The Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann

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Title: Th. M. Dostojewsky
       Eine biographische Studie

Author: Nina Hoffmann

Release Date: June 9, 2016 [EBook #52283]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TH. M. DOSTOJEWSKY ***




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                         Th. M. Dostojewsky.


                      Eine biographische Studie
                                 von
                             N. Hoffmann.

                             Mit Bildnis.

                               Berlin.
                         Ernst Hofmann & Co.
                                1899.

                         Nachdruck verboten.
                    bersetzungsrecht vorbehalten.

                      Meinen russischen Freunden
                              gewidmet.


                        [Griechisch: Daimn].

   Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
   Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,
   Bist alsobald und fort und fort gediehen
   Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
   So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
   So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
   Und keine Zeit und keine Macht zerstckelt
   Geprgte Form, die lebend sich entwickelt.

                               Goethe.




                          Inhalts-bersicht.


                                                        Seite
      I.  Das Milieu                                        1
     II.  Kindheit und Jugend                              17
    III.  Katastrophe                                      59
     IV.  Semipalatinsk                                   130
      V.  Petersburg                                      171
     VI.  Publizistik                                     191
    VII.  Zweite Vermhlung. Schuld und Shne. Abreise    252
   VIII.  Vierjhriger Aufenthalt im Auslande             276
     IX.  Briefwechsel aus der Fremde                     300
      X.  Petersburg; die letzten zehn Jahre              405
          _Anhang._ Bibliographische bersicht            443
          Personen- und Sach-Verzeichnis                  446




                           An meine Leser.


Vorreden sind immer Entschuldigungen, hat jngst ein geistvoller
Schriftsteller in einer der seinigen gesagt. Der Verfasser des
vorliegenden Buches geht weiter. Er erhebt Einspruch dagegen, dass seine
Arbeit als ein litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie
durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persnlichkeit
betrachtet wissen, und wnscht als einzigen Erfolg dieses Buches, dass
etwas von dem zwingenden und zugleich vershnenden Geiste des grossen
Dichters durch seine Bltter wehe und die Gemter in seinem Sinne
erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wre am Platze: dem Dichter und
dem unerschpflichen Material gegenber, das ganz zu bewltigen dereinst
die Arbeit Vieler ausmachen wird.

Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier ihre Stelle finden.
Im grossen Ganzen habe ich den Stoff chronologisch geordnet. An einigen
Stellen indes schien es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten
plastisch hervortreten zu lassen, sptere briefliche usserungen des
Dichters sofort heranzuziehen.

Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme der Armen
Leute, in die Periode des Tastens und der Nachahmungen einreihen muss,
habe ich nicht im Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben
Gesichtswinkel zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit
und Feinheit psychologischer Einzelheiten -- vom Standpunkt der
russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt --, nicht
allzusehr von einander differenzieren.

Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele Etappen auf
dem Wege zur Vollendung seines Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer
Ausgeprgtheit und ihres Verstandenseins durch den westeuropischen
Leser mehr oder weniger breit behandelt.

Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben muss, die aus
vielfachem Material geschpft hat und auf Glaubwrdigkeit Anspruch
erheben darf, befand ich mich in einiger Verlegenheit. Fr den deutschen
Leser wren Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen, da
ich aus unbersetzten russischen Autoren schpfte. Auch die den Werken
des Dichters entnommenen Stellen knnte der deutsche Leser nicht in den
umlaufenden Ausgaben nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem
Verstndnisse aus dem Original bersetzte. Der russische Leser aber
kennt alles, was ber Dostojewsky geschrieben worden, sofern er sich fr
diesen Dichter und seine Richtung interessiert, vortrefflich und findet
in den Namen und Quellen, die ich im Texte reichlich angab, genug
Anhaltspunkte zum Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise,
die mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen mussten.

_Wien_, Januar 1899.

                                                          N. Hoffmann.




                                  I.
                             Das Milieu.


ber Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner Gesamt-Erscheinung als
Dichter, Psychologe, als Ethiker und Mensch zu sprechen, ein
erschpfendes Bild seines Lebens und seiner knstlerischen, sowie vor
allem seiner seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wre heute,
sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes Unternehmen.
Einerseits ist er der gegenwrtigen Generation noch zu nahe; alles was
ber ihn gesagt werden knnte, stnde noch im Zeichen des Kampfes. Er
hat ja, wie alle mchtig ausgeprgten Individualitten, im Leben bis zu
seinem letzten Atemzuge heftig gekmpft und Kampf erzeugt.

Anderseits leben seine nchsten Angehrigen, seine Freunde noch, und
diese sind im Besitze der intimeren Erinnerungen und usserungen seines
persnlichen Lebens, die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben
nicht geneigt sein knnen; ganz abgesehen davon, dass die Ausntzung
intimer Lebensverhltnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches, ohne
Hinblick auf die inneren Zusammenhnge und die Einheitlichkeit des
Wesens, dem man nahe zu kommen trachtet, nicht scharf genug als mssige
Indiskretionen gebrandmarkt und verpnt werden knnen.

Wir Europer hinwieder bringen dem Dichter eines uns in hohem Grade
interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher, verblffter Neugierde
entgegen, zu der uns der grosse Seelen- und Krankheitskenner und Maler
wohl zwingt, lehnen aber die nhere Bekanntschaft seines tiefen
Zusammenhanges mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus Furcht vor dem
Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie Nietzsche sagt, die
allerstrkste und erstaunlichste Kraft, zu wollen, in sich
aufgespeichert hat, mit der ein Denker der Zukunft wird rechnen mssen.
Dazu tritt noch, dass unser grosses Publikum alles, was von Russland
kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders fesselt,
wenn es die usserungen sozialistischer, revolutionrer, atheistischer
Anschauungen einer unter harter Despotie seufzenden Intelligenz
vermittelt. usserungen, deren Intensitt im Gegensatze zu den sie
hervorrufenden Zustnden, es fast als litterarische Pikanterie geniesst.

Aber mit der eigentmlichen Erscheinung eines Dichters, der zugleich
lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und mystisch religis, der
durchaus demokratisch und dabei durchaus konservativ ist, wissen wir
nichts anzufangen.

Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der grsste
Reprsentant dieser merkwrdigen Konstellation, und wir mssen die
scheinbaren Widersprche, die darin liegen, in der Grsse seines Genies
und seines Herzens auflsen und etwa so ansehen, wie wir die
Widersprche der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West mit
einem grossen Ringe umspannt. Vor allem drfen wir Dostojewsky nicht
litteraturmssig auffassen, sondern als einen grossen, seelenbewegenden
Schpfer in einem ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen. Unter
uns hrt man oft den Ausspruch: Dostojewsky ist ein grosser Knstler,
aber sein mystisches Christentum ist sehr strend. So angesehen
zerfllt sein Bild sofort in einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er
ist ein Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an die
Luterung _auch Europas_ durch das russische Volk, und er kann, vermge
seines unvergleichlichen Dichtergenius, seine Wahrheiten nicht anders
hinausrufen, als in Werken von hohem knstlerischen Werte.

So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit, die wir in allen
seinen Werken wiederfinden, so fest und kompakt wie etwa ein Urgestein,
das bei dem kleinsten Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt.

Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im Auge haben, wenn wir
es versuchen, an der Hand lckenhafter russischer Biographieen, sowie
des Materials, das uns seine Tagebcher, die Aufzeichnungen seiner
Gattin, seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke
vermitteln, ein, soweit es mglich ist, getreues Bild seines Lebens und
Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben.

Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten, mssen wir einige
Vorbemerkungen ber das Milieu einschalten, dem der Dichter entsprossen
ist.

Wenn wir nmlich die Werke franzsischer, englischer, italienischer,
kurz europischer Schriftsteller lesen, so bringen wir ihrem Milieu so
viel Kenntnis und Anpassungsvermgen entgegen, dass wir ohne weiteres
sagen, der oder jener schildere die _Menschen_ so oder so. Lesen wir
indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir sehen ein
fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und darin -- einen _Russen_,
den wir uns erst in unser Menschliches bersetzen mssen, wobei wir oft
unsere liebe Not haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da wohl
mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen Krften, mit
einem Volke, das wir erst kennen lernen, demgegenber wir manches
umlernen mssen.

Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er sich nicht eine
lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat, kein lebendiges und ganz
zutreffendes Bild von Russland und seinem Volke entwerfen. Lsst ja
Dostojewsky selbst in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein
Gesprch miteinander fhren, in dem der eine ungefhr sagt: Der M. N.
giebt vor, zu wissen, was Russland ist -- ja wissen wir es denn selbst?

Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so zu eigen gemacht,
dass er ihre intimen Nancen, die familienhafte Unmittelbarkeit ihrer
Laute nachempfindet, ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke
und ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele, die diese
Sprache ausdrckt, gewahr werden. Dies ist hier um so leichter der Fall,
als alles Russische ein so durchaus uneuropisches Geprge an sich
trgt.

Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes gehender Zug vor
allem auffallen muss, ist die familienhafte Zusammengehrigkeit und
Brderlichkeit aller mit allen. Dies drckt sich schon in der Sprache
aus: Vterchen, Mtterchen, du mein Verwandter, oder: du meine Verwandte
sind die gebruchlichsten Formen der Anrede. Dieses Familiengefhl geht
von unten hinauf, nicht umgekehrt, allein das ist es, was ihm ewige
Dauer sichert. Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede
keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen mit dem hflichen
Zusatz des Vatersnamens zulsst, geht eine, wenigstens formale Intimitt
durch die ganze Nation, von welcher sich kein modern demokratisches
Volk etwas trumen lsst. Nicht nur der Bauer, sondern auch der Hoflakai
fhrt fr den Kaiser oder Grossfrsten keine andere Benennung oder
Anrede im Munde als etwa: Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna
lsst Euch bitten oder hnliches. Fr das Volk ist diese Form eine
intime Herzenssache, fr die Gesellschaft hat sie nur den Wert einer
patriarchalischen Reminiscenz, und das Volk selbst als Brder zu
betrachten, ja einen wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und
Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend bis heute
noch nicht getrumt. Darin liegt wohl, wie es scheint, die scharfe
Trennung der konservativen russischen Kreise von den neueren liberalen.
Allerdings wachsen auf diesem Gebiete Missverstndnisse wie die Disteln
empor. Denn, indem sich viele energische Liberale nicht auf die
Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum Volke, auf den guten Einfluss der
Bildung allein beschrnken, die sie diesem hochintelligenten, aber in
tiefe, aberglubische Religiositt eingesponnenen Kinde vermitteln, so
fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hnde, welche von der
Vernichtung der Unwissenheit und des Aberglaubens auch jene des Glaubens
und der Ehrfurcht befrchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum
Volke in ein Gebiet bergeleitet, das sich von den ursprnglichen
Absichten allmhlich und unbemerkt entfernt.

Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des russischen Volkes geht
(die Gesellschaft als solche aus dem Spiel gelassen), ist eine Fhigkeit
zum Leiden und Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher
erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame Fingerzeige; das
Volk nennt jeden Verbrecher einen Unglcklichen, und die Sprache
selbst, welche fr das Menschliche drei Ausdrcke streng unterscheidet,
nmlich: Menschlich, Allgemeinmenschlich und Allmenschlich, sie
hat fr die Nancen der Schuld, die wir dreifach besitzen:
bertretung, Vergehen, Verbrechen, ausser dem Worte Schuld nur das
eine Wort bertretung (Prestupljenie).

Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu thun haben, als mit
unserem europischen Mitleid, das die Franzosen unter anderem une
fonction purement crbrale nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im
Gegensatze zur allmchtigen und allberechtigten passion. Hier ist eine
Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen von Ost
und West, die man nicht ernst genug betrachten kann.

Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur ist die mit tiefer
Religiositt verbundene Demut des Russen, die auch da erhalten bleibt,
wo, wie in den Kreisen der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede
Spur von Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit, sein
Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie sich um deswillen vor
Freund und Feind zu demtigen oder anzuklagen. Da nun ein solcher
Einsichtswechsel bei seiner nervsen, grbelnden und immerfort die
Wahrheit suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er uns
Westlndern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren Gebrechen
kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger Selbsterniedrigung. Denn der
Westen versteht heute zumeist unter dem Begriff Charakter haben, dass
man nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm um viel
realere Gter zu thun, als um die bei den Russen in jeder Lebenslage
auftauchende Sorge und Frage wie soll mein Leben sein?

Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem Russen auffllt, ist
das, was wir Deutsche Unzuverlssigkeit, Unpnktlichkeit, Regellosigkeit
nennen mssen. Wenn man die Unmglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind
der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen bestimmten Ort
zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner Tageseinteilung auch nur das
geringste System oder die geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen,
so mchte man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen: Dem
Glcklichen, sowie dem Russen, schlgt keine Stunde. Russen knnen zu
jeder Stunde des Tages ihr Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt
sind, zu jeder Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen.
(Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf bannenden Nchte
eine grosse Rolle.) Aber nicht das allein. Sie bringen ihre Freunde zu
anderen Freunden, ohne Anfrage, ohne Umstnde, zu allen Mahlzeiten,
mitten in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa krank,
erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten dort eine schwere
Nachricht -- so ist das ganze fremde Haus, das nun nicht mehr ein
fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen. Man bleibt zusammen auf, man
quartiert den Freund des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem
Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es ist eine
selbstverstndliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe, dem man einmal seine
absolute Unpnktlichkeit vorwarf, erwiderte mit vielem Ernste: Ja, das
Leben ist eine schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt
sein wollen und viel wichtiger sind, als das pnktlichste Worthalten.

Und nun die russischen Frauen. Sie leben und weben von innen heraus, sie
haben grosse Ziele, ernste Interessen, ein offenes Auge fr die
Aussenwelt, fr das, was sie umgiebt und was not thut. Die russische
Frau verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen Mdchens
mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des Mannes; sie hat etwas
Jnglinghaftes an sich. Dabei nimmt sie es allerdings mit der bis ins
kleinste gehenden Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis
in die feinste Abschattung durchgefhrten Eindrucks-Delikatesse der
Franzsin nicht auf. Das Daheim einer echten Russin wird mitunter ein
Chaos aufweisen, das unsere Landsmnninnen, namentlich jene des Nordens,
abschrecken msste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere
Vorstellungen ber Genauigkeit und Ordnung antworten: Ja, jeder
Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine darf das Grosse, das
Detail nicht das Allgemeine verbauen, und wir hrten einmal eine Russin
sagen, dass die Petersburger Frauen und Mdchen auf der Strasse sehr
eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man sehen knne, wie sie
einem Ziele entgegen gehen, whrend die Frauen europischer Grossstdte
so gehen, als wre die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die breite
russische Natur (schirokaia russkaia natura), wie sie es nennen, was
sich berall geltend macht, und wir mchten uns, gerade auf diese so
unharmonisch scheinende Verbindung gesttzt, der Anschauung Dostojewskys
anschliessen, welcher sagt, dass die nchste Zukunft des
Menschengeschlechtes in der Hand der Russin liegt.

Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese Umgestaltung nicht auf
dem Wege der Frauenbewegung als vor sich gehend gedacht werden darf. --
Die russische Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung lngst
vollzogen und zwar -- wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen -- ganz
organisch, von einem rein natrlichen Standpunkt aus in Angriff
genommen, von dem der Mtterlichkeit. Sie will und muss die Gefhrtin,
ja Fhrerin ihrer mnnlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen,
in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt im Gemte der
russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor allem der Wunsch,
ntzlich zu sein, ihrem Volke zu dienen. So ist es gekommen, dass die
Russin heute ihre Fhigkeit zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben
bewiesen hat, whrend die europische bewegte Frau ihre Freiheit und
Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fhig sei, abseits von
der Familie zum Leben zu gelangen. Dies ist ein grundlegender
Unterschied.

Den genannten Hauptcharakterzgen des Russen gesellt sich ein
unausrottbares Misstrauen in allen seinen Beziehungen zum Nebenmenschen
bei, allein ein Misstrauen, das viel mehr dem immerwachen Gefhle der
eigenen Unzulnglichkeit und Sndhaftigkeit entspringt, als dass es
sich auf den Unwert des anderen bezge. Es ist das Misstrauen der Demut
im Gegensatze zum Misstrauen der Routine.

Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen Hintergrund an,
aus dem heraus sich diese Volkspersnlichkeit entwickelte, so finden wir
ein ungeheures, kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem
unermesslichen Horizont, wo das trumende Auge des Steppenbewohners in
eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt, dnn bevlkert, ohne
bedeutende Kstenentwicklung, ohne namhaften Welthafen -- ein Riese in
einer grossen, niedern Stube, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale
Einheit ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden
Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten, kein fremdes Blut, es
sei denn finnisches, hat diesen Riesenkrper durchdert. Sein weisser
Kaiser ist ihm Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer
in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk macht seine
Entwickelungsprozesse langsam durch, steht heute in seiner Kindheit und
wandelt seinem Mittelalter zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute
seine vornehmlichen Lebensquellen, die Stdte sind dnn geset, der
Kleinhandel ist in den Hnden des moskowitischen Kleinbrgers,
Grosshandel und Industrie ebenfalls in den Hnden des grossen Moskauer
Kaufherrn, sowie in denen des Auslnders und des Juden. So giebt es denn
kein eigentliches grosses Brgertum, und die Gesellschaft, die wir heute
Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen Landsassen -- Gutsbesitzer
-- und dem Beamtenstande zusammen.

Dieses hchst langsame, doch organische Wesen der Volksentwickelung hat
Peter der Grosse mit seinen Reformen durchrissen. Ein mit unermesslichen
Mhen und Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn und
gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thtigkeit. Petersburg,
das ausgebrochene Fensterchen gegen Europa zu, hat europische Luft
und europisches Wesen, Europas Sitten und Unsitten, Europas
Philosophie, Aufklrung und Dekadenz, kurz den Europismus, wie sich
Dostojewsky ausdrckt, hereindringen lassen. Die kompakte Masse des
Volkes indessen ist von diesen Neuerungen nicht berhrt worden, und wenn
auch hie und da in den Stdten der altrussische Bart der europischen
Schere, und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europischen Kleide
zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis auf den heutigen Tag
nicht zum Bewusstsein seiner Brgerrechte im europischen Sinne erwacht.
Gleichwohl ist er im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und
-freiheiten (Obscina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenssischer
Agrarier als die einzige Lsung aller Schwierigkeiten des Grundbesitzes
und als das einzige Arcanum gegen die Proletarisierung des Bauernstandes
erscheinen. Ob dies eine richtige Anschauung sei, knnen wir hier nicht
untersuchen.[1] Auch ber die wichtigste Streitfrage, welche die
fhrenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit bewegt hat
und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlschen zu sein scheint, knnen
wir hier nur ganz kurz sprechen, mssen sie jedoch berhren, weil die
zwei Hauptstrmungen des russischen Lebens aus ihr entspringen und dem
Europer nur durch den Einblick in diese Frage das Verstndnis fr
Russland und sein knftiges Werden aufzugehen vermag. Es ist dies die
Frage, die v. Reinholdt in seiner Geschichte der russischen Litteratur
folgendermassen formuliert: Wie verhlt sich die orthodoxe Kirche zur
rmischen und protestantischen? als ursprngliche Gemeinschaft
anfnglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher, auf dem Wege spterer
Entwickelung und des Fortschritts andere, hhere Formen religiser
Weltanschauung sich entwickelten, oder als ewig dauernde und
ungeschmlerte Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der
occidentalen Welt der rmisch-germanischen Anschauungen sich
unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole sich spaltete?
Endlich: Worin besteht der Gegensatz zwischen der russischen und der
westeuropischen Zivilisation? -- bloss in der Entwickelungsstufe oder
in der Eigentmlichkeit der Bildungselemente? Steht es der russischen
Zivilisation bevor, nicht allein von den usseren Resultaten, sondern
auch von den Grundlagen der westeuropischen Bildung durchdrungen zu
werden? -- oder wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches
geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen, knftigen
Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?

[Funote 1: Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk
Russia, sowie auf Leroy-Beaulieus L'Empire des Tsars et les Russes.]

Die Anhnger der westlichen Einflsse bejahen den ersten Teil dieser
Frage, die Slavophilen den zweiten. Einige Slavophilen,
darunter J. Kirejewsky, erwarten von einer Synthese beider,
einander so widersprechender Bildungsformen das Heil knftiger
Menschheitsentwickelung und zwar so, dass die westliche Kultur die
Gedankenwelt des Ostens entwickele und klre, die stliche tiefe
Seeleneinheitlichkeit hinwieder die Gefhlswelt und Ethik des Westens
mit ihrer Allmenschlichkeit befruchte. Und in der That, wer seine
Hoffnungen und Schlsse fr die Zukunft des grossen Volkes mit der
erstaunlichen Kraft zu wollen nicht nur auf seine Historie, sondern
auf diese in jedem Russen zu findende latente und eigenartige
Menschheitskraft und Fhigkeit aufbaut, der muss, unbefangen urteilend,
finden, dass nicht sowohl Russland von unserer Zivilisation etwas
Umgestaltendes zu erwarten hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft
eine Rckkehr zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen gewrtig
sein knnen.

Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden Fhrer im
Streite ihre Sache selbst fhren zu lassen. Die slavophile Richtung
wurde zum erstenmale theoretisch formuliert durch den unter Katharina
II. lebenden Geschichtschreiber, Frsten Michael Schtscherbatow, um das
Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten spteren Vertreter
dieser Richtung sind Kirejewsky,[2] Chomjakow, die Brder Aksakow u. a.
Die westlichen Einflsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen,
Granowsky u. a.

Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage durch Dostojewsky
behandelt, wie wir dies in seinem Leben und seinen Werken erkennen.
Indessen geht schon durch die ganze russische Litteratur neben der Frage
nach dem Werte der westlich-stlichen Kultur, ja als Wurzel dieser Frage
die Sorge des russischen Menschen hindurch: wie soll mein Leben sein?
-- Dostojewsky hat in seiner berhmten Puschkin-Rede im Jahre 1880 in
Moskau die Bedeutung Puschkins, dessen Standbild man eben enthllte,
dahin erklrt, dass dieser Dichter -- nachdem mehr als ein Jahrhundert
nach Peters Reformen verflossen war, ehe sich der Keim einer russischen
Litteratur entwickelte -- nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des
russischen Geistes grsste und einzige, sondern auch seine prophetische
Offenbarung gewesen sei. Dostojewsky fhrt in dieser Rede den Gedanken
aus, dass Puschkin schon in seiner frheren Periode der Nachahmung Andr
Cheniers und Byrons pltzlich einen neuen, ganz und nur russischen Ton
gefunden hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die verfluchte
Frage, wie er sie anfhrend nennt, nach dem Glauben und der Wahrheit
des Volkes. Diese Antwort laute: Demtige dich, stolzer Mensch, und
vor allem brich deinen Hochmut, demtige dich, eitler Mensch, und vor
allem mhe dich auf heimatlichem Boden -- und weiter: nicht ausser dir
ist deine Wahrheit, sondern in dir selbst; finde dich in dir und du
wirst die Wahrheit schauen.

[Funote 2: s. Masaryks vortreffliche Studie Iwan Wassiljewitsch
Kirejewsky in seinen slovanske studie. Prag, Bursik u. Kohout.]

Wir haben diese Stelle wrtlich angefhrt, weil sie fr Dostojewskys
Stellung in der Litteratur und seine Auffassung vom Apostolat des
Dichters und namentlich des Publizisten von grosser Wichtigkeit ist.

Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten Werken, K. Slutschewsky,
sagt in seiner Vorrede ganz im Sinne Dostojewskys: Mit ganz besonderer
Schrfe treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche,
ausschliesslich ihm zukommende Zge hervor. Schon im Jahre 1861, in der
Anzeige von der Ausgabe der Wremja hat Dostojewsky gesagt, dass
vielleicht die russische Idee die Synthesis aller jener Ideen sein
werde, welche Europa entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle
Sprachen sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen
aller europischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt bei keiner
anderen Nation vorkommt. Unser zweiter, ausschliesslich uns gehriger
Zug, den Dostojewsky wiederholt dargelegt und mit Zhigkeit in That und
Wort durchgefhrt hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis
seiner Sndigkeit, eine Erkenntnis, welche es sehr gut erklrt, warum
wir so leicht verzeihen, so geneigt zur Selbstgeisselung sind, warum wir
unsere Unvollkommenheit nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten
Rechtsverhltnisse nicht anzuerkennen vermgen und gerne das Kreuz
innerer Reinigung und usserer schwerer That tragen mgen, sei es auch
unserem eigensten Ich zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtglubige
Religion, die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus und
Protestantismus (von den anderen zu schweigen), als streitende Kirche
aufgetreten ist.

Fgen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden aus Dostojewskys
Erlebnissen hinzu, die hierher gehren, so haben wir annhernd ein Bild
von dem Milieu gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius
entwickelt und auf das er hinwieder gewirkt hat.

K. Aksakow erzhlt im Mrz 1881, schon nach Dostojewskys Tode,
folgendes: Auf einer Durchreise Dostojewskys geschah es, dass er sich in
Moskau aufhielt und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer Art
Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus Pawlowitsch zu
sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde der Vergangenheit das
historische Bild dieses Monarchen grossartig abhebt, eines Monarchen,
der fest an seine Wrde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch ihm,
Dostojewsky, dieses Bild sei. Whrend unseres Gesprches trat der
englische Reisende Mackenzie Wallace bei uns ein, welcher schon einmal
drei Jahre in Russland gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach
und mit der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr, dass
er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine Neugierde und er lauschte
gespannt dem bei seinem Eintritte unterbrochenen und von Dostojewsky
wieder aufgenommenen Gesprch ber Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky
fhrte seine Rede zu Ende, ohne den Englnder im geringsten zu beachten,
und entfernte sich bald darauf.

Sie sagen, dies sei Dostojewsky, fragte uns der Englnder. Ja wohl.
Der Verfasser des >Totenhauses<? Derselbe. Das kann nicht sein; er
ist ja doch zur Zwangsarbeit verschickt gewesen. Ganz richtig, was
weiter? Ja, wie kann er denn einen Menschen loben, der ihn zur
Zwangsarbeit verurteilt hat? Euch Auslndern ist das schwer zu
begreifen, antworteten wir, -- uns aber ist es als ein durchaus
nationaler Zug begreiflich.

Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis erzhlt K.
Slutschewsky, Dostojewsky sei einige Monate vor seinem Tode auf einen
Ball in irgend eine hhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er
damals schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer aufrichtig
liebte, war hoch erfreut und drngte sich dicht um ihn.

Wir fingen zu plaudern an, erzhlt er selbst, und sie begannen eine
Diskussion. Sie baten mich, ich solle von Christus reden. Ich fing an zu
sprechen und sie lauschten mit grosser Aufmerksamkeit. Eine Predigt
ber Christus auf einem Balle und nicht im geringsten durch die Musik
und den Tanz zurckgeschreckt -- fhrt Slutschewsky fort -- das Lob des
Machthabers, der uns zur Zwangsarbeit verurteilte -- wo knnte das
jemals vorkommen als in Russland?

Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters zu. Wir verdanken,
was wir davon wissen, den zu einem Buche vereinigten Aufzeichnungen
zweier seiner nchsten Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die
Durchsicht seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker
Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick in die Papiere des
Prozesses Petraschewsky zugestanden wurde (was er jedoch nicht
auszunutzen verstand) und dem mehrjhrigen publizistischen Mitarbeiter
Dostojewskys, Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den
Erzhlungen seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia, alter
Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber dem Tagebuch eines
Schriftstellers, jenem Blatte, das der Dichter in seinen letzten
Lebensjahren allein besorgte und das sehr viel autobiographisches
Material enthlt.

Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit grosser Piett alles
zusammengetragen, was sie teils selbst miterlebten, teils durch
Mitteilungen anderer, namentlich eines jngeren Bruders, Andreas, sowie
der Gattin des Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach
einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters scheinen,
als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der ffentlichkeit
bergaben, schlecht beraten gewesen seien und manchen intimen Brief ganz
unbeschadet der Diskretion mit anderen htten vertauschen sollen,
die sich in immerwhrenden Wiederholungen der Geldnot und
Schuldenkalamitten bewegen. Es ist, als htte ein neidischer Geist
heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter, dessen Tod von
Hunderttausenden ffentlich betrauert wurde, dessen Leichenzug ganz
Petersburg war, dessen Hlle 63 Deputationen Krnze brachten und der Hof
die letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen, sondern all
diese Teilnahme lieber als einzelnes, die Leiden eines Kmpfenden
verherrlichendes Faktum hinzustellen, als sie zu Ungunsten lebender
Dichter auch noch durch eine bedeutende Korrespondenz zu besttigen.
Indessen sind auch die verffentlichten Briefe interessant genug, um
auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen, was im weiteren Verlaufe
unserer Aufzeichnungen an seiner Stelle geschehen wird. Die erwhnten
Wiederholungen schildern, wie schon gesagt, unzhlige immer
wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten, von einer
unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem ewigen Ringen um die
Bestreitung des tglichen Unterhaltes fr sich und die Seinen. Wir
bekommen durch sie einen Blick in die unaufhrlichen Kmpfe mit Not,
Krankheit, Widerwrtigkeiten aller Art, und staunen immer wieder ber
die ausserordentliche Kraft, die das alles berwand.




                                 II.
                         Kindheit und Jugend.
                             (1821-1849.)


Theodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn eines in Civildienste
bergetretenen Militr-Arztes, welcher unter dem Titel eines Stabsarztes
im Moskauer Armenspital angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen
Familie eine aus zwei, spter drei Zimmern, einem Vorzimmer und einer
Kche bestehende Wohnung einnahm. Bei der Knappheit der Rumlichkeiten
half man sich, wie man sich in den minder wohlhabenden Familien in
Russland zu helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher
Holzverschlag teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon der vordere, mit
dem Fenster versehene als Entre, der rckwrtige, halb finstere Teil
als Schlafzimmer der beiden ltesten Kinder, Michael und Theodor,
diente.

Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821 geboren. Zu seinen
ersten Erinnerungen gehrt jene aus seinem dritten Lebensjahre, dass er
einmal von der Kinderfrau in die gute Stube gefhrt und veranlasst
worden war, hier, vor der heiligen Ecke kniend, in Gegenwart einiger
Freunde der Eltern sein tgliches Abendgebet aufzusagen. Das Gebet
lautete: Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf dich, Mutter Gottes, nimm
mich unter deinen Schutz. Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben
lang bewahrt und dieses spter seinen Kindern bermittelt. Vier Jahre
alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten Unterricht im
Buchstabieren nach alter Methode besorgte die Mutter, spter bekamen die
Knaben einen Lehrer fr franzsische Sprache und die blichen
Schulgegenstnde, sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen
die hundertundvier Geschichten des alten und neuen Bundes vortrug und
damit den grssten Eindruck auf sie machte.

Man muss hier beide Brder immer zusammen nennen, denn es verband sie
ausser der Kameradschaft so naher Altersgenossen (sie waren nmlich nur
um ein Jahr im Alter von einander getrennt) ein Band innigster
Freundschaft, das ihr ganzes Leben hindurch whrte. Der ltere, Michael,
war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor, welcher berschumend
von Temperament war, das reine Feuer, wie ihn die Eltern nannten. Er
war natrlich Angeber und Anfhrer in allen Spielen, whrend sich
Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden war es zumeist
ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng verbrachten Arbeitstage
vornahmen, wobei Theodor, in seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft
betrog.

Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines Landgtchen bezogen
hatte, im nahegelegenen Birkenwldchen meist Indianer; sie kleideten
sich dazu ganz aus, tttowierten sich, schmckten sich mit Laubgrteln
und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und fhrten erbitterte
Kmpfe. Der Gipfel des Vergngens war erreicht, wenn die Mutter an einem
heissen Sommertage ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und
ihnen unter irgend ein Gebsch ihr Essen stellen liess, das sie ohne
Benutzung von Gabel und Messer verzehrten, sodass sie bis in den spten
Abend hinein wild bleiben durften. Ein bernachten im Walde jedoch,
das sie so sehr wnschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben
grsser wurden, bernahm der Vater den vorbereitenden Lateinunterricht
fr das Gymnasium. Das war eine harte Plage. Der Vater nahm sie
gewhnlich abends nach seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der
Unterricht whrte meistens eine Stunde, wobei die Schler, nicht nur
sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal an den Tisch lehnen
durften. In dieser Zeit verschlang Theodor viele Bcher. Namentlich
begeisterte ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzhlige Male
las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes Privat-Pensionat kamen
(die Eltern zogen dies, obwohl es sie grosse Opfer kostete, dem bel
beleumundeten Gymnasium vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause
gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch aus;
namentlich erzhlten sie gerne die schlechten Streiche ihrer Kameraden.
Dabei gab unser Vater, so erzhlt Andreas Dostojewski, den Brdern
keinerlei Lehren. Bei der Erzhlung verschiedener Streiche, die in der
Klasse verbt worden waren, sagte er nur: >Ei, der Nichtsnutz, ei, der
Elende< -- -- --, allein er sagte nicht ein einziges Mal: >sehet zu,
dass ihr es nicht auch so macht.< Damit sollte angedeutet werden, dass
der Vater solche Schelmenstcke auch nicht im entferntesten von ihnen
erwartete.

Die Brder lasen fortwhrend sehr viel. Michael, der zumeist Gedichte
las, versuchte sich auch poetisch, Theodor war zu ungeduldig, um jemals
etwas in gebundener Rede auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa
vor und las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte
immer wieder. In Puschkin aber einigten sich die Brder und es gab keine
damals bekannte Dichtung Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt
htten, wie denn auch Theodor berhaupt ein leidenschaftlicher
Deklamator war, dessen Vortrag die Grenzen knstlerischer Mssigung
immer berschritt. Im Jahre 1837 starb die Mutter, und die Shne
verliessen die Vaterstadt, um in die hhere Militr-Ingenieurschule in
Petersburg einzutreten. Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion
eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat war und so
den Jnglingen zu einer, bei ihren geringen Mitteln sehr
wnschenswerten, schnelleren Karriere helfen konnte.

Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende Arzt den lteren
Bruder, der kerngesund war, fr krank erklrte, whrend er Theodor, der
von Kindheit an krnklich und schwchlich war, fr tauglich annahm. Das
fhrte die Trennung der Brder herbei. Michael kam in die medizinische
Akademie nach Reval, whrend Theodor in Petersburg blieb. Um diese Zeit
besuchte ihn ein Freund des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein
usseres folgendermassen schildert: Ein ziemlich runder, voller, heller
Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestlpter Nase ... die
hellkastanienfarbigen Haare waren kurz geschoren. Unter einer hohen
Stirne und schwachen Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen
wie verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen beset, die
Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund etwas wulstig. Theodor war
bedeutend lebhafter, beweglicher, heftiger als sein gesetzter Bruder.
... Die krnkliche Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr frh
gesteigerten nervsen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch vor seiner
Gefngniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als Kind hatte er manchmal
Hallucinationen gehabt, an deren eine er die Erinnerung an den Bauer
Marej knpft. Er erzhlt diese Geschichte in seinem Totenhause, und
ein zweites Mal im Januarheft 1876 seines Tagebuchs eines
Schriftstellers mit derselben Betonung der Volkswahrheit wie dort.

Wir fgen hier diese kleine Begebenheit samt den Betrachtungen ein,
welche der Dichter 46 Jahre spter daran knpft. Er beginnt damit, wie
er in der Strafkaserne in Sibirien oft von Erinnerungen an die
Kinderzeit heimgesucht worden war, und fhrt fort: Ich erinnerte mich
an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war hell und trocken, doch
etwas khl und windig; der Sommer ging zur Neige und nun hiess es: bald
nach Moskau zurck und wieder den ganzen Winter hindurch ber den
franzsischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das Dorf zu
verlassen. Ich ging um die Scheunen herum, stieg in den Hohlweg hinab
und wieder durch die Schlucht hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk
von uns genannt, das jenseits des Hohlweges bis zum Wldchen hinanstieg.
Da verlor ich mich tiefer ins Gebsch und hrte, wie, ungefhr 30
Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer ganz allein die
Pflugschar fhrte. Ich erkenne, dass er gegen die steile Hhe hinauf
pflgt, dass das Pferd mhsam hinaufklimmt, und hre, wie hie und da des
Bauern Zuruf Nu, nu! zu mir herberklingt. Ich kenne fast alle unsere
Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von ihnen eben pflgt. Aber es ist
mir ganz gleich, denn ich bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch
ich bin beschftigt; ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit die
Frsche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schn, aber so unhaltbar
-- ganz anders als die Weidengerten! Auch die hartgeflgelten Kferchen
interessieren mich, ich sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter.
Ich liebe auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den
schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen frchte ich. brigens
trifft man die Schlnglein bei weitem seltener an als die Eidechsen.
Schwmme giebt es hier wenige. Nach Schwmmen muss man ins
Birkenwldchen gehen und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der
Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwmmen und wilden
Beeren, mit seinen Kfern und Vgelchen, den Igelchen und Eichhrnchen
und dem mir so angenehmen feuchten Geruch verwesender Bltter. Und jetzt
auch, da ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwldchens
leibhaftig versprt. Diese Eindrcke bleiben frs Leben. Pltzlich,
mitten in das tiefe Schweigen hrte ich laut und deutlich einen Schrei:
Der Wolf kommt. Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend
geradeaus nach der Wiese auf den pflgenden Bauer los.

Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es einen solchen Namen
giebt, aber alle nannten ihn Marej. Es war ein Bauer von etwa fnfzig
Jahren, stmmig, ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten
dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich bis dahin nicht
ereignet, dass ich mit ihm gesprochen htte. Er brachte sein Pferdchen
zum Stehen, als er mein Schreien gehrt hatte, und als ich im vollen
Anlauf mit einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an seinen
rmel hing, da erkannte er mein Entsetzen.

Der Wolf kommt, schrie ich atemlos.

Er wendete den Kopf und sah sich unwillkrlich ein wenig im Kreise um,
mir einen Augenblick fast glaubend.

Wo ist der Wolf?

Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen: der Wolf kommt, stammelte
ich.

Was sagst du, was sagst du, was fr ein Wolf -- geschienen hat es dir,
geh! Was soll hier fr ein Wolf sein! murmelte er, mich beruhigend.
Allein ich zitterte noch immer und klammerte mich noch fester an seinen
Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich mit einem
beunruhigten Lcheln an und war offenbar um mich in Angst und Sorge.

Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj! sagte er kopfschttelnd. Genug,
mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!

Er streckte die Hand aus und streichelte mir pltzlich die Wange.

Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das Kreuz. Allein ich
bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel zuckten und das scheint ihn
besonders ergriffen zu haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde
beschmutzten Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berhrte damit
ganz leise meine zuckenden Lippen.

Geh doch, aj, lchelte er mich mit einem mtterlichen, auf seinen
Lippen verweilenden Lcheln an. Herrgott, was ist denn das, geh doch,
aj, aj!

Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass mir etwas wie ein
Schrei der Wolf kommt nur so geklungen hatte. Der Schrei war brigens
sehr laut und deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von
Wlfen) hatte ich schon frher ein- oder zweimal zu vernehmen geglaubt
und ich wusste davon. (Spter vergingen diese Hallucinationen mit den
Kinderjahren.)

Nun werde ich gehen, sagte ich fragend und schaute ihn furchtsam an.

Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich werde dich schon dem
Wolf nicht geben! fgte er hinzu, indem er mir immer noch mtterlich
zulchelte, nu, Christus sei mit dir, nu geh, und er machte das
Zeichen des Kreuzes ber mich, dann ber sich selbst.

Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem zehnten Schritte um.
Marej blieb, so lange ich ging, mit seinem Pferdchen immer da stehen und
schaute mir nach, mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend.
Offen gestanden schmte ich mich ein wenig vor ihm, darber, dass ich
solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste mich auch im Gehen noch
hie und da, ehe ich nicht zur ersten Riege des Abhanges gelangt war.
Hier verliess mich die Angst schon ganz; und pltzlich, wie vom Boden
heraus, sprang mir unser Hofhund Wlfchen entgegen. Mit ihm an meiner
Seite wurde ich schon ganz mutig und wendete mich zum letzten Male nach
Marej um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden, aber
ich fhlte, dass er mich noch immer mit demselben zrtlichen Lcheln
ansah und mit dem Kopfe nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er
winkte mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an.

Nu, nu! hrte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch, das Pferdchen
zog wieder an seiner Pflugschar. --

Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzhlte ich niemand mein
Erlebnis. Ja, was war es denn auch fr ein Erlebnis? Auch Marej habe ich
damals sehr bald vergessen. Wenn ich ihn spter seltene Male traf, so
sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch berhaupt. Und
pltzlich jetzt, zwanzig Jahre spter in Sibirien, fiel mir diese ganze
Begegnung mit einer solchen Klarheit, bis in das kleinste Detail ein.
Das heisst also, dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte,
unbewusst, ganz allein und ohne meinen Willen, und pltzlich ist sie
dann aufgetaucht, wann sie ntig war.

Es tauchte dieses sanfte, mtterliche Lcheln des armen leibeigenen
Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein Kopfschtteln, sein Geh schon,
bist erschrocken, Kleiner! Und besonders sein dicker, mit Erde
beklebter Finger, mit welchem er still und mit sanfter Zrtlichkeit
meine zuckenden Lippen berhrt hatte. Gewiss htte ein jeder einem
kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser einsamen Begegnung
geschah etwas von gleichsam ganz anderer Art, und wenn ich sein
leiblicher Sohn gewesen wre, so htte er mich nicht mit einem von
hellerer Liebe leuchtenden Blicke ansehen knnen -- wer aber hat ihn
dazu gentigt? Er war unser eigener Hriger, ich aber war immerhin sein
junges Herrchen; das htte niemand erkannt, als er mich streichelte und
mich es nicht fhlen liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder?
Solche giebt es. Die Begegnung war in vlliger Abgeschiedenheit erfolgt,
auf einem den Feld, und nur Gott sah vielleicht von oben, mit welchem
tiefen und heiligen Menschheitsgefhl, und mit welcher feinen, fast
weiblichen Zartheit das Herz manches groben, tierisch unwissenden,
leibeigenen russischen Bauern erfllt sein kann, eines solchen, der
seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht ahnte. -- Sagt mir,
ist es nicht das, was Konstantin Aksakow verstand, als er von der hohen
Bildung unseres Volkes sprach?

Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg und mich rings
umsah, da, ich erinnere mich dessen, fhlte ich pltzlich, dass ich mit
ganz anderen Blicken auf diese Unglcklichen zu schauen vermochte, und
dass mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und jeder Zorn in
meinem Herzen ausgelscht war. Ich ging umher und schaute in die
Gesichter der mir Begegnenden. Jener geschorene und entehrte Bauer,
gebrandmarkt, berauscht, der da sein betrunkenes heiseres Lied brllte,
das kann ja ebenfalls der nmliche Marej sein; ich kann ja nicht in sein
Herz hineinschauen.

Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den Jnglingen die Nachricht
vom tragischen Ende Puschkins. Htten sie nicht schon Trauergewnder
getragen, so htten sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin
anlegen zu drfen. In jedem Falle verabredeten sie sich auf der Reise
nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft den Ort aufzusuchen, wo das
Duell stattgefunden, und die Stube, wo der Dichter seinen Geist
ausgehaucht hatte.

Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten Pferden und
wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen und poetischen
Stimmungen, namentlich des lteren Bruders, der: tglich etwa drei
Gedichte machte, auch unterwegs --, wie Theodor in seinem Tagebuche
1876 erzhlt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die
Aufnahmeprfung in der Mathematik: er deklamierte, disputierte und
ereiferte sich ber poetische Fragen, hatte aber doch offene Sinne fr
alles, was um ihn her vorging. So machte ihm eine Scene Eindruck, die er
vom Fenster des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es war
an das Stationsgebude eine Kurier-Trojka herangeflogen, ein betresster
und befiederter Feldjger sprang herab, trank ein Glschen Schnaps und
schwang sich auf die Telega zurck, wo indessen der neue Kutscher, ein
junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht hatte. Kaum
hatte sich dieser Junge auf seinen Platz geschwungen, als der Feldjger
aufstand und ihm ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der
Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte. Unmittelbar darauf
setzte der Kutscher diesen Hieb in einen Knutenstreich auf die Pferde
um. Das wiederholte sich so lange, als der Zuschauer das Gefhrt nicht
aus dem Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie durch
eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang. Dostojewsky erwhnt
in spten Jahren diese Begebenheit gelegentlich eines Artikels ber den
Petersburger Tierschutzverein, dem er diesen Vorgang als Emblem auf das
Petschaft gravieren lassen mchte.

Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die erste Korrespondenz
hervor. Wir finden darin die erste reale Misre um einiger Kopeken
willen und den ersten philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon
in der, Dostojewsky eigentmlichen, mystischen Weise ausdrckt. So sagt
er in einem Briefe an den Bruder: Ich weiss nicht, ob meine traurigen
Gedanken je verstummen werden -- mir scheint unsere Welt ist ein
Fegefeuer himmlischer Seelen -- die ein sndiger Gedanke verwirrt hat --
aus der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist -- eine Satire
herausgekommen. -- -- -- Weiter sagt er: Sehen, wie unter einer
sprden Hlle sich eine Welt in Qualen windet, wissen, dass ein
Willensausbruch gengt, sie zu zerbrechen, und mit der Ewigkeit
zusammenzufliessen, das wissen und dem niedersten der Geschpfe gleich
sein -- -- schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet,
Hamlet! Weiter heisst es: Pascal sagt einmal: Wer gegen die
Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph -- eine traurige
Philosophie das! --

Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass seine Lektre sich den
Franzosen zugewendet hat; er zhlt einmal auf, was er im bungslager
alles gelesen hat: Mindestens nicht weniger, als Du, ruft er dem
Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor Hugo, den er unter
anderem mit der ihm eigenen Hartnckigkeit mit Homer vergleicht, einen
Homer in christlichem, engelhaftem Sinne nennt. Einen ganz
ausserordentlichen Eindruck macht auf ihn George Sand, eine der
hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden glcklichen
Zukunft. So drckt er sich im Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches
aus. In der Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung der
franzsischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten: Hast du Cinna
gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht gelesen hast! Besonders das
Gesprch Augusts mit Cinna, wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst
sehen, so sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen? Lies
ihn, erbrmlicher Mensch, und sinke in den Staub vor Corneille .....
brigens, schliesst er begtigend, sei mir um meiner beleidigenden
Ausdrcke nicht bse .....

Sehr merkwrdig ist seine Beurteilung des Vaters. Mir ist leid um den
armen Vater. Ein seltsamer Charakter! Ach, wieviel Unglck hat er nicht
schon ertragen! Es ist bis zu Thrnen bitter, dass man ihn mit nichts
erfreuen kann! -- Und, weisst du? -- Papachen kennt die Welt ganz und
gar nicht; er hat fnfzig Jahre darin gelebt und ist bei der Meinung
ber die Menschen geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen
gehabt hat. Glckliche Unwissenheit! -- Allein er fhlt sich sehr
enttuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein. Hier bietet sich
schon ein Stck echt Dostojewskyscher psychologischer Feinheit, welche
im Vater die Enttuschung ber die Welt und zugleich die Unfhigkeit
sieht, daraus Nutzen zu ziehen und anderer Meinung ber die Menschen zu
werden.

brigens finden wir nur in den Jugendbriefen und erst wieder in den
Briefen aus des Dichters letzten Jahren Ausbrche persnlichster
Innerlichkeit, wie wir das nennen mchten. Dies ist indessen zum grossen
Teil auf die unglckliche Auswahl der zu publizierenden Briefe
zurckzufhren, deren wir oben erwhnten. Es ist da, als ob die
Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut und die ewigen
Nahrungssorgen des Dichters so recht herauskehren wollten. Sein spterer
Briefwechsel mit seiner Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr whrend
seiner kleinsten Abwesenheiten tglich, so dass sie, die immer nur sehr
kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm besitzt), den die Witwe
aus begreiflichen Grnden zurckhlt, ist voll von solchen Ausbrchen.
Allein wir wrden irren, wenn wir annhmen, dass es schwunghafte
Dichterbriefe seien. Nein, so schlicht, dabei gegenstndlich bis ins
kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem Stolz ber
einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung, wenn er wieder so nichtswrdig
schwach gewesen, alles zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch
sind sie, wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem
gewissen Sinne. So frgt er in einem Briefe aus Moskau, wohin er zur
Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser Feier: Was meinst du, soll ich
im Frack erscheinen oder im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz
spter.

Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche mir vom Besitzer zur
Verfgung gestellt wurde, ist leider im Schlosse des Grafen Alexis
Tolstoi, dessen Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze Schloss
zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In dieser Korrespondenz htten wir
wohl viel Polemisches, vieles ber des Dichters politische Anschauungen
ausgedrckt gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen ber
Arbeitsplne, als jene Briefe enthalten, die wir vor uns haben.
Dostojewsky hatte eine Art darber in Briefen zu schweigen, welche die
Annahme nicht zulsst, als habe er dies nur je nach der Person und dem
Augenblick gethan. Zur Zeit seiner grssten litterarischen Thtigkeit
bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um usserliches. Doch auch
davon spter.

Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky sehr zurckhaltend; er
schloss sich immer ab, mischte sich nicht in die gemeinsamen
Unternehmungen und teilte sich niemand mit. Die Schwcheren, namentlich
die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden hatten,
verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfchern blieb er im
geometrischen Zeichnen und im Reglement zurck, so dass er ein Jahr
wiederholen musste, was ihn um des Vaters willen sehr krnkte. Seine
Briefe an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um Geld
und Aufzhlung seiner notwendigsten Ausgaben. An den Bruder schreibt er
einmal: Du beklagst dich ber deine Armut -- -- auch ich bin nicht
reich -- da ist nichts zu sagen -- wirst du mir glauben, dass ich, als
wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf dem Marsche
erkrankte ich infolge Erkltung und Hunger (es regnete den ganzen Tag
und wir gingen blank) und ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle
mit einem Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde wieder
gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand ein erbrmlicher, bis ich
Vterchens Geld bekam. Da bezahlte ich die Schulden und behielt das
brige zurck. Aber die Beschreibung deines Zustandes bersteigt alles.
Kann man denn wirklich fnf Kopeken nicht haben, sich mit Gott was
fttern mssen, und nur mit lsternen Blicken die herrlichen Beeren
betrachten, die du sehr liebst! Er hat eben erst erzhlt, dass er,
hungrig und krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees gehabt;
dies scheint er aber in der Entrstung darber, dass sich der Bruder die
geliebten Beeren nicht kaufen kann, ganz zu vergessen.

Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal an den Bruder,
der ihm vorwirft, Schiller nicht zu kennen: er habe ihn mit einem teuern
Freunde gelesen, der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch
der Name Schiller ihm wehe thue, nicht ber seine Lippen komme. Er
bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne, ebenso auch Puschkins Boris
Godunow; beide Manuskripte sind in Verlust geraten. berhaupt sieht man
ihn viel heimlich schreiben, Nchte hindurch, und einige seiner
Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfltigsten
ausgearbeiteten Roman Arme Leute in der ersten Fassung schon in der
Akademie begonnen.

Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt, mit Belassung in
der Anstalt, um den Offizierskurs zu vollenden, und am 11. August 1842
wird er nach bestandener Prfung in die Offiziersklasse versetzt. In
dieser Zeit scheint er schon auswrts gewohnt, nach dem Tode des Vaters
seine Erbschaft angetreten und den jngeren Bruder Andreas bei sich
beherbergt zu haben, was ihn sehr einengt und worber er sich gegen
Michael beklagt.

Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem hheren Offizierskurs aus und
wurde dem Petersburger Kommando des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun
scheint ein freies, genussschtiges und sehr kostspieliges Leben fr ihn
begonnen zu haben. Seine Jahreseinknfte waren durchaus nicht gering; er
bezog eine jhrliche Rente und einen Offiziersgehalt, die zusammen 5000
Rubel ausmachten. Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte,
andererseits ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner
Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte sehr fleissig das
Theater, auch das Ballett, sagt Orest Miller, alle kostspieligen
Konzerte etc. Zudem mietete er eine gerumige Wohnung, nur weil ihm das
Gesicht des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser Mann
nie stren wrde. Freilich standen in der grossen Wohnung nur ein Bett,
ein Divan, ein Tisch und einige Sthle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur
sein Arbeitskabinett heizbar war, also lebte er in diesem, behielt
jedoch die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung
seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen Diener bei sich
behielt, der ihm auch so sympathisch war, dass keine Mahnung, er solle
ihn weggeben, da er ihn bestehle, bei ihm Eingang finden konnte. Mag er
mich doch bestehlen, sagte Dostojewsky, er wird mich nicht ruinieren.
Thatschlich, erzhlt O. Miller, ruinierte dieser Diener ihn doch, denn
er hatte eine Geliebte mit grosser Familie, die schliesslich alle auf
Kosten seines Herrn lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in
Schulden geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste. Als es
anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von allem zurck, schloss
sich in sein Arbeitszimmer ein und verkehrte mit niemand. Nach den
Mitteilungen des Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft
besuchte, war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend, ohne
es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge einer schweren
Halskrankheit, die er noch im Elternhause durchgemacht hatte, bestndig
heiser, seine Gesichtsfarbe erdfahl.

Hier beginnt seine intensive Beschftigung mit der Litteratur; er liest
viel franzsisch: Balzac, George Sand, Victor Hugo, Lamartine, Souli.
Entwrfe zu Erzhlungen jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen
Beschftigungen war ihm sein militrischer Beruf eine grosse Last, die
er indes nicht abzuschtteln wagte, weil der Vormund ihm mit Entziehung
seiner Rente drohte.

Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu jener Zeit waren,
davon giebt uns die Erzhlung Dr. Riesenkampfs ein drastisches Bild. Zur
Zeit der grossen Fasten im Jahre 1842 sei pltzlich ein Geldzufluss bei
Dostojewsky sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der eben
angekommen war, sowie die des Sngers Rubini und eines berhmten
Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn Riesenkampf in einer Auffhrung von
Puschkins Ruslan und Ludmila. Im Mai aber schloss er sich abermals ein
und versagte sich jedes Vergngen, um sich zur letzten Prfung
vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf zur medizinischen
Prfung vorbereitet, erkrankte infolge zu grosser Anstrengung und htete
noch am 30. Juni das Bett. Da erscheint pltzlich Dostojewsky an seinem
Lager, bis zur Unkenntlichkeit verndert; strahlend, gesund aussehend,
mit sich und dem Schicksal zufrieden, denn er hatte eben die Prfung
sehr gut bestanden, war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen; hatte
berdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme erhalten, dass er imstande
war, seine Schulden zu bezahlen. Zudem hatte er einen lngeren Urlaub
bekommen, den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich
inzwischen verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er am folgenden
Morgen zu unternehmen gedachte. Nun zerrt er den Freund aus dem Bette,
kleidet ihn an, setzt ihn auf einen Wagen und fhrt ihn in eines der
ersten Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein gesondertes
Zimmer mit einem Flgel, bestellt ein lukullisches Mahl mit kostbaren
Weinen und ntigt den kranken Freund, mit ihm zu essen und zu trinken.
Diese zwingende Heiterkeit wirkte wohlthtig auf den Kranken; er ass und
trank, musizierte und -- wurde gesund. Am anderen Morgen begleitete er
den Freund zum Dampfer!

In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche Unduldsamkeit einen
sehr blen Eindruck empfangen zu haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen
die Deutschen, denen er hhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt
liess.

Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner Frau Theodor mit
neuer Wsche und Kleidern ausgestattet und bat nun Riesenkampf, welcher
auch nach Reval gekommen war, er mge, da er sich in Petersburg
niederlasse, gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er, der
niemals etwas ber den Stand seiner Habe wisse, sich an dessen deutscher
Ordnungsliebe ein Beispiel nehme. Als Riesenkampf im September 1843 nach
Petersburg zurckkam, erfllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor ohne
eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar auf Kredit, lebend.
Theodor Michailowitsch, schliesst er den Bericht, gehrt zu jenen
Personen, neben denen zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in
Not sind. Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner
Vertrauensseligkeit und Gte wollte er den Dingen weder auf den Grund
gehen noch seine Diener samt Anhang beschuldigen, die sich seine
Harmlosigkeit zu nutze machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem
Arzte war ein neuer Anlass zu vergrsserten Auslagen. Jeden armen
Teufel nmlich, der um rztlichen Rat zum Doktor kam, nahm er wie einen
teuren Gast auf, erzhlt Orest Miller. -- Darber zurecht gewiesen,
antwortete er entschuldigend: Da ich mich daran mache, die Lebensweise
armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit habe,
das Proletariat der Hauptstadt nher kennen zu lernen. Bei Abschluss
der Monatsrechnungen fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren
Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte; nicht nur Bcker
und Krmer, sondern auch Schneider und Schuster reichten unerhrte
Rechnungen ein. Dazu war die Wsche und Garderobe, die bei jedem
Geldzufluss immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz
zusammengeschmolzen. Seine usserste Not dauerte um diese Zeit zwei
Monate. Da pltzlich fand ihn der Doktor eines Tages laut, selbstbewusst
und stolz im grossen Saale auf und ab gehen -- er hatte aus Moskau 1000
Rubel erhalten. Am anderen Morgen aber, erzhlt Dr. Riesenkampf, kam
er wieder in seiner gewhnlichen stillen, sanften Weise in mein
Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen. Der grsste Teil des
Geldes war zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was brig
blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten 50 Rubel
waren ihm von einem Fremden, den er zu sich gerufen und in seinem Zimmer
allein gelassen hatte, gestohlen worden.

Im Mrz 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg scheiden und Theodor
Michailowitsch zurcklassen, ohne dass sein deutsches Beispiel etwas
gefruchtet htte.

Um diese Zeit herum beschftigt sich der Dichter, um Geld zu verdienen,
mit bersetzungen. Er bersetzt Eugenie Grandet von Balzac, Schillers
Don Carlos und George Sand, wofr er 25 Papierrubel fr den Druckbogen
erhlt. Nun reicht er um Entlassung aus dem Militrdienst ein, denn,
schreibt er an den Bruder, ich bin des Dienstes berdrssig,
berdrssig wie einer Kartoffel -- -- --

In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er: Ich habe einen Roman
geschrieben, im Umfange der Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin
seiner Dienstentlassung) werde ich gewiss schon Antwort darber haben.
Er ist ziemlich originell.

Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch so zu begegnen, dass
er auf seinen Gutsanteil verzichtet, wenn man ihm 500 Silberrubel
sofort, spter abermals 500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer
verloren, wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht um aller
Heiligen willen, der Bruder mge ihm helfen, sonst msse er ins
Gefngnis. Chlestakow (aus Gogols Revisor), sagt er, erklrt sich
bereit ins Gefngnis zu gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich
aber nobel ins Gefngnis gehen, wenn ich keine Hosen habe? Dabei ist
der Brief noch immer aus der kostspieligen Wohnung datiert. In der
Nachschrift heisst es: ich bin mit meinem Roman ausserordentlich
zufrieden. Er blickt auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er
sieht in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und nun,
nachdem er ihn dem Dichter Njekrssow bergeben, welcher damals an der
Redaktion des Zeitgenossen teilnahm, kommt fr ihn die bedeutende
grosse Lebenswende, die er uns 30 Jahre spter in seinem Tagebuch eines
Schriftstellers folgendermassen erzhlt, wobei begreiflicherweise im
Gedchtnis des Dichters eine kleine Verschiebung bezglich des
Zeitpunktes stattfindet.

Es geht manchmal eigentmlich zu mit den Menschen; wir haben einander
[hier ist der Dichter und Njekrssow gemeint] nicht oft im Leben
gesehen, es hat auch Missverstndnisse zwischen uns gegeben -- aber
etwas hat sich doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals
habe vergessen knnen. Und nun, als ich unlngst Njekrssow besuchte,
fing er, der Kranke und Erschpfte, beim ersten Worte an, von diesen
Tagen zu sprechen. Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so
jugendliches, frisches, hbsches, eine der Begebenheiten, die fr immer
im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir waren damals etwas ber zwanzig
Jahre alt. Ich lebte nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon
ein Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen wrde, voll von
dunklen, unbestimmten Zielen. Es war im Mai des Jahres 1845. Anfangs des
Winters hatte ich pltzlich meine Erzhlung Arme Leute begonnen, ohne
vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzhlung beendet
hatte, wusste ich nicht, was ich damit anfangen, wem ich sie bergeben
sollte. Litterarische Bekanntschaften hatte ich absolut gar keine,
ausser etwa D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst ausser
einer kleinen Erzhlung fr eine Sammlung (die Erzhlung hiess
Petersburger Leiermnner) noch nichts geschrieben. Ich glaube, er war
damals im Begriff nach seinem Landsitz hinauszufahren; vorlufig wohnte
er fr einige Zeit bei Njekrssow. Als er einmal zu mir kam, sagte er:
Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es selbst noch nicht
gelesen); Njekrssow will zum nchsten Jahr ein Sammelwerk herausgeben,
und da will ich ihm das Manuskript zeigen. Ich brachte es ihm, sah
Njekrssow etwa eine Minute -- wir reichten einander die Hand. -- Ich
schmte mich bei dem Gedanken mit meinem Werke gekommen zu sein und ging
so schnell als mglich fort, fast ohne mit Njekrssow ein Wort
gesprochen zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser Partei
der Vaterlndischen Annalen (eine Zeitschrift, welche damals von einer
Anzahl vortrefflicher und gesinnungstchtiger Schriftsteller und
Kritiker herausgegeben wurde), wie man sie damals nannte, frchtete ich
mich. Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung, aber
er erschien mir frchterlich, druend und -- der wird meine Armen
Leute verlachen -- dachte ich manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich
hatte die Erzhlung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thrnen
geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese Augenblicke, die
ich mit der Feder in der Hand bei dieser Erzhlung verlebt hatte, sollte
das alles Lge, Gaukelei, unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte
ich nur fr Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich wieder.

Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift abgegeben hatte,
ging ich irgendwo hin, weit fort, zu einem ehemaligen Kameraden; wir
sprachen die ganze Nacht durch ber die toten Seelen; wir lasen darin,
ich weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter den jungen
Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen: Wollen wir nicht etwas im Gogol
lesen, meine Herren? Sie setzten sich und lasen -- wohl meist die ganze
Nacht durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die
von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten. Ich
kehrte nach Hause zurck -- es war schon vier Uhr morgens, eine weisse,
taghelle Petersburger Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als ich
in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht zu Bette, sondern
ffnete das Fenster und setzte mich daran. Pltzlich hre ich zu meinem
grssten Erstaunen die Thrklingel ertnen -- und da strzen auch schon
Gregorowitsch und Njekrssow ber mich her, umarmen mich in voller
Entzckung, und es fehlt nur noch, dass sie beide zu weinen anfangen.
Sie waren am Vorabend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die
Hand genommen und zur Probe zu lesen angefangen -- nach zehn Seiten
wird man schon sehen. -- Aber nachdem sie zehn Seiten gelesen hatten,
beschlossen sie weitere zehn zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne
Unterbrechung die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablsend,
wenn dieser ermdet war. Er liest vom Tode des Studenten, erzhlte mir
spter, als wir allein waren, Gregorowitsch, und da, an der Stelle, da
der Vater dem Sarge nachluft, merke ich, wie Njekrssows Stimme
umschlgt, einmal, das zweite Mal, und pltzlich hlt er's nicht aus und
schlgt mit der flachen Hand auf das Manuskript Ach! dass ihn doch! --
damit meinte er Sie, und so gings die ganze Nacht.

Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!), da beschlossen sie
einstimmig, sofort zu mir zu gehen. Was liegt daran, dass er schlft,
wir wecken ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf! -- Wenn ich
spter den Charakter Njekrssows betrachtete, wunderte ich mich fters
ber diesen Augenblick. Sein Charakter ist verschlossen, misstrauisch,
vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er mir immer erschienen,
sodass dieser Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die
Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben damals etwa
eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben Stunde sprachen wir, weiss
Gott was alles durch, einander in halben Worten verstehend, in
Ausrufungen, hastig -- -- Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der
damaligen Lage, natrlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus seinem
Revisor, aus seinen toten Seelen citierten. Aber hauptschlich
sprachen wir von Belinsky. Noch heute bringe ich ihm Ihre Erzhlung,
und Sie werden sehen -- ja das ist ein Mensch, o was fr ein Mensch ist
das! rief Njekrssow mit Entzcken, indem er mich mit beiden Hnden an
den Schultern fasste und schttelte. Nun aber gehen Sie schlafen,
schlafen Sie, wir gehen fort und morgen -- zu uns. Wie htte ich
daraufhin einschlafen knnen! Welches Entzcken, was fr ein Erfolg! und
vor allem das kostbare Gefhl, ich erinnere mich dessen sehr gut: hat
ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglckwnscht ihn, man kommt
ihm entgegen -- aber seht, diese kommen mit Thrnen in den Augen
herbeigelaufen, um vier Uhr morgens, um mich zu wecken, weil das mehr
wert ist, als der Schlaf! -- Ach! wie schn! so dachte ich; wo wre da
Schlaf gekommen?

Njekrssow brachte das Manuskript den selben Tag zu Belinsky. Er betete
Belinsky an und es scheint, dass er ihn sein lebenlang mehr geliebt hat,
als alle andern. Damals hatte Njekrssow noch nichts von der Bedeutung
geschrieben, wie dies ihm im nchstfolgenden Jahre gelingen sollte.
Njekrssow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefhr sechzehn Jahre
in Petersburg. Er schrieb ungefhr schon seit seinem sechzehnten Jahre.
ber seine Bekanntschaft mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat
ihn gleich anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen
Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des damals noch
jugendlichen Alters Njekrssows und des grossen Altersunterschiedes, der
zwischen ihnen bestand, waren sicherlich auch damals solche Augenblicke
vorgekommen und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche auf das
ganze Leben Einfluss nehmen und unlsbare Bande knpfen.

Ein neuer Gogol ist erstanden, rief Njekrssow, als er, die armen
Leute in der Hand, bei Belinsky eintrat. Bei Euch wachsen die Gogols
wie die Pilze, antwortete ihm strenge Belinsky, -- aber er nahm das
Manuskript. -- Als Njekrssow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen
geradezu bewegt: bringen Sie ihn her, bringen Sie ihn schnell!

Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage) zu ihm. Ich erinnere
mich, dass mich beim ersten Anblick sein usseres sehr frappiert hat;
seine Nase, sein Kinn -- ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus
anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren Kritiker.
Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst und grosser Zurckhaltung.
Nun es muss ja auch so sein, dachte ich bei mir; allein es verging
kaum eine Minute und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst
einer bedeutenden Persnlichkeit, eines grossen Kritikers, welcher einem
22jhrigen Jnglinge entgegen kam, der eben seine schriftstellerische
Laufbahn betritt, sondern dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung
vor jenen Gefhlen, die er so schnell als mglich in mich giessen
wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen sich gedrngt
fhlte. Er redete mich nun leidenschaftlich, mit leuchtenden Augen an:
Ja, verstehen Sie denn selbst -- wiederholte er mehreremale, nach
seiner Gewohnheit schreiend --, was Sie da geschrieben haben? Er schrie
immer, wenn er in starker Bewegung sprach, das haben Sie nur durch
unmittelbares Gefhl, nur als Knstler schreiben knnen. Aber haben Sie
denn selbst die schreckliche Wahrheit bedacht, auf die Sie uns
hingewiesen haben? Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das
verstehen knnten. Ja, dieser Ihr unglcklicher Beamte, ja, der ist
schon dahin gekommen und hat sich selbst schon dahin gebracht, dass er
sich selbst aus Erniedrigung sogar nicht mehr einen Unglcklichen zu
nennen wagt und die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der
es nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglcklich zu sein,
und als ihm der gute Mensch, der General, jene 100 Rubel giebt, ist er
ganz zermalmt, ganz vernichtet vor Verwunderung, dass ihre Excellenz
haben einen solchen, wie er ist, bemitleiden knnen, ihre Excellenz
haben, wie Sie ihn sich ausdrcken lassen, nicht seine Excellenz hat.
Und der abgerissene Knopf, und der Augenblick, da er dem General das
Hndchen ksst, ja, da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglcklichen,
da ist Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas Grauenhaftes,
das ist eine Tragdie. Sie haben das innerste Wesen der Sache getroffen,
das allerwichtigste mit einem Strich gezeigt. Wir Publizisten und
Kritiker beurteilen nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklren,
aber Sie, der Knstler, stellen mit einem Strich die tiefste Wesenheit
der Sache im Bilde hin, so dass man es auf einmal fassen kann, dass dem
urteilslosesten Leser mit einem Male alles begreiflich werde. Da haben
Sie das Geheimnis des Knstlertums, da haben Sie die Wahrheit in der
Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie offenbart und verkndet
als einem Knstler; Sie haben sie als ein Geschenk empfangen. --
Schtzen Sie also diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden
ein grosser Knstler werden!

Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er auch spter ber
mich vielen anderen, die jetzt noch leben und es bezeugen knnen. Ganz
berauscht ging ich von ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses
stehen, sah den Himmel ber mir, sah den hellen Tag, die
Vorbergehenden, und fhlte mit meinem ganzen Wesen, dass in meinem
Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, ein Durchbruch nach
der Ewigkeit, etwas ganz Neues; aber etwas, das ich damals auch in
meinen leidenschaftlichsten Trumen nicht vermutet hatte (und ich war
damals ein schrecklicher Trumer!). Wr' es mglich, bin ich in
Wahrheit so gross? -- dachte ich schamhaft, in einer Art schchterner
Entzckung, bei mir. O, lachet nicht! Niemals nachher habe ich gedacht,
dass ich gross sei, aber damals -- konnte man denn das ertragen! O, ich
werde dieses Lobes wrdig sein! -- Und was fr Menschen, was fr
Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten so prchtig zu
werden wie sie, ich werde ausharren, getreu sein! O, wie bin ich doch
leichtsinnig! Wenn Belinsky nur she, was fr niedere, schndliche Dinge
in mir sind! brigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen
allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das Gute und
Wahre siegen und triumphieren berall. -- So werden wir ber das Bse
und das Laster siegen -- o, zu ihnen also, mit ihnen! ......

Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks in seiner ganzen
Klarheit, und niemals habe ich ihn spter vergessen knnen; das war der
hinreissendste Moment meines ganzen Lebens.

Mit dieser Erzhlung Arme Leute, sagt N. Strachow, hat Dostojewsky
einen neuen Ton in die russische Litteratur gebracht. Die Situation und
die Figur des armen Helden, welche eine gewisse hnlichkeit mit der
Hauptfigur aus Gogols Mantel hat, weist Zge rhrender Schnheit und
Herzenseinfalt auf, whrend Gogol nur das Factum, das Erniedrigende und
Lcherliche desselben darstellt. Dass Dostojewsky mit vollem
Bewusstsein diesen grossen Schritt gethan und diesen echt russischen Zug
von Teilnahme und Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die
Litteratur gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin (der
Held), dem das geliebte Mdchen Bcher leiht und einmal Gogols Mantel
zu lesen anrt, diese Erzhlung als ein bswilliges Pasquill auf alle
Armen aufnimmt, die man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann, und
sich in seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben -- einen Rausch
antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schrfste Kritik Gogols, den er im
brigen unendlich bewundert und den er sich infolge hnlicher Anlage zum
Humor eine Zeit lang usserlich zum Muster nimmt. -- Wir mussten lnger
bei dieser Erzhlung verweilen, weil sie eigentlich schon das
Leitmotiv der litterarischen Thtigkeit von Dostojewskys ganzem Leben
anstimmt. Im Gegensatze zu anderen Dichtern, welche in ihren
Erstlingswerken hchst unoriginal sind und erst spter zu sich selbst
kommen, setzt Dostojewsky krftig und zielbewusst mit dem Ton an, der
durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hrt, und um deswillen
allein er schreibt. Seine Biographen und Arbeitsgenossen nennen vier
Anlsse oder Anlufe des Dichters, welche seine vier, nach ihrer
Grundidee bedeutendsten Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse
Etappen auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters Freund
und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: In seiner litterarischen
Thtigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft und Energie gezeigt, wie
kein Zweiter. Er hatte Perioden der Erschlaffung, gleichsam des
Verfalles -- dann aber hat er sich immer wieder hher aufgeschwungen als
je zuvor und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt. Man kann
vier solche neue Krafterhhungen bei ihm nachweisen: 1. Arme Leute, 2.
Das Totenhaus, 3. Schuld und Shne und endlich 4. Das Tagebuch
eines Schriftstellers.

Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich usserliche zu sein. Die vier
Grundideen, welche sich in diesen vier Werken ussern, sind durchaus
einheitlich und nur verschiedene usserungen des in Arme Leute
angeschlagenen Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden,
so wird man, nmlich seiner Wirkung nach aussen nach, finden, dass zwei
andere Werke es noch krftiger, eindringlicher, zwingender durchfhren.
Diese Werke sind: Der Idiot und Die Brder Karamasow. Wir werden bei
der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf zurckkommen.
Gleichwohl wird der aufmerksame Leser von Dostojewskys Werken in Bezug
auf seine litterarische Entwickelung zwei Epochen seiner
schriftstellerischen Thtigkeit unterscheiden. Die erste Phase, welche
gleich nach dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in Arme
Leute beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl der Stoffe, als
was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar nach dem Erfolge der Armen
Leute, die indessen noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrssow
die Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden sollte, erst
1846 herauszugeben dachte -- also im Jahre 1845 macht sich Dostojewsky
daran, den Doppelgnger, den er schon lange mit sich herumgetragen und
von dem er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen.
Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhltnisse geqult, schreibt er,
wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval, an seinen Bruder:

.... Wie traurig war es mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr
...... Wenn mein Leben in diesem Augenblicke abgerissen wre, so wre
ich, scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat sich zu
Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den verwaisten Schlssel
meines 600 Rubel-Quartiers, dessen Zins ich schuldig bin ...
Gregorowitsch und Njekrssow sind nicht in Petersburg .... Sie werden
kaum bis zum 15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten
muss, um zu leben. Meine Arbeit vertrgt keinen Zwang ... Ich bin jetzt
selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem ich mich brigens gleich
morgen beschftigen werde. Goljadkin, der abscheuliche Schuft, will
durchaus nicht vorwrts, will durchaus vor der Hlfte November seine
Carriere nicht vollenden ....

Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: berall unglaubliche
Ehrerbietung, berall eine schreckliche Neugierde in Bezug auf mich:
Frst Odojewsky bittet mich, ihn mit meinem Besuch zu beglcken, und
Graf Sologub reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat ihm
gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den Staub tritt.
Weiter schreibt er: Dieser Tage war ich ohne einen Groschen; Njekrssow
hat indessen Zuboskala, einen prchtigen humoristischen Almanach, ins
Leben gerufen, dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede hat
Lrm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld hatte, ging ich zu
Njekrssow, und als ich so bei ihm sass, kam mir die Idee eines Romans
in neun Briefen. Nach Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer
Nacht; er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt werden. Du
wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter ist, als Gogol. Weiter
schreibt er: Ich denke, ich werde Geld bekommen; Goljadkin wird
vortrefflich -- er wird mein chef d'oeuvre sein. Als Nachschrift heisst
es: Belinsky schtzt mich vor den Unternehmern. Eine zweite
Nachschrift lautet: Ich habe meinen Brief berlesen und finde mich
erstens ungrammatikalisch und zweitens einen Prahler. Eine letzte
Nachschrift sagt: Die Minnuschkas, Claruschkas und Mariannen etc. sind
unglaublich schner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich
waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich ber mein unordentliches
Leben ausgescholten. In einem Briefe vom 1. Februar 1846 teilt
Dostojewsky seinem Bruder mit, dass er endlich am 28. des
vorhergegangenen Monates seinen Schuft Goljadkin vollendet habe. Dann
weiter: Fr Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen; ausserdem
erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich nach meinem Abschied von
Dir schon 3000 ausgegeben habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das
ist die ganze Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schn
mblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr gut. (Folgt die
Adresse, zufllig dasselbe Haus, in dem er starb.) Zum Schluss schreibt
er: Ich bin nervenkrank und frchte ein Nervenfieber; regelmssig leben
kann ich nicht, so sehr bin ich unordentlich.

Zwei Monate spter, am 1. April, schreibt er:

In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so vieles, das fr
mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes und Widerwrtiges auch,
dass ich selbst nicht Zeit habe, darber nachzudenken. Erstens bin ich
sehr beschftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhrlich. Denke
nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens habe ich gerade 4500
Rubel verbraucht seit der Zeit, da wir uns trennten, und habe um 4000
Papierrubel von meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts,
mein Ruhm hat seinen Hhepunkt erreicht. Innerhalb zweier Monate wurde
35 mal in verschiedenen Werken von mir gesprochen ... aber was widrig
und qulend ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem
Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses Entzcken,
Reden, Lrm, Auseinandersetzungen, dann Kritik: Alle, das heisst die
Unsern und das ganze Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so
langweilig und fade, so in die Lnge gezogen ist, dass es unmglich ist,
ihn zu lesen. Weiter sagt er zu seinem eigenen Troste: Alle sind
zornig ber diese Lngen, und alle lesen es doch ber Hals und Kopf und
lesen es wieder ber Hals und Kopf. Noch weiter sagt er: Ich habe ein
schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und Ehrliebe ... mir
ist jetzt Goljadkin widerwrtig; vieles darin ist in Hast und Ermdung
geschrieben. Die erste Hlfte ist besser als die letzte; auf glnzend
geschriebene Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die
Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist es, was mir in
der ersten Zeit zur Hlle wurde, und ich bin aus Kummer krank geworden.

Man sieht aus diesen berschwnglichen Mitteilungen, wie sehr der erste
Erfolg dem 24jhrigen Dichter zu Kopf gestiegen war und seine
Selbstkritik geschdigt hatte, da er den Roman in neun Briefen eine
Perle, nicht schlechter als Gogol und den Doppelgnger sein chef
d'oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen angestossen,
fllt sein Selbstbewusstsein, da Alle, alle, die Unsern, sowie das
Publikum ber den Doppelgnger losziehen.

Es ist fr den Dichter eben jetzt erst die Zeit der Nachahmung und des
Suchens nach seinem Stil angebrochen, ein Herumtasten, das ihn
einerseits auf die Wege Gogols und der Humoristen fhrte, denen er
seiner Anlage nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs und
George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der berwuchernde Reichtum seiner
ethischen Phantasie und namentlich die Lust an Scenen- und
Situationenwechsel verfhren mochte. Dieser Periode des Tastens
entsprangen ausser dem Doppelgnger und dem Roman in neun Briefen sehr
bemerkenswerte kleinere und grssere Erzhlungen, auf die wir an ihrer
Stelle im einzelnen zurckkommen werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine
unwiderstehliche Situationskomik, wie in der Frau des Andern, Eine
heikle Geschichte, ferner ein krftig satirischer Zug, wie in Das
Krokodil, und eine unendliche Zartheit und ehrfrchtige Jugendlichkeit
in der Zeichnung weiblicher Gestalten, wie in Njetotschka Njezwanowa
und Helle Nchte. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe
von Dostojewskys Schpfungen in deutscher Sprache giebt, welche sie in
der Reihenfolge ihrer Entstehung und damit ein bersichtliches Bild der
inneren und usseren Entwickelung des Dichters brchte. Es wrden daraus
dem eindringenden Leser die zwei Phasen vor und nach Sibirien sofort
erkennbar werden; es wrde daraus erhellen, wie der Dichter allmhlich
sich wieder findet, auf die glnzendste Komik und die reichste
Ausgestaltung der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und Geldmangel,
oder weil ihm der Humor ausgegangen wre, verzichtet, und immer
krftiger, unentwegter auf das Ziel seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis
er zuletzt zum Tagebuch eines Schriftstellers gelangt, das ihm
ermglicht, ganz subjektiv, ohne Umschweife und knstlerische Umwege,
rein publizistisch die Wahrheit zu verknden. -- Denn, sagt er immer
wieder, ein Journal ist eine grosse Sache.

Wir haben diese Abschweifung fr notwendig erachtet, weil mit dem
Hinweis auf die einheitliche Grundidee seines ganzen Lebenswerkes, die
sich so mchtig in seinen Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen
ist, von wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thtigkeit und sein
Streben bis ans Ende klar berblicken knnen.

   Der Doppelgnger schildert den Zustand eines im Grunde
   mittelmssigen Menschen, welcher aus dem Unvermgen heraus, das
   wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er
   darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs
   zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensusserungen, die
   seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem
   Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verbt, so ist
   Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so dass
   er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich, das, er
   sein mchte, als Hallucination fortwhrend an seiner Seite sieht,
   bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in ein Irrenhaus
   gebracht wird. Nun wre dieser Vorgang an sich verstndlich und
   mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ergreifend, deutlich,
   wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit verbt htte,
   welche die Einheit des Werkes und dadurch dessen Klarheit
   zerstrt. Er stellt nmlich da, wo es zum Ausbruch der
   Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen sichtbaren
   Doppelgnger und zugleich Namensvetter des Herrn Goljadkin mitten
   in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult, unter
   Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lsst in Wirklichkeit den
   Narren durch seinen klugen, streberhaften Doppelgnger
   verdrngen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes Mittel
   gefunden htte, um uns zu zeigen, dass oft kluge Routine allein
   sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht ausreicht, um
   in der Erscheinung ein Charakter zu werden. Man wsste sonst
   nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte deus ex machina
   auftaucht, dessen es nicht bedurft htte, um die Tragdie eines
   isolierten Charakters, wie ein geistvoller Essayist den
   Doppelgnger nennt, darzustellen.

In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen darber, dass
das Buch ein Bekenntnis und ein specifisch russisches Bekenntnis ist,
dass es einem Grundfehler des russischen Menschen an den Leib geht und
dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige Zerrttung
beginnt, die im Wahnsinn endet.

Der Roman in neun Briefen entstand, wie wir gesehen haben, ebenfalls
in der ersten Epoche von Dostojewskys schriftstellerischer Thtigkeit
und, wie wir ja aus seinem Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht.
Er ist nichts weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der
Dichter mit Meisterschaft die ebenbrtige, wenn auch sehr verschieden
nuancierte Niedertrchtigkeit von fnf Personen in knappster Weise in
neun Briefen heraus arbeitet.

Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem Brief an den Bruder noch
einmal auf den unglcklichen Goljadkin zurck und erzhlt, Belinsky habe
eigens einen Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew
eingeladen gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser Erzhlung hre.
Allein Turgenjew entfernte sich sehr bald nach Beginn der Vorlesung,
usserte sich sehr lobend, war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder
vier Kapitel htten Belinsky sehr gefallen, obwohl sie es nicht wert
waren, wie Dostojewsky sich ausdrckt, worauf er sagt, dass diese
Erzhlung, der eine der ernstesten Ideen zu Grunde liege, welche der
Dichter bis heute in die Litteratur eingefhrt habe, dennoch misslungen
sei. Er hat sie nach 15 Jahren einer grndlichen Umarbeitung unterzogen,
sie aber dann noch als eine vllig misslungene Sache bezeichnet. --

Des Dichters ussere Verhltnisse zeigen in dieser Zeit immer dasselbe
Bild grsster Vernderlichkeit und Unordnung, dem immer auch ein Wechsel
in der Stimmung entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses
Selbstgefhl. So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845: Ein ganzer
Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht. Die bedeutendsten
darunter scheinen ihm Gontscharow und Herzen zu sein. Man lobt sie
ausserordentlich, fhrt er fort der Vorrang aber bleibt vorlufig noch
mir und wird wohl immer mir bleiben.

Allerlei Plne schwirren in seinem Kopfe herum. Er beginnt fr Belinskys
Vaterlndische Annalen zwei kleine Geschichten: Der rasierte
Backenbart und Die zerstrten Kanzleien. -- Diese letztere drfte
wohl die unter dem Namen Herr Prohartschin spter erschienene
Geschichte sein. Beide, sagt er, haben ein erschtterndes, tragisches
Interesse und sind -- dafr stehe ich Dir gut -- schneidig bis aufs
usserste. Auch eine gemeinsame bersetzung von Goethes Reineke Fuchs
schlgt er dem Bruder vor.

Nach einem zweiten Besuch in Reval kndigt er dem Bruder an, dass er
abermals ausziehen werde, zwei kleine, mblierte Zimmer in Aftermiete
genommen habe, wohin er indes, wie wir spter sehen werden, gar nicht
bersiedelt. Er erzhlt ferner, dass im Zeitgenossen, einer von
Njekrssow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges Vermchtnis
erscheine, worin dieser sich von allen seinen Werken lossage. Also,
fgt er hinzu, ziehe selbst den Schluss daraus. -- Dass man seinen
Prohartschin in der Zeitschrift Njekrssows zu besprechen beginne, teilt
er auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von Trauer und
Melancholie, wo es am besten sei zu schweigen. Es ist diese Stimmung
nmlich die Folge eines rivalisierenden Geplnkels der Redakteure, denen
er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld zu kommen.
Namentlich scheint Njekrssow immer in sehr kaufmnnischer Weise alle
Transaktionen geleitet zu haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von
Dostojewskys Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter
einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend in sein
usseres Leben eingreifen. Es sind die Brder Beketow, vor allem aber S.
D. Janowsky, mit dem er noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen
sollte. Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung, sich
unabhngig zu machen, und voll Durst nach heiliger Kunst, nach einer
reinen, heiligen Arbeit, mit der ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens,
das noch nie in ihm so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue
Bilder in seiner Seele erstehen. Bruder, sagt er, ich bin in einer
Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern auch physisch; noch
niemals habe ich eine solche Flle und Klarheit in mir getragen, so viel
Gleichmssigkeit des Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden.
Darin bin ich meinen teueren Freunden Beketow und -- anderen tief
verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thtige, gescheite Menschen,
Menschen, die ein vortreffliches Herz, Seelenadel, Charakter haben ...
sie haben mich durch ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe
ich ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten; wir haben
eine grosse Wohnung aufgenommen, und die Gesamtauslagen fr die
Erhaltung jedes einzelnen bersteigen nicht 1200 Rubel jhrlich. So
gross ist die Wohlthat der Association.

Dieser Schluss drfte, wie Orest Miller richtig bemerkt, wohl schon im
Zusammenhang mit Dostojewskys neuester Beschftigung stehen, mit dem
Sozialismus:

Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschftigung mit dem Sozialismus ist
wohl der Umstand, dass sich der Dichter nachtrglich in seiner eigenen
Beurteilung der Armen Leute von der rationalistischen Anschauung
Belinskys beeinflussen lsst, welcher die positiven Schnheiten dieses
Buches durchaus nicht in den weichen Schatten sieht, welche Armut im
Geiste ber die Gestalt des Helden breitet, sondern ganz einfach in
gewissen, schrfer hervortretenden, gleichsam das Mitleiden
escomptierenden Zgen dieser missbrauchten, zertretenen Figur.
Dostojewsky selbst schliesst sich, vermge der seinen Geist jetzt
beschftigenden Ideen von Kollektivismus und Association, dieser
flacheren Betrachtung an, und wir werden spter sehen, wie er sich,
seinem innersten Wesen nach, wieder davon lossagt.

ber des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47 geben uns sowohl die
Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys und anderer Freunde, als auch
seine stets die Stimmung des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder
ein ziemlich klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit den
Freunden lebt, angenehm und konomisch, wie er sagt, leidet seine
nervse Konstitution doch schwer unter den doppelten Qualen eines
schpferischen Dranges, die Probleme, die ihn frmlich bestrmen,
auszulsen, sie mit allerfeinster analytischer Genauigkeit
herauszuarbeiten, und der misstrauischen ngstlichkeit, mit welcher er
auf den Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei seine
Eigenliebe bald den Gipfel des entzckten Triumphes und der
Selbstberschtzung erklimmt, bald abgrundtief in Krnkung und
melancholischen Unwillen versinkt. Zudem plagt ihn das Ungeordnete, das
dem Schriftsteller-Handwerk durch die Zahlungs-Verhltnisse zwischen
Dichter, Redakteur und Verleger an und fr sich anhaftet, doppelt.
Dennoch finden wir nicht einen Augenblick wirklicher Mutlosigkeit oder
eines Nachlasses in der Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein
schriftstellerischer Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt hat,
eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwrtigkeiten, die
schwere, sich entwickelnde Epilepsie und die daraus entstehende
Gedchtnisschwche berwindet und geradezu verblffende Leistungen
schafft. Im Dezember 1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in
Arbeit versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich nur hie und
da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufgt, an der italienischen
Oper. Er schreibt an der Erzhlung Njetotschka Njezwnowa -- auch
eine Beichte, sagt er, wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone.
Mir scheint immer, fhrt er fort, als fhrte ich einen Prozess gegen
unsere gesamte Litteratur; und mit den drei Teilen meines Romans, die in
den Vaterlndischen Annalen erscheinen werden, stelle ich auch fr
dieses Jahr meinen Vorrang gegenber meinen Neidern fest. Anfangs 1847
drckt er dem Bruder sein Bedauern darber aus, dass dieser ohne
Umgebung lebe. Wir haben oben gesehen, wie sehr ihm die Deutschen der
Ostseeprovinzen missfielen. Doch trstet er ihn mit Worten, welche
gleichfalls die neue, seinem ursprnglichen Wesen widersprechende
Richtung kennzeichnen. Weiter berichtet er in berschwenglichen
Ausdrcken ber seine Wirtin, die er eben schreibt, gerade so
selbstzufrieden, als mit dem Roman in neun Briefen. Diese Erzhlung
wird besser, als die Armen Leute, sie ist in derselben Art, meint er.
Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so wie bei
Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen Sommer lang herumqulte.

   Herr Prohartschin ist eine jener Erzhlungen aus der Zeit
   einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine
   lcherliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und
   ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe in Kost und
   Wohnung und von den anderen durch allerlei abgekartete
   Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und Tod
   geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins
   gefrdert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes
   Kapital von kleinen Mnzen nicht in der schmutzigen Matratze
   vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe deckt.

   Die Aufhufung menschlicher Schwchen und Lcherlichkeiten im
   Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten aller
   jener Zge im Helden, welche Teilnahme erwecken mssten, also ein
   forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus mit Anklngen an
   Gogol und Dickens, und Stellen feiner Detailschilderung, die
   jener wrdig wren, kennzeichnen diese Erzhlung, an welcher sich
   der Dichter einen Sommer lang herumqulte.

   Die Wirtin wurde von Belinsky, wie wir spter erfahren, sehr
   abfllig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade von
   Belinskys Seite erklrlich genug. Vor allem konnte dem scharfen
   Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in diesen Tagen
   der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine tendenzis
   auszunutzende Pointe nicht gengen. Andererseits war sein
   Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten im
   Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen Romantismus, der im
   Hauptteil der Erzhlung zu Tage tritt, nicht zu empfinden. Er
   htte diese Mngel allenfalls milder beurteilen knnen, wenn sich
   dahinter eine zeitgemsse Forderung oder Anspielung verborgen
   htte. Wie dem auch sei -- wir sind trotz jener Fehler von diesem
   Jugendwerke hingerissen und erschttert.

   Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzhlung,
   wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung, wie sie
   nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine Nhe
   kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen
   Sieg ber das schwache Herz, das sich an seiner Seite
   vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich
   losmachen mchte und ihm doch immer wieder anheimfllt. Ein
   Grauen durchbebt uns bei dem nchtlichen Bekenntnis Katjas, das
   in der geheimnisvoll-sssen Sprache der Primitiven mehr
   verschweigt als enthllt, und die Schilderung der Brandnacht,
   jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme nicht
   dreie tragen kann, hllen uns, eine ossianische Ballade, in alle
   Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser Sprache,
   die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch
   wirken -- das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser Art
   wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war wohl
   jene reife, frhreife Menschenkenntnis, die er in den Armen
   Leuten so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der Taumel des
   26jhrigen, von einer Quelle der Inspiration getriebenen
   Dichters enttuschen, dem Himmel und Hlle aus diesen zwei
   Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch konnte er unmglich
   darber hinwegsehen, dass Ordynow, der nominelle Held der
   Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein Deus ex machina,
   eine Entladungsstelle fr die elektrischen Pole Muryn und
   Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch und Knochen,
   sondern ein Bndel Nerven, an dem die Geschichte ausgeht. Auch
   knnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte
   Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich
   Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrt als zeigt,
   nicht ber das Schattenhafte alles brigen ausgeshnt werden. Wir
   aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen
   Seelenahnung auch vom Wesen der Frau -- an welches der Dichter in
   der ersten Periode seines Schaffens berhaupt mit ehrfrchtiger
   Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzhlung spricht der Dichter
   durch den Mund Ordynows an folgender Stelle seinen Hauptgedanken
   aus:

   Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht gestrt
   war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als er sie ein
   schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein Geheimnis sie mit
   dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne ihre Schuld zu
   erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine Macht gekommen
   war. Wer waren sie? Er wusste es nicht; allein ihm trumte
   unaufhrlich von der tiefen, unentrinnbaren Tyrannei ber ein
   armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz wurde unruhig und pochte
   in ohnmchtiger Entrstung in seiner Brust. Es schien ihm, dass
   man vor die erschreckten Augen der pltzlich erwachenden Seele
   hinterlistig ihren Fall hingestellt, in listiger Weise ihr armes,
   schwaches Herz geqult, Wahres und Falsches vor ihr vermengt
   hatte, da, wo es ntig schien, ihre Blindheit absichtlich
   unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen Neigungen ihres
   aufstrmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte; dass man nach
   und nach die Flgel ihrer fessellosen, freien Seele stutzte, so
   dass sie zuletzt nicht mehr fhig war, sich aufzurichten, noch
   ihren freien Schwung zu nehmen in das Leben der Wirklichkeit.

   Vielen Lesern dieser Erzhlung hat sie unklar und unvollendet
   geschienen. Dies muss auch bei jenem franzsischen bersetzer der
   Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie mit der 17 Jahre
   spter geschriebenen Erzhlung Memoiren aus einem Souterrain[3]
   (deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt)
   zusammenzuschweissen und unter dem Titel l'Esprit souterrain zu
   verffentlichen. Derselbe franzsische bersetzer hat es auch
   gewagt, die Brder Karamazow einer Verstmmelung zu
   unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche beginnen
   lsst. Traduttori traditori!

[Funote 3: Anlsslich einer Besprechung der bersetzer-Snden und
Khnheiten hat Dr. Friedrich Lhr in einem Heft der Deutschen Worte
auch dieses franzsischen Kraftstckes Erwhnung gethan und sich bei der
Erhrtung dessen, dass Die Wirtin und die Memoiren aus einem
Souterrain ganz getrennte Arbeiten Dostojewskys sind, auf eine
Mitteilung von mir berufen. Leider hatte ich damals in der russischen
Ausgabe die verdruckte Jahreszahl 1846 anstatt 1864 gefunden und gab
sie, da in des Dichters Briefen nie bestimmte Angaben ber Namen und
Zeitpunkt seiner Publikationen zu finden sind, als authentisch an.
Indessen wurde ich bei genauerer Verfolgung der chronologischen Lebens-
und Arbeitsdaten bald den Irrtum inne, den ich hiermit berichtige; was
jedoch auf den Umstand keinerlei Einfluss hat, dass die zwei Erzhlungen
sowohl durch eine lange Zeit, als durch ihre Veranlassung und ihren
Inhalt vollstndig getrennt sind und keinerlei Berechtigung vorhanden
ist, sie in eins zu verschmelzen.]

Die Wirtin wurde also von Belinsky sehr bel behandelt, was den
Dichter tief krnkte, obwohl er sich gar nicht schriftlich darber
geussert hat. Seine nchsten Mitteilungen an den Bruder sind wieder
Berichte ber angestrengte Thtigkeit, bestellte Arbeit, die man mit
Vorschssen sichert, kurz eine Hlle. Hier muss erwhnt werden, was er
in allen seinen Briefen whrend der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer
wieder betont: Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es
mir zugeschworen. Von solcher Arbeit wrde ich zu Grunde gehen! -- Der
einzige Weg, den er einschlug, um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen,
war der, dass er von den vielen Plnen und fertigen Entwrfen, die er
immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen den bekannten
Redakteuren vorschlug und einen Termin angab, bis zu welchem er die
Arbeit vollenden knnte. Meistens wusste er von vornherein fast ganz
genau, wieviele Druckbogen sie ausmachen wrde, und berschritt selten
das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet sich Dostojewskys
usseres Leben sehr bewegt. Nach der einen Seite findet er im Hause des
Malers Maikow, eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens,
Anregung und Frderung durch den Verkehr mit Schriftstellern und
bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow, Dudyschkin, A. Maikow und
andere. Er hat Gelegenheit, dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in
das kleinste Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch
seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher den meisten Lesern
unverstndlich war, findet aber auch im Ehepaar Maikow thatkrftige
Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitten hilfreich beispringen.

Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit einem Kreis junger
Leute, welche den neuen Ideen huldigen. Ein Brief aus dieser Epoche vom
9. September 1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des Bruders
Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er rt ihm, gemeinsam eine
Gesamtausgabe von Schillers Dramen, die er ja bersetzt habe, zu
veranstalten, und schliesst mit den Worten: Warte nur, Bruder, wir
werden schon hinauf kommen; es ist unmglich, dass wir beide uns nicht
durchschlagen. Am Rande schreibt er: Siehst Du, was Association
bedeutet? Arbeiten wir getrennt, so gehen wir unter, zusammen aber gehen
wir einem grossen Ziele entgegen -- das ist etwas ganz anderes!

Hier haben es die Herausgeber fr angebracht befunden, eine Lcke von
nahezu zwei Jahren in die Korrespondenz zu reissen, welche allerdings
nicht sehr ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein drfte. Die
neuen Ideen Sozialismus, Fourierismus hatten den Feuerkopf ergriffen.
Er schloss sich um diese Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem ber
die knftigen Umgestaltungen Russlands, ber eine nderung der
Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde. Dies war aber zu einer Zeit,
da es geradezu gefhrlich sein mochte, sich eine Ansicht ber den
Umschlag des Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon im
Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so htete man sich wohl, die
Worte, die gefallen waren, nach aussen auszusprechen oder
aufzuschreiben; so kann es wohl sein, dass nicht viele Briefe
Dostojewskys an seinen Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war
an und fr sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah es
zumeist in nervser, durch Gegensatz und Widerspruch oder durch eine
aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene Kampfstimmung.

Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im Besitze der
Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in der schwierigen Lage
befinden, den Dichter lavierend nach beiden Seiten hin schtzen und
immer frchten zu mssen, ihn nach rechts oder nach links zu
kompromittieren. Es wre zu untersuchen, ob nicht ein khnes
Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung des
Sachverhalts, Verffentlichung auch der gravierendsten Briefe, mit
einem Schlage die Luft um seine Erscheinung von allen Miasmen der
Missgunst, des stillen Grolls und der Verurteilung zu reinigen
vermchte.




                                 III.
                             Katastrophe.


Der Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit neuen Ideen fhrte
Dostojewsky immer tiefer in dieselben ein, und die vielen, wenn auch
sicher fruchtlosen, so doch von aufrichtiger Glut fr Freiheit,
Menschen- und Brgerrechte beseelten Debatten im Hause des
Ministerialbeamten Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und
Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche fr 23 Mnner
verschiedenen Alters und Berufs verhngnisvoll werden sollte. Fr
Dostojewskys Leben, seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie fr sein
knstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von den
entscheidendsten Folgen sein.

In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen Artikel:
Meine erste Bekanntschaft mit Belinsky, nennt der Dichter diese Epoche
seines Lebens eine schwere, schicksalsvolle Zeit. Es muss angenommen
werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus eingefhrt
worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrckt, leidenschaftlich
zu eigen gemacht hat, obwohl ihm Belinsky von vornherein das Axiom
entgegenschleudert: die Revolution hat vor allem das Christentum zu
vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegrndet.
Dostojewsky scheint sich der bestrickenden Persnlichkeit Belinskys doch
so weit hingegeben zu haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe
trat; allein wir finden noch 22 Jahre spter in einem Briefe an N.
Strachow, sowie in einem Artikel seines Dnewnik Pisatela (Tagebuch
eines Schriftstellers) heftige Ausflle gegen Belinsky, gleichsam unter
dem unverwischten Eindruck der Entrstung, welche jener Streit fr und
wider das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. Dieser Mensch --
sagt er da -- hat Christum vor mir beschimpft, dabei ist er doch
niemals imstande gewesen, sich selbst oder irgend einen von allen
Fhrern der ganzen Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er
vermochte nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht, Zorn,
Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber Eigensucht in ihm
selbst und in allen anderen vorhanden ist. Als er Christum beschimpfte,
sagte er sich niemals: was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa
uns, die wir so hsslich sind? -- nein, er hat sich auch niemals darauf
besonnen, dass er hsslich ist, er war im hchsten Grade mit sich
zufrieden.

Aus alledem knnen wir uns eine Vorstellung davon machen, wie
Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger Jahre beschftigte, und
wie klar doch bei alledem in ihm die Grenze vorgezeichnet war, die er
vermge seiner innersten Wesenheit nicht zu berschreiten vermocht
htte, so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen
christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen mchten.

Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre frher, hatten sich aus dem
Schosse der Universitt heraus mehrere Studentenkreise gebildet, die ein
ernsteres Streben vereinigte, als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie
bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek an,
wobei wissenschaftliche Werke des In- und Auslandes, darunter nicht
wenige eingeschmuggelte Bcher, erworben wurden. So machten sie sich mit
den Werken L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs,
Proud'hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener ehemalige
Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium des usseren
Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um die sogenannte Gesellschaft der
Propaganda durch alle mglichen Elemente zu vergrssern. Es sollten die
einzelnen Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der Fnf eines,
dem bei uns unter dem Namen Schneeballen bekannten, hnlichen
Vorganges. Die Teilnehmer der einzelnen Kreise sollten einander nicht
persnlich kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in Fhlung
sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja aus den letzten
Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt hat, finden wir die Stelle: die
Sozialisten (die russischen nmlich) sind aus den Petraschewzen
hervorgegangen; die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut.
Ebenso glaubten sie -- diktierte er weiter -- dass das Volk mit ihnen
sei und -- fgt er hinzu -- sie hatten eine Grundlage dafr, denn das
Volk war leibeigen.

Dieser letzte Satz scheint mir der Schlssel dafr zu sein, warum sich
Dostojewsky berhaupt an den Besprechungsabenden des Petraschewskyschen
Kreises bei diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von jeher
das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal und hoffte und
wnschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle
seine Reden hatten vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzhlt
einer der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden Roman von einem
Genossen, dem er Dostojewskys Worte in den Mund legt. Er sagte still und
langsam: die Befreiung der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in
unsere grosse Zukunft sein.

Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als
einen, dessen ganzes Wesen sich zum Verschwrer geeignet habe; still,
einsilbig, nicht mitteilsam, nur fhig, sich unter vier Augen
auszusprechen, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer
hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn
bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus,
wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermge der Macht seiner
Persnlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises,
sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwrdigerweise liess
man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewhren, zum Teil darum,
weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen
besessen htte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbrtig
teilnehmen zu knnen, und das ber dem Vorurteile erhaben wre,
welches den Namen eines Angebers brandmarkt. -- Endlich fand man einen,
diesen erhabenen Standpunkt einnehmenden Menschen in einem Beamten des
auswrtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit
Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem
in keiner nahen persnlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende
besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der
Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen
wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt msse von oben
gemacht werden. Wenn er aber nicht geschieht? warf man ein, -- ja
dann meinetwegen mit Gewalt. Bei Durow hingegen wurde die Frage einer
geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befrwortet, allein
von der Versammlung abgelehnt.

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen
dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie
irrtmlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt
und nach dem Hause der dritten Abteilung der geheimen Polizei
abgefhrt. Wir haben, um, wenn es mglich wre, authentische Daten ber
diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch
gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente
desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es wrden keine allzugrossen
Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes
Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustnde andere und andere
Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol,
welcher den Anklagepunkt fr Dostojewsky abgegeben, lngst publiziert
und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des
Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geffnet, welche in
einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So
hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der
reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie ber den
kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven
vervollstndigt.

Man kam uns, soweit dies mglich war, von Seiten des Ministeriums des
Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht
bergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe
von Dokumenten zur Verfgung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine
Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines Verhaltens im Gefngnis, seine
Befreiung, sein Avancement zum Fhnrich, die Wiedererlangung des Adels
und seine endliche vollstndige Befreiung, mit der Erlaubnis nach
Petersburg zurckzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner
Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstnde, nachdem er 50 Jahre im
Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen
mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Verffentlichung
berlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer
Stelle, hier im Anschluss.

   Kopie.
   III. Abteilung
   von Sr. Majestt des
   Kaisers Privatkanzlei. --
   Expedition St. Petersburg,
   22. April 1849.
   No. 675.

                                                               Geheim.
                                      Dem Herrn Major der Petersburger
                                                  Gendarmerie-Division
                                                             Tschudin.

   Auf allerhchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren
   (Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht,
   den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch
   Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des
   Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in
   der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere
   und Bcher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der
   dritten Abteilung von Sr. Majestt Privatkanzlei zu bringen.

   Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darber zu wachen, dass
   von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde.

   Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse Menge von
   Papieren und Bchern vorfinden, so dass es nicht mglich sein
   wird, sie sofort in die dritte Abteilung zu befrdern. In diesem
   Falle sind Sie gehalten, eines wie das andere in eine oder zwei
   Stuben, je nach dem es ntig ist, niederzulegen, diese Stuben zu
   versiegeln und Dostojewsky selbst unverweilt in der dritten
   Abteilung abzuliefern.

   Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere und Bcher
   aussagen sollte, dass einige darunter irgend einer anderen Person
   gehren, so haben Sie dieser Aussage keine Beachtung zu schenken,
   sondern auch diese zu versiegeln.

   In Ausfhrung dieses Befehls haben Sie die grsste Achtsamkeit
   und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden.

   Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps,
   General-Lieutenant Dubelt, verfgt, dass sich in Ihrer Begleitung
   befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei und die
   unumgnglich ntige Anzahl von Gendarmen.

                         Der General-Adjutant
                             Graf Orloff.

Der Bericht an Graf Orloff ber die aufgegriffenen Papiere lautet:

                                                         Geheim 148/6.

   Hochgeehrter Herr!
   Iwan Alexandrowitsch!

   Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere hat sich
   nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache htte. Es wurde
   nur gefunden: ein Brief von Belinsky, enthaltend eine Einladung
   zu einer Gesellschaft bei einer Person, mit der er noch nicht
   bekannt war, ein Brief aus Moskau von Pleschtschejew, in welchem
   er von seinem Eindruck bei der Ankunft der kaiserlichen Familie
   in Moskau spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu
   bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehren. Zwei Bcher
   unter dem Titel: Le berger de Cravan und La conscration du
   Dimanche.

                            16. Mai 1849.

                                                 Frst Alex. Galitzin.

   Nabokow, Prsident der Untersuchungs-Kommission.

   In Ergnzung meines Berichtes habe ich die Ehre, Euer Excellenz
   den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher sich unter den bei
   Dostojewsky gefundenen Papieren befand, zu bermitteln.

                            17. Mai 1849.

   Nabokow.

   Hier ist zu ergnzen, dass das unvollendete Manuskript, d. h. der
   III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur der
   Vaterlndischen Annalen bergeben worden war, wo es im Maiheft
   1849 erschien; jedoch, laut Verfgung (vom 28. April) der III.
   Abteilung, ohne Unterschrift des Verfassers. Diese Erzhlung,
   Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden.

   Diese Berichte ber die vorgefundenen Papiere sind insofern
   richtig, als fr die betreffenden Behrden nur solche Papiere ins
   Auge gefasst worden waren, welche zugleich persnliche und
   politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe des
   Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er nicht im
   geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, also
   nichts wegrumen konnte, verschiedene belletristische Schriften,
   namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener Zeit bei ihm
   gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der Zettel
   Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie diese Namen
   trugen. Anderes mag wohl durchgeblttert worden und als wertlos
   in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei Schriftstcke
   zur Ansicht mit der Bitte, brigens recht harmlose, Stellen aus
   dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir auch in
   Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die Dossiers
   gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im brigen fr uns
   nicht von gengendem Interesse, um ihn hier zu bringen, es wre
   denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezhlte Freunde,
   die zu Durow kommen, salut et fraternit entboten wird.

Dostojewsky selbst erzhlt den Vorgang dieser Verhaftung mit einem
gewissen Humor in einem Blatte, das er 1860 der Tochter seines Freundes,
des Schriftstellers A. Miliukow, widmet:

Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich gegen 4 Uhr morgens
von Grigorjew nach Hause, legte mich zu Bette und schlief sofort ein. --
Nicht spter als nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf
hindurch, dass irgendwelche ungewhnliche und verdchtige Leute in meine
Stube getreten waren.

Es klimperte ein Sbel, der unversehens an irgend etwas gestreift hatte.
Was geht da Seltsames vor? Ich ffne mit Mhe die Augen und hre eine
weiche, sympathische Stimme: Stehen Sie auf! -- Ich schaue: da steht
der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders Kommandierter mit
hbschem Backenbart. Allein er hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau
gekleideter, mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmckter Herr
gesprochen.

Was ist geschehen? frage ich, mich aufrichtend. -- Auf Befehl ... --
Ich schaue: richtig auf Befehl. In der Thre steht ein Soldat,
ebenfalls blau. Sein Sbel war es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha!
also das ist's ... dachte ich bei mir.

Erlauben Sie mir doch ... begann ich -- Macht nichts, macht nichts!
kleiden Sie sich an. Wir werden warten, sagt der Oberstlieutenant mit
noch sympathischerer Stimme. -- Whrend ich mich ankleide, verlangen sie
die Bcher und beginnen sich hinein zu whlen -- sie fanden nicht viel,
whlten aber alles durch. Die Bcher und Schriften banden sie ordentlich
mit einem Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser
Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen und stberte mit
meinem Tschibuk in der kalten Asche herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier
stieg auf sein Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber
vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf die Erde. Da
berzeugten sich die umsichtigen Herren, dass sich nichts auf dem Ofen
befand. Auf dem Tische lag ein altes verbogenes Fnf-Groschenstck. Der
Pristaw betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem
Oberstlieutenant zu: Ist's am Ende ein falsches? fragte ich. Hm, das
muss man doch auch untersuchen, murmelte der Pristaw und endigte damit,
dass er auch dieses Stck dem Beweismateriale hinzufgte. Wir traten
hinaus. Uns begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der
zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art stumpfer, dem Ereignis
angemessener Feierlichkeit dreinschaute; brigens einer nichts weniger
als feiertgigen Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche,
zuerst stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der
Oberstlieutenant. Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrcke beim
Sommergarten. Dort gab es viele Leute und ein bewegtes Kommen und Gehen.
Es begegneten mir viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam.
Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem Range, besorgte den
Empfang ...... ununterbrochen kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein
...... Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, der eine
Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand mit Bleistift
geschrieben: Agent der aufgedeckten Sache: Antonelli. -- So, also
Antonelli ist es -- dachten wir. -- Man postierte uns in verschiedene
Winkel, in der Erwartung der endgiltigen Anordnung, wohin man einen
jeden unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren
unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), der
Untersuchungs-Richter, herein -- aber hier unterbreche ich meine
Erzhlung. Es wre viel zu erzhlen. Aber ich versichere Sie, dass
Leonty Wassiljewitsch ein hchst angenehmer Mensch war.

Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich des Dichters Bruder
Andreas erzhlen sehr eingehend den weiteren Verlauf der Haft, des
Verhrs, der ganzen Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir
nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den oben erwhnten
34 Verhafteten wurden jene ausgewhlt, welche auch zu Petraschewsky
kamen -- es waren 23, darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer -- die
brigen waren Studenten, Universitts-Kandidaten, Schriftsteller und
Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky war, wie schon
oben gesagt, nur irrtmlicherweise verhaftet worden und das anstatt des
ltesten Bruders Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum
Kreise Petraschewskys gehrte, ja diesem sehr antipathisch
gegenberstand, jedoch durch Durow einige Bcher aus dieser Gesellschaft
entliehen hatte, was offenbar unter falschem Vornamen angegeben worden
war. Andreas war also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht
worden, wo pltzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuluft und ihn
erstaunt fragt: Was machst denn du da, Bruder? Allein er konnte nicht
antworten, da ein Gendarm sie trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen
warum, in Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt und
fngt allmhlich zu begreifen an, um was es sich wohl handeln mag.

Das Verhr, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, in
was fr Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky stehe, ganz naiv
die Gegenfrage stellt: Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn
der zweite? bringt seine Unschuld an den Tag, und man hlt ihn nur noch
zurck, damit er in der Stadt nicht mit Leuten zusammen komme, die er
nicht zu treffen habe. Es stellt sich heraus, dass man auf den
Richtigen gekommen war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den man am
5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei gibt. Eine Stelle aus
einem Briefe Theodor Michailowitschs an den Bruder Andreas drckt noch,
nach einem Zeitraum von 13 Jahren, seine Freude darber aus, dass dieser
das Missverstndnis nicht frher aufgeklrt habe. Ich erinnere mich
daran, sagt er, du mein Teurer, erinnere mich, wie wir einander, es
war wohl das letzte Mal, im weissen Saale begegneten. Es kostete dich
damals nur ein Wort, das du an betreffender Stelle httest sagen knnen,
und du wrst sofort, als irrtmlich statt des lteren Bruders
festgenommen, frei gelassen worden. Aber du folgtest meinen
Vorstellungen und Bitten, du gingst grossmtig in die Thatsache ein,
dass der Bruder in sehr engen Verhltnissen lebe, dass seine Frau eben
erst in den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt habe -- du
begriffst das alles und bliebst im Gefngnis, um den Bruder Zeit zu
lassen, seine Frau vorzubereiten und sie nach Mglichkeit fr eine
vielleicht lange Zeit seiner Abwesenheit sicherzustellen.[4]

[Funote 4: Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher
zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys
besteht, worin es heisst, dass die Brder im weissen Saale einander zwar
begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser der Begrssung, mit einander
gewechselt hatten. Auch Orest Miller ist dieser Widerspruch whrend der
Bearbeitung seiner Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich
veranlasst sah, Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn ber das Detail
jenes Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner Materialien zu
einer Biographie Dostojewskys klrt er uns denselben auf. Die Brder
hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit einander gewechselt,
allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, auf einem Zettel alle
diese Vorstellungen dem Bruder zukommen zu lassen, welchen Zettel dieser
aber niemals erhielt.]

Wenn du einmal so grossmtig und ehrenhaft gehandelt hast, fhrt
Dostojewsky fort, so konnte ich dich ja auch nicht vergessen und musste
ich ja deiner, als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.

Zum Verlauf der Untersuchung zurckkehrend, erzhlt Orest Miller, dass
der General Rostowzew Dostojewsky nahe gelegt habe, alles zu erzhlen.
Dieser beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. Da
wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: Ich kann nicht glauben,
dass ein Mensch, welcher Arme Leute geschrieben hat, mit diesen
lasterhaften Menschen gemeinsame Sache machen knne. Das ist unmglich.
Sie sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im Namen des
Kaisers bevollmchtigt, Sie zu begnadigen, wenn Sie die ganze Sache
erzhlen. Ich schwieg, erzhlte Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte
General-Lieutenant Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen
Rostowzew gewendet lchelnd: Ich habe es Ihnen ja gesagt, worauf
dieser schrie: Ich kann Dostojewsky nicht mehr sehen, in die nchste
Stube lief und von da heraus rief: Ist Dostojewsky schon
hinausgegangen? Sagt mir, wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen.
Dies alles schien Dostojewsky sehr bertrieben zu sein.

Aus den Protokollen in den Archiven der dritten Abteilung entnehmen wir,
dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission unter Vorsitz des
General-Adjutanten Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prfung dieser
Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 neunzig Sitzungen
widmete. Die Kapitalanklage gegen Petraschewsky lautete auf:
Verbrecherische Versuche, die bestehende Staats-Verfassung in Russland
zu strzen, Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und
jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenknften,
Verbreitung schdlicher Ideen ber die Religion, Erweckung von Hass
gegen die Obrigkeit, und endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur
Erreichung dieser verbrecherischen Ziele zu grnden.

Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: dass er ebenfalls (gleich Durow)
an diesen verbrecherischen Plnen teilgenommen, dass er einen Brief
Belinskys an Gogol verbreitet habe, der voll frecher Ausdrcke gegen die
rechtglubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und dass er den
Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von Schriften gegen die Obrigkeit
im Verein mit anderen eine geheime Lithographie herzustellen.

Dostojewskys nervser Zustand, der schon vor der Arretierung ihm sehr
beschwerlich gewesen war, wurde nach seiner acht Monate whrenden
Untersuchungshaft bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhre und
das eindringliche Zureden, er mge in seinen mndlichen und
schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so dass er endlich, dessen
mde, sich selbst einen bedeutend grsseren Anteil bei der Sache
vindicierte, als er in der That daran genommen hatte, und so hoffte,
dieselben Qualen des Verhrs von den Mitangeklagten abzulenken.

Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen
lassen wir hier in getreuer bersetzung des Original-Manuskripts folgen.
Oberflchlichen Kennern Dostojewskys, welche jedoch ber die Thatsachen
dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt dieser,
im August 1898 in der N. Fr. Presse durch uns verffentlichten
Verteidigungsschrift lediglich ein advokatorisches Meisterstck. Wer
des Dichters Grundnatur und seinen inneren Entwickelungsgang nher
kennt, wird dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky
das Zeug zum Verschwrer haben mochte, wie man von ihm sagte, und
so oft er selbst von einer Umkehr spricht, lag doch der
slavisch-mystische Wesenskeim zu tief in seiner Natur, um nicht bei der
ersten Erschtterung seiner revolutionren Anwandelungen entschieden und
endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der Atheismus, welchem er
sicher um jene Zeit gehuldigt haben muss, und der sich dreissig Jahre
spter im herrlichen Kapitel Der Grossinquisitor wiederspiegelt,
dieser Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen
Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem khlen Indifferentismus in
Glaubenssachen, wie er das endgiltige Merkmal des echten Revolutionrs
ist. Wenn wir hier diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf
hinweisen, dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit und
berechnenden Wahrheitskhnheit auch viel wirkliche Wahrheit enthalten
ist, namentlich an jener Stelle, wo Dostojewsky die bekannte Aksakowsche
Geschichts-Anschauung entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen
Ausspruch ber sich protestieren, so geschieht dies nicht, um ihn rein
zu waschen oder ppstlicher als der Papst zu sein, sondern um den
Wendungen und Windungen dieser hchst komplizierten Natur nachzugehen,
die sich oft zur Wahrheit durchlog, mit der Wahrheit spielte und der
es doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig bewegte Geist
nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede lautet wie folgt:

        Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse
            Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der
           Untersuchungs-Kommission unter dem Vorsitze des
             General-Adjutanten Nabokow am 20. Juni 1849.

Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich ber Petraschewsky und
ber jene Leute, welche seine Freitags-Abende besuchten, weiss, aussagen
soll, das heisst, man verlangt meine Aussage ber Fakten und meine
persnliche Meinung ber diese Fakten.

Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhre zusammenhalte, so
schliesse ich, dass man von mir eine genaue Antwort auf folgende Punkte
fordert:

1. Darauf, was fr einen Charakter Petraschewsky als Mensch im
allgemeinen und als Politiker im besonderen hatte.

2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei Petraschewsky
vorging, sowie meine Meinung ber diese Abende.

3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der Gesellschaft
Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky selbst ein fr die
Gesellschaft schdlicher Mensch und in welchem Grade er es war.

Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky gestanden,
obwohl ich an Freitags-Abenden zu ihm kam und auch er mich besuchte.

Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir nicht allzu viel
gelegen war, da ich weder im Charakter noch in vielen Anschauungen mit
Petraschewsky bereinstimmte. Darum erhielt ich diese Beziehung nur
insoweit, als es die Hflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte ihn
etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. Ihn aber vollstndig
aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; berdies war es mir manchmal
interessant, seine Freitage zu besuchen.

Mich haben immer viele Excentrizitten und Absonderlichkeiten im
Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere Bekanntschaft begann sogar
damit, dass er bei der ersten Zusammenkunft durch seine
Absonderlichkeiten meine Neugierde erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft
zu ihm; es geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm war.
Im vorigen Winter war ich vom September angefangen nicht mehr als
achtmal bei ihm. Wir waren niemals intim mit einander, und ich glaube,
dass wir whrend der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals mehr als
eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander gesprochen haben. Ich
habe sogar entschieden bemerkt, dass er, indem er zu mir kam, gleichsam
eine Pflicht der Hflichkeit erfllte, dass aber zum Beispiel ein langes
Gesprch mit mir ihm lstig war. Bei mir war dasselbe der Fall, da wir,
wie ich wiederhole, weder in den Ideen noch in den Charakteren
Vereinigungspunkte hatten. Wir frchteten beide, lnger mit einander zu
sprechen, da wir vom zehnten Worte an mit einander gestritten htten,
dies aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere
gegenseitigen Eindrcke die gleichen waren; wenigstens weiss ich, dass
ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft nicht sowohl um seiner selbst
willen und wegen der Freitage fuhr, als um dort manche Leute zu
treffen, die ich, obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich
selten sah und welche mir gefielen. brigens habe ich Petraschewsky
immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen geachtet.

ber seine Excentrizitten und Absonderlichkeiten sprechen viele, fast
alle, welche ihn kennen oder von ihm gehrt haben, und beurteilen ihn
sogar danach. Ich habe mehreremale die Meinung ussern hren, dass
Petraschewsky mehr Geist als Vernunft habe; thatschlich wre es sehr
schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten zu erklren. Es geschah nicht
selten, dass man ihn bei einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin
er gehe und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches
antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er soeben
auszufhren ginge, dass man nicht wusste, was man vom Plan und von
Petraschewsky selbst denken sollte. Um einer Sache willen, welche keinen
Deut wert ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein ganzes
Vermgen handle. Ein andermal eilt er auf eine halbe Stunde irgend
wohin, um ein ganz kleines Geschftchen abzumachen, beendet aber dieses
kleine Geschftchen ungefhr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der
sich fortwhrend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung ist, den
immer irgend etwas treibt. Er liest viel, schtzt das System Fouriers
und hat es sich bis ins Detail angeeignet. Ausserdem beschftigt er sich
hauptschlich mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was ich
von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche zu unvollstndig sind,
um einen Charakter solcher Art vollkommen zu beurteilen. Denn das
wiederhole ich noch einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen
zu ihm gestanden.

Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische Person
betrachtet) irgend ein bestimmtes System in seinen Meinungen, irgend
eine bestimmte Anschauung in politischen Dingen gehabt htte. Ich habe
bei ihm nur Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht das
seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass besonders Fourier es
ist, welcher ihn daran hindert, die Dinge selbstndig anzusehen. Ich
kann brigens unbedingt sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der
Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen Systems auf
unsere gesellschaftlichen Zustnde mglich sei. Davon war ich immer
berzeugt.

Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei ihm versammelte,
bestand fast ausschliesslich aus seinen nahen Freunden oder alten
Bekannten; so denke ich wenigstens. brigens tauchten auch manchmal neue
Personen auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, ziemlich
selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich nur einen sehr kleinen Teil
genauer. Andere kenne ich nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre
Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gste Petraschewskys
kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit einem oder zwei Jahren
an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. Allein, obwohl ich nicht alle
Personen gut kenne, habe ich doch manche ihrer Meinungen gehrt. Alle
diese Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die eine
widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit in der
Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei Richtung, keinerlei
gemeinschaftliches Ziel. Man kann unbedingt sagen, dass man dort nicht
drei Menschen fnde, welche in irgend einem Punkte ber ein beliebig
aufgegebenes Thema bereinstimmten. Daher gab es viele Debatten, daher
der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! An einigen
dieser Streitigkeiten habe auch ich teilgenommen.

Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen Streitigkeiten
teilgenommen habe und ber welches Thema ich hauptschlich sprach, muss
ich einige Worte ber das sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich
weiss ich bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man hat mir
nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen Besprechungen bei
Petraschewsky teilgenommen, dass ich wie ein Freidenker gesprochen und
zuletzt einen Artikel vorgelesen habe: Briefwechsel Belinskys mit
Gogol. Ich sage aus reinem Herzen, dass es fr mich bis heute das
Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, Liberaler zu
definieren. Was versteht man unter diesem Worte: Einen Menschen, welcher
ungesetzlich spricht? Ich habe aber Menschen gesehen, fr die es
gesetzwidrig sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf
schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche im stande
sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, was nur ihre Zunge
herunterzudreschen vermag. Wer hat meine Seele gesehen? Wer hat den Grad
von Treubruch, von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen
man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese Bestimmung gemacht
worden? Es kann sein, dass man nach einigen Worten urteilt, welche ich
bei Petraschewsky gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe
ich ber Litteratur und einmal ber einen durchaus nicht politischen
Gegenstand gesprochen: ber Persnlichkeit und menschlichen Egoismus.
Ich erinnere mich nicht, dass irgend etwas Politisches oder
Freidenkerisches in meinen Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht,
dass ich mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen und
mich gezeigt htte, wie ich in der That bin. Allein ich kenne mich, und
wenn man meine Anklage auf einige Worte grndet, die man im Fluge
erhascht und auf einen Fetzen Papier geschrieben hat, so frchte ich
auch eine solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen
Beschuldigungen die gefhrlichste ist; denn es giebt nichts
Verderblicheres, Verwirrenderes und Ungerechteres als einige in der
Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von weiss Gott wo
herausgerissen sind, sich auf weiss Gott was beziehen, im Fluge gehrt
und im Fluge verstanden worden, am allerftesten jedoch gar nicht
verstanden worden sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und frchte
sogar eine solche Anschuldigung nicht.

Ja, wenn das Bessere wnschen Liberalismus, Freidenkerei ist, so bin ich
vielleicht in diesem Sinne ein Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem
Sinne, in welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden kann,
der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, ein Staatsbrger zu
sein, das Recht empfindet, seines Vaterlandes Wohl zu wnschen, da er in
seinem Herzen sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein
trgt, dass er es niemals und durch nichts schdigen werde.

Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er sich auf das Mgliche
oder das Unmgliche? Mag man mich auch beschuldigen, die Vernderung,
den Umsturz auf gewaltsamem, revolutionrem Wege, durch Aufreizung zu
Erbitterung und Hass gewnscht zu haben! Ich frchte nicht, dessen
berfhrt zu werden, denn keine Angeberei der Welt wird mir etwas geben
oder etwas nehmen: keine Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu
sein, als ich thatschlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, dass
ich laut von Dingen gesprochen habe, ber welche zu schweigen andere als
ihre Pflicht erachten, nicht etwa, weil sie sich frchten, etwas gegen
die Obrigkeit zu sagen (das kann man ja auch nicht im Gedanken!),
sondern weil nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von dem
es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut bespricht. Ist es das?
Mich aber hat sie sogar immer verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die
eher imstande ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu
sein. Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persnlichkeit nicht
gengenden Schutz gewhren, und dass man um eines leeren Wortes, um
einer unvorsichtigen Phrase willen verloren sein konnte.

Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, dass man ein lautes,
offenes Wort, das halbwegs einer Meinung hnlich sieht und geradaus,
ohne Hinterhalt, ausgesprochen wurde, als eine Excentricitt betrachtet!
Meine Meinung ist, dass es fr uns selbst bedeutend besser wre, wenn
wir alle der Obrigkeit gegenber aufrichtiger wren. Es hat mir immer
Kummer gemacht, dass wir alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas
frchten, dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf ffentlichen Pltzen
zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, finster anschaut, ihn
von der Seite misst und wir immer irgend jemanden verdchtigen. Fngt
zum Beispiel irgend wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar
flsternd und mit geheimnisvoller Miene sprechen, lge auch die Republik
seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man wird sagen: Es ist auch
besser, dass man bei uns nicht auf dem Markte schreit. Ohne Zweifel
wird niemand ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein
bertriebenes Schweigen und eine bermssige Angst werfen auf unser
Alltagsleben ein dsteres Kolorit, welches alles in einem freudlosen,
unfreundlichen Lichte erscheinen lsst, und was das Beleidigendste ist,
dieses Kolorit ist ein falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos,
unntz (ich glaube daran), alle diese Befrchtungen sind weiter nichts
als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen nur selbst
unntzerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei und unser
Misstrauen. Denn aus diesem gespannten Zustande entsteht oft viel Lrm
um nichts. Da erhlt das gewhnlichste laut ausgesprochene Wort
bedeutend mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt durch die
Excentricitt, in der es da erscheint, manchmal kolossale Dimensionen an
und wird unrichtigerweise anderen (ungewhnlichen und nicht wirklichen)
Ursachen zugeschrieben. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine
bewusste berzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, die nicht
widerstandsfhig, schwankend ist und von jedem Winde umgeworfen wird,
der sich erhebt. Das Bewusstsein aber reift nicht, lebt sich nicht aus,
wenn du schweigst. Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir
zerbrckeln uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. Wer
trgt aber an diesem Zustande die Schuld? Wir, wir selbst und kein
anderer -- ich habe immer so gedacht.

Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gesprche als Beispiel
angefhrt habe, so bin ich doch selbst weit entfernt davon, ein Schreier
zu sein; dies wird jeder von mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es
nicht, viel und laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich
sehr wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo ich auch
den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen Menschen habe. Ich
habe sehr wenig Bekanntschaften; die Hlfte meiner Zeit nimmt die Arbeit
ein, welche mich ernhrt, die zweite Hlfte raubt mir die Krankheit, die
in hypochondrischen Anfllen besteht, an welchen ich schon nahezu drei
Jahre leide. Es bleibt kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren,
was in der Welt vorgeht. Fr Freunde und Bekannte bleibt daher usserst
wenig Zeit brig. Wenn ich daher jetzt gegen das System des allgemeinen,
gleichsam systematischen Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so
geschieht es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine berzeugung
auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu verteidigen. Allein
wessen klagt man mich denn an? Man klagt mich an, dass ich ber Politik,
ber den Westen, ber die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht
denn nicht in unserer Zeit ber diese Fragen, wer denkt nicht an sie?
Wozu habe ich denn gelernt, warum ist durch das Studium Wissbegierde in
mir erweckt worden, wenn ich nicht das Recht haben soll, meine
persnliche Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer
anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine Autoritt ist?
Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, spielt sich ein ungeheures Drama
ab; es kracht und zerbrckelt sich die Jahrhunderte alte Ordnung der
Dinge. Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen jeden
Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation bei ihrem Einsturz mit
sich zu reissen. 36 Millionen Menschen stellen jeden Tag buchstblich
ihre ganze Zukunft, ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf das
Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit,
Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die Seele zu erschttern? Dies ist
dasselbe Land, welches uns Wissenschaft, Bildung, europische
Zivilisation gegeben hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist
schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre von der
Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, uns, denen man einen
gewissen Grad von Bildung gegeben, in denen man den Durst nach
Kenntnissen und Kultur geweckt hat -- kann man uns denn dafr anklagen,
dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und da ber den Westen,
ber die politischen Ereignisse zu sprechen, die Bcher vom Tage zu
lesen, der Bewegung des Westens zuzusehen, ja sie nach Mglichkeit zu
studieren? Kann man mich denn deswegen anklagen, dass ich mit einem
gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche das unglckliche
Frankreich in Trauer strzt und zerreisst, dass ich vielleicht diese
historische Krisis fr unumgnglich halte, als einen bergangszustand
(wer kann es jetzt beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte,
welcher endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese Meinung,
weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei ber den Westen und
die Revolution niemals erstreckt.

Wenn ich nun ber den franzsischen Umsturz gesprochen habe, wenn ich
mir erlaubt habe, ber die gegenwrtigen Ereignisse zu urteilen, folgt
daraus, dass ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen
hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass ich diese
untergrabe? -- Unmglich! Fr mich hat es niemals einen grsseren Unsinn
gegeben, als die Idee einer republikanischen Staatsform in Russland.
Allen, welche mich kennen, ist meine Meinung darber bekannt; ja,
endlich wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen berzeugungen,
meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es kann sein, dass ich mir noch die
Revolution des Westens und die historische Unumgnglichkeit der Krisis,
welche sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige
Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnckiger Kampf der
Gesellschaft gegen eine Autoritt hingezogen, welche sich durch
Eroberung, Gewaltsamkeit und Unterdrckung auf einer Fremdkultur
grndete. Und bei uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen
gebildet, davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das Sinken
Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der Schwchung und
Zerbrckelung der Autoritt; 2. die Missstnde der Nowgorodschen
Republik, einer Republik, welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf
slavischer Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die
zweimalige Rettung Russlands durch die Macht der Autoritt, durch die
Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch die Vertreibung der
Tataren, das zweite Mal in der Reform Peters des Grossen, da nur der
warme kindliche Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand
setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben zu ertragen. Ja,
und wer denkt denn bei uns an Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen,
so wird es sogar fr jene, welche sie wnschen, klar sein wie der Tag,
dass diese Reformen gerade von einer fr diese Zeit noch krftigeren
Autoritt ausgehen mssen, wenn sie nicht in revolutionrer Weise vor
sich gehen sollen. Ich denke nicht, dass in Russland ein Liebhaber des
russischen Aufstandes gefunden werden knnte. Es sind wohl Beispiele
davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon lange her ist,
dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe ich mich jetzt an meine
eigenen oft wiederholten Worte erinnert, dass alles Gute, das es nur
jemals in Russland gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer
von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten aber noch nichts
aufgetaucht ist als Eigensinn und Rohheit. Diese meine Meinung wissen
viele, die mich kennen.

Ich habe ber die Zensur gesprochen, ber ihre masslose Strenge in
unserer Zeit; ich habe darber geklagt, denn ich habe gefhlt, dass da
ein Missverstndnis sich gebildet hat, aus welchem ein fr die
Litteratur schwerer und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war
mir ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren Tagen
durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; dass die Zensur den
Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben hat, als eine Art
natrlichen Feind der Obrigkeit ansieht und sich daran macht, seine
Manuskripte mit einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es
macht mich traurig, zu hren, dass man manches Werk verbietet, nicht
weil man darin irgend etwas Liberales, Freidenkerisches, der Obrigkeit
Widerstreitendes fnde, sondern zum Beispiel darum, weil die Erzhlung
oder der Roman allzu traurig endet, weil ein allzu dsteres Bild darin
aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in der Gesellschaft
anklagt oder verdchtigt, und obwohl die Tragdie selbst auf eine
durchaus zufllige und usserliche Weise vor sich gegangen. Man mge
doch alles durchsehen, was ich geschrieben, sei es gedruckt oder
ungedruckt, man mge die Handschriften meiner schon gedruckten Werke
durchlesen, da wird man sehen, wie sie vor der bergabe an die Zensur
beschaffen waren; man suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die
Sittlichkeit und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet wre. Und
dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot unterworfen, einzig nur
darum, weil das Bild, das ich entwarf, mit allzu dsteren Farben gemalt
war. Wenn sie aber wssten, in welche traurige Lage der Autor dieses
verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor der
Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, schlimmer als
das, denn die Arbeit gab mir die Mittel zu meiner Erhaltung.

Ja, berdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei allem Harm, ja fast
in Verzweiflung (denn von der Geldfrage ganz abgesehen, ist es bis zur
Verzweiflung unertrglich, das Werk, das man geliebt hat, daran man
Arbeit, Gesundheit, die besten Krfte der Seele gewendet, aus
_Missverstndnis_, aus _Misstrauen_ verboten zu sehen), ich musste also
berdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung so viele leichte,
heitere Stunden finden, um in dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit
heiteren, rosenfarbigen, angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben
musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich geredet habe, wenn
ich mich ein wenig beschwert habe (und ich habe mich so wenig beklagt!)
-- war ich darum ein Freidenker? Und ber was habe ich mich beschwert?
ber ein Missverstndnis! Gerade dagegen habe ich mich mit allen Krften
gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder Schriftsteller schon von
vornherein verdchtigt wird, dass man ihn ohne Verstndnis, mit
Misstrauen ansieht, und habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf
erhoben, dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses
verderbliche Missverstndnis zu zerstren. Verderblich darum, weil es
fr die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten Lage zu bestehen.
Ganze Kunstarten mssen auf diese Weise verschwinden. Die Satire, die
Tragdie knnen nicht mehr dabei aufkommen. Es knnen bei der Strenge
unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ja sogar keine
Puschkins bestehen. Die Satire verspottet das Laster und meistens das
Laster, das unter der Tugendmaske einhergeht. Wie kann man sich jetzt
auch nur die geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in allem
eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter sei, dass das
vielleicht vom Autor auf irgend eine Persnlichkeit, auf irgend eine
Ordnung der Dinge gemnzt sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass
ich, alles Harms vergessend, ber das herzlich gelacht habe, was der
Zensor in meinen oder anderer Autoren Schriften als fr die Gesellschaft
schdlich und fr den Druck unzulssig erachtete. Ich lachte darum, weil
in unserer Zeit hnliche Verdachtsgrnde gar niemandem als dem Zensor in
den Kopf kommen konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert
man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor sichtlich mit der
Anstrengung aller seiner geistigen Krfte wie einer ewigen unwandelbaren
Idee nachjagt, die sein Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen
hat, die er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst in seiner
Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, selbst mit furchtbaren,
nie dagewesenen Farben ausgemalt hat, bis er zuletzt sein Phantom
mitsamt der unschuldigen Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen
Satz des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man das Laster
und die traurige Seite des Lebens verdeckt, damit vor dem Leser auch das
wirkliche Laster und die traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein!
Der Schriftsteller wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens
vor dem Leser systematisch verhllt, diesem nichts verdecken, sondern
vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, dass er nicht aufrichtig, nicht
gerecht sei. Ja, kann man denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann
denn die helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen
Hintergrund? Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht und
Schatten htte? Wir haben vom Lichte nur darum einen Begriff, weil auch
Schatten vorhanden ist. Man sagt: man beschreibe nur Vorzge und
Tugenden. Aber wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; die
Begriffe selbst vom Guten und Bsen sind daraus entstanden, dass das
Gute und das Bse immer nebeneinander dagewesen sind. Wollte ich aber
nur daran denken, Rohheit, Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu
bringen, sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schpfen, wird
denken, dass ich dies alles berhaupt auf alles ohne Ausnahme anwende.
Ich bin nicht auf die Schilderung des Lasters und der dsteren Seiten
des Lebens erpicht! Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich
spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich sah und mich
davon berzeugte, dass zwischen der Litteratur und der Zensur ein
Missverstndnis bestehe (nur Missverstndnis, weiter nichts), habe ich
darber geklagt, habe instndig gebeten, dass dieses Missverstndnis so
schnell als mglich gehoben werde, weil ich die Litteratur liebe und
nicht umhin kann, mich fr sie zu interessieren, weil ich weiss, dass
die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, ein Spiegel der
menschlichen Gesellschaft ist. Mit der Kultur und Zivilisation treten
neue Begriffe auf, welche eine Bestimmung, eine russische Benennung
brauchen, um dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist es,
das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermchte, da die
Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern von oben. Nur jene
Gesellschaft vermag den neuen Begriffen einen Namen zu geben, welche die
Zivilisation vor dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der
Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen kultiviert
worden ist. Wer ist es denn, der die neuen Ideen in eine solche Form
giesst, dass das Volk sie verstehe? Wer anders als die Litteratur! Ohne
sie wird die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke
aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was man von ihm will.
Wie war die russische Sprache zur Zeit Peters des Grossen beschaffen?
Halb russisch und halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe,
deutsche Sitten die Hlfte des russischen Lebens ausmachten. Allein das
russische Volk spricht nicht deutsch, und das Erscheinen Lomonossows
sofort nach Peter dem Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die
Gesellschaft nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlschen war, und
ich wiederhole es zum zehntenmale: das Missverstndnis, das zwischen der
Litteratur und den Zensoren entstanden war, regte mich auf, qulte mich.
Da redete ich -- allein ich redete nie von bereinstimmung, von
Vereinigung, von der Vernichtung des Missverstndnisses. Ich hetzte
niemanden um mich herum auf, _da ich ein Glaubender war_. Ja, und ich
sprach davon nur mit meinen nchsten Freunden, mit meinen litterarischen
Berufsgenossen. Ist das eine schdliche Freidenkerei?

Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende bei Petraschewsky den
Artikel Korrespondenz Belinskys mit Gogol vorgelesen habe. Ja, ich
habe diesen Artikel gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt
hat, sagen, fr welche der beiden korrespondierenden Personen ich Partei
genommen habe? Er mge sich nur erinnern, ob etwa in meinen Ansichten
(die ich brigens zurckhielt), oder etwa in meiner Intonation, in
meinen Gesten etwas lag, das kundgegeben htte, ob ich mich der einen
oder der anderen Person gegenber parteiischer verhalten habe! Natrlich
wird er das nicht sagen. Belinskys Brief ist allzu seltsam geschrieben,
als dass er irgend welche Sympathie erwecken knnte. Schmhungen stossen
die Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief aber ist von
Schmhungen und Galle erfllt. Endlich ist der ganze Brief ein Beispiel
ohne Beweiskraft -- ein Mangel, den Belinsky in seinen kritischen
Artikeln niemals ablegen konnte und der im Verhltnisse zur Erschpfung
seiner physischen und geistigen Krfte durch die Krankheit immer
zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre seines Lebens zur Zeit
seines Aufenthaltes im Auslande geschrieben worden. Eine gewisse Zeit
lang war ich ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch
betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit, welche ihn
niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen. Sie hat seine Seele
grausam und starr gemacht und sein Herz mit Galle erfllt. Seine
zerrttete, berspannte Einbildungskraft vergrsserte alles ins
Kolossale und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte. Es
traten bei ihm Mngel und Fehler auf, von welchen im gesunden Zustande
auch keine Spur vorhanden war. Unter anderem zeigte sich eine usserst
reizbare und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren
Mitarbeitern er zhlte und wo er seiner Krankheit wegen sehr wenig
arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hnde gebunden und liess ihn
nicht allzu ernste Artikel schreiben. Das verletzte ihn. In dieser
Stimmung nun war es, dass er seinen Brief an Gogol schrieb. In der
Schriftstellerwelt ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige
Entzweiung mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens nicht unbekannt.
Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung bekannt: es handelte
sich um Ideen ber Litteratur und um die Richtung derselben. Meine
Anschauung war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt. Ich
machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemhe, der Litteratur eine
besondere, ihrer nicht wrdige Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur
Beschreibung -- wenn man so sagen darf -- von _Zeitungsfakten_ oder
skandalsen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm namentlich, dass
man mit Galle niemanden an sich ziehe, sondern vielmehr alle und jeden
tdlich langweilen werde, wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg
luft, anpackt, jeden Vorbergehenden am Knopfe seines Rockes festhlt,
ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines Besseren belehren will.

Belinsky wurde bse auf mich, und so gingen wir endlich von Erkltung zu
frmlichem Bruch ber, so dass wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten
Lebensjahres nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt, diese
Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz ein ziemlich
bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt. Sowohl Belinsky als Gogol
sind hchst bedeutende Persnlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander
sind sehr interessant -- umsomehr fr mich, da ich mit Belinsky bekannt
gewesen war. Petraschewsky hatte diese Briefe zufllig in meiner Hand
erblickt und gefragt: Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie
sogleich zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu bringen.
Ich hatte mich selbst dazu angetragen und musste nun mein Wort halten.
Ich habe diesen Artikel wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr,
nicht weniger, vorgelesen, fest berzeugt, dass er niemanden verlocken
knne, obwohl er eines gewissen litterarischen Wertes nicht ermangelt.
Was mich anbelangt, so bin ich buchstblich nicht mit einer einzigen der
bertreibungen einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte
ich, folgenden Umstand in Erwgung zu ziehen: Wrde ich es denn
unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen, mit welchem ich
gerade um seiner Ideen willen im Streite gelegen hatte (das ist kein
Geheimnis, es ist vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken
Zustande, in geistiger und seelischer Zerrttung geschriebenen Artikel,
wrde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen, ihn als ein Vorbild,
eine Formel aufzustellen, der man nacheifern muss? Ich habe erst jetzt
begriffen, dass ich damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht
in der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber damals habe ich
mich nicht besonnen, denn ich habe auch nicht geahnt, wessen man mich
beschuldigen kann, habe keine Snde darin vermutet. Aus Achtung fr
einen schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden Menschen,
dessen Urteil man um einiger litterarisch-sthetischer Artikel willen
schtzt, die thatschlich mit grosser Kenntnis der Litteratur
geschrieben sind; endlich aus dem heiklen Gefhl, welches gerade durch
meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche vielen bekannt
sind) in mir verursacht wurde, las ich die ganze Korrespondenz, mich
jeder Bemerkung enthaltend und mit vollstndiger Unparteilichkeit.

Ich habe erwhnt, dass ich ber Politik, ber Zensur und anderes
gesprochen habe; aber da habe ich unntz ber mich ausgesagt. Ich wollte
damit nur ein Bild meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei
Petraschewsky ber diese Gegenstnde gesprochen. Ich habe bei ihm nur
dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen: einmal ber Litteratur
anlsslich eines Streites mit Petraschewsky ber Krylow, und ein
zweitesmal ber Persnlichkeit und ber Egoismus. Im allgemeinen bin ich
kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut zu sprechen, wo
mir fremde Personen gegenwrtig sind. Meine Denkungsart, sowie meine
ganze Person sind nur sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen
Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern nach, nur um in Ruhe
gelassen zu werden. Aber ich wurde zu diesem litterarischen Streite
herausgefordert durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess,
dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die Kunst sich selbst
Zweck ist, dass der Autor sich nur um das Knstlerische zu kmmern habe;
die Idee werde schon selbst erscheinen, denn sie ist die unumgngliche
Bedingung des Knstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass
diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung diametral
entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt, dass ich diese
Richtung schon durch mehrere Jahre vertrete. Endlich haben alle bei
Petraschewsky unseren Streit gehrt, alle knnen das bezeugen, was ich
gesprochen habe. Es hat damit geendigt, dass es sich zeigte, dass
Petraschewsky dieselben Ideen ber Litteratur hatte, wie ich, dass wir
einander aber nicht verstanden. Dieses Resultat unseres Streites haben
viele gehrt, und ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus
Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys genaue
Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was nun das zweite Thema
anbelangt, ber Persnlichkeit und Egoismus, so wollte ich darin
nachweisen, dass unter uns mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Wrde
vorhanden sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbrckelung der
Persnlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher Eigenliebe, aus
Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer Arbeiten. Dies ist ein rein
psychologisches Thema. Ich habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche
bei Petraschewsky zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein,
nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken noch in der
Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien ein Streit zu sein, der
einmal begann, um niemals beendet zu werden. Um dieses Streites willen
kam auch die Gesellschaft zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast
jedesmal ging man auseinander, um das nchstemal den Streit wieder mit
erneuerter Kraft aufzunehmen, da man fhlte, dass man auch nicht den
zehnten Teil dessen gesagt habe, was man htte sagen mgen. Ohne
Debatten wre es bei Petraschewsky hchst langweilig gewesen, weil nur
Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem Charakter zu
verbinden vermochten. Man sprach ber alles, aber ber nichts
ausschliesslich, und man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der
sich zufllig zusammenfindet. Ich bin berzeugt davon. Und wenn ich
manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky teilgenommen habe, wenn ich
zu ihm ging und nicht erschrak, wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde,
so geschah dies deshalb, weil ich vollkommen berzeugt war (und das bin
ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft, im Kreise
gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys, aber nicht ffentlich vor
sich ging. So war es thatschlich, und wenn man jetzt eine so
ausschliessliche Aufmerksamkeit dem zuwendet, was bei Petraschewsky
vorging, so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky durch seine
Sonderbarkeiten und Excentricitten fast ganz Petersburg bekannt war und
daher auch seine Abende bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass
das Gerede ihre Bedeutung bertrieb, obwohl im Gerede der Leute mehr
Spott ber Petraschewskys Abende enthalten war als Besorgnis.

Darber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen wurde (aber immer im
Sinne des Zweifels und so, dass Streit daraus entstand), war ich nicht
beunruhigt, weil es nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein
hitziges Paradoxon, irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt
(natrlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise),
anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang zu bleiben, sich in seiner
Seele zu verhrten und einzuwurzeln. Gemeinsamer Streit ist ntzlicher
als Vereinsamung. Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der gesunde
Verstand wird den Sieg davontragen. So habe ich diese Versammlung
betrachtet und bin auf Grund dieser Anschauung manchmal hingegangen. Die
Erfahrung hat mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhrte, ber den
Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als Lehre betrachtet,
von allen Seiten mit Spott berschttet. Wenn aber bei Petraschewsky
irgend jemand es unternommen htte, ber eine Anwendung des Fourierschen
Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen, so htte man ihm
sofort ohne alle Umstnde ins Gesicht gelacht. Ich spreche so, weil ich
von der Wahrheit meiner Aussage berzeugt bin.

Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein geheimer Zweck von der
Gesellschaft Petraschewskys verfolgt wurde, kann man auf das
nachdrcklichste sagen, dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders
von Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen, Charakteren,
Persnlichkeiten, Spezialitten, dieser Streitigkeiten, welche fast bis
zur Feindseligkeit gingen und nichtsdestoweniger nur Debatten blieben,
in Anbetracht also alles dieses kann man auf das nachdrcklichste sagen,
dass unmglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem Chaos vorhanden
sein konnte. Hier war auch nicht der Schatten einer Einheit und knnte
auch keiner bis an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl ich
nicht alle Mnner und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys kannte, so
kann ich unbedingt nach dem, was ich gesehen habe, sagen, dass ich mich
nicht irre.

Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage, zur Antwort, welche
meine Rechtfertigung abschliesst; es ist diese: Ist Petraschewsky selbst
ein gefhrlicher Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft
schdlich?

Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte, konnte ich sie nicht
geradeaus beantworten. Ich htte vorher in mir eine ganze Reihe von
Fragen und Zweifeln entscheiden mssen, welche sofort in meinem Geiste
entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle beantworten konnte,
welche einen bestimmten Grad von Sammlung forderten, und darum stand ich
da, ohne zu wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles
klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen Erwgungen, als
auch schliesslich die Antwort auf die mir gestellte Frage als
Schlussfolgerung dieser Erwgungen hier vorlegen.

Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der Gesellschaft schdlich
sei, so verstehe ich darunter vor allem, ob er es als Fourierist, als
Anhnger und Verbreiter der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng
beschriebenes Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich die
Schrift darin erkennen wrde. Ich kenne Petraschewskys Handschrift
nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert und ich habe unbedingt nicht
vermutet, dass er sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit
berzeugung); darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als einem
Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine theoretischen
berzeugungen, ja und diese kaum, da wir auch ein theoretisches Gesprch
ber Fourier selten, fast niemals anknpften, da unsere Gesprche sich
sofort in Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plnen aber
und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals etwas mitgeteilt, und ich
weiss endgiltig nicht, hat er solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn
er auch solche gehabt htte, was ich durchaus nicht weiss, so wrde er
sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand und keine grosse
Freundschaft uns verband, sicherlich (ich bin davon berzeugt) alles vor
mir verborgen und mir kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits
hatte auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu lernen.
Deshalb kann ich unbedingt nichts ber Petraschewsky als Fourieristen
sagen, ausser in einem rein wissenschaftlichen Sinne.

Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers schtzt; als
Fourierist kann er natrlich nichts anderes wnschen, als dass man mit
ihm sympathisiere. Aber man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache.
Zieht er nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in der
Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung der
Fourierschen Lehre in der Jugend zu bewirken? Ich erwidere: ich kann
unbedingt nichts ber diese Sache sagen, weil ich keine gengenden Daten
habe und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne. Man hat
mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden ein gewisser Lehrer Toll
sich befinde. Allein Toll ist mir vollkommen unbekannt, und dass er ein
Lehrer sei, habe ich erst krzlich erfahren. Was aber Jastrzembski
anbelangt, so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als er ber
politische konomie sprach. Sonst kenne ich keinen Lehrer. Da ich nicht
nur in keinerlei nahen, sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll
stehe, so kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit
Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander kennen lernten, noch
die Beziehungen, in welchen sie zu einander standen; mit einem Worte, es
war mir ganz uninteressant, das zu wissen. Was nun Jastrzembski
anbelangt, so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art seiner
konomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur zweimal in der Lage war,
ihn zu hren. Er ist, so viel mir scheint, ein konomist der neuesten
Schule und lsst den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten
Professoren thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch seine
kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil seiner Arbeit viel
wissenschaftlich Ntzliches geleistet. Mit einem Worte, ich nehme an,
dass Jastrzembski weit davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und
dass er von Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken,
dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht kenne, dass ich niemals ein
Gesprch mit ihm angeknpft habe, und es scheint, dass auch er sich in
der gleichen Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild seiner
Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von den meinen hat. Also kann
ich ber Petraschewsky als Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen
und Vorstellungen urteilen.

Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich weiss, dass meine
Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende angenommen wird;
immerhin wird sie eine Aussage bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der
Irrtum wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir eine
Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich frher nichts wusste.
Ich habe einen Satz dieser Handschrift gelesen. In diesem Satze ist der
heisse Wunsch ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als
mglich siegen mge. Wenn die ganze Handschrift in diesem Sinne
geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als die seine anerkannt hat, so
hat er natrlich die Verbreitung des Fourierschen Systems gewnscht. Ob
er jedoch thatschlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat, ist
mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine Geheimnisse
unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich Glauben schenken kann.
Niemand wird aussagen knnen, dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr
nahen Beziehungen gestanden htte. Ich kam an Freitagen als Bekannter zu
ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen seiner Plne und habe zum ersten
Male diese Handschrift gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze
durchaus nicht kenne. Und so vermag ich nichts darber zu sagen, ob er
irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen habe. Allein man mge
mir erlauben, einige meiner eigenen Gedanken darzulegen, welche meine
tiefsten berzeugungen ausmachen, ber welche ich lange nachgesonnen
habe, welche mir frher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge
welcher endlich ich bei der ersten Frage ber die Strafbarkeit
Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben konnte. Ich begriff, wie
wichtig in den Augen der Richter Petraschewskys solche Beweise sein
mssen, wie Bcher, Handschriften und Reden, welche abrissweise
niedergeschrieben worden sind. Da man mich aber ber ihn befragt, so
mge man mir erlauben, meine Ansichten ber seine ganze Angelegenheit
hier auszusprechen.

Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers ist ein
friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schnheit, es bestrickt
das Herz durch jene Menschenliebe, welche Fourier beseelte, als er sein
System schuf, versetzt den Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und
zieht nicht durch bittere Ausflle an sich, sondern beseelt jeden mit
der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es keinen Hass.
Politische Reformen setzt sich Fourier nicht vor. Seine Reform ist eine
konomische. Sie greift weder die Obrigkeit noch den Besitz an, und in
einer der letzten Sitzungen der Kammer hat Victor Considrant, der
Reprsentant der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die Familie
abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches und wird niemals
populr werden.

Die Fourieristen sind whrend der ganzen Zeit der Februar-Revolution
nicht ein einziges Mal auf die Gasse herabgestiegen, sie sind in der
Redaktion ihres Journals geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20
Jahre mit Trumen von der zuknftigen Schnheit der Phalanstre
zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schdlich, erstens schon
darum allein, weil es ein System ist; zweitens, wie schn es auch sei,
bleibt es immer eine wesenlose Utopie, aber der Schaden, den diese
Utopie anrichtet, ist, wenn man mir erlaubt, mich so auszudrcken, eher
komisch als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das in
einem so hohen Grade unpopulr, das so belacht und ausgepfiffen worden
wre, wie das System Fouriers im Westen. Es ist schon lange tot, und
seine Fhrer bemerken selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als
lebendig Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke jedes
System, jede Theorie der Gesellschaft schdlich, denn die hungrigen
Proletarier ergreifen in der Verzweiflung jedes Mittel, und aus jedem
Mittel sind sie imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem
Augenblick dort beim ussersten angelangt; dort treibt der Hunger die
Leute auf die Gasse, den Fourierismus aber hat man aus Geringschtzung
vergessen. Und sogar der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt
ist, erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt,
Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig Schritte auf der
Strasse zu machen, um sich zu berzeugen, dass der Fourierismus auf
unserem Boden nur bestehen knnte: entweder in den unaufgeschnittenen
Blttern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmtigen,
trumerischen Seele, aber nicht anders als in der Form einer Idylle,
oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig Gesngen. Der Fourierismus kann
keinen ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein
ernstlicher Schaden wre, so wre seine Ausbreitung allein schon eine
Utopie, denn sie wrde sich bis zur Unglaublichkeit langsam vollziehen.
Um das System Fouriers vollkommen zu begreifen, muss man es studieren;
das aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein Dutzend Bnde
durchlesen. Kann denn ein solches System populr werden? Vom Katheder
herunter durch die Lehrer? Das aber ist physisch unmglich, schon wegen
des Umfanges der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein
ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das System Fouriers
nicht entstehen, und wenn ein Fourierist Schaden bringt, so thut er es
hchstens sich selbst, in der ffentlichen Meinung, bei denen, welche
gesunden Menschenverstand besitzen; denn fr mich ist die hchste Komik
-- eine niemandem ntzliche Thtigkeit. Der Fourierismus aber und mit
ihm jedes System des Westens sind fr unseren Boden so unbrauchbar,
unseren Umstnden so entgegen, dem Charakter unserer Nation so fremd,
andererseits aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein Produkt
des dortigen abendlndischen Standes der Dinge, in welchem die
proletarische Frage um jeden Preis entschieden wird, dass der
Fourierismus mit seiner eindringlichen Unvermeidlichkeit jetzt bei uns,
wo es kein Proletariat gibt, hchst lcherlich, seine Thtigkeit die
allerunntzeste, in ihren Folgen die allerkomischeste wre. Dies ist es,
warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky fr gescheiter halte und
ihm niemals ernstlich zugetraut htte, weiter als bis zu einer
theoretischen Schtzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. Alles
brige war ich thatschlich bereit, fr einen Scherz zu halten. Der
Fourierist ist ein unglcklicher, kein strafbarer Mensch -- das ist
meine Meinung. Endlich hat meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon,
so viele ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen Krften
halten knnen; so lehrt uns die Geschichte. Ein Beweis davon ist, dass
in Frankreich im Verlaufe eines Jahres fast alle Systeme fielen, und
zwar durch sich selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste
Bekrftigung herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss ich sagen,
dass ich, wenn ich auch wsste (was ich nicht weiss, ich wiederhole es
noch einmal), dass Petraschewsky, vor keinerlei Spott zurckschreckend,
sich noch immer um die Verbreitung des Fourierschen Systems bemhe, mich
dennoch davon zurckhalten wrde, ihn fr schdlich, der Gesellschaft
Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, in welcher Weise knnte
Petraschewsky als Verbreiter des Fourierismus schdlich sein? Das geht
ber meine Begriffe; lcherlich, aber nicht schdlich. Dies ist meine
Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen auf die mir
gestellte Frage antworten kann. Endlich ist in mir noch eine Erwgung
aufgetaucht, die ich nicht verschweigen kann, eine Erwgung rein
menschlicher Natur, wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange
die berzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von einer gewissen
Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war Eigenliebe, die ihn
veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, es war auch Eigenliebe,
dass ihm die Freitage nicht berdrssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte
er viele Bcher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er
besitze seltene Bcher. brigens ist das nicht mehr als eine persnliche
Beobachtung von mir, eine Mutmassung, denn, ich wiederhole es, alles,
was ich ber Petraschewsky weiss, weiss ich unvollstndig, nicht
vollkommen, sondern nur nach Vermutungen ber das, was ich gesehen und
gehrt habe.

Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen.

                                                  Theodor Dostojewsky.

Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember vom Kaiser
unterschrieben worden war, verlesen wurde, war keiner unter ihnen, der
Reue empfunden htte. Sein persnliches Verhalten in dieser lngst
vergangenen Geschichte, sagt er in seinem Tagebuche, nderte sich
erst viel spter.

Die Zeit im Gefngnisse whrend der achtmonatlichen Untersuchungshaft
verlief verhltnismssig gnstig, was die usseren Umstnde betrifft. Er
war im Alexejschen Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte tglich
auf eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung,
spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben und lesen. Seine
Gesundheit wurde merkwrdigerweise gerade in dieser Zeit fester. Sein
ganzes Wesen war durch das Ereignis so erschttert und nach innen
gekehrt, dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis zum
Wahnsinn gehende ngstlichkeit und Hypochondrie bekundete, -- derart,
dass nach den Aussagen seines Bruders Andreas fast jede Nacht auf seinem
Tischchen ein Zettel lag, worauf geschrieben stand: heute kann ich in
lethargischen Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen
begraben! -- jede Angst und Sorge um sein Leben und seine Gesundheit
verlor und schon dadurch widerstandsfhiger wurde. Seine innere Stimmung
war zwar wechselnd, doch siegte ber alles sein aus der unerschpflichen
Arbeitskraft quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder am 18.
Juli: Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... manchmal fhlst du
sogar, als seist du an dieses Leben schon gewhnt und es sei alles eins
... aber ... ein anderes Mal strmt das frhere Leben mit allen seinen
Eindrcken frmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle Tage, und es
ist etwas freundlicher geworden ... auch habe ich Beschftigung. Ich
habe die Zeit nicht vergeudet, habe drei Erzhlungen und zwei Romane
ausgedacht; an einem derselben schreibe ich jetzt.

Dieser Roman war nach Dostojewskys spteren Aufzeichnungen die
Erzhlung Ein kleiner Held, welche in den Vaterlndischen Annalen
anonym erschien, und zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der
Dichter noch nicht aus Sibirien zurckgekehrt war. Bruder Michael hatte
das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch fgt seinen
Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort konnte man nur das Unschuldigste
schreiben). Der Biograph O. Miller fgt hier hinzu, dass der Dichter bei
aller Unschuld dieser Erzhlung doch eine ihm sehr antipathische Figur
aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten habe, und fhrt eine
sehr charakteristische Stelle aus dieser Personalbeschreibung an. Sie
lautet: Auf alles hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz
besonders versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre tiefe Sympathie
fr die Menschheit darzulegen ... endlich, um unumstsslich die Romantik
zu geisseln, d. h. zum fteren alles Schne und Wahre, von welchem jedes
Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.

Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit in die Hnde
einer eigenen, im Namen des Kaisers amtierenden Gerichtskommission unter
dem Vorsitz des Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle
Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die Sache ging jedoch
an das General-Auditoriat ber, wo sie kriegsrechtlich behandelt wurde.
Sie wurde also kraft der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet,
dass alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, ohne
Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung der
Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder mit revolutionren Mitteln
angestrebt hatten, ob sie berhaupt einen Umsturz der Staatsverfassung
angestrebt, oder, wie Dostojewsky, einen Brief voll frecher Ausdrcke
gegen Kirche und Staat vorgelesen hatten -- zum Tode durch Fsilieren
verurteilt wurden.

Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, wann das Urteil
verlesen werden wrde. Am frhen Morgen des 22. Dezember -- so erzhlt
O. Miller -- bemerkten sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und
ahnten, dass irgend etwas Ungewhnliches vorgehe. Einer der Gefangenen,
Speschnew, erzhlte mit Genauigkeit, dass dies um 6 Uhr war, und um 7
Uhr setzte man sie auf die Wagen und fhrte sie fort. Nach den Worten
Dostojewskys hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen Gewnder
anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines Aufsehers geschickt wurden.
Speschnew, welcher nicht begreifen konnte, wohin man sie fhre,
vermutete, man wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber
kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im
Ordonnanzhause geschehen.

Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew fragte unterwegs
den Soldaten: wohin fhrt man uns? Dieser antwortete: Es ist nicht
befohlen zu sagen. Es war starker Frost und so konnte man durch die
beeisten Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf welcher Strasse
man fahre .... Um sich davon zu berzeugen, wohin er gefhrt werde,
versuchte Speschnew mit dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu
machen, allein der Soldat sagte: Thun Sie das nicht, sonst schlgt man
mich. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche Neugierde
zu befriedigen. Es wurde schon oben gesagt, dass der Gedanke an die
Todesstrafe ihnen gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch
daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefllt und durch den
Kaiser abgendert worden war, ihnen nichtsdestoweniger vorgelesen werden
wrde, zum Zwecke, ihnen einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu
verursachen. Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, brachte
man sie auf den Semenowskyschen Platz und fhrte sie in einer gewissen
Ordnung hinaus. Darauf fhrte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor
Michailowitsch erzhlt, stellte man neun von ihnen auf eine und elf auf
die andere Seite.

Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufgen, den
Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkndigung an den Bruder
schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe
Darlegung des erschtterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:

Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz
hinausgefhrt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das
Kreuz zu umfassen gestattet, hat ber unseren Huptern die Degen
zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet.
Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den
Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei
und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran
kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich
dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst
du, du allein in meinem Geiste gegenwrtig; da erst erkannte ich, -- wie
sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew,
Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden.
Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen fhrte man
zurck und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestt uns das Leben
schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm
ist begnadigt und behlt seinen Rang in der Armee.

In wie knstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren
verwertet hat, knnen wir in der Erzhlung des Idioten, im Roman dieses
Namens ersehen.

Die Abnderung des Todesurteils in grssere und geringere Kerkerstrafen
war schon frher eigenhndig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an
den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese
Komdie erscheinen. Die fr Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in
achtjhrige Zwangsarbeit wurde in eine vierjhrige Frist mit
nachtrglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt.

Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.

   No. 522.

                                                    24. Dezember 1849.

   An den Herrn General-Adjutanten
   Graf Orloff.

                               Rapport.

   Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher
   wurden: laut der von Seiner Majestt beschlossenen
   Urteilsbesttigung nach Auslschung ihrer Namen auf der
   Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow,
   Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach
   Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom
   Feldjger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg
   in Begleitung des Fhnrichs im Feldjger-Corps Leiter, und
   Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fhnrichs im
   Feldjger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die
   Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.

                       Der Festungs-Kommandant,
                      General-Adjutant Nabokow,
                 der Kollegien-Sekretr Wassiljitsch.

[Funote 5: Sie wurden jedoch weiter nach Omsk gebracht, wo sie auch
ihre ganze Strafzeit abbssten.]

Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys
und den Verlust aller brgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den
Moskauer Adelsarchiven und lautet:

                      Archiv des Moskauer Adels.
       Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II
                          (September 1850).

   Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der
   dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des
   Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres --
   enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestt besttigten
   Bericht ber die, durch das Kriegsgericht als
   Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die
   Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres
   verurteilten Verbrecher -- hiermit an: dass, unbeschadet der
   erflossenen Bestimmung ber den Abdruck des obenerwhnten
   Allerhchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich
   wjedomostjach), die Adelsmarschlle (natschalnik gubernii) jener
   Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten
   Verbrecher zugehrten. Aus der Zahl dieser Personen wurden
   verurteilt: der nicht gedient habende Edelmann (dworjanin) Alexei
   Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor
   Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch
   Fsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser
   (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhchsten
   Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe
   Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als
   Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon
   eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte,
   auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach
   als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.

Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem Tagebuche eines
Schriftstellers aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag
zurckkommend, sagt: Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und
hrten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natrlich
nicht fr alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu
irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens
die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet
htte, seine berzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode
durch Fsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz
vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest berzeugt, dass es
vollstreckt werden wrde, und verlebten mindestens zehn furchtbare
Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von
uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt),
und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prften,
mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche
bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des
Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden,
die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten -- sie
stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern
sogar als etwas Reinigendes, als ein Mrtyrertum, um dessentwillen uns
vieles verziehen wrde. Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die
lngstvergangene Geschichte ein sehr wichtiger Beleg fr die Freiheit
und Reinheit seiner Umkehr; denn htte ihn Feigheit, Opportunitt oder
irgend eine Schwche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die
ehemaligen Parteigenossen und jngeren Propagandisten vorwarfen,
veranlasst, so wrde er nicht nach 24 Jahren so khn und frei seines
berzeugten Handelns gedenken knnen. Ebenso frei spricht er sich direkt
und spter in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise ber seine
Umkehr aus, am prgnantesten, wo er sagt: Es ist uns recht geschehen
mit dieser Verurteilung, sonst htte uns das Volk verurteilt.

Dieser Ausspruch bedrfte eines Kommentars, um von europischen Lesern
richtig aufgefasst zu werden, eines lngeren und eingehenderen
Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzhlung rechtfertigen
knnte, ja als er ihn leisten drfte. Man muss als Auslnder mit
Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene
Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhrten, welche auch dem
Gast auf eine Weile nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort
Dostojewskys zu erklren. Indessen mssen wir hier doch mit einigen
Worten andeuten, welches Missverstndnis die Anschauungen des Westens in
die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wnsche fr dasselbe
hineintragen. Das Volk mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker
der Zukunft wird zu rechnen haben, dieses Volk im Namen unserer
verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen,
ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lcherlich. Ja, auch
Reformen, einschneidende, im europischen Sinne wahrhaft befreiende,
Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste
ist, vom Kaiserthrone aus, wrde es nicht verstehen, und einem Kaiser
Josef auf dem Throne wrde es einen passiven Widerstand leisten, der
druender und gefhrlicher wre, als jede Revolution. Einmal, in
Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum
Bewusstsein dieser Kraft zu wollen kommen werden, nach einem
Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist hchst
intelligent und beharrlich, ja hartnckig daneben), da wird es seine
eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und
dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur
in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller
kindlichen Liebe fr sein Vterchen, den Zar fr den Antichrist hlt,
und die vom Staate anerkannte Kirche fr zu neu ansieht[6], ein solches
Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener
Historien, und es bedarf heute und fr alle Zeiten (das bedingt seine
Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei
uns finden knnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird
selbst auffinden mssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverstndlicher
Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der
Entscheidung seines eigenen Geschickes.

Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute
revolutionre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter
anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als
man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da
weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer Studenten
vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der
Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das
Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den
Ochotnyi rjad (alte Jgerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk
zusammen und fiel ber die Studenten her. Es entstand ein blutiger
Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden whrte, sich bis an den
Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei
niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche
Dostojewskys Tagebuch eines Schriftstellers kannten, wohl wussten,
dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und
abgestrafter Staatsverbrecher sei, und volles Vertrauen in sein Urteil
setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er mge ihnen seine
Anschauung ber diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.

[Funote 6: Vergl. Leroy-Beaulieu: L'empire des tsars et les Russes Bd.
III.]

Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg
antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu
finden. Der Brief lautet:

   Petersburg, am 18. April 1878.

   Sehr geehrte Herren Studenten.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser
meinem thatschlichen Unwohlsein haben auch andere Umstnde meine
Antwort verzgert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den
Tagesblttern antworten; allein es zeigte sich pltzlich, dass das aus
Grnden, welche nicht von mir abhngen, unmglich sei, wenigstens dass
es unmglich sei, ihn gebhrend ausfhrlich zu beantworten. Zweitens
dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da
beantworten? Eure Fragen umfassen alles -- unbedingt das ganze interne
Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? -- eine profession de
foi?

Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu
schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im hchsten Grade unverstndlich zu
sein. Das aber wre mir sehr unangenehm.

Ihr schreibt mir: Am allerntigsten ist es fr uns, die Frage zu lsen,
inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was fr Schlsse
sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis
ziehen sollen?

Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Zge in den Beziehungen der
heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau
gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton
_vorbeugender_ herablassender Entschuldigung (Euch gegenber, heisst
das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, fr alle Flle
nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr
abgegriffener Occasionston.

Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts
zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um
ihr unwiderrufliches Urteil den wilden Vlkern zu knden (dikim
narotam).

Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden sich ab, ja und sie
haben (die Mehrzahl wenigstens) gar nichts mit Euch zu schaffen. Allein
es giebt Leute, und derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der
Gesellschaft, welche der Gedanke niederdrckt, dass die Jugend sich _vom
Volk_ entfernt hat (das ist die Hauptsache und das erste) und dann, d.
h. jetzt, auch von der Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in
Trumereien und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in
Russland wissen und bemht sich, ihrerseits Russland zu lehren. Zuletzt
aber, jetzt, ist sie _unzweifelhaft_ irgend einer ganz aussen stehenden
(wnjeschnej) fhrenden, politischen Partei in die Hnde geraten, die mit
der Jugend schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur als
Material und panurgische Herde fr ihre usserlichen und besonderen
Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, meine Herren; es ist so.

Ihr fraget, meine geehrten Herren: inwiefern Ihr selbst, die Studenten,
schuldig seid? Hier meine Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in
gar nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, die Ihr
jetzt hinter Euch lasset und welche eine Lge nach allen Seiten ist.
Aber indem er sich von ihr losreisst und sie hinter sich lsst, wendet
sich unser Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, in
den Europismus, in das abstrakteste Reich eines niemals dagewesenen
Kosmopoliten, und bricht auf diese Weise auch mit dem Volke, indem er es
verachtet und verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der
er sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im Volke unser
ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges Thema) ... die Losreissung
aber vom Volke kann ebenfalls nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend
gesetzt werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, _das Volk erdenken_
(dodumatsoja do nawka)?

Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk die Losreissung der
intelligenten russischen Jugend gesehen und bemerkt hat; und das
schlimmere dabei ist, dass es die von ihm bemerkten jungen Leute
Studenten nennt. Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu
Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen beim Volke
selbst nur Widerwillen erweckt.

Junge Herrchen, sagt das Volk (diese Benennung kenne ich; ich
garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei aber besteht im
wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite des Volkes, weil es noch
niemals bei uns, in unserem russischen Leben eine solche Epoche gegeben
hat, da die Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem
Wendepunkt, ber einem Abgrund schwankend stehe) in ihrer ungeheueren
Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, reinen Herzens, mehr nach Wahrheit
drstend, mehr als jetzt bereit war, alles, sogar das Leben fr die
Wahrheit und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, die echte
grosse Hoffnung Russlands. Dies fhle ich schon lange und habe schon
seit langem begonnen darber zu schreiben. Da, pltzlich, was kommt
heraus? Dieses Wort der Wahrheit, wonach die Jugend drstet, das sucht
sie weiss Gott wo, auf seltsamen Sttten (darin ebenfalls mit der
angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, zusammentreffend), aber
nicht im Volke, nicht im Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem
gegebenen Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das Volk
kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu leben, gehen die jungen
Leute, nichts im Volke kennend, sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen
tief verachtend, zum Beispiel den Glauben, in das Volk -- nicht um es zu
studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit Geringschtzung
-- ein rein aristokratischer Herrenstreich! Junge Herrchen, sagt das
Volk und es hat recht. Seltsam: berall und immer sind die Demokraten
frs Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter russischer
Demokratismus mit den Aristokraten gegen das Volk verbndet; sie gehen
ins Volk, um ihnen Gutes zu thun, und verachten dabei seine Sitten und
seine Grundlagen. Geringschtzung fhrt nicht zur Liebe!

Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen junger Leute den
Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, macht Skandal. Hret,
wrde ich diesen Kasanern sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht
gesagt), Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum aber
krnkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? Und das Volk
nannte sie noch einmal Jungherrchen (Bartschenki) und, schlimmer als
das, gab ihnen den Namen Studenty, obwohl viele Hebrer und Armenier
darunter waren (die Demonstration war, wie es sich erwies, eine
politische, von aussen hineingetragene). So hat, nach der That der
Sasslitsch, unser Volk abermals die Revolvermnner der Strasse
Studenten genannt. Das ist hsslich, wenn auch ohne Zweifel Studenten
dabei waren. Hsslich ist es, dass das Volk sich schon merkt, dass Hass
und Zwietracht begonnen haben. Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine
Herren, das Moskauer Volk Fleischer, sowie die ganze intelligente
Presse sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehren Fleischer nicht zum
Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch Minin war ein Fleischer.[7]
Die Entrstung lodert nur ber die Art auf, wie sich das Volk geussert
hat. Aber wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekrnkt wird, es
sich immer so ussert. Es ist ungehobelt, es ist ein Bauer. Gerade hier
lag die Lsung des Missverstndnisses, allerdings eines alten,
angehuften Missverstndnisses (was sie nicht merkten) zwischen dem
Volke und der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der am
hitzigsten und flinksten zu seiner Lsung ginge -- der Jugend. Die Sache
ging allzu hsslich und durchaus nicht so regelrecht, wie sie htte
ausgehen sollen; denn mit den Fusten kann man nie und nirgends etwas
beweisen. So aber war es immer und berall, in der ganzen Welt beim
Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings gar oft die Fuste
gegen seine Gegner in Aktion, und in der franzsischen Revolution
brllte das Volk vor Freude und tanzte vor der Guillotine, whrend sie
thtig war. Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das
Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur die Fleischer;
da giebt es kein Sichtrsten mit einem oder dem anderen Wrtchen) gegen
die Jugend aufgestanden ist und sich die Studenten angemerkt hatte;
andererseits aber ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die
Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt haben, das
Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): das ist ja nicht Volk, das
ist Pbel!

[Funote 7: Anspielung an den Fleischer Minin aus Nischnij-Novgorod, mit
dessen Hlfe der Frst Pozarsky die Angriffe der Polen siegreich
zurckschlagen konnte.]

Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, das nicht mit Euch
bereinstimmt, so werdet Ihr besser daran thun, nicht bse zu werden. Es
giebt ohnedies des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist
Lge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. Fest und
mchtig ist nur das Volk; allein im Volk hat sich seit den letzten zwei
Jahren eine Dissonanz mit uns (raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen
haben, indem sie das Volk vom Zustande der Hrigkeit befreiten, mit
Rhrung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre europische Lge
eintreten werde, in die Aufklrung, wie sie es nannten. Aber das Volk
hat sich selbstndig gezeigt und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit
Bewusstsein die Lge der oberen Schichten des russischen Lebens zu
begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben es erleuchtet und
neu gestrkt. Aber es macht einen Unterschied nicht nur unter seinen
Feinden, sondern auch unter seinen Freunden. Es kamen traurige, qulende
Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit strebend, ins
Volk, um seine Leiden zu erleichtern. Aber was geschieht? Das Volk
treibt sie fort und anerkennt ihre redlichen Bemhungen nicht, weil
diese Jugend das Volk nicht fr das nimmt was es ist, seine Grundlagen
hasst und geringschtzt und ihm Arzneien reicht, die in seinen Augen roh
und sinnlos sind.

Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel weiss wie. Unter der
Jugend wird der Revolver gepredigt und herrscht die berzeugung, dass
die Obrigkeit sie frchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor gering
schtzen, halten sie es fr gar nichts und merken nicht, dass dieses sie
wenigstens nicht frchtet und niemals den Kopf verlieren wird. Was dann,
wenn weitere Zusammenstsse erfolgen? Wir leben in einer schweren Zeit,
meine Herren!

Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich konnte. Wenigstens
antworte ich offen, wenn auch nicht vollstndig auf Euere Frage: nach
meiner Meinung sind nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals
ist unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was kein kleines
Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, ein historisches ist). Allein
das bel liegt darin, dass unsere Jugend die Lge der ganzen zwei
Jahrhunderte unserer Geschichte auf sich trgt. Es fehlt ihr folglich
die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, und man kann ihr
keine Schuld beimessen; um so weniger, wenn sie pltzlich selbst als
parteiische (und schon beleidigte) Teilnehmerin der Sache aufgetaucht
ist. Allein, wenn auch die Kraft fehlt, glcklich sei derjenige,
glcklich diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den rechten Weg
zu finden! Die Losreissung vom Milieu muss bei weitem strker sein, als
z. B. nach der socialistischen Lehre die Trennung der knftigen
Gesellschaft von der heutigen. Strker, denn um in das Volk zu gehen und
mit ihm zu bleiben, dazu gehrt vor allem, dass man verlerne es zu
verachten, und das ist unserer oberen Gesellschaftsschicht bei ihren
Beziehungen zum Volke fast unmglich. Zweitens muss man zum Beispiel
auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun schon endgiltig
unserem Europismus nicht mglich (obgleich man in Europa an Gott
glaubt).

Ich grsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es gestattet, so schttele
ich Euch die Hand. Wenn Ihr mir ein grosses Vergngen machen wollt, so
haltet mich um Gotteswillen nicht fr irgend einen Lehrer oder Prediger
von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, die Wahrheit nach meinem
Herzen und Gewissen zu sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie
dachte, wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr thun, als
seine Krfte und Fhigkeiten es erlauben.

                                                         Ganz der Ihre
                                                  Theodor Dostojewsky.

Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit muss fr Dostojewsky
anfangs etwas Furchtbares gehabt haben. Eine andere Stelle des oben
zitierten ersten Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust
geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 in einer
Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: Besser wr's, 15 Jahre mit der
Feder in der Hand in den Kasematten; der Kopf, welcher geschaffen hat,
welcher ein hheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich an
die erhhten Bedrfnisse des Geistes gewhnt hatte, er ist mir jetzt
schon von den Schultern geschlagen. Beim Abschied vom Bruder, wozu man
ihnen eine halbe Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden,
wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: Auch im Strafhaus sind
nicht wilde Tiere, sondern Menschen, vielleicht bessere als ich,
vielleicht wrdigere als ich ... Ja, wir werden uns noch sehen, ich
hoffe es, ich zweifle nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt
mir Bcher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird ja lesen
knnen. (Dies war wohl eine fromme Lge, um den Bruder zu trsten.) Wenn
ich aber heraus komme, so fange ich zu schreiben an ... in diesen
Monaten habe ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, die
vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff zum schreiben
geben.

ber die Beschwerden des langwierigen Transports nach Sibirien bei
vierziggradigem Frost, ber erfrorene Hnde und Fsse, einen bsen
Ausschlag, welcher infolge der verpesteten Luft im Kasematten-Gefngnis
auf des Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten war, ber
die Unmglichkeit, auf diesem langen Leidenswege einen Schluck Thee zur
Erwrmung zu beschaffen, ber das Benehmen der Aufseher und Zugfhrer,
die schmutzigen, finsteren, engen Rume, in denen sie mit allerlei
schimpfenden und fluchenden Verbrechern auf den Etappen
zusammengepfercht waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst --
erst viele Jahre spter bezieht er sich auf diese Zeit in seinem
Tagebuch eines Schriftstellers, und nur in seinem Buche Memoiren aus
einem Totenhause hat er diese Leidensgeschichte mit knstlerischer
Vollendung, als die Erzhlung einer dritten Person herausgearbeitet.
Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch das beste, das bis nun in
Russland geschrieben worden, Gogol nicht ausgenommen. Der Dichter wurde
spter in Russland oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche
in Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern und lehnte es
ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich war, dass man dies als eine
Anklage betrachten knnte.

Von den oben erwhnten Mhsalen haben wir durch einen Leidensgenossen
Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher sehr eingehend ber diese Erlebnisse
berichtet hat. Er fgt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg
gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende zu machen, und
sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben auszufhren. Die nhere
Bekanntschaft mit Dostojewsky aber, sein sanftes Wesen, der stille,
eindringliche Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass er
seine selbstmrderischen Gedanken von da an fr immer von sich gewiesen
habe.

Eine Episode vom Etappenwege erwhnt Dostojewsky ausser in den Memoiren
aus einem Totenhause in seinem Tagebuch eines Schriftstellers aus dem
Jahre 1873 eingehender, weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf
ihn ausgebt hat. Es heisst da: Als wir in Tobolsk in Erwartung einer
nachkommenden Partie im Festungshofe sassen, erbaten sich die Frauen der
Dezembristen (der Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten
Verschwrung) beim Gefngnis-Direktor die Erlaubnis, in seiner Wohnung
eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. (Es waren dies, nach den
Worten Jastrzembskis, die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter
und von Wisin, welche den Strflingen auch ein ausgesuchtes Mittagessen
mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also diese grossen Dulderinnen,
welche ihren Gatten freiwillig nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in
gar keine Schuld verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles
ertragen, was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen mssen. Unser
Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten uns zu unserem weiteren
Weg, machten das Zeichen des Kreuzes ber uns und beschenkten jeden von
uns mit einem Evangelium -- dem einzigen Buche, welches im Gefngnis
erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem Kopfkissen im Strafhaus
gelegen. Ich habe darin gelesen, manchmal auch anderen daraus
vorgelesen. Ich habe auch einen Strfling aus diesem Buche lesen
gelehrt.

Wenn wir uns ein genaues Bild von dem usseren Leben des Dichters
whrend der vier Jahre der Zwangsarbeit machen wollen, mssen wir uns
eben an die detaillierten Schilderungen halten, welche in den Memoiren
aus einem Totenhause niedergelegt sind. Sie sind bis in alle
Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir sofort wissen:
all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie so vollendet knstlerisch
und objektiv, ja fast feindesliebevoll herausgearbeitet, dass wir sofort
empfinden, das ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier
drngt sich uns Deutschen unwillkrlich eine Parallele auf, die sich wie
ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz Reuters Schilderungen seiner
siebenjhrigen Festungszeit, eine Schilderung, die sich zum Humor
erhebt, und sind geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren
persnlichen Erlebnissen knstlerisch, ja ethisch hher zu stellen. Bei
tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache jedoch durchaus
anders dar. Ganz abgesehen davon, dass Fritz Reuter nur mit
Seinesgleichen eingeschlossen war, Stunden des Alleinseins und wieder
solche des Gedankenaustausches mit Gleichgesinnten hatte, whrend
Dostojewsky mit ungefhr 200 Verbrechern aller Kategorien vom
Falschspieler und Falschmnzer angefangen bis zum achtfachen Mrder in
ununterbrochener Gemeinschaft lebte und whrend seiner vierjhrigen Haft
auch nicht eine Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren
Erleben des hnlichen usseren Schicksals ein grosser Unterschied.
Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz subjektiv, aber doch eigentlich
gleichsam unpersnlich; fr die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war
sich selbst ein Gefss fr die grosse Wahrheit, die ihm das Leben
offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhrlich hervorsprudeln
musste. Da ihm aber nun, wie wir in seinen Aufzeichnungen sehen, gerade
in dieser schwersten Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und seines
Volkes Wahrheit durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, sich erst
da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung von Anbeginn in ihm gelegen
und sich in den Armen Leuten ausgesprochen hatte, so handelte es sich
fr ihn gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, und
wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische Ader versiegen
lassen, im Vollgefhl dessen, dass der Humor fr die grssten Aufgaben
und Probleme nicht ausreicht. Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie
sich diese reiche Ader jedesmal zu Tage drngt, wo der schweren
Ntigung, seinen Hrern in Wort und Bild die Wahrheit aufzuzwingen,
gleichsam Genge geschehen ist, und sich der alte Schalk kichernd
zwischen den schweren Falten der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben
die unbesiegbare Kraft und Macht seines knstlerischen Reichtums, der
immer wieder hervorbricht.

Die Herausgeber der Materialien, namentlich O. Miller, schpften bei
der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig
authentischen Quelle, die wir oben anfhrten: den Memoiren aus einem
Totenhause. Sie schpfen das Richtige heraus, mit Wrme, Bewunderung,
Ehrlichkeit und -- Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als
Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei
russischer Zustnde hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger
gerecht wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er
sich an die knstlerische Objektivitt seines Gewhrsmannes hlt,
welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten
versndigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivitt er
nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn
seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit
gezogen, und wir fgen hier die Stelle ein, welche gleichsam als
Passepartout fr alles Gruliche und Qualvolle gelten kann, dem er in
derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzhlt, Dostojewsky habe
auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es
unter anderem heisst: Die Memoiren aus einem Totenhause sind von ganz
Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch
geschtzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen
Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgendert sind.
Theodor Michailowitsch -- fhrt O. Miller fort -- fand es fr ntig,
im Auslande auf diese Vernderungen hinzuweisen und sie hier mit allen
jenen mannigfaltigen nderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem
Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung
der Memoiren aus einem Totenhause wre vor der Regierung Alexanders
II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgefhrte
Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen
Menschenrckens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte
man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschlge abgeschafft
hatte. Nach diesem Eingange, welcher fr uns die Konjektur offen lsst,
wie weit die Gepflogenheiten einer willkrlichen Bureaukraten-Verwaltung
und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne
heute noch diesem thatschlich entspricht,[8] ist es dem Biographen
mglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefngnislebens aus
den Schilderungen der Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden
schrfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser
selbst es je gethan htte.

[Funote 8: Wer auch nur kurze Zeit in Russland gelebt hat, den wird es
geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler bel thatschlich darin
liegt, dass ein ungeheuerer bureaukratischer Apparat das Staatsleben
bedient und auch das Einzelleben in sein Rderwerk reisst; dass oft
gute, meist kluge Absichten fr das Gemeinwohl diesen Apparat in Gang
setzen und durch den Unverstand, durch den blinden Buchstabengehorsam
einerseits, oder durch Habgier und Bestechlichkeit schlecht bezahlter
Unterbeamten und Handlanger bis zur Unkenntlichkeit verstmmelte
Vollstreckungen zum Schaden der Gesamtheit oder Einzelner aus dieser
Maschine herauskommen.]

Wir knnen auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist
des Dichters eigene Worte anfhrt.

Ich erinnere mich deutlich daran -- sagt Dostojewsky -- dass mir vom
ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam
nichts Auffallendes, nichts Aussergewhnliches, oder besser gesagt,
nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel
leichter im Gefngnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin
vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht
so zwangsarbeitsmssig, und erst ziemlich viel spter kam ich darauf,
dass die Schwere und Zwangsarbeitsmssigkeit dieser Arbeit nicht so sehr
in ihrer Mhsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine
gezwungene, aufgentigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.

Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky
befand, gehrten Arrestanten -- fhrt O. Miller fort --, welche unter
kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen
eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die
anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nmlich die dritte, die beim Bau, und
die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur
fr die Edelleute schwer, sondern fr alle Arrestanten, besonders darum,
weil Kommando und Organisation ganz militrisch und denjenigen der
Arrestanten-Rotten in Russland sehr hnlich waren ... immer in Ketten,
immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei
anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgefhrt ...
die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die
Arbeit; spter aber hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden -- und
das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefhrten, dass sie diesen
nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft
besassen als sie. Was mich anbelangt, erwhnt Theodor Michailowitsch,
so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff,
um ihnen bei der Arbeit zu helfen, berall war ich ihnen im Wege,
berall strte ich sie, berall jagten sie mich mit Thtlichkeiten
davon. Nichtsdestoweniger fhlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine
Gesundheit, seinen Krper strken knne. Die Hauptarbeit, zu welcher
Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters,
was ihm eigentlich leicht erschien. Eine andere Arbeit, zu der man mich
beorderte, sagt er weiter, war in der Werksttte das Drehen des
Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte
eine vortreffliche Motion. Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten
liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn berhaupt die
Winterbeschftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer
vornahm. Im Sommer musste man durch ungefhr zwei Monate tglich von dem
Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau
einer neuen Kaserne ber den Festungswall hinber Ziegel tragen. Diese
Arbeit, sagt Dostojewsky, gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem
man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber
mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich
entwickelte. Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwlf Pfund
ein jeder, zu tragen, spter aber brachte er es zu zwlf und fnfzehn.
Physische Kraft, fhrt er fort, ist im Gefngnis nicht weniger ntig,
als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten
Lebens zu ertragen.

Die Kost, meint Dostojewsky, war ertrglich, das Brot sogar in der Stadt
geschtzt; dafr war die Kohlsuppe sehr dnn und wimmelte von
Kchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor
Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher
schtzen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben
von Thee usw. aufzubessern.

Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Strflingen,
da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwhnter waren,
gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als
Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen,
Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres
Loses niemals lnger als Tage anhielt.

Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des
Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich
in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte,
nmlich das vllige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere
Schmerzen, Enttuschungen und Demtigungen gerade von Seiten jener vor
sich, die er ans Herz drcken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten
ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er
aller Lasten dieses verfluchten Lebens mit ihnen gleich teilhaftig
war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen,
Misstrauen. Als er mit einigen anderen Politischen sich ihnen einmal
anlsslich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen
der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas
geneigter war: ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst
ja doch vom Eigenen? -- Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja
solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen -- nun
und da mussten wir doch auch -- aus Kameradschaft.

Ja, was seid Ihr denn fr Kameraden? fragte er erstaunt.

Ich dachte, fhrt der Dichter fort, ob nicht irgend eine Ironie, ein
Zorn, ein Spott in diesen Worten liege -- aber nein, einfach: keine
Kameradschaft, weiter nichts.

Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern
angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer
vertiefende berzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken,
an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt
russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefhl, das
jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als
mit einem jener Zustnde, die sich beim Katholiken dem Schuldgefhl
anschliessen: entweder fanatische Hrte gegen sich und andere, oder die
schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft,
um aufs neue in Schuld und Schuldgefhl zu schwelgen. Dostojewskys
Schuld an allem und an allen, wie er sich ausdrckt, ruft zum Leben,
zur Liebe und zur That auf -- das ist die grosse Trennungslinie zwischen
seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Vlker, die
auf diesen Namen hren. Er musste es also schwer empfinden, wenn die
Unglcklichen, wie er seine Brder nennt, seine Kameradschaft nicht
anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst.
Ich schloss die Augen, sagt er, und wollte nicht schauen; unter den
bsen und gehssigen Gefhrten des Strafhauses bemerkte ich die guten
nicht, die, welche fhig waren zu denken und zu fhlen, ungeachtet der
hchst widerwrtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den
bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche,
entgegenkommende Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche
Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche
vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.

Spter erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte
er immer mehr die anderen. Du meinst, sagt er an anderer Stelle, das
sei ein Tier und kein Mensch ... pltzlich aber kommt zufllig eine
Minute, da sich seine Seele unwillkrlich, durch etwas hingerissen, nach
aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches
Gefhl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden,
dass dir frmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar
deinen Augen und Ohren nicht traust. In seinem Tagebuch eines
Schriftstellers des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche
seiner Wiedergeburt, seiner Umwandlung, wie er es nennt, seines
Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir
es nennen mssen. Fr ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren
Kontakt mit dem Volke, in der brderlichen Vereinigung mit ihm, im
Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. Dies vollzog sich
nicht so schnell, sagte er, sondern allmhlich und nach einer sehr
langen Zeit. Es wre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt
zu erzhlen. -- Doch hat er sie uns ja ausfhrlich in seinen Memoiren
aus einem Totenhause erzhlt.

Sehr bezeichnend fr sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein
Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche
finden. Es heisst da: Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch
erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.

Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie
in jedem Detail gelebt hat, beweisen tausend kleine Episoden aus seinem
Gefangenenleben -- so die seltsame Freude, von einem vorbergehenden
Mdchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die
durchgekostete Erniedrigung, wenn die Strflinge, wie immer, in Ketten
geschmiedet und geschoren zur Messe gefhrt wurden und nur gedrngt vor
der Kirchenthre bleiben durften, wo sie vor der brigen Gemeinde als
Gebrandmarkte dastanden, gefrchtet, gemieden, als die allerniedersten
Geschpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den
Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem vterlichen Gtchen vor die
Kirchenthre drngten, whrend er als Herrschaft im Betstuhle sass.
Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere
ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden,
waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen,
oft zu hundert in die dumpfigen Sle gedrngt, wo die Luft durch die
hier angebrachten Nachtsthle verpestet war; das gruliche Dampfbad, in
das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem
Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu knnen, sich kunstvoll ihrer
Wsche entledigen mussten, natrlich auch ohne die an die Beine
geschmiedeten Ketten zu lsen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die
sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette
herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstren.
Wollten die Strflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen,
so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital
doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen
gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare
Schlafrock. Sie mussten nmlich das durch Krankheit, Alter und alle
Unreinlichkeiten frherer Hftlinge besudelte und belriechende, nie
gereinigte Krankengewand anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten
sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen:
den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren
Krperstrafen hatten erdulden mssen, 50 -- 100 -- 150 Stockschlge,
unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische
zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit
im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte:
Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott, er verhngte die schwersten
Krperstrafen fr den leisesten Widerspruch. So liess er einem der
Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: Wir sind
keine Vagabunden, sondern politische Gefangene. Hun -- dert -- Strei
-- che, gleich diesen Augenblick! schrie in wahnsinniger Wut der Gott
des Strafhauses. Der alte Mann (er war ber fnfzig Jahre alt) legte
sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zhne in die
Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich
zu rhren. Das imponierte den gemeinen Strflingen beraus und sie
begannen von da ab, ihn hochzuschtzen, obwohl er ein Edelmann und noch
dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der
Rutenstrafe zum Gebet ging.

Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die
Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; man
kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen, meint er. Die
anderen, hheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,
erlutert er, sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon frher
manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den
Strflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die
Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.

Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das
Beiwohnen solch unmenschlicher Zchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die
schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz
klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst krperliche Zchtigungen
htte mssen ber sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen
ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der
Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklren seine Freunde und
Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer krperlichen Zchtigung
unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen
ganz gengenden Grund fr die Steigerung seiner psychisch-physischen
Krankheit, welche er selbst brigens lange nicht als das hatte erkennen
wollen, was sie war.




                                 IV.
                            Semipalatinsk.
                              (1854-59.)


Das letzte Jahr seiner vierjhrigen Haft verlebte er in fieberhafter
Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bcher
lesen, an seine Angehrigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer
den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nmlich zur
Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur
selben Jahreszeit stattfinden. Mit welcher Ungeduld, sagt er,
erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des
Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe
verbleicht! Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige fr
ihn; je nher der Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er.
Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er
damit zu, noch einmal um das Gebude herumzugehen und die Pfhle des
Pallisadenzauns zu zhlen, wie er in den ersten Tagen seiner
Gefangenschaft an diesen Pfhlen die Tage seiner Haft abgezhlt hatte.
Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen
drckten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und
gerhrt, aber doch wie einem Herrn, manche wendeten sich ab, um einem
Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehssig nach; auf dem
Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrckt -- von
morgen an bist du nie unter uns gewesen.

Orest Miller setzt in seinen Materialien die Enthaftung Dostojewskys
auf den 2. Mrz 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in
den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor,
dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen
Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) am
Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des
sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.

Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehrigen
sind die Materialien noch nicht gengend informiert. Seit der
Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben
sich mehrere Briefe teils in den Hnden der Familie vorgefunden, welche
auch schon teilweise in verschiedenen Blttern durch die Witwe
verffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser
unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. Mrz. (Michael hatte ihm, nach
Aussage der Witwe, whrend der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie
sich die ganze Familie, wohl aus Furcht sich zu kompromittieren, die
ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kmmerte.) Ferner haben wir,
gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafr
gefunden, dass vom 16. Mrz 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn
Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehrigen und
andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen
Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Befrderung
an ihre Adresse bermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters,
welcher diese Daten mit uns zur Verfgung gestellt wurden, in ihrer
unermdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in
diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren.
Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das
7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen,
ist vom 27. Mrz 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende
Stellen:

Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief
samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofr ich Dir
herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post
versumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafr. Ich hoffe, mein Teurer,
dass Du mir jetzt fter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir
ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja
so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben knnen?
Das ist fr mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht
selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das
sicher. brigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?
Nach einer warmen Nachfrage um die Angehrigen und ihre Kinder, deren er
jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darber aus, dass der
Bruder einen Erwerbszweig gefunden habe, der ihn beschftigt. Michael
Dostojewsky hatte nmlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet,
wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. Du hast
Familie, ein Auskommen ist Dir unumgnglich ntig, verdiene es Dir,
verstrke Deine Thtigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht
fallen, was Du begonnen hast.

Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es
bekmmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit
nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine
Gesundheit wrde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber
habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine
Allerhchste Gnade und hngt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum
kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge!
Vorlufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das
Alte zurck. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen
zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge,
der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist
ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt
ist ziemlich gross und bevlkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die
offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist krzer als
in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein
Bumchen -- die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist
ein Fichtenwldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da
ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bume giebt es da
nicht. -- Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die
europischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann.
Einmal werde ich Dir detaillierter ber Semipalatinsk schreiben; es
lohnt die Mhe. Jetzt aber will ich Dich um Bcher bitten, schicke mir
welche, Bruder -- keine Zeitungen; aber schicke mir europische
Historiker, konomisten, Kirchenvter, womglich alle alten (Herodot,
Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie
sind alle ins Franzsische bersetzt). Endlich den Koran und ein
deutsches Lexikon. Natrlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben
kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie
(sei's auch eine franzsische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche
die billigsten und gedrngtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal,
langsam nach einander. Auch fr weniges werde ich Dir dankbar sein.
Begreife, wie ntig mir diese geistige Nahrung ist! brigens brauche ich
Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe fter. Um
Gottes willen vergiss nicht

                                              Deinen Th. Dostojewsky.

Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859
geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das
Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten
nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft ber des Dichters Stimmung,
ber sein gegenwrtiges Leben und seine Zukunftsplne. Der nchste Brief
an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich ber
sein langes Schweigen in folgender Weise: Ich versichere Dir, mein
Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum
Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten
gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine gnstigere Zeit,
immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht
in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natrlich oder kannst es ja
erraten, womit ich jetzt beschftigt bin. Exerzieren, Musterungen der
Brigade- und Divisions-Kommandanten und Vorbereitungen dazu. Ich bin im
Mrz hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich
so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung
in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht
als die anderen.

Weiter schreibt er: Wie fremd Dir auch all dieses sein mge, so denke
ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist,
dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, fr einen
Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwhnt
ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient.
Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern
(beide hatten sich inzwischen vermhlt), beschwrt den Bruder, doch
nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere,
ehe einer vom anderen Nachricht habe. Jetzt kennst Du ja meine
Beschftigungen, fhrt er fort, andere Erlebnisse hat es nicht
gegeben, als dienstliche ussere Lebensumwlzungen, besondere Vorflle
ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist -- was gewachsen,
was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das
kann man nicht auf einem Stckchen Papier sagen und wiedergeben ....
Weiter berhrt er seine Krankheit, ber welche er, wie oben gesagt
worden, noch immer nicht im klaren ist, und fhrt fort: brigens sei so
freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller
Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen
bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im brigen
ist alles von Gott und in Gottes Hand. Zum Schluss meint er, der
Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige
Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er
beschwrt ihn, bald zu schreiben, obwohl es traurig genug sei, nur
brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fnf Jahre nicht
gesehen habe.

Der zweite der, von der Witwe des Dichters im Mrz 1898 dem Redakteur
der Monatsschrift Niva, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Verffentlichung
bergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben
Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem
spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefhl der Vereinsamung aus, das
uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt.

Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa! -- heisst es darin --
da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht
ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich
zu beunruhigen und zu hrmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen
Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wsstest, in welcher bitteren
Einsamkeit ich mich hier befinde, so wrdest Du mich wahrlich nicht so
lange schmachten lassen und wrdest nicht so lange verziehen, mir
wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal
ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das
ihre; eine alte Anhnglichkeit ermattet und frhere Eindrcke verblassen
und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfngst, mich zu
vergessen. Wie knnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen
erklren? Auf mich sei nicht bse, wenn ich selbst Dir manchmal lange
Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer fter, zweitens
aber schwre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten
sind; da ermde ich und -- versume die Post, welche hier nur einmal
wchentlich abgeht. Bei Dir ist's etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel
thatschlich nichts zu schreiben wre, so schreibe wenigstens was immer,
seien's auch zwei Zeilen. Mir kme dann nicht der Gedanke, dass Du mich
verlssest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9]
hnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr
peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir
um Gottes willen nicht bse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein
dahingeworfener Stein, -- dass mein Charakter immer schwermtig,
krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn
meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja
selbst berzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein
Zweifel von der Grsse eines Mohnkrnchens ist schwer zu ertragen, und
ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren knnte, als Dich
selbst.

Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zustnden, nach
der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des
kaufmnnischen Unternehmens Michaels durch gengenden Unterhalt der
Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von
der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschftigungen lossagte,
die seinem Charakter angemessener waren. Was soll ich Dir ber mein
Leben sagen? heisst es weiter. Bei mir ist alles im alten, alles im
gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts
verndert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind
Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brsten, lieber
Freund; sie ist nicht ganz gut. Je lter man wird, um so schlimmer wird
es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so
viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so
rede Dir das geflligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist
vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen. Der Brief schliesst mit
hundert Fragen nach Verwandten und Grssen an sie und verstrkt unseren
Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem
durch die Einsamkeit gesteigerten Gefhl fr die Familie, vor allem
seinem Bruder Michael unendlich mehr Wrme entgegenbringt, als ihm
erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn whrend der Jahre der
Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschfte der
Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der
Bruder zurckkam und mit ihm und fr ihn arbeitete, das alles bestrkt
uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von
beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse
nur besttigt wird.

[Funote 9: Dieser Brief drfte jenes vom 23. Oktober in den Archiven
angefhrte Schreiben sein, das sich noch nicht gefunden hat.]

In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein,
Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind
erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge
Freundschaft verbindet, was zu einem langjhrigen, wenn auch oft
stockenden Briefwechsel fhrte. Die zweite dieser Personen ist Marja
Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an
Lungentuberkulose verstorbenen Beamten.

ber Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow
gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: Diesen
Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel bergeben, ein sehr
junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit
vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus
dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land
kennen zu lernen, ntzlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient,
wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich
Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit zu schenken und
womglich nher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte
ber seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Gte, ein sanftes
Herz, obwohl sein usseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit
trgt. Ich wnschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie nher mit
ihm bekannt wrden. Der halb oder dreiviertel aristokratische,
freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefllt mir nicht
ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche
Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten
Einflssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es mglich ist, er ist es
wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur
fr das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas
argwhnisch, sehr eindrucksfhig, manchmal versteckt und etwas ungleich
in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit
ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.

Dieser Jngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel
Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in
Russland ntzlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem
Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persnlichkeiten Eingang
verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem
Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen
intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen,
wie man leicht herausfhlen kann, schwierigen Familien- und
Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten
gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben
jenem sterbenden Issajew und seinen Angehrigen mit kleinen Geldmitteln
auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem
Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet ihm der Dichter vom Tode
des unglcklichen Issajew, spricht ber die traurige Lage seiner Witwe
Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete
Summe zu senden. An der Wrme im Ton dieses Briefes ist leicht
ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt
er: Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschn, wie Gott
geben mge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin
und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglckliche Marja
Dmitrjewna erzhlt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie
schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In
den furchtbarsten Qualen (er kmpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie
zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhrlich: Was wird mit Dir
geschehen, was wird mit Dir geschehen? Erinnern Sie sich an ihren
kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung
ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette,
luft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode
gesegnet hat, fllt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die
ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn rmlich
begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war
ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den
Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar
nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei
Silberrubel geschickt. Die Not hat mir die Hand hingestossen, es
anzunehmen, schreibt sie, und ich habe ... das Almosen angenommen! --
Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser
der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten
Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert.

In seinem nchsten Brief an Wrangel vom 23. August 1855 erwhnt er noch
einmal diese Geldangelegenheit, erzhlt Marja Dmitrjewna habe ihm
schwere Vorwrfe gemacht, dass eigentlich doch er, der selbst nichts
habe, der Geber sei; er hoffe sie aber mit seiner Antwort beruhigt zu
haben. Wenn Sie hierher kommen, fhrt er fort, werde ich Ihnen ihren
Brief zeigen. Mein Gott! was ist das fr eine Frau! wie schade, dass Sie
sie so wenig kennen! Mit einem P. S. noch einmal auf die Sache
zurckkommend schliesst er: Werden Sie ihr ein paar Worte schreiben?

Wir ahnen schon hier, dass sich in dem, durch sechs Jahre von jedem
ebenbrtigen Verkehr, von jeder Annherung an edle Frauen abgetrennten
Staatsgefangenen (zu Annherungen banaler Natur scheint, nach den
Memoiren aus dem Totenhause, auch das strenge Strflingsleben fr
untergeordnete Kostgnger des Staates nicht ohne Mglichkeit gewesen zu
sein), eine tiefe Sympathie, eine berschwngliche Bewunderung fr das
erste weibliche Wesen entwickeln wird, das schon durch seine Leiden ein
Anrecht an ihn erworben hat und wohl auch durch eine seltene Begabung
und Seelenart diesen tiefen Anteil rechtfertigen musste. Einen
Anhaltspunkt fr die Vorstellung vom Wesen Marja Dmitrjewnas finden wir
in dem Umstande, dass der Herausgeber der Biographischen Materiale,
Orest Miller, den Roman des Dichters Erniedrigte und Beleidigte als
jenen bezeichnet, in welchem wir, den ussern Thatsachen nach, neben den
Memoiren aus dem Totenhause die deutlichsten Spuren einer
Autobiographie verfolgen knnen. Es ist thatschlich geschehen, dass,
als eine tiefere Beziehung des Dichters zu Marja Dmitrjewna eingetreten
war, diese, gerade so wie Natascha im Roman, eine pltzliche
Leidenschaft zu einem anderen fasste und Dostojewsky, aus innigstem
Mitgefhl fr ihre Leiden, sich eifrig bemhte, diesem anderen zu einer
Stelle und einem Erwerb zu verhelfen. In welcher Weise sich dann der
Umschlag in Marja Dmitrjewnas Gefhlen und Entschlssen vollzog, das
erfahren wir aus den diskreten Notizen O. Millers nicht.

Um unser Urteil ber Marja Dmitrjewna zu vervollstndigen, werden wir
gewiss nicht fehl gehen, wenn wir die Zeichnung Nataschas als nach ihrem
Vorbilde entworfen annehmen. Der Roman ist innerhalb eines Zeitraumes
von ungefhr zwei Jahren nach des Dichters Vermhlung geschrieben, also
genug nahe, um jene Eindrcke noch ganz frisch in sich zu tragen, und
genug ferne, um sie nach aussen hin gestalten zu knnen. Er hatte frher
eine lngere Erzhlung, die er anfangs Roman nennt, geschrieben, welche
er ber zwei Jahre mit sich herumgetragen hatte; dies war die uns unter
dem Namen Tollhaus und Herrenhaus bekannte Erzhlung Das Dorf
Stepantschikowo und seine Bewohner. Dazwischen schrieb er aus Not eine
kleine Erzhlung nieder, die ihn auch schon lange beschftigt hatte:
Onkelchens Traum.

In der Gestalt der Natascha[10] nun sind, ganz abgesehen von den
usseren Umstnden, Zge, welche uns an Marja Dmitrjewna erinnern. Ja,
der Dichter, welcher sich in seiner grandiosen Unbekmmertheit um
Wiederholungen wirklich oft wiederholt, gebraucht in einem Briefe an
Wrangel bei der Mitteilung ihrer Zustimmung genau dieselben einfachen
Worte, die er dann an der betreffenden Stelle im Roman ausspricht: Sie
sagte mir selbst: >ja<. Das, was ich Ihnen ber sie im vergangenen
Sommer schrieb -- fhrt er in seinem Briefe vom 1. Dezember 1856 fort
--, hat gar wenig Einfluss auf ihre Neigung zu mir gehabt ... sie hat
sich bald vom Irrtum ihrer neuen Neigung berzeugt .... o wenn Sie
wssten, was diese Frau ist! ... Am 6. Mrz 1857 giebt er dem Freunde
in einem uns nur bruchstckweise mitgeteilten Briefe von seiner in
Kuznezk vollzogenen Vermhlung mit wenigen Worten Nachricht. Dieser
Brief beschftigt sich hauptschlich mit den Zustnden Wrangels, dessen
komplizierten Beziehungen zum Vater usw. und enthlt Ermahnungen, sich
vor zu grosser argwhnischer Empfindlichkeit zu bewahren. Zum Schlusse
sagt er: ..... grosse Umwandlungen in unserem Leben helfen da immer.
Ich war im hchsten Grade hypochondrisch, wurde aber durch die scharfe
Umwlzung, welche in meinem Schicksal eintrat, grndlich davon geheilt.

[Funote 10: Der Roman Erniedrigte und Beleidigte ist allen Lesern
Dostojewskys zu gut bekannt, als dass hier eine eingehende Besprechung
desselben ntig wre. Auch gehrt es nicht in den Rahmen dieses Buches,
sthetisch-kritische Besprechungen der Werke des Dichters aufzunehmen.
Indessen hat dieser Roman gerade von russischen Kritikern die schrfste
Verurteilung erfahren. Einer der bedeutendsten von ihnen sagt, er stehe
unter der Linie der sthetischen Kritik. Inwieweit die vielen Fehler
dieses Werkes dies Urteil berechtigen, wollen wir nun, nach dem oben
Gesagten, nicht untersuchen. Die meisten Kritiker aber werfen sich auf
die Schilderung eines Mannes, der die Selbstverleugnung hat, dem Mdchen
seiner Liebe zu einem andern Glck zu verhelfen, als auf ein
sthetisches Unding, weil es gegen die Wahrheit und Mglichkeit grob
sndige. Hier sind sie ihren rein subjektiven Anschauungen gefolgt. Es
kann ja ein solches Vorgehen wirklich nur einer Kopfliebe entspringen,
wie sie sagen, und jedem gesunden Menschen unsympathisch sein. -- Dass
es aber vollkommen wahr ist, weil es mglich war, das beweist
Dostojewskys Geschichte unwiderleglich. Der knstlerische Fehler in der
Zeichnung dieser Figur liegt wohl, wie Dobroljubow auch sagt, darin,
dass dieser selbstlose Held der Erzhler ist und wir aus seinem Vortrag
nicht gewahr werden, dass er mehr als ein Zuschauer sein knnte.]

Ehe wir zu den weiteren Erlebnissen des Dichters bergehen, die von
Wichtigkeit fr seine Thtigkeit waren, mchten wir jenen Brief
Dostojewskys hier einschalten, der ber die letzten Augenblicke Marja
Dmitrjewnas berichtet, um so einen Abschluss des Bildes dieser Ehe zu
gewinnen, welche ihm grosses Glck und grosse Leiden gebracht zu haben
scheint.

Die Briefe enthalten nur stellenweise Andeutungen intimer Beziehungen.
So finden wir nur sehr sprliche usserungen in einigen derselben
zerstreut. Viel reichlicher sind die Mitteilungen seiner Sorgen um den
Stiefsohn Pascha, der ihm sowohl wegen seines Studienganges und der dazu
kaum ausreichenden materiellen Mittel, als auch spter seines
unzuverlssigen Charakters wegen manche Prfung auferlegt. Das
Zusammenleben des Dichters nun mit seiner Gattin scheint zu
Schwierigkeiten gefhrt zu haben, welche wohl in gewissen
Charakterhnlichkeiten zu suchen sein drften. Schon das Faktum allein,
dass Dostojewsky es im Verlauf dieser Ehe trotz angestrengtester Arbeit
und spter auch erzielter grosser Honorare nie dazu gebracht hat, einen
sorgenfreien Augenblick, ein Ausruhen von der Furcht drohender Not zu
geniessen, deutet darauf hin, dass beide Gatten gleich unfhig waren,
sich das ussere Leben ertrglich einzurichten.

Anderseits finden wir in des Dichters Briefen immer dieselbe Bewunderung
und Liebe fr Marja Dmitrjewna ausgedrckt, obgleich er auf eine
rtliche Trennung eingehen musste, welche auf Anraten der rzte um der
Gattin Gesundheit willen eingeleitet wurde. So verblieb denn Theodor
Michailowitsch in Petersburg, whrend Marja Dmitrjewna nach dem milderen
Moskau bersiedelte.

Nachdem sich aber ein ernstes Lungenleiden rasch entwickelt zu haben
scheint, eilt der Dichter an das Krankenbett der Gattin und bringt dort,
selbst sehr leidend, unter allseitigen Qualen, wie er sagt, und unter
dem Druck bestellter, eiliger Arbeit zwei schwere Monate zu.

Er bleibt von Ende Februar bis Mitte April 1864 an ihrer Seite, schreibt
whrend des dringende Geschftsbriefe an den Bruder, denen wir eben nur
die wenigen Andeutungen ber seinen Seelenzustand entnehmen, whrend das
unaufhrliche Sprudeln und Ghren seiner Schpferkraft ihn auch hier
nicht verlsst.

Voll von Plnen fr seine damals erscheinende Zeitschrift Wremja,
Entwrfen, kritisch-sthetischen Artikeln ber Theoretismus und
Phantasterei, die, wie er sagt, nicht eine Polemik sein wird, sondern
eine That, wird er doch endlich von der Macht der Verhltnisse, nmlich
eigener Krankheit und dem Tode seiner Gattin, fr eine Zeit berwltigt,
so dass er gar nicht schreiben kann, obwohl er noch kurz vorher schrieb:
Meine Frau ist sterbend, buchstblich. Jeden Tag kommt ein Augenblick,
da wir ihren Tod erwarten. Ihre Leiden sind furchtbar und finden ihren
Widerhall in mir, weil ja ... das Schreiben aber ist keine mechanische
Arbeit, dennoch aber schreibe ich und schreibe meist am Morgen -- doch
fngt die Handlung erst an. Die Erzhlung zieht sich in die Lnge.
Manchmal denke ich, es wird ein Quark, dennoch schreibe ich mit Feuer,
ich weiss nicht, was daraus wird. Im allgemeinen habe ich wenig Zeit zum
Schreiben, obgleich es scheint, dass ich alle Zeit fr mich habe --
dennoch ist es wenig, denn es ist diese Zeit keine Arbeitszeit fr mich
und ich habe manchmal ganz anderes im Kopfe; dann noch eins: ich
frchte, der Tod meiner Frau wird bald eintreten, dann wird aber eine
Unterbrechung der Arbeit unvermeidlich sein -- wenn diese Unterbrechung
nicht wre, wrde ich wahrscheinlich fertig.

Diese Stelle des Briefes msste uns geradezu durch ihre khle
Geschftsmssigkeit verblffen, wenn wir es nicht schon an vielen
anderen Beispielen aus dem Leben grosser Dichter und Knstler erfahren
htten, dass sie, whrend des Schaffens gleich der pythischen Priesterin
vom Geiste erfasst, im Taumel aller Irdischkeit entrckt sind. Dieses
absorbierende, despotische Etwas, das sie hat, lsst zu Zeiten nichts
brig fr die Erdengenossen, die sich ihnen angelobt.

Dienstag, den 14. April 1864, schreibt er an den Bruder als Nachschrift:
Gestern um 2 Uhr nachts habe ich diesen Brief geschlossen. Spter wurde
Marja Dmitrjewna sehr schlecht. Sie verlangte nach dem Geistlichen. Ich
ging Alexander Pawlowitsch zu holen und schickte nach dem Priester. Die
ganze Nacht sassen sie bei ihr; die Sakramente empfing sie um 4 Uhr
morgens. Um 8 Uhr legte ich mich nieder, ein wenig auszuruhen, um 10 Uhr
wurde ich geweckt, es sei Marja Dmitrjewna in diesem Augenblicke
besser.

Unter dem 15. schreibt er: Gestern hatte Marja Dmitrjewna einen
entscheidenden Anfall. Eine Halsblutung trat ein, die einen Druck auf
die Brust und Wrganflle hervorrief. Wir alle erwarteten das Ende, wir
waren alle an ihrer Seite. Sie nahm von allen Abschied, vershnte sich
mit allen, machte Ordnung mit allem. Deiner ganzen Familie sendete sie
Grsse und Wnsche langen Lebens, ganz besonders an Emilie Fjodorowna.
Auch sprach sie das Verlangen aus, sich mit Dir zu vershnen. (Du
weisst, mein Freund, dass sie ihr Leben lang davon berzeugt war, Du
seist ihr heimlicher Feind.) Die Nacht brachte sie schlecht zu. Heute
aber, soeben sagt Alexander Pawlowitsch endgiltig, dass sie heute --
sterben wird. Und das ist unzweifelhaft.

Ich werde zur Tante um Geld fahren: Sie kann es aber verweigern, weil
sie vielleicht keines bei der Hand hat. Ich weiss nicht, was ich machen
werde. Dich aber bitte ich: verlass mich nicht. Es werden sehr grosse
Auslagen sein. Schicke so viel Du kannst, um alles! Um Gotteswillen --
ich werde es abdienen. --

Wir glauben, dass es keines Kommentars bedarf, um das Tragische dieses
Lakonismus der Not hervorzuheben. Ein Dichtergenius, der ganz wie das
arme Volk erlebt: dem die Sorge um den nchsten Augenblick eines tiefen
und zarten Erlebnisses kein anderes Wort in den Mund legt, als: Geld!

Als Nachschrift heisst es: Marja Dmitrjewna stirbt sanft bei vollem
Bewusstsein, Pascha (den Sohn) hat sie im Geiste gesegnet.

Der letzte Brief, wenigstens der letzte, in den wir Einblick haben, in
welchem Dostojewsky ber Marja Dmitrjewna und sein Verhltnis zu ihr
spricht, ist vom 31. Mrz 1865 an Wrangel gerichtet. Die betreffende
Stelle lautet: Ja, Alexander Jegorowitsch, ja, mein unschtzbarer
Freund, Sie schreiben mir und klagen mit mir ber meinen
verhngnisvollen Verlust, den Tod meines Schutzengels, Bruder Mischas
(der Bruder war bald nach Marja Dmitrjewna pltzlich gestorben), aber
Sie wissen nicht, wie tief mich das Schicksal niedergedrckt hat. Ein
zweites Wesen, das mich liebte, und das ich grenzenlos liebte, meine
Frau ist in Moskau, wohin sie ein Jahr vorher bersiedelt war, an
Tuberkulose gestorben. Ich bin ihr dorthin nachgekommen, bin den ganzen
Winter 1864 nicht von ihrem Lager gewichen und am 16. April des vorigen
Jahres ist sie verschieden, bei vollem Bewusstsein; und da sie von allen
Abschied nahm, und aller gedachte, denen sie noch letzte Grsse senden
wollte, gedachte sie auch Ihrer. Ich bergebe Ihnen hier diesen Gruss,
lieber, guter, alter Freund. Weihen Sie ihr ein gutes und freundliches
Erinnern. O, mein Freund, sie hat mich grenzenlos geliebt, und auch ich
liebte sie ber die Massen, doch lebten wir nicht glcklich miteinander.
Ich werde Ihnen alles bei unserem Wiedersehen erzhlen -- jetzt sage ich
nur das, dass wir ungeachtet dessen, dass wir mit einander
unbedingt unglcklich waren (ihres seltsamen, argwhnischen und
krankhaft-phantastischen Charakters wegen) -- nicht aufhren konnten,
einander zu lieben. Ja sogar, je unglcklicher wir waren, desto mehr
liebten wir einander. Wie seltsam dies auch klingen mge, dennoch war es
so. Sie war die ehrlichste, die edelste und grossherzigste aller Frauen,
welche ich in meinem ganzen Leben gekannt habe. Als sie starb -- habe
ich, obwohl mich ein Jahr lang tiefer Kummer beim Anblick ihres
Hinsterbens geqult hatte, obwohl ich wusste und mit tiefem Schmerze
empfand, was ich mit ihr begraben wrde -- da habe ich in keiner Weise
die Vorstellung davon gehabt, wie leer und de mein Leben von dem
Augenblicke an sein wrde, da man die Erde ber sie schttete. Und nun
ist schon ein Jahr vergangen, und dieses Gefhl schwcht sich nicht ab
.... Da eilte ich, nachdem ich sie begraben, nach Petersburg zum Bruder
-- nun blieb mir nur er allein; nach drei Monaten starb auch er, nachdem
er im ganzen einen Monat, und das ganz leicht, krank gewesen war, so
dass die Krisis, welche dem Tode voranging, ganz unerwartet unter drei
Tagen eintrat.

Und nun bin ich pltzlich allein geblieben und es war mir geradezu
furchtbar zu Mute. Mein ganzes Leben war in zwei Teile zerbrochen. In
der einen Hlfte, die ich hinter mir hatte, war alles wofr ich gelebt
hatte, und in der zweiten, mir noch unbekannten Hlfte, alles fremd,
alles neu, und nicht ein Herz, das mir diese beiden ersetzen knnte. Es
war mir buchstblich nichts geblieben, wofr ich leben sollte. Neue
Bande knpfen, ein neues Leben ersinnen? Der blosse Gedanke daran war
mir widerwrtig. Hier empfand ich zum ersten Male, dass ich sie durch
niemand ersetzen, dass ich nur sie auf der Welt geliebt, und dass eine
neue Liebe zu fassen ganz unmglich, ja nicht ntig sei. Alles um mich
herum wurde kalt und de. Da, als ich vor drei Monaten Ihre guten, so
warmen Zeilen, voll alter Erinnerungen erhielt, da wurde mir so traurig
zu Mute, dass ich es gar nicht ausdrcken kann. Aber nun hren Sie
weiter.

Hier wird der Brief unterbrochen und erst nach neun Tagen wieder
fortgesetzt, und wir finden darin des Dichters unzerstrbare Lebenskraft
wieder an der Arbeit, diesmal an der Ordnung der trostlosen
Verhltnisse, in welchen der Bruder seine Familie zurckgelassen.

Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurck, die noch vor
seiner gnzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren.
Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten
beschftigt, ist seine und seiner Freunde Bemhung, die Erlaubnis zu
drucken, die Befreiung vom Militrdienst und endlich die Rckkehr nach
Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach
Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den
dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt
Wrangel eingehend und dringlich darber und fgt hinzu: Sollte man
nicht etwa das Gedicht beischliessen? Unter dem Gedicht ist eine Art
Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung fr die Sache
der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte
und welcher in den Archiven der Dritten Abteilung aufbewahrt worden
war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fnffssigen Jamben)
erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es
ist knstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wrme und den
Schwung bemerkenswert, mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen
Heeres ber die Unglubigen preist, andererseits heute durch den Spott
interessant, den er ber jene christlichen Nationen, namentlich die
Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Unglubigen stehen. Die
Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lsst den Dichter in
einer Art glubiger Verzckung, das siegreiche Heer bis vor die Thore
Konstantinopels fhren. Im selben Briefe vom April 1856 erwhnt der
Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krnung Alexanders des Zweiten,
des von ihm vergtterten Kaisers. Orest Miller berichtet, dass dieses
Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es
die Gefhle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines
Teils der Gefhrten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys
ausdrcke. So viel Platz man nun den berschwnglichen Hoffnungen
einrumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge
Herrscher, der einer verbrauchten und verhrteten Kraft auf dem Throne
nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue
Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der
Gesellschaft ausgelst wird, so drften doch diese Worte des allzu
eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht
anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur
ein Teil von ihnen so hoch ber dem Niveau von Verbitterung und
Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und
hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht htten, wie
Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch
begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem
in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und
mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht.

Einen lngeren politischen Aufsatz, den der Dichter um diese Zeit
schrieb, nennt er ein Pamphlet und fgt hinzu: ich mchte nicht ein
Wort aus diesem Artikel hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen
Patriotismus wrde man mir kaum gestatten, das Drucken mit einem
Pamphlet zu beginnen. Er vernichtet also diesen Artikel, nimmt aber
vieles davon in eine Schrift ber die Kunst hinber, die er, wie er
sagt, zehn Jahre mit sich herumgetragen hat, nun niederschreibt und der
Grossfrstin Marja Nikolajewna als Prsidentin der Kunst-Akademie
widmet, da er meint, dadurch schneller die Druckerlaubnis zu erlangen.
In manchen Kapiteln, sagt er, werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet
enthalten sein, namentlich jene ber die Bedeutung des Christentums in
der Kunst. ber die weiteren Schicksale dieses Artikels wissen die
Herausgeber der Materialien nichts nheres, vermuten jedoch, dass vieles
daraus in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky
seinerzeit in seiner Zeitschrift Wremja als Polemik gegen den Kritiker
Dobroljubow verffentlicht hat. Wir werden weiter unten bei der
Besprechung seiner publizistischen Thtigkeit nher auf diese
Kunstanschauungen eingehen.

Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschftigt ihn vor allem sein
ganz persnliches Schicksal. Die Liebe zu Marja Dmitrjewna, welche durch
gegenseitige Eifersucht seine Qualen und durch diese seine Krankheit
steigert; die bermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem
Rivalen zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen Gnadengabe,
sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz in einem Gymnasium zu
verhelfen, ehe sie heiratet, weil sie nach der Vermhlung (mit dem
anderen natrlich) nichts bekommt; der heftige Wunsch, den Abschied zu
erlangen und drucken zu drfen, wenn er auch in Sibirien bleiben msste
-- dies alles steigerte seine seelischen und physischen Leiden auf das
hchste. Am Schlusse seines Briefes vom 21. Juli sagt er: ... ich aber
-- bei Gott -- ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen .... Dabei
ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, erwartet von da
ausgehend (wie er denn immer ganz im Sinne der historischen Entwickelung
seiner Heimat Reformen von oben fr segensreicher und dauerhafter hlt,
als Revolutionen von unten) eine vllige Wiedergeburt Russlands. Der
Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung fr ihn berichtet,
bringt ihn in Entzcken ber diesen letzteren, er vergisst der eigenen
Leiden und schwingt sich mit der ihm eigentmlichen sanguinischen, rasch
wechselnden Begeisterung, wie beflgelt in die Hoffnung einer nahen,
schneren Zukunft. Mehr Glauben -- ruft er aus -- mehr Einigkeit ...
und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Wie knnte irgend
einer zurckbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen,
sein Schrflein nicht hinzutragen? O, wre mein Schicksal doch schon
entschieden! Ein Handbillet ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober
1856 zum Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied nher rckt.
Inzwischen bittet er aber, man mge fr ihn bei in Moskau lebenden
Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden hatten, leihweise 600
Rubel aufnehmen, da er schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe,
das er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten knne.
Noch ein Jahr nicht drucken drfen, ruft er aus, und ich bin
verloren, dann ist es besser, nicht zu leben! An anderer Stelle sagt
er: Ich bin bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu schreiben,
wenn auch _fr immer_.

   Das Manuskript, das 1000 Rubel reprsentiert, ist die im
   Gefngnis _vor_ Sibirien geschriebene Erzhlung Ein kleiner Held,
   welche der Dichter damals eine Kindergeschichte genannt hatte.

   Diese Kindergeschichte hat der Dichter, wie wir wissen, in den
   Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, wo man nur
   das Unschuldigste schreiben konnte. Dass er aber in der Zeit
   zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch --
   erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nmlich Bcher und
   Schreibmaterialien zugesprochen -- imstande war, nicht nur etwas
   so Unschuldiges zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so
   entzckender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das
   allergrsste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrsse. Aber auch
   noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekrftigt:
   Dostojewskys hohes knstlerisches Knnen, da wo ihn weder eine
   innere Ungeduld, noch eine ussere Not daran hinderte, an der
   feinen Ausfhrung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu
   meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des
   Erlebnisses durchgefhrt.

   Der elfjhrige, lebhafte, aber hchst feinfhlende Junge, der
   Held der Erzhlung, gert in eine grosse Gesellschaft auf dem
   Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer bermtigen Dame
   bis zu Thrnen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende
   Bewunderung ihrer schnen, traurigen Freundin zu, die er halb
   unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von
   der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere
   servente erklrt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst
   htte. Dies ist in feiner Weise von der bermtigen Blondine
   eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergnge der Freundin
   vor der Eifersucht ihres grossmuligen Gatten decken will. In
   innerster Seele verletzt, da er dunkel fhlt, dass etwas
   Lcherliches und hchst Beschmendes ber ihn gekommen, flieht
   der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst.
   Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thre. Er
   schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen.
   Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen
   Betrachtungen ber das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein
   ungewhnliches Getmmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten
   Betubung. Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze
   Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern
   angefllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige Reiter sassen
   schon im Sattel, andere Gste nahmen in den Equipagen Platz ....
   Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und
   nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz -- ich sphte
   intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war
   nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus
   und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie
   meine jngste Schmach vergessend ....

   Kann man die Vorgnge in einer Kinderseele einfacher und
   vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschmung,
   Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da
   unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe,
   vergessen zu sein und zurckbleiben zu mssen! Wer erinnert sich
   nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver,
   leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der
   reiferen Jahre?

   Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass alles seinen Herrn
   hat und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu
   besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es
   vorgefhrt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen,
   und nun soll es fortgefhrt werden. Da will die bermtige
   Blondine das Pferd fr sich satteln lassen, um den ngstlichen
   Ritter zu beschmen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein
   der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in
   seinen Stall zurckfhren, als die Dame den Knaben erblickt und
   den weinerlichen Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein
   Glck zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen
   seiner Huldin ein rhmliches Heldenstck zu vollbringen, schwingt
   er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus
   dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbgel Fuss fassen
   konnte. Zum Glck fr den kleinen Reiter stolpert das Tier an
   einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den
   Pferden der zu Hilfe eilenden brigen Reiter bedrngt, die seine
   Zgel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt
   den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben
   wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine
   erweist sich in ihrer Zerknirschung als treue, zrtliche
   Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen
   Blick herzlicher Teilnahme, worber der Knabe wonnevoll errtet.

   Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im
   Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung.
   Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines
   schweren Abschiedes zwischen seiner Dame und einem Gaste,
   welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte
   und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes
   zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom
   Pferd herunter neigt, die Hand der schnen Frau ksst, endlich
   seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre
   Lippen drckt. Dann bergiebt er ihr ein versiegeltes Pckchen
   ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen
   Nebenbuhler vorber. Die Dame geht in Trume versunken und
   verliert das Briefpckchen, das der Junge, der ihr nachgeht,
   findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine
   sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren,
   dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird,
   dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt
   und bestrmt die Herzukommende mit Fragen ber ihr Befinden, da
   man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in
   einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hlt das Pckchen, das er
   in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist
   in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr bermitteln und
   doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen
   will. Sie merkt nichts von alledem, erklrt nur, dass sie an der
   Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch
   den Park machen werde -- in Begleitung ihres kleinen Ritters.
   Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schne
   tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des
   kleinen Ritters vergessend, der erfreut und geqult zugleich an
   ihrer Seite wandelt.

   Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen
   Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hnde spielen knne. Sie
   nimmt, nachdem sie berall umhergespht, auf einer Gartenbank
   Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines Buches,
   whrend zwei schwere Thrnen an ihren Wimpern hngen. Endlich hat
   der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde
   einen Strauss fr sie pflcken, ehe noch die Mher den letzten
   Wiesenschmuck niedermhen. Er springt davon, um den Strauss zu
   pflcken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns
   psychologisch wie knstlerisch der Hhepunkt der Erzhlung zu
   sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrnt
   wird. Der Knabe luft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs
   Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am
   Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft
   hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an
   Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Grtner
   beneiden knnte. Immer voller und dichter lsst er ihn werden,
   bis er ihn endlich mit Ahornblttern einfasst und mit feinen
   Grsern bindet und jetzt -- lsst er klopfenden Herzens das
   Briefpckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief
   ganz sichtbar, mit jedem Stckchen Weges aber, um das sich der
   Knabe der Trauernden nhert, wird ihm ngstlicher zu Mute und
   stsst er das Pckchen tiefer in die bunte Hlle hinein, bis er
   -- am Ziele angelangt -- es ganz und gar darin vergraben hat. Nun
   berreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur
   zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die
   Bank. Betrbt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nhe auf
   das Gras, stellt sich mde und schliesst endlich blinzelnd die
   Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt
   summend die Leserin, lsst sich nicht abweisen. Diese fasst
   endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene.
   Der Brief fllt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen,
   auf und sieht in stummer berraschung bald auf die Blumen, bald
   auf das Pckchen. Pltzlich errtet sie heftig und sieht nach dem
   Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da
   fhlt er, dass sie sich ganz nahe ber ihn neigt, fhlt bebenden
   Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fhlt ihre
   Thrnen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal ksst, und
   zuletzt fhlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er
   erwacht mit einem leisen Schrei, allein da fllt ein Gazetchlein
   ber sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und
   -- er ist allein.

Nach dem zuletzt angefhrten Schreiben des Dichters folgt eine Pause in
seinem Briefwechsel mit Wrangel, whrend welcher ein hufigerer
Gedankenaustausch mit dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht
unterbrochen war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen[11], Briefe
entweder gnzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden worden
sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 finden wir die Beziehung auf
einen schweren Geldverlust des Bruders, wodurch es Theodor
Michailowitsch doppelt peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an
den Bruder wenden zu mssen. Er teilt diesem mit, dass er Beziehungen zu
Katkow, dem Redakteur des Russkij Wjestnik, angeknpft habe, welcher
ihm einen Vorschuss von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem sehr
gescheiten und liebenswrdigen Briefe gebeten habe, sich mit der
Arbeit ja nicht zu drngen und nicht auf eine Frist hin zu arbeiten.

Die Ausfhrung des Romans, welchen er mit sich trgt, verschiebt er fr
seine Rckkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, liegt eine
ziemlich glckliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter
Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich
in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der
Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfllt sind, so
bin ich berzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen
bereichern werde, wenn ich nach Russland zurckkomme.

O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter knne nur Raskolnikow
gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch
russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene
Einblick in die Verhltnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt htten.
Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen -- so findet Miller und wir
mssen ihm vollkommen beistimmen -- ist der Grundtypus dieses neuen
russischen Charakters in den Memoiren eines Totenhauses an jener
Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: Die Eigenschaften eines
Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen
unsrer Tage vor.[12] Indessen, sagt der Dichter, schreibe ich zwei
Erzhlungen, welche eben nur ertrglich sein werden. Weiter spricht
sich Dostojewsky ber seine Arbeitsmethode aus, und wir mssten erstaunt
sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen
aller seiner Werke aufdrngt, nmlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf
Detail, der Spontaneitt, die sich berall darin fhlbar macht. Es ist
eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefhl
zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nchten zwischen 3 und 4 Druckbogen
anzufllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekmpft dessen
Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden msse.
Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir
anfnglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich
sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen
daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und fge ihr
mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt
alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie,
freilich, wird nichts daraus.

[Funote 11: Unsere Nachforschungen in der Dritten Abteilung haben zur
Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an Verwandte
gefhrt.]

Inzwischen hat der Dichter die Erzhlung Onkelchens Traum fr das
Journal Russkoje Slowo geschrieben, per Eilpost, wie er sagt, rein
nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermhlung durch den
Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen.
Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwhnte Dorf
Stepantschikowo, fr den Herbst. Diese beiden Erzhlungen scheinen uns
eine Art Interimsepoche in des Dichters Thtigkeit darzustellen.
Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens
gesetzt, usserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt,
innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien
gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer usseren Gestaltung
eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich
vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische
Realitt und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys
knstlerische Grsse ausmacht, so gehren sie doch weder zu jenen Werken
des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens
mit Humor und Satire einzureihen wren, noch zu jenen, welche sein
Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner
Glutnatur verknden und besiegeln.

[Funote 12: Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.]

In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie
seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden
knnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem
anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel fr
den Druckbogen erhielt, whrend Turgenjew damals schon 400 Rubel per
Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der
Werke in zwei Bnde und die Berechnung, die er daran knpft, welche uns
zugleich ein Bild seiner mhseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas
sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben
vermag. Bezeichnend ist dabei die hufige Wiederkehr der absoluten
Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich
der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, -- hchstens ins Wasser --
oder -- ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: Hre,
Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mngel und hauptschlich wohl
den, dass er sich in die Lnge zieht; wovon ich aber berzeugt bin, ist,
dass er zugleich auch grosse Vorzge hat und dass er mein bestes Werk
ist. Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt
erst spt von dieser Meinung zurck. Ich habe ihn zwei Jahre hindurch
geschrieben (mit der Unterbrechung Onkelchens Traum), Anfang und Mitte
sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine
Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass
ich mich darin ganz ausgesprochen htte, das wre Unsinn. Es wird noch
vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig
Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z.
B. im Adeligen Nest) -- aber er enthlt zwei ungemein typische
Charaktere, die ich fnf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos
(nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe -- Charaktere, welche
durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht
dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das wrdigen wird,
aber wenn das Publikum meinen Roman khl aufnimmt, so werde ich, ich
bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen
und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegrndet. --
Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich
denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von
Kuschelew schon 300 Rubel fr den Druckbogen werde fordern knnen. Es
wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur
Onkelchens Traum geschrieben hat. Freilich kann ich mich sehr ber
meinen Roman und seinen Wert tuschen, aber darauf beruhen alle meine
Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im Russkij Wjestnik (Katkow) Erfolg
hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die armen
Leute gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer
gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nchster Wohnort
angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein
Tubchen, du mein ewiger Helfer -- zum Januar oder Februar des kommenden
Jahres zwei Bndchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1)
erster Band: Arme Leute, Njetoschka Njezwanowa (die ersten 6 Kapitel
sind berarbeitet und haben allen gefallen), Helle Nchte,
Kindergeschichte (die Erzhlung, welche Dostojewsky im Gefngnis
schrieb und spter Ein kleiner Held nannte) und Christbaum und
Hochzeit; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: Das Dorf
Stepantschikowo und Onkelchens Traum. Der zweite Band hat 24
Druckbogen. (NB. Spter kann man den berarbeiteten oder, besser gesagt,
neugeschriebenen Doppelgnger und andre gesondert herausgeben. Das
wre der dritte Band (dies aber spter und jetzt nur zwei Bnde).)

Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man
kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch
1 Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmhlichen Verkauf
der Exemplare geschtzt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen:
die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber
natrlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den
Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten
und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.

NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu 100 Rubeln, macht 1500
Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel
des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 fr die Reise gebeten,
also sind 700 Rubel herausgenommen.

Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafr aber erhalte ich dann in
der allernchsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an,
man kann sich wenigstens umdrehen.

Solche und hnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys
Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese
Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal fr
des Dichters seltsame Verbindung von Geschftskenntnis, Klugheit und
Optimismus, sowie die Umschlge seiner Stimmung von berschwnglichem
Selbstgefhl zu vollstndiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.

Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert.
Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei
argwhnische Vermutungen ber die Treue des Freundes zu nhren, greift
er mit alter Wrme die Korrespondenz wieder auf und berichtet ber sein
neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht
erfllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurck
denkt: Wenn Sie nach mir fragen -- sagt er -- was soll ich da
antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie
nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich
will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten -- nicht schlechter.
Ich wrde mich gerne mit rzten beraten -- aber solange ich nicht nach
Petersburg kann -- werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummkpfen
herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer
als Semipalatinsk -- -- dster, kalt, steinerne Huser, keinerlei
Bewegung, keinerlei Interessen -- nicht einmal eine ordentliche
Bibliothek ist da! das reine Gefngnis! Ich denke sobald als mglich von
hier fort zu kommen; aber meine Lage ist hchst sonderbar: ich betrachte
mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf
persnlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel
zurckerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles
Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau
hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich htte vor zwei Monaten
einreichen mssen, jetzt aber ist Frst Dolgorukow abwesend. -- -- So
plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befrchtungen herum,
frchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den
anderen zu verletzen und so fr endlose Zeiten in Twer bleiben zu
mssen, wo er in allem gelhmt ist. Endlich fhrt er die Idee aus, die
er schon eine Zeit bei sich herumtrgt, einen offenen Brief an den
jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage
darzulegen.

Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P.
Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben
erwhnten Gedicht den Herausgebern der Materialien mitgeteilt, sowie
auch uns das Original auf Veranlassung des Frsten Obolensky, Gehilfen
des Ministers des Innern, durch den gegenwrtigen Chef der ehemaligen
III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus
diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen.

Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als
ehemaliger Staatsverbrecher einfhrt, erzhlt er in Krze:

Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg
verurteilt, degradiert, aller brgerlichen Rechte entkleidet und nach
Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten Grades in die Festung auf vier
Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als
Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat
ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefngnis von Omsk als
Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855
wurde ich zum Unteroffizier befrdert und im darauf folgenden Jahre 1856
wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestt beglckt und zum
Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestt den erblichen
Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der
Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit
eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach
Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer bersiedelt.
Meine Krankheit nimmt fortwhrend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich
sichtlich an Gedchtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und krperlichen
Krften, der Ausgang dieser Krankheit ist -- Lhmung, Tod oder Wahnsinn.

Ich habe eine Gattin und ein Stiefshnchen, fr das ich zu sorgen habe.
Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und
allein durch litterarische Thtigkeit, welche bei meinem krnklichen
Zustande eine mhevolle und erschpfende ist. Dabei aber geben mir die
rzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand grnden, dass meine
Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich
ernste und grndliche rztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo
sich rzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der
Nervenkrankeiten beschftigen. Euer Majestt! In Ihrer Hand liegt mein
ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach
Petersburg zu fahren, um den Rat der rzte einzuholen. Erlsen Sie mich
und schenken Sie mir die Mglichkeit, mit der Herstellung meiner
Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem
Vaterlande ntzlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brder
ihren bestndigen Aufenthalt, von denen ich nun ber zehn Jahre getrennt
bin; ihre brderlichen Bemhungen um mich knnten dazu beitragen, meine
schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen,
kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin
und mein Stiefshnchen ohne jegliche Hilfe zurcklassen. So lange noch
ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir brig ist, werde ich arbeiten,
um sie zu sichern -- allein ber die Zukunft waltet Gott, und
menschliche Hoffnungen sind unzuverlssig.

Allergndigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestt mir auch die
zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu
gewhren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwlfjhrigen Stiefsohn
Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er
ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretrs Alexander Issajew,
welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im
Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestt gestorben ist -- einzig und allein
darum gestorben, weil rztliche Hilfsmittel in jenem den Lande
unzulnglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche
Mittel zurckgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein
Gymnasium unmglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in
eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden
seine Mutter beglcken, welche ihren Sohn tglich lehrt, um das Glck
Euer Kaiserlichen Majestt und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie,
Herr, sind wie die Sonne, welche ber Gerechte und Ungerechte scheint.
Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglckt, beglcken Sie auch eine
arme Waise, seine Mutter und einen unglcklichen Kranken, von dem der
Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort
sein Leben fr den Kaiser, den Wohlthter seines Volkes, hinzugeben.

Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem
Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der
Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm
das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben berschwnglicher
Unterwrfigkeit, die im Munde eines Europers nur servil wre, im Munde
eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das
vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wnsche und Leiden dem
Vterchen zu Fssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der
Erzhlung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern
und Begrnden der Forderung eins und zwei lsst diesen Brief als eine
intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwrfigkeit des
Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in
einem europischen Majesttsgesuch der Fall sein knnte.

Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des
Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den
er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild.

Sie schreiben, -- heisst es darin -- warum ich, da ich die
Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur
Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das
Elend, lieber Freund, dass es unmglich ist, denn die Sache steht jetzt
beim Kaiser. Ich habe nmlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er
entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da,
wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach
Petersburg bersiedle, er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in
Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich
hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem
Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon
abgeraten, da er frchtete, ich knne mir dadurch schaden, dass ich mir
eigenmchtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlngst gebeten,
und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie mssen selbst
zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es
nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht
abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg)
und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu bergeben, folglich hat er
als Gouverneur fr mich Brgschaft geleistet, darum wre es meinerseits
unzart, in aller Stille fortzufahren. -- Und darum habe ich folgendes
ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten usw.

Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und
dort anzustossen, schnell durchgefhrt werden knne.

   Die Belege zu den oben erwhnten Stellen, sowie zwei Briefe
   Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur
   Abschrift bermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier
   nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben.
   Wir beschrnken uns hier auf eine Aufzhlung der Dokumente,
   welche im Zeitraum jener fnf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren
   Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhngen. Dazu gehren:
   ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April
   1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut
   gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht
   gelegentlich des Orientkrieges in den Petersburger Nachrichten
   verffentlichen zu drfen (26. Januar 1854), die auf die
   besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des
   General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Befrderung
   Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), die
   Verfgung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel
   wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats
   (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der
   Gendarmerie Frst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge
   aufrichtiger Reue und guter Auffhrung und auf spontane
   Verwendung des Grossfrsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender
   geheimer berwachung zum Fhnrich befrdert wurde (20. Oktober
   1856 Nr. 6118).

Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint brigens noch sehr lange ber
Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in
seinen spten Lebensjahren irgend ein Funktionr sich gelegentlich einer
kleinen Ortsvernderung ihres Gatten darber wunderte, nichts davon
gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein
dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur
allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten
Dostojewskys und des gefhrdeten Staates unternommen hatte. Der letzte
der in der Niva verffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene
an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist
vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner
Bemhungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert
ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt.
Nicht etwa, als wre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens
praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen
Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse,
der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in
der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszufhren vermochte. Darber
spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschftsgebahrung sehr nahe
kannte, in seinem Beitrage zu den Materialien eingehend aus. Ich muss
hauptschlich darum in Petersburg sein, um den Verkauf meiner Werke zu
betreiben. brigens habe ich einen Plan im Kopfe -- nmlich: die Sachen
nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das ntig
sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie
geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim
Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernnftiger Prozente natrlich. Dies
scheint mir aus vielen Ursachen gnstiger zu sein. (Es wre zu
weitlufig, wollte ich mich jetzt des lngeren darber ausbreiten.) Ich
wrde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in
Petersburg Geld zum Leben htte (ausser dem, welches ich von Krajewsky
bekomme).[13] Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da
ist Leben und Zukunft. Nimm brigens meine Worte nicht  la lettre und
verkaufe die Sachen fr Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu
bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg
zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wre schon Zeit, zu
drucken -- sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns
verloren ....

Aber -- der Teufel hole das Geld! Dich mcht' ich umarmen -- das ist's!
Knnt' ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise
sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so
sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du
ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird
es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja
vier Monate. Du schreibst ber eine Idee, zu deren Ausfhrung man fr
den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf,
Bruder. Es ist, als wren gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht
andre: weder Talent, noch Fhigkeiten -- es werden aber Leute aus ihnen,
sie hinterlassen ein Kapital. -- Wir aber kmpfen, kmpfen, schlagen uns
herum .... Ich bin zum Beispiel berzeugt, dass wir beide bedeutend mehr
Geschick und Fhigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist
ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen
auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschft angefangen. Wie
viele Mhe und was fr Resultate?[14] Was hast Du verdient? Du musst
noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder
erziehen konntest. Dein Geschft ging bis zu einem gewissen Punkte in
die Hhe, dann stockte es. Das ist traurig fr einen Menschen von Deinen
Fhigkeiten. Nein, Bruder, wir mssen nachdenken und das recht
ernstlich. Wir mssen etwas wagen und irgend ein litterarisches
Unternehmen ins Werk setzen -- eine Zeitschrift zum Beispiel. brigens
werden wir darber nachdenken und miteinander darber reden. -- -- --

[Funote 13: Der Dichter hat spter in der Person seiner zweiten Gattin
Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese praktische Idee bis
in das kleinste geschftliche Detail auszufhren verstand. Er hat
jedoch, wie wir spter sehen werden, erst in seinen letzten Lebensjahren
die Frchte dieses Geschftsfleisses zu geniessen begonnen.]

Bei meinem Roman ist thatschlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen
ist sehr wenig, und ich erhalte dafr weniger, als ich erwartete. Aber
wie brauch' ich's! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar
noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles
interessiert. Auf 8 Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebhren mir nach
Abtragung meiner Schuld an Dich (von 375 Rubel) -- 175 Rubel, nicht 125
Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als mglich zu
erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht
entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von
hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als mglich.

[Funote 14: Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik bessere
Geschfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden jeder Schachtel eine
kleine berraschung beilegte. Da er aber damit nicht wechselte, so bekam
jeder Kufer so und so viele Messerchen zusammen und hrte auf, dort
seinen Bedarf zu decken.]

Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als mglich.

                                                                  Dein
                                                          Dostojewsky.

Wenn der Roman erscheint -- teile mir sofort und bis ins Kleinste alles
mit, was Du ber ihn hren wirst, was fr Meinungen geussert werden,
wenn berhaupt Meinungen da sein werden.

Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original
trgt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Frsten Dolgorukow,
den Bescheid:

Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die
ntigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte
schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.




                                  V.
                             Petersburg.


Der Dichter bersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die
Korrespondenz naturgemss krzere und lngere Unterbrechungen.

ber den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf
die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P.
Miljukows, den wir hier nachcitieren. Einmal, sagt Miljukow, kam
Michael Michailowitsch frh am Morgen mit der freudigen Botschaft zu
mir, dass man entschieden habe, der Bruder drfe in Petersburg leben,
und dass er am nmlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof
der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren
Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend
brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es
mir, war physisch gar nicht verndert; sein Blick war sogar khner als
frher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner
gewhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von
den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es
ist mir im Gedchtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten
Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrcke austauschten und frherer
Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu
jede Woche.

In Bezug darauf, wie sich Theodor Michailowitsch zu den Erlebnissen in
Sibirien verhielt, bemerkt Miljukow, dass er sich niemals ber sein
eigenes Schicksal beklagte ... freilich -- sagt er -- auch von anderen
zurckgekehrten Petraschewzen habe ich nie Gelegenheit gehabt, heftige
Klagen zu hren, allein bei diesen kam das von der, dem Russen
angebornen, Eigenschaft, das Bse zu vergessen; bei Dostojewsky jedoch
vereinigte sich diese Eigenschaft noch gleichsam mit einem Gefhl von
Dankbarkeit gegen das Schicksal, welches ihm die Mglichkeit gegeben
hatte, in seiner Strafzeit nicht nur die russischen Menschen, sondern
auch zugleich sich selbst besser verstehen zu lernen.

Nicht ohne Grund hat Theodor Michailowitsch spter durch den Mund des
Idioten, den er mit vielem Eigenen ausgestattet hat, ausgesprochen:
es schien mir, dass man auch im Gefngnis ein ungeheures Leben finden
kann. Unsere Unterhaltungen im neuen Freundeskreise -- fhrt Miljukow
fort -- glichen jenen, die im Durowschen Kreise stattgefunden hatten,
in vielem nicht mehr. Und konnte das anders sein? Es war, als htten das
westliche Europa und Russland in diesen letzten zehn Jahren geradezu die
Rollen vertauscht: dort waren die uns ehemals mit sich fortreissenden
humanitren Utopien in Rauch aufgegangen, und die Reaktion hatte berall
den Sieg errungen; hier aber begann vieles zur Thatsache zu werden,
wovon wir getrumt hatten, und es bereiteten oder vollzogen sich
Reformen, welche das russische Leben erneuerten und neue Hoffnungen
keimen machten. Es ist natrlich, dass der ehemalige Pessimismus in
unseren Unterhaltungen keinen Raum mehr fand.

Diese usserungen, so wertvoll sie uns fr das Zeitbild der jungen, auf
Alexander und seine Reformen gesetzten Hoffnungen sein mgen, scheinen
als eine Reminiscenz an Dostojewsky in seinem Sterbejahr 1881 in der
Russkaja Starina (Maiheft p. 35-36-40) publiziert worden zu sein und
werden wohl von uns Westeuropern trotz allen Beklagens der bei uns in
Rauch aufgegangenen Utopien doch mit einem gewissen Lcheln der Rhrung
ber die russische Gengsamkeit aufgenommen werden, die in irgend einer
Epoche der russischen Zeitgeschichte fr den Pessimismus keinen Raum
mehr fand.

Nach diesen freudigen Anlufen finden wir den Dichter bald genug von den
Beschwerden des Petersburger Lebens angewidert und schon anfangs 1860
ersehen wir aus kleinen Mitteilungen an Freunde und Bekannte, dass
Petersburg im Dichter nach so langer Abwesenheit keine glckliche
Stimmung hervorzurufen vermag. So heisst es in dem Fragment eines
Briefes vom 14. Mrz 1860 an eine Frau Sch., das nach des Dichters Tode
ebenfalls in der Russkaja Starina (wohl auch durch Miljukow)
mitgeteilt wurde: Wenn man nur auf acht Tage dieses hssliche
Petersburg hinter sich lassen knnte! ... vielleicht kommt unser Ausflug
nach Moskau doch zustande. Nach seiner Rckkunft aus Moskau schreibt
er: Da bin ich nun wieder ins feuchte, ins Patschwetter, ins
Ladoga-Eis, in die Langweile zurckgekommen. .... Weiter heisst es:
Ich bin zurckgekehrt und befinde mich in einem frmlichen
Fieberzustand. An alledem ist mein Roman schuld. Ich will was gutes
schreiben, ich fhle, dass Poesie darin ist, ich weiss, dass von seinem
Gelingen meine ganze schriftstellerische Karriere abhngt ... Drei
Monate lang wird es nun heissen Tag und Nacht dabei sitzen -- (es
handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach, sagt O. Miller, um den
grossen, noch in Sibirien ersonnenen Roman). Im selben Briefe treten die
warmen Beziehungen zu Tage, welche Dostojewsky zu den litterarischen
Versuchen der jungen Generation unterhlt. Ich habe Krestowsky
gesehen, schreibt er einmal, ich habe ihn sehr lieb. Er hat ein
Gedicht geschrieben und es uns mit Stolz vorgelesen. Wir haben ihm alle
gesagt, dass dieses Gedicht etwas entsetzlich Abscheuliches ist (da wir
unter uns bereingekommen sind, die Wahrheit zu reden). Und nun? nicht
im geringsten war er beleidigt! ein lieber, edler Junge. Er gefllt mir
so sehr (immer mehr und mehr), dass ich ihm nchstens einmal beim
Trinken das Du anbieten werde. -- --

Wir gelangen nun zu jenem Abschnitt im Leben und Wirken Dostojewskys,
welcher mit der wichtigsten Wandlung in der Geschichte Russlands
zusammenfllt, nmlich zum Heraustreten des Dichters in die Arena des
politischen Lebens, an welchem als Publizist teilzunehmen er sich seiner
Mission nach gedrungen fhlt. Es ist dies gegen Ende des Jahres 1861, da
er die Monatsschrift Wremja grndet, um darin seine Gedanken ber die
grosse Umwlzung auszusprechen, welche die am 19. Februar erfolgte
Aufhebung der Leibeigenschaft einleitete. Diese Epoche ist uns
Westlndern nicht genug bekannt, um uns einen klaren berblick der
damaligen politisch-litterarischen Situation des Landes zu gewhren, ist
aber so interessant, was die Stellung der Parteien, den Anteil der
Jugend daran, die Folgen derselben betrifft, dass wir hier weiter
ausholen mssen, indem wir den beiden Herausgebern der Materialien das
Wort lassen.

N. Strachow, Dostojewskys Mitarbeiter, beginnt die Besprechung der
damaligen politischen Lage mit einer Przisierung des Wortes
Liberalismus, des russischen Liberalismus, der von den Westlndern
nicht richtig verstanden werde. Am Schlusse dieser Errterung heisst es:
Leider besteht bei uns, ungeachtet aller historischen Erfahrungen,
ungeachtet aller gedruckten und gesprochenen Erluterungen ein sehr
grosser Wirrwarr in den Begriffen, welcher natrlich durch unsere
Lehrmeisterin Europa unterhalten wird, und der wahre Sinn des
Liberalismus ist fast gnzlich darber verloren gegangen. Dass der
Liberale im wesentlichen in den meisten Flle konservativ sein muss,
aber nicht Progressist und in keinem Falle revolutionr, das wissen und
begreifen wohl sehr wenige. -- Einen solchen wirklichen Liberalismus,
fhrt Strachow fort bewahrte Theodor Michailowitsch bis an sein
Lebensende, sowie ihn jeder aufgeklrte und nicht verblendete Mensch
bewahren soll.

Dieser Satz bedarf ebenso sehr der Erluterung, als nach Strachows
Meinung der russische Liberalismus. Strachow versteht unter
Progressist nicht einen fr den Fortschritt im allgemeinen
Eintretenden, sondern vielmehr jene Gattung von Politikern, welche den
Fortschritt der russischen Kultur nicht sowohl in einer organischen
Fortentwickelung auf nationaler Grundlage, als in einer beschleunigten
Anwendung der Lehren des Westens sahen und anstrebten. Auch Dostojewsky
hat sich, ohne ein Progressist zu sein, immer und berall fr den
Fortschritt eingesetzt und meint es sehr ernst damit, wenn er den
mssigen Byrons der jungen Generation zuruft: Ich wsste wohl eine
Arbeit fr Euch, aber Ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering
achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch
nur einen kleinen Bauernjungen lesen. Ich will hier -- setzt der
Berichterstatter fort -- eines der wichtigsten Vorkommnisse jener Zeit
erzhlen, die sogenannte Studentengeschichte, welche sich zu Ende des
Jahres 1861 abspielte und den damaligen Zustand der Gesellschaft am
vortrefflichsten beleuchtet. In dieser Geschichte wirkten sicherlich
verschiedene innere Triebfedern mit; allein ich werde sie nicht
berhren, sondern ihre ussere ffentliche Erscheinung schildern, welche
sowohl fr die Mehrzahl der Agierenden als auch der Zusehenden von der
grssten Bedeutung war.

Infolge des Zustrmens des Liberalismus schumte die Universitt immer
mehr und mehr von Leben und von Bewegung ber, leider aber von einem
solchen Leben, das die Beschftigung mit der Wissenschaft erstickte. Die
Studenten hielten hufige Zusammenknfte, grndeten eine Kasse, eine
Bibliothek, gaben ein Sammelwerk heraus, bten ein Richteramt ber ihre
Kameraden aus usw., aber alles dieses zerstreute sie und regte sie so
sehr auf, dass die Mehrheit, ja sogar viele der Begabtesten und
Gescheitesten unter ihnen aufhrten zu studieren. Es gab auch nicht
wenige Unzulssigkeiten, d. h. berschreitung der Grenzen aller
mglichen Dispense, und so entschloss sich die Studien-Obrigkeit endlich
Massregeln zu ergreifen, um diesem Lauf der Dinge ein Ende zu machen. Um
sich eine widerspruchslose Autoritt zu sichern, verschaffte sie sich
einen Allerhchsten Befehl, vermittelst dessen Zusammenknfte, Kassen,
Deputationen und hnliches verboten wurde. Der Befehl wurde im Sommer
ausgegeben, und als im Herbste die Studenten sich auf der Universitt
zeigten, musste er in Anwendung gebracht werden. Die Studenten dachten,
sich zu widersetzen, beschlossen jedoch, es einzig und allein durch
einen Widerstand zu thun, welchen die liberalen Grundstze
sanktionieren, d. h. durch passiven Widerstand. So geschah es auch. Sie
hingen sich an jeden Vorwand, welcher geeignet war, den Behrden soviel
Arbeit und der Sache soviel Publicitt als mglich zu schaffen. Sie
brachten hchst knstlich den ausgiebigsten Skandal zustande, den man
nur in Scene setzen kann.

Die Behrden waren so gezwungen, sie zwei- oder dreimal bei Tage, auf
offener Strasse in grossen Haufen fortzufhren. Zur grsseren Freude der
Studenten setzte man sie sogar in die Peter Pauls-Festung. Sie
unterwarfen sich ohne Widerrede diesem Arrest, spter dem Urteilsspruch
der Verschickung, welche fr viele eine sehr schwere und langwhrende
wurde. Nachdem sie das gethan hatten, dachten sie, alles gethan zu
haben, was ntig war, nmlich: sie hatten laut ber die Verletzung ihrer
Rechte gesprochen, waren selbst nicht ber die Grenzen der
Gesetzlichkeit geschritten und hatten eine schwere Strafe ber sich
ergehen lassen, gleichsam rein nur darum, weil sie von ihren Forderungen
nicht abgewichen waren. Obwohl nun diese juridischen Begriffe in
Wirklichkeit nicht auf Studierende anwendbar sind, so fhrten die
Studenten dieses liberal-juridische Drama zum Nutz und Frommen der
brigen Staatsbrger tadellos und mit wahrer Begeisterung durch. Es war
durchaus kein Aufruhr, auch nicht im allerkleinsten Ausmasse.

Das Interessanteste und Charakteristischste dabei ist, dass sich damals
Leute fanden, welche sehr wnschten, diese Geschichte in einen Aufruhr
umzuwandeln, dass man Beratungen darber abhielt, ihnen z. B. vorschlug,
irgend eine Unthat zu begehen, welche die Behrden in eine fatale Lage
brchte usw. Revolutionre Elemente waren in der Gesellschaft
herangereift, allein diesmal bewahrte der Liberalismus seine Reinheit,
und es war nur eine grosse Demonstration vollbracht worden, gleichsam
eine Anklage vor dem Forum der ffentlichen Meinung.

Natrlich sprach die ganze Stadt nur von den Studenten. Man hatte
gestattet, dass die Eingeschlossenen besucht wrden, und so kamen
tglich sehr viele Besucher in die Festung. Auch von der Redaktion der
Wremja ward ihnen ein Gastgeschenk gesendet. Bei Michael
Michailowitsch wurde ein ungeheures Roastbeef gebraten und mit
Hinzufgung einer Flasche Cognac und einer Flasche roten Weines in die
Festung gesandt. Als man endlich begann, jene Studenten, welche man als
die Schuldigsten befunden hatte, fortzufhren, begleiteten Freunde und
Bekannte sie weit ber das Weichbild der Stadt hinaus. Die
Abschiedsgrsse waren vielseitig und laut und die Verschickten schauten
zum grossen Teil wie Helden drein.

Hier wird der Westeuroper unwillkrlich im Lesen innehalten und ber
die Selbstverstndlichkeit und Einfachheit staunen, mit welcher ein
russischer Liberaler von Festungsstrafen und Verschickung junger
Schwrmer spricht. Es tritt uns da frmlich eine erbliche Belastung
mit dem Verschickungs-Begriffe entgegen, von dem auch der liberalste
Russe heute nicht frei sein kann.

Diese Geschichte -- fhrt Strachow fort -- wickelte sich im selben
Geiste weiter ab. Man schloss die Universitt, um sie einer
vollstndigen Umgestaltung zu unterwerfen. Da baten die Professoren um
die Erlaubnis, ffentliche Vorlesungen zu halten, und erhielten diese
Erlaubnis ohne Mhe. Die Duma (der Stadtrat) berliess ihnen ihre Sle
zu diesem Zwecke, und so wurden die Universittskurse erffnet. Alle
Schritte fr das Arrangement der Vorlesungen sowie die Sorge fr die
Aufrechthaltung der Ordnung nahmen die Studenten auf sich und waren mit
dieser neuen, freien Universitt sehr zufrieden und sehr stolz darauf.
Allein ihre Gedanken waren nicht mit der Wissenschaft beschftigt, um
welche sie sich augenscheinlich so bemht hatten, sondern mit etwas
anderem, und das verdarb zuletzt alles. Die Ursache der Aufhebung dieser
Rathaus-Universitt war der bekannte litterarisch-musikalische Abend
des 2. Mrz 1862. Dieser Abend war mit der Absicht veranstaltet worden,
gleichsam eine Auslese aller vorgeschrittensten, progressivistischen
Krfte vorzufhren. Die Wahl der Schriftsteller in diesem Sinne war auf
das Sorgfltigste vorgenommen worden, und das Publikum war im selben
Sinne ebenfalls das sorgsam ausgewhlteste. Sogar die Musikstcke, mit
welchen die litterarischen Produktionen abwechselten, wurden von den
Frauen und Tchtern von Schriftstellern der guten Richtung ausgefhrt.
Theodor Michailowitsch war in der Zahl der Lesenden und seine Nichte in
jener der Mitwirkenden.

Es handelte sich nicht um das, was gelesen und vorgestellt wurde,
sondern um die Ovationen, welche man den Vertretern fortschrittlicher
Ideen brachte. Der Lrm und Enthusiasmus war ein ungeheurer, und es hat
mir spter immer geschienen, dass dieser Abend der hchste Punkt war,
den die liberale Bewegung unserer Gesellschaft erreicht hatte, und
zugleich der Kulminationspunkt unserer Seifenblasen-Revolution. Eine
Episode dieses Abends bildete den Beginn des Verfalls und der
Entzauberung unserer damaligen Fortschritts-Bewegung. Professor P....
las an jenem Abend seinen Artikel, welcher, wie alles andere das
vorgetragen wurde, vorher der Zensur unterbreitet worden war. Er las ihn
ohne jede Abnderung, aber mit so ausdrucksvollen Intonationen und
Gesten, dass ein durchaus zensurwidriger Sinn dabei herauskam. Es
entstand ein Freudengeschrei, ein unbeschreiblicher Jubel. --

Und nun: am nchsten Tage verbreitet sich pltzlich die Nachricht, dass
der Professor arretiert und aus Petersburg fortgeschickt worden sei. Was
war nun zu thun? In welcher Weise sollte man gegen eine solche Massregel
protestieren? Die Studenten folgerten, ganz logisch, dass die Entfernung
eines Professors eine Bedrohung der brigen Professoren in sich
schliesse, dass diese deshalb ihre Vorlesungen nicht fortsetzen knnten,
wenn sie nicht dadurch zu zeigen wnschten, dass sie ihren Kollegen fr
schuldig erachten und vor der Behrde selbst als Unschuldige dastehen
wollten. Es wurde beschlossen die Rathaus-Universitt zu schliessen und
dadurch gegen jeglichen Zwang zu protestieren -- ein bekanntlich sich
fortwhrend wiederholender Vorgang an den russischen Universitten,
etwas das hnlichkeit hat mit dem japanischen Selbstmord. Die Studenten
setzten voraus, dass die ganze Gesellschaft von Betrbnis und Zorn
erfllt sein werde, wenn so pltzlich die Hauptquelle ihrer Aufklrung
verstopft wrde. Die Professoren willfahrten dem Wunsche der Studenten
und sagten ihre Vorlesungen ab, mit Ausnahme eines oder zweier von
ihnen, welchen dafr die Hrer Skandale machten. Endlich mischte sich
die Obrigkeit hinein und machte der ganzen Sache ein Ende, indem sie den
Professoren berhaupt verbot, ffentliche Vorlesungen zu halten.

Was war nun das Resultat der ganzen Affaire? Es zeigte sich gleich,
dass der schlimme Plan die Gesellschaft aufzuregen und sie gegen die
Obrigkeit aufzureizen vollkommen misslang. Die Gesellschaft rhrte sich
nicht, und anstatt zu wachsen, erlosch die Bewegung vollstndig. Die
Fhrer in dieser Sache hatten die allzu naive Vorstellung, dass der
Lrm, welcher in ihren Zirkeln geschlagen wurde, der Ausdruck der
allgemeinen Stimmung sei und dass es so leicht sein werde, das Publikum
zu tuschen. In Wirklichkeit vermochte niemand ernstlich zu glauben,
dass die Obrigkeit der Feind und Bedrcker der Aufklrung sei. Die
Unterlage der Sache war allen gar zu durchsichtig, namentlich als zu
gleicher Zeit eine Proklamation nach der andern auftauchte, deren erste
hunderttausend Menschen in Russland als der ffentlichen Wohlfahrt
hinderlich erklrte, deren letzte schon direkt drohte, die Strassen mit
Blutstrmen zu begiessen und keinen Stein auf dem andern stehen zu
lassen.

Wie immer das nun gewesen sein mge, war die Obrigkeit, welche
bestndig bemht gewesen war, den liberalen Charakter der Ereignisse zu
wahren, in eine sehr schwierige Lage versetzt; es zeigte sich, dass jede
liberale Massregel innerhalb der Gesellschaft eine Bewegung hervorruft,
welche sich dieser Massregel zu ihren eigenen Zwecken bedient, welche
durchaus nicht liberal, sondern ganz radikal sind. Diese Schwierigkeiten
fanden nun ihr Ende durch die Petersburger Brnde und den polnischen
Aufstand, als es endlich klar wurde, dass man das Bse nicht dulden und
seinem natrlichen Lauf nicht berlassen darf, wenn es so erschreckende
Dimensionen angenommen hat.

Wir sehen in diesen Worten den kennzeichnenden Ausdruck des russischen
ehrlichen Liberalkonservativen reinsten Wassers, nmlich jener Richtung
des Liberalismus, der nie und nirgend durch Zwang wirken will, sondern
die Frderung fortschrittlicher Ideen nur mit solchen Mitteln fr
gerechtfertigt erachtet, welche keine anderen Freiheiten einschrnkt --
eine Anschauung, ber die sich streiten lsst, die aber gerade in den
Konstellationen der russischen Parteistandpunkte besondere Beachtung
verdient. Dass diese Anschauung in Dostojewsky ihren genialsten und
berechtigsten Vertreter gehabt hat, ist uns bereits aus seinem ganzen
Leben und Wirken klar geworden. Wie er sich speziell zur
Studenten-Affaire verhalten hat, das erfahren wir aus den Mitteilungen
O. Millers, welcher uns jene Vorgnge in einer lebendigeren, intimeren
und weniger doktrinren Form erzhlt und speziell diese Sache anders
beleuchtet, als Strachow. Wir werden durch diese zwei Berichte so recht
in die Stimmung und das Milieu der grossen Befreiungsepoche
hineinversetzt. Natrlich haben wir es auch hier mit einem Vertreter der
konservativ-liberalen Richtung zu thun.

Nachdem Miller die Verteilung und Verschiebung der Parteien besprochen,
welche aus sehr verschiedenen Grnden gegenber der Aufhebung der
Leibeigenschaft und ihren Folgen Stellung nahmen, und meint: man begann
uns eindringlich das >Sterben< zu lehren -- gerade dann, als man uns
htte lehren sollen zu leben, ehrenhaft, aufopfernd, fest zu leben, --
fhrt er fort: das ist's, was ein Mensch bei uns antreffen musste, der
aus Sibirien geschrieben hatte: Mehr Glauben, mehr Einheit, und wenn
noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Das alles war den
Unzufriedenen der Herrenpartei sehr zur Hand. Mit dem revolutionren
Radikalismus -- sei es auch vom entgegengesetzten Ende -- ging der
Konservatismus sehr wohl zusammen, der -- ganz ebenso revolutionr war,
wie ihn J. Th. Samarin treffend benannt hat. Es ist auch bekannt, dass
jenem >Nihilismus<, dessen erste Formation sozusagen Turgenjew in der
Person des Studenten mit burschikosem Unterfutter Bazarow aufgestellt
hatte, derselbe Samarin ebenso treffend den Generals-Nihilismus entgegen
gestellt hatte. Das franzsische Sprichwort les extrmes se touchent
ist bei uns auf die glnzendste Weise zur Wahrheit geworden.

Dies konnte ein jeder wahrnehmen, der zufllig an jenem denkwrdigen
litterarischen Lese-Abend gegenwrtig war, da der zur 1862
stattfindenden Feier des tausendjhrigen Bestandes Russlands verfasste
Artikel vorgelesen wurde. Die grosse Reform (Aufhebung der
Leibeigenschaft) hatte sich gerade am Vorabende des Millenniums
vollzogen und man htte nun dieses, sollte man meinen, mit beruhigtem
Gewissen und einem furchtlosen Blick in die Zukunft feiern knnen. Als
der Lesende zum Wermutsbecher gekommen war, den das russische Volk im
Laufe seines tausendjhrigen Lebens hatte leeren mssen, sagte er: Zur
Zeit der Thronbesteigung des heute glcklich regierenden Kaisers und
Imperators lief der Becher ber ... Man liess ihn nicht vollenden:
dass der Zar jenen berschuss von Bitternis daraus weggegossen, welcher
sich durch die Leibeigenschaft darin angehuft hatten -- man fasste
seine Worte in einem durchaus anderen Sinne auf, als in welchem sie
gesagt worden waren, und es brach ein frenetischer Sturm von Applaus und
Bravorufen aus. Ich erinnere mich daran, als wre es heute, mit welchem
wollstigen Entzcken damals gerade die Reprsentanten des nicht
verpnten Nihilismus applaudierten -- dies war an den Dekorationen
ersichtlich, welche sie ungeachtet dessen trugen, dass sie sich in ihren
heiligsten Gefhlen verletzt fhlten. Als nun der Vortragende zum
Satze kam: Unsere Administratoren stehen am Rande eines Abgrundes, da
floss der Enthusiasmus dieser Nihilisten thatschlich mit dem
Enthusiasmus jener Nihilisten zusammen -- obwohl, natrlich, jede der
extremen Richtungen das Wort >Administratoren< in ihrer Weise verstand.

O. Miller erinnert sich nicht, ob Dostojewsky an jenem Abende
teilgenommen habe, findet aber den zehn Jahre spter im Roman Die
Besessenen beschriebenen Leseabend den getreuen Spiegel der hier
vorgefallenen Affre und fgt hinzu, Dostojewsky habe an irgend einem
anderen Leseabend Teile aus den Memoiren aus einem Totenhause
vorgelesen und das mit Absicht in einem Sinne und Geiste, welcher jenem
der Einberufer entgegengesetzt war. Es scheint hier ein Gedchtnisfehler
obzuwalten, der indes nichts zu sagen hat, da ja in keinem Berichte
dieser beiden Freunde des Dichters je ein Irrtum betreffs der
Grundtendenz Dostojewskys vorkommen knnte. Die Erzhlungen jener
lrmenden Begebenheit selbst jedoch weichen, wie wir sehen, ziemlich von
einander ab, und was wir Westlnder daraus gewinnen knnen, ist
vornehmlich der Einblick in die Verschiebungen der Standpunkte, wie sie
in dem von politisch-litterarischem Leben so heftig pulsierenden
Russland sogar innerhalb einer und derselben Partei mglich sind. Die
Herausgeber der Materialien gehren beide der konservativ-liberalen
Richtung an, dennoch sehen wir in Strachow die Thatsachen bei aller
Objektivitt der Erzhlung gleichsam nach der streng-konservativen, fast
mchte man sagen offiziellen Seite umgebogen, whrend O. Miller mit der
feinen Anfhrung des Generals-Nihilismus dem eigenen Konservatismus
gleichsam die Spitze abbricht.

Dieselbe Studenten-Affre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der
Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch
von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen lngeren Artikel
widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren
von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin
und Herzen. Wir haben es aber hier hauptschlich mit Dostojewsky und
seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe
seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten
Ereignisse erfolgten, Enthebung des Professors von seinem Lehramte und
der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und
namentlich im Volke allerlei missverstndliche Meinungen darber
entstanden; die Gefngnishaft -- fhrt Miller fort -- hatte
bekanntlich das Selbstgefhl der Jugend nur erhht, das sie antrieb,
neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem brigens durchaus
ernsten und edlen Gefhle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener
Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein
Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts
zu hherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese
Forderung zu erfllen. Wer das nicht wusste, dem musste diese
Auflehnung um irgend welcher Matrikel willen in der grossen Stunde der
Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. -- Das Volk wusste natrlich
nicht, um was es sich handle -- und urteilte: Die jungen Herrlein
rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat. Zu Dostojewsky und
seinen Ansichten ber jene durcheinander gewirrten Verhltnisse
bergehend, fhrt Miller jene Stelle aus dem Tagebuch eines
Schriftstellers aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und
eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische
Satire das Krokodil[15] ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor
des Romans Was thun?

Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky -- sagt Dostojewsky --
bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rckkunft aus
Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es
geschah.

Spter begegneten wir einander manchmal, aber sehr selten, sprachen
miteinander, aber sehr wenig. brigens reichten wir einander jedesmal
die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen
unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein usseres, seine
Manieren. Mir gefielen das ussere Tschernyschewskys und seine Manier
ganz wohl.

[Funote 15: Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in
Russland Krokodile genannt, ob dies infolge Dostojewskys Satire
geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, haben wir nicht
ermitteln knnen.]

Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthre, auf der Klinke des
Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals
auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die
Aufschrift: An die junge Generation. Man kann sich nichts
Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der
lcherlichsten Form, welche nur ein Feind fr diese Leute htte ersinnen
knnen, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute
und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals
alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese
Leute grndlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht
recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so
leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als
einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung
anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre
historischen Konsequenzen verhngnisvolle Erscheinung, welche ein
ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfllen
wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende
geschrieben.

Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem
Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung
einverstanden war, -- mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als
schmte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei
Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen Erscheinungen zugesehen
hatte -- verblffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie
mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage
hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Pltzlich, noch ehe es
Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals
bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu
gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen ....

Nikolai Gawrilowitsch, was ist das? und ich zog die Proklamation aus
der Tasche.

Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm vllig unbekannte Sache, und las
sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen.

-- Nun, was denn? fragte er mit einem leichten Lcheln.

-- Sollten sie denn so dumm und lcherlich sein? Sollte es denn nicht
mglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende
zu machen?

Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: -- Glauben
Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich
imstande gewesen wre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?

-- Das ist's eben, dass ich das nicht voraussetzte, -- antwortete ich
-- und ich finde es sogar berflssig, Ihnen das zu versichern. Allein
auf jeden Fall ist es ntig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr
Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre
Meinung frchten.

-- Ich kenne keinen von ihnen.

-- Ich bin auch davon berzeugt. Allein es ist durchaus nicht ntig,
sie zu kennen und persnlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur
laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen
gelangen.

-- Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese
Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.

-- Dennoch aber schaden sie allen und allem ....

.... Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich
vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran
glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstrern
nicht >solidarisch< gewesen ist.

Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende
Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen
Anschauungen, welche an die Vorgnge von 1863 anknpft, ist zu
bedeutungsvoll fr die Beleuchtung der damaligen Situation und mit
einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen
drften, dieses Resum vollinhaltlich hierher zu setzen.

Wenn aber nun eine solche Erscheinung -- fhrt Miller fort -- zur
Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre Nichtigkeit in ihrer Art komisch
war, so kann man das natrlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von
1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefhl daran, dass ich, als ich
damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben
schenkte, in dem, was sie ber die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen
verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine
vorurteilslose, -- mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man
thatschlich keine bei uns daheim gehrt hatte, ber unsere
Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele -- Jacob
Grimms. Er erkannte vollkommen und begrsste freudig mit seinem
allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrckte,
riesenhafte Bewegung nach vorwrts. Und da musste diese Bewegung
aufgehalten werden! -- Und zur Befriedigung jener europischen
Majoritt, welche nicht ber den edlen Geist eines Grimm verfgte,
entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen
Terrorismus.

Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr geringschtzig ber die
Nichtigkeit der Erscheinung aussprechen, hier konnte er nicht anders,
als von einem entrsteten Entsetzen erfllt werden. Viele halten
Dostojewsky bekanntlich fr einen offenen Feind Polens, und die Edelsten
unter den Polen knnen ihm diesen Ausfall nicht verzeihen. Wenn wir
indes uns jenes Kapitels aus den Memoiren aus einem Totenhause
erinnern, wo von den politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir,
dass der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern mit voller
Wertschtzung darin gedacht wird. Theodor Michailowitsch verletzte nur
ihr hochmtiges je hais ces brigands im Verkehr mit den Strflingen,
in denen er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. --
Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung Dostojewsky erscheinen, ein
Hohn auf die ganze russische Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier
erharrt hatte, die polnische Rebellion, und das gerade in diesem
gesegneten Augenblick, -- eine Rebellion, der als armseliges, aber doch
immer trauriges Prludium die Studenten-Unruhen mit den darauffolgenden
dummen, aber immerhin unheilverkndenden Proklamationen dienten.
Whrend unsre Herrlein gleichsam nur zufllig in den Augen des Volkes
zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte man im polnischen Aufstand
schon ganz ernsthaft den alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der
von Verachtung gegen das Bauernvolk erfllt ist. Nicht Polen war es, und
nicht das polnische Volk, das endlich vom selben russischen Kaiser mit
Grund und Boden beteilt worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er
hasste jenen traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes
Volk bedrckt worden war und welcher Polen verloren hatte. Diesen alten
Geist Polens musste er hassen, wie ihn Proud'hon hasste und viele von
den Polen selbst hassten, viele der echten, uneigenntzig-ehrenhaften
polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky verhasst
als einem Socialisten -- und ein Socialist im weiten, menschlichen Sinne
dieses Wortes zu sein hat er niemals aufgehrt.

Aber die Sache steht so, dass unsre -- nicht nur Liberalen, sondern
auch Socialisten bereit gewesen wren, den polnischen Pany die
brderliche Hand zu reichen -- weil sie bei ihnen einen reichlichen
Vorrat von Unzufriedenheit wahrnahmen --, und bei uns hatte sich damals
schon jener Opportunismus entwickelt, welcher keinerlei unzufriedene
Elemente verschmht, worauf die Briefe Samarins an Herzen so deutlich
hinweisen.

Dostojewsky war niemals ein getreuer Unterthan der Revolution (wie
sich Samarin in diesen Briefen an Herzen ausdrckt), darum aber war er
auch niemals Opportunist.

Von Sibirien mit einem berreichen Schatz von Glauben und Liebe
zurckgekehrt, sowie mit dem heissen Verlangen nach Einigkeit bei der
schpferischen Thtigkeit zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit
wachsender Entrstung rund um sich die immer mehr und mehr
hervortretenden Anzeichen einer negativen Thtigkeit im Dienste der
Zerstrung wahrnehmen. Es ist begreiflich, dass er sich bei seiner
Geradheit mehr und mehr Feinde machte. -- In dieser Situation und unter
diesen Umstnden war es, dass Dostojewskys litterarische Thtigkeit
wieder neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft aufgehoben
wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder Michael Michailowitsch die
Herausgabe der Zeitschrift >Wremja<.




                                 VI.
                             Publizistik.


Mit der Grndung der Zeitschrift Wremja wird Dostojewskys tiefster
Herzenswunsch erfllt. Ihm, dem das Verknden des wahren Christus vor
allem andern als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem
Umwege der Kunst (was fr einer Kunst allerdings!) hatte erfllen
knnen, ihm musste es wie eine Erlsung erscheinen, endlich direkt und
unzweideutig und, wie er schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur
Gewaltsamkeit seine Wahrheit verknden zu knnen. Diese Epoche ist zu
wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck in seinem ersten Expos des
Unternehmens zu bezeichnend, als dass wir es uns versagen drften, jenen
Aushngebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden spter jede
der drei Ankndigungen neuer Journalgrndung, welche dieser ersten
folgten, ins Auge fassen mssen, um uns daraus den Beweis zu holen, wie
geschlossen und unerschtterlich einheitlich sein Streben, sich in einer
Zeitschrift auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn auch oft
genug wiederholt: ein Journal ist eine grosse Sache. -- Zugleich holen
wir uns, als Fremde, ein Bild jener Epoche der russischen Geschichte.

N. N. Strachow, der thtigste Mitarbeiter an jener Zeitschrift, teilt
uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den Brdern Dostojewsky die
Herausgabe einer voluminsen Monatsschrift geplant gewesen war, zu
welcher sie eifrig nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th.
Michailowitsch war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts,
welche Strachow frher publiziert hatte, sehr entzckt gewesen (weit
ber deren Verdienst, wie dieser hinzufgt) und forderte ihn
infolgedessen zur Mitarbeit an der Monatsschrift auf. Auch Strachow
findet die Ankndigung so bezeichnend fr Dostojewskys damaligen
Ideengang, dass er sie wrtlich wiedergiebt.

Sie lautet:

            Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen
                        _Wremja_ (Die Zeit),
      eine litterarische und politische Monatsschrift in Bnden
                   von 25-30 Bogen grossen Formats.

Ehe wir daran gehen, zu erklren, warum wir es eigentlich fr ntig
erachten, ein neues, ffentliches Organ unserer Litteratur zu grnden,
wollen wir einige Worte darber sagen, wie wir unsere Zeit und
namentlich den gegenwrtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens
verstehen. Dies wird auch zur Aufklrung ber den Geist und die Richtung
unserer Zeitschrift dienen.

Wir leben in einer im hchsten Grade bemerkenswerten und kritischen
Zeitepoche. Wir werden jedoch zur Darlegung unserer Anschauung
ausschliesslich auf jene neuen Ideen und Forderungen der russischen
Gesellschaft hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben
whrend der letzten Jahre so bereinstimmend erfllt hat. Wir werden
nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, welche in unserer Zeit
ihren Anfang genommen hat ... Alles dies sind nur usserungen und
Anzeichen jener ungeheuren Umwlzung, der es bestimmt ist, sich
friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu vollziehen,
obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mchtigkeit allen wichtigsten
Ereignissen, ja sogar der Reform Peters gleich ist. Diese Umwlzung ist
das Ineinanderfliessen der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen
des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen russischen Nation mit
allen Elementen unseres gegenwrtigen Lebens -- einer Nation, welche
sich schon vor 170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und seit
jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit hat, welcher
abgesondert sein eigenes, selbstndiges, individuelles Leben lebte.

Wir sprachen von usserungen und Symptomen. Unbestreitbar ist deren
Wichtigstes die Verbesserung der Lage unserer Bauern. Jetzt sind es
nicht mehr tausende, jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche
in das russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten Krfte
hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. Kein Klassenhass zwischen
Siegern und Besiegten, wie in Europa, darf der Entwickelung der
knftigen Urelemente unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht
Europa, und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte geben.
Die Reform Peters des Grossen hat uns auch ohne das allzuviel gekostet:
sie hat uns mit dem Volke entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie
abgelehnt. Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung
mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch mit seinen
Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach seinem Mass berechnet und
ihm nicht zeitgemss. Es nannte sie deutsch, nannte die Nachfolger des
grossen Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des Volkes
von seinen hheren Stnden mit ihren Befehlshabern und Anfhrern zeigt,
wie teuer uns das damalige neue Leben zu stehen kam. Allein -- obwohl
mit der Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr als einmal
hat es seine Unabhngigkeit geussert, hat sie mit ausserordentlichen,
krampfhaften Bemhungen geussert, weil es allein war und ihm das schwer
wurde. Es wandelte im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem
gesonderten Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine Lage hinein,
versuchte es, sich selbst seine Anschauung zu verdeutlichen, zerfiel in
geheime, schdliche Sekten, suchte neue Ausgangspunkte fr sein Leben,
neue Formen. Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, nicht
khner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk beim Betreten jener
neuen Bahnen gethan, welche es sich mit so vielen Beschwernissen
aufgefunden hatte. Bei alledem aber nannte man es den Bewahrer der alten
vorpeterschen Formen, des stumpfen Altglubertums.

Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne Fhrer und auf seine
eigenen Krfte allein angewiesen blieb, manchmal absonderlich, seine
Versuche einer neuen Lebensform oft nicht gestaltungsfhig. Aber in
ihnen war eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschtterlicher
Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. Nach der Reform hat es
zwischen ihm und uns, den gebildeten Stnden, nur einen Augenblick der
Einigung gegeben -- das Jahr 1812 -- und wir haben gesehen, wie sich das
Volk da geussert hat. Wir erkannten damals, _was_ das Volk eigentlich
sei. Das Elend liegt darin, dass es _uns_ nicht kennt und nicht
versteht.

Allein jetzt hrt der Zwiespalt auf. Die Petersche Reform, welche sich
ununterbrochen bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, ist endlich an ihre
letzte Grenze angelangt. Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? Es
giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, welche Peter den
Grossen nachgeahmt haben, haben Europa kennen gelernt, sich europischem
Leben angeschlossen und sind nicht Europer geworden. Ehemals machten
wir uns selbst Vorwrfe ber unsere Unfhigkeit zum Europismus; heute
denken wir anders. Wir wissen heute, dass wir nicht Europer sein
knnen, dass wir nicht im stande sind, uns in eine der westlndischen
Formen hineinzuzwngen, welche Europa aus seinen eigenen nationalen, uns
fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet und ausgelebt
hat -- geradeso wie wir etwa ein fremdes Kleid nicht tragen knnten, das
nicht nach unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich
berzeugt, dass auch wir eine Nationalitt fr uns sind, eine im
hchsten Grade selbstndige Nationalitt, und dass unsere Aufgabe ist --
uns eine neue, uns eigene, heimische Form aufzubauen, eine Form, die wir
unserer eigenen Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen
entnehmen mssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen Boden zurckgekehrt.
Wir leugnen unsere Vergangenheit nicht ab, wir anerkennen auch das
Vernnftige darin. Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont
erweitert, dass wir durch sie unsere knftige Bedeutung in der grossen
Familie aller Vlker kennen gelernt haben.

Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer chinesischen Mauer
von der Menschheit absondern werden. Wir ahnen, und ahnen mit
ehrfrchtigem Sinn, dass der Charakter unserer knftigen Thtigkeit im
hchsten Grade allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee
vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche Europa mit
solcher Hartnckigkeit, mit solcher Mnnlichkeit in seinen
verschiedenartigen Nationalitten entwickelt; dass vielleicht alles
Feindselige in diesen Ideen seine Vershnung und fernere Entwickelung im
russischen Volkstum finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle
Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den Interessen
eines jeden europischen Volkes teilgenommen, den Sinn und die Vernunft
von Erscheinungen verstanden, welche uns vollstndig fremd waren; nicht
vergebens haben wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die
alle Fremdlnder in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns darob
gescholten, haben uns Leute ohne Persnlichkeit, ohne Vaterland
geheissen, ohne zu bemerken, dass die Fhigkeit, sich auf eine Zeit lang
von seinem Boden loszureissen, um nchterner und unparteiischer auf sich
selbst zu schauen, schon an und fr sich eine sehr starke
Eigentmlichkeit ist; die Fhigkeit endlich, das Fremde mit dem Auge des
Vershners anzusehen, ist die hchste und edelste Gabe der Natur, welche
nur sehr wenigen Nationalitten verliehen ist. Die Angehrigen anderer
Nationen haben unsere unermesslichen Krfte noch nicht einmal versucht
... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein neues Leben ein.

Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue Leben ist die Vershnung
der Anhnger der Peterschen Reform mit jenen der Volksgrundlage
unvermeidlich geworden. Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und
nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenber verhlt sich
unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir sprechen von der Ausshnung der
Zivilisation mit dem Volkstum. Wir fhlen, dass beide Parteien einander
endlich verstehen mssen, alle Missverstndnisse, die sich zwischen
ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehuft haben, aufklren und dann in
Harmonie und Eintracht mit vereinten Krften einen neuen breiten und
ruhmvollen Weg betreten mssen. Die Vereinigung, was immer sie kosten
mge, ohne Rcksicht auf was immer fr Opfer, und das so schnell als
mglich -- das ist unser leitender Gedanke, das ist unsere Devise.

Allein, wo ist denn der Berhrungspunkt mit dem Volke? Wie macht man den
ersten Schritt, um sich ihm zu nhern? Das ist die Frage, das die Sorge,
die alle teilen sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die
das Volk lieben und denen sein Glck teuer ist. Sein Glck aber -- ist
unser Glck. Es versteht sich, dass der erste Schritt zur Erreichung
jeglicher bereinstimmung das Alphabet und die Bildung ist. Das Volk
wird uns niemals verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. Es
giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem wir dies
aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so lange es an den
gebildeten Stnden ist, den ersten Schritt zu thun, haben sie ihre
Situation auszuntzen, mit allen Krften auszuntzen. Krftige,
schleunige Verbreitung von Bildung, koste es was es wolle, das ist die
Hauptaufgabe unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thtigkeit.

Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer Zeitschrift
ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist ihrer knftigen Thtigkeit
angedeutet. -- Allein wir haben noch einen zweiten Grund, der uns
veranlasst, ein neues, unabhngiges litterarisches Organ zu grnden. Wir
haben schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter unserer
Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige Abhngigkeit und
Unterordnung gegenber den litterarischen Autoritten entwickelt hat. Es
versteht sich, dass wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der
Kuflichkeit anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu berall in dem
europischen Schriftwesen, Zeitschriften und Tagesbltter, welche ihre
berzeugungen um Geld verussern und ihre niederen Dienste, sowie ihre
Herren mit anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die
anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, dass man seine
berzeugung verkaufen kann, wenn auch nicht um Geldeswert. Man kann sich
zum Beispiel aus einem bermass von angeborener Wohldienerei verkaufen,
oder aus Furcht, um seines Mangels an bereinstimmung mit den
litterarischen Autoritten willen, als Dummkopf ausgerufen zu werden.
Die goldene Mittelmssigkeit zittert manchmal sogar ganz uneigenntzig
vor den Meinungen, welche von den Sttzpfeilern der Litteratur
festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen khn, keck und frech
ausgesprochen wurden. Manchmal verschafft nur diese Keckheit und
Frechheit einem nicht dummen Schriftsteller, welcher die Umstnde zu
benutzen versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer
Autoritt, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen
ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss auf die Massen.
Die Mittelmssigkeit ihrerseits ist fast immer usserst furchtsam,
ungeachtet ihres augenscheinlichen Dnkels, und unterordnet sich willig:
die Furchtsamkeit aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein in
der Litteratur darf es keine Sklaverei geben.

In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, nach litterarischer
berlegenheit, nach einem litterarischen Range ist mancher sogar alte
und angesehene Schriftsteller oftmals imstande, sich zu einer so
unerwarteten und seltsamen Thtigkeit zu entschliessen, dass sie
unwillkrlich Verwunderung und rgernis unter den Zeitgenossen
hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalsen Anekdoten ber
die russische Litteratur der Hlfte des 19. Jahrhunderts auf die
Nachkommenden bergehen wird. Und solche Vorkommnisse ereignen sich
immer fter und fter, und solche Leute ben einen fortgesetzten
Einfluss aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, daran zu
rhren. Es giebt in unserer Litteratur noch heute einige festgesetzte
Ideen und Meinungen, welche nicht die geringste Selbstndigkeit besitzen
und doch als unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, weil
es irgend einmal litterarische Anfhrer so festgestellt haben. Die
Kritik wird immer flacher und unbedeutender; in manchen Publikationen
werden gewisse Schriftsteller ganz umgangen, weil man frchtet, sich,
ber sie sprechend, zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens
und nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, welcher
durch seinen Einfluss auf die Majoritt schdlich ist, deckt mit Erfolg
die Talentlosigkeit und wird in Pflicht genommen, um Subskribenten
heranzulocken. Ein strenges Wort aufrichtiger, tiefer berzeugung wird
immer seltener gehrt. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, der sich
in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische Zeitschriften in
vornehmlich kommerzielle Unternehmungen um, die Litteratur aber und ihr
Nutzen treten in den Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal
gedacht.

Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu grnden, welche,
ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen Autoritten, doch
vollkommen unabhngig von ihnen sein, in freiester und aufrichtiger
Weise auf alle litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen
wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung fr die russische
Litteratur.

Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien oder
Voreingenommenheiten hegen. Wir werden sogar bereit sein, unsere eigenen
Irrtmer und Fehlschsse einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden
uns aber gar nicht lcherlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu rhmen.
Wir werden auch der Polemik nicht aus dem Wege gehen und wir werden auch
davor nicht zurckschrecken, die litterarischen Gnse manchmal zu
reizen. Gnsegeschnatter ist manchmal ganz ntzlich; es zeigt das Wetter
an, wenn es auch nicht immer das Kapitol rettet. Eine besondere
Aufmerksamkeit werden wir dem kritischen Teile unseres Blattes widmen.
Nicht nur jedes bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte
litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, wird
unbedingt in der unseren analysiert werden. Die Kritik darf also nicht
verschwinden, rein nur, weil man beginnt die Bcher nicht separat, wie
ehedem, sondern in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal Wremja
alles Persnliche beiseite lassen, alles Mittelmssige durch Schweigen
umgehen wird, wenn es nicht geradezu schdlich ist, wird es alle
halbwegs wichtigen litterarischen Kundgebungen verfolgen, die
Aufmerksamkeit auf alle scharf ausgeprgten Fakten, seien sie nun
positiver oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich
Talentlosigkeit, belwollen, falsche Bestrebungen, belangebrachten
Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, wo immer sie sich
zeigen mgen. Erscheinungen des Lebens, umlaufende Meinungen,
festgestellte Principien, welche aus allgemeinen und allzu persnlich
passenden oder unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und
rgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der Kritik genau
wie ein eben erschienenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Unsere
Zeitschrift spricht sich das unabnderliche Reckt zu, offen ber jede
litterarische und ehrenhafte, ehrliche Arbeit ihre Meinung
auszusprechen. Der weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt
ist, verpflichtet das ffentliche Urteil, sich nur um so strenger
dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals zu dem jetzt
allgemein gebrauchten Kniff herablassen -- einem bekannten
Schriftsteller zehn schwlstige Komplimente vorzureden, um das Recht zu
haben, eine nicht ganz schmeichelhafte Bemerkung ber ihn einzustreuen.
Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht nach der
Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen Ankndigung an Raum
gebricht, auf alle Details unserer Publikation einzugehen, wollen wir
nur sagen, dass unser, von der Obrigkeit besttigtes, Programm
ausserordentlich reichhaltig ist.

Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, sowie die
Ankndigung, dass die Mitarbeiter, entgegen dem alten Brauch, nicht
genannt werden, und endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch
Dostojewskys, da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) unter
polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur nicht officiell
besttigt werden konnte.

Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich nur in ihrer
usseren Umgrenzung zeichnenden Expos finden wir schon die ganze, klare
Richtung nach dem Volkstum und der von da erwarteten Erlsung nicht nur
Russlands, sondern aller brigen im Streit befindlichen Partikularismen,
und die ganze Hartnckigkeit, diese Richtung einzuhalten und andere
hineinzubringen.

Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke Dostojewskys finden wir nun
eine Reihe von Artikeln ber die russische Litteratur, welche aus den
Heften der Wremja und zwar vom Januar, Februar, Juli, August und
November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft von Theodor
Michailowitsch stammen, obgleich sie damals ohne Unterschrift erschienen
waren. Die ersten derselben haben, nach Millers Meinung, einen grossen
Teil jenes Aufsatzes ber die Kunst in sich aufgenommen, der, wie wir
wissen, anfangs der Grossfrstin Marja Nikolajewna gewidmet gewesen und
spter verschwunden ist.

Diese Artikel ber die russische Litteratur sind durch zwei Momente
fr uns besonders interessant. Erstens und vor allem durch das
Persnliche, das Verlebendigende, wenn man so sagen darf, das
Dostojewsky hier wie berall, wo er es mit einer Sache ernst meint (und
wo thut er das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, welchen
wir da in die Anschauungen der Russen ber die Litteratur und ihre
Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen sind uns durch die Jugendlichkeit
ihres Ernstes zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lcheln zieht
unsere mden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, in die sich die
Russen ber litterarische Streitfragen strzen. Allein es will uns
bednken, dass gerade in diesem jugendlichen Ernst, der heute, im
neunzehnten Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens beste
Gter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, eine Mahnung liegt,
von der litterarischen Spielerei zum Leben und zu seinen ernsten
Forderungen zurckzukehren.

Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden
Betrachtung ber die Art, wie die nach Russland kommenden Fremden
Russland verstehen; der Deutsche, der Franzose, der Englnder, jeder in
seiner Weise und jeder -- falsch. Fr Europa, heisst es da, ist
Russland das Rtsel der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder
das Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, der
russische Geist, sein Charakter und seine Richtung vom Westen erfasst
werden wird. In dieser Beziehung ist sogar der Mond jetzt weit
ausfhrlicher erforscht als Russland. Wenigstens weiss man entschieden,
dass dort niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort Menschen
leben und sogar russische Menschen --, aber was fr Menschen, das ist
bis heute noch ein Rtsel, obwohl die Europer berzeugt sind, dass sie
uns schon lange begriffen haben.

Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche nach Russland kommen. Er
geht der Reihe nach die Gutsverwalter, die Semmelbcker, Wursterzeuger
und Rarittenschausteller durch und langt bei dem gebildeten und
ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich ernstlich mit
der russischen Litteratur beschftigt, um schliesslich Cheraskows
Russiade in das -- Sanskrit zu bersetzen. Ganz anders der Franzose. Der
Franzose hat ber Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss alles,
er versteht alles -- auch ohne etwas zu lernen. Er hat sein Buch ber
Russland schon in Paris um gutes Geld verkauft und gnnt sich dafr die
Reise von 28 Tagen, um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu
beglcken und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt auch
sofort eine echt russische Erzhlung unter dem Titel Petroucha,
welche zwei Vorzge hat: 1. dass sie das russische Leben getreu
charakterisiert und 2. dass sie gleichzeitig auch das Leben auf den
Sandwichinseln schildert Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man
schon, dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken hat,
welcher eine grosse Wendung in den Geschicken Russlands herbeigefhrt
hat, und jede Portiersfrau, der du in spter Nachtstunde zurufst: Le
cordon s'il vous plat, brummt schlaftrunken in sich hinein: Sieh mal,
wre in Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so wrest du
heute noch ein Barbar, kmest nicht nach Paris, au centre de la
civilisation, wrdest mich nicht jetzt mitten in der Nacht aufwecken und
aus vollem Halse le cordon s'il vous plat schreien.

Im weiteren Verlaufe seiner Ausfhrungen kommt Dostojewsky auf den
Standpunkt zu sprechen, den die Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache
gegenber einnehmen. Da ist es namentlich der vornehme, der an
auslndische Kultur gewhnte Russe, welcher sich dem dunklen Volke
gegenber verchtlich verhlt, welcher seinen Tischnachbar bittet, ihm
Wasser geben zu lassen, nur um nicht selbst ein russisches Wort an den
Lakaien zu richten, welcher die Geistesbildung so hoch schtzt, dass er
hundertmal lieber ein Schuft genannt wrde als ein Dummkopf und daraus
allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und Wrden macht, das ihn
ein- fr allemal vom Volke trennt.

Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande nichts zu thun finden,
nach grossen Thaten chzen, sich gegenseitig ihren Weltschmerz klagen
und sich ihrer Nichtswrdigkeit anklagen: ach, Bruder, sieh, ein so
gemeiner Schuft bin ich!, so wird jene Art Byrons daraus, welche sich
wundern, dass der wirkliche Byron ber eine solche Welt hat klagen und
weinen knnen, was eines Lords ganz unwrdig ist, whrend sie zum
hheren Byronismus bergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet
hatte: ein gutes Mittagessen zu schtzen, gelegentlich falsch zu spielen
und den Leuten die Taschentcher aus den Scken zu ziehen. Diesen Byrons
ruft er zu: Ich habe eine Arbeit fr euch, allein ihr werdet sie nicht
leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die
uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.

Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt Dostojewsky
allmhlich auf das Gebiet der Forderungen, die aus den Bedrfnissen oder
vielmehr der Bedrftigkeit des Volks entstehen und fr das Volk
eintreten. Er tritt leidenschaftlich fr die Volksbildung ein und
widerlegt den Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz
alle Bauern, die lesen knnen, es sind, welche die Gefngnisse fllen.
Jawohl, antwortet er -- weil diese Bildung oder eigentlich Halbbildung
noch ein Privileg ist und Privilegien immer bergriffe und Unredlichkeit
im Gefolge haben.

So sind es, wie wir sehen, die primren Probleme, ganz einfache
Konflikte, die aufrichtige Bemhung jedes Russen, fr sich und unsern
Bruder, wie das hbsche Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch
den Dichter so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach dem,
was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort in den Mund gelegt,
das nun eine stereotype Redensart ist, und das er bei den kleinsten
Zwischenfllen unwillkrlich anwendet. Er sagt da nicht: was soll ich
thun, sondern: wie habe ich zu sein?

Aus der verfluchten Frage heraus: Wie soll mein Leben sein? ist eben
das russische Leben, seine Kunst und Kritik einzig zu verstehen. Nun
begreifen wir auch, warum die Russen Turgenjew trotz seiner hohen
Knstlerschaft nicht zu den Ihren zhlen. Wer die russische Litteratur
und ihre mhevolle Pflgearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten.
Das, was Schilderung, getreues Nachbilden russischen Lebens ist, was mit
allen Knsten der Farbengebung, der Licht- und Schattenverteilung, der
Lasur, wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europer
entzckend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, so fein
zubereitet, gerade genug, um anzuregen, ohne allzusehr wehe zu thun,
das wird den Russen beleidigen, der von seinem Dichter vor allem
Mitarbeit an seinem schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel
deutlicher in Tolstojs, des grssten russischen Knstlers, Wandlung zum
Volkserzhler aus. Heute erst, nachdem er der hohen Kunst abgeschworen,
die im Roman Krieg und Frieden ihren vollendetsten Ausdruck gefunden,
heute, da seine kleinen Volkserzhlungen, zu 1 Kopeke verkauft, in
Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehren, heute erst rechnet
er sich selbst zu den fhrenden Geistern seines Volks und wird von ihm
dazu gezhlt. Andere Beispiele fr diese Auffassung der Dinge finden wir
in direkten Aussprchen Dostojewskys und endlich im weiteren Verlauf der
litterarischen Artikel, da, wo der Dichter den Parteihader schlichten
will, welcher zwischen Utilitaristen und Vertretern der Kunst als
Selbstzweck entbrannt ist.

Zu den deutlichsten usserungen Dostojewskys ber belletristische Werke
gehrt wohl seine an Strachow gerichtete Kritik Tolstojs. Strachow hatte
gesagt, dass Tolstojs Krieg und Frieden zu den vortrefflichsten Werken
der gesamten russischen Litteratur gerechnet werden msse, darauf
Dostojewsky:

... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, Lomonossow -- das
sind Genies. Mit dem Mohr Peters des Grossen und mit Bjelkin
hervortreten, das heisst unbedingt mit einem genialen, neuen Wort
auftauchen, das bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war.
Allein mit Krieg und Frieden auftreten, das heisst nach diesem Worte
kommen, das schon von Puschkin gesagt worden war; und das in jedem
Falle, wie hoch und weit auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor
ihm schon durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen mge.
Ich denke, das ist sehr wichtig usw.

An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs neues Wort das
Gutsbesitzer-Wort[16], das allerdings bei Tolstoj unendlich
bedeutender zum Ausdruck komme.

Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky an vielen Orten
gesagt, am feurigsten aber in seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen
grossen Puschkinrede. Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrcken:
Nur der Russe ist, vermge seiner unendlichen Assimilationsfhigkeit,
Allmensch und nur dieser Allmensch vermag die Idee des lebendigen
Christentums in sich zu tragen und sie zu verbreiten.

Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky die unvollendete
Erzhlung Puschkins Der Mohr Peters des Grossen und die Novellen
Bjelkins, zwei Werke, die wir kaum dem Namen nach kennen, doch hher
stellt, als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstcke.

In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten Ausdruck der
russischen Eigenart, wie sie in Peter dem Grossen, dessen
Persnlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklrt ist, ihren elementaren
Ausbruch findet. Jene Assimilationsfhigkeit des Russen, sich alle
Sprachen eigen zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen
Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es seine bessere
berzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, sich schuldig zu bekennen,
alles dies, was ihn dem Europer unverstndlich macht, was dieser als
Unpersnlichkeit an ihm rgt, das befhige eben den Russen zu jener
Allvershnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die Einigung der
Menschen herbeifhrt -- im Gegensatz zu den immer komplizierteren
Trennungen der europischen Nationen, die wohl nicht in der Jeanne
d'Arc und den Kreuzzgen ihren Ursprung haben drften und auch nicht
durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift hiermit wieder
die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: Glauben oder Wissen, Gott
oder Ich, die er ja in allen seinen Werken in tiefsinnige Probleme
aufblttert. In einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit
seinem letzten Romane nichts anderes will, als das Dasein Gottes
beweisen.

[Funote 16: Ein Ausspruch, den Dostojewsky _heute_, was Tolstoj
anlangt, sicher zurcknehmen wrde.]

Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, der dies synthetische
Wesen des Russen erkannt und in sich gerade aus seiner westlichen und
knstlerischen Kultur heraus verkrpert habe. Die kolossale Bedeutung
Puschkins, sagt er, ersteht vor uns immer mehr und mehr ... Fr alle
Russen ist er der vollendetste knstlerische Ausdruck dessen, was
eigentlich der russische Geist ist, wohin alle seine Krfte streben und
wie namentlich das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt
Puschkins ist der Beweis dafr, dass der Baum der Zivilisation schon
frh reif geworden ist, und dass seine Frchte nicht faule, sondern
herrliche, goldene Frchte sind. Alles, was wir aus der Bekanntschaft
mit den Europern ber uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt --
alles, worber uns die Zivilisation nur aufklren konnte, haben wir uns
erklrt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten und harmonischsten
Weise in Puschkin geoffenbart. Wir haben aus ihm herausverstanden, dass
das russische Ideal All-Einheit. All-Vershnlichkeit, All-Menschlichkeit
ist usw.

Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage ber, welche seit Jahren
die russischen Schriftsteller in streitende Parteien geschieden hatte,
nmlich dem Kampf der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die
Vertreter der reinen Kunst.

Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. In zwei
prchtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausfhrungen beweist er beiden
Teilen ihre Berechtigung, sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die
Blindheit, in der sie das Kind mit dem Bade ausschtten. Er, der selbst
ein Feind der Utilittslitteratur ist, wie sie von der Hand in den Mund
lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser Gattung verwerfen, selbst wenn
es, wie bei Schtschedrin, durchaus knstlerisch hingestellt ist, und
hlt den Utilitaristen vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort
verlangen, wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter verlangt. Es sind
also die Menschen, welche Litteratur und Kunst treiben, nicht aber diese
fr ihre Wirkungen verantwortlich zu machen.

Die Kunst ist immer real und immer zeitgemss, ist es immer gewesen
und, was die Hauptsache ist, wird es immer bleiben, sagt Dostojewsky
da. Die Gesellschaft leidet oft an schweren beln und greift nach den
Mitteln, die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr eine
Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat sie es geleistet,
so war es gewiss knstlerisch. Braucht aber die Zeit noch Anthologien,
so mge sie nur noch danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die
Freiheit der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw.

Hier ist nicht nur usseres als Hemmnis der freien Eingebung
aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit der Tendenz,
Einseitigkeit eines sthetischen Steckenpferdes, antikisierende oder
mittelalterliche Schrullen, wie auch Abwendung von der Gegenwart im
allgemeinen, Mangel an Gefhl der Brgerpflicht und an Gemeinsinn.

Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels fhrt Dostojewsky folgendes
drastische Beispiel an:

Versetzen wir uns, sagt er da, in das 18. Jahrhundert, gerade an den
Tag des Erdbebens von Lissabon. Die Hlfte der Einwohner geht zu Grunde,
Huser strzen ein, aller Besitz ist zerstrt, jeder der
Zurckbleibenden hat einen schweren Verlust erlitten -- entweder Hab und
Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute taumeln
verzweifelnd in den Strassen umher, durch das Entsetzen ihrer Sinne
beraubt. Zu dieser Zeit lebt in Lissabon irgend ein berhmter
portugiesischer Dichter. Am nchsten Tage erscheint irgend eine Nummer
des Lissabonschen Merkur (damals erschienen berall Merkure). Das Blatt,
das in einem solchen Augenblicke erscheint, erregt sogar einiges
Interesse in den Gemtern der unglcklichen Stadtbewohner, ungeachtet
dessen, dass sie nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen;
sie hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, welches
ausgegeben worden sei, um ber die Verlorenen, die spurlos zu Grunde
Gegangenen Nachricht zu geben usw. Da -- an irgend einer in die Augen
springenden Stelle -- erblicken sie etwas in folgender Art:[17]

   Leises Flstern, lindes Fcheln,
      Nachtigallen-Trillersang,
   Silberleuchten, trumend Wiegen
      All den klaren Bach entlang,
   Ncht'ge Helle, ncht'ge Schatten,
      Unbegrenztes Dmmerlicht,
   Zaub'risch wechselnde Bewegung
      In der Liebsten Angesicht;
   Rosenglut im Wolkenschleier,
      Wiederschein wie Bernsteinlicht,
   Ksse, Thrnen, sanftes Feuer
      Und -- Morgenrte, Morgenlicht!

[Funote 17: Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch
Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter lyrischer
Gedichte, worunter Abende und Nchte das bedeutendste ist, welchem
auch wohl die herangezogene Strophe entnommen ist. Seine bersetzungen
des ganzen Horaz, Juvenal, des Faust, sollen meisterhaft sein.
Dostojewsky mochte ihn wegen eben dieser Abwendung von der brennenden
Frage der Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir
sehen hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn
justifiziert.]

Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons ihren Merkur
aufnehmen wrden, aber mir scheint, ihren Poeten wrden sie ffentlich
auf dem Marktplatze justifizieren. Durchaus nicht darum, weil er ein
Gedicht ohne Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt
der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehrt hatte, und
das Wiegen des Baches in einem Augenblicke solchen Wiegens der ganzen
Stadt auftrat, dass die armen Leute nicht nur durchaus keine Lust
versprten, die Rosenglut im Wolkenschleier oder das Bernsteinlicht
zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des Dichters allzu
beleidigend und unbrderlich erscheinen musste, der in einem solchen
Augenblicke ihres Lebens so amsante Dinge zu singen wusste. -- Bemerken
wir brigens folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons htten
ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle so erzrnte
(sei's auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), konnte doch seiner
knstlerischen Vollendung nach herrlich sein. Ja noch mehr, den Dichter
haben sie hingerichtet, aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm
auf dem Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswrdigen
Verse im allgemeinen und der Rosenglut im besonderen. Es zeigt sich,
dass nicht die Kunst schuldig geworden ist an dem Tage des Erdbebens.
Das Gedicht, fr das sie den Dichter justifizierten, hatte
mglicherweise als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern
sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen spter
Entzcken, sowie tiefes Schnheitsgefhl hervorrief und sich als ein
erquickender Tau auf die Seele der jungen Generation niedersenkte.
Folglich war nicht die Kunst schuldig, sondern der Dichter, welcher die
Kunst in einem Augenblicke missbruchlich anwendete, da es nicht an der
Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre -- -- das war
natrlich arg und ausserordentlich dumm seinerseits, aber immer war eben
er schuldig und nicht die Kunst ist es gewesen.

Dass ihm aber die sthetische Gestaltung des Kunstwerks sehr am Herzen
liegt, ja eigentlich sein Herzblatt ist, zeigt er uns auch auf andere
Weise als durch das auserlesene Befrworten der gegnerischen Anschauung.
Er spricht sich sehr entschieden darber aus, in welcher Weise der
Mangel an Kunst der besten Idee schaden knne, und dass die hohe
knstlerische Vollendung, etwa der Iliade, auch nach Jahrtausenden
niemals die Wirkung versage.

Fr die Beweisfhrung gegen die grobe Tendenzaufbauschung holt er sich
ein sehr angesehenes Opfer, den bekannten und in jenen Tagen
vielbewunderten Kritiker N. A. Dobroljubow, herbei und fllt mehrere
Bogen seiner Tagebcher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik.

Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa den Leser in einen
Raum fhren, wo gegenberstehende Spiegel eine endlose Reihe von
Reflexen erzeugen. Wir halten uns aber an das, worauf es hier ankommt --
das Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums zu frdern.

Es handelt sich um die Erzhlung Mascha der kleinrussischen
Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem Pseudonym Marko Wowtschk
zwei Bnde Volkserzhlungen im kleinrussischen und im grossrussischen
Dialekt geschrieben hat; Turgenjew hat die ersteren in das
Grossrussische bersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzhlungen
hauptschlich das so oft errterte Verhltnis der Leibeigenen zu ihrer
Herrschaft. Mascha ist ein junges Bauernmdchen, das sich auf alle
Weise der ihr von der Gutsherrin auferlegten Arbeit widersetzt und nur
frei arbeiten will. Schon in ihrer frhesten Kindheit hat sie immer
nach den Grnden jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau nicht grssen
wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt. Spter hat sie allen
Vorstellungen ihrer Muhme, die sie und ihren Bruder als Waisen
aufgezogen hatte, immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht fr uns
ein, wo ist unser Recht? Spter will sie weder spinnen, noch im Garten
jten, und als ihr die Herrin einmal selbst die Sichel in die Hand
drckt und sagt: Da, schneide das Gras hier -- schneidet sie sich
sofort in die Hand; die Gutsherrin, die noch obendrein nicht von der
schlimmen Gattung, sondern liberal ist, verbindet dem Mdchen die
blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche, das dieses aber zu Hause
sofort zornig von der Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube
wirft. Endlich geht das Mdchen nicht mehr am Tage aus der Htte, damit
man ihrer Krankheit Glauben schenke -- wandert nur Nchte lang im
Hausgrtchen umher, isst nicht, spricht nicht und schmilzt vor den
Augen der Muhme zusammen. Da kommt eines Tages der Bruder heim und
verkndet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen gestattet habe, sich
freizukaufen. Das Mdchen strzt sich mit einem Schrei dem Bruder zu
Fssen: Kaufe uns los, schreit sie, verkaufe alles und kaufe uns los,
ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen! Er verkauft alles, und
die Heroine ist gerettet.

Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik ans Licht, welche ein
Kunstwerk darum preist, weil man darin ganz gescheit ber
Selbstverstndliches spreche, whrend es doch nichts unwahreres,
puppenhafteres und weniger russisches geben knne, als dieses
Bauernmdchen, das da ber Freiheit und Menschenrechte deklamiere und
unbewusst heroisch werde. Der Dichter greift nun diese unknstlerische
Art der polemischen Litteratur -- womit Ihr Euch nur selbst schadet,
meine Herren -- auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen
Nutzen eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er dem Autor
(man wusste damals offenbar noch nicht, dass dies eine Frau sei) und dem
Kritiker zuspricht, die unsterbliche Wirkung der Antike entgegen.

Hier kehrt Dostojewsky zu seinem frheren Ausspruch zurck, den er als
Argument der Knstler gegen die Utilitaristen ins Feld gefhrt hatte.
In der That, heisst es da, wenn man auch die Kunst nur von einem
Standpunkte, dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja der
normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst der Menschheit
gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es wre schwer, die ganze Masse
von Nutzen zu berechnen, welche z. B. die Ilias oder der Apollo von
Belvedere der Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge, die
unserer Zeit offenbar durchaus nicht ntig sind. Seht, es htte z. B.
irgend einer, als er noch ein Jngling war, in jenen Tagen, da noch des
Daseins Bilder frisch und neu, einmal den Apollo von Belvedere
angesehen, und das erhabene und unendlich schne Bild des Gottes htte
sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprgt. Dies scheint ein leeres
Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an der Statue erfreut und ist
darauf fortgegangen. Allein dieses Sicherfreuen hat ja keine hnlichkeit
mit der Bewunderung z. B. einer schnen Damentoilette! Dieser Marmor
ist ja ein Gott -- Ihr mget so viel Ihr wollt die Nase rmpfen, seine
Gottheit nehmt Ihr ihm nicht. Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch
ist nichts dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck, den
der Jngling empfing, ein heisser, einer, der die Nerven erschtterte,
der die Haut kalt berrieselte; ja -- wer weiss es denn! vielleicht geht
im Menschen bei solchem Empfinden einer hohen Schnheit, bei solcher
Nervenerschtterung irgend eine innere Vernderung, irgend ein Umsatz
der Molekle, irgend eine galvanische Strmung vor sich, welche in einer
Sekunde das Vorhandene zu einem anderen, ein Stck Eisen zum Magnete
macht. Es giebt freilich eine grosse Menge von Eindrcken auf der Welt,
allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht wohl nicht
spurlos vorber. Nicht vergebens bleiben denn auch solche Eindrcke frs
Leben. Und, wer weiss: als dieser Jngling etwa zwanzig, dreissig Jahre
nachher, bei irgend einem grossen Ereignisse des ffentlichen Lebens,
sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen und nicht nach
der anderen Richtung hervorthat, kann es leicht sein, dass in der Masse
der Ursachen, welche ihn veranlassten, so und nicht anders zu handeln,
ihm ganz unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig Jahre
vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen hatte usw.

Die weiteren Aufstze in der Wremja enthalten, wie gesagt, schon
deutlicher die ersten Anklnge jenes Glaubensbekenntnisses, das
Dostojewsky sein Leben lang erfllte und das, wie wir wissen, in der
Puschkin-Rede seinen scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand.

Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brder so leicht und
so amsant als mglich zu gestalten. Es lag ihnen, wie Strachow
erlutert, damals ganz besonders daran, ihren national-politischen
berzeugungen, welche sich damals noch vom reinen Slavophilentum
abtrennten, so rasch als mglich einen grossen Leserkreis zu
verschaffen, um allen etwaigen Missverstndnissen in dieser Richtung von
vornherein entgegenzutreten oder da, wo sich noch keine Meinung gebildet
hatte, die ihrige einzusetzen. Einen breiten Boden aber konnten sie nur
gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die weitesten
Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane lesenden Publikums
machten und Erzhlungen brachten, wie: Johann Casanovas Flucht aus den
Bleidchern Venedigs, Der Prozess Lassenare usw. Einer ihrer
bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich namentlich durch
die Schrfe und Tiefe seiner kritischen Studien einen Namen gemacht
hatte, der aber nur von wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit
dieser Fhrung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch Theodor
Michailowitsch Feuilleton-Romane fr die Wremja schrieb, dem
Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er lasse den Bruder wie ein
Postpferd fr das Blatt arbeiten, was diesen sicherlich an seiner
Gesundheit und an seinem Talent schdigen msse.

Einige Jahre spter, im Jahre 1864, nimmt Theodor M. Dostojewsky diesen
Streit auf und verffentlicht in der spter gegrndeten Epoche eine
Entkrftung dieser Anschuldigung, die wir hier vorbringen:

Erstens knnen die (angefhrten) Worte Grigorjews auf keine Weise als
Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt werden, welcher mich liebte, mich
als Schriftsteller nur allzu parteiisch hochschtzte und sich ber mir
gewordene Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser
edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd in seinem
Journal zu verwenden. Offenbar handelt es sich in diesem Briefe
Grigorjews um meinen Roman Erniedrigte und Beleidigte, welcher damals
im Wremja gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben
habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich allein, ich ganz allein
daran schuld. So habe ich mein ganzes Leben lang geschrieben, so -- habe
ich alles geschrieben, was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme
der Erzhlung Arme Leute und einiger Kapitel der Memoiren aus einem
Totenhause. (Wir mssen hier den Kleinen Held anfgen, von dem wir
ja wissen, dass er in der Petersburger Festungshaft _vor_ dem
Todesurteil geschrieben wurde und aus diesem Umstand so unschuldig
ausfiel.) Es hat sich in meinem litterarischen Leben sehr oft ereignet,
dass der Anfang eines Kapitels von einem Roman oder einer Erzhlung
schon in der Druckerei und schon gesetzt war, whrend das Ende desselben
noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis morgen geschrieben sein
musste. Gewohnt so zu arbeiten, that ich das Gleiche mit den
Erniedrigten und Beleidigten, allein durchaus ohne von irgend jemand
dazu gedrngt worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegrndete
Zeitschrift, deren Erfolg mir ber alles teuer war, brauchte einen
Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an. Ich selbst
versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan dazu schon lange in mir
fertig sei (was nicht der Fall war), dass es mir leicht sein werde, zu
schreiben, der erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht
um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen ein, dass in
meinem Roman viele Gliederpuppen statt Menschen vorkommen[18], dass
wandelnde Bcher[18] finden sind und nicht Personen, welchen
knstlerische Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und
Ausprgung der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind). Zur
Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer nicht,
ahnte es hchstens. Allein, was ich wirklich wusste, als ich zu
schreiben anfing, war dies: 1. dass, wenn der Roman auch nicht gelingt,
er Poesie haben wrde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen
darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere darin
vollkommen wahr und sogar knstlerisch dargestellt sein werden. Mit
dieser berzeugung begngte ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage,
allein es sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich
stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass ich mein
ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich gebe zu, dass dies sehr
schlecht ist aber ... Der Leser mge mir diese schne Rede ber mich
selbst und meine hohe Begabung verzeihen, sei es nur mit Rcksicht
darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst ber meine Werke
etwas gesagt habe[19].

[Funote 18: Anfhrung von Grigorjews Ausdrcken.]

[Funote 19: Der Roman Erniedrigte und Beleidigte ist allerdings eines
der schwchsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen will, vor
allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand gehalten und sicher
durchgefhrt ist. Diese Natascha, welche zuerst den Erzhlenden, Iwan
Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, liebt und dann aus dem
Elternhause zu dem Sohn des Frsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast
schwachsinnigen Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht
liebt, dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, spter
aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern hin und
her trgt, diese Eltern, die mit dem Frsten prozessieren und doch in
die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, -- sie alle _wollen_
offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind nicht wirkliche
Beleidigte -- denn: ein kleiner Druck am Rderwerk des Ganzen, eine
logische und vernnftige Schlussfolgerung, ein energisches Halt, und sie
sind es nicht und alles wre anders.

Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige und Unwrdige
der Gestalt des Erzhlers Iwan Petrowitsch ganz besonders bel genommen.
Ein Mann, der den Liebesroman seiner Braut mit einem Andern schildert,
der darin als helfender Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte
verrt, wie ihm dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klgliche
Figur erscheinen, ebenso unwrdig im Leben, als unbrauchbar fr die
Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den usseren
Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, in der Entsagung
Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; dass ferner dieses bei Hinz
und Kunz sicher unwrdige, mindestens befremdliche Vorgehen bei dem eben
aus dem Totenhause befreiten, durch das Evangelium und die dort
gewonnene Volksdemut zu seiner Wahrheit durchgedrungenen Dichter eine
viel kompliziertere und tiefere Deutung erheischt. Uns dnkt auch, dass
gerade dieser persnlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den
Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch nur
anzudeuten, wodurch diese Figur allein htte knstlerisch gestaltet
werden knnen. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat dennoch Recht, wenn er
sagt, dass dieser Roman zwei, drei Stellen enthlt, die warm und
kraftvoll sind, und ein halbes Hundert Seiten, auf die er stolz sei.]

In der weiteren Ausfhrung der Differenzen der Wremja mit ihrem
Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt Dostojewsky: Drittens ist es
vollkommen wahr, dass sich in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres
Bestandes Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen -- nicht in der
Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit. Auch in manchen
berzeugungen hat es Irrtmer gegeben. Allein die Richtung konnte sich
nur mit den Jahren formulieren. Eine Richtung haben und sie klar und fr
alle verstndlich formulieren knnen -- ist zweierlei. Das letztere
erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit, das Leben, und es steht in
direkter Beziehung zur Entwickelung der Gesellschaft selbst. Eine
abstrakte Formel ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat,
der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige Formeln,
die man der Routine entlehnt, namentlich solche lteren Datums, d. h.
wenn schon alle einen gewissen Begriff von ihnen haben, gelingen weit
besser, gefallen der Gesellschaft weit mehr, als berzeugungen, die ihr
noch nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verstndlich, die
schon viel herumgetragen wurden. Wir sind aufrichtig bereit, unsere
frheren Irrtmer einzugestehen, allein wir haben sie ja damals selbst
nicht zu sehen vermocht, gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach
unserer festen berzeugung handelten.

An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt der Dichter: Ich
will noch eine letzte allgemeine Bemerkung machen. Von jenen prchtigen,
historischen Briefen (11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen
auch nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in welchen
sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollstndig einer der
russischen Hamlets unserer Zeit (ein wirklicher Hamlet) zeichnet -- von
diesen herrlichen Briefen sage ich, kann auch heute nicht alles ohne
Vorbehalt von der Redaktion der Epoche (die nach dem Auseinanderfallen
der Wremja von Dostojewsky gegrndete Monatsschrift, welche von Anfang
1864 bis incl. Februar 1865 bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel,
jeder litterarische Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies ist,
scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen fr einen wirklichen
Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener und ein leidenschaftlicher
Dichter, aber er war auch launenhaft und heftig wie ein
leidenschaftlicher Dichter -- -- -- Grigorjew war, wenn auch ein
wirklicher Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet beginnt, und
bei unseren modernen russischen Hamlets und Hamletchen aufhrt, einer
jener Hamlets, welche weniger doppellebig sind, als die brigen, und
auch weniger reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch, in
vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwchsiger und knorriger Mensch.
Er war vielleicht, als Natur (nicht als Ideal genommen, das versteht
sich von selbst), der russischeste Mensch unter allen seinen
Zeitgenossen. Daher kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch
in einer allgemeinen Sache in so hohem Grade fr organisch und
unvermeidlich fr die ganze Sache, von ihr fr so untrennbar hielt, dass
die geringste Nichtbeachtung dieses Ausbruches ihm manchmal schon als
ein Zusammenbrechen der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im
Leben weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand, ebenso
bequem, wie jeder Held unserer Tage, mit der einen Hlfte seines
Wesens sich zu grmen und zu qulen, mit der anderen Hlfte aber den
Gram und die Qual der ersten Hlfte zu beobachten, zu erkennen und zu
beschreiben, manchmal sogar in wunderschnen Versen mit
Selbstvergtterung und einer gewissen Feinschmeckerei, so wurde er ganz
und gar, durch und durch -- in seinem ganzen Menschen, wenn ich so sagen
darf -- von seinem Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine
Briefe geschrieben.

Ich bin Kritiker und nicht Publizist, hat er mir mehrere Male, sogar
kurze Zeit vor seinem Tode, als Antwort auf meine Bemerkungen, selbst
gesagt. Allein jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne,
als es die Pflicht eines jeden Kritikers ist -- nicht nur feste
berzeugungen zu haben, sondern sie auch ausfhren zu knnen. Dieses
Vermgen aber, seine berzeugungen auszufhren, ist die wesentlichste
Eigenheit jedes Publizisten.

Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der Welt ruhig htte
verbleiben knnen; wenn er aber sein eigenes Journal gehabt htte, so
wrde er es selbst fnf Monate nach dessen Grndung zu Grunde gerichtet
haben usw.

Alle diese Ausfhrungen zeigen den Dichter, wie uns scheint, von einer
Seite, welche der Leser seiner belletristischen Werke, sowie der Kenner
seiner eigenen Lebensfhrung nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die,
wenn auch nur theoretisch, geschftsmnnische Seite. Es ist wohl nicht
die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung Grigorjews bekundet,
die wir ja an ihm, dem Realisten des Innern kennen, was uns hier
frappiert, sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die Fhrung
einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit welchem die Thtigkeit
der Publizistik von Dostojewsky selbst, sowie von seiner Zeit und
Umgebung betrachtet wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl
seiner Mittel zu erlutern und zu entschuldigen, welche Flle von
Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen von eines
Menschen innerster Wahrhaftigkeit. Wir begreifen danach sein Axiom: ein
Journal ist eine grosse Sache. -- Allein diese Anschauung und ihre
Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz nicht nur zu
Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den Slavophilen, welche sich um
Aksakow gruppierten, sowie zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst
nahmen und, durch die landlufige, journalistische Behandlung ernster
Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, von der Hand in den
Mund-Leben Dostojewskys weder fr ihn noch fr die gute Sache ein Heil
finden konnten. Sie vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es
sich hier um ganz anderes handelte, als um ein tgliches Menu fr den
Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, ein solches Publikum nicht
aus den Augen und aus der Hand zu lassen und ihm immer wieder seine
Ration Wahrheit aufzuntigen. Spter allerdings, als sich Dostojewsky
immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es nicht anders sein, als
dass auch er sich etwas von der journalistisch gangbaren Litteratur
abwandte, nachdem er sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861
energisch mit folgenden Stzen vertreten: Man liest einen oder den
anderen Eurer Aussprche und kommt endlich unwillkrlich zum Schluss,
dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt und auf uns schaut, wie
auf ein fremdes Geschlecht, als wret Ihr aus dem Monde zu uns herunter
gekommen, als lebtet Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der
gleichen Zeit, nicht das nmliche Leben! -- Es ist, als machtet Ihr mit
jemand Experimente, als shet Ihr irgendwen unter dem Mikroskop an! Aber
das ist ja Eure eigene, Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn
so von oben herab an und zerlegt sie wie ein Kferchen? Ihr seid ja
selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!

Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs gleichfalls vornehm
vom Journalismus fernehielt, hatte Dostojewsky zu bekmpfen. N. Strachow
erzhlt uns darber folgendes: Ich trat erst spter in die
belletristische Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem
wissenschaftlichen Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit
scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen Hochmut
entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei zu entgehen
und bemhte mich, meine Artikel vollkommen auszuarbeiten. Diese
Bestrebungen riefen gewhnlich Theodor Michailowitschs Spott hervor:
Sie sorgen immer fr eine >Vollstndige Ausgabe< Ihrer Werke -- sagte
er. -- Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe erscheinen,
antwortete ich. Allein ich wurde bald in die Litteratur hineingezogen
und begann ihre Interessen mit grsserer Wrme ans Herz zu schliessen.
-- Wie immer dies nun sein mge, fhrt N. Strachow weiter fort, das
Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist bekannt. Am
Ende seiner Laufbahn, als er sich schon als vollstndiger Slavophile
bekannte, war er imstande, sich ber unsere Intelligenz und ihre
Bestrebungen fast mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als
die gewesen, die ihn in den Blttern des Denj (Tag) so sehr beleidigt
hatte. Was aber seine Vorliebe fr die feuilletonistische Form der
Zeitschriften betrifft, so ist sie bei ihm niemals ganz verschwunden. Er
zwang sich sogar manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein
Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den Jahren jedoch
wurde seine Art zu schreiben immer strenger; ja, auch frher schon
konnte man in seinen Feuilletons nicht wenige Seiten finden, welche eine
knstlerische Kraft und strenge Ausfhrung zeigten, die weit ber die
Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.

Wir begegnen also hier abermals einer von jenen Wandlungen tieferer
Natur, welche so oft im Leben Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern
verurteilt, von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschnigt
werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung nicht zutreffend, die
Beschnigung berflssig. Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es
zu oberflchlich ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt einer
ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz des Ausgangspunktes
hinzustellen. Die Beschnigung aber ist berflssig, weil Dostojewskys
Wandlungen und Wendungen nicht in den engen Krfte-Komplex gezwngt
werden drfen, die man gemeinhin Festigkeit, Charakter nennt. Was
ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen um ein unsichtbares
Zentrum zu durchlaufen, war jene Kraft, die jedes Urphnomen in sich
trgt und die meist erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern
und Moralisten rckblickend begriffen wird. -- Dostojewskys Lebensweise
entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, und es wre schwer zu
sagen, welche von der anderen bedingt war. Dostojewsky schrieb fast
ausschliesslich bei Nacht, erzhlt Strachow und es besttigt dies seine
Witwe. Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben hatte, blieb er
allein mit seinem Samovar, und whrend er einen khlen, nicht
allzustarken Thee schlrfte, schrieb er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er
stand um 2, auch 3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem
Empfang von Gsten, Spaziergngen und Besuchen bei Freunden.

Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich ein sehr unangenehmer.
Er schildert in dem Roman Erniedrigte und Beleidigte seinen eigenen
Zustand, wenn er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: Es ist
mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir herumzutragen, darber
nachzusinnen, wie ich sie schreiben werde, als sie in der That
niederzuschreiben, und doch war es nicht Faulheit. Was war es also?

Strachow antwortet darauf sehr richtig: Es war die berflle geistigen
Schaffens, die in ihm brodelte, fr die das Niederschreiben eine
Unterbrechung war. Dennoch phantasierte Theodor Michailowitsch oft
davon -- schliesst Strachow -- was fr wunderschne Dinge er
ausarbeiten knnte, wenn er die ntige Musse dazu htte. brigens waren,
wie er selbst erzhlt, die besten Seiten seiner Werke in einem Zug ohne
Umarbeitung entstanden -- allerdings als Folge innerlich schon
ausgetragener Ideen.

Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Krfte intellektuell und
materiell anspannenden Doppelthtigkeit des Schriftstellers und
Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen Redakteurs andererseits,
muss man sich den Dichter einer Krankheit unterworfen denken, die sich
durch die Aufregungen seines Berufes und seines huslichen Lebens nur
steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtgige
Gedchtnisschwche und Arbeitsunfhigkeit zurckliess. ber die Art, wie
seine Krankheit auftrat, hat er uns im Idiot eine genaue Schilderung
gegeben. Sie ist sehr merkwrdig und widerspricht eigentlich dem, was
wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem epileptischen Anfalle
gehrt oder gesehen haben. Strachow erzhlt uns als Augenzeuge eines
solchen Anfalles darber Folgendes:

Die Anflle seiner Krankheit ereigneten sich ungefhr einmal im Monat
-- das war der gewhnliche Verlauf. Allein manchmal, obwohl sehr selten,
waren sie hufiger; es kamen sogar zwei Anflle in einer Woche vor. Im
Ausland, das heisst bei grsserer Ruhe, aber auch infolge des
gnstigeren Klimas, kam es vor, dass vier Monate ohne einen Anfall
vergingen. Er hatte immer ein Vorgefhl des Anfalles, es konnte dies
indessen auch tuschen. Im Roman Der Idiot ist eine ausfhrliche
Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in solchem Falle
durchmacht. Ich selbst war zufllig einmal Zeuge, wie ein Anfall
gewhnlicher Strke Theodor Michailowitsch berraschte. Es war
wahrscheinlich im Jahre 1863, gerade am Char-Samstag. Er kam spt, um 11
Uhr abends, zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gesprch. Ich
kann mich des Gesprchsthemas nicht erinnern, aber ich weiss, dass es
ein sehr wichtiges und abstraktes Thema war. Theodor Michailowitsch ging
in gehobener Stimmung in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische.
Er sprach ber irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich seinem Gedanken
mit einer Bemerkung zustimmte, wendete er mir sein begeistertes Gesicht
zu, worin sich zeigte, dass seine Entzckung den hchsten Grad erreicht
hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte fr seine
Gedanken suchend, und ffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit gespannter
Aufmerksamkeit an, im Gefhle, dass er etwas Aussergewhnliches sagen,
dass ich eine Offenbarung hren wrde. Pltzlich entrang sich seinem
Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, und er sank
bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. Der Anfall war diesmal nicht
stark. Der ganze Krper streckte sich nur krampfhaft aus und in den
Mundwinkeln zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er zu sich,
und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es nicht weit dahin war.
Oft hatte mir Theodor Michailowitsch erzhlt, dass er vor den Anfllen
Minuten eines entzckten Zustandes habe. Fr einige Augenblicke --
sagt er -- empfinde ich ein solches Glck, wie es in einem gewhnlichen
Zustande nicht mglich ist und wovon andere keine Vorstellung haben
knnen. Ich fhle in mir und in der Welt eine vollstndige Harmonie, und
dieses Gefhl ist so sss und so stark, dass man fr einige Sekunden
solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja meinetwegen das ganze
Leben hingeben knnte.[20]

[Funote 20: Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwhnen, welche
der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiz im Jahre 1885 unter dem Titel
Dostojewsky als Psychopathologe in Moskau publizierte. Es ist fr uns
sehr wichtig, gerade aus dem Munde eines bedeutenden Fachmannes eine
Belehrung darber zu empfangen, wie sehr Dostojewskys Luciditt
in pathologischen Dingen einerseits durch seine eigenen
Krankheits-Erscheinungen erhht wurde, anderseits aber durch die Flle
seiner psychologischen Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und
Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst.
Nachdem Tschiz den Beweis erbracht hat, dass Dostojewsky in den 25
pathologischen Wesen, welche in seinen Romanen vorkommen, die
mannichfaltigsten Nuancen mit der feinsten Beobachtung ausgestattet und
nirgends einen Strich verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und
Epileptiker vom Dichter als einem Kompetenten behandelt werden, fgt
er folgendes hinzu: Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit ihm vieles
ber die krankhaften Zustnde der Seele erklrt, und vieles konnte er
aus der Selbstbeobachtung schpfen, doch ist es heute dem Arzt, schon
aus Achtung vor seiner Persnlichkeit und seinen Leiden, nicht
gestattet, vieles darber zu sagen. Hier aber trifft ganz besonders zu,
was Dostojewsky selbst sagte: Nicht auf den Gegenstand kommt es an,
sondern auf das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der
Gegenstand. Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner
Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige Sache,
was fr das eine ein Pom, das ist frs andere eine Wolke.

Diese letzte Anfhrung Tschiz' erhlt ihre Bekrftigung an jener Stelle,
wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows definierend, das
Axiom von Genie und Wahnsinn mit folgenden Worten widerlegt: Der
bekannte Satz, dass Genie und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch
nicht mehr als ein Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer
Mensch psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein
Hemmschuh fr sein Genie sein. Das Genie ist der strikte Gegensatz des
Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstnde tiefer, von viel mehr
Seiten als der gewhnliche Verstand; der psychisch Kranke sieht entweder
weniger als der Gesunde oder er kann im besten Falle etwas nur einseitig
-- und darum eben falsch -- begreifen.

Nun ist ja dem berhmten Psychiater nichts ferner gelegen, als diese
Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky selbst anzuwenden, so
klar ihm auch das Krankheitsbild des Dichters vor Augen steht. Zur Zeit,
da diese Studie geschrieben wurde und die Mitwelt noch unter dem
Eindrucke von Dostojewskys Genius stand, wrde es weder einem Laien noch
einem Fachmann eingefallen sein, des Dichters schpferische Phantasie
mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. Heute aber
und in unserem europischen Milieu, wo die Anschauung allmhlich Platz
gegriffen hat, dass Dostojewskys Schpfungen zum grossen Teil aus seiner
Krankhaftigkeit zu erklren seien, heute kann man es nicht genug
betonen, wie irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der
Wissenschaft betrachtet, in nichts zerrinnt.]

Eine Folge seiner epileptischen Anflle war die, dass er manchmal
zufllig beim Fallen heftig an etwas stiess. Selten zeigte sich Rte im
Gesicht, manchmal Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke das
Gedchtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach vollkommen
zerschlagen fhlte. Seine Seelenstimmung war dann auch eine sehr
gedrckte; er konnte seiner Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden.
Der Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten darin, dass er
sich als ein Verbrecher fhlte; es schien ihm, als drcke ihn eine
unbekannte Schuld, eine grosse Missethat nieder.

Welche Kraft mochte dazu gehren, solche Zustnde zu berwinden, und
trotz des geschwchten Gedchtnisses in wenigen Nchten zwei bis drei
Druckbogen fertig zu stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft
bedrfte, so wre es die rastlose Thtigkeit, welche der Dichter nun,
seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der Erfassung und
Beleuchtung der brennenden Tagesfragen entfaltete.

Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von 1861 bis 1881, seinem
Todesjahre, redigierten Zeitschriften folgen: die Wremja wurde, wie
oben gesagt, im Jahre 1861 gegrndet und erschien vom Januar dieses
Jahres bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflsung dieses
Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen kommen. In dieser
Monatsschrift erschienen, wie schon erwhnt, als Feuilleton-Roman Die
Erniedrigten und Beleidigten, ferner eine Reihe von Artikeln ber
Kunst, wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864 wurde die
Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankndigung, die wir weiter unten zu
bringen uns ebenfalls nicht versagen knnen. Diese Monatsschrift
erschien auch nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen
1865 und 1872 fllt ein langer Aufenthalt in Deutschland und Italien,
der Tod des Bruders, Schuldenlast, bse Zeiten berhaupt, ber die uns
manche seiner Briefe betrbenden Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich
bernimmt Dostojewsky die Redaktion des vom Frsten Meschtschersky
gegrndeten Grashdanin, dessen Feuilleton er zumeist selbst unter dem
Titel Tagebuch eines Schriftstellers besorgt. Spter, im Jahre 1876,
grndet er neben dem Grashdanin eine selbstndige Monatsschrift unter
dem gleichen Titel Tagebuch eines Schriftstellers, die zwei volle
Jahrgnge 1876 und 1877 durchlaufen hat, wovon aber, offenbar aus Mangel
an Subskribenten und Geld, spter nur im August 1880 und im Januar 1881
unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien. In der
Gesamtausgabe seiner Werke sind die Aufstze aus dem Grashdanin vom
Jahre 1873, sowie die Jahrgnge von 1876 und 1877 in drei Bnden
erschienen, wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren 1880
und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der neuen Monatsschrift
scheint gleich anfangs ein sehr grosser gewesen zu sein. Sie hatte im
ersten Jahre 2300, im zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg
drfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche Krfte wie
Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser Grigorjew, Strachow und den
Brdern Dostojewsky an der Arbeit teilnahmen.

Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der Belletristik geruht zu
haben und Theodor Michailowitschs Bestrebungen im eigentlichen Bereich
seiner volklich-religisen Mission entweder nicht genug betont, oder vom
Publikum nicht genug herausgefhlt und von den Slavophilen reinsten
Wassers nicht anerkannt worden zu sein; sonst htte unmglich jenes
Missverstndnis entstehen knnen, das schliesslich zum Verbot der
Monatsschrift und zu jenen Streitschriften fhrte, als deren eine ein
Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im weiteren Verlauf
unserer Aufzeichnungen Platz zu finden. Die ganze Sache, welche so
wichtige Folgen fr das Blatt und die Verhltnisse der Brder
Dostojewsky haben sollte, entstand durch einen Artikel N. Strachows ber
den polnischen Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir mssen hier
einiges ber die ehrliche und freundschaftliche Beziehung
vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow verband und spter das
volle Eintreten des Dichters fr Strachows Arbeit zur Folge hatte,
trotzdem er gleich anfangs eine gewisse litterarische Unzufriedenheit
ber dessen Abstraktheit und Unverstndlichkeit dem Autor gegenber
angedeutet hatte. Was Strachow ber ihre Beziehungen sagt ist
bezeichnend: Unsere damalige Freundschaft -- sagt er (Materialien p.
224) -- war, obwohl sie vornehmlich einen intellektuellen Charakter
hatte, damals doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der Menschen
hngt von ihrer beiderseitigen Natur ab und berschreitet auch bei den
gnstigsten Bedingungen nicht ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht
gleichsam eine Kreislinie um sich herum, ber die hinweg er niemanden
zulsst, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann. So fand unsere
Annherung ein Hindernis in unseren beiderseitigen seelischen
Eigenschaften, wobei ich mir durchaus nicht den geringsten Teil dieses
Hindernisses zusprechen will. ber Theodor Michailowitsch kamen manchmal
Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er argwhnisch: Strachow hat
niemand, mit dem er reden knnte, darum hlt er sich an mich. Diese
vorbergehenden Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf
unser gegenseitiges Verhltnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch
einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich, wieder zur Besinnung
gekommen, in einem unertrglichen seelischen Zustande. Alles reizte und
schreckte ihn, und er litt unter der Gegenwart der allernchsten
Freunde. Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu
schicken -- in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter, und so er erholte
sich nach und nach. Indem ich mich daran erinnere -- fhrt Strachow
fort -- so erneuere ich in meinem Gedchtnisse einige meiner besten
Empfindungen und denke, dass ich damals ein besserer Mensch war, als
heute.

Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt annahmen, welche dem
Blatte ein jhes Ende bereiten sollten, konnte Theodor Michailowitsch,
dem die rzte eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das
Redaktions-Bureau fr einige Zeit verlassen. So finden wir ihn auf einem
Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris, Kln, Dsseldorf, Mainz,
Basel und Genf, wo er mit Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie
gemeinsam nach Luzern, dann ber den Mont-Cenis nach Turin und Genua, wo
sie sich nach Livorno einschifften, um dann mittels Eisenbahn nach
Florenz zu gelangen. Spuren dieser ersten Reise finden wir nur in einem
Briefe an Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung fr das
Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen, ferner in
den Aufzeichnungen Strachows und in einem Aufsatze des Dichters, worin
er seiner Galle ber Paris und die Franzosen Luft macht und der unter
dem Titel: Winterliche Betrachtungen ber sommerliche Eindrcke im
dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten ist. In jenem Briefe drckt
sich der Dichter, er, dessen Kenntnis europischer Litteratur fast
ausschliesslich aus franzsischen Quellen geschpft war, der begeisterte
Verehrer Balzacs und Jnger der George Sand, ber die Franzosen in
natura folgendermassen aus: Der Franzose ist still, ehrenhaft, hflich,
aber falsch; und das Geld ist bei ihm alles. (In gallig-humoristischer
Weise finden wir diese Beobachtung im oben erwhnten Aufsatz illustriert
und mssen dabei der Romane Balzacs, dieses umfassenden Genies und
tiefen Menschenkenners denken, wo die Tugend zuletzt doch zu ihren
40-50000 Frs. Rente kommt.) Ideale keine. Nicht nur berzeugungen,
sondern berlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau der
allgemeinen Bildung ist usserst niedrig. (Ich spreche hier nicht von
den beeideten Gelehrten. Aber auch diese sind nicht zahlreich, und
brigens ist dann Gelehrtheit auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt
sind, dieses Wort zu verstehen?) -- Weiter fhrt er fort: Noch eins,
mein Tubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier die Seele von
Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, bengstigendes Gefhl. --
Freilich -- fhrt er fort -- war mir im Auslande bis heute alles
ungnstig; schlechtes Wetter und das, dass ich noch immer im Norden
Europas herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den Rhein
gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist wirklich ein Wunder!) Was
dann weiter sein wird, wenn ich von den Alpen in die Ebene Italiens
niedersteige? -- Ach! wren wir doch beisammen! Wir sehen Neapel,
spazieren in Rom herum -- liebkosen gar eine junge Venetianerin in der
Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?). Aber .... nichts, nichts und
Schweigen, wie im gleichen Fall Poprischtschin sagt.

Was Strachow ber jene Reise Dostojewskys sagt, welcher er sich von Genf
aus angeschlossen, ist nicht sehr viel. Er erwhnt Dostojewskys
Zusammenkunft mit Herzen in London, worber der Dichter selbst im
Feuilleton des Grashdanin vom Jahre 1873 erzhlt, und er meint, dieser
habe sich Herzen gegenber sehr weich verhalten, so dass die
winterlichen Betrachtungen ein wenig unter dem Zeichen dieses
Einflusses stnden. Spter aber, in den folgenden Jahren, habe
Dostojewsky oft seinen Unwillen darber geussert, dass Herzen nicht
imstande sei, den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die
Merkmale seines eigensten Wesens zu wrdigen. Der Aufklrungshochmut,
die verachtende Geringschtzung Herzens emprten Dostojewsky, der sie
sogar in Gribojedow, dem Verfasser des Stckes: Wehe dem Gescheidten,
gerade so verurteilte, wie in unseren Revolutionren und kleinlichen
Denunzianten. Was Strachow ber ihr Zusammensein in Italien erzhlt,
besttigt nur, was wir aus des Dichters spteren Dresdener Briefen
erfahren, nmlich, dass er nicht nur die gewhnliche, offizielle Art,
verschiedene merkwrdige Punkte mit einem Fhrer zu besichtigen,
verachtete, sondern sich berhaupt weder um die Natur noch um die
Kunstschtze eines Ortes kmmerte, sondern immer nur dahin ging, wo es
am lebhaftesten war und mglichst viele Menschen aller Kategorien und
Klassen zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die Uffizien
gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten Plan vorgingen,
der sie schnell zu den Meisterwerken gefhrt htte, so war Theodor
Michailowitsch schon sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort
gingen, ohne bis zur medicischen Venus gelangt zu sein. Dafr waren
ihre Spaziergnge in volkreichen Teilen der Stadt und ihrer Umgebung,
obwohl sie auch hier nicht bis zu den Cascinen kamen, sehr erfreulich,
sowie ihre Nachtgesprche bei einem Glase roten Nostranos.

Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow anfangs des Jahres
1863 im Wremja verffentlichte, erschien unter dem Titel Eine
verhngnisvolle Frage und behandelte den polnischen Aufstand, ein
Ereignis, ber welches die Meinungen noch nicht geklrt, die Parteinahme
jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt war, ohne dass
irgend ein Blatt noch das Wort darber ergriffen htte. Es waren
allerdings schon vor dem Aufstande Stimmen darber laut geworden, dass
Russland Polen eingenommen habe, wie eine schdliche Medizin, und es
wohl am ratsamsten wre, diese wieder von sich zu geben. Allein seit
Beginn des Aufstandes schwieg Alles. In diese Spannung hinein kam
Strachows Artikel, der unglcklicherweise so abstrakt gehalten war, dass
er von allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden
ihn als einen Abfall von der russischen Sache des Volkes; die Regierung
in ihrem Fhlorgan der Zensur sah eine Parteinahme fr die Polen gegen
die Obrigkeit darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass die
Polen und ihre Parteignger ihn von nun an zu den Ihren zhlten, den
Artikel abdruckten, sowie ihn auch die Revue des deux mondes brachte:
das Missverstndnis lag darin, dass Strachow die ltere Kultur der Polen
hervorhob, die sie ber das urwchsige russische Volkstum hinwegsehen
und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur eine ewig edelmnnische,
volksfeindliche gewesen sei und es bleiben werde und msse, hatte der
Autor so theoretisch und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es
verstanden, den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, der darin
lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die fr immer unberbrckbar zwischen
diesem Volke ritterlicher Vergangenheit und jenem ghnt, dessen ganze
Entwickelung auf den Elementen des Volkslebens sich langsam aufbaut.

In seiner Erluterung jenes Artikels sagt Strachow unter anderem: Der
polnische Aristokratismus ist an und fr sich sowohl, als auch im
Verhltnis zu den russischen Provinzen fr jeden Russen etwas
Widerwrtiges. Ja, er ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde
gerichtet hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus entwickelt und
erhlt sich noch heute durch eine alte Aneignung europischer Kultur.
Daraus geht hervor, dass das Bse auch in einer so guten Sache enthalten
sein kann, wie die Aufklrung eine ist, dass es manchmal besser ist, in
der Kultur zurckzubleiben, aber seine seelische Gesundheit zu bewahren
und nicht in jenen hoffnungslosen Zerfall von Bestrebungen und Gefhlen
zu geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem Sinne hatte
ich meinen Artikel Eine verhngnisvolle Frage betitelt. Ich war bereit
gradaus zu sagen, dass fr die Polen keine Rettung mehr mglich sei,
dass die Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe.

Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar ausgedrckt, es
stimmte nicht zu den gelufigen Anschauungen und wurde verkehrt
aufgefasst.

Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr zufrieden gewesen,
was Strachow anfangs verletzte. Als aber in der Folge das Blatt von
allen Seiten angefeindet und endlich auch durch die Zensur verboten
wurde, da war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr
persnlichen Replik gegen die Moskauer Wjedomosti dafr eintrat. Er
sagte unter anderem: Ja, was haben wir denn die ganzen drei Jahre her
in unserer Zeitschrift gepredigt? Eben dies, dass unsere (heutige
russische) von Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie
mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, dem russischen
Volke nicht passt; dass dies heisst, einen Erwachsenen in ein
Kindergewand zwngen, endlich, dass wir unsere Elemente, unsere
Grundlagen, unsere nationalen Grundlagen haben, welche Selbstndigkeit
und Selbstentwickelung verlangen; dass die russische Erde ihr neues Wort
sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal das neue Wort der
allgemein menschlichen Zivilisation sein und die Zivilisation der ganzen
slavischen Welt in sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen
unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale der Scholle
sehen knnen, whrend in jener Europas die Merkmale des Aristokratismus
und Exklusivismus zu sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir,
d. h. alle auf europische Art zivilisierte Menschen, uns von unserem
Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren haben, so sehr,
dass wir an unsere eigene russische Kraft, an unsere Eigenart nicht
glauben und uns wie Sklaven vor der Peterschen Hollnderei in den Staub
niederwerfen, ber das Wort nationale Grundlagen lachen und es als
einen Rckschritt, einen Mystizismus betrachten. So haben wir denn in
unserem Artikel auf das hingewiesen -- was Sie (der Gegner) auch im
Traum nicht wagen wrden -- auf das, was auch der Kaiser Alexander der
Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher eben aus Achtung fr die
polnische Zivilisation den Polen hhere Einrichtungen gab, als den
Russen, die er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als jene
...

Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen und Bestrebungen
vollkommen entsprechend, jedoch, wie es scheint, war er blind fr das,
was das Blatt _thatschlich_ an politisch-nationaler Mission in diesen
drei Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst sagt, der
belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzglicher gewesen, als
der politische, der eigentlich noch nicht in dem Fahrwasser gewesen sein
muss, wie wir es bei den spter von Dostojewsky redigierten
Zeitschriften sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall besttigt,
den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow machte und
welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: Aksakow schreibt 6. Juli 1863:
... Sie berufen sich vergebens auf die Richtung der Wremja.
Obgleich sie fortwhrend darber schrie, dass sie eine Richtung habe,
hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die Bedeutung eines
guten belletristischen Journals gehabt, das reiner und ehrenhafter war
als andere, aber ihre Prtensionen waren allen lcherlich. Dort konnten
gute Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., allein dies
alles hat der Wremja keinerlei Farbe, keinerlei Kraft gegeben. Es
gebrach ihr an hheren sittlichen Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit
hherer Ordnung. Sie hat die Unverschmtheit gehabt, in ihrem Programm
auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das in der
russischen Litteratur die Existenz eines russischen Volkstums entdeckt
und proklamiert habe! Es giebt keinen so grossen Feind des
Slavophilentums, den dies nicht empren wrde. Und dann die naive
Verkndigung, dass das Slavophilentum eine berlebte Sache sei und der
Weg zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der Wremja zu finden sei! Die
Slavophilen knnen alle, bis auf den letzten, sterben, dennoch wird die
von ihnen eingeschlagene Richtung nicht zu Grunde gehen -- und damit
verstehe ich diese Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit,
nicht fr den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums
zugerichtet. -- Dieses Buhlen um die Gunst des Publikums, dieser Wunsch,
den Unseren und den Eueren zu dienen, dieses Von-oben-herab- und
verchtliche Traktieren der Slavophilen im ersten Programm der Wremja,
das ist's, was dieses Journal in der ffentlichen Meinung zu Falle
gebracht hat, whrend wir Slavophilen, wie Sie wissen, _nirgends_, nicht
mit einem einzigen Worte an die Wremja gerhrt haben, weil unsere
berzeugungen eben keine Frage persnlicher Eigenliebe sind ....
brigens kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstmlicher
Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, um das
gebundene Volksgefhl in uns freizumachen, die ist -- Petersburg zu
hassen mit unserer ganzen Seele und allen unseren Krften. Ja, man kann
sich berhaupt nicht zum christlichen Glauben bekennen (und das
Slavophilentum ist nichts anderes als eine hhere Verkndigung des
Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen und
loszuspucken[21].

Strachow bringt diesen zornsprhenden Brief hauptschlich darum, weil
einige darin befindliche Worte der Anerkennung ber die Zeitschrift sich
doppelt vorteilhaft von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben.
Eine weitere Erluterung knpft er an den Vorwurf der Petersburgerei und
verwahrt sich dagegen, da weder er noch die Brder Dostojewsky, noch
einer der anderen Mitarbeiter Petersburger seien, sondern echte
Moskowiten, in denen ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein
starkes Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung gegen das
kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt hatte.

Fr uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und Bezeichnende die
Kluft, welche damals noch zwischen den Heisssporn-Slavophilen und
Dostojewsky bestand und welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren
immer rckhaltslosere Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings bei
Aufrechthaltung _seiner_ Eigenart, immer kleiner wurde. Die Zeitschrift
wurde also verboten, was den Herausgeber Michail Michailowitsch in
grosse Geldverlegenheiten strzte, da die Subskriptionsgelder schon
eingelaufen und verbraucht waren, nun aber zurckgegeben werden mussten,
und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt innegehabten
Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb durch die Feder angewiesen
war und eine grssere Familie zu erhalten hatte.

[Funote 21: Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung
gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges, viel und ernst
gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschtzenden Ausdrcke der
Russen ist. Ich habe mich mit Europa auseinandergespuckt, sagt
Dostojewsky ganz ernst an einer Stelle im jungen Nachwuchs.]

Indessen war es fr Theodor Michailowitsch, auf dessen Gesundheit der
erste Aufenthalt im Auslande sehr gnstig gewirkt hatte und der nun
durch die Auflsung des Journals freier wurde, notwendig geworden,
abermals Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal auf den
Weg nach Europa. Hier erzhlt Strachow, Dostojewsky habe schon bei
seinem ersten Ausfluge nach Paris Bekanntschaft mit dem Roulettespiel
gemacht und sei so glcklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen
habe, was ihm fr die Reise sehr zu statten gekommen sei, in ihm aber
die Erwartung zurckgelassen habe, er werde ein anderes Mal vom Glck
ebenso begnstigt werden. Es war die Lockung des Spiels gerade fr ihn
eine doppelte. Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den
wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die Nahrung, deren
er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, ohne die er nicht leben
konnte, so fand der feine und scharfe Beobachter in der ganzen Situation
eine Flle von Details, die er in seinem Gedchtnis aufspeicherte, im
Verhalten der Mitspielenden alle jene Nancen menschlicher
Leidenschaften und Triebe ausgedrckt, die er aus seinem eigenen Wesen
heraus so wohl verstand und zu deuten wusste.

Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja viele der
tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen des Menschwesens in
Dostojewskys Werken, und wenn irgend einer dazu berufen ist, uns die
neue Ethik des Vollmenschen in seiner grssten Kompliziertheit und
Verstricktheit von gut und bse zu verknden und zu sagen: Sieh', dies
ist der Mensch und so ist es gemeint, dass du ihn lieben sollst, so ist
es Dostojewsky, der bei aller Hassenskraft, die er gegen das Laster
ausstrmt, bei allem Zorn, mit dem er Irrtmer des Geistes und
namentlich des _Herzens_ verfolgt und vertilgen mchte, doch der Einzige
ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was man mit dem Leben und
Lieben eigentlich alles anfangen kann.

Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter Reise ist sein Roman:
Der Spieler. Hren wir in einem Briefe an Strachow, vom 30. September
1863, was er selbst darber sagt. Natrlich spielt sich hier, wie immer,
die alte Geschichte ab -- _die Idee_ zum Roman ist da, Geld keines --
also voraus verkaufen, die Beschwrungen, die zwingenden Wiederholungen,
das Ausrechnen, bis zu welchem Tage das Geld eintreffen _msse_, sonst
sei er verloren, kurz das ganze heftige, aufreibende berreden und
berzeugenwollen, wie wir es schon kennen! Er fhrt also fort: _Jetzt_
habe ich nichts fertig. Allein es hat sich ein ziemlich (wie ich selbst
urteile) gnstiger Plan zu einer Erzhlung in mir aufgebaut. Er ist zum
grssten Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon anfangen
wollen, ihn aufzuschreiben, allein -- es geht hier nicht. Es ist sehr
heiss und zudem bin ich an einen solchen Ort, wie Rom ist, auf _eine
Woche_ gekommen. Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben?
Auch ermde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner Erzhlung ist
folgendes: -- ein Typus des Russen im Auslande. Bemerken Sie: ber die
Russen im Auslande wurde diesen Sommer in den Journalen viel
geschrieben. Das alles wird in meiner Erzhlung einen Widerhall finden.
Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige Zustand unseres internen
Lebens wiederspiegeln (so weit als mglich natrlich). Ich nehme eine
Natur, die Unmittelbarkeit besitzt, dabei hochentwickelt, in allem
unfertig, dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, nicht zu
glauben, sich gegen die Autoritten auflehnend und sie doch frchtend.
Er beruhigt sich damit, dass er nichts in Russland zu thun habe --
daher: strenge Kritik der Leute, welche aus Russland die im Ausland
Weilenden herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzhlen. Es ist
eine lebendige Person -- (er steht frmlich leibhaft vor mir) -- man
wird es lesen mssen, wenn es geschrieben sein wird. Der Hauptwitz dabei
ist der, dass alle seine Lebenssfte, seine Kraft, Energie, Khnheit --
alles von der _Roulette_ verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und kein
gewhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter Puschkins ein
gewhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus keine Vergleichung meiner
selbst mit Puschkin, ich sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in
seiner Art ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst
dieser Poesie schmt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit
empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des _Risiko_ ihn in den eigenen
Augen hebt. Die ganze Erzhlung ist eine Erzhlung davon, wie er schon
das dritte Jahr in den Spielhusern Roulette spielt.

Wenn das Tote Haus die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gelenkt
hat, als eine Darstellung von Strflingen, welche niemand vorher aus
eigener Anschauung geschildert hatte, so wird diese Erzhlung unbedingt
durch die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des
Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, dass
solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem Interesse gelesen werden,
hat das Hazardspiel in den Badertern, besonders in Bezug auf die im
Auslande befindlichen Russen, eine gewisse Bedeutung.

Endlich glaube ich annehmen zu knnen, dass ich alle diese hchst
interessanten Vorwrfe mit feinem Gefhl, mit Vernunft und in einem
Fluss darstellen werde.

Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, wie man auf
dieses noch nicht geschriebene Buch bei Boborykin, dem damaligen
Redakteur der Lesebibliothek, voraus Geld nehmen knne. Michael
Michailowitsch protestierte vergebens dagegen, dass sein Bruder eine
Arbeit bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er htte es vorgezogen,
dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis der Bruder sie in einem
neu zu grndenden Blatte herausgeben knnte. Allein die Not drngte, so
wurde man Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurck.
Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, sondern erst
viel spter, im Jahre 1867 unter Umstnden, welche eine grosse Wandlung
in des Dichters Leben herbeizufhren bestimmt waren. Das vorher
genommene Geld musste endlich nach Grndung der Epocha auf Drngen
Boborykins wieder herausgegeben werden.

Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, breitet sich auch
sehr ber die Nebenumstnde und Details jener Geldkalamitt aus,
unterlsst es aber merkwrdigerweise, hier ber die abermals unrichtige
Wertschtzung des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu
verlieren. Wer aber konnte darber im Zweifel sein, dass hier wieder ein
solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten des Dichters mit unterlief,
wie damals, als er den Roman in neun Briefen den Armen Leuten an die
Seite stellte. Allerdings ist Der Spieler knstlerisch als Ganzes
genommen eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo der Spieler
das geliebte Mdchen am spten Abend in seinem Hotelzimmer zurcklsst
und zum Roulettetisch eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stck das Geld zu
gewinnen, das sie von dem zweideutigen Franzosen retten soll, der ihren
Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen giebt es nicht allzuviele in der
Weltlitteratur. Der Spieler hat nmlich mit dem letzten Goldstck
unerhrtes Glck gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000;
von einem Tisch zum andern ist er im Glckstaumel gewankt, ihm nach die
Rotte, die sich an die Fersen der Glcksritter hngt. Ein Spielsaal nach
dem anderen wird geschlossen, er bleibt bis zuletzt -- endlich, es ist
lngst Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurck. Er tritt in sein
Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr steht eine angezndete
Kerze auf dem Tische. Sie sieht ihn verblfft an -- er hatte sie
vergessen, ihre Situation, die Ursache seines Spiels und ihres
Hierseins. Man kann wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich
das Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von Liebe und
Gefahr durchdmmerte, in Qualen hingebrachte Warte-Nacht des Mdchens,
das ihm in sprachlosem Erstaunen zusieht, wie er den Inhalt seiner
vollen Taschen triumphierend vor sie hin auf den Tisch schttet. Bei
aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit mancher
anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen Zeichnung der alten
Grossmutter, kann man nicht begreifen, wie Dostojewsky so nach --
Publicisten-Art die Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die
Seite stellen kann. Es mchte uns fast scheinen, als wirkten da zwei
Faktoren mit, um seine Objektivitt, die ohnedies sehr gering war, zu
paralysieren. Erstens die allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, ber
ihre eigenen Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens
jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis auf die
Grsse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes erstreckte. Das Volk
htte uns gerichtet, und wir haben es verdient, sagt er wiederholt;
wie htte er dies Buch anders taxieren sollen, als eine, auf eigene
Anschauung gesttzte Darstellung persnlicher Erlebnisse?

Dostojewsky musste natrlich der Spieler sehr am Herzen liegen, da er ja
nicht nur den Augenschein schilderte, sondern den Seelenzustand, den
er selbst mehrmals in verhngnisvoller Weise durchgemacht hat.
Unwillkrlich sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen
kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern Karten spielt und
in seiner Ungeduld das Glck korrigiert; und doppelt verstndlich wird
uns die Mission des Dichters, der selbst so viel vom Stoff der Schuld
in sich getragen.

Von den persnlichen Erlebnissen des Dichters in der Zeit von 1862-64
haben wir ausser den oben von Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig
Kenntnis. Seine Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl
im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; auch die
Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, Maikow und anderen scheint
entweder zu stocken, oder es ist nach allem, was wir vermuten drfen,
den noch Lebenden eine Piettverletzung, etwas von ihren Schtzen einem
weiten Kreise mitzuteilen. Wir knnen jedoch insofern getrost auf
gewisse intimere Details verzichten, als wir uns gerade bei Dostojewsky
nichts aus den Legenden holen knnten, die das Leben grosser Dichter
umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder weniger von den
kleinen Episoden seines Lebens in unsere Schilderung einzureihen;
Episoden, die ihn nicht erhellen, sondern vielmehr von seinem ein fr
allemal feststehenden Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten.
Zudem gehrte sein Denken und Fhlen ganz der Allgemeinheit; _da_ ist es
also, bei den grossen Ereignissen der Heimat und den grossen Interessen
der Menschheit, wo wir ihn aufsuchen mssen.

Des Dichters Rckkehr nach Russland scheint durch die Verschlimmerung im
Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas ihren Grund gehabt zu haben. Wann
sie stattfand, weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja
Dmitrjewna war von den rzten nach Moskau geschickt worden und das wohl
bald nach den grossen Petersburger Brnden, den polnischen Unruhen und
ihres Gatten Abreise, also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere
Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurckkunft. Wir finden
ihn im November dieses Jahres in Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da
ihn geschftliche Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem
handelt es sich um die Erlaubnis zur Grndung eines neuen Journals, dem
die Brder den Namen Die Wahrheit geben wollen.

Um den Lesern darber Klarheit zu geben, dass sich unter dem neuen Namen
das Blatt und seine Richtung kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der
ersten Zeile darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit
(Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, welche nach dem
Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten war, wusste nicht mehr recht,
was zu gestatten, was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzglich, und
so musste man sich fr Epocha entscheiden. In welcher Weise Theodor
Michailowitsch ber die Pflicht der Wahrheit auf breitester Basis
dachte, bezeugt die Stelle in einem Briefe an den Bruder, wo es heisst:
Der zweite Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den
Leitartikel haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen Romans und
jenes von Pissemsky wrden grossen Effekt machen und, was die Hauptsache
ist, unserem Programm gemss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen
und beiden gerecht werden -- also: Wahrheit.

Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse Erfolg der durch ein
Missverstndnis eingegangenen Wremja machte die Brder ber den zu
erwartenden Erfolg der Epocha allzu sanguinisch sicher. Unter den
Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, Njekrassow und der
glnzende Kritiker Apollon Grigorjew. Indessen hatte das Blatt sehr bald
gegen intellektuelle und materielle Hindernisse anzukmpfen. Zu den
tieferen Schden gehrte die Abwendung der oben genannten berhmten
Dichter, welchen die immer strker zu Tage tretende slavophile Richtung
der Brder nicht zusagte, die schnell aufeinander folgenden Todesflle,
deren Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch und
zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge davon war in erster Linie der
Irrtum im Publikum, dass der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es
bewunderte, woraus eine geringere Teilnahme und Subskription entstand,
welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten der
Redaktion nach sich zog. Die ersten Hefte waren, da der Dichter in
Moskau am Krankenbette seiner Gattin weilte, in der Petersburger
Typographie sehr schleuderhaft hergestellt worden, mit unzhligen
Druckfehlern und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das
Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor hatte sagen wollen.
Nichtsdestoweniger mhte sich Theodor Michailowitsch bermenschlich,
schrieb in wenigen Nchten 2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf
nahezu 40 Druckbogen. Ein weiteres usseres Hindernis zum Aufschwung des
Blattes war die Gemchlichkeit, mit welcher sich die Zensur ihrer Arbeit
entledigte. Strachow bringt dafr Daten, die unglaublich klingen, doch
authentische Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten
Entscheidungen der Zensurbehrde sind. So wurde das Mrzheft am 23.
April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft am 20. August, das Juliheft
am 19. September, das Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am
22. November, das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft am
24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am 25. Januar 1865 freigegeben.

Zu den grssten Missstnden rechnet Strachow jedoch die sanguinische
Selbsttuschung der Brder und ganz besonders ihre Unfhigkeit, eine
Sache stetig und praktisch durchzufhren. Strachow breitet sich ber die
Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, die er in einer
allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen Steigen und Sinken von
Stimmungen findet, und schliesst mit folgender konkreten Darstellung:
Was die Dostojewskys betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch
durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; er war
ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor Michailowitsch jedoch war,
ungeachtet seines raschen Geistes, ungeachtet der erhabenen Ziele -- ja,
besser gesagt: gerade infolge dieser hheren Ziele -- ausserordentlich
unpraktisch. Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut;
allein er that dies mit Anlufen, mit sehr kurz anhaltenden Anlufen,
war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und das Chaos wuchs in
jeder Minute um ihn herum. Die Epocha wurde ohne einen Heller
gegrndet. Als sie einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht
nur die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch jenen Teil
der Erbschaft von einer reichen Moskauer Tante (etwa 10000 Rubel fr
jeden der Brder), die sie sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000
Rubel Schulden, welche nach Eingehen der Wremja Michael Michailowitsch
zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die Epocha fr das Jahr
1865 noch immer 1300 Abonnenten aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne
alte Lasten, htte sie sich erhalten knnen. So aber zerflatterte alles
und Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des Bruders, 15000
Rubel und dessen unversorgter Familie zurck.

Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, welcher in dieser Zeit
als Sekretr der russischen Gesandtschaft in Kopenhagen lebte, erzhlt
im Detail die Widerwrtigkeiten der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem
Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persnlichen Anteil daran und
seine privaten Verhltnisse beziehen. Es ist dies derselbe Brief vom 31.
Mrz 1865, dem wir weiter oben die Stelle ber Marja Dmitrjewnas Tod
entnommen haben. Nach der Erzhlung des Todes seiner Gattin nimmt
Dostojewsky jene seiner Kalamitten folgendermassen auf:

Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit wurde auch sein
Leichenbegngnis bestritten. Ausserdem blieben gegen 25000 Rubel
Schulden, wovon 10000 nicht bengstigend fr die Familie waren, 15000
jedoch auf Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, mit
welchen Mitteln er htte noch sechs Nummern des Journals herausgeben
knnen (er starb im Juli 1865). Allein er hatte einen ungeheuren Kredit
und konnte ausserdem Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen.
Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel zusammen. Keine
Kopeke zur Herausgabe, dabei aber noch sechs Nummern auszugeben, was im
Minimum 18000 Rubel kostete, und berdies die Glubiger zu befriedigen,
wozu 15000 Rubel ntig waren -- also 33000 R. um den Jahrgang zu
vollenden und eine neue Subskription zu erreichen. Seine Familie blieb
buchstblich aller Mittel bar -- am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige
Hoffnung, und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich im
Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben zwei Wege brig:
1. das Blatt nicht weiterfhren, es, da ein Journal immerhin einen
Besitz reprsentiert, den Glubigern samt den Mbeln und dem ganzen
Hausrat bergeben und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten,
litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und Waisen des Bruders
erhalten. 2. Geld aufnehmen und die Herausgabe fortsetzen, koste es, was
es wolle. Wie schade, dass ich mich fr das Erstere nicht entschieden
habe. Die Glubiger wrden natrlich kaum 20% erhalten haben, aber die
Familie htte die Erbschaft abgelehnt, wre dadurch gesetzlich von jeder
Zahlung befreit gewesen. Ich, meinerseits habe diese ganzen fnf Jahre
an der Arbeit beim Bruder und fr die Journale 8-10000 Rubel jhrlich
verdient. Folglich knnte ich sie und mich ernhren -- natrlich wenn
ich mein ganzes Leben vom Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich
habe den zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben.
brigens war ich es nicht allein, der so whlte. Alle meine Freunde und
frheren Mitarbeiter waren derselben Meinung.

Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden mussten, ich wollte
nicht, dass eine schlechte Meinung das Andenken seines Namens beflecke.
Dafr gab es ein Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen
Teil der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr zu Jahr
besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn die Schulden bezahlt
wren, das Blatt irgend jemand abgeben und die Familie des Bruders
sichern. Dann wrde ich aufatmen, dann wrde ich wieder anfangen, das zu
schreiben, was ich schon lange auf dem Herzen habe.

Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, bat mir bei einer
reichen alten Tante 10000 R. aus, die sie in ihrem Testament als meinen
Anteil bestimmt hatte, und setzte, nach Petersburg zurckgekehrt, die
Herausgabe des Blattes fr diesen Jahrgang fort. Allein die Sache war
schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis der Zensur zur Herausgabe
des Journals eingeholt werden. Man zog die Sache so hinaus, dass das
Juniheft erst Ende August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar
nichts damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur
gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu setzen, weder als
Herausgeber noch als Redakteur. Ich musste mich zu energischen
Massregeln entschliessen: Ich begann in drei Druckereien auf einmal
drucken zu lassen, sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. -- Ich
allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich mit Autoren und
mit der Zensur herum, besserte Artikel aus, bemhte mich um Geld, sass
bis sechs Uhr morgens auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich
Ordnung in die Sache brachte -- es war zu spt. -- -- Was mich das alles
gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, dass ich bei all dieser Zwangs-
und Schmutzarbeit nicht imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile
Eigenes zu drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar nicht und
sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, wusste es nicht, dass ich
das Blatt redigiere. Und pltzlich brach bei uns eine allgemeine
Journal-Krisis herein.

Oh, mein Freund, gern wrde ich abermals ins Gefngnis auf ebenso viele
Jahre wandern, knnte ich dadurch alle Schulden bezahlen und mich wieder
frei fhlen. Jetzt werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der
Rute zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird
effektvoll werden, aber brauch' ich nur das! Die Arbeit aus Not um des
Geldes willen hat mich erstickt und zerstrt. -- -- Ich habe Ihnen nun
alles beschrieben und sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines
Geistes und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung davon
gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange wir schriftlich
verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben und kann ber mich nicht in
bestimmten Grenzen schreiben. brigens ist das auch schwer: viele Jahre
liegen zwischen uns, und was fr Jahre! -- --

Im Auslande bin ich zweimal gewesen -- im Sommer 1862 und 1863. Jedesmal
bin ich auf drei Monate fortgegangen. Ich war in Deutschland (fast
berall), in der Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch berall).
Meine Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher
Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, alljhrlich auf drei
Monate zu verreisen, umsomehr, als das in materieller Beziehung bei der
Teuerung unseres hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte
reisen, um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen und um so
tchtiger die weiteren neun Monate des Jahres in Russland zu arbeiten.
Allein im vorigen Jahre hat des Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig
hier zu bleiben. Und wie htte ich das Bedrfnis, wenigstens auf einen
Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, zu
erneuern .... usw.

Mit diesem Briefe -- sagt Strachow -- kann man einen besonderen
Abschnitt in Dostojewskys persnlichem Leben abschliessen, die Periode
von seiner Zurckkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der
Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt
zurckblieb. Das Lebensgefhl, von dem er spricht, hat ihn nicht
betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hlfte seines Lebens: ihn
erwarteten sehr grosse Mhen und Beschwerden, allein zugleich auch neue,
hhere Schpfungen seines Talents, ein neues, schnes Familienleben,
unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berhmtheit und endlich,
in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, gengendes Auskommen
und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und
angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 Schuld und Shne
(Raskolnikow), 1868 Der Idiot, 1870 Die Besessenen. Strachow
schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die Epocha
eingegangen war und seine Krfte nicht aufbrauchte. Theodor
Michailowitschs briges Leben, fhrt Strachow fort, kann man von hier
an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, whrend welcher
alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar
und zum grssten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche
mit der Rckkehr nach Russland begann (1872-1881), reprsentiert die
neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des
Grashdanin und des Tagebuchs -- allein das ist eine weniger
beschwerliche, verhltnismssig ruhige, und nach aussen durch die
Ordnung der Verhltnisse -- und den ffentlichen Erfolg sich immer
glcklicher gestaltende Periode.




                                 VII.
            Zweite Vermhlung; Schuld und Shne; Abreise.
                             (1865-1867.)


Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine
wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden
datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon
wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie
Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar
dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis
dahin bedeutendsten Werkes: Schuld und Shne -- und am 4. Oktober
desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine knftige
zweite Gattin, kennen.

   Schuld und Shne -- oder, wie es in manchen bersetzungen
   heisst, Raskolnikow -- ist jenes von Dostojewskys Werken,
   welches in allen europischen Lndern die grsste Verbreitung
   gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden
   ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen
   Schtzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher
   die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es
   das Packende, Sensationelle des Romans, das zndete, sodass sich
   das Interesse daran wie ein Lauffeuer ber einen ungeheuren Kreis
   verbreitete. Als das Buch endlich in die Hnde der sthetischen
   Kritiker gelangte, da fanden erst seine knstlerischen
   Eigenschaften ihre Wrdigung. Hatte also frher das grbere
   litterarische Bedrfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war
   es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das
   Werk auf ein hheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie
   hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um
   aus den inneren Zusammenhngen der geschilderten verbrecherischen
   Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters
   herauszulsen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur
   bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht
   Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben
   selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans
   in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem
   Aufwand einer grossen schpferischen Kraft durch die Beobachtung
   der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten
   Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man
   einerseits mit Dostojewskys Schpfungen sowohl als mit seinem
   Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner
   Art zu erzhlen, die wohl vorbereiteten berraschungen, sowie der
   feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein
   Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem
   Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die
   gleichen usseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine
   neutrale Atmosphre fr das neue Wort, das es mit jedem neuen
   Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete.
   Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf
   das Knstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen
   haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und
   nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein
   verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit,
   nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklrt und sie
   weiterfhrt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern
   ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck
   dieses Werkes fr die Russen aus diesen Forderungen heraus zu
   formulieren, und in der That: liest man die Flle von russischen
   Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man
   die Flle von Anregungen, welche es gerade dem russischen
   Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen
   allgemein-menschlichen Vorzgen, bei seiner hohen knstlerischen
   Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns
   haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in
   seinen Axiomen, so ungelst in seinen Fragen und so
   hoffnungsvoll-glubig in die Zukunft, wie Russland selbst.

   Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur ber Russen und fr
   Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus
   Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene
   Stellen immer wieder, wo es heisst: Ich muss erst in Russland
   sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen. So
   bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den
   Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er
   schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurckkunft nach
   Russland schreiben werde, offenbar auf Schuld und Shne, -- da
   dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen
   Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach
   der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfllt
   sind, so bin ich berzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen
   Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland
   zurckkomme. Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe
   ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen,
   dass der erste grssere Roman, den er in Russland schrieb, jener
   lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er Russland brauchte:
   Schuld und Shne.

   Die Fabel des Buches ist hchst einfach. Bin junger,
   aussergewhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer
   elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht,
   versteckt sich in seinem Winkel und trumt dahin. Seine hohe
   Begabung und seine Kenntnisse befhigen ihn zu dem hchsten
   Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten,
   die ihr Leben mit ihrer Hnde Arbeit verdienen und es ohne
   Demtigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere
   Empfindung, und es bedrckt ihn sehr, dass seine Mutter und
   Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das
   Ntigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze
   Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthtigkeit
   und ein schwchliches Trumen steigern die Schlaffheit seines
   Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglckungs-Ideen
   peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie
   der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses
   thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens
   ein Stck Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen -- ein altes
   Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit
   sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon
   I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert
   worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein
   Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer
   Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr
   Macht ber den unbeschftigten, widerstandslosen Jngling mit der
   Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle
   Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fllt, empfindet
   aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergrbt
   die aufgefundenen Wertgegenstnde unter einen Stein im Hofraum
   eines entlegenen Hauses, verfllt aber bald danach in ein
   hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich
   verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen
   seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die
   Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der
   Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zufhren. Im Epilog
   ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Shne ausgesprochen.
   Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im
   Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch
   unendlich Reinen, eingeleitet.

   Wir haben also das Problem einer Selbstvergttlichung vor uns,
   die sich das Recht zuspricht, ber Menschenleben zu richten und
   Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen
   Erstaunen keine Erhhung des Gottheitsgefhls erfhrt und eine
   Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mdchen
   kennen lernt, das seine Jungfrulichkeit fr den Trunkenbold von
   einem Vater, die schwindschtige Stiefmutter und die hungrigen
   kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse
   Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefhl tiefen
   Mitleids fr seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er
   von einem rtselhaften Bedrfnis getrieben, sich ihr
   anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht
   Liebe zu dem Mdchen -- er will nur reden, einen Teil seiner
   Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehrt knstlerisch und
   menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben
   worden. Sie ist bekannt und wir knnen nicht bei den psychologischen
   Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk
   aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der
   Erzhlung immer klarer wird, was fr Motive ihn getrieben haben,
   wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst usserliche
   Beweggrnde zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas
   Fragen immer tiefer in sich hineingefhrt wird, aus dem
   Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den
   Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu tten,
   da er strker ist als die andern -- wie das alles eingeleitet,
   gesteigert und durchgebildet ist, darber hat die sthetische
   Kritik Europas lngst ihr Wort gesprochen. Fr den russischen
   Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmhlichen
   Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die
   aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mrder einen Augenblick ber
   sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass;
   die Scham, auch eine Laus zu sein wie alle andern, und endlich
   die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas,
   welche dem Snder das Christentum aufschliesst. Wir mssen hier,
   obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die
   bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken ber die echt
   russische Auffassung des Dichters ber menschliche Schuld und
   Shne durch seine eigenen Worte zu bekrftigen.

   Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzhle abermals nicht
   recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin
   ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass
   sie dumm sind -- dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann
   habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle
   gescheit werden, dies allzu lang dauern wrde. -- Dann habe ich
   weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die
   Menschen sich nicht ndern werden und niemand da ist sie
   umzuarbeiten, und dass es nicht der Mhe wert wre! Ja, so ist
   es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ...
   Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im
   Geiste, der ber sie mchtig ist! Wer viel wagt, der hat bei
   ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr
   Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am
   meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer
   sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!

   Ich bin damals darauf gekommen -- fuhr er in feierlichem Tone
   fort -- dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich
   zu bcken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur
   Eines: es heisst nur wagen!

   Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in
   meinem Leben -- ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir
   ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir pltzlich so klar wie die
   Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute
   niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser
   Abgeschmacktheit vorbergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu
   fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich
   dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte
   ich mich, Sonja -- da hast Du die ganze Ursache!

   O, schweigen Sie, schweigen Sie! rief Sonja, die Hnde
   zusammenschlagend. -- Von Gott haben Sie sich entfernt, und Gott
   hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel bergeben!

   Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so
   dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?

   Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslsterer -- nichts,
   nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er begreifen!

   Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss ja
   selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja,
   schweige! wiederholte er finster und nachdrcklich -- ich weiss
   alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflstert,
   als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich schon mit mir
   selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten Zug, und weiss
   nun alles, alles! Und so berdrssig ist mir damals dieses ganze
   Geschwtz geworden, so berdrssig! Ich wollte alles vergessen
   und frisch anfangen, Sonja, und aufhren zu schwatzen! Und
   glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein Dummkopf, aufs
   Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, und das ist's,
   was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst Du denn, ich htte
   nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, wenn ich schon anfing
   mich selbst zu fragen: habe ich das Recht zur Macht? -- ich schon
   kein Recht zur Macht mehr habe? Oder wenn ich die Frage stelle:
   ist der Mensch eine Laus? er fr mich keine Laus mehr ist,
   sondern fr den, dem das auch gar nicht in den Kopf kommt und der
   geradeaus hingeht .... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der
   Frage herumqulte, ob Napoleon hingehen wrde oder nicht, so
   fhlte ich ja schon deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die
   ganze, ganze Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten,
   Sonja, habe alles das loswerden wollen, ich habe gewnscht, ohne
   Kasuistik umzubringen, fr mich zu tten, fr mich allein! Ich
   habe darin auch mich selbst nicht belgen wollen! Nicht um der
   Mutter zu helfen habe ich gettet -- Unsinn! Nicht darum habe ich
   gettet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt htte, ein
   Wohlthter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach
   gettet, fr mich gettet, fr mich allein, ob ich aber irgend
   jemandes Wohlthter geworden wre, oder mein Leben lang wie eine
   Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssfte
   ausgesogen htte, das htte mir in jenem Augenblick ganz gleich
   sein mssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptschlich
   brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich so sehr
   ntig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles ....
   Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend,
   niemals mehr einen Mord wiederholt htte. Mich verlangte es, ein
   anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand dahin; ich
   musste wissen, so schnell als mglich wissen, ob ich auch eine
   Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde ich es
   vermgen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich's nicht
   vermgen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu bcken oder
   nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht
   ...

   Zu tten, das Recht zu tten habt Ihr? rief Sonja hnderingend.

   Eh, Sonja! rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern,
   hielt sich aber verchtlich zurck. -- Unterbrich mich nicht,
   Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals der
   Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt hat, dass ich
   kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche Laus bin,
   wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, und nun siehst Du,
   bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich keine Laus
   wre, kme ich da zu Dir? Hre: als ich damals zur Alten ging, da
   ging ich nur hin, um zu probieren ... das wisse!

   Und gemordet haben Sie, gemordet!

   Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, geht man
   denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? Habe ich
   denn die Alte umgebracht? Mich habe ich umgebracht und nicht die
   Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr umgebracht, in alle Ewigkeit!
   Diese Alte hat der Teufel umgebracht, nicht ich ... Genug, genug,
   Sonja, genug. Lass mich -- schrie er pltzlich mit krampfhafter
   Angst -- lass mich!

   Als er sie fragt: Wirst Du zu mir ins Gefngnis kommen, wenn ich
   dort sitzen werde? -- und sie ihm antwortet: -- O ich komme,
   ich komme! da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht sie an und,
   sonderbar, ihm war's pltzlich schwer und leid, dass man ihn so
   liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche Empfindung! Als
   er zu Sonja gegangen war, hatte er gefhlt, dass in ihr all seine
   Hoffnung und seine endgiltige Ruhe enthalten sei; er gedachte
   wenigstens einen Teil seiner Qualen hier niederzulegen, und nun,
   pltzlich, da ihr ganzes Herz sich ihm zugewendet hatte, da
   fhlte und erkannte er es pltzlich, dass er unendlich viel
   unglcklicher geworden war, als er frher gewesen.

   Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit
   Verurteilten am Irtisch unter Missethtern. Wir sehen abermals
   dasselbe Bild wie im Totenhause. Auch auf Raskolnikow macht die
   Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch er fhlt, dass
   er nicht zu ihnen gehre, fhlt es mit der knstlerisch
   hingesetzten Nuance, dass er keinen Glauben hat. Anfangs fhlt
   er sich aber nur dadurch bedrckt, dass sie ihn ob seines freien
   Schuldgestndnisses nicht zu den Ihren zhlen, weil sie ihre
   Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht ertrug.
   Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht habe.

   Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht
   begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer
   stand, in sich und seinen berzeugungen eine tiefe Lge ahnte. Er
   begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines knftigen
   Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt,
   eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Spter erst
   erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, Du
   bist ein Gottloser, sagen sie -- Du glaubst nicht an Gott, Dich
   soll man erschlagen. Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung
   gefolgt war und im Stdtchen, wo die Festung lag, sich ihr
   krgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den
   anderen Strflingen zur Arbeit ging, fnf Minuten sehen und
   sprechen zu knnen, Sonja wurde von allen geliebt. Mtterchen,
   Sofia Semjonowna, sagten sie, Du unsere Mutter, Du blasse,
   kranke usw. Warum? fragt er sich, warum lieben sie sie?
   Endlich erkrankt er und wird in das Strflings-Spital gebracht.
   Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal,
   Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmchtige
   Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte,
   wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt
   Sonja, er sieht sie lngere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm
   an seinem Sehnen und Bedrfen nach ihrer weichen und starken
   Seele die Liebe und mit ihr die Erlsung auf. An einem schnen
   frhen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist,
   entfernt er sich fr einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt
   sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint pltzlich
   Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie
   schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf
   die Erde, da:

   Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber pltzlich packte
   ihn etwas und warf ihn zu ihren Fssen. Er weinte und umklammerte
   ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr
   Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd
   an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles
   begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glck auf;
   sie verstand, und es gab fr sie keinen Zweifel mehr, dass er sie
   liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war,
   diese Minute. ...

   Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thrnen
   standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig,
   allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon
   die Morgenrte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem
   neuen Leben. -- --

   Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefrchtet, dass sie ihn mit
   Religion qulen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bcher
   aufntigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie
   nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das
   Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung
   erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute
   hatte er es nicht aufgeschlagen.

   Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte
   ihn: Kann es denn sein, dass ihre berzeugungen von jetzt an
   nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefhle, ihre Bestrebungen
   wenigstens.

   Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in
   der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so beraus
   glcklich und so unerwartet glcklich, dass sie fast vor ihrem
   Glcke erschrak. Sieben Jahre, _nur_ mehr sieben Jahre! Zu Anfang
   ihres Glckes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf
   diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es
   ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen
   werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen
   knftigen That bezahlen mssen.

   Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch
   russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das
   hervorzukehren, was die grsste Wirkung auf seine russischen
   Leser machen musste. Schon im Totenhause hatte er es
   ausgesprochen, dass in jedem russischen Menschen unserer Tage
   der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei. Das war wohl die
   Idee, zu deren knstlerischer Gestaltung er russischen Boden,
   russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass
   fr eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes
   anpassen eine Beschrnkung dichterischer Kraft sei, so muss
   darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe
   immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht _ausser_ die
   anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich
   zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.

   Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgefhrte
   Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist
   nach dem Gesagten selbstverstndlich. Einheitlicher mit unserem
   Zweck, das Werk von der russischen breiten Ethik aus zu
   beleuchten, ist es, einige Worte ber eine weichere, weniger
   scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der
   harmlose ehemalige Student und Freund Raskolnikows. Ihm legt
   der Dichter ohne viele knstlerische Umschweife zwei bedeutsame
   Aussprche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas
   angeheitertem Zustande: Ich liebe es, wenn man lgt; das Lgen
   ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen
   voraus hat. Lgst du -- so wirst du schon zur Wahrheit kommen!
   Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lge. Nicht zu _einer_
   Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht frher 14mal, ja
   vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise
   ehrenhaft. Wir aber knnen nicht einmal ordentlich nach unserem
   Verstande lgen! Du lge mich an, aber lge nach deinem eigenen
   Wesen, und ich werde dich kssen. In seiner Weise lgen, das ist
   ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle
   bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die
   Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man
   zerstren -- es hat Beispiele gegeben.

   Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in
   unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren
   Entdeckungen, Idealen, Wnschen, unserem Liberalismus, unserer
   Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten
   Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit
   fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben -- hineingefressen haben
   wir uns! --

   ... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlgen. -- Die zweite
   Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorbergehen kann, ist
   die, wo Rasumichin mit grosser Wrme fr die Unschuld des
   Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er
   ein Etui mit Ohrgehngen aus dem Raube der Alten fr einen Rubel
   versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer
   leeren Wohnung mit dem Streichen der Wnde beschftigt gewesen,
   als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem
   anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schkernd und Ulk
   treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur,
   wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in
   den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thre
   gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht,
   um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen
   ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hrt, dass er
   zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhngen versucht. Als
   man ihn fragt, warum er sich habe tten wollen, antwortet er:
   weil man mich verurteilen wird. Es ist etwas Ergreifendes in
   dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den spter
   eine Art mystischer Tuschung dazu treibt, sich fr den Thter zu
   erklren, zum Glck in einem Augenblick, da Raskolnikows
   Thterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber
   greift mit aller Hitze seines gtigen Wesens die Frage auf, um
   unsere Jurisprudenz anzuklagen, welche niemals, niemals die
   subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen
   Unmglichkeit, einen Mord zu begehen und im nchsten Augenblick
   sich mit einem Kameraden zu balgen, in Betracht ziehen wird,
   weil man die Ohrgehnge bei ihm gefunden und er sich hatte
   erhngen wollen, was nicht mglich wre, wenn er sich nicht
   schuldig gefhlt htte. Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo
   das echt russische Verhltnis zur Schuld vom Dichter mit einer
   Selbstverstndlichkeit bentzt wird, wie sie an das Unbewusste
   grenzt, uns aber hchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen
   muss. Es wre wohl keinem europischen Dichter in den Sinn
   gekommen, eine solche unbegrndete Selbstanklage als
   glaubwrdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen.

Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze Begegnung der Freunde
in Kopenhagen eingeleitet zu haben und wieder durch diese aufgefrischt
worden zu sein, und so finden wir den hufigsten Austausch von
persnlichen und geschftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem
Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser Briefe aus Wiesbaden
heisst es unter anderem: -- diesmal will ich Ihnen ber mich schreiben,
eigentlich aber nur ber eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen
werde, niemand mit, denn ich fhle, dass es mich teilweise anschwrzt.
Da aber in einem solchen Falle Phrasen vollkommen unfruchtbar und auch
schwer sind, so will ich Ihnen offen bekennen, dass ich -- in meiner
Dummheit vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich hatte.
Ich habe auch frher gespielt, gleich vom Anfang meines Wiesbadener
Aufenthalts an, aber ich hatte Glck, sogar bedeutendes Glck
(verhltnismssig gesprochen), habe mich aber dann in meiner Dummheit
vergaloppiert, alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der
abscheulichsten Situation, die man sich vorstellen kann, und kann aus
Wiesbaden nicht heraus.

Nun verlangt er fr eine kurze Zeit 100 Thaler, um nur vom Htel
loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er jemand sicher zu finden hofft,
der ihm helfen wird. In einem zweiten, ca. 14 Tage spter datierten
Briefe beklagt er sich darber, keine Antwort erhalten zu haben. Er
bittet, Wrangel mge ihm das Geld unverzglich schicken, obwohl es ihm
nun nicht mehr radikal helfen knne, und fgt hinzu, dass die
Erzhlung, die er eben schreibe, mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er
das Geld in einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen knnen,
die er von Katkow, dem Redakteur des Russky Wjestnik, als
Abschlagszahlung fr seine Erzhlung (Raskolnikow) erhalten werde. Ein
dritter Brief vom 8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf
eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. Er erzhlt darin
von seiner Rckkehr, von den drei Anfllen, die er sofort und im Verlauf
einer Woche erlitten hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden
gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der vollkommenen
Deroute in der Familie des Bruders, die ihn erwartet habe, und der er
alles gleich gab, was er besass, und ausserdem 100 R., die er dazu
aufnahm. Er bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst nach
der Bezahlung des Romans abtragen knne, der wohl 2500 R. einbringen
werde. Noch einmal aber von Katkow vorausnehmen will er nicht. Er findet
es nicht politisch, unmglich, hsslich; es seien durchaus die
Beziehungen nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwhnt er seines
Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, fr welchen er ebenfalls
sorgt, der ihm aber niemals Freude gemacht hat, sowie eines kranken
Bruders, der nicht mehr lange zu leben habe.

Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg am 18. Febr.
1866: Bester alter Freund Alexander Jegorowitsch, ich bin durch mein
langes Schweigen vor Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld.
Es wrde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, die Ursache
meines langen Schweigens klar zu machen. Die Ursachen sind vielfach und
kompliziert, und ich kann sie darum nicht beschreiben, will nur einiges
andeuten. Erstens sitze ich ber der Arbeit, wie ein Strfling. Es ist
das der Roman fr den Russky Wjestnik; ein grosser Roman in sechs
Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben und fertig; ich habe
alles verbrannt, dass kann ich jetzt bekennen. Es hat mir selbst nicht
gefallen. Eine neue Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich
habe frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch arbeite
ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, dass ich jeden Monat 6
Druckbogen an den Russkij Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar,
allein ich wrde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe htte. Ein Roman
ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner Vollendung der Ruhe fr
Seele und Phantasie. Mich aber qulen die Glubiger, d. h. sie drohen,
mich einsperren zu lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen
fertig werden knnen und weiss wirklich noch nicht, ob ich's berhaupt
werde, obgleich viele von ihnen ganz vernnftig sind und meinen
Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf 5 Jahre zu verteilen. Mit anderen
aber konnte ich bis jetzt nicht in Ordnung kommen.

Sie knnen denken, wie beunruhigt ich bin; das zerreisst mir Kopf und
Herz, verstimmt auf mehrere Tage. Da setze dich dann hin und schreibe!
Manchmal ist das ganz unmglich. Darum ist's auch schwer, eine ruhige
Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig zu plaudern,
weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, nach meiner Rckkunft, hat
mich die Hinfallende schrecklich geplagt; es war, als htte sie die drei
Monate nachholen wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt
aber plagen mich schon seit einem Monat Hmorrhoiden. Sie haben von
dieser Krankheit und davon, wie ihre Anflle sein knnen, wahrscheinlich
keine Vorstellung. Nun sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie
sichs eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im Februar und
Mrz, zu qulen. Und, denken Sie, vierzehn Tage(!) war ich gezwungen auf
meinem Divan zu liegen, vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand
nehmen knnen. Jetzt, whrend der letzten vierzehn Tage, muss ich fnf
Druckbogen schreiben! Und liegen mssen, wenn man organisch ganz gesund
ist, nur darum, weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass sofort
Krmpfe kommen, sobald man sich vom Divan erhebt! --

Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es wre besser, wenn ich
in Staatsdienst trte; kaum. Mir ist dort besser, wo ich mehr Geld
bekommen kann. In der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen,
dass ich (wren nicht die Schulden) immer ein sicheres Stck Brot, ja
sogar ein ssses, reichliches haben knnte, wie es ja auch in continuo
bis zum letzten Jahr der Fall war. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen
von meinen gegenwrtigen litterarischen Geschften erzhlen, und Sie
werden daraus ersehen, wie sich alles verhlt. Vom Auslande aus, da ich
durch die Umstnde bedrngt war, stellte ich Katkow den fr mich
niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel fr den Druckbogen ihres Blattes, 150
vom Format des Sowremjennik. Sie waren einverstanden. Spter erfuhr
ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie fr dieses Jahr nichts
Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt nichts, und mit Leo Tolstoi
haben sie sich zerstritten. Ich bin als Lckenbsser erschienen (das
alles weiss ich aus sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich
laviert und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche
Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es schreckte sie fr
25, ja mglicherweise 30 Druckbogen zu 125 Rubel zu zahlen. Mit einem
Wort: ihre ganze Politik lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt),
den Preis per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu steigern.
Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, sie wollen offenbar, dass
ich nach Moskau komme. Ich aber halte aus. Folgendes ist dabei mein
Zweck: Hilft Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich
mchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die Hlfte des
Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird damit erreicht sein, dann erst
fahre ich nach Moskau und sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im
Gegenteil, es kann sein, dass sie hinzufgen. -- Das wird zu Ostern
sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, drcke
mich zusammen und lebe wie ein Bettler, werde nur das Ntigste
verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, so bin ich moralisch nicht mehr
frei, wenn ich spter endgiltig ber das Honorar mit ihnen verhandle.
Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im ersten Januarheft
des Russkij Wjestnik erschienen. Er heisst: Schuld und Shne. Ich habe
schon viele entzckte usserungen darber gehrt. Es sind khne und neue
Sachen darin.

Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky einiger
Privatangelegenheiten Wrangels Erwhnung und schliesst: brigens bin
ich sehr froh darber, dass Sie unser intimes russisches, geistiges und
brgerliches Leben so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde
sehr angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. Sie sehen
vieles ein wenig exklusiv an. Schpfen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus
auslndischen Zeitungen? Dort wird systematisch alles verunglimpft, was
sich auf Russland bezieht. -- Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man
kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, thatschlich unter
den Einfluss der auswrtigen Presse. Sonst aber fhle ich, dass ich in
vielem und sogar sehr mit Ihnen bereinstimme usw.

Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: Bester Alexander Jegorowitsch! Ich
habe mich mit der Antwort versptet und eile nun, das Versumte
nachzuholen. Glauben Sie mir, Sie unvernderlicher Freund Alexander
Jegorowitsch, das Gewissen plagt mich selber, und wre Ihr Brief nur um
8 Tage frher gekommen -- ich htte Ihnen sofort alles geschickt. Lachen
Sie nicht, wenn ich so spreche. Hier meine Situation. Den ganzen Winter
habe ich wie ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit
zerstrt, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. -- Wohin
sind sie gekommen? Ja, man reisst alles nur so von mir! In der Charwoche
bin ich zu Katkow nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu
nehmen.[22] Mein Zweck war der, so schnell als mglich nach Dresden zu
fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und meinen Roman ganz
ungestrt zu vollenden. Anderswo, hier in Petersburg, kann ich ihn
unmglich vollenden. Die Anflle nehmen zu (was im Auslande nicht der
Fall ist). Die Glubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto
zudringlicher werden sie. Indessen sollten sie mir dafr dankbar sein,
dass ich nach meines Bruders Tode die Wechsel auf meinen Namen schreiben
liess und einen Teil schon bezahlt habe. Htte ich aber die Wechsel
nicht auf mich schreiben lassen, so htten sie gar nichts bekommen. --
Allein die Sache hat sich so gewendet, dass diesmal zur Erteilung des
Passes ins Ausland besondere Formalitten ntig wurden, sich dadurch
alles hinauszog, der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche
noch mglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben die Glubiger
die Klage eingereicht und so ist mein Tausender in Rauch aufgegangen.

Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch sitze ich da und
setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller Krfte fort. In diesem
Augenblick ist er -- meine einzige Hoffnung. Ich werde dafr noch 1500
Rubel zu bekommen haben, vielleicht auch mehr; spter aber gebe ich ihn
fr die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als 1500 (man
handelt schon darum). Von Katkow aber werde ich nicht frher als im Juli
Geld herausbekommen. So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli
schicken. Entsteht aber die geringste Mglichkeit es frher zu senden
(das aber kann leicht geschehen, da die Buchhndler schon um die zweite
Auflage handeln, ehe der Roman vollendet ist), so schicke ich gleich.
Sie aber bitte ich, mir, wenn auch nur in zwei Worten, meine vorjhrige
Schuld in Reichsthalern zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe
und mich der Summe nur annhernd, aber nicht genau entsinne. Ich fge
hinzu, dass es mir peinlicher ist, als Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt
nicht schicken kann. Sie werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich
andere befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner
Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht geschehen ist;
sie sind neben mir und haben mich so bedrngt, dass ich nicht zu Atem
kam -- so habe ich alles willenlos hingegeben usw. --

[Funote 22: Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der
vorangegangenen usserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu wollen.
Dieser Widerspruch findet seine Lsung in dem Umstande, dass der Roman
schon seit Januar zu erscheinen begonnen hatte, eine solche
Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen war, als eine im
November 1865.]

Anknpfend an diesen Brief erzhlt Strachow aus seiner Erinnerung, dass
der Eindruck des Romans ein ungeheurer war, dass gesunde Leute fast
krank davon wurden, nervenschwache aber die Lektre des Buches aufgeben
mussten. Was aber die grsste Sensation machte, war der Umstand, dass
zur nmlichen Zeit, als der Teil des Romans erschien, in welchem sich
die Beschreibung des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger
Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umstnden einen Mord
vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis auf die damals in der Luft
schwebenden falschen Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind,
um das Bse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky schon
in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben angefhrten Worte schrieb.

Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe von des Dichters
bis dahin erschienenen Werken veranstaltet werden. Der Herausgeber,
Stellowsky, ein Mensch, welcher das Talent anderer auf die schndlichste
Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende Bedingung
gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung eine Erzhlung ein, welche
noch nirgends gedruckt worden ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein.
Fr diese Gesamtausgabe samt der neuen Erzhlung zahlt Stellowsky dem
Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk um einen Tag spter, so
erhlt Dostojewsky fr die Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht,
eine Gesamtausgabe zu veranstalten, bleibt fr alle Zeiten Stellowsky.
Der Dichter hatte nun die Erzhlung Der Spieler niederzuschreiben
begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche seines Bruders Tod auf
ihn gewlzt hatte, so beunruhigt, dass er frchten musste, nicht die
ntige Sammlung zur Arbeit zu finden. Ein Brief aus Dresden an N.
Strachow, sowie die Erzhlung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte,
mgen die Schilderung dieser Situation ergnzen. Er schreibt:

Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise
erworben: Ich war in entsetzlichen Verhltnissen. Nach dem Tode meines
Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen
und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als
Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der Epocha -- meines
Bruders Journal -- zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den
geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als
Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel,
es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der
Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe
ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode)
einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich
angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen
Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten
wrde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.

Im Sommer 1865 fngt man an, mich mit den Wechseln D.s und eines anderen
(ich erinnere mich seines Namens nicht) zu verfolgen. Von der andern
Seite prsentierte Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz
arbeitete, ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt
hatte, da ich Geld fr die Herausgabe jenes, nun fremden, Journals
brauchte .... und da, pltzlich, zur selben Zeit, sendet Stellowsky zu
mir und lsst mir vorschlagen, ob ich ihm nicht meine smtlichen Werke,
samt einem ganz neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., d.
h. also unter den demtigendsten Bedingungen. Wartete ich nur ein wenig,
so bekam ich von den Buchhndlern fr das Recht der Publikation
wenigstens das Doppelte, liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann
bekam ich sicher das Dreifache, denn ein Jahr spter wurde die zweite
Auflage von Schuld und Shne allein gegen 7000 Rubel Schulden
eingetauscht (immer Journalschulden -- an Bazunow, Pratz und einen
Papier-Agenten). Auf diese Weise habe ich fr des Bruders Zeitschrift
und seine Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner
Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf mir lasten.
Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage Bedenkzeit. Das war auch die
Klagefrist fr den Schulden-Arrest. Dazu mssen Sie wissen, dass meine
Wechsel an D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals auch
geschriftstellert, Goethe bersetzt, ist jetzt, wie es scheint,
Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) prsentiert wurden. In diesen
10 Tagen schlug ich mich berall herum, um Geld fr die Auslsung der
Wechsel zu bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen Handel mit
Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich achtmal, fand ihn aber nie
zu Hause. Endlich erfuhr ich durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij),
den ich kennen lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter
Freund Stellowskys sei, seine Geschfte fhre usw. Da willigte ich ein,
und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie in Ihren Hnden ist. Ich
bezahlte D...., Gawrilow und die anderen und reiste mit dem Rest von 35
Halbimperialen ins Ausland.

Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen Roman Schuld und
Shne zurck, nachdem ich mit dem Russkij Wjestnik (Katkow) in
Verbindung getreten war und von diesem schon einiges Geld voraus
erhalten hatte. Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky
unterfertigt hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht imstande
sein wrde, den ihm versprochenen Roman bis zum 1. November 1865 zu
vollenden. Er erwiderte mir, dass er dies auch nicht verlange und nicht
vor einem Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich aber,
zum 1. November 1866 zuverlssiger zu sein. Dies alles wurde mndlich
und unter vier Augen verabredet, aber das schreckliche Pnale, wenn ich
zum 1. November 1866 nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.

Die Ergnzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzhlte uns Anna
Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nmlich den schon im Jahre 1863
geplanten und in vielen kleinen Notizen, namentlich im Gedchtnisse
festgehaltenen Roman Der Spieler Anfang Oktober 1866 zu schreiben
begonnen und verlor, da die fatale Frist immer nher heranrckte, so
sehr den Mut, dass seine Freunde befrchteten, er werde die Arbeit gar
nicht machen knnen. Da machte ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer
Hilfskraft zum Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs
eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor der
Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren von ihm den Namen
seiner besten Schlerin A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um
dem jungen Mdchen ihre Vorschlge zu bringen. Sie hatte kurz vorher
ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und bald darauf ihren Vater
verloren. Aus dem Wunsche heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern
und auch um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors
Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde zukam, anzunehmen. Als sie
gar hrte, wem sie in der Arbeit helfen sollte, da war das Mdchen voll
Freude und Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem grossen
Dichter, den sie schon sehr bewunderte, gengen wrde. Sie trat zitternd
bei ihm ein, wurde jedoch bald durch einige freundliche Worte,
namentlich aber dadurch ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und
der Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren vom 4. Oktober
bis 1. November noch sieben Druckbogen zu schreiben und alle ins Reine
zu bringen. Anna Grigorjewna pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor
Michailowitsch zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander
arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der von ihr mitgebrachten
Reinschrift durch, was er gestern diktiert hatte, dann diktierte er
weiter. So ging es bis zum 30. Oktober fort.

Nun war die Erzhlung vollendet und wurde an Stellowsky durch Eilboten
gesandt. Er war verreist, unauffindbar. Sandte man das Pckchen durch
die Post, so kam es einige Tage spter in Stellowskys Hnde, und
Dostojewsky war verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte
Stenographin auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu
tragen und sich dort eine Empfangsbesttigung fr den Empfnger mit dem
Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das geschah und der Dichter war
gerettet. Die dreitausend Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden
waren, hatte Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit der
anderen als Glubiger der aufgekauften Wechsel, die ihm dazu gedient
hatten, den Dichter in die Enge zu treiben, wieder eingestrichen.

So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, mehr noch durch ihre
kluge und findige Art, des Dichters Interessen zu frdern, ihm eine
unentbehrliche Helferin erstanden, die er nicht mehr missen konnte.
Gegen das Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie in
ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, der mit ihnen
lebte, kennen zu lernen. Schon nach wenigen Besuchen erklrte der
Dichter Anna Grigorjewna und ihren Angehrigen, dass er seine Gehilfin
auch gern zur Lebensgefhrtin machen mchte. Das junge Mdchen, das mit
grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte sich niemals eine solche
Annherung trumen lassen. Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger
als anziehend. So rief der Antrag des 46 jhrigen Mannes in der 20
jhrigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin anfangs ein
erschrecktes Staunen hervor. Doch war es keine kleine Versuchung fr
sie, an der Seite eines Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen
Ruhm in stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie
thatschlich und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um ihnen auch
Erfolg zuzufhren und ihn, den Dichter, mit der Hoffnung eines
sorgenlosen Alters zu beglcken. Sie willigte also ein. Als ich seine
Gattin wurde -- sagte sie uns --, da empfand ich nur Verehrung fr
ihn, aber nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Gte von ihm
erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits. Die Vermhlung fand am 15.
Februar 1867 statt, nicht ohne vieles Abraten von Seiten der Familie
Michael Michailowitsch, welche eine Heirat des Dichters als ihren
Interessen schdlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit
der Neuvermhlten, welche eine bse Ehezeit frchten musste, wenn man in
Petersburg blieb, den Dingen eine energische Wendung zu geben, indem sie
zur Abreise antrieb, welche ja ohnedies durch die Klagen der Glubiger
und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war.

Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche am 22. Februar 1868
in Genf geboren wurde und ebenda am 12. Mai desselben Jahres starb. Die
zweite Tochter, Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren
und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, teilweise auf einer
Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in
Petersburg geboren wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim
und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele Ehren und Preise
gewonnen haben. Ein viertes Kind, Alexei, wurde am 12. August 1875 in
Stara Russa geboren und starb in Petersburg im Mai 1878.




                                VIII.
                 Vierjhriger Aufenthalt im Auslande.
                             (1867-1871.)


Zwei Monate nach seiner Vermhlung, d. h. am 14. April 1867, ging das
Ehepaar Dostojewsky nach dem Auslande, wo es, wie Strachow erzhlt, weit
lnger zu bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. In
einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die Erklrung dazu.
Mit der Rckkehr Dostojewskys nach Russland wren so viele Zahlungen und
Verpflichtungen an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefngnisse
nicht htte entgehen knnen, wo er seiner physischen und psychischen
Natur nach unmglich htte arbeiten und so weder fr die Familie des
Bruders noch fr seine eigene htte aufkommen knnen. Er musste also im
Auslande bleiben, um bei unermdlicher Arbeit endlich die grosse
Schuldenlast, welche des Bruders Tod auf ihn gewlzt hatte, allmhlich
abzutragen.

Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen von vielen schweren
Sorgen, von der fast ausschliesslichen Einsamkeit und den
Beschwernissen, welche Familienzuwachs in der Fremde bei beschrnktesten
Mitteln mit sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in
materieller wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei kein
Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umstnden und den langen
und ungestrten Meditationen, sich in dem Dichter die ganz besondere
Ausgestaltung jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm
gelebt hatte. In seinen Briefen ertnte pltzlich diese Saite seines
Wesens, sie begann so mchtig in ihm zu erklingen, dass er es nicht mehr
fr sich allein zu behalten vermochte, wie er dies frher gethan. Von
dieser durchgreifenden Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen
vollkommenen Begriff. Allein fr alle seine Bekannten hat sie sich sehr
klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch von seiner Auslandsreise
zurckkam. Unaufhrlich lenkte er das Gesprch auf religise Themata.
Nicht genug an dem -- sagt Strachow -- er war auch in seinem Benehmen
mit Menschen, das eine grssere Weichheit erlangt hatte, ja manchmal
geradezu zur Sanftmut wurde, verndert. Sogar seine Gesichtszge trugen
die Spuren dieser Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes
Lcheln getreten. Ich erinnere mich -- fhrt Strachow fort -- an eine
kleine Episode im Slavischen Comit. Wir traten zugleich ein und
wurden von J. Petrow begrsst. Wer ist das? fragte mich Theodor
Michailowitsch, der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da
er fortwhrend auch solche Leute vergass, denen er oft begegnete. Ich
sagte es ihm und fgte hinzu: was fr ein wunderbarer, hchst
wunderbarer Mensch! Theodor Michailowitschs Augen leuchteten freundlich
auf, er sah alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: Ja,
alle Menschen sind wunderschne Geschpfe.

Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der Dichter im Laufe seiner
Abwesenheit von der Heimat an die Freunde schrieb, wollen wir Strachows
orientierende Erzhlung ber die Reisestationen und das Lebensdetail
dieses vier Jahre dauernden Exils in Krze wiedergeben. Das Ehepaar ging
im April ber Berlin nach Dresden, wo es sich zwei Monate aufhielt. Der
Dichter schrieb hier an seinem Artikel: Meine Erinnerungen an
Belinsky, welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow
schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung bergab, worauf
die Arbeit, sowie auch alle anderen, fr diese Sammlung vorbereiteten
Artikel, spurlos verschwunden sind. In Dresden war es namentlich Anna
Grigorjewna, welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor
Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschrnkte sich dabei jedoch
immer auf seine Lieblinge: Die Sixtina, Correggios Nacht, Tizians
Zinsgroschen, den Christuskopf von Annibale Caracci und die
Abendlandschaft Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemlde
Rujsdaels, namentlich seine Jagd.

Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche wir aus dem Munde Anna
Grigorjewnas haben und welche einmal durch den Briefwechsel des Dichters
mit seiner Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewhrte, ihre
eigentliche Beleuchtung erhalten wird.

Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in den bekannten, sehr engen
Verhltnissen lebend, beschliesst Dostojewsky von dort aus einen
Abstecher nach Homburg zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller
Blte stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) sein Glck zu
versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt sich diesem Vorhaben
durchaus nicht; weiss sie ja doch, dass in solchem Falle ein Begehren
sich ins Unertrgliche steigern und den Hausfrieden stren kann. Auch
ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der praktische
Beweggrund -- so viel zu gewinnen, um eventuell in die Heimat
zurckkehren zu knnen -- allein ist, der den Dichter aus Dresden
forttreibt, sondern wohl in ebenso hohem Grade sein nervses und
knstlerisches Bedrfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fhlen das
ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert Thaler mit, die ihm zum
Glck helfen sollen, ber deren Verlust hinaus aber er nichts riskieren
will. Nun beginnt jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und
Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen tglichen Briefen an die
Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. Selbstanklage, Zerknirschung,
Verhimmelung des jungen Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit
ihm durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm noch einmal
Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslsen, ihn heimbringen soll,
dies alles ohne Vorwurf und Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom
Augenblick und der Leidenschaft so oft beherrschten schlechten
Charakter, wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie
sein dankbares Verhltnis zur klugen jungen Frau, die ihn durch
Nachgiebigkeit und unmerkliche Fhrung so gut zu lenken weiss.

Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar von Dresden ab, um
in die Schweiz zu gehen. In Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen
festgehalten, da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel hatte
hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so viel verloren hatte,
dass er sich nur mit dem von Katkow ihm gesandten Gelde loskaufen konnte
und mit einem Rest von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine
Stimmung jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, als er nur
der ihn wie ein Alp drckenden Vorstellung, am Roulettetisch gewinnen zu
mssen, entronnen war.

In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 zu, wo er den Idioten
schrieb, welcher Roman im Russkij Wjestnik mit dem Januar 1868 zu
erscheinen begann. Ihr Leben war einsam und einfrmig. Um 11 oder 12 Uhr
stand der Dichter auf, trank Kaffee und setzte sich zur Arbeit, an der
er bis 3 Uhr verblieb. Dann diktierte er seiner Gattin aus dem
Brouillon. Um 4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. Dann
las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen Abend machte man einen
Spaziergang, dann nahm man den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch
ungefhr um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr morgens
arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser Ogarew, welcher sie hier
und da besuchte und ihnen in Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs.
lieh. Am 22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Tchterchen, Sophie,
geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte deren Tod, den der Dichter
so schwer empfunden und nie verwunden hat. Das Leben in Genf hatte fr
das Ehepaar aber auch noch manche andere Beschwerden und
Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon losrissen und in
Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer ber verblieben. Anfangs September
gingen sie ber den Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in
Mailand zu und liessen sich fr den Winter 1868-69 in Florenz nieder.
Die ganze Zeit wurde die Arbeit am Idiot fortgesetzt, dessen Schluss
als Separat-Anhang des Russkij Wjestnik im Januar- oder Februarheft
1869 erschien.

   War Schuld und Shne, ohne dass man dies in Europa beachtete,
   ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen
   Prinzipien und Probleme, so finden wir im Idiot, der, wie wir
   sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas ganz
   anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden bietet den
   Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort fr sie, whrend
   zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem Zorn
   und unnachsichtiger Hrte hingestellt, in seinen Landsleuten
   Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, mit welcher der
   Dichter die Gesinnungsgenossen einer lngst vergangenen Zeit
   brandmarkt. Dostojewsky hat dies spter, in dem Roman Die
   Besessenen noch in hherem Masse durchgefhrt.

   Fr die europische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. Auch
   sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, die
   Charaktere der jungen Generation bertrieben, die Handlung
   gedrngt und doch lose, den Ton ungleich finden, und es wird ihr
   gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks russisch
   grausam erscheinen mssen. Die Gestalt des Helden aber, welche
   dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, kaum
   auffllt, ja vielleicht lcherlich erscheint, sie wird uns mit
   allen Mngeln der Dichtung ausshnen.

   Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des
   russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja
   schon die spteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf
   seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu den
   russischen, zeitgenssischen Kritikern (welche die immer schrfer
   hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form seiner
   christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher aus
   der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschlen.

   Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere Shne der
   Schuld durch ein knftiges christliches Glauben und Lieben, so
   steht hier in diesem Idioten eine Verkrperung hoher,
   christlicher Weisheit, ohne jegliches Prinzip, ohne Zwang, in
   grsster Anmut vor unseren Augen.

   Vollendet knstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys setzt
   die Erzhlung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen wir, dass
   der Held, der junge Frst Myschkin, kein Idiot ist, sondern der
   reine Thor, jene herrliche Gestalt, welche in der Litteratur so
   vieler Vlker wiederkehrt, in der deutschen Sage im Parsifal
   unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht sagenhaft, als
   Held, sondern als ein Kind des Volkes, Iwanuschka-Duratschk
   noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belchelt und
   bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst ein Stck
   russischer Sage darstellen wird.

   Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; er ist
   rmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse friert;
   er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bndelchen bei sich und
   erzhlt seinen Reisegefhrten mit der Bereitwilligkeit eines
   Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Gte eines
   vterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem Lande
   untergebracht worden war, wo er von nervsen Anfllen geheilt
   werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet
   werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, seine
   Erziehung aber dennoch sehr lckenhaft geblieben. Vor zwei Jahren
   sei der Wohlthter gestorben, der freundliche Arzt habe ihn aber
   dennoch bei sich behalten, habe vterlich fr ihn gesorgt und ihn
   erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach Petersburg geschickt,
   ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts mitgeben knnen, so
   dass er nun ohne eine Kopeke anlange und noch nicht wisse, was er
   beginnen werde. Seine Reisegefhrten sind: Rogoschin, der Sohn
   eines ebenso reichen als geizigen und despotischen Kaufmannes,
   dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet hat, um sie einer
   berhmten Schnheit zweifelhaften Rufes zu verehren. (Nun ist der
   Vater pltzlich gestorben und er kehrt zurck, um sein Erbe
   anzutreten.) Ferner ein mit allen Salben geriebener kleiner
   Beamte, schlechtester Sorte. Beide lcheln ber die Harmlosigkeit
   des jungen Frsten, der selbst erzhlt, man htte ihn in der
   Schweiz einen Idioten genannt, was er auch sicherlich ohne die
   treue Pflege jenes Arztes geworden wre, nun aber nicht sei, wenn
   er sich auch noch nicht ganz genesen nennen knne.

   Als die Rede auf jenes schne Mdchen, Nastassja Philippowna,
   kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren
   scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude und
   Erleichterung) freimtig, dass er immer zu krank gewesen sei, um
   je ein Weib zu kennen. Damit ist auch fr den Leser das Bild
   Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten klar,
   was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an Nastassja,
   sowie spter an Aglaia Epantschina, der jngsten Generalstochter,
   die ihn liebt, in das reinste Licht stellt.

   Nachdem die Reisegefhrten angekommen sind, bietet Rogoschin dem
   Frsten seine Gastfreundschaft und Hilfe an. Dieser will sich
   vorerst an den General Epantschin wenden, dessen Gattin ebenfalls
   eine Frstin Myschkin ist, und hofft sich dort wegen der
   Angelegenheit, um derentwillen ihn der Pfleger in die Heimat
   geschickt hatte, Rat holen zu knnen. Da er keinen Wert auf diese
   Sache legt, sie nur nebenher erwhnt und hilflos-vergngt mit
   seinem Bndelchen weiter zieht, fragt auch niemand nach dieser
   Angelegenheit, und er tritt nach einem schchternen Luten in die
   Vorstube des Generals ein, wo ihn ein Kammerdiener misstrauisch
   von oben bis unten ansieht und endlich gndig hereinlsst. Die
   hier folgende Scene, da der junge Frst seinen Namen nennt, aber
   mit seinem Bndelchen in der Hand lieber in der Dienerstube
   bleibt, als dass er in das Wartezimmer der Gste ginge, ist ganz
   ausserordentlich geschildert.

   Der Diener hlt den Besucher natrlich bald fr einen Idioten,
   gewinnt aber allmhlich und unbewusst Sympathie und eine gewisse
   Achtung fr diesen jungen Menschen, den er gleichwohl nirgends
   einzureihen weiss. Fr den Leser ist aber von den ersten Worten,
   die Myschkin spricht, sichtbar geworden, dass da ein Wesen
   tiefster Herzenskundigkeit, weltfremd und unerfahren, doch in den
   letzten Dingen hellsehend und weise sich entfalten wird. Zugleich
   kindhaft vertraulich und streng bestimmt in ihren sittlichen
   Forderungen, lsst uns diese genialische Seele keinen Augenblick
   ber sich im Zweifel. Die Krankheit, welche er nun fast ganz
   berwunden, ist auch hier sehr knstlerisch verwendet. Nicht ein
   Hemmnis oder eine Beugung des Charakters durch sie wird hier
   sichtbar, sondern sie hinderte den jungen Geist am Lernen, so
   dass auch darber kein Zweifel sei, dass wir es nicht mit einem
   gebildeten Geist zu thun haben, sondern mit einem natrlich
   entfalteten Wesen.

   Manche russische Kritiker haben es abfllig beurteilt, dass
   Dostojewsky dem Frsten Aussprche tiefster Weisheit in den Mund
   legt. Wir knnen diesem Urteil nicht beipflichten. Der Dichter
   hat es wohl abgewogen, welcher Art die Weisheit sein msse, die
   er den jungen Menschen aussprechen lsst. Immer ist es eine auf
   das Reinmenschliche gerichtete Wahrheit, eine Feinheit, die aus
   dem Gemt quillt und zum Gemt dringt, keinerlei Reflexions- oder
   Dogma-Weisheit. Und selbst da, wo Myschkin ber den Katholicismus
   spricht, holt er seine Ansichten aus anderen Quellen, als einer
   erworbenen Tradition oder einem ausgeklgelten Axiom. Hren wir,
   was er gleich zu Anfang der Erzhlung mit dem Kammerdiener des
   Generals in der Dienerstube ber die Todesstrafe sagt. Der Diener
   fragt nach dem Auslande, den Sitten, der Gerichtsbarkeit, den
   Strafen. Da erzhlt Myschkin, er habe in Lyon einer Hinrichtung
   durch die Guillotine beigewohnt, und beschreibt die Guillotine,
   wie sie so schnell arbeite. Auf des Kammerdieners Antwort, das
   sei noch gut, wenn es so schnell geschehe, sagt Myschkin:

   Wisst Ihr was? -- seht, das habt Ihr bemerkt und das bemerken
   alle so wie Ihr, und darum ist diese Maschine, die Guillotine, so
   ersonnen. Mir aber ist gerade damals ein Gedanke in den Kopf
   gekommen: wie wenn gerade das noch schlimmer wre? Das scheint
   Euch lcherlich, ja toll; bei einiger Vorstellung kommt einem
   aber doch so ein Gedanke in den Kopf. Bedenket: wenn man z. B.
   die Folter nimmt, dabei giebt es Schmerzen und Wunden,
   krperliche Qualen; das alles aber zieht ja von der seelischen
   Qual ab, so dass Du Dich nur mit den Wunden abqulst bis zum
   letzten Augenblick, bis zum Tod. Aber der Hauptschmerz, der
   heftigste Schmerz, ist ja vielleicht nicht in den Wunden, sondern
   darin, dass Du weisst, nun wirklich weisst, dass nach einer
   Stunde, dann nach zehn Minuten, dann nach einer halben Minute,
   dann sofort -- Deine Seele dem Krper entflieht, dass Du dann
   kein Mensch mehr sein wirst und dass das schon sicher sein wird;
   die Hauptsache ist, dass es _wirklich_ geschehen wird. Siehst Du,
   wenn Du den Kopf unter das Messer legst und hrst, wie es ber
   ihm knirscht, diese Viertelsekunde, siehst Du, das ist das
   schrecklichste von allem. Wisst Ihr, das ist nicht meine
   Phantasie, das haben viele gesagt. Ich bin so berzeugt davon,
   dass ich Euch offen meine Meinung sagen will. Einen Totschlag mit
   einem Totschlag zu shnen ist eine unermesslich grssere Strafe,
   als das Verbrechen selbst. Das Tten infolge eines Urteilsspruchs
   ist unvergleichlich furchtbarer, als der Totschlag eines Rubers.
   Derjenige, welchen die Ruber erschlagen, bei Nacht, im Walde
   oder sonst wie zerhauen, hofft unbedingt, bis zum letzten
   Augenblicke, noch auf Rettung. Es hat Beispiele gegeben, da
   Einer, dem schon die Gurgel durchschnitten war, noch hoffte, dass
   er noch lief oder flehte. Hier aber nimmt man ihm diese ganze
   letzte Hoffnung, mit der zu sterben es zehnmal leichter ist; man
   nimmt sie ihm thatschlich, unwiderruflich fort. Hier ist ein
   Urteilsspruch und darin, dass Du ihm wirklich nicht entrinnen
   kannst, darin sitzt ja die furchtbare Qual. Und eine furchtbarere
   Qual als diese giebt es nicht auf der Welt. Stellt einen Soldaten
   im Krieg vor die Mndung einer Kanone und schiesst auf ihn, er
   wird immer noch hoffen, aber leset diesem nmlichen Soldaten das
   wirkliche Todesurteil vor, so wird er wahnsinnig[23], oder er
   fngt an zu weinen. Wer hat gesagt, dass die menschliche Natur
   imstande ist, das auszuhalten, ohne verrckt zu werden? Wozu ist
   eine solche Beschimpfung, eine so unsinnige, unntige, so
   unntze? Vielleicht giebt es auch einen solchen Menschen, dem man
   sein Urteil vorgelesen, den man sich abqulen liess und dem man
   dann gesagt hat: Geh hin, man hat Dir verziehen; das wre ein
   Mensch, seht ihr, der was erzhlen knnte! Von dieser Qual und
   diesen Todesschrecken hat auch Christus gesprochen. Nein! mit
   einem Menschen darf man nicht so verfahren!

   [Funote 23: Anmerkung: Einer der im Prozess Petraschewsky zum Tode
   Verurteilten, der Lieutenant eines Grenadierregiments Nikolaus
   Grigorjew, war auf dem Schaffot wahnsinnig geworden.]

   Wir wissen, dass Dostojewsky hier die bitterste Frucht seines
   eigenen Lebens dem jungen Myschkin in den Mund legt, doch ist
   dies so glaubwrdig aus dem Herzen des Idioten herausgesagt,
   dass dieser Ausspruch, den des Dichters eigene Erfahrung gereift,
   hier wie eine Ahnung mglicher Qualen, wie ein Protest gegen
   diese das weiche und doch feste Empfinden des jungen Mannes
   beleuchten. Mit diesem Gesprch und dem gleich darauf folgenden
   Besuch bei der Familie des Generals, wo er der Generalin und
   ihren drei schnen Tchtern einiges aus seinem Leben in der
   Schweiz erzhlt, ist gleichsam das Leitmotiv des ganzen Romans
   angeschlagen, durch dessen wirre, gedrngte, mit Personen und
   Zuflligkeiten berfllte Handlung die Gestalt des Idioten wie
   ein irrender Sonnenstrahl hindurchgleitet.

   Der Kritiker Michailowsky nennt Dostojewsky in einem geistvollen
   Essay ein grausames Talent und meint, die Wollust an unntzer
   Qual der Nebenmenschen sei das charakteristische Merkzeichen
   seiner schriftstellerischen Thtigkeit, die sich immer nur um das
   Verhltnis von Wolf und Schaf herumbewege. In der ersten Hlfte
   seiner litterarischen Laufbahn sei Dostojewsky mit Vorliebe bei
   den Leiden des Schafes verweilt, das vom Wolf gefressen werde,
   spter aber habe er mit wahrer Wollust die Gefhle des Wolfes
   geschildert, der das Schaf auffrisst. Diese Vorstellung hat
   Michailowsky sich wohl aus dem Eindrucke geholt, welchen der
   Idiot und spter Die Besessenen in ihm mochten hervorgerufen
   haben. Es giebt in der That kaum je eine Lektre, welche
   stellenweise solche Qualen hervorzurufen vermchte. Allein die
   Deutung Michailowskys ist durchaus herbeigezwungen, denn auch
   hier, in diesen grausamsten Werken des grossen Dichters und
   ganz besonders im Idioten, wiewohl er knstlerisch weit
   schwcher ist als Die Besessenen, steht er nicht nur auf der
   Seite des Schafes, sondern er lst die heitere, unbefangene,
   starke und berzeugte Milde seines Helden wie einen glnzenden
   Kern aus dem stachlichen Gehuse des um ihn sich schliessenden
   Lebens heraus. Diese Lebens-Umgebung, diese Menschen und ihre
   Zustnde, namentlich aber ihr Verhalten gegen den kranken und
   durch das Mitleid so beraus erregbaren jungen Mann, das alles
   hat etwas Widerwrtiges an sich, das indessen nur zur Hlfte als
   Vorwurf auf des Dichters Rechnung zu setzen ist. Wo er die junge
   Generation nihilistischer, atheistischer Frbung schildert, da
   ist er beissend, ja bissig bis ins Ungerechte, subjektiv bis zur
   Blindheit. Er, der im gemeinen Verbrecher des Totenhauses den
   gttlichen Funken, die russische Wahrheit sucht und findet, ist
   unerbittlich gegen Verirrungen und Trugschlsse des Geistes,
   Irrtmer des Herzens, die er selbst einmal geteilt hatte. Hier
   liegt die Vermutung nahe, dass er eben darum, weil er gelernt
   hatte, diese Richtung in sich selbst aufrichtig zu verdammen, das
   Mass fr die Beurteilung der selben Ideen in Anderen verlor. Was
   uns aber sonst als qulend und unbehaglich in der Umgebung
   Myschkins entgegentritt, ist das zusammengewrfelte Milieu, das
   in Russland in gewissen mittleren Kreisen sich bildet, dem der
   Dichter in jngeren Jahren wohl selbst mochte angehrt haben, das
   ihn aber sicher als Romancier mehr locken musste, als die
   ausgeglichene Eleganz der hohen Kreise oder die Einheitlichkeit
   des Dorflebens.

   In diesem mittleren Milieu brodelt das vielfltigste Leben. Es
   verkehren Menschen mit einander, die ursprnglich nicht zusammen
   gehrten. Die einen wollen hinauf, die andern mssen hinunter,
   alle wollen leben, geniessen, verdienen, wenigstens nicht
   verlieren, etwas gelten, ihren Leidenschaften freien Lauf lassen.
   Das kostspielige Leben der Hauptstadt gestattet vielen dieser
   Existenzen nicht, ein eigenes Quartier zu mieten. Man wohnt in
   Aftermiete (meblirovannye komnaty); der verabschiedete General,
   der kleine Beamte mit seiner Familie, die Gutsbesitzerswitwe mit
   ihrer Tochter, verwitterte Excellenzen, versoffene Kollegienrte,
   Hochstapler, Spieler, Cigaretten rauchende Generalinnen, das
   alles lebt in einzelnen Zimmern auf einem Gange bei Vermietern.
   In den Mietwohnungen minderen Ranges entsteht eine Gemeinschaft
   des Lebens; man lebt mit, man zieht bald zu dem einen, bald zu
   dem anderen der Stubennachbarn, man fhrt politische Gesprche,
   trinkt, spielt bis tief in die Nacht, streitet und vershnt sich
   usw. Jener merkwrdige Typus verlorener Kinder wie sie
   Dostojewsky als Sonja in Schuld und Shne, als Nastassja
   Philippowna im Idiot schildert, ist auch aus diesem Milieu
   hervorgeholt. Was einer solchen Menschengemeinschaft vom
   Standpunkt geordneter und vornehmer Verhltnisse als Makel
   anhaften muss, das bildet wohl einen Vorzug im Leben jener von
   unserer Gesellschaft zur Schmach erzogenen Wesen. Dostojewsky,
   der konservative Politiker, ist als Mensch im weitesten Sinne
   frei und zeigt uns in diesen Gestalten eine merkwrdige Mischung
   von Verderbnis und Naivett.

   Ganz besonders in Nastassja Philippowna ist diese Keckheit und
   dieser Stolz der Verlorenen, die sich verschenkt, aber nicht
   verlizitieren will, ganz herrlich hingeworfen. Auch sie, wiewohl
   sie schon vom Stoff der Schuld viel mehr in sich trgt, als die
   sanfte Sonja, ruft der Dichter durch Myschkins Mund zum
   Liebesmahle heran. Myschkin hat ihr Bildnis gesehen, er soll es
   aus des Generals Kanzlei zu den Damen hinberbringen. In einem
   der leeren Sle, die er, das Bild in der Hand, durchschreitet,
   bleibt er stehen, betrachtet dieses schne, bleiche, magere
   Gesicht mit den tiefen Augen und -- drckt pltzlich einen
   innigen Kuss darauf. Wir bleiben aber nicht lange ber den Sinn
   dieses Kusses im Unklaren. Als er bei den Damen sitzt und ihnen
   von der Schweiz erzhlen muss, da sagt er, dass er dort so beraus
   glcklich gewesen sei. Man lchelt, fragt, ntigt ihn zu reden.
   Ich war nicht verliebt -- ich war dort .. anders glcklich. Nun
   dringt man noch mehr in ihn und er fhrt fort: Dort -- waren
   immer viele Kinder und ich war die ganze Zeit mit Kindern, nur
   mit Kindern. Es waren die Kinder aus jenem Dorfe, der ganze
   Tross, der dort in die Schule ging. Nicht, dass ich sie
   unterrichtet htte -- o nein, dazu war der Schulmeister da, Jules
   Thibaut; brigens habe ich sie wohl auch gelehrt, aber ich war
   die meiste Zeit nur so mit ihnen -- und so sind mir vier Jahre
   vergangen. Ich brauchte nichts anderes. Ich sprach mit ihnen ber
   alles, habe ihnen nichts verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten
   wurden alle bse auf mich, weil die Kinder zuletzt gar nicht mehr
   ohne mich sein konnten und sich immer um mich scharten. Auch der
   Schullehrer wurde am Ende mein grsster Feind. Es erstanden mir
   dort viele Feinde und alle um der Kinder willen. Sogar Schneider
   (jener Arzt, der ihn aufgenommen hatte) beschmte mich. Aber was
   frchtete er denn? Einem Kinde kann man alles sagen -- alles.
   Mich hat immer der Gedanke frappiert, wie schlecht doch die
   Grossen die Kinder kennen, ja wie schlecht Vter und Mtter ihre
   eigenen Kinder verstehen. Vor Kindern braucht man nichts zu
   verbergen, unter dem Vorwande, dass sie klein sind und es zu frh
   fr sie sei. Was fr ein trauriger und unglcklicher Gedanke! Und
   wie gut bemerken es die Kinder selbst, dass die Eltern sie fr zu
   klein erachten, um etwas zu verstehen, whrend sie alles
   verstehen. Die Erwachsenen wissen es nicht, dass ein Kind auch in
   der schwersten Sache einen richtigen Ratschlag zu geben vermag.
   Ach Gott, wenn dich dieses gute Vgelchen ansieht, so vertrauensvoll
   und glcklich, so muss man sich ja schmen es zu betrgen. --
   Weiter heisst es dann: Anfangs lachten mich die Kinder aus, dann
   warfen sie sogar Steine auf mich, als sie es gesehen hatten, wie
   ich Marie ksste. Ich habe sie aber ein einziges Mal geksst ....
   Nein, lachen Sie nicht, beeilte sich der Frst zu sagen, um das
   Lcheln seiner Zuhrerinnen aufzuhalten -- da war nichts von
   Liebe vorhanden. Wenn Sie wssten, was das fr ein unglckliches
   Geschpf war, so wrde Ihnen selbst sehr leid um sie, gerade wie
   mir. Sie war aus unserem Dorfe usw.

   Nun erzhlt der Frst die Geschichte dieses armen, demtigen
   Wesens, das sich mit niedrigster Arbeit einige Kopeken verdiente;
   dabei war sie schwindschtig. Einmal war ein franzsischer Kommis
   des Weges daher gekommen, hatte sie bethrt und mit sich
   genommen, nach acht Tagen wieder fortgejagt. Da war sie die
   vielen Werst zu Fuss zurckgegangen, eine ganze Woche lang, war
   in Lumpen gehllt, elend, erkltet heimgekommen. Die Mutter,
   welche einen ganz kleinen Handel im Fenster ihrer Kammer versah
   und davon lebte, beschimpfte sie, gab sie dem Hohn und den
   Schmhungen der Dorfbewohner preis. Man nahm sie nirgends mehr
   zur Arbeit, und selbst der Kuhhirt wollte ihr keinen Teil der
   Herde anvertrauen. Schweigend ging sie aber doch dem Vieh nach
   und htete es gut, sodass er ihr hie und da etwas Brot und Kse
   gab. Da war es, dass der junge Frst sie einmal traf und ihr 8
   Francs gab, die er fr eine kleine Diamantnadel eingelst hatte.

   Ich hatte lange getrachtet, Marie allein zu treffen, endlich
   begegnete sie mir hinter dem Dorfe, beim Zaun, an einem
   Seitenpfade hinter einem Baum. Hier gab ich ihr die 8 Francs und
   sagte ihr, sie mge sie gut bewahren, weil ich weiter nichts
   haben wrde. Dann aber ksste ich sie und sagte ihr, sie mge
   nicht denken, ich htte bse Absichten, dass ich sie nicht darum
   ksse, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern weil sie mir so
   sehr leid thue und ich sie von Anfang an nicht im geringsten fr
   schuldig, nur fr sehr unglcklich erachtet htte. Ich hatte so
   sehr den Wunsch, sie auch gleich zu trsten und zu berzeugen,
   dass sie sich nicht vor allen so zu erniedrigen habe, aber sie
   hat das, scheint es, nicht verstanden. Dann, als ich geendet
   hatte, ksste sie mir die Hand, und ich ergriff sogleich die ihre
   und wollte sie auch kssen, allein sie zog sie rasch zurck. Da
   erblickten uns pltzlich die Kinder, eine ganze Schar. Ich erfuhr
   nachher, dass sie mich schon lange belauscht hatten. Sie begannen
   zu pfeifen, mit den Hndchen zu klatschen und zu lachen, Marie
   aber lief davon. Ich wollte sprechen, sie aber begannen Steine
   auf mich zu werfen.

   Weiter fhrt er fort: Ich erzhlte ihnen, wie unglcklich Marie
   sei; bald hrten sie auf zu schmhen und gingen schweigend davon.
   Nach und nach begannen wir miteinander zu reden; ich verbarg
   ihnen nichts, erzhlte ihnen alles. Sie lauschten mit vielem
   Interesse und begannen bald Marie zu bemitleiden. Manche von
   ihnen begrssten sie nun schon zrtlich, wenn sie ihnen begegnete
   usw. -- Zuletzt riefen ihr die Kinder oft zu: nous t'aimons
   Marie! Als sie stirbt, berschtten sie die Kinder mit Blumen,
   legen ihr einen Kranz aufs Haupt und wollen den Sarg zum Friedhof
   tragen. Da sie es nicht vermgen, folgt die ganze Schar ihm
   weinend nach, und der Grabhgel blht seither unter ihrer Obhut.
   Er aber, der junge Frst, wird der Kinder unzertrennlicher
   Genosse und Berater, wenn auch vom Pastor und dem Lehrer
   angefeindet. Auch sein Beschtzer, der Arzt Schneider, tadelt ihn
   darob und nennt ihn ein ewiges Kind.

   Endlich fertigt ihn dieser nach Russland ab, und wir ersehen am
   ersten Abend nach der Ankunft Myschkins, um was es sich da
   handelt. Der junge Frst ist ungeladen zu jener Schnen,
   Nastassja Philippowna, gekommen, wohin eine Gesellschaft
   zusammengerufen worden, um ihren Entschluss zu hren: ob sie,
   mit einer Mitgift ihres ehemaligen Liebhabers ausgestattet, Ganja
   Iwolgin, einen jungen Streber, der sie um dieses Geldes willen
   nehmen will, heiraten wird oder nicht.

   Myschkin ahnt, dass er hier etwas zu sagen oder zu thun haben
   werde, und tritt nun, seine Scheu berwindend, in die verblffte
   Gesellschaft. Man hat sich jedoch bald mit dem ungebetenen Gaste
   zurecht gefunden, denn der Abend soll ja anderes, Wichtigeres
   bringen. Alles ist gespannt. -- Da strzt Rogoschin, des Frsten
   wster Reisegefhrte, mit einem Schwarm betrunkener Genossen
   herein und legt ein Pckchen von 100000 Rubeln auf den Tisch,
   womit er Nastassja als Geliebte fr sich loskaufen will; diese
   schleudert nun, krampfhaft lachend, eine wilde Herausforderung
   den Anwesenden, namentlich dem sie verheiratenden alten Liebhaber
   Totzky ins Gesicht.

   Auch noch verpflichtet wre ich ihm, so meint er wohl; er hat
   mir ja eine Erziehung gegeben, mich wie eine Grfin gehalten, und
   Geld, wieviel Geld ist da aufgegangen! Einen anstndigen Gatten
   hat er mir gesucht, schon dort, und hier nun diesen. Und was
   glaubst du -- ich habe diese fnf Jahre nicht mit ihm gelebt,
   habe aber Geld von ihm genommen und gedacht, ich sei im Recht!
   Ganz unsinnig bin ich ja geworden! Du sagst: Nimm die
   Hunderttausend und jag' ihn fort, wenn's dich ekelt. Freilich ist
   es ekelhaft .... Ich htte auch schon lange heiraten knnen und
   andere, als diesen hier -- aber das ist ja schon gar ekelhaft!
   Und wofr habe ich meine fnf Jahre in diesem Zorn vergeudet? Und
   wirst du's glauben (sie wendet sich da an eine Freundin) oder
   nicht, dass ich vor etwa vier Jahren zeitweise daran gedacht
   habe, ob ich nicht kurzweg meinen Athanasji Iwanowitsch nehmen
   sollte? Das hab' ich damals aus Bosheit so gedacht; es ist mir
   damals nicht wenig im Kopf herumgegangen. Ich htte ihn sicher
   dazu vermocht, das glaube mir! Er hat selbst einmal dazu
   gedrngt, ob du's glaubst oder nicht! Freilich, er hat gelogen,
   denn er ist schon gar zu gierig, hlt nicht Stand. Und spter,
   Gott Lob, ist mir eingefallen: ist er einer solchen Bosheit wert?
   Da hab' ich einen solchen Abscheu vor ihm bekommen, dass, wenn er
   auch um mich gefreit htte, ich ihn nicht genommen htte. Ganze
   fnf Jahre habe ich so forciert! Nein, da ist's schon besser auf
   die Strasse, wohin ich auch gehre! Entweder mich mit Rogoschin
   verlottern, oder morgen unter die Wscherinnen gehen! Denn es ist
   nichts mein eigen, was ich da trage. Geh' ich fort, so werf ich
   ihm alles hin, den letzten Fetzen lass' ich hier -- wer aber
   nimmt mich ohne alles -- frage nur den da, Ganja, ob er mich
   nimmt? Ja, auch Ferdyschtschenko (der Spassmacher der
   Gesellschaft) nimmt mich nicht! ....

   Ferdyschtschenko nimmt Euch vielleicht nicht, Nastassja
   Philippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch, unterbrach sie
   dieser; dafr hingegen -- nimmt Euch der Frst! Ihr sitzet so da
   und lamentiert -- schaut nur einmal den Frsten an! Ich beobachte
   ihn schon lange ...

   Nastassja Philippowna wendet sich neugierig nach dem Frsten um.

   Ist es wahr? fragt sie ihn.

   Es ist wahr, sagt er leise.

   (Der Eindruck dieser Scene ist unbeschreiblich.)

   Da hab' ich einen Wohlthter gefunden! sagt Nastassja brigens
   spricht man vielleicht die Wahrheit ber ihn, dass er .... _so_
   ist. Wovon wirst du denn leben, wenn du so verliebt bist, die
   Rogoschinskaia zu nehmen, fr dich, als -- Frstin?

   Ich nehme Euch als eine Ehrenhafte, Nastassja Philippowna, nicht
   als eine Rogoschinskaia, sagte der Frst.

   Ich, ehrenhaft?

   Ja, Ihr, usw.

   Nun wird die Frage des Unterhalts errtert und es stellt sich aus
   einem Briefe, den Myschkin bei sich trgt, heraus, dass er der
   Erbe einer steinreichen Verwandten ist und es eben diese
   Angelegenheit war, um deren willen man ihn nach Russland gesandt
   hatte.

   Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst
   retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des
   Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen hchst aufregenden und
   den Leser in qulende Spannung versetzenden Episoden setzt
   Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht mehr
   stand hlt, doch endlich die Vermhlung durch. Schon im
   Brautgewande und vor dem Altar -- entflieht die Braut. Spt in
   der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint
   Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man lsst
   ihn nicht ein. Er stellt sich gegenber Rogoschins Fenster auf,
   dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen
   schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Frst, den schon wiederholte
   Anflle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens zu
   berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mhe, um zu
   begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin fhrt ihn hinter den
   Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis ber den
   Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Krper. Ein nackter Fuss, wie
   aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende sichtbar und
   ringsum weisse Gewnder, Spitzen, Brillanten -- -- -- Sie war mit
   Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen, damit
   Myschkin sie nicht finde. Hier hatte sie die Nacht auf seinem
   Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer ins Herz gestossen.
   Darauf hat er sich zu Fssen des Bettes vor den Vorhang
   hingesetzt und gewartet. Nun erzhlt er das alles, vom Fieber
   geschttelt, dem Frsten. Du sollst aber keinen Anfall hier
   bekommen und schreien, sonst musst du fort. -- -- Allmhlich
   verlsst beide das Bewusstsein. -- Am andern Morgen findet man
   Rogoschin im Fieber schreiend und rasend, Myschkin neben ihm auf
   dem Boden sitzend, nun vollstndig bldsinnig -- und dem Kranken
   bei jedem Schrei zrtlich Haar und Antlitz streichelnd .....

Es ist wohl hier der Platz fr einen Brief, welchen der Dichter neun
Jahre spter an einen jener Korrespondenten richtete, die ihn in seinen
letzten Lebensjahren so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen.
Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und in mehr als einer Richtung
bedeutsam und interessant.

Er lautet:

   Petersburg, 14. Februar 1877.

   Geehrter Herr Kowner!

Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich ein kranker Mensch bin
und sehr schwer an meiner Monatsschrift arbeite. Auch muss ich jeden
Monat einige Dutzende von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine
Familie und noch andere Geschfte und Verpflichtungen. Ich habe
thatschlich keine Musse zum Leben, und mich in eine lngere
Korrespondenz einzulassen, ist mir unmglich. Besonders mit Ihnen.

Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben wre, als Ihr
erster Brief an mich (Ihr zweiter Brief ist etwas fr sich).

Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin ber sich selbst
sagen. -- ber Ihr einstmals begangenes Verbrechen haben Sie sich so
klar und (wenigstens was mich anbelangt) so verstndlich ausgedrckt,
dass ich, ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese jetzt
mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst.

Sie beurteilen meine Romane. Darber kann ich natrlich nicht mit Ihnen
reden; doch hat es mir gefallen, dass Sie den Idiot als den besten
darunter hervorheben. Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon
fnfzig Mal, wenn nicht fter, gehrt habe. Das Buch wird auch
alljhrlich verkauft und jedes Jahr in einer grsseren Anzahl von
Exemplaren. Ich habe den Idioten darum jetzt genannt, weil alle, die
mit mir darber als von meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes
in der Zusammensetzung ihrer Geistesfhigkeiten haben, das mich sehr
berhrt und mir sehr gefllt. Wenn sich diese Geistesrichtung nun auch
bei Ihnen findet, so ist das fr mich nur um so besser, natrlich wenn
Sie aufrichtig sind. Aber wenn es auch nicht so wre ....

NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, dass Sie keinerlei
Reue ber das von Ihnen begangene Verbrechen in der Bank empfinden, sind
nicht recht nach meinem Sinne. Es giebt etwas, das hher ist, als die
Beweisfhrung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen
Umstnde, etwas, dem sich zu unterwerfen ein jeder sich verpflichtet
fhlen muss (das heisst, wieder als einem Symbol). Sie sind vielleicht
so gescheit, dass Sie sich ber diese unerbetene Offenheit meiner
Bemerkung nicht beleidigt fhlen; denn, erstens bin ich nicht besser,
als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine falsche Demut,
wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie auch in meinem Herzen
freispreche (so wie ich auch Sie auffordere, mich freizusprechen), so
ist es immer besser, wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun.
Scheint Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erluterung eine kleine
Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der hhere, ideale Christ
sagt: Ich habe meinen Besitz mit den armen und niederen Brdern zu
teilen, ich habe ihnen allen zu dienen. Der Kommunard aber sagt: Du
hast mit mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu dienen.
Der Christ wird recht, der Kommunard wird unrecht haben.) brigens ist
Ihnen vielleicht jetzt noch unverstndlicher, was ich Ihnen sagen
wollte.

Nun zu den Juden. ber ein solches Thema kann man sich in einem Briefe
nicht aussprechen, besonders mit Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit,
dass wir einen solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht
erledigen und uns dabei nur abqulen wrden. Ich will Ihnen nur sagen,
dass ich auch von anderen Israeliten Briefe mit hnlichen Bemerkungen
bekommen habe. So habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen
Brief von einer Jdin erhalten, welcher ebenfalls mit bitteren Vorwrfen
schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst durch diese mir von Israeliten
gemachten Vorwrfe, einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches
schreiben (das ich brigens noch nicht zu schreiben begonnen habe, da
ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen Anfalles leidend
bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, dass ich durchaus kein Feind der Juden
bin, niemals ein solcher war. Allein -- schon ihr, vierzig Jahrhunderte
whrender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass dieses
Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, welche im Laufe
seiner ganzen Geschichte nicht anders konnte, als sich als verschiedene
status in statu formulieren. Ein sehr krftiger status in statu ist
unbestreitbar auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es aber
so ist, wie ist es dann anders mglich, als dass sie, wenigstens
teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen Volksfamilie eine
Dissonanz bilden? Sie weisen auf die Intelligenz der Juden hin -- nun,
Sie selbst sind ja auch eine Intelligenz und -- sehen Sie nur ...

Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. Ich habe viele
Bekannte, die Juden sind, auch Jdinnen, die mich auch jetzt oft um Rat
angehen. Doch lesen sie das Tagebuch eines Schriftstellers; und obwohl
sie, wie alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich sind,
so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch zu mir.

Was die Sache der Kornilowa[24] anlangt, bemerke ich nur, dass Sie
nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. Aber was sind Sie doch
fr ein Lehrling. Mit einem solchen Blick auf das Herz des Menschen und
seine Handlungen bleibt ja nichts brig, als im Kot materieller Gensse
zu versinken ...

... brigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres Briefes, gar nicht. Ihr
Brief (der erste) ist hinreissend schn und gut. Ich will mit voller
Seele glauben, dass Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie
nicht aufrichtig wren ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit
in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art hchst komplizierte und
sehr tiefe Sache. --

[Funote 24: Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der
Schwangerschaft ihr Stieftchterchen aus dem Fenster geworfen hatte und
fr die Dostojewsky ffentlich eintrat.]

Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir
dargereichte Hand drcke; erheben Sie sich aber im Geiste und
formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es ja bis zum heutigen Tage
gesucht, oder nicht?

Mit aufrichtiger Hochachtung

                                                                   Ihr
                                                     Th. Dostojewsky.

Mehr als langatmige Abhandlungen es vermchten, kndet uns dieser Brief
die ganze Eigenart Dostojewskys. Gleichsam im Vorbergehen, wie
unbewusst, streift er einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart
und lst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude ber jene,
welche den Idioten als sein bestes Werk ansehen, steckt eine ganze
Ethik der unbefleckten Wahrheit, so wie in jener Parallele zwischen
Christ und Kommunard sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. Die
Andeutung ber die Lge, die in gegebenem Falle eine sehr ernste und
komplizierte Sache ist, deckt sich mit dem Ausspruch, den er Rasumichin
in den Mund legt: Lgen wir uns zur Wahrheit durch, und reisst
gleichsam vor unseren Augen das Dornengestrpp der Lge auseinander, das
oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; und wie gewandt endlich kehrt er,
in der Berhrung der Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe
gegen diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die nationale
Grundlage des Volks zu erhrten. --

Das Leben in Florenz war ebenso einfrmig wie das in Genf gewesen, doch
gab es hier viele Kunstsammlungen, welche nicht nur von Anna
Grigorjewna, sondern auch von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden.
Des Dichters Lieblinge waren hier Rafaels Madonna della Sedia und
Johannes der Tufer. Ganz besonders entzckte den Dichter der
Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. Auch ein Lesesaal war
hier, wo man russische Zeitschriften finden konnte. Ausserdem
beschftigte sich Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er
Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte Russen gab es hier
gar keine, so dass das Ehepaar zehn Monate in Florenz zubrachte, ohne
mit irgend jemand ein russisches Wort zu wechseln. brigens empfand
Theodor Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie fr das
italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr hnlich. In
Theater-Auffhrungen kamen sie sehr selten, weil sie allzuwenig Geld
hatten, um sich ein solches Vergngen zu gestatten.

Im Juli 1869 ging das Ehepaar ber Venedig, Triest, Wien und Prag nach
Dresden. Venedig machte auf den Dichter einen besonders bezaubernden
Eindruck und es blieb immer das Ziel seiner Trume. Er hatte es anfangs
vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger und Palacky nher
bekannt zu werden, welche ihn sehr interessierten. Der Umstand jedoch,
dass in Prag keine mblierten Wohnungen zu finden waren, ntigte ihn,
Dresden zu seinem Wohnort zu erwhlen. Hier wurde ihm am 14. September
(1869) die zweite Tochter geboren und das brachte neue Freuden und neue
Sorgen in das Leben der Wandernden. Den Dichter erfllte die Geburt
einer Tochter mit Glck und er widmete diesem Kinde jede freie Minute,
wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen war. Zu Ende des Jahres
schrieb Dostojewsky den Hahnrei und das ganze Jahr 1870 hindurch die
Dmonen (in einer bersetzung Die Besessenen genannt), welche
anfangs 1871 im Russkij Wjestnik zu erscheinen begannen.

Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine nheren Bekannten; brigens
liebte er es nicht besonders, im Auslande Verkehr mit Russen zu pflegen,
die er nur oberflchlich kannte. Seine Lektre schpfte er hier aus
russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit sich genommen
oder sich verschrieben hatte, so die Werke Belinskys, Krieg und
Frieden von Tolstoj und einige andere. Das Buch jedoch, zu welchem er
immer wieder zurckkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der
Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, nie verlassen
hatte, war das Evangelium.

In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben und, wie Anna
Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehrten gerade diese zwei Jahre zu
den schwersten Zeiten der freiwilligen Verbannung. Er litt immer mehr
darunter, sagte sie, dass er sich von Russland entfernt habe, es nicht
mehr kenne. In seinen Briefen drckt er oft diese Sehnsucht nach
Russland aus. Allein die Rckkehr war schwer zu bewerkstelligen, weil
man dazu von vornherein grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehrte, dass
man nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg bersiedelte,
sondern die Wechsel und Schulden einlste, welche von der Leitung der
Epocha her noch unbeglichen waren. Lange warteten sie auf gnstige
Umstnde, aber so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres
hchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte Geld zu diesem
verbraucht. Ein bedeutender Teil ging fr die Erhaltung der Witwe des
dahingeschiedenen Bruders, ein anderer fr die des (offenbar nicht
wohlgeratenen) Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso fr die
Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die zuletzt doch
verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen diesen Schwierigkeiten vor
sich sahen, dabei aber fhlten, dass es ihnen unertrglich wurde, unter
diesen Verhltnissen in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie
sich, alle Folgen einer solchen Rckkehr auf sich zu nehmen, und kehrten
am 8. Juli 1871 nach Petersburg zurck, wo am 16. desselben Monats ihr
erster Sohn Theodor geboren wurde.




                                 IX.
                     Briefwechsel aus der Fremde.
                             (1867-1871.)


Blttern wir nun in den Briefen des Dichters aus dieser Zeit der
Selbstverbannung, so finden wir darin die Besttigung alles dessen, was
Strachow darber berichtet und Anna Grigorjewna selbst erzhlt, alles
was wir durch sie ber ussere Ereignisse, Verhltnisse und Stimmungen
erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, mssen wir aus zwei
Grnden verzichten. Einmal weil die Zahl der uns vorliegenden, 42, einen
Umfang von etwa zehn Druckbogen grossen Formats einnimmt, die Lnge
einzelner oft sehr betrchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material
fr die Erkenntnis des Dichters erwchse. Dann aber, und dies ist
wichtiger, weil seine Richtung durch alles Vorangegangene und namentlich
durch das Tagebuch besser gekennzeichnet ist als durch diese Briefe,
deren Wiederholungen mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persnliche
geschftliche Beziehungen und Kontroversen von einem deutschen Publikum
gleichgiltig, ja wohl missverstndlich msste aufgenommen werden. Auch
jenen Briefen, welche hier angefgt werden, mssen wir eine Bemerkung
voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl selbst gemacht
hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys Wesen hervorgehoben zu werden
verdient. Des Dichters Briefe sind alles andere eher als geistreiche
Briefe; sie sind in noch viel hherem Grade als seine knstlerischen
und publizistischen Schriften nicht litteraturmssig. In seiner
Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei allem Raffinement des Knstlers)
hier wie berall um die Form unbekmmert, sorglos um die tausend Sachen
und Schelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht stellen
knnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach wie die
Alltglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir glauben ihm aufs
Wort, was er noch im Jahre 1856 aus Sibirien an Apollon Maikow schrieb:
-- -- Verzeihen Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe
kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum eben kann ich die
Mme. de Svign nicht leiden. Sie hat allzu gute Briefe geschrieben.
Dostojewskys Stil ist sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so,
wie ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): nicht der
kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu vornehmer
Einfachheit geadelten Alltglichkeit.

Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick haben, ist vom
28. August 1867 aus Genf datiert, an Maikow gerichtet. Nach einer
einleitenden Entschuldigung, dass er so lange geschwiegen habe, und
einem jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer wie die
Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem wir ihn den besten
Freunden gegenber manchmal ertappen, beginnt er die zusammenfassende
Erzhlung seines Reiselebens wie folgt:

Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen Grnden. Der
Hauptgrnde waren zwei: 1. Nicht nur die Gesundheit, nein, das Leben zu
retten. Die Anflle wiederholten sich schon in jeder Woche; diese
Nerven- und Gehirnzerrttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, das
war unertrglich. Der Geist begann thatschlich sich zu zerrtten. Das
ist thatschlich wahr. Die Nervenstrungen aber brachten mich manchmal
zu Wutausbrchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war diese: die
Glubiger konnten nicht mehr lnger warten, und zur Zeit meiner Abreise
war schon durch Latkin und spter durch Petschatkin die Klage gegen mich
eingereicht. Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. Nehmen wir an --
ich will keine schnen Worte machen und mich aufschmcken -- nehmen wir
an, das Schuldgefngnis wre mir in einer Hinsicht auch sehr ntzlich:
Aktualitt, Material, ein zweites Totenhaus; mit einem Wort, es gbe
Material mindestens fr 4-5000 Rubel, aber ich habe eben erst geheiratet
und, ausserdem, wrde ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause
aushalten? Das war eine unlsbare Frage. Wre es mir aber unmglich
geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden Anfllen, litterarisch
thtig zu sein -- wie htte ich dann die Schulden bezahlt? Und die
Verpflichtungen waren schrecklich angewachsen.

Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans Ausland habe ich
nicht geglaubt, d. h. ich war berzeugt, der geistige Einfluss des
Auslandes werde ein sehr schdlicher sein. Allein, ohne Material, mit
einem jungen Geschpf, das sich mit naiver Freude anschickte, mein
Wanderleben zu teilen -- ich aber sah in dieser naiven Freude viel
Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrckte und qulte mich sehr.
Ich frchtete, Anna Grigorjewna werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir
langweilen; auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. In mich
aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen ist krankhaft, und ich sah
voraus, dass sie sich mit mir abqulen werde. (NB. Allerdings hat sich
Anna Grigorjewna als strker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt
und vermutet hatte, und in vielen Fllen war sie mir geradezu ein
Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, Zwanzigjhriges, das
wunderschn und natrlich unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber
kaum die Kraft und Fhigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der Abreise
vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna Grigorjewna sich
krftiger und trefflicher erwies, als ich gedacht hatte, so bin ich
dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) Endlich bedrckte mich die
Kargheit unserer Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen
Barschaft und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an Katkow ab.
Ich rechnete allerdings damit, dass ich im Auslande sofort zu arbeiten
beginnen wrde. Was aber kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder
nahezu nichts geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und
endgiltig an die Arbeit. Freilich, darber, ob ich gar nichts gethan
habe, bin ich noch im Zweifel; dafr hat man viel durchempfunden und
manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, Schwarz auf Weiss ist noch
wenig da, dieses Schwarz auf Weiss aber ist ja das Endgiltige, das
allein wird bezahlt. Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als
mglich hinter uns gelassen -- wo ich mich einen Tag aufhielt, wo die
langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine Nerven bis zur Bosheit
zu reizen, und wo ich das russische Bad besuchte -- gingen wir nach
Dresden, mieteten eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest.

Die Wirkung davon war fr mich eine sehr seltsame: sofort warf sich mir
die Frage auf: wozu bin ich in Dresden, gerade in Dresden und nicht
anderswo, und was zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu
verlassen und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja klar
(Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbrmliche war auch das, dass
ich es zu deutlich empfand, dass es fr mich jetzt, wo immer ich auch
leben mochte, ganz gleich sei -- ob in Dresden oder anderswo. berall
war ich in der Fremde, berall ein abgerissenes Bruchstck. Ich wollte
mich sofort an die Arbeit machen und fhlte, dass es damit durchaus
nicht gehe, dass der Eindruck durchaus nicht der richtige sei. Ich las,
ich schrieb einiges, war von Sehnsucht, dann von Hitze geqult -- die
Tage vergingen einfrmig. Wir gingen regelmssig nach Tische im Grossen
Garten spazieren, hrten billige Musik, dann lasen wir, dann gingen wir
schlafen. In Anna Grigorjewna's Charakter kam ein entschieden
antiquarischer Zug zum Vorschein (das freut mich und unterhlt mich
sehr). Es ist z. B. ihre Hauptbeschftigung, irgend welche dumme
Rathuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, was sie
mit ihren stenographischen Zeichen ausfhrt und womit sie schon sieben
Bchlein vollgeschrieben hat. Aber mehr als alles hat sie die Galerie
eingenommen und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darber, weil
dadurch in ihrer Seele zu viele Eindrcke entstanden sind, um Langweile
aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie tglich besucht.

Soviel wir aber auch ber alle die Unseren, ber die Petersburger und
die Moskauer gesprochen und debattiert haben, ber Sie und Anna Iwanowna
-- es war teilweise doch recht trbselig. Meine Gedanken will ich Ihnen
nicht beschreiben. Viele Eindrcke haben sich aufgespeichert. Ich habe
russische Zeitungen gelesen und mir damit das Herz erleichtert. Da habe
ich's endlich empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt
hatte fr einen ganzen Artikel ber das Verhalten Russlands Europa
gegenber und ber die oberste Schichte der russischen Gesellschaft.
Aber, was soll man davon reden! Die Deutschen haben mich nervs gemacht,
unser russisches Leben der hheren Kreise aber mit ihrem Glauben an
Europa und die Zivilisation -- ebenfalls. Die Vorgnge in Paris waren
ein Schlag fr mich. Auch die guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la
Pologne! Puh! wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie
wohldienerisch! Ich habe mich in meiner frheren Idee nur noch bestrkt,
dass es fr uns teilweise sogar vorteilhaft ist, dass uns Europa nicht
kennt und so schlecht kennt. Die Details aber des Prozesses Berezowski!
Wie viel fauler Schlepptrgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist
-- wie wenig sind sie mit ihren Reden noch weiter gekommen, wie ist
alles noch auf demselben Fleck, alles auf demselben Fleck!

Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus plastischer, das
ungewhnliche Faktum der Mndigkeit und unerwarteten Reife des
russischen Volkes angesichts all unserer Reformen (sei es auch nur die
der Gerichtsbarkeit), und gleichzeitig die Kunde von dem durch den
Kreisrichter des Orenburger Gouvernements durchgeprgelten Kaufmann
erster Gilde! Eines fhlt man: dass das russische Volk dank seinem
Wohlthter und dessen Reformen nach und nach in eine solche Lage
gekommen ist, dass es unwillkrlich Thatkraft, selbstndiges Sehen
erlernt, und darin liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit
ist, was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger als die
Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So schnell als mglich nach dem
Sden, so schnell als mglich[25]; darauf kommt alles an. Bis dahin
berall die rechte Gerichtsbarkeit, und dann, was fr eine grosse
Wiedergeburt! (ber all dieses denkt man hier nach, trumt man, ber all
dieses schlgt einem das Herz.) Obwohl ich hier fast mit niemand
verkehre, kann man doch nicht umhin, manchmal unversehens auf jemand zu
stossen.

In Deutschland begegnete mir ein Russe, der stndig im Auslande lebt,
alljhrlich auf drei Wochen nach Russland reist, seine Einknfte
einstreicht und wieder nach Deutschland zurckkehrt, wo er Frau und
Kinder hat, die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem:
warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete wrtlich (mit
gereizter Heftigkeit): hier ist Zivilisation, bei uns aber Barbarei.
Ausserdem giebt es hier keine Nationalitten. Ich sass gestern im Coup
und konnte den Franzosen nicht vom Englnder oder vom Deutschen
unterscheiden.

[Funote 25: Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die
Gewinnung eines Welthafens, Konstantinopels.]

Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?

Wie denn nicht, natrlich!

Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? Der Franzose ist vor
allem Franzose, der Englnder -- Englnder, nur sie selbst zu sein ist
ihr hchstes Ziel, ja noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.

Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, und wir werden
erst dann glcklich sein, wenn wir vergessen werden, dass wir Russen
sind und jeder allen hnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow
hren!

Sie also lieben Katkow nicht?

Er ist ein Nichtswrdiger!

Warum?

Weil er die Polen nicht liebt.

Lesen Sie sein Journal?

Nein, ich lese es niemals.

Dieses Gesprch gebe ich buchstblich wieder, dieser Mensch gehrt zu
den jungen Progressisten, hlt sich aber brigens, wie es scheint,
abseits von allen anderen. In was fr knurrigen und verachtenden
Spitzigkeiten bewegen sie sich doch im Auslande!

Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. Aber du mein
Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, d. h. eine so erhabene
Vorstellung des Menschen, dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen
kann, und dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das Ideal
der Menschheit fr alle Ewigkeit. Sie aber -- --[26] haben sie uns
hingestellt? Anstatt der hchsten gttlichen Schnheit, auf welche sie
spucken, sind sie alle so niedrig, selbstschtig, so schamlos
aufreizend, so leichtfertig, hochmtig, dass es unverstndlich ist, was
sie erhoffen und was ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat
er abscheulich, unanstndig geschmht. Was ich aber beobachtet habe ist
dies: alle diese Liberlchen und Progressisten, namentlich jene, die
noch aus der Schule Belinskys sind, halten es fr ihr vornehmstes
Vergngen und ihre grsste Befriedigung, ber Russland loszuziehen. Der
Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach Russland
schmhen und ihm offen den Zusammenbruch wnschen (vor allem den
Zusammenbruch!) Diese Ableger aber fgen hinzu, dass sie Russland
lieben. Dabei aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland
halbwegs selbstndig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen und mit Lust
in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn man ihnen thatschlich ein
Faktum vorlegte, das man auf keine Weise leugnen oder in eine Karikatur
verstmmeln knnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein
msste, so wrden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur Qual, bis zur
Verzweiflung unglcklich sein. Zweitens habe ich bemerkt, dass sie (wie
alle, welche lange Zeit nicht in Russland gewesen sind) entschieden die
Thatsachen nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so grblich
jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz gewhnliche
Fakten nicht begreifen, die unser russischer Nihilist nicht einmal
leugnet, sondern nur in seinem Sinne karikiert. Unter anderem hat er
gesagt, dass wir vor den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen
allen gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, und
dass alle Anlufe zum Russismus und zur Selbstndigkeit -- Schweinerei
und Dummheit sind ....

[Funote 26: Im Abdruck ausgelassene Stellen.]

Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna die Unruhe und
Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu kamen hauptschlich zwei Fakten:
1. Nach Briefen, welche mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal
geschrieben), zeigte es sich, dass die Glubiger die Klage eingereicht
hatten; folglich war an eine Rckkehr vor der Tilgung nicht zu denken.
2. Fhlte meine Gattin sich in gesegneten Umstnden (dies bitte ich,
unter uns, die neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man
umsoweniger zurckkehren). 3. Was geschieht aber mit meinen
Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der Schwgerin), mit Pascha und
einigen anderen? Geld. Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir
irgendwo berwintern, so sei es im Sden. Dabei mchte man Anna
Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit ihr ein wenig
reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo in der Schweiz oder in Italien
den Winter zuzubringen. Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon
sehr stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm die ganze
Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um 500 Rubel Vorschuss gebeten.
Wie denken Sie? er hat's geschickt! Was ist das fr ein vortrefflicher
Mensch! Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. Aber
hier muss ich meine Niedrigkeiten und Laster erzhlen.

Apollon Nikolaewitsch, mein Tubchen, ich fhle, dass ich Sie als meinen
Richter ansehen kann. Sie sind ein Mann von Herz, wovon ich mich schon
lange berzeugt habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer
hochgeschtzt. Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen schuldig zu
bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie allein. Geben Sie mich dem
Urteil der Menschen nicht preis! An Baden-Baden vorberkommend fiel es
mir ein, mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende Gedanke,
10 Louisd'ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. als Zugabe zu gewinnen,
das wre ja dann genug auf vier Monate, um mit allem und allen
Petersburgern zu leben; das schlimmste war, dass ich auch frher schon
manchmal gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur
niedrig und allzu leidenschaftlich ist. berall und in allem gehe ich
bis an die usserste Grenze, mein ganzes Leben habe ich das Mass
berschritten. Der Teufel hat dann auch sofort ein Stckchen mit mir
aufgefhrt: In drei Tagen gewann ich mit ungewhnlicher Leichtigkeit
4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklren, wie sich mir nun alles
darstellte. Von der einen Seite dieser leichte Gewinnst -- von 100 Frcs,
in drei Tagen 4000 --, von der anderen Seite -- Schulden,
Klageschriften, seelische Unruhe, die Unmglichkeit nach Russland
zurckzukehren. Endlich drittens, die Hauptsache -- das Spiel selbst.
Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwre es Ihnen, da
ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir vor allem Geld um Geldeswillen
ntig war. Anna Grigorjewna beschwor mich, ich solle mich mit den 4000
Frcs. zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte und
mgliche Mglichkeit, alles zu reparieren! Und welche Beispiele! Ausser
dem eigenen Gewinnst siehst Du tglich, wie andere zu 20 und 30000 Frcs,
einziehen. (Die Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie's
verdient? Mir ist das Geld ntiger als ihnen. Ich riskierte also weiter
und verlor. Ich fing an mein Letztes zu verlieren, wurde aufgeregt bis
zum Fieber -- und verlor. Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna
Grigorjewna versetzte all ihre Habe, die letzten Schelchen (welch ein
Engel! wie trstete sie mich, wie qulte sie sich in dem verfluchten
Baden in den zwei Stbchen ber der Schmiede, wohin wir bersiedelt
waren!). Endlich war's genug -- alles war verloren. Endlich musste man
sich retten und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals an Katkow,
bat abermals um 500 Rubel (ohne der Umstnde zu erwhnen; allein der
Brief war aus Baden datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er
hat's ja geschickt! Hat's geschickt! So sind also jetzt 4000 vom
Russkij Wjestnik vorausgenommen!

Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky dem Freunde die
Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, dass sie in Genf
angekommen seien, bei zwei alten Frauen Quartier genommen haben und nun
am vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche und weitere 50
Rubel fr die zwei nchsten Monate in Aussicht haben. Nun folgt einer
jener bekannten kindlich schlauen Feldzugsplne, die wir in seinen
ausfhrlichen Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rhrung und
Lcheln zugleich abgewinnen ber des Dichters Menschliches und
Allzumenschliches! In einem Briefe vom 15. September an denselben Freund
erwhnt er, dass dessen 125 Rubel sie gerettet haben.

Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr ber seine Gesundheit,
welcher das Klima schade, da er jeden zehnten Tag ungefhr einen Anfall
habe, nach welchem er sich fnf Tage nicht erholen knne. Schliesslich
folgende Stelle: Habe ich Ihnen schon ber den hiesigen
Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben nicht nur keinen
solchen Unsinn gesehen oder gehrt, sondern nicht einmal angenommen,
dass die Menschen solcher Dummheit fhig wren. Alles war dumm: wie sie
sich vereinigten, wie sie die Sache durchfhrten und wie sie die
Entscheidung trafen. Natrlich hatte ich schon frher keinen Zweifel
darber, dass ihr erstes Wort Zank sein werde. So geschah es auch. Sie
fingen mit dem Antrag an, man mge votieren, dass grosse Monarchieen
berflssig seien und dass man lauter kleine daraus machen solle; dann:
dass es keinen Glauben zu geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei
und Geschimpfe: Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzhlungen
davon lesen und hren, sehen wahrlich alles verkehrt. Nein mit eigenen
Augen solltet Ihr schauen, mit eigenen Ohren hren. ber Genf, seine
ungnstigen klimatischen Verhltnisse und deren Rckschlag auf seine
Gesundheit drckt sich Theodor Michailowitsch in einem Briefe vom 21.
Oktober geradezu verzweifelt aus. Im Zornausbruch sagt er: Und was sind
das fr selbstzufriedene Prahlhnse! Das ist ja ein Zeichen besonderer
Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier hsslich, faul,
teuer, Alles ist hier betrunken! So viele Renommisten und so viele
betrunkene Schreiliesen giebt es sogar in London nicht. Und alles bei
ihnen, jeder Pfosten -- ist herrlich und grossartig. Wo ist die Rue N.
N.? -- Voyez monsieur, vous irez tout droit, et quand vous passerez
prs de cette majestueuse et lgante fontaine en bronze, vous prendrez
etc. -- Diese majestueuse lgante fontaine -- ist der
allerhinflligste, geschmackloseste Rococo-Quark; aber man kann nicht
anders, als sich brsten, wenn Einer nur um die Strasse fragt usw.

Nun finden wir eine grosse Lcke in der Korrespondenz. Der nchste Brief
an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In
diese Zeit fllt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so
sehr beglckt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz ber ihren drei
Monate spter erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener
Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand
gegeben worden. In dem rein geschftlichen Briefe vom 21. April 1868
wird nur an einer Stelle des Kindes erwhnt: Einzig und allein das Kind
zerstreut uns beide, -- aber es ist eine qulende Freude -- wenn Du in
die Zukunft blickst -- ach!

Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon
den ganzen Brief. Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir
sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst,
dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe
gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen
eine Woche krank -- eine Lungenentzndung war's. Ach, Apollon
Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lcherlich
gewesen sein, mag ich mich doch lcherlich in meinen vielen
Antwortschreiben auf die Glckwnsche darber ausgedrckt haben! Es war
ja nur ich, der fr sie lcherlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben
frchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so
armselig, so klein -- fr mich war es schon eine Persnlichkeit und ein
Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie
lchelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen
Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint
oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie ksste; sie hat zu weinen
aufgehrt, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich
wrde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige
Persnlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich's aus, die
Kreuzmarter auf mich nhme, wenn sie nur leben wrde? Nun -- lassen wir
das, meine Frau weint. bermorgen werden wir uns endlich von unserem
kleinen Grabhgel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna
(Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des
Kindes Tode gekommen.

Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe
ich gar nicht arbeiten knnen. Abermals habe ich eine Entschuldigung an
Katkow geschrieben, und im Maiheft des Russkij Wjestnik werden
abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und
Nacht ununterbrochen arbeiten zu knnen, und vom Juniheft angefangen
wird der Roman wenigstens anstndig erscheinen. (Es handelt sich um den
Idiot.)

Im nchsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist,
entschuldigt sich der Dichter ber sein langes Schweigen damit, dass er
trotz vieler Anflle und grosser Erschpfung thatschlich Tag und Nacht
gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurckkommend sagt er noch
einmal: Niemals bin ich unglcklicher gewesen, als in dieser ganzen
letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit
vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger
stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt
Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie
hat mich an ihrem Todestage -- als ich aus dem Hause ging, um die
Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben
wrde -- da hat sie mir so mit ihren uglein nachgeschaut, dass ich es
bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das
vergessen und niemals werde ich aufhren, mich darber zu qulen! Wenn
auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es
lieben werde, wo ich Liebe dafr aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann
nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen
werde.

In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn nicht bse sei,
schreibt er am 19. August nach einer Klage darber, dass er keine
Antwort erhalten habe: Dafr giebt es wohl zwei Grnde: 1. Sie sind auf
mich ber etwas bse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der
Ihre in Verlust geraten.

Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte,
vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es mglich wre,
nach so herzlichen Gefhlen gegen mich, pltzlich wieder bse auf mich
zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust
geraten ist. Die Petersburger Polizei ffnet und liest alle meine
Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie
wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste
leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in
geheimer Verbindung steht -- wie ich sicher weiss -- einige meiner
Briefe zurckgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes
Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdchtigt (weiss der
Teufel wessen verdchtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe
zu erffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere,
um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest,
dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist.
(NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis
zur Abwendung von seinen frheren berzeugungen hingegeben hat, der den
Kaiser vergttert -- wie soll er Verdchtigungen etwa einer Beziehung zu
irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27] ertragen ...! Unwillkrlich
sinken einem da die Hnde, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht
alles von den Schuldigen bei uns bersehen, und den Dostojewsky
verdchtigen sie!)

An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses
Nichtglauben an das bse sein mehr als Festigung fr sich gesagt habe,
denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: Apollon
Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund
genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem
Gedanken, dass Sie bse auf mich sind!

[Funote 27: Die von Herzen in London herausgegebene revolutionre
Zeitschrift.]

Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fllen: sind Sie bse, so
erklren Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass
Sie mich lieben.

Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar fr vieles
im Leben und in den Werken des Dichters.

Mit dem Roman, fhrt er fort, bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich
habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen:
Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen fr den
dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman -- erhole ich mich selbst;
wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglcklich
gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht.
Meine Gesundheit ist nicht gut: Anflle, das Klima von Vevey verstimmt
die Nerven, hiess es an anderer Stelle. --

Der nchste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7.
Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen ber sein
lngeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines
Missverstndnisses zu sprechen, die brigens auch Maikow seinerseits zu
teilen scheint. Dies redet er jenem aus: Nein, mein Herz ist anders
geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt
(zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das
Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen
Variationen manchmal verblfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick
-- sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und
Seele ich glaube, den ich liebe und mit dessen Ideen und berzeugungen
die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als
dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre
Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein
sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit geqult und
erschpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3 Druckbogen im Monat
schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von
russischen Eindrcken ringsherum; fr meine Arbeit war das aber von
jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans
loben, seine Ausfhrung war bis jetzt nicht eine glnzende. Es qult
mich der Gedanke sehr, dass, knnte ich einen Roman voraus, etwa ein
Jahr voraus schreiben, und htte dann zwei bis drei Monate zu
Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskme --
dafr stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich
es deutlich.

Weiter heisst es dann: Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer.
Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun
schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu vllige Vereinsamung.
Im Frhling, als wir Sonja verloren hatten, bersiedelten wir nach
Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey
reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte
sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten
ber den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber
das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem -- ttliche
Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach
Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trbselig und
klsterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfnglich, thtig; hier
kann sie sich mit nichts beschftigen. Ich sehe, dass sie sich grmt,
und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1 Jahren, so
drckt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen
Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive
steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wre, so wre
ich freier. Nach Russland zurckkehren, daran ist schwer zu denken --
keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den
Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein
Arbeitsmensch. Gefngnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht,
folglich werde ich im Gefngnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich
dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn
mir die Glubiger ein Jahr Ruhe liessen -- sie haben mir aber durch drei
Jahre keinen ruhigen Moment gelassen --, so wrde ich dazu kommen, ihnen
nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend
auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fnftel dessen, was
ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch
fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des Idioten Sprnge
bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist
wenig Effekt darin; Effekt aber ist fr die zweite Auflage unumgnglich
notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die
etwas Geld eintragen knnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal
vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Kme ich
nach Russland, wsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte;
hab' ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf,
begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft,
keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon
gar nicht begreifen, das sind -- Wahnsinnige.

Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu
bleiben ist auch unmglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz
bersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich
immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen,
obwohl wir uns furchtbar einschrnken. Bald, mit der Vollendung des
Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow.
Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an
Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst
vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.

Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen
weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich ber
die Nachricht von einem neuen Journal beraus gefreut. Ich habe niemals
etwas von Kaschpirew gehrt, bin aber sehr froh, dass Nikolai
Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner wrdige Beschftigung
findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein
Ressort in der neuen Zeitschrift beschrnken, sondern soll die Seele des
Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also,
was kann es jetzt besseres fr Nikolai Nikolajewitsch geben? Die
Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann.

Es wre sehr wnschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen
Geiste gehalten sei -- so wie Sie und ich das verstehen --, wenn auch,
sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber
Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht
allzu sehr. Sie mssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in
Moskau haben nmlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, ber die
Russen von oben herab darber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht
haben, andere zu fhren und gleichsam den Slaven zu imponieren; dabei
sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an
Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in
Prag z. B., uns vollstndig vom westlichen, vom deutschen, vom
franzsischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar
darber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die
allgemein angenommenen Formen der abendlndischen Civilisation
bekmmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren
-- das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur
Verbrderung hinzwngen, ist nicht ntig; ich meine nur: sich
hinzwngen; denn: sie als Brder betrachten und an ihnen brderlich
handeln, das sollen wir unbedingt.

Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch
eine politische Schattierung verleihen wird -- von Selbsterkenntnis gar
nicht zu reden. Selbsterkenntnis -- das ist unsere lahme Stelle, die
brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glnzend
machen, und ich bereite mich mit unersttlicher Lust darauf vor, seine
Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der Epocha nicht gelesen
habe. Es wre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhngig als
mglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel
fr Sachen im Genre Minin oder anderer historischer Dramen von
Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komdien hergiebt, so kann
man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur msste man, nach
meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen
bezahlen, sondern lediglich das Werk -- was bis heute noch keine
Zeitschrift zu thun gewagt hat, Wremja und Epocha nicht ausgenommen.
Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer
Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich
anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.

Der nchste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr
eilig und geschftsmssig geschrieben. ber den Idiot finden sich
folgende Stellen darin: Ich habe mich entschlossen, fr das
Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den
Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas spter erscheine.
Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben
mssen. Ich habe pltzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun,
ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles brige
schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig
weiss. Wenn der Idiot Leser hat, so werden diese vielleicht durch das
Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem
Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste.
berhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss
betrachtet. Ich spreche nicht ber den Wert des Romans im besonderen;
aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund
eines oder das andere darber, was ich selbst davon denke.

In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer
Roman-Entwrfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie
gekommen ist. Da heisst es: Die verfluchten Glubiger werden mich
endgiltig umbringen -- dumm hab ich's gemacht, dass ich ins Ausland
ging; wahrlich, besser wre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu
sitzen. Knnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich
nicht, weil ich persnlich nicht dort bin. Ich sage das hauptschlich
darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter
nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedrften und dabei
unbestreitbar Geld einbringen wrden. Es ist mir solches ja schon
manchmal gelungen.

Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist
Atheismus. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die
ganze Bibliothek der Athesten, der Katholiken und der Orthodoxen
durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren
fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft,
schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet,
und nicht ohne Ehren und Wrden. Pltzlich, da er schon bei Jahren ist,
verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem
Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich
bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet.
(Psychologisches Problem: tiefes Gefhl, Mensch und Russe.) Der Verlust
des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und
Umstnde -- sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den
Atheisten, bei Slavophilen und Europern, bei Fanatikern, Einsiedlern
und Priestern. Unter anderem fllt er sehr stark einem agitatorischen
Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der
Flagellanten und -- am Ende findet er Christum und die russische Erde,
den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen
Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe
ich -- ja sterben will ich meinetwegen daran, aber -- ich spreche mich
ganz aus).

Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und
dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist
realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzhlte, was wir, wir
Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung
durchlebt haben -- wrden da die Realisten nicht schreien, dass dies
Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja
eigentlich Realismus, nur tiefer, whrend er bei ihnen seicht
einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil
der thatschlichen Geschehnisse erklren. Wir aber mit unserem
Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein
Tubchen, lachen Sie nicht ber mein Selbstgefhl, aber ich bin wie --
--: lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben.

Indessen aber muss man leben. Den Atheismus schleppe ich nicht zum
Verkauf (ber den Katholicismus und die Jesuiten im Verhltnis zur
Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu
einer ziemlich grossen Erzhlung, etwa zwlf Druckbogen, die mich sehr
anzieht. Noch eine Idee hab' ich. Zu was soll ich mich entschliessen und
wem die Arbeiten anbieten?

Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher
Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brdern
Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatschlich das letzte Wort zu
sagen anhebt, dabei der Dichter meinetwegen sterben will. Eine sehr
bemerkenswerte, hierauf bezgliche Stelle finden wir in des Dichters
Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: Die Nichtswrdigen
haben mich hhnend eines ungebildeten und rckschrittlichen
Gottesglaubens geziehen. Diesen Tlpeln hat eine solche Kraft der
Gottesleugnung gar nicht getrumt, wie sie in dem Inquisitor und dem
vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als
Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an
Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen ber meine
mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine
solche Kraft der Verneinung getrumt, wie ich sie durchgemacht habe. An
ihnen ist's, mich zu lehren!

Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle ber Florenz. Florenz ist
schn, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten Boboli blhen bis
heute im Freien. Und was fr Schtze in den Galerien! Mein Gott, ich
habe im Jahre 1863 die Madonna della Sedia bersehen! Nun besehe ich
mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser
ihr, wie viel Gttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des
Romans stehen gelassen.

Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafr, dass
Dostojewsky, der grosse Dichter und Schpfer ein Apostel war, aber kein
Kunstliebhaber und noch viel weniger ein Dilettant. Den europischen
Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschtze muss es
merkwrdig berhren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des
Herrlichen zu finden, das Dichter, Knstler und Liebhaber aller Lnder
der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue
Lebenswenden und Lebensrichtungen aufntigt. Nichts von alledem bei
Dostojewsky; ja, die ewige Klage: fern von Russland keine Anregung,
keine Arbeit mglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh,
sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische
Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermchte. So sehen
wir ihn kmpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden
Geistern europischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethtigung
in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch
nachsprt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmssigen, das darin zu
Tage tritt und dem berreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu
ein Ablehnen des Knstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl
vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl
schpferisch, aber nicht knstlerisch zu seinen Werken veranlasst; so
ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche
Erschtterung, als eine sthetische Anregung.

Ja, es ist, als schlsse die ganz eigenartige Entwickelung russischen
Schriftwesens -- heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht -- das
knstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grssten
Knstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste
von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der
letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der
knstlerischen Auffassung des Lebens den Rcken gekehrt hat. Wenn uns
aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke
ausarbeiten wrde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu
liesse, so mssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realitt noch
feiner herausgearbeitet wre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen
der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgrndlicher
uns aufgeschlossen wrden. Allein die Gegenstndlichkeit der usseren
Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der
Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst
gehrt, wrde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in
den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher
die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklrt, als
vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Trger
aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem
modernen franzsischen Impressionismus diametral entgegengesetzter
Vorgang.

Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so
schlagend mit Thatsachen belegen zu knnen, als dies whrend des
Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich
uns darbietet. Der nchste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist
ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868.
Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und
nach Vergleichen mit dem gegenwrtigen Leben der Stadt fhrt der Dichter
mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: Dass die
Litteratur bald schon ganz aufgehrt htte, das ist vollkommen richtig.
Ja, eigentlich hat sie schon aufgehrt, wenn man's so nehmen will. Und
das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus
muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt
russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehrt;
ist kein Genius in Sicht -- so hat sie aufgehrt. Seit Gogols Tode hat
sie aufgehrt. Ich wnschte so schnell als mglich etwas vom Unserigen.
Sie schtzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier
auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. brigens aber ist es ihm
nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen,
und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. --
Was sagen Sie aber da ber sich? Nein, hoffen Sie nicht auf mich!
Diese Worte knnen doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai
Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwrtig geworden ist,
immerfort fr bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht
es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrcken
zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein
beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie
niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwlf Artikel im
Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben,
namentlich wenn Sie in die Wrme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur
an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um
einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie
zu lenken. Aber die Hauptsache ist -- die Redaktion. Die Redaktion ist
die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere
immerwhrende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die
Hauptsache.

Im nchsten, vom 10. Mrz 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow
feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Grndung des neuen
Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue
Blatt angreift, Stand zu halten. Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen
nur schmhen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne
Zweifel (so wie auch ich) davon berzeugt, dass der Erfolg eines Blattes
von der Minderheit abhngt. Diese Minoritt wird unausbleiblich fr Euch
sein (sogar ungeachtet aller Plutzer und Irrtmer des Blattes, welche
es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des
Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so berzeugend
spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt
unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu
wachsen, whrend alle anderen klein werden mssen.

Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen
das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen
wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander
setzen werdet, wird man Euch Reaktionre, Kamtschadalen, wohl gar
Korrumpierte nennen, whrend er fr uns der einzige, fortschrittliche
und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig
werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen.
Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken
immer im Veralteten und Abgestandenen. Die Vaterlndischen Annalen,
das Djelo rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten.

Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch
die Zukunft gehrt. Nun aber wissen Sie, was ich frchte? Dass Sie (und
viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mhe erschrecken und die grosse
Arbeit aufgeben werden. Diese Mhen sind so gross und erfordern so viel
Vertrauen und Zhigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll
erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem
Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion
half. Aber die Wremja und die Epocha haben sich, wie Sie selbst
wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres
Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse
gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache
begonnen; fr Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.

Uns Europern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschrnkung der
Begriffe liberal und abgestanden zu folgen oder ihr gerecht zu
werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverstndnisse, die
zwischen den Anhngern abendlndischer Kultur und jenen einer langsamen
und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten.
Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen
in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden
hinzutretender europischer Elemente vermchte uns darber zu
belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt.

In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: Sie haben eine
unendliche, unmittelbare Sympathie fr Leo Tolstoj, schon seit der
ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der
Zarja [dem neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten
Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie
sich nach Mglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als
mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [Krieg und Frieden]. Im
Golos hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen
Fatalismus teilen. Natrlich kann man auf das alberne Wort speien, aber
daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute,
sagen Sie mir, so wunderliche Einflle und Ausdrcke? Was heisst
historischer Fatalismus? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene
Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht,
als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden
kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen,
daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo
Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drckt das Wesentliche von
Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken ber Tolstoj aus. Man
knnte sich nicht klarer ausdrcken, der nationale russische Gedanke ist
da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht
verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die brigen
Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der
Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im hchsten Grade vollendet
niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht
einverstanden. Natrlich wrden wir persnlich anders miteinander
sprechen knnen, als es schriftlich geschieht.

Schliesslich und endlich halte ich Sie fr den einzigen Reprsentanten
unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehrt. Aber wissen Sie was?
Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone,
dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser
Gemtsbewegung befinden. Ich frchte fr Sie auch Ihre Ungewohnheit, zu
bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie mssen unbedingt drei
grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen,
glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine
geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie
offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die
klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie
nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen,
Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit,
und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht
unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen
und berhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben
Sie nicht einmal das Recht; ich wrde dann der Erste sein, Sie zu
verfluchen.

In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: Ich danke Ihnen sehr,
dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst
meine Anflle sind sogar schwcher, als in Petersburg. In der letzten
Zeit, vor 1 Monaten, war ich mit der Beendigung des Idioten sehr
beschftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung
darber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung
ber das Schpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast
phantastisch und excentrisch nennt, das bildet fr mich manchmal das
eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltglichkeit der
Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner
Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte
begegnen Sie Berichten ber die wirklichsten und die absonderlichsten
Geschehnisse. Fr unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie
befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit,
weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn bemerken, beleuchten und
beschreiben? sie sind alltglich, allstndlich, aber gar nicht Ausnahmen
-- -- >ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich
mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig
bringe.< Was fr abgestandenes Zeug! Was fr ein armseliger, leerer
Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch ber den russischen
Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was fr eine Enge und
Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer
dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit
uns vor der Nase vorber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten
und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzhlung will ich gar nicht
reden -- der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein
phantastischer Idiot Wirklichkeit, ja die alltglichste Wirklichkeit?
Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen
Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in
der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles
im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen.
Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht fr den Roman, sondern
fr meine Idee ein.

Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein
Gefhl von Schuld zurckzufhren ist: Jetzt will ich Ihnen, als einem
alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich
ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als
Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines
jetzigen Schweigens zu sein; er hat pltzlich den Briefwechsel mit mir
abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie
Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon
Nikolajewitsch zu schicken (wie das immer in diesen Fllen geschah), und
ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu
bergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe
bekommen htte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe.
Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu
hat er keines -- das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wsste, in
welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus
dem Russkij Wjestnik entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so
schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wsche im Leihhaus ist.
(Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des Russkij Wjestnik aber
wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber
stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht
geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht
zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein
ich habe whrend der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen
3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach
Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon
ich htte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals
gemahnt; so habe ich auch gedacht, er knne noch warten, und jeden Monat
gehofft, ihm etwas schicken zu knnen. Diese 100 R. an Emilie F. mssen
ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie
sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der
Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlsst,
hchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie
etwas darber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir's mit, mein
Tubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst
freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen uns
besteht, um 200 R. willen auflsen sollte, zudem bin ich ohnedies von
allen vergessen.

Schon am 30. Mrz (desselben Jahres) ist der Dichter ber das
Missverstndnis ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: Ich danke
Ihnen ... drittens fr die gute Nachricht ber Apollon Nikolajewitsch.
Ich werde seinen Brief in den nchsten Tagen selbst beantworten .... Ich
habe in dieser letzten Zeit des Missverstndnisses, welches durch
meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner
herzlichen Beziehung zu ihm eingebsst. Darber aber, dass er ein guter
und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten
Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut
verstndigt haben.

ber die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen
entgegen bringt, finden wir folgende, fr des Dichters Ernst und seine
fast kindliche Herzensgte bezeichnende Stelle: Die zweite Nummer hat
mir einen ausserordentlich gnstigen Eindruck gemacht. ber Ihren
Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist,
gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere,
und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt
sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist
ja -- das knftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus.
Und wie viel trgt seine Sprache und Klarheit, seine populre Form,
ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese
Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlssen und berzeugungen
berein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblfft bin ber die
hnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner
Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben
darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel,
vorbereite, in ganz demselben Gedankengange und mit denselben
Folgerungen. Wie freudig ist also meine berraschung, da ich jetzt den
Gedanken, die ich knftig einmal zu gestalten so sehr gedrstet habe,
schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit
einer ungewhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe
wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natrlich, ungeachtet aller
meiner Anstrengungen, niemals erreichen knnte.

Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich
tglich auf die Post laufe und mir alle Mglichkeiten eines schnelleren
Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen,
weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, ber die endgiltige
Beweisfhrung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass
Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung
darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der
Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen
Grund-Elemente in unserem volkstmlichen Rechtglauben enthalten sind.
[Dostojewsky gebraucht das Wort Christus nicht als Personennamen,
sondern stets als Personifikation, wie das fr einen aufmerksamen Leser
in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner
Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mchtigen,
knftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und
die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zuknftigen Seins. Aber mit
einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu
reden angefangen.

Weiter heisst es: Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und
solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat,
dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn
wirklich berzeugt, dass ihn alle sofort verstehen wrden? Das wre nach
meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu
schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat
erst am Ende seiner Laufbahn die gewnschte Berhmtheit erlangt, und
Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen.
Ich bin gewohnt, Sie so zu schtzen, dass ich Sie auch einem solchen
Vorkommnis gegenber fr weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so
fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man
ihnen den Brei schon ganz auseinander rhrt; und noch dazu erscheint
ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher,
je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er
ihnen allzu einfach und ordinr. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie,
aber ich habe sogar lcheln mssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass
>sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen<. Ja, diese noch mehr
als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen,
und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natrlich auch ein
Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky
begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist
Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest berzeugt, dass so viel
Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Ntigung nach vorwrts zu
streben, dass Sie die Schtzung Ihrer Thtigkeit nicht verlieren und die
Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht,
bitte. Gehen Sie -- so ist's mit der Zarj aus. Und nun von Geschften.

Dostojewsky schlgt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort
auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzhlung von etwa
3 Druckbogen vor. Diese Erzhlung, sagt er, habe ich schon vor vier
Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon
Grigorjews schreiben wollen, der mein Zapiski iz Podpolja sehr gelobt
und gesagt hatte: >In diesem Genre sollst du weiter schreiben<.

   Die Memoiren aus einem Keller, wie wir jene Erzhlung nennen
   mchten, welche unter dem Titel Aus dem dunkelsten Winkel einer
   Grossstadt in deutscher bersetzung erschienen ist, drcken das
   als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als strkste
   Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein
   Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalitt der
   Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses
   Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze.
   Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir
   irrtmlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen
   seinen Werken mehr oder weniger knstlerisch, immer aber
   subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brchen,
   mit allen seinen Mglichkeiten, welche das Sitten-, ja das
   Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines
   Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch,
   analytisch.

   W. Rsanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem
   bemerkenswerten kritischen Kommentar zur Legende vom
   Grossinquisitor auch ber diese Memoiren als ber das
   philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur
   wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhltnis
   erscheinen, als Rsanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen,
   dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir
   meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen
   Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich
   trgt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu
   diesem, seinem innersten Lebenskern zu fhren. Dostojewsky, so
   hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der
   Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verstndlich zu
   machen.

   Die Erzhlung zerfllt in zwei, der Form nach vollstndig
   getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt
   ist, in's rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende
   Monolog des unterirdischen Weltbrgers, fhrt den Gedanken durch,
   dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln,
   die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthtigkeit (inertia) fhre.
   Es werde dahin kommen, dass der immer logischer entwickelte
   Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen
   Musikwalze fhlen werde. Nun sei es aber merkwrdig, dass man bei
   der Aufzhlung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene
   Funktionieren des Menschen herbeizufhren berufen sind, auf
   seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen,
   dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nmlich jenes,
   wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmssige umwerfe und
   bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein
   Glck handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persnliches
   Glck ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche
   aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 22=4 sind. Die Gesetze
   der Logik, sagt er, sind eines, die des Menschseins ein
   anderes. Das grsste und einzige Gesetz, das jeder Mensch
   geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend,
   Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persnliche
   Unabhngigkeit und Freiheit -- womit er immer wieder alle jene
   schnen Dinge umwirft. Der Mensch -- so lautet das Resum -- wird
   also nicht besser, nicht glcklicher, nicht wertvoller werden
   durch den Ameisenhaufen des Wissens und der Erkenntnisse,
   sondern -- ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden,
   sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes
   innerhalb der Schpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es
   ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen >Mensch<
   trgt.

   Der zweite Teil der Erzhlung fhrt uns die Geschichte des
   Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil
   in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors
   gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich
   am klarsten die Herrlichkeit alles Hohen und Schnen
   vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von allerlei grossen
   und kleinen Lastern versinkt, der durch seine Gewohnheit alles
   bis auf die letzte und allerletzte Ursache durchzudenken, nie
   mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen
   Reflexion immer sein Thun zerstrt oder im entscheidenden Augenblick
   von diesem umgeworfen wird. So rgert er sich geraume Zeit ber
   einen Offizier, der ihm oft auf dem Brgersteig des Newsky
   Prospekt begegnet und dem er, da er sehr rmlich gekleidet ist,
   ganz selbstverstndlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will
   einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen,
   meinetwegen an ihn anstossen knne. So oft es aber zur That
   kommt, drckt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich,
   dass es wieder so kommen werde.

   In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft
   und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen
   veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drngt sich ihnen, die
   ihn nicht mgen und verachten, auf, trinkt sich Mut an,
   insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fhlt dabei, dass alles
   dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und
   Scham und treibt dies, durch allerlei berkluge Erwgungen
   gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer
   weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch
   betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus
   nachfhrt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was brig
   bleibt: ein noch sehr junges Mdchen, das noch ein Neuling im
   Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner
   Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er
   steigert sich in immer grssere Hitze, schildert das Glck eines
   tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und
   seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall
   von Schmerz und Verzweiflung hinein -- nicht ohne selbst bewegt
   zu sein, wie er sagt, aber doch buchmssig, litteraturmssig;
   er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn
   aufsuchen knne, wenn sie sich retten wolle.

   Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er
   weiss, er fhlt es, dass er sie wieder fortschicken werde.
   Tglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9
   Uhr abends so wohl zumute, dass er ziemlich sss zu trumen
   beginnt: ... ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei.
   Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich
   stelle mich an, als verstnde ich es nicht (ich weiss nicht
   warum; wahrscheinlich der Ausschmckung wegen). Endlich wirft sie
   sich schluchzend, errtend, bebend mir zu Fssen und sagt, dass
   ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt
   liebe. Ich erstaune, aber ... -- Lisa, sage ich, glaubst du
   denn, ich htte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles
   gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu
   sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja
   Einfluss auf dich hatte und frchtete, du wrdest aus Dankbarkeit
   dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du wrdest selbst ein
   Gefhl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist;
   ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das
   undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine
   europische, George-Sand'sche, unerklrbar edle Feinheit hinein).
   Jetzt aber bist du mein, mein Geschpf, bist rein, herrlich, bist
   -- mein herrliches Weib!

   Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit
   seinem Diener, den er hasst und frchtet, eine sehr unangenehme
   Scene gehabt hat. Er schmt sich auch seines schlechten
   Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lsst sie
   hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und
   poltert. Das eingeschchterte Mdchen sieht in diesem ganzen
   Gebahren nur das eine: dass er leidet, und -- bleibt. Ihre Gte
   erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und
   endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit
   Selbstbespiegelung, bis zur bertreibung, schmt sich darauf
   dessen sehr und rcht diese Beschmung wieder an ihr, die Zeugin
   derselben gewesen ist. Er fhlt seine Gewalt ber sie und nutzt
   sie aus. -- -- --

   Am frhen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre
   Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thre wendend ihm einfach
   >Lebt wohl< sagt, luft er auf sie zu und drckt ihr einen
   Fnfrubelschein in die Hand -- aus Zorn, wie er sagt,
   hineingehetzt, buchmssig that er das. Nun eilt er zur
   Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube
   zurckkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische
   vor sich liegen. Wie toll luft er nun Lisa auf die Strasse nach.
   Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden
   sein -- -- Er bleibt stehen und fragt sich: Wohin ist sie denn
   gegangen? und -- warum laufe ich ihr denn nach? Wird es nicht
   besser fr sie sein, phantasiert er weiter, wenn sie diese
   Demtigung fr ewige Zeiten mit sich nimmt? Demtigung -- das ist
   ja Reinigung! Weiter sagt er: Was ist besser, ein billiges
   Glck oder ein erhabener Schmerz?

   So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause
   sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich
   soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch -- konnte denn irgend
   ein Zweifel darber bestehen, dass ich vom halben Wege
   zurckkehren wrde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie
   wieder etwas von ihr gehrt. Ich fge noch hinzu, dass ich mich
   lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demtigung und des
   Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer
   fast krank wurde.

   Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne
   des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der
   Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich,
   ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber -- zum Beispiel
   lange Geschichten davon zu erzhlen, wie ich mein Leben in einem
   finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel
   eines Milieu, Entwhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch
   immer genhrte Bosheit verfehlt habe -- das ist bei Gott nicht
   interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber
   sind absichtlich alle Zge fr einen Anti-Helden
   zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen
   sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom
   Leben entwhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere
   weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewhnt, dass wir das
   wirkliche >lebendige Leben< fast als eine Arbeit ansehen, fast
   wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin berein, dass es
   nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir's
   manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir
   wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn
   man unsere heftigen Wnsche erfllt. Versucht es einmal, nun,
   gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbstndigkeit, macht irgend
   einem von uns die Hnde frei, erweitert unseren Wirkungskreis,
   verringert die Obhut und wir -- ich versichere Euch -- wir werden
   uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr
   wahrscheinlich auf mich bse sein, mich anschreien, mit den
   Fssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren
   in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von >uns allen< zu
   sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch
   dieses >wir alle<. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe
   ich in meinem Leben das bis aufs usserste getrieben, was Ihr
   nicht wagtet bis zur Hlfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure
   Feigheit fr Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst
   betrgend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt frmlich
   lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir
   wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist
   und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch -- sofort
   verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns
   halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir
   achten, was wir verachten sollen. Sogar das >Mensch sein< wird
   uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch
   und Blut. Wir schmen uns das zu sein und bestreben uns, irgend
   eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind
   Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen
   Vtern geboren, und das gefllt uns immer mehr und mehr. Wir
   kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus
   irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug usw.

   Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee,
   die Logik, das Gesetz -- das alles macht keine Menschen. Blut,
   Leidenschaften, der inkommensurable und irregulre Reichtum des
   Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr
   unharmonischen Mischungen und Mglichkeiten -- das ist fr
   Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits
   von Gut und Bse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu
   thun oder zu lassen; erlst aber durch die Liebe derer, die auch
   nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab.
   Aus dem >Labyrinth der Brust<, aus den eigenen tausendfltigen
   Mglichkeiten der >Snde< wie der hchsten Entzckung heraus ist
   sie ihm ja geworden, diese Fhigkeit: verstehend in jede Seele
   einzudringen und die Kraft, mit welcher er unablssig nach
   Reinigung rang, mchtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu
   lassen.

Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller, fhrt Dostojewsky in dem
Briefe fort; es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen
Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai
Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehrige,
besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzhlung kann ich sehr schnell
niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir
unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht
aufgeschrieben. Ich kann diese Erzhlung vollenden und in die Redaktion
schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in
zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwrtig
an der Zarj beteiligen kann, trotz allen Wunsches, fr ein Blatt zu
schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten. Nun
folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und
Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen mssen.

Im nchsten Briefe an Strachow vom 18. April 1869 sind einige Stellen
litterarischer Kritik bemerkenswert. Da heisst es: Ein fr allemal --
schweigen Sie doch und reden Sie nicht von Ihrem Unvermgen und den
zusammengefegten Entwurf-Abschnitzeln. Es wird einem bel, das zu
hren. Man kommt auf den Gedanken, dass Sie sich verstellen. Noch
niemals haben Sie so viel Klarheit, Logik, so viel Scharfblick und
berzeugte Beweisfhrung gehabt. Allerdings, Ihre Armut der russischen
Litteratur hat mir besser gefallen als der Artikel ber Tolstoj. Jene
wird breiter sein; dafr aber ist die erste Hlfte des Artikels ber
Tolstoj mit gar nichts zu vergleichen: das ist das Ideal einer
kritischen Ausfhrung. Nach meiner Ansicht befindet sich auch ein Fehler
in dem Aufsatze, doch ist das nur meine Ansicht, und dann sind solche
Fehler auch gut. Dieser Fehler heisst: allzu grosser Idealismus; dieses
aber schadet einer Arbeit nicht, sondern frdert sie. Alles in allem
habe ich in der russischen Kritik noch nie etwas hnliches gelesen.

Ich weiss nicht, was aus Awerkiew noch werden wird, aber nach der
Kapitnstochter (Puschkins) habe ich nichts hnliches gelesen. [Dies
bezieht sich auf eine im neuen Blatt Zarj publizierte Komdie
Awerkiews: Frol Skobjejew, die Dramatisierung des altrussischen Romans
gleichen Namens.] Ostrowsky ist ein Stutzer und blickt auf seine Krmer
sehr von oben herab. Wenn er schon einen Kaufmann in Menschengestalt
darstellt, so ist es gerade, als sagte er dabei zum Leser oder
Zuschauer: Nun, siehst du, auch der ist ein Mensch. Wissen Sie, ich
glaube, Dobroljubows Urteil ber Ostrowsky ist richtiger, als das
Grigorjews. Es kann sein, dass Ostrowsky thatschlich die ganze Idee
seines Dunkeln Knigreichs nicht in den Sinn gekommen ist, aber
Dobroljubow hat sie gut ausgedeutet und ist damit auf den rechten Weg
verfallen. Ich weiss nicht, ob sich so viel Glanz der Phantasie und des
Talents in Awerkiew zeigen wird, wie bei Ostrowsky; allein seine
Darstellung und der Geist dieser Darstellung ist ohne Widerrede hher.
Keinerlei vorgefasste Absicht. Annuschka ist unbedingt prchtig, der
Vater ebenfalls. Frol aber wrde ich ein wenig begabter hingestellt
haben. Wissen Sie, der Grossbojar, Naschtschokin, Lycikow -- das sind ja
unsere ehemaligen Gentlemen (von anderen gar nicht zu sprechen), das ist
ja bojarische Grandezza ohne jede Karikatur. ber diese kann man nicht
nur keine Karikatur-Lcherlichkeit werfen  la Ostrowsky, sondern im
Gegenteil, man muss sich ber ihre Vornehmheit, ihr russisches
Bojarentum verwundern. Das ist grand-monde jener Zeit, auf der hchsten
Stufe der Wahrheit; sodass, wenn irgend wer lcheln wollte, er es
hchstens darber kann, dass der Kaftan einen anderen Schnitt hat. Vor
allem und hauptschlich fhlt man, dass das eine Darstellung der
Wirklichkeit ist, dessen, was auch thatschlich vorhanden war. Das ist
ein grosses neues Talent, vielleicht hher als vieles Gegenwrtige. Es
wre ein Elend, wenn es nur fr eine Komdie ausreichte.

Am 11. Mai schreibt Dostojewsky in grosser Aufregung einige Zeilen. Er
will Florenz verlassen, da die Hitze sehr gross ist, und mchte einem
neuen Familienereignis lieber in Deutschland entgegensehen, wo man sich
mit Arzt und Wrterin besser verstndigen kann. Nur erwartet er Geld und
kann nicht fort, fragt, ob Strachow krank oder etwas in der Redaktion
vorgefallen sei. Bezeichnend fr Strachow ist die Notiz, die er diesem
Briefe anfgt: Die Sache ist die, dass ich am 27. Mrz jene 125 Rubel
(Dostojewskys Verlangen gemss) an Marja Grigorjewna [D.s Schwgerin]
abgeliefert hatte. Obwohl ich nun am selben Tage an Theodor
Michailowitsch geschrieben hatte, dass man ihm Mitte April 175 Rubel
schicken werde, ihm auch spter am 12. April dieses Versprechen
erneuerte, wurde das Geld zu meinem grossen Verdruss doch nicht
abgeschickt. So verschob sich der Empfang von einem Tag auf den andern,
ich wusste nicht was thun und schmte mich so sehr vor Theodor, dass ich
dann auch meinen Briefwechsel mit ihm abbrach.

Ein Brief, den Strachow erst am 17. August desselben Jahres aus Dresden
erhielt, beginnt: Klagen Sie sich um Ihres Schweigens willen vor mir
nicht an, Nikolai Nikolajewitsch. Es geht nun einmal so im Leben und
dann: Wie kommt ein Redakteur zu einem Briefwechsel mit Freunden,
geschweige denn mit Mitarbeitern! Aber, aus Ihrem Zusatz an den Brief
unseres teuern Apollon Nikolajewitsch sehe und schliesse ich, dass Sie
mir wie frher gut sind. Das ist sehr erfreulich fr mich, weil der
Leute, die mir zugethan sind, mit der Zeit immer weniger werden. Ich bin
selbst schuld daran, habe mich im Auslande allzu festgerannt und bringe
mich nicht genug in Erinnerung; folglich habe ich kein Recht, Ansprche
zu machen. In Dresden befinde ich mich thatschlich erst seit zehn Tagen
-- ja ich bin im ganzen erst drei Wochen von Florenz fort! Ich habe den
ganzen Juli dort zugebracht und bin auch noch in den August
hineingekommen. Sie knnen mit Sicherheit sagen, dass niemals jemand
eine solche Hitze erlitten hat. Ein russisches Schwitzbad -- nur damit
kann man das vergleichen, noch dazu Tag und Nacht. Die Luft ist rein,
das ist wahr, der Himmel klar, furchtbar viel Sonne; aber dennoch ist's
unertrglich. Ich habe gesehen, dass es im Schatten (in grossem,
gedeckten Schatten) 35 Reaumur waren. Und stellen Sie sich vor, obwohl
alle Auslnder entweder in deutsche Bder oder ans Meer gefahren sind,
so sind doch eine Masse Menschen in Florenz geblieben, sogar wirkliche,
sozusagen Mylords. Sie haben ihre Kostme zur Schau getragen, sind
herumstolziert usw. Mit einem Wort, wenn Sie wssten, bis zu welchem
Grade ich mich hier als ein ganz berflssiger und fremder Mensch fhle!
-- Und so sind wir in Dresden. In drei Wochen werde ich ein Kind haben,
ich erwarte es mit Aufregung und Furcht, hoffnungsvoll und zaghaft.
berhaupt habe ich eine sehr sorgenvolle Zeit usw.

Am 29. September schreibt Dostojewsky an Maikow wieder einmal einen von
der Not diktierten Brief, der jeden Leser durch seine rhrende und
stolze Kindesschlauheit ergreifen muss. Wir bringen die Hauptstellen
hier:

Sogleich werde ich Ihnen meine Lage schildern und sagen, welcher Art
die Hilfe ist, die ich als ein Ertrinkender von Ihnen erwarte: Erstens
ist mir vor drei Tagen, am 14. Septbr. (a. St.) eine Tochter, Ljubow,
geboren worden. Alles ist vortrefflich von statten gegangen, das Kind
ist gross, gesund und eine Schnheit. Wir sind glcklich. (Denken Sie
daran, dass wir Sie zum Taufpathen berufen werden. Anja bittet Sie mit
gefalteten Hnden, unbedingt Sie, also antworten Sie.) Aber Geld haben
wir keine ganzen 10 Thaler. Beschuldigen Sie mich nicht der
Sorglosigkeit und Unbedachtheit; hier ist niemand schuldig. Wir haben in
Florenz berechnet, dass das vom Russkij Wjestnik gesandte Geld fr
alles reichen werde. Allein, wie es bei allen Berechnungen geht -- wir
haben uns verrechnet. Es hat keinen Sinn, sich hier in Einzelheiten
einzulassen; aber die Sache ist die, dass, wenn ich auch an den hchst
zartfhlenden, gtigen und edlen Michail Nikiforowitsch [es ist der
Redakteur des Russkij Wjestnik, M. Katkow, gemeint] schreiben will,
dass er aushelfe -- gleich zu schreiben, nachdem ich vor so kurzer Zeit
Geld von ihm bekommen habe, schme ich mich allzu sehr, ist mir geradezu
unmglich. Die Hnde wollen sich dazu nicht erheben. Indessen ist weder
die Hebamme noch der Arzt bezahlt, und obwohl wir jeden Heller um und
umdrehen -- ohne Geld geht es in dieser Lage nicht. Es geht nicht!

Da habe ich nun folgende Massregel ergriffen: Heute zugleich mit diesem
Briefe an Sie sende ich ein Schreiben an Kaschpirew persnlich, da ich
weiss, dass Strachow nicht in Petersburg ist. In diesem Schreiben
schildere ich anfangs meine Lage, erwhne meine bersiedelung, die
Geburt eines Kindes (alles wie sich's gehrt), habe aber dabei gelogen,
dass mir fnfzehn Thaler geblieben seien, whrend nicht einmal zehn da
sind, und schliesse mit der Bitte, mir auf folgender Grundlage 200 Rubel
zu senden. Da ich im gegenwrtigen Augenblick an einer Erzhlung fr die
Zarj arbeite und diese Arbeit schon bis zur Hlfte gediehen ist (dies
alles ist richtig), so sehe ich erstens: dass die Erzhlung einen Umfang
von 3 Bogen des Russkij Wjestnik (d. h. fast 5 Bogen der Zarj)
haben wird. Dies ist das Minimum. Da ich nun schon im Frhling 300 Rubel
von der Zarj erhalten habe, habe ich demnach nach Vollendung der
Erzhlung ungefhr fr 1 Bogen nachgezahlt zu bekommen. Obwohl sie noch
nicht vollendet ist, wird sie doch Ende Oktober gewiss in die Redaktion
der Zarja gesandt. Dies ist ganz sicher. Zweitens: obwohl ich nicht
das Recht habe, auf dieser Grundlage jetzt Geld voraus zu verlangen, so
bitte ich ihn doch, um meiner kritischen Lage willen als Christ mir
auszuhelfen und die 200 Rubel zu senden. Da dies aber gleich zu
bewerkstelligen schwer sein wird, so bitte ich ihn, nur 75 Rubel sofort
abzusenden (dies um mich aus dem Wasser zu ziehen und mich nicht
umfallen zu lassen). Dann, zwei Wochen nach dieser ersten Sendung, bitte
ich ihn weitere 75 Rubel zu schicken und zuletzt zugleich mit dieser
letzten Sendung Ihnen [Apollon N. Maikow] 50 Rubel auszufolgen. Auf
diese Weise wird die erbetene Summe von 200 Rubel sich zusammensetzen.
Da ich Kaschpirews Persnlichkeit ganz und gar nicht kenne, schreibe ich
in einem gesteigert achtungsvollen, wenn auch etwas nachdrcklichen
Tone.

berdies erklrt sich in diesem Brief an Kaschpirew auch meine zweite
und hauptschlichste Bitte. Nmlich, wenn er sich damit einverstanden
erklrt, meine Bitte um Geld zu erfllen, so mge er die ersten 75 Rubel
sofort, unverweilt absenden. Ich habe ihm geschrieben, dass ich mich an
die ganze Delikatesse seines Geistes und Herzens wende; dass er ber das
Drngen, sofort und unverweilt das Geld zu senden, nicht beleidigt sein,
sondern in die Sache eingehen und begreifen mge: dass fr mich die
Frist der Hilfe fast wichtiger ist, als das Geld selbst. Ich fgte
hinzu, dass es deshalb genge, im Falle meine Bitte abgelehnt werde, von
der Hand seines Redaktions-Sekretrs nur eine Zeile zu erhalten, aber
sofort, damit ich so schnell als mglich meine letzten Massnahmen
ergreifen knne und nicht vergeblich auf die Mglichkeit einer
Geldsendung warte.

Hier habe ich zum zweiten Male in meinem Briefe an Kaschpirew gelogen in
Bezug auf die letzten Massnahmen, indem ich ihm erklrte, dass ich
gentigt sein wrde, sofort meine letzten und unentbehrlichsten Sachen
zu verkaufen, und fr eine Sache, welche 100 Thaler wert ist, deren 20
bekommen wrde; was ich natrlich werde zu thun gezwungen sein, um drei
Wesen das Leben zu retten, wenn er mit der Antwort zgern wrde, wre es
auch eine befriedigende Antwort. -- Dass ich in einer Woche anfangen
werde, unsere letzten Sachen zu verkaufen, wenn ich kein Geld bekomme,
das ist vollkommen wahr -- denn anders geht es auf keine Weise; allein
ich habe darin gelogen, dass ich sagte, ich wrde Hundert-Thaler-Sachen
verkaufen. Die zwei, drei Sachen, die wir hatten, welche 100 Thaler wert
waren, sind schon lngst, gleich nach unserer Ankunft in Dresden,
versetzt und thatschlich anstatt um 100 nach der Schtzung -- um 20
Thaler. Jetzt aber wird es heissen die Wsche verkaufen, den Paletot und
meinetwegen den berzieher; denn wenn ich auch an Katkow schreibe, so
wird dennoch von dorther vor einem Monat kein Geld einlangen, obwohl es
sicher einlangt.

In der Fortsetzung dieses Briefes tritt wieder des Dichters ganze
persnliche Empfindlichkeit zu Tage, wenn er sagt: ... (dies unter uns)
ich bitte ja nur sozusagen um das Meine. Die Erzhlung wird ja in einem
Monat alles bezahlen, und wenn ich auch nicht das Recht beanspruche,
vorauszunehmen, so wird doch dem allerletzten Schriftsteller eine solche
Nachsicht gewhrt, so dass, wenn man mir in der Zarj das verweigert,
ich nur allzusehr begreifen werde, auf welche Stufe man mich in
litterarischer Beziehung dort stellt. -- Dostojewsky konnte nach allem
Vorangegangenen wissen, dass von einer Weigerung keine Rede sein wrde
-- dennoch immer wieder der empfindliche Zweifel. -- Auch frchte ich,
fhrt er fort, dass er meinen allzu ehrfurchtsvollen Ton fr ironisch
nimmt. Denn, weiss Gott, was es fr ein Mensch ist, ich habe ja
persnlich keinen Begriff von ihm. Kurz gesagt, ich verstehe es nicht,
ber heikle Gegenstnde an Fremde zu schreiben, und habe spter erst
beim berlesen des Briefes bemerkt, dass er gar zu ehrfrchtig zu sein
schien. Endlich das Letzte: Ich bat, Katkow mge Ihnen 50 Rubel in die
Hand geben, dies (verzeihen Sie mir, mein Teurer, diese Belstigung und
erfllen Sie es um Christi willen) dieses ist, damit Sie 25 Rubel Emilie
Fjodorowna geben und 25 an Pascha. Sie haben beide volles Recht, ber
eine so bettelhafte Aushilfe entrstet zu sein; aber mgen sie sogar
beleidigt sein, sie sind im Rechte. Da aber 25 Rubel doch etwas sind und
ihnen ein wenig Nutzen bringen werden, so geben Sie sie ihnen. Da sie
durchaus nicht glauben werden, in welcher Lage ich bin und warum ich
ihnen so armselig aushelfe, so sagen Sie ihnen auch kein Wort zu meiner
Rechtfertigung. P.S. Fast htte ich das wichtigste vergessen. Als man
mir damals von der Zarj 300 Rubel herausschickte, kugelte das Geld
einen Monat herum. Ich kenne diese Stckchen. Die Hauptsache ist, dass
mir N. Strachow spter schrieb, dass Geld nicht anders geschickt wird.
Folglich haben sie auch keine Vorstellung, wie man Geld fortschickt,
sodass es ebenso schnell ankommt wie ein Brief, d. h. in drei Tagen.

Nun setzt Dostojewsky auseinander, wie man es anfangen soll, Geld so
abzusenden, dass der Empfnger es rechtzeitig erhalte. Diese
Auseinandersetzung gewinnt durch den nchstfolgenden Brief vom 28.
Oktober [also einen Monat nach Absendung des vorigen] eine traurige
Berechtigung. In diesem Briefe schildert der Dichter mit Wut und
Verzweiflung die Einzelheiten dieser Transaktion, die uns, wrden wir
nicht zugleich von Teilnahme fr den Dulder bewegt, ungemein belustigen
knnten. Es kommt thatschlich ein Brief von Kaschpirew an, der ihm
mitteilt, er habe durch den Bankier Chessin an Hirsch in Dresden das
Geld senden lassen und schliesse hier den Wechsel ein. Dostojewsky eilt
zu Hirsch, dieser liest den Wechsel und sagt: Hier steht: laut Bericht,
das heisst, dass ich erst dann das Geld auszahlen darf, wenn ich auf
privatem Wege von Chessin Nachricht erhalte; folglich kann ich nicht
zahlen. Nun luft Dostojewsky jeden Tag in das Bankkontor, wo man ber
ihn zu lcheln beginnt -- aber kein Avis erscheint. Da ich die Geduld
verliere und ohne Brot bin, schreibe ich an Kaschpirew, stelle ihm meine
Lage vor, bitte ihn Chessin zu veranlassen, dass er den Avis an Hirsch
sende. Mein Brief ist vom 9. Oktober datiert -- keine Antwort! Bei Gott,
ich dachte, es werde berhaupt keine mehr kommen. Dabei laufe ich
tglich zu Hirsch. Dort lachen sie und meinen, Chessin habe
wahrscheinlich den Avis vergessen. Nun ging ich in zwei, drei andere
Bankgeschfte mich zu erkundigen -- berall sagte man, dass auf meinen
Wechsel mit den Worten laut Bericht niemand Geld giebt, ohne einen
solchen zu haben. In einem Kontor sagte man, dass manchmal solche
Wechsel zum Spass ausgegeben werden.

Endlich erscheint ein Brief von Kaschpirew -- am zwlften Tage nach
Absendung des meinen! und bemerken Sie, er schreibt am 3. Oktober
unseres Stils, und der Petersburger Poststempel weist den 6. Oktober
auf. Das heisst, der Brief hat auf seinem Tische nur so ohne Ursache
drei Tage herumgelegen. Htte er wenigstens aus Delikatesse einen 5. aus
dem 3. gemacht! Begreift er denn nicht, dass mich das verletzt? Ich habe
ihm ja ber die Not meines Weibes und meines Kindes geschrieben -- und
darauf eine solche Fahrlssigkeit! Ist das keine Krnkung? Und nun
schreibt er, er habe bei Chessin angefragt, dieser sage, der Avis sei
abgegangen und er begreife nicht, warum ich nichts erhalten htte;
ferner habe er Chessin veranlasst, einen zweiten Avis zu schicken, dass
er folglich jetzt berzeugt sei, dass ich das Geld von Hirsch erhalten
(woher berzeugt, wieso berzeugt?). Sollte ich aber das Geld noch nicht
haben, so mge ich den Wechsel zurckschicken; er werde mir am Tage nach
dem Erhalt dieses Wechsels einen anderen, auf einen anderen Bankier
lautenden absenden. Nachher fgt er in einer Nachschrift hinzu, ich mge
ihm, wenn ich das Geld noch nicht habe, unverzglich telegraphieren,
natrlich auf meine Kosten, worauf er sofort, ohne die Ankunft des
anderen Wechsels abzuwarten, mir den neuen schicken wrde. Endlich fgt
er hinzu, dass er in den nchsten Tagen auch die brigen 75 Rubel senden
werde (bemerken Sie, dass das alles am 3. Oktober geschrieben wurde).

Telegraphieren konnte ich am selben Tage, d. h. den 21. Oktober nicht,
denn wo sollte ich zwei Thaler fr ein Telegramm hernehmen? Konnte er
sich nach meinen zwei Briefen nicht vorstellen, dass ich nicht eine
Kopeke, buchstblich nicht eine Kopeke hatte! Wenn er nur wsste, wie
ich am nchsten Tage zu diesen zwei Thalern kam, um ihm zu
telegraphieren! Nun, ich habe sie bekommen und ihm telegraphiert: Kein
Avis, Hirsch giebt nicht Geld; das war am Freitag. Sonnabend schicke
ich den Wechsel zurck.

Und nun erzhlt Dostojewsky verzweifelt, wie am fnften Tage nach
Rcksendung des Wechsels endlich der Avis einlangt, der nun zu nichts
ntzt. Endlich gesteht Chessin, er habe ihn darum nicht fortgeschickt,
weil er gemeint habe, der Wechsel sei seiner Anweisung gemss auf ohne
Bericht ausgestellt, whrend der Kommis aber irrtmlicher Weise anstatt
ohne -- laut geschrieben habe. -- Man kann wohl begreifen, wie es
dem Dichter inmitten dieser stndigen Kmpfe um die Existenz oft gar
nicht litteraturmssig zu Mute war, wie er das in einem der nchsten
Briefe gesteht. --

Nun folgt eine Reihe von Briefen, welche dasselbe Thema variieren, wozu
die unlsbaren Verstrickungen seines Lebens den Anlass nie abreissen
lassen. Wir bergehen sie und entnehmen ihrem oft usserst grossen
Umfange und den langen Errterungen nur die rein persnlichen
usserungen. Am Ende eines Schreibens vom 19. Dezember heisst es:
Wissen Sie, was ich jetzt mache? Nachdem ich in 2 Monaten neun
enggeschriebene Druckbogen fertig gemacht habe, schreibe ich jetzt mit
aller Kraft Briefe an alle jene, denen ich so lange nicht schrieb, als
ich mit der Erzhlung beschftigt war. [Es ist die Erzhlung Der
Hahnrei.] Dann aber, in drei Tagen, setzte ich mich zu dem fr den
Russkij Wjestnik bestimmten Roman. Denken Sie aber nicht, dass ich
Pfannkuchen backe: wie hsslich und abscheulich auch das herauskommen
mge, was ich schreiben werde; die Idee des Romans und ihre Bearbeitung
sind mir Armen, d. h. dem Autor doch teurer, als alles auf der Welt! Das
ist kein Pfannkuchen, sondern die teuerste Idee, die lteste auch.
Natrlich werde ich's verpatzen; aber was ist zu thun!

   Der Hahnrei nimmt unter den Erzhlungen Dostojewskys eine
   eigentmliche Doppelstellung ein, je nach den Erwartungen, welche
   der europische und der russische Leser in Dostojewskys Werke
   legen und darin erfllt zu finden gewohnt sind. Knstlerisch
   gehrt diese Erzhlung zu dem Vortrefflichsten, was der Dichter
   geschaffen. Luft und Raum zwischen den Personen und
   Geschehnissen, Einheitlichkeit, Harmonie in allen Teilen. Dies
   shnt aber den europischen Leser nicht mit der Unerquicklichkeit
   des Gegenstandes, mit der komplizierten Hsslichkeit des
   Titelhelden aus, in dessen feines Seelenmysterium einzudringen er
   nicht genug Interesse empfindet, in dessen Erlebnissen er fr
   sich keine Offenbarung holen kann, die ihn etwa fr den Mangel an
   Schnheit entschdigte. Der russische Leser hinwiederum sieht und
   sucht tiefer. Er sieht die tiefe Lehre, die darin steckt, das
   unerschpfliche Erbarmen fr den widerlichsten der Snder, sowie
   das khle Laufenlassen des Weltmanns in den letzten sechs Worten
   des Buches -- allein das ist ihm ja nichts Neues, das kennt er
   alles, das begegnet ihm tglich, das trgt er selbst in sich. Er
   sucht im russischen Roman Worte, Andeutungen, die sich auf
   Russland und seine fernere Entwickelung, auf die Jugend, sein
   knftiges Russland beziehen. Wo er das nicht findet, lsst ihn
   das vollendetste Kunstwerk nur kalt.

   Wir haben viele russische Kritiker Dostojewskys kennen gelernt,
   Bnde ihrer Abhandlungen ber einzelne seiner Werke durchgesehen:
   es ist uns nicht einmal eine Besprechung oder Erwhnung des
   Hahnrei (ausser jener Strachows in seinem Briefe nach Dresden
   1870-1871) in die Hnde gekommen. Auch der Dichter selbst drfte
   nicht viel von dieser Sache gehalten haben, die er in 2 Monaten
   niederschrieb. Das darf uns nicht stren. Wissen wir ja doch, wie
   oft er sich ber seine Werke tuschte. Prochartschin, mit dem
   er sich einen Sommer lang herumqulte; Der Doppelgnger, den
   er immer wieder umarbeitete; dann Die Besessenen, die er zu
   seiner Qual, wie wir spter sehen werden, nicht vorwrts gehen
   sah -- auf alle diese Werke hielt er die grssten Stcke, meinte,
   da seien seine besten, tiefsten Ideen in Fleisch und Blut
   getreten, whrend dies nur bei dem letzten derselben, und das nur
   teilweise und bedingt der Fall gewesen ist. Fr uns, die wir
   versuchen in die russischen Anschauungen einzudringen, aus denen
   das russische Kunstwerk entsteht, ist gerade im Hahnrei eine
   der tiefsten Ideen Dostojewskys um so klarer hervorgetreten, als
   hier das Kunstwerk von keiner berflle erstickt und vortrefflich
   disponiert ist.

   Eine eigentmliche, echt knstlerische Laune des Dichters hat ihn
   getrieben, sich da, offenbar mit grosser Wollust, an die
   Karikatur des Christentums zu machen. Es ist dabei mit vollendeter
   Deutlichkeit jenes Zerrbild entstanden, das dem modernen Europer
   bei der Vorstellung der Demut und Vershnlichkeit einer
   Slavennatur gemeiniglich vorschwebt: eine Mischung von
   hasserfllter Sentimentalitt, rachedrstender Thrnenseligkeit,
   die sich in falschen Bruderkssen auslebt. Alle Mglichkeiten,
   die in der breiten slavischen Natur bei einander wohnen, hat er
   hier in eine widerwrtige Wirklichkeit zusammengefasst und
   dadurch sein Wort besttigt, dass dies Werk anders in der Form,
   doch im selben Geiste geschaffen sei, wie die Memoiren aus dem
   Kellerloch.

   Sehr klar und wohl durchdacht, wie alle Expositionen des
   Dichters, ist auch die des Hahnrei (der russische Titel ist:
   Der ewige Gatte und entspricht der spter gegebenen Definition
   dieser Spezies besser als das unzulngliche deutsche Wort).

   Weltschaninow, ein etwas heruntergekommener Lebemann von 39
   Jahren, bringt den Sommer in Petersburg zu, um einem Prozess
   nachzusehen, der ihm den Rest seines ehemals grossen Vermgens,
   eine Erbschaft von 60000 Rubeln, sichern soll. Er hat alles
   andere vergeudet und zittert nun um seinen knftigen Egoismus;
   das heisst, er will alles thun, sogar sparen und geregelt leben,
   um dessen sicher zu sein, dass er sein gewohntes schmackhaftes
   Diner, seine feine Toilette niemals werde entbehren mssen.
   Vorlufig aber nimmt er in einem kleinen Restaurant ein
   Mittagessen zu einem Rubel, hlt eine anstndige, aber
   vernachlssigte Wohnung, in welcher ihm die Frau des Hauswchters
   recht zweifelhafte Ordnung hlt, und verfllt durch diesen
   usseren Zustand des Sichgehenlassens in eine seltsame Art von
   Hypochondrie.

   Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den
   Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa damit
   belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner
   Vergangenheit ein, die er lieber nicht gethan htte. Da ist das
   junge Mdchen aus dem Volke, das er verfhrt und samt ihrem Kinde
   verlassen hat; der junge Frst, dem er fr nichts und wieder
   nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere
   mehr. Weltschaninow verfgt bei aller Hypochondrie ber einen
   klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, kme
   die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Frstin dennoch das
   Leid zufgen wrde, ihrem Shnchen das Bein abzuschiessen --
   heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das,
   lsst es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den
   russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus
   usseren Grnden, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort
   empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner
   bald das Feld fr neue Thaten rumen wird.

   An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und
   gerade dies soll ihm verhngnisvoll werden. Ihm begegnet fast
   tglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen
   ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass
   Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er msse den
   Mann einmal gekannt haben. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt
   er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle
   der Petersburger Nchte zu decken bestimmt ist, auseinander und
   sieht auf dem jenseitigen Brgersteig -- den Mann mit dem
   Trauerhute stehen und sphend auf sein Fenster blicken. Kaum ist
   er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon
   ber die Strasse und -- gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt
   in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da
   kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drckt und zerrt es
   an der Thrklinke. Weltschaninow ffnet pltzlich die Thre, und
   vor ihm steht der Mann mit dem Krepp, in welchem er mit
   einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit
   dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren
   in der Provinzstadt T. ein intimes Verhltnis unterhalten hatte.
   Er ntigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklrung ber den
   nchtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf
   dem Heimwege vorbergegangen und, ohne es eigentlich zu wollen,
   zufllig heraufgekommen. Er erzhlt ferner, dass er, um in ein
   anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen
   sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er
   auf den Krepp auf seinem Hute. Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im
   heurigen Mrz! beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er
   den berraschten und mehr, als er's vermutet hatte, erschtterten
   Weltschaninow mit ssslich stichelnden Anspielungen so in die
   Enge zu treiben, dass dieser in die hchste Aufregung kommt und
   ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein
   unvorsichtiges Wort entschlpft. Diese Szene ist voll
   vortrefflicher kleiner Zge, die das innerste Wesen dieser beiden
   Menschen aufdecken.

   Endlich schickt Weltschaninow den verhngnisvollen Gast fort,
   schliesst diesmal seine Thre fest zu und wirft sich angekleidet
   auf sein Lager. Als er spt am Morgen erwacht, fllt ihm sofort
   der Tod jenes Weibes ein. Er denkt ber sie nach, kommt zu dem
   Schluss, dass sie verderbt war -- mit seiner Beihilfe, wie der
   Dichter im Vorbergehen bemerkt -- ohne sich im geringsten
   dafr zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen
   Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben msse. Seiner Ansicht
   nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie ewige
   Gatten oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter
   nichts. Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich
   einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich
   verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu
   verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen
   unbestreitbaren Charakter bessse. Das Hauptmerkmal eines solchen
   Gatten bildet -- ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehrnter
   nicht zu sein, ist ihm gerade so unmglich, als es der Sonne ist,
   nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon,
   sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.

   Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse
   geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung,
   halbangekleidet -- ein klglich bittendes Kind zchtigend. Es ist
   Lisa, der Verstorbenen Tchterchen, das uns geboren wurde, als
   Sie schon -- wie lange fort waren? Er zhlt die Monate: ja acht
   Monate, nachdem Sie fort waren. -- Das Kind ist furchtbar
   eingeschchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gesprches, dass
   Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber
   geqult, geschreckt und Tage lang sich selbst berlassen habe.
   Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und
   fhrt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche
   Familie, die das kranke, scheue Mdchen liebevoll aufnimmt. Das
   Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass
   Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wre, sich nach ihm
   umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den
   Mann wegen des Begrbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich
   in trunkenem Zustande bei einigen Damen. Als er ihm mitteilt,
   dass sein Tchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten
   an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu:
   Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem
   gehen Sie wegen der Bestattung. Der Rausch allein versetzt ihn
   in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem
   Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in
   nchternem Zustande jener Familie die Begrbniskosten bei Heller
   und Pfennig.

   Dies ist das erste Stck seiner Rache. Er will nichts anderes,
   als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst
   gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen
   diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des
   feigen Gatten spielen sich Szenen widriger Vergebung, Ksse,
   Thrnen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow -- da er sich im
   Banne der Schuld fhlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss
   dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben
   jetzt physisch entsprechend konstituiert ist -- auf keine Weise
   entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den
   Bann seiner eigenen Reuegefhle versetzt hatte, lsst er sich
   auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer tchterreichen Familie
   aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich --
   eine Braut erwhlt habe. Es ist dies die sechste der Haustchter,
   Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der
   auf der Fahrt mit seinem Gefhrten auch nicht ein Wort gewechselt
   hatte, erwacht draussen unter der blhenden Mdchenschar der alte
   Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzckt die junge Nadja
   und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.

   Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys
   stilles Drngen nach Petersburg zurck, wo dieser Weltschaninow
   in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschpft, fhlt sich
   leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er
   nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals
   in jenes Haus zurckkehren. Da, schon spt am Abend, unter Blitz
   und Donner, strmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als
   Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit
   und Anmassung der Jugend -- eine meisterhafte Szene -- Trussotzky
   verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so
   lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang
   Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu bernachten. Kaum hat
   sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn
   schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem
   unertrglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere
   Kche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswchters und wrmt
   abwechselnd mit ihr Tcher und Teller, die er mit unermdeter
   Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er
   schnell bereitet hat, bis endlich das bel sich legt und nur eine
   grosse Schwche zurckbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.

   berwltigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemhung um ihn,
   ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt
   halbmurmelnd: Sie -- Sie -- Sie sind besser als ich! Ich
   begreife alles, alles ... ich danke Ihnen. -- Trussotzky lscht
   das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder.
   Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere
   Vorhnge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt
   ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen
   bengstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als
   Trussotzky das erste Mal bei ihm bernachtet hatte und er ihn
   pltzlich mitten im Zimmer stehend mehr fhlte als sah. Ihm war
   auch diesmal, als kmen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu
   ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu
   knnen. Endlich hrt er genau, ebenso wie damals, drei
   Glockenschlge an der Wohnungsthr und erwacht mit einem Schrei.

   Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Hnden dorthin
   eilen, wo Paul Pawlowitsch schlft. Da berhren seine Hnde zwei
   andere Hnde, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fllt
   darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute
   zufllig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war.
   Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet,
   dass Weltschaninow trotz seiner Schwche Trussotzky niederwirft
   und ihm die Hnde mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft
   abgerissen, auf dem Rcken zusammenbindet.

   Es ist nun fnf Uhr geworden. Weltschaninow lsst den vollen Tag
   herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich
   damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf,
   verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu,
   welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen
   Stuhl zu setzen. Pltzlich blickt er halb stumpf empor und deutet
   nach der Wasserflasche: Wasser mcht' ich, flstert er.
   Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und fhrt es zu seinen
   Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt
   Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer
   zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen
   hat.

   Wir lassen hier den Dichter erzhlen: Seine Schmerzen waren ganz
   vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit,
   jetzt nach der aussergewhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss
   Gott woher, zugestrmten Krfte. Er wollte versuchen sich den
   ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten
   sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark
   gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn
   Minuten geschlossen, bald zuckte er pltzlich zusammen, erwachte,
   erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in
   das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft,
   whlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul
   Pawlowitsch ihm thatschlich hatte die Gurgel abschneiden wollen,
   dass er aber mglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht
   wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das brigens sonst
   immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht
   erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei
   irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. Wenn er sich schon
   seit langem vorgenommen htte, mich umzubringen -- fiel ihm unter
   anderem ein --, so htte er sicherlich schon ein Messer oder eine
   Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet,
   das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.

   Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurck, und
   damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu
   betrachten habe, lsst er diesen eben das noch nie gesehene
   Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das
   >Analyse< berschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner
   Folgerungen -- nachdem er Trussotzky entlassen hat --
   folgendermassen wieder auf. Diese Leute, dachte er, eben diese
   Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den
   Hals abschneiden oder nicht, -- wenn die schon einmal das Messer
   in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen
   Bluts auf ihren Fingern fhlen, dann bleibt es nicht beim
   Schneiden allein -- den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter:
   >zum Wohlsein<, wie die Arrestanten sagen. So ist es.

   Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden
   zeigt er noch ausfhrlicher in der Besprechung des Prozesses der
   Kairowa, welche noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie
   weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde. Auch in
   jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzhlt, er
   habe daran gedacht, den Vater zu tten, aber den mrderischen
   Stssel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum
   -- es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter fr mich
   gebetet haben, meint er -- auch hier ist das Mysterium betont,
   die tiefen Zusammenhnge der Mglichkeiten in der Menschenseele,
   ber die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.

   Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky
   zu seltsamen Schlssen: Wenn es also entschieden ist, dass er
   mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grbelte
   Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal frher in
   den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem
   zornigen Augenblick? Er lste die Frage seltsam, -- damit, dass
   Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der
   Gedanke des Mordes dem knftigen Mrder auch nicht einmal
   eingefallen war. Krzer gesagt: Paul Pawlowitsch wollte
   umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte.
   Das ist unsinnig, aber es ist so, dachte Weltschaninow: er ist
   wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen! Und war denn
   das wahr, das alles wahr, rief er, pltzlich den Kopf vom Kissen
   erhebend und die Augen ffnend, alles, was dieser ... Verrckte
   mir gestern ber seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn
   zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?
   Vollkommene Wahrheit, entschied er, sich immer mehr in die
   Analyse vertiefend, dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und
   edelmtig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu
   verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes
   Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er
   zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre
   lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine
   >Aussprche< -- Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er
   konnte gestern nicht lgen! Aber, liebte er mich gestern, als er
   mir seine Liebe erklrte und sagte: >werden wir quitt?< Ja, aus
   Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstrkste.

   Nun lsst der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen
   Eindruck er auf diesen Schiller in der Form eines Quasimodo
   gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein
   Gattungsname fr verschrobene, hohle Idealisten eingebrgert.]
   Den gnstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art,
   sie zu tragen; denn die Quasimodos lieben die sthetik, hu, wie
   sie sie lieben! Handschuhe sind ganz gengend fr manche edle
   Seele, gar aus dem Geschlechte der >ewigen Gatten<. Weltschaninow
   geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natrlich in der
   Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. Wenn auch dieser, wem
   kann man danach noch trauen! -- Nach einem solchen Aufschrei
   wird man ein Tier! denkt er bei sich.

   Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu
   weinen, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrckt
   hat -- das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei,
   es sei um mich zu umarmen und mit mir zu weinen ... Auch Lisa
   hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint htte,
   da htte er mir vielleicht thatschlich verziehen, weil er
   schrecklich das Bedrfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat
   sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstcke, in
   Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul ber die Beleidigung.
   (Hrner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hrner!)
   Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich
   wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht
   herumgesprungen ist, die Teller zu wrmen, dachte eine
   Abwechselung zu machen -- vom Messer zum innigen Mitgefhl! Sich
   und mich wollte er retten -- mit gewrmten Tellern! ...

   Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schlft sich aus, erwacht
   mit einem unendlichen Gefhl der Erleichterung, dass alles
   vorber sei, geht an diesem Tage viel aus und hat Mhe sich
   zurckzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu
   erzhlen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem
   ungeheueren Schrecken. Er fhlt, dass er: Trussotzky aufsuchen
   muss. Warum? Wozu? Darber wusste er nichts und empfand einen
   tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er
   gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.

   Also auch hier versumt es der Dichter nicht, das echt russische
   Schuld- und Ausgleichsbedrfnis in die Gegenfigur des in zwei
   gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den
   Snder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem
   Quittwerden mit usseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein
   einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar
   oder unmittelbar ausgesprochen wrde, sehen wir, wie er sich
   allmhlich aus den Zustnden und den endgiltigen Schicksalen
   dieser Beiden herausschlt.

   Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mrder,
   begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas Brutigam, in
   angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys
   anspricht. Weltschaninow ergnzt halb unbewusst, seiner inneren
   Vermutung folgend: -- -- hat sich erhenkt. Ei was erhenkt, wir
   haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken,
   auch auf Ihr Wohl. -- --

   Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift Der
   ewige Gatte, finden wir Weltschaninow zwei Jahre spter,
   verjngt, voll frischer Lebensplne, seine ehemaligen
   hypochondrischen Schrullen belachend, auf der Reise. Er hat
   seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermgen vernnftig,
   hat sein tgliches gutes, kleines Diner, verkehrt wieder mit
   der Gesellschaft, wo ihn alle wieder aufs freundlichste in
   ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur verreist gewesen. Er
   fhrt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine
   interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange
   zu machen gewnscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der
   Bahnlinien, fllt ihm ein, dass eine andere interessante Dame,
   eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf
   der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die
   Fahrt unterbrechen knne, um auch sie zu besuchen. Doch war er
   noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von
   40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen Anstoss von aussen.

   Da entsteht im Gedrnge der Fahrgste beider Zge auf dem
   Bahnsteig eine laute Szene. Eine hbsche und sehr auffallend
   gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen,
   sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und
   ihr nicht in den Saal folgen will. Man drngt sich um sie, macht
   schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich
   ngstlich nach jemand um, der ihr helfen mchte. Weltschaninow
   eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belstigenden
   Krmer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem
   eleganten Herrn zurcktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit
   ber, der junge Ulan brllt ein besoffenes Dddanke! und streckt
   sich auf zwei Sthle aus, wo er einschlft.

   Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hbsch,
   scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstdtischen
   Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmht auf ihren Mann, der,
   weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht pltzlich ein
   bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade
   auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor
   Weltschaninow. Die Frau berhuft ihn mit Vorwrfen und stellt
   ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die
   Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten
   Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend:
   Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von
   Weltschaninow gesprochen? Olympia Semjonowna ladet nun diesen
   dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch
   bestimmt zusagt.

   Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem jungen
   Verwandten in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung
   zitternd zu Weltschaninow zurck, um ihm das Versprechen
   abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur
   Abfahrt gelutet. Olympia und der Ulan rufen: Paul Pawlowitsch!
   Paul Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und
   fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der -- nun
   durch Gesundheit von aller Sentimentalitt befreite --
   Weltschaninow am Ellbogen, hlt ihn fest und sagt: Wollen Sie,
   ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzhle ihr, wie Sie mich
   einmal umbringen wollten -- ha? Was wollt Ihr, Herr, was wollt
   Ihr -- Gott bewahre Euch. Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!
   hrt man wieder rufen. Endlich lsst Weltschaninow ihn los. Nun,
   gehen Sie endlich sagt er, ihn gutmtig anlachend. [Wie
   charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der
   einen Scherz aus der Sache macht und den Mrder gutmtig
   anlacht; wie echt russisch auch!]

   Also Sie kommen nicht? flsterte fast verzweifelt Paul
   Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die
   Hnde bittend vor ihm zusammen. Ich schwre es Ihnen ja, ich
   komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss. Und er streckte
   ihm behbig breit die Hand entgegen -- er streckte sie hin -- und
   zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar
   die seine zurck.

   Da ertnte das dritte Glockenzeichen. In einem Augenblick ging
   nun etwas Seltsames mit den Beiden vor sich; es war, als wren
   Beide in ihr Gegenteil umgewandelt. Etwas zuckte und riss an
   Weltschaninow, der eben erst so gelacht hatte. Er packte Paul
   Pawlowitsch fest und wtend an der Schulter. Wenn schon ich, ich
   Ihnen diese Hand reiche -- und er wies ihm die linke Handflche,
   in welcher die Schramme der Schnittwunde deutlich zu sehen war --
   so knnen Sie sie wohl nehmen! stiess er leise mit zitternden,
   erbleichenden Lippen hervor. Auch Paul Pawlowitsch war bleich
   geworden und auch seine Lippen bebten. Wie Krmpfe lief es ber
   sein Gesicht. Und Lisa. Herr? lallte er im schnellen
   Flstortone -- und pltzlich begannen ihm Lippen, Kinn und Wangen
   heftig zu zittern und zu zucken, und Thrnen strzten aus seinen
   Augen. Weltschaninow stand vor ihm, zur Sule erstarrt. Paul
   Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch! brllte man aus dem Waggon, als
   wrde dort jemand umgebracht -- und pltzlich ertnte ein Pfiff.
   Paul Pawlowitsch kam zu sich, schlug die Hnde zusammen und
   begann ber Hals und Kopf zu rennen. Der Zug hatte sich schon in
   Bewegung gesetzt, allein es gelang ihm irgendwie, sich anzuhngen,
   und er sprang im vollen Lauf noch zurecht gerade in seinen
   Waggon.

   Weltschaninow blieb auf der Station und fuhr, nachdem er einen
   anderen Zug abgewartet, erst abends, doch in der frher
   eingeschlagenen Richtung weiter. Nach rechts, zur Bekannten auf
   dem Landgute fuhr er nicht -- es war ihm so gar nicht danach zu
   Mute. Und wie hat er das spter bereut!

   Wen erschtterte nicht dieser mchtige und doch so einfache
   Schluss? Die tiefe Unruhe des Weltmannes wie die des ewigen
   Gatten, jener Beiden, die mit sich und mit einander nicht
   quitt werden knnen, weil sie das nicht in sich tragen, was
   allein den irrationalen Rest zwischen Begierde und Erfllung
   aufhebt: einen Gott -- der Knstler hat sie in jedem von ihnen
   gestillt. Aber wenn er den Weltmann mit jenen letzten Worten wie
   hat er das spter bereut! entlsst, ihn also seine Ruhe
   endgiltig in den wiedergewonnenen Lebensgenssen finden lsst, so
   schttet sein Genius ber das Haupt des von Schmerzen zuckenden,
   widerwrtigen Snders etwas von jenem Liebesstrom aus, dem einst
   die Worte entstiegen: Ihr wird viel vergeben, denn sie hat viel
   geliebt.

In einem Briefe vom 24. Februar 1870 schreibt Dostojewsky, ebenfalls an
Maikow, unter anderem: Ich bin wieder in einer solchen Not -- es ist um
sich nur aufzuhngen! Weiter heisst es: Nach einer langen Pause
zwischen den Anfllen haben diese angefangen mich wieder zu qulen und
rgern mich hauptschlich darum, weil sie mich an der Arbeit hindern.
Ich habe eine reiche Idee in Angriff genommen. Ich rede nicht von der
Ausfhrung, nur von der Idee. Es ist eine jener Ideen, welche eine
unzweifelhafte Wirkung auf das Publikum ausben. Etwas in der Art wie
Schuld und Shne, allein noch nher, der Wirklichkeit mehr an den Leib
gerckt und sich auf die wichtigste Frage der Gegenwart beziehend.

In einem Briefe an Strachow vom 10. Mrz 1870 finden wir eine
Wiederholung des abflligen Urteils ber frhere besprochene Nummern der
Zarj, worin auch eine Kritik Strachows gewesen war. Diese berzeugten
Wiederholungen derselben Gedanken mit den nmlichen Ausdrcken sind
sowohl in den Briefen, als auch in den Werken Dostojewskys sehr hufig
und fr ihn charakteristisch. Hier, in diesem Briefe ist die
Wiederholung allerdings auch noch ein Beweis von Dostojewskys grosser
Offenheit, ein Beweis, der uns nach so vielen usserungen persnlichen
Misstrauens und Furcht vor verschobenen Beziehungen hchst wohlthuend
berhrt, ja Bedrfnis war. In noch viel grsserem Ausmasse finden wir
diese Offenheit in den Briefen an jene tausend Unbekannte, die sich an
den berhmten Seelenerforscher und Seelenkenner um Rat und Zuspruch
wandten. Wir werden die bemerkenswertesten dieser Antworten weiter unten
anschliessen. In einem Briefe an Strachow heisst es: Ihr Artikel aber,
obwohl vortrefflich, behandelt immer das alte Thema (ich spreche hier
nicht von meinem Gesichtspunkt, sondern von dem der Abonnenten).
brigens, wer hat Ihnen gesagt, dass Ihr Aufsatz ber Turgenjew besser
sei, als der ber Tolstoj? Der Artikel ber Turgenjew ist eine sehr
schne und klare Arbeit, aber in jenem ber Tolstoj haben Sie gleichsam
Ihre Grundanschauung niedergelegt, aus der heraus Sie Ihre Thtigkeit
fortzusetzen gedenken -- so sehe ich die Sache an. Und ich bin mit allem
einverstanden (was ich frher nicht war), und lehne von allen den paar
tausend Zeilen dieses Artikels nur zwei ab -- nicht mehr, nicht weniger
--, mit welchen ich mich unbedingt nicht einverstanden erklren kann.
Doch davon spter.

Die Aufforderung, an der Zarj bestndig mitzuarbeiten, beantwortet
Dostojewsky mit der Bedingung, dass ihm Honorarraten vorgeschossen
wrden. Ein Thema habe ich wohl auch jetzt. Ich will mich darber nicht
ausbreiten, nur dies will ich sagen: es ist selten etwas Neueres,
Volleres und Originelleres in mir aufgetaucht. Ich kann so sprechen,
ohne der Ruhmsucht geziehen zu werden, da ich nur vom Thema spreche, von
der Idee, die in meinem Kopfe zu Fleisch geworden, aber nicht von der
Ausfhrung. Die Ausfhrung hngt von Gott ab. Ich kann auch alles
verderben, was sich schon oft bei mir ereignet hat; allein eine innere
Stimme sagt mir, dass mich die Inspiration nicht verlassen wird. Aber
fr die Neuheit des Gedankens und die Originalitt der Inscenierung
verbrge ich mich und blicke vorlufig mit Entzcken auf diese Idee. Es
wird ein Roman in zwei Teilen sein, nicht weniger als zwlf, keinesfalls
mehr als fnfzehn Bogen stark. Er kann sicher noch dieses Jahr (1870) am
1. Dezember der Redaktion zugestellt werden; ich kann mich der Zeit
versichern, um ordentlich zu schreiben. (NB. Der Roman knnte auch schon
zum 1. November zugestellt werden, aber ich muss gestehen, mir wre es
sehr unlieb, in einem und demselben Jahre zum zweiten Male eine grssere
Erzhlung in ein und dasselbe Blatt zu schreiben. Wre es nicht besser,
so wie jetzt, erst zum Januar oder Februar des knftigen Jahres?
brigens knnte es, scheint mir, auch gar nicht anders sein.) Zum
Schluss die Stelle: Anna Grigorjewna grsst Sie und gedenkt Ihrer mit
Herzlichkeit. Wir tollen jetzt mit unserer Ljubotschka herum. Ach, warum
sind Sie nicht verheiratet und haben kein kleines Kind, lieber Nikolai
Nikolajewitsch! Ich schwre Ihnen, dass darin dreiviertel unseres
Lebensglcks enthalten ist und in allem brigen wohl nur ein Viertel. --
Werde ich denn auch heute nicht die Zarj erhalten? -- heisst es am
Schlusse -- ich spitze schon die Lippen nach Ihrem Artikel >Die
Frauenfrage< -- was fr ein Thema! Ich verspreche mir einen
ausserordentlichen Genuss. Gerade Sie knnen darber schreiben, wie es
ntig ist usw.

Dem Plan des Romans schien es beschieden zu sein, vielfache nderungen
der Ausfhrung und lange Verzgerungen zu erleiden. Schon am 5. April
1870 schreibt der Dichter gleich zu Anfang seines Briefes: Ich will
Ihnen offen und endgiltig sagen, dass ich, alles berechnet, den Roman
auf keine Weise fr die Herbsthefte versprechen kann oder zu versprechen
wage.

Auf die Sache, welche ich jetzt fr den Russkij Wjestnik schreibe, baue
ich grosse Hoffnungen, aber nicht vom knstlerischen Standpunkt aus,
sondern von dem der Tendenz. Ich habe Lust einige Gedanken
herauszusagen, sollte dabei auch mein Knstlertum zu Grunde gehen. Aber
es drngt mich, was sich alles in Geist und Herz bei mir aufgehuft hat;
mag ein Pamphlet daraus werden, ich spreche mich doch dabei aus. Ich
hoffe auf Erfolg -- brigens, wer setzt sich denn zum Schreiben, ohne
auf Erfolg zu hoffen? Weiter heisst es: Ich beendige bald, was ich fr
den Russkij Wjestnik schreibe, und werde mich mit Wollust zum Roman
setzen. Die Idee zu diesem Roman lebt in mir schon drei Jahre, allein
frher frchtete ich mich im Auslande daran zu gehen; ich wollte dazu in
Russland sein. Nun ist in drei Jahren vieles reif geworden, der ganze
Plan des Romans; und ich denke, dass ich den ersten Teil desselben, d.
h. jenen, welchen ich fr die Zarj bestimmt, auch hier beginnen kann,
da die Handlung viele Jahre frher beginnt. Beunruhigen Sie sich nicht
darber, dass ich von einem ersten Teil spreche. Die ganze Idee
verlangt einen grossen Umfang, mindestens einen so grossen, wie Tolstojs
Roman Krieg und Frieden. Aber, das wird fnf abgesonderte Romane
bilden, und zwar so abgesonderte, dass einige davon (mit Ausnahme der
zwei mittleren) sogar in verschiedenen Zeitschriften, als ganz
selbstndige Erzhlungen oder, einzeln herausgegeben, als ganz
vollstndige Dinge werden erscheinen knnen. Der Gesamtname brigens
wird sein: Das Leben eines grossen Snders, whrend die einzelnen
Teile ihre besonderen Titel haben werden. Jeder Teil (d. h. Roman) wird
nicht mehr als fnfzehn Bogen haben. Zum zweiten Teil muss ich schon in
Russland sein. Die Handlung dieses Teils wird in einem Kloster vor sich
gehen, und obwohl ich das russische Kloster vortrefflich kenne, so muss
ich dennoch dazu in Russland sein. Ich wrde beraus gern des nheren
mit Ihnen darber sprechen, aber was sagt man denn schriftlich? Ich sage
noch einmal, fr dieses laufende Jahr kann ich nichts versprechen;
drngt Ihr mich nicht, so bekommt Ihr eine gewissenhafte Arbeit,
vielleicht sogar eine gute. Wenigstens habe ich aus dieser Idee das Ziel
meiner ganzen knftigen litterarischen Laufbahn gemacht, denn ich darf
nicht lnger als auf 6-7 Jahre Leben und Arbeit rechnen.

Mge die Zarj nicht unwillig darber werden, dass sie neun Monate
voraus Geld hergiebt; ich habe manchmal auch zwei Jahre voraus Geld
bekommen .... um Eines bitte ich Sie ernstlich, Nikolai Nikolajewitsch,
-- wenn die Sache sich machen lsst, so benachrichtigen Sie mich, als
alten Freund und Mitarbeiter, so schnell als mglich. Mein Elend wchst
in solcher Weise, dass ich keine Zeit verlieren kann, um endlich sicher
zu sein. Ich habe fr Frau und Kinder zu sorgen und brauche ausserdem
Ruhe und Sicherheit ....

Das Mrzheft der Zarj habe ich mit grossem Vergngen durchgelesen.
Ich erwarte daher mit Ungeduld die Fortsetzung Ihres Artikels, um alles
darin zu erfassen. Ich ahne, dass Sie H. hauptschlich als Westler
darstellen und vom Westen im Gegensatz von Russland sprechen wollen; ist
es so? N. Strachow erlutert hier in einer Fussnote, dass es sich um
seinen Artikel Herzens litterarische Thtigkeit handle, dessen erster
Teil in der dritten Nummer der Zarj im Mrz 1870 erschienen war ....
Sie haben, fhrt Dostojewsky fort, sehr treffend Herzens
Hauptgesichtspunkt hingestellt -- den Pessimismus; aber erklren Sie
seine Zweifel (wer ist schuldig usw.) fr unlsbar? Sie umgehen das, wie
es scheint, und, wie es mir scheint, darum, weil Sie ganz speziell Ihren
Hauptgedanken aussprechen wollen. In jedem Falle erwarte ich mit
fieberhafter Ungeduld die Fortsetzung des Artikels; es ist ein allzu
brennendes und zeitgemsses Thema. Wie wird das aber sein, wenn Sie
beweisen werden, dass Herzen frher als viele andere gesagt hat, dass
der Westen in Fulnis begriffen ist? Was werden die Westler aus
Granowskys Zeit dazu sagen? Ich weiss nicht, ob das bei Ihnen
herauskommen wird, ich rate nur, nebenbei gesagt, obwohl ich in das
Thema Ihres Artikels gar nicht eingehen will. Finden Sie nicht, dass es
noch einen Gesichtspunkt fr die Bestimmung und Feststellung des
Wesentlichsten in Herzens grosser Thtigkeit giebt: nmlich den, dass er
immer und berall vor allem Poet war. Der Poet hat in ihm berall, in
allem, in seiner ganzen Thtigkeit die Oberhand. Er ist als Agitator:
Poet, Politiker: Poet, Sozialist: Poet, als Philosoph im hchsten Grade:
Poet. Das ist die Eigenart seiner Natur. Mir scheint, es knnte vieles
in seiner Thtigkeit, sogar durch seinen Leichtsinn und seinen Hang zum
Calembourg, auch in den hchsten sittlichen und philosophischen Fragen
erklrt werden -- was nebenbei gesagt, in ihm sehr widerwrtig ist.

Die Frauenfrage (Februarheft) haben Sie, meiner Ansicht nach,
vortrefflich disponiert. Ihre Frage: warum ich in der Zarj
ungengendes Selbstvertrauen gefunden habe, will ich beantworten. Ich
habe mich vielleicht nicht genau ausgedrckt, aber hren Sie: Sie sind
allzu, allzu weich. Fr diese Leute muss man schreiben die Peitsche in
der Hand. In vielen Fllen sind Sie zu gescheit fr sie. Wrden Sie
etwas zorniger, grber ber sie herfallen, so wre es besser. Nihilisten
und Westler brauchen definitiv die Peitsche. In den Aufstzen ber
Tolstoj flehen Sie sie gleichsam an, Ihnen beizustimmen; in dem letzten
Tolstoj-Artikel aber verfallen Sie in eine Art Niedergeschlagenheit und
Entzauberung, gerade da, wo nach meiner Ansicht der Ton triumphierend
und freudig bis zur Frechheit sein sollte. Nun, was glauben Sie --
werden sie wirklich Ihren feinen brillanten Humor in den Briefen des
Kosiza verstehen? -- -- Mit einem Wort: in einem solchen Tone nicht zu
schreiben -- ist Ihnen unmglich; denn dieser Ernst, diese Liebe und
Achtung fr die Sache ist jetzt der Ton des Blattes, dieser Ton ist ein
hoher, was sowohl schn ist, als auch den Kern der Zarj ausmacht.
Allein manchmal muss man, denke ich, den Ton herabstimmen, die Peitsche
in die Hand nehmen, nicht nur um sich zu verteidigen, sondern um viel
grber darein zu fahren. Das ist's, was ich unter Selbstvertrauen
verstand. brigens -- vielleicht urteile ich falsch, vom Zorn geleitet.
Die zwei Zeilen ber Tolstoj, mit denen ich nicht ganz einverstanden
bin, sind die, wo Sie sagen, dass Tolstoj allem gleichkommt, was nur
Grosses in unserer Litteratur vorhanden ist. Hier folgt jene Stelle
ber Tolstoj, welche wir gelegentlich der Besprechung von Dostojewskys
Kunst-Anschauungen anfhrten.

Einen Tag spter, am 25. Mrz 1870, nimmt Dostojewsky das Thema seines
Romans in einem Briefe an Apollon N. Maikow, seinen ltesten und durch
Bande persnlicher Freundschaft mit ihm verknpften Jugendbekannten,
wieder auf, dem er mehr ber seine Plne anzuvertrauen sich gedrungen
fhlt. Nach einer Entschuldigung ber sein langes Schweigen beginnt der
Dichter mit der Aufzhlung der ihn hindernden Leiden in der Fremde:
Erstens die Arbeit, zweitens aber die Gesundheit und die ngstlichkeit,
welche durch die Vereinsamung entstanden ist. Angst um die Gesundheit;
ich hatte grosse Unruhe. Das Herz schlug sehr unregelmssig, und ich
habe keinen Schlaf. Ich ging also doch zu einem Arzt, einem der
berhmten Professoren; er hat mich ganz untersucht: durchaus nichts, nur
Nerven, aber diese sind arg zerrttet. Im Sommer sollte man von Dresden
weg irgend wo hinausfahren, an das Meer etwa, ein wenig baden. Auch fr
die Frau wre es gut -- besser als alles wre, ohne Widerrede, die Luft
der Heimat; und alles, was Sie mir darber in Ihrem Briefe sagten, ist
goldene Wahrheit, Wahrheit ber alle Wahrheiten. Aber, Apollon
Nikolajewitsch, wissen Sie denn nicht, warum ich nicht zurckkehre und
dieses verfluchte Ausland nicht fahren lasse? Wie kann ich denn ankommen
und sofort in den Schuldarrest eintreten? Bis zu einem gewissen
Zeitpunkt kann ich auf keine Weise zurckkehren; und denken Sie denn,
dass ich nicht selbst Heimweh habe und mich nicht selbst mit ganzer
Seele nach Russland sehne? Und wie meiner Frau bangt! Ist es mir denn
heiter zu Mute, ihr Heimweh anzusehen?

Nicht genug an dem; ich weiss es apodiktisch, aus Fakten, dass meine
Angelegenheiten in konomischer Beziehung dort dreimal besser stnden,
als sie hier stehen. Diesbezglich will ich mich endgiltig mit Ihnen
aussprechen. Ich schwre Ihnen, teurer Freund, dass ich mich nicht daran
stossen wollte, dass man mich unbedingt in den Schuldarrest setzt -- ich
habe wohl schon anderes in meinem Leben gesehen! Ich ssse ein Jahr ab
und kaufte mich los. Allein ich weiss, dass, wenn das frher (noch vor
fnf Jahren) mglich war, es jetzt -- das weiss ich ganz sicher --
unbedingt unmglich wre. Mit meiner Gesundheit halte ich auch ein
halbes Jahr Arrest nicht aus, und was die Hauptsache ist: arbeiten
knnte ich nichts. Themata habe ich zum Schreiben -- einen Haufen. ber
das Schreiben hier in der Fremde aber reden Sie goldene Worte; ich werde
thatschlich abgetrennt, -- nicht vom Zeitalter, nicht von der Kenntnis
dessen, was bei Euch vorgeht -- ich weiss das wahrhaftig besser als Sie,
denn ich lese tglich drei russische Zeitungen, bis auf die letzte
Zeile, und erhalte zwei Monatsschriften -- aber von dem lebendigen Quell
des Lebens werde ich abgetrennt; nicht von der Idee, sondern von ihrem
Fleisch und Blut. Dieses aber, ach! wie sehr beeinflusst es die
knstlerische Arbeit! Alles dies ist wahr, aber wie soll ich's machen?
...

Und weiter: brigens werde ich im Sommer ernstlich darber nachdenken,
wenn sich irgend eine Mglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich fr den
Russkij Wjestnik. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den
Hahnrei in die Zarj gegeben, habe ich mich bei jenen in eine
zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich fr jene
das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von
mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher
Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenzise Sache -- ich habe
das Bedrfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die
Nihilisten und Westler ber mich zu schreien anfangen, dass ich ein
Reaktionr bin! Der Teufel sei mit ihnen -- ich aber will mich bis aufs
letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke?
Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht?
Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfllt und ich aus
einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass
es ganz misslingt. [Es ist immer von den Besessenen die Rede.] Aber
lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen
mittelmssigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knttel aufs Haupt
versetzt mit Ihrer Bemerkung ber die Anstrengungen der
Vorstellungskraft, die Sie im Hahnrei gefunden haben. Was hat mir das
fr Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist
es unmglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer --
folglich hoffe ich.

Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der
geschftlichen Lage des Dichters, welche mit den Worten beginnt:
Indessen aber bin ich jetzt in einer frchterlichen Lage (Mister
Micowber). Kein Heller Geld usw. Dann fhrt er fort: Das, was ich
jetzt fr den Russkij Wjestnik schreibe, vollende ich sicherlich in
drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, wrde ich mich zur Arbeit
fr die Zarj setzen. Ich habe jetzt 1 Jahre in continuo nichts
gearbeitet (den Hahnrei zhle ich nicht), und das Schreiben ermdet
mich jetzt. ber dem, was ich fr den Russkij Wjestnik schreibe, werde
ich nicht abgespannt werden; dafr verspreche ich der Zarj eine gute
Sache.

Es sind schon zwei Jahre, dass sie fr die Zarj in meinem Kopfe
reift. Es ist dieselbe Idee, ber welche ich Ihnen schon geschrieben
habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von Krieg und
Frieden; die Idee wrden Sie gut heissen -- soweit ich wenigstens nach
meinen ehemaligen Gesprchen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus
fnf grossen Erzhlungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzhlungen
werden von einander vollkommen unabhngig sein, sodass jede einzelne
verkauft werden kann. Die erste Erzhlung bestimme ich eben fr
Kaschpirew [die Zarj]; hier ist die Handlung aus den vierziger
Jahren. Der gemeinsame Titel ist: Das Leben eines grossen Snders,
aber jede Erzhlung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage,
welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich,
bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgeqult habe -- das Dasein
Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein
Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist.

Die zweite Erzhlung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten
Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann
endlich, dass ich nicht nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein
will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzhlung
Tichon Zadonsky[28] als Hauptfigur hinstellen, natrlich unter einem
anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im
Kloster verlebt. Ein 13jhriger Knabe, welcher an der Vollfhrung eines
Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne
diesen Typus), der knftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im
Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts
wegen. Das Wlflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen
(Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze
ich Tschaadajew[29] (natrlich auch unter anderem Namen). Warum soll
Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es
nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die rzte jede Woche
begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in franzsischer
Sprache eine Broschre gedruckt -- es wre ja sehr mglich, dass man ihn
dafr auf ein Jahr ins Kloster gesetzt htte. Zu Tschaadajew knnen auch
andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin.
(Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus
in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und
der Mnch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das
russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon
und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles
mit. Ich erzhle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als
msste ich mich schmen; Ihnen aber beichte ich. Fr andere mag das
keinen Groschen wert sein, fr mich ist's ein Schatz. ber Tichon
sprechen Sie nicht. ber das Kloster habe ich an Strachow geschrieben,
aber ber Tichon nicht. Vielleicht fhre ich da eine grossartige,
unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein
Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows
und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur
den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzcken
in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als
eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie's also niemand.

[Funote 28: Bischof von Woronesch, ein als Heiliger verehrter Mnch.]

[Funote 29: Der bekannte Oberst Tschaadajew, welcher das Heil fr
Russland in der katholischen Idee findet und seine Gedanken ber
Russlands Mangel an Originalitt in einem philosophischen Briefe an eine
Dame niederlegte.]

Fr den zweiten Teil jedoch, fr das Kloster, muss ich in Russland sein.
Ach, wenn es gelnge! Die erste Erzhlung aber -- bringt die Kindheit
des Helden. Natrlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat
begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich
schlage dies der Zarj vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel,
Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln,
werden sie alles und alle aus der Hand lassen. brigens ist's ihre
Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als
mglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas
anderes unternehmen usw.

Aus allem, was hier der Dichter ber den Plan seines letzten Romans
[der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow
beichtet, in Verbindung mit seinen frheren Andeutungen ber den
Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grssten Roman
Dostojewskys Die Brder Karamasow, empfangen wir ein ziemlich
deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die
Ausfhrung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zh
jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil
wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel
versprochen hat. Die ursprngliche Idee, seinen Helden erst Atheist,
dann frommglubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er
indessen niemals ganz ausgefhrt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters
als auch sein um vieles jngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte,
hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von
des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden
Menschen darber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der
Besprechung dieses Werkes zurck. Aber auch schon in den ersten Teilen
des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden
Aljoscha die ursprnglichen Absichten modifiziert zu haben. Die
Verderbtheit des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman
verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Snde sndigen, sodass
uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die
Verkrperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese
bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung ber die Kinder
und der Teufelshallucination, whrend Sosima die beglckende Synthese in
sich darstellt. In den Memoiren aus einem Totenhause hat Dostojewsky
den Eindruck der Jnglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der
Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag
vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es
nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen
Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene
Schilderung des dagestanschen Jnglings Alej liest, wrde nicht sofort
an Aljoscha erinnert?

[Funote 30: Aus Gogols Tote Seelen.]

[Funote 31: Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman Was thun?]

Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: ber den Nihilismus
ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener,
die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gnzlich verwest. Wissen
Sie was? Mir kommt's oft in den Sinn, dass viele von diesen nmlichen,
niedertrchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste,
russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unbersetzbare Wort:
Potschwenniki bedeutet genauer: am nationalen Boden Haftende; die
Anhnger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die
brigen -- mgen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie
verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswrdige sind sie immer!
-- --

Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: Ich danke Ihnen fr Ihren
Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die
Eigentmlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung ber Ihre kritische
Thtigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so:
wren jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen
Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng
unentbehrliche Sache anshe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken
Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten
philosophischen Betrachtung gegenwrtiger und vergangener Dinge (und die
Achtung davor) halbwegs wrdigte, folglich also auch die Kritik, d. h.
seine eigene Arbeit wrdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen
und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben,
was die Zarj zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und
die richtige Anschauung dafr hat. Wenn also auch nur dies fr Euch
sprche, so wre das schon ungeheuer viel.

Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflsse
nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen
Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz,
und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Mglichkeit haben, die
unmittelbare Ntzlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob
sie thatschlich nur fr jene geschrieben sind, die ohne Sie auch schon
so gedacht haben. Das ist nicht richtig.

Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass fr die
Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift Zarj ist vor allem ein
Blatt fr Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3
Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrcken, damit aber
unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des
Blattes ist, ihre besondere Spezialitt fr das Publikum. Auf diese
Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.

Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie wrden Struwe loben!
Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas
schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). brigens hat
mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die
Materialitt der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir
hauptschlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die
gegenwrtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein
wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja fr einen
zurckgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen
bewaffnet, whrend bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist.
Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss
gelesen. Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre
Litteratursprache ist schner, als die aller anderen. Das aber, Sie
mgen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt
werden. Ich habe mich sehr darber gefreut, wie Sie sich verchtlich
gegen die gegenwrtige Manier des Philosophierens verhalten, und wrde
es sehr wnschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was fr ein
ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die
Unordnung und Verwirrung in den Ideen -- nun, Gott mit ihnen -- die
musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit,
welche Trivialitt! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester
Gedanke, was immer fr einer, wenn auch ein falscher! Was sind das fr
Philosophen, was fr Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafr giebt es
aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen -- und so
geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese
Einheiten die Albernheit des Publikums berwltigen, und Sie werden
sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge
Professor, der mit seinen Leitartikeln im Golos Katkow vollkommen
geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses
Glcklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als mglich
teilen Sie ihn mit![32]

Ja, noch eins -- heisst es im nchsten Briefe -- ich wollte Sie schon
lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persnlich? Wenn Sie ihn
kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es fr ein Mensch ist. Es ist mir
ungemein interessant, irgend etwas ber ihn zu erfahren. Ich habe sehr
wenig ber ihn als Privatperson erfahren.

Ich schreibe fr den Russkij Wjestnik mit grossem Eifer und kann
durchaus nicht erraten, was herauskommt. Noch niemals habe ich ein
solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. -- Dabei qule
ich mich mit dem Gedanken ab, um meine bersiedlung nach Russland
einzurichten; ich werde alle Krfte daran setzen. Ach, es ist mir so
unertrglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben
kann!

[Funote 32: Es ist Gradowsky gemeint.]

Von den mir gesandten 500 Rubeln -- heisst es weiter -- liess ich mir
nur das Ntige bis zum 15. Mai brig. Da sind nun aber zwei Wochen
darber hinaus vergangen; die Miete, der Krmer, der tgliche Unterhalt,
alles ist ins Stocken geraten; zum berfluss ist noch das Kind erkrankt,
und der Arzt kommt ins Haus. Sie knnen sich nicht vorstellen, wie das
auf meine Beschftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu
sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz
unfhig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel
monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann
in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es
Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist vlliger Stillstand; mich
wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine
Sendung ausser der Zarj rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll
man mir aber keine Vorwrfe machen, wenn auch ich nicht pnktlich bin.
Ich schwre Ihnen, wie lcherlich es auch sei, dass die Pnktlichkeit
der Sendung fr mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende
kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die
Mglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur fr die Zeit der
Arbeit -- kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert usw. ...

Ich habe hier zufllig den heurigen Jahrgang des Wjestnik Ewropy in
die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblfft. Ist
es denn mglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmssigkeit
-- wenn man etwa die bulgarische nordische Biene ausnimmt -- einen
solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da
sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehr reden. Was fr eine Anpassung
an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus!
Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist brigens
geschickt: am ersten jeden Monats und -- Schriftsteller in Flle. Ich
habe unter anderem Die Hinrichtung Tropmans von Turgenjew
durchgelesen. Sie knnen anderer Meinung sein -- mich aber hat dieser
aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer
verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn
er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. -- Aber kein Mensch,
der auf der Erdoberflche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das
zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafr giebt es die hchsten
sittlichen Grnde. Homo sum et nihil humanum usw. ... das Komischste
von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es
nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: Seht, meine Herren, wie
zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten knnen! brigens
giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis
ist -- eine schreckliche, bis zur ussersten Kleinlichkeit getriebene
Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und
das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man
brigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte
Turgenjew fr den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen
Schriftsteller -- was immer Sie auch in Sachen Turgenjews schreiben
mgen. -- Sie mssen schon verzeihen. -- --

Anna Grigorjewna grsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch
das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese
Verdriesslichkeiten!

Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21.
Oktober 1870) seine Freude ber den wieder aufgenommenen Briefwechsel
aus: Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewrdigt, als jetzt in
meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach
Petersburg zurckzukehren, hat sich nicht erfllt; die Mittel waren
ungengend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frhling
zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuqulen.

Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstblich, ohne
den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman fr den Russkij Wjestnik
sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft
umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht
zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen,
ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der
allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans
aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht
sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch ber dem Anfang. Ein schlechtes
Zeichen; und dennoch mchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und
Manier mssten sich bei einem Knstler ganz von selbst erzeugen; das ist
wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem
Wort, niemals hat mir irgend etwas grssere Mhe gemacht. Anfangs, d. h.
zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine
herausgequlte, gemachte Sache von oben herab. Spter kam wirklich
Begeisterung ber mich. Abermalige Vernderung: es tauchte noch eine
neue Persnlichkeit mit der Prtension auf, der wirkliche Held des
Romans zu werden, sodass der erste Held -- eine interessante, doch den
Namen Held nicht rechtfertigende Figur -- auf den zweiten Plan zu stehen
kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die
Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des
Russkij Wjestnik gesandt habe -- bin ich pltzlich erschrocken: ich
frchte ein Thema gewhlt zu haben, das ber meine Kraft geht; ernstlich
frchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs
geradewohl eingefhrt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des
Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz
und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwgungen
besteht. Darum, denke ich, wird eine Persnlichkeit herauskommen, ja
vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich frchte! Es ist endlich Zeit,
auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz
hinein. Wie immer es ausfallen mge, es heisst schreiben: denn mit
diesen Umarbeitungen habe ich beraus viel Zeit verloren und schrecklich
wenig geschrieben.

ber den Wjestnik Ewropy und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als
dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im
trivialen, nicht im populren Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht
anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel ber Polonsky hat mir ungemein
gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die
eigentliche Poesie besteht. Aber es wre, scheint mir, noch besser, wenn
Sie sich darber ausgebreitet htten, was eigentlich die falsche,
gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch,
dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit
unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue
auseinandersetzen. Seien Sie etwas hrter, damit werden Sie anderen und
sich viel Nutzen bringen. brigens -- was lehre ich Sie denn! Sie sind
mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im
Buche auf; der Tag, an dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist
ein Feiertag fr mich.

Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rhmen
-- das ist das Zuwidere! Jetzt kommt fr mich ein Winter angestrengter
Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frhling alles bewltigt
haben. Das ist die einzig mgliche Art zu arbeiten: nmlich ohne
aufzuatmen -- sonst kommt man nicht zu Ende. Ich fhre ein langweiliges
und usserst regelmssiges Leben. Ich mache tglich einen Spaziergang,
lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden
alle diese gegenwrtigen, erschtternden Ereignisse eine unmittelbare
Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die
Litteratur. In jedem Falle sind es ungewhnliche Zeiten. Ich denke
nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung
verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn
man liest, z. B. russische Zeitungen, so fhlt man, bis zu welchem Grade
das alles frhreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den Moskowskija
Wjedomosti natrlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer
Nikolai Nikolajewitsch? Beglcken werden Sie mich. Ich aber verspreche,
dass ich pnktlich sein werde.

Im nchsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage
ber die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekmpfen
habe. Es ist dies der Roman Die Besessenen, dessen wir schon
wiederholt erwhnten.

   Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf knstlerischem Wege zu
   brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stck Arbeit
   aufgentigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder
   grossen Kunst und jedem grossen Knstler steckt, entgegensetzen
   musste. Er musste, um seine Geissel so hart und schwer als
   mglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der
   Gottlosen niedersausen zu lassen, diesen Besessenen auch
   jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie
   entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren
   Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche
   Scheusale glaubwrdig machen, er, der sein Leben lang den
   gttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und
   zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das
   dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens
   konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen
   erfllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten
   Teil und am Ende, knstlerisch grosse Schnheiten auf, von den
   tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem
   Ergebnis fhren, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der
   sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord
   seinen Abschluss findet.

   In den Mund Stepan Trofimowitsch', den geistreich-sentimentalen
   Litteraten der vierziger Jahre, eine der kstlichsten Figuren des
   Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne
   thut, das Resum des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses
   grosse, eitle, >genialische< Kind in einer fremden Herberge
   erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden
   Frauenzimmer gepflegt wird, das er >ma chre innocente< oder
   >chre et incomparable amie< nennt, da fllt ihm pltzlich ein,
   sie solle ihm von den Suen vorlesen; de ces cochons -- ich
   erinnere mich: die Teufel fuhren in die Sue und alle sind
   ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen,
   warum. Ich will mich wrtlich daran erinnern, wrtlich will ich
   es haben. -- -- Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem
   Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor
   sein Werk gesetzt hat:

   Es war aber daselbst eine grosse Herde Sue an der Weide auf dem
   Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen
   zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.

   Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Sue; und
   die Herde strzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.

   Meine Freundin, sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in
   grosser Aufregung, savez-vous, diese wunderbare .... ungewhnliche
   Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses
   .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit
   meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke
   gekommen -- une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele
   Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt fr Punkt unser Russland.
   Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Sue fahren, das
   sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel
   und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren
   Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit
   Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que
   j'aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille
   beschtzen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es
   werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit,
   all' diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberflche angefault
   hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Sue zu
   fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das
   sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec
   lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen
   und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer strzen und werden
   alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja
   nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, sitzen zu
   den Fssen Jesu ... und alle werden es mit Verwunderung schauen
   ... Liebe, vous comprendrez aprs, jetzt aber erregt mich das
   alles sehr ... Vous comprendrez aprs ... Nous comprendrons
   ensemble.

Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurck und
nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist
noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die
Stelle: Turgenjews >Knig Lear< hat mir gar nicht gefallen. Ein
aufgeblhtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid,
weiss Gott!

In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den
uns bekannten geschftlichen Errterungen am Schlusse eine Stelle,
welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in
Dingen der europischen Nationalitten bezeichnend ist. Finden wir den
Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern
hchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und
Deutschland, so lange er dort lebt, ganz gengend, um sich wieder einmal
der Franzosen anzunehmen. Man fhlt an solchen usserungen das ganz
subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings
einheitlichen, Untergrunde des Nichteuropers. Er spricht zuerst von
seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr
erwarten knnen, und fhrt fort:

Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles
furchtbar jugendlich-grn ist. Wenn Ihr wsstet, wie sehr das von hier
aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wssten, was fr einen blutigen Hass,
bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat!
Du lieber Gott, was hat man bei uns fr Vorurteile ber Europa! Nun, ist
jener Russe nicht ein Sugling (das sind aber fast alle), welcher daran
glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar
schamlos: eine schne Schule, welche qult und plndert wie eine
Hunnenhorde (wenn nicht noch rger?).

Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen
die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie
gezweifelt; und wenn sie dort keine Bcke schiessen, indem sie Frieden
schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen
hinausgejagt und dann -- welche Schande! Da htte man viel zu schreiben
-- und ich knnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung
mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich
aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrstet, verpflegt und
fortfhrt. Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum
Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stbchen aufnimmt, sie
einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen
Einrichtungsstcke), wird, da sie eigene Mbel hat, verpflichtet, auf
ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu bekstigen. Die bleiben
drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie
ja auf 20-30 Thaler. -- Ich selbst habe einige Briefe von jungen
deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehrigen
(Krmer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie
krank, wie hungrig!

Es wre viel zu erzhlen. Unter anderem folgende Beobachtung: Anfangs
wurde die Wacht am Rhein sehr oft auf der Strasse in der Menge gesungen
-- jetzt gar nicht mehr. Am allermeisten erhitzen und brsten sich die
Professoren, Doktoren, Studenten, das Volk aber -- nicht besonders;
sogar durchaus nicht. Ich begegne jenen an jedem Abend in der Lesehalle.
Einer mit einem schneeweissen Kopfe, ein einflussreicher Gelehrter,
schrie vorgestern sehr laut: Paris muss bombardiert werden! Das sind
die Ergebnisse ihrer Gelehrsamkeit; wenn nicht der Gelehrsamkeit, so --
der Dummheit. Mgen sie Gelehrte sein, doch sind sie schreckliche
Dummkpfe! Noch eine Beobachtung: Das ganze hiesige Volk kann lesen und
schreiben, ist aber unglaublich ungebildet, dumm, stumpf, von den
untergeordnetsten Interessen erfllt usw.

Im nchsten Briefe setzt der Dichter seine kritiklosen Kritiken fort und
es fllt dabei ein Streiflicht auf Russlands Verhltnis zu Frankreich,
das wegen seiner heute vllig vernderten Gestalt einen Kommentar zu den
Ironieen der Geschichte zu bieten vermchte. Es heisst da (30. Januar
1871): -- -- Was Sie ber unsere Gesellschaft sagen, habe ich mit
Kummer in Ihrem Briefe gelesen; und was man von den deutschen
Angelegenheiten denken soll, das wissen Sie selbst. Mehr Lug und Trug
kann man sich ja gar nicht vorstellen. Mit dem Schwerte wollen sie
Napoleons Thron wieder aufrichten, indem sie sich ihn und seine
Nachkommenschaft fr alle Ewigkeit zu Sklaven machen wollen, ihm aber
dafr die Erbfolge sichern, d. h. also: alles, was er nur braucht -- das
ist klar. Sie werden sehen: wenn auch eine National-Versammlung tagen
wird, so werden sie dieselbe durch die Unmssigkeit ihrer
(ausgeklgelten) Forderungen zwingen, damit nicht einverstanden zu sein
und dann -- werden sie den Napoleon proklamieren.

Erinnern Sie sich an den Text des Evangeliums: >Wer zum Schwert greift,
wird durch das Schwert umkommen?< Nein, was durch das Schwert aufgebaut
ist, wird nicht bestehen! Und nach dem schreien sie Jung Deutschland.
Umgekehrt -- es ist eine Nation, die ihre Kraft verbraucht hat -- denn
nach einem solchen Geist, nach einer solchen Wissenschaft sich der Idee
des Schwertes, des Blutes, der Gewalt anvertrauen und nicht einmal
ahnen, was Geist und Geistessieg ist, und darber mit korporalsmssiger
Grobheit lachen, was ist das anders. Nein, das ist eine tote Nation,
eine Nation ohne Zukunft. Wenn sie aber lebendig ist, so wird sie,
glauben Sie mir, nach dem ersten Taumel in sich selbst einen Protest
erstehen sehen, ein Streben zum Besseren, und das Schwert wird von
selbst fallen.

Und noch das: Die materielle Erschpfung Deutschlands ist so gross, dass
es kaum mehr vier Monate Widerstand aushalten wird. Wenn sie von
Frankreich zurckkommen, werden sie uns anfangs ein, zwei Jahre schn
thun! brigens kann es geschehen, dass sie sich irgendwie schon frher
grblich verschnappen.

Gott schtze den Zar und Russland -- aber fr Europa ist die Zukunft
wirklich kritisch.

Wenden wir uns wieder der positiven und fruchtbaren Seite von
Dostojewskys vaterlndischer Thtigkeit zu. In einem Briefe vom 14. Mrz
1871 an Apollon Maikow sagt der Dichter: Ihr schmeichelhafter Ausspruch
ber den Anfang meines Romans hat mich in Entzcken versetzt. Gott, wie
habe ich gefrchtet und wie frchte ich noch! Wenn Sie dies lesen,
werden Sie wahrscheinlich auch schon die zweite Hlfte des ersten Teils
im Februarheft des Russkij Wjestnik gelesen haben. Was werden Sie
sagen? Ich frchte, ich frchte. Was das weitere anbelangt, so bin ich
einfach in Verzweiflung, ob ich's zurecht bringe. -- Nebenbei gesagt:
das Werk wird ja im ganzen vier Teile haben -- 40 Bogen. Stepan
Trofimowitsch wird eine Nebenfigur sein. Der Roman wird gar nicht von
ihm handeln, allein seine Geschichte ist eng mit den brigen (Haupt-)
Vorgngen des Romans verknpft, und darum habe ich ihn gleichsam zum
Eckstein des ganzen genommen. Immerhin aber wird Stepan Trofimowitsch im
vierten Teile sein Benefiz haben. Hier wird das sehr originelle Ende
seines Schicksals Platz finden. Fr alles andere stehe ich nicht, aber
fr diese Stelle verbrge ich mich von vornherein. [Wir haben gesehen,
wie richtig diesmal des Dichters Empfindung und Urteil war.]

Aber ich wiederhole noch einmal, ich frchte mich, wie eine geschreckte
Maus. Die Idee hat mich berckt, und ich habe sie furchtbar
leidenschaftlich erfasst. Komme ich aber durch, oder ist der ganze Roman
ein .....? Das ist das Elend.

Stellen Sie sich vor, dass ich schon aus aller Welt verschiedene
Glckwunsch-Schreiben ber den Anfang erhalten habe. Das hat mir sehr,
sehr viel Mut gemacht. Allein, ohne Ihnen zu schmeicheln, sage ich
gerade heraus, dass Ihre usserung mir wertvoller ist als alles andere.
Hier muss man sich erinnern, dass Strachow nur die erste Hlfte des
ersten Teiles gelesen hatte, worin eben Stepan Trofimowitsch die
Hauptrolle spielt. Erstens -- fhrt Dostojewsky fort -- werden Sie
mir ja nicht schmeicheln, und zweitens ist in Ihrer Auseinandersetzung
ein genialer Gedanke hervorgesprungen: Das sind Turgenjews Helden im
Alter. Das ist genial! Whrend ich schrieb, dmmerte mir selbst etwas
hnliches. Sie aber haben es mit drei Worten, als wie mit einer Formel
bezeichnet. Ich danke Ihnen fr diese Worte. Sie haben mir das ganze
Werk beleuchtet.

Ich habe mich entschlossen, unbedingt im Frhling heimzukehren, da
werden wir was plaudern!

In einem Briefe vom 18. (30.) Mrz schreibt der Dichter an Strachow:
Wenn ich lange keine Anflle gehabt habe und sie sich pltzlich wieder
entladen, so folgt darauf eine ungewhnliche seelische Herabstimmung. Da
bin ich am Rande der Verzweiflung. Frher hat diese Schwermut etwa drei
Tage nach einem Anfalle gedauert, jetzt aber hlt sie sieben, acht Tage
an, obwohl die Anflle selbst in Dresden seltener auftreten, als
irgendwo sonst. Zweitens plagt mich der Kummer ber meine Arbeit. Es ist
nicht zu sagen, wie schwer ich schreibe. Ich muss nach Russland, wenn
ich auch das Petersburger Klima ganz entwhnt bin. Immerhin, koste es
was es wolle, ich muss heimkehren .....

Sie knnen sich nicht vorstellen, was fr traurige und schwere Gedanken
mich beim Lesen Ihres Briefes bedrngt haben. Was heisst denn das?
Alles das, wodurch die Zarj originell war, alles, was ihr vor allen
anderen einen individuellen Charakter verliehen hat, alles das hat man
als ein Hindernis fr ihren Erfolg erkannt. Und das ist die einzige
russische Zeitschrift, in der sich noch die reine litterarische Kritik
erhalten hat! Gerade darum, weil alle sie aufgegeben haben, ist sie eben
jetzt ntig. Sie hat der Zarj ihre Physiognomie verliehen. Vor dem
Gerede und Gesptte haben sie Angst bekommen! Im Gegenteil; in jeder
Nummer htten sie auf ihrer Idee bestehen sollen, und ihrer wre die
Zukunft gewesen. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist, aber ich habe
jedesmal nach Erhalt des Heftes Ihre Artikel zuerst aufgeschnitten und
mich daran berauscht. Es versteht sich, dass ich manchmal nicht ganz
einverstanden war (so z. B. mit der Methode, dem Tone, d. h. mit Ihrer
allzugrossen Weichheit und ausserdem mit Ihrem Vergrssern gewisser
Erscheinungen der Litteratur und des Lebens) -- aber mein Interesse
daran war immer ein ausserordentliches. Ihr Artikel ber Karamsin ist so
tief und so mnnlich offen, dass ich hier eine helle Freude darber
hatte, dass bei uns noch solche Stimmen zu hren sind. Sie haben mir, so
nebenbei, gesagt, und ich habe auch irgendwo etwas darber gelesen und,
so weit auch ich selbst urteilen kann, scheint es so, dass man den
Artikel reaktionr findet. Dies denkt doch nicht auch Ihre Redaktion?

In der weiteren Fortsetzung des Briefes spricht der Dichter eingehend
ber Strachows Verhltnis zur Zarj, erteilt ihm litterarische
Ratschlge und schliesst: Abermals wiederhole ich, dass ich mit grosser
Sehnsucht, ja mit Aufregung den Augenblick des Wiedersehens mit den
frheren nahen Menschen in Petersburg erwarte. Hier muss ich aber noch
eine Bitte stellen: sprechen Sie, wenn sich die Gelegenheit dazu bte,
mit niemand von meiner baldigen Zurckkunft als einer Gewissheit. Ich
mchte gern wenigstens die erste Woche nach meiner Heimkehr von den
Glubigern in Ruhe gelassen werden. Ich erwarte es, dass sie gleich auf
mich losstrzen; ich frchte das aber, weil ich kein Geld habe, sondern
nur Erwartungen. -- Das Schreiben geht nicht, Nikolai Nikolajewitsch,
oder mit furchtbarer Anstrengung. Ich denke, das ist nur -- weil ich
Russland brauche. Um jeden Preis muss ich zurck. Mir scheint, ich werde
in der Mitte des Sommers bei Euch auftauchen. Welche Umstnde aber mit
der bersiedelung! Zu zweien sind wir fortgezogen, ich mit meinem jungen
Weibe, und nun, obwohl ich mit der ebenso jungen Gattin zurckkehre, so
ist's doch auch mit Kindern! Ein Geheimnis: das eine ist 1 Jahre alt,
das zweite aber noch XYZ. Was werden das fr Beschwerden auf der Reise
sein!

In einem Briefe an Apollon N. Maikow vom 21. April (a. St.) 1871,
welcher zumeist geschftlichen Inhalts ist, spricht er ebenfalls ber
die Ntigung der Heimkunft, welche aber durch die im August zu
erwartende Niederkunft Anna Grigorjewnas abermals verzgert werden
knnte. Er hat sich an die Redaktion des Russkij Wjestnik gewendet, um
1000 Rubel Vorschuss fr die bersiedelung zu erlangen. Nun schickt man
ihm allerdings einiges Geld fr die Osterfeiertage, die 1000 Rubel aber
bittet man ihn erst Ende Juni zu erwarten. Er meint dazu: Indessen ist
es ja geradezu unmglich zu warten. Anfangs August soll meine Frau in
die Wochen kommen; darum ist es unvergleichlich besser, zwei Monate vor
der Niederkunft zu reisen, als einen Monat vorher, denn im letzteren
Falle ist es sogar unmglich. Bedenken Sie, dass wir ohne Dienerin und
mit einem kleinen Kinde reisen mssen. Nach der Geburt hier bleiben, ist
aber auch unmglich; man kann mit einem neugeborenen Kinde nicht im
Oktober reisen. Endlich, noch ein Jahr in Dresden bleiben, ist schon das
allerunmglichste. Das hiesse Anna Grigorjewna schon ganz umbringen,
durch die Verzweiflung, deren sie nicht Herr werden knnte; denn sie ist
thatschlich vor Heimweh krank. Auch ich kann nicht mehr ein Jahr
ausbleiben; erstens werde ich, wenn ich hier bleibe, aus mir bekannten
Ursachen nicht imstande sein, den Roman zu beenden, und kann in
geschftlicher Beziehung noch furchtbar viel verlieren. Das alles werde
ich Ihnen beim Wiedersehen erklren.

-- -- Dabei habe ich folgende Schlsse gezogen, Schlsse, die Sie
sicherlich ebenfalls kennen, von deren Wahrheit Sie aber noch nicht
vollstndig durchdrungen sind, wie auch ich es bis in die allerletzte
Zeit nicht gewesen bin. Es handelt sich um dieses: Infolge der grossen
Umwlzungen, von den staatlichen angefangen bis zu dem Kreise des rein
Litterarischen, ist bei uns die allgemeine Bildung und Erkenntnis auf
einige Zeit zersplittert, zerstreut, gesunken. Die Leute haben sich
eingebildet, dass sie keine Zeit mehr haben, sich mit Litteratur
(gleichsam einem Spielzeug; was fr eine Bildung!) zu befassen, und es
ist das Niveau des kritischen Empfindens und aller litterarischen
Bedrfnisse schrecklich tief gesunken, sodass jeder Kritiker, der etwa
bei uns auftauchen sollte, jetzt gar nicht die richtige Wirkung
hervorrufen wrde. Dobroljubow und Pissarew haben gerade darum Erfolg
gehabt, weil sie im Wesentlichen die Litteratur verwarfen -- das ganze
Gebiet des menschlichen Geistes! Gutheissen kann man das unmglich,
sondern man muss gleichwohl in seiner kritischen Thtigkeit fortfahren.
Verzeihen Sie mir also den Rat, wie ich an Ihrer Stelle verfahren wrde.

Sie sprachen in einer Ihrer Broschren eine herrliche Idee aus und, was
die Hauptsache ist, es geschah dies zum erstenmale in unserer
Litteratur. Es ist diese: dass jedes halbwegs bedeutende und wirkliche
Talent bei uns -- immer damit endigte, dass es sich dem Nationalgefhl
zuwandte, volkstmlich, slavophil wurde. So hat der Geck Puschkin
pltzlich, frher als alle Kirejewskys und Chomjakows, den
Chronikenschreiber im Wunderkloster geschaffen, d. h. frher, als alle
Slavophilen, ihre ganze Wesenheit ausgedrckt und -- nicht genug an dem
-- er hat dies unvergleichlich tiefer ausgedrckt, als sie alle es bis
auf den heutigen Tag gethan haben.

Sehen Sie hingegen Herzen an -- fhrt der Dichter fort -- wie viel
Sehnsucht und Bedrfnis, auf diesen Pfad zurckzukehren, und welches
Unvermgen dazu, infolge seiner widerwrtigen persnlichen
Eigenschaften! Noch mehr; dieses Gesetz der Rckkehr zum Nationalen kann
man nicht nur bei den Dichtern und den litterarischen Faktoren
verfolgen, sondern in allen anderen Thtigkeiten; derart, dass man
zuletzt auch ein zweites Gesetz daraus entwickeln knnte. Nmlich: Wenn
ein Mensch wirklich Talent hat, so wird er trachten, sich aus einer
schon verwitterten Gesellschaftsschichte heraus dem Volke zuzuwenden;
wenn er aber thatschlich kein Talent hat, so wird er nicht nur in der
verwitterten Schichte verbleiben, sondern sich verpflanzen, katholisch
werden usw. -- -- Belinsky (den Sie heute noch schtzen) war gerade
durch sein Talentchen kraftlos und schwach, hat aber auch darum Russland
verflucht und ihm sichtlich viel Schaden zugefgt (von Belinsky wird man
noch einmal vieles zu sagen haben, Sie werden es schon sehen). Allein
die Sache ist die, dass in dieser von Ihnen ausgesprochenen Idee so viel
Kraft liegt, dass sie unbedingt fr sich allein und speziell ausgefhrt
werden sollte. Schreiben Sie einen Artikel ber dieses Thema, entwickeln
Sie es im Einzelnen. Man wird sich gewiss darber freuen. Es wird
dieselbe Kritik sein, nur in anderer Form. Zwei, drei solcher Aufstze
im Jahre, und ich prophezeie Ihnen Erfolg. Ausserdem aber wird das
Publikum Sie nicht vergessen, sondern sagen, dass Sie in einen Kreis
getreten sind, wo man Sie besser versteht. Die Hauptsache ist: wozu die
Litteratur aufgeben?

-- -- Ich kehre erst im Juni heim, so haben sich meine Geldmittel
gestaltet. -- Hren Sie, was ich Ihnen noch ber Ihre letzte Beurteilung
meines Romans sagen will. Erstlich haben Sie mich fr das, was Sie Gutes
darin finden, gar zu hoch gestellt, und zweitens haben Sie ungemein fein
auf meine Hauptmngel hingewiesen. Ja, ich habe darunter gelitten und
leide darunter; ich verstehe bis heute nicht (ich hab' es nicht
gelernt), meine Mittel richtig zu gebrauchen. Eine Menge einzelner
Romane drngen sich bei mir in einen hinein, sodass weder Mass noch
Harmonie vorhanden ist. Das alles haben Sie erstaunlich richtig
ausgesprochen. Und wie habe ich selbst schon viele Jahre darunter
gelitten, da ich es selbst erkannte!

Zu dieser Stelle bringt Strachow in einer Fussnote einen Abriss seines
kritischen Briefes an Dostojewsky, der im wesentlichen unseren Eindruck
vom Roman Die Besessenen besttigt. Er lautet:

   Im zweiten Teile der Besessenen sind wunderbare Dinge
   enthalten, welche mit dem Besten, das Sie geschrieben haben, in
   einer Reihe stehen. Der Nihilist Kirillow ist erstaunlich tief und
   scharf gezeichnet. Die Erzhlung der Verrckten, die Szene in der
   Kirche, ja sogar die ganz kleine Szene mit Karmasinow -- das sind
   lauter Perlen knstlerischer Vollendung. Allein der Eindruck auf
   das Publikum ist bis jetzt noch ein sehr unbestimmter. Es sieht
   dies Ziel der Erzhlung nicht und verliert sich in der Menge der
   Personen und Episoden, deren Verknpfung ihm nicht klar ist.
   Verzeihen Sie, dass ich Ihnen diese unangenehmen Urteile
   schreibe. Es ist mir sogar in den Kopf gekommen, Ihnen Ratschlge
   zu erteilen, und ich kann mich dieser Dummheit nicht enthalten,
   welche ich als den Ausdruck meines sehr grossen Interesses an
   Ihrer Thtigkeit hinzunehmen bitte.

   Offenbar sind Sie, was den Reichtum und die Mannigfaltigkeit der
   Ideen anlangt, bei uns der Erste, und sogar Tolstoj ist im
   Vergleich mit Ihnen einfrmig. Das hindert nicht, dass ber
   allem, was Sie schaffen, ein besonderes und starkes Kolorit
   ausgebreitet ist. Allein Sie schreiben sichtlich zum grossen Teil
   fr ein ausgewhltes Publikum und Sie fllen Ihre Schpfungen zu
   sehr an, komplizieren sie allzu sehr. Wre das Gewebe Ihrer
   Romane ein einfacheres, so wrden sie strker wirken. Der
   Spieler zum Beispiel und Der Hahnrei haben die klarsten
   Eindrcke hervorgerufen, whrend alles, was Sie in den Idioten
   gelegt haben, verloren ging.

   Diesem Urteil Strachows knnen wir nur hinsichtlich der zwei
   zuerst genannten Werke beipflichten. ber den Idiot haben wir
   weiter oben einen sehr verschiedenen Eindruck ausgesprochen.

   Dieser Mangel -- fhrt Strachow in jenem Briefe fort -- steht
   natrlich mit Ihren Vorzgen in enger Verbindung. Ein geschickter
   Franzose oder Deutscher wrde sich, htte er den zehnten Teil
   Ihres Gehaltes, auf beiden Hemisphren berhmt machen und als
   Leuchte ersten Grades in die Geschichte der Weltlitteratur
   einfhren. Das ganze Geheimnis liegt, scheint mir, darin, dass
   die Schpferkraft geschwcht, die Schrfe der Analyse reduziert
   werde, dass man anstatt zwanzig Bilder und hundert Szenen sich
   mit Einem Bilde und einem Dutzend Szenen bescheiden sollte.
   Verzeihen Sie, Theodor Michailowitsch, allein es scheint mir,
   dass Sie bis zur Stunde mit Ihrem Talente nicht zu schalten, es
   nicht fr die grsste Wirkung auf das Publikum zuzubereiten
   wissen. Ich fhle, dass ich hier an ein grosses Mysterium rhre,
   dass ich Ihnen einen hchst unsinnigen Ratschlag vorlege -- den,
   dass Sie aufhren Sie selbst, aufhren Dostojewsky zu sein.
   Allein ich denke, dass Sie in dieser Form meine Gedanken dennoch
   verstehen werden.

Man kann Dostojewskys Fehler und Mngel nicht klarer und prgnanter
kennzeichnen, als dies hier Strachow thut. Allerdings geschieht dies nur
nach der positiven Seite hin, im Hinblick auf die Fehler, welche aus des
Dichters bergrossem Reichtum an seelischer Nancirung hervorquellen.
Was uns als Mangel erscheinen muss, das Fehlen jeder Teilnahme fr die
Reize und Gewalten der Natur, oder die, der leblosen Umgebung des
Menschen entstrmende, oder von ihm auf diese ausgestreute Stimmung, das
hat der Kritiker nicht berhrt und er hat Recht damit gethan. Er mochte
wohl fhlen, dass diese Mngel zu jenen gehren, welche am innigsten mit
unserer Lebenswurzel verflochten sind und nicht genannt werden drfen,
weil dem, der sie zu tragen hat, keine Macht innewohnt, sie von sich zu
lsen, sie selbst zu sehen. Fr uns Fernerstehende mssen diese Mngel
als das erscheinen, was sie sind: ein bergewicht des inneren Realismus
ber den usseren der Gegenstandswelt, der Grundmangel, aus dem der
Fehler des Stoff-Aufhufens als sichtbare Folge hervortritt. Uns fehlen
in Dostojewskys Schpfungen wohl niemals die tiefen und geheimnisvollen
Anlsse in den Handlungen seiner Charaktere, wohl aber fast immer die
usseren und usserlichen Bindeglieder und sinnlichen bergnge, wie sie
unsere Dutzenddichter zu Hauptmotiven so reichlich verarbeiten. Diese
Mngel nun scheinen den Dichter keineswegs gestrt zu haben. Ein anderes
ist es, das, wie schon gesagt, ihn sehr qulte.

Es giebt aber noch ein Schlimmeres, fhrt er in jenem Briefe an
Strachow fort, ich mache mich, ohne meine Mittel zu berechnen, und nur
vom poetischen Zuge hingerissen, daran, einen knstlerischen Gedanken
auszudrcken, dem ich nicht gewachsen bin. (NB. So ist die Kraft der
poetischen Begeisterung immer, z. B. bei Victor Hugo, strker als die
Mittel zur Ausfhrung. Sogar bei Puschkin lassen sich Spuren dieser
Zweiheit erkennen.) Und damit ruiniere ich mich. -- Ich fge hinzu, dass
die bersiedelung und eine Menge von Beschwernissen diesen Sommer ber,
dem Roman sehr schaden werden.

Der nchste und letzte Brief aus der Fremde fllt in die Zeit der
Pariser Kommune und giebt uns Gelegenheit, einen jener Aussprche des
Dichters ber Sozialismus und Kommunismus zu hren, wie er sie breiter
und ausfhrlicher in seinem Tagebuch eines Schriftstellers, in seinen
letzten Tagebuchnotizen und seinen Winterlichen Bemerkungen ber
Sommer-Eindrcke ausgesprochen hat, wovon wir weiter unten einige
bedeutsame Stellen folgen lassen. Der Brief lautet:

   Dresden, 18. (30.) Mai 1871.

   Sehr geehrter Nikolai Nikolajewitsch!

Da haben Sie nun wirklich Ihren Brief geradeaus mit Belinsky angefangen!
Das habe ich vorausgeahnt. Aber sehen Sie doch nach Paris, auf die
Kommune. Sind Sie wohl gar einer von jenen, welche sagen, dass es wieder
nicht gelungen sei wegen Unzulnglichkeit der Menschen, der Umstnde?
Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch trumt diese Bewegung entweder
von einem Paradies auf Erden (vom Phalanstre angefangen), oder sie
zeigt, knapp am Ziele (48-49 und jetzt), ein erniedrigendes Unvermgen,
auch nur irgend etwas Entschiedenes zu sagen. Im wesentlichen ist's
immer wieder derselbe Rousseau und der Traum, die Welt mittels des
Verstandes, der Erfahrung aufs neue zu erschaffen (Positivismus). Es
sind doch, scheint es, schon genug Fakten vorhanden, die zeigen, dass
ihr Unvermgen, ein neues Wort zu sagen, keine zufllige Erscheinung
ist.

Sie schlagen Kpfe ab -- warum? Einzig und allein darum, weil das das
leichteste von allem ist. Irgend etwas sagen ist unvergleichlich
schwerer. Der Wunsch nach einer Sache ist noch kein Erlangen. Sie
wnschen das Glck des Menschen und bleiben bei der Bestimmung des
Rousseauschen Wortes Glck stehen, d. h. bei einer Phantasie, welche
nicht einmal von der Erfahrung besttigt worden. Der Brand von Paris ist
eine Ungeheuerlichkeit. Es ist nicht gelungen, so soll denn die Welt
untergehen. Denn die Kommune steht hher, als das Glck der Welt und
Frankreichs. Aber es erscheint ihnen (ja, und vielen anderen) diese
Raserei nicht als eine Ungeheuerlichkeit, sondern als _Schnheit_. Und
so hat sich im neuen Menschengeschlecht auch die sthetische Idee
getrbt. Die sittliche Grundlage der Gesellschaft (die dem Positivismus
entnommene) erzielt nicht nur kein Resultat, sondern vermag sich selbst
nicht zu bestimmen und verstrickt sich in ihren Wnschen und Idealen.
Sind denn endlich, jetzt, nicht genug Fakten vorhanden, um zu zeigen,
dass man nicht auf diese Weise eine Gesellschaft aufbaut, dass nicht
diese Wege zum Glck fhren und dass es nicht von daher komme, wie sie
bis heute meinten? Woher denn? Sie werden viele Bcher schreiben, die
Hauptsache aber auslassen: Im Westen hat man Christum verloren und darum
sinkt der Westen, einzig und allein darum.

Das Ideal ist ein anderes geworden -- wie klar ist das! Und das Sinken
der ppstlichen Macht zugleich mit dem Sinken der rmisch-germanischen
Welt (Frankreichs und der anderen) -- welch' ein Zusammentreffen!

Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was
ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und
diese ganze .... jetzt zushen, so wrden sie sagen: nein, davon haben
wir nicht getrumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch
warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft
antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu
aufrichten und glcklich sein. Sie wrden es nie zugeben, dass man,
betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der
Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach
den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter trumen wrden. Hier habe
ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens
getadelt, denn als Menschen; dies war die hsslichste, stumpfste,
schimpflichste usserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung
liegt -- in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere
Sie, Belinsky wrde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht
darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem
franzsisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalitt in sich
bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen
Nationalitt enthalten und das fhig wre, seiner Mutter Backenstreiche
zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen wrde er
sich wieder hinstrzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland
beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen -- um
Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fhig wre,
an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den
Jesuitismus und die Lge unserer Hauptakteure wrde er hocherfreut
annehmen.

Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt
und gesehen und habe ihn jetzt vllig ergrndet. Dieser Mensch hat mich
einen ...... geschmht, indessen aber war er niemals fhig, sich selbst
und alle Fhrer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu
stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher
Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber
hauptschlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei.
[Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter oben Seite 60 angefhrt, wo
sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig
schien.] Er hat sich niemals gefragt: Was werden wir denn an seine
Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hsslich sind? Nein, er hat sich
niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hsslich ist; er war im
hchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche,
schndliche, persnliche Stumpfheit. Sie sagen, er sei talentvoll
gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel ber ihn
gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich
einigen seiner rein knstlerischen Urteile lauschte (z. B. ber die
toten Seelen): er hat sich gegenber den Typen Gogols bis zur
Unmglichkeit oberflchlich verhalten und war nur bis zum Entzcken
erfreut darber, dass Gogol betrog.

Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er
hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und
mit den Erzhlungen Bjelkins und seinem Arap hervortrat. Er hat mit
Verwunderung die Nichtigkeit von Bjelkins Erzhlungen verkndet. Er
hat in der Erzhlung Gogols Die Kutsche keine knstlerisch
zielbewusste Schpfung und keine Erzhlung, sondern nur eine spasshafte
Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des Eugen Onjegin abgelehnt.
Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Knstler werden, dabei ist das aber
nach dem Lesen von Turgenjews Erzhlung Drei Portrts ausgesprochen.
Ich knnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um
Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefhls und seines empfnglichen
Vibrirens zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er
selbst ein Dichter war). ber Belinsky und ber viele Erscheinungen
unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge
ausserordentlicher Vorurteile hindurch.

Habe ich Ihnen denn nicht ber Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich
habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten -- mit Begeisterung, allein
auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die
Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er ber
manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls
nicht ernst nimmt), so htten Sie auch gestehen sollen, dass seine
grosse knstlerische Befhigung in seinen letzten Werken zurckgegangen
ist und zurckgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als
Knstler sehr zurckgegangen. Der Golos meint, dies sei darum der
Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber
sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frhere
Knstlergrsse zu. Ist es so? brigens tusche ich mich vielleicht
(nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezglich Ihres
Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrckt -- -- Aber
wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles
gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein
dieses, im hchsten Grade landadelmssige Wort war ihr letztes Wort. Ein
neues, das Gutsbesitzerwort ablsendes Wort hat es noch nicht gegeben,
war auch noch nicht mglich. Die Rjeschotnikows[33] haben nichts
verkndet; aber immerhin drcken sie die Unvermeidlichkeit von irgend
etwas Neuem in der Sprache des Knstlers aus, von etwas, das nicht mehr
landadelmssig sei, obwohl sie das auf eine unfrmliche Weise thun.

Wie sehr wnschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe
keine Vorstellung darber, wann ich zurckkomme (unter uns: ich trachte
in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse,
dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig.

Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird
(habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird
doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glck, das ist meine
jetzige Devise.

[Funote 33: Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller wurde
und Bauernerzhlungen schrieb. Er starb in jungen Jahren.]

Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: -- -- Ich meine nur im
allgemeinen, dass es fr die Zeitschriften nicht bel wre -- wenn auch
nur eine den Anfang machte -- sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die
Zarj nach der einen sthetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter
mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich
knnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen
darber entwickeln kann!




                                  X.
                 Petersburg; die letzten zehn Jahre.
                             (1871-1881.)


Mit der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen Ansiedelung in
Petersburg tritt des Dichters Leben in seine letzte, seine bedeutendste
Phase. Gleich einer Dichtung, die ein Meister vollendet, wo sich das
Wesenhafte immer deutlicher und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur
letzten Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich nach
dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist aber nicht in einem
behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen Abschliessens zu verstehen,
sondern in echt Dostojewskyscher Art: durch alle Lebensunruhe und allen
Temperamentskampf, durch schwere krperliche Strungen hindurch der
Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende Einheit in leidenschaftlich
bewegter Vielheit war.

Das Debut in der Heimat war freilich trbe genug. Anna Grigorjewna
erzhlt uns, dass sie nach Begleichung der Dresdener Schulden und der
Reisekosten mit einer Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg
ankamen, und das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft,
mehrere kostbare Gegenstnde, Pelze usw. wiederzufinden, die man fr sie
aufbewahrt oder versetzt hatte -- sie waren verfallen. Auch eines
Hausanteiles, auf welchen sie von mtterlicher Seite her Anspruch hatte,
war sie durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass es nun
hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, vor allem den
letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch legte von nun an den
administrativen Teil seiner Geschfte in die Hand seiner Gattin, was den
endlichen glcklichen Umschwung ihrer Verhltnisse zur Folge hatte.

Strachow giebt uns darber ziffernmssige Nachweise, die wir hier folgen
lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe
von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Ertrgnis hatte:
Im Januar 1873 erschienen Die Besessenen in 3500 Exemplaren, im Januar
1874 der Idiot in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die Memoiren
aus einem Totenhause in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 Schuld und
Shne in 2000 und im November 1879 Erniedrigte und Beleidigte in 2400
Exemplaren.

Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu
tilgen vermochte, ungemein ber das Los seiner Familie, die in Armut zu
hinterlassen er stets hatte frchten mssen. Man hat ferner nach seinem
Tode ein Blatt in seinen Rechenbchern gefunden, darauf die aus seinen
Werken allein bezogenen Einknfte mehrerer Jahre genau verzeichnet
waren. So bezog er:

                        Im Jahre 1877:

   aus Schuld und Shne                            487 R. 12 K.
       eingebunden Ex. des Tagebuchs eines
         Schriftstellers von 1876                   497 "  80 "
       Die Besessenen, Der Idiot, Totenhaus    561 "  63 "
       Rest vom Jahre 1876                           295 "  40 "
                                                =================
                                                Sa. 1841 R. 95 K.

                        Im Jahre 1878:

       Die Besessenen, Idiot, Totenhaus       1199 R. 50 K.
       Schuld und Shne                            548 "  98 "
       Tagebuch 1876                                 281 "  68 "
       Tagebuch 1877                                 346 "  50 "
                                                =================
                                                Sa. 2376 R. 66 K.

                        Im Jahre 1879:

       Die Besessenen, Idiot, Totenhaus       1271 R. 99 K.
       Schuld und Shne                            797 "  16 "
       Tagebuch 1876                                  98 "  61 "
       Tagebuch 1877                                 121 "   2 "
       + Erniedrigte und Beleidigte                227 "  24 "
                                                =================
                                                Sa. 2516 R.  2 K.

                        Im Jahre 1880:

       Die Besessenen, Der Idiot, Totenhaus   1287 R. 20 K.
       Schuld und Shne                            933 "  99 "
       Tagebuch 1876                                 247 "   6 "
       Tagebuch 1877                                 219 "  14 "
                                                =================
                                                    2687 R. 39 K.

       + Erniedrigte und Beleidigte                548 "  51 "
       + Tagebuch 1880                               893 "  87 "
                                                =================
                                                    4129 R. 77 K.

       Brder Karamasow                           3681 "  50 "
                                                =================
                                                    7811 R. 27 K.

Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter fr die in den Zeitschriften
erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die Vaterlndischen
Annalen i. J. 1875 fr den Druckbogen des Romans Junger Nachwuchs
(Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der Russkij Wjestnik fr
die Brder Karamasow (1879-80) 300 Rubel.

Die Einnahmen fr Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag
gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die
des Dichters schwerste Jahre usserster Not tapfer geteilt hat, heute
eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder
neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein
noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und
Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumstnden,
etwas ungedrucktes beizufgen. --

Bald nach seiner Rckkunft hatte der Frst Wladimir P. Meschtschersky
den Dichter nher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion
seines Blattes Grashdanin zu bernehmen. Fr diese Thtigkeit, welche
mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres whrte, erhielt
der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar fr
seine Beitrge. Diese Artikel waren meist Feuilletons ber die
brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel Tagebuch eines
Schriftstellers fhrten. Sie bilden heute den ersten Band der unter
demselben Titel herausgegebenen Schriften.

In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegrndeten und von ihm ganz allein
besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen Tagebuch eines
Schriftstellers gab, fand er endlich das Feld seiner Thtigkeit, das
ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine
bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese
Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das
Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer
rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem
zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwhnte Brief vom 9.
April 1876 beginnt mit einer Errterung persnlicher Beziehungen und
fhrt dann fort:

Sie teilen mir Ihre Gedanken darber mit, dass ich mich im Tagebuche
in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehrt. Hier
ist, was ich Ihnen unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem
unumstsslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der
knstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte
Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grssten
Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glnzt damit
nach meiner Meinung einzig und allein -- Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo,
welchen ich als Romanschriftsteller hochschtze, wofr sich der selige
Th. Tjutschew ber mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er
sagte, Schuld und Shne stehe hher als die Misrables, hat uns, ob
er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare
Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt vllig unbekannt geblieben
wren. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen
grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium --
nicht der Wirklichkeit an und fr sich, denn ich kenne sie ohne das --
sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen.
Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist fr mich zum
Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwrtige
russische Familie, welche, ich fhle das, heute ganz anders ist, als vor
zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere.

Wenn man 53 Jahre zhlt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit
hinter der gegenwrtigen Generation zurckbleiben. Ich habe unlngst
Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im
gegenwrtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehrt habe,
manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles
nicht mehr begreife (dies unter uns). Natrlich bin ich mir ganz klar,
dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer
lehren knnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte
(und den er in einem halben Worte verstand), versteht er nicht etwa
vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. >Mir sind meine Ideale
teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen<, fgte er hinzu, >damit
will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir brig bleiben;
diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang
wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit
darauf< ....

Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrckt habe, Christina
Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu
schreiben. Das ist's, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und
das Tagebuch fhren werde, damit eine Menge von Eindrcken nicht
verloren gehe. Alles das ist natrlich ideal! Wrden Sie z. B. glauben,
dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des
Tagebuchs klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die
Richte bringe, sodass mglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre
erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird?
Beispielsweise: Ich habe zehn bis fnfzehn Themen, wenn ich mich zum
Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche
mich mehr einnehmen, unwillkrlich zurcklegen: sie werden viel Raum
einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden
dem Heft schaden, denn es wird dadurch einfrmig, arm an Artikeln
werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein
wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmglich,
nur ein prsentables fr das Publikum ist mglich. Ich treffe auf
Begebnisse und empfange viele Eindrcke, die mich sehr einnehmen -- aber
wie soll man ber das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu
unmglich.

So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele
Briefe, mit und ohne Unterschrift -- alle voll Teilnahme. Manche
darunter sind ausserordentlich interessant und originell, dazu gehren
sie allen mglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser
verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrssung meiner
Thtigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben,
namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den
ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der
Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt
unsere Zusammengehrigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle,
die wir den verschiedenen Richtungen angehren, einigen knnten. Aber
als ich den Artikel schon berlegt hatte, sah ich pltzlich, dass es um
keinen Preis mglich wre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun
aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?

Ja, auch keine Wrme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da
pltzlich zwei junge Mdchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie
kommen herein und sagen: Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen,
schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie
wrden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns
nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind
wir, N. N. und N. N. Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch
ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzhlten, sie seien Studentinnen der
medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und
dass sie in die Akademie eingetreten seien, um hhere Grade zu erlangen
und spter der Gesellschaft Nutzen zu bringen -- diesen Typus neuer
junger Mdchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne
ich wohl sehr viele, bin persnlich mit solchen bekannt und habe sie
grndlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine
bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen?
Welche Geradheit, welche Natrlichkeit, was fr eine Gefhlsfrische,
Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und
welche alleraufrichtigste Frhlichkeit. Durch sie habe ich natrlich
viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen --
der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben?
Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend -- unmglich. Ja, es
ist auch fast persnlich. Aber was soll ich in diesem Falle fr
Eindrcke eintragen?

Gestern nun hre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein
Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten
Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen
Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet,
welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer
anderen Familie, dem jungen Menschen vorhlt, dass er eine _Schurkerei
begangen habe_, da hat er das _garnicht begriffen_. Nun, wie soll ich
das erzhlen? Das ist etwas Persnliches und dabei ist auch etwas
Nicht-Persnliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzhlte,
jener Denkprozess in den Ansichten und berzeugungen charakteristisch,
demzufolge er _nicht begriff_ und ber welchen man ein interessantes
Wrtchen sagen knnte. --

So beginnen dann endlich fr den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach
und nach alle persnlichen sowie die vom Bruder bernommenen Schulden
und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende
noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegsschens unweit der
Wladimirkirche innehatten, so haben seine usseren Zustnde an Ruhe und
Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was
Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Hhe gelangt, die trotz aller
persnlichen Feindschaften, die ihm sein nervses und oft wechselndes
Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. Ich habe einen schlechten
Charakter, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, aber
nicht immer, und das ist mein Trost.

Im Jahre 1875 verffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwhnten, in
den vaterlndischen Annalen den Roman: Der Adolescent.

   Wir haben ber die Erzhlung Podrostok (der Adolescent), welche
   nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel Junger Nachwuchs
   fhrt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den russischen
   Kritikern eine andere als flchtige Erwhnung gefunden. W.
   Rsanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen Zge
   enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch die Erwhnung auch
   inneren Fhlens und Erlebens und seiner Eigenform versteht, so
   kann man sagen, dass es kein Werk Dostojewskys giebt, das nicht
   selbstbiographische Zge aufwiese. Auch die Schilderung manches
   usseren Geschehens tritt uns mit der Lebendigkeit des Erlebten
   entgegen.

   So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, des
   jungen Helden Vater, erzhlt, das erlebte Urbild des im Jahre
   1877 im Aprilheft des Tagebuchs erschienenen Traumes eines
   lcherlichen Menschen. Ja, der aufmerksame Leser findet in allen
   Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, immer
   dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; schon
   das allein ist nicht nur hchst knstlerisch, sondern auch
   innenbiographisch.

   Der Podrostok nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier fr
   berflssig erachten, weil der knstlerische Aufbau des Werkes
   sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint uns vom
   russischen Standpunkt aus als ein bergang von den Ideen
   Raskolnikows zum Hinweis auf das knftige, reinchristliche junge
   Russland, mit dem Dostojewsky seine Brder Karamasow und somit
   sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von Schuld und Shne,
   strenger genommen, von seiner Rckkehr nach Russland, angefangen,
   sehen wir den Dichter unausgesetzt mit der Jugend, der russischen
   Jugend, beschftigt, die er, in unendlichen Variationen, von der
   vlligen Abwendung, wie in Stawrogin (Die Besessenen), bis zu
   vlliger Durchdringung, wie in Myschkin (Idiot) und Aljoscha
   Karamasow mit dem Christentum in Contact bringt. Hier und da
   setzt er Ausgereifte, Alte, welche das Christentum fertig in sich
   tragen, als feste Sttzpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses
   berschumende Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer
   Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn
   auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan
   Trofimowitsch in den Besessenen und die junge Sonja, die ihren
   naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchtrgt.

   Von Raskolnikow, dem Napoleon, bis zum Brschlein Kolja
   Krassotkin, der -- im Epilog der Karamasow -- fr die Wahrheit
   sterben mchte, mgen auch unsere Namen vergehen, zieht eine
   endlose Reihe junger Wesen an uns vorber, durch deren Seele der
   Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der Dichter in
   jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. sagt, dass
   er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu verstehen.
   Gerade er msste es empfinden, dass mit seiner Liebe, seinem
   Interesse fr die Jugend, seine Thtigkeit begraben wrde, dass
   er, an diese Grenze gelangt, berhaupt nichts mehr zu sagen
   htte.

   Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art Raskolnikow.
   Auch er hat seine Idee. Nicht ein Napoleon will er sein,
   sondern ein Rothschild. Er will ununterbrochen und hartnckig
   Geld aufhufen, um die Macht auszuben, die das Geld verleiht.
   Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, sondern viel
   hochmtiger, indem er den Glanz ablehnt und sich erlauben darf,
   als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten.

   Wieso kommt dieser Zwanzigjhrige zu seiner Idee? Er ist ein
   unehelicher Sohn, das Opfer der zuflligen Familie unserer
   Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal ihm
   schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst die
   Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder,
   sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese
   Aufzeichnungen an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob
   sie fr einen Roman tauglich seien.

   Was dieser Aussenstehende darber sagt, das spricht des Dichters
   eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist im Epilog
   seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, was manche
   Neueren ihm mit wenig Glck nachgemacht haben. Denn ein solches
   Zusammenfassen und Aussprechen wirkt nur bei dem Starken, der
   seine Ideen knstlerisch auf die Beine zu stellen versteht, als
   Verstrkung, whrend sie fr den Schwachen zum Rettungsanker fr
   die Verstndlichkeit verwendet wird.

   Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten,
   grundstndigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere
   Jnglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der
   zuflligen Familie, die eine solche Jugend erzeuge wie die
   heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman
   unmglich werden. Die Reinheit der Familie msse es sein, welche
   nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle Typen
   schenken wrde. Nun zhlt der Schreiber dem jungen Menschen, die
   ehelichen und unehelichen Kinder seines zuflligen Vaters, des
   geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, und
   schliesst:

   Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese Familie --
   eine zufllige Erscheinung sei, so wird sich meine Seele darber
   freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene Schlussfolgerung
   richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt schon eine grosse
   Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar und in Massen in
   zufllige Familien eintreten und in gemeinsamen Chaos, gemeinsame
   Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? Auf einen Typus dieser
   zuflligen Familien weisen ja auch Sie in Ihrer Handschrift hin.
   Ja, Arkadji Makarowitsch, Sie -- sind Mitglied einer zuflligen
   Familie, im Gegensatze zu unseren noch vorlngst bestehenden
   alten Familientypen, die eine von der Ihrigen so sehr
   verschiedene Kindheit und Jugend hatten.

   Ich gestehe, ich mchte nicht der Romancier eines Helden der
   zuflligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit ohne
   schne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall -- noch
   eine Gegenwarts-Sache, knnen daher nicht knstlerisch vollendet
   werden. Da sind schwere Irrtmer, bertreibungen, da ist ein
   bersehen mglich. Auf jeden Fall msste man allzu viel erraten.
   Was aber soll ein Schriftsteller thun, der wnschen wrde, nicht
   nur historisch zu schreiben, der von der Sorge um die Gegenwart
   bedrngt ist? Raten und -- sich irren.

   Allein solche Aufzeichnungen, wie die Ihren, knnten, so
   scheint es mir, als Material fr ein knftiges Kunstwerk, fr ein
   knftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen
   Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorber sein wird und das
   Kommende hereinbricht, dann wird der knftige Knstler sogar fr
   die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche Formen finden,
   dann werden solche Aufzeichnungen, wie die Ihrigen sind,
   gebraucht werden und ein gutes Material abgeben -- wenn sie nur
   aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und Zuflligen
   darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte Zge
   unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten knnen,
   was sich in der Seele manch eines Jnglings jener trben Zeiten
   bergen konnte -- eine nicht ganz geringfgige Erkenntnis, denn
   aus den Jnglingen erstehen die Geschlechter.

Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr zu Jahr fr den
Dichter immer drckender wurde, nahm Dostojewskys intensive innere und
ussere Vorbereitung zu seinem letzten Roman einen immer grsseren
Raum in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mnchklster mit ihren
>Skity< (Einsiedeleien) wieder auf und widmet vor allem jeden freien
Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, dem praktischen Studium
der Rechtspflege; denn so wenig er etwas ber die Theorie der
Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzhlige
Krankheitstypen hinzeichnete -- an denen die Wissenschaft lernen knne,
wie Dr. Tschiz sagt --, ebensowenig hatte er sich ja um den Buchstaben
des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft bekmmern knnen, wenn man auch
den Umstand nicht bersehen darf, dass jeder Russe, sei er nun in
Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines Lebens reichlich
Gelegenheit und Ntigung findet, sich mit dem Wortlaut der Gesetze und
dessen praktischen Konsequenzen vertraut zu machen.

Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein verstandesmssige
Gesetzeskenntnis mit den tieferen Quellen seines Wesens zusammen. Sein
Empfinden der menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde
und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir doch in den
grossen Aufstzen, die er um diese Zeit den Schwurgerichten, den
Strafprozessen und ihrem Ausgang widmet, das eifrige Bemhen, den
lebendigen Strom subjektiver Wahrheit in das drre Gebiet der
objektiven Pragmatik einzuleiten. Er kmpft da gegen die Verurteilung
der Mrderin Kairowa nahezu mit denselben Worten, die er im Epilog des
Hahnreis ausspricht: Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten
konnte wissen, ob sie weiter schneiden werde usw.

Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit geht soweit,
dass er nach Verurteilung der Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr
sechsjhriges Stieftchterchen vom Fenster ihrer Wohnung im vierten
Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme des
Prozesses drngt und das Gutachten der rzte herbeifhrt, die nach
eingehender Prfung des Sachverhaltes eine Geistesstrung whrend der
ersten Monate der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im
Untersuchungsgefngnis nach dieser Zeit und der Geburt ihres Kindes
weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde freigesprochen und
Dostojewsky bernahm es, die Vershnung der Gatten einzuleiten und durch
persnliche Teilnahme an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. --
Diese Beschftigung mit den laufenden Dingen der Gegenwart reift eben
die Doppelfrucht seiner Thtigkeit im Tagebuch eines Schriftstellers.
Sie ist zugleich Vorbereitung fr den Roman und Verkndung seiner
Wahrheit in diesem eigenartig redigierten Organ.

Auch die Gesellschaft hatte sich in dieser Zeit dem Dichter genhert.
Er wird vielfach geladen, gefeiert, nimmt Teil an wohlthtigen
Veranstaltungen, Kinder- und Adolescentenbllen; ja, drei Tage vor
seinem Tode sollte er bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die
Rolle des Mnchs, die er bernommen hatte, durchfhren, wurde aber durch
das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen Verlauf zum ttlichen
Ausgang nahm. --

Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde und einige
diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten whrend der
Zeitstrmung von 1870-1880 kennzeichnen, sowie seine Anschauungen ber
Dinge, welche seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehrten z.
B. des Dichters Ansichten ber das Frauenstudium in Russland. So sehr
ihm die Studentinnen gefallen [wie wir oben sahen], so wenig will er
etwas davon wissen, dass sie um Nutzen zu bringen -- wie das
Losungswort der russischen Jugend lautet --, Feldscherinnen und Hebammen
werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung aller Spezialisten in
Russland (ganz anders in Europa) hin und verlangt von den jungen
Mdchen und Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: die Mehrheit der
Studenten aber und der Studentinnen, das ist alles ohne jegliche
Erziehung. Was ist das fr ein Nutzen fr die Menschheit?

In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont Dostojewsky ihr
grosses Glck, Kinder zu besitzen. Wie gut ist es, dass Sie Kinder
haben, wie sehr vermenschlichen diese unsere Existenz in einem hheren
Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, und ohne
sie giebt es kein Lebensziel. Und die europischen Sozialisten verknden
gemeinsame Erziehungshuser! Ich kenne vortreffliche verheiratete
Menschen, die aber kinderlos sind -- nun denn: bei so viel Geist, bei
solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und wahrlich, in den hheren
Aufgaben des Lebens hinken sie irgendwie. Wer Dostojewskys Werke
aufmerksam gelesen hat, wird mit dieser Anschauungsart lngst vertraut
sein. Vom kleinen Held angefangen bis zum Schluss der Brder
Karamasow, dem niedergeschriebenen wie dem ersonnenen, den er den
Freunden mitteilte, schlingt sich, wie eine Blumenkette, eine unzhlbare
Reihe von Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so innig
ans Herz drckt, von denen er fr Russlands Zukunft so viel hofft.

Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat nach
des Dichters Tode unzhlige Vortrge gehalten und Artikel ber ihn und
seine Thtigkeit geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von
Urkunden und Materialien unermdlichen Witwe weist bis zum Jahre 1897
allein 190 grssere und kleinere Schriften und Werke auf, die sie im
dazu gegrndeten Museum Dostojewsky in Moskau samt ungedruckten (von
der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) Fragmenten, z. B. gewisse
Kapitel aus den Besessenen, bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir
nicht wenige ber das Thema: Dostojewskys Kindertypen. Wir haben nur
in einigen davon geblttert, sind indes berzeugt, dass sie alle das
nicht auszudrcken vermgen, was z. B. in seinen Briefen ber das
winzige Wesen Sonja wie ein lebendiger Liebesquell hervorbricht. In
der aufregendsten Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzhlt,
immer wieder auf Verlangen seines dreijhrigen, jngsten Shnchens
Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich trug. Man denke
nur, was alles in seinen Werken ber sein Verhltnis zu Kindern
ausgestreut liegt: an die Kinderfreundschaft in Njetotschka
Njeswanowa, das Kinderkapitel im Idiot, an alle kleinen Erzhlungen
und Skizzen bis zum erschtternden Kapitel ber die Kinder in den
Karamasow, und man wird erkennen, dass sie nicht zufllig da sind,
dass sie einen integrirenden Teil seiner Dichtung und seines Lebens
ausmachen. -- Die Anfrage eines seiner Korrespondenten, was dieser sein
noch sehr junges Tchterchen lesen lassen solle, beantwortet Dostojewsky
ungefhr mit: das Beste. Walter Scott, Schiller, Goethe, den Don
Quixote, Gil Blas, Prescott und die russischen Historiker, sowie
Puschkin und Tolstoj unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, wenn er
wolle, ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl.

In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie ihn in seinen Werken
verstehe, was bei der gesamten litterarischen Kritik nicht der Fall sei,
und hegt nur den einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu knnen,
wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den jetzt
hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der bei seiner
Doktor-Disputation das hbsche Wort gesagt habe: Nach meiner tiefsten
berzeugung weiss die Menschheit unendlich viel mehr, als sie bis heute
in ihrer Kunst und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.

Die kritischen Ausflle, welche um diese Zeit in Broschren und
Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys Zorn heraus, dem er aber
meist nur in seinem Notizbuch aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene
fr die russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker K.
D. Kawlin gerichtet, wo es heisst: Sie sagen, das heisse sittlich
sein, wenn man nur nach seinen berzeugungen handelt. Woher haben Sie
das genommen? Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, und
sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner berzeugung zu
handeln ..... Blutvergiessen halten Sie nicht fr sittlich, aber aus
berzeugung Blut vergiessen, das halten Sie fr sittlich. Das Sittliche
deckt sich nicht mit dem Begriff der berzeugung, der man Folge gegeben,
weil es manchmal sittlicher ist, seinen berzeugungen nicht Folge zu
leisten, und der berzeugte, trotzdem er vollkommen bei seiner
berzeugung verharrt, durch ein gewisses Gefhl davon abgehalten wird,
die Handlung auszufhren. Er tadelt und verachtet sich mit dem
Verstande, allein mit dem Gefhl, das heisst mit dem Gewissen kann er
sie nicht ausfhren (und weiss es endlich, dass ihn nicht Feigheit
zurckhielt). Vera Sasslitsch hat einen Augenblick lang geschwankt; es
ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen zu erheben, sagte sie sich.
Dieses Schwanken war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.

An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten und Anhnger
des Westens, welche jedoch die bureaukratischen Formen und Formeln
ablehnen: Zerstrt nur die administrativen Formeln! heisst es da, das
ist aber eine Treulosigkeit gegen den Europismus, es ist ein Verleugnen
dessen, dass wir Europer sind, es ist eine Untreue an Peter dem
Grossen. O, auf eine Umgestaltung wird unsere Administration schon
eingehen, aber nur in einer untergeordneten Form, praktische Fragen
betreffend usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln sollte
-- nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, welche im
Gegensatz zum Beamtentum auf dem Semstwo bestehen, wahrlich sie
widersprechen sich selbst! Das Semstwo, das gesetzmssige Semstwo, das
ist ja die Rckkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von ihnen so
sehr verlachtes Wrtchen). Wird also der Europismus in seiner jetzigen
Gestalt bestehen bleiben, wenn sich das gesetzmssige Semstwo
einwurzelt? Das ist die Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er
sich nicht erhlt.

Der Beamte, der jetzige Beamte indessen -- das ist der Europismus, das
ist Europa selbst und sein Emblem, das ist gerade das Ideal der
Gradowskys, der Kawelins u. a. Folglich mssten unsere Liberalen und
Europajunge, wenn sie folgerichtig sein wollten, fr den Beamten und
seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abnderungen, welche dem
Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen entsprchen.
brigens, was sage ich? Im wesentlichen treten sie ja auch dafr ein.
Gebt ihnen eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem
administrativen Schutze Russlands anvertrauen ....

Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: Ja, Ihr werdet
die Interessen Eurer Gesellschaft vertreten, aber ganz und gar nicht die
des Volkes; Ihr werdet es auf's neue leibeigen machen, Kanonen werdet
Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse aber! Die Presse
werdet Ihr nach Sibirien schicken, so wie sie Euch nur nicht ganz
zusagt! Nicht nur Euch widersprechen wird usw.

Aus dieser Polemik ist durch alle Verschrnkung der Begriffe und Wirrnis
der Werde-Elemente in Russland hindurch eines klar: dass das Beamtentum
eine furchtbare Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener
historischen Missverstndnisse und Missverhltnisse, wonach Diener des
Staates allmhlich zu Herren des Volkes werden und aus jedem Gemeinwesen
eine seelenlose Maschine zu machen vermgen, die alles zermalmt, was in
ihre Nhe gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines
Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berhrt dieses Thema spter
noch einmal in einem Briefe an Iwan Sergejewitsch Aksakow, mit welchem
er erst nach der denkwrdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nhere
Beziehungen trat.

Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken des Dichters zu seinem
usseren und inneren Gipfelpunkt. In diesem Jahre stellt er durch seine
grosse Puschkin-Rede gleichsam fr alle Zeiten das Credo des russischen
Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet er sein
letztes Werk, die Krone von seines Lebens Sinnen und Schaffen,
Wnschen und Wirken, die Brder Karamasow.

Nikolaus Strachow erzhlt in den Materialien zu einer Biographie
Dostojewskys [Petersburg, Suworin 1883] mit grosser Ausfhrlichkeit den
ganzen Verlauf der fr die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll
gewordenen Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses
nationalen Ereignisses nicht nach. Fr uns sind drei springende Punkte
wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet seien. Erstens die
Vorbedingungen, welche dieses Fest zu solcher Bedeutung erhoben, sodann
das Konkrete des Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung
auf die litterarisch-nationalen Parteien.

Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der russischen
Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft in Westler und
Slavophile. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich da nicht um
Geschmacks- und Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um
die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte in
seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider Parteien. Gleichwohl
hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen der Moskowskija Wjedomosti
mit Katkow an der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz
ber die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der
Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu westlich. Aus alledem lsst
sich begreifen, dass man von den angemeldeten Rednern etwas
Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete.

Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war am Vortage durch
Acclamation zum Ehrenmitglied der Moskauer Universitt ernannt worden.
Man sah in ihm den unmittelbaren und wrdigen Nachfolger Puschkins, da
auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, hnliche Zge aufwies: als
russischer Dichter mit westlicher Kultur. Turgenjew hatte seine Rede in
der Einsamkeit seines Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von
lebhaften Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung im
Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war jedoch eine
geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, ob Puschkin ein nationaler
Dichter sei oder nicht, ja auch nicht darauf einging, diese Frage zu
beleuchten.

Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, dieser als Vertreter
des reinen Slavophilentums, sprechen. Aber schon als Dostojewsky begann,
und mit dem inneren Feuer, das in ihm brannte, den russischen Menschen
im Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anfhrten:
Demtige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, brich Deinen Hochmut,
demtige Dich, mssiger Mensch, und vor allem, mhe Dich auf
heimatlichem Boden -- da fhlte dieser russische Mensch, der lautlos
den Saal fllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und lauschte
bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in unerhrten Jubel ausbrach,
in einen Vershnungsjubel, wie ihn Russland noch nie erlebt hatte.

Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt getroffen und ans
Licht gebracht, der beide Strmungen vershnte, nach dem es unbewusst
alle verlangte und der eine neue Aera des litterarischen Wirkens
anbahnte. Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche Kultur
durchaus national von ihm verwertet worden sei, dass er in sich eben
durch seine echt russischen Anschauungen die Verbindung mit dem Geist
des Westens in einer Weise herstelle, die mustergiltig fr alle
Nachkommenden sei, wie man das ja an seinen dichterischen Gestalten
sehen knne. Hier fhrte Dostojewsky seine Gedanken mit Zuhilfenahme
einiger Beispiele aus, die -- uns ein Zeuge dieser Feste erzhlte --
durchaus nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren.
Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert indes selbst die
lebendige Wirkung dieser Rede als eine ungeheure, der man sich erst
spter bei khler berlegung aus sehr stichhaltigen Grnden entwand. Fr
uns ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und erweisen
wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente heranzog, das war das
Wahre und Befruchtende an seiner Rede und das ist es wohl auch heute
noch, was, ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches modernen
Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, welche die Vershnung
der streitenden Elemente anbahnte.

Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters Wirken und Leben.

   Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glck zu teil, dass
   sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck seiner Kunst
   war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen eines
   ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glck geworden. Denn wenn
   es auch durch die usserungen seiner Gattin und seiner Freunde
   beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der Brder Karamasow
   schon fertig in sich trug, wenn wir auch wissen, wie er sich die
   Lsung dieses Problems im russischen Sinne vorgesetzt hatte, so
   knnen wir der Meinung eines seiner nahesten Freunde nur
   beipflichten, wenn wir annehmen, dass die Ausfhrung dieses
   Schlusses so weit hinter dem Plane zurckgeblieben wre, als
   berhaupt Erfllungen hinter Hoffnungen, Ausfhrungen hinter
   genialen Entwrfen zurckstehen. In den Brdern Karamasow aber
   ist ja schon in der Exposition, d. h. im Kapitel vom Starez
   Sosima, das Hchste als Ahnung und Ziel fr den Helden Aljoscha
   ausgesprochen; der Leser empfngt ja von diesem vorlufigen
   Bilde des russischen Christus, das der Dichter in Aljoscha erst
   ausfhren wollte -- wie er andeutet und alle Freunde bezeugen --
   vollauf alles, was auf ihn wirken soll: die Ahnung, gleichsam die
   Verheissung eines reinsten Zustandes. Hier musste jede Ausfhrung
   zurckstehen, im besten Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber
   drfen wir dem Dichter dafr dankbar sein, dass er uns sagte, wo
   er hinaus wollte; ganz besonders darum, dass es auch fr jene,
   die es nicht schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen
   Zweifel ber die Absichten des Dichters gebe.

   Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem Buche
   voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung -- welche im
   Kapitel vom Starez angezeigt ist -- liegen klar zu Tage. Allein
   im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem Kapitel vom
   Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein menschlich
   ist, das in jeder Sprache htte geschrieben werden knnen, da
   vibriert schon die tiefe russische Note mit, die russische Seele,
   die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende Grbelei
   zerspaltet. Das brennende Begehren nach dem Glauben, das diese
   Legende geschaffen hat, ein Begehren auch in der Seele eines
   mit allen Vorzgen westlicher Bildung ausgestatteten Geistes wie
   Iwan Karamasow, das ist echt russisch. Diese Figur Iwans und
   diese Episode beleuchten uns auch urpltzlich, was Dostojewsky
   unter seiner russischen Allmenschlichkeit versteht. Die ewige
   Frage nach dem Gotte, die dieses Volk durch alle Zeiten hindurch,
   auf allen Gebieten in sich behlt, ist ihm Brgschaft, dass diese
   zwei Zge, so untrennbar wie sie es sind, zugleich allgemein
   menschlich und echt russisch sind.

   Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und
   durchgefhrt. Ganz unbewusst und selbstverstndlich fliesst
   dieses an allem und fr alle und alles schuldig sein wie ein
   Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis es in
   den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhlt. Ja, Rsanow,
   der geistvolle Kommentator, findet darin einen Fehler, dass nicht
   auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen sind, die Iwan als
   unschuldig unter der Disharmonie der Welt Leidende hinstellt;
   dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsnde zugeteilt hat;
   eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher ein feineres Gefhl den
   Knstler glcklich bewahrt hat.

   Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis auf
   Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der
   russischen Jugend, das wir in allen seinen grsseren Werken,
   gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dmmern knftiger Tage
   fhlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkndet, hier
   bricht es pltzlich hervor und wir sehen mit einemmal das ganze
   Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden jenes
   Atridenromans der Karamasow, der das Shnungswerk der Iphigenie
   in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. Aljoscha
   sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima Gebot in
   die Welt zurckgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf sich nehmen.
   Er heiratet Lisa, verlsst sie dann, um der schnen Snderin
   Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina[34] zu Falle
   bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden und
   verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, gelutert
   wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer Schar von
   Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt und leitet. Wem
   fiele hier nicht der Zusammenhang mit der Erzhlung des Idioten
   von den Kindern ein, wem nicht der kleine Held, alle die
   entzckenden Kinderzge, die nur die Liebe entdeckt. Nun fllt
   aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie Feuerschein in die
   unerbittliche Geisselung der Gott-losen Jugend in den
   Besessenen, im Idiot, im Jungen Nachwuchs, und wir sehen
   den Dichter frmlich mit seinen zwei Simson-Armen die Sulen
   jenes Gtzentempels umklammern, um sie in Trmmer
   zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine Ungerechtigkeit
   und bertreibung als die Zerstrungsarbeit an, auf dem Platze, wo
   allein ein neuer Aufbau mglich ist. -- -- Diese Jugend sehen
   wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, um jener anderen willen,
   die er in der Seele trgt und welcher dereinst Russlands Zukunft
   gehren soll.

   [Funote 34: Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname fr
   angeborene Wollust Geltung gewonnen hat.]

   Die Fabel des Romans ist bei aller Fllung desselben mit einer
   Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zuflligkeiten u. dergl. klar
   und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, dass er nur
   wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges Urthema, aus dem er
   immer wieder das Gerippe eines Problems aufbaut, das er in
   lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre individuelle Seele
   einhaucht. So fnde ein Spurensucher in Dostojewskys Werken
   reichliches Nachweismaterial fr Varianten und Wiederholungen des
   Grundthemas. Was gbe es da fr Ernten fr einen Nachwuchs von
   Kommentatoren im Sinne der Goethe-Forschung, wenn so etwas in
   Russland mglich wre! Was im jungen Russland nachgeforscht und
   nachgewiesen wird, ist heute noch der Sinn, nicht das
   i-Tpfelchen des Mysteriums einer Dichtung. Dieser Nachweis aber
   ist leicht, denn der Sinn der Wiederholungen ist immer
   augenfllig.

   So wiederholen sich des Dichters Gedanken ber die neuen Ideen
   in den Tagebchern, in Schuld und Shne, in winterlichen
   Betrachtungen ber Sommereindrcke [diese allerdings durch die
   Londoner Einflsse modificiert], in den Besessenen usw, nahezu
   wrtlich, da es sich fr ihn in erster Linie um die Wirkung,
   nicht um die Stilschnheit seiner Worte handelt. Den Traum eines
   lcherlichen Menschen trumen wir ihm zweimal nach, finden
   dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, den er unter dem
   Titel Das goldene Zeitalter in der Tasche im Januarheft des
   Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt als positiven
   Hintergrund seiner Hoffnungen fr die Zukunft. Auch die Figuren
   Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals zum Typus
   herabsinkend, hufig wieder. Namentlich treten fr das Auge des
   Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, deren Gemeinsamkeit dem
   europischen Leser oft darum entgeht, weil ihm das Merkmal selbst
   nichts sagt. So sind Iwan Karamasow und Raskolnikow, der Frst
   Walkowsky und Swidrigailow, der Idiot und Aljoscha Karamasow,
   der Starez Sosima und der Wanderbettler Makar im Jungen
   Nachwuchs, der Frst Sokolsky ebenda und der alte Frst in
   Onkelchens Traum eigentlich Variationen einer Wesenheit, mit
   knstlerischer Vollendung bis ins Kleinste individualisiert. Nur
   Dmitri Karamasow steht ohne Gegenspielart da. Er ist auch der
   Trger des echt Dostojewskyschen Elements des Unbewussten, das
   eigentlich die Komplikation und den Abschluss des uns bekannten
   Teiles der Fabel herbeifhrt.

   Der alte Karamasow ist ein Wollstling niederster, bis ins
   Mysterise gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer
   bldsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Shne, welche,
   jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr
   Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste Gattin war
   nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst hatte, ohne
   alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, hatte ihn bald
   geprgelt und zuletzt mit dem dreijhrigen Dmitri und ihrer
   Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prgen sich in
   Dmitris Zgellosigkeit und der mit einem deklamatorischen Pathos
   vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der ltere Sohn
   der hysterischen Schreiliesel, die hinwieder der Gatte
   prgelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa
   Karamasowerei) die usserste Reizbarkeit der Nerven seiner
   Mutter, die ihn zu Hallucinationen fhrte, whrend bei Aljoscha,
   dem Jngsten, die bsen Mchte sich erschpft zu haben schienen,
   wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbbels zuteilten. Der Sohn
   der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermrder, ist die
   Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt bestialischer
   Triebe, und ihn lsst der Dichter, charakteristisch genug, vom
   Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol der verwandten
   Triebe von Vllerei, Wollust und Grausamkeit.

   Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst
   sein mtterliches Erbteil, whrend Iwan und Aljoscha einer
   gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden.

   Alle diese Karamasowschen Abkmmlinge lsst der Dichter, jeden in
   seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. Bei Dmitri
   treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Anstzen und
   Reue-Anfllen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele ist dem
   Unbewussten, Rhapsodischen, Thr und Thor geffnet, was ja auch
   die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte Verteidigung und die
   Verurteilung des unschuldig Schuldigen wegen Vatermords zur Folge
   hat.

   In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier
   gewandelt, dies fhrt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung
   des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht
   eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er
   ablehnt. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er
   sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise
   getroffen hat, um echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes zu
   sprechen; wenn ich auch einen Gott annehme -- seine Werke lehne
   ich ab. Schon frher hatte er gesagt: Weisst du, was ich dahier
   eben erst zu mir gesagt habe? Sollt' ich auch nicht mehr an das
   Leben glauben, msst' ich den Glauben an ein teures Weib, an die
   Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich mich im Gegenteil
   davon berzeugen, dass alles ein unordentliches, verfluchtes und
   vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten mich auch alle
   Schrecken der menschlichen Enttuschung treffen -- dennoch werde
   ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher angesetzt habe, so
   will ich nicht eher davon lassen, als bis ich ihn nicht ganz
   bewltigt habe. -- -- Ich habe mich oft gefragt: giebt es im
   Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen wtenden und
   vielleicht unanstndigen Lebensdurst besiegen knnte, und
   geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst bis zu meinem
   dreissigsten Lebensjahr -- dann aber werde ich selbst nicht mehr
   wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier nennen manche
   schwindschtige Gelbschnbel-Moralisten, namentlich Poeten,
   niedrig. Wahr ist's, es ist zum Teil ein Karamasowscher Zug,
   diese Lebensgier, die ber alles hinweggeht; auch in dir sitzt
   sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig? usw. Die
   klebrigen Frhlingsknospen lieb' ich, den blauen Himmel lieb' ich
   -- das ist's. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier liebst
   du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine ersten
   jungen Krfte liebst du ... verstehst du etwas davon?

   Darauf Aljoscha: Nur allzu gut usw. ... Hier ist auch des
   Jngsten Karamasowschtschina eingefhrt; da er sagt, er verstehe
   -- gehrt er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das Leben als
   Werk einer Ordnung und Vernunft, als Euklidische Geometrie ab.
   Nicht Gott ist's, den ich ablehne, verstehe das, sondern die von
   ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich ab, ich kann mich
   nicht entschliessen, sie anzunehmen. -- Nun folgt ein
   leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan mit dem
   Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso man seine
   Nchsten lieben knne. In der Ferne, meint er, gehe es noch, aber
   in der Nhe sei jeder Mensch dem anderen widrig und keiner sei
   imstande, die Leiden des andern zu begreifen. An diese sehr
   charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums
   schliesst er sofort die Begrndung seines Protestes gegen die
   Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen tiefen Zug in
   Aljoscha, in den dieses Jnglings Karamasowtum schon gemildert
   einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten ganz gelutert
   auszuklingen: die Liebe zu den Kindern.

   Iwan sagt ungefhr: wenn ich auch glauben will, dass die
   Euklidischen Parallelen sich in der Ewigkeit berhren, dass alles
   Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie
   aufgelst sein wird -- wie kann ich eine Welt zugeben, in der
   auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thrnlein vergiessen
   muss? Nun erzhlt er Episoden aus Kriegszeiten, aus der Zeit der
   harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten Weise
   einer Laune, einer Bestialitt zum Opfer fielen [der Dichter
   benutzt fr seine Beispiele hier wie berall Dokumente]. Die
   Kinder mssen erlst werden, sonst giebt es keine Harmonie.
   Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn mglich? Etwa
   damit, das sie gercht werden? Aber wozu brauch' ich die
   Vergeltung, wozu die Hlle fr ihre Peiniger; was kann hier die
   Hlle gutmachen, wenn jene schon zu Tode geqult wurden? Was ist
   das aber fr eine Harmonie, wenn eine Hlle dazu da ist? Ich will
   vergeben, ich will umarmen, ich will nicht, dass man weiter
   leide. Und wenn die Leiden der Kinder darauf gegangen sind, um
   jene Summe von Leiden voll zu machen, die fr das Erkaufen der
   Wahrheit unumgnglich ntig war, so behaupte ich von vornherein,
   dass die ganze Wahrheit eines solchen Preises nicht wert ist. Ich
   will endlich nicht, dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr
   Kind durch Hunde zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu
   verzeihen! Wenn sie will, so mag sie ihm fr sich verzeihen, mag
   sie dem Peiniger ihr unermessliches mtterliches Leiden vergeben,
   allein die Leiden ihres zerfleischten Shnchens ihm zu verzeihen,
   dazu hat sie kein Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn
   auch das Kind selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn
   sie nicht verzeihen drfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der
   ganzen Welt ein Wesen, welches das Recht htte, zu vergeben? Ich
   will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Ich
   will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber will
   ich schon bei meinem ungeshnten Leiden, bei meiner ungemilderten
   Entrstung bleiben, auch wenn ich nicht recht htte. Allzu hoch
   hat man diese Harmonie geschtzt, es geht durchaus ber unsere
   Mittel, da so viel fr den Eintritt zu bezahlen. Darum beeile ich
   mich, meine Eintrittskarte zurckzustellen. Und wenn ich ein
   ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die Karte so
   schnell als mglich zurckzugeben. Das thue ich auch usw. -- --

   Nun ruft Aljoscha pltzlich mit leuchtenden Augen: >Ist in der
   ganzen Welt ein Geschpf, das verzeihen knnte<, sagst du. Aber
   dieses Wesen ist und es kann >alles und allen vergeben< -- du
   hast ihn vergessen. -- -- Wir haben hier wieder das Problem des
   Kellerbewohners in erhhter, nicht mehr cynisch negativer Form;
   hier drngt die Frage des Ausgleichs ihrer Lsung zu und es
   tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, der Name Christi
   und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor die wunderwirkende
   Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden Christus als Person
   auf.

   Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen
   Volksgeist gerichteten Studie wrdig zu besprechen, wre ein
   Vermessen. Wir mssen uns auf Andeutungen und Hinweise
   beschrnken. Den Grundgedanken hllt Iwan, der dem sanften Bruder
   seinen Atheismus verknden will, in die Form der Legende. Zur
   Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur
   alltglichen Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint,
   ein mder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort
   erkannt. Man drngt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da er
   Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjhrige Grossinquisitor mit
   seinem Gefolge und lsst den Allverehrten festnehmen und in ein
   unterirdisches Gefngnis werfen. In der Stille der Nacht ffnet
   sich die schwere Thr des Gelasses, und der Inquisitor tritt
   herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte steht vor
   ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer Lippe seine
   Rede.

   Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen zu
   sein. Deine Zeit ist vorber, sagt er, was hast du aus den
   Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, dir, auf dein
   Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach fr diese Freiheit.
   Damit hast du nur fr die Auserwhlten gesorgt, fr die Starken,
   die alle Opfer, alle Demtigung auf sich zu nehmen vermgen, wenn
   sie dir folgen. Aber die anderen? Bist du denn nur ein Gott der
   Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir lieben die Menschen mehr als
   du, wir lieben alle, wir nehmen ihre Leiden auf uns, wir
   vollenden in deinem Namen das Werk, das du nur halb gethan. Und
   du warst gewarnt. Jener furchtbare und tiefsinnige Geist, der
   dich angeblich versucht hat, er hat dir drei Mittel an die Hand
   gegeben, wie du die Menschen fr alle Zeiten dir unterthan und
   wie Kinder glcklich machen konntest. -- Du hast sie verschmht.
   Nun haben wir sie aufgenommen, diese Mittel, und die Menschen
   sind beruhigt, beruhigt in deinem Namen. Wozu also bist du
   gekommen unser Werk zu stren?

   Nun entwickelt der Inquisitor die rmische Deutung der drei
   Darbietungen des furchtbaren Geistes, welche die Menschen fr
   alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und die
   Autoritt. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die
   unerbittliche und unbedingte Machtforderung der rmischen Kirche
   auf den Atheismus gesttzt ist, dass das Wunder kein Wunder,
   hinter dem Geheimnis -- nichts ist, dass aber ihre Autoritt durch
   diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen
   beruhige und den Menschen die Snde gestatte, die sie ihnen, als
   schwachen Kindern, nicht entziehen knne, sodass sie ihrer
   Freiheit, ihnen unbewusst, glcklich wieder ledig wrden. Und
   morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi, schloss der Greis seine
   Rede. Christus schweigt noch immer, whrend der Inquisitor eine
   Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf den
   Inquisitor zu und drckt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen.
   Dieser erschauert, ffnet die Thre und entlsst den Gefangenen
   in die finstere Nacht.

   Und der Alte? fragt Aljoscha. Der Kuss brennt auf seiner
   Seele, doch er bleibt bei seiner Idee, erwidert Iwan. Und du
   mit ihm, du mit ihm! ruft Aljoscha kummervoll aus. Die Brder
   trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwrfe, dass er den
   Bruder Dmitri hatte vergessen knnen, den er indessen nirgends
   findet, whrend Iwan zu Smerdjakow eilt, der fr seine
   pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggrnde von
   Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Kpfen und Herzen der
   Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei lsst
   uns, ohne dass die Sache ausgesprochen wrde, das Entsetzliche
   ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um Geldes willen
   und aus Eifersucht auf eine leichte Schne, Gruschenka, im Hader
   lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben werden. Die
   schreckliche That geschieht zu spter Nachtstunde und so, dass
   aller Verdacht auf Dmitri fllt, der in wilder Ungeduld irgendwo
   eine Mrserkeule mitgenommen hatte und nach des Vaters Garten
   geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden und in rasendem
   Zorn das Kommen der bestellten Schnen erlauern wollen. Da sieht
   er den alten Lstling zum Fenster treten und verbirgt sich.
   Spter will er fliehen, hrt Stimmen, sieht sich verfolgt und
   eilt zum Gartenzaun, ber den er sich schwingt. Da wird er vom
   alten Diener Grigorji am Fuss gepackt, der mit rauschheiserer
   Stimme schreit: >Das ist er, der Vatermrder!< Da fllt der Alte
   aber auch schon wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dmitri springt
   in den Garten zurck, wirft die Keule ins Gras, betastet den Kopf
   des Alten, der von Blut berstrmt ist, und entflieht.

   Der Dichter lsst berall, wo Dmitri handelt oder handeln knnte,
   Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der Erzhlung.
   Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im grberen Sinne
   zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des Lesers bis zur
   Lsung offen halten will, sondern in gleichem Masse dem
   knstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen,
   wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht.
   Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: Weisst du was? Ich
   weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn nicht um,
   vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich frchte, dass ich's thue
   _in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht verhasst
   wird_. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, seine Augen, sein
   schamloses Lcheln ... einen physischen Ekel fhle ich. Das
   ist's, was ich frchte, da werde ich mich nicht zurckhalten
   knnen. -- -- Gott hat mich davor bewahrt, sagt er spter.
   Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. Er hat den
   Bruder gesucht, ihn nicht finden knnen und kehrt nun in das
   Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den Starez Sosima
   beschftigt ist, voll Sorge zurck. Er findet dort den
   Ehrwrdigen, den er schon sterbend whnte, aufrecht sitzend in
   seiner Zelle, im Kreise der Mnche und Jnger, die seinen
   ermahnenden Worten lauschen. Sosima begrsst den Jngling
   liebevoll und fragt ihn nach dem Bruder. Er denkt dabei nur an
   Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und anderen
   das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise in einen
   hsslichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, um die
   Zelle zu verlassen, hatte sich pltzlich vor Dmitri niedergeworfen
   und den Boden mit der Stirn berhrt, um des Furchtbaren willen,
   das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen. Um ihn vor diesem
   Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas sanftes Antlitz nach
   ihm ausgesendet.

   Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und uns wird
   das Geheimnis offenbar, das der Dichter in das Motto [Ev.
   Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und das in jenem
   anderen, durch viele seiner Werke gehenden und selten
   verstandenen Citate seine Gegenseite findet: Wir alle sind fr
   alle und an allem schuldig.

   Der Starez Sosima sagt: Ich habe Dich zu ihm gesandt, Alexei,
   weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. Aber
   es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. >Wahrlich,
   wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die
   Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber
   erstirbt, so bringt es viele Frchte.<

   Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male im
   Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es, sagte
   still lchelnd der Greis. So denke ich von Dir: Du wirst aus
   diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen -- als
   Mnch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst
   werden Dich lieben. Viele Widerwrtigkeiten wird Dir das Leben
   bringen, allein durch sie wirst Du auch beglckt sein und das
   Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen -- was das
   Wichtigste von allem ist.

   Dies ist fr uns der springende Punkt der Hauptidee vom Dasein
   Gottes, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale
   Beweisfhrungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brderliches
   Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung
   verkndet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere
   immerwhrende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das
   Weizenkorn fr uns ersterben, um in anderen Frchte zu bringen,
   sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen
   zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstsslichkeit
   deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte
   erzhlt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer
   Beimischung orthodoxer Kirchlichkeit.

   Als er ein Kind von neun Jahren gewesen, erzhlt er, da sei sein
   einziger um zehn Jahre lterer Bruder an galoppierender
   Lungenschwindsucht gestorben. Dieser sei frher ganz unglubig
   gewesen, sei aber kurz vor seinem Tode, da er die Vglein so
   frhlich im Baumschatten singen gehrt, pltzlich sehr heiter und
   liebevoll geworden und habe aus Freude darber geweint, dass er
   es nun verstehe, wie alles gemeint sei. Auch war es ihm schwer,
   sich bedienen zu lassen, und er habe den Dienern immer besonders
   gesagt: Warum kann ich nicht auch Euch bedienen. Mtterchen,
   meine Freude, sagte er, es kann nicht wohl sein, dass es keine
   Herren und Diener gbe, aber lass mich doch auch der Diener
   meiner Diener sein. Ja, und noch das sag' ich Dir, Mtterchen,
   dass ein Jeder von uns fr alle in allem schuldig ist, ich aber
   mehr als alle. Man lchelte und hielt diese Reden fr
   Fieberphantasieen.

   Jahre waren nach dem Tode des Jnglings und der Mutter vergangen;
   der nun herangewachsene Junge war in einer Kadettenanstalt
   erzogen worden und ist nun als Offizier in einer Provinzstadt
   stationiert. In einem angesehenen Hause bewundert er die Tochter
   und bildet sich ein, von ihr geliebt zu sein, entscheidet sich
   aber nicht zu einem Heiratsantrag, weil er seine schnen
   Junggesellenjahre noch austoben will. Als er von einer
   mehrmonatlichen Abwesenheit zurckkehrt, findet er sie als die
   Frau eines Mannes, den er auch frher oft im Hause getroffen. Er
   hlt sich fr angefhrt und verlacht, da er sich nicht zugestehen
   will, dass er das Opfer der eigenen Eitelkeit ist. Eines Tages
   fhrt er absichtlich eine Herausforderung des jungen Gatten
   herbei. Das Duell soll am folgenden Tage stattfinden.

   Als der Junker in beraus reizbarer Stimmung spt abends nach
   Hause kommt, bringt irgend ein kleines Vergehen seines
   Privatdieners ihn in heftigsten Zorn; er versetzt jenem zwei so
   heftige Backenstreiche, dass das Gesicht blutet. Der Bursche
   steht mit aufgerissenen Augen, die Daumen an der Hosennaht,
   lautlos, wie beim Rapport, vor ihm. Auch nicht einen Versuch der
   Gegenwehr hat er gemacht, dass er etwa einen Arm erhbe und vor
   das Gesicht hielte. -- Der Junker legt sich zu Bette, schlft
   einige Stunden sehr unruhig und erwacht noch sehr frh am Morgen
   mit einem dumpfen Unglcksgefhl in der Brust. Was ist es doch?
   Das Duell? Nein, er hat sich schon frher geschlagen, das ist es
   nicht. Eifersucht? Auch die nicht, da er jetzt ganz klar darber
   ist, dass er das Mdchen eigentlich nie geliebt hat. Nun hat
   er's: der Diener, der sich nicht wehrte unter den blutigen
   Schlgen. Der Offizier bedeckt sein in Scham erglhendes Gesicht
   mit beiden Hnden und wirft sich schluchzend auf sein Lager ....

   Zur festgesetzten Stunde erscheint der Sekundant. Komm, es ist
   Zeit. Sie gehen vor die Thr, zum Wagen hinaus. Warte, ich
   vergass meine Brse, sagt der junge Duellant und eilt zurck,
   geradaus in das Kmmerchen des Dieners. Athanas, ich habe Dir
   gestern zwei Backenstreiche gegeben, verzeihe Du mir. Der Diener
   schauert wie geschreckt zusammen. Da wirft sich der Herr nieder,
   mit der Stirn schlgt er den Boden. Verzeihe mir! wiederholt
   er. Euer Edelgeboren, sagt der Bursche, Vterchen, Herr -- --
   ja wie ist das -- -- ja bin ich das wert? und bricht in Thrnen
   aus. -- Man fhrt zum Zweikampf. Des Leutnants Stimmung ist ganz
   umgewandelt; freudestrahlend, glcklich legt er den Weg zurck,
   sodass der Sekundant sich des wackeren Haudegens freut. Man kommt
   an und misst die Distanz, der Beleidigte giebt den ersten Schuss
   ab und streift das Ohr des jungen Mannes ein wenig. Gott sei
   gepriesen, schreit dieser, es ist kein Mensch gettet worden!
   Dann drckt auch er seine Pistole ab -- in die Baumkronen des
   Wldchens. Er wendet sich zu seinem Gegner. Geehrter Herr, sagt
   er, verzeihen Sie mir dummem jungen Menschen, dass ich Sie
   beleidigt und jetzt auch noch dazu gentigt habe, auf mich zu
   schiessen. Jener wird zornig und fragt: Ja, haben Sie denn
   nicht vorgehabt, sich mit mir zu schlagen? Wozu mich dann
   beunruhigen? Gestern, erwiderte der Frhliche, war ich noch
   dumm, heute bin ich klger geworden. Man schreit, man will ihn
   ntigen. Nein, sagt er, ich schiesse nicht. Sie aber -- thun
   Sie es, wenn Sie wollen, ob es auch besser wre, Sie thten es
   nicht. Die Sekundanten rufen ihm zu, dass er das Regiment
   entehre, worauf er erwidert: Meine Herren, ist es denn wirklich
   so wunderbar, in unserer Zeit jemand zu begegnen, welcher selbst
   seine Dummheit bereut und sich ffentlich schuldig bekennt? Die
   Folgen dieses Bekenntnisses sind weittragende. Der junge Bekenner
   erhlt den Abschied, er verlsst den Dienst und die Stadt, und so
   wird dieses Erlebnis -- von innen heraus -- der erste Anlass
   seines spteren Eintritts in ein Mnchskloster.

   An einer Stelle seiner biographischen Aufzeichnungen ber
   Dostojewsky sagt N. Strachow, man knne auf den Dichter die Worte
   anwenden, welche er Puschkin nachgerufen habe: Er hat ein
   grosses Geheimnis mit ins Grab genommen und uns berlassen, es
   auszudeuten. Wir finden das nicht. Wir finden vielmehr, dass er
   uns dieses Geheimnis in seinem grssten, monumentalen Werk
   gekndet hat. Den Gott, den er beweisen wollte, hat er zuerst
   mit den blendendsten Knsten der Dialektik vernichtet, um ihn
   durch das einfache Gebot der Liebe in allen und in jedem wieder
   aufzurichten. Er spricht durch den Mund Sosimas aus, dass es
   mglich ist, den Bruder nicht zum Bsen zu zwingen, dass jeder
   diese Mglichkeit unbewusst in sich trage und diese Blindheit es
   ist, die alle fr sich und alle andern an allem schuldig werden
   lasse. Dies ist der Kernpunkt dessen, was Dostojewsky mit diesem
   Atridenbuch, das in die Zukunft, in die russische Zukunft weist,
   hat sagen wollen. Wenn ich liebe, sagt er, so bin ich glcklich;
   ich zwinge die anderen zum Glck, da ich nicht fr mich leben,
   sondern gleich dem Weizenkorn ersterben will, um Frchte zu
   tragen. Das Vollgefhl aber dieser Liebe [vom Glauben ist gar
   nicht mehr die Rede, da er Accessorium ist] ist -- Gott. Wer
   dieses in sich trgt -- und nach des Dichters Meinung trgt es
   jeder als Keim in sich, weiss es nur nicht und erwartet es nur
   immer wieder vom Nchsten, was ja das Geheimnis ist -- der
   erlst schon, wie Aljoscha, durch das Strahlen seines Antlitzes
   den darbenden Bruder. Wer aber davon nichts weiss, und das sind
   wir alle, der wird tglich fr alle und an allem schuldig.

   Den Schluss des Romans bildet der eingehend lange Prozess gegen
   Dmitri und seine Verurteilung, da er zu unbewusst ist, um sich
   aus der Schlinge zu ziehen, und jene, die ihn retten knnten, im
   letzten Augenblicke es nicht mehr vermgen. Smerdjakow, der
   wirkliche Mrder, erhngt sich, und Iwan wird im Gerichtssaal
   wahnsinnig.

   Der Epilog zeigt uns Aljoscha beim Leichenbegngnis eines
   Schulknaben, den er sehr geliebt, umgeben von einer Schar
   frischer Buben, die aber noch nicht die rechten sind. Er spricht
   die Grabrede und fordert von den kleinen Jungen, die ihn umgeben,
   das Versprechen, in der Erinnerung an den ehrenhaften Knaben, dem
   sie eben Lebewohl sagen, die Ehre hoch zu halten in allen
   Versuchungen des Lebens.

September 1880 vollendet Dostojewsky die Karamasow. Nun wendet er sich
mit voller Kraft der Publicistik zu, da er vieles zu sagen hat und seine
gewonnene Autoritt ihm gestattet, es fest und sicher auszusprechen.
Sehr entschieden drckt er sich auch in einem Briefe an Iwan Aksakow
aus, der ihm nach der Puschkin-Feier und einigen gewechselten Briefen
nher getreten war. Er kritisiert da einen Artikel Aksakows in der von
ihm herausgegebenen Zeitschrift Rusj. Bei Ihnen (No. 1 der Rusj)
heisst es: >Peter der Grosse habe uns nach Europa hineingezogen und uns
europische Civilisation gegeben<. Ja, Sie loben ihn fast gerade um
dieser europischen Civilisation willen: diese aber, ihr Scheinbild ist
es ja eben, das zwischen der Macht und dem Volke sitzt in Gestalt eines
verhngnisvollen Grtels >bester Leute< in vierzehn Rangklassen.

Fr den Monat Januar 1881 bereitet nun der Dichter fieberhaft eine
grosse Nummer des Tagebuchs fr das Jahr 1881 vor, welche eine Reihe von
Artikeln ber das Verhltnis der Intelligenz zum Volke einleiten
sollte. Die Nummer war schon im Druck, Dostojewsky frchtete jedoch sehr
viel von der Zensur, welcher er sich aus Mangel einer Kaution als einer
predwaritelnaia Zensura (vorprfende Zensur) auf Gnade und Ungnade
ergeben musste. N. Strachow meint, die Beunruhigung des Dichters habe
sich auf die Stelle bezogen, wo es heisst: Es giebt dafr ein magisches
Wort: >Vertrauen zeigen<. Ja, unserem Volke kann man Vertrauen
entgegenbringen, denn es ist dessen wrdig. Ruft nur die grauen Kittel
herbei und fragt sie selbst um ihre Bedrfnisse, um das, was ihnen not
thut, und sie werden Euch die Wahrheit sagen, wir aber werden vielleicht
zum erstenmale die wirkliche Wahrheit hren.

Obwohl von kompetenter Seite ber das Schicksal der Publikation
beruhigt, wich Dostojewskys Aufregung nicht. Am 25. Januar besuchte ihn
Orest Miller, um ihn an sein Versprechen eines kleinen Puschkin-Vortrags
zu mahnen. Sie konnten sich um das Programm nicht einigen, und Miller
verliess den Dichter, zwar ganz begtigt, dennoch in reizbarem Zustande.
Seit mehreren Jahren war infolge eines chronischen Bronchialkatarrhs ein
Lungenemphysem zu seinen anderen schweren Leiden getreten, und dieses
eigentlich secundre bel wurde nun die Ursache seines Todes. Eine
Lungen-Arterie borst an jenem verhngnisvollen Tage, was sich jedoch
anfangs nur durch Nasenbluten ankndigte. Am 26. fhlte er sich ganz
wohl; doch trat pltzlich eine Halsblutung ein. Der Hausarzt wurde
gerufen und ward Zeuge einer zweiten, strkeren Blutung, die zur
Bewusstlosigkeit fhrte. Als der Dichter erwachte, verlangte er sofort
nach der Beichte und dem Abendmahl. Am 27. fhlte er sich wohler und
beschftigte sich mit der Korrektur der Druckbogen, da er sehr in Sorge
war, dass das Blatt am 31. erscheinen sollte. Am 28. ging es bis Mittag
ziemlich gut. Doch von da an kam wieder Blut, das nun nicht mehr
abliess, langsam aus dem Munde zu fliessen, wie uns eine Freundin des
Dichters, Frau Sophie v. H., die ihn besuchte, erzhlte. Die Gattin
stillte, an seinem Bette sitzend, mit Tchern das unaufhrlich langsam
dem Munde entrieselnde Blut.

Am Nachmittag bat der Dichter Anna Grigorjewna, sein altes Evangelium
aufzuschlagen, das seit Sibirien immer bei seinem Kissen lag, und ihm
die Stelle vorzulesen, die sie von ungefhr zu Anfang der Seite finden
wrde. Es war aber das Evangelium Matthi III, 15: Aber Johannes
wehrete ihm und sprach: Ich bedarf wohl, dass ich von dir getauft werde,
und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es
jetzt also sein; also gebhret es uns, alle Gerechtigkeit zu erfllen.
[Der russische Text weist den 11. Vers auf, sowie die Worte: aber
Johannes hielt ihn zurck usw., und Jesus antwortete ihm: halte mich
nicht zurck usw.] Als die Gattin diesen Vers gelesen hatte, sagte
Dostojewsky: Du hrst es -- halte mich nicht zurck -- das heisst, dass
ich sterben werde, und damit schloss er das Buch ... Am Abend um 8 Uhr
38 Minuten desselben Tages (28. Januar 1881) schloss der Dichter fr
immer seine Augen.

Das Leichenbegrbnis wurde, niemand konnte es erklren wieso, zu einem
Ereignis fr Russland. Schon bei der Aufbahrung in der engen Stube, die
auch sein Arbeitszimmer gewesen war, drngte sich die Menge derart und
erfllte den Raum so vollstndig, dass die Kerzen, die den Katafalk
umgaben, aus Mangel an Sauerstoff erloschen. 63 Abordnungen mit Krnzen
und 15 Gesangvereine gaben offiziell dem Zuge das Geleite, und ganz
Petersburg wlzte sich ihm zur Kirche vom heiligen Geiste lautlos
nach, ein in Russland noch nie gesehenes Schauspiel. Am selben Tage, dem
31. Januar, erblickte nach des Dichters heissem Wunsche die erste und
letzte Nummer des Tagebuchs eines Schriftstellers fr das Jahr 1881
zensurfrei das Licht.




                               Anhang.


Von dem grsseren Anhang, welcher das vorliegende Buch durch politische,
prozessualische und kritische Aufstze aus dem Tagebuch ergnzen
sollten, haben wir in letzter Stunde aus triftigen Grnden Abstand
genommen. Es folgt hier nur ein Index von den Werken des Dichters nach
ihrer Entstehung und Verffentlichung. Hierbei wird der Leser
selbstverstndlich auch alle jene Werke der ersten Periode von
Dostojewskys Schaffen eingereiht finden, die eingehend zu besprechen wir
von unserem Standpunkt aus nicht fr dringend notwendig fanden.

Ferner knnen wir es uns nicht versagen, einige der bedeutendsten
Kritiker anzufhren, in deren Arbeiten wir Einblick genommen haben.


                      Chronologische Reihenfolge
      von _Th. M. Dostojewskys_ Werken nach ihrer Entstehung und
                             Publication.


                        I. Periode. 1844-1859.

Arme Leute 1844. 1846 in der Petersburger Sammlung von Nekrssow.

Der Doppelgnger 1846. 1846 in den Vaterlndischen Annalen. Bd. 44
umgearbeitet 1865 in der Gesamtausgabe von Stellowsky.

Herr Prohartschin 1846. 1846 in den Vaterlndischen Annalen.

Roman in 9 Briefen 1847. 1847 im Zeitgenossen (Sowremennik).

Die Wirtin 1847. 1847 in den Vaterlndischen Annalen.

Polsunkow 1848. 1848 im Illustrierten Almanach von Panajew und
Nekrssow.

Ein schwaches Herz. 1848 in den Vaterlndischen Annalen.

Der Ehemann unterm Bett. 1848. In den Vaterlndischen Annalen Bd. 56
erschien die Erzhlung Die Gattin des anderen; ebendaselbst im selben
Jahre Bd. 61 Der eiferschtige Gatte. Beide Erzhlungen wurden fr die
Gesamtausgabe von Stellowsky 1865 unter dem Titel Die Gattin des
anderen und der Gatte unterm Bett verschmolzen.

Der ehrliche Dieb. 1848 in den Vaterlndischen Annalen Bd. 57.

Christbaum und Hochzeit. 1848 in den Vaterlndischen Annalen Bd. 60.

Helle Nchte 1848. 1848 in den Vaterlndischen Annalen Bd. 61.

Netotschka Neswanowa (unvollendet) 1848. 1849 in den Vaterlndischen
Annalen Bd. 62, 64.

Der kleine Held 1849 (in der Peter-Pauls-Festung). 1857 in den
Vaterlndischen Annalen.

(Sibirien).

Hymnus auf den Orientkrieg, Mai 1854. 1883 im Graschdanin No. 1.

Onkelchens Traum. 1859 im Russ. Wort (Russkoe Slowo) Bd. 2.

Dorf Stepantschikow und seine Bewohner 1858 (deutsch bersetzt als
Tollhaus und Herrenhaus). 1859 in den Vaterlndischen Annalen Bd. 127.


                             II. Periode.

Memoiren aus einem Totenhaus 1859-60. 1861 und 62 in der Zeit
(Wremja).

Erniedrigte und Beleidigte 1861. 1861 in der Zeit (Wremja).

Eine garstige Geschichte. 1862 in der Zeit (Wremja) IX.

Winterliche Betrachtungen ber Sommereindrcke. 1863 in der Zeit
(Wremja) II., III.

Memoiren aus einem Keller 1864. 1864 in der Epocha I., II., IV.

Der Spieler 1863 entworfen, 66 niedergeschrieben. 1867 in der
Gesamtausgabe von Stellowsky.

Das Krokodil. 1865 in der Epocha.

Schuld und Shne 1866. 1866 im Russ. Boten (Russkij Wjestnik).

Der Idiot 1868. 1868 im Russ. Boten (Russkij Wjestnik).

Der Hahnrei 1869. 1870 in der Morgenrte (Zarj) I., II.

Die Besessenen 1870. 1871-72 im Russ. Boten (Russkij Wjestnik).

Tagebuch eines Schriftstellers. 1873 als Sammlung in einen Band
vereinigter -- 1861 in der Wremja und 1873 im Graschdanin
erschienener -- Aufstze.

Junger Nachwuchs 1875. 1875 in den Vaterlndischen Annalen.

Tagebuch eines Schriftstellers 1876. 1876 als Monatsschrift.

Krtkaia 1876. 1876 im Tagebuch eines Schriftstellers.

Weihnacht. 1876 im Tagebuch eines Schriftstellers.

Tagebuch eines Schriftstellers 1877. 1877 als Monatsschrift.

Die Brder Karamasow 1870 begonnen. 1879-80 im Russ. Boten (Russkij
Wjestnik).

Anhang zum Tagebuch eines Schriftstellers von 1877. In der Auflage von
1891.

1. Heft: August 1880 (Puschkin-Rede).

2. Heft: Januar 1881 (Politika).

Eine grosse Anzahl von russischen Kritikern hat, sowohl noch zu
Lebzeiten des Dichters als auch nach seinem Tode, einzelne seiner Werke
in lngeren oder krzeren Abhandlungen besprochen. Die bedeutendsten
darunter sind unbestreitbar: der Vertreter der naturwissenschaftlichen
Anschauungen, Psychiater Dr. Tschisch in seiner Studie Dostojewsky als
Psychopathologe, Moskau 1885, und W. Rsanow, der Vertreter
orthodox-mystischer Anschauungen in seiner Legende vom
Gross-Inquisitor, Versuch eines kritischen Kommentars, Petersburg 1894.
Die bedeutendsten der brigen in Zeitschriften und Revueen erschienenen
Artikel sind von Zelinsky im Jahre 1885 in einen Band zusammengestellt
worden, dem er ein Supplement nachfolgen liess; dazu gehren Aufstze
von: Nekrssow, Belinsky, Dobroljubow, Grigorjew, Miljukow, Strachow,
Achscharumow, Annenkow, M. und W. Solowiow, Kawlin, Obolensky,
Michailowsky, O. Miller, G. Uspensky, K. Slutschewsky (mit
biographischem Abriss), Bulitsch, Arseniew, Tarassow, D. W.
Grigorowitsch und anderen. Von gesonderten Werken ber einzelne
Schpfungen Dostojewskys ist namentlich Andrejewskys Studie ber die
Karamasow hervorzuheben.




                   Personen- und Sach-Verzeichnis.


                                  A.

Adolescent, 413.

Aksakow, 12. 25. 221. 229. 236. 334. 422. 424. 439.

Alexander I., 236.

Alexander II., 122.

Allmenschlichkeit, 207. 426.

Anklage, 72.

Anschauungen, Russische und polnische, 188.

Antonelli, 62. 68.

Arbeitsmethode, 158. 223. 324.

Arme Leute, 30. 36. 37. 42. 43. 44. 52. 53. 55. 216.

Atheismus, 73. 321.

Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt, 335.

Ausland, 231. 239. 276.

Awerkiew, 342.


                                  B.

Baden-Baden, 280. 309.

Beketow, Brder, 51.

Belinsky, 12. 37. 38. 39. 40. 42. 45. 49. 50. 54. 55. 57. 60. 278. 334.
396. 400. 401. 402. 403.

Berlin, 303.

Besessene, 183. 251. 281. 286. 298. 352. 373. 385. 386. 397. 406. 413.
419. 427. 428.

Boborykin, 241.

Brand von Paris, 400.

Brief an Kowner, 293.

Brief an Studenten, 110.

Briefe aus der Fremde, 300.

Briefe aus Sibirien, 132.

Butaschewitsch-Petraschewsky, 61.


                                  C.

Charakterzge, Nationale, 15.

Chomjakow, 12.

Christentum, 60. 126.

Christina Danilowna, 410. 413.

Christlicher Gedanke, 361.

Christlicher Geist, 277.

Christlicher Sozialist, 61.

Christus, Russischer, 425.

Christus, Wahrer, 191.

Comit, Slavisches, 277.


                                  D.

Danilewsky, 332. 334.

Dasein Gottes, 207. 374.

Denj, 222.

Deutschland, 390.

Dichter, franzsische, 27.

Djelo, 327.

Dobroljubow, 151. 211. 342. 395.

Dokumente, 105.

Doppelgnger, 44. 47. 48. 352.

Dostojewskaia, Anna Grigorjewna, 15. 28. 61. 66. 244. 271. 273. 274.
275. 278. 297. 299. 302. 303. 304. 308. 367. 382. 388. 394. 405. 406.
407. 441.

Dostojewsky und Kaiser Nikolaus, 14.

Dostojewsky, Andreas, 69.

Dostojewsky, Michael, 138. 147. 215. 238. 241. 246. 247.

Dostojewskys synthetische Natur, 208.

Dresden, 299. 303. 344.

Dudischkin, 57.

Durow, 59. 63.


                                  E.

Ehe, 144. 148.

Epilepsie, 53. 225. 266. 310. 365. 392.

Epocha, 215. 219. 242. 245. 247. 271. 299. 327.

Ernennung zum Offizier, 30.

Erniedrigte und Beleidigte, 141. 215. 216. 224. 228. 406.

Etappenweg, 119.

Europa, 388.


                                  F.

Fatalismus, Historischer, 328.

Fet, 209.

Feuilletonist, 223.

Florenz, 297. 320. 323.

Fourierismus, 58.

Franzosen, 231.

Frauenfrage, 370.

Frauen, Russische, 7.

Frauenstudium, 418.

Friedenskongress, 310.


                                  G.

Gawrilow, 272.

Geburt und Tod eines Kindes, 280. 311.

Geburt eines Sohnes, 300.

Geburt einer Tochter, 298. 345.

Gedicht zur Krnung Alexanders des Zweiten, 150.

Gefngnis, 101.

Generals-Nihilismus, 182. 184.

Genie und Wahnsinn, 227.

Genf, 280. 310. 311.

Gerichtskommission, 103.

Gogol, 325. 403.

Goldenes Zeitalter in der Tasche, 428.

Goljadkin, 45. 46. 49.

Golos, 328. 380. 404.

Gontscharow, 50. 57. 409.

Gradowsky, 334.

Granowsky, Dr., 12. 52. 401.

Grashdanin, 149. 229. 232. 252. 408.

Gribojedow, 233.

Grigorjew, 215. 218. 219. 220. 221. 229. 245. 246. 334. 403.

Grigorowitsch, 36. 37. 38. 44.

Grimm, Jacob, 188.

Grossfrstin Marja Nikolajewna, 151.

Grossinquisitor, 73.

Gutsbesitzer-Litteratur, 404.

Gutsbesitzerwort, 206.


                                  H.

Haftbefehl, 64.

Hahnrei, 298. 351. 352. 353. 373. 374. 398. 417.

Hallucinationen, 20.

Helle Nchte, 47.

Herzen, 12. 50. 186. 232. 233. 369. 370. 396.

Homburg, 279.

Hugo, Victor, 399. 409.


                                  I.

Idiot, 43. 105. 172. 224. 225. 251. 280. 281. 286. 293. 313. 320. 329.
330. 398. 406. 413. 420. 427.

Ignatiew, 163.

Ingenieurkorps, 31.

Issajew, Marja Dmitrjewna, 138. 141. 142. 147. 244. 246.

Italien, 280.


                                  J.

Janowsky, 51.

Jastrzembski, 118.

Juden, 296.

Junger Nachwuchs, 407. 427.


                                  K.

Karamasow, 43. 227. 322. 377. 407. 413. 419. 420. 423. 425. 438.

Karamsin, 393.

Kaschpirew, 345. 349. 374.

Katastrophe, 59.

Katkow, 157. 159. 264. 265. 267. 270. 273. 280. 308. 309. 313. 318. 330.
345. 380. 423.

Kawlin, 420.

Kinder des Dichters, 276.

Kindertypen Dostojewskys, 419.

Kirche, Orthodoxe, 11.

Kirejewsky, 11. 12.

Kleiner Held, 102. 152. 216. 419. 427.

Kommune, 400.

Konservativ-demokratisch, 2.

Kornilowa, 296. 417.

Krajewsky, 169.

Kriegsgerichtliches Urteil, 103.

Krestowsky, 174.

Kunst, 208. 213. 228.


                                  L.

Latkin, 302.

Leben eines grossen Snders, 374.

Lebensmut, 102.

Lebensweise, 223. 280.

Leroy-Beaulieu, 108.

Lesebibliothek, 241.

Letztes Jahr der Haft, 130.

Liberalismus, 327.

Liberalkonservative, 181.

Litterarische Artikel, 205.

Litterarische Kritik, 341.

Litteratur, Russische, 201.

Lomonossow, 205.


                                  M.

Maikow, 57. 244. 278. 301. 311. 313. 315. 330. 332. 344. 365. 371. 376.
387. 391. 394.

Mailand, 315.

Mascha von Wowtschok, 211.

Materialien, 121. 131. 175. 230.

Memoiren aus einem Kellerloch, 56. 353.

Memoiren aus einem Totenhause, 118. 119. 121. 122. 127. 141. 158. 184.
189. 377. 406.

Meschtschersky, 408.

Michailowsky, 286.

Milieu, Russisches, 3. 4. 287.

Miljukow, 67. 69. 171. 273.

Miller, Orest, 15. 31. 52. 60. 71. 102. 103. 121. 122. 123. 131. 141.
150. 157. 171. 174. 182. 183. 184. 188. 201. 440.

Misrables, 409.

Mission, 229.

Moskowskija Wjedomosti, 235. 385. 423.

Museum Dostojewsky, 419.


                                  N.

Nabokow, 71.

Nietzsche, 2.

Nihilismus, 182. 378.

Nihilisten, 373.

Niva, 136. 168.

Njekrssow, 35. 36. 37. 38. 39. 40. 44. 45. 51. 229. 245.

Njetoschka Njezwnowa, 47. 53. 420.


                                  O.

Odojewsky, 45.

Offener Brief an den Kaiser, 163.

Offiziersernennung, 152.

Ogarew, 280.

Olkin, 274.

Onkelchens Traum, 142. 159.

Ostrowsky, 229. 342.


                                  P.

Palacky, 298.

Panajew, 45.

Pascha, 265. 308.

Perowsky, 103.

Petersburg, 10. 20. 171. 172. 173. 300. 405.

Petraschewsky, 59.

Petrow, 277.

Petschatkin, 302.

Pissarew, 395.

Pissemsky, 245.

Pleschtschejew, 66.

Politische Thtigkeit, 174.

Polonsky, 384.

Porfiry Petrowitsch, 262.

Positivismus, 400.

Prochartschin, 51. 54. 58. 352.

Proklamation an die junge Generation, 186.

Propaganda-Gesellschaft, 61.

Psychisch-physische Krankheit, 130.

Publizistik, 191. 221.

Puschkin, 25. 205. 206. 207. 395. 399. 402. 403. 423. 424. 438.

Puschkinrede, 12. 206. 214. 423.


                                  R.

Raskolnikow, 158. 227. 251. 413.

Rasumichin, 262.

Realismus, 321. 329.

Rechtfertigungsschrift, 73.

Rede auf einem Ball, 15.

Reuter, Fritz, 120.

Reval, 33.

Revolutionre Proklamation, 181.

Rieger, 298.

Riesenkampf, Dr., 20. 32. 33. 34.

Rjeschotnikow, 404.

Roman in neun Briefen, 45. 47. 49.

Rsanow, 335. 413. 426.

Rostowzew, 71.

Rousseau, 400.

Rckerstattung des erblichen Adels, 163.

Rus, 439.

Russe als Allmensch, 262.

Russkaja Starina, 173.

Russkij Wjestnik, 157. 252. 264. 265. 266. 268. 280. 298. 309. 313.
331. 345. 373. 374. 380. 383. 384. 391. 394. 407.

Russkoje Slowo, 159.

Russland ein Rtsel fr Europa, 202.


                                  S.

Samarin, 182.

Sasslitsch, Vera, 421.

Schaffot, 104.

Schiller, 30.

Schriftwesen, Russisches, 324.

Schtschedrin, 208. 229. 245.

Schtscherbatow, 12.

Schuld- und Ausgleichsbedrfnis, Russisches, 36.

Schuld und Shne, 43. 252. 254. 268. 270. 272. 273. 281. 406. 409.
413. 428.

Schweiz, 279.

Sementkowsky, 136.

Semipalatinsk, 130. 133.

Sendung, Russische, 333.

Slavennatur, 353.

Slavophile, 319.

Slutschewsky, 13. 15.

Snitkina, Anna Grigorjewna, 252.

Sologub, 45.

Solowiew, 377. 420.

Sonja, 313.

Sozialismus, 52. 58. 60.

Sozialismus und Kommunismus, 400.

Sozialist, 189.

Spiel, 239. 264. 279. 280. 309.

Spieler, 240. 242. 271. 273. 398.

Spital, 129.

Stellowsky, 271. 272. 273. 274. 275.

Stepanschikowo, 142. 159.

Stiefsohn, 144.

Strachow, 15. 42. 43. 52. 60. 168. 175. 178. 184. 191. 205. 214. 222.
223. 224. 225. 229. 230. 232. 233. 234. 236. 238. 239. 240. 242. 244.
246. 251. 252. 270. 271. 276. 277. 280. 318. 325. 332. 341. 343. 365.
369. 376. 378. 387. 388. 392. 397. 398. 399. 406. 423. 438. 440.

Struwe, 379.

Studenten, 176. 177.

Swaljansky, 163.

Swidrigailow, 262.


                                  T.

Tagebuch eines Schriftstellers, 16. 43. 48. 49. 60. 107. 118. 119.
127. 185. 229. 252. 400. 408. 417. 440.

Tagebuchnotizen, 400.

Tagebcher, 428.

Theoretismus und Phantasterei, 145.

Thor, Der reine, 282.

Tjutschew, 409.

Tod des Dichters, 441.

Todesurteil, 101. 104.

Totenhaus, 43. 241. 259. 261.

Tolstoj, 118. 205. 206. 267. 324. 325. 327. 328. 370. 371. 380. 397.
404. 409.

Totleben, 152.

Transport nach Sibirien, 118.

Traum eines lcherlichen Menschen, 413. 428.

Turgenjew, 45. 204. 206. 212. 267. 324. 330. 382. 403. 423. 424.

Turgenjews: Knig Lear, 387.

Tschernyschewsky, 185. 187. 188. 245.

Tschiz, Dr. M., 226. 416.

Twer, 162.


                                  U.

Umkehr, 108.

Unbewusstes im Handelnden, 359.

Universittsschliessung, 178.


                                  V.

Vaterlndische Annalen, 50. 327. 407.

Verhaftung, 63. 67.

Verhngnisvolle Frage, 233. 235.

Vermhlung, 143. 275.

Vevey, 280. 313.

Volk und Gesellschaft, 4.

Volk, Russisches, 109.

Volksbildung, 204.


                                  W.

Westler, 373.

Winterliche Betrachtungen ber sommerliche Eindrcke, 231. 400. 428.

Wirtin, 53. 57.

Wjestnik Ewropy, 381. 384.

Wrangel, 138. 147. 152. 162. 244. 247. 252. 264. 265. 268.

Wremja, 145. 151. 174. 189. 191. 192. 201. 214. 215. 218. 219. 228.
233. 236. 237. 245. 247. 327.


                                  Z.

Zapiski iz Podpolja, 335.

Zarja, 327. 334. 346. 348. 365. 369. 370. 371. 373. 374. 376. 378.
379. 381. 392. 393. 405.

Zivilisation, Russische, 11.

Zuboskala, 45.

Zwangsarbeit, 105. 117. 123. 124.







          Druck der _Nauck_'schen Buchdruckerei, Berlin SO.







   Verlag von Ernst Hofmann & Co. in Berlin SW. 46, Hedemannstr. 2.

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                                Kaiser
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                                 Von
                          Friedrich Meister.

                   Mit zahlreichen Illustrationen.

                             408 Seiten.

   Motto: Zu Groem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen
   fhre Ich Euch noch entgegen.

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                           in Prachteinband
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                            Schopenhauers
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                    Hrsgeg. von Eduard Grisebach.
               Geheftet M. 3,--; fein gebunden M. 4,--.

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                         Deutsche Charaktere.

               Geheftet M. 5,50; fein gebunden M. 7,--.

                        Von Richard M. Meyer.

   Inhalt: Der germanische Nationalcharakter. -- ber d. Begriff der
   Individualitt. -- Tannhuser. -- Der Kampf um den Einzelnen. --
   M. R. Lenz. -- Friedrich Wilhelm IV. -- K. Immermann. -- A.
   Graf v. Platen. -- Annette v. Droste-Hlshoff. -- Ferd.
   Freiligrath. -- Victor Hehn.-- Fr. Rohmer. -- Paul de Lagarde. --
   Sechzig Selbstportrts. -- Die Gerechtigkeit der Nachwelt.

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                    Erinnerungen eines Knstlers.

                     Von Rudolf Lehmann (London).

                         Mit 16 Lichtdrucken:

   Chopin, Pet. Cornelius, Eckermann, Friedrich III., Gladstone, Ferd.
   Gregorovius, A. v. Humboldt, Lamartine, Liszt, Kardinal Manning,
   Adolf Menzel, Pius IX., L. v. Ranke, Clara Schumann, Tennyson.

           328 Seiten Grooktav. -- Splendide Ausstattung.

            Geheftet M. 7,--; in Damast gebunden M. 8,--.


                        Dramen von Max Nordau:

   Das Recht, zu lieben. Schauspiel. 2. Aufl.}    Preis jedes
                                             }      Bandes:
   Die Kugel. Schauspiel. 2. Aufl.           }
                                             } Geheftet M. 2,--.
   Doktor Kohn. Trauerspiel. 2. Aufl.        } Gebunden M. 3,--.

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                           Peter der Groe.

                                 Von
                         Dr. K. Waliszewski.

                 Deutsche Ausgabe Von Prof. W. Bolin.

              Zwei Bnde. 320 + 289 Seiten. Mit Bildnis.

   Preis: Geheftet M. 6,--; Leinenbd. M. 8,--; Halbfranzbd. M. 9,50.

   Das moderne Ruland ist die Schpfung Peters des Groen. Bis zu
   welchem Grade und in welcher Bedeutung erweist sich aus der
   Geschichte seines Lebens und Wirkens. Auf urkundliche Zeugnisse
   gesttzt, die von bisherigen Forschern weniger bercksichtigt
   oder auch erst spter zugnglich wurden, entrollt der bedeutende
   Geschichtsschreiber ein ebenso fesselndes wie durch seine
   unbestechliche Wahrheitsliebe ergreifendes Bild von dem
   nordischen Reformator. Ihm ist der Zar keineswegs eine heroische
   Ausnahmegre, wie legendarische Ausschmckung sie gestaltet und
   unkritische Geschichtsauffassung sie willig geglaubt hat. Durch
   Peter den Groen wird Ruland nur rascher auf der Bahn der
   Entwickelung gefrdert; durch ihn werden anderwrts bereits
   gewonnene Kulturerrungenschaften einem Gebiet zugewandt, welches
   durch eigentmliche, geographische wie geschichtliche,
   Verhltnisse in seiner Entwickelung gehemmt worden war. Der Verf.
   bringt den Zaren zugleich in seiner individuellen und nationalen
   Eigentmlichkeit dem Leser mit Anschaulichkeit nahe.

   Das Waliszewskische Werk kann unzweifelhaft als die beste Biographie
   Peters des Gr. bezeichnet werden.

                                         Neue Preu. (Kreuz-) Zeitung.

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                        Biographische Bltter.

        Jahrbuch fr lebensgeschichtliche Kunst u. Forschung.

                         Unter Mitwirkung von

   PProf. DDr. M. Bernays, F. v. Bezold, A. Brandl, A. Fournier, L.
      Geiger, K. Glossy, E. Guglia, S. Gnther, O. Lorenz, K. v.
     Ltzow, J. Minor, F. Ratzel, Erich Schmidt, A. E. Schnbach
                                u. A.

               herausgegeben von Dr. Anton Bettelheim.

     Band I und II. -- Jeder Band (500 Seiten Lexikon-Format) ist
     selbststndig und einzeln kuflich: Geheftet M. 10,--; fein
                          gebunden M. 11,50.

   Die B. Bl. zeigen die Lebensgeschichte von allen Seiten und in
   allen Stadien, im Werden und Sein, in der Theorie wie der Praxis.
   Abhandlungen und Essays, Quellen und Darstellungen, Kritiken und
   bersichten treten in einen Kreis zusammen, in dessen Mittelpunkt
   der einheitliche Gedanke herrscht, da Persnlichkeit,
   Individualitt, Menschendasein und -Wirken in einzigem Mae
   erforschens-, wissens- und genieenswert ist und bleiben wird, so
   lange Gelehrte, Schriftsteller und Publikum aus lebendigen
   Menschen bestehen.

                    Prof. A. Dove in der Mnch. Allgemeinen Zeitung.

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                            Geisteshelden.

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      Bisher erschienen folgende -- einzeln kufliche -- Bnde:

   1. Walther v. d. Vogelweide. 2. Aufl. Von Prof. A. E. Schnbach.
   2/3. Hlderlin * Reuter. 2. Aufl. Von Dr. Ad. Wilbrandt.
   4. Anzengruber. 2. Aufl. Von Dr. Anton Bettelheim.
   5. Columbus. Von Prof. Dr. Sophus Ruge.
   6. Carlyle. 2. Aufl. Von Prof. Dr. G. v. Schulze-Gaevernitz.
   7. Jahn. Von Dr. F. G. Schulthei. Preisgekrnt.
   8. Shakspere. Von Prof. Dr. Alois Brandl.
   9. Spinoza. Von Prof. Dr. Wilhelm Bolin.
   10/11. Moltke, I. Von Oberstleutnant Dr. Max Jhns.
   12. Stein. Von Dr. Fr. Neubauer. Preisgekrnt.
   13/15. Goethe. Von Privatdozent Dr. Richard M. Meyer.

                      Mit dem 1. Preise gekrnt.

   16/17. 27. Luther. I. II, 1. Von Privatdoz. Dr. Arn. E. Berger.
   18. Cotta. Von Minister Dr. Albert Schffle.
   19. Darwin. Von Prof. Dr. Wilhelm Preyer+.
   20. Montesquieu. Von Prof. Dr. Alb. Sorel.
   21. Dante. Von Pfarrer Dr. Joh. Andreas Scartazzini.
   22. Kepler. * Galilei. Von Prof. Dr. S. Gnther.
   23. Grres. Von Prof. Dr. J. N. Sepp.
   24. Stanley. Von Paul Reichard.
   25/26. Schopenhauer. Von Konsul Dr. Ed. Grisebach.
   28/29. Schiller. Von Prof. Dr. Otto Harnack.
   30/31. inline:hand-left Von Dr. K. Waliszewski.
   32. Tennyson. Von Prof. Dr. Emil Koeppel.

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                                 Die
                   Kulturaufgaben der Reformation.

                                 Von
                        Dr. Arnold E. Berger.

   312 Seiten Grossoktav. Geheftet M. 5,--, fein gebunden M. 6,--.

   Die in Tausenden von Exemplaren verbreitete, von hervorragenden
   Gelehrten geschriebene Biographieen-Sammlung

   Geisteshelden

   bildet einen unentbehrlichen Bestandtheil aller Privat-,
   ffentlichen und Schul-Bibliotheken; sie gewhrt einen
   gediegenen, anregenden und bildenden Lesestoff fr Mnner und
   Frauen, reife wie reifende Leser. Im Unterschied zu den
   nachtrglich entstandenen Spezial-Sammlungen bieten die
   Geisteshelden Lebensbilder aus allen Gebieten der Kultur,
   Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Der Umfang der gediegen und
   geschmackvoll ausgestatteten Bnde umfat je 200-300 Druckseiten.
   Der Text ist nicht durch gelehrte Anmerkungen beschwert; doch
   wird Weiterstrebenden im Anhang durch genaue Quellenangaben
   Material gewhrt.

                           In Vorbereitung:

   Uhland, von Professor Dr. Erich Schmidt.
   Grillparzer, von Professor Dr. Alfred Freiherr von Berger.
   Hans Sachs, von Privatdozent Dr. Max Herrmann.
   Molire, von Professor Dr. Heinrich Morf.
   Byron, von Professor Dr. Emil Koeppel.
   Buddha, von Dr. Karl Eugen Neumann.
   Helmholtz, von Professor Dr. Hugo Kronecker.
   Friedrich der Groe, von Kgl. Archivrat Dr. Georg Winter.
   Napoleon I., von Professor Dr. Alois Schulte.
   Tizian, von Dr. Georg Gronau in Berlin.
   Michelangelo, von Professor Dr. Alfred Gotthold Meyer.
   Bach * Hndel, von Dr. Max Seiffert.
   Mozart, von Professor Dr. Oskar Fleischer.
   Richard Wagner, von Professor Dr. Max Koch.

       Preis jedes Bandes: Geheftet M. 2,40; in geschmackvollem
         Leinenband (dunkelrot oder blau) M. 3,20; in feinem
                        Halbfranzband M. 3,80.


                Die Wirtschaftspolitik des Vaterunser.

                                 Von
                      Prof. Dr. Gustav Ruhland.

             Zweites Tausend. -- 104 Seiten. -- M. 2,--.

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                              DIE LIEDER
                                 DER
                          MNCHE UND NONNEN
                           GOTAMO BUDDHO'S.

            AUS DEM ALTINDISCHEN ZUM ERSTEN MAL BERSETZT

                                 VON
                       Dr. KARL EUGEN NEUMANN.

   400 Seiten Lex.-Oktav. -- Geheftet 10 M.; in Halbfranzband 12 M.

   Das Werk ist fr die weitesten Kreise bestimmt und wird diese
   mchtig anziehen. Denn hier spricht echter, unverflschter
   Buddhismus aus jeder Zeile, die eigenen Worte des Stifters und
   seiner Jnger. Es kommt hinzu, dass der Inhalt keineswegs
   einseitig, sondern reichlichst gestaltet ist und sich ber alle
   menschlichen Verhltnisse verbreitet, ja sich stellenweise zu
   novellenartiger Feinheit und Eleganz erhebt. Das Buch wird nicht
   nur die Akademiker und Philologen, sondern alle Gebildeten, auch
   verwhnte Feinschmecker, lebhaft anregen.

   ----------------------------------------------------------------


                           DIE SITTLICHKEIT
              und der philosophische Sittlichkeitswahn.

                                 Von
                       Dr. Abr. Eleutheropulos
               Privatdozent an der Universitt Zrich.

             148 Seiten Lexikon-Oktav. -- Preis M. 3,25.

   Selbst wer nicht Philosoph vom Fach ist, wird reiche Anregung aus
   dem geistvollen Buche schpfen, das auch in kulturhistorischer
   Hinsicht beachtenswerte Errterungen enthlt.

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                    Deutsche Kern- und Zeitfragen.

                                 Von
                         Dr. Albert Schffle,
                         K. K. Minister a. D.

                            Erste Sammlung
                      480 Seiten Lexikon-Oktav.

                             Neue Folge.
                      510 Seiten Lexikon-Oktav.

     Jeder Band ist selbstndig und einzeln kuflich. Preis jedes
        Bandes: Geheftet M. 10,--; in feinem Halbfranzband M.
                                12,--.




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Variierende Transliterationen der russischen Namen und Begriffe wurden
im Allgemeinen beibehalten, wie z. B. Neswanowa, Njeswanowa und
Njezwnowa. Lediglich offensichtliche Fehlschreibungen wurden
korrigiert, wie z. B. Njezwnowna zu Njezwnowa.

Andere Fehler wurden, zum Teil unter Zuhilfename der russischen
Originale, korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 6]:
   ... Unpnktlichkeit, Regellossigkeit nennen mssen. ...
   ... Unpnktlichkeit, Regellosigkeit nennen mssen. ...

   [S. 10]:
   ... Europa zu, hat europische Luft und europisches Wesen. ...
   ... Europa zu, hat europische Luft und europisches Wesen, ...

   [S. 11]:
   ... Wir verweisen auf Makenzie Wallaces vortreffliches Werk ...
   ... Wir verweisen auf Mackenzie Wallaces vortreffliches Werk ...

   [S. 28]:
   ... unglckliche Auswahl der zu publizierenden Briefe
       zurckzufhren; ...
   ... unglckliche Auswahl der zu publizierenden Briefe
       zurckzufhren, ...

   [S. 48]:
   ... verstndlich nnd mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...
   ... verstndlich und mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ...

   [S. 72]:
   ... uns verffentlichten Verteidigungschrift lediglich ein
       advokatorisches ...
   ... uns verffentlichten Verteidigungsschrift lediglich ein
       advokatorisches ...

   [S. 77]:
   ... von schlechtem Einfluss und Aufheztung bestimmt, dessen ...
   ... von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen ...

   [S. 85]:
   ... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, Von-Wisin, ...
   ... unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ...

   [S. 106]:
   ... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzemski in Ketten ...
   ... abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten ...

   [S. 142]:
   ... Stepanscikowo und seine Bewohner. Dazwischen schrieb ...
   ... Stepantschikowo und seine Bewohner. Dazwischen schrieb ...

   [S. 218]:
   ... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszuprechen. Fertige ...
   ... der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige ...

   [S. 232]:
   ... Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolojewitsch, das ist ...
   ... Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist ...

   [S. 233]:
   ... merkmrdige Punkte mit einem Fhrer zu besichtigen, ...
   ... merkwrdige Punkte mit einem Fhrer zu besichtigen, ...

   [S. 245]:
   ... einem Briefe an den Bruder, wo es heist: Der zweite ...
   ... einem Briefe an den Bruder, wo es heisst: Der zweite ...

   [S. 276]:
   ... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russ geboren ...
   ... Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russa geboren ...

   [S. 286]:
   ... der ersten Hfte seiner litterarischen Laufbahn sei
       Dostojewsky ...
   ... der ersten Hlfte seiner litterarischen Laufbahn sei
       Dostojewsky ...

   [S. 304]:
   ... debattiert haben, ber Sie und Anna Jwanowna -- es war ...
   ... debattiert haben, ber Sie und Anna Iwanowna -- es war ...

   [S. 307]:
   ... karikirt. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...
   ... karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor ...

   [S. 355]:
   ... Ja, sie; Natalje Wassiljewna! im heurigen Mrz! beantwortet ...
   ... Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im heurigen Mrz! beantwortet ...

   [S. 358]:
   ... heute zufllig anf dem Tischchen neben dem Divan liegen
       geblieben ...
   ... heute zufllig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen
       geblieben ...

   [S. 386]:
   ... in den See und ersoffen. ...
   ... in den See und ersoff. ...

   [S. 420]:
   ... Broschren und Zeitschriften auftauchen, locken Dotojewskys ...
   ... Broschren und Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys ...

   [S. 449]:
   ... Njetoschka Njezwnowna, 47. 53. 420. ...
   ... Njetoschka Njezwnowa, 47. 53. 420. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Th. M. Dostojewsky, by Nina Hoffmann

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1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

