The Project Gutenberg EBook of Vor Sonnenaufgang, by Gerhart Hauptmann

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Title: Vor Sonnenaufgang
       Soziales Drama

Author: Gerhart Hauptmann

Release Date: June 2, 2016 [EBook #52218]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOR SONNENAUFGANG ***




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                          Vor Sonnenaufgang


        Von Gerhart Hauptmann erschienen im gleichen Verlage:

   Vor Sonnenaufgang. Soziales Drama.                        9. Auflage.
   Das Friedensfest. Eine Familienkatastrophe.            4.-5. Auflage.
   Einsame Menschen. Drama.                             13.-14. Auflage.
   De Waber. Schauspiel aus den 40er Jahren.                 2. Auflage.
      Originalausgabe.
   Die Weber. Schauspiel aus den 40er Jahren.           27.-28. Auflage.
      bertragung.
   College Crampton. Komdie.                             5.-6. Auflage.
   Bahnwrter Thiel. Der Apostel. Novellistische          5.-6. Auflage.
      Studien.
   Der Biberpelz. Eine Diebskomdie.                      7.-8. Auflage.
   Hannele. Eine Traumdichtung. Illustriert
      (vergriffen).
   Hanneles Himmelfahrt. Eine Traumdichtung.             9.-10. Auflage.
   Florian Geyer.                                         5.-6. Auflage.
   Die versunkene Glocke. Ein deutsches Mrchendrama.   49.-52. Auflage.
   Fuhrmann Henschel. Schauspiel. Originalausgabe.      13.-16. Auflage.
   Fuhrmann Henschel. Schauspiel. bertragung.           9.-12. Auflage.
   Schluck und Jau. Spiel zu Scherz und Schimpf.         8.-10. Auflage.
   Michael Kramer. Drama.                                9.-10. Auflage.




                          Vor Sonnenaufgang


                            Soziales Drama
                                 von
                          Gerhart Hauptmann

                            Neunte Auflage

                               Berlin,
                         S. Fischer, Verlag,
                                 1902




      Sowohl Auffhrungs- als Nachdrucks- und Uebersetzungsrecht
                             vorbehalten.


                   Den Bhnen gegenber Manuskript.







Die Auffhrung dieses Dramas fand am 20. Oktober statt in den Rumen des
Lessing-Theaters, veranstaltet vom Verein Freie Bhne. Ich benutze den
Anla der Herausgabe einer neuen Auflage, um aus vollem Herzen den
Leitern dieses Vereins insgesammt, in Sonderheit aber den Herren Otto
Brahm und Paul Schlenther zu danken. Mchte es die Zukunft erweisen, da
sie sich, indem sie, kleinlichen Bedenken zum Trotz, einem aus reinen
Motiven heraus entstandenen Kunstwerk zum Leben verhalfen, um die
_deutsche_ Kunst verdient gemacht haben.

Charlottenburg, den 26. Oktober 1889.

                                                    Gerhart Hauptmann.




                         Handelnde Menschen.


                                                Besetzung bei der ersten
                                                      Auffhrung.
   Krause, Bauerngutsbesitzer                      Hans Pagay.
   Frau Krause, seine zweite Frau                  Louise v. Pllnitz.
   Helene, }                                       Elsa Lehmann.
   Martha, } Krause's Tchter erster Ehe                 ***
   Hoffmann, Ingenieur, verheirathet mit Martha    Gustav Kadelburg.
   Wilhelm Kahl, Neffe der Frau Krause             Carl Stallmann.
   Frau Spiller, Gesellschafterin der Frau Krause  Ida Stgemann.
   Alfred Loth                                     Theodor Brandt.
   Dr. Schimmelpfennig                             Franz Guthery.
   Beibst, Arbeitsmann auf Krause's Gut            Paul Pauly.
   Guste,  }                                       Sophie Berg.
   Liese,  } Mgde auf Krause's Gut                Clara Hahn.
   Marie,  }                                       Antonie Ziegler.
   Baer, genannt Hopslabaer                        Ferdinand Meyer.
   Eduard, Hoffmann's Diener                       Edmund Schmasow.
   Miele, Hausmdchen bei Frau Krause              Helene Schle.
   Die Kuschenfrau                                 Marie Gundra.
   Golisch, genannt Gosch. Kuhjunge                Georg Baselt.
   Ein Packettrger                                      ***




                             Erster Akt.


   Das Zimmer ist niedrig; der Fuboden mit guten Teppichen belegt.
   Moderner Luxus auf buerische Drftigkeit gepfropft. An der Wand
   hinter dem Etisch ein Gemlde, darstellend einen vierspnnigen
   Frachtwagen, von einem Fuhrknecht in blauer Blouse geleitet.

                   *       *       *       *       *

   Miele, eine robuste Bauernmagd mit rothem, etwas stumpfsinnigem
   Gesicht; sie ffnet die Mittelthr und lt Alfred Loth
   eintreten. Loth ist mittelgro, breitschultrig, untersetzt, in
   seinen Bewegungen bestimmt, doch ein wenig ungelenk; er hat
   blondes Haar, blaue Augen und ein dnnes, lichtblondes
   Schnurrbrtchen, sein ganzes Gesicht ist knochig und hat einen
   gleichmig ernsten Ausdruck. Er ist ordentlich, jedoch nichts
   weniger als modern gekleidet. Sommerpaletot, Umhngetschchen,
   Stock.

Miele. Bitte! Ich werde den Herrn Inschinnr glei ruffen. Wolln Sie nich
Platz nehmen?!

   Die Glasthr zum Wintergarten wird heftig aufgestoen; ein
   Bauernweib, im Gesicht blauroth vor Wuth, strzt herein. Sie ist
   nicht viel besser als eine Waschfrau gekleidet. Nackte, rothe
   Arme, blauer Kattunrock und Mieder, rothes punktirtes Brusttuch.
   Alter: Anfang 40, Gesicht hart, sinnlich, bsartig. Die ganze
   Gestalt sonst gut conservirt.

Frau Krause (schreit). Ihr Madel!! ... Richtig! ... Doas Loster vu
Froovulk! ... Naus! mir gahn nischt! ... (Halb zu Miele, halb zu Loth.)
A koan orbeita, a hoot Oarme. Naus! hier gibbt's nischt!

Loth. Aber Frau ... Sie werden doch ... ich ... ich heie Loth, bin ...
wnsche zu ... habe auch nicht die Ab....

Miele. A wull ock a Herr Inschinnr sprechen.

Frau Krause. Beim Schwiegersuhne batteln: doas kenn' mer schunn. -- A
hoot au nischt, a hoot's au ock vu ins, nischt iis seine! (Die Thr
rechts wird aufgemacht. Hoffmann steckt den Kopf heraus.)

Hoffmann. Schwiegermama! -- Ich mu doch bitten ... (Er tritt heraus,
wendet sich an Loth.) Was steht zu ... Alfred! Kerl! Wahrhaftig 'n Gott,
Du!? Das ist aber mal ... nein _das_ is doch mal 'n Gedanke!

   Hoffmann ist etwa dreiunddreiig alt, schlank, gro, hager. Er
   kleidet sich nach der neuesten Mode, ist elegant frisirt, trgt
   kostbare Ringe, Brillantknpfe im Vorhemd und Berloques an der
   Uhrkette. Kopfhaar und Schnurrbart schwarz, der letztere sehr
   ppig, uerst sorgfltig gepflegt. Gesicht spitz, vogelartig.
   Ausdruck verschwommen, Augen schwarz, lebhaft, zuweilen unruhig.

Loth. Ich bin nmlich ganz zufllig ....

Hoffmann (aufgeregt). Etwas Lieberes ... nun aber zunchst leg ab! (Er
versucht ihm das Umhngetschchen abzunehmen.) -- Etwas Lieberes und so
Unerwartetes htte mir jetzt -- (er hat ihm Hut und Stock abgenommen und
legt beides auf einen Stuhl neben der Thr) -- htte mir jetzt
entschieden nicht passiren knnen, -- (indem er zurckkommt) --
_entschieden_ nicht.

Loth (sich selbst das Tschchen abnehmend). Ich bin nmlich -- nur so
per Zufall auf Dich -- (er legt das Tschchen auf den Tisch im
Vordergrund).

Hoffmann. Setz' Dich! Du mut mde sein, setz' Dich -- bitte. Weit De
noch? wenn Du mich besuchtest, da hatt'st Du so 'ne Manier, Dich lang
auf das Sopha hinfallen zu lassen, da die Federn krachten; mitunter
sprangen sie nmlich auch. Also Du, hre! mach's wie damals.

   Frau Krause hat ein sehr erstauntes Gesicht gemacht und sich dann
   zurckgezogen. Loth lt sich auf einen der Sessel nieder, welche
   rings um den Tisch im Vordergrunde stehen.

Hoffmann. Trinkst Du was? Sag'! -- Bier? Wein? Cognac? Kaffee? Thee? Es
ist alles im Hause.

   Helene kommt lesend aus dem Wintergarten; ihre groe, ein wenig
   zu starke Gestalt, die Frisur ihres blonden, ganz ungewhnlich
   reichen Haares, ihr Gesichtsausdruck, ihre moderne Kleidung, ihre
   Bewegungen, ihre ganze Erscheinung berhaupt verleugnen das
   Bauernmdchen nicht ganz.

Helene. Schwager, Du knntest ... (Sie entdeckt Loth und zieht sich
schnell zurck.) Ach! ich bitte um Verzeihung. (Ab.)

Hoffmann. Bleib doch, bleib!

Loth. Deine Frau?

Hoffmann. Nein, ihre Schwester. Hrtest Du nicht, wie sie mich
betitelte?

Loth. Nein.

Hoffmann. Hbsch! Wie? -- Nu aber erklr' Dich! Kaffee? Thee? Grog?

Loth. Danke, danke fr alles.

Hoffmann (prsentirt ihm Cigarren). Aber _das_ ist was fr Dich --
nicht?! ... Auch nicht?!

Loth. Nein, danke.

Hoffmann. Beneidenswerthe Bedrfnilosigkeit! (Er raucht sich selbst
eine Cigarre an und spricht dabei.) Die A.. Asche, wollte sagen der ...
der Tabak ... ! Rauch natrlich ... der Rauch belstigt Dich doch wohl
nicht?

Loth. Nein.

Hoffmann. Wenn ich _das_ nicht noch htte ... ach Gott ja, das bischen
Leben! -- Nu aber thu mir den Gefallen, erzhle was. -- Zehn Jahre --
bist brigens kaum sehr verndert -- zehn Jahre, 'n ekliger Fetzen Zeit
-- was macht Schn... Schnurz nannten wir ihn ja wohl? Fips, -- die ganze
heitere Blase von damals? Hast du den einen oder anderen im Auge
behalten?

Loth. Sach mal, solltest Du das nicht wissen?

Hoffmann. Was?

Loth. Da er sich erschossen hat.

Hoffmann. Wer? -- hat sich wieder mal erschossen.

Loth. Fips! Friedrich Hildebrandt.

Hoffmann. I warum nich gar!

Loth. Ja! er hat sich erschossen -- im Grunewald, an einer sehr schnen
Stelle der Havelseeufer. Ich war dort, man hat den Blick auf Spandau.

Hoffmann. Hm! -- Htt ihm das nicht zugetraut, war doch sonst keine
Heldennatur.

Loth. Deswegen hat er sich eben erschossen. -- _Gewissenhaft_ war er,
sehr gewissenhaft.

Hoffmann. Gewissenhaft? Woso?

Loth. Nun, darum eben ... sonst htte er sich wohl nicht erschossen.

Hoffmann. Versteh nicht recht.

Loth. Na, die Farbe seiner politischen Anschauungen kennst Du doch?

Hoffmann. Ja, grn.

Loth. Du kannst sie gern so nennen. Er war, dies wirst Du ihm wohl
lassen mssen, ein talentvoller Jung. -- Fnf Jahre hat er als
Stuccateur arbeiten mssen, andere fnf Jahre dann, so zu sagen, auf
eigene Faust durchgehungert und dazu kleine Statuetten modellirt.

Hoffmann. Abstoendes Zeug. Ich will von der Kunst erheitert sein ....
Nee! diese Sorte Kunst war durchaus nicht mein Geschmack.

Loth. Meiner war es auch nicht, aber er hatte sich nun doch einmal drauf
versteift. Voriges Frhjahr schrieben sie da ein Denkmal aus; irgend ein
Duodezfrstchen, glaub ich, sollte verewigt werden. Fips hatte sich
betheiligt und gewonnen; kurz darauf scho er sich todt.

Hoffmann. Wo da die Gewissenhaftigkeit stecken soll, ist mir vllig
schleierhaft. -- Fr so was habe ich nur eine Benennung: Spahn -- auch
Wurm -- Spleen -- so was.

Loth. Das ist ja das allgemeine Urtheil.

Hoffmann. Thut mir leid, kann aber nicht umhin mich ihm anzuschlieen.

Loth. Es ist ja fr ihn auch ganz gleichgltig, was ...

Hoffmann. Ach berhaupt, lassen wir das. Ich bedauere ihn im Grunde ganz
ebenso sehr wie Du, aber -- nun ist er doch einmal todt, der gute Kerl;
-- erzhle mir lieber etwas von _Dir_, was Du getrieben hast, wie's Dir
ergangen ist.

Loth. Es ist mir so ergangen, wie ich's erwarten mute. -- Hast Du gar
nichts von mir gehrt? -- durch die Zeitungen mein ich.

Hoffmann (ein wenig befangen). Wte nicht.

Loth. Nichts von der Leipziger Geschichte?

Hoffmann. Ach so, _das_! -- Ja! -- Ich glaube .... nichts Genaues.

Loth. Also, die Sache war folgende:

Hoffmann (seine Hand auf Loth's Arm legend). Ehe Du anfngst: willst Du
denn _gar_ nichts zu Dir nehmen?

Loth. Spter vielleicht.

Hoffmann. Auch nicht ein Glschen Cognac?

Loth. Nein. Das am allerwenigsten.

Hoffmann. Nun, dann werde ich ein Glschen .... Nichts besser fr den
Magen. (Holt Flasche und zwei Glschen vom Buffet, setzt alles auf den
Tisch vor Loth.) _Grand Champagne_, feinste Nummer; ich kann ihn
empfehlen. -- Mchtest Du nicht ....?

Loth. Danke.

Hoffmann (kippt das Glschen in den Mund). Oah! -- na, nu bin ich ganz
Ohr.

Loth. Kurz und gut: da bin ich eben sehr stark hineingefallen.

Hoffmann. Mit zwei Jahren, glaub ich?!

Loth. Ganz recht! Du scheinst es ja doch also zu wissen. Zwei Jahre
Gefngni bekam ich, und nach dem haben sie mich noch von der
Universitt relegirt. Damals war ich -- einundzwanzig. Nun! in diesen
zwei Gefngnijahren habe ich mein erstes volkswirthschaftliches Buch
geschrieben. Da es gerade ein Vergngen gewesen, zu brummen, mte ich
allerdings lgen.

Hoffmann. Wie man doch einmal so sein konnte! Merkwrdig! So was hat man
sich nun allen Ernstes in den Kopf gesetzt. Baare Kindereien sind es
gewesen, kann mir nicht helfen, Du! -- nach Amerika auswandern 'n
Dutzend Gelbschnbel wie wir! -- _wir_ und Musterstaat grnden!
Kstliche Vorstellung!

Loth. Kindereien?! -- tjaa! In gewisser Beziehung sind es auch wirklich
Kindereien gewesen! Wir unterschtzten die Schwierigkeiten eines solchen
Unternehmens.

Hoffmann. Und da Du nun _wirk--lich hinaus_ gingst -- nach Amerika --
all--len Ernstes mit leeren Hnden .... Denk' doch mal an, was es heit,
Grund und Boden fr einen Musterstaat mit leeren Hnden erwerben zu
wollen: das ist ja beinahe ver.... jedenfalls ist es einzig naiv.

Loth. Ach, gerade mit dem Ergebni meiner Amerikafahrt bin ich ganz
zufrieden.

Hoffmann (laut auflachend). Kaltwasserkur, vorzgliche Resultate, wenn
Du es so meinst ...

Loth. Kann sein, ich bin etwas abgekhlt worden; damit ist mir aber gar
nichts _Besonderes_ geschehen. Jeder Mensch macht seinen
Abkhlungsproze durch. Ich bin jedoch weit davon entfernt, den Werth
der .... nun, sagen wir hitzigen Zeit zu verkennen. Sie war auch gar
nicht so furchtbar naiv, wie Du sie hinstellst.

Hoffmann. Na, ich wei nicht?!

Loth. Du brauchst nur an die Durchschnittskindereien unserer Tage
denken: das Couleurwesen auf den Universitten, das Saufen, das Pauken.
Warum all der Lrm? Wie Fips zu sagen pflegte: um Hekuba!

Um Hekuba drehte es sich bei uns doch wohl nicht; wir hatten die
allerhchsten menschheitlichen Ziele im Auge. Und abgesehen davon, diese
naive Zeit hat bei mir grndlich mit Vorurtheilen aufgerumt. Ich bin
mit der Scheinreligion und Scheinmoral und mit noch manchem Anderen ....

Hoffmann. Das kann ich Dir ja auch ohne Weiteres zugeben. Wenn ich jetzt
doch immerhin ein vorurtheilsloser, aufgeklrter Mensch bin, dann
verdanke ich das, wie ich _gar nicht_ leugne, den Tagen unseres Umgangs.
-- Natrlicherweise! -- Ich bin der letzte, das zu leugnen. -- Ich bin
berhaupt in _keiner_ Beziehung Unmensch. Nur mu man nicht mit dem
Kopfe durch die Wand rennen wollen. -- Man mu nicht die Uebel, an denen
die gegenwrtige Generation, leider Gottes, krankt, durch noch grere
verdrngen wollen; man mu -- alles ruhig seinen natrlichen Gang gehen
lassen. Was kommen soll, kommt! _Praktisch_, praktisch mu man
verfahren! Erinnere Dich! Ich habe das frher _gerade_ so betont, und
dieser Grundsatz hat sich bezahlt gemacht. -- Das _ist_ es ja eben. Ihr
alle -- Du mit eingerechnet -- Ihr verfahrt hchst _un_praktisch.

Loth. Erklr' mir eben mal, wie Du das meinst.

Hoffmann. _Ein_fach! Ihr ntzt Eure Fhigkeiten nicht aus. Zum Beispiel
Du: 'n Kerl wie Du, mit Kenntnissen, Energie etc., was htte Dir nicht
offen gestanden! Statt dessen, was machst Du? _Com--pro--mit--tirst
Dich_ von vornherein _der_--art ... na, Hand auf's Herz! hast Du das
nicht manchmal bereut?

Loth. Ich konnte nicht gut bereuen, weil ich ohne Schuld verurtheilt
worden bin.

Hoffmann. Kann ich ja nicht beurtheilen, weit Du.

Loth. Du wirst das gleich knnen, wenn ich Dir sage: die Anklageschrift
fhrte aus, ich htte unseren Verein Vancouver-Island nur zum Zwecke
parteilicher Agitation ins Leben gerufen; dann sollte ich auch Geld zu
Parteizwecken gesammelt haben. Du weit ja nun, da es uns mit unseren
colonialen Bestrebungen Ernst war, und was das Geldsammeln anlangt, so
hast Du ja selbst gesagt, da wir alle miteinander leere Hnde hatten.
Die Anklage enthlt also kein wahres Wort, und als Mitglied solltest Du
das doch ...

Hoffmann. Na -- Mitglied war ich doch wohl eigentlich nicht so recht. --
Uebrigens glaube ich Dir selbstredend. -- Die Richter sind halt immer
nur Menschen, mu man nehmen. -- Jedenfalls httest Du, um praktisch zu
handeln, auch den _Schein_ meiden mssen. Ueberhaupt: ich habe mich in
der Folge manchmal ba gewundert ber Dich: Redacteur der
Arbeiterkanzel, des obscursten aller Kseblttchen -- Reichstagscandidat
des sen Pbels! Und was hast Du nu davon? -- versteh mich nicht
falsch! Ich bin der letzte, der es an Mitleid mit dem armen Volke fehlen
lt, aber _wenn_ etwas geschieht, dann mag es von oben her_ab_
geschehen! Es mu sogar von oben herab geschehen, das Volk wei nun mal
nicht, was ihm noth thut -- das Von-unten-_herauf_, siehst Du, _das_
eben nenne ich das Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-rennen.

Loth. Ich bin aus dem, was Du eben gesagt hast, nicht klug geworden.

Hoffmann. Na, ich meine eben, sieh _mich_ an! Ich habe die Hnde frei:
ich knnte nu schon anfangen was fr die Ideale zu thun. -- Ich kann
wohl sagen, mein _praktisches_ Programm ist nahezu durchgefhrt. Aber
Ihr ... immer mit leeren Hnden, was wollt denn _Ihr machen_?

Loth. Ja, wie man so hrt: Du segelst stark auf Bleichrder zu.

Hoffmann (geschmeichelt). Zu viel Ehre -- vorlufig noch. Wer sagt das?
-- Man arbeitet eben seinen soliden Stiefel fort. Das belohnt sich
naturgem -- wer sagt das brigens?

Loth. Ich hrte darber in Jauer zwei Herren am Nebentisch reden.

Hoffmann. ! Du! -- Ich habe Feinde! -- Was sagten die denn brigens?

Loth. Nichts Besonderes. Durch sie erfuhr ich, da Du Dich zur Zeit eben
hier auf das Gut Deiner Schwiegereltern zurckgezogen hast.

Hoffmann. Was die Menschen nicht alles ausschnffeln! Lieber Freund! Du
glaubst nicht, wie ein Mann in meiner Stellung auf Schritt und Tritt
beobachtet wird. Das ist auch so 'n Uebelstand des Reich.... -- Die
Sache ist nmlich die: ich erwarte der greren Ruhe und gesnderen Luft
wegen die Niederkunft meiner Frau _hier_.

Loth. Wie pat denn das aber mit dem Arzt? Ein guter Arzt ist doch in
solchen Fllen von allergrter Wichtigkeit. Und hier auf dem Dorfe ....

Hoffmann. Das ist es eben: der Arzt hier ist ganz besonders tchtig;
und, weit Du, so viel habe ich bereits weg: Gewissenhaftigkeit geht
beim Arzt ber Genie.

Loth. Vielleicht ist sie eine Begleiterscheinung des Genies im Arzt.

Hoffmann. Mein'twegen, jedenfalls _hat_ unser Arzt Gewissen. Er ist
nmlich auch so'n Stck Ideologe, halb und halb unser Schlag -- reussirt
schauderhaft unter Bergleuten und auch unter dem Bauernvolk. Man
vergttert ihn geradezu. Zu Zeiten brigens 'n recht unverdaulicher
Patron, 'n Mischmasch von Hrte und Sentimentalitt. Aber, wie gesagt,
Gewissenhaftigkeit wei ich zu schtzen! -- Unbedingt! -- Eh ich's
vergesse .... es ist mir nmlich darum zu thun .... man mu immer
wissen, wessen man sich zu versehen hat .... Hre! .... sage mir doch
.... ich seh Dir's an, die Herren am Nebentische haben nichts Gutes ber
mich gesprochen. -- Sag' mir doch, bitte, was sie gesprochen haben.

Loth. Das sollte ich wohl nicht thun, denn ich will Dich nachher um
zweihundert Mark bitten, geradezu _bitten_, denn ich werde sie Dir wohl
kaum je wiedergeben knnen.

Hoffmann (zieht ein Checbuch aus der Brusttasche, fllt einen Chec aus,
bergiebt ihn Loth). Bei irgend einer Reichsbankfiliale .... Es ist mir
'n Vergngen ....

Loth. Deine Fixigkeit bertrifft alle meine Erwartungen. -- Na! -- ich
nehm es dankbar an und Du weit ja: bel angewandt ist es auch nicht.

Hoffmann (mit Anflug von Pathos). Ein Arbeiter ist seines Lohnes werth!
-- Doch jetzt, Loth, sei so gut, sag' mir, was die Herren am Nebentisch
....

Loth. Sie haben wohl Unsinn gesprochen.

Hoffmann. Sag' mir's trotzdem, bitte! -- Es ist mir lediglich
interessant, _ledig--lich_ interessant --

Loth. Es war davon die Rede, da Du hier einen anderen aus der Position
verdrngt httest, -- einen Bauunternehmer Mller.

Hoffmann. Na--tr--lich! _diese_ Geschichte!

Loth. Ich glaube, der Mann sollte mit Deiner jetzigen Frau verlobt
gewesen sein.

Hoffmann. War er auch. -- Und was weiter?

Loth. Ich erzhle Dir alles, wie ich es hrte, weil ich annehme: es
kommt Dir darauf an, die Verleumdung mglichst getreu kennen zu lernen.

Hoffmann. Ganz recht! Also?

Loth. So viel ich heraus hrte, soll dieser Mller den Bau einer Strecke
der hiesigen Gebirgsbahn bernommen haben.

Hoffmann. Ja! Mit lumpigen zehntausend Thalern Vermgen. Als er einsah,
da dieses Geld nicht zureichte, wollte er schnell eine Witzdorfer
Bauerntochter fischen; meine jetzige Frau sollte _diejenige_ sein,
_welche_.

Loth. Er htte es, sagten sie, mit der Tochter, Du mit dem Alten
gemacht. -- Dann hat er sich ja wohl erschossen?! -- Auch seine Strecke
httest Du zu Ende gebaut und noch sehr viel Geld dabei verdient.

Hoffmann. Darin ist einiges Wahre enthalten, doch -- ich knnte Dir eine
Verknpfung der Thatsachen geben ... Wuten sie am Ende noch mehr
dergleichen erbauliche Dinge?

Loth. Ganz besonders -- mu ich Dir sagen -- regten sie sich ber
_etwas_ auf: sie rechneten sich vor, welch ein enormes Geschft in
Kohlen Du jetzt machtest und nannten Dich einen .... na, schmeichelhaft
war es eben nicht fr Dich. Kurz gesagt, sie erzhlten, Du httest die
hiesigen dummen Bauern beim Champagner berredet, einen Vertrag zu
unterzeichnen, in welchem Dir der alleinige Verschlei aller in ihren
Gruben gefrderten Kohle bertragen worden ist gegen eine Pachtsumme,
die fabelhaft gering sein sollte.

Hoffmann (sichtlich peinlich berhrt, steht auf). Ich will Dir was
sagen, Loth .... Ach, warum auch noch darin rhren? Ich schlage vor, wir
denken an's Abendbrod, mein Hunger ist mrderisch. Mrderischen Hunger
habe ich. (Er drckt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, deren
Draht in Form einer grnen Schnur auf das Sopha herunter hngt; man hrt
das Luten einer elektrischen Klingel.)

Loth. Nun, wenn Du mich hier behalten willst -- dann sei so gut .... ich
mchte mich eben 'n bischen subern.

Hoffmann. Gleich sollst Du alles Nthige .... (Eduard tritt ein, Diener
in Livree.) Eduard! fhren Sie den Herrn in's Gastzimmer.

Eduard. Sehr wohl, gndiger Herr.

Hoffmann (Loth die Hand drckend). In sptestens fnfzehn Minuten mchte
ich Dich bitten, zum Essen herunter zu kommen.

Loth. Uebrig Zeit. Also Wiedersehen!

Hoffmann. Wiedersehen!

   Eduard ffnet die Thr und lt Loth vorangehen. Beide ab.
   Hoffmann kratzt sich den Hinterkopf, blickt nachdenklich auf den
   Fuboden, geht dann auf die Thr rechts zu, deren Klinke er
   bereits gefat hat, als Helene, welche hastig durch die Glasthr
   eingetreten ist, ihn anruft.

Helene. Schwager! Wer war das?

Hoffmann. Das war einer von meinen Gymnasialfreunden, der lteste sogar,
Alfred Loth.

Helene (schnell). Ist er schon wieder fort?

Hoffmann. Nein! Er wird mit uns zu Abend essen. -- Womglich .... ja,
womglich auch hier bernachten.

Helene. Oh Jeses! Da komme ich nicht zum Abendessen.

Hoffmann. Aber Helene!

Helene. Was brauche ich auch unter gebildete Menschen zu kommen! Ich
will nur ruhig weiter verbauern.

Hoffmann. Ach, immer diese Schrullen! Du wirst mir sogar den groen
Dienst erweisen und die Anordnungen fr den Abendtisch treffen. Sei so
gut! -- Wir machen's 'n bischen feierlich. Ich vermuthe nmlich, er
fhrt irgend was im Schilde.

Helene. Was meinst Du, im Schilde fhren?

Hoffmann. Maulwurfsarbeit -- whlen, whlen. -- Davon verstehst Du nun
freilich nichts. -- Kann mich brigens tuschen, denn ich habe bis jetzt
vermieden auf diesen Gegenstand zu kommen. Jedenfalls mach alles recht
einladend. Auf diese Weise ist den Leuten noch am leichtesten ...
Champagner natrlich! Die Hummern von Hamburg sind angekommen?

Helene. Ich glaube, sie sind heut frh angekommen.

Hoffmann. Also, Hummern! (Es klopft sehr stark.) Herein!

Postpackettrger. (Eine Kiste unter'm Arm, eintretend, spricht er in
singendem Tone.) Eine _Kis--te_.

Helene. Von wo?

Packettrger. _Ber--lin._

Hoffmann. Richtig. Es werden die Kindersachen von Hertzog sein. (Er
besieht das Packet und nimmt den Abschnitt.) Ja, ja, es sind die Sachen
von Hertzog.

Helene. _Die--se_ Kiste voll? Du bertreibst.

Hoffmann (lohnt den Packettrger ab).

Packettrger (ebenso halb singend). Sch'n gn'n A--bend. (Ab.)

Hoffmann. Wieso bertreiben?

Helene. Nun, hiermit kann man doch wenigstens drei Kinder ausstatten.

Hoffmann. Bist Du mit meiner Frau spazieren gegangen?

Helene. Was soll ich machen, wenn sie immer gleich mde wird?

Hoffmann. Ach was, immer gleich mde -- sie macht mich unglcklich! Ein
und eine halbe Stunde ... sie soll doch um Gottes Willen thun, was der
Arzt sagt. Zu was hat man denn den Arzt, wenn ...

Helene. Dann greife Du ein, schaff' die Spillern fort! Was soll ich
gegen so 'n altes Weib machen, die ihr immer nach dem Munde geht!

Hoffmann. Was denn? ... ich als Mann ... was soll ich als Mann? ... und
auerdem, Du kennst doch die Schwiegermama.

Helene (bitter). Allerdings.

Hoffmann. Wo ist sie denn jetzt?

Helene. Die Spillern stutzt sie heraus, seit Herr Loth hier ist; sie
wird wahrscheinlich zum Abendbrod wieder ihr Rad schlagen.

Hoffmann (schon wieder in eigenen Gedanken, macht einen Gang durch's
Zimmer; heftig). Es ist das letzte Mal, auf Ehre!, da ich so etwas hier
in diesem Hause abwarte. Auf Ehre!

Helene. Ja, Du hast es eben gut, Du kannst gehen, wohin Du willst.

Hoffmann. Bei mir zu Hause wre der unglckliche Rckfall in dies
schauderhafte Laster auch _sicher nicht_ vorgekommen.

Helene. _Mich_ mache dafr nicht verantwortlich! Von _mir_ hat sie den
Branntwein nicht bekommen. Schaff' Du nur die Spillern fort. Ich sollte
blo 'n Mann sein.

Hoffmann (seufzend). Ach, wenn es nur erst wieder vorber wr'! -- (In
der Thr rechts.) Also Schwgerin, Du thust mir den Gefallen: einen
recht appetitlichen Abendtisch! Ich erledige schnell noch eine
Kleinigkeit.

Helene (drckt auf den Klingelknopf, Miele kommt). Miele, decken Sie den
Tisch! Eduard soll Sekt kalt stellen und vier Dutzend Austern ffnen.

Miele (unterdrckt, batzig). Sie kinn'n 's 'm salber sagen, a nimmt
nischt oa vu mir, a meent immer: a wr ok beim Inschinnr gemit't.

Helene. Dann schick ihn wenigstens rein.

   Miele ab. Helene tritt vor den Spiegel, ordnet dies und das an
   ihrer Toilette; whrendde tritt Eduard ein.

Helene (immer noch vor dem Spiegel). Eduard, stellen Sie Sekt kalt und
ffnen Sie Austern! Herr Hoffmann hat es befohlen.

Eduard. Sehr wohl, Frulein. (Eduard ab. Gleich darauf klopft es an die
Mittelthr.)

Helene (fhrt zusammen). Groer Gott! -- (Zaghaft.) Herein! -- (lauter
und fester) -- herein!

Loth (tritt ein ohne Verbeugung). Ach, um Verzeihung! -- ich wollte
nicht stren, -- mein Name ist Loth.

Helene (verbeugt sich tanzstundenmig).

Stimme Hoffmann's (durch die geschlossene Zimmerthr): Kinder! keine
Umstnde! -- Ich komme gleich heraus. Loth! es ist meine Schwgerin
Helene Krause! Und Schwgerin! es ist mein Freund Alfred Loth!
Betrachtet Euch als vorgestellt.

Helene. Nein, ber Dich aber auch!

Loth. Ich nehme es ihm nicht bel, Frulein! Bin selbst, wie man mir
sehr oft gesagt hat, in Sachen des guten Tons ein halber Barbar. -- Aber
wenn ich Sie gestrt habe, so ...

Helene. Bitte, -- Sie haben mich gar nicht gestrt, -- durchaus nicht.
(Befangenheitspause, hierauf:) Es ist ... es ist schn von Ihnen, da --
Sie meinen Schwager aufgesucht haben. Er beklagt sich immer von ... er
bedauert immer, von seinen Jugendfreunden so ganz vergessen zu sein.

Loth. Ja, es hat sich zufllig so getroffen. -- Ich war immer in Berlin
und daherum -- wute eigentlich nicht, wo Hoffmann steckte. Seit meiner
Breslauer Studienzeit war ich nicht mehr in Schlesien.

Helene. Also nur so zufllig sind Sie auf ihn gestoen?

Loth. Nur ganz zufllig -- und zwar gerade an dem Ort, wo ich meine
Studien zu machen habe.

Helene. Ach, Spa! -- Witzdorf und Studien machen, nicht mglich! in
diesem armseligen Neste?!

Loth. Armselig nennen Sie es? -- Aber es liegt doch hier ein ganz
auergewhnlicher Reichthum.

Helene. Ja doch! in der Hinsicht ...

Loth. Ich habe nur immer gestaunt. Ich kann Sie versichern, solche
Bauernhfe giebt es nirgendwo anders; da guckt ja der Ueberflu wirklich
aus Thren und Fenstern.

Helene. Da haben Sie recht. In mehr als einem Stalle hier fressen Khe
und Pferde aus marmornen Krippen und neusilbernen Raufen! Das hat die
Kohle gemacht, die unter unseren Feldern gemuthet worden ist, die hat
die armen Bauern im Handumdrehen steinreich gemacht. (Sie weist auf das
Bild an der Hinterwand.) Sehen Sie da -- mein Grovater war
Frachtfuhrmann. Das Gtchen gehrte ihm, aber der geringe Boden ernhrte
ihn nicht, da mute er Fuhren machen. -- Das dort ist er selbst in der
blauen Blouse -- man trug damals noch solche blaue Blousen. -- Auch mein
Vater als junger Mensch ist darin gegangen. -- Nein! -- so meinte ich es
nicht -- mit dem armselig; nur ist es so de hier. So ... gar nichts
fr den Geist giebt es. Zum Sterben langweilig ist es.

   Miele und Eduard ab- und zugehend decken den Tisch rechts im
   Hintergrunde.

Loth. Giebt es denn nicht zuweilen Blle oder Krnzchen?

Helene. Nicht mal das giebt es. Die Bauern _spielen_, _jagen_, _trinken_
... was sieht man den ganzen Tag? (Sie ist vor das Fenster getreten und
weist mit der Hand hinaus.) Hauptschlich solche Gestalten.

Loth. Hm! Bergleute.

Helene. _Welche_ gehen zur Grube, _welche_ kommen von der Grube: das
hrt nicht auf. -- Wenigstens ich sehe _immer_ Bergleute. Denken Sie,
da ich alleine auf die Strae mag? Hchstens auf die Felder, durch das
Hinterthor. Es ist ein _zu_ rohes Pack! -- Und wie sie einen immer
anglotzen, so schrecklich finster -- als ob man geradezu was verbrochen
htte.

Im Winter, wenn wir so manchmal Schlitten gefahren sind und sie kommen
dann in der Dunkelei in groen Trupps ber die Berge, im Schneegestber
und sie sollen ausweichen, da gehen sie vor den Pferden her und weichen
nicht aus. Da nehmen die Bauern manchmal den Peitschenstiel, anders
kommen sie nicht durch. Ach, und dann schimpfen sie hinterher. Hu! ich
habe mich manchmal so entsetzlich gengstigt.

Loth. Und nun denken Sie an: gerade um dieser Menschen willen -- vor
denen Sie sich so sehr frchten, bin ich hierher gekommen.

Helene. Nein aber ...

Loth. Ganz im Ernst, sie interessiren mich hier mehr als alles Andere.

Helene. Niemand ausgenommen?

Loth. Nein.

Helene. Auch mein Schwager nicht ausgenommen?

Loth. Nein! -- Das Interesse fr diese Menschen ist ein ganz anderes, --
hheres ... verzeihen Sie, Frulein! Sie knnen das am Ende doch wohl
nicht verstehen.

Helene. Wieso nicht? Ich verstehe Sie sehr gut, Sie ... (Sie lt einen
Brief aus der Tasche gleiten, Loth bckt sich darnach.) Ach, lassen Sie
... es ist nicht wichtig, nur eine gleichgltige Pensionskorrespondenz.

Loth. Sie sind in Pension gewesen?

Helene. Ja, in Herrnhut. Sie mssen nicht denken, da ich ... nein,
nein, ich verstehe Sie schon.

Loth. Ich meine, die Arbeiter interessieren mich um ihrer selbst willen.

Helene. Ja, freilich, -- es ist ja sehr interessant ... so ein Bergmann
... wenn man's so nehmen will ... Es giebt ja Gegenden, wo man gar keine
findet, aber wenn man sie so tglich ...

Loth. Auch wenn man sie tglich sieht, Frulein ... Man mu sie sogar
tglich sehen, um das Interessante an ihnen herauszufinden.

Helene. Nun, wenn es _so schwer_ herauszufinden ... was ist es denn
dann? das Interessante mein ich.

Loth. Es ist zum Beispiel interessant, da diese Menschen, wie Sie
sagen, immer so gehssig oder finster blicken.

Helene. Wieso meinen Sie, da das besonders interessant ist?

Loth. Weil es nicht das Gewhnliche ist. Wir anderen pflegen doch nur
zeitweilig und keineswegs immer so zu blicken.

Helene. Ja, weshalb _blicken_ sie denn nur immer so ... so gehssig, so
mrrisch? Es mu doch einen Grund haben.

Loth. Ganz recht! und _den_ mchte ich gern herausfinden.

Helene. Ach _Sie_ sind! Sie lgen mir was vor. Was htten Sie denn
davon, wenn Sie das auch wten?

Loth. Man knnte vielleicht Mittel finden, den Grund, warum diese Leute
immer so freudlos und gehssig sein mssen, wegzurumen; -- man knnte
sie vielleicht glcklicher machen.

Helene (ein wenig verwirrt). Ich mu Ihnen ehrlich sagen, da ... aber
gerade jetzt verstehe ich Sie doch vielleicht ein ganz klein wenig. --
Es ist mir nur ... nur so ganz _neu_, _so -- ganz_ -- neu!

Hoffmann (durch die Thre rechts eintretend. Er hat eine Anzahl Briefe
in der Hand). So! da bin ich wieder. -- Eduard! da die Briefe noch vor
8 auf der Post sind. (Er hndigt dem Diener die Briefe ein, der Diener
ab.)

So, Kinder! jetzt knnen wir speisen. -- Unerlaubte Hitze hier!
September und solche Hitze! (Er hebt den Champagner aus dem Eiskbel.)
Veuve Cliquot: Eduard kennt meine stille Liebe. (Zu Loth gewendet.) Habt
ja furchtbar eifrig disputirt. (Tritt an den fertig gedeckten, mit
Delicatessen berladenen Abendtisch, reibt sich die Hnde.) Na! das
sieht ja recht gut aus! (Mit einem verschmitzten Blick zu Loth hinber.)
Meinst Du nicht auch? -- Uebrigens, Schwgerin! wir bekommen Besuch:
Kahl-Wilhelm. Er war auf dem Hof.

Helene (macht eine ungezogene Geberde).

Hoffmann. Aber Beste! Du thust fast, als ob ich ihn ... was kann denn
ich dafr? Hab ich ihn etwa _gerufen_? (Man hrt schwere Schritte
drauen im Hausflur.) Ach! das Unheil schreitet schnelle.

   Kahl tritt ein, ohne vorher angeklopft zu haben. Er ist ein
   vierundzwanzigjhriger, plumper Bauernbursch, dem man es ansieht,
   da er, so weit mglich, gern den feinen, noch mehr aber den
   reichen Mann herausstecken mchte. Seine Gesichtszge sind grob,
   der Gesichtsausdruck vorwiegend dumm-pfiffig. Er ist bekleidet
   mit einem grnen Jaquet, bunter Sammtweste, dunklen Beinkleidern
   und Glanzlack-Schaftstiefeln. Als Kopfbedeckung dient ihm ein
   grner Jgerhut mit Spielhahnfeder. Das Jaquet hat
   Hirschhornknpfe, an der Uhrkette Hirschzhne etc. Stottert.

Kahl. Gun'n Abend mi'nander! (Er erblickt Loth, wird sehr verlegen und
macht stillstehend eine ziemlich klgliche Figur.)

Hoffmann (tritt zu ihm und reicht ihm die Hand aufmunternd). Guten
Abend, Herr Kahl!

Helene (unfreundlich). Guten Abend.

Kahl (geht mit schweren Schritten quer durch das ganze Zimmer auf Helene
zu und giebt ihr die Hand). 'n Abend och, Lene.

Hoffmann (zu Loth). Ich stelle Dir hiermit Herrn Kahl vor, unseren
Nachbarssohn.

Kahl (grinst und dreht den Hut. Verlegenheitsstille.)

Hoffmann. Zu Tisch Kinder! Fehlt noch Jemand? Ach, die Schwiegermama.
Miele! bitten Sie Frau Krause zu Tische.

                    Miele ab durch die Mittelthr.

Miele (drauen im Hausflur schreiend): Frau!! -- Frau!! Assa kumma! Sie
sill'n assa kumma!

   Helene und Hoffmann blicken einander an und lachen verstndniinnig,
   dann blicken sie vereint auf Loth.

Hoffmann (zu Loth). Lndlich, sittlich!

   Frau Krause erscheint, furchtbar aufgedonnert. Seide und
   kostbarer Schmuck. Haltung und Kleidung verrathen Hoffahrt,
   Dummstolz, unsinnige Eitelkeit.

Hoffmann. Ah! da ist Mama! -- Du gestattest, da ich Dir meinen Freund
Dr. Loth vorstelle.

Frau Krause (macht einen undefinirbaren Knix). Ich bin so frei! (Nach
einer kleinen Pause.) Nein, aber auch, Herr Doktor, nahmen Sie mir's ock
bei Leibe nicht ibel! Ich mu mich zuerscht mu ich mich vor Ihn'n
vertefentiren, -- (sie spricht je lnger, um so schneller) --
vertefentiren wegen meiner vorhinigten Benehmigung. Wissen Se, verstihn
Se, es komm' ein der Drehe bei uns eine so ane grumchtige Menge
Stremer .... Se kinn's ni gleba, ma hoot mit dan Battelvulke seine liebe
Noth. A su enner, dar maust akrat wie a Ilster. Uf da Pfennig kimmt's
ins ne ernt oa, ne ock ne, ma braucht a ni dreimol rimzudrehn, an ken'n
Thoaler nich, ebb ma'n ausgibbt. De Krausa-Ludwig'n, _die_ iis geizig,
schlimmer wie a Homster egelganz, di ginnt ke'm Luder nischt. Ihrer is
gesturba aus Arjer, weil a lumpigte zwetausend ei Brassel verloern hoot.
Ne, ne! a su sein mir dorchaus nicht. Sahn Se, doas Buffett kust't mich
zwehundert Thoaler, a Transpurt ni gerechnet; na, d'r Beron Klinkow
keans au ne andersch honn.

   _Frau Spiller_ ist kurz nach Frau Krause ebenfalls eingetreten.
   Sie ist klein, schief und mit den zurckgelegten Sachen der Frau
   Krause herausgestutzt. Whrend Frau Krause spricht, hlt sie mit
   einer gewissen Andacht die Augen zu ihr aufgeschlagen. Sie ist
   etwa fnfundfnfzig Jahre alt; ihr Ausathmen geschieht jedesmal
   mit einem leisen Sthnen, welches auch, wenn sie redet,
   regelmig wie--m--hrbar wird.

Frau Spiller (mit unterwrfigem, wehmthig geziertem _moll_-Ton, sehr
leise). Der Baron Klinkow haben genau dasselbe Buffet--m--.

Helene (zu Frau Krause). Mama! wollen wir uns nicht erst setzen, dann
.....

Frau Krause (wendet sich blitzschnell und trifft Helene mit einem
vernichtenden Blick; kurz und herrisch). _Schickt sich doas?_ (Frau
Krause, im Begriff sich zu setzen, erinnert sich, da das Tischgebet
noch nicht gesprochen ist und faltet mechanisch, doch ohne ihrer Bosheit
im Uebrigen Herr zu sein, die Hnde.)

Frau Spiller (spricht das Tischgebet).

   Komm, Herr Jesu, sei unser Gast.
   Segne, was du uns bescheeret hast.
   Amen.

   Alle setzen sich mit Gerusch. Mit dem Zulangen und Zureichen,
   welches einige Zeit in Anspruch nimmt, kommt man ber die
   peinliche Situation hinweg.

Hoffmann (zu Loth). Lieber Freund, Du bedienst Dich wohl?! Austern?

Loth. Nun, will probiren. Es sind die ersten Austern, die ich esse.

Frau Krause (hat soeben eine Auster geschlrft. Mit vollem Mund.) In dar
Seisong, mein'n Se woll?

Loth. Ich meine _berhaupt_.

   Frau Krause und Frau Spiller wechseln Blicke.

Hoffmann (zu Kahl, der eine Citrone mit den Zhnen auspret). Zwei Tage
nicht gesehen, Herr Kahl! Tchtig Muse gejagt in der Zeit?

Kahl. N... n.. ne!

Hoffmann (zu Loth). Herr Kahl ist nmlich ein leidenschaftlicher Jger.

Kahl. D.. d. die M.. mm.. maus, das ist 'n in... in.. infamtes Am.. am..
amf ff.. fibium.

Helene (platzt heraus). Zu lcherlich ist das, alles schiet er todt,
Zahmes und Wildes.

Kahl. N.. nchten hab ich d.. d.. die alte Szss.. sau vu ins t.. todt
g.. g.. geschossen.

Loth. Da ist wohl schieen Ihre Hauptbeschftigung?

Frau Krause. Herr Kahl thut's ock bloig zum Prifatvergnigen.

Frau Spiller. Wald, Wild, Weib pflegten Seine Exellenz der Herr Minister
von Schadendorf oftmals zu sagen.

Kahl. I.. i.. iberm.. m.. murne hab'n mer T.. t.. tau.. t..
taubenschieen.

Loth. Was ist denn das: Taubenschieen?

Helene. Ach, ich kann so was nicht leiden; es ist doch nichts als eine
recht unbarmherzige Spielerei. Ungezogene Jungens, die mit Steinen nach
Fensterscheiben zielen, thun etwas Besseres.

Hoffmann. Du gehst zu weit, Helene.

Helene. Ich wei nicht --, meinem Gefhl nach hat es weit mehr Sinn,
Fenster einzuschmeien, als Tauben an einem Pfahl festzubinden und dann
mit Kugeln nach ihnen zu schieen.

Hoffmann. Na, Helene, -- man mu doch aber bedenken ....

Loth (irgend etwas mit Messer und Gabel schneidend). Es ist ein
schandhafter Unfug.

Kahl. Um die p. poar Tauba ....!

Frau Spiller (zu Loth). Der Herr Kahl -- m --, mssen Sie wissen, haben
zweihundert Stck im Schlage.

Loth. Die ganze Jagd ist ein Unfug.

Hoffmann. Aber ein unausrottbarer. Da werden zum Beispiel eben jetzt
wieder fnfhundert lebende Fchse gesucht; alle Frster hier herum und
auch sonst in Deutschland verlegen sich aufs Fuchsgraben.

Loth. Was macht man denn mit den vielen Fchsen?

Hoffmann. Sie kommen nach England, wo sie die Ehre haben, von Lord und
Ladys gleich vom Kfig weg zu Tode gehetzt zu werden.

Loth. Muhamedaner oder Christ, Bestie bleibt Bestie.

Hoffmann. Darf ich Dir Hummer reichen, Mama?

Frau Krause. Meinswegen, ei dieser Seisong sind se sehr gutt!

Frau Spiller. Gndige Frau haben eine so feine Zunge -- m --!

Frau Krause (zu Loth). Hummer ha'n Sie woll auch noch nich gegassen.
Herr Dukter?

Loth. Ja, Hummer habe ich schon hin und wieder gegessen --, an der See
oben, in Warnemnde, wo ich geboren bin.

Frau Krause (zu Kahl). Gell, Wilhelm, ma wee wirklich'n Gott manchmal
nich mee, was ma assen sull?

Kahl. J.. j.. ja, w.. w.. wee ... wee G.. Gott, Muhme.

Eduard (will Loth Champagner eingieen). Champagner.

Loth (hlt sein Glas zu). Nein! ... danke!

Hoffmann. -- Mach' keinen Unsinn.

Helene. Wie, Sie trinken nicht?

Loth. Nein, Frulein.

Hoffmann. Na, _hr'_ mal an: das ist aber doch ... das ist _lang_weilig.

Loth. Wenn ich trnke, wrde ich noch langweiliger werden.

Helene. Das ist interessant, Herr Doktor.

Loth (ohne Tact). Da ich langweiliger werde, wenn ich Wein trinke?

Helene (etwas betreten). Nein, ach nein, da .... da Sie nicht trinken
...., da Sie berhaupt nicht trinken, meine ich.

Loth. Warum soll das interessant sein?

Helene (sehr roth werdend). Es ist .... ist nicht das Gewhnliche. (Wird
noch rther und sehr verlegen.)

Loth (tollpatschig). Da haben Sie recht, leider.

Frau Krause (zu Loth). De Flasche kust uns fufza Mark, Sie kinn' a
dreiste trink'n. Direct vu Rheims iis a, mir satz'n Ihn gewi nischt
Schlechtes vier, mir mieja salber nischt Schlechtes.

Frau Spiller. Ach, glauben Sie mich, -- m --, Herr Doktor, wenn Seine
Exellenz der Herr Minister von Schadendorf -- m -- so eine Tafel gefhrt
htten ....

Kahl. Ohne men'n Wein kennt ich nich laben.

Helene (zu Loth). Sagen Sie uns doch, warum Sie nicht trinken!

Loth. Das kann gerne geschehen, ich ....

Hoffmann. Ae, was! alter Freund! (Er nimmt dem Diener die Flasche ab, um
nun seinerseits Loth zu bedrngen.) Denk' dran, wie manche hochfidele
Stunde wir frher mit einander ...

Loth. Nein, bitte bemhe Dich nicht, es ...

Hoffmann. Trink _heut_ mal!

Loth. Es ist alles vergebens.

Hoffmann. Mir zu Liebe!

   Hoffmann will eingieen, Loth wehrt ab; es entsteht ein kleines
   Handgemenge.

Loth. Nein! ... nein, wie gesagt ... nein! ... nein, danke.

Hoffmann. Aber _nimm_ mir's nicht bel ... das ist eine Marotte.

Kahl (zu Fr. Spiller). Wer nich will, dar hat schunn.

Frau Spiller (nickt ergeben).

Hoffmann. Uebrigens, des Menschen Wille ... und so weiter. So viel sage
ich nur: ohne ein Glas Wein bei Tisch ...

Loth. Ein Glas Bier zum Frhstck ...

Hoffmann. Nun ja, warum nicht? Ein Glas Bier ist was sehr gesundes.

Loth. Ein Cognac hie und da ...

Hoffmann. Na, wenn man das nicht mal haben sollte ... zum Asceten machst
Du mich nun und nimmer. Das heit ja dem Leben allen Reiz nehmen.

Loth. Das kann ich nicht sagen. Ich bin mit den _normalen_ Reizen, die
mein Nervensystem treffen, durchaus zufrieden.

Hoffmann. Eine Gesellschaft, die trockenen Gaumens beisammen hockt, ist
und bleibt eine verzweifelt de und langweilige --, fr die ich mich im
Allgemeinen bedanke.

Frau Krause. Bei a Adlijen wird doch auch a so viel getrunk'n.

Frau Spiller (durch eine Verbeugung des Oberkrpers ergebenst
besttigend). Es ist Schentelmen leicht viel Wein zu trinken.

Loth (zu Hoffmann). Mir geht es umgekehrt; mich _langweilt_ im
Allgemeinen eine Tafel, an der _viel_ getrunken wird.

Hoffmann. Es mu natrlich mig geschehen.

Loth. Was nennst Du mig?

Hoffmann. Nun, ... da man noch immer bei Besinnung bleibt.

Loth. Aaah! ... also Du giebst zu: die Besinnung ist im Allgemeinen
durch den Alkohol-Genu sehr gefhrdet. -- Siehst Du! deshalb sind mir
Kneiptafeln -- langweilig.

Hoffmann. Frchtest Du denn, so leicht Deine Besinnung zu verlieren?

Kahl. Iiii..... i.. ich habe n. n. neulich ene Flasche Rrr... r... r..
rd.. desheimer, ene Flasche Sssssekt get.. t.. trunken. Oben drauf d..
d.. d.. dann nnoch eine Flasche B.. b... bordeaux, aber besuffen woar
ich no n.. nich.

Loth (zu Hoffmann). Ach nein, Du weit ja wohl, da ich es war, der Euch
nach Hause brachte, wenn Ihr Euch bernommen hattet. Ich hab immer noch
die alte Brennatur: nein, _deshalb_ bin ich nicht so ngstlich.

Hoffmann. Weshalb denn sonst?

Helene. Ja, warum trinken Sie denn eigentlich nicht? Bitte, sagen Sie es
doch.

Loth (zu Hoffmann). Damit Du doch beruhigt bist: ich trinke heut schon
deshalb nicht, weil ich mich ehrenwrtlich verpflichtet habe, geistige
Getrnke zu meiden.

Hoffmann. Mit anderen Worten, Du bist glcklich bis zum
Migkeitsvereinshelden herabgesunken.

Loth. Ich bin vlliger Abstinent.

Hoffmann. Und auf wie lange, wenn man fragen darf, machst Du diese ....

Loth. Auf Lebenszeit.

Hoffmann (wirft Gabel und Messer weg und fhrt halb vom Stuhle auf). Pf!
gerechter Strohsack!! (Er setzt sich wieder.) Offen gesagt, fr so
kindisch ... verzeih das harte Wort.

Loth. Du kannst es gerne so benennen.

Hoffmann. Wie in aller Welt bist Du nur _darauf gekommen_?

Helene. Fr so etwas mssen Sie einen sehr gewichtigen Grund haben --
denke ich mir wenigstens.

Loth. Der existirt allerdings. Sie, Frulein! -- und Du, Hoffmann! weit
wahrscheinlich nicht, welche furchtbare Rolle der Alkohol in unserem
modernen Leben spielt ... Lies _Bunge_, wenn Du Dir einen Begriff davon
machen willst. -- Mir ist noch gerade in Erinnerung, was ein gewisser
Everett ber die Bedeutung des Alkohols fr die Vereinigten Staaten
gesagt hat. -- Notabene, es bezieht sich auf einen Zeitraum von zehn
Jahren. Er meint also: der Alkohol hat direct eine Summe von 3
Milliarden und indirect von 600 Millionen Dollars verschlungen. Er hat
300000 Menschen getdtet, 100000 Kinder in die Armenhuser geschickt,
weitere Tausende in die Gefngnisse und Arbeitshuser getrieben, er hat
mindestens 2000 Selbstmorde verursacht. Er hat den Verlust von
mindestens 10 Millionen Dollars durch Brand und gewaltsame Zerstrung
verursacht, er hat 20000 Wittwen und schlielich nicht weniger als 1
Million Waisen geschaffen. Die Wirkung des Alkohols, das ist das
Schlimmste, uert sich so zu sagen bis in's dritte und vierte Glied. --
Htte ich nun das ehrenwrtliche Versprechen abgelegt, nicht zu
heirathen, dann knnte ich schon eher trinken, so aber ... meine
Vorfahren sind alle gesunde, kernige und wie ich wei, uerst mige
Menschen gewesen. Jede Bewegung, die ich mache, jede Strapaze, die ich
berstehe, jeder Athemzug gleichsam fhrt mir zu Gemth, was ich ihnen
verdanke. Und dies, siehst Du, ist der Punkt: _ich bin absolut fest
entschlossen die Erbschaft, die ich gemacht habe, ganz ungeschmlert auf
meine Nachkommen zu bringen_.

Frau Krause. Du! -- Schwiegersuhn! -- inse Bargleute saufen woarhaftig
zu viel: doas muu woar sein.

Kahl. Die saufen wie d' Schweine.

Helene. Ach, so was vererbt sich?

Loth. Es giebt Familien, die daran zu Grunde gehen, Trinkerfamilien.

Kahl (halb zu Frau Krause, halb zu Helene). Euer Aaler, dar treibt's au
a wing zu tull.

Helene (wei wie ein Tuch im Gesicht, heftig). Ach, schwatzen Sie keinen
Unsinn!

Frau Krause. Ne, doch hier enner a su ein patziges Froovulk oa; a su ne
Prinzessen. Hngst de wieder a mol die Gndige raus, wie? -- A su fhrt
se a Zukinftigen oa. (Zu Loth, auf Kahl deutend.) 's is nmlich d'r
Zukinftige, missen Sie nahmen, Herr Dukter, 's is alles eim Renen.

Helene (aufspringend). Hr auf! oder ... _hr auf_, Mutter! oder ...

Frau Krause. Do hiert doch aber werklich ... na, do sprecha Se, Herr
Dukter, iis das wull Bildung, h? Wee Gott, ich hal' se wie mei egnes
Kind, aber die treib's reen zu tull.

Hoffmann (beschwichtigend). Ach, Mama! thu mir doch den Gefallen ....

Frau Krause. Neee! _groade_ -- iich sah doas nich ein -- a su ane Goans
wie die iis ... do hiert olle Gerechtigkeit uff ... su ane Titte!

Hoffmann. Mama, ich mu Dich aber wirklich doch jetzt bitten, Dich ...

Frau Krause (immer wthender). Stats doa doas Froovulk ei der
Wertschoft woas oagreft ... bewoare ne! Doa zeucht se an Flunsch biis
hinger beede Leffel. -- Oaber da Schillerich, oaber a Gethemoan, a sune
tummn Scheikarle, die de nischt kinn'n als lieja: vu dan'e lt sie
sich a Kupp verdrehn. Urnar zum Krnke krieja iis doas. (Schweigt bebend
vor Wuth.)

Hoffmann (begtigend). Nun -- sie wird ja nun wieder .... es war ja
vielleicht -- nicht ganz recht ... es ... (Giebt Helenen, die in
Erregung abseits getreten ist, einen Wink, auf den hin sich das Mdchen,
die Thrnen gewaltsam zurckhaltend, wieder auf seinen Platz begiebt.)

Hoffmann (das nunmehr eingetretene peinliche Schweigen unterbrechend zu
Loth). Ja .. von was sprachen wir doch? ... Richtig! -- vom biederen
Alkohol. (Er hebt sein Glas.) Nun, Mama: Frieden! -- Komm, stoen wir
an, -- seien wir friedlich, -- machen wir dem Alkohol Ehre, indem wir
friedlich sind. (Frau Krause, wenn auch etwas widerwillig, stt doch
mit ihm an. Hoffmann, zu Helene gewendet.) Was, Helene?! -- Dein Glas
ist leer? ... Ei der Tausend, Loth! Du hast Schule gemacht.

Helene. Ach ... nein ... ich ...

Frau Spiller. Mein gndiges Frulein, so etwas lt tief ....

Hoffmann. Aber Du warst doch sonst keine von den Zimperlichen.

Helene (batzig). Ich hab eben heut keine Neigung zum Trinken, _einfach_!

Hoffmann. Bitte, bitte, bitte _seeehr_ um Verzeihung ... Ja, von was
sprachen wir doch?

Loth. Wir sprachen davon, da es Trinkerfamilien gbe.

Hoffmann (aufs Neue betreten). Schon recht, schon recht, aber ...

   Man bemerkt zunehmenden Aerger in dem Benehmen der Frau Krause,
   whrend Herr Kahl sichtlich Mhe hat, das Lachen ber etwas, das
   ihn innerlich furchtbar zu amsiren scheint, zurckzuhalten.
   Helene beobachtet Kahl ihrerseits mit brennenden Augen und
   bereits mehrmals hat sie durch einen drohenden Blick Kahl davon
   zurckgehalten etwas auszusprechen, was ihm so zu sagen auf der
   Zunge liegt. Loth, ziemlich gleichmthig, mit Schlen eines
   Apfels beschftigt, bemerkt von alledem nichts.

Loth. Ihr scheint brigens hier ziemlich damit gesegnet zu sein.

Hoffmann (nahezu fassungslos). Wieso ... mit ... mit was gesegnet?

Loth. Mit Trinkern natrlicherweise.

Hoffmann. Hm! ... meinst Du? ... ach ... jaja ..., allerdings, die
Bergleute .....

Loth. Nicht nur die Bergleute. Zum Beispiel hier in dem Wirthshaus, wo
ich abstieg, bevor ich zu Dir kam, da sa ein Kerl so: (Er sttzt beide
Ellenbogen auf den Tisch, nimmt den Kopf in die Hnde und stiert auf die
Tischplatte.)

Hoffmann. Wirklich? (Seine Verlegenheit hat den hchsten Grad erreicht;
Frau Krause hustet, Helene starrt noch immer auf Kahl, welcher jetzt am
ganzen Krper vor innerlichem Lachen bebt, sich aber doch noch so weit
bndigt, nicht laut herauszuplatzen.)

Loth. Es wundert mich, da Du dieses -- Original -- knnte man beinahe
sagen, noch nicht kennst. Das Wirthshaus ist ja gleich hier nebenan das.
Mir wurde gesagt, es sei ein hiesiger steinreicher Bauer, der seine Tage
und Jahre buchstblich in diesem selben Gastzimmer mit Schnapstrinken
zubrchte. Das reine Thier ist er natrlich. Diese furchtbar den,
versoffenen Augen, mit denen er mich anstierte.

   Kahl, der bis hierher sich zurckgehalten hat, bricht in ein
   rohes, lautes, unaufhaltsames Gelchter aus, so da Loth und
   Hoffmann, starr vor Staunen, ihn anblicken.

Kahl (unter dem Lachen hervorstammelnd). Woahrhaftig! das is ja ... das
is ja woahrhaftig der ... der Alte gewesen.

Helene (ist entsetzt und emprt aufgesprungen. Zerknllt die Serviette
und schleudert sie auf den Tisch. Bricht aus.) Sie sind ... -- (macht
die Bewegung des Ausspeiens) -- _pfui_! (Sie geht schnell ab.)

Kahl (die aus dem Bewutsein eine groe Dummheit gemacht zu haben,
entstandene Verlegenheit gewaltsam abreiend). Ach woas! ... Unsinn! 's
iis ju zu tumm! -- Iich gieh menner Wege. (Er setzt seinen Hut auf und
sagt, indem er abgeht, ohne sich noch einmal umzuwenden:) 'n Obend!

Frau Krause (ruft ihm nach). Koan Der'sch nich verdenken, Willem! (Sie
legt die Serviette zusammen und ruft dabei.) Miele! (Miele kommt.) Rum
ab! (Fr sich, aber doch laut.) Su ane Gans.

Hoffmann (etwas aufgebracht). Ich mu aber doch ehrlich sagen, Mama! ..

Frau Krause. Mahr Dich aus. (Steht auf, schnell ab.)

Frau Spiller. Die gndige Frau -- m -- haben heut manches husliche
Aergerni gehabt -- m --. Ich empfehle mich ganz ergebenst. (Sie steht
auf und betet still, unter Augenaufschlag, dann ab.)

   Miele und Eduard decken den Tisch ab. Hoffmann ist aufgestanden
   und kommt mit einem Zahnstocher im Mund nach dem Vordergrund,
   Loth folgt ihm.

Hoffmann. Ja, siehst Du, so sind die Weiber!

Loth. Ich begreife gar nichts von alledem.

Hoffmann. Ist auch nicht der Rede werth. -- So etwas kommt wie bekannt
in den allerfeinsten Familien vor. Das darf Dich nicht abhalten ein paar
Tage bei uns ...

Loth. Htte gern Deine Frau kennen gelernt, warum lt sie sich denn
nicht blicken?

Hoffmann (die Spitze einer frischen Cigarre abschneidend). Du begreifst,
in ihrem Zustand ... die Frauen lassen nun mal nicht von der Eitelkeit.
Komm! wollen uns drauen im Garten bischen ergehen. -- Eduard! den
Kaffee in die Laube.

Eduard. Sehr wohl.

   Hoffmann und Loth ab durch den Wintergarten. Eduard ab durch die
   Mittelthr, hierauf Miele, ein Brett voll Geschirr tragend,
   ebenfalls ab durch die Mittelthr. Einige Augenblicke bleibt das
   Zimmer leer, dann erscheint

Helene (erregt, mit verweinten Augen, das Taschentuch vor den Mund
haltend. Von der Mittelthr, durch welche sie eingetreten ist, macht sie
hastig ein paar Schritte nach links und lauscht an der Thr von
Hoffmann's Zimmer.) Oh! nicht fort! (Da sie hier nichts vernimmt, fliegt
sie zur Thr des Wintergartens hinber, wo sie ebenfalls mit gespanntem
Ausdruck einige Secunden lauscht. Bittend und mit gefalteten Hnden
inbrnstig.) Oh! nicht fort, geh nicht fort!

                          Der Vorhang fllt.




                             Zweiter Akt.


                       Morgens gegen vier Uhr.

   Im Wirthshaus sind die Fenster erleuchtet, ein grau-fahler
   Morgenschein durch den Thorweg, der sich ganz allmhlich im Laufe
   des Vorgangs zu einer dunklen Rthe entwickelt, die sich dann,
   eben so allmhlich, in helles Tageslicht auflst. Unter dem
   Thorweg, auf der Erde sitzt _Beibst_ (etwa 60jhrig) und dengelt
   seine Sense. Wie der Vorhang aufgeht, sieht man kaum mehr als
   seine Silhouette, die gegen den grauen Morgenhimmel absticht,
   vernimmt aber das eintnige, ununterbrochene, regelmige
   Aufschlagen des Dengelhammers auf den Dengelambos. Dieses
   Gerusch bleibt whrend einiger Minuten allein hrbar, hierauf
   die feierliche Morgenstille, unterbrochen durch das Geschrei aus
   dem Wirthshaus abziehender Gste. Die Wirthshausthr fliegt
   krachend ins Schlo. Die Lichter in den Fenstern verlschen.
   Hundebellen fern, Hhne krhen laut durcheinander. Auf dem Gange
   vom Wirthshaus her wird eine dunkle Gestalt bemerklich, dieselbe
   bewegt sich in Zickzacklinien dem Hofe zu; es ist der Bauer
   Krause, welcher wie immer als letzter Gast das Wirthshaus
   verlassen hat.

Bauer Krause (ist gegen den Gartenzaun getaumelt, klammert sich mit den
Hnden daran fest und brllt mit einer etwas nselnden, betrunkenen
Stimme nach dem Wirthshaus zurck). 's Gaartla iis _mei_--ne! ... d'r
Kratsch'm iis _mei_--ne ... du Gostwerthlops! Dohie h! (Er macht sich,
nachdem er noch einiges Unverstndliche gemurmelt und geknurrt hat, vom
Zaune los und strzt in den Hof, wo er glcklich den Sterzen eines
Pfluges zu fassen bekommt.) 's 'Gittla iis _mei_--ne. (Er quasselt halb
singend.) Trink ... ei ... Briderla, trink ... ei ... 'iderla,
Branntw... wwein ... 'acht Kurasche. Dohie h -- (laut brllend) -- bien
iich nee a hibscher Moan? .... Hoa iich nee a hibsch Weibla dohie h?
... Hoa iich nee a poar hibsche Madel?

Helene (kommt hastig aus dem Hause. Man sieht, sie hat an Kleidern nur
umgenommen, soviel in aller Eile ihr mglich gewesen war.) Papa! ...
lieber Papa!! so komm doch schon. (Sie fat ihn unterm Arm, versucht ihn
zu sttzen und ins Haus zu ziehen.) K--omm doch ... nur ... schn--ell
in's Haus, komm doch n--ur schn--ell! Ach!

Bauer Krause (hat sich aufgerichtet, versucht gerade zu stehen, bringt
mit einiger Mhe und unter Zuhilfenahme beider Hnde einen ledernen,
strotzenden Geldbeutel aus der Tasche seiner Hose. In dem ein wenig
helleren Morgenlichte erkennt man die sehr schbige Bekleidung des etwa
50jhrigen Mannes, die um nichts besser ist, als die des allergeringsten
Landarbeiters. Er ist im bloen Kopf, sein graues, sprliches Haar
ungekmmt und struppig. Das schmutzige Hemd steht bis auf den Nabel
herab weit offen; an einem einzigen gestickten Hosentrger hngt die
ehemals gelbe, jetzt schmutzig glnzende, an den Kncheln zugebundene
Lederhose; die nackten Fe stecken in einem Paar gestickter
Schlafschuhe, deren Stickerei noch sehr neu zu sein scheint. Jacke und
Weste trgt der Bauer nicht, die Hemdrmel sind nicht zugeknpft.
Nachdem er den Geldbeutel glcklich herausgebracht hat, setzt er ihn mit
der rechten mehrmals auf die Handflche der linken Hand, so da das Geld
darin laut klimpert und klingt, dabei fixirt er seine Tochter mit
lascivem Blicke.) Dohie h! 's Gald iis _mei_--neee! h? Mech'st a poar
Thoalerla?

Helene. Ach, gr--oer Gott! (Sie versucht mehrmals vergebens, ihn
mitzuziehen. Bei einem dieser Versuche umarmt er sie mit der Plumpheit
eines Gorillas und macht einige unzchtige Griffe. Helene stt
unterdrckte Hilfeschreie aus.) Gl--eich lt Du l--os! La l--os!
bitte, Papa, ach! (Sie weint, schreit dann, pltzlich in uerster
Angst, Abscheu und Wuth:) Thier, Schwein!

   Sie stt ihn von sich. Der Bauer fllt langhin auf die Erde.
   Beibst kommt von seinem Platz unter dem Thorweg herbeigehinkt.
   Helene und Beibst machen sich daran, den Bauer aufzuheben.

Bauer Krause (lallt). Tr--ink mei Bri'erla, tr-- ...

   Der Bauer wird aufgehoben und strzt, Beibst und Helene mit sich
   reiend, in das Haus. Einen Augenblick bleibt die Bhne leer. Im
   Hause hrt man Lrm, Threnschlagen. In einem Fenster wird Licht,
   hierauf kommt Beibst wieder aus dem Hause. Er reit an seiner
   Lederhose ein Schwefelholz an, um die kurze Pfeife, welche ihm
   fast nie aus dem Munde kommt, damit in Brand zu stecken. Als er
   damit noch beschftigt ist, schleicht _Kahl_ aus der Hausthre.
   Er ist in Strmpfen, hat sein Jaquet ber dem linken Arm hngen
   und trgt mit der linken Hand seine Schlafschuhe. Mit der rechten
   hlt er seinen Hut, mit dem Munde seinen Hemdkragen. Etwa bis in
   die Mitte des Hofes gelangt, wendet er sich und sieht das Gesicht
   des Beibst auf sich gerichtet. Einen Augenblick scheint er
   unschlssig, dann bringt er Hut und Hemdkragen in der Linken
   unter, greift in die Hosentasche und geht auf Beibst zu, dem er
   etwas in die Hand drckt.

Kahl. Do hot 'r an Thoaler .... oaber halt't Eure Gusche! (Er geht
eiligst ber den Hof und steigt ber den Staketenzaun rechts. Ab.)

   _Beibst_ hat mittels eines neuen Streichholzes seine Pfeife
   angezndet, hinkt bis unter den Thorweg, lt sich nieder und
   nimmt seine Dengelarbeit von Neuem auf. Wieder eine Zeit lang
   nichts als das eintnige Aufschlagen des Dengelhammers und das
   Aechzen des alten Mannes, von kurzen Flchen unterbrochen, wenn
   ihm etwas bei seiner Arbeit nicht nach Wunsch geht. Es ist um ein
   Betrchtliches heller geworden.

Loth (tritt aus der Hausthr, steht still, dehnt sich, thut mehrere
tiefe Athemzge). H! .. h! .. Morgenluft! (Er geht langsam nach dem
Hintergrunde zu bis unter den Thorweg. Zu Beibst.) Guten Morgen! Schon
so frh wach?

Beibst (mitrauisch aufschielend, unfreundlich). 'Murja! (Kleine Pause,
hierauf Beibst, ohne Loth's Anwesenheit weiter zu beachten, gleichsam im
Zwiegesprch mit seiner Sense, die er mehrmals aufgebracht hin und
herreit.) Krummes Oos! na, werd's glei?! Ekch! Himmeldunnerschlag ja!
(Er dengelt weiter.)

Loth (hat sich zwischen die Sterzen eines Exstirpators niedergelassen).
Es giebt wohl Heuernte heut?

Beibst (grob). De sel gihn ei's H itzunder.

Loth. Nun, Ihr dengelt doch aber die Sense ...?

Beibst (zur Sense). Ekch! tumme Dare.

                        Kleine Pause, hierauf.

Loth. Wollt Ihr mir nicht sagen, wozu Ihr die Sense scharf macht, wenn
doch nicht Heuernte ist?

Beibst. Na, -- braucht ma ernt keene Sahnse zum Futter macha?

Loth. Ach so! Futter soll also geschnitten werden.

Beibst. Woas d'n suste?

Loth. Wird das alle Morgen geschnitten?

Beibst. Na! -- sool's Viech derhingern?

Loth. Ihr mt schon 'n bischen Nachsicht mit mir haben! Ich bin eben
ein Stdter; da kann man nicht alles so genau wissen von der
Landwirthschaft.

Beibst. Die Staadter glee -- ekch! -- de Staadter, die wissa doo glee
oals besser wie de Mensche vum Lande, h?

Loth. Das trifft bei mir nicht zu. -- Knnt Ihr mir vielleicht nicht
erklren, was das fr ein Instrument ist? Ich hab's wohl schon mal wo
gesehen, aber der Name ...

Beibst. Doasjenigte, uf dan Se sitza?! Woas ma su soat Extrabater nennt
ma doas.

Loth. Richtig, ein Exstirpator; wird der hier auch gebraucht?

Beibst. Leeder Goott's, nee. -- A lt a verludern ... a ganza Acker,
reen verludern lt a'n, d'r Pauer. A Oarmes mecht a Flecka hoa'nn -- ei
insa Brta wchst kee Getreide -- oaber nee, lieberscht lt a'n
verludern! -- Nischt thit wachsa, ok bluig Seide und Quecka.

Loth. Ja, die kriegt man schon damit heraus. Ich wei, bei den Ikariern
hatte man auch solche Exstirpatoren, um das urbar gemachte Land vollends
zu reinigen.

Beibst. Wu sein denn die I..., wie Se glei soa'n, I...

Loth. Die Ikarier? In Amerika.

Beibst. Doo gibbts an schunn a sune Dinger?

Loth. Ja freilich.

Beibst. Woas iis denn doas fer a Vulk: die I... I...

Loth. Die Ikarier? -- Es ist gar kein besonderes Volk; es sind Leute aus
allen Nationen, die sich zusammen gethan haben; sie besitzen in Amerika
ein hbsches Stck Land, das sie gemeinsam bewirthschaften; alle Arbeit
und allen Verdienst theilen sie gleichmig. Keiner ist arm, es giebt
keine Armen unter ihnen.

Beibst, (dessen Gesichtsausdruck ein wenig freundlicher geworden war,
nimmt bei den letzten Worten Loth's wieder das alte mitrauisch
feindselige Geprge an; ohne Loth weiter zu beachten, hat er sich
neuerdings wieder ganz seiner Arbeit zugewendet und zwar mit den
Eingangsworten): Oost vu enner Sahnse!

Loth, (immer noch sitzend, betrachtet den Alten zuerst mit einem ruhigen
Lcheln und blickt dann hinaus in den erwachenden Morgen. Durch den
Thorweg erblickt man weitgedehnte Kleefelder und Wiesenflchen;
zwischendurch schlngelt sich ein Bach, dessen Lauf durch Erlen und
Weiden verrathen wird. Am Horizonte ein einzelner Bergkegel. Allerorten
haben die Lerchen eingesetzt, und ihr ununterbrochenes Getriller schallt
bald nher, bald ferner her bis in den Gutshof herein. Jetzt erhebt sich
Loth mit den Worten:) Man mu spazieren geh'n, der Morgen ist zu
prchtig. (Er geht durch den Thorweg hinaus. -- Man hrt das Klappen von
Holzpantinen. Jemand kommt sehr schnell ber die Bodentreppe des
Stallgebudes herunter: es ist _Guste_.)

Guste, (eine ziemlich dicke Magd: bloes Mieder, nackte Arme und Waden,
die bloen Fe in Holzpantinen. Sie trgt eine brennende Laterne.) Guda
Murja, Voater Beibst.

Beibst (brummt).

Guste (blickt, die Augen mit der Hand beschattend, durch das Thor Loth
nach). Woas iis denn doas fer enner?

Beibst (verrgert). Dar koan Battelleute zum Noarr'n hoa'nn ... dar
leugt egelganz wie a Forr... vu dan luu der de Hucke vuul liega.
(Beibst steht auf.) Macht enk de Roawer zerecht, Madel.

Guste, (welche dabei war, ihre Waden am Brunnen abzuwaschen, ist damit
fertig und sagt, bevor sie im Innern des Kuhstalls verschwindet): Glei,
glei! Voater Beibst.

Loth (kommt zurck, giebt Beibst Geld). Da ist 'ne Kleinigkeit. Geld
kann man immer brauchen.

Beibst (aufthauend, wie umgewandelt, mit aufrichtiger Gemthlichkeit).
Ju, ju! do ha'n Se au recht ... na da dank ich au vielmools. -- Se sein
wull d'r Besuch zum Schwiegersuhne? (Auf einmal sehr gesprchig.) Wissa
Se: wenn Se, und Se wull'n da naus gihn auf a Barch zu, wissa Se, do
haal'n Se siich links, wissa Se, zngst 'nunder links, rechts gibt's
Risse. Mei Suhn meente, 's km do dervoone, meent' a, weil se zu
schlecht verzimmern thten, meent' a, de Barchmoanne, 's soatzt zu wing
Luhn, meent' a, und do giht's ok a su: woas hust'de, woas koanst'de, ei
a Gruba, verstiehn Se. -- Sahn Se! -- doo! -- immer links, rechts gibt's
Lecher. Vurigtes Johr erscht iis a Putterweib, wie se ging und stoand
iis se ei's Ardreich versunka, iich wi nee amool, _wie_ viel Kloaftern
tief. Kee Mensch wute wuhie -- wie gesoa't, links, immer links, doo
gihn Se sicher. (Ein Schu fllt, Beibst, wie electrisirt, hinkt einige
Schritt in's Freie.)

Loth. Wer schiet denn da schon so frhe?

Beibst. Na, war denn suste? -- d'r Junge, dar meschante Junge.

Loth. Welcher Junge denn?

Beibst. Na, Kahl-Willem -- d'r Nupperschsuhn ... Na woart ok bluig due!
Ich hoa's gesahn, a schit meiner Gitte de Lrcha.

Loth. Ihr hinkt ja.

Beibst. Doa 's Goot erbarm', ja. (Droht mit der Faust nach dem Felde.)
Na woart' Du! woart' Du! ...

Loth. Was habt Ihr denn mit dem Bein gemacht?

Beibst. Iich?

Loth. Ja.

Beibst. 's iis a su 'nei kumma.

Loth. Habt Ihr Schmerzen?

Beibst (nach dem Bein greifend). 'S zerrt a su, 's zerrt infamt.

Loth. Habt Ihr keinen Arzt?

Beibst. Wissa Se, -- de Dukter, doas sein Oaffa, enner wie d'r andere!
-- Bluig inse Dukter, doas iis a ticht'er Moan.

Loth. Hat er Ihnen was gentzt?

Beibst. Na -- verlecht a klee wing wull au oam Ende. A hoot mer'sch Been
geknet't: sahn Se, a su geknutscht und gehackt un ... oaber nee!!
derwegen nich! -- A iis ... na kurz un gutt, a hoot mit'n aarma Mensche
a Mitleed. -- A keeft'n de Med'zin und a verlangt nischt. A kimmt zu
jeder Zeet ...

Loth. Sie mssen sich das doch aber irgendwo zugezogen haben?! Haben Sie
immer so gehinkt?

Beibst. Nich die Oahnung!

Loth. Dann verstehe ich nicht recht, es mu doch eine Ursache ...

Beibst. Wee iich's? (Er droht wieder mit der Faust.) Woart ok Due!
woart ok mit dem Geknackse.

Kahl (erscheint innerhalb seines Gartens. Er trgt in der rechten eine
Flinte am Lauf, seine linke Hand ist geschlossen. Ruft herber.) Guten
Morjen ooch, Herr Dukter!

   Loth geht quer durch den Hof auf ihn zu. Inzwischen hat Guste
   sowie eine andere Magd mit Namen Liese je eine Radwer zurecht
   gemacht, worauf Harke und Dunggabel liegen. Damit fahren sie
   durch den Thorweg hinaus auf's Feld, an Beibst vorber, der nach
   einigen grimmigen Blicken und verstohlenen Zornesgesten zu Kahl
   hinber seine Sense schultert und ihnen nachhumpelt. Beibst und
   die Mgde ab.

Loth (zu Kahl). Guten Morgen!

Kahl. Wull'n 'S amol was hibsches sah'n? (Er streckt den Arm mit der
geschlossenen Hand ber den Zaun.)

Loth (nhergehend). Was haben Sie denn da?

Kahl. Rootha See! (Er ffnet gleich darauf seine Hand.)

Loth. Waas?! -- es ist also wirklich wahr: Sie schieen Lerchen! Nun fr
diesen Unfug, Sie nichtsnutziger Bursche, verdienten Sie geohrfeigt zu
werden, verstehen Sie mich! (Er kehrt ihm den Rcken zu und geht quer
durch den Hof zurck, Beibst und den Mdchen nach. Ab.)

Kahl (starrt Loth einige Augenblicke dumm verblfft nach, dann ballt er
die Faust verstohlen, sagt): Dukterluder! (wendet sich und verschwindet
rechts. -- Whrend einiger Augenblicke bleibt der Hof leer.)

   _Helene_, aus der Hausthr tretend, helles Sommerkleid, groer
   Gartenhut. Sie blickt sich ringsum, thut dann einige Schritte auf
   den Thorweg zu, steht still und spht hinaus. Hierauf schlendert
   sie rechts durch den Hof und biegt in den Weg ein, welcher nach
   dem Wirthshause fhrt. Groe Packete von allerhand Thee hngen
   zum Trocknen ber dem Zaune: daran riecht sie im Vorbergehen.
   Sie biegt auch Zweige von den Obstbumen und betrachtet die sehr
   niedrig hngenden, rothwangigen Aepfel. Als sie bemerkt, da Loth
   vom Wirthshaus her ihr entgegen kommt, bemchtigt sich ihrer eine
   noch strkere Unruhe, so da sie sich schlielich umwendet und
   vor Loth her in den Hof zurckgeht. Hier bemerkt sie, da der
   Taubenschlag noch geschlossen ist und begiebt sich dorthin durch
   das kleine Zaunpfrtchen des Obstgartens. Noch damit beschftigt,
   die Leine, welche, vom Winde getrieben, irgendwo festgehakt ist,
   herunter zu ziehen, wird sie von Loth, der inzwischen
   herangekommen ist angeredet.

Loth. Guten Morgen, Frulein!

Helene. Guten Morgen! -- Der Wind hat die Schnur hinaufgejagt.

Loth. Erlauben Sie! (Geht ebenfalls durch das Pfrtchen, bringt die
Schnur herunter und zieht den Schlag auf. Die Tauben fliegen aus.)

Helene. Ich danke sehr.

Loth (ist durch das Pfrtchen wieder herausgetreten, bleibt aber
auerhalb des Zaunes und an diesen gelehnt stehen. Helene innerhalb
desselben. Nach einer kleinen Pause.) Pflegen Sie immer so frh auf zu
sein, Frulein?

Helene. _Das_ eben -- wollte ich Sie auch fragen.

Loth. Ich --? nein! Die erste Nacht in einem fremden Hause passirt es
mir jedoch gewhnlich.

Helene. Wie ... kommt das?

Loth. Ich habe darber noch nicht nachgedacht, es hat keinen Zweck.

Helene. Ach, wieso denn nicht?

Loth. Wenigstens keinen ersichtlichen, praktischen Zweck.

Helene. Also wenn Sie irgend etwas thun oder denken, mu es einem
praktischen Zweck dienen?

Loth. Ganz recht? Uebrigens ...

Helene. Das htte ich von Ihnen nicht gedacht.

Loth. Was, Frulein?

Helene. Genau das meinte die Stiefmutter, als sie mir vorgestern den
Werther aus der Hand ri.

Loth. Das ist ein dummes Buch.

Helene. Sagen Sie das nicht.

Loth. Das sage ich nochmal, Frulein. Es ist ein Buch fr Schwchlinge.

Helene. _Das_ -- kann wohl mglich sein.

Loth. Wie kommen Sie gerade auf _dieses_ Buch? Ist es Ihnen denn
verstndlich?

Helene. Ich hoffe, ich ... zum Theil ganz gewi. Es beruhigt so, darin
zu lesen. (Nach einer Pause.) Wenn's ein dummes Buch ist, wie Sie sagen,
knnten Sie mir etwas Besseres empfehlen?

Loth. Le... lesen Sie ... noa! ... kennen Sie den Kampf um Rom von Dahn?

Helene. Nein! Das Buch werde ich mir aber nun kaufen. Dient es einem
praktischen Zweck?

Loth. Einem vernnftigen Zweck berhaupt. Es malt die Menschen nicht wie
sie sind, sondern wie sie einmal werden sollen. Es wirkt vorbildlich.

Helene (mit Ueberzeugung). _Das ist schn._ (Kleine Pause, dann.)
Vielleicht geben Sie mir Auskunft, man redet so viel von Zola und Ibsen
in den Zeitungen: sind das groe Dichter?

Loth. Es sind gar keine Dichter, sondern nothwendige Uebel, Frulein.
Ich bin ehrlich durstig und verlange von der Dichtkunst einen klaren,
erfrischenden Trunk. -- Ich bin nicht krank. Was Zola und Ibsen bieten,
ist Medizin.

Helene (gleichsam unwillkrlich). Ach, dann wre es doch vielleicht fr
mich etwas.

Loth (bisher theilweise, jetzt ausschlielich in den Anblick des
thauigen Obstgartens vertieft). Es ist prchtig hier. Sehen Sie, wie die
Sonne ber der Bergkuppe herauskommt. -- Viel Aepfel giebt es in Ihrem
Garten: eine schne Ernte.

Helene. Drei Viertel davon wird auch dies Jahr wieder gestohlen werden.
Die Armuth hier herum ist zu gro.

Loth. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich das Land liebe! Leider wchst
mein Weizen zum grten Theile in der Stadt. Aber nun will ich's mal
durchgenieen, das Landleben. Unsereiner hat so 'n bischen Sonne und
Frische mehr nthig als sonst Jemand.

Helene (seufzend). Mehr nthig, als .... inwiefern?

Loth. Weil man in einem harten Kampfe steht, dessen Ende man nicht
erleben kann.

Helene. Stehen wir anderen _nicht_ in einem solchen Kampfe?

Loth. Nein.

Helene. Aber -- in einem Kampfe -- stehen wir doch auch?!

Loth. Natrlicherweise! aber der kann enden.

Helene. _Kann_ -- da haben Sie recht! -- und wieso kann der nicht
endigen -- der, den Sie kmpfen, Herr Loth?

Loth. Ihr Kampf, das kann nur ein Kampf sein um persnliches
Wohlergehen. Der Einzelne kann dies, so weit menschenmglich, erreichen.
Mein Kampf ist ein Kampf um das Glck aller; sollte ich glcklich sein,
so mten es erst alle anderen Menschen um mich herum sein; ich mte um
mich herum weder Krankheit noch Armuth, weder Knechtschaft noch
Gemeinheit sehen. Ich knnte mich so zu sagen nur als letzter an die
Tafel setzen.

Helene (mit Ueberzeugung). _Dann sind Sie ja ein sehr, sehr guter
Mensch!_

Loth (ein wenig betreten). Verdienst ist weiter nicht dabei, Frulein,
ich bin so veranlagt. Ich mu brigens sagen, da mir der Kampf im
Interesse des Fortschritts doch groe Befriedigung gewhrt. Eine Art
Glck, die ich weit hher anschlage, als die, mit der sich der gemeine
Egoist zufrieden giebt.

Helene. Es giebt wohl nur sehr wenige Menschen, die so veranlagt sind.
-- Es mu ein Glck sein, mit solcher Veranlagung geboren zu sein.

Loth. Geboren wird man wohl auch nicht damit. Man kommt dazu durch die
Verkehrtheit unserer Verhltnisse, scheint mir; -- nur mu man fr das
Verkehrte einen Sinn haben: _das_ ist es! Hat man den und leidet man so
bewut unter den verkehrten Verhltnissen, dann wird man mit
Nothwendigkeit zu dem, was ich bin.

Helene. Wenn ich Sie nur besser .... welche Verhltnisse nennen Sie zum
Beispiel verkehrt?

Loth. Es ist zum Beispiel verkehrt, wenn der im Schweie seines
Angesichts Arbeitende hungert und der Faule im Ueberflusse leben darf.
-- Es ist verkehrt, den Mord im Frieden zu bestrafen und den Mord im
Krieg zu belohnen. Es ist verkehrt, den Henker zu verachten und selbst,
wie es die Soldaten thun, mit einem Menschenabschlachtungs-Instrument,
wie es der Degen oder der Sbel ist, an der Seite stolz herumzulaufen.
Den Henker, der das mit dem Beile thte, wrde man zweifelsohne
steinigen. Verkehrt ist es dann, die Religion Christi, diese Religion
der Duldung, Vergebung und Liebe, als Staatsreligion zu haben und dabei
ganze Vlker zu vollendeten Menschenschlchtern heranzubilden. Dies sind
einige unter Millionen, mssen Sie bedenken. Es kostet Mhe, sich durch
alle diese Verkehrtheiten hindurchzuringen; man mu frh anfangen.

Helene. Wie sind Sie denn nur so auf alles dies gekommen? Es ist so
einfach und doch kommt man nicht darauf.

Loth. Ich mag wohl durch meinen Entwickelungsgang darauf gekommen sein,
durch Gesprche mit Freunden, durch Lecture, durch eigenes Denken.
Hinter die erste Verkehrtheit kam ich als kleiner Junge. Ich log mal
sehr stark und bekam dafr die schrecklichsten Prgel von meinem Vater.
Kurz darauf fuhr ich mit ihm auf der Eisenbahn, und da merkte ich, da
mein Vater auch log und es fr ganz selbstverstndlich hielt, zu lgen;
ich war damals fnf Jahre und mein Vater sagte dem Schaffner, ich sei
noch nicht vier, der freien Fahrt halber, welche Kinder unter vier
Jahren genieen. Dann sagte der Lehrer auch mal: sei fleiig, halt Dich
brav, dann wird es Dir auch unfehlbar gut gehen im Leben. Der Mann
lehrte uns eine Verkehrtheit, dahinter kam ich sehr bald. Mein Vater war
brav, ehrlich, durch und durch bieder, und ein Schuft, der noch jetzt
als reicher Mann lebt, betrog ihn um seine paar Tausend Thaler. Bei eben
diesem Schuft, der eine groe Seifenfabrik besa, mute mein Vater
sogar, durch die Noth getrieben, in Stellung treten.

Helene. Unsereins wagt es gar nicht -- wagt es gar nicht, so etwas fr
verkehrt anzusehen, hchstens ganz im Stillen empfindet man es. Man
empfindet es oft sogar, und dann -- wird einem ganz verzweifelt zu Muth.

Loth. Ich erinnere mich einer Verkehrtheit, die mir ganz besonders klar
als solche vor Augen trat. Bis dahin glaubte ich: der Mord werde unter
allen Umstnden als ein Verbrechen bestraft; danach wurde mir jedoch
klar, da nur die milderen Formen des Mordes ungesetzlich sind.

Helene. Wie wre das wohl ....

Loth. Mein Vater war Siedemeister, wir wohnten dicht an der Fabrik,
unsere Fenster gingen auf den Fabrikhof. Da sah ich auch noch manches
auerdem. Es war ein Arbeiter, der fnf Jahre in der Fabrik gearbeitet
hatte. Er fing an stark zu husten und abzumagern ... ich wei, wie uns
mein Vater bei Tisch erzhlte: Burmeister -- so hie der Arbeiter --
bekommt die Lungenschwindsucht, wenn er noch lnger bei der
Seifenfabrikation bleibt. Der Doktor hat es ihm gesagt. -- Der Mann
hatte acht Kinder, und ausgemergelt wie er war, konnte er nirgends mehr
Arbeit finden. Er _mute_ also in der Seifenfabrik bleiben, und der
Prinzipal that sich viel darauf zu gute, da er ihn beibehielt. Er kam
sich unbedingt uerst human vor. -- Eines Nachmittags, im August, es
war eine furchtbare Hitze, da qulte er sich mit einer Karre Kalk ber
den Fabrikhof. -- Ich sah gerade aus dem Fenster, da merke ich, wie er
still steht -- wieder still steht und schlielich schlgt er lang auf
die Steine. -- Ich lief hinzu -- mein Vater kam, andere Arbeiter kamen,
aber er rchelte nur noch, und sein ganzer Mund war voll Blut. Ich half
ihn ins Haus tragen. Ein Haufe kalkiger, nach allerhand Chemikalien
stinkender Lumpen war er; bevor wir ihn im Hause hatten, war er schon
gestorben.

Helene. Ach, schrecklich ist das.

Loth. Kaum acht Tage spter zogen wir seine Frau aus dem Flu, in den
die verbrauchte Lauge unserer Fabrik abflo. -- Ja, Frulein! wenn man
dies alles kennt, wie ich es _jetzt_ kenne -- glauben Sie mir! -- dann
lt es einem keine Ruhe mehr. Ein einfaches Stckchen Seife, bei dem
sich in der Welt sonst Niemand etwas denkt, ja, ein paar rein
gewaschene, gepflegte Hnde schon knnen einen in die bitterste Laune
versetzen.

Helene. Ich hab auch mal so was gesehen. Hu! schrecklich war das,
_schrecklich_!

Loth. Was?

Helene. Der Sohn von einem Arbeitsmann wurde halbtodt hier
hereingetragen. Es ist nun ... drei Jahre vielleicht ist es her.

Loth. War er verunglckt?

Helene. Ja, drben im Brenstollen.

Loth. Ein Bergmann also?

Helene. Ja, die meisten jungen Leute hier herum gehen auf die Grube. --
Ein zweiter Sohn desselben Vaters war auch Schlepper und ist auch
verunglckt.

Loth. Beide todt?

Helene. Beide todt .... Einmal ri etwas an der Fahrkunst, das andere
Mal waren es schlagende Wetter. -- Der alte Beibst hat aber noch einen
dritten Sohn, der fhrt auch seit Ostern ein.

Loth. Was Sie sagen! -- hat er nichts dawider?

Helene. Gar nichts, nein! Er ist nur jetzt noch weit mrrischer als
frher. Haben Sie ihn nicht schon gesehen?

Loth. Wieso ich?

Helene. Er sa ja heut frh nebenan, unter der Durchfahrt.

Loth. Ach! -- wie? .. Er arbeitet hier im Hofe?

Helene. Schon seit Jahren.

Loth. Er hinkt?

Helene. Ziemlich stark sogar.

Loth. Soosoo. -- Was ist ihm denn da passirt, mit dem Bein?

Helene. Das ist 'ne heikle Geschichte. Sie kennen doch den Herrn Kahl?
... da mu ich Ihnen aber ganz nahe kommen. Sein Vater, mssen Sie
wissen, war genau so ein Jagdnarr wie er. Er scho hinter den
Handwerksburschen her, die auf den Hof kamen, wenn auch nur in die Luft,
um ihnen Schrecken einzujagen. Er war auch sehr jhzornig, wissen Sie;
wenn er getrunken hatte, erst recht. Nu hat wohl der Beibst mal
gemuckscht -- er muckscht gern, wissen Sie, -- und da hat der Bauer die
Flinte zu packen gekriegt und ihm eine Ladung gegeben. Beibst, wissen
Sie, war nmlich frher beim Nachbar Kahl fr Kutscher.

Loth. Frevel ber Frevel, wohin man hrt.

Helene (immer unsicherer und erregter). Ich hab auch schon manchmal so
bei mir gedacht .... sie haben mir alle mitunter schon so furchtbar leid
gethan --: der alte Beibst und ..... Wenn die Bauern so roh und dumm
sind wie der -- wie der Streckmann, der -- lt seine Knechte hungern
und fttert die Hunde mit Conditorzeug. Hier bin ich wie dumm, seit ich
aus der Pension zurck bin ... Ich hab auch mein Pckchen! -- aber ich
rede ja wohl Unsinn, -- es interessirt Sie ja gar nicht -- Sie lachen
mich im Stillen blo aus.

Loth. Aber Frulein, wie knnen Sie nur .... weshalb sollte ich Sie denn
....

Helene. Nun, etwa nicht? Sie denken doch: die ist auch nicht besser wie
die Anderen hier.

Loth. Ich denke von Niemand schlecht, Frulein!

Helene. Das machen Sie mir nicht weis .... nein, nein!

Loth. Aber Frulein! wann hatte ich Ihnen Veranlassung ...

Helene (nahe am Weinen). Ach, reden Sie doch nicht! Sie verachten uns,
verlassen Sie sich d'rauf -- Sie mssen uns ja doch verachten, --
(weinerlich) -- den Schwager mit, _mich_ mit. _Mich_ vor allen Dingen
und dazu, da -- zu haben Sie wahr... wahrhaftig auch Grund. (Sie wendet
Loth schnell den Rcken und geht, ihrer Bewegung nicht mehr Herr, durch
den Obstgarten nach dem Hintergrunde zu ab. Loth tritt durch das
Pfrtchen und folgt ihr langsam.)

Frau Krause (in berladener Morgentoilette, puterroth im Gesicht, aus
der Hausthr, schreit). Doas Loaster vu Froovulk! Marie! Ma--rie!! unter
men'n Dache? Weg mu doas Froovulk! (Sie rennt ber den Hof und
verschwindet in der Stallthr. _Frau Spiller_, mit Hkelarbeit,
erscheint in der Hausthr. Im Stalle hrt man Schimpfen und Heulen.)

Frau Krause (die heulende Magd vor sich hertreibend, aus dem Stall). Du
Hurenfroovulk Du! -- (Die Magd heult strker) -- uuf der Stelle 'naus!
Sich Deine sieba Sacha z'samma und dann 'naus! (Helene, mit rothen Augen
kommt durch den Thorweg, bemerkt die Scene und steht abwartend still.)

Die Magd (entdeckt Frau Spiller, wirft Schemel und Milchgelte weg und
geht wthend auf sie zu). Doas biin iich Ihn'n schuldig! Doas war iich
Ihn'n eitrnka!! (Sie rennt schluchzend davon, die Bodentreppe hinauf.
Ab.)

Helene (zu Frau Krause tretend). Was hat sie denn gemacht?

Frau Krause (grob). Gieht's Diich oan, Goans?

Helene (heftig, fast weinend). Ja, mich geht's an.

Frau Spiller (schnell hinzutretend). Mein gndiges Frulein, so etwas
ist nicht fr das Ohr eines jungen Mdchens wie ...

Frau Krause. Worum ok ne goar, Spillern! die iis au ne vu Marzepane.
Mit'n Gruknecht zusoamma gelah'n hot se ei en Bette. Do wit de's.

Helene (in befehlendem Tone). Die Magd wird aber _doch_ bleiben.

Frau Krause. Weibsstck!

Helene. Gut! dann will ich dem Vater erzhlen, da Du mit Kahl Wilhelm
die Nchte ebenso verbringst.

Frau Krause (schlgt ihr eine Maulschelle). Du hust' an' Denkzettel!

Helene (todtbleich, aber noch fester). Die Magd bleibt aber _doch_,
sonst ... sonst bring ich's herum! Mit Kahl Wilhelm, Du! Dein Vetter ...
mein Brut'jam ... Ich bring's herum.

Frau Krause (mit wankender Fassung). Wer koan doas soa'n?

Helene. Ich! Denn ich hab ihn heut Morgen aus Deinem Schlafzimmer .....
(Schnell ab ins Haus.)

   Frau Krause, taumelnd, nahe einer Ohnmacht. Frau Spiller mit
   Riechflschchen zu ihr.

Frau Spiller. Gndige Frau, gndige Frau!

Frau Krause. Sp...illern, die Moa'd sss... sool dooblei'n.

                      Der Vorhang fllt schnell.




                             Dritter Akt.


   Zeit: wenige Minuten nach dem Vorfall zwischen Helene und ihrer
   Stiefmutter im Hofe. Der Schauplatz ist der des ersten Vorgangs.

   _Dr. Schimmelpfennig_ sitzt, ein Recept schreibend, Schlapphut,
   Zwirnhandschuhe und Stock vor sich auf der Tischplatte, an dem
   Tisch links im Vordergrunde. Er ist von Gestalt klein und
   gedrungen, hat schwarzes Wollhaar und einen ziemlich starken
   Schnurrbart. Schwarzer Rock im Schnitt der Jgerschen
   Normalrcke. Die Kleidung im Ganzen solid, aber nicht elegant.
   Hat die Gewohnheit, fast ununterbrochen seinen Schnurrbart zu
   streichen oder zu drehen, um so strker, je erregter er innerlich
   wird. Sein Gesichtsausdruck, wenn er mit Hoffmann redet, ist
   gezwungen ruhig, ein Zug von Sarkasmus liegt um seine Mundwinkel.
   Seine Bewegungen sind lebhaft, fest und eckig, durchaus
   natrlich. Hoffmann, in seidenem Schlafrock und Pantoffeln, geht
   umher. Der Tisch rechts im Hintergrunde ist zum Frhstck
   hergerichtet. Feines Porzellan. Gebck. Rumcaraffe etc.

Hoffmann. Herr Doktor, sind Sie mit dem Aussehen meiner Frau zufrieden?

Dr. Schimmelpfennig. Sie sieht ja ganz gut aus, warum nicht.

Hoffmann. Denken Sie, da alles gut vorber gehen wird?

Dr. Schimmelpfennig. Ich hoffe.

Hoffmann (nach einer Pause, zgernd). Herr Doktor, ich habe mir
vorgenommen -- schon seit Wochen -- Sie, sobald ich hierher kme, in
einer ganz bestimmten Sache um Ihren Rath zu bitten.

Dr. Schimmelpfennig, (der bis jetzt unter dem Schreiben geantwortet hat,
legt die Feder beiseite, steht auf und bergiebt Hoffmann das
geschriebene Recept). So! ... das lassen Sie wohl bald machen; -- (indem
er Hut, Handschuhe und Stock nimmt) -- ber Kopfschmerz klagt Ihre Frau,
-- (in seinen Hut blickend, geschftsmig) -- ehe ich es vergesse:
suchen Sie doch Ihrer Frau begreiflich zu machen, da sie fr das
kommende Lebewesen einigermaen verantwortlich ist. Ich habe ihr bereits
selbst einiges gesagt -- ber die Folgen des Schnrens.

Hoffmann. Ganz gewi, Herr Doktor ... ich will ganz gewi mein
Mglichstes thun, ihr ...

Dr. Schimmelpfennig (sich ein wenig linkisch verbeugend). Empfehle mich.
(Geht, bleibt wieder stehen.) Ach so! ... Sie wollten ja meinen Rath
hren. (Er blickt Hoffmann kalt an.)

Hoffmann. Ja, wenn Sie noch einen Augenblick Zeit htten ... (Nicht ohne
Affectirtheit.) Sie kennen das entsetzliche Ende meines ersten Jungen.
Sie haben es ja ganz aus der Nhe gesehen. Wie weit _ich_ damals war,
wissen Sie ja wohl auch. -- Man glaubt es nicht, dennoch: die Zeit
mildert! ... Schlielich habe ich sogar noch Grund zur Dankbarkeit, mein
sehnlichster Wunsch soll, wie es scheint, erfllt werden. Sie werden
begreifen, da ich alles thun mu ... Es hat mich schlaflose Nchte
genug gekostet und doch wei ich noch nicht, noch _immer_ nicht, wie ich
es anstellen soll, um das jetzt noch ungeborene Geschpf vor dem
furchtbaren Schicksale seines Brderchens zu bewahren. Und das ist es,
weshalb ich Sie ...

Dr. Schimmelpfennig (trocken und geschftsmig). Von seiner Mutter
trennen: Grundbedingung einer gedeihlichen Entwickelung.

Hoffmann. Also doch?! -- Meinen Sie, vllig trennen? ... Soll es auch
nicht in demselben Hause mit ihr ...?

Dr. Schimmelpfennig. Nein, wenn es Ihnen ernst ist um die Erhaltung
Ihres Kindes, dann nicht. Ihr Vermgen gestattet Ihnen ja in dieser
Beziehung die freieste Bewegung.

Hoffmann. Gott sei Dank, ja! Ich habe auch schon in der Nhe von
Hirschberg eine Villa mit sehr groem Park angekauft. Nur wollte ich
auch meine Frau ...

Dr. Schimmelpfennig (dreht seinen Bart und starrt auf die Erde. Unter
Nachdenken.) Kaufen Sie doch Ihrer Frau irgend wo anders eine Villa ...

Hoffmann (zuckt die Achseln).

Dr. Schimmelpfennig (wie vorher). Knnen Sie nicht -- Ihre Schwgerin --
fr die Aufgabe, dieses Kind zu erziehen, interessiren?

Hoffmann. Wenn Sie wten, Herr Doktor, was fr Hindernisse ...
auerdem: ein unerfahrenes, junges Ding ... Mutter ist doch Mutter.

Dr. Schimmelpfennig. Sie wissen meine Meinung. Empfehle mich.

Hoffmann (mit Ueberfreundlichkeit um ihn herum complimentirend).
Empfehle mich ebenfalls! Ich bin Ihnen uerst dankbar ...

                    Beide ab durch die Mittelthr.

   _Helene_, das Taschentuch vor den Mund gepret, schluchzend,
   auer sich, kommt herein und lt sich auf das Sopha links vorn
   hinfallen. Nach einigen Augenblicken tritt Hoffmann,
   Zeitungsbltter in den Hnden haltend, abermals ein.

Hoffmann. Was ist denn _das_ --? Sag' mal, Schwgerin! soll denn das
noch lange so fort gehen? -- Seit ich hier bin, vergeht nicht ein Tag,
an dem ich Dich nicht weinen sehe.

Helene. Ach! -- was weit Du!? -- Wenn Du berhaupt Sinn fr so was
htt'st, dann wrd'st Du Dich vielmehr wundern, wenn ich mal nicht
weinte.

Hoffmann. -- Das leuchtet mir nicht ein, Schwgerin!

Helene. Mir um so mehr!

Hoffmann. ... Es mu doch wieder was passirt sein, hr' mal!

Helene (springt auf, stampft mit dem Fue). Pfui! Pfui! ... und ich
mag's nicht mehr leiden ... Das hrt auf! Ich lasse mir das nicht mehr
bieten! Ich sehe nicht ein warum ... ich ... (im Weinen erstickend).

Hoffmann. Willst Du mir denn nicht wenigstens sagen, worum sich's
handelt, damit ...

Helene (auf's Neue heftig ausbrechend). Alles ist mir egal! Schlimmer
kann's nicht kommen: -- einen Trunkenbold von Vater hat man, ein Thier
-- vor dem die .... die eigene Tochter nicht sicher ist. -- Eine
ehebrecherische Stiefmutter, die mich an ihren Galan verkuppeln mchte
.. Dieses ganze Dasein berhaupt. -- Nein --! ich sehe nicht ein, wer
mich zwingen kann, durchaus schlecht zu werden. Ich gehe fort! Ich renne
fort -- und wenn Ihr mich nicht loslat, dann .... Strick, Messer,
Revolver! .... mir egal! -- ich will nicht auch zum Branntwein greifen
wie meine Schwester.

Hoffmann (erschrocken, packt sie am Arm). Lene! .... Ich sag' Dir,
still! ... davon still!

Helene. Mir egal! .... mir ganz egal! -- Man ist ... man mu sich
schmen bis in die Seele 'nein. -- Man mchte was wissen, was sein, was
sein knnen -- und was ist man nu?

Hoffmann, (der ihren Arm noch nicht wieder losgelassen, fngt an, das
Mdchen allmhlich nach dem Sopha hinzudrngen. Im Tone seiner Stimme
liegt nun pltzlich eine weichliche, bertriebene, gleichsam vibrirende
Milde.) _Lenchen_ --! Ich wei ja recht gut, da Du hier manches
auszustehen hast. Sei nur ruhig ...! Brauchst es mir gar nicht zu sagen.
(Er legt die Rechte liebkosend auf ihre Schulter, bringt sein Gesicht
nahe dem ihren.) Ich kann Dich gar nicht weinen sehen. Wahrhaftig! -- 's
thut mir weh. Sieh doch nur aber die Verhltnisse nicht schwrzer, als
sie sind --; und dann: -- hast Du vergessen, da wir beide -- Du und ich
-- so zu sagen in der gleichen Lage sind? -- Ich bin in diese
Bauernatmosphre hinein gekommen .... passe ich hinein? Genau so wenig
wie Du hoffentlich.

Helene (immer noch weinend). Htte mein -- gutes -- M -- Muttelchen das
geahnt -- als sie .... als sie bestimmte -- da ich in Herrnhut --
erzogen .... erzogen werden sollte. Htte sie -- mich lieber ... mich
lieber zu Hause gelassen, dann htte ich ... htte ich wenigstens --
nichts Anderes kennen gelernt, wre in dem Sumpf hier auf....
aufgewachsen --. Aber so ...

Hoffmann (hat Helene sanft auf das Sopha gezwungen und sitzt nun, eng an
sie gedrngt, neben ihr. Immer aufflliger verrth sich in seinen
Trstungen das sinnliche Element.) Lenchen --! Sieh mich an, la das gut
sein, trste Dich mit mir. -- Ich brauch' Dir von Deiner Schwester nicht
zu sprechen. (Hei und mit Innigkeit, indem er sie enger umschlingt.)
Ja, wre sie wie _Du_ bist! ... So aber ... sag' selbst: was kann _sie_
mir sein? -- Wo lebt ein Mann, Lenchen, ein gebildeter Mann, -- (leiser)
-- dessen Frau von einer so unglckseligen Leidenschaft befallen ist? --
Man darf es gar nicht laut sagen: eine Frau -- und -- Branntwein ...
Nun, sprich, bin ich glcklicher? .... Denk an mein Fritzchen! -- Nun?
... bin ich am Ende besser dran, wie? ... (Immer leidenschaftlicher.)
Siehst Du: so hat's das Schicksal schlielich noch gut gemeint. Es hat
uns zu einander gebracht. -- Wir gehren fr einander! Wir sind zu
Freunden voraus bestimmt, mit unsren gleichen Leiden. Nicht, Lenchen?
(Er umschlingt sie ganz. Sie lt es geschehen, aber mit einem Ausdruck,
der besagt, da sie sich zum Dulden zwingt. Sie ist still geworden und
scheint mit zitternder Spannung etwas zu erwarten, irgend eine
Gewiheit, eine Erfllung, die unfehlbar herankommt.)

Hoffmann (zrtlich). Du solltest meinem Vorschlag folgen, solltest dies
Haus verlassen, bei uns wohnen. -- Das Kindchen, das kommt, braucht eine
Mutter. -- Komm! sei Du ihm das; -- (leidenschaftlich gerhrt,
sentimental) -- sonst hat es eben keine Mutter. Und dann: -- bring ein
wenig, nur ein ganz, ganz klein wenig Licht in mein Leben. _Thuu's! --
thu -- 's!_ (Er will seinen Kopf an ihre Brust lehnen. Sie springt auf,
emprt. In ihren Mienen verrth sich Verachtung, Ueberraschung, Ekel,
Ha.)

Helene. Schwager! Du bist, Du bist ... Jetzt kenn ich Dich durch und
durch. Bisher hab ich's nur so dunkel gefhlt. Jetzt wei ich's ganz
gewi.

Hoffmann (berrascht, fassungslos). Was ...? Helene ... -- einzig,
wirklich.

Helene. Jetzt wei ich ganz gewi, da Du nicht um ein Haar besser bist
.... was denn! schlechter bist Du, der schlecht'ste von allen hier!

Hoffmann (steht auf, mit angenommener Klte). Dein Betragen heut ist
sehr eigenthmlich, weit Du!

Helene (tritt nahe zu ihm). Du gehst doch nur auf das eine Ziel los.
(Halblaut in sein Ohr.) Aber Du hast ganz andere Waffen als Vater und
Stiefmutter oder der ehrenfeste Herr Brutigam, ganz andere. Gegen Dich
gehalten sind sie Lmmer, alle mit 'nander. Jetzt, jetzt auf einmal,
jetzt eben ist mir das sonnenklar geworden.

Hoffmann (in erheuchelter Entrstung). Lene! Du bist .... Du bist nicht
bei Trost, das ist ja heller Wahn.... (Er unterbricht sich, schlgt sich
vor den Kopf.) Gott, wie wird mir denn auf einmal, natrlich! ... Du
hast .... es ist freilich noch sehr frh am Tage, aber ich wette, Du
hast .... Helene, Du hast heut frh schon mit Alfred Loth geredet.

Helene. Weshalb sollte ich denn nicht mit ihm geredet haben? Es ist ein
Mann, vor dem wir uns alle verstecken mten vor Scham, wenn es mit
rechten Dingen zuginge.

Hoffmann. Also wirklich! ... Ach sooo! .... na jaaa! .. allerdings ...
da darf ich mich weiter nicht wundern -- So, so, so, hat also die
Gelegenheit bentzt, ber seinen Wohlthter 'n bischen herzuziehen. Man
sollte immer auf dergleichen gefat sein, freilich!

Helene. Schwager! das ist nun geradezu _gemein_.

Hoffmann. Finde ich beinah auch!

Helene. Kein Sterbenswort, nicht ein Sterbenswort hat er gesagt ber
Dich.

Hoffmann (ohne darauf einzugehen). Wenn die Sachen _so_ liegen, dann ist
es geradezu meine Pflicht, ich sage, meine Pflicht, als Verwandter,
einem so unerfahrenen Mdchen gegenber wie Du bist .....

Helene. Unerfahrenes Mdchen --? Wie Du mir vorkommst!

Hoffmann (aufgebracht). Auf meine Verantwortung ist Loth hier in's Haus
gekommen. Nun mut Du wissen: -- er ist -- gelinde gesprochen -- ein
hchst ge--fhr--licher Schwrmer, dieser Herr Loth.

Helene. Da Du das von Herrn Loth sagst, hat fr mich so etwas --
Verkehrtes -- etwas lcherlich Verkehrtes.

Hoffmann. Ein Schwrmer, der die Gabe hat, nicht nur Weibern, sondern
auch _vernnftigen_ Leuten die Kpfe zu verwirren.

Helene. Siehst Du: _wieder_ so eine Verkehrtheit! Mir ist es nach den
wenigen Worten, die ich mit Herrn Loth geredet habe, so wohlthuend klar
im Kopfe ....

Hoffmann (im Tone eines Verweises). Was ich Dir sage, ist durchaus
nichts Verkehrtes.

Helene. Man mu fr das Verkehrte einen Sinn haben, und den hast Du eben
nicht.

Hoffmann (wie vorher). Davon ist jetzt nicht die Rede. Ich erklre Dir
nochmals, da ich Dir nichts Verkehrtes sage, sondern etwas, was ich
Dich bitten mu, als thatschlich wahr hinzunehmen .... Ich habe es an
mir erfahren: er benebelt einem den Kopf, und dann schwrmt man von
Vlkerverbrderung, von Freiheit und Gleichheit, setzt sich ber Sitte
und Moral hinweg .... Wir wren damals um dieser Hirngespinste willen --
wei der Himmel -- ber die Leichen unserer Eltern hinweggeschritten, um
zum Ziele zu gelangen. Und er, sage ich Dir, wrde erforderlichen Falls
noch heute dasselbe thun.

Helene. Wie viele Eltern mgen wohl alljhrlich ber die Leichen ihrer
Kinder schreiten, ohne da Jemand ....

Hoffmann (ihr in die Rede fallend). Das ist Unsinn! Da hrt _alles_ auf!
... Ich sage Dir, nimm Dich vor ihm in Acht, in jeder .... ich sage ganz
ausdrcklich, in _jeder_ Beziehung. -- Von moralischen Skrupeln ist da
keine Spur.

Helene. Ne, wie verkehrt dies nun wieder ist. Glaub' mir, Schwager,
fngt man erst mal an d'rauf zu achten .... es ist so schrecklich
interessant .....

Hoffmann. Sag' doch, was Du willst, gewarnt bist Du nun. Ich will Dir
nur noch ganz im Vertrauen mittheilen: ein Haar, und ich wre damals
durch ihn und mit ihm greulich in die Tinte gerathen.

Helene. Wenn dieser Mensch so gefhrlich ist, warum freutest Du Dich
denn gestern so aufrichtig, als ....

Hoffmann. Gott ja, er ist eben ein Jugendbekannter! Weit Du denn, ob
nicht ganz bestimmte Grnde vorlagen ....

Helene. Grnde? Wie denn?

Hoffmann. Nur so. -- Kme er allerdings heut und wte ich, was ich
jetzt wei --

Helene. Was weit Du denn nur? Ich sagte Dir doch bereits, er hat kein
Sterbenswort ber Dich verlauten lassen.

Hoffmann. -- Verla Dich d'rauf! Ich htte mir's zweimal berlegt und
mich wahrscheinlich sehr in Acht genommen, ihn hier zu behalten. Loth
ist und bleibt 'n Mensch, dessen Umgang compromittirt. Die Behrden
haben ihn im Auge.

Helene. Ja, hat er denn ein Verbrechen begangen?

Hoffmann. Sprechen wir lieber darber nicht. La es Dir genug sein,
Schwgerin, wenn ich Dir die Versicherung gebe: mit Ansichten, wie er
sie hat, in der Welt umherzulaufen, ist heutzutage weit schlimmer und
vor allem gefhrlicher als stehlen.

Helene. Ich will's mir merken. -- Nun aber -- Schwager! hrst Du? Frag'
mich nicht -- wie ich nach Deinen Reden ber Herrn Loth noch von _Dir_
denke. -- Hrst Du?

Hoffmann (cynisch kalt). Denkst Du denn wirklich, da mir so ganz
besonders viel daran liegt das zu wissen? (Er drckt den Klingelknopf.)
Uebrigens hre ich ihn da eben hereinkommen.

                           Loth tritt ein.

Hoffmann. Nun --? gut geschlafen, alter Freund?

Loth. Gut, aber nicht lange. Sag' doch mal: ich sah da vorhin Jemand aus
dem Haus kommen, einen Herrn.

Hoffmann. Vermuthlich der Doktor, der soeben hier war. Ich erzhlte Dir
ja ... dieser eigenthmliche Mischmasch von Hrte und Sentimentalitt.

   Helene verhandelt mit Eduard, der eben eingetreten ist. Er geht
   ab und servirt kurz darauf Thee und Kaffee.

Loth. Dieser Mischmasch, wie Du Dich ausdrckst, sah nmlich einem alten
Universittsfreunde von mir furchtbar hnlich -- ich htte schwren
knnen, da er es sei -- einem gewissen Schimmelpfennig.

Hoffmann (sich am Frhstckstisch niederlassend). Nu ja, ganz recht:
Schimmelpfennig!

Loth. Ganz recht? Was?

Hoffmann. Er heit in der That Schimmelpfennig.

Loth. Wer? Der Doktor hier?

Hoffmann. Du sagtest es doch eben. Ja, der Doktor.

Loth. Dann .... das ist aber auch wirklich wunderlich! Unbedingt ist
er's dann.

Hoffmann. Siehst Du wohl, schne Seelen finden sich zu Wasser und zu
Lande. Du nimmst mir's nicht bel, wenn ich anfange; wir wollten uns
nmlich gerade zum Frhstck setzen. Bitte, nimm Platz! Du hast doch
wohl nicht schon irgendwo gefrhstckt?

Loth. Nein!

Hoffmann. Nun dann, also. (Er rckt, selbst sitzend, Loth einen Stuhl
zurecht. Hierauf zu Eduard, der mit Thee und Kaffee kommt.) Ae! wird ..
e .. meine Frau Schwiegermama nicht kommen?

Eduard. Die gndige Frau und Frau Spiller werden auf ihrem Zimmer
frhstcken.

Hoffmann. Das ist aber doch noch nie ....

Helene (das Service zurechtrckend). La nur! Es hat seinen Grund.

Hoffmann. Ach so .. Loth! lang' zu .... ein Ei? Thee?

Loth. Knnte ich vielleicht lieber ein Glas Milch bekommen?

Hoffmann. Mit dem grten Vergngen.

Helene. Eduard! Miele soll frisch einmelken.

Hoffmann (schlt ein Ei ab). Milch -- brrr! mich schttelt's. (Salz und
Pfeffer nehmend.) Sag' mal, Loth, was fhrt Dich eigentlich in unsre
Gegend? Ich hab' bisher ganz vergessen, Dich danach zu fragen.

Loth (bestreicht eine Semmel mit Butter). Ich mchte die hiesigen
Verhltnisse studiren.

Hoffmann (mit einem Aufblick). Bitte ...? ... was fr Verhltnisse?

Loth. Prcise gesprochen: ich will die Lage der hiesigen Bergleute
studiren.

Hoffmann. Ach, die ist im Allgemeinen doch eine sehr gute.

Loth. Glaubst Du? -- Das wre ja brigens recht schn .... Doch eh ich's
vergesse: Du mut mir dabei einen Dienst leisten. Du kannst Dich um die
Volkswirthschaft sehr verdient machen, wenn ....

Hoffmann. Ich? I! wieso ich?

Loth. Nun, Du hast doch den Verschlei der hiesigen Gruben?

Hoffmann. Ja! und was dann?

Loth. Dann wird es Dir auch ein Leichtes sein, mir die Erlaubni zur
Besichtigung der Gruben auszuwirken. Das heit: ich will mindestens vier
Wochen lang tglich einfahren, damit ich den Betrieb einigermaen kennen
lerne.

Hoffmann (leichthin). Was Du da unten zu sehen bekommst, willst Du dann
wohl schildern?

Loth. Ja. Meine Arbeit soll vorzugsweise eine descriptive werden.

Hoffmann. Das thut mir nun wirklich leid, mit der Sache habe ich gar
nichts zu thun. -- Du willst blo ber die Bergleute schreiben, wie?

Loth. Aus dieser Frage hrt man, da Du kein Volkswirthschaftler bist.

Hoffmann (in seinem Dnkel gekrnkt). Bitte _sehr_ um Entschuldigung! Du
wirst mir wohl zutrauen ..... Warum? Ich sehe nicht ein, wieso man diese
Frage nicht thun kann? -- und schlielich: es wre kein Wunder ....
Alles kann man nicht wissen.

Loth. Na, beruhige Dich nur, die Sache ist einfach die: wenn ich die
Lage der hiesigen Bergarbeiter studiren will, so ist es unumgnglich,
auch alle die Verhltnisse, welche diese Lage bedingen, zu berhren.

Hoffmann. In solchen Schriften wird mitunter schauderhaft bertrieben.

Loth. Von diesem Fehler gedenke ich mich frei zu halten.

Hoffmann. Das wird sehr lblich sein. (Er hat bereits mehrmals und jetzt
wiederum mit einem kurzen und prfenden Blick Helenen gestreift, die mit
naiver Andacht an Loth's Lippen hngt, und fhrt nun fort.) Doch .... es
ist urkomisch, wie einem so was ganz urpltzlich in den Sinn kommt. Wie
so was im Gehirn nur vor sich gehen mag?

Loth. Was ist Dir denn auf einmal in den Sinn gekommen?

Hoffmann. Es betrifft Dich. -- Ich dachte an Deine Ver..... nein, es ist
am Ende tactlos, in Gegenwart von einer jungen Dame von Deinen
Herzensgeheimnissen zu reden.

Helene. Ja, dann will ich doch lieber ....

Loth. Bitte sehr, Frulein! .. _bleiben_ Sie ruhig, meinetwegen
wenigstens -- ich merke lngst, worauf er hinaus will. Ist auch durchaus
nichts Gefhrliches. (Zu Hoffmann.) Meine Verlobung, nicht wahr?

Hoffmann. Wenn Du selbst darauf kommst, ja! -- Ich dachte in der That an
Deine Verlobung mit Anna Faber.

Loth. Die ging auseinander -- naturgem -- als ich damals in's
Gefngni mute.

Hoffmann. Das war aber nicht hbsch von Deiner .....

Loth. Es war jedenfalls ehrlich von ihr! Ihr Absagebrief enthielt ihr
wahres Gesicht; htte sie mir dies Gesicht frher gezeigt, dann htte
sie sich selbst und auch mir manches ersparen knnen.

Hoffmann. Und seither hat Dein Herz nicht irgendwo festgehakt?

Loth. Nein.

Hoffmann. Natrlich! Nun: Bchse in's Korn geworfen -- heirathen
verschworen! verschworen wie den Alkohol! Was? Uebrigens _chacun  son
got_.

Loth. Mein Geschmack ist es eben nicht, aber vielleicht mein Schicksal.
Auch habe ich Dir, soviel ich wei, bereits einmal gesagt, da ich in
Bezug auf das Heirathen nichts verschworen habe; was ich frchte, ist:
da es keine Frau geben wird, die sich fr mich eignet.

Hoffmann. Ein groes Wort, Lothchen!

Loth. Im Ernst! -- Mag sein, da man mit den Jahren zu kritisch wird und
zu wenig gesunden Instinkt besitzt. Ich halte den Instinkt fr die beste
Garantie einer geeigneten Wahl.

Hoffmann (frivol). Der wird sich schon noch mal wiederfinden --
(lachend) -- der Instinkt nmlich.

Loth. -- Schlielich, was kann ich einer Frau bieten? Ich werde immer
mehr zweifelhaft, ob ich einer Frau zumuthen darf, mit dem kleinen
Theile meiner Persnlichkeit vorlieb zu nehmen, der nicht meiner
Lebensarbeit gehrt -- dann frchte ich mich auch vor der Sorge um die
Familie.

Hoffmann. Wa... was? -- vor der Sorge um die Familie? Kerl! hast Du denn
nicht Kopf, Arme, he?

Loth. Wie Du siehst. Aber ich sagte Dir ja schon, meine Arbeitskraft
gehrt zum grten Theil meiner Lebensaufgabe und wird ihr immer zum
grten Theil gehren: sie ist also nicht mehr mein. Ich htte auerdem
mit ganz besonderen Schwierigkeiten ....

Hoffmann. Pst! klingelt da nicht Jemand?

Loth. Du hltst das fr Phrasengebimmel?

Hoffmann. Ehrlich gesprochen, es klingt etwas hohl! Unser einer ist
schlielich auch kein Buschmann, trotzdem man verheirathet ist. Gewisse
Menschen geberden sich immer, als ob sie ein Privilegium auf alle in der
Welt zu vollbringenden guten Thaten htten.

Loth (heftig). Gar nicht! -- denk ich gar nicht d'ran! -- Wenn Du von
Deiner Lebensaufgabe nicht abgekommen wrst, so wrde das an Deiner
glcklichen materiellen Lebenslage mitliegen.

Hoffmann (mit Ironie). Dann wre das wohl auch eine Deiner Forderungen.

Loth. Wie? Forderungen? was?

Hoffmann. Ich meine: Du wrdest bei einer Heirath auf Geld sehen.

Loth. Unbedingt.

Hoffmann. Und dann giebt es -- wie ich Dich kenne -- noch eine lange
Zaspel anderer Forderungen.

Loth. Sind vorhanden! Leibliche und geistige Gesundheit der Braut zum
Beispiel ist _conditio sine qua non_.

Hoffmann (lachend). Vorzglich! Dann wird ja wohl vorher eine rztliche
Untersuchung der Braut nothwendig werden. -- Gttlicher Hecht!

Loth (immer ernst). Ich stelle aber auch an mich Forderungen, mut Du
nehmen.

Hoffmann (immer heiterer). Ich wei, wei! ... wie Du mal die Literatur
ber Liebe durchgingst, um auf das Gewissenhafteste festzustellen ob
das, was Du damals fr irgend eine Dame empfandest, auch wirklich Liebe
sei. Also sag' doch mal noch einige Deiner Forderungen.

Loth. Meine Frau mte zum Beispiel entsagen knnen.

Helene. -- Wenn ... wenn .... Ach! ich will lieber nicht reden ... ich
wollte nur sagen: die Frau ist doch im Allgemeinen an's Entsagen
gewhnt.

Loth. Um's Himmels willen! Sie verstehen mich durchaus falsch. So ist
das Entsagen nicht gemeint. Nur in sofern verlange ich Entsagung, oder
besser, nur auf den Theil meines Wesens, der meiner Lebensaufgabe
gehrt, mte sie freiwillig und mit Freuden verzichten. Nein, nein! im
brigen soll meine Frau fordern und immer fordern -- alles was ihr
Geschlecht im Laufe der Jahrtausende eingebt hat.

Hoffmann. Au! au! au! ... Frauenemancipation! -- wirklich Deine
Schwenkung war bewunderungswrdig -- nun bist Du im rechten Fahrwasser.
Fritz Loth, oder der Agitator in der Westentasche! ... Wie wrdest Du
denn hierin Deine Forderungen formuliren, oder besser: wie weit mte
Deine Frau emancipirt sein? -- Es amsirt mich wirklich Dich anzuhren
-- Cigarren rauchen? Hosen tragen?

Loth. Das nun weniger -- aber -- sie mte allerdings ber gewisse
gesellschaftliche Vorurtheile hinaus sein. Sie mte zum Beispiel nicht
davor zurckschrecken zuerst -- falls sie nmlich wirklich Liebe zu mir
empfnde -- das bewute Bekenntni abzulegen.

Hoffmann (ist mit frhstcken zu Ende. Springt auf, in halb ernster,
halb komischer Entrstung.) Weit Du? das ... das ist ... eine geradezu
_unverschmte_ Forderung! mit der Du allerdings auch -- wie ich Dir
hiermit prophezeihe -- wenn Du nicht etwa vorziehst sie fallen zu
lassen, bis an Dein Lebensende herumlaufen wirst.

Helene (mit schwer bewltigter, innerer Erregung). Ich bitte die Herren
mich jetzt zu entschuldigen -- die Wirthschaft ... Du weit, Schwager:
Mama ist in der Stube und da ...

Hoffmann. La Dich nicht abhalten.

                      Helene verbeugt sich; ab.

Hoffmann (mit dem Streichholzetui nach dem Cigarrenkistchen, das auf dem
Buffet steht, zuschreitend). Das mu wahr sein ... Du bringst einen in
Hitze, ... ordentlich unheimlich. (Nimmt eine Cigarre aus der Kiste und
lt sich dann auf das Sopha links vorn nieder. Er schneidet die Spitze
der Cigarre ab und hlt whrend des Folgenden die Cigarre in der linken,
das abgetrennte Spitzchen zwischen den Fingern der rechten Hand.) Bei
alledem ... es amsirt doch. Und dann: Du glaubst nicht, wie wohl es
thut, so'n paar Tage auf dem Lande, abseit von den Geschften,
zuzubringen. Wenn nur nicht heute dies verwnschte ... wie spt ist es
denn eigentlich? Ich mu nmlich leider Gottes heute zu einem Essen nach
der Stadt. -- Es war unumgnglich: dies Diner mute ich geben. Was soll
man machen als Geschftsmann? -- Eine Hand wscht die andere. Die
Bergbeamten sind nun mal d'ran gewhnt. -- Na! eine Cigarre kann man
noch rauchen -- in aller Gemthsruhe. (Er trgt das Spitzchen nach dem
Spucknapf, lt sich dann abermals auf das Sopha nieder und setzt seine
Cigarre in Brand.)

Loth (am Tisch; blttert stehend in einem Prachtwerk). Die Abenteuer des
Grafen Sandor.

Hoffmann. Diesen Unsinn findest Du hier bei den meisten Bauern
aufliegen.

Loth (unter dem Blttern). Wie alt ist eigentlich Deine Schwgerin?

Hoffmann. Im August einundzwanzig gewesen.

Loth. Ist sie leidend?

Hoffmann. Wei nicht. - Glaube brigens nicht -- macht sie Dir den
Eindruck? --

Loth. Sie sieht allerdings mehr verhrmt als krank aus.

Hoffmann. Na ja! die Scheerereien mit der Stiefmutter ...

Loth. Auch ziemlich reizbar scheint sie zu sein!?

Hoffmann. Unter solchen Verhltnissen ...... Ich mchte den sehen, der
unter solchen Verhltnissen nicht reizbar werden wrde ...

Loth. Viel Energie scheint sie zu besitzen.

Hoffmann. Eigensinn!

Loth. Auch Gemth, nicht?

Hoffmann. Zu viel mitunter .......

Loth. Wenn die Verhltnisse hier so milich fr sie sind -- warum lebt
Deine Schwgerin dann nicht in _Deiner_ Familie?

Hoffmann. Frag' sie, warum! -- Oft genug hab ich ihr's angeboten.
Frauenzimmer haben eben ihre Schrullen. (Die Cigarre im Munde, zieht
Hoffmann ein Notizbuch und summirt einige Posten.) Du nimmst es mir doch
wohl nicht bel, wenn ich ... wenn ich Dich dann allein lassen mu?

Loth. Nein, gar nicht.

Hoffmann. Wie lange gedenkst Du denn noch ...?

Loth. Ich werde mir bald nachher eine Wohnung suchen. Wo wohnt denn
eigentlich Schimmelpfennig? Am besten, ich gehe zu ihm. Der wird mir
gewi etwas vermitteln knnen. Hoffentlich findet sich bald etwas
Geeignetes, sonst wrde ich die nchste Nacht im Gasthaus nebenan
zubringen.

Hoffmann. Wieso denn? Natrlich bleibst Du dann bis morgen bei uns.
Freilich, ich bin selbst nur Gast in diesem Hause -- sonst wrde ich
Dich natrlich auffordern ... Du begreifst ...!

Loth. Vollkommen! ...

Hoffmann. Aber sag' doch mal -- sollte das wirklich Dein Ernst gewesen
sein ....?

Loth. Da ich die nchste Nacht im Gast....?

Hoffmann. Unsinn! ... Bewahre! Was Du vorhin sagtest, meine ich. Die
Geschichte da -- mit Deiner vertrackten descriptiven Arbeit?

Loth. Weshalb nicht?

Hoffmann. Ich mu Dir gestehen, ich hielt es fr Scherz. (Er erhebt
sich, vertraulich, halb und halb im Scherz.) Wie? Du solltest wirklich
fhig sein, hier ... gerade hier, wo ein Freund von Dir glcklich festen
Fu gefat hat, den Boden zu unterwhlen?

Loth. Mein Ehrenwort, Hoffmann! Ich hatte keine Ahnung davon, da Du
Dich hier befndest. Htte ich das gewut ....

Hoffmann (springt auf, hocherfreut). Schon gut! schon gut! Wenn die
Sachen _so_ liegen .... siehst Du, das freut mich _aufrichtig_, da ich
mich nicht in Dir getuscht habe. Also, Du weit es nun, und
selbstredend erhltst Du die Kosten der Reise und alles, was drum und
dran baumelt, von mir vergtet. Ziere Dich nicht! Es ist einfach meine
Freundespflicht .... Daran erkenne ich meinen alten, biederen Loth!
Denke mal an: ich hatte Dich wirklich eine Zeit lang ernstlich im
Verdacht .... Aber nun mu ich Dir auch ehrlich sagen, so schlecht, wie
ich mich zuweilen hinstelle, bin ich keineswegs. Ich habe Dich immer
hochgeschtzt, Dich und Dein ehrliches, consequentes Streben. Ich bin
der letzte, der gewisse, -- leider, leider mehr als berechtigte
Ansprche der ausgebeuteten, unterdrckten Massen nicht gelten lt. --
Ja, lchle nur, ich gehe sogar so weit zu bekennen, da es im Reichstag
nur _eine_ Partei giebt, die Ideale hat: und das ist dieselbe, der Du
angehrst! .... Nur -- wie gesagt -- langsam! langsam! -- nichts
berstrzen. Es kommt alles, kommt alles, wie es kommen soll. Nur
Geduld! Geduld ....

Loth. Geduld mu man allerdings haben. Deshalb ist man aber noch nicht
berechtigt, die Hnde in den Schoo zu legen!

Hoffmann. Ganz meine Ansicht! -- Ich hab' Dir berhaupt in Gedanken weit
fter zugestimmt als mit Worten. Es ist 'ne Unsitte, ich geb's zu. Ich
hab' mir's angewhnt, im Verkehr mit Leuten, die ich nicht gern in meine
Karten sehen lasse .... Auch in der Frauenfrage .... Du hast manches
sehr treffend geuert. (Er ist inzwischen an's Telephon getreten, weckt
und spricht theils in's Telephon, theils zu Loth.) Die kleine Schwgerin
war brigens ganz Ohr ... (In's Telephon.) Franz! In zehn Minuten mu
angespannt sein ... (Zu Loth.) Es hat ihr Eindruck gemacht ... (In's
Telephon.) Was? -- ach was, Unsinn! -- Na, da hrt doch aber ..... Dann
schirren Sie schleunigst die Rappen an ..... (Zu Loth.) Warum sollte es
ihr keinen Eindruck machen? ... (In's Telephon.) Gerechter Strohsack,
zur Putzmacherin sagen Sie? Die gndige Frau .... die gn... Ja -- na
ja! aber sofort -- na ja! -- ja! -- schn! Schlu! (Nachdem er darauf
den Knopf der Hausklingel gedrckt, zu Loth.) Wart' nur ab, Du! La mich
nur erst den entsprechenden Monetenberg aufgeschichtet haben, vielleicht
geschieht dann etwas ... (Eduard ist eingetreten.) Eduard! Meine
Gamaschen, meinen Gehrock! (Eduard ab.) Vielleicht geschieht dann etwas,
was Ihr mir alle jetzt nicht zutraut .... Wenn Du in zwei oder drei
Tagen -- bis dahin wohnst Du unbedingt bei uns -- ich mte es sonst als
eine grobe Beleidigung ansehen -- (er legt den Schlafrock ab) -- in zwei
bis drei Tagen also, wenn Du abzureisen gedenkst, bringe ich Dich mit
meiner Kutsche zur Bahn.

             Eduard mit Gehrock und Gamaschen tritt ein.

Hoffmann (indem er sich den Rock berziehen lt). So! (Auf einen Stuhl
niedersitzend.) Nun die Stiefel! (Nachdem er einen derselben angezogen.)
Das wre einer!

Loth. Du hast mich doch wohl nicht ganz verstanden.

Hoffmann. Ach ja! das ist leicht mglich. Man ist so raus aus all den
Sachen. Nur immer lederne Geschftsangelegenheiten. Eduard! ist denn
noch keine Post gekommen? Warten Sie mal! -- Gehen Sie doch mal in mein
Zimmer! Auf dem Pult links liegt ein Schriftstck mit blauem Deckel,
bringen Sie's raus in die Wagentasche. (Eduard ab in die Thr rechts,
dann zurck und ab durch die Mittelthr.)

Loth. Ich meine ja nur: Du hast mich in _einer Beziehung_ nicht
verstanden.

Hoffmann (sich immer noch mit dem zweiten Schuh herumqulend). Upsa!
.... So! (Er steht auf und tritt die Schuhe ein.) Da wren wir. Nichts
ist unangenehmer als enge Schuhe ..... Was meintest Du eben?

Loth. Du sprachst von meiner Abreise .....

Hoffmann. Nun?

Loth. Ich habe Dir doch bereits gesagt, da ich um eines ganz bestimmten
Zweckes willen hier am Ort bleiben mu.

Hoffmann (auf's uerste verblfft und entrstet zugleich). Hr' mal
....! Das ist aber beinahe _nichts_wrdig! -- Weit Du denn nicht, was
Du mir als Freund schuldest?

Loth. Doch wohl nicht den Verrath meiner Sache!?

Hoffmann (auer sich). Nun, dann ... dann habe ich auch nicht die
kleinste Veranlassung, Dir gegenber als Freund zu verfahren. Ich sage
Dir also: da ich Dein Auftreten hier -- gelinde gesprochen -- fr
_fabelhaft_ dreist halte.

Loth (sehr ruhig). Vielleicht erklrst Du mir, was Dich berechtigt, mich
mit dergleichen Epitheta .....

Hoffmann. Das soll ich Dir auch noch erklren? Da hrt eben
_verschiedenes_ auf! Um so was nicht zu fhlen, mu man Rhinoceroshaut
auf dem Leibe haben! Du kommst hierher, genie'st meine
Gastfreundschaft, drisch'st mir ein paar Schock Deiner abgegriffnen
Phrasen vor, verdrehst meiner Schwgerin den Kopf, schwatzest von alter
Freundschaft und so was gut's und dann erzhlst Du ganz naiv: Du
wolltest eine descriptive Arbeit ber hiesige Verhltnisse verfertigen.
Ja, fr was _hltst_ Du mich denn eigentlich? Meinst Du vielleicht, ich
wte nicht, da solche sogenannte Arbeiten nichts als schamlose
Pamphlete sind? ... Solch eine Schmhschrift willst Du schreiben und
zwar ber unseren Kohlendistrict. Solltest Du denn wirklich nicht
begreifen, wen diese Schmhschrift am allerschrfsten schdigen mte?
Doch nur _mich_! -- Ich sage: man sollte Euch das Handwerk noch
grndlicher legen, als es bisher geschehen ist, Volksverfhrer! die Ihr
seid! Was thut Ihr? Ihr macht den Bergmann unzufrieden, anspruchsvoll,
reizt ihn auf, erbittert ihn, macht ihn aufsssig, ungehorsam,
unglcklich, spiegelt ihm goldene Berge vor und grapscht ihm unter der
Hand seine _paar_ Hungerpfennige aus der Tasche.

Loth. Erachtest Du Dich nun als demaskirt?

Hoffmann (roh). Ach was! Du lcherlicher, gespreizter Tugendmeier! Was
mir das wohl ausmacht, vor Dir demaskirt zu sein! -- Arbeite lieber! La
Deine albernen Faseleien! -- Thu was! Komm zu was! Ich brauche Niemand
um zweihundert Mark anzupumpen. (Schnell ab durch die Mittelthr.)

   Loth sieht ihm einige Augenblicke ruhig nach, dann greift er,
   nicht minder ruhig, in seine Brusttasche, zieht ein Portefeuille
   und entnimmt ihm ein Stck Papier (den Chec Hoffmann's), das er
   mehrmals durchreit, um die Schnitzel dann langsam in den
   Kohlenkasten fallen zu lassen. Hierauf nimmt er Hut und Stock und
   wendet sich zum Gehen. Jetzt erscheint _Helene_ auf der Schwelle
   des Wintergartens.

Helene (leise). Herr Loth!

Loth (zuckt zusammen, wendet sich). Ah! Sie sind es. -- Nun -- dann --
kann ich _Ihnen_ doch wenigstens ein Lebewohl sagen.

Helene (unwillkrlich). War Ihnen das Bedrfni?

Loth. Ja! -- es war mir Bedrfni --! Vermuthlich -- wenn Sie da drin
gewesen sind -- haben Sie den Auftritt hier mit angehrt -- und dann
.....

Helene. Ich habe alles mit angehrt.

Loth. Nun -- dann -- wird es Sie nicht in Erstaunen setzen, wenn ich
dieses Haus so ohne Sang und Klang verlasse.

Helene. N -- nein! -- ich begreife --! ..... Vielleicht kann's Sie
milder gegen ihn stimmen ... mein Schwager bereut immer sehr schnell.
Ich hab's oft ...

Loth. Ganz mglich --! Vielleicht gerade deshalb aber ist das, was er
ber mich sagte, seine wahre Meinung von mir. -- Es ist sogar unbedingt
seine wahre Meinung.

Helene. Glauben Sie das im Ernst?

Loth. Ja! -- im Ernst! Also .... (Er geht auf sie zu und giebt ihr die
Hand.) Leben Sie recht glcklich! (Er wendet sich und steht sogleich
wieder still.) Ich wei nicht ....! oder besser: -- (Helenen klar und
ruhig ins Gesicht blickend) -- ich wei, wei erst seit ... seit diesem
Augenblick, da es mir nicht ganz leicht ist, von hier fortzugehen ....
und .... ja ... und ... na ja!

Helene. Wenn ich Sie aber -- recht schn bte .... recht sehr ... noch
weiter hier zu bleiben --?

Loth. Sie theilen also nicht die Meinung Ihres Schwagers?

Helene. Nein! -- und das -- wollte ich Ihnen unbedingt ... unbedingt
noch sagen, bevor ... bevor -- Sie -- gingen.

Loth (ergreift abermals ihre Hand). Das thut mir _wirklich_ wohl.

Helene (mit sich kmpfend. In einer sich schnell bis zur Bewutlosigkeit
steigernden Erregung. Mhsam hervorstammelnd.) Auch noch mehr w--ollte
ich Ihnen ... Ihnen sagen, nmlich ... nm--lich, da -- ich Sie sehr
hoch--achte und -- verehre -- wie ich bis jetzt .... bis jetzt noch --
keinen Mann ...., da ich Ihnen -- vertraue, -- da ich be--reit bin,
das ..... das zu beweisen -- da ich -- etwas fr -- Dich, Sie fhle ...
(Sinkt ohnmchtig in seine Arme.)

Loth. Helene!

                        Vorhang fllt schnell.




                             Vierter Akt.


   Wie im zweiten Akt: der Gutshof. Zeit: eine Viertelstunde nach
   Helenens Liebeserklrung.

   _Marie_ und _Golisch_, der Kuhjunge, schleppen sich mit einer
   hlzernen Lade die Bodentreppe herunter. Loth kommt reisefertig
   aus dem Hause und geht langsam und nachdenklich quer ber den
   Hof. Bevor er in den Wirthshaussteg einbiegt, stt er auf
   _Hoffmann_, der mit ziemlicher Eile durch den Hofeingang ihm
   entgegenkommt.

Hoffmann, (Cylinder, Glachandschuhe). Sei mir nicht bse. (Er verstellt
Loth den Weg und fat seine beiden Hnde.) Ich nehme hiermit alles
zurck! ... Nenne mir eine Genugthuung! ... Ich bin zu jeder Genugthuung
bereit! .... Ich bereue, bereue alles aufrichtig.

Loth. Das hilft Dir und mir wenig.

Hoffmann. Ach! -- wenn Du doch ... sieh mal ....! Mehr kann man doch
eigentlich nicht thun. Ich sage Dir: mein Gewissen hat mir keine Ruhe
gelassen! Dicht vor Jauer bin ich umgekehrt, .... daran solltest Du doch
schon erkennen, da es mir Ernst ist. -- Wo wolltest Du hin ....?

Loth. In's Wirthshaus -- einstweilen.

Hoffmann. Ach, das darfst Du mir nicht anthun ...! Das thu mir nur nicht
an! Ich glaube ja, da es Dich tief krnken mute. 'S ist ja auch
vielleicht nicht so -- mit ein paar Worten wieder gut zu machen. Nur
nimm mir nicht jede Gelegenheit .... jede Mglichkeit, Dir zu beweisen
.... hrst Du? Kehr um! .... Bleib wenigstens bis ... bis morgen. Oder
bis ... bis ich zurckkomme. Ich mu mich noch einmal in Mue mit Dir
aussprechen darber; -- das kannst Du mir nicht abschlagen.

Loth. Wenn Dir daran besonders viel gelegen ist ....

Hoffmann. Alles! ... auf Ehre! -- ist mir daran gelegen, alles! ....
Also komm! ... komm!! Kneif ja nicht aus! -- komm! (Er fhrt Loth, der
sich nun nicht mehr strubt, in das Haus zurck. Beide ab.)

   Die entlassene Magd und der Kuhjunge haben inzwischen die Lade
   auf den Schubkarren gesetzt, Golisch hat die Traggurte
   umgenommen.

Marie, (whrend sie Golisch etwas in die Hand drckt). Doo! Gooschla!
hust a woas!

Der Junge (weist es ab). Behaal' Den'n Biema!

Marie. Ae! tumme Dare!

Der Junge. Na, wegen menner. (Er nimmt das Geld und thut es in seinen
ledernen Geldbeutel.)

Frau Spiller (von einem der Wohnhausfenster aus, ruft): Marie!

Marie. Woas wullt Er noo?

Frau Spiller (nach einer Minute aus der Hausthr tretend). Die gndige
Frau will Dich behalten, wenn Du versprichst ....

Marie. Dreck! war ich er versprecha! -- Foahr zu, Goosch!

Frau Spiller (nher tretend). Die gndige Frau will Dir auch etwas am
Lohn zulegen, wenn Du ..... (Pltzlich flsternd.) Mach Der nischt
draus, Moad! se werd ok manchmal so'n bisken kullerig.

Marie (wthend). Se maag siich ihre poar Greschla fer sich behahl'n! --
(Weinerlich.) Ehnder derhingern! (Sie folgt Gosch, der mit dem
Schubkarren vorangefahren ist.) Nee, a su woas oaber oo! -- Do sool eens
do glei' ... (Ab. Frau Spiller ihr nach. Ab.)

   Durch den Haupteingang kommt _Baer_, genannt Hopslabaer. Ein
   langer Mensch mit einem Geierhalse und Kropfe dran. Er geht
   barfu und ohne Kopfbedeckung; die Beinkleider reichen, unten
   stark ausgefranst, bis wenig unter die Knie herab. Er hat eine
   Glatze; das vorhandene braune, verstaubte und verklebte Haar
   reicht ihm bis ber die Schulter. Sein Gang ist strauenartig. An
   einer Schnur fhrt er ein Kinderwgelchen voll Sand mit sich.
   Sein Gesicht ist bartlos, die ganze Erscheinung deutet auf einen
   einige Zwanzig alten verwahrlosten Bauernburschen.

Baer (mit merkwrdig blkender Stimme). Saaa--a--and! Saa--and!

   Er geht durch den Hof und verschwindet zwischen Wohnhaus und
   Stallgebude. _Hoffmann_ und _Helene_ aus dem Wohnhaus. Helene
   sieht bleich aus und trgt ein leeres Wasserglas in der Hand.

Hoffmann (zu Helene). Unterhalt ihn bissel! verstehst Du? -- La ihn
nicht fort -- es liegt mir sehr viel daran. -- So'n beleidigter Ehrgeiz
.... Adieu! -- Ach! Soll ich am Ende nicht fahren? -- Wie geht's mit
Martha? -- Ich hab so'n eigenthmliches Gefhl, als ob's bald .....
Unsinn! -- Adieu! ... hchste Eile! (Ruft.) Franz! Was die Pferde laufen
knnen! (Schnell ab durch den Haupteingang.)

   _Helene_ geht zur Pumpe, pumpt das leere Glas voll und leert es
   auf einen Zug. Ein zweites Glas Wasser leert sie zur Hlfte. Das
   Glas setzt sie dann auf das Pumpenrohr und schlendert langsam,
   von Zeit zu Zeit rckwrts schauend, durch den Thorweg hinaus.
   _Baer_ kommt zwischen Wohnhaus und Stallung hervor und hlt mit
   seinem Wagen vor der Wohnhausthr still, wo Miele ihm Sand
   abnimmt. Inde ist _Kahl_ von rechts innerhalb des Grenzzaunes
   sichtbar geworden, im Gesprch mit _Frau Spiller_, die auerhalb
   des Zaunes, also auf dem Terrain des Hofeingangs, sich befindet.
   Beide bewegen sich im Gesprch langsam lngs des Zaunes hin.

Frau Spiller (leidend). Ach ja -- m -- gndiger Herr Kahl! Ich hab -- m
-- manchmal so an Sie -- m -- gedacht -- m -- wenn ... wenn das gndige
Freilein ... Sie ist doch nun mal -- m -- so zu sagen -- m -- mit Sie
verlobt, und da .... ach! -- m -- zu meiner Zeit ...!

Kahl (steigt auf die Bank unter der Eiche und befestigt einen
Meisekasten auf dem untersten Ast). W -- wenn werd denn d.. dd.. doas
D... d... d... dukterluder amol sssenner W... wwwege gihn? h?

Frau Spiller. Ach, Herr Kahl! ich glaube -- m -- nicht so bald. -- A..
ach, Herr -- m -- Kahl, ich bin zwar so zu sagen -- m -- etwas -- m --
herabjekommen, aber ich wei so zu sagen -- m --, was Bildung ist. In
dieser Hinsicht, Herr Kahl ...., das Freilein -- m -- das gndige
Freilein ...., das handeln nicht gut gegen Ihnen -- nein! -- m -- darin,
so zu sagen -- m -- habe ich mir nie etwas zu Schulden kommen lassen --
m -- mein Gewissen -- m -- gndiger Herr Kahl, ist darin so rein ... so
zu sagen, wie reiner Schnee.

   Baer hat sein Sandgeschft abgewickelt und verlt in diesem
   Augenblick, an Kahl vorbergehend, den Hof.

Kahl (entdeckt Baer und ruft). Hopslabaer, hops amool!

                Baer macht einen riesigen Luftsprung.

Kahl (vor Lachen wiehernd, ruft ein zweites Mal). Hopslabaer, hops
amool!

Frau Spiller. Nun da -- m -- ja, Herr Kahl! ...... ich meine es nur gut
mit Sie. Sie mssen Obacht geben -- m -- gndiger Herr! Es -- m -- es
ist was im Gange mit dem gndigen Frulein und -- m -- m --

Kahl. D.. doas Dukterluder ... ok bbbbluig emool vor a Hunden -- bluig
e.. e.. e.. emool!

Frau Spiller (geheimnivoll). Und was das nun noch -- m -- fr ein
Indifidium ist. Ach -- m -- das gndige Freilein thut mir auch _soo_
leid. Die Frau -- m -- vom Polizeidiener, die hat's vom Amte, glaub ich.
Es soll ein ganz -- m -- gefhrlicher Mensch sein. Ihr Mann -- m -- soll
ihn so zu sagen -- m -- denken Sie nur, soll ihn -- m -- geradezu im
Auge behalten.

   _Loth_ aus dem Hause. Sieht sich um.

Frau Spiller. Seh'n Sie, nun jeht er dem gndigen Freilein nach -- m --.
Aa... ach, _zuu_ leid thut es einem.

Kahl. Na wart'! (Ab.)

   _Frau Spiller_ geht nach der Hausthre. Als sie an Loth
   vorbeikommt, macht sie eine tiefe Verbeugung. Ab in das Haus.

   _Loth_ langsam durch den Thorweg ab. Die _Kutschenfrau_, eine
   magere, abgehrmte und ausgehungerte Frauensperson, kommt
   zwischen Stallgebude und Wohnhaus hervor. Sie trgt einen groen
   Topf unter ihrer Schrze versteckt und schleicht damit, sich
   berall ngstlich umblickend, nach dem Kuhstall. Ab in die
   Kuhstallthr. Die beiden _Mgde_, jede eine Schubkarre, hoch mit
   Klee beladen, vor sich herstoend, kommen durch den Thorweg
   herein. _Beibst_, die Sense ber der Schulter, die kurze Pfeife
   im Munde, folgt ihnen nach. Liese hat ihre Schubkarre vor die
   linke, Auguste vor die rechte Stallthr gefahren, und beide
   Mdchen beginnen groe Arme voll Klee in den Stall hinein zu
   schaffen.

Liese (leer aus dem Stalle herauskommend). Du, Guste! de Marie iis furt.

Auguste. Joa wull doch?!

Liese. Gih nei! freu' die Kutscha-Franzen, se milkt er an Truppen Milch
ei.

Beibst (hngt seine Sense an der Wand auf). Na! doa lut ok de Spillern
nee ernt derzune kumma.

Auguste. Oh jechtich! nee ok nee! bei Leibe nich!

Liese. A su a oarm Weib miit achta.

Auguste. Acht kleene Blge! -- die wull'n laba.

Liese. Ne amool an Truppen Milch thun s' er ginn'n ... meschant iis
doas.

Auguste. Wu milkt sie denn?

Liese. Ganz derhinga, de neumalke Fenus!

Beibst (stopft seine Pfeife; den Tabaksbeutel mit den Zhnen
festhaltend, nuschelt er). De Marie wr' weg?

Liese. Ju, ju, 's iis fer gewi! -- der Pfaarknecht hot gle bein er
geschloofa.

Beibst (den Tabaksbeutel in die Tasche steckend). Amool wiil jedes! --
au' de Frau. (Er zndet sich die Pfeife an, darauf durch den
Haupteingang ab. Im Abgehen.) Ich gih a wing frihsticka!

Die Kutschenfrau (den Topf voll Milch vorsichtig unter der Schrze,
guckt aus der Stallthr heraus). Sitt ma Jemanda?

Liese. Koanst kumma, Kutschen, ma sitt ken'n. Kumm! kumm schnell!

Kutschenfrau (im Vorbergehen zu den Mgden). Ok fersch Pappekindla!

Liese (ihr nachrufend). Schnell! S' kimmt Jemand. (_Kutschenfrau_
zwischen Wohnhaus und Stallung ab.)

Auguste. Bluig ok inse Frele.

   Die Mgde rumen nun weiter die Schubkarren ab und schieben sie,
   wenn sie leer sind, unter den Thorweg, hierauf beide ab in den
   Kuhstall.

   Loth und Helene kommen zum Thorweg herein.

Loth. Widerlicher Mensch! dieser Kahl, -- frecher Spion!

Helene. In der Laube vorn, glaub ich ... (Sie gehen durch das Pfrtchen
in das Gartenstckchen links vorn und in die Laube daselbst.) Es ist
mein Lieblingsplatz. -- Hier bin ich noch am ungestrtesten, wenn ich
mal was lesen will.

Loth. Ein hbscher Platz hier. -- Wirklich! (Beide setzen sich, ein
wenig von einander getrennt, in der Laube nieder. Schweigen. Darauf
Loth.) Sie haben so sehr schnes und reiches Haar, Frulein!

Helene. Ach ja, mein Schwager sagt das auch. Er meinte, er htte es kaum
so gesehen -- auch in der Stadt nicht ... Der Zopf ist oben so dick wie
mein Handgelenk ... Wenn ich es losmache, dann reicht es mir bis zu den
Knien. Fhlen Sie mal --! Es fhlt sich wie Seide an, gelt?

Loth. Ganz wie Seide. (Ein Zittern durchluft ihn, er beugt sich und
kt das Haar.)

Helene (erschreckt). Ach nicht doch! Wenn ...

Loth. Helene --! War das vorhin nicht Dein Ernst?

Helene. Ach! -- ich schme mich so schrecklich. Was habe ich nur
gemacht? -- Dir ... Ihnen an den Hals geworfen habe ich mich. -- Fr was
mssen Sie mich halten ...!

Loth (rckt ihr nher, nimmt ihre Hand in die seine). Wenn Sie sich doch
_da_rber beruhigen wollten!

Helene (seufzend). Ach, das mte Schwester Schmittgen wissen .... ich
sehe gar nicht hin!

Loth. Wer ist Schwester Schmittgen?

Helene. Eine Lehrerin aus der Pension.

Loth. Wie knnen Sie sich nur ber Schwester Schmittgen Gedanken machen!

Helene. Sie war sehr gut ....! (Sie lacht pltzlich heftig in sich
hinein.)

Loth. Warum lachst Du denn so auf einmal?

Helene (zwischen Piett und Laune). Ach! .. Wenn sie auf dem Chor stand
und sang ... Sie hatte nur noch einen einzigen, langen Zahn .... da
sollte es immer heien: Trste, trste mein Volk! und es kam immer
heraus: 'Rste, 'rste mein Volk! Das war zu drollig .... da muten wir
immer so lachen .... wenn sie so durch den Saal .... 'rste! 'rste!
(Sie kann sich vor Lachen nicht lassen, Loth ist von ihrer Heiterkeit
angesteckt. Sie kommt ihm dabei so lieblich vor, da er den Augenblick
benutzen will, den Arm um sie zu legen. Helene wehrt es ab.) Ach nein
doch ....! Ich habe mich Dir .... Ihnen an den Hals geworfen.

Loth. Ach! sagen Sie doch nicht so etwas.

Helene. Aber ich bin nicht schuld, Sie haben sich's selbst
zuzuschreiben. Warum verlangen Sie .....

   Loth legt nochmals seinen Arm um sie, zieht sie fester an sich.
   Anfangs strubt sie sich ein wenig, dann giebt sie sich drein und
   blickt nun mit freier Glckseligkeit in Loth's glcktrunkenes
   Gesicht, das sich ber das ihre beugt. Unversehens, aus einer
   gewissen Schchternheit heraus kt sie ihn zuerst auf den Mund.
   Beide werden roth, dann giebt Loth ihr den Ku zurck; lang,
   innig, fest drckt sich sein Mund auf den ihren. Ein Geben und
   Nehmen von Kssen ist eine Zeit hindurch die einzige Unterhaltung
   -- stumm und beredt zugleich -- der beiden. Loth spricht dann
   zuerst.

Loth. Lene, nicht? Lene heit Du hier so?

Helene (kt ihn) ... Nenne mich anders ... Nenne mich, wie Du gern
mcht'st.

Loth. Liebste! ............

   Das Spiel mit dem Kssetauschen und sich gegenseitig Betrachten
   wiederholt sich.

Helene (von Loth's Armen fest umschlungen, ihren Kopf an seiner Brust
mit verschleierten, glckseligen Augen, flstert im Ueberschwang). Ach!
-- wie schn! Wie schn --!

Loth. So mit Dir sterben!

Helene (mit Inbrunst). Leben! ... (Sie lst sich aus seinen Armen.)
Warum denn jetzt sterben? .... jetzt ...

Loth. Das mut Du nicht falsch auffassen. Von jeher berausche ich mich
... besonders in glcklichen Momenten berausche ich mich in dem
Bewutsein, es in der Hand zu haben, weit Du!

Helene. Den Tod in der Hand zu haben?

Loth (ohne jede Sentimentalitt). Ja! und so hat er gar nichts
Grausiges, im Gegentheil, so etwas Freundschaftliches hat er fr mich.
Man ruft und wei bestimmt, da er kommt. Man kann sich dadurch ber
alles Mgliche hinwegheben, Vergangenes -- und Zuknftiges ....
(Helenen's Hand betrachtend.) Du hast eine so wunderhbsche Hand. (Er
streichelt sie.)

Helene. Ach ja! -- so ..... (Sie drckt sich auf's Neue in seine Arme.)

Loth. Nein, weit Du! ich hab' nicht gelebt! ... bisher nicht!

Helene. Denkst Du ich? ... Mir ist fast taumelig ..... taumelig bin ich
vor Glck. Gott! wie ist das -- nur so auf einmal .....

Loth. Ja, so auf _ein--mal_ ...

Helene. Hr' mal! so ist mir: die ganze Zeit meines Lebens -- ein Tag!
-- gestern und heut -- ein Jahr! gelt?

Loth. Erst gestern bin ich gekommen?

Helene. Ganz gewi! -- eben! -- natrlich! .... Ach, ach! Du weit es
nicht mal!

Loth. Es kommt mir wahrhaftig auch vor .......

Helene. Nicht --? Wie 'n ganzes, geschlagnes Jahr! -- Nicht --? (Halb
aufspringend.) Wart' ....! -- Kommt -- da nicht .... (Sie rcken aus
einander.) .... Ach! es ist mir auch -- egal. Ich bin jetzt -- so
muthig. (Sie bleibt sitzen und muntert Loth mit einem Blick auf nher zu
rcken, was dieser sogleich thut.)

Helene (in Loth's Armen). ... Du! -- Was thun wir denn nu zuerst?

Loth. Deine Stiefmutter wrde mich wohl -- abweisen.

Helene. Ach, meine Stiefmutter .... das wird wohl gar nicht .... gar
nichts geht's die an! Ich mache, was ich will ..... Ich hab mein
mtterliches Erbtheil, mut Du wissen.

Loth. Deshalb meinst Du .....

Helene. Ich bin majorenn. Vater mu mir's auszahlen.

Loth. Du stehst wohl nicht gut -- mit allen hier? -- Wohin ist denn Dein
Vater verreist?

Helene. Verr... Du hast ...? Ach, Du hast Vater noch nicht gesehen?

Loth. Nein! Hoffmann sagte mir ....

Helene. Doch! ... hast Du ihn schon einmal gesehen.

Loth. Ich wte nicht! ... Wo denn, Liebste?

Helene. Ich ... (Sie bricht in Thrnen aus.) Nein, ich kann -- kann
Dir's noch nicht sagen .... zu furchtbar schrecklich ist das.

Loth. Furchtbar schrecklich? Aber Helene! ist denn Deinem Vater etwas
...

Helene. Ach! -- frag' mich nicht! Jetzt nicht! Spter!

Loth. Was Du mir nicht freiwillig sagen willst, danach werde ich Dich
auch gewi nicht mehr fragen ... Sieh mal, was das Geld anlangt ... im
schlimmsten Falle .... ich verdiene ja mit dem Artikelschreiben nicht
gerade berflssig viel, aber ich denke, es mte am Ende fr uns beide
ganz leidlich hinreichen.

Helene. Und ich wrde doch auch nicht mig sein. Aber besser ist
besser. Das Erbtheil ist vollauf genug -- Und Du sollst Deine Aufgabe
.... nein, die sollst Du unter keiner Bedingung aufgeben, jetzt erst
recht ....! jetzt sollst Du erst recht die Hnde frei bekommen.

Loth (sie innig kssend). Liebes, edles Geschpf! ......

Helene. Hast Du mich wirklich lieb ...? ... Wirklich? ... wirklich?

Loth. Wirklich.

Helene. Sag hundert Mal wirklich?

Loth. Wirklich, wirklich und wahrhaftig.

Helene. Ach, weit Du! Du schummelst!

Loth. Das wahrhaftig gilt hundert wirklich.

Helene. So!? wohl in Berlin?

Loth. Nein, eben in Witzdorf.

Helene. Ach, Du! ... Sieh meinen kleinen Finger und lache nicht.

Loth. Gern.

Helene. Hast Du au--er Dei--ner er--sten Braut noch andere ge....? Du!
Du lachst.

Loth. Ich will Dir was im Ernst sagen, Liebste, ich halte es fr meine
Pflicht .... Ich habe mit einer groen Anzahl Frauen ...

Helene (schnell und heftig auffahrend, drckt ihm den Mund zu). Um Gott
...! sag' mir das einmal -- spter -- wenn wir alt sind .... nach Jahren
-- wenn ich Dir sagen werde: jetzt -- hrst Du! nicht eher.

Loth. Gut! wie Du willst.

Helene. Lieber was Schnes jetzt! ... Pa auf: sprich mir mal das nach:

Loth. Was?

Helene. Ich hab' Dich --

Loth. Ich hab' Dich --

Helene. und nur immer Dich --

Loth. und nur immer Dich --

Helene. geliebt -- geliebt Zeit meines Lebens --

Loth. geliebt -- geliebt Zeit meines Lebens --

Helene. und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben.

Loth. und werde nur Dich allein Zeit meines Lebens lieben, und das ist
wahr, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin.

Helene (freudig). Das hab ich nicht gesagt.

Loth. Aber ich. (Ksse.) ...

Helene (summt ganz leise). Du, Du liegst mir im Her--zen ....

Loth. Jetzt sollst Du auch beichten.

Helene. Alles, was Du willst.

Loth. Beichte! Bin ich der erste?

Helene. Nein.

Loth. Wer?

Helene (bermthig herauslachend). Koahl-Willem.

Loth (lachend). Wer noch?

Helene. Ach nein! weiter ist es wirklich Keiner. Du mut mir glauben ...
Wirklich nicht. Warum sollte ich denn lgen ...?

Loth. Also doch noch Jemand?

Helene (heftig). Bitte, bitte, bitte, bitte, frag' mich jetzt nicht
darum. (Versteckt das Gesicht in den Hnden, weint scheinbar ganz
unvermittelt.)

Loth. Aber ..... aber Lenchen! ich dringe ja durchaus nicht in Dich.

Helene. Spter! alles, alles spter.

Loth. Wie gesagt, Liebste ....

Helene. S' war Jemand -- mut Du wissen -- den ich, ... weil ... weil er
unter schlechten mir weniger schlecht vorkam. Jetzt ist das ganz anders.
(Weinend an Loth's Halse, strmisch.) Ach, wenn ich doch gar nicht mehr
von Dir fort mte! Am liebsten ginge ich gleich auf der Stelle mit Dir.

Loth. Du hast es wohl sehr schlimm hier im Hause?

Helene. Ach, Du! -- Es ist ganz entsetzlich, wie es hier zugeht; ein
Leben wie -- das ..... wie das liebe Vieh, -- ich wre darin umgekommen
ohne Dich -- mich schaudert's!

Loth. Ich glaube, es wrde dich beruhigen, wenn Du mir alles offen
sagtest, Liebste!

Helene. Ja freilich! aber -- ich bring's nicht ber mich. Jetzt nicht
..... jetzt noch nicht! -- Ich frcht' mich frmlich.

Loth. Du warst in der Pension?

Helene. Die Mutter hat es bestimmt -- auf dem Sterbebett noch.

Loth. Auch Deine Schwester war ....?

Helene. Nein! -- die war immer zu Hause ... Und als ich dann nun vor
vier Jahren wiederkam, da fand ich -- einen Vater -- der .... eine
Stiefmutter -- die .... eine Schwester ... rath mal, was ich meine!

Loth. Deine Stiefmutter ist znkisch. -- Nicht? -- Vielleicht
eiferschtig? -- lieblos?

Helene. Der Vater ....?

Loth. Nun! -- der wird aller Wahrscheinlichkeit nach in ihr Horn blasen.
-- Tyrannisirt sie ihn vielleicht?

Helene. Wenn's _weiter_ nichts wr ... Nein! ... es ist zu entsetzlich!
-- Du kannst nicht darauf kommen -- da .... da _der_ -- mein Vater
.... da es mein Vater war -- den -- Du ....

Loth. Weine nur nicht, Lenchen! .... siehst Du -- nun mcht ich beinah
ernstlich darauf dringen, da Du mir ...

Helene. Nein! es geht nicht! Ich habe noch nicht die Kraft -- es -- Dir
....

Loth. Du reibst Dich auf, so.

Helene. Ich schme mich zu bodenlos! -- Du ... Du wirst mich fortstoen,
fortjagen ....! Es ist ber alle Begriffe .... Ekelhaft ist es!

Loth. Lenchen, Du kennst mich nicht -- sonst wrd'st Du mir so etwas
nicht zutrauen. -- Fortstoen! fortjagen! Komme ich Dir denn wirklich so
brutal vor?

Helene. Schwager Hoffmann sagte: Du wrdest -- kaltbltig .... Ach nein!
nein! nein! das thust Du doch nicht! gelt? -- Du schreitest nicht ber
mich weg? thu es nicht!! -- Ich wei nicht -- was -- dann noch aus --
mir werden sollte.

Loth. Ja, aber das ist ja Unsinn! Ich htte ja gar keinen Grund dazu.

Helene. Also Du hltst es doch fr mglich?!

Loth. Nein! -- eben _nicht_.

Helene. Aber wenn Du Dir einen Grund ausdenken kannst.

Loth. Es gbe allerdings Grnde, aber -- die stehen nicht in Frage.

Helene. Und solche Grnde?

Loth. Nur, wer mich zum Verrther meiner selbst machen wollte, ber den
mte ich hinweggehen.

Helene. Das will ich gewi nicht -- aber ich werde halt das Gefhl nicht
los.

Loth. Was fr ein Gefhl, Liebste?

Helene. Es kommt vielleicht daher: ich bin so dumm! -- Ich hab' gar
nichts in mir. Ich wei nicht mal, was das ist, Grundstze. -- Gelt? das
ist doch schrecklich. Ich lieb' Dich nur so einfach! -- aber Du bist so
gut, so gro -- und hast so viel in Dir. Ich habe solche Angst, Du
knntest doch noch mal merken -- wenn ich was Dummes sage -- oder mache
-- da es doch nicht geht, .... da ich doch viel zu einfltig fr Dich
bin .... Ich bin wirklich schlecht und dumm wie Bohnenstroh.

Loth. Was soll ich dazu sagen?! Du bist mir alles in allem! Alles in
allem bist Du mir! Mehr wei ich nicht.

Helene. Und gesund bin ich ja auch .....

Loth. Sag' mal! sind Deine Eltern gesund?

Helene. Ja, das wohl! das heit: die Mutter ist am Kindbettfieber
gestorben. Vater ist noch gesund; er mu sogar eine sehr starke Natur
haben. Aber ....

Loth. Na! -- siehst Du; also ...

Helene. Und wenn die Eltern nun nicht gesund wren --?

Loth (kt Helene). Sie sind's ja doch, Lenchen.

Helene. Aber wenn sie es nicht wren --?

   _Frau Krause_ stt ein Wohnhausfenster auf und ruft in den Hof.

Frau Krause. Ihr Madel! Ihr Maa..del!!

Liese (aus dem Kuhstall). Frau Krausen!?

Frau Krause. Renn' zur Mllern! S' giht luus!

Liese. Wa--a, zur Hebomme Millern, meen' Se?

Frau Krause. Na? lei'st uff a Uhr'n? (Sie schlgt das Fenster zu.)

   Liese rennt in den Stall und dann mit einem Tchelchen um den
   Kopf zum Hofe hinaus. Frau Spiller erscheint in der Hausthr.

Frau Spiller (ruft). Frulein Helene! ... Gndiges Frulein Helene!

Helene. Was nur da los sein mag?

Frau Spiller (sich der Laube nhernd). Frulein Helene.

Helene. Ach! das wird's sein! -- die Schwester. Geh fort! da herum.
(Loth schnell links vorn ab. Helene tritt aus der Laube.)

Frau Spiller. Frulein .....! Ach da sind Sie endlich.

Helene. Was is denn?

Frau Spiller. Aach -- m -- bei Frau Schwester (flstert ihr etwas in's
Ohr) -- m -- m --

Helene. Mein Schwager hat anbefohlen, fr den Fall sofort nach dem Arzt
zu schicken.

Frau Spiller. Gndiges Frulein -- m -- sie will doch aber -- m -- will
doch aber keinen Arzt -- m -- Die Aerzte, aach die -- m -- Aerzte! -- m
-- mit Gottes Beistand ...

                      Miele kommt aus dem Hause.

Helene. Miele! gehen Sie augenblicklich zum Dr. Schimmelpfennig.

Frau Spiller. Aber Frulein ...

Frau Krause (aus dem Fenster, gebieterisch). Miele! Du kimmst ruff!

Helene (ebenso). Sie gehen zum Arzt, Miele. (Miele zieht sich in's Haus
zurck.) Nun, dann will ich selbst .... (Sie geht in's Haus und kommt,
den Strohhut am Arm, sogleich zurck.)

Frau Spiller. Dann -- m -- wird es schlimm. Wenn Sie den Arzt holen -- m
-- gndiges Frulein, dann -- m -- wird es gewi schlimm.

   Helene geht an ihr vorber. _Frau Spiller_ zieht sich
   kopfschttelnd ins Haus zurck. Als Helene in die Hofeinfahrt
   biegt steht Kahl am Grenzzaun.

Kahl (ruft Helenen zu). Woas iis denn bei Eich luus?

(Helene hlt im Lauf nicht inne, noch wrdigt sie Kahl eines Blickes
oder einer Antwort.)

Kahl (lachend). Ihr ha't wull Schweinschlachta?




                             Fnfter Akt.


   Das Zimmer wie im ersten Akt. Zeit: gegen 2 Uhr Nachts. Im Zimmer
   herrscht Dunkelheit. Durch die offene Mittelthr dringt Licht aus
   dem erleuchteten Hausflur. Deutlich beleuchtet ist auch noch die
   Holztreppe in dem ersten Stock. Alles in diesem Akt -- bis auf
   wenige Ausnahmen -- wird in einem gedmpften Tone gesprochen.

   Eduard mit Licht tritt durch die Mittelthr ein. Er entzndet die
   Hngelampe ber dem Ecktisch (Gasbeleuchtung). Als er damit
   beschftigt ist, kommt Loth ebenfalls durch die Mittelthr.

Eduard. Ja ja! -- bei _die_ Zucht ... 't mu reen unmenschen meglich
sint, een Oge zuzuthun.

Loth. Ich wollte nicht mal schlafen. Ich habe geschrieben.

Eduard. Ach wat! (Er steckt an.) So! -- na jewi! -- et mag ja woll
schwer jenug sin .... Wnschen der Herr Doktor vielleicht Dinte und
Feder?

Loth. Am Ende ... wenn Sie so freundlich sein wollen, Herr Eduard.

Eduard, (indem er Dinte und Feder auf den Tisch setzt). Ick menn all
immer, was 'n ehrlicher Mann is, der mu Haut und Knochen dransetzen um
jeden lumpichten Jroschen. Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. --
(Immer vertraulicher.) Aber _die_ Nation hier, die duht reen jar nischt;
so'n faules, nichtsnutziges Pack, so'n ... Der Herr Doktor mussen jewi
ooch all dichtig in't Zeuch jehn, um det bisken Lebens_unterhalt_ wie
alle ehrlichen Leute.

Loth. Wnschte, ich brauchte es nicht!

Eduard. Na, wat meen' Se woll! ick ooch!

Loth. Frulein Helene ist wohl bei ihrer Schwester?

Eduard. Allet wat wahr is: d' is 'n jutes M'chen! jeht ihr nich von der
Seite.

Loth (sieht auf die Uhr). Um 11 Uhr frh begannen die Wehen. Sie dauern
also ... fnfzehn Stunden dauern sie jetzt bereits. -- Fnfzehn lange
Stunden --!

Eduard. Wee Jott! -- und det benimen se nu 't schwache Jeschlecht --
sie jappt aber ooch man nur noch so.

Loth. Herr Hoffmann ist auch oben!?

Eduard. Und ick sag Ihnen, 't reene Weib.

Loth. Das mit anzusehen ist wohl auch keine Kleinigkeit.

Eduard. I! nu! det will ick meenen! Na! eben is Doktor Schimmelpfennig
zujekommen. Det is 'n Mann, sag ick Ihnen: jrob wie 'ne Sackstrippe,
aber -- Zucker is 'n dummer Junge dajejen. Sagen Sie man blo, wat it
aus det olle Berlin .... (Er unterbricht sich mit einem) Jott Strambach!
(da Hoffmann und der Doktor die Treppe herunter kommen).

         _Hoffmann_ und _Doktor Schimmelpfennig_ treten ein.

Hoffmann. Jetzt -- bleiben Sie doch wohl bei uns.

Dr. Schimmelpfennig. Ja! jetzt werde ich hier bleiben.

Hoffmann. Das ist mir eine groe, groe Beruhigung. -- Ein Glas Wein
...? Sie trinken doch ein Glas Wein, Herr Doktor!?

Dr. Schimmelpfennig. Wenn Sie etwas thun wollen, dann lassen Sie mir
schon lieber eine Tasse Kaffee brauen.

Hoffmann. Mit Vergngen. -- Eduard! Kaffee fr Herrn Doktor! (Eduard
ab.) Sie sind .....? Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf?

Dr. Schimmelpfennig. So lange Ihre Frau Kraft behlt, ist jedenfalls
directe Gefahr nicht vorhanden. Warum haben Sie brigens die junge
Hebamme nicht zugezogen? Ich hatte Ihnen doch eine empfohlen, so viel
ich wei.

Hoffmann. Meine Schwiegermama ... was soll man machen? Wenn ich ehrlich
sein soll: auch meine Frau hatte kein Vertrauen zu der jungen Person.

Dr. Schimmelpfennig. Und zu diesem fossilen Gespenst haben Ihre Damen
Vertrauen?! Wohl bekomms! -- Sie mchten gern wieder hinauf?

Hoffmann. Ehrlich gesagt: ich habe nicht viel Ruhe hier unten.

Dr. Schimmelpfennig. Besser wr's freilich, Sie gingen irgend wohin, aus
dem Hause.

Hoffmann. Beim besten Willen das .... ach, Loth! da bist Du ja auch
noch. (Loth erhebt sich von dem Sopha im dunklen Vordergrunde und geht
auf die beiden zu.)

Dr. Schimmelpfennig (aufs Aeuerste berrascht). Donnerwetter!

Loth. Ich hrte schon, da Du hier seist. Morgen htte ich Dich
unbedingt aufgesucht.

   Beide schtteln sich tchtig die Hnde. Hoffmann benutzt den
   Augenblick, am Buffet schnell ein Glas Cognac hinunterzusplen,
   darauf dann sich auf den Zehen hinaus und die Holztreppe hinauf
   zu schleichen.

   Das Gesprch der beiden Freunde steht am Anfang unverkennbar
   unter dem Einflu einer gewissen leisen Zurckhaltung.

Dr. Schimmelpfennig. Du hast also wohl ... hahaha die alte, dumme
Geschichte vergessen? (Er legt Hut und Stock bei Seite.)

Loth. Lngst vergessen, Schimmel!

Dr. Schimmelpfennig. Na, ich auch! das kannst Du Dir denken. -- (Sie
schtteln sich nochmals die Hnde.) Ich habe in dem Nest hier so wenig
freudige Ueberraschungen gehabt, da mir die Sache ganz curios vorkommt.
Merkwrdig! Gerade hier treffen wir uns. -- Merkwrdig!

Loth. Rein verschollen bist Du ja, Schimmel! Htte Dich sonst lngst mal
umgestoen.

Dr. Schimmelpfennig. Unter Wasser gegangen wie ein Seehund.
Tiefseeforschungen gemacht. In anderthalb Jahren etwa hoffe ich wieder
aufzutauchen. Man mu materiell unabhngig sein, wissen Sie ... weit
Du! wenn man etwas Brauchbares leisten will.

Loth. Also Du machst _auch_ Geld hier?

Dr. Schimmelpfennig. Natrlicherweise und zwar so viel als mglich. Was
sollte man hier auch anderes thun?

Loth. Du htt'st doch mal was von Dir hren lassen sollen.

Dr. Schimmelpfennig. Erlauben Sie ... erlaube, htte ich von mir was
hren lassen, dann htte ich von Euch was wieder gehrt, und ich wollte
durchaus nichts hren. Nichts, -- gar nichts, das htte mich hchstens
von meiner Goldwscherei abhalten knnen.

         Beide gehen langsamen Schritts auf und ab im Zimmer.

Loth. Na ja -- Du kannst Dich dann aber auch nicht wundern, da sie ...
nmlich ich mu Dir sagen, sie haben Dich eigentlich alle, durch die
Bank, aufgegeben.

Dr. Schimmelpfennig. Sieht ihnen hnlich. -- Bande! -- sollen schon was
merken.

Loth. Schimmel, genannt: das Rauhbein!

Dr. Schimmelpfennig. Du solltest nur sechs Jahre unter diesen Bauern
gelebt haben. Himmelhunde alle miteinander.

Loth. Das kann ich mir denken. -- Wie bist Du denn gerade nach Witzdorf
gekommen?

Dr. Schimmelpfennig. Wie's so geht. Damals mute ich doch auskneifen,
von Jena weg.

Loth. War das vor meinem Reinfall?

Dr. Schimmelpfennig. Ja wohl. Kurze Zeit nachdem wir unser Zusammenleben
aufgesteckt hatten. In Zrich legte ich mich dann auf die Medicinerei,
zunchst um etwas fr den Nothfall zu haben; dann fing aber die Sache an
mich zu interessiren, und jetzt bin ich mit Leib und Seele Medicus.

Loth. Und hierher ...? Wie kamst Du hier her?

Dr. Schimmelpfennig. Ach so! -- einfach! Als ich fertig war, da sagte
ich mir: nun vor allen Dingen einen hinreichenden Haufen Kies. Ich
dachte an Amerika, Sd- und Nord-Amerika, an Afrika, Australien, die
Sundainseln .... am Ende fiel mir ein, da mein Knabenstreich ja
mittlerweile verjhrt war; da habe ich mich denn entschlossen in die
Mausefalle zurckzukriechen.

Loth. Und Dein Schweizer-Examen?

Dr. Schimmelpfennig. Ich mute eben die Geschichte hier noch mal ber
mich ergehen lassen.

Loth. Du hast also das Staatsexamen zwei Mal gemacht, Kerl!?

Dr. Schimmelpfennig. Ja! -- Schlielich habe ich dann glcklicherweise
diese fette Weide hier ausfindig gemacht.

Loth. Du bist zhe, zum Beneiden.

Dr. Schimmelpfennig. Wenn man nur nicht pltzlich mal zusammenklappt. --
Na! schlielich ist's auch kein Unglck.

Loth. Hast Du denn 'ne groe Praxis?

Dr. Schimmelpfennig. Ja! Mitunter komme ich erst um fnf Uhr frh zu
Bett. Um sieben Uhr fngt dann bereits wieder meine Sprechstunde an.

                   Eduard kommt und bringt Kaffee.

Dr. Schimmelpfennig, (indem er sich am Tisch niederlt, zu Eduard).
Danke Eduard! -- (Zu Loth.) Kaffee saufe ich ... unheimlich.

Loth. Du solltest das lieber lassen mit dem Kaffee.

Dr. Schimmelpfennig. Was soll man machen?! (Er nimmt kleine Schlucke.)
Wie gesagt -- ein Jahr noch, dann -- hrt's auf ... hoffentlich
wenigstens.

Loth. Willst Du dann gar nicht mehr practiciren?

Dr. Schimmelpfennig. Glaube nicht. Nein ... nicht mehr. (Er schiebt das
Tablette mit dem Kaffeegeschirr zurck, wischt sich den Mund.) Uebrigens
-- zeig' mal Deine Hand. (Loth hlt ihm beide Hnde hin.) Nein? -- keine
Dalekarlierin heimgefhrt? -- Keine gefunden, wie? .... Wolltest doch
immer so 'n Ur- und Kernweib von wegen des gesunden Blutes. Hast
brigens recht: wenn schon, denn schon ... oder nimmst Du's in dieser
Beziehung etwa nicht mehr so genau?

Loth. Na ob ...! und wie!

Dr. Schimmelpfennig. Ach, wenn die Bauern hier doch auch solche Ideen
htten. Damit sieht's aber jmmerlich aus, sage ich Dir, Degeneration
auf der ganzen ... (Er hat seine Cigarrentasche halb aus der Brusttasche
gezogen, lt sie aber wieder zurckgleiten und steht auf, als irgend
ein Laut durch die nur angelehnte Hausflurthr hereindringt.) Wart' mal!
(Er geht auf den Zehen bis zur Hausflurthr und horcht. Eine Thr geht
drauen, man hrt einige Augenblicke deutlich das Wimmern der Wchnerin.
Der Doktor sagt, zu Loth gewandt, leise:) Entschuldige! (und geht
hinaus).

   Einige Augenblicke durchmit Loth, whrend drauen Thren
   schlagen, Menschen die Treppe auf- und ablaufen, das Zimmer; dann
   setzt er sich in den Lehnsessel rechts vorn. Helene huscht herein
   und umschlingt Loth, der ihr Kommen nicht bemerkt hat, von
   rckwrts.

Loth (sich umblickend, sie ebenfalls umfassend). Lenchen!! (Er zieht sie
zu sich herunter und trotz gelinden Strubens auf sein Knie. Helene
weint unter den Kssen, die er ihr giebt.) Ach, weine doch nicht,
Lenchen! Warum weinst Du denn so sehr?

Helene. Warum? wei ich's?! .... Ich denk immer, ich treff' Dich nicht
mehr. Vorhin habe ich mich so erschrocken ....

Loth. Weshalb denn?

Helene. Weil ich Dich aus Deinem Zimmer treten hrte -- Ach! ... und die
Schwester -- wir armen, armen Weiber! -- die mu zu sehr ausstehen.

Loth. Der Schmerz vergit sich schnell und auf den Tod geht's ja nicht.

Helene. Ach, Du! sie wnscht sich ihn ja ... sie jammert nur immer so:
la mich doch sterben ... Der Doktor! (Sie springt auf und huscht in den
Wintergarten.)

Dr. Schimmelpfennig (im Hereintreten). Nun wnschte ich wirklich, da
sich das Frauchen da oben 'n bissel beeilte! (Er lt sich am Tisch
nieder, zieht neuerdings die Cigarrentasche, entnimmt ihr eine Cigarre
und legt diese neben sich.) Du kommst mit zu mir dann, wie? -- hab'
drauen so 'n nothwendiges Uebel mit zwei Gulen davor, da knnen wir
drin zu mir fahren. (Seine Cigarre an der Tischkante klopfend.) Der se
Ehestand! ja, ja! (Ein Zndholz anstreichend.) Also noch frisch, frei,
fromm, froh?

Loth. Httest noch gut ein Paar Tage warten knnen mit Deiner Frage.

Dr. Schimmelpfennig (bereits mit brennender Cigarre). Wie? ... ach ...
ach so! -- (lachend) -- also endlich doch auf meine Sprnge gekommen.

Loth. Bist Du wirklich noch so entsetzlich pessimistisch in Bezug auf
Weiber?

Dr. Schimmelpfennig. Ent--setzlich!! (Dem Rauch seiner Cigarre
nachblickend.) Frher war ich Pessimist -- so zu sagen ahnungsweise ...

Loth. Hast Du denn inzwischen so besondere Erfahrungen gemacht?

Dr. Schimmelpfennig. Ja, allerdings! -- Auf meinem Schilde steht
nmlich: Specialist fr Frauenkrankheiten. -- Die medicinische Praxis
macht nmlich furchtbar klug ... furchtbar -- gesund, ... ist Specificum
gegen ... allerlei Staupen!

Loth (lacht). Na, da knnten wir ja gleich wieder in der alten Tonart
anfangen. Ich hab' nmlich ... ich bin nmlich keineswegs auf Deine
Sprnge gekommen. Jetzt weniger als je! ... Auf diese Weise hast Du wohl
auch Dein Steckenpferd vertauscht?

Dr. Schimmelpfennig. Steckenpferd?

Loth. Die Frauenfrage war doch zu damaliger Zeit gewissermaen Dein
Steckenpferd!

Dr. Schimmelpfennig. Ach so! -- Warum sollte ich es vertauscht haben?

Loth. Wenn Du ber die Weiber noch schlechter denkst, als ...

Dr. Schimmelpfennig (ein wenig in Harnisch, erhebt sich und geht hin und
her, dabei spricht er). Ich -- denke nicht schlecht von den Weibern. --
Kein Bein! -- Nur ber das Heirathen denke ich schlecht ... ber die Ehe
... ber die Ehe, und dann hchstens noch ber die Mnner denke ich
schlecht ... Die Frauenfrage soll mich nicht mehr interessiren? Ja,
weshalb htte ich denn sonst sechs lange Jahre hier wie 'n Lastpferd
gearbeitet? Doch nur um alle meine verfgbaren Krfte endlich mal ganz
der Lsung dieser Frage zu widmen. Wutest Du denn das nicht von Anfang
an?

Loth. Wo htte ich's denn _her_ wissen sollen?

Dr. Schimmelpfennig. Na, wie gesagt ... ich hab auch schon ein ziemlich
ausgiebiges Material gesammelt, das mir gute Dienste leisten ... bsst!
ich hab' mir das Schreien so angewhnt. (Er schweigt, horcht, geht zur
Thr und kommt zurck.) Was hat _Dich_ denn eigentlich unter die
Goldbauern gefhrt?

Loth. Ich mchte die hiesigen Verhltnisse studiren.

Dr. Schimmelpfennig (mit gedmpfter Stimme). Idee! (Noch leiser.) Da
kannst Du bei mir auch Material bekommen.

Loth. Freilich, Du mut ja sehr unterrichtet sein ber die Zustnde
hier. Wie sieht es denn so in den Familien aus?

Dr. Schimmelpfennig. E--lend! ..... durchgngig ... Suff! Vllerei,
Inzucht und in Folge davon -- Degenerationen auf der ganzen Linie.

Loth. Mit Ausnahmen doch!?

Dr. Schimmelpfennig. Kaum!

Loth (unruhig). Bist Du denn nicht zuweilen in ... in Versuchung
gerathen eine ... eine Witzdorfer Goldtochter zu heirathen?

Dr. Schimmelpfennig. Pfui Teufel! Kerl, fr was hltst Du mich? --
Ebenso knntest Du mich fragen, ob ich ...

Loth (sehr bleich). Wie... wieso?

Dr. Schimmelpfennig. Weil ... Ist Dir was? (Er fixirt ihn einige
Augenblicke.)

Loth. Gar nichts! Was soll mir denn sein?

Dr. Schimmelpfennig (ist pltzlich sehr nachdenklich, geht und steht jh
und mit einem leisen Pfiff still, blickt Loth abermals flchtig an und
sagt dann halblaut zu sich selbst). Schlimm!

Loth. Du bist ja so sonderbar pltzlich.

Dr. Schimmelpfennig. Still! (Er horcht auf und verlt dann schnell das
Zimmer durch die Mittelthr.)

Helene (nach einigen Augenblicken durch die Mittelthr; sie ruft).
Alfred! -- Alfred! ... Ach da bist Du -- Gott sei Dank!

Loth. Nun, ich sollte wohl am Ende gar fortgelaufen sein? (Umarmung.)

Helene (biegt sich zurck. Mit unverkennbarem Schrecken im Ausdruck.)
Alfred!

Loth. Was denn, Liebste?

Helene. Nichts, nichts!

Loth. Aber Du mut doch was haben?

Helene. Du kamst mir so ... so kalt ... Ach, ich hab' solche schrecklich
dumme Einbildungen.

Loth. Wie stehts's denn oben?

Helene. Der Doktor zankt mit der Hebamme.

Loth. Wird's nicht bald zu Ende gehen?

Helene. Wei ich's? -- Aber wenn's ... wenn's zu Ende ist, meine ich,
dann ...

Loth. Was dann? .... Sag' doch, bitte! was wolltest Du sagen?

Helene. Dann sollten wir bald von hier fortgehen. Gleich! Auf der
Stelle!

Loth. Wenn Du das wirklich fr das Beste hltst, Lenchen --

Helene. Ja, ja! wir drfen nicht warten! Es ist das Beste -- fr Dich
und mich. Wenn Du mich nicht jetzt bald nimmst, dann lt Du mich heilig
noch sitzen, und dann ... dann ... mu ich doch noch zu Grunde gehen.

Loth. Wie Du doch mitrauisch bist, Lenchen!

Helene. Sag' das nicht, Liebster! Dir traut man, Dir mu man trauen!
.... Wenn ich erst Dein bin, dann ... Du verlt mich dann ganz gewi
nicht mehr. (Wie auer sich.) Ich beschwre Dich! geh nicht fort! Verla
mich doch nur nicht. Geh -- nicht fort, Alfred! Alles ist aus, alles,
wenn Du einmal ohne mich von hier fortgehst.

Loth. Merkwrdig bist Du doch! .... Und da willst Du nicht mitrauisch
sein? ... Oder sie plagen Dich, martern Dich hier ganz entsetzlich, mehr
als ich mir je .... Jedenfalls gehen wir aber noch diese Nacht. Ich bin
bereit. Sobald Du willst, gehen wir also.

Helene (gleichsam mit aufjauchzendem Dank ihm um den Hals fallend).
Geliebter! (Sie kt ihn wie rasend und eilt schnell davon.)

   Dr. Schimmelpfennig tritt durch die Mitte ein, er bemerkt noch, wie
   Helene in der Wintergartenthr verschwindet.

Dr. Schimmelpfennig. Wer war das? -- Ach so! (In sich hinein.) Armes
Ding! (Er lt sich mit einem Seufzer am Tisch nieder, findet die alte
Cigarre, wirft sie bei Seite, entnimmt dem Etui eine frische Cigarre und
fngt an, sie an der Tischkante zu klopfen, wobei er nachdenklich
darber hinausstarrt.)

Loth, (der ihm zuschaut). Genau so pflegtest Du vor acht Jahren jede
Cigarre abzuklopfen, eh' Du zu rauchen anfingst.

Dr. Schimmelpfennig. Mglich --! (Als er mit Anrauchen fertig ist.) Hr'
mal, Du!

Loth. Ja, was denn?

Dr. Schimmelpfennig. Du wirst doch -- so bald die Geschichte oben
vorber ist, mit zu mir kommen?

Loth. Das geht wirklich nicht! Leider.

Dr. Schimmelpfennig. Man hat so das Bedrfni, sich mal wieder grndlich
von der Leber weg zu uern.

Loth. Das hab ich so genau wie Du. Aber gerade daraus kannst Du sehen,
da es heut absolut nicht in meiner Macht steht, mit Dir ....

Dr. Schimmelpfennig. Wenn ich Dir nun aber ausdrcklich und --
gewissermaen feierlich erklre: es ist eine bestimmte, uerst wichtige
Angelegenheit, die ich mit Dir noch diese Nacht besprechen mchte ....
besprechen mu sogar, Loth!

Loth. Curios! Fr blutigen Ernst soll ich doch das nicht etwa
hinnehmen?! Doch wohl nicht? -- So viel Jahre htt'st Du damit gewartet
und nun htte es nicht einen Tag mehr Zeit damit? -- Du kannst Dir doch
wohl denken, da ich Dir keine Flausen vormache.

Dr. Schimmelpfennig. Also hat's doch seine Richtigkeit! (Er steht auf
und geht umher.)

Loth. Was hat seine Richtigkeit?

Dr. Schimmelpfennig, (vor Loth still stehend, mit einem geraden Blick in
seine Augen). Es ist also wirklich etwas im Gange zwischen Dir und
Helene Krause?

Loth. Ich? -- Wer hat Dir denn ...?

Dr. Schimmelpfennig. Wie bist Du nur in diese Familie ....?

Loth. Woher -- weit Du denn das, Mensch?

Dr. Schimmelpfennig. Das war ja doch nicht schwer zu errathen.

Loth. Na, dann halt um Gottes Willen den Mund, da nicht ....

Dr. Schimmelpfennig. Ihr seid also richtig verlobt?!

Loth. Wie man's nimmt. Jedenfalls sind wir beide einig.

Dr. Schimmelpfennig. Hm --! wie bist Du denn hier herein gerathen,
gerade in _diese_ Familie?

Loth. Hoffmann ist ja doch mein Schulfreund. Er war auch Mitglied --
auswrtiges allerdings -- Mitglied meines Colonial-Vereins.

Dr. Schimmelpfennig. Von der Sache hrte ich in Zrich. -- Also mit Dir
ist er umgegangen! Auf diese Weise wird mir der traurige Zwitter
erklrlich.

Loth. Ein Zwitter ist er allerdings.

Dr. Schimmelpfennig. Eigentlich nicht mal _das_. -- Ehrlich, Du! -- Ist
das wirklich Dein Ernst? -- die Geschichte mit der Krause?

Loth. Na, selbstverstndlich! -- Zweifelst Du daran? Du wirst mich doch
nicht etwa fr einen Schuft ...

Dr. Schimmelpfennig. Schon gut! Ereifere Dich nur nicht. Httst Dich ja
verndert haben knnen whrend der langen Zeit. Warum nicht? Wr auch
gar kein Nachtheil! N' bissel Humor knnte Dir gar nicht schaden! Ich
seh' nicht ein, warum man alles so verflucht ernsthaft nehmen sollte.

Loth. Ernst ist es mir mehr als je. (Er erhebt sich und geht, immer ein
wenig zurck, neben Schimmelpfennig her.) Du kannst es ja nicht wissen,
auch sagen kann ich Dir's nicht mal, was dieses Verhltni fr mich
bedeutet.

Dr. Schimmelpfennig. Hm!

Loth. Kerl, Du hast keine Idee, was das fr ein Zustand ist. Man kennt
ihn nicht, wenn man sich danach sehnt. Kennte man ihn, dann, dann mte
man geradezu unsinnig werden vor Sehnsucht.

Dr. Schimmelpfennig. Das begreife der Teufel, wie Ihr zu dieser
unsinnigen Sehnsucht kommt.

Loth. Du bist auch noch nicht sicher davor.

Dr. Schimmelpfennig. Das mcht ich mal sehen.

Loth. Du redst wie der Blinde von der Farbe.

Dr. Schimmelpfennig. Was ich mir fr das bischen Rausch koofe!
Lcherlich. Daraus eine lebenslngliche Ehe zu bauen .... da baut man
noch nicht mal so sicher als auf'n Sandhaufen.

Loth. Rausch -- Rausch -- wer von einem Rausch redet, -- na! der kennt
die Sache eben nicht. 'N Rausch ist flchtig. Solche Rusche hab ich
schon gehabt, ich geb's zu. Aber _das_ ist was ganz Anderes.

Dr. Schimmelpfennig. Hm!

Loth. Ich bin dabei vollstndig nchtern. Denkst Du, da ich meine
Liebste so -- na, wie soll ich sagen?! -- so mit 'ner -- na, wie soll
ich sagen?! mit ner groen Glorie sehe? Gar nicht! -- Sie hat Fehler,
ist auch nicht besonders schn, wenigstens -- na, hlich ist sie auch
gerade nicht. Ganz objectiv geurtheilt, ich -- das ist ja schlielich
Geschmackssache -- ich hab' so'n hbsches Mdel noch nicht gesehen.
Also, Rausch -- Unsinn! Ich bin ja so nchtern wie nur mglich. Aber,
siehst Du! _das_ ist eben das Merkwrdige: ich kann mich gar nicht mehr
ohne sie denken -- das kommt mir so vor wie 'ne Legirung, weit Du, wie
wenn zwei Metalle so recht innig legirt sind, da man gar nicht mehr
sagen kann, das ist _das_, das ist _das_. Und alles so furchtbar
selbstverstndlich -- kurzum, ich quatsche vielleicht Unsinn -- oder was
ich sage, ist vielleicht in Deinen Augen Unsinn, aber so viel steht
fest: wer das nicht kennt, ist 'n erbrmlicher Frosch. Und so'n Frosch
war ich bisher -- und so'n Jammerfrosch bist Du noch.

Dr. Schimmelpfennig. Das ist ja richtig der ganze Symptomen-Complex. --
Da Ihr Kerls doch immer bis ber die Ohren in Dinge hineingerathet, die
Ihr theoretisch lngst verworfen habt, wie zum Beispiel Du die Ehe. So
lange ich Dich kenne, laborirst Du an dieser unglckseligen Ehemanie.

Loth. Es ist Trieb bei mir, geradezu Trieb. Wei Gott! mag ich mich
wenden, wie ich will.

Dr. Schimmelpfennig. Man kann schlielich auch einen Trieb
niederkmpfen.

Loth. Ja, wenn's 'n Zweck hat, warum nicht?

Dr. Schimmelpfennig. Hat's Heirathen etwa Zweck?

Loth. Das will ich meinen. Das hat Zweck! Bei mir hat es Zweck. Du weit
nicht, wie ich mich durchgefressen hab' bis hierher. Ich mag nicht
sentimental werden. Ich hab's auch vielleicht nicht so gefhlt, es ist
mir vielleicht nicht ganz so klar bewut geworden wie jetzt, da ich in
meinem Streben etwas entsetzlich des, gleichsam Maschinenmiges
angenommen hatte. Kein Geist, kein Temperament, kein Leben, ja wer wei,
war noch Glauben in mir? Das alles kommt seit ... seit heut wieder in
mich gezogen. So merkwrdig voll, so ursprnglich, so frhlich ...
Unsinn, Du capirst's ja doch nicht.

Dr. Schimmelpfennig. Was Ihr da alles nthig habt, um flott zu bleiben,
Glaube, Liebe, Hoffnung. Fr mich ist das Kram. Es ist eine ganz simple
Sache: die Menschheit liegt in der Agonie, und unser einer macht ihr mit
Narkoticis die Sache so ertrglich als mglich.

Loth. Dein neuester Standpunkt?

Dr. Schimmelpfennig. Schon fnf bis sechs Jahre alt und immer derselbe.

Loth. Gratulire!

Dr. Schimmelpfennig. Danke!

                          Eine lange Pause.

Dr. Schimmelpfennig (nach einigen unruhigen Anlufen). Die Geschichte
ist leider die: ich halte mich fr verpflichtet ... ich schulde Dir
unbedingt eine Aufklrung. Du wirst Helene Krause, glaub ich, nicht
heirathen knnen.

Loth (kalt). So, glaubst Du?

Dr. Schimmelpfennig. Ja, ich bin der Meinung. Es sind da Hindernisse
vorhanden, die gerade Dir ...

Loth. Hr' mal Du: mach' Dir darber um Gottes Willen keine Scrupel. Die
Verhltnisse liegen auch gar nicht mal so complicirt, sind im Grunde
sogar furchtbar einfach.

Dr. Schimmelpfennig. Einfach _furchtbar_ solltest Du eher sagen.

Loth. Ich meine, was die Hindernisse anbetrifft.

Dr. Schimmelpfennig. Ich auch zum Theil. Aber auch berhaupt: ich kann
mir nicht denken, da Du diese Verhltnisse hier kennen solltest.

Loth. Ich kenne sie aber doch ziemlich genau.

Dr. Schimmelpfennig. Dann mut Du nothwendigerweise Deine Grundstze
gendert haben.

Loth. Bitte, Schimmel, drck' Dich etwas deutlicher aus.

Dr. Schimmelpfennig. Du mut unbedingt Deine Hauptforderung in Bezug auf
die Ehe fallen gelassen haben, obgleich Du vorhin durchblicken liet, es
kme Dir nach wie vor darauf an, ein an Leib und Seele gesundes
Geschlecht in die Welt zu setzen.

Loth. Fallen gelassen? ... fallen gelassen? Wie soll ich denn das ...

Dr. Schimmelpfennig. Dann bleibt nichts brig ... dann kennst Du eben
doch die Verhltnisse nicht. Dann weit Du zum Beispiel nicht, da
Hoffmann einen Sohn hatte, der mit drei Jahren bereits am Alkoholismus
zu Grunde ging.

Loth. Wa... was -- sagst Du?

Dr. Schimmelpfennig. S' thut mir leid, Loth, aber sagen mu ich Dir's
doch. Du kannst ja dann noch machen, was Du willst. Die Sache war kein
Spa. Sie waren gerade wie jetzt zum Besuch hier. Sie lieen mich holen,
eine halbe Stunde zu spt. Der kleine Kerl hatte lngst verblutet.

   Loth mit den Zeichen tiefer, furchtbarer Erschtterung an des
   Doktors Munde hngend.

Dr. Schimmelpfennig. Nach der Essigflasche hatte das dumme Kerlchen
gelangt in der Meinung, sein geliebter Fusel sei darin. Die Flasche war
herunter- und das Kind in die Scherben gefallen. Hier unten, siehst Du,
die _vena saphena_, die hatte es sich vollstndig durchschnitten.

Loth. W... w...essen Kind sagst Du ...?

Dr. Schimmelpfennig. Hoffmann's und eben derselben Frau Kind, die da
oben wieder ... Und auch die trinkt, trinkt bis zur Besinnungslosigkeit,
trinkt, soviel sie bekommen kann.

Loth. Also von Hoffmann ... Hoffmann geht es nicht aus?!

Dr. Schimmelpfennig. Bewahre! Das ist tragisch an dem Menschen; er
leidet darunter, so viel er berhaupt leiden kann. Im brigen hat er's
gewut, da er in eine Potatorenfamilie hinein kam. Der Bauer nmlich
kommt berhaupt gar nicht mehr aus dem Wirthshaus.

Loth. Dann freilich -- begreife ich manches -- nein! Alles begreife ich
-- alles. (Nach einem dumpfen Schweigen.) Dann ist ihr Leben hier ...
Helenens Leben -- ein ... ein -- wie soll ich sagen?! mir fehlt der
Ausdruck dafr -- ... nicht?

Dr. Schimmelpfennig. Horrend geradezu! Das kann ich beurtheilen. Da Du
bei ihr hngen bliebst, war mir auch von Anfang an sehr begreiflich.
Aber wie ges...

Loth. Schon gut! -- verstehe ... Thut denn ...? Knnte man nicht
vielleicht ... vielleicht knnte man Hoffmann bewegen etwas ... etwas zu
thun? Knntest Du nicht vielleicht -- ihn zu etwas bewegen? Man mte
sie fortbringen aus dieser Sumpfluft.

Dr. Schimmelpfennig. Hoffmann?

Loth. Ja, Hoffmann.

Dr. Schimmelpfennig. Du kennst ihn schlecht ... Ich glaube zwar nicht,
da er sie schon verdorben hat. Aber ihren Ruf hat er sicherlich _jetzt_
schon verdorben.

Loth (aufbrausend). Wenn das ist: ich schlag ihn ... Glaubst Du wirklich
...? hltst Du Hoffmann wirklich fr fhig ...?

Dr. Schimmelpfennig. Zu allem, zu allem halte ich ihn fhig, wenn fr
ihn ein Vergngen dabei heraus springt.

Loth. Dann ist sie -- das keuscheste Geschpf, was es giebt ...

   Loth nimmt langsam Hut und Stock und hngt sich ein Tschchen um.

Dr. Schimmelpfennig. Was gedenkst Du zu thun, Loth?

Loth. ... Nicht begegnen ...!

Dr. Schimmelpfennig. Du bist also entschlossen?

Loth. Wozu entschlossen?

Dr. Schimmelpfennig. Euer Verhltni aufzulsen.

Loth. Wie sollt ich wohl dazu nicht entschlossen sein?

Dr. Schimmelpfennig. Ich kann Dir als Arzt noch sagen, da Flle bekannt
sind, wo solche vererbte Uebel unterdrckt worden sind, und Du wrdest
ja gewi Deinen Kindern eine rationelle Erziehung geben.

Loth. Es mgen solche Flle vorkommen.

Dr. Schimmelpfennig. Und die Wahrscheinlichkeit ist vielleicht nicht so
gering, da ...

Loth. Das kann uns nichts helfen, Schimmel. So steht es: es giebt drei
Mglichkeiten! Entweder ich heirathe sie, und dann ... nein, dieser
Ausweg existirt berhaupt nicht. Oder -- die bewute Kugel. Na ja, dann
htte man wenigstens Ruhe. Aber nein! So weit sind wir noch nicht, so
was kann man sich einstweilen noch nicht leisten -- also: leben!
kmpfen! -- Weiter, immer weiter. (Sein Blick fllt auf den Tisch, er
bemerkt das von Eduard zurecht gestellte Schreibzeug, setzt sich,
ergreift die Feder, zaudert, und sagt:) Oder am Ende ...?

Dr. Schimmelpfennig. Ich verspreche Dir, ihr die Lage so deutlich als
mglich vorzustellen.

Loth. Ja, ja! -- nur eben ... ich kann nicht anders. (Er schreibt,
adressirt und couvertirt. Er steht auf und reicht Schimmelpfennig die
Hand.) Im brigen verlasse ich mich -- auf Dich.

Dr. Schimmelpfennig. Du gehst zu mir, wie? Mein Kutscher soll Dich zu
mir fahren.

Loth. Sag' mal, sollte man denn nicht wenigstens versuchen -- sie aus
den Hnden dieses ... dieses Menschen zu ziehen? ... Auf diese Weise
wird sie doch unfehlbar noch seine Beute.

Dr. Schimmelpfennig. Guter, bedauernswrdiger Kerl! Soll ich Dir was
rathen? Nimm ihr nicht das ... Wenige, was Du ihr noch brig lt.

Loth (tiefer Seufzer). Qual ber ... hast vielleicht -- recht -- ja
wohl, unbedingt sogar.

   Man hrt Jemand hastig die Treppe herunter kommen. Im nchsten
   Augenblick strzt Hoffmann herein.

Hoffmann. Herr Doktor, ich bitte Sie um Gottes Willen ... sie ist
ohnmchtig ... die Wehen setzen aus ... wollen Sie nicht endlich ...

Dr. Schimmelpfennig. Ich komme hinauf. (Zu Loth bedeutungsvoll.) Auf
Wiedersehen! (Zu Hoffmann, der ihm nachfolgen will.) Herr Hoffmann, ich
mu Sie bitten ... eine Ablenkung oder Strung knnte verhngnivoll ...
am liebsten wre es mir, Sie blieben hier unten.

Hoffmann. Sie verlangen sehr viel, aber ... na!

Dr. Schimmelpfennig. Nicht mehr als billig. (Ab.)

                       Hoffmann bleibt zurck.

Hoffmann (bemerkt Loth). Ich zittere, die Aufregung steckt mir in allen
Gliedern. Sag' mal, Du willst fort?

Loth. Ja.

Hoffmann. Jetzt mitten in der Nacht?

Loth. Nur bis zu Schimmelpfennig.

Hoffmann. Ach so! Nun ... wie die Verhltnisse sich gestaltet haben, ist
es am Ende kein Vergngen mehr bei uns ... Also leb' recht ...

Loth. Ich danke fr die Gastfreundschaft.

Hoffmann. Und mit Deinem Plan, wie steht es da?

Loth. Plan?

Hoffmann. Deine Arbeit, Deine volkswirthschaftliche Arbeit ber unseren
District, meine ich. Ich mu Dir sagen ... ich mchte Dich sogar als
Freund instndig und herzlich bitten ...

Loth. Beunruhige Dich weiter nicht. Morgen schon bin ich ber alle
Berge.

Hoffmann. Das ist wirklich -- (unterbricht sich). --

Loth. Schn von Dir, wollt'st Du wohl sagen?

Hoffmann. Das heit -- ja -- in gewisser Hinsicht; brigens Du
entschuldigst mich, ich bin so entsetzlich aufgeregt. Zhle auf mich!
Die alten Freunde sind immer noch die besten. Adieu, Adieu.

                         Ab durch die Mitte.

Loth (wendet sich, bevor er zur Thr hinaustritt, noch einmal nach
rckwrts und nimmt mit den Augen noch einmal den ganzen Raum in sein
Gedchtni auf. Hierauf zu sich.) Da knnt ich ja nun wohl -- gehen.
(Nach einem letzten Blick ab.)

   Das Zimmer bleibt fr einige Augenblicke leer. Man vernimmt
   gedmpfte Rufe und das Gerusch von Schritten, dann erscheint
   Hoffmann. Er zieht, sobald er die Thr hinter sich geschlossen
   hat, unverhltnimig ruhig sein Notizbuch und rechnet etwas;
   hierbei unterbricht er sich und lauscht, wird unruhig, schreitet
   zur Thr und lauscht wieder. Pltzlich rennt Jemand die Treppe
   herunter und herein strzt Helene.

Helene (noch auen). Schwager! (In der Thr.) Schwager!

Hoffmann. Was ist denn -- los?

Helene. Mach Dich gefat: todtgeboren!

Hoffmann. Jesus Christus! (Er strzt davon.)

                            Helene allein.

Sie sieht sich um und ruft leise: _Alfred! Alfred!_ und dann, als sie
keine Antwort erhlt, in schneller Folge: _Alfred! Alfred!_ Dabei ist
sie bis zur Thr des Wintergartens geeilt, durch die sie sphend blickt.
Dann ab in den Wintergarten. Nach einer Weile erscheint sie wieder.
_Alfred!_ Immer unruhiger werdend, am Fenster, durch das sie
hinausblickt: _Alfred!_ Sie ffnet das Fenster und steigt auf einen
davor stehenden Stuhl. In diesem Augenblick klingt deutlich vom Hofe
herein das Geschrei des betrunkenen, aus dem Wirtshaus heimkehrenden
Bauern, ihres Vaters. _Dohie h! biin iich nee a hibscher Moan? Hoa'
iich nee a hibsch Weib? Hoa' iich nee a poar hibsche Tchter dohie h?_
Helene stt einen kurzen Schrei aus und rennt wie gejagt nach der
Mittelthr. Von dort aus entdeckt sie den Brief, welchen Loth auf dem
Tisch zurckgelassen. Sie strzt sich darauf, reit ihn auf und
durchfliegt ihn, einzelne Worte aus seinem Inhalt laut hervorstoend:
_Unbersteiglich!_ ... _Niemals wieder!_ Sie lt den Brief fallen,
wankt. Zu Ende! Rafft sich auf, hlt sich den Kopf mit beiden Hnden,
kurz und scharf schreiend. _Zu En--de!_ Strzt ab durch die Mitte. Der
Bauer drauen, schon aus geringerer Entfernung: _Dohie h? iis ernt's
Gittla ne mei--ne? Hoa' iich ne a hibsch Weib? Bin iich nee a hibscher
Moan?_ Helene, immer noch suchend, wie eine halb Irrsinnige aus dem
Wintergarten hereinkommend, trifft auf Eduard, der etwas aus Hoffmann's
Zimmer zu holen geht. Sie redet ihn an. _Eduard!_ Er antwortet.
_Gndiges Frulein?_ Darauf sie: _Ich mchte ... mchte den Herrn Dr.
Loth_ ... Eduard antwortet: _Herr Dr. Loth sind in des Herrn Dr.
Schimmelpfennig's Wagen fortgefahren!_

Damit verschwindet er im Zimmer Hoffmann's. _Wahr!_ stt Helene hervor
und hat einen Augenblick Mhe aufrecht zu stehen. Im nchsten durchfhrt
sie eine verzweifelte Energie. Sie rennt nach dem Vordergrunde und
ergreift den Hirschfnger sammt Gehnge, der an dem Hirschgeweih ber
dem Sopha befestigt ist. Sie verbirgt ihn und hlt sich still im dunklen
Vordergrund, bis Eduard, aus Hoffmanns Zimmer kommend, zur Mittelthr
hinaus ist. Die Stimme des Bauern, immer deutlicher: _Dohie h, biin
iich nee a hibscher Moan?_ Auf diese Laute, wie auf ein Signal hin,
springt Helene auf und verschwindet ihrerseits in Hoffmanns Zimmer. Das
Hauptzimmer ist leer, und man hrt fortgesetzt die Stimme des Bauern:
Dohie h, hoa' iich nee die schinsten Zhne, h? Hoa' iich ne a hibsch
Gittla? _Miele_ kommt durch die Mittelthr. Sie blickt suchend umher und
ruft: _Freilein Helene!_ und wieder _Freilein Helene!_ Dazwischen die
Stimme des Bauern: _'s Gald iis mei--ne!_ Jetzt ist Miele ohne weiteres
Zgern in Hoffmanns Zimmer verschwunden, dessen Thre sie offen lt. Im
nchsten Augenblick strzt sie heraus mit den Zeichen eines wahnsinnigen
Schrecks; schreiend dreht sie sich zwei -- dreimal um sich selber,
schreiend jagt sie durch die Mittelthr. Ihr ununterbrochenes Schreien,
mit der Entfernung immer schwcher werdend, ist noch einige weitere
Sekunden vernehmlich. Man hrt nun die schwere Hausthre aufgehen und
drhnend in's Schlo fallen, das Schrittegerusch des im Hausflur
herumtaumelnden Bauern, schlielich eine rohe, nselnde, lallende
Trinkerstimme ganz aus der Nhe durch den Raum gellen: Dohie h! Hoa'
iich nee a poar hibsche Tchter?




                    Herros & Ziemsen, Wittenberg.





Anmerkungen zur Transkription


Regieanweisungen im Dialogtext wurden in Klammern eingeschlossen.
Hervorhebungen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet.

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... vom Buffet, setzt alles auf den Tisch vor Loth. Grand
       Champague, ...
   ... vom Buffet, setzt alles auf den Tisch vor Loth. Grand
       Champagne, ...

   [S. 18]:
   ... Vancover-Island nur zum Zwecke parteilicher Agitation ...
   ... Vancouver-Island nur zum Zwecke parteilicher Agitation ...

   [S. 42]:
   ... auf seinen Patz begiebt. ...
   ... auf seinen Platz begiebt. ...

   [S. 49]:
   ... Loth trit aus der Hausthr, steht still, dehnt sich, thut
       mehrere ...
   ... Loth tritt aus der Hausthr, steht still, dehnt sich, thut
       mehrere ...

   [S. 112]:
   ... beleuchtet ist auch noch die Holztreppe in dem erstem Stock. ...
   ... beleuchtet ist auch noch die Holztreppe in dem ersten Stock. ...

   [S. 112]:
   ... Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. -- Immer verraulicher. ...
   ... Nich mal det bisken Nachtruhe hat man. -- Immer
       vertraulicher. ...

   [S. 117]:
   ... Sd- nnd Nord-Amerika, an Afrika, Australien, die ...
   ... Sd- und Nord-Amerika, an Afrika, Australien, die ...

   [S. 122]:
   ... Loth. Wird's nicht bald zn Ende gehen? ...
   ... Loth. Wird's nicht bald zu Ende gehen? ...

   [S. 135]:
   ... Wintergarten hereinkommend, trifft aus Eduard, der etwas aus ...
   ... Wintergarten hereinkommend, trifft auf Eduard, der etwas aus ...






End of the Project Gutenberg EBook of Vor Sonnenaufgang, by Gerhart Hauptmann

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
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While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

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