The Project Gutenberg EBook of Soll und Haben, Bd. 1 (2), by Gustav Freytag

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Title: Soll und Haben, Bd. 1 (2)
       Roman in sechs Bchern

Author: Gustav Freytag

Release Date: June 14, 2016 [EBook #52330]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SOLL UND HABEN, BD. 1 (2) ***




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                          Soll und Haben.


                      Roman in sechs Bchern

                               von

                         Gustav Freytag.


          Der Roman soll das deutsche Volk da suchen, wo
          es in seiner Tchtigkeit zu finden ist, nmlich bei
          seiner Arbeit.               _Julian Schmidt._


                         Zwlfte Auflage.

           (Sechster Abdruck der Stereotyp-Ausgabe.)

                           Erster Band.


                             Leipzig

                      Verlag von S. Hirzel.

                              1866.




  Der Verfasser hat sich das Recht der Uebersetzung vorbehalten.




Inhalt


  Widmung                                       1

  Erstes Buch                                   3
       I.                                       3
      II.                                      10
     III.                                      21
      IV.                                      36
       V.                                      54
      VI.                                      67
     VII.                                      80
    VIII.                                     111
      IX.                                     131
       X.                                     148

  Zweites Buch                                157
       I.                                     159
      II.                                     188
     III.                                     211
      IV.                                     228
       V.                                     253
      VI.                                     263
     VII.                                     290
    VIII.                                     309
      IX.                                     332
       X.                                     346

  Drittes Buch                                363
       I.                                     365
      II.                                     389
     III.                                     418
      IV.                                     453
       V.                                     477
      VI.                                     499
     VII.                                     517
    VIII.                                     537




                          Seiner Hoheit

                            Ernst II.

                Herzoge zu Sachsen-Coburg-Gotha.


Es war ein lachender Maiabend auf dem Kallenberg. Oben um das Schlo
blhte und duftete der Frhling und die Bltter der rothen Akazie warfen
gezackte Schatten auf den thauigen Rasen. Unten im Dunkel des Thals
sprangen die zahmen Rehe aus dem Gehlz und schauten begehrlich nach der
hellen Gestalt der Herrin, welche den holden Segen des Gastrechts Jedem
ertheilt, der in den Bannkreis des Schlosses tritt, dem Menschen, wie
dem Vogel und dem Wild. Die Ruhe des Abends lag auf dem Hgel und Thal,
nur aus weiter Entfernung klang zuweilen das Rollen des Donners in die
lichtreiche, glckliche Landschaft. An diesem Abend sah Eure Hoheit, an
die Steine der alten Schlomauer gelehnt, sorgenvoll ber die
fruchtbaren Felder hinein in die dmmrige Ferne. Was mein edler Frst
damals sprach: ber die Verwirrung der letzten Jahre, ber die
Muthlosigkeit und mde Abspannung der Nation, und ber den Beruf der
Dichter, die grade in solcher Zeit dem Volke einen Spiegel seiner
Tchtigkeit vorhalten sollen zur Freude und Erhebung, -- das waren
goldene Worte, in denen sich ein groer Sinn und ein warmes Herz
offenbarten, und sie werden lange nachklingen in dem Herzen des Hrers.
Seit diesem Abend habe ich den Wunsch, mit Eurer Hoheit Namen das Buch
zu schmcken, dessen Plan ich damals mit mir herumtrug.

Fast zwei Jahre sind seitdem vergangen, ein furchtbarer Krieg ist
entbrannt, und mit finsterer Sorge sieht der Deutsche in die Zukunft
seines Vaterlandes.

In solcher Zeit, wo die strksten politischen Leidenschaften in das
Leben jedes Einzelnen dringen, weicht die heitere Ruhe, welche der
Schaffende zur knstlerischen Gestaltung braucht, leicht von seinem
Arbeitstisch. Ach! sie hat dem deutschen Dichter seit lange gefehlt. Nur
zu sehr fehlt das Behagen am fremden und eigenen Leben, die Sicherheit
fehlt und der frohe Stolz, mit welchem die Schriftsteller anderer
Sprachen auf die Vergangenheit und Gegenwart ihres Volkes blicken; im
Ueberflu aber hat der Deutsche Demthigungen, unerfllte Wnsche und
eifrigen Zorn. Wer in solcher Zeit Poetisches gestaltet, dem fliet
nicht die freie Liebe allein, auch der Ha fliet leicht aus dem
schreibenden Rohr, leicht tritt an die Stelle einer dichterischen Idee
die praktische Tendenz und statt freier Laune findet der Leser
vielleicht eine unschne Mischung von plumper Wirklichkeit und
geknstelter Empfindung.

Bei solchen Gefahren hat der Dichter doppelt die Pflicht, die Umrisse
seiner Bilder rein zu halten von Verzerrung, und seine eigene Seele frei
von Ungerechtigkeit. Dem Schnen in edelster Form den hchsten Ausdruck
zu geben, ist nicht jeder Zeit vergnnt, aber in jeder soll der
erfindende Schriftsteller wahr sein gegen seine Kunst und gegen sein
Volk.

Diese Wahrheit zu suchen, und wo ich sie fand, zu vertreten, halte ich
fr die Aufgabe auch meines Lebens.

Und so sei meinem ritterlichen Herrn ehrfurchtsvoll das leichte Werk
gewidmet. Glcklich werde ich sein, wenn Eurer Hoheit dieser Roman den
Eindruck macht, da er wahr nach den Gesetzen des Lebens und der
Dichtkunst erfunden und doch niemals zuflligen Ereignissen der
Wirklichkeit nachgeschrieben ist.

  _Leipzig_, im April 1855.

                                                        Gustav Freytag.




Erstes Buch.




~I.~


Ostrau ist eine kleine Kreisstadt unweit der Oder, bis nach Polen hinein
berhmt durch ihr Gymnasium und se Pfefferkuchen, welche dort noch mit
einer Flle von unverflschtem Honig gebacken werden. In diesem
altvterischen Orte lebte vor einer Reihe von Jahren der knigliche
Calculator Wohlfart, der fr seinen Knig schwrmte, seine Mitmenschen
-- mit Ausnahme von zwei Ostrauer Spitzbuben und einem groben
Strumpfwirker -- herzlich liebte und in seiner sauren Amtsthtigkeit
viele Veranlassung zu heimlicher Freude und zu demthigem Stolze fand.
Er hatte spt geheirathet, bewohnte mit seiner Frau ein kleines Haus und
hielt den kleinen Garten eigenhndig in Ordnung. Leider blieb diese
glckliche Ehe durch mehrere Jahre kinderlos. Endlich begab es sich, da
die Frau Calculatorin ihre weibaumwollene Bettgardine mit einer breiten
Krause und zwei groen Quasten verzierte und unter der hchsten
Billigung aller Freundinnen auf einige Wochen dahinter verschwand, grade
nachdem sie die letzte Falte zurechtgestrichen und sich berzeugt hatte,
da die Gardine von untadelhafter Wsche war. Hinter der weien Gardine
wurde der Held dieser Erzhlung geboren.

Anton war ein gutes Kind, das nach der Ansicht seiner Mutter vom ersten
Tage seines Lebens die staunenswerthesten Eigenheiten zeigte. Abgesehen
davon, da er sich lange Zeit nicht entschlieen konnte, die Speisen mit
der Hhlung des Lffels zu fassen, sondern hartnckig die Ansicht
festhielt, da der Griff dazu geeigneter sei, und abgesehen davon, da
er eine unerklrliche Vorliebe fr die Troddel auf dem schwarzen
Kppchen seines Vaters zeigte und das Kppchen mit Hlfe des
Kindermdchens alle Tage heimlich vom Kopf des Vaters abhob und ihm
lachend wieder aufsetzte, erwies er sich auch bei wichtigerer
Gelegenheit als ein einziges Kind, das noch nie dagewesen. Er war am
Abend sehr schwer in's Bett zu bringen und bat, wenn die Abendglocke
lutete, manchmal mit gefalteten Hnden, ihn noch herumlaufen zu lassen;
er konnte stundenlang vor seinem Bilderbuch kauern und mit dem rothen
Gckelhahn aus der letzten Seite eine Unterhaltung fhren, worin er
diesen wiederholt seiner Liebe versicherte und dringend aufforderte,
sich nicht dadurch seiner kleinen Familie zu entziehn, da er sich vom
Dienstmdchen braten liee. Er lief zuweilen mitten im Kinderspiel aus
dem Kreise und setzte sich ernsthaft in eine Stubenecke, um
nachzudenken. In der Regel war das Resultat seines Denkens, da er fr
Eltern oder Gespielen etwas hervorsuchte, wovon er annahm, da es ihnen
lieb sein wrde. Seine grte Freude aber war, dem Vater gegenber zu
sitzen, die Beinchen ber einander zu legen, wie der Vater that, und aus
einem Hollunderrohr zu rauchen, wie sein Herr Vater aus einer wirklichen
Pfeife zu thun pflegte. Dann lie er sich allerlei vom Vater erzhlen,
oder er selbst erzhlte seine Geschichten. Und das that er, wie die
Frauenwelt von Ostrau einstimmig versicherte, mit so viel Gravitt und
Anstand, da er bis auf die blauen Augen und sein blhendes
Kindergesicht vollkommen aussah, wie ein kleiner Herr im Staatsdienst.
Unartig war er so selten, da der Theil des weiblichen Ostrau's welcher
einer dstern Auffassung des Erdenlebens geneigt war, lange zweifelte,
ob ein solches Kind heranwachsen knne; bis Anton endlich einmal den
Sohn des Landraths auf offener Strae durchprgelte und durch diese
Unthat seine Aussichten auf das Himmelreich in eine behagliche Ferne
zurckhmmerte. Kurz er war ein so ungewhnlicher Knabe, wie nur je das
einzige Kind warmherziger Eltern gewesen ist. Auch in der Brgerschule
und spter im Gymnasium wurde er ein Muster fr Andere und ein Stolz
seiner Familie. Und da der Zeichnenlehrer behauptete, Anton msse Maler
werden, und der Ordinarius von Tertia dem Vater rieth, ihn Philologie
studiren zu lassen, so wre der Knabe seiner zahlreichen Anlagen wegen
wahrscheinlich in die gewhnliche Gefahr ausgezeichneter Kinder
gekommen, fr keine einzige Thtigkeit den rechten Ernst zu finden, wenn
nicht ein Zufall seinen Beruf bestimmt htte.

An jedem Weihnachtsfest wurde durch die Post eine Kiste in das Haus des
Calculators befrdert, worin ein Hut des feinsten Zuckers und ein groes
Packet Kaffe standen. Gewhnlichen Zucker lie der Hausherr durch seine
Frau klein schlagen, diesen Zuckerhut zerbrach er selbst mit vielem
Kraftaufwand in einer feierlichen Handlung und freute sich ber die
viereckigen Wrfel, welche seine Kunst hervorzubringen vermochte. Der
Kaffe dagegen wurde von der Frau Calculatorin eigenhndig gebrannt, und
sehr angenehm war das Selbstgefhl, mit welchem der wrdige Hausherr die
erste Tasse dieses Kaffe's trank. Das waren Stunden, wo ein poetischer
Duft, der so oft durch die Seelen der Kinder zieht, das ganze Haus
erfllte. Der Vater erzhlte dann gern seinem Sohne die Geschichte
dieser Sendungen. Vor vielen Jahren hatte der Calculator in einem
bestubten Actenbndel, das von den Gerichten und der Menschheit bereits
aufgegeben war, ein Document gefunden, worin ein groer Gutsbesitzer aus
Posen erklrte, einem bekannten Handelshause der Hauptstadt mehrere
Tausend Thaler zu schulden. Offenbar war der Schuldschein in
kriegerischer und ungesetzmiger Zeit in ein falsches Actenheft verlegt
worden. Er hatte den Fund am gehrigen Orte angezeigt, und das
Handelshaus war dadurch in Stand gesetzt worden, einen verzweifelten
Rechtsstreit gegen die Erben des Schuldners zu gewinnen. Darauf hatte
der junge Chef der Handlung sich angelegentlich nach dem Finder des
Documents erkundigt und demselben einen artigen Brief geschrieben, der
Calculator hatte, wie seine Art war, sehr bestimmt allen Dank abgelehnt,
weil er nur seine Amtspflicht erfllt habe. Von da ab erschien an jeder
Weihnacht die erwhnte Sendung mit einem kurzen herzlichen
Begleitschreiben und wurde jedesmal umgehend durch ein kalligraphisches
Kunstwerk des Calculators erwiedert, worin dieser unermdlich seine
Ueberraschung ber die unerwartete Sendung ausdrckte und der Firma zum
neuen Jahr aus voller Seele Gutes wnschte. Selbst seiner Frau gegenber
behandelte der Herr die Weihnachtsendung als einen Zufall, eine
Kleinigkeit, ein Nichts, welches von der Laune eines Commis der Firma T.
O. Schrter abhnge, und jedes Jahr protestirte er eifrig, wenn die Frau
Calculatorin die zu erwartende Kiste bei ihren Wirthschaftsplnen in
Rechnung brachte. Aber im Stillen hing seine Seele an diesen Sendungen.
Es waren nicht die Pfunde Raffinade und Cuba, es war die Poesie dieser
gemthlichen Beziehung zu einem ganz fremden Menschenleben, was ihn so
glcklich machte. Er hob alle Briefe der Firma sorgfltig auf, wie die
drei Liebesbriefe seiner Frau, ja er heftete sie mit dem Ehrwrdigsten,
was er kannte, mit schwarz und weiem Seidenfaden in ein kleines
Actenbndel; er wurde ein Kenner von Colonialwaaren, ein Kritiker,
dessen Geschmack von den Kaufleuten in Ostrau hchlich respectirt wurde;
er konnte sich nicht enthalten, den billigen Melis-Zucker und den
Brasil-Kaffe als untergeordnete Erzeugnisse der Schpfung mit einer
entschiedenen Verachtung zu behandeln; er fing an, sich fr die
Geschfte der groen Handlung zu interessiren, und studirte in den
Zeitungen regelmig die Marktpreise von Zucker und Kaffe, welche mit
merkwrdigen und fr Nicht-Eingeweihte ganz unverstndlichen Bemerkungen
hinter den politischen Nachrichten standen; ja er speculirte in seiner
Seele mit als Associ seines Freundes, des groen Kaufmanns, er rgerte
sich, wenn der Kaffe in den Zeitungen flaute, und war vergngt, wenn der
Zucker als angenehm notirt war.

Das war ein unscheinbares, leichtes Band, welches den Haushalt des
Calculators mit dem geschftlichen Treiben der groen Welt verknpfte;
und doch wurde es fr Anton ein Leitseil, wodurch sein ganzes Leben
Richtung erhielt. Denn wenn der alte Herr am Abend in seinem Garten sa,
das Sammtkppchen in dem grauen Haar und seine Pfeife im Munde, dann
verbreitete er sich gern mit leiser Sehnsucht ber die Vorzge eines
Geschftes, welches die Flle der herrlichsten Sachen gewhre, und frug
dann scherzend seinen Sohn, ob er auch Kaufmann werden wolle. Und in der
Seele des Kleinen scho augenblicklich ein hbsches Bild zusammen, wie
die Strahlen bunter Glasperlen im Kaleidoskop, zusammengesetzt aus
groen Zuckerhten, Rosinen und Mandeln und goldenen Apfelsinen, aus dem
freundlichen Lcheln seiner Eltern und all dem geheimnivollen
Entzcken, welches ihm selbst die ankommende Kiste je bereitet; bis er
begeistert ausrief: ja, Vater, ich will. -- Man sage nicht, da unser
Leben arm sei an poetischen Stimmungen, noch beherrscht die Zauberin
Poesie berall das Treiben der Erdgebornen. Aber ein Jeder achte wohl
darauf, welche Trume er im heimlichsten Winkel seiner Seele hegt, denn
wenn sie erst gro gewachsen sind, werden sie leicht seine Herren,
strenge Herren!

So lebte die Familie still fort durch manches Jahr. Anton wuchs heran
und lief mit seiner Bchermappe durch alle Klassen des Gymnasiums bis in
die stolze Prima. Wenn die Frau Calculatorin ihren Mann bat, ber Antons
Zukunft einen festen Entschlu zu fassen, erwiederte der Hausherr mit
einem siegesfrohen Lcheln: der Entschlu ist gefat, er will ja
Kaufmann werden. Erst mu er mit dem Gymnasium fertig sein, dann steht
ihm die ganze Welt offen. Und dann that der Calculator, als ob das
Abiturientenzeugni ein Schlssel zu allen Ehren der Welt sei. Im
Geheimen aber bangte ihm ein wenig davor, den Familientraum der
Auffhrung nher zu bringen.

Unterde kam ein schwarzer Tag, wo die Fensterladen des Hauses lange
geschlossen blieben, das Dienstmdchen mit rothen Augen die Treppe auf
und ab lief, der Arzt kam und den Kopf schttelte, und der alte Herr am
Lager seiner Frau das Sammtkppchen in den gefalteten Hnden hielt,
whrend der Sohn schluchzend vor dem Bette kniete und seinen Lockenkopf
darauf legte, welchen die Hand der sterbenden Mutter noch zu streicheln
versuchte. Drei Tage nach diesem Morgen wurde die Frau Calculatorin
begraben, und der alte Herr und Anton saen am Abend nach dem Begrbni
bleich und einsam einander gegenber. Anton schlich von Zeit zu Zeit
hinter die Stachelbeeren, sich dort in der Stille auszuweinen, und der
alte Herr stand hufig von seinem Stuhle auf und ging in die
Schlafstube, wo die weie Gardine mit den beiden Quasten hing, und
weinte ebenfalls. Der Jngling erhielt nach langem Weinen die rothen
Backen wieder, der alte Herr kam nicht wieder zu Krften. Er klagte ber
nichts, er rauchte seine Pfeife wie immer, er rgerte sich noch immer,
wenn der Kaffe flaute, aber es war kein rechtes Rauchen und auch kein
rechter Aerger mehr. Oft sah er seinen Sohn nachdenklich und traurig an,
und der junge Gesell konnte nicht errathen, was den Vater so besorgt
mache. Als der Vater aber an einem Sonnabend den Sohn wieder gefragt
hatte, ob er noch Kaufmann werden wollte, und Anton zum hundertsten Male
versichert hatte, da er gerade dies gern wolle, und nichts Anderes, da
stand der alte Herr entschlossen auf, rief das Dienstmdchen und
bestellte zum nchsten Morgen eine Fuhre nach der Hauptstadt. Er gestand
dem fragenden Sohne nicht, weshalb er die unerhrte Expedition vornahm.
Und er hatte wohl Grund zum Schweigen, der arme alte Herr! Denn wenn er
auch seit zwanzig Jahren stolz gewesen war auf seinen groen
Handelsfreund, so hatte ihm doch immer der Muth gefehlt, selbst vor den
Kaufmann zu treten und fr seinen Sohn einen Platz im Comtoir zu
erbitten. Sein Wunsch kam ihm sehr verwegen vor, und seine Ansprche
unermelich gering. Oft hatte er sich's vorgenommen und stets hatte er's
wieder aufgeschoben, bis die Sorge um seinen Sohn grer wurde, als
seine Scheu.

Als er den Tag darauf sehr spt aus der Hauptstadt zurckkehrte, war er
in ganz anderer Stimmung, glcklicher als je nach dem Tode der Frau
Calculatorin. Er begeisterte seinen Sohn, der ihn in ahnungsvoller
Spannung erwartete, durch seinen Bericht von der unglaublichen
Annehmlichkeit des groen Geschftes und der Freundlichkeit des groen
Kaufmanns gegen ihn. Er war zu Mittag geladen worden, er hatte
Kibitzeier gegessen, er hatte griechischen Wein aus den Kellern seines
Freundes getrunken, einen Wein, gegen welchen der beste Wein im Gasthofe
zu Ostrau nichtswrdiger Essig war; er hatte das Versprechen erhalten,
da sein Sohn nach Jahresfrist in das Comtoir eintreten knne, und
einige Wnsche ber die Vorbildung, die dafr wnschenswerth sei. Schon
am nchsten Tage sa Anton vor einem groen Rechenbuch und disponirte
mit unbeschrnkter Vollmacht ber Hunderttausende von Pfunden Sterling,
welche er bald in rheinische Gulden verwandelte, bald in Hamburger Mark
Banko umsetzte, als brasilianische Milreis in die Welt flattern lie,
und zuletzt ruhig in mexikanischen Staatspapieren anlegte, an denen er
mit grter Sicherheit alle mglichen Interessen bis zu zehn vom Hundert
zog. Hatte er auf diese Weise ein colossales Vermgen zusammengescharrt,
so ging er in den Garten, ein kleines dnnleibiges Buch in der Hand,
welches auf dem Titel versprach, ihn in vier Wochen zu einem fertigen
Englnder zu machen. Dort bemhte er sich zum Entsetzen der deutschen
Sperlinge und Finken, das A und andere ehrliche Buchstaben auf jede
Weise auszusprechen, welche dem Menschen mglich ist, wenn er einen
Buchstaben anders ausspricht, als sich mit der Natur und dem Charakter
desselben vertrgt.

So ging wieder ein Jahr hin, Anton war gerade achtzehn Jahre alt und
hatte seine Abiturientenprfung bestanden; da wurden wieder einmal an
einem Morgen die Fensterladen des Calculators nicht zu gehriger Zeit
geffnet, wieder rannte das Dienstmdchen mit verweinten Augen durch das
Haus, und wieder schttelte die Nachtlampe unzufrieden und kummervoll
ihre feurige Mtze. Diesmal lag der alte Herr selbst im Bett und Anton
sa vor demselben, beide Hnde des Vaters haltend. Der alte Herr aber
lie sich nicht festhalten, sondern starb so eilig als mglich, nachdem
er seinen Sohn vielmal gesegnet hatte. Nach einigen Tagen lauten
Schmerzes stand Anton allein in der stillen Wohnung, eine Waise, im
Anfange eines neuen Lebens.

Der alte Herr war nicht umsonst Calculator gewesen; sein Haushalt war in
musterhafter Ordnung, seine sehr geringe Hinterlassenschaft in der
geheimen Schublade des Schreibtisches war auf dem gehrigen Blatt Papier
zu Heller und Pfennig aufgezeichnet; Alles, was im letzten Jahre durch
das Dienstmdchen zerschlagen oder verwstet worden war, fand sich an
der betreffenden Stelle bemerkt und abgerechnet, ber Jedes war
Disposition getroffen; auch ein Brief an den Kaufherrn fand sich vor,
den der Verstorbene noch in den letzten Tagen mit zitternder Hand
geschrieben hatte; ein treuer Hausfreund war zum Vormund Antons bestellt
und mit dem Verkauf des Hauses und Gartens und seines ganzen Inhalts
beauftragt; und Anton trat, vier Wochen nach dem Tode des Vaters, an
einem frhen Sommermorgen ber die Schwelle des vterlichen Hauses,
legte den Schlssel desselben in die Hand des Vormundes, bergab sein
Gepck einem Fuhrmann und fuhr durch das Thor des Stdtchens auf die
Hauptstadt zu, den Brief seines Vaters an den Kaufmann in der Tasche.




~II.~


Schon welkte das frisch gemhete Wiesengras in der Mittagssonne, als
Anton dem Nachbar aus Ostrau, der ihn bis zur letzten Station vor der
Hauptstadt mitgenommen hatte, die Hand schttelte und dann rstig auf
der Landstrae vorwrts schritt. Es war ein lachender Sommertag, auf den
Wiesen klirrte die Sense des Schnitters am Wetzstein und oben in der
Luft sang die unermdliche Lerche. Vor dem Wanderer strich die
Landschaft in hgelloser Ebene fort, am Horizont hinter ihm erhob sich
der blaue Zug des Gebirges. Kleine Bche von Erlen und Weidengruppen
eingefat durchrannen lustig die Landschaft, jeder Bach bildete ein
Wiesenthal, das auf beiden Seiten von ppigen Getreidefeldern begrenzt
wurde. Von allen Seiten stiegen die hellen Glockenthrme der Kirchen aus
dem Boden auf, jeder als Mittelpunkt einer Gruppe von braunen und rothen
Dchern, die mit einem Kranz von Gehlz umgeben waren. Bei vielen
Drfern konnte man an der stattlichen Baumallee und dem Dach eines
groen Gebudes den Rittersitz erkennen, welcher neben den Dorfhusern
lag, wie der Schferhund neben der wolligen Heerde.

Anton eilte vorwrts, wie auf Sprungfedern fortgeschnellt. Vor ihm lag
die Zukunft, sonnig gleich der Flur, ein Leben voll strahlender Trume
und grner Hoffnungen. Nach langer Trauer in der engen Stube pochte heut
sein Herz zum ersten Mal wieder in krftigen Schlgen; in der Flle der
Jugendkraft strahlte sein Auge und lachte sein Mund. Alles um ihn
glnzte, duftete, wogte wie in elektrischem Feuer, in langen Zgen trank
er den berauschenden Wohlgeruch, der aus der blhenden Erde aufstieg. Wo
er einen Schnitter im Felde traf, rief er ihm zu, da heut ein guter Tag
sei, und einen guten Tag rief jeder Mund dem schmucken Jngling zurck.
Im Getreidefelde neigten sich die Aehren am schwanken Stiel auf ihn zu,
sie nickten und grten, und in ihrem Schatten schwirrten unzhlige
Grillen ihren Gesang: Lustig, lustig im Sonnenschein! Auf der Weide sa
ein Volk Sperlinge, die kleinen Barone des Feldes flchteten nicht, als
er vor dem Stamm stehen blieb, ja sie beugten die Hlse herunter und
schrieen ihn an: Guten Tag, Wandersmann, wohin, wohin? Und Anton sagte
leise: Nach der groen Stadt, in das Leben. Gutes Glck, schrieen
die Sperlinge, frisch vorwrts!

Anton durchschritt auf dem Fupfad einen Wiesengrund, ging ber eine
Brcke und sah sich in einem Wldchen mit gut erhaltenen Kieswegen.
Immer mehr nahm das Gebsch den Charakter eines gepflegten Gartens an,
der Wandrer bog um einige alte Bume und stand vor einem groen
Rasenplatz. Hinter diesem erhob sich ein Herrenhaus mit zwei Thrmchen
in den Ecken und einem Balcon. Wer auf dem Balcon stand, konnte ber den
Grasplatz hinber durch eine Oeffnung in den Baumgruppen die schnsten
Umrisse des fernen Gebirges sehn. An den Thrmchen liefen Kletterrosen
und wilder Wein in die Hhe, und unter dem Balcon ffnete sich gastlich
eine Halle, welche mit blhenden Struchern ausgeschmckt war. Es war
kein prunkender Landsitz, und es gab viele grere und schnere in der
Umgegend, aber es war doch ein stattlicher Anblick, sehr imponirend fr
Anton, der, in einer kleinen Stadt aufgewachsen, nur selten den
behaglichen Wohlstand eines Gutsbesitzers in der Nhe gesehen hatte.
Alles erschien ihm sehr prchtig und groartig! Die zierlich geformten
Blumenbeete in dem geschorenen Sammt des Rasens, die bunten Gruppen der
Glashauspflanzen, der frhliche Schmuck, den die Hand des Grtners um
das Herrenhaus herum angebracht hatte, das alles sah ihm in dem reinen
Lichte und der Ruhe des Sonnentages aus, wie ein Bild aus fernem Lande.
Der glckliche Jngling gerieth in ein so trumerisches Entzcken, da
er sich in den Schatten eines groen Fliederstrauches am Wege setzte und
hinter dem Busch verborgen lange Zeit auf das anmuthige Bild hinstarrte.
Wie glcklich muten die Menschen sein, welche hier wohnten, wie vornehm
und wie edel! Auf dieser Seite schne Blthen und groe Bume, auf der
andern Seite wahrscheinlich ein weiter Hofraum mit Scheuern und Stllen,
viele Pferde darin, groe Rinder und unzhlige feinwollige Schafe. Denn
schon vor dem Eintritt in den Park hatte Anton auf eingehegtem
Wiesenraum eine Anzahl Fllen gesehn und ihre lustigen Sprnge
beobachtet. Der Respect vor Allem, was stattlich, sicher und mit
Selbstgefhl in der Welt auftritt, war ihm, dem armen Sohn des
Calculators, angeboren, und wenn er jetzt in der reinen Freude ber die
Pracht, welche ihn umgab, an sich selbst dachte, erschien er sich als
hchst unbedeutend, als gar nicht der Rede werth, als eine Art
gesellschaftlicher Dumling, winzig, kaum sichtbar im Grase.
Unwillkrlich fuhr er in die Rocktasche, seine Handschuhe herauszuholen.
Sie waren von gelbem Zwirn, und noch seine gute Mutter hatte gesagt, sie
shen ganz aus wie seidene, und seidene Handschuhe galten in Ostrau fr
den hchsten Luxus. Der arme Junge zog mit ihnen die Ueberzeugung an,
da er durch sie seiner jetzigen Umgebung doch um einige Gran wrdiger
werde.

Lange sa er in tiefer Einsamkeit, endlich kam Bewegung in das stille
Bild. Auf den Balcon des Hauses trat durch die geffnete Thr eine
zierliche Frauengestalt im hellen Sommerkleide mit weiten Spitzenrmeln
und einer liebenswrdigen Frisur, wie sie Anton von alten Rococobildern
her kannte; er konnte deutlich die feinen Zge ihres Gesichts erkennen
und den klaren Blick des Auges, welcher auf dem Rasenplatz unter ihren
Fen ruhte. Die Dame stand auf das Gelnder gesttzt bewegungslos wie
eine Statue und Anton sah ehrerbietig zu ihr hinauf. Endlich flog aus
der offenen Thr hinter der Dame ein bunter Papagei, setzte sich auf
ihre Hand und lie sich von ihr liebkosen. Dies glnzende Thier
steigerte Antons Bewunderung. Und als dem Papagei ein fast erwachsenes
Mdchen folgte, welches schmeichelnd den Hals der schnen Frau
umschlang, und als die Dame zrtlich die Wange des Mdchens an die ihre
drckte, und als der Papagei auf die Kpfe der beiden Damen flog und
laut schreiend von einer Schulter zur andern sprang, da wurde das Gefhl
der Verehrung in Anton so lebhaft, da er vor innerer Aufregung
errthete und sich tiefer in den Schatten des Gebsches zurckzog.

Er dachte an die beiden schnen Frauengestalten auf dem Balcon und ging
mit elastischem Schritt wie Einer, dem etwas Frhliches begegnet ist,
den breiten Weg zurck, um einen Ausgang aus dem Garten zu finden. Da
hrte er hinter sich das Schnauben eines Pferdes. Auf einem schwarzen
Pony kam die jngere der beiden Damen in seinem Wege geritten, die
schlanke Gestalt sa sicher auf dem Pferde und gebrauchte einen
Sonnenschirm als Reitgerte. Die Damenwelt von Ostrau hatte nicht die
Gewohnheit, auf kleinen Pferden umherzureiten. Nur einmal hatte Anton
eine Kunstreiterin gesehen mit sehr rothen Wangen und einem langen
rothen Kleide, welche, begleitet von einem groen schwarzbrtigen Herrn,
hinter dem lustigen Bajazzo durch die Straen ritt und an jeder
Straenecke anhielt, wo ihr Pferd einen Sprung machte, und Bajazzo
unerhrt lcherliche Worte zu der versammelten Jugend sprach. Schon
damals hatte er mit unsglicher Bewunderung die schne Reiterin
betrachtet, und jetzt war er ganz der Mann, dasselbe Gefhl wo mglich
in strkerem Grade zu empfinden. Er blieb stehen und machte der Reiterin
eine ehrfurchtsvolle Verbeugung. Diese erwiederte die Huldigung mit
grazisem Kopfnicken, worauf sie pltzlich ihr Pferd anhielt und
freundlich frug: Suchen Sie Jemand hier? Vielleicht wnschen Sie meinen
Vater zu sprechen.

Ich bitte um Verzeihung, sagte Anton mit tiefster Ehrerbietung.
Wahrscheinlich bin ich auf einem Wege, der Fremden nicht erlaubt ist.
Ich kam den Fusteig ber die Wiesen und sah kein Thor und keinen Zaun.

Das Thor ist auf der Brcke, es steht am Tage offen, belehrte das
Frulein gndig auf Anton sehend; denn da Ehrfurcht nicht gerade das
gewhnliche Gefhl ist, welches vierzehnjhrige Frulein einflen, so
war ihr die massenhafte Anhufung dieser Empfindung bei Anton
auerordentlich wohlthuend.

Da Sie im Garten sind, wollen Sie sich nicht darin umsehen? Es wird uns
freuen, wenn er Ihnen gefllt, fgte sie mit Wrde hinzu.

Ich habe mir die Freiheit genommen, erwiederte Anton wieder mit einer
Verbeugung, ich war bis dort oben am Rasenplatz vor dem Schlo. Er ist
prchtig! rief der ehrliche Junge begeistert aus.

Ja, sagte die Dame, immer noch den Pony anhaltend, Mama hat selbst
dem Grtner Alles angegeben.

Also die gndige Frau, welche vorhin auf dem Balcon stand, ist Ihre
Frau Mutter? frug Anton schchtern.

Ah! Sie haben uns belauscht, rief die Kleine und sah ihn vornehm an.
Wissen Sie, da das nicht hbsch war?

Seien Sie mir dehalb nicht bse, bat Anton demthig, ich trat
sogleich zurck, aber es sah wunderschn aus. Die beiden Damen neben
einander, die Bschel blhender Rosen und das zackige Weinlaub um Sie
herum. Ich werde das nicht vergessen, fgte er ernsthaft hinzu.

Er ist allerliebst! dachte das Frulein. Da Sie so viel von unserm
Garten gesehen haben, sagte sie herablassend, so mssen Sie auch auf
die Punkte gehen, wo Aussichten sind. Ich reite dahin -- wenn Sie mir
folgen wollen.

Anton folgte in der glcklichsten Stimmung. Das Frulein redete ihrem
Pferde zu, im Schritt zu gehen, und machte den Erklrer. Sie zeigte ihm
groe Baumgruppen und freundliche Aussichten auf die Landschaft, legte
dabei einen Theil ihrer Majestt ab und wurde gesprchig. Bald
plauderten Beide so ungezwungen, wie alte Bekannte. Endlich stieg das
Frulein ab, als ihr einige Stufen eine schickliche Veranlassung gaben,
und fhrte das Pferd am Zgel; darauf wagte Anton den Hals des Schwarzen
zu streicheln, was der Pony wohlwollend aufnahm und seinerseits dem
Fremdling die Rocktaschen beroch.

Er hat Zutrauen zu Ihnen, sagte das Frulein, er ist ein kluges
Thier. Sie warf ihm die Zgel ber den Kopf und gab ihm einen Schlag,
worauf der Pony in kurzen Sprngen davonrannte. Wir kommen in den
Blumengarten, da darf er nicht hinein; er luft zum Stall zurck, er
ist's gewhnt.

Dieser Pony ist ein Wunder von einem Pferde, rief ihm Anton nach.

Ich bin sein Liebling, sagte das Frulein beistimmend, er folgt mir
auf's Wort. Anton fand die Anhnglichkeit des Pony natrlich, setzte
dieselbe Empfindung beim Papagei voraus und war geneigt zu behaupten,
da alle brige Creatur der Erde eine hnliche Stimmung gegen seine
Fhrerin haben msse.

Ich denke, Sie sind von Familie, frug die junge Dame pltzlich,
stemmte ihren Schirm gegen einen Baumast und sah Anton mit altklugem
Blick an.

Nein, sagte der Sohn des Calculators traurig, mein Vater starb vor
vier Wochen, es ist ein Jahr, da meine gute Mutter todt ist, ich bin
allein, ich gehe nach der Hauptstadt. Seine Lippen zuckten bei der
Erinnerung an den jngsten Verlust.

Erschrocken sah das Frulein den Schmerz im Gesicht des Fremden. Sie
armer, armer Herr! rief sie gerhrt und verlegen. Kommen Sie schnell,
ich will Ihnen noch etwas zeigen. Hier sind die Frhbeete; hier ist das
Beet mit Erdbeeren, es sind noch einige darin. -- Franz, bringen Sie den
Teller mit Beeren, rief sie dem Grtner zu. Franz eilte damit herbei.
Eifrig ergriff das Frulein den Teller, und bot die Beeren unserm Helden
mit gtigem Lcheln: Hier, mein Herr! Haben Sie die Gte, dies von mir
anzunehmen. Vom Hause meines Vaters darf kein Gast scheiden, ohne von
dem Besten zu kosten, das uns die Jahreszeit giebt. Bitte, nehmen Sie,
bat sie dringend.

Anton hielt den Teller in der Hand und sah aus feuchten Augen herzlich
nach der jungen Dame.

Ich esse mit Ihnen, sagte das Frulein und fate zwei Beeren. Darauf
leerte Anton gehorsam den Teller.

Jetzt fhre ich Sie noch aus dem Garten, sprach die Dame. Der Grtner
ffnete respectvoll eine kleine Seitenthr, und das Frulein geleitete
den Reisenden bis an einen Teich, auf dem alte und junge Schwne
ruderten.

Sie kommen heran, rief Anton freudig.

Sie wissen, da ich etwas fr sie in der Tasche habe, sagte seine
Begleiterin und lste die Kette eines Kahns. -- Steigen Sie ein, mein
Herr, ich fahre Sie hinber, dort drben ist Ihr Weg.

Ich darf Sie nicht so bemhen, sagte Anton und zauderte einzutreten.

Ohne Widerspruch, befahl das Frulein, es geschieht gern. Sie setzte
sich auf die Steuerbank und drckte das Wasser mit dem leichten Ruder
geschickt hinter den Kahn. So fuhr sie langsam ber den Teich, die
Schwne zogen ihr nach, sie hielt von Zeit zu Zeit an und warf ihnen
einige Bissen zu.

Anton sa ihr selig gegenber. Er war wie verzaubert. Im Hintergrund das
dunkle Grn der Bume, um ihn die klare Fluth, welche leise an dem
Schnabel des Kahns rauschte, ihm gegenber die schlanke Gestalt der
Schifferin, die strahlenden blauen Augen, das edle Gesicht, gerthet
durch ein liebliches Lcheln, und hinter ihnen her das Volk der Schwne,
das weie Gefolge der Herrin dieser Fluth. Es war ein Traum, so
lieblich, wie ihn nur die Jugend trumt.

Der Kahn stie an das Ufer, Anton stieg heraus und rief: Leben Sie
wohl! und unwillkrlich streckte er ihr die Hand entgegen. Leben Sie
wohl, sagte die Kleine und berhrte seine Hand mit den Fingerspitzen.
Sie wandte den Kahn und fuhr langsam zurck. Anton sprang ber den Rasen
bis auf den erhhten Weg und sah von dort auf das Wasser. Der Kahn
landete an einer Baumgruppe, das Frulein wandte sich noch einmal nach
ihm um, dann verschwand sie hinter den Bumen. Durch eine Oeffnung des
Parkes sah Anton das Schlo vor sich liegen, hoch und vornehm ragte es
ber die Ebene. Lustig flatterte die Fahne auf dem Thrmchen, und
krftig glnzte im Sonnenschein das Grn der Schlingpflanzen welche den
braunen Stein der Mauern berzogen.

So fest, so edel! sagte Anton vor sich hin.

Wenn du diesem Baron aufzhlst hunderttausend Thalerstcke, wird er dir
doch nicht geben sein Gut, was er hat geerbt von seinem Vater, sprach
eine scharfe Stimme hinter Antons Rcken. Dieser wandte sich zornig um,
das Zauberbild verschwand, er stand in dem Staube der groen Landstrae.
Neben ihm lehnte an einem Weidenstamm ein junger Bursche in rmlichem
Aufzuge, welcher ein kleines Bndel unter dem Arme hielt und mit ruhiger
Unverschmtheit unsern Helden anstarrte.

Bist du's, Veitel Itzig! rief Anton, ohne groe Freude ber die
Zusammenkunft zu verrathen. Junker Itzig war keine auffallend schne
Erscheinung, hager, bleich, mit rthlichem krausem Haar, in einer alten
Jacke und defecten Beinkleidern sah er so aus, da er einem Gensdarmen
ungleich interessanter sein mute, als andern Reisenden. Er war aus
Ostrau, ein Kamerad Antons von der Brgerschule her. Anton hatte in
frherer Zeit Gelegenheit gehabt, durch tapfern Gebrauch seiner Zunge
und seiner kleinen Fuste den Judenknaben vor Mihandlungen muthwilliger
Schler zu bewahren und sich das Selbstgefhl eines Beschtzers der
unterdrckten Unschuld zu verschaffen. Namentlich einmal in einer
dstern Schulscene, in welcher ein Knackwrstchen benutzt wurde, um
verzweifelte Empfindungen in Itzig hervorzurufen, hatte Anton so wacker
fr Itzig plaidirt, da er selbst ein Loch im Kopfe davontrug, whrend
seine Gegner weinend und blutrnstig hinter die Kirche rannten und
selbst die Knackwurst aufaen. Seit diesem Tage hatte Itzig eine gewisse
Anhnglichkeit an Anton gezeigt, welche er dadurch bewies, da er sich
bei schweren Aufgaben von seinem Beschtzer helfen lie und gelegentlich
ein Stck von Antons Buttersemmel zu erobern wute, Anton aber hatte den
unliebenswrdigen Burschen gern geduldet, weil ihm wohlthat, einen
Schtzling zu haben, wenn dieser auch im Verdacht stand, Schreibfedern
zu mausen und spter an Begterte wieder zu verkaufen. In den letzten
Jahren hatten die jungen Leute einander wenig gesehen, gerade so oft,
da Itzig Gelegenheit erhielt, die vertraulichen Formen des
Schulverkehrs durch gelegentliche Anreden und kleine Spttereien
aufzufrischen.

Die Leute sagen, da du gehst nach der groen Stadt, um zu lernen das
Geschft, fuhr Veitel fort. Du wirst lernen, wie man Dten dreht und
Syrup verkauft an die alten Weiber; ich gehe auch nach der Stadt, ich
will machen mein Glck.

Anton antwortete unwillig ber die freche Rede und ber das vertrauliche
Du, das der Kamerad aus der Elementarschule immer noch gegen ihn wagte:
So gehe deinem Glck nach und halte dich nicht bei mir auf.

Es hat keine Eil', entgegnete Veitel nachlssig, ich will warten, bis
auch du gehst, wenn dir meine Kleider nicht sind zu schlecht. Diese
Berufung auf Antons Humanitt hatte die Folge, da Anton sich schweigend
die Gegenwart des unwillkommenen Gefhrten gefallen lie. Er warf noch
einen Blick nach dem Schlosse und schritt dann stumm auf der Landstrae
fort, Itzig immer einen halben Schritt hinter ihm. Endlich wandte sich
Anton um und frug nach dem Eigenthmer des Schlosses.

Wenn Veitel Itzig nicht ein Hausfreund des Gutsbesitzers war, so mute
er doch zum wenigsten ein vertrauter Freund seines Pferdejungen sein;
denn er war bekannt mit vielen Verhltnissen des Freiherrn, der in dem
Schlosse wohnte. Er berichtete, da der Baron nur zwei Kinder habe,
dagegen eine ausgezeichnete Schafheerde auf einem groen schuldenfreien
Gut. Der Sohn sei auswrts auf einer Schule. Als Anton mit lebhaftem
Interesse zuhrte und dies durch seine Fragen verrieth, sagte Itzig
endlich: Wenn du willst haben das Gut von diesem Baron, ich will dir's
kaufen.

Ich danke, antwortete Anton kalt; er wrde es nicht verkaufen, hast
du mir eben gesagt.

Wenn Einer nicht will verkaufen, mu man ihn dazu zwingen, rief Itzig.

Du bist der Mann dazu, sprach Anton.

Ob ich bin der Mann, oder ob es ist ein Anderer: es ist doch zu machen,
da man kauft von jedem Menschen, was er hat. Es giebt ein Recept, durch
das man kann zwingen einen Jeden, von dem man etwas will, auch wenn er
nicht will.

Mu man ihm einen Trank eingeben, frug Anton mit Verachtung, oder ein
Zauberkraut?

Tausendgldenkraut heit das Kraut, womit man Vieles kann machen in der
Welt, erwiederte Veitel, aber wie man es mu machen, da man auch als
kleiner Mann kriegen kann so ein Gut, wie des Barons Gut, das ist ein
Geheimni, welches nur Wenige haben. Wer das Geheimni hat, wird ein
groer Mann, wie der Rothschild, wenn er lange genug am Leben bleibt.

Wenn er nicht vorher festgesetzt wird, warf Anton ein.

Nichts eingesteckt! antwortete Veitel. Wenn ich nach der Stadt gehe
zu lernen, so gehe ich zu suchen die Wissenschaft, sie steht auf
Papieren geschrieben. Wer die Papiere finden kann, der wird ein
mchtiger Mann: ich will suchen diese Papiere, bis ich sie finde.

Anton sah seinen Reisegefhrten von der Seite an, wie man einen Menschen
ansieht, dessen Verstand in der Irre lustwandelt, und sagte endlich
mitleidig: Du wirst sie nirgend finden, armer Veitel.

Itzig aber fuhr fort, sich vertraulich an Anton drngend: Was ich dir
sage, das erzhle Keinem weiter. Die Papiere sind gewesen in unsrer
Stadt, Einer hat sie gekriegt von einem alten sterbenden Bettler, und
ist geworden ein mchtiger Mann; der alte Schnorrer hat sie ihm gegeben
in einer Nacht, wo der Andere hat gebetet an seinem Lager, ihm zu
vertreiben den Todesengel.

Und kennst du den Mann, der die Papiere hat? frug Anton neugierig.

Wenn ich ihn wei, so werde ich es doch nicht sagen, antwortete Veitel
schlau, aber ich werde finden das Recept. Und wenn du haben willst das
Gut des Barons, und seine Pferde und Khe und seinen bunten Vogel, und
den Backfisch, seine Tochter, so will ich dir's schaffen aus alter
Freundschaft, und weil du ausgehauen hast die Bocher in der Schule fr
mich.

Anton war entrstet ber die Frechheit seines Gefhrten. Hte dich nur,
da du kein Schuft wirst, du scheinst mir auf gutem Wege zu sein, sagte
er zornig und ging auf die andere Seite der Strae.

Itzig lie sich durch diesen guten Rath nicht anfechten, sondern pfiff
ruhig vor sich hin. So schritten die beiden Reisenden in langem
Schweigen, welches Itzig unbefangen beim nchsten Dorfe unterbrach,
indem er seinem Begleiter wieder Namen und Vermgensverhltnisse des
Rittergutes angab. Und diese belehrende Unterhaltung wiederholte sich
bei jedem Dorf, bis Anton ganz betroffen wurde ber die ausgebreiteten
statistischen Kenntnisse seines Gefhrten. Endlich verstummten Beide und
legten die letzte Meile, ohne ein Wort zu sprechen, neben einander
zurck.




~III.~


Der Freiherr von Rothsattel gehrte zu den wenigen Menschen, welche
nicht nur von aller Welt glcklich gepriesen werden, sondern auch
sich selbst fr glcklich halten. Er stammte aus einem sehr alten
Hause. Ein Rothsattel war schon in den Kreuzzgen nach dem Morgenlande
geritten. Wenigstens wurde in der Familie ein Rococo-Flacon von
buntem Glas als orientalisches Flschchen aufbewahrt, zum Beweis fr
die Existenz des Ahnherrn und zur Erinnerung an die schne Zeit der
Kreuzzge. Ein anderer Rothsattel hatte einen Haufen Bergleute gegen
die Hussiten gefhrt und war mit dem ganzen Haufen zu seiner und des
Herrn Ehre erschlagen worden. Wieder einer war Fhnrich in dem Heere
des Moritz von Sachsen gewesen, er galt fr den Stifter der Linie
Rothsattel-Steigebgel, und sein kriegerisches Bildni hing noch im
Thurmzimmer des Schlosses. Ein anderer hatte sich im dreiigjhrigen
Kriege bei verschiedenen Armeen und auf eigene Faust gerhrt; die
Familiensage meldete von ihm, er sei ein sehr dicker Herr und ein
groer Trinker gewesen, von krftiger Suade und etwas freien Sitten.
Er war als Erster des Geschlechtes in die Gegend gekommen, in welcher
diese Erzhlung verlaufen soll, und hatte eine Anzahl Landgter
auf irgend eine Weise in Besitz genommen. Unter den Kinderfrauen
der Familie bestand seit alter Zeit die dstere Ueberzeugung, da
dieser dicke Herr zuweilen im Keller auf einer groen Krauttonne zu
sehen sei, wo er als ruheloser Geist sitze und chze, zur Strafe
fr schauderhafte Vergehungen gegen die Tugend seiner weiblichen
Zeitgenossen. Wieder ein anderer Vorfahr war kaiserlicher Rath zu Wien
gewesen; der Urgrovater des gegenwrtigen Besitzers war von dem groen
Knig der Preuen starr angesehen und darauf mit Wohlwollen angeredet
worden. Auch der Grovater war zu seiner Zeit ein unternehmender und
vielbesprochener Cavalier gewesen, der in der Armee keine Lorbeeren
gefunden und sich resignirt hatte, dieselben im Boudoir galanter Damen
und am grnen Tisch zu suchen. Leider waren ihm dabei seine Gter
lstig geworden und aus den Hnden geglitten. Sein Sohn endlich, der
Vater des gegenwrtigen Besitzers, war ein einfacher Landedelmann von
migem Geiste, der nach langen Processen das eine stattliche Gut
aus den Trmmern des Familienvermgens rettete und sein Leben damit
zubrachte, dasselbe fr seine Nachkommen schuldenfrei zu machen. Die
Rothsattel haben von je in dem Rufe gestanden, starke Nachkommenschaft
zu hinterlassen, und alle ltern Damen aus der Familie erklrten diese
Eigenheit -- so hchst achtungswerth sie auch sonst sei -- doch fr
den einzigen Grund, da das berhmte Haus nicht dazu gekommen war,
die neunzinkige Grafenkrone oder gar den geschlossenen Reif eines
Titularfrstenthums auf dem Wappenhelm seines Seniors zu sehen.
Gegenber dem alten Brauch seines Hauses erwies der Vater auch dadurch
seinen bescheidenen Sinn, da er nur einen Sohn hinterlie.

Der gegenwrtige Besitzer des Gutes hatte in einem Garderegiment
gedient, wie dem Spro eines so kriegerischen Hauses ziemte. Er hatte
dort den Ruf eines vollendeten Edelmanns erworben. Er war brauchbar im
Dienst und ein vortrefflicher Kamerad gewesen, wohlbewandert in allen
ritterlichen Uebungen, zuverlssig in Ehrensachen. Er hatte bei
Hofbllen stets schicklich dagestanden, und so oft er von einer Prinze
befohlen wurde, mit guter Haltung getanzt. Auch als Mann von Charakter
hatte er sich gezeigt, da er aus wirklicher Neigung ein armes
Hoffrulein heirathete, eine liebenswrdige junge Dame, deren Abgang aus
den Quadrillen des Hofes lebhafte Betrbni in allen Mnnerherzen
hervorrief. Mit seiner Gemahlin hatte sich der Freiherr als verstndiger
Mann in die Provinz zurckgezogen, hatte durch eine Reihe von Jahren
fast ausschlielich fr seine Familie gelebt und dadurch den Vortheil
errungen, da seine Regimentsschulden smmtlich bezahlt und seine
Ausgaben nicht grer waren, als seine Einnahmen. Sein Haus war
vortrefflich eingerichtet, die geringe Aussteuer seiner Frau war dazu
bentzt worden, ihr durch Einrichtung des Parks eine groe Freude zu
machen. Der Freiherr hielt einen Weinkeller von guten Tischweinen, hatte
zwei prchtige Wagenpferde und zwei elegante Reitpferde, ging jeden
Morgen durch die Wirthschaft und ritt jeden Nachmittag auf's Feld, hielt
viel auf seine Schafheerde und setzte einen Stolz darein, seine feine
Wolle gut waschen zu lassen. Er war ein durchaus ehrlicher Mann, noch
jetzt eine imponirend schne Gestalt, verstand wrdig zu reprsentiren
und einen gastfreien Wirth zu machen, und liebte seine Frau wo mglich
noch mehr als in den ersten Monaten nach seiner Vermhlung. Kurz er war
das Musterbild eines adligen Rittergutsbesitzers. Er war kein bermig
reicher Herr, ungefhr das, was man einen Fnftausendthalermann nennt,
und htte sein schnes Gut in gnstigen Zeiten wohl um vieles hher
verkaufen knnen, als der scharfsinnige Itzig annahm. Er htte das aber
mit Recht fr eine groe Thorheit gehalten. Zwei gesunde und fhige
Kinder vollendeten das Glck seines Haushaltes, der Sohn war im Begriff,
als Militr die Familiencarriere zu beginnen, die Tochter sollte noch
einige Jahre unter den Flgeln der Mutter leben, bevor sie in die groe
Welt trat.

Wie alle Menschen, welchen das Schicksal Familienerinnerungen aus alter
Zeit auf einen Schild gemalt und an die Wiege gebunden hat, war auch
unser Freiherr geneigt, viel an die Vergangenheit und Zukunft seiner
Familie zu denken. An seinem Grovater war die trbe Erfahrung gemacht
worden, da ein einziger ungeordneter Geist hinreicht, das auseinander
zu streuen, was emsige Vorfahren an Goldkrnern und Ehren fr ihre
Nachkommen gesammelt haben. Er htte dehalb gern sein Haus fr alle
Zukunft vor dem Herunterkommen gesichert, htte gern sein schnes Gut in
ein Majorat verwandelt und dadurch leichtsinnigen Enkeln erschwert, zwar
nicht Schulden zu machen, aber dieselben zu bezahlen. Doch die Rcksicht
auf seine Tochter hielt ihn von diesem Schritte ab, es kam seinem
ehrlichen Gefhl ungerecht vor, dies geliebte Kind wegen knftiger
ungewisser Rothsattel zu enterben. Und er empfand mit Schmerz, da sein
altes Geschlecht in der nchsten Generation in dieselbe Lage kommen
werde, in der die Kinder eines Beamten oder eines Krmers sind, in die
unbequeme Lage, sich durch eigene Anstrengung eine mige Existenz
schaffen zu mssen. Er hatte oft versucht, von seinen Ertrgen
zurckzulegen, inde die Gegenwart war dazu wirklich nicht geeignet;
berall fing man an mit einer gewissen Reichlichkeit zu leben, mehr auf
elegante Einrichtung und den zahllosen kleinen Schmuck des Daseins zu
halten. Und was er in gnstigen Jahren etwa gespart hatte, das war auf
kleinen Badereisen, welche die zarte Gesundheit seiner Frau nach der
Behauptung des Arztes nothwendig machte, immer wieder ausgegeben worden.
Der Gedanke an die Zukunft seiner Familie beschftigte den Freiherrn
auch heut, als er auf seinem Halbblut durch die groe Kastanienallee
dem Schlosse zusprengte. Es war eine sehr kleine Wolke, welche unter dem
Sonnenschein seiner Seele dahinfuhr, sie verschwand im Nu, als er
Gewnder vor sich flattern sah und seine Gemahlin erkannte, welche mit
der Tochter ihm entgegeneilte. Er sprang vom Pferde, kte sein
Lieblingskind auf die Stirn und sagte vergngt zu seiner Frau: Wir
haben vortreffliches Wetter zur Heuerndte, es wird nach Krften
eingefahren, der Amtmann behauptet, wir htten noch nie so viel Futter
gemacht.

Du hast Glck, Oscar, sagte die Baronin zrtlich zu ihm aufblickend.

Wie immer seit siebzehn Jahren, seit ich dich heimgefhrt habe,
antwortete der Gemahl mit einer Artigkeit, die vom Herzen kam.

Heut sind es siebzehn Jahr, rief die Baronin, sie sind vergangen, wie
ein Sommertag. Wir sind sehr glcklich gewesen, Oscar. Sie schmiegte
sich an seinen Arm und sah dankend zu ihm auf.

Gewesen? frug der Freiherr, ich denke, wir sind's noch. Und ich sehe
nicht ein, wehalb es nicht weiter so fortgehen soll.

Berufe es nicht, bat die Baronin. Mir ist manchmal, als knnte so
viel Sonnenschein nicht ewig whren; ich mchte demthig entbehren und
fasten, um den Neid des Schicksals zu vershnen.

Nun, sagte der Freiherr gutmthig, das Schicksal lt uns auch nicht
ungezaust. Die Donnerwetter fehlen uns nicht, aber diese kleine Hand
erhebt sich zur Beschwrung und sie ziehen vorber. Hast du nicht Aerger
genug mit dem Haushalt, den Tollheiten der Kinder, und zuweilen mit
deinem Tyrannen, da du dir mehr ersehnst?

Du lieber Tyrann! rief die Baronin. Dir danke ich dies Glck. Und wie
fhle ich es! Nach siebzehn Jahren bin ich immer noch stolz darauf,
einen so stattlichen Hausherrn zu haben, ein so schnes Schlo und ein
so groes Gut, wo jeder Futritt des Bodens auch mir gehrt. Als du
mich, das arme Frulein, mit meinen Fhnchen und dem Schmuckkstchen,
das ich der Gnade der Herrschaften verdanke, in dein Haus fhrtest, da
erst lernte ich erkennen, welche Seligkeit es ist, im eigenen Hause als
Herrin zu regieren, und dem Willen keines Andern zu gehorchen, als dem
des geliebten Mannes.

Du hast doch Vieles aufgegeben um meinetwillen, sagte der Freiherr.
Oft habe ich gefrchtet, da unser Landleben dir, dem Gnstling der
verstorbenen Prinze, zu einsam und klein erscheinen wrde.

Dort war ich Dienerin, hier bin ich Herrin, sagte die Baronin lachend.
Auer meiner Toilette hatte ich nichts, was mir selbst gehrte. Immer
in den langweiligen Stuben der Hoffrulein umherziehen, an allen Abenden
zu der letzten Rolle verurtheilt sein, und dabei die Angst haben, da
das immer so fortgehen soll, bis man alt wird in ewigen Zerstreuungen,
ohne eigenes Leben! Du weit, da mich das oft traurig gemacht hat. Hier
sind die Ueberzge unserer Mbeln nicht von schwerem Seidenstoff und in
unserm Saal steht keine Tafel aus Malachit, aber was im Hause ist,
gehrt mir. Sie schlang ihren Arm um den Freiherrn: Du gehrst mir,
die Kinder, das Schlo, unsere silbernen Armleuchter.

Die neuen sind nur Composition, warf der Freiherr ein.

Das sieht Niemand, erwiederte seine Gemahlin frhlich. Und wenn ich
das Porcellan ansehe, und am Rande dein und mein Wappen erblicke, so
schmecken mir unsere zwei Schsseln zehnmal so gut, als die vielen Gnge
der Hofkche. Und vollends die groen Hoftage und unsere
Marschallstafel, wo Jeder den Andern zum Verzweifeln genau kannte, und
Jeder dem Andern zum Verzweifeln gleichgltig war.

Du bist ein glnzendes Beispiel von Gengsamkeit, sagte der Freiherr.
Um deinetwillen und wegen der Kinder wollte ich, dies Gut wre zehnmal
so gro, und unsere Einnahme so, da ich dir einen Pagen halten knnte,
Frau Marquise, und auer der Wirthschafterin ein Paar Hoffrulein.

Nur kein Frulein, bat die Baronin, und was den Pagen betrifft, so
braucht man keinen, wenn man einen Cavalier hat, der so aufmerksam ist,
wie du.

So schritt der Freiherr behaglich zwischen den beiden Frauen dem
Schlosse zu. Lenore hatte sich unterde der Zgel seines Reitpferdes
bemchtigt und redete dem Pferde freundlich zu, so wenig Staub als
mglich zu machen.

Dort hlt ein fremder Wagen, ist Besuch gekommen? frug der Freiherr,
als sie sich dem Hofe nherten.

Es ist nur Ehrenthal, antwortete die Baronin, er wartet auf dich und
hat bereits seinen ganzen Vorrath von schnen Redensarten an uns
verschwendet; Lenore lie ihrem Uebermuth die Zgel schieen, und es war
hohe Zeit, da ich sie wegfhrte; dem drolligen Manne wurde angst bei
der Koketterie des unartigen Kindes.

Der Freiherr lchelte. Mir ist er immer noch der liebste aus dieser
Klasse von Geschftsleuten, sagte er; sein Benehmen ist wenigstens
nicht abstoend, und ich habe ihn in dem langen Verkehr stets
zuverlssig gefunden. -- Guten Tag, Herr Ehrenthal, was fhrt Sie zu
mir?

Herr Ehrenthal war ein wohlgenhrter Herr in seinen besten Jahren mit
einem Gesicht, welches zu rund war, zu gelblich und zu schlau, um schn
zu sein; er trug Gamaschen an den Fen, eine diamantene Busennadel auf
dem Hemd und schritt mit groen Bcklingen und tiefen Bewegungen des
Hutes durch die Allee dem Baron entgegen.

Ihr Diener, gndiger Herr, antwortete er mit ehrerbietigem Lcheln,
wenn mich auch nichts herfhrt von Geschften, so werde ich Sie doch
bitten, Herr Baron, da Sie mir manchmal erlauben, herumzugehen in Ihrer
Wirthschaft, damit ich in meinem Herzen eine Freude habe. Es ist mir
eine Erholung von der Arbeit, wenn ich komme in Ihren Hof. Alles so
glatt und wohlgenhrt, und Alles so reichlich und gut eingerichtet in
den Stllen und in den Scheunen. Die Sperlinge auf dem Dach sehen bei
Ihnen lustiger aus, als die Sperlinge von andern Leuten. Wenn man als
Geschftsmann so Vieles erblicken mu, was einen nicht erfreut, wo die
Menschen durch ihr Verschulden in Unordnung kommen und Verfall, da
thut's einem wohl, wenn man ein Leben sieht, wie das Ihre; keine Sorgen,
keine groen Sorgen zum wenigsten, und so Vieles, was das Herz erfreut.

Sie sind so artig, Herr Ehrenthal, da ich glauben mu, etwas recht
Wichtiges fhrt Sie her. Wollen Sie ein Geschft mit mir machen? frug
der Freiherr gutmthig.

Mit einem Kopfschtteln, wie es dem biedern Mann ansteht, wenn er einen
ungerechten Verdacht von sich abweisen will, antwortete Herr Ehrenthal:
Nichts vom Geschft, Herr Baron! Die Geschfte, die ich mit Ihnen
mache, sind solche, wo man sagt keine Artigkeiten. Gute Waare und gutes
Geld, so haben wir es immer gehalten, und so wollen wir's mit Gottes
Hlfe auch ferner halten. Ich kam nur herein im Vorbeifahren -- dabei
bewegte er nachlssig die Hand, um pantomimisch zu bekrftigen, da er
nur im Vorbeifahren sei, -- ich wollte fragen wegen des Pferdes, das
der Herr Baron zu verkaufen haben. Es ist Einer im Dorfe daneben, dem
ich habe versprochen zu fragen nach dem Preis. Ich kann's eben so gut
mit dem Amtmann abmachen, wenn der Herr Baron keine Zeit haben fr
mich.

Kommen Sie mit, Ehrenthal, sagte der Freiherr, ich fhre mein Pferd
selbst in den Stall.

Herr Ehrenthal machte den Frauen viele Bcklinge, welche von Lenore
durch eben so viele Knixe erwiedert wurden, und folgte dem Freiherrn zur
Stallthr. Dort blieb er respectvoll stehen und bestand darauf, da das
Pferd des Barons und der Baron selbst vor ihm eintraten. Nach kurzer
Besichtigung und den blichen Reden und Gegenreden fhrte der Freiherr
Herrn Ehrenthal auch in den Kuhstall, worauf Herr Ehrenthal den
leidenschaftlichen Wunsch aussprach, auch die Klber zu sehen, und
endlich die Bitte zufgte, auch bei den Zuchtbcken zur Audienz
zugelassen zu werden. Er war ein erfahrener Geschftsmann, und wenn das
Entzcken, welches er aussprach, auch etwas handwerksmig und
berschwnglich klang, so war das, was er lobte, doch wirklich
lobenswerth, und der Freiherr hrte das Lob mit Wohlgefallen an.

Nach Besichtigung der Schafe mute eine Pause gemacht werden, denn
Ehrenthal war zu sehr ergriffen von der Feinheit und Dichtigkeit ihres
Pelzes. Nein, dieser Stapel! seufzte er in trumerischer Begeisterung;
schon jetzt kann man sehen, was er sein wird im nchsten Frhjahr. Er
wiegte den Kopf hin und her und zwinkerte mit den kleinen Augen nach der
Sonne. Wissen Sie, Herr Baron, da Sie sind ein glcklicher Mann! Haben
Sie gute Nachrichten von Ihrem Herrn Sohn?

Danke, lieber Ehrenthal, er hat gestern geschrieben und seine Zeugnisse
geschickt, antwortete der Freiherr.

Er wird werden, wie sein Herr Vater, rief Herr Ehrenthal aus, ein
Cavalier von erster Qualitt, und ein reicher Mann, der Herr Baron wei
zu sorgen fr seine Kinder.

Ich erspare nichts, lieber Ehrenthal, erwiederte der Baron nachlssig.

Was ersparen! rief der Hndler mit Verachtung gegen eine so plebeje
Thtigkeit; was wollen Sie sparen? wenn ich mir erlauben darf, das zu
bemerken als ein Geschftsmann, der schon lange die Ehre hat, Sie zu
kennen. Was brauchen Sie zu sparen? Sie werden doch dereinst, wenn der
alte Ehrenthal nicht mehr sein wird, auch ohne Sparen hinterlassen dem
jungen Herrn das Gut, welches unter Brdern werth ist ein und ein halbes
Hunderttausend, und dem gndigen Frulein Tochter auerdem eine
Aussteuer von -- was soll ich sagen -- von funfzigtausend Thalern baar.

Sie irren, sagte der Freiherr ernst, ich bin nicht so reich.

Nicht so reich? rief Herr Ehrenthal mit sittlicher Entrstung gegen
jeden Menschensohn (den Baron ausgenommen), der so etwas behaupten
knnte. Es hngt doch nur von Ihnen ab, jeden Augenblick so reich zu
sein. Wer ein Vermgen hat, wie der Herr Baron, der kann in zehn Jahren
verdoppeln sein Capital ohne Gefahr. -- Warum wollen Sie nicht
Pfandbriefe der Landschaft auf Ihr Gut nehmen?

Die Landschaft der Provinz war damals ein groes Creditinstitut der
Rittergutsbesitzer, welches Capitalien zur ersten Hypothek auf
Rittergter auslieh. Die Zahlung erfolgte in Pfandbriefen, welche auf
den Inhaber lauteten und berall im Lande fr das sicherste Werthpapier
galten. Das Institut selbst zahlte die Interessen an die Besitzer der
Obligationen und erhob von seinen Schuldnern auer den Zinsen noch einen
geringen Zuschlag fr Verwaltungskosten und zu allmhliger Tilgung der
aufgenommenen Schuld.

Ich mache keine Geldgeschfte, antwortete der Freiherr stolz, aber in
seiner Brust klang die Saite fort, welche der Hndler angeschlagen
hatte.

Die Geschfte, welche ich meine, sind so, wie sie heut zu Tage macht
jeder Frst, fuhr Herr Ehrenthal mit Feuer fort. Wenn der gndige Herr
Pfandbriefe der Landschaft aufnimmt auf sein Gut, so kann er jede Stunde
erhalten funfzigtausend Thaler in gutem Pergament. Sie zahlen dafr der
Landschaft vier vom Hundert, und wenn Sie die Pfandbriefe liegen lassen
in Ihrer Casse, so erhalten Sie davon Zinsen drei und ein halb vom
Hundert. Dann zahlen Sie ein halbes Procent zu an die Landschaft, und
durch das halbe Procent wird noch amortisirt das Capital.

Das heit Schulden machen, um reich zu werden, warf der Gutsherr
achselzuckend ein.

Verzeihen Sie, Herr Baron, wenn ein Herr wie Sie funfzigtausend Thaler
liegen hat, welche ihn jhrlich kosten ein halbes Procent, so kann er
damit kaufen die halbe Welt. Immer giebt es Gelegenheit, Gter zu
erwerben zu einem Spottpreise, wenn man baar Geld oder Pfandbriefe hat
zu rechter Zeit. Da sind Rittergter, da sind Waldungen, die man kann
kaufen, oder Antheile von Bergwerken, oder Actien von einer soliden
Societt. Oder der Herr Baron knnen selbst anlegen ein Etablissement
auf Ihrem Gut, wenn Sie wollen schaffen Zucker aus Rben, wie der Herr
v. Bergen am Gebirge, oder amerikanisches Mehl, wie der Herzog von
Lbau, oder bairisches Bier, wie Ihr Nachbar, der Graf Horn. Was ist
dabei fr eine Gefahr? Sie werden einnehmen zehn, zwanzig, ja funfzig
Thaler vom Hundert des Capitals, das Sie geliehen haben von der
Landschaft zu vier vom Hundert.

Der Freiherr sah nachdenklich vor sich hin. Was ihm der Hndler sagte,
war durchaus nichts Neues und Unerhrtes, er selbst hatte oft Aehnliches
gedacht. Es war gerade die Zeit, wo eine Menge von neuen industriellen
Unternehmungen aus dem Ackerboden aufschossen, wo durch die hohen
Schornsteine der Dampfmaschinen, durch neuentdeckte Kohlen- und
Erzlager, durch neue landwirthschaftliche Culturen groe Summen erworben
und noch grere Reichthmer gehofft wurden. Die vornehmsten
Grundbesitzer der Landschaft standen an der Spitze ausgedehnter
Actienunternehmungen, welche auf einer Verbindung moderner Industrie und
des alten Ackerbaues beruhten. Es war nichts Neues und Auffallendes in
den Worten des Hndlers, und doch schlugen sie als zndender Blitz in
die Seele des Freiherrn. Sie kamen im rechten Augenblick. Herr Ehrenthal
bemerkte die Wirkung, welche er hervorgebracht hatte, und schlo mit der
Gemthlichkeit, welche seine Lieblingsstimmung war: Wo habe ich das
Recht, einem Herrn, wie Sie sind, einen Rath zu geben? Aber jeder
Gutsbesitzer mu sagen dasselbe, da ein solches Geschft mit
Pfandbriefen in unserer Zeit die solideste Art ist, wie ein vornehmer
Herr kann sorgen fr seine Kinder. Wenn einst das Gras wachsen wird ber
dem Grabe des alten Ehrenthal, dann werden Sie an mich denken und bei
sich sagen: der Ehrenthal war nur ein einfacher Mann, aber er hat mir
gerathen, was gut war und ein Segen fr die Familie.

Der Freiherr sah immer noch vor sich hin. Was er lange in sich
herumgetragen hatte, das war auf einmal zum festen Entschlu geworden.
Dem Hndler sagte er mit einer Leichtigkeit, die ihm nicht vom Herzen
kam: Ich will mir's berlegen. Ehrenthal war damit zufrieden und bat
um die Erlaubni, sich den Damen empfehlen zu drfen, was er als Mann
von Welt und Gemth selten unterlie.

Es war Schade, da der Freiherr nicht das Gesicht des Geschftsmannes
sah, als dieser in seinen Wagen stieg und mechanisch die Bourbonrose
in's Knopfloch steckte, welche ihm Lenore beim Abschiede mit
schalkhafter Artigkeit berreicht hatte. Auch Herr Ehrenthal machte ein
lustiges Gesicht, aber nicht aus Freude ber die volle Rose. Er lie den
Kutscher langsam durch die Feldmark fahren und sah wohlgefllig auf die
Ackerstcke, welche mit reifender Frucht zu beiden Seiten des Weges
lagen. In langem Zuge kamen die Heuwagen des Gutes ihm entgegen. So oft
er still hielt, um einen Riesenwagen vorbeizulassen, berupften seine
Pferde das Heu, und sein Kutscher drehte sich um und rief schnalzend:
Schnes Futter!

Ein schnes Gut, sagte dann Herr Ehrenthal in tiefem Nachdenken.

       *       *       *       *       *

Unterde sa die Baronin in einer Gartenlaube und bltterte in den neuen
Journalen, welche der Buchhndler aus der nchsten Kreisstadt
zugeschickt hatte. Sie betrachtete prfend die Modekupfer und geno die
kleinen Nippes der Tagesliteratur: Geschichten von Menschen, welche auf
auerordentliche Weise reich geworden, und von andern, welche auf
schauderhafte Weise ermordet sind, Tigerjagden aus Ostindien,
ausgegrabene Mosaikbden, rhrende Schilderungen von der Treue eines
Hundes, hoffnungsreiche Betrachtungen ber die Unsterblichkeit der
Seele, und was sonst das flchtige Auge eleganter Damen zu fesseln
vermag. Die schne Gemahlin des Freiherrn schaukelte whrend des Lesens
die gestickte Fubank, ihre Seele war nur halb in den Blttern, sie sah
oft ber den Rasenplatz nach ihrer Tochter, welche wieder mit dem Pony
beschftigt diesem aus Blumen und Zeitungspapier eine groteske
Halskrause und eine gehrnte Mtze zurecht machte, was der Pony
vergebens dadurch zu vereiteln suchte, da er so viel Blthen und
Zeitungspapier wegfra, als er mit dem Maul erreichen konnte. Als die
junge Dame, stolz auf ihr Werk, den Kopf nach der Laube wandte und das
Auge der Mutter auf sich gerichtet sah, berlie sie das Pferd dem
herzueilenden Bedienten und flog wie eine Libelle zu den Fen der
Mutter. Sie setzte sich auf die Fubank, zog die Journale auf das Knie
der Baronin, und fing an, sich possenhaft mit den Herren und Damen der
Modekupfer zu unterhalten. Da die Gesichter dieser Ideale, wie bekannt,
den Vorzug haben, allen Menschen hnlich zu sehen, von denen sie sich
durch einzelne charakteristische Eigenheiten, durch merkwrdig kleine
Lippen und zuweilen durch ein auf der Stirn oder dem Backen sitzendes
Auge unterscheiden, so wurde der jungen Dame nicht schwer, zahlreiche
Aehnlichkeiten mit Bekannten des Hauses aufzufinden und die Bilder
danach zu behandeln. Die Mutter lchelte ber die kindischen Scherze der
Tochter und sagte endlich, ihre Gedanken laut fortsetzend: Lenore, du
wirst jetzt ein groes Mdchen und bist noch so sehr Kind. Wir haben
dich aufwachsen lassen bei dem Unterricht der Bonne und des Candidaten;
es wird Zeit, daran zu denken, da du etwas Ordentliches lernst, mein
armes Kind.

Ich dachte, das Lernen sollte jetzt aufhren, antwortete Lenore
schmollend.

Deine franzsische Aussprache ist noch schlecht, und dein Vater will,
da du dich im Zeichnen bst, du hast Anlage dazu.

Ich zeichne nur Karrikaturen, rief Lenore, die sind am leichtesten,
man macht eine lange Nase oder kurze Beine, und das Kerlchen sieht
lcherlich aus.

Du sollst nicht Karrikaturen zeichnen, sprach die Mutter, das
verdirbt deinen Geschmack und macht dich spttisch. Lenore lie das
Kpfchen hngen. Und wer war der junge Mann, mit dem du vorhin durch
den Garten gingst? fuhr die Mutter strafend fort. Du hast ihm die
Erdbeeren des Vaters gegeben.

Schilt nur nicht immer, liebe Mutter, rief die Tochter errthend. Der
Fremde war ein hbscher artiger Junge, er geht nach der Hauptstadt, er
hat weder Vater noch Mutter, das that mir leid. Und so bescheiden war
er! Sei mir nicht bse, schmeichelte sie und flog an den Hals der
Mutter, in deren Augen mehr Liebe als Zorn zu lesen war.

Die Mutter kte das Kind auf den Mund und sagte gtig: Du bist mein
gutes, wildes Mdchen, suche mir jetzt den Vater, sein Kaffe wird kalt.

Als der Freiherr in die Laube trat, noch voll von seiner Unterredung mit
Ehrenthal, legte die Baronin ihre Hnde in die seinen und sagte: Oscar,
ich habe Sorge um Lenore!

Ist sie krank? frug der Vater betroffen.

Sie ist gesund und von Herzen gut, aber sie ist kecker und
ungebundener, als sich fr ihre Jahre pat.

Sie ist auf dem Lande aufgewachsen und eine tchtige Dirne geworden,
erwiederte der Freiherr beruhigend.

Es fehlt ihr aber an Form und an Zartgefhl im Umgange mit Fremden,
fuhr die Mutter fort. Ich frchte, sie ist in Gefahr, ein Original zu
werden.

Nun, das Unglck wre nicht so gro, sagte der Freiherr lachend.

Es giebt kein greres fr ein Mdchen aus unserm Kreise. -- Was in der
Gesellschaft auffllt, wird auch lcherlich; ein kleiner Zug von
bizarrem Wesen kann ihre ganze Zukunft verderben. Sie mu genthigt
werden, mehr auf sich zu achten, und ich frchte, hier auf dem Lande
wird sie das nicht lernen.

Wir sollen das Kind von uns thun, vielleicht auf Jahre, und unter
fremden Menschen aufblhen lassen? frug der Freiherr unwillig.

Und doch mu es sein, sagte die Baronin ernst, und es kostet mich
viel, dir das zu sagen. Sie ist unartig gegen Mdchen ihres Alters,
rcksichtslos gegen Frauen, und Mnnern gegenber viel zu dreist. --
Kannst du dir ein Mdchen von Lenorens Wesen am Hofe denken? frug die
Baronin nach einer Pause.

Der Gemahl konnte sich das nicht denken, vielleicht dewegen nicht, weil
ein Frstenhof berhaupt nicht der Ort ist, wo schnell aufgeschossene
Frulein die Schulbcher umhertragen und Katze und Maus spielen.

Sie wird sich ndern, warf er endlich ein.

Sie wird sich nicht ndern, entgegnete die Baronin sanft, die Hand auf
seine Schulter legend, so lange der Liebling mit seinem Vater zu Pferde
ber Grben setzt und ihn sogar auf den Prschgang begleitet.

Ich kann mich nicht darein finden, beide Kinder zu entbehren, sprach
der Vater gutmthig. Das wre sehr hart fr uns, am schwersten fr
dich, du strenge Hausfrau.

Vielleicht! sagte die Baronin leise, und ihre Augen wurden feucht.
Aber wir drfen nicht an uns denken, nur an die Zukunft der Kinder.

Der Freiherr sah die Bewegung der geliebten Frau, er zog sie an sich und
sprach entschlossen: Hre, Elsbeth, wenn wir in frheren Jahren von
dieser Zeit sprachen, da dachten wir uns Lenorens Erziehung anders. Wir
wollten die Winter ber selbst in der Stadt leben; unter deinen Augen
sollte das Kind den letzten Unterricht erhalten und in die Gesellschaft
treten. Du sollst dich nicht von ihr trennen. Wir ziehen schon diesen
Winter nach der Hauptstadt.

Ueberrascht erhob sich die Baronin. Guter Oscar! rief sie gerhrt aus.
Aber -- verzeih die Frage, wrde ein solcher Aufenthalt nicht in
anderer Hinsicht fr dich ein groes Opfer sein?

Nein, sagte der Freiherr frhlich, ich habe Plne, die auch fr mich
wnschenswerth machen, den Winter in der Stadt zuzubringen.

Er erzhlte; der Umzug nach der Hauptstadt wurde beschlossen.




~IV.~


Schon stand die Sonne niedrig am Himmel, als die beiden Wanderer bei den
ersten Husern der Hauptstadt ankamen. Erst einzelne kleine Gebude,
dann zierliche Sommerwohnungen mitten in blhenden Grten; dann rckten
die Huser dichter zusammen, die Strae schlo sich auf beiden Seiten,
und mit dem Staube und dem Wagengerassel legte sich bange Sorge um die
Brust unseres Helden. In dem Geflecht groer und kleiner Straen wre
Anton rathlos gewesen, wenn ihn nicht sein Begleiter, der aus Achtung
vor dem bessern Rock Antons hinter ihm geblieben war, durch laute Rechts
und Links an den Straenecken gelenkt htte. Veitel Itzig aber hatte
eine merkwrdige Vorliebe fr krumme Seitengassen und schmale Trottoirs.
Hier und da winkte er hinter dem Rcken seines Reisegefhrten mit
frecher Vertraulichkeit geputzten Mdchen zu, die an den Thren standen,
oder jungen Burschen mit krummer Nase und runden Augen, welche, die
Hnde in den Hosentaschen, auf der Strae lungerten. Zuweilen wurde sein
Gru mit nachlssigem Kopfnicken erwiedert, welches ungefhr bedeutete:
er ist ein gutes Geschpf, aber er hat kein Geld; in der Regel ward
seine Zuvorkommenheit mit kalter Verachtung hingenommen, welche der
Pflastertreter der schmutzigen Nebenstrae da, wo nichts zu gewinnen
ist, eben so gut zu uern wei, als der schnurrbrtige Held der
Granitplatten im eleganten Stadttheil. Endlich bogen die jungen Mnner
in eine Hauptstrae, wo groe Huser mit Sulenportalen, elegante
Kauflden und ein Gewhl gut gekleideter Menschen verriethen, da hier
der Wohlstand einen entschiedenen Sieg ber die Armseligkeit
davongetragen hatte. In dieser Strae hielten sie vor einem hohen Hause
an. Itzig wies auf das Thor mit einer gewissen scheuen Achtung und sagte
kurz: Hier wohnt er, hier wirst du werden bald so stolz, wie diese
Gojim sind; wenn du willst wissen, wo ich zu finden bin, so kannst du
nachfragen im Geschft bei Ehrenthal auf der Gerbergasse. Gute Nacht!
Er pfiff vor sich hin und schlenderte die Strae hinab, ohne sich
umzusehen.

Anton trat mit klopfendem Herzen in den Hausflur und lockerte den Brief
seines Vaters in der Brusttasche. Er war sehr kleinmthig geworden und
sein Kopf war so schwer, da er sich am liebsten einen Augenblick
hingesetzt htte, um auszuruhen. Aber wie Ruhe sah es in dem Hause nicht
aus. Vor der Thr stand ein groer Frachtwagen, in dem Hause mchtige
Fsser und Ballen, und riesengroe, breitschultrige Mnner mit
Lederschrzen und kurzen Haken im Grtel trugen Leiterbume, klirrten
mit Ketten, rollten die Fsser und schnrten dicke Stricke durch
knstliche Knoten zusammen; dazwischen eilten Commis, die Feder hinter
dem Ohr, Papier in der Hand, ab und zu, und Fuhrleute in blauen Blousen
nahmen die Papiere, die Ballen und die Fsser mit der geschftlichen
Wrde in Empfang, welche die Thtigkeit aller verantwortlichen Menschen
zu bezeichnen pflegt. Hier war kein Ort der Ruhe, Anton stie an einen
Ballen, fiel beinahe ber einen Hebebaum und wurde durch das
Vorgesehen! welches ihm zwei Enakshne mit Lederschrzen zuriefen,
noch mit Mhe vor dem Schicksal bewahrt, unter einer groen Oeltonne
platt gedrckt zu werden.

Im Centrum der Bewegung, gleichsam als Sonne, um welche sich die Fsser
und Arbeiter und Fuhrleute herum drehten, stand ein junger Herr aus dem
Geschft, ein Herr mit entschlossener Miene und kurzen Worten, welcher
als Zeichen seiner Herrschaft einen groen schwarzen Pinsel in der Hand
hielt, mit dem er bald riesige Hieroglyphen auf die Ballen malte, bald
den Aufladern ihre Bewegungen vorschrieb. Diesen Herrn frug Anton mit
klangloser Stimme nach dem Prinzipal des Geschftes und wurde durch eine
kurze Bewegung des Pinselstiels in den hintern Theil des Hausflurs nach
dem Comtoir gewiesen. Zgernd trat er an die Thr, es kostete ihm einen
groen Entschlu, den Griff mit der Hand zu drehen -- er hat sich spter
oft daran erinnert -- und als die Thr geruschlos aufging und er in das
Dmmer der groen Arbeitsstube sah, da wurde ihm so angst, da er kaum
ber die Schwelle schreiten konnte. Sein Eintritt machte wenig Aufsehen.
Ein halbes Dutzend Schreiber fuhr hastig mit den Federn ber die blauen
Briefbogen, um noch die letzten Zge vor dem Schlu des Comtoirs und der
Post zu thun. Nur einer der Herren, welcher zunchst der Thre sa,
erhob sich und frug in khlem Geschftston: Was steht zu Ihren
Diensten?

Auf die schchterne Erklrung Antons, da er Herrn Schrter zu sprechen
wnsche, trat aus dem zweiten Comtoir ein groer Mann mit faltigem
Gesicht, mit stehendem Hemdkragen, von sehr englischem Aussehen. Anton
sah schnell auf das Antlitz, und dieser erste Blick, so ngstlich, so
flchtig, gab ihm einen guten Theil seines Muthes wieder. Er erkannte
Alles darin, was er in den letzten Wochen ach so oft ersehnt hatte, ein
gtiges Herz und einen redlichen Sinn. Und doch sah der Herr streng
genug aus, und seine erste Frage klang kurz und entschieden. Anton fate
schnell nach seinem Brief, nannte seinen Namen und erzhlte hastig und
mit stockender Stimme, da sein Vater gestorben sei und da er den Herrn
von seinem Todtenbette gren lasse.

Wie ein freundliches Licht flog es ber das Auge des Kaufmanns, er
ffnete den Brief schweigend, las ihn langsam durch, reichte dem
bewegten Anton die Hand und sagte: Seien Sie mir willkommen. Darauf
wandte er sich zu einem von den schreibenden Herren, welcher einen
grnen Rock trug und einen grauen Ueberziehrmel um den rechten Arm
gebunden hatte: Herr Anton Wohlfart tritt von heut an in unser
Geschft. Einen Augenblick hrten die sechs Federn auf zu rennen, und
ihre Lenker sahen im Tempo nach Anton hin; der Chef aber fuhr zu Anton
gewandt fort: Sie werden mde sein, Herr Jordan wird Ihnen Ihr Zimmer
anweisen, ruhen Sie heut aus, morgen das Weitere.

Nach diesen Worten wandte er sich mit leichtem Kopfnicken ab und ging
nach dem zweiten Comtoir zurck, wo ebenfalls sechs Federn ber das
blaue Papier fuhren und jetzt mit solcher Schnelligkeit, da sich der
Federbart vor Entsetzen strubte, denn die alte Wanduhr hatte zum
Schlage bereits ausgehoben.

Nur der Herr im grnen Rock streifte den grauen Aermel ab, strich ihn
sorgfltig glatt, schlo ihn mit einem Haufen Papiere in das Pult und
lud Anton ein, ihm auf das Zimmer zu folgen. Wieder schritt Anton durch
die Thr des Comtoirs, in welchem er nur zehn Minuten gewesen war, aber
er war ein anderer Mann geworden, sein Schicksal war entschieden, er
hatte jetzt eine Heimath, er gehrte in das Geschft. Dehalb schlug er
im Vorbeigehen herzhaft auf einen groen Ballen, wie man auf die
Schulter eines guten Bekannten schlgt, wobei der grne Herr sich
umwandte und mit wohlwollender Herablassung zu ihm sagte: Baumwolle;
und drei Schritt weiter klopfte Anton Einla fordernd an ein riesiges
Fa, welches wohlhbig in einer Ecke stand, wie ein dicker Pchter in
seinem hellen Sommerrock; worauf sich wieder der grne Herr umwandte und
ebenso wohlwollend sagte: Corinthen. Jetzt stie unsern Anton kein
Hebebaum mehr, ja er selbst schob den einen mit krftiger Fubewegung
bei Seite, und einen Riesen mit lederner Schrze, der ihm begegnete,
grte er mit sicherer Vertraulichkeit und fhlte sich behaglich, als
der Riese ihm artig dankte, besonders als der grne Herr wieder
herablassend uerte: der oberste Auflader.

Durch den Hofraum gingen sie auf gewundenen Pfaden in ein Hintergebude
und stiegen drei ausgetretene Treppen hinauf. Dort ffnete Herr Jordan
ein Zimmer und bemerkte gegen Anton, da die wahrscheinlich seine
knftige Wohnung sein werde, es sei die frhere Behausung eines guten
Freundes von ihm, der aus dem Geschft geschieden sei und sich selbst
etablirt habe. Es war ein sehr kleines Zimmer, die Mbeln einfach und
nicht neu, aber saubere weie Gardinen und weie Rouleaux vor den
Fenstern und auf dem Schreibtisch eine schne Katze von Gips, mit
gelblicher Lederfarbe lackirt, so da sie aussah wie eine lebende. Diese
Katze hatte der etablirte College zum Besten seines Nachfolgers in der
Stube zurckgelassen.

Herr Jordan eilte in das Comtoir zurck, in dem er der Erste und Letzte
sein mute, weil ihm ein Theil der Schlssel anvertraut war, und Anton
blieb allein. Mit Hlfe eines freundlichen Bedienten, welcher ihm
schnell das Zimmer wohnlich zu machen suchte, ordnete er seine Toilette
und war eben damit fertig, als zahlreiche Tritte auf den Treppen
verkndeten, da seine Collegen aus dem Geschft in ihre Zimmer eilten.

Wieder erschien der grne Herr und theilte ihm mit: Herr Schrter sei zu
einer Conferenz und heut nicht mehr zu sprechen. Dagegen sei seine
Ansicht, da der Ankmmling den einzelnen Herren Besuch machen msse, um
die Bekanntschaft mit ihnen auf anstndige Weise einzuleiten. Ein Frack
sei nicht nthig.

Anton stieg mit seinem Begleiter einige Treppen herunter, und Herr
Jordan war im Begriff, an eine Thre anzuklopfen, als der Bewohner des
Zimmers ihm entgegentrat, ein schner schlanker Mann, von miger Gre
und einem Wesen, welches unserm Helden sehr imponirte. Er hatte seinen
Anzug gewechselt, trug kurze Beinkleider und Stolpenstiefeln, eine
Jokeimtze auf dem Kopf und eine Reitgerte in der Hand, die er
unternehmend schwenkte.

Fhren Sie Ihr Fllen schon an der Leine? sagte der Junker in den
Stolpenstiefeln lchelnd zu dem Fhrer. Herr Jordan stellte sich
feierlich auf und prsentirte: Herr Wohlfart, der neue Lehrling, soeben
angekommen. -- Herr von Fink, Sohn der groen Firma Fink und Becker in
Hamburg.

Erbe des grten Thranvorraths von der Welt und so weiter, unterbrach
ihn Herr von Fink nachlssig. Jordan, geben Sie mir zehn Thaler, ich
will den Reitknecht bezahlen. Schreiben Sie's zu dem Uebrigen. Jordan
holte bereitwillig ein Cassenbillet aus seiner Brieftasche und
berreichte es dem Jokei, der es zusammenknitterte und in die
Westentasche steckte; worauf er mit einiger Hflichkeit zu Anton sagte:
Wenn Sie mich besuchen wollen, wie ich aus dem festlichen Gesicht Ihres
Mercurs merke, so bedaure ich, heut nicht zu Hause zu sein, ich will ein
neues Pferd kaufen. Ihren Besuch nehme ich als geschehen an, ich danke
Ihnen in aller Feierlichkeit dafr und gebe Ihnen meinen Segen zu Ihrem
Eintritt. Er nickte gleichgltig mit dem Kopf und schritt klirrend die
Stufen hinab und ber die Steinplatten des Hofes.

Antons Behagen erlitt durch das khle Benehmen des Herrn einen groen
Sto und er dachte verschchtert, wenn die andern Herren vom Geschft
eben so sind, so wird es mir sehr schwer werden, mit ihnen umzugehen.
Auch Herr Jordan fand nthig, das auffallende Benehmen des Jokei zu
erklren, und sagte mit vertraulicher Wichtigkeit: Fink gehrt nur halb
in unser Geschft, er ist erst seit kurzer Zeit hier, von seinem Vater
aus New-York gezogen und hierher versandt worden, um bei uns vernnftig
zu werden.

Ist er denn nicht vernnftig? frug Anton neugierig.

Nur zu wild, liebt den Sport, ist aber sonst ein guter Gesellschafter,
sagte Herr Jordan. Die andern Herren habe ich zu mir auf die Stube
gebeten, um Sie mit Allen bekannt zu machen; wir werden dort eine Tasse
Thee trinken. Morgen machen Sie den Einzelnen Besuch auf ihren Zimmern.

Die Stube des Herrn Jordan war die grte unter den kleinen Wohnungen
des Hinterhauses, in welchem die Herren vom Comtoir einzeln oder zu
zweien hausten, und wurde dehalb und wegen der ansprechenden Gemthsart
ihres Bewohners zuweilen als Salon benutzt; sie geno die Auszeichnung,
ein Fortepiano und einige Armsthle zu besitzen. An den Fenstern hingen
zahlreiche Biscuitbilder, in denen edle Weiblichkeit durch
mittelalterliche Kirchengngerinnen, Loreleys und Madonnen vertreten
war. In diesem Zimmer saen und standen die Herren und erwarteten die
Ankunft des Neulings. Anton machte die Massenvorstellung mit Erfolg
durch, indem er jedem Einzelnen die Hand schttelte und hinterdrein Alle
zusammen um ihr Wohlwollen und freundliche Hlfe bat, weil er im
Geschft ganz unerfahren und noch gar nicht in der Welt und wenig unter
Menschen gewesen sei. Diese Offenheit verfehlte nicht, einen guten
Eindruck hervorzubringen. Darauf ging eine friedfertige Unterhaltung an,
gewrzt mit kleinen Scherzen und Anspielungen, welche fr einen Neuling
so unverstndlich als mglich waren. Anton verhielt sich schweigend und
mhte sich, das Wesen der einzelnen Herren zu erkennen. Da war der
Buchhalter Herr Liebold, ein ltlicher kleiner Mann mit einer feinen
Stimme und einem bescheidenen Lcheln, durch welches er die Welt um
Vergebung bat, da er sich die Freiheit nehme, zu existiren. Er sprach
wenig, hatte aber die Eigenschaft, im Nachsatz das zurckzunehmen, was
er im Vordersatz behauptete; z. B.: ich glaube fast, da dieser Thee zu
schwach ist, aber freilich ist starker Thee sehr ungesund, und
Aehnliches. Ferner war da Herr Pix, der tyrannische Fhrer des schwarzen
Pinsels in dem Hausflur, ein entschlossener Mann, welcher geneigt
schien, alle menschlichen Verhltnisse wie Detailgeschfte zu
betrachten; vielleicht respectabel, aber kleinlich. Als ein Stuhl im
Zimmer fehlte, rckte er verchtlich einen kleinen Tisch in die Nhe des
Thees, schwang sich darauf und blieb den ganzen Abend rittlings darauf
sitzen. Ferner war da ein Herr Specht, welcher viel sprach und stark in
Behauptungen war, die von Jedermann bestritten wurden. Er behauptete,
China werde durch eine Constitution regiert, die von der englischen nur
wenig verschieden sei, und verfocht mit Leidenschaft die Ansicht, da
Schneckensuppe das Lieblingsgericht des seligen Kaisers Napoleon gewesen
sei. Ferner war da ein schmchtiger Herr Baumann mit kurz geschorenem
Haar und sinnigem Wesen, welcher jeden Sonntag in die Kirche ging, allen
Missionsvereinen Beitrge zahlte und, wie seine Collegen ihm auf den
Kopf zusagten, die Absicht hatte, spter einmal Missionr zu werden. Er
schob das noch auf aus einer gewissen kindlichen Gewhnung an
Deutschland und die Firma, zu deren Nutzen er gegenwrtig arbeitete.
Anton bemerkte mit Freuden, da im Ganzen ein artiger und
rcksichtsvoller Ton unter den Herren herrschte. Da er ermdet war,
empfahl er sich in Kurzem, und weil er Niemandem widersprochen hatte und
gegen Alle zuvorkommend gewesen war, so wurde nach seinem Abgange
erklrt, er verspreche ein guter College zu werden.

       *       *       *       *       *

Unterde schritt Veitel Itzig mit der Gleichgltigkeit eines
Herumtreibers und der Sicherheit eines Eingeborenen durch das Gewirr der
Menschen und Straen. Das rthliche Licht der Abendsonne war von den
Steinen der Strae an den Husern hinaufgestiegen, von einem Fenstersims
zu dem andern bis hoch auf die Dcher, und das Dunkel des Abends
erfllte die engen Gassen des alten Stadttheils, welcher am Flusse
liegt. In einer solchen Gasse stand ein groes Haus mit breiter Front.
Die untern Fenster waren durch Eisenstbe vergittert, im ersten
Stockwerk glnzten die weien Rahmen, welche groe Spiegelscheiben
einfaten, unter dem Dach waren die Fenster blind, schmutzig, hier und
da eine Scheibe zerschlagen. Es war kein guter Charakter in dem Hause,
wie eine alte Zigeunerin sah es aus, die ber ihr bettelhaftes Costm
ein neues buntes Tuch geworfen hat.

In dieses Haus trat Veitel Itzig, indem er einem geputzten Dienstmdchen
an der Thr schnalzend einen Ku zuwarf, den diese wie eine
heranfliegende Wespe pantomimisch mit der Hand fortschleuderte. Die
unsaubere Treppe fhrte zu einer weilackirten Entreethr, auf welcher
in groem Messingschild der Name: Hirsch Ehrenthal zu lesen war.
Veitel fate den dicken Porcellangriff der Klingel und schellte, ein
ltliches Frauenzimmer mit zerknitterter Haube ffnete einen schmalen
Spalt und frug, die Nase hinaussteckend, nach seinem Begehr, dann ri
sie die Stubenthr auf und rief in das Zimmer: Es ist Einer da, Itzig
Veitel heit er, aus Ostrau, er will den Herrn Hirsch Ehrenthal
sprechen. Aus der Stube scholl die Stimme des Hausherrn: Warten soll
er! und das Geklirr von Tellern verrieth, da der Geschftsmann erst
das Familienglck des Abendessens genieen wollte, bevor er dem
knftigen Millionr Audienz gab. Die aufwartende Person warf mit
mitrauischen Blicken auf den Ankmmling die Thr wieder zu und sperrte
ihn aus.

Veitel setzte sich auf die Treppe und sah mit starrem Auge auf das
Messingschild und die weie Thr, bewunderte die abgeschrgten Ecken der
Messingplatte und versuchte sich vorzustellen, wie der Name Itzig auf
einer eben solchen Platte an einer hnlichen weien Thre aussehen
wrde. Darauf kam er auf gradem Wege zu der Betrachtung, wie viel ihm
noch fehle, um so reich zu sein, wie Hirsch Ehrenthal, er fhlte nach
einem halben Dutzend Ducaten, welche ihm seine alte Mutter mit einem
Lederfleck in das Futter seiner Weste eingenht hatte, und berlegte,
wie viel er alle Tage dazu sparen knnte, vorausgesetzt, da ihm der
reiche Mann Gelegenheit liee, etwas zu verdienen. Er war tief in
Betrachtungen versunken ber den Werth von zwei Phantasiestiefeln,
welche er sich auf den Beinen eines jungen Elegants vorstellte, und
welche nach seiner Annahme den dreifachen Werth des Viergroschenstcks
haben muten, das er dem eleganten Herrn dafr bieten wollte; da wurde
die Entreethr mit starker Hand aufgemacht, und Herr Ehrenthal stand vor
dem armen Bocher. Das war nicht mehr der Mann von heut Nachmittag, die
anschmiegende Freundlichkeit war verschwunden, wie der Duft einer Rose
am Ende des heien Tages, er war ganz Majestt, Selbstgefhl,
Despotismus; kein asiatischer Kaiser kann so stolz auf die Creatur vor
seinen Fen heruntersehen, als er auf das Kind von Ostrau zu blicken
verstand. Itzig fhlte das Bedeutende in der Stellung des groen Mannes
und seine eigene Nichtswrdigkeit trotz der sechs Ducaten im
Ledersckchen, er schnellte in die Hhe und stand demthig vor seinem
Meister. Hier ist ein Brief von Baruch Goldmann, bei welchem der Herr
Ehrenthal mich hat verschrieben fr sein Geschft, begann Veitel und
hielt dem groen Mann einen Brief entgegen.

Ich habe dem Goldmann geschrieben, er soll mir einen Menschen schicken,
den ich mir ansehe, ob ich ihn brauchen kann; abgemacht ist noch
nichts, sprach Ehrenthal vornehm und ffnete das Schreiben.

Ich bin doch gekommen, damit Sie mich ansehen, entgegnete Veitel.

Und was kommst du so spt, junger Itzig? Es ist keine Zeit mehr zur
Rede vom Geschft, schnarrte ihn der Hausherr an.

Ich wollte mich melden bei meinem Herrn Hirsch Ehrenthal zum Dienst
noch heut Abend, wenn er mir hat zu geben einen Auftrag fr morgen
frh.

Davon ist zu reden morgen frh, antwortete gereizt der Herr, welcher
es fr vortheilhaft hielt, dem Neuling zu zeigen, wie wenig ihm an
seiner Person gelegen sei. Itzig begriff vollkommen das Zweckmige
dieses Benehmens, und da er sah, da seine Stellung bei dem
abzuschlieenden Geschftsvertrage bis jetzt keine gnstige war, suchte
er sie dadurch zu verbessern, da er tiefer auf die Sache einging und
entgegenwarf: Ich kann vielleicht leisten einen Dienst morgen frh, wo
Markttag ist, weil ich kenne die meisten Kutscher von den Herren, welche
hereinkommen mit Raps.

Was Raps! Was thue ich mit Raps? Was will er reden vom Geschft?
schleuderte ihm Hirsch Ehrenthal noch grimmiger entgegen.

Aber unerschttert fuhr Veitel fort sich herauszustreichen, wie ein
seidenes Halstuch: Ich bin auch sonst bekannt in der Stadt, ich kenne
die Makler und die kleinen Leut' und kann dem Herrn helfen bei jedem
Geschft, das er machen will im Haus und auer dem Haus. Und um seinen
Selbstverkauf dem Abschlu nher zu bringen, fgte er mit resignirter
Miene hinzu: Ich bin nicht so stolz, da ich will wohnen in dem Hause
bei Herrn Hirsch Ehrenthal; wenn der Herr Ehrenthal fr mich nicht hat
ein Bett in seinem Hause, so will ich mir suchen mein Lager in der Nhe
bei einem Wirth.

Herr Ehrenthal wurde durch diese Anspruchslosigkeit so weit gerhrt, da
er den Burschen noch einmal von oben bis unten ansah und mit mehr
Herablassung frug: Sind deine Papiere in Ordnung, da du mich in keine
Unannehmlichkeiten bringst mit der Polizei?

Veitel beruhigte ihn ber diesen wichtigen Punkt; eine uralte groe
Brieftasche flog pltzlich auf geheimnivolle Weise aus den Falten
seiner schlottrigen Jacke; aus ihr suchte er seine Legitimation heraus.

Herr Ehrenthal fate das Papier mit einem geschickt angenommenen
Widerwillen gegen die gelbliche Farbe desselben und sah es genau durch,
Unterschrift, Siegel und Alles, indem er es sogar gegen das Licht hielt.
Veitel wartete gespannt, ob er das Document behalten wrde; wenn er es
in der Hand behielt, so war das Geschft zum Abschlu reif.

Als Herr Ehrenthal das Document nachlssig in der Hand wiegte, versuchte
Itzig mit unterwrfiger Vertraulichkeit zu lcheln. Wenn ich dich in
meinen Dienst nehme, sprach der Hausherr, so wirst du machen Alles in
meinem Hause, was ich dir werde auftragen, oder Madame Ehrenthal, oder
mein Sohn Bernhard Ehrenthal; du wirst putzen die Stiefeln am Morgen und
die Schuhe meiner Frau, du wirst holen in die Kche, was dir die Kchin
sagen wird, in meinem Geschft wirst du machen alle Gnge, die ich habe
zu machen, und wirst ausrichten alle Bestellungen.

Ich will, Herr Ehrenthal, sagte Veitel demthig, ich will Alles thun,
da Sie seien zufrieden mit mir.

Frhstck und Mittagessen wird dir geben die Kchin, am Abend von
sieben Uhr kannst du sein dein eigener Herr. -- Veitel nahm mit
derselben Bereitwilligkeit auch diese Bedingung an und bemerkte nur:
Kann ich nicht haben am Morgen ein bis zwei Stunden fr mich?

Nein, sprach Ehrenthal ungndig, ich kann es nicht leiden, wenn Einer
in meinen Diensten ist und macht Geschfte fr eigene Rechnung.

Da Veitel beschlossen hatte, unter allen Umstnden Geschfte fr eigene
Rechnung zu machen, und Herr Ehrenthal das eben so gut wute wie Veitel,
so wurde auf diesen zarten Punkt nicht weiter eingegangen.

Dafr sollst du erhalten alle Monat zwei Thaler, und wenn ich mit
deiner Hlfe ein Geschft mache, erhltst du deinen Antheil davon.

Wie gro soll sein dieser Antheil? rief Veitel schnell.

Wie gro er soll sein? frug Herr Ehrenthal unwillig, was ich dir
werde geben, wird sein gro genug.

Gro genug fr den Herrn, aber nicht fr mich, antwortete Veitel
dreist, denn er fhlte, da bei diesem Hauptpunkt Entschlossenheit
nthig sei.

Das wird sich finden, wenn du wirst abgedient haben deine Probezeit.
Vier Wochen dienst du auf Probe, nach der Zeit werde ich mit dir reden
ber deinen Verdienst.

Das war Alles, was Veitel billigerweise verlangen konnte, er hob sein
Bndel von den Treppenstufen auf und sagte unterwrfig: Ich bin's
zufrieden, wenn der Herr Ehrenthal mir noch will schenken eine alte Hose
und Rock, da ich ihm keine Schande mache vor den Leuten.

Keinen Rock und keine Hose, antwortete der Herr entschieden.

Dann geben Sie mir Hose und Rock in vier Wochen, wenn meine Probezeit
zu Ende ist. Diese Forderung war nach dem Cours der Trdlerbrse gleich
einem Geschenk von drei bis vier Thalern, und Ehrenthal fand die
Forderung mit Recht hoch, er warf noch einen prfenden Blick auf den
Burschen, auf die Demuth seiner Stellung und die ungewhnliche Frechheit
seiner Augen, er schlo, da der Mensch brauchbar sein werde, und fhlte
sich bewogen, Gromuth zu zeigen. So mag es sein, schlo er, in vier
Wochen. Dein Nachtquartier kannst du nehmen bei Lbel Pinkus an der
Ecke, damit ich wei, wo du bist zu finden. Darauf ffnete Herr
Ehrenthal die Entreethre und rief hinein: Frau, Bernhard, Rosalie,
kommt heraus. Zwei Stubenthren und die Kchenthr ffneten sich, und
die Familie des Hausherrn wurde sichtbar, dahinter die zerknitterte
Kchin.

Madame Ehrenthal war eine volle Frau in schwarzer Seide, mit starken
Augenbrauen und rabenschwarzen Hngelocken; sie machte noch groe
Ansprche zu gefallen und gefiel auch. Wenigstens versicherten ihr das
mit mehr oder weniger Anstand junge Herren vom Adel, welche zuweilen in
den Morgenstunden Herrn Ehrenthal besuchten, um mit ihm Geschfte zu
machen; und obgleich diese Versicherungen um so wrmer zu sein pflegten,
je khler Ehrenthal sich gegen das abzuschlieende Geschft verhielt, so
galt doch, die Wahrheit zu sagen, Madame Ehrenthal auch bei solchen
Leuten, welche keine Sola-Wechsel zu prolongiren wnschten, fr eine
sehr stattliche Dame. Ihre Tochter aber war in der That eine Schnheit,
eine groe, edle Gestalt mit glnzenden Augen, dem reinsten Teint und
einer nur sehr wenig gebogenen Nase. Wie aber kam der Sohn in diese
Familie? Er war fast klein, mit einem bleichen, faltigen Gesicht und
gebckter Haltung; da er noch ein Jngling war, sah man nur an seinem
Munde und dem hellen Blick; auch war er nachlssiger gekleidet, als
einem Sohn des Herrn Ehrenthal geziemte, und in dem braunen Haar hingen
noch jetzt am Abend einige Federn. Die Familie und Veitel sahen einander
stumm an, whrend Herr Ehrenthal mit Selbstgefhl bemerkte: Dieses ist
der Veitel Itzig, ich habe ihn genommen in unsern Dienst. Der vornehme
Stolz der Mutter, der mifllige Blick der Tochter und das zerstreute
Auge des Sohnes wurden von dem armen Bocher eben so gewandt aufgefangen,
wie die bunten Strahlen eines Prismas von einem beobachtenden
Naturforscher; er beschlo auf der Stelle, gegen die Mutter sehr, sehr
unterwrfig zu sein, sich in die Tochter zu verlieben und Bernhards
Stiefel schlecht zu putzen und in den Rocktaschen desselben beim
Ausbrsten nachzusehen, ob nicht ein Geldstck durch Nachlssigkeit des
Besitzers in den Falten sitzen geblieben.

Nach dieser Vorstellung erklrte Herr Ehrenthal, Veitel knne gehen und
solle am nchsten Morgen um sechs Uhr im Hause sein. Die Entreethre
schlo sich hinter dem Burschen, auch er stand auf der Treppe, in's
Geschft aufgenommen, ein angehender Kaufmann. Er lchelte vergngt, als
er die Treppe hinunter ging, offenbar war er mit seinem Handel
zufrieden. Hatte er sich doch gemessen mit dem groen Herrn im Geschft
und hatte einen Vortheil davongetragen. Denn da er sich auf jede
Bedingung auch ohne Garderobenzulage engagirt haben wrde, so
betrachtete er den alten Rock und Hosen zahlbar in vier Wochen mit Recht
als eine angenehme Uebervortheilung seines neuen Prinzipals. Die
Ueberlegung: Es wird nur ein Sommerrock sein, flog wie ein dsterer
Schatten ber seine Seele; aber die Hose wird sein von seinem Bernhard,
welcher trgt Tuchhosen auch heut am heien Sommertage. So trug er
beruhigt sein Bndel um die Ecke zu Lbel Pinkus.

Lbel Pinkus war Hausbesitzer und hielt zu ebener Erde einen kleinen
Branntweinladen, welcher zahlreiche Kunden hatte. Doch war ersichtlich,
da weder die starke, wie fettig glnzende Figur des ehrsamen Pinkus
selbst, noch die dicke Halskette seiner Frau ihre solide Pracht aus dem
Branntweingeschft allein herleiteten, und die Nachbarn zerbrachen sich
manchmal den Kopf darber, wie Frau Pinkus es durchsetzen knne, immer
die theuersten Gnse zu braten, ja zuweilen sogar Truthhner. Inde da
ihr Gemahl ein resoluter Charakter war, in allen seinen Reden grob und
entschieden, da er Branntwein verkaufte, was immer fr ein Zeichen
volksthmlicher Gesinnung gelten wird, und da er auerdem Geld gegen
ungewhnliche Procente auszuleihen wute, so war er unter den kleinen
Handwerkern in der Nachbarschaft doch sehr respectirt und gefrchtet.
Seine Reputation war gut. Die Straenpolizei trank im Vorbeigehen gern
in seinem Laden einen Liqueur, fr den er das Geld zu nehmen stets
verweigerte, er zahlte seine Abgaben pnktlich und galt fr einen
Freund, ja Vertrauten der executiven Macht. In Wahrheit aber war Herr
Pinkus eine von den glcklichen Naturen, welche Honig aus allen Blumen
zu saugen wissen, auch aus belriechenden. Er hielt in dem ersten Stock
seines Hauses eine stille Herberge fr Mnner mit und ohne Bart, welche
einen Ha gegen Alles, was von dem Geschlecht der Schweine stammt, nicht
berwinden konnten. Diese Mnner von uralter Familie schtzten zuweilen
ein billiges und verborgenes Nachtlager, bei welchem der Wirth keine
hohen Rechnungen machte und keinen Pa abforderte; sie kamen in der
Regel am spten Abend in die Herberge und schlichen am frhen Morgen
wieder hinaus in die Gassen der Stadt, oder auf die Landstrae,
bescheidene Trdler und Schacherer, welche ihren Gewinn nach Groschen
und Pfennigen berechneten. Auer diesen Gsten erschienen zuweilen noch
andere, unregelmig wie Kometen, von jedem Alter, Geschlecht und
Glauben, sie verhandelten in grter Stille mit dem Hausherrn und
konnten es nicht vertragen, wenn man bei Nacht in der Nhe ihres
Gesichtes ein Schwefelholz anzndete. Alte Gastfreunde des Pinkus hatten
ber solche Eigenthmlichkeit allerdings ihre Ansichten, aber sie fanden
es nicht gerathen, darum viele Worte zu verlieren.

In diesem Hause tappte Itzig im Finstern eine Treppe hinauf und
unsaubere Wnde entlang, stie an eine schwere eichene Thr mit groem
Schlo und trat, als er diese durch einen starken Druck geffnet hatte,
in einen wsten Raum, der fast die ganze Lnge des Hauses einnahm. In
der Mitte stand ein alter Tisch mit einer schlechten Oellampe, einige
Schemel darum; gegenber der Thrseite war ein groer Wandverschlag mit
vielen kleinen Thren, welche zum Theil offen standen und verriethen,
da der ganze Verschlag aus schmalen, von einander getrennten
Abtheilungen mit hlzernen Kleiderhaken und Fchern bestand. Vor den
kleinen Fenstern, welche auf die Strae fhrten, waren verblichene
Rouleaux heruntergelassen, auf der gegenberliegenden Langseite fiel
durch eine offene Thr das Abendlicht in das Zimmer, diese Thr fhrte
auf eine hlzerne Galerie, welche lngs der Gaststube an der Auenseite
des Hauses fortlief.

Itzig warf sein Bndel in einen Wandschrank und trat auf die Galerie
hinaus. Da er auch hier keinen zweiten Gast vorfand, fing er an von der
Galerie die Aussicht zu bewundern mit demselben Grad von Interesse,
welchen ein niederlndischer Architekturmaler gehabt haben wrde, nur
nicht ganz in derselben Absicht. Unten am Fu des Hauses wlzte ein Flu
sein lehmiges Wasser eilig vorwrts und bildete eine schmale
Wasserstrae, welche auf beiden Seiten mit verfallenen hlzernen Husern
eingefat war. Fast an jedem Hause, an jedem Stockwerk waren hnliche
hlzerne Galerien herausgebaut und durch gebrunte Balken gesttzt.
Manchmal liefen drei, vier Galerien bereinander, dann war der Fuboden
der obern das Regendach der untern. In alter Zeit hatte die achtbare
Zunft der Gerber diese Strae bewohnt, damals war das Holzwerk glatt und
neu gewesen, und helle Lmmer- oder Ziegenfelle hatten an den Gelndern
gehangen, bis sie weich und geschmeidig geworden waren, um Handschuhe
fr die Patrizier und Ledertaschen fr ihre Frauen zu geben. Jetzt waren
die Gerber nach entfernteren Stadttheilen hinabgezogen, und statt der
Thierfelle hing die Wsche armer Leute an den hlzernen Balconen, ber
dem zerbrochenen Schnitzwerk und den wurmstichigen Balkenkpfen. Noch
stach die weie, rothe und blaue Farbe der Wsche im Abendlichte seltsam
ab von dem schwarzen Holzwerk, und das Licht brach sich auf wunderliche
Weise an den Sulen und Vorsprngen der Galerie, an rohen Arabesken der
Einfassung und an den dunkeln Pfhlen, welche hier und da aus dem Wasser
hervorragten. Es war ein unheimlicher Aufenthalt fr jedes Geschpf,
auer fr Maler, Katzen oder arme Teufel.

Junker Itzig war schon frher ein und das andere Mal in dem Hause
gewesen, aber immer in grerer Gesellschaft. Heut bemerkte er, da eine
lange bedeckte Treppe vom Ende seiner Galerie bis hinunter an das Wasser
fhrte; er sah, da neben dieser bedeckten Treppe eine hnliche am
Nachbarhause hinablief, und schlo daraus, da es mglich sein msse,
die eine Treppe hinunter und die andere hinauf zu steigen, ohne sich
mehr als die Schuhe na zu machen; er entdeckte ferner, da es bei dem
niedrigen Wasserstand des Sommers mglich war, lngs der Huserreihe am
Wasser weit hin fortzugehen, und er berlegte, ob es Menschen geben
knnte, welche bei Tag oder Nacht einen solchen Spaziergang fr ntzlich
hielten. Nachtwchter und Polizeidiener wenigstens waren dort nicht zu
befrchten. Durch diese Betrachtungen wurde seine Phantasie so
aufgeregt, da er in das Gastzimmer zurcklief, in die Wandschrnke
kroch, welche offen standen, und die Holzwnde derselben durch Klopfen
und Schtteln untersuchte. Mit Erstaunen entdeckte er, da auch die
Rckwand von Holz war und hohl klang. Da an dieser Seite die Mauer
laufen mute, welche dies Haus vom Nachbargebude trennte, so fand er
den hohlen Ton auffllig und nicht in der Ordnung und war eben im
Begriff, einen verschlossenen Wandschrank anzugreifen und zu sehen, ob
nicht ein Ritz in dem Holze der Rckwand weiteren Aufschlu gebe, als
ein dumpfes Knurren seine Hand von der Schrankthr zurckhielt. Er sah
sich um und erkannte -- ohne groe Beschmung -- da er nicht mehr
allein war. In einer Ecke des Zimmers lag in seinen Kaftan gewickelt,
das schwarze Kppchen im Haar, ein galizischer Handelsmann
zusammengekauert auf dem Strohsack. Er hatte seine Sachen in dem
angegriffenen Wandschrank verschlossen und hielt fr nthig, gegen die
Untersuchung des Wibegierigen zu protestiren. Itzig versuchte ein
Gesprch mit dem Fremden anzuknpfen; da dieser aber mehr Lust zum
Schlafen als zur Unterhaltung zeigte, setzte sich Itzig in die
gegenberliegende Ecke auf einen andern Strohsack und sa dort mit
seinem rastlosen Geiste rechnend und Geschfte ausdenkend, wobei er
zuweilen in lebhaftem Sinnen mit Hnden und Beinen schlenkerte, bis die
Dunkelheit der Nacht durch die Thr eindrang, und die kleine Oellampe zu
knistern anfing und Miene machte auszugehen. Noch kam Pinkus der Wirth
selbst herauf, ein Licht in der Hand; er untersuchte den Bestand seiner
Gste, setzte einen Krug Wasser auf den Tisch und schlo beim
Herausgehen die Thr von auen ab. Im Finstern holte Itzig ein Stck
trockenes Brod aus der Tasche und schlief endlich unter dem Schnarchen
seines Stubengenossen ein, den Strohsack unter sich, zugedeckt mit
seiner alten Jacke.

       *       *       *       *       *

Zu derselben Stunde wickelte sich sein Reisegefhrte im Patrizierhause
in die gesteppte Decke seines Lagers, sah noch einmal mit mden Augen in
der Stube umher und bemerkte schlaftrunken, da die gelbe Katze auf dem
Schreibtisch ihre Beinchen bewegte, sich mit der Pfote zu strhlen
anfing und ihm zuletzt sogar mit beiden Pfoten Kuhndchen zuwarf. Bevor
er Zeit hatte, ber diese ungewhnliche Freundlichkeit des Gipses
nachzudenken, war er eingeschlafen. Vor beiden Jnglingen senkte sich
das Gewebe von grauem Flor herab, auf welchem die Traumgttin ihre
bunten Bilder zu zeigen pflegt. Anton sah sich selbst auf einem groen
Waarenballen sitzen und durch die Luft fliegen, whrend eine gewisse
junge Dame die Arme nach ihm ausstreckte; und Veitel Itzig entdeckte mit
Behagen, da er ein Baron geworden war, welcher von Hirsch Ehrenthal um
ein Almosen angeredet wurde. Er sah, wie er dem alten Ehrenthal seine
sechs Ducaten als Geschenk gab und wie dieser sich klglich bedankte.
Ueber diese Gromuth erschrak er im Traume so, da er mit Hnden und
Beinen um sich schlug.

Am nchsten Morgen begann jeder der beiden Jnglinge seine Thtigkeit.
Anton sa auf seinem Platze im Comtoir und copirte Briefe; und Veitel
stand, nachdem er smmtliche Stiefeln und Schuhe der Familie Ehrenthal
gebrstet und die Kleidertaschen Bernhards durchsucht hatte, als
Aufpasser vor dem grten Hotel der Stadt, um einen fremden Herrn vom
Lande zu beobachten, welcher mit Herrn Ehrenthal unzufrieden geworden
war und im Verdacht stand, sich andere Geschftsfreunde auf sein Zimmer
bestellt zu haben. Anton bekam durch das Copiren der Briefe Einsicht in
Styl und Sprache seines Geschfts, und Veitel hatte whrend seines
Lauerns vor dem Gasthofe das Glck, die Adresse eines vorbergehenden
Studenten zu erhalten, welcher es fr zeitgem hielt, seine silberne
Uhr zu verkaufen.

In seinen ersten Muestunden zeichnete Anton das Schlo, die
Kletterpflanzen, den Balcon und die Thrmchen aus dem Gedchtni auf das
beste Papier, das ihm die groe Stadt liefern konnte. Er lie das Bild
in einen Goldrahmen fassen und hing es ber seinem Sopha auf.




~V.~


Anton hatte in den ersten Wochen Mhe, sich in der neuen Welt zurecht zu
finden, in die er versetzt war. Das Gebude, der Haushalt, das Geschft
waren so alterthmlich, solid und groartig, da sie auch einem
Weltbrger von mehr Erfahrung imponiren muten.

Das Geschft war ein Waarengeschft, wie sie jetzt immer seltener
werden, jetzt, wo Eisenbahnen und Telegraphen See und Inland verbinden,
wo jeder Kaufmann aus den Seestdten durch seine Agenten die Waaren tief
im Lande verkaufen lt, fast bevor sie im Hafen angelangt sind, so
selten, da unsere Nachkommen diese Art des Handels kaum weniger
fremdartig finden werden, als wir den Marktverkehr zu Tombuctu oder in
einem Kaffernkral. Und doch hatte dies alte weit bekannte Binnengeschft
ein stolzes, ja frstliches Ansehen und, was mehr werth ist, es war ganz
gemacht, bei seinen Theilhabern feste Gesinnung und ein sicheres
Selbstgefhl zu schaffen. Denn damals war die See weit entfernt, die
Conjuncturen waren seltener und grer, so mute auch der Blick des
Kaufmanns weiter, seine Speculation selbststndiger sein. Die Bedeutung
einer Handlung beruhte damals auf den Massen der Waaren, welche sie mit
eigenem Gelde gekauft hatte und auf eigene Gefahr vorrthig hielt. Auf
den Packhfen am Flusse lag in langen Speichern ein groer Theil der
fremden Waaren aufgestapelt, ein kleinerer Theil in den Kellern und
Gewlben des alten Hauses selbst, viele Vorrthe in Speichern und
Remisen der Nachbarschaft. Zahlreiche Kaufleute in der Provinz
versorgten sich aus den Magazinen der Handlung mit Colonialwaaren und
den tausend guten Erzeugnissen der Fremde, welche uns ein tgliches
Bedrfni geworden sind. Aber auch ber die Grenzen des Landes hinaus,
nach dem Sden und Osten, bis an die trkische Grenze, saen die Agenten
des Hauses, und dieser Theil des Geschftes, vielleicht weniger
regelmig und sicher, galt zur Zeit fr die gewinnreichste Thtigkeit
der Handlung.

So bot der Verkehr des Tages dem neuen Lehrling eine Menge der
verschiedensten Eindrcke, Menschen und Verhltnisse aller Art. Auer
den Agenten der Seepltze, welche fast tglich Waarenproben brachten,
und auer den Sensalen der Brse, welche die Geldgeschfte des Hauses
vermittelten, Wechsel anboten und verkauften, zog durch das vordere
Comtoir vom Morgen bis zum Abend eine bunte Procession von allerlei
Volk. Da kamen Materialhndler aus der Provinz, altvterische Mnner
mit jeder Art von Mtzen und jedem Grade von Bildung und
Zuverlssigkeit; sie kauften, drckten die Hnde, und verlangten als
specielle Freunde des Geschftes behandelt zu werden; ferner
Gutsbesitzer jedes Standes aus der Landschaft, welche die angebauten
Handelsgewchse, Farbekruter, Gewrze u. s. w. anboten; dann polnische
Juden, schwarzlockige Gesellen im langen seidenen Kaftan, die zuweilen
einkauften, gewhnlich aber die Producte ihrer Lnder Wolle, Hanf,
Potasche, Talg verkaufen wollten. Mit ihnen war der Verkehr am wenigsten
geschftsmig, ihr Kommen erregte jedesmal unter den jngern Leuten des
Comtoirs stille Heiterkeit. Dazwischen kamen Bettler, Hlfesuchende
aller Art, Geschftsfreunde des Hauses, Fuhrleute, welche ihre
Frachtbriefe forderten, Auflader und Hausknechte, welche Auftrge
erhielten oder die Auftrge anderer Geschfte ausrichteten. Anton fand
es sehr schwer, bei diesem ewigen Thrffnen und Durcheinandersprechen
seine Gedanken zusammenzuhalten und die einfache Arbeit, welche ihm
aufgetragen war, zu vollenden.

Eben war Herr Braun eingetreten, der Agent eines befreundeten Hauses in
Hamburg, und hatte aus seiner Tasche eine Anzahl Kaffeproben
hervorgeholt. Whrend diese vom Prinzipal besichtigt wurden,
gesticulirte der kleine behende Agent mit seinem goldenen Stockknopf in
der Nhe von Antons Augen umher und berichtete von einem Seesturme und
dem Schaden, den er angerichtet haben sollte. Da knarrte die Thr, und
eine rmlich gekleidete Frau trat herein. Herr Specht erhob sich und
frug: Was wollen Sie? Man hrte klgliche Tne, welche mit dem Gepiep
eines kranken Huhns Aehnlichkeit hatten, der Kaufmann griff schnell in
die Tasche und das Piepen verwandelte sich in ein behagliches Glucksen.
Haushohe Wellen, ruft der Agent. -- Gott vergelt es tausendmal,
gluckst die Frau. -- Macht 550 Mark zehn Schilling, sagt Herr Baumann
zum Prinzipal.

Jetzt wird die Thr heftig aufgerissen, ein starker Mann, mit einem
Geldsacke unterm Arm, tritt ein, er setzt den Geldsack triumphirend auf
den Marmortisch und ruft mit dem Ausdruck eines Mannes, der eine gute
That vollbringt: Hier bin ich, und hier ist Geld! Sogleich erhebt sich
Herr Jordan und sagt vertraulich: Guten Morgen, Herr Stephan, wie
geht's in Wolfsburg? -- Ein furchtbares Loch, klagt Herr Braun. --
Wo? frgt Fink. -- Es ist keine schlechte Stadt, aber wenig Nahrung,
sagt Herr Stephan. -- Natrlich im Rumpfe des Schiffes, antwortet Herr
Braun. -- Fnfundsiebzig Sack Cuba, bemerkt der Prinzipal als Antwort
auf die Frage eines Commis.

Whrend nun Herr Stephan die Neuigkeiten seiner Stadt erzhlt, darunter
die traurige Geschichte eines Lehrjungen, der sich mit Hlfe einer
Schlsselbchse erschossen hat, und whrend Jordan diese nothwendige
Einleitung zu dem bevorstehenden Einkauf geduldig durchmacht, ffnet
sich wieder die Thr, ein Bedienter tritt ein und ein Jude aus Brody.
Der Diener bringt dem Kaufmann die Einladung zu einem Diner, und der
Jude schleicht an die Ecke, wo Fink sitzt.

Wozu kommt Ihr wieder, Schmeie Tinkeles? frgt Fink kalt, ich habe
Euch schon gesagt, da wir kein Geschft mit Euch machen wollen.

Kein Geschft? ruft der unglckliche Tinkeles krchzend in
abscheulichem Deutsch, so da Anton ihn nur mit Mhe versteht. Solche
Wolle, wie ich bringe, ist noch nicht gewesen im Lande.

Wie hoch der Centner? frgt Fink schreibend, ohne den Juden anzusehen.

Was ich doch habe gesagt, antwortete der Jude.

Ihr seid ein Narr, sagt Fink, fort mit Euch!

Kein Lootse kann ihm helfen, sagt Herr Braun.

Meine Empfehlung an Herrn Commerzienrath, sagt der Kaufmann.

Mit einem Schwefelhlzchen hat er den Schlssel angezndet, ruft Herr
Stephan zum Himmel blickend.

Wai! schreit der Mann im Kaftan, was ist das: Fort mit Euch? Mit Fort
kann man machen keine Geschfte.

Was wollt Ihr also haben fr Eure Wolle?

41-2/3, sagt Tinkeles.

Hinaus! bemerkt Fink.

Sagen Sie doch nicht immer hinaus! bittet der Jude in Verzweiflung,
sagen Sie, was wollen Sie geben?

Wenn Ihr so unverschmt fordert, gar nichts, sagt Fink, eine neue
Seite seines Briefes beginnend.

Sagen Sie doch nur, was wollen Sie geben? bittet der Jude wieder.

Nur wenn Ihr wie ein anstndiger Mann redet, antwortet Fink, den Juden
ansehend.

Ich bin anstndig, sagt der Jude leise, was wollen Sie geben?

39, sagt Fink.

Jetzt gerth Schmeie Tinkeles auer sich, schttelt seine schwarzen
Locken und verschwrt sich bei seiner Seele Seligkeit mit lautem
Geschrei, er knne nicht unter 41; worauf Fink ihm bedeutet, er werde
ihn von einem Hausknecht hinausfhren lassen, wenn er solchen Lrm
mache. Darauf geht der Jude entrstet vor die Thre, steckt den Kopf
wieder herein und ruft: Also was wollen Sie geben?

39, sagt Fink und sieht der aufgeregten Mimik des Hndlers ungefhr
mit demselben Interesse zu, mit dem ein Physiker die galvanischen
Zuckungen eines Frosches betrachtet. Die Zahl 39 bewirkt in der Seele
des Juden eine neue Explosion, er tritt wieder vor, verschwrt seine
Seele in den tiefsten Abgrund der Hlle und erklrt sich selbst fr das
nichtswrdigste Scheusal der Welt, wenn er fr weniger als 41 ablassen
knne. Als er sich auf wiederholte Ermahnungen Finks, ruhig zu werden,
dazu nicht entschlieen kann, wird der Hausknecht gerufen. Das
Erscheinen desselben wirkt so weit beruhigend, da Herr Tinkeles
erklrt, er knne allein gehen und werde allein gehen, worauf er still
steht und 40-1/2 sagt. Der Agent, der Provinziale und das Comtoir sind
still und hren der Verhandlung neugierig zu, whrend Fink dem armen
Schmeie mit einer gewissen Herzlichkeit den Vorschlag macht, er solle
sich ohne Weiteres entfernen, er sei vllig Narr und mit ihm kein
Geschft zu machen. Darauf wendet sich der Jude trotzig ab und geht
hinaus. Und wieder fhrt Herr Braun fort: Dieser Sturm war ein seltenes
Unglck, der Kaffe mu steigen; und Herr Stephan beweist, da die
Selbstmorde und andere Unthaten seit Erfindung der Schwefelhlzer
zugenommen haben; und Fink sagt zum Prinzipal, der einen unterde
erhaltenen Brief durchliest: Er wird's lassen, wenn ich ihm noch einen
halben Thaler zulege. Wollen Sie mit 39-1/2 abmachen?

Wie viel? fragt der Kaufmann.

120 Centner, sagt Fink.

Nehmen Sie, sagt der Kaufmann und liest weiter.

Von Neuem wird die Thr aufgerissen, das Geschwirr geht fort, und Anton
mht sich vergebens, zu verstehen, wie man die Wolle kaufen knne,
nachdem der Verkufer in so entschiedener Weise gegangen ist. Da ffnet
sich, grade als wieder drei bis vier Stimmen durcheinander sprechen,
ganz leise die Thr, Tinkeles schleicht auf den Zehen herein bis hinter
Finks Platz und sagt, diesem die Hand auf die Schulter legend, wehmthig
und vertraulich: Was wollen Sie noch geben?

Fink wendet sich um und sagt ebenfalls mit vertraulichem Lcheln: Weil
Ihr es seid, Tinkeles, 39-1/3, aber nur unter der Bedingung, da Ihr
kein Wort weiter sprecht, sonst nehm' ich das Gebot zurck.

Ich spreche nichts, antwortet der Jude, sagen Sie 40.

Fink macht eine Bewegung der Entrstung und weist schweigend nach der
Thr. Der Hndler geht und dreht an der Thr um.

Jetzt kommt's, sagt Fink. Darauf kehrt der Hndler zurck und spricht
mit mehr Haltung: 39-1/2, wenn Sie es dafr wollen nehmen.

Nach einigem Zgern bemerkt Fink wie gelegentlich: Es mag sein.
Worauf Schmeie Tinkeles ganz umgewandelt ist, sich als liebenswrdigen
Freund der Handlung erweist und angelegentlich nach dem Befinden des
Prinzipals erkundigt.

Und wieder knarrte nach diesem Intermezzo die Thr, neue Kufer und
Verkufer kamen, die Menschen sprachen und Federn knisterten, das Gold
rollte unaufhrlich.

       *       *       *       *       *

Auch der Haushalt, dem Anton jetzt angehrte, erschien ihm sehr
fremdartig und mchtig.

Das Haus selbst war ein altes unregelmiges Gebude mit Seitenflgeln,
kleinen Hfen und Hinterhusern, voll von Mauern und kleinen Treppen,
von geheimnivollen Durchgngen, wo kein Mensch welche vermuthete, von
Corridoren, Nischen, tiefen Wandschrnken und Glasverschlgen. Es war
ein durchaus knstlicher Bau, an dem Jahrhunderte gearbeitet hatten, um
ihn fr spte Enkel so schwierig und unverstndlich als irgend mglich
zu machen. Und doch sah er im Ganzen betrachtet behaglich aus und
umfate mit seinen Mauern eine groe Welt voll Menschen und Interessen.
Der ganze Raum unter dem Gebude und unter seinen Hfen war zu Kellern
gewlbt und bis an die Gewlbgurte mit Waaren gefllt; das ganze
Parterre gehrte der Handlung und enthielt auer den Comtoirzimmern fast
nichts als Waarenrume. Darber lagen im Vorderhause die Sle und
Zimmer, in denen der Kaufherr selbst wohnte. Herr Schrter war nur kurze
Zeit verheirathet gewesen, in einem Jahr hatte er Frau und Kind
verloren, seit dem Tode seiner Eltern war eine Schwester Alles, was er
von Familie besa.

Streng hielt der Kaufmann auf den alten Brauch seiner Handlung. Alle
Herren des Comtoirs, welche nicht verheirathet waren, wohnten in seinem
Hause, gehrten seinem Haushalt an und aen alle Mittage Punkt ein Uhr
an dem Tische des Prinzipals. Am Morgen nach Antons Eintritt hatte Herr
Schrter nur wenige Worte mit ihm gewechselt und ihn darauf Herrn
Jordan und dem Provinzialgeschft bergeben. Jetzt, einige Minuten vor
der Mittagsstunde, war Anton in die Zimmer des ersten Stocks bestellt,
um der Dame des Hauses vorgestellt zu werden. Erwartungsvoll stieg er
die Teppichstufen der breiten Treppe hinauf, der Bediente ffnete und
fhrte ihn durch eine Reihe von Gemchern in das Empfangzimmer. Anton
sah auf seinem Wege mit Erstaunen den ruhigen und soliden Glanz der
Einrichtung, die groen Wandspiegel, schwere Stoffe, Gemlde,
Blumentische, zahlreiche Vasen und Fruchtschaalen von Stein und gemaltem
Porcellan. Der Diener schlug eine Portiere zurck, und Anton machte auf
dem glatten Parquetboden eine tiefe Verbeugung, als der Prinzipal ihn
einer jungen Dame vorstellte und dazusetzte: Meine Schwester Sabine.

Frulein Sabine zeigte ber dem eleganten Sommerkleide ein feines
bleiches Gesicht, von rabenschwarzem Haar eingefat. Sie war nicht lter
als Anton, aber sie hatte die Wrde und Haltung einer Hausfrau. Sie
nthigte Platz zu nehmen und frug ihn theilnehmend, wie er sich
eingerichtet habe und ob er noch irgend etwas vermisse.

Meine Schwester regiert uns Alle, sagte der Kaufmann mit einem
freundlichen Blick auf die Dame, machen Sie hier Ihre Bekenntnisse,
wenn Sie irgend einen wirthschaftlichen Wunsch haben; sie ist die gute
Fee, welche den Haushalt in Ordnung hlt.

Anton sah zu der Fee auf und antwortete schchtern: Ich habe bis jetzt
Alles weit glnzender gefunden, als ich von Hause aus gewhnt bin.

Ihr Leben wird Ihnen bei alle dem mit der Zeit einfrmig erscheinen,
fuhr der Kaufmann fort, es ist eine strenge Regelmigkeit in unserm
Hause, Sie haben viele Arbeit und wenig Zerstreuung zu erwarten; meine
Zeit ist sehr in Anspruch genommen, auch nach dem Schlu des Comtoirs.
Wenn Sie aber in irgend einer Angelegenheit Rath oder Hlfe wnschen, so
bitte ich, sich vor Allem an mich zu wenden.

Nach dieser kurzen Audienz erhob er sich und fhrte Anton nach dem
Speisezimmer. Auf dem Wege setzte er ihm die Stellung eines Lehrlings im
Geschft auseinander. Anton fand seine Collegen bereits aufgestellt und
in bescheidener Toilette das Mahl erwartend; Sabine trat ein und mit ihr
eine ltliche Dame, eine entfernte Verwandte der Familie, welche dem
Frulein in der Wirthschaft half und sehr gutmthig aussah. Die Herren
vom Comtoir machten den Damen ihre Verbeugung und Anton erhielt seinen
Platz am Ende einer langen Tafel, zwischen den jngsten seiner Collegen.
Ihm gerade gegenber sa Sabine, neben dieser ihr Bruder, auf der andern
Seite die Verwandte, neben dieser Herr von Fink und dahinter alles
Uebrige genau nach Rang und Alter im Geschft. Es war im Ganzen ein
stilles Diner, welches eingenommen wurde, Antons Nachbarn sprachen nur
wenig und mit gedmpfter Stimme, das Gesprch wurde fast ausschlielich
von dem Prinzipal geleitet. Nur der Jokei von gestern benahm sich mit
grter Unbefangenheit, erzhlte kleine lcherliche Geschichten, wute
andere Leute vortrefflich in Stimme und Haltung nachzuahmen und bewies
seiner Nachbarin, der gutmthigen Tante, eine fast bertriebene
Aufmerksamkeit. Kurz Anton, dessen Herz bereits voller Piett und
Ehrfurcht war, sah mit einer Art von frommem Entsetzen, da Fink den
ganzen Tisch so behandelte, als wre die Tafel nur seinetwegen gedeckt
und als htte der Kaufherr nur dehalb ein Geschft, damit Fink, sein
Volontair, leichtsinnige Scherze machen und alle Anwesenden dreist
anreden knnte. Dabei glaubte er wahrzunehmen, da der Kaufherr selbst
den jungen Herrn mit Klte behandelte, und ferner, da Fink sich sehr
wenig um dies zurckhaltende Wesen des Kaufherrn kmmerte. Der Diener im
schwarzen Frack servirte mit grter Accuratesse, und als sich die
Herren vom Geschft mit einer Verbeugung erhoben und ihre Sthle
wegrckten, nahm Anton aus dem Speisesaal die Ueberzeugung mit hinaus,
da er noch nie so vornehm und feierlich sein Mittagsbrod verzehrt
habe.

Mit Allen werde ich zurechtkommen, nur mit diesem Herrn Fink nicht,
sagte sich Anton den Tag ber, er ist zu dreist und zu stolz. Auch
sitzen blieb er, als Alle von unserem Geschft aufstanden. Er pat nicht
hieher, entschied der neue Ankmmling mit einer Weisheit, in welcher
mehr Instinct als Erfahrung war. Seit der Zeit sah Anton mit einiger
Scheu auf Herrn von Fink, er mute aber oft nach ihm hinsehen und sich
viel um ihn kmmern, denn das Wesen des Gentlemans imponirte ihm doch
sehr; der edel geformte Kopf, ein schmales Gesicht mit feinen Zgen, die
sichere Haltung und die kurze Entschlossenheit in Bewegungen und Worten.
Anton getraute sich kaum ihn anzureden, und Fink gab ihm keine
Veranlassung dazu, denn er schien von der Anwesenheit des neuen
Lehrlings nichts mehr zu wissen. Nur einmal, als Anton zufllig vor Fink
die Treppe des Hinterhauses hinauf ging, redete ihn dieser an: Nun
Master Wohlfart, wie gefllt es Ihnen in diesem Hause?

Anton blieb stehen und sagte, wie sich fr einen guten Jungen schickt:
Ausgezeichnet! ich sehe und hre so viel Neues, da ich noch gar nicht
zu mir selbst kommen kann.

Sie werden das Alles gewohnt werden, lachte Fink, wie an einem Tage
geht es das ganze Jahr ohne Vernderung fort. Am Sonntage ein Gericht
mehr und ein Glas Wein vor jedem Couvert, und Sie werden gut thun, dazu
Ihren Leibrock anzuziehen. Sie sind jetzt als Rad eingefgt in die
Maschine, und es wird von Ihnen erwartet, da Sie das ganze Jahr
regelmig abschnurren.

Ich wei, da ich fleiig arbeiten mu, um das Vertrauen Herrn
Schrter's zu erwerben, antwortete der kleine Philister gereizt durch
die rebellische Gesinnung des Volontairs.

Eine tugendhafte Bemerkung, spottete dieser; in wenigen Wochen werden
Sie sehen, mein armer Junge, welch' ein himmelweiter Unterschied ist
zwischen dem Herrn des Geschfts und den Leuten, welche seine Briefe
schreiben und seine Kunden abfertigen. Kein Frst auf Erden lebt so
stolz und einfach unter seinen Vasallen, als dieser Kaffebeherrscher in
seinem Reiche. Lassen Sie sich brigens durch meine Rede nicht stren,
fgte er mit etwas mehr Gutmthigkeit zu, das ganze Haus wird Ihnen
sagen, da ich unzurechnungsfhig bin. Da Sie mir aber aussehen, wie ein
hoffnungsvoller Comtorist, so will ich Ihnen noch einen ehrlichen Rath
geben. Kaufen Sie sich einen englischen Sprachlehrer und machen Sie, da
Sie fortkommen, bevor Sie hier einrosten. Alles, was Sie hier lernen,
wird Sie noch nicht zu einem tchtigen Mann machen, wenn Sie anders das
Zeug haben, berhaupt einer zu werden. Guten Abend! Mit diesen Worten
drehte Fink unserm Anton den Rcken und lie diesen, wieder rgerlich
ber den hohen Ton, den der Jokei angenommen hatte, zurck.

       *       *       *       *       *

Wohl empfand unser Held nach einiger Zeit mitten in dem Rauschen des
Geschftslebens die ewige Gleichfrmigkeit der Stunden und Tage; wohl
ermdete ihn das zuweilen, aber es machte ihn nicht unglcklich; denn
durch seine Eltern war er an Ordnung und regelmigen Flei gewhnt, und
diese beiden Tugenden halfen ihm ber manche langweilige Stunde hinweg.

Herr Jordan gab sich redlich Mhe, den Lehrling in die Geheimnisse der
Waarenkunde einzuweihen, und die Stunde, in welcher Anton zuerst in das
Magazin des Hauses trat und hundert verschiedene Stoffe und merkwrdige
Bildungen persnlich mit allen Kunstausdrcken kennen lernte, wurde fr
seinen empfnglichen Sinn die Quelle einer eigenthmlichen Poesie, die
wenigstens eben so viel werth war, als manche andere poetische
Empfindung, welche auf dem mrchenhaften Reiz beruht, den das Seltsame
und Fremde in der Seele des Menschen hervorbringt.

Es war ein groes dmmriges Gewlbe im Parterre des Hauses, durch
Fenster mit Eisenstben nothdrftig erhellt, in welchem die Waarenproben
und kleinen Vorrthe fr den tglichen Verkehr lagen. Tonnen, Kisten und
Ballen standen auch hier massenhaft durcheinander, und nur schmale
gewundene Pfade fhrten dazwischen durch. Fast alle Lnder der Erde,
alle Racen des Menschengeschlechts hatten gearbeitet und eingesammelt,
um Ntzliches und Werthvolles vor den Augen unsers Helden
zusammenzuthrmen. Der schwimmende Palast der ostindischen Compagnie,
die fliegende amerikanische Brigg, die alterthmliche Arche der
Niederlnder hatten die Erde umkreist, starkrippige Wallfischfnger
hatten ihre Nasen an den Eisbergen des Sd- und Nordpols gerieben,
schwarze Dampfschiffe, bunte chinesische Dschonken, leichte malaische
Khne mit einem Bambus als Mast, alle hatten ihre Flgel gerhrt und mit
Sturm und Wellen gekmpft, um dies Gewlbe zu fllen. Diese Bastmatten
hatte eine Hindufrau geflochten, jene Kiste war von einem fleiigen
Chinesen mit roth und schwarzen Hieroglyphen bemalt worden, dort das
Rohrgeflecht hatte ein Neger aus Congo im Dienst des virginischen
Pflanzers ber den Ballen geschnrt; dieser Stamm Farbeholz war an dem
Sande herabgerollt, den die Wellen des mexikanischen Meerbusens
angeworfen haben, jener viereckige Block von Zebra- oder Jacarandaholz
hatte in dem sumpfigen Urwald Brasiliens gestanden, und Affen und bunte
Papageien waren ber seine Bltter gehpft. In Scken und Tonnen lag die
grnliche Frucht des Kaffebaumes fast aus allen Theilen der Erde, in
rohen Bastkrben breiteten sich die gerollten Bltter der Tabakpflanze,
das brunliche Mark der Palme und die gelblichen Krystalle aus dem sen
Rohr der Plantagen. Hundert verschiedene Pflanzen hatten ihr Holz, ihre
Rinde, ihre Knospen, ihre Frchte, das Mark und den Saft ihrer Stmme an
dieser Stelle vereinigt. Auch abenteuerliche Gestalten ragten wie
Ungethme aus dem Chaos hervor, dort hinter dem offenen Fa gefllt mit
oranger Masse -- es ist Palml von der Ostkste Afrikas -- ruht ein
unfrmiges Thier -- es ist Talg aus Polen, der in die Haut einer ganzen
Kuh eingelassen ist, -- daneben liegen, zusammengedrckt in riesigem
Ballen, gepret mit Stricken und eisernen Bndern, fnfhundert
Stockfische, und in der Ecke gegenber erheben sich ber einem Haufen
Elephantenzhne die Barden eines riesigen Wals.

Anton stand noch stundenlang, nachdem die Erklrungen seines
Lehrmeisters aufgehrt hatten, neugierig und verwundert in der alten
Halle, und die Gurte der Wlbung und die Pfeiler an der Wand
verwandelten sich ihm in groblttrige Palmen, und das Summen und
Gerusch auf der Strae erschien ihm wie das entfernte Rauschen der See,
die er nur aus seinen Trumen kannte, und er hrte die Wogen des Meeres
in gleichmigem Tact an die Kste schlagen, auf welcher er so sicher
stand.

Diese Freude an der fremden Welt, in welche er so gefahrlos eingekehrt
war, verlie ihn seit dem Tage nicht mehr. Wenn er sich Mhe gab, die
Eigenthmlichkeiten der vielen Waaren zu verstehen, so versuchte er auch
durch Lectre deutliche Bilder von der Landschaft zu bekommen, aus
welcher sie herkamen, und von den Menschen, die sie gesammelt hatten.

So vergingen schnell die ersten Monate seines Lebens in der Hauptstadt,
und es war gut fr ihn, da er auch in seinen Freistunden diese lebhafte
Unterhaltung mit der ganzen Welt zu fhren hatte, denn in Einem hatte
Fink Recht gehabt: Anton blieb trotz dem tglichen Mittagstisch in dem
parketirten Speisezimmer doch dem Chef des Hauses und der Familie sehr
fremd und fhlte bald, da eine Schranke gezogen sei zwischen den Herren
vom Comtoir und den Personen des Hauses, die, so unbemerkbar sie fr
Fremde sein mochte, doch eisenfest stand. Er war so verstndig, da ihm
nicht einfiel, darber zu murren, aber er wurde doch manchmal dadurch
gedrckt, denn mit dem Enthusiasmus der Jugend war er schnell bereit,
seinen Prinzipal als das Ideal eines Kaufmanns zu verehren. Die
Klugheit, Sicherheit und energische Krze des Mannes und seine stolze
Redlichkeit begeisterten ihn; er htte sich gar zu gern mit
schwrmerischer Innigkeit an ihn geschlossen, aber er sah auer den
Geschftsstunden wenig von ihm. Wenn der Kaufmann am Abend nicht in
Conferenzen oder im Club war, so lebte er nur fr seine Schwester, an
der er mit einer rhrenden Zrtlichkeit hing. Fr seine Schwester hielt
der Kaufmann Wagen und Pferde, die er selbst selten benutzte, ihr zu
Liebe besuchte er auch Abendgesellschaften und gab selbst welche, zu
denen Anton und seine Collegen nicht zugezogen wurden. Dann rollten die
Equipagen vor das Haus, galonnirte Bediente flogen Trepp auf Trepp ab,
und bunte Schatten schwebten an den erleuchteten Fenstern des
Vorderhauses vorber, whrend Anton in seiner Dachstube sa und mit
Sehnsucht auf das glnzende Leben des Haushaltes sah, zu dem er doch
auch gehrte: mit heier Sehnsucht, denn unser Held war kaum neunzehn
Jahr alt und kannte die geschmckte Geselligkeit eleganter Kreise nur
aus den trgerischen Schilderungen der Bcher, welche er gelesen hatte.
Dann sagte ihm zwar immer sein Verstand, da er nicht in das Vorderhaus
gehre, und was daraus werden solle, wenn er mit seinem Dutzend
Collegen, die so verschieden an Bildung waren, bei solchen
Gesellschaften sich ausbreiten wolle. Aber was der Verstand, dieser alte
Herr, sagt, wird von der jungen Dame Begehrlichkeit nicht immer
ehrerbietig angehrt, und Anton schlich manchmal mit einem leisen
Seufzer vom Fenster zu seiner Lampe und den Bchern zurck und bemhte
sich, die lockende Musik der Quadrille zu vergessen, indem er auf das
Geschrei des Lwen und das Gurgeln des Brllfrosches in irgend einem
tropischen Land lauschte.




~VI.~


Der Freiherr von Rothsattel hatte sein Quartier in der Hauptstadt selbst
eingerichtet. Es war nur von miger Gre, aber die Form der Mbeln,
die Arabesken der einfachen Wandmalerei, die Zeichnung auf Vorhngen und
Teppichen waren so geschmackvoll zusammengepat, da das Ganze in der
guten Gesellschaft als ein Muster von Eleganz und Wohnlichkeit gerhmt
wurde. Recht in der Stille hatte er das Alles vorbereitet. Endlich hielt
der neugekaufte Wagen vor der Wohnung, der Freiherr hob seine Gemahlin
heraus und fhrte sie durch die Reihe der Zimmer bis zu ihrem kleinen
Boudoir, das ganz mit weier Gaze decorirt war, die Decke eine Sonne von
weien Falten, und an allen Wnden wei gefltelte Sterne. Da flog ihm
die Baronin entzckt ber so viel Aufmerksamkeit in die Arme, und der
gute Herr fhlte sich zufrieden und stolz wie ein Knig. Schnell war die
Familie eingelebt, die Ackerpferde fhrten vom Gut die unvermeidlichen
Kisten, Truhen und Vorrthe von Lebensmitteln herbei, und nachdem einige
Tage hindurch Strohhalme von Treppen, Fubden und Teppichen abgefegt
worden waren, konnte man daran denken, sich auerhalb des Hauses
umzusehen und die nthigen Besuche zu machen.

Ein groer Theil des Landadels pflegte die Wintermonate in der
Hauptstadt zuzubringen, und die Rothsattel trafen mehrere Gutsnachbarn,
viele Bekannte und Verwandte. Ueberall war man erfreut, die angesehene
Familie in der Stadt zu begren, und nach wenigen Wochen fanden sie
sich mitten in einem groen Kreise zu frhlicher Geselligkeit eingelebt.
Der niedere Adel mit all seinen Titeln, welche ihm von den deutschen
Regenten freigebig ertheilt worden sind, bildete eine stattliche,
ziemlich abgeschlossene Corporation, und wenn in dem Vlkchen auch nicht
gerade ein Ueberflu von geistreicher Bildung vorhanden war, so war doch
das gesellige Behagen, mit dem sie untereinander verkehrten, vielleicht
um so grer. Die Baronin wurde durch ihre sichere Liebenswrdigkeit
eine Hauptgre der Frauenwelt; auch ihr Gemahl, der in den ersten
Wochen manchmal die Wanderungen durch den Wirthschaftshof und die
Spazierritte in seinen Wald vermit hatte, befand sich bald unter seinen
Jugendfreunden nicht weniger wohl. Er wurde Mitglied einer adeligen
Ressource, suchte seine alte Virtuositt auf dem Billard hervor, spielte
mit Anstand Whist und L'hombre und trieb in migen Stunden etwas
Politik und ein wenig Kunst. So verlebte die Familie eine behagliche und
interessante Wintersaison, und der Freiherr und seine Gemahlin uerten
einander ihre Verwunderung, warum sie ihrem Leben nicht schon in frhern
Jahren diese bescheidene und anstndige Abwechslung gegnnt htten.

Nur Lenore war mit dem Umzug nicht ganz zufrieden. Sie fuhr fort, die
Befrchtung ihrer Mutter zu rechtfertigen, da sie ein Original werden
knnte. Es wurde ihr schwer, den zahlreichen ltlichen Tanten der
Familie eine anmuthige Ehrerbietung zu bezeigen, und noch schwerer wurde
ihr, lustige Herren aus der Nachbarschaft, gute Freunde ihres Vaters,
die sie vom Gut her kannte, hier in der Stadt nicht zuerst anzureden,
wenn sie ihnen auf der Strae begegnete. Auch das Behltni war ihr
peinlich, in dem sie die Bildung aus dem Mdcheninstitut nach Hause
tragen mute. Es war ein Zwitter von Tasche und Mappe, voll von
langweiligen Heften und Lehrbchern. Da die Mutter nicht gern sah, wenn
der Bediente ihr die Schulbcher nachtrug, so schlenkerte sie das Ding
verchtlich am Arm, so oft sie auf der Strae ging, blieb dabei von Zeit
zu Zeit stehen und sah wie eine Juno mit dreistem Blick auf die Gruppen
der Marktleute, auf Eckensteher, die sich prgelten, und auf andere
Menschenknuel, welche sich in den Straen einer groen Stadt
zusammenballen. Einst, als sie so auf der Strae stand, die Mappe als
Zeichen ihrer Sklaverei am Arme und einen kleinen Regenschirm in der
Hand, siehe, da kam ihr auf dem Trottoir der junge Herr entgegen, den
sie im Garten umhergefhrt und ber den Teich gefahren hatte. Sie freute
sich darber; er war ihr eine freundliche Erinnerung an das Gut, an
ihren Pony und an das Volk der Schwne. Noch war er eine Strecke
entfernt, als ihre Falkenaugen ihn beobachteten. Er kam nher und sah
sie nicht. Da ihr die Mutter verboten hatte, irgend einen Herrn auf der
Strae anzusprechen, so blieb sie in seinem Wege stehen und stampfte
ihren Schirm befehlend vor ihm auf die Steine. Anton, der im
Geschftstrott war, blickte auf und sah mit der hchsten Freude, da das
schne Frulein vom See vor ihm stand. Er zog errthend seinen Hut, und
das Frulein erkannte aus seinem strahlenden Gesicht mit Befriedigung,
da trotz der Bchertasche ihre Erscheinung noch eben so gewaltig auf
ihn wirkte, als frher.

Wie geht es Ihnen, mein Herr? frug sie wrdevoll, das Kpfchen
zurckwerfend.

Sehr gut, sagte Anton; wie bin ich glcklich, Sie hier in der Stadt
zu sehen.

Wir wohnen jetzt hier, sprach das Frulein weniger vornehm, fr den
Winter Brenstrae Nr. 20.

Darf ich fragen, wie sich der Pony befindet? sagte Anton
ehrfurchtsvoll.

Denken Sie, er hat zu Hause bleiben mssen, klagte die Dame; und was
treiben Sie hier?

Ich bin in der Handlung von T. O. Schrter, antwortete Anton mit einer
Verbeugung.

Also Kaufmann? sagte das Frulein, und womit handeln Sie?

Colonialwaaren und Producte; es ist das grte Geschft in dieser
Branche hier am Platz, antwortete Anton mit Selbstgefhl.

Und haben Sie gute Menschen gefunden, die auch fr Sie sorgen?

Mein Prinzipal ist sehr gtig gegen mich, antwortete Anton, in
Kleinigkeiten mu ich fr mich selbst sorgen.

Haben Sie auch Freunde hier, mit denen Sie sich amsiren? setzte das
Frulein ihr Examen fort.

Einige Bekannte. Ich habe aber viel zu thun, und in den Freistunden mu
ich fr mich lernen.

Sie sehen auch etwas bleich aus, sagte das Frulein, ihn mit
mtterlichem Wohlwollen betrachtend. Sie mssen sich mehr Bewegung
machen und fleiig spazieren gehen. -- Es ist mir angenehm gewesen, Sie
hier zu treffen; ich werde mich freuen, wenn ich hre, da es Ihnen
wohlgeht, fgte sie, wieder in Majestt bergehend, hinzu. Sie sah ihn
noch einen Augenblick an, grte mit dem Kopf und verschwand in dem
Menschenstrom, whrend Anton ihr mit abgezogenem Hut nachsah.

Lenore fand nicht fr nthig, ber das zufllige Zusammentreffen viele
Worte zu verlieren. Nur als einige Tage darauf die Baronin ihren Gemahl
frug: Aus welcher Handlung wollen wir die Waaren nehmen, die der
Haushalt braucht? da sah Lenore von ihrem Buche auf und sagte: Die
grte Handlung hier am Platz ist von T. O. Schrter, Colonialwaaren und
Producte.

Woher weit du das? frug der Vater lachend, du sprichst ja wie ein
gelernter Kaufmann.

Das kommt Alles von diesem Mdcheninstitut, antwortete Lenore trotzig.

       *       *       *       *       *

Ueber den geselligen Freuden verga der Freiherr nicht den Hauptzweck
seines Aufenthaltes in der Stadt. Er zog sorgfltige Erkundigungen ein
ber die technischen Gewerbe, welche andere Gutsbesitzer eingerichtet
hatten, er besuchte die Fabriken der Stadt, und bemhte sich, gebildete
Techniker kennen zu lernen. Er bekam eine Masse von Nachrichten und
erwarb einige Kenntnisse in Maschinen und Fabrikanlagen. Aber die
Nachrichten, welche er erhielt, waren so widersprechend, und die
Anschauungen, welche er selbst gewann, so unvollstndig, da er zuletzt
fr das Beste hielt, nichts zu bereilen, und abzuwarten, bis sich ein
geschftliches Unternehmen von besonderer und mglichst sicherer
Rentabilitt fnde.

Es darf nicht verschwiegen werden, da zu dieser Zeit auch der
Familienschatz durch ein schnes mit vergoldetem Messing beschlagenes
Kstchen vermehrt wurde. Es war von geflasertem Holz mit Arabesken von
mattem Metall und mit einem sehr knstlichen Schlo, welches fr einen
Spitzbuben gar nicht zu ffnen war und den Dieb in die Nothwendigkeit
versetzte, das ganze Kstchen zu stehlen. In diesem Behltni lagen
fnfundvierzigtausend Thaler in neuen weien Pfandbriefen der
Landschaft. Der Freiherr betrachtete die Pfandbriefe mit vieler
Zrtlichkeit. Er sa in den ersten Tagen stundenlang vor dem geffneten
Kstchen und wurde nicht mde, die Pergamentbltter nach den Nummern zu
ordnen, sich ber den reinlichen weien Glanz derselben zu freuen und
die Tilgungsplne fr das Capital zu entwerfen. Auch als er das Kstchen
der Sicherheit wegen wieder in's Depositum der Landschaft gegeben hatte,
war der Gedanke daran eine von den kleinen Freuden, welche der
ritterliche Freiherr im Stillen hatte. Ja, der Geist dieses Kstchens
spukte in seinem Haushalt fort. Die Baronin war verwundert, wenn ihr
Gemahl zuweilen anfing, da zu sparen, wo er es sonst nicht gethan hatte;
wenn er einige Male von Logenbilleten abrieth, weil man gute Wirthschaft
treiben msse, oder wenn er ihr mit einer gewissen Freude erzhlte, da
er am vergangenen Abend zehn Louisd'or im Spiel gewonnen habe. Die
verstndige Dame wurde ernstlich besorgt, ob ihr Gemahl nicht durch
einen Unfall in Geldverlegenheit gekommen sei; inde beruhigten sie
seine Versicherungen vom Gegentheil und ein zufriedenes Lcheln, welches
in solchen Stunden ber seinem Gesicht schwebte, sehr bald wieder. In
der That waren die kleinen Anflle von Sparsamkeit nicht consequent und
nichts Anderes, als eine unschuldige Laune, denn in allen greren
Dingen hielt der Freiherr in gewohnter Weise auf anstndige
Reprsentation, und sein Auftreten war durchaus seiner Familie und
seinem Wohlstande entsprechend.

Auch war es in der That nicht mglich, gerade jetzt zurckzulegen. Das
Leben in der Stadt, die Einrichtung der Wohnung und die unvermeidlichen
geselligen Ansprche verringerten natrlich die Ausgaben nicht.

So kam es, da der Freiherr, als er zur Abnahme der Winterrechnungen auf
sein Gut gereist war, sehr verstimmt nach der Stadt zurckkehrte. Er
hatte groe Rechnung gemacht, er hatte gesehen, da die Ausgaben des
letzten Jahres grer gewesen waren, als die Einnahmen, da der
Revenenanschlag des nchsten Jahres keine Deckung des Deficits
versprach, da fast zweitausend Thaler fehlten, welche geschafft werden
muten. Der Gedanke griff ihm an das Herz, da er dies Geld von den
weien Pergamenten nehmen sollte, und dem Manne, welcher mit dem grten
Anstand einen feindlichen Kugelregen ausgehalten htte, wurde siedend
hei, wenn er dachte, da er in diesem Falle einige Tausend Thaler
wirklicher Schulden auf seinem Gute haben wrde. Er war verstndig
genug, einzusehen, da in seiner Speculation ein Fehler gewesen war.
Wenn man ein Vermgen durch jhrliche kleine Ersparnisse erwerben will,
mu man seine Ausgaben einschrnken; er aber hatte seine Ausgaben
bedeutend vermehrt. Ohne Zweifel war diese Vermehrung sehr nothwendig
gewesen, aber es war ein unglcklicher Zufall, da das so zusammentraf.
Seit seinen Lieutnanttagen hatte der gute Herr keine so peinliche Unruhe
empfunden. Aus der Stadt zurck konnte er nicht, dafr gab es tausend
Grnde; er hatte die Wohnung auf eine Reihe von Jahren gemiethet, was
wrden die Bekannten zu einer pltzlichen Abreise gesagt haben, wie
htte er seiner geliebten Frau und Lenoren das Opfer zumuthen knnen? So
verschlo er den Aerger in sich. Er entschuldigte gegenber den
besorgten Fragen der Baronin seine Verstimmung durch eine Erkltung auf
der Reise, aber tagelang nagte der Gedanke an ihm, da er einen Verlust
erlitten habe, da er zurckgekommen sei; und je sanguinischer er vorher
gewesen war, desto niedergeschlagener wurde er jetzt. Ja es geschah, da
er auf einem Spaziergange durch die Stadt bei einem Lotterieeinnehmer
eintrat und ein Lotterielos kaufte, damit ein gtiges Geschick das gut
machen mge, was schadhaft war. Zuweilen, besonders am Abend, wenn er
aus heiterer Gesellschaft kam, lchelte er selbst ber diese Verstimmung
und schalt sie thricht. Das ganze Unglck war so unbedeutend, es war ja
keine Lebensfrage; in wenigen Jahren konnten seine Angelegenheiten
wieder auf's Beste arrangirt sein. Nur an den nchternen Morgen kam ihm
der langweilige Gedanke wieder, und er konnte ihn nicht los werden.

An einem solchen Morgen wurde Herr Ehrenthal gemeldet, der ihm eine
Summe fr gekauftes Getreide zu zahlen hatte. Den Freiherrn berkam ein
peinliches Gefhl, als der Bediente den Namen Ehrenthal aussprach; der
Mann hatte ihm den Rath gegeben, Pfandbriefe aufzunehmen. Freilich sagte
er sich im nchsten Augenblick, da derselbe Mann ihm nicht den Rath
gegeben hatte, nach der Stadt zu ziehen; aber er grollte ihm doch, und
sein Gru mochte wohl klter klingen als gewhnlich. Herr Ehrenthal war
ein zu guter Geschftsmann, um auf die Launen seiner Kunden viel zu
geben. Er zhlte sein Geld auf und war dabei freigebig mit den
Versicherungen seiner Ergebenheit. Der Freiherr blieb unzugnglich, bis
Ehrenthal im Abgehen frug: Und sie sind gekommen, die Pfandbriefe,
gndiger Herr Baron?

Ja, sagte der Herr mrrisch.

Es ist jammerschade, rief Ehrenthal, da fnfundvierzigtausend Thaler
liegen sollen so todt, als ob sie nicht vorhanden wren in der Welt. Dem
Herrn Baron ist's gleich, ob er einmal gewinnt ein Paar tausend Thaler
oder nicht, aber unser Einem ist es nicht gleich. Ich kann in diesem
Augenblick machen ein solides Geschft und ein sicheres, und mein Geld
ist versteckt, ich mu mir entgehen lassen einen baaren Gewinn von
viertausend Thalern.

Der Freiherr hrte aufmerksam zu, der Hndler fuhr mit grerm Muthe
fort: Herr Baron, Sie kennen mich seit Jahren als einen ehrlichen Mann,
Sie wissen auch, da ich nicht ohne Mittel bin; ich will Ihnen einen
Vorschlag thun: Leihen Sie mir zehntausend Thaler Pfandbriefe auf drei
Monat; ich gebe Ihnen fr das Capital einen Wechsel auf mich selbst,
welcher ist wie baar Geld. Es sind zu gewinnen viertausend Thaler bei
dem Geschft; was gewonnen wird, das theile ich mit dem Herrn Baron
statt der Zinsen zu gleichen Theilen. Sie sollen kein Risico haben, und
wir machen das Geschft zusammen. Wenn verloren wird, trage ich's allein
und zahle in drei Monaten dem gndigen Herrn die zehntausend Thaler
zurck.

Diese Worte des Hndlers, so wenig aufregend sie wahrscheinlich in das
Ohr des Lesers dringen, klangen dem Freiherrn wie ein Alarmsignal beim
unbehaglichen Bivouac. Eine heftige Spannung, eine wilde Freude
arbeitete in ihm. Kaum hatte er Ruhe genug, zu sagen: Vor Allem mu ich
wissen, von welcher Art das Geschft ist, das Sie mit meinem Gelde
machen wollen.

Der Geldmann setzte das auseinander. Es war ihm der Antrag gemacht, eine
groe Quantitt Holz zu kaufen. Das Holz lag auf einem Flplatz im
obern Theile der Provinz. Der Hndler holte die Berechnung der
Holzmasse, der Transportkosten bis zur Hauptstadt und des Werthes, den
das Holz in der Hauptstadt haben wrde, aus seiner Tasche und bewies dem
Freiherrn, da dabei in sechs bis acht Wochen ein sicherer Gewinn von
bedeutender Gre zu machen sei.

Der Freiherr sah mit Aufmerksamkeit die Menge der Zahlen durch; wenn die
Berechnung richtig war, so war der Gewinn sonnenklar; er that aber doch
die bedchtige Frage: Wie kommt es, da der Eigenthmer des Holzes das
Geschft nicht selbst macht, und da er sich einen so sichern Gewinn
entgehen lt?

Der Hndler zuckte die Achseln. Wer ein Geschft macht, kann nicht
immer fragen, warum lt der Andere die Waare so billig? Wer in
Verlegenheit ist, kann nicht warten zwei bis drei Monat, das Eis liegt
auf dem Flu, der Mann braucht das Geld binnen hier und zwei Tagen.

Sind Sie sicher, da das Eigenthumsrecht des Verkufers unbestreitbar
ist? frug der Freiherr.

Der Mann ist mir sicher, sagte der Hndler; wenn ich ihm das Geld bis
morgen Abend schaffe, ist das Holz mein.

Dem Edelmann war es peinlich, die Verlegenheit eines Andern zu benutzen,
so sehr sich auch sein Herz nach dem Gewinn sehnte. Er sagte mit Wrde:
Ich halte es fr unpassend, auf den Verlust eines Andern zu rechnen.

Warum soll er haben Verlust? rief Ehrenthal eifrig. Er ist Speculant,
jetzt braucht er Geld; vielleicht will er machen ein greres Geschft;
so mu er den Vortheil am kleinern berlassen einem Andern. Er hat sich
erboten, gegen Zehntausend baar den ganzen Vorrath zu bergeben. Es ist
nicht meine Sache, zu fragen, ob er mehr gewinnen kann mit meinem Gelde,
als ich gewinnen kann durch sein Holz.

Was Herr Ehrenthal sagte, war richtig; er verschwieg nur Einiges. Der
Verkufer des Holzes war ein unglcklicher Speculant, der, von seinen
Glubigern gedrngt, eine Auspfndung frchtete und die unbescheidenen
Hoffnungen derselben dadurch beendigen wollte, da er seine Vorrthe an
einen Fremden schnell und heimlich verkaufte und mit der erhaltenen
Summe unsichtbar wurde. Vielleicht wute Herr Ehrenthal das; vielleicht
ahnte auch der Freiherr, da es bei einem so leichten Gewinn eine
Bewandni haben msse, wenigstens sagte sein Kopfschtteln, da ihm die
Sache keineswegs ganz klar war. Und doch hatte er wenig zu wagen und
nichts zu verantworten; er lieh sein Geld an einen sichern Mann, den er
seit vielen Jahren als wohlhabend und pnktlich kannte, und gewann
dadurch die Aussicht, in kurzer Zeit einen bsen Geist los zu werden,
der ihn rastlos qulte. Er war zu unruhig, um zu berlegen, da er
vielleicht einen Teufel vertreibe durch Beelzebub, der Teufel Obersten.
Er klingelte nach seinem Wagen und sagte vornehm: In einer Stunde
sollen Sie das Geld haben.

Ehrenthal dankte in seiner feurigen Weise fr diese groe Geflligkeit,
schrieb auf der Stelle einen wohlverclausulirten Sola-Wechsel ber die
Pfandbriefe und empfahl sich mit einer Unterthnigkeit, die sehr gegen
das stolze Kopfnicken des Freiherrn abstach.

Seit diesem Tage lebte der Freiherr in banger Erwartung. Immer mute er
an die Unterredung mit dem Hndler denken. Wenn er am Theetisch neben
seiner Gemahlin sa und ber Theater und Concert geplaudert wurde, irrte
seine Seele ruhelos zwischen den Lcken der Holzklaftern umher oder
wurde von langen rollenden Mastbumen gedrckt; und wenn er die
Arbeitsbcher seiner Tochter durchsah, so starrten ihm auf dem Deckel
und am Rande zahlreiche Gesichter Ehrenthals entgegen, und jedes lachte
ihn hhnisch an. So oft er auf seinem Jagdpferd ausritt, richtete sich
der Kopf des Pferdes nach dem Strom, und mit finsterm Blick sah der
Reiter auf die gefrorene Flche hinab, sah die Eisschollen stromabwrts
treiben und das hohe Frhlingswasser bis an die Steine des Randes
fluthen.

Ehrenthal hatte sich lange nicht sehen lassen. Endlich, an einem
sonnigen Morgen erschien er mit seinen unvermeidlichen Bcklingen, zog
ein groes Packet aus der Tasche und rief triumphirend: Herr Baron, das
Geschft ist gemacht! Hier sind die Pfandbriefe zurck und hier sind
zweitausend Thaler als der Gewinn, welcher auf Sie fllt.

Die Hand des Freiherrn griff hastig nach dem Packet. Es waren dieselben
weien Pergamente, die er mit schwerem Herzen aus der Cassette
hervorgeholt hatte, und auerdem ein Bndel Cassenscheine. Diesmal hrte
der Freiherr kaum auf den Wortschwall des Hndlers, eine Last fiel ihm
vom Herzen, er hatte seine Pfandbriefe wieder, und der Ausfall in seinen
Finanzen war gedeckt. Ehrenthal wurde gndig entlassen, die Pergamente
eingeschlossen, und der Freiherr durfte sich heute keinen Zwang anthun,
um ein liebenswrdiger Gesellschafter zu sein. Noch an demselben Tage
kaufte er der Baronin einen Schmuck von Trkisen, den sie lange im
Stillen gewnscht hatte.

Seit dem Tage war im Hause des Freiherrn heller Sonnenschein, und wenn
es eine Erinnerung an die letzten Wochen gab, so uerte sie sich nur in
Kleinigkeiten. Der Kopf des Halbblutes vermied seit diesem Tage den
Strom eben so sehr, als er ihn frher gesucht hatte, und wenn der Reiter
auf der Strae von Herrn Ehrenthal gegrt wurde, so regte sich wieder
ein lebhafter Widerwille gegen den glcklichen Geschftsmann in seiner
Seele, und sehr nachlssig war der Gegengru, welchen er von der Hhe
des Rosses zurckgab.

Aber noch ein dunkler Schatten aus der letzten Vergangenheit sollte ber
den Freiherrn fallen. Er las in dem Zimmer seiner Frau die Zeitung, als
sein Auge auf einen Steckbrief fiel, durch welchen ein verschwundener
Holzhndler wegen betrgerischen Bankerotts verfolgt wurde. Er legte das
Blatt weg, ein kalter Schwei trat ihm auf die Stirn. Und er, der
furchtlose Cavalier, nahm das Zeitungsblatt vom Tisch fort und
versteckte es tief unter die Bcher seines Arbeitstisches. Wenn der
Betrger derselbe Mann war -- Ehrenthal hatte ihm keinen Namen genannt
-- aber wenn er, der Edelmann, durch sein Geld und seinen Gewinn fremde
wohlbegrndete Ansprche verkrzt hatte; wenn er Gehlfe eines Betrugs
geworden war, und wenn er fr diese Hlfe bezahlt worden war -- diese
Gedanken waren frchterlich fr sein stolzes Herz. Der Herr ging in der
Stube auf und ab und rang die Hnde; er eilte zum Schreibtisch, um den
Gewinn einzupacken und fortzuschaffen, er wute selbst nicht wohin, sich
von der Seele, weit weg aus seinem Hause. Mit Bestrzung sah er, da nur
noch ein kleiner Theil des Gewinns vorhanden war. Wie gelhmt setzte er
sich an den Tisch und legte den Kopf auf seine Hnde. Es war etwas in
ihm entzwei gegangen, das fhlte er, und er frchtete, fr immer. Heftig
sprang er wieder auf, ri an der Klingel und lie Ehrenthal zu sich
fordern.

Zuflliger Weise war der Hndler verreist. Unterde sprachen dem
Freiherrn die freundlichen Stimmen, welche in der Menschenbrust mit
klugen und gewhlten Worten alles Bedenkliche in ein gutes Licht zu
setzen wissen. Wie war die ganze Angst so thricht! Es gab viele hundert
Leute am Oberlauf des Stromes, die mit Holz handelten, es war ja sehr
unwahrscheinlich, da gerade jener Betrger der Mann Ehrenthals sein
sollte. Und selbst in diesem Fall, wie gro war sein eigenes Unrecht bei
dem ganzen Ereigni? Klein, sehr klein, fr einen Geschftsmann nicht zu
erkennen. Ja selbst Ehrenthal, was konnte er dafr, wenn der Verkufer
das Geld zu einem Betrug verwandt hatte? Es war doch Alles ehrlich und
gesetzlich gekauft worden. -- So sprach es fortwhrend begtigend in dem
Freiherrn, ach, und welche Mhe gab sich der Herr, all diese Stimmen
recht deutlich zu hren.

Als Ehrenthal endlich ankam und hastig zum Freiherrn eilte, trat ihm
dieser mit einem Gesicht entgegen, das den Hndler wirklich erschreckte.
Wie heit der Mann, von dem Sie das Holz gekauft haben? frug der
Freiherr heftig an der Thr.

Ehrenthal stand betroffen, auch er hatte seine Zeitung gelesen und
verstand, was in der Seele des Edelmanns vorging. Er nannte einen
beliebigen Namen.

Und wie hie der Ort, wo das Holz lag? klang die zweite Frage etwas
ruhiger. Herr Ehrenthal nannte einen beliebigen Ort.

Ist das Wahrheit, was Sie mir sagen? frug der Freiherr tief aufathmend
zum dritten Mal.

Da Herr Ehrenthal sah, da er einen Kranken vor sich hatte, so
behandelte er ihn mit der Milde, welche dem Arzt so gut ansteht. Was
sich der Herr Baron fr Sorge machen! sagte er kopfschttelnd. Ich
glaube, der Mann, mit dem ich habe gemacht das Geschft, hat seinen
guten Vortheil dabei gehabt. Es sind groe Eichenlieferungen
ausgeschrieben, dabei sind fr Einen, der dort oben wohnt, hundert
Procent zu verdienen. Ich glaube, er wird sie haben verdient. Das
Geschft, welches ich mit ihm gemacht habe, ist gewesen gut und sicher,
wie es kein Kaufmann von der Hand weisen wird. Und wenn er auch ein
schlechter Mensch wre, was haben Sie, gndiger Herr, darum zu sorgen?
Ich habe keinen Grund gehabt, Ihnen den Namen des Mannes und des Ortes
zu verbergen, ich habe Ihnen doch Beides damals nicht gesagt, weil nicht
Sie gemacht haben das Geschft, sondern ich. Ich bin gewesen Ihr
Schuldner, und ich habe Ihnen zurckgezahlt das Geld mit einer
Provision. Mit einer guten Provision, das ist wahr. Ich habe seit Jahren
Vieles bei Ihnen verdient, warum soll ich nicht zuerst Ihnen den
Vortheil gnnen, den ich jedem Andern auch gegeben htte? Was machen Sie
sich Sorgen, Herr Baron, um Dinge, die nicht sind!

Das verstehen Sie nicht, Ehrenthal, sagte der Gutsherr freundlicher;
es ist mir lieb, da die Sache so steht. Wre der Betrger jener Mann
gewesen, mit dem Sie gehandelt haben, so htte ich unser Verhltni
abgebrochen, ich htte Ihnen nie verziehen, da Sie mich wider meinen
Willen zum Mitschuldigen eines Betrugs machten.

Ehrenthal wurde entlassen, und der Freiherr war von einer schweren Sorge
befreit. Er beschlo, sich nher nach jenem beliebigen Namen und dem
unbekannten Dorfe zu erkundigen. Er erkundigte sich aber nicht darnach;
durch die berstandene Angst war ihm die Erinnerung an das Geldgeschft
sehr peinlich geworden, und er mhte sich, gar nicht mehr daran zu
denken.

Er war ein zartfhlender, guter Herr, und Ehrenthal war derselben
Meinung, denn als er die Treppe hinunterging, murmelte er vor sich hin:
Er ist gut, der Baron, er ist gut!




~VII.~


Anton stand unter der gemeinsamen Oberhoheit der Herren Jordan und Pix
und entdeckte bald, da er die Ehre hatte, kleiner Vasall eines groen
Staatskrpers zu sein. Was die unerfahrene Auenwelt hchst
oberflchlich unter dem Namen Commis zusammenfat, das waren fr ihn,
den Eingeweihten, sehr verschiedene, zum Theil Ehrfurcht gebietende
Aemter und Wrden. Der Buchhalter, Herr Liebold, thronte als geheimer
Minister des Hauses an einem Fenster des zweiten Comtoirs in einsamer
Majestt und geheimnivoller Thtigkeit. Unaufhrlich schrieb er Zahlen
in ein ungeheures Buch, und sah nur selten von seinen Ziffern auf, wenn
sich ein Sperling auf die Gitterstbe des Fensters setzte, oder wenn ein
Sonnenstrahl die eine Fensterecke mit gelbem Glanze berzog. Herr
Liebold wute, da der Sonnenstrahl nach den alterthmlichen Gesetzen
des Universums in keiner Jahreszeit weiter dringen durfte, als bis zur
Spitze des Fensterbrets, aber er konnte sich doch nicht enthalten, ihm
pltzliche Ueberflle auf das Hauptbuch zuzutrauen, und beobachtete ihn
dehalb mit argwhnischen Blicken.

Mit der Ruhe seiner Ecke contrastirte die ewige Rhrigkeit in der
entgegengesetzten. Dort waltete in besonderem Verschlage der zweite
Wrdentrger, der Cassirer Purzel, umgeben von eisernen Geldkasten,
schweren Geldschrnken und einem groen Tisch mit einer Steinplatte. Auf
diesem Tisch klangen die Thaler, klirrte das goldene Blech der Ducaten,
flatterte geruschlos das graue Papiergeld vom Morgen bis zum Abend. Wer
die Pnktlichkeit als allegorische Figur in Oel malen wollte, der mute
ohne Widerrede Herrn Purzel abmalen und durfte hchstens das antike
Costm dadurch andeuten, da er mit knstlerischer Licenz Herrn Purzel
die Strmpfe ber die Stiefeln und das weie Oberhemd ber den
Comtoirrock herber malte. Alles hatte in der Seele des Herrn Purzel
eine eisenfeste unvernderliche Stellung, unser Herrgott, die Firma, der
groe Geldkasten, der Wachsstock, das Petschaft. Jeden Morgen, wenn der
Cassirer in seinen Verschlag getreten war, begann er seine
Amtsthtigkeit damit, da er die Kreide ergriff und einen weien Punkt
auf den Tisch malte, um der Kreide selbst die Stelle zu bezeichnen, wo
sie sich den Tag ber aufzuhalten hatte. Er stand nicht allein in
seiner wichtigen Amtsthtigkeit. Ein alter Hausdiener war seine
Ordonnanz, die als Auslufer mit Geldscken und Papiergeld den Tag ber
nach allen Richtungen der Stadt trabte. Es ist wahr, da die Ordonnanz
an der Eigenthmlichkeit litt, gegen Abend sehr feurig auszusehen und in
einer persnlichen Abhngigkeit von starkem Getrnk zu stehen. Aber
diese Eigenschaft vermochte nicht ihre Treue und Besonnenheit zu
erschttern, ja sie schrfte die Erfindungskraft der Ordonnanz, denn nie
hat eines Menschen Gewand so viele geheime Taschen mit Knpfen und
Schnallen gehabt, als der Rock des Auslufers, und nach jedem Glase, das
er getrunken, steckte er die Banknoten in einen noch geheimeren
Verschlu.

In dem vordern Comtoir war Herr Jordan die erste Person, der
Generalstatthalter seiner kaiserlichen Firma. Er war der Aristo der
Correspondenten, erster Commis des Hauses, hatte die Procura und wurde
von dem Prinzipal zuweilen um seine Ansicht befragt. Er blieb fr Anton,
was er ihm schon am ersten Tage gewesen war, ein treuer Rathgeber, ein
Muster von Thtigkeit, der gesunde Menschenverstand in Person.

Von den Correspondenten des Comtoirs, welche unter Anfhrung des Herrn
Jordan Briefe schrieben und Bcher fhrten, war fr Anton neben Herrn
Specht, dem Sanguiniker, am interessantesten Herr Baumann, der knftige
Apostel der Heiden. Der Missionr war nicht nur ein Heiliger, sondern
auch ein sehr guter Rechner. Er war untrglich in allen Reductionen von
Ma und Gewicht, warf die Preise der Waaren aus und besorgte die
Calculatur des Geschftes. Er wute mit Bestimmtheit anzugeben, nach
welchem Mnzfu die Mohrenfrsten an der Goldkste rechneten, und wie
hoch der Curs eines preuischen Thalers auf den Sandwichinseln war. Herr
Baumann war Antons Stubennachbar und fhlte sich durch die gute Art
unseres Helden so angezogen, da er ihm in kurzer Zeit seine Neigung
zuwandte und in den Abendstunden zuweilen seinen Besuch gnnte. Den
Uebrigen stand er fern und ertrug mit christlicher Geduld ihre
Spttereien ber seine Plne.

Auch auerhalb des Hauses hatte die Firma noch einige Wrdentrger. Da
war Herr Birnbaum, der Zollcommis, welcher nur selten im Comtoir
sichtbar wurde und nur des Sonntags am Tische des Prinzipals erschien,
ein exacter Mann, der drauen auf dem Packhof herrschte. Er hatte die
Zoll-Procura fr die Geschfte nach dem Auslande, das gewichtige Recht,
den Namen T. O. Schrter unter die Begleitscheine des Hauses zu setzen.
Wenn einer von den Herren der Handlung den Namen eines Beamten
verdiente, so war es dieser Herr, er trug auch seinen Rock stets
zugeknpft, wie seine Freunde die Steuerofficianten. Ferner war da der
Magazinier des Geschftes, der die Controlle ber die verschiedenen
Magazine in der Stadt hatte, die Assecuranzen besorgte und auf dem
Markte die groen Einkufe in Landesproducten machte. Herr Balbus war
durchaus kein feiner Mann, er war von Haus aus sehr arm, und seine
Schulbildung war mangelhaft, aber der Prinzipal behandelte ihn mit
groer Achtung. Anton erfuhr, da er seine Mutter und eine kranke
Schwester durch seinen Gehalt erhielt.

Aber die grte Thtigkeit unter Allen, eine kriegerische, wahrhaft
absolute Feldherrnthtigkeit entwickelte Herr Pix, erster Disponent des
Provinzialgeschfts. An der Thr des vordern Comtoirs begann seine
Herrschaft und erstreckte sich durch das ganze Haus, bis weit hinaus auf
die Strae. Er war der Gott aller Kleinkrmer aus der Provinz, die ihre
laufenden Rechnungen hatten, galt bei ihnen fr den Chef des Hauses und
erwies ihnen dafr die Ehre, sich um ihre Frauen und Kinder zu
bekmmern. Er hatte die ganze Spedition der Handlung unter sich,
regierte ein halbes Dutzend Hausknechte und eben so viele Auflader,
schalt die Fuhrleute, kannte und wute Alles, war immer auf dem Platz
und verstand es, in demselben Augenblick einer Krmersfrau zur
Entbindung ihrer Tochter zu gratuliren, einen Bettler grblich
anzufahren, einem Hausknecht Ordre zu geben und das Znglein an der
groen Waage zu beobachten. Wie alle hohen Herren, konnte auch er keinen
Widerspruch vertragen und verfocht seine Ansicht selbst gegen den
Prinzipal mit einer Hartnckigkeit, welche unserm Anton einige Male
Entsetzen erregte. Auerdem besa Herr Pix als Geschftsmann zwei
Eigenschaften von wahrhaft wissenschaftlicher Bedeutung: er konnte von
jedem Hufchen Kaffebohnen angeben, in welchem Lande dasselbe gewachsen
war, und vermochte leere Rume im Hause und dessen Umgegend eben so
wenig zu vertragen, wie die Luft und die Philosophie einen leeren Raum
vertragen wollen. Wo ein Winkel, eine kleine Kammer, ein
Treppenverschlag, ein Kellerloch aufzuspren war, da siedelte sich Herr
Pix mit Tonnen, Leiterbumen, Stricken und allen erdenklichen Stoffen
an, und wo er und seine Bande, die Riesen, sich einmal festgesetzt
hatten, vermochte sie keine Gewalt der Erde zu vertreiben, selbst der
Prinzipal nicht.

Wo ist Wohlfart? rief Herr Schrter aus der Thr des vordern Comtoirs
in den Hausflur.

Auf dem Boden, antwortete Herr Pix kaltbltig.

Was thut er dort? frug der Prinzipal verwundert. -- In demselben
Augenblick hrte man oben im Hause lebhafte Stimmen, und Anton polterte
die Treppe herunter, gefolgt von einem Hausknecht, beide beladen mit
Cigarrenkisten, hinter ihnen die Tante, ein wenig erhitzt und sehr
rgerlich.

Sie wollen uns oben nicht leiden, sagte Anton eifrig zu Herrn Pix.

Jetzt kommen sie uns schon auf den Wschboden, sagte die Tante eben so
eifrig zum Prinzipal.

Die Cigarren drfen hier unten nicht stehn bleiben, erklrte Herr Pix
dem Prinzipal und der Tante.

Unter den Wschleinen dulde ich keine Cigarren! rief die Tante; kein
Ort im Hause ist mehr sicher vor Herrn Pix. Auch in die Kammern der
Dienstmdchen hat er Cigarren rumen lassen; die Mdchen klagen, da
sie es vor Tabakgeruch nicht mehr aushalten.

Es ist trocken dort oben, sagte Herr Pix zum Prinzipal.

Knnen Sie die Cigarren nicht irgend anderswo unterbringen? frug der
Prinzipal Herrn Pix rcksichtsvoll.

Es ist unmglich, antwortete Herr Pix bestimmt.

Haben Sie den ganzen Bodenraum zur Wsche nthig, liebe Tante? frug
der Prinzipal die Dame.

Ich glaube, die Hlfte wre genug, warf Herr Pix dazwischen.

Ich hoffe, Sie werden sich mit einer Ecke begngen, entschied der
Prinzipal lchelnd. Lassen Sie sogleich den Tischler einen Verschlag
machen.

Wenn Herr Pix erst einmal auf dem Boden ist, so wird er unsere Wsche
ganz verdrngen, klagte die erfahrene Tante.

Es soll die letzte Bewilligung sein, die wir ihm machen, beruhigte sie
der Prinzipal.

Herr Pix lachte still, wie die Tante spter behauptete, mit einem
rebellischen Grinsen, und gab unserm Helden, sobald sich die beiden
Autoritten entfernt hatten, sofort den Befehl, mit den Kisten wieder
hinauf zu ziehen.

Am grten aber war Herr Pix, so oft seine Vertrauten, die reisenden
Commis des Geschftes, auf kurze Zeit in die Handlung zurckkehrten.
Dann setzte sich das Provinzialgeschft im Hinterhause zusammen und
verarbeitete die Neuigkeiten des Landes. Dann entfaltete Herr Pix seine
genaue Bekanntschaft mit allen Geschftsleuten der Provinz, mit ihren
Vermgensverhltnissen und ihrer Gemthsart und verfgte in kurzen, aber
gewichtigen Worten, wie viel an Vertrauen und Credit den kleinen
Handlungen zu schenken sei. Dann wurde Punsch getrunken und Solo
gespielt, welches Spiel seines monarchischen Charakters wegen von Herrn
Pix am meisten geschtzt wurde, doch behandelte er auch hier alle
Compagniegeschfte mit Verachtung.

Was aber Herrn Pix in dem Auge der Mitwelt das grte Ansehen gab, das
waren die Riesen, welche um die groe Waage herum nach seinem Befehle
schalteten, hohe breitschultrige Mnner mit herkulischer Kraft. Wenn sie
die groen Tonnen zuschlugen und rollten und mit Centnern umgingen, wie
gewhnliche Menschen mit Pfunden, so erschienen sie dem neuen Lehrling
wie die Ueberreste eines alten Volkes, von dem die Mhrchen erzhlen,
da es einst auf deutschem Boden gehaust und mit thurmhohen Felsblcken
Mrmel gespielt habe. Bald merkte Anton, da sie selbst nicht einem
Stamme angehrten. Da waren zuerst sechs Hausknechte, alle von der Natur
aus zhem Holz ber Lebensgre ausgefhrt. Sie gehrten ganz der
Handlung an, waren die regelmigen Untergebenen des schwarzen Pinsels,
ja mehrere von ihnen wohnten im Hause selbst und hatten allnchtlich der
Reihe nach die Wache. Von neun Uhr ab sa dann Pluto, der Newfoundlnder
des Frulein, neben einer riesigen Gestalt schweigend im Schatten eines
groen Fasses. Diese Hausknechte, wie gro sie auch waren und wie stark,
sahen doch den Shnen sterblicher Menschen noch in manchen Stcken
hnlich. Daneben aber bildeten die Auflader der Kaufmannschaft eine
besondere Corporation, welche auf dem Packhof vor dem Thore ihr
Hauptquartier hatte und von dort aus die Ladungen nach den groen
Waarenhandlungen der Stadt schaffte oder abholte. Diese waren die
mchtigsten unter den Riesen, und Einzelne unter ihnen von einer
Krperkraft, wie sie in anderm Berufe nicht mehr gefunden wird. Sie
hatten mit vielen Handlungen der Stadt zu thun, aber das alte angesehene
Haus von T. O. Schrter war die irdische Sttte, auf der sie sich am
liebsten herablieen, mit der kleinen Gegenwart zu verkehren. Seit mehr
als einem Menschenalter war der Chef dieses Hauses der erste Vorstand
ihrer Corporation gewesen. So hatte sich ein Clientenverhltni zu der
Firma gebildet. Herr Schrter empfing am Neujahr als Erster ihren
Glckwunsch und wurde Pathe smmtlicher Riesenkinder, welche im Lauf
des Jahres bei ihrer Taufe die Arme der dienstthuenden Hebamme auf das
Taufbecken hinunterdrckten und den Geistlichen durch ihre ungeheuren
Kpfe so beunruhigten, da er seine Stimme zur Strke des Donners erhob,
um den Teufel aus ihnen herauszutreiben.

Unter diesen Lederschrzen war Sturm, ihr Oberster, wieder der grte
und strkste, ein Mann, der enge Hintergassen vermied, um seine Kleider
nicht auf beiden Mauerseiten zu reiben. Er wurde gerufen, wenn eine Last
so schwer war, da seine Kameraden sie nicht bewltigen konnten, dann
stemmte er seine Schulter an und schob die grten Fsser weg, wie
Holzkltzchen. Es ging von ihm die Sage, da er einmal ein polnisches
Pferd mit allen vier Beinen in die Hhe gehoben htte, und Herr Specht
behauptete, es gebe fr ihn nichts Schweres auf der Erde. Ueber seinem
groen Krper glnzte ein breites Gesicht von natrlicher Gutherzigkeit,
welche nur durch die Wrde gebndigt wurde, die ein Mann von seiner
Stellung besitzen mute.

Er stand zur Firma in einem besonders freundschaftlichen Verhltni und
besa ein einziges Kind, an dem er mit groer Zrtlichkeit hing. Der
Knabe hatte seine Mutter frh verloren, und der Vater hatte ihn als
funfzehnjhrigen Burschen in der Handlung von T. O. Schrter
untergebracht in einer eigenthmlichen Stellung, die er selbst fr ihn
ausgedacht. Karl Sturm war unter den Hausknechten ungefhr dasselbe, was
Fink im Comtoir war, ein Volontair, er trug seine Lederschrze und
seinen kleinen Haken, wie der Vater, und war durch eignes Verdienst zu
einem ausgedehnten Wirkungskreis gekommen. Er geno das Vertrauen aller
Mitglieder der Handlung, wute in jedem Winkel des Hauses Bescheid,
sammelte alle Bindfaden und Schnre, alle Ngel und alle Fadauben, hob
alles Packpapier auf, ftterte den Pluto und untersttzte den Bedienten
beim Stiefelputzen. Er konnte genau angeben, wo irgend eine Tonne, ein
Bret, ein alter Waarenrest lag. Wenn ein Nagel einzuschlagen war, so
wurde Karl gerufen; so oft ein Stemmeisen verlegt war, Karl wute es zu
schaffen; wenn die Tante den Wintervorrath von Schinken und Wrsten
aufhob, so verstand Karl am besten, diese Schtze einzupacken, und wenn
Herr Schrter eine schnelle Bestellung auszurichten hatte, so war Karl
der zuverlssigste Bote. Zu Allem anstellig, immer guter Laune und nie
um Auskunft verlegen, war er ein Gnstling aller Parteien, die Auflader
nannten ihn unser Karl, und der Vater wandte sich oft von seiner
Arbeit ab, um einen heimlichen Blick voll Stolz auf den Knaben zu
werfen.

Nur in einem Punkt war er nicht mit ihm zufrieden: Karl gab keine
Hoffnung, seinem Vater in Gre und Strke gleich zu werden. Er war ein
hbscher Bursch mit rothen Wangen und blondem Kraushaar, aber nach dem
Gutachten aller Riesen war fr seine Zukunft keine andere als eine
mige Mittelgre zu erwarten. So kam es, da der Vater ihn als eine
Art Zwerg behandelte, mit unaufhrlicher Schonung und nicht ohne
Wehmuth. Er verbot seinem Sohne, beim Aufladen schwerer Frachtgter
anzugreifen, und wenn er pltzlich von einem Vatergefhl ergriffen
wurde, so legte er die Hand vorsichtig auf den Kopf seines Karls in der
unbestimmten Furcht, da die Kpfe von Zwergen nur die Dicke einer
Eierschale htten und bei einem krftigen Druck zerbrechen mten.

Es ist einerlei, was das Ding lernt, sagte er zu Herrn Pix, als er den
Knaben nach der Confirmation im Geschft einfhrte, wenn er nur
Zweierlei lernt: ehrlich sein und praktisch sein. Diese Rede war ganz
nach dem Herzen des Herrn Pix. Und der Vater fing seine Lehre auf der
Stelle damit an, da er den Sohn in das groe Gewlbe unter die offenen
Vorrthe fhrte und zu ihm sagte: Hier sind die Mandeln, und hier die
Rosinen; diese in dem kleinen Fa schmecken am besten, koste einmal.

Sie schmecken gut, Vater, rief Karl vergngt.

Ich denk's, Liliputer, nickte der Vater. Sieh, aus allen diesen
Fssern kannst du essen, so viel du willst, kein Mensch wird dir's
wehren; Herr Schrter erlaubt dir's, Herr Pix erlaubt dir's, ich erlaube
dir's. Jetzt merke auf, mein Kleiner. Jetzt sollst du probiren, wie
lange du vor diesen Tonnen stehen kannst, ohne hineinzugreifen. Je
lnger du's aushltst, desto besser fr dich; wenn du's nicht mehr
aushalten kannst, kommst du zu mir und sagst: es ist genug. Das ist gar
kein Befehl fr dich, es ist nur wegen dir selber und wegen der Ehre.
So lie der Alte den Knaben allein, nachdem er seine groe dreischalige
Uhr herausgezogen und auf eine Kiste neben ihn gelegt hatte. Versuch's
zuerst mit einer Stunde, sagte er im Weggehen, geht's nicht, so
schadet's auch nicht. Es wird schon werden. Der Junge steckte trotzig
die Hnde in die Hosentaschen und ging zwischen den Fssern auf und ab.
Nach Verlauf von mehr als zwei Stunden kam er die Uhr in der Hand zum
Vater heraus und rief: Es ist genug.

Zwei und eine halbe Stunde, sagte der alte Sturm und winkte vergngt
Herrn Pix zu. Jetzt ist's gut, Kleiner, jetzt brauchst du den brigen
Tag nicht mehr in das Gewlbe zu gehen. Komm her, du sollst diese Kiste
zusammenschlagen; hier ist ein neuer Hammer fr dich, er kostet zehn
Groschen.

Er ist nur acht werth, sagte Karl den Hammer betrachtend, du kaufst
immer zu theuer.

So wurde Karl eingefhrt. Am ersten Morgen, nachdem Anton gekommen war,
sagte Karl zu seinem Vater im Hausflur: Es ist ein neuer Lehrling da.

Was ist's fr einer? frug der Alte.

Er hat einen grnen Rock und graue Hosen, es ist Mitteltuch; er ist nur
wenig grer als ich. Er hat schon mit mir gesprochen, es scheint ein
guter Kerl. Gieb mir dein Taschenmesser, ich mu ihm einen neuen
Holznagel in seinen Kleiderschrank schneiden.

Mein Messer, du Knirps? rief Sturm auf seinen Sohn heruntersehend mit
tadelnder Stimme, du hast ja dein eigenes.

Zerbrochen, sagte Karl unwillig.

Wer hat's gekauft? frug Sturm.

Du hast's gekauft, Vater Goliath; es war ein erbrmliches Ding, wie fr
ein Wickelkind.

Ich konnte dir doch kein schweres kaufen fr deine kleine Hand? frug
der Vater gekrnkt.

Da haben wir's, sagte Karl, sich vor den Vater hinstellend, wenn man
dich hrt, mu man glauben, ich wre eine Kaulquabbe von Gassenjungen,
die ihre Hosen noch an die Jacke knpft und hinten ein weies
Schwnzchen trgt.

Die Auflader lachten. Sei nicht aufstzig gegen deinen Vater, sagte
Sturm und legte seine Hand behutsam auf den Kopf seines Sohnes.

Sieh, Vater, da ist der Lehrling, rief Karl und betrachtete Anton, der
jetzt fr ihn zum Inventarium des Hauses gehrte, mit prfenden Blicken.

Herr Pix stellte Anton dem Riesen vor, und Anton sagte wieder mit
Achtung zu dem Riesen aufsehend: Ich war noch nie in einem Geschft,
ich bitte auch Sie, mir zu helfen, wo ich nicht Bescheid wei.

Alles Ding will gelernt sein, erwiederte der Riese mit Wrde. Da ist
mein Kleiner hier, der hat in einem Jahre schon hbsch etwas
losgekriegt. Also Ihr Vater ist nicht Kaufmann?

Mein Vater war Beamter, er ist gestorben, erwiederte Anton.

Oh, das thut mir leid, sagte der Auflader mit betrbtem Gesicht. Aber
Ihre Frau Mutter kann sich doch ber Sie freuen.

Sie ist auch gestorben, sagte Anton wieder.

Oh, oh, oh! rief der Riese bedauernd und sann erstaunt ber das
Schicksal Antons nach. Er schttelte lange den Kopf und sagte endlich
mit leiser Stimme zu seinem Karl: Er hat keine Mutter mehr.

Und keinen Vater, erwiederte Karl ebenso.

Behandle ihn gut, Liliputer, sagte der Alte, du bist gewissermaen
auch eine Waise.

Na, rief Karl, auf die Schrze des Aufladers schlagend, wer einen so
groen Vater hat, der hat Sorge genug.

Weit du, was du bist? Du bist ein kleines Ungethm, sagte der Vater
und schlug lustig mit dem Schlgel auf die Reifen eines Fasses.

Seit der Zeit schenkte Karl dem neuen Lehrling seine Gunst. Wenn er am
Morgen auf die Stiefelsohlen desselben Nr. 14 geschrieben hatte, so
stellte er die Stiefeln mit besonderer Sorgfalt zur Seite; er nhete ihm
abgerissene Knpfe an die Kleider und war, so oft Anton an der Waage zu
thun hatte, dienstbeflissen an seiner Seite, ihm etwas zuzureichen und
die kleineren Gewichte auf die Waage zu heben. Anton vergalt diese
Dienste durch freundliches Wesen gegen Vater und Sohn, er unterhielt
sich gern mit dem aufgeweckten Burschen und wurde der Vertraute von
manchen kleinen Liebhabereien des Praktikers. Und als die nchste
Weihnacht herankam, veranstaltete er bei den Herren vom Comtoir eine
Geldsammlung, kaufte einen groen Kasten mit gutem Handwerkszeug und
machte dadurch Karl zu dem glcklichsten aller Sterblichen.

Aber auch mit allen gebietenden Herren der Handlung stand Anton auf
gutem Fu. Er hrte die verstndigen Urtheile des Herrn Jordan mit
groer Achtung an, bewies Herrn Pix einen aufrichtigen und unbedingten
Diensteifer, lie sich von Herrn Specht in politischen Combinationen
unterrichten, las die Missionsberichte, welche ihm Herr Baumann
anvertraute, erbat sich von Herrn Purzel niemals Vorschsse, sondern
wute mit dem Wenigen auszukommen, was ihm sein Vormund senden konnte,
und ermunterte oft durch seine lebhafte Beistimmung Herrn Liebold,
irgend eine unzweifelhafte Wahrheit auszusprechen und dieselbe nicht
durch sofortigen Widerruf zu vernichten. Mit smmtlichen Herren der
Handlung stand er auf gutem Fu, nur mit einem einzigen wollte es ihm
nicht glcken, und dieser eine war der Volontair des Geschfts.

       *       *       *       *       *

An einem Nachmittage sah das Comtoir in der Dmmerung grau und
unheimlich aus, melancholisch tickte die alte Wanduhr und jeder
Eintretende brachte eine Wolke feuchter Nebelluft in das Zimmer, welche
den Raum nicht anmuthiger machte. Da gab Herr Jordan unserm Helden den
Auftrag, in einer andern Handlung eine schleunige Besorgung
auszurichten. Als Anton an das Pult des Procuristen trat, um den Brief
in Empfang zu nehmen, sah Fink von seinem Platz auf und sagte zu Jordan:
Schicken Sie ihn doch gleich einmal zum Bchsenmacher, der Taugenichts
soll ihm mein Gewehr mitgeben.

Unserm Helden scho das Blut in's Gesicht, er sagte eifrig zu Jordan:
Geben Sie mir den Auftrag nicht, ich werde ihn nicht ausrichten.

So? frug Fink und sah verwundert auf: und warum nicht, mein
Hhnchen?

Ich bin nicht Ihr Diener, antwortete Anton erbittert. Htten Sie mich
gebeten, den Gang fr Sie zu thun, so wrde ich ihn vielleicht gemacht
haben, aber einem Auftrage, der mit solcher Anmaung gegeben ist, folge
ich nicht.

Einfltiger Junge, brummte Fink und schrieb weiter.

Das ganze Comtoir hatte die schmhenden Worte gehrt, alle Federn
hielten still, und alle Herren sahen auf Anton. Dieser war in der
grten Aufregung, er rief mit etwas bebender Stimme, aber mit
blitzenden Augen: Sie haben mich beleidigt, ich dulde von Niemandem
eine Beleidigung, am wenigsten von Ihnen. Sie werden mir heut Abend
darber eine Erklrung geben.

Ich prgele Niemanden gern, sagte Fink friedfertig, ich bin kein
Schulmeister und fhre keine Ruthe.

Es ist genug, rief Anton todtenbleich, Sie sollen mir Rede stehen,
ergriff seinen Hut und strzte mit dem Briefe des Herrn Jordan hinaus.

Drauen rieselte ein kalter Regen herunter, Anton merkte es nicht. Er
fhlte sich vernichtet, gehhnt von einem Strkeren, tdtlich gekrnkt
in seinem jungen, harmlosen Selbstgefhl. Sein ganzes Leben schien ihm
zerstrt, er kam sich hlflos vor auf seinen Wegen, allein in einer
fremden Welt. Gegen Fink empfand er etwas, was halb glhender Ha war,
und halb Bewunderung; der freche Mensch erschien ihm auch nach dieser
Beleidigung so sicher und berlegen. Es wurde ihm schwer um's Herz, und
seine Augen fllten sich mit Thrnen. So kam er an das Haus, wo er
seinen Auftrag auszurichten hatte. Vor der Thr hielt der Wagen seines
Prinzipals, er huschte mit niedergeschlagenen Augen vorbei und hatte
kaum Fassung genug, in dem fremden Comtoir sein Unglck zu verbergen.
Als er wieder herauskam, traf er im Hausflur mit der Schwester seines
Prinzipals zusammen, welche im Begriff war, in den Wagen zu steigen. Er
grte und wollte neben ihr vorbeistrzen, Sabine blieb an dem Hausflur
stehen und sah ihn an. Der Bediente war nicht zur Stelle, der Kutscher
sprach vom Bock nach der andern Seite herab laut mit einem Bekannten.
Anton trat herzu, rief den Kutscher an, ffnete den Schlag und hob das
Frulein in den Wagen. Sabine hielt den Schlag zurck, den er zuwerfen
wollte, und blickte ihm fragend in das verstrte Gesicht. Was fehlt
Ihnen, Herr Wohlfart? frug sie leise.

Es wird vorbergehen, erwiederte Anton mit zuckender Lippe und einer
Verbeugung und schlo die Wagenthr. Sabine sah ihn noch einen
Augenblick schweigend an, dann neigte sie sich gegen ihn und zog sich
zurck, der Wagen fuhr davon.

So unbedeutend der Vorfall war, er gab doch den Gedanken Antons eine
andere Richtung. Sabinens Frage und ihr Gru waren in diesem Augenblick
eine Beschwrung seiner Muthlosigkeit. In ihrer dankenden Verbeugung lag
Achtung, und ein menschlicher Antheil in ihren Worten. Die Frage, der
Gru, der kleine Ritterdienst, den er der jungen Herrin des Hauses
geleistet hatte, erinnerten ihn, da er kein Kind sei, nicht hlflos,
nicht schwach und nicht allein. Ja auch in seiner bescheidenen Stellung
geno er die Achtung Anderer, und er hatte ein Recht darauf, und er
hatte die Pflicht, sich diese Achtung zu bewahren. Er erhob sein Haupt,
und sein Entschlu stand fest, lieber das Aeuerste zu thun, als den
Schimpf zu ertragen. Er hielt die Hand in die Hhe, wie zum Schwur.

Als er in das Comtoir zurckkam, richtete er mit entschiedenem Wesen
seine Besorgung aus, ging schweigend und unbekmmert um die neugierigen
Blicke der Herren an seinen Platz und arbeitete weiter.

Nach dem Schlu des Comtoirs eilte er auf Jordans Zimmer. Er fand
bereits die Herren Pix und Specht daselbst vor, in dem gemthlichen
Eifer, welchen jede solche Scene bei Unbetheiligten zu erzeugen pflegt.
Die drei Herren sahen ihn zweifelhaft an, wie man einen armen Teufel
ansieht, der vom Schicksal mit Fusten geschlagen ist, etwas verlegen,
etwas mitleidig, ein wenig verchtlich. Anton sagte mit einer Haltung,
die in Betracht seiner geringen Erfahrung in Ehrensachen
anerkennenswerth war: Ich bin von Herrn von Fink beleidigt worden und
habe die Absicht, mir diese Beleidigung nicht gefallen zu lassen. Sie
Beide, Herr Jordan und Herr Pix, sind im Geschft meine Vorgesetzten,
und ich habe groe Achtung vor Ihrer Erfahrung. Von Ihnen wnsche ich
vor Allem zu wissen, ob Sie in dem Streite selbst mir vollkommen Recht
geben.

Herr Jordan schwieg vorsichtig, aber Herr Pix zndete entschlossen eine
Cigarre an, setzte sich auf den Holzkorb am Ofen und erklrte: Sie sind
ein guter Kerl, Wohlfart, und Fink hat Unrecht, das ist meine Meinung.

Meine Meinung ist es auch, stimmte Herr Specht bei.

Es ist gut, da Sie sich an uns gewandt haben, sagte Herr Jordan; ich
hoffe, der Streit wird sich beilegen lassen; Fink ist oft rauh und kurz
angebunden, aber er ist nicht malitis.

Ich sehe nicht ein, wie die Beleidigung ausgeglichen werden kann, wenn
ich nicht die nthigen Schritte thue, rief Anton finster.

Sie wollen den Streit doch nicht vor den Prinzipal bringen? frug Herr
Jordan mibilligend, das wrde allen Herren unangenehm sein.

Mir am meisten, erwiederte Anton; ich wei, was ich zu thun habe, und
wnsche nur vorher noch von Ihnen die Erklrung, da Fink mich unwrdig
behandelt hat.

Er ist Volontair, sagte Herr Jordan, und hat kein Recht, Ihnen
Auftrge zu geben, am wenigsten in seinen Privatgeschften mit Hasen und
Rebhhnern.

Das gengt mir, sagte Anton, und jetzt bitte ich Sie, Herr Jordan,
mich einen Augenblick unter vier Augen anzuhren. Er sagte das mit so
viel Ernst, da Herr Jordan stillschweigend die Thr seiner Schlafkammer
aufmachte und mit ihm eintrat. Hier ergriff Anton die Hand des
Procuristen, drckte sie krftig und sprach: Ich bitte Sie um einen
groen Dienst, gehen Sie hinab zu Herrn von Fink und fordern Sie von
ihm, da er mir morgen, in Gegenwart der Herren vom Comtoir, das
abbittet, was er von beschimpfenden Ausdrcken gegen mich gebraucht
hat.

Das wird er schwerlich thun, sagte Herr Jordan kopfschttelnd.

Wenn er es nicht thut, sagte Anton heftig, so fordern Sie ihn von mir
auf Degen oder Pistolen.

Wenn vor Herrn Jordan pltzlich aus seiner Tintenflasche ein schwarzer
Rauch gestiegen wre, wenn dieser Rauch sich zu einem frchterlichen
Geiste zusammengeballt htte, wie in jenem alten Mrchen, und wenn
dieser Geist die Absicht ausgesprochen htte, Herrn Jordan sofort zu
erdrosseln, so htte dieser Herr nicht bestrzter dastehen knnen, als
er jetzt unserm Helden gegenberstand. Sie sind des Teufels, Wohlfart,
rief er endlich, Sie wollen sich mit Herrn von Fink duelliren, und er
ist ein toller Pistolenschtz, und Sie sind Lehrling und erst seit einem
halben Jahr im Geschft, das ist ja unmglich!

Ich bin Primaner gewesen, und habe mein Abiturientenexamen gemacht,
und wre jetzt Student, wenn ich nicht vorgezogen htte, Kaufmann zu
werden! -- Verwnscht sei das Geschft, wenn es mich so erniedrigt, da
ich meinen Feind nicht mehr fordern darf. Ich gehe dann noch heut zu
Herrn Schrter und erklre ihm meinen Austritt, rief Anton mit
flammenden Augen.

Herr Jordan sah mit grtem Erstaunen auf seinen gutmthigen Schler,
der auf einmal als phantastischer Riese vor ihm umher flackerte. Seien
Sie nur nicht so heftig, lieber Wohlfart, bat er begtigend, ich werde
zu Fink hinuntergehen, vielleicht lt sich Alles im Guten ausgleichen.

Ich verlange Abbitte vor dem Comtoir, rief Anton wieder, Abbitte oder
Satisfaction.

Es war wohlthuend, unterde die beiden Herren in der Nebenstube zu
beobachten. Pix hatte als kluger Feldherr mit einem Ruck seinen Holzkorb
in die Nhe der Kammerthr geschoben und sa scheinbar gleichgltig da,
nur mit seiner Cigarre beschftigt, whrend Herr Specht sich nicht
enthalten konnte, das Ohr an die Thre zu legen. Sie schieen sich,
flsterte Herr Specht, entzckt ber die groen Empfindungen, welche
dieser Streit hervorzurufen versprach. Passen Sie auf, Pix, es wird ein
furchtbares Unglck; wir Alle mssen zum Begrbni gehen, Keiner darf
fehlen. Ich wirke die Erlaubni aus, da wir Junggesellen die Leiche
tragen drfen.

Wessen Leiche? frug Herr Pix verwundert.

Wohlfart mu daran glauben, rief Herr Specht wieder in dumpfem
Flsterton.

Unsinn, sagte Herr Pix, Sie sind ein Narr!

Ich bin kein Narr, und ich verbitte mir alle Anzglichkeiten, rief
Herr Specht wieder flsternd und nach dem Beispiel Antons entschlossen,
sich nichts gefallen zu lassen.

Schreien Sie mir nicht so in's Ohr, sagte Herr Pix unbewegt, man kann
nichts verstehen. In dem Augenblick ffnete sich die Thr, Herr Specht
sprang an ein Fenster und starrte angelegentlich in die finstere
Regennacht, whrend Pix unserm Anton die Hand schttelte und ihm
erklrte, er sei ein tchtiger Mann und das Provinzialgeschft sei ganz
auf seiner Seite. -- Herr Jordan ging zu Fink hinab und kam bald wieder
herauf; Herr von Fink war nicht zu Hause. Wahrscheinlich sa der Jokei
ahnungslos in irgend einer Weinstube. Anton sagte darauf: Ich lasse die
Sache nicht bis morgen ruhen, ich werde ihm schreiben und den Brief
durch den Bedienten auf seinen Tisch legen lassen.

Thun Sie das nicht, bat Herr Jordan, Sie sind jetzt zu zornig.

Ich bin sehr ruhig, erwiederte Anton mit heien Wangen; ich werde ihm
nur das Nthige schreiben. Sie, meine Herren, bitte ich, da Sie ber
Alles, was Sie hier gehrt haben, gegen die Andern schweigen.

Das versprachen die Herren. Darauf ging er auf sein Zimmer und schrieb
einen Brief, in dem er Herrn von Fink sein Unrecht vorhielt und ihm
schlielich die Wahl lie, ob er durch Schlger oder Pistolen das
verletzte Selbstgefhl Antons ausbessern wollte. Der Brief war fr einen
jungen Gentleman gut genug geschrieben und wurde neben den Wachsstock
des Herrn von Fink in dessen Stube niedergelegt, nachdem Herr Specht dem
Bedienten noch auf der Treppe eingeschrft hatte, mit Kreide drei groe
Ausrufungszeichen auf den Tisch zu malen; wahrscheinlich sollten sie die
Stelle der Spne vertreten, welche die Boten der heiligen Vehme aus dem
Burgthor der Angeklagten zu hauen pflegten. Anton blieb den Rest des
Abends auf seinem Zimmer, wo er unruhig auf und ab schritt, bald die
Scene der Beleidigung, bald die zu erwartende Scene dramatisch
auseinander legte und jede Art von Gefhlen durcharbeitete, welche bei
einem armen Jungen vor dem ersten Duell unvermeidlich sind.

Unterde wurde im Zimmer des Herrn Jordan groe Sitzung des gesammten
Geschfts gehalten. Da Herr Pix und Herr Specht versprochen hatten, zu
schweigen, beschrnkten sie sich auf so mysterise und finstere
Andeutungen, da bei einem Theil der Herren die Ansicht entstand, ein
Mord sei entweder schon vollbracht, oder doch jeden Augenblick zu
frchten, bis endlich Herr Jordan das Wort ergriff: Da die Differenz
doch kein Geheimni ist, und die Sache uns Alle angeht, so ist es am
besten, wenn wir sie unter einander besprechen und uns smmtlich Mhe
geben, die nachtheiligen Folgen zu verhten. Ich werde aufbleiben, bis
Fink zurckkommt, und sogleich mit ihm reden. Unterde mu ich Wohlfart
das Zeugni geben, da er sich so gewandt benommen hat, wie bei einem
jungen Mann ohne Erfahrung nur mglich ist. Alle stimmten eifrig bei.
Darauf geriethen der Zollcommis Herr Birnbaum und Herr Specht in eine
lebhafte Errterung ber die verschiedenen Arten der Duelle, und Herr
Specht behauptete, beim Schieen ber das Schnupftuch wrden den
Duellanten mit einem seidenen Taschentuch die Augen verbunden, und
dieselben auf ihren Standorten so lange im Kreise herumgedreht, bis der
Kampfrichter mit seinem Stock aufklopfe, worauf ihnen frei stehe,
hinzuschieen, wohin sie wollten. Herr Baumann stahl sich zuerst aus der
Gesellschaft fort und ging zu Anton, drckte diesem herzlich die Hand
und bat ihn dringend, nicht um rauher Worte willen zwei Menschenleben
auf das Spiel zu setzen. Nachdem er Abschied genommen hatte, fand Anton
auf seinem Tisch ein kleines Exemplar des Neuen Testaments aufgeschlagen
und darin durch ein groes Ohr den heiligen Spruch bezeichnet: Segnet,
die euch fluchen. Anton war gerade nicht in der Stimmung, den Sinn
dieser Worte zu befolgen. Aber er setzte sich doch vor das Buch und las
darin die Sprche, welche er als Kind seiner guten Mutter so oft
aufgesagt hatte. Er wurde weicher und ruhiger und ging in dieser
Stimmung zu Bette.

Unterde drang das Gercht von einem furchtbaren Ereigni durch alle
Schlssellcher, Ritze und Kammern des alten Hauses.

Sabine war in ihrer Schatzkammer. Dies war ein Raum, unwohnlich fr
einen Gast, aber fr jede Hausfrau ein heimliches, herzerhebendes
Zimmer. An den Wnden standen mchtige Schrnke von Eichen- und
Nubaumholz mit schner eingelegter Arbeit, in der Mitte ein groer
Tisch mit geschnrkelten Beinen, darum einige alte Lehnsthle. Aus den
geffneten Schrnken glnzten im Lampenlicht unzhlige Gedecke von
Damast, hohe Terrassen von Wsche, Linnen und bunten Stoffen,
Krystallglser, silberne Pocale, Porcellan und Fayence im Geschmack von
mehr als drei Generationen. Die Luft war mit einem krftigen Duft
erfllt, der aus uraltem Lavendel, Eau de Cologne und frischer Wsche
aufstieg. Hier herrschte Sabine allein. Nur ungern sah sie einen fremden
Fu eintreten; was aus den Schrnken genommen wurde und wieder
hineinkam, hob sie mit eigenen Hnden; nur der treue Diener hatte das
Vorrecht, ihr an schweren Tagen zu helfen, und zuweilen Karl Sturm, sein
Adjutant, der gewisse rosafarbene Pappkarten zum Zeichnen der Wsche
anfertigte und prachtvolle Zahlen darauf schrieb.

Heute stand Sabine noch spt vor dem Tisch, der mit weier Wsche
belastet war; sie suchte die Nummern des feinen Damasts zusammen, zhlte
und sortirte Tischdecken und Servietten, band groe Bndel mit rosa
Bndern zusammen und hing die Nummerkarten daran. Zuweilen hielt sie ein
Stck nher an das Licht und sah mit Behagen auf die weien Arabesken,
welche die Kunst des Webers hineingewirkt hatte. Da flog ein dunkler
Schatten ber ihr Antlitz und traurig sah sie auf einige wunderfeine
Servietten, in welche zahlreiche kleine Lcher gestochen waren, je drei
oder vier in einer Reihe. Endlich rief sie den Bedienten. Es ist nicht
mehr auszuhalten, Franz, auch in No. 24 sind wieder drei Servietten mit
der Gabel durchstochen. Einer der Herren sticht in das Tischzeug! Das
ist bei uns doch nicht nthig.

Nein, sagte der Vertraute kummervoll; ich selbst habe ja das
Silberzeug unter mir, ich wei am besten, da es nicht nthig ist.

Wer von den Herren ist so rcksichtslos? frug Sabine streng. Es mu
einer der Neuen sein.

Herr von Fink ist es, klagte der Diener, er sticht vor jedem Essen
zweimal mit der Gabel durch die Serviette; es giebt mir jedesmal einen
Stich durch's Herz, Frulein Sabine. Aber Herrn von Fink kann ich doch
nichts sagen.

Sabine hing den Kopf ber die zerstochenen Servietten. Ich wute, da
er es war, seufzte sie. -- Aber das darf nicht so fortgehen. Ich werde
Ihnen fr Herrn von Fink eine besondere Nummer herausgeben, die mssen
wir opfern, bis sich eine Gelegenheit findet, ihn zu bitten, da er von
seinen Angriffen ablt. Sie trat zu dem Schrank und suchte lange. Es
war eine schwere Wahl. Zwar von den groben konnte sie ohne Schmerz
einige Dutzend missen, von den feinen aber war ihr jedes Gedeck an's
Herz gewachsen. Eines freilich mehr als das andere. -- Dieses mag
hingehen, sagte sie endlich betrbt, hier fehlt ohnedies eine
Serviette. Sie sah noch einmal auf das Muster, kleine Pfauen, welche
kunstvoll durch Blumengewinde schritten, und legte die Nummer auf den
Arm des Dieners. Herr von Fink bekommt keine andern Servietten, als
diese, befahl sie.

Franz zgerte zu gehen. Er hat auch in seiner Schlafstube eine Gardine
angebrannt, sagte er unruhig. Der Flgel wird nicht mehr zu brauchen
sein.

Und sie war ganz neu, klagte Sabine. Morgen frh nehmen Sie die
Gardine ab. -- Was haben Sie noch, Franz? Ist etwas vorgefallen? --

Ach, Frulein, erwiederte der Diener geheimnivoll, drben bei den
Herren geht Alles durcheinander. Herr von Fink hat Herrn Wohlfart sehr
beleidigt, Herr Wohlfart ist wthend, es wird ein Duell geben, sagt Herr
Specht, die Herren frchten ein groes Unglck.

Ein Duell, rief Sabine, zwischen Fink und Wohlfart? -- Sie
schttelte den Kopf. Sie haben wohl Herrn Specht miverstanden, fgte
sie lchelnd hinzu.

Nein, Frulein Sabine, diesmal ist es ernsthaft. -- Es wird ein Unglck
geben, Herr Wohlfart ging im grten Zorn an mir vorber, und er hat
seinen Thee nicht angerhrt.

Ist mein Bruder noch nicht zurck?

Er kommt heut spt nach Hause, er ist im Comit.

Es ist gut, schlo Sabine. Sie schweigen gegen Jedermann, Franz,
hren Sie?

Sabine setzte sich wieder an den Tisch, aber ihr Damast war vergessen.
Sie blickte starr hinaus in den dunkeln Hof nach den Fenstern des
Volontairs. Er sticht durch die Servietten, klagte sie leise, er wird
sich auch kein Gewissen daraus machen, eine Menschenbrust zu
durchbohren! Das also war der Schmerz des armen Wohlfart! -- Er kam zu
uns, der wilde Gast, wie ein Wirbelwind ber den blhenden Busch; wo er
anschlgt, fallen die Blthen zur Erde. Sein Leben ist Wirrwarr,
Aufregung, Getse. Was ihm nahe kommt, zieht er in seinen tollen Tanz.
Auch mich! auch mich! Du stolzer und verwegener Geist, auch mir hast du
die Seele aufgeregt. Ich mhe mich, ich ringe Tag fr Tag, aber immer
wieder erfat mich sein Zauber. So schn, so glnzend, so seltsam ist
er! Er rgert mich tglich und alle Tage mu ich an ihn denken, um ihn
sorgen, ber ihn trauern. O meine Mutter, hier war's, wo ich zum letzten
Mal zu deinen Fen sa, hier bergabst du mir die Schlssel des Hauses!
Du hieltest die Hnde segnend auf mein Herz. Der Himmel behte dir
jeden Schlag, sagtest du unter Thrnen und Kssen. Jetzt schtze die
Tochter, Geliebte, du mein Vorbild fr alle Ueberlegung, fr die Ordnung
deines Hauses, fr sicheres Pflichtgefhl, behte mir das laut pochende
Herz. Mache mich fest gegen ihn, gegen sein verfhrerisches Lachen,
gegen seinen bermthigen Spott.

So betete Sabine. Lange sa sie in feierlicher Berathung mit den guten
Geistern des Hauses, dann fuhr sie mit dem Tuch ber die Augen, trat
entschlossen an den Tisch und fuhr fort, den Damast zu zhlen und
aufzuheben.

       *       *       *       *       *

Anton war bereits ausgekleidet und im Begriff, sein Licht auszulschen,
als krftig an die Thr geklopft wurde und der Mann eintrat, den er in
diesem Augenblick am wenigsten von allen Sterblichen erwartete. Es war
Herr von Fink mit seiner Reitpeitsche und seinem nachlssigen Wesen.

Ah, Sie sind schon zu Bett, sagte der Jokei und setzte sich rittlings
auf einen Stuhl in der Nhe, lassen Sie sich nicht stren! Sie haben
mir einen gefhlvollen Brief geschrieben, und Jordan hat mir das Uebrige
erzhlt; ich komme, Ihnen mndlich zu antworten. Anton schwieg und sah
von seinem Kopfkissen finster auf den Gegner. Ihr seid hier alle sehr
tugendhafte und sehr empfindliche Leute, fuhr Fink fort und schlug mit
seiner Peitsche an das Stuhlbein. Es thut mir leid, da Sie sich meine
Reden so zu Herzen genommen haben. Es freut mich aber, da sie so
entschlossen sind. Sie haben den ehrlichen Jordan in einen wahren
Wrwolf verwandelt, fgte er lchelnd hinzu.

Bevor ich Sie weiter anhre, sagte Anton grollend, mu ich wissen, ob
Sie die Absicht haben, mir fr Ihre Beleidigung eine Erklrung vor den
brigen Herren zu geben. Ich wei nicht, ob nach der schweren Krnkung,
die Sie mir zugefgt haben, ein Anderer, der mehr Erfahrung in
Ehrensachen hat, sich mit einer solchen Erklrung begngen wrde. Ich
habe das Gefhl, da ich damit zufrieden sein mte.

Da fhlen Sie richtig, sagte Fink kopfnickend; Sie knnen damit
zufrieden sein.

Wollen Sie mir morgen diese Erklrung geben? frug Anton.

Warum denn nicht? sagte Fink gleichgltig; ich habe keine Lust, mich
mit Ihnen zu schieen, ich will Ihnen gern vor smmtlichen
Correspondenten und Procuristen der Firma die Erklrung ausstellen, da
Sie ein verstndiger und hoffnungsvoller junger Mann sind, und da ich
Unrecht gethan habe, Jemanden zu krnken, der jnger, und verzeihen Sie
den Ausdruck, um Vieles grner ist, als ich.

Unser Held hrte diese Worte mit gemischten Empfindungen; es wurde ihm
doch leichter um's Herz; aber die Manier Finks rgerte ihn wieder sehr
und er sagte sich im Bette aufrichtend entschlossen: Ich bin mit dieser
Erklrung noch nicht zufrieden, Herr von Fink.

Ei, sagte Fink, was verlangen Sie noch?

Sie gefallen mir auch in diesem Augenblick nicht, sprach Anton, Sie
sind wieder rcksichtsloser gegen mich, als gegen einen Fremden
schicklich ist. Ich wei, da ich noch jung bin und wenig von der Welt
kenne, und ich glaube, da Sie mich in vielen Dingen bersehen, aber
eben deshalb wre es hbscher von Ihnen, wenn Sie freundlich und gtig
gegen mich wren. Anton sagte dies mit einer Bewegung, welche seinem
Gegner nicht entging. Fink streckte seine geffnete Hand gutmthig ber
das Bett und sprach: Seien Sie nur nicht wieder bse und geben Sie mir
Ihre Hand.

Ich mchte gern, rief Anton mit hervorbrechender Rhrung, aber ich
kann noch nicht; sagen Sie mir zuvor, da Sie den Streit mit mir nicht
deswegen so leicht behandeln, weil Sie mich fr zu jung und zu gering
halten, oder weil Sie von Adel sind und ich nicht.

Hrt, Master Wohlfart, sagte Fink, Ihr setzet mir das Messer
verzweifelt an die Kehle. Weil Ihr aber in Eurem reinen weien Hemdchen
so unschuldig vor mir liegt, so will ich ein Uebriges thun und wegen
dieser Punkte mit Euch capituliren. Was meinen deutschen Adel betrifft,
so viel darauf! -- hier schnalzte er mit den Fingern, -- er hat fr
mich ungefhr denselben Werth, wie ein Paar gute Glanzstiefeln und neue
Glachandschuhe. Was aber meine Scheu vor Ihrer Jugend und der
hoffnungsvollen Wrde eines Lehrlings betrifft, so will ich mich
wenigstens zu dem Bekenntni verstehen, da ich nach dem, was ich heut
Abend an Ihnen kennen gelernt habe, Ihnen fortan bei jedem neuen Zank,
in den wir gerathen werden, mit jedem Mordwerkzeug, das Sie vorschlagen,
jede mgliche Genugthuung geben will. Damit knnen Sie sich begngen.
-- Nach diesem Trost hielt ihm Fink zum zweiten Mal die Hand hin und
sagte: Jetzt schlagen Sie ein, es ist jetzt Alles in Ordnung.

Anton legte seine Hand in die dargebotene, und der Jokei schttelte sie
ihm krftig und sagte: Wir sind heut so offenherzig gegen einander
gewesen, da es gut sein wird, wenn wir eine Pause machen, sonst haben
wir einander gar nichts mehr zu erzhlen. Schlafen Sie wohl, morgen mehr
davon. Dabei ergriff er seine Mtze, nickte mit dem Kopf und schritt
klirrend zur Thr hinaus.

Anton war, die Wahrheit zu gestehen, ber diesen unerwartet friedlichen
Ausgang so vergngt, da er lange nicht einschlafen konnte. Herr
Baumann, der in seiner Schlafkammer das Bett an derselben Wand hatte,
konnte sich nicht enthalten, nach Finks Abgang seinen Glckwunsch durch
Klopfen an der Wand auszudrcken, und Anton beantwortete das Signal
sofort durch ein hnliches Klopfen, welches seinen Dank fr die
Theilnahme anzeigen sollte.

Am andern Morgen war das Comtoir eine Viertelstunde vor der Ankunft des
Prinzipals vollzhlig versammelt. Fink erschien als Letzter und sagte
mit lauter Stimme: Mylords und Gentlemen aus dem Export- und
Provinzialgeschft, ich habe gestern Herrn Wohlfart von hier in einer
Weise behandelt, die mir jetzt, nach dem, was ich von ihm kennen gelernt
habe, aufrichtig leid thut. Ich habe ihm gestern bereits meine Erklrung
gemacht und bitte ihn heute in Ihrer Gegenwart freiwillig nochmals um
Verzeihung. Zu gleicher Zeit bemerke ich, da unser Wohlfart sich bei
diesem Streit durchaus respectabel benommen hat, und da ich mich freue,
mit ihm in Geschftsverbindung getreten zu sein. Das Comtoir lchelte,
Anton ging auf Fink zu und schttelte ihm wieder die Hand, Herr Jordan
that mit beiden Parteien dasselbe, und die Sache war abgemacht.

Doch blieb sie nicht ohne Folgen. Auch die Kunde von der ehrlichen
Shne, welche Fink dem Lehrling gab, und von der freundlichen
Ausgleichung gelangte in das Vorderhaus. Und als Anton zusammen mit Fink
beim Mittagtisch erschien, ruhten die Blicke der Damen mit Theilnahme
und Neugier auf ihm, und der Prinzipal verbarg nicht ein freundliches
Lcheln. Aber auch auf Fink fiel Sabinens Auge mit freudigem Glanz, und
so oft sie zu ihm aufsah, war ihr, als htte sie ihm etwas Groes
abzubitten.

       *       *       *       *       *

Bei den Herren vom Comtoir war die Stellung Wohlfarts auf einmal eine
ganz andere geworden, er wurde von Allen mit einer Achtung behandelt,
welche ein Lehrling sonst nicht durchzusetzen pflegt; Herr Specht
erklrte ihn bei smmtlichen Commis seiner Bekanntschaft -- und seine
Bekanntschaft war gro -- fr einen modernen Bayard, fr den letzten
Ritter Europa's, fr einen furchtbaren Haudegen im Reiche der
Conticurrenten; Herr Liebold wurde wahrhaft khn in seinen Behauptungen,
wenn er merkte, da Anton auf seiner Seite stand, und sogar Herr Pix
gnnte seinem Zgling von diesem Tage an augenscheinliche Hochachtung,
er vertraute den Beobachtungen, welche Anton am Znglein der groen
Waage machte, eben so fest, wie seinen eigenen, und berlie ihm
zuweilen sogar den schwarzen Pinsel, seinen geliebten Scepter, das
Zeichen seiner Herrschermacht.

Die grte Vernderung aber trat in Antons Verhltni zu Fink ein. Denn
einige Tage nach dem Streit, als Anton hinter dem Jokei die Treppe des
Hinterhauses hinaufstieg, blieb Fink an seiner Thr stehen und frug:
Wollen Sie nicht bei mir eintreten? Sie sollen mir heut Ihren Besuch
machen und meine Cigarren probiren.

Zum ersten Mal berschritt Anton die Schwelle des Volontairs und blieb
verwundert an der Thr stehen, denn das Zimmer sah sehr fremdartig aus.
Elegante Mbel standen unordentlich umher, ein dicker Teppich, weich wie
Moos, bedeckte den Fuboden, und der ordentliche Anton sah mit
Betrbni, wie rcksichtslos die Cigarrenasche auf die prchtigen
Blumen desselben geworfen war. An der einen Wand stand ein groer
Gewehrschrank, darber hing ein auslndischer Sattel und pfundschwere
silberne Sporen; die andere Wand verdeckte ein eben so groer
Bcherschrank aus kostbarem Holz, voll von Bchern in braunem Lederband,
und ber dem Schrank reichten riesige Flederwische, die schwarzen Flgel
eines ungeheuren Vogels, von einer Stubenwand bis zur andern.

Welche Menge von Bchern Sie haben! rief Anton erfreut.

Es sind Erinnerungen an eine Welt, in der ich nicht mehr lebe, sagte
Fink.

Und diese Flgel, gehren sie auch zu Ihren Erinnerungen?

Ja, Herr, es sind die Fittige eines Condors; Sie sehen, ich bin stolz
auf diese Jagdbeute, antwortete Fink und hielt unserm Anton ein Packet
mit Cigarren hin. Setzen Sie sich, Wohlfart, lassen Sie uns plaudern,
und zeigen Sie, ob Herr Specht Recht hat, wenn er Sie als
liebenswrdigen Gesellschafter rhmt. Er schob unserm Helden mit dem
Fue einen groen Fauteuil zu. Anton sank behaglich in die weichen
Kissen und blies blaue Wolken nach der Decke, whrend Fink die Lampe des
silbernen Theekessels anzndete. Sie haben mir neulich gefallen,
Wohlfart, sagte Fink, sich der Lnge nach auf dem Sopha ausstreckend,
verstehen Sie sich auf Pferde?

Nein, sagte Anton.

Sind Sie Jger?

Auch nicht.

Treiben Sie Musik?

Nur wenig, sagte Anton.

Nun also, in Teufels Namen, welche menschliche Eigenschaft haben Sie
denn?

In Ihrem Sinne wenig, antwortete Anton rgerlich. Ich kann die Leute
lieben, welche mir gefallen, und ich glaube ich kann ein treuer Freund
sein; wenn mich aber Jemand bermthig behandelt, so empre ich mich.

Schon gut, sagte Fink, von der Seite kenne ich Sie. Fr einen
Anfnger war Ihr Debut gar nicht bel. Ich sehe, es ist Race in Ihnen.
Lassen Sie hren, wer Sie sind. Von welchem Volke der sterblichen
Menschen stammen Sie, und welches Schicksal hat Sie hierher geschleudert
in dieses traurige Mhlwerk, wo Jeder zuletzt voll Staub und Resignation
wird, wie Liebold, oder im besten Fall wie der pnktliche Jordan?

Es war doch ein gutmthiges Schicksal, antwortete Anton und begann von
seiner Heimath und seinen Eltern zu erzhlen. Mit Wrme schilderte er
den kleinen Kreis, in dem er aufgewachsen war, die Abenteuer seiner
Schulzeit und einige nrrische Leute aus Ostrau, mit denen er verkehrt
hatte. Und so ist fr mich ein groes Glck, was Sie fr ein Unglck
halten, schlo er, da ich hierher gekommen bin.

Fink nickte beistimmend und sagte: Zuletzt ist der grte Unterschied
zwischen uns Beiden, da Sie Ihre Mutter gekannt haben und ich die meine
nicht. Uebrigens ist es ziemlich gleichgltig, in welchem Nest Einer
aufwchst, man kann fast unter allen Umstnden ein tchtiger Gesell
werden. -- Ich habe Leute gekannt, die weniger Liebe in ihrem Vaterhause
gefunden haben, als Sie.

Sie haben so viel von der Welt gesehen, sagte Anton rcksichtsvoll,
ich bitte Sie, mir zu sagen, wie Sie dazu gekommen sind.

Sehr einfach, begann Fink. Ich besitze einen Onkel in Newyork, der
dort einer von den Aristokraten der Brse ist. Dieser schrieb meinem
Vater, als ich vierzehn Jahr war, ich solle eingepackt und
herbergeschickt werden, er habe die Absicht, mich zu seinem Erben zu
machen. Mein Vater ist sehr Kaufmann, ich wurde emballirt und
abgeschickt. In Newyork wurde ich bald ein gottverdammter kleiner Schuft
und Taugenichts, ich trieb jede Art von Unsinn, hielt einen Stall von
Racepferden in einem Alter, wo bei uns ehrliche Jungen noch auf offener
Strae ihre Buttersemmel verzehren und mit einem Papierdrachen spielen.
Ich bezahlte Sngerinnen und Tnzerinnen und mihandelte meine weien
und schwarzen Domestiken so sehr durch Futritte und Haarraufen, da
mein Oheim genug zu thun hatte, um Entschdigungsgelder an diese freien
Brger zu bezahlen. Sie hatten mich aus meiner Heimath fortgerissen,
ohne sich um meine Gefhle zu bekmmern; ich bekmmerte mich jetzt den
Teufel um die ihren. Uebrigens je toller ich's trieb, desto mehr Geld
bekam ich in die Hnde. Ich war bald der verrufenste unter den jungen
Bengeln, welche die vornehmen Unarten jenseit des Wassers cultiviren.
Einst an meinem Geburtstage kam ich um sechs Uhr frh aus einem kleinen
Souper nach Hause, bei dem ich aus Caprice den Sprden gegen einige
zuvorkommende Damen gespielt hatte, und unterwegs fiel mir ein, da
diese Wirthschaft ein Ende nehmen msse oder ich selbst wrde ein Ende
nehmen. Ich ging nach dem Hafen statt nach Hause, steckte mich in grobe
Matrosenkleider, die ich unterwegs kaufte, und bevor es Mittag war, fuhr
ich als Schiffsjunge auf einem dickbuchigen Englnder zum Hafen hinaus.
Wir segelten einige tausend Meilen um Cap Horn herum und auf der andern
Seite des Festlandes wieder hinauf. Als wir in Valparaiso ankamen,
erklrte ich dem Capitain, da ich ihm fr die Ueberfahrt dankbar sei,
tractirte die ganze Mannschaft und sprang an's Land, um mit den zwanzig
Dublonen, die ich noch in der Tasche hatte, auf eigene Faust mein Glck
zu machen. Ich traf bald einen verstndigen Mann, der mich auf seine
Hazienda brachte, wo ich als Ochsenhirt und Reitknstler nicht geringe
Lorbeeren erndtete. Ich war etwa anderthalb Jahr dort oben und befand
mich sehr wohl, ich wurde als eine Art dienstthuender Gastfreund
behandelt, ich war verliebt, ich war bewundert als Jger und tummelte
mich tchtig im Sattel, was fehlte mir? -- Doch alle Freude ist
vergnglich. Wir hatten gerade groes Rinderschlachten, und ich war
fleiig beschftigt, von meinem Pferd die Khe in den Schlachthof zu
escortiren, als pltzlich zwei Regierungsbeamte in unser Fest
hineinritten. Diese behandelten mich selber mit vieler Artigkeit wie ein
junges Rind, nahmen mich sammt meinem Pferd in die Mitte und fhrten
mich zwischen ihren Steigbgeln Trott und Galopp nach der Hauptstadt.
Dort wurde ich beim amerikanischen Consul abgeliefert, und da mein Oheim
Himmel und Hlle in Bewegung gesetzt hatte, mich auszuspren, und ich
aus einem langen Briefe meines Vaters erkannte, da dieser Herr sich
wirklich ber mein Verschwinden ngstigte, so beschlo ich, ihm den
Gefallen zu thun und zurckzukehren. Ich unterhandelte mit dem Consul
und reiste mit dem nchsten Schiff nach Europa ab. Als ich auf diesem
bejahrten Erdhaufen ankam, erklrte ich meinem Vater, da ich nicht
Kaufmann werden wolle, sondern Landwirth. Darber gerieth die Firma Fink
und Becker auer sich, aber ich blieb fest. Endlich kam ein Vertrag zu
Stande. Ich ging zunchst auf zwei Jahr in eine norddeutsche
Wirthschaft, dann sollte ich einige Jahr in einem Comtoir arbeiten,
dadurch hoffte man meine Capricen zu bndigen. So bin ich jetzt hier in
Clausur. Aber alle Mhe ist umsonst. Ich thue meinem Vater den Gefallen,
hier zu sitzen, weil ich merke, da sich der Mann viel unntzen Kummer
um mich macht, aber ich bleibe nur so lange hier, bis er sich berzeugt,
da ich Recht habe. Dann werde ich Landmann.

Wollen Sie bei uns ein Gut kaufen? frug Anton neugierig.

Nein, Herr, antwortete Fink, das will ich nicht. Ich wrde es
vorziehen, vom frhen Morgen bis gegen Mittag zu reiten, ohne an einen
Grenzstein meines Landes zu stoen.

Sie wollen also wieder nach Amerika zurck?

Oder anderswohin, ich bin in Erdtheilen nicht whlerisch. Unterde lebe
ich in diesem Kloster als Mnch, wie Sie sehen, sagte Fink lachend und
go aus einer groen Flasche eine Menge Rum unter ein geringeres Ma
anderer Substanzen, rhrte das Getrnk um und trank zum geheimen
Schreck Antons die feurige Mischung behaglich hinunter. Frisch, Mann,
rief er, Anton die Flasche zuschiebend, macht Euren Trank zurecht, und
jetzt lat uns lustig plaudern, wie sich fr gute Gesellen und vershnte
Feinde schickt.

Seit diesem Abend behandelte Fink unsern Helden mit einer
Freundlichkeit, welche sehr verschieden war von dem nachlssigen Wesen,
das er den brigen Herren vom Geschft gnnte. In Kurzem wurde Anton der
Liebling des Mnchs in der Clausur, oft rief ihn Fink in sein Zimmer, ja
er verschmhte sogar nicht, drei Treppen hoch in das Heiligthum der
lederfarbenen Katze hinauf zu steigen, wenn er gerade gelaunt war, einen
Abend im Hause zu verleben. Allerdings war das nicht oft der Fall. Anton
merkte bald, da sein neuer Freund eine in der Stadt sehr bekannte und
vielbesprochene Person war, da er unter der eleganten Jugend mit einem
wahren Despotismus herrschte, und bei Herrenreiten, Jagdpartien und
anderen ntzlichen Thtigkeiten Anfhrer und vielbegehrte Autoritt war.
Er war jung, gewandt, von Adel, galt fr unermelich reich und besa
eine Meisterschaft in allen Dingen, die mit einem Pferdehuf, einem
Gewehrlauf und einem vergoldeten Theelffel irgend in Verbindung gedacht
werden knnen, und was ber Allem stand, er behandelte Jeden, der in
seine Nhe kam, mit der leichten Suffisance, welche von je bei dem
groen Haufen unselbststndiger Menschen als Zeichen von berlegener
Kraft gegolten hat. Fink war dehalb viel in Gesellschaft und kam oft
erst gegen Morgen nach Hause. Anton hrte ihn zuweilen ankommen, wenn er
bereits vor seinem Buche sa; er bewunderte die Lebenskraft seines
Freundes, der dann nach einer oder zwei Stunden Ruhe seinen Platz im
Comtoir einnahm und whrend des ganzen Vormittags keine Spur von
Mattigkeit zeigte. Gegen die strenge Ordnung des Hauses stach Fink auch
dadurch ab, da er sich die unerhrte Freiheit herausnahm, zuweilen eine
Stunde nach Erffnung des Comtoirs zu erscheinen und sich vor dem
Schlu zu entfernen. Anton konnte nicht errathen, ob sein Prinzipal
diese gelegentliche Selbststndigkeit fr ein groes oder fr ein
kleines Verbrechen hielt. Jedenfalls schwieg er dazu.

So verging der Winter, und Anton merkte an untrglichen Zeichen, da der
Frhling und der Sommer ber das Land daherzogen. Die Fuhrleute brachten
nicht mehr Schneeflocken in's Comtoir, sondern Regentropfen und braune
Futapfen, zuweilen wagte sich ein Mdchen mit Veilchenstruen in die
Nhe der unermdlichen Wanduhr, dann schien die Sonne Herrn Liebold
kriegslustig auf seine Fensterecke, dann kamen die Mkler und erzhlten
von der gelben Blthe der Oelfrucht drauen im Freien, und endlich
erschien Herr Braun und trug die erste Rose in der Hand. Ein Jahr war
vergangen, seit Anton mit den Schwnen ber den See gefahren war. Er
hatte das ganze Jahr hindurch an die Fahrt gedacht.




~VIII.~


Noch immer besa Veitel Itzig seine Schlafstube in der stillen
Caravanserei, wo er sich am Tage seiner Ankunft einquartiert hatte. Wenn
nach den Behauptungen der Polizei jeder Mensch irgendwo zu Hause sein
mu und nach der Ansicht aller verstndigen Frauen vorzugsweise da zu
Hause ist, wo sein Bett steht, so war Veitel merkwrdig wenig zu Hause.
So oft er aus dem Geschft des Herrn Ehrenthal entschlpfen konnte,
trieb er sich auf den Straen umher, sah lauersam auf jeden jungen
Herrn, welcher ihm geneigt schien, etwas zu kaufen oder zu verkaufen,
und wute aus der Haltung des Vorbergehenden genau zu erkennen, ob
derselbe fr die Reize eines kleinen Handels empfnglich sei oder nicht.
Stets hatte er einige Paradethaler in der Tasche, mit welchen er in
anmuthiger Nachlssigkeit so lockend zu klappern verstand, da nur ein
fhlloser Mensch gleichgltig gegen diese Zahlungsfhigkeit sein konnte.
Er wute mit einem einzigen schnellen Blick die geheimsten Fehler eines
Rockes oder einer Weste zu erkennen, er hatte fr seine Kunden eine
bezaubernde Flle von verbindlichen Redensarten, er sprach aus Grundsatz
zu keinem halbwchsigen Primaner anders, als: Wenn der gndige Herr mir
allergndigst erlauben, er verstand, was ewig fr das Hchste in diesem
Geschft gelten wird, seiner Unterthnigkeit einen scurrilen Anstrich zu
geben und war Meister darin, die allerabgeschmacktesten Bcklinge zu
machen. Er besa die Wissenschaft, altes Messing durch Katzensilber
blendend zu machen und altem Silber den allerhchsten Glanz zu geben; er
war stets bereit, abgelegte schwarze Fracke zu kaufen, -- was von allen
Eingeweihten als Symptom einer khnen und waghalsigen Natur betrachtet
wird, -- er wute das fasrige Tuch derselben durch einen eigenthmlichen
Brstenstrich mit einem Schein von Neuheit zu berziehen, der gerade
lange genug dauerte, um seine Kufer zu verblenden, welche er in armen
Schulmeistern, hoch aufgeschossenen Confirmanden und freigesprochenen
Lehrlingen zu finden bemht war. Mit jedem Gange, welchen er fr Herrn
Ehrenthal that, suchte er einen andern zu seinem eigenen Nutzen zu
verbinden und erwarb dadurch schnell eine Kundschaft, welche den Neid
graubrtiger Trdler erregte. Er beschrnkte sein Geschft aber nicht
auf gebrauchte Gegenstnde, obgleich er hierin seine ersten und
zahlreichsten Erfolge durchgesetzt hatte. Er wurde Agent von
Pferdehndlern, trat in Verbindung mit verschwiegenen Geldverleihern und
trieb solchen Ehrenmnnern Kunden zu; ja er lieh sein eigenes Geld aus
und hatte das ungewhnliche Zartgefhl, nie mehr als fnfzig vom Hundert
zu nehmen; er lieh aber nur auf kurze Fristen und nahm am Zahlungstermin
statt des baaren Geldes mit groer Bereitwilligkeit jede Art von
verkuflichen Dingen zu einer Taxe, welche er als Sachverstndiger am
besten selbst machte. Dabei hatte er die Tugend, nie zu ermden, er war
den ganzen Tag auf den Beinen, lief um wenige Groschen zehnmal denselben
Weg, freute sich wie ein Knig um einen eroberten Thaler, schttelte
jedes rauhe Wort -- und er mute oft welche hren -- ab, wie der Pudel
seine Schlge. Er gnnte sich selbst keine Stunde des Genusses, seine
einzige Erquickung war, an den Fingern die Geschfte abzhlen, welche er
gerade im Gange hatte, und seinen Gewinn berechnen. Es war merkwrdig,
wie wenig er brauchte, er a am Abend ein Stck Brod, welches er zu
Mittag aus Ehrenthals Kche in seine Tasche practicirt hatte; ein Glas
Dnnbier gnnte er sich im ersten Jahre nur einmal, und zwar an einem
heien Tage, wo er einem Gutsbesitzer behlflich gewesen war, einen
Wagen zu verkaufen, und durch eine Thtigkeit von zwei Stunden eben so
viel Thaler verdient hatte. Seine Kleider gewhrte ihm sein Geschft.
Sommer und Winter ging er dehalb in schwarzem Frack und den
entsprechenden Pantalons; ja er fand es ntzlich, ber einer schwarzen
Sammtweste eine vergoldete Kette zu tragen, und erschien stets als
Gentleman unter seines Gleichen, weil er mit Recht behauptete, jeder
Geschftsmann msse so auftreten, da sich kein Mensch zu schmen
brauche, mit ihm ein Geschft zu machen. Aus allen diesen Grnden geno
er schon nach Ablauf des ersten Jahres die Freude, seine sechs Ducaten
um das Dreiigfache vermehrt zu sehen.

Im Geschft des Herrn Ehrenthal war er schnell ein unentbehrliches
Mitglied geworden, seinem Scharfsinn entging keine Person, kein Pferd,
kein Getreidewagen; jedes Gesicht, das er einmal gesehen, erkannte er
wieder, jeden Tag wute er den Courszettel der Brse auswendig, als ob
er selbst vereideter Sensal gewesen wre. Noch bekleidete er die mehr
ntzliche als erhabene Stelle eines Laufburschen, noch putzte er
Bernhards Stiefeln und a vor der Kchenthr; aber es war ersichtlich,
da ihm ein Schreibepult und ein Lederstuhl in dem kleinen Comtoir,
welches Herr Ehrenthal der Form wegen hielt, nicht fehlen wrden. Dieser
Stuhl war das Ziel seiner Sehnsucht, es war fr ihn ein Sitz im
Paradiese. Denn noch war er nicht eingeweiht in die Tiefen des
Geschftes, noch wurde er weggeschickt, so oft irgend ein wichtiger
Kunde mit Herrn Ehrenthal verhandelte. Sehr bald sah er ein, da ihm
selbst noch Einiges fehle, um dies Glck zu verdienen; er gebrauchte die
deutsche Sprache mit vieler Fertigkeit, aber es war ein stlicher Hauch
darin, mehr Kehlkopf als hhere Grammatik; er schrieb wohl auch
Geschftsbriefe und Rechnungen, aber es war keine Gltte, kein Strich
dabei, die Buchstaben waren so zu sagen widerhaarig, und die Perioden
waren lchrig und geflickt; und was vollends die Geheimnisse der
Buchhaltung betraf, so war er darin wie ein unschuldiges Kind. Dieser
Mangel drckte ihn sehr.

In seiner Herberge war er unterde ein angesehener Mann geworden, selbst
Lbel Pinkus behandelte ihn mit ungewhnlicher Vertraulichkeit. Dies
schne Verhltni verdankte Veitel seinem Scharfblick. Jene Bretterwand
in der Gaststube und der hohle Klang des Holzes hatten ihn seit dem Tage
seines Einzugs beunruhigt, wochenlang hatte er auf eine Gelegenheit
gewartet, seine Untersuchungen fortzusetzen. Endlich an einem Sonnabend
schtzte er Unwohlsein vor und blieb zu Hause, als der Hauswirth und
seine Gste mit wrdigem Schritt nach der Synagoge zogen. Da endlich
glckte ihm, einen Ritz in der Hinterwand seines Schrankes zu erweitern
und etwas zu erblicken, was ihn auf's Hchste berraschte. Er sah in
eine groe, schmutzige Stube, welche ganz angefllt war mit Koffern und
Kisten und einem Chaos begehrenswerther Artikel. Herren- und
Damenkleider, Betten, Wsche, Stoffe, bunte Vorhnge lagen in groen
Haufen durcheinander, auch metallene Gerthe, ein Crucifix, Kelche,
Kronleuchter glnzten in dem Halbdunkel und noch andere lockende
Speculationen, welche auch sein scharfes Auge nicht erkennen konnte. Als
Aladdin den ersten Schritt in die Zauberhhle that, gerieth er
schwerlich in so groe Aufregung, als Junker Itzig bei seiner
Entdeckung. Er lief immer wieder zu dem Ritz zurck und starrte in das
staubige Dmmerlicht der geheimnivollen Niederlage, bis die Gste aus
der Synagoge nach Hause kamen. Er behielt die Entdeckung fr sich, aber
er lag seit dem Tage auf der Lauer, wie das Wiesel vor einem Mauseloch.
Einigemal hrte er bei Nacht Gerusch in der geheimnivollen Stube des
Nebenhauses; einmal gelang es ihm, ein Geflster zu vernehmen, bei
welchem die tiefe Stimme des wrdigen Pinkus unverkennbar war; einst,
als er spt nach Hause kam, sah er am Nachbarhause Fsser, Kisten und
Bndel in eine kleine Britschka laden, welche schamhaft mit weier
Leinwand verhllt war, eine Maregel, welche schon Sulamith im hohen
Liede Salomonis als ntzlich empfiehlt, damit man nicht von den Wchtern
des Knigs in den Weinbergen angehalten werde. In derselben Nacht
verschwanden zwei schweigsame Gste seines Herbergvaters, welche
offenbar aus Polen stammten, und kamen nicht wieder. Aus alledem zog er
den Schlu, da sein Wirth eine Art Commissions- und Speditionsgeschft
von allerlei merkwrdigen Waaren hielt, welche er aus guten Grnden
lieber am Abend, als bei Tage fortschaffte. -- Wie ein Licht ging es
unserm Veitel auf. Die Waaren gingen nach dem Osten, wurden ber die
Grenze geschmuggelt und verbreiteten sich bis tief in das russische
Reich, bis an die asiatische Grenze, wo zuletzt der strebsame Kirgise
die Hemden und Schnrrcke auftrgt, welche vom deutschen Schneider
genht sind. Alles nach dem Grundsatz, was in Deutschland defect wird,
fllt den Russen zu. Veitel benutzte seine Entdeckung mit der Migung
eines Geschftsmannes und machte seinem Hauswirth gerade nur so viel
Andeutungen, da Pinkus sich bewogen fhlte, ihn mit besonderer
Rcksicht zu behandeln.

Nach einem thatenreichen Tage schritt Veitel nachdenkend in seine
Herberge zurck und betrat mit dem blichen Gru die Gaststube. Er
setzte sich still in eine Ecke und suchte in seinen Gedanken nach einem
Schriftgelehrten, welcher geeignet war, ihn in die Geheimnisse eines
guten Styls und der Buchfhrung einzuweihen, gegen mglichst geringes
Honorar, ja vielleicht gegen einen schwarzen Frack, den er durchaus
nicht los werden konnte, weil die Sche desselben -- er hatte einem
riesigen Leichenbitter gehrt -- bis auf den Boden hingen, wie die Aeste
einer Trauerweide. Als Veitel nach fruchtlosem Ueberlegen aufsah,
erblickte er am Tische einen fremden Gast, welcher eine Feder in der
Hand hielt und diese zuweilen in ein Tintenfa tauchte; der Mann sprach
leise mit einem Hndler und beugte sich von Zeit zu Zeit auf das Papier,
wahrscheinlich um die Beschlsse der geheimen Unterhaltung zu verewigen.
Veitel sah sich den Schreiber ahnungsvoll an. Es war klar, da die
Grovter dieses Mannes nicht unter Moses durch das rothe Meer gezogen
waren. Der Herr war stark und klein, er hatte eine rthliche aufgeregte
Nase und ein rundes ltliches Gesicht, verworrenes Haar und eine alte
Stahlbrille, die er zuweilen an den Ohren festdrckte, weil es ihr trotz
ihrer langen Dienstzeit ganz unmglich war, auf der Stumpfnase Schlu zu
gewinnen. Veitel bemerkte, da dieser Mann mit der Brille einen
ungewhnlich schlechten Rock anhatte und zuweilen aus einer Zinndose
schnupfte, wobei er jedesmal den Hndler mit einem eigenthmlichen
Schielblick ansah, mit einer Art von inquisitorischem Blinzeln, welches
seinem Gesicht einen gutmthigen Ausdruck geben sollte, dies aber nicht
that. Offenbar war der Mann ein Schriftgelehrter, und Veitel beschlo,
abzuwarten, ob er an ihn kommen knne. Endlich war die Verhandlung
geschlossen, der Hndler empfing ein Papier und legte dafr ein
Geldstck, vor Veitels Adleraugen ein Achtgroschenstck, auf den Tisch,
welches von dem Herrn mit der Brille nachlssig in die Tasche des
Beinkleides versenkt wurde. Der Hndler entfernte sich, der Fremde
blieb, wie es schien, in gemthlicher Stimmung sitzen und go sich aus
einer kleinen Flasche Branntwein den letzten Rest in das Glas. Veitel
trat auf ihn zu, der kleine Herr blickte mitrauisch auf, aber als er
die verbindliche Stellung Veitels sah, fuhr ein vertrauliches Lcheln
ber sein rothes Gesicht, und eine scharfe Stimme sprach: Nur nher,
mein junger Freund, Sie wollen mich consultiren, ich stehe zu Diensten.

Veitel begann zgernd: Wenn der Herr bekannt ist am Orte, so wollte ich
ihn wohl ersuchen um etwas.

Immer heraus, mein Sohn, ermunterte der Andere, indem er sein Glas
austrank und Veitel mit seinem gutmthigen Blick ansah.

Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht Jemand wten, der gegen eine
billige Vergtung einem Manne von meiner Bekanntschaft Unterricht geben
wrde im Schreiben und in den Aufstzen, wie man sie braucht zum
Geschft.

So? frug der schbige Herr, wie man sie braucht zum Geschft? -- und
dieser Mann von Ihrer Bekanntschaft sind Sie selbst, mein Sohn?

Was soll ich daraus machen ein Geheimni? antwortete Veitel
aufrichtig, ja, ich bin es selbst; aber ich bin noch ein Anfnger und
bin nicht im Stande, mehr zu geben als wenig.

Wer wenig giebt, erhlt wenig, mein Lieber -- wie war doch der Name?
frug der Alte gleichgltig dazwischen und drehte die Dose.

Veitel Itzig heie ich.

Also lieber Itzig, fuhr der Alte fort, guter Unterricht kostet gutes
Geld. Und was treiben Sie fr ein Geschft? forschte er mit vterlicher
Miene weiter.

Ich bin im Comtoir bei Hirsch Ehrenthal, erklrte Veitel mit
Selbstgefhl.

Der Fremde wurde aufmerksam. Herr Ehrenthal ist ein reicher Mann, ein
kluger Mann, ich habe seiner Zeit viel mit ihm zu thun gehabt, er hat
eine schne Gesetzkenntni. Wenn Sie den Geschftsstyl erlernen wollen
und bei Herrn Ehrenthal sind, fuhr er berlegend fort, vielleicht kann
da Rath werden. Welches Honorar wrden Sie zahlen, wenn sich Jemand
fnde?

Veitel fand es gewissenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurckhaltend:
Ich wei doch noch nicht, was er fordern wird fr solchen Unterricht.

So will ich's Euch gerade heraussagen, erklrte der Herr mit der
Brille. Ich selbst knnte Euch vielleicht den Unterricht geben,
vielleicht auch nicht; man giebt solche Anweisung nicht Jedem, ich mte
mich erst nher nach Euch erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen
thue, so will ich Euch den Unterricht ertheilen in Erwgung, da Ihr ein
Anfnger seid, in Erwgung, da Ihr arm seid, und in Erwgung, da ich
jetzt gerade einige freie Zeit habe und aufgelegt bin, mehr Theorie als
Praxis zu treiben, wenn Ihr mir funfzig Thaler zahlt; fnfundzwanzig
Thaler vor der ersten Lection und fnfundzwanzig Thaler in einem
Schuldschein, den ich selbst Euch schreiben werde, binnen vier Wochen.

Funfzig Thaler! rief Veitel entsetzt und sank wie vom Schlag gerhrt
auf einen Schemel, funfzig Thaler! wiederholten mechanisch seine
Lippen, als das Rderwerk seines Geistes bereits in's Stocken gerathen
war.

Ist Euch das zu viel, frug der Herr mit der Brille in scharfem Ton,
so lat Euch sagen, junger Itzig: Erstens, da ich mit keinem
Gelbschnabel handle, zweitens, da ich meine Hlfe Andern noch nie so
billig gegnnt habe, und drittens, da ich mich den Teufel mit Euch
befassen wrde, wenn ich nicht groe Lust htte, einige Wochen in dieser
Stube zu verweilen.

Funfzig Thalerstcke! rief Itzig auer sich, ich habe geglaubt, es
wrde nicht kosten mehr als zwei, drei Thaler, wenn ich noch vielleicht
wollte zugeben eine Weste und ein Paar gute Stiefeln. Der alte Herr
fuhr heftig nach seiner Brille -- und einen Hut, der noch ist wie neu,
fgte Veitel schnell hinzu, weil er einen Sturm herannahen sah und
bemerkt hatte, da der Hut auf dem Tische sehr schadhaft war.

Scher' dich zum Henker, du Dummkopf, fuhr ihn der Alte mit einer
Ueberlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herren mit groen
dnischen Doggen zu ertragen gewohnt war. Suche dir einen Schulmeister
bei der Armenschule.

So ist der Herr kein Schreiber? frug Itzig gedrckt, aber beharrlich.

Nein, du Narr, brummte der Alte. Wie konnte ich denken, da der
Ehrenthal in seinem Geschft einen solchen Strohkopf hat, fgte er in
lautem Monologe hinzu. Er hlt mich fr einen Schreiblehrer.

Was sind Sie denn sonst? frug Itzig gekrnkt.

Etwas, das dich nichts angeht, sprach der fremde Herr entschieden,
stand mit einem durchbohrenden Blick auf den armen Veitel von seinem
Platz auf und begab sich auf den Sller des Hauses. Dort drckte er sich
in eine Ecke, wo er aussah wie ein Kleiderbndel, zog ein Actenstck aus
der groen Rocktasche und las eifrig darin.

Veitel stand noch einen Augenblick verdutzt in dem einsamen Zimmer und
fate endlich den Entschlu, sich bei Pinkus Auskunft ber den fremden
Mann zu holen. Er trat unter einem Vorwande in den Branntweinladen und
frug den Wirth mit mglichster Unbefangenheit nach Namen und Geschft
des kleinen Herrn.

Ihr kennt ihn nicht? sprach Pinkus mit ironischem Lcheln, von dem
Veitel nicht recht wute, ob es ihm oder dem Fremden galt. Nehmt Euch
in Acht, da Ihr diesen Mann nicht mit Schaden kennen lernt. Nach dem
Namen fragt ihn selbst, er wird ihn besser wissen als ich.

Wenn Sie mir auch kein Vertrauen schenken, so will ich es doch haben zu
Ihnen, antwortete Veitel und erzhlte ihm seine Unterredung mit dem
Fremden.

Also er hat Euch Unterricht geben wollen? sagte Pinkus erstaunt und
schttelte seinen dicken Kopf. Funfzig Thaler sind viel Geld, aber
mancher reiche Mann wrde geben hundertmal so viel, wenn er wte, was
der wei, das will ich Euch sagen. Uebrigens geht's mich nichts an, ob
Ihr was lernt und bei wem, schlo Pinkus grob und ging zu seinen
Liqueurflaschen.

Veitel ging noch verwirrter hinauf, als er herunter gekommen war, und
setzte sich wieder grbelnd in seine Ecke, indem er nachdachte, wie man
fr eine so gewhnliche Sache, als der Geschftsstyl ist, so
ungewhnliches Geld fordern knne. Unterde war der Wirth
heraufgekommen, hatte das Licht auf den Tisch gesetzt und eine einfache
Abendkost fr den Fremden mitgebracht. Ganz gegen seine Natur war er
diesem gegenber von groer Leutseligkeit, lie sich von ihm auf den
Altan fhren und hatte dort im Finstern eine kurze Unterredung, deren
Gegenstand, wie Veitel merkte, seine Person war.

Als Pinkus mit dem Fremden wieder in die Stube trat, sagte er zu Veitel:
Dieser Herr wird einige Wochen hier wohnen und will nicht, da man
darber spricht. Ihr werdet gegen Niemanden sagen, da er hier ist, wer
Euch auch deswegen ausfragen mag.

Wei ich doch gar nicht, wer der Herr ist, sprach Veitel, wie kann
ich Jemandem sagen, da er hier wohnt?

Sie knnen sich auf den jungen Menschen verlassen, bemerkte Pinkus
gegen den Fremden, worauf dieser gleichgltig mit dem Kopfe nickte. Der
Wirth lie diesmal das Licht brennend in der Stube zurck und schied mit
einem Nachtgru. Der Herr setzte sich behaglich nieder, a mit
unangenehmem Schmatzen die Abendkost und sah dabei von Zeit zu Zeit auf
Veitel, ungefhr wie ein alter Rabe auf das gelbe Kchlein sieht,
welches sich mit dem Leichtsinn der Jugend in seine Nhe gewagt hat.

Whrend der Alte zwinkernd auf seine Beute sah, fuhr dem jungen Itzig
pltzlich der Gedanke durch den Kopf, diese geheimnivolle Person mit
den ungeheuren Forderungen ist vielleicht einer von den Auserwhlten,
ein Besitzer der Recepte, durch welche ein armer Handelsmann unfehlbar
Glck, Gold und alle Gter der Erde erwerben kann. Ihm wurde glhend
hei bei dem Gedanken. Zwar sah der Fremde durchaus nicht reich und
glcklich aus, aber war es nicht mglich, da er den alten Rock nur
incognito trug, oder da er bermig geizig war, oder da er selbst aus
irgend einem Grunde von den Recepten keinen Gebrauch machen durfte?
Vielleicht waren die funfzig Thaler der Preis fr das Geheimni. Veitel
hatte jetzt Weltbildung genug, um einzusehen, da weder durch eine
Salbe, noch durch einen Zauberstein solche Wirkungen hervorgebracht
werden, sondern da Wissenschaft dazu nthig sei. Er merkte, da es
darauf ankomme, schlauer zu sein als andere Leute, und da solche
Schlauheit auch fr den Inhaber nicht ohne Bedenken sei; ja es kam ihm
allerdings so vor, als ob man durch die Benutzung derselben in Gefahr
gerathe, sich dem Satan zu verschreiben. Aber seine Begier, etwas
Nheres zu erfahren, war bermchtig. Seine Hnde zitterten wie im
Fieber, und sein bleiches Gesicht glhte, als er aus seiner Ecke wieder
zu dem Fremden trat und mit groem Eifer sagte: Ich wollte mir noch
erlauben eine Frage zu thun an den Herrn. Ich habe gehrt, da man kann
lernen die Kunst, wodurch man Glck hat in allen Geschften, womit man
kann machen jede Art von Kauf und Verkauf zu dem besten Preise. Wenn es
giebt eine solche Kunst, wie mich hat versichert einer von unsern
Leuten, so wollte ich den Herrn nur fragen, ob das dieselbe Wissenschaft
ist, die der Herr mich knnte lehren, wenn er wollte.

Der Alte schob den Teller von sich und sah mit auerordentlichem
Augenzwinkern auf den Burschen. Du bist der merkwrdigste Mensch, der
mir ~in praxi~ vorgekommen. Du bist entweder sehr dumm, oder der
abgefeimteste Schauspieler, den ich je gesehen habe.

Nein, ich bin nur dumm, aber ich mchte werden klug, sagte Veitel
Itzig.

Ein merkwrdiger Kerl, bemerkte der alte Herr rcksichtslos und rckte
an seiner Brille, um Veitel genau anzusehen, dem bei dem kalten Glanz
der Brillenglser sehr unheimlich wurde. Nach langer Prfung sprach der
Alte, indem er eine Gnnermiene annahm: Was du Kunst nennst, mein Sohn,
ist weiter nichts, als die Gesetzkenntni und die Weisheit, das Gesetz
zum eignen Vortheil zu benutzen. Wer das versteht, der wird auf Erden
ein groer Mann; es hindert ihn nichts daran, denn er kann nicht
gehangen werden. Bei diesen Worten lachte der Alte in einer Weise, die
selbst unserm Veitel einen bnglichen Eindruck machte, obgleich dieser
auf die mechanischen Bewegungen der Gesichtsmuskeln sonst nicht viel
gab.

Diese Kunst, mit den Gesetzen umzugehen, fuhr der kleine Herr fort,
ist nicht leicht zu lernen, mein Sohn, es gehrt lange Uebung dazu und
ein anschlgiger Kopf und Entschlossenheit im richtigen Augenblick und
vor Allem das, was die Gelehrten Charakter nennen. Dabei lchelte er
wieder.

Veitel merkte, da er bei einem wichtigen Punkt seines Lebens angelangt
sei, er fuhr mit der Hand in die Jacke nach seiner alten Brieftasche und
hielt sie einen Augenblick in der bebenden Hand. Was in diesem Moment
durch seine arme Seele fuhr, -- und es war nur ein Moment -- das waren
wilde und schmerzhafte Empfindungen. Schnell wie Blitze zuckten sie
durcheinander. Er dachte in diesem Augenblick an seine alte Mutter in
Ostrau, ein ehrliches Weib, wie sie ihre goldene Kette verkauft hatte,
um ihm die sechs Ducaten in die Ledertasche zu nhen; er sah sie vor
sich, wie sie ihn beim Abschiede mit Thrnen gebenscht hatte und zu ihm
gesagt: Veitel, es ist eine arge Welt, verdiene dir ehrlich dein Brod,
Veitel! -- Er sah seinen grauen Vater vor sich auf dem Todtenbett
liegen, wie ihm der weie Bart herunterhing ber den magern Leib -- und
tief holte er Athem. Auch an die funfzig Thaler dachte er, wie viel Mhe
es ihm gekostet hatte, sie im Schacher zu erwerben, wie oft er darum
gelaufen war, wie oft man ihn geschmht, ja als Ueberlstigen mit
Schlgen bedroht hatte. Als ihm der letzte Gedanke durch die Seele flog,
ri er heftig die Brieftasche aus der Jacke, warf sie auf den Tisch,
setzte die geballte Faust darauf und rief mit blitzenden Augen: Hier
ist Geld! -- und whrend er das aussprach, fieberhaft erregt, in
leidenschaftlicher Hast, selbst in diesem Augenblick, fhlte er
deutlich, da er daran sei, etwas Bses zu thun, und er fhlte, wie eine
Last sich unsichtbar auf seine Brust senkte. Aber er war entschlossen.
Schwerlich hatten die jungen Herren, welche den zudringlichen
Judenknaben die Treppe herunterwiesen, daran gedacht, da ihre hhnenden
Worte in der armen verwilderten Menschenseele einen Dmon erwecken
wrden, der ihnen selbst in sptern Jahren Elend und Verderben
heraufbeschwren sollte.

Nach einigen Stunden war das Licht tief herabgebrannt und bei dem rothen
Schein sa in dem wsten Raume noch immer Veitel mit offenem Munde,
glnzenden Augen und gertheten Wangen dem Vortrage des alten Mannes
lauschend. Und der Alte sprach doch ber Dinge, von denen zu hren den
meisten Sterblichen sehr langweilig ist, ber gewhnliche
Schuldverschreibungen.

Das Licht war verloschen, der kleine Herr hatte die neugefllte
Branntweinflasche geleert und war ermdet vom langen Sprechen auf seinem
Strohsack eingeschlafen, und noch immer sa Veitel auf dem Schemel.
Heute dachte er nicht an seine Kunden, nicht an sein gezahltes Geld,
sondern er schrieb Schuldscheine an die schwarzen Wnde, in denen sich
der Aussteller mit vielen Worten zu so wenig als mglich verpflichtete,
und schrieb Empfangscheine ber geliehenes Geld, in denen er durch
unscheinbare Zustze die Rckzahlung der Summe von seinem Belieben
abhngig machte. So sa er lange in bleischwarzer Finsterni, und groe
Schweitropfen rannen von seinen Schlfen. Dann ffnete er die Thr zur
hlzernen Galerie, lehnte sich auf das Gelnder und sah durch das
Dmmerlicht hinunter in das Wasser, welches wie ein riesiger Strom von
Tinte vorbeifluthete. Und wieder schrieb er Schuldscheine in die
schwarzen Schatten der gegenberliegenden Huser und schrieb Quittungen
auf die dunkle Wasserflche, bis sein mder Leib erschpft
zusammenbrach und er in einer Ecke einschlief, das heie Haupt an die
Holzwand gelehnt. In kaltem Zuge fuhr der Nachtwind ber das Wasser und
unten gurgelte die Fluth klagend an den Holzpfhlen und Vorsprngen der
alten Huser. Was er in die Schatten gezeichnet, das verrckte sich, und
was er auf das Wasser geschrieben, das zerrann, und doch hatte seine
Seele einen Schuldschein ausgestellt in dieser Nacht, der einst von ihm
eingefordert werden sollte mit Zins und Zinseszins. Der Wind heulte, und
der Sturm klagte, wilde Mahner an die Schuld, rchende Boten des
Gerichts.

       *       *       *       *       *

Seit dieser Nacht eilte Veitel alle Abende mit schnellem Schritt nach
seiner Herberge, der Unterricht im Geschftsstyl wurde regelmig
fortgesetzt. Der Herr mit der Brille war ein grndlicher Lehrer, die
tiefsten Geheimnisse des Wechselrechts und der Hypothekenordnung waren
ihm offenbar, er kannte jeden Schlupfwinkel, welchen das Gesetz dem
gewandten Mann offen lt, er war mit jedem Schleichwege vertraut, auf
welchem man eine gesetzliche Verpflichtung umgehen kann. Seine Methode
des Unterrichts war vortrefflich. Er ging bei allen auszustellenden
Urkunden und bei jeder geschftlichen Verpflichtung von der gewhnlichen
Form aus, lehrte seinen Schler die betreffenden Gesetze kennen und
machte seine Lehre durch Beispiele deutlich und angenehm. Dann erst gab
er bei jedem Gesetz, bei jedem einzelnen Fall, die kleinen Hlfsmittel
an, durch welche man gegenber der Verpflichtung einen freien Standpunkt
gewinnen konnte. Jeden Abend nahm Veitel einige kostbare Recepte in
seine Brieftasche auf, Formulare zu Documenten, welche zu nichts
verpflichteten, und wieder solche, welche zu weit mehr verpflichteten,
als sie den Anschein hatten. Zuweilen schrieb der Alte selbst ein
solches Kunstwerk vor, und lie es den Schler abschreiben, worauf er
seine eigene Handschrift sorgfltig am Licht verbrannte. Wenn fremde
Gste in der Herberge waren, zogen sich Lehrer und Schler in eine Ecke
zurck und verhandelten in einem Flsterton, welcher von den Anwesenden
mit vieler Achtung angehrt wurde, denn Veitel pflegte dann zu erklren,
da er von dem Herrn Unterricht in der Buchfhrung und andern ntzlichen
Dingen erhalte.

Was Veitel nach und nach ber die Person seines Lehrers erfuhr, Namen
und Schicksal, sei hier in Krze berichtet. Herr Hippus hatte bessere
Tage gesehen. Er war einst ein vielgesuchter Rechtsanwalt der Hauptstadt
gewesen, der es durchgesetzt hatte, in wenig Jahren eine ausgebreitete
Praxis zu erwerben. Bei dem Geschfte treibenden Publicum einer groen
Stadt erhlt jeder Advocat sehr bald einen bestimmten Ruf, einen Ruf,
welcher eben so unsicher sein mag, als der Ruhm einer Sngerin oder
Tnzerin, der aber auch durch eine groe Classe von Menschen als
anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieser Classe galt
Herr Hippus fr sehr gewandt und zuvorkommend im Verkehr mit den
Parteien und fr den entschiedensten und khnsten Mann, um ein miliches
Recht in ein gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er so wenig, wie
der gewissenhafteste Staatsanwalt, den Trieb, seine Carriere dadurch zu
machen, da er Unrecht in Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches
Gefhl von Unsicherheit, wenn er eine Partei vertrat, deren Sache er fr
schlecht hielt, er war von den ehrenwerthesten seiner Collegen nur sehr
wenig verschieden, er hatte einige kleine Scrupel weniger und trank
etwas zu gern guten Rothwein. Diese letzte so lbliche Eigenschaft wurde
bald eine Schwche. Er war ein Mann, der mit Geschmack zu frhstcken
wute, ein Herr von kaustischem Witz und ein vortrefflicher
Gesellschafter bei der Tafel. Er hatte einen subtilen Geist, freute sich
ber geistreiche Paradoxien und liebte es die Haare zu spalten, die er
seinen Gegnern ausri. Mit Hlfe des Rothweins erlangte er die
Fertigkeit, viel Geld auszugeben, und gerieth in die Lage, viel
einnehmen zu mssen. Die eitle Freude an Spitzfindigkeiten verlockte
ihn einigemal, die ganze Energie seines glnzenden Geistes einer
schlechten Sache dienstbar zu machen und diese zum Siege zu fhren. So
erlebte er den Fluch, der hufig Advocaten trifft, welche Glck in
verzweifelten Processen gehabt haben, es liefen ihm Alle zu, welche eine
schlechte Sache zu vertheidigen hatten. Lange Zeit rgerte er sich
darber, und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um diese
Spitzbubenpraxis, wie er selbst sie nannte, los zu werden; allmlig,
ganz allmlig wurde er durch die schlechten Sachen, an denen er sein
nicht gemeines Talent geltend zu machen suchte, selbst schlecht. Immer
grer wurden seine Bedrfnisse, immer lockender die Verfhrung, immer
kleiner sein Gewissen. So war er schon lange von innen ausgehhlt und
mit Giftstaub gefllt, wie ein Bovist, von auen sah er noch stattlich
und glnzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, da er mit der grten
Praxis in der Stadt als einer der reichsten Mnner seine Laufbahn
beschlieen werde. Da begegnete ihm, dem Schlauen, dem Gesetzkundigen
das Unglck, da er in eine Untersuchung gerieth, weil er bei einer
Sache, welche nur durch verzweifelte Mittel zu halten war, dem Gesetz
eine Ble gegeben hatte. Er wurde verurtheilt, mit Schimpf cassirt und
verschwand als ein gefallener Stern aus dem Kreise seiner Amtsgenossen.
Was er noch von Bedenken und Rcksichten gehabt hatte, ging seit der
Zeit mit reiender Schnelligkeit verloren. Er hatte in Wirklichkeit
wenig Vermgen gesammelt, fast nur schlechte Ansprche an den Besitz
Anderer, verzweifelte Schuldverschreibungen und hoffnungslose Documente,
deren Erwerb ihm allerdings sehr wenig gekostet hatte. Die Beitreibung
derselben machte er jetzt zur Aufgabe seines Lebens, denn noch immer
hatte er das Bedrfni, viel auszugeben. Dehalb war er durch mehrere
Jahre als ewiger Klger und Quereler eine den Gerichtshfen wohlbekannte
Person. Was er durch Prozessiren erwarb, vergeudete er mit roher
Sinnlichkeit in schlechter Gesellschaft, er wurde ein Trunkenbold, ein
lderlicher Schlemmer. Aber auch diese unsicheren Einnahmen hrten
endlich auf, sein Name verschwand allmlig aus den Prozeacten, und
seine Person ward auch in den Restaurationen untergeordneten Ranges
nicht mehr gesehen. Aber seine Thtigkeit hrte nicht auf. Er sank zum
Besucher von Branntweinstuben und zum Winkelconsulenten herab, der
andere Leute zu Prozessen aufstachelte und Schwindlern und Gaunern gute
Rathschlge ertheilte. In dieser stillen Thtigkeit verlebte er einige
Jahre und stiftete so viel Unheil, als nthig war, um seinen Grimm gegen
nicht gefallene irdische Gren und seinen Durst, der sehr gemeiner
Natur wurde, zu befriedigen. Leider glckte ihm noch nicht, ganz aus dem
Auge des Gesetzes zu verschwinden. Gerade jetzt wurde ihm wegen
unbefugter Praxis nachgestellt, und er fand fr nthig, unter dem
Vorwand einer lngeren Reise auf einige Zeit unsichtbar zu werden.
Dehalb hatte er sich bei Herrn Pinkus, dessen Kunde und Rechtsbeistand
er zuweilen gewesen war, einquartiert und so Mue gewonnen, den jungen
Itzig seine Receptirkunst zu lehren.

Uebrigens verfuhr Herr Hippus nicht ohne Vorsicht. So oft er seinem
Schler irgend eine Schurkerei beibrachte, welche wie eine Arabeske an
die gewhnliche gerade Linie des Geschftsstyls angehngt wurde,
verfehlte er nie mit einem hlichen Lcheln zu bemerken: Dies Alles
sage ich dir nur, damit du dich in Acht nimmst. Diese Phrase wurde
stehend und eine anmuthige Quelle der Heiterkeit fr Lehrer und Schler,
auch nachdem Veitel einen ungewhnlichen Scharfsinn gezeigt hatte und
alle Erfordernisse des Charakters, welche fr einen Apostel dieser
Geheimlehre nthig waren.

Der Unterricht wurde fr den alten Mann sehr bald ein Bedrfni des
Herzens. Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter
Mensch geworden, an dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wre,
aber die schwarze Schlacke, welche er statt eines warmbltigen
Menschenherzens in der Brust trug, war doch noch nicht ganz ausgeglht;
er hatte sehr das Bedrfni, zu hassen, aber eben so sehr das
Bedrfni, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt
Gelegenheit, sein Wissen in lngerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen
und einem andern Menschen eine Art von Verehrung einzuflen. Einst war
er ein gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebude seines
Wissens war bei dem wsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug
vorhanden, was dem jungen Wilden imponiren konnte; und mit einer
melancholischen Freude, dem edelsten Gefhl, das der verworfene Mann
seit Jahren gehabt hatte, ffnete er vor dem Jnglinge die verschtteten
Thren seines Geistes. Die Aufmerksamkeit Veitels schmeichelte ihm sehr,
er fing an, ihn fr sein Geschpf zu halten, und fate allmlig eine
Zuneigung zu dem Judenknaben, ber die er selbst cynische Witze machte.
Und doch war sie ein Schatz fr den Elenden. Denn die Gte der
menschlichen Natur ist unzerstrbar, und die grte Corruption eines
Menschen vermag nicht Alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine
Lebenskraft die Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln
kann, aber der Fluch einer verderbten Seele ist, da auch ein gutes
menschliches Empfinden sich ihr zu Unheil und Snde verkehrt.

Schnell wurde dem alten Mann sein Schler wichtiger, als irgend eine
andere Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in
welcher der geschftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm,
da er von seiner Abendkost und seinem Branntwein einige Reste fr
Veitel brig lie, und wenn das Judenkind bei dem trben Lichte vor ihm
sa und mit groem Appetit das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der
Alte ihn schweigend ansehen und sich darber freuen. Und einst als
Veitel sich bei rauher Witterung verkltet hatte und fiebernd unter
dnner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das Unglaubliche,
da der Alte ein Federbett, welches er als privilegirte Person durch den
Wirth erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und ber den
Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das
alte Geschpf wieder.

Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten
aufstiegen, denn er bezeigte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgend ein
Schler gegen seinen berhmten Lehrer gefhlt hat. Er erbot sich, ihm
eine neue Garderobe zum Einkaufspreise zu besorgen, und handelte
stierkpfig um einen passenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann so
billig als mglich verschaffen wollte; er war stets zu der Verschwendung
bereit, die Branntweinflasche zu fllen, weil er wute, da dies die
Schwche seines wrdigen Lehrers war; er machte ihn zum Vertrauten
seiner kleinen Geschfte, ja er brachte ihm zuweilen am Abend Geschenke
mit und lief nach einem glcklichen Geschftstage sogar in einen
Fleischladen, um fr Herrn Hippus eine verhate Zungenwurst einzukaufen.
Allerdings war auch diese Herzensfreundschaft nicht ohne kleine
Stacheln. Der Alte konnte es nicht lassen, seine gallige Laune an dem
Schler zu ben, und Itzig nannte den Alten, wenn dieser dem Branntwein
zu viel einrumte, mit hchst unzierlichen Namen, welche bewiesen, da
das Gefhl der Hochachtung in ihm nicht unerschtterlich war. Im Ganzen
aber stimmten die beiden Ehrenmnner doch vortrefflich zusammen und
wurden einander unentbehrlich.

Veitel lernte in den Monaten, welche der Alte in seinem Versteck
zubrachte, auch noch Anderes als schlechte Handwerkskniffe; er lernte
das Deutsche richtiger sprechen und schreiben; ja er las zuweilen in den
Bchern, welche er fr Hippus aus einer kleinen Leihbibliothek holen
mute, er las mit Vergngen Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die
Eroberung Amerikas und andere aufregende Unternehmungen, an welche seine
Phantasie allerlei Geschfte knpfen konnte. Durch seinen Lehrer erhielt
er viele Aufschlsse ber das Leben der Menschen und Vlker, auch ber
den Staat, in dem er selbst existirte und von dem er bis dahin sehr
wenig gewut hatte. So machte er in wenigen Monaten Vernderungen durch,
welche dem Blick des Herrn Ehrenthal nicht entgingen.

Dieser bemerkte nach und nach, da Veitel weniger grotesk aussah, da
er richtiger sprach und schrieb, und vor Allem, da er in Geschften
unwillkrlich eine Sicherheit und juristische Kenntni entwickelte, die
an einem Lehrling seiner Art sehr ungewhnlich waren. Herr Ehrenthal
besprach diese Vernderung in seiner Familie ungefhr so, wie ein
Landwirth das viel versprechende Aussehen eines Zuchtstiers lobt, und
kndigte am Ende des Vierteljahrs dem Burschen freiwillig an, da das
Stiefelputzen und das Essen vor der Thr aufhren solle, und da er
bereit sei, ihm einen Platz im Geschftslocal und auer dem Kostgelde
einen kleinen Gehalt zu bewilligen.

Veitel empfing die Ankndigung, auf die er so lange gewartet hatte, mit
groer Selbstbeherrschung, er dankte demthig und versprach alles
Mgliche fr die Gegenwart und Zukunft: Noch eine Bitte habe ich an den
Herrn, eine groe Bitte, die Sie nicht ungnstig aufnehmen mchten. Wenn
ich die Ehre haben knnte, einmal in der Woche am Tisch des Herrn
Ehrenthal zu essen. Da Sie mir so viele Gte erweisen, so haben Sie auch
diese Rcksicht auf mich, damit ich kann sehen in guter Gesellschaft,
wie man sich benimmt, wenn man it mit vornehmen Leuten. Sie knnen
mir's abrechnen von meinem Kostgeld, das Sie mir geben wollen.

Ehrenthal schttelte den Kopf und sagte erstaunt ber dies Verlangen:
Zuerst mu ich sprechen mit meiner Frau, ob's ihr wird recht sein, da
du dich bildest in meinem Hause. Du kannst warten, bis ich gesprochen
habe. Er ging zu seiner Frau und trug ihr Veitels Wunsch vor, mit einem
khlen Wesen, welches andeuten sollte, da ihm als einem Mann von Welt
die Forderung ungehrig erscheine. Im Innern freilich wnschte er, da
Itzigs Wunsch zu gewhren sei, denn er hielt es fr wichtig, den
anstelligen Mann seinem Geschft zu erhalten. Aber er wagte nicht seiner
Hausfrau gegenber diesen Wunsch zu uern, denn Madame Ehrenthal hatte
noch viel mehr Welt und Bildung, als er selbst, und war ihm in allen
Dingen, welche vornehmes Wesen betrafen, eine groe Autoritt. Sie war
die Tochter eines groen Schnittwaarengeschftes aus der Residenz und
hatte Geschmack fr das Neueste und einen sehr energischen Willen in
Theetrinken, Stutzuhren, Mbelstoffen und anderen Eigenschaften, durch
welche sich ein gebildeter Mensch von einem ungebildeten unterscheidet.
Wider Erwarten nahm Madame Ehrenthal Veitels Wunsch ohne Ueberraschung
auf. Diese Ueberraschung wre auch unnatrlich gewesen, da Veitel durch
wahrhaft unmigen Diensteifer, durch Verschwiegenheit in einzelnen
kleinen Fllen und durch die grte Hflichkeit das Wohlwollen der
vornehmen Dame zu erwerben gewut hatte: Wenn der junge Mann sich
bilden will in unserer Familie, so kann er keinen bessern Ort finden. Da
er brauchbar ist im Geschft, wie du sagst, so wird es dir von Nutzen
sein, wenn er auch zu essen und zu reden wei mit den Leuten.

Nach dieser Entscheidung wurde Veitel am nchsten Sonntage, dem Tage
einer gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erscheinen. Und
als er zu dem gedeckten Tische trat, angethan mit dem besten unter den
sechs Leibrcken, welche er auf seinem Lager hatte, einen neuen weien
Hut in der Hand und ein baumwollenes Hemd mit stehendem Kragen unter der
ausgeschnittenen Weste, da wurde er von Herrn Ehrenthal mit den wrdigen
Worten eingefhrt: Der junge Itzig ist aufgenommen in mein Geschft als
Buchhalter. Es ist nicht mehr anstndig fr ihn, in der Wirthschaft zu
helfen, und es wird jetzt anstndig sein, da wir ihn als einen
gebildeten Menschen behandeln. Sie knnen Platz nehmen dort unten am
Tisch, lieber Itzig.




~IX.~


An einem warmen Sommerabend sprach Fink nach dem Schlu des Comtoirs zu
Anton: Wollen Sie mich heut begleiten? Ich will auf dem Flu ein Boot
probiren, das ich hier habe bauen lassen. Anton war bereit. Die
Jnglinge sprangen in einen Wagen und fuhren an den Flu oberhalb der
Stadt, wo eine Colonie von Schiffern und Fischern in rmlichen Htten
wohnte. Fink wies auf ein rundes Fahrzeug, welches auf dem Wasser
schwamm, wie eine groe Krbisschale, und sagte melancholisch: Da liegt
das Gef, es ist ein Scheusal! Ich selbst habe dem Kahnbauer das Modell
geschnitzt, denn ein Kielboot bauen, ist hier zu Lande etwas Unerhrtes;
ich habe dem Strohkopf alle Verhltnisse angegeben, und er hat ein
solches Mvenei zur Welt gebracht.

Es ist sehr klein, erwiederte Anton mit trben Ahnungen.

Ich sage Euch, rief Fink strafend dem Kahnbauer zu, welcher herantrat
und respectvoll die Mtze abnahm, da unsere Seelen auf Euer Gewissen
kommen, wir werden in dem Dinge da unfehlbar ertrinken, und Euer Mangel
an Witz wird Schuld sein.

Herr, sagte der Kahnbauer kopfschttelnd, ich habe das Boot ganz nach
Ihrer Anweisung gemacht.

Den Teufel habt Ihr, schalt Fink, zur Strafe sollt Ihr mitfahren. Ihr
werdet einsehen, da es billig ist, wenn Ihr mit uns ertrinkt.

Nein, das thue ich nicht, lieber Herr, antwortete der Mann
entschieden, bei dem Winde will ich's nicht wagen.

So bleibt am Lande und kocht Euren Kindern Brei von Hobelspnen. Gebt
Mast und Segel her. Fink setzte den kleinen Mast ein, sah nach, ob die
Schoten der Segel glatt durch die Lcher liefen und ob das Geitau anzog.
Smmtliche nautische Erfindungen erwiesen sich als befriedigend. Dann
hob er Mast und Segel wieder aus, legte sie der Lnge nach in das Boot,
warf einige Eisenstcke als Ballast auf den Boden, hakte das Steuer ein,
ergriff zwei lange Streichruder und wies unserm Helden seinen Platz an.
Darauf legte er die Ruder aus und fuhr mit der Kraft eines Matrosen im
Doppelschlag vom Ufer ab. Er lie den Krbis auf der Wasserflche
tanzen zur groen Belustigung des Zimmermanns und smmtlicher Nachbarn
am Ufer, und uerte seine Zufriedenheit, da Anton ihm so
zuversichtlich gegenber sa. Es ist mglich, in einem Kielboot gegen
den Strom zu kommen, sagte er, das war's, was ich diesen Nachtmtzen
beweisen wollte. Darauf setzte er den Mast wieder ein, lste die Segel,
gab seinem Schler die Schote des Klvers in die Hand und unterrichtete
ihn, wie er anziehen und loslassen sollte. Der Wind blies in
unregelmigen Sten, bald blhten sich die kleinen Segel und neigten
den Rand des Bootes dem Wasser zu, bald schlugen sie unthtig und
rathlos an den Mast. Es ist ein elender Seelenverkufer, rief Fink
rgerlich, wir treiben unvermeidlich ab und werden nchstens umwerfen.

Wenn das ist, so schlage ich vor, umzukehren, sagte Anton mit
erheuchelter Leichtigkeit.

Es thut nichts, versetzte Fink kaltbltig, ich werde uns schon wieder
an's Land bringen, so oder so. Sie knnen doch schwimmen?

Wie Blei, antwortete Anton; wenn wir umwerfen, gehe ich sicher auf
den Grund, Sie werden Mhe haben, mich herauszuziehen.

Fassen Sie nur in keinem Falle nach meinem Krper, wenn Sie im Wasser
liegen, belehrte ihn Fink, das wre das beste Mittel, uns Beide unten
festzuhalten; warten Sie ruhig ab, bis ich Sie in die Hhe hebe.
Uebrigens wird es nicht schaden, wenn Sie sich Rock und Stiefeln
ausziehen, es ist gemthlicher im Wasser, wenn man im Neglig ist.
Anton that willig, wie ihm befohlen war.

So ist's recht, sprach Fink. Im Grunde ist's ein erbrmliches
Vergngen, hier herum zu fahren. Keine Wellen, kein Wind, und zuletzt
auch kein Wasser. -- Da sitzen wir wieder auf dem Grund. Stoen Sie ab.
-- He, Bootsmaat, was werden Sie sagen, wenn dies garstige Ufer
pltzlich versinkt, und wir auf einem anstndigen Meer schaukeln, Wasser
bis an den Horizont, Wellen wie der Baum dort und ein herzhafter Wind,
der die Ohren abblst und die Nase schrg an die Backen legt.

Ich kann nicht sagen, da ich es angenehm fnde, erwiederte Anton
besorgt.

Je nachdem, sagte Fink, es giebt wenig Lagen, die nicht noch viel
schlechter sein knnten. Bedenken Sie, es wre auch in diesem Fall immer
noch ein glckliches Loos, da wir diese nichtsnutzigen Fadauben
zwischen uns und dem Wasser haben. Wie aber, wenn wir selbst mit unserm
Leibe in der Fluth lgen, ohne Kahn, ohne Ufer, zwischen haushohen
Wellen?

Wenigstens ich wre verloren, rief Anton mit aufrichtigem Entsetzen.

Ich sage Euch aber, ich habe einen Freund, einen guten Freund, auf den
ich mich in einer Krisis gern verlasse, dem ist so etwas begegnet. Der
Mann schlendert am Strande der See an einem glorreichen Abend, er
beschliet zu baden, wirft seine Kleider ab und geht in's Wasser. Lustig
schwimmt er in die See hinein. Die Wellen heben ihn und werfen ihn zu
Thal, das Wasser ist wohlig warm, um ihn glitzert in der Abendsonne die
Fluth von zehntausend bunten Farben, und ber ihm lodert das goldene
Licht des alten Himmels. Der Mann jauchzt vor Vergngen.

Und Sie selbst waren der Mann? frug Anton.

Meinetwegen ja. -- So schwamm ich eine Weile fort, bis ich an dem
matten Schein des Himmels merkte, da es Zeit war, mich aus der
Wasserschaukel an's Land zu versetzen. Ich wandte mich um und hielt auf
das Land zu, und was meint Ihr, Master Wohlfart, das ich sah?

Ein Schiff, rief Anton, einen Fisch.

Nein, sagte Fink, _nichts_ sah ich, das Land war verschwunden. Ich
sphte nach allen Seiten in die Dmmerung hinein, ich hob mich aus den
Wellen, so hoch ich konnte; nichts war zu erblicken, als Wasser und
Himmel. Die Strmung, die vom Lande abwrts zog, hatte mich heimtckisch
fortgefhrt, ich trieb in der hohen See. Ich lag im atlantischen Ocean
zwischen Amerika und England. Insofern wute ich, wo ich war, aber diese
geographische Kunde erwies sich in meiner Lage als unbefriedigend. Es
wurde dunkler am Himmel, die Thler der Wellen fllten sich mit
schwarzen ungemthlichen Schatten, die Wasserberge hoben sich hher, ein
kalter Luftzug fuhr ber mein Haupt. Und nichts war zu sehen, als das
rthliche Grau des Himmels und die wilde rollende Fluth.

Das war schrecklich! rief Anton.

Es war ein Augenblick, wo kein Pfaff einer armen Seele verwehren kann,
den Teufel um Hlfe zu bitten. Wo das Land zulag, erkannte ich natrlich
am Himmel. Jetzt entstand die Frage, wer strker war, die Strmung des
Meeres, oder mein Arm. Ein mrderisches Ringen mit dem perfiden Schurken
von Wassergott begann. Durch die Ste Eurer Schwimmschule wre ich
nicht weit gekommen, ich rollte wie die Seeklber und die Wilden und
griff Hand um Hand vorwrts. So konnte ich's im Nothfall ein Paar
Stunden aushalten. Und jetzt arbeitete ich. Es war ein harter Kampf, der
mchtigste meines Lebens. Unterde wurde es finster, die smaragdgrnen
Wellen verwandelten sich in eine Fluth von schwarzem flssigem Pech, nur
ihre Hupter schimmerten noch von weiem Gischt; wie Todtenschdel
stiegen sie um mich auf und spuckten mich an. Der Himmel hing bleigrau
ber mir, zuweilen blinzte ein einzelner Stern hinter dem Wolkenrauch,
das war mein einziger Trost. So schwamm ich zwischen Schwarz und Grau
in's Endlose hinein, noch immer kein Land zu sehen. Ich wurde matt und
die teuflische Schwrze um mich herum gab mir zuweilen den Gedanken ein,
die unntze Arbeit aufzugeben. Die Wolkenbank stieg hher, die Sterne
verschwanden, die Richtung wurde zweifelhaft und meine Stellung durchaus
unhaltbar. Ich merkte, da die Sache zum Ende kam; meine Brust keuchte,
vor meinen Augen tanzten unzhlige Funken, wie Leuchtkfer auf dem Wege
zur Hlle. Da, mein Junge, als ich halb besinnungslos mit einer Welle
hinabgeglitten war, da fhlte ich mit dem Fue etwas, was nicht mehr
Wasser war.

Es war Grund, rief Anton.

Ja, nickte Fink, es war fester Sand. Ich kam eine Meile nrdlich von
meinen Kleidern an's Ufer und fiel dort hin wie eine erschlagene Robbe.
Er brach ab und sah prfend auf Anton. Und jetzt macht Ihr Euch fertig,
Maat, rief er, nehmt Eure Beine unter der Bank hervor, ich werde einen
Schlag machen und zum Ufer wenden. Nur ruhig!

In diesem Augenblick fuhr ein starker Windsto ber die Wasserflche,
der Mast knarrte, das Boot neigte sich auf die Seite und hrte mit der
Schwenkung nicht eher auf, bis sein Kiel in die Hhe stand, wie die
Rckenflosse eines Fisches. Anton sank seinem Versprechen getreu ohne
weitere Bemerkungen in die Tiefe. Blitzschnell tauchte Fink in die
Strmung, stie ebenfalls, wie er versprochen hatte, seinen Gefhrten
ber sich nach der Oberflche des Wassers und schob ihn mit groer
Anstrengung auf eine seichte Stelle, wo es mglich war, watend das Ufer
zu erreichen. Zum Henker, fassen Sie doch meinen Arm! rief Fink
keuchend.

Anton aber, der gegen die Abrede eine ziemliche Masse Wasser verschluckt
hatte, besa nicht mehr allzu viel Besinnung und machte nur eine
abwehrende Bewegung mit der Hand.

Ich glaube, er will noch einmal hinunter, rief Fink rgerlich, fate
den Kraftlosen um den Leib und schleppte ihn an's Ufer.

Eine Menge Menschen hatte sich hier versammelt und strzte jetzt an den
Rand des Wassers, wo Fink den jungen Matrosen im Arme hielt und ihm
lebhaft zuredete, doch wieder zu sich zu kommen. Endlich ffnete Anton
die Augen und bezeugte dadurch und durch einige andere Bewegungen die
Absicht, seine Stellung in der brgerlichen Gesellschaft noch nicht
aufzugeben. Wie geht's, Wohlfart? sagte Fink und sah ihm besorgt in
das bleiche Antlitz. Sie haben sich die Sache sehr zu Herzen genommen!
Poncho y Ponche! rief er heftig den Leuten zu, einen Mantel und ein
Glas Rum fr den Herrn. Das wird Sie am schnellsten curiren.

Ein Leiermann zog bereitwillig seinen alten Soldatenmantel vom Leibe,
unser Held wurde hineingewickelt und wie ein verwundeter Krieger nach
dem Hause des Zimmermanns gefhrt. Dort setzte man ihn auf einen
Lehnstuhl.

Da geht der Krbis hin, Segel, Streichruder und Alles, sagte Fink im
Abgehen strafend zum Schiffszimmermann, und unsere Rcke obendrein.
Habe ich's Euch nicht gesagt, da das Ding nichts taugte?

Eine Stunde lang pflegte Fink sein Opfer mit der grten Zrtlichkeit,
er rhrte ihm eigenhndig den Zucker in einem Glas Grog und drckte
ihm zuweilen die kalte Hand. Es war bereits dunkel, als Anton so weit
hergestellt war, da er nach Hause gehen konnte. Sie vervollstndigten
ihre Toilette durch Kleider und Schuhe des Kahnbauers und lachten auf
dem Rckwege ber ihre Ausrstung. Fink hatte wieder sein gewhnliches
khles Wesen angenommen, und unser Held stolperte bleich, aber lustig
in hohen Thranstiefeln neben ihm her. Hren Sie, Fink, sagte er
ermahnend, wenn Sie mich das nchste Mal zu einer Partie auffordern,
so mchte ich Ihnen andeuten, da ich manches Andere lieber trinke, als
dies lehmige Wasser. Ich bin noch voll davon.

Wie konnte ich denken, antwortete Fink, da Sie mit solcher Vehemenz
den halben Flu einschlucken wrden, Sie Unschuld! Ich habe in meinem
Leben noch keinen Menschen mit solcher Kindlichkeit auf den Grund gehen
sehen. Sie sind ein mhrchenhafter Kerl!

       *       *       *       *       *

Der nchste Tag war ein Sonntag und der Geburtstag des Prinzipals. An
diesem wichtigen Tage blieben die Herren nach dem Diner einige Stunden
in den Zimmern des ersten Stockes, der Bediente prsentirte dann Kaffe
und Cigarren. Als man sich zu Tisch setzte, sagte die Tante zu Fink:
Die ganze Stadt ist voll davon, da Sie und Herr Wohlfart gestern in
einer schrecklichen Gefahr gewesen sind.

Es war nicht der Rede werth, gndige Frau, antwortete Fink
leichtsinnig, ich wollte nur untersuchen, wie sich Master Wohlfart
beim Ertrinken benehmen wrde. Ich warf ihn in's Wasser, und er wre
um ein Haar auf dem Grunde liegen geblieben, weil er es fr indiscret
hielt, mich durch seine Rettung zu belstigen. Einer solchen hflichen
Resignation ist nur ein Deutscher fhig.

Aber Herr von Fink, rief die Tante erschrocken, das heit ja das
Schicksal herausfordern! Es ist schauderhaft, nur daran zu denken.

Schauderhaft war nur die Unsauberkeit dieser Lehmrinne, die man hier
Flu nennt. Es mssen sehr schmutzige Nixen sein, die auf dem Grunde
dieses Wassers leben. Aber Wohlfart lie sich durch ihren Lehm nicht
stren. Er fiel ihnen begeistert in die Arme, gerade wie es in dem
berhmten Liede Sr. Excellenz heit: Halb zogen sie ihn, halb sank er
hin. Er warf beide Beine ber den Rand des Kahns, noch bevor es nthig
war.

Sie hatten mich's so gelehrt, Sir! rief Anton zu seiner
Entschuldigung von unten dazwischen.

Ja, fuhr Fink gegen die Tante fort, ich habe als Freund an ihm
gehandelt. Ich trage keine Schuld, wenn er so viel Wasser geschluckt
hat, da der Wasserstand heut unerhrt niedrig ist, und die Zinkkhne
der Handlung oben im Flusse auf einer Sandbank liegen bleiben. Ich
habe ihm vorher noch jede Art von gutem Rath gegeben. Ich habe ihm
eine lange Geschichte erzhlt, wie man sich im Wasser zu benehmen
hat, ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welche Toilette man
braucht, um mit Anstand in's Wasser zu fallen. Man kann gegen einen
Bruder nicht sorgsamer sein. Aber es half Alles nichts. Er fuhr wie
aus einer Pistole geschossen auf den Grund und bohrte sich dort mit
der Behendigkeit eines Karpfens ein. Ich versichere Sie, es war eine
mhsame Arbeit, ihn im Schlamm wieder aufzufinden. Ich glaube, er war
bereits in zrtlicher Unterhaltung mit einigen Wassergeschpfen, als
ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit der Hand, als wollte
er sagen: Stre mich nicht, ich gehe hier meinem stillen Vergngen
nach.

Der arme Herr Wohlfart, rief die Tante verwundert. Aber Ihre Rcke!
Heute frh begegnete ich im Hause einem Polizeidiener, der das nasse
Bndel auf dem Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerst das Unglck.

Die Rcke sind heute frh unterhalb der Stadt aufgefischt worden,
sagte Fink, Karl zweifelt daran, sie je wieder zu trocknen. Unterde
machen Wohlfarts Stiefeln eine Vergngungsreise nach dem Weltmeer.

Anton errthete vor Aerger ber die Weise des Freundes und sah
verstohlen nach dem oberen Ende des Tisches. Der Kaufmann blickte
finster auf den gemthlichen Fink, und Sabine sa bleich mit gesenkten
Augen, nur die Tante war wortreich in aufrichtigem Bedauern der
durchnten Rcke.

Das Mittagessen war noch feierlicher als gewhnlich. Nach dem Braten
erhob sich Herr Liebold und verrichtete das schwere Stck Arbeit,
wozu er durch seine hohe Stellung verpflichtet war, er brachte
die Gesundheit des Prinzipals aus. Er gab sich redlich Mhe, die
entschiedenen Wnsche des Vordersatzes nicht durch einen schchternen
Nachsatz zurckzunehmen. Aber selbst sein Toast vermochte nicht, eine
gewisse Spannung in den oberen Regionen des Tisches zu beseitigen.

Nach aufgehobener Tafel standen die Herren Kaffe trinkend in Gruppen
um den Prinzipal herum, wobei khne Naturen, wie Herr Pix, auch eine
Cigarre anzubrennen wagten. Unterde trieb Anton in grter Mue
durch die geffnete Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand,
bltterte in einem Album und hielt sich durch solche Thtigkeit die
drohende Langeweile tapfer vom Halse. Er beobachtete gerade das Muster
eines Teppichs und hoffte im Stillen, da sich hier oder da ein keckes
Fnfeck von dem Zwange des Musters losmachen und eigenwillig an einer
unpassenden Stelle erscheinen knnte. So war er an den Eingang des
letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen stehen. Wenige Schritte
vor ihm stand Sabine an einem Blumentisch und hielt sich mit beiden
Hnden an der Tischplatte fest, whrend groe Thrnentropfen aus ihren
Augen auf die Blumen herunterfielen. Es war ein lautloses Schluchzen;
wie von innerm Kampf wurde die schlanke Gestalt erschttert; sie
bekmpfte den Ausbruch eines tiefen, lange unterdrckten Schmerzes
mit einer Energie, welche ihn doppelt rhrend machte. Anton war
bestrzt ber den Zufall, der ihm einen solchen Anblick gestattete, und
fhlte doch wieder eine so warme Theilnahme, da er darber verga,
sich zurckzuziehen. Als er sich umwandte, blickte Sabine nach dem
Gerusch hin. Sich schnell fassend, drckte sie das Tuch an die Augen
und kehrte sich sogleich zu Anton. Hten Sie sich, Herr Wohlfart,
sagte sie herzlich, da die Tollkhnheit Ihres Freundes Sie nicht in
neue Gefahren bringt; meinem Bruder wrde es sehr leid thun, wenn der
Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachtheil brchte.

Frulein Sabine, erwiederte Anton und sah der Dame mit inniger
Hochachtung in die feuchten Augen, Fink ist eben so edel als
rcksichtslos. Er hat mich mit eigener Gefahr aus dem Wasser
herausgeholt.

O ja, rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verstand,
Herr von Fink liebt es, mit Allem zu spielen, was anderen Menschen
heilig ist.

In diesem Augenblicke eilte Herr Jordan herzu und bat das Frulein, an
den Flgel zu kommen. So rauschte sie an Anton vorber.

Anton war in mchtiger Aufregung. Sabine Schrter stand bei den Herren
des Comtoirs in einem Ansehen, welches sie ber den Bereich der
gewhnlichen Discussion stellte und in die glckliche Lage brachte,
da im Hinterhaus nur selten von ihr gesprochen ward. Die meisten
der Jngeren waren, wie sich aus den Neckereien ihrer Collegen und
gelegentlichen Gestndnissen merken lie, whrend der ersten Monate
ihres Aufenthalts leidenschaftlich in das Frulein des Hauses verliebt
gewesen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach
heruntergebrannt war, hatte Jeder ein Huflein glhender Kohlen vor
den Spttereien der Collegen in den geheimsten Winkel seines Herzens
geschoben, wo die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Smmtliche
Herren waren bereit, fr die Tochter ihres Hauses gegen jeden Feind
loszurennen. Allen galt sie fr eine kalte Heilige, deren Herz einer
leidenschaftlichen Schwche unzugnglich war. Aber ihre ruhige Haltung
that Allen sehr wohl, und wenn Herr Pix sie stolz nannte, so verfehlte
er nie, dazuzusetzen: Aber sie hat ein gutes Herz, sie ist eine
tchtige Wirthin.

Ob Sabine ganz so war, wie das Comtoir einstimmig annahm, darber
hatte auch Anton kein Urtheil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt,
und doch fern, wie der Mond, den wir immer nur von einer Seite sehen.
Alle Tage sa er ihr gegenber und sah aus der Ferne auf das feine
Oval ihres Gesichts, auf das dunkle Haar und den tiefen Glanz ihrer
schnen Augen, tglich hrte er ihre Stimme in dem gleichfrmigen
Tischgesprch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er
pltzlich, da die Heilige nicht so ruhig und so gefhllos lebte,
als das Hinterhaus annahm; durch einen Zufall war er Vertrauter
ihres stillen Wehes geworden. Ihr Schmerz, so lautlos und so schn
getragen, steigerte seine Theilnahme zu leidenschaftlicher Hhe.
Er hatte nie eine Schwester gehabt, und sich wohl zuweilen danach
gesehnt; heut empfand er eine wahrhaft brderliche Zrtlichkeit fr
die Trauernde; er htte sein Leben hingeben knnen, um sie von diesem
Schmerz zu befreien; er htte es fr das hchste Glck gehalten, ihre
Hand zu ergreifen, ihren Kopf an seine Brust zu legen und ihr die
weinenden Augen zu kssen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, da ihr
Kummer mit Fink in irgend einer Verbindung stand, es war ihm schon
lange unzweifelhaft gewesen, da diese beiden Gestalten zu einander
in einer geheimnivollen Beziehung stehen muten, und oft hatte er
prfend nach Sabinens Gesicht hingesehen, wenn Fink bei Tisch etwas
Liebenswrdiges erzhlte. Er hatte nie etwas Anderes entdeckt, als
da ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink sa, und da sie den
Jokei vielleicht noch seltener anredete, als einen der anderen Herren.
Jetzt ahnete er allerlei Schmerzliches fr die Gebieterin des ersten
Stocks, er sah im Geist wilde Leidenschaften ber den ruhigen Glanz
des Hauses T. O. Schrter heraufstrmen. Wohl empfand er fr Fink
die hingebende Neigung, welche eine unverdorbene Jugend so gern dem
khnen und erfahrenen Genossen weiht, aber in diesem Falle nahm seine
Seele entschiedene Partei gegen den Freund, er beschlo, Fink genau zu
beobachten und dem Frulein irgend etwas zu werden, ein brderlicher
Schutz, ein Vertrauter, Alles, was dazu helfen konnte, sie von einem
Schmerz zu befreien, der ihn mit Rhrung und heiem Mitgefhl erfllte.

       *       *       *       *       *

Einige Stunden darauf sa Sabine in der Fensternische. Die Hnde
ber das Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das rthliche
Abendlicht go ber ihr Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die
in ihrem Herzen nicht war. Der Bruder hatte die Zeitung weggelegt und
blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll auf die Regungslose, endlich
trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr Haupt. Sabine erhob
sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So standen die
Geschwister eines an das andere gelehnt, zwei Freunde, welche sich so
in einander hineingelebt haben, da jeder ohne Worte versteht, was den
andern bewegt. Der Kaufmann strich zrtlich die Locken seiner Schwester
zurecht und sagte bekmmert: Du weit, wie gro die geschftlichen
Verpflichtungen sind, welche wir gegen den Vater Finks haben.

Ich wei, erwiederte Sabine aufblickend, da du mit dem Sohne nicht
zufrieden bist.

Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in unsern Kreis
aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.

Sei nicht hart gegen ihn, bat die Schwester und kte die Hand des
Kaufmanns. Denke auch daran, wie viel Edles in seinem Wesen liegt.

Ich thue ihm nicht Unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil fr Andere
werden wird, oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefhl,
die groen Anlagen, die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen
ist Stoff genug, um einen groen Charakter zu bilden. Aber wozu wird
er seine Kraft gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Thorheiten hat er
bis jetzt seine Tage verbracht, der Zwang unsers Hauses emprt ihn
innerlich. Noch ist wahrscheinlich, da ein schlechter Aristokrat aus
ihm wird, der seine Lebenskraft in raffinirtem Genu vergeudet, oder
auch ein wucherischer Geldmann, wie sein Verwandter in Amerika, der zum
letzten aufregenden Spielzeug das Geld erwhlt und mit frevelhaftem
Witz die Schwchen Anderer benutzt, um aus den Trmmern ihres Glcks
seine Palste zu bauen.

Er ist nicht herzlos, murmelte Sabine, auch sein Verhltni zu
Wohlfart beweist das.

Er spielt mit ihm, er wirft ihn in's Wasser und zieht ihn wieder
heraus.

Nein, rief Sabine, er achtet den verstndigen Sinn Wohlfarts, er
fhlt, da dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemth
hat, als er selbst.

Tusche dich und mich nicht, entgegnete der Kaufmann finster, ich
wei, wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe, schn zu
sprechen und sich in leichtem Scherz ber seine Umgebung zu erheben,
dich gefesselt haben. Nicht ohne brderliche Eifersucht erkannte ich
den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausbte. Ich schwieg, denn ich
konnte dir vertrauen. War ich doch selbst hingerissen von Manchem, was
an ihm ungewhnlich ist. Auch als ich seine Hrten unangenehm empfand,
schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurckzogst. Jetzt
aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer aufregt, ja
unglcklich macht, jetzt mu ich seine Entfernung fr wnschenswerth
halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nhe.

O mein Gott! rief Sabine, die Hnde ringend. -- Nein, Traugott, das
soll, das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhltni
nicht gelst werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde.
Wenn es ein Mittel giebt, ihn vor den Gefahren zu behten, die seine
Vergangenheit ber ihn bringt, so ist es das Leben in deiner Nhe.
Deine rastlose Thtigkeit, die hohe Ehre deines Geschfts, die zu
sehen, daran sich zu gewhnen, das ist Heilung fr seine Seele. Ja,
Traugott, fuhr sie fort und fate seine Hand, ich habe kein Geheimni
vor dir! Du hast eine thrichte Schwche meines Gefhls vielleicht eher
erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefhl soll
sein, wie die Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine
Miene, durch kein Wort will ich verrathen, da ich schwach war. O,
zrne ihm nicht, lse ihn nicht aus deinem Kreise, nicht im Zorn, und
nicht um meinetwillen.

Und darf ich zugeben, da seine Nhe dich zu einem aufreibenden Kampf
verurtheilt? frug der Bruder. Unser Verhltni zu ihm ist ohnedies
schwer genug. Er gilt fr eine glnzende Partie in jedem Sinne des
Wortes. Es ist wahrscheinlich, da sein Vater bestimmte Plne mit ihm
hat; es ist sicher, da er selbst fr weit hinaus phantastisch ber
seine Zukunft getrumt hat. Mir hat sein Vater die Aufsicht ber ihn,
den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er vertraut, da ich in seinem
Sinn handeln werde. Es wre ein Verrath gegen den Vater, wenn ich eine
Annherung zwischen euch Beiden auch nur durch Stillschweigen zuliee.
Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als
htten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er
selbst, der Uebermthige, an leichte Siege Gewhnte, er wird zuerst
einem solchen Gedanken Raum geben und geneigt sein, ber das zu
triumphiren, was er deine Schwche und meine Berechnung nennen mag. Ich
hre ihn darber lachen und witzeln, und sieh, Sabine, dagegen emprt
sich mein Stolz.

Traugott, rief Sabine mit gertheten Wangen, vergi nicht, da ich
deine Schwester bin. Ich bin ein Brgerkind, und er wird nie ganz zu
uns gehren. Ich bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefhl, da
zwischen ihm und mir eine Kluft liegt, so weit und tief, da alle Liebe
sie nicht auszufllen vermchte. Vertraue mir, bat sie unter Thrnen,
ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrben. Und gegen ihn,
den du nicht liebst, sei gtiger. Ertrage auch du das Lstige in seinem
Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt herumgeschleudert,
in Lagen, welche jedem Gelst schmeichelten, immer unter Fremden, ohne
Liebe und ohne Heimath, so ist er aufgewachsen, in Manchem verdorben,
aber im Grunde seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.
Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah bittend zu
ihm auf. Vertraue mir und gegen ihn sei gtiger.

Er soll hier bleiben, sagte der Kaufmann und blickte gerhrt in die
feuchten Augen der Schwester. Aber auer meinem Liebling ist noch
Jemand in unserm Hause, der sich vor dem Einflu seines Wesens zu
bewahren hat.

Wohlfart, rief Sabine heiter. Fr den brge ich.

Du bernimmst viel, du Vormund unserer Herren. Also auch er ist ein
Gnstling?

Er ist zartfhlend und ehrlich, er hngt mit ganzer Seele an dir. Wie
treuherzig sah er heut darein, als der Andere so ruchlos scherzte. Und
er hat Muth! Verla dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufllig
sah ich ihn damals, als ihn Fink so gekrnkt hatte. Er sah ordentlich
rhrend aus. Seit der Zeit habe ich ihn in's Herz geschlossen.

Was hat Alles in diesem Herzen Raum! rief der Kaufmann scherzend.
Zuerst und vor Allem die groe Vorrathsstube, die Nubaumschrnke
der Gromutter und viele Schock weie Leinwand. Dann in bescheidener
Seitenkammer der gestrenge Bruder, dann --

Dann im Vorzimmer alles Uebrige, unterbrach ihn Sabine.

Ja, und jetzt finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert, fuhr
der Bruder fort.

Sabine nickte. Er ist ja auch mein Lehrling, er ist ja schon von
seinem Vater her ein Kind unsrer Handlung. Jetzt wnscht er sich ein
Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich
wollen sie besorgen, du mut sie ihm bei erster Gelegenheit durch die
Post senden. Er ist von Haus aus an solche Ueberraschungen gewhnt.
Die Tante soll ihm einen geheimnivollen Brief dazu schreiben. Sie
lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der
Theeserviette und rckte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer
Reihe standen.

So ist's recht, rief der Kaufmann, jetzt bist du wieder du selbst.
Die Linie ist untadelhaft und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist
auerordentlich.

Man mu doch seine Freude haben, sagte Sabine. Ihr Mnner thut
ohnehin nichts Anderes, als uns ngstigen.

       *       *       *       *       *

Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trllernd,
ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit
zu gestehen, ziemlich unbekmmert um die Gefhle, welche er dort
erregte. Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn,
rief er lustig, der Souverain hat mich heut mit haarstrubender
Gleichgltigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag
keinen Blick gegnnt. Respectable Leute, aber bis zur Verzweiflung
hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitten,
aber auch sie verkmmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich
im Kopfe kraut, so erregt das Erstaunen, und erregt Scrupel, ob es ihr
anstndig sei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen.
-- Glck zu, Wohlfart, Sie sind auf dem besten Wege, der Mignon dieses
Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man als Ihren bsen Genius.
Thut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die Schwimmschule.

Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergngen darin,
den jngern Freund in seine Knste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn
schwimmen, er bestand darauf, da Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und
zwang ihn durch brderliche Ermahnungen, auf dem Miethgaul Reitknste
zu ben. Ja, er ging in seiner Freundschaft so weit, da er sich selbst
auf einen Miethklepper setzte, -- wogegen er groen Abscheu hatte --
und den Lehrling zur Uebung auf seinem eigenen feurigen Pferde reiten
lie. Er scho mit Anton nach der Scheibe, und drohte sogar, ihm eine
Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf das Aeuerste
protestirte.

Anton lohnte seinem Freunde durch die grte Anhnglichkeit; er war
glcklich, einen Genossen zu haben, an dem er so Vieles verehren und
bewundern konnte, und es that seinem Selbstgefhl unendlich wohl, da
er als Vertrauter vor vielen Andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann
vielleicht nicht weniger dabei; was zuerst eine Laune gewesen war,
wurde ihm schnell Bedrfni. Es waren glckliche Abende fr Beide,
wenn sie im Schatten der groen Condorflgel oder in dem bescheidenen
Quartiere der gelblackirten Katze zusammensaen in seligem Geplauder
ber die Eindrcke des Tages, ber den Weltlauf, oder ber nichts;
dann erzhlte Fink oder trieb Possen, bermthig, wie ein kleiner
Knabe, und Anton folgte mit Entzcken den krftigen Gedanken und dem
khnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefhrten; dann klang bei offenem
Fenster ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, so da der
alte zottige Pluto, der sich als Vogt des Hauses betrachtete und von
Jedermann als ein angesehener Associ der Firma betrachtet wurde, aus
seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen seine
Billigung ihrer guten Laune ausdrckte. Es war eine glckliche Zeit fr
Beide; aus ihrer Vertraulichkeit blhte, zum ersten Mal fr Beide, eine
herzliche Jugendfreundschaft auf.

Und doch hrte Anton nicht auf, Fink und das Frulein mit einer leisen
Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde ber das, was er
ahnend voraussetzte, immer aber erwartete er, da sich im Vorderhause
etwas ereignen wrde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und
dem Kaufmann, oder etwas anderes Auerordentliches. Aber es kam nichts
dergleichen, unverndert verliefen die feierlichen Mahlzeiten an der
langen Tafel, unverndert blieb das Antlitz und das Benehmen Sabinens
gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn die ernste und
emsige Thtigkeit des Geschftes jedes ungewhnliche Familienereigni,
jede Leidenschaft, jede schnelle Vernderung fern hielte von dem Leben
der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genu und Schwrmerei, Alles
wurde niedergehalten durch den unablssigen gleichmigen Flu der
Arbeit.




~X.~


Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des
Lehrlings, und wieder blhten die Rosen. Anton hatte beim Schlu des
Comtoirs einen groen Strau rother Centifolien gekauft und klopfte
an die Thr von Herrn Jordan, um diesem, der ein Gefhl fr Blumen
hatte, den Salon zu schmcken. Mit Ueberraschung sah er, grade wie am
ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Collegen in dem Zimmer versammelt und
erkannte auf den ersten Blick, da bei seinem Eintreten eine exclusive
Feierlichkeit, welche ihn zurckwies, in den Mienen Aller sichtbar
wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen und
bat, er mge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst berlassen,
es sei etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hren
drfe. Die gutherzigen Mnner hatten ihn bis dahin nur selten empfinden
lassen, da er ihnen an Wrden nicht gleichstand, dehalb demthigte
ihn die Verbannung doch ein wenig. Er trug den Strau in das eigene
Zimmer und stellte ihn resignirt auf den Tisch, ergriff ein Buch und
sah zuweilen darber hinweg auf das Bschel Rosen, welches sogleich
eifrig bemht war, seinen rosigen Schein bis in die Winkel der kleinen
Stube auszubreiten.

Unterde wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons
pochte mit einem Lineal auf den Tisch und erffnete die Verhandlung:
Wie Sie Alle wissen, hat einer der Collegen das Geschft verlassen.
Herr Schrter hat mir dehalb heut erffnet, da er nicht abgeneigt ist,
an Stelle desselben unsern Wohlfart als Correspondenten in das
Provinzialgeschft aufzunehmen. Da aber die herkmmliche Lehrzeit
Wohlfarts erst in einem, oder nach dem Uso unserer Handlung sogar erst
in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche auerordentliche
Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die Beistimmung
des Comtoirs. Dehalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie
an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt
aufgeben und wollen Sie ihn als Collegen in unser Geschft aufnehmen?
Ich ersuche Sie smmtlich, mir Ihre Meinung mitzutheilen. Noch fhle ich
mich verpflichtet zu bemerken, da Herr Schrter selbst unsern Wohlfart
fr vollkommen geeignet hlt, die neue Stellung auszufllen; auch halte
ich es fr sehr gentil vom Prinzipal, da er uns die letzte Entscheidung
berlt.

Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille,
welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix erhob sich von der
Sophalehne, an welcher er gehangen hatte, und sprach: Vor Allem stimme
ich dafr, da wir ein Glas Grog machen, hole ein Anderer fr die
Theetrinker den Kessel her, den Grog braue ich. Nach dieser Erklrung
zog sich der Sprecher wieder in seine reitende Stellung zurck und
brannte eine Manilla an, eine Art von Cigarren, welche er in stetem
Kampf gegen seine Collegen begnstigte.

Die anderen Herren verharrten in genureichem Schweigen und sahen
feierlich der Bereitung des Thees zu, Jeder fhlte die Wichtigkeit
seiner brgerlichen Stellung und seine Wrde als Mensch und College.

Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch Niemand das Wort
ergriff, erkannte der Vorsitzende die Nothwendigkeit, die Debatte auf
irgend eine Weise zu frdern, und frug: Wie wollen wir abstimmen?
Wnschen Sie von unten nach oben oder von oben herab?

Bei der englischen Marine wird, so viel ich wei, der Jngste zuerst
gehrt, bemerkte Herr Baumann.

Wie bei der englischen Marine! entschied Herr Pix.

Specht war der jngste der anwesenden Collegen. Ich mu vor Allem
bemerken, da Herr von Fink nicht anwesend ist, sprach er und sah sich
aufgeregt um.

Ein allgemeines Gemurmel entstand: Er ist nicht zu Hause! er ist
Volontair.

Er gehrt nicht zu uns, sagte Herr Pix.

Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen, sagte Herr Jordan, da er
keiner von den Engagirten der Handlung ist.

In diesem Falle bin ich der Meinung, fuhr Herr Specht fort, etwas
herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste
Bemerkung erfahren hatte, da Wohlfart die Verpflichtung hat, vier
Jahre Lehrling zu bleiben, wie ich selbst, oder doch drei Jahre, wie
unser Baumann bei C. W. Strumpf und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl
und nach Aller Ansicht im Geschft brauchbar ist, so bin ich auch der
Meinung, da wir einmal eine Ausnahme machen und ihn schon jetzt als
Collegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei vorsichtig zu sein und
ihm bemerklich zu machen, da er eigentlich noch Lehrling sein sollte.
Dehalb schlage ich vor, da er verpflichtet wird, uns noch ein Jahr
hindurch den Thee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling gethan.
Auerdem halte ich fr schicklich, da er zur Erinnerung an seinen
frheren Stand jedem der Collegen alle Quartale eine Feder schneidet.

Narrheiten, brummte Herr Pix; Sie haben immer berspannte Einflle.

Wie knnen Sie meine Einflle berspannt nennen, rief Herr Specht
entrstet, Sie wissen, da ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.

Ich mu um Ruhe bitten, sagte Herr Jordan.

Die nchsten Collegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr
Baumann mit vieler Wrme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des
Theekessels und sprach: Meine Herren, was soll das lange Reden, seine
Waarenkenntni ist nicht schlecht, wenn man bercksichtigt, da er noch
ein junger Kauz ist, sein Benehmen ist coulant, die Hausknechte haben
Respect vor ihm, gegen meine Kunden ist er noch zu zartfhlend und
umstndlich, aber es ist nicht allen Leuten gegeben, andere Leute zu
behandeln. Solo spielt er schlecht und sein Punschtrinken ist
unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letztern Qualitten aber
nicht den Ausschlag geben drfen, so sehe ich nicht ein, wehalb er
nicht vom heutigen Dato ab College werden soll.

Der Cassirer sprach: Es ist nicht in der Ordnung, da Einer mit zwei
Jahren seine Lehrzeit abmacht, da es aber der Prinzipal wnscht, so
werde ich nicht widersprechen, denn sein Wille mu zuletzt doch
respectirt werden.

Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr
beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums
erinnerte. Natrlich wollte er beistimmen, aber wenn er _nicht_
beistimmte? wenn er jetzt widersprche, welcher Scandal wrde daraus
entstehen? wie wrde ihn Wohlfart ansehen, und die Collegen und der
Prinzipal selbst? So zog er an seinem Halskragen, lchelte verbindlich
nach beiden Seiten und rusperte sich wie vor dem Ausbruch einer
krftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die mglichen
Folgen seines Veto zurcksank und sich mit Allem einverstanden erklrte,
was seine Collegen beschlieen wrden.

Abgemacht! sagte Herr Jordan, auch ich stimme bei und habe noch den
Grund anzufhren, da Wohlfart bei seinem Eintritt lter war, als ein
Anderer von uns, und da er an Jahren und Bildung nichts zu wnschen
brig lt. Dehalb freue ich mich ber unsere Einstimmigkeit. Herr
Schrter hat mir erlaubt, im Falle unserer Einwilligung den Lehrling
vorlufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor, da dies auf der
Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.

Ja, ja, gut, das wollen wir! riefen Alle, und Baumann schickte sich
an, hinaufzugehen.

Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Collegen Baumann den Weg.
Wir sind keine Ferkel, rief er und streckte die Hand abwehrend an der
Thr aus, wir sind keine wilden Thiere, da wir so ohne Ordnung
durcheinander laufen und einen neuen Collegen aufnehmen, wie ein Stck
von einer Heerde. Ich bitte Sie dringend, denken Sie an die Ehre des
Geschfts. Es ist nothwendig, da zwei von uns als Deputation
hinaufgehen, es mu wenigstens ein Punsch gemacht werden, und Jordan mu
ihn mit einer Rede begren.

Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwhlt,
den Neuling herunterzufhren. Herr Specht aber fuhr mit glnzenden Augen
in der Stube umher, er rckte den Tisch zurecht, ordnete die Sthle im
Halbkreis zu beiden Seiten, schleppte Glser und Flaschen herzu und
setzte einen grnen Ritter aus Papiermach, der ein vergoldetes Schwert
trug, auf einen Tabakskasten in die Mitte des Tisches. Dann holte er
einen Teppich herzu und legte ihn zwischen die Thr und die
Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe, wie eine Braut vor dem Altare.
Darauf erschpfte er seine ganze Beredtsamkeit, um die Lichter und
Lampen aus den Zimmern seiner Collegen auf einen Haufen zu versammeln.
Endlich lie er die Rouleaux herunter, schlo die bunten Gardinen und
brachte zunchst eine knstliche Dmmerung und darauf einen
ungewhnlichen Lichterglanz und heftigen Lampengeruch zu Stande. So
bewirkte er mit Hlfe der Andern, welche ihm zuerst zusahen und bald,
durch seinen Eifer fortgerissen, thtig beistanden, da der Salon in der
That ein fremdartiges und mysterises Aussehen erhielt. Jetzt erst lie
er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch
den Kopf fuhr von dem imponirenden Aussehen des rmischen Senates,
welcher lautlos auf Sthlen sa, als die grimmigen Feinde in Rom
einzogen, so beschwor er leidenschaftlich alle Zurckgebliebenen, sich
stumm und unbeweglich auf den Sthlen in der Runde festzusetzen. Als
sich aber die Thr ffnete und der erstaunte Wohlfart, der noch nichts
ahnte, in der Mitte seiner beiden Fhrer erschien, von denen Herr Pix in
practischer Umsicht die Zuckerbchse Antons, Herr Liebold feierlich das
groe Rosenbouquet getragen brachten, da verblich in der Phantasie des
Herrn Specht der rmische Senat, und die heiligen drei Knige, welche
mit Bchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescheerung und christliche
Feierlichkeit wurden in ihm mchtig. Er sprang in Ekstase von seinem
Sitze auf und rief: Alle mssen stehen!

Durch diese vernderte Anordnung strte er leider sich selbst die
Wirkung, denn nur ein Theil der Herren folgte seinem Beispiel, der Rest
blieb sitzen, bis Herr Jordan vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger
Herzlichkeit sagte: Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns
gearbeitet, Sie haben sich Mhe gegeben, das Geschft kennen zu lernen,
wir Alle haben Sie in dieser Zeit liebgewonnen. Es ist der Wille des
Prinzipals und unser Aller Wunsch, da die herkmmliche Lehrzeit bei
Ihnen ausnahmsweise abgekrzt werde. Herr Schrter beabsichtigt, Sie
morgen als Comtoiristen aufzunehmen, wir haben die Freude, Ihnen dies
schon heute mitzutheilen. Wir wnschen Ihnen von Herzen Glck und bitten
Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als College zu bewahren, die Sie
uns bis jetzt bewiesen haben. So sprach der gute Herr Jordan und hielt
seinem Zglinge die Hand hin.

Anton stand einen Augenblick starr, dann fate er mit beiden Hnden die
dargebotene Rechte und fiel glcklich und gerhrt Herrn Jordan um den
Hals. Die Collegen drngten sich um ihn, und es entstand ein
Hndedrcken und Umarmen, welches in der Geschichte des Salons
beispiellos war. Immer wieder ging Anton von dem einen zum andern und
fate ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah ohne Betrbni sein
Ceremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen ruinirt,
Baumann sa, die Hnde ber das Knie geschlungen, vergngt in der Ecke,
und Pix bot unserm Helden binnen fnf Minuten zweimal seine Cigarren an
und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon
ansteckte. Alles war in bester Laune, die Collegen freuten sich, weil
sie mit Selbstgefhl etwas Bedeutendes schenken konnten, und Anton war
selig, so viel Freundlichkeit zu empfangen. Verklrt sa er in einem
gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund Specht genthigt hatte, vor ihm
stand der Ritter und salutirte mit seinem goldenen Schwert aus dem
Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen, heut alle bemht,
ihm Frhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und brachte
die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredtsamkeit, wie
sie vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, da Anton
gewissermaen als ein Sugling zu ihnen gekommen sei, dem der
Unterschied zwischen Pennal und Kanehl eben so unbekannt war, als einem
Zeisig das Kaffekochen, und wie mit Hlfe der groen Waage, die als
seine Wiege betrachtet werden msse, und der Auflader, welche
Ammendienste an ihm verrichtet htten, und unter Mitwirkung einiger
anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in
so kurzer Zeit ein so auffallendes Wachsthum des Unmndigen
hervorgebracht worden sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die
Gesundheit seiner Collegen aus. Er erzhlte, wie bange ihm damals
gewesen war, als er zum ersten Male die Thr des Comtoirs geffnet
hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit welchem er
ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht zu
Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den Ueberziehrmel, den er damals
eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu fhren. Diese Anspielung
auf die berhmten Attribute der drei Herren fand den hchsten Beifall.
Und jetzt folgte ein Toast auf den andern, und es ergab sich zum
allgemeinen Erstaunen, da der stille Herr Birnbaum, der Zollcommis, von
der Natur die auerordentliche Begabung erhalten hatte, nach dem dritten
Glas zwei, ja sogar vier Zeilen in Versen zu sprechen. Immer frhlicher
wurde die Gesellschaft, immer festlicher glnzten die Lichter, immer
rther leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem Tische.

Erst spt trennten sich die Collegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen,
bevor er seinem Freunde Fink das Glck berichtet hatte. Er eilte dem
Ankommenden entgegen und erzhlte ihm im Mondenschein auf der Treppe das
groe Ereigni. Fink schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Achte
in die Luft und sagte: Es ist brav, da das Vorderhaus auf den Einfall
gekommen ist, ich htte einen solchen Exce unserm Despoten nicht
zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher ber's Wasser in die groe
Welt.

Am nchsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Commis in das kleine
Zimmer hinter dem letzten Comtoir, in das Allerheiligste des Geschfts,
und hrte lchelnd die Dankesworte Antons an. Ich habe so gehandelt,
sagte er, weil Sie tchtig sind, und weil der Brief, den Sie mir bei
Ihrem Eintritt in das Geschft berbrachten, Ihnen ein Credit bei mir
erffnet hat. Es wird Ihnen Freude machen, da Sie von jetzt ab durch
Ihre eigene Thtigkeit Ihr Leben zu erhalten vermgen. Sie treten von
heut in die Stellung, also auch in den Gehalt des Ausgeschiedenen ein.

Zuletzt bei der Mittagstafel gratulirten auch die Damen dem neuen
Geschftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo
Anton hinter seinem Stuhle stand, und begrte ihn dort mit herzlichen
Worten, der Bediente setzte jedem der Herren eine Flasche Wein vor das
Couvert, und der Kaufmann erhob das Glas und dem glcklichen Anton
zuwinkend, sagte er mit gtigem Ernst: Lieber Wohlfart, dies dem
Andenken an Ihren guten Vater!




Zweites Buch.




~I.~


An einem Sonntagmorgen las Anton emsig in dem letzten Mohikaner von
Cooper, whrend vor dem Fenster die ersten Schneeflocken ihren
Kriegstanz tanzten und sich vergeblich bemhten, in das Asyl der gelben
Katze zu dringen. Da trat Fink eilig in das Zimmer und rief schon an der
Thr: Anton, zeige mir deine Garderobe. Er ffnete den Kleiderschrank,
untersuchte den Leibrock und die brigen Stcke mit groem Ernst,
schttelte den Kopf und schlo seine Musterung mit den Worten: Ich
werde dir meinen Schneider heraufschicken, la dir ein neues Gewand
anmessen.

Ich habe kein Geld, antwortete Anton lachend.

Unsinn, versetzte Fink, der Schneider giebt dir Credit, so viel du
willst.

Ich mchte aber nichts auf Credit nehmen, erwiederte Anton und setzte
sich behaglich auf dem Sopha zurecht, um gegen seinen mchtigen
Rathgeber zu Gunsten guter Wirthschaft zu plaidiren.

Diesmal mut du eine Ausnahme machen, entschied Fink, es ist Zeit,
da du mehr unter Menschen kommst. Du sollst in die Gesellschaft treten,
ich werde dich einfhren.

Anton stand errthend wieder auf und rief eifrig: Das geht nicht, Fink,
ich bin hier ganz unbekannt und habe noch keine Stellung, welche mir die
Sicherheit giebt, in groer Gesellschaft aufzutreten.

Eben dehalb, weil du keine gesellschaftliche Courage hast, sollst du
unter Menschen, sagte Fink strafend. Diese jammervolle Schchternheit
mut du los werden, so schnell als mglich; sie ist der dmmste Fehler,
den ein gebildeter Mensch haben kann. Verstehst du zu walzen? Hast du
eine Ahnung davon, was eine Tour in der Quadrille ist?

Ich habe vor einigen Jahren in Ostrau Tanzstunde genommen, versetzte
Anton.

Einerlei, du sollst noch einmal Tanzstunde nehmen. Frau von Baldereck
hat mir gestern vertraut, da einige Familien fr ihre flggen
Mrzhhnchen einen Tanzsalon einrichten wollen, damit diese in
Sicherheit vor Raubvgeln die Flgel bewegen lernen. Die Tanzstunde soll
in dem Hause der gndigen Frau sein, welche ihr eignes Kchlein darin
fr den Markt einrichten will. Das ist etwas fr dich, ich werde dich
dort einfhren.

Antons Seele wurde durch diese Zumuthung heftig alarmirt, er setzte sich
erschrocken wieder auf dem Sopha zurecht, und sagte mit aller Ruhe, ber
die er in diesem Augenblick verfgen konnte: Fink, das ist einer von
deinen tollen Einfllen, es ist unmglich, da ich darauf eingehe; Frau
von Baldereck gehrt zu der hiesigen Aristokratie, und die
Tanzgesellschaft bei ihr wird ohne Zweifel aus demselben Kreise sein.

Ohne Zweifel, nickte Fink, reines blaues Blut, die Urgromtter
smmtlicher Damen haben ohne Ausnahme im deutschen Urwald die Ehre
gehabt, der Frstin Thusnelda die Nachtmtze nachzutragen.

Siehst du, sagte unser Held, wie kannst du den Einfall haben, mich in
diese Gesellschaft zu bringen, du wrdest mir nur das bittere Gefhl
bereiten, zurckgewiesen zu werden, oder, was noch schlimmer wre, eine
bermthige Behandlung zu erfahren.

Soll man da nicht die Geduld verlieren? rief Fink entrstet. Gerade
du und deinesgleichen haben mehr Recht, den Kopf hoch zu tragen, als der
grte Theil der Societt, welche dort zusammenkommen wird. Und gerade
Ihr seid es, die durch ungeschicktes Benehmen, bald durch
Schchternheit, bald durch Kriecherei die Prtensionen der
Landjunkerfamilien erhalten. Wie kannst du dich selbst fr schlechter
halten, als irgend jemand Anderen? Ich htte nicht gedacht, da eine
solche Niedrigkeit auch in deiner Seele Raum findet.

Du irrst, erwiederte Anton erzrnt, ich halte mich nicht fr
geringer, als ich bin, aber es wre thricht und anmaend wenn ich mich
in die Gesellschaft Anderer eindrngen wollte, welche mich aus irgend
einem Grunde nicht gern sehen. Gerade mein Selbstgefhl verbietet mir,
mit Solchen zu verkehren, welche einen Mann dehalb geringer achten,
weil er in einem Comtoir arbeitet.

Ich sage dir aber, deine Person wird den guten Leuten nicht unangenehm
sein, ich stehe dir dafr, sagte Fink berredend. Du kennst die
Gesellschaft nicht und denkst dir Alles viel zu schwer. Es ist Mangel an
Herren, ich gelte etwas bei der Frau vom Hause -- nebenbei gesagt, ich
bin nicht stolz darauf; -- sie hat mich gebeten, einige junge Mnner
meiner Bekanntschaft bei ihr einzufhren; ich fhre dich ein, die Sache
ist ganz in der Ordnung. Sieh das Geschft doch etwas nher an. Was ist
diese Tanzstunde? Es ist eine Art Actienverein zur Verbesserung der
Waden aller Theilnehmer, du bezahlst deinen Antheil am Stundengeld wie
jeder Andere, und ob du eine junge Comtesse oder ein Brgermdchen in
der Mazurka herumschwenkst, Taille ist Taille, die Blger tanzen alle
gern.

Es geht doch nicht, antwortete Anton kopfschttelnd, ich habe das
Gefhl, da es unpassend wre, und mchte diesem gehorchen.

Ich will dir einen Vorschlag thun, sagte Fink ungeduldig; du sollst
in diesen Tagen mit mir einen Besuch bei Frau von Baldereck machen. Ich
werde dich als Anton Wohlfart aus dem Comtoir der Firma T. O. Schrter
vorstellen; du sollst kein Wort von der Tanzstunde erwhnen; du wirst
abwarten, wie die gute Dame dich aufnimmt. Wenn diese Tanzmutter etwas
Anderes ist, als eitel Liebenswrdigkeit, wenn sie dir auch nur die
geringste Hauteur zeigt, und nicht selbst von der Tanzstunde anfngt, so
sollst du vollstndige Freiheit haben, bei deiner Weigerung zu beharren.
Dagegen kannst du nichts Stichhaltiges einwenden.

Anton zauderte und berlegte. Die Sache schien ihm keineswegs so
einfach, wie Fink sie darstellte, aber er war nicht mehr der Mann,
kaltbltig zu prfen und zu whlen. Seit Jahren verbarg er einen Wunsch
im Grund seiner Seele, die Sehnsucht nach dem freien, stattlichen,
schmuckvollen Leben der Vornehmen. So oft er die Tanzmusik im
Vorderhause hrte, so oft er von dem Treiben der aristokratischen Kreise
las, sehr oft, wenn er mit sich allein war, wurde in ihm eine holde
Erinnerung lebendig, das hohe Schlo mit Thrmen im Blumenpark und das
adlige Kind, das ihn ber den Schwanenteich gefahren. Jetzt wieder stieg
das Bild in ihm auf, in dem goldenen Licht, das seine Poesie in
jahrelanger Arbeit dazugethan. Er sprang auf und willigte in den
Vorschlag des erfahrenen Freundes.

Eine Stunde darauf kam der Schneider, von Fink gefhrt, und Fink
bestimmte selbst das Detail der neuen Ausstattung mit einer
Sachkenntni, welche dem Schneider nicht weniger als Anton imponirte.

Am Nachmittag leckte die Novembersonne den Schnee von den Steinen der
Strae. Da steckte Fink einige merkwrdig aussehende Papiere in seine
Brusttasche, schlenderte als miger Wanderer durch die lebhaftesten
Straen der Stadt und sah sich mit scharfem Blick um, wie ein
Polizeibeamter, der Beute sucht. Endlich lenkte er mit zufriedenem
Gesicht auf das Trottoir der entgegengesetzten Straenseite und stie
dort auf zwei elegante Herren, welche, wie er, einsam durch das plebeje
Treiben der Sonntagsspaziergnger zogen. Es war der Lieutnant von
Zernitz und Herr von Tnnchen, beide von groem Unternehmungsgeist und
untadelhaften Allren.

Teufel, Fink! --

Guten Tag, Ihr Herren!

Was treiben Sie so trumerisch auf der Strae? frug Herr von Tnnchen.

Ich suche Menschen, erwiederte Fink melancholisch, ein paar treue
Gesellen, welche verdorben genug sind, an diesem langweiligen Sonntage
bei Tageslicht eine Flasche Portwein zu trinken und mir vorher in einem
kleinen Geschft als Zeugen zu dienen.

Als Zeugen? frug Herr von Zernitz. Wollen Sie sich hinter der Kirche
duelliren?

Nein, schner Cavalier, erwiederte Fink, Sie wissen, ich habe diese
Unart verschworen, seit der kleine Lanzau meiner Pistole den Hahn
abgeschossen hat. Gerade jetzt bin ich sehr friedfertig, ein geplagter
Geschftsmann, wrdiger Sohn der Handlung Fink und Becker. Ich suche
Zeugen fr eine notarielle Urkunde, welche eiligst ausgestellt werden
mu. Ich finde wohl einen Notar, aber die gewhnlichen Gerichtszeugen
sind heut am Sonntag auf den Kegelschub gelaufen. Es wre menschlich von
Ihnen, wenn Sie mir diesen unglcklichen Nachmittag durchbringen hlfen,
eine Viertelstunde beim Notar, den Rest beim Italiener.

Mit Vergngen waren die Herren bereit. Fink fhrte sie zu einem
bekannten Notar und bat diesen, vor beiden Zeugen eine Abtretungsurkunde
auszustellen, da die Cession sofort erfolgen msse und die Sache von
grter Bedeutung sei. Er berreichte ein ehrwrdiges, in englischer
Sprache geschriebenes Document, worin der Generaladvocat irgend einer
County im Staat New-York urkundlich offenbarte, da Herr Fritz von Fink
Eigenthmer des Territoriums Fowlingfloor, sowohl des Grund und Bodens,
als der darauf befindlichen Gebude, Bume, Gewsser und aller daran
haftenden Nutzungen sei. Darauf erklrte er vor dem Notar, da er alle
nach dieser Urkunde ihm zustehenden Eigenthumsrechte an Herrn Anton
Wohlfart, zur Zeit im Geschft von T. O. Schrter, cedire. Zahlung dafr
sei vollstndig geleistet. Endlich bat er den Notar instndig, das
Document schleunigst auszustellen und ber die ganze Sache
Stillschweigen zu beobachten. Der Herr versprach das, und die beiden
Zeugen unterschrieben die Verhandlung. Beim Herausgehen bat er diese
ebenfalls mit mehr Ernst, als er sonst zu verwenden pflegte, diesen Act
als tiefes Geheimni zu bewahren und vor Allem gegen Herrn Anton
Wohlfart selbst ein unverbrchliches Schweigen zu beobachten. Beide
gelobten das mit einiger Neugierde, und Herr von Zernitz konnte nicht
umhin, zu bemerken: Ich will nicht hoffen, Fink, da Sie hier Ihr
Testament gemacht haben, in diesem Falle wre ich Ihnen dankbar gewesen,
wenn Sie mir Ihre Bchse vermacht htten.

Wenn Sie die Bchse von dem lebendigen Fink annehmen wollen,
erwiederte Fink, so werden Sie ihn sehr glcklich machen.

Teufel! rief der gutmthige Lieutnant fast erschrocken, so war es
nicht gemeint. Ich wei doch nicht, ob ich das mit gutem Gewissen
annehmen darf.

Thun Sie es immerhin, sagte Fink freundlich, ich habe das Rohr satt,
es wird bei Ihnen in guten Hnden sein.

Es ist ein kostbares Geschenk, warf der Lieutnant mit Gewissensbissen
ein.

Es ist ein altes Rohr, sagte Fink, und morgen mssen Sie es ohne
Widerrede annehmen, denn heut werden Sie mich nicht los, Sie sollen mit
mir zu Feroni. Was aber die geheimnivolle Abtretung der Gter betrifft,
so handle ich hier nicht ganz freiwillig. Es ist eine Art politisches
Geheimni dabei, das ich auch Ihnen nicht mittheilen kann, schon dehalb
nicht, weil mir die Sache selbst noch nicht recht klar ist.

Ist denn das Gut gro, welches Sie abgetreten haben? frug Herr von
Tnnchen.

Ein Gut? frug Fink und sah nach dem Himmel, es ist gar kein Gut. Es
ist eine Bodenflche, Berg und Thal, Wasser und Wald, ein freilich
kleiner Theil von Amerika. Und ob dieser Besitz des Herrn Wohlfart gro
ist? Was nennen Sie gro? Was heit gro auf dieser Erde? In Amerika
mit man die Gre des Landbesitzes nach einem andern Maa, als in
diesem Winkel von Deutschland. Ich fr meinen Theil werde schwerlich je
wieder eine solche Besitzung mein Eigenthum nennen.

Wer ist denn aber dieser Herr Wohlfart? frug auf der anderen Seite der
Lieutnant.

Sie sollen nchstens seine Bekanntschaft machen, antwortete Fink. Er
ist ein netter Junge aus der Provinz, ber dem ein merkwrdiges
Schicksal schwebt, von dem er selbst zur Zeit noch gar nichts wei und
nichts wissen darf. Doch genug von Geschften. Ich habe fr diesen
Winter etwas mit Ihnen vor. Sie sind zwei alte Knaben, aber Sie mssen
doch noch einmal Tanzstunde nehmen.

Bei diesen Worten traten sie in die Weinstube des Italieners, wurden von
Feroni mit tiefen Bcklingen empfangen und vertieften sich schnell in
Untersuchungen ber die Reize der schweren Weine von Portugal.

       *       *       *       *       *

Frau von Baldereck war eine Hauptsttze der allerbesten Gesellschaft,
welche durch die Familien des Landadels, einige hhere Beamte und
Offiziere gebildet wurde. Es war schwer zu sagen, welche Vorzge der
Dame eine solche Achtung gebietende Stellung verschafft hatten; sie war
weder sehr vornehm, noch sehr reich, noch sehr elegant, noch sehr
geistreich, noch sehr medisant, aber sie besa von allen diesen
Eigenschaften etwas. Sie hatte in ihrem Privatleben stets so viel als
irgend mglich auf Grundstze gehalten und hatte das Selbstgefhl
gehabt, sich den Anspruchsvollen niemals aufzudrngen. Wegen dieser
constanten Migung war sie von der ffentlichen Meinung erhht worden.
Sie besa eine sehr ausgebreitete Bekanntschaft, war vertraut mit allen
Heirathen und Verwandtschaften aller Familien der Provinz, stand in
allen distinguirten Husern auf der ersten Seite der Einzuladenden und
machte als Wittwe selbst ein miges Haus, welchem der Hahnfederbusch
eines Jgers und zwei fette Rappen zu anstndigem Schmuck gereichten.
Frau von Baldereck war nach alledem eine regelrechte Dame, welche
Personen und Ereignisse genau nach den Vorurtheilen der Gesellschaft, in
welcher sie lebte, zu beurtheilen wute; dehalb wurde ihr Urtheil
berall mit groer Achtung angehrt. Da sie auerdem nicht ohne
Gutmthigkeit war, rechnete ihr die Gesellschaft, fr welche sie lebte,
wahrscheinlich nicht so hoch an, als der alte Engel des Gerichts,
welcher im Himmel ber die Thaten der Menschen Buch fhrt, und welcher,
nebenbei bemerkt, nach der Usance seines heiligen Geschfts oben auf die
Seiten des Buches statt des irdischen Credit und Debet die Wrter Schaf
und Bock zu schreiben pflegt und alle Creditposten auf die rechte Seite,
die Bcke aber auf die linke setzt. -- Frau von Baldereck hatte eine
junge Tochter, welche ihr sehr hnlich zu werden versprach, und bewohnte
einen ersten Stock mit groen Zimmern, worin seit einer Reihe von Jahren
hufige Proben von Aufzgen, dramatischen Vorstellungen und lebenden
Bildern abgehalten wurden.

Die einflureiche Dame war gerade in vertraulicher Berathung mit einer
Schneiderin, sie berlegte, wie tief der Ausschnitt der Kleider
eingerichtet werden drfe, um die tadellose Bste ihrer Tochter im
besten Licht zu zeigen, und doch wieder in der Tanzstunde keinen Ansto
zu erregen, als Fink, ihr Liebling, gemeldet wurde. Eilig schob sie die
Tochter, die Schneiderin und die Kleider bei Seite und erschien in dem
Besuchzimmer mit der Gemthlichkeit einer Hausfrau, welche fr sich
selbst nicht mehr bermige Ansprche macht.

Nach den einleitenden Bemerkungen ber die Ereignisse der letzten
Abendgesellschaft und die langen Hngelocken der Comtesse Pontak sagte
Fink, indem er angelegentlich einen Fuschemel maltraitirte, auf welchem
ein schlafender Pinscher, von der Tochter des Hauses gestickt, unter den
Fubewegungen des Gastes sthnte: Ich habe Ihren Auftrag ausgerichtet,
Lady Patrone, und bringe Ihnen vorlufig drei Herren.

Und wer sind diese? frug die Dame vom Hause erwartungsvoll, verga die
Leiden des gestickten Pinschers und rckte nher an ihren Verbndeten.

Zuerst Lieutnant von Zernitz, sagte Fink.

Eine gute Acquisition, rief die gndige Frau erfreut, denn der
Lieutnant war, was man einen geistreichen Offizier nennt, er machte
niedliche Verse in Familienalbums und zu verlorenen Vielliebchen, war
unbertrefflich im Arrangement von mimischen Darstellungen und stand in
dem Ruf, irgend einmal in ein Taschenbuch eine Novelle geschrieben zu
haben. Herr von Zernitz ist ein liebenswrdiger Gesellschafter.

Ja, sagte Fink, aber Portwein kann er nicht vertragen. Der Zweite ist
Herr von Tnnchen.

Eine alte Familie, bemerkte die Frau vom Hause; ist er nicht etwas
wild? fgte sie schchtern hinzu.

Behte, sagte Fink, die Familie hat immer viel Grundsatz gehabt; er
ist gar nicht wild, nur zuweilen hat er die Eigenschaft, Andere wild zu
machen.

Und der Dritte? frug die Dame.

Der Dritte, sagte Fink, ist ein Herr Wohlfart.

Wohlfart? frug die gndige Frau befremdet und sah ihren Besuch unruhig
an, die Familie kenne ich nicht.

Das ist sehr mglich, erwiederte Fink kaltbltig, es giebt zu viele
Leute mit und ohne Namen, als da man sich um Alle kmmern knnte. Herr
Wohlfart ist vor einigen Jahren aus der Provinz hierher gekommen, um
vorlufig die Geheimnisse des Handels durch eigene Anschauung kennen zu
lernen; er arbeitet im Geschft des Kaufmann Schrter, gerade wie ich.

Aber, lieber Fink! schaltete die Dame ein.

Fink lie sich nicht stren, er legte sich in den Armstuhl zurck und
blickte nach dem Grau der Arabesken an der Decke. Herr Wohlfart ist ein
merkwrdiger und interessanter Gesell. Es hat mit ihm eine eigene
Bewandtni. Er selbst ist der bescheidenste und bravste Mann, der mir je
vorgekommen, er ist hier aus einer Ecke der Provinz, aus Ostrau, der
Sohn eines verstorbenen Beamten. Aber es schwebt ein Geheimni ber ihm,
von dem er selbst noch nichts wei.

Aber, Herr von Fink, versuchte die Dame wieder einzufallen.

Fink sah eifrig nach den Schnrkeln der Decke und fuhr fort: Er ist
bereits in diesem Augenblick Eigenthmer eines Landgebietes in Amerika,
die Besitzurkunde ist durch meine Hnde gegangen, und im Vertrauen, er
selbst hat keine Ahnung von diesem Besitz, und die Sache soll ihm auch
vorlufig ein tiefes Geheimni bleiben. Wie ich glaube, hat er alle
Aussicht, in Zukunft mehr als Millionen zu besitzen. -- Haben Sie den
verstorbenen Grofrsten, hier nebenbei, gekannt? Fink wies mit der
Hand bedeutsam nach irgend einer Himmelsgegend.

Nein, sagte die gndige Frau neugierig.

Es giebt Leute, fuhr Fink fort, welche behaupten, da Anton ihm
sprechend hnlich sieht. Was ich Ihnen sage, ist brigens mein
Geheimni, mein Freund selbst lebt in vollstndiger Unkenntni aller
dieser Beziehungen, durch welche mglicher Weise seine Zukunft bestimmt
werden kann. Bekannt ist nur der Umstand, da der verstorbene Kaiser bei
seiner letzten Reise durch diese Provinz in Ostrau angehalten und sich
lngere Zeit mit dem Geistlichen des Ortes leise und angelegentlich
unterhalten hat.

Diese letzte Mittheilung war in der Hauptsache richtig, denn Anton hatte
dasselbe vor einiger Zeit dem Jokei erzhlt, wie man eine Erinnerung aus
der Kinderzeit zu erwhnen pflegt. Er hatte sogar noch zugesetzt, da
der Geistliche seiner Heimath in dem letzten groen Krieg Feldprediger
gewesen war, und da der Kaiser ihn gefragt: Sie haben gedient? und
eine Weile darauf: Bei welchem Corps?

Fink hatte nicht fr nthig gefunden, das kleine Ereigni so
ausfhrlich darzustellen. Frau von Baldereck aber war durch diese
perfiden Andeutungen in eine gewisse neugierige Stimmung gebracht, sie
erklrte sich bereit, Herrn Wohlfart in ihrem Hause zu empfangen.

Und jetzt noch eine Bitte, sagte Fink sich erhebend: Was ich Ihnen
ber meinen Freund mitgetheilt habe, gtige Fee -- die Fee wog ber
sieben Stein -- das lassen Sie ein Geheimni zwischen uns Beiden sein.
Ihrem Zartgefhl durfte ich anvertrauen, was ich in jedem fremden Mund
als eine Indiscretion gegen mich und Herrn Wohlfart ahnden mte. Er
sprach den Namen so ironisch aus, da die Dame fest berzeugt war, der
geheimnivolle, in einem Comtoir verpuppte Herr werde nchstens als
Prinz der Aleuten und Kurilen oder in irgend einer andern unerhrten
Wrde auftreten.

Wie aber soll ich, frug sie beim Abschied, den Herrn bei unsern
Bekannten einfhren?

Nur als meinen besten Freund, ich brge in jeder Hinsicht fr ihn und
habe die Ueberzeugung, da unser Kreis sich selbst den grten Gefallen
thut, wenn er den Herrn mit Zuvorkommenheit aufnimmt.

Als Fink auf der Strae war, murmelte er respectwidrig: Diese alte
Person fuhr wie eine Ente nach dem Kder und tauchte bis zum Stei in
meine Lgen unter. Als ehrlicher Leute Kind wre der arme Junge von
ihnen ber die Achseln angesehen worden. Jetzt glauben sie zu wissen,
da irgend ein fremder Potentat, vor dem zu kriechen sie fr eine Ehre
halten, an dem Jungen Antheil nimmt. Jetzt werden sie ihn mit einer
Artigkeit behandeln, die meinen Kleinen bezaubern wird. Ich htte nicht
gedacht, da das alte Sandloch am Strande von Long-Island und die
verfallene Vogelhtte darin mir je in meinem Leben zu einem solchen Spa
verhelfen wrden.

Der Same, welchen Fink ausgestreut hatte, war auf empfnglichen Boden
gefallen. Frau von Baldereck hatte als kluge Frau bei der Tanzstunde
auch ihre kleinen Privatinteressen im Auge. Sie war doch einmal vor
Allem Mutter und hatte es in der That auf niemand Geringeren, als Herrn
von Fink selbst abgesehen. Ihre Tochter war fnfzehn Jahr alt, und Fink
besa alle Eigenschaften, welche ihr an dem knftigen Gemahl ihrer
Tochter wnschenswerth erscheinen muten; er war eine in jeder Hinsicht
ungewhnliche Partie, und sie war dehalb berzeugt, da er ihre Tochter
glcklich machen wrde. Aus langer Erfahrung wute sie, da solche
Privattanzstunden ein vortreffliches Mittel sind, erfahrenen, etwas
blasirten Herren sehr junge Damen im besten Licht zu zeigen; die
Hauptschwierigkeit dabei ist nur, diese Art Herren berhaupt zur
Theilnahme an solchen Vergngungen heranzuziehen. Sie hatte eine
durchaus nicht unnatrliche Angst, da Fink fr die Tanzstunde kein Herz
haben wrde. Zu ihrer Ueberraschung hatte er sich mit ziemlicher Wrme
bereit erklrt, einen ganzen Winter lang in ihrem Hause zu walzen, ja er
hatte sogar zur Bedingung gemacht, da Frulein Eugenie ihn zum
bevorzugten Tnzer im Voraus annehmen solle. Und dehalb hatte die
triumphirende Mutter sich gerade so sorgfltig mit dem Schnitt der
Tanzkleider beschftigt, als Fink seinen Schtzling Anton bei ihr
empfahl. Vielleicht htte sie auch ohne seine ungewhnliche Empfehlung
ein Opfer gebracht und das Geschpf des Comtoirs in ihrer Tanzstunde zu
verantworten gesucht, inde waren ihr die Andeutungen des Schelms doch
sehr willkommen. Wahrscheinlich hatte sie selbst einige Zweifel ber die
abenteuerlichen Verhltnisse, denn Finks Weise war so, da man ihm
niemals recht trauen konnte; aber ihre Mutterliebe trieb sie, auch auf
das Dunkle und Ungengende Gewicht zu legen. Sie eilte in die
befreundeten Familien, den Gewinn an Herren mitzutheilen und Herrn
Wohlfart durch einige geheimnivolle Andeutungen auszuschmcken. Als das
Wenige, was sie sagen konnte, auf einmal von anderer Seite durch eben so
geheimnivolle Andeutungen zweier Herren von Charakter Besttigung
erhielt, wurde sie selbst in dem Glauben fest, da hier ein
ungewhnlicher Fall vorliege. Nach wenig Tagen ging ein Summen durch
die gute Gesellschaft, da in der Tanzstunde ein brgerlicher Herr von
ungeheurem Vermgen auftreten werde, fr den der Kaiser von Ruland in
Amerika unermeliche Besitzungen gekauft habe.

       *       *       *       *       *

Einige Tage darauf wurde Anton durch Fink in das Haus der gndigen Frau
gefhrt, im neuen Frack, in regelrechten Glachandschuhen, ein Opferlamm
finsterer Mchte, welche im Begriff waren, den Frieden seines Innern zu
zerstren. Sie lauerten in dem Hause der gndigen Frau und schnrten dem
eintretenden Anton schon im Hausthor die Brust zusammen. Sie saen auf
der viereckigen Laterne, welche am Gewlbe des Hausflurs baumelte, sie
hingen mit ausgebreiteten Hnden an dem Holzgelnder der Treppe und
steckten durch die groen Bogenlcher des Gelnders ihre Geisterzungen
mit hhnischem Lachen gegen ihn aus. Fink sah mit unwilligem Blick, wie
sein Opfer den rthlichen Schimmer der Beklommenheit erhielt, er raunte
ihm noch zu: Unterstehe dich nicht, vor diesem Volke roth zu werden,
warf dem Diener herablassend seinen Ueberrock zu und fhrte den Freund
unter die Augen der gndigen Frau. Diese war wirklich, wie Fink
prophezeit hatte, eitel Zuvorkommenheit. Mit Neugierde und einem
gewissen menschlichen Antheil sah sie auf den hbschen schchternen
Jungen, der mit seinem treuherzigen Gesicht vor ihr stand und
vollstndig geneigt schien, ihre Macht auf sich wirken zu lassen.

Anton sagte ihr mit einer tiefen Verbeugung: Nur die Versicherung
meines Freundes, da Sie, gndige Frau, mir nicht zrnen werden, hat mir
den Muth gegeben, Ihnen persnlich meine Ehrfurcht zu bezeigen. Und die
Dame lchelte holdselig, oder wie der Unhold Fink diese Thatsache
auffate, sie grinste, und entgegnete: Herr von Fink hat mir die
Hoffnung gemacht, da Sie diesen Winter ein regelmiger Gast bei unsern
kleinen Tanzbungen sein werden.

Darauf konnte sich Anton nicht enthalten, zu errthen, sehr glcklich
auszusehen und zu versichern: Ich wrde mit Vergngen theilnehmen, wenn
ich die Meinung haben knnte, in der fremden Gesellschaft nicht lstig
zu werden.

Nachdem dies mit Eifer verneint worden war, trat Frulein Eugenie
herein, Anton wurde auch dieser vorgestellt, erhielt einen so
schnippischen Knix, als fnfzehnjhrige Damen fremden Herren zu machen
pflegen, und stieg nach einer Viertelstunde, ganz entzckt ber die
Anmuth der Familie, mit seinem Mentor Fink die Treppe herab. Der
unschuldige Junge hing sich vergngt an den Arm des Freundes und
versicherte diesem auf der Strae ernsthaft: Ich habe mir nicht
vorgestellt, da es so leicht ist, mit eleganten Leuten zu verkehren.

Fink brummte etwas in sich hinein, was ebenso gut eine Besttigung
dieser Ansicht als das Gegentheil ausdrcken konnte, und sagte: Im
Ganzen bin ich mit dir zufrieden. Du hast trotz deines neuen Fracks
dagesessen, wie ein nackter kleiner Engel in einem durchsichtigen
Battistkleide. Indessen das nackte Wesen steht dir nicht ganz schlecht.
Nur das verfluchte Errthen wirst du dir diesen Winter abgewhnen
mssen, bei einer schwarzen Cravatte ist es bekanntlich allenfalls noch
zu ertragen, aber ber einer weien Halsbinde sieht es abscheulich aus.
Du siehst dann aus, wie ein apoplektischer Amor.

Frau von Baldereck dagegen fand von ihrem Standpunkt die
Anspruchslosigkeit des geheimnivollen Jnglings wahrhaft rhrend, und
als ihre Tochter mit Bestimmtheit aussprach: Fink ist ein ganz anderer
Mann und gefllt mir viel besser, da schttelte sie den Kopf und sagte
lchelnd: Das verstehst du nicht, mein Kind, es ist ein Adel und eine
natrliche Grazie in den Bewegungen des Fremden, ein gewisser Charme,
der ganz bezaubernd ist.

       *       *       *       *       *

Der groe Tag, an welchem die Tanzstunde feierlich erffnet werden
sollte, war gekommen. Hastig kleidete sich Anton nach dem Schlu des
Comtoirs an und trat in Finks Zimmer, diesen abzuholen. Der Mentor
untersuchte mit prfendem Blick den Anzug des Novizen. Zeige dein
Taschentuch, sagte er. Bunte Seide? Schm' dich. Hier ist eines von
meinen. Gie dir etwas Parfm darauf. Wo sind deine Handschuhe?

Mit solchen Lehren fhrte er den Freund vor das erleuchtete Haus der
Baronin.

Als Anton die Treppe des Hinterhauses hinabschritt, ffnete sich die
Thr von Jordans Zimmer, und Herr Specht steckte seinen Kopf am Ende
eines langen Halses ber die Treppe und sandte dem Collegen seinen
neugierigsten Blick nach.

Er geht, rief er in die Stube zurck, es ist unerhrt. So etwas hat
sich noch nicht ereignet, so lange die Welt steht. Es sind lauter Adlige
dort. Das wird eine schne Geschichte werden.

Zuletzt, warum soll er nicht gehen, wenn sie ihn einladen? sprach der
gutmthige Herr Jordan, um den stummen Vorwrfen der Collegen zu
begegnen. Keiner wute etwas dagegen zu sagen, nur Herr Pix rief
rgerlich vom Sopha: Mir aber gefllt's nicht, da er eine solche
Einladung annimmt. Er gehrt in das Comtoir und zu uns. Etwas Gutes wird
er unter den Schwadronirern nicht lernen. Fensterglas in's Auge kneifen
und Sholz raspeln, und das wird noch nicht das Schlechteste sein.

Es soll merkwrdig bei diesen Tanzgesellschaften zugehen, rief Specht.
Aeuerst frivol, Liebesgeschichten und Duelle jeden Tag. Aber Wohlfart
hat immer einen Tik auf solche Dinge gehabt. Nchstens wird er an einem
Morgen mit seinen Pistolen unterm Arm ausgehen, und wie er zurckkommen
wird, das will ich gar nicht sagen. Auf seinen Fen nicht, das ist
sicher.

Unsinn, erwiederte Pix rgerlich, es giebt dort nicht mehr Hndel,
als bei andern Leuten.

Und franzsisch mu er sprechen, fuhr Specht unaufhaltsam fort.

Warum nicht russisch? rief Herr Pix.

Hier geriethen Herr Pix und Herr Specht in einen Streit ber die
Sprache, durch welche man sich im Salon der Frau von Baldereck
verstndlich mache. Aber alle Collegen waren darin einig, da dieser
Besuch der Tanzstunde fr Wohlfart ein uerst gewagter und
verhngnivoller Schritt sei, der unaussprechliches Unheil bereite und
die gesammte menschliche Ordnung stre.

       *       *       *       *       *

Er ist gegangen, rief die Tante, von einer Conferenz mit dem Bedienten
zurckkehrend.

Das ist wieder ein Streich seines Freundes Fink, sagte der Prinzipal.

Sabine sah auf ihre Arbeit nieder. Mich freut's, sagte sie endlich,
da Fink seinen Einflu dazu benutzt, dem Freunde ein Vergngen zu
machen. Er selbst tanzt nicht gern, und ihm persnlich ist dies
Krnzchen gewi eher ein Opfer, als eine Freude. Der Bruder sah die
Schwester prfend an, sie nickte ihm leise zu. Und wie gnne ich's
Wohlfart, da er unter Menschen kommt! Er ist am meisten von allen
Herren zu Haus. Fast jeden Abend, wenn ich zu Bette gehe, sehe ich bei
ihm die Lampe brennen. Die Andern haben Verwandte oder gute Freunde von
frher her, er ist ganz allein, er hat nichts, als was dieses Haus
einschliet. Es ist hart, das ganze Jahr so zu leben.

Er hat sich bis jetzt brav gehalten, sagte der Prinzipal, wollen
sehen, ob das Dauer hat.

Aber wie war es mglich, da er in diese Gesellschaft -- rief die
Tante. Bedenkt doch, diese Frau von Baldereck --

Sabine tippte mit dem Fingerhut auf die Tischplatte. Fink hat's ihnen
befohlen, sagte sie, und das war hbsch von ihm. Und zum Dank dafr
soll er morgen trotz dem ernsten Gesicht meines Chefs sein
Lieblingsgericht erhalten.

Also Schinken mit Burgundersauce, rief die Tante. Aber ich bitte
dich, wie wird sich Wohlfart unter diesen Uniformen ausnehmen? Und wie
wird er mit diesen Lebemnnern fertig werden? Er kann's ihnen nicht
gleich thun. Dazu gehrt doch wenigstens Geld.

Dafr la ihn sorgen, erwiederte Sabine frhlich. Um den grmen wir
uns nicht.

       *       *       *       *       *

Er ist gegangen, sagte Karl am Abend zu seinem Vater. Kleine lackirte
Glanzstiefeln, ich habe sie geholt. Herr von Fink verbot ihm, Schuhe
anzuziehen. Und ein neuer Hut, Alles vom Kopf bis zu Fen neu. So also
sieht man aus, wenn man bei vornehmen Leuten tanzen will.

Du mchtest wohl auch tanzen gehen? frug der Vater.

Nein, erwiederte Karl, aber ich mchte sehen, wie sie's auf einem
Balle machen.

Sieh in den blauen Mond nebenan, da kannst du es alle Sonntage sehen;
es ist bei den Vornehmen auch nicht anders, nur da sie einander etwas
behutsamer anfassen, und auerdem mit Handschuhen.

Na, morgen wird's einen guten Staub in den Kleidern geben, sagte Karl.

Es ist ein staubiges Vergngen, besttigte der Riese. Es besteht im
Umwenden, es besteht im Springen, man dreht sich zuerst auf die eine
Seite und hernach auf die andere. Man versucht sich selber von der Erde
zu heben, was immer unmglich ist. Man wird hei, man trinkt ein Glas
oder auch mehrere und zuletzt wird eine Kupolonaise getanzt. Wenn man
heirathen will, ist das Ding nothwendig. So weit bist du noch nicht, bis
dahin hat's noch manches Jahr Zeit.

Aber Herr Wohlfart ist auch noch nicht so weit, erwiederte Karl. Das
wre eine schne Geschichte, wenn der jetzt ein Frulein heirathete mit
zwei Schimmeln und versilbertem Pferdegeschirr.

Ja, da wird wohl nichts helfen, sagte der Vater kopfschttelnd, mit
Tanzen fngt's an, mit der Hochzeit hrt's auf. Es ist mir auch so
gegangen.

Dich htte ich auch sehen mgen, rief Karl.

Oho, rief der Riese, ich habe zu meiner Zeit getanzt wie ein Kreisel,
Walzer, Hopswalzer, russischen Walzer und im Grovatertanz hatte ich
nicht meines Gleichen.

Karl sah den Vater mitrauisch an. Ja, fuhr der Riese vergngt in der
Erinnerung fort, wenn der Fuboden fest ist und gute Kameraden dabei,
so lasse ich mir die Arbeit schon gefallen. -- Es war groer Ball im
Brgerverein, ich war geladen, der Wilhelm mit, welcher damals noch ein
schmchtiger Junge war. Ich gedenke es wie heute, ich hatte einen blauen
Rock an mit blanken Knpfen und stand mitten im Saal und sah auf die
Gesellschaft, die sich um mich herumdrehte. Da fiel mir deine Mutter in
die Augen, ach, ein niedliches Ding, wie eine Puppe sa sie da; neben
ihr sa ihr Vater als Schlossermeister. Guten Abend, Hans, rief der
Schlosser mich an, bist du auch da?

Ich sollt's denken, Gevatter, sagte ich und trat nher, und je mehr
ich mir die Puppe besah, desto besser gefiel sie mir. Dies ist meine
Tochter, sagte der Schlosser, du kennst wohl das Mdel gar nicht mehr?
Sie ist zwei Jahre auf dem Lande bei der Muhme gewesen. Wie sie hbsch
geworden ist! sagte ich, sie ist rund und sie ist nett, wie
gedrechselt. Die Kleine wurde roth, und auch ich wurde feurig. Na,
sagte der Schlosser, wenn du mit ihr tanzen willst, immerzu! Greif sie
nur nicht zu hart an. Nur zart, sagte ich und fhrte sie zum Tanz.
Wir mochten wohl contrair ausgesehen haben, das kleine Blitzmdel und
ich, und ich glaube, die Leute lachten.

Das httest du nicht leiden sollen, rief Karl, der sich ihm
gegenbergesetzt und die Arme untergeschlagen hatte.

Es war nicht bse gemeint, sagte der Alte, und deine Mutter gestand
mir nach den ersten Tnzen, sie mache sich nichts daraus, wenn auch die
Leute lachten. Ja, und sie sagte, es tanze sich gut mit mir. Natrlich
tanzte ich den ganzen Abend mit ihr, nun erst recht. Und beim letzten
Tanz gab es ihretwillen noch einen Handel mit dem Wilhelm, denn wie er
sah, da ich mit ihr tanzte, wollte er auch mit ihr tanzen, und wie er
merkte, da ich ihr den Hof machte und mich um sie herumdrehte und mir
in die Haare fuhr und drauen vor dem Saale beim Blumenmdchen einen
Strau fr sie kaufte und einen fr mich, da kaufte er auch zwei Strue
und drehte sich um sie herum wie ein Finkenhahn, bis ich ihn zuletzt bei
Seite zog und ihm sagte: Siehst du, Wilhelm, bei jedem Wagen, und bei
jedem Fa, und bei jedem Collo sollst du deine Hand haben, wo ich meine
habe, aber hier bei dieser Schlosserstochter nicht rhran! Warum
nicht? frug er. Warum, sagte ich, weil wir Freunde sind, Wilhelm,
und ich dir keinen Puffer geben mchte, und ich dich nicht abwalken
mchte vor den Leuten. Weit du was, sagte er, du bist schalu. Da
merkte ich, wie ich daran war. Seit dem Tage war ich verliebt. Auch du
wirst merken, wie das thut. Es macht unruhig, und es bringt in
Unordnung, und es macht hitzig, und man fngt an zu singen, man schreibt
Briefe und kauft sich einen neuen Rock. So treibt's Jeder, und so habe
ich's gemacht. Durch sechs Wochen, dann war die Hochzeit. Und dein
Grovater bestand darauf, da alle Auflader dazu geladen wurden. Und
beim Polterabend tanzten wir Auflader mit einander eine Kegelquadrille,
und ich war der erste Kegel. Das Haus erschtterte sich wohl, aber es
ist kein Unglck geschehen, nur der Kronleuchter wurde zerbrochen.

Potz Wunder! rief Karl, das htte ich sehen mgen; schade, da ich
nicht dabei war!

Du ungezogener Knirps, sagte der Vater, wie konntest du dabei sein,
an dich war damals noch gar nicht zu denken. Natrlich nicht, es war ja
erst die Vorbereitung.

Wenn Wohlfart nur nicht zu spt nach Hause kommt, das kann Herr
Schrter nicht leiden, sagte Karl.

       *       *       *       *       *

Unterde ffnete der Bediente die Flgelthren zum Salon der Frau von
Baldereck, und Fink und Anton betraten eine Reihe erleuchteter Zimmer,
in denen sich eine groe Anzahl eleganter Damen und Herren Thee
trinkend, schwirrend und mit den Flgeln schlagend durcheinander
bewegte. Die Mtter und Verwandten der jungen Damen waren geladen, um
der Erffnung der Tanzstunde beizuwohnen. Fink raunte dem Freunde noch
in's Ohr: Sei nur so unverschmt, als du kannst, es ist Alles dummes
Zeug, -- und fhrte den Widerstandslosen vor das Angesicht der Frau vom
Hause.

Anton wurde huldreich empfangen, machte seine Verbeugung und sah in
seiner Angst nicht, da die Blicke des Kreises, in den er getreten war,
sich mit wahrhaft unverschmter Neugierde auf ihn hefteten. Ich werde
Sie der Grfin Pontak vorstellen, sagte seine gtige Patronin und
fhrte den Schtzling, der tief Athem holte, vor die Fe einer hagern
langen Frau von unbestimmtem Alter, welche auf einem erhhten Platz, von
Damen und Herren umgeben, thronte. Liebe Betty, hier Herr Wohlfart.
Anton sah in dieser Angststunde, da die liebe Betty eine lange
pergamentene Nase, wenig Lippen und ein recht hartes abstoendes Gesicht
besa, er fhlte zwei stechende Blicke an seinem Gesicht herumpicken und
senkte sein Haupt halb zum Gru, halb mit der Ergebenheit eines
Kriegsgefangenen. Die Grfin sa kerzengerade bei seiner Verbeugung und
frug von ihrer Hhe mit gleichgltiger Stimme: Sie sind ein Freund des
Herrn von Fink?

Zu Befehl, Frau Grfin, antwortete Anton.

Und Sie leben noch nicht lange hier in der Stadt? Jedes Gesprch in
der Nhe hrte auf, mehr als zwanzig Augen stachen den armen Anton.

Doch schon einige Jahre, antwortete Anton wieder.

Sie sind ja wohl ein Auslnder? fuhr Betty in gemthvoller
Conversation fort.

Ich bin in dieser Provinz geboren und erzogen, antwortete Anton.

Ein So? kam eisig von den Lippen der Dame. Und woher?

Aus Ostrau, erwiederte Anton schnell das Haupt erhebend. Das Verhr
wurde ihm drckend, er wute selbst nicht, weshalb, und seine
Schchternheit verflog vor dem aufsteigenden Aerger.

Mein Freund, stolze Herrin, ist ein halber Slave, sagte Fink, zur
rechten Zeit dazwischen tretend, obgleich er leidenschaftlich dagegen
protestirt, wenn man an seiner deutschen Herkunft zweifelt. Dafr macht
er Hoffnung, dereinst ein guter Englnder zu werden. In diesem
Augenblick theilt er meinen Wunsch, Gnade vor Ihren Augen zu finden. Ich
empfehle ihn Ihrer Huld; Sie haben so eben eine Probe von Ihrem Talent
gegeben, fremder Menschen Natur zu erforschen; gnnen Sie jetzt meinem
Freunde, was wir Alle an Ihnen bewundern, Ihre sanfte Nachsicht mit
fremder Unvollkommenheit. -- Die Frauen lchelten, einige der Herren
wendeten sich ab, um ihr Lachen zu verbergen, und Betty sa mit
gestrubten Federn da, wie ein Raubvogel, dem ein grerer seine Beute
abgejagt hat.

Anton eilte, sich dem Blick dieser Gruppe zu entziehen, er schlpfte in
eine andere Ecke und gedachte sich durch ruhiges Beobachten der
Gesellschaft von der Anstrengung seiner Prsentation zu erholen. Da
schlug ein Battisttuch leicht an seinen Arm und eine dreiste
Mdchenstimme frug: Herr Wohlfart, kennen Sie Ihre alten Freunde nicht
mehr? Es ist das zweite Mal, da ich Sie zuerst gren mu.

Anton wandte sich schnell zur Seite. Vor ihm stand eine hohe schlanke
Gestalt mit blondem Haar und groen tiefblauen Augen, welche ihm
lchelnd in's Gesicht sah. So sprechend war der Ausdruck des Entzckens
auf Antons Antlitz, da Lenore sich nicht enthalten konnte, ihm
freundlich zuzunicken und zu sagen: Ich freue mich, da Sie hier sind.
Die Herren sind mir alle fremde Gesichter. Aber wie kommen Sie hierher?

Anton erklrte das in einer Stimmung, welche ihn fast der Herrschaft
ber seine Worte beraubte, verloren im Anblick des Fruleins, welches
jahrelang, ohne es zu wissen, in seiner Dachstube unumschrnkt
geherrscht hatte. Wie war sie in der letzten Zeit gro, voll und schn
geworden! Und das luftige weie Kleid und der Blumenkranz von nie
dagewesenen Blumen im Haar! Mchtig glnzte das Auge in dem entzckenden
Gesicht, und ihre Haltung war die einer Frstin.

Schnell waren Beide in eifrigem Gesprch, es war zum dritten Mal, da
sie einander sahen, aber sie hatten so viel zu erzhlen, als htten sie
Jahre gemeinsam verlebt.

Wir werden heute Alle durcheinander tanzen und uns um unsern
Tanzmeister gar nicht kmmern, sagte endlich das Frulein. So ist
mir's am liebsten. -- Sie drfen jetzt nicht lnger mit mir allein
sprechen, unterhalten Sie sich mit andern Damen. Ich gehe zu meiner
Mutter. Wenn die Musik anfngt, kommen Sie zu mir, ich werde Sie der
Mama vorstellen.

So winkte sie ihm gndig zu und schritt majesttisch durch den Saal in
einen Kreis von Frauen.

Jetzt war Anton gefeit gegen alle Schrecken der Gesellschaft, seine
Befangenheit war verschwunden, eine angenehme Begeisterung erfllte ihn.
Was konnten ihm doch diese hell gekleideten, buntgebnderten Gestalten
sein, welche um ihn hpften, oder fest gewurzelt standen? Sie waren ihm
gleichgltig, wie eine Schaar kleiner Vgel, oder wie die Pflanzen auf
der Wiese. Er suchte schnell Fink auf und lie sich von ihm einem
Dutzend Herren vorstellen, ohne irgend einen Namen der Vorgestellten zu
behalten. Darauf bat er Fink sofort, ihn zu einzelnen der jungen Damen
zu fhren.

Hast du mit der Tochter vom Hause gesprochen? frug Fink.

Nein, sagte Anton lustig.

Schnell hin, Unseliger, ermahnte Fink, mache dich gefat auf
schlechte Behandlung.

Ist mir ganz gleichgltig, sprach Anton, den Arm seines Freundes
drckend, diesem in's Ohr, whrend er vor Frulein Eugenie aufgestellt
wurde.

Das Frulein war so kalt gegen Anton, als sich nach der langen
Vernachlssigung nur irgend erwarten lie. Er hatte Mhe, einige kurze
Antworten zu erlangen, und wurde durch den Anblick ihres Hinterzopfes
beglckt, sobald Lieutnant von Zernitz an sie herantrat.

Auch diese Niederlage war ihm sehr gleichgltig. In seiner Nhe waltete
Frau von Baldereck und beobachtete mit einem Auge die Gesellschaft, mit
dem andern ihre Tochter und mit dem unnennbaren sechsten Sinn, welchen
die Fledermuse in so ausgezeichnetem Grade besitzen sollen, Herrn von
Fink. Schnell trat Anton an sie heran und bat, ihn mit einem
rosafarbenen Wesen, welches braunes Haar und silberne Kornhren zu
tragen schien, bekannt zu machen.

Sie meinen Comte Lara? frug die Dame vom Hause.

Natrlich verneigte sich Anton bejahend, Lara, Tara oder Gutgewicht war
ihm in diesem Augenblick ganz gleichgltig. Die Comte sah ihn befremdet
an, er aber sprach mit gemthlicher Wrme in sie hinein, von den Freuden
der zu erwartenden Tanzstunde, von der allerliebsten Decoration des
Salons, und wie schn man jetzt Sle auszuschmcken wisse, und von dem
neuen Wintergarten in Paris, den er am Tage zuvor aus irgend einer
Zeitung kennen gelernt hatte. Er schilderte ihr Springbrunnen und
Glaskuppeln und vergoldete Gitter und knstliche Felsen mit tropischen
Pflanzen und kleine Salamander, welche zur Freude des Publikums
dazwischen umherschlpfen, Alles mit einem Feuer, da die kleine Dame in
Rosa nach und nach aufthaute und endlich, als er bei den Eidechsen
angekommen war, ebenfalls beweglich wurde und ihrerseits von zwei
Feuermolchen erzhlte, die sie einmal auf einem Stein gesehen, und von
dem Entsetzen, das sie ihr eingejagt. Wenn sie Anton gesagt htte, da
die beiden Molche mit untergeschlagenen Beinen auf dem Felsen gesessen
und Bier aus einem Deckelglase getrunken htten, so wre ihm auch das
als ein alltgliches Ereigni aus dem Nachtgebiete der Natur erschienen.
Da gerade, als Anton wieder den Uebergang machte vom Molch zu einer
groen Ausstellung von Krbissen, welche einige Wochen zuvor in der
Stadt gewesen war, da drhnte die Pauke, da schmetterte die Trompete,
und das rosafarbene Kleid so wie die silbernen Aehren versanken vor
seinen Augen in den Boden, er machte eine kurze Wendung und verlie das
betroffene Frulein, bevor er seine Rede geendet hatte.

Dort stand seine Knigin im Gesprch mit ihrer Mutter, welche, jetzt
kleiner als die hoch aufgeschossene Gestalt der Tochter, zu dieser
aufsehen mute. Der kriegerische Trotz Antons verschwand, als er vor die
Baronin trat. Das waren die feinen Zge, das unaussprechlich vornehme
Wesen, welches ihn einst so sehr in Erstaunen gesetzt hatte. Die letzte
Vergangenheit hatte die Schnheit der Baronin nicht vermindert, und die
Nhe, in welcher Anton sie jetzt betrachtete, erhhte den Zauber, den
ihre Erscheinung auf ihn ausbte. Die erfahrene Frau sah mit dem ersten
Blick in Anton einen Neuling der Gesellschaft, seine Annherung zeigte
einen Ueberflu von Hochachtung, und sein Hut, den er im Arme hielt, war
von dem Druck wollig geworden und sah aus, wie mit einem Pudelfell
berzogen.

Dies ist Herr Wohlfart, sagte Lenore mit einer empfehlenden
Handbewegung, hier ist der Herr, um dessen willen du mich schon einmal
ausgescholten hast. Ja, mein Herr, ich habe damals, als ich Sie zuerst
sah, von Mama Schelte bekommen, weil ich Sie so lange in unserm Garten
aufgehalten hatte.

Das macht mich sehr unglcklich, erwiederte Anton mit dem Ausdruck
eines unsglichen Leidens. Ach, Sie knnen nicht ahnen, Frau Baronin,
wie glcklich ich damals durch die Theilnahme des gndigen Fruleins
geworden bin; ich ging zu fremden Menschen und in eine ungewisse
Zukunft. Ihre freundlichen Worte haben mir Muth gegeben. Und oft sind
sie mir seitdem in einsamen Stunden wieder in die Erinnerung gekommen,
als eine gute Prophezeiung fr meine Zukunft.

Sie wissen das so rhrend zu sagen, rief Lenore ihn unverwandt
ansehend.

Die Baronin hrte verwundert den Ergu Antons und betrachtete den
gefhlvollen Tnzer mit einer Neugierde, die nicht ohne leises Unbehagen
war. Lenore aber unterbrach die beginnende Unterhaltung Antons mit ihrer
Mutter, indem sie unruhig sagte: Man tritt an, wir mssen zum Tanz.
Anton ergriff ihre Hand mit den Fingerspitzen und fhrte sie in den
Kreis der tanzenden Paare.

Er walzt ertrglich, etwas spiebrgerlich, zu viel Zirkel, aber es ist
Haltung darin, brummte Fink.

Ein distinguirtes Paar, rief Frau von Baldereck in der Nhe der
Baronin von Rothsattel, als Anton und Lenore vorbei walzten.

Sie spricht zu viel mit ihm, sagte Frau von Rothsattel zu ihrem
Gemahl, welcher in diesem Augenblick zu ihr trat.

Mit ihm? frug der Freiherr, wer ist der junge Mann? Ich habe das
Gesicht noch nicht gesehen.

Er gehrt zu den Poursuivants des Herrn von Fink, er ist nicht von
Familie, er soll reiche Verwandte in Amerika oder Ruland haben. Mir
gefllt das Entre fr Lenore nicht.

Nun, erwiederte der Freiherr, er hat das Aussehen eines frischen
Jungen. Fr dieses Kindervergngen ist eine solche Gestalt immer noch
besser, als die alten Knaben, die ich hier im Kreise sehe. Die Jngeren
amsiren sich und ihre Tnzerinnen, whrend Benno Tnnchen sich nur
belustigen wird, wenn er die Mdchen roth macht, oder ihnen das
Rothwerden abgewhnt. Lenore sieht recht gut aus. Ich gehe zu meinem
Whist, la mich rufen, wenn du den Wagen befiehlst.

Anton hrte nichts von Allem, was ber ihn und seine Tnzerin gesprochen
wurde, und wenn die Gesellschaft um ihn herum so laut gesummt htte, wie
die groe Glocke am hchsten Kirchthurm der Stadt, er htte nichts
gehrt. Der Erdball war fr ihn sehr klein geworden, nicht grer als
der Kreis, den er mit seiner Tnzerin durchma, was etwa noch auerhalb
existirte, war Finsterni, Oede, ein Nichts, nur was er im Arm halten
durfte, das nahm alle seine Sinne gefangen. Das schne blonde Haar, so
nahe an seinem Haupt, da er mit seinen Locken die ihren berhren
konnte, ihr warmer Athem, der seine Wange streifte, der unsgliche Reiz
des weien Handschuhes, der ihre weiche Hand versteckte, das Parfm
ihres Taschentuches, die rothe Blthe, welche vorn am Kleide befestigt
war, das sah und empfand er, und sonst nichts. Wenn sie im Tanz sich
vertrauend von seinem Arm umschlingen lie, wenn sie ihn frhlich ansah
auch whrend des Tanzes, wenn er sie athemlos anhielt und sie sich
langsam von seiner Hand lste, ein Armband zurecht rckte oder ihr
allerliebstes Taschentuch einen Augenblick an den Mund hielt, wie
reizend waren nicht alle ihre Bewegungen. Wie bezaubernd der freundliche
Gru ihrer Augen oder ihr leises Lcheln, wenn Anton etwas sagte, was
ihr gefiel.

Und er hatte das Glck, ihr zu gefallen; sie sagte ihm, er spreche
allerliebst und es hre sich ihm gut zu. Ach, was er plauderte, war
gleichgltig, er htte vielleicht nicht weniger Erfolg gehabt, wenn er
von Neuseelndern oder dem Kaiser von Japan gesprochen htte. Denn nicht
was er erzhlte, sondern wie er es sagte, die stille Huldigung seiner
Augen, der bebende Ton seiner Stimme, das drang schmeichelnd in die
Seele seiner Tnzerin.

Die Pauke schwieg, der Trompeter setzte sein Blech ab, der Erdball lste
sich auf in ein lichtloses Chaos. Schade! rief Lenore, als die letzte
Note verklungen war.

Ich danke Ihnen fr dieses Glck, sagte Anton, als er das Frulein an
ihren Platz fhrte.

Als er jetzt unter den fremden Menschen umhertrieb, wie ein steuerloses
Schiff unter rauschenden Wellen, trat Fink zu ihm und sagte: Hre, du
Duckmuser, entweder hast du sen Wein getrunken, oder du bist ein
heimlicher Intrigant. Woher kennst du die Rothsattel? du hast mir ja nie
etwas von der Bekanntschaft gesagt. Sie ist eine hbsche Figur und ein
classisches Gesicht. Hat sie denn auch Verstand?

Anton htte in diesem Augenblick seinem Freund erklren knnen, da er
ihn auf's Tiefste verachte. Eine solche Rohheit des Ausdrucks konnte nur
aus einem ganz entmenschten Gemth kommen.

Verstand? erwiederte er und sah Fink mit einem Blick tdtlicher
Feindschaft an; wer daran zweifeln kann, mu selbst sehr wenig
besitzen.

Nun, nun, sagte Fink erstaunt, ich bin nicht in dieser trostlosen
Lage. Ich finde das Mdchen, oder was ihrer wrdiger sein wird, das
junge Frulein sehr einnehmend, ja, um in der Sprache eines gebildeten
Menschen die Wahrheit zu sagen, ungewhnlich liebenswrdig, und wenn ich
nicht anderweitig kleine Verpflichtungen htte, so wei ich nicht, ob
ich nicht genthigt wrde, das Frulein, dessen Namen ich so eben
auszusprechen wagte, fr die Herrin meines Herzens zu erklren. So
freilich darf ich sie nur von fern bewundern.

Fink war doch nicht so schlecht. Er war in seinen Ausdrcken nicht immer
gewhlt, aber er hatte im Grunde ein sehr richtiges Gefhl und ein
treues Gemth. Dehalb fate Anton seinen Arm, drckte ihn krftig und
sagte: Du hast Recht.

Wirklich? fuhr Fink wieder in seiner gewhnlichen Weise fort. Na! du
fngst gut an, ich will mich lieber mit einem Stck brennenden Schwefel
in ein Pulverfa setzen, als mit dir und deinem schchternen Wesen.
Uebrigens vergi nicht, Frulein Eugenie zum nchsten Tanz aufzufordern,
du wirst einen Korb bekommen, denn sie ist bereits engagirt. Du hast
dich bis jetzt gut gehalten, fahr' so fort, mein Sohn.

Und Anton fuhr fort, seinem Lehrer Ehre zu machen. Wohl war er
berauscht, aber durch einen strkern Trank, als sen Wein. Die Musik,
die Aufregung des Tanzes und das frhliche Geschwirr um ihn herum
steigerten seine Begeisterung, er fhlte sich den ganzen Abend sicher,
ja bermthig, und betrug sich, einige kleine Verste abgerechnet, wie
Einer, der tglich von Wachskerzen und servirenden Dienern umgeben ist.
Er wurde bemerkt, er machte als Fremder einiges Aufsehen. Dunkle Sagen
von seinen geheimnivollen Verbindungen flogen aus einer Ecke des Saals,
wo Mtter prfend und richtend zusammensaen, bis in die andere. Es
wurde unzweifelhaft, da dies heitere und harmlose Sichgehenlassen die
Folge eines ganz besondern Selbstgefhls war. Er erfuhr Zuvorkommenheit
von den lteren Frauen, bald auch von einzelnen Herren.

Und endlich kam der Cotillon. O du lngster und merkwrdigster aller
Tnze! du halb Spiel und halb Tanz! reizend, wenn du die einzelnen Paare
im Kreise umhertreibst, noch reizender, wenn du ihnen erlaubst,
ungestrt und ein wenig versteckt zu plaudern. Wir hren, da du dem
Geschlecht der Gegenwart fr veraltet und spiebrgerlich giltst.
Wankelmthiges Jahrhundert! Wissenschaft und Staatskunst werden nichts
Neues erfinden, was so vielfachen Bedrfnissen des Menschengeschlechts
Genge thut, als du. Da ist das kindliche Gemth, es kann sich als
Pyramide aufstellen, es kann sich in Schlangenwindungen umherdrehen, es
kann hier und dort hinlaufen, alte Herren vom Spieltisch zu Extratouren
holen, es kann auf dem Stuhle sitzend drei bis vier junge Damen
verchtlich vor sich stehen lassen, es kann von Tanzlust ergriffen
pltzlich aufspringen, irgend eine Dame ergreifen und im Kreise
umhertanzen, und kein Mensch kann es ihm verwehren. Da sind hher
strebende Naturen, welche Gefhle haben oder Ehrgeiz oder Bosheit und
Menschenha; allen bist du gefllig. Du giebst jedem Herrn das Recht,
sich mehr als einmal eine Tnzerin nach seinem Herzen zu suchen, du
erlaubst jeder Dame, in der allerzartesten Weise anzudeuten, welche zwei
oder drei Herren ihre hchste Achtung genieen, du vertheilst an
strebsame Cavaliere Schleifen und Orden, du heftest massenhafte
Blumenstrue vor die Brust der gefeierten Dame. Du lt aber auch
verschmhte Herren zhneknirschend umherlaufen und sich irgend eine
Surrogattnzerin suchen; du offenbarst die Lieblinge der Gesellschaft,
aber du machst den Unbekannten und Unbeliebten noch einsamer und
verlassener. Wenn du beginnst, werden die Blicke der Mtter besorgt, die
Nasen vieler Tanten spitz. Du kindischer, lustiger, endloser Tanz! wie
viele Glckliche hast du gemacht, wie viele stille Thrnen hast du
verursacht, wie manches Brautpaar hast du zusammengefhrt, und welche
Qualen der Eifersucht hast du erregt! Freilich hast du auch endlosen
Staub aufgerhrt, zahllose Toiletten unscheinbar gemacht, und manche
grimmige Feindschaft hervorgerufen. So bist du in deiner Blthenzeit
gewesen, die Freude der Jugend, die groe Angelegenheit der Mtter, die
Furcht der ermdeten Vter, ein Greuel nur fr die Musiker.

Als dieser vielseitige Tanz herankam, suchte Anton wieder in Lenorens
Nhe zu kommen; er bat sie um den Tanz.

Ich wute, da Sie mit mir tanzen wrden, sagte sie aufrichtig; er
holte ihr einen Stuhl, schob sich neben sie und war selig. Und als er
die Aufgabe hatte, in der Tour eine fremde Dame zu holen, dieser etwas
zu schenken, was in einem Krbchen mitten im Kreise aufgestellt war, und
darauf mit ihr zu tanzen, da gab er der Welt die energische Erklrung
ab, da fr keine andere Dame die Mglichkeit irgend einer Stellung in
seinem Herzen vorhanden sei; er holte sein Geschenk aus dem Korbe,
wartete, bis seine Tnzerin auf ihren Platz zurckkam, und berreichte
dann ihr die rothe Schleife. Das war fr Beide der grte Augenblick in
dem ganzen groen Abend.

Was darauf folgte, war nur undeutliches Traumgesicht. Er sah sich mit
Fink Arm in Arm durch den Saal schlendern, er hrte sich mit ihm und
andern Herren ber Allerlei sprechen und lachen, er bemerkte sich vor
der Dame vom Hause einen Dank murmeln und eine Verbeugung machen; es kam
ihm vor, als ob ihm ein Diener den Paletot berreichte, worauf er in die
Tasche griff und ihm etwas in die Hand drckte. Schattenhaft und unklar
waren alle diese Begebenheiten. Nur Eins sah er noch deutlich, einen
weien Damenmantel mit einem seidenen Capuchon und einer Quaste daran, o
diese Quaste, sie war unsglich entzckend! Noch einmal fiel ein Blick
aus den groen Augen voll und glnzend auf ihn, und er hrte von ihren
Lippen noch ein leises Flstern, wie gute Nacht. Das Uebrige war
wieder ein nichtssagender Traum, da er neben Fink die Treppe
herunterstieg und die spttischen Reden des Freundes nur mit halbem Ohr
hrte, da er in seiner kleinen Stube ankam, die Lampe anzndete und
sich umsah, ob er auch wirklich hier wohne, und da er sich langsam
entkleidete, sich noch in seinem Bett wunderte, da er all diese
Herrlichkeit erlebt hatte, und endlich ermdet einschlief. Und ein Traum
war's, da sein Hausgeist, die gelbe Katze, sich auf ihrem Postament
hoch aufrichtete und den Kopf schttelte ber den langen Zug
fremdartiger Bilder und Gefhle, welche in der friedlichen Stube
eingekehrt waren.




~II.~


Seit diesem groen Abend hatte die Tanzstunde regelmigen Verlauf. Als
Anton das Fegefeuer der Einfhrung bestanden hatte, fhlte er sich unter
den Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sophakissen mit gestickten
Wappen bald heimisch. Er selbst wurde ein ntzliches Mitglied des
Krnzchens, und zwar durch die brgerlichsten aller Tugenden, durch
Ordnung und Pflichttreue. Und das ging so zu. Das Krnzchen war keine
gewhnliche Tanzstunde, denn bei smmtlichen Theilnehmern wurden die
ersten Anfnge der Kunst vorausgesetzt; es hatte vielmehr den Zweck,
einige neue Tnze einzuben und nebenbei eine Vereinigung der
befreundeten Familien in bequemer Faon hervorzubringen. Nun ergab sich
bald, da die bequeme Faon allerdings nach Finks Herzen war, das
Einstudiren neuer Tnze aber von ihm und mehreren seiner Kameraden mit
einer strflichen Lauheit betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der
Tanzstunde, er betrachtete den Salon nur als eine Gelegenheit, die
jngeren Damen zu necken und sich mit den reiferen Schnheiten eine
Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entsetzen des Tanzmeisters den
Grundsatz, wo man im Tanz nicht mit dem gewhnlichen Schritt fortkomme,
sei das einfache Pas des Galopps fr alle Flle gut genug, und das
einzige Vergngen bei unsern Tnzen sei, regelmig aus dem Takt und
wieder hineinzukommen. Aber, Herr von Fink, klagte der Tanzmeister,
das heit nicht mehr tanzen; dabei ist keine Kunst.

Es soll auch keine dabei sein, sagte Fink, was hat die Kunst mit
unserm Tanzen zu thun? Was Sie die Jugend lehren, ist weiter nichts als
eine gesellschaftliche Rotation um einen imaginairen Mittelpunkt. Mir
ist das langweilig, ich gehe dehalb in Kometenbahn. Und er blieb
dieser Ansicht getreu, er zwang die unglcklichen Opfer, welche er zu
engagiren sich herablie, sich quer durch die Reihe der Tanzenden zu
strzen, aus einer Ecke des Saals in die andere, aus dem Takt, wieder in
den Takt, wie es seiner Laune passend schien.

Gegenber dieser excentrischen Auffassung, welche leider in dem
Krnzchen zahlreiche Anhnger fand, zeigte Wohlfart die Regelmigkeit
eines Mannes, der mit Entzcken seine Pflicht thut, er erschien
pnktlich, er machte jedes Pas, er tanzte jeden Tanz, er war immer in
guter Laune und fand eine Freude darin, vernachlssigte junge Damen zu
engagiren. Da bei der Sorglosigkeit Finks und seiner Genossen schnell
Mangel an Tnzern eintrat, wurde Anton in Kurzem eine anspruchslose
Hauptsttze des Salons, Liebling des Tanzmeisters und ein Vertrauter
der jungen Damen, durch welchen heimliche Wnsche von den hellen Rndern
des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er selbst war in diesen
Stunden ein seliger Mann, und die freudige Verklrung, welche auf ihm
lag, fiel jungen wie lteren Damen als etwas Ungewhnliches auf. Die
einen wurden in der Ueberzeugung bestrkt, da er ein guter Junge sei,
und die letzteren in der keineswegs entgegengesetzten Ueberzeugung, da
er ein unbekannter Prinz sei. Er selbst wute am besten, warum er so
glcklich war. Alle seine Gedanken und Bewegungen bezogen sich im
Stillen auf sie, die unbestrittene Herrin seines Herzens. Alle andern
Tnze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete er nur als
gesellschaftliche Schnrkel, die er mit der Feder seines Herzens um den
einen Namen beschrieb. Und er diente nicht ohne Erhrung. Er wurde von
ihr wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leise,
einen oder den andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja sie bat ihn sogar
einmal, zu Gunsten eines neu angekommenen Vetters auf seine Rechte zu
verzichten. Und sie freute sich, als Anton ber dies Ereigni grenzenlos
betrbt war, keine andere Dame aufforderte, sondern still den Tanzenden
zusah. Niemals entfernte er sich eher, bis sie den Saal verlassen hatte,
dann stand er unweit der Thr, um noch die letzten Auftrge, einen Gru,
einen Blick ihres glnzenden Auges zu erhalten. Und auch ihr Auge flog,
so oft sie in den Saal trat, suchend in den Kreis der schwarzrckigen
Herren, bis sie Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erst fhlte sie
sich heimisch in dem erleuchteten Raum.

Auch mit vielen der Herren kam Anton in ein freundliches Verhltni.
Fink beeilte sich, ihn bei Feroni einzufhren. Zwar gefiel ihm Manches
an seinen neuen Bekannten nicht, ihre Urtheile waren zuweilen roher, als
ihm behaglich war, und er hatte mehrere von ihnen bald in Verdacht,
herzlich ungebildet zu sein. Aber ihre Art zu sprechen und sich zu
geberden imponirte ihm doch, vor Allem eine gewisse ritterliche
Atmosphre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stallluft und viel
von dem Aroma der Weinstube. Da Anton eine harmlose Laune bewies, der
nchste Bekannte des mchtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen
zeigte, wenn er nach Mitternacht gegen eine vorgeschlagene letzte
Flasche protestirte, oder die abwesenden Damen gegen eine bermthige
Kritik mit frommem Ernst vertheidigte, so erhielt er unter den andern
Herren der Tanzstunde das Renomme eines guten Kerls.

Gleich in den ersten Wochen hatte Anton Gelegenheit, seine angebetete
Tnzerin in einer Situation zu sehen, welche die gewaltigsten
menschlichen Leidenschaften aufregte. Die jngeren Damen des Krnzchens
waren natrlich unter einander alle ein Herz und eine Seele, jedoch
verstand sich von selbst, da einige in der Stille andere nicht recht
leiden konnten. So entstanden Parteien. Bald bildeten sich zwei groe
Bundesgenossenschaften, zwischen denen Einzelne hin und her schwankten,
die aber im Ganzen fest zusammenhielten und im Geheimen starke
Antipathien gegen die Gegenpartei nhrten. Es kam so weit, da an einem
Abend smmtliche Damen der einen Partei eine weie Camellie in der Mitte
ihres Ballstraues trugen und ein sehr auffallendes hellbraunes Band von
dem Strau herunterhngen lieen; dies hatte zur nothwendigen Folge, da
die Gegenpartei am nchsten Abend mit rothen Camellien im Strau
erschien und ein grnes Band darum wand. An der Spitze der Braunen stand
Lenore, das Haupt der Grnen war Eugenie, die Tochter des Hauses. Im
Vertrauen gesagt, die Grnen waren unertrglich. Sie machten Ansprche
ohne Berechtigung, sie waren moquant, sie gaben sich das Air, lter zu
sein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechthild Fiorelli den
Winter zuvor in der Residenz gewesen waren und auf den Hofbllen getanzt
hatten, und weil Fanny Mareschalk bei einem lebenden Bild die Genoveva
dargestellt hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite,
die durch Bnder an die hlzerne Rasenbank festgebunden waren, dehalb
erhoben sie solche Ansprche. Zu den Braunen gehrten Theone Lara und
die reizende Hildegard Salt, zwei innige Freundinnen, die immer Arm in
Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im Anfange des Winters
geschworen hatten, einander nie zu verlassen, ein Schwur, gegen dessen
Erfllung sich die einzige Schwierigkeit erhob, da ihre Eltern den
Sommer ber in den beiden entgegengesetzten Ecken der Provinz wohnten.
Beide waren schwrmerische Naturen, die alle Gefhle mit einander
theilten, Beide sangen, Beide spielten den Flgel, Beide liebten
dieselben Dichter, Beide hatten einen unberwindlichen Abscheu vor
Herren mit Kinnbrten, Beide saen wie zwei Sympathievgel zusammen und
fanden ihr hchstes Glck darin, einander die Gefhle in's Ohr zu
flstern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder das
melancholische Vorspiel eines Walzers. Diese Beiden schlossen sich bald
innig an Lenore Rothsattel; sie, Valeska Panin und Hortense Leloup
bildeten den Mittelpunkt der braunen Partei; Lenorens stattliche Gre
ragte aus dem Kreise dieser Getreuen hervor, wie die Gestalt eines
Huptlings unter seinen Kriegern. Wenn ein Tanz beendet war, machte
sich's von selbst, da die Braunen zusammentraten; wenn sie in der
Quadrille gegen einander tanzten, so erhoben sie unmerklich ihren Strau
und grten einander.

Natrlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fu, und als er ber
seine Gemthsstimmung ein offenes Bekenntni ablegte, indem er an einem
Abend in braun und wei gestreifter Ballweste erschien, wurde er in der
ersten Tour des Cotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung
geholt, ein Ereigni, welches sogar bei den Ehrendamen am Rande des
Salons groe Aufregung hervorbrachte. Es thut dem wahrhaftigen
Geschichtschreiber leid, zu melden, da Fink unter die Grnen gerechnet
wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie die Braunen behaupteten,
seine grnen Tnzerinnen sehr nachlssig, aber da Eugenie Baldereck
seine Dienste vorzugsweise in Anspruch nahm, so war es, wie Anton
entschuldigend sagte, seinem Freunde nicht mglich, sich dem Einflu
dieser Farbe ganz zu entziehen. Nun begab sich Folgendes:

Theone Lara hatte ein Tagebuch, in das sie ihre Empfindungen mit einer
schwarzen Krhenfeder durch winzig kleine Buchstaben einzeichnete. Auer
der bereits frher erwhnten Geschichte von den zwei Molchen stand alles
Andere darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Ansichten ber
Natur, die Menschen und das Krnzchen. Es war ihr hchster Schatz. In
einer himmlischen Stunde hatte sie Hildegard Salt in die Geheimnisse
dieses Buches eingeweiht, Beide hatten einander gekt und viel geweint
und ber diesem Buche ewige Freundschaft beschworen. Von da ab fhrten
Beide das Tagebuch gemeinschaftlich. Ihre vertrautesten Gefhle, die
allergeheimsten Bemerkungen waren darin aufgezeichnet. Nach einem
Krnzchenabend, wo Lenore sehr nett gegen sie gewesen war, schlossen sie
ihr Herz auch gegen diese auf und zeigten ihr wenigstens einige Bltter
des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vorzug gehabt,
etwas hineinzuschreiben. Da aber ihre Strke nicht sowohl war, Gefhle
aufzuzeichnen, als vielmehr Gesichter und lcherliche Mnnchen zu malen,
so hatte sie einige Karrikaturen hineingesetzt, und Hildegard, welche
Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bilde einige Zeilen gedichtet. In
dieses theure Buch durfte kein fremdes Auge blicken, Niemand durfte das
Heiligthum sehen und berhren. Theone trennte sich niemals davon. Am
Tage und in der Nacht trug sie es bei sich. Bei Nacht lag es unter ihrem
Kopfkissen, und whrend die Kammerjungfer sie anzog, steckte sie es
heimlich oben in den Schnrleib hinein und trug es an ihrem warmen
unschuldigen Herzen. Es war ein ganz kleines dnnes Buch in carmoisine
Seide gebunden. Wenn Hildegard sie zrtlich ansah, oder Lenore sie mit
dem Ballstrau auf den Arm schlug, so deutete sie mit dem Finger
heimlich auf ihre Brust. An diesem Abend hatte sie das Buch wieder an
seine Stelle geschoben, whrend der ersten Tnze hatte sie es deutlich
gefhlt. Nach einer Quadrille fhlte sie danach, das Buch war
verschwunden.

Es war verschwunden, es war nicht mehr an ihr, es mute whrend des
Tanzes hinausgesprungen oder hinabgeglitten sein bis auf den Fuboden.
Wie so etwas mglich war, ist ihr selbst und allen Betheiligten ewig ein
finsteres Rthsel geblieben. -- Sie war einer Ohnmacht nahe; kaum
vermochte sie Hildegard bei Seite zu ziehen und ihr das Schreckliche zu
klagen. Hildegard rief Lenoren, vernichtet standen die Drei neben
einander. Das Bundesheiligthum war verloren, es war in fremde Hnde
gefallen, ja entsetzlich zu denken, vielleicht sogar in die Hnde der
Grnen. Auf jeder der letzten Seiten waren schelmische Bemerkungen,
smmtliche Herren waren darin aufgefhrt, mit fremden Namen zwar, Fink
hie Zeisig, Tnnchen Nuknacker, aber wer konnte dafr stehen, da sie
nicht diese Chiffresprache herausbrachten? Und was mute dann geschehen!
Es war Untergang! Ruin der Tanzstunde, Familienzwist, Auflsung aller
menschlichen Bande. Theone sa verstrt, sie dachte einen Augenblick an
Gift, dann wieder an Flucht, weit hinweg aus allen Lndern, in denen man
tanzte. Lenore fate sich zuerst. La uns suchen, rief sie, Hildegard
am Arme fassend, vielleicht liegt's noch irgendwo im Saale. Ich sehe
nach der Mitte, den Herren unter die Fe, du unter die Sitze der
Damen.

So zogen sie mit einander durch den Saal, uerlich lustwandelnd, in dem
Herzen die Hlle, scheinbar mit einander plaudernd, innerlich weinend.
Zuweilen redete ein langweiliger Herr sie an und zwang sie, still zu
stehen und zu antworten, whrend die fliegende Angst in ihrem Haupte
umherraste: jetzt vielleicht findet's ein Anderer. Sie kamen durch die
Gruppe der Grnen, wo sie nach allen Seiten anhalten muten, um zu
lcheln und Freundliches zu sagen, sie kamen zu Eugenie Baldereck, die
sie frug, ob es nicht zweckmig sei, noch einen Tanz anzuhngen,
whrend sie daran denken muten, da in dem Buch ein unverkennbares
Portrait zu sehen war mit der Unterschrift: Naseweis, gefhllos, keck
ist E...... B.......; sie kamen, wehe, wehe! sogar in Finks Nhe, von
dem eine schreckliche Zeichnung war, wie er mit Herrn von Tnnchen in
einem Rebenstock sa, mit der Unterschrift:

    Ein Zeisig und Nuknacker tranken sich voll,
    Der Zeisig sang: mein Schnabel ist spitz,
    Grn sind meine Federn und grn mein Witz:
    Der Nuknacker seufzte: ich bin so hohl,
    Ich wei nicht, was das bedeuten soll.

So zogen sie zwei Mal durch den Saal; ein drittes Mal wagten sie's nicht
mehr, sie hatten nichts gefunden. Trostlos kamen sie zu Theone zurck.

Es giebt nur ein Mittel, rief Lenore. Wo ist Herr Wohlfart?

Hildegard hielt sie zurck. Du willst doch nicht einem Herrn --

Ich bernehme die Brgschaft, sagte Lenore stolz; er ist treu, wo
steht er?

Dort spricht er mit Frau von Baldereck. Die beiden Suchenden gingen
langsam an Anton vorber, er drehte ihnen zwar den Rcken zu, aber als
sie nher kamen, zog es ihn unwiderstehlich, nach der Musik zu sehen. Er
wandte sich um, Lenore stand vor ihm, sie sah ihn bedeutsam an, er lste
die Unterhaltung mit Frau von Baldereck, er sprach zu ihnen, sie hatten
ihn. Herr Wohlfart, ein kleines Buch in rother Seide, so gro, ist hier
im Saale von Theone Lara verloren. Es ist uns unendlich viel daran
gelegen, bitte, bitte, schaffen Sie es uns zurck.

Ist es gedruckt?

Nein, geschrieben, auch Sie drfen nicht hineinsehen, es sind unsere
Geheimnisse darin. Schwren Sie mir, da Sie mit keinem Auge
hineinsehen, wenn Sie es finden.

Ich schwre es Ihnen zu, erwiederte Anton feierlich.

Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.

Anton eilte in das Gewhl und beschftigte sich die nchste
Viertelstunde mit Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den
Pltzen, keiner von den Dienern hatte etwas gefunden, das Buch war
verschwunden. In tiefstem Mitgefhl brachte er den Damen die traurige
Nachricht. Der Tanz begann. Theone vermochte vor Kopfschmerz nicht sich
zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war geffnet, sein
Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefhle lagen nackt vor
Jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen
Auenwelt. Lenore fhlte das Unglck mehr vom Parteistandpunkt. Die
Braunen waren in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich
niemals erholen konnten. Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz, wie auf
einem Vulkan, der Boden war glhende Lava, jeden Augenblick konnte die
Explosion erfolgen. Je lnger die Verbndeten ber ihr Schicksal
nachdachten, desto schrecklicher wurden die Aussichten; denn immer noch
fielen ihnen neue Grlichkeiten ein, die in dem Buche standen.

Als der Tanz beendigt war, begab es sich, da Fink im Vorbeigehen vor
Hildegard mit dem Fu auf den Boden wippte und zu ihr gewandt sagte:
Dieser Boden klingt so hohl, ich wei nicht, was das bedeuten soll,
vielleicht liegt ein verlorener Schatz unter den Fen.

Hildegard strzte zu Lenore und dem kranken Sympathievogel und rief
auer sich: Herr von Fink wei es. Die braunen Bnder flatterten in
eine Ecke, die Mdchenkpfe fuhren zusammen und hielten Berathung.
Endlich wurde entschieden, da diese Aeuerung sehr beunruhigend sei,
aber keine Gewiheit des Unglcks gebe.

Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks
Benehmen wurde auffallend. Er vernachlssigte heut seine Partei, er
suchte alle Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von
Juliens Sterbescene und den Untergang des Hauses Capulet bereits drei
Mal durchgekostet hatte und ihre Thrnen gar nicht mehr zurckhalten
konnte; er fing ein Gesprch mit ihr an, er zwang sie zu antworten, er
beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das heie Zimmer. Er
qulte sie bis zur Ohnmacht und schlo endlich seine teuflische Rache
damit, da er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und frug: Wie
gefllt Ihnen das grne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig? --
Sein nchstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schaar noch immer
mit dem Stolz einer Frstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren
Getreuen redete Fink sie an. Sie war artiger gegen ihn, als je in ihrem
Leben, sie prete ihr Taschentuch zusammen, da die Spitze ri, um sein
Lcheln ruhig auszuhalten. Alles ging gut, bis zu dem Augenblick, wo er
dem vorbergehenden Herrn von Tnnchen mitten im Gesprch zurief:
Benno, knacken Sie gern Nsse?

Benno Tnnchen, der auch ein Grner war, sagte verwundert: Nein, wenn
Frulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so frchte ich, wird sie fr
mich zu hart sein.

Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr mglich, Fink hatte das
Buch. Die braunen Bnder rauschten auseinander, die Partei glich einem
Schwarm entsetzter Kchlein, unter welche der Habicht stt. Nur Lenore
nahm sich zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. Sie haben das
Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und ist
sehr unglcklich darber. Sein Inhalt ist nicht fr fremde Augen, er
kann in dieser Gesellschaft groen Aerger verursachen. Ich bitte, da
Sie mir das Buch zurckgeben.

Ein Buch? frug Fink neugierig, was fr ein Buch?

Verstellen Sie sich nicht, sagte Lenore, es ist uns Allen deutlich,
da Sie es haben. Ich kann nicht glauben, da Sie es nach dem, was ich
Ihnen ber die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten
knnen.

Ich knnte es behalten, nickte Fink. Sie sind zu gtig, wenn Sie mir
ein solches Zartgefhl zutrauen.

Das wre mehr als unartig, rief Lenore.

Es wrde mir das grte Vergngen machen, mehr als unartig zu sein,
wenn ich das Buch htte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer
Freundinnen gehrt, das mglicher Weise Ihre Handschrift oder eine
andere Erinnerung an Sie enthlt, das werde ich Ihnen in keinem Fall
zurckgeben, wenn ich es finde; und wenn ich erfahre, wo es liegt, werde
ich es stehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es Zeile fr Zeile
auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu gefallen suchen, da ich
Ihnen einige Stellen daraus vortrage, so oft ich die Freude habe, Sie zu
sehen.

Lenore trat ihm einen Schritt nher, und ihre Augen flammten. Wenn Sie
das thun, Herr von Fink, rief sie, so werden Sie als ein Unwrdiger
handeln.

Fink nickte ihr freundlich zu. Der Eifer steht Ihnen allerliebst,
Frulein; aber wie knnen Sie Wrde von einem lustigen Vogel verlangen,
wie ich bin? Die Natur hat ihre Gaben verschieden ausgetheilt, Manchem
hat sie verliehen, Verse zu machen, Andere zeichnen kleine Bilder, ich
habe von ihr einen spitzen Schnabel erhalten, den gebrauche ich. Haben
Sie je einen wrdigen Zeisig gesehen? Er wandte sich lachend ab, fate
Benno Tnnchen beim Arm und ging mit ihm nach der Thr.

Lenore eilte zu Anton: Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an,
schaffen Sie es uns zurck, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter
darin lesen, es wre Theonens Tod.

Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der
bereits auf der Strae war. Zu Feroni, Anton! rief ihm Fink am Arm des
Benno Tnnchen zu.

Ich mu etwas im Vertrauen mit dir sprechen, sagte Anton an seiner
andern Seite.

Jetzt nicht, du brauner Gesandter, rief Fink, ich will nichts mit dir
zu thun haben.

Ich bitte dich, Fritz, bat Anton sich an ihn drckend, gieb das Buch
heraus, die Mdchen ngstigen sich bis zum Vergehen.

Nur zu! sagte Fink.

Keine thut heute Nacht ein Auge zu, rief Anton.

Um so besser, wir wollen's auch nicht thun. Sie knnen smmtlich zu
Feroni kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum
Morgen zusammen. Und du, Anton, wirst dich heut Nacht nicht ohne mich
nach Hause schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller
Todesangst.

Was ist das fr eine Geschichte mit dem Buch? frug Tnnchen am andern
Arme.

Sage nichts, bat Anton leise.

Eine tolle Confusion, erwiederte Fink, Sie sollen Alles erfahren.

Um Gottes willen, schweig, bat Anton.

Ich werde mich nach deinem Benehmen richten, sagte Fink; lufst du
weg, so lese ich den Andern das ganze Buch vor.

So kamen sie bei Feroni an. Anton berlegte, ob er sich auf Fink werfen
und diesem mit Gewalt das Buch entreien sollte. Aber der Erfolg war
unsicher. Mit Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten.
Nur List konnte helfen. Whrend er darber nachsann, lagerten sich die
Herren in dem kleinen Hinterzimmer, ihrer gewhnlichen Trinkstube. Es
waren auer Anton und Fink noch Zernitz und Tnnchen, der kleine Lanzau,
ein Werner, ein Cousin Baldereck, (dieser ein junger Herr mit
hervorstehenden Augen, der in dem Buch unter dem Namen Laubfrosch
angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams, sondern aus
der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Shne des alten
Majoratsherrn.

Was trinken wir? frug Fink.

Jeder seine Flasche, erwiederte Zernitz.

Warum nicht gar! rief Fink.

Nur nicht Ihren furchtbaren weien Burgunder, rief Guido Tronka. Von
unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie
Strnge.

Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb, schlug Fink
vor.

Superbos! rief der kleine Lanzau.

Das ist eben so ein Hllengetrnk, klagte Zernitz.

Kfer, Schenk, herbei! riefen die Herren und die Bestellung wurde
gemacht.

Unterde verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab
dem Aufwrter einen Thaler und den Auftrag, den Ofen der kleinen
Hinterstube zu berheizen und ohne Rcksicht auf die Klagen der Herren
immerfort Kohlen nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen,
als irgend mglich war, und sah mit Freude, da Fink sich dicht an den
eisernen Cylinder gerckt hatte. Bald mute ihm die Wrme unbequem
werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er stets in solchen Fllen
that, dann war es mglich, das rothe Buch vor seinen Augen aus der
Rocktasche zu ziehen.

Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem groen Ereigni in Kenntni
zu setzen, begann Tnnchen. Haben Sie Tronka's Alice gesehen, Fink?

Nein, sagte Fink eingieend, ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?

Natrlich ein Pferd! rief Tnnchen.

Bah, lat heut die Stalljacke zu Haus, sagte Fink.

Es ist aber verdammter Ernst! rief Tnnchen. Guido hat zum
Herrenreiten eingesetzt.

Zahlen Sie Reugeld, sprach Fink zu Guido Tronka, und bleiben Sie zu
Haus. Den Ajax schlgt kein Traber in diesem Erdenwinkel.

Sehen Sie sich morgen meine Alice an, bat Tronka wieder, ich mchte
Ihr Urtheil hren.

Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen? sprach Zernitz zu Anton, sie
hat brillante Augen.

Sie trgt magnifique, rief der andere Tronka zu Fink herber.

Sie hat ja eine Hasenscharte, rief der Laubfrosch verchtlich
dazwischen.

Wer ist nun das wieder? frug Fink.

Die Seppi, ein grnugiges Scheusal, schrie wieder der Laubfrosch
Baldereck. Gehen Sie denn gar nicht mehr in's Theater?

Nein, versetzte Fink, aber ich schicke meinen Reitknecht hinein.
Wenn Sie Gefhle haben, bei denen er Sie untersttzen kann, so wenden
Sie sich nur an ihn.

Es wurde warm. Anton fhlte die Verpflichtung, die Herren zu
beschftigen. Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im
Volksdialekt, die ihm der Lieutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte
laut in das Lachen des Laubfrosches ein, er verfhrte den ltesten
Tronka, ein Abenteuer mitzutheilen, welches den Tod eines Hasen und
einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach der Kelle und go die
Glser voll.

Es wurde wrmer. Die Herren rckten unzufrieden mit ihren Sthlen und
riefen nach dem Aufwrter.

Es verfliegt sogleich, trstete dieser.

Ich finde es gar nicht warm, sagte Fink ruhig, im Gegentheil Sie
knnen noch einlegen.

Aber die Hitze wurde unertrglich, die Herren geriethen in Zorn, Feroni
selbst wurde gerufen. Anton protestirte gegen das Oeffnen des Fensters,
weil man vom Tanze noch zu warm sei, Fink erklrte die Temperatur fr
behaglich und behielt seinen Rock an.

Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog
seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschlu anzuregen.
Sofort that Fink dasselbe, legte den Rock sorgfltig ber seinem Stuhl
zusammen und sah lchelnd auf Anton, der mit groer Aufmerksamkeit seine
Bewegungen beobachtete.

Das Buch steckt nicht im Rock, nickte Fink ihm zu, die Mhe war
umsonst, denke auf etwas Anderes.

Anton ffnete das Fenster. Ich versuche nichts mehr, sagte er
resignirt, du bist mir zu schlau.

Halt aus, sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tnnchen
erzhlte lgenhafte Geschichten von Tnzerinnen, der kleine Lanzau
betrank sich. Endlich pochte Fink auf den Tisch. Jetzt merkt auf. Ich
wollte es verbergen, aber es ist nicht mglich, es schreit zum Himmel.

Anton fuhr auf: Ich bitte dich, Fritz.

Ruhig, Ofenheizer! rief Fink. Hrt, Ihr Herren, ich habe heut ein
geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblttert.

Hurrah, heraus damit! riefen smmtliche Herren.

Es sind gewi Verse darin, rief Zernitz.

Es mag ein schner Unsinn darin stehen! rief Tnnchen, Phantasie und
Bosheit Unmndiger.

Anton war wthend.

Allerdings steht Unsinn darin und die Verse scheinen mir schlecht.
Hren Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?

Nichts, sagte der Lieutnant befremdet, ich habe ein paar Mal mit ihr
getanzt, das ist Alles.

So mu es gekommen sein, fuhr Fink nachdenkend fort. Die arme Theone!
Ich habe ein Lied gelesen, das die Comte auf Sie gemacht hat. Na,
zuletzt sind Sie kein bler Bursch, aber ich htte es niemals fr
mglich gehalten, da man mit solcher Schwrmerei von einem Mann
sprechen kann.

Zeigen Sie her, bat Zernitz angelegentlich.

Hier? frug Fink vorwurfsvoll, vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch
die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade
begnstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft
des armen Mdchens hier zu profaniren.

Sie haben Recht, sagte Zernitz. Aber unter vier Augen werden Sie
mir's zeigen.

Gewi, versetzte Fink. Ihr wit, ich habe kein Gefhl fr alle
Creatur, welche ihren Rock lnger trgt als bis zum Knie, und wenn es
etwas auf der Welt giebt, was mich kalt lt, so sind es Backfische in
Butter und in Kleidern. Aber der Wahrheit soll ihr Recht werden, die
Mdchen, welche das Tagebuch mit einander gefhrt haben, sind seelengute
Dinger, es ist auch nicht eine unartige Bemerkung darin.

Er wandte sich zum Cousin Baldereck: Von Ihrer Cousine ist auf jeder
Seite mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die eben so verdient
als rhrend genannt werden mu. -- Das strengste Urtheil wird ber mich
gefllt, ich werde ein Zeisig genannt.

Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig, sagte Benno Tnnchen.

Ja, erwiederte Fink, wenn Sie nicht interessirt, was Hildegard Salt
ber Sie hineingeschrieben hat.

Viel Gutes wird's nicht sein, versetzte Benno neugierig.

Nein, sagte Fink, sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren
Bekannten wahrhaft betrbend vorkommen mu. Sie werden gro und still
genannt. Ihr Gesicht ein Muster mnnlicher Kraft, die Dichterin findet
Sie voll Kenntnisse, voll Geist und voll Witz; sie frgt, ob ein solcher
Mensch nicht zu bedeutend sei, um sich zu einem weichen Mdchen
hinabzuneigen. Nun frage ich Alle, wie kann ein gescheidtes Kind, wie
Hildegard Salt, sich so weit verirren, Sie in der Stille anzubeten? Denn
Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger Gesell,
Benno, aber wenn ich ein Mdchen wr' und mir ein Ideal aussuchte, ich
wrde lieber einen Nuknacker zu meinem Gtzen machen, als Sie.

Tnnchen verzog den Mund.

Ist von uns auch etwas darin? frug Herr von Werner, auch einer der
Grnen, ein Bruder von vier schnen Schwestern, Nachbar der Rothsattel,
von jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.

Von Ihnen wenig, versetzte Fink, nur zwei Zeilen. Er nahm das Buch
hervor und sah hinein und suchte. -- Anton ballte die Hnde unter dem
Tisch. -- Schmerzliche Fgung des Himmels, Lenore liebt und sucht
vergebens ihr Herz zu verhllen. Und der Geliebte gehrt den Feinden an.
O. Georg W. Jetzt kommen Punkte und drei Ausrufungszeichen. Fink
steckte das Buch wieder ein. Anton beruhigte sich, das konnte nicht in
dem Buch stehen, auch sah er, da die Nasenflgel Finks sich heftig
bewegten, ein untrgliches Zeichen, da er Schelmerei trieb.

Zernitz schob das Glas weg und rief: Es ist indiscret, da wir uns in
diesem Raume ber das unterhalten, was die Mdchen gefhlt haben.

Ich bin derselben Meinung, rief Benno Tnnchen eifrig.

Ich auch, sagte Georg Werner.

Sie mssen das Buch versiegeln und zurckschicken, sprach der Frosch.

O Ihr gemthvollen Zettel, rief Fink in der glcklichsten Stimmung,
weil Eure haarigen Kpfe von feinen Hnden gekraut werden, wird Euer
Herz zartfhlend. Ich mchte Eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem
Buche das Gegentheil herausgelesen htte. -- Ei, ei! und Keiner kennt
den Shakespeare!

Comte Lara und Hildegard sind zu feinfhlend, um das hineinzusetzen,
was Ihre Bosheit gern gesehen htte, rief Zernitz.

Die Rothsattel ist zwar stolz, rief Werner, aber sie hat keinen
Grund, von mir etwas Anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie
immer im Stillen fr ein tchtiges Mdchen gehalten, das wohl verdient,
einmal die Frau eines ehrlichen Jungen zu werden.

Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf
an die Decke. Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sndigen
Erde unter bessere Geschpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und Niemand
merkt es, und Niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier,
Anton, empfange das Buch! Nicht durch Ofenwrme, nicht durch Ueberredung
oder Zwang ist es erobert; durch freiwilligen Entschlu der tanzenden
Herren wird es ungelesen zurckgeschickt.

Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb
auf einen Zettel: Fink hat einige Bltter gelesen, er wird schweigen,
sonst Niemand eine Zeile, siegelte Zettel und Buch in ein Couvert und
sandte dies durch einen von Feroni's Leuten am spten Abend nach dem
Hause der Comte Lara mit dem ausdrcklichen und durch eine Kette von
Versprechungen verstrkten Befehl, der Bote msse unter allen Umstnden
durch Nachtwchter und Pfrtner in das Haus und bis an die Grenzen des
Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm, Theone jetzt ihre
schwarzen Locken durch Strme von Thrnen in trufelnden Bindfaden
verwandelte.

Das Gelag nahm seinen Verlauf. Das heie Zimmer, der starke Trank und
ein gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung
frher ein Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den
verschlafenen Kfer und sagte zu Anton: Bezahle die Rechnung. Als Fink
mit Anton nach Hause ging, begann er: Sei ruhig, Tony, natrlich war
Alles gelogen, was ich aus dem Buch erzhlt habe. In Wahrheit war alle
Bosheit darin aufgesammelt, deren eine Gesellschaft Turteltauben fhig
ist.

Ich hab's gemerkt, sagte Anton vergngt, in der nchsten Stunde
werden deine Herren schn den Hof machen.

Einer oder der Andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugetheilt
habe, noch heirathen, ich will mich jetzt auf's Kuppeln legen.

Anton schwieg gekrnkt. Sei ruhig, fuhr Fink behaglich fort, auch du
sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir
meine Herren?

Sieh, sagte Anton, was sie sagen, erscheint mir oft gewhnlich, aber
sie haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann
nicht verlieren, wenn sie sich gehen lassen.

Na, sagte Fink, es geht; sie sind in ihrer Clique, in dem migen
Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkmmert, sie sollen
im Ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein mu, wenn man
amsant sein will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig und ihre
Lustigkeit ist klglich, in ein Paar Jahren sind sie schaal und
ungeniebar, wie schlechter Most. Dieses Tnnchen wird schon suerlich.
Ich habe groe Lust, sie dir nchstens betrunken zu zeigen.

Sprich nicht so liederlich, bat Anton.

Ach, du armer Junge, sagte Fink. Schlie die Thr auf und gieb mir
meine Geldbrse zurck.

Du hast heut wieder eine groe Rechnung bezahlt, sagte Anton. Ich
bitte dich, sei nicht so freigebig, du demthigst ja die Andern.

Sei ruhig, Anton, erwiederte Fink, ich halte mich ber sie auf,
folglich ist auch billig, da ich fr sie bezahle.

Ich hoffe, du wirst niemals fr mich bezahlen, sagte Anton.

Nein, entgegnete Fink, du sollst das Privilegium haben, dein eigener
Cassirer zu sein; ich bin zufrieden, da du mir den Hausschlssel trgst
und bei mir noch deine Cigarre rauchst, whrend ich mich ausziehe. --
Welche Stunde ist's?

Es ist gegen zwei Uhr, erwiederte Anton vorwurfsvoll.

Dann sind wir sicher die Letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus
solche Excesse nicht vertragen. Als ich das erste Mal beim Frhlicht
diesen Riesenschlssel in's Schlo steckte, frchtete ich, die alten
Mauern wrden ber mir zusammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewhnt,
der Hund, die Hausknechte und der Prinzipal. Oft bleibe ich nur dehalb
lnger aus, um diese schauderhafte philistrse Hausordnung umzudrehen.

       *       *       *       *       *

Als Hildegard Salt nach einer feuchten Thrnennacht gegen Morgen die
ersten Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von
Theone Lara geweckt, in dessen vorderem Theile Theone mit schwarzer
Krhenfeder die Ansicht aussprach, da fr sie auf dieser Welt kein Raum
mehr sei, und in der zweiten Hlfte diese Ansicht dahin berichtigte, da
sie Hildegard und Lenore fr nchsten Nachmittag zur Chocolade einlud,
um wegen der glcklichen Rettung des Buches eine vertrauliche Festfeier
zu begehen.

Auf dieser Conferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch
Mnneraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, da Fink hineingesehen
hatte. Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Hnden gehabt, und es war
sehr zu frchten, da auch er es durchgelesen hatte. Lenore war
berzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Hildegard dagegen
behauptete, er sei ein Mann, und kein Mann, auch der beste nicht, sei
einer solchen Discretion fhig. Nach lngerer Debatte wurde beschlossen,
ihn auf eine Probe zu stellen. Wenn er hineingesehen hat, sagte
Lenore, so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen.

Das Titelblatt durfte er ansehen, warf ein brauner Vogel ein.

Ich hatte ihm verboten, das Buch zu ffnen, sprach Lenore, und ich
wei, er hat keine Seite angesehen. Ihr Alle sollt zuhren, wie er meine
Fragen beantwortet.

Als Anton in der nchsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der
Spitze der Partei entgegen, ihre Miene war bekmmert, und alle Braunen
bemhten sich, die Kpfe zu hngen und eben so traurig auszusehen: Ach,
Herr Wohlfart, was haben Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone
geschickt haben, war ja nicht ihr Tagebuch, es war das Notizbuch eines
Herrn, aus einer fremden Brieftasche.

Wie ist das mglich? rief Anton bestrzt.

Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29ten ber einen
Frack, vom 30ten eine Flasche Rothwein und zwei neue Sporen. Das Buch
konnte uns nichts helfen. Alle Braunen schttelten den Kopf und sahen
betrbt zur Erde.

Anton suchte sich zu entschuldigen. Fink zog das rothe Buch aus der
Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt
ab.

Dann mu Herr von Fink das Buch vertauscht haben, fuhr Lenore fort.
Warum haben Sie denn nicht hineingesehen? frug sie vorwurfsvoll,
wenigstens auf das Titelblatt.

Das durfte ich ja nicht, rief Anton, ich hatte Ihnen ja versprochen,
keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.

Halt, rief Lenore, noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder
nicht? frug sie siegreich zu ihrer Schaar gewandt.

Ein bewunderndes Nein kam von Aller Lippen. Bleiben Sie, Herr
Wohlfart, es ist das rechte Buch, das Sie zurckgesandt haben. Einige
von uns bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen
aus der Hand geben knnten, ich sagte, Sie wren das im Stande, und habe
meinen Freundinnen das so eben bewiesen.

Ich danke Ihnen fr das gute Zutrauen, rief Anton erfreut.

Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist, sagte Lenore und
blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.

Das war ein groer Abend im Krnzchen. Anton war bis zum Cotillon von
einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rhrender
Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem
farbige Schleifen an die Herren ausgetheilt wurden, wurden die Klappen
seines Fracks von oben bis unten besteckt, und er sah aus, wie der
bunteste Hofmarschall des Continents.

Aber noch Greres begab sich. Die Partei der Grnen drohte zu
zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur
mit den Braunen. Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde
an der Seite des Nuknackers, welcher sie whrend eines Walzers mit
ritterlicher Artigkeit, ja man mu sagen, mit Gefhl behandelte und
dadurch in die allergrte Verlegenheit setzte; Lenore hatte gar von den
ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des Georg Werner und des
kleinen Lanzau zu leiden, welche smmtlich auf einmal zu der
Ueberzeugung gekommen waren, da Lenore ihrer ernsthaften Huldigungen
nicht unwrdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von
aufrichtiger Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und kte beim
Abschied Theone im berstrmenden Gefhl auf beide Wangen. Und Frau von
Werner setzte sich neben die Baronin Rothsattel, kndigte fr die
nchsten Tage ihren und ihrer Tchter Besuch an, bat um die Erlaubni,
ihren Georg mitzubringen, und sprach unaufhrlich davon, wie glcklich
ihre Kinder noch im nchsten Sommer darber sein wrden, da die
Tanzstunde sie in ein so intimes Verhltni zu Lenore gebracht habe.
Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verndert. Mit Ausnahme der
grnen Damen, welche ber die Untreue ihrer Herren zrnten, war Alles in
einer gemthvollen, von Menschenliebe gleichsam berflieenden Stimmung,
deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten
diese die Vernderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck,
die ernsthaften Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem
Genu ihres Glckes konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fhlten sie
die Nadelstiche des bsen Gewissens, und um sie herum bewegte sich in
weitem Kreise die furchtbare Gestalt Finks, des Wissenden. Durch ein
Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber zerstren, der sie umgab. --
Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen Theilnehmern am Tagebuch,
erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: Ist Frulein Eugenie heut
nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, da sie gefhllos ist, aber diese
kleine Unart wird sich mglicher Weise im Laufe der Jahre in eine ganz
entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.

Lenore sah ihn verlegen an. Kommen Sie mit zu Theone Lara, sagte sie
endlich. Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank, rief sie dort,
wir Alle wollen ihn bitten, da er ber das Buch schweigt, wie er bis
jetzt gethan.

Ich will mich dazu verpflichten, versetzte Fink, unter einer
Bedingung. Ein Opfer mu ich haben. Ich mu die Dame erfahren, welche
den Vers unter einen gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich mu Jemand
haben, den ich hassen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte
rede, Jemanden, der dafr bezahlt, da Sie so leichtsinnig waren, die
Documente Ihres scharfen Witzes in meine Hnde fallen zu lassen. Nennen
Sie mir die Eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Versprechen, da ich
gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuche citiren werde.

In der Gruppe entstand eine ngstliche Bewegung, Jede frchtete die
Beute des rachschtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard,
welche vor Schrecken erblich, und sagte eifrig: Ich habe die Zeichnung
gemacht und ich habe die Verse darunter meiner Freundin dictirt; da
Sie's gesehen haben, so bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht
thun; und wenn Sie jetzt die Absicht haben, sich an mir zu rchen, so
werde ich Ihren Ha zu ertragen suchen.

Schn, sagte Fink lchelnd, ich werde mich rchen, ich werde Sie von
heut ab hassen. Uebrigens ist mir angenehm zu erfahren, da auch das
vergnglichste aller Gefhle, Mdchenfreundschaft, die Unglcklichen,
welche davon befallen werden, zu heldenmthigen Opfern begeistern kann.
-- Ah, Frulein Hildegard, finden Sie nicht, da Benno Tnnchen ein
herzensgutes Kind ist? Auch seine Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu
voll, werden Sie sagen, aber gerade dies volle Wesen macht ihn und seine
Familie so ansprechend.

Die letzte Folge dieses glcklichen Abends war, da auf einer neuen
Conferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst
Wohlfarts in auerordentlicher Weise zu belohnen. Nach lngerer
Ueberlegung wurde man einig, da Theone gemeinschaftlich mit ihren
Freundinnen eine prachtvolle Brse zu hkeln habe. Gleich am nchsten
Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um sich nicht
auszuschlieen, die Kunst zu hkeln eigens erlernen. Auch strahlte
bereits die erste Kappe der Brse in Braun und Gold, als Ereignisse
eintraten, welche die Vollendung hinderten.




~III.~


Es ist eine traurige Erfahrung, da die berirdischen Gewalten dem
Menschenkind das Glck einer hochgespannten Empfindung nicht lange
unverkmmert lassen. Sie haben die Sache so schlau eingerichtet, da
sich fast immer eine Saite unsers Innern abspannt, so oft sie den Wirbel
einer andern zur Hhe herumdrehen. Natrlich entsteht daraus ein
Miklang. Diese schlechte Behandlung erfuhr auch Antons Seele.

Zunchst ereignete sich, da das Comtoir fortfuhr, die Vernderung in
Antons Leben mit kritischem Blick zu beobachten. Jede Art von Befremden
herrschte in den verschiedenen Zimmern des Hinterhauses, in allen aber
war man einig, da sich Anton, seit er die Tanzstunde besuche, sehr
auffllig und nicht zu seinem Vortheil verndere. In Wirklichkeit war
diese Vernderung nicht gro. Es ist wahr, Anton war in den Freistunden
weniger mit seinen Collegen zusammen, als sonst, er brachte viele Abende
auer dem Hause zu und wenn er einmal in Gesellschaft der Hausgenossen
aushielt, so war er wohl zerstreuter, ja vielleicht bte er auch
geringere Nachsicht gegen die ihm wohlbekannten kleinen Schwchen der
anderen Herren. Sein Verstand bewahrte ihn davor, sich wegen der
pltzlichen gesellschaftlichen Erfolge zu berheben und die Collegen
durch Erzhlung seiner Abenteuer zu langweilen, aber er konnte sich doch
nicht enthalten, zuweilen Vergleiche anzustellen zwischen dem Ton und
Benehmen seiner Umgebung, die er bersah, weil er sie genau kannte, und
dem Ton und Benehmen im Salon der gndigen Frau, der ihm imponirte, weil
er ihm neu war. Das Comtoir erklrte seine grere Schweigsamkeit fr
Stolz, seine hufige Abwesenheit fr unziemlichen Leichtsinn, und er,
der sonst ein Liebling des Hauses gewesen war, kam gerade dehalb in die
Lage, jetzt sehr streng beurtheilt zu werden. Er selbst empfand die
khlere Haltung der Gemigten, die auffallende Klte der Entschiedenen
als lieblose Behandlung. So kam es, da er die Abende, an denen er
keine Veranlassung hatte, auszugehen, fast nur mit Fink verlebte, und
da Beide zusammen nach wenig Wochen als aristokratische Coterie den
andern Herren gegenberstanden.

Anton wurde durch dies Verhltni mehr gedrckt, als er sich selbst
gestehen wollte; er fhlte es an seinem Arbeitspult, auf seinem Zimmer,
sogar beim Mittagessen im Vorderhause. Seltener redete ihn einer seiner
Collegen an; wenn Jordan eine Auskunft forderte, wandte er sich nicht
mehr an ihn, sondern an Baumann; wenn der Cassirer zur Frhstcksstunde
in das vordere Comtoir kam, so trat er nicht mehr an Antons Sitz; und
wenn Specht sich von seinem Platz umwandte und mitten in den
kaufmnnischen Correspondenzen eine auffallende Frage an die Umsitzenden
that, so wandte er sich zwar fter als sonst an Anton, aber es erschien
diesem als keine Verbesserung seiner Situation, wenn Specht ihm
flsternd in's Ohr schrie: Ist es wahr, da Herr von Berg Apfelschimmel
hat? oder: Mu man bei Frau von Baldereck lackirte Stiefeln oder
Schuhe tragen? Am gewaltthtigsten wurde Anton von seinem alten Gnner
Pix behandelt. Uebergroe Toleranz hatte niemals die Energie dieses
Herrn geschwcht, und aus einem nicht recht verstndlichen Grunde sah er
in dem gegenwrtigen Anton eine Art Verrther am Comtoir, an der groen
Waage und am Solo. Es war seine Gewohnheit, den eigenen Geburtstag so
feierlich als mglich zu begehen. Er lud dann seine Vertrauten, in deren
erster Reihe Anton stand, zum Abend auf sein Zimmer und setzte ihnen an
diesem Tage ausnahmsweise Wein auf den Tisch und einen Napfkuchen, den
er eigens beim Bcker bestellte und den er in immer greren
Verhltnissen zu liefern bemht war. In diesen Wochen kam wieder sein
Geburtstag heran, und Anton war, obgleich Herr Pix sich in der letzten
Zeit sehr schweigsam gegen ihn verhalten hatte, doch vorbereitet, den
Abend bei ihm zuzubringen, er hatte dehalb eine Einladung des Herrn von
Zernitz bereits abgelehnt. Frh vor der Comtoirstunde ging er auf das
Zimmer von Herrn Pix und gratulirte diesem. Herr Pix nahm den
Glckwunsch sehr khl auf und gnnte ihm keine Einladung fr den Abend.
Nach Tische begegnete Anton dem kolossalen Napfkuchen, welcher mit Hlfe
eines Bckerlehrlings mhsam die Treppen des Hinterhauses hinaufstieg,
im Comtoir merkte er aus einer Aeuerung des Herrn Specht, da diesmal
smmtliche Collegen aufgefordert waren, den Tag festlich zu begehen, an
welchem Herr Pix durch sein Erscheinen eine Lcke der Schpfung
ausgefllt hatte. Alle waren geladen, nur Anton und Fink nicht.

Mit Recht empfand Anton diese Zurcksetzung als eine Unart. Er empfand
sie aber tiefer, als wohl nthig gewesen wre. Und zum Ueberflu theilte
ihm Specht im Vertrauen mit, da Pix die Erklrung abgegeben habe, ein
junger Herr, der mit Lieutnants umgehe und bei Feroni am liederlichen
Tische sitze, sei kein passender Gesellschafter fr einen soliden
Kaufmann. Als er an diesem Abend einsam auf seiner Stube sa und unter
sich die lustige Unterhaltung der Collegen hrte, da berkam ihn eine
bange und gedrckte Stimmung, und keins von den glnzenden Bildern,
welche in der letzten Zeit seine Muestunden ausgefllt hatten, auch das
holdeste nicht, war mchtig genug, durch die dichte Wolke des Mimuths
durchzudringen, welche ihn umhllte.

Er selbst war nicht zufrieden mit sich und suchte selbstqulerische
Anklagen gegen sich zusammen. Er war ein Anderer geworden. Er war nicht
gerade nachlssig in den Arbeitsstunden, aber seine Thtigkeit machte
ihm wenig Freude, sie war ihm oft eine Last. Es war ihm begegnet, da er
in seinen Briefen Wichtiges vergessen hatte, ja er hatte sich ein paar
Mal sogar in den Preisen verschrieben, und Jordan hatte ihm mit einer
kurzen Bemerkung die Briefe zurckgegeben. Es fiel ihm ein, da der
Prinzipal sich in der letzten Zeit gar nicht um ihn gekmmert, und da
Sabine ihn vor einigen Tagen auf der Treppe klter gegrt hatte, als
gewhnlich. Und neulich, als die Tante ber Strung ihrer Nachtruhe
klagte, weil Jemand so spt und geruschvoll die Hausthr geffnet, da
hatten alle Collegen vorwurfsvoll auf ihn gesehen. Sogar der treue Karl
hatte ihn vor der letzten Tanzstunde, wie Anton jetzt meinte, ironisch
gefragt, ob er auch seinen Hausschlssel bei sich habe. In solcher
Stimmung ging Anton an seinen Schreibtisch und fing an, sein kleines
Cassenbuch durchzusehen. Er hatte in den letzten Wochen keine Ausgaben
eingeschrieben, ngstlich fate er die Feder und suchte Rechnungen und
Erinnerungen zusammen, um das Versumte nachzuholen. Mit Schrecken
entdeckte er, da seine Schulden zusammen eine Summe ausmachten, welche
er nicht tilgen konnte, ohne die kleine Hinterlassenschaft seiner Eltern
anzugreifen. Er fhlte sich sehr unglcklich. Hohe Tne hatten lange
Zeit in ihm geklungen. Das Schicksal hatte auf einer Saite die feinste
Melodie gespielt, jetzt schnurrte die andere. Der Miton sollte noch
grer werden.

       *       *       *       *       *

An demselben Abend kam der Kaufmann verstimmt aus der Ressource nach
Hause, er beantwortete kurz Sabinens Gru und ging mit starken Schritten
im Zimmer auf und ab.

Was hast du, Traugott? frug die Schwester.

Der Bruder trat an ihren Stuhl. Willst du wissen, wie Fink seinen
Schtzling bei Frau von Baldereck eingefhrt hat? Du warst so bereit,
dich ber seine Freundschaft zu freuen. Er hat ein System von Lgen
gesponnen und hat den unerfahrenen Wohlfart zu einem ruchlosen
Abenteurer gemacht. Er erzhlte darauf, da ihn ein lterer Offizier
nach den Verhltnissen Antons gefragt hatte, und was dabei zu Tage
gekommen war.

Ist denn auch gewi, da Fink diese abgeschmackten Mhrchen erfunden,
und da Wohlfart darum gewut hat? frug Sabine schchtern.

An Finks Betheiligung ist kein Zweifel. Der Streich sieht ihm zu
hnlich. Das ist der leichtsinnige frevelhafte Sinn, der nichts achtet,
nicht einmal den Ruf des Freundes.

Sabine lehnte sich an den Stuhl und nickte mechanisch mit dem Haupt. Ja,
so war er. Wieder einmal emprte sich ihr Herz gegen ihn. O wie
traurig! sagte sie vor sich hin. Aber Wohlfart ist unschuldig,
Traugott, das wei ich bestimmt. Eine solche Lge ist nicht in seinem
Wesen.

Ich werde es morgen erfahren, sagte der Kaufmann. Um seinetwillen
wnsche ich, da du Recht hast.

Am folgenden Morgen ging der Prinzipal durch das vordere Comtoir und
rief Anton zu sich in die kleine Hinterstube. Da dies selten geschah, so
folgte Anton mit der Ahnung, da irgend etwas Unheimliches heranziehe.
Der Prinzipal schlo hinter ihm die Thr, setzte sich recht ernsthaft
vor ihm auf den Lederstuhl und begann mit strenger Miene: Lieber
Wohlfart, ich halte es fr meine Pflicht, mit Ihnen ber einige Gerchte
zu sprechen, die sich in der Stadt verbreitet haben. Man hlt Sie fr
einen reichen jungen Mann von geheimnivoller Herkunft, erzhlt sich,
da Sie groe Besitzungen in Amerika haben und da vornehme Personen
sich im Stillen lebhaft fr Sie interessiren. Ich setze voraus, da auch
Ihnen diese Gerchte zu Ohren gekommen sind, und wnsche zu wissen, was
Sie gethan haben, dieselben zu widerlegen.

Anton erwiederte erstaunt, aber mit Entschlossenheit: Ich wei nichts
von einem solchen Gercht, ich habe einige Male von Fremden sonderbare
Anspielungen auf mein Vermgen gehrt, ich habe stets widersprochen.

Haben Sie mit der nthigen Entschiedenheit widersprochen? frug der
Kaufmann streng.

Ich glaube, ja, antwortete Anton ehrlich.

Es wre an dem migen Geschwtz wenig gelegen, fuhr der Prinzipal
fort, wenn nicht Ihr eigener Charakter dadurch verdchtigt wrde. Denn
die Welt wird geneigt sein, anzunehmen, da Sie selbst aus irgend einem
Grunde bei der Verbreitung dieses Gerchts thtig gewesen sind; fr das
Renomme eines Kaufmanns aber giebt es keinen schlimmeren Argwohn, als
den, da er durch niedrige Mittel sich einen Credit geben will, den zu
beanspruchen er kein Recht hat.

Anton stand starr.

Der Kaufmann fuhr fort: Auerdem wird durch dieses Geschwtz auch der
gute Ruf Ihrer Eltern angegriffen, denn man will wissen, da Sie der
heimliche Sohn eines sehr vornehmen Mannes sind.

O meine Mutter! rief Anton, rang die Hnde und die Thrnen rollten aus
seinen Augen. Er war so ergriffen, da ihm der Prinzipal Zeit lassen
mute, sich zu beruhigen, und endlich begtigend sagte: Fassen Sie
sich, lieber Wohlfart, Sie haben jetzt die Aufgabe, die Unwahrheit
dieser Erzhlungen nachzuweisen. Sie werden Ruhe und mnnliche Haltung
dazu brauchen.

Am schrecklichsten ist fr mich der Gedanke, rief Anton noch immer
auer sich, da Sie selbst vielleicht glauben, ich htte diese
Unwahrheiten hervorgerufen, oder ich htte sie mir gefallen lassen, um
mich wichtig zu machen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, ich habe bis zu
dieser Stunde nichts davon gewut.

Ich glaube Ihnen gern, sagte der Kaufmann freundlicher, aber Sie
haben doch Manches gethan, um solchen Erzhlungen Raum zu geben. Sie
sind fortwhrend in einem Kreise gesehen worden, welcher sich sonst
gegen junge Mnner in Ihrer Stellung sehr sprde verhlt. Sie haben hier
und da Ausgaben gemacht, welche Ihre Mittel offenbar bersteigen und
jedenfalls unpassend fr Sie waren.

Anton hatte die dunkle Empfindung, da er sich im Mittelpunkt der Erde
viel behaglicher befinden wrde, als auf der Oberflche. Ja, sagte er
endlich verzweifelnd, Sie haben Recht, ich habe sehr Unrecht gethan,
ber meine Verhltnisse hinauszugehen, ich habe das whrend der ganzen
Zeit empfunden; seit einigen Tagen, wo ich Casse gemacht habe und
gesehen, da ich in Schulden gekommen bin -- hier lchelte der Kaufmann
fast unmerklich -- ist's mir klar geworden, da ich auf unrechtem Wege
bin, ich habe nur nicht gewut, wie ich zurck soll. Jetzt werde ich
nicht mehr zaudern, fuhr er sehr traurig fort, und Sie mgen die Gte
haben, zu entscheiden, ob ich mich jetzt verstndig benehme.

Nicht wahr, Fink hat Sie in die Gesellschaft der Frau von Baldereck
eingefhrt? Ich dachte es, sagte der Prinzipal lchelnd, vielleicht
wei er auch mehr von den Gerchten, welche Sie gegenwrtig so
beunruhigen.

Erlauben Sie, da ich in Ihrer Gegenwart sein Zeugni fordere, da ich
nichts von allen diesen Nachreden gewut habe, und da ich selbst wohl
leichtsinnig gewesen bin, aber nicht niedrig. Fink ist mein Freund und
kennt mein ganzes Verhalten.

Wenn es Sie beruhigt, sagte der Prinzipal und lie Herrn von Fink
rufen.

Fink sah im Eintreten verwundert auf den aufgeregten Anton und frug,
ohne die Gegenwart des Prinzipals sonderlich zu beachten: Was Teufel,
du hast geweint?

Ueber Verleumdungen, sprach der Kaufmann ernst, welche seine
Soliditt als Geschftsmann und die Respectabilitt seiner Familie
angegriffen haben. Darauf sagte er kurz, worum es sich handle.

Fink lachte und rief: Er ist ein Kind; wozu sich um das mige
Geschwtz der Leute kmmern?

Er hat kein Recht, dies Geschwtz zu verachten, denn er hat es durch
seinen Verkehr in den Kreisen, in die Sie ihn einfhrten, genhrt.

Vor Allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schrter zu bezeugen, da
ich keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennst mich genug, um zu
wissen, da ich keinen Fu in die Gesellschaft der Frau von Baldereck
gesetzt htte, wenn ich fr mglich gehalten, da so etwas von mir
gesagt werden kann.

Er ist ganz unschuldig, sagte Fink mit berzeugender Gutmthigkeit zum
Prinzipal. Unschuldig und harmlos wie das Veilchen, das still im
Verborgenen blht; wenn irgend Jemand Schuld hat bei dieser lcherlichen
Geschichte, so bin ich es und auerdem die thrichten Menschen, welche
so etwas verbreitet haben. Gieb dich zufrieden, Anton, wenn dir die
Sache leid ist, so wollen wir sie bald wieder in Ordnung bringen.

Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mittheilen,
da ich die Tanzstunden nicht mehr besuchen kann.

Auch ich halte das fr das beste Mittel, sagte der Kaufmann.

Ich frchte, es wird nicht viel helfen, bemerkte Fink weise.

Dann habe ich wenigstens das Meinige gethan, rief Anton.

Wie du willst, sagte Fink. Tanzen hast du doch gelernt und deinen Hut
verstehst du auch mit Anstand zu bewegen.

Gegen Mittag sagte der Kaufmann zu seiner Schwester: Du hast Recht
gehabt, Wohlfart war in der Hauptsache unschuldig, Fink hat in seinem
Uebermuth die ganze Intrigue angezettelt.

Ich wute es, rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre
Stickerei. -- Wenn es mglich ist, Traugott, so verhte jetzt eine neue
Unbesonnenheit.

Sie mssen die Geschichte selbst abmachen, antwortete der Kaufmann,
ich bin neugierig, wie sie das zu Stande bringen werden.

       *       *       *       *       *

Anton arbeitete den Tag ber wie Einer, der sich betuben will, sprach
nur das Nthige und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, sich
anzukleiden, als ein Mann, der seinen Entschlu gefat hat.

Fink sah ihn den Tag ber mitrauisch an und frug sich selbst: Was hat
der Junge vor? Er geberdet sich, als sollte er das erste Duell
abmachen. Und htte er in Antons Seele sehen knnen, vielleicht htte
auch ihn erschttert, den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen
fra. Es war nicht verletzter Stolz allein, nicht die Scham, wie ein
Abenteurer und Betrger zu erscheinen, denn diese beiden Empfindungen
gingen unter in einem greren Weh, in dem Gedanken an den Abschied von
seiner geliebten Tnzerin.

Fink sprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits
angekleidet fand, sah das bleiche Gesicht des Freundes, das heute um ein
Paar Jahre lter aussah, als gewhnlich, und frug, seine Hand
ergreifend: Bist du bse auf mich?

Nicht auf dich und auf keinen Andern, sagte Anton aufgeregt. Hre
mich an; wie das Gercht entstanden ist, will ich nicht wissen. Es ist
mglich, da du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht hast.

Mit dir nicht, mein Kind, sagte Fink.

Jedenfalls hast du um das Geschwtz gewut und mir nichts davon gesagt,
das war nicht recht von dir, ich sage dir das jetzt und werde dir's
nicht nachtragen, und wir wollen mit einander ber diese Geschichte
niemals wieder reden.

Hre, sagte Fink, ich habe die Notion, du nimmst das Geschwtz viel
zu tragisch.

La mich, fuhr Anton fort, nur heut in meiner Weise handeln.

Was willst du denn thun?

Frage mich nicht, ich empfinde sehr deutlich, was ich thun mu. La uns
gehen.

So thu', was du nicht lassen kannst, sagte Fink gutmthig, aber
vergi nur Eines nicht, da jede Art von Scene, die du vor _den_
Leuten auffhrst, sie nur amsiren wird, um so mehr, je aufgeregter du
dich zeigst.

Vertraue mir, sagte Anton, ich werde ruhig sein.

Es war groe Gesellschaft in den erleuchteten Zimmern, kleine
Balltoilette, viel Lichterglanz, smmtliche Familienmtter und mehrere
Vter; einige eingebte Tnze sollten zum Besten gegeben werden. Im
Eintreten blickte Fink besorgt auf seinen Freund, Anton sah verstrt
aus, aber er schritt mit groer Energie vorwrts. Er machte sich von
Fink los und trat sogleich zu Lenore, mit der er sich zum ersten Tanz
bereits engagirt hatte. Das Frulein sah heut so reizend aus, als
mglich, sie hatte ihr erstes Ballkleid an, und die groen Augen
strahlten vor Lust; sie kam ihrem Tnzer einige Schritte entgegen und
sagte ihm mit freundlichem Vorwurf: Sie kommen so spt, der Ball wird
gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile
zu plaudern. Papa ist auch hier. Ich werde Sie ihm vorstellen. -- Aber
was haben Sie? -- Sie sehen ja so feierlich aus!

Gndiges Frulein, erwiederte Anton mit einer Verbeugung, mir ist
heut sehr traurig zu Muthe, ich kann nicht die Ehre haben, den nchsten
Tanz mit Ihnen zu tanzen.

Und warum nicht? frug die junge Dame erschrocken.

Hren Sie mich an, Frulein, ich werde nicht lange in dieser
Gesellschaft bleiben und komme heut nur, mich bei Ihnen und der Dame vom
Hause wegen meines Weggehens zu entschuldigen.

Aber Herr Wohlfart, rief Lenore die Hnde zusammenschlagend.

Viel mehr als an der Meinung der Uebrigen liegt mir an Ihrer guten
Meinung, sagte Anton errthend, und vor Ihnen will ich mich zuerst
rechtfertigen.

Sie sollen sich aber nicht rechtfertigen, ich verstehe Sie nicht, rief
die junge Dame.

Anton aber erzhlte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von seinem
Prinzipal gehrt, und versicherte sie eifrig, da er von dem Gercht
nichts gewut habe. Das glaube ich Ihnen gern, sagte Lenore
vertrauensvoll, Papa hat auch gesagt, da es wahrscheinlich ein miges
Geschwtz sei. -- Sie hielt inne, denn sie dachte in dem Augenblick
daran, da ihr Vater zugesetzt hatte, dieser Herr Wohlfart mge ein
recht guter Mann sein, aber er passe doch nicht in die Gesellschaft.
Und weil Sie erfahren haben, was man sich ber Sie erzhlt, wollen Sie
ganz aus der Tanzstunde ausscheiden?

Ja, ich will, sagte Anton, denn wenn ich hier bliebe, wrde ich mich
der Gefahr aussetzen, fr einen Eindringling oder gar fr einen Betrger
gehalten zu werden.

Lenore warf das Kpfchen zurck und sagte gekrnkt und heftig: So gehen
Sie, mein Herr!

Dies war das beste Mittel, das Gehen unsers Anton zu verhindern, er
blieb stehen und sah seine Tnzerin flehend an.

Warum gehen Sie nicht? frug das Frulein noch heftiger.

Anton wurde sehr bleich; er sah mit tiefem Schmerz in das Gesicht seiner
zornigen Dame und sagte mit zitternder Stimme: Sagen Sie mir
wenigstens, da Sie nicht schlecht von mir denken wollen.

Ich werde gar nicht an Sie denken, rief Lenore mit schneidender Klte
und wandte sich ab.

Der arme Anton stand einen Augenblick wie vernichtet, es war ein
bitterer Schmerz, der seine unerfahrene Seele durchbebte. Wre er zehn
Jahre lter gewesen, so htte er sich diesen heftigen Zorn vielleicht
gnstiger ausgelegt. Der Gedanke, da er noch nicht fertig war, gab ihm
seine Kraft wieder, er ging aufgerichtet, ja mit stolzem Schritt zu dem
Kreise, in welchem Frau von Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle
die auserwhltesten Damen der Gesellschaft; die lange hagere Grfin eine
Tasse Thee trinkend, Eugeniens Mutter und neben ihr eine groe
Mnnergestalt; Anton wute, ohne da es ihm Jemand gesagt hatte, da der
stattliche Herr Lenorens Vater sein msse. In dem Augenblick, wo er vor
die Frau vom Hause trat, seine Verbeugung zu machen, flog sein Blick
ber die ganze Gesellschaft. Noch viele Jahre nachher lebte der
Augenblick in seinem Gedchtni, noch viele Jahre nachher wute er die
Farbe von jedem Kleide, er konnte noch die Blumen aufzhlen, welche in
dem Strau der Baronin Rothsattel waren, ja, er erinnerte sich noch an
das Bild der gemalten Tasse, aus welcher die Grfin trank. Die Hausfrau
empfing die Verbeugung unsers Helden mit herablassendem Lcheln und war
im Begriff, ihm etwas Freundliches zu sagen, als Anton sie unterbrach
und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, aber laut durch den
ganzen Saal tnte, seine Rede begann, so da nach den ersten Worten eine
allgemeine Stille entstand: Gndige Frau, ich habe heut erfahren, da
in der Stadt erzhlt wird, ich sei reich, ich besitze Gter in Amerika,
und vornehme Herrschaften nehmen im Geheimen ein Interesse an mir. Ich
erklre dies Alles fr Unwahrheit, ich bin der Sohn des verstorbenen
Calculator Wohlfart aus Ostrau; ich habe von meinen Eltern fast nichts
geerbt, als einen ehrlichen, unbescholtenen Namen. Ich bin dem Andenken
an meine guten Eltern und mir selbst schuldig, das hier ffentlich zu
erklren. Sie, gndige Frau, haben die hohe Gte gehabt, einen fremden
und unbedeutenden Menschen so freundlich in Ihrem Hause aufzunehmen und
mich zur Theilnahme an den Tanzstunden dieses Winters aufzufordern. Ich
darf nach dem, was ich heut gehrt habe, nicht mehr daran Theil nehmen,
weil mein fernerer Besuch der Tanzstunde den Unwahrheiten, welche man
ber mich verbreitet hat, Nahrung geben wrde, und weil ich gar in den
Verdacht kommen knnte, ein Betrger zu sein, welcher die
Gastfreundschaft Ihres Hauses mibraucht. Dehalb sage ich Ihnen meinen
innigen Dank fr Ihre Gte und bitte Sie, mir ein freundliches
Gedchtni zu bewahren.

Die Rede war etwas zu pathetisch fr den Kreis, in welchem sie wirken
sollte, aber sie wirkte doch. Es entstand fr einige Augenblicke tiefes
Stillschweigen; die Grfin hielt wie erstarrt ihre Tasse in der Luft
zwischen Schoo und Mund, und die Frau vom Hause sah verlegen vor sich
nieder.

Anton machte eine tiefe Verbeugung und ging zur Thr.

Da eilte aus der starren Gruppe mit beflgeltem Schritte eine helle
Gestalt dem Scheidenden nach, fate mit ihren Hnden seine beiden
Hnde; Anton sah in Lenorens weinende Augen und hrte noch, wie sie mit
weicher Stimme unter Thrnen zu ihm sagte: Leben Sie wohl! Dann schlo
sich die Thr hinter ihm, und Alles war vorbei.

Anton ging langsam nach Hause. Es war so ruhig und still in seiner
Seele, als wre er nie in dem Hause hinter ihm gewesen, er sah auf die
groen Schneeflocken, welche vor ihm herunterfielen, und freute sich
ber die Spur, welche die Fugnger in den weichen Schnee gedrckt
hatten. Wenn er Schmerzen fhlte, so waren sie doch ohne Bitterkeit. Er
trug sein Haupt stolz und dachte an alles Mgliche, woran ein
unbefangener Spaziergnger denkt, an seine Eltern, an die Briefe, die er
im Geschft geschrieben hatte, an seinen Prinzipal und auch an den
nrrischen Tinkeles, den Fink heut wieder zum Comtoir hinausgewiesen.
Aber in seinem Ohr klang fortwhrend eine Melodie, die neben allen
Gedanken forttnte, es waren die Worte Lenorens: Leben Sie wohl!

       *       *       *       *       *

In dem Salon der gndigen Frau kehrte das Leben zurck, als er das
Zimmer verlassen hatte. Das erste Wort, welches gehrt wurde, war der
strafende Ruf der Mutter, die ihre Tochter zu sich forderte, welche in
der vergangenen Scene eine so auffallende Rolle improvisirt hatte.
Lenore, du hast dich vergessen! sagte die Mutter leise und bekmmert.

La sie, sagte der Freiherr mit Geistesgegenwart laut, die Tochter
hat gethan, was der Vater htte thun sollen, der junge Mann hat sich
brav gehalten, und wir werden ihm unsere Achtung nicht versagen.

Unter den brigen Gruppen aber erhob sich ein Gemurmel, die Einleitung
zu lebhafter Unterhaltung. Das war ja eine wahre Theaterscene, sagte
die Dame vom Hause mit nicht ganz natrlichem Lcheln; -- aber, wer hat
uns denn gesagt --

Ja, wer hat denn gesagt? -- fiel Herr von Tnnchen ein.

Aller Augen richteten sich auf Fink.

Sie sagten ja doch, Herr von Fink, -- fing Frau von Baldereck wieder
an, sich majesttisch erhebend.

Ja wohl, fiel Herr von Zernitz ein, und es ist doch etwas an dem
Gercht, mein Wort darauf! Ich selbst habe bei einem notariellen Act als
Zeuge gedient, fuhr er unvorsichtig heraus. Erklren Sie doch, Fink.

Auch ich mu um Erklrung bitten, Herr von Fink, fuhr die Hausfrau
gereizt fort.

Mich? gndige Frau, sagte Fink mit der Ruhe eines Gerechten, dem ein
Unrecht geschieht. Was soll ich von diesem Gercht wissen? Ich selbst
habe ihm widersprochen, so viel ich nur konnte.

Ja, das haben Sie, lieen einzelne Stimmen sich hren, aber Sie
lieen merken --

Sie sagten doch -- fiel Frau von Baldereck ein.

Was? gndige Frau, frug kalt der unerschtterliche Fink.

-- da dieser Herr Wohlfart auf geheimnivolle Weise mit dem -- dem
Kaiser -- in Verbindung stehe.

Das ist unmglich, antwortete Fink mit grtem Ernst. Das ist ein
arges Miverstndni! Ich habe Ihnen die Person des Herrn beschrieben,
der Ihnen damals noch unbekannt war; es ist mglich, da ich dabei eine
zufllige Aehnlichkeit erwhnt habe.

Aber was ist das mit den Gtern? fiel Herr von Tnnchen ein, Sie
selbst haben ja die Herrschaft an ihn cedirt, und dieser Verkauf war von
auffallenden Umstnden begleitet. Sie forderten von uns, die Sache als
tiefes Geheimni zu bewahren.

Da Sie mein Geheimni so gut bewahrt haben, da Sie es berall und
jetzt hier vor der ganzen Gesellschaft erzhlen, entgegnete Fink
lachend, so tragen Sie und Zernitz offenbar die Schuld, wenn sich dies
thrichte Gercht verbreitet hat. Merken Sie auf, meine theuren Herren.
Mein Freund Wohlfart hatte einmal in frhlicher Stimmung geuert, er
wnsche wohl, Grundbesitz in Amerika zu haben. Ich machte mir einen
Scherz und schenkte ihm zu Weihnachten eine Besitzung, die ich auf
Long-Island bei Newyork hatte. Diese Besitzung, meine Herren, besteht in
einer Sandgrube, welche mit Gestruch bewachsen ist und in welcher eine
breterne Vogelhtte zum Schieen von Strandvgeln steht. Wenn ich Sie
gebeten habe, nicht davon zu sprechen, so war das ganz in Ordnung; da
Sie aber aus dieser Kleinigkeit ein Tau gesponnen haben, welches einen
liebenswrdigen Mann von unserer Gesellschaft scheiden soll, thut mir
sehr leid. Ein kalter Hohn legte sich auf sein Gesicht, als er
fortfuhr: Mit Freuden sehe ich, wie sehr Sie alle dies Bedauern
theilen, und wie stark Sie den gemeinen Bedientensinn verachten, welcher
einen Mann dewegen fr salonfhig hlt, weil irgend ein fremder
Potentat sich um ihn gekmmert haben soll. Da wir aber den heutigen Ball
mit Erklrungen angefangen haben, so will auch ich die Erklrung
abgeben, da Herr Anton Wohlfart legitimer Sohn des verstorbenen Herrn
Calculator Wohlfart in Ostrau ist, und da ich jede fernere Erwhnung
dieser Miverstndnisse fr eine Beleidigung meines nchsten Freundes
halten werde. -- Und jetzt, gndige Frau, schenken Sie mir auf's Neue
Ihre Huld, ich bin mit Frulein Eugenie zur ersten Quadrille engagirt
und fhle mich auer Stande, lnger zu warten.

In Frau von Baldereck kmpfte eine Weile verletztes Selbstgefhl und
mtterliche Sorgfalt, endlich siegte, wie bei einer guten Natur zu
erwarten war, die letztere; sie sagte, Fink vorwurfsvoll anblickend,
leise: Ich frchte, Sie haben Ihr Spiel mit uns getrieben! -- Fink
aber schttelte den Kopf und erwiederte mit groer Aufrichtigkeit: Man
spielt nicht, wo man fhlt. Darauf fhrte er Frulein Eugenie zum
Tanze.

Beim Antreten sagte ihm Lieutnant von Zernitz: Sie haben Ihr Spiel mit
uns getrieben, Fink, ich bedaure, darber noch eine Erklrung von Ihnen
fordern zu mssen.

Seien Sie verstndig und fordern Sie nichts, entgegnete Fink, wir
haben so oft mit einander um die Wette geschossen, da es sehr thricht
wre, wenn wir einer auf den andern zielen wollten.

Da Fink bei weitem der beste Schtz in der Gesellschaft war, so sah Herr
von Zernitz doch zuletzt ein, da Fink Recht hatte. Und eine kleine
Spannung von einigen Wochen abgerechnet, welche an einem stillen Abend
bei der zweiten Flasche Burgunder durch Hndeschtteln ausgeglichen
wurde, hatte die Sache keine weitern Folgen. -- Doch erkaltete seit dem
Abgange Antons das Interesse, welches Fink an der Tanzstunde genommen,
und weder Theone Lara noch Lenore hatten Ursache, seine Anspielungen zu
frchten, denn wenn er im Salon erschien, so begngte er sich, der
Tochter vom Hause und einigen erfahrenen Frauen seine Huldigung
darzubringen, um die aufstrebende Jugend kmmerte er sich nicht mehr.

Anton aber war wie ein erlschender Stern aus der Gesellschaft
geschieden. Er wurde nicht wieder darin gesehen. Frau von Baldereck
erkannte etwas spt, da es passend sei, den jungen Mann, der doch
einmal in ihrem Hause aufgenommen war, gelegentlich wieder einzuladen,
um ihm und Andern zu zeigen, da man seine Gegenwart nicht blo dehalb
fr anstndig halte, weil er -- sondern auch um seiner selbst willen. --
Und einige andere Familien des Landadels dachten ebenso; da aber, wie
bemerkt, alle diese Einladungen etwas spt kamen, und Anton sein
Nichterscheinen entschuldigte, so geschah ihm in Kurzem, was viel
bedeutenderen Gren der Gesellschaft zu begegnen pflegt, er wurde
vergessen. Die frheren Eideshelfer bei der groen Urkunde, Herr von
Zernitz und Herr von Tnnchen, redeten ihn noch eine Weile auf der
Strae an, wenn er ihnen begegnete, dann grten sie ihn noch ein Jahr,
und endlich kannten auch sie ihn nicht mehr.

Unserm Anton kam wenig darauf an. Er strzte sich jetzt mit
Leidenschaft in die Arbeiten des Geschfts. Gleich am andern Morgen
klopfte er an die Thr des kleinen Comtoirs und trat in das
Allerheiligste des Prinzipals ein. Er erzhlte ihm, was er gestern zu
Frau von Baldereck gesagt habe, und fgte hinzu: Ich werde nicht mehr
in die Gesellschaft gehen und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn ich
in der letzten Zeit meine Pflicht nicht vollstndig gethan habe, ich
werde von heut an sorgfltiger sein.

Ich habe keinen Grund, ber Sie zu klagen, erwiederte der Kaufmann
freundlich; geben Sie mir die Summe an, welche Sie bedrfen, um Ihre
Verhltnisse in Ordnung zu bringen. Anton zog einen Zettel aus der
Tasche, auf dem er gewissenhaft sein Debet aufgezeichnet hatte, Herr
Schrter rief den Cassirer, lie die Summe an Anton zahlen und diesem
zur Last schreiben, und auch das war abgemacht.

Fink sagte am nchsten Tage zu Anton: Du bist mit einem Knalleffect
ausgetreten und hast von den ltern Herren der Gesellschaft das Zeugni
bekommen, da du dich angemessen benommen hast.

Wer hat das gesagt? Fink erzhlte ihm die Aeuerungen des Freiherrn
von Rothsattel und that, als bemerke er nicht, da Antons Gesicht eine
tiefe Rthe berflog. Inde wre doch klger gewesen, fuhr Fink fort,
wenn du die Angelegenheit nicht so auf die Spitze getrieben httest.
Wozu die ganze Gesellschaft meiden, in der doch Einige sind, die dich
persnlich lieb gewonnen haben?

Ich habe gehandelt, sprach Anton, wie mir mein Gefhl eingab, ein
Anderer, der lter ist und mehr Welt hat, wird es vielleicht geschickter
anfangen. Du kannst mir nicht zrnen, da ich in dieser Sache nicht
deinem Rath gefolgt bin.

Es ist merkwrdig, dachte Fink, die Treppe hinuntersteigend, bei
welchen Gelegenheiten die verschiedenen Menschen lernen, den eigenen
Willen zu gebrauchen. Dieser Knabe ist ber Nacht selbststndig
geworden, und was ihm das Schicksal jetzt von greren Dingen bringt,
er wird sicher Alles anstndig durchmachen.

Fr Anton sowohl, als seinen Freund, war ein gutes Zeichen, da ihr
Verhltni durch diese Scene nicht gestrt wurde. Ja, es gewann an
innerem Werth. Fink behandelte seinen jngern Freund mit grerer
Achtung, und Anton bewegte sich mit mehr Freiheit und gewhnte sich,
auch Fink gegenber einen eigenen Willen zu haben. Und das richtige
Urtheil des Jngern trug allmlig dazu bei, den Aelteren von manchem
losen Streich abzuhalten und seinen Uebermuth zu bndigen. Anton
erfllte seine Pflichten im Comtoir mit der grten Pnktlichkeit, sein
Diensteifer war unendlich, und seine Zuvorkommenheit gegen die Collegen
grer als jemals. Fink gewhnte sich dadurch, ohne da er es selbst
merkte, auch seinerseits regelmiger im Geschft zu erscheinen und die
Arbeitsstunden besser auszuhalten. Nur einen Gegenstand gab es, ber den
er mit seinem Freunde nie sprach, obgleich er wute, da Anton immer an
ihn dachte, das war die junge Dame der Tanzstunde, welche so viel Herz
und Muth gezeigt hatte.




~IV.~


Nie hatten die Blumen so reichlich geblht und nie die Vgel so lustig
gesungen, als in diesem Sommer auf dem Gut des Freiherrn. Die
Wintersaison hatte die Familie mit einem groen Theil des Landadels
verbunden, und die Bekanntschaften des Theetisches und Ballsaales
spannen sich jetzt unter dem blauen Himmel weiter. Fast immer war Besuch
auf dem Schlo. Aus der Stadt kam Frau von Baldereck mit Eugenie,
zuweilen auch der Laubfrosch, Zernitz und Benno Tnnchen, von ihrem Gut
Frau von Werner mit einem Sohn und vier Tchtern. Theone und Hildegard
waren wochenlang die Gste Lenorens, sie hatten kein Mittel gefunden,
ihren Schwur zu halten, und trafen jetzt wenigstens auf befreundetem
Gebiet wieder zusammen. Das Haus schien manchmal zu klein, die Gste zu
fassen. In allen Zimmern des Schlosses und auf dem runden Rasenplatz
tummelten sich die zierlichen Gestalten der Mdchen. Sie lasen
Theaterstcke mit vertheilten Rollen, sie fhlten mit einander die
zartesten und hchsten Gefhle durch, sie tanzten, sie schlugen den
Dritten ab, oder lieen sich vom wilden Mann jagen. Und wenn die jungen
Herren ja einmal langweilig wurden und die Stimmung der Mdchen nicht
verstanden, so bestiegen diese den Kahn, ergriffen die Streichruder und
zogen sich vom Festlande zurck in eine unangreifbare Stellung mitten
auf dem Wasser. Wie s wurde dort geschwrmt, wenn das Ruder leise in
der Fluth pltscherte und der Mond ber den Bumen des Parks heraufzog.
Um den Kahn hoben die Seerosen ihr weies Haupt aus dem Wasser, erfreut,
da ihre Feinde, die Schwne, zur Ruhe gegangen waren, das Bild des
Mondes zitterte auf dem Kamm kleiner Kreiswellen, die Nachtigall
schmetterte im Busch und ein warmer Windeshauch trieb den Duft blhender
Strucher ber den See. Dann sangen Theone und Hildegard zweistimmige
Lieder, oder Hulda Werner gestand eine holde Erinnerung aus der
Residenz, oder Eugenie machte spttische Bemerkungen ber die
unglcklichen Herren, welche am Uferrand auf- und abliefen und
vergeblich durch List und Gewalt in den Besitz des Kahnes zu kommen
suchten.

Aber die prchtigsten Stunden waren am Sonntag Abend; dann wurde das
Winterkrnzchen fortgesetzt, der Reihe nach im Schlo der Rothsattel,
bei Werners, bei Balderecks. Wenn man nicht tanzte, trieb man
schelmische Possen. Man verkleidete sich. Mit Mnteln, Shawls und
Tchern drapirte sich die junge Gesellschaft in der lcherlichsten
Weise, dann stellte Zernitz, der in solchen Dingen ein Meister war,
schnell ein Tableau, und die Vter und Mtter muten als Publikum
zusehen. Oder man fhrte Charaden in dramatischen Scenen auf, entweder
aus dem Stegreif oder so, da die Rollen der Einzelnen auf kleine Zettel
geschrieben wurden, die man whrend der Auffhrung in der Hand hielt.
Die ganze Woche hindurch dachten die Mdchen auf hbsche Wrter, und wie
man sie darstellen knnte. Classische Wrter wurden dort aufgefhrt, zum
Beispiel: Referendarius, als Reh, als Fee, als Wettrennen und als
Knig Darius, wo Benno Tnnchen als todter Darius auf dem Boden lag, und
die schne Hulda Werner als Alexander der Groe mit gerungenen Hnden
hinter ihm stand, worauf Lenore als Ganzes mit einer Brille auf der Nase
und Acten unter dem Arm erschien und ber den Laubfrosch, welcher ein
Verbrechen begangen hatte, ihr Protokoll aufnahm. --

Und erst als das treffliche Wort Parthenia dargestellt wurde! Zuerst ein
feierliches Ehepaar aus der alten Zeit; dann ein langweiliger Thee, dann
ein schchterner Liebhaber, welcher tglich seiner Dame einen
Liebesantrag machen will und niemals damit zu Stande kommt, sondern
immer sitzen bleibt, so da die Dame zuletzt mit einem Seufzer die
Erklrung ausrufen kann, nie, nie! und dann eine andere Brautwerbung,
bei der ein verschmtes Bauermdchen ihrem Liebhaber, dem Otto Tronka,
zuletzt ein leises Ja zuflstern mu. -- Theone Lara war als
Bauermdchen bezaubernd, nur das Ja sprach sie nicht aus, sie schmte
sich. -- Und am Schlu erschien Lenore wieder als Ganzes, als eine
griechische Jungfrau, und der Laubfrosch, der Nuknacker und der kleine
Lanzau saen als Wilde in schwarzhaarigen Schlittendecken um sie herum,
und wurden von ihr ach! so schlecht behandelt.

Wie glcklich war Lenore in dieser Zeit! Zwar ein wenig Original war sie
geblieben, und die Mutter schttelte zuweilen den Kopf ber einen kecken
Einfall oder einen krftigen Ausruf, der den Lippen des schnen Mdchens
entschlpfte. Natrlich tanzte Lenore immer als Herr, so oft es an
Herren fehlte; sie war die Anfhrerin bei einigen entschlossenen Thaten,
welche die Mdchen verbten, sie trieb ihre ganze Gesellschaft einmal
wohl eine Meile weit auf einen Punkt, wo eine gute Aussicht sein sollte,
sie zwang sie dann, in die Schenke des nchsten Dorfes einzukehren und
Milch und Schwarzbrod als Abendkost zu genieen, und brachte die
Todtmden am spten Abend auf einem Leiterwagen zurck, den sie
gemiethet hatte und auf dem sie stand und selbst kutschirte. Sie
behandelte die jngeren Herren fortwhrend gnnerhaft, wie kleine
Jungen, die ein Butterbrod in der Hand halten, sie lie sich von ihnen
Pferdegeschichten erzhlen, und trat bei einer dramatischen Scene zum
Schrecken der Mutter sogar selbst als Herr auf, mit einer Reitpeitsche
und einem kleinen Bart von Wolle, den sie allerliebst zu drehen wute.
Dabei sah sie aber so wunderhbsch aus, da die Baronin nicht im Ernst
zrnen konnte.

Wenn jemand auf dem Gut mit dem neuen Leben der Familie nicht ganz
zufrieden war, so war's die Baronin. Ueber ihren Gemahl war Zerstreuung
und Geschftigkeit gekommen, die wolkenlose ruhige Heiterkeit frherer
Jahre schien aus seiner Seele verschwunden. Auch jetzt im Sommer fuhr er
oft nach der Stadt, manchen Abend brachte er in der Ressource zu, und
lustige Regimentskameraden, welche eine Frau zu nehmen vermieden hatten,
zogen ihn hufig aus den Zimmern der Hausfrau in ihre Rauchstuben. Er
verhandelte mit Ehrenthal und gefiel sich in lauter Gesellschaft, von
der er sonst wenig gehalten hatte. Es war eine sehr geringe Vernderung
des Freiherrn, nur fr das Auge der Gattin erkennbar. Und auch die
Baronin sah ein, da sie Unrecht thue, ber diese Vernderung zu
trauern.

Aber auch ihr wurde in dieser Zeit groe Freude. Eugen bestand sein
Offizierexamen und kndigte seinen Besuch an, um die Schnre auf seinen
Achseln zu zeigen. Die Mutter lie ihm sein Zimmer neu einrichten, und
der Vater stellte einen Gewehrschrank und eine neue Jagdausrstung
hinein, die er ihm zum Geschenk bestimmte. Als die Stunde kam, wo Eugen
eintreffen sollte, konnte der Freiherr die Ankunft gar nicht erwarten,
er lie satteln und ritt dem Sohn bis zum nchsten Dorf entgegen. Und
als eine kleine Staubwolke auf der Landstrae das Nahen des Reiters
verkndete und der Vater die schlanke Gestalt des Husarenlieutnants vor
sich erblickte, das Gesicht, welches der geliebten Frau so hnlich sah,
da sprang er wie ein Jngling vom Pferde, der Sohn that im Nu dasselbe,
und es war ein guter Anblick, als die beiden ritterlichen Gestalten
einander auf der Heerstrae umarmten. Und stattlich anzusehen war's, als
sie neben einander dem Schlosse zutrabten.

Ich bringe dir auch gute Nachricht vom Regiment, begann Eugen nach dem
ersten Austausch freudiger Fragen und Antworten. Zuerst lt dich der
Oberst gren.

Er war seiner Zeit ein toller Junge, sagte der Vater.

Jetzt ist er ein Brummbr, sagte der Sohn. -- Unser Avancement wird
magnifique. Waldorf wird ausscheiden mssen, weil seine Brust immer
schlechter wird; Balduin Tronka will sich versetzen lassen, er hat mit
dem Rittmeister einen famosen Streit gehabt, die Geschichte mu ich dir
noch erzhlen, und Stallinger bekommt das Majorat seines Onkels, der auf
dem Tode liegt. Er wird ein fanatisch reicher Kerl. Man sagt,
Zwanzigtausend Revenen.

Das ist sehr bertrieben, sagte der Vater, das Majorat ist wenig
grer, als unser Gut.

Jedenfalls wird er seinen Walach dem Wachtmeister schenken, sagte der
Sohn. Er hat dem Tisch einen sperben Satz versprochen. Wie gefllt dir
mein Brauner, Vater? Sie hielten vor dem Hofe an, der Lieutnant ritt
das Pferd vor. Der Freiherr untersuchte als Kenner und sprach im
Allgemeinen seine Billigung aus. Vor dem Pferdestall hielten sie noch
einmal an. Wir wollen die Frauen berraschen, sagte der Freiherr. Als
der Reitknecht die Pferde abnahm, konnten Vater und Sohn sich nicht
enthalten, auf einen Augenblick in den Stall zu treten. Zuerst prften
sie die Reitpferde des Freiherrn, dann gingen sie die Reihe der
Ackergule durch. Mit Gnnermiene schlug der Lieutnant das eine oder
andere, einen persnlichen Bekannten an den Hals und sprach zur Freude
des Vaters mit militrischer Krze entschiedene Urtheile ber die
Tchtigkeit aus. Die Knechte standen ehrerbietig herum, Vater und Sohn
geriethen in Eifer und theilten einander nicht aufzuschiebende
Sportanekdoten mit, der Freiherr mit der Ruhe eines alten Robndigers,
der Lieutnant mit jugendlichem Feuer, seelenvergngt, vor der erprobten
Weisheit des Vaters auch seine lustig grnende Wissenschaft zu zeigen.
Bei Lenorens Pony erinnerten sich Vater und Sohn zu gleicher Zeit an die
Frauen des Hauses und eilten schnell aus dem Stall nach dem Schlosse.

In der Rosenlaube hielt die Baronin ihren Sohn umschlungen, whrend
Lenore ihm liebkosend auf die Schultern klopfte. -- Jetzt erst begann
die rechte Freude auf dem Schlo. -- Die Augen der Eltern glnzten, so
oft sie auf die hohe Gestalt des Reiters sahen. Wenn einzelne seiner
Ausdrcke und Geberden noch an die Reitbahn erinnerten, so ertrug auch
die Baronin das mit freundlichem Lcheln. Denn seit alter Zeit ist der
Stall die Vorhalle, durch welche der Cavalier zu den geflligen Formen
des Salons hinaufsteigt. Im Kreise der Mdchen eroberte sich Eugen
sofort die Herrschaft, wenigstens in allen lustigen Stunden wurde er ihr
bevorzugter Gefhrte. Er machte seine Besuche in der Umgegend, man lud
ein und wurde geladen, ein frhliches Fest folgte dem andern.

       *       *       *       *       *

Das Behagen an diesem bunten Treiben wurde dem Freiherrn durch einen
Umstand beeintrchtigt: er konnte durchaus nicht mehr mit seinem Gelde
auskommen. Was zwanzig Jahre hindurch mglich gewesen war, erwies sich
jetzt als vllig unmglich. Das Winterquartier in der Stadt, die grere
Ausdehnung seiner gesellschaftlichen Verbindungen, die Epauletten seines
Sohnes, die Florkleider und Spitzen Lenorens, sogar die Zuschsse,
welche er zu den jhrlichen Zinsen seiner Pfandbriefe machen mute, um
die Interessen an die Landschaft zu zahlen, das Alles zusammen wurde ihm
unbequem. Die Ertrge des Gutes wurden zuweilen ungeduldig erwartet und
schnell in Anspruch genommen, sie wurden dadurch nicht grer und nicht
sicherer; und mancher verstndige Vorsatz frherer Zeiten blieb
unausgefhrt. Der Freiherr hatte den Plan gefat, eine sterile
Sandflche an der Grenze seines Gutes mit Kiefern zu besen, sogar die
unbedeutenden Kosten dieser Verbesserung wurden ihm lstig, und der
gelbe Sand glnzte ungefurcht das ganze Jahr in der Sonne. Wieder war er
mehr als ein Mal in die Lage gekommen, die zierliche Cassette, welche
seine geliebten Pfandbriefe beherbergte, zu ffnen und einzelne Nummern
des schnen Pergaments herauszunehmen; wieder umwlkte sich seine Stirn,
und wieder durchfuhr eine fliegende Unruhe sein in der Regel so wrdig
gehaltenes Wesen. Aber es war nicht mehr die qulende Angst einer
frheren Zeit, er hatte bereits eine kleine Praxis in Geschften
erworben und sah die Sache ein wenig kaltbltiger an. Es mute einen Weg
geben, aus diesen Verlegenheiten herauszukommen, im schlimmsten Falle
lebte er noch einen, hchstens zwei Winter in der Stadt, bis Lenorens
Erziehung vollendet war, und zog sich dann mit Energie in seine
Landwirthschaft zurck. Er fhlte, da ihn das kein groes Opfer kosten
wrde. Und dann fhrte er seine industriellen Projecte aus, als guter
Wirth nur auf die Zukunft der Kinder bedacht. Unterde beschlo er, sich
gelegentlich bei Ehrenthal Rath zu holen. Der Mann war im Ganzen doch
wohl ein ehrlicher Mann, soweit ein Negociant einem Edelmann gegenber
so etwas sein kann; und was die Hauptsache war, er kannte die
Verhltnisse des Freiherrn ziemlich genau, und der Herr fhlte ihm
gegenber nicht die Scheu, welche ihn abhalten mute, einem Fremden
Bekenntnisse zu machen.

Wie immer, erschien auch diesmal der Hndler zu rechter Zeit. Seine
diamantene Busennadel blitzte, seine unterwrfigen Complimente gegen die
Baronin waren lcherlicher als je, und seine Bewunderung des Gutes
zeigte sich wahrhaft grenzenlos. Der Freiherr fhrte ihn in guter Laune
durch die Wirthschaft und sagte endlich: Sie sollen mir einen guten
Rath geben, Ehrenthal.

Ehrenthal zuckte mit den Augen und sah den Freiherrn schlau an.

Es waren nur wenige Jahre vergangen, seit sie einen hnlichen Gang durch
die Gebude des Hofes gemacht hatten, und sehr hatten sich die Zeiten
gendert! Damals mute der Hndler seinen guten Rath dem stolzen Baron
so vorsichtig und in Sigkeiten eingehllt anbieten, wie man dem
unartigen Kinde eine Arznei einflt, und jetzt kam derselbe Herr
bereits Hlfe suchend zu ihm.

Der Freiherr fuhr mit mglichst leichtem Tone fort: Ich habe in diesem
Jahr grere Ausgaben gehabt, als frher, selbst die Pfandbriefe
verlangen Zuschsse, ich mu darauf denken, meine Einnahmen zu
vermehren. Was ist nach Ihrer Meinung fr diesen Zweck am besten zu
thun?

Die Augen des Hndlers glnzten, aber er erwiederte mit gebhrender
Demuth: Was zu thun ist, werden der Herr Baron besser wissen, als ich.

Nur keins von Ihren Geschften, Ehrenthal, warf der Freiherr
vorsichtig ein. Ich werde mit Ihnen nicht wieder in Compagnie treten.

Kopfschttelnd antwortete Ehrenthal: Es ist auch nicht immer zu machen
ein solches Geschft, welches ich mit gutem Gewissen dem Herrn Baron
empfehlen kann. Der gndige Herr hat fnfundvierzigtausend Thaler liegen
in Pfandbriefen. Wozu sich halten die Pfandbriefe, welche so wenig
Zinsen geben? Wenn Sie dafr kaufen eine sichere Hypothek zu fnf
Procent, so werden Sie davon zahlen vier Procent an die Landschaft und
ein Thaler vom Hundert bleibt Ihnen als Vortheil, ein jhrlicher
Vortheil von vierhundertfnfzig Thalern fr Ihre Casse. Und Sie knnen
dabei haben noch einen greren Vortheil. Manche sichere Hypothek zu
fnf Procent wird angeboten zum Kauf mit groem Profit fr den Kufer,
welcher baar Geld bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtausend
Thaler zahlen, vielleicht noch weniger, und eine gute Hypothek erhalten,
welche Ihnen bringt fnf Procent Zinsen von fnfundvierzigtausend
Thalern.

Der Freiherr antwortete: So war auch mein Gedanke, aber mit der
Sicherheit solcher Hypotheken, welche auf dem Markt in den Hnden von
Euch Hndlern sind, sieht es schlecht aus, und ich kann mich darauf
nicht einlassen.

Ehrenthal wlzte durch eine Handbewegung jeden Bruchtheil dieses
Vorwurfs, welcher ihn persnlich htte treffen knnen, von sich ab und
sagte rgerlich ber den unsoliden Schacher mit solchen Instrumenten:
Ich mache nicht gern Geschfte mit Hypotheken; was so ist auf dem Markt
in den Hnden der Hndler, das ist nichts fr den Herrn Baron; Sie
mssen sich wenden an einen zuverlssigen Mann. Sie haben einen
Rechtsanwalt, welcher gute Geschftskenntni hat, vielleicht kann der
Ihnen schaffen eine sichere Hypothek.

Sie wissen also keine? frug der Freiherr prfend und doch mit dem
stillen Wunsche, da Ehrenthal ihm die Mhe erleichtern mchte.

Ich wei keine, sagte der Hndler mit grter Entschiedenheit. Aber
wenn Sie wnschen, will ich mich erkundigen unter der Hand; es sind
immer welche zu haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen sagen, was er
fr sicher hlt. Solche Herren geben sich nur keine Mhe bei den
Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie werden beim Rechtsanwalt voll
einzahlen mssen die ganze Summe fr dieselbe Hypothek, welche Sie durch
einen Geschftsmann knnen erhalten mit einem Vortheil von einigen
Tausend.

Da in der Seele des Freiherrn dieser Vortheil bereits die grte
Wichtigkeit erlangt hatte, so fate er in der Stille seinen Entschlu.
Er wollte sehr vorsichtig sein, aber wo mglich lieber eine bereits
vorhandene Hypothek kaufen, als durch seinen Rechtsfreund das Geld
anlegen lassen. Und dem Hndler sagte er: Es eilt nicht; falls Sie
etwas Passendes finden, benachrichtigen Sie mich.

Ich will mir Mhe geben, sprach der Hndler mit Zurckhaltung, aber
es wird am besten sein, wenn auch der Herr Baron bei diesem Geschft
Erkundigungen einziehen, denn ich mache sonst keine Geschfte mit
Hypotheken.

Wenn diese Aeuerung auch nicht wahrhaftig war, so erfllte sie doch
ihren Zweck, denn die khle Unschuld des Hndlers steigerte das Zutrauen
des Freiherrn zu ihm um ein Bedeutendes. Ehrenthal aber suchte eilig von
dem Gute wegzukommen; er vernachlssigte diesmal die feinwolligen
Sprungbcke, bersah das runde Aussehen der Sperlinge auf dem Dache und
grollte seinem Kutscher, weil dieser zu langsam fuhr. Wenn ich einer
Schnecke binde die Zgel an ihre Hrner, so wird sie mich schneller
fahren als Ihr, zankte er rgerlich und rckte auf seinem Sitze hin und
her.

Der Kutscher peitschte verdrielich die Pferde und warf grob ber die
Schultern zurck: Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden sie
mehr sein wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp
auf steinigem Wege!

Der Freiherr fuhr am nchsten Tage nach der Stadt und ersuchte seinen
Rechtsfreund, die nthigen Anstalten zur Erwerbung einer Hypothek zu
machen. Er verbarg ihm nicht, da er dieselbe gern mit einigem Vortheil
erhalten wrde.

Der verstndige Jurist rieth ihm dringend, auf solchen Vortheil zu
verzichten, weil keine Aussicht sei, da er eine sichere Anlage um
weniger als den Nennwerth bewirken werde. Grade dieser Rath machte den
Freiherrn nur noch mehr geneigt, sich beim Erwerb der Hypothek seinem
eigenen Urtheil zu berlassen.

Einige Tage darauf meldete sich beim Baron ein starker groer Mann mit
rthlichem, glnzendem Gesicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptstadt. Der
wrdige Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons gefhrt und
beeilte sich, sein Erscheinen zu entschuldigen. Er hatte gehrt, da
der gndige Herr Geld anzulegen wnschte, und wute eine ausgezeichnet
sichere, hchst empfehlenswerthe Hypothek von vierzigtausend Thalern auf
eine groe Herrschaft in der benachbarten Provinz, Eigenthum des reichen
Grafen Zaminsky, der im Auslande lebte. Die Gter, auf welchen die
Hypothek haftete, hatten alle mglichen Vortheile; es waren drei, vier
Gter, es war eine Waldflche dabei von mehr als zweitausend Morgen, und
reiner Urwald war das nach den Schwren des Berichterstatters. Vier
Drfer waren zu Spann- und Handarbeit verpflichtet, hundert Stellen in
vier Drfern hatten baares Geld an die Herrschaft zu zahlen, kurz es war
eine Besitzung, welche dem grten Frsten keine Schande gemacht htte.
Und diese Hypothek von vierzigtausend Thalern stand mit ihrem Pfandrecht
gleich hinter den ersten hunderttausend Thalern. Hinter ihr waren noch
fnf oder sechs kleinere, aber immerhin ansehnliche Capitalien
eingetragen. Die Hypothek war gegenwrtig im Besitz des Grafen Zaminsky
selbst. Er hatte dieselbe seinem Geschftstrger zum Verkaufe cedirt.
Und dieses vortreffliche Instrument war, wie Pinkus geheimnivoll
andeutete, mglicherweise fr neunzig Procent, also fr sechsunddreiig
tausend Thaler zu haben. Es war unbequem, da die Herrschaft in einer
benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirthschaft noch viele
alterthmliche Eigenheiten hatte. Aber die Grenze war hchstens zwei
Meilen entfernt, die nchste Kreisstadt war durch die Chaussee mit der
Welt verbunden, kurz es gab nichts, was nicht bei unbefangener
Betrachtung an der Hypothek einnehmend erschienen wre, und Pinkus wrde
sich nie entschlossen haben, einen solchen Schatz irgend einem fremden
Kufer zu gnnen, wenn dieser nicht in so ausgezeichneter Weise alle
Tugenden in seiner Person vereinigte, wie der Freiherr.

Der Gutsherr verhielt sich gegenber diesen Anpreisungen wrdig, wie
einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor seinem Abgange zog Pinkus ein
dickes Actenbndel, welches das Document selbst vorstellte, aus einer
Ledertasche hervor und legte dasselbe vertrauensvoll vor dem Freiherrn
auf den Tisch, damit dieser mit Mue die Richtigkeit aller Angaben
prfen knne.

Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Document zu seinem
Rechtsfreund, ersuchte ihn, dasselbe durchzusehen und die nthigen
Ermittelungen anzustellen. Er selbst stieg die schwarze Treppe zur
weilackirten Pforte des Herrn Ehrenthal hinauf.

Ehrenthal war entzckt ber das Glck, welches ihm widerfuhr, er warf
seinen Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron
mge ihm die unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frhstcken. Der
Freiherr war human genug, das nicht ganz auszuschlagen; er wurde in das
distinguirte Putzzimmer des Hauses gefhrt und sah mit innerer
Heiterkeit ber die auffallenden Farben der bunten Vorhnge, den rothen
Plsch des Sophas, den unsaubern Fuboden und die zahlreichen schlechten
Oelbilder an den Wnden, dicke Farbenmassen, welche wahrscheinlich auf
dem Trdel gekauft waren und schwrzlichen Baumschlag aus irgend einem
unreinlichen Welttheil darstellten. Die schne Rosalie trat nach einer
Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hngelocken, in rauschendem
Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den
Frhstckstisch. Es war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu
beobachten, wie die gezierte Haltung der Tochter mit dem kriechenden
Wesen des Vaters contrastirte, und der gute Herr freute sich schon
darauf, wie er auf den Abend beim Theetisch der Baronin und seiner
Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und Unbehlflichkeit schildern
wrde. So sa er auf dem Sopha und sah mit freundlichem Lcheln auf den
Hndler. Herr Ehrenthal sa ihm gegenber und freute sich auch und auch
sein Mund lchelte verbindlich. Endlich sagte der Freiherr, nachdem er
der schnen Tochter des Hauses einige artige Worte gegnnt hatte:
Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?

Die Tochter verschwand bei diesen geschftlichen Andeutungen, der Vater
rckte sich auf seinem Stuhle zurecht. Ja, ich kenne ihn, sagte er
khl, er ist ein kleiner Geschftsmann; ich glaube auch, da er ist ein
ehrlicher Mann. Er ist nicht von Bedeutung, er macht seine Geschfte
nach Polen zu.

Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypothek
zu kaufen? frug der Freiherr weiter.

Was sollte ich es ihm sagen? antwortete Ehrenthal; ist er gewesen bei
Ihnen wegen einer Hypothek, fuhr er kopfschttelnd fort, so hat er es
erfahren von einem andern Geschftsmann, mit dem ich darber gesprochen.
Der Pinkus ist ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek fr
Sie? Hier deutete Herr Ehrenthal durch eine Handbewegung an, wie klein
Pinkus sei, und hob die Augen in die Hhe, gleichsam um die unermeliche
Hhe des Barons anzudeuten.

Der Baron erzhlte ihm darauf, welche Hypothek der Unterhndler ihm
angeboten habe, und frug nach den Gtern und Verhltnissen des Grafen.

Herr Ehrenthal wute nichts Nheres, besann sich aber, da ein
respectabler Geschftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot
sich, diesen Mann aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn
zu senden.

Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrenthal begleitete ihn die
Treppe hinunter bis in den Hausflur und sagte beim Abschiede: Seien Sie
vorsichtig mit der Hypothek, Herr Baron, es ist schnes Geld, und es
giebt viele schlechte Hypotheken, aber es giebt auch gute Hypotheken,
und es wird viel geschwatzt von manchen Geschftsleuten zur Empfehlung
ihrer Sachen. Und was den Lbel Pinkus betrifft, so ist er nur ein
kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschft, aber er ist, so
weit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der Hypothek
sagen, scheint gut, aber doch bitte ich unterthnig, Herr Baron, seien
Sie vorsichtig.

Da der Freiherr durch diese wortreiche Rede um nichts klger geworden
war, so ging er in seine Wohnung und erwartete mit Ungeduld die Ankunft
des fremden Geschftsmanns. Dieser lie nicht lange auf sich warten.
Diesmal war es ein Herr Lwenberg, in seiner Erscheinung ein Seitenstck
zu Ehrenthal und Pinkus. Nur war er etwas hagerer und trug als Mann aus
der Provinz ein schweres spanisches Rohr und in der Hand eine Mtze. Er
gab sich als Weinkaufmann zu erkennen und zeigte sich ber die
betreffenden Gter und die Verhltnisse des Grafen sehr gut
unterrichtet. Er erzhlte, da der gegenwrtige Besitzer noch jung sei
und im Auslande lebe, da der verstorbene Vater desselben etwas bunt
gewirthschaftet habe, dagegen sei jetzt bessere Ordnung eingefhrt, man
erzhle Gutes von dem Erben, und wenn auch Capitalien auf den Gtern
stnden, so habe die Familie doch so viele Mittel, da an eine
Gefhrdung ihres Besitzes gar nicht zu denken sei. Die Gter seien noch
nicht auf hoher Culturstufe, jedenfalls sei aber viel daraus zu machen,
und er hoffe, der junge Graf werde der Mann dazu sein. Alles, was er
sagte, war nicht bertrieben, es klang recht nchtern und verstndig.
Das Ganze war entschieden gnstig, und als der Fremde den Baron verlie,
war dieser fest entschlossen, das Geschft zu machen. Um nichts zu
versumen, ging er noch zu einem seiner Bekannten und zog Erkundigungen
ein. Was er erfuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungnstig. Die
Hauptsache war, da die Familie eine sehr alte und in ihrer Provinz
angesehene Familie war, und da der verstorbene Graf Zaminsky wild
gewirthschaftet hatte. Bevor er nach Hause fuhr, erhielt er einen
Gegenbesuch des Herrn Ehrenthal, welcher ihn benachrichtigte, da die
Wolle der Schafe auf diesen Gtern allerdings nicht fein sei, und
dagegen vom Freiherrn erfuhr, da er vor Allem noch das Gutachten seines
Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er sich entschliee.

       *       *       *       *       *

Das kleine Comtoir Ehrenthals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte
seinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr
Ehrenthal in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch
weien Briefpapiers sa und die Ankunft seines Meisters erwartete.
Ehrenthal war in groer Aufregung, er legte seinen Stock auf den Tisch,
verga aber seinen Hut abzunehmen und schritt unruhig in dem Raume auf
und ab.

Itzig dachte: Was thut der Mann? Was hat er, da er so in Sorgen ist?
Da trat Ehrenthal vor Itzig und sagte mit Eifer: Itzig, heut werden Sie
zeigen, ob Sie verdienen, da Sie Brod bei mir haben und den
Mittagstisch, den ich Ihnen gebe wegen Ihrer Bildung.

Was soll ich thun? sprach Veitel und erhob sich von seinem Sitz.

Erst werden Sie mir rufen den Lbel Pinkus, dann werden Sie mir
bestellen eine Flasche Wein und zwei Glser, und dann gehen Sie fort,
ich brauche Sie heut nicht mehr. Sie sollen mir aber gehen und
herausbringen, an wen der Justizrath Horn, welcher wohnt am Markte, heut
geschrieben hat nach Rosmin, auerhalb der Provinz, und wenn er heut
nicht geschrieben hat, an wen er morgen schreibt. Ich werde Ihnen geben
fnf Thalerstcke, damit Sie das knnen erfahren. Wenn Sie mir heut
Abend noch Antwort bringen, so sollen Sie auerdem haben einen Ducaten.

Veitel erglhte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Klte:
Ich kenne keinen von den Schreibern des Justizraths und brauche Zeit,
bis ich machen kann ihre Bekanntschaft. Morgen Abend sollen Sie Antwort
haben, Sie knnen mir aufheben den Ducaten auf morgen.

Wenn Sie Bescheid bringen, kommen Sie zu jeder Zeit, und wenn es wre
nach Mitternacht, rief ihm Ehrenthal nach.

Itzig sprang die Treppe hinauf, bestellte in der Kche eine Flasche Wein
und lief dann als Sprhund auf die Straen.

Unterde schritt Herr Ehrenthal, den Hut auf dem Kopfe, die Hnde auf
dem Rcken, immer noch in dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit
dem Haupt wie eine Pagode. So sah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus
wie ein dickes schwarzes Gespenst, das seinen abgeschlagenen Kopf nicht
fest auf den Schultern halten kann.

Veitel fhrte auf seinem Gange lebhafte Unterhaltung mit sich selbst.
Was ist los? frug er, es mu ein groes Geschft sein und soll mir
bleiben ein Geheimni. Ich soll den Pinkus holen. Der Pinkus ist gewesen
vor einigen Tagen beim Ehrenthal, und den Tag darauf ist er gefahren
auf's Land zum Baron Rothsattel. Das Geschft ist also ber den Baron.
Und der Ehrenthal will Einem vorsetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt
keinen Wein, es mu sein ein Anderer, es wird nicht sein der Baron
selbst, denn den Edelmann fhrt er nicht auf's Comtoir, der mu oben
hinauf zum rothen Plsch. -- Wenn der Pinkus zu thun hat bei dem
Geschft mit dem Baron, so kann er nur haben gestellt das Sprenkel fr
den Rothschwanz, und der jetzt Abends kommt, den ich nicht sehen soll,
der mu sein der Treiber, -- und der Ehrenthal selber? Als er heut
herunter ging mit dem Baron, habe ich gehrt, wie er sagte. Seien Sie
vorsichtig! Folglich ist der Alte der Scheucher. Wenn der Ehrenthal
scheucht, so mu es sein ein groes und ein delicates Geschft. Bei
diesem Punkte seines Monologs war Veitel vor der Herberge angekommen, er
bestellte seinen Wirth, der eilig aus dem Laden in seine Stube lief,
sich einen besseren Rock anzuziehen, und ging dann im Selbstgesprch
weiter. Wenn der Schreiber, der die Briefe aus dem Geschft des
Justizraths trgt, um sieben Uhr zur Post geht, und ich die Adresse von
den Briefen lesen knnte, so wrde ich mir ersparen die fnf Thaler,
berlegte er weiter. Es geht nicht, setzte er bekmmert hinzu, er
giebt die Briefe in einem Haufen in das Postloch hinein, der Postmann
ist zu schnell, ich werde nicht lesen knnen die verkehrten Adressen. --
Vielleicht kann ich's doch mglich machen; der die Briefe auf die Post
trgt, ist gewhnlich ein junger Mensch, vielleicht kann ich ber ihn
kommen. Und geht's nicht so, so geht's anders, ich kenne einen
Schreiber von einem Justizmann, welcher schon manchen Groschen von mir
verdient hat. Die Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei
Thaler gebe, besorgt er mir das Verzeichni der Briefe von seinem
Collegen, drei Thaler will ich sparen.

Nachdem Veitel diesen Entschlu gefat hatte, ging er in das Haus des
Rechtsanwalts und stellte sich, wie Jemand erwartend, so auf, da er das
Amtslocal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schlu der Sprechstunde;
mehrere Menschen, welche den vielbesuchten Notar consultirt hatten,
kamen die Treppe herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger
Mann strzte mit einem Packet Briefe zum Hause hinaus. Veitel setzte ihm
in langen Schritten nach, machte an der nchsten Ecke eine Schwenkung
und stand vor dem Schreiber. Er berhrte seinen Hut: Sie sind aus dem
Geschft des Justizrath Horn? -- Ja, sagte der Schreiber eilig und
wollte weiter gehen.

Ich bin aus der Provinz und warte seit drei Tagen auf einen dringenden
Brief vom Herrn Justizrath, ich bin heut gekommen, um ihn zu sprechen,
vielleicht haben Sie selbst einen Brief an mich aufzugeben auf der
Post.

Mitrauisch sah der Schreiber ihn an und frug: Wie heien Sie? Veitel
griff in die Tasche, holte schnell ein Achtgroschenstck hervor und
sagte: Ich will nichts Unrechtes von Ihnen, junger Mann, ich will nur,
da Sie die Geflligkeit haben und mich lassen nachsehen, ob ein Brief
fr mich da ist.

Ich kann Ihr Geld nicht nehmen, erwiederte der Schreiber kurz, im
Begriff, weiter zu gehen. Wie heien Sie denn?

Bernhard Magdeburg aus Ostrau, sagte Veitel schnell, es kann aber der
Brief auch sein an meinen Onkel.

Es ist kein Brief fr Sie darunter, antwortete der Schreiber, flchtig
die Adressen auseinanderhaltend.

Veitels Augen starrten auf die Briefe, als wollten sie das Papier
durchbrennen, es war ihm aber nicht mglich, mit den Augen der
Handbewegung des Schreibers zu folgen. Er fate daher mit schnellem
Griff das Bndel Briefe, und whrend der erzrnte Schreiber ihn von der
andern Seite packte und rief: Was fllt Ihnen ein, Herr, wie knnen Sie
sich unterstehen! las er mit fliegender Eile die Aufschriften, gab die
Briefe in einer verzweifelten Ruhe zurck und sagte, an den Hut
greifend: Ich danke Ihnen, es ist nichts fr mich darunter. Der
emprte Schreiber wollte ihn halten: Herr, wie knnen Sie diese
Unverschmtheit haben! --

Versumen Sie nicht die Post, sagte Veitel gutmthig, ich gehe jetzt
selbst zum Herrn Justizrath. Damit drehte er sich schnell auf das Haus
zu und entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erstarrt ber
die Frechheit dastand und endlich nach der Post strzte, die versumte
Zeit nachzuholen.

Veitel hatte nur wenig Adressen in seinem Gedchtni behalten trotz
seiner schnellen Beobachtungsgabe. Vielleicht ist damit der Ducaten
verdient, sagte er; wo nicht, so schadet's auch nichts. Er schlich
langsam auf Umwegen nach seinem Comtoir zurck, stellte sich an die Thr
und horchte. Der wrdige Pinkus sprach, aber es wurde leise geredet, und
Veitel konnte nur wenig verstehen. Endlich wurden die Stimmen lauter und
es klang wie Zank zwischen den beiden Herren.

Wie knnen Sie fordern eine so groe Summe fr den einen Weg? rief
Ehrenthal zornig; ich habe mich in Ihnen getuscht, wenn ich Sie habe
gehalten fr einen zuverlssigen Mann.

Ich will zuverlssig sein, klang die Stimme des Pinkus dazwischen,
aber ich mu vierhundert Thaler haben, oder es wird nichts aus dem
Geschft.

Wie knnen Sie sagen, da nichts aus dem Geschft wird? Was wissen Sie
von dem ganzen Geschft? Wer sind Sie, da Sie etwas davon wissen
knnen?

Ich wei so viel, da ich mir kann die vierhundert Thaler geben lassen
von dem Baron, wenn ich zu ihm gehe und ihm sage, was ich wei, schrie
Pinkus mit lauter Stimme.

Sie sind ein schlechter Mensch, rief Ehrenthal im Zorn. Sie sind mir
verchtlich wie eine Maus, welche piept in ihrem Loch. Wissen Sie, wen
Sie so behandeln? Mich behandeln Sie so, fuhr er immer zorniger fort.
Ich kann Ihnen nehmen Ihren Credit und werde Sie bekannt machen als ein
schlechtes Subject bei allen Geschftsleuten.

Und ich will Sie bekannt machen dem Baron, was Sie sind fr ein
schlechter Mann, rief seinerseits Pinkus erzrnt.

Bei diesen Worten ffnete sich die Thr, Veitel tauchte mit einem Sprung
in den Schatten der Treppe.

Ich will Ihnen Zeit lassen zur Ueberlegung bis morgen frh, schrie der
abgehende Pinkus in's Comtoir zurck und rannte hinaus.

Veitel trat mit der grten Unbefangenheit in das Comtoir und wurde von
seinem Patron, der in dem kleinen Raume auf und ab strmte, wie ein
wildes Thier im Kfig, gar nicht gesehen. Gerechter Gott, da dieser
Lbel sein kann ein solcher Verrther! Er wird Alles ausschwatzen auf
dem Markte, er wird mich ruiniren, jammerte Herr Ehrenthal und schlug
die Hnde zusammen.

Wozu soll er Sie ruiniren? frug Veitel und warf seinen Hut auf das
Pult.

Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehrt? schrie ihn Ehrenthal zornig
an.

Alles habe ich gehrt, sagte Veitel kaltbltig, Sie haben ja Beide
geschrieen, da man es hren mute in dem Hausflur. Warum haben Sie mir
ein Geheimni gemacht aus dem Geschft? Wenn Sie mir gesagt htten, was
Sie vorhaben, ich htte Ihnen den Lbel billiger verschafft.

Herr Ehrenthal sah starr auf den kecken Burschen und konnte nichts
hervorbringen, als die Worte: Was ist das?

Ich kenne den Pinkus, fuhr Veitel fort, entschlossen, sich zum
Mitspieler in dem Stck zu machen, welches jetzt aufgefhrt wurde. Wenn
Sie ihm geben hundert Thaler, so wird er Ihnen als treuer Mann
verkaufen eine gute Hypothek an den Baron.

Was wissen Sie von der Hypothek? fuhr Herr Ehrenthal bestrzt heraus.

Ich wei genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will,
antwortete Veitel. Und ich will Ihnen helfen, wenn Sie haben Vertrauen
zu mir.

Herr Ehrenthal starrte immer noch verwundert in das Gesicht seines
Buchhalters, es dmmerte ihm die Ansicht, da sein Gehlfe mehr kaltes
Blut und Entschlossenheit haben knnte, als er selbst. Endlich rief er
zwischen Freude und Sorge: Sie sind ein braver Mensch, Veitel, schaffen
Sie mir den Pinkus zurck, er soll haben die hundert Thaler.

Ich habe auch gelesen die Aufschrift von den Briefen, welche der
Justizrath zur Post gegeben hat. Es ist ein Brief darunter an den
Justizcommissarius Walther in Rosmin.

Ich hab's gedacht, rief Herr Ehrenthal erfreut; es ist gut, Itzig,
schaffen Sie mir den Lbel.

Dem Schreiber des Justizraths habe ich zu zahlen fnf Thaler und ich
soll bekommen einen Ducaten, macht acht Thaler 5-1/2, fuhr Veitel fort,
ohne sich von der Stelle zu rhren.

Es ist schon gut, beschied ihn Ehrenthal durch eine nachlssige
Handbewegung; Sie sollen haben das Geld, aber vor Allem mu ich haben
den Pinkus.

Veitel eilte hinber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen
Geschftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurckgezogen, in
welcher auch er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzglichkeiten, die
ihm Ehrenthal vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.

Veitel ffnete die Thr und sagte mit Energie: Pinkus, ich komme vom
Ehrenthal, ich will, da Sie nehmen hundert Thaler und helfen meinem
Rebb; ich will, da Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn
Sie etwas von ihm wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so wei
ich etwas von Ihnen, was Ihnen schaden wird bei der Polizei.

Der Pinkus stand still und unterdrckte einen Fluch, den er gegen Veitel
auf seinen Lippen hatte. Ich bin ein ehrlicher Mann, rief er trotzig,
und brauche mich vor der Polizei nicht zu frchten.

Sie wird fragen, was Sie fr ein Waarenlager halten in dem Hause
daneben, und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waaren. Ich will
Sie aber nicht zu Schaden bringen; Ehrenthal soll Ihnen geben hundert
Thaler, und Sie werden mir geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube
und ein Bett gegen billige Miethe, und werden mich nicht mehr behandeln
als Bocher, sondern als Geschftsmann, welcher so gut ist wie Sie.

Pinkus war berrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile
auf, focht mit Hnden und Fen gegen eine feindliche Luft, welche ihm
keinen Widerstand leistete; er beschwor hufig seine Ehrlichkeit und
mischte starke Klagen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wellen seiner
sittlichen Entrstung allmlig kleiner und krzer wurden, und zuletzt in
seiner Seele ein anmuthiges Wellengekrusel entstand, als Zeichen, da
sie brauchbar geworden fr alle guten Werke des Friedens.

Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandlung ruhig abgewartet und
fhrte jetzt den Vershnten im Triumph zu Ehrenthal zurck. Hier maen
die beiden wrdigen Mnner einander zuerst mit feindseligen Blicken,
dann schttelten sie einander die Hnde und versicherten sich
gegenseitig ihrer Hochachtung, whrend Veitel wieder als Genius des
Friedens daneben stand und Beide mit einem Gefhl betrachtete, welches
der entschiedenste Gegensatz von Hochachtung war. Pinkus steckte ein
Cassenbillet von hundert Thalern ein und empfahl sich, da seine Hlfe
bei der groen Operation nicht mehr nthig schien, und Veitel ffnete
kurz darauf die Thr fr Herrn Lwenberg, den Geschftsmann aus der
Provinz, und lchelte innerlich, als Ehrenthal fast bittend sagte:
Lieber Itzig, Sie knnen jetzt gehen. Er ging diesmal, ohne am
Schlsselloch zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben
Abend ein kleines Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas
Liqueur und a das Bratenstck, welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.

Unterde sagte Herr Ehrenthal zu Lwenberg, als Beide bei einem Glas
Wein gemthlich einander gegenber saen: Ich habe erfahren, da der
Justizrath Horn sich Auskunft holt ber die Hypothek bei dem
Justizcommissarius Walther in Ihrem Orte. Ist etwas zu machen mit diesem
Mann?

Es ist nichts zu machen mit Geld, erwiederte der Mann aus der Provinz
nachdenklich, aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er
wei nicht, da ich selbst von dem Bevollmchtigten des Grafen den
Auftrag habe, zu verkaufen diese Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in
meinen Geschften und werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das
Gut und die Verhltnisse des Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, da
ich Lust habe zu kaufen diese Hypothek.

Kopfschttelnd sagte Ehrenthal: Wenn er kennt den Grafen und sein Gut,
so wird Ihr Lob noch nicht helfen, da er einen gnstigen Brief hierher
schreibt.

Es hilft doch, diese Justizcommissarien mssen bei uns Erkundigungen
einziehen ber die Verhltnisse: sie knnen selbst nicht so gut wissen
wie wir, wie es steht mit dem Kauf und Verkauf der Wolle und des
Getreides. Wir mssen thun, was wir knnen, und ich glaube, es wird
helfen fr das Geschft.

Ehrenthal sttzte schwermthig den Kopf auf die Hand und sagte mit einem
Seufzer: Sie knnen glauben, Lwenberg, es macht mir schwere Sorge.

Es wird auch sein ein schner Vortheil, trstete der Andere. Neunzig
Procent zahlt der Kufer, den Sie haben, und dem Grafen werden geschickt
nach Paris siebenzig Procent: von den zwanzig Procent Differenz zahlen
Sie fnf an den Bevollmchtigten des Grafen, und fnf an mich fr meine
Bemhung, und zehn Procent bleiben Ihnen. Viertausend Thaler sind ein
schner Gewinn bei einem Geschft, zu dem man braucht kein Capital.

Aber es macht Sorge, sprach Herr Ehrenthal gebeugt; glauben Sie mir,
Lwenberg, ich bin so aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine
Nacht, wo ich schlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn
meine Frau mich frgt: Schlfst du, Ehrenthal? so mu ich ihr immer
sagen: Ich kann nicht schlafen, Sidonie, ich mu denken an die
Geschfte.

Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapost zum Thore hinaus. Am
nchsten Morgen erhielt der Justizcommissarius Walther einen
Geschftsbesuch des Herrn Lwenberg und wurde durch die khle und
berzeugende Weise dieses Herrn allerdings zu der Ansicht gebracht, da
die Verhltnisse des Grafen Zaminsky doch nicht so zerrttet waren, als
man in der Umgegend erzhlte.

Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rothsattel einen Brief seines
Rechtsfreundes und darin die Copie eines Schreibens vom
Justizcommissarius Walther. Das Gutachten beider Rechtsverstndigen
stellte den Kauf der Hypothek als ein Geschft dar, von dem wenigstens
nicht unbedingt abzurathen war. Und als den Tag darauf Ehrenthal auf dem
Gut seinen Besuch machte, hatte der Freiherr seinen Entschlu gefat,
die Hypothek zu nehmen. Was ihn lockte, fortwhrend, unwiderstehlich,
das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Thalern. Es war ein
Segen der Praxis, die er in dem frheren Geschft mit Ehrenthal erworben
hatte. Er wollte die Hypothek gut finden, und htte sie vielleicht
genommen, auch wenn sein Rechtsfreund ihm entschieden abgerathen htte.

Ehrenthal erbot sich mit groer Uneigenntzigkeit, da er doch eine
Geschftsreise in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn
anzunehmen und fr ihn den Kauf mit dem Bevollmchtigten abzuschlieen.
Der Freiherr war gern damit zufrieden, denn sein Zartgefhl strubte
sich dagegen, da er in eigener Person eine Zahlung machen sollte, deren
Betrag geringer war, als die Summe, welche er durch das
Hypothekeninstrument dafr kaufte.

Acht Tage spter war er im Besitz einer Hypothek von vierzigtausend
Thalern, fr welche er nur sechsunddreiigtausend Thaler gezahlt hatte,
und Ehrenthal und seine Freunde hatten obendrein ein schnes Geschft
gemacht, das beste von Allen Itzig, denn er hatte ein Uebergewicht ber
seinen Meister erhalten und war Rathgeber und Vertrauter geworden bei
den geheimnivollsten Unternehmungen. Alle Parteien waren zufrieden. Der
Freiherr holte seine reich ausgelegte Cassette hervor und legte an die
Stelle der schnen weien Pergamente das dicke, gelbliche, durch viele
Hnde abgerissene Actenbndel, welches von jetzt ab sein Vermgen
vorstellte. -- Er sah nicht mehr mit der frohen Aufmerksamkeit hinein,
welche er frher den Pfandbriefen gegnnt hatte, er warf den Deckel des
Kstchens schnell zu und schob es in den Secretr, ganz wie ein alter
ermdeter Geschftsmann, wie Einer, der froh ist, eine Arbeit hinter
sich zu haben. Er eilte in die Zimmer der Damen und beschrieb dort mit
Laune die Glckwnsche und Bcklinge Ehrenthals.

Ich mag ihn nicht dulden, sagte Lenore, er sieht aus wie ein kleiner
fauchender Hamster.

Diesmal wenigstens hat er sich in seiner Weise uneigenntzig gezeigt,
antwortete der Vater. Es ist wahr, alle diese Geschftsleute haben
etwas Karrikirtes, und es ist bei aller Gutmthigkeit fr unser Einen
nicht immer mglich, bei ihren Bcklingen das Lachen zu unterdrcken.

An demselben Abende ging Herr Ehrenthal bei seiner Frau Sidonie im
langen Schlafrocke vergngt auf und ab, er versuchte ein kleines Lied zu
singen, klopfte seine Tochter Rosalie auf den weien Nacken und warf
seiner Frau von Zeit zu Zeit einen schlauen und zrtlichen Blick zu, so
da ihn Madame Ehrenthal endlich frug: Du hast abgemacht dein Geschft
mit dem Baron?

Ja, rief Ehrenthal lustig.

Er ist ein schner Mann, der Baron, bemerkte die Tochter.

Er ist ein guter Mann, sagte Ehrenthal, aber er hat seine Schwchen.
Er ist einer von den Menschen, welche verlangen tiefe Bcklinge und
unterthnige Reden und welche Geld bezahlen, damit Andere fr sie
denken. Er wrde lieber verlieren Eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm
spricht mit gebogenem Rcken, den Hut in der Hand. Es sind auch solche
Leute nthig in der Welt, was sollte sonst werden aus unserm Geschft?
--

Und an demselben Abend sa auch Veitel in seiner Stube, und der Advocat
neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunstsprache ber das
abgeschlossene Geschft und sagte: So ist der Rothschwanz gefangen in
dem Sprenkel, und der Ehrenthal hat dabei gewonnen viertausend Thaler.

Hippus hatte seine Brille abgenommen und sah in dem viereckigen
Holzkasten, welchen Frau Pinkus ein Sopha nannte, gerade aus wie ein
weier ltlicher Affe, der den Weltlauf verachtet und seinen Wrter in
die Beine beit. Er hrte mit kritischem Ernst auf den Bericht seines
Schlers, schttelte hin und wieder den Kopf, oder lchelte, wenn etwas
nach seinem Geschmack war.

Als Veitel seinen Bericht mit den Worten schlo: Der Ehrenthal hat
keine Courage, er verliert den Kopf bei groen Geschften, da rief Herr
Hippus verchtlich: Der Ehrenthal ist ein Gimpel. Er setzt nichts
Groes durch, er ist ein kleinlicher Mann. Es ist ihm immer so gegangen;
wo es darauf ankam, hat er gezaudert und ist stecken geblieben. Wenn er
den Edelmann durch Trinkgelder kirren will, die er ihm zukommen lt, so
wird ihn der Freiherr zuletzt die Treppe hinunter werfen.

Was soll er aber mit ihm thun? frug Veitel.

Sorgen mu er ihm machen, sprach Hippus im Eifer aufstehend, Sorgen
durch Arbeit. Groe Arbeit, immerwhrende Unruhe, tgliche Sorgen, die
nicht aufhren, das ist das Einzige, was der Freiherr nicht aushalten
kann. Diese Leute sind gewhnt, wenig Arbeit zu haben und viel
Vergngen, Alles wird ihnen zu leicht gemacht im Leben von Klein auf.
Es giebt Wenige, die den Kopf nicht verlieren, wenn eine groe Sorge das
ganze Jahr in ihrem Schdel herum bohrt. Das ruinirt sie. Ist so Einer
hchstens zwei Mal im Tage durch seine Wirthschaft gelaufen, so denkt
er, er hat gearbeitet, whrend der Amtmann das Beste thut und manchmal
noch die Dummheiten des Herrn ausbessern mu. -- Will der Ehrenthal den
Baron unter sich bringen, so mu er ihn in groe Geschfte verwickeln,
er mu selbst etwas wagen, und dazu hat er keine Entschlossenheit und
keinen Verstand, er ist nur ein Gimpel, der sein gelerntes Stckchen
pfeift und hinterher mit dickem Kopfe dasitzt.

So lehrte der Advocat, und Veitel verstand die klugen Worte und sah mit
einer Mischung von Achtung und Scheu auf den kleinen hlichen Teufel,
welcher heftig vor ihm gesticulirte. Endlich ergriff Herr Hippus die
Branntweinflasche, stampfte sie auf den Tisch und rief: Heut noch eine
Fllung extra! Was ich dir jetzt gesagt habe, du junger Galgenvogel, ist
mehr als eine Flasche Doppelten werth.




~V.~


Ich bin heut achtzehn Jahr, sagte Karl zu seinem Vater, der an einem
Sonntag zufrieden in seiner Stube sa und nicht mde wurde, den
stattlichen Jngling anzusehen.

Das ist richtig, erwiederte der Vater, achtzehn Lichter stehen auf
dem Kuchen.

Also, Vater, fuhr Karl fort, es ist Zeit, da ich etwas werde.

Du? frug der Vater verwundert, was willst du denn noch anders werden,
als du bist? Ein Knirps bist du und wirst in deinem Leben nichts
Anderes.

Sei jetzt einmal still mit deinem ewigen Knirps, entgegnete Karl. Ich
will Auflader werden.

Ei so hrt doch, rief der Alte, also Auflader! warum nicht lieber gar
Brgermeister, oder Knig oder so etwas?

Ich habe Krfte genug, fuhr Karl entschlossen fort. Ich will mir
etwas verdienen. Ich will ein ordentlicher Mann werden. Herr Wohlfart
ist jetzt schon seit einem Jahre frei geworden und ich bin noch immer
ein Junge.

Du willst etwas verdienen? wiederholte der Alte und sah mit immer
grerem Erstaunen auf seinen Sohn. Verdiene ich nicht genug und mehr,
als wir brauchen? Wozu willst du als Geizhals an uns handeln?

Ich kann doch nicht immer an deiner Lederschrze hngen, sagte Karl,
und wenn du tausend Thaler verdientest, wrde ich dadurch ein
ordentlicher Mensch? und wenn ich dich einmal verlieren sollte, was soll
dann aus mir werden?

Du wirst mich verlieren, Junge, sagte der Riese mit dem Kopf nickend,
das versteht sich, in einigen Jahren, setzte er hinzu, nachher kannst
du werden, was du willst, nur nicht Auflader.

Aber warum soll ich nicht werden, was du bist? Sei doch nicht so
hartnckig.

Das verstehst du nicht. Komm mir nicht mit deinem Ehrgeiz, ehrgeizige
Leute kann ich nicht vertragen.

Und wenn ich nicht Auflader werden soll, rief Karl wieder, so mu ich
etwas Anderes lernen, sieh das doch ein, Vater.

Du willst nichts gelernt haben? rief der Alte bekmmert. Ach, du
armes Kind, was haben sie dir nicht Alles in deinen kleinen Kopf
hineingetrieben! Da war die Klippschule, zwei Klassen, und die
Stadtschule, vier Klassen, und die Gewerbeschule, zwei Klassen, acht
Klassen hast du gelernt und kennst alle Waaren so gut wie ein Commis,
ist das nichts? Du bist ein nimmersatter Junge!

Ja, ich mu doch aber etwas Bestimmtes wissen fr einen Beruf,
versetzte Karl, Schuster, Schneider, Kaufmann oder Mechanikus.

Darum mache dir keine Sorge, sagte der Vater mit Ueberlegenheit,
dafr habe ich bei deiner Erziehung gesorgt, du bist praktisch -- und
ehrlich, fgte er hinzu.

Das denke ich, sagte Karl, aber kann ich ein Paar Stiefeln machen?
kann ich einen Rock zuschneiden?

Du kannst's, erwiederte der Alte ruhig, versuch's und du wirst's
knnen.

Na, warte, du Brummbr, morgen kaufe ich Leder und nhe dir ein Paar
Stiefeln, du sollst fhlen, wie sie drcken.

Weit du was, entgegnete der Vater, ich werde diese Stiefeln nicht
anziehen, ich werde vielleicht auch die zweiten nicht anziehen, ich
werde warten, bis du das dritte Paar gemacht hast, die werden nicht
drcken.

Mit dir wird man nicht fertig, sagte Karl rgerlich, ich wei schon,
wo ich mir Rath erhole. So kann's mit mir nicht bleiben; ich werde dir
Jemand auf den Hals schicken, der dir dasselbe sagen soll.

Sei nur nicht ehrgeizig, Karl, sagte der Alte kopfschttelnd, und
verdirb mir den heutigen Tag nicht. Jetzt gieb mir die Bierkanne her und
sei ein guter Junge.

Karl setzte die groe Kanne vor den Vater, nahm bald darauf seine Mtze
und verlie das Zimmer. Der Vater blieb bei seinem Bier sitzen, aber
sein Behagen war gestrt, er sah immer wieder nach der Thr, zu welcher
Karl hinausgegangen war, er sah sich in der Stube um, die ohne das
frhliche Gesicht seines Sohnes so einsam war. Endlich ging er in die
Kammer nebenan, setzte sich drhnend auf dem Bette nieder und zog unter
der Bettstelle einen schweren eisernen Kasten hervor. Er ffnete ihn mit
einem Schlssel, den er aus der Westentasche zog, nahm einen Beutel Geld
nach dem andern heraus und stellte eine Kopfrechnung an, dann schob er
den Kasten wieder unter das Bett und setzte sich beruhigt zu dem
Haustrunk.

Unterde ging Karl in seinem Sonntagsstaat mit eiligen Schritten in die
Stadt und trat in Antons Zimmer. Guten Morgen, Karl, rief ihm Anton
entgegen, was bringst du?

Karl begann feierlich: Ich komme, Sie um Rath zu fragen, was aus mir
werden soll. Mit meinem Vater ist darber nicht zu reden. Ich will
Auflader werden, und der Alte will's nicht leiden; ich will etwas
Anderes werden, und er vertrstet mich auf die Zeit, wo er nicht mehr
leben wird. Ein schner Trost! Er ist gerade wieder ein rechter Goliath.
Ich bin heut achtzehn Jahr, und das Ding mu mit mir anders werden, ich
greife hier im Hause berall mit an, aber das ist nirgends etwas
Ordentliches.

Du hast Recht, sagte Anton verstndig. Vor Allem aber gratulire ich
dir zu deinem Geburtstage, und warte, hier ist ein Buch fr dich, das
nimm zum Angebinde, ich werde dir meinen Namen hineinschreiben.

Seinem getreuen Karl, Anton Wohlfart, las der erfreute Karl. Ich
danke Ihnen, Herr Wohlfart, ich habe schon fnfundsechzig Bcher. Jetzt
wird die zweite Reihe voll.

Und so setze dich her zu mir und la uns Rath halten. Vor Allem sage,
was kann ich dir helfen? Ist's nicht besser, wenn du mit Herrn Schrter
selbst sprichst? Er ist ja dein Pathe.

Das wird mir zu gro, entgegnete Karl ernsthaft, der Vater knnte
denken, ich wollte ihn verklagen. Bei Ihnen ist das freundschaftlicher.

Gut, stimmte Anton bei.

Und so wollte ich Sie bitten, da Sie gelegentlich mit meinem Vater
ber mich sprechen. Er hat zu Ihnen ein groes Zutrauen und er wei, da
Sie's mit mir gut meinen.

Das will ich gern, sagte Anton, aber was gedenkst du zu werden?

Das ist mir gleich, erwiederte Karl, nur etwas Ordentliches.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Sonntage ging Anton nach dem Hause des Vaters Sturm.

Die Wohnung des obersten Aufladers war ein kleines Haus am Flusse,
unweit des Packhofes; es war sein Eigenthum und zeichnete sich durch die
Rosafarbe seines Anstrichs vor den Nachbarhusern schon von Weitem aus.
Anton ffnete die niedrige Thr und wunderte sich, wie dem Riesen
berhaupt mglich sei, sich in einen so kleinen Bau einzupacken. Und als
der alte Sturm aufstand, ihn zu begren, da wurde ihm klar, da eine
unaufhrliche Geduld des mchtigen Mannes nthig war, um diese Wohnung
zu ertragen. Denn wenn er sich mit aller Kraft ausstreckte, so mute er
unfehlbar Decke und Wnde zerreien und mit Kopf und beiden Fusten in
die freie Luft hineinragen. Der riesige Mann stand vergngt ber den
Besuch ohne Rock und Weste vor ihm und hielt ihm grend seine Hand
entgegen, welche wohl im Stande war, einen Krbis von miger Gre zu
umspannen.

Ich freue mich sehr, Sie in meinem Hause zu sehen, Herr Wohlfart,
sagte Sturm und fate so zierlich, als es ihm mglich war, Antons Hand.

Es ist etwas klein fr Sie, Herr Sturm, antwortete Anton lachend, Sie
sind mir noch nie so gro vorgekommen, als in diesem Zimmer.

Mein Vater war noch grer, antwortete Sturm wohlgefllig und richtete
sich hoch auf, so da sein Kinn auf dem obern Rande des Ofens ruhte, so
gro war mein Vater, sagte er und wies auf den bunten Farbensaum lngs
der Decke, an welchem mehrere Marken mit Bleistift gezeichnet waren. So
gro war er und noch breiter. Er war Aeltester der Auflader und der
strkste Mann am Orte, und doch hat ihn ein Fa, nicht halb so hoch als
Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie Platz, Herr Wohlfart. Er rckte
ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der so schwer war, da Anton Mhe
hatte, ihn von der Stelle zu heben, und setzte sich mit Gerusch auf
eine Bank. Mein Karl hat mir gesagt, da er Sie besucht hat, und da
Sie sehr freundlich gegen ihn waren. Er ist ein guter Junge und ich habe
meine Freude an ihm, aber er ist doch aus der Art geschlagen. Seine
Mutter war eine kleine Frau, setzte Herr Sturm traurig hinzu und griff
nach einem Glase Bier, welches mehr als ein Quart fate, setzte das Glas
an und nicht eher wieder auf den Tisch, bis der letzte Tropfen daraus
verschwunden war.

Es ist Fabier, sagte er entschuldigend, darf ich Ihnen ein Glas
anbieten? Es ist Herkommen bei unserm Geschft, kein anderes zu trinken;
dies freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unsere Arbeit macht warm.

Ihr Sohn hat, wie ich hre, Lust, in Ihre Corporation zu treten,
lenkte Anton ein.

Unter die Auflader? frug der Riese. Nein, dies wird er nicht,
niemals. Er legte seine Hand vertraulich auf Antons Knie. Er wird es
nicht, meine Selige hat mich auf dem Todtenbette darum gebeten. Warum?
Darum! Unsere Arbeit ist respectabel, Sie wissen das selbst am besten,
Herr Wohlfart. Wir sind Mnner, welche ein Vertrauen haben, wie wenig
andere. Es ist eine Ehre, Auflader der Kaufmannschaft zu werden, um die
sich Hunderte bei mir bewerben, und nicht Einen lassen wir zu. Es giebt
Wenige, welche die Kraft haben, und noch Wenigere, welche etwas Anderes
haben.

Die Ehrlichkeit, sagte Anton.

Ganz recht, nickte Sturm, daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage
jede Art Waare in Tonnen und Kisten in grter Quantitt vor sich zu
haben und darum zu hantieren, wie um eigenthmliche Sachen, und niemals
die Hand hineinzustecken, das ist leider nicht Jedermanns Gewohnheit.
Also Sie wissen, wir halten auf uns. Und die Einnahmen sind nicht
schlecht, ja, sie sind gut. Meine Selige hielt noch auf Sparbchsen und
Strmpfe und solches Zeug. Als sie starb, fand ich den ganzen Grund
ihres Kastens mit zugebundenen Strmpfen zugestopft, die neben einander
standen, wie die fetten Lerchensteie in der Schachtel. Alles fr unsern
Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold dabei. Sie war eine
sparsame Frau und hob Alles auf. Das ist nun meine Art nicht. Denn
warum? -- Wer praktisch ist, braucht um das Geld nicht zu sorgen, und
der Karl wird ein praktischer Mensch. Aber nicht als Auflader, fgte er
kopfschttelnd hinzu, meine Selige wollte das nicht haben, und sie hat
Recht.

Ihre Arbeit ist sehr anstrengend, stimmte Anton bei.

Anstrengend? lachte Sturm, sie mag wohl anstrengend sein fr Einen,
der nicht die Kraft hat, so anstrengend, da ihm der Rcken darber
zerbrechen kann; aber es ist nicht die Anstrengung, es ist noch etwas
Anderes. Dies ist es! bei diesen Worten holte er einen groen Krug aus
der Ecke und go sein Glas voll. Das Fabier ist es.

Anton lchelte. Ich wei, Sie und Ihre Collegen trinken viel von dem
dnnen Getrnk.

Viel, sagte Sturm mit Selbstgefhl, es ist bei uns Geschftsbrauch,
es ist Herkommen, es ist von je bei den Aufladern so gehalten worden;
sie mssen Krfte haben, sie mssen treue Mnner sein und sie mssen
Fabier trinken. Es ist Bedrfni bei unserer Arbeit, wer's nicht thut,
hlt's nicht aus; Wasser trinken macht uns schwach, und Wein und
Branntwein gleichfalls, nur Fabier thut's, dies und Provencerl. Sehen
Sie, Herr Anton, so: -- Der Riese streckte den Arm aus und holte ein
kleines Glas von dem Gestell, fllte es zur Hlfte mit feinem Bauml,
zur andern Hlfte mit Bier, that eine Menge Zucker in die Mischung und
trank zu Antons Schrecken die widerwrtige Flssigkeit aus. Das macht
stark, sagte er, es ist ein Geheimni unserer Zunft, es erhlt die
Kraft und macht solche Arme, er legte stolz seinen Arm auf den Tisch
und versuchte ihn mit seiner Hand vergebens zu umspannen. Aber es ist
ein Haken dabei, fgte er leiser hinzu. Es wird Keiner von uns ber
fnfzig Jahre alt. Haben Sie schon einen alten Auflader gesehen? Sie
haben keinen gesehen, denn es giebt keinen. Funfzig Jahre ist das
Hchste, was einer erreicht, lnger duldet's der Biergeist nicht. Mein
Vater war funfzig, als er starb; der, den wir neulich begraben haben, --
Herr Schrter war mit beim Begrbni, -- der war neunundvierzig. Ich
habe noch ein paar Jahre bis dahin, setzte er wie zur Beruhigung hinzu.

Anton blickte besorgt in das ehrliche Gesicht des Aufladers. Aber
Sturm, wenn Sie das wissen, warum sind Sie nicht miger?

Mig? frug Sturm verwundert, was ist mig? Es steigt Keinem von uns
in den Kopf. Vierzig Halbe in einem Tag ist nicht viel, wenn man's nicht
merkt.

Anton sah den Auflader unglubig an.

So viel trinke ich, sagte Sturm. Der, den wir neulich begraben haben,
konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch
strker war, als ich. Sehen Sie, Herr Wohlfart, dehalb aber soll mein
Karl nach dem Willen der Seligen lieber etwas Anderes werden. Es ist,
unter uns Mnnern gesagt, mit dem ganzen Alter nur dummes Zeug. Auch von
den Menschen, welche keine Auflader sind, werden die wenigsten lter als
funfzig. Sie sterben an allen mglichen Krankheiten von den Windeln an
fortwhrend dahin, und an lauter Krankheiten, die wir Auflader nicht
kennen. Aber meine Selige hat's einmal so gewollt, und so mag's drum
sein.

Und haben Sie an etwas Anderes gedacht? frug Anton weiter. Karl ist
zwar im Geschft sehr ntzlich und wir Alle werden ihn vermissen, wenn
er im Hause fehlen sollte.

Das gerade ist es, unterbrach ihn der Auflader, das war das Richtige,
was Sie gesagt haben. Sie werden ihn vermissen, ich auch. Ich bin allein
im Hause, seit meine Selige todt ist; wenn ich die rothen Backen meines
Kleinen in diesen Wnden sehe, so bin ich zufrieden: wenn ich in Ihrem
Hause seinen kleinen Hammer hre, so fhle ich die Lustigkeit in meinem
Herzen. Wenn er weggeht von mir, und ich einsam in dieser Stube sitze,
ich wei nicht, wie ich's ertragen soll.

Die Zge des Mannes zuckten vor innerer Bewegung. Aber mu er sich denn
ganz von Ihnen trennen? frug Anton endlich, vielleicht kann er noch
Jahre lang hier wohnen.

Sturm schttelte bedeutungsvoll den Kopf. Ich kenne ihn, er kann's
nicht; wenn er erst einmal etwas anfngt, so ist er hinterher, wie ein
Teufel, dann denkt er an nichts, als an das eine Ding. Aber ich habe
mir's berlegt in den letzten Tagen. Ich will Ihnen sagen, fuhr er
vertraulich fort, ich habe Unrecht, wenn ich an mich denke. Der Junge
hat nicht fr mich seinen Kopf in die Welt gesteckt, sondern fr sich
selber. Er soll etwas werden. Und nun frage ich, was meine Selige sich
fr den Jungen wnschen wrde, wenn sie noch lebte. Diese Frau hatte
einen Bruder, welcher mein Schwager ist, und dieser Schwager ist auf dem
Lande. Ein Freigut, dort oben, wo das hohe Wasser herkommt; ein
gesetzter Mann, er tauscht nicht mit manchem Rittergut. Der besucht mich
alle Jahre, wenn sie ihre Wolle geschoren haben. Der kennt mich und
kennt den Karl, dem mchte ich meinen Kleinen bergeben, wenn ich ihn
nicht behalten soll. Er ist weit von hier, schlo er traurig, aber es
ist Verwandtschaft.

Das ist ein guter Gedanke, Herr Sturm, sagte Anton, erfreut, auf so
wenig Hindernisse zu stoen, aber ich habe immer gehrt, da der
Landwirth auf eine selbststndige Thtigkeit in der Regel nur dann
hoffen kann, wenn er nicht ganz ohne Vermgen ist.

Das pat, sagte der Riese seinen Finger erhebend geheimnivoll, er
ist nicht ganz ohne Vermgen. Von seiner Mutter her, und auch etwas von
seinem Vater. Er wei aber von gar nichts, denn ich wollte, er sollte
praktisch werden. Und sagen Sie ihm auch nichts.

Da Sie so vterlich fr Ihren Sohn sorgen, rief Anton, so lassen Sie
ihn nicht lnger in Unsicherheit; es ist brav von ihm, da er das
Ungengende seiner jetzigen Arbeit empfindet.

Er kann es sogleich hren, sagte der Alte aufstehend, er steckt im
Garten. Sie sollen dabei sein. Sturm trat in das Haus und rief mit
seiner mchtigen Stimme in den Garten. Karl eilte herbei, begrte Anton
und sah erwartungsvoll bald auf diesen, bald auf den Vater. Der Alte
hatte sich wieder ruhig hingesetzt und frug in seinem gewhnlichen Ton:
Kleiner Knirps, willst du ein Oekonom werden?

Landwirth? rief Karl, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann
mte ich ja fort von dir, Vater.

Er denkt auch daran, sagte der Alte, Anton zunickend.

Ist denn dein Wille, da ich von dir soll? frug Karl erschrocken.

Allerdings, mein Kleiner, sagte der Vater. Widerrede nutzt nichts,
die Sache ist abgemacht, natrlich vorausgesetzt, da dich der Onkel
haben will. Du sollst Oekonom werden, du sollst etwas Ordentliches
lernen, du sollst deinen Vater verlassen.

Vater, sagte Karl niedergeschlagen, wenn ich von dir weg gehen soll,
so ist mir's nicht recht.

Es soll dir aber recht sein, du ehrgeiziger Knirps, rief der Alte.

Dann komm mit auf's Land, sagte der Sohn.

Ich soll auf's Land kommen? ho ho. Sturm lachte, da die Stubenthr
zitterte. Mein Knirps will mich in die Tasche stecken und mit sich auf
dem Lande herumtragen. Er lachte so lange, bis er mit der Hand ber die
Augen fuhr. Komm her, mein Karl, sagte er endlich, zog den Sohn an
sich und hielt den Kopf desselben lange zwischen seinen groen Hnden.
Du bist mein guter Junge, und Trennung mu sein auf Erden, wenn nicht
jetzt, dann in ein paar Jahren.

So schied Karl aus der Handlung. Vergeblich versuchte er in den letzten
Tagen seine Bewegung hinter leisem Pfeifen zu verstecken. Er streichelte
zrtlich Freund Pluto und die Katze, welche er in das Haus gebracht
hatte, er verrichtete seine kleinen Arbeiten mit malosem Eifer und
hielt sich dabei so viel wie mglich in der Nhe seines Vaters; auch
dieser sah den Tag hindurch immer wieder auf seinen Sohn und verlie
manchmal seine Tonnen, um langsam auf ihn zuzugehen und ihm die Hand
schweigend auf den Kopf zu legen.

Es ist nicht schwer bei der Landwirtschaft? sagte Vater Sturm vor der
groen Waage zu Anton und blickte ihm fragend in's Gesicht.

Leicht ist es nicht, erwiederte Anton, es ist vielleicht noch mehr
dabei zu lernen, als bei unserm Geschft.

Lernen! rief der Alte, je mehr er lernen mu, desto lieber ist es
ihm, das thut nichts; nur ob es sehr schwer ist?

Nein, sagte Herr Pix, der die Sprache des Riesen besser verstand.
Schwer ist dort nichts: das Schwerste ist der Sack Weizen,
hundertundachtzig Pfund, und Bohnen, zweihundert Pfund. Und das braucht
er nicht zu heben, das thun die Knechte.

Wenn das bei der Landwirtschaft so ist, rief Sturm verchtlich und
richtete sich hoch auf, so ist mir ganz egal, ob er das hebt.
Zweihundert Pfund trgt auch mein Zwerg.


~VI.~

Anton war jetzt der pflichtgetreueste Correspondent seines Comtoirs.
Gegen die ritterlichen Knste seines Freundes verhielt er sich khl. Nur
selten vermochte ihn Fink, des Sonntags sein Begleiter zu Pferde oder am
Pistolenstand zu werden. Dagegen benutzte Anton Finks Bcherschrank mehr
als dieser selbst. Es war ihm nach langem Bemhen gelungen, in die
Mysterien der englischen Aussprache einzudringen, und eifrig suchte er
die Gelegenheit, sein Sprechtalent an Fink zu ben. Da aber dieser den
Uebelstand hatte, ein sehr unregelmiger und gewissenloser Lehrer zu
sein, gab Anton seine Zunge in die Zucht eines gebildeten Englnders.

Einst sah er von seinem Platze im Comtoir auf, als sich die Thr
ffnete, und erkannte mit der grten Verwunderung in dem Eintretenden
Veitel Itzig, den Genossen aus der Brgerschule von Ostrau. Er war
bisher nur selten mit ihm zusammengetroffen. Das freche Wesen des
Burschen und die Furcht vor dem vertraulichen Du, mit dem dieser ihn
leicht anreden mochte, hatten sein Auge auf allerlei andere Gegenstnde
gelenkt, so oft er Veitels Nasenspitze im Gedrnge der Strae erkannte.
Noch mehr erstaunte er, als Veitel auf die Frage des Herrn Specht: Was
steht zu Ihren Diensten? artig erwiederte, er wnsche Herrn Wohlfart zu
sprechen.

Anton stieg von seinem Sitze in den freien Raum des Comtoirs, und Veitel
redete ihn an: Sie werden mich doch noch kennen, obgleich Sie oft an
mir vorbeigegangen sind, ohne mich zu gren.

Wie geht es Ihnen, Itzig? frug Anton mit Klte.

Schlecht, antwortete Itzig, die Achsel zuckend; es ist kein Verdienst
im Geschft. -- Ich soll Ihnen diesen Brief vom Sohn des Ehrenthal
bergeben und Sie fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard seinen
Besuch machen kann.

Mir? frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels
Hnden. Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er enthielt die Anfrage,
ob Anton an einer Lehrstunde Theil nehmen wolle, in welcher Herr
Ehrenthal ltere englische Schriftsteller in einer literar-historischen
Reihenfolge durchzunehmen beabsichtige.

Wo wohnt Herr Bernhard Ehrenthal? frug Anton.

Im Hause bei seinem Vater, erwiederte Veitel und verzog das Gesicht.
Er sitzt den ganzen Tag auf seiner Stube.

Ich werde den Herrn selbst aufsuchen, sagte Anton. -- Guten Morgen,
Herr Anton! -- Guten Morgen, Itzig.

Anton empfand keine groe Neigung, auf den Antrag des Lehrers
einzugehen. Der Name Ehrenthal hatte in seinem Comtoir keinen guten
Klang, und das Erscheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten
annehmlicher zu machen. Doch die ironische Art, in welcher Itzig vom
Sohne seines Brodherrn sprach, und Einzelnes, was er auf seine
Erkundigungen von Bernhard hrte, bewog ihn, die Sache wenigstens in
Erwgung zu ziehen. So suchte er einige Tage darauf nach dem Schlu des
Comtoirs das Haus Ehrenthals auf, entschlossen, sich durch den Eindruck,
den der Sohn auf ihn mache, bestimmen zu lassen.

Er trat an die weilackirte Thre, zog den dicken Porcellangriff und
wurde durch eine struppige Kchin ohne weitlufige Anmeldung in die
Stube des jungen Ehrenthal gefhrt. Es war ein langes schmales Zimmer
mit alten Mbeln und schmucklosen Bchergersten, auf welchen eine Menge
groer und kleiner Bcher unordentlich durcheinander lag. Bernhard sa
tief ber seine Arbeit gebeugt am Schreibtisch und sah erst auf, als
Anton bereits im Zimmer stand. Eilig knpfte er den Hausrock ber seinem
Hemd zusammen und trat dem Fremden mit der Unsicherheit entgegen, welche
Herren mit kurzem Gesicht bei der Begrung Eintretender eigen ist.
Neugierig sah Anton auf den Sohn des Hndlers. Es waren feine Zge und
ein zarter Krper, kastanienbraunes krauses Haar und zwei graue Augen
von freundlichem Ausdruck. Bernhard nthigte seinen Gast auf ein kleines
Sopha. Anton erwhnte den Zweck seines Besuches, und Bernhard antwortete
schchtern, da er sich in Allem nach den Wnschen seines Besuches
richten wolle. Und als Anton nach dem Preise der Stunden frug, erstaunte
er, da der Sohn Ehrenthals mit einiger Verlegenheit sagte: Ich wei es
wirklich in diesem Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf bestehen, auch
den Lehrer zu bezahlen, so will ich mich sogleich darnach erkundigen.
Darauf konnte sich Anton nicht enthalten zu fragen: Sind Sie nicht im
Geschft Ihres Herrn Vaters?

Ach nein, erwiederte Bernhard, diesen Uebelstand entschuldigend, ich
habe studirt, und da einem jungen Mann von meiner Confession die
Anstellung im Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben
kann, so beschftige ich mich mit diesen Bchern. Dabei warf er einen
Blick voll Liebe auf sein Bchergerst, stand auf und trat in ihre Nhe,
als wollte er sie seinem Gast vorstellen. Anton las einige goldene Titel
und sagte mit einer Verbeugung: Das ist fr mich zu gelehrt. Es waren
Ausgaben orientalischer Werke.

Bernhard lchelte: Durch das Hebrische bin ich zu den andern
asiatischen Sprachen gekommen. Es ist viel fremdartige Schnheit in dem
Leben dieser Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch
Handschriften, wenn es Sie interessirt, diese zu sehen.

Er schlo einen Schub auf und holte ein Bndel seltsam aussehender
Manuscripte heraus. Mit glnzenden Augen ffnete er das oberste, im
Einband von grnem Seidenstoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt
war; er lie Anton die Schrift betrachten und war vergngt, als dieser
erklrte, er knne nicht einmal angeben, welcher Sprache die Schriftzge
angehrten.

Es ist arabisch, aber freilich ist gerade diese Handschrift sehr schwer
zu lesen. -- Und hier ist mein Lieblingsdichter, der Perser Firdusi, ich
habe aber nur ein kleines Bruchstck seines Gedichtes in der
Handschrift.

Anton sagte ihm: Es mu viel Gelehrsamkeit dazu gehren, das Alles zu
verstehen.

Nur etwas Geduld, antwortete Bernhard bescheiden, wer ein Herz hat
fr das Schne, der findet es bald berall heraus, auch unter dem
fremdartigen Kleide, welches die Snger aus dem Morgenlande tragen. Ich
arbeite an einer Uebersetzung persischer Gedichte; wenn Sie spter
einmal Mue haben, und Sie so etwas nicht langweilt, mchte ich Sie um
Erlaubni bitten, Ihnen eine kurze Probe vorzulesen.

Anton hatte die Hflichkeit, sogleich darum zu bitten, der junge
Ehrenthal griff nach einem Papier auf seinem Schreibtisch und las
schnell und etwas ungelenk ein kleines Liebesgedicht vor. Es war eins
von den zahllosen Gedichten, in denen ein weiser Trinker seine Geliebte
mit allerlei hbschen Dingen vergleicht, mit Thieren, Pflanzen, der
Sonne und andern Weltkrpern, und daneben einem zelotischen Pfaffen
Nasenstber giebt. Dem ehrlichen Anton imponirte die verschlungene Form
und der zugespitzte Ausdruck sehr, aber es war ihm doch komisch, als der
Vorleser ausrief: Nicht wahr, das ist schn? Der Gedanke, meine ich;
denn die Schnheit der Sprache im Deutschen wiederzugeben, bin ich zu
schwach. Bei diesen Worten sah er begeistert vor sich, wie ein Mann,
der alle Tage fnf bis sechs Flaschen Schiraswein trinkt und alle Abend
seine Suleika kt.

Mu man denn aber trinken, um recht lieben zu knnen? sprach Anton,
das ist bei uns doch auch ohne Wein mglich.

Bei uns, erwiederte Bernhard, ist das Leben sehr nchtern, dabei
legte er das Blatt ernsthaft auf den Tisch.

Ich denke, es ist nicht so, erwiederte Anton eifrig; ich kenne noch
wenig vom Leben, aber ich sehe doch, auch wir haben Sonnenschein und
Rosen, die Freude am Dasein, groe Leidenschaften und merkwrdige
Schicksale, welche von den Dichtern besungen werden.

Unsere Gegenwart, erwiederte Bernhard weise, ist zu kalt und
einfrmig.

Ich habe das schon einige Male in Bchern gelesen, aber ich kann nicht
verstehen, warum, und ich glaube es auch gar nicht. Ich meine, wer mit
unserm Leben unzufrieden ist, der wird es mit dem Leben in Teheran oder
in Calcutta noch mehr sein, wenn er lngere Zeit dort lebt. Es mu dort
viel einfrmiger und langweiliger sein, als bei uns. Ich lese das auch
aus Reisebeschreibungen heraus. Was den Reisenden reizt, ist das Neue;
wenn das Fremde alltglich geworden ist, sieht es gewi ganz anders
aus.

Wie arm an groen Eindrcken unser civilisirtes Treiben ist,
entgegnete Bernhard, das mssen Sie selbst in Ihrem Geschft manchmal
empfinden, es ist so prosaisch, was Sie thun mssen.

Da widerspreche ich, erwiderte Anton eifrig, ich wei mir gar nichts,
was so interessant ist, als das Geschft. Wir leben mitten unter einem
bunten Gewebe von zahllosen Fden, die sich von einem Menschen zu dem
andern, ber Land und Meer aus einem Welttheil in den andern spinnen.
Sie hngen sich an jeden Einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen
Welt. Alles, was wir am Leibe tragen, und Alles, was uns umgiebt, fhrt
uns die merkwrdigsten Begebenheiten aller fremden Lnder und jede
menschliche Thtigkeit vor die Augen; dadurch wird Alles anziehend. Und
da ich das Gefhl habe, da auch ich mithelfe, und so wenig ich auch
vermag, doch dazu beitrage, da jeder Mensch mit jedem andern Menschen
in fortwhrender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergngt
ber meine Thtigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffe auf die Waage
setze, so knpfe ich einen unsichtbaren Faden zwischen der
Colonistentochter in Brasilien, welche die Bohnen abgepflckt hat, und
dem jungen Bauerburschen, der sie zum Frhstck trinkt, und wenn ich
einen Zimmtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der einen Seite
den Malayen kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der andern
Seite ein altes Mtterchen aus unserer Vorstadt, das ihn ber den
Reisbrei reibt.

Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und sind glcklich, weil Sie
Ihre Arbeit als ntzlich empfinden. Aber was der hchste Stoff fr die
Poesie ist, ein Leben reich an mchtigen Gefhlen und Thaten, das ist
bei uns doch sehr selten zu finden. Da mu man wie der englische Dichter
aus den civilisirten Lndern hinaus unter Seeruber gehen.

Nein, versetzte Anton hartnckig, der Kaufmann bei uns erlebt ebenso
viel Groes, Empfindungen und Thaten, als irgend ein Reiter unter
Arabern oder Indern. -- Je ausgebreiteter sein Geschft ist, desto mehr
Menschen hat er, deren Glck oder Unglck er mit fhlen mu, und desto
fter ist er selbst in der Lage, sich zu freuen oder Schmerzen zu
empfinden. -- Neulich hat hier ein groes Haus Bankerott gemacht.

Ich wei es, sagte Bernhard, es war ein trauriger Fall.

Wenn Sie die Gewitterschwle empfunden htten, welche auf dem Geschft
lag, bevor es fiel, die furchtbare Verzweiflung des Mannes, den Schmerz
der Familie, die Hochherzigkeit seiner Frau, welche ihr eigenes Vermgen
bis zum letzten Thaler in die Masse warf, um die Ehre ihres Mannes zu
retten, Sie wrden nicht sagen, da unser Geschft arm an Leidenschaften
und groen Gefhlen ist.

Sie sind mit ganzer Seele Kaufmann, sagte Bernhard freundlich, ich
mchte Sie beneiden um die reine Freude, die Sie ber Ihre Arbeit
haben.

Ja, entgegnete Anton. Auch der Kaufmann hat trbe Erfahrungen in
Menge zu machen. Der kleine Aerger fehlt ihm nicht, und vieles Schlechte
mu er erleben, aber der ganze Handel ist doch so sehr auf die
Redlichkeit Anderer und auf die Gte der menschlichen Natur berechnet,
da ich bei meinem Eintritt in diese Thtigkeit erstaunt war. Wer ein
ehrliches Geschft hat, kann von unserm Leben nicht schlecht denken, er
wird immer Gelegenheit haben, Schnes und Groartiges darin zu finden.

Bernhard hatte mit gesenkten Augen zugehrt, jetzt blickte er schweigend
zum Fenster hinaus; und Anton bemerkte, da er verlegen und bekmmert
aussah. Endlich wandte sich Bernhard um und sagte, das Gesprch
abbrechend, mit bittender Stimme: Wenn es Ihnen recht ist, Herr
Wohlfart, so mchte ich mit Ihnen sogleich zum Sprachlehrer gehen. Es
ist ein weiter Weg, wir sprechen im Freien mehr mit einander.

Wie alte Bekannte traten die beiden Jnglinge aus dem finstern Haus in
die warme Abendluft. Und als sie nach einer Stunde von einander
schieden, sagte Bernhard angelegentlich: Ist Ihnen der Verkehr mit mir
nicht zu uninteressant, Herr Wohlfart, so besuchen Sie mich doch
manchmal in Ihren Freistunden. Anton versprach das. Beide hatten
Behagen an einander gefunden. Anton wunderte sich noch immer, da ein
Sohn Ehrenthals so wenig Geschftsmann sein konnte, und Bernhard war
glcklich, einen Menschen zu treffen, mit dem er ber Vieles reden
konnte, was er sonst schweigend mit sich herumtrug.

       *       *       *       *       *

Bernhard trat am Abend vergngt in die Familienstube und stellte sich
hinter den Rcken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flgel ein
neues Modestck einbte und dabei eine groe Fingerfertigkeit
entwickelte. Der Bruder kte sie leise an das Ohr, sie drehte sich
schnell um und rief: La mich in Ruh, Bernhard, ich mu das Stck
einben, denn auf den Sonntag ist groe Soire, und sie werden mich
auffordern, zu spielen.

Ich wei, da sie dich auffordern werden, sagte die Mutter, als
Bernhard sich schweigend auf das Sopha niedersetzte und ein
aufgeschlagenes Buch in die Hand nahm. Es ist keine Gesellschaft, wo
man nicht das Verlangen hat, die Rosalie zu hren. Wenn du nur einmal
dich entschlieen knntest, mitzukommen, Bernhard, du bist ein Mann von
so viel Geist, du bist gelehrter als Alle aus der ganzen Bekanntschaft.
Neulich hat der Professor Starke von der Universitt mit groer
Hochachtung ber dich gesprochen und hat gesagt, du wrdest ein Stolz
werden fr die Wissenschaft. Es ist erfreulich fr eine Mutter, wenn sie
stolz sein kann auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die
Gesellschaft, sie wird so auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur
sein kann.

Du weit, Mutter, ich gehe nicht gern zu fremden Leuten, sagte der
Sohn.

Und ich will, da mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen, rief
der Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehrt
hatte, da in diesem Augenblicke Rosalie von ihren schweren Passagen
ausruhte. Herr Ehrenthal trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu der
Familie: Unser Bernhard ist nicht, wie andere Leute, und der Weg, den
er geht, wird immer sein ein guter Weg. Du siehst aus so bleich, sagte
er zum Sohne und strich mit der Hand ber seine braunen Locken. Du
studirst zu viel, mein Sohn. Denke auf deine Gesundheit, der Doctor hat
gesagt, da dir Bewegung nthig ist, und hat dir gerathen zu nehmen ein
Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen ein Pferd? Ich
kann es haben, da mein Sohn Bernhard auf dem theuersten Pferde reitet,
das in der Stadt zu haben ist; thu, was der Arzt sagt, mein Bernhard,
ich will dir kaufen ein Pferd.

Ich danke dir, lieber Vater, erwiederte Bernhard, es wrde mir keine
Freude machen, und wie ich frchte, dehalb nicht viel helfen. Er
drckte dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmthig in das faltige
Gesicht sah.

Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? La ihm
Pfirsichen holen, Sidonie, es sind neue Pfirsichen angekommen beim
Fruchthndler, das Stck kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben
irgend etwas Anderes, so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du
bist mein guter Sohn Bernhard, und ich habe meine Freude an dir.

Er will ja nie etwas annehmen, sprach die Mutter dazwischen, er hat
keine andere Freude, als an seinen Bchern; nach Rosalie und mir frgt
er manchmal den ganzen Tag nicht.

Liebe Mutter, warf Bernhard bittend ein.

Er liest zu viel in den Bchern und kmmert sich nicht um die
Menschen, fuhr die erfahrene Frau fort, dehalb sieht er aus so bleich
und verfallen, wie ein Mann von sechzig Jahren. Warum will er nicht
gehen auf den Sonntag in die Soire?

Ich werde mitkommen, wenn du es wnschest, sagte Bernhard traurig und
setzte nach einer Weile hinzu: Ist Euch ein junger Mann bekannt, ein
Herr Wohlfart, der in Schrters Geschft ist?

Den kenne ich nicht, sprach der Vater mit bestimmten Kopfschtteln.

Vielleicht du, Rosalie? Er ist ein hbscher Mann von gentilem Aussehen.
Er scheint mir ein guter Tnzer und Gesellschafter zu sein. Bist du
nicht irgendwo ihm begegnet? Ich glaube, er mte dir aufgefallen sein.

Ist er blond? frug die Schwester, indem sie ihr Haar vor einem kleinen
Handspiegel zurecht strich.

Er hat dunkles Haar und blaue Augen.

Wenn er aus einem Comtoir ist, werde ich ihn wohl schwerlich kennen,
sagte Rosalie, das Haupt zurckwerfend.

Unsere Rosalie tanzt meist mit Offizieren und Knstlern, schaltete die
Mutter erklrend ein.

Er ist ein tchtiger und liebenswrdiger Mensch, fuhr Bernhard fort;
ich will mit ihm zusammen Englisch treiben und freue mich sehr, da ich
seine Bekanntschaft gemacht habe.

Er soll eingeladen werden zu uns, decretirte Herr Ehrenthal vom Sopha
aufstehend; wenn er unserem Bernhard gefllt, so soll er willkommen
sein in meinem Hause. La einen guten Braten machen auf den Sonntag,
Sidonie, und la mir einladen Herrn Wohlfart zum Mittagessen, nicht um
ein Uhr, sondern um zwei Uhr! Er soll von jetzt gebeten werden zu allen
Gesellschaften, die wir geben; wenn er ein Freund ist von Bernhard, so
soll er auch ein Freund sein von unserem Hause.

Er hat ja noch nicht seinen Besuch gemacht, sagte die Mutter wieder,
wir mssen doch abwarten, bis er sein Entre macht bei der Familie?

Wozu Entre, fuhr der Vater auf, wenn er bekannt ist mit unserem
Bernhard, wozu soll er erst Entre machen bei uns? --

Ich will noch in dieser Woche zu ihm gehen, und wenn du erlaubst, liebe
Mutter, ihn auffordern, auf den Sonntag bei uns zu essen.

Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Rosalie setzte sich jetzt zum
Bruder und frug ihn mit grerem Interesse ber Person und Wesen des
neuen Bekannten aus.

Bernhard schilderte mit Wrme den angenehmen Eindruck, den Anton auf ihn
gemacht hatte, so da die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die groe
Silbervase herauszugeben und aufputzen zu lassen. Rosalie berlegte, in
welchem Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung sie auf den Fremden
Eindruck machen wolle, und der Vater erklrte wiederholt, da er Herrn
Wohlfart zu jeder Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenstck in
seinem Hause zu sehen wnsche.

Wie kam es doch, da Bernhard seiner Familie nicht den Inhalt des
Gesprchs mittheilte, welches ihm den neuen Bekannten so lieb gemacht
hatte? Wie kam es doch, da er kurz darauf wieder in trbes Schweigen
verfiel und in sein Arbeitszimmer zurckging? da er dort seinen Kopf
ber eine alte Handschrift lehnte und lange auf die krausen Zge
hinstarrte, bis ihm groe Thrnen herabfielen, welche die Tusche der
Buchstaben, auf die er so viel hielt, auflsten und verdarben, ohne da
er's merkte? Wie kam es doch, da der junge Mann, auf den die Mutter so
gern stolz sein wollte, und den der Vater so sehr verehrte, allein in
seiner Stube sa, und die bittersten Thrnen vergo, die ein guter
Mensch weinen kann? Und woher kam es, da er endlich mit rothgeweinten
Augen am spten Abend sich zusammenfate und eifrig den Kopf in seine
Bcher senkte, whrend seine schne Schwester in der andern Ecke der
Wohnung noch immer mit ihren runden Fingern ber die Tasten fuhr und das
schwere Stck einbte, welches bestimmt war, bei der nchsten Soire zu
wirken?

       *       *       *       *       *

Mit diesem Tage begann fr Anton und Bernhard ein Verhltni, welches
fr Beide Werth erhielt. Bei der Unterhaltung ber das Schne, welches
die Kraft eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die
Freude, auch das Gute lieb zu gewinnen, das Jeder in dem Andern fand.
Bernhards Sprachkenntnisse waren grer, und sein Gefhl fr das
Reizende in fremder Poesie bis zum Ueberma fein, in Antons Seele war
Alles geordnet und sicher. Wenn Bernhard fr Byron kmpfte, so vertrat
Anton die ruhige Klarheit Walter Scotts, und Beide waren glcklich, als
ihre Begeisterung sich vor dem grten dramatischen Dichter vereinigte.

Anton schilderte die ungewhnliche Bildung Bernhards dem gleichgltigen
Fink. Er freute sich darauf, Beide mit einander bekannt zu machen, und
als er einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink,
heraufzukommen.

Wenn dir's Spa macht, Tony, sagte Fink achselzuckend, so will ich
kommen. Ich sage dir aber im Voraus, da ich unter allen Creaturen
Bchereulen am wenigsten leiden kann. Es giebt kein Volk, welches
selbstgeflliger ber alles Mgliche aburtheilt, und keines, das sich
thrichter benimmt, wenn es selbst etwas thun soll. Und vollends ein
Sohn des wrdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht bel, wenn ich Euch bald
entlaufe.

Bernhard sa erwartungsvoll auf dem Sopha Antons und sah mit
Befangenheit der Ankunft des berhmten Mannes entgegen, ber welchen
manche Sage sogar in seine stille Studirstube gedrungen war. Als Fink
eintrat und die tiefe Verbeugung Bernhards mit einem leichten Kopfnicken
beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch zog und den schwachen Thee, den
Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zuthaten trinkbar zu machen
suchte, da empfand Anton mit Betrbni, da diese Beiden schwerlich zu
einander passen wrden. Kein grerer Gegensatz war mglich, als ihr
Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der krftige
Fleischton in den Muskeln Finks, die gedrckte Haltung des Einen, die
elastische Kraft des Andern, dort ein faltiges Gesicht mit trumerischen
Augen, hier stolze Zge mit einem Blick, der dem eines Adlers glich: das
pate nimmermehr zusammen. Doch ging es besser, als Anton gedacht hatte.
Bernhard hrte mit Achtung zu, was der Jokei erzhlte, und da Anton
eifrig bemht war, das Gesprch auf ein Gebiet zu bringen, wo auch
Bernhard Theil nehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Flu.

Fink hat auch Indianer gesehen, sagte Anton zu Bernhard.

Haben Sie etwas von ihren Liedern gehrt? frug der Gelehrte.

Ich habe sie einige Male gehrt. Mglich, da klgere Leute etwas
Erbauliches in ihrem Gesange finden, mir ist er nie anders vorgekommen,
als klglich. Schlagen Sie auf ein altes Buch und singen Sie dazu durch
die Nase mit allerlei Nebentnen: Tum, tum, te -- ticke, ticke te, --
Och, och, tum, tum, te, so haben Sie ihren Gesang, der auf Deutsch
ungefhr bedeuten wrde: Guter Geist, gieb Bffel, Bffel, Bffel.
Dicke Bffel gieb uns, guter Geist. -- Seine Zuhrer lachten. -- Und
wozu sollen diese Geschpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder sind sie
auf der Jagd, oder sie suchen Scalpe, oder sie essen und schlafen, oder
sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings groe Neigung haben.

Aber die Frauen? frug Bernhard lchelnd.

Wie es bei den mit der Poesie steht, wei ich nicht, mir rochen sie
immer zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts Anderes hat, gewhnt
man sich auch daran. Doch ist mit den Mnnern noch besser zu verkehren.
So ein nackter Bursch auf seinem halbwilden Pferde ist kein bler
Anblick.

Die erste Begegnung mu doch sehr imponiren, ihre auffallende Tracht
und ihr stolzes Wesen, warf Bernhard ein.

Das kann ich nicht sagen, versetzte Fink. Vor Jahren machte ich mit
meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwaaren-Compagnie, bei
der er betheiligt war. Als wir aus dem Dampfer an's Ufer stiegen, fanden
wir am Landungsplatz eine Gesellschaft der rthlichen Herren, welche
stark betrunken war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu
und hielt ihm eine Rede, die, wie der Dolmetsch erklrte, die
Versicherung enthielt, da sie smmtlich groe Krieger wren, und nach
jedem Satze bellte die Bande ein lautes Hau, hau, das in ihrer Sprache
so viel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfe.

Es waren Sioux, verbesserte Bernhard bescheiden.

Fink legte den Theelffel hin und sah Bernhard gro an. Ich calculire,
Herr, es waren Schwarzfe.

Es waren doch wohl Sioux, wiederholte Bernhard. Bei den Schwarzfen
lautet das Ja anders.

Wetter, rief Fink, wenn Sie mit den rothen Teufeln so bekannt sind,
wozu lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzhlen?

Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache bekmmert, erwiederte
Bernhard, es ist ein Zufall, da ich vor Kurzem einige
Wrterverzeichnisse verschiedener Stmme durchgesehen habe.

Und wozu haben Sie sich die unntze Mhe gemacht? Es wird dort drben
schnell aufgerumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm
ausgerottet, der sie sprach.

Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, da die Kenntni der Sprachen fr
die Wissenschaft die beste Hlfe sei, um das Hchste zu verstehen, was
der Mensch berhaupt begreifen knne, die Seelen der Vlker.

Die vom Geschft hrten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte,
rief Fink noch immer verwundert: Er geht mit unserm alten Herrgott um,
wie mit einem Dutzbruder, und konnte vorhin rechts und links nicht
unterscheiden.

       *       *       *       *       *

Die Folge dieses Abends war, da Bernhard einige Tage spter sogar auf
den Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und da er selbst den Muth fate,
mit Anton auch Fink zu sich einzuladen. Es ist keine Gesellschaft,
fgte er hinzu, ich mchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer
sehen.

Fink sagte zu.

Darber entstand in der Familie Ehrenthal groe Aufregung. Bernhard
stubte selbst seine Bcher ab und stellte die verkehrten zurecht, und
es geschah das Unerhrte, da er sich um die Wirthschaft kmmerte. Es
mu Thee sein, Abendessen, Wein, auch Cigarren.

Du sollst um nichts sorgen, beruhigte ihn die Mutter; wenn der Herr
von Fink dein Gast ist, so soll er sehen, wie es in unserm Hause
zugeht.

Die Cigarren werde ich dir kaufen, rief der Vater, wie sie rauchen
die jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den
Wein. La Fasanen holen, Sidonie.

Wir wollen einen Lohndiener annehmen, sagte die Mutter.

So will ich's nicht, widersprach Bernhard ngstlich, die Herren
kommen zu mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden, in
meiner Stube und ohne fremden Diener.

Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig,
ja er wurde rgerlich, nichts war ihm in Ordnung. Wo ist der
Theekessel? Noch steht kein Kessel in meiner Stube, rief er der Mutter
zu.

Ich werde dir den Thee eingieen und hineinschicken, wie sich's bei
Herrengesellschaft pat, sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide
auf- und abrauschte.

Nein, entgegnete Bernhard eigensinnig, ich selbst will den Thee
machen, Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.

Der Bernhard will selbst den Thee machen! rief die Mutter verwundert
Rosalien zu. Ein Wunder, er will selbst den Thee machen! rief
Ehrenthal in seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln
klapperte. Er will Thee machen! rief die Kchin in der Kche und
schlug die Hnde zusammen.

Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene
Flasche in der Hand. Was ist das hier? frug er im Eifer.

Arak, sagte die Mutter.

Es mu Rum sein, Fink trinkt keinen Arak im Thee.

Ich werde selbst gehen, Rum holen, rief Ehrenthal, ergriff seinen Hut
und lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhndler.

Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: Es ist hbsch von dir, Fritz, da du
mitkommst. Bernhard wird eine groe Freude darber haben.

Der Mensch mu Opfer bringen, erwiederte Fink. Ich habe mir die
Freiheit genommen, im Voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen
Abscheu vor Gnsefett. Aber das schnste Mdchen der Stadt ist schon
eine Entsagung werth. Ich habe sie neulich wieder im Concert gesehen,
ein prachtvoller Leib. Und welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer,
hat nie einen Edelstein unter seinen Hnden gehabt, der so funkelt.

Wir sind zu Bernhard eingeladen, versetzte Anton mit leisem Vorwurf.

Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein, sagte Fink; wo
nicht, so zwingen wir ihn, sie vorzufhren.

Ich hoffe, sie wird unsichtbar bleiben, seufzte Anton.

Die Thr ffnete sich, das Entre war durch zwei prachtvolle Lampen
erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmckt. Eine groe
Blumenvase stand auf dem Tisch, daneben buntes Porcellan, vergoldete
Lffel auf seidener Tischdecke, und ein groes Bund Imperiales von
riesigem Format, wahre Stangen, die man ohne Sttze zwischen den Lippen
nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war ein neuer Teppich ausgebreitet,
es war Alles sehr anstndig. Und wie liebenswrdig war Bernhard als
Wirth. Er machte den Thee. Er bat in rhrender Hlflosigkeit Fink um
Rath, wie viel Thee er einschtten solle, er drehte den Hahn so
knstlich herum, da lange Zeit gar nichts aus der Oeffnung flo, und
dann wieder die Fluth nicht zu bndigen war. Errthend scherzte er ber
seine eigene Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude,
als Fink entschied, der Thee sei vortrefflich. Eifrig bot er die
Cigarren, andchtig hrte er die Belehrung, die ihm Fink ber das
schickliche Ma hielt, in welchem diese Erfindung menschlichen
Scharfsinnes geformt werden msse. Und ganz glcklich wurde er, da Anton
endlich bat, dem Freund seine Bcherschtze zu zeigen, und da Fink ber
das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als
gute Leute saen die Drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester
Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton
bat die Gtter im Stillen, die schne Schwester nur heut von ihrem Tisch
fern zu halten.

Doch Punkt neun Uhr ffnete sich die Thr des Nebenzimmers, und Frau
Sidonie berschritt majesttisch die Schwelle. Bathseba tritt ein zu
Knig David, sagte Fink leise zu Anton; erzrnt drckte ihm Anton den
Fu. Bernhard stellte verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das
Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und Rosalie prsentirten sich. Fink trat zu
dem schnen Mdchen, nannte sie gndiges Frulein und erzhlte ihr, da
er eine alte Bekanntschaft erneuere, da er sie bereits in der Akademie
gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und Tochter zu Tisch, er
sagte ihnen im gleichgltigsten Ton so viele Artigkeiten, da Beide
bezaubert wurden. Er rhmte gegen die Mutter die entfernte Residenz,
gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er
lie sich mit Rosalien in eine lebhafte Unterhaltung ber Musik ein, fr
die er sonst wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nchsten Wettrennen
einen guten Platz auf der Tribne, er erzhlte kleine Geschichten aus
der besten Gesellschaft, in denen er mit Humor die Schwchen derselben
karrikirte. Er entzckte dadurch die Frauen, die mit Eifersucht auf die
Kreise hinsahen, die sich gegen Leute von Bildung so sehr abschlossen,
er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese Berichte lauschte, wie
auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Frstin die Rede,
welche fr eine berhmte Schnheit galt, Fink war ihr irgend einmal
vorgestellt worden und fand, da sie dem Frulein vor ihm zum
Verwechseln hnlich sah, etwas kleiner war die Frstin, die Gestalt
weniger edel; er bewunderte dreist eine Mosaikbroche an der Brust von
Frau Sidonie und verglich sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem
Museum. Nur Vater Ehrenthal war fr ihn nicht vorhanden. Nach den ersten
Begrungen mit Anton machte der Hndler einige vergebliche Versuche,
mit Fink eine Unterhaltung anzuknpfen. Aber Fink sprach ber ihn weg,
als ob ein Stck Luft auf dem Stuhle des Hausherrn sitze. Und doch war
er nicht unartig, Jedem war, als mte es so sein. Ehrenthal selbst fand
sich mit Demuth in die bescheidene Rolle, zu der er verurtheilt war, und
rchte sich dadurch, da er einen ganzen Fasan verzehrte.

Als Fink merkte, da es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter
Theilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner
Weise mit Worten zu phantasiren.

Die Mutter klagte gegen ihn ber Bernhards Stubensitzen.

Er ist ein Aristokrat, antwortete Fink gutmthig. Der zehnte Mensch
ist ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese
Eigenthmlichkeit. Wenn ich meinem Schpfer fr etwas dankbar bin, so
ist es dafr, da er mich zu einem einfachen bescheidenen Mann gemacht
hat, dessen Kopf nicht stark genug ist, groe Weisheit zu vertragen. Uns
gewhnlichen Menschen wird es am leichtesten, mit dieser Welt fertig zu
werden, wir sind genthigt, uns in Andere zu schicken. Wer aber
berechtigt ist, groe Ansprche zu machen wegen seines Wissens oder
wegen seiner Schnheit -- hier neigte er sich mit berzeugender
Ehrlichkeit gegen die Tochter vom Hause -- der findet leicht die Welt
nicht so, wie er sie fordert, whrend ich und meines Gleichen die
Ueberzeugung haben, da sie ganz vortrefflich eingerichtet ist.

Es ist doch viel Gemeines auf der Erde, sagte Madame Ehrenthal.

Da ich nicht wte, rief Fink lachend. Ich gebe Ihnen zu, da einige
Insecten einen gemeinen Charakter haben, und da es gemein ist, sich in
Branntwein zu betrinken. Im Uebrigen kommt Vieles auf Ansichten an.
Sehen Sie diese Auster. Ich wette, es giebt zahlreiche Fische und
Erdbewohner, welche dies holde Geschpf fr etwas Gemeines halten, mir
erscheint sie als eine der vornehmsten Erfindungen der Natur. Was
verlangen wir von einem Vornehmen? Die Auster hat Alles: sie ist ruhig,
sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund und Boden. Sie schliet
sich ab gegen die Auenwelt, wie kein anderes Geschpf. Wenn sie ihre
Schalen zuklappt, so deutet sie auf das entschiedenste an: Ich bin fr
Niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus ffnet, so zeigt sie
den bevorzugten Ebenbrtigen ein zartes gefhlvolles Wesen. Wenn der
Mensch das Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die
Auster. Sie werden sagen, da das Seewasser kein ansprechendes Element
ist. Aber da mu ich widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit
verzichten kann, alle Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider
thun mssen, fr den mu es dort unten auf dem Meeresgrund sehr
gemthlich sein. Er wandte sich zu Rosalie: Nur die musikalische
Bildung der Auster ist, wie ich frchte, ungengend. Auer dem Heulen
des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele
Tne in ihre Behausung.

Treiben Sie Musik? frug Rosalie.

Kaum darf ich das zugeben, erwiederte Fink verbindlich. Ich klimpere
ein wenig auf dem Flgel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide
ich Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhltni eines
unglcklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwrmerisch
verehre, und ich wrde viel darum geben, wenn ich im Stande wre,
dasselbe mit Meisterschaft zu spielen.

Die Violine? frug Rosalie.

Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heit spielen auf den anderen
Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Hhe zur
Tiefe und wieder umgekehrt, eine ungemthliche Anstrengung in allen
mglichen Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolo's und wie die
Qulereien alle heien. Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige
Note, ein solider Ton, welcher aushallt und nicht von der nchsten Note
seinen Futritt bekommt. Nehmen Sie dagegen den Ton der Pauke. Welche
Kraft, welche Feierlichkeit und welche Wirkung! Und erst der Glckliche,
dem ein solches Instrument anvertraut wird! Man sagt den brigen
Virtuosen nach, da sie reizbar und empfindlich sind, der Pauker wird
ein Held, ein groer Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie sie
nur auf dem erhabensten Standpunkt mglich ist. Er pausirt, dreiig,
fnfzig Tacte, unterde rennt und quiekt das Volk der brigen Tne
durcheinander, wie die Muse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er
allein steht in einsamer Gre, scheinbar mit nichts beschftigt, er
nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich lchelnd die schnsten Damen
im Zuhrerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet nur, ihr ruppiges
Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf geben, 29,
diese Geige wird naseweis, 30, bum! er schlgt auf, und die andern
Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fhlen die Sprache ihres
Herrn und Meisters, und alle Zuhrer athmen tief auf, das groe Wort ist
gesprochen. -- Rosalie lachte.

Ich lasse mir nchstens ein Paar Pauken bauen und werde mir die Ehre
geben, ein Duett fr Pauke und Fortepiano zu schreiben und Ihnen, mein
Frulein, zu widmen, am liebsten ein gefhlvolles Notturno. -- Beim
Apoll, ein vortrefflicher Wein! Was fr ein Landsmann? Ich habe noch
nicht die Ehre seiner persnlichen Bekanntschaft.

Es ist ein Ungarwein, alter Menes, rief Vater Ehrenthal ber den
Tisch, er hat funfzig Jahre gelegen im Keller.

Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard? frug Fink, die Worte des Vaters
berhrend.

Ich verstehe wenig vom Wein, sagte Bernhard.

Schade, erwiederte Fink. Wer ein Gnner der Poeten ist, wie Sie, der
sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik
sprechen, mssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde,
die Herren Jussuf und Sadi, ihre Lieder den schwarzugigen Schnen
vorsingen. Bitte, recitiren Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.

Bernhard setzte ernsthaft auseinander, da die Musik des Orients fr
unser Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu thun, um die
angelegentlichen Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag
in Originalsprache und Melodie von ihm hren wollte.

So zog Fink die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt mute Rosalie
sich an den Flgel setzen, dann fuhr auch er mit den Fingern ber die
Tasten und sang ein wildes Lied in spanischer Sprache. Als die Gste
sich entfernten, war die Familie entzckt. Rosalie eilte wieder an den
Flgel und suchte die Melodie des fremden Gassenhauers zu wiederholen,
die Mutter war unerschpflich im Ruhme des vornehmen Wesens; auch der
von den Sthlen der Menschheit gestrichene Vater war ber den Besuch des
reichen Erben begeistert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, da er
ber eine Million schwer sei. Selbst Bernhards unschuldige Seele war
durch die Art des gewandten Mannes mchtig gefesselt. Wohl hatte er bei
den Reden Finks zuweilen ein leichtes Mibehagen gefhlt, es war ihm
vorgekommen, als mache der Fremde sich ber ihn und die Seinen lustig,
aber er war zu unerfahren, um das vollstndig zu bersehen, und
beruhigte sich damit, da solche Gleichgltigkeit zum Wesen der
Weltleute gehre.

Nur Anton war unzufrieden mit dem Freunde und sagte ihm das auf dem
Heimwege.

Du hast gesessen wie ein Stock, erwiderte Fink, ich habe die Leute
unterhalten, was willst du mehr? La dich in eine Maus verwandeln und
kriech in die Lcher der aufgeputzten Stube, und du wirst hren, wie sie
jetzt mein Lob singen. Kein Mensch kann mehr verlangen, als da man ihn
so behandelt, wie ihm selbst behaglich ist.

Ich meine, sagte Anton, man soll ihn so behandeln, wie es der eigenen
Bildung wrdig ist. Du hast dich benommen, wie ein leichtsinniger
Edelmann, der morgen bei dem alten Ehrenthal eine Anleihe machen will.

Ich will leichtsinnig sein, rief Fink lustig, vielleicht will ich
auch eine Anleihe bei dem Hause Ehrenthal machen. Schweig jetzt mit
deinen Bupredigten, es ist ein Uhr vorber.

       *       *       *       *       *

Einige Tage spter erinnerte sich Anton nach dem Schlu des Comtoirs,
da er dem jungen Gelehrten die Uebersendung eines Buches versprochen
hatte. Da Fink schon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft
that, den Paletot Antons mitgefhrt hatte, so wickelte dieser sich in
Finks Burnus, der auf seiner Stube lag, und eilte in Ehrenthals Haus. Er
trat an die weie Thr und war nicht wenig verwundert, als die Thr
geruschlos aufging und eine verhllte Gestalt herausschlpfte. Ein
weicher Arm legte sich in den seinen und eine leise Stimme sprach:
Kommen Sie schnell, ich erwarte Sie schon lange. Anton erkannte
Rosaliens Stimme. Er stand starr wie eine Bildsule und erwiederte
endlich mit dem Erstaunen, das in solcher Lage verzeihlich ist: Sie
verkennen mich, mein Frulein. Mit einem unterdrckten Schrei huschte
die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat kaum weniger erschrocken in
Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den Mantel nicht
abgenommen, und erlebte jetzt das Leid, da der kurzsichtige Bernhard
auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein schrecklicher
Verdacht stieg in ihm auf, er schtzte gegen Bernhard groe Eile vor und
trug den unglcklichen Mantel schnell nach Hause ber einem Herzen voll
Schmerz und Aerger. Wenn es Fink war, der von der schnen Tochter
Ehrenthals zu so vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je lnger Anton
auf den Abwesenden wartete, desto hher stieg sein Unwille. Endlich
hrte er Finks Tritt auf den Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel
zu ihm hinab. Er erzhlte kurz, was ihm begegnet war, und schlo mit den
Worten: Sieh, ich hatte deinen Mantel um, und es war dunkel, ich habe
den hlichen Verdacht, da sie mich fr dich gehalten hat, und da du
das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weise gemibraucht hast.

Ei, ei, sagte Fink kopfschttelnd, da sieht man, wie schnell der
Tugendhafte bereit ist, seine Steine auf Andere zu werfen. Du bist ein
Kindskopf. Es giebt mehr weie Mntel in der Stadt, wie kannst du
beweisen, da es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann
erlaube mir die Bemerkung, da du selbst dich bei diesem Abenteuer in
einer Weise benommen hast, die weder artig, noch entschlossen, noch
irgend etwas Anderes war, als tppisch. Warum hast du nicht das Frulein
die Treppe herunter gefhrt? Und wenn die Verwechselung unten nicht mehr
zu verbergen war, konntest du nicht sagen: Zwar bin ich nicht der, fr
den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in Ihrem Dienst zu
sterben, und so weiter?

Du tuschest mich nicht, erwiederte Anton. Ich traue nicht, da du
mir die Wahrheit sagst. Wenn ich mir Alles recht berlege, so kann ich,
trotz deinem Leugnen, den Verdacht nicht los werden, da du doch der
Erwartete warst.

Du bist ein kleiner Schlaukopf, sagte Fink gemthlich, du wirst mir
aber ebenfalls zugestehen, da ich, da eine Dame im Spiel ist, nichts
Anderes thun kann, als leugnen. Denn siehst du, mein Sohn, wenn ich dir
Gestndnisse machte, so wrde ich ja die schne Tochter des ehrenwerthen
Hauses compromittiren.

Leider frchte ich, rief Anton, da sie sich ohnedies compromittirt
fhlt.

Na, sagte Fink ruhig, sie wird's ertragen.

Aber Fritz, rief Anton die Hnde ringend, hast du denn gar keine
Empfindung fr das Unrecht, was du an Bernhard begehst? Du verleitest
die Schwester eines gebildeten und feinfhlenden Menschen zu
Thorheiten, die fr sie verhngnivoll werden mssen. Gerade da sein
reines Herz in einer Umgebung schlgt, die er nur ertragen kann, weil er
so voll Vertrauen ist und so wenig erfahren, gerade das macht dein
Unrecht fr mich so bitter.

Dehalb wirst du am klgsten thun, wenn du das groe Zartgefhl deines
Freundes schonst und seiner Schwester Verschwiegenheit gnnst.

Nein, erwarte Anton zornig, meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich
zu etwas Anderem. Ich mu von dir fordern, da du dein Verhltni zu
Rosalie, von welcher Art es auch sei, auf der Stelle abbrichst und dich
bemhst, in ihr nur das zu sehen, was sie dir immer htte sein sollen,
die Schwester meines Freundes.

So? entgegnete Fink spttisch, ich habe nichts dawider, da du diese
Forderung stellst. Wenn ich aber nicht darauf eingehe, wie dann? Immer
vorausgesetzt, was ich berhaupt leugne, da ich der glckliche
Erwartete war.

Wenn du nicht darauf eingehst, rief Anton in groer Bewegung, so kann
ich dir diesen Streich niemals verzeihen. Das ist nicht mehr Mangel an
Zartgefhl, es ist etwas Schlimmeres.

Und was, wenn's beliebt? frug Fink kalt.

Es ist schlecht, rief Anton. Es war schon schlimm genug, da du die
Koketterie des Mdchens benutztest, aber es ist doppelt schlecht, da du
auch jetzt nicht daran denken willst, wie du sie kennen gelernt hast,
nicht an ihren Bruder und nicht an mich, der ich diese unglckliche
Bekanntschaft vermittelt habe.

Und du la dir sagen, erwiederte Fink, die Lampe seiner Theemaschine
anzndend, da ich dir durchaus nicht das Recht einrume, mir solche
Vortrge zu halten. Ich habe keine Lust, mit dir zu zanken, aber ich
wnsche ber diesen Gegenstand kein Wort weiter von dir zu hren.

Dann mu ich dich verlassen, sagte Anton, denn es ist mir unmglich,
mit dir ber Anderes zu sprechen, so lange ich die Empfindung habe, da
du frevelhaft handelst. Er ging zur Thr. Ich lasse dir die Wahl,
entweder du brichst mit Rosalie, oder, so furchtbar mir ist, das
auszusprechen, du brichst mit mir. Wenn du mir bis morgen Abend nicht
die Versicherung giebst, da deine Intrigue zu Ende ist, so gehe ich zu
Rosaliens Mutter.

Gute Nacht, dummer Tony, sagte Fink.

Anton verlie den leichtsinnigen Freund. Es war der erste ernsthafte
Streit zwischen ihm und Fink. Er war sehr unglcklich ber Finks
Leichtsinn und schritt bis tief in die Nacht in seinem Zimmer trostlos
auf und ab. Dem harmlosen Bernhard etwas zu sagen, erschien ihm bei der
Persnlichkeit des Gelehrten bedenklich, er frchtete, ihn im tiefsten
Herzen zu verwunden, und traute ihm wenig Einflu auf die Schwester zu.
Auch Fink war rgerlich ber den Zufall. Er trank seinen Grog diesmal
allein und dachte vielleicht mehr an Antons Groll, als an den Schreck
der schnen Rosalie.

       *       *       *       *       *

Der nchste Tag war grau fr Beide. Sonst wenn Fink in's Comtoir trat,
nickte er dem Freunde, der ihm seit einiger Zeit gegenber sa,
freundlich zu, und Anton kam dann schnell an den Stuhl des Andern und
frug leise, wie Fink den letzten Abend verlebt hatte. Heut sa Anton
stumm auf seinem Platz und beugte sich tief auf den Brief hinab, als
Fink sich ihm gegenber setzte. Jeder mute, wenn er aufsah, in das
Gesicht des Andern blicken, heut hatten Beide die Aufgabe, zu thun, als
ob ihnen gegenber ein leerer Raum sei. Es war Fink leicht gewesen, den
Vater Ehrenthal als Luft zu behandeln, bei Anton war auch ihm das
lstig, und Anton, der keine solche Gewandtheit im Uebersehen fremder
Krper hatte, fhlte sich hchst unglcklich, wenn er nach rechts und
links ausschauen mute, bei dem Kopf des Andern vorbei, ber ihn weg,
immer gleichgltig, wie der Kriegsbrauch zwischen Schmollenden nthig
macht. In der Mitte des Vormittags kam das Frhstck in das Comtoir,
dann wurde eine kurze Pause gemacht, die Herren standen von ihren
Pltzen auf und traten zusammen. Heut blieb Anton sitzen, weil sein
Platz der einzige Ort war, welcher ihn vor der Berhrung mit Fink
sicherte. Alles verschwor sich, Beiden ihre Rolle schwer zu machen.
Schmeie Tinkeles erschien im Comtoir, und Fink hatte wieder eine
lcherliche Verhandlung. Alle Herren sahen auf Fink und sprachen mit
ihm; sonst hatte Anton dem Freunde frhliche Zeichen des
Einverstndnisses gemacht, jetzt starrte er vor sich hin, als ob
Tinkeles hundert Meilen entfernt wre. Herr Schrter gab Anton einen
Auftrag, bei dem er Fink um Auskunft fragen mute. Anton war genthigt,
sich vorher stark zu ruspern, damit seine Stimme nicht gepret klang,
und als Fink eine kurze Antwort gab, krnkte ihn das, und sein Zorn
gegen den Verstockten loderte wieder zu heller Flamme auf. Zum
Mittagessen waren die Beiden immer zusammen gegangen, Fink hatte
regelmig gewartet, bis Anton ihn abholte. Heut kam Anton nicht. Fink
ging mit Herrn Jordan in's Vorderhaus, so da Jordan verwundert frug:
Wo bleibt denn Wohlfart? und Fink mute sagen: Wo er will.

Am Nachmittag konnte sich Anton nicht enthalten, einige Mal heimlich von
seinem Briefe aufzusehen und den Kopf und das stolze Angesicht des
Anderen zu betrachten. Dabei mute er denken, wie frchterlich es fr
ihn sei, von jetzt ab dem Manne fremd zu werden, an dem er so sehr hing.
Aber er blieb fest. Auch jetzt, wo der erste Zorn verraucht war, fhlte
er, da er nicht anders handeln konnte. Diese Ueberzeugung rhrte ihm
das Herz. Und in solcher Stimmung vermied er nicht mehr auf den Platz
des verlorenen Freundes zu schauen. Als Fink aufblickte, sah er das Auge
Antons voll Trauer auf seinem Gesichte ruhen. Der schmerzliche Ausdruck
beunruhigte den Rcksichtslosen mehr, als der frhere Zorn. Er erkannte
daraus, da Anton fest war, und die Waagschaale, worin Rosalie sa,
fuhr in die Hhe. Wenn Anton in seiner Spiebrgerlichkeit zu Rosaliens
Mutter ging, so wurde ihm das Abenteuer doch verdorben. Zwar um den Zorn
der Mutter kmmerte er sich wenig, Rosalie mochte sehen, wie sie mit ihr
fertig wurde, aber der Gedanke an den harmlosen Bernhard war ihm
unbehaglich. Und was das Schlimmste war, sein eigenes Verhltni zu
Anton war fr immer zerstrt, sobald dieser erst mit einer dritten
Person ber die Liaison gesprochen hatte. Diese Erwgung zog ihm die
Stirn in Falten.

Kurz vor sieben Uhr fiel ein Schatten auf Antons Papier. Anton sah auf,
Fink hielt ihm schweigend einen kleinen Brief ber das Pult, die
Aufschrift war an Rosalie. Anton sprang von seinem Sitz auf.

Ich habe an sie geschrieben, sprach der Andere mit eisiger Klte; da
deine Freundschaft mir nur die Wahl lt, entweder das Mdchen zu
compromittiren oder meine Studien ber eine interessante Vlkerseele
aufzugeben, so mu ich mich zu dem Letzteren verstehen. Hier ist der
Brief. Ich habe nichts dagegen, da du ihn liest. Es ist ihr Laufpa.

Anton nahm den Brief aus der Hand des Snders, siegelte ihn in der Eile
mit dem kleinen Comtoirstempel und bergab ihn einem Hausknecht zur
schleunigen Abgabe auf der Stadtpost.

So war die Gefahr beseitigt, aber es blieb seit diesem Tage eine
Spannung zwischen den beiden Verbndeten. Fink grollte, und Anton konnte
nicht vergessen, was er Verrath an seinem Freund Bernhard nannte. Und
Fink trank durch einige Wochen seinen Thee nicht in Antons
Gesellschaft.




~VII.~


Das Haus von T. O. Schrter hatte einen Tag im Jahre, an dem es sich
unabnderlich dem Vergngen ergab. Dies geschah zur Erinnerung an die
Stunde, in welcher Herr Schrter als Theilhaber in das Geschft seines
Vaters eingetreten war. Wenn dieser Tag durch die Tcke der
Kalendermacher unter die Wochentage gesetzt wurde (und es war sechs
gegen eins zu wetten, da sie dem Geschft den Possen spielten), so
wurde das Fest am nchsten Sonntag gefeiert. Es war keine Festfeier,
welche bermig aufregte, sie hatte einen ruhigen regelmigen Verlauf
und einen leisen Anflug von Geschftlichkeit. Zuerst war groes Diner
des Comtoirs beim Prinzipal, dann fuhr die Gesellschaft nach einem nahe
gelegenen Dorfe, wo der Kaufmann ein Landhaus besa, und wo eine Anzahl
ffentlicher Grten und Sommerconcerte die Stadtbewohner anzogen. Dort
wurde Kaffe getrunken, Natur genossen, und am Abend zur Brgerstunde
nach der Stadt zurckgefahren.

In diesem Jahr feierte der Kaufmann das fnfundzwanzigjhrige Jubilum
seines Eintritts. Schon am Morgen gratulirten Deputationen der Auflader
und Hausknechte, an der Mittagstafel waren heut die Collegen im hchsten
Staat versammelt, Herr Liebold in einem neuen Frack, den er, wie alle
Prachtstcke seiner Garderobe, seit vielen Jahren an diesem Fest zum
ersten Mal trug.

Nach dem Mittagessen fuhren einige Wagen vor das Haus, die Gesellschaft
in's Freie zu schaffen. Herr Schrter stieg mit Sabine in den ersten
Wagen, und da die Tante als Krankenpflegerin einer Verwandten abwesend
war, sah sich der Prinzipal unter den Herren um, welche massenhaft um
den Wagen standen und das Einsteigen Sabinens durch heftige
Dienstbeflissenheit wenigstes moralisch untersttzten. Fink sa bereits
auf seinem Reitpferd, und so rief der Prinzipal Herrn Liebold und Herrn
Jordan auf den Rcksitz des Staatswagens. Beide Herren verneigten sich,
Herr Liebold nahm mit feierlichem Lcheln gegenber dem Frulein Platz.
Ach, aber seine Freude war nicht ohne den Bodensatz heimlicher Angst. Es
war allen Collegen wohl bekannt und ihm am besten, da er das
Rckwrtsfahren durchaus nicht vertragen konnte. Nie hatte er nach
Ehrenpltzen gestrebt, sein ganzes Leben durch war er auf der Rckseite
von Fortuna's Carrosse fortgeschafft worden, aber in einem gewhnlichen
Wagen emprte sich augenblicklich sein ganzes Innere, wenn er nicht
vornehm im Fond sa. Auch heut sah er das Unglck kommen, gerade heut,
wo er der angebeteten Herrin des Hauses gegenber sa. Wie gern htte er
seinen Platz geopfert, aber das war unmglich, die Ehre war zu gro, und
seine Weigerung wre ihm falsch ausgelegt worden. So sa er als
Mrtyrer, auf das Aergste gefat, dem Frulein gegenber, er versuchte
vergebens unbefangen auszusehen und auf die Seite zu blicken, wo Huser
und Bume, Menschen und Hunde bei ihm vorbeitanzten. Dies frchterliche
Tanzen kannte er, das war immer der Anfang. Er mute also gerade vor
sich hin sehen, und da es unpassend gewesen wre, dem Frulein in's
Gesicht zu blicken, so starrte er ber sie weg. Noch lchelte sein Mund,
aber sein Auge sah stier und seine Wangen wurden bla, blutlos,
erdfarben. Jordan sah ihn von der Seite an und konnte das Lachen nicht
verbergen. Das brachte Sabine zu der besorgten Frage: Fehlt Ihnen
etwas, Herr Liebold? Da Liebold die Augen nicht vom Himmel wegwenden
durfte, so bohrte er sie an einer ruhigen Wolke fest und murmelte die
Versicherung, da ihm sehr wohl sei. Dabei erhielt sein Gesicht aber den
Ausdruck stumpfer Verzweiflung, so da Sabine sich ngstlich an Herrn
Jordan wandte.

Er kann nicht vertragen rckwrts zu sitzen, sagte dieser.

Dann wechseln wir die Pltze, rief Sabine. Herr Liebold schttelte
erschrocken den Kopf und machte schweigend allerlei Bewegungen, um
seinen Abscheu gegen eine solche Zumuthung auszudrcken. Bitte, Herr
Jordan, lassen Sie den Kutscher halten, rief Sabine. Der Wagen stand,
das Frulein erhob sich. Schnell, Herr Liebold, rief sie. Dieser
versuchte noch zu protestiren, aber Jordan rckte ihn krftig in die
Hhe, und ehe er wute, wie ihm geschah, sa er im Fond, und das
Frulein ihm gegenber auf dem Rcksitz. Die Spannung in seinen Zgen
lie nach, eine feine Rthe zog verklrend ber sein Gesicht. Aber in
welcher Lage war er! Was muten die Vorbergehenden von ihm und seiner
Stellung im Hause denken! Fremde konnten ihn fr den Onkel der Dame
halten, aber Jeder, der sie kannte, -- und wer kannte die schne Sabine
Schrter nicht? -- der mute auf die abenteuerlichsten Gedanken kommen.
Da er mit ihr verlobt sei, war noch viel zu wenig, als Verlobter htte
er nicht im Fond sitzen drfen, nein, er sa da, wie mit ihr
verheirathet. Der Gedanke trieb ihm den Schwei aus allen Poren, er sah
demthig auf das Frulein und bat sie mit leiser Stimme um Verzeihung
wegen des Scandals, den er verursache. Sabine streckte zur Antwort ihre
Hand aus und schttelte ihm die seine krftig. Da bermannte ihn die
Freude, er beugte sich schon ein wenig herab, in der khnen Absicht ihr
den Handschuh zu kssen. Und in demselben Augenblick fuhren sie bei dem
Buchhalter von Strumpf und Kniesohl vorber, Herr Liebold schnellte
stracks in die Hh, jetzt war das Unglck geschehen, Sabine und er waren
das Opfer eines unerhrten Irrthums. Es war unntz, noch gegen das
Schicksal anzukmpfen. Er sa fortan verklrt und still selig, bis die
Wagen vor der groen Restauration des Dorfes anhielten. Man stieg aus,
die Herren sammelten sich um das seidene Gewand ihres Fruleins,
rauschende Musik scholl ihnen entgegen, sie traten in die Buchengnge
des geschmckten Gartens, welcher heut mit den glnzenden Toiletten der
Stdter angefllt war.

Sabine schwebte in einer Wolke von Herren dahin. Es ist mglich, da
dieser wandelnde Hof mancher Mitschwester grere Freude gemacht haben
wrde, als ihr. Jedenfalls sah es stattlich aus, als sie am Arm des
Bruders durch die Gnge schritt, auf beiden Seiten und hinter ihr
diensteifrige Herren, alle bemht, sich mit ihr als dem Mittelpunkt in
Verbindung zu halten, zumal heut, wo das Haus in Masse unter der Fashion
der Stadt auftrat, und jeder Einzelne als Mitglied des berhmten
Geschfts zu reprsentiren hatte. Liebold war in einem bestndigen
Lcheln begriffen, welches er auf der Auenseite seines Gesichts
allerdings zu bewltigen suchte, um bei den Vorbergehenden nicht den
Argwohn zu erregen, da er sie auslache. Aber um so strker arbeitete es
in seinem Innern und fuhr zuweilen im gleichgltigen Gesprch wie ein
Wetterleuchten ber sein Gesicht, dehnte ihm pltzlich Nase und Mund
aus, und machte die Augen klein und glnzend. Er trug heut als
Bevorzugter den Shawl des Fruleins, schritt in angemessener Entfernung
hinter ihr her und bezeichnete so die zweite von den Linien, welche die
Firma im grnen Hauptbuch der Natur einnahm. Durch eine khne
Handbewegung hatte sich Herr Specht in Besitz des Sonnenschirms gesetzt
und umgab mit diesem Sabine von allen Seiten, in der Regel marschirte er
wie ein Fhnrich voran am Rand des Gehlzes. Mit verlangendem Blick sah
er in das Gebsch, ob ihm nicht eine auffallende Blume oder ein
Schmetterling Veranlassung geben knnten, mit dem Frulein eine
Unterhaltung anzufangen. Jedenfalls war das nicht leicht, denn Fink ging
neben ihr. Dieser war heut in boshafter Stimmung, und wider Willen
lachte Sabine ber die unbarmherzigen Glossen, welche er auffallenden
Gestalten unter den Spaziergngern gnnte. Auch den massenhaften
Aufmarsch der Firma machte er lcherlich, aber er selbst verschmhte
nicht, etwas von dem exclusiven Stolz der Handlung zu empfinden.

Um sie herum zogen, trippelten und rauschten die Schwrme der
Lustwandelnden. Es war ein unaufhrliches Anstarren, Gren, Ausweichen,
der Kaufmann mute immer wieder nach dem Hut greifen, und so oft er
grte, geriethen die vierzehn Hte der Collegen ebenfalls in Bewegung
und erregten in der Luft zahlreiche kleine Wirbelwinde. Das machte einen
groartigen Eindruck.

Als die Hausgenossen einige Zeit in der Strmung fortgeschwommen waren,
uerte Sabine den Wunsch, auszuruhen. Sogleich flogen Tirailleure der
Herren unter die Bankreihen und belegten einen Tisch. Man nahm Platz,
die Kellner schleppten eine riesige Kaffekanne mit der entsprechenden
Anzahl Tassen herbei. Jetzt war eine Freude, der Handlung zuzusehen, wie
jeder der Herren bemht war, dem Frulein das Eingieen abzunehmen, weil
die Kanne fr sie zu schwer war, wie Sabine sich Anton zum Adjutanten
erwhlte, weil er im Salon der Collegen das Geschft des Eingieens
verrichtete, wie die Collegen sich freuten, da man im Vorderhause auch
das von ihnen wute, ferner, wie verbindlich Sabine jedem der Herren den
Kuchen prsentirte, und wie sie immer ein Auge darauf hatte, da die
Zuckerschaale und der Sahntopf in ihrem Laufe um den Tisch nicht
unterbrochen wurden, und endlich, wie alle Collegen den braunen Trank
des Wirths mit der stillen Ueberlegenheit von Leuten einnahmen, welche
besser wissen, was guter Kaffe ist. Es war kein ruhiger Sitz, und Sabine
hatte viel zu thun, die vorbeiziehenden Bekannten zu gren und den
Freunden des Bruders, welche an sie herantraten, Rede zu stehen. Sie war
allerliebst in dieser unaufhrlichen Bewegung. Mit einer
hausmtterlichen Haltung sprach sie mit den Herren vom Comtoir, und mit
einfacher Herzlichkeit erhob sie sich und bewillkommnete die
Herantretenden. Sie grte, scherzte und waltete ber dem Kaffebret, sie
sah auf die Spaziergnger und hatte noch Zeit, prfende Blicke in das
Innere der Tassen zu werfen, welche sie Anton zureichte. Anton und Fink,
Beide empfanden, wie gut ihr das sichere Wesen stand, und Fink sagte ihr
das: Wenn dies ein Tag der Erholung ist, Frulein Sabine, so beneide
ich Sie nicht um Ihre Arbeitstage. Keine Prinze hat im Empfangsaal so
viele Rcksichten zu nehmen, so viel mit dem Kopf zu nicken, zu lcheln
und Artiges zu sagen, als Sie. Es geht vortrefflich, Sie haben das
jedenfalls einstudirt. Da kommt der Brgermeister selbst, er wird Sie
sogleich anreden. Jetzt thun Sie mir leid, mit dem Ohr sollen Sie auf
mich hren, in der Hand halten Sie Liebolds Tasse und mit den Augen
mssen Sie achtungsvoll den Growrdentrger empfangen. Ich bin
neugierig, ob Sie noch meine Worte verstehen.

Nehmen Sie nur den Kfer aus Ihrer Tasse, ich werde Ihnen sogleich
eingieen, sagte Sabine lachend und stand auf, den Bekannten des Hauses
zu begren.

Unterde belustigte sich Anton, die Urtheile der Vorbergehenden ber
seine Gesellschaft zu erlauschen. Da ist Herr von Fink, wisperte eine
junge Dame ihrer Begleiterin zu. Ein nettes Gesicht, famose Taille,
schnarrte ein Lieutnant. Was ist ein Fisch unter so viele Hungrige?
brummte ein Ruchloser. Still, das sind die von Schrters, stie ein
Commis den andern an. Als er so aufblickte, sah er zwei hohe ppige
Gestalten langsam heranziehen. Es waren Dame Ehrenthal und Rosalie,
Rosalie ging auf der Seite des Tisches. Ihr Gesicht berzog sich langsam
mit einer dunkeln Rthe, als sie in dem Gedrnge dicht an seinem und
Finks Platz vorberkam. Unruhig sah er auf Fink, der wieder in lebhaftem
Gesprch mit Sabine doch Augen genug hatte, die Nahenden zu bemerken.
Anton erhob sich grend, der unerschtterliche Fink griff nachlssig an
seinen Hut und blickte von seinem Sitze so kalt auf die beiden Frauen,
als htte er nie die Armbnder an dem weien Arm der schnen Rosalie
bewundert. Der Gru Antons, die auffallende Schnheit Rosaliens,
vielleicht einiges Auffallende ihrer Toilette bewirkten, da auch Sabine
die beiden Frauen aufmerksam ansah.

Die Tochter Ehrenthals achtete nicht auf Antons Gru, ihre dunkeln Augen
hefteten sich fest auf Sabine. Ein Flammenblitz voll Ha und Zorn fiel
auf das Mdchen, welches sie fr ihre glckliche Nebenbuhlerin hielt,
so da Sabine sich erschrocken zurckbeugte, wie um dem Anfall eines
Raubthiers zu entgehen.

Mit zusammengepreten Lippen, unsglichen Widerwillen auf allen Zgen,
fuhr Rosalie vorber. Finks Lippen kruselten sich und er zog seine
Schultern ein wenig in die Hhe. Als die Frauen vorber waren, sah
Sabine erstaunt auf Anton und Fink, und frug: Wer war das?

Eine von den Bekanntschaften Antons, sprach Fink hhnend.

Madame Ehrenthal und ihre Tochter, erwiederte Anton verlegen, die
junge Dame ist die Schwester des Gelehrten, von dem ich Ihnen neulich
erzhlt habe. Aber unwillkrlich sah er auf Fink, whrend er sprach,
und Beide tauschten einen finstern Blick mit einander aus.

Sabine schwieg und rckte sich auf ihrer Bank zurck, ihre frohe Laune
war dahin. Die Unterhaltung kam nicht mehr in Flu, und als der Bruder
von einem Besuch bei dem nchsten Tisch zurckkehrte, erhob sich das
Frulein und lud die Herren ein, nach ihrem Garten zu kommen. Von Neuem
zog sie mit ihrer Wolke dahin, aber Fink ging nicht mehr an der Seite
des Fruleins. Der glhende Blick voll Ha hatte die grnen Ranken
versengt, welche sich wieder von ihr zu ihm gezogen hatten. Sabine
wandte sich zu Anton und sprach mit diesem; sie mhte sich, heiter zu
sein, aber Anton merkte ihr den Zwang an.

Der groe Garten des Kaufmanns mit einem hbschen Gartenhaus und
Glashusern war ein Lieblingsaufenthalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr
sie hinaus, wenn das Wetter es irgend erlaubte, und besprach mit dem
Grtner alle Einzelnheiten der Einrichtung und Blumenzucht. Die Collegen
bestrmten sie daher mit Fragen ber Namen und Charakter ihrer Blumen;
und whrend der Kaufmann mit Fink ein benachbartes Grundstck
betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte Sabine der brigen
Gesellschaft, was sie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie fhrte
die Herren durch die Blumen, die Rasenstcke, in das Warmhaus. Der
Bruder hatte ihr eine hohe Palme geschenkt, und die Palme, groe
Pisangbltter, tropische Farren und blhende Cacteen waren in einer
Gruppe zusammengestellt, eine zierliche Bank und ein Tisch standen
davor, es war ein allerliebster Wintergarten. Whrend Sabine erzhlte,
da sie hier an sonnigen Wintertagen den Kaffe trinke, und wie schn es
sich dann unter den groen Blttern sitze, brachte ihr der Grtner auf
einem Teller Kuchenbrocken und Vogelfutter. Auch wenn ich nicht so
groe Begleitung habe, bin ich hier nicht allein, sagte sie lchelnd.

Wir bitten, stellen Sie uns den Vgeln vor, rief Anton.

Sie mssen aber in das Gartenhaus treten und hbsch still sein, bat
Sabine, das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren wrden
ihm doch Schrecken einjagen.

Die Collegen zogen nach dem Gartenhaus, Pix lenkte den aufgeregten
Specht am hintersten Rockknopf zurck und drehte die Glasthre herum,
Sabine streute das Futter einige Schritt von der Thr auf den Kies und
schlug in die Hnde. Dem Klatschen antwortete mehrstimmiger Ruf von den
nchsten Bumen und dem Dach des Hauses. Eine Menge kleiner Vgel scho
herzu und hpfte mit lustigem Geschrei um die Krumen, sie waren so zahm,
da sie bis an die Fe Sabinens herankamen. Es war keine vornehme
Gesellschaft, einige Finken, Hnflinge und ein ganzes Volk Spatzen.
Sabine trat leise zur Thr und frug durch den Spalt: Knnen Sie die
einzelnen unterscheiden? so hnlich auch die Herrschaften einander
sehen, sie sind doch verschieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem
Wesen. Mehrere davon kenne ich persnlich. Sie wies auf einen groen
Sperling, ein schnes Mnnchen mit schwarzem Kopf und feurigem Braun auf
dem Rcken: Sehen Sie den dicken Herrn dort?

Er ist der grte von allen, sagte Anton erfreut.

Er ist mein ltester Bekannter, er hat sich zuerst an mich gewhnt,
von meinem Kuchen ist er so stark geworden. Er ist ausgefttert und
satt. Wie sicher er umherhpft, und wie vornehm er in die Brocken pickt!
Gleich einem reichen Bankier geht er unter den Andern umher. Hren Sie
ihn schreien? Seine Stimme klingt wegwerfend und aristokratisch. Er
betrachtet dies Ausstreuen als eine Verpflichtung, welche die Welt gegen
ihn hat. Da krht er wieder. Wissen Sie, was er sagt: Mein Kuchenmdel
ist da. Dies ewige Gebck! Was ich nicht aufessen kann, will ich den
Andern lassen. Ich glaube, es hngt ihm eine Berlocke an seinem kleinen
Bauch herunter.

Es ist eine Feder, flsterte Herr Specht.

Ja, fuhr Sabine fort, ich frchte, die hat ihm seine Frau ausgehackt.
Denn, so gewichtig er aussieht, er steht unter dem Pantoffel. Das graue
Weibchen dort, das hellste von allen, ist seine Frau. Sehen Sie, da sie
ihn weghackt?

Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier,
welcher gerade vornehm in einen ungewhnlich groen Brocken pickte,
bekam von seiner Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu
raisonniren, die Nachbarn flogen herzu, ein heftiges Geschrei begann,
der allgemeine Unwille war gegen den Bankier gerichtet. Er wurde aus dem
Haufen bei Seite gejagt und hpfte zerzaust, mit dem Kopfe schttelnd,
einige Schritt von den Brocken auf und ab, whrend seine Frau ber dem
eroberten Bissen stand und laut triumphirte.

Die Herren lachten.

Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf! rief
Sabine freudig. Unbehlflich, mit ausgebreiteten Flgeln tappte ein
kleiner Sperling heran, ganz wie ein Kind, welches Mhe hat, im Gehen
das Gleichgewicht zu behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau,
sperrte den Schnabel weit auf, schrie und schlug mit den Flgeln auf die
Erde. Die Mutter zerhackte den groen Bissen, fate die Theile und
steckte sie in den aufgesperrten Schnabel des Kleinen. Mitten unter der
schwirrenden, tanzenden, hackenden Gesellschaft ftterte die Mutter den
Schreihals. Ein Stck des eroberten Bissens nach dem andern steckte sie
ihm in den Hals, whrend der Vater einige Schritte davon selbstgefllig
auf und ab hpfte und zuweilen von der Seite mitrauisch auf die
energische Hausfrau hinsah.

Wie allerliebst! rief Anton.

Nicht wahr? sagte Sabine. Auch bei den Kleinen sind Charaktere und
ein Familienleben.

Aber die Scene wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen. Ein leichter
Schritt kam um das Haus, die Vgel flatterten auf, nur die Mutter und
das Junge waren so eifrig beschftigt, da sie zgerten. Endlich zog
auch die Sperlingsfrau auf den Baum und rief ngstlich ihr Kind. Doch
der Kleine, vom genossenen Kuchen schwer und betubt durch die Flle des
Genusses, vermochte nicht so schnell die schwachen Flgel zu heben. Ein
Schmi von der Reitpeitsche Finks erreichte ihn, der Krper flog als
Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von smmtlichen Herren wurde
gehrt, und finster blickten alle Gesichter des Comtoirs auf den Mrder.
Fink, der auf die Gruppe an der Salonthr nicht geachtet hatte, sah
verwundert den Sturm, der gegen ihn hereinbrach. Sabine eilte an ihm
vorbei nach dem Beet, auf dem der Vogel lag, ergriff diesen, kte den
kleinen Kopf und sprach mit klangloser Stimme: er ist todt. Sie setzte
sich auf die Bank an der Thre und deckte ihr Taschentuch ber den
Todten.

Ein unbequemes Stillschweigen folgte. Es war der Lieblingsvogel von
Frulein Sabine, den Sie erschlagen haben, sagte endlich Herr Jordan
vorwurfsvoll.

Das thut mir leid, erwiederte Fink und rckte sich einen Stuhl zum
Tisch. Ich habe nicht gewut, Frulein, da Sie Ihre Theilnahme auch
auf diese Klasse von Spitzbuben ausdehnen. Ich habe im besten Glauben
gehandelt, und dachte den Dank des Hauses zu verdienen, als ich den Dieb
aus der Welt schaffte.

Das arme Kleine, sprach Sabine traurig, die Mutter schreit auf dem
Baum, hren Sie?

Sie wird sich trsten, entgegnete Fink. Ich halte es fr
unzweckmig, einem Sperling mehr Gemth zu gnnen, als seine eigene
Verwandtschaft hat. Aber ich wei, Sie lieben, Alles, was Sie umgiebt,
mit Rhrung und Gefhl zu betrachten.

Wenn Sie diese Eigenschaft nicht haben, wehalb verspotten Sie dieselbe
bei Andern? frug Sabine mit zuckendem Munde.

Wehalb? frug Fink. Weil ich dieser Gewohnheit berall begegne. Dies
ewige Gefhl, mit dem hier Alles berzogen wird, was des Gefhls nicht
werth ist, macht zuletzt schwach und kleinlich. Wer seine Empfindung
immer an allen mglichen Tand heftet, der hat zuletzt keine, wo eine
groe Leidenschaft seiner wrdig ist.

Und wer nie etwas Anderes thut, als mit herber Klte zu betrachten, was
ihn umgiebt, wird dem zuletzt nicht auch die Empfindung fehlen, wo eine
groe Leidenschaft Pflicht wird? frug Sabine mit einem schmerzlichen
Blick auf Fink.

Es wre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte, sagte Fink
achselzuckend. Jedenfalls wird es einem Mann besser anstehen, hart zu
sein, als zu weichlich.

Aber sehen Sie das Volk hier an, fuhr er nach einer unbehaglichen
Pause fort. Das liebt seinen Strickbeutel, den Kupferkessel, in dem die
Mutter Wrste gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen
fadenscheinigen Rock, und ebenso alle Mibruche, die zehntausend
verrotteten Gewohnheiten seines Lebens; berall liegen phantastische
Grillen, Liebhabereien und schwache Gemthlichkeiten herum und hngen
sich wie Blei an die Menschen, wenn es einmal gilt, frisch vorwrts zu
gehen. Achten Sie auf die deutschen Auswanderer. Welche Masse unntzen
Krames schleppt dies Volk ber's Wasser, alte Vogelbauer, zerbrochene
Holzsthle, wurmstichige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl
gekannt, der in brennender Sonnenhitze acht Tagereisen machte, um einmal
Sauerkraut zu essen. Und wenn sich so ein armer Teufel irgendwo
niedergelassen hat und nach einem Jahre entdeckt, da er in einer
Fiebergegend steckt, so hat er seine ganze Umgebung mit Gemthlichkeit
bersponnen wie mit Spinnweben und ist oft nicht mehr aus dem Sumpf zu
bringen, und wenn er und Weib und Kind darber zu Grunde gehen.

Da lobe ich mir das, was Sie die Gemthlosigkeit des Amerikaners
nennen. Er arbeitet wie zwei Deutsche, aber er wird sich nie in seine
Htte, seine Fenz, in seine Zugthiere verlieben. Was er besitzt, das hat
ihm gerade nur den Werth, der sich in Dollarn ausdrcken lt. Sehr
gemein, werden Sie mit Abscheu sagen. Ich lobe mir diese Gemeinheit, die
jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie wenig ein Ding werth ist.
Denn diese Gemeinheit hat einen mchtigen freien Staat geschaffen.
Htten nur Deutsche in Amerika gewohnt, sie trnken noch jetzt ihre
Cichorie statt Kaffe unter der Steuer, die ihnen eine gemthliche
Regierung von Europa aus auflegen wrde.

Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn? frug Sabine.

In der Hauptsache, ja, erwiederte Fink. Keine deutsche Hausfrau, die
nicht in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat,
desto glcklicher ist sie. Ich glaube, sie taxiren einander in der
Stille, wie wir die Leute an der Brse: fnfhundert, achthundert
Servietten schwer. Die Amerikanerin ist kein schlechteres Weib, als die
Deutsche, aber sie wird ber eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, so
viel ihr fr den tglichen Gebrauch nthig sind, und kauft neue, wenn
die alten zu Grunde gehen. Wozu sein Herz an solchen Tand hngen, der
Dutzendweise fr etwa vier bis sechs Thaler in jeder Strae zu haben
ist?

O es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulsen!
erwiederte Sabine. Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen
besten Schmuck. Tdten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch
den leblosen Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann
dem Leben des Menschen? Nichts bleibt, als der betubende Genu, oder
ein egoistisches Princip, dem er Alles opfert. Treue, Hingebung, die
Freude an dem, was man schafft, das Alles geht dann verloren. Wer so
farblos denkt, der kann vielleicht gro handeln, aber sein Leben wird
weder schn, noch freudenreich, noch ein Segen fr Andere.
Unwillkrlich faltete sie die Hnde und warf einen Blick voll Trauer auf
Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.

Die Collegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in dsterm Schweigen
zugehrt und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen
ausgedrckt. Der Geist des gemordeten Sperlings hob sich vor Aller Augen
fortwhrend ber die Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf
den Macbeth des Comtoirs, wie auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff
begtigend das Wort:

Vor Allem mu ich bemerken, da Fink selbst ein glnzendes Beispiel
gegen seine eigene Theorie ist.

Wie so, Herr? frug Fink, von der Seite auf Anton sehend.

Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns Alle zusammen
loben. Wir Alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter aus einem
Geschft, das nicht uns gehrt. Und Jeder unter uns verrichtet seine
Arbeit in der deutschen Weise, die du so eben verurtheilt hast. Keinem
von uns fllt ein zu denken, so und so viel Thaler erhalte ich von der
Firma, folglich ist mir die Firma so und so viel werth. Was etwa
gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir geholfen, das freut auch uns
und erfllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verlust erlitten
hat, so ist es allen Herren rgerlich, vielleicht mehr als dem
Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern in's groe Buch schreibt, so sieht
er sie mit Genu an und freut sich ber den schnen kalligraphischen
Zug, und wenn er Posten eintrgt, welche der Handlung besonders
vortheilhaft waren, so lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn
an, wie er's jetzt thut.

Liebold sah verlegen aus und rckte an seinem Hemdkragen.

-- Da ist ferner College Baumann, welcher in der Stille Neigung zu
einem andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht ber die
Greuel des Heidenthums an der afrikanischen Kste und sagte in tiefster
Seele erschttert: Es wird Zeit, Wohlfart, ich mu hin. Wer soll die
Calculatur besorgen? frug ich, und wie soll es mit dem Krappgeschft
werden, das Sie und Balbus so fest halten, da Sie keinen Andern darber
lassen? Ja, rief Baumann, an den Krapp hatte ich nicht gedacht. Ich
mu es noch aufschieben.

Die Herren sahen lchelnd auf Baumann, der leise vor sich hin sagte: Es
ist auch unrecht.

-- Und von dem Tyrannen Pix will ich gar nicht sprechen, da er selbst
in vielen Stunden zweifelhaft ist, ob die Handlung ihm gehrt oder Herrn
Schrter.

Alle lachten. Herr Pix steckte wie Napoleon die Hand in seine
Brusttasche. -- Du bist ein perfider Advocat, sagte Fink, du regst
persnliche Interessen auf.

Du hast dasselbe gethan, erwiederte Anton. Und jetzt will ich von dir
reden. Vor etwa einem halben Jahre ist dieser Amerikaner zu Herrn
Schrter gegangen und hat ihm gesagt: Ich wnsche nicht mehr Volontair
zu sein, ich bitte um eine feste Stellung im Geschft. Warum? frug Herr
Schrter. Natrlich hatte Fink nur die Absicht, so und so viel Thaler
festen Gehalt von der Handlung zu beziehen.

Wieder lchelten Alle und sahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht
mehr feindlich, es war etwas von Achtung und frhlicher Billigung darin,
denn es war Allen bekannt, da Fink gesagt hatte: Ich wnsche einen
regelmigen Antheil an der Arbeit, und die Verantwortung, welche bei
fester Thtigkeit ist; die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.

Und ferner, fuhr Anton fort, wer einmal das Behagen gesehen hat, mit
welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der wei, wie viel von dem
schwchlichen deutschen Gemth auch bei ihm zu Tage kommt. Es ist so
viel drollige Laune in seinem Wesen, da das Comtoir durch solche
Stunden entzckt wird, und, was die Hauptsache ist, Tinkeles selbst ist
geradezu in ihn verliebt.

Weil er maltraitirt wird, Herr, versetzte Fink.

Nein, sondern weil er hinter deinen krftigen Worten dasselbe
behagliche Wohlwollen bemerkt, mit dem ein Anderer sein Hndchen oder
seine Vgel liebkost. -- Und wenn irgend ein Geschft des Prinzipals
glnzenden Erfolg gehabt hat, so ist Niemand von uns frhlicher darber,
als Fink selbst. Neulich, als die Krisis im Zinkgeschft eintrat, und
Herr Schrter gegen die stille Ansicht des ganzen Comtoirs, auch gegen
Finks Ansicht, noch zu rechter Zeit in Hamburg verkauft und die Handlung
dadurch vor einigen tausend Thalern Verlust bewahrt hatte, da
triumphirte derselbe Fink lauter, als Einer von uns, und zwang Jordan
und mich, denselben Abend in's Weinhaus zu gehen.

Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr, sagte Fink.

Natrlich, rief Anton, dehalb stieest du auch bei dem ersten Glas
auf das Wohl der Handlung an und nanntest sie eine glorreiche Firma.

Fink sah vor sich nieder. Sabine lchelte mit leuchtenden Augen auf
Anton. Wieder lchelten die Herren freundlich und rckten nher heran,
die kleine Spannung war gehoben.

Und, fuhr Anton siegreich fort, auch in andern Fllen hat er ganz
dieselbe armselige Gemthlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt,
wie wir Alle wissen, sein Pferd persnlich, es ist ihm durchaus etwas
Anderes, als die Summe von fnfhundert Dollar, reprsentirt durch so und
so viel Centner Fleisch mit einer Haut berzogen. Er ist besorgt um das
Thier, wie um einen Freund.

Weil es mir Spa macht.

Versteht sich, sprach Anton, die Servietten machen unsern Hausfrauen
auch Spa, das ist's ja eben. Und seine Condorflgel, die Pistolen,
Reitpeitschen, die rothe Rumflasche, das sind Alles Dinge, die ihm so
gut Spa machen, wie einem deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja er
hat mehr grillige Capricen und Liebhabereien, als wir. Um es kurz zu
sagen, er ist in Wahrheit eben so sehr ein armer gemthlicher Deutscher,
als irgend Einer.

Sabine schttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf
den Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst
vor sich hin, und es lag etwas auf seinen stolzen Zgen, was man bei
einem Andern Rhrung genannt htte. Na, begann er endlich, das
Frulein und ich, beide haben wir zu sehr auf einer Seite gestanden. Er
wies auf den todten Sperling. Vor diesem ernsten Fact strecke ich die
Waffen und bekenne, da ich den Wunsch habe, der kleine Herr wre noch
am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der Firma das
hchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr bse, Frulein.

Sabine nickte zu ihm herber und sagte herzlich: Nein.

Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz plaidirt und
von der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder
und streiche in unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich.
Anton drckte ihm die Hand und legte den Arm um seine Schulter.

Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung, Herr Schrter kam
heran, Cigarren wurden angezndet, Jeder bestrebte sich, so unterhaltend
als mglich zu sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem
Frulein und dem Prinzipal die Erlaubni, wenn es sie nicht stre, und
wenn sie an dem schnen Abend nichts Besseres vorzuschlagen htten, in
welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte als ungesprochen zu
betrachten, so wollten er und einige Collegen sich die Freiheit nehmen,
vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an diesem Tage
regelmig eine solche Mittheilung machte, und Alles darauf vorbereitet
war, so rief ihm Sabine zu: Das versteht sich, Herr Liebold, wenn das
Quartett fehlte, wre die Freude nur halb. Die Snger holten
Notenbcher herzu und rckten zusammen, Herr Specht als erster Tenor,
Herr Liebold als zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bsse. Diese
vier bildeten den musikalischen Theil des Comtoirs und hielten trotz
kleiner Zwistigkeiten, welche durch ihr musikalisches Naturell
hervorgerufen wurden, gegen die Uebrigen fest zusammen, Herr Specht
krhte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu leise, aber ihr
Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschn. Im farbigen Licht
glnzten die groen Bltter des Nubaums vor dem Gartenhause, die
Grillen schwirrten und die wilden Snger der Bume flteten einzelne
Noten herunter, die Natur selbst flsterte und stimmte, bis die volle
Kraft der Menschenstimmen einfiel und die feinen Laute des Gartens
bertnte. Dann schwiegen die Vgel, die Heimchen und Mcken, aber so
oft die Snger anhielten, klang das leise Summen der Natur wie zum
Wechselgesange wieder durch. Alle hrten erfreut zu. Wir danken, wir
danken! rief Sabine, als sie aufhrten, und klatschte in die Hnde.

Es ist eine nrrische Sache, begann Fink, da eine gewisse Folge von
Tnen das Herz erschttert und Thrnen hervorruft auch bei Menschen,
welche sonst fr weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat
solche einfache Weisen, bei denen sich Landsleute an dem Eindruck
erkennen, den die Melodie auf sie macht. Wenn die Auswanderer, von denen
wir vorhin sprachen, Alles verlieren, die Liebe zu ihrem Vaterlande,
selbst den gelufigen Ausdruck ihrer Muttersprache, die Melodien der
Heimath leben unter ihnen lnger, als alles Andere, und mancher Narr,
der in der Fremde seinen Stolz darein setzt, ein naturalisirter Fremder
zu sein, fhlt sich pltzlich wieder deutsch, wenn er ein Paar Tacte
singen hrt, die ihm in seiner Jugend bekannt waren.

Der Kaufmann sagte: Sie haben Recht. Wer aus seiner Heimath scheidet,
ist sich selten bewut, was er Alles aufgiebt; er merkt es vielleicht
erst dann, wenn die Erinnerung daran eine Freude seines spteren Lebens
wird. Diese Erinnerung ist wohl auch dem verwilderten Mann ein
Heiligthum, das er oft selbst entehrt und verspottet, das er aber in
seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.

Mit einiger Beschmung bekenne ich, da ich selbst von dieser Freude
nur wenig empfinde, sagte Fink. Ich wei nicht recht, wo ich zu Hause
bin. Wenn ich die Jahre meines Lebens zusammenzhle, so habe ich
freilich den grten Theil in Deutschland verlebt, aber die mchtigsten
Eindrcke hat mir die Fremde gegeben. Immer hat mich das Schicksal
wieder ausgerissen, bevor ich irgendwo festgewurzelt war. Und jetzt in
Deutschland fhle ich mich zuweilen fremd. Die Dialekte der Landschaften
zum Beispiel sind mir fast ganz unverstndlich. Ich habe zu Weihnachten
immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut war, aber der Zauber der
deutschen Weihnachtsbume hat mich nie berhrt; von den Volksliedern,
die Sie so rhmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich
unsicher, wann man Karpfen essen mu, und Hrner und Mohnkuchen, und ich
gestehe einen entschiedenen Mangel an Empfnglichkeit fr die Reize des
Bleigieens und Pantoffelwerfens. -- Und auer diesen Kleinigkeiten
giebt es noch Anderes, worin ich mich unter der deutschen Art fremd und
arm fhle, fuhr er ernster fort. Ich wei, da ich zuweilen die
Schonung meiner Freunde mehr als billig in Anspruch nehme. Ihrem Hause
werde ich zu danken haben, schlo er, sich gegen den Kaufmann
verneigend, wenn ich von einigen respectablen Seiten der deutschen
Natur Kenntni erhalte.

Das war ein mnnliches Bekenntni, er sprach die letzten Worte mit einem
Gefhl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glcklich, der
Sperling war vergessen, sie rief mit berstrmendem Gefhl: Das war
edel gesprochen, Herr von Fink.

Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel
gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lchelte, als
Fink sich neben sie setzte. Mir gegenber, Herr Liebold, rief der
Prinzipal. Heut mu ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's
fnfundzwanzig Jahr, da wir mit einander in Verbindung stehen. -- Herr
Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage bei uns ein, an dem ich durch
meinen Vater als Associ aufgenommen wurde, erklrte er den Jngeren.
Und wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs Anerkennung schuldig bin,
Ihnen bin ich die grte schuldig. Fnfundzwanzig Jahre im Geschft,
zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlssiger Gehlfe! Er
hielt ihm sein Glas ber die Tafel entgegen: Stoen Sie an, mein alter
Freund; so lange unsere Sthle neben einander stehen, nur durch eine
dnne Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben wie bisher, ein festes
Vertrauen ohne viele Worte.

Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehrt und blieb
stehen. Er wollte eine Gesundheit ausbringen, das sah Jeder, aber er
brachte kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die
Hhe und sah auf den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein
wenig. Endlich setzte er sich schweigend wieder hin. Statt seiner erhob
sich zu Aller Erstaunen Fink und sprach in tiefem Ernst: Trinken Sie
mit mir auf das Wohl eines deutschen Geschfts, wo die Arbeit eine
Freude ist, wo die Ehre eine Heimath hat; hoch unser Comtoir und unser
Prinzipal!

Ein donnerndes Hoch der Collegen folgte, Sabine stie mit Allen an, der
Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen. -- Der Rest des Abends war
ungestrte Freude. Das Quartett sang noch ein Paar lustige Trinklieder,
und es war heut lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt
ankam.

An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: Heut, mein Junge,
darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug
gewesen, dich so lange zu entbehren. Und bis spt in die Nacht saen
die vershnten Freunde bei einander, beide bemht, einander zu zeigen,
wie froh sie ber die Vershnung waren.

Sabine trat in ihr Zimmer. Da berreichte ihr das Mdchen ein Billet von
unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Zge
verriethen, da es von einer Dame kam.

Wer hat den Brief gebracht? frug Sabine.

Ein fremder Mann, antwortete das Mdchen, er wollte den Namen nicht
nennen und sagte, Antwort sei nicht nthig.

Sabine las: Mein Frulein, triumphiren Sie nicht zu frh. Sie haben
durch Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewhnt ist,
zu verfhren, zu vergessen und die, welche auf seine Worte hren,
unverschmt zu behandeln. Vor Kurzem hat er einer Andern Gestndnisse
gemacht, jetzt hat er Sie bethrt. Er wird auch Ihnen heucheln und Sie
verrathen.

Das Billet hatte keine Unterschrift, es war von Rosalie.

Sabine wute, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze
und schleuderte das brennende Papier in das Kamin. Schweigend sah sie
zu, wie die lodernde Flamme kleiner wurde und verlschte, und wie die
glimmenden Punkte auf der verkohlten Flche umherfuhren, bis auch der
letzte verging. Lange stand sie da, ihr Haupt an das Gesims gelehnt, den
Blick auf das Hufchen Asche gerichtet. Ohne Thrnen, lautlos hielt sie
die Hand auf ihr zuckendes Herz.




VIII.


Veitel Itzig war in der grten Aufregung. Er, der Nchterne,
Enthaltsame, glich in allen seinen Freistunden einem Trunkenbold. Seine
Lippen bewegten sich in lebhaftem Selbstgesprch, und eine fieberische
Rthe lag ber seinen spitzen Backenknochen. Auf der Strae war er schon
von Weitem kenntlich durch die alleraufflligste Weise der Fu- und
Armbewegungen; ruhiger Schlaf war etwas, das er kaum dem Namen nach
kannte. Und das Alles, weil eine verwittwete Geheimrthin ihren
Lieblingshund verloren hatte. Dieser Mops war an einem heitern
Frhlingsmorgen, verfhrt durch den Sonnenschein oder durch das Aroma
eines Fleischerjungen, mhsam zwei Treppen bis auf die Strae
hinabgestiegen. Und dort war er verschwunden, im Wasser ertrunken, von
Gaunern gestohlen, von Banditen geschlachtet, kurz er war verschollen;
und keine Zeitungsannonce vermochte die runde Gestalt des Flchtlings in
die Rume zurckzufhren, in denen er so lange als Tyrann geherrscht
hatte. Aus Aerger ber diesen Verlust war die Rthin gefhrlich
erkrankt, und Veitel nahm einen so lebhaften Antheil an ihrem Leide, da
er selbst in Gefahr kam, seine Gesundheit einzuben. Leider waren
Veitels Hoffnungen nicht auf das Leben der wrdigen Dame gerichtet. Er
hatte ein Riesengeschft gewagt, er hatte es unternommen nach vielen
Verabredungen mit seinem Rathgeber Hippus und nachdem er oft in stillen
Nchten seine Brieftasche hervorgeholt und sein Vermgen berrechnet
hatte. Die Speculation war eine der schnsten, welche ein Mann von
Veitels Grundstzen unternehmen konnte, sie war vielleicht ein wenig
gewagt, aber so sauber, wie ein Wickelkind unter dem Badeschwamm.

Ein armer Teufel von Rittergutsbesitzer hatte schlecht gewirthschaftet
und war so lange betrogen worden, bis er sein Gut auf dem traurigen Wege
der nothwendigen Subhastation verloren hatte. Bei diesem Verkauf war ein
Hypothekeninstrument von zwlftausend Thalern ausgefallen. Der
Glubiger, dessen Forderung durch die Verkaufssumme des Gutes nicht
gedeckt werden konnte, hatte vergebens versucht, sich an die Person des
verarmten Gutsbesitzers zu halten. Der Schuldner war ohne alle Mittel,
das Gericht fand nichts, was ihm zu nehmen war. Er war ~frustra
excussus~, wie unsere Juristen sagen, und empfand das Behagen des
Elends, seine Glubiger nicht mehr zu frchten; dies verzweifelte Glck
war fr ihn nach trben Jahren eine Art grnlndischer Sonnenschein. Der
Eigenthmer der Hypothek aber sah wehmthig auf sein zerschnittenes
Document, welches unter solchen Umstnden fr ihn fast nur den Werth von
Maculatur hatte. Den Spraugen Itzigs blieb dies Sachverhltni nicht
unerforscht. Er stand mit dem Gutsbesitzer wohl ein Jahr lang in inniger
Verbindung, er hatte die Geflligkeit, ihm alte Rcke abzukaufen, ja
sogar Geld vorzuschieen, und wurde in manches kleine Geheimni dieses
verfehlten Lebens eingeweiht. So hatte er auch erspht, da sein Kunde
alles Segelwerk seines lecken Fahrzeugs aufspannte, sich in die Gunst
und das Testament einer alten Tante zu setzen, und kam allmlig zu der
Ueberzeugung, da ihm dies gelingen werde. Zwei seidene Halstcher und
ein Paar vergoldete Ohrringe mute Veitel an die Dienstmdchen der
Rthin wenden, um genaue Nachrichten zu erhalten. Der Neffe las der
Tante Mordgeschichten aus den Zeitungen vor, er wurde eingeladen, wenn
die Tante ihr Lieblingsgericht kochen lie, die Tante sprach davon, ihn
zu verheirathen, that es aber nicht, und endlich, als aller Lebensmuth
der Tante durch einen vierwchentlichen Regen fortgeschwemmt worden war,
lie sie Gerichtspersonen kommen, trieb ihren Neffen, der, zum Weinen
gerstet, sein Taschentuch in der Hand hielt, aus dem Zimmer und zwang
durch diese auffallenden Maregeln das Dienstmdchen, an der Kammerthr
zu erlauschen, da sie ihr Testament machte und des armen Neffen darin
ehrenvoll gedachte. Als Veitel dies erkundschaftet hatte, that er den
zweiten groen Schritt und kaufte dem Besitzer des ausgefallenen
Instruments die Urkunde und alle Rechte, welche dieselbe an die Person
des Schuldners gab, um vierhundert Thaler ab.

Jetzt war der Mops verschwunden, die schwer gergerte Tante lag zu
Bett, acht Tage darauf war sie gestorben, und der Neffe erbte den
grten Theil ihrer Hinterlassenschaft. Veitel unterzog sich
bermenschlichen Anstrengungen, um zu verhindern, da sein Schuldner
nicht durch eins von den kleinen Manvern, welche Veitel alle persnlich
kannte, die Erbschaft unsichtbar machte. Wie ein Gespenst verfolgte er
den unglcklichen Erben; kaum hatte dieser sich in die ersten Trume
ber sein knftiges Glck hineingelebt, so stand Veitel als
unerbittlicher Mahner an eine finstere Vergangenheit vor ihm und schlug
durch die eisige Klte seiner Forderungen allen warmen Dampf nieder,
welcher aus der hoffnungsvollen Seele des Erben aufstieg. Es war
unmglich, ihm zu entkommen, mit eisernen Zangen hielt er seinen
Schuldner fest, und das Gesetz half ihm so energisch, da der Erbe nach
vielen Winkelzgen capituliren mute. Durch achttausend Thaler, den
grten Theil seiner Erbschaft, kaufte er sich von Veitel frei.

Heut war der glckliche Tag, wo der junge Geschftsmann sein groes
Capital in der Tasche nach Hause trug. Er flog ber die Strae, er flog
die Treppe hinauf in seine Hinterstube, ganz unsinnig vor Freude. Der
Zwang, den er sich lange angethan, kalt zu scheinen, whrend ihm sein
Herz in Angst und Erwartung wie ein Schmiedehammer pochte, war
berwunden, er war wie ein Kind, wenn auch nicht so unerfahren; er
sprang in der Stube umher, ja er lachte vor Freuden und frug Herrn
Hippus, der ihn seit einigen Stunden erwartete: Welche Sorte Wein
wollen Sie trinken, Hippus?

Wein allein wird's nicht thun, erwiederte Hippus vorsichtig. Inde
ist es lange her, da ich keinen Ungar gekostet habe. Hole eine Flasche
alten Oberungar, oder halt, es ist drauen finster genug, ich will sie
selbst holen.

Was kostet's? rief Veitel.

Zwei Thaler, antwortete Hippus.

Das ist viel Geld, sagte Veitel, aber es ist einerlei, hier sind
sie.

Mit khner Handschwenkung holte er einen Doppelthaler aus der Tasche
seines Beinkleides und warf ihn auf den Tisch.

Schn, nickte Hippus und griff hastig nach dem Geldstck. Aber dies
allein wird's nicht thun, mein Sohn. Ich verlange Procente von deinem
Gewinn. In Erwgung, da wir alte Bekannte sind, und da man seine
Freunde nicht drcken soll, will ich zufrieden sein mit fnf vom Hundert
des Capitals, das du heut eingenommen hast.

Veitel stand starr, sein strahlendes Gesicht wurde pltzlich sehr ernst,
mit offenem Munde sah er auf den schwarzen Mann im Sopha.

Rede nichts, fuhr Hippus kaltbltig fort und warf ber seine Brille
hinweg einen bsen Blick auf Veitel, untersteh' dich nicht, auch nur
ein Wort von deinem Geschacher gegen mich vorzubringen, wir kennen
einander; -- ich habe gemacht, da du das Geld gewinnen konntest, ich
allein. Du brauchst mich, und du siehst, da auch ich dich gebrauchen
kann. Gieb mir auf der Stelle vierhundert von deinen achttausend.

Veitel wollte sprechen.

Kein Wort, wiederholte Hippus und schlug mit dem Geldstck im Tact auf
den Tisch, gieb her das Geld.

Veitel sah ihn an, griff endlich schweigend in die Tasche seines Rocks
und legte zwei Pergamente vor Hippus auf den Tisch.

Noch zwei, fuhr Hippus in demselben Tone fort. Veitel legte hundert
Thaler dazu. Und jetzt das letzte, mein Sohn, nickte der Alte
ermunternd und schlug mit dem Thaler wieder auf den Tisch.

Veitel zgerte einen Augenblick und sah ngstlich auf den Alten, in
welchem eine boshafte Freude mchtig geworden war. Auf diesem Antlitz
war nichts Trstendes zu finden; wieder griff Veitel in die Tasche,
schob das vierte Pergament auf den Tisch und sprach mit klangloser
Stimme: Ich habe mich in Euch geirrt, Hippus. Und darauf holte er sein
Taschentuch hervor, wandte sich ab, schneuzte sich und wischte sich die
nassen Augen.

Hippus achtete wenig auf die elegische Stimmung seines Schlers. Er
befhlte das Pergament, wie man eine Kostbarkeit in der Hand umwendet,
die man vor langer Zeit verloren hat und unerwartet wiederfindet.
Endlich sagte er, seine Beute einsteckend: Wenn du dir's ruhig
berlegst, wirst du einsehen, da ich als guter Freund an dir gehandelt
habe. Ich htte viel mehr fordern knnen.

Veitel stand noch immer am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Ihm war
jmmerlich zu Muthe. Gleich auf dem Heimwege vom Notar hatte er an den
Alten gedacht und den Entschlu gefat, auch diesem eine Freude zu
machen; er hatte ihm eine neue Schnupftabakdose von Silber kaufen und
zehn Ducaten hineinlegen wollen. Und jetzt kam ihm dieser Hippus so!

Da er vor Schmerz ber das Benehmen seines Lehrers kein Wort sprach,
stand Hippus gemchlich auf und sagte wohlwollend: La dir's nicht zu
Herzen gehen, du Dummkopf, sollte ich eher sterben als du, so mache ich
dich zu meinem Erben. Dann wirst du dein Geld wieder bekommen, wenn noch
etwas davon brig ist. Jetzt gehe ich, den Wein kosten. Auf deine
Gesundheit werde ich ihn trinken, gefhlvoller Itzig. Bei diesen Worten
schlich der Alte zur Thr hinaus.

Noch einmal fuhr Veitel nach seinem Taschentuch und wischte eine bittere
Thrne ab, welche an seiner Wange herunterrann. Seine Freude ber den
Gewinn war verdorben. Es war eine unklare Empfindung und ein unreines
Gefhl, das ihn bewegte, denn es war viel Schmerz um die verlorenen
Pergamente dabei. Aber er hatte noch mehr verloren, als sein kostbares
Geld. Der einzige Mensch auf Erden, gegen den er eine Anhnglichkeit
fhlte und von dem er gute Freundschaft erwartete, hatte sich gefhllos,
eigenntzig, feindselig gegen ihn benommen. Zu allen andern Menschen
stand er auf Kriegsfu und erwartete auch von ihnen nichts Anderes, als
Krieg, nur dem kleinen Mann mit der Brille hatte er sein Herz offen
gehalten. Und dies warme Gefhl hatte der Alte durch seine rohe
Forderung tdtlich beschdigt. Es war vorbei zwischen ihm und Hippus, er
konnte den Mann nicht entbehren, aber von dieser Stunde ab trug er einen
Groll gegen ihn mit sich herum, der Alte hatte ihn einsamer und
schlechter gemacht. So erfuhr Veitel den Fluch der Argen, da sie elend
gemacht werden nicht nur durch ihre Missethaten, sondern auch durch ihre
bessern Neigungen.

Doch nicht lange dauerte die Schwermuth des Geschftsmannes, bald griff
er entschlossen in die Tasche, holte den brig gebliebenen Schatz
hervor, untersuchte jedes einzelne Pergament von allen Seiten und
notirte die Nummern zuerst in seine Brieftasche und dann auf einen
Zettel. Den Zettel versteckte er in einem Ritz der Diele. Diese
Beschftigung trstete ihn wieder etwas. Und jetzt wandte er seine
Gedanken auf die Zukunft. Wieder rannte er in dem Zimmer auf und ab und
machte Plne. Seine Weltstellung war mit einem Schlage gendert. Als
Eigenthmer von baaren achttausend Thalern -- ach, es waren nur
siebentausend sechshundert -- stand er unter den Geschftsleuten seiner
Art da als ein kleiner Crsus. Viele Andere machten Geschfte mit
Hunderttausenden, ohne so viel Vermgen zu besitzen als er; die Welt lag
widerstandslos vor ihm, wie eine Perlmuschel auf dem Teller, es kam nur
darauf an, mit welchem Hebel er sie ffnen wollte. Wie sollte er sein
Capital anlegen, verdoppeln, verzehnfachen? Jetzt mute er whlen, und
er mute dies allein thun. Es gab wohl zehn verschiedene Wege fr ihn:
er konnte fortfahren, Geld gegen hohe Interessen zu leihen, er konnte in
Actien speculiren, er konnte das Woll- oder Getreidegeschft betreiben,
und mit einem Gefhl von Stolz sagte sich der Schelm, da er auf jedem
von diesen Wegen so gut vorwrts kommen knnte, wie der verschlagenste
unter seinen Genossen. Aber jede von diesen Ttigkeiten brachte ihm das
geliebte Capital in Gefahr, er konnte dabei ein reicher Mann werden, er
konnte aber auch Alles verlieren; und dieser Gedanke war ihm so
schrecklich, da er sofort alle diese Plne bei Seite warf. Eine
Beschftigung gab es, bei der ein schlauer Mann viel gewinnen konnte,
und bei der es wohl mglich war, groe Verluste zu vermeiden. Von seiner
Heimath aus war er als umherziehender Trdler auf die Hfe der
Gutsherren gekommen, zur Zeit des Wollmarktes hatte er in den Straen
der Stadt den vornehmen Herren mit Schnurrbart und Ordensband seine
Dienste angeboten, im Comtoir seines Brodherrn hatte er sich
unaufhrlich mit dem Vermgen und den Geldgeschften des Landadels
beschftigt. Wie genau kannte er die stille Sehnsucht des alten
Ehrenthal, ein gewisses Rittergut zu besitzen, wie oft hatte ihm der
Mann mit der Brille in hhnischem Scherz gerathen, er solle sich zum
Rittergutsbesitzer machen. Und wie kam es doch, da ihm in seinem
Schmerz ber den Alten pltzlich sein Schulkamerad Anton einfiel und der
Tag, wo er zum letzten Male mit diesem verkehrt hatte? Auch damals, als
er zur Stadt zog und mit Anton zusammentraf, war er auf dem Gute des
Freiherrn umhergestrichen, hatte vor der Thr des Kuhstalls gestanden
und die lange Doppelreihe der gehrnten Rinder abgeschtzt, bis die
Gromagd ihn herrisch wegwies. Und wie ein heier Strahl scho es in
seinen Kopf: er selbst konnte der Rittergutsbesitzer werden, so gut wie
Ehrenthal, er selbst konnte Andere seine weie Wolle waschen lassen und
mit zwei, ja mit vier Pferden nach der Stadt fahren. Er griff mit den
Hnden heftig in die Tischplatte und rief laut: Ich werde es thun!
setzte sich auf dem Stuhl fest und schlug die hagern Arme bereinander.
Und von dem Augenblick an wollte er etwas und begann seine Arbeit.

Und er speculirte schlau. Er hatte nach seiner Meinung ein Recht an das
Gut des Freiherrn gewonnen durch seinen Entschlu, er wollte dies Recht
auch erwerben durch sein Geld, er wollte fr sich eine Hypothek auf dem
Gute des Barons. So wollte er sein Capital sicher stellen auf Jahre,
ruhig wollte er arbeiten, bis der groe Tag kme, wo er mit seinem
Capital das ganze Gut in seine Hnde brchte. Und im schlimmsten Falle,
wenn sein Plan nicht gelang, der jetzt der stille Zweck seines Lebens
werden sollte, dann war wenigstens sein Geld nicht verloren. Unterde
wollte er Agent und Commissionair werden, er wollte Kufe und Verkufe
vermitteln, wie so viele Andere thaten, arme Teufel, die einander die
halben Procente gegenseitig beneideten, und vornehme Herren mit groen
Titeln, welche den Gterschacher in's Groe treiben und Hunderttausende
dabei gewinnen durch List, Bestechung und Schleichwege. Veitel wute,
da es wenig Wege gab, auf denen er nicht bekannt war. So wollte er
anfangen, zunchst mute er als Factotum bei Ehrenthal bleiben, so lange
er den Alten benutzen konnte. Die Rosalie war schn und sie war reich,
denn Bernhard war nicht zu rechnen als Erbe des Vaters. Vielleicht
wollte er werden der Schwiegersohn des alten Ehrenthal, vielleicht
wollte er auch nicht; dies Geschft hatte keine Eile. Und noch Einer
war, mit dem er sich stellen mute: der kleine schwarze Mann, welcher
jetzt drben in der Gaststube seinen theuren Wein trank. Auch mit ihm
mute er von heut ab Rechnung halten, er wollte ihn bezahlen fr jeden
Dienst, den ihm der Alte that, und wollte ihm nur so weit sein Vertrauen
geben, als es nthig war.

Das waren die Entschlsse, zu denen Veitel kam, und als er seinen Plan
berlegt hatte, wie ein Gelehrter das Buch, das er schreiben will, da
trug er seine Pfandbriefe unter das Kopfkissen, verschlo seine Thre,
lehnte einen schweren Stuhl dagegen und warf sich erschpft durch die
Anstrengung des Tages auf sein hartes Lager, er, der neue wild
aufgeschossene Agnat der Rothsattel, der Mitbesitzer ihres schnen
Gutes. Vielleicht war es die aberwitzige Phantasie eines Thoren, was der
Hndler auf seiner rmlichen Stube in unruhiger Seele umhergewlzt
hatte, vielleicht wurde es der Anfang einer Reihe von entschlossenen und
consequenten Thaten, ein finsteres Schicksal fr den Freiherrn und seine
Familie. Der Freiherr selbst sollte darber entscheiden.

       *       *       *       *       *

An demselben Abend saen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube
des Parks, Beide waren allmlig verstummt. Die Mutter sah in tiefen
Gedanken auf den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen
dicken Kopf durchaus in die Flamme der Kerze fahren wollte und immer
wieder an die Glasglocke stie, welche das Licht vor der Nachtluft
schtzte.

Lenore beugte sich ber ein Buch und warf zuweilen einen forschenden
Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da knirschte der Kies, und der
alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener Mtze heran und frug
nach dem gndigen Herrn.

Was bringen Sie? frug Lenore den Graukopf, ist etwas vorgefallen?

Mit dem alten Rappen geht's zu Ende, antwortete der Amtmann besorgt,
er hat wthend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt
liegt er und keucht wie im Sterben.

Das wre der Teufel! rief Lenore aufspringend.

Lenore! schalt die Mutter.

Ich komme, selbst nachzusehen, sagte Lenore eifrig und eilte mit dem
Alten nach dem Hofe.

Das kranke Pferd lag auf seiner Streu triefend von Angstschwei, und
seine Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Athemholen. Beim
Schein der Stalllaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch
auf das leidende Thier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen
Hlfe suchend nach dem Frulein.

Es kennt mich noch, rief sie und winkte den stmmigen Groknecht bei
Seite.

Es hat sich abgearbeitet, sagte der Mann, jetzt ist's ruhig.

Werft Euch sogleich auf ein Pferd und reitet zum Thierarzt, befahl
Lenore dem Knecht.

Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Meilen zu reiten, er
antwortete zgernd: Der Doctor ist niemals zu Hause; ehe er kommt,
ist's mit dem Pferde zu Ende.

Gehorcht! befahl Lenore kalt und wies nach der Thre. Der Knecht ging
widerwillig hinaus.

Was ist das mit dem Groknecht? frug Lenore, als sie mit dem Amtmann
aus dem Stall trat.

Er thut nicht mehr gut und mte fort, ich habe es dem gndigen Herrn
schon oft gesagt. Aber gegen den Herrn Baron ist der Schlingel bethulich
wie ein Ohrwurm; er wei, da er einen Stein im Bret hat; gegen alle
andern Leute ist er widerhaarig, und ich habe tglich meinen Aerger mit
ihm.

Ich will mit dem Vater sprechen, erwiederte Lenore die Stirn faltend.

Der alte Diener blieb stehen und fuhr zutraulich fort: Ach, gndiges
Frulein, wenn Sie sich der Wirthschaft etwas annehmen wollten, das wre
ein wahres Glck fr das Gut. Mit dem Kuhstall bin ich auch nicht
zufrieden. Die neue Wirthschafterin versteht die Mgde nicht zu
tractiren, sie ist zu flatterhaft, Bnder hinten und Bnder vorn. Sonst
war's besser im Gange, da kam der Herr Baron manchmal selbst und besah
das Butterfa. Jetzt hat er wohl andere Geschfte, und wenn die Leute
wissen, da der Herr nachsichtig ist, so spielen sie dem Amtmann Trumpf
aus, wenn er sie scharf behandelt. -- Sie knnen scharf sein mit den
Leuten, es ist jammerschade, da Sie kein Herr sind.

Ja, Sie haben Recht, es ist jammerschade, nickte Lenore beistimmend
ihrem alten Freunde zu. Aber man mu es mit Geduld ertragen. Um die
Molkerei will ich mich kmmern, ich werde von heut ab alle Tage beim
Buttern sein. Wie steht das Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der
Stadt gefahren.

Ja, sagte der Alte gedrckt, der gndige Herr hatten so befohlen, ich
wei nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schttboden schon im
Winter an Hndler verkauft auf Lieferung. Sehen Sie, fuhr er bekmmert
fort und schttelte seinen weien Kopf, sonst verkaufte ich, und ich
schrieb's in's Buch und strich das Geld ein und zhlte es dem Herrn
Baron auf, jetzt kann ich in meinem Buch die Einnahmen nicht mehr
notiren; wenn die Seite zu Ende ist, mache ich einen Strich, aber ich
ziehe keine Summe mehr.

Lenore hrte, die Hnde auf dem Rcken, die Klage theilnehmend an. Hm!
Es wird eine von den neuen Einrichtungen sein. Grmt Euch nur nicht
darber, mein Alter. Ich will, so oft Papa nicht da ist, Nachmittags mit
Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife
dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen Kopf, den ich Ihnen
mitgebracht habe?

Er ist dick angeraucht, sagte der Amtmann schmunzelnd und zog zur
Bekrftigung seine kurze Pfeife halb aus der Tasche. Aber um wieder auf
den Rappen zu kommen, der Herr Baron wird sehr bse sein, wenn er das
Malheur erfhrt, und wir knnen doch nichts dafr.

Ei was, sagte Lenore, wenn wir nichts dafr knnen, wollen wir's
ruhig abwarten. Gute Nacht, Amtmann. Gehen Sie mir zurck zu dem
Pferde.

Zu Befehl, gndiges Frulein, und gute Nacht auch fr Sie, sagte der
Amtmann.

Noch immer sa die Baronin allein unter den schwellenden Knospen der
immergrnen Rose, auch sie dachte an ihren Hausherrn, der sonst selten
an ihrer Seite gefehlt hatte, wenn sie die warmen Frhlingsabende im
Freien zubrachte. Ihr Gemahl war anders geworden. Er war herzlich und
liebevoll gegen sie, wie immer, aber er war oft zerstreut und abgespannt
und wieder reizbarer und durch Kleinigkeiten verstimmt, seine
Frhlichkeit war lauter, und sein Bedrfni nach Herrengesellschaft
grer als vordem. Sein Haus, ja sie selbst, bte geringere
Anziehungskraft aus als sonst, und sie frug sich immer wieder, ob solche
Vernderung die trbe Folge davon sein konnte, da der rosige Hauch der
Jugend von ihrer Stirn schwand. Mit diesem Gefhl rang sie und suchte
ngstlich nach anderen Grnden fr die hufige Abwesenheit des geliebten
Mannes.

Ist der Vater noch nicht zurck? frug Lenore zu ihr tretend. Es fuhr
ein Wagen auf der Landstrae.

Nein, mein Kind, sagte die Mutter, er hat wohl in der Stadt zu thun,
es ist mglich, da er erst morgen zurckkommt.

Ich bin nicht zufrieden damit, da Papa jetzt so viel in der Stadt ist
und bei den Nachbarn umherfhrt, sagte Lenore; es ist lange her, da
er uns des Abends nicht mehr vorgelesen hat.

Er will, da du meine Vorleserin wirst, sagte die Mutter lchelnd. Du
sollst es auch heut Abend sein, hole ein Buch und setze dich artig neben
mich, du Ungeduld.

Lenore verzog schmollend den kleinen Mund, und statt das Buch zu
ergreifen, setzte sie sich neben die Baronin, umschlang sie mit beiden
Armen und sagte, das Haupt der Mutter an sich drckend und ihr das Haar
streichend: Liebes Herz, auch du bist traurig, du hast Kummer, hast du
Sorge um den Vater? Er ist nicht so, wie er frher war. Ich bin kein
Kind mehr, sage mir, was er treibt.

Du bist thricht, antwortete die Baronin mit ruhiger Stimme. Ich habe
nichts vor dir zu verbergen. Wenn dein Vater wirklich etwas hat, was ihn
von uns fortzieht, so drfen wir Frauen nicht darnach fragen, es ist an
uns, zu warten, bis die Stunde kommt, wo der Herr des Hauses uns sein
Herz ffnet.

Und unterde sollen wir uns ngstigen, vielleicht um ein Nichts? rief
Lenore.

Wir sollen uns mhen, ruhig zu sein, und wenn wir vertrauen, wo wir
lieben, ist das nicht schwer, antwortete die Baronin, sich aus dem Arm
Lenorens aufrichtend.

Und doch sind deine Augen feucht und du verbirgst mir deine Sorge,
sprach die Tochter. Wenn du schweigen willst, ich werde es nicht thun,
ich werde den Vater fragen.

Das wirst du nicht, sagte die Baronin in bestimmtem Ton.

Der Vater! rief Lenore, ich hre seinen Tritt. -- Die stattliche
Gestalt des Freiherrn kam mit schnellen Schritten auf die Laube zu.
Guten Abend, Ihr Heimchen, rief er schon von Weitem mit heller Stimme.
Er schlo Frau und Tochter zugleich in seine Arme und sah ihnen so
frhlich in die Augen, da die Baronin ihren Schmerz, und Lenore die
Frage verga. Es ist hbsch, da du so frh zurckkommst, sagte die
Hausfrau mit heiterem Lcheln, Lenore wollte dich heut Abend durchaus
neben uns sehen. Der Abend war so schn.

Der Freiherr setzte sich zwischen die Frauen und frug behaglich:
Kinder, bemerkt Ihr keine Vernderung an mir?

Du bist heiter, sagte die Baronin ihm in's Auge sehend, sonst wie
immer.

Du hast deine Uniform angehabt und Besuche gemacht, sagte Lenore, ich
sehe es an der weien Cravatte.

Ihr habt beide Recht, antwortete der Baron, aber ich bringe doch noch
etwas: der Knig hat die Huld gehabt, mir den Orden zu verleihen, den
der Vater und Grovater getragen haben; es freut mich, da das Kreuz in
unserer Familie fast erblich wird. Und mit dem Orden kam ein gndiges
Schreiben des Prinzen, worin er mir Glck wnscht und sich sehr
freundlich an die Jahre erinnert, die ich in seiner Nhe verlebte, und
auch an dich, du vielumworbene Dame des Hofes. Ich wollte, er she dich
wieder; er wird es fr unmglich halten, da Jahre vergangen sind, seit
er dein Tnzer war.

Welche Freude! rief die Baronin und umschlang den Hals ihres Mannes,
ich habe deiner Toilette den Stern schon seit Jahren gewnscht. Lenore
ffnete unterde das Etui und drehte den Orden beim Licht der Kerze hin
und her. Wir machen ihm die Decoration um. Die Baronin hing ihm das
Kreuz um den Hals und kte loyal erst ihn und dann das Kreuz.

Nun, wir wissen ja, sagte der Baron, was in unserer Zeit von solchem
Schmuck zu halten ist. Doch gestehe ich, da gerade diese
Standesdecoration mir die liebste von allen ist. Unsere Familie ist eine
der ltesten, und in unserer Linie sind, was freilich ein Zufall ist,
niemals Miheirathen vorgekommen. Dies Kreuz ist gegenwrtig so ziemlich
die letzte Erinnerung an die alte Zeit, wo man auf dergleichen noch
groen Werth legte. Jetzt tritt eine andere Macht an die Stelle unserer
Privilegien, das Geld. Und auch wir sind in der Lage, uns darum bemhen
zu mssen, wenn wir unsere Familie in Ansehen erhalten wollen. In dem
Briefe des Prinzen ist das Alter der Familie erwhnt und der Wunsch
ausgesprochen, da sie noch viele Generationen, wie bisher, in
musterhafter Gentilitt, so sind die Worte des Briefes, blhen mge. Du,
Lenore, und dein Bruder, Ihr habt dafr zu sorgen.

Ich lebe in musterhafter Gentilitt, antwortete Lenore, die Arme
bereinanderschlagend. Und fr die Ehre der Familie kann ich nichts
thun. Wenn ich heirathe, wozu ich gar keine Lust habe, so mu ich doch
einen andern Namen annehmen, und es wird dem alten Ahn in der Rstung,
der oben im Erkerzimmer hngt, ziemlich gleich sein, wen ich zu meinem
Herrn mache. Eine Rothsattel kann ich doch nicht bleiben.

Der Vater lachte und zog die Tochter an sich. Wenn ich nur wte, woher
mein Kind diese Ketzereien hat.

Sie ist allmhlig so geworden, sagte die Mutter.

Das wird sich geben, antwortete der Vater und kte die Tochter
herzlich auf die Stirn. Hier lies den Brief des Prinzen, ich sehe nach
dem Pferde, dann essen wir zusammen im Freien.

       *       *       *       *       *

Das Ordenszeichen, eine niedliche Erinnerung an einen gewaltigen Bund
geistlicher Ritter, welche Lnder erobert und ein eigenes Reich
gegrndet hatten, warf in die Seele des Freiherrn ein helles Licht, so
gleichgltig er sich auch dagegen stellte. Die Glckwnsche seiner
zahlreichen Bekannten thaten ihm wohl, und seine Selbstachtung erhielt
dadurch eine geheime Sttze, deren sie manchmal bedurfte. So fand ihn
nach Verlauf einer Woche auch Ehrenthal, der Hndler, als er auf seinem
Wege nach einem nah gelegenen Dorfe vorfuhr, nur um dem Freiherrn zu
gratuliren. Er hatte bereits seine Abschiedsverbeugung gemacht, als er
noch einmal anhielt und die Worte hinwarf: Der gndige Herr hatten
frher die Idee, eine Zuckerfabrik aus Rben anzulegen. Ich hre, es ist
jetzt im Werk, eine Compagnie zu bilden, welche eine solche Fabrik ganz
in Ihrer Nhe bauen will, ich bin aufgefordert worden, an dem Geschft
Theil zu nehmen, und wollte doch erst fragen, wie der Herr Baron es noch
gedenken zu halten in dieser Sache.

Dem Freiherrn war die Nachricht sehr unangenehm. Seit Jahren hatte er
sich mit dem Gedanken getragen, eine gleiche Fabrik auf seinem Grund und
Boden zu errichten, er hatte eine Anzahl hnlicher Unternehmungen
besucht, hatte sich Anschlge machen lassen, mit Technikern verhandelt,
ja er hatte schon den Platz bezeichnet, auf dem das Etablissement am
wenigsten unschn gewesen wre. Er hatte diesen Plan eine Zeit lang mit
groem Eifer verfolgt, allmhlig war er ihm weniger lockend erschienen.
Die Scheu eines vorsichtigen Mannes vor der neuen und noch unsichern
Industrie, die Klagen einiger Bekannten ber die Menge der Kosten und
vor Allem ber die Unruhe und vielen Inconvenienzen, die ein solches
Unternehmen in das Leben eines Gutsbesitzers und die Verwaltung seines
Gutes bringe, das Alles hatte ihn bewogen, das Project liegen zu lassen
und fr die nchsten Jahre eine ruhige Anlage seines Capitals mit
allerdings migem Zinsengenu vorzuziehen. Jetzt sollte eine Anlage,
die er sich doch fr die Zukunft vorbehalten hatte, von Andern
ausgefhrt werden; es war klar, da sein eigenes Project dadurch
zerstrt wurde. Denn zwei gleiche Fabriken in unmittelbarer Nhe muten
sich zuverlssig hindern. Gergert rief er: Gerade jetzt, wo ich mir
auf einige Jahre die Disposition ber die Capitalien genommen habe.

Herr Baron, sagte der Hndler mit Herzlichkeit, Sie sind ein reicher
Mann und angesehen in der Gegend. Wenn Sie erklren, da Sie selbst
anlegen wollen diese Fabrik, so geht der Actienverein auseinander an
demselben Tage.

Sie wissen, da ich das jetzt nicht kann, erwiederte der Freiherr
unwillig.

Wenn Sie wollen, gndiger Herr, so knnen Sie auch, entgegnete der
Hndler mit ehrerbietigem Lcheln. Ich bin nicht der Mann, der Ihnen
zuredet zu einer solchen Fabrik. Was haben Sie nthig, Geld zu
verdienen? Wenn Sie aber jetzt zu mir sagen, Ehrenthal, ich will anlegen
eine Fabrik, so steht Ihnen Capital zu Gebot, so viel Sie haben wollen.
Ich selbst habe eine Summe von sieben-, von zehntausend Thalern
vorrthig, Sie knnen diese erhalten jeden Tag. -- Und ich will Ihnen
einen Vorschlag thun. Ich schaffe Ihnen das Geld, welches Sie brauchen,
zu billigen Zinsen. Fr die Summe, die ich selbst Ihnen gebe, lassen Sie
mir einen Antheil am Geschft bis zu dem Tage, wo Sie mir zurckzahlen
mein Geld. Fr das brige Geld, das Sie brauchen, bestellen Sie Hypothek
auf Ihr Gut bis Sie zurckzahlen in einigen Jahren die ganze Anleihe.

Der Vorschlag erschien uneigenntzig, ja freundschaftlich, aber der
Freiherr fhlte zu lebhaft die groe Vernderung, welche ein solches
Geschft in seinem ganzen Leben hervorbringen werde, er sah mit banger
Sorge und einem Mitrauen sowohl gegen sich selbst, als gegen Ehrenthal
in eine Zukunft von Verwickelungen. Er verhielt sich dehalb sehr khl
gegen Ehrenthals Antrag. Ich danke Ihnen fr das Zutrauen, sagte er,
aber ich will nicht mit fremdem Gelde einrichten, was doch nur aus den
Ueberschssen der eigenen Einnahmen mit Segen erbaut wird.

Ehrenthal mute sich mit diesem Bescheide entfernen und sagte nur noch
an der Thr: Der gndige Herr knnen sich ja die Sache berlegen, ich
getraue mir durch vier Wochen das Actiengeschft aufzuhalten, damit in
dieser Zeit nichts weiter geschieht.

Nur wer einmal in seinem Leben eine gefeierte Sngerin gewesen ist, kann
sich eine Vorstellung von der Flle unbekannter kleiner Briefe, Packete
und Sendungen machen, welche der Freiherr in den nchsten vier Wochen
aus der Stadt empfing. Zuerst schrieb Herr Ehrenthal: Ich habe die
Actionre vier Wochen aufgehalten; dann schrieb Herr Karfunkelstein,
ein Actionr: Ich hre, da Sie wollen anlegen eine Fabrik, in diesem
Falle stehe ich Ihnen nach. Dann schrieb wieder Herr Ehrenthal: Hier
ist eine Jahresberechnung einer hnlichen Fabrik, woraus man kann sehen,
was zu gewinnen wre. Dann schrieb wieder ein Herr Wolfsdorf: Es
verlautet, da der Herr umgehe mit einer Fabrik: ich habe Capitalien
auszuleihen gegen migen Zinsfu und wrde glcklich sein, wenn ich
eine Hypothek erhielte oder am liebsten einen Antheil am Geschft.
Zuletzt schrieb gar ein undeutlicher Herr Itzigveit: Der Herr Baron
soll das Geschft nicht machen mit Ehrenthal, wie man in der Stadt
erzhlt, Ehrenthal ist ein reicher, aber ein interessirter Mann, er soll
ihn wenigstens nicht annehmen zum Compagnon; ich der Briefschreiber will
ihm viel bessere Capitalien verschaffen und ganz andere Theilnehmer,
worauf Herr Ehrenthal wieder genthigt war, zu schreiben: Es werden
Intriguen gespielt von meinen Gegnern in der Stadt, um dem gndigen
Herrn anderes Geld zu seinem schnen Unternehmen zu verschaffen; Sie
knnen thun nach Gefallen, ich bin ein ehrlicher Mann und drnge mich
nicht vor.

Der Freiherr war erstaunt zu sehen, wie leicht und massenhaft seinem
Namen die Capitalien zurollten, und da ganz unbekannte Menschen bereit
waren, das Unternehmen auf seinem Grund und Boden fr ein unfehlbares,
glnzendes, beneidenswerthes zu halten. Er hatte in seinen Speculationen
bis jetzt entschiedenes Glck gehabt, er hatte die Abneigung vor
Geldgeschften ziemlich vollstndig berwunden, ja er hatte sich
gewhnt, einen gewissen Anspruch an die Capitalien Anderer zu machen.
Jetzt wurde er allmlig mit dem Gedanken vertraut, das Geld zur Anlage
seiner Fabrik von Fremden zu nehmen. Nur Eines widerstand seinem Stolz,
den zuvorkommenden Ehrenthal als Theilnehmer zu ertragen; so weit wirkte
der Brief des undeutlichen Schreibers. Und er beschlo, im Fall das
Unternehmen zu Stande kommen sollte, dem Hndler fr sein geliehenes
Geld festen Zinsfu zu gewhren. Vier Wochen kmpfte der Freiherr mit
innerer Unentschlossenheit, oft war seine Stirn umwlkt, oft sah die
Baronin wieder mit stillem Schmerz die Aufregung ihres Gemahls, oft fuhr
dieser nach der Stadt oder auf die Gter seiner Bekannten, um hnliche
Anlagen zu besichtigen und sich die mglichen Vortheile aus
verschiedenen Anschlgen herauszunehmen. Ueber die projectirte
Actiengesellschaft konnte er nichts Sicheres erfahren. Die weniger
gnstigen Nachrichten, welche er ber die Erfolge einzelner Fabrikanten
einsammelte, schrieb er auf Rechnung einer natrlichen Furcht vor seiner
Concurrenz oder auf die unvortheilhafte Anlage ihres Geschftes.

Vier Wochen vergingen, und ein neuer Brief von Ehrenthal erschien, worin
der Baron dringend gebeten wurde, seinen Entschlu mitzutheilen, weil
einzelne von den Actionren gar nicht mehr zu halten wren.

       *       *       *       *       *

Es war der Abend eines heien Tages, als der Freiherr unruhig aus dem
Wirthschaftshof in's Freie trat. Tief unten am Himmel glnzte ein gelbes
blendendes Licht hinter schwarzem Dunst hervor, dicht zusammengeballt
hingen die Wolken ber seinem Scheitel, wie dunkle Felsen der Luft mit
eisigen Gipfeln. Rings um den Herrn des Guts war Schwle, Muthlosigkeit
und bange Ahnung. Im Getreide schwirrten die Grillen lauter als sonst,
unaufhrlich tnte ihr warnender Ruf in das Ohr des Herrn. Die kleinen
Vgel auf den Bumen der Landstrae kreischten in den Zweigen,
flatterten von einem Baum auf den andern und riefen einander zu, da
etwas Furchtbares ber ihre Felder hereinbreche: wir Kleinen werden es
berstehen, schrieen sie, aber die Groen mgen sich hten. Die
Schwalben strichen tief am Boden hin und flogen dicht an dem Freiherrn
vorber, als sei er nicht mehr vorhanden, und die Stelle leer, wo er
stand. Die wilden Blattpflanzen am Wege lieen saftlos ihre Bltter
hngen, sie waren mit hlichem Staub berzogen und sahen aus wie
Gewchse einer untergegangenen Welt, die vor vielen Jahren einmal grn
war und Blthen trug. Eine dicke Staubwolke rollte die Landstrae
entlang auf den Herrn zu, die heimkehrenden Gespanne zogen an ihm
vorber. Schwerfllig schritten die Pferde vorwrts und senkten ihre
Kpfe in den Geschirren. Die hliche gelbe Wolke wlzte sich mit ihnen
fort und verhllte die Umrisse ihres Leibes, da nur die Hlse
hervorragten und sie dem Freiherrn aussahen wie schattenhafte Gestalten,
welche in der Luft dahinfahren. Nach ihnen kam langsam in drei Haufen
die Schafheerde, wieder in Wolken des erstickenden Staubes gehllt. Die
Glckchen der Thiere klangen dumpf in der dicken Luft, und wie aus
weiter Entfernung tnte im Wirbel am Boden bald hier bald dort die
Stimme eines geisterhaften Schferhundes. Und als der Schfer seinen
Herrn grend vorberschritt, sah der Mann so grau und schattenhaft aus,
wie ein Gespenst aus dem Grabe, das einst auf der grnenden Erde
wirkliche Schafe ber das Brachfeld getrieben hatte.

Der Gutsherr blieb stehen an den Pferden und Schafen, er stand vor der
welken Knigskerze am Grabenrand, er hrte auf die Vgel im Laube, es
waren unheimliche Gedanken, die sie ihm gaben. Er ging weiter auf dem
Damm am Teiche, wo einst Anton den letzten Blick auf das Herrenhaus
geworfen hatte. In rothem Feuer stand das Schlo mit seinen Thrmen und
Mauern vor dem Freiherrn, helle Flmmchen brannten auf den Spitzen der
Thrme in die Wolken hinein, im Brand leuchteten alle Fensterscheiben
des Schlosses, und wie Blutstropfen lagen die rosigen Blumenbschel auf
dem schwarzgelben Laub der Kletterpflanzen. Ueber dem Schlosse aber in
der Luft ballte und wlzte sich's, und immer nher kam's in schwarzen
Massen heran, um mit Nacht den glnzenden Bau zu verhllen. Kein Blatt
der Bume bewegte sich, keine Kreiswelle furchte die dunkle
Wasserflche, todt lag sie da, wie ein See der Unterwelt. Der Herr
beugte sich hinab und suchte ein Zeichen des Lebens, nur eine
Wasserspinne, eine Libelle, welche in dem finstern Schweigen um ihn
herum sich leibhaftig regte; -- da starrte ihm aus der Tiefe ein
bleiches Menschengesicht entgegen, da er zurckfuhr und ein zweites Mal
hinsehen mute, um zu lcheln und zu erkennen, da es sein eigener
Wiederschein war. Auch hier war um den Herrn des Guts Schwle,
Mutlosigkeit und bange Ahnung.

Er lehnte sich an den hohlen Weidenstamm und sah unverwandt auf sein
Haus und auf die Fenster, wo seine Lieben wohnten: er suchte nach einem
Umri ihrer Gestalt, er horchte nach einem Ton von dem Flgel der
Baronin, er wnschte, da nur ein helles Band Lenorens niederflattern
mchte von dem Balcon ihres Zimmers; aber kein Zeichen des Lebens war in
dem Hause zu ersphen, das Schlo war ausgestorben, wst, wie ein Bau
aus uralter Zeit, durch geisterhaftes Licht beleuchtet; -- noch wenig
Augenblicke, und es mute verschwinden in dem Boden. Dann konnte das
Wasser darber hinfluthen, und die Leute konnten sich erzhlen, da hier
einst ein schnes Schlo war, in dem ein stolzer Baron lebte, das sei
aber lange, lange her. --

Ein gefallenes Haus, eine untergegangene Familie! -- Wenn die Zeit kam,
wo ein fremder Mann an seiner Stelle stand und ein neues Haus ansah, das
er sich erbaut, dann lag die Wasserflche vor dem Fremden, wie jetzt vor
ihm, dieselbe Erdscholle, die sein Pflug aufwarf, trug auch dem Sptern
bereitwillig Frucht. Dann gaben die Krner aus feinem Korn noch weies
Mehl, die Lmmer von seinen Schafen sprangen um denselben steinernen
Wassertrog, die Ackerflche lag vor dem Neuen da, wie jetzt vor ihm, an
derselben Stelle liefen vielleicht die Wasserrinnen durch das Feld, die
Binsenwurzel unter ihm trieb ebenso ihren Schaft aus dem Wasser: nur er
und sein Geschlecht, die jetzt ber Alles geboten, sie sollten dann
verschwunden sein, verschwunden bis auf eine gleichgltige Erinnerung!

So stand der Herr des Gutes, gelhmt durch den bsen Zauber, der auf der
Erde und auf seiner Seele lag, er holte tief Athem und trocknete den
Schwei von der Stirne, er war rathlos und wie gebrochen. Da fuhr ein
scharfer Ton durch die Wipfel der Bume, es war ein Jagdruf der Lfte.
Noch einmal wurde Alles still, dann raste der Sturmwind pltzlich
hernieder von der Hhe, er rauschte durch die Baumwipfel, er zischte
ber das Wasser; tief beugten die Weiden ihre grauen Aeste, und die
Staubwolken der Strae fuhren in tollen Wirbeln nach der Hhe; der gelbe
Schein an den Mauern des Schlosses verschwand, bleigraue Dmmerung
berzog die Landschaft. Ein zackiger Blitz fuhr durch die Finsterni,
und lang und majesttisch rollte der Donner herauf. Der wilde Jger der
Luft hielt seine Hetzjagd ber die Fluren der Menschen.

Der Freiherr richtete sich hoch auf und ffnete seine Brust dem Zuge des
Sturmwindes. Bltter und Baumzweige flogen um ihn und groe Regentropfen
schlugen auf sein Haupt, er aber starrte nach den Wolken in das Wetter
hinein und auf die Blitze, welche sich kreuzten, als erwartete er von da
oben eine Entscheidung. Da klapperte der Galopp eines Pferdes auf der
Strae und eine frhliche Mnnerstimme rief von der Hhe herab: mein
Vater! Ein junger Reiteroffizier hielt auf der Strae.

Mein Sohn, mein geliebter Sohn, rief der Vater mit bebender Stimme,
du kommst zur rechten Zeit. Er drckte den Jngling fest an sich, und
als er ihn aus der Umarmung los lie, hielt er noch lange seine Hnde
fest und wurde nicht mde, ihn anzusehen. Auch der Reitersmann vor ihm
war mit grauem Staube bedeckt, aber ein jugendliches Gesicht und zwei
kecke Augen sprachen in diesem Augenblick entscheidende Worte zu dem
Vater. Die Unsicherheit, alle trbe Ahnung war verschwunden, er fhlte
sich wieder fest, wie dem Chef seines Hauses geziemte. Vor ihm stand in
blhender Jugend die Zukunft seines Geschlechtes. Da diese Erinnerung
ihm gerade jetzt kam, in der Stunde, wo er einen Entschlu fassen
sollte, das galt ihm fr einen Befehl des Schicksals. Und jetzt komm
nach Haus, sagte er, es ist kein Grund mehr, da wir unsere Begrung
im Regen abmachen.

Whrend die Baronin ihren Sohn auf das Sopha zog und nicht mde wurde,
sich ber sein mnnliches Aussehen zu freuen, und whrend Lenore
sogleich mit dem Bruder ein leichtes Wortgefecht begann, ging der
Freiherr in der Familienstube auf und ab und sah zuweilen durch den
strmenden Regen in die Landschaft hinaus. Immer schneller fuhren die
Blitze durcheinander, und immer krzer wurden die Pausen, in denen der
Donner dem Zucken des Feuerstrahls folgte.

Schliee das Fenster, bat die Baronin, das Wetter kommt herauf.

Es wird unserm Hause nichts thun, antwortete der Freiherr beruhigend.
Der Leiter steht oben auf dem Dach, er glnzte vorhin hell wie ein
Licht durch die dunkeln Wolken. Sieh dorthin, wo die Wolken am
schwrzesten zusammengeballt sind, dort ber der hellen Esche.

Ich sehe die Stelle, sagte die Baronin.

Mache dich gefat, fuhr der Freiherr lchelnd fort, da dein blauer
Himmel dort fr immer durch graue Wolken bedeckt wird, dort wird der
Schornstein der Fabrik ber die Bume ragen.

Du willst bauen? fragte die Baronin besorgt.

Du willst eine Fabrik errichten? rief der Lieutnant vorwurfsvoll.

Ja, sagte der Freiherr zu seiner Gemahlin, das Unternehmen wird viel
Unangenehmes haben fr dich und mich, und wird meine Krfte in jeder
Beziehung in Anspruch nehmen. Wenn ich es doch wage, so geschieht es
nicht um unsertwillen, sondern fr die Kinder, fr die Familie. Ich will
das Gut befestigen bei unserm Hause, ich will seine Einknfte so
vermehren, da der Herr dieses Schlosses in der Lage ist, auch fr die
Zukunft der Lieben zu sorgen, denen er nach dem alten Recht der
Erstgeburt und der mnnlichen Nachfolge das Gut nicht berlassen kann.
Es hat mich langen Kampf gekostet, heut hab' ich mich entschlossen.




IX.


Der Freiherr trieb mit Feuer die Anlage seiner Fabrik. Er suchte
wenigstens einen Theil der Ziegel selbst zu brennen, er bezeichnete die
Stmme des Waldes, welche im Winter zu Bauholz geschlagen werden
sollten. Ein Baumeister wurde durch Ehrenthal empfohlen, und ein
Techniker von dem Freiherrn selbst angeworben. Er erkundigte sich
sorgfltig nach der Vergangenheit des Mannes, dem er Einrichtung und
Betrieb seiner Fabrik bergeben wollte, und wnschte sich Glck, als er
nach langem Suchen einen redlichen Mann fand, der eine ungewhnliche
theoretische Bildung besa. Vielleicht war gerade diese letztere
Eigenschaft vom Standpunkte des Barons nicht ohne Bedenken, denn dem
Erwhlten wurde von zhen Praktikern nachgesagt, da er nie eine Fabrik
in ruhigem Betriebe lassen knne, sondern durch hastige Einfhrung neuer
Erfindungen die tgliche Arbeit zu oft stre. Daher galt er fr
kostspielig und unsicher. Dem Freiherrn war die Intelligenz und
Redlichkeit des Mannes natrlich die Hauptsache, mehr noch als jedem
Andern, weil er im Stillen die Empfindung hatte, da diese
Eigenschaften des Technikers die Mngel seiner eigenen Leitung
ausgleichen mten.

So froh aber diese Aussichten waren, ein Uebelstand war doch dabei.
Ordnung und Behagen waren auf dem Gut nicht mehr zu finden, sie waren
mitten im Sommer fortgeflogen, wie die Strche, welche seit vielen
Jahren hinter der groen Scheuer genistet hatten. Alle Welt wurde durch
die neue Anlage belstigt. Die Baronin verlor eine Ecke des Parks, sie
erlebte das Herzeleid, da ihr ein Dutzend mchtiger alter Bume
niederschlagen wurden. Ein Haufe fremder Arbeiter zog mit Hacke,
Schaufel und Karren wie ein Heuschreckenschwarm ber das Gut. Sie
zertraten die Graspltze des Parks, sie lagerten in ihren Estunden in
der Nhe des Schlosses und genirten die Frauen oft durch ihren Mangel an
Rcksicht. Der Grtner rang die Hnde ber die zahlreichen Diebsthle an
Obst und Gemse. Der Amtmann war in lauter Verzweiflung ber die
Unordnung, welche in seiner Wirthschaft einri. Die neuen Leute, welche
er angenommen hatte, erschwerten ihm die Aufsicht ber das Gesinde. Die
neuen Zugthiere, in der Eile gekauft, reichten nicht aus. Die
Ackerpferde wurden ihm zu Fuhren verwandt, wenn er sie am notwendigsten
im Felde brauchte, seine guten Zugochsen waren fr ihn gar nicht mehr
vorhanden. Der Bedarf der Wirthschaft wurde grer, die Einnahmen
drohten geringer zu werden. Auch die Bodenflche, welche fr die
Rbencultur bestimmt war, machte dem alten Mann schwere Arbeit. In der
Fruchtfolge mute Vieles gendert, die Taglhner sollten fr den neuen
Bau angelernt werden. Lenore hatte viel zu trsten und brachte ihm
manches Pfund Tabak aus der Stadt, damit er seinen Kummer mit den blauen
Wolken in die Luft blasen konnte. Die schwerste Last trug natrlich der
Freiherr selbst. Sein Arbeitszimmer, sonst nur von einzelnen
Bittstellern oder dem Amtmann besucht, wurde jetzt ein Gemeinplatz, wie
der Laden eines Krmers. Nach zehn Seiten sollte er Rath schaffen,
Aufschlu geben, Schwierigkeiten berwinden. Fast tglich jagte er nach
der Stadt, und wenn er am Friede bringenden Abend auf dem Gute war,
erschien er im Familienkreise sorgenvoll, mrrisch, abgespannt. Es war
eine groe Hoffnung, die ihn erfllte, aber es war sehr schwierig, sie
in Wirklichkeit zu verwandeln.

Einigen Trost fand der Freiherr in der lebhaften Anhnglichkeit
Ehrenthals. Dieser wute sich berall ntzlich zu machen, hatte stets
einen guten Rath bei der Hand und war um Auskunft niemals verlegen. Oft
besuchte er das Herrenhaus, dem Baron ein willkommener Gast, weniger den
Frauen. Diese gnnten ihm den Argwohn, da seine Beschwrung die Fluth
von Geschften herauffhre, welche sich durch alle Fenster und Thren
des Schlosses ergo. Glcklicherweise dauerten seine Besuche immer nur
kurze Zeit, und wenn man ihm auch ansah, da er sich auf dem Gut nicht
unbehaglich fhlte, so war sein Benehmen in Betreff der Ehrerbietung
doch durchaus untadelhaft.

An einem sonnigen Mittag trat Ehrenthal mit Brillantnadel und
Busenkrause in das Zimmer seines Sohnes. Willst du heut mitfahren auf
das Gut der Rothsattel, mein Bernhard? Ich habe dem Baron gesagt, da
ich dich mitbringen werde, um dich zu prsentiren der Familie.

Bernhard sprang von seinem Sitze auf. Aber Vater, ich bin den
Herrschaften ja ganz fremd.

Wenn du das Gut gesehen haben wirst, wird es dir nicht mehr fremd sein,
und wenn du gesprochen haben wirst den Baron, die Baronin und das
Frulein, so wirst du sie kennen. Es sind gute Leute, fgte er
wohlwollend hinzu.

Der Sohn hatte noch viele schchterne Bedenken, aber der Vater schlug
sie durch die bestimmte Erklrung nieder, da der Freiherr ihn erwarte.

Bernhard sa im Wagen, ber ihm hoch in der Luft flogen die Vgel, die
Pappeln an der Landstrae schnurrten wie durch ein Band gezogen hinter
ihn, lachend schien die Sonne in sein bleiches Gesicht und frug: wo
kommst du her, Mann, dich kenne ich nicht; er rckte sich auf seinem
Sitze in unruhiger Spannung zurecht. Seit er Anton kannte, ja lnger,
seit er seine Dichter las, hatte er von der kleinen einsamen Stube
sehnschtig auf das frhliche Treiben Solcher gesehen, welche darauf los
leben und unntzes Grbeln hassen. Heut kam ihm vor, als ob er selbst
ein wenig darauf los lebe, heut jagte er in die Welt hinein zu einem
unbekannten Edelmann in das Haus einer berhmten Schnheit, die er sich
ansehen wollte. Er zog seinen Hemdkragen zurecht, drckte den Hut
entschlossen in die Stirn und schlug die Arme unter. Mit scharfem Blick
musterte er die vorbergehenden Reisenden, und die Frau vom Zollhause,
welche das Geld abnahm, fixirte er so unternehmend, da sie ihr
Brusttuch zurecht zog und ihn lchelnd anblinzte. Unterde flo das Herz
des alten Ehrenthal von Lobreden auf den Freiherrn und seine Familie
ber. Noble Leute, rief er; wenn du gesehen haben wirst diese
Baronin, wie sie ist, wenn sie ist in ihrer Spitzenhaube, Alles so fein
und Alles so honett! Zu honett fr die Welt, wie diese Welt einmal ist!
Die Stcke Zucker sind zu gro, und der Wein, den man bei Tische trinkt,
ist zu theuer, aber es ist ihre Qualitt, es steht ihnen gut.

Frulein Lenore soll eine groe Schnheit sein, frug Bernhard. Ist
sie so stolz, wie junge Damen von ihrem Stande zu sein pflegen? -- Mein
armer Bernhard kannte nicht viele junge Damen, weder aus diesem noch aus
einem andern Stande.

Sie ist stolz, sagte der Vater, aber es ist wahr, sie ist schn.
Unter uns gesagt, sie gefllt mir besser, als die Rosalie.

Ist sie blond? Herr Ehrenthal dachte nach. -- Was soll sie anders
sein, als blond oder braun, freilich hat sie blonde Augen. Du kannst dir
auch ansehen die Heerde auf dem Gute und vergi nicht herumzugehen im
Park. Sieh dich um, ob du einen Platz findest, wo du gern sitzen
mchtest mit deinem Buche.

Der arglose Bernhard schwieg und sah mit glnzenden Augen auf die
dunkeln Umrisse des Parks, der am Horizont aufstieg.

Der Wagen hielt vor dem Schlosse. Der Bediente trat an den Schlag. Die
Gste erfuhren, da der Freiherr in seinem Zimmer und die gndige Frau
im Augenblick nicht zu sprechen war, das Frulein aber spazierte im
Garten. Ehrenthal schritt um das Haus, Bernhard neugierig hinter ihm
her. Ueber den Grasplatz kam die hohe Gestalt Lenorens langsam auf die
Fremden zu. Ehrenthal stellte sich auf, bog seinen linken Arm zu einem
Kreise zusammen, steckte seinen Hut hinein und prsentirte: Mein Sohn
Bernhard, dies ist das gndige Frulein. Bernhard verneigte sich tief.
Es war nur ein khler Gru, den Lenore dem Gelehrten schenkte. Wenn Sie
zu meinem Vater wollen, er ist oben in seinem Zimmer.

Ich werde hinaufgehen, sagte Ehrenthal gehorsam. Bernhard, du kannst
unterde zurckbleiben bei dem gndigen Frulein.

In dem Zimmer des Freiherrn legte der Hndler einige tausend Thaler auf
den Tisch und sagte: Hier ist das erste Geld. Und wie wollen der Herr
Baron es mit der Sicherheit halten?

Nach unserer Verabredung mu ich Ihnen dafr Hypothek auf das Gut
geben, erwiederte der Freiherr.

Wissen Sie was, Herr Baron, um jedes Tausend Thaler, das ich Ihnen
zahle, knnen Sie mir nicht immer bestellen eine Hypothek, das macht
viel Kosten und bringt das Gut in schlechtes Renomme. Lassen Sie vom
Gericht ausstellen ein Hypothekeninstrument, welches auf eine groe
Summe lautet, ich will sagen auf zwanzigtausend Thaler. Lassen Sie es
ausstellen auf den Namen der gndigen Frau Baronin, so haben Sie eine
Sicherheit, die Sie jeden Tag verkaufen knnen, und Ihr Gut wird noch
nicht belastet durch ein neues Capital. Und mir geben Sie jedes Mal, so
oft ich an Sie zahle, einen einfachen Schuldschein, worin Sie mir auf
Ihr freiherrliches Wort versichern, da ich fr den Betrag der Summe,
die ich Ihnen zahle, ein Anrecht haben soll an diese Hypothek von
zwanzigtausend Thalern, welche im Hypothekenbuche steht zunchst hinter
den Pfandbriefen. Das ist einfach, und es bleibt still zwischen uns
beiden. Und wenn Sie keine weitern Vorschsse brauchen, dann machen wir
die Sache fest vor dem Notar. Sie cediren mir dann die Hypothek selbst,
und ich gebe Ihnen Ihre Schuldscheine zurck und zahle Ihnen nach, wenn
noch etwas fehlt an den zwanzigtausend Thalern. Ich verlange nichts von
Ihnen, als Ihr Ehrenwort auf einem Blatt Papier, welches nicht grer
ist, als dieses Schnitzel. Und wenn das Gericht Ihnen ausgefertigt hat
das Hypothekeninstrument von zwanzigtausend Thalern, so wre mir's lieb,
wenn Sie's wollten aufheben in meinem Hause.

Als der Freiherr bei der letzten Bedingung unwillig aufsah, legte
Ehrenthal seine Hand auf den Arm des Herrn und sagte vertraulich: Seien
Sie ruhig, Herr Baron; dagegen, da ich selbst aufheben will das
Hypothekeninstrument, drfen Sie nichts einwenden. Ich kann keinen
Mibrauch damit treiben, und es ist mir eine Beruhigung. Jeder Jurist
wird Ihnen sagen, da ich in diesen Sachen gegen Sie verfahre, wie es
selten vorkommt im Geschft. Oft wird ein Wort gebrochen, das Einer dem
Andern gegeben hat, aber wenn es etwas gibt, was fest ist auf dieser
Welt, so ist es fr mich, wenn Sie mir geben Ihr Ehrenwort. Ist es nicht
geschftlich, Herr Baron, da ich so denke, so ist es doch
freundschaftlich.

Ehrenthal sagte das mit einem Ausdrucke von Herzlichkeit, der nicht ganz
erlogen war. Was er anbot, zeigte in der That ein groes Vertrauen. Nach
vielen Berathungen mit Veitel Itzig war er auf diese Maregel gekommen.
Er wute, da der Freiherr auer den zwanzigtausend Thalern noch manches
andere Capital fr die Fabrik brauchen wrde. Es lag im Interesse auch
des Hndlers, da der Freiherr noch andere Summen ohne Schwierigkeit
erhielt. Und er traute dem Edelmann; er, der durchtriebene Schelm, hatte
einen festen Glauben an den adeligen Sinn des Andern. Auch wenn ihn
Itzig nicht unaufhrlich auf den ehrenwerthen Charakter des Gutsherrn
aufmerksam gemacht htte, er wrde ihm nichts Unehrliches zugetraut
haben. Was von achtungsvoller Zuneigung in seiner Seele noch Raum hatte,
das war dem Freiherrn zu Theil geworden. Der Herr war seit langer Zeit
der Gegenstand seiner Sorge, seiner Arbeit, seiner eiferschtigen
Wachsamkeit. Er war dem Schurken geworden, was dem Landwirth sein Acker,
der Hausfrau ihr Lieblingsthier ist. Es war ein allerliebster kleiner
Theil von gemthlicher Zuneigung in dem Verhltni. Auch die Hausfrau
vertritt eifrig die Tugenden ihres vierbeinigen Pfleglings, sie
betrachtet ihn mit Freude und findet sein Temperament ungewhnlich
sanft. Sie ist geneigt, ihren Liebling fr das vortrefflichste Stck
seiner Art zu halten, und wenn der Schlachttag kommt, vergiet sie
vielleicht eine Thrne. Aber, beim heiligen Antonius! so leid es ihr
auch thut, sie wird das arme Ding doch schlachten.

       *       *       *       *       *

Unterde sagte unten Lenore zu Bernhard: Ist Ihnen gefllig, in den
Park zu gehen? Bernhard folgte schweigend und sah scheu auf die
Aristokratin, welche ihren Kopf trotzig in die Hhe warf und wenig von
seiner Anwesenheit erbaut schien. An dem grnen Platz, der einst Anton
so entzckt hatte, blieb sie stehen und wies auf den Kiesweg. Dort
hinab geht es zum See, und hier weiter hinein in den Garten. Sie erhob
die Hand zu einer verabschiedenden Bewegung. Bernhard aber sah staunend
auf den Platz, auf die Thrmchen des Schlosses, die Schlingpflanzen des
Balcons und rief: Das habe ich schon einmal gesehen, und ich bin doch
nie hier gewesen.

Lenore blieb stehen: Das Haus ist nicht nach der Stadt gekommen, so
viel ich wei; es mag wohl andere geben, die hnlich aussehen.

Nein, erwiederte Bernhard sich besinnend, ich habe das Schlo auf
einer Zeichnung im Zimmer eines Freundes gesehen. Er mu Sie kennen,
rief er freudig, und er hat mir doch nie etwas davon gesagt.

Wie heit dieser Herr, der Ihr Freund ist?

Es ist ein Herr Wohlfart.

Das Frulein wandte sich lebhaft zu dem Gelehrten: Wohlfart? Ein
Kaufmann bei T. O. Schrter, Colonialwaaren und Producte? Ist's dieser
Herr? -- Und dieser Herr ist Ihr Freund? Wie kommen Sie zu der
Bekanntschaft? frug sie streng und stellte sich vor Bernhard auf, die
Hnde auf dem Rcken, wie ein Lehrer, der einen kleinen Dieb wegen
gestohlener Aepfel in's Verhr nimmt.

Bernhard erzhlte, wie er Anton kennen gelernt hatte und wie lieb ihm
der tchtige Freund geworden war. Darber verlor er etwas von seiner
Befangenheit, und das Frulein viel von ihrer Strenge.

Ja, wenn Sie so sind, sagte Lenore noch immer verwundert. Also wie
geht es Herrn Wohlfart? Erzhlen Sie geschwind, wie sieht er aus, ist er
lustig? Er hat wohl recht viel zu thun?

Bernhard erzhlte, er wurde immer beredter. Lenore setzte sich in die
Rosenlaube und winkte ihm herablassend, gegenber Platz zu nehmen. Als
er geendet hatte, sagte sie freundlich: Wenn Herr Wohlfart Ihr Freund
ist, so gratulire ich Ihnen, er ist ein guter Mensch; ich will hoffen,
da Sie das auch sind.

Bernhard lchelte: Unter meinen Bchern habe ich nur wenig Gelegenheit,
meinen guten Willen dafr zu erweisen. Ich lebe still vor mich hin und
zirpe wie eine Grille; in dem Treiben der Welt komme ich mir oft recht
unntz vor.

Das viele Studiren wre nicht meine Sache, erwiederte Lenore. Man
sieht Ihnen auch an, da Sie wenig in der freien Luft leben. Kommen
Sie, mein Herr, ich werde Sie herumfhren. So setzen Sie doch Ihren Hut
auf!

Der Bediente trat mit dem Theebret aus der Halle. Lenore winkte ihm und
sah wohlwollend zu, als Bernhard den heien Trank so eilig einschlrfte,
wie ein Ritter seinen Steigbgeltrunk. Verbrennen Sie sich nicht,
ermahnte sie.

Sie fhrte ihn durch den Park, wie sie einst Anton geleitet hatte.
Bernhard war ein Sohn der groen Stadt. Nicht die hohen Baumkronen,
nicht die blhenden Beete im grnen Rasen, auch nicht die Thrmchen des
Herrenhauses waren ihm etwas Ungewhnliches, sein Auge hing nur an dem
Frulein. Es war ein klarer Abend im September. Das Sonnenlicht fiel
schrge durch das Laub, der Kiesweg war gefleckt von gelben Lichtern und
dunklen Schlagschatten. So oft ein Sonnenstrahl durch die Bltter auf
Lenorens Haupt scho, glnzte ihr Haar wie Gold. Das stolze Auge, der
feine Mund, die schlanken Glieder des krftigen Mdchens nahmen die
Empfindung des Gelehrten gefangen. Sie lachte und zeigte die weien
kleinen Zhne, und er war entzckt; sie brach einen Zweig ab und schlug
damit an die Bsche am Wege, und ihm war, als neigten sich die Zweige
und Bltter vor ihr auf den Boden.

Sie kamen an die Brcke, an den Ausgang des Parks nach dem Feld. Einige
Mdchen liefen an Lenore heran, knixten und kten ihr die Hnde, sie
nahm diese Huldigung der Unterthanen wie eine Knigin hin. Zwei kleine
Dirnen hatten die hohlen Stengel des Lwenzahns in Kettenglieder
zusammengebogen und eine lange Kette daraus gemacht, sie stellten sich
verschmt vor Bernhard in den Weg und hielten ihm die Kette vor.

Hinweg, Ihr unartiges Volk! rief Lenore. Wie knnt Ihr uns den Weg
versperren, der Herr kommt ja aus dem Schlo. -- Sie lernen dies
Wegelagern von den fremden Arbeitern. Und Bernhard fhlte mit Stolz,
da er in diesem Augenblicke zu ihr gehrte. Er griff in die Tasche und
lste sich von den Mdchen. Es ist lange her, da ich eine solche
Kette nicht gesehen habe, sagte er. Dunkel erinnere ich mich, da ich
als kleiner Knabe auch einmal auf einem grnen Platze sa und die Stiele
zusammensteckte. Er pflckte einige Stengel des Lwenzahns und
versuchte die Kinderarbeit.

Haben die gelehrten Herren auch an solchen Spielen Freude? frug Lenore
lchelnd.

O ja, erwiederte Bernhard. Ich habe auch die spitzen Blthen von
Akley und Rittersporn zu runden Krnzen in einander gesteckt und in
meinen Bchern gepret, dann trocknete ich Bltter und ganze Blumen,
dann legte ich ein Herbarium an. Was uns als Erwachsene interessirt, das
knpft sich hufig an eine kleine Freude der Kinderzeit. Aus dem Kind,
das zufllig einige bunte Krystalle in die Hand bekam, wird vielleicht
ein Mineralog, und schon mehr als ein berhmter Reisender ist durch den
Robinson Crusoe zu seinen Entdeckungen gekommen. Es ist immer eine
Freude, zu erfahren, wie ein bedeutender Mann das gefunden hat, was
seine Seele erfllt.

Wir Frauen sehen das ganze Leben hindurch die Natur an wie die Kinder,
sagte Lenore, wir spielen mit den glnzenden Steinen und Blthen noch
in unsern alten Tagen, gerade so wie die Mdchen vor uns. Und die Kunst
ist so gefllig, uns Blumen und Steine nachzumachen, damit wir nur
niemals das Spielzeug entbehren. -- Wenn Sie so gut mit den
Kinderspielen Bescheid wissen, dort ist etwas fr Sie, sie wies auf
einen groen Klettenstrauch am Weg. Haben Sie sich jemals eine Mtze
aus Kletten gemacht?

Nein, erwiederte Bernhard mit bangen Ahnungen.

Sie sollen sogleich eine haben, sagte Lenore. Sie gingen zu dem
Klettenstrauch. Bernhard pflckte die runden Kpfe ab und reichte ihr
einige Hnde voll hin. Sie nestelte die Kletten an einander und machte
eine Kappe mit zwei kleinen Hrnern daraus. Das knnen Sie aufsetzen,
sagte sie gndig.

Bernhard hielt das kleine Monstrum in der Hand. Allein wage ich's
nicht, sagte er, die Vgel auf den Bumen wrden mich zu sehr
anschreien. Wenn Sie auch eine Haube aufsetzen wollten --

Kletten knnen Sie nicht verlangen, erwiederte Lenore, aber Sie
sollen den Willen haben. Kommen Sie zurck, ich zeige Ihnen, wie wir als
Mdchen unsere Mtzen gemacht haben. Sie fhrte ihn an eine Stelle, wo
eine Gruppe Sonnenrosen mit schwarzen Gesichtern und gelben Strahlen am
Rande des Gebsches stand. Dort schnitt sie mit einem kleinen
Trennmesser einige Blumen ab, durchstach die Stengel und band sie zu
einem Helm zusammen, den sie sich lachend aufsetzte. Es war ein
fremdartiger Schmuck und gab dem schnen Gesicht ein wildes Ansehen.
Jetzt setzen Sie Ihre Kappe auf, befahl sie. Bernhard gehorchte, und
sein ehrbares faltiges Gesicht, der schwarze Frack und die weie
Cravatte erschienen unter der Klettenmtze so abenteuerlich, da Lenore
ihr Lachen nicht bekmpfen konnte und vergebens den Mund hinter ihrem
Taschentuch verbarg. Sie sehen schrecklich aus. Bernhard nahm den
Kopfputz sogleich wieder ab. Kommen Sie zum Wasser, dort sollen Sie Ihr
Spiegelbild sehen.

Sie fhrte ihn an die Stelle, wo der Grund des Fabrikgebudes
ausgegraben wurde. Es war ein wster Platz. Erdhaufen, einige tausend
Ziegel, Baumstmme und Balken waren zusammengefahren. Die Arbeiter
hatten Feierabend gemacht und den Platz verlassen, nur einige Kinder aus
dem Dorfe kauerten unter dem Holz und sammelten die Spne zum
Abendfeuer. Wenige Schritte hinter der Baustelle zog sich eine Bucht des
See's heran, durch Gebsch eingefat und mit grnen Wasserlinsen
berdeckt. Wie wst es hier aussieht, klagte Lenore, die Zweige der
Strucher sind geknickt, auch die Bume sind beschdigt. Das Alles macht
der Bau. Wir kommen der fremden Arbeiter wegen jetzt nur selten hierher.
Auch die Kinder vom Dorfe sind dreist geworden, sie haben hier einen
Spielplatz aufgeschlagen, und es ist ihnen gar nicht zu wehren.

In dem Augenblick fuhr ein Kahn hinter dem Vorsprung des Gehlzes
hervor. Ein kleines Bauermdchen, ein bausbckiges rundes Ding, stand
darin und wankte ngstlich bei der raschen Bewegung des Kahnes, den ihr
lterer Bruder mit einer Stange vom Ufer abstie. Sehen Sie, rief
Lenore rgerlich, die Krabben haben auch unsern Kahn genommen. Wollt
Ihr sogleich an's Land. Die Kinder erschraken ber den Zuruf, dem
Knaben fiel die Stange in's Wasser, das kleine Mdchen schwankte in der
Angst des bsen Gewissens an den Rand des Kahnes, sie verlor das
Gleichgewicht und fiel in's Wasser. Der Knabe trieb hlflos mitten in
der Bucht. Ein lauter Schrei vom Ufer und aus seiner Kehle folgte dem
Fall der Kleinen. Retten Sie das Kind! rief Lenore auer sich.
Bernhard lief gehorsam in den See, ohne daran zu denken, da er nicht
schwimmen konnte, er watete einige Schritt vor und stand gleich darauf
hlflos bis unter die Arme in Schlamm und Wasser. Er streckte die Hnde
nach der Stelle aus, wo das Kind versunken war, aber der Punkt war noch
einige Klaftern von ihm entfernt. Unterde war Lenore schnell wie der
Blitz hinter einen Strauch gesprungen. Nach wenig Augenblicken trat sie
hervor und eilte an einen Vorsprung des Ufers. Aus der Tiefe der grnen
Wasserlinsen sah Bernhard mit Entsetzen und Wonne auf die hohe Gestalt.
Noch haftete die phantastische Blumenkrone auf ihrem Haupt, das luftige
Kleid flo jetzt in leichten Falten an ihrem Leibe herunter, aus dem
entschlossenen Gesicht starrten die Augen nach der Stelle, wo der Rock
des Kindes wieder sichtbar wurde. Sie erhob die Arme hoch ber das Haupt
und strzte sich mit einem Sprunge in den See. Der Kranz fiel von ihrem
Haupt, in langen Sten schwamm sie auf das Kind zu. Sie fate den Rock,
noch zweimal griff sie mit der freien Hand aus und hatte den Kahn
erreicht. Sie hielt sich daran fest, sie spannte alle Kraft an, das
Kind hineinzuheben, sie fate die Kette des Kahns und zog ihn hinter
sich an das Land. Bernhard, der bleich wie der Tod ihrer Anstrengung
zugesehen hatte, kmpfte sich an das Ufer zurck, er reichte ihr die
Hand und zog den Kahn an's Land. Lenore ergriff das bewutlose Kind,
Bernhard hob den Knaben an das Ufer, und vorwrts eilten Beide zu der
nahen Grtnerwohnung, der Knabe lief mit gellendem Geschrei hinter ihnen
her. Das nasse Gewand legte sich dicht an Lenorens Leib, die schnen
Formen des Krpers wurden in der raschen Bewegung dem Auge ihres
Begleiters fast unverhllt sichtbar. Sie achtete nicht darauf. Bernhard
drang mit ihr in die Stube des Grtners, aber Lenore trieb ihn hastig
wieder hinaus. Mit Hlfe der erschrockenen Grtnersfrau entkleidete sie
das Kind und suchte das bewutlose durch Reiben in's Leben
zurckzubringen. Unterde lehnte Bernhard drauen an der Thr vor Klte
klappernd und in einer Aufregung, welche seine Augen glhen machte wie
Kohlen. Lebt das Kind? rief er durch die Thr.

Es lebt, rief Lenore vom Bett zurck.

Gelobt sei Gott! rief Bernhard und schlug die Hnde zusammen; aber der
Gott, an den er in diesem Augenblick dachte, war das schne Weib dadrin,
von dessen Reizen sein Auge mehr gesehen hatte, als irgend ein anderer
Mann. Lange stand er so, schauernd und vor sich hin trumend, bis eine
hohe Gestalt in wollenem Rock und Mieder aus dem Hause trat. Es war
Lenore in den Kleidern der Grtnerin, noch ergriffen von der
Anstrengung, aber mit einem frhlichen Lachen auf den Lippen. Auer sich
griff Bernhard in strmischer Bewegung nach ihrer Hand und kte sie
mehr als einmal, er htte vor ihr auf die Knie sinken mgen.

Sie sehen schn aus, mein Herr, sagte Lenore heiter, Sie werden sich
verklten.

Er stand vor ihr, na, am ganzen Krper triefend, mit Wasserlinsen und
Schwamm berzogen. Ich fhle nichts von Klte, rief er, aber seine
Glieder schtterten.

Schnell in das Haus, trieb Lenore. Sie ffnete die Thr und rief der
Frau zu: Geben Sie dem Herrn Kleider des Grtners zum Wechsel. -- Dort
in der Kammer machen Sie Ihre Toilette.

Bernhard lief nach der Kammer, die Grtnersfrau trug ihm herzu, was sie
von Kleidern in der Eile fand. Nach einer Weile trat er, in einen
Bauernburschen verwandelt, vor das Haus, wo Lenore in der Abendsonne mit
schnellen Schritten auf und ab ging. Kommen Sie nach dem Schlo, sagte
das Frulein, welche wieder ihre ruhige Gnnermiene angenommen hatte.

Noch einmal mchte ich das Kind sehen, bat Bernhard. Sie traten an das
Bett, auf welchem das Mdchen lag; mit mden Augen sah die Kleine auf
das faltige Gesicht des Mannes, der sich ber das Lager beugte und ihr
die Stirn kte. Es ist das Kind eines Tagelhners aus dem Dorfe,
sagte die Frau. Bernhard legte hinter Lenorens Rcken seine Brse auf
das Bett.

Eilig schritten Lenore und Bernhard dem Schlosse zu, wo Ehrenthal an
seinem Wagen ungeduldig die Rckkunft des Sohnes erwartete und mit
malosem Erstaunen in dem Grtnerburschen seinen Bernhard erkannte.

Geben Sie dem Herrn einen Mantel, befahl Lenore dem Bedienten, er
friert. Wickeln Sie sich gut ein, Sie knnten sonst lange an Ihren
Marsch unter die Wasserlinsen denken.

Und Bernhard dachte lange daran. Er hllte sich in den Mantel und
drckte sich in eine Ecke des Wagens, dem kalten Bade folgte brennende
Gluth, strmisch rollte sein Blut durch die Adern. Er hatte das schnste
Weib der Welt gesehen, er hatte etwas erlebt, was fr ihn grer und
hinreiender war, als jeder Dichtertraum in seinen Pergamenten. Mit
Scham dachte er daran, wie unbehlflich er selbst gewesen war, und wie
von seinem tiefen Stand im Wasser sah er zu der Heldin auf, welche so
entschlossen und stark gewesen war. Nur kurze Antworten vermochte er
auf die Fragen seines Vaters zu geben. So saen Vater und Sohn neben
einander, kalte Arglist und die Gluth der Leidenschaft. Beide hatten auf
dieser Fahrt erreicht, wonach sich ihr Herz so lange gesehnt, der Vater
ein Anrecht an das schne Gut, der Sohn ein Abenteuer, das seinem Leben
einen neuen Inhalt gab.

Auf dem Gute stieg das Fabrikgebude langsam in die Hhe, in dem
Geldschrank Ehrenthals fllte sich die Cassette des Freiherrn mit seinen
Schuldverschreibungen und dem neuen Hypothekeninstrument, und whrend
Bernhards zarter Leib an den Folgen des kalten Bades krnkelte,
berauschte sich seine Seele an sen Phantasien.




~X.~


An einem Nachmittage brachte der Briefbote einen schwarzgesiegelten
Brief an Finks Adresse. Fink ffnete den Brief und ging schweigend auf
sein Zimmer. Als er nicht wieder herunterkam, eilte Anton besorgt zu ihm
hinauf. Er fand Fink auf dem Sopha sitzend, den Kopf auf die Hand
gesttzt.

Du hast eine traurige Nachricht erhalten? frug Anton.

Mein Oheim ist gestorben, erwiederte Fink, er, vielleicht der
reichste Mann der Wallstreet in Newyork, ist auf einer Geschftsreise
mit der Maschine eines Missisippiboots in die Luft geflogen. Er war ein
unzugnglicher Mann; mir hat er in seiner Art viel Gte erzeigt, und ich
habe ihm als thrichtes Kind mit Undank vergolten. Dieser Gedanke macht
mir seinen Tod bitter. Auerdem wird das Fact entscheidend fr meine
Zukunft.

Du willst fort von uns? fiel Anton erschrocken ein.

Ich werde morgen abreisen. Mein Vater ist zum Universalerben des
Verstorbenen ernannt, mir hat dieser seinen Landbesitz in den
westlichen Vereinsstaaten als Legat vermacht. Mein Oheim war ein groer
Landspeculant, und es gilt jetzt schwierige und verworrene Verhltnisse
zu lsen. Dehalb will mein Vater, da ich so schnell als mglich nach
Newyork gehe, und auch ich merke, da die persnliche Anwesenheit der
Erben dort nthig ist. Mein Vater hat auf einmal ein groes Zutrauen zu
meiner Umsicht und Geschftskenntni bekommen. Lies selbst seinen
Brief.

Anton zgerte den Brief zu nehmen. Lies, Anton, sagte Fink mit trbem
Lcheln, in meiner Familie schreiben Vater und Sohn einander keine
Geheimnisse. Anton sah auf eine Stelle: Die vortrefflichen Zeugnisse,
welche Herr Schrter mir ber deinen praktischen Sinn und deinen
Scharfblick im Geschft eingesendet hat, veranlassen mich, dich zu
ersuchen, da du selbst hinbergehst. Ich wrde dir in diesem Fall Herrn
Westlock aus unserem Geschft zur Hlfe mitgeben.

Anton legte den Brief schweigend auf den Tisch, und Fink frug: Was
sagst du zu dem Lob, welches mir der Prinzipal so freigebig ertheilt?
Wie du weit, habe ich einigen Grund, zu glauben, da ich nicht in
seiner Gunst stehe.

Und doch halte ich das Lob fr gerecht und sein Urtheil fr richtig,
erwiederte Anton.

Gleichviel aus welchen Grnden es gegeben ist, erwiederte Fink, es
entscheidet mein Schicksal. Ich werde jetzt, was ich mir lange gewnscht
habe, Grundbesitzer jenseit des Wassers. -- Auch wir mssen uns trennen,
lieber Anton, fuhr er fort und hielt dem Freunde die Hand hin, ich
habe nicht geglaubt, da das so schnell kommen wrde. Doch wir sehen uns
wieder.

Vielleicht, sagte Anton traurig und hielt die Hand des jungen Erben
fest. Jetzt aber geh zu Herrn Schrter, er hat das erste Anrecht, zu
erfahren, da du uns verlassen willst.

Er wei es bereits, sagte Fink, auch er hat einen Brief meines Vaters
erhalten.

Um so mehr wird er erwarten, da du mit ihm sprichst.

Du hast Recht, la uns gehen.

Anton eilte auf seinen Platz zurck, und Fink trat in das kleine Zimmer
des Prinzipals hinter dem zweiten Comtoir. Der Kaufmann kam ihm ernst
entgegen und sagte, nachdem er in wrdiger Weise seine Theilnahme
ausgedrckt hatte: Es versteht sich, da von dieser Stunde an Ihr
Verhltni zu meinem Geschft gelst ist; whrend der Tage, welche Sie
noch hier zubringen, bitte ich Sie, sich als einen Gast meines Hauses zu
betrachten, dem ich fr seine Thtigkeit in meinem Interesse zu vielem
Danke verpflichtet bin. Nehmen Sie Platz, Herr von Fink, und lassen Sie
uns ruhig besprechen, womit ich Ihnen etwa noch dienen kann.

Fink sagte vom Sopha aus mit ebenso groer Artigkeit: Die Bestimmungen,
welche mein Vater ber meine Zukunft getroffen hat, stimmen so sehr mit
dem zusammen, was ich mir selbst fr meine knftige Thtigkeit gewnscht
habe, da ich Ihnen darber meinen Dank aussprechen mu. Ihre Urtheile
ber mich sind gnstiger gewesen, als ich es nach Manchem, was
vorgefallen ist, erwartet habe. Waren Sie in der That zufrieden mit mir,
so wird es mich freuen, wenn ich aus Ihrem Munde dasselbe hre.

Ich war es nicht ganz, Herr von Fink, erwiederte der Kaufmann mit
Haltung, Sie waren hier nicht an Ihrem Platz. Das durfte mich nicht
verhindern, zu beurtheilen, da Sie fr eine andere, immerhin grere
Thtigkeit vorzgliche Befhigung haben. Sie verstehen ausgezeichnet zu
disponiren und die Menschen unter Ihre Herrschaft zu bringen, und
besitzen eine ungewhnliche Energie des Willens. Fr solche Natur ist
das Pult im Comtoir nicht der rechte Ort.

Fink verneigte sich. Es wre demungeachtet meine Pflicht gewesen, diese
Stelle ganz auszufllen; ich bekenne, da ich das nicht immer gethan
habe.

Sie kamen her, ohne an eine regelmige Thtigkeit gewhnt zu sein, und
haben sich in den letzten Monaten nur noch sehr wenig von einem
fleiigen Comtoiristen unterschieden. Dehalb und weil ich die
Ueberzeugung habe, da Sie Ihrem Wesen nach nicht sowohl zum Kaufmann
als zum Fabrikanten passen, habe ich Ihrem Herrn Vater so ber Sie
berichtet, wie ich berichtet habe.

Sie halten mich fr geeignet, Fabrikant zu werden? frug Fink mit einer
Verbeugung, welche fr die gute Meinung danken sollte.

Im weitesten Sinne des Wortes, erwiederte der Kaufmann. Jede
Thtigkeit, welche neue Werthe schafft, ist zuletzt Thtigkeit des
Fabrikanten; sie gilt berall in der Welt fr die aristokratische. Wir
Kaufleute sind dazu da, diese Werthe populr zu machen.

In diesem Sinne lasse ich Ihre Ansicht gern gelten, antwortete Fink
und erhob sich von seinem Platz.

Ihr Abgang wird fr einen unserer Freunde ein groer Verlust sein,
sprach der Kaufmann, den Erben begleitend.

Fink blieb stehen und sagte schnell: Geben Sie mir ihn mit nach
Amerika. Er hat das Zeug, dort sein Glck zu machen.

Haben Sie bereits mit ihm darber gesprochen? frug der Kaufmann.

Nein, sagte Fink.

So will ich Ihnen mein Bedenken nicht verhehlen; Wohlfart ist jung, und
die bescheidene und regelmige Thtigkeit des Binnengeschfts erscheint
mir noch auf Jahre hinaus fr die Bildung seines Charakters
wnschenswerth. Uebrigens wissen Sie, da ich durchaus kein Recht habe,
den freien Entschlu desselben zu bestimmen. Ich werde ihn ungern
verlieren; wenn er aber die Ueberzeugung hat, in Ihrer Nhe schneller
sein Glck zu machen, so werde ich nichts dagegen einwenden.

Gestatten Sie mir, ihn sogleich darber zu fragen, sagte Fink.

Er rief Anton in das Comtoir und sagte zu ihm: Anton, ich habe Herrn
Schrter gebeten, dich mit mir zu entlassen. Es wrde mir viel werth
sein, dich mitzunehmen; du weit, da ich an dir hnge, wir werden in
den neuen Verhltnissen zusammen tchtig vorwrts kommen, du selbst
sollst die Bedingungen festsetzen, unter denen du mit mir gehst. Herr
Schrter berlt deinem freien Entschlu die Entscheidung.

Anton stand betroffen und nachdenkend; die Bilder der Zukunft, welche
sich so pltzlich vor ihm aufrollten, erschienen ihm sehr lachend, aber
er fate sich schnell, sah auf den Prinzipal und frug diesen: Sind Sie
der Meinung, da ich gut thue, wenn ich gehe? --

Nicht ganz, lieber Wohlfart, erwiederte der Kaufmann ernst.

Dann bleibe ich, sagte Anton entschlossen. Zrne mir nicht, da ich
dir nicht folge, ich bin eine Waise und habe jetzt keine andere Heimath
als dies Haus und dies Geschft; ich will, wenn Herr Schrter mich
behalten will, bei ihm bleiben.

Durch diese Worte fast gerhrt, sagte der Kaufmann: Denken Sie aber
auch daran, da Sie mit diesem Entschlu Vieles aufgeben. In meinem
Comtoir knnen Sie weder ein reicher Mann werden, noch das Leben in
groen Verhltnissen kennen lernen; unser Geschft ist begrenzt, und es
werden wohl die Tage kommen, wo die Beschrnkung desselben auch Ihnen
peinlich erscheinen wird. Alles, was eine Selbstndigkeit Ihrer Zukunft
sichert, Vermgen und Bekanntschaften, vermgen Sie drben leichter zu
erwerben, als bei mir.

Mein guter Vater hat mir oft gesagt: Bleibe im Lande und nhre dich
redlich. Ich will nach seinen Worten leben, antwortete Anton mit einer
Stimme, die vor innerer Bewegung leise klang.

Er ist und bleibt ein Philister, rief Fink in einer Art von
Verzweiflung.

Ich glaube, da dieser Brgersinn eine sehr respectable Grundlage fr
das Glck des Mannes ist, sprach der Kaufmann, und die Sache war
abgemacht.

Fink sprach nicht weiter ber den Vorschlag, und Anton bemhte sich,
durch zahlreiche kleine Aufmerksamkeiten dem scheidenden Freunde zu
zeigen, wie lieb er ihm sei und wie schwer ihm der Abschied werde.

Am Abend sagte Fink zu Anton: Hre, mein Sohn, ich habe Lust, mir eine
Frau mit hinber zu nehmen.

Erschrocken sah Anton den Freund an, und wie Einer, der eine mchtige
Erschtterung sich und dem Andern verbergen will, frug er in gezwungenem
Scherz: Wie? du willst Frulein von Baldereck --

Nichts da, rief Fink muthwillig, was soll ich mit einer Frau machen,
die keine anderen Gedanken hat, als sich mit dem Geld ihres Mannes zu
amsiren?

An wen denkst du denn sonst? Du willst doch nicht der Tante vom
Geschft deinen Antrag machen?

Nein, mein Schatz, aber dem Frulein vom Hause.

Um Alles nicht, rief Anton bestrzt aufspringend, das wird eine
schne Geschichte werden.

Gar nicht, versetzte Fink kaltbltig, entweder nimmt sie mich, und
dann werde ich ein wohlberathener Mann, oder sie nimmt mich nicht, dann
werde ich ohne Frau abreisen.

Du wirst ohne Frau abreisen, rief Anton. Hast du denn je daran
gedacht, Frulein Sabine fr dich zu whlen? frug er unruhig.

Zuweilen, sagte Fink, im letzten Jahr oft, sie ist die beste Hausfrau
und das edelste uneigenntzigste Herz von der Welt.

Anton sah erstaunt auf seinen Freund. Nie hatte Fink durch eine
Andeutung verrathen, da ihm Sabine mehr gelte als eine andere Dame
seiner Bekanntschaft. Aber du hast mir ja nie etwas davon gesagt?

Hast du mir etwas von deinen Empfindungen fr eine andere junge Dame
erzhlt? antwortete Fink lachend.

Anton errthete und schwieg.

Da sie mich wohl leiden mag, glaube ich, fuhr Fink fort, ob sie mit
mir geht, wei ich nicht; dies wollen wir sogleich erfahren; ich gehe
jetzt hinunter, sie zu fragen.

Anton sprang zwischen seinen Freund und die Thr: Noch einmal beschwre
ich dich, berlege, was du thun willst. --

Was ist da zu berlegen, du Kindskopf, lachte Fink, aber eine
ungewhnliche Hast wurde in seinen Geberden sichtbar.

Liebst du denn Frulein Sabine? frug Anton.

Das ist wieder eine spiebrgerliche Frage, versetzte Fink
Meinetwegen ja, ich liebe sie! --

Und du willst sie mitnehmen in die Ansiedelungen und Wlder?

Gerade dehalb will ich sie heirathen; sie wird ein hochherziges
starkes Weib sein, sie wird meinem Leben Halt und Adel geben. Sie ist
nicht liebenswrdig, wenigstens ist nicht so bequem mit ihr zu plaudern
wie mit mancher Andern, aber wenn ich mir ein Weib nehme, so brauche ich
eins, das mich bersehen kann, und glaube mir, der Schwarzkopf ist dazu
gemacht! Jetzt aber la mich los, ich mu erfahren, wie ich daran bin.

Sprich nur erst mit dem Prinzipal, rief Anton dem Strmenden nach.

Zuerst mit ihr, sagte Fink und sprang die Treppe hinab.

Anton ging mit gefalteten Hnden die Stube auf und ab; Alles, was Fink
an Frulein Sabine rhmte, hatte guten Grund, das fhlte er lebhaft; er
wute, da sie ihn tief im Herzen trug, aber er ahnte auch, da sein
Freund mit unbekannten Hindernissen zu kmpfen habe. Und diese Hast,
dies Ueberstrzen war ihm unheimlich, es war zu sehr gegen seine eigene
Natur. Und noch etwas mifiel ihm. Fink hatte nur von sich gesprochen,
hatte er denn auch an das Glck des Fruleins gedacht, hatte er auch
Sinn dafr, was es sie kosten wrde, den geliebten Bruder zu verlassen,
aus der Heimath zu scheiden, sich in ein fremdes Volk, vielleicht in ein
wildes Leben zu wagen? Ja, er war berzeugt, Fink war der Mann, alle
Blthen der neuen Welt vor ihre Fe zu streuen, aber er war auch
unruhig, stets viel beschftigt, wrde er immer ein Herz haben fr die
Gefhle seiner deutschen Frau? Unwillkrlich nahm unser Held in Gedanken
wieder Partei gegen seinen Freund; es schien ihm, als drfe Sabine nicht
fort aus der Handlung, er fhlte tief die Leere, welche entstehen wrde,
wenn sie verschwunden wre, vom Mittagstisch, aus dem Haushalt, und vor
Allem aus dem Leben ihres Bruders. So ging er unruhig und kummervoll auf
und ab. Es wurde dunkel, aus den gegenberliegenden Fenstern fiel ein
matter Lichtschein in das finstere Zimmer, und immer noch kam Fink nicht
zurck.

       *       *       *       *       *

Unterde ward Fink bei Sabine gemeldet. Sie kam ihm hastig entgegen, und
ihre Wangen waren gerthet, als sie ihm sagte: Mein Bruder hat mir
gesagt, da Sie uns verlassen mssen.

Fink begann in lebhafter Bewegung: Ich mu, ich kann aber nicht
scheiden, ohne offen gegen Sie gewesen zu sein. Ich kam hierher ohne
Interesse an dem stillen Leben, welches meinem zerstreuten Geist
ungewohnt war; ich habe hier das Glck und die Innigkeit eines deutschen
Haushalts kennen gelernt. Sie, mein Frulein, habe ich immer als den
guten Geist dieses Hauses verehrt. Sie haben mich bald nach meinem
Eintritt in einer Entfernung zu halten gesucht, welche mir oft
schmerzlich war. Ich komme, Ihnen jetzt zu sagen, wie sehr mein Blick
und meine Seele an Ihnen gehangen hat; ich fhle, da mein Leben
glcklich sein wrde, wenn ich Ihre Stimme immerfort hren, und wenn Ihr
Geist den meinen begleiten knnte auf den Wegen meiner Zukunft.

Sabine wurde sehr bleich und trat zurck. Sprechen Sie nicht weiter,
Herr von Fink, sagte sie bittend und bewegte halb bewutlos die Hand,
als wollte sie abwehren, was ihr bevorstand.

Lassen Sie mich ausreden, fuhr Fink schnell fort; ich wrde es fr
mein hchstes Glck halten, wenn ich die Ueberzeugung mit mir nehmen
knnte, da auch ich Gnade vor Ihren Augen gefunden habe. Ich habe nicht
die Anmaung, Sie zu bitten, da Sie mir jetzt folgen sollen in ein
ungewisses Leben, aber geben Sie mir die Hoffnung, da ich in einem Jahr
zurckkehren und Sie bitten darf, mein Weib zu werden.

Kehren Sie nicht zurck, sagte Sabine unbeweglich wie eine Statue mit
kaum vernehmbarer Stimme; ich beschwre Sie, machen Sie diesem Gesprch
ein Ende.

Ihre Hand fate krampfhaft die Lehne des nchsten Sessels, sie hielt
sich daran fest und stand ohne einen Tropfen Blut in den Wangen vor dem
Flehenden, aber sie sah ihn durch ihre Thrnen unverwandt an, mit einem
Blick so voll Schmerz und Zrtlichkeit, da der wilde Mann ganz
aufgelst wurde und in der Sorge um ihre Bewegung all sein
Selbstvertrauen, ja seine Werbung verga und nur die Absicht hatte, sie
zu beruhigen.

Ich fhle groes Bedauern, da ich Sie so erschreckt habe, sagte er;
verzeihen Sie mir, Sabine! --

Gehen Sie, sagte Sabine noch unbeweglich mit rhrender Bitte.

Lassen Sie mich nicht ohne einen Trost von Ihnen scheiden, geben Sie
mir eine Antwort; auch die schmerzlichste ist besser, als dieses
Schweigen.

So hren Sie, sprach Sabine mit einer unnatrlichen Ruhe, whrend ihre
Brust sich hob und ihre Hand zitterte. Ich bin Ihnen gut gewesen seit
dem ersten Tage Ihrer Ankunft; als ein kindisches Mdchen habe ich mit
Entzcken auf den Ton Ihrer Stimme gehrt und auf das, was Ihr Mund so
einschmeichelnd schilderte. Aber ich habe das Gefhl bekmpft. Ich habe
es bekmpft, wiederholte sie. Ich darf Ihnen nicht angehren, denn es
wrde mein Unglck sein. --

Wehalb? frug Fink in aufrichtiger Verzweiflung. --

Fragen Sie mich nicht, sagte Sabine kaum vernehmlich.

Ich mu aus Ihrem Munde mein Urtheil hren, rief Fink.

Sie haben gespielt mit Ihrem eigenen Leben und mit dem Leben Anderer;
Sie werden einst schonungslos handeln fr Ihre Plne. Sie werden Groes
und Edles unternehmen, das glaube ich; aber die Menschen werden Ihnen
dabei nichts gelten. Ich kann einen solchen Sinn nicht ertragen. Sie
wrden gtig gegen mich sein, das glaube ich, Sie wrden mich berall
schonen, aber Sie wrden mich immer schonen mssen, und das wrde Ihnen
eine Last werden; und ich, ich wre in der Fremde allein. -- Ich bin
weich, ich bin verwhnt, mit hundert Fden bin ich festgebunden an den
Brauch dieses Hauses, an die kleinen Pflichten des Haushaltes und an das
Leben des Bruders.

Fink sah finster vor sich nieder. Sie strafen in dieser Stunde streng,
was Ihnen an mir mifallen hat.

Nein, rief Sabine die Hand gegen ihn ausstreckend, nicht so, mein
Freund! Wenn ich Stunden hatte, wo Sie mir Schmerz machten, ich hatte
eben so viele, wo ich mit Bewunderung zu Ihnen aufsah. Und sehen Sie,
das eben ist es, was uns fr immer auseinander hlt. Ich kann nicht
ruhig werden in Ihrer Nhe, immer fhle ich mich aus einem Gefhl in das
andere geschleudert, jetzt in banger Scheu und wieder in mchtiger
Freude. Ich bin unsicher Ihnen gegenber, und das wrde ewig so bleiben.
Ich mte diesen Kampf in mir verbergen, in einem Verhltni, wo ich
mich mit all meinem Gefhl an Sie anschlieen sollte. Und Sie wrden das
erkennen und wrden mir dehalb zrnen.

Sie reichte ihm die Hand hin, Fink beugte sich tief auf die kleine Hand
und drckte einen Ku darauf.

Segen ber Ihre Zukunft, sagte Sabine am ganzen Krper bebend. Wenn
Sie eine Stunde hatten, wo Sie gern unter uns waren, so denken Sie in
der Fremde daran. Wenn Sie in dem deutschen Brgerhaus, in dem Thun
meines Bruders je etwas gefunden haben, was Ihnen ehrenwerth erschien, o
so denken Sie in der Fremde daran. In dem groartigen Leben, das Sie
erwartet, unter den mchtigen Versuchungen, in dem wilden Kampf, den Sie
fhren werden, denken Sie niemals gering von unserer Art zu sein. Sie
hielt die Rechte ber sein Haupt, wie eine Mutter, welche angstvoll den
scheidenden Liebling segnet.

Fink hielt ihre Hand fest. Beide sahen einander stumm in die Augen,
Beide mit erblichenen Wangen. Endlich rief Fink mit tiefem Tonfall
seiner melodischen Stimme: Leben Sie wohl!

Leben Sie wohl! sagte das Mdchen leise, so leise, da Fink kaum die
Worte verstand. Er schritt langsam ber die Thrschwelle, sie sah ihm
unverwandt nach, wie man einer Erscheinung nachsieht. --

Als der Kaufmann nach dem Schlu des Geschfts in das Zimmer seiner
Schwester trat, flog ihm Sabine entgegen, drckte sich fest an ihn und
legte ihren Kopf an seine Brust. Was hast du, Mdchen? frug der Bruder
besorgt und strich ihr das Haar von der feuchten Stirn.

Fink war bei mir, rief Sabine sich erhebend, ich habe mit ihm
gesprochen.

Worber? Hat er dir einen Antrag gemacht? Ist er unartig gewesen? frug
der Kaufmann scherzend.

Er hat mir einen Antrag gemacht, sagte Sabine.

Der Kaufmann trat erschrocken zurck. Und du, meine Schwester?

Ich habe gethan, was du von mir erwarten konntest; ich werde ihn nicht
wiedersehen. Dabei strzten ihr die Thrnen aus den Augen, sie ergriff
die Hand des Bruders und kte sie: Sei nicht bse, da ich weine, ich
bin noch angegriffen, es wird vorbergehen. --

Meine holde Schwester, liebe, liebe Sabine! rief der Kaufmann und
umfate die gebeugte Gestalt der Weinenden, ich will nicht frchten,
da du an mich gedacht hast, als du die Hand des reichen Erben
ausschlugst.

Ich dachte an dich und dein aufopferndes pflichtgetreues Leben, und
seine glnzende Gestalt verlor die schnen Farben, in denen ich sie wohl
sonst gesehen hatte. --

Sabine, du hast mir ein Opfer gebracht, rief der Bruder erschrocken.
--

Nein, Traugott, wenn es ein Opfer war, so habe ich es diesem Hause
gebracht, in dessen Rumen ich unter deinem Schutze aufgewachsen bin,
und dem Andenken an unsere guten Eltern, deren Segen ber unserem
bescheidenen Leben ist.

       *       *       *       *       *

Es war spt, als Fink in Antons Zimmer trat, er sah erhitzt aus, setzte
den Hut auf den Tisch, sich auf das Sopha und sagte zum Freunde: Vor
Allem gieb mir eine Cigarre.

Kopfschttelnd trug Anton ein Bndel herzu und frug: Nun, wie sieht's
aus?

Hochzeit wird nicht, erwiederte Fink kalt. Sie erklrte mir, ich sei
ein Taugenichts und keine annehmbare Partie fr ein anstndiges Mdchen.
Sie nahm die Sache wieder zu gefhlvoll, versicherte mich ihrer
Hochachtung, gab mir eine Silhouette von meinem Wesen und entlie mich.
Aber der Teufel soll mich holen, rief er aufspringend und warf die
Cigarre in eine Ecke, wenn sie nicht die beste Seele ist, die je in
einem Unterrocke Tugend gepredigt hat: sie hat nur den einen Fehler, da
sie mich nicht heirathen will; und zuletzt hat sie auch darin Recht.

Das Heftige in der Laune des Freundes machte Anton besorgt. Wo bist du
aber so lange gewesen und woher kommst du jetzt?

Nicht aus dem Weinhaus, wie deine Weisheit anzunehmen scheint. Wenn
Jemand einen Korb erhlt, so hat er doch wohl das Recht, ein paar
Stunden melancholisch zu sein; ich habe mich benommen, wie sich Jeder in
solchen verzweifelten Fllen benimmt, ich bin einige Zeit umhergelaufen
und habe philosophirt. Ich habe mit der Welt gegrollt, d. h. mit mir
selbst und dem Schwarzkopf, und habe zuletzt damit aufgehrt, da ich
vor einer bunten Lampe stehen blieb und einer Hkerin diese Orangen
abkaufte. Bei diesen Worten zog er einige Frchte aus der Tasche. --
Jetzt aber, mein Sohn, ist die Vergangenheit abgethan, jetzt la uns
von der Zukunft reden, es ist der letzte Abend, den wir mit einander
zubringen, an dem soll keine Wolke ber unseren Seelen sein. Mache mir
ein Glas Punsch und drcke die dicken Geschpfe hinein. Orangenpunsch
ist eine von deinen Forcen, die du mir verdankst. Ich habe dich's
gelehrt, und du Schelm machst ihn jetzt besser, als ich. Komm! und setze
dich her zu mir.

Am andern Tage kam Vater Sturm in eigener Person auf das Zimmer des
jungen Erben, um seine Reisekoffer in die Droschke zu tragen. Anton
hatte den Morgen ber mit Fink eingepackt und sich so ber die bangen
Empfindungen weggeholfen, welche den zurckbleibenden Freund mehr
bewegten, als den scheidenden.

Fink fate Antons Hand und sagte: Bevor ich das Handschtteln mit den
Uebrigen durchmache, wiederhole ich, was ich in den ersten Tagen zu dir
gesagt habe: Treibe dein Englisch fort, damit du mir nachkommen kannst.
Und wo ich auch sein mag, in einer Cajte oder im Blockhause, fr dich
werde ich stets einen Raum offen halten. Sobald dir diese alte Welt
mifllt, komm zu mir! Unterde sei berzeugt, da ich aufhre, dumme
Streiche zu machen. Und jetzt keine Rhrung, mein Junge, es giebt keine
groe Entfernung mehr auf Erden. Er ri sich los, eilte in das Comtoir,
trat noch einen Augenblick vor seinen Prinzipal, und es war fr Anton
eine Freude, zu sehen, wie die beiden so verschiedenen Mnner, die
groe breitschultrige Gestalt des Brgers und die zierliche Figur des
Aristokraten, neben einander standen. Noch einen Gru an die Damen warf
Fink in das Haus zurck, zog den Freund noch einmal an die Brust und
sprang in den Wagen, fort in die neue Welt.

Anton aber ging traurig in sein Comtoir zurck und schrieb einen Brief
an Herrn Stephan in Wolfsburg, worin er dem ehrenwerthen Mann eine neue
Waarenliste und Zuckerproben bermachte.

       *       *       *       *       *

Anton fhlte den Verlust seines Freundes lange Zeit sehr schmerzlich. Er
blieb in den ersten Tagen vor Finks Thr stehen, weil er das frhliche
Lachen desselben zu hren glaubte, oft sah er im Comtoir von seinem
Sitze auf, um sich an Finks spttischer Miene zu erfreuen und einen
schnellen Blick des Einverstndnisses mit ihm auszutauschen.

Seine Stellung im Haushalt wurde durch den Abgang des Freundes
auerordentlich gendert. Das ging so zu: Herr Liebold htte jetzt bei
Tische neben der Tante sitzen mssen, wenn es nach Rang und Wrde
gegangen wre. So war es auch frher gewesen, und Fink war zwischen ihn
und die Tante eingeschoben worden. Es ist fr einen wahrheitsliebenden
Chronisten schmerzlich, zu berichten, da Herr Liebold ber diesen
Einschub auf's Hchste erfreut war, indem er behauptete, es sei sehr
angenehm, neben Damen zu sitzen, und kein Mensch verstehe besser,
weiblichen Umgang zu schtzen, als er; aber zuweilen sei eine nahe
Nachbarschaft doch sehr unbequem, zumal alle Tage und besonders beim
Essen und auerdem, wenn die Dame ber das Zeitalter der jugendlichen
Thorheiten hinaus sei. Diesen letzten Grund seiner Abneigung gestand er
aber nur seinen vertrautesten Freunden, und seine Gegner, zu denen der
Cassirer gehrte, behaupteten, er werde neben der jungen Nichte sich
noch viel verlegener und unglcklicher fhlen, als neben der ruhigen
Schnheit der Tante. Das Resultat war, da im Comtoir wegen des Platzes
am Mittagstisch eine stille Ghrung und ein geheimes Intriguiren
entstand, dessen letzter Grund, leider und zur Schande des
Mnnergeschlechts sei es gesagt, der war, da keiner von den Herren
neben der Tante und so nahe am Prinzipal sitzen wollte. Es wurde dehalb
am Abend nach Finks Abreise, whrend Anton einige Auftrge des Freundes
besorgte, im Hinterhause groer Rath gehalten, dem Herr Jordan
prsidirte. Herr Specht erklrte sich bereit, berall und neben jeder
Tante der Welt zu sitzen, aber der Vorsitzende bemerkte ihm mit vieler
Artigkeit, seine Gegenwart sei unten am Tische zur Belebung der
Unterhaltung unentbehrlich; denn seinen gewagten Behauptungen zu
widersprechen, sei der Hauptspa seiner Nachbarn. Und als jeder Einzelne
der Anwesenden gegen die Ehre protestirt hatte, erklrte Herr Jordan
seine Ansicht dahin, da Wohlfart neben der Tante sitzen solle; dies
scheine ihm darum passend, weil er mit Fink am meisten befreundet
gewesen sei und ein gutes Temperament fr ltliche Damen habe. So wurde
Anton am nchsten Tage durch Decret seiner Collegen an den leeren Platz
gerckt, nachdem dieser Beschlu durch den Bedienten in das Vorderhaus
getragen war und die stille Sanction der Damen erhalten hatte.

Noch eine Vernderung machte Anton durch. Wenige Tage nach Finks Abreise
erhielt Herr Schrter einen Brief aus Hamburg, in welchem ein offener
Zettel Finks an Anton lag. Fink schrieb: Die Mbel in der Stube, welche
ich bewohnt habe, gehren mir, ich mache dich hiervon, sowie von Allem,
was ich sonst hinterlasse, zu meinem _Erben_. -- Das Wort Erbe war
unterstrichen. -- Ich habe Herrn Schrter ersucht, dich in meiner Stube
wohnen zu lassen. Anton zog hinunter in das elegante Zimmer des ersten
Stocks. In die zweite Stube Finks wurde Herr Baumann befrdert, welcher
so Antons Stubennachbar blieb. Anton verga nicht, die gelbe Katze von
seinem Schreibtisch mit hinunter zu schaffen. Die Katze erwies sich
brigens in der ganzen Zeit als verstockt und machte auf ihrem Postament
keine nchtlichen Bewegungen. Vielleicht kam das daher, da Anton bei
dem stillen und thtigen Leben, das er fhrte, nicht mehr trumte.

Seit dieser Zeit wurde er im Comtoir Finks Erbe genannt, und diese
Erbschaft wurde fr ihn wichtiger, als seine Collegen geglaubt hatten.
Er sa jetzt am oberen Theile des Tisches und hatte tglich seinen
bescheidenen Theil an der Unterhaltung, welche von der Familie gefhrt
wurde. Die Tante, deren Liebling Fink gewesen war, vershnte sich bald
mit der Aenderung und nahm die kleinen Aufmerksamkeiten Antons gndig
hin, und der Kaufmann richtete oft das Wort an ihn und freute sich ber
die verstndigen, mannhaften Ansichten des Jnglings; auch Sabine
gewhnte sich, mit ihm ber die Interessen des Tages zu sprechen, und
ihr Auge, welches sonst den Platz hinter der Tante so eifrig gemieden
hatte, ruhte jetzt mit freundlichem Glanze auf dem offenen Gesicht
unseres Helden. Zwischen Beiden bestand ein stilles Einverstndni, eine
von den reizenden leichten Beziehungen, welche das Leben so freundlich
schmcken. Sabine sah in Anton den Freund, vielleicht den Vertrauten des
Geschiedenen, und Anton fhlte gegen das Frulein eine unbegrenzte
Verehrung, welche sein Benehmen so zart und rcksichtsvoll machte, da
Sabine dies zuweilen mit Rhrung empfand. Er sprach bei Tische nie von
Fink, obgleich sein Herz voll von ihm war, und wenn die Tante in ihrer
gutmthigen Weise bei hundert kleinen Veranlassungen an Fink zu erinnern
wute, so parirte Anton mit aller Diplomatie, die er aufbringen konnte,
ihre Andeutungen und wute das Gesprch wieder in eine unbedenkliche
Richtung zu bringen.

Auch im Geschft nderte sich die Stellung Antons; er war bis dahin
einer der Adjutanten des Herrn Jordan im Provinzialgeschft gewesen,
jetzt erhielt er seinen Platz im auswrtigen Geschft unter dem
Prinzipal selbst. Dieselbe Thtigkeit, welche Fink gehabt hatte, wurde
ihm zugewiesen, und er erlangte bald etwas von der Virtuositt Finks,
mit Herrn Tinkeles umzugehen und die Zackelwolle aus Ungarn zu
beurtheilen.




Drittes Buch.




~I.~


Ein bses Jahr kam ber das Land, ein pltzlicher Kriegslrm alarmirte
die deutschen Grenzlnder im Osten, darunter auch unsere Provinz. Die
furchtbaren Folgen eines heftigen Landschreckens wurden schnell fhlbar.
Der Verkehr stockte, die Werthe der Gter und Waaren fielen, Jeder
suchte das Seine zu retten und an sich zu ziehen, viele Capitalien
wurden gekndiget, groe Summen, welche in kaufmnnischen Unternehmungen
angelegt waren, kamen in Gefahr. Niemand hatte Lust zu neuer Thtigkeit,
Hunderte von Bndern wurden zerschnitten, welche die Menschen zu
gegenseitigem Nutzen durch lange Zeit verbunden hatten. Jede einzelne
Existenz wurde unsicherer, isolirter, rmer. Ueberall sah man ernste
Gesichter, gefurchte Stirnen. Das Land war wie ein gelhmter Krper,
langsam rollte das Geld, dies Blut des Geschftslebens, von einem Theile
des groen Leibes zu dem andern; der Reiche befrchtete, da er viel
verlieren werde, der Arme verlor die Mglichkeit, sich auch nur wenig zu
erwerben. Die Zukunft erschien pltzlich verhngnivoll, schwarz,
verderblich, wie der Himmel vor einem schweren Gewitter.

Das Schreckenswort Revolution in Polen brachte so groe Wirkungen auch
in Deutschland hervor. Das Landvolk jenseit der Grenze, aufgeregt durch
alte Erinnerungen und seine Gutsherren, hatte sich erhoben, es zog von
fanatischen Geistlichen angefhrt lngs der Grenze hin und her, hielt
Reisende und Waarensendungen an, fiel plndernd und brennend ber
Edelhfe und kleine Stdte und versuchte sich unter Huptlingen
militrisch zu organisiren, indem es seine Sensen grade schmieden lie
und alte Flinten aus dem Versteck hervorholte. Die Insurgenten nahmen
eine groe polnische Stadt unweit der Grenze ein, setzten sich dort fest
und verkndeten ein Polenreich.

In unserem Staat wurden schleunigst Truppen zusammengezogen und nach der
Grenze geschickt, dieselbe militrisch zu besetzen. Unaufhrlich fhrten
die Dampfwagen der neuerbauten Eisenbahn Soldaten ab und zu, berall
rasselte die Trommel; die Straen der Hauptstadt fllten sich mit
Uniformen. Die Armee gerieth in die Aufregung, welche bei der Aussicht
auf Krieg regelmig entsteht. Die Offiziere rannten geschftig umher,
kauften Landkarten und tranken Toaste in jeder Art von Wein, die
Soldaten schrieben nach Hause, lieen sich wo mglich etwas Geld
schicken und mit mehr oder weniger Gefhl ihre Mdchen gren.
Zahlreiche Soldatenbrute im Lande wurden durch bleiche Wangen kenntlich
und erschreckten ihre Familien durch frchterliche Trume von ermordeten
Musketieren; zahlreiche Mtter kauften sich Wolle und strickten mit
trbem Auge Kriegssocken fr ihre armen Shne und suchten vorsichtig
alte Leinwand zusammen, um Charpie zu zupfen, was noch vom letzten
groen Kriege her als ntzliche Beschftigung in wilder Zeit anerkannt
war; zahlreiche Vter sprachen mit unsicherer Stimme von der
Verpflichtung eines braven Sohnes, fr Knig und Vaterland in den Krieg
zu gehen, und erinnerten sich mit grerer Sicherheit an den Schaden,
den sie einst dem argen Napoleon zugefgt hatten.

Es war ein sonniger Herbstmorgen, als die erste Nachricht von dem
polnischen Aufstande in der Hauptstadt ankam. Dunkle Gerchte hatten
schon am Abend vorher die Einwohner neugierig gemacht, und Haufen
unruhiger Geschftsleute und erschreckter Mssiggnger standen auf dem
Perron des Bahnhofes. Sogleich nach Oeffnung des Comtoirs von T. O.
Schrter kam Herr Braun, der Agent, hereingestrzt und erzhlte
athemlos, aber mit dem innern Behagen, welches der Besitzer auch der
unangenehmsten Neuigkeit versprt, da ganz Polen und Galizien und viele
angrenzende Lnder in vollem Aufstande loderten, unzhlige fremde
Geschftsreisende und friedliche Beamte seien berfallen und getdtet
worden, viele Grenzstdte stnden in Flammen und ein nichtswrdiger
Krakuse in rother Mtze habe um einen Vetter von Herrn Braun bereits mit
seiner Sense den Kriegstanz getanzt, in der Absicht, ihm den Garaus zu
machen, sei aber durch eine Erinnerung, die ihm sein Weib mit der
Mistgabel gegeben, wieder so weit zur Besinnung gekommen, da er nur die
Mtze des Vetters, die diesem vor Haarstruben vom Kopfe gefallen war,
durchstochen habe. Darauf sei sein Vetter baarhuptig die hundert
Schritte bis zur Grenzbrcke gelaufen, wo ihn unsere Grenzwache
aufgenommen und durch einen Schluck aus der Feldflasche wieder in's
Gleichgewicht gebracht habe, whrend der Krakuse, die gemordete Mtze
auf seiner Sense schwenkend, mit Triumphgeschrei abgezogen sei.

Anton gerieth ber diese Nachrichten in die grte Bestrzung, und er
hatte Grund dazu. Kurze Zeit vorher hatte ein unternehmender Kaufmann
aus Galizien eine ungewhnlich groe Sendung von Commissionsartikeln,
deren Werth sich auf zwanzigtausend Thaler belief, an die Firma
abgesendet und, wie bei solchen Geschften dort blich ist, den grten
Theil des Werthes bereits in Wechseln gezogen. Die Wagencaravane, welche
diesen Transport bringen sollte, mute grade in dem insurgirten Gebiet
sein. Auerdem war eine zweite Caravane mit Colonialwaaren auf dem Wege
nach Galizien expedirt und nach der Berechnung jetzt ebenfalls in
Feindesland. Und was ber dem Allen stand, ein groer Theil der
Geschfte, welche das Haus machte, und ein groer Theil des Credits,
welchen dasselbe bewilligte, war in den emprten Landschaften gemacht
und bewilligt worden; Vieles, ja Alles, so ahnte Anton, ward durch
diesen Krieg in Frage gestellt. Dehalb strzte er seinem Prinzipal
entgegen, als dieser die Treppe herab kam, und erzhlte ihm hastig das
Wichtigste der Neuigkeit; whrend Herr Braun im Comtoir sich beeilte,
den anderen Herren die Schauergeschichte vom tanzenden Krakusen in
zweiter Auflage mitzutheilen, wobei ihm begegnete, da diesmal auer der
Mtze des Vetters auch noch dessen Rock und Stiefeln an der Sense des
Krakusen hngen blieben, so da der Bedrohte nur mit einem Hemd
bekleidet bei der schtzenden Grenzwache ankam. Beilufig sei hier
erwhnt, da der arme Vetter bei der nchsten Wiederholung auch das Hemd
hergeben mute, und da ihm spter noch die Haare abrasirt und sein Leib
durch Megren auf die nichtswrdigste Weise zerzwickt wurde. Weiter
konnte Herr Braun, ein wahrheitsliebender Mann, nicht gehen, da der
Vetter noch als lebender Mensch unter dem Schirm einer neuen Mtze
umherwandelte.

Unterde vernahm der Prinzipal Antons fliegenden Bericht. Er blieb einen
Augenblick stumm auf der Treppe stehen, und Anton, welcher ngstlich in
sein Gesicht starrte, glaubte zu bemerken, da er etwas bleicher aussah
als gewhnlich; aber er mute sich wohl geirrt haben, denn der Kaufmann
sah ber Anton hinweg unter die Auflader, welche unruhig in dem Hausflur
standen, und rief mit dem khlen Geschftston, welcher unserm Helden so
oft imponirt hatte: Sturm, schaffen Sie das Fa bei Seite, es steht
mitten im Wege. Rhrt Euch, Ihr Leute, in einer Stunde mu der Fuhrmann
abgehen! Worauf Sturm sein breites Gesicht bekmmert nach dem Auge des
Kaufmanns richtete und mit der ungeheuren Faust nach drauen weisend,
fast muthlos sagte: Es trommelt, sie schlagen Generalmarsch; es geht
los, unsre Leute marschiren. Mein Karl ist mitten darunter, als Husar,
mit den Schnren an seinem kleinen Rock. Es ist ein Unglck! Ach unsre
Waaren, Herr Schrter.

Eben dehalb eilt, Ihr Mnner, antwortete der Prinzipal lchelnd. Der
Wagen geht nach der Grenze, es ist Zucker und Rum darauf, unsere
Soldaten wollen bei dem kalten Wetter ein Glas Punsch trinken. Diese
humane Rcksicht auf die Kehlen der Vaterlandsvertheidiger brachte das
Behagen in die Seelen der Riesen zurck, sie lchelten grimmig und Sturm
setzte seinen Haken mit furchtbarer Kraft an den nchsten Ballen und
schwang ihn mit einer Verachtung in die Luft, welche bedeuten sollte:
Wir geben nicht so viel auf die ganze Polakenwirthschaft, whrend die
Uebrigen das Fa aus dem Wege rollten und kurze geschftliche Spe ber
Soldatenpunsch machten.

Zu Anton gewandt sprach der Prinzipal: Die Nachrichten sind nicht gut,
aber wir wollen nicht Alles glauben. Darauf ging er in das Comtoir,
grte Herrn Braun fast heiterer als sonst und lie sich von ihm noch
einmal die Geschichte seines Vetters und das brige Unglck erzhlen.

Als Braun gegangen war, sagte er beruhigend den Herren vom Comtoir: Ich
hoffe, da unsere Waaren an der Grenze liegen, Fuhrleute sind ihrer
Pferde wegen vorsichtig, sie werden es vermeiden, den Insurgenten in die
Hnde zu fallen. Sind die Wagen auf feindlichem Gebiet, so mssen wir
versuchen, sie heraus zu bekommen. Zu Anton setzte er leiser hinzu:
Schreiben Sie sogleich an das Grenzzollamt und unsern Spediteur an der
Grenze, sicher gehen Extrazge dahin ab, ein Nachtzug kann Antwort
bringen, morgen wissen wir Nheres.

Damit war fr heut die groe Frage erledigt, und Alles im Comtoir ging
seinen gewhnlichen Gang. Herr Liebold schrieb seine groen Zahlen in's
Hauptbuch, Herr Purzel setzte Hufchen von Thalern zusammen und schob
papierne Handschuhhalter um groe Bndel von Cassenanweisungen, und Herr
Pix ergriff den schwarzen Pinsel, malte neben der groen Waage
Hieroglyphen auf Packleinwand und beherrschte die Hausknechte mit
gewohnter Entschiedenheit. Der Prinzipal selbst wendete sich an Herrn
Jordan, nahm die eingegangenen Briefe, welche zum Theil eine Besttigung
der kriegerischen Nachrichten enthielten, besprach die geschftlichen
Antworten und bergab sie den einzelnen Commis. Darauf erschienen die
Mkler, die Agenten und Sensale, und wie gewhnlich fielen vom Pult des
Prinzipals kurze Bemerkungen, oder ein trockener Scherz, wenn die
Geschftsfreunde sich zu tief in die Schrecken des Brgerkrieges
einlieen. Die kleine Nebenunterhaltung im Geschft war etwas belebter,
sonst Alles wie gewhnlich. Beim Mittagstisch ging das Gesprch so ruhig
vorwrts, als htte nie ein polnischer Bauer seine Sense geschwungen,
und nach Tisch fuhr der Prinzipal mit seiner Schwester und einigen Damen
ihrer Bekanntschaft spazieren, und die Geschftsleute, welche ihn sahen,
sagten mit Verwunderung: Er fhrt heut spazieren, er hat's wie
gewhnlich vorausgewut, es ist doch ein kluger Kopf, ein solides Haus.
Allen Respect!

Anton war den ganzen Tag an seinem Schreibpult in einer nervsen
Aufregung, wie er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er war beklommen
und erwartungsvoll, und doch empfand er diese Stimmung mit Behagen, als
ein groes Ereigni. Er fhlte lebhaft die Gefahr des Geschftes und
seines Prinzipals, aber er war nicht mehr niedergeschlagen und muthlos.
Ihm war, als trge er Sprungfedern an Arm und Bein; seine Feder flog bei
den gleichgltigen Geschftsbriefen, die er zu schreiben hatte; trotz
dem Gedanken an die Gefahr, welche in seiner Seele fortwhrend Fanfare
blies, war seine Fassungskraft nie schneller, sein Styl nie klarer
gewesen, nie hatte er so hurtig Provision und Spesen ausgerechnet. Es
waren Augenblicke einer erhhten, fast freudigen Thtigkeit; er bemerkte
das selbst und wunderte sich darber. Bei seinem Prinzipal sah er
dieselbe Stimmung, auch dieser schritt mit glnzenden Augen und
schnellem Fu durch die Comtoire.

Nie hatte ihn Anton so verehrt als heut, er sah ihm aus wie verklrt.
Mit einer wilden Freude sagte sich Anton: Das ist Poesie, die Poesie
des Geschfts, solche springende Thatkraft empfinden nur wir, wenn wir
gegen den Strom arbeiten. Wenn die Leute sprechen, da unsere Zeit leer
an Begeisterung sei und unser Beruf am allerersten, so verstehen sie
nicht, was schn und gro ist. Dem Mann steht in diesem Augenblick Alles
auf dem Spiel, woran seine Seele hngt, sein Geschft, das Resultat
eines langen Lebens von rastloser Thtigkeit, seine Freude, sein Stolz,
seine Ehre; und er steht kaltbltig an seinem Pult, schreibt Briefe ber
geraspeltes Farbeholz und giebt sein Urtheil ber Kleesamen ab, ja, ich
glaube, er lacht innerlich. So dachte Anton, als er am Abend sein Pult
abrumte und mit den brigen Herren nach dem Hinterhause ging. Auch
seine Collegen lieen jetzt ihre innere Aufregung merken, sie setzten
sich in Jordans Salon zusammen und besprachen mit gemthlichem Schauder
bei einer Tasse schwarzen Thees die Neuigkeit und den Einflu derselben
auf das Geschft. Alle waren geneigt, anzunehmen, da die Firma zwar
einigen Verlust erleiden werde, aber sie seien die Mnner, mehr zu
retten, als irgend ein anderes Geschft retten werde. Herr Specht
bemerkte hoffnungsreich, bei jeder Insurrection wrden ungeheure
Colonialwaaren verbraucht, und die Firma werde ein glnzendes Geschft
mit allen Flssigkeiten nach der Grenze machen. Wenn die Insurrection
nur ein Vierteljahr anhalte, sei der mgliche Verlust wieder gedeckt;
denn trinken thten sie Alle, Freunde und Feinde. Zuletzt sprach sich
Herr Jordan dahin aus, da man noch gar nicht wissen knne, wie die
Sache verlaufen werde. Diese neue und grndliche Ansicht wurde von den
Meisten adoptirt, worauf sich die Einzelnen in ihre Zimmer verfgten. In
seiner Stube vernahm Anton durch die dnne Wand, wie sein Nachbar, Herr
Baumann, beim Zubettegehen fr das Geschft und den Prinzipal betete.
Dies ergriff Anton so, da er mit groen Schritten in seiner Stube auf
und ab ging, bis das Licht flackerte und der Gips auf dem Schreibtisch
erschrak und in ein krankhaftes Zittern gerieth.

Es war spt geworden, als der Diener geruschlos in Antons Zimmer trat
und halblaut meldete: Herr Schrter wnsche ihn noch heut zu sprechen.
Rasch folgte Anton dem Diener in den ersten Stock des Vorderhauses und
trat erwartungsvoll in das braune Arbeitszimmer des Prinzipals. Der
Kaufmann stand vor dem gepackten Koffer, sein Portefeuille lag auf dem
Tisch und daneben das untrgliche Zeichen einer lngeren Reise, die
groe englische Cigarrentasche von Bffelleder. Diese hielt hundert
Stck, war seit alter Zeit ein Lieblingsgegenstand fr die Bewunderung
des Herrn Specht und galt dem ganzen Comtoir fr eine Art Kriegsfahne,
welche nur dann hervorgeholt und in den Wagen getragen wurde, wenn die
Hauptmacht des Geschfts auf ein auerordentliches Unternehmen auszog.
Sabine war an dem Schubladen des Schreibtisches beschftigt und trug
schweigend zu, was ihre Sorgfalt dem Reisenden fr ntzlich hielt. Sie
warf einen schnellen Blick auf Anton und senkte das Haupt, als sie in
seinem Gesichte las, was sie selbst mit banger Ahnung erfllte. Der
Prinzipal trat Anton freundlich entgegen. Ich habe Sie spt herbemht,
glaubte aber nicht, da Sie noch auer Bett sein wrden.

Als Anton erwiederte: Die Aufregung lie mich nicht schlafen, fiel
wieder ein Strahl aus dem Auge der Schwester auf ihn, so sorgenvoll und
so dankbar fr seine Theilnahme, da er mchtig gerhrt wurde und nicht
weiter sprach, um seine Bewegung nicht zu verrathen.

Der Prinzipal aber sagte lchelnd: Sie sind noch jung, die Ruhe kommt
mit den Jahren. Es wird nthig sein, da ich selbst morgen nach unsern
Waaren sehe. -- Ich hre, die Polen zeigen besondere Rcksicht gegen
unsere Landsleute, es ist mglich, da sie sich sogar mit dem Gedanken
tragen, unsere Regierung sei ihnen nicht abgeneigt. Diese Tuschung kann
nicht lange dauern, es wird kein Unrecht sein, wenn wir davon fr unsere
Waaren Vortheil zu ziehen suchen. Sie haben die Korrespondenz gefhrt
und wissen selbst, was fr mich zu thun ist. Ich werde nach der Grenze
reisen und mich dort ber die nchsten Schritte entscheiden.

Mit ngstlicher Spannung hrte die Schwester auf seine Worte, sie suchte
in seinen Mienen zu lesen, was er aus Rcksicht gegen sie nicht
aussprach. Anton aber verstand, was die Rede bedeutete, sein Chef ging
ber die Grenze in das insurgirte Land.

Mit bittender Stimme sprach er nher tretend: Knnte nicht ich an Ihrer
Stelle die Reise machen? Ich fhle wohl, da ich Ihnen noch keine
Veranlassung gegeben habe, mir in so wichtiger Sache zu vertrauen. Ich
werde mir wenigstens alle Mhe geben, bis zum Aeuersten, Herr
Schrter. Antons Wangen glhten, als er dies sagte, er fhlte in diesem
Augenblick entschiedene Neigung, sich mit allen Krakusen um die
Waarenballen zu raufen.

Das ist brav gesprochen und ich danke Ihnen, erwiederte der Prinzipal,
aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen, die Reise knnte
Schwierigkeiten haben, und da der Vortheil mein ist, wird auch billig
sein, da ich die Mhe bernehme. Anton lie den Kopf hngen. Ich
beabsichtige im Gegentheil, Sie mit bestimmter Ordre hier zu lassen fr
den Fall, da ich bermorgen Abend nicht zurck sein sollte.

Sabine hatte ngstlich zugehrt, jetzt fate sie die Hand des Bruders
und sagte leise: Nimm ihn mit.

Diese Untersttzung gab Anton neuen Muth. Wenn Sie mich nicht allein
schicken wollen, so erlauben Sie mir wenigstens, Sie zu begleiten,
vielleicht kann ich Ihnen doch in Etwas ntzlich sein, ich wrde es
wenigstens sehr gern sein.

Nimm ihn mit, wiederholte Sabine flehend.

Der Kaufmann wandte den Blick langsam von der Schwester auf das ehrliche
Gesicht Antons, welches von Diensteifer strahlte, und erfreut ber den
Eifer der Jugend, erwiederte er: So mag es sein. Sie begleiten mich
morgen frh bis zur Grenze. Sollte meine Abwesenheit fr lngere Zeit
nthig werden, so wird es vortheilhaft sein, Sie an Ort und Stelle zu
informiren. Bis dahin mag Jordan die laufenden Geschfte besorgen. Es
ist nicht nthig, da von unserer Reise hier am Ort viel verlautet. Und
jetzt schlafen Sie aus, Herr Wohlfart. Einer unserer Hausknechte
erwartet auf der Eisenbahn die Nachtzge; man hat mir versprochen, da
die Conducteure uns Antwort zurckbringen sollen. Ist die Antwort so,
wie ich annehme, dann fahren wir mit dem ersten Zug. Schlafen Sie wohl!

Anton verbeugte sich dankend und sah noch im Hinausgehen, da Sabine in
heftiger Bewegung den Hals des Bruders umschlang. Er ging nach seinem
Zimmer, packte geruschlos eine Reisetasche, holte die damascirten
Pistolen heraus, welche ihm Fink hinterlassen hatte, und warf sich
halbentkleidet auf das Bett, wo er erst spt den Schlummer fand. Gegen
Morgen weckte ihn ein leises Klopfen, der Bediente meldete: Die Briefe
von der Eisenbahn sind gekommen. Anton eilte in das Comtoir und fand
dort bereits Herrn Jordan und den Prinzipal in lebhaftem Gesprch; bei
seinem Eintritt rief ihm Herr Schrter aus den geschftlichen
Verhandlungen kurz zu: Wir reisen!

Gut, dachte Anton. Wir reisen in Feindesland, wir schlagen uns mit
den Sensenmnnern und wir zwingen sie, unsere Waaren herauszugeben, denn
da sie uns zwingen knnten, darf nach dem Willen des Prinzipals nicht
angenommen werden.

Nie hatte Anton mehr mit den Thren geklopft, schneller die
Treppenstufen gemessen und krftiger die Hnde seiner Collegen
geschttelt, als in der nchsten Stunde. Als er so geschftig durch den
dunklen Hausflur eilte, hrte er ein leises Rauschen neben sich. Sabine
trat schnell an ihn heran und fate seine Hand: Wohlfart, schtzen Sie
meinen Bruder vor Gefahr! Anton versprach mit maloser
Bereitwilligkeit, dies in jeder Weise zu thun, fhlte nach seinen
geladenen Pistolen in der Rocktasche und stieg in den Wagen, selbst
geladen mit den edelsten und seligsten Gefhlen, welche je ein junger
Held gehabt hat. Er zog auf Abenteuer, er war stolz auf das Vertrauen
seines Prinzipals, gehoben durch das zarte Verhltni, in das er zu der
Heiligen des Geschfts getreten war. Er war glcklich.

Das Dampfro schnaubte und raste ber die weite Thallandschaft, wie ein
Pferd aus Beelzebubs Marstall. In allen Waggons des Zuges saen
Soldaten, sie hingen auf den Frachtstcken, sie guckten aus den kleinen
Fenstern der Packwagen; berall glnzten Bajonette und Helme, berall
steckten Tornister, Feldkessel und Trommeln. Auf allen Stationen standen
die Haufen der Neugierigen, berall hastige Fragen und Antworten,
berall aufregende Neuigkeiten, schreckliche Gerchte und abenteuerliche
Erzhlungen. Anton war froh, als sie sich am Ende der Bahnstrecke aus
der kriegerischen Masse lsten und in einer leichten Chaise mit
Courierpferden der Grenze zu rollten. Auf der Landstrae war es still,
leerer als gewhnlich, nur kleine Detachements aus den Garnisonen nahe
der Grenze wurden noch von den Reisenden berholt. Die Mannschaft sang
lustig, als zge sie zum Manver, hier und da machte der Spavogel der
Compagnie seinen Witz ber die schnellfigen Civilisten, zuweilen ritt
ein Offizier grend an den Wagen, wenn er den Prinzipal kannte, oder
einen Auftrag fr sein Nachtquartier vorauszusenden hatte. Der Kaufmann
sprach zu Anton gar nicht vom Geschft, aber mit groer Heiterkeit von
allem Andern, von frheren Erlebnissen, von dem Treiben an der Grenze,
von Schmugglern und Zollwchtern, und behandelte seinen Reisegenossen
mit der vertraulichen Herzlichkeit, welche ein lterer Kamerad dem
jngern zu zeigen pflegt. Nur gegen die Pistolen bewies Herr Schrter
eine Klte, welche den kriegerischen Muth Antons ein wenig dmpfte, denn
als dieser auf der zweiten Station seine Mordwerkzeuge sorgfltig aus
einer Wagentasche in die andere trug, sah der Prinzipal mit feindseligem
Blick auf die beiden Lufe, und als die Reisenden bei den letzten
Husern des Orts vorbergerollt waren, wies er auf die braunen Kolben,
welche brderlich aus der Tasche hervorragten, und sagte zu Anton: Ich
glaube nicht, da Ihnen gelingen wird, durch die Puffer unsere Waaren
wieder zu erobern. Sie sind geladen?

Anton bejahte und erwiederte mit dem letzten Rest seines kriegerischen
Selbstgefhls: Es sind gezogene Lufe.

So? sagte der Prinzipal ernsthaft, nahm die Pistolen aus der Tasche,
rief dem Postillon zu, die Pferde anzuhalten, und scho kaltbltig beide
Lufe ab. Es ist besser, wir beschrnken uns auf die Waffen, die wir zu
gebrauchen gewhnt sind, bemerkte er gutmthig, indem er Anton die
Pistolen zurckgab, wir sind Mnner des Friedens und wollen nur unser
Eigenthum zurckhaben. Wenn wir es nicht dadurch erhalten, da wir
Andere von unserem Recht berzeugen, so ist keine Aussicht dazu. Es wird
dort drben viel Pulver unntz verschossen werden, Alles Ausgaben,
welche nichts einbringen, und Kosten, welche Land und Menschen ruiniren.
Es giebt keine Race, welche so wenig das Zeug hat, vorwrts zu kommen
und sich durch ihre Capitalien Menschlichkeit und Bildung zu erwerben,
als die slavische. Was die Leute dort im Miggang durch den Druck der
stupiden Masse zusammengebracht haben, vergeuden sie in phantastischen
Spielereien. Bei uns thun so etwas doch nur einzelne bevorzugte Klassen,
und die Nation kann es zur Noth ertragen. Dort drben erheben die
Privilegirten den Anspruch, das Volk darzustellen. Als wenn Edelleute
und leibeigene Bauern einen Staat bilden knnten! Sie haben nicht mehr
Berechtigung dazu, als dieses Volk Sperlinge auf den Bumen. Das
Schlimme ist nur, da wir ihre unglcklichen Versuche auch mit unserem
Gelde bezahlen mssen.

Sie haben keinen Brgerstand, sagte Anton eifrig beistimmend.

Das heit, sie haben keine Cultur, fuhr der Kaufmann fort; es ist
merkwrdig, wie unfhig sie sind, den Stand, welcher Civilisation und
Fortschritt darstellt und welcher einen Haufen zerstreuter Ackerbauer zu
einem Staate erhebt, aus sich heraus zu schaffen.

Da ist doch Conrad Gnther in der insurgirten Stadt vor uns, dann die
Geschfte der drei Hildebrand in Galizien, warf Anton ein.

Brave Leute, stimmte der Kaufmann bei, alle aber eingewandert, und
der ehrbare Brgersinn hat keinen Halt, vererbt sich selten auf die
nchste Generation. Was man dort Stdte nennt, ist nur ein Schattenbild
von den unsern, und ihre Brger haben blutwenig von dem, was bei uns das
arbeitsame Brgerthum zum ersten Stande des Staates macht.

Zum ersten? frug Anton.

Ja, lieber Wohlfart, die Urzeit sah die Einzelnen frei und in der
Hauptsache gleich, dann kam die halbe Barbarei der privilegirten Freien
und der leibeigenen Arbeiter, erst seit unsere Stdte gro wuchsen, sind
civilisirte Staaten in der Welt, erst seit der Zeit ist das Geheimni
offenbar geworden, da die freie Arbeit allein das Leben der Vlker gro
und sicher und dauerhaft macht.

Im Abendlicht kamen die Reisenden im Grenzort an. Es war ein kleines
Dorf, welches auer den Zollgebuden und den Wohnungen der Grenzbeamten
nur rmliche Htten und eine Schenke zu zeigen wute. Auf dem freien
Platz zwischen den Husern und um das Dorf herum bivouakirten zwei
Escadronen Reiter, welche ihre Posten lngs dem schmalen Grenzflu
aufgestellt hatten und mit einem Detachement Jger die Grenze bewachten.
In der Schenke war ein wildes Treiben, Husaren und Jger zogen ein und
zogen aus, Husaren und Jger saen Kopf an Kopf gedrngt in der kleinen
Gaststube, bunte Dolmans und grne Rcke lagerten um das Haus herum auf
Sthlen, Tischen, Pferderaufen, wankenden Tonnen und jedem mglichen
Gerth, welches irgend eine Methode des Sitzens verstattete. Wie
unzhlige Herren Pixe kamen sie Anton vor, so entschlossen verfuhren sie
mit der Schenke und allem Inhalt derselben, lebendigem und flssigem.
Mit lautem Gru empfing der jdische Wirth den wohlbekannten Kaufherrn;
durch seinen Diensteifer wurde der letzte Raum des Hauses fr die
Reisenden freigemacht, ein kleiner Verschlag, in welchem sie die Nacht
wenigstens allein verbringen konnten.

Kaum war der Kaufmann vom Wagen gestiegen, als ihn ein halbes Dutzend
Fuhrleute mit lebhaftem Freudenruf umringte, die Fhrer der Wagen,
welche vor Kurzem durch das Geschft expedirt waren. Ganz ohne Unfall
war es mit ihnen nicht abgegangen. Wie der Aelteste erzhlte, waren sie
auf der Strae jenseit der Grenze durch den Anblick eines bewaffneten
Bauernschwarms zur eiligen Rckkehr getrieben worden. Beim Umwenden war
ein Rad des letzten Wagens zerbrochen, der Fuhrmann hatte in der Angst
die Pferde ausgespannt und den Wagen jenseit der Grenze stehen lassen.
Whrend der flchtige Fhrer mit dem abgezogenen Hut in der Luft umher
focht und seine Entschuldigungen machte, trat der commandirende
Rittmeister zu dem Kaufmann und besttigte die Aussage der Leute.

Man kann den Wagen etwa tausend Schritt jenseit der Brcke an der
Strae hngen sehn, erklrte er, und als der Kaufmann um Erlaubni bat,
die Brcke zu betreten, sagte er zuvorkommend: Ich werde Ihnen einen
meiner Offiziere mitgeben.

Ein junger Offizier der Escadron, welcher so eben von einer Patrouille
zurckgekehrt war, tummelte sein feuriges Pferd vor der Schenke.

Lieutnant von Rothsattel, rief der Rittmeister, begleiten Sie die
Herren auf die Brcke.

Mit Entzcken hrte Anton den Namen, an welchen sich fr ihn so holde
Erinnerungen knpften. Er wute auf der Stelle, da der Herr auf dem
wilden Pferde Niemand anders sein konnte, als der Bruder des Fruleins
vom See. Der Lieutnant, eine schlanke Gestalt mit kleinem Bart auf der
Oberlippe, sah seiner Schwester so hnlich, wie einem jungen
Reiteroffizier in Beziehung auf das allerschnste irdische Frulein nur
mglich ist. Anton fhlte auf der Stelle eine freundschaftliche
Hochachtung fr ihn, welche der junge Herr aus Antons Gru wohl
herauslesen mochte, denn er dankte durch ein herablassendes Neigen
seines kleinen Kopfes. Tnzelnd avancirte sein Pferd neben den
Kaufleuten bis zur Brcke. Dort standen die Vedetten, ihre Pistole mit
gespanntem Hahn in der Hand, unbeweglich wie Statuen, nur ihre Pferde
verriethen manchmal durch eine anmuthige Schweifbewegung, oder ein
Stampfen der Fe das muthige Leben. Die Reisenden eilten auf die Mitte
der Brckenwlbung und sahen mit sphendem Blick die Landstrae hinab.
Vor ihnen in der Ferne lag der riesige Wagen, wie ein weier Elephant
lag er verwundet auf einem Knie.

Vor Kurzem war noch nicht geplndert, sagte der Lieutnant, die
Leinwand hing noch dickbuchig darber. Ja, sie haben ausgerumt; dort
an der Ecke flattert die weie Decke.

Es scheint nicht arg zu sein, antwortete der Prinzipal.

Wenn Sie ein Rad und ein Paar Pferde hinberschaffen wollen, knnen Sie
das Ding abholen, bemerkte der Lieutnant nachlssig. Unsere Leute
hatten den ganzen Tag groe Lust dazu. Sie htten gern nachgesehen, ob
etwas Trinkbares darin ist. Wir haben aber Befehl, die Grenze nicht zu
berschreiten. Sonst ist's eine Kleinigkeit, den Wagen herber zu
schaffen, wenn der commandirende Offizier Ihnen erlaubt, die Posten zu
passiren, und wenn Sie mit diesen da fertig werden. Dabei wies er auf
einen Haufen Bauern, welche jenseit der Brcke auerhalb Schuweite
hinter einigen verkrppelten Weiden lagerten und einen bewaffneten Mann
als Posten auf die Landstrae vorgestellt hatten.

Wir wollen den Wagen holen, wenn der commandirende Offizier erlaubt,
sagte der Prinzipal, ich hoffe, es wird mglich sein, mit den Leuten
dort zu unterhandeln.

Und Anton konnte sich nicht enthalten zu murmeln: Den ganzen Tag haben
die Herren ein paar Tausend Thaler auf der Landstrae liegen lassen, sie
htten Zeit genug gehabt, den Wagen fr uns zurckzuschaffen.

Man mu keine unbilligen Forderungen an das Heer machen, antwortete
der Kaufmann lchelnd, wir wollen zufrieden sein, wenn sie uns
erlauben, unser Eigenthum aus den Hnden der Bauern zu holen. Die
Reisenden eilten zum Rittmeister zurck, und der Kaufmann theilte
diesem seinen Wunsch mit.

Wenn Sie Pferde und Menschen finden, so habe ich nichts dagegen,
erwiederte dieser.

Sogleich wurden die Fuhrleute zusammengerufen, der Prinzipal frug, wer
ihn mit den Pferden begleiten wolle, er sei gut fr den Schaden an den
Pferden. Nach einigem Kratzen des Kopfes und einigem Schtteln der Hte
erklrten Mehrere ihre Bereitwilligkeit. Schnell wurden vier Pferde
angeschirrt, ein Kinderschlitten des Schenkwirths hervorgeholt, ein Rad
und einige Hebebume darauf gelegt, und die kleine Caravane zog der
Brcke zu, verfolgt von beiflligen Scherzen der Soldaten und begleitet
von einigen Offizieren, welche an dem Feldzuge so viel Theilnahme
verriethen, als sich mit ihrer kriegerischen Wrde irgend vertrug.

An der Brcke sagte der Rittmeister: Ich wnsche guten Erfolg, leider
bin ich auer Stand, Ihnen meine Mannschaft zur Hlfe mitzugeben.

Es ist besser so, antwortete der Prinzipal grend, wir wollen als
friedliche Leute unsere Waaren wiederholen und frchten die Herren dort
nicht, wollen sie aber auch nicht reizen. Haben Sie die Gte, Herr
Wohlfart, Ihre Pistolen zurckzulassen, wir mssen den Bewaffneten
zeigen, da uns der Kriegsapparat nichts angeht.

Anton hatte seine Pistolen in die Rocktasche gesteckt, wo sie wieder
trotzig hervorsahen, er gab sie jetzt einem Schtzen, den der Lieutnant
von Rothsattel herbeiwinkte. So zogen sie ber die Brcke. Am Ende der
Grenzbrcke parirte der Lieutnant unwillig sein Pferd und brummte:
Diese Pfefferscke rcken eher ein als wir, und der Rittmeister rief
ihnen noch nach: Sollten Ihre Personen in Gefahr kommen, so werde ich
es fr keine Ueberschreitung meiner Ordre halten, wenn ich Ihnen
Lieutnant von Rothsattel mit Mannschaft zu Hlfe schicke. Der Lieutnant
stob zurck und commandirte den Zug, welcher in einiger Entfernung
hielt, sehr kampflustig: Still gesessen! worauf er wieder bis an das
Ende der Brcke vorsprengte und mit groem Interesse und kriegerischer
Ungeduld den Civilisten nachsah. Zu seiner und des Kriegsheers Ehre mu
an dieser Stelle bekannt werden, da sowohl er, als sein Zug den
Einrckenden warmen Empfang und ernste Unbequemlichkeiten
herbeiwnschten, damit sie selbst das Recht erhielten, sich
hineinzumengen und ein wenig einzuhauen.

Es war kein imponirender Einmarsch in das feindliche Gebiet, den die
Kaufleute anfhrten; mit einer gewissen Gemthlichkeit im ruhigen
Schritt seine Cigarre anzndend ging der Prinzipal voran, ihm dicht zur
Seite Anton, dahinter drei stmmige Fuhrleute mit den Pferden. So waren
sie ungefhr auf dreiig Schritt einigen Bauern mit weien Kitteln nahe
gekommen, als diese ihre Gewehre anschlugen und durch einen polnischen
Schrei Halt geboten. Der Prinzipal rief mit lauter Stimme in ihrer
Sprache: Ruft Euern Anfhrer. Gehorsam schrie einer von den Wilden mit
heftiger Handbewegung einem entfernten Haufen zu. Die Anderen behielten
mit drohender Haltung ihre Gewehre im Anschlag und zielten, wie Anton
ohne besonderes Wohlgefallen bemerkte, unter heimtckischem
Augenblinzeln smmtlich grade auf ihn. Unterde kam mit langen Schritten
der Anfhrer der Bande heran. Er trug einen blauen Rock mit bunten
Schnren, eine viereckige rothe Mtze mit grauem Pelz besetzt und hielt
eine lange Entenflinte in der Hand. Er war im Ganzen betrachtet ein
brauner Kerl von gefhrlichem Aussehen, verziert mit einem langen
schwarzen Schnurrbart, der ihm auf beiden Seiten am Mund herunter hing.
Als der Mann herangekommen war, redete ihn der Kaufmann in
unvollkommenem Polnisch mit krftiger Stimme an: Wir sind Freunde! ich
bin der Herr des Wagens dort und will mir ihn herber holen; sagt Euern
Leuten, da sie mir dabei helfen, Ihr sollt ein gutes Biergeld haben.
Bei dem Wort Biergeld senkten sich die Gewehre hochachtungsvoll von
selbst. Der Hauptkrakuse aber stellte sich pathetisch in die Mitte der
Heerstrae und begann eine lange Rede mit Handbewegungen, von welcher
Anton sehr wenig und sein Prinzipal nicht Alles verstand, die aber durch
den Fuhrmann dahin erklrt wurde, der Mann bedaure, dem Herrn nicht
dienen zu knnen, er habe Befehl von einem dahinter stehenden Corps, den
Wagen zu bewachen, bis die Pferde ankmen, welche ihn nach ihrer Stadt
schaffen sollten.

Der Kaufmann schttelte gemthlich den Kopf und antwortete im Tone des
ruhigen Befehls: Das geht nicht, der Wagen gehrt mir, und ich mu ihn
mitnehmen, ich kann nicht so lange warten, bis Euer Fhrer mir die
Erlaubni giebt. Dabei griff er in die Tasche und hielt dem insurgirten
Bewohner des blauen Rockes ungesehen von den Andern ein halbes Dutzend
harte Thaler hin: So viel fr Euch und eben so viel fr Eure Leute.
Der Anfhrer sah auf die Thaler, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe,
kraute sich heftig und drehte an seiner Mtze, worauf er endlich zu dem
Resultat kam: wenn die Sache so sei, mge der gndige Herr den Wagen nur
fortnehmen.

Im Triumph zog die Caravane zu dem Wagen, die Fuhrleute ergriffen die
Hebebume und hoben mit vereinter Kraft die gesenkte Seite in die Hhe,
lsten die Trmmer des alten Rades, setzten das neue an und spannten die
Pferde vor, Alles unter thtiger Mitwirkung einiger Bauern, brderlich
untersttzt von dem Commandeur, welcher in eigener Person einen Hebebaum
regierte. Darauf wurden die Pferde herzhaft angetrieben und der Wagen
rollte der Brcke zu unter dem lauten hoi! hoi! des Krakusen, welcher
dadurch vielleicht eine dissentirende Stimme in seinem Innern
berschreien wollte.

Gehen Sie mit dem Wagen voraus, sagte der Kaufmann zu Anton, und da
Anton zgerte, seinen Prinzipal allein unter den Bauern zurckzulassen,
fgte dieser befehlend hinzu: Ich will es haben. So fuhr der Wagen
langsam an die Grenze, und schon von Weitem hrte Anton das Lachen und
die Gre der Soldaten.

Unterde blieb der Kaufmann in eifrigem Gesprch mit dem Dolmetsch und
dem Bandenfhrer zurck und schied endlich im besten Einvernehmen von
dem Insurgenten, welcher mit slavischer Hflichkeit den Hauswirth auf
der Landstrae machte und die Reisenden mit abgezogener Mtze bis in
Schuweite von dem Militr begleitete. An der Brcke holte der Prinzipal
den Wagen ein, machte das Halt! Werda! der Vedetten und das damit
verbundene kriegerische Ceremoniell durch und empfing auf heimathlichem
Boden den lachenden Glckwunsch des Rittmeisters, whrend der Lieutnant
spttisch zu Anton sagte: Sie haben keinen Grund gehabt, die
Abwesenheit Ihrer Schlsselbchsen zu bedauern.

Es ist besser so, antwortete Anton, es war ein glattes Geschft. Die
armen Teufel haben nichts gestohlen als ein kleines Fa Rum.

Eine Stunde darauf saen die Reisenden mit den Offizieren der Reiter und
der Jger zusammen in dem kleinen Verschlage der Schenke bei einigen
Flaschen alten Ungarweins, welche der Wirth aus dem tiefsten Winkel
seines Kellers heraufgeholt hatte. Nicht am wenigsten vergngt war
Anton. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine kleine anstndige
Kriegsgefahr durchgemacht und war im Ganzen mit sich zufrieden und jetzt
sa er neben einem jungen Krieger, den er hochzuschtzen uerst
bereitwillig war, und hatte die Freude, diesem seine Cigarren anzubieten
und von dem Abenteuer dieses Tages zu sprechen.

Die Bauern haben ja im Anfange auf Sie angelegt, sagte der junge Herr,
nachlssig sein Brtchen kruselnd, das war Ihnen wohl unbequem?

Nicht sehr, erwiederte Anton so khl als mglich; einen Augenblick
wurde ich stutzig, als die Flinten auf uns gerichtet waren, und hinter
den Flinten andere Mnner mit ihren Sensen die Pantomime des
Kopfabschneidens machten. Es kam mir befremdlich vor, da die Mndungen
alle gerade auf mein Gesicht gerichtet waren. Nachher hatte ich am Wagen
zu thun und dachte nicht mehr daran. Und als auf dem Rckwege jeder
unserer Fuhrleute behauptete, da gerade nur auf ihn gezielt worden sei
und auf keinen Andern, da kam ich zu der Ansicht, da diese
Vielseitigkeit eine besondere Eigenschaft der Flintenlufe sein mu,
eine Art von optischer Ungezogenheit, die nicht viel zu bedeuten hat.

Wir htten Sie schon herausgehauen, wenn die Bauern Ernst gemacht
htten, antwortete der Lieutnant wohlwollend. Ihre Cigarren sind
brigens gut.

Anton freute sich darber und go seinem Nachbar das Glas voll. So
unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heute besonders
aufgelegt war, sich mit den bunten Herren ber Krieg und Frieden zu
unterhalten. Anton sah, da der Kaufmann die Offiziere mit einer
gewissen frmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlssigen Ton,
in welchem die Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam
steuerte. Bald wurde das Gesprch allgemein, und man hrte mit
Aufmerksamkeit dem Kaufmanne zu, welcher von dem insurgirten Gebiet, mit
dem er durch frhere Reisen bekannt war, erzhlte und einzelne Fhrer
des Aufstandes zu schildern wute.

Nur der junge Herr von Rothsattel schien zu Antons groer Betrbni
nicht zufrieden mit der Aufmerksamkeit, welche seine Kameraden dem
Civilisten gnnten, und mit dem Lwenantheil, den dieser an der
Unterhaltung erlangt hatte; er warf sich nachlssig in seinen Stuhl
zurck, sah wie zerstreut nach der Decke, spielte mit dem Sbelgriff und
warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche eine ennuyirte
Gemthsstimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwhnte, da er
am nchsten Morgen den Befehlshaber des Grenzcorps erwarte, und der
Kaufmann darauf entgegnete: Ihr Oberst wird vor morgen Abend nicht hier
eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm
zusammentraf, so erzhlt, da kam in dem jungen Offizier der Teufel des
Hochmuths zum Durchbruch und er sagte mit unartigem Ton: Sie kennen
unsern Obristen also persnlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und
Kaffe bei Ihnen?

Wenigstens geschah das frher, sagte der Kaufmann artig, ich selbst
habe als junger Mann einige Mal den Kaffe fr ihn abgewogen.

Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit und einer der
ltern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der
beabsichtigten Grobheit, indem er etwas von einer hchst respectablen
Handlung sprach, bei welcher jeder Militr oder Nicht-Militr seinen
Bedarf nur mit Vergngen entnehmen knnte.

Ich danke Ihnen fr das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschft
haben, Herr Capitain, sagte der Kaufmann lchelnd; ich bin allerdings
stolz darauf, da mein Geschft respectabel geworden ist durch meine und
meiner Angehrigen angestrengte Thtigkeit.

Lieutnant Rothsattel, Sie fhren die nchste Patrouille, es ist Zeit,
da Sie aufbrechen, erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der
Lieutnant.

Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er groe
Stcke hlt, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von
Rothsattel nicht erst den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe
bewacht? frug der Kaufmann mit ruhiger Artigkeit zum Rittmeister
gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und ging rasselnd aus der
Stube. Anton htte seinen Liebling prgeln mgen, so zornig war er auf
ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel durch ein
lebhaftes Gesprch, welches er einleitete.

Es war spt geworden, und Anton sah mit Verwunderung, da der Kaufmann
fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirth zu machen und an dem
Prfen des Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke
seiner Reise nicht recht vertrglich war. Endlich, nachdem eine neue
Flasche entkorkt war, und auch der Rittmeister eine neue Cigarre des
Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser leicht hin: Ich wnsche morgen
nach der insurgirten Hauptstadt zu reisen und erbitte mir Erlaubni
dazu, wenn diese nthig ist.

Sie wollen -- riefen die Offiziere rund um den Tisch.

Ich mu, sagte der Kaufmann mit Ernst und setzte ihnen kurz
auseinander, weshalb er msse.

Der Rittmeister schttelte den Kopf: Zwar lt der Wortlaut meiner
Ordre zweifelhaft, ob ich die Grenze fr Jedermann zu verschlieen habe,
doch ist mir Absperrung des insurgirten Landes als der nchste Zweck
unserer Aufstellung angegeben.

Dann wrde ich meinen Wunsch dem Commandeur vortragen mssen, das wrde
mich lnger als einen Tag aufhalten, und dieser Aufenthalt knnte den
Zweck meiner Reise vereiteln. Wie Ihre Gte mir mittheilt, herrscht
gegenwrtig unter den Insurgenten noch ertrgliche Ordnung, es ist
unmglich, da diese lange anhlt. In den Rcksichten aber, welche ich
dort finde, liegt fr mich die einzige Mglichkeit, meine Waaren zu
retten, denn die Frachtwagen kann ich nur mit Bewilligung der
revolutionren Behrde aus der Stadt schaffen.

Und hoffen Sie diese zu erlangen? frug der Rittmeister.

Es mu versucht werden, antwortete der Kaufmann. Jedenfalls werde ich
mich der Plnderung und Zerstrung meines Eigenthums dort nach Krften
widersetzen.

Der Rittmeister berlegte. Was Sie thun wollen, setzt mich in einige
Verlegenheit; wenn Ihnen ein Unglck zustt, wie ich fast frchte, so
knnte mir ein Vorwurf daraus gemacht werden, da ich Ihnen gestattet
habe, die Grenze zu passiren. Kann Sie denn nichts bewegen, diese Reise
zu unterlassen?

Nichts, erwiederte der Kaufmann, nichts als das Gesetz.

Liegt Ihnen denn so viel an den Frachtwagen, da Sie Ihr Leben dafr in
die Schanze schlagen wollen? frug der Rittmeister nicht ohne inneres
Mifallen.

Ja, Herr Rittmeister, eben so viel, als Ihnen daran liegt, Ihre Pflicht
zu thun; es hngt fr mich mehr an dem Besitz dieser Frachtwagen, als
ein geschftlicher Vortheil. Ich mu hinber, wenn mich nicht ein
unbedingtes und unwiderrufliches Verbot der Staatsregierung daran
hindert. Diesem wrde ich mich zuletzt nicht entziehen, ich werde aber
Alles versuchen, fr mich eine Ausnahme zu erwirken.

Wohlan, sagte der Rittmeister aufstehend, ich will Ihrer Reise kein
Hinderni in den Weg legen. Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, da Sie
drben unter keiner Bedingung etwas ber die Strke dieses Grenzpostens,
die Aufstellung unserer Truppen und ber das mittheilen, was Sie etwa
von unsern projectirten Maregeln gehrt haben.

Ich gebe mein Wort, sagte der Kaufmann.

Ihre Persnlichkeit brgt mir zwar dafr, da Ihre Angaben ber den
Zweck der Reise die richtigen sind, zu meiner dienstlichen Information
wnsche ich aber die betreffenden Papiere zu sehen, wenn Sie solche bei
sich haben.

Hier sind sie, sprach der Kaufmann eben so geschftsmig. Hier mein
Pa in's Ausland auf ein Jahr, hier der Verladeschein des polnischen
Verkufers, die Copien meiner Briefe an das Grenzzollamt und den
hiesigen Spediteur, und hier die Antworten derselben. Die Beamten des
Grenzzollamts und der Spediteur knnen auerdem die Wahrheit dieser
Angaben bezeugen.

Der Rittmeister durchflog die Papiere und gab sie zurck. Sie sind ein
muthiger Mann, und ich wnsche Ihnen alles Glck, sagte er mit
amtlicher Wrde. Und wie wollen Sie reisen?

Mit Postpferden. Im Falle man mir die Pferde verweigert, werde ich sie
kaufen und selbst fahren; einen Wagen wird mir unser Wirth berlassen,
ich werde morgen bei Tage reisen, weil ich bei Nacht noch mehr Verdacht
erwecken wrde.

Wohlan, morgen mit Tagesanbruch sehe ich Sie wieder. Wie ich annehme,
rcken wir selbst sptestens in drei Tagen in Feindes Land; falls ich
bis dahin keine Nachricht von Ihnen habe, werde ich Sie in der eroberten
Stadt aufsuchen. Wir brechen auf, meine Herren, die Sitzung hat bereits
zu lange gedauert.

So zogen die Herren vom Militr mit geschftlichem Klirren ab, und Anton
und sein Prinzipal blieben mit den leeren Weinflaschen allein in der
Kammer. Der Kaufmann ffnete das Fenster und wandte sich dann zu Anton,
welcher den letzten Verhandlungen in groer Aufregung zugehrt hatte.
Wir werden uns hier trennen, lieber Wohlfart, fing er an.

Bevor er aussprechen konnte, ergriff Anton seine Hand und sagte mit
Thrnen in den Augen: Erlauben Sie mir mit Ihnen zu gehen, schicken Sie
mich nicht in das Geschft zurck. Es wrde mir mein ganzes Leben
hindurch ein unertrglicher Vorwurf sein, wenn ich auf dieser Reise von
Ihnen gegangen wre.

Es ist unntz, vielleicht unklug, wenn Sie mitreisen. Was dort zu thun
ist, kann ich sehr gut allein abmachen; wenn irgend eine Gefahr ist, was
ich nicht glaube, so kann Ihre Gegenwart mich nicht davor schtzen, ich
wrde nur das peinliche Gefhl haben, da ich einen Andern um
meinetwillen in Verlegenheit gebracht habe.

Ich wrde Ihnen doch sehr dankbar sein, wenn Sie mich mitnehmen
wollten, bat Anton flehentlich, immer noch die Hand des Prinzipals
haltend. Auch Frulein Sabine hat es gewnscht, fgte er hinzu, indem
er in weiser Steigerung den strksten Ueberredungsgrund zuletzt aus
seinem bewegten Gemth heraufholte.

Sie ist ein furchtsames Mdchen, sagte der Kaufmann lchelnd. Inde,
da Sie so freundschaftlich darauf bestehen, mag es sein. Wir reisen
zusammen; rufen Sie den Wirth und lassen Sie uns die Reisegelegenheit
besprechen.




~II.~


Es war noch dmmrige Nacht, als Anton vor die Thr der Schenke trat. Ein
dichter Nebel hing ber der Ebene und bewegte sich unruhig in dem
Zwielicht des nahen Tages; unten am Horizont bezeichnete ein rother
Feuerschein die Gegend, nach welcher die Reisenden fahren sollten. Mit
grauem Schleier verhllten die Dmpfe der Nacht einen dunklen Haufen an
der Erde. Anton trat nher und erkannte eine Anzahl Mnner, Weiber und
Kinder, sie kauerten am Boden, bleiche, ausgehungerte, tiefgefurchte
Gesichter. Sie sind aus dem Grenzdorf von jenseits, erklrte ihm ein
alter Wachtmeister, welcher in seinem Reitermantel daneben stand. Ihre
Drfer brennen, sie waren in die Wlder gelaufen, heut Nacht kamen sie
an das Wasser, streckten die Hnde aus und schrieen jmmerlich nach
Brod. Weil es meist Weiber und Kinder sind, hat der Herr Rittmeister
ihnen erlaubt, herber zukommen, und hat ihnen einige Brode zerschneiden
lassen. Sie haben einen Mordheihunger. Nach ihnen kamen grere Banden,
alle schrieen: Brod! Brod! und rangen die Hnde. Wir haben ihnen einige
Pistolenschsse ber die Kpfe gefeuert und sie weggefegt.

Ei! sagte Anton, das ist keine trstliche Aussicht fr unsere Reise.
Was soll hier aus den armen Leuten werden?

Es sind Grenzteufel, sagte der Wachtmeister begtigend, die Hlfte
des Jahres schmuggeln und saufen sie, und die andere Hlfte hungern sie.
Diese hier frieren jetzt etwas.

Kann man ihnen nicht einen Kessel mit Suppe kochen? frug Anton
mitleidig und griff nach seiner Tasche.

Wozu Suppe? sagte der Wachtmeister kaltbltig, ein Schluck Branntwein
wre der ganzen Gesellschaft lieber; dort trinkt Alles Branntwein, auch
was noch Sugling ist; wenn Sie etwas dran wenden wollen, ich will's
ihnen austheilen und einen ehrlichen Soldaten nicht vergessen.

Ich werde beim Wirth bestellen, da die Hausmagd etwas Warmes kocht,
und Sie, Herr Wachtmeister, haben die Gte, zuzusehen, da Alles in
Ordnung zugeht. Dabei griff er in die Tasche, und der Wachtmeister
versprach bereitwillig, sein kriegerisches Herz dem Mitleid offen zu
erhalten.

Eine Stunde darauf rollten die Reisenden in offener Britschka durch die
Vorposten, der Kaufmann fuhr, Anton sa hinter ihm und blickte sphend
in die Landschaft hinein, in welcher sich aus Finsterni und Nebel
bereits einzelne Gegenstnde erkennen lieen. Ungefhr zweihundert
Schritt waren sie gefahren, da tnte hinter einem dicken Weidenbaum an
der Landstrae ein polnischer Zuruf. Der Kaufmann hielt die Pferde an,
ein Einzelner nherte sich vorsichtig dem Wagen. Kommt herauf, guter
Freund, rief der Kaufmann dem Fremden zu, setzt euch neben mich.
Hflich nahm der Fremde seine Mtze ab und schwang sich auf den
Vordersitz des Wagens. Es war der oberste Krakuse von gestern mit seinem
hngenden Schnauzbart. Haben Sie ein Auge auf ihn, sagte der Kaufmann
in englischer Sprache zu Anton, er soll uns als Sauvegarde dienen und
wird dafr bezahlt; wenn er mir auf den Leib rckt, so fassen Sie ihn
von hinten.

Anton holte die verachteten Pistolen aus einer alten Ledertasche an der
Seite des Wagens und steckte sie vor den Augen des Krakusen recht
sichtbar in die Taschen seines Paletots. Der Fhrer im Leinwandrock aber
lachte vertraulich und erwies sich bald als ein Geschpf von
freundschaftlicher und geselliger Natur, er nickte verbindlich beiden
Reisenden zu, trank Schlucke aus Antons Reiseflasche und machte
Versuche, ber seine linke Schulter mit diesem eine Unterhaltung
anzuknpfen, indem er ihn in gebrochenem Deutsch Euer Gnaden nannte und
ihm offenbarte, er rauche auch Tabak, habe aber keinen. Zuletzt bat er
um die Ehre, die Herren fahren zu drfen.

So waren sie an einer Gruppe zerfallener Huser vorbeigekommen, welche
an einem Sumpf auf kahler Flche standen, wie riesige Pilze, die an
einer vergifteten Stelle in die Hhe geschossen sind; da sahen sie sich
pltzlich von einem Haufen Insurgenten umringt. Es war Landsturm, wie
sie ihn schon am Tage vorher gesehen hatten, einige Dreschflegel, einige
gerade Sensen, alte Musketen, Leinwandkittel, viel Schnapsgeruch und
glotzende Augen. Der Haufe fiel den Pferden in die Zgel und schickte
sich mit Blitzesschnelle an, dieselben abzuspannen. Da erhob sich der
Krakuse von seinem Sitz wie ein Lwe und entwickelte in seinem Polnisch
eine ungeheure Beredsamkeit, wobei er mit Hnden und Fen nach allen
Seiten hin gesticulirte. Er erklrte, da diese Herren groe Herren der
Niemcy seien, welche nach der Hauptstadt reisten, weil sie mit der
Regierung sprechen mten; es werde Jedem den Kopf kosten, der auch nur
ein Haar aus dem Schwanze ihrer Pferde ausrisse. Auf diese Rede
erfolgten ebenso lebhafte Gegenreden, bei denen ein Theil die Fuste
ballte, ein Theil die Mtzen abnahm. Darauf hielt der Fhrer eine noch
strkere Rede und stellte allen Patrioten ein Zerschnittenwerden in vier
Theile in Aussicht, wenn sie wagen wrden, auch nur ihre Pferdekpfe
scheel anzusehen. Darauf wurde die Zahl der geballten Fuste geringer
und die Zahl der gezogenen Mtzen grer. Endlich machte der Kaufmann
dieser Scene ein Ende, indem er die Pferde mit einem krftigen
Peitschenschlag antrieb und den letzten widerspenstigen Patrioten zu
einem schnellen Seitensprung veranlate. Im Galopp stoben die Pferde
vorwrts, einige lebhafte Interjectionen klangen hinter ihnen her, und
eine Kugel pfiff unschdlich ber die Hupter der Reisenden,
wahrscheinlich mehr aus allgemeiner Vaterlandsliebe, als zu einem
bestimmten Zweck abgeschossen.

So ging es einige Stunden fort. Nicht selten berholten sie Haufen
bewaffneter Landleute, welche entweder schrieen und ihre Knittel
schwangen, oder einem Geistlichen mit der Kirchenfahne nachzogen, die
Kpfe gesenkt, geistliche Lieder singend. Die Reisenden wurden einige
Mal aufgehalten und bedroht, zuweilen auch mit groer Ehrerbietung
begrt, zumal Anton, der auf seinem Hintersitz fr die Hauptperson
galt.

Endlich nherten sie sich einem grern Dorf, die Haufen wurden dicker,
das Geschrei lauter, unter den Bauernkitteln waren hier und da eine
Uniform, Federbsche und Bajonnette sichtbar. Hier zeigte der Fhrer
Symptome von Unruhe und erklrte dem Kaufmann, weiter knne er sie nicht
fhren, hier mten sie sich bei dem Befehlshaber melden. Der Prinzipal
zeigte sich damit zufrieden, zahlte dem Fhrer seinen Lohn aus und lie
den Wagen bei dem ersten Haufen, welcher die Strae besetzt hielt,
halten. Ein junger Mann in blauer Pikesche, mit einer roth und weien
Schrpe um den Leib, eilte heran, nthigte die Reisenden, abzusteigen,
und fhrte sie mit leidenschaftlichem Diensteifer der Hauptwache zu. Der
Kaufmann behielt die Zgel der Pferde in der Hand und raunte Anton zu,
er sollte den Wagen unter keinen Umstnden aus den Augen lassen. Anton
heuchelte Unbefangenheit und drckte dem getreuen Krakusen, der hinter
dem Wagen herschlich, etwas in die Hand, damit dieser den Pferden einige
Bndel Heu verschaffe.

Das Wachlocal war in einem Hause, dessen Strohdach durch den weien
Anstrich der Wnde einen vornehmen Schimmer erhielt. Dort standen einige
Jagdflinten und Musketen an Holzpfhle gelehnt, bewacht von einem
jugendlichen Volontair in blauem Rock und rother Mtze. Daneben sa der
commandirende Offizier, ein plattes Gesicht unter einem mchtigen,
weien Federbusch; er war mit einer ungeheuern seidenen Schrpe und
einem Sbel mit schngewundenem Korbgriff geschmckt. Dieser Herr
gerieth in nicht gewhnliche Aufregung, als er die Fremden erblickte, er
drckte seinen Hut fest, strich sich grimmig den unordentlichen Bart und
begann ein Verhr. Nach frherer Verabredung sagten ihm beide Reisende,
da sie das Obercommando in wichtiger Angelegenheit zu sprechen htten.
Ueber den Zweck ihrer Reise verweigerten sie jede Auskunft. Diese
Erklrung krnkte die Wrde des Befehlshabers. Er machte lieblose
Anspielungen auf verdchtige Menschen und Spione und schrie seiner Wache
zu, in's Gewehr zu treten. Fnf junge Mnner in blauen Pikeschen
strzten aus dem Hause, stellten sich in Linie auf und wurden mit einem
Aufwand von Commandowrtern befehligt, ihre Gewehre bereit zu halten.
Anton sprang unwillkrlich zwischen die Blaurcke und seinen Prinzipal.
Inde nderte der Herr mit dem groen Sbel seinen mrderischen
Entschlu, als der Kaufmann mit Gemthsruhe an dem Pfosten stehen blieb,
um den er die Zgel geschlungen hatte. Der Befehlshaber begngte sich,
ihm nochmals zu versichern, er halte ihn fr hchst gefhrlich und sei
sehr geneigt, ihn als Verrther zu fsiliren.

Der Kaufmann zuckte mit den Achseln und sagte in ruhiger Hflichkeit:
Sie sind durchaus im Irrthum ber den Zweck unserer Reise. Sie knnen
uns nicht im Ernst fr Spione halten, denn wir haben uns durch einen
Ihrer Landsleute gerade zu Ihnen fhren lassen, um durch Ihre Gte ein
Geleit nach der Hauptstadt zu bekommen. Ich bitte Sie nochmals, uns
nicht aufzuhalten, da unsere Geschfte bei der Commandantur dringend
sind, und ich Sie fr jede unntze Verzgerung unserer Reise
verantwortlich machen mte. Der Commandeur fing nach dieser Rede von
Neuem an zu wettern, er schnaubte heftig gegen den Kaufmann und Anton,
trank endlich ein groes Glas Branntwein und fate einen Entschlu. Er
rief drei seiner Leute und befahl ihnen, sich mit den Reisenden
aufzusetzen und dieselben nach der Hauptstadt zu transportiren. Ein
neues Strohbund wurde in den Wagen geworfen, zwei confiscirte Burschen
nahmen mit ihren Gewehren Platz hinter den Reisenden, vor ihnen setzte
sich ein weirckiger Bauer auf den Kutschersitz, ergriff die Zgel und
fuhr gleichgltig seine Ladung, Verdchtige, Patrioten und Alles, im
Galopp nach der Hauptstadt.

Unsere Lage hat sich verschlechtert, sagte Anton, fnf Mann auf dem
kleinen Wagen, und die armen Pferde sind ermdet.

Ich sagte Ihnen, da unsere Reise einige Unbequemlichkeiten haben
wrde, antwortete der Kaufmann. Die Menschen sind nie lstiger als
wenn sie Soldaten spielen. Uebrigens ist diese Bewachung kein Unglck,
wir werden wenigstens bei solcher Empfehlung in die Stadt gelassen
werden.

Es war Abend, als sie in der Nhe der Stadt ankamen. Ein rthlicher
Schein am Himmel bezeichnete schon aus der Ferne das Ziel ihrer Fahrt,
dann zahlreiche bewaffnete Banden, welche in die Stadt hinein oder von
ihr her zogen. Darauf folgten ein langer Aufenthalt an dem Thore, ein
Durcheinander von Fragen und Antworten, Beleuchtung der Reisenden durch
Laternen und brennende Kienspne, feindselige Blicke und unverstndliche
Drohungen, endlich eine lange Fahrt durch die Straen der alten
Hauptstadt. Um sie herum bald Todtenstille, bald ein wildes Geschrei
zusammengelaufener Menschen, doppelt unheimlich, wenn die Worte den
Hrenden unverstndlich waren.

Zuletzt lenkte der Kutscher auf einen Marktplatz und hielt vor einem
stattlichen Hause. Die Reisenden wurden durch ein Gedrnge bunter
Uniformen, beschnrter Rcke und heller Kittel gezogen und eine breite
Treppe hinaufgedrngt. Dort stie man sie in ein groes Zimmer und
stellte sie einem Herrn mit weien Glachandschuhen gegenber, welcher
in einen schriftlichen Rapport sah und ihnen kurz ankndigte, da sie
nach dem Bericht des Stations-Commandanten der Spionage verdchtig wren
und vor einem Kriegsgericht verhrt werden sollten. Der Kaufmann
antwortete sogleich mit krftigem Unwillen: Dann bedaure ich, da Ihr
Untergebener eine groe Unwahrheit gemeldet hat, denn wir haben die
Reise bei hellem Tage auf der groen Landstrae bis hierher gemacht, in
der bestimmten Absicht, Ihren Commandirenden zu sprechen; mein sind die
Pferde und mein der Wagen, welche mich vor dieses Haus gebracht haben,
und es war eine berflssige Hflichkeit Ihres Stations-Commandanten,
da er mir solche Begleitung mitgegeben hat. Ich wnsche den Herrn,
welcher hier befehligt, so bald als mglich zu sehen, nur ihm werde ich
den Zweck meiner Reise mittheilen; haben Sie die Gte, ihm meinen Pa
einzuhndigen.

Der Herr sah in den Pa und frug mit mehr Rcksicht auf Anton blickend:
Aber dieser Herr? er hat das Aussehen eines Offiziers Ihrer Armee.

Ich bin ein Commis des Herrn Schrter, erwiederte Anton mit einer
Verbeugung, und durch und durch civil.

Warten Sie, sprach der junge Mann von oben herab und ging mit dem Pa
in ein Nebenzimmer.

Da er einige Zeit ausblieb und Niemand die Reisenden hinderte, setzten
sie sich auf eine Bank und nahmen die sicherste Miene an, welche ihnen
mglich war. Anton warf einen besorgten Blick auf seinen Prinzipal,
welcher finster vor sich niedersah, und betrachtete dann verwundert
seine Umgebung. Es war ein hohes Zimmer, die Decke mit Stuck und Malerei
verziert, die Wnde verruchert und beschmutzt, Tische, Sthle und Bnke
standen unordentlich umher, sie schienen aus einem Schenkhause
herzugeschleppt; an den Tischen beugten sich einige Schreiber ber ihre
Papiere, und an den Wnden saen und lagen Bewaffnete, sie schliefen
oder sprachen laut mit einander, zum Theil in franzsischer Sprache. Das
heruntergekommene Zimmer in der trben Beleuchtung machte auf Anton
keinen ermuthigenden Eindruck, und leise sagte er zu dem Kaufmann: Wenn
Revolution so aussieht, sieht sie hlich genug aus.

Sie verwstet immer und schafft selten Neues. Ich frchte, die ganze
Stadt gleicht dieser Stube. Die gemalten Wappen an der Decke, und die
schmutzige Bank, auf der wir sitzen, wenn solche Gegenstze
zusammenkommen, dann darf ein ehrlicher Mann sein Kreuz schlagen. Der
Adel und der Pbel sind jeder einzeln schlimm genug, wenn sie fr sich
Politik treiben; so oft sie sich aber mit einander vereinigen, ruiniren
sie sicher das Haus, in dem sie zusammenkommen.

Die Vornehmen sind uns unbequemer, sagte Anton, ich lobe mir unsern
Krakusen, der war ein hflicher Insurgent und er hatte ein Herz fr ein
Achtgroschenstck, die Herren hier aber verfahren durchaus nicht
geschftsmig.

Warten wir ab, sprach der Prinzipal.

Eine Viertelstunde war vergangen, da trat ein junger Mann von schlankem
Wuchs und stattlichem Aussehen, gefolgt von dem Herrn mit den weien
Hnden, aus dem Nebenzimmer, schritt artig auf den Kaufmann zu und sagte
mit lauter Stimme, so da auch die Schlfer auf den Bnken ihn hren
muten: Ich freue mich, Sie hier zu sehen, ich habe so etwas erwartet;
haben Sie die Gte, mir mit Ihrem Begleiter zu folgen.

Wetter! unsere Actien steigen, dachte Anton. Sie folgten dem
majesttischen Redner in ein kleines Eckzimmer, welches gewissermaen
das Boudoir des Hauptquartiers war; denn es stand eine Ottomane darin,
weich gepolsterte Sessel, und ein zierlicher Schreibtisch von seltenem
Holz. Verschiedene Anzge und Uniformen hingen unordentlich ber den
Mbeln, und auf dem Tisch lag neben Papieren ein niedliches, kostbar
ausgelegtes Taschenterzerol mit zwei Lufen und ein groes Petschaft von
buntem Stein in Gold eingefat.

Whrend Anton die Beobachtung machte, da es in dem Raum sehr elegant,
aber auch sehr unordentlich aussah, sagte der junge Chef mit etwas mehr
Haltung und etwas weniger Zrtlichkeit zu dem Kaufmann: Sie sind durch
ein Miverstndni rauher Behandlung ausgesetzt worden, wie sie in
unruhiger Zeit nicht immer zu vermeiden ist; Ihre Begleiter haben Ihre
Angaben besttigt. Ich ersuche Sie, mir mitzutheilen, was Sie zu uns
fhrt. Der Kaufmann berichtete kurz, aber genau den Zweck seiner Reise,
nannte die Namen seiner Geschftsfreunde am Ort und berief sich auf sie
zur Besttigung seiner Aussage.

Ich kenne den einen oder andern dieser Herren, antwortete der
Commandant nachlssig. Er fixirte den Kaufmann scharf und frug nach
einer Pause: Haben Sie mir nichts weiter mitzutheilen?

Der Prinzipal verneinte, aber der Andere fuhr schnell fort: Ich
begreife wohl, da unsere ungewhnliche Lage Ihrer Regierung verbietet,
direct mit uns in Verbindung zu treten, und da Sie, falls Sie irgend
einen Auftrag an uns haben, die hchste Vorsicht beobachten mssen.

Lebhaft fiel ihm der Kaufmann in's Wort: Bevor Sie weiter sprechen,
versichere ich nochmals, als Mann von Ehre, da ich nur in meinen
Angelegenheiten herkomme, und da diese Angelegenheiten nur die
angegebenen sind. Da ich aber aus Ihren Worten und aus Manchem, was ich
auf dem Wege gehrt habe, schliee, da Sie mich fr einen
Bevollmchtigten, gleichviel von wem, halten, so fhle ich mich
gezwungen, Ihnen zu sagen, da ich in keinerlei Auftrag hierher htte
reisen knnen, weil ein Auftrag, wie Sie zu erwarten scheinen, unmglich
ist.

Der vornehme Huptling sah sehr ernst vor sich nieder und sagte nach
einem Augenblick finstern Schweigens: Gleichviel, Sie sollen darunter
nicht leiden. -- Der Wunsch, welchen Sie hier ausgedrckt haben, ist so
ungewhnlich, da er bei einer regulren Obrigkeit durchaus nicht
erfllt werden knnte; wenn uns nicht vergnnt ist, Sie fr einen Freund
zu halten, so gebietet uns die Pflicht der Nothwehr, Sie und Ihr
Eigenthum als feindlich zu behandeln. Aber die Mnner meines Volkes
haben, so oft sie zu den Waffen griffen, die verhngnivolle Tugend
gehabt, auch Andern einen groen Sinn zuzutrauen und um ihrer selbst
willen auch da edel zu handeln, wo sie auf keinen Dank zu rechnen
hatten. Seien Sie berzeugt, da ich, so viel an mir liegt, dazu
beitragen werde, Ihr Eigenthum frei zu machen.

So sprach der Edelmann mit Selbstgefhl und in prchtiger Haltung, und
Anton fhlte lebhaft, da etwas wahrhaft Edles aus den Worten
hervorleuchtete, aber er war schon zu sehr Geschftsmann, um sich
solchem Eindruck ganz hinzugeben und ein recht gemeines Bedenken fiel
als Reif auf die aufkeimende Bewunderung. Er verspricht uns Hlfe und
hat sich noch nicht einmal berzeugt, ob das in der That unser Eigenthum
ist, was wir aus seiner Stadt herausziehen wollen.

Leider bin ich nicht so souverain, fuhr der Anfhrer fort, da ich
Ihnen ohne Weiteres Ihr Verlangen erfllen kann. Inde hoffe ich, Ihnen
auf morgen einen Freipa fr Ihre Wagen durchzusetzen. Vor Allem suchen
Sie selbst zu ermitteln, wo Ihr Eigenthum sich befindet; ich werde Ihnen
einen meiner Offiziere zum Schutz mitgeben. Morgen frh das Weitere.

Mit diesen Worten wurden die Reisenden huldreich entlassen, und Anton
sah beim Herausgehen, wie der Befehlshaber sich ermdet in einen weichen
Sammtstuhl setzte und mit gesenktem Haupte an dem Griff eines schnen
Terzerols spielte.

Ein kleiner Herr mit einer groen Schrpe, fast noch ein Kind, aber von
zuversichtlichem Wesen, begleitete die Reisenden aus dem Hause. Im
Herausgehen wurden sie von mehreren Anwesenden artig gegrt, und Anton
sah, da das Vorzimmer sie noch immer fr diplomatische Charaktere
hielt. Der Offizier frug, wohin er die Herren begleiten solle, sein
Auftrag sei, sie nicht zu verlassen.

Zu unserm Schutz, oder zu unserer Bewachung? frug Anton heiter, denn
er hatte jetzt guten Muth.

Sie werden mir keine Veranlassung geben, mich als Ihren Aufseher zu
betrachten, antwortete der kleine Krieger in elegantem Franzsisch.

Nein, sagte der Kaufmann, mit Theilnahme auf den Jngling blickend,
aber wir werden Sie ermden, denn wir haben noch heut sehr
uninteressante und gewhnliche Geschfte abzumachen.

Ich thue nur meine Pflicht, antwortete mit stolzer Haltung der Fhrer,
wenn ich Sie begleite, wohin Sie irgend wnschen.

Und wir die unsere, wenn wir eilen, sagte der Kaufmann.

       *       *       *       *       *

So schritten die Reisenden durch die Straen der Stadt. Die Nacht war
eingebrochen, aber unter ihrem Mantel wurde das wste Treiben noch
peinlicher. Haufen des niedrigsten Pbels, Patrouillen des Heeres,
Schaaren von flchtigen Landbewohnern drngten sich schreiend, fluchend,
singend durcheinander; viele Fenster waren erleuchtet, und der
Lichterglanz verbreitete ber den Straen ein schattenloses,
gespenstiges Licht. Ueber die Huser wlzten sich dicht geballte,
rthliche Wolken, es brannte in einer Vorstadt, und der Wind trieb
Schwrme goldener Funken und lohender Holzsplitter ber die Hupter der
Reisenden. Dazu heulten die Glocken der Thrme mit schauerlicher Stimme
eintnigen Klagegesang. Die Reisenden eilten schweigend durch das
Gedrnge, die trotzigen Worte ihres Begleiters ffneten ihnen einen Weg
auch durch drohende Haufen. So kamen sie zu dem Hause, in welchem der
Agent der Handlung wohnte. Das Haus war verschlossen, und lange muten
sie pochen, bis ein Fenster geffnet wurde und eine ngstliche Stimme in
den Straenlrm hinunter rief, wer da sei?

Als sie eintraten, lief ihnen der Agent hnderingend entgegen und fiel
dem Kaufmann weinend um den Hals. Die Gegenwart des jungen Insurgenten
verhinderte ihn, seinen Gefhlen Worte zu geben; er ffnete den
Ankommenden seine Zimmer und bat mit klglicher Stimme um Entschuldigung
wegen der bergroen Unordnung. Koffer und Kisten waren gepackt, Frauen
und Dienstboten liefen ngstlich ab und zu, versteckten hier silberne
Leuchter und packten dort wieder silberne Lffel aus. Unterde rang der
Hausherr unaufhrlich die Hnde, ging in der Stube auf und ab, beklagte
sein Unglck und das Unglck der Handlung, segnete und bedauerte die
Ankunft des Chefs in einem Athemzuge und versicherte dazwischen dem
jungen Krieger mit gepreter Stimme, da auch er ein Patriot sei, und
da nur ein unbegreifliches Versehen des Dienstmdchens die Cocarde von
seiner Hausmtze abgetrennt habe. Es war ersichtlich, da der Mann und
seine ganze Familie den Kopf verloren hatten. Mit Mhe und nur durch
ernste Worte brachte ihn der Kaufmann so weit, da er ihm in einer
Fensterecke ber den Stand der Geschfte Auskunft gab. Die Frachtwagen
waren in der Stadt angekommen, gerade an dem Tage, an welchem der Tumult
anfing. Durch die Vorsicht eines Fuhrmanns waren sie in dem groen
Hofraum einer entlegenen Herberge untergebracht worden; was seit der
Zeit aus dem Transport geworden war, wute der Agent nicht.

Nach kurzer Unterredung sagte der Kaufmann: Ihre Gastfreundschaft
nehmen wir heut Nacht nicht in Anspruch, wir werden dort schlafen, wo
unsere Wagen sind. Alle Einwendungen des Agenten wurden mit
Entschiedenheit zurckgewiesen. Der ehrliche, aber schwache Mann schien
wahrhaft bekmmert ber die neuen Gefahren, denen sich sein
Geschftsfreund aussetzen wollte.

In der Frhe hole ich Sie ab, sagte der Kaufmann beim Scheiden; ich
beabsichtige morgen mit meinen Wagen abzureisen, vorher werde ich bei
unsern Kunden einige Besuche machen, die, wie Sie wissen, nothwendig
sind, dabei wnsche ich Ihre Begleitung. Der Agent versprach, bei
Tageslicht alles Mgliche zu thun.

So traten die Reisenden wieder in die Nacht hinaus, geleitet von dem
Polen, welcher mit Verachtung die halblaute Verhandlung angehrt hatte.
Auf der Strae sagte der Prinzipal, seine Cigarre unwillig wegwerfend,
zu Anton:

Unser Freund wird uns wenig ntzen, er ist hlflos wie ein Kind. Er hat
versumt, im Anfange dieser wilden Tage seine Pflicht zu thun, Gelder
einzuziehen und Deckung fr unsere Forderungen zu suchen.

Und jetzt wird Niemand den Willen haben, sagte Anton bekmmert, uns
weder Zahlung zu leisten, noch Deckung zu geben.

Und doch mssen wir das morgen durchsetzen, und Sie sollen mir dabei
helfen. Bei Gott, solche kriegerische Krmpfe sind fr den Verkehr
ohnedies unbequem genug, sie lhmen jede ntzliche Thtigkeit des
Menschen, und doch ist's diese allein, welche ihn davor bewahrt, ein
Thier zu werden. Wenn aber ein Geschftsmann sich noch mehr stren lt,
als nthig ist, so begeht er ein Unrecht gegen die Civilisation, ein
Unrecht, das gar nicht wieder gut zu machen ist.

So kamen sie in einen Stadttheil, in welchem leere Straen und die
Todtenstille um sie herum noch unheimlicher gegen den fernen Lrm und
die Rthe am Himmel abstachen. Endlich machten sie Halt vor einem
niedrigen Gebude mit groem Thorwege. Sie traten ein und sahen in die
Wirthsstube, einen schmutzigen Raum mit geschwrzten Deckbalken, in
welchem sich auf Holzbnken und Tischen schreiende und Branntwein
trinkende Patrioten drngten. Der junge Offizier trat auf die Schwelle
und rief nach dem Wirth. Eine dicke Figur mit rothglhendem Gesicht
tauchte aus dem Dampf eines Schenktisches hervor. Im Namen der
Regierung Zimmer fr mich und meine Begleiter, forderte der Andere.
Widerwillig ergriff der Wirth ein verrostetes Schlsselbund und ein
Talglicht und fhrte die Fremden in den Oberstock, dort ffnete er ein
dumpfiges Zimmer und erklrte mrrisch, er habe keine andere Gaststube.

Schafft uns ein Abendbrod und eine Flasche von Eurem besten Wein,
sagte der Kaufmann, wir bezahlen Euch gut und auf der Stelle.

Solche Andeutung verbesserte die Stimmung des dicken Gastwirths
sichtlich, er kam sogar auf den unglcklichen Einfall, hflich
auszusehen. Jetzt frug der Kaufmann nach den Fuhrleuten und nach den
Wagen. Diese Fragen kamen dem Wirthe quer. Zuerst versuchte er gar
nichts zu wissen und behauptete, es seien viele Wagen in seinem Hofe
aufgefahren, und es seien wohl auch Fuhrleute da, er kenne sie nicht.

Vergebens bemhte sich der Kaufmann, ihm den Zweck seiner Herkunft
verstndlich zu machen, der Wirth blieb verstockt und verfiel wieder in
mrrische Grobheit, bis der junge Pole dazwischen trat und dem Kaufmann
bemerkte, mit solchen Leuten msse man anders reden. Er stellte sich vor
den Wirth, bezeichnete ihn mit mehreren Hundenamen und versprach, ihn
auf der Stelle arretiren und abfhren zu lassen, wenn er nicht die
genaueste Auskunft gebe.

Der Wirth sah scheu auf den Offizier und erbot sich endlich, fortzugehen
und einen der Fuhrleute heraufzuschicken.

Kurz darauf polterte eine lange Gestalt mit braunem Filzhut die Treppe
herauf, stutzte beim Anblick des Kaufmanns und erklrte endlich mit
erzwungener Freundlichkeit, er sei da.

Wo stehn die Wagen, wo sind die Frachtbriefe?

Die Wagen waren im Hofe der Herberge aufgefahren, die Frachtbriefe kamen
zgernd aus der schmutzigen Ledertasche des Fuhrmanns.

Ihr steht mir dafr, da Eure Ladung vollstndig und unversehrt ist?
frug der Kaufmann.

Mivergngt antwortete der Filzhut, er knne dafr nicht stehen. Die
Pferde des Transports seien ausgespannt und in einem versteckten Stall
verborgen, damit sie nicht von der Regierung mit Beschlag belegt wrden;
was von den Wagen heruntergekommen sei, knne er nicht wissen und nicht
vertreten, jede Verantwortlichkeit hre bei solcher Unordnung auf.

Wir sind in einer Diebeshhle, sagte der Kaufmann zu seinem Begleiter;
ich bitte um Ihre Hlfe, die Leute zur Ordnung zu bringen.

Andere Leute zur Ordnung zu bringen, war gerade, was der junge Pole fr
seine Strke hielt, denn er nahm lchelnd eine Pistole in die Hand und
sagte verbindlich zu Anton: Thun Sie wie ich und haben Sie die Gte,
mir zu folgen. Darauf fate er den Fuhrmann beim Kragen wie einen
erschossenen Hasen und schleppte ihn die Treppe hinunter in den
Hausflur. -- Wo ist der Wirth? rief er mit mglichst furchtbarer
Stimme. Der Hund von Wirth und eine Laterne. Als die Laterne endlich
gebracht wurde, fhrte er den ganzen Zug, die Fremden, den gefangenen
Fuhrmann, den dicken Wirth und was bei dem Lrm sonst zusammengelaufen
war, in den Hof. Dort stellte er sich mit seinem Gefangenen als
Mittelpunkt eines Kreises auf, widmete dem Wirth noch einige
Hundeshne, schlug seinen Fuhrmann mit dem Kolben der Pistole auf den
Kopf und sagte dann dem Kaufmann artig in franzsischer Sprache: Der
Schdel dieses Burschen klingt merkwrdig hohl, was wnschen Sie
zunchst von diesen Trpfen?

Haben Sie die Gte, die Fuhrleute zusammenzurufen.

Gut, sagte der Pole, und dann?

Dann will ich die Ladung der Wagen untersuchen, wenn das in der
Finsterni mglich ist.

Mglich ist Alles, sagte der Pole, wenn Sie sich die Unbequemlichkeit
machen wollen, bei Nacht diese alte Leinwand zu durchforschen. Ich wrde
Ihnen zu einer Flasche Sauterne rathen und zu einigen Stunden Ruhe. Man
mu in solchen Zeiten die Gelegenheit nicht versumen, sich zu strken.

Ich wrde es vorziehn, auf der Stelle die Wagen anzusehen, antwortete
der Kaufmann lchelnd, wenn Sie nichts dagegen haben.

Ich bin im Dienst, sagte der Pole, also frisch an's Werk, es sind
Hnde genug hier, um Ihnen die Lichter zu halten. -- Ihr gottverdammten
Schurken, fuhr er polnisch fort, wieder den Fuhrmann knuffend und den
Wirth bedrohend, ich fhre Euch Alle zusammen ab und lasse Standrecht
ber Euch halten, wenn Ihr nicht auf der Stelle die brigen Fuhrleute
dieses Herrn vor meine Augen schafft. Wie viel sind ihrer? frug er
franzsisch den Kaufmann.

Es sind vierzehn Wagen, erwiederte dieser.

Vierzehn mssen's sein, donnerte der Pole wieder die Leute an, der
Teufel soll all Euren Gromttern das Aergste thun, wenn Ihr Euch nicht
auf der Stelle vor diesem Herrn aufstellt. Mit Hlfe eines alten
Hausknechts wurde endlich etwa ein Dutzend der Fuhrleute
herbeigeschafft, zwei waren nicht aufzutreiben; der Wirth gestand
endlich, sie htten sich dem Heere der Patrioten angeschlossen.

Der Pole schien nicht viel Werth auf diesen Patriotismus zu legen. Er
sprach zum Kaufmann gewandt: Hier haben Sie die Leute, sehen Sie nach
der Ladung; wenn auch nur ein Stck fehlt, lasse ich ber die ganze
Gesellschaft Standrecht halten. Dabei setzte er sich nachlssig auf
eine Wagendeichsel und drehte die Spitzen seiner beschmutzten
Glanzstiefeln beim Licht der Laterne hin und her.

Eine Anzahl von Laternen, auch einige Fackeln wurden gebracht, und auf
einige ermuthigende Worte des Kaufmanns stiegen die Fuhrleute in die
Wagenburg, welche in dem groen Hofe aufgefahren war, rollten einige
leere Wagen bei Seite und erffneten den Zugang zu ihrer Ladung. Die
meisten waren schon frher im Geschft des Kaufmanns gewesen und kannten
ihn und Anton persnlich, einige zeigten sich dienstfertig und
gutwillig, und whrend der Kaufmann den verstndigsten unter ihnen
vornahm und ausfrug, untersuchte Anton, soweit es in der Eile mglich
war, die Beschaffenheit der Ladung, welche zumeist aus Wolle und Talg
bestand. Einige Wagen waren unbeschdigt, der eine war ganz abgeladen,
mehrere andere ihrer Decken beraubt und theilweise geplndert. Der
Kaufmann trat zu dem jungen Polen. Es ist so, wie wir annahmen, sagte
er; der Wirth hat einige von den Fuhrleuten berredet, da jetzt
Revolution sei, htten ihre Verpflichtungen aufgehrt; sie haben
angefangen, die Ladung in einem Nebengebude abzuladen. Kamen wir einen
Tag spter, so war Alles ausgerumt. Der Wirth und einige Spiegesellen
waren die Anstifter, ein Theil der Fuhrleute ist durch Drohungen
eingeschchtert worden.

Auf diesen Bericht folgte eine neue Auflage von Donnerwettern aus dem
Munde der kleinen Autoritt; der Wirth, von dessen Gesicht alle Rthe
verschwunden war, lag vor dem Offizier auf den Knieen und wurde von
diesem bei den Haaren festgehalten und in gefhrlicher Weise zerzaust.
Unterde warf sich Anton mit einigen Fuhrleuten gegen die verschlossene
Remise, schlug das Thor auf und beleuchtete die Wollscke und die
brigen gestohlenen Gter.

Lassen Sie die Leute aufladen, sie mgen zur Strafe die Nacht
arbeiten, sagte der Kaufmann. Nach einigem Widerspruch fgten sich die
Fuhrleute, besiegt durch eine Mischung von Drohungen und Versprechungen.
Der Pole trieb die betrunkenen Gste der Wirthsstube aus dem Hause, lie
das uere Thor schlieen und alles Beleuchtungsmaterial des Hauses in
den Hof schaffen. Darauf zog er den Hauswirth unter fortgesetztem
freundschaftlichem Haarraufen nach dem obern Stock, lie ihn dort durch
einige hlfreiche Patrioten mit groen Cocarden, welche unter den Gsten
der Wirthsstube gewesen waren, an einen Bettpfosten befestigen und
kndigte ihm an, da er diese Nacht auf kein anderes Verhltni zu
seiner Bettstelle Anspruch habe. Im Fall die Waaren vollstndig
aufgefunden und aus deinem Hause geschafft werden, wirst du Verzeihung
erhalten; im entgegengesetzten Falle werde ich Gericht ber dich halten
und dich erschieen lassen.

Unterde klirrte und rasselte es im Hofraum, und Menschenstimmen
schrieen eifrig durcheinander. Anton lie die Wagen belasten und
die Ladung fest machen. In dem Eifer der Arbeit sah er kaum um sich
und dachte nur auf Augenblicke an die fremdartige Umgebung und das
Abenteuerliche dieser Scene. Es war ein groer viereckiger Hofraum,
von niedrigen verfallenen Holzgebuden, Stllen und Wagenschuppen
eingefat, mit zwei Einfahrten, durch die Herberge selbst und ein
gegenberliegendes Thor; ein Raum von mehreren Morgen Ausdehnung, wie
sie hufig bei den Herbergen des stlichen Europas zu finden sind,
welche an groen Verkehrstraen liegen und wie die Caravansereien des
Morgenlandes bestimmt sind, groen Waarentransporten und einer schnell
zusammenstrmenden Menge nothdrftigen Schutz zu geben. Alle Arten von
Wagen waren in dem Hofe in groem Viereck zusammengefahren, es war
ein Gewirr von Leitern, Deichseln, Rdern, von groen geflochtenen
Weidenkrben und grauen Leinwanddecken, von Heu- und Strohbndeln,
alten Pechbchsen und tragbaren Futterkrippen. Auer Stalllaternen und
lodernden Kienfackeln leuchtete der rothe Himmel, noch immer zogen die
Brandwolken, geballter Rauch und glhende Funken ber die Hupter der
Reisenden. Das fremdartige Dmmerlicht beleuchtete hier wenigstens
ein Werk des Friedens. Die Fuhrleute arbeiteten eifrig unter lautem
Zuruf, ein Haufen dunkler Gestalten verschwand bald im Schatten der
Frachtwagen und Ballen, bald sprang er auf die Hhe der Wagen, und die
lebhaften Gesticulationen der Arbeitenden gaben ihnen in dem rothen
Licht das Aussehen von Wilden, welche ein unbekanntes nchtliches Werk
ausfhren.

Der Kaufmann ging zwischen dem Hof und Gastzimmer ab und zu, vergebens
bat ihn Anton, sich doch einige Stunden Ruhe zu gnnen. Fr uns ist
heut keine Nacht zum Schlafen, sagte er finster, und Anton sah in dem
dstern Blick seines Prinzipals die Entschlossenheit eines Mannes, der
bereit ist, Alles daran zu setzen, um seinen Willen durchzufhren.

Es war gegen Morgen, als der letzte riesige Wollsack mit Ketten und
Stricken hoch oben auf dem Wagen befestigt war. Anton, der selbst Hand
angelegt hatte, glitt herunter und meldete seinem Prinzipal: Wir sind
fertig.

Endlich, antwortete der Kaufmann tief aufathmend und ging hinauf in
das Zimmer, um dies seinem freundlichen Begleiter anzuzeigen. Dieser
hatte die Nacht auf seine Weise zugebracht; zuerst lie er sich das
Abendbrod und den Wein, welchen entsetzte Dienstmdchen auf seine
Forderung heraufschafften, sehr wohl schmecken und behielt noch Zeit,
eine wie die andere vornehm um die Taille zu fassen und ihnen einige
aufmunternde Worte zu gnnen. Dann betrachtete er die unsaubern Betten
und streckte sich endlich mit einem franzsischen Fluch auf einem
derselben aus, sah gleichgltig in das zusammengezogene Gesicht des
tckischen Wirthes, der ihm gegenber auf dem Boden sa, starrte die
Zimmerdecke an und sagte dem Kaufmann, welcher einige Male in die Stube
trat, schon in halbem Schlummer Artigkeiten ber seine Fertigkeit, die
Nchte ohne Schlaf hinzubringen. Endlich schlief er fest ein.
Wenigstens fand ihn der Kaufmann am Morgen hingestreckt auf der groben
Leinwand, das feine Gesicht von langem schwarzen Haar eingefat, die
kleinen Hnde verschlungen, ein freundliches Lcheln um seinen Mund. So
war er mit seiner Umgebung kein unpassendes Bild der Aristokratie seines
Stammes, er selbst ein vornehmes Kind mit den Leidenschaften und
vielleicht mit den Snden eines Mannes, und ihm gegenber auf dem
Fuboden die rohe Gestalt des gefesselten Plebejers, der sich den
Anschein gab, ebenfalls zu schlafen, aber oft mit bsem Blick auf den
Liegenden hinschielte.

Der Aristokrat sprang auf, als der Kaufmann an sein Bett trat, er
ffnete das Fenster und sagte: Guten Tag! es ist Morgen, ich habe
excellent geschlafen. Darauf rief er eine vorbeiziehende Patrouille an,
erklrte dem Fhrer kurz das Sachverhltni, bergab ihm die Reste des
Abendessens und den Wirth und befahl ihm ohne Weiteres, mit seinen
Leuten im Hause Wache zu halten, bis er selbst zurckkehre. Dann trug er
den Fuhrleuten auf, die Pferde anzuschirren, und fhrte die Reisenden in
das Dmmerlicht eines unheimlichen Tages.

Auf dem Wege zum Agenten sagte der Kaufmann zu Anton: Wir theilen uns
in die nthigsten Besuche; sagen Sie unsern Kunden, da wir durchaus
nicht beabsichtigten, sie zu drcken, da sie bei Wiederherstellung
einiger Ordnung auf die grte Nachsicht und Schonung rechnen knnen, ja
unter Umstnden auf eine Erweiterung ihres Credits, jetzt aber und vor
Allem verlangen wir Sicherheiten. Wir werden in diesem Wirrwarr nicht
viel abmachen, aber da die Herren heut durch uns selbst an unsere Firma
erinnert werden, das ist die Hlfte unserer Auenstnde werth. Leiser
fgte er hinzu: Diese Stadt ist ihrem Schicksal verfallen, wir werden
in der nchsten Zukunft hier wenig Geschfte machen, denken Sie daran
und seien Sie fest. Und zum Polen gewendet sagte er: Ich bitte Sie,
meinem Gefhrten zu erlauben, da er in Begleitung des Agenten einige
Geschftswege gehe.

Wenn Ihr Agent mir mit seiner Person fr die Rckkehr dieses Herrn
haften will, erwiederte der Pole zgernd, so mag es geschehen.

Das Tageslicht hatte seine schne Eigenschaft, den Blumen Farbe und den
Furchtsamen Muth zu geben, auch an dem Agenten bewhrt. Er erklrte sich
bereit, mit Anton auszugehen. Unter dem Schutz der groen Cocarde,
welche der Agent am Hute trug, eilte Anton von Haus zu Haus, er selbst
bleich nach der ruhelosen Nacht, aber mit entschlossenem Herzen.
Ueberall wurde er mit Staunen empfangen, welches nicht immer frei von
Bestrzung war: Wie man in solcher Zeit daran denken knne, Geschfte
abzuwickeln, zwischen Waffenlrm und Sturmgelut und in der Todesangst
um eine furchtbare Zukunft?

Anton erwiederte kaltbltig: Unsere Handlung ist nicht gesonnen, sich
um den Kriegslrm zu kmmern, wo sie nicht dazu gezwungen wird; jede
Zeit ist gut genug, um Verpflichtungen zu erfllen; wenn fr uns die
Zeit war, hierher zu kommen, so ist auch fr Sie Zeit, mit mir zu
verhandeln. Durch solche und hnliche Vorstellungen gelang es ihm doch,
hier und da ein bestimmtes Versprechen, Anerbietungen, ja sogar einige
Deckung zu erlangen.

Nach einigen Stunden angestrengter Arbeit traf Anton in der Wohnung des
Agenten wieder mit seinem Prinzipal zusammen. Als er Bericht abgestattet
hatte, sagte der Kaufmann, ihm die Hand reichend: Wenn wir noch unsere
Wagen glcklich aus der Stadt bringen, haben wir so viel durchgesetzt,
da wir die unvermeidlichen Verluste an diesem Ort wohl ertragen knnen.
Jetzt auf die Commandantur! -- Er gab dem Agenten noch Instruction und
sagte ihm beim Abschied leise: In wenig Tagen werden unsere Truppen
einrcken, ich nehme an, da Sie bis dahin Ihr Haus nicht verlassen.
Dann sehen wir uns wieder.

Der Agent rief mit aufgehobenen Hnden den Schutz aller Himmlischen auf
die Reisenden herab, verschlo und verriegelte hinter ihnen die
Hausthre und versteckte seine revolutionre Cocarde in dem Ofen.

Die Reisenden eilten unter Fhrung des Polen mit schnellen Schritten
durch das Gewhl. Wieder hatten sich die Straen gefllt, wieder zogen
Schaaren Bewaffneter an ihnen vorber, der Pbel war wilder und
aufgeregter, und das Geschrei war noch grer, als am Abend zuvor. Es
wurde an die Huser gedonnert und Einla verlangt, Branntweinfsser
wurden auf die Pflastersteine gerollt und von dichten Haufen trunkener
Mnner und Weiber umdrngt, Alles kndigte an, da die befehlende Macht
nicht stark genug war, die Straendisciplin aufrecht zu erhalten. Auch
im Hause des Commandirenden war ein unruhiges Treiben, Bewaffnete eilten
zu und ab, und die Botschaft, welche sie brachten, mute ungnstig sein,
denn in dem groen Vorzimmer wurde mit halblauter Stimme viel
geflstert, und unruhige Erwartung lag auf allen Gesichtern.

Der junge Pole wurde bei seinem Eintritt von seinen Freunden umdrngt
und in eine Ecke gezogen. Nach hastigen Fragen fate er ein Gewehr, rief
Einige beim Namen und verlie das Zimmer, ohne sich weiter um die
Reisenden zu kmmern.

Der Kaufmann und Anton wurden in das Nebenzimmer gewiesen. Dort empfing
sie der junge Befehlshaber. Auch er war bleich und niedergeschlagen,
aber hatte doch die Haltung eines vornehmen Mannes, als er den Kaufmann
anredete: Ich habe Ihren Wunsch bevorwortet, hier ist ein Passirschein
fr Sie und Ihre Wagen; ich bitte Sie, daraus zu entnehmen, da wir die
Brger Ihres Staates rcksichtsvoll zu behandeln wnschen, mehr
vielleicht, als die Pflicht der Selbsterhaltung rathsam macht.

Der Kaufmann empfing das verhngnivolle Papier mit glnzenden Augen:
Sie haben mir eine ungewhnliche Rcksicht bewiesen, sagte er, ich
fhle mich Ihnen tief verpflichtet und wnsche, da es mir einst
vergnnt sein mge, meine Dankbarkeit Ihnen zu beweisen.

Wer wei, antwortete der junge Befehlshaber mit trbem Lcheln, wer
Alles auf das Spiel setzt, kann auch Alles verlieren.

Vieles, sagte der Kaufmann mit einer hflichen Neigung seines Hauptes,
aber nicht Alles, wenn man sich ehrlich Mhe giebt.

In diesem Augenblick drang ein dumpfer Ton in das Ohr der Sprechenden,
ein Gerusch, wie der Zug des heulenden Windes oder das Brausen der
hereinstrzenden Fluth. Der Commandirende stand unbeweglich und horchte.
Pltzlich erklang ganz in der Nhe ein mitnender Schrei aus vielen
Kehlen, einzelne Schsse folgten. Anton, durch Nachtwachen und lange
Spannung empfnglich gemacht fr einen Schauer, schrak zusammen, er sah,
da die Hand seines Prinzipals, welche den Passirschein festhielt,
heftig zitterte. Da wurde die Thr des Kabinets aufgerissen, einige
stattliche Mnner strzten herein, mit zerrissenen Kleidern, die Waffen
in der Hand, in den verstrten Gesichtern die Spuren des Straenkampfes,
an ihrer Spitze der Fhrer der Reisenden.

Emprung! rief der junge Pole seinem Befehlshaber zu, sie suchen
dich! -- Rette dich! -- Ich halte sie auf.

Schnell wie der Gedanke sprang Anton zu seinem Prinzipal, er ri diesen
mit sich fort, und beide flogen durch das Vorzimmer die Treppe hinab in
den Hausflur. Hier stieen sie auf einen Haufen Bewaffneter, welche sich
noch einmal gegen eine andrngende Volksmasse am Eingang des Hauses zu
setzen suchten. Aber so schnell auch die Reisenden waren, schneller noch
glitt ihr Gefhrte der letzten Nacht die Treppe hinunter, flog an die
Spitze seiner Freunde und warf sich unter lautem Zuruf mit ihnen einem
hereinbrechenden Pbelhaufen entgegen. Wild flogen die schwarzen Haare
um sein entbltes Haupt, und in seinem schnen, jetzt so farblosen
Angesicht glnzten die Augen von der unwiderstehlichen Energie eines
tapfern Mannes. Zurck! rief er mit heller Stimme dem wsten Volke zu
und sprang wie ein Panther von den Stufen des Portals weit hinein in
den Haufen, mit flachen Schlgen seiner Klinge auf die Kpfe der
Andrngenden hauend. Die Volksmasse wich zurck, die Gefhrten des
Tapfern stellten sich kampfbereit hinter ihm auf. Wieder ergriff Anton
den Arm seines Prinzipals und zog ihn aus dem Hause mit der Hast, welche
dem Menschen nur dann wird, wenn er widerstandslos einem mchtigen
Triebe folgt. Schon waren sie hinter einem Vorsprung des Hauses, da fiel
ein Schu, und mit Entsetzen sahen sie noch, da der junge Pole blutend
auf den Rcken fiel, sie hrten seinen letzten Schrei: Die Canaille!

       *       *       *       *       *

Zu den Wagen! rief der Kaufmann und warf sich in eine enge Quergasse.
Aus der Ferne klangen noch einzelne Schsse und das Geschrei der
Uneinigen; die Reisenden durchbrachen das Gedrnge neugieriger und
erschreckter Einwohner, welche ihren Lauf durch entlegene Straen
hinderten, und kamen athemlos, das Schlimmste befrchtend, vor der
Herberge an.

Auch hier war die Emprung ausgebrochen. Die zurckgelassene Wache hatte
den Wirth losgebunden und sich schleunig entfernt, als die Nachricht von
dem Tumult zu ihren Ohren gedrungen war. Jetzt fllte den Hof Zank und
vielstimmiges Geschrei. Der Wirth, untersttzt von einem Haufen
Straengesindel, verhandelte heftig mit den Fuhrleuten. Ein Theil der
Wagen war angespannt und zur Abfahrt bereit, von andern war die Decke
wieder heruntergerissen, ein Trupp der Fuhrleute, offenbar die
Minderzahl, stand davor und widersetzte sich dem andringenden Wirth und
seiner Bande. Es war eine verzweifelte Lage. Der Kaufmann ri sich von
Anton los, welcher ihn zurckhalten wollte, strzte mitten in den Haufen
der Streitenden und rief, den Passirschein hoch hebend, in polnischer
Sprache: Haltet ein! Hier ist der Befehl des Commandanten, da unsere
Wagen die Stadt verlassen sollen. Wer sich widersetzt, wird bestraft
werden. Wir stehen unter dem Schutz der Regierung.

Welcher Regierung? du Schelm von einem Deutschen! schrie der Wirth mit
kirschrothem Gesicht; die alte Regierung gilt nicht mehr, die Verrther
haben ihren Lohn erhalten, und Ihr Spione sollt gleichfalls hngen! So
drang er auf den Kaufmann ein und hieb mit einem alten Sbel nach dem
Haupt des Wehrlosen.

Unserm Anton grauste; aber wie der Mensch in den schrecklichsten
Momenten von abenteuerlichen Ideenverbindungen befallen wird, welche wie
Sternschnuppen durch die Finsterni eines emprten Gemthes schieen, so
erhielt auch ihm der breite Rcken des Wirthes auf einmal eine
auffallende Aehnlichkeit mit dem Rcken eines dicken Schulkameraden aus
Ostrau, eines gutmthigen Bckersohnes, an dem er in vielen Balgereien
den Knabenkunstgriff gebt hatte, seinen Gegner durch einen gewissen
Ruck und Druck von hinten platt auf die Erde zu legen. Er sprang
blitzschnell hinter den Wirth, fate ihn mit der Strke eines Riesen am
Genick, gab ihm den Ruck mit aller Kunst und schrie dabei unwillkrlich:
Du Hanswurst. -- Der niedersausende Sbel verlor seine gefhrliche
Richtung, er traf den Arm des Kaufmanns, zerschnitt den Rock und drang
in das Fleisch ein, das Blut frbte augenblicklich die weie Leinwand,
welche durch den Schnitt blogelegt wurde. Als der Dicke, wie ein Kfer
zappelnd, auf dem Rcken lag, hielt ihm Anton wieder die treue Pistole
vor und schrie in seiner verzweifelten Begeisterung: Zurck, Ihr
Schufte, oder ich schiee ihn todt!

Diese schnelle Diversion bewirkte fr den Augenblick mehr, als nach Lage
der Dinge zu hoffen stand: das Gesindel, welches der Wirth aus seiner
Schenkstube zusammengeholt hatte und welches zunchst in fremdem
Interesse handelte, wich zurck, und ein halbes Dutzend Fuhrleute
drngte sich mit Radstangen und andern Angriffswerkzeugen um den
Kaufmann und schrie jetzt eben so laut, wie frher die Andern, da dem
fremden Herrn und den Wagen kein Leid geschehen solle. Der Kaufmann
rief: Jagt das fremde Volk hinaus! fate selbst den Sbel, welcher dem
liegenden Wirth entfallen war, strmte an der Spitze der Getreuen auf
die Helfer des Wirths ein und trieb diese durch den gepflasterten
Hausflur. Die Hartnckigsten machten noch einen vergeblichen Versuch,
sich in der Schenkstube festzuhalten, aber einer nach dem andern ward
aus dem Hause geworfen, da sie brllend und fluchend davonliefen.
Darauf wurde die Hausthr geschlossen, und der Kaufmann eilte nach dem
Hof zurck, wo Anton noch immer vor dem unverbesserlichen Wirth kniete
und diesen am Aufstehen hinderte. Die brigen Fuhrleute hatten sich
scheu zurckgezogen, der Kaufmann rief jetzt alle heran und befahl:
Spannt an! -- Zu Anton sagte er: Dies Haus mssen wir sogleich
verlassen. Besser auf dem Straenpflaster, als in dieser Hhle. --

Sie bluten, rief Anton, bestrzt zu dem Arm des Kaufmanns aufblickend.

Es mu unbedeutend sein, ich kann den Arm bewegen, antwortete der
Kaufmann schnell. Oeffnet das Hinterthor, hinaus mit den Wagen!
Vorwrts, Ihr Mnner! -- Einer der Fuhrleute wird Ihnen helfen, den
Wirth festzuhalten.

Und wo sollen wir hin? frug Anton in englischer Sprache. Sollen wir
mit den Wagen hinein in das Blutvergieen der Strae?

Wir haben einen Passirschein und werden die Stadt verlassen,
erwiederte der Kaufmann hartnckig.

Man wird den Pa nicht respectiren, rief Anton wieder und hielt dem
ungeduldigen Wirth seine Pistole an die Stirn.

Im schlimmsten Falle giebt es mehrere Herbergen in diesem Theile der
Stadt, jede andere wird eine bessere Zuflucht sein.

Aber die Fuhrleute sind nicht vollzhlig und haben zum Theil bsen
Willen.

Den bsen Willen Einzelner bezwinge ich, antwortete der Kaufmann
finster; die Gespanne sind vollzhlig, es fehlen nur die Knechte. Wer
Pferde besa, blieb bei seiner Pflicht. -- Das Thor ist geffnet, hinaus
mit den Wagen!

Das hintere Thor fhrte auf einen offenen Platz, der mit Schutt und
Bausteinen bedeckt und von einzelnen rmlichen Husern umgeben war. Der
Kaufmann eilte an das Thor und trieb zur Abfahrt. Ein stmmiger Bursche
kam von seinen Pferden zur Untersttzung Antons herbei. Es waren
angstvolle Momente. In der Nhe des Hauses rangen Anton und sein Gehlfe
mit dem liegenden Mann, und an der Thr heulten die hliche Frau des
Liegenden und die beiden Dienstmdchen. Als der erste Wagen durch das
Hofthor hinausfuhr, wurde das Geschrei der Weiber lauter, die Wirthin
rief Mord und Hlfe und die Mdchen chzten um so herzhafter, je
eifriger der junge Fuhrmann ihnen versicherte, dem Herrn Wirth solle
kein Leid geschehen, wenn er nur ruhig liegen bleibe; und ihre Zeche
wrden sie auch bezahlen.

Da donnerten Kolbenschlge an das verschlossene Hausthor, die Weiber
strzten hin und ffneten; und so gro war die hoffnungslose Spannung
der letzten Augenblicke gewesen, da Anton mit einer gewissen
Befriedigung ein starkes Commando Bewaffneter in den Hof dringen sah. Er
erhob sich vom Boden und lie den Wirth los. Der Kaufmann aber ging
langsam, mit wankendem Schritt als ein gebrochener Mann den Feinden
entgegen, welche im entscheidenden Augenblick seinen Willen hinderten.

Der Anfhrer des Trupps, einer von den Wchtern, welche der junge Pole
am Morgen in die Herberge gerufen hatte, sagte zum Kaufmann: Sie sind
Gefangener der Regierung, Sie und Ihre Waaren drfen die Stadt nicht
verlassen.

Ich habe einen Passirschein, antwortete der Kaufmann mit heiserer
Stimme und griff nach der Brusttasche.

Das neue Commando verbietet Ihnen die Abreise, wiederholte der
Bewaffnete kurz.

Ich mu mich unterwerfen, sprach der Kaufmann, er setzte sich
mechanisch auf eine Deichsel und fate mit beiden Hnden nach dem
Wagenkorbe.

Anton hielt den halb Bewutlosen in seinen Armen und rief in der
tiefsten Emprung: Wir sind in dieser Herberge zwei Mal beraubt worden,
wir waren in Gefahr, getdtet zu werden, mein Begleiter ist verwundet,
wenn Ihre Regierung uns und die Wagen zurckhalten will, so schtzen Sie
wenigstens unser Leben und diese Gter, welche uns gehren. In dieser
Herberge knnen die Wagen nicht bleiben, und wenn Sie uns von den Wagen
trennen und fortfhren, so wird Plnderung und Zerstrung derselben noch
schwerer zu verhten sein.

Die Bewaffneten traten zusammen und hielten Rath; der Anfhrer rief
endlich auch Anton. Nach langem Verhandeln wurde bestimmt, die Wagen in
eine nahe gelegene Herberge von hnlicher Beschaffenheit, aber etwas
besserem Charakter zu geleiten. Anton erhielt die Erlaubni, mit dem
Kaufmann unter Bewachung in demselben Gasthofe zu bleiben, bis Weiteres
ber sie beschlossen wrde. Der Kaufmann hatte unterde an die Leinwand
des Wagens gelehnt theilnahmlos dagesessen. Anton theilte ihm schnell
das Resultat der Unterhandlungen mit.

Wir mssen es ertragen, sprach der Prinzipal langsam und versuchte mit
Mhe sich zu erheben. Fordern Sie unsere Rechnung von dem Wirth.

Der Wirth wird seine Bezahlung durch uns erhalten, sagte der Fhrer
des Trupps und stie den Besitzer des Hofes unsanft zur Seite. Denken
Sie jetzt an sich selbst, fgte er theilnehmend hinzu und fate den Arm
des Verwundeten, um ihn zu sttzen.

Bezahlen Sie fr uns und fr die Pferde, wiederholte der Kaufmann zu
Anton gewandt, wir drfen hier nichts schuldig bleiben.

Anton zog seine Brieftasche hervor, rief die Fuhrleute zusammen, bergab
vor ihren Augen dem Wirth ein Cassenbillet und sagte ihm: So zahle ich
Euch, bis Eure Forderung festgestellt ist, vorlufig diese Summe. Ihr
Mnner seid Zeugen. Die Fuhrleute nickten respectvoll und eilten zu
ihren Wagen.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Theil der Escorte, dann die
Frachtwagen, welche langsam und unbehlflich ber die Steine der
Ausfahrt rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingebten
Pferde in der Reihe gehalten. Der Kaufmann stand am Thor, auf Anton
gelehnt, und zhlte leise wie im Traume, so oft ein Wagen durch das Thor
fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte er: Abgemacht! und lie sich
von Anton und dem Polen hinter den Wagen her fhren.

In der nchsten Querstrae fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer
Herberge ein. Als nach langem Aufenthalt der letzte Wagen abgespannt
war, und die Wache das Thor von innen verriegelt hatte, sank der
Kaufmann ohnmchtig zusammen und wurde in das Haus getragen.

In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen
stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den
Hof; Anton blieb mit dem Ohnmchtigen allein. Angstvoll kniete er an dem
Lager des Kaufmanns nieder, ffnete ihm die Kleider und benetzte das
Gesicht mit kaltem Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das
Angesicht des Prinzipals zurck, er ffnete die Augen, blickte dankend
auf Anton und wies auf das Fenster.

Anton sah hinaus und sagte freudig: Es fhrt auf den Hof, ich kann die
Wagen zhlen und bersehen. Hier glaube ich, sind wir in ertrglicher
Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor Allem aber erlauben Sie
mir, nach Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut
befleckt!

Die Schwche kommt von der Anstrengung mehr, als vom Blutverlust,
antwortete der Kaufmann sich aufrichtend.

Anton ffnete die Thr und bat um einen Wundarzt. Der Wchter war
bereit, einen solchen zu holen, und lie nach Verlauf einer langen
ngstlichen Stunde ein schbiges Subject herein, welches eilig ein
Barbiermesser und ein schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an
seinem Aermel strich und das Taschentuch in eine bedenkliche Nhe von
Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mhe wurde ihm begreiflich gemacht,
weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den Rockrmel und das Hemde auf
und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war ein Schnitt in den
Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif, und der
Kaufmann fhlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband
anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nchsten Tagen
wiederzukommen. Der Kaufmann sank erschpft durch die Schmerzen des
Verbandes auf das Lager zurck, und Anton sa den Rest des Tages neben
ihm, machte dem Arm Umschlge von kaltem Wasser und beobachtete den
fieberhaften Schlummer des Kranken.

Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe
Abspannung, welche ihn gleichgltig gegen Alles machte, was auerhalb
des Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton tauchte jede
Minute die Fingerspitzen in kaltes Wasser und schlich zuweilen vom Lager
des Verwundeten nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach
der Thr, um einige halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche
eine gutmthige Theilnahme bewies. Unterde wthete in der Stadt das
Feuer und vor den Thoren donnerte das Geschtz angreifender Truppen.
Anton sah gleichgltig auf die glhende Lohe, welche vom Winde getrieben
wieder ber die unglckliche Stadt flog, er hrte mit einer schwachen
Verwunderung, da der Donner des Geschtzes immer strker rollte und
endlich in ein betubendes Krachen berging, und wenn er Wehgeschrei
oder Gebrll auf der Strae hrte, klang es ihm so unbedeutend, wie das
Luten eines Frhglckchens, das er von seiner Stube im Hause des
Prinzipals hren konnte, und Niemanden aus der Morgenruh aufzustren
vermochte, als hchstens einige fromme Mtterchen. Mechanisch griff er
die ganze Nacht hindurch mit den Hnden in das kalte Wasser und an den
Arm des Liegenden und fuhr auf, so oft dieser sthnte und sich bewegte.
Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigeren Schlummer sank,
verga auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die Hnde,
welche er ber den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hrte nichts
mehr; er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die
Eroberung einer hartnckig vertheidigten Stadt anzeigten, unter allen
Grueln eines blutigen Kampfes fest eingeschlafen, wie ein mder Knabe
ber seinen Schularbeiten.

Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen lngst angebrochen,
der Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm
die gesunde Hand. Anton drckte sie erfreut und eilte wieder nach dem
Fenster, Alles in Ordnung! Darauf ffnete er die Thr, die Wache war
verschwunden. Und auf der Strae klang Trommelwirbel und der regelmige
Tritt einziehender Regimenter.




~III.~


Wir gaben Sie bereits verloren, rief der eintretende Rittmeister dem
Kaufmann zu. Es ist hier arg gewirthschaftet worden, und meine
Erkundigung nach Ihnen war ohne Erfolg; ein Glck war es, da Ihr Brief
mich in dem Gewirr auffand.

Wir haben unsern Willen durchgesetzt, sagte der Kaufmann, wie Sie
sehen, nicht ohne Hindernisse -- er zeigte lchelnd auf seinen
verbundenen Arm.

Vor Allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben,
sagte der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; Sie haben mehr
Spuren des Kampfes aufzuweisen als wir. Der Kaufmann erzhlte. Er
verweilte mit Wrme bei Antons Heldenthat, dem er seine Rettung
zuschrieb, und schlo mit den Worten: Meine Wunde verhindert mich
nicht, zu reisen, und meine Rckkehr ist dringend nothwendig. Die Wagen
will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.

Morgen frh geht ein Zug unsers Trains nach der Grenze zurck, diesem
knnen Sie Ihre Wagen anschlieen. Uebrigens ist die groe Strae jetzt
sicher. Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.

Unterde erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch
Estaffette Briefe nach Haus senden.

Ich will sorgen, versprach der Rittmeister, da Ihre Rckkehr morgen
keine Verzgerung erleidet.

Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu
Anton: Ihnen, lieber Wohlfart, mu ich jetzt eine Ueberraschung
bereiten, die Ihnen, wie ich frchte, wenig willkommen sein wird. Ich
wnsche Sie an meiner Stelle hier zu lassen. Erstaunt trat Anton an das
Lager des Prinzipals. Auf unsern Agenten ist in dieser Zeit nicht zu
bauen, fuhr der Kaufmann fort; ich habe in diesen Tagen mit Freuden
erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was Sie noch nebenbei
gethan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen unvergessen,
so lange ich lebe. -- Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer Schreibtafel
zu mir, wir berlegen noch einmal, was wir zu thun haben.

Am nchsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann
wurde von Anton hineingehoben und lie an der Seite der Strae halten,
bis die Frachtwagen einer nach dem andern zum Thore hinausgefahren
waren. Dann drckte er noch einmal Antons Hand und sagte: Ihr
Aufenthalt wird Wochen, ja er kann Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr
unangenehm und zuweilen ohne Resultate sein. Und ich wiederhole Ihnen,
seien Sie nicht zu ngstlich, ich vertraue auf Ihr Urtheil, wie auf mein
eigenes. Frchten Sie nicht, uns einen Verlust zu bereiten, wenn Sie
unsichere Schuldner zur Zahlung bringen knnen. Dieser Ort ist
verwstet und fortan fr uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes
Wiedersehn zu Hause.

So blieb Anton allein in der fremden Stadt, in einer Stellung, in
welcher groes Vertrauen ihm groe Verantwortlichkeit auflegte. Er ging
in das Zimmer zurck, rief den Wirth und schlo mit ihm auf der Stelle
einen Vertrag ber seinen ferneren Aufenthalt. Die Stadt war so
angefllt mit Militr, da er es vorzog, in der kleinen Wohnung, welche
er bereits in Besitz hatte, zu bleiben und die Unbequemlichkeiten des
drftigen Quartiers zu ertragen. Er durfte nicht erwarten, es irgendwo
wohnlicher zu finden.

Wohl war es eine verwstete Stadt, welche Antons Fu durchschritt. Vor
wenig Tagen fllte das Gewhl leidenschaftlicher Menschen die Straen,
jede Art von Unternehmungslust war auf den wilden Gesichtern zu lesen.
Wo war jetzt der Trotz, die Kampflust, die Begeisterung der vielen
Tausende? -- Die Haufen der Landleute, Schwrme des Pbels, Krieger des
Patriotenheeres waren zerstoben wie Geister, welche der Sturmschlag
fremder Trommeln verscheucht hat. Was von Menschen auf den Straen
daherschritt, das waren fremde Soldaten. Aber die bunten Uniformen der
Fremden gaben der Stadt kein besseres Ansehen. Zwar das Feuer war
gelscht, dessen Qualm in den letzten Tagen den Himmel verdunkelt hatte.
Aber in dem bleichen Herbstlicht standen die Huser da, wie ausgebrannt.
Die Thren blieben verschlossen, viele Scheiben zerschlagen, auf den
Steinen lag der Unrath, faules Stroh, Trmmer von Hausgerth, hier mit
zerbrochenen Rdern ein Karren, dort eine Montur, Waffen, die Leiche
eines Pferdes. An einer Straenecke standen Schrnke und Tonnen, die man
aus Husern zusammengeworfen hatte als einen letzten Wall gegen die
eindringenden Truppen, und dahinter lagen mit einem Strohbund nachlssig
zugedeckt die Leichen getdteter Menschen. Anton wandte sich mit Grausen
ab, als er die blutlosen Kpfe unter den Halmen erblickte. Auf den
Pltzen bivouakirten neu eingezogene Truppen, ihre Pferde standen in
Haufen zusammengekoppelt, daneben aufgefahrene Geschtze; in allen
Straen drhnte der Tritt starker Patrouillen, nur selten eilte eine
Gestalt in Civilkleidern ber das Pflaster, den Hut tief in die Augen
gedrckt, mit furchtsamem Blick von der Seite auf die fremden Krieger
sehend, zuweilen wurde ein bleicher Mann von Bewaffneten vorbergefhrt,
und wenn er zu langsam ging, mit dem Kolben vorwrts gestoen. Die Stadt
hatte hlich ausgesehen whrend der Aufregung, sie erschien noch
hlicher in der Todtenruhe, welche jetzt auf ihr lag.

Als Anton mit solchen Eindrcken von seinem ersten Gange zurckkehrte,
fand er vor seiner Zimmerthr einen Husaren, der wie auf Posten mit
drhnendem Tritt auf und ab ging.

Herr Wohlfart! schrie der Husar und strzte dem Ankommenden entgegen.

Mein lieber Karl, rief Anton, das ist die erste Freude, die ich in
dieser traurigen Stadt habe. Aber wie kommen Sie hierher?

Sie wissen ja, da ich jetzt meine Zeit abdiene. Wir stieen zu unsern
Kameraden an der Grenze, wenige Stunden, nachdem Sie abgereist waren.
Vom Wirth, der mich noch aus dem Geschft kannte, erfuhr ich Ihre
Abreise. Sie knnen denken, in welcher Angst ich war. Erst heut erhielt
ich Urlaub, und es war mein Glck, da ich einen der Fuhrleute in der
Hausthr frug, sonst htte ich Sie noch nicht gefunden. Und jetzt vor
Allem, Herr Wohlfart, was macht unser Prinzipal, wie steht's mit unsern
Waaren?

Kommen Sie nur erst in's Zimmer, erwiederte Anton. Sie sollen Alles
hren.

Halt, rief Karl, noch nicht; erst mu noch etwas in Ordnung gebracht
werden. Sie sprechen Sie zu mir, das leide ich nicht. Thun Sie mir den
Gefallen und reden Sie zu mir, als wre ich noch der Karl im Geschft.

Aber Sie sind's ja nicht mehr, sagte Anton lachend.

Dies hier ist nur Maskerade, sagte Karl auf seine Uniform weisend, in
meinem Herzen bin ich immer noch freiwilliger Auflader bei T. O.
Schrter. Wenn mir bei Ihnen wohl sein soll, so fhren Sie das alte Du
wieder ein.

Wie du willst, Karl, erwiederte Anton, komm herein und la dir
erzhlen.

Karl gerieth in den heftigsten Zorn gegen den schlechten Wirth. Dieser
diebische Hundsfott! An unserer Firma, an unserm obersten Chef hat er
sich vergriffen. Aber morgen fhre ich einen ganzen Beritt unserer
Jungen in seine Herberge. Ich lasse ihn in seinen eigenen Hof treiben,
er wird als hlzernes Pferd aufgestellt und wir springen eine Stunde
lang ber ihn weg, einer nach dem andern, und bei jedem Sprunge geben
wir ihm einen Puff auf seinen boshaften Kopf.

Herr Schrter hat ihm die Strafe erlassen, sagte Anton begtigend,
sei du nicht grausamer. Hre, du bist ein hbscher Junge geworden.

Es geht an, erwiederte Karl geschmeichelt. Mit der Landwirthschaft
habe ich mich ausgeshnt. Mein Onkel ist ein guter Mann. Wenn Sie sich
meinen Alten halb so gro denken, als er ist, und dnn statt dick, und
mit einer kleinen Stumpfnase statt einer groen Nase, und mit einem
lnglichen Gesicht statt einem runden, und mit einem eselsfarbenen Rock
und ohne Lederschrze, dafr mit zwei hohen Kniestiefeln, so haben Sie
ganz meinen Onkel. Ein prachtvolles kleines Kerlchen. Er meint's gut mit
mir. Im Anfange freilich war mir's zu still auf dem Lande, dagegen viel
wasserpolackisches Volk in der Nhe; aber es ging mit der Zeit. Man
sieht bei der Wirthschaft immer, was man schafft, das ist die grte
Freude. Da ich Soldat werden mute, war meinem graukpfigen Onkel ein
Strich durch die Rechnung, mir war's recht, da ich einmal im Ernste auf
ein Pferd kam und etwas von der Katzbalgerei mit ansehen konnte. Elende
Wirthschaften hier auf dem Lande, Herr Wohlfart. Und dieser Platz, es
ist eine gruliche Verwstung! So schwatzte Karl vergngt fort.
Endlich ergriff er seine Mtze: Wenn Sie jetzt hier bleiben, so
erlauben Sie mir, Sie manchmal auf eine Viertelstunde zu besuchen.

Du sollst thun, wie zu Hause, sagte Anton. Wenn du mich einmal nicht
triffst, der Wirth hat den Schlssel, hier stehen die Cigarren.

So hatte Anton einen alten Freund wieder gefunden. Aber Karl blieb nicht
seine einzige Bekanntschaft in Dolman und Schleppsbel. Der Rittmeister
freute sich ber den Landsmann, der sich so wacker gegen die Insurgenten
gehalten hatte. Er stellte ihn dem Obersten vor, welcher die
Truppenabtheilung befehligte. Anton mute diesem seine Abenteuer
erzhlen und wurde in einem groen Kreise von Epauletten hchlich
gelobt, darauf lud ihn der Rittmeister an einem der nchsten Tage zu
Tische und stellte ihn den Offizieren seiner Escadron vor. Antons
bescheidene Ruhe machte einen gnstigen Eindruck auf die bunten Herren.
In der Garnison wren sie wahrscheinlich durch gewisse Ansichten ber
Menschengre verhindert worden, mit einem jungen Kaufmann ungezwungen
zu verkehren, hier im Felde waren sie selbst tchtigere Mnner, als in
der geschftigen Langeweile des Friedens, ihre Vorurtheile waren
geringer und ihre Anerkennung eines muthigen Mannes unbefangener. So
betrachteten sie den Herrn aus dem Comtoir bald als einen verdammt guten
Jungen, sie gewhnten sich, ihn im Scherz bei seinem Vornamen zu nennen,
und wenn sie im Kaffehaus ihre Tasse tranken und eine Partie Domino
spielten, so riefen sie Anton unfehlbar in ihren Kreis. Eine dunkle Sage
von groem Vermgen und von ungewhnlichen Verbindungen des Civilisten
tauchte aus dem Dunkel der Jahre jetzt wieder auf, aber um der Escadron
nicht Unrecht zu thun, sie war nicht mehr der Hauptgrund fr die
rcksichtsvolle Behandlung, die sie ihrem Landsmann gnnte. Anton fhlte
sich durch die leichte Verbindung mit den ritterlichen Knaben mehr
gehoben, als er sich selbst oder Herrn Pix gestanden htte. Er geno
jetzt den freien Verkehr mit anspruchsvollen Menschen und erschien sich
Manchem ebenbrtig, den er bis dahin von seinem Comtoir aus mit stillem
Respect betrachtet hatte. Alte Erinnerungen wurden in ihm mchtig, er
fhlte sich auf's Neue hereingezogen in den Zauber eines Kreises,
welcher ihm fr frei, glnzend und schn galt. Auch der Lieutnant von
Rothsattel gehrte bald zu den guten Bekannten Antons. Anton behandelte
ihn mit der zartesten Aufmerksamkeit, und der Lieutnant, im Grunde ein
verzogener, leichtsinniger, gutmthiger Mensch, lie sich die herzliche
Neigung Antons gern gefallen und lohnte ihm durch besondere
Vertraulichkeit.

       *       *       *       *       *

Die Geschfte Antons sorgten dafr, da er unter den neuen Bekannten
seine Selbstndigkeit nicht verlor. Wohl war die Stadt ein verwsteter
Ort, der wilde Rausch war verflogen, jetzt lag die Abspannung auf aller
friedlichen Thtigkeit. Die tglichen Lebensbedrfnisse waren theuer,
und lohnende Arbeit war nur fr Wenige vorhanden. Mancher, der sonst
Stiefeln getragen hatte, ging barfu, wer in anderer Zeit einen neuen
Rock gekauft htte, lie jetzt einen Lappen auf den alten setzen, der
Schuster und der Schneider verzehrten zum Frhstck Wassersuppe statt
Kaffe und Zucker, der Krmer bezahlte seine Schuld beim Kaufmann nicht,
und der Kaufmann vermochte nicht seine Verpflichtung gegen andere
Handlungshuser zu erfllen. Wer in solcher Zeit sein Geld zurckfordert
von Solchen, welche schwere Verluste muthlos beklagen, der hat eine
harte Arbeit. Anton empfand das. Ueberall hrte er Klagen, die nur zu
sehr begrndet waren, an vielen Orten versuchte man seinem Drngen durch
allerlei Kunstgriffe zu entgehen. Tglich erlebte er peinliche Scenen,
oft muten beim Advocaten endlose Verhandlungen in polnischer Sprache
aufgenommen werden, bei denen er sich wie verkauft vorkam, obgleich der
Agent den Dolmetscher machte. Es war ein bunt zusammengewrfelter
Handelsstand, in welchem Anton zu verkehren hatte, Mnner aus allen
Theilen Europa's. Der Verkehr hatte Vieles, was in deutschen Augen als
wild und unregelmig galt. Und doch bte die Gewohnheit,
Verpflichtungen zu erfllen, einen so groen Einflu auch auf muthlose
Naturen, da Antons Beharrlichkeit mehr als einmal den Sieg errang.

Die grte Forderung hatte sein Haus an einen Herrn Wendel, einen
kleinen trockenen Mann, der stille Geschfte nach allen Seiten gemacht
hatte. Man sagte, er sei reich geworden durch Schmuggel und sei jetzt in
groer Gefahr, zu fallen. Er hatte den Prinzipal selbst mit Trotz
empfangen und geberdete sich gegen Anton lange wie ein Verzweifelter.
Anton hatte wieder einmal wohl eine Stunde lang in den mrrischen Alten
hineingesprochen, und wie sehr der Mann sich drehte und wand, er war
fest geblieben. Da brach Wendel endlich in die Worte aus: Es ist genug,
ich bin ein ruinirter Mann, aber Sie verdienen, zu Ihrem Gelde zu
kommen. Ihr Haus ist gegen mich immer groartig gewesen. Sie sollen
Deckung erhalten. Schicken Sie mir noch heut Ihren Agenten, holen Sie
mich morgen frh ab.

Als am nchsten Morgen Anton in Begleitung des Agenten bei dem Schuldner
eintrat, ergriff Wendel nach finsterm Gru einen groen rostigen
Schlssel, zog langsam einen verschossenen Mantel an, auf welchem
zahlreiche Kragen bereinander lagen, wie die Schindelreihen auf einem
Dach, und brachte die Glubiger in einen entlegenen Stadttheil vor ein
verfallenes Kloster. Sie schritten durch einen langen Kreuzgang. Anton
sah bewundernd zu dem kunstvollen Bau der Wlbung auf; die Zeit hatte
viele Gurte gesprengt und einige Gewlbkappen ausgebrckelt, die Trmmer
lagen auf den groen Steinen des Fubodens. An der Wand waren die
Leichensteine der alten Bewohner eingemauert, verwitterte Inschriften
meldeten dem unaufmerksamen Geschlecht der Lebenden, da einst fromme
Slavenmnche in diesen Rumen den Frieden gesucht hatten. In diesem
Kreuzgange waren sie tglich, das Brevier in der Hand, auf und ab
gegangen, hier hatten sie gebetet und getrumt, bis sie ihre arme Seele
der Frbitte ihres Heiligen bergeben muten. Im Innern des Gebudes
ffnete Wendel eine verborgene Thr und fhrte seine Begleiter auf
gewundener Steintreppe hinab in ein groes Gewlbe. Einst hatte der Wein
des reichen Klosters darin gelegen, und der Bruder Kellermeister war,
ach wie oft, dieselben Stufen hinabgegangen; er war zwischen den Reihen
der Fsser umhergewandelt, hatte hier und da eine Probe ausgehoben, und
wenn das Glckchen ber ihm lutete, hatte er schnell sein Haupt gesenkt
und ein kleines Gebet gesprochen und war darauf wieder an das Kosten
gegangen, oder in behaglicher Stimmung auf und ab spaziert. Die
Betglocken des Klosters waren lngst eingeschmolzen, die leeren Zellen
der Brder hatten Risse, und Getreide wurde jetzt aufbewahrt, wo ehemals
der Prior an der Spitze der Brder beim ehrbaren Mahle sa. Alles war
verschwunden, nur der Keller hatte sich erhalten, und wie vor
vierhundert Jahren, lagen noch jetzt die Kufen des feurigen Ungarweins
auf ihren schmalen Kentnern. Noch immer schossen die Strahlen der
schnen Wlbung zu groen Sternen zusammen, noch immer war der Raum mit
reinem Wei getncht, der Boden mit hellem Sand tief bestreut, noch
immer war es Brauch, da der Kellermeister nur mit einem Wachslicht dem
edlen Wein nahen durfte. Es waren nicht dieselben Fsser, aus denen die
alten Mnche ihren Trunk zogen, aber es war dasselbe Gewchs von den
Rebenhgeln der Hegyalla, der rosige Wein von Menes, der Stolz
Oedenburgs und der milde Trank der sorgfltigen Lese von Rust.

Hundert und fnfzig Kufen, die Kufe zu achtzehn, vierundzwanzig,
dreiig Ducaten, sagte der Agent, und die Inventur der Fsser begann.
Mit gesenktem Haupt ging Wendel von einem Fa zum andern, die Kerze in
der Hand. Vor jedem blieb er stehen und wischte mit einem reinen
Leinwandlappen sorgfltig die kleinste Spur des Schimmels ab, die sich
an einzelnen Fssern zeigte. Es war mein liebster Weg hierher, sagte
er zu Anton. Seit zwanzig Jahren bin ich zu jeder Weinlese
hinausgefahren und habe eingekauft. Es waren frhliche Tage, Herr
Wohlfart, das ist jetzt vorbei fr immer. Oft bin ich hier auf und ab
gegangen und habe mir das Sonnenlicht angesehen, das von oben auf die
Fsser fiel, und habe an die gedacht, die vor mir hier gegangen sind.
Heut bin ich zum letzten Mal in diesem Keller. Was wird jetzt aus dem
Wein werden? Sie werden ihn fortschaffen, man wird ihn in der Fremde
ohne Verstand austrinken; in den Keller wird ein Branntweinbrenner
seinen Spiritus thun, oder ein neuer Brauer sein bairisches Bier. Die
alte Zeit geht zu Ende auch fr mich! -- Dies hier ist das edelste
Gewchs, sagte er, zu einem Fa tretend. Ich htte es ausnehmen knnen
bei unserer Abmachung. Was soll mir das Fa allein? Austrinken? Ich
trinke keinen Wein mehr. Es soll fortgehen mit dem Uebrigen. Nur
Abschied will ich noch von ihm nehmen. Er fllte sein Glas. Haben Sie
je so etwas getrunken? frug er und hielt Anton betrbt das Glas hin.
Anton verneinte gern.

Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der
Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab eine lange Weile.
Dann drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellerthr zu, zog den
Schlssel ab und legte ihn feierlich in Antons Hand. Hier ist der
Schlssel zu Ihrem Eigenthum, unsere Rechnung ist abgemacht. Leben Sie
wohl, meine Herren. Langsam und mit gesenktem Haupt ging er den
verfallenen Kreuzgang hinab; in dem Dmmerlicht des trben Tages glich
er einem der alten Kellermeister des Klosters, der noch als Geist durch
die Trmmer der vergangenen Herrlichkeit gleitet. Der Agent rief ihm
nach: Aber das Frhstck, Herr Wendel! Der Alte schttelte den Kopf
und winkte abwehrend mit der Hand.

Ja, das Frhstck! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein
berschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der
traurigen Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren fr Anton kein geringes
Leiden. Er sah, da man in dem Land viel weniger arbeite und viel mehr
schwatze und trinke, als bei ihm daheim. So oft es ihm gelungen war,
etwas in's Reine zu bringen, konnte auch er sich dem Frhstck nicht
entziehen. Dann setzten sich Kufer, Verkufer, die Helfer, und wer
sonst zu den Bekannten gehrte, in einer Weinhandlung am runden Tisch
zusammen, man fing mit Porter an, a Caviar nach Pfunden und zechte dann
den rothen Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten
eingeschenkt; wer ein bekanntes Gesicht hatte, mute am Gelage Theil
nehmen, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft, oft kam der Abend
heran. Unterde lieen die Hausfrauen der Mnner, an solche Ereignisse
gewhnt, das Mittagessen wohl drei Mal wieder abtragen und hoben es
zuletzt gleichmthig bis zum andern Tage auf. Oft dachte Anton in
solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine
mige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschfte mit
Anstand durchzumachen.

       *       *       *       *       *

An einem Nachmittag sa Anton beim Domino. Da rief ein lterer Lieutnant
von seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: Gestern Abend sind
einem unserer Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden.
Der Esel, welcher mit ihm einquartiert war, hat mit seinem Karabiner
gespielt, in dem er den Schu nicht herausgezogen hatte. Der Doctor hlt
eine Amputation fr unvermeidlich. -- Schade um den tchtigen Mann, er
war einer der brauchbarsten Leute in der Escadron. Solch Malheur trifft
immer die Besten.

Wie heit der Mann? frug Herr von Bolling, seinen Stein setzend.

Es ist der Gefreite Sturm.

Anton sprang auf, da die Steine auf dem Tische tanzten. Wo liegt der
Verwundete?

Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazareths.

In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der
bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. Es ist
vorber, sagte er, es hat hllisch weh gethan, aber ich werde die Hand
doch wieder gebrauchen. Die Feder kann ich noch fhren, und auch das
Uebrige will ich versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's
mit der Linken. Nur in goldenen Ringen werde ich keinen Staat mehr
machen.

Mein armer, armer Karl, rief Anton, mit deinem Dienst ist's vorbei.

Wissen Sie was, sagte Karl, das Unglck will ich ertragen, ein
ordentlicher Krieg wird doch nicht; wenn's auf das Frhjahr zum Einsen
kommt, bin ich wieder im Stande. Ich knnte schon jetzt aufstehen, wenn
nicht der Doctor so streng wre. Hier ist es nicht schn, setzte er
entschuldigend hinzu, es sind viele unserer Leute erkrankt, da mu man
sich in der fremden Stadt behelfen.

Du sollst nicht in dieser Stube bleiben, sagte Anton, wenn ich's
ndern kann. Es riecht hier so nach Krankheit, da ein Gesunder schwach
wird; ich werde bitten, da dein Chef dir erlaubt, in meine Wohnung zu
ziehen.

Lieber Herr Anton, rief Karl erfreut. Still, sagte dieser, noch
wei ich nicht, ob wir die Erlaubni erhalten.

Noch eine Bitte habe ich an Sie, sagte beim Abschiede der Kranke, da
Sie die Geschichte dem Goliath so mittheilen, da er nicht zu ngstlich
wird. Wenn er's durch Zufall von Fremden erfhrt, so stellt er sich wie
ein Menschenfresser.

Das versprach Anton und eilte darauf zu dem Escadronarzt und zu seinem
Gnner, dem Rittmeister.

Ich will mich dafr verwenden, da er jetzt Urlaub erhlt, versprach
dieser. Da mir bei der Beschaffenheit seiner Wunde seine Verabschiedung
zweifellos scheint, so kann er ja bei Ihnen abwarten, bis diese
erfolgt.

Drei Tage darauf trat Karl mit seiner verbundenen Hand in Antons
Zimmer. Da bin ich, sagte er. Adieu Dolman, adieu Selim, mein
Brauner! Eine Woche mssen Sie noch mit mir Geduld haben, Herr Anton,
dann hebe ich Ihnen wieder Tisch und Stuhl mit steifem Arm.

Hier ist eine Antwort deines Vaters, sagte Anton, sie ist an mich
gerichtet.

An Sie? frug Karl verwundert, warum an Sie? warum hat er denn nicht
an mich geschrieben?

Hre selbst. Anton ergriff einen groen Bogen, der von oben an mit
halbzlligen Buchstaben bemalt war, und las: Geehrter Herr Wohlfart,
das ist ein groes Unglck fr meinen armen Sohn! Zwei Finger von zehn
bleiben nur acht. Wenn es auch kleine Finger sind, es thut eben so weh.
Es ist ein sehr groes Unglck fr uns beide, da wir einander nicht
mehr schreiben knnen. Dewegen bitte ich, da Sie die Gte haben, ihm
Alles zu sagen, was folgt. Er soll sich nicht sehr grmen. Bohren kann
vielleicht noch gehn, auch Manches mit dem Hammer. Und wenn der Himmel
wollte, da dieses nicht mglich wre, so soll er sich doch nicht sehr
grmen. Es ist fr ihn gesorgt, durch einen eisernen Kasten. Wenn ich
gestorben bin, findet er den Schlssel in meiner Westentasche. So lasse
ich ihn von ganzem Herzen gren. Sobald er wieder fahren kann, soll er
zu mir kommen, um so mehr, da ich ihm schriftlich nicht mehr sagen kann,
da ich bin ewig sein getreuer Vater Johann Sturm. -- Anton reichte den
Brief dem Invaliden.

Es ist richtig, sagte Karl zwischen Lcheln und Wehmuth, er hat sich
in der ersten Angst eingebildet, da auch er mir nicht mehr schreiben
kann, weil ich an der Hand blessirt bin. Der wird Augen machen, wenn er
meinen nchsten Brief erhlt.

So wohnte Karl mehrere Wochen in dem Zimmer neben Anton. Sobald er seine
Hand wieder bewegen konnte, bemchtigte er sich der Garderobe des
Freundes, und begann einige der kleinen Dienste, welche er vor Jahren im
Hause des Prinzipals bernommen hatte. Anton hatte zu wehren, da er
nicht die unnthige Rolle eines Bedienten bernahm. Hast du schon
wieder meinen Rock unter der Brste? sagte er in Karls Stube tretend,
du weit, da ich das nicht leiden will. -- Es war nur zur
Gesellschaft von meinem, entschuldigte sich Karl, zwei neben einander
halten sich immer besser als einer. Ihr Kaffe ist fertig, aber die
Maschine taugt nichts, er schmeckt immer nach Spiritus. Da er sich fr
Anton nicht ntzlich machen konnte, wie er sagte, so fing er an, fr
sich selbst zu arbeiten. Bei seiner alten Vorliebe fr Handwerkszeug
hatte er bald eine Menge verschiedenartiger Instrumente um sich
versammelt, und so oft Anton das Haus verlie, begann ein Sgen, Bohren,
Hobeln und Raspeln, da sogar der taube Artilleriecapitn, welcher im
Nebenhause einquartiert war, zu der Ansicht kam, ein Tischler sei
eingezogen, und seine eingefallene Bettstelle zum Ausbessern
herberschickte. Da Karl die rechte Hand noch schonen mute, bte er die
linke Hand mit allen Werkzeugen nach der Reihe und freute sich wie ein
Kind ber die Fortschritte, die er machte. Und als ihm der Arzt fr die
nchsten Wochen auch diese Thtigkeit abrieth, fing er an mit der linken
Hand zu schreiben und zeigte Anton tglich Proben seiner Handschrift.
Es ist nur der Uebung wegen, sagte er, der Mensch mu wissen, was er
vermag. Uebrigens ist es nur eine Angewohnheit, mit den Hnden zu
schreiben; wer keine hat, thut's auch mit den Beinen; ich glaube, da
auch die nicht einmal nthig sind, es mte auch mit dem Kopfe gehen.

Du bist ein Narr, sagte Anton lachend.

Ich versichere Sie, fuhr Karl fort, ein langes Rohr in den Mund
gesteckt, mit zwei Drhten, die hinter die Ohren gedrckt werden, um die
Schwankung zu verringern, es mte ganz ertrglich gehen. -- Da ist die
beinerne Einfassung von Ihrem Schlsselloche abgesprungen, die wollen
wir sogleich leimen.

Ich wundere mich, da sie nicht von selbst wieder fest wird, spottete
Anton, denn aus deiner Stube kommt ein schrecklicher Leimgeruch
hereingezogen. Die ganze Luft ist in Leim verwandelt.

Gott bewahre, sagte Karl, es ist ja geruchloser Leim, den ich habe,
eine neue Erfindung.

Als der treue Mann mit dem Abschied in der Tasche nach der Heimath
zurckfuhr, fhlte sich Anton so vereinsamt, als wre er erst jetzt aus
dem Zauberkreise der groen Waage in die Fremde gezogen.

       *       *       *       *       *

Einst ging Anton an der verhngnisvollen Herberge vorber, in welcher
sein Prinzipal verwundet worden war. Er stand einen Augenblick still und
sah mit Neugier auf das alte Haus und den Hofraum, in welchem jetzt
weirckige Soldaten beschftigt waren, ihr Lederzeug zu frben und zu
gltten. Da erblickte er ein Wesen im schwarzen Kaftan, welches wie ein
Schatten aus der Schenkstube quer ber die Einfahrt hinglitt. Es waren
die schwarzen Ohrlocken, es war das kleine Kppchen, es war Figur und
Haltung des alten Bekannten Schmeie Tinkeles. Ach, aber es war nicht
sein Gesicht. Der frhere Tinkeles war in seiner Art ein hbscher Bursch
gewesen. Er hatte seine beiden Locken stets so glnzend und kokett
getragen, wie einem Geschftsmann nur mglich ist, er hatte hbsche
rothe Lippen gehabt und einen leichten Rosaschimmer auf seinen gelben
Wangen. Der gegenwrtige Schmeie war nur ein Schatten des frhern. Er
sah gespenstig bleich aus, seine Nase war spitz und gro geworden, und
sein Kopf hing ihm nach vorn, wie der Kelch einer welkenden Blume am
Bach Kidron.

Anton rief erstaunt: Tinkeles, seid Ihr's wirklich? und trat auf ihn
zu. Tinkeles schrak zusammen, wie von einem Blitzstrahl getroffen, und
starrte mit aufgerissenen Augen Anton an, ein Bild des Schreckens und
der Furcht. Gott gerechter! waren die einzigen Worte, welche ber
seine blutlosen Lippen kamen.

Was habt Ihr, Tinkeles? Ihr seht ja aus wie ein armer Snder! Was
treibt Ihr hier am Platz? und wie zum Teufel kommt Ihr grade in dieses
Haus?

Ich kann doch nichts dafr, da ich hier bin, antwortete der
Geschftsmann noch immer in halber Bewutlosigkeit; ich kann doch
nichts dafr, da der Prinzipal hat solches Unglck gehabt mit dem
Menschen. Sein Blut ist ja geflossen wegen der Waaren, welche der
Mausche Fischel hatte abgeschickt und hatte das Geld bereits gezogen.
Ich bin unschuldig, Herr Wohlfart, auf meine ewige Seligkeit, ich habe
nicht gewut, da der Wirth ist ein so schlechter Mensch, und wird die
Hand aufheben gegen den Herrn, welcher vor ihm steht ohne Hut, ohne
Mtze. -- Ohne Mtze, jammerte er lauter, in bloem Kopf, Sie knnen
glauben, es ist mir gewesen, als wenn ein Schwert fiele in meinen Leib,
als ich habe gesehen, wie der Wirth sich benommen hat so gewaltthtig
gegen einen Mann, der vor ihm stand mit aufgerichtetem Haupt als ein
Ehrenmann, was er ist gewesen sein Lebelang.

Hrt, Schmeie, sagte Anton, erstaunt auf den Galizier blickend, der
immer noch darnach rang, durch Worte seine Fassung wieder zu gewinnen,
hrt, mein Bursch, Ihr seid hier in dieser Herberge gewesen, als die
Wagen geplndert wurden, Ihr habt aus einem Versteck unsern Streit mit
dem Wirth angesehen. Ihr kennt den Wirth und wohnt noch hier, ich will
Euch gerade heraus sagen, was Ihr mir zur Hlfte eingestanden habt. Ihr
habt von dem Abladen der Wagen gewut; und ich will Euch noch etwas
anvertrauen, Ihr habt ein Interesse daran gehabt, da die Fuhrleute hier
zurckblieben, und Ihr habt mit dem Wirth unter einer Decke gesteckt.
Nach dem, was Ihr mir gesagt habt, lasse ich Euch nicht los, bevor ich
Alles wei. Ihr werdet entweder jetzt auf mein Zimmer kommen und mir
freiwillig gestehen, was Ihr wit, oder ich fhre Euch zum Militr und
lasse Euch von den Soldaten verhren.

Tinkeles war vernichtet. Gott meiner Vter, es ist schrecklich, es ist
schrecklich! wimmerte er leise und klapperte mit den Zhnen.

Anton fhlte Mitleid mit der groen Angst des Mannes und sagte: Kommt
mit mir, Tinkeles; ich verspreche Euch, wenn Ihr ehrlich gesteht, soll
Euch nichts geschehen.

Was soll ich gestehn dem Herrn, chzte Schmeie, wo ich doch nichts
habe zu gestehn?

Wenn Ihr nicht gutwillig kommt, so rufe ich die Soldaten, sagte Anton
barsch.

Nichts von Soldaten, bat Tinkeles wieder schauernd, ich will kommen
mit Ihnen und will sagen, was ich wei, wenn Sie mir wollen versprechen,
da Sie mich verrathen gegen Niemanden, nicht an Ihren Prinzipal und
nicht an Mausche Fischel, auch nicht an den schlechten Menschen diesen
Wirth, und an keinen Soldaten.

Kommt, sagte Anton und wies mit der Hand die Strae hinab. So fhrte
er den Willenlosen wie einen Gefangenen mit sich fort und verwandte kein
Auge von ihm, weil er befrchtete, da Schmeie den Rathschlgen seines
bsen Gewissens folgen und in eine Seitengasse entlaufen knnte.

Der Galizier hatte nicht den Muth dazu, er schlich mit gesenktem Haupt
neben Anton her, sah ihn zuweilen seufzend an und gurgelte
unverstndliche Worte vor sich hin. Auf Antons Zimmer fing er aus freien
Stcken an: Es ist mir gewesen eine Last auf meinem Herzen, ich habe
nicht knnen schlafen, ich habe nicht knnen essen und trinken, und wenn
ich gelaufen bin, um zu machen ein Geschft, so hat es mir in der Seele
gelegen, wie ein Stein in einem Glase: wenn man trinken will, fllt der
Stein auf die Zhne, und man beschttet sich mit Wasser. Weh! was habe
ich mich beschttet!

So redet, sagte Anton, wieder erweicht durch die aufrichtige Klage.

Ich bin hergekommen wegen der Wagen, fuhr Tinkeles hastig fort und sah
Anton furchtsam an. Der Mausche hatte doch mit Ihnen gehandelt seit
zehn Jahren, und immer ehrlich, und Sie haben verdient ein gutes Stck
Geld an ihm; und da hat er gemeint, da jetzt gekommen wre die Zeit, wo
er anfangen knnte ein groes Geschft und mit Ihnen seine Abrechnung
machen. Und wie losgegangen ist das Geschrei und das Geschmuse, da ist
er zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: Schmeie, sagt' er, du hast
keine Furcht, sagt' er. La sie schieen und gehe unter sie und sieh,
da du anhltst die Wagen fr mich. Vielleicht kannst du sie verkaufen
unterwegs, vielleicht bringst du mir sie zurck, es ist immer besser,
wir haben sie, als es hat sie ein Anderer. So bin ich hergekommen und
habe gewartet, bis die Wagen angekommen sind, und habe gesprochen mit
dem Wirth, weil die Waaren doch nicht wrden kommen in Ihre Hnde, wre
es am besten, sie kmen wieder in unsere. Aber da der Wirth soll sein
ein solcher Blutmensch, das habe ich nicht gewollt und habe ich nicht
gewut, und seit ich habe gesehen, wie er Ihrem Herrn hat aufgeschnitten
den Rock, habe ich keine Ruhe gehabt, und ich habe immer gesehn vor mir
das blutige Hemd und das feine Tuch von seinem grnen Rock, welches
entzwei geschnitten war.

Anton hrte die Gestndnisse des Tinkeles mit einem Interesse an,
welches den Widerwillen berwog, den er gegen das -- nicht seltene --
Manver der galizischen Hndler empfand. Er begngte sich, dem Snder zu
sagen: Eurer Schurkerei verdankt Herr Schrter seinen wunden Arm, und
wren wir Euch nicht in die Quere gekommen, so httet Ihr uns
zwanzigtausend Thaler gestohlen.

Es sind nicht zwanzigtausend, rief Schmeie sich windend, die Wolle
steht schlecht, und mit Talg ist nichts zu machen. Es sind weniger als
zwanzig.

So, sagte Anton verchtlich, und was werde ich jetzt mit Euch thun?

Thun Sie nichts mit mir, bat Schmeie beweglich und legte seine Hand
bittend auf Antons Rock. Lassen Sie schlafen die ganze Geschichte. Sie
haben die Waaren, seien Sie damit zufrieden. Es ist ein schnes
Geschft, das der Mausche Fischel nicht hat machen knnen, weil Sie ihn
haben daran gehindert.

Es thut Euch noch leid? erwiederte Anton erzrnt.

Es ist mir recht so, da Sie die Waaren haben, sagte der Jude, denn
Sie haben vergossen Ihr Blut darber. Und dehalb thun Sie nichts mit
mir; ich will sehen, da ich Ihnen kann in andern Sachen zu Gefallen
sein. Wenn Sie etwas zu thun haben hier am Ort fr mich, es wird mir
sein eine Beruhigung, da ich Ihnen kann zu etwas verhelfen.

Anton antwortete kalt: Wenn ich Euch auch versprochen habe, Eure
Spitzbberei dem Gericht nicht anzuzeigen, so knnen wir doch mit Euch
kein Geschft mehr machen. Ihr seid ein schlechter Mensch, Tinkeles, und
habt Euch gegen unser Haus unredlich bewiesen. Wir sind von jetzt ab
geschiedene Leute.

Warum sagen Sie mir, da ich ein schlechter Mensch bin? klagte
Tinkeles; Sie haben mich gekannt als ehrlichen Mann seit Jahren, wie
knnen Sie sagen, da ich schlecht bin, weil ich habe einmal machen
wollen ein Geschft, und habe dabei Unglck gehabt und hab's nicht
gemacht? Ist das schlecht? --

Es ist genug, sagte Anton, Ihr knnt jetzt gehen. Tinkeles blieb
stehen und frug: Knnen Sie vielleicht brauchen neue kaiserliche
Ducaten? Ich kann sie Ihnen besorgen mit fnf und ein Viertel -- Ich
will nichts von Euch, sagte Anton, geht.

Der Jude ging zgernd bis zur Thr und drehte wieder um. Es ist zu
machen ein schnes Geschft mit Hafer, wenn Sie wollen mit bernehmen
die Lieferung, ich will Ihnen einen Theil verschaffen: es ist dabei zu
verdienen ein rares Geld.

Ich mache keine Geschfte mit Euch, Tinkeles; geht in Gottes Namen.

Der Jude schlich hinaus: noch einmal kratzte es an der Thr, aber das
Gewissen war in dem Schelm so mchtig geworden, da er sich nicht mehr
in das Zimmer traute. Nach einigen Minuten sah Anton, wie er
schwermthig quer ber die Strae ging.

Seit diesem Tage wurde Anton durch den reuigen Tinkeles in
Belagerungszustand gesetzt. Kein Tag verlief, wo der Galizier sich nicht
an Anton herandrngte und in seiner Weise Vershnung mit ihm suchte.
Bald berfiel er ihn auf der Strae, bald strte sein unsicheres Klopfen
den Beschftigten am Schreibtisch, immer aber hatte er etwas anzubieten,
oder Neues mitzutheilen, wodurch er Gnade zu erwerben hoffte. Rhrend
war seine Erfindungskraft, er erbot sich, alles Mgliche fr Anton zu
kaufen, oder zu verkaufen, jede Art von Geschftsgngen zu machen, zu
spioniren und zuzutragen. Und als er entdeckte, da Anton auch mit
Offizieren verkehrte, und da besonders ein junger Lieutnant mit zartem
Gesicht und einem kleinen Bart zuweilen mit Anton aus der Restauration
ging und die Wohnung desselben besuchte, da fing Tinkeles an, auch
solche Gegenstnde anzubieten, die nach seiner Meinung fr einen
Offizier angenehm sein muten. Anton blieb zwar dabei, jedes Geschft
mit dem Snder zu vermeiden, konnte aber zuletzt nicht mehr ber's Herz
bringen, den armen Teufel rauh zu behandeln, und Tinkeles erkannte aus
manchem unterdrckten Lcheln oder aus kurzen Fragen Antons, da seine
Frsprache beim Chef des Hauses nicht unmglich sei. Und er warb darum
mit der Ausdauer seines Ahnherrn Jakob.

An einem Morgen klirrte der junge Rothsattel in Antons Zimmer. Ich
werde krank gemeldet, habe starken Katarrh und mu in meinem trostlosen
Quartier bleiben, sagte er, sich auf dem Sopha niederlassend. Sie
knnen mir heut Abend helfen die Zeit vertreiben. Wir spielen eine
Partie Whist. Ich habe noch unsern Doctor und einen und den andern
Kameraden dazu aufgefordert. Werden Sie kommen? -- Erfreut und ein
wenig geschmeichelt sagte Anton zu. Gut, fuhr der junge Herr fort,
dann mssen Sie mir auch die Mglichkeit geben, mein Geld an Sie zu
verlieren; das elende Vingt-un hat mir die Taschen rein ausgefegt.
Leihen Sie mir auf acht Tage zwanzig Ducaten. Mit Vergngen, sagte
Anton und suchte eilig seine Brse hervor.

Als der Lieutnant das Geld nachlssig in seine Tasche steckte, klang auf
der Strae der Hufschlag eines Pferdes; schnell trat er an das Fenster.
Wetter, das ist eine hbsche Katze, polnisches Blut, der Rokamm hat
sie einem der Rebellen gestohlen und will jetzt einen ehrlichen Soldaten
damit anfhren.

Woher wissen Sie, da das Pferd zu verkaufen ist? frug Anton, der
unterde am Schreibtisch einen Brief siegelte.

Sehen Sie nicht, da ein Gauner das Thier im Parademarsch vorbeifhrt?

In dem Augenblick klopfte es leise an der Thr, und Schmeie Tinkeles
schob zuerst sein lockiges Haupt und darauf den schwarzen Kaftan in die
Stube und gurgelte unterwrfig: Ich wollte die gndigen Herren fragen,
ob sie vielleicht wollen ansehen ein Pferd, welches so viel Louisd'or
werth ist, als es Thalerstcke kostet. -- Wenn Sie doch nur gehen
wollten bis an das Fenster, Herr Wohlfart, Sie sollen es ja nur ansehen;
sehen ist nicht kaufen.

Ist diese Gestalt einer von Ihren Geschftsfreunden, Wohlfart? frug
der Lieutnant lachend.

Er ist es nicht mehr, Herr von Rothsattel, antwortete Anton in
demselben Ton, er ist in Ungnade gefallen. Diesmal gilt sein Besuch
Ihnen. Nehmen Sie sich in Acht, er wird Sie verfhren, das Pferd zu
kaufen.

Der Hndler hrte aufmerksam der Unterredung zu und heftete seinen Blick
neugierig auf den Lieutnant. Wenn der gndige Herr Baron will kaufen
das Pferd, sagte er zudringlich zu dem Lieutnant tretend und denselben
unverrckt anstarrend, so wird es ein schnes Reitpferd sein auch auf
dem Gut in Ihrer Wirthschaft.

Was zum Henker weit du von meinem Gut? sagte der Lieutnant; ich habe
kein Gut!

Kennt Ihr diesen Herrn? frug Anton.

Warum soll ich ihn nicht kennen, wenn er es ist, welcher das groe Gut
hat in Ihrem Lande und jetzt gebaut hat eine Fabrik, worin er macht
Zucker aus Viehfutter.

Er meint Ihren Herrn Vater, sagte Anton zum Lieutnant; Tinkeles hat
seine Verbindung auch in unserer Provinz und hlt sich oft Monate bei
uns auf.

Was ich hre! rief der Galizier nachdenkend, es ist der Vater von dem
Herrn Offizier. Um Vergebung, Herr Wohlfart, also Sie sind bekannt mit
dem Herrn Baron, welcher ist der Vater von diesem Herrn! -- Um den
Schnurrbart des Lieutnant zuckte ein Lcheln.

Ich habe den Vater dieses Herrn wenigstens gesehen, antwortete Anton,
unwillig ber die zudringliche Frage des Hndlers und darber, da er
das Errthen seiner Wangen fhlte.

Und um Vergebung, wenn ich fragen darf, Sie kennen den Herrn Offizier
genau, wie man kennt einen jungen Freund --

Was geht Euch das an, Tinkeles? frug Anton barsch und errthete noch
tiefer, weil er auf die Frage nicht so recht zu antworten wute.

Ja, er ist mein guter Freund, Jude, sagte der Lieutnant, auf Antons
Schulter schlagend. Er ist mein Cassirer, er hat mir heute erst zwanzig
Ducaten geborgt und wird mir kein Geld geben, um dein Pferd zu kaufen.
Also geh zum Teufel.

Der Hndler lauschte mit vorgebogenem Hals auf jedes Wort des Offiziers
und sah die jungen Mnner mit einer Neugierde, und wie Anton zu bemerken
glaubte, mit einer Theilnahme an, welche von seinem gewhnlichen
lauernden Wesen verschieden war. Also zwanzig Ducaten hat er Ihnen
geborgt, wiederholte er mechanisch, er wird Ihnen auch mehr borgen,
wenn Sie mehr von ihm verlangen. Ich wei, murmelte er, ich wei.

Was wit Ihr? frug Anton.

Ich wei doch, wie es ist unter jungen Herren, welche gut Freund mit
einander sind, sagte der Hndler mit einer nachdrcklichen Bewegung des
Kopfes. Also Sie knnen das Pferd nicht brauchen, Herr Wohlfart? So
empfehle ich mich Ihnen, Herr Wohlfart. Bei diesen Worten kehrte er
kurz um und verschwand. Gleich darauf hrte man das Pferd im Trabe
fortreiten.

Ist das ein verrckter Kerl! rief der Lieutnant, dem Davoneilenden
nachsehend.

Er ist sonst nicht so schnell bereit, sich zu entfernen, erwiederte
Anton, verwundert ber das rthselhafte Benehmen des Geschftsmannes.
Wahrscheinlich hat Ihre Uniform seinen Abgang beschleunigt.

Ich hoffe, sie hat Ihnen einen Gefallen gethan. Also heut Abend, sagte
der Lieutnant grend und verlie das Zimmer.

Am Nachmittag tnte wieder das leise Klopfen an Antons Thr, Tinkeles
erschien auf's Neue. Er sah sich vorsichtig in der Stube um und trat,
ohne auf Antons finstere Stirn zu achten, nahe an ihn heran. Erlauben
Sie mir zu fragen, sprach er mit vertraulichem Kopfschtteln, ist es
in der Wahrheit, da Sie ihm geborgt haben zwanzig Ducaten, und da Sie
ihm geben wrden noch mehr, wenn er mehr haben wollte?

Anton sah den Hndler erstaunt an und sagte aufstehend: Ich habe ihm
das Geld gegeben und werde ihm noch mehr geben. Und jetzt sagt Ihr mir
gerade heraus, was Euch im Kopfe herumgeht. Denn ich sehe, Ihr habt mir
etwas mitzutheilen.

Tinkeles machte ein schlaues Gesicht und zwinkerte bedeutungsvoll mit
den Augen. Wenn er auch ist Ihr guter Freund, so nehmen Sie sich doch
in Acht, da Sie ihm borgen kein Geld. Wissen Sie was, borgen Sie ihm
keinen Gulden mehr, wiederholte er nachdrcklich.

Und wehalb nicht? frug Anton. Euer guter Rath ist mir nichts werth,
wenn ich nicht wei, aus welchen Grnden Ihr mich warnt.

Und wenn ich Ihnen sage, was ich wei, wollen Sie dann sprechen fr
mich bei Herrn Schrter, da er nicht mehr denkt an die Frachtwagen,
wenn er mich sieht in Ihrem Comtoir? frug der Jude schnell.

Ich will ihm sagen, da Ihr mir seit der Zeit in anderer Weise ehrlich
gedient habt. Was er dann thun wird, steht bei ihm, erwiederte Anton
eben so schnell.

Sie werden sprechen fr mich, sagte der Hndler, das ist mir genug.
Und Sie sollen hren, was Ihnen erhalten kann Ihr gutes Geld. -- Es
steht faul mit dem Rothsattel, dem Vater dieses jungen Menschen, sehr
faul; das Unglck hlt ber ihn eine schwarze Hand. Er ist ein verlorner
Mensch. Es ist ihm nicht zu helfen.

Woher habt Ihr diese Nachricht? rief Anton erschrocken. Es ist
unmglich, setzte er ruhiger hinzu, es ist eine Unwahrheit, Geschwtz
von Winkelagenten und hnlichem Volk.

Glauben Sie meiner Rede, sprach der Jude mit einem eindringlichen
Ernst, welcher seine Figur grer machte und sogar seine Sprache weniger
mitnend. Sein Vater ist unter den Hnden von Einem, der heimlich
wandelt wie ein Engel des Verderbens. Er geht und legt seinen Strick um
den Hals der Menschen, die er bezeichnet hat, ohne da ihn Einer sieht.
Er zieht den Strick zu, und sie fallen um, wie die hlzernen Kegel.
Warum wollen Sie Ihr Geld verlieren an solche Leute, die schon tragen
die Schlinge am Halse?

Wer ist der Teufel, den Ihr meint, wer hat den Baron in Hnden? rief
Anton in einer Aufregung, welche ihn alle Vorsicht vergessen lie.

Was ntzt der Name, erwiederte der Galizier kalt. Wenn ich auch wte
den Namen, so wrde ich ihn doch nicht sagen, und wenn ich ihn sage, es
kann Ihnen nichts helfen und dem Rothsattel auch nicht, denn Sie kennen
den Mann nicht, und Ihr Baron kennt ihn vielleicht auch nicht.

Ist dieser Mann Ehrenthal? frug Anton.

Ich kann den Namen nicht sagen, wiederholte der Hndler mit einem
Achselzucken, aber der Hirsch Ehrenthal ist es nicht.

Wenn ich Euren Worten glauben soll, und wenn Ihr mir damit einen Dienst
leisten wollt, fuhr Anton ruhiger fort, so mt Ihr mir Genaues
mittheilen. Ich mu den Namen dieses Mannes wissen, und ich mu Alles
wissen, was Ihr ber ihn und den Freiherrn gehrt habt.

Nichts habe ich gehrt, antwortete der Hndler verstockt, wenn Sie
mich fragen wollen, wie die Gerichte fragen. Eine Rede, die gesprochen,
verfliegt in der Luft, wie ein Geruch, der Eine fngt das auf, der
Andere jenes. Ich kann Ihnen nicht sagen die Worte, die ich gehrt habe,
und ich will sie nicht sagen um vieles Geld. Ich will nicht die Hand
legen an meine Gebetschnre und vor Gericht zeugen. Was ich spreche, ist
gut fr Ihr Ohr und fr kein anderes. Ihnen aber sage ich, da Zwei
haben zusammen gesessen nicht einen Abend, viele Abende, und nicht in
einem Jahre, sondern mehrere Jahre, und sie haben leise mit einander
gemurmelt in unserer Herberge hinten an dem Gelnder, wo unten das
Wasser luft. Und das Wasser hat gemurmelt unten, und sie haben
gemurmelt oben ber dem Wasser. Ich lag in der Stube auf meinem
Strohsack, da sie glaubten, ich schliefe. Und oft habe ich gehrt aus
dem Munde von Beiden den Namen Rothsattel und den Namen von seinem Gute.
Und ich wei, da ein Unglck ber ihm steht, aber weiter wei ich
nichts. Und jetzt ist es gesagt und ich werde gehen. Der gute Rath, den
ich Ihnen gegeben habe, soll sein Ihre Bezahlung fr den Tag, wo Sie
gefochten haben mit einer Pistole fr die Wolle und fr die Hute. Und
Sie werden denken an das Versprechen, das Sie mir gegeben haben.

Anton sah besorgt vor sich nieder. Durch Bernhard wute er, da der
Freiherr mit Ehrenthal in vielfacher Verbindung stand, und dieser
Verkehr des Gutsbesitzers mit dem belberchtigten Speculanten war ihm
schon oft auffallend erschienen. Aber was Tinkeles sagte, klang doch zu
unglaublich, er selbst hatte nie etwas Ungnstiges ber die Verhltnisse
des Freiherrn gehrt. Bei dem, was Ihr mir heut erzhlt habt, sprach
er nach einer Weile, kann ich mich nicht beruhigen. Ihr werdet Euch
besinnen, vielleicht erinnert Ihr Euch an die Namen und einzelnen Worte,
die Ihr gehrt habt.

Vielleicht werde ich mich erinnern, erwiederte der Galizier mit einem
eigenthmlichen Ausdruck, der dem bekmmerten Anton entging. Und so
haben wir geschlossen unsere Rechnung, ich habe Ihnen Sorge gemacht und
Gefahr, dafr habe ich Ihnen jetzt gethan einen Gefallen. Einen groen
Gefallen, setzte er selbstgefllig in das betroffene Gesicht Antons
blickend hinzu. -- Knnen Sie gebrauchen Louisd'or gegen Banknoten?
frug er pltzlich im Geschftston; ich kann Ihnen lassen Louisd'or,
wenn Sie mir dafr geben Ducaten oder Banknoten.

Ihr wit, ich mache keine Geldgeschfte, antwortete Anton zerstreut.
-- Vielleicht knnen Sie abgeben Wiener Wechsel auf gute Huser? --
Ich habe keine Wechsel abzugeben, sagte Anton rgerlich.

Gut, sagte der Jude, eine Anfrage beit Niemanden, und wandte sich
zum Gehen. An der Thr hielt er noch einen Augenblick an. Dem
Seligmann, der das Pferd hat vorgefhrt fr die Herren und hat auf die
Herren gewartet einen ganzen halben Tag, habe ich geben mssen zwei
Gulden Mnz. Es ist eine baare Auslage, die ich gehabt habe fr Sie,
wollen Sie mir nicht wiedergeben meine zwei Gulden?

Gott sei Dank! rief Anton wider Willen lchelnd, jetzt seid Ihr
wieder der alte Tinkeles. Nein, Schmeie, die zwei Gulden bekommt Ihr
nicht.

Und Sie wollen mir nicht abnehmen die Louisd'or gegen Papier auf Wien?

Auch nicht, erwiderte Anton.

Adjes, sagte Tinkeles. Wenn ich Sie wiedersehe, sind wir gut Freund
mit einander. Er ergriff die Klinke. Und wenn Sie wissen wollen den
Namen von diesem Mann, der den Rothsattel so herunterbringen kann, da
er klein wird, wie das Gras auf der Landstrae, wo Jedermann tritt
darauf, so fragen Sie nach dem Buchhalter von Hirsch Ehrenthal, mit
Namen Itzig. Veitel Itzig wird sein der Name. Bei diesen Worten eilte
Tinkeles zur Thr hinaus. Anton sprang ihm nach, aber der Hndler hrte
nicht auf sein Rufen und war aus der Hausthr geschlpft, bevor Anton
ihn einholen konnte. Da gegrndete Aussicht war, ihn in Kurzem wieder zu
sehen, so ging Anton, sehr beschftigt durch die Gestndnisse des
wunderlichen Heiligen, auf sein Zimmer zurck.

Was er gehrt hatte, mute er sogleich dem Sohne des Freiherrn
mittheilen. Er sagte sich, da bei dem groen Zartgefhl seines
militrischen Freundes diese Mittheilung schwierig sei. Aber es mu
geschehen, noch heut Abend ziehe ich ihn bei Seite, ich gehe zeitig zu
ihm, oder bleibe beim Aufbruch zurck.

       *       *       *       *       *

Diesem guten Vorsatz gnnte das Schicksal eine bequeme Ausfhrung nicht.
So frh Anton auch in das Quartier des jungen Rothsattel eilte, er fand
doch die Stube bereits durch fnf bis sechs Husarenlieutnants besetzt.
Eugen lag in seinem Schlafrock auf dem Sopha, die Escadron lagerte um
ihn herum. Gleich nach Anton trat der Doctor ein. Wie geht's? frug
dieser zum Kranken tretend.

Gut genug, erwiederte Eugen; ich brauche Ihre Giftpulver nicht.

Etwas Fieber, fuhr der Doctor fort, eingenommener Kopf und so
weiter. Es ist zu hei hier, ich schlage vor, das Fenster zu ffnen.

Beim Teufel, das werden Sie nicht, Doctor, rief ein junger Herr, der
sich aus zwei Sthlen eine Art Bank zusammengerckt hatte. Sie wissen,
da ich auer dem Dienst keinen Zug vertragen kann. -- Lassen Sie zu,
rief Eugen, wir sind Homopathen, die Wrme vertreiben wir durch Wrme.
Was trinken wir?

Irgend ein Punsch wird fr den Patienten immer noch am gesndesten
sein, sagte der Doctor.

Holen Sie die Ananas, bester Anton, sie liegt mit dem ganzen Apparat
hier nebenan, bat Eugen.

Ei, rief der Doctor, als Anton die Frucht und der Bursch einen Korb
Wein hereinbrachten, ein ser Colo, ein ausgezeichnetes Exemplar. Mit
Verlaub, ich mache den Punsch, die Mischung mu nach dem Zustand des
Patienten eingerichtet werden. Er griff nach seiner Tasche, brachte ein
schwarzes Besteck hervor und suchte ein Messer zum Zerschneiden der
Frchte.

Alle Wetter! plagt Sie der Teufel! Zum Henker mit Ihrem Besteck!
riefen smmtliche Husarenoffiziere aufspringend. Wie Heckenfeuer fuhren
die Verwnschungen um das Haupt des Doctors.

Meine Herren, rief der Doctor, nur wenig eingeschchtert durch den
Sturm des Unwillens, hat Einer von Ihnen ein Messer? Sehen Sie nicht
erst nach, ich wei, Keiner hat eins. Spiegel und Brste, weiter darf
man in Ihren Taschen doch nichts suchen. Und versteht Einer von Ihnen
eine Bowle zu machen, die ein Mann von Herz und Welt trinken kann?
Austrinken, ja, aber machen knnen Sie nichts.

Ich will's versuchen, Doctor, sagte Bolling aus einer Ecke.

Ah, Herr von Bolling, Sie auch hier? erwiederte der Doctor mit einer
Verbeugung.

Bolling nahm ihm die Ananas aus der Hand und hielt sie sorgfltig aus
dem Bereich des medicinischen Armes. Kommen Sie, Anton, rief er, und
verhten Sie, da dieses Ungeheuer von Doctor mit seinem Tranchirmesser
dem Getrnk zu nahe kommt.

Whrend Anton mit dem lteren Lieutnant in eifriger Thtigkeit war, zog
der Doctor zwei Spiele Karten aus der Tasche und legte sie feierlich auf
den Tisch.

Fort mit Ihren Karten, rief Eugen, heut wenigstens wollen wir ohne
Snde beisammen bleiben.

Sie knnen's ja nicht, spottete der Doctor, Sie selbst sind der
Erste, der darnach greifen wird. Ich beabsichtigte nichts, als ein
ruhiges Whist mit stabilem Par nach rechts und links, ein Spiel fr
fromme Einsiedler. Was Sie aber mit diesen Karten anfangen, das wird die
Zeit lehren. Hier liegen sie beim Leuchter.

Hrt nicht auf den Versucher, rief einer der Lieutnants lachend.

Wer die Karte zuerst anfat, zahlt ein Frhstck zur Strafe, ein
anderer.

Hier ist der Trank, sagte Bolling und trug die Bowle auf den Tisch. Er
go ein. Kosten Sie, Blutmensch, sagte er zu dem Doctor.

Roh, entschied dieser, morgen Abend wird sie trinkbar sein.

Whrend die Herren sich ber das Getrnk stritten, griff Eugen nach
einem Spiel Karten und zog es mechanisch in zwei Hufchen ab, die er
neben einander legte. Der Doctor rief: Halt, gefangen! Er selbst zahlt
die Strafe. Alles lachte und drngte an den Tisch. Die Bank, Doctor,
riefen die Offiziere, sie warfen ihm die Karten zu, schnell kamen einige
andere Spiele aus den Taschen der Herren ans Licht, der Doctor legte ein
Hufchen Papier und Silber auf den Tisch, das Spiel begann. Man
pointirte nicht gerade hoch, kurze Scherze begleiteten den Gewinn und
Verlust der Spieler. Auch Anton ergriff eine Karte und setzte ohne
Aufmerksamkeit. Er vermochte heut nur mit Mhe an der Unterhaltung
Theil zu nehmen und sah mit inniger Theilnahme auf den jungen
Rothsattel, der sich ahnungslos ber die Karten beugte. Anton gewann
einige Thaler, aber mit Mibehagen bemerkte er, da Eugen endloses
Unglck hatte. Ein Ducaten nach dem andern flog in die Casse des
Bankhalters. Da Anton bei dem Verlust seines Wirthes nicht ganz
unbetheiligt war, so machte er keine Bemerkung darber, aber der Doctor
selbst sagte zu seinem Patienten, nachdem er wieder einige Ducaten
eingestrichen hatte: Sie sind hei geworden, Sie haben Fieber, es wre
am klgsten, wenn Sie nicht mehr spielten, ich habe noch nie einen
Fieberkranken gehabt, der nicht im Pharao verloren htte.

Das geht Sie nichts an, Doctor, erwiederte Eugen heftig und setzte
wieder.

Du hast Unglck, Eugen, rief der gutmthige Bolling, du gehst wieder
zu sehr ins Geschirr.

Als der Abzug beendet war, nahm der Doctor die Karten und steckte sie
gemthlich in die Tasche. Die Bank hat stark gewonnen, sagte er, aber
ich hre doch auf, es ist genug des Guten.

Wieder erhob sich ein Sturm unter den Offizieren. Ich will Bank legen,
rief Eugen, geben Sie mir Ihre Casse, Wohlfart.

Der Doctor protestirte, endlich beruhigte er sich mit der Ansicht,
vielleicht hat er Glck als Bankier, man mu dem Menschen nicht die
Gelegenheit entziehen, eine Scharte auszuwetzen.

Anton holte einige Cassenbillets aus der Tasche und legte sie schweigend
vor Eugen hin, aber er selbst spielte nicht mehr. Traurig sa er da und
sah auf seinen guten Freund, der mit einem Gesicht, das von Wein und
Fieber glhte, auf die Karten der Spieler hinstarrte. Wieder flog ein
Abzug auf den andern und wieder verlor Eugen, was er vor sich hatte. Die
Cassenscheine flogen von ihm weg, kaum einmal fiel ein Blatt zu seinen
Gunsten. Verwundert sahen die Offiziere einander an. Auch ich schlage
vor, da wir aufhren, rief Bolling, ein ander Mal geben wir dir
Revanche.

Ich will sie heut haben, rief Eugen, sprang auf und verschlo die
Thr, Keiner kommt heraus. Setzt ordentlich und wagt, hier ist Geld.
Er warf einen Haufen Streichhlzer auf den Tisch. Das Holz einen
Champagnerthaler, morgen zahle ich; ich gebe zu, da das Holz einmal
gebrochen wird, unter einem Thaler kein Point. Wieder fuhren die Karten
auf den Tisch und wieder ging das Spiel fort. Anton bemchtigte sich
unterde des Punschlffels und beschlo, nichts mehr in die Glser zu
gieen. Eugen verlor immerfort; die Streichhlzer wurden wie durch eine
geheime Kraft nach allen Richtungen fortgerissen. Eugen holte neue
Bndel und rief: Beim Abschied machen wir Rechnung. Da erhob sich
Bolling und stampfte mit dem Stuhle auf den Boden.

Ein Hundsfott, wer die Stube verlt, rief Eugen.

Du bist ein Narr, sagte der Andere unwillig, es ist Unrecht, seinem
nchsten Kameraden das Geld abzunehmen, wie wir heut mit dir thun. Ich
habe so etwas noch nie gesehen. Wenn hier der Satan sein Spiel hat, ich
will ihm nicht helfen. Er setzte sich vom Tisch ab, Anton trat zu ihm;
Beide sahen schweigend dem Uebermuth zu, mit welchem das Geld aus einer
Hand in die andere geworfen wurde.

Auch ich habe genug, sagte der Doctor und zeigte ein dickes Bund
Hlzer in seiner Hand. Dies ist ein merkwrdiger Abend; seit ich Karten
kenne, ist mir so etwas noch nicht vorgekommen. Er vermag kein Paroli
abzuschlagen.

Von Neuem sprang Eugen zu dem Seitentisch, wo die Hlzer lagen, da
ergriff Bolling den Rest des Packets, ffnete das Fenster und warf die
Hlzer hinunter auf die Strae. Besser, die Teufelsbolzen verbrennen da
unten einen Stiefel, als hier deine Brse, rief er. Darauf schleuderte
er die Karten auf die Erde. Das Spiel soll aufhren, du hast uns
vorhin aufgetrumpft, wie einer aus der Wachtstube des alten Dessauers,
ich thue jetzt dasselbe.

Ich verbitte mir solche Befehle, rief Eugen gereizt.

Bolling schnallte seinen Sbel um und griff mit der Hand an das Gef.
Du wirst dich heut fgen, sagte er ernst, morgen will ich dir vor dem
Corps Rede stehen. Macht Eure Rechnung, Ihr Herren, wir brechen auf.

Die Marken wurden auf den Tisch geworfen, der Doctor zhlte.

Eugen ri finster die Brieftafel aus der Tasche und notirte seine Schuld
an die Einzelnen. Ohne Behagen, mit kurzem Gru entfernte sich die
Gesellschaft. Es sind gegen achthundert Thaler, sagte der Doctor auf
dem Wege. Bolling zuckte die Achseln. Ich hoffe, er kann das Geld
schaffen, aber ich wollte doch, da Sie heut das Stempelpapier in Ihrer
Tasche behalten htten. Wenn von der Geschichte etwas verlautet, so wird
Rothsattel keine Ursache haben, sich zu freuen. Wir Alle werden gut
thun, ber den Vorfall zu schweigen, auch Sie, Herr Wohlfart, bitte ich
darum.

Anton ging in strmischer Bewegung nach Hause. Den ganzen Abend hatte er
wie auf Kohlen gesessen und dem Verschwender in der Stille die
bittersten Vorwrfe gemacht. Er schalt sich, da er ihm Geld geliehen
hatte, und fhlte doch, wie unpassend es gewesen wre, seinen Wunsch
nicht zu gewhren.

Als er am nchsten Morgen Eugen aufsuchen wollte, ffnete sich die Thr,
und Eugen selbst trat in das Zimmer, verstimmt, niedergeschlagen,
unsicher. Ein nichtswrdiges Malheur gestern, rief er, ich bin in
arger Klemme; ich mu heut achthundert Thaler schaffen und habe in
diesem Unglcksnest Niemand, an den ich mich wenden kann, als Sie. Seien
Sie verstndig, Anton, und besorgen Sie mir das Geld.

Auch mir ist es nicht leicht, Herr von Rothsattel, erwiederte Anton
ernst; es ist keine unbedeutende Summe, und die Gelder, ber die ich
hier disponiren kann, sind nicht mein Eigenthum.

Sie werden es schon mglich machen, fuhr Eugen berredend fort; wenn
Sie mir nicht aus der Verlegenheit helfen, so bin ich ganz rathlos. Der
Chef versteht keinen Spa, ich riskire Alles, wenn die Geschichte nicht
schnell abgemacht wird. Er ergriff in seiner Verlegenheit Antons Hand
und drckte sie ngstlich.

Anton sah in das verstrte Gesicht dessen, der Lenorens Bruder war, und
erwiederte mit innerer Ueberwindung: Ich habe eine kleine Summe, welche
mir gehrt, in der Casse unsers Geschfts, und habe von hier aus Geld an
unser Haus zu senden. Es wird mglich sein, da ich unsern Cassirer auf
mein Geld anweise, und die Summe, welche Sie brauchen, zurckbehalte.

Sie sind mein Retter, rief Eugen erleichtert; in sptestens vier
Wochen schaffe ich Ihnen achthundert Thaler zurck, fgte er hinzu, bei
der Aussicht auf das Geld geneigt, das Beste zu hoffen.

Anton ging zum Schreibtisch und zhlte dem Lieutnant das Geld auf. Es
war ein groer Theil der Summe, die er von seinem Erbtheil noch brig
hatte.

Als Eugen das Papier unter lebhaftem Danke eingesteckt hatte, begann
Anton: Und jetzt, Herr von Rothsattel, wnsche ich Ihnen noch etwas
mitzutheilen, was mir gestern den ganzen Abend auf dem Herzen gelegen
hat. Ich bitte Sie, mich nicht fr zudringlich zu halten, wenn ich Ihnen
nicht verschweige, was Sie wissen mssen, und was doch ein Fremder kaum
zu sagen das Recht hat.

Wenn Sie mir gute Lehren zutheilen wollen, so ist der Augenblick
schlecht gewhlt, antwortete der Lieutnant finster, ich wei ohnedies,
da ich einen dummen Streich gemacht habe, und bin auf eine Strafrede
meines Papa's gefat. Was ich von ihm anhren mu, wnsche ich von
keinem Dritten zu vernehmen.

Sie trauen mir wenig Zartgefhl zu, Herr von Rothsattel, rief Anton,
aufrichtig bekmmert durch den Aerger des Offiziers. Ich habe gestern
aus einer allerdings wenig lautern Quelle gehrt, da Ihr Herr Vater
durch die Intriguen gewissenloser Speculanten in Verwickelungen gekommen
ist oder doch kommen soll, welche seinem Vermgen Gefahr drohen. Auch
der gefhrliche Mensch, welcher die Rnke gegen ihn schmiedet, ist mir
genannt worden.

Der Lieutnant sah verwundert in das ernste Gesicht Antons und sagte
endlich: Teufel, Sie jagen mir einen Schrecken ein. Doch nein, es ist
nicht mglich, Papa hat mir nie etwas davon gesagt, da seine
Verhltnisse nicht ganz in Ordnung sind.

Vielleicht kennt er selbst nicht die Plne und die Rcksichtslosigkeit
der Menschen, welche die Absicht haben, seinen Credit fr ihre Zwecke zu
benutzen.

Der Freiherr von Rothsattel ist nicht der Mann, sich von irgend Jemand
benutzen zu lassen, entgegnete der Lieutnant mit Stolz.

Das nehme auch ich an, rumte Anton bereitwillig ein. Und doch bitte
ich Sie, daran zu denken, da die letzten groen Unternehmungen des
Herrn Barons ihn mehrfach mit schlauen und wenig bedenklichen Hndlern
in Berhrung gebracht haben. Der mir den Rath ertheilte, gab ihn
offenbar in guter Meinung. Er sprach eine Ansicht aus, welche, wie ich
frchte, von einer Anzahl untergeordneter Geschftsleute getheilt wird,
da Ihr Herr Vater in ernster Gefahr sei, groe Summen zu verlieren. Und
ich fordere Sie auf, mit mir zu dem Mann zu gehen, vielleicht gelingt es
uns, mehr von ihm zu erfahren. Es ist derselbe Hndler, den Sie gestern
bei mir sahen.

Der Lieutnant sah sehr niedergeschlagen vor sich hin, er fate, ohne ein
Wort zu sagen, seine Dienstmtze, und Beide eilten nach der Herberge, in
welcher Tinkeles wohnte.

Es wird am besten sein, da Sie selbst nach ihm fragen, sagte Anton
auf dem Weg. Der Offizier ging in das Haus, er frug einen Hausknecht,
den Wirth, alle Hausgenossen, welche ihm in den Weg kamen: Schmeie war
seit gestern Mittag abgereist. Sie eilten von der Herberge zum
Stadtcommando und erhielten nach vielen Fragen die Auskunft, da dem
Tinkeles sein Pa nach der trkischen Grenze visirt worden. So war der
Zudringliche pltzlich verschwunden, und durch seine Abreise erhielt die
Warnung fr Beide noch greres Gewicht. Je lnger sie ber seine
Bekenntnisse sprachen, desto aufgeregter wurde der Lieutnant und um so
weniger wute er, was zu thun sei. Endlich brach er in groer Bewegung
mit der Klage hervor: Mein Vater ist vielleicht jetzt in
Geldverlegenheit. Wie soll ich ihm meine Schuld gestehen? Es ist fr
mich ein verfluchter Fall. Wohlfart, Sie sind ein honetter Mann, denn
Sie haben mir das Geld geliehen, obgleich Sie die Nachrichten dieses
unsichtbaren Juden schon im Kopfe hatten. Sie mssen jetzt weiter
anstndig sein und mir die Summe auf lngere Zeit leihen.

So lange, bis Sie selbst den Wunsch aussprechen, sie zurckzuzahlen.

Das ist gentil, rief der Lieutnant, und noch Eins, schreiben Sie
selbst an meinen Vater. Sie wissen am besten, was der verrckte Mensch
Ihnen gesagt hat, und mir ist es langweilig, so etwas meinem Papa
mitzutheilen.

Aber Ihr Herr Vater wird die Einmischung eines Fremden mit Recht fr
zudringlich halten, entgegnete Anton, befangen durch die Aussicht, mit
dem Vater Lenorens in Correspondenz zu treten.

Mein Vater kennt Sie ja, sagte Eugen berredend; ich erinnere mich,
da meine Schwester mir schon von Ihnen erzhlt hat. Schreiben Sie nur,
ich htte Sie darum gebeten. Es ist wirklich besser, wenn Sie das
bernehmen. Anton willigte ein. Er setzte sich auf der Stelle hin und
berichtete dem Baron die Warnungen des Hndlers.

So kam er in der Fremde mit der Familie des Freiherrn in eine neue
Verbindung, welche fr ihn und die Rothsattel verhngnivoll werden
sollte.




~IV.~


Glcklich der Fu, welcher ber weite Flchen des eigenen Grundes
schreitet; glcklich das Haupt, welches die Kraft der grnenden Natur
einem verstndigen Willen zu unterwerfen wei! Alles, was den Menschen
stark, gesund und gut macht, das ist dem Landwirth zu Theil geworden.
Sein Leben ist ein unaufhrlicher Kampf, ein endloser Sieg. Ihm sthlt
die reine Gottesluft die Muskeln des Leibes, ihm zwingt die uralte
Ordnung der Natur auch die Gedanken zu geordnetem Lauf. Er ist der
Priester, welcher Bestndigkeit, Zucht und Sitte, die ersten Tugenden
eines Volkes, zu hten hat. Wenn andere Arten ntzlicher Thtigkeit
veralten, die seine ist so ewig, wie das Leben der Erde; wenn andere
Arbeit den Menschen in enge Mauern einschliet, in die Tiefen der Erde
oder zwischen die Holzplanken des Schiffes, sein Blick hat nur zwei
Grenzen, oben den blauen Himmel, und unten den festen Grund. Ihm wird
die hchste Freude des Schaffens, denn was sein Befehl von der Natur
fordert, Pflanze und Thier, das wchst unter seiner Hand zu eigenem
frohen Leben auf. Auch dem Stdter ist die grne Saat und die goldene
Halmfrucht des Feldes, das Rind auf der Weide und das galoppirende
Fllen, Waldesgrn und Wiesenduft eine Erquickung des Herzens, aber
krftiger, stolzer, edler ist das Behagen des Mannes, der mit dem
Bewutsein ber seine Flur schreitet, dies Alles ist mein, meine Kraft
erschuf es, und mir gereicht es zum Segen. Denn nicht in mhelosem Genu
betrachtet er die Bilder, welche ihm die Natur entgegenhlt. An jeden
Blick knpft sich ein Wunsch, an jeden Eindruck ein Vorsatz, jedes Ding
hat fr ihn einen Zweck, denn Alles, das fruchtbare Feld, das Thier und
der Mensch soll Neues schaffen nach seinem Willen, dem Willen des
Gebieters. Die tgliche Arbeit ist sein Genu, und in diesem Genusse
wchst seine Kraft. -- So lebt der Mann, welcher selbst der arbeitsame
Wirth seines Gutes ist.

Und dreimal glcklich der Herr eines Grundes, auf dem durch mehrere
Menschenalter ein starker Kampf gegen die rohen Launen der Natur gefhrt
ist. Die Pflugschar greift tief in den gereinigten Boden, anspruchsvolle
Culturpflanzen breiten ihre Bltter in ppiger Pracht, auf den Stengeln
brunen sich groe Dolden und krnerreiche Schoten, und unten in der
Erde rundet sich mchtig die fleischige Wurzel. Dann kommt die Zeit, wo
sich kunstvolle Industrie auf den Ackerschollen ansiedelt. Dann ziehen
die abenteuerlichen Gestalten der Maschinen nach dem Wirthschaftshof,
der ungeheure Kupferkessel fhrt mit Blumen bekrnzt heran, groe Rder
mit hundert Zhnen drehen sich gehorsam im Kreise, lange Rhren
verschlingen sich in den neugebauten Rumen, und die mechanischen
Gelenke bewegen sich rastlos bei Tag und Nacht. Eine edle Industrie! Sie
erblht aus der Kraft des Bodens und vergrert wieder diese Kraft. Wo
der eigene Grund des Gutes seine Frchte der Fabrik reichlich spendet,
da arbeiten im Freien die uralte Pflugschar, im gemauerten Haus der neue
Dampfkessel brderlich mit einander, um ihren Herrn reicher zu machen,
stattlicher und weiser. So lange er nur die alten Halmfrchte baute, die
grne Nahrung der Thiere und die runde Knollenfrucht, waren die Preise
auf dem nchsten Wochenmarkt vielleicht das, was ihn in der fremden Welt
am meisten interessirte; und wenn der Bauer im Dorf gegen ihn
auftrumpfte, so war ihm das vielleicht der grte Aerger. Und mit
abschlieendem Stolz sah er aus seinem umgrenzten Kreise, wie in die
blaue Ferne hinein in das geschftige Treiben der groen Stdte, in die
verwickelten Verhltnisse, welche durch eine neue Zeit geschaffen sind.
Jetzt steht er selbst mitten zwischen den Rdern des modernen
Schaffens, er beobachtet viele Strmungen des menschlichen Geistes auch
auerhalb seiner Feldmark. Viele Gesetze des Lebens lernt er kennen und
viele Gedanken der Menschen, er gewinnt einen andern Mastab fr den
Werth des Mannes, jetzt wo er das Gewhl des Marktes, das Arbeitszimmer
des Gelehrten auch fr sich braucht. Er knpft seine Fden an Leute von
anderm Beruf, und Fremde freuen sich, ihm die Hand zu reichen und ihren
Vortheil mit dem seinen zu verbinden. Immer grer werden die Kreise, in
welche ihn sein Interesse zieht, immer mchtiger der Einflu, den er auf
Andere gewinnt.

Neben dem lndlichen Tagelhner baut ein neues Geschlecht arbeitsamer
Menschen seine Htten auf den Ackerboden, in jeder Abstufung von Wissen
und Bildung; allen kann er gerecht und allen zum Heil werden. In starker
Zunahme wchst die Kraft seiner Landschaft, der Werth des Bodens steigt
von Jahr zu Jahr, die lockende Aufforderung zu grerem Erwerb treibt
auch den zhen Bauer aus dem Gleise alter Gewohnheit. Der schlechte
Feldweg wird zur Chaussee, der sumpfige Graben zum Kanal. Zwischen den
Getreidefeldern fahren die Reihen der Frachtwagen entlang, auf wsten
Stellen erheben sich die rothen Dcher neuer Wohnungen; der Briefbote,
der sonst nur zweimal in der Woche seine Ledertasche durch die Fluren
trug, erscheint jetzt alle Tage, sein Ranzen ist schwer von Briefen und
Zeitungen; und wenn er bei einem neuen Haus anhlt, um der jungen Frau,
die mit ihrem Manne von fern zuzog, eine Nachricht aus der Heimath zu
bringen, da nimmt er dankend das Glas Milch, das ihm die Erfreute an der
Thr reicht, und erzhlt ihr eilig, wie lang ihm sonst der Weg von einem
Dorf zum andern in der heien Sonne geworden. Dann erwacht auch die
Begehrlichkeit, die kindische Base jedes Fortschritts. Die Nadel des
Schneiders hat viel an neuen Stoffen zu nhen, zwischen den Bauerhusern
stellt der kleine Kaufmann seinen Kram auf, er legt seine Citronen an
das Schaufenster, den Tabak in schnen Packeten, und lockende Flaschen
mit silbernen Zetteln. Und die Schullehrer in den Drfern klagen ber
die Menge der Schler, ein zweites Schulhaus wird gebaut, eine hhere
Classe eingerichtet; in einem Schrank seiner Wohnstube legt der Lehrer
die erste Leihbibliothek an, und der Buchhndler in der Stadt bergiebt
ihm neue Bcher zum Verkauf. -- So wird das Leben des starken Landwirths
ein Segen fr die Umgegend, fr das ganze Land.

Wehe aber dem Landwirth, dem der Grund unter den Fen fremden Gewalten
verfllt! Er ist verloren, wenn seine Arbeit nicht mehr ausreicht, die
Ansprche zu befriedigen, welche andere Menschen an ihn machen. Die
Geister der Natur gnnen ihren Segen nur dem, welcher ihnen frei und
sicher gegenber steht, sie empren sich, wo sie Schwche, Eile und
halben Muth ahnen. Keine Arbeit wird mehr zum Heil. Die gelbe Blthe der
Oelsaat und die blaue Blume des Flachses vertrocknen ohne Frucht, Rost
und Brand fallen ber das Getreide, in tdtlichem Faulfieber schwindet
der kleine Leib der Kartoffel; sie alle, so lange an Gehorsam gewhnt,
wissen so bitter jede Nachlssigkeit zu strafen. Dann wird fr den Herrn
der tgliche Gang durch die Felder ein tglicher Fluch; wenn die Lerche
aus dem Roggen aufsteigt, mu er denken, da die Frucht schon auf dem
Halme verkauft ist, wenn das Gespann der Rinder den Klee nach den
Stllen fhrt, wei er, da der Ertrag von Milch und Fleisch schon von
fremden Glubigern gefordert ist, und er mu zweifeln, ob die
Fruchtbarkeit, welche seinem Acker durch das Wiederkuen der elustigen
Thiere im nchsten Jahr kommen soll, noch ihm selbst zum Vortheil werden
wird. Finster, mrrisch, verzweifelt kehrt er nach dem Hofe zurck.
Leicht wird er dann seiner Wirthschaft und den Feldern fremd, er sucht
jenseit seiner Flur den lstigen Gedanken zu entfliehen, und durch die
Flucht beschleunigt er seinen Untergang. Was ihn vielleicht noch retten
knnte, ein vollstndiges Hingeben an die Arbeit, das wird ihm
unertrglich.

Und dreimal wehe dem Landwirth, der bereilt in unverstndigem Gelst
die schwarze Kunst des Dampfes ber seine Schollen fhrt, um Krfte aus
ihnen hervorzulocken, die nicht darin leben. Ihn trifft der hrteste
Fluch, der Sterblichen beschieden ist. Nicht er allein wird schwcher,
er macht auch viele Andere schlecht, die er zum Dienst an sein Leben
gebunden hat. In dem Schwunge der Rder, die er vorwitzig in seinem
Kreis aufstellte, wird zerrissen, was in seiner Wirthschaft noch
unversehrt war, die Kraft seines Bodens verzehrt sich in fruchtlosen
Versuchen, seine Gespanne erlahmen an schweren Fabrikfuhren, seine
ehrlichen Landarbeiter verwandeln sich in ein schmutziges, hungerndes
Proletariat. Wo sonst ruhiger Gehorsam wenigstens das Nthige schuf,
wuchert jetzt Hader, Widersetzlichkeit und Betrug. Er selbst ist
hineingezogen in die Wirbel lstiger Geschfte, wie brausende Wellen
strzen die Forderungen auf ihn herein, im verzweifelten Kampf, ein
Ertrinkender, sucht er ohne Wahl Hlfe bei Allem, was in den Bereich
seiner Hnde kommt, und ermattet vom fruchtlosen Ringen sinkt er hinab
in die Tiefe.

       *       *       *       *       *

Auf dem Gut des Freiherrn hatte die Saat oft besser gestanden, als bei
den Nachbarn, seine Heerden waren als kerngesund in der ganzen
Landschaft bekannt, Fehljahre, welche Andere niederdrckten, hatten ihm
verhltnimig wenig geschadet; jetzt war das Alles wie durch bsen
Zauber verndert. In der Rinderheerde brach eine pestartige Krankheit
aus, das Getreide stand hoch im Feld, und als die Garben in der Scheuer
zerschlagen wurden, waren der Scheffel nur wenige, die er aufschtten
konnte. Ueberall war sein Anschlag grer gewesen, als der Ertrag. Zu
anderer Zeit htte er's ruhig berwunden, jetzt machte ihn das krank.
Die Ackerwirthschaft wurde ihm verhat, er berlie sie ganz dem
Amtmann. Alle seine Hoffnungen flogen jetzt der Fabrik zu, und wenn er
seine Feldmark betrat, so geschah es nur, um nach den Rben zu sehen,
auf deren Bau er im letzten Jahr die beste Kraft des Gutes verwandt
hatte.

Hinter den Bumen des Parks erhob sich das neue Fabrikgebude. Viele
Stimmen geschftiger Menschen schrieen um den neuen Bau durcheinander.
Die erste Rbenernte wurde eingebracht und zum Verarbeiten
aufgeschttet. Mit dem nchsten Tage sollten die regelmigen Arbeiten
in der Fabrik beginnen. Noch immer hmmerte drin der Kupferschmied, an
der groen Presse arbeitete der Mechaniker, und emsige Frauen trugen
Krbe von Spnen und Kalkbrocken aus den Mauern und suberten mit
Scheuerlappen die Sttte, in der sie fortan handlangen sollten. Der
Freiherr stand vor dem Hause; er hrte ungeduldig auf das Klopfen der
Hmmer, die so lange die Vollendung des Werkes verzgert hatten. Von
morgen begann fr ihn eine neue Zeit. Er stand jetzt an der Pforte
seines Schatzhauses. Die alten Sorgen konnte er weit hinter sich werfen,
in den nchsten Jahren zahlte er ab, was er geliehen hatte, dann
sammelte er Geld. Und whrend er so dachte, sah er auf seine
abgetriebenen Pferde und das sorgenvolle Gesicht des alten Amtmanns, und
eine unbestimmte Furcht schlich wie ein hliches Insect ber die
unruhig flatternden Bltter seiner Gedanken. Er hatte Alles auf diesen
Wurf gesetzt, er hatte sein Gut so hoch mit Hypotheken belastet, da er
sich in diesem Augenblick fragen konnte, wie viel davon noch ihm selbst
gehre, Alles, um durch den erhrteten Saft der Ackerfrucht den
Wappenschild seines Geschlechts hher zu stellen. Hte dich, Freiherr!
Und wenn du die weien Krystalle hrtest, da sie klingen wie Stein, sie
halten Wind und Wetter nicht aus, sie zerflieen im Regen, sie
verwittern in der Luft, und was du darauf gegrndet, das strzt in
Trmmer.

Der Freiherr selbst war in den letzten Jahren ein Anderer geworden.
Falten auf der Stirn, zwei mrrische Falten um den Mund und graues Haar
an den Schlfen, das waren die ersten Resultate der ewigen Sorge um
Capital, um die Familie, um die Zukunft des Gutes. Seine Stimme, die
sonst krftig aus der Brust geklungen hatte, war scharf und heiser
geworden, und eine zornige Hast war in seinen Geberden. Schwere Sorge
hatte der Freiherr in der letzten Zeit gehabt. Was bei einem groen Bau
Mangel an Geld heit, das Elend hatte er grndlich kennen gelernt.
Ehrenthal war jetzt ein regelmiger Besucher des Schlosses. Seine
Pferde hatten in jeder Woche gutes Heu von den Raufen des Freiherrn
gerupft, in jeder Woche hatte er seine Brieftasche hervorgezogen und
Rechnungen gebracht oder Cassenscheine aufgezhlt. Seine Hand, die im
Anfange so ehrerbietig nach der Tasche griff, war sumig geworden, und
nur langsam lsten sich die flatternden Papiere von seinen Fingern, sein
gebeugter Hals war steif, sein unterwrfiges Lcheln hatte sich in einen
trockenen Gru verwandelt, er schritt jetzt mit prfendem Blick durch
den Wirthschaftshof, und statt der feurigen Lobrede kam mancher Tadel
aus seinem Munde. Der demthige Agent war zum anspruchsvollen Glubiger
herangewachsen, und der Freiherr ertrug mit immer steigendem Widerwillen
die Ansprche eines Mannes, den er nicht mehr entbehren konnte. Aber
nicht Ehrenthal allein, auch andere fremde Gestalten klopften an das
Arbeitszimmer des Gutsherrn und verhandelten mit ihm unter vier Augen.
Die breite Figur des rauhen Pinkus schritt alle Vierteljahre aus dem
Gasthof des Dorfes auf das Schlo, und jedes Mal, wenn sein schwerer Fu
die Stufen betrat, zog hinter ihm der Mimuth in das Haus.

Alle Wochen war Ehrenthal auf dem Gute erschienen, jetzt war die
schwerste Zeit gekommen, und kein Auge erblickte den Geschftsmann. Er
war verreist, hie es in der Stadt, und unruhig hrte der Freiherr auf
das Gerusch jedes Wagens, ob nicht einer den Sumigen zufhre, den
Verhaten, Unentbehrlichen.

Lenore trat zu dem Vater, eine reife Schnheit von vollen Formen und
hohem Wuchs; da auch sie von dem Ernst des Lebens berhrt war, zeigte
das sinnende Auge und der besorgte Blick, den sie auf den Freiherrn
warf. Der Bote bringt die Postsachen, sagte sie, ein Packet Briefe und
Zeitungen berreichend. Es ist gewi wieder kein Brief von Eugen
dabei.

Der hat jetzt Anderes zu thun, als zu schreiben, antwortete der Vater,
aber er selbst suchte eifrig die Handschrift des Sohnes. Da sah er ein
Schreiben von fremder Hand, mit dem Postzeichen der Stadt, in welche
Eugen eingerckt war. Es war Antons Brief. Schnell ffnete er. Als er in
der ehrerbietigen Sprache die gute Meinung erkannt und den Namen Itzig
gelesen hatte, verbarg er den Brief hastig in seiner Brusttasche. Die
geheime Angst, welche jetzt manchmal sein Herz zusammenzog, berfiel ihn
wieder und gleich darauf folgte der unwillige Gedanke, da seine
Verlegenheiten ein Gegenstand der Unterhaltung in der Fremde waren.
Unbestimmte Warnungen waren das Letzte, was er bedurfte, sie demthigten
ihn nur. Lange stand er in finsterm Schweigen neben der Tochter. Da der
Brief aber Nachrichten von Eugen enthielt, so zwang er sich endlich, zu
sprechen. Da hat mir ein Herr Wohlfart geschrieben, der jetzt als
Kaufmann jenseit der Grenze umherreist und Eugens Bekanntschaft gemacht
hat.

Er? rief Lenore.

Er scheint ein ordentlicher Mann geworden zu sein, fuhr der Freiherr
mit Ueberwindung fort. Er spricht mit Wrme von Eugen.

Ja! rief Lenore erfreut, was gewissenhaft und zuverlssig heit, das
lernt man kennen, wenn man mit ihm umgeht. Welcher Zufall! Die Schwester
und der Bruder. Was hat er dir geschrieben, Vater?

Geschftliches, das wahrscheinlich gut gemeint ist, mir aber nicht von
wesentlichem Nutzen sein kann. Die thrichten Knaben haben irgend ein
Geschwtz aus dritter Hand gehrt und haben sich um meine
Angelegenheiten unnthige Sorge gemacht. Und schwerfllig schritt er
nach diesen Worten zu seiner Fabrik.

Beunruhigt folgte ihm Lenore. Endlich entfaltete er die Zeitung und
wandte die Bltter nachlssig um, bis sein Blick auf eine gerichtliche
Anzeige fiel. Eine dunkle Rthe stieg ihm langsam ber die Wangen, das
Blatt fiel zur Erde, er griff mit der Hand an die Breter eines Wagens
und legte seinen Kopf darauf. Erschrocken hob Lenore das Zeitungsblatt
auf und sah den Namen der polnischen Herrschaft, auf welcher der Vater,
wie sie wute, ein groes Capital stehen hatte. Ein Termin zur
Versteigerung der Herrschaft wegen Concurses war angezeigt.

Wie ein Blitzstrahl traf den Freiherrn die Nachricht. Wenn er sein
eigenes Gut belastet hatte, war ihm die Summe, die auf fremdem Grunde
ruhte, als die letzte Grundlage seines Wohlstandes erschienen. Oft hatte
er gedacht, ob es nicht thricht war, Andern in der Fremde sein Geld zu
lassen und daheim fremdes nur zu theuer zu bezahlen, immer hatte er eine
Scheu davor gefhlt, auch dies runde Capital in seine Unternehmungen zu
werfen, er betrachtete es als das Witthum seiner Gemahlin, als das
Erbtheil der Tochter. Jetzt war auch diese Summe gefhrdet, die letzte
Sicherheit war verschwunden, Alles um ihn wankte. Ehrenthal hatte ihn
betrogen, er hatte die Correspondenz mit dem Bevollmchtigten des
polnischen Grafen gefhrt, er hatte ihm am letzten Termin die Zinsen
noch vollstndig berechnet, es war kein Zweifel, Ehrenthal wute von den
schlechten Verhltnissen des polnischen Gutes und hatte sie ihm
verheimlicht.

Vater, rief Lenore, ihn von dem Wagen aufrichtend, fasse dich, sprich
mit Ehrenthal, fahr' zu deinem Anwalt, es wird auch gegen dieses Unglck
eine Hlfe geben.

Du hast Recht, mein Kind, sagte der Freiherr mit klangloser Stimme,
noch ist mglich, da die Gefahr nicht so gro ist. La anspannen, ich
will nach der Stadt. Verbirg der Mutter, was du gelesen hast, und du,
liebe Lenore, begleite mich.

Als der Wagen vorfuhr, fand er den Freiherrn noch auf derselben Stelle,
wo die Nachricht in sein Herz gedrungen war. Schweigend sa er whrend
der Fahrt in eine Ecke gedrckt.

In der Stadt brachte er die Tochter vor sein Quartier, das er immer noch
nicht aufgegeben, um seinen Bekannten und seiner Frau nicht den Verdacht
zu erwecken, als gehe es mit seinem Vermgen zurck. Er selbst fuhr zu
Ehrenthal. Zornig trat er in das Comtoir und hielt dem Hndler nach
rauhem Gru das Zeitungsblatt entgegen. Ehrenthal erhob sich langsam und
sagte mit dem Kopf nickend: Ich wei, der Lwenberg hat deswegen an
mich geschrieben.

Sie haben mich getuscht, Herr Ehrenthal, rief der Freiherr, mhsam
nach Haltung ringend.

Wozu? erwiederte achselzuckend der Hndler, wozu sollte ich Ihnen
verstecken, was doch die Zeitung melden mu? Das kommt vor bei jedem
Gut, bei jeder Hypothek. Was ist dabei fr ein Unglck?

Die Verhltnisse der Herrschaft sind schlecht, Sie haben lange darum
gewut, rief der Freiherr; Sie haben mich betrogen.

Was reden Sie da von Betrug? fuhr Ehrenthal zornig auf; nehmen Sie
sich in Acht, da nicht ein Fremder Ihre Worte hrt. Ich habe mein Geld
bei Ihnen stehen, wie kann ich ein Interesse haben, Sie kleiner zu
machen und grer zu machen Ihre Verlegenheiten? Ich selber stecke darin
bei Ihnen so tief, er wies auf die Stelle, wo bei den Menschen das Herz
zu sitzen pflegt. Htte ich gewut, da diese Fabrik wird fressen mein
gutes Geld, ein Tausend nach dem andern, wie ein Thier frit, das hinten
offen ist, ich htte mich bedacht und Ihnen auch nicht gezahlt einen
einzigen Thaler. Ich will mit meinem Gelde fttern eine Heerde
Elephanten, aber ich will niemals wieder fttern eine Fabrik. Wie knnen
Sie also sagen, da ich Sie betrogen habe? schlo er in steigender
Hitze.

Sie haben um den Concurs gewut, rief der Freiherr, und haben mir
verheimlicht, wie es mit dem Grafen steht.

Bin ich es gewesen, der Ihnen hat verkauft die Hypothek? frug der
entrstete Ehrenthal. Ich habe Ihnen alle halbe Jahre die Zinsen
eingezogen, das ist mein Unrecht, ich habe Ihnen auerdem gezahlt noch
vieles Geld, das ist mein Betrug. -- Vershnend fuhr er fort: Sehen
Sie die Sache ruhig an, Herr Baron, ein anderer Glubiger hat angetragen
auf den Verkauf der Herrschaft, die Gerichte haben's uns nicht
angezeigt, oder sie haben die Anzeige geschickt an eine falsche Adresse.
Was thut's? Sie werden jetzt bekommen nach der Subhastation ausgezahlt
Ihr Capital, dann knnen Sie bezahlen die Glubiger, die Sie auf Ihrem
Gut haben. Es sind, wie ich hre, groe Gter bei dieser Herrschaft, und
Sie haben nichts zu befrchten fr Ihr Capital.

Mit dieser zweifelhaften Hoffnung mute sich der Freiherr entfernen.
Niedergeschlagen bestieg er seinen Wagen; er rief dem Kutscher: zum
Justizrath Horn! aber mitten auf dem Wege gab er Gegenbefehl und fuhr
nach seinem Quartier zurck. Es war zwischen ihm und dem alten
Rechtsfreund eine Klte eingetreten. Er hatte sich gescheut, diesem
seine unaufhrlichen Verlegenheiten mitzutheilen, und war durch einige
wohlgemeinte Warnungen desselben verletzt worden, so hatte er oft die
Hlfe anderer Juristen in Anspruch genommen.

       *       *       *       *       *

Itzig war in seinem Zartgefhl aus dem Comtoir gestrzt, als er die
Pferdekpfe des Barons auf der Strae erblickte, jetzt steckte er den
Kopf wieder herein. Wie war er? frug er Herrn Ehrenthal.

Wie soll er gewesen sein, antwortete Ehrenthal unwillig, er war wie
ein Fisch, welcher hat viele Grten; er hat geschlagen mit seinem Kopf
in die Luft, und ich habe gehabt meinen Aerger. Mein Geld habe ich
gesteckt in das Gut, und Sorgen habe ich um das Gut, so viel als Haare
auf dem Kopfe, weil ich gefolgt bin Ihrem Rath.

Wenn Sie denken, da ein Rittergut Ihnen geschwommen kommt, wie ein
Fisch mit dem Wasser, da Sie nur drfen ausstrecken die Hand und
festhalten, so thun Sie mir leid, entgegnete Veitel ironisch.

Was thue ich mit der Fabrik? rief Ehrenthal, das Gut ist fr mich
gewesen zwei Mal so viel werth, ohne den Schornstein.

So verkaufen Sie die Ziegeln, wenn Sie den Schornstein erst haben,
versetzte Veitel boshaft. Ich wollte Ihnen noch sagen, da ich morgen
einen Besuch habe von einem Bekannten aus meiner Gegend. Ich kann morgen
nicht kommen in Ihr Comtoir.

Sie haben in dem letzten Jahr so oft Ihre eigenen Gnge gemacht,
erwiederte Ehrenthal grob, da mir nichts daran liegt, wenn Sie auch
lnger fortbleiben aus meinem Comtoir.

Wissen Sie, was Sie gesagt haben? fuhr Veitel auf. Sie haben mir
gesagt: Itzig, ich brauche dich nicht mehr, du kannst gehen. Ich aber
werde gehen, wenn es mir recht ist, und nicht, wenn es Ihnen recht ist.

Sie sind ein dreister Mensch, rief Ehrenthal; ich will Ihnen
verbieten, da Sie so zu mir reden. Wer sind Sie, junger Itzig?

Ich bin der, welcher wei Ihre ganzen Geschfte, ich bin der, welcher
Sie ruiniren kann, wenn er will, und ich bin der, welcher es gut zu
Ihnen meint, besser als Sie selber. Und dewegen, wenn ich bermorgen in
das Comtoir komme, werden Sie zu mir sagen: Guten Morgen, Itzig! Haben
Sie mich verstanden, Herr Ehrenthal? Er ergriff seine Mtze und eilte
auf die Strae, dort brach sein unterdrckter Zorn gegen Ehrenthal in
helle Flammen aus, er schwenkte heftig die Hnde und murmelte drohende
Worte. Dasselbe that Ehrenthal in seinem Comtoir.

       *       *       *       *       *

Der Freiherr fuhr zu seiner Tochter zurck, er setzte sich
niedergeschlagen auf das Sopha, und die liebevollen Worte Lenorens
gingen ungehrt bei seinem Ohr vorber. Er hatte nichts, was ihn noch in
der Stadt zurckhielt, als seine Furcht, der Baronin die traurige
Nachricht mitzutheilen. Er brtete ber Plnen, wie er den mglichen
Verlust berwinden konnte, und malte sich wieder mit den schwrzesten
Farben aus, welche Folgen dies Ereigni haben mute. Unterde sa Lenore
schweigend am Fenster und sah hinunter in das Getmmel der Strae, auf
die Lastwagen, welche vorber rasselten, und auf die Strme geschftiger
Menschen, die auf dem Trottoir dahin zogen, unaufhrlich, ohne Rast, um
Verdienst und Genu. Und whrend Lenore sich frug, ob wohl Einer von all
den Leuten, die vorber gingen, den heimlichen Kummer, die Furcht, die
Muthlosigkeit gefhlt habe, die in den letzten Jahren ber ihr junges
Herz gekommen war, da sah zuweilen Einer von unten zu den
Spiegelfenstern des stattlichen Hauses auf, dann ruhte sein Auge
bewundernd auf dem schnen Mdchen, und er beneidete vielleicht das
Glck der Vornehmen, die so ruhig von oben herabsehen auf die Leute, die
sich um den Verdienst plagen mssen.

So wurde es dunkel auf der Strae, das Licht der Laternen warf einen
matten Schein in das Zimmer, Lenore sah auf die Schatten und
Lichtstreifen, welche sich an der Stubenwand bewegten, und mit der
steigenden Finsterni vergrerte sich das Bangen in ihrer Brust. Vor
der Hausthr aber standen zwei Mnner in eifrigem Gesprch, der eine
trat in das Haus, die Klingel wurde gezogen, ein schwerer Tritt schallte
im Vorzimmer. Der Bediente trat ein und meldete Herrn Pinkus. Bei dem
Namen fuhr der Freiherr auf, forderte Licht und eilte in das
Nebenzimmer.

Der Herbergsvater trat bei dem Freiherrn ein und neigte einige Mal
seinen groen Kopf, beeilte sich aber nicht, zu sprechen; der Freiherr
sttzte sich auf die Tischplatte, wie Einer, der bereit ist, Alles zu
hren. Was bringen Sie mir so spt?

Der Herr Baron wei, da morgen der Wechsel fllig ist mit zehntausend
Thalern.

Knnen Sie nicht erwarten, da ich Ihnen bei der Verlngerung Ihre zehn
Procent einrechne? frug der Freiherr mit Verachtung. Ich glaubte erst
morgen das Rechenexempel machen zu mssen.

Da es Ihnen nicht recht ist, das Exempel zu machen, erwiederte Pinkus,
so bestehe ich nicht darauf. Ich komme Ihnen anzuzeigen, da ich
pltzlich in die Lage gekommen bin, Geld zu brauchen; ich werde Sie
morgen bitten um die zehntausend.

Der Freiherr trat einen Schritt zurck. Das war der zweite Schlag, und
dieser traf sein Leben. Er hatte geahnt, da noch etwas kommen wrde,
ihn zu zermalmen; jetzt wute er genau, da Alles unntz war, was er
noch sagen konnte. Sein Gesicht war fahles Gelb, als er mit heiserer
Stimme begann: Wie knnen Sie diese Forderung stellen, nach dem, was
wir mit einander besprochen haben? Wie oft haben Sie mir betheuert, da
diese Wechselform nichts als eine leere Frmlichkeit sei?

Es ist gewesen bis heut eine Frmlichkeit, sagte Pinkus, jetzt wird's
ein Zwang. Ich habe morgen zu zahlen zehntausend Thaler an einen Mann,
dem ich verpflichtet bin.

Dann sprechen Sie mit dem Mann, sagte der Freiherr, ich bin bereit,
Ihnen neue Zugestndnisse zu machen, ich bin aber jetzt auer Stande, zu
zahlen.

Dann, Herr Baron, thut mir's leid, Ihnen zu sagen, da man gegen Sie
verfahren wird nach Wechselrecht.

Der Freiherr schwieg und wandte sich ab.

Wann darf ich morgen wiederkommen nach meinem Geld? frug Pinkus.

Um diese Stunde, erwiederte eine Stimme, welche hohl klang, wie die
Stimme eines Greises. Mit einem neuen Kopfnicken entfernte sich Pinkus,
der Freiherr wankte in sein Zimmer zurck. Sein Kopf sank auf die Lehne
des Sophas herab, erstarrt dachte er an das, was jetzt kommen mute.
Lenore kniete neben ihm nieder, sie fate sein Haupt und legte es auf
ihre Schulter, sie nannte ihn mit den zrtlichsten Namen und flehte ihn
an, doch wieder zu sprechen. Er hrte nichts und sah nichts, in ihm
schlug es wie mit einem Hammer immer strker und schneller. Die hohlen
Gebilde von buntem Glas, die er sich ausgeblasen hatte, zersplitterten
in Scherben, er ahnte jetzt die schreckliche Wahrheit, er war ein
ruinirter Mann.

So sa er bis zum spten Abend, die Tochter brachte ihn endlich dazu,
einen Schluck Wein zu trinken und an die Heimkehr zu denken. Ja, fort
von hier, rief er, in's Freie. Sie fuhren ab. Als die Bume der
Landstrae bei ihm vorbeiflogen, und die frische Luft in sein Gesicht
schlug, kam seine Seele wieder in Spannung. Diese Nacht und der ganze
nchste Tag gehrten ihm, in dieser Zeit mute sich Hlfe finden. Es war
nicht die erste Verlegenheit, die er empfand, und er hoffte jetzt sogar,
es werde nicht die letzte sein. Er war diese Wechselschuld von
ursprnglich siebentausend und einigen hundert Thalern eingegangen, weil
der Schurke, der ihm heut das Geld kndigte, vor einigen Jahren zu ihm
gekommen war und ihm das Geld angeboten, ja aufgedrngt hatte, zuerst
mit den niedrigsten Zinsen. In dem sichern Muth eines glcklichen
Unternehmers hatte er das Geld angenommen. Es hatte einige Wochen mig
dagelegen, dann hatte er es angegriffen, und Schritt vor Schritt hatte
der Glubiger seine Forderungen gesteigert bis zum Solawechsel und einem
bermigen Zinsfu. Jetzt trotzte der Schurke. War er wie die Ratte,
welche den bevorstehenden Untergang des Schiffes merkt und sich zu
retten sucht? Der Freiherr lachte auf, da Lenore zusammenfuhr -- aber
er war nicht der Mann, sich widerstandslos dem Gauner in die Hnde zu
geben, er wute, die Nacht und der nchste Tag muten ihm Hlfe bringen.
Ehrenthal konnte ihn nicht im Stiche lassen.

Er fhlte die Nothwendigkeit, sich zu beherrschen, er gewann es ber
sich, mit seiner Tochter wieder von gleichgltigen Dingen zu sprachen.
Es sind unangenehme Geschfte, die sich jetzt drngen, sagte er, und
ich bin durch die vielen Ansprche, welche man in der letzten Zeit an
mich gemacht hat, auch krperlich angegriffen. Es wird vorbergehen,
mein Kind. Jedem Unternehmer kommt solche Zeit; ist die Fabrik erst im
Gange, so ist das Aergste berstanden.

Es war Nacht, als sie nach Hause kamen, der Freiherr eilte auf sein
Zimmer. Er legte sich zu Bett, aber er wute, da das eine Scene war,
die er nur seinem Bedienten vorspielte; das war wieder eine Nacht, wo
der Schlaf sein Haupt nicht berhren sollte. Vom Thurme der Dorfkirche
schlug eine Stunde nach der andern, der Freiherr zhlte jeden Schlag,
und nach jeder Stunde pochte das Blut strmischer in seinen Adern, und
heier wurde seine Angst. Wo war Rettung? Es gab fr ihn keine andere,
als Ehrenthal. Aller Widerwille, den er dagegen empfand, morgen als
Bittender vor diesen Mann zu treten, flo dahin mit dem Fieberschwei,
der von seiner Stirn rann. So lag er und rang die Hnde; und wenn der
Schlummer, das stille Kind der Nacht, sich seinem Lager nherte, immer
erhob sich das graue Gespenst der Angst neben seinem Haupt und trieb mit
drohender Geberde den hlfreichen Gott aus seiner Nhe. Gegen Morgen
erst verlor er die Empfindung seines Elends.

Schneidende Mitne drangen aus dem Hofe in sein Zimmer und weckten ihn;
die Arbeiter der Fabrik zogen mit der Dorfmusik unter sein Fenster und
brachten ihm ein Stndchen. Zu anderer Zeit htte er sich ber den
gutwilligen Eifer gefreut, heut hrte er nur die unreinen Klnge, und
sie qulten ihn. Hastig kleidete er sich an und eilte in den Hof. Sein
Haus war bekrnzt, die Arbeiter hatten sich vor der Thr aufgestellt,
sie empfingen ihn mit lautem Zuruf, er mute den Mund aufthun und ihnen
sagen, da er sich dieses Tages freue und da er viel Gutes von ihm
erwarte, und whrend er sprach, fhlte er, wie unwahr seine Worte waren
und wie gebrochen sein Muth. Er lie anspannen, ehe er noch seine Frau
und Tochter begrt hatte, und jagte wieder der Stadt zu. Er stand in
Ehrenthals Hause und schttelte an der Thr des Comtoirs; noch war die
Thr verschlossen, sein Diener mute den Hndler vom Frhstck herunter
holen.

Unruhig ber das Auerordentliche des frhen Besuchs erschien Ehrenthal,
er hatte sich diesmal nicht beeilt, den alten Schlafrock auszuziehen.
Der Freiherr trug sein Anliegen so kaltbltig vor, als ihm nach der
schlaflosen Nacht mglich war. Ehrenthal gerieth in die grte
Entrstung. Dieser Pinkus, rief er einmal ber das andere, er hat
sich unterstanden, Ihnen Geld zu borgen gegen einen Wechsel! Wie kann er
Ihnen borgen eine so groe Summe? Der Mann hat keine zehntausend Thaler,
er ist ein kleiner Mann ohne Mittel. Der Freiherr gestand, da die
Summe ursprnglich geringer gewesen war, aber dies Gestndni steigerte
die Unruhe Ehrenthals.

Von sieben zu zehn, rief er und rannte heftig auf und ab, da der
Schlafrock um ihn flog, wie die Flgel einer Eule. Fast dreitausend
Thaler hat er gewonnen! Ich habe immer ein schlechtes Zutrauen zu diesem
Menschen gehabt, jetzt wei ich, was er ist! Er ist ein Spion, ein
Achseltrger, der auf zwei Schultern trgt! Er hat auch nicht gegeben
die siebentausend, sein ganzer Kram ist nicht siebentausend werth.

Die starke Entrstung des Hndlers warf einen Freudenschimmer in die
Seele des Freiherrn; wie Unrecht hatte er dem Mann oft in seinen
Gedanken gethan! Auch ich habe Ursache, den Pinkus fr einen
gefhrlichen Menschen zu halten, sagte er.

Aber diese Beistimmung gereichte dem Freiherrn zum Unheil, der Zorn
Ehrenthals wandte sich jetzt gegen ihn. Was rede ich von dem Pinkus,
schrie er; er hat gehandelt, wie ein Mensch von seiner Art handeln mu.
Aber Sie, der Sie sind ein Edelmann, wie haben Sie in solcher Weise an
mir handeln knnen? Sie haben hinter meinem Rcken mit einem Andern
Geschfte gemacht und haben ihn in kurzer Zeit verdienen lassen drei von
sieben auf Wechsel. Auf Wechsel, fuhr er fort; wissen Sie, was das
heit, ein Wechsel?

Ich wnschte, da die Schuld nicht nthig gewesen wre, sagte der
Freiherr; da aber heut der Verfalltag ist, und der Mann in eine
Verlngerung nicht willigt, so mssen wir versuchen, Zahlung zu
schaffen.

Was heit wir! fuhr Ehrenthal zornig auf; Sie mssen Zahlung
schaffen, sehen Sie zu, wie Sie Geld schaffen fr den Mann, dem Sie
dreitausend haben geschrieben in seine Tasche. Sie haben mich nicht
gefragt, als Sie ausgestellt haben den Wechsel, Sie brauchen mich nicht
zu fragen, wie Sie werden zahlen das Geld.

In dem Freiherrn lagen Angst und Zorn im Kampfe. Migen Sie Ihre
Sprache, Herr Ehrenthal, rief er.

Was soll ich mich migen, schrie der Hndler; Sie haben sich nicht
gemigt und der Pinkus hat sich nicht gemigt, ich will mich auch
nicht migen.

Ich werde wiederkommen, sagte der Freiherr, wenn Sie die Haltung
gewonnen haben, die ich mir gegenber unter allen Umstnden erbitten
mu.

Wenn Sie Geld von mir wollen, so kommen Sie nicht wieder, Herr Baron,
rief Ehrenthal. Ich habe kein Geld fr Sie; lieber will ich werfen die
Thaler auf die Strae, als Ihnen noch zahlen einen einzigen in Ihr Gut.

Der Freiherr verlie schweigend das Zimmer. Sein Elend war gro, er
mute das Geznk des gemeinen Mannes ertragen. Jetzt fuhr er in der
Stadt bei seinen Bekannten umher und stand die Qual aus, alle Stunden
von Neuem um Geld zu bitten und immer abschlgige Antwort zu erfahren.
Zum Mittag war seine Kraft gebrochen. Er kehrte in sein Quartier zurck
und berlegte, ob er noch einmal zu Ehrenthal gehen, oder ob er die
Zahlung des Wechsels wegen wucherischer Zinsen verweigern solle. Da
schlich der in sein Haus, welcher bis dahin sein Leben in weitem Kreise
umlauert hatte, er, der knftige Besitzer des Gutes, der Erbe der
Rothsattel. Der Freiherr wunderte sich, als eine fremde Gestalt, die er
kaum ein oder das andere Mal gesehen hatte, in sein Zimmer trat, ein
hageres Gesicht von rthlichem Haar eingefat, zwei verschmitzte Augen,
und um den Mund ein grotesker Zug, wie man ihn auf den lachenden Larven
des Carnevals sieht.

Veitel verneigte sich tief und begann: Gndigster Herr Baron, haben Sie
die Gewogenheit, zu verzeihen, da ich mit meinem Geschft zu Ihnen
komme. Ich habe den Auftrag von Herrn Pinkus, das Geld einzucassiren fr
den Wechsel. Ich wollte Sie unterthnigst fragen, ob Sie vielleicht so
gndig sein wollen, mir zu zahlen das Geld.

Der finstere Ernst der Stunde ging dem Freiherrn verloren, als er die
lange Gestalt sah, welche sich krmmte, Gesichter schnitt und in
possenhafter Artigkeit zu vergehen bemht war. Wer sind Sie? frug er
mit der Wrde eines groen Herrn.

Veitel Itzig ist mein Name, gndiger Herr, wenn ich mir erlauben darf,
Ihnen das zu melden.

Der Freiherr fuhr zusammen, als er den Namen Itzig hrte. Das war der
Mann, vor dem er gewarnt war, der Unsichtbare, Erbarmungslose. Wieder
schnrte ihm die Angst das Herz zusammen.

Ich war bis jetzt Buchhalter bei Ehrenthal, fuhr Itzig bescheiden
fort. Aber der Ehrenthal wird mir zu gro; ich habe geerbt ein kleines
Vermgen, ich habe es bergeben dem Pinkus in sein Geschft. Jetzt bin
ich dabei, mich selbst zu etabliren.

Sie knnen das Geld jetzt nicht bekommen, erwiederte der Freiherr
ruhiger. Diese hlflose Gestalt konnte schwerlich ein gefhrlicher
Gegner sein.

Ausgezeichnet, sagte Veitel, es ist mir eine Ehre, zu hren von dem
gndigen Herrn, da Sie mir's zahlen werden im Nachmittag. Ich habe
Zeit. -- Er zog eine silberne Uhr heraus. -- Ich kann warten bis gegen
Abend. Und damit ich den Herrn Baron nicht incommodire durch
Wiederkommen zu einer Stunde, wo ich Ihnen nicht recht bin, oder wo Sie
nicht zu Hause sind, so will ich mir die Freiheit nehmen, mich zu
stellen auf Ihre Treppe. Ich kann stehen, sagte er, als wolle er eine
Einladung des Freiherrn, sich auf die Treppe zu setzen, im Voraus
ablehnen. Ich halte aus bis heut Abend um fnf. Der gndige Herr
braucht sich meinetwegen gar nicht zu geniren. Durch die demthige
Fratze Veitels klang es wie Hohn, dem Freiherrn fiel das Schreckliche
der Stunde von Neuem auf das Herz. Veitel ging mit Verbeugungen an die
Thr und zog sich wie ein Krebs aus der Stube zurck. Da rief der
Freiherr ihn zurck. Wie festgezaubert blieb er in gekrmmter Stellung
stehen. Er sah in diesem Augenblick vollstndig aus, wie ein etwas
schwacher und wunderlicher Mensch. Der warnende Brief hatte dem armen
Teufel von Buchhalter zur Last gelegt, was vielleicht Ehrenthal selbst
gesponnen hatte. Jedenfalls war mit diesem Manne bequemer zu verkehren,
als mit einem andern.

Knnen Sie mir angeben, frug der Freiherr mit innerer Ueberwindung,
wie ich Ihnen fr Ihre Forderung Deckung geben kann, ohne da ich heut
oder in diesen Tagen die Summe auszahle?

Veitels Augen blitzten wie die eines Raubvogels, aber er schttelte den
Kopf, und zuckte lange mit den Achseln, whrend er sich den Schein gab,
nachzudenken. Gndigster Herr Baron, sagte er endlich, vielleicht
giebt es ein Mittel, das letzte Mittel. Sie haben eine Hypothek von
zwanzigtausend Thalern auf Ihrem Gute, welche Ihnen selber gehrt und
welche bei Ehrenthal im Comtoir liegt. Ich will machen, da der Pinkus
Ihnen lt die Zehntausend, und will Ihnen noch schaffen zehn, wenn Sie
meinem Freunde cediren diese Hypothek.

Der Freiherr horchte auf. Wahrscheinlich wissen Sie nicht, entgegnete
er streng, da ich das Instrument bereits an Ehrenthal cedirt habe.

Verzeihen Sie, gndiger Herr, das haben Sie nicht gethan, es ist keine
gerichtliche Cession vorhanden.

Aber mein schriftliches Versprechen, sagte der Freiherr.

Veitel zuckte die Achseln: Wenn Sie versprochen haben, dem Ehrenthal zu
stellen eine Hypothek fr sein Geld, warum mu es gerade sein diese? Und
was brauchen Sie eine Hypothek fr Ehrenthal? In diesem Jahre erhalten
Sie Ihr Capital, das Sie haben auf der Herrschaft bei Rosmin, dann
knnen Sie ihn bezahlen mit baarem Geld. Bis dahin lassen Sie ruhig die
Hypothek in seinen Hnden, es braucht kein Mensch zu wissen, da Sie uns
gemacht haben eine Cession. Wenn Sie die Gnade haben wollen, mit mir zu
gehen zu einem Notar und meinem Freunde vor diesem die Hypothek zu
verschreiben, so schaffe ich Ihnen noch heute zweitausend Thaler, und an
dem Tage, wo Sie das Instrument legen in unsere Hnde, zahle ich Ihnen
den Rest.

Der Freiherr hatte sich gezwungen, diesen Antrag mit einem Lcheln
anzuhren. Endlich sagte er kurz: Was Sie mir vorschlagen, kann ich
nicht annehmen, denken Sie an einen andern Ausweg.

Es giebt keinen, sagte Veitel, aber es ist erst Mittag, ich kann
warten bis um fnf. Er machte wieder seine tiefen Bcklinge und wandte
sich an der Thr noch einmal um. Was Sie, gndiger Herr, jetzt von Geld
brauchen, sagte er ernst, das sind nicht die zehntausend Thaler
allein; Sie werden in den nchsten Monaten noch nthig haben eben so
viel fr Ihre Fabrik, und um zu retten Ihr Capital auf der polnischen
Herrschaft. Wenn Sie mir cediren die Hypothek, haben Sie das ganze Geld.
Und noch eine Bitte habe ich an meinen gndigen Herrn: Geruhen Sie,
nicht gegen Ehrenthal zu sprechen von unserm Geschft; er ist ein harter
Mann und wrde mir schaden mein Leben lang.

Seien Sie ohne Sorge, sagte der Freiherr mit einer verabschiedenden
Handbewegung. Veitel entfernte sich.

Der Freiherr ging mit groen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige
Mann ihm vorgeschlagen hatte, whlte sein Inneres auf. Ja, es war
Rettung fr ihn aus dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er
konnte darauf nicht eingehen, das verstand sich von selbst. Er war
lcherlich, der ihm den Antrag machte, und man konnte ihm nicht einmal
zrnen, er verstand's nicht anders. Aber der Freiherr hatte sein Wort
verpfndet, er durfte an die Sache gar nicht mehr denken.

Und doch, wie gering war fr ihn die Gefahr. Die Documente blieben ruhig
in Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt,
dann zahlte er die Summe baar an Ehrenthal und lste seine Documente
ein. Kein Mensch durfte etwas von dem Geschft erfahren, und wenn es zum
Schlimmsten kam, so lie er eine neue Hypothek fr Ehrenthal auf sein
Gut ausfertigen, er bewilligte ihm noch eine Entschdigung, und der
Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den Gedanken von sich ab, und
unaufhrlich kam er zurck. Es schlug eins, es schlug zwei Uhr; er
klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug gelegentlich,
ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der
Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab,
ohne ihn anzusehen, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit
abgezogenem Hut neben ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren
solle, da erst fiel ihm ein, da er es selbst nicht wute. Zu
Ehrenthal! sagte er endlich.

Ehrenthal hatte unterde einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche
Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flte ihm den Argwohn
ein, da auer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron
speculire. Er schickte zu Pinkus, berschttete diesen mit Vorwrfen und
suchte auf jede Weise zu erfahren, woher das Capital gekommen sei.
Pinkus aber war auf's Beste geschult, er zeigte eine eherne Stirn und
war grob. Darauf schickte Ehrenthal nach Itzig. Itzig war nirgend zu
finden.

So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr, er
wute am besten, da diese neue Schuld nicht nthig war, um den Edelmann
im ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und
zrnte ihm deshalb als einem Thoren, der sich eine so unnthige
Verlegenheit bereitete. Und er sagte ihm mit drren Worten, da der Tag
gekommen sei, wo die Geldzahlungen aufhren mten. Es gab wieder eine
heftige Scene, der Freiherr ging erbittert aus dem Comtoir, setzte sich
in seinen Wagen und beschlo, noch einen letzten Versuch bei einem
frheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.

Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartiere ankam.
An der Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorbereilenden
eine tiefe Verbeugung machte und ruhig stehen blieb. Die Kraft des
Freiherrn war erschpft. Er setzte sich in die Sophaecke, wie am Tage
zuvor, und starrte vor sich hin. Es gab keine Rettung, das wute er
jetzt genau, keine andere als die, welche dort unten im Schatten des
Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wsten Abspannung erwartete er, was
kommen wrde. Unthtig, ohne sein Haupt von der Lehne zu erheben, hrte
er die Viertelstunden von vier zu fnf schlagen. Wieder schlug es in
seinem Haupt, wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem
Augenblick nher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag
der fnften Stunde war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte,
der Freiherr erhob sich von seinem Sitz. Itzig ffnete die Thr und
hielt zwei Papiere in der Hand.

Ich kann nicht zahlen, rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme
entgegen.

Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: Hier ist der
Entwurf zu einem Vertrage.

Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehen:
Kommen Sie zu einem Notar!

       *       *       *       *       *

Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schlo seiner Vter zurckkehrte.
Das bleiche Mondlicht glnzte auf den Thrmchen und den Vorsprngen des
Baues, schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche
den Grund des Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das
Haus war das Gesicht des Mannes, der sich in dem Wagen zurcklehnte und
die Lippen zusammenprete, als Einer, der nach einem langen Kampfe zur
Entscheidung gekommen ist. Er sah gleichgltig auf das Wasser, auf die
Mauern seines Hauses und auf das kalte Mondlicht am Dach, und doch war
ihm lieb, da die Sonne nicht schien, und da er das Haus seiner Vter
nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er mhte sich, in die
Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er berlegte alle
Vortheile, die er von seiner Fabrik haben mute, er dachte hinein bis in
die Zeit, wo sein Sohn hier wohnen wrde als ein befestigter reicher
Mann, ohne die Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen
Geldleuten gefhrt und sein Haar gebleicht hatten. Er dachte an Alles,
aber auch die liebsten seiner Gedanken waren ihm gleichgltig geworden,
und er mute sich zwingen, sie festzuhalten. Er stieg ab und griff nach
der gefllten Brieftasche, bevor er seiner Gemahlin die Hand reichte und
Lenore mit einem Kopfnicken grte, welches ihren ngstlichen Blick
beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und es gelang ihm,
Scherze ber den unruhigen Tag zu machen; aber er fhlte, da etwas
zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm
fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand faten, so zuckte er
leise, als msse er die Hand zurckziehen. Und wenn seine Frau ihn
zrtlich ansah, da lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im grten
Leid als auf die letzte Hlfe hingesehen hatte, jetzt etwas, das er
nicht ertragen konnte, und er schlug das Auge zu Boden. Er schritt zu
der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft des Herrn warteten, und
erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen zusammengesetzt ber
der Thr brannte, darber die siebenzinkige Krone seines Geschlechts;
und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die Seele.

Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem
andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tnze. Sie spielte auch
denselben Marsch, unter dem er einst mit dem Regiment oft vor seinem
alten General vorbeimarschirt war, der den jungen Offizier wie ein Vater
geliebt hatte. Er dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers
und an seine Kameraden, er dachte auch an ein Ehrengericht, das die
Offiziere des Regiments einst ber einen Unglcklichen gehalten hatten,
der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und gebrochen. Er ging in sein
Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster wurde und er
nichts mehr von Allem sah, nicht sein Schlo und seine Fabrik, nicht den
prfenden Blick seiner Frau. Und wieder hrte er auf dem Lager eine
Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage mute er denken:
Es giebt jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar
dasselbe gethan hat, was damals einen Jngling dazu brachte, sich eine
Kugel in den Kopf zu schieen. Hier liegt der Mann und kann nicht
schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen hat.




~V.~


Die Frhlingsstrme fuhren ber das Flachland, als Anton in das Geschft
zurckgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, groer
Beschwerde gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in
Klte und Schnee durch verwstete Landschaften gereist, weit hinein in
den Osten und Sden bis an die Berge Siebenbrgens und in die
Weidelnder der Magyaren. Er hatte viel Trauriges gesehen,
niedergebrannte Edelhfe, zerstrten Wohlstand, unsichere Menschen,
Hunger, Rohheit und brennenden Ha der Parteien.

Um welche Stunde kommt er? frug Sabine den Bruder.

In wenig Stunden, mit dem nchsten Bahnzug.

Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlsselbund. Und noch sind die
Mdchen nicht fertig, ich mu selbst zum Rechten sehen. Heut Abend soll
er bei uns essen, Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.

Der Bruder lachte. Verzieht ihn nur nicht.

Dafr ist gesorgt, sagte die Tante. Wenn er einmal wieder im Comtoir
sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, auer
Mittags, lange suchen.

Unterde suchte Sabine unter ihren Schtzen, belud den Arm des Bedienten
mit allerlei Packeten und sah ungeduldig in den Hof hinab, ob die Herren
noch nicht aus dem Hinterhause in das Comtoir gehen wollten. Endlich
huschte sie selbst in Antons Stube. Sie warf noch einen prfenden Blick
auf das Sophakissen, das sie fr den Abwesenden gestickt hatte, und
ordnete in einer Alabasterschaale alle Blumen, welche der Grtner
aufgetrieben hatte. Als sie so ber der Schaale stand, fielen ihre
Blicke auf die Wnde des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche
Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den
kostbaren Teppich, den noch Fink ber den Fuboden gezogen hatte. Zum
ersten Mal seit langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fu gemieden
hatte, so lange der Andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er
jetzt? Ihr war heut, als sei sie seit vielen vielen Jahren von ihm
getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr wie das bange Gefhl nach
einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt hier wohnte, konnte
sie offen sagen, wie werth er ihr geworden war, und freudig durfte sie
der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte fr Alles, was er
ihrem Bruder gethan.

Aber Sabine! rief die Tante erschrocken an der Thr. Auch die Tante
hatte es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.

Was hast du? rief Sabine aufsehend.

Aber es sind ja die gestickten Vorhnge, die du aufgezogen hast. Die
gehren doch nicht in's Hinterhaus, in diese Herrenwirthschaft!

La sie hngen, sagte Sabine lchelnd.

Und die Ueberzge, und diese Handtcher, das ist unerhrt, es sind ja
deine besten Stcke. Mein Gott! Die Ueberzge mit Spitzen und auch das
rosa Futter dazu.

La dir's gefallen, Tante, rief Sabine errthend. Der heut
zurckkommt, hat es wohl verdient, da er das Beste aus den alten
Schrnken erhlt.

Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schtteln. Wenn ich's nicht
selbst she, ich htte es Keinem geglaubt. So etwas fr den tglichen
Gebrauch zu geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. -- Man wird ihn
nach und nach um einige Nummern herabsetzen mssen; er merkt's nicht,
das ist mein einziger Trost. Nein, da ich das erleben mute! Sie
schlug die Hnde zusammen und verlie aufgeregt das Zimmer.

Sabine ergriff wieder die Schlssel und eilte ihr nach. Sie macht gegen
Traugott unntze Worte, sagte sie sich leise im Gehen, ich mu ihr
beweisen, da es nicht anders einzurichten war.

Unterde war auch dem Reisenden zu Muthe wie einem Sohn, der nach langer
Abwesenheit in das Vaterhaus zurckkehrt. Auf den letzten Stationen vor
der Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlgen; das alte Haus und
die Collegen, das Geschft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle
fuhren in lachenden Bildern vor seinem Auge vorber. Endlich hielt die
Droschke vor der geffneten Hausthr. Da standen die Frachtwagen, die
Tonnen, der Leiterbaum. Da rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche
hell ber die breite Strae klang, seinen Namen, ri den Wagenschlag auf
und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind aus dem Wagen hebt. Da eilte
Herr Pix bis auf die Strae, schttelte ihm lange die Hand und bemerkte
in seiner Freude nicht, da unterde sein schwarzer Pinsel diese
Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu
malen. Dann kam Anton bei der groen Waage vorbei und schttelte mit der
Hand vergngt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Comtoir, wo
bereits die Lampen brannten, und rief herzhaft seinen Guten Abend!
hinein. Mit lautem Ruf erhoben sich die Collegen wie ein Mann und
drngten sich um ihn. Herr Schrter eilte aus der Hinterstube herzu, und
als er sein Willkommen! rief und die Hand entgegenhielt, fuhr ein
heller Strahl von Freude ber sein ernstes Gesicht. Das waren glckliche
Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich fr einen gereisten Mann
schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem Comtoir
nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestm auf ihn zu
und wedelte unmig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mhe,
sich seiner Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der
Diener mit vergngtem Lcheln entgegen und ri respectvoll die Thre
auf. Ueberrascht sah sich Anton um, der Raum war festlich geschmckt, im
Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches Feuer, eine grne Guirlande
hing ber der Thr, auf dem Sopha lag ein neues gesticktes Kissen, auf
dem Tische stand ein zierliches Theeservice und daneben eine
Alabasterschaale mit Blumen. Das Frulein hat selbst Alles
aufgestellt, vertraute ihm Franz. Anton beugte sich ber die Schaale
und betrachtete die einzelnen Blumen auf's Genaueste. Sie waren im
Allgemeinen anderen Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unhnlich, aber
Anton starrte in sie hinein, als htte er noch nie etwas Aehnliches
gesehen. Darauf nahm er das Kissen, befhlte und streichelte die
Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder an ihre Stelle.
Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den Rcken
und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschpf wieder auf den
Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfnglich fr solche
Freundlichkeit, denn in dem rothen Scheine des Kaminfeuers glnzte sie
hell und lebendig, und es klang durch das Zimmer wie ein leises
Schnurren.

Wieder eilte Anton in das Comtoir, dem Chef ber seine letzte Thtigkeit
Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und
besprach mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher
Weise, wie man mit einem Freund ber wichtige Angelegenheiten
verhandelt. Es war doch eine ernste Unterredung. Vieles war verloren und
nicht Weniges noch gefhrdet. Erst in der Ferne war Anton mit dem ganzen
Umfange der Gefahr bekannt worden, welche das Geschft bedroht hatte.
Und er erkannte, da die Thtigkeit vieler Jahre nthig sei, um die
Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fden neue
anzuknpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. Ihrer
Umsicht und Energie verdanke ich viel, schlo er, ich hoffe, Sie
werden mir helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wieder zu
gewinnen; das Unvermeidliche werden wir tragen. Und als Anton
hinausging, rief er ihm lchelnd nach: Es ist noch Jemand, der Ihnen zu
danken wnscht; ich bitte Sie, heut Abend mein Gast zu sein.

So trat Anton an sein Pult, ffnete das lang verschlossene und legte
sich Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht
viel. Jordan weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden
Arbeitsstuben hrte die unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem
Andern verlie seinen Platz und kam zu Antons Stuhl. Herr Baumann
klopfte dem Stubennachbar mehrmals leise auf den Rcken und ging dann
immer wieder vergngt auf seinen Platz zurck, und Herr Specht hockte in
groer Aufregung an dem Gelnder neben Antons Sitz, und seine Fragen und
verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr
Liebold legte das Lschblatt mehrere Minuten vor der Schlustunde in das
Hauptbuch und zog sich nach dem vordern Comtoir. Sogar Herr Purzel trat,
die heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlage; zuletzt kam auch
Herr Pix in das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzhlen, da er schon
seit einigen Monaten keine Solopartie gespielt, und da Specht unterde
in einen Zustand gekommen sei, der mit Verrcktheit eine unverkennbare
Aehnlichkeit habe.

Am Abend betrat Anton den obern Stock des Vorderhauses. Die Portire
rauschte zurck, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen
glnzten feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die
Todesgefahr vom Haupt des Bruders abgewandt hatte.

Frulein! rief Anton erschrocken und zog die Hand zurck.

Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen, Wohlfart! rief Sabine und hielt
ihn mit beiden Hnden fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklrt
durch eine Rhrung, welche sie nicht bewltigen konnte. Als Anton das
Mdchen betrachtete, welches mit gertheten Wangen, so bewegt und
dankbar zu ihm aufsah, da erkannte er, da seit jenem Streich des
slavischen Sbels auch seine Stellung zur Familie und zu ihr gendert
war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den Arbeiter des
Comtoirs von dem Frulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen Freude,
welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, da er selbst in dieser
Zeit ein Mann geworden war, wohl werth, da ein Weib seiner Kraft und
Ruhe vertraute.

Er erzhlte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Mund
zu vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden
Zeit. Andchtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein
Anderer, seine Zge waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede
fest. Ihr Auge suchte den klaren Glanz des seinen, und wenn ein voller
Blick freudig auf sie fiel, schlug sie das ihre unwillkrlich nieder.
Nie war ihr aufgefallen, wie hbsch und stattlich er war. Heut sah sie
auch das. Ein offenes mnnliches Antlitz, darber das kastanienbraune
lockige Haar, zwei prchtige Augen von dunklem Blau, ein krftiger Mund
und auf den Wangen ein feines Roth, das in der wachsenden Empfindung
sich vernderte, wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war ihr
neu geworden und doch wie ein lieber vertrauter Freund.

Die Tante kam herein, die gestickten Vorhnge hatten in ihrer Seele eine
Erschtterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein
Seidenkleid und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrung war
laut und wortreich und ihre Bemerkung, da der neue Backenbart Herrn
Wohlfart sehr gut stehe, wurde durch ein stilles Kopfnicken der Nichte
besttigt.

Da habt Ihr den Helden des Comtoirs, rief der Kaufmann. Jetzt zeigt,
da Ihr Ritterdienste besser zu lohnen wit, als durch schne Worte.
Tragt ihm auf, was Kche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer
Gefhrte. Der Rheinwein erwartet, da Sie nach manchem schweren
Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.

In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die
Vier sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas ber den
Tisch: Willkommen in der Heimath! Willkommen im Hause! rief Sabine.
Da sagte er leise: Ich habe eine Heimath, ich habe ein Haus, in dem ich
mich wohl fhle. Durch Ihre Gte habe ich Beides gewonnen. Viele Abende,
wenn ich dort drauen in einer schlechten Herberge sa, unter
wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur unvollkommen verstand, da habe
ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es fr mich sein wrde,
wieder Ihr Angesicht und diese Rume zu sehen. Denn das Bitterste auf
Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fhlen, ohne
einen guten Freund, ohne eine Sttte, an welcher das Herz hngt.

Und als er spt am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgru:
Wohlfart, ich wnsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan
verlt uns mit dem nchsten Vierteljahr, um als Associ in die Handlung
seines Oheims zu treten. Ich habe Sie fr seine Stelle bestimmt. Ich
wei, da ich keinen bessern Mann zu meinem Stellvertreter machen kann.

Als Anton in sein Zimmer zurckkehrte, da fhlte er, was der Mensch nur
in wenigen Stunden des Lebens ungestraft fhlen darf, da er glcklich
war, ohne Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sopha, sah auf das
Kissen und die Blumen, und seine Gedanken flogen zurck ber die letzten
Stunden. Immer wieder sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine
Hand niederbeugte und ihm dankte. Lange sa er so in holdem Traume und
legte sein mdes Haupt auf die seidenen Arabesken, welche Sabinens Hand
gestickt hatte.

Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das
Postzeichen war von Newyork, die Adresse von Finks Hand.

Fink hatte ihm in den ersten Jahren der Trennung einige Mal geschrieben,
fast immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschften, noch
weniger von den Plnen, welche er im Hinterhause fr seine Zukunft
gemacht hatte. Dann war eine lange Zeit verstrichen, in welcher Anton
ohne jede Nachricht vom Freunde geblieben war, er wute nur, da Fink
viele Zeit auf Reisen im Westen der Union zubrachte, wo er als
Bevollmchtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein Oheim
gestanden, und im Interesse verschiedener Compagnien, an welchen der
Verstorbene Theil hatte, thtig war. Aber mit Bestrzung las Anton heut
Folgendes:

Es mu endlich doch heraus, was ich dir armen Jungen gern verschwiegen
htte. Ich bin unter die Ruber und Mrder gegangen. Wenn du einen
harten Kehlabschneider brauchst, wende dich nur an mich. Ich lobe mir
einen Burschen, der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens
das Vergngen, mit dem Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann
die Classe von Niedertrchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich
fhlt. Mein Loos ist weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der
Schelmereien, welche Andere ausgedacht haben, auf einem Wege
fortgetrieben, welcher eine haarstrubende Aehnlichkeit mit der Chaussee
hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der Tiefe bereiten. Wie das
Felsstck in der Schneemasse, so stecke ich, von allen Seiten eingeengt,
in der eisigen Klte der furchtbarsten Speculationen, welche je
groartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Gte
gehabt, gerade mich zum Erben seiner Lieblingsprojecte, der
Speculationen mit Land, zu machen. Lange vermied ich, mich selbst in die
Einzelheiten dieses Geschfts zu verlieren. Ich lie ein Jahr lang
Westlock diesen Theil der Erbschaft bearbeiten. Wenn das feig war, so
fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten, welche mir die
Brsengeschfte des todten Herrn machten. Endlich wurde die Uebernahme
auch dieser Thtigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr
bestimmte Ahnungen ber die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen
hatte, den der Todte statt eines Gewissens mit sich herum trug, so ist
mir jetzt ganz unzweifelhaft geworden, da die Absicht seines
Testamentes war, sich fr die kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn
gebt, dadurch zu rchen, da er mich zum Spiegesellen von alten
verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so gro ist, da Satan
selbst den Schwanz in die Tasche stecken und ihnen entlaufen wrde.

Diesen Brief erhltst du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem
anmuthigen Ort, der dadurch nicht besser wird, da er auf Speculation
von meinem Geld gebaut ist. Einige Holzhtten, die Hlfte davon
Schenken, bis unter das Dach angefllt mit einem schmutzigen und
verworfenen Gesindel von Auswanderern, von denen die Hlfte an Fulni
und Fieber darnieder liegt. -- Auch was noch umherluft, ist ein
hohlugiges, verkmmertes Geschlecht, alle Candidaten des Todes.
Tglich, wenn die armen Trpfe die aufgehende Sonne erblicken, so oft
sie den unbescheidenen Wunsch fhlen, etwas zu essen und zu trinken,
tglich vom Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschft, auf die
Landhaifische zu fluchen, welche ihnen ihr Geld fr Transportkosten, fr
Land und Improvements abgenommen, und sie in diese Gegend gefhrt haben,
welche zwei Monate im Jahre unter Wasser steht und die brige Zeit einem
zhen Brei hnlicher sieht, als irgend welchem Lande. Die Mnner aber,
welche sie auf diesem kothigen Weg in's Himmelreich weisen, sind meine
Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink, bin der Glckliche, der
hier allstndlich mit jedem Fluch der deutschen und irischen Zunge
beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was als
Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn
und China zu fttern. In meiner Stube kriechen, whrend ich dies
schreibe, drei nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mtter sind
so pflichtvergessen gewesen, dies Jammerthal zu verlassen, und ich
geniee den Vorzug, die froschartigen Scheuslchen ber den Nachttopf zu
halten. Eine angenehme Beschftigung fr meines Vaters Sohn! Wie lange
ich hier festsitzen werde, wei ich nicht, mglicherweise bis der Letzte
gestorben ist.

Unterde bin ich mit meinen Associs in Newyork zerfallen, ich habe den
Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die
Theilhaber an der groen Westlandcompagnie sind zusammengekommen, man
hat Reden gegen mich gehalten und Beschlsse gefat. Mich wrde das
wenig kmmern, wenn ich einen Weg she, mich von dieser Bande
loszumachen. Aber der Todte hat die Sache so schlau eingerichtet, da
ich fest geschnrt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind ungeheure
Summen in diese wste Speculation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram
kndige, so bin ich sicher, da sie Mittel finden werden, mich die ganze
Summe, die der Todte gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das
durchsetzen soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die
Firma Fink und Becker zu ruiniren, das sehe ich noch nicht.

Indessen wnsche ich deine Meinung ber das, was ich thun soll, nicht zu
hren. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich wei sie ohnedies. Ich
wnsche berhaupt keinen Brief von dir, du einfltiger, altfrnkischer
Tony, der du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache Geschichte,
wie ein Butterbrod streichen. Denn habe ich Alles gethan, was ich
konnte, die Einen begraben, die Andern gefttert und meine Compagnons so
sehr gergert, als mir mglich ist, dann ziehe ich auf einige Monate
weiter nach Westen, in eine ehrliche Prairie, wo weniger Gekrchz von
Alligatoren und Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein
wird, als hier. Giebt es auf der Prairie Tinte und Stift, so schreibe
ich dir wieder. Ist dieser Brief der letzte, den du von mir erhltst, so
widme mir eine Thrne und sage in deiner salbungsvollen Art: Schade um
ihn, er hatte auch seine guten Seiten!

Darauf folgte eine genaue Darstellung der Geschfte Finks und die
Statuten der Landcompagnie.

Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich
an den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot
desselben, die ganze Nacht hindurch.

       *       *       *       *       *

Noch in dem ruhigen Licht der nchsten Tage behielt Anton die erhobene
Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Collegen scherzte,
immer fhlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des groen Hauses
Wurzeln geschlagen hatte. Auch den Andern wurde das bemerkbar. Am
Mittagstisch war die Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der
Prinzipal, auch Anton und Sabine fhrten das Gesprch. In einer Zeit, wo
das Geschft wenig Freudiges brachte, kam in diese Drei ein neues Leben.
Der Kaufmann richtete seine Rede fast ausschlielich an Anton, und wenn
Anton erzhlte, dann hrte der ganze Tisch aufmerksam zu, und zuweilen
klang ein heiteres Lachen aller Collegen um die feierliche Tafel. Auch
des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft in das
Vorderhaus geladen, dann sa er mit den Frauen und dem Prinzipal am
kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm
das persnliche Verhltni zu einem Manne wurde, der so innig mit den
Interessen seines Geschfts verwachsen war und in dessen frischem und
geordnetem Sinn er ein Bild seiner eigenen Jugend erblickte.

Fr Sabine wurden diese Stunden ein Genu. Es war ihr ein freudiger
Fund, wenn sie im Gesprch ber die Neuigkeiten des Tages, ber ein
gelesenes Buch, ber Erlebtes und Gefhltes wahrnahm, da der Mann, der
jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so Vielem mit ihr
bereinstimmte. Seine Bildung, sein Urtheil berraschten sie, sie sah
ein ehrliches Gemth pltzlich in glnzenden Farben vor sich stehen, wie
der Reisende staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm
wogender Nebel lange verhllt hat.

Friedlich fanden sich die Collegen in die ungewhnliche Stellung ihres
Genossen. Da er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wuten sie aus
dem eigenen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde selbst fr Herrn
Pix ein Grund, die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung
zu ertragen. Anton that das Seine, dem Comtoir seine Persnlichkeit
werth zu erhalten. An freien Abenden lud er die Einzelnen auf sein
Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft bei ihm zusammen. Jordan
beklagte sich lchelnd, da er schon bei Lebzeiten vergessen sei, und
das Comtoir gewhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den stillen
Rathgeber der Jngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann
zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke
Anwandlungen von Missionsgelsten gehabt hatte und jetzt nur durch die
Ueberzeugung zurckgehalten wurde, da in der schwierigen Gegenwart ein
gebter Calculator nicht fehlen drfe. Am eifrigsten aber bemhte sich
um Antons Gunst der phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende
einen romantischen Heiligenschein bekommen. Was Anton etwa erfahren
hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht mit den grellsten Farben
aus. Er war geneigt, anzunehmen, da der College auer den Abenteuern,
welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare erlebt
hatte, die zu verbergen er durch geheimnivolle Verhltnisse gezwungen
war.

Leider war Specht's eigene Stellung zu den Collegen whrend Antons
Abwesenheit mchtig erschttert worden. Er war immer der Gegenstand
gewesen, an welchem sich die gute Laune der Andern aufzurichten liebte,
wie die Schlingpflanze an einem dnnen Bumchen, und oft war er von den
Blthen fremden Witzes fast erstickt worden. Jetzt sah Anton mit
Bedauern, da der gute Herr Specht in dem Zustand allgemeiner Miachtung
lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben, wenigstens schwebte
zwischen ihm und den beiden Bssen eine finstere Wolke des Mimuths. So
oft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz unbestreitbar
war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das ungehrige
Wort Krbis entgegen. Fast Alles, was Specht sagte, war Krbis;
sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkrper in den untern Regionen
von einem Munde zum andern, und so oft das Wort ausgesprochen wurde,
gerieth Herr Specht in leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekrnkt das
Gesprch ab und zog sich aus der Gesellschaft der Andern in sich selbst
zurck.

Anton besuchte an einem Abend den Verfehmten auf seinem Zimmer.
Schon vor der Thr hrte er die scharfe Stimme des Collegen, welcher
das berhmte Lied: Hier sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekrnzt
von dem erhabenen Ort seiner Behausung -- Herr Specht wohnte drei
Treppen hoch -- in das Haus hinunter sang. Als Anton leise die Thr
ffnete, sa Specht in kunstvoller Attitude, grazis auf einen Arm
gesttzt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen,
da Anton einige Augenblicke stehen blieb, den Begeisterten nicht
zu stren. Es war kein groes Zimmer, welches Specht bewohnte, und
die Erfindungskraft des Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben
einen Charakter zu geben, welcher von dem Wesen gewhnlicher Stuben
verschieden war. Es sah in der That keiner andern irdischen Behausung
hnlich. Alle Wnde waren mit Bildern berzogen, mit Portraits
berhmter Knstlerinnen, viele im Costm ihrer Rolle, dazwischen ragten
zahlreiche Consolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Thonfiguren
und andere Merkwrdigkeiten standen. Da der Consolen mehr waren, als
der darauf zu stellenden Gegenstnde, so hatte Specht die leeren mit
Tassen und Champagnerflaschen interimistisch besetzt. Ueber dem Bett
hing ein groer Ritterschild von glnzendem Messingblech, daneben groe
Fechthandschuhe und ein Kcher mit Pfeilen. Ueber den Pfeilen war ein
Zettel an die Wand geschlagen, mit einem gemalten Todtenkopf und zwei
gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort: _Vergiftet_! Dahinter drei
Ausrufungszeichen.

Am aufflligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort
schwebte etwas ber Manneshhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an
einem Haken der Decke festgehalten. Darunter standen groe Thongefe,
mit Erde gefllt, und von den Gefen liefen zahlreich gespannte Schnre
bis zu dem Reifen. Unter dem Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen
Baumsten und einige Sthle aus Weidenruthen. Durch diese Vorrichtung
erhielt das Zimmer ein durchaus unerhrtes Aussehen, und die freie
Bewegung der darin befindlichen Gliedmaen wurde fr jeden Andern, als
den erfahrenen Bewohner sehr schwierig. Es war nicht abzusehen, welchen
Zweck diese geheimnivolle Vorrichtung hatte. Allerdings erinnerten der
wilde Tisch, die Sthle und Erdtpfe den menschlichen Geist
gewissermaen an Garten und freie Natur, whrend wieder die
ausgespannten Schnre eine entfernte Aehnlichkeit mit Strickleitern
hatten, welche zum Mastkorb eines Schiffes hinauffhren. Zuletzt neigte
sich Anton zu der Ansicht, da diese Erfindung eine Menschenfalle
vorstelle, welche nach dem Muster eines Spinngewebes gebaut und darauf
berechnet war, die Kpfe und Beine boshafter Collegen festzuhalten.
Wenigstens sa Specht selbst als Dirigent in der Mitte des Netzwerks,
und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die
Eintretenden durch vorgespiegelten grnen Rasen und falsche
Veilchenkrnze in's Garn zu locken.

Anton blieb auerhalb der Falle stehen und rief endlich Specht von der
Thr an: Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon fr ein
Bindfadensystem ausgebreitet?

Specht sprang auf und versetzte mit glnzenden Augen: Es ist eine
Laube.

Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grnes.

Es kommt, sagte Specht und fhrte den Besuch zu seinen Gefen.

Bei nherer Betrachtung entdeckte Anton in den Tpfen einige schwache
Epheuranken, welche bestubt und verkommen wie die Ueberreste dmmeriger
Traumbilder aussahen, welche dem erwachenden Menschen noch einige
Augenblicke an den Fden seiner Seele hngen, um gleich darauf fr immer
zu vergehen.

Aber Specht, dieser Epheu wird's nicht thun, sagte Anton.

Er ist auch nicht allein da, belehrte Specht geheimnivoll; sehen
Sie, hier kommt noch Anderes. Er wies auf mehrere magere,
spargelhnliche Gebilde, welche sich aus den Tpfen erhoben und mit
nichts Anderem zu vergleichen waren, als mit den unglcklichen
Versuchen, zu keimen, welche die Kartoffeln zur Zeit des Frhjahrs in
einem warmen Keller anstellen.

Und was sollen diese Keime bedeuten?

Es sind Bohnen und Krbisse, sagte Herr Specht. Das Ganze wird eine
Krbislaube; in einigen Wochen werden die Fden von den Ranken belaufen
sein. Denken Sie, Wohlfart, wie famos das aussehen wird! Von allen
Seiten die grnen Ranken, die Blthen und die groen Bltter. Das Ganze
wird ein Zelt sein mit zwei Eingngen. Die meisten Krbisse werde ich
abschneiden, damit mir die Last nicht zu schwer wird, einzelne lass' ich
hngen, es werden Netze darunter gemacht. Bitte, stellen Sie sich das
ganze dicke Grn vor, dazwischen die gelben Blthen, es wird reizend
aussehen! Das wird ein Sitz, mit guten Freunden eine Flasche Wein zu
trinken, oder vierstimmig zu singen.

Ach die guten Freunde hatten Herrn Specht verlassen, er lie sich aber
alle Sonntage vom Bedienten eine halbe Flasche Wein holen, setzte vier
Glser auf den Tisch und trank eines nach dem andern aus.

Aber Specht, frug Anton lachend, knnen Sie denn im Ernst glauben,
da die Krbisse in Ihrer Dachstube wachsen werden?

Warum sollen sie nicht wachsen? rief Herr Specht gekrnkt. Sie sind
gerade wie die Andern. Die Pflanzen haben ja Sonne, ich sorge fr
frische Luft, ich giee mit Rinderblut, sie haben Alles, was sie
brauchen.

Aber sie sehen verzweifelt krnklich aus.

Das ist nur der Anfang, die Luft ist drauen noch kalt, und wir haben
einige Wochen gehabt, wo der Sonnenschein fehlte. Spter schieen sie
auf einmal in die Hhe. Wenn Einer nichts von einem Garten hat, mu er
sich zu helfen wissen. Er sah sich vergngt in der Stube um. Sehen
Sie, im Decoriren eines Zimmers will ich's mit jedem reichen Mann
aufnehmen. Natrlich nach meinen Mitteln. Aus Oelbildern mache ich mir
nicht viel, sie werden in der Regel schwarz; meine Bilder hier werden
hchstens ein wenig heller. Es hat mich Geld gekostet, dafr ist es hier
hbsch geworden. Mein Zimmer ist nicht gro, aber es ist wohnlich.

Ja, entgegnete Anton, auer fr gewisse Unarten unruhiger Menschen,
als Geradestehen und Umhergehen. Darauf mu man hier verzichten. Sie
knnen nur solchen Besuch gebrauchen, der sich gleich an der Thr auf
den Fuboden setzt.

Ruhig zu sitzen, ist ja eine Hauptregel bei der Unterhaltung,
versetzte Specht. Leider sind die Menschen oft schlecht und ohne Herz.
-- Finden Sie nicht auch, Wohlfart, da in unserm Comtoir einige
Collegen gemthlos sind? sagte er leise.

Manchmal etwas kurz, erwiederte Anton, aber die Meinung ist gut.

Ich finde das nicht, seufzte Specht. Ich bin jetzt ganz allein und
mu meinen Trost auer dem Hause suchen. Wenn ich kann, gehe ich in's
Theater, oder zu den Reitern, und wenn ein Zwerg kommt oder ein Seehund,
und natrlich in die Concerte.

Aber das hilft doch nicht immer gegen die Einsamkeit.

Nein, versetzte Specht; denn es kostet Geld, und Sie wissen, ich habe
keinen hohen Gehalt, und ich frchte, ich werde auch nicht viel mehr
kriegen, als jetzt. Von Hause aus hatte ich Vermgen, sagte er wichtig,
aber ein Vetter von mir, der mein Vormund war, hat mich darum gebracht.
Htte ich's noch, knnte ich vielleicht mit Vieren fahren. Glauben Sie
nur, ich wre auch nicht glcklicher. Wenn nur der Pix nicht so grob
wre, klagte er wieder. Es ist schauderhaft, Wohlfart, das alle Tage
anhren zu mssen. -- Ich wollte ihn fordern, whrend Sie verreist
waren, rief er und wies auf ein altes Rappier, dessen Klinge hinter dem
Bett hervorragte. Aber er benahm sich schlecht. Ich schrieb ihm, da es
mir sehr leid thte, ihn fordern zu mssen, und es wre sehr
gleichgltig, wo er sich mit mir duelliren wollte. Ich schlug ihm
entweder den Berg auf der Promenade vor oder auch unsern Oberboden, wo
Raum genug ist, und ersuchte ihn um eine Mittheilung ber die Waffen,
welche er gebrauchen wollte. Da schrieb er mir unhflich zurck, er
wrde sich nur im Hausflur duelliren, wo er sich alle Stunden des Tages
aufhielte, und was die Waffen betrfe, so knnte ich fechten, womit ich
wollte, seine Waffe wre der groe Pinsel, er sei bereit, mir auf jede
Backe eine Signatur zu machen. Sie werden mir zugeben, da ich darauf
nicht eingehen konnte.

Das gab Anton zu.

Jetzt hetzt er die andern Collegen wider mich auf, fuhr Specht
kleinlaut fort. Der Zustand ist fr mich unertrglich, ich kann gar
nicht mehr mit den Andern zusammen sein, ohne da ich beleidigt werde.
Aber ich wei, wodurch ich mich rche. Ich spare jetzt. Wenn die
Krbisse erst blhen, dann gebe ich Allen einen Satz, nur Pix lade ich
nicht ein; wie er's damals mit Ihnen gemacht hat, Wohlfart. Ich will uns
beide an ihm rchen.

Gut, sagte Anton, das gefllt mir. Aber wissen Sie was: da auch ich
den Collegen eine Aufmerksamkeit schuldig bin, so wollen wir beide
zusammen das Fest in Ihrer Stube geben.

Das ist ausgezeichnet von Ihnen, Wohlfart, rief Specht glcklich.

Und wir wollen nicht warten, fuhr Anton fort, bis die Krbisse gro
geworden sind, sondern wollen uns unterde durch anderes Grn helfen.

Gut, sagte Specht, vielleicht durch Tannenbume.

Ich werde dafr sorgen, fuhr Anton fort, und endlich wollen wir Pix
nicht ausschlieen, sondern gerade dazu laden. Das ist eine viel feinere
Rache, die Ihres guten Herzens am wrdigsten ist.

Meinen Sie? frug Specht zweifelhaft.

Gewi, sagte Anton. Ich schlage nchsten Sonnabend vor, die Einladung
machen wir gemeinschaftlich.

Schriftlich, rief Specht vergngt, auf rosa Papier.

Das ist recht, sagte Anton. Darauf beriethen die Beiden in der Laube
die nhere Einrichtung des Festes.

Die Collegen waren nicht wenig verwundert, als sie einige Tage darauf
durch bunte Billete, die Herr Specht geheimnivoll vor Anfang der
Comtoirstunden auf den Platz eines Jeden gelegt hatte, zur Krbisblthe
in Herrn Specht's Stube eingeladen wurden. Da Antons geachteter Name
mit unterzeichnet war, so blieb ihnen nichts brig, als die Einladung
anzunehmen. Unterde zog Anton das Frulein in das Geheimni und erbat
von ihr aus dem Garten einige vorhandene Epheustcke und was sonst von
Blumen gerade entbehrlich war, Specht aber arbeitete die ganze Woche bei
verschlossenen Thren in seiner Stube und am Tage des Festes bezog er
mit Hlfe des Bedienten den leeren Bindfaden mit grnen Ranken, stellte
einige blhende Strucher in Gruppen, lie sich eine Anzahl bunter
Glaslampen holen und befestigte an den Ranken trichterfrmige
Erfindungen aus gelbem und weiem Papier, welche mit Krbisblthen ganz
besondere Aehnlichkeit hatten.

Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer das Aussehen, welches Herr
Specht in seinen Trumen schon lange geahnt hatte. Am Abend des Festes
waren die Collegen hchlich berrascht. Als Letzter trat Herr Pix
herein, und auch er vermochte ein erstauntes Donnerwetter! nicht zu
unterdrcken, als er die unglckliche Laube wirklich umrankt und mit
gelben Blthen bedeckt sah, welche in dem farbigen Lampenlicht
schimmerten und von ihrem Draht freundlich herunternickten. Die groen
Thongefe waren durch Strucher verdeckt, in der Mitte der Laube hing
eine rothe Lampe wie ein Glhwurm herab, und auf dem Gartentisch stand
ein riesig groer Krbis. Anton nthigte das Quartett in die Laube und
besetzte mit den Uebrigen alle noch leeren Theile der Stube, auch das
Bett war mit Polstern berdeckt und mute als zweites Sopha dienen.

Als sich Alle gelagert hatten, trat Specht an den groen Krbis und rief
feierlich: Sie haben mich lange mit dem Krbis geneckt, hier ist meine
Rache. Hier ist der Krbis. Er ergriff den kurzen Stiel und hob den
obern Theil ab. Der Krbis war hohl, eine Bowle stand darin.

Die Collegen lachten und riefen Bravo! und Specht schenkte die Glser
voll.

Dennoch war im Anfange eine gewisse Spannung zwischen Herrn Specht und
den brigen Herren nicht abzuleugnen. Zwar das verrufene Wort Krbis
wurde nicht gehrt, aber seine Vorschlge fanden selten bereitwillige
Aufnahme. Als Anton ein Bndel trkischer Pfeifen, die er in der Fremde
fr die Collegen gekauft hatte, herbeitrug und unter die Anwesenden
vertheilte, da machte Specht den Vorschlag, da Alle sich als Trken mit
gekreuzten Beinen auf das Bett oder den Fuboden setzen sollten. Und
dieser Vorschlag fiel durch. Auch als er die Behauptung aufstellte, da
die tscherkessischen Mdchen, welche bisher von ihren Eltern in die
trkischen Familien verkauft worden, bei grerer Ausdehnung unserer
Handelsverbindungen mit dem Orient bis zu uns kommen wrden, um die
Rolle der Kellnerinnen in den bairischen Bierkellern zu bernehmen, da
konnte selbst diese Behauptung sich keine Anerkennung erringen. Aber
nach und nach wirkte der milde Inhalt des Krbis auf die strengen Seelen
der Collegen.

Zuerst wurde der Zwiespalt unter den musikalischen Naturen des Hauses
ausgeglichen. Anton brachte die Gesundheit des Quartetts aus. Das
Quartett dankte mit einiger Befangenheit, da es sich gerade vor vier
Wochen in Miklngen aufgelst hatte. Es ergab sich aus dstern
Andeutungen der Bsse, da Specht eine ungehrige Forderung an sie
gestellt hatte. Herr Specht hatte sie benutzen wollen, um einer
Robndigerin des Circus, der entzckenden Tillebi, ein Stndchen zu
bringen. Die Bsse hatten sich geweigert, bei solchem nchtlichen Werk
thtig zu werden, und Specht war auf diese Weigerung in heftigen Zorn
gerathen und hatte geschworen, keinen Ton mit den Andern zu singen, so
lange sie der Unvergleichlichen aus abgeschmackten Bedenken ihre
Huldigung verweigerten. Htte er das Stndchen noch am Abend bringen
wollen, sprach Balbus, so wren wir vielleicht um des lieben Friedens
willen mit gegangen, aber er behauptete, es mte um vier Uhr frh
geschehen, weil das die Stunde sei, wo die Kunstreiter aufstnden, um
ihre Pferde zu fttern. Das war uns doch zu arg. Unterde ist das
Frauenzimmer mit einem Bajazzo durchgegangen.

Das ist nicht wahr, rief Specht; der Bajazzo hat sie gewaltsam
entfhrt.

Jedenfalls hat er uns dadurch einen Dienst erwiesen, sagte Anton,
denn er hat den Herren die Erfllung Ihres krftigen Schwurs unmglich
gemacht. Und so sehe ich keinen Grund, wehalb Sie als Knstler und
treue Collegen noch lnger der Ausbung Ihrer musikalischen Virtuositt
entsagen sollen. Wie ich hre, waren Sie, liebster Specht, ein wenig
heftig, machen Sie den Herren darber Ihre Entschuldigung, wie sie einem
Mann von Ehre wohl ansteht, alsdann schlage ich den Herren vor, das
Quartett auf der Stelle neu zu begrnden.

Da erhob sich Specht und sprach: Nach dem Rath meines Freundes Wohlfart
mache ich Ihnen meine Entschuldigung, bin brigens bereit, Ihnen in
jeder Art Rede zu stehen. Worauf er sein Glas austrank und den Bssen
heftig die Hand schttelte.

Darauf wurden die Notenbcher gebracht und mit Behagen lieen alle Vier
in der Krbislaube ihre Stimme erschallen.

Noch blieb die Vershnung mit Pix als das schwerste Werk. Specht sah
seinen Gegner den ganzen Abend mitrauisch an.

Pix sa gefhllos auf dem Bett und streichelte den Pluto, welcher mit
ihm zur Abendgesellschaft gekommen war.

Specht go Pix das Glas voll und stellte es auf den Bettpfosten. Pix
trank es schweigend aus. Specht fllte das Glas von neuem und begann in
weltmnnischem Ton: Nun Pix, wie finden Sie den Krbis?

Es ist eine verrckte Idee, sagte Pix.

Gekrnkt wandte sich Specht ab und sah wieder unruhig auf seinen Gegner.
Nach einer Weile streckte er die Fe mit scheinbarem Behagen aus,
verbarg seine Hnde in den Hosentaschen, und sprach ber die Schulter:
Sie werden mir zugeben, Pix, da man ber manche Dinge verschiedene
Ansicht haben kann und dehalb doch nicht feindlich zu sein braucht.

Das gebe ich zu, sagte Pix.

Warum also, fuhr Specht heftig fort und sprang auf, warum sind Sie
mein Feind? warum denken Sie gering von mir? Es ist hart, mit seinen
Collegen in Feindschaft leben. Ich will Ihnen nicht verschweigen, da
ich Sie achte und da mir Ihr Benehmen unangenehm ist. Sie haben mir
Genugthuung verweigert und sind doch noch bse auf mich.

Erhitzen Sie sich nicht, sagte Pix, ich habe Ihnen keine Genugthuung
verweigert und ich bin gar nicht bse auf Sie.

Wollen Sie mir das vor allen diesen Herren erklren? rief Specht
erfreut, wollen Sie mit mir anstoen? Er holte sein Glas.

Kommen Sie her, sagte Pix vershnlich, ich habe gar nichts mehr gegen
Sie, ich sage nur, das mit den Krbissen war ein verrckter Einfall.

Es ist noch mein Einfall, rief Specht, das Glas zurckziehend, ich
dnge mit Rinderblut, in einigen Wochen werden sie grn sein.

Nein, sagte Pix, das ist vorbei fr immer, morgen frh werden auch
Sie das einsehen. Und jetzt kommen Sie her und stoen Sie an, von den
Krbissen soll zwischen uns nicht mehr die Rede sein.

Specht stie verdutzt an und wurde gleich darauf sehr lustig. Die Last
war von ihm genommen, welche ihn lange gedrckt hatte. Er sang, er
schttelte allen Collegen die Hnde und wurde gro in gewagten
Behauptungen.

Als Anton mit den Collegen die Treppe hinabstieg, bemerkte er, da Pluto
etwas Gelbliches im Maule trug und eifrig daran kaute. Es sind
Specht's Krbisse, sagte Pix, der Hund hat sie fr Rindfleisch
gehalten und smmtlich abgebissen.




~VI.~


Anton stand vor dem Bett des kranken Bernhard und sah mit innigem
Antheil auf die verfallene Gestalt seines Freundes. Das Antlitz des
Gelehrten war noch faltiger als sonst, seine Haut durchscheinend wie aus
Wachs, unordentlich hing sein lockiges Haar um die feuchte Stirn, die
Augen blitzten in fieberhafter Aufregung dem Besuch entgegen. So lange
waren Sie in der Fremde! rief er klagend; ich habe mich alle Tage nach
Ihnen gesehnt. Jetzt da Sie zurck sind, wird es auch mit mir besser
werden.

Ich komme oft, wenn ich Sie nicht durch unser Gesprch aufrege,
erwiederte Anton.

Nein, sagte Bernhard, ich will ruhig zuhren, Sie sollen von Ihrer
Reise erzhlen.

Anton begann seinen Bericht. Ich habe in dieser Zeit gesehen, was wir
uns oft mit einander gewnscht haben, fremde Menschen und ein
strmisches Treiben. Ich habe gute Gesellen auch in der Fremde gefunden,
und doch ist mir bei Vielem, was ich erlebte, die Ueberzeugung gekommen,
da es kein greres Glck giebt, als sich in seiner Heimath mitten
unter seinen Landsleuten tchtig zu rhren. Manches habe ich erfahren,
was auch Sie gefreut htte, weil es poetisch war und die Seele bewegte,
aber zuletzt war das Widerwrtige doch im Vordergrund.

Es war dort, wie berall auf der Erde, sagte Bernhard. Wo ein groes
Gefhl das Herz erschttert und den Menschen vorwrts treiben mchte,
wirft die Erde ihren Schmutz daran, und das Schne verkmmert, und
alles Groe wird lcherlich gemacht. Es ist wo anders wohl auch nicht
besser, als bei uns.

Das ist unser alter Streit, sagte Anton heiter, sind Sie noch nicht
bekehrt, Unglubiger?

Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete
niedersehend: Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.

Ei, rief Anton neckend, und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's
etwas, was Sie erlebt haben? Gewi, so mu es sein.

Was es auch war, sagte Bernhard mit einem Lcheln, das sein Gesicht
wie ein heller Schein berflog, ich glaube, da es auch bei uns
Schnheit und Liebenswrdigkeit giebt, ich glaube, da auch bei uns das
Leben groe Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere
Schmerzen. Und ich glaube, fuhr er traurig fort, da man auch bei uns
unter dem Druck eines furchtbaren Schicksals untergeht.

Besorgt hrte Anton diese Worte und sah, wie das groe Auge des Kranken
begeistert in die Hhe blickte. Gewi ist es, wie Sie sagen,
erwiederte er endlich, aber das Allerschnste, was diesem Leben den
hchsten Werth giebt, ist doch, wenn die Kraft des Menschen grer ist,
als Alles, was auf ihn eindringt. Ich lobe mir einen Mann, der sich
Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht ber den Kopf wachsen
lt, der selbst, wenn er Unrecht gethan hat, sich immer wieder
herauszureien wei.

Wenn es aber zu spt ist und wenn die Macht der Verhltnisse strker
wird, als er?

Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhltnisse, sagte Anton. Ich
denke mir, wenn Einer noch so sehr umdrngt ist, und er will nur eine
tchtige Kraft daran setzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird
Wunden davon tragen, wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm
gut stehen. Und wenn er die Rettung nicht findet, so kann er wenigstens
kmpfen als ein Tapferer. Und wenn er so unterliegt, werden die Augen
Aller mit Theilnahme auf ihm ruhen. Nur wer sich ohne Widerstand
ergiebt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind von dieser
Erde.

Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der
Dichter, erwiederte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder
von seinem Kissen in die Luft. Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart,
fuhr er nach einer Weile fort, kommen Sie nher heran. Denken Sie, ich
wre ein Christ, und Sie mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse
haben mchte. Er sah unruhig auf die Thr des Nebenzimmers und frug
leise: Was halten Sie von dem Geschft meines Vaters?

Betroffen fuhr Anton zurck, Bernhard sah in ngstlicher Spannung auf
den Freund: Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu
wenig. Ich will nicht wissen, ob er fr reich oder arm gilt, aber ich
frage Sie als meinen Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie
er sein Geld erwirbt? Es ist schrecklich und vielleicht ein groes
Unrecht, da ich, sein Sohn, so frage, aber mich zwingt etwas, dem ich
nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen mich, Wohlfart. Er
erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals legend,
diesem in's Ohr: Gilt mein Vater bei Mnnern Ihrer Art fr
rechtschaffen?

Antons Herz zog sich von innigem Mitgefhl zusammen, er durfte nicht
sagen, was er dachte, und er durfte nicht lgen. So schwieg er eine
Weile, der Kranke sank in seine Kissen zurck und ein leises Sthnen
zitterte durch die Stube.

Mein theurer Bernhard, erwiederte Anton, bevor ich dem Sohn eine
solche Frage beantworte, mu ich erst wissen, wehalb er einen Dritten
frgt. Wenn Sie es nur thun, um durch meine Ansicht Ihr Urtheil ber die
Geschfte Ihres Vaters zu vervollstndigen, so mu ich Ihnen die Antwort
verweigern, gleichviel, wie sie ausfallen wrde. Denn was ich etwa
kenne, sind nur die kalten, vielleicht unfreundlichen Ansichten Fremder,
und solche Auffassung soll der Sohn eines Geschftsmannes niemals zu der
seinigen machen.

Ich frage, sagte Bernhard feierlich, weil ich um das Wohl Anderer in
groer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst
und Noth ersparen.

Dann, sagte Anton, will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne
Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmnnischen Begriffen unehrenhaft
ist. Ich wei nur, da er zu der groen Klasse von Erwerbenden gezhlt
wird, welche bei ihren Geschften nicht sehr darnach fragen, ob ihr
eigener Vortheil durch Verluste Anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal
gilt fr einen vorsichtigen und gewandten Mann, dem die gute Meinung
solider Mnner weniger gleichgltig ist, als hundert Andern. Er wird
vielleicht Manches thun, was ein Kaufmann von sicherem Selbstgefhl
vermeidet, aber er wird sicher auch gegen Vieles Widerwillen empfinden,
was gewissenlose Speculanten um ihn herum wagen.

Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein
peinliches Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so
nahe an Antons Ohr, da dieser den heien Athem des Kranken auf seiner
Wange fhlte: Ich wei, Sie kennen den Baron Rothsattel. Anton sah
erstaunt auf. Das Frulein hat mir selbst gesagt, da sie eine Bekannte
von Ihnen ist.

Es ist so, wie Frulein Lenore sagt, erwiederte Anton, mit Mhe seine
Aufregung verbergend.

Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?
frug Bernhard weiter.

Nur wenig, sagte Anton, nur was Sie selbst mir gelegentlich erzhlt
haben, da Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat.
Jetzt in der Fremde habe ich gehrt, da dem Freiherrn irgend eine
Gefahr droht, ich habe sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem
Intriganten zu warnen. Bernhard starrte angstvoll auf Antons Lippen,
Anton schttelte den Kopf; es war aber Jemand, sagte er, der Ihrem
Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.

Er ist ein Schurke, rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand.
Er ist eine gemeine niedertrchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er
in unser Haus kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefhlt, wie gegen
ein unreines Thier.

Es scheint mir, fuhr Anton fort, da Itzig, den auch ich aus frheren
Zeiten kenne, hinter dem Rcken Ihres Vaters gegen den Freiherrn
arbeitet. Die Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so
dunkel, da ich wenig daraus zu machen wute; ich konnte nichts thun,
als sie dem Freiherrn so mittheilen, wie ich sie selbst erhielt.

Dieser Itzig beherrscht meinen Vater, flsterte Bernhard; er ist ein
bser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den
Freiherrn handelt, so trgt dieser Mensch die Schuld.

Schonend gab Anton das zu. Ich mu wissen, wie es zwischen dem
Freiherrn und meinem Vater steht, fuhr Bernhard fort; ich mu wissen,
was zu thun ist, um der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich
kann helfen, fuhr der Kranke fort, und wieder flog ein matter Strahl
von Freude ber sein Antlitz. Mein Vater liebt mich. Er liebt mich
sehr, jetzt in meiner Schwche habe ich empfunden, da sein Herz an mir
hngt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und mit seiner Hand ber
meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenbersetzt, wo Sie sitzen,
und mich stundenlang kummervoll ansieht, -- Wohlfart, er ist ja doch
mein Vater. Er schlug die Hnde zusammen und verbarg sein Haupt in den
Kopfkissen. Sie mssen mir helfen, mein Freund, fuhr er wieder fort,
Sie mssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich
fordere das von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich frchte
mich vor der Stunde, wo ich mit ihm darber spreche, aber nach dem, was
Sie mir gesagt haben, sorge ich, auch er wei nicht Alles, oder fuhr er
murmelnd fort, er wird mir nicht Alles sagen. Sie aber mssen den
Freiherrn selbst aufsuchen.

Vergessen Sie nicht, Bernhard, erwiederte Anton, da es auch dem
reinsten Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhltnisse eines
Andern einzudrngen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin
ich ein Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als
vorlaute Anmaung erscheinen, und ich frchte, wir werden auf diesem Weg
wenig erfahren. Ich sage nicht, da der Schritt unntz ist, aber ich
halte ihn fr unsicher. Eher wird es mglich sein, da Sie selbst auf
die Maregeln Ihres Vaters Einflu gewinnen.

Gehen Sie doch zum Freiherrn, bat Bernhard dringend, und wenn er
selbst gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Frulein. Ich
habe sie gesehen, fuhr er fort, ich habe es Ihnen verschwiegen, wie
der Mensch sein liebstes Geheimni verhllt, heut sollen Sie auch das
erfahren. Ich wei, wie schn sie ist, wie stolz ihre Haltung, wie edel
ihre Geberde. Wenn sie ber den Rasen schritt, war sie wie eine Knigin
der Natur, ein heller Schimmer glnzte um ihr Haupt; wo sie hinsah,
neigte sich Alles vor ihrem Blick -- ihre Zhne wie Perlen und ihre
Brste wie Rosenhgel, sagte er leise und sank in die Kissen zurck mit
gefalteten Hnden und blitzenden Augen.

Auch er! rief es in Anton. Mein armer Bernhard, Sie schwrmen.

Bernhard schttelte den Kopf. Seit dem Tage wei ich, da unser Leben
nicht grau ist, sagte er lchelnd; es ist nicht grau, aber es ist
grausig. Wollen Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter
sprechen?

Ich will, sagte Anton aufstehend. Aber ich wiederhole Ihnen, ich
beginne etwas Auffallendes, das leicht neue Verwickelungen herbeifhren
kann, auch fr uns beide.

Wer so daliegt, wie ich, der frchtet keine Verwickelungen, sagte
Bernhard, und Sie, fuhr er fort und sah Anton prfend an, Sie werden
in Ihrem Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher
sich durchschlgt, und wenn er auch Wunden erhlt, seine Aufgabe ist,
mit dem Geschick zu kmpfen. Mich, Anton Wohlfart, mich wird der
Sturmwind verwehen.

Kleinmthiger, rief Anton weich, das spricht die Krankheit aus Ihnen.
Der Muth wird Ihnen mit der Genesung zurckkehren.

Hoffen Sie? frug der Kranke zweifelnd; oft thue ich's auch, nur
manchmal berfllt mich die Muthlosigkeit. Ja ich will leben, und anders
will ich leben, als bisher, ich will alle Mhe daran setzen, strker zu
werden, ich werde nicht mehr so viel trumen als jetzt, mich nicht mehr
aufregen und qulen in meiner Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt,
wenn man ein tchtiger Mann ist, der jeden Streich zurckgiebt, den er
empfngt, so rief er mit gertheten Wangen und streckte die Hand dem
Freunde entgegen.

Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verlie er das Zimmer.

       *       *       *       *       *

Am Abend trat Ehrenthal zu dem Bett des Sohnes, wie er immer that, wenn
er das Comtoir verschlossen und den Schlssel in seiner Schlafkammer
versteckt hatte. Was hat heut der Doctor gesagt, mein Bernhard?

Bernhard hatte sich mit dem Kopfe nach der Wand gedreht, jetzt warf er
sich pltzlich herum und sagte heftig: Vater, ich mu etwas mit dir
reden, verschliee die Thr, damit uns Niemand strt.

Erschrocken lief Ehrenthal zu beiden Thren, verschlo und verriegelte
gehorsam, dann eilte er zum Bett des Sohnes zurck. Was hast du, das
dich kmmert, mein Bernhard? frug er und fhlte mit der Hand auf die
Stirn des Kranken. Bernhard entzog ihm sein Haupt, die Hand des Vaters
sank auf die Bettdecke. Setze dich hierher, sagte der Sohn finster,
und beantworte meine Frage so aufrichtig, als wenn du zu dir selber
sprchst.

Der Alte setzte sich und sagte: Frage, mein Sohn, ich will dir Alles
beantworten.

Du hast mir gesagt, da du dem Baron Rothsattel viel Geld geborgt hast,
da du ihm keines mehr leihen willst, und da der Edelmann sein Gut
nicht wird behalten knnen.

Es ist, wie ich habe gesagt, erwiederte der Vater, vorsichtig wie in
einem Verhr.

Und was soll jetzt aus dem Baron und seiner Familie werden?

Ehrenthal zuckte die Achseln. Er wird herunter von seinem Gut, und wenn
der Tag kommt, wo das Gut vom Gericht verkauft wird, so werde ich wegen
meinem Geld bieten mssen auf das Gut, und ich hoffe, ich werde es
kaufen. Ich habe eine groe Hypothek, welche ist sicher, und eine kleine
hinten am Ende, welche ist schlecht. Wegen der schlechten Hypothek werde
ich erstehen das Gut.

Vater, rief Bernhard mit schneidender Stimme, so da Ehrenthal
zusammenfuhr, du willst einen Vortheil ziehen aus dem Unglck des
Mannes, du willst dich an seine Stelle setzen. Ja, du bist auf das Gut
des Barons gefahren und hast mich mitgenommen vielleicht mit dem
Gedanken, die Verlegenheit des Edelmanns zu benutzen. Es ist
schrecklich, schrecklich! Er warf sich in die Kissen zurck und rang
die Hnde.

Ehrenthal rckte unruhig auf seinem Sitz. Fhre nicht solche Reden von
Sachen, die du nicht verstehst. Die Geschfte sind fr den Tag; wenn ich
Abends zu dir komme, sollst du dich nicht ngstigen um meine Arbeiten.
Ich will's nicht haben, da du die Hnde aufhebst und rufst
schrecklich.

Vater, rief Bernhard, wenn du nicht willst, da ich vergehen soll vor
Schaam und Kummer, so wirst du deine Absicht aufgeben.

Aufgeben! rief Ehrenthal entrstet. Wie kann ich aufgeben mein Geld?
wie kann ich aufgeben das Gut, um das ich mich bemht habe bei Tag und
bei Nacht? wie kann ich aufgeben das grte Geschft, das ich gemacht
habe in meinem Leben? Du bist ein ungehorsames Kind und machst uns
Jammer um gar nichts. Was habe ich fr ein Unrecht gethan, da ich dem
Baron gegeben habe mein Geld? Er hat's gewollt. Was thue ich fr ein
Unrecht, wenn ich kaufe das Gut? Ich rette mein Geld.

Verflucht sei jeder Thaler, den du darauf gewandt, verflucht der Tag,
wo du diesen unglcklichen Entschlu gefat, fuhr Bernhard auf und
erhob seine Hand drohend gegen den Vater.

Was ist das! rief Ehrenthal aufspringend, welcher bse Gedanke hat
getroffen das Herz meines Sohnes, da er so spricht zu seinem Vater? Was
ich gethan habe, fr wen habe ich's gethan? Nicht fr mich und meine
alten Tage. Ich habe dabei gedacht jeden Tag an dich, mein Sohn, der du
bist ein anderer Mann, als dein Vater. Ich werde haben den Kummer, und
du sollst gehen aus dem Schlo in den Garten und wieder zurck in das
Schlo, und wenn du gehst, soll der Amtmann abziehen seine Mtze, und
die Knechte im Hofe abziehen ihre Hte, und sie sollen zu sich sagen:
das ist der junge Herr Ehrenthal, welcher ist unser Herr, der da geht.

Ja, rief Bernhard bitter, das ist deine Liebe. Mich willst du zum
Mitschuldigen machen einer ungerechten That. Du irrst, Vater; niemals
werde ich aus dem Schlosse in den Garten gehen mit meinem Buche, eher
will ich als armer Bettler mein Essen erbitten von der Gemeinde, als da
ich einen Fu auf das Gut setze, das durch Snde erworben ist.

Bernhard! rief der Alte mit gerungenen Hnden, du wirfst die Steine
auf mein Vaterherz, da ich fhle die Last, wie sie mich drckt zu
Boden.

Und du verdirbst deinen Sohn, rief Bernhard in auflodernder
Leidenschaft. Sieh zu, fr wen du geschachert und gelogen hast; aber so
wahr es einen Himmel ber uns giebt, du wirst Niemandem sagen, da es
geschehen ist fr deinen unglcklichen Sohn.

Mein Sohn, jammerte der Vater, schlage nicht auf mein Herz mit deinem
Fluche. Seit du bist gewesen ein kleiner Bocher, der sein Gebetbchel in
die Schule getragen hat, habe ich gehabt meinen Stolz, wenn ich auf dich
gesehen habe. Ich habe dir gelassen allen Willen, zu thun, was dir am
liebsten war; ich habe dir gekauft von Bchern, ich habe dir gegeben von
Geld mehr, als du hast haben wollen; wo ich dir etwas absehen konnte an
deinen Augen, ich habe dir's abgesehen. Wenn ich unten den ganzen Tag
mich gergert habe, mute ich immer denken, mein Sohn soll lachen, weil
ich mich ngstige. Er nahm den Zipfel seines Schlafrocks und fuhr sich
damit ber die Augen, vergeblich bemht, seine Fassung wieder zu
gewinnen. So sa er als ein geschlagener Mann dem Sohn gegenber.

Bernhard sah schweigend auf die gebeugte Gestalt, endlich streckte er
die Hand aus: Mein Vater! rief er weich. Ehrenthal fuhr schnell mit
beiden Hnden nach der dargebotenen Rechten und hielt sie fest, als
knnte sie ihm wieder entzogen werden, er schob sich nher heran, kte
und streichelte sie. So bist du wieder mein guter Sohn, sagte er
gerhrt. Jetzt wirst du nicht mehr fhren solche lsterliche Reden und
du wirst nicht mehr zanken wegen dieses Barons.

Bernhard zog hastig seine Hand zurck.

Ich will ihn nicht drcken, ich will Nachsicht mit ihm haben wegen der
Zinsen, fuhr der Vater flehend fort und suchte die Hand des Sohnes.

O, es ist umsonst, mit ihm zu reden, rief Bernhard im tiefsten
Schmerz, er versteht meine Rede nicht!

Ich will Alles verstehen, klagte Ehrenthal, da du mir wiedergiebst
deine Hand.

Willst du deine Plne gegen das Gut aufgeben? frug Bernhard.

Sprich nicht von dem Gut, flehte der Alte.

Umsonst! murmelte Bernhard sich abwendend, und verbarg das Gesicht in
seinen Hnden.

Ehrenthal sa vernichtet dem Kranken gegenber, auch er seufzte schwer
auf. Hre mich, mein Sohn, bat er endlich mit leiser Stimme, ich will
sehen, da ich ihm schaffe ein anderes Gut, welches er behaupten kann
mit seinen Mitteln. Hast du gehrt, mein Sohn Bernhard?

Geh, rief Bernhard ohne Hrte, aber mit der Energie eines tiefen
Schmerzes, geh, und la mich jetzt allein.

Ehrenthal erhob sich und verlie mit gesenktem Haupt das Zimmer, in der
Nebenstube ging er heftig auf und ab, rang die Hnde und sprach mit sich
selbst. Und wieder ffnete er leise die Thr, trat an Bernhards Bett und
frug klagend: Willst du mir nicht geben deine Hand, mein Sohn? --
Bernhard lag abgewandt und rhrte sich nicht.

       *       *       *       *       *

Mit klopfendem Herzen nannte Anton dem Diener des Freiherrn seinen
Namen. Wohlfart? rief der Freiherr gedehnt, und die Erinnerung an den
Brief Antons stach verletzend in seine Seele. Fhre ihn herein. Mit
khlem Gru beantwortete er Antons tiefe Verneigung. Ich bin Ihnen wohl
noch den Dank schuldig fr Ihr Schreiben von neulich, sagte er; da
ich es nicht beantwortet habe, wie die gute Meinung verdiente, mssen
Sie mit meinen vielen Geschften entschuldigen.

Wenn ich jetzt in derselben Angelegenheit komme, begann Anton, so
bitte ich Sie, dies nicht fr Zudringlichkeit zu halten. Mich fhrt der
Auftrag eines Bekannten her, der die wrmste Ergebenheit gegen Sie und
Ihr Haus empfindet. Es ist der Sohn des Kaufmann Ehrenthal. Er selbst
wird durch Krankheit verhindert, Ihnen seine Aufwartung zu machen, er
lt Sie dehalb durch mich bitten, da Sie den Einflu, den er auf
seinen Vater hat, bentzen mchten. Im Falle Ihnen seine Einwirkung
irgend wie brauchbar erscheint, soll ich Sie ersuchen, ihm Ihre Wnsche
mitzutheilen.

Der Freiherr horchte hoch auf. Jetzt, wo ihn Alles verlie, wo er sich
selbst aufgegeben hatte, drngten sich fremde Gestalten in sein Leben,
dieser Itzig, Wohlfart, der Sohn Ehrenthals. Was ihm Wohlfart anbot,
klang abenteuerlich, aber es konnte fr ihn eine Hlfe werden gegen das,
was unaufhrlich an seinem Herzen fra, eine Hlfe gegen die Ansprche
Ehrenthals, gegen die furchtbare Gefahr, in der sein guter Name
schwebte. Ich kenne den jungen Mann nur wenig, sagte er mit Haltung,
ich ersuche Sie, vor Allem zu erklren, wie ich zu der Ehre komme, ein
so ungewhnliches Wohlwollen des Herrn zu erhalten.

Anton erwiederte warm: Bernhard Ehrenthal hat ein edles Herz und sein
Leben ist rein. Unter seinen Bchern aufgewachsen, versteht er wenig von
den Geschften seines Vaters, aber er hat die Ansicht gewonnen, da
dieser sich durch schlechte Rathschlge verleiten lt, feindselig gegen
Sie aufzutreten. Er hat Einflu auf seinen Vater, sein feines Ehrgefhl
ist sehr beunruhigt, und er wnscht dringend, seinen Vater von Maregeln
abzuhalten, welche er selbst nicht fr ehrenhaft hlt.

Hier war Hlfe! Das war ein reiner Luftzug, der in die stickende
Atmosphre eines Krankenzimmers drang, aber dem Kranken machte die
frische Luft Mibehagen. Diese ehrenhaften Leute, die so bereit waren,
zu verdammen, was ihnen nicht ehrenvoll erschien, waren ihm peinlich.
Und schon jetzt, whrend er den Werth erkannte, den auch diese unsichere
Aussicht fr ihn haben konnte, fhlte er in seinem Herzen eine
Abneigung, seine Lsung aus der Angst diesen Beiden zu verdanken. Dem
eifrigen Wohlfart wenigstens, der Alles sein sollte, was zuverlssig und
gewissenhaft heit, ihm wollte er Nheres nicht mittheilen. Und so
erwiederte er mit einer Freundlichkeit, die ihm nicht vom Herzen kam:
Meine Beziehungen zu dem Vater Ihres Freundes sind allerdings von der
Art, da die wohlmeinende Vermittelung durch einen Dritten in unserm
beiderseitigen Interesse liegen mchte. Ob der junge Ehrenthal die
geeignete Person dafr ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls
sagen Sie ihm, da ich fr den Antheil dankbar bin, den er an meinen
Angelegenheiten nimmt, und da ich mir vorbehalte, zu seiner Zeit mit
ihm selbst darber Rcksprache zu nehmen. Nach diesem Bescheid erhob
sich Anton, der Freiherr begleitete ihn bis an die Thr und --
merkwrdig, er machte ihm dort eine tiefe Verbeugung.

Es war kein Zufall, da in dem Augenblick, wo Anton durch das Vorzimmer
ging, auch Lenore hereintrat. Herr Wohlfart, rief sie freudig und
eilte auf ihn zu. Liebes Frulein, rief auch er, und Beide begrten
einander als alte Freunde.

Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren,
Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie
sich seit der Zeit gendert htten, und whrend sie das erzhlten, waren
sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jnger geworden um alle
die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.

Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht! rief Lenore mit leisem
Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.

Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit rother Seite
gefttert, gndiges Frulein? frug er, der stand Ihnen reizend.

Der jetzige hat blaues Futter, sagte Lenore lachend. Und denken Sie,
die kleine Comte Lara heirathet in der nchsten Woche, wir haben erst
neulich ber Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von
Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, da Sie den Bruder kennen gelernt
haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich mu wissen, wie es Ihnen
seit der Zeit gegangen ist. Sie fhrte ihn in ein Gesellschaftszimmer
und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie sa ihm gegenber
und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gru ihn einst so glcklich
gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht
schttelte jetzt zuweilen ein anderer Mdchenkopf seine Locken in dem
Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre,
das wilde ehrliche Mdchen als vornehme Dame sich gegenber sah, da
lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er athmete
mit Entzcken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.

Da ich Sie sehe, sagte Lenore, ist mir, als wre die Tanzstunde
gestern gewesen. Es war eine frhliche Zeit auch fr mich! Seitdem habe
ich vieles Ernste erfahren, fgte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton
bedauerte das mit einem Eifer, der das Frulein zwang, wieder heiter
auszusehen und ihm freundlich in die Augen zu blicken.

Was hat Sie zu meinem Vater gefhrt? frug sie endlich mit verndertem
Ton.

Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechthum des Freundes und
seinen guten Wnschen fr ihre Familie, er verbarg ihr nicht, da sie
selbst einen mchtigen Antheil daran habe, so da Lenore auf ihr
Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie
sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. Wenn Sie Ihrem Herrn
Vater die Vermittelung Bernhards empfehlen knnen, so thun Sie es. Ich
werde eine stille Sorge nicht los, da in dem Comtoir Ehrenthals eine
Verschwrung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel,
Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen
sein knnen.

Lenore sah ngstlich in Antons Gesicht und rckte ihren Stuhl nher an
den seinen. Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich
vertrauen, was mich ngstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was
ihn qult, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er
hat fr die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das
wei ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den
Frieden wieder zu geben; eine Zeit, wie damals, wo ich Sie kennen
lernte. -- Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will
Ihnen schreiben, rief sie entschlossen; wenn Eugen auf Urlaub
herkommt, soll er Sie aufsuchen.

So verlie Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das
Wiedersehen der schnen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu
dienen. An der Hausthr stie er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gru
eilte er an dem gefhrlichen Manne vorber, der ihm die Bitte nachrief,
recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.

       *       *       *       *       *

Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben
nicht so viel geseufzt und den Kopf geschttelt, als jetzt. Vergebens
frug seine Frau Sidonie ihre Tochter: Was hat der Mann, da er so
seufzt? Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemth seines Brodherrn
durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit,
welche sich in der Seele des Hndlers aufgesammelt hatte, entlud sich
gegen den Buchhalter. Sie sind der Mensch, welcher mir hat gerathen zu
diesen Schritten gegen den Baron, schrie er ihn am Morgen nach der
Scene mit Bernhard an. Wissen Sie, was Sie sind? Malhonnet sind Sie.

Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenber und zuckte die Achseln.
Wenn Sie weiter nichts wissen, sagte er, was ist das fr ein Wort
malhonnet? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wrter
stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal. Dann seufzte
Ehrenthal wieder, sah Veitel bse an und verbarg den Kopf in die
Zeitung.

Lnger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu
ertragen, welcher zusehends krnker wurde und alles Zureden der Eltern
mit kurzen Worten zurckwies. Ich mu ein Opfer bringen, sagte
Ehrenthal vor sich hin, ich mu die Ruhe wiedergeben seinen Nchten
und machen, da er aufhrt mit seinem Sthnen. Ich will denken an meinen
Sohn, und ich will dem Baron schaffen die andere Herrschaft bei Rosmin,
worauf er jetzt stehen hat sein Geld, und wenn nicht, so will ich ihm
retten das Geld darauf ohne einen Nutzen fr mich. Ich verliere dabei
einen Vortheil, den ich machen knnte mit dem Lwenberg von mehr als
einem Tausend Thaler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard. So
setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die
rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, krftig zu
unterdrcken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.

Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm
jetzt bei jedem Eintritt eines Geschftsmannes den Athem benahm. Kaum
ist der Warner hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die
gerichtliche Cession der Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was
darauf folgen mu. Aber freudig erstaunte er, als Ehrenthal mit
hflichen Worten aus freien Stcken sich erbot, fr ihn nach Rosmin zu
reisen und nthigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei dem Verkauf der
polnischen Herrschaft zu vertreten. Ich will mir zu Hlfe nehmen einen
sichern Mann, den Justizcommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie
sehen, da Alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben, zu
bieten auf das Gut, und die Kufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek
gedeckt ist durch den Kaufpreis, den ein Anderer zahlt.

Ich wei, da dies nothwendig sein wird, sagte der Freiherr, aber um
Gottes willen, Ehrenthal! was soll geschehen, wenn die Herrschaft in
unsern Hnden bleibt?

Ehrenthal zuckte die Achseln: Sie wissen, ich habe Ihnen nicht
zugeredet zu der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet,
wenn ich mich recht besinne. Wenn Sie mir damals htten gefolgt, so
htten Sie vielleicht nicht gekauft die Hypothek.

Es ist aber einmal geschehen, versetzte der Freiherr rgerlich.

Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, da ich unschuldig bin.

Das ist ja jetzt gleichgltig.

Fr Sie ist es gleichgltig, sagte Ehrenthal, aber nicht fr mich und
meine Ehre als Geschftsmann.

Wie meinen Sie das, fuhr der Freiherr auf, da Ehrenthal
zusammenschrak, Sie wagen zu behaupten, da mir etwas gleichgltig ist,
was selbst Ihnen keine Ehre bringt.

Was werden Sie hitzig, Herr Baron, rief der Hndler; ich spreche ja
nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott davor bewahren!

Sie sprachen doch davon, sagte der unglckliche Mann.

Wie knnen Sie miverstehen einen alten Bekannten! klagte Ehrenthal;
ich will nichts, als Ihre Versicherung, da ich unschuldig bin an dem
Kauf der Hypothek.

Meinetwegen ja, rief der Freiherr mit dem Fue stampfend.

So ist es recht, sagte der Hndler beruhigt. Und wenn ein Unglck
geschieht, und Sie die Herrschaft behalten mssen, so wollen wir sehen,
was dann zu thun ist. Es ist eine bse Zeit zum Geldleihen, aber ich
will Ihnen doch vorschieen die Caution und die Gerichtskosten gegen
eine Hypothek auf die Herrschaft.

Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach
der benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verlie, blieb dieser als
ein Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurck.

War er verloren, war er gerettet? Eine qulende Sorge kam ihm, da diese
Hypothek sein Schicksal entscheiden wrde. Er beschlo, selbst
hinzureisen und Ehrenthal nichts zu berlassen. Aber wieder berfiel ihn
die Angst, da er dem Mann jetzt ein groes Vertrauen zeigen msse,
damit dieser auch ihm nicht mitraue. So trieb er kraftlos in einer See
von Gefahren. Die Wellen hoben sich und rauschten gegen sein Leben
heran.

Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte
eine fr ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.

Kannst du mir jetzt geben deine Hand? frug er seinen Sohn, der finster
vor sich hinstarrte, ich reise fr den Baron, ihm zu kaufen ein neues
Gut. Wir haben Alles mit einander besprochen. Hier ist die Vollmacht,
die er mir ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschieen ein Capital;
wenn er es versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.

Bernhard sah mit trbem Auge auf seinen Vater und schttelte den Kopf.
Das ist nicht genug, mein armer Vater, sagte er.

Ich habe mich doch vershnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden,
da ich keine Schuld habe an diesem Unglck. Ist dir das genug, mein
Sohn?

Nein, sagte der Kranke. So lange du in deinem Comtoir den schlechten
Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.

Er soll fort, rief Ehrenthal bereitwillig; wenn mein Sohn Bernhard es
verlangt, soll er fort zum nchsten Quartal.

Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons fr dich zu
erstehen? frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.

Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt
hast, erwiederte der Vater ausweichend. Jetzt rede mir nicht mehr von
dem Gut; wenn du wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir
darber. So ergriff er die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zgerte,
hielt sie fest in der seinen und sa ihm schweigend gegenber.

War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich
die Vershnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.

       *       *       *       *       *




~VII.~


Welle um Welle schlug ber das Haupt des Ertrinkenden.

Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rbenernte des
Gutes war mirathen, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr
Vieles erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen
Landwirthe hatten ihre Contracte nicht erfllt, andere hatten Schlechtes
geliefert. Die Rben fehlten, es fehlte das Capital, die Fabrik stand
still, die Arbeiter verliefen sich.

Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn
schttelte das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um
seinem Bevollmchtigten nachzureisen, er bestellte sie wieder ab,
denn ihm graute vor dem Tage des Termins, vor dem Bieten, dem
Schacher und der bebenden Angst bis zum Schlu des Protokolls. Und
wenn er dem Hndler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin konnte
er sich sicher verlassen. So kam der finstre Tag, wo Ehrenthal mit
dem Brief des Justizcommissarius Walther vor ihn trat. Das Capital
des Freiherrn war nur dadurch zu retten gewesen, da Ehrenthal die
Herrschaft fr den Freiherrn erstand. Die Eigenthmer der ersten
Hypothek von hunderttausend Thalern hatten ihn hinaufgetrieben bis
hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein anderer
Kufer war im Termin erschienen. Die Herrschaft gehrt jetzt Ihnen,
Herr Baron, schlo der Hndler. Damit Sie im Stande sind, die Gter
zu behaupten, habe ich mit den Eigenthmern der ersten Hypothek
verhandelt, sie werden Ihnen die Hunderttausend auf der Herrschaft
stehen lassen. Ich habe fr Sie erlegt viertausend Thaler und die
Gerichtskosten. Der Freiherr sprach kein Wort, sein Kopf fiel schwer
auf das Holz des Schreibtisches. Der Hndler erzhlte, wie er die
Herrschaft fr den Freiherrn bernommen hatte. Vor der Thr brummte
er: Es ist vorbei mit ihm. Zum nchsten Quartal verliert er sein
altes Gut, und er hat keine Kraft, zu behaupten das neue. Zuletzt werde
ich kaufen mssen auch diese Herrschaft.

Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller
geliehenen Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld.
Vergebens. Zuletzt kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter
bernommen hatte. Befangen empfing ihn der junge Herr, welcher einige
Jahre lang Lenoren seine Huldigung gegnnt und sich dann vorsichtig
zurckgezogen hatte. Die Verlegenheiten des Freiherrn waren kein
Geheimni mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Antheil, der bei solchen
Veranlassungen schicklich ist. Er bedauerte sehr, da dem Freiherrn auf
der neugekauften Herrschaft eine so groe Hypothek ausgefallen war. Wen
haben Sie zum Termin geschickt? frug er.

Den Hirsch Ehrenthal, erwiederte der Freiherr gedrckt.

Jetzt wurde der Nachbar beredt. Ich frchte, rief er, der Mensch hat
Sie schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren
durch seine Schurkerei um eine groe Summe gebracht. Mein Vater hatte
auf seinem Gut oben in der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an
einen Holzhndler abgeliefert. Ehrenthal machte mit diesem Mann ein
Gaunergeschft, er handelte ihm das Holz zu einem Spottpreise ab, der
Andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben das Geld meines
Vaters mit einander getheilt.

Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem
Anliegen kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie
ein Verbrecher.

Seit dem Tage brtete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er
ausging, that er es nur, um sich auf Augenblicke zu betuben. Er war
rauh gegen seine Gemahlin, ganz unzugnglich fr die Tochter. Die Frauen
litten unsglich.

Noch eine Hoffnung dmmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal
hatte er Recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er
ergriff nicht die Hand, die sich ihm uneigenntzig darbot, nicht Anton
lie er rufen, sondern einen Andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn
nicht sah, und dessen trdelhaftes Wesen ihm wohl that, so oft er ihn
erblickte. Noch einmal in der letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle
Schicksal die freie Entscheidung ber seine Zukunft. Ach, aber er selbst
war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer schlechten That, der jetzt
sein Urtheil verwirrte.

Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrmmte Gestalt von
der Seite an: Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine
Differenz mit seinem Vater beizulegen.

Veitel fuhr in die Hhe, wie durch einen Schu getroffen, der
Bernhard! rief er heftig.

So ist ja wohl sein Name, er soll krank sein.

Er wird sterben, erwiederte Veitel.

Wann? frug der Freiherr mit seinen Gedanken beschftigt, er
verbesserte sich aber sogleich: Was fehlt ihm?

Es sitzt hier, sagte Veitel auf die Brust zeigend, es arbeitet wie
ein Blasebalg; wenn ein Loch reit, hrt der Wind auf.

Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, da er
selbst Eile habe. Der Kranke soll so viel Einflu auf seinen Vater
besitzen, da durch ihn die Einwilligung des Ehrenthal zu hoffen ist.

Was versteht der Bernhard von Geschften, er ist ein Narr, rief
Veitel, unfhig, seinen Aerger zu verbergen. Wenn man ihm ein altes
Leder hinlegt, das mit Buchstaben beschrieben ist, so giebt er dafr
jede Hypothek; er ist unwissend.

Wie ich sehe, gefllt Ihnen dieser Weg nicht? frug der Freiherr
rathlos.

Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenkend, unruhig fuhren die
Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiederte er
mit pltzlicher Freundlichkeit: Der gndige Herr haben Recht. Es wird
am besten sein, wenn Sie und Ehrenthal an das Bett des kranken Bernhard
gehen und dort mit einander abmachen Ihr Geschft. Wieder schwieg er
eine Weile, und sein Gesicht rthete sich von strmischen Gedanken.
Wollen der gndige Herr mir berlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen,
wo Sie am besten sprechen den Bernhard Ehrenthal? Wenn Sie eingetreten
sind in's Comtoir, dann werde ich schnell hinaufgehen zu Bernhard und
ihm sagen, da Sie gekommen sind. Unterde haben Sie die Gnade und
warten Sie im Comtoir, und wenn es dauert eine halbe Stunde, bis ich
wiederkomme, warten Sie; was auch der Ehrenthal sagt, und wie er auch
schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird Alles in Ordnung
kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er
machen.

Ich werde Ihre Nachricht erwarten, schlo der Freiherr, gepeinigt
durch die Aussicht auf den schweren Tag.

       *       *       *       *       *

Itzig verlie den Freiherrn und strzte in wilder Aufregung nach seinem
Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und
ab und ballte die Faust gegen Bernhard. Er ffnete den alten
Schreibtisch und zog aus einer verborgenen Schublade zwei Schlssel, die
er auf die Tischplatte legte; immer wieder blieb er davor stehen und
starrte sie an. Endlich versenkte er sie in die Tasche und sprang
hinunter in die Caravanserei. Dort kauerte in einer Ecke der Galerie
Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den letzten Jahren
durch den Druck der Verhltnisse verhindert worden, stattlicher, jnger
und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewhnlich abgenagt und
schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrckt, in welchen
das warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als
Veitel mit schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein
Buch und schien an jedem Buchstaben mehr Antheil zu nehmen, als an dem
jungen Geschftsmann vor ihm.

Macht Euer Buch zu und hrt mich an, rief Veitel ungeduldig. Der
Rothsattel wird vom Ehrenthal seine Scheine zurckerhalten, er wird mir
die Hypothek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die
Achttausend, welche noch Rest sind.

Seht doch, seht, erwiederte der Alte, sein hliches Haupt wiegend,
was man nicht Alles erlebt! Wenn der Ehrenthal sein Geld an einen
Lumpen wegschenkt, der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, da
auch wir fromm werden und zur Beichte gehen. Bevor wir weiter reden,
kannst du mir etwas heraufbringen, was ich gern esse und trinke. Ich bin
durstig und spreche kein Wort mehr.

Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und
murmelte: jetzt kommt's, und starrte kopfschttelnd ber das Buch weg.

Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advocaten aufgestellt hatte,
frug er kurz: Wie viel?

Dreihundert, sagte der Alte, und dafr mu ich mir's noch berlegen.
Es ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich fr
weniger zu Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer
ehrenwerthen Arbeit im Styl des Herrn Cartouche und anderer Freunde von
dir verlange ich eine bessere Bezahlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und
ich kann nicht sagen, da ich Vorliebe fr solche Geschfte habe.

Hab' ich sie denn? rief Itzig. Wenn es ein Mittel giebt, dies zu
vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wit, wie man den Baron und Ehrenthal
auseinander halten kann und Jeden ruiniren durch den Andern, so sagt's.
Der eigene Sohn Ehrenthals wird Friede machen zwischen den Beiden, er
wird zwischen ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flgeln auf dem
Bilderbogen steht zwischen zwei Verliebten; und wir werden sein die
Geprellten.

Wir? sagte der Alte vergngt. Du wirst der Geprellte sein, du Dohle.
Was gehn mich deine Geschfte an?

Zweihundert, rief Veitel sich ihm nhernd.

Drei, erwiederte der Alte und trank sein Glas aus, aber ich thue es
nicht allein, du mut dabei sein.

Wenn ich dabei sein will, sagte Veitel, so kann ich's allein thun und
brauche nichts von Eurer Hlfe. Hrt mich an. Ich will machen, da das
Haus leer ist, da der Ehrenthal und der Baron zu gleicher Zeit aus dem
Comtoir hinaufgehn; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf
dem Tisch liegen, oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet
haben die Zeit von einer halben Stunde. Ja, ich will zuschlieen; den
Ausgang zur Hintergasse, der gewhnlich verriegelt ist, werde ich
aufmachen. Es ist so sicher, da ein Kind von zehn Jahren knnte machen
das Geschft.

Sicher genug fr dich, sprach der Alte mrrisch, aber fr mich
nicht.

Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist
nicht gegangen, rief Veitel, so mu es gehen wider das Gesetz. Er
schlug mit der Faust auf das Gelnder und prete die Zhne zusammen, da
sie knirschten. Und wollt Ihr's nicht thun, so soll es doch geschehn;
obgleich ich wei, da aller Verdacht auf mich fllt, wenn ich whrend
der Zeit nicht in der Stube des Bernhard bin.

So ist's recht, du lustiger Itzig, sagte der Alte und rckte an seiner
Brille, um die zornige Entschlossenheit des Andern genauer zu
betrachten. Da du so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich
lassen; aber Dreihundert.

Der Handel begann. Die Beiden drckten sich in die Ecke der Galerie und
sprachen leise mit einander bis zur Dunkelheit.

       *       *       *       *       *

Einige Tage darauf sa Anton in der Dmmerstunde am Lager des kranken
Bernhard: Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehen, wie es Ihnen
geht.

Schwach, erwiederte Bernhard, immer noch schwach; das Athmen wird mir
schwer. Wenn ich nur in's Freie kme, nur einmal hinaus aus dem dunkeln
Zimmer!

Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint,
komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.

Ja, rief Bernhard, Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas
erzhlen. Er sah sich vorsichtig um. Ich habe heut durch die Stadtpost
einen Zettel ohne Unterschrift erhalten. Er zog unter seinem Kopfkissen
einen kleinen Brief hervor und bergab ihn mit geheimnivoller Miene dem
Freund: Nehmen Sie, vielleicht kennen Sie die Hand.

Anton ging zum Fenster und las: Der Baron Rothsattel will Sie heut
gegen Abend sprechen. Sorgen Sie dafr, da Sie mit Ihrem Vater allein
sind.

Als Anton den Brief zurckgab, betrachtete Bernhard das Papier andchtig
und steckte es wieder unter die Kissen. Kennen Sie die Hand? frug er.

Nein, erwiederte Anton, die Schrift scheint verstellt, die Hand des
Fruleins ist es nicht.

Wer auch der Schreiber ist, fuhr Bernhard kleinlaut fort, ich hoffe
Gutes von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit
Centnerschwere auf der Brust, er nimmt mir den Athem, wie ein Gewicht
fhle ich den Druck. Heut soll das besser werden, heut werde ich frei.

Das Sprechen machte ihm Mhe. Nur in kurzen Stzen fiel die Rede von
seinen Lippen. Also Wiedersehen auf morgen, rief Anton. Als er sich
erhob, knisterten weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an
das Bett des Kranken und begrten den Gast. Wie geht's, Bernhard?
frug die Mutter, du wirst heut mit deinem Vater allein sein, es ist
heut groe musikalische Akademie, die Rosalie wird auf dem Flgel
spielen. Wir haben den Flgel in die Hinterstube gerckt, Herr Wohlfart,
damit sie den Bernhard nicht durch ihre Uebungen strt.

Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter, sagte Bernhard, ich
habe dich lange nicht in deinen schnen Kleidern gesehen. Du siehst heut
hbsch aus, ein solches Kleid trugst du, als ich als Knabe das
Scharlachfieber bekam. Wenn ich von dir trume, sehe ich dich immer in
dem gelben Gewand vor mir. Gieb mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut
Abend Musik hrst, denke auch an deinen Bernhard, ich werde hier eine
stille Musik machen.

Die Mutter setzte sich zu ihm. Er hat wieder das Fieber, sprach sie zu
Anton. Anton stimmte schweigend bei.

Morgen fahre ich in die Sonne, rief Bernhard aufgeregt, das wird mein
Vergngen sein.

Der Wagen wartet, erinnerte Rosalie, wir mssen mit unsern Kleidern
durch's Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater
eingeredet, da der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den
Bernhard strt.

Schlaf wohl, Bernhard, sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal
die runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.

Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard? frug die Mutter auf der
Treppe.

Ich halte ihn fr sehr krank, erwiederte Anton.

Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt,
gehe ich mit Rosalie in's Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.

Anton ging mit schwerem Herzen aus dem Hause.

Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrenthals hrte man nichts, als
die schweren Athemzge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es.
Eine Maus nagte am Holz. Unruhig hrte Bernhard ihr zu. Wie lange wird
sie noch nagen, bis sie sich eine Oeffnung ausgehhlt hat, dann kommt
sie zu mir in die Stube. Ein Frsteln berlief ihn, er warf sich auf
seinem Lager herum, die Dunkelheit war ihm heut beengend, die Luft dick.
Er klingelte so lange, bis die Aufwrterin kam und die Lampe
hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermdet um. Die Stube sah ihm heut alt
und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer, und er
sich als ein Fremder, der hier nur zum Besuch war. Theilnahmlos blickte
er auf seinen Bcherschrank und auf die Schublade, in welcher die
theuren Manuscripte lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der
Thr, durch den das Licht in der Nebenstube alle Abende durchschimmerte,
das Alles wollte er morgen verlassen, um mit Anton aus der engen Stube
auszuziehen. Er dachte daran, ob sie nicht auf dem Wege fahren knnten,
auf dem das Frulein nach dem Gute fuhr und wieder zurck. Vielleicht
wrde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte sicher, da er das
Frulein auf dem Wege treffen mte. Sie sa stolz aufgerichtet in ihrem
Wagen, der Schleier flog um das blhende Gesicht, ihr weier Arm hob
sich und winkte grend zu seinem Wagen herber. Ja, sie erkennt ihn,
sie wei, da er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht lt
sie stillhalten und frgt herber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So
wird er mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hren. Noch
einmal wird sie ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinander
fahren, einer hierhin und der andere dorthin. -- Und wohin wrde er
fahren? Hinein in die Sonne, flsterte er. -- Und wieder lauschte er
ngstlich auf das Nagen der Maus.

Ein eiliger Fu durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf,
und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu
ihm kam. Leise ffnete sich die Thr, eine hliche Gestalt schlpfte
herein und sah sich scheu im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: Was
wollen Sie hier?

Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Athem und einer
Stimme, die eben so gepret klang, wie die des Kranken: Der Baron ist
jetzt in das Comtoir gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen
gehen und Ihnen zureden, damit Sie die Forderung untersttzen, die er
stellt an Ihren Vater.

Ihnen hat er das gesagt? rief Bernhard. Wie kann der Freiherr einem
Mann, wie Sie sind, einen Auftrag geben?

Schweigen Sie still, entgegnete Veitel rauh, es ist jetzt keine Zeit
fr Ihr Gerede. Hren Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit
seinem Ehrenwort die Sicherheit fr zwanzigtausend Thaler versprochen
und er kann ihm diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Document
einem Andern verkauft hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt
von Ihrem Vater, da er auf seine gute Sicherheit verzichtet. Knnen Sie
zureden, da Ihr Vater zwanzigtausend Thaler verliert, so thun Sie es.

Bernhard zitterte, da ihm die Hnde flogen. Sie sind ein Lgner, rief
er. Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und
Hinterlist.

Schweigen Sie, wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. Sie sollen
Ihrem Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er
ist eine Fliege, welche sich die Flgel am Licht verbrannt hat, er kann
nur noch kriechen. Und wenn der Ehrenthal als Narr einem schlechten Rath
folgt, den Sie ihm geben, weil Sie nichts verstehen, so kann er doch den
Freiherrn nicht erhalten auf seinem Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so
thut's ein Anderer. Ich habe keinen Vortheil dabei, wenn ich Ihnen das
sage, fuhr er unruhig fort und horchte nach einem Gerusch vor dem
Hause, ich thu' es nur aus Anhnglichkeit an Ihre Familie.

Bernhard rang nach Luft. Gehen Sie hinaus, rief er endlich, es ist
Alles Betrug und Lge auf dieser Welt.

Ich hole den Baron und Ehrenthal herauf, sprach Veitel und strzte
hinaus.

Laut scholl in dem Hausflur die zornige Stimme Ehrenthals: Ich werde
gehen zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intriguen.
Veitel ri die Thr auf. Auf dem Lederstuhl sa der Freiherr und verbarg
das Gesicht mit der Hand, vor ihm drohte Ehrenthal im Zorn zitternd,
auf dem Pult stand die Cassette des Freiherrn mit den verhngnivollen
Schuldscheinen und der Hypothek. Veitel rief in das Zimmer: Hren Sie
auf, Ehrenthal, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt oben allein und
ruft nach Ihnen, und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie Beide haben
an sein Bett.

Was ist das? schrie Ehrenthal, spielen Sie Intrigue hinter meinem
Rcken auch mit meinem Sohn?

Haben Sie ihm die neue Hypothek gezeigt, die Sie fr ihn bestellt
haben? frug Veitel den Freiherrn in fliegender Eile.

Er hat sie gar nicht sehen wollen, sagte der Freiherr finster.

Geben Sie her, sagte Veitel hastig und legte ein neues Document vor
Ehrenthal auf den Tisch.

Sie wollen mir geben ein Stck Papier fr mein gutes Geld, einen Wisch,
welcher nicht werth ist, da ich ihn verbrenne.

Halten Sie sich nicht auf, rief Veitel wieder mit ngstlicher Stimme.
Es ist Niemand oben beim Bernhard, er schreit nach Ihnen und dem Baron,
er wird sich einen Schaden thun. Machen Sie, da Sie hinaufgehen, er hat
gesthnt, ich soll Sie im Augenblick zu ihm schaffen.

Gerechter Gott! rief Ehrenthal und ergriff seinen Hut, was ist das
wieder? Ich kann nicht kommen zu meinem Sohn, ich habe jetzt Sorge um
mein Geld.

Er wird sich schreien zu Tode, rief Veitel, wegen dem Geld knnen Sie
nachher noch genug reden. Machen Sie schnell.

Der Freiherr und Ehrenthal traten aus dem Comtoir. Itzig folgte.
Ehrenthal verschlo die Thr, er legte die eiserne Stange vor und
befestigte das Vorlegeschlo. Sie eilten die Treppe hinauf, Veitel als
Letzter. Auf den Stufen klang ein Geldstck, Ehrenthal sah sich um. Es
ist mir aus der Tasche gefallen, sagte Veitel.

Der Freiherr und Ehrenthal traten in das Zimmer des Kranken, hinter
ihnen schob sich Itzig herein und fuhr lngs der Wand bis an das
Fenster, hinter das Haupt Bernhards, damit dieser ihn nicht erblickte.
Der Freiherr setzte sich zu Hupten des Lagers, der Vater an das
Fuende; aus der Lampe fiel ein mattes Licht auf die Parteien, welche zu
dem Todkranken kamen, um ber Capital und Sicherheit zu hadern. Der
Edelmann begann mit hflicher Rede, er erinnerte sich der frhern
Besuche Bernhards und sprach von der Hoffnung, ihn bald wieder auf
seinem Gut zu begren, aber seine Augen sahen furchtsam auf das
entstellte Gesicht, und in ihm rief eine Stimme: es war die hchste
Zeit. Bernhard sa aufgerichtet in seinem Bett, den Kopf zur Brust
hinabgeneigt, er erhob die Hand und unterbrach die Rede des Freiherrn:
Bitte, Herr Baron, sagen Sie mir, was Sie von meinem Vater wollen, und
nehmen Sie Rcksicht darauf, da ich kein Geschftsmann bin.

Der Freiherr setzte ihm das auseinander, Ehrenthal versuchte oft, ihn zu
unterbrechen, aber Bernhard winkte mit der Hand, worauf der Alte wieder
abbrach und sich begngte, heftig den Kopf zu schtteln und vor sich hin
zu brummen.

Als der Freiherr geendet hatte, winkte Bernhard seinem Vater: Komm
nher heran, hre ruhig auf meine Worte. Der Vater fuhr mit seinem Ohre
bis nah an den Mund des Sohnes. Was ich sage, sprach Bernhard leise,
ist mein fester Wille, und nicht erst heut bin ich zu dem Entschlu
gekommen. Wenn du Geld erworben hast, so war dein Gedanke, da ich dich
berleben sollte und nach deinem Tode dein Erbe werden. War's nicht so?
Ehrenthal nickte stark mit dem Kopf. Wenn du in mir deinen Erben
siehst, fuhr Bernhard fort, so hre auf meine Worte. Wenn du mich
liebst, so handle nach dem, was ich dir sage. Ich verzichte auf mein
Erbtheil, whrend wir beide leben. Was du fr mich gesammelt hast, das
wirst du umsonst gesammelt haben. Ich verlange nichts fr meine Zukunft.
Wenn es mir beschieden ist, wieder gesund zu werden, so will ich mir
durch meine eigene Arbeit forthelfen, ich will lernen auf mich selbst
vertraun; auer deiner Liebe und deinem Segen begehre ich nichts mehr
fr mich. Daran denke.

Ehrenthal erhob die Arme und rief: Was ist das fr eine Sprache, mein
Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.

Hre mich weiter, bat Bernhard. Was du fr Recht auf das Gut dieses
Herrn hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm in
Verkehr gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, da seine Familie
unglcklich wird. Ich verlange nicht, da du die groe Summe wegschenken
sollst, das wrde dir zu wehe thun und wrde den Herrn demthigen; aber
ich fordere von dir, da du die Sicherheit nimmst, die er dir anbietet.
Hat er dir frher Anderes versprochen, vergi das; hast du Papiere in
Hnden, die ihn ngstigen, gieb sie ihm zurck.

Er ist krank, sthnte der Vater, sehr krank ist er.

Ich wei, da dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus
des Grovaters weggingst, als ein armer Judenknabe, barfu, mit einem
Thaler in der Tasche, seitdem hast du an nichts Anderes gedacht, als an
Erwerb. Niemand hat dich etwas Anderes gelehrt, dein Glaube hat dich
ausgeschlossen von dem Verkehr mit Solchen, welche besser verstehen, was
dem Leben Werth giebt. Ich wei, da es dir an's Herz geht, eine groe
Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch thun, du wirst es thun,
weil du mich liebst.

Ehrenthal rang die Hnde und sagte unter strmenden Thrnen: Du weit
nicht, was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist ein
Diebstahl an deinem Vater.

Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. Du hast mich immer geliebt. Du
hast gewollt, ich sollte anders werden, als du. Du hast immer auf meine
Worte gehrt, und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfllt!
Was ich jetzt von dir will, das ist die erste groe Bitte, die ich an
dich thue. Und diese Bitte werde ich dir in's Ohr sprechen, so lange
ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es wird meine letzte sein.

Du bist ein thrichtes Kind, rief der Vater auer sich, du verlangst
mein Leben, du verlangst mein ganzes Geschft.

Hole die Papiere, erwiederte Bernhard. Ich will mit meinen Augen
sehn, wie du dem Herrn zurckgiebst, was er geschrieben hat, und wie du
aus seiner Hand empfngst, was er dir noch geben kann.

Ehrenthal holte sein Taschentuch hervor und weinte laut: Er ist krank.
Ich soll ihn verlieren und ich soll verlieren auch mein Geld. Der
Freiherr sa unterde schweigend auf seinem Stuhl und sah vor sich
nieder. An dem Fenster aber ballte Itzig krampfhaft die Hand, und ohne
da er es merkte, zerrte er die Gardine von der Stange.

Der Sohn sah unverwandt auf die Windungen des Vaters und rief endlich
mit Anstrengung: Ich will es, Vater, hole die Papiere. Dann sank er in
die Kissen zurck. Der Vater wollte sich auf ihn strzen, aber mit einer
kurzen Geberde des Widerwillens wies Bernhard ihn zurck, und mit Mhe
aufathmend, sagte er: Es ist genug, du thust mir weh.

Da fuhr Ehrenthal auf, ergriff seinen Comtoirleuchter und wankte aus dem
Zimmer. Still war es in dem Raum, nur die ngstlichen Athemzge der
Zurckbleibenden wurden gehrt. Immer noch sa der Freiherr gebeugt,
aber in der Abspannung fhlte er etwas durch seine Seele zucken, was
aussah wie Freude. Er sah eine Stelle an seinem Himmel, wo die Sonne aus
den dunkeln Wolken brach. Er war gerettet. Sein Ehrenwort war ihm
zurckgegeben, und neue achttausend Thaler von dem Manne am Fenster in
Aussicht. Jetzt konnte er wieder aufblicken, er durfte wieder sein Haupt
hoch tragen. Er fate die Hand des Kranken, drckte sie und sagte ihm
leise: Ich danke Ihnen, mein Herr, o wie danke ich Ihnen, Sie sind mein
Retter, Sie schtzen meine Familie vor Verzweiflung und mich vor der
Schande.

Bernhard hielt die Hand des Freiherrn fest, und ein seliges Lcheln flog
ber sein Gesicht. Unterde schlug am Fenster Einer mit den Zhnen
zusammen in verzweifelter Spannung und prete seinen Leib fest an die
Mauer, um das Fieber zu bndigen, das ihn schttelte.

So blieb es lange still in der Stube, Niemand sprach, Ehrenthal kam
nicht zurck. Pltzlich wurde die Entrethr aufgerissen, in voller
Furie strzte ein Mann in das Zimmer, das Gesicht verstrt, die Haare
zerrauft. Es war Ehrenthal. -- Er hielt das flackernde Licht in der
Hand, aber nichts Anderes.

Verschwunden! schrie er und schlug die Hnde zusammen, da das Licht
auf den Boden fiel. Alles ist fort, gestohlen ist Alles. Er strzte
auf dem Bett seines Sohnes nieder und streckte die Arme nach dem Kranken
aus, als wollte er von ihm Hlfe erflehen. Der Freiherr sprang auf,
nicht weniger entsetzt, als Ehrenthal. Was ist gestohlen? rief er den
Andern an.

Fort ist Alles, sthnte Ehrenthal, nur auf seinen Sohn blickend, die
Verschreibungen sind fort, die Hypotheken sind fort. Ich bin beraubt,
schrie er aufspringend, Diebstahl, Einbruch! Schickt nach der Polizei!
und wieder strzte er hinaus, der Freiherr hinter ihm.

Betubt, halb ohnmchtig sah Bernhard ihnen nach. Da trat vom Fenster
er, der zurckgeblieben war, an das Bett. Der Kranke warf sein Haupt zur
Seite und starrte auf den Mann, wie der ermattete Vogel auf die
Schlange. Es war das Gesicht eines Teufels, in das er blickte, rothes
Haar stand borstig in die Hhe, Hllenangst und Bosheit sa in den
hlichen Zgen. Bernhard schlo die Augen und hielt die Hand vor. Aber
das Gesicht kam nher an ihn heran und eine heisere Stimme flsterte in
sein Ohr.

Unterde standen unten im Comtoir zwei Mnner einander gegenber und
sahen einander mit nichtssagenden Blicken an. Die Cassette mit ihrem
Inhalt war verschwunden, was der Freiherr auf das Pult gelegt hatte,
war verschwunden. Ehrenthal hatte mit seinen Schlsseln geffnet wie
immer, nichts an den Schlssern war versehrt, Alles im Comtoir lag an
seiner Stelle. Wenn in dem offenen Geldschrank Geld fehlte, so konnte es
nur wenig sein. An den wohlverwahrten Fensterladen war keine Spur von
Verletzung, es blieb unbegreiflich, wie die Documente genommen waren.

Die beiden Mnner liefen in den Hausflur, dort leuchteten sie umher,
hinter der Treppe, hinter einer alten Kiste, in dem Eingang zum Keller,
in dem schwarzen Hofraum, nirgend war etwas zu sehen. Sogar die Hausthr
war verschlossen; sie erinnerten sich, da der vorsichtige Buchhalter
beim Heraufgehen das gethan hatte. Und wieder rannten sie zurck in das
Comtoir und durchsuchten jeden Winkel immer hastiger, immer angstvoller.
Dann saen sie einander gegenber mit blutlosen Wangen in einer Angst,
welche mit jeder Minute stieg, Jeder dem Andern mitrauend, Jeder mit
feindlichem Blick auf den Andern schielend, ob nicht ein Zeichen das
bse Gewissen verrathe. Und wieder sprangen Beide auf und berschtteten
einander mit Vorwrfen, wie sie die Verzweiflung eingiebt, und whrend
sie wie Wilde gegen einander die Hand erhoben, empfanden Beide, da der
Andere ebensoviel verliere, als der Eine, und da sie Grund hatten, ihre
Stimme zu migen, damit kein Fremder ein Zeuge des Auftritts werde.

Aus Ehrenthals Comtoir waren die Papiere verschwunden in dem Augenblick,
wo er widerwillig dem Drngen seines Sohnes nachgab, sich mit dem
Freiherrn zu vershnen. Er hatte noch kaum in die Vershnung gewilligt,
er allein war gegangen, die Papiere zu holen. Wrde man ihm glauben, da
sie gestohlen waren? Wrde sein eigener Sohn ihm glauben?

Und wieder dem Freiherrn hing an den Papieren Alles, o sein Verlust war
der grte. Eben erst hatte er sich einer Hoffnung auf Rettung
hingegeben, jetzt sank er in einen Abgrund, dessen Tiefe das Auge des
Fallenden noch gar nicht ermessen konnte. In fremden Hnden waren die
Scheine. Wenn der Dieb sie zu benutzen verstand, ja, wenn der Diebstahl
nur vor Gericht angezeigt wurde, so war er verloren. Und wenn sie sich
nicht wieder fanden, auch dann war er rettungslos verloren. Jahre konnte
es dauern, bis ihm die verlorenen Hypotheken vom Gericht neu
ausgefertigt wurden, und sein Schicksal mute sich in Wochen
entscheiden. Er war nicht im Stande, sich mit dem feindseligen Ehrenthal
auseinanderzusetzen, er war nicht im Stande, andern Glubigern Deckung
zu geben. Jetzt war er unrettbar verloren. Vor ihm lag Armuth, Verfall,
Schande. Wieder fiel ihm jenes Ehrengericht ein, seine Kameraden und der
unglckliche junge Mann, der sich selbst gerichtet hatte. Er hatte
damals den Todten ansehen mssen, er wute, wie Einer aussah, der so
gestorben war. Er wute jetzt auch, wie man dazu kam, so zu sterben.
Sonst hatte ihm gegraut, wenn er an das Bild des Todten dachte, jetzt
fhlte er kein Grauen mehr. Seine Lippen bewegten sich, und wie im
Traume sprach er zu sich selbst die trstenden Worte: Das ist die
letzte Hlfe.

So saen die beiden Mnner einander gegenber und brteten vor sich hin,
und die Minuten, welche ber ihr Haupt zogen, entstellten ihr Antlitz
und ihr Urtheil.

Hastiger flackerte das Licht, die Thr wurde aufgerissen, langsam
wendeten die Beiden ihr Gesicht dem Eintretenden zu. Ein hlicher Kopf
erschien an der Thr, und ein wilder Ruf wurde gehrt: Hinauf, Hirsch
Ehrenthal, Euer Sohn stirbt. Die Erscheinung verschwand, mit einem
lauten Schrei strzte Ehrenthal nach der Thr, der Freiherr wankte als
ein mder Mann zum Hause hinaus.

Als der Vater am Bett seines Sohnes niederfiel, hob sich noch einmal
eine weie Hand drohend in die Hh, dann sank ein todter Leib zurck.
Bernhard fuhr nach der Sonne.

Drauen war ein warmer Abend. Ein leichter Wolkendunst bedeckte die
Sterne des Nachthimmels, aber ein heimliches Dmmerlicht erhellte die
Erde. Von dem blhenden Gebsch der ffentlichen Anlagen trieb der
Luftzug balsamische Dfte in die Straen der Stadt. Langsam zogen die
heimkehrenden Spaziergnger an den Husern entlang, es wurde ihnen
schwer, die sdliche Luft zu verlassen und sich in ihre Mauern
einzuschlieen. Behaglich dehnte sich der Bettler auf der Schwelle des
steinernen Palastes; jeder Gesell, der ein Liebchen hatte, eilte heut zu
ihr und fhrte sie durch die Straen, wer mde war, heut verga er die
Arbeit des Tages, wer Kummer hatte, heut fhlte er ihn wenig, wer sonst
das ganze Jahr allein stand, heut suchte er den Nachbar auf. Vor den
Thren standen die Leute, plauderten und lachten, die Kinder spielten
auf der Strae, sie haschten einander in der Dmmerung und tanzten auf
den Granitplatten des Pflasters. Heut schmetterte die Nachtigall im
Bauer ihr bestes Lied, sie sang, da der schne Frhsommer da sei, die
glckliche Zeit, wo das Leben leicht wird und die Hoffnungen sich zur
Blthe entfalten.

Durch die Schwrme der Spaziergnger schritt schwerfllig die hohe
Gestalt eines Mannes, den Kopf auf der Brust. Seine Pferde stampften
ungeduldig auf das Pflaster und erwarteten die Rckkehr des Herrn, um
ihn aus dem Gewhl der Arbeiter in das vornehme Quartier zu fhren. Sie
warteten umsonst bis in die Nacht hinein; der, dem sie dienten, hatte
sie vergessen. Er hrte nichts von dem Ruf der Nachtigall und trat durch
den Kreis der tanzenden Mdchen, ohne einen Laut von den frhlichen
Kinderstimmen zu vernehmen. Sein Haupt war ihm schwer, und trge der Zug
seiner Gedanken. So kam er aus der Stadt in die Anlagen, er stieg
langsam einen blumengeschmckten Hgel hinan und setzte sich dort
ermdet auf eine Bank. Unten vor seinen Fen zog der dunkle Strom dem
Meere zu, ihm gegenber erhoben sich die gewaltigen Massen des alten
Doms. Der Flu vor ihm war bedeckt mit Holzflen, welche vom Oberlauf
des Stroms herkamen, um weit hinab zu fahren bis in die Nhe der See.
Auf den Flen standen die Htten der Ruderknechte, daneben loderten
kleine Feuer, an denen die Leute ihre Abendkost bereiteten. Durch die
stille Luft klang zuweilen das laute Gelchter oder ein roher Schrei der
Fhrleute zu ihm herauf. Das fluthende Wasser, die khnen Umrisse der
Thrme, den duftigen Wolkenschleier hoch oben sah er wie im Nebel, nur
ein Gedanke blitzte in seinem finstern Gemth auf, wie der feurige Punkt
dort unten auf dem Flu. Auch er hatte mit gefltem Holz Geschfte
gemacht, und das Geld, das er dabei gewonnen, wurde von Andern ein
Sndengeld genannt. Es war fremdes Eigenthum, wie die Summe, die der
Mann mit der Pistole genommen hatte. Er stand hastig auf und eilte den
Hgel hinab.

In einer Allee hoher Platanen lief er hin und her, und wieder blieb er
ermdet stehen und sttzte seinen Rcken an einen Baumstamm. Vor ihm
stiegen die Schornsteine des Quartiers auf, in dem sich die
Fabrikthtigkeit der Stadt angesiedelt hatte, eine Reihe riesiger
Obelisken ragte hoch ber die Dcher der Menschenwohnungen. Er wute,
was das bedeutete, eine solche Sule in die Wolken bauen. Auch er hatte
in den Grund des Baues Alles hineingeworfen, was ihn bis dahin schtzend
umgeben hatte, seine Kraft, sein Geld, seine Ehre. Mit schlaflosen
Nchten, mit grauem Haar hatte sein Wahnwitz ein solches Monument
bezahlt, es war die Leichensule seines Geschlechts, die er auf seinem
Gut aufgebaut hatte. Und was er hier vor sich sah in dem undeutlichen
Lichte der Nacht, das war ein ungeheurer Kirchhof, viele schattenhafte
Denkmler, unter welchen der Seelenfrieden glcklicher Menschen
eingesargt lag. Und er nickte mit seinem Haupt und sagte, so da er
selbst die Worte vernahm: Das war das Letzte. Er richtete sich auf und
schritt seinem Hause zu.

Auf dem Wege empfand er, wie behaglich ihm war, an das zu denken, was
ihn von solchen hlichen Bildern befreien konnte. So trat er in sein
Haus. Er machte ein freundliches Gesicht, als ihm die Lampe des Flurs
auf die Augen schien. Als er in dem Entre stand, hrte er in dem Zimmer
der Baronin sprechen. Lenore las vor. Er hrte zu und merkte, was sie
vorlas, war aus einem Roman. Er durfte die Frauen nicht erschrecken.
Aber es war ein Hinterzimmer im Hause, abgelegen, die Stube daneben
unbewohnt, dorthin mute er gehen. Als er noch so stand, ffnete sich
die Thr, und die Baronin sah heraus. Unwillkrlich fuhr sie zurck, als
sie ihn an der Thr erblickte. Er lchelte und trat mit munterm Schritt
in das Zimmer. Seiner Frau gab er die Hand, er strich ber Lenorens
Haupt und beugte sich nieder, um zu sehen, was sie las. Die Baronin
klagte, da sie den Thee ohne ihn getrunken, und er scherzte ber ihre
Ungeduld, die den Lieblingstrank nicht erwarten konnte. Dabei dachte er,
da es ihm selbst auf eine Stunde durchaus nicht ankomme. Er trat zu dem
Bauer, in welchem zwei kleine Vgel aus fremdem Lande schlafend auf der
Stange saen, dicht an einander gedrngt, ein Kpfchen an das andere
gelehnt; er steckte den Finger zwischen die metallenen Stbe, als wollte
er sie streicheln, und sagte gedankenlos: sie sind zur Ruh gegangen.
Dann nahm er die Kerze aus der Hand des Bedienten und schritt nach der
Thr seines Zimmers. Als er den Griff anfate, bemerkte er, da das Auge
seiner Frau ngstlich auf ihn gerichtet war, er wandte sich noch einmal
zu ihr und nickte ihr freundlich zu. Dann schlo er die Thr. Er holte
einen polirten Kasten aus seinem Schreibtisch und trug ihn mit dem Licht
nach der Eckstube des Hauses. Hier war er sicher, Niemanden zu stren.

Langsam lud er. Whrend des Ladens sah er auf die eingelegte Arbeit des
Kolbens. Es war die mhsame Arbeit eines armen Teufels von
Bchsenmacher, seine Bekannten hatten sie oft bewundert; die Pistolen
selbst waren ein Geschenk des Generals, der bei seiner Hochzeit den
Brautvater seiner elternlosen Gemahlin gemacht hatte. Schnell drckte
er den Ladestock in den Lauf; dann sah er hinter sich, wenn er fiel,
wollte er nicht auf dem Boden liegen. Er durfte die, welche eintraten,
nicht durch den hlichen Eindruck erschrecken, den ihm der Kamerad auf
der Diele gemacht hatte.

Er setzte das Eisen an seine Schlfe. Da wurde der gellende Schrei einer
Frau gehrt, sein Weib strzte in das Zimmer; sein Arm wurde mit der
Kraft der Verzweiflung gefat, er zuckte zusammen, der Finger berhrte
den Drcker. Ein Feuerstrahl und ein Knall, und er sank in das Sopha
zurck und fuhr chzend mit beiden Hnden nach seinen Augen.

Im Hause des Hndlers aus dem Zimmer des Todten stieg ein Vater das
Licht in der Hand die Treppe hinab in das Comtoir. Aengstlich leuchtete
er auf das Pult, in den Schrank, in alle Ecken des Raumes, er setzte
sich nieder, schttelte den Kopf und wunderte sich. Dann verschlo er
sein Comtoir, stieg wieder hinauf und fiel mit Sthnen und Geschrei an
dem Bett nieder. So trieb er es die ganze Nacht hindurch, klagend und
suchend, ein verstrter, abgelebter, zu Grunde gerichteter Mann.




~VIII.~


Im Hause des Kaufmanns flo das Leben der Hausgenossen wieder in ebener
Strmung dahin. Die kleinen Wirbel, welche der heimkehrende Anton
aufgeregt hatte, waren allmhlich zerronnen. Die unerhrten Prachtstcke
aus dem Nubaumschrank hatten andern Nummern das Feld gerumt, welche
zwar ebenfalls ausgezeichnet, aber fr die Tante noch begreiflich waren.
Auch darin hatte die Tante recht prophezeit, da Anton von diesem
heimlichen Sieg des ruhigen Verstandes ber leidenschaftliche
Dankbarkeit gar nichts bemerkte. Nur eine Vernderung war geblieben,
die grte, glorreichste: der Bewohner des Hinterhauses behielt einen
bevorzugten Platz in dem Herzen der jungen Herrin, und seine stattliche
Gestalt erschien jetzt oft unter den Bildern, welche Sabine am
Arbeitskorb und in der Schatzkammer um sich versammelte.

Heut schritt Sabine vor dem Mittagstisch unruhig in ihrem Zimmer auf und
ab. Die Tante, welche Alles erfuhr, hatte ihr soeben erzhlt, da ein
Mdchen aus Ehrenthals Hause in das Comtoir gelaufen war, um Bernhards
Tod dem Freunde zu melden. Wie wird er die Nachricht ertragen? dachte
Sabine. Und bei dem Namen Ehrenthal mute sie an die Vergangenheit
denken, an einen Andern, der jetzt in weiter Ferne lebte, und an die
Stunde, wo das Schwanken ihrer Seele durch einen Brief aus dem Hause des
Todten zu schnellem Ende gebracht worden war. Und Anton wute um dies
bekmpfte Gefhl, o wie oft hatte sie dies Wissen aus seinem besorgten
Blick, aus seiner schonenden Rede erkannt! Wie rcksichtsvoll war seine
Haltung ihr gegenber gewesen, wie ritterlich die stille Hlfe, die er
ihr in der Unterhaltung gebracht. Ob er auch eine Ahnung hatte von dem
tapfern Sieg, den sie nach und nach ber eine Jugendthorheit erkmpft
hatte? Sie schttelte ihr Haupt. Nein, er wei nichts davon, noch immer
sieht er in mir das Mdchen, das der Schwche ihrer kindischen Neigung
erlag. Sie blieb vor ihrem Blumentisch stehen. An dieser Stelle
verrieth ihm der Zufall, wie ich damals empfand. Noch heut steht die
Vergangenheit als eine dunkle Wolke zwischen ihm und mir. Ueberall fhle
ich den Schatten des Geschiedenen an meiner Seite, wenn ich am Abend
neben Wohlfart sitze, wenn er mich grt und zu mir spricht. Immer sagt
sein Ton und seine Haltung: Sie ist nicht allein, er ist bei ihr. Sie
zuckte zusammen und fuhr mit der Hand leise ber das luftige Laub, um
den Gedanken wegzuwischen, der sie qulte. Sie konnte ihm nicht sagen,
da sie jetzt frei war von dem lange verhohlenen Leid. Aber heut, wo er
einen Freund verloren hatte, der ihm so lieb war, mute sie ihm zeigen,
da er noch andere Herzen besa, die an ihm hingen. Und wieder ging sie
sinnend auf und ab und suchte einen Weg, ihn allein zu sprechen.

Der Diener rief zur Tafel. Anton kam mit den andern Herren und setzte
sich sogleich an seinen Platz. Es war keine Gelegenheit, vor Tische mit
ihm zu reden. Aber er sah sie mit einem Blick voll Trauer an, da sie
sich nicht enthalten konnte, ihm herzlich zuzunicken. Er it heut
nichts, flsterte ihr die Tante zu, auch keinen Braten, wiederholte
sie vorwurfsvoll. Sabine wurde sehr unruhig und besorgt. Jetzt muten
die Herren die Sthle rcken, dann ging er mit ihnen aus dem Saal, und
sie sah ihn den ganzen Tag nicht wieder. Schon erhob sich Herr Jordan,
da rief sie zu Anton herber: Die groe Calla ist aufgeblht, Sie haben
sich neulich ber die Knospe gefreut, verweilen Sie noch einen
Augenblick, ich mchte sie Ihnen zeigen. Anton verneigte sich und
blieb. Noch einige peinliche Minuten, da stand auch der Bruder auf, sie
eilte zu Anton und fhrte ihn in ihr Zimmer vor den Blumentisch.

Sie haben heut eine schmerzliche Nachricht erhalten, begann sie leise.

Die Botschaft selbst hat mich nicht berrascht, erwiderte Anton
bewegt, der Arzt gab mir keine Hoffnung. Aber ich verliere viel mit
ihm.

Ich habe ihn nie gesehen, sagte Sabine, nur aus Ihrem Munde wei ich,
da sein Leben einsam war, arm an Freuden und Liebe.

Sie rckte Anton einen Sessel hin und lie ihn von dem Freunde erzhlen.
Mit warmem Antheil lauschte sie auf jedes Wort, liebevoll wute sie zu
fragen und zu trsten. Fr Anton war es ein Bedrfni, von dem Freunde
zu sprechen, und beredt schilderte er ihr sein stilles Treiben, seine
Gelehrsamkeit und sein enthusiastisches Gefhl. Da nach einer Pause sah
ihm Sabine herzlich in die Augen und frug: Haben Sie Nachricht von
Herrn von Fink?

Es war das erste Mal, da sie gegen Anton den Namen ber die Lippen
brachte. Er fhlte das Rhrende des Vertrauens, da sie gerade in dieser
Stunde nach dem Geliebten ihrer Seele frug. In seiner Bewegung fate er
ihre Hand, die vor ihm auf dem Tische lag. Langsam zog sie die Hand
zurck und schlug die Augen nieder. Nur einen Augenblick, dann sah sie
ihm wieder freundlich in's Gesicht.

Er fhlt sich in dem neuen Leben nicht glcklich, sagte Anton ernst.
In seinem letzten Brief war eine grimmige Laune, und ich schliee
daraus noch mehr, als aus seinen Worten, da dort Vieles nicht so ist,
wie er es erwartet hat. Die Geschfte, in welche er durch den Tod seines
Onkels hineingeworfen wurde, gefallen ihm nicht.

Sie sind unwrdig, rief Sabine schnell.

Wenigstens nicht, was in diesem Hause ehrenhaft heit, erwiederte
Anton. Fink denkt zu gro und hat zu lange in der Nhe Ihres Bruders
gelebt, als da ihn die wsten Speculationen erfreuen knnten, welche
dort drben nur zu gewhnlich sind. Seine Geschftsfreunde sind zum
groen Theil gewissenlose Menschen, und seine Seele emprt sich gegen
ihre Genossenschaft.

Und kann Herr von Fink ein solches Verhltni auch nur einen Tag
ertragen? frug Sabine.

Es ist ein merkwrdiges Schicksal, antwortete Anton, da er, der
seinen eigenen Willen gegen Andere so souverain geltend macht, gerade
er, der so wenig geneigt ist, uerm Zwang zu gehorchen, doch in seiner
gegenwrtigen Thtigkeit berall mit gebundenen Hnden arbeitet. Der
ganze Mechanismus dieser Speculationen ist in Amerika so fest
organisirt, da ein einzelner Theilhaber wenig daran ndern kann. Und so
ist die Lage Finks jetzt, wo er seine Wnsche erreicht hat, groe
Capitalien, Disposition ber viele Quadratmeilen Landes, zweifelhafter
als je in seinem Leben. Er war immer in Gefahr, gering von andern
Menschen zu denken, jetzt ngstigt mich die herbe Verachtung, mit
welcher er von seinem eigenen Leben spricht. Sein letzter Brief
schilderte eine unertrgliche Lage und lie irgend einen gewaltsamen
Entschlu ahnen.

Es giebt fr ihn nur einen Entschlu, rief Sabine. Darf ich fragen,
was Sie ihm geantwortet haben?

Ich habe von ihm gefordert, sich auf der Stelle unter jeder Bedingung
von diesen Geschften zu lsen. Seinem ernsten Willen wird ein Weg dazu
sich bieten, auch wenn der Ausweg, den ich ihm vorschlug, unmglich sein
sollte. Und ich habe ihn gebeten, entweder seinen alten Plan auszufhren
und ein wirklicher Gutsbesitzer in Amerika zu werden, oder zu uns
zurckzukehren.

Ich wute, da Sie so schreiben wrden, sagte Sabine tief aufathmend.
Ja, er soll zurckkehren, Wohlfart, wiederholte sie leiser, aber
nicht zu uns soll er kommen. -- Anton schwieg.

Und glauben Sie, da Herr von Fink Ihrem Rath folgen wird?

Ich wei es nicht, erwiederte Anton langsam, mein Rath war wenig
amerikanisch.

Aber er war, wie Sie ihn geben muten, sagte Sabine mit freudigem
Stolz.

Ein Offizier wnscht Herrn Wohlfart zu sprechen, unterbrach sie der
eintretende Diener. -- Anton sprang auf. Sabine trat zu ihren Blumen und
beugte sich traurig ber die grnen Bltter. Noch schwebte der Schatten
des Andern zwischen ihr und ihm.

Die hastigen Worte des Meldenden erfllten Anton mit einer unbestimmten
Angst, er eilte in das Vorzimmer. Dort stand Eugen von Rothsattel. Anton
wollte ihm mit warmem Gru entgegeneilen, da sah er das verstrte
Gesicht und trat erschrocken zurck. Eugen aber flsterte ngstlich wie
mit bsem Gewissen: Meine Mutter wnscht Sie zu sprechen, es ist etwas
Schreckliches bei uns vorgefallen. Anton griff nach seinem Hut und
sprang nach dem Comtoir, wo er schnell Baumann bat, ihn beim Prinzipal
zu entschuldigen; dann begleitete er den Lieutnant nach der Wohnung des
Freiherrn. Vernichtet ging Eugen an Antons Seite, er hatte alle Fassung
verloren. Unzusammenhngend und fr Anton nicht ganz verstndlich war,
was er sagte: Mein Vater hat sich gestern Abend aus Versehen durch
einen Schu verwundet, -- ein reitender Bote hat mich aus der Garnison
nach der Hauptstadt gerufen -- als ich ankam, fand ich die Mutter in
Ohnmacht. Wohl eine Stunde hat sie darin gelegen. Ich und die Schwester
wissen uns keinen Rath. Lenore hat die Mutter auf den Knieen gebeten, zu
Ihnen zu schicken. Sie sind der einzige Mensch, zu dem wir in unserer
Noth Vertrauen haben. Ich verstehe nichts von Geschften, aber es mu
mit dem Vater sehr schlecht stehen. Die Mutter ist ganz auer sich.
Alles im Hause ist in der grten Unordnung.

Aus dem, was er sagte und was er zu verschweigen suchte, aus seinen
abgerissenen Reden und seinem angstvollen Blick ahnte Anton Einiges von
den Schrecken des letzten Abends. In dem Wohnzimmer der Baronin traf er
Lenore; verweint, erschpft wankte sie ihm entgegen. Lieber Wohlfart,
rief sie, seine Hand fassend; von Neuem begann sie zu schluchzen, und
kraftlos sank ihr Haupt an seine Schulter. Unterde ging Eugen mit
gerungenen Hnden in der Stube auf und ab, setzte sich endlich in eine
Sophaecke und weinte still vor sich hin.

Es ist grlich, Herr Wohlfart, klagte Lenore sich aufrichtend.
Niemand darf zum Vater, nicht Eugen, nicht ich, die Mutter allein und
der alte Johann sind um ihn. Und heut frh war der Kaufmann Ehrenthal
hier, er wollte durchaus mit dem Vater sprechen, er schrie laut gegen
die Mama, er schalt den Vater einen Betrger, so da die Mutter zu Boden
sank. Als ich in das Zimmer strzte, ging der schreckliche Mensch fort
und drohte noch mit der Faust nach uns.

Anton fhrte Lenore in einen Sessel und wartete, bis sie sich erholt
hatte. Hier zu trsten war unmglich, ihn selbst erschtterte der Jammer
im tiefsten Herzen. Ruf' die Mutter, Eugen, sagte Lenore endlich. Der
Bruder eilte hinaus. Verlassen Sie uns nicht, bat Lenore mit
gerungenen Hnden. Es ist zum Aeuersten mit uns gekommen, auch Ihre
Hlfe vermochte nicht, das Unglck abzuwenden.

Er ist todt, der es vielleicht gekonnt htte, erwiederte Anton
traurig. Ob ich Ihnen ntzen kann, wei ich nicht; da ich den guten
Willen habe, daran werden Sie nicht zweifeln.

Nein, rief Lenore, auch Eugen dachte sogleich an Sie.

Die Baronin trat herein. Sie ging mhsam auf Anton zu und sttzte sich
mit der Hand an einen Stuhl, aber sie begrte ihn mit Haltung. Wir
sind in eine Lage gekommen, in der uns ein Freund nthig ist, welcher
mit Geschften mehr Bescheid wei, als wir Drei. Ein unglcklicher
Zufall verhindert den Freiherrn, wahrscheinlich fr lngere Zeit sich um
seine Angelegenheiten zu kmmern, und so wenig ich davon verstehe, so
sehe ich doch, da schnelle Thtigkeit in unserm Interesse nothwendig
wird. Meine Kinder haben mir Ihren Namen genannt, ich muthe Ihnen viel
zu, wenn ich Sie bitte, unsern Wnschen Ihre Zeit zu opfern. Sie setzte
sich, winkte Anton, Platz zu nehmen, und sagte zu den Kindern: Verlat
uns, ich werde Herrn Wohlfart das Wenige, das ich wei, leichter sagen,
wenn ich Euren Schmerz nicht sehe.

Als sie allein waren, winkte sie Anton nher an sich heran und versuchte
zu sprechen, aber ihre Lippe zuckte, und sie verbarg ihr Gesicht hinter
dem Taschentuch.

Anton sah gerhrt auf den Kampf, den ihr die Mittheilung kostete: Bevor
ich zugeben kann, da Sie, gndige Frau, mir ein so ehrenvolles
Vertrauen schenken, mu ich Sie in Ihrem Interesse fragen: hat nicht Ihr
Herr Gemahl einen Verwandten oder nahen Freund, dem Sie eine discrete
Mittheilung leichter machen wrden? Ich bitte Sie, daran zu denken, da
meine eigene Geschftserfahrung nicht gro, und meine Stellung nicht von
der Art ist, da ich fr einen geeigneten Rathgeber des Herrn Barons
gelten knnte.

Ich wei Niemanden, sagte die Baronin trostlos und starrte vor sich
hin. Es wird mir leichter, Ihnen zu sagen, was ich nicht verschweigen
darf, als einem von den Bekannten unsers Hauses. Betrachten Sie sich als
einen Arzt, der zu Kranken gerufen wird. -- Der Freiherr hat mir heute
frh einige Mitteilungen ber seine Vermgensverhltnisse gemacht.

Und jetzt erzhlte sie ihm, was sie von den Verwickelungen ihres Gemahls
verstanden hatte, von der Gefahr, in welcher das Familiengut schwebte,
von dem Capital, dessen er bedurfte, um die polnische Herrschaft zu
bernehmen. Es war unvollstndig, was sie zu sagen wute, aber es
reichte hin, Anton mit banger Sorge um die Zukunft der Familie zu
erfllen.

Mein Mann hat mir den Schlssel zu seinem Secretair bergeben; er
wnscht, da Eugen mit einem Sachverstndigen unsere Angelegenheiten
ruhiger, als der Freiherr selbst, berathe. An Sie habe ich die Bitte,
da Sie mit meinem Sohn diese Prfung vornehmen. Wo Sie Auskunft
brauchen, werde ich Ihnen diese von dem Freiherrn zu verschaffen suchen.
Es frgt sich nun, ob Sie geneigt sind, fr uns, die wir Ihnen doch
Fremde sind, diese Mhe zu bernehmen.

Gern bin ich dazu bereit, erwiederte Anton ernst, und ich hoffe durch
die Gte meines Chefs die dazu nthige Zeit zu erhalten; wenn Sie es
nicht fr zweckmiger finden, dem erfahrenen Anwalt Ihres Gemahls diese
Thtigkeit zu berweisen.

Es wird ja wohl spter Gelegenheit sein, diesen Herrn um seinen Rath zu
fragen, sagte die Baronin abwehrend.

Anton erhob sich. Wann befehlen Sie, da wir anfangen?

Sogleich, erwiederte die Dame, ich frchte, es ist kein Tag zu
verlieren. Ich werde mir Mhe geben, Ihnen bei Durchsicht der Papiere zu
helfen. Sie fhrte Anton in das Nebenzimmer, rief Eugen herzu und
steckte den Schlssel in das Bureau des Freiherrn. Als sich der Schrank
ffnete, verlor auch sie auf einen Augenblick die Selbstbeherrschung,
und ihrem Mund entglitten die Worte: Die Hinterlassenschaft eines
Todten! Sie wankte an das Fenster, und die zitternde Bewegung der
Gardine verrieth den Kampf, in dem ihr Krper erbebte.

Die traurige Arbeit begann, Stunde auf Stunde verlief, Eugen war nicht
im Stande, die Durchsicht zu ertragen, aber die Mutter reichte Anton die
Briefe und Documente zu, welche sie fr ntzlich hielt, und so oft sie
auch ihre Thtigkeit unterbrechen mute, sie hielt aus. Anton ordnete
das Vorhandene und suchte bei flchtiger Durchsicht einzelner Schreiben
wenigstens zu einem oberflchlichen Verstndni zu kommen.

Es war Abend geworden, da ffnete der alte Diener erschrocken die Thr
und rief in das Zimmer: Er ist wieder da. Die Baronin stie einen
leisen Schrei aus und machte mit der Hand eine abweisende Bewegung.

Ich habe ihm gesagt, da Niemand zu Hause ist, er aber lt sich nicht
fortschicken, er lrmt auf der Treppe, ich kann nicht mit ihm fertig
werden.

Es ist mein Tod, wenn ich ihn wieder hre, murmelte die Baronin.

Wenn der Mann Ehrenthal ist, sagte Anton aufstehend, so will ich
versuchen, ihn fortzuschaffen. Das Nthigste ist hier geschehen; haben
Sie die Gte, die Papiere zu bewahren und mir zu erlauben, da ich
morgen wieder komme. Die Baronin winkte stumm eine Bejahung und sank in
den Stuhl zurck. Anton ergriff seinen Hut und eilte in das Vorzimmer,
wo er schon von weitem die lrmende Stimme Ehrenthals vernahm.

Er erschrak ber das Aussehen des Hndlers. Den Hut weit nach dem Nacken
zurckgesetzt, das bleiche Gesicht wie vom Trunk aufgedunsen, die
glsernen Augen gerthet, stand Ehrenthal vor ihm und rief in
abgebrochenen Stzen nach dem Freiherrn, klagte und fluchte. Er soll
kommen, schrie er, auf der Stelle soll er kommen, der schlechte Mann.
Ein Edelmann will er sein, ein Lump ist er, gegen den ich werde holen
die Polizei. Wo ist mein Geld, wo ist meine Hypothek? Ich will wieder
haben meine Sicherheit von diesem Mann, welcher nicht ist zu Hause.

Anton trat dicht an ihn heran und sagte mit fester Stimme: Kennen Sie
mich, Herr Ehrenthal? Ehrenthal richtete seine verglasten Augen auf
ihn, allmhlig erkannte er den Freund des verstorbenen Sohnes.

Er hat Sie lieb gehabt, rief er klglich, er hat mit Ihnen gesprochen
mehr als mit seinem Vater. Sie sind gewesen sein einziger Freund, den er
gehabt hat auf Erden. -- Haben Sie gehrt, was geschehen ist im Hause
bei Ehrenthal? fuhr er flsternd fort. -- Als sie gestohlen haben die
Papiere, ist er gestorben. Er ist gestorben mit einer solchen Hand. Er
ballte die Faust und schlug sich vor die Stirn. O mein Sohn, mein Sohn,
was hast du nicht verziehen deinem Vater!

Wir gehen zu Ihrem Sohn, sprach Anton und ergriff den Arm des
Hndlers. Ehrenthal leistete keinen Widerstand und lie sich von ihm die
Treppe hinunter nach seinem Hause fhren.

Von da eilte Anton zur Wohnung des Justizrath Horn und hatte mit diesem
eine lange Unterredung.

Leidenschaftlich bewegt kam er am spten Abend nach Hause. In der Sorge
um die Menschen, deren sicheres Glck ihm seit Jahren die Phantasie
erfllt hatte, erbebte sein Herz, das Vertrauen, mit dem sie ihn in ihr
Unglck eingeweiht hatten, erfllte ihn mit Stolz. Er brannte vor
Begierde, ihnen zu helfen; er hoffte, da dem treuen Diensteifer
gelingen werde, die Wege zur Rettung zu finden. Noch sah er sie nicht.
Als er im Mondenschein das groe Haus der Handlung vor sich erblickte,
die Fenster des untern Stocks vergittert, Gewlbe und Keller mit
eisernen Thren verschlossen, so sicher und fest im Schlummer der Nacht,
da wurde ihm klar: wenn ein Mann helfen konnte, so war es sein
Prinzipal. Sein Scharfblick wute in alle dunklen Geheimnisse, denen der
Freiherr verfallen war, einzudringen, seiner eisernen Kraft muten die
Schurken erliegen, welche den Gutsbesitzer festhielten. Ja und er hatte
ein groes Herz, er fand das Rechte mhelos, ohne Kampf. Anton sah zu
dem ersten Stock auf. Die ganze Hausfront war finster, nur in der
Eckstube brannte noch ein Licht. Dort war das Arbeitszimmer seines
Chefs.

Mit schnellem Entschlu suchte Anton den Bedienten auf und lie sich zu
Herrn Schrter fhren. Verwundert sah dieser auf den eintretenden Anton.
Was bringen Sie, Wohlfart? Ist etwas vorgefallen?

Ich bitte um Ihren Rath, ich bitte um Ihre Hlfe, rief Anton.

Fr sich oder fr Andere?

Fr eine Familie, mit welcher ich durch Zufall in Verbindung gekommen
bin. Sie geht unter, wenn nicht eine starke Freundeshand das Unheil
abwehrt. Darauf berichtete Anton in fliegender Eile, was er an diesem
Nachmittag erlebt hatte, fate in seiner Bewegung die Hand des Kaufmanns
und rief: Was ich gesehen habe, war schrecklich fr mich. Haben Sie
Erbarmen mit den unglcklichen Frauen und helfen Sie.

Helfen? frug der Kaufmann ernst -- Wie kann ich das? Haben Sie einen
Auftrag, mich dazu in Anspruch zu nehmen; oder ist es nur Ihre warme
Empfindung, welche diese Forderung an mich richtet?

Ich habe keinen Auftrag, sagte Anton, nur der Antheil, den ich an dem
Schicksal des Freiherrn nehme, treibt mich zu Ihnen.

Und welches Recht haben Sie, mir diese Mittheilung zu machen, die Ihnen
selbst doch nur im engen Vertrauen von der Frau des Gutsbesitzers
gemacht sein kann? frug der Kaufmann zurckhaltend.

Ich begehe keine Indiscretion, wenn ich Ihnen sage, was in wenig Tagen
auch fr Fremde kein Geheimni sein wird.

Sie sind jetzt in einer ungewhnlichen Aufregung, sonst wrden Sie
nicht vergessen, da unter allen Umstnden der Kaufmann, der erste
Correspondent meines Comtoirs, solche Mittheilungen nur mit besonderer
Erlaubni der Betheiligten wagt. Es versteht sich von selbst, da ich
keinen Mibrauch von dem machen werde, was Sie mir gesagt haben, aber es
war doch wenig geschftsmig, Wohlfart, da Sie so offen gegen mich
waren.

Anton schwieg betroffen. Er erkannte, da sein Prinzipal Recht hatte,
aber es schien ihm hart, da dieser in solcher Stunde den Vertrauenden
tadelte. Auch der Kaufmann ging schweigend im Zimmer auf und ab; endlich
blieb er vor Anton stehen. Ich frage Sie jetzt nicht, wie Sie dazu
kommen, so warmen Antheil an dem Schicksal dieser Familie zu nehmen; ich
frchte, es ist eine Bekanntschaft, die Sie Fink verdanken.

Sie sollen Alles erfahren, warf Anton ein.

Noch nicht, erwiederte der Prinzipal abwehrend. Jetzt will ich Ihnen
nur wiederholen, da fr mich keine Mglichkeit vorhanden ist, ohne
directe Aufforderung der Betheiligten in fremde Angelegenheiten
einzugreifen. Ich fge hinzu, da ich diese Aufforderung nicht wnsche.
Ich verberge Ihnen nicht, da ich wahrscheinlich auch dann ablehnen
wrde, etwas fr den Freiherrn von Rothsattel zu thun.

Antons Gefhl wallte auf. Es gilt, einen ehrlichen Mann, liebenswrdige
Frauen aus den Hnden von Gaunern zu retten, welche sie umgarnt haben.
Dies scheint mir Pflicht eines jeden Mannes, und vollends ich halte es
fr eine theure Verpflichtung, der ich mich nicht entziehen darf. Ohne
Ihre Untersttzung aber vermag ich nichts.

Wie also denken Sie, da dem verschuldeten Gutsbesitzer geholfen werden
kann? frug der Kaufmann sich niedersetzend.

Mit etwas mehr Ruhe erwiederte Anton: Zunchst nur dadurch, da ein
erfahrener Geschftsmann wie Sie die Verwickelungen zu durchschauen
sucht. Es mu einen Punkt geben, wo die Schurken zu fassen sind. Ihr
Rath, Ihre Einsicht wrden ihn finden.

Beides besitzt jeder Rechtsanwalt in hherem Grade als ich, entgegnete
der Kaufmann; ohne Schwierigkeit wird der Baron gescheidte und
ehrliche Juristen gewinnen. Wenn die Gegner des Freiherrn dem Gesetz
irgend eine Ble gegeben haben, so wird das Sprauge eines Sachwalters
diese am ersten entdecken.

Leider giebt der Anwalt des Freiherrn wenig Hoffnung, erwiderte Anton.

Dann, lieber Wohlfart, wird auch fr Andere schwerlich etwas zu machen
sein. Zeigen Sie mir einen Mann, der in Verlegenheit ist und Kraft hat,
sich an einer dargebotenen Hand aufzuhelfen, und sagen Sie mir: Hilf
ihm! so werde ich, weil ich Ihr Freund und Ihnen zu groem Dank
verpflichtet bin, meine Hand dem Gefhrdeten nicht verweigern. Ich
denke, Sie sind davon berzeugt.

Ich bin es, versetzte Anton kleinlaut.

So aber steht es nach Allem, was ich hre, mit dem Freiherrn nicht.
Soweit ich aus Ihren Worten und dem, was man in der Stadt ber ihn
erzhlt, seine Verhltnisse verstehe, konnte er nur deshalb in die Hnde
der Wucherer fallen, weil ihm das fehlte, was dem Leben jedes Menschen
erst Werth giebt, ein besonnenes Urtheil und eine stetige Arbeitskraft.

Anton mute dies mit einem Seufzer zugeben.

Einem solchen Mann zu helfen, fuhr der Kaufmann unerbittlich fort,
ist eine miliche Aufgabe, bei welcher der Verstand wohl das Recht hat,
zu widersprechen. Man soll von keinem Menschen die Hoffnung aufgeben,
da er sich ndern kann, aber gerade der Mangel an Kraft wird am
allerschwersten gebessert. Unsere Fhigkeit, fr Andere zu arbeiten, ist
beschrnkt, und bevor man einem Schwchling seine Zeit opfert, soll man
fragen, ob man sich dadurch nicht selbst der Fhigkeit beraubt, einem
bessern Mann zu helfen.

Anton rief unruhig: Verdient er nicht einige Rcksicht? Er ist in
Ansprchen an das Leben erzogen, er hat nicht wie wir gelernt, durch
eigene Anstrengung sich heraufzuarbeiten.

Der Kaufmann legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. Grade
darum. Glauben Sie mir, einem groen Theil dieser Herren, welche an
ihren alten Familienerinnerungen leiden, ist nicht zu helfen. Ich bin
der Letzte, zu verkennen, wie gro die Anzahl tchtiger Mnner auch in
dieser Menschenklasse ist. Und wo ein bedeutendes Talent oder eine edle
Persnlichkeit unter ihnen aufschiet, mag sie sich grade in ihrer
geschtzten Stellung vortrefflich entfalten; aber fr den groen
Mittelschlag der Menschen ist diese Lage nicht gnstig. Wer von Haus aus
den Anspruch an das Leben macht, zu genieen und seiner Vorfahren wegen
eine bevorzugte Stellung einzunehmen, der wird sehr hufig nicht die
volle Kraft behalten, sich eine solche Stellung zu verdienen. Sehr viele
unserer alten angesessenen Familien sind dem Untergange verfallen, und
es wird kein Unglck fr den Staat sein, wenn sie untergehen. Ihre
Familienerinnerungen machen sie hochmthig ohne Berechtigung,
beschrnken ihren Gesichtskreis, verwirren ihr Urtheil.

Und wenn das Alles wahr ist, rief Anton, so darf es uns doch nicht
abhalten, dem Einzelnen als unserm Mitbruder zu helfen, wo unser
Mitgefhl angeregt wird.

Nein, sagte der Prinzipal, wo es angeregt wird. Aber es glht im
Alter nicht mehr so schnell auf, als in der Jugend. -- Der Freiherr soll
dahin gearbeitet haben, sein Eigenthum aus der groen Fluth der
Capitalien und Menschenkraft dadurch zu isoliren, da er es auf ewige
Zeit seiner Familie verschrieb! Auf ewige Zeit! Sie als Kaufmann wissen,
was von solchem Streben zu halten ist. Wohl mu jeder vernnftige Mann
wnschen, da der adelige Schacher mit Grundbesitz in unserm Lande
aufhrt, Jedermann wird es fr vortheilhaft halten, wenn die Cultur
desselben Bodens vom Vater auf den Sohn bergeht, weil so die Krfte des
Ackers am ersten liebevoll und planmig gesteigert werden. Wir schtzen
ein Mbel, was unsere Vorfahren benutzt haben, und Sabine wird Ihnen mit
Stolz jeden Raum dieses Hauses aufschlieen, zu dem schon ihre
Urgromutter die Schlssel getragen hat. So ist es auch natrlich, wenn
im Gemth des Landwirths der Wunsch entsteht, das Stck Natur, welches
ihn umgiebt, die Quelle seiner Kraft und seines Wohlstandes, den
Menschen zu erhalten, welche ihm die liebsten sind. Aber dafr giebt es
nur ein Mittel, und dies Mittel heit, sein Leben tchtig machen zur
Behauptung und zur Vermehrung des Erbes. Wo die Kraft aufhrt in der
Familie oder im Einzelnen, da soll auch das Vermgen aufhren, das Geld
soll frei dahin rollen in andere Hnde, und die Pflugschar soll
bergehen in eine andere Hand, welche sie besser zu fhren wei. Und die
Familie, welche im Genusse erschlafft, soll wieder heruntersinken auf
den Grund des Volkslebens, um frisch aufsteigender Kraft Raum zu machen.
Jeden, der auf Kosten der freien Bewegung Anderer fr sich und seine
Nachkommen ein ewiges Privilegium sucht, betrachte ich als einen Gegner
der gesunden Entwickelung unseres Staats. Und wenn ein solcher Mann in
diesem Bestreben sich zu Grunde richtet, so werde ich ihm ohne
Schadenfreude zusehen, aber ich werde sagen, da ihm sein Recht
geschehen, weil er gegen einen groen Grundsatz unsers Lebens gesndigt
hat. Und fr ein doppeltes Unrecht werde ich eine Untersttzung dieses
Mannes halten, so lange ich befrchten mu, da meine Hlfe dazu
verwandt wird, eine ungesunde Familienpolitik zu untersttzen.

Anton sah traurig vor sich nieder; er hatte Theilnahme, ein warmes
Eingehen in seine Wnsche erwartet, und fand bei dem Mann, der ihm so
viel galt, eine Klte, die er zu berwinden verzweifelte. Ich kann
Ihnen nicht widersprechen, sagte er endlich, aber ich kann in diesem
Falle nicht so denken wie Sie. Ich habe den ungeheuern Schmerz in der
Familie des Freiherrn mit angesehen, und meine ganze Seele ist voll von
Wehmuth und Theilnahme und von dem Wunsch, irgend etwas fr die Menschen
zu thun, welche mir ihr Herz geffnet haben. Nach dem, was Sie mir
gesagt haben, wage ich nicht mehr, Sie selbst zu bitten, da Sie sich um
diese Angelegenheit kmmern. Aber ich habe der Baronin versprochen,
ihr, soweit ich mit meiner geringen Kraft vermag und soweit Ihre Gte
mir dies erlaubt, beim Ordnen ihrer Verhltnisse behlflich zu sein. Ich
ersuche Sie um die Erlaubni dazu. Ich werde mich bemhen, meine
Comtoirstunden regelmig einzuhalten, aber wenn ich in den nchsten
Wochen zuweilen eine Stunde versume, so bitte ich Sie, mir dies
nachzusehen.

Wieder ging der Kaufmann schweigend im Zimmer auf und ab, endlich blieb
er vor Anton stehen, sah ihm mit tiefem Ernst in das aufgeregte Gesicht,
und es war etwas wie Trauer in seinen Zgen, als er mit Ueberwindung
erwiederte: Denken Sie auch daran, Wohlfart, da jede Thtigkeit, bei
welcher das Gemth aufgeregt wird, leicht eine Macht ber den Menschen
gewinnt, die sein Leben ebensowohl stren als frdern kann. Dieser Grund
ist es, welcher mir die Gewhrung Ihres Wunsches nicht leicht macht.

Auch ich habe vor Wochen dasselbe wie eine Ahnung gefhlt, sagte Anton
leise. Jetzt kann ich nicht anders.

Wohl, so thun Sie, was Sie mssen, schlo der Kaufmann finster, ich
werde Ihnen keine Hindernisse in den Weg legen. Und ich wnsche, da Sie
nach einigen Wochen die ganze Angelegenheit ruhiger betrachten mgen!
Anton verlie mit mehr Haltung das Zimmer. Der Kaufmann sah lange mit
gefurchter Stirn auf die Stelle, an welcher sein Commis gestanden hatte.

In seinem Innern aber war Anton nicht ruhiger geworden. Die khle, ja
mifllige Aufnahme seiner Bitte verletzte ihn tief. So herb, so
unerbittlich, rief er aus, als er sich ermdet in seinem Zimmer
niedersetzte. Aus einem Winkel seiner Seele stieg ihm der Verdacht auf,
da sein Chef doch mehr Egoismus und weniger Gemth habe, als er ihm
zugetraut. Manche Aeuerung Finks fiel ihm wieder ein, jener Abend fiel
ihm ein, wo der junge Rothsattel in knabenhaftem Uebermuth gegen den
Kaufmann seinen Kamm gestrubt hatte. Ist es mglich, da diese Unart
von ihm unvergessen ist? frug er sich zweifelnd. Und hinter den hellen
Gestalten der Edelfrauen verblich das scharf gefurchte Gesicht seines
Chefs. Ich thue nicht unrecht, rief er sich selbst zu; was er sagen
mag, ich habe Recht auch gegen ihn. Und mein Loos wird sein, von heute
ab fr mich allein den Weg zu suchen, auf dem ich gehen mu. So sa er
lange im Finstern, und dster wie der Raum waren seine Gedanken. Er trat
an das Fenster und blickte in den dunkeln Hof hinunter. Da schimmerte in
dem matten Schein, der aus den Wolken in sein Zimmer fiel, ein riesiger
weier Kelch neben ihm geisterhaft in der Luft. Erstaunt fate er
darnach. Er machte Licht und sah die prchtige Blthe der Calla von
Sabinens Blumentisch. Sabine hatte ihm die Blume heimlich
hereingestellt, jetzt hing sie traurig an dem geknickten Stengel herab.
Wie ein trauriges Vorzeichen erschien ihm der kleine Unfall. Er lste
die Blthe, legte sie vor sich auf den Tisch, und lange sa er
schweigend und starrte auf das zusammengerollte Blthenblatt.

Sabine trat, die Kerze in der Hand, in das Zimmer des Bruders. Gute
Nacht, Traugott, nickte sie ihm zu -- Wohlfart war den Abend bei dir,
so spt hat er dich verlassen.

Er wird uns verlassen, erwiederte der Kaufmann finster. Sabine
erschrak, der Leuchter klirrte auf den Tisch. Um Gottes willen, was ist
geschehen? Hat Wohlfart gesagt, da er von uns will?

Noch wei ich es selbst nicht; ich aber sehe es kommen Schritt vor
Schritt. Und nicht ich und noch weniger du knnen etwas thun, um ihn
zurckzuhalten. Als er hier vor mir stand und mit glhenden Wangen und
bebender Stimme Hlfe fr einen ruinirten Mann erbat, erkannte ich, was
ihn forttreibt.

Ich verstehe dich nicht, sagte Sabine und sah den Bruder gro an.

Er hat Lust, der Vertraute eines heruntergekommenen Gutsbesitzers zu
werden. Ein Paar Mdchenaugen ziehen ihn von uns ab, es erscheint ihm
ein wrdiges Ziel seines Ehrgeizes, Geschftsfhrer der Rothsattel zu
werden. Er heit im Comtoir Finks Erbe. Diese Verbindung mit dem
adeligen Gutsbesitzer ist die Erbschaft, die ihm Fink hinterlassen hat.

Und du hast ihm deine Hlfe verweigert? frug Sabine leise.

Die Todten sollen ihre Todten begraben, sagte der Kaufmann rauh und
wandte sich ab zu seinem Schreibtisch. Schweigend entfernte sich Sabine.
Der Leuchter zitterte in ihrer Hand, als sie durch die lange Zimmerreihe
schritt. Aengstlich horchte sie auf ihren eigenen Futritt, und ein
Schauer berlief sie, ihr war, als glitte eine fremde Gestalt unsichtbar
an ihrer Seite hin. Das war die Rache des Andern. Der Schatten, welcher
aus der Vergangenheit auf ihr schuldloses Leben fiel, er scheuchte jetzt
auch den Freund aus ihrem Kreise. An einer Andern hing Antons sehnendes
Herz, sie selbst war ihm eine Fremde geblieben, die einen Entfernten
geliebt und verschmht hatte und jetzt im Wittwenschleier auf das
verglhende Gefhl ihrer Jugend zurcksah.

       *       *       *       *       *

Die nchsten Wochen vergingen Anton in einer aufreibenden Thtigkeit. Er
war peinlich bemht, in den Comtoirstunden seine Pflicht zu thun. Die
Abende, jede Freistunde brachte er an dem Actentisch oder in Conferenzen
mit dem Rechtsanwalt und mit der Baronin zu. Unterde nahm das Unglck
des Freiherrn seinen Verlauf. Er hatte die Zinsen der Capitalien, welche
auf seinem Familiengut lasteten, am letzten Termin nicht gezahlt, eine
ganze Reihe von Hypotheken wurden ihm an einem Tage gekndigt, das
Familiengut kam unter die Verwaltung der Landschaft. Verwickelte
Processe erhoben sich. Ehrenthal klagte und forderte die erste Hypothek
von zwanzigtausend Thalern, und forderte die neue Ausfertigung; er war
aber auch geneigt, Ansprche an die letzte Hypothek zu machen, welche
ihm der Freiherr in der unheilvollen Stunde angeboten hatte. Lbel
Pinkus forderte ebenfalls die erste Hypothek fr sich und behauptete,
die volle Summe von zwanzigtausend Thalern gezahlt zu haben. Ehrenthal
hatte keine Beweise und fhrte seinen Proce unordentlich, er war jetzt
wochenlang auer Stande, sich um seine Geschfte zu kmmern, Pinkus
dagegen focht mit allen Rnken, die ein hartgesottener Snder ausfindig
machen konnte, und der Vertrag, welchen der Freiherr mit ihm
abgeschlossen hatte, war ein so vortreffliches Meisterstck des schlauen
Advocaten, da der Anwalt des Freiherrn gleich am Anfange des Prozesses
wenig Hoffnung gab. Nebenbei bemerkt, Pinkus gewann den Proce, die
Hypothek wurde ihm zugesprochen und neu fr ihn ausgefertigt.

Anton hatte nach und nach Einsicht in die Verhltnisse des Freiherrn
gewonnen. Nur den doppelten Verkauf der ersten Hypothek verbarg der
Freiherr sorgfltig vor seiner Gemahlin. Er nannte die Ansprche
Ehrenthals unbegrndet und uerte den Verdacht, da Ehrenthal selbst
den Diebstahl in seinem Comtoir begangen habe. Das Letztere war in der
That seine Meinung geworden. So wurde der Name Itzigs Anton gegenber
gar nicht genannt, und der Verdacht gegen Ehrenthal, den auch der Anwalt
theilte, verhinderte Anton, bei diesem Aufklrung zu suchen.

Zwischen Anton und dem Kaufmann war eine Spannung eingetreten, welche
das ganze Comtoir mit Erstaunen wahrnahm. Finster sah der Kaufmann auf
Antons leeren Sitz, wenn dieser einmal in den Arbeitsstunden abwesend
war, und gleichgltig auf das Gesicht seines Comtoiristen, welches in
Gemthsbewegungen und Nachtarbeit erblich. Wie einst fr die
Unregelmigkeit Finks, so hatte er auch jetzt fr Antons neue
Thtigkeit kein Wort, er schien sie nicht zu bemerken. Selbst der
Schwester gegenber beobachtete er ein hartnckiges Stillschweigen,
Sabinens Versuche, das Gesprch auf Wohlfart zu bringen, wies er mit
kurzem Ernst ab. Antons Herz emprte sich gegen diese Klte. Nach seiner
Rckkehr behandelt wie ein Kind vom Hause, gerhmt, gepflegt,
gehtschelt, und jetzt wieder gemihandelt wie ein Lohnarbeiter, der das
Brod nicht verdient, welches man ihm hinwirft. Ein Spielzeug
unbegreiflicher Launen! Das wenigstens hatte er nicht verdient! So sa
er verschlossen neben der Familie, wortkarg vor seinem Pult, aber des
Abends, in der Einsamkeit seines Zimmers fuhr ihm oft der Gegensatz
zwischen einst und jetzt so schneidend durch das Haupt, da er heftig
aufsprang und mit dem Fu auf den Boden stampfte.

Nur ein Trost blieb ihm: Sabine zrnte ihm nicht. Er sah sie jetzt
wenig. Auch sie war bei Tische schweigsam und vermied Anton anzureden,
aber er wute doch, da sie ihm Recht gab. Wenige Tage nach jener
Unterredung mit dem Kaufmann stand Anton allein an der groen Waage,
whrend die Hausknechte vor der Thr um einen Frachtwagen beschftigt
waren. Da kam Sabine die Treppe herab, sie ging so nahe bei ihm vorber,
da ihr Kleid ihn berhrte. Anton trat zurck und machte eine frmliche
Verbeugung. Mir drfen Sie nicht fremd werden, Wohlfart, sagte sie
leise und sah ihn bittend an. Es war nur ein Augenblick, ein kurzer
Gru, aber in dem Gesicht Beider glnzte eine frohe Rhrung.

So kam die Zeit heran, in welcher Herr Jordan die Handlung verlassen
sollte. Der Prinzipal rief Anton wieder in das kleine Comtoir. Ohne
Hrte, aber auch ohne eine Spur der Herzlichkeit, die er ihm sonst
gezeigt hatte, begann er: Ich habe Ihnen meine Absicht ausgesprochen,
Sie an Jordans Stelle zu setzen, um Ihnen die Procura zu bergeben. Ihre
Zeit war in den letzten Wochen durch andere Geschfte mehr in Anspruch
genommen, als fr meinen Stellvertreter wnschenswerth ist, dehalb
frage ich Sie selbst, sind Sie im Stande, von jetzt ab die Thtigkeit
Jordans zu bernehmen?

Nein, erwiederte Anton.

Knnen Sie mir eine -- nicht zu entfernte -- Zeit angeben, in welcher
Sie frei von Ihren gegenwrtigen Arbeiten sein werden? frug der
Kaufmann. Ich wrde in diesem Fall fr die nchste Zeit eine Auskunft
zu treffen suchen.

Anton erwiederte traurig: Noch kann ich nicht bestimmen, wann ich
wieder Herr meiner ganzen Zeit sein werde; ich fhle, da ich durch
manche Unregelmigkeit Ihre Nachsicht ohnedies sehr in Anspruch nehme.
Dehalb bitte ich Sie, Herr Schrter, bei Besetzung der Stelle auf mich
keine Rcksicht zu nehmen. Die Stirn des Kaufmanns zog sich in Falten,
und stumm neigte er sein Haupt gegen Anton. Als Anton die Thr des
Zimmers hinter sich schlo, fhlte er, da dieser Augenblick den Bruch
zwischen ihm und dem Prinzipal vollendet hatte. Er setzte sich auf
seinen Platz und sttzte den heien Kopf mit der Hand. Gleich darauf
wurde Baumann zum Prinzipal beschieden, er erhielt die Stelle Jordans.
Als er in das vordere Comtoir zurckkehrte, trat er zu Anton und sagte
leise: Ich habe mich geweigert, die Stelle zu bernehmen, aber Herr
Schrter bestand darauf. Ich begehe ein Unrecht gegen Sie. -- Und am
Abend las Herr Baumann in seiner Stube aus dem ersten Buch Samuelis die
Kapitel vom grimmigen Knig Saul, seinem Prinzipal, und von der
Freundschaft zwischen Jonathan und dem verfolgten David, und strkte
dadurch sein Herz.

       *       *       *       *       *

Den Tag darauf trat Anton in das Zimmer der Baronin. Lenore und die
Mutter saen an einem groen Tisch unter Toiletten und Kstchen von
jeder Form; ein Koffer, stark mit Eisen beschlagen, stand zu den Fen
der Edelfrau. Die Vorhnge waren geschlossen, das gedmpfte Sonnenlicht
fllte den reichgeschmckten Raum mit mattem Glanz; auf dem Teppich des
Fubodens lagen nimmer welkende Krnze, und lustig tickte die Uhr im
Gehuse von Alabaster. Unter blhender Myrthe saen zwei Sympathievgel
in einem versilberten Kfig, sie schrieen unaufhrlich einander zu, und
wenn der eine zur nchsten Stange hinabflatterte, lockte der Genosse ihn
ngstlich, bis er zurckflog. Dann saen beide behaglich dicht an
einander gedrckt. Von grnem und rothem Gold schimmerten die zrtlichen
Kinder eines wrmeren Himmels, wo nie das weiche Leben im kalten
Sturmwind erstarrt. So glnzte und duftete das Zimmer. -- Wie lange
noch? dachte Anton.

Die Baronin erhob sich: Schon wieder bemhen wir Sie. Wir sind bei
einer Arbeit, die uns Frauen viel zu thun macht.

Auf dem Tische war Frauenschmuck, goldene Ketten, Brillanten, Ringe,
Halsbnder in einem Haufen zusammengeschichtet. Wir haben ausgesucht,
was wir entbehren knnen, sagte die Baronin, und bitten Sie, den
Verkauf dieser Sachen zu bernehmen. Man hat mir gesagt, da Einzelnes
davon nicht ohne Geldwerth ist, und da jetzt vor Allem Geld nthig wird,
so suchen wir hier eine Hlfe, welche die Sorge unserer Freunde
verringert.

Anton sah betroffen auf den blitzenden Knuel. Sprechen Sie, Wohlfart,
rief Lenore ngstlich, ist das nthig und kann es etwas ntzen? Mama
hat darauf bestanden, unsern ganzen Schmuck und alles Silber, das wir
nicht tglich gebrauchen, zum Verkauf zurckzulegen. Was ich selbst
geben kann, ist nicht der Rede werth, aber der Schmuck der Mutter ist
kostbar, es sind viele Geschenke aus ihrer Jugend dabei, Erinnerungen,
von denen sie sich nicht trennen soll, wenn Sie nicht sagen, da es
nthig ist.

Ich frchte, es wird nthig sein, erwiederte Anton ernst.

Lenore sprang auf. Arme Mutter! rief sie und schlang ihre Arme um den
Hals der Baronin.

Nehmen Sie, erwiederte die Mutter leise zu Anton, ich werde ruhiger
sein, wenn ich wei, da wir das Mgliche gethan haben.

Ist es aber gut, Alles hinzugeben? frug Anton bittend. Vieles, was
Ihnen vielleicht lieb ist, wird dem Juwelier weniger Werth haben.

Ich werde keinen Schmuck mehr tragen, erwiederte die Baronin kalt,
nehmen Sie Alles, Alles. Sie hielt die Hand vor die Augen und wandte
sich ab.

Wir foltern die Mutter, rief Lenore heftig, verschlieen Sie, was auf
dem Tisch liegt, schaffen Sie es fort aus dem Hause so bald als
mglich.

Ich kann diese Kostbarkeiten nicht bernehmen, sagte Anton, ohne
einige Maregeln, welche meine Verantwortung geringer machen. Vor Allem
will ich in Ihrer Gegenwart wenigstens flchtig aufzeichnen, was Sie mir
bergeben wollen.

Welch unntze Grausamkeit! rief Lenore.

Es soll nicht lange aufhalten. Anton ri einige Bltter aus seiner
Brieftasche und schrieb Stck fr Stck auf.

Du darfst nicht zusehen, Mutter, ich leide es nicht, drngte Lenore,
sie zog die Mutter aus dem Zimmer, dann setzte sie sich zu Anton und sah
ihm zu, wie er die einzelnen Stcke einpackte, mit Nummern versah und
zusammen in den Koffer legte.

Die Vorbereitungen fr den Markt sind schrecklich, klagte Lenore, das
ganze Leben der Mutter wird verkauft, an jedem Stck hngen fr sie
Erinnerungen. Sehen Sie, Wohlfart, diesen Diamantenschmuck hat sie von
der Prinzessin bekommen, als sie den Vater heirathete.

Es sind prachtvolle Brillanten, rief Anton bewundernd.

Dieser Ring stammt von meinem Grovater, und das hier sind Geschenke
meines armen Papa's. -- Ach, kein Mann versteht, wie lieb uns diese
Schmucksachen sind. Es war jedesmal ein Festtag auch fr mich, wenn Mama
die Brillanten trug. -- Jetzt kommen wir zu meinen Habseligkeiten, sie
sind nicht viel werth. Ob dieses Armband gutes Gold sein mag?

Ich wei es nicht.

Wir wollen es doch zu dem Uebrigen thun, sagte Lenore, streifte den
Goldreif vom Arm und legte ihn auf den Tisch. Ja, Sie sind ein guter
Mensch, Wohlfart, fuhr sie fort und sah ihm treuherzig in die feuchten
Augen; verlassen nur Sie uns nicht. Der Bruder hat keine Erfahrung und
ist hlfloser als wir. Es ist eine furchtbare Lage auch fr mich. Vor
Mama mhe ich mich, gefat zu sein, aber ich mchte laut schreien und
weinen den ganzen Tag. Sie sank in einen Stuhl und hielt seine Hand
fest. Lieber Wohlfart, verlassen Sie uns nicht.

Anton beugte sich ber sie und sah in leidenschaftlicher Bewegung auf
die schne Gestalt, die so vertrauend aus ihren Thrnen zu ihm aufsah.
Ich will Ihnen ntzlich sein, wo ich kann, sprach er in mchtiger
Aufwallung seines Gefhls, ich will Ihnen nahe sein, so oft Sie mich
bedrfen. Sie haben eine zu gute Meinung von meinen Kenntnissen und
meiner Kraft, ich kann Ihnen weniger helfen, als Sie glauben. Was ich
aber vermag, das werde ich thun, in jeder Thtigkeit und auf allen
Wegen.

Mit einem warmen Druck lsten sich ihre Hnde, ein Vertrag war
geschlossen.

Die Baronin kam in das Zimmer zurck. Unser Anwalt war heut Morgen bei
mir. Jetzt bitte ich auch Sie um Ihren Rath. Wie der Anwalt mir
mittheilt, ist keine Aussicht, das Familiengut dem Freiherrn zu
erhalten.

In dieser Zeit, wo das Geld theuer und schwer zu haben ist, keine,
erwiederte Anton.

Und auch Sie sind der Meinung, da wir Alles anwenden mssen, um die
polnische Herrschaft uns zu retten?

Ja, erwiederte Anton.

Auch dazu wird Geld nthig sein. Vielleicht vermag ich durch meine
Verwandten Ihnen eine, wenn auch geringe Summe zugnglich zu machen; sie
soll mit diesem da -- sie wies auf den Koffer -- ausreichen, die
Kosten der ersten Einrichtung zu decken. Ich wnsche den Schmuck nicht
hier zu verkaufen, auch fr die Uebernahme der Geldsumme, welche ich
hoffen darf, wird eine Reise nach der Residenz nthig sein. Der Anwalt
des Freiherrn hat mit groer Achtung von Ihrer Umsicht gesprochen. Es
ist auch sein Wunsch, der mich bestimmt, Ihnen ein Anerbieten zu machen.
Wollen Sie uns fr die nchsten Jahre, wenigstens so lange, bis die
grten Schwierigkeiten berwunden sind, Ihre ganze Zeit widmen? Ich
habe mit meinen Kindern berathen, beide sehen, wie ich, in Ihrer
Thtigkeit die einzige Rettung. Auch der Freiherr ist damit
einverstanden. Es frgt sich, ob Ihre Verhltnisse Ihnen erlauben, uns
Unglcklichen Ihren dauernden Beistand zu gnnen. Unter welchen
Bedingungen Sie dies auch thun, wir werden Ihnen dankbar sein. Wenn Sie
irgend eine Form finden, in der wir die groen Verpflichtungen, die wir
gegen Sie haben, auch in Ihrer uern Stellung ausdrcken knnen, so
sagen Sie mir das.

Anton stand erstarrt. Was die Baronin von ihm forderte, war Trennung von
dem Geschft und Trennung von seinem Chef und Sabine. War ihm derselbe
Gedanke schon frher gekommen, wenn er vor Lenore stand oder wenn er
sich ber die Briefe des Freiherrn beugte? -- Jetzt, wo das Wort
ausgesprochen wurde, erschtterte es ihn. Er sah auf Lenore, welche
hinter der Mutter ihre Hnde bittend zusammenlegte. Ich stehe in einem
Verhltni, erwiederte er endlich, welches ich nicht ohne Einwilligung
Anderer lsen darf, ich bin auf diesen Antrag nicht vorbereitet und
bitte Sie, gndige Frau, mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Es ist ein
Schritt, der ber meine Zukunft entscheidet.

Ich drnge nicht, sagte die Baronin, ich bitte nur. Wie Ihre
Entscheidung auch ausfalle, unser warmer Dank wird Ihnen bleiben; wenn
Sie auer Stande sind, unsere schwache Kraft zu sttzen, so frchte ich,
finden wir Niemanden. Denken Sie auch daran, bat sie flehend.

Mit glhenden Wangen eilte Anton ber die Strae. Der bittende Blick der
Edelfrau, die gerungenen Hnde Lenorens winkten ihm hinaus aus dem
dunkeln Comtoir in grere Freiheit, in eine ungewhnliche Zukunft, aus
deren Dunkel einzelne Bilder leuchtend vor ihm aufblitzten. Mit groem
Sinn war eine Forderung an ihn gestellt, und es zog ihn mchtig, ihr
gerecht zu werden. Ein unermdlicher, aufopfernder Helfer war den
Frauen nthig, um sie vor dem letzten Unheil zu bewahren. Und er that
ein gutes Werk, wenn er dem Drange folgte, er erfllte eine Pflicht.

So trat er in das Haus der Handlung. Ach! was hier sein Auge ansah,
streckte eine Hand aus, ihn festzuhalten. Er sah in das dmmrige
Waarengewlbe, in die treuen Gesichter der Hausknechte, auf die Ketten
der groen Waage und ber den Farbentopf des ehrlichen Pix, und empfand
wieder, da er hierher gehrte. Der Hund Sabinens kte seine Hand mit
feuchter Schnauze und lief hinter ihm her bis an sein Zimmer. Sein und
Finks Zimmer! Hier hatte das kindische Herz des verwaisten Knaben einen
Freund gefunden, gute Kameraden, eine Heimath, ein festes ehrenhaftes
Ziel fr sein Leben. Und er sah durch das Fenster hinab in den Hof, auf
die Winkel und Vorsprnge des mchtigen Hauses, auf das Gitterfenster,
hinter welchem Herr Liebold am Hauptbuch sa, in das Comtoir, wo sein
Pult stand, und auf die kleine Stube, wo Er arbeitete, der ihm jetzt
zrnte und der jahrelang sein vterlicher Freund gewesen war. Da fiel
sein Blick auch auf das Fenster von Sabinens Vorrathsstube; oft hatte
sein Auge dort einen wandernden Lichtschimmer gesucht, der das ganze
groe Haus erhellte und auch Behagen in sein Zimmer sandte. Und schnell
aufgerichtet sprach er zu sich selbst: Sie soll entscheiden.

Sabine erhob sich berrascht, als Anton mit schnellem Schritt vor sie
trat. Es treibt mich unwiderstehlich zu Ihnen, rief er. Ich soll ber
meine Zukunft einen Entschlu fassen, und ich fhle mich unsicher und
traue meinem Urtheil nicht mehr. Sie sind mir immer eine gtige Freundin
gewesen, vom ersten Tage meines Eintritts. Ich bin gewhnt, auf Sie zu
sehen und an Sie zu denken bei Allem, was in diesem Hause mein Herz
erregt. Lassen Sie mich auch heut aus Ihrem Munde hren, was Sie fr gut
halten. Mir ist von Frau von Rothsattel der Antrag gemacht worden, als
Bevollmchtigter des Freiherrn in ein festes Verhltni zu ihm zu
treten. Soll ich annehmen oder soll ich hier bleiben? Ich wei es
nicht; sagen Sie mir, was recht ist fr mich und fr Andere.

Nicht ich, sagte Sabine zurcktretend, und ihre Wange erblich. Ich
darf nicht wagen, darber zu entscheiden. -- Und Sie selbst wollen das
nicht, Wohlfart, denn Sie haben bereits entschieden.

Anton sah vor sich hin.

Sie haben daran gedacht, dies Haus zu verlassen, und aus dem Gedanken
ist ein Wunsch geworden. Und ich soll Ihnen Recht geben und Ihren
Entschlu loben. Das wollen Sie von mir, fuhr sie bitter fort. -- Das
aber kann ich nicht, Wohlfart, denn ich traure, da Sie von uns gehen.

Sie wandte ihm den Rcken zu und sttzte sich auf einen Stuhl.

O zrnen Sie mir nicht, Frulein Sabine, flehte Anton, das kann ich
nicht ertragen. Ich habe in den letzten Wochen viel gelitten. Herr
Schrter hat mir pltzlich sein Wohlwollen entzogen, das ich lange fr
den grten Schatz meines Lebens hielt. Ich habe seine Klte nicht
verschuldet. Nicht unrecht war, was ich in der letzten Zeit gethan habe,
und mit seinem Vorwissen habe ich es gethan. Ich war wohl verwhnt durch
seine Gte, ich habe dehalb auch seinen Unwillen um so tiefer
empfunden. Und wenn ich eine Beruhigung hatte, so war es der Gedanke,
da Sie mich nicht verurtheilen. Seien Sie jetzt nicht kalt gegen mich,
es wrde mich elend machen fr immer. Ich habe keine Seele auf Erden,
die ich um Liebe bitten darf und um Verstndni fr meine Zweifel. Htte
ich eine Schwester, heut wrde ich ihr Herz suchen. Sie wissen nicht,
was mir, dem Einsamen, Ihr Gru, Ihr frhlicher Handschlag bis heut
gewesen ist. Wenden Sie sich nicht kalt von mir, Frulein Sabine.

Sabine schwieg lange, und von ihm abgewandt frug sie endlich zurck:
Was zieht Sie zu den Fremden -- ist's eine frohe Hoffnung -- ist's das
Mitgefhl allein? -- Seien Sie strenger gegen sich selbst, als ich gegen
Sie bin, wenn Sie sich darauf antworten.

Was mir jetzt mglich macht, von hier zu scheiden, wei ich nicht. Wenn
ich fr die Bewegung in mir einen Namen suche, so ist es heie
Dankbarkeit gegen Eine. -- Sie war die Erste, die freundlich zu dem
wandernden Knaben sprach, als er allein in die Welt zog. Ich habe sie
bewundert in dem ruhigen Glanz ihres vergangenen Lebens. Ich habe oft
kindisch von ihr getrumt. Es war eine Zeit, wo eine zrtliche
Empfindung fr sie mein ganzes Herz erfllte, damals glaubte ich fr
immer an ihr Bild gefesselt zu sein. Aber die Jahre zogen ein neues Grn
darber, ich sah die Menschen und das Leben mit andern Augen an. Da fand
ich sie wieder, angstvoll, unglcklich, verzweifelt, und die Rhrung in
mir wurde bermchtig. Wenn ich von ihr entfernt bin, wei ich, da sie
mir eine Fremde ist, und wenn ich vor ihr stehe, fhle ich nichts, als
ihren hinreienden Schmerz. Damals, als ich aus ihrem Kreise wie ein
Uebelthter ausscheiden mute, damals eilte sie mir nach, und vor den
Augen der spttischen Gesellschaft reichte sie mir die Hand und bekannte
sich zu mir. Und jetzt kommt sie und fordert meine Hand zur Hlfe fr
ihren Vater. Darf ich sie ihr verweigern? Ist es ein Unrecht, da ich so
fhle? Ich wei es nicht, und Niemand kann es mir sagen, Niemand, als
nur Sie.

Sabinens Haupt hatte sich herunter geneigt bis auf die Lehne des
Sessels. Jetzt erhob sie sich schnell, und mit thrnenvollen Augen, mit
einer Stimme voll Liebe und Schmerz rief sie: Folgen Sie der Stimme,
die Sie ruft! Gehen Sie, Wohlfart, gehen Sie!


        Druck von _J. B. Hirschfeld_ in Leipzig.




Notizen des Bearbeiters:

    - Gesperrter Text markiert durch  _ ... _
    - Antiqua markiert durch  ~ ... ~
    - Hinzugefgt: Inhaltsverzeichnis inkl. Seitenzahlen
    - Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
    - Altertmliche und verschiedenartige Schreibweisen wurden bei-
      behalten.





End of Project Gutenberg's Soll und Haben, Bd. 1 (2), by Gustav Freytag

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