gesponnenes Weinen
--, mir ist, als ob auch seine Seele weine ... S. Lublinski aber gibt
sich nicht lange weichen Stimmungen hin -- er rafft sich auf: Frau
Thormann, ich will noch fortjehen, ich habe ein wenig Kopfdruck. Aber
Herr Lublinski, bei dem Regen? ... Da ist mir nicht bange; aber ich
frchte, der letzte Akt des Zaren ist mir was in die Breite jejangen
... Frau Thormann, seine hbsche, muntere Wirtin, hat mir mal ganz
vertraulich gesagt: Mucken haben sie ja alle; aber er sieht immer
wieder sein Unrecht ein, das mu man ihm lassen. Und sie wrde mich
wahrscheinlich fr eine Verleumderin halten, wenn ich ihr erzhlen
wrde, da ihr groer Pflegling gestern auf dem Rcken der Sphinx, am
Eingang des Cafs, gesessen hat und den Vorbergehenden, im jubelnden
und schwrzesten Pathos, den Schiller deklamierte: Der See kann sich,
der Landvogt nicht erbarmen! Aber in der Frhe brachte mir die Post
einen Brief von ihm: die gotischen, getrmten Buchstaben seiner Schrift
drohten ber meine erschreckten Augen zu fallen: Prinzessin, ich habe
von meinem Freund, nachdem wir uns von Ihnen gestern abend verabschiedet
hatten, erfahren, da Sie noch immer mit dem Schwtzer nachmittags im
Caf sitzen -- ich fordere Sie zum wiederholten Male auf, den Verkehr
abzubrechen, andernfalls ich meine Freundschaft zurckziehen werde.
Auerdem wei ich, da mein Freund unter Ihrer neuen Akquisition leidet.
S. Lublinski. Noch am selben Tag begegnen wir uns. S. Lublinski will an
mir in zierlichem Bogen vorbeischlrfen -- wir lachen -- ich bemhe
mich, ihm die Schweigsamkeit des Kaukasiers zu beweisen: Ich rieche zu
gerne Steppe, Herr Lublinski; aber Sie wissen doch, nichtsdestoweniger
liebe ich Ihren Freund, den prinzlichen Tondichter; -- und bringen Sie
ihm meine tiefblonde Verehrung. -- S. Lublinski: Scheusal!! --

Alle Passanten haben es gehrt -- bis nach Hause haben mich die
Straenjungen begleitet. S. Lublinski mu sterben! ... Ich trage meinen
siebenlufigen, ungeladenen Revolver unter dem Mantel versteckt, und der
Mond am Himmel ist wie eine brennende Kanonenkugel. Die Mamsell hinter
dem Bufett ruft, als sie mich erblickt, Moloch, den Oberkellner, den
unersttlichen Gtzen (seine Augen sind blanke Taler). Wo ist S., der
Lublinski?! Herr Doktor sind soeben fortgegangen, haben aber fr Sie
einen Brief hinterlassen. Und seine Aussage noch besttigend, weist er
auf den Tisch hin, an dem Herr Doktor zu sitzen pflegt: etliche
Zndhlzer schwimmen, zerbrochen im Wasserbad auf dem Silbertablett ...
Sehr geehrte Frau, ich gebe zu, da ich mich in der Erregung heute
morgen im Ausdruck hinreien lie, und ich sehe es gern ein und bitte
Sie um Entschuldigung; jedoch die Tatsache selbst bleibt trotzdem
unverndert bestehen. S. Lublinski.

Zwei Jahre sind's nun her, als ich vor dem Riesenfenster des
Kaffeehauses sa und S. Lublinski in groen, feierlichen Buchstaben
antwortete:

Sire, ich erklre hiermit unsere freundschaftlichen sowie
diplomatischen Beziehungen fr aufgehoben ...




                              Paul Leppin


Ein groer kantiger Vampirflgel mit Apostelaugen schwebt Paul Leppins
Roman Daniel Jesus vor mir auf. Hier wandelt nicht das Werk auf Fen,
und ich suche nicht nach seiner Erde. Paul Leppins Roman ist eine
Flgelgestalt, Himmel und Hlle schpfen aus ihrem rauschenden Brunnen.
Hat Paul Leppin Daniel Jesus oder hat Daniel Jesus Paul Leppin
erschaffen? Die Vieraugen des groen kantigen Romans sind vom gleichen,
tiefen Wachen. Aber Paul Leppin ist gewachsen, ungekrmmt, eine Linde,
und sein Haar duftet nach dem sanften Blond ihrer Blten, und Daniel
Jesus hat einen Buckel, und unersttlich ist sein fahler Durst. Auf
deine mde Hand, Daniel Jesus, tropft traumleise ein Goldtrpfchen;
Martha Bianca tritt barfu aus dem Herzen durch die Paulpforte. Voll
Sonnenbangen ist Paul Leppin wie der Gipfel goldbedrngt, und er formt
schwermtig aus goldenen Trumen, die bis in die Wolken ragen, bleierne
Buckel. Mit glubiger Gebrde aber schaufelt die Frau des Schusters das
Martyrium von Daniels Jesus Rcken ... Prinzessin, sagt Paul Leppin zu
mir, wir wollen auf einen wilden Ball gehen; wir finden nur
klingelbehangene Tanzbden. Paul Leppin sehnt sich nach der Orgie seines
Romans; die drehte sich hinter Sternenvorzeiten seiner Dichtung,
spttisch hite sie Satan auf Babelhhe, Satan Daniel Jesus, Paul
Leppins Geschpf, von dem er sich lostrumte. Inmitten der Tanzenden
sitzt Daniel Jesus Paul zwischen nackten Eingeweiden, die sich
verwickeln, verknoten nach seinem Szepter. Rasende Weiber taumeln sich
im weichen, pochenden Raume und wachsen zu Lawinen ber lsterne Rcken.
Und auf dem brandigen Haupt der Schusterfrau steht eine Mauer auf, eine
leuchtende Krone, wie die des heiligen Landes -- in ihrem Riesenleib
tanzen alle die blutzerrissenen Leiber und ihre Teufel, wie in einer
weien Hlle; denn Daniel Jesus hat sie erhoben zu seiner Rechten. Es
heit im Buche: Andchtig kt sie seinen Buckel, wie ein Kruzifix.
Paul Leppin, ich gre dich.




                             Richard Dehmel


   Aderla und Transfusion zugleich;
   Blutgabe deinem Herzen geschenkt.

   Ein finsterer Pflanzer ist er,
   Dunkel fllt sein Korn und brllt auf.

   Immer Zickzack durch sein Gesicht,
   Schwarzer Blitz.

   ber ihm steht der Mond doppelt vergrert.




                                Max Brod


Das Volk wird nie nach ihm schreien; er sttigt nicht, er ist berhaupt
nicht zum essen, man kann hchstens eine seiner Hnde streicheln oder
seinen Mund kssen -- er hat einen schchternen Kindermund. Der erzhlt
immer von sich, immer so hbsche Geschichten, die sich am Ende des
Pfades reimen und viele, viele Wege geht er mit den Mdchen in seinen
Gedichten. In Grimms Mrchen ist er gemalt, wie er als Kind aussah, in
Hnsel und Gretel. Ich hatte Max Brod eine Nelke mitgebracht, die trug
er in der Hand, als er in den Saal kam, und ich bildete mir ein, er lese
mir ganz alleine vor inmitten der kniglichen Gemlde; ringsum an den
Wnden: Van Gogh. Ich wei den Namen seines Schauspiels nicht, aus dem
er erzhlte. Aber immer war es die Liebe, die ber seine Lippen kam --
mein Herz ging blau auf unter den vielen lauschenden Herzen. Max Brod
ist ein Liebesdichter. Auch der andere Aufzug seines Schauspiels war ein
Liebesgedicht, ein vielstimmiges, ein streitendes. Ich glaube, man kann
nur Liebesgedichte in Prag schreiben, wo so viele Bgen und Wlle
sind; und lauter graue Figuren treten aus den alten Husern hervor --
die Steingespenster fhren die Herzen bange zusammen. Ich habe manchmal
Sehnsucht nach Prag, schon um mit Max Brod durch die Gewlbe seiner
Heimat zu wandeln, wo die alten Huser wie Mumien stehn, zur Rechten und
Linken.




                              Alfred Kerr


Silvester 1908 bin ich Alfred Kerr begegnet unter knstlichen
Balkansternen, zwischen schleierverhllten Angesichten schner
Haremsfrauen und fezbedeckter Hupter weigekleideter Muselmnner.
Wissen Sie, wer der Beduinenfrst war? (Wir grten uns nach des
Bosporus Zeremoniell und Sitte.) Reien Sie mich nicht immer aus meinen
morgenlndischen Illusionen, antwortete ich meiner Begleiterin. Spter
hrte ich, der Araber mit dem Seidenmantel sei Alfred Kerr gewesen. Am
besten gefallen mir seine Gedichte, sie sind humors und fallen ihm in
die Hand. Aber seine allerschnste Dichtung war ein spanisches Essay;
jedes Wort trug eine Abendrotrose im Haar, jedes Wort war eine Senora,
erhob sich und tanzte.

ber den Kurfrstendamm sehe ich ihn manchmal nach der Kolonie heimwrts
gehen. Dort wohnt Alfred Kerr in einer Villa, die beneidet wird, sonst
pflegt man die meisten Kolonisten ihrer Villa wegen zu beneiden.
Heimlich birgt dieses nachtumheckte Schlchen seinen Dichter. Spt mu
der Kritisierende die Kritik niederschreiben, die sind blaunervig wie er
selbst und duften nach melancholischer Ironie. Wir haben uns beide nur
immer das Schnste gesagt, wir kennen uns nur im Gru. Mich dnkt, er
trumt von Heinrich wie ein einziger Sohn, der sich einen Bruder
wnscht. Er trumt immer von seinem Bruder Heinrich Heine. Bald gleicht
er ihm auf einen Nerv. Alfred Kerr mte durch die Straen von Paris
wandern wie der tote Bruder, mich strt des Lebenden chevaleresker
Mantel, sein abgestubter Hut. Warum denke ich so? -- Morgen lese ich im
Tag seine gedichtete Kritik ber Hauptmanns Premiere.




                         Bei Guy de Maupassant


                             Eine Phantasie

Dir allein will ich mein interessantestes Geheimnis anvertrauen, aber du
mut dies als meine Beichte betrachten und bewahren wie ein
Amtsgeheimnis.

Paris!

Ich stehe an den Trpfeiler eines Magazins gelehnt und weine, als wollte
ich mich in Trnen auflsen. Am Himmel standen schwarze Gewitterwolken,
und der Boulevard war nicht allzu berfllt von Spaziergngern; aber
auch unter den wenigen Menschen, die mich erstaunt betrachteten, litt
ich unsglich. O, _petite_, o, was fehlt Ihnen, Mademoiselle? Sehen Sie
doch, Madame, wie bla die Kleine aussieht, und die groen Augen.

Ich war damals ungefhr sechzehn Jahre alt, und noch in bestndigem
Kontakt mit meinem Gotte. Ich bildete mir nmlich ein, da, als
pltzlich ein furchtbarer Donnerschlag erdrhnte, der liebe Herrgott aus
besonderer Freundschaft zu mir es gewittern liee, ber den Menschen,
inmitten derer ich litt. Die auffllige Kritik ber meine Person, die
sich in diesem lauten Bedauern aussprach, entfachte auch schlielich
meinen Zorn. So hielt ich dafr, da die zwei Passanten, die pltzlich
vor mir haltmachten, kein anderes Motiv leitete, als die Lust zur
Neckerei. Namentlich erbitterte es mich, da der hellugige der beiden
seinem Begleiter zurief: _Mon cher_, sehen Sie doch einmal den kleinen
Teufel! Der groe Herr runzelte die Stirn, dabei murmelte er ein paar
leichte Worte; ich verstand sie wohl, aber ich mchte sie im Interesse
meiner Person lieber verschweigen; wieder fielen groe Regentropfen aus
meinen Augen, dann meinte der dunkle Herr in milderem Ton: Es handelt
sich hier wieder um eine Bettelnovellette, und reichte mir ein
Geldstck hin. Ich war sehr betroffen und konnte mich nicht enthalten zu
rufen: O, Monsieur, ich bin keine Komdiantin und keine Bettlerin. Er
schmte sich und versuchte durch allerhand Reden sich zu entschuldigen.
Pardonnez, Mademoiselle, pardonnez, aber da Sie, wie ich aus Ihrer
Aussprache entnehme, keine Franzsin sind, werden Sie sich schwerlich
eine Vorstellung von der Schauspielkunst unsrer Nichtdamen machen
knnen. Und mchte ich Sie bitten, sich mir anzuvertrauen. Ich bin so
allein, Herr, sagte ich; ich glaube, sonst erwiderte ich nichts mehr,
denn ich war ermattet bis zum Tode. Whrend wir noch beisammen standen,
trat ein dritter zu den beiden und klopfte dem dunklen auf die Schulter:
Na, _mon ami_, schon wieder im Dienste der Frauen? Der Hellugige, den
ich trotz meiner tragischen Stimmung heimlich seiner Schnheit halber
bewunderte, schob seinen Arm in den des hinzukommenden Herrn -- ich
glaube auf ein paar leise gesprochene Worte des Dunklen hin -- und zog
ihn, leise auf ihn einredend, mit sich fort. Dann wandte sich der
Bleibende mir zu, und es war eine eigentmliche Mischung von Erkhnen
und Gte in seinem dunklen Auge, das mich in Furcht jagte und
zu gleicher Zeit mir Mut machte. Hier ist kein Platz fr
Auseinandersetzungen, mein kleines Frulein, und ich bitte Sie, mir zu
folgen. Der energische Ton meines Beschtzers wirkte suggerierend auf
mich, und ich folgte ihm. Er schwieg, bis wir die gegenberliegende
Seite des Boulevards erreicht hatten; dann fate er meine Hand und
sagte, jedes einzelne Wort betonend: Mademoiselle, wenn Sie in mir
einen Freund gewinnen wollen, so frchten Sie sich nicht und vertrauen
Sie mir Ihr Schicksal an. Ich war sehr glcklich ber seine lieben
Worte und atmete auf und wnschte mir nichts sehnlicher im Augenblick,
als seine Hand zu drcken. Wir nahmen Platz im Garten eines Restaurants;
der Fremde bestellte zunchst Bouillon und dann ein Hhnchen, welches er
mir wie einem Baby vorschnitt. Dabei flsterte er mir zu: Grade so ein
kleines Hhnchen wie Sie, Mademoiselle. Dann mute ich ihm meine
Lebensgeschichte erzhlen, wie ich an der Hand Apollos aus meiner Heimat
durchgebrannt bin. Und warum gerade nach Paris, kleiner Robinson?
Zgernd und fast tonlos entgegnete ich: Ich wollte in ein
Meisteratelier. Dann fragte der Fremde: Haben Sie schon an eines
angeklopft? Nein, sagte ich verlegen, ich habe mich mit meinem Gelde
verrechnet und wollte mir erst etwas verdienen, um wenigstens fr einen
Monat die Kosten zu erschwingen. Und was dann? fragte er
nachdrcklich. Ja, dann, hoffe ich, Stipendien zu bekommen. Hierbei
holte ich einen Zettel aus der Tasche, worauf die Adresse jenes
Kleidermagazins stand, in dem ich engagiert war. Mein Beschtzer begann
zu lachen und meinte: Eine Direktrice knnen Sie doch sicher mit Ihrem
schlanken Figrchen nicht abgeben. Aber eine Kostmzeichnerin. Ah,
Sie wollen mit Stilleben Ihre Karriere beginnen. Wir lachten beide. --
Nach einer Weile fragte ich ihn, ich glaube sehr scheu:

Herr, wer sind Sie?

Ich bin ebenfalls ein Kunstjnger.

Maler? fragte ich.

Nein, aber Schriftsteller.

Ich atmete auf in der unklaren Empfindung, mich in verllichen Hnden
zu befinden.

Nun werde ich Ihnen einen Vorschlag machen, kleiner Robinson, zumal ich
Sie nicht Ihrem Schicksal berlassen werde, bis Sie Ihre geschftliche
Angelegenheit geordnet haben. Ich bringe Sie zu einer Freundin, die mir
lieb und teuer ist, zu einer Madame L. T., die wird Sie mit Vergngen
aufnehmen.

Wir erhoben uns.

Allons, Mademoiselle!

Beim Verlassen versuchte ich, meinem Begleiter seine Auslagen
zurckzuerstatten, obgleich dies meine letzte Barschaft war. Ich durfte
die Bitte gar nicht zu Ende sprechen, als er schon den Kopf schttelte:
Aber Mademoiselle, Sie sind mein Gast. -- In der Rue de R. hielt das
Kabriolett vor einem villenartigen Hause. Ein zierliches Mdchen in Rosa
ffnete die Tr und sagte, ohne meinen Begleiter zu Worte kommen zu
lassen, fast vorwurfsvoll: O, Monsieur, Madame hat bis vor einer halben
Stunde auf Sie gewartet, nun ist sie allein in den Bazar gefahren.
Betreten murmelte mein Begleiter: _Mon Dieu_, wie konnte ich das
vergessen! Ich fhlte mich als die Schuldige, dieses mochte der Fremde
empfinden, da er beruhigend sagte: Ich nehme die Schuld auf mich. Ich
hrte ihn leise vor sich hinsagen: Eine liebe Person ist Madame L. T.
Dann wandte er sich wieder zu mir: Nun, ich werde Sie gegen Abend
hinbringen, und Sie werden sie schtzen lernen, wie ich. -- Gefllt
Ihnen mein Heim? fragte Guy de Maupassant, der mir unterwegs endlich
seinen Namen genannt hatte, von dessen Bedeutung ich damals noch keine
Ahnung hatte. Jetzt wollen wir uns ruhig berlegen, was wir zu tun
gedenken. Kommen Sie doch aus Ihrem Winkel hervor und frchten Sie sich
nicht vor mir! Haben Sie auch schon daran gedacht, falls Sie noch Eltern
haben, da die in Besorgnis sein werden, und da ich eigentlich
verpflichtet bin, ihnen Nachricht zukommen zu lassen? Er mochte wohl
meinen Schreck bemerken, denn er fgte schnell hinzu: Nun, wir sind ja
Kollegen, auerdem bin ich kein Moralprediger, und Ihr Unternehmen rge
ich keineswegs, im Gegenteil, es imponiert mir, aber na, diesen Punkt
wollen wir gemeinsam mit Madame L. T. berlegen. Fr den Augenblick bin
ich dafr, da der kleine Robinson von den Strapazen seines Abenteuers
sich etwas ausruht. Ich werde unterdessen ein wenig ausgehen und
frhzeitig wieder erscheinen. Er war fort, und ich allein,
mutterseelenallein im fremden Hause. Zunchst betrachtete ich die
Gegenstnde des Zimmers. Auf dem Schreibtisch standen einige
Photographien, unter denen ich auch den hellugigen Herrn von heute
morgen fand. Zu meiner groen Freude, denn er gefiel mir schon wegen
seiner blonden Locken sehr gut. Dann aber sprte ich die so lange
zurckgehaltene Mdigkeit, legte mich auf eines der Kanapees und deckte
mich mit den Decken zu, die Maupassant fr mich bereitgelegt hatte. Aus
traumlosem Schlaf, wahrscheinlich durch das Gerusch einer aufgehenden
Tr aufgewacht, mute ich meine Gedanken erst mhsam sammeln. Herr
Gott, wo war ich denn eigentlich? Ich eilte ans Fenster, und mir scho
pltzlich angesichts der fremdartigen Uniformen auf der Strae unten der
Gedanke durchs Hirn: Wie kam's doch noch, da ich in Paris bin. Mich
berkam pltzlich die Angst eines Gefangenen, der keinen Ausweg wei.
Herr Gott, wenn nun der fremde, dunkle Mann ein Verbrecher wre? Mir
wurden pltzlich alle Sensationsgeschichten meines Lebens grauenvoll
lebendig. Um mich zu orientieren, um gleichsam die Waffen meines Feindes
kennen zu lernen, ging ich an den Schreibtisch.

Was, Goethe! Nun fhlte ich mich in Sicherheit. Und was mich am
meisten interessierte, da lag ja auch Petfi. Der Dichter, der mir
gefiel in seiner ungarischen Studentenuniform. Ach, Monsieur! rief ich
erstaunt und erschreckt. Maupassant stand nmlich vor mir, ich mute
sein Klopfen berhrt haben. Nun, mein kleiner Robinson, Sie sehen ja
so frisch aus, wie ein Dijonknspchen; jetzt wollen wir weitere
Dispositionen treffen. brigens ffnen Sie einmal die beiden Schachteln,
mit deren Inhalt bald zwei kleine Buben spielen werden. In der einen
Schachtel lagen schonungsvoll Bleisoldaten geschichtet, mit dunklen
Waffenrcken und roten Hosen. In der Mitte der Schachtel aber lag,
umgeben von seinen Getreuen, Napoleon III., hoch zu Ro. Aus der andern
Schachtel glotzten mich porzellanene Froschaugen an, Enten mit gelben
Schnbeln, Reptilien aller Arten -- ein ganzes Aquarium. Ich richtete
die Soldaten parademig. Maupassant hatte whrenddes eine Waschschssel
herbeigeholt, und wir lieen nun die Ungeheuer auf den Fluten, die wir
zu knstlichen Strmen erregten, nach Herzenslust austoben.

Wir, Maupassant und ich, waren auf einmal intim wie zwei Gespielen. Das
fand auch Maupassant. Wir wrden uns, glaube ich, sehr gut vertragen,
sagte er pltzlich und klopfte mir auf die Backe. Dann aber begann er
ernstlich ber meine Situation zu reden. Ich habe eben Erkundigungen
eingezogen ber das Magazin. Der Chef steht keineswegs in gutem Leumund.
Ich rate Ihnen davon ab, dort einzutreten aber vielleicht haben Sie noch
andere Fertigkeiten, die sich verwerten lieen?

Ach ja, Herr Maupassant, ich tanze sehr gut.

So, dann wre ja der Zirkus oder das Ballett gar nicht bel! meinte er
nicht ohne Ironie. Und welcher Tanz wre denn Ihre Spezialitt?

_Danse de ventre._

So? Maupassant lchelte erstaunt. Da mssen Sie mir gleich eine Probe
Ihrer Fertigkeit ablegen.

_Eh bien!_ rufe ich in heller Begeisterung: Sie werden der Pascha
sein, vor dem ich mich mit meinem Kostm produziere. So htten wir
auch das Lokalkolorit, ergnzte er. Ich war indessen schon so
eingebrgert in der gastlichen Wohnung, da ich die Tre ffnete und
Maupassant bat, so lange meine Toilette whrte, zu verschwinden. Eine
golddurchwirkte Decke, die auf einem der Tischchen lag, nahm ich und
wand sie um meine Lenden bis zu den Fen herab. Ich lste meine Haare
und entnahm einer Vase einige Nelken, die ich mir kreuzfrmig um den
Kopf flocht. Ich mu ausgesehen haben wie eine Wilde.

_Entrez, monsieur le Pascha, s'il vous plat._

Maupassant trat ein, auf dem ausdrucksvollen Kopfe einen Fez und um den
Hals eine reiche Mnzenkette, mit majesttischem Ernst nahm er auf einem
zum Thron umdrapierten Sessel wrdig und feierlich Platz, und die
Vorstellung begann.

_Charmant, drle, superbe!_ rief er ein ber das andere Mal, und seine
Wrde vergessend, begann er taktmig den Kopf hin- und herzuwiegen bei
jedem, Kastagnettenschlag markierenden, Schnippen meiner Finger. Die
Nelken aus den Haaren nehmend, kniete ich zum Schlu vor ihm nieder.
Mein Frst und Gebieter, hat deine Prinzessin Gnade vor deinen Augen
gefunden?

Was begehrst du? rief der Pascha mit Pathos.

Deine Freundschaft, Herr. -- Wir fuhren am Abend noch, da Maupassant
sich dagegen strubte, mich in das obskure und fr mich gnzlich
ungeeignete Hotel Maison Bohme zu bringen, in dem ich bei meiner
Ankunft, da es mir wie ein Wahrzeichen erschien, abgestiegen war, zu
Madame L. T. -- Unterwegs bat er mich, ihn zu kssen, da er doch mein
Gespiele sei. Ich war im Begriff, meinen Kopf in die Hhe zu recken und
ihn zu kssen, da ich seinen Wunsch ganz natrlich fand -- doch nein, --
pltzlich senkte ich meinen Kopf wieder in die alte Lage zurck, denn in
diesem Augenblick fiel mir ein, was Maupassant mir gesagt: Ich verachte
die Frauen, weil ich sie ntig habe.

Nun, pltzlich anders gewillt? rief er erstaunt und gekrnkt.

Ah so, meinte er lchelnd. -- -- --

Madame L. T. empfing mich liebenswrdig und kte mich nach
franzsischer Sitte auf beide Wangen. Hier bring' ich Ihnen einen
kleinen Robinson, erklrte Maupassant. Und vor allen Dingen _une belle
fille_, sagte Madame L. T. weiter. Das finde ich keineswegs, warf
Maupassant ein, apart -- ja -- ein Mdchen mit Knabenaugen.

Mit gedmpfter Stimme unterhielten sich die beiden, wahrscheinlich ber
meine Zukunft, hinter der Portiere, und dann empfahl sich mein
Beschtzer, nicht ohne mich nochmals ausdrcklich zu beruhigen: Mein
liebes Frulein, seien Sie unbesorgt, Sie befinden sich in den besten
Hnden! Madame fhrte mich in ein kleines Boudoir, wo wir den Tee
einnahmen. Sie hrte nicht auf mit Liebkosungen; und noch mehr wie meine
Leidensgeschichte interessierte sie mein Renkontre mit Maupassant.

Meine Wangen glhten im Gesprch, und ich machte ihr das Gestndnis, da
Maupassant mir sehr gut gefiele, da er mich habe kssen wollen, was ich
aber stolz abgelehnt. Als ich schwieg, begann die Dame, die whrend
meiner begeisterten Aussprache erblat war, mir klar zu machen in der
delikatesten Weise, da man die Liebe eines Mannes wie Maupassant sich
am besten bewahre durch Zurckhaltung. Und dann verstand sie in
rhrender Weise mich aufmerksam zu machen, wie besorgt meine Angehrigen
nun wohl um mich sein wrden. Sie brachte mich zu Bette wie ein Kind,
und ich konnte nicht unterlassen, meine Arme um sie zu schlingen wie
instinktiv, um ihr Abbitte zu leisten dafr, da ich ihr Schmerzen
bereitet hatte. Ich weinte bitterlich diese Nacht, nicht ohne das
wohltuende Gefhl einer gewissen Hochachtung vor mir selbst -- denn ich
fate den Entschlu, eine heroische Tat zu vollbringen, Paris zu
verlassen -- Maupassant nie wiederzusehen.

Morgens frh klopfte ich an die Tr der Dame und teilte ihr meinen
Entschlu mit, da, falls sie mir das Geld zur Rckreise borgen wolle,
ich Paris verlassen wrde. Ich glaube, im Grunde plagte mich das
Heimweh, das durch das Wort Madame L. T., noch geschrt wurde.

O, meine liebe Madame L. T., nicht wahr, Sie gren Monsieur Maupassant
von mir?




                   Albert Heine -- Herodes V. Aufzug.


   Hinter deiner stolzen, ewigen Wimper gingen wir unter,
   Schwermtige Sterne brannten auf deinem Lide.
   Deine groe Hand beugte das Meer
   Und brach ihm die Perlen vom Grund.

   Die Wste war dein Schild
   In der Schlacht.

   An dich drfen nur Dichter und Dichterinnen denken,
   Mit dir nur Knige und Kniginnen trauern.

   Alle Leiber der Stadt ringeln sich
   Giftig um deinen Leib.

   Deine Schwester bespie den Traumstein deiner Liebe.
   Du, ein beraubter Palast,
   Judas schwankende Sule,
   Vlker bedrohend.

   So arg mag nur ein Schpfer lichtmitten
   Seiner Reiche zerbersten.




                               Karl Vogt


   Der ist aus Gold --
   Wenn er auf die Bhne tritt,
   Leuchtet sie.

   Seine Hand ist ein Szepter,
   Wenn sie Regie fhrt.

   Den Trauerspielen Strindbergs
   Setzt er Kronen auf,

   Aus den Dichtungen Ibsens
   Holt er die schwarzen Perlen all.

   Er kann nur selbst den Knig spielen
   Im Spiel.

   Morgen wird er Knig sein --
   Ich freu' mich.




                              Paul Lindau


Manchmal sitzt Paul Lindau abends im Caf des Westens und freut sich
ber die bunten Jnglinge und zwitschernden Mdchen. Er ist nicht
hochtrabend, er tut mit. Seines Herzens leuchtende Farbe ist nicht
eingetrocknet. Meine Eltern hatten Paul Lindau furchtbar lieb. Er war
Redakteur in der Elberfelder Stadt. Ich habe Paul Lindau eines Tages
gesagt, Herr Doktor, ich bin Else Schler. Da meinte er, er habe meine
Eltern nicht vergessen. Und wenn wir uns nun begegnen, denken wir an ein
Haus am Wupperstrand, darin die Feste ein und aus tanzten. Paul Lindau
hat Temperament, er kann keine Maske anlegen, sie wrde nicht lange
dauern vor seinem Herzen. Er ist ewig jung. Aber auf allen Tischen und
Vorsprngen seiner Gemcher liegen antike Sammlungen, rissige Geschenke
aus allen Erdteilen. Ich mu Paul Lindau aus meinem Leben erzhlen; er
versteht zuzuhren; diamantisch strahlt seine Liebenswrdigkeit. Mutter
und Gromtter, Vater und Urvter hngen eingerahmt in goldenen Rahmen
ber seinem Schreibtisch; er selbst als Knabe blauugig und
rosengelockt. Nicht viel lter war ich, als ich seinen wundervollen
Barmer-Roman las, von seinem alten Pfarroheim und den beiden sen
Kusinen. No leckern ppeln rukt sinne Liebesgeschechte on dat ganze Hus
von sing heelegen Onkel bis bowen op die Rompelkammer, wo die ppels em
Wenter leegen. Ich erinnere ihn an die Sitte. Paul Lindau wei alles
noch ganz genau. Diabolisch sind die schwarzen Tler der Schornsteine --
denkt seine ernste Stirne, aber die Sonne spielt dazu ganz bunt auf
seinen schlanken Hnden.




                           Bei Julius Lieban


Ich bitte Herrn Lieban, mir einen Nachtigallenspa aus seinem Leben zu
erzhlen. Wir sitzen in seinem kleinen Gemach auf gemondeten und
gestreiften Diwans, Herr Lieban, sein Tchterchen Eva und ich. Herr
Lieban erzhlt von Wanderzgen nach dem Sden. Wunderbar ahmt er die
Begeisterung des temperamentvollen Publikums nach; eine ganze Reihe
verschiedener Mienen huschen auf seinem Gesicht vorber. Noch heute
spricht man in Florenz davon, wie er eines Tages angeflogen kam und
gesungen und es hinausgejubelt hat das feurige Lied an die Teure seiner
Heimat: Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben!! Und wieder
zarter einsetzend: Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben ... Und
bei seiner Abreise haben sie auf dem Bahnsteig, auf dem Trittbrett und
im Waggon gestanden. Jedes trug ein leuchtendes Herz am Busen geheftet.
Arivederla, Signor Giulio, arivederla! Ein halbes Kind war er damals
noch, aber Herr Lieban ist noch heute neunzehnjhrig mit seinen kurzen,
schwarzen Ringelrangelrosenlocken und den dunkeln Schalkaugen. --
Mutwillig, sturmwillig ber die weichen Teppiche -- hin und her flattern
die Portieren. Hab' im eigenen Hause keine Ruhe -- hren Sie, da
klingelt's wieder. In diesem Salon unterschreibt Maestro ein
Engagement, in jenem erwarten ihn bittende Lippen. Einige Damen in
Pelz und Federhten sehe ich durch den Perlenvorhang auf
niedlichen Rokokosthlen sitzen. Herr Lieban soll in einer
Wohlttigkeitsvorstellung singen, Herr Lieban kann nicht abschlagen, das
wissen alle schon. Mit zugehaltenen Ohren eilt er pltzlich wieder an
uns vorbei; aus dem Studierzimmer dringen schmerzliche Tne einer
harrenden Schlerin. Sie stimmt ihre Kehliatur, flstert mir
schelmisch Eva ins Ohr. Und Herr Lieban wei gar nicht, was er zuerst
erledigen soll. Klein-Eva und ich sind ganz alleine -- Klein-Eva hat
ebenfalls einen Kobold im Auge sitzen und Goldflatterhaare hat sie; sie
will nicht zur Bhne gehen -- der Vater hat ihr zu viel Schlimmes von
dort erzhlt. Und als Herr Lieban sich uns wieder widmen kann, bitte ich
ihn, auf sein Tchterchen zeigend, mir auch etwas Schlimmes von dort zu
erzhlen. Er nickt einige Male ernsthaft mit dem Kopf, er nickt seinem
Liebling zu; der scheint zu wissen, was seinen Vater so verwundert hat.
Ja, ich kann's nicht verschmerzen, sagt Herr Lieban, genau
fnfundzwanzig Jahre sind's her, ich spielte den Mime in der Premiere
des Siegfried im Berliner Viktoriatheater. Wagner stand hinter der
Bhne, und es geschah, da man mich nach dem zweiten Akte verlangte und
den Schpfer verga. Wagner strmte fort und lie sich am Abend nicht
mehr sehen. Aber das, was ich nicht verschmerzen kann, ist: als wir am
andern Tag den Erfolg des Meisterwerks feierten und wir Mitwirkenden uns
am Eingang des Theatersaals aufgestellt hatten, Wagner unsere Ehrfurcht
in Form einer Gabe zu Fen zu legen, da er da jedem von uns lebhaft
die Hand drckte, an mir vorberschritt, meinen Gru nicht beachtete und
mir zurief: >Sie haben mir ja den gestrigen Abend umgeschmissen.< Sehen
Sie, das habe ich nie verschmerzen knnen, gerade weil er ein
Gottknstler ist. Eva sagt: Vater hat's gedruckt im Buch stehen --
sie springt aus der Tre und holt das vergilbte Buch vom Schreibtisch.
Herr Lieban mu lcheln. Aber seufzend mit der Puppe im Arm begleitet
mich Eva die Treppe hinunter. Durch die Villenallee nach Hause zu lese
ich im Vorbergehen an der Litvassule Julius Liebans Namen. Er singt
heute abend den David, den finsterulkigen Schusterjungen. Den David kann
kein andrer singen. Seine Stimme sind Saiten einer Leier, die einmal an
einem Freudentage ein Gott erschaffen hat. Seine Lieblingslieder
rauschen durch Seidengrten, und mit Silberglocken behangen klingen
seine Schelmengesnge und tragen bunte Tracht. Es ist zum Kssen ...
einer sagt's dem andern unter den groen Lichtsternen entzckt ins Ohr.




                         Friedrich von Schennis


Der Baron ist eine Schpfung aus Genie; er ist bereitet aus Himmel und
Satan, aus Fegefeuernuancen und gottblau. Mein Bruder nannte ihn den
Marquis; ich dachte immer, knnte ich den Marquis sehn. Eines Tages sah
ich den Marquis in gepuderter Percke, in blauem Samtrock, die
Rokokohnde zwischen feinen Spitzen, lustwandeln ber die Wege von
Sanssouci auf seinem Bild in der Nationalgalerie. So berall im Rahmen
atmet er mit seinen Farben vermischt; zwischen ocker und bleu liegt er
auf seiner Palette. Und aus den Rosen des Parkes steigt sein Duft und
die Stirn des Schlosses bescheint seine Andacht. Friedrich von Schennis
ist ein Andchtiger. Noch zwischen losen Frauenlippen und seinem wilden
Zynismus lauscht er nach Gott. Sein Zynismus schluchzt. Der Baron ist
schn, sein Angesicht ist feierlich, immer liegt ein Schleier auf seiner
feinen Haut. Die fltet sich schmerzlich dann, wenn sein Auge die
Wirklichkeit erblickt, die Wirklichkeit ohne Zeremonie. Ich wundere mich
nicht, da er den Philister hat, den Sonntags- und Alltagsphilister,
noch eindringlicher aber empfinde ich seine Verachtung gegen den
freigewordenen Brgersohn, den Studenten der Kunst. Die Kunst kann man
nicht erlernen, nicht wahr, Herr Baron, Herr Marquis, Knig aller
Knige? Ich sitze neben ihm und bin der Prinz von Theben. Und zu seiner
Linken versteht ein Arzt des Rausches die unbekmmerten Launen des
Barons zu beschwichtigen. Aber der Baron liebt das Gaukelspiel des
Herzens. Wir mssen mit ihm Champagner trinken, er will Begleiter zur
Vergessenheit haben. Aber ich wei, der Baron kann nicht vergessen, er
kann wohl trunken, doch nicht betrunken werden. Ich vergiee den
schumenden Luxus, der herrliche Mundschenk zersplittert, mich zu ehren,
meinen glsernen Kelch. Das htte Friedrich der Groe auch in seiner
Fltenlaune getan; der Baron stammt aus der Zeit der Fltenkonzerte. Er
hat kein Alter, er ist wandelbar wie die Zeit, die einmal Lenz und
einmal Herbst zum Zeitvertreib ist. Trgt der Marquis nicht seine
Percke wie auf der Schlolandschaft in der Galerie, so ist sein Haar
aschblond, sein Auge ist aus Merveillieuxseide, und seine Hand bewegt
sich immer wie zum Holen einer Schnen zum Menuett. Seine Freude und
seine Schwermut sind Jnglinge, und darum hat er den Tod und mchte ihn
vergessen im Wein. Sein Esprit erinnert an Voltaire, lauter Blitze, die
treffen und Brnde werden. Wenn der Mond gegangen ist ber den Garten,
dann werden wir auch nach Hause gehn, ich will noch ber Friedrich von
Schennis einen Essay dichten. Seine Bilder sind adlig und blaubltig.
Liszt, der Musikpapst, Wagner und der Groherzog von Weimar sind seine
stolzesten Werke, und die vielen Liebeslandschaften hngen in Nischen
minniglicher Schlsser.




                             Tilla Durieux


Ich wrde fr sie auch im Privatleben das Eboligewand whlen, den
zackigen, weien Kragen, der ihr Angesicht, ein Bukett von Lichtwende
und Herzschatten, wie mit einer Atlasmanschette umgibt. Frau Durieux
spielt im Theater Reinhardts die Eboli; die schlummernde Saitenspielerin
ist auferstanden aus ihrem Sarkophage. Es tut wohl, sie in
prinzelicher Wirklichkeit wiederzusehen, in ihrem eiferschtigen
Herzen zu erleben den Kampf mit der Kabale. Den schnden Verrat an die
Knigin verabreicht sie dem lauernden Pater noch mit traumhaften
Fingerspitzen. Keineswegs hysterisch gehssig -- historisch wie ihr
Kleid wirkt das intrigante Frauenspiel in der Kapelle steinerner Nacht,
an der blutgenagelt Gottes Sohn hngt. Frau Durieux' verzweifelte
Gebrde, nachdem ihre Knigin sie verstt, erinnert an das Gemlde der
benden Magdalene. -- Als ich sie vor einiger Zeit in ihrem Gemach
erwartete, suchte ich unwillkrlich nach der Laute. Da kam mir entgegen
Rhodope, ihre Hnde hingen herab wie Myrthen. Diese himmelweie Syrierin
ist der Glorienschein ihrer Eingebung, das keusche Geschmeide ihrer
Begabung. Beweglich ist die Verwandlungskunst der Frau Durieux, denn wer
vermutet nach der brutlichen, geduldigen Knigin und der verwhnten
Lautenspielerin, Sie in der bitteren Haut der eigensinnigen
Spielverderberin der ltlichen Schwester der Brder im Friedensfest.
Krummrckig zum Fuaufstampfen, hartnckig widersetzend, den Angehrigen
eine giftige Augenweide. -- In Gott der Rache von Schalom Asch spielte
Frau Durieux die junge Kupplerin des Bordells. Ich sehe sie noch keck in
der Mitte des Sofas sich hinflegeln mit der Frechheit einer
freigewordenen Sklavin, mit dem Machtbewutsein, vernichten zu knnen je
nach Berechnung. Das scheuliche Verbrechen ihres frheren Bordellchefs
zappelt auf ihrem Knie, sie lt es kichernd ber ihrem Strumpfband
hngen, sie braucht nur den lockeren Vorhang aufzuheben. Tilla Durieux
spielte skandals hervorragend. Hier nenne ich die Schauspielerin, die
Charakteristik ihres Zivils vergessend, kurzweg Tilla Durieux; aber
wer sie in ihrem Privatgemach je sah, umgeben vom Staat schtzender Tore
und mchtiger Bequemlichkeiten, sie selbst zum Empfang der Gste sich
liebenswrdig ermannend, wird mit mir empfinden, da sie keineswegs eine
Bohmin ist, zu treu dem Einen auerdem, auch da ihr die seelische
Leichtigkeit der Umgebenheit fehlt, und ich nenne sie Frau Durieux
nicht etwa wie man die Spieerin zu nennen pflegt, aber weil sie die
Hofdame der Schauspielerinnen ist; jeder Tag mu ihr d'or-jour sein.
-- Auf dem Sezessionsfest im Februar teilte sich die Menge in zwei
Flittergitter, als sie den Saal betrat. Sie trug ein dunkles
Spitzenkleid und eine hngende Nelke im Haarknoten. Ich fragte den
Rektor in Frhlingserwachen an unserm Tisch, wer die schwarze
Leopardin mit dem Blutstropfen am Nacken sei. Prangende Schlichtheit,
geschmeidiger Charme, in ihrem Herzen blhen feine Nerven schmerzvoll
auf. Aber als es Mitternacht war, tanzte sie, auf einer Perle des Sekts
rollend, mit leuchtenden Augen im bunten Spiele der Masken. Dieses Jahr
gibt es wieder ein Fest; ich hoffe, da Frau Durieux auf Erden weilt,
sie hlt sich nmlich ab und zu mit Vorliebe oben in den Wolken
verborgen, in ihrem Luftballon, und was wird sich Prinz Karneval rgern,
wenn sie ihm nur eine lange Nase machen wird. -- Die Maschen des Netzes,
das den Ballon umhllt, lockerten sich schon einmal. Ein Punkt in der
Ewigkeit kommt man sich im Raume vor, erzhlt Frau Durieux. Sie ist
ohne Furcht und Zaudern. Zwischen Leere und Leere, Vogel sein, nur Atem,
so folge ich in Gedanken den Schilderungen der Luftschifferin in die
Lfte. Da nimmt ihr Terrierhund einen Anlauf aus salonansalongereihter
Ferne, springt mir auf die Schulter, ich falle vor Schreck aus allen
Himmeln.




                               Paul Zech


   Sing Groatvatter woar dat verwunschene Buerlein
   Aus Grimm sinne Mrchens.

   Der Enkelsonn ist ein Dichter.
   Paul Zech schreibt mit der Axt seine Verse.

   Man kann sie in die Hand nehmen,
   So hart sind die.

   Sein Vers wird zum Geschick
   Und zum murrenden Volk.

   Er lt Qualm durch sein Herz dringen:
   Ein dsterer Beter.

   Aber seine Kristallaugen blicken
   Unzhlige Male den Morgen der Welt.




                             Rudolf Blmner


Den Mephisto spielt er jeden Abend, eine Privatvorstellung im
Freundeskreis. Ohne witzelnde Fuspitzenpose -- der Doktor hat Humor,
der im Kranichschritt mit dem Schwermutflgel einherschreitet. Wenn er
nicht kommt, sind wir alle belmmert; die gretchenblondesten
Mdchenkpfe freuen sich, wenn der Mephisto endlich doch kommt. Er
versteht Greisengesichtern lchelnde Jnglingsaugen einzusetzen, wenn er
bei Laune ist und sein Herz mit bersprudelndem Schalkwillen vortrgt.
Wehe aber, wenn er durch die Tre kommt, und sein Hut sitzt schief in
die Stirne gedrckt -- es regnete --, er konnte heute kein Luftbad
nehmen, ein paar Stze von der Galle, mehr hren wir nicht. Aber seine
Galle ist kariert. Nie war ein Hut so mit seinem Kopf verwandt, wie
Doktor Blmners Hut. Der ist ein Mime, durchblutet mit den Eigenarten
seines Trgers. Unter Hunderten wrde ich den Hut des Doktors
herausfinden, namentlich aber dann, wenn der Rand seines Panamas lacht;
er sitzt rund hinten im Genick. Etwas mu der Doktor heut' ausfhren,
ich warte am liebsten mitten im Zimmer, wenn er Klavier spielt, ich kann
dann so mit seinen Spen laufen -- er spielt eine eigenvertonte
Polonse, er fhrt sie an. Seine Finger springen wie ungezogene Jungen
ber die Tasten, schlagen Kobolz, zanken sich; pltzlich steht er
gravittisch auf: Der Schlaf erwartet mich! Aber in Wirklichkeit steht
der Vollmond vor seinem Fenster, hinter dem Ohr einen Federkiel. Der
Doktor mu noch einen Essay schreiben. Seinen Lehrer im
Frhlingserwachen -- wer kann ihn je vergessen und die Grazie des Ricco
in Minna von Barnhelm. Er ist der Aristokrat des groen Schelmenspiels.
Aber auch sehr oft beliebt es dem Doktor, sein ernstes Wesen dem
Publikum zu schenken; es steht ihm am besten; kehrt es ein -- kommt es
hervor aus seinem tiefsten Herzensschatten. In diesem Monat hlt der
Doktor wieder einen Vortrag, es sind die schnsten Abende, goldene
Atrappen mit berraschendem Inhalt. Als er die Geschichte der Schneider
von Keller vorlas, glaubte ich die drei bis zum Schlu verschwinden zu
sehn aus dem Saal. Er machte nmlich auch ein Gesicht, als ob sie ihm
weggelaufen wren. In seinem feinen Profil ist seine schne Nase
tragisch geschnitten nach Gemmenart. Das Leben fllt gelassen vor ihm.




                             William Wauer


Als das Caf Kutschera noch seinen adligen Namen Sezession trug, hielt
in dem oberen Raum des Cafs William Wauer einen Vortrag ber
Theaterkunst. Ein junger Schauspieleleve nahm mich mit herauf; viele
Eleven und Elevinnen schritten vor mir in den Saal der grauen
Sammetsofas und Sessel; ich war die einzige unter den Zuhrern, die
Wauer noch nie gesehen und doch ihn sich genau so vorgestellt hatte mit
der eigenartig schmerzlichen Sicherheit in den Augen und in den
Gebrden. Ein groer Geiger, der nicht die gttliche Geige findet. Ein
groer Dirigent -- ist nicht sein Vortrag ein Zusammenspiel vielerhand
Instrumente gewesen. Lebendige Violinen, seine Schauspieler; er mag
nicht die erste Violine zwischen ihnen, die den Ton angibt, kein Genie,
das sich abtnt, hervortnt von den anderen Tnen. Das Zusammenspiel
seiner Leute, eine Genieleistung soll sie sich heben aus der Fertigkeit
seiner Hand. Als das knstlerische Theater aus Moskau in Berlin
gastierte, gedachte ich der Worte William Wauers. Der Zar bis zum Onkel
Wanja und die Frauen all, glichen seinen Idealgeschpfen. Wandelnde
Tne, schreitende Melodien, unbezahlbare Instrumente mit tausendtiefem
Ton. Aus Spiellden und Kotillongeschften liefert man William Wauer,
Spageigen, Trompeten, Krikhs: Dilettanten und Tantinnen. Sie essen
ihre Rolle, um sie ganz im Leib zu haben. Sie mu ihnen auf den Leib
passen. Aber der Schauspieler soll den Duft seiner Rolle einatmen. ber
solch trunkene Seele zu streichen mit seinem Bogen. -- Seine Regie steht
auf Fen, das Milieu gleicht dem Bewohner des Schauspiels. Erster
Aufzug: Veranda, von Sulen umstanden. Zweiter Aufzug: Wohnzimmer der
grflichen Familie. Man kann sich gar kein anderes Innere vorstellen
nach dem Wuchs der Villa. William Wauers Regie ist anatomisch. Sein Blut
mchte flieen durch die Adern seiner Schauspieler wie ein Strom durch
das Spiel. Das soll keimen und aufgehen aus seiner Gestalt in vielen
Gestalten. Kein Asiate ist er, dem die Tragdie nur eine einzige
Kriegsgebrde wird. Er meint, zu den Wilden gehre ich, und mit der
eigenartig schmerzlichen Sicherheit im Auge betrachtet er mich wie ein
fremdes Instrument aus Bambus.




                 Wauer-Walden via Mnchen und so weiter


O, wie wohl ist mir im Herzen zwischen den vielen scherzenden Herzen;
alle sind bunt und brennen, aber mein Herz ist blau und glht. Am Morgen
hnge ich es an einen sorglosen Blumenbaum und lasse es zwitschern. Wie
ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden Schler aus St. Peter
Hilles Platonikers Sohn. Im Tanzschritt ziehen wir durch das Grn der
Stadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die Straen und Pltze duften
noch nach Marienbalsam der Dome. Wir schweben, wir kennen die Snde
nicht, an der Welt vorbei, mit Mnchen der Sdstadt Deutschlands im
Arme. Ich mu Mnchen immer kssen, schon, weil ich Berlin hinter mir
habe; wie von einer langweiligen Kokotte geschieden fhle ich mich.
Meine Freunde spielen Harmonika, wir ziehen an Schaufenstern
piettvoller Lden vorbei; Meisterbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen
aus den Grbern der Bibelfrsten und berall die blauen
Knig-Ludwig-Augen! Eine alte Riesenkommode ist Mnchen aus einem
bayrischen Alpenknochen gehauen. Man kann so andchtig kramen in Mnchen
und ausruhen auf gepolsterten Erinnerungen. Hier freut man sich seiner
selbst, man findet sich in seinem glcklichsten Augenblick oben auf dem
Berge der Stadt. Im Vorbeischreiten an den Grten Obersendlings,
flchtet vor mir das prahlerische Huserregiment Berlins. Es steigt die
Erde, ich sitze auf ihrem Rcken in einem der Schlsser. Ich bleibe hier
fr ewig! Man sagt das so leicht. Ein Paradies ist Mnchen, aus dem man
nicht vertrieben wird, aber Berlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt;
der ihn zum Labsal benutzt, hngt sein Herz engherzig als Schlo davor.
Ich soll mich so ganz erholen in der bayerischen Hauptstadt. Gibt's auch
Cafs hier? Da winkt schon eins von ferne. Sei mir gegrt, oder wie der
Bayer sagt Gott gr dich, Caf Bauer! Von einem Altan herab ladet es
den Vorbeiwandelnden einzutreten, manchmal sogar holt der luftschpfende
Ober den Gast in sein Kaffeehaus nach sdlicher Sitte. Ich stelle eine
gewisse hnlichkeit zwischen dem Caf Bauer mit unserem Caf des Westens
fest, unserer nchtlichen Heimat, (grinst nur verfluchte Somaliphilister
und Sudanproleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, unserem Zelt,
darin wir ausruhen nach dem alltglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau
Wirtin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns der Brger schlug.
Vom Oberober bis zum Unterunter passen die sich dem Rhythmus der Gste
an. Herr Rattke hat wieder ein neues Buch geschrieben in Trochen ber
Servieren, verrt mir Richard, der Zeitungsverweser, der
Journaltruchse. Er liest mir mit Pathos mein Gedicht im Sturm vor ber
Mnchen; ich beginne zu seufzen. Was fangen nun die spielenden Straen
dort ohne mich an und die vielen gaukelnden Herzen? Da die gesund
bleiben, dafr sorgen die rzte, namentlich der unvergleichliche Doktor
Arthur Ludwig. Alle seine Patienten kommen, weil er der
unvergleichlichste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschlagenen Zeit in
die Sprechstunde, wegen der sen Speisen und der Marmeladen, die zum
Mittag aufgetragen werden von seiner emsigen, lieben Haushlterin. Und
die bettlosen Patienten und Freunde nahen gewhnlich mit dem Dietrich
und der Zahnbrste im Gewande, sie kommen vom Rande ihres Lebens und der
Doktor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in seinem Sprechzimmer, zu
sehen ist: Frulein Haushlterin, besorge fr den Fremdling nun eine
Lagerstatt. Er ist direkt ein Engel. Ein starkfhlender, intelligenter
Engel, betont ein Kollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der dichtende
Arzt in Mnchen.

Wir gehen alle in den Simplizissimus, in Kati Kobus' berhmte
Knstlerkneipe. Heute kommen die Kegler! Ich meine die Leute vom
Kegelabend. Ludwig Scharf trgt mit starkem Ton seine Verse vor, jedes
Wort ist an das andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine diabolische
Arabeske. Dazwischen tnt die fahrende Stimme des Gitarrespielers und
die liebenswrdigen, drolligen Bemerkungen Max Halbes; er gefllt mir
sehr. Und all die kleinen summenden Mdchen mit den braunen und
blonden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die Kati Kobus, die
Simplizissimusherrscherin mit dem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die
Herzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer so zu unterscheiden
vermag wie sie! Eine Juwelierin, wer so das Angesicht auf sein
Geistkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem Nachtgarten, wo das
Lachen blht zwischen Bilderhecken, tut mir besonders weh. Frau
Helene, sage ich mich ermannend eines Morgens zu meiner Wirtin, es mu
geschieden sein!!! Berlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die Stufen
des Kleinen Theaters hinan zur Generalprobe der Vier Toten der Fiametta.
Morgen zur selbigen Stunde werde ich Jacobsohn wiedersehen -- ich werde
Jacobsohn wiedersehen!

Direktor Wauer fundiert noch seinen letzten Futapfen, er legt so das
Schreiten und die Gebrden der Spielenden fest. Fest und sicher bewegt
sich nun das ungeheure Pantomimendrama und ballt sich wieder zur
Einheit. So wohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein berflssiges
Zureichen allerleigrauen fhren des Schneiders (William Wauer) Klauen
die Schneidernadel unentwegt. Grandios ist die Bewegung seines Mundes,
die nicht ein stummes Reden, aber ein drohendes Auftun seines Gesichtes
bedeutet. In groen teuflischen Zeichen nicht minder, wie ihr Direktor,
spielt Rosa Valetti, die Schneidersfrau, und rotangefllt, ein
Blutbezechter, ein wankender Br, tappt der Lasttrger (Guido Herzfeld)
auf den Ruf der verzweifelten Fiametta ber die Stufen der Treppe, in
das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Gemlde, das im Anschaun mit dem
Krper des Bewunderers verwchst. Und die ungeheure Last Trauerspiel,
rollt sich auf einer Musik _aufwrts_ hochmtig ber die Leiche
verdutzter hhnender Kritik. Herwarth Walden, ein Hodler der Musik, der
alles Sliche zerreit im Siegeskrampf und Kampf. Morgen ist die
Premiere der Vier Toten der Fiametta, ich werde Jacobsohn wiedersehen
--, ich werde den kleinen Jacobsohn wiedersehen! Wer kommt noch mit ins
Caf?




                              Emmy Destinn


Ich schrieb ihr am Schlu meines Briefes: Semiramis, hinter den dsteren
Gngen deines Palastes vermute ich hngende Grten. Worauf sie ans Ende
ihrer Zeilen setzte: Meine liebe Dichterin, meine Grten sind diesen
Abend wilde, verschwiegene Schluchten, kommen Sie und hren Sie mich die
Carmen singen. --

Manchmal versteckte ich den Kopf in das Sammetgehang der Loge, den
dunklen Strom ihrer Stimme einsam ber mich rauschen, tanzen zu hren
ber ppige Pfade heier Lippen liebentlang. --

Der Soldat Don Jos sitzt abseits der Ausgelassenen und schmiedet seine
zerrissene Sbelkette; versunken in Mutter, Heimat und Liebchen, dem
frischen blonden Blmchen der treuherzigen Provence. Aber da steht sie
hoch auf der Brcke, lauernd, hungrig -- o, du gewaltige Carmen-Katze!
Den Oberkrper weit nach vorwrts gestreckt, schleicht sie
bestienmajesttisch ber die Treppe, die zu ihrem Opfer fhrt. Es
durchgreift den Soldaten eine peinigende Unruhe, er vertieft sich
gewaltsam in seine Arbeit, aber seine Finger zittern vor ngstlicher
Wollust. Ei, du ser Kettenschmied! Und ein Strau greller Rosen
fllt zu seinen Fen nieder. Die lockende Schwere ihres Liedes ergreift
ihn, es berauscht ihn der singende Duft ihres Blutes. --

Und dann Carmens grausames Begegnen mit Don Joss Liebchen, Carmens zum
Sieg gerstetes Entgegenziehn der fremden Rasse, aus der sie ihr Opfer
geraubt hat, das sie lieben und peinigen mu und zerstren wird. Sieh,
ich nehme dich, ich verschlinge dich! Und ihr Gesang und Spiel bekommen
Tatzen, die den Geliebten umkrallen, den Kampf seines Soldatenherzens
zerreien und ihn ihr zu eigen machen. Bravissimo, Carmen -- Emmy
Destinn!

Und nun das Schwrzerwerden ihrer Stimme vor dem verstoenen, verhhnten
Geliebten, die trbe Todesangst, die sie betastet. Und leise klingt die
Hochzeitsmusik, beben die Zaubertne, die den Soldaten gelockt haben in
die Netze ihrer furchtbaren Seele. Carmen! Todwund heben sich die Lider
ihrer bebenden Pupillen -- ihr Sprung miglckt. Feierlich singt das
Cello und flehentlich die Geigen. Drauen wartet Escamillo. Carmen
zerreit ihre Haut aus Hochzeitsseide und veratmet, noch ehe Don Jos
ihr treuloses Katzenherz durchsticht. Bla werden die Klnge in der
Ferne.

   Die Lieb, die von Zigeunern stammt,
   Fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht.
   Liebst du mich nicht, bin ich entflammt,
   Und lieb ich dich, nimm dich in acht!

Als ich am Tage nach der Vorstellung Emmy Destinn besuchte, sa sie auf
ihrer Bank von Gold aufrecht, den Kopf dster gesenkt, wie die Blte
einer Pharaonenblume. Sie trug ein Kleid aus bunten Farben der Gewnder
assyrischer Kniginnen. In ihren Ohren hingen Gehnge von
durchsichtigen, gelben Steinen. Habe ich Ihnen gestern gefallen?
fragte sie mich. Und ehe ich antworten konnte, pochte es leise an die
Tr -- mit einer Tasse sen Duftes trat eine ltere Frau ins Gemach und
flsterte ihrer Knigin mit besorgtem Augenrollen und Kopfschtteln
einiges ins Ohr. Als sie drauen war, sagte Semiramis zu mir: Sie war
meine Amme und ist noch immer um ihr herangewachsenes Baby in
Besorgnis.

Wir setzten uns an ein kleines Rosenholztischchen. Vor dem Fenster
dmmert es schon, aber Emmy Destinn mchte vom Morgen trinken, immerzu
spielen; in ihrem Gesicht scheinen pltzlich ganz hell die beiden
groen, braunen Monde. Komm, wir wollen um die Rosenholztische Fangen
spielen!

An der Wand, mir gegenber, hngen die verschiedenartigsten Instrumente,
wohl an zehn Geigen. Und der Flgel dort, ist der Flgel Webers
gewesen, erzhlte sie lebhaft. Und sehen Sie sich auch einmal diese
Bildergalerie dort an; ich habe eine mchtige Verehrung fr Napoleon den
Ersten. In jedem Lebensalter hngen Bildnisse des ehernen Kaisers von
Frankreich da, Briefe in zrtlichen Rahmen, Waffen, die er geschwungen
hat, umzunt mit Lorbeeren. --

Katzen, Hunde, Hasen, Hhne, Puten von leuchtendem weien Porzellan,
venetianische Vasen, vielarmige Leuchter stehen auf stolzen Sulen und
Elfenbeintischchen. Da seh' ich mich zu meinem Leidwesen drei, vier,
fnf, immer noch mehrere Male in groen Spiegelwnden. Die schne
Knigin hat, ohne da ich es bemerkte, die Tren ihres weiten Paradieses
geffnet: blhende Seltenheiten und Seide.

Besuchen Sie mich bald wieder, sagte sie; ein Lcheln in den
tausendjhrigen Augen.




                           Franziska Schultz


In Berlin gibt es eine Fraue, die die Schmerzen Marias leidet, sieben
Schwerter im Herzen; und die doch gnadenreich herablchelt auf die Armen
und Kranken. Jeder Mensch, der sich ihr nhert, ist ihr Jesuskind. Einen
Tempel msse man um diese Mutter bauen, einen Garten pflanzen, der ihr
blhender Mantel sei. Ich kann mich nicht der Fraue nahen, ohne ihr
meine Andacht zu bringen. Verirrte Magdalenen treten durch ihres Hauses
Pforte ein und rasten; ruhen aus und besinnen sich unter der Liebe ihres
Mutterdachs. Franziska Schultz ist die Mutter des Mutterschutzes. Man
knnte fast das gefallene Mdchen ihrer Patronin wegen beneiden. Mit
frsorglicher Liebe lullt die hchste Fraue der Gnade die verstoene
Mutter und ihr pochendes Spielzeug mit ihren beiden Armen zrtlich ein.
Kein Vorwurf trifft die Tragende, ihres Kindes wegen, das noch auf
seinem rechtmigen, heiligen Muttererbe blht. Alle Mtter aber lieben
die Eine.

Eine Dame, die den Glanz irdischer Glnze ausdrehte und durch die dunkle
Strae schreitet, wo das Elend wuchert. Nun wohnen keine verwhnten
Gste mehr in ihrem Hause, aber solche, die ein Herz voll Liebe
beanspruchen. Tragende und Beladene treten durch ihres Herzens geffnete
Pforte ein. Maria!




                             Kete Parsenow


Die Venus von Siam, ist die Kete Parsenow. Feingebogene Dolche sind ihre
Augen, wie die der Gttinnen in goldenen Tempeln.

Peter Altenberg gab vor einigen Jahren eine Zeitschrift heraus, auf
jeder Seite stand sie in blonden Farben. Die Kete Parsenow spielte
damals in Wien am Theater; nun wird sie hier spielen, und doch sollte
solche Schnheit verborgen bleiben, im heiligen Haus zwischen
geopferten, schweigenden Blumen. Im Sommer begeisterte sie hier als
Ophelia die Zuhrer. Blutschwarz sank Hamlets Kopf in den Schnee ihres
Schoes. Immer wird sie die Jungfrau der Schauspielerinnen bleiben; sie
ist unbetastete Skulptur. Einmal legte sich vor ihr nieder eine weie
Steppenhndin und wurde ihr hnlich. Als sie vom Strauch eine Rose
pflckte, blhte die hher in ihrer Hand. Sie ist selbst ein Wunder. In
der Frau vom Meere erschrak sie vor dem berschwang ihres Herzens. Und
Ibsen, was htte er gesagt, wenn er der Kete Parsenow begegnet wre,
seiner Generalstochter Hedda Gabler. Kete Parsenow ist sich ebenbrtig,
sie ist ebenso schn wie groherzig. Elfenbein ist ihre Haut; immer
singt ihr Gesicht. Einmal wurden die Sicheln der Venus zu Monden, als
sie bse war. Ich sah die Venus von Siam lcheln, ich sah die Venus von
Siam sterben.




                                  Ruth


Sie mte eine Patronesse haben -- etwa die Kaiserin von Island oder
eine reiche Eskimotochter; vielleicht wird es eine Inger auf strot
sein. Ruth ist eine Tragdin. Schon seit zwei Jahren spielt sie mit
Vorliebe Partien aus Ibsens Werken. Ihre Dreijahrrmchen heben sich
zrnend zum Himmel: Gtter! Ich habe Ruth nie lachen sehn und auch
weinen nicht, wie andere Kinder. Ruth lacht mit Vorsicht, pltzlich hlt
ihr Gesichtchen wie eine kleine Sonne zu leuchten inne -- und weinen tut
Ruth, um wieder zu lachen. Und am Abend dauert es eine Weile bis sie
einschlft, gerne lt sie einen schmalen Guckspalt offen fr den
Morgen, ob auf der Heizung ein Schokoladenkakes liegt, von einem
verkleideten Onkel als Nikolas oder einer Zuckerhuschentante gespendet.
Ruth gastierte zum erstenmal im Vorgarten des Cafs des Westens, sie war
damals zwei Jahre alt und trug ein weies Kleid ber glnzendem Stoff
von der Farbe ihres Mndchens, das auf einmal zum Mund wurde, wie
gehext, strenge Furchen zog; ich erschrak. Und noch dazu der finstere
Ibsenblick, der mich furchtbar einschchterte. Immer tiefer sank Ruths
Lockenkpfchen auf die Strohrhre herab, die vor ihm im Glase steckte:
So tinkt >Er< Limonade. Er hngt im mchtigen Rahmen im Zimmer ihrer
Muttertragdin (Be Brenk) und immer steht Ruth vor seinem Angesicht und
besieht es sich, ob es auch noch so macht wie sie. In Klein-Ruth
schlgt das groe Ibsenherz, und als Ibsen sein Puppenheim schuf, pochte
sicher ein kleines Anhngsel an seinem schweren Schlag, ein
Goldherzchen, in dessen Mitte ein himmelblaues Perlchen rauschte. Ruth
springt vom Stuhl, tanzt in ihren niedlichen Goldkferstiefelchen, die
Rcke nach unten geglttet -- nun hat sie ein langes Kleid an. Sie tanzt
einen herablassenden, zurckhaltenden Tanz; da, als ob ein Sausevogel
durch ihren Kopf fliegt -- fort will ihre kleine Seele -- ihre Beinchen
sind ganz nackt; ber Sthle und Tische hinweg -- Ruth, Ruth! Ich
glaube, sie sitzt oben auf dem Ast des jungen Baumes vor dem Cafhaus.
Was soll man dazu sagen -- Genie? Fort mit dieser alten Denkmalhlle,
sie tut dem Kind weh, aber in ein Wunder wollen wir die wundervolle,
kleine Ruth kleiden; in einem goldenen Bettchen soll Ruth schlafen und
von einem goldenen Tellerchen und mit einem goldenen Lffelchen essen
und auf dem Becher, aus dem Ruth frder trinken soll, steht in
Goldbuchstaben geschrieben: Ruth. Sie schttelt den Kopf wie eine
Herrscherin, ich glaube, sie ist beleidigt, nicht um der vielen goldenen
Sachen wegen, der Ober hat ihr Zucker schenken wollen; sie gleitet
schwerfllig vom Stuhl, streckt den Leib wie eine Kugel vor, ihr
Engelsgesichtchen bekommt Runzeln -- dicke Frau is satt.




                               Unser Caf


                   Ein offener Brief an _Paul Block_

Sire, Sie mchten etwas aus unserem Caf wissen, aber unser Caf ist
schon seit ungefhr Pfingsten nicht mehr unser Caf. Gestern las ich in
einer Chicagoer Zeitung, die mir meine Schwester aus Amerika sandte,
schwarz auf wei, warum unser Caf nicht mehr unser Caf ist, bitte
hren Sie, Sire. Frher war das Stelldichein all dieser Radikalen das
Caf Grenwahn. Aber eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else
Lasker-Schler, die zu diesem Kreise gehrt, das Lokal, weil sie nicht
genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt,
berhaupt noch eine Dichterin? Sie empfand das mit Recht als eine
unerhrte Beleidigung, als schimpfliches Mitrauen gegenber ihrer
dichterhaften Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verlieen sie
emprt das Lokal.

Ob das alles nun wortgetreu wiedergegeben ist, -- jedenfalls begab sich
die Schreckenstat an einem Sonntag, meine Seele wurde Werktag, bumte
sich auf und sehnte sich nach Revolution. Kein Vers, keine Stimmung,
kein Pathos, nicht der schumendste berschwang hatte unsere
Gemeinschaftlichkeit so fdenverstrickt zusammengerollt, wie diese
unerhrte Begebenheit; Herr Caf-des-Westens hatte mir, uns allen, das
Betreten seines Cafs ein fr allemal untersagt. Ungeheuer! Allerdings,
wenn ich auch nichts verzehrt htte. Aber dem war nicht so, ich war
gerade im Begriff, meine zweite Bestellung zu entrichten, Schokolade mit
Sieb (da ich die Haut nicht mag), als Herr Caf-des-Westens aus einer
Ecke auf mich Lesende losstrmte und rief, es geht nicht, da Sie hier
sitzen bleiben, ohne etwas zu verzehren!!! Neben mir sa mein
Reichskanzler Bisam O. Er ist feig, aber seine rosa Haare standen Hgel,
wurden brandrot und sprhten Feuer. Dann kamen hintereinander meine
verehrten Freunde, die Paschas, und die Schlacht begann.

Soll ich Ihnen nun noch ber die frheren Ereignisse dieses Cafs
erzhlen oder gengt es, wenn ich Ihnen sage, Sire, da wir dort die
schnsten Abende, namentlich zu Zeiten Lublinskis, erlebten; den haben
wir alle kolossal verehrt, und er lachte selbst herzhaft, wenn ihn der
Blmmner nachahmte. Unser Zorn liegt nun ber dem Caf des Westens wie
ber einem verlorenen Paradies, in dem wir nicht sndigten, aber das an
uns sndigte. Als wir auf der Strae standen, gedachten wir mit Wehmut
des Grnders unseres verlorenen Cafs. Herr Rocco hatte es sich als
besondere Freude angerechnet, da wir Knstler in seinen Rumen
verkehrten; wir Knstler haben sozusagen das Caf des Westens mit auf
die Welt gebracht, wir Knstler haben ihm das erste Feierkleid
geschenkt, wir Knstler haben es zur Knigin aller Cafs erhoben! Einer
von uns hielt diese Rede in die Nacht hinaus, ich glaube, ich war's, und
den Chor gaben meine tiefergriffenen Kameraden und Kameradinnen.
Allerdings war Rocco kein Br, noch nicht einmal ein Tanzbr,
keinesfalls ein Brummbr. -- -- --

Nur einmal in der Woche treffen wir uns nun im Caf Josty am Zoo, wir
wollen keine Kaffern mehr sein. Auf einer Erhhung sitzen wir an zwei
Tischen, und Sonnabend halten wir Geheimsitzung. (Unter Diskretion
bitte.) Wir wollen Herrn Caf-des-Westens zwingen, sich zu entleiben,
ich schlage vor, mit dem Caflffel. Bitte, hochverehrter Sire, kommen
Sie doch unverhofft einmal, aber machen Sie sich keine Illusionen. Wir
sind ganz leise und flstern, scheint's, nur so von Mund zu Mund, lauter
Spielereien. Wre doch einmal nur einer grenwahnsinnig. Hysterisch
sind nur Dilettanten. Manchmal aber reit einer unseres Stamms
schnaubend die Tre des Cafs Josty um Mitternacht auf, den Tubutsch im
Gewande. Doch unsere grte berraschung bleibt, wenn unser Snger
kommt, der Dresdener Hofopernsnger Franz Lindner. Aus der Liedertafel
holte ihn mein Heimatfreund Paul Zech. Noch sitzt berflieender Tenor
in seiner Kehle, er mu uns den Rest weich ber den Tisch herber
singen. Dann kommt eine innige Freude des Beisammenseins ber uns, denn
wir Knstler sind Kinder.




                               Marie Bhm


Ecke Franzsische und Charlotten-Strae lachen aus einem der Glasksten
schne, weie Zhne, zwischen frischen Lippen in Mdchengesichtern.
Manche von den jungen Schauspielerinnen offenbaren ihre ureigene
Begabung, denn ihre Perlmutterhecken sind gar nicht erschaffen, am Abend
hinter zuckenden Lippen versteckt zu schimmern. ber dem Atelier von
Marie Bhm scheint auch der Himmel zu heiter; die wundervolle
Photographin kann nicht genug Vorhnge ber die Sonne ziehen, die macht
immerfort ein freundliches Gesicht. Marie Bhm ist die Eigentmerin des
kunstphotographischen Ateliers Becker und Maa. Man kann sich ohne
Gefahr vor Entstellung vor ihren Apparat begeben. Marie Bhm wei im
richtigen Augenblick den Blick vom Auge zu nehmen. Der nichtssagendste,
ausdrucksloseste Mensch hat einen Augenblick, den mu man eben
festhalten. Ihre lieben, blauen Augen strahlen, als sie das antwortet.
Ich verstecke mich unter einem Tisch hinter langen Laubgewchsen, um aus
meiner Froschperspektive einige Aufnahmen zu beobachten. Da das nicht
angehe, meint Frulein Bhm -- schon naht das Brautpaar, ich rufe ihr
aus meiner Lage zerstreut zu, sie soll sagen -- im Fall -- ich bin Arzt
und interessiere mich fr neuartige Operationen. Diese Ideenverwirrung
stammt von meinem Vater her, er verwechselte immer das Zahnziehen mit
dem Photographierenlassen. Beides hat so was mit dem Herausholen zu tun
-- und -- der eine Augenblick. Marie Bhm aber hat keine Zange in der
Hand. Brutigamundbrautumschlungen sitzen die beiden auf der Bank und
drehen ihr den Rcken zu; ihre Gesichter blicken sich auf einmal nach
etwas um. Ob sie mich quaken hren! -- Danke! Zweite Aufnahme. -- Fr
die Photographien mte es auch eine Welt geben aus gediegenem
Silberoxyd im Krinolin. Das Album ist aus der Mode gekommen, darin sich
das photographierte Onkeltantengeschlecht zum Aufblttern befand; es
stirbt nicht aus. In Schalen liegen all die Pietten, Frauen, die sich
auch schon Lckchen drehten. Nun sind unsere Kleiderscke zugebunden.
Auf den sptverwandten Bildern stehen die Rcke weit in Runden. Ihre
Augen aufgetan in Todesangst -- den Augenblick zu greifen, heute hascht
ihn die Photographie wie einen Schmetterling vom zwanglosen
Sichgehenlassen. Und gerade meine liebe Marie Bhm ist eine so groe
Photographin -- sie photographiert auch ohne Apparat gerade mitten in
der Sonne mit geschlossenen Augen, wie der Maler malt ohne Pinsel im
Spazierengehen, im Anblick, im Nachsinnen. Wenn ich ihr gegenber sitze,
wartet sie auf die Falte zwischen meinen Brauen.




                  Der Alpenknig und der Menschenfeind


Wer den Kulissenmantel des Alpenknigs trug, vernahm ich beim ersten Ton
der Rauschestimme. Albert Heine, der Herodes, ist zu viel fr diese
Papiermach-Rolle. Ich habe vergessen, mir einen Theaterzettel zu
kaufen, auerdem sitze ich vor einer Sule und vor dieser pflanzt sich
wild ein Herr auf mit einem Wasserkopf. Aber auch die bergroe
Vegetation, die mir den Blick zur Bhne hemmt, vermag keineswegs meine
Stimmung zu trben, ich kam, um von dem romantisch-komischen Mrchen
Honig aus goldgeblmter Heiterkeit zu naschen. An meine Nachbarin mit
dem knstlichen Busen wende ich mich mit behutsamer Frage, ich erfahre:
Hinter den ltlichen Stirnfalten des Menschenfeindes verbirgt sich der
Direktor selbst -- Carl Meinhard. Es ist fast nicht zu glauben, gestern
hrte ich ihn noch lachen im Caf des Westens wie ein Achtzehnjhriger,
und vorigen Winter trug er eine Knabenpelzmtze, die stand ihm (es
gehrt zwar nicht hierher) hervorragend. Nun steigt er aus dem
Altbrunnen, ein greiser, grotesker Wolf (Bastard) -- man erkennt ihn
nicht wieder; und doch ist es Carl Meinhard, der Fagottspieler unter den
Darstellern, er spielt heute abend die grimmige Polka seiner Rolle mit
Meisterfertigkeit. -- In der Reihenfolge den Inhalt des
romantisch-komischen Mrchens zu erzhlen, mchte ich dem Leser
vorenthalten; selbst hren und sehen! Selbst ins Berliner Theater gehen.
Ich hole nur die Hauptgestalten, die mir so sehr gefallen haben, hinter
dem Vorhang hervor und stelle sie auf meine Hand, eine Miniaturbhne,
ich, die Regisseurin aus Privatvergngen. Rappelkopf, der reiche
Gutsbesitzer (Carl Meinhard), sein Bedienter Habakuk (Oskar Sabo) und
du, Josefine Dora, wo steckst du? Mgen die Leute denken, was sie
wollen. Du singst ja selbst: Aber er denkt ... Habakuk, der Bediente des
Herrn Rappelkopf, erinnert mich leise daran, da er zwei Jahre in Paris
gewesen ist, nichtsdestoweniger verleugnet sein Radieschengesicht
Lutemichels berhmte Gemsegrten. Er, ein dienernder Ungeschickter,
ein tragischer August im allerknstlerischsten Unsinn. Zwei Jahre war er
in Paris gewesen. Das hebt ihn in den Augen des Personals vom Souterrain
bis in den Salon der Herrschaft. Dieser soll das bedeutungsvolle Motto
eine zarte Mahnung sein, fr ihn selbst wird es zum Schild seines
untergebenen Joches. Er war zwei Jahre in Paris gewesen, das macht
Habakuk keck und berlegen und bringt wie eine Zauberformel einigen
Glanz ber seinen Dieneralltag. Jh wird ihm der Spruch vor der
drftigen Kammer seines Herzens gestrichen, er darf nicht mehr seinen
Lippen hochmtig entschlpfen, sein menschenfeindlicher Herr, zweiter
Teil, hat es ihm verboten. Der Alpenknig nmlich hat sich, um den
Menschenfeind von seinem Wahn zu befreien, in dessen Gestalt und
Wutausbrche verwandelt. Und heimlich vertraut sich der stumme Bediente
dem gemtlichen Onkel an, arglos dem wirklichen menschenfeindlichen
Rappelkopf, der in seinem eigenen Hause im vertrglichen Wesen des
Onkels portrttreu zu Gast weilen mu. In keinem blichen Brief, keiner
knisternden Zeitung, in keiner unerwarteten Depesche steht es
geschrieben, aber auf dem riesengroen Taschentuch Habakuks,
ehrfurchtsvoll seiner Hosentasche entzogen. Wir lesen es alle: er war
zwei Jahre in Paris gewesen -- und der mitleidige Onkel gestattet es
ihm, herauszuschreien -- endlos -- endlich. Es kommt der erlsende
Augenblick: Ich war zwei Jahre in Paris gewesen! Das macht ihm niemand
nach, ich kann den Humor nicht schildern, es ist nicht nachzulachen.
Trste dich Habakuk, beraubte Dienerseele, ich war auch gewesen, ich war
sechs Jahre in Konstantinopel gewesen -- ich mchte es jedem an den
glorreichen Kopf werfen, jedem in seine dicke Stirn schneiden -- wer's
glaubt wird selig. Um Himmels willen, Liesl (Josefine Dora) hrst du
denn nicht, dein Herr ruft nach dir. Rappelkopf hat smtliche Mbel
zerschmettert. Das Liesl wagt sich mit Todesverachtung, wackelnd mit dem
allerwertesten Vollmond in des Menschenfeinds Gemach -- aber er denkt
-- Sie mu immer wieder das Lied singen mit dem Refrain: Bassab, aber
er denkt -- und immer bassiger und spaiger: aber er denkt ...

Der Beifall will nicht enden. Ich strme noch einmal in Mantel und Hut
auf meinen Platz zurck.




                               Egon Adler


                                       Seinem Vater zur Widmung

Meine Spelunke verwandelt sich zum trkischen Caf, wenn er und ich
zusammen Zigaretten rauchen und wir von den Wnden fr unsere Hupter
die beiden Fez herunterholen, die auf die Griffe meiner Dolche gestlpt
sind.

Einer der Shne des gefangenen Abdul Hamid, der begabteste jedenfalls,
ist der Maler und zur Mokkastunde der Gast meiner Palastspelunke. Wir
sprechen (in der Zeit der Abendhimmel alle seine goldenen Bilder aufs
Dach stellt) von roten, blauen, grnen und lila Dingen. Ich rate Egon
Adler: Sie mssen immer nur Ihr Selbstbildnis malen.

Er ist so ganz Eigen, ganz Sich, und sein Herz in einem Rahmen. Aber in
seinem Herzen liegt sein jungverstorbener Bruder begraben, und innige
Gestalt schafft des Malers Hand, wenn der Engel seiner Erinnerung
aufersteht.

Zwischen den Farben liegt er dann pltzlich -- Stern zwischen Zinnober
und Marin auf der Palette fr die groen Pinsel. Alle Bilder Egon Adlers
sind Spiele, sind s, haben grogeffnete Augen, sind ganz in Gottes
Vaterhand und rufen.

Sein Mariengemlde holte ich mir aus einer dunklen Ecke des
Ausstellungssaals ans Licht: Trume, sume Marienmdchen, berall blst
der Rosenwind die schwarzen Sterne aus; wiege im Arme dein Seelchen --
alle Kinder kommen auf Lmmern zottehotte geritten, Gottlingchen sehen
und die schnen Schimmerblumen und den groen Himmel da im kurzen
Blaukleide.

                   *       *       *       *       *

Aber auch die drei Knige sind gekommen; einer sitzt auf des anderen
Schulter, der hchste trgt ein Krnchen, ist des Malers Bruder und will
Mariens heiliges Spielzeug haben.

Auf Egon Adlers unvergleichlichem Schpfungsbilde steht sein Brderchen
verzaubert als Mantelkranich mitten auf der Wiese und macht den frechen,
kleinen Vgeln bange. Als Reiter reitet er auf dem langausschreitenden
Reiterpferd durch den Wald ber die Wege aus bunten Fahnenstreifen.

Immer mu Egon Adler die Geschichte des unvergelichen Bruders in Farben
erzhlen, der ist der Memed seines Mohammedherzens.

Hinter den Paradiesbumen, in den Schornstein seiner Stadtbilder,
berall hat sich der kleine Bruder versteckt; er ist es, der den
Glorienschein um die Heiligenlocken der Jngergestalten seines lteren,
malenden Bruders anzndet.

Das sich wiegende Blatt der Palme, auf dem Treibhausgemlde ist der
Kleine, seine Seele leuchtet im Stein des Ringes am Finger des
japanischen Schauspielers.

Elfjhrige Kinderaugen gucken unter der Stirn des Selbstbildnisses von
Egon Adler und erhhen es zum Selbstantlitz. Und in den Wolken tummelt
er sich als Mond.

Ewig ist Egon Adlers Malerei, ein Engel lebt in seinem Herzen und hngt
seinen Schpfungen Flgel an.




                                Ein Amen


Einmal, als ich sie besuchte, malte jemand ihre Hand -- eine schmale
Dolde am Ast, eine Seele, die blhte. Ellen Neustdter spielt nicht zur
Schau; ihr Spiel ist eine tiefe Dichtung. Die Bhne fngt die
Geschehnisse ihres Herzens auf und reicht sie dem Besucher, ein
vielkpfiges Ganzes. Sie gibt dem Gemach oder der Landschaft die Farbe,
und ihr Odem ist berall. Die Damen vom knstlerischen Theater in Moskau
knnten ihre Schwestern sein; die haben allerdings ihre Partner, ihre
Zugehrigkeit. Ellen Neustdter hat nur einen gleichwertigen Bruder in
Berlin: Oskar Sauer. Warum trennt man das rechtmige Spielerpaar? Klein
Eyolfs Eltern sind sie. Schwere, hehre Paradiesstimmung, dstere Ernte.
Eine Engeline: Ellen Neustdter; der Erzengel unter den Schauspielern
ist Oskar Sauer. Was ihre Lippen bringen, ist Kunst aus Segen gewlbt.
Sein Spiel straft, ihr Spiel belohnt; ist ihr Wesen aus Glas, sein Wort
aus Stahl. Immer erzwingt die Gabe der beiden Wunderknstler
ehrfrchtige Anbetung. Es schneite drauen weie Sterne. Oskar Sauer war
seinen Leiden erlegen in Nora. Stand noch lange nach Schlu der
Vorstellung am Theatertor -- ich bildete mir ein, er sei wirklich
gestorben. Auch heute wagte ich mich nicht strmisch zu begeistern.
Ellen Neustdters Seele ist eine zagende Dolde. Durch die lange
Theaterabendstrae ging ich auf Zehen heimwrts, denn mein Herz trumte
noch. Genial ist das Unantastbare, Erzengel ist alles Genie, es erlst
vom Tglichen, bringt Verlorenheit und Seligkeit zugleich.




                      Wenn mein Herz gesund wr --


                          Kinematographisches

                                   In Verehrung fr _Ludwig Kainer_

Wenn mein Herz gesund wr, sprng ich zuerst aus dem Fenster; dann ging
ich in den Kientopp und km nie wieder heraus. Es ist mir genau so, als
ob ich das groe Los gewonnen hab' und noch nicht ausbezahlt bin, oder
auf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen hab' und keinen Stall
umsonst auftreiben kann. Das Leben ist doch eigentlich ein
Wendeltreppendrama, immer so rund herauf und wieder hinunter, immer um
sich selbst wie bei den Sternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in
verzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte ich einen Todessprung oder
einen Jux. Meine Freundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie studiert
die Sprache der alten Herren, ich meine Griechisch und Lateinisch und
macht gute Fortschritte. Aber was geht mich das alles an; ich will
nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht klopfen wrde!

Das Gehirn wird rein aufgewhlt, es klopft nicht allein unten jeden
Freitag und Sonnabend, jedes Stubchen wird aufgewirbelt, es klopft auch
an den anderen Wochentagen, denn ich wohne zwischen Haus und Haus und
mu die Brutalitt aller Hfe ertragen. Ich sitze immer bei
geschlossenen Fenstern und werde gar nichts von dem Sommer haben;
ausgehen kann ich nicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe
Schulden. Dabei zieht's, wenn ich die Tren rechts und links und hinter
mir auflasse. Ich trage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn ich
abends wo eingeladen bin, berkommt mich eine furchtbare Angst, ich
knnte anfangen zu miauen. Ich hab' gar keine Lust zum Leben mehr, wenn
noch die Menschen gerne meine Lyrik lesen wollten; wer sie gern liest,
der soll mir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich mu nmlich
wegen meiner Krankheit in Kleesalz baden, damit man nicht ber mich
ausrutscht. Ich habe dann immer so eine Langeweile in der Badewanne, und
lese gerne schmeichelhafte Briefe an mich. Was einen schlechte Kritiken
rgern! Man hat doch sofort jemand gern, der einem schne Worte
schreibt. Es gibt wirklich sympathische Geschpfe auf der Welt. Ich kann
nur Weigesichter nicht leiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.
Darum nehme ich mir auch nur schwarze Mgde und Diener. Ich habe zwei
Neger und zwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhuptling kommt manchmal nach
Berlin und tritt dort mit seiner Truppe im Cht noir auf. Tecofi fragt
mich, wenn sein Vater nach Berlin kommt, ob er bei mir auf dem Balkon
wohnen knne. Ich hab' nichts dagegen. Mein Somalineger ist
kniglicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei Teneriffa Hammelherden.
Manchmal schickt er mir ein paar abgezogene Hammel, die kommen als
Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jngerer Neger, sieht aus, wie ein
sinnender Gorilla im Pflanzenkbel. Bse Spezies, herrlich zu schauen,
aber man mu ihn in Ruhe lassen; seit kurzem pfeif' ich auch nicht mehr,
wenn er jemandem den Kopf abbeien soll, er ist zu schade, zu wertvoll,
um zu gehorchen, selbst mir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige
Mdchen, sie sind angestellt von mir, die Fden meiner Logik zu suchen,
die Logik meiner Unterhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die ganze
Nacht, ich frchte, sie werden sich einmal in einem Augenblick an meinem
Leidfaden aufhngen. Das mu man in Kauf nehmen, dunkle Leute sind
schlechte Sprhunde, sie knnen nichts finden in der Nacht ihrer Haut.
Halloh, was tt' ich, wenn mein Herz gesund wr? Habe ich denn ein Herz
oder wenigstens sowas hnliches? Bei dieser Einlage im Programm mu ich
weinen -- gut, da es Nustangen gibt, die trsten, auch die Pfefferminz
in Holzschchtelchen. Ich glaube nicht, da mein Herz aus Fleisch und
Blut ist, rissig sind seine Wnde; es hat weniger Augenblickswert als
Ewigkeitswert, darum bin ich vollstndig unbrauchbar fr den
Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant fr den Forscher. Immer
klingelt es in den effektvollsten Stellen. Hier 35, 24 wer dort?
Doktor Nikito Ambrosia, sind Sie Else Lasker-Schler? Leider.
Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie nicht, meine Dame, ich frage Sie
an, ganz ergebenst, wrden Sie ein Engagement am Wintergarten annehmen,
monatlich mit einer Gage von 10000 Mark? das macht im Jahr rund 100000
Mark? Sie spaen wohl, Herr, es ist doch nicht blich, am Variet
lnger, als einen Monat die Artisten zu beschftigen. Aber, uns liegt
daran, meine Gndigste, Sie an unser Variet zu fesseln. Es handelt
sich wohl um meine arabische Szene, Herr Dr. Ambrosius? Ganz recht! Da
Sie hoch zu Kamel ber Theben sitzen. Herr, ich kenne Sie, so einen
ungeschminkten Ba gibt es nicht am Variet. Sie sind Professor Gellert,
der letzte Hohenzollerndmmer. Schlu! Mein Brief: Herzallerliebster in
Adrianopel! Er fragte mich nmlich an, ob ich ihn noch liebe, bittet
mich, ihn nicht zu belgen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur Lyrik
geben, (er ist Dichter), ich liebe ihn also! Basta! Knnte ich doch
auch ein bichen nach der Trkei, zumal meine Vorfahren alle in Snften
getragen wurden. Das Gehen wird mir darum schwer. Wo bei Euch die Sohlen
schon erkaltet sind, sind sie bei mir noch Glut. Wenn mein Herz gesund
wr, was tt' ich dann? Einen Augenblick bitte! Ich wrde mich
pudelnackt ausziehen und mich in ein Swasser werfen, wo die sanften
Fische leben, aber Schuppen kann ich nicht leiden. Oder ich ging nach
dem Sdpol und wrmte mich mal ganz tchtig ein, oder ich lie
jedenfalls in der Eiszone einen Anthrazitofen setzen. Was soll ich
_noch_ machen? Ich blieb gerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den
Sternbildern wrde ich Schnurrbrte malen. Ist es nicht himmelschade,
da mein Herz nicht gesund ist? Vom Mond kommen die Herzkrankheiten,
namentlich die Neurosen. Alle Krankheiten kommen von oben. Hier unten
ist es ganz nett. Darum strzen auch so viele Aviatiker vom Himmel
herab; das Fahrzeug platzt ja gar nicht, die Fallsucht kriegen sie alle,
je hher sie die Bazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker
aussehn: Wie die Vgel, ihre Nasen sind Schnbel, und die Kpfe strecken
sie in die Hhe. Ein neues Menschengeschlecht. Einmal a mit mir ein
Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein Habicht am Fleisch herum, ri
am Schnitzel wie ein Aasgeier. Karl Vollmllers herrliche Katharine von
Armignac ist die erste Aviatikerin der Welt. Im Uniontheater der
Luftschiffahrtausstellung am Zoo fliegen sie alle. Ich kann umsonst
zusehen, ich versprach ber alles zu schreiben. Ich hab' kein Geld, aber
darum kann ich mich doch nicht von der Welt abschlieen. Und soll sogar
die Regierung in Theben bernehmen, ich regiere sogar schon _pro forma_.
Die Leute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee. Fixe Idee ist was
Natrliches: Natur, die das Gesetz zum Sklaven macht. Ich bin der Prinz
von Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in Deutschland nachfhlen, was
Regieren heit. Ich habe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich auf dem
Dach, und bei Tage sitze ich unter meiner Palme und regiere. Ich bin fr
alles verantwortlich; mein Volk schielt noch vor Ungewiheit, es meint,
ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist mir bitterer Ernst. Ich bevorzuge
nichts -- nur Menschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack habe,
knstlerischen Sinn habe; meine Rede ans Volk bedient sich nicht des
Punktes, weil ich mich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten gegen
mich, ich bin gndig gegen mich, ich bin einig mit mir, aus Diplomatie,
weil sich mein Volk an mich halten mu. Ich denke nur viel, sehr arg,
unmittelbar, ich lasse alle meine Gedanken ganz nah an mich herankommen,
damit sie das Frchten verlernen. Wenn ich nur nicht schon in der Frhe
von so vielen muselmnnischen Barbieren gestrt wrde, die mich
ttowieren wollen, von abendlndischen Malern, die mich portrtieren
wollen. Nachts werde ich immer im Schlummer auf meinem Dach gestrt von
meinen Paschas, die vor Begeisterung meines Regierungsantritts nicht
ruhen knnen. Sie haben immer in der Audienz, die ich ihnen erteilte,
eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie treibt. Seitdem ich als
regierender Prinz in Theben gewhlt bin, bewegen sich viele Ehrgeizige
in derselben Tracht und Gebrde in den Straen der Stadt, die mir zu
gleichen trachten. Meine Epigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,
eine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst und die Musik. Die
Epigonie aber ist eine Ttigkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie
die Arbeit. Ich arbeite nie, ich hasse den Schreibtisch -- zwar hab' ich
selbst einen -- aber er ist nie ganz gewesen. Heute Nacht, da meine
Neger schliefen, erbrachen die Paschas gewaltsam die Pforte, die zu
meinem Dache fhrt, wegen der Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch im
Profil (Seite steht mir besser wie _en face_), im Turban und
Regierungsmantel photographiert in allen Farben; auf allen Posten meiner
Stadt verbreitet man Mich Allerhchst.




                          Der Eisenbahnruber


Vielleicht gehe ich selbst noch einmal in den Schwank, sein Humor hat
doppelte Lebenskraft, man kann sich zweimal totlachen. Es fllt mir gar
nicht ein, den Inhalt des kleinen Lustspiels zu verraten, nur mchte ich
seinen famosen Darstellern fr den schnen Abend und vor allen Dingen
dem Autor Fritz Grbert fr den lustigen Streich danken. Arthur Winckler
spielte den ehemaligen Bckermeister August Pickenbach mit Rosinen und
Korinthen und allen auergewhnlichen Zutaten. Emmy Dittmar, allerdings
eine Schulreiterin, in die man sich verlieben kann. Frau Meyer (Rosa
Schffel), man soll sich noch so eine gute Wirtin suchen! Es war ein
lachendes Zusammenspiel, ein Tanz, leichtfig, ein Walzer: An der
blauen Donau, wenn auch der erste Aufzug in Ostende an der Nordsee
spielt und der Herr Rentier Bckermeister Pickenbach auf berlinisch mir
und mich der neuen Bekanntschaft beim Sekt sein Mehlherz ausschttet.
Man kommt nicht aus dem Lachen heraus, der traurigen Jungfrau
Sentimentalitt ist der Eintritt verboten, der Autor hat die banale
Tochter zu Hause gelassen, er ironisiert selbst den Ku. Er mag nicht
eines Kusses wegen einen Augenblick Lachen einben. Skool! ruft mein
Nachbar. Er ist Schwede. Ein Liebespaar, zwei Turteltauben, stehn doch
sonst immerwo im dritten Akt, gefllt oder ungefllt, am Nischenfenster
und girren im frischesten Lustspiel geheuchelte Sehnsucht. Meine Angst
war also hier vergebens. Und mich belustigt ungestrt der ungeschlachte,
wollige Liebhaber Maler Hans Wegemann (Carl Wessel), es blieb ihm jedes
Wort im Hals stecken, bis er zum beienden Hammel ausreifte unter der
Leitung seiner Backfischbraut Marie, der Tochter Pickenbachs (Grete
Kroll). Die vielen Hnde, die einen Wirbel klatschten, waren nicht zu
bersehen.




                      Im neopathetischen Kabarett


Tausend und Einer. Ich habe mich nicht verzhlt, las auch, whrend ich
die Kpfe zhlte, Armin Wassermann Verse seiner Herzensdichter. Weich
und herb, reich und superbe ist seine Sprache; dazu sein
schwrmerisches, knabenhaftes Savoyardengesicht! -- Ich suche nach einem
Stuhl, der im Verborgenen blht -- endlich finde ich so ein Veilchen
abseits am Tapetenrand; ich setze mich. Meine Tnzerin Zobede, die sehr
neugierig auf das Kabarett der Neopathetik ist, ruht schon lange mde
zwischen weien, lilagelben, roten und himmelblauen Mdchen; ein Dichter
mit Honiglippen und zwei Augen, naschhafte Bienen, als einziger Tasso
neben ihr und ihren brutlichen Schwestern. Es betritt jemand den lberg
des Saals und predigt ber Kunst. Der Vortrag ist geistvoll, wenn man
sich auch durch Mimik und Brille in die Schule zurckversetzt glaubt.
Noch immer hre ich keine Gedichte von mir -- warum lud man mich ein,
zumal ich keineswegs objektiv bin? Auf einmal flattert ein Rabe auf, ein
schwarzschillernder Kopf blickt finster ber die Brstung des Lesepults.
Jakob van Hoddis. Er spricht seine kurzen Verse trotzig und strotzend,
die sind so blank geprgt, man knnte sie ihm stehlen. Vierreiher --
Inschriften; rund herum mten sie auf Talern geschrieben stehn in einem
Sozialdichterstaat. Ich mu immer ans Geld denken; wie man so
runterkommt -- wenn Zobede, meine Tnzerin, ein Portemonnaie bei sich
htte, wrde ich zu der Menschenhitze ein Glas Limonade trinken. Ich
hre, wie ein Vortragender mit triumphierendem Gesicht Stefan Georges
Dichtungen als Ruhepunkt bezeichnet. Das mu ich widerlegen. Stefan
Georges Gedichte wandeln allerdings, ohne mde zu werden; nicht bunte
Karawanen ber Sandwege; aus ihnen weht die Khle endloser Prozessionen
zwischen frommen Schlssern und himmelhohen Domen. Die Orthographie der
Georgeverse erinnert in ihrer Gleichtnigkeit leicht an englische
Sonntagsruhe. War's das, lieber Vortragender? Gern htte ich die Rede
von Kurt Hiller, dem Prsidenten des neopathetischen Kabaretts, gehrt.

Zobede, meine Tnzerin, will noch nicht mit nach Hause kommen.




                      Kabarett Nachtlicht -- Wien


                                   Der lieben Malerin _Lene Kainer_

Die Straen enden in Rundungen, tanzumschlingende Arme. Wir wandeln wie
in einem endlosen Saal durch Wien. Es ist Nacht -- die Mondkrone mit den
vielen tausend Sternenkerzen brennt lustig ber der Stadt der Walzer.
Aber nur wenige Menschen begegnen uns, vom Vergngen kehren die letzten
heim, und ihre Gedanken drehen sich noch mit den blauen Donauklngen
leichtfig ber das spiegelblanke Leben. Aber die Wiener sind hflich
gegen ihre Fremdlinge (wir suchen nmlich das Kabarett Nachtlicht), noch
im Tanztaumel besinnen sie sich nach dem entferntesten Winkel, begleiten
sogar den Suchenden bis an Ort und Stelle. Da steht's ja: Kabarett
Nachtlicht -- Erich Mhsam trgt gerade seine Amanda vor. Er sieht
noch lebenslssiger aus, wie in Berlin. Zwar sitzt sein Rock heute ohne
Tadel, und seine Mhne, lwengelb, ist gepflegter wie an der Spree. Aber
er bangt sich nach Ruhe, und auch die Jungfern seiner Verse mit dem
nchtlichen unrechtlichen Geschick sind mde, sich hier weiter zu
produzieren. Ein Kunststck, seien Sie mal Schlunummer -- komme erst
um 5 Uhr morgens in die Klappe. Nichtsdestoweniger will er uns noch ins
Kasino begleiten. Dort tanzt eine schwarze Blondine, Spaniens Madonna,
sagt Peter Altenberg im Vorbergehen. Er ist im Begriff, gesttzt auf
seinen Knppelstock, das Kabarett zu verlassen -- ihm folgt die kleine
Knstlergesellschaft.

Am anderen Abend sind wir zeitiger da. Es treten uns einige von den
Mitwirkenden entgegen: Jener mit dem Monokle im Auge kommt mir bekannt
vor. Gewi, Frau Lasker-Schler, wir haben uns schon oft im Caf
Kurfrstendamm in Berlin gesehen. Er ist Roda Roda, der humoristische
Schriftsteller. In eine der kleinen Logen setzen wir uns, seine
scharmanten Humoresken zu hren. Das Publikum applaudiert, bevor er
beginnt; es wei, nun gibt's was zu lachen. Im Kakaduton schkert er mit
ihnen wie mit einer Schar hrlustiger Kinder. Junge und alte
Geschftsleute, kleine Mdchen, Damen der Gesellschaft, Offiziere,
selbst die Erzherzge kommen, das Nachtlicht morgens auszublasen. In
einer Rumpelkammer spinnwebgrau sitzen wir, unwillkrlich sucht man nach
allerlei altmodischem Germpel. Bestaubte Figuren und Portrts, nher
betrachtet von neuen Knstlern ausgefhrt, hngen an den Wnden, und auf
der Konsole ber dem blonden Kopf eines Leutnants steht die Statuette
von Madame Delvard, der Scharfrichterin. Sie ist die einzige, die den
elf Scharfrichtern in Mnchen zur Hand ging. Ich werde extra einige
Chansons fr Sie singen. Sie spricht zu mir -- ich liebe ihre grazise
Stimme, dunkler vergrern sich ihre graublauen Augen zwischen
zitternden Lidern. Ihre Nervositt duftet. Sie ist eine erwachte
Klimtblume aus dem magischen Farbentraum des Meisters. Blasse Lichtchen
werfen einen Schleier auf ihre beringten Hnde, die schlaff herabhngen
an ihrem berschlanken Samtstengelleib, wie weie tauschimmernde
Bltter. Und Wedekinds rotugige Straenlieder singt sie mit der
Schchternheit eines Kindes. So leicht kommt sie nicht von der Bhne
herunter: ein Lied und immer noch eins -- Der Bauer wollt' fahren ins
Heu! Unwiderruflich das letzte -- aber sie singt es mit frischer Kraft,
sie singt es bedeutend, stt es von sich, wie aufschieende Saat. Da
steht keine therische Prinzessin mehr im Lichtschaum; Acker liegt unter
ihrer Zunge, Peter Altenberg nickt zustimmend und setzt sich neben mich
in die kleine Loge. Monsieur Henry, Madame Delvards Gatte, begleitet
ihre Lieder am Klavier, aber auch er ist ein Vortragsmeister. Ich werde
nie seine Ballade vom Heiligen Nicolas vergessen, seine rauschige
Schwermutsstimme. Monsieur Henry ist der gewandteste unter den blutigen
Elfen in Mnchen gewesen, und ein Kavalier ersten Ranges. Wir wollen uns
wieder vom Zuschauerraum an den Knstlertisch zurckziehen; doch Peter
Altenberg hlt mich auf meinem Platz zurck. Das Meinerfigrchen
mssen Sie noch sehen und die drei Handwerksburschen. Sie stehen schon
auf der Bhne in altfrnkischen, goldknpfigen Rcken, die Mtzen
geschmckt mit Eichenlaub. Ihr Wanderlied beglckt mich ebenso immer
wieder wie meinen Nachbar. Er ist nchtlich Gast des Kabaretts; die
Umgebung dieser Knstlerkinder tut ihm wohl, der Aufenthalt auf der
kleinen Knstlerinsel unter dem guten grnlich flackernden
Miniaturstern. Ein kostbares Spitzengewebe ist seine Seele, jedes
holprige Wort bleibt in ihren Seidenmassen hngen. Aber wen der gute
Blick seines Schelmenauges trifft, der mchte ihn wohl ergreifen knnen
und in ein Enveloppe als Andenken legen. Und sollte er sich nicht rgern
ber die Breitheit der Menschen -- nichtsdestoweniger zerstreut es
mich, nachmittags am Graben im Caf zu sitzen und die bunte Bewegung
anzusehen. Ich mchte manchmal zu ihm sagen, so ganz unmotiviert:
Lieber Peter Altenberg. -- -- -- Es ist gleich Morgen -- wir wollen
alle noch einmal Carmen tanzen sehen -- -- und dann lebt wohl, ihr
lieben Knstler, so ball kemma ma nt wieda zsamm.




                             Apollotheater


Der Kohinoor meines Nachbars tanzt hin und her, macht Sprnge auf seinem
Zeichenblock wie die Clowns dort auf dem Rade. Jetzt nascht er von der
Chansonette im honiggelben Frack. Einige von den Umrissen leben auf dem
weien Untergrund, neckisch, eckig hingeworfen, namentlich der eine von
der Clowniade ist _very fine_ getroffen. Ein Klatschwirbel holt _the
english artist_ auf die Bhne zurck. Was ist mit ihm geschehen! Seine
Stirn nach allen Richtungen hin zur Unfrmigkeit aufgedunsen. Zweifellos
hat er die englische Krankheit mit herber gebracht. Es gibt keinen
Spa, den der nicht da gedacht hat, und ich mu ehrlich auch in diesem
Essay gestehen, es kommt nun noch dazu, da ich die Brder aus London
besonders mag, ich hab' noch nie so gelacht wie heute! Der Kohinoor
meines Nachbars lauscht zugespitzt; die zwei ehrwrdigen
Bordellmatronenwirtinnen vor mir erinnern sich gegenseitig ihres Amtes.
Geliebter und Geliebtin blicken sich zu in der Loge wie die schillernden
Demi-Monde auf dem Vorhang, der sich weltenseufzend spaltet und das
Gemach der Sultana enthllt. Nackte Frauen steigen (obere, kleine Bhne)
aus ihrem Brunnenbade wie im wirklichen Harem eines Sultans. Am Fu der
Treppe, die zum eigentlichen Gemach der Herrin fhrt, wacht der Wchter
armverschrnkt. Endlich nahen die erfrischten Schnen, aber ihre Haare
duften nicht nach Pharaonenblten, auch sind ihre Glieder keineswegs
ungelste Geheimnisse. Und statt Sultana betritt Frau Betty das Gemach,
die Freundin des amsanten Frauendoktors, ihres wohlsituierten Mannes
treue Tennispartnerin. Sie liest auch Romane -- -- schwle mit
Betthimmelpointen und Daunenliederbordren, und ich frchte, da die
Halbmonde der Dekoration vor Begierde rein zu Glotzmonden werden. Die
Freundinnen beginnen endlich, indes Sultana ihren Leib dem Divan und
dem Kissen gibt, mit ihren Tauchtnzen (kein Druckfehler),
Schleier-Eiertnzen, man vernimmt Arm- und Beingegackel. Der Wchter
tritt vor, er ist nicht Asra, er schreit nicht ia, furchtbar kracht
sein Wort, sein Antlitz bleich, sein Turban -- -- Blut. Die Tnzerinnen
vertanzen in den Keller. Jh springt Sultana von ihrem Lager auf und
stt auf Jargon von sich: Was willst du von mir, Hund! Der Sultan,
dein Gebieter hat es so befohlen. Betty du mut sterben ... Und deine
Tndelei hrt auf im Mondscheinvorhang. Leise nhert sich der Wchter
ihrem Ohre, aber Sultana whlt lieber den Tod, als da sie sich, Sultana
bleibe stark, dem intriganten Schuften schenken mag. Diese
temperamentvolle Charakterfeste, warum gastiert sie nicht bei Gebrder
Herrnfeld? Die zwei greisen Leopardinnen vor mir schnurren, der Kohinoor
meines Freundes fllt bleischwer zu Boden. Mnner ergreifen auf die
Gebrde des Wchters erbarmungslos die Geprfte. Arme schicke Betty,
tipptopp, peitschensiebenhiebenspaltig! Ob wir paar Geschworene im
Zuschauerraum auch von deiner Unschuld berzeugt sind -- -- es ntzt
nichts. Markerschtternd verenden deine Hilferufe. Aber in weien
Tennisschuhen und weiem Flanellhemd steht die Taube von Gatte am
Fuende des Ruhebetts. Statt der zunehmenden goldenen Viertel- und
Halbkugeln -- -- Tapetengeknospe. Wrter: Sultana ... und wieder ihr
Name leise verbettelnd: Ein Tropfen des Turbans klebt auf der
aufgeschlagenen Seite des Romans.

Wie eine Erlsung nun das Konzert auf dem Banjo der _lovely_, _sweet_
Mi, ihr Spiel verbreitet hellen, herben Zauber. Und nach ihr der
musikalische Clown mit der Entennase, er verabreicht kurzweg ein Konzert
auf den Messingknpfen eines Schirmstnders, ich habe mich in der Zeit
verliebt in ihn, -- -- -- mein Herz sprach immer schon fr einen August,
ber den man sich totlacht. Und Euch sparte ich mir bis zuletzt auf,
edle, blonde Senora Fornarina, ich mchte Euch etwas besonders Schnes
sagen, goldene Traube Spaniens.




                       Tigerin, Affe und Kuckuck


                               Tierfabel

Zirkus Busch ist in seinem Extrazug von Berlin abgereist. Ich bin zu
seinem Abschied auf die Bahn gekommen, frh am Morgen; der Komet stand
noch ber der Sternwarte, aber die Zirkussterne, Schulreiterinnen,
Jongleure, Auguste, der Riese mit dem Zwerg, der groe Br, die
Elefantin, das Dromedar, der glitzernde Galawagen, alle waren sie im
Lauf und bald im vollsten Zuge. Noch lange hrte ich das Brllen der
Tigerinnen, nie hate ein Mann so wtend das Weib wie der Bndiger
dieser gestreiften Katzenleiber. Der Puls des Zirkus blieb stehn, trat
der unerschrockene Sultan in das Gittergemach seiner brllenden
Sklavinnen. Er mibraucht sie nicht zu Kunststcken, lt er auch die
Kunstreiterin seiner Tigerinnen durch einen Papierreifen springen.
Wollust bereitet ihm, seine wutschumenden Tigerweiber mit Stangen und
Schssen bis zur Wutekstase zu reizen und sie zu bezwingen.
Schschschschschschsch -- sch -- die beiden eleganten Brder Fillies und
ihre grazise Schwester werfen noch einen kurzen Blick auf den Perron,
der Clown mit der genialen Ungeschicklichkeit verlangt auf idiotisch vom
Zeitungstrger den Ulk -- Sch .... Berlin hat sein grtes Kind eine
Weile verloren, den Zirkus; wo geht man nun hin, um zuzugucken? Wie ein
Mensch soll der Affe sich im Wintergarten benehmen. Herr Darwin, der
Enkel des groen Zoologen, wird mich ins Variet begleiten. Es ergreift
ihn, so einen gebildeten Vorfahren seiner Baumzeit zu sehen. Ich bin
ebenfalls von dem fletschenden Erzurgrovater entzckt. Ein Gourmet ist
der greise Herr, keineswegs lebt er von Luft und Erkenntnis. Der
verwandte Knstler da oben verzehrte ein Menu von Dressel und regalierte
sich an Heidsieck-Monopol. Mit Verbindlichkeit raucht er die Zigarette,
die ihm ein Bewunderer verehrte. Es ist Zeit noch prft er die Zeiger
auf seiner Uhr. -- Ich mchte mich auch in ein solches Prachtbett legen
-- ich bin mde -- die Nacht vorher brachte ich, mich verirrend, in der
Kolonie Grunewald zu; im Rieselregen auf einer runden Sommerbhne,
worauf die Grtner Kiesel legen. Nasse Nacht, kein Komet mehr. Ich war
trostlos. Pltzlich rief der Kuckuck -- ich bezog es zuerst persnlich,
aber so unhflich sind nur die Kuckucksuhren. Dieser da zwischen jungem
Grn, zwischen April und Mai, ist ein vortragender Knstler, ein
wundervoller Komiker. Also gibt es wirklich Kuckucke? Ich dachte immer,
es sei eine Fabel.




                               Im Zirkus


                                  Meinem lieben blauen Reiter _Franz
                                   Marc_ und seiner blauen Reiterin

Die junge Reitknstlerin Mi Ella kehrt in die Manege zurck und schlgt
die ausgelassensten Purzelbume. Und dann kommen Paolo, Luigi und
Alberto, die drei Gigerl, und treiben aneinander Gymnastik mit der
markigen Beweglichkeit groer Leonahrder Hunde. Vier braune, ungarische
Pferdeprinzen, deren Haut unter dem Schein der vielen Kristallsterne wie
Gold glnzt, tanzen mit wilder Anmut und kniglicher Grandezza. Als ob
sie Musik in den schlanken Waden haben! sagt mein Begleiter zu mir. Und
nun das Intermezzo der beiden Clowns. Er ist mein Bruder, kreischt
Aujust, der blde Aujust, der amsante Idiot. Wie ein Gnserich
watschelt er in seinen sackweiten Hosen quer durch die Manege. Frulein
Marinka, die sanfte, grazise Erzieherin auf einem ihrer zwei artigen
Pferde sitzend -- ringelrangelreihe singen die Geigen -- und ihre beiden
Zglinge springen vor Vergngen. Und wieder ertnt die Musik hoch oben
vom Zirkus, das sind heie Carmentne, walzerartig in rundem Klingen
geblasen. Hier ist die Verunstaltung ertrglich, sagt mein Begleiter
zu mir, es pat zum Milieu. Und immer bunter werden die Klnge ... in
schimmernde, mattfarbene Stoffe gehllt kommen reizende Spanierinnen
geritten und feurige, spanische Kavaliere. Heier und tollkhner wird
der tanzende Ritt; die bacchantischen Donnas sausen, wie Feuerstrme
ber den Sand, auf dem Rcken ihrer Zauberrosse liegend -- indessen die
Senores mit liebenswrdiger Hflichkeit aufrecht zu Pferde, dem Winke
ihrer Damen harren.

Aujust! Aujust! Wo bist de, Aujust? Da steht er ja, versteckt hinter der
niedrigen Brstung der Manege und heult in Trompetentnen, da alle
Herzen Purzelbume schlagen und immer hher wchst er, immer hher. Det
hat keenen juten Anbejinn und een langet Uffwehen, quitscht Aujusten
sein Bruder mit den wulstigen Mehlbacken und der Haardte auf dem
spitzen Kopf, indessen Aujust die Manege in Melancholie, langsam wie ein
wandelnder Turm durchschreitet. Det Luder ist maschuche jeworden, weil
der kleine Cohn sinn Vater is!

Schon harren die drei blonden englischen Reiterinnen in blauer Seide;
_lovely Girls_, drei holde Mdchenenzianen. Hei, wie sie springen,
herauf und herunter von dem Rcken ihres wiehernden Vogels. Nun trgt er
sie alle drei ber den Sand in tausende Mrchen, weithin, in blaue
Grten ... Ich entwand meinem Begleiter die weie Rose, die ber seinem
Herzen blhte. _Mi here! catch it!_

10 Minuten Pause!

Wie gefllt es dir! Es ist wie ein blhendes Abenteuer. Es ist, als
ob ich brausenden, dunklen Wein trinke, und ich vergesse alles was grau
ist und hinkt. Ich sitze in einem bunten, jauchzenden Scho, und um ihn
herum wachsen ragende Gefahren, die aber lustige Kleider tragen. Wir
gehen durch die weiten Korridorhallen. Galawagen auf Goldrdern,
Riesendrachen aus Papiermach, zusammengeklappte Bretterhuser, Fsser,
allerlei Germpel, Kostme mit Silberfransen, Steinen und Perlen liegen
in bermtiger Unordnung zwischen dem Mobiliar. Wir treten in die Stlle
ein: da stehen die herrlichen Schimmel mit der silberschimmernden Haut
und den Seidenschweifen, wie helle Rosen des Frhfrhlings. Und dort die
finsteren Rappen mit den groen Feueraugen. Eine kleine Treppe fhrt uns
abwrts in die Stallungen der Elefanten -- diese grauen, schweren
Gebude aus Fleisch und Knochen mit den winzigen Guckaugenfensterchen.
Als wir wieder auf unseren Pltzen saen, war die Manege mit eisernen
Gittern umzunt. Zwei mchtige Lwen schreiten in den Kfig und hinter
ihnen die anderen Knige der Kraft. Nero! Herkules! Agamemnon!
Odysseus! Hektor! Kambyses! Hierher! Dorthin! Willst du! _Vite, vite!
Ah, mon cher._ -- und dann wieder im gebrochenen Deutsch: Aben Sie die
Gte, mein Freund. Mademoiselle Claire, du grausamste Braut! Mit
erhobenem Arm, mit drohender Liebenswrdigkeit beugt sie den Willen
ihrer grimmigen Sklaven. Ihr weier Hals lockt wie Sigkeit, ihr
blendender Hals, das Ideal ihrer brllenden Verehrer. _Ah, messieurs!_
Hektor, Agamemnon, Kambyses, _dnez s'il vous plat_. Und sie tafelt
ihnen blutende Leckerbissen. Das gierige Brllen und Knurren drhnt
durch die weiten Rume des Zirkus in aufwachsender Wildheit. Hastig eilt
der Diener herein und wieder heraus aus dem Kfig, Gertschaften bringt
er, Kugeln, Stangen, Fsser holend, Sthle und Tische -- aus Gauklern
besteht die gefhrliche Truppe. Genug, Madame Claire! Nero mu sich
noch auf dem Seil produzieren. Gewandt, wie ein Seiltnzer dreht er
sich, in der Mitte des Seiles angelangt, um sich selbst. Brav gemacht!
Seine Brder sind schon alle gefangen in der kleinen Nacht ihrer
Wagenherberge, und er allein liegt noch ausgestreckt, wie im Sande der
Wste, und schlummert. Nero, wache auf! Nero, ich mu bitten -- aber
Nero rhrt sich nicht, er ffnet zwar seine gelben Augen -- und ihn auf
den Schultern nach Hause tragend, wie ein mdes Baby, durchschreitet die
furchtbare Heilige, die heilige Kriegerin, eine Siegerin das Eisentor.

Als der Direktor seine zwei Perserhengste vorfhrte, sah ich zwischen
den Tnen der tanzenden Musik noch die grimmige Pranke Agamemnons, die
nach seiner Schnen ausholte und das schwrmerische Anschmiegen Neros.

Im Eingang der Manege stehen zwei Riesenelefanten, zwei Schulrte an
Ruhe und Wrde. Etliche helle und dunkle Pferdchen springen, fleiige
Schulbuben hinter einigen greren Apfelschimmeln, die ernst und
gravittisch in der Mitte des Zirkus haltmachen. Aber in fauler
Gemtsruhe spazieren die kleinen Elefanten herbei, und dann ungeduldig
die mutwilligen Zebras mit den glnzenden Streifen auf der Haut. Und nun
laufen sie allesamt in verschiedenem Tempo, als ob sie kanonartig das
Abc singen.

Tatrata tnen die Trompeten und die Hrner, Reiter und Reiterinnen in
ziegelroten Tuchanzgen, galoppieren auf ihren schlanken Rennern ber
Zune und Hecken, dem Edelwild nach, den Hirschen und leichtfigen
Gazellen -- und da luft ja auch der Aujust in rasender Angst durch den
weiten Manegeraum und hinter ihm ein Wild mit einer vielstigen
Geweihkrone. Die Puste jeht Aujusten aus. Er sthnt, er schreit und
gestikuliert mit allen Vieren. Herr Stallmeister, retten Sie mir!!!
Und zum Schlu: Mr. Bob, _the little gentleman_, mit seiner kleinen
sechsjhrigen Dame auf dem Pferde ...

Noch in Hut und Mantel stehen die Zuschauer vor ihren Pltzen. -- Es
kann doch eigentlich noch gar nicht aus sein -- tuuht, tuuht! ber die
Manege des Zirkus senkt sich schwer von der Decke des Zirkus eine
Riesenfeuerglocke. Aujust ist durchgebrannt!! Rotumhllte Clowns, wie in
Glut gebadet, wandeln knurrend ber den Sand, immer auf und ab; die
Anfhrer tragen Aujustens Herz aus kariertem Zucker auf einem roten
Kattunkissen. Aber da steht er ja oben auf dem Olymp: Aujust, sollst
mal runter kommen! schallen tausend Stimmen durcheinander -- aber
Aujust steht drohend aufgerichtet, seine Nase ist wei und spitz wie
eine Nadel, seine Augen sind wutrot aus den Hhlen getreten. Dstere
Zettel fliegen auf das Publikum. Er streikt, er beansprucht im Namen der
Clowngesellschaft mit beschrnkter Haft erhhten Lohn -- er droht mit
juten Witzen. Und mit einem langen Purzelbaum setzt er ber unzhlige
Kpfe lachender Hrer hinweg durch eine der Ausgangstren. -- Die vielen
Lichter werden trbe, wie mde Augen -- ich und mein Begleiter sind die
letzten der Aufbrechenden -- der groe Zirkus ist ganz allein.




                              Zirkuspferde


                                  Der lieblichen Frstin _Helle von
                                               Sontzo_

Der Tempel der Pferde ist der Zirkus, ich meine, jedes Pferd will
spielen, und das heit auf die Sprache des Wieherns, beten; alle Tiere
wollen spielen, aber welche Tieraugen brennen vor Begeisterung so tief
wie die des Rappen; die Schimmel sind fromme Pilger oder Heilige.
Ppstinnen, wie Santa Anna, Leo ritt auf ihren unbefleckten, weien
Rcken zwischen frommen Hecken seiner ppstlichen Grten. Ich gehe jeden
Monat in den groen Zirkustempel Busch, zu jedem Feiertag der Pferde, zu
ihrem Galadienst. Am liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei
uerlichkeiten, wenn sie ungesattelt ohne Reiter oder Reiterinnen sich
tanzend im Kreise bewegen, ihr eigenes Blut feiern nach Herzenslust.
Gefallen lasse ich mir die drei Geschwister Fillis im Zirkus Busch, des
berhmten, franzsischen Reiters Reitlinge. Die stren den Rhythmus des
Pferdespiels nicht; ihre Gestalten sind selbst schlankgeweiht dem Ritt.
Mademoiselle Fillis, die Schwester der beiden jungen Chevaliers ist
verwachsen, wie ihre Brder, mit dem Rcken ihres wiehernden Priesters.
-- Mein Vater und meine Mutter ritten durch die Akazienchausseen meiner
Heimat; meiner Mutter Edelstute wallfahrtet oft durch meine Erinnerung
und trgt mir dichterische Gedanken zu, und meines Vaters Hengst setzt
ber mein Blut und lt es aufschumen. Ich liebe euch, ihr Pferde mit
den langen Seidenschweifen, Atlas ist eure Haut und feuerfarbener Samt
eure Augen. Solche Schnheit ist die Frmmigkeit der Pferde, gezchtet,
spielfhig und buntgebenedeit. Ich wte keine andere Sttte, die den
Namen Tempel der Pferde verdiente, wie den Zirkus. Etwa der Rennstall?
Prostituiertes Pferdepriestertum. Beten heit Spielen der Pferde und
gibt es einen lustigeren, weihevolleren Sandtempel, als den Zirkus. --
Hochmtig ihrer Zucht bewut, schtteln die Herrenpferde ihre Mhnen,
kehren verchtlich dem Liebesugeln einer dreisten Lastpferdin oder
einer brnstigen Dickschenkelin ihres Pferdevolkes den Rcken. Sie gehen
keine Mesalliance ein. Glcklich macht mich der Anblick eines Reiters,
pat er sich dem Denken seines Trgers an. Wie denkt sein Pferd, sein
wohlgepflegtes Pferd? Trabweise, sprungweise, gallopierend, immer in
Gedanken, treu seiner Bewegung. Und das bertrgt sich dem Kavalier und
seiner Dame, Halbpriester der da oben, Halbpriesterin, die auf des
Pferdes Rcken. Voll Spiellust sind die Fllen; jeden Morgen wartete
ungeduldig so ein Nimmermdes auf mich und meine Schulkameradin. ber
den Zaun auf seine Wiese sprangen wir schulvergessend -- wer von uns
drei wohl am liebsten Zeck spielte! Darum empfinde ich schmerzlich jede
Mihandlung der Karrenpferde. Bang wie Regen flieen die dunklen Lider
ber ihre trben Augen. Wie denkt so ein Pferd? Kummer bedrckt sein
Herz und beugt seinen verhrmten Kopf. Manchmal trstet der Braune den
Schwarzen oder der Apfelschimmel die mde Apfelschimmelin. -- Wie
futterfreudig hingegen an ihren fetten Trog denken die markigen
Erntepferde; an den Seiten des Kopfes tragen sie den blanken
Messingschmuck. Zwei, vier Kinderhnde, vom reichen Schulzen die Buben,
halten sich an den Strhnen der Mhne des schnaubenden vierbeinigen
Bauern fest, und einige Plumsscke liegen auf dem Hinterviertel seines
stampfenden, drallen Pferdeweibs. Ich liebe euch alle, ihr Pferde, auch
die Zwergpferdchen aus Gullivers Zwerglande im Zirkus Busch.




                              Zirkus Busch


Wann fngt es an? Da wir nur ganz pnktlich dort sind! Ich will
lieber den ersten Aufzug einer Theaterpremiere versumen als die
Reiterin im Quastensattel. Es hiee eine Erinnerung schieen lassen.
Erstaunte, groaufgetane Augen bekommt man im Zirkus, und die Lippen
werden rot und runden sich. Und alle Menschen, die zugucken, sind
Kinder. Das ist es: Zugucken soll man.

Nach dem Steppenritt -- die liebenswrdige Schulreiterin im blauen
Tuchkleid; ihr folgen weibegossene Pudel, zwei Clowns. Beim Mller
waren sie und wollen nun zum Bcker in den Ofen. Hinter ihnen hilflos
der wirkliche August in spitzen, amerikanischen Lackschuhen,
gentlemanlike gekleidet. Auf einmal ffnet sich der Vorhang der oberen
kleinen Bhne. An sthlernen Recken strecken sich schmiegsame
Menschenleiber, wie Katzen hin und her auf Samthnden und leisen Fen.
Aber unten in der Manege stampfen schon die schwarzen Zigeunerpferde.
Ich liebe die Pferde. Es sind gestaltgewordene Sagen, Legenden, Mrchen
aus Tausendundeiner Nacht. Wann setzen die wiehernden Paschas ber den
Bankzaun, im Kreis den Sand aufwirbelnd zur Wolke! Ihre Nacken schmckt
der Halbmond mit dem Stern. Oben vom Gipfel des Zirkus braust ein
Marsch. Ich hrte ihn schon am Bosporus; Abdul Hamids Sohn hat ihn
vertont. -- -- --

Die Kristallkronen senken sich majesttisch, der bunte Riesenraum wird
zu einem Krnungssaal. Die Ringer warten schon vor der Halle. Schlanke
Knigsshne aus dem Norden, ihre Schultern sind dunkelvergoldet von der
Mitternachtssonne. Dichtungen werden Wahrheiten. Johannes Josefsson, ein
islndischer Achill, er fhrt den Heroentanz der Kraft auf. Ich mu an
den schnen Halbgott denken, noch zwischen den Indianern, Farmern und
Cowboys. Eine interessante Huptlingspantomime. Man bekommt Lust,
mitzupantomimen. Ich halte die bliche verzuckerte Nustange noch
unberhrt in der Hand. -- --

Morgen Mittwoch acht Uhr, groe Galavorstellung.




        Kurt Wolff Verlag, Leipzig (frher Ernst Rowohlt Verlag)

                                Max Brod

                          Die Hhe des Gefhls

                       Szenen, Verse, Trstungen

   25 Exemplare auf Btten, vom Autor signiert in Ganzleder gebunden
                             je Mark 15.--

                 Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50

_Berliner Tageblatt_: Der Titel Die Hhe des Gefhls bezeichnet einen
Zustand auerordentlicher seelischer Steigerung, der ein Hinausgehen
ber die sonstigen Grenzen der lyrischen Form zum szenischen Bilde
notwendig macht, indem der Trger des Gefhls sich selbst in den
leidenschaftlichen Beziehungen zur Umwelt darstellen mu. Durch eine ins
Groartige aufstrebende biblische Dsterkeit und Erlebniskraft erhebt
sich das Schlustck Die Arche Noah zu einer Musik des Wortes und
Sinnes, die man als ein poetisches Oratorium ansprechen mchte.

_Neue Freie Presse, Wien_: Es dnkt mich das innigste, echteste und
zugleich khnste, selbstbewuteste der Brodschen Bcher. Hier gab der
Dichter vielleicht sein Tiefstes: ein Paradigma der Menschheit, ihrer
Irrungen und Versuchungen, ihrer Verstrickungen und Erlsungen in Form
einer kurzen und gedrngten, phantasievoll vergegenwrtigten Szene.
Irgendein Unsagbares schwingt hierbei noch mit, das ich nur durch das
Wort Musik anzudeuten vermag.

_Die Zeit, Wien_: Etwas Weltabgewandtes, Abseitiges, nach innen
Gekehrtes, das mit unserem Gefhls- und Gedankenleben mehr zu tun hat,
als Krieg und Brse, zieht uns mit seltsamer Gewalt zu diesen Blttern
und dennoch sprt man verhalten den heien Atem unserer Zeit darin. ber
die neue Gabe des jungen Prager Dichters wird man sich freuen: sie
gehrt zu den in unserer Zeit so seltenen reifen und harmonischen
Bchern, die gleichweit von erdfernem Optimismus und kokett-ironischer
Weltschmerzlichkeit entfernt sind.

_Prager Tageblatt_: Brods Kunst erscheint hier wunderbar gesteigert,
losgelst vom stofflichen Zwang, wie auf Flgeln die Welt durchmessend.
Der Verlag hat dem Werk brigens ein ganz erlesenes Kleid gegeben.




        Kurt Wolff Verlag, Leipzig (frher Ernst Rowohlt Verlag)

                                Max Brod

                  ber die Schnheit hlicher Bilder

               Ein Vademecum fr Romantiker unserer Tage

                 Geheftet Mark 3.50 Gebunden Mark 4.50

Ein ernstes und dabei bizarres Bekenntnisbuch Max Brods, das
eigensinnige, hchst individuelle Credo dieses Dichters. Man kann sagen,
da sein Schaffen durch das vorliegende Buch, in dem der Dichter
fast ausschlielich von sich selbst und seinen uersten
Gedankenverfaserungen spricht, in ganz neuem Lichte erscheint. Das Buch
ist zum tieferen Verstndnis der vorhergehenden Werke Brods unerllich.
Wir sehn hier ein heftiges Temperament und seine Opposition gegen unser
mechanisiertes, amerikanisiertes, philistrs-kaufmnnisches Zeitalter
uern. Aber diese Opposition ist alles andere als griesgrmig. Sie
versteckt sich oft sogar hinter einem lustigen Lob des Verabscheuten, ja
sie baut eine ganze phantastische Theorie der Schnheit des
Geschmacklosen aus. Die Greuel kitschiger Bilder, Kino und Panorama,
Chansonetten und Ausstattungsstcke, hliche Mbel und konventionelle
Schauspielkunst werden in unterhaltendster Paradoxie in den Himmel
erhoben. Hinter dem komplizierten Gewebe von Spott und ironischer
Verliebtheit schlgt aber immer wieder die Liebe zum Begeisternden, zu
den Sternen, zu Smetana und Berlioz, zum Meister Flaubert und zu dem
nach Ansicht des Dichters bedeutendsten Zeitgenossen Robert Walser
durch. So ist dieses Buch eigentlich nur ein eigenwilliger, aber doch
ein Weg zum Ideal und zur Befreiung des Menschen im Absoluten, im Reiche
des Erhabenen und Schnen. Unbeirrbar steht hinter jedem der
unberechenbaren Seitensprnge und humoristischen Exkursionen der groe
Ernst dieses Dichters. Max Brod hat in seinem gleichzeitig erschienenen
(mit Dr. Felix Weltsch gemeinsam verfaten) philosophischen Buch
Anschauung und Begriff die exakte Basis gegeben, auf der er sich so
khne Scherze erlauben darf, die in anderem Zusammenhange vielleicht
frivol klngen, whrend sie hier nur von der unbefangenen, nietzschehaft
heiteren Luft um diesen sicheren Tnzer Kunde geben.




        Kurt Wolff Verlag, Leipzig (frher Ernst Rowohlt Verlag)

                              Franz Werfel

                                Wir sind

                             Neue Gedichte

      In vorzglicher Ausstattung / Druck der Offizin W. Drugulin

      Vorzugsausgabe: 15 numerierte vom Autor signierte Expl. auf
             schwerem Japanbtten in Ganzlederbd. M. 35.--

                 Geheftet Mark 3.-- Gebunden Mark 4.50

Ein neues Buch von Franz Werfel, dem jungen, rasch berhmt gewordenen
Lyriker. Was in Werfels ersten Versen bereits gestaltet war: die Flle
der Erscheinungen im Geiste des zeitgenssischen Poeten, wird hier
gesteigert zu ungeheuerster Weltbeseelung. Aber nicht mehr im Irdischen
will seine Dichtung beharren, sie versucht dem Gttlichen im Gefhl
aller Menschheit nher zu kommen. So wird sein Singen prophetisch wie
die Psalmen des Alten Testaments; sein Werk hat die Strke und
Verkndigung eines neuen Ethos.

                       Urteile ber Franz Werfel:

_Wilhelm Herzog_: ... ein ganz junger, ganz groer Dichter. Wenn
irgendwo, so ist hier die neue Kunst.

_Frankfurter Zeitung_: ... ein ganz groer Dichter, mit allem Ernste
sei das gesagt.

_Neue Rundschau_: ... Withmans kosmische Liebe und Goethes
unersttliche Lust zu fhlen, hat sich Werfel durch das Recht der
Wiedergeburt zu eigen gemacht.

_B. Viertel im Strom_: Diesem jungen Dichter fgt sich das Leben,
indem es ihn entzckt, in leichte, zarte, schwebende Formen. Alles ist
neu, alles ist noch Ereignis, ist Ekstase.




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... nehmen sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...
   ... nehmen Sie als ein Luxusgeschenk hin, denn ich bin ...

   [S. 18]:
   ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf dem Kopf ...
   ... blumenverziert. Dort ist ein Zeitwort auf den Kopf ...

   [S. 21]:
   ... sich an ihrer Schrift, und den Inhalt, den ...
   ... sich an ihrer Schrift, und der Inhalt, den ...

   [S. 22]:
   ... aber deren Inhalt voll Leben sprudeln; Handschriftknstler, ...
   ... aber deren Inhalt voll Leben sprudelt; Handschriftknstler, ...

   [S. 38]:
   ... wie das Wasser aufspritzt. Das nur nicht die neuen ...
   ... wie das Wasser aufspritzt. Da nur nicht die neuen ...

   [S. 41]:
   ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen treffen. Vorwurfsvoll ...
   ... Besitzer dieser Fuhrunternehmen trifft. Vorwurfsvoll ...

   [S. 78]:
   ... Kampfstimmung, er hat tagber Aufstze schreiben ...
   ... Kampfstimmung, er hat tagsber Aufstze schreiben ...

   [S. 87]:
   ... Sitte.) Reisen Sie mich nicht immer aus meinen ...
   ... Sitte.) Reien Sie mich nicht immer aus meinen ...

   [S. 99]:
   ... teilte ihr meinen Entschlu, da, falls sie mir das ...
   ... teilte ihr meinen Entschlu mit, da, falls sie mir das ...

   [S. 111]:
   ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidige ...
   ... am Nacken sei. Prangende Schlichtheit, geschmeidiger ...

   [S. 135]:
   ... vor diesen pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...
   ... vor dieser pflanzt sich wild ein Herr auf mit einem ...

   [S. 166]:
   ... dnez s'il vous plat. Und sie tafelt ihnen ...
   ... dnez s'il vous plat. Und sie tafelt ihnen ...

   [S. 169]:
   ... liebsten sind mir ihre Feier ohne vielerlei uerlichkeiten, ...
   ... liebsten sind mir ihre Feiern ohne vielerlei uerlichkeiten, ...






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1.F.

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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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