Project Gutenberg's Die Sternbuben in der Grostadt, by Josephine Siebe

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Title: Die Sternbuben in der Grostadt
       Eine heitere Geschichte

Author: Josephine Siebe

Illustrator: Ernst Kutzer

Release Date: March 28, 2016 [EBook #51582]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STERNBUBEN IN DER GROSTADT ***




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                   Die Sternbuben in der Grostadt




                            Die Sternbuben
                           in der Grostadt


                       Eine heitere Geschichte
                                 von
                           Josephine Siebe

           Mit vier farbigen Vollbildern von _Ernst Kutzer_

                              Stuttgart
                       Verlag von Levy & Mller

                         Nachdruck verboten.
    Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten.

       Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.




                           Erstes Kapitel.
                    Reiseplne auf der Lwengasse.


Im Silbernen Stern zu Breitenwert stand Mina in der groen Kche und --
wunderte sich.

Mina, die schon zwanzig Jahre in dem altberhmten Gasthaus diente, war
eigentlich nie eine Minute mig, aber jetzt stand sie am Herd, lie die
Tpfe berkochen und sagte nur immerzu: Jemine, nein, so etwas, jemine,
jemine!

Kthle, die Zweitmagd, hielt beim Hhnerrupfen inne und sah ihre ltere
Genossin verdutzt an. So ein Gewundere war ihr noch nicht vorgekommen.
Sag doch, was ist, was soll das Jeminegerufe? fragte sie neugierig.

Da tat Mina einen kellertiefen Seufzer und sprach mit einer Stimme wie
eine Brummglocke: Unsere Bbles sollen nchste Woche verreisen!

Waaas? Kthle sperrte Augen und Mund weit auf, verga das Hhnerrupfen
und schttelte vor Verwunderung den Kopf, als wre sie ein Apfelbaum,
von dem just ein paar pfel herunterpurzeln mten.

Ja, ja, guck mich nur net an, als wre ich ein Gespenst! rief Mina
barsch. Unsere Bbles verreisen -- nach Leipzig.

Mina seufzte, Kthle seufzte. Mina aus Sorgen, Kthle, weil sie die
Sache nicht verstand, auch nicht wute, wo dies Leipzig lag. Auf dem
Monde vielleicht! Wer konnte alle Stdte in der Welt kennen. Aber
schlielich schwtzte Kthle lieber als zu seufzen; sie ermahnte daher
Mina: Erzhl doch, warum mssen sie verreisen? Ist's gar eine Strafe?

Bewahre, eine Belohnung! Eingeladen sind sie von einer reichen,
vornehmen Dame. Mathes ist ihr Patchen. Ach jemine, die kennt doch
unsere Bbles net, die wei net, was das fr Stricke sind!

Jetzt sind sie doch brav! rief Kthle entrstet.

Na, na! Mina sah gar nicht aus, als glaube sie sehr an der Bbles
Bravheit, und das war nicht nett von Mina, denn die ganze Lwengasse, in
der der Silberne Stern stand, fand, die Sternbbles, Mathes und Peter
Hinz, wren jetzt sehr brav. Frher, na ja, da war es etwas anders
gewesen, aber seit einem halben Jahre lie sich gegen die beiden
wahrlich nichts sagen. Und jetzt behaupteten die Buben sogar, sie wrden
ein gutes Zeugnis aus der Schule heimbringen. Und dann durften sie
reisen.

Whrend Mina seufzte, Kthle fragte und die Tpfe zischten und
brodelten, standen die beiden Buben mitten auf der Lwengasse und
erzhlten ihren Kameraden von der groen Reise.

Es herbstelte schon, aber der Tag war noch warm, und die Sonne schien
hell in die Lwengasse hinein. Die gute Dame freute sich einmal wieder
an den schnen, alten Husern und an den jungen, lustigen Kindern, die
es in der Lwengasse gab. Sie dachte vielleicht, ich sehe doch in viele,
viele Gassen hinein, aber so eine wie die Lwengasse gibt es nicht
wieder. Ein bissel krumm und schmal ist sie freilich und manchmal auch
etwas schmutzig, aber sie ist und bleibt doch eine liebe Gasse. Wenn ich
nicht Madame Sonne wre, wei der Himmel, ich mchte drin wohnen! Und
weil die Sonne gerade Zeit hatte und mit dem Schlafengehen noch warten
wollte, blinkerte sie ein paar Kindern neckend auf den Nasen herum. Das
strte die wenig; die hrten den Sternbbles zu und riefen gerade:
Reist ihr wirklich ganz alleine?

Freilich, freilich, ganz alleine! Es war ein Wunder, da Mathes und
Peter nicht jeder flugs einen Meter grer wurden, so stolz reckten sie
sich. Die anderen Kinder, es waren Veit, Steffen, Trinle und Kasperle
Grill aus der Linde und Alette Amhag aus der Rose, neben der Gundele
Hinz, der Sternbuben lahmes Schwesterchen, stand, sagten alle
miteinander, so eine weite Reise, das wre eine feine Sache.

Und allein reisen wir! schrieen die Sternbuben noch einmal.

Ich hab' Angst, ihr kommt net hin, rief Trinle Grill. Da seufzte
Gundel gleich verzagt und klagte: Mir ist so bang um die beiden!

Heisa, da schauten aber Mathes und Peter gekrnkt drein! Wir kommen
schon hin, schrieen sie entrstet, und gleich schreiben wir, wenn wir
da sind. Och je, wenn's doch erst so weit wre!

Es standen noch zwei auf der Lwengasse, die auch dem Geschwtz ber die
Reise zuhrten, es waren dies Herr August Baldan, Provisor in der
Lindenapotheke, und der immer freundliche Herr August Hferlein, der
sein Ldchen neben dem schnen alten Haus zur Rose hatte. Herr Baldan,
der immer etwas grillig war, brummte ber das Geschrei der Kinder, und
Herr Hferlein lchelte dazu, aber pltzlich taten sie alle beide ihren
Mund zugleich auf und fragten: Sagt mal, Sternbuben, warum reist ihr
gerade nach Leipzig?

Weil -- weil -- Mathes sah Peter an und Peter sah Mathes an, und dann
schrieen sie wie aus einem Munde: Weil wir da eingeladen sind.

Na ja, aber von wem denn? brummte Herr Baldan.

Von unserer Pate! Die Buben schrieen es wieder zusammen. Eigentlich
war Frau Geheimrat von Ringewald in Leipzig nur die Patin von Mathes,
aber das nahmen die Bbles nicht so genau. Und ehe Herr Baldan nur Luft
schnappen konnte zu einer neuen Frage, erzhlten sie so geschwind, wie
ein Hase rennt, von der Frau Pate. Furchtbar reich sei sie und furchtbar
vornehm, und mal wre sie in Breitenwert gewesen und im Silbernen Stern
krank geworden. Frau Hinz, die Sternwirtin, hatte sie gut und treulich
gepflegt, und weil Mathes gerade ein wunderfitziges kleines Bblein war,
hatte sie viel Spa an ihm gehabt und hatte den Kleinen noch am Tage vor
ihrer Abreise aus der Taufe gehoben. Und alle Jahre zu Weihnachten kam
eine Kiste mit Spielsachen drin, aber selbst war die Frau Patin nie
wieder in Breitenwert erschienen. Aber jetzt hat sie geschrieben, wir
sollen kommen, rief Peter, und Mathes fgte stolz hinzu: Sie mcht'
uns arg gern kennenlernen!

Na, die wird sich schn wundern, wenn ihr zwei Lwengler ankommt!
brummte Herr Baldan. Der hatte heute Regenwetterlaune, aber den
Sternbuben verdarb er mit seinem Gebrumme nicht ihre purzelvergngte
Sonnenscheinlaune. Die beiden schwtzten so lustig weiter, als se der
grillige Herr Baldan irgendwo auf dem Glasberg im Mrchen. Sie zhlten
die Tage bis zur Abfahrt und berichteten allerlei furchtbar wichtige
Dinge; so sagte Mathes: Wir kriegen neue Hsle.

Ja, und neue Hte und neue Schuhe, schrie Peter.

Alles neu, sogar neue Sacktchles! Dabei fiel es Mathes ein: ein
Sacktuch kann man manchmal brauchen; er fuhr in seine Tasche und brachte
ein schwrzliches, zusammengeklebtes Lappending zum Vorschein.

Pfui, aber pfui! riefen die drei Mdel entsetzt, und Trinle, die neben
Mathes stand, sprang gleich ein paar Schritte weit. Sie rmpfte ihre
kleine Nase verchtlich und sagte ganz spitzweis: Soll das ein neues
Tchle sein?

In Leipzig werden sie sich ja recht ber die Saubarteles wundern!
brummte Herr Baldan wieder. Doch diese Rede krnkte Mathes nicht so sehr
wie Trinles Verachtung. Er seufzte tief und versenkte sein miachtetes
Taschentuch wieder in die Tiefe seiner Tasche.

Und just da fiel Peter etwas ein, ber das er ganz pltzlich in ein
unbndiges Lachen ausbrach. Er kreischte vor Vergngen, tat einen
Luftsprung, krmmte sich wie eine Sichel, wollte etwas sagen, schluckte
und prustete und brachte vor Lachen doch kein Wort heraus.

Die andern sahen ihn verdutzt an, auch Mathes sah erst verwundert drein,
doch auf einmal fiel ihm ein, an was der Bruder denken knnte, und er
strzte auf ihn zu und tuschelte ihm etwas ins Ohr.

Freilich, freilich! Peter nickte und kicherte, prustete und schluckte,
hielt sich sein Buchlein vor Lachen, und Mathes tat ihm alles nach. An
jedem Ende der Lwengasse war das Gelchter der beiden zu hren.

Sagt's doch, was habt ihr denn? Die andern wurden ungeduldig, sie
wollten auch das groe, furchtbar wichtige Geheimnis erfahren. Aber die
Sternbbles brachten kein ganzes Wort heraus. Die schnappten nach Luft
wie ein paar Fischlein, die man auf ein Sofa gesetzt hat, und Herr
Baldan tippte mit dem Finger an seine Stirn und sagte rgerlich:
bergeschnappt, bergeschnappt. Das kommt von der Reise.

Da dachten Veit und Steffen Grill, hier hilft nur ein handfester Sto,
um die beiden wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und sie pufften die
beiden von rechts und links, klatschten sie auf die Rcken, und das half
wirklich. Mathes gelang es endlich, die groe wichtige Neuigkeit zu
verraten; er platzte heraus: Wir sollen -- sollen -- Handschuhe
kriegen!

Potzwetter ja, die Sternbbles und Handschuhe!

Selbst Herr Baldan rutschte aus seiner Schlechtwetterlaune heraus und in
das allergrte Vergngen hinein. Er lachte mit seinem Freund August
Hferlein um die Wette, und wenn die beiden sich einmal verpusteten,
lachten die andern umso lauter.

Die Sternbbles strahlten. Sie kamen sich ungeheuer wichtig vor, und es
tat ihnen nur leid, da sie die Handschuhe noch nicht hatten und sich
noch nicht im ungewohnten Staat ihren Kamerdles zeigen konnten. Sie
sagten das auch, und da fiel auf einmal Alette Amhag etwas ein, und sie
rannte eilfertig in die Rose und kehrte nach zwei Minuten mit einem
Kstchen voll Handschuhe zurck. Feine, zarte Lederhandschuhe waren es,
die Alette noch zu gro waren, und die, wie sie meinte, Mathes und Peter
wohl passen wrden. Auer Fustlingen im Winter bei der allerbittersten
Klte hatten die Sternbbles noch nie Handschuhe besessen, und als sie
jetzt die feinen rehbraunen Dinger sahen, erschraken sie ordentlich. Die
sollten sie anziehen? Sie strubten sich heftig, wie Zahnausziehen
erschien ihnen das.

Ihr mt! riefen Alette und Trinle, und Alette, die schon weit in der
Welt herumgekommen war, sagte ernsthaft: In der groen Stadt trgt man
eben Handschuhe.

Flink hinein, schrie Herr Baldan, wir wollen doch mal sehen, wie aus
unsern ruppigen, struppigen Sternbuben ein paar feine Herrles werden!
Die feinen Herrle stiegen den Buben arg in die Nasen, und jeder streckte
flugs seine Hnde nach den Handschuhen aus.

Aber wie Mdels nun mal sind, alle drei zugleich riefen sie entrstet:
Pfui, aber pfui, sind eure Hnde schmutzig!

Wir haben sie doch gewaschen! brummte Mathes gekrnkt.

Wann denn?

Na, heut frh!

O jemine, und jetzt war es Nachmittag!

Ihr mt an das Brnnle gehen, riet Trinle; wir helfen!

Da entschlossen sich die Sternbbles zu dem schweren Werk, aber an den
Brunnen brauchten sie nicht zu gehen. Alette nahm sie in die Rose mit
hinein, und nach ein paar Minuten kamen sie mit blitzblank gewaschenen
Hnden wieder heraus, und die Handschuhprobe begann.

Das war ein schweres Werk!

Die Finger der Sternbbles, die so gelenkig fr allerlei unntze Dinge
waren, schienen pltzlich steif gefroren zu sein, und die drei Mdels
hatten ihre liebe Not, ehe die Handschuhe saen. Aber schlielich gelang
die Sache doch, und mit weit gespreizten Fingern standen Mathes und
Peter da; die Handschuhe saen wunderfein.

Ich schenke sie euch fr die Reise, sagte Alette.

Ich schenke euch auch was, schrie Trinle, vom guten Beispiel der
Freundin angesteckt. Sie strzte in die Linde hinein und kam nach
wenigen Minuten zurck, und doch meinten die Sternbuben, sie wre
ewiglange geblieben, so erwartungsvoll waren sie. Sie dachten schon,
Trinle wrde mit einem Reisekorb voll Geschenken ankommen, und sie waren
herzlich enttuscht, als Trinle bei ihrer Rckkehr nur zwei winzige
Seidentchlein in der Hand hielt.

Das sind Tchle fr Mdles, schrieen smtliche Buben verchtlich,
selbst Kasperle, der doch erst ein rechter Dreiksehoch war, schrie mit.

Unsinn! Trinle fate Peter geschwind beim obersten Jackenknopf und
stopfte dem Buben -- eins, zwei, drei -- das eine Tchlein, es war
himmelblau, in die Brusttasche. Herr Hferlein trgt auch immer da ein
Tchle, sagte sie, und dann ist's fein!

Alle schauten auf Herrn Hferlein. Wirklich, dem guckte ein seidenes
Zipfelchen aus der Brusttasche heraus, und da erklrte Mathes flugs:
Ich will auch ein Tchle! Er bekam auch eins eingesteckt, das war zur
Abwechslung rosenrot. Und wie die Buben nun mit den Handschuhen an den
weitgespreizten Hnden und den seidenen Zipfeln in den Brusttschchen
einherschritten, auf und ab, sehr wrdevoll und feierlich, da sagten
alle, fein shen sie aus, arg fein! Aber freilich, fein mten sie in
der groen Stadt einhergehen, sonst machten sie Breitenwert und der
Lwengasse Schande.

Von mir kriegt ihr noch eine Tte von den groen Zuckerhimbeeren zum
Abschied, versprach Herr Hferlein.

Ich schenke euch Schokolade, rief Alette, und Gundel nickte dazu und
versprach: Ich auch!

Von uns kriegt ihr Malzzucker, riefen die Lindenkinder. Den gab
nmlich ihr Vater manchmal her, wenn sie ihn recht darum baten.

Von mir bekommt ihr Bauchwehtrpfles. Herr Baldan lachte. Ihr
verderbt euch doch den Magen unterwegs, ich kenne das schon! Kinder tun
das immer, zumal wenn sie allein fahren. Da sind Bauchwehtrpfles die
beste Reisegabe, versicherte er.

Ein Sturm erhob sich.

Die Kinder fanden alle miteinander, das wre nicht recht von Herrn
Baldan, so etwas zu sagen. Und alle erzhlten sie von Reisen, die sie
schon gemacht htten, und bei denen sie putzmunter geblieben und ohne
Bauchwehtrpfle ans Ziel gekommen waren.

Alette Amhag war weit in der Welt herumgekommen; die Grills waren schon
etliche Male zur Gromutter gefahren, zwei Stunden weit, und selbst die
Sternbuben hatten schon mal eine halbe Stunde in einem Zug gesessen. Und
wie sie das alles mit viel Lrm und Geschrei Herrn Baldan erzhlten und
der immer entgegnete: Ja, aber allein seid ihr net gereist, da kamen
pltzlich zwei die Lwengasse entlang, die gewhnlich den langsamen
Schritt liebten. Doch diesmal rannten sie.

Wer kann auch immer wissen, was einem Esel einfllt! Und Bckermeisters
Esel waren es, die angerannt kamen. Der leere Brotwagen rasselte und
rumpelte hinter ihnen her, und am Gassenende tauchte der dicke
Bckermeister Hering auf, der laut schrie: Halten, halten!

Wenn was los war, muten die Sternbbles immer dabei sein. Sie vergaen
Handschuhe und seidene Tchlein und stellten sich kampfbereit den Eseln
entgegen. Aber die hatten nun mal keine Lust, stehen zu bleiben. Nach
links flog Mathes, nach rechts Peter, Veit und Steffen leisteten ihnen
Gesellschaft, die Mdels kreischten, Herr Hferlein schrie hflich:
Bitte, stehen bleiben! Aber Esel sind sonderbar, die hren nicht immer
auf hfliche Leute.

Herr Baldan machte es gescheiter. Der schrie nicht, bat nicht, drohte
nicht, der stellte sich einfach den Ausreiern entgegen und hielt sie
fest. Bums, da standen sie, bis der Bckermeister kam und sie heimholte.

Auf der Lwengasse gab es ein groes Wehklagen. Die Sternbbles stimmten
es an, denn weder den alten Hsles noch den neuen Handschuhen war der
Kampf mit den Eseln gut bekommen. Jammernd standen beide da und hielten
die Hnde weit ausgestreckt; gerade in den Gassenschmutz hatten sie
damit gegriffen, hin war alle Pracht.

Doch Alette, die sich besser auf Handschuhe verstand, trstete, die
knnten gereinigt werden, und Gundel versprach: Ich flick euch die
Hsle, und Herr Baldan versicherte: Ihr werdet noch manchmal in den
Schmutz fallen, ehe ihr nach Leipzig kommt.

Die Sternbbles sahen sich an. Nun, so etwas kam freilich fter vor, und
immer war es wieder gut geworden. Warum also weinen?

So ist's recht! rief Herr Hferlein. Lacht nur wieder, dann bekommt
ihr auch die Zuckerhimbeeren.

Und reisen drft ihr so weit! sagte Trinle Grill sehnschtig.

Die Reise, o jemine, wenn's nur erst so weit wre!

Mathes und Peter vergaen die Esel, die beschmutzten Handschuhe, die
zerrissenen Hsle, alles, und pltzlich stimmten sie, nicht gerade sehr
lieblich, ein Lied an, das Gundel ihnen zur Freude und bung wohl schon
zwanzigmal vorgesungen hatte.

   Wir reisen in die weite Welt,
   Juchheissassa!
   Wir haben einen groen Beutel Geld,
   Juchheissassa!
   Mit Stock und Hut
   Und frohem Mut,
   Mit 'nem groen Reisesack
   Huckepack
   Geht's in die Welt hinaus,
   Juchheissassa!
   Haben wir genug, kommen wir wieder nach Haus.
   Juchheissassa!




                           Zweites Kapitel.
                   Eine Reise, die keine Reise ist.


Am nchsten Morgen hing den Sternbuben der Himmel voller Geigen. Es
bekmmerte sie kein bichen, da es drauen regnete, plitsch, platsch,
immerzu. Sie merkten auch nichts davon, da unter den Geigen am Himmel
etliche dicke, brummige Bageigen waren, bereit, ihnen mit Gebrumme und
Gesumme auf den Kopf zu fallen. Beim Aufstehen schwtzten sie, als
mten sie an diesem Tage eine Million Wrter und etliche darber
verbrauchen, und sie merkten gar nicht Minas Jammermiene, als die in das
Zimmer trat. Gleich ein Dutzend Fragen auf einmal purzelten Mina
entgegen, doch die gab darauf keine Antwort, sondern sagte knurrig:
Seid still, schreit net so, Gundele ist krank. Der Hals tut ihr weh,
das kommt von dem dummen Herumgestehe auf dem Gle.

Plumps! da lag die erste Brummgeige am Boden.

Gundele krank! Ja, das ging doch gar nicht an! Die Buben muten doch auf
dem Schulweg mit der sanften Schwester von der Reise reden; dies war
doch das Allerwichtigste auf der ganzen Welt!

Just in diesem Augenblick krabbelte dem Peter ein Nieser ins Nslein,
und er nieste laut und vernehmlich: haizih! Ich bin auch krank, ich mu
zu Hause bleiben! schrie er.

Haizih, haizih! antwortete Mathes. Bei dem klangen die Nieser etwas
sonderbar, aber er schrie doch gewaltig: Ich bin auch krank, ich kann
net in die Schule gehen.

Wir unterhalten Gundele! schlug Peter vor.

Aber so ein paar Nieser machten auf Mina keinen Eindruck. Die sagte
kaltbltig: Wer krank ist, mu ins Bett und Spple essen, nur Spple.
Na, und mit der Reise wird es dann wohl nichts werden.

Haizih! Peter nieste vor Schreck gleich noch einmal, aber er rief doch
sehr flink: Ich bin net krank, pah, ein Schnpfle ist net schlimm!

Na denn marsch in die Schule! Gundele lat ihr jetzt in Ruh, die soll
noch schlafen!

Die Buben seufzten schwer, aber sie wagten kein Widerwort, denn mit Mina
war schlecht verhandeln an diesem Morgen. Dies merkten sie schon. Ein
paar Minuten spter trabten sie der Schule zu, und sie hielten dabei
Ausschau nach den Kameraden. Auch nach Herrn Hferleins Laden schielten
sie hinber, vielleicht stand der freundliche Kaufmann an der Tre und
war zu einem Schwtzlein bereit. Doch niemand lie sich blicken. Nicht
einmal Bckers Esel ging heute auf der Gasse spazieren, es sah auch
niemand zu einem Fenster heraus. Weil nun die Sternbuben nicht mit
jemand anderm von ihrer Reise reden konnten, redeten sie mitsammen. Sie
taten dies so eifrig, als htten sie sich tausend und einen Tag nicht
gesehen, und darber vergaen sie ihren Schulweg.

Bumbum! hub da pltzlich die groe Uhr der Marktkirche zu schlagen an.
Lieber Himmel, schon so spt! Der Schreck fuhr den Sternbuben gewaltig
in die Beine, sie begannen zu rennen und rasten mit gesenkten Kpfen
vorwrts, weil sie meinten, es ginge so schneller. Auf einmal stieen
sie aber dabei auf ein unerwartetes Hindernis. Jemand stellte sich ihnen
entgegen, breitete die Arme aus und sagte gemtlich: Euch la ich net
vorbei, ihr rennt sonst noch das Kirchtrmle um.

Die Butterfrau Greinle, die allwchentlich die Butter in den Silbernen
Stern brachte, war es, die die Buben aufhielt. Sie wollte ein Sple
machen und dachte nicht an die Schule. Und weil Frau Greinle ein bichen
schwerhrig war, verstand sie auch nicht gleich, was Mathes und Peter
ihr zuriefen. Die groe, dicke Frau hielt die zappelnden Bblein fest
und sagte neckend: Euch nehm ich mit, euch kann ich gut zur
Kartoffelernte brauchen.

Schule! schrie Mathes, und Peter kreischte: Wir mssen rein, wir
mssen rein!

Lieber Himmel, Frau Greinle, was machen Sie denn da! klang's von der
Schultreppe her. Lassen Sie doch die Buben los, es hat ja schon
angefangen! Der Schuldiener Hupp rief das sehr laut, und diesmal
verstand es Frau Greinle, und sie gab erschrocken die Buben frei, die
heulend die Treppe emporhasteten. Oben blieben sie aber stehen und
klagten: Jetzt kriegen wir 'n Strichle, huhuuuh!

Schuldiener Hupp, der viel zu gut zu allen unntzen Buben und Mdeln
war, trstete die beiden Schelme. Ich sag's eurem Lehrer, nun geht
nur!

Ich werd's sagen! Trapp, trapp, kam die groe, dicke Butterfrau die
Treppe empor, und da rannten die Buben erschrocken hinein, denn der
Gedanke, von Frau Greinle begleitet in die Klasse zu treten, war ihnen
sehr unangenehm. Sie ahnten schon, sie wrden ausgelacht werden, und sie
wurden wirklich ausgelacht. Ihren Kameraden erschien die Geschichte sehr
spahaft, selbst der Lehrer lchelte ein wenig, er meinte aber doch:
Etwas spt scheint ihr aber doch gekommen zu sein.

Mathes und Peter sahen sich an, eigentlich war's doch gut gewesen, da
Frau Greinle sie aufgehalten hatte, denn nun kamen sie ohne Strich oder
Nachsitzen ber das Zusptkommen hinweg.

Aber ach, von den dicken Brummgeigen am Himmel purzelten an diesem Tage
doch noch etliche auf der Sternbuben Kpfe. Sie hatten ber der Reise
vergessen, ihre Ranzen richtig zu packen, das Lesebuch fehlte, und
Peters Schreibheft war nicht zu finden, auch hatten beide ein falsches
Gedicht gelernt, und dies konnten sie noch nicht einmal, und in der
Geographiestunde warfen sie beide die Lnder, Meere, Stdte und Flsse
durcheinander wie Nsse in einem Scklein. Lobstriche gab es darum nicht
an diesem Tage, und Mathes und Peter rutschten gerade noch so knapp am
Nachbleiben vorbei, und sie zogen nach der Schule recht bedrckt heim.

Der Regen hatte nachgelassen, aber Gundel lag immer noch im Bett. Sie
war zwar nicht sehr krank, aber die Mutter gebot doch: Ihr Buben bleibt
drauen, Gundel mu Ruhe haben.

Dies war sehr betrblich, denn die Buben htten himmelgern mit der
Schwester geschwtzt und htten mit ihr Reiseplne geschmiedet, auch
machten ihnen die Schularbeiten wenig Spa ohne Gundels Hilfe. Sie
wollten schon das Arbeiten vergessen, als ihnen noch zur rechten Zeit
einfiel, nur wenn sie bis zuletzt fleiig waren, durften sie reisen.
Darum setzten sie sich gleich nach dem Mittagessen hin und arbeiteten
ganz brav und emsig. Mina, die es sah, sagte zu Kthle: Wirklich,
unsere Buben sind jetzt arg fleiig, an solchen Tagen haben sie sonst
immer ein Dummheitle gemacht, und heute hrt man sie kaum.

An Dummheiten dachten die Sternbuben auch wirklich nicht; wenn sie mal
ihre Nasen von den Bchern aufhoben, lachten sie sich an, und Mathes
wute, Peter denkt an die Reise, und Peter wute dies ebenso von Mathes.
Und kaum waren sie fertig, da redeten sie auch von der Reise. Und da
jemand, der reisen will, einen Koffer haben mu, dachten die Buben auch
an den Koffer. Sie htten gern einen gehabt, der funkelnagelneu und
blitzeblank gewesen wre, doch ihre Mutter meinte, zwei Bble wie sie
brauchten keinen neuen Koffer, oben auf dem Boden wrde schon noch ein
Kfferlein stehen, das gut genug fr sie wre.

Mina solle den Koffer herunterholen, verlangten die Buben. Doch Mina
hatte keine Zeit, auch sagte sie: Das hat noch gute Wege; ehe ihr
reist, rinnt noch viel Wasser vom Berge, und der Koffer kann noch ein
paar Tage auf dem Boden bleiben.

Mina, die nie reiste, wute eben nicht, was Reiseungeduld ist. Sie sah
ihre Gurken an, die sie einlegen wollte, und lie die Buben stehen. Doch
die dachten, pah, ein Kfferle knnen wir uns allein vom Boden holen!
Und weil gerade niemand auf das Schlsselbrett achtete, an dem alle die
groen, dicken Schlssel des Hauses hingen, nahm Mathes flugs das rechte
Bund, und beide erstiegen tatenlustig die Bodentreppe.

Das Sternenhaus war weitlufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken und
Winkel, und neben dem riesengroen Wscheboden gab es noch allerlei
geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten.
Urvterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da
untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht
weiter an, sie stlpten alles durcheinander, guckten in alle Schrnke
und Ksten hinein und entdeckten endlich ein braunes Kfferlein und eine
groe, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein;
namentlich die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bume und Rosen
gestickt waren, fanden sie sehr schn, und sie beschlossen, Kfferlein
und Tasche zu whlen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen spter
mit Kfferlein und Tasche das Haus verlassen und das Lwengle entlang
streichen.

Der Regen hatte aufgehrt, der Himmel war wieder hell geworden, und in
der Lwengasse tat sich eine Tr nach der andern auf, und groe und
kleine Leute spazierten aus den Husern heraus. Mathes und Peter fanden
bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die
wollten Gundel besuchen und waren sehr betrbt zu hren, dies sei
verboten. Sie lachten beide sehr ber der Sternbuben Reisegepck; das
Kfferlein fanden sie schbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und
Steffen Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schn
wren Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit
als gar nicht.

Sternbuben, wo soll's denn hingehen? Vor den Kindern blieb ein
kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom
Bckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das
Bckerfrulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder
neckten sie, weil das Bckerfrulein auf jeden Spa hereinfiel und dann
selbst so herzhaft darber lachen konnte.

Nach Leipzig fahren wir, schrien die Sternbuben stolz.

Jemine, jetzt gleich?

Ja freilich, jetzt gleich!

In einer halben Stunde geht der Zug! rief Veit.

Jemine, da mt ihr euch aber eilen!

Die Kinder lachten, und das Bckerfrulein regte sich auf. Es gehrte
nmlich zu den Menschen, die immer Angst haben, sie knnten zu spt auf
die Bahn kommen. Geht nur, geht, eilt euch! Jemine, und so allein sollt
ihr fahren? Das Bckerfrulein sah so ngstlich drein, da den Kindern
ihre Neckerei leid zu werden begann. Aber dann war es doch wieder sehr
lustig, so auf der Lwengasse einen herzbewegenden Abschied zu nehmen,
mit dem heimlichen Gedanken, wir gehen nachher in den Laden und erzhlen
alles.

Sputet euch nur, sputet euch nur!

Die Kinder rannten wirklich die Lwengasse hinab, und das Bckerfrulein
winkte und nickte ihnen noch zu, wnschte glckliche Reise, eine gute
Heimkehr, und dabei wuchs der Sternbuben Reiselust noch mehr. Wir
wollen auf den Bahnhof gehen, riefen sie.

Ha, fein! Die andern Kinder waren damit einverstanden, und alle sechs
marschierten nun miteinander nach dem kleinen Bahnhof. Das war ein Spa!
Sie wurden unterwegs ein paarmal gefragt, wohin die Reise gehen sollte,
und jedesmal antworteten Mathes und Peter keck: Wir reisen nach
Leipzig, jetzt gleich!

Breitenwert hatte nur einen kleinen Bahnhof. Viele Zge hielten da
nicht, und die groen Schnellzge fuhren immer sehr hochmtig an dem
Stdtchen vorbei, und nur die Bummelzge ruhten sich behaglich ein
Weilchen aus, ehe sie weiterdampften. Und just als die sechs Lwengler
auf dem Bahnhof anlangten, stand so ein gemchliches Zgle da, und seine
Lokomotive pustete, als wollte sie sagen: Kommt mit, liebe Leute,
kommt, kommt!

O die Glcklichen, die dem Ruf folgen konnten! Sehnschtig sahen die
Kinder auf den Bahnsteig hinaus, sie wren gern alle miteinander in den
Zug gestiegen, nur mal hinein und wieder hinaus!

Macht doch, da ihr hier wegkommt! brummte der Beamte an der Sperre.
Kinder haben hier nichts zu suchen.

Oho, wenn man in sieben Tagen nach Leipzig reisen will, da kann man sich
den Bahnhof doch genau ansehen! Die Sternbuben sahen aus wie der
leibhaftige Widerspruch, und Peter krabbelte in seiner Hosentasche
herum, vielleicht fand sich doch ein Grschle, um eine Bahnsteigkarte zu
lsen. Doch das Grschle -- es war lngst ausgegeben -- fand sich nicht,
auch die Grills hatten kein Geld, und sie brummten auch: Mal so raus
knnte uns der Schaffner doch lassen!

Alette Amhag sah die Sehnsucht ihrer Freunde, und sie konnte helfen. Sie
hatte von ihrem Vater Geld bekommen, um ihrer Puppe ein neues Kleid zu
kaufen. Doch Puppen mssen nicht so eitel sein und immer neue Kleider
haben wollen, dachte sie und zog ihr Geldbeutelchen heraus. Vier
Groschen waren drin und eine blanke Mark, vier Groschen -- damit kamen
vier Buben auf den Bahnsteig. Sie flsterte Trinle ihren Plan zu, und
obgleich Trinle auch gern hinausgegangen wre, sagte sie doch: Ja, die
Buben sollen gehen.

Und ein paar Augenblicke spter marschierten vier Buben stolz durch die
Sperre an dem erstaunten Beamten vorbei. Mathes und Veit trugen den
Koffer, Peter die bunte Tasche, und Steffen sagte hochmtig: Ich werde
Pltze suchen.

Sie kletterten auch wirklich alle vier in ein Abteil zweiter Klasse
hinein, klapp! flog die Tre zu, und Trinle und Alette bekamen Gre
zugewinkt. Sie nickten wieder und riefen: Gute Reise! bis sie sahen,
wie der Schaffner am Zuge entlang lief und die Tren schlo. Da
erschraken sie. Kommt raus, kommt raus! schrieen sie laut.

Doch die Buben hatten auch gemerkt, es geht fort, und sie wollten
eiligst aussteigen. Steffen suchte die Tre zu ffnen, es ging nicht.
Veit versuchte sein Heil, Mathes half, Peter half, pffpffpff, tat da die
Lokomotive und -- fort ging der Zug.

Die beiden Mdels schrieen verzweifelt: Sie fahren weg, sie fahren
weg!

Brllt doch net so! rief der Mann an der Sperre unwirsch.

Was fehlt euch denn? fragte der Bahnvorsteher milder.

Da erzhlten Alette und Trinle, und der Beamte runzelte die Stirn und
sagte, die Buben mten Strafe zahlen, viel.

Aber sie sind doch gar nicht da! jammerte Alette.

In Himmelsberg hlt der Zug schon, bis dahin ist's ein halbes Stndle,
da werden sie schon wiederkommen! Aber nachher mssen sie zahlen, sonst
werden sie eingesperrt.

Das war ein schlechter Trost.

Aber wenn sie nun immer weiter fahren? rief Trinle weinend.

Drfen sie gar nicht. In Himmelsberg werden sie aus dem Zug geholt; ich
bestelle das gleich mit dem Fernsprecher! Und nun geht heim, Kinder
haben auf 'nem Bahnhof nichts zu tun. Den Buben ist Strafe gesund.

Die Mdel seufzten und weinten, weinten und seufzten, das Heimgehen ohne
die Buben machte ihnen wenig Spa. Sie beschrieben allerlei Umwege und
gingen um die Lwengasse herum wie die Katzen um einen heien Hirsebrei,
sie frchteten die Frage: Wo sind die Buben?

Diese fuhren unterdessen ein Stcklein in das Land hinein, ohne gerade
viel Vergngen von der Fahrt zu haben. Da der Zug in Himmelsberg hielt,
wuten Veit und Steffen wohl, aber wie sollten sie dort ohne Fahrkarten
vom Bahnhof herunterkommen? Und Geld hatten sie alle vier nicht, um die
Fahrkarten zu bezahlen, darum ahnten sie alle vier, es wrde bs werden.

Es wurde auch bs. In Himmelsberg ffnete der Herr Bahnvorsteher den
vieren selbst das Abteil, er lie ein krftiges Donnerwetter auf die
vier Schelme niedersausen, und dann verlangte er Geld, viel Geld. Die
vier dachten an ihre schlecht geftterten Spartpflein, o weh, wenn sie
die bis auf den Grund leerten, so viel war nicht drin!

Was war da zu tun?

Geht einstweilen hinaus, nachher reden wir noch zusammen. Des Herrn
Bahnvorstehers Stimme grollte, er sah bitterbse aus, dabei war aber
doch so ein heimliches Blinken in seinen Augen, da Steffen, der es sah,
ein wenig Hoffnung schpfte. Er ging aber auch neben den andern wie ein
begossenes Pudelchen durch die Sperre, trapp, trapp, und dann waren sie
drauen, niemand sah nach ihnen, niemand fragte sie.

Ein Weilchen standen die vier beisammen, bis sie begriffen, da, wenn
sie jetzt recht liefen, sie in einer halben Stunde in Breitenwert sein
konnten. Wrde man sie nicht zurckhalten?

Kein Mensch lie sich blicken. Der Zug fuhr fort, und da machten es die
vier ihm nach, sie rannten auch fort. Fnf Minuten lang rannten sie und
redeten kein Wrtchen, bis endlich Peter den Mund auftat und rief: Ich
hab' das Tschle liegen lassen!

Die schne, buntgestickte Tasche fuhr mit dem Zug in die weite Welt. --

Alette Amhag und Trinle Grill bogen gerade beim Obermarkt in die
Lwengasse ein, als vom Untermarkt her die vier Buben angerast kamen.
Heil und unversehrt, nur etwas niedergeschlagen wegen der verlorenen
Tasche.

Und der Koffer, wo ist denn der? fragte Trinle emsig.

Veit hat ihn!

Nein, du hast ihn, Mathes!

Ich net!

Ich auch net!

Ja, wo war er? Auf dem Bahnhof in Himmelsberg hatten die Buben das
Kfferle noch gehabt, spter auch noch, als sie sich ausgeruht hatten,
aber dann war Mathes davongelaufen und Peter davongelaufen, und weil der
Koffer keine Beine hatte, war er stehengeblieben.

Tasche weg, Koffer weg, was wrde die Mutter dazu sagen!

Ihr drft vielleicht net reisen! Trinle sah uerst bekmmert drein,
Alette weinte ein bichen vor Mitleid, die Buben sthnten, und der
Abschied von der Lwengasse fiel nicht so vergngt aus wie die
Begrung. Die Sternbbles lieen die Nasen hngen, als sie den
Silbernen Stern betraten, und Mathes tuschelte Peter zu: Wir sagen's
morgen Gundele, und vielleicht sagt's Gundele der Mutter und vielleicht
--

Wer hat denn heute den Bodenschlssel gehabt? Die Frage drhnte den
beiden entgegen wie ein Kanonenschu. Mina stand im Hausflur und sah
sehr grimmig drein. Na, raus mit der Sprache, wer ist auf dem Boden
gewesen?

Nun kam alles heraus.

Die drfen net reisen! rief Mina entrstet. Das schne, bunte Tschle
haben sie verschleppt und 's Kfferle von ihrem Grovater dazu. Die
mssen daheimbleiben.

Ganz so streng sprach die Mutter nicht, aber sie redete auch von
Zuhausebleiben, wenn die Buben in den nchsten Tagen noch ein Dummheitle
machten.

Dann mssen die gerade alle sieben Tage im Bett bleiben, schalt Mina.
Frau Hinz, lassen sie die net reisen, die stellen ganz Leipzig auf den
Kopf, zwei solche Unntzle, wie die sind.

Mathes und Peter gelobten wieder einmal der Mutter reumtig, sie wrden
schrecklich brav sein, und kein Bube legte sich in Breitenwert an diesem
Abend mit besseren Vorstzen in das Bett, als es Mathes und Peter Hinz
taten. Lobstriche wollten sie noch in der Schule bekommen, sich nicht
einmal mehr die Hsle zerreien, ganz wunderbar sollte es werden. Und
dann schliefen sie ein und trumten seltsame Dinge: dem Peter fuhr eine
Lokomotive ins Bett hinein, und das Bckerfrulein war Lokomotivfhrer,
und Mathes sa mit der bunten Reisetasche irgendwo mutterseelenallein in
der Welt, und er schrie vor Angst laut nach der Mutter. Er schrie und
schrie, bis er der Mutter Stimme hrte, die beruhigend an sein Ohr
klang: Buben, aufstehen, es ist Zeit!

Hurra, wieder eine Nacht vorbei!

In sechs Tagen reisen wir! schrieen die Buben.

Wenn ihr brav seid und keine Dummheitles macht, sagte Mina von der
Tre her.

Pah, wir sind nie --

Mehr sagten die Buben nicht, sie steckten die Kpfe in die
Waschschsseln; Mina machte so ein sonderbares Gesicht, das war recht
unbehaglich.

In sechs Tagen reisen wir! Die Buben riefen es Gundele zu, der es
wieder besser ging. In sechs Tagen!

Wenn -- wenn ...! echote da Mina wieder.




                           Drittes Kapitel.
                             Die Ankunft.


Es war sechs Tage spter. Auf einem der vielen Bahnsteige des groen
Leipziger Bahnhofes schritten zwei Damen auf und ab. Die ltere der
beiden, die Frau Geheimrtin von Ringewald, sah sehr bla und traurig
aus, und ihre Tochter Eva bemhte sich, sie durch allerlei lustige Worte
zu erheitern. Pa auf, Mutter, sagte sie, die beiden Buben werden uns
viel Spa machen.

Ich wei nicht recht, Eva, antwortete die Geheimrtin, ob es nicht
eine Torheit war, die Buben einzuladen. Was sollen wir mit ihnen
anfangen?

O, ich spiele mit ihnen und zeige ihnen unsere Stadt, rief Eva
vergngt, und ihr liebliches Gesicht strahlte wie ein junger
Frhlingsmorgen. In das Museum fhre ich sie, in den zoologischen
Garten, berall hin, ich freue mich schon darauf!

Die Geheimrtin lchelte wehmtig. Sie wute genau, da sich ihre
Tochter nur auf den Besuch freute, weil sie ihr damit eine Zerstreuung
zu schaffen gedachte. Mein gutes Kind, du, flsterte sie leise, wenn
ich dich nicht htte!

Die schne Eva von Ringewald unterdrckte einen tiefen Seufzer. Der galt
dem groen Leid, das der Mutter und ihr Leben trbte, und sie sagte
tapfer, sich zum Frhlichsein zwingend: Jetzt werden sie gleich kommen,
in einer Minute werden sie da sein; wir wollen sie schon heiter
empfangen, gelt, mein Goldmuttel?

Die Geheimrtin konnte nicht mehr antworten, denn der Zug, der die
Sternbbles nach Leipzig bringen sollte, fuhr just ein. Mit Puffpaff und
lautem Gepfeife lief er in den Bahnhof ein. Die Tren wurden
aufgerissen, Menschen stiegen aus, da und dort ertnten frohe
Willkommrufe, Gepcktrger wurden herangewinkt, und ein paar Minuten war
der Bahnsteig von lautem Getse erfllt. Doch alle hasteten, so schnell
sie konnten, dem Ausgang zu. Der Bahnsteig leerte sich, und nach ein
paar Minuten stand die Geheimrtin mit ihrer Tochter nur noch allein am
Zug, dessen Tren ein paar Schaffner schlossen.

Sie sind nicht gekommen, rief Eva traurig.

Aber ihre Mutter hat doch heute gedrahtet, sie wren abgefahren. Frau
von Ringewald sah sehr besorgt drein. Wenn ihnen nur nichts zugestoen
ist! sagte sie ngstlich.

Vielleicht sind sie irgendwo sitzengeblieben. Eva lief noch einmal den
Zug entlang, und in diesem Augenblick rief ein Schaffner in ein Abteil
hinein: Hallo, hallo! Was macht denn ihr da drinnen?

Neugierig blickte Eva in das Abteil und sah darinnen auf den Bnken zwei
Bblein liegen, die so fest schliefen, als lgen sie um Mitternacht in
ihren Betten.

Das sind sie, rief Eva, ganz sicher, das sind sie!

Der Schaffner grinste. Wollen Sie die abholen, Freileinchen?

Ja, antwortete Eva, die Beschreibung pat. Und sie rief laut die
Namen: Mathes, Peter, wacht auf!

Rrrrrr schnarchte der eine, pff, pff schnaufte der andere.

Der Schaffner lachte. Na, die haben einen gesegneten Schlaf, meinte
er, die mu man anders wecken!

Und geschwinde kletterte er in das Abteil hinein und hob eins, zwei die
Buben von den Bnken und stellte sie hin. Aufwachen! schrie er.

Da rissen die Sternbbles, denn sie waren es wirklich, ihre Augen so
weit auf, so weit es ging. Weil ihnen die Umgebung aber gar zu fremd
vorkam, dachten sie, sie trumten noch, und fanden, ausgeschlafen htten
sie noch nicht, und, pardauz, lag der Peter rechts auf der Bank und
Mathes links auf der Bank und rrrrrr, pff, pff schnarchten und pusteten
alle beide weiter.

Ein zweiter Schaffner und ein Gepcktrger waren inzwischen
herbeigekommen, auch die Geheimrtin stand vor dem Abteil, und alle
miteinander lachten ber die verschlafenen Bblein.

Die knnen's! sagte der zweite Schaffner, und flugs kletterte er auch
in den Wagen, er packte Peter, sein Kamerad packte Mathes, und beide
trugen die Buben auf den Bahnsteig, und dort setzten sie sie so fest auf
den Boden, da die Sternbbles nun wirklich munter wurden.

Sie ghnten, sahen sich an, sahen sich um, und weil ihnen die ganze
Sache etwas sonderbar vorkam, brachen sie in ein lautes Geschrei aus.
Das Brllen nun verstanden die Sternbbles ausgezeichnet. Daheim in
Breitenwert, in der Lwengasse, sagten die Leute nicht: Der brllt wie
ein Ochse, sondern: Der brllt wie die Sternbbles, wenn jemand zu
arg schrie.

Und wenn die beiden schrieen, dann sah Mathes den Peter an und Peter sah
den Mathes an, und bei allem Schmerz und Kummer dachten sie meist: Ich
kann's noch lauter.

So ein mrderliches Geschrei war man aber auf dem Bahnhof von Leipzig
nicht gewhnt. Ein paar Beamte liefen noch herbei, der Zeitungsmann,
einer, der Frchte und Keks verkaufte, alle kamen sie, und alle fragten
sie: Was ist los, was fehlt den beiden?

Eva versuchte die Buben zu trsten. Seid doch ruhig! bat sie. Ihr
seid ja am rechten Ort. Kommt, wir fahren jetzt mit einem Wagen zu uns!

Doch Eva konnte viel reden, die beiden brllten weiter.

Mit denen mu man deutsch reden, brummte der erste Schaffner. Und
pltzlich brllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an:
Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die
Lokomotive!

Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still
waren sie beide.

Endlich! sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den
beiden werden! dachte sie bekmmert. Wren die nur erst wieder da, wo
sie hergekommen sind!

Vorlufig schienen die Sternbbles aber gar nicht an die Rckreise zu
denken. Nun sie den ersten Schreck berwunden hatten, wurden sie ganz
zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten
Tag und streckten ihnen ihre Hnde hin. An denen klebte viel Kohlenstaub
und Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein suberlich
sahen die Sternbbles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter
waren so schwrzlich, als htten die Buben schon in der Lokomotive
gesteckt.

Na, nun kommt nur! sagte die Geheimrtin bedrckt. Ihre Freude ber
den Besuch war nicht sehr gro. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an
der Hand, Eva fhrte Peter, ein Trger trug das Kfferlein der beiden,
und so gelangten sie alle an die Sperre.

Eure Fahrkarten, mahnte Eva, die mt ihr hier abgeben.

Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bbles sehr dringlich eingeschrft,
die Karten zu hten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die
beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten
zu verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklrten jetzt
beide wie aus einem Munde: Die Fahrkrtle knnen wir net zeigen.

Aber ihr mt sie doch abgeben! rief Eva.

Nur heraus damit! sagte der Beamte an der Sperre. Schnell, schnell,
ich mache hier gleich zu!

Die Fahrkrtle wollen wir behalten, behaupteten die Buben ganz
unverzagt.

Nein, die mt ihr abgeben, sonst -- sonst --

Kommt ihr in die Lokomotive, half der Schaffner Eva, die nicht wute,
was sie den Buben androhen sollte.

Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden
nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da
waren die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schttelte
ein wenig den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: Na, euch merkt
man's an, da ihr noch nicht viel gereist seid!

Viel Vergngen in der groen Stadt! rief ihnen der Zeitungsmann noch
spttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so
frhlich und freundlich: Danke schn! da Frau von Ringewald dachte,
sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!

Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren
vor lauter Sehen und Sichwundern so mde geworden, da sie zuletzt
eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.

Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!

Die Sternbbles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn
gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie
gleich recht viele auf einmal.

Und so gro waren die Huser, so viele Menschen gab es, und die rannten
alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es
irgendwo brannte oder sonst etwas los war.

Die Bbles drehten sich wie Windmhlenflgel, sie schauten nach rechts,
nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoen, und Eva und
ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke
drin hatten. O je, das war eine mhsame Sache, mit den beiden vorwrts
zu kommen!

Das Gepck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hh, und im rechten
Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los.
Durch viele Straen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbbles
wurden immer grer, immer ngstlicher schauten die beiden drein, und
als der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und
Eva sagte: Hier wohnen wir, da ergriff die beiden eine
unbeschreibliche Sehnsucht nach der Lwengasse, und Mathes rief
jammernd: Ich mcht' heim!

Ich auch, schrie Peter nicht minder ngstlich.

Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrll auf dem Bahnhof, und
sie sagte rasch: Erst mt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewi
hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!

Das war ein Wort!

Die Sternbbles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darber
vergaen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergngt aus dem Wagen.

Aus dem Hause kam ein lteres Mdchen in schwarzem Kleid mit weier
Schrze und weiem Hubchen. Es war die Kchin Hulda. Die sah Mathes und
Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden ber die
Schwelle stolperten, brummte Hulda: Na, die sehen aus, als machten sie
lieber zehn Dummheiten als eine.

Aber Hulda! sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. Die Buben sind so
nett und bescheiden und nur ein bichen schchtern; die werden sicher
nicht viel Mhe machen.

Naaa! Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim
Aussteigen, nahm das Gepck und folgte den andern in das Haus hinein.

Ringewalds bewohnten das Erdgescho, das sehr gro und gerumig war, und
zu dem auch ein mig groer Garten gehrte, der auf der Rckseite des
Hauses lag. Den Sternbbles aber, die an ihr gerumiges Heimathaus
gewhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen muten,
recht klein und nicht sehr prchtig; Verstecken spielen lie sich schwer
darin.

Erst mal waschen! sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hnde gar
nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles
schneewei und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei
Waschtische, und das allerschnste war ein weies Schrnkchen, hinter
dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.

Das ist fr euch, wenn ihr recht artig seid, erklrte Hulda, als sie
sah, wie verlangend die Bbles nach dem Schrnkchen schielten. Aber
erst wird gewaschen.

Nun waren die Sternbbles gar nicht gegen eine tchtige
Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am hellichten
Tage waschen sollten, whrend ihnen ein Schrank mit allerlei wundersamen
Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht. Kaum also hatte
Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum Schrank hin, um dessen
Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der Schrank verschlossen, und
Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als ihre Nasen an die
Scheiben pressen und alles von auen ansehen.

Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und
Pferde, und just berlegten sie, was sie damit spielen wollten, als
Hulda wieder in das Zimmer trat. Jemine, schrie die, ihr seht ja
immer noch wie ein paar Feuerrpel aus, und, ach du meine Gte, den
Schrank habt ihr ja ganz beschmiert! Ich dacht' es mir gleich, mit euch
beiden kommt nur rger ins Haus.

Ehe Mathes und Peter noch recht begriffen wie und was, hatte sie Hulda
gepackt und zog sie nicht sehr sanft zum Waschtisch. Jacken aus,
befahl sie grob, und dann strhlte und striegelte sie an den Buben
herum, da denen wirklich Hren und Sehen verging. Da war Mina daheim im
Silbernen Stern doch freundlicher, wenn die auch mal schalt, so grob
fate sie nicht zu. Die Buben ahnten freilich nicht, wie unwillkommen
Hulda ihr Besuch war. Buben konnte die nmlich kein bichen leiden, sie
behauptete es wenigstens immer, meinte, die wren alle unntz, und seit
Frau von Ringewald die Sternbbles eingeladen hatte, war Hulda immer in
einer sehr unholden Laune. An diesem Tage war noch dazu das
Stubenmdchen Ida krank, also mute Hulda allein fr die Gste sorgen.
Wohl wurde es denen nicht dabei, und am liebsten wren sie eiligst
entwischt.

Sie folgten ganz verdattert dem Mdchen ein paar Minuten spter in das
Speisezimmer, in dem die Geheimrtin und Eva auf sie warteten.

Das Zimmer war gro und schn eingerichtet. Ein reich geschmckter
Tisch, mit allerlei guten Sachen bestellt, stand in der Mitte. Um aber
zu dem Tische zu gelangen, muten Mathes und Peter ber spiegelblanken
Boden schreiten, und daran waren die Breitenwerter Buben nicht gewhnt.
Sie taten einen Schritt, noch einen Schritt, dann rutschten sie.

Mathes griff zuerst nach Huldas Rock, Peter tat es ihm nach, Hulda
wehrte sich, und klatsch, saen sie alle drei auf dem Boden, und die
Teller und Glser auf dem Tisch klirrten von dem Fall.

Die Geheimrtin sprang erschrocken auf, Eva lief zur Hilfe herbei, Hulda
schimpfte gewaltig, und die Buben taten und sagten nichts, die waren
viel zu verdutzt dazu.

Ich sag's ja, ich sag's ja, die Bengels bringen nur Verdru ins Haus!
zeterte Hulda und sah die beiden so bitterbse an, da denen himmelangst
wurde. Sie dachten gerade, es wre vielleicht am besten, unter den Tisch
zu kriechen, als Eva von Ringewald sie aufhob. Die wute mit sanften
Worten lind zu trsten, und den Sternbuben kam das blonde Frulein so
holdselig wie eine schne Mrchenfee vor. Sie standen auf und gingen an
ihrer Hand an den Tisch, und weil Hulda, die sich ber ihr Gezeter etwas
schmte, nun auch stilleschwieg, tauten die kleinen Gste allmhlich auf
und gaben Bescheid auf allerlei Fragen. Freilich, ein wenig kurz
gerieten die Antworten; ja und nein, mehr sagten beide nicht, aber dafr
aen sie unglaublich viel. Eva fragte mitleidig: Ihr hattet unterwegs
wohl gar nichts mit?

Doch, zehn Brter! antwortete Mathes.

Und viele pfel! ergnzte Peter.

Und Schokolade!

Und Zuckerhimbeeren von Herrn Hferlein!

Und Kuchen!

Und --

Lieber Himmel, und das habt ihr alles aufgegessen? rief Eva ganz
entsetzt. Euch wird es bel werden.

Die Buben rissen ihre Mnder weit auf. bel wird uns net, versicherten
sie, verwundert ber Evas Entsetzen. So arg viel war's doch auch net!
fgte Peter kleinlaut hinzu.

Halt nur jedem sein Rucksckle voll! sagte Mathes.

Eva lachte, und selbst ber das ernste Gesicht ihrer Mutter glitt ein
frhliches Lcheln, und ihre Heiterkeit fand das allerfrhlichste Echo
bei den Sternbbles; die lchelten nicht, die lachten so herzhaft, da
sie hin und her wackelten vor Vergngen. Sie erfllten den weiten Raum
mit frhlichem Lrm, und Mutter und Tochter dachten beide: Gut, da die
Buben gekommen sind! Nur Hulda dachte das nicht. Die hrte aber auch das
Lachen nicht; sie sa in der Kche, brummte und knurrte wie ein Br, dem
es in seiner Hhle nicht gefllt, und sie sagte wohl zum zwanzigsten
Male zur kranken Ida: Pa auf, von den Jungen kommt uns rger ins Haus;
wenn's noch Mdel wren, aber Jungen! Was fngt man mit denen an! Und
dabei seufzte sie tief und dachte an einen Jungen, den sie so lieb
gehabt hatte wie fast nichts auf der Welt.

Ida lachte. Hulda, rief sie, wenn Sie keine Jungen leiden knnen,
warum sind Sie denn mit jedem Betteljungen so freundlich, der ins Haus
kommt?

Schnickschnack, ich kann freundlich sein mit wem ich will! Damit war
das Gesprch zu Ende. Hulda nahm ihr Strickzeug, strickte und sagte kein
Wrtlein mehr an diesem Abend.




                           Viertes Kapitel.
                           Die Trostbuben.


Reisen, Schmausen und Lachen macht mde. Unversehens trat der Sandmann
hinter Mathes und Peter; denen fielen die Augen zu, und sie waren recht
froh, als Frulein Eva vom Zubettgehen sprach. Sie sagten schon halb
schlafend gute Nacht, und in ihrem Zimmer sahen sie nicht einmal mehr
nach dem Spielschrank. Sie purzelten beinahe in ihre Betten. Als Frau
von Ringewald ein Weilchen spter nachsehen kam, fand sie die beiden
schon im festen Schlaf liegen.

Eva sa neben den Betten, und sie flsterte der Mutter heiter zu: Ich
wollte ihnen noch ein Mrchen erzhlen, ich habe aber nur gesagt: >Es
war einmal --< da schliefen sie schon.

Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schn
waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weien Betten
lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.

Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube
geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und
seinen Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?

Trnen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte
zrtlich ihre Arme um der Mutter Hals. Sei nicht traurig, bat sie,
unser Fritz kommt wieder. Er mu ja wiederkommen!

Er mu ja wiederkommen! wiederholte die Geheimrtin, und eine leise
Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.

Wie knnte er die beste Mutter je vergessen! Eva zog die Mutter auf
den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Fen, und so,
whrend die Sternbbles schliefen, Mathes im Traume lchelte und Peter
etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von
dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt
gezogen war.

Wre der Onkel doch nicht so streng gewesen! klagte Eva.

Darum durfte er uns doch nicht verlassen! Frau von Ringewald hatte
dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen,
da ihr Junge, ihr zrtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war.
Heimlich, ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.

Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen.
Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von
Ringewald hatte seine Strenge zu fhlen bekommen. Der sollte studieren
wie sein verstorbener Vater oder Buchhndler werden wie sein Onkel. Zu
beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger
werden, nichts anderes.

Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen
Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es
aus, dann -- Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise --
ging er davon, ohne Abschied.

Es wre wohl anders gekommen, wre die Mutter dagewesen. Die erfuhr nie,
was zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn eigentlich vorgegangen war. Der
Konsul schwieg darber, und Fritz schrieb nicht, nie, seit zwei langen
Jahren nicht.

Eva trstete alle Tage die Mutter mit dem gleichen Wort: Unser Fritz
kommt wieder; wenn er etwas erreicht hat, kommt er wieder.

Er kommt wieder! Die Mutter hoffte es, aber zwei Jahre sind lang fr die
Sehnsucht einer Mutter. Eva sah das liebe, gtige Antlitz tglich
blsser werden. Die Geheimrtin mochte nicht mehr ausgehen, ihr Gram war
wie eine Spinne, die ein dichtes graues Netz spinnt, das Licht und
Freude absperrt.

Eva schlug allerlei Reisen vor, aber die Mutter war zu mde dazu. Auch
nach Breitenwert in den Silbernen Stern wollte Eva reisen, und wie auch
da die Geheimrtin nein sagte, fiel es Eva eines Tages ein, sie knnte
die Sternbuben einladen, der Mutter zum Trost und zur Freude.

Mathes und Peter Hinz als Trostbbles! Dies Amt ihnen zuzutrauen, darauf
wre in Breitenwert wohl niemand gekommen. Aber als Eva von Ringewald
die beiden so friedlich schlafen sah, dachte sie: Es war schon recht,
die beiden einzuladen, Mutter wird gewi ihre Freude an ihnen haben.

Von ihrem hohen Amt, Trostbbles zu sein, ahnten die beiden nichts.
Denen raubte kein Kummer den Schlaf, auch die vielen Brter, pfel und
anderen guten Dinge lagen ihnen nicht im Magen, die schliefen wie zwei
Murmeltiere, ohne nur einmal aufzuwachen.

Nun hatten die Sternbuben aber eine dumme Angewohnheit. War Schule, dann
schliefen sie wenn mglich bis Mittag, waren Ferien, dann wachten sie in
aller Herrgottsfrhe auf. Daheim schalt Mina oft ber diese dumme
Angewohnheit, denn sie meinte, Buben wren in den Ferien am besten im
Bett aufgehoben, da richteten sie am wenigsten Unheil an.

Weil in Leipzig die Breitenwerter Schule den Buben so entfernt lag wie
Afrika, wachten sie natrlich sehr frh auf und wuten gar nicht, wo sie
waren.

Sie blickten sich eine Weile hchst verdutzt an, meinten, sie tummelten
sich noch in einem Trumchen herum, aber da knurrten ihnen auf einmal
ihre Magen sehr vernehmlich. Na, und so etwas pflegt man meist nicht zu
trumen.

Wir sind verreist! schrie Mathes pltzlich.

Peter stopfte nachdenklich seinen Bettzipfel in den Mund. Das
Verreistsein so am frhen Morgen war ihm etwas ungemtlich, er htte
lieber daheim in seinem Bett gelegen. Eben wollte er darber sthnen und
knurren, als sein Blick auf den Spielschrank fiel. Das Schlssele
steckt, schrie er, und hops! da war er auch schon aus dem Bett.

Hops! sprang Mathes ihm nach. Beide kauerten am Schrank nieder und
begannen hchst vergngt seine Herrlichkeiten auszurumen. Nur mal
ansehen, dachten beide.

Zuerst kamen ein paar Geduldspiele zum Vorschein. Die legten die beiden
schnell wieder weg; Geduld war nichts fr sie, und daheim nahmen sie
diese Spiele auch nur vor, wenn sie vor Langeweile gar nicht wuten, was
anfangen. Ein bichen Puppenkram, der noch aus Eva von Ringewalds
Kindheit stammte, betrachteten Mathes und Peter sehr von oben herab. Sie
verrenkten und verdrehten den Gliederpppchen die Glieder, und dann
rumten sie weiter. Ein Baukasten und einer mit allerlei Getier gefiel
ihnen schon besser, aber dann packten sie noch ein paar Tiere aus, bei
deren Anblick sie in das hellste Entzcken gerieten. Es waren ein paar
Muse, eine Ente und ein Hahn, die laufen konnten, wenn man sie aufzog.
hnliche Tiere hatten die Sternbbles letztes Jahr zu Weihnachten
bekommen, die hatten aber so viel im Silbernen Stern und auf der
Lwengasse herumlaufen mssen, da ihnen sehr bald die Eingeweide
entzweigegangen waren.

Die Buben drehten nun flink Muse, Hahn und Ente auf. Da krhte der Hahn
und schlug mit den Flgeln, die Ente schnatterte, und die ganze
Gesellschaft lief lustig in der Stube herum. Sie rannten, standen still,
Mathes und Peter drehten sie wieder auf, und sie vergaen ber dem Spiel
ganz und gar, sich anzuziehen. Auf einmal, just als die Muse wieder
frisch aufgezogen herumrannten, tat sich die Tre auf, und herein
spazierte Hulda, die eine Kanne warmes Wasser brachte.

Eine lebendige Maus wre vielleicht vor so einer wichtigen Person, wie
es Hulda war, ausgerissen. Die Spielmaus aber war hchst frech, die lief
dem Mdchen gerade zwischen die Fe.

Hulda schrie frchterlich. Sie tat wahrhaftig, als wre ein Lwe im
Zimmer, und die Buben, die das Geschrei fr Spa ansahen, lachten laut
und tapsten in ihren Nachthemden hin und her.

Da schnurrte auch die zweite Maus daher, und Hulda, die sich ganz
entsetzlich vor Musen frchtete, hielt beide fr lebendig. Klatsch!
warf sie den Wasserkrug hin und rannte jammernd aus dem Zimmer.

Drauen durchgellte ihr Geschrei die Wohnung, und die Geheimrtin, Eva,
selbst die kranke Ida liefen herbei, alle meinten sie, irgendein Unglck
sei geschehen.

Was ist mit den Jungen? fragte Frau von Ringewald.

Brennt es? Soll ich die Feuerwehr holen? quiekte Ida, die sich noch
ihren Rock zuheftete.

Muse, Muse! Die Bengels haben Muse mitgebracht, und nu lachen se
noch! Hulda schttelte ihre Rcke, sie frchtete, die Muse wren an
ihr heraufgekrochen. Sie beien, sie beien! sthnte sie.

Die Jungen sind an den Spielschrank gegangen, rief Eva. Hulda,
schmen Sie sich, Sie sind ein rechter Hasenfu, laufen vor ein paar
Spielmusen davon!

Sie ging in das Zimmer, und dort fand sie die Hemdenmtze mitten in der
berschwemmung stehen. Die Muse, Hahn und Ente hatten das Laufen
eingestellt; Wasser vertrugen sie nicht, selbst der Ente war es zu viel.
Mathes und Peter waren sehr verdutzt ber Huldas Davonlaufen. Und als
sie die drauen schluchzen und jammern hrten, denn Evas Wort vom
Hasenfu hatte die treue Seele bitter gekrnkt, dachten sie, das Klagen
gelte dem Kruge, und sie riefen Eva eifrig entgegen: Das Krgle ist net
ganz entzwei!

Nur der Henkel ist ab! erklrte Mathes.

Ein paar Sprngle hat's, fgte Peter hinzu.

Und laufen tut es vielleicht auch. Eva nahm lachend Mathes den Krug
aus der Hand; sie sah den ausgerumten Spielschrank, die Tiere in der
Wasserflut, und sie zwang sich zu einem ernsten Gesicht und sagte:
Spielt ihr in Breitenwert auch erst, ehe ihr euch anzieht? Das ist bei
uns nicht Mode!

Den Buben fuhr der Schreck gewaltig in die Glieder, und sie strzten
sich eilfertig auf ihre Sachen. Das liebliche Frulein Eva mochten sie
gewi nicht krnken.

Rips, raps, rups -- ging es. Mathes zog zwei Strmpfe ber ein Bein,
Peter versuchte verkehrt in seine Hosen zu schlpfen, und dann schrie
Mathes: Das sind meine! und Peter schrie noch lauter: Meine sind's!
Einer zog nach rechts, einer nach links, dann gab einer dem andern einen
Puff, und die Hsles flogen hoch im Bogen durch das Zimmer.

Streitet euch doch nicht! Eva mahnte es, aber da sah sie, wie sich die
Brder vor Lachen krmmten, und sie ahnte, so machten die es oft. Sie
rumte flink den Spielschrank ein, zog vorsichtig wieder den Schlssel
ab und sagte pltzlich gelassen zu den beiden, die sich noch immer um
ihre Kleidungsstcke rauften: So, wer jetzt nicht in fnf Minuten
fertig ist, der bekommt kein Frhstck!

Das Wort half wunderbar gut. Jetzt fuhr auf einmal jeder Bube ins rechte
Hosenbein, und bald standen beide blitzblank und fertig da, und Eva
fhrte sie in das Frhstckszimmer. Dort wartete Frau von Ringewald
schon am zierlich gedeckten Tisch. Und Hulda stand da, bereit, Kaffee
einzugieen, aber mit einer Miene wie eine Pulvertonne, die in die Luft
fliegen will.

Das kleine, behagliche Zimmer lag nach dem Garten hinaus, der jetzt im
bunten Herbstschmuck prangte. Freilich waren der Staub und der Ru der
groen Stadt auf Bsche und Bume niedergesunken; alles sah ein bichen
schwrzlich aus, und dann gab es auch nur ein paar wohlgepflegte Beete
und sorglich geglttete Wege in dem mig groen Garten.

Spielen kann man da nicht drin, dachten die Sternbuben, und gerade da
fragte Frulein Eva, die sehr stolz auf den grnen Winkel war: Gefllt
euch unser Garten?

Noi! riefen die Buben wie aus einem Munde, und beide schttelten so
heftig die Kpfe, damit auch gar kein Zweifel an ihrem Mifallen blieb.

Na, solch freche Jungen! Finden unsern Garten nicht schn! brauste
Hulda emprt auf. Ihr habt wohl gleich 'nen Park am Hause, he?

Aber Hulda! Evas Stimme klang vorwurfsvoll, und dann fragte sie
freundlich: Was gefllt euch denn nicht an unserem Garten?

Die Buben sahen sich verlegen an. Was ihnen eigentlich an dem sauberen
Grtchen nicht gefiel, wuten sie selbst nicht zu sagen. Sie dachten
eben nur an die Grten, die sich daheim hinter den Husern der
Lwengasse hinzogen, und die so ganz anders waren, so viel lustiger und
freier.

Man kann net drin spielen, platzte endlich Mathes heraus.

Er ist so -- so fein! stotterte Peter.

Natrlich, fr euch zwei ist er zu fein! Es war gut, da drauen die
Flurglocke ertnte und Hulda das Zimmer verlassen mute, sie htte sonst
gewi noch allerlei gesagt, was den Buben recht unangenehm gewesen wre.
Frulein Eva war viel netter, die schwieg von dem Garten. Sie sah nur
wehmtig hinab. Ach, was wuten so ein paar dumme Breitenwerter Buben
davon, wie froh ein Grostadtkind ber so ein grnes Fleckchen sein
kann!

Erzhlt einmal von eurem Garten! forderte die Geheimrtin auf, whrend
sie Semmeln recht dick und lecker mit Mus fr ihre Gste bestrich.

Von ihrem Garten sollten sie erzhlen! Die Sternbuben dachten nach. Am
meisten lie sich vom Lindengarten erzhlen, der ein Ruberschlle
hatte, und gerade wollten sie den Garten ihrer Freunde preisen, als
Hulda wieder das Zimmer betrat. Die brachte Briefe, und darber vergaen
Mutter und Tochter den Garten und ihre Gste, denn jedesmal, wenn Briefe
kamen, schlugen ihnen die Herzen, sie dachten: Vielleicht ist einer von
unserm Fritz dabei!

Auch Hulda, die schon viele Jahre im Hause war, dachte das, sie blieb
darum mitten im Zimmer stehen und wartete, ob die Geheimrtin oder Eva
nicht etwas sagten. Sie blickte still und fragend zu beiden hinber, die
Sternbuben aber meinten, Hulda blicke sie so unentwegt an. Das machte
sie arg verlegen, und weil sie nicht recht wuten, wie sie sich helfen
sollten, begannen sie ihre Mussemmeln zu essen.

Nun kmmerte sich daheim im Silbernen Stern, wo es alle immer recht
eilig hatten, niemand viel darum, wie die Bbles aen. Die pflegten
daher oft von ihren Brtern erst das Mus abzuschlecken und dann das
nackte Brot zu essen, wie das Gundel nannte, die oft ber diese Art zu
essen schalt.

Schn war es auch nicht, niemand konnte das finden. Daheim hatte Trinle
Grill auch schon mal gesagt: Ihr seid die reinen Saubarteles! was auch
nicht schn war, aber in Breitenwert redete man halt so. Doch kein
Mensch htte dort so ein ungeheures Geschrei erhoben, wie dies Hulda
pltzlich tat. Die verga Briefe und alles, schlug die Hnde ber dem
Kopf zusammen und schrie wohl zwanzigmal hintereinander: Pfui, pfui!

Mathes und Peter erschraken heftig, und Peter klatschte sich seine
Semmel vor Schreck an die Nase, und da sah er nun aus wie ein rechter
kleiner Schmierfink.

Frulein Eva, die ber einem Brief ihrer liebsten Freundin die kleinen
Gste ganz vergessen hatte, sah auf und rief auch erschrocken: Pfui!

Dieser Ruf des lieblichen Fruleins bekmmerte die Buben sehr. Mathes
stopfte vor Schreck seine Semmel in seine Tasse, schwapp! lief die ber;
Peter wollte dem Bruder helfen, dabei ri er seine eigene Tasse um, und
ber den zierlich gedeckten Tisch rann ein braunes Fllein.

Sagt' ich's nicht, von denen kommt nur rger? kreischte Hulda. Auf,
marsch, raus, ihr Schmierfinken, ihr!

Halt! Frau von Ringewald legte sacht ihre Hand auf die Huldas, die
eben mit hartem Griff Mathes von seinem Stuhle herabzerren wollte. Mit
Gsten geht man sanfter um, Hulda, und mit Kindern hat man Geduld. ber
das feine, traurige Gesicht der Geheimrtin lief ein Lcheln, als sie
den Buben die beschmierten, erschrockenen Gesichter streichelte. Jetzt
geht mit Eva, die wird euch waschen, sagte sie trstend.

Hulda schwieg muckstill, und Eva stand rasch auf, nahm die Buben an die
Hand und fhrte sie in das Schlafzimmer zurck. Sie dachte dabei, wie
gut doch Mutter ist, und so gut war sie auch immer gegen den wilden
Bruder. Ist's mglich, kann der eine so gute Mutter wirklich vergessen?

Mathes und Peter waren die Herzen schwer. Die Patentante gefiel ihnen so
gut, und Frulein Eva gefiel ihnen so gut, und nun waren sie gewi alle
beide sehr bse, und weil sie das bedrckte, darum seufzte erst Mathes
schauerlich tief und dann Peter noch tiefer. Da kehrten Evas Gedanken zu
den beiden zurck, und sie fragte: Warum seufzt ihr denn so?

Weil -- weil du uns bse bist, stammelte Mathes.

Jaa! seufzte Peter.

Eva lachte. Ich bin schon wieder gut, versicherte sie, wenn ihr jetzt
nur brav sein wollt.

Bei den Sternbbles wurde sehr rasch aus schlecht Wetter gut Wetter. Im
Umsehen stellten sie das Geseufze ein, und Hulda machte ein ganz
verwundertes Gesicht, als ein paar Augenblicke spter die Buben
blitzblank und purzelvergngt wieder zurckkamen und nun ganz suberlich
und manierlich aen und tranken. Sie benahmen sich so nett, da Eva nach
dem Frhstck sagte, nun wrde sie den beiden die Stadt zeigen.

Mit 'nem Schutzmann als Begleiter, sonst bringen Sie die beiden doch
nicht heil und ganz wieder zurck, brummte Hulda.

Aber weder Eva noch die Sternbuben taten, als hrten sie Huldas
Unkenruf. Eva sagte: Nun macht euch fein, ich tue das auch; in einer
Viertelstunde gehen wir.

Und schon nach fnf Minuten standen Mathes und Peter im Flur. Sie hatten
sich uerst fein gemacht, Alettes Handschuhe hatten sie angezogen und
Trinles Tchle in ihre Brusttaschen gesteckt, und sie waren ein bichen
gergert, als Frulein Eva darber lachte und meinte, dies alles wre
nicht ntig.

Man sieht ihnen eben die Kleinstdter an der Nasenspitze an. Das war
Huldas letztes Wort, das den Spaziergngern noch nachhallte. Es krnkte
sie aber nicht, denn drauen sagte Eva: Wir fahren nun zuerst mit der
Elektrischen in die Stadt hinein; flink, dort oben hlt sie, und ich
hre sie schon klingeln!

Da liefen die Buben wie zwei Windhunde und vergaen Hulda und ihren
Zorn. Zum erstenmal in einer elektrischen Bahn fahren, das war doch noch
eine Sache!




                           Fnftes Kapitel.
                     Verloren und wiedergefunden.


Manchmal ist doch so eine elektrische Bahn recht boshaft. Da klingelt
sie freundlich und einladend, tut, als wrde sie warten und jeden
mitnehmen, und wenn dann einer denkt: Ha, die erreiche ich noch! dann --
schwuppdiwupp! saust sie ihm an der Nase vorbei.

Genau so erging es Frulein Eva, Mathes und Peter an diesem Morgen mit
der bsen Elektrischen. Nun war das ja nicht weiter schlimm, denn sie
hatten alle drei keine Eile. Frulein Eva wollte auch gerade sagen: Die
nchste Bahn kommt bald, als sie die beiden Buben heidi! dem Wagen
nachrennen sah.

So dumm! dachte Eva und rief, aber den Buben schienen die Ohren
zugemauert zu sein, und es blieb ihr nichts weiter brig, als den
Ausreiern nachzurennen; die konnten ja in der wildfremden Stadt wer
wei wohin laufen! So rasten denn alle drei eine Weile die lange, stille
Strae entlang, und da die Sternbbles flinke Beine hatten, htte Eva
sie sicher nicht erreicht, wenn ein daherkommender Mann die beiden nicht
festgehalten htte. Und der lie nicht los, soviel die beiden sich auch
wehrten, strampelten und zappelten. Als Eva herankam, rief er ihr
entgegen: Ich hab' sie. Na, die haben wohl was Nettes ausgefressen?

Eva, die ganz atemlos war, erzhlte, der Mann lachte ber die dummen
Kleinstadtbuben, und die schmten sich entsetzlich. Und just da sauste
ihnen allen eine zweite Bahn an den Nasen vorbei.

Seht ihr, wret ihr stehengeblieben! Der Mann sagte es, und Frulein
Eva sagte es, und Mathes und Peter senkten reumtig die Nasen, und dazu
rgerten sie sich gewaltig, denn der Fremde sagte noch, ehe er sie
loslie: Mit denen nehmen Sie sich nur in acht, Frulein! Die sehen
aus, als machten sie an jedem Tag drei dumme Streiche und am Sonntag
sechs!

O, wie nur jemand so reden kann!

Die Buben waren tiefgekrnkt, und ganz still stiegen sie, als nun
endlich wieder eine Bahn kam, hinein und saen feierlich und steif auf
ihren Pltzen.

Ein bichen wirbelig wurde ihnen dabei zumute. Die Bahn fuhr durch
viele, viele Straen, und alle hatten sie hohe Huser; wie die
Lwengasse daheim sah keine Strae aus.

Endlich stiegen sie aus. Auf einem freien Platz war es, der ein wenig
einem Ameisenhaufen glich, so viele Menschen liefen da hin und her,
Wagen rollten, die Schaffner der Bahnen klingelten, und die Buben wuten
gar nicht, wohin zuerst schauen.

Der Platz heit der Augustusplatz, sagte Frulein Eva, die den kleinen
Gsten alles recht genau erklren wollte.

So heit Herr Hferlein, rief Mathes, froh, da er an Breitenwert
denken konnte.

Wer? fragte Eva erstaunt.

Herr Baldan auch, sagte Peter. Und vielleicht htten beide noch alle
Breitenwerter Auguste aufgezhlt, wenn nicht ein Mann sehr grob
geschrieen htte: Platz da, ihr dummen Bengels! Und puff! bekam Mathes
einen Sto und Peter einen, und Frulein Eva zerrte rasch die beiden vom
Fahrdamm herab. Hier darf man nicht stehen bleiben, erklrte sie
erschrocken und ging ein paar Schritte ber den Platz hin.

So, nun seht euch einmal um! Dort drben, das ist unser Museum.

In ganz Breitenwert gab es kein Museum, und Mathes und Peter wuten
nicht, war das eine Petroleumlampe oder sonst etwas. Sie starrten aber
dahin, wohin Frulein Eva blickte, und da sahen sie einen groen
Brunnen, hoch aufgebaut und mit vielen Figuren schn geziert. Die Wasser
sprangen lustig aus vielerlei Rhren, und die Buben meinten, ein
Springbrunnen wrde vielleicht in Leipzig Museum genannt. Sie riefen
daher vergngt: Das ist fein, arg fein!

Die Freude der Buben freute Frulein Eva, denn sie liebte es sehr, in
das Museum zu gehen. Sie versprach darum: Morgen oder bermorgen gehen
wir zusammen hinein.

Kann man das? Mathes sah ungeheuer erstaunt drein, und Peter wute
auch nicht recht, sollte er lachen oder verwundert sein.

Natrlich kann man das, warum nicht? Da gehen viele Menschen hinein.

Mu man da Badehsle anziehen? forschte Mathes, dem die Sache doch
sehr bedenklich schien. In Breitenwert dachte doch kein Mensch daran, in
einen Brunnen zu steigen.

Ba--dehsle? Nun schaute Frulein Eva aber verdutzt drein. Sie
schttelte den Kopf, sah die Buben an, sah nach dem Museum hinber, und
da ging ihr auf einmal ein Lichtlein auf. Die springenden Wasser
glitzerten in der Sonne, und sie ahnte die Verwechslung. O ihr
Dummerles! rief sie. Ihr denkt wohl, der Brunnen ist das Museum, und
wir wollen zusammen in den Brunnen steigen?

Weil Frulein Eva lachte, lachten die Bbles auch; sie taten es sehr
herzhaft und laut, und ein paar Vorbergehende lachten mit. Unter ihnen
war auch ein junger Mann, sehr einfach, fast rmlich gekleidet. Der
blieb pltzlich stehen und sah unverwandt zu dem frhlichen Mdchen und
ihren kleinen Begleitern hinber. Und als die nun in die Grimmaische
Strae einbogen, die den Augustusplatz mit dem Marktplatz verbindet,
folgte er den dreien.

Eva von Ringewald wollte den Buben nun doch erklren, was eigentlich ein
Museum sei, aber sie konnte viel reden, die beiden hrten nicht. Die
sahen sich nur immerfort um. War das ein Getriebe in der ziemlich engen
Strae! Den Sternbbles war es zumute, als wren sie in ein buntes
Geschichtenbuch hineinspaziert, und weil man sich in Geschichten laut
und nachdrcklich verwundern kann, verwunderten sie sich auch sehr laut.
Einmal schrie Mathes: Peter, guck! Dann schrie Peter: Mathes, guck!
Und dann zeigten sie mit den Fingern, klebten beinahe vor Schaufenstern
fest, drckten sich die Nasen an den Spiegelscheiben platt, rannten die
Vorbergehenden an, lieen sich selber ein paarmal umrennen, und sie
wren gewi noch auf den Fahrdamm gepurzelt, wenn Frulein Eva sie nicht
fest bei den Hnden genommen htte. Es war freilich schwer, in dem
Straengewhl zu dreien zu gehen, und manch ein Vorbergehender schalt
ber das Breitmachen. Aber schlielich kamen doch alle drei auf dem
Marktplatz an, wo es freier war. Hier blieb Eva aufatmend stehen, und
sie wollte eben ihren Schtzlingen das Rathaus zeigen, als jemand ihren
Namen rief.

Eine Freundin war es, die ihr nachgelaufen kam. Die wollte sich gleich
die Breitenwerter Gste ansehen. Das hbsche, lustige Mdchen redete
freundlich zu Mathes und Peter, doch die waren von all dem Neuen, das
sie sahen, so verwirrt, da sie nur karge Antworten gaben.

Seht euch ein bichen um! rief Eva von Ringewald, die gern mit ihrer
Freundin etwas bereden wollte. Die beiden Mdchen schwatzten zusammen,
und die Sternbbles standen auf dem Marktplatz von Leipzig und sahen
sich um. Der Platz war sehenswert, und an dem Rathaus konnte einer schon
seine besondere Freude haben. Aber schne Huser waren den Buben noch
recht gleichgltig, die sahen ganz andere Dinge. Die vielen Gefhrte
aller Art gefielen ihnen vor allem, und dann geschah auf einmal etwas
ganz Wunderbares. Eine der vielen Straen entlang, die alle auf den
Marktplatz einmndeten, kam jemand anspaziert, den Mathes und Peter
bislang nur aus Bilderbchern kannten.

Ein Neger war es, einer, der dunkelbraun aussah wie ein
Schokoladenpltzchen.

Die Buben kreischten laut vor Verwunderung. Eva von Ringewald hrte es,
aber ihre Gedanken waren bei dem, was die Freundin ihr erzhlte, und da
sagte sie nur: Seid doch still, man schreit hier nicht auf der Strae!

Patsch! waren die Bbles still, merkwrdig still sogar.

Eva hrte kein Wrtlein mehr von ihnen, und darum verga sie die beiden
ber dem lebhaften Geplauder mit der Freundin ganz und gar. Leider aber
vergaen Mathes und Peter ihre Beschtzerin auch. Schon ihr Gebot,
stille zu sein, hatten sie kaum noch gehrt, sie dachten nur an den
Neger und sahen nur den.

Dieser, der eine rote Mtze und dunkelblaue Jacke trug, war sonst auf
dem groen Meplatz Trsteher bei einer Schaubude. Vormittags aber war
es in Leipzig auf dem Meplatz meist sehr stille, also konnten
Schaubudenleute auch mal spazierengehen. Weil nun in Leipzig im Frhling
und Herbst alljhrlich Messe war, erstaunten die Leute nicht sonderlich,
wenn Meleute durch die Stadt gingen. Ein Neger schien niemand etwas
Besonderes zu sein, niemand ri darum den Mund so sperrangelweit auf,
wie es die Sternbbles taten.

Als der Neger in eine Seitenstrae einbog, hatten sie nur den einen
Wunsch, ihm nachzulaufen. Das taten sie auch. Sie fragten nichts und
sagten nichts, sie rannten einfach spornstreichs hinter dem Schwarzen
einher, rannten, bis sie neben ihm waren und ihm recht genau ins Gesicht
starren konnten.

Der gute Neger nun war das Anstaunen gewhnt, die beiden Buben aber, die
so trapp trapp neben ihm herliefen, wurden ihm doch lstig. Er rollte
seine Augen, zeigte seine weien Zhne und rief auf einmal mit rauher
Stimme: Fort, ich fresse euch!

Die Vorbergehenden lachten, aber Mathes und Peter erschraken ungeheuer;
sie schrieen laut auf und wichen entsetzt zurck. Ein paar Leute blieben
lachend stehen, auch der Neger lachte, aber alles das sahen Mathes und
Peter nicht mehr, die rissen einfach aus.

Heidi, husch! ging es die Strae entlang. Einer lief hinter dem andern
her, aber statt zurck rannten sie vorwrts, sie kamen an eine
Querstrae, liefen die entlang und wren wohl noch wer wei wohin
gelaufen, wenn sie nicht ber eine Kiste, die ein Fuhrmann vor einem
Torweg ablud, gestolpert wren.

Himmeldonnerwetter! N, ihr Bengels, gennt ihr denn niche shen!
schalt der. 'ne Kiste ist doch nich 'n Wassertroppen, den man nich
sieht!

Da kamen die beiden zur Besinnung. An ihren Knieen sprten sie es, da
die Kiste wirklich kein Wassertropfen war; braun und blau hatten sie
sich geschlagen. Sie sahen sich verwirrt an und sahen sich ebenso
verwirrt um. Wo waren sie eigentlich, und wo war Frulein Eva?

Der Neger war verschwunden. Kein Mensch ringsum bedrohte die beiden, nur
der Fuhrmann, der sich noch immer mit seiner schweren Kiste abmhte,
brummte weiter. Als er aber die tieferschrockenen Gesichter der beiden
sah, fragte er gutmtig: N, warum seid er denn erst gerannt wie 'n
baar Brstenbinder und steht nu da wie 'n baar Esel im Tanzsaal?

Der -- der Mohr wollte uns fressen! stotterte Mathes, und Peter redete
ihm nach: Ja, er wollte uns fressen!

Herrjeses! Der Fuhrmann lachte drhnend auf. N, so was! Bei uns da
laufen doch die Menschenfresser nich auf der Strae herum! Hrt mal, ihr
seid wohl nich aus Leipzig, wo seid ihr denn her?

Weil der Mann so herzhaft lachte und so gutmtig dreinsah, faten die
Sternbuben Zutrauen zu ihm; sie drngten sich an ihn heran und fingen
an, ihm ihr Abenteuer zu erzhlen. Leider erzhlten sie etwas
durcheinander, und der Fuhrmann wute nicht recht, wie er Frulein Eva
von Ringewald und den Neger zusammenbringen sollte, auch verstand er
nicht, warum Peter immer versicherte, Hulda wrde bse werden.

Endlich kam dem Mann ein Gedanke; er fragte: Die sind wohl alle von der
Messe, und ihr gehrt wohl auch dahin?

Nun hatten die Buben wieder keine Ahnung, was eigentlich die Messe war,
und sie starrten den Frager mit offenem Munde an. Der tippte mit dem
Finger an seine Stirn und brummelte: Da rappelt's wohl? Geht mal lieber
heim zur Mutter!

Das ist zu weit, schrieen alle beide erschrocken, und Peter fgte
klagend hinzu: Wir sind doch auf Besuch, und Frulein Eva ist doch mit
uns spazierengegangen!

So so, spazierengehen nennt ihr das, wenn ihr auf meiner Kiste
rumtrampelt! Na nu, wo ist denn Freilein Eva?

Da kam Mathes ein Gedanke. Auf dem Marktplatz steht sie, schrie er aus
Leibeskrften, als wre der Fuhrmann ganz taub.

Der schrak ordentlich zusammen. N, ihr Schafskppe, murrte er
endlich, wenn die da steht und ihr hier seid, dann geht ihr doch nich
spazieren! Nach dem Marktplatz ist das schon 'n Stck. Da geht mal die
Strae immer geradeaus und dann links und wieder immer geradeaus, un am
besten ist, ihr fragt noch dreimal, denn sonst rennt ihr gar noch auf
den Thomasturm. Und dann sagt Freilein Eva 'nen scheenen Gru, un ihr
wret viel zu dmlich, um alleine zu laufen.

Nach dieser beraus freundlichen Abschiedsrede schob der Fuhrmann seine
Kiste in den Hausflur, und Mathes und Peter rannten sehr eilfertig
davon. Furchtbar nett fanden sie den Fuhrmann freilich nicht, aber er
hatte ihnen doch wenigstens den Weg gesagt. --

Eva von Ringewald hatte bald das Verschwinden ihrer Schtzlinge gemerkt.
Die Freundin nahm Abschied, und sie sah sich nach den beiden um. Aber
alles Umsehen half nichts; von den Buben war kein Zipfelchen zu sehen.
Sie lief die Strae zurck, durch die sie mit den beiden gekommen war,
denn dort hatte ein Spielwarenladen die beiden arg gelockt. Aber vor dem
standen fremde Kinder, die beiden waren nicht dabei.

Eva fragte ngstlich einen Schutzmann; der hatte die Buben nicht
gesehen. Nun rannte sie in eine andere Strae hinein, fragte dort wieder
einen Schutzmann. Doch der wute auch nichts von den Verschwundenen.

Da kehrte sie zum Marktplatz zurck, lief auf und ab in immer wachsender
Angst, bis ihr endlich der Gedanke kam, die beiden knnten vielleicht
heimgelaufen sein. So recht glaubte sie es zwar nicht, aber wenn jemand
in rechter Herzensangst ist, klammert er sich an die kleinste Hoffnung.
So erging es Eva von Ringewald an diesem Morgen. Sie setzte sich in
einen Wagen und fuhr heim, und trotzdem immerzu in ihrem Herzen eine
Stimme redete: Sie sind nicht da, knnen nicht den Weg gefunden haben,
sagte sie immer wieder zu sich selbst: Gewi sitzen sie zu Hause, sicher
ist es so.

Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drckte auf
die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die ffnete,
entgegen: Sind sie da?

Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. Besuch ist nicht
gekommen, brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie
aufgeregt: Herrjee, die Jungen sinn weg! Und ordentlich stolz ber
ihre eigene Klugheit fgte sie hinzu: Das hab' ich doch gleich gesagt,
mit denen geht's schief!

Hulda wollte noch viel sagen, was man alles fr schreckliche Dinge mit
zwei so unntzen Jungen erleben knnte, und da sie sich niemals welche
einladen wrde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas
verstrtes Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: Die Kinder
sind weg, die uns anvertrauten Kinder?

Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf
einmal, da dies eine recht betrbliche Geschichte war. Sie schrie: Ich
lauf' zur Polizei, und wupps! war sie weg.

In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Strae entlang,
und sie lie sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren,
obgleich die die allergrte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach,
sprang auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der
zu schimpfen anfing, sagte sie gelassen: Schimpfen Sie nur nicht, uns
sind zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so 'n
bichen Gestoe!

Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: Jungen sind
verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?

Nun erzhlte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich
sehr gern wichtig. Also erzhlte sie allen Leuten im Wagen von den
Sternbuben, und da sie auf einmal -- haste nicht gesehen! --
verschwunden wren. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und
Frulein Evas Trnen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die
wurden immer unntzer in ihrer Erzhlung. Max und Moritz waren die
reinen weigewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schlielich sagte der
dicke Herr, den Hulda erst so gestoen hatte: I du meine Gte, die
mssen Haue haben, wenn sie gefunden werden!

Die drfte man gar nicht einladen, rief eine ltere Frau. Zwei solche
Rangen im Haus, na, ich danke!

Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief:
Wchterstrae! Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mute,
und sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die
Fe und purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebude
erreicht hatte, stolperte sie ber die Schwelle und rief dem
wachthabenden Schutzmann zu: Sind se da?

Ich bin da, antwortete der gelassen. Wer soll denn noch da sein?

Hulda erzhlte und fgte gleich hinzu: Aber Haue kriegen se tchtig!

Nun, dazu mu man erst die Buben haben! meinte der Schutzmann;
alleweile sind se noch nicht da!

So war es auch. Von Mathes und Peter war kein Zipfelchen zu sehen;
niemand wute etwas von ihnen, Hulda konnte fragen, soviel sie wollte.

Nach einer halben Stunde machte sie sich tiefbetrbt auf den Heimweg,
denn weil sie Frau von Ringewald und Eva sehr lieb hatte, htte sie,
schon um denen eine Freude zu machen, die Buben gern gefunden.

Unterwegs fiel ihr zu allem Unheil noch ein, der Braten wrde gewi
verbrannt sein; da brach sie in Trnen aus, und bitterlich weinend stieg
sie wieder aus der Bahn. Wer weint, braucht ein Taschentuch, aber auch
das hatte Hulda vergessen, so hielt sie sich die Schrze vor das
Gesicht, schluchzte und schluchzte, und es war noch ein Wunder, da sie
dabei nicht die Huser und die Gartenzune umrannte. Auf einmal aber gab
es doch einen Zusammensto. Bums! rannte Hulda mit jemand zusammen, und
erschrocken lie sie die Schrze sinken und sah vor sich -- die
Sternbbles stehen, alle beide unversehrt und putzmunter.

Hulda schrie laut vor berraschung. Ehe sie aber noch fragen konnte:
Woher kommt ihr? kam Frulein Eva aus dem Hause gelaufen. Die rief:
Gott sei Dank, da seid ihr! Wo waret ihr, wie habt ihr heimgefunden?

Ein paar Fragen auf einmal zu beantworten, ist immer etwas schwer, und
Mathes und Peter wuten auch nicht recht, was sie gleich sagen sollten,
darum schwiegen sie und lieen sich in das Haus hineinziehen. Drinnen
redete zuerst Hulda; die schrie: Auf der Polizei waren sie nicht.

Noi, sagte Mathes entrstet, wir haben doch nur auf dem Marktpltzle
gestanden!

Und dann hat uns der Mann hergebracht, erklrte Peter.

Ja, und 'n Stckle Kuchen hat er uns gekauft.

Aber viel war's net. Peter hielt es fr besser, das gleich zu sagen,
denn satt war er noch lange nicht.

Weder Frulein Eva noch Hulda aber waren mit dieser Auskunft zufrieden.
Sie fragten zugleich dies und das, bis Frau von Ringewald sagte: Ihr
macht die Kinder ja ganz verwirrt, lat sie einmal erzhlen!

Da kam es denn heraus, da Mathes und Peter wirklich den Marktplatz
wiedergefunden hatten. Freilich, fragen hatten sie oft mssen, aber dann
hatten sie auf dem Marktplatz Eva nicht mehr gesehen. Sie hatten
gewartet und gewartet und schlielich angefangen zu weinen. Da war ein
Mann gekommen, der hatte sie nach ihrem Kummer gefragt und gleich
gesagt, als sie nur Evas Namen nannten: Ach, Eva von Ringewald! Wo die
wohnt, wei ich, kommt nur mit! Er hatte die Buben durch viele Straen
gefhrt und ihnen unterwegs, als sie arg ber Hunger geklagt, in einem
Bckerladen ein Stck Kuchen gekauft. Am Anfang der Strae hier hatte er
dann pltzlich gesagt, er mte gehen, Nummer 14 wohnten Ringwalds, sie
knnten nun nicht mehr fehlgehen.

Wer mag das wohl gewesen sein? Mutter und Tochter sahen sich erstaunt
an, und beide forschten: Wie sah der Mann denn aus?

Wie 'n Herr! behauptete Mathes.

Net wie 'n Herr! widersprach Peter.

Und mehr wuten die Buben von dem unbekannten Helfer nicht zu sagen. Nur
von seiner Freundlichkeit erzhlten sie, und da er sie bereits auf dem
Augustusplatz gesehen htte, als sie den Springbrunnen anschauten, den
sie fr das Museum hielten.

Ein bichen rtselhaft war die Sache, aber schlielich waren alle im
Hause nur froh, die Buben wieder zu haben, und diese waren froh, als
Hulda vom Mittagessen redete, denn sie hatten gewaltigen Hunger. Und da
Ida aufgepat hatte und alles gut geraten war, gab es ein vergngtes
Mahl. Es focht die Buben auch nicht weiter an, da Frau von Ringewald
erklrte, heute wren sie lange genug drauen gewesen, nachmittags
mten sie in ihrem Zimmer spielen. Sie begriffen dies nicht recht, denn
in Breitenwert waren sie oft den ganzen langen Tag drauen, und niemand
redete davon, es wre zu viel. Aber in der groen Stadt war dies wohl
anders, und schlielich war der Spielschrank verlockender als der
winzige Garten und die fremde Strae mit den hohen Husern. Mathes und
Peter sagten darum sehr eifrig, sie blieben gern daheim, und als Eva sie
ermahnte, ein paar Zeilen mten sie auch an die Mutter schreiben,
erklrten sie: Wir schreiben ein Briefle, wir haben's versprochen.

Und dann zogen sie nach Tisch vergngt und froh und sehr tatenlustig in
ihr helles Zimmer, und selbst Hulda redete hinter ihnen her: Wenn man's
recht ansieht, so schlimm sind se nicht, nur eben Jungen; man ist da nie
sicher, was rauskommt. Wenn das halbe Spielzeug entzwei geht, mich
soll's nicht wundern.




                          Sechstes Kapitel.
                           Der bse Brief.


Eva hatte den kleinen Gsten noch ein paar feine, bunte Briefbglein
gebracht und sie ermahnt: Verget nicht, an die Mutter zu schreiben!
Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.

Es war sehr still in der Wohnung. Die Kche war im Kellergescho, von da
drang kein Lrm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und Eva
sa in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gsten sehen,
aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie
verga die beiden vollstndig. Die fhlten sich auch ganz behaglich in
ihrer Einsamkeit. Sie rumten erst wieder einmal den Spielschrank aus
und wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: Erst das
Briefle.

Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als
er die hbschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig.
Weit was, sagte er, wir schreiben zusammen, du ein Stzle, ich ein
Stzle!

Fein, erwiderte Mathes, fang an!

Noi, fang du an, du bist lter!

Du hast's gesagt.

Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den
Gedanken, der sollte anfangen, der ber beide Betten hinwegspringen
knne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststck schien leicht,
aber es milang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den
Betten herum. Ein Weilchen machte ihnen das den grten Spa, dann
mahnte Mathes wieder: Das Briefle drfen wir net vergessen. Er hatte
es nmlich der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er wrde
schreiben.

Fang an! rief Peter.

Noi, fang du an!

Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer
zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die
blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie
platzen. Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann
stritten sie noch kichernd miteinander: Du hast zuerst gelacht!

Noi, du!

Du!

Du du du!

Schlielich fiel Mathes eines der vielen Sprichwrter ein, die Frau
Tippelmann daheim in der Lwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz:
Der Klgere gibt nach. Ich fang' an.

Noi, ich fang' an! Peter wollte nun doch der Klgere sein.

Ich hab's zuerst gesagt.

Wir wollen losen!

Diesen Ausweg schlug in strittigen Fllen immer Schwester Gundel zu
Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie
nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen,
falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte
einen fangen. Die Lose lieen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen
sich hchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach
ihnen im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchstnder
begann zu tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf
Peter das andere in der Waschschssel entdeckte. Da gab es keinen Streit
mehr, Mathes mute anfangen, und er malte eifrig auf den schnsten
rosafarbenen Bogen: Liebe Mutter! Wir sind hier, schrieb Peter
darunter, und Mathes fgte hinzu: Die Reise war fein.

Es geht uns immer gut. Peter seufzte ber das lange Stzle, und
Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und
schrieb: Wir haben uns schon frlaufen.

Das erzhl ich, schrie Peter und ri dem Bruder die Feder aus der
Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit ber den weien Tisch, und das
rosa Bglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den
Sternbbles auch selten ab, beide grmten sich daher nicht weiter darum,
und Peter schlug vor: Wir machen Kle draus. Da er die Feder hatte,
schrieb er auch gleich: Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind
Kle.

Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes
kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn
etwas von Kssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also
schrieb er flink: Fiele Gre, und heute hat's Schokklatenbuhding
gegeben. Dein lieber Sohn Mathes.

Fein! rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.

Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spahaft, und da es auch
noch ein himmelblaues Bglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch
noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und
kein Mensch konnte den Brief lang und ausfhrlich nennen. Mhsam zu
lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen
darunter gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. Das mu ich schreiben,
schrie er, du darfst es aber net sehen.

Doch, beharrte Peter, ich mu es sehen.

Erst nachher, halt die Augen zu, gebot Mathes, es wird fein.

Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den
Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder
schrieb, bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand:
Die Huhldah hier ist ein klicher Affe!

Peter quiekte vor Vergngen. Das war fein! Gundel mute das wissen, und
grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter
Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.

Wir stecken's schnell ein, das darf niemand lesen. Er begann die
Umschlge zu suchen. Frulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so
viel sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. ber dem
Suchen kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und ber den
Herrlichkeiten darin vergaen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen,
spielten und spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva
kam selbst, die kleinen Gste zu rufen, und als sie die
Tintenklecksfinger sah, schalt sie: Aber pfui, nun flink, wascht euch!

Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und
whrend Eva half, mit der Brste die schwarzen Finger zu reinigen, sah
sich Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwhlt,
das Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte:
Frulein Eva, sehen Sie nur, wie die's treiben!

Eva von Ringewald seufzte. Ja, schn sah es nicht aus, aber schelten
mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich htte nachsehen mssen.

Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas
Umherschauen war doch recht ungemtlich. Wenn die nun die Briefe
erblickte! Da rief Hulda schon: N, und der gute weie Tisch, so viele
Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!

Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefhr, Kleckse macht man doch
nicht, die kommen von selbst!

Wenn Frulein Eva sie nur freigelassen htte. Aber die scheuerte mal an
der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreien ging doch nicht.

Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her:
Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!

Net lesen! schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: I wo, so was
tut man doch nicht!

Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie
legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa,
tat, als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu
den Briefen hin.

Net lesen, schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ngstlich, da
Frulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: Was steht
denn so Geheimnisvolles drin?

Ich leg' die Wische nur zusammen, brummelte Hulda, aber sie hielt
dabei doch den himmelblauen Brief merkwrdig lange in der Hand, und
pltzlich ri Mathes seine Hnde aus der Waschschlssel und rannte durch
das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreien.

Doch das Unglck war schon geschehen.

Hulda hatte das Wort ber sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf
den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: Mit den Bengels, Frulein
Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe
nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen knnen se
schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals
nich jemand so geschimpft!

Hulda brach in Trnen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen
Bbles: Was habt ihr getan? fragte sie traurig.

Die beiden blieben ganz stumm, sie wuten wirklich nicht, was sie sagen
sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bichen
wtend; warum war Hulda auch so neugierig gewesen!

Gebt mir einmal den Brief her, sagte Eva, die nicht einmal so recht
verstanden hatte, ber was fr ein Wort Hulda so bse gewesen war.

Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglckseligen Brief, und
weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er
ehrlich: Ich war's, ich hab's geschrieben.

Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Stzle, rief Peter
eifrig, denn ihm war's zumute, als htte er den schlimmen Satz
mitgeschrieben.

Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. Jetzt trocknet euch ab,
dann rumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor, gebot sie
kurz. Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, da die Buben
ihr bedrckt nachschauten. Nun war sie gewi bitterbse, o je!

Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wute nicht recht genau, sollte sie
lachen oder sich rgern. Eigentlich rgerte sie sich, und im Grunde
hatte sie den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden
sein, ach, das war ein Reinfall gewesen! rger und Unordnung brachten
sie ins Haus, mehr nicht.

Frau von Ringewald sa bleich und mde in ihrem Sessel am Kaffeetisch,
als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal wie so
oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den verlorenen
Sohn. Wo war er, lebte er noch?

Da legte ihr Eva Mathes' Brief auf den Tisch. Lies, was die beiden
wieder angerichtet haben; Hulda hat's gesehen und ist wtend. Sie sind
doch arg unntz die beiden.

Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein
sachtes, liebes Lcheln ihr blasses Gesicht. Es sind halt Kinder!
erwiderte sie. Erzhle einmal, wie kam's, da Hulda den Brief gelesen
hat?

Eva erzhlte, und dabei blieb das Lcheln auf dem Gesicht der Mutter, es
wurde glnzender, schelmischer, und endlich sagte diese gtig: Und
meine Eva hat die kleinen Gste schon herzlich satt, gelt?

Ein bichen, ja, bekannte Eva. Ich habe sie mir artiger vorgestellt
und dachte, es wrde lustiger mit ihnen sein.

Kinder brauchen Geduld, mein Mdel. Und sage mir einmal, was haben denn
die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie
reden aber in Breitenwert etwas grber, und Hulda hat die beiden ja auch
unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht.
Na, und heute frh?

Frau von Ringewald lchelte noch immer, und Eva sah die Mutter
unverwandt an; pltzlich schlang sie strmisch ihre Arme um sie und
sagte zrtlich: Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich
lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.

Und just da trappelte es drauen, und die armen Snderlein kamen
anmarschiert. Sie waren etwas verblfft, da Frulein Eva sie ganz
freundlich begrte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem
Unglcksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate
hatten sie noch eine groe Scheu, aber da begann die zu reden, und das
klang gar nicht bse. Sie sagte ihnen, sie mten Hulda freilich um
Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief
schreiben wollten.

Ja, rief Mathes eifrig, ich schreib ihn.

Das feine Bgle! Peter sah bedauernd drein. Wir streichen's durch.

Das geht auch! Eva brachte flugs ein Tintenfa und strich selbst das
schlimme Stzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten
wie eine Gewitterwolke daherkam. Den beiden tut's leid, was sie
geschrieben haben, Hulda, sagte Frau von Ringewald, und sehen Sie, es
ist durchgestrichen.

Hm! Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie
sah, da diese lchelte, da ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte
sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und
verkndigte ihnen: Ich bin nu nich mehr bse, aber Stricke seid ihr,
und irgend 'ne Geschichte wird's schon noch, solange ihr da seid. Und nu
bring' ich den Kaffee!

Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bbles atmeten auf, als
wre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr
gemtlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein hchst
friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschlge gesteckt, Eva schrieb
die Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nchsten
Straenecke gehen und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von
diesem Ausgang schnell zurck, denn Eva hatte gesagt: Nachher spielen
wir zusammen.

Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald sa
dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als htte sie
Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu
suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzhlte Eva eine
Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schlo, einem
rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf.
Es war eine sehr lustige Geschichte, ber die selbst Hulda lachte, weil
sie nmlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bichen zuhrte.

Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht
so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wrtlein ber
dies und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und
seufzte: Bin mde.

Weit was? schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.

Wa--aaas denn? Peter ghnte schauerlich.

Wie der Mann aussah, der uns heute gefhrt hat? Der sah aus, wie --

Nuuu! Peter pustete laut, er war eingeschlafen.

Nun sag' ich's net, knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen
und schlief auch ein.




                          Siebentes Kapitel.
                         Gartenfreundschaft.


Am andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und wer
ausgehen wollte, fragte sich: Nehme ich nun einen Regenschirm mit oder
nicht?

Die Sternbbles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen
hchst munter und vergngt auf und schwtzten den Tag an wie zwei
Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust
und Freude. Als sie aber in das Frhstckszimmer kamen, sah es da eher
nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem
Stuhl, und Frulein Eva ermahnte gleich: Seid stille, Mutter fhlt sich
nicht wohl.

Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, da eine Mutter krank
war. Die ihre war immer gesund und immer ttig. Also wuten sie auch
nicht recht, was sie tun sollten, vergaen das Gutenmorgensagen und
blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.

So schlimm ist es nicht, sagte die Frau Pate linde, kommt nur her und
sagt mir guten Morgen, ihr knnt auch reden, soviel ihr wollt.

Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde es
an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das riesengroe
Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger Vlkerschlacht
erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein groes Bilderbuch sein
sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte nicht weggehen,
ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gsten, sie mchten
sich etwas im Garten umschauen.

Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen
lie sich schon drin. Also zogen sie ganz vergngt hinein und
durchschritten ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle
Winkel hinein, und dann begannen sie zu zhlen, was es alles drin gab.
Erst die Bume, dann die Bsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur
einen einzigen Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.

So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Grten andere
Kerle!

Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer
Johannisbeeren wie kleine Kirschen so gro gegeben. Verchtlich sahen
beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie
enttuscht: Es hngt nichts dran.

Was soll denn dranhngen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem
Weihnachtsbaum? fragte ber den Zaun hinber ein spitzes Stimmchen.

Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen sie
zwei Mdel, ungefhr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr
spttisch dreinsahen und kicherten, als wren die Sternbuben ein paar
Hampelmnner. Was macht ihr denn da? fragte die eine, die eine rosa
Schleife wie eine Taube so gro im blonden Haar trug.

Ihr seid wohl Grtnerjungen, weil ihr die Bume so anseht? fragte die
andere, deren braune Zpfe mit weien Schleifen verziert waren.

Noi! riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.

Nein, wie ihr sprecht! Die Mdel kicherten wieder, und die Blonde
fragte weiter:

Woher seid ihr denn?

Aus Breitenwert.

Aus --?

Breitenwert, wiederholten die Buben laut.

Den Ort gibt's gar nicht, rief die Braune hochmtig, den haben wir
noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist's ein Dorf?

Noi, eine Stadt!

Pah, wie gro denn? So gro wie Leipzig?

Beinahe, riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien
ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr gro und weit.

Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem
fremden Garten? Die kleine Braune sah aus, als wre sie der Herr
Schuldirektor und sollte eine Prfung abhalten.

Wir sind doch Besuch! Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu
werden, auerdem kamen ihnen die Mdchen hchst wunderlich vor; so fein
geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Lwengasse einher. Die
beiden sahen aus wie die groen Wachspuppen, die sie gestern in einem
Geschft gesehen hatten.

Besuch, bei wem denn?

Bei meiner Pate, bemerkte Mathes, sie hat uns eingeladen.

Ist das Frau von Ringewald? Die Braune sah auf einmal sehr freundlich
aus. Die ist reich, flsterte sie wichtig. Aber wie heit ihr denn?

So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann besannen
sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren die
Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen, was
ihr Vater wre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.

Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein
Haus, von dem man erzhlen kann, und sie erzhlten unbefangen von der
Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mdel ihre Nslein immer hher
reckten, just als kme von den Sternbuben her ein bles Gerchlein.

Ein Wirtshaus, puh! rief die Braune.

Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch! Die
Blonde kicherte spttisch, und dann fragte sie hochmtig: Dann werdet
ihr wohl mal Kellner?

ber das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie hhnte
verchtlich: Kellnerjungen, Kellnerjungen!

Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbbles waren zwar sehr harmlos
und zutraulich, den bitterbsen Spott fhlten sie aber doch, und ein
gewaltiger Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die
Blonde an der rosa Schleife und Peter griff ber das Gitter nach den
Zpfen der Braunen, und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die
Buben sie tchtig hin und her.

Und Breitenwerter Bubenfuste knnen schon zufassen. Den Mdeln wurde
himmelangst, und sie schrieen ganz jmmerlich.

Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert htte sich bei solchem Geschrei
sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus
einem der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Grten
hinaussahen. Doch Mathes und Peter wurde ber dem Geschrei selbst Angst,
und sie lieen ihre kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben
in ihrem Garten in der Mitte stehen und schalten zornig hinber: Pfui,
pfui, ihr frechen Kellnerjungen! Und dann begannen sie bitterlich zu
weinen; es klang, als wre ihnen das grte Unrecht geschehen. Sie
kauerten am Boden nieder und schluchzten erbrmlich, und den Sternbuben
wurde es selbst dabei ganz wind und weh zumute. So etwas konnten sie
nicht vertragen.

Flennt doch net so! riefen sie ber das Gitter.

Ihr -- ihr -- seid -- so -- so -- grob! schluchzten die beiden.

Und ihr habt uns geschimpft.

Es war doch nicht so schlimm!

Doch! schrieen die Sternbuben.

Nein, schluchzten die Mdel, ihr seid doch Wirtshausjungen.

Das ist was Feines! Mathes reckte und streckte sich, und pltzlich
schrie er die Mdel an, als wren sie taub. Bei uns hat schon mal 'n
Knig gewohnt.

Ja, und 'n Herzog und furchtbar viele Grafen, fgte Peter hinzu.

Ein Knig, ein Herzog und Grafen! Die Mdel hrten auf zu weinen, sie
sahen ihre Nachbarn halb eiferschtig, halb mitrauisch an. Wirklich?
fragten sie.

Wir lgen doch net! Mathes warf ganz hochmtig den Kopf zurck, er
fhlte, er mute den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. Fein
ist's bei uns, lobte er, viele, viele Stuben haben wir, und in einer
steht ein Bett mit goldenen Engeles drauf, da hat der Knig drin
geschlafen.

Ja, und in unserm Grtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und
Birnen, rhmte Peter.

Der Silberne Stern, der so viele Kstlichkeiten barg, stieg in der
Achtung der beiden Mdel. Sie dachten an die groen Prunkhotels, die sie
kannten, und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das
Weinen auf; mit den Buben da drben lie es sich vielleicht doch
unterhalten. Noch zgerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte nher,
und die Braune sagte halb verlegen, halb herablassend: Erzhlt doch
mal, wie ist's denn bei euch?

Na, fein! Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein
wenig schuldig fhlten, begannen zu erzhlen. Und wunderbar war das, das
Heimathaus und die Lwengasse bekamen goldenen Glanz in der Erinnerung.
Das kleine Gle schien ihnen viel lnger und breiter als die Strae, in
der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht gro war,
wuchs und wuchs und wuchs zehnmal grer als all die grnen Winkel, die
da von Husern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern erst! Kein
Palast konnte schner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die Spiele,
die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.

Den Mdeln klang es wie ein Mrchen. Und dieses Mrchen lockte und
lockte; sie vergaen, da die Buben sie gerauft hatten, sie standen
pltzlich wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es
wre, Ruber und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: Wir knnen's
ja mal zusammen spielen!

Aber da war das Gitter dazwischen, das bse Gitter!

Lauft auf die Strae; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr durch
das Haus zu uns, riet die Blonde.

Wir drfen net auf die Strae. Der Vorschlag lockte, aber Mathes und
Peter fanden es doch etwas bedenklich. Wir klettern ber das Gitter,
schlugen sie vor.

Knnt ihr das? Solche Kletterknste waren den Mdeln noch nicht
vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu khnem Tun an. Eins,
zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann
Mathes drben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr
Kommen wurde mit groem Jubel begrt.

Die beiden Mdel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, -- die
Blonde hie Irene, die Braune Herta -- vergaen ganz und gar, da es ihr
allerhchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein
paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mdel.

Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein
groes Leinenzelt knnte zur Not eine Rauberhhle sein. Recht passen
tut's net, erklrte Mathes verchtlich, und Herta und Irene sahen ganz
betrbt auf das zierliche Zelt mit den weien Biedermeiersthlen darin.
Warum war das nur kein Ruberschlle wie das im Lindengarten in
Breitenwert?

Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: So wird's
gemacht und so, und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar
Minuten spter war das vergnglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in
dem Grtchen herum, hopsten auch einmal ber die Beete, rissen beinahe
die Ruberhhle um, und als Frulein Eva in den Garten kam, um ihren
kleinen Gsten Frhstcksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.

Aber wie seid ihr denn hinbergekommen? fragte sie verdutzt.

ber das Gitter. Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs
war er wieder drben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben
ein groes Geschrei: Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!

Eva lachte. Meinetwegen steigt wieder rber, nur zerreit euch die
Hosen nicht, sagte sie, und verpat das Frhstck nicht ber eurem
Spiel!

Das Frhstck vergessen!

Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken
kommen konnte, und da Frulein Eva auch noch nicht so lange die
Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frhstckshungrig
sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft ber
ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurck, und Mathes
und Peter kletterten samt den Frhstcksbroten und den Birnen, die dabei
lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinber.

Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergngt in der Ruberhhle,
denn Mathes und Peter waren edelmtig genug, von ihrem berflu etwas,
doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzhlten sie sich dies und das,
und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und
Irene, die zwei sehr verwhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule
von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzhlten, kam den
Sternbbles hchst sonderbar vor, und die Mdel wieder hrten den
Geschichten aus der Lwengasse zu wie einem Mrchen. Sie saen beide auf
einer weien Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden
Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber
freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von
Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten,
die sich die Dienstboten auf der Strae erzhlten, und Herta, die noch
naseweiser war als Irene, erzhlte auch den erstaunten Bbles, Frulein
Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.

Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaig vor, aber als
Herta weiter erzhlte, da Frau von Ringewald vor Kummer immer krank
sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen unmglich,
da Frulein Evas Bruder ausreien sollte, und Peter schttelte heftig
seinen Kopf und rief: Noi, das ist net wahr, ich glaub's net.

Ich auch net, schrie Mathes, ihr flunkert.

Herta und Irene waren ber diesen Widerspruch so verdutzt, da ihnen
wirklich die Mulchen stillestanden; ein paar Sekunden wuten sie kein
Wrtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: Es ist aber doch wahr!

Noi, wir glauben's net.

Aber doch, fragt doch Hulda danach!

Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie
sich alle vier hin und her, die Mdel schrieen laut, die Buben noch
lauter, und vielleicht wre noch eine schlimme Geschichte draus
geworden, gar wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich
gekleidetes Dienstmdchen erschienen wre, um Herta zu holen. Aber
Herta! rief dieses entsetzt. Was sind denn das fr Jungen, die sind
wohl von der Strae?

Die Sternbbles sahen zwar ein bichen beschmutzt aus, denn sie waren
als Ruber auf der Erde herumgekrochen, so wst aber doch nicht, wie das
Mdchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterbse drein.

Nun hatten sich Mdel und Buben zwar eben noch tchtig gestritten, und
Herta besonders war sehr wtend auf die widerborstigen Bbles gewesen,
doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schnes Spielen zusammen,
und sie rief gekrnkt: Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind
furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir
wieder zusammen, nicht wahr?

Mathes und Peter nickten eifrig. Wir klettern wieder ber das
Gitterle, sagte Mathes, und vielleicht spielen wir Indianer; da mt
ihr euch aber ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.

Um Himmelswillen! schrie Frieda. Das ist ja grlich!

Das wird fein, jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den
allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wren
ihnen die in die Haare gefahren und als htten sie sich miteinander
gezankt. Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder ber
das Gitter und winkten und nickten noch von drben herber, bis die
Mdel im Hause verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich:
Manchmal sind's ffles und manchmal sind sie's net.

Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein,
berlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich
gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt
war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: Hier kann nur eins
helfen.

Eva wute wohl, es war die Rckkehr des Bruders an das Herz der Mutter,
was der Arzt meinte. Ach, wrde das jemals geschehen?

Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber
nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich
wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Frulein Eva erst
recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Kpfe, als diese zu
ihnen trat.

Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas
angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts
zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bbles selbst an,
ein bichen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. Wo
sind denn Herta und Irene? fragte sie.

Mathes gab Antwort. Er erzhlte von dem Dienstmdchen, das gemeint
htte, sie wren Straenjungen.

Seid ihr darum so niedergeschlagen? fragte Eva lchelnd.

Mathes und Peter schttelten die Kpfe, sie sahen sich an, wurden rot,
aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.

Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch sprte sie, die haben
etwas, die verbergen etwas vor mir. Kommt nun herein, sagte sie ein
wenig kurz und streng, das Heimlichtun rgerte sie.

Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von
Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: Geht in eure
Stube oder seht euch noch hier ein bichen um. Dann lief sie davon, und
die beiden blieben allein.

Denen gefiel das ganz gut. An den Wnden des hbschen Zimmers hingen
allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen
sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie
an einer kleinen Treppe, die abwrts fhrte. Von da herauf war Hulda
manchmal gekommen, also mute es da unten auch noch Rume geben.
Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig
die Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur
mndeten verschiedene Tren, und aus einer, die nur angelehnt war, zog
den beiden ein Dftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses
Dftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen
Mathes und Peter in der Kche und waren selbst hchst verwundert
darber.

Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber
Kuchen aus dem Ofen zog. Hm, brummte sie, was wollt denn ihr hier?

Das wuten die Buben nun selbst nicht.

Die Jungen kommen, rief Ida, die auch in der Kche war, weil Sie
immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.

Das rgerte Hulda und sie knurrte: Quitschquatsch, ich bin auch
freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist
mir's allemal recht. Kommt rein! schrie sie Mathes und Peter an, als
wollte sie die verschlingen.

Die Buben zgerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend,
aber da schrie Hulda noch lauter: Kommt rein, macht die Tre zu; es
zieht mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?

Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam nher. Weil Ida immer
lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein. Und
dann saen sie pltzlich auf der Kchenbank, und zwischen ihnen stand
ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: Et, et, in so 'n
Jungenmagen geht viel und noch was rein.

Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gsten sind! Ida lachte und lachte,
die Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: Gehen Sie man nach
oben, wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gste.
Nicht wahr, wir unterhalten uns? brllte sie die Sternbbles an.

Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Kpfen,
blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar
Minuten spter unterhielten sie sich wirklich hchst vergngt mit Hulda,
und zwar hatte eigentlich die Kche vom Silbernen Stern die Unterhaltung
begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzhlten
dies und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern mchte ihr schon
gefallen, wurden Mathes und Peter sehr vergngt und redelustig. Sie
erzhlten auch von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt
hatten, und unversehens waren sie bei der Geschichte von dem
ausgerissenen Bruder Frulein Evas und wuten nicht wie.

Herrje! schrie Hulda erschrocken. Davon drft ihr nie ein
Sterbenswrtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer! Sie verga
ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach
in ein bitterliches Schluchzen aus. Der Junge, der Junge, wenn man an
den denkt, bricht's einem das Herz, klagte sie.

Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und
verga das Hineinbeien, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber
wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr
hinzugehen, und so htten sie wohl noch eine lange Weile stumm
dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdchtiges Gerchlein gekommen
wre.

Die Kchles brennen! schrie Mathes erschrocken.

Herrje! Hulda sprang auf, ri die Ofentre auf und zerrte ein Blech
voll dunkelbrauner Kchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen
ausbrechen konnte, rief Peter: Das ist net schlimm, so schmecken sie
fein.

Ach du meine Gte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!

Huldas Trnen flossen aufs neue. Unter Trnen nahm sie die Kuchen vom
Blech, unter Trnen legte sie welche auf den Teller der Buben, und
dieser Kummer rhrte Mathes so sehr, da er pltzlich aufsprang und
rief: Wenn ich gro bin, geh' ich ihn suchen.

Ich auch! Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen
runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda
schlug ihn auf den Rcken, erzhlte etwas von einem Storch, der an der
Kchendecke zu sehen wre, darob mute Mathes frchterlich lachen, und
ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander,
und im Ofen zischten und brodelten ein paar Tpfe, als wollten sie
mittun.

Einige Zeit spter kam Ida wieder in die Kche und sah zu ihrem
Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Kchenbank sitzen. Sie
schlte Kartoffeln, und ihre Gste hatten sich ganz dicht an sie
angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: Ich stre wohl?
rief Hulda laut Ja! und -- die Buben nickten dazu.

So etwas! Ida ging ein bichen gekrnkt wieder hinaus, und Hulda
erzhlte weiter. Sie erzhlte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen
Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze
Freude. Immer heiter, immer fleiig, am frohesten aber, wenn er seine
Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberhmten Thomaschor. Wie
schn das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrstung der alten
Thomaskirche stnden und sngen, erzhlte Hulda. Wie unser Fritz noch
dabei war, bin ich oft hingegangen, sagte sie, und unser Frulein Eva
konnte sich gar nich satt hren an dem lieblichen Gesinge. Es wre auch
alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben
wre, doch der starb so rasch, und unsere gndige Frau nahm sich das so
zu Herzen, sie verga beinahe die ganze Welt ber ihrem Kummer. Damals
hat's angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik
verbieten, der Fritz trotzte, er htte sich sonst wohl seiner Mutter
anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrern. Ach du lieber
Himmel, und hat ihr nachher noch viel greres Herzeleid zugefgt!

Hulda seufzte tief, und die Bbles seufzten mit. Das Ausreien erschien
ihnen noch immer etwas unverstndlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie
so weit erzhlt, mute sie die Geschichte auch zu Ende fhren. Sie fuhr
also fort: Es wre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gndige
Frau nich htte fortreisen mssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie
der Doktor geschickt, und Frulein Eva hat mitgemut. Ich sollt' auch
mit, aber ich hab' mich gegrault vor 'n Land, wo die Leute anders reden
als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und
wollt' fr unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der
Junge mute zu ihm; er wollt' ihm die Musik austreiben, hat er gesagt.
Zu dumm, da ich das nich der gndigen Frau geschrieben habe! Denn die
hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder,
bei dem, meinte sie, wre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei
harte Kpfe zusammengekommen, und eines schnen Tages, sechs Monate war
die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich
gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat's dem Herrn Onkel schon
leid getan, er hat suchen lassen, aber 'ne Stecknadel htte man leichter
gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich
denk' immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.

Ich such' ihn, schrie Mathes.

Ich auch! Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die
wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. Ihr seid gute Jungen,
murmelte sie. Ist schon recht, da ihr gekommen seid. Ich mag euch auch
gut leiden, ganz gewi.

Wir dich auch, schrieen die Buben.

Und so wurde die Freundschaft unter Trnen besiegelt, und als die Buben
ein Weilchen spter wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf
Frulein Evas Frage, wo sie gewesen wren: Bei Hulda.

Da war's fein! rief Peter, und Mathes nickte bedchtig dazu: Sie
sagt, nun wren wir befreundet.




                           Achtes Kapitel.
                            Auf der Messe.


Hulda zeigte ihre neue Freundschaft fr die Sternbuben gleich an diesem
Nachmittag. Sie erbot sich nmlich, mit den beiden auf die Messe zu
gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr froh
darber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augpfel zu hten, stellte
ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: Die werden Augen
machen! Aber auf die Luftschaukel drfen sie nich. Denn da fallen sie
mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei Arme
und sechs Beine.

Wie die Buben so viele Gliedmaen brechen sollten, sagte Hulda nicht
dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf
ihren zwei Beinen sehr vergngt mit ihrer neuen Freundin davon.
Natrlich fuhr ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei,
aber Hulda sagte: Warten ist gesund. Also warteten sie, denn die Messe
lief ja auch nicht gleich weg nach Huldas Ansicht.

Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie
wuten nicht, da seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben,
und da neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Lndern auch
viele lustige, frhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Knste zu
zeigen. Dort, wo einst die Strae nach Frankfurt am Main fhrte, wo nach
der groen Vlkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer
flchtend dahinzog, befindet sich jetzt der groe Marktplatz. Hulda
hatte gesagt: Es ist wie ein groer Jahrmarkt, und Mathes und Peter
dachten daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie fr sehr gro und
bedeutend hielten. Als sie aber auf dem Meplatz anlangten, da wnschten
sie sich zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu
sehen, was es zu sehen gab.

Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fnf
Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine
Stadt war die mit langen Budenstraen. Und in den Buden schimmerte es in
allen Farben, es glnzte und gleite darin, und wenn einer nur Geld im
Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da
gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bnder, Seidenstoffe
und Blecheimer, Tpfe, Tassen, Teller, Glser und Pfefferkuchen, Schuhe,
Schrzen, Bcher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige
Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda
wurde immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas
anzusehen, gleich fragte jemand: Na, junger Herr, was ist gefllig?

Ihr drft auch nachher was kaufen; eine Mark fr jeden hat mir Frulein
Eva geschenkt, sagte Hulda. Aber erst berlegen, denn sonst kommt 'n
Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.

Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen htten die Buben hier haben mgen,
das halbe Dutzend gengte nicht mehr. Was war das Breitenwerter
Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar
Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln
stammten gewi alle aus einem Knigsschlo. Das glitzerte wie von
tausend Edelsteinen, und Hulda erzhlte: Abends, wenn die Lampen
brennen, dann ist so viel Licht, da ich allemal denke, unsere liebe
Sonne mu sich recht rgern ber das Gefunkle. Na, und nu seht mal
dahin, das ist 'n Ding! Wenn man da mal drauf fhrt, ist's einem
nachher, als htte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.

Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau
empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen
Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es
sah gar nicht aus, als fnden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda.
Doch die brummte: Erst soll'n die mal runterkommen, n, da la ich euch
nich drauf. Seht mal dort, da ist 'n Zaubertheater.

Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebude, neben dem wieder eins
und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht
mehr nennen. Und whrend sich die Buben umschauten, und es ein Wunder
war, da ihre Hlse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krhte unweit
von ihnen eine heisere Stimme: Seht wohl, ich bin auch da!

Kasperle! schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und
dann strzten sie, ohne sich um Hulda zu kmmern, auf ein kleines
Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und
einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang,
und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es
auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.

Kasperle, riefen die Buben noch einmal, bist du auch da?

Nu freilich! antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Schsisch
redete. Seine Stimme klang recht klglich, denn dem armen Kasperle ging
es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und
Getse, da die meisten Leute ihn gar nicht hrten. Auch Hulda schalt:
Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur 'ne kleine Schmierbude!

Allerschnstes Madamchen, laufen Se man nich fort! flehte Kasperle.
Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den Knig, und wen
Se noch wollen.

Unsinn! brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit
glnzenden Augen: Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer
bei uns.

Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann
bleiben sie vor so 'n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.

Kein Bemhen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da
standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mhe, seinen Zuhrern
Freude zu machen. Er schlug Purzelbume, zankte sich mit dem Teufel und
haute sich mit ihm, machte die tollsten Spe, und der Teufel wurde
fuchswild darob.

Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her,
und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und
lachte, ohne freilich zu wissen, ob ber Kasperle oder die Buben. Und
diese jauchzende Frhlichkeit der drei bertnte schlielich doch den
Lrm der stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt
gab es ein richtiges Gedrnge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer
lustiger, und gerade als er seine besten Spe machte, fing ein altes
Frauchen an, vor der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas,
Kupferpfennige und Nickelmnzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war
der Teller schon ganz voll. Hulda legte ganz hochmtig fnfzig Pfennig
auf den Teller, und die kleine Kasperlefrau knickste tief.
Allerschnsten Dank! murmelte sie. Ach, ich wollte, die Herrschaften
kmen jeden Tag! Wenn zweie so lachen knnen wie die Jungen da, dann ist
das besser, als wenn Kasperle noch so laut schreit: Ich bin da!

Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde fr
ein Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.

Das war fein! sagte Mathes, und Peter stie einen Seufzer aus:
Kasperle ist was Feines!

Kasperle hat's arg gut! Mathes seufzte auch.

Dummer Junge! brummte Hulda, den Leuten geht es schlecht, das konnte
man doch sehen, und es war schon recht, da wir dastanden und so gelacht
haben, sonst wr' keine Katze weiter gekommen.

Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?

Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mute ihnen
erst erklren, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern
Prachtbauten htte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine
heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hrte ihn
selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber
Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schneres zu sehen
gab!

Die Buben senkten die Kpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es nicht
gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.

Mathes! rief da pltzlich Peter, und Peter! rief Mathes, und beide
steckten die Kpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten,
und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: Wir wnschen
uns was.

Na, was denn? Wohl fr die Mark von Frulein Eva?

Die Buben nickten lebhaft. Wir wollen sie -- Kasperle geben.

Unsinn, htte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann
sich auch nicht lange, sondern nickte bedchtig mit dem Kopf:
Meinetwegen, mir ist's recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr
genug, und -- Kasperle kann es gewi brauchen.

Einige Augenblicke spter standen die drei wieder vor dem Budchen, und
Mathes und Peter brllten den Vorhang an: Kasperle, komm raus, wir
wollen dir was schenken!

Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmtzchen aus dem
Vorhang herauslugte und eine klgliche Stimme fragte: Vielleicht 'ne
Wurst?

Noi, das hier! Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und
Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung ber die
reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. Ich freu' mich, ich freu'
mich! schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er
sich auf die Brstung der kleinen Bhne und begann zu singen, und es
klang, als ob ein Hahn krhte:

   Kasperle ist 'n armer Mann,
   Hat nur sein Flick-Flickrcklein an,
   Hat nicht Bett, hat nicht Tisch,
   Hat nicht Braten und nicht Fisch.
   Trocken Brot am Morgen,
   Abends Kummer und Sorgen,
   Das ist 'n bichen wenig,
   Doch tauscht er mit kein' Knig;
   Denn allzeit lustig, allzeit froh
   Ist Kasperle, hussaholdrioh!

Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten,
und der Lrm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre
Schtzlinge gingen, drngten sich die Menschen vor dem Budchen ganz
dicht zusammen; Kasperles Stimme bergellte selbst das Karussell, und
Hulda sagte befriedigt: Heute geht's dem mal gut, aber nun gehen wir
hier rein und trinken Kaffee.

Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch. Freilich,
so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen ber
den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt rissen
sie Hulda von der Tr der Kaffeeschenke weg: Da ist er, da ist er!

Wer denn? Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber
den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und
Mathes und Peter konnten nur von ihm erzhlen.

Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: Solche laufen hier
oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt's
was zu sehen!

Die drei traten nun in einen groen, hellen Saal ein, in dem viele
kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber
schlielich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch
fr die neuen Gste. Das Treppchen fhrte zu einer kleinen Bhne empor,
auf der ein paar Mnner in bunten, seltsamen Gewndern saen und Geige
spielten.

Das sind die Zigeuner, erklrte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den
Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im
Saal saen, und auerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.

Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch
Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so
bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Kthle
im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen
erzhlt, hatte gesagt, sie knnten wahrsagen, es ginge aber nie in
Erfllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei
unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bichen graulich geklungen, und
Mina hatte alles dumme Rubergeschichten genannt. Jedenfalls waren
Zigeuner Leute, die sich fr zwei Buben schon des richtigen Ansehens
lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemtlich am Kaffeetisch saen.

Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht grndlich und
suchten allerlei Ruberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war
ein vergebliches Bemhen. Die vier Mnner sahen nmlich sehr gutmtig
aus, kein bichen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich
Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der
eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche,
wie Frulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rcken zu, aber
jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stieen die beiden sich an, und
endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: Das ist er!

Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht.
Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich
zu, und Mathes nickte auch.

Herrje! Wem nickt ihr denn da zu? fragte Hulda erstaunt. Kennt ihr
denn jemanden?

Ja, den Zigeuner oben, flsterte Mathes, der hat uns gestern
heimgebracht. Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.

I n! Hulda starrte nun auch zur Bhne empor, aber da hatte sich der
Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rcken war noch zu sehen. Da
murmelten die Buben auf einmal hchst erstaunt: Gestern war er aber
blond!

Dann ist er's eben nich! Hulda lachte. Ihr seid schon 'n paar
Dummchen; wie soll denn 'n Zigeuner wissen, wo ihr hingehrt, die sind
doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen
schwarz, dann ist er eben ein anderer.

Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei
vergaen ein Weilchen die Zigeuner vollstndig. Erst beim Weggehen
dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie
hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und
vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut:
Er ist's doch! Da, er sieht uns.

Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rcken zu, und Hulda
brummte rgerlich: So 'n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch
lassen! Aber nun kommt, jetzt knnt ihr auf dem grlichen Drehding
fahren, nur schlecht darf's euch nich werden.

Die Bbles versicherten eifrig, ihnen wrde es nicht schlecht, es wre
ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie
purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.

Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel
eins immer besser als das andere, und sie whlten und whlten, bis
endlich Hulda sagte: Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht. Da
entschlossen sich die beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es
Lwen und Tiger und noch viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich
fr drei Fahrten, und dann sagte sie, sie wrde rasch einige Tpfe
kaufen, inzwischen sollten die Buben fahren und sie wieder hier am
Karussell erwarten. Dies versprachen die beiden, und sie erstiegen
vergngt ein paar Wstentiere, und dideldum! ging die Fahrt los.

Hulda kaufte Tpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwnen, und
als diese dritte Fahrt begann, sahen sie pltzlich unter den Zuschauern
den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und
diesmal nickte er wieder. Rundum ging's, da war wieder der Zigeuner, sie
nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und
wieder nickten sie, und wieder nickte er.

Wenn's alle ist, gehen wir zu ihm, sagte Peter.

Da ist Hulda, rief Mathes.

Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach
ab, die Fahrt war zu Ende.

Schon! sagten die Bbles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem
kstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte
ihre Tpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im
Kreise herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen,
konnten sie Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst
die Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch
obendrein aus. Das ist doch so, erklrte sie, wenn eins auf dem
Karussell fhrt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun
kommt, jetzt gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!

Affenbekanntschaften hatten die Sternbbles in ihrem Leben noch nicht
viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das
Theater hinein und dachten, wenn die ffles so lustig sind wie Alette
Amhags Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird's fein.
Es wurde aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!

Hulda nahm ersten Platz, und dann saen alle drei nebeneinander auf
roten Samtsthlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen
gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aen und tranken,
fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten
allerlei Kunststcke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum
Kuhnde zu, zankten sich und vershnten sich, zuletzt gab es sogar eine
Hochzeit, und damit war das Spiel aus.

Kommt! mahnte Hulda.

Doch die Buben rhrten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den
bunten Vorhang der kleinen Bhne. Dahinter waren nun die lustigen,
drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch
drngte, da riefen beide: Es war so kurz!

Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit 'ner Draufgabe hier sitzen!
murmelte Hulda. Nchstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir
mssen nach Hause gehen. Frulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich
dabehalten.

Da lsten endlich die Bbles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von
dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie
durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur
noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so hufig um, da Hulda
sagte: Ihr werdet noch mit den Augen rckwrts heimkommen! Jetzt
aufgepat, hier geht's raus!

Und da waren sie drauen. Der Sptsommertag neigte sich schon seinem
Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzhlte vom Tag,
der vergangen war. Nach diesem schnen Himmelsschein sah aber niemand;
auf dem Meplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten
flink ihre Lampen angezndet; rote, blaue, gelbe, grne Lichter glnzten
auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Mrchenland.
Die Schaubuden hatten sich in Feenpalste verwandelt, und die Karussells
glitzerten, als trgen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue
Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer frhlicher
klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.

Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die
Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und
fllten den weiten Platz.

Der rote Streifen am Himmel verlosch; bla, fein und noch ein wenig
schief lie der Mond sich sehen. Sehr vergngt sah er gerade nicht auf
das Lichtergewirr herab; das rgerte ihn tchtig. Er dachte wohl: Ihr
dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr
nicht uns, die schnen, sanften Himmelslichter?

Es war wirklich gut, da der Mond seine betrbte Frage nicht an die
Sternbbles richtete, denn die htten ihm sicher in diesem Augenblick
eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nmlich, es knnte auf der
ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte,
funkelnde Durcheinander; sie htten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf
und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mgen, um nur alles recht
genau zu sehen. Sie rissen ihre uglein zwar weit genug auf, es langte
aber immer noch nicht, und darum stieen sie da und dort an, stolperten,
drehten sich wie Kreisel, so da Hulda immer wieder mahnen mute:
Kommt, kommt, es ist Zeit!

Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein groes Plakat trug und mit
lauter Stimme irgend etwas schrie.

Dummer Bengel! schalt er, und Hulda ergriff ihren Schtzling. Junge,
sieh dich doch vor! mahnte sie. Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?

Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar
Schritte weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor
der ein Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brllte: Hier
gibt's das grte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrte! Hulda
packte Mathes und zog ihn mit fort. Nun komm endlich! Herrje, wo ist
denn Peter?

Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und
Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter brig, als laut des
Vermiten Namen zu rufen: Peter, Peter!

Peter, Peter! riefen gleich ein paar andere Leute mit.

Peter! grhlte ein langer Bengel, Peter! quiekte ein stubsnsiges
Frulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh,
Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoen worden, weggedrngt, er
wute kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas
berlaut: Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!

Is recht, die Kleenen mssen ins Bette! schrie der lange Bengel, der
vorher laut nach Peter gerufen hatte. Das sind ja noch Wickelkinder,
und man 'n Schnuller nich vergessen!

So eine Beleidigung!

Mathes und Peter vergaen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die
groe Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wren sie daheim in
Breitenwert auf der Lwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott
gefallen lieen. Ehe der fremde Junge noch wute, wie ihm geschah,
rannten die beiden wtend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die
kleinen, derben Bubenfuste auf ihn nieder.

Eine Prgelei auf dem Meplatz!

Hulda schrie laut und versuchte ihre Schtzlinge fortzuziehen. Neben dem
groen Jungen aber erschienen pltzlich drei, vier andere, die sich
drohend gegen die Sternbbles wandten, und die htten beinahe recht
tchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und
fortgezogen htte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie
auf einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in
der Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.

Der Zigeuner, sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.

Jemine, was ihr mir fr 'n Schreck eingejagt habt! Hulda sah sich nach
dem Retter um, doch der war im Gewhle verschwunden, und sie nahm nun
die Buben fest an den Hnden und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem
Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf
einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: Wo hast du denn
die Tpfe?

Ja, wo waren die!

Im Affentheater hab' ich sie vergessen, du meine Gte! jammerte Hulda.
Den ganzen Korb hab' ich stehen lassen!

Es half nichts, sie muten noch einmal zurck. Wieder ging's in Hast und
Eile ber den Platz, wieder drehten die Buben die Kpfe wie die
Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen
ihnen die Lichter zu glnzen, und auch das Affentheater, das sie bald
erreichten, erschien ihnen grer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie
gut, da sie wieder hinein muten, den Korb zu holen; den hatte Hulda
nmlich neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: Nun mu
ich gar noch Eintritt bezahlen, sagte sie, und dann mssen wir das
Geld absitzen. Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!

Mathes und Peter sahen gar nicht so betrbt aus wie Hulda. Der Gedanke,
noch einmal ins Affentheater gehen zu mssen, machte ihnen den grten
Spa. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand gro und
breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte
freundlich: Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat's gut gefallen bei uns,
wenn Sie sogar den Korb vergessen haben.

Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das
Wiederkommen beim nchsten Mal, und dann gebot sie: Jetzt fat ihr mich
unter und nu flink, sonst schickt Frulein Eva noch auf die Polizei nach
uns und weint so sehr wie gestern!

Wieder ging's im Sturmschritt ber den Platz der Haltestelle der
elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saen,
merkten die Buben, da sie eigentlich rechtschaffen mde waren. Sie
lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen
ihre Beschtzerin nicht dann und wann einen kleinen Sto gegeben htte,
wren sie vielleicht eingeschlafen.

Daheim empfing Frulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei.
Endlich! rief sie. Es ist schon so spt!

Aus dem Erzhlen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von
Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um
den leisen Schlaf der Kranken nicht zu stren. Mathes und Peter durften
in ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins
Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so mde ist und beinahe ber
seine eigenen Beine fllt, ist das nicht so leicht, und den Bbles ging
es an diesem Abend so.

Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die
Augen offen, und als Hulda zur Tre hinausging, rief er ihr nach:
Hulda, der Zigeuner sieht aus wie --

Denk' jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl, unterbrach ihn Hulda,
sonst trumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk' lieber ans
Karussell, so 'n bichen rundum fahren im Traum schadet nichts.

Die Tr klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in
die Kissen und brummte noch: Und er sieht doch so aus! Dann schlief er
auch ein.




                           Neuntes Kapitel.
                        Noch einmal die Messe.


Nichts strte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie trumten
von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater und von
sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt durcheinander, und
einmal murmelte Peter halblaut: Die Schule fngt an, es klingelt
schon.

Mathes hrte nicht darauf. Der sa gerade im Traum auf einem Tiger und
ritt auf dem die Lwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem
wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren
doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es
sehr sonderbar, da pltzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich
wurde ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die
Tre vom Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den
lichten Tag ins Zimmer scheinen.

N, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze! rief Hulda. Sechsmal habe
ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.

Uahuah! Peter ghnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte
er auch Hulda und merkte, es war Tag.

Und was fr ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene
Sonne, als wren noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es
auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war krnker geworden,
und was Peter in der Nacht fr die Schulklingel gehalten hatte, war die
Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein paar
Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von
ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das
Grtchen recht. ber der Messe hatten sie Herta und Irene vllig
vergessen, nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie
rannten nach dem Frhstck vergngt in den Garten, um beide zu sehen.

Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf
die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald
durch den Garten. Sie hatten heute Hte auf und Handschuhe an und
erzhlten, sie wrden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr
herablassend zu und sagte gndig wie eine Prinzessin: Ihr drft
mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Strae auf
euch.

Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie
rannten schnell in das Haus zurck und brachten drinnen ihr Anliegen
vor. Frulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter
in solchen Fllen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht,
redete etwas von Verlaufen, aber Hulda sagte: Ach, mit den beiden
Zierpuppen von drben knnen sie schon gehen, die sind wie Damen und
machen sicher keine dummen Streiche.

Eva nickte. Die feingeputzten Mdel wrden schon nichts Unrechtes tun.
Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewi langweilen sie sich
sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst
leckere Frhstcksbrote ein und brachte sie an die Flurtre, dann ging
sie noch in den Erker, der sich nach der Strae hin ausbuchtete, und sah
den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbbles, und die Mutter selbst
lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten
Trnen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus,
und am liebsten wre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die
herbstbunten Wlder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis
freundlich umschmiegen.

Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre
Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und
feierlich die Strae auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn
sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann
verlie sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an
deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.

Unten auf der Strae sagte Herta in diesem Augenblick: Jetzt sieht uns
niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe! Und husch!
drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstrae hinein, und die drei
andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.

Am Ende der Strae blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war
ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf
einmal gar nicht mehr aus, als knnte sie kein Wsserlein trben,
sondern viel eher etwas frech und unntz. Pat auf, sagte sie zu den
Sternbuben, wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell
immerzu. Habt ihr Geld?

Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehrt doch
Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstcke in
funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: Haltet gut damit
Haus! Aber schlielich Karussell fahren durften die Buben in
Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage
hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch
sehr spahaft.

Annedore wollte mitgehen, sagte Irene etwas zaghaft.

Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht. Herta sah aus,
als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten
alle vier weiterlaufen, als pltzlich ein Mdel um die Ecke bog, ein
bichen wie der Sturmwind, der alles umreit, denn Mathes, der am
nchsten stand, bekam einen tchtigen Puff.

Hallo, da bin ich! Ich darf.

Gefragt? Pah, du Tugendspiegel! Herta rmpfte verchtlich die kleine
Nase.

Ohne Erlaubnis macht's mir keinen Spa. Annedore zuckte die Achseln,
dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. Sind das die?
fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und
Peter die Hand hin und sagte: Ich heie Annedore Reinach. Habt ihr
wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das
Herta nur geflunkert?

Auf dem Heimathaus in Breitenwert sa der silberne Stern nun freilich
nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht
war, darber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen.
Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom
Silbernen Stern und seinem Stern erzhlen, als Herta ungeduldig rief:
Wir mssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit. Und flink ergriff
sie Mathes und Peters Hnde und rannte mit beiden voran, Irene und
Annedore folgten.

Solange die Straen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber
in eine belebtere Strae einbogen, ging sie auf einmal gemessen und
feierlich und kmmerte sich auch nicht darum, da Annedore und Irene
lachend voraus liefen. Es ist unpassend, zu rennen, sagte sie zu den
Buben; vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und
ungezogen.

Mathes und Peter blieben stumm. Sie wren viel lieber mit Annedore und
Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und
warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.

Wir rennen oft bei uns, sagte endlich Mathes.

Na ja, in einer kleinen Stadt! Herta sah sehr hochmtig drein. Ich
habe nmlich gestern meinen Vater gefragt, wie gro Breitenwert ist; der
hat gesagt, es wre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, wei
man natrlich nicht, was sich schickt. Und da ihr die Buben auf diese
Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzhlen von
ihrem Zuhause, wie reich der Vater wre, wie viele Kleider sie selbst
htte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und
Kaffeegesellschaften, spottete ber ihre Lehrer und klatschte ber ihre
Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und
Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je lnger
die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie
waren froh, als der Meplatz erreicht war.

Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die
drei, und Annedore rief: Ihr geht ja wie Schnecken!

Es schickt sich nicht, durch belebte Straen so zu rennen. Herta sagte
es sehr spitz, und dann erzhlte sie: Wir haben uns unterhalten; nicht
wahr, Jungen, es war sehr fein!

Noi! riefen die beiden sehr flink, und Mathes fgte hinzu: Du hast
alleweil allein geschwtzt, wie -- wie -- 'ne Elster.

Pfui, ihr seid aber frech! Herta war tief gekrnkt, sie brach gleich
in Trnen aus und sagte, sie wrde allein gehen. Die andern Mdel
lachten, und die Sternbuben wuten nicht recht, ob sie lachen oder
ernsthaft dreinschauen sollten. Schlielich lachten sie auch, und das
rgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Mebesuch ins Wasser zu
fallen, aber die Musik von dem groen Platz dudelte gar so lustig
herber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hpfte voran,
die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn
allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die
Elster streiche ich ihnen noch an.

So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der
Messe. Die sah eigentlich ein bichen verschlafen aus, denn viele Buden
hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle.
Dafr aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm,
und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles
recht ansehen. Die Meleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt,
trdelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich
miteinander, lieen sich von den Kindern gutmtig anstarren, ja einer,
der himmelblaue Strmpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt
trug, fing an, sich mit den Fnfen zu unterhalten. Er sagte, er wre ein
Herold und rufe immer das grte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das
grte Weltwunder, da knnte er spazierengehen.

In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: Ludwig, Ludwig, der Kaffee
kocht! Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strmpfen spornstreichs
davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte: Das war sie.

Wer denn? fragte Herta.

Na, das grte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart. Die Frau, die
klein und sehr dick war, schttelte den Kopf. Es lohnt sich nicht sehr,
sie anzusehen, meinte sie; meine Wachsfiguren sind schner, kommt doch
zu mir rein, ich mach's billig; weil Vormittag ist, kostet es nur 'nen
Groschen.

Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben,
denn jemand schrie sie an: Karussell gleich fhrt. Wolle Sie mit, ne
Kinder?

Die fnf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor
Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie
ihm vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weien Zhne
blitzten, und dann sagte er noch einmal: Wolle Sie mit, ne Kinder?

Die sollen erst bei mich reinkommen, rief die Frau mit den
Wachsfiguren rgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah
sehr stattlich und verlockend aus, und Annedore hpfte von einem Bein
auf das andere. Wir wollen fahren, wir wollen fahren, bettelte sie.

Eine Minute spter saen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich,
die Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann
war das Vergngen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen
weiter. Es gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glnzte, alles stand bunt
und lustig in ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle
fing an zu rufen, die Luftschaukel drehte sich, und die fnf vergaen
die Zeit, vergaen den Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal
surrten und brummten seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten
auf; was war das?

Die Fabrikpfeifen sind's, es ist zwlf, wir mssen bald heim, sagte
Annedore und zeigte hinber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort
dunkle Husermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg
dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleifinger, die anzeigen:
Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Flei
und Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie lieen die Fabriken
pfeifen, soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelrme
um sich herum.

Aber auch die Mdel vergaen die mahnenden Stimmen in der Luft.

Nur noch ein Weilchen, sagte Herta. Noch einmal Karussell und dann
noch Luftschaukel.

So viel Geld hab' ich nicht mehr, erklrte Annedore.

Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen. Sie
war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr
ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden
heran und fragte: Was kostet dies, was kostet das? und rannte dann
lachend wieder weg. Sie sa auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt
auf einem Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehrt, da rannte sie
schon zur Luftschaukel hin. Jetzt wird's fein! schrie sie. Kommt
flink!

Ich fahr nicht mit, sagte Irene, mir wird's schwindlig.

Annedore zgerte, und Herta ergriff Peters Hand: Komm du mit! Peter
folgte und Mathes folgte, und schlielich kam Annedore auch mit, und
kaum saen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen
hher und hher, schon konnten die Kinder auf die Kpfe der Zuschauer
sehen, nun auf die Budendcher, noch hher ging's hinauf, da schrie
Herta pltzlich: Ich falle, ich falle!

Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter fate sogar zur
Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch
schrie sie unausgesetzt und wurde so wei wie ein Blttlein Papier.

Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter ihnen,
auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwrts,
schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: Bitte aussteigen!

Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben
schoben, und pltzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus,
sie wuten nicht wie.

Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: Ihr Diener,
meine Herrschaften, nicht zu hflich!

Und dann griffen etliche Hnde zu, und endlich standen die vier wieder
auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein
Mann klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und trstete
sie: Das geht bald vorbei. So, nun ist's gut; na, da sitzt noch Staub.
Er klopfte an Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: Du
verlierst dein Taschentuch, kleines Frulein. Er war berhaupt so
freundlich, wie nur einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu
Irene, wnschte ihnen noch viel Vergngen, und ehe sich die Kinder
bedanken konnten, war er verschwunden.

Der war nett! Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um,
auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht
und dort war er nicht, aber -- sie jauchzten laut auf -- dort war der
Zigeuner.

Da ist er, da ist er! Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte
mit dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich
fanden, sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: Wer ist
da?

Der Zigeuner von gestern.

Ein echter Zigeuner! Peter sah stolz drein. Ganz echt ist er,
versicherte er noch.

Kennt ihr ihn?

Hm, vielleicht! Mathes machte ein Gesicht, als htte er die ganze
Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: Sag's
doch, woher kennt ihr ihn?

Mathes erzhlte und Peter erzhlte, und dabei schauten alle fnf
unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte
fertig waren, rief Annedore: Ihr mt ihm guten Tag sagen, da merkt
ihr's gleich, ob er es ist.

Ja, fein! Und wir gehen mit. Herta zappelte vor Ungeduld, den Zigeuner
zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklrte: Ich graule mich.

Hier kann er uns doch nichts tun! Annedore und Herta zogen die
Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu
und blieben vor ihm stehen. Guten Tag! Mathes zog seine Mtze, Peter
zog seine Mtze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah ber
sie beide hinweg, als wren sie zwei Mcklein.

Guten Tag! Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der
Zigeuner an. Was wollt ihr? fragte er, und seine Stimme schnarrte wie
eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht
geschnarrt.

Er ist's net! rief Mathes enttuscht. Aber da drngte sich keck und
flink und ein bissel frech Herta heran und fragte: Haben Sie die Jungen
neulich nach Hause gebracht?

Wohin denn? Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun
auch greulich. Zu Ringewalds, sagte sie kleinlaut und wich langsam
zurck.

Nix kennen! Wer sein das? Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt
wieder ganz anders, aber Peter stie den Bruder an und tuschelte ihm zu:
Er ist's doch!

In diesem Augenblick summten und tnten wieder die Fabrikpfeifen, ein
paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie
erschrocken: Jetzt ist's eins, wir mssen nach Hause.

Ach was, wir essen erst gegen zwei! Herta sah ganz unbekmmert aus,
aber Annedore und Irene sagten beide ngstlich: Wir mssen furchtbar
schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald
wre krank; wenn die sich nun sorgt!

Den Buben selbst fuhr der Schreck ber die spte Stunde arg in die
Beine. Sie vergaen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam
anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mdel folgten,
im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch
ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: Wir fahren
alle, dann geht es flink.

Dort ist unsere Bahn, sie fhrt gleich fort.

Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: Halt, halt! und die Buben
chzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch
alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.

Zahlen! sagte der Schaffner und sah sie brummig an.

Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mdel suchten in ihren
Handtschchen nach, da schrie Herta: Mein Tschchen ist weg!

In meinem ist nichts mehr drin, klagte Irene.

Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensckle um
und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.

Na, wird's bald! brummte der Schaffner, der aussah, als wre er mit
dem linken Fu zuerst aufgestanden.

Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte:
Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben's so eilig, lassen Sie uns
mitfahren.

Geht nicht, knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, wer kein
Geld hat, mu aussteigen.

Fahr du, Herta, rief Annedore rasch, geh zu Frau von Ringewald und
sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.

Nein, nein! Herta schluchzte laut. Das kann ich nicht, das kann ich
nicht.

Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: Aussteigen, flink!
Nur wer Geld hat, kann bleiben.

Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. Ich geh mit euch, sagte sie,
ich lasse euch nicht im Stich.

Die fnf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu
weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut
und schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf
dem Lwengle getan hatten. ber das Gebrll erschraken nicht nur die
Mdel, auch viele Vorbergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben
gar stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstrae ein.
Dort schalt Herta bse: Schmt euch doch, so weint man nicht, das
schickt sich nicht!

Unsere Beuteles! klagte Mathes. Ganz neu waren sie, und so
schrecklich viel Geld war drin!

Ich will -- su -- suchen gehen, schluchzte Peter. Der meinte, es
knnte nicht schwer sein, auf dem Meplatz zu suchen.

Ihr seid zu dumm! Herta hatte schon wieder die Trnen getrocknet, und
sie, die drauen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine
kleine Dame. Seid stille, fuhr sie die Buben an, so ein Geschrei
schickt sich nicht!

So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die
heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte:
Was fehlt euch, Kinder? rief sie heftig: Das schickt sich nicht, ich
schme mich mit euch zu gehen; komm, Irene! Und blitzschnell bogen
beide in eine andere Strae ein und riefen von dort: Komm mit uns,
Annedore!

Nein! Annedore schttelte den Kopf sehr nachdrcklich, und ihre
rostbraunen Zpfe flogen hin und her. Ich lasse die Jungen nicht im
Stich, die kennen den Weg noch nicht, rief sie rgerlich den
Freundinnen nach.

Im Augenblick hrten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes
feiges Davonlaufen krnkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore:
Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!

Aber Annedore lachte ber den trotzigen Bubenstolz. Mitgefangen,
mitgehangen, sagt mein Vater immer, antwortete sie. Ihr wit den Weg
doch nicht, und wrdet ihr mich denn im Stich lassen?

Noi! riefen beide Buben, und Mathes fgte wichtig hinzu: Seine
Kamerdles lt man net im Stich!

Kamerdles! jauchzte Annedore. Wie fein das klingt! Wir sind
Kamerdles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher
heim als die andern.

Den Buben war das sehr recht. Sie faten sich alle drei an den Hnden
und rannten die Straen entlang, und Annedore erzhlte dabei von ihrem
Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darber vergaen die
beinahe ihre verlorenen Schtze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds
an. Dort standen Hulda und Ida auf der Strae und hielten Umschau nach
den Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.

Herrje! schrie Hulda bse, ihr --

Wir sind schuld, unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzhlte sie,
flinker als ein Regentrpflein fllt, von dem gemeinsamen Mebesuch und
dem verlorenen Geld. Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an
der Luftschaukel stand, schlo sie.

Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach
Hause! schrie Hulda. Ihr seid doch --

Sie knnen nichts dafr, unterbrach sie Annedore wieder, und ihre
blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der
Blick.

Das war noch ein Kamerdle! Mathes reckte sich und rief: Sie kann auch
net dafr, sie hat gedurft, und ein Grschle hat sie und ist net mit dem
Bhnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt,
sie wr' unser Kamerdle.

Ja, und die Jungen mssen mich besuchen, und ich besuche sie, und wenn
sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.

Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange! brummelte Hulda.
Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei? fragte
sie.

Davongelaufen sind sie! Und nun ging das Erzhlen an, und Hulda htte
wohl den Mebesuch von Anfang bis zu Ende erzhlt bekommen, wenn sie
nicht gesagt htte: Das Mittagessen ist lngst fertig.

Ich mu heim; morgen auf Wiedersehen! Annedore lief davon, da ihre
Zpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an
der Tre stand Frulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte
traurig: Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!

Da hingen Mathes und Peter die Kpfe wie zwei Schneemnnlein, wenn der
Tauwind blst, Hulda aber sagte: Lassen Sie sich nur erst erzhlen,
Frulein Eva, wie's war; ihr Kamerdle, wie sie's nennen, sagt, sie
wren nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann
gibt's keine Kirschenspeise nachher.




                           Zehntes Kapitel.
                  Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.


Noch ehe die Kirschenspeise kam, wute Eva von Ringewald alles. Mathes
und Peter erzhlten, zusammen und allein; einer redete von der
Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwtzten vom
grten Weltwunder und dem merkwrdigen Zigeuner, und als Hulda selbst
die se Speise brachte, da gab es gerade ein frhliches Gelchter am
Tisch, und Eva sagte: Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein
bissel unntz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es
bestimmt nicht wiedertun.

Bestimmt net! rief Mathes.

Du mut immer mitkommen, Frulein Eva, bat Peter.

Sagt Tante Eva! Es fiel Eva ganz pltzlich ein, da sie den Bbles
eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den
strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. Na also, dann ist
das 'ne Tantenspeise! Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch,
und ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bichen
eiferschtig: Mir mt ihr aber auch noch von der Messe erzhlen!

Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die
Mglein mit der sen Speise gefllt hatten, riet ihnen die liebliche
Tante selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre
Briefschreibelust gro wre.

Doch die Lust war weder gro noch klein, sie war gar nicht da, und so
stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzhlten ihr und Ida die
Abenteuer des Morgens. Darber verging die Zeit geschwinde. Die
Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und
oben im Gartenzimmer gab es eine groe berraschung. Frau von Ringewald
sa wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie wollte nun
von dem Mebesuch hren. Da muten die Gste zum drittenmal ihre
Abenteuer erzhlen. Sie fanden dies hchst vergnglich, und wenn noch
drei Zuhrer und dann wieder drei Zuhrer gekommen wren, den beiden
htte es den grten Spa gemacht.

Frau von Ringewald hrte mit einem so heiteren Gesicht zu, da Eva in
ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbbles fr die
Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate hre noch besser zu als
Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hren wollen und den
merkwrdigen Zigeuner langweilig gefunden, whrend Frau von Ringewald
gerade von dem etwas wissen wollte. Geige spielt er, murmelte sie, und
das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.

Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer.

Er ist aber kein richtiger Zigeuner, erklrte Mathes.

Warum denn nicht? fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere
Gedanken bringen wollte.

Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und
manchmal macht er so. Mathes kniff seine uglein ganz klein zusammen,
hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. So sieht er
aus, riefen beide.

Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen
Gesichtern gar nicht zigeunermig aussahen, und ber dem Lachen
berhrten sie das schrille Tnen der Klingel drauen, Stimmen und
Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wre bestimmt
ihr Fhrer von vorgestern, tat sich die Tre auf, und Hulda lie einen
lteren Herrn eintreten. Nun, so lustig? fragte der mit einem Gesicht,
als krame er das Lachen nur hchstens alle Jahre einmal aus seiner
Kommodenschublade heraus.

Ach, Albert, du bist es! Frau von Ringewalds eben noch so heiteres
Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben
standen verlegen auf. Sie hrten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und
sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzhlt hatte.

Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben nicht
an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht unntze
Last aufgeladen, und verdrielich fragte er: Das sind nun wohl deine
Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unntz aus!

Sie sind recht brav, rief Eva rasch. Flink, Mathes, Peter, gebt
meinem Onkel die Hand.

Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen
daheim die Mutter, Mina, Herr Hferlein und viele andere noch gegeben
hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm
dann treuherzig ihre Hnde hin. Die hfliche Verbeugung gefiel diesem,
er sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: Nun,
wit ihr denn auch, wer ich bin?

Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie
fanden den Namen des Onkels nmlich hchst komisch und dachten, man
knnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.

Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch! Herr Buchner konnte Nicken und
Kopfschtteln nicht leiden, er war Gehorsam gewhnt. Wenn er fragte,
wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben,
herrschte er sie streng an: Nun sagt, wer bin ich!

Herr Brummerjan! riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie gedacht
hatten: sie platzten heraus.

Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief
erschrocken drein, whrend Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie
schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: Wie soll ich heien? Sagt's
noch einmal!

Herr Brummerjan! Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus,
Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke
hinein.

So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate! Das
ist ja sehr erfreulich! Herr Albert Buchner sah bitterbse drein, und
Frau von Ringewald rief ngstlich: Aber Jungen, was redet ihr da, wer
hat euch das denn gesagt?

Hulda, antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen vergangen
war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.

So, Hulda, natrlich! Du hast wirklich sehr liebenswrdige Dienstboten,
Renate; es wre nun wohl Zeit, da diese Hulda aus dem Hause kme.

Geht hinaus, geht in die Kche! Eva war tief erblat, sie schob die
Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurck, und den beiden
tnte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon
auf der Treppe waren, hrten sie oben noch den Onkel laut und bse
reden, dann drhnte sein Schritt ber den Flur, und die Tre klappte
laut.

Ganz verstrt kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht
Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die
Kchentre an. Hulda ffnete erstaunt. Na nu, da kommen wohl
Stolperhans und Purzelwu-die-Treppe-runter! rief sie. Ihr seid wohl
vor Herrn Brummerjan ausgerissen?

Er heit ja net so! schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. Er ist
schlimm bs geworden, weil ich das gesagt habe. Mathes sah Hulda
ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen
Kchenstuhl nieder.

Furchtbar bs, klagte auch Peter.

Das habt ihr gesagt, ihm gesagt? jammerte sie.

Die Buben nickten kummervoll. Du hast es uns doch heute erzhlt, und
wie wir's net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!

Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte! Ida hatte nebenan
in der Wschestube das Gesprch mit angehrt, und sie kam, das
Bgeleisen in der Hand, rasch herein.

Hulda sa ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: Ihr
habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt? Und jedesmal antworteten
Peter und Mathes klglich: Ja, wir haben's gesagt. Und Peter fgte
hinzu: Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!

Kann man glauben, da Jungen so 'ne Dummheit glauben! Hulda sthnte
und wickelte verzweifelt ihre Schrze um die Arme. Was wird nur meine
liebe gndige Frau sagen! klagte sie.

Er hat gesagt, du mut nun fort, berichtete Mathes.

Aus dem Haus! Peter nickte mitleidig dazu.

Ich -- aus -- dem Haus, hier fort? Hulda wurde kreidewei, und
pltzlich sprang sie auf, rannte aus der Kche und polterte in groer
Hast die Treppe hinauf.

Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt! murmelte Ida ein wenig
schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie
begann den Buben zu erzhlen, wie gut Hulda wre, und schon so lange sei
sie im Hause; wie Frulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen
wren, sei sie gekommen, und Frulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wre
wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. Und wenn sie den Herrn Buchner
Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht, rief Ida. Er hat sie
immer nicht leiden knnen, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat
er gesagt, sie verwhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das
alles gesagt, die vor mir hier im Hause war, schlo Ida.

Da ffnete sich sacht die Tre, und Eva von Ringewald trat ein. Sie
lchelte ein wenig ber die verlegenen Gesichter der Buben. Kommt mit,
sagte sie freundlich, wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich mu
noch etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.

Dann bleibt Hulda, flsterte Ida vor sich hin, aber Eva hrte es doch.
Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort, sagte sie
und nickte Ida zu.

Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mhlstein vom Herzen, und
sie kletterten vergngt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig
an, und wenige Minuten spter wanderten sie mit Frulein Eva der
elektrischen Bahn zu. Ihr drft aber nicht einen Schritt auf der Strae
von mir fort gehen; versprecht ihr das? fragte die junge Tante.

Ja! brllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: Net ein
Schrittle lauf' ich fort.

Es dmmerte schon, und auf den Straen und in den Lden wurden bereits
die Lichter angezndet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch das
Lwengle ging, glnzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei, drei
helle Fenster, der Kaufmann Hferlein hatte seinen Laden erleuchtet, und
in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das
Lichtmeer der groen Stadt! Licht glnzte neben Licht. In manchen
Husern gab es kein dunkles Fenster, und in den Lden blitzte und
schimmerte es noch viel heller und verlockender als drauen auf der
Messe. Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von
unten bis oben erleuchtet war, blieb Frulein Eva stehen. Es ist ein
Warenhaus, sagte sie, kommt, wir gehen hinein.

Drinnen htten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser
gemacht; sie wuten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es
anzuschauen. Es war wie ein riesengroer Laden, und doch waren es
eigentlich viele, viele kleine Lden nebeneinander, nur gab es keine
Mauern dazwischen. Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man
sehen. Aber Treppen schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte:
Jetzt fahren wir hinauf, und sie schob die Buben geschwinde in eine
Kammer, ein Mann schlo die Tre, es wackelte ein bichen, und dann
machte der Mann wieder die Tre auf und sagte: Zweiter Stock.

Und wieder lagen hier unzhlige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum
Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krgen, Vasen und hnlichen Dingen
tat Mathes pltzlich einen tiefen Seufzer und klagte: Mein Geld!

Uuh! chzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte, und
er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpppchen: Das wrd'
Gundel freuen!

Bitte, nichts anfassen! rief die Verkuferin streng. Die Figur kostet
fnfunddreiig Mark.

O Gott, sagte jemand, knnen die zwei dort ihre Mnder aufreien,
schrecklich! Eine Dame ging vorber und lchelte. Die Verkuferin
lchelte, und Eva wurde verlegen. Kommt rasch weiter, sagte sie, hier
sind die Sachen zu teuer; fr Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.

Wir haben doch kein Geld mehr! Die Sternbuben redeten wie daheim in
der Lwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein
bichen brllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und
die beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.

Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas
kaufen knnt, versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte
einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, da sie erst
sagte, dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie
auch nie, nur einen Zettel bekam sie, das war alles.

Sie fuhren noch ein Stockwerk hher, und wieder kaufte Eva, und wieder
verga sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: Nun bin ich
fertig!

Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten,
war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der
dachte, ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die
Fahrt ging los, aber -- Tante Eva und der Bruder fehlten.

Nun ist Peter allein gefahren! rief Eva oben erschrocken. Komm, da
geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.

Sie kamen auch glcklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwrts
ging's. Erdgescho! rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein
Peter war da.

Er ist gewi wieder hinaufgefahren. Eva begann ngstlich zu werden.
Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl! Sie schob Mathes hinein,
und es ging wieder aufwrts -- doch kein Peter war da.

Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren. Eva rannte auf den ersten
Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen
sagte sie zu dem Fhrer: Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der
hnlich wie der hier aussieht?

Der Mann guckte Mathes an und nickte: Freilich, freilich, so einer war
dabei, versicherte er, der ist erst mit runtergefahren und dann mit
rauf.

Eva erzhlte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Fhrer lachte.
Den finden wir schon, versicherte er. Wie ich die Jungen kenne, fhrt
der jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurck und warten Sie
unten, er kommt schon wieder.

Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurck, der Fhrer sah an
jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an,
und auch da stand kein Peter.

Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter
stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der
erste wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Fhrer
rief: Na, das ist wohl der richtige, dem hrt man's gleich an, wenn er
nur schon den Mund auftut, er ist vom Lande.

Peter war ein bichen verlegen, denn er war wirklich auf- und
abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. Hast
dich wohl gefrchtet? fragte Eva linde.

Noi! Peter sah sie strahlend an. Erst war's 'n bichen komisch, aber
dann war's fein. Mathes, mach's auch mal!

Ja! schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl
drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Tre: hinauf ging es.

Ihr seid ja schrecklich! rief Eva, nun wirklich erzrnt. Ihr habt mir
doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun
haltet ihr nicht Wort.

Hier ist doch net 's Gle! murmelte Peter bedrckt. Und -- und -- er
ist doch net fortgelaufen!

Nein, nur fortgefahren! Evas rger hatte sich schon gelegt. Zur
Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht
wieder ausreien. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes
nicht zu warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben
hatte ihn der Fhrer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. Da ist
der zweite, schrie er Eva zu. Die Jungen mssen sie anbinden,
Frulein! Dabei gab er Mathes einen gelinden Sto, Eva fing den
Ausreier auf, dankte dem Fhrer, und dann sagte sie: Jetzt aber
schnell heim. Und wehe euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir
fortgeht! Bitterbitterbse werde ich dann.

Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre
Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spt zwar,
doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in
ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda sa neben ihr, sie sah verweint aus, aber
doch ganz vergngt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzhlte,
lachte sie sogar ein bichen. N, n, rief sie, frh auf der
Luftschaukel, nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte
Trume. Et nur nich viel zum Abendbrot, die Fahrerei und 'n voller
Magen, das gibt 'ne schlechte Nacht.

Hulda meinte es gewi gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die
Buben nicht. Die vergaen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und
nachher lieen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als
sie in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bsen Trume. Und doch
behielt Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlscklein, Mathes
dagegen trumte wunderliche Dinge. Mit dem grten Weltwunder zusammen
fuhr er immerzu Karussell, und vielleicht wre er noch bis zum Morgen
gefahren, wenn nicht pltzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen
htte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterbse an und schalt
wie der Fhrer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal im
Leben: Ausreien ist gut, und ri aus.

Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.

Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und pltzlich
rief da der brummige Schaffner und schrie: Zahlen! Wer kein Geld hat,
darf nicht herein.

Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr
Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter
ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes
an dem Gerst empor, hher und hher und -- plumps! da fiel er herunter.

Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meplatz. Ganz
verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn drauen
stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein fllte
das Bubenstbchen. Auch brannte auf der Strae, gerade vor dem Fenster,
noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach seine
Umgebung und merkte auch allmhlich, da er nicht in seinem Bett,
sondern auf dem Fuboden lag. Nun war es fr die Sternbuben etwas hchst
Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum
besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch trumte. Erst als es ihm
ein wenig khl wurde, merkte er, da er wirklich wach war.

Peter! sthnte er endlich, Peter! Aber er konnte oft Peter rufen,
der hrte ihn nicht. Wach auf! schrie Mathes, aber Peter wachte eben
nicht auf.

Schlielich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett
zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Strae Schritte laut;
trapp, trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners
geklungen hatte.

Trapp, trapp, trapp! In der nchtlichen Stille hallten die Schritte
laut.

Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber
neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die
Vorhnge zurck und schaute hinaus.

Die Schritte verstummten pltzlich, ganz still war es nun.

Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem Fenster,
und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er riegelte
also das Fenster auf und sah hinaus. Die Strae lag ganz im weien Licht
des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah
niemand auf der Strae gehen, doch da --

Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand ein
Mann, und Mathes sah gerade -- dem Zigeuner in das Gesicht.

Der Bube brllte frchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach
wurde und den Bruder schreien hrte, schrie gleich mit. Davon konnte
jemand schon munter werden.

Eva hrte das Geschrei. Hulda hrte es, und beide kamen fast zu gleicher
Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes
auf einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst
hinaufgeklettert. Es dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen
erfahren konnten, was eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene
Fenster und blickten hinaus; still und friedsam lag die Strae im
Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.

Sie haben getrumt; ich hab's ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es
ihnen duselig geworden, erklrte Hulda. Geben Sie ihnen Zuckerwasser,
Frulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender
Zeit!

Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten
jeder ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurck, Hulda
lie zur Sicherheit noch die Rollden herab, dann lschte sie das Licht,
und einige Minuten spter schliefen die Buben wieder fest.

Drauen sagte Hulda: Sie haben getrumt.

Sicher! Eva nickte. Es war zu viel, morgen drfen sie nicht wieder
auf die Messe, erklrte sie.

Aber als Mathes am Morgen beim Frhstck sa, da behauptete er: Ich
hab' net getrumt, der Zigeuner ist auf dem Gle gestanden.

Und dabei blieb er.




                           Elftes Kapitel.
                          Die vielen Bilder.


Offenbar dachte die Sonne auch an diesem Tag, weil die Breitenwerter
Sternbbles nun doch einmal nach Leipzig gefahren sind, mu ich auch
dort scheinen. Sie glnzte wieder frhlingsschn am blauen Himmel, und
Mathes und Peter sahen nach dem Frhstck ein wenig betrbt auf die
sonnige Strae hinab. Tante Eva hatte gesagt: Heute frh wird
daheimgeblieben; ihr mgt im Garten spielen. Allzuviel ist ungesund.

Der kleine Garten lockte nicht sehr, und auf Herta und Irene waren die
Buben noch bse, also schien ihnen der Vormittag ein bichen langweilig.
Aber Tanten, zumal wenn sie ein so weiches Herz haben wie Eva von
Ringewald, sehen nicht gern betrbte Kindergesichter, und sie ndern
dann wohl ihre Meinung.

Eva sah die Buben am Fenster stehen und etwas trbselig hinausschauen,
da dachte sie, es sind doch Ferien und die beiden sind zum Besuch hier,
was haben sie da vom Daheimbleiben am lichten Tag? Sie ging zu ihrer
Mutter und fragte die, und diese gute Mutter sagte sanft: Geh mit ihnen
aus, zeig ihnen etwas, vielleicht den Zoologischen Garten.

Nein, rief Eva, heute nicht, dort erleben sie sicher wieder ein
Abenteuer und schreien in der Nacht. Ich fhre sie ins Museum.

Auch recht! Frau von Ringewald lchelte ein wenig. Ich bin neugierig,
wie es ihnen dort gefllt.

Husch! lag der Sonnenschein auch auf den Gesichtern der Buben, als Eva
ihnen sagte: Wir gehen doch spazieren, ins Museum.

Hurra! Wo die vielen Bildles sind? Mathes und Peter konnten sich nicht
schnell genug zum Ausgang richten; sie waren fertig, ehe Eva auch nur
den Hut aufgesetzt hatte. Die sagte: So schnell geht das nicht, ich
habe noch fr Mutter allerlei zu besorgen. Gehet aber einstweilen
hinaus, ihr mt mir freilich versprechen, kein Schrittlein weiter als
bis ans Nachbarhaus zu gehen.

Die Buben gaben das Versprechen, und sie hielten es auch. Und dies war
nicht einmal leicht, denn die Strae entlang kam mit flatternden Zpfen
Annedore. Die winkte und nickte schon von groer Weite, und sie wunderte
sich arg ber die Buben, warum die ihr nicht entgegenkamen.

Die standen und taten kein Schrittlein ber die Hausgrenze hinaus. Sie
wollten brav sein, und als Peter noch einen Hopser wagen wollte, hielt
Mathes ihn fest: Wir drfen net. Danach sahen sich beide an und
nickten sich zu, sie waren nmlich ber ihre eigene ungeheure Bravheit
selbst erstaunt.

Hallo, hallo! schrie Annedore.

Hallo, hallo! antworteten die Buben und blieben stehen.

Seid ihr angewachsen?

Noi! Wir drfen net weiter.

Da war Annedore schon neben ihnen, und es gab eine sehr herzliche
Begrung.

Ich will euch nmlich einladen, sagte Annedore vergngt. Meine Mutter
hat's erlaubt, obgleich sie euch noch nicht kennt, aber sie kennt Frau
von Ringewald, also geht es. Halb fnf drft ihr kommen.

Den Sternbuben kam nun freilich die Einladungsgeschichte etwas
umstndlich vor; in Breitenwert lud man feierlich nur zu Geburtstagen
ein, sonst lief ein Kamerdle dem andern ohne Umstnde ins Haus.
Immerhin, der Gedanke, am Nachmittag zu Annedore zu gehen, war
verlockend. Sie sagten daher sehr laut zu, und Annedore erklrte, sie
wrde nun gleich auf Tante Eva warten, um diese zu fragen. Fein, fein!
jauchzte sie und hpfte hin und her.

Fein, fein, fein! schrieen die Buben laut. Wer am Ende der Strae
wohnte, konnte gewi ihr Rufen hren.

Was ist denn fein? Ein dunkler Schatten fiel ber die sonnige Strae,
und als die drei aufblickten, sahen sie -- den Zigeuner vor sich stehen.
Nur nicht so bunt angezogen wie auf der Messe war er. Mathes erschrak
frchterlich. Gerade wie in der Nacht war es. Aber doch wieder nicht so
unheimlich, denn Annedore war ja da, und Peter schlief nicht, ja alle
beide schauten den Zigeuner mehr neugierig als erschrocken an.

Was ist fein? fragte der Zigeuner noch einmal, und sein Blick glitt
dabei scheu am Hause entlang.

Wir sind eingeladen, antwortete Peter.

Der Zigeuner lchelte ein wenig. Und jetzt geht ihr wohl spazieren --
allein?

Noi, mit Tante Eva!

Peter blieb die Antwort halb im Munde stecken, denn Annedore zog ihn
heftig am Kittel. Man darf nicht mit fremden Leuten reden, tuschelte
sie ihm zu.

Ob der Zigeuner das gehrt hatte? Er kniff die Augen ein wenig zu,
schielte wieder nach dem Hause hin und sagte langsam: Dann ist -- eure
Tante wohl wieder -- gesund?

Weil nach Peters Meinung jemand, der im Bett lag, sehr krank war, rief
er eifrig, ohne sich an Annedores Zerren und Ziehen zu kehren: Noi, die
ist alleweil noch krank, furchtbar krank!

Der Zigeuner lief pltzlich davon. Mit langen Schritten rannte er die
Strae hinab, und gerade als Eva von Ringewald aus dem Hause kam, bog er
in eine andere Strae ein.

Der Zigeuner war da.

Annedore hat uns eingeladen.

Er hat mit uns geredet.

Ihre Mutter hat's erlaubt.

Er hat die Augen zugekniffen und so gemacht. Mathes drehte den Kopf,
schielte nach dem Hause hin, und Eva von Ringewald stand da und wute
nicht recht, was alle diese Reden bedeuten sollten. Sie sah den Zigeuner
nicht mehr, aber Annedore sah sie stehen; sie fing daher von der
Einladung an, und Annedore knickste und richtete mit so wohlgesetzten
Worten die Bestellung ihrer Mutter aus, da die Sternbuben sie darob
anstaunten. Wie Alette Amhag, das Prinzechen der Lwengasse, kam sie
ihnen vor, und doch war sie eigentlich eher wild und lustig wie Trinle
Grill. Eva gab die Erlaubnis zu dem Nachmittagsbesuch, sie redete noch
ein paar Worte mit Annedore, dann fragte sie nach dem Zigeuner.

Mathes rief: Wie in der Nacht ist er dagestanden, genau so!

Ach, das hast du ja getrumt!

Noi, ich hab's net getrumt!

Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner
erzhlten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva,
doch etwas ngstlich geworden: Ihr drft gar nicht mit ihm sprechen;
das nchste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurck, wenn er noch einmal
kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spt fr das Museum.

Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mute, und
dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch
breite, schne Straen ging's, ber weite Pltze, auch durch ein paar
enge Glein. Selbst durch etliche Huser hindurch fhrte Eva ihre
Schtzlinge. Diese langgestreckten, hohen Huser, die manchmal zwei,
drei Hfe hatten, glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben
sehr. Noch besser gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante
in einer Konditorei zu sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an
einem Marmortischchen saen und von einem Kellner bedient wurden, kamen
sie sich ungeheuer wichtig vor. Sie dachten, alle Leute mten sehen: Da
sitzen die Sternbuben aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie
vornehm!

Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum
Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in
die gingen nur die groen Leute; fr Kinder war da kein Platz. Einzig
schade war, da die Freunde aus der Lwengasse nicht zuschauen konnten,
um sie beide zu bewundern. Die htten Augen gemacht, o je!

Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie es
Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergngen war zu Ende. Ein
Weilchen spter stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum
Museum empor. Eva ffnete die schwere Eingangstr, und drinnen umfing
khle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen,
alles kam den Buben ungeheuer prchtig vor, und Peter wagte die
schchterne Frage: Ist das ein Schlo?

Ein Schlo ist's nicht, aber schn ist's, gelt?

Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrckte sie fast,
und die vielen Bilder an den Wnden verwirrten sie. Doch Eva fhrte sie
zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da sa der
Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrngten
ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und
lieblich war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere
Bilder zu sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche
gefielen ihnen, eigentlich aber fanden sie, es wren zu viele Bildles
da. Unten hingen welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun
ist's zu Ende, da kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles,
groe und kleine.

Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es
dar, die im ersten Schein der Morgensonne glnzte. Dieses Bild war fr
sie eine Erinnerung. Diese schnen Schweizer Berge hatte sie einmal so
glnzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie
lustige Plne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China,
weit, weit in die schne Welt hinaus.

An all das dachte Eva, whrend sie mit den Buben auf der Polsterbank vor
dem Bilde sa, und sie verga ihre beiden Schtzlinge darber etwas.
Ganz still waren die, merkwrdig still.

Menschen kamen und gingen vorber, hinter sich hrte Eva ein leises
Kichern, und dann blieb ein alter Herr vor ihr stehen und sagte
gutmtig: Die beiden da sind recht mde.

Eva erschrak und sah sich um. Neben ihr lagen die Sternbbles und --
schliefen. Mathes sa noch halb, aber Peter hatte sich auf der
Polsterbank ausgestreckt, und ein Bein baumelte herab.

Aber Jungen! Eva zupfte die beiden verlegen an ihren Kitteln. Steht
auf! flsterte sie ihnen zu, aber ihre sanfte Mahnung half gar nichts,
die beiden schliefen vergngt weiter.

Die mssen krftiger geweckt werden, sagte der alte Herr, und er
beugte sich selbst zu Mathes herab, schttelte ihn tchtig und rief ihm
halblaut ins Ohr: Wach auf!

Ein paar Backfische, die zusahen, lachten hell auf, und von der fremden
Stimme und dem Lachen erwachten die Buben. Peter, der meinte, in seinem
Bett zu liegen, wollte sich umdrehen und kollerte dabei auf den Boden.
Es gab einen dumpfen Fall, und ein Aufseher eilte erschrocken herbei.
Herrjeses, nee! rief der, man kugelt sich doch hier niche auf dem
Boden herum, so was, das schickt sich doch nich!

Sie sind mde, riefen die Backfische mitleidig.

Eva von Ringewald war so verlegen geworden, als wre sie selbst
hingefallen. Als nun aber die Buben wieder auf ihren Beinen standen und
sich noch verschlafen und grenzenlos erstaunt umsahen und das Lachen
ringsum lauter wurde, seufzte sie tief. Es war doch recht schwer, den
Sternbuben die groe Stadt zu zeigen. Kommt heim, murmelte sie und zog
die beiden rasch mit sich fort dem Ausgang zu. Die beiden folgten halb
im Traum, und erst als sie drauen standen im Sonnenlicht, wurden sie
wieder munter.

Vor ihnen lag der weite, schne Platz im hellen Glanz. Der Springbrunnen
rauschte, seine Wasserstrahlen glitzerten in der Sonne, ber den Platz
liefen viele Leute, die Wagen rollten, die Klingeln der elektrischen
Bahnen schrillten, es war schon ein Leben und Getse, von dem ein paar
Kleinstadtbuben mde werden konnten.

Eva berlegte sich das gerade, als Mathes sie sacht am Kleid zog. Jetzt
bist du wohl bs, Tante? flsterte er bedrckt.

Ich konnt' doch net dafr! klagte Peter auf der andern Seite.

Nein, ich bin nicht bse. Eva beugte sich ein wenig vor und fragte
neckend: Ihr armen Schelme, es war wohl recht langweilig?

Noi, fein war's! riefen beide, und Mathes fgte ehrlich hinzu: Nur zu
viel Bildles sind drin.

Der Zoologische Garten wre wohl besser gewesen, dachte Eva, und sie
begann auf dem Heimweg von den Lwen, Bren, den Affen und vielerlei
Tieren zu erzhlen, die sie sich morgen zusammen ansehen wollten.

Da wurden die Buben blitzmunter, und die Fragen purzelten nur so heraus.
Kaum hatte Mathes etwas gefragt, da tat Peter seinen Mund auf, und Eva
hatte dem noch keine Antwort gegeben, da wollte schon Mathes wieder
etwas wissen. Sie fragten noch, als Eva schon die Tre zur Wohnung
aufschlo, und Hulda, die ihnen auf dem Flur entgegenkam, dachte nicht
anders, als die Buben wren im Zoologischen Garten gewesen, so viel
redeten die von den Tieren dort. Wenn Hulda fragte, ob es ihnen denn
gefallen htte, antwortete Mathes, ein Elefant sei auch drin, Tante Eva
habe es gesagt; und Peter erzhlte von den Bren.

Auch bei Tische redeten sie mehr von den Tieren, die sie sehen wollten,
als von den Bildern, die sie gesehen hatten. Frau von Ringewald lachte
dazu, und Eva freute sich ber das Lachen der Mutter; sie dachte, es ist
doch gut, da die Buben da sind. Und sie war lieb und gtig zu ihnen und
begleitete sie am Nachmittag selbst zu Annedore. Die wohnte in einem
schnen Hause drei Treppen hoch, und Eva schrfte unten Mathes und Peter
ein, wie sie oben zu klingeln htten. Sie sollten auch fein hflich
sein, der Mutter Gru nicht vergessen, nicht zu viel Kuchen nehmen und
auch nicht zu wild sein.

So mit guten Ermahnungen beladen, kletterten die Buben die drei Treppen
hinauf. Ein bichen bnglich war ihnen freilich zumute. Aber oben ging
es dann vergngter zu, als sie es gedacht hatten. Annedores Mutter war
eine frhliche, gtige Frau, die wohl wute, Buben sind mal laut, Buben
essen gern Kuchen und vergessen es manchmal, so fein hflich zu sein wie
Erwachsene. Annedores einziger Bruder war freilich schon beinahe ein
junger Herr, er sa in Obersekunda und hielt es natrlich unter seiner
Wrde, mit der jngeren Schwester und ihren Freunden zu spielen. Denen
gefiel das Spielen zu dreien aber auch sehr gut, sie waren ungemein
lustig, und die Sternbuben vergaen darber die groe Stadt; sie
spielten so, wie sie in Breitenwert mit ihren Kamerdles spielten. Wie
sie so mitten drin in Spiel, Lust und Freude waren, horchte Annedore auf
einmal auf; sie hrte Stimmen drauen, doch die verhallten wieder, und
nach ein paar Minuten kam Marie, das Zimmermdchen, herein und sagte:
Annedore, Herta und Irene waren da, sie sind aber wieder fortgegangen,
als ich erzhlte, wer bei dir ist.

Mgen sie! brummte Annedore nur, und dann spielten die drei weiter und
vergaen die beiden, die sie im Stich gelassen hatten.

Unterdessen stiegen Herta und Irene sehr niedergeschlagen die Treppen
hinunter, und Irene sagte: Du bist schuld, warum bist du fortgelaufen.

Du bist schuld, du hast gesagt, wir sollen die Jungen mitnehmen, rief
Herta.

Du hast es zuerst gewollt.

Nein, du!

So stritten sich die beiden und gingen verstimmt miteinander heim, denn
sie rgerten sich, da Annedore nur die Sternbuben eingeladen hatte und
nicht sie dazu. Annedore liebten sie eigentlich beide, auch war Annedore
Klassenerste, und es galt als Ehre, mit ihr zu verkehren. Sie ist bse
mit uns, klagte Irene.

Daran sind nur die Jungen schuld, schalt Herta.

Wir reden nicht mehr mit ihnen.

Nein, nie mehr! Es schickt sich gar nicht, mit ihnen zu verkehren.

Als die beiden nach Hause kamen, waren sie entschlossen, nie mehr mit
diesen groben, ungezogenen Buben zu spielen, ja, nie mehr. Und zeigen
wollten sie es ihnen, sie wollten morgen und alle Tage in den Garten
gehen und tun, als wren ihnen ihre neuen Nachbarn ganz unbekannt. Sie
dachten sich allerlei aus, womit sie die beiden rgern wollten, und
dabei weinten sie selber vor rger auf der Treppe, whrend just zur
gleichen Zeit Annedore und ihre Gste lachten, da Marie warnte: Ihr
werdet noch platzen vor Lachen!

Hulda fand aber die Sternbuben noch ungeplatzt, als sie kam, die beiden
heimzuholen. So frh? riefen Annedore und ihre Gste. Viel zu frh!

Nich zu frh, spt ist's schon. Aber morgen oder bermorgen mgt ihr
weiterspielen bei uns. Frulein Eva hat's gesagt, ich soll's bestellen.

Das war noch ein Trost, der den Abschied verste.

Vergngt trennten sich die neuen Freunde, und die Buben wanderten
vergngt mit Hulda heimwrts. Fr alles, was sie zu erzhlen hatten, war
der Weg zu kurz; vor dem Hause blieben sie darum noch stehen, weil Peter
durchaus eine Geschichte fertig erzhlen wollte, die Annedore ihnen
erzhlt hatte, und die furchtbar komisch war.

Er kam jedoch mit seiner Erzhlung nicht zu Ende, denn Mathes schrie
pltzlich: Da war er wieder!

Wer denn? Aber Junge, schrei doch nicht so! mahnte Hulda.

Der Zigeuner da, da!

Ein Mann ging sehr eilig dicht an den Husern entlang, er glich in der
tiefen Dmmerung nur noch einem Schatten, als Hulda ihn erblickte.

I Junge, du siehst Gespenster! Du hast wieder getrumt. Hulda brummte
es ziemlich unwirsch, der Zigeuner fing an, sie zu rgern.

Noi, ich hab's net getrumt, behauptete Mathes genau wie am Morgen.
Er war's wieder, er war es ganz bestimmt!

Hulda schwieg, nachher aber sagte sie zu Eva: Frulein Eva, mit dem
Zigeuner das ist 'ne sonderbare Sache. Graulen kann man sich. Ich
glaube, wir mssen auf die Jungen achtgeben. Am Ende raubt sie uns der
Zigeuner noch und macht Meleute draus. Man kann nie wissen, was so 'n
Zigeuner denkt. Heute nacht aber schlafe ich in der Schrankstube neben
den Jungen, damit ich gleich dabei bin, wenn sie schreien.

Und Hulda schlief wirklich in der Schrankstube. Doch Mathes schrie nicht
und Peter schrie nicht, niemand und nichts strte Huldas Schlaf. Sie
stand darum auch nicht auf und sah auch nicht den Mann vor dem Hause
stehen, der lange, lange unverwandt zu den dunklen Fenstern
emporstarrte. Nur der Mond sah ihn, und der Mond dachte: Da steht
wirklich der Zigeuner wieder da, was der nur will?




                          Zwlftes Kapitel.
                 Kasperle mu das Heimweh vertreiben.


Herta und Irene gingen am nchsten Vormittag wirklich in den Garten, nur
um die Buben zu rgern. So meinten sie; heimlich hofften sie aber,
Mathes und Peter wrden sehr nett sein, und sie wrden sich wieder
miteinander vertragen, und sie wrden sich auch mit Annedore vershnen,
alles wrde gut sein. Doch sie kamen weder dazu, ihre Nachbarn zu rgern
noch sich mit ihnen zu vershnen. Die erschienen gar nicht. Im Garten
blieb es still, und als die beiden Mdel zur Mittagstunde mimutig ihre
schnen Spielsachen zusammenpackten und wieder hinaufgingen, kamen die
Sternbuben gerade mit ihrer jungen Tante heim. Sie waren im Zoologischen
Garten gewesen. Dort waren sie nicht eingeschlafen, ja sie wren gern
noch einmal so lange dort geblieben, so gut hatte es ihnen gefallen.

An diesem Nachmittag ging es in der Ringewaldschen Kche wie in einer
Menagerie zu. Mathes und Peter brllten, brummten, kreischten und
schrieen wie die Tiere, die sie am Morgen gesehen. Hulda mute doch
alles hren! Peter ahmte einen Affen nach, Mathes brllte wie ein Lwe,
und Hulda sagte, frchterlich sei es.

Die Buben dachten nicht daran, in den Garten zu gehen; erst als Annedore
kam, stiegen sie mit der hinab, und die war gern bereit, Zoologischen
Garten mitzuspielen. Natrlich muten sie wieder brllen, kreischen und
quieken, und dieser Lrm lockte Herta und Irene in den Garten. Und nun
konnten sie nicht einmal tun, als wren die da drben nicht zu sehen und
zu hren, dazu war der Lrm zu gro. Und Annedore war ja auch dabei, um
deren Freundschaft sie bangten.

Sie standen erst von fern, dann kamen sie nher und sagten nun doch
zuerst guten Tag. Annedore nickte ihnen zu. Wir spielen, rief sie
vergngt.

Mathes verga seinen Groll, er fand nmlich, der Zoologische Garten
knnte reicher besetzt sein, und darum rief er ber das Gitter den
beiden zu: Wollt ihr mitspielen?

Ja -- wir knnen, ja! Herta sagte es sehr zgernd, und dabei hatte sie
doch die allergrte Lust mitzutun.

Na, dann kommt! Herta kann Kamel sein und Irene Stachelschwein.

Pfui, seid ihr grob!

Wir sind doch net grob!

Ja, grob seid ihr -- ihr Kellnerjungen!

Mathes, der ohnehin ein Lwe sein wollte, brllte laut vor Zorn; er war
drauf und dran, ber das Gitter zu steigen, doch Annedore hielt ihn
zurck. Die haben gedacht, du schimpfst sie, erklrte sie.

Sie haben _uns_ geschimpft!

Annedore war sehr friedfertig. Zank und Streit mochte sie nicht leiden,
darum rief sie ber das Gitter:

Das war doch nicht geschimpft!

Ich bin kein Kamel!

Ich bin kein Stachelschwein!

Es ist abscheulich, das zu sagen!

Annedore lachte, und da erst begriffen die Sternbuben den Irrtum; sie
lachten mit, lachten so herzhaft, da ihre gekrnkten Nachbarinnen
angesteckt wurden. Sie kamen nher, Annedore erklrte, und ber das
Gitter hinweg vershnten sich alle. Das Gitter trennte sie; und doch
spielten sie zusammen. Diesseits waren die Kfige, und jenseits
wanderten Herta und Irene einher und bewunderten die brllenden wilden
Tiere drben. Sie waren lieber Zuschauerinnen als Kamel und
Stachelschwein.

Es wurde nach aller Ansicht viel zu frh dunkel, und viel zu frh mute
Annedore heimwandern. Doch den frohen Nachmittag beschlo ein froher
Abend, und die Sternbuben schliefen mit dem seligen Gedanken ein: morgen
ist Sonntag.

Wenn schon die Wochentage so vergngt waren, wie wrde da erst der
Sonntag sein!

Als Mathes und Peter erwachten, hrten sie ein sachtes, sanftes
Rauschen. Unablssig erklang das, und im Zimmer war es auch nicht so
hell wie in den vergangenen Tagen.

Es regnete! Plitsch platsch! tropfte es drauen, grau der Himmel, na
die Strae. Die Buben starrten ganz verdutzt hinaus. Auf Regenwetter
hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten den Sonnenschein hingenommen, als
mte es so sein; der Gedanke, es knnte ein solcher Regentag kommen,
der hatte ihnen himmelfern gelegen.

Vielleicht hrt's auf, sagte Mathes.

Und wir knnen doch auf die Messe gehen! Peter erriet des Bruders
Gedanken, denn auch er hatte an die Messe gedacht. Hulda hatte nmlich
gestern gesagt: Am Sonntag ist es am allerfeinsten auf der Messe. Und
nun hofften beide, Hulda wrde mit ihnen gehen.

Doch als Hulda in das Zimmer kam, sah sie gar nicht aus, als htte sie
Lust dazu. Sie machte ein hchst verdrieliches Gesicht und brummte: Es
regnet.

Es hrt sicher bald auf, antwortete Peter hoffnungsvoll.

I n, das hrt nicht auf! Wenn's so trscht, dann dauert's immer 'n
paar Tage.

Das war keine schne Aussicht. Aber das Regenwetter war es nicht allein,
was Hulda die Laune verdorben hatte. Herr Buchner kam heute zum
Mittagessen. Und obgleich sie sich vorgenommen hatte, ihn niemals mehr
Herr Brummerjan zu nennen, sagte sie doch zu den Buben: Herr Brummerjan
kommt heute, da nehmt euch nur zusammen, mit dem ist nicht gut Kirschen
essen!

Wir besuchen dich in der Kche, riefen die Buben etwas kleinlaut, denn
ihre Freude ber diesen Sonntagsbesuch war nicht gro.

N, gibt's nich! Bleibt ihr heute nur oben! Wenn heute was am Essen
nicht gert, denkt meine liebe Frau gar, ich htt's absichtlich gemacht.
Heute mu ich meinen Kopf zusammennehmen. Und nachmittag geh ich zu
meiner Schwester.

Net auf die Messe? fragte Peter enttuscht.

Bewahre, bei dem Wetter doch nicht! Heute heit's zu Hause bleiben.

Dies sagte ein Weilchen spter auch Tante Eva. Und weil sie selbst
allerlei zu tun hatte, riet sie den Gsten: Spielt recht fein! Ihr
drft auch den Spielschrank ganz und gar ausrumen.

Fr Ausrumen nun waren die Buben mehr eingenommen als fr Einrumen.
Sie lieen auch wirklich kein Stck im Schrank, sie spielten dies und
das, und zuletzt entdeckten sie noch einen kleinen Tuschkasten und ein
Bilderheft dazu. Ausmalen liebten Mathes und Peter sehr. Namentlich
Peter setzte gern die Farben recht kunterbunt durcheinander, und eine
rosenrote Kuh oder ein himmelblaues Schaf waren bei ihm nichts Seltenes.
Sie rumten schnell den Tisch ab und begannen zu malen. Das feinste
Blttle kriegt Tante Eva, sagten sie zueinander, aber auch fr Hulda
suchten sie ein Bild aus, und Peter malte einen zitronengelben
Hirtenjungen, der zuletzt aussah wie ein Papagei.

Drauen schrillte ein paarmal die Klingel, Stimmen ertnten und
Schritte. Die beiden achteten nicht darauf. Sie erschraken daher sehr,
als Ida die Tre aufri und ihnen zurief: Schnell, schnell, ihr sollt
mal vor ins Gartenzimmer kommen!

Klapp! schlug Ida die Tre wieder zu. Es hatte drauen wieder
geklingelt, darber verga sie zu sagen, was Frulein Eva ihr
aufgetragen hatte.

Schnell sollten sie kommen! Die Sternbbles lieen Bilder, Farben,
Pinsel, alles liegen und rannten hinaus. Schnell kommen hie rennen,
hie die Tren krftig zuschlagen und ordentlich trapsen. Wie der
Sturmwind kamen sie beide ins Gartenzimmer hinein, aber sie blieben
erschrocken an der Tre stehen, denn das Zimmer war voll fremder
Menschen.

Da saen ein paar Damen, da sa auch Herr Brummerjan.

Kommt nur nher! sagte Frau von Ringewald. Und Ida, die hinter beiden
die Tre ffnete, schob sie vor. Geht nur, geht! mahnte sie.

Jungen, was habt ihr gemacht! rief Eva tief erschrocken.

In diesem Augenblick sahen sich die Buben selbst in einem groen, der
Tre gegenberhngenden Spiegel. Jemine, was war das!

Wie eigentlich alle Farben aus dem Tuschkasten auf ihre Gesichter und
Hnde gekommen waren, das wuten sie nicht, aber da waren sie. Besonders
Peter sah beinahe wie sein zitronengelber Hirtenjunge selbst aus, ganz
papageienbunt.

Und die Hnde, ach die Hnde erst!

Mathes und Peter wren arg gern in ein Mauslchle oder Fingerhtle
gekrochen, doch keins von beiden war da. Sie blieben daher vor Schreck
wie angewurzelt stehen, hrten Gelchter, hrten auch Herrn Brummerjans
verdrieliche Stimme: Deine Schtzlinge sehen nicht gerade sonntglich
aus, Eva!

Geht hinaus! Eva von Ringewald sagte es dreimal, sagte es so streng,
wie sie sonst nie sprach. Aber Mathes und Peter waren zu verdattert, die
rhrten sich nicht.

rgern Sie sich nicht, Frulein von Ringewald, die beiden haben gemalt,
da kommt so etwas vor. Die Stimme klang den Buben hold in die Ohren,
und sie sahen flehend zu der schlanken, hbschen Frau auf, die neben sie
getreten war. Ich mu euch doch einmal anschauen, denn sonst ist meine
Annedore betrbt.

Und sacht schob Annedores Mutter Mathes und Peter in das Nebenzimmer. An
der Tre drehte sie sich um und bat: Ich darf, nicht wahr? Ich mchte
doch meiner Annedore neue Freunde kennenlernen!

Und dann waren die Buben allein mit Frau Reinach, sie hrten die gtige,
frohe Stimme, und da wagten sich allmhlich ein paar Wrtlein aus ihren
Mndern. Annedores Mutter wute gut, wie man Bbles und Mdles, wenn der
Mund zugefroren scheint, auftaut. Ihre Stimme klang wirklich wie ein
sanfter, warmer Sommerwind. Die Sternbuben hatten in den letzten
lustigen Tagen, an denen vielerlei im bunten Wechsel an ihnen
vorbergezogen war, herzlich wenig an Breitenwert, an den Silbernen
Stern, ihre Mutter und an Gundel gedacht. Pltzlich fiel ihnen alles
ein. Ihre Mutter sprach anders als Frau Reinach, und doch meinten sie,
die Mutter zu hren. Irgend etwas zwickte und zwackte da an ihren
Herzlein herum, tat weh und machte sie traurig.

Annedores Mutter strich ihnen sacht ber die beschmierten Gesichter.
Nun geht, ihr zwei, und wascht euch und seid wieder vergngt.
bermorgen mt ihr wieder zu uns kommen. Annedore freut sich schon
darauf. Soll ich sie gren?

Mathes und Peter nickten, und weil ihnen nichts zu sagen einfiel,
nickten sie wieder und wieder. Endlich murmelte Peter schchtern: Kann
sie net morgen kommen?

Nein, morgen ist sie zu ihrer Freundin Herta eingeladen, da darf sie
nicht mehr absagen.

Im Nebenzimmer tnten die Stimmen lauter, Schritte erklangen, da sagte
Frau Reinach noch rasch: Jetzt mu ich auch gehen, Kinder. Lebt wohl
und verget das Waschen nicht vor dem Essen.

Bedrckt schlichen sich Mathes und Peter in ihr Zimmer. Da lag ihre
schne, bunte Malerei auf dem Tisch, und sie sahen fast bse darauf hin.
Die dummen Farben, warum klebten die auch so an! Seufzend gingen sie
beide an den Waschtisch und begannen eine groe Rumpelei. Sie wollten
sich sehr schn machen und nahmen dazu ihre Brstlein zu Hilfe; sie
rieben und rieben, bis Gesichter und Hnde krebsrot waren, da endlich
fanden sie, es sei genug geschehen. Just da kam Ida ins Zimmer. Die rief
schon an der Tre rgerlich: Buben, was habt ihr denn gemacht? Schelte
hab' ich noch um euretwillen gekriegt. Na, seid ihr nun rein? Je, je,
ihr glnzt ja wie 'n paar Tomaten!

So eine stille Mahlzeit wie diese hatten die Sternbuben im Hause der
Pate noch nicht erlebt. Frau von Ringewald fhlte sich matt, sie sprach
kaum, nur manchmal warf sie den Buben einen freundlichen Blick zu. Auch
Eva tat das. Deren Groll war rasch vergangen, weil aber Mathes und Peter
mit ihren Nasen beinahe auf den Tellern lagen, sahen sie die guten
Blicke nicht. Sie hrten nur immer Herrn Brummerjan reden. Der hatte
eine heisere Stimme, die immer verdrielich klang, immer so, als tadele
er. Wie gut er es eigentlich im tiefsten Herzen meinte, das wute nur
seine Schwester. Die wute auch, da der Bruder mit ihr um den
verlorenen Sohn litt, wute, da er seine Strenge lngst bereute. Eva
dagegen grollte dem Onkel bitter, und darum war sie wie immer in seiner
Gegenwart schweigsam.

In diese Stille hinein klang ein paarmal ein lautes Klirren und
Klappern. Erst fiel Peter seine Gabel auf den Fuboden, dann warf Mathes
beinahe den Teller hinab. Jedesmal sagte Herr Brummerjan rgerlich:
Nicht so laut! und jedesmal klapperten die Buben vor Schreck noch
lauter.

Die Buben sind schrecklich unerzogen! rief der Onkel gereizt. Sie
sollten wirklich nicht mit am Tisch essen.

Und das sagte er gerade, als Ida eine schne rosenrote se Speise
brachte, die gar lieblich duftete.

Die Sternbuben erschraken. Und wie es kam, wute Mathes selbst nicht:
sein Teller begann zu rutschen, er wollte ihn halten, Peter wollte
helfen, und da sprang Peters Teller hops! vom Tisch, es klirrte, und das
feine Gert lag zerbrochen am Boden.

Unausstehlich ist's!

Eva stand rasch auf, sagte leise zu den Buben: Kommt! und fhrte die
zwei still aus dem Zimmer. Ida bringt euch den Nachtisch in euer
Zimmer, geht jetzt, sagte sie drauen, und dann kehrte sie selbst
schnell in das Speisezimmer zurck. Sie wollte um der Mutter willen den
Onkel nicht rgern.

Vom Mittagstisch weggeschickt!

Als Ida mit dem Nachtisch ins Bubenstble kam, fand sie die beiden
bitterlich weinend am Fenster stehen.

Heult nur nicht! trstete sie gutmtig. Frulein Eva hat euch
ordentlich viel se Speise geschickt und da auch noch kleine Kuchen
dazu, kommt nur und et!

Ida ging wieder aus dem Zimmer, und die Sternbuben aen den Nachtisch.
Aber Trnen sind keine gute Wrze. Das kstliche Gericht schmeckte ihnen
nicht, die Herzen waren ihnen schwer, sie fhlten sich einsam und
unglcklich, und Mathes sagte endlich mit tiefem Seufzer: Ich mcht'
heim!

Ich auch! Peters Trnen salzten die se Speise. Bissen um Bissen
stopfte er in den Mund, und als er fertig war, heulte er laut: Ich will
heim!

Als Eva von Ringewald nach einem Weilchen kam, um nach ihren
Schtzlingen zu sehen, fand sie zwei rechte Jammerbbles am Fenster
stehen. Sie trstete linde, sagte, sie wre nicht bse, lie sich sogar
die Malerei zeigen, das Bildle, das sie haben sollte, ermahnte, es
fertig zu machen, und meinte, als sie ihre Gste verlie, um mit dem
Onkel, whrend die Mutter schlief, Schach zu spielen, alles sei nun gut.

Heimweh ist aber ein bses Ding. Wenn es einmal da ist, spaziert es
nicht so geschwind wieder zum Herztrlein hinaus. Und in den Herzen der
Sternbbles sa das schlimme Ding und erzhlte an diesem Regensonntag
immer vom Silbernen Stern und der Lwengasse.

Am liebsten wren beide rutsch! mit der Bahn heimwrts gefahren. An
Regentagen war's auch lustig in der Lwengasse; da platschte man im
Gle herum, lie Schiffchen schwimmen, lief zu den Nachbarn. Da rannte
man husch! husch! und sagte dann stolz: Ich bin unter dem Regen
weggelaufen, kein Trpfle hat mich getroffen. Man sagte das nmlich
auch, wenn man quitschquatschna war.

Ja, das Lwengle, wenn man doch gleich mal htte dort sein knnen!

Und vor Heimweh kamen die beiden in eine bitterbse Streitlaune.

Wir wollen malen, sagte Peter.

Mathes brummte: Ich mag net.

Du mut, deine Bildles sind noch net fertig.

Ich mag net.

Du bist dumm!

Du bist 'n Esel!

Ich hau dich!

Ich hau wieder!

Und rips raps! lagen sich beide in den Haaren. Sie pufften und knufften
sich, zerrten sich durch das Zimmer, ein Stuhl flog um, auf dem Tisch
schwappte das Wasser ber die Malerei, sie merkten es nicht. Aber Hulda
merkte es gleich. Die kam nmlich, um Abschied zu nehmen, ehe sie zu
ihrer Schwester ging. Buben! schrie sie, rappelt's bei euch, da ihr
euch am lieben Sonntagnachmittag prgelt? Na, so was! Sie packte beide
und schttelte sie tchtig.

Ich mcht' heim! jammerte Peter.

Ich auch!

I n, auf einmal! Ihr habt wohl Heimweh?

Noi, ich hab' net Heimweh, klagte Mathes, aber ich mcht' heim.

Ich will auch heim!

Also habt ihr doch Heimweh! Ja, aber warum haut ihr euch denn? Hulda
schttelte immerzu den Kopf. Das soll nun jemand begreifen!

Sie begriff es nicht, und die Sternbbles begriffen auch nicht, was da
so in ihren Herzen zwickte und zwackte, sie unfroh machte; sie sagten
nur immerzu: Wir haben net Heimweh!

Ach was, papperlapapp! Natrlich habt ihr Heimweh! Hulda sah sich
nachdenklich im Zimmer um. Wit ihr was? rief sie pltzlich und holte
aus dem Schrank die bunten Briefbogen heraus. Darauf schreibt ihr
wieder an eure Mutter und an Gundel und an alle eure Freunde.

Schreiben! Mathes dehnte das Wort ganz lang, sehr viel Lust hatte er
nicht. Doch Hulda wute gut zuzureden, und so entschlossen sich die
Buben wirklich, Briefles zu schreiben.

Hulda rumte noch selbst den Tisch ab, stellte alles zurecht, ermahnte
die Buben, mit den Tintenklecksen sparsam zu sein, und dann ging sie.
Unterwegs dachte sie: Bin neugierig, ob sie mich nun wieder ekliger Affe
nennen!

Doch diesmal kam Hulda in den Briefen sehr gut weg. Vielerlei stand in
den Schreiben: von der Messe, dem Zoologischen Garten, vom Zigeuner, von
Annedore und der Konditorei. Eva, die den beiden selbst ihr Vesper
brachte, war froh, sie so gut beschftigt zu finden. Sie versprach
ihnen: Wenn der Onkel fort ist, spielen wir noch Lotto zusammen.

Drauen rann und rauschte der Regen unablssig nieder. Der Tag erlosch
frhe. Der Onkel ging, und er verlangte sogar beim Abschied, noch die
Buben zu sehen. Hinterher tat es ihm doch leid, da er sie verjagt
hatte, und er lud sie sogar ein, sie sollten ihn besuchen. Er erhielt
freilich keine Antwort. Denn wenn ein Kirchturm gekommen wre und gesagt
htte: Wir wollen zusammen Haschen spielen, verwunderter htten die
Sternbuben nicht sein knnen. Da brummte Herr Brummerjan: Kleinstdter
sind's, man merkt es!

Kaum war der Onkel weg, da kam Hulda wieder. Tante Eva sagte: Nun
spielen wir noch Lotto.

Vor dem hbschen Bilderlotto ri das Heimweh ein bichen aus; die Buben
wurden wieder ganz vergngt. Whrend Eva mit ihren Gsten im Wohnzimmer
spielte, sagte Hulda gndig zu Ida: Ich will mal bei den Buben
aufrumen! Und dann ging Hulda in das Bubenzimmer, rumte auf und --
las die drei Briefe, die Mathes und Peter geschrieben hatten.

Die gute Hulda war nmlich neugierig wie eine Elster, sie wollte wissen,
was diesmal von ihr in den Briefen stand.

Sie las und freute sich. Da stand: Hulda liben wir fuhrchbar. Na, das
hrte sich doch anders an als ekliger Affe. Hulda las die Briefe von
Anfang bis zu Ende, und obgleich sie auch mit der Rechtschreibung ein
wenig auf Kriegsfu stand, dachte sie doch: Na, na, Buben, Fehler macht
ihr aber arg viele!

Doch was stand denn da?

Hulda las den Satz einmal, zweimal, ja, sie las ihn zum drittenmal, und
ganz bestimmt, er lautete: Der Ziehgeuner siht aus wie Tante Efa, und
erst hat er mal blond ausgesn.

Dumme Jungen! brummelte Hulda. Sie legte den Brief weg, nahm ihn
wieder auf, schttelte immer mehr den Kopf, und dann setzte sie sich
pltzlich auf einen Stuhl; sie konnte nicht mehr stehen bleiben, so sehr
war sie vor ihren eigenen Gedanken erschrocken. So was, das ist doch
nicht mglich! Hulda hatte die Gewohnheit, manchmal mit sich selbst zu
sprechen; sie tat das jetzt auch und sagte tief seufzend vor sich hin:
Dumme Jungen! Der Zigeuner unserm Frulein Eva hnlich! O du lieber
Himmel, auf was fr nrrische Gedanken kommt man noch! N n, so was, so
was!

Hulda verga, da sie das Abendessen herrichten wollte, sie verga den
grauen Regentag, die Sternbuben und noch vielerlei, sie dachte nur immer
an einen blonden Buben, den sie so lieb gehabt hatte wie ein eigenes
Kind. Fritz, mein Fritz, klagte sie, wrst du doch nicht in die weite
Welt gegangen!

Drauen regnete es immerfort, doch auch innen im Zimmer gab es ein
Regenglein. Hulda weinte, sie hielt sich die Schrze vor das Gesicht
und weinte bittere Trnen hinein, und ein paar tropften auf Mathes
Brief, und es wurden groe Flecke daraus. So weinend fand sie Ida, die
kam, an das Abendessen zu erinnern.

Hulda! rief sie erstaunt, was ist denn los? Haben gar die Jungen
wieder frech geschrieben?

I wo! Hulda trocknete sich seufzend die Trnen ab, nahm Mathes' Brief,
steckte ihn schnell in den Umschlag und klebte den zu. Nett haben sie
geschrieben, ich -- ich dachte ..., na eben, ich dachte nur so
allerlei.

Ida schielte nach den Briefen hin, zwei lagen noch da, und sie wollte
gerade danach greifen, als sie Mathes und Peter drauen trapsen hrten.
Schnell, schnell, Hulda, das Abendbrot! Wann soll denn die gndige Frau
ihre Suppe bekommen, wohl um Mitternacht?

Herrje! Hulda rannte zur Tre hinaus, stie dort mit den Sternbuben
zusammen, die sie ganz verdutzt ansahen. Hulda hatte geweint!

Zwei Minuten spter wute es die Pate und Tante Eva: Hulda hat geweint!

Habt ihr sie gergert? fragte Eva erschrocken.

Aber die Buben hatten ein gutes Gewissen, und darum stiegen sie auch
unverzagt zu Hulda in die Kche hinab und fragten Hulda sehr
eindringlich nach ihrem Kummer.

Mir fehlt nichts, brummte diese. Ich war nur mal 'n bichen traurig,
weil -- weil --

Weil's geregnet hat? fragte Peter.

Ja, darum, und nu ist's wieder gut. Geht nur rauf!

Viel war mit Hulda an diesem Abend nicht anzufangen. Sie blieb wortkarg,
behauptete, das Regenwetter wre ihr in die Glieder gefahren, und sicher
wrde es noch drei Tage lang regnen.

Das war kein guter Trost. Mathes und Peter gingen nicht so vergngt wie
sonst zu Bett, und als sie allein im Dunklen lagen, kam das bse Heimweh
wieder und qulte sie, und sie machten es wie Hulda, sie weinten. Sie
taten dies freilich nicht still, sondern ziemlich laut, und Eva hrte
pltzlich wieder ein schauerliches Gebrll. Erschrocken lief sie zu
ihren kleinen Gsten hinber, drehte das Licht an und sah nun beide
heulend in ihren Betten sitzen.

Aber Buben, was fehlt euch denn?

Ich mcht' heim!

Ich will auch heim!

Meine Mu--mutter!

Mu--u-- Peter konnte das Wort gar nicht mehr zu Ende sagen, er whlte
schluchzend den Struwwelkopf in seine Kissen.

Sie haben Heimweh, dachte Eva mitleidig und versuchte die beiden Schelme
zu trsten. Erst mit guten Worten. Morgen wrde die Mutter schreiben,
und morgen wrde sie ihnen wieder etwas Neues zeigen. Als das nicht
half, fragte sie: Soll ich euch vielleicht eine Geschichte erzhlen?

Wutsch! lief das Heimweh zur Tre hinaus; Mathes und Peter wischten sich
die Trnen aus den Augen, und beide riefen: Ja, aber eine lange!

Eine von der Messe, bat Mathes.

Vom Affentheater, verlangte Peter.

Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch
erzhlen, sagte Eva, und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also
hrt!

Es war einmal eine alte Frau. Die besa ein Karussell. Das war ihr
einziger Besitz. Damit mute sie fr sich und ihre drei Enkelkinder den
Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein groes, schnes
Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig.
Und wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt
kam, da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell
fahren. Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und
gingen lieber zu den groen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme
Frau nur immer geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht
lustig zuging, dann sa sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im
Winkel, und der Hunger qulte sie. Sie sah, wie sich die andern
Karussells lustig drehten, wie sie gar nicht leer wurden, und ihr
kleines, schbiges Karussell stand da, und niemand mochte damit fahren.

Einmal, es war auf einer groen Messe --

Hier in Leipzig? fragte Peter eifrig.

Ja, es kann sein, da es in Leipzig war, genau hat dies der Mann, der
meiner Gromutter die Geschichte erzhlt hat, nicht gesagt, wo es war.
Also, die alte Frau war wieder einmal auf einer groen Messe. Gerade
neben der Kasperlebude stand ihr Karussell, und es ging, wie es immer
ging. Kleine und groe Leute liefen an ihr vorbei, Lust zu fahren hatten
nur wenige. Ich werde mein liebes, altes Karussell als Brennholz
verkaufen mssen, dachte die Frau traurig, und dann kann ich mit meinen
drei Enkelkindern betteln gehen. Was soll ich nur anfangen in meiner
groen Not!

Es war gerade Sonnabendnachmittag, als die Frau Katharina so verzweifelt
neben ihrem Karussell sa. Viele Leute waren auf der Messe, berall war
es voll, nur sie hatte noch nicht einen einzigen Groschen eingenommen.
Und morgen war der letzte Sonntag; dann konnte sie wieder zusammenpacken
und mit ihrem grnen Wglein, den ein altersschwaches, mageres Pferdchen
zog, und ihren Enkelkindern in die weite Welt hinausziehen.

Wie die Frau so trbe vor sich hinsann, hrte sie pltzlich neben sich
den Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem
Menschen ein gutes Wort gnnte. Mit allen Meleuten stritt und zankte er
sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so
drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, wrdige Leute blieben
vor der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in
ihrem Leben ber den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das
Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm
gewi gestohlen worden.

Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann immer
sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank
daneben gesessen und sich ber die vielen Leute gefreut, die alle auf
den Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle
gestohlen haben?

>Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,< riefen ein paar Buben.
>Wir wollen suchen helfen.<

Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. >Bleibt drauen,< schrie
er, >ich suche ihn allein, er mu doch da sein!<

Aber Kasperle war nicht da.

Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie;
dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb
verschwunden.

Die Leute drauen murrten: >Ohne Kasperle gibt es keinen Spa, dann
gehen wir lieber wieder.< Und nach und nach wurde es leer vor der Bude,
nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr
kleiner Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und
schlielich liefen sie auch fort, und da schlo der Mann seine Bude zu
und rannte weg. Er wollte sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am
liebsten aber htte er alle Mebuden eingerissen, so wtend war er.

Die ganze Zeit ber hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und
immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen
knnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn
bitten mssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie
schwer habe ich es doch im Leben!

In diesem Augenblick war es ihr, als hre sie ein leises Flstern, oder
war es ein Vogel, der sang, oder ein Muslein, das pfiff? Sie schaute
sich um, und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermite Kasperle auf
ihrem Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so,
als wre es keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.

>Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drben darf mich nicht sehen.<

Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz
deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie
zwei kleine, schwarze Stecknadelkpfe glitzerten sie.

>Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?< fragte die Frau erschrocken.

>Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein
richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur
nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich
bin.<

Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt
ber den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine
Frage von ihr ab. Der redete weiter und erzhlte, drben der grobe Kerl
htte ihn seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberhmten
Puppenspieler, gestohlen. >Ich war dem sein Liebling,< klagte Kasperle,
>er nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes
Bettchen bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schne Kleider an.
Dieser Mann hatte mich von seinem Grovater geerbt, der noch wute, wo
wir echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als
hundert Jahren auf Messen und Mrkten herumgezogen, habe viel von der
Welt gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich htte nie
gedacht, da es einem armen Kasperle so schlecht gehen knnte wie mir.
Drben, dein Nachbar, Karussellfrau, das ist ein bser Mann. Der wei
wohl, da ich lebendig bin, und da qult er mich, wenn wir allein sind.
Er sperrt mich in einen dunklen Kasten ein mit Musen zusammen, und er
wei doch, wie sehr ich mich vor Musen frchte. Auch einen Hund hat er
mit scharfen Zhnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine
Ecke; dann mu mich der Hund holen, und ich zittere immer, da mich der
zerbeit.<

>Du armes, armes Kasperle!< sagte die Karussellfrau mitleidig.

>Nenne mich Zuckerherzele!< bat der kleine Kerl. >Das hr' ich so gern,
aber nur von guten Menschen. Doch du bist gut; ich habe dich schon die
ganze Zeit ber beobachtet und immer gedacht, wenn ich ausreien kann,
dann fliehe ich zur Karussellfrau, die verrt mich nicht.<

>Nein, sicher nicht, du armes, kleines, liebes Zuckerherzele, du!< rief
die Frau.

>Siehst du, so nennst du mich recht.< Kasperle schlug vor Freude die
Beinchen ber dem Kopf zusammen. >Ausgerissen, fein!< kicherte er, >und
nun bleibe ich bei dir und -- bimmelbammel! drben rennt Schnauz, wenn
der mich sieht, bin ich verloren.<

>Schnell, versteck dich im Musikkasten.< Die Frau ergriff flink Kasperle
und steckte ihn schnell in den Kasten. >Es sind ganz bestimmt keine
Muse drin,< sagte sie.

Es war aber auch die hchste Zeit. Schnauz kam angerast. Er stellte sich
vor das Karussell, schnupperte und klffte laut.

>Geh weg,< rief Frau Katharina erschrocken, >ich habe keine Knochen und
Wurststcke fr dich, geh, geh!<

Doch Schnauz rhrte sich nicht. Von ferne sah nun die Frau auch noch
ihren groben Nachbar kommen, und es wurde ihr himmelangst, Kasperle, das
kleine, liebe Zuckerherzele, knnte entdeckt werden.

>Dreh flink dein Karussell!< wisperte da ein Stimmchen, und Schnauz, der
das wohl gehrt hatte, klffte noch lauter.

In ihrer Angst begann die Frau wirklich das Karussell zu drehen, und
ihre drei Enkelkinder, die es hrten, kamen angesprungen. >Ich will das
Geld einnehmen,< rief Hans, der lteste Bub, >ich stelle mich hier hin.<

Ach du lieber Himmel, es kommt doch niemand! dachte die Frau traurig.
Doch erstaunt horchte sie auf. Die Musik, die sonst immer so klglich
war, so recht dnn und jmmerlich, die klang auf einmal, als kichere
jemand immer dabei. Die Tne hpften und tanzten. Didididihoppela,
dumdumdumdumtrallalla! Lustig war es anzuhren.

Die Vorbergehenden horchten, blieben stehen, ein paar Buben kamen
zuerst angerannt.

>Wir wollen fahren, wir wollen fahren! Wie lustig das klingt!<

>Wir auch!< riefen auch ein paar Mdel und klirr! rollten die Groschen
und Sechser in den Hut von Hans.

Und o Wunder! Immer mehr kleine und auch groe Leute kamen, und alle
wollten sie fahren, alle sagten sie, so eine lustige Musik sei auf der
ganzen Messe nicht zu hren. Die Frau nahm mehr ein als sonst in einem
Monat, und ihr grober Nachbar, der seine Bude wieder aufgetan hatte,
schaute neidisch zu ihr hinber. Er lie seine Puppen springen und
tanzen, er hatte auch wirklich ein neues, sehr schn gekleidetes
Kasperle, doch wenn ein paar Kinder stehen blieben und zuhrten, sagten
sie gewi: >Heute gefllt uns Kasperle gar nicht, heute ist er
langweilig.<

Und sogar Schnauz luft heute hinber, dachte der Mann grimmig, lockte
den Hund und sperrte ihn ein. Da steckte Kasperle ein ganz, ganz klein
wenig die Nase zum Musikkasten heraus. >Karussellfrau,< fragte er, >ist
Schnauz fort?<

Die Frau nickte. >Eingesperrt!< tuschelte sie.

>O lirum larum, dummer Schnauz!< jubelte Kasperle. >Eingesperrt,
eingesperrt! Ich platze vor Lachen, wie mein Grovater
Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei meiner Nase, jetzt soll die Musik noch
vergngter klingen!<

Wutsch! war er wieder drinnen im Kasten, und wieder ertnte sein
Kichern.

Auf dem Platz drauen erzhlten es sich die Leute. >Da, in der Ecke,
neben der Kasperlebude steht ein kleines, altes Karussell, es ist gar
nicht schn, aber so lustig fhrt's sich's darauf, nicht zu sagen wie!<

Und wer das hrte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens
Hut voll Geld, und fr eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.

>Gromutter Karussellfrau,< wisperte Kasperle, >schick erst die Kinder
schlafen, die drfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermulchen, die
verraten mich sonst, und dem Schnauz da drben ist doch nicht zu
trauen.<

Am nchsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen Karussell
fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll. Schnauz lief
bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der grobe Nachbar
rgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle war und
blieb verschwunden.

Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu
Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Lnder, und immer
sahen die groen und kleinen Leute zuerst verchtlich auf das wackelige,
alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: >So etwas sollte man doch
gar nicht mehr aufstellen!< Wenn aber dann die Tne hpften und
kicherten, dann wurden selbst die verdrielichsten Griesgrame lustig und
lachten; sie wuten freilich nicht, warum sie so vergngt wurden.

Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme
Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Smmchen erspart, und
sie dachte manchmal: Es wre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort
bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen knnten. Doch
der Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu
trennen, wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer
Wanderung auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie
gewesen war. Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroen
Kirchen, eine Stadt, in der alles ein bichen eingeschlafen zu sein
schien. Selten ffnete sich eine der schweren alten Haustren, selten
ging ein Mensch durch die engen, dsteren Gassen.

Als der grne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder
zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie
gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzhlte
ihr, es kmen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. >In meiner Jugend, da war
es lustiger,< sagte er. >Da gab es hier oft ein Kasperletheater, ber
das alle Menschen lachen muten. Der alte Mann, dem es gehrte, der lebt
noch hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm
gestohlen worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen.
Na, ich begreif's ja nicht, wie man sein Herz an so 'n Klapperbalg
hngen kann. Au weh!< Der Mann fate sich erschrocken an die Nase, denn
eine von den dicken Perlen, die das Karussell schmckten, war ihm daran
geflogen. >So was! Wo kommt denn die her?< brummte er unwirsch.

Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbsen
Gesicht zum Musikkasten hinaussah. >Wart, du Grobian!< schalt er. >Ein
echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine
ganze Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich bse,
hui!<

>Ich glaube, hier ist irgendwo 'n Vogel,< brummte der Mann. >Aber wissen
Sie, Frau, schn ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, fr unsere
Stadt mag's gut sein.<

Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder und
fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein
Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!

Sie ging und ffnete den Musikkasten. Da sa Kasperle, seine Beinchen
hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrbt
aus. >Karussellfrau,< sagte er, >es geht nicht mehr, ich mu fort.<

>Zuckerherzele, Goldpnktchen, mein allerliebstes Schnuckerle, tu das
nicht! Bitte, bitte, nicht! Bleib bei mir!<

>Es geht nicht, Karussellfrau. Siehst du, hier ist mein alter Herr. Der
ist's, von dem der Mann vorhin erzhlt hat, und nun ich ihn gefunden
habe, mu ich zu ihm. Er ist mein rechter Herr, und wir Kasperles sind
treu. Leb wohl, liebe, gute Karussellfrau!<

Kasperle drehte sich wie eine Kugel zusammen und rollte so aus dem
Musikkasten heraus. >Vergi mich nicht,< rief er noch einmal, und dann
war er verschwunden.

Und er kam auch nie wieder.

Frau Katharina verkaufte ihr Karussell nun als Brennholz, zog in eine
kleine Stadt, und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute
dort.




                         Dreizehntes Kapitel.
                            Der Zigeuner.


Mit Kasperle Zuckerherzele zusammen war auch das Heimweh davonspaziert.
Die Buben schliefen vergngt ein und wachten vergngt auf. Sie dachten
an Sonnenschein, Messegehen und hnliche erfreuliche Dinge, aber das
Wetter sagte am Morgen: Platsch! ich regne noch.

Es seufzte niemand so sehr darber wie Hulda. Die tat, als wre die
Sonne besonders boshaft gegen sie, und sie lief immer wieder nachsehen,
ob es nicht heller wrde. So gegen elf Uhr war das wirklich der Fall.
Ein blaues Fetzchen hing am Himmel, wie eine Bratenschssel so gro, und
Hulda erklrte: Es macht sich, nachmittags scheint die Sonne. Wir
knnen auf die Messe gehen.

Nein, erwiderte Eva, heute nicht, ich werde den Buben unser groes
Vlkerschlachtdenkmal zeigen.

Messe ist besser, rief Hulda. Sie sollten mit ihnen hingehen.

Die Buben waren ja schon zweimal drauen, und von der Stadt haben sie
noch so wenig gesehen.

Die haben von der Messe mehr. Ob die Huser ein Stockwerk haben oder
zehne, ist denen gleich, Frulein Eva, die Messe ist besser.

Dann gehen Sie meinetwegen mit ihnen hin.

Nee, Sie mssen mit, Frulein Eva, ohne Sie geht das heute nicht.

Eva lachte. Das ist Unsinn, Hulda, sagte sie. Sie wissen doch, ich
gehe nie auf die Messe.

Aber heute, einmal geht's doch! Hulda bettelte um das Messegehen, wie
es Kinder um ein Weihnachtsgeschenk tun. Sie redete immer wieder davon,
und als Mathes und Peter aus dem Garten heraufkamen und berichteten,
jetzt wre es schon beinahe trocken, und der blaue Fetzen am Himmel sei
viel grer als eine Bratenschssel, da bat Hulda wieder: Gelt,
Frulein Eva, Sie gehen mit auf die Messe?

Unsinn! Eva sagte es zum zweiten Male. Sie wissen doch, ich mag die
Messe nicht leiden! Ganz rgerlich ging sie in ihr Zimmer hinauf, und
da geschah etwas hchst Verwunderliches, die Sternbuben waren ganz
verdutzt darber. Hulda setzte sich hin und weinte so bitterlich, als
wre das grte Unglck geschehen.

Du mut net so arg flennen. Mathes schttelte sehr mibilligend seinen
Kopf, und Peter schttelte auch, und dann stiegen beide die Treppe
hinauf, suchten Tante Eva und erzhlten ihr von Huldas Kummer.

Sie sagt, sie mt' noch mehr Tpfle holen, und ohne die Tpfle wre
sie unglcklich, berichtete Peter wichtig.

Da gab Eva nach. Sie lachte sogar ber die Tpfle und Huldas Unglck und
sagte: Meinetwegen, aber warum ich durchaus Tpfle mitkaufen mu, wei
ich nicht.

Die werden wohl arg teuer sein, erklrte Mathes weise. Alleweil,
wenn's arg teuer ist auf dem Jahrmrktle, sagt Mina auch, Mutter soll
gehen.

Also gut, mag es heute beim Tpflekauf bleiben, das Denkmal sehen wir
uns morgen an!

Mathes und Peter stiegen vergngt wieder abwrts in die Kchentiefe und
erzhlten Hulda strahlend, Tante Eva wrde mitgehen. Von Rechts wegen
htte nun Hulda hchst vergngt und frhlich sein mssen, vielleicht
auch einen kleinen Hopser tun oder doch wenigstens den Buben ein
Kchlein als Botenlohn geben mssen, doch nichts von allem geschah. Sie
lachte nicht, sie freute sich nicht, sie seufzte nur, und zwar so
schwer, als mte sie einen Mhlstein aus einem tiefen, tiefen Brunnen
heraufholen, just als wre Tpfle kaufen bitterschwer.

Das war doch sonderbar!

Und reden tat Hulda auch nicht, auerdem wollte sie noch Zucker in die
Fleischsuppe schtten, und es war gut, da Ida rechtzeitig zu Hilfe kam.

Auch Ida sagte es, mit Hulda sei heute nichts anzufangen.

Da gingen die Buben wieder in den Garten zurck und schielten hinber
nach dem Nachbarhaus. Herta und Irene gefielen ihnen zwar immer noch
nicht sehr, kurzweiliger waren sie aber doch als die seufzende Hulda.

Herta und Irene sahen von oben herab die Buben im Garten herumwandern,
und sie sagten zueinander: Sollen wir sie einladen? Ach ja, vielleicht
laden sie uns dann auch ein!

Ein paar Minuten vergingen, da erschienen die beiden Mdchen im Garten,
und Herta rief gleich den Buben zu: Heute spielen wir nicht, wir haben
sehr viel zu tun.

Nun taten ihnen die Sternbuben aber nicht den Gefallen zu fragen, was
sie zu tun htten; die dachten: Na, dann nicht, und kmmerten sich nicht
weiter um die Nachbarinnen.

Die warteten und warteten, endlich rief Herta ber das Gitter: Ihr
Jungen, wir haben heute Gesellschaft!

Wir gehen auf die Messe! riefen Mathes und Peter zurck.

Aber bei uns wird's fein! Es gibt auch Eis.

Wir gehen ins Zaubertheater!

Wir spielen Lotterie; jetzt gehen wir noch Gewinne kaufen.

Tante Eva schenkt uns Geld, wir drfen uns kaufen, was wir wollen.

Wir tanzen auch.

Das ist dumm, da fllt man hin! rief Peter, dem dies meist geschah.

Es ist fein, ach, himmlisch ist's!

Noi, dumm ist's!

Pah, ihr rgert euch nur, weil wir euch nicht einladen!

Wir wollen gar net kommen!

Doch, ihr rgert euch.

Noi, wir gehen auf die Messe!

Vom Gartenzimmer her erklang Tante Evas Stimme, und die Buben lieen
ihre Spielsachen und ihre streitlustigen Nachbarinnen im Stich und
liefen in das Haus zurck.

Herta und Irene sahen sich enttuscht an. Sie kommen wieder, sagte
Herta. Aber die Buben kamen nicht wieder, die Zeit verging, die Mdel
muten einkaufen gehen; ihre Einladung hatten sie gar nicht angebracht.
Wenn wir zurckkommen, sind sie vielleicht da, dachten sie, liefen fort,
sputeten sich und fanden den Garten leer. Nun war es zu spt. Kleinlaut
kehrten sie in das Haus zurck, sie rgerten sich ber die dummen Buben
und htten sie doch so gern eingeladen, denn Annedore kam und zwei
Freundinnen mit ihren Brdern, und allen hatten sie erzhlt, die Buben
wrden kommen, denn sie hatten gemeint, die wrden nur zu gern zu ihnen
kommen.

Mathes und Peter aber hatten ihre Nachbarinnen mitsamt ihrer
Gesellschaft schon wieder vergessen. Die waren mit Tante Eva schnell
noch allerlei einkaufen gegangen und mit einem tchtigen Mittagshunger
heimgekommen. Und nach dem Essen rsteten sie sich zum Messegang.

Und wieder benahm sich Hulda sehr sonderbar.

Die ging mit einem Gesicht einher, als sollte sie zehn Pfund
Kieselsteine zerbeien. Sie seufzte, als sie in die Bahn stieg, und sie
seufzte, als sie wieder ausstieg, sie seufzte auch, als sie den
Messeplatz betraten, und dann hatte sie gar keine Lust zum Tpflekauf,
auch keine, sich etwas anzusehen, sondern erklrte, Kaffeetrinken wre
am besten.

Dazu braucht man doch nicht auf die Messe zu gehen, das hat noch Zeit!
Eva schlug vor, erst in ein Zaubertheater zu gehen, aber Hulda seufzte
nur und klagte, sie fiele nchstens gleich um vor Kaffeedurst.

Eva von Ringewald rgerte sich wirklich. Huldas ble Laune begriff sie
gar nicht. So war Hulda doch sonst nie. Was hatte sie nur! Fehlt Ihnen
etwas? fragte sie.

Ach du lieber Himmel, mir ist das Herz so schwer!

Ja, aber dann htten wir doch nicht hierhergehen sollen!

Doch doch, gerade hierher! Nur mit dem Kaffeetrinken drfen wir nicht
warten, ja nicht, ich halt's nicht mehr aus.

Daraus sollte nun einer klug werden. Hulda kann ja Kaffee trinken, und
wir holen sie ab, schlug Mathes vor, den das Zaubertheater just mehr
lockte als die Kaffeeschenke.

Nee, nee, alle mssen mit. Und -- vielleicht ist auch der Zigeuner da,
den sehen wir uns an.

Eva gab wieder nach. Sie fhlte, Hulda hatte irgend etwas auf dem
Herzen, irgend etwas bedrckte sie, und sie wollte die treue Seele nicht
krnken. Sie schlugen also den Weg zur Kaffeeschenke ein, und bald
betraten sie den Raum, Hulda seufzend, die Buben verdrielich und Eva
mit dem Gedanken: Es wre wirklich besser gewesen, gar nicht auf die
Messe zu gehen.

Es war noch ziemlich leer, doch die Zigeuner saen wirklich schon mit
ihren Instrumenten da und spielten.

Da horchte Eva auf. Eine der Geigen sang und klang so schn und traurig,
da ihr das Herz zu zittern begann. Jetzt schwiegen die andern, und nur
diese eine Geige tnte, leise, zart, unendlich s; es klang, als weine
ein Mensch vor Heimweh und Leid bitterlich.

Eva lie sich von Hulda sacht vorwrtsschieben, immer nher der kleinen
Bhne, auf der die Zigeuner saen. Der, der spielte, drehte dem Saal
ziemlich den Rcken zu, sein Gesicht hielt er tief geneigt, nur seine
dunklen Haare waren zu sehen.

Den Buben kollerten die Augen beinahe aus dem Kopf, so sehr mhten sie
sich, ihren Zigeuner herauszufinden. Aber da Hulda immer tuschelte:
Leise, leise! gingen sie ngstlich auf den Fuspitzen, und es war
schon merkwrdig, da sie so einen Tisch erreichten, ohne ber etwas zu
stolpern. Auch setzen taten sie sich ohne viel Lrm, dann aber wollten
sie sprechen, und wieder mahnte Hulda: Still, still! Ja, sie hielt
ihnen sogar den Mund zu, was beide furchtbar rgerte. Solche kleine
Hosenmtze waren sie doch wirklich nicht mehr. Sie sahen Tante Eva
bittend an, die sah aber nichts, die hrte nur die Geige klingen und
singen. Ihr liebes Gesicht wurde bla, und ihre Augen fllten sich mit
Trnen; sie mute an den Bruder denken, an den fernen, verlorenen, der
ein Knstler hatte werden wollen. Und die Geige sang und klang immerzu.

Das da ist er!

Trotz Huldas Mahnungen, trotz dem Mundzuhalten schrie Mathes laut, und
sein Finger zeigte dahin, wo die Zigeuner saen. Auch Peter hob den
Finger, und Eva wollte ihnen dies gerade verweisen, als der Zigeuner
sich umdrehte und nach dem Tisch hinbersah.

Er kennt uns! riefen die Buben.

Die Geige gab einen wunderlichen Ton. Srrr! Wie ein Schrei klang's; zwei
Saiten waren gesprungen, und der Zigeuner lie den Bogen sinken.

Er starrte unverwandt Eva von Ringewald an, und die sah zu ihm auf.
Totenbleich war sie geworden.

Er ist's wirklich und wahrhaftig, Frulein Eva! murmelte Hulda. Der
dumme Junge, der Mathes, hat doch recht gehabt.

Eva stand auf. Sie ging durch den Saal an den Tischen vorbei, an denen
fremde Menschen saen, dem Ausgang zu. Und oben auf der kleinen Bhne
nahm der Zigeuner die Geige unter den Arm und lief auch hinaus.

Nun geschah etwas sehr Merkwrdiges, was Mathes und Peter in die
allerhchste Aufregung versetzte. An der Tre gaben sich Eva und der
Zigeuner die Hand, und dann gingen sie beide so Hand in Hand hinaus, und
drauen nahm das bunte Gewhl der Messe sie auf -- fort waren sie.

Der Zigeuner hat Tante Eva geholt, schrie Peter. Er sprang auf, Mathes
auch, beide dachten, wir mssen nachlaufen. Doch Hulda dachte anders.
Bleibt! rief sie, bleibt! Und dabei hielt sie die Buben fest.

Er nimmt Tante Eva mit. Mathes wehrte sich, aber Hulda hielt ihn fest.
Doch Peter entschlpfte und lief auch dem Ausgang zu.

Jemine, was hat man mit euch fr 'ne Not! jammerte Hulda, und sie
schrie ganz laut: Peter, Peter, hierbleiben!

Peter kmmerte sich nicht darum, doch andere Gste hatten den Ruf
gehrt, und ein Mann hielt Peter den Stock vor die Fe. Bums! da lag
er, und der Mann sagte lachend: Geh du nur zurck, ausreien auf der
Messe gibt es nicht!

Beschmt stand Peter auf und sah sich um. Mathes sa neben Hulda am
Tisch, Tante Eva und der Zigeuner waren verschwunden. Da kehrte er
kleinlaut zu den beiden andern zurck, er dachte: Nun gibt's Schelte.
Doch diesmal gab es Kaffee und Kuchen, und Hulda sagte ganz sanft: Setz
dich nur! Ach du lieber Himmel, das ist 'n Wunder, 'n richtiges Wunder!

Nun fing auch Hulda noch an zu weinen, die Trnen kollerten ihr richtig
in die Kaffeetasse hinein, und dabei sagte sie nur immer: Jemine! und
Ach, du lieber Himmel!

Fr die Neugier der Buben war das zu wenig, sie wollten wissen, warum
Tante Eva mit dem Zigeuner davongegangen war, und sie drngten: Hulda,
wir wollen Tante Eva nachgehen.

Die findet ihren Weg schon allein!

Hulda sah zur Decke auf, als liefe dort oben Tante Eva herum, und dann
fing sie auf einmal an, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, und dabei
lachte und weinte sie, und wenn die Buben sagten: Wir wollen Tante Eva
suchen, dann nickte sie und redete davon, was sie alles sehen wollten.
Wir gehen ins Zaubertheater, sagte sie, und ins Lichtspiel und
meinetwegen zu den Affen und dem Messerfresser, oder ich wei nicht was
er frit; irgend einer, der irgend etwas Komisches frit, ist immer da.

Aber Tante Eva --

Ja, ja, Jungchens, die finden wir schon! Und vielleicht ist sie auch
nach Hause gegangen, und ihr wollt doch noch Luftschaukel, Karussell und
Rutschbahn fahren und Kasperle sehen, auch 'ne Trommel knnt ihr kaufen
und 'ne Trompete oder sonst was. Wenn's auch lrmt, das schadet nichts.
Und dann gehen wir noch zum Mann mit zwei Kpfen. Nee, vielleicht ist
das 'n Kalb, oder vielleicht sind's vier Beine und nicht zwei Kpfe, was
auch erstaunlich wunderbar ist.

Aber Hulda, schrie Mathes, ein Kalb hat doch immer vier Beine!

Ja, ja, meinetwegen sechse! Hulda trank und trank aus ihrer Tasse,
dabei hatte sie gar keinen Kaffee mehr drin, und als die Buben darob
lachten, lachte sie ganz laut mit, aber dann liefen ihr doch wieder die
Trnen ber die Backen, und sie brummelte vor sich hin: Das ist 'n Tag,
ach du lieber Himmel, was wird meine liebe gndige Frau sagen!

Mathes und Peter fanden Hulda sehr sonderbar, aber die verheienen
Herrlichkeiten lockten sehr, und sie bettelten: Komm doch, vielleicht
finden wir Tante Eva dort!

Ja, ja, wir wollen gehen. Vielleicht wollt ihr auch noch die
Wachsfiguren sehen. Etwas viel hatte sich Hulda schon fr diesen
Nachmittag vorgenommen. Der htte von Gummi sein und sich ber drei Tage
hinziehen mssen, um alle Plne ausfhrbar zu machen. Und nachher hatte
Hulda im Zaubertheater nicht einmal bis zum Ende Geduld. Es sei
langweilig, behauptete sie, und als die Vorstellung zu Ende war und die
nun dachten, jetzt kommen die Affen, der fressende Mann, Kasperle, die
Lichtspiele und die Luftschaukel dran, rief Hulda: Jemine, schon so
spt! Wir mssen jetzt rasch nach Hause gehen, und berhaupt, ohne
Frulein Eva ist es doch nichts!

Es blieb kaum noch Zeit, um Trommel und Trompete zu kaufen. Hurlebusch!
ging das, und die Sternbuben liebten doch das lange Aussuchen sehr.
Sputet euch, schnell, schnell, wir mssen nach Hause, es wird dunkel!

Nee, Madamchen, das wird nicht so schnell dunkel, sagte die
Trommelfrau, das bleibt noch lange hell.

Unsinn, gleich wird's dunkel!

Na, so was! Die Trommelfrau rgerte sich. Sie sind wohl dem heiligen
Petrus seine Tante, da Sie das besser wissen als unsereins? brummte
sie. Die jungen Herren wollen sich doch ordentlich was aussuchen fr
ihr Geld. Vielleicht noch 'ne kleine Drehorgel gefllig und fr jeden
'ne Mundharmonika?

Die jungen Herren fuhren den Sternbuben gewaltig in die Nase. So waren
sie noch nie genannt worden, und vor lauter Dankbarkeit htten sie der
Frau am liebsten ein Dutzend Musikinstrumente abgekauft. Doch darber
lie sich mit Hulda nicht reden; die tippte einfach auf eine Trommel und
eine Trompete, sagte: Die sind gut!, zahlte geschwind, und fort ging
es.

Hulda machte Siebenmeilenschritte, Mathes konnte nicht trommeln, Peter
nicht blasen, und sehr mivergngt stiegen beide in den Bahnwagen. Der
bunte, lustige Platz lag noch im lichten Tagesschein, die Musik dudelte
herber, und die Buben dachten niedergeschlagen an alles, was sie hatten
sehen sollen und nun nicht gesehen hatten. Rrrr! rasselten sie davon,
der Megang war vorbei.

Bum! tnte es. Alle Leute im Wagen sahen verwundert auf, und ein junges
Mdchen rief erschrocken: Aber man stellt doch auch nicht eine Trommel
auf den Sitz!

Beim Anfahren hatte es einen Ruck gegeben, und das junge Mdchen hatte
sich auf die Trommel gesetzt.

Mathes wollte ein groes Klagegeschrei erheben, aber Hulda sagte: Sei
nur still, in Leipzig gibt's noch mehr Trommeln, und zum Vergngen hat
sich das Frulein ja nicht hineingesetzt.

Nein, wirklich nicht! Das junge Mdchen war so rot geworden wie der
Trommelrand, und als in der Ecke ein Platz frei wurde, lief es rasch
hinber und warf von da aus bitterbse Blicke auf Mathes. Dazu sagte
auch noch eine alte Dame laut: Ich finde es recht berflssig, Kindern
solche Marterwerkzeuge zu kaufen; sie qulen damit nur ihre Umgebung.
Ich wrde das nie tun; man mte so etwas verbieten. Streng sah sie zu
den Buben hin.

Na, 'ne Trommel geht noch, aber 'ne Trompete! brummte aus einer Ecke
heraus ein Herr. Er hatte eine Brille auf, und Peter meinte, hinter der
ein paar Augen zornig funkeln zu sehen.

Erschrocken prete er seine Trompete fest an sich, und da lachte jemand,
und es war wirklich der Herr in der Ecke. Der hat nur Spa gemacht!
tuschelte Mathes Peter zu.

Er freut sich ber das Trompetle, tuschelte Peter zurck. Weit du
was?

Na, was denn?

Ich blas ihm was vor.

Aber hier net! Mathes sah den khnen Bruder ganz entsetzt an.

Doch, hier! Peter schielte wieder zu dem Herrn hinber, wirklich, der
lachte, und die Brillenglser funkelten.

Wir mssen aussteigen. Hulda sprang auf. Schnell, schnell! mahnte
sie, obgleich der Wagen noch nicht hielt.

Die Buben sprangen flink auf, und whrend sie an der Tre standen und
auf das Halten warteten, bewies Peter, da der alte, unntze
Sternbblessinn noch da war: er setzte blitzschnell die Trompete an den
Mund und tutete los.

Greulich klang es.

Um Himmelswillen! Die Dame, die vorher gescholten hatte, hielt sich
die Ohren zu, ein paar Leute riefen laut: So was ist nicht erlaubt.

Tutuut, tututuut!

Blasen ist verboten! schrie der Schaffner.

Der Herr in der Ecke lachte, die Dame rief: Das mu man anzeigen.

Doch da standen Hulda und die Buben schon drauen, und der Wagen
rasselte weiter.

Tutuut, tututuut! klang es ihm nach.

Junge, bei dir rappelt's wohl! Weiter sagte Hulda nichts, und als in
der stillen Strae, durch die sie nun gingen, Peter noch einmal blies
und Mathes auf seiner Trommel versuchte, doch noch etwas zu lrmen,
schwieg Hulda dazu. Ja, sie schien es gar nicht zu hren; sie rannte
erst, doch kurz vor dem Hause ging sie langsam, blieb vor der Tre
stehen und flsterte vor sich hin: Der liebe Gott mg's gut gemacht
haben!

Den Buben wurde es ganz feierlich zumute. Hulda sah so seltsam aus. Und
dann schlo sie innen leise die Tre auf und sagte halblaut: Macht
keinen Lrm, Jungen, und geht gleich in eure Stube, ich will erst mal
sehen, ob --

Hulda konnte nicht weiter sprechen, die Tre vom Wohnzimmer tat sich
auf, und Eva von Ringewald kam heraus.

Tante Eva, riefen die Buben, warum bist du mit dem Zigeuner
weggegangen?

Eva gab keine Antwort. Sie fiel der alten treuen Hulda um den Hals und
machte es wie diese drauen auf der Messe, sie lachte und weinte
durcheinander.

Hulda, o Hulda, du hast es gewut!

Der da war's. Hulda zeigte auf Mathes, und dieser, der meinte, er
wrde angeklagt, schrie erschrocken, denn er war sich keiner Schuld
bewut: Ich war's net.

In deinem Brief hat's gestanden.

Mathes und Peter schwiegen vor Staunen. Sie verstanden kein Wort von
dem, was Tante Eva und Hulda zusammen redeten; von Mathes' Brief
sprachen sie, und Hulda sagte, der wre fr sie wie ein Blitz gewesen,
und Mathes hatte dabei doch nichts von einem Gewitter geschrieben.

Und dann muten die Buben in ihr Zimmer gehen, und Tante Eva sagte, sie
wrde sie gleich holen, aber erst mte Hulda hineingehen.

Nach einer Weile kam Tante Eva und rief die Buben. Ihre Stimme klang
dabei so feierlich und so glckselig, als htte sie eben ein
Weihnachtslied gesungen. Sie schob die Buben sacht in das Wohnzimmer
hinein und sagte: Hier sind die beiden.

Ja, da waren die Sternbuben, aber wer sa denn da drinnen neben der
Tante Pate und lchelte ihnen entgegen? -- Der Zigeuner war es!

Niemand anders als der Zigeuner!

Und wie sah die Tante Pate aus! Als htte die liebe Sonne selbst ihr
sanft und linde das bleiche Gesicht gekt, ihre Augen glnzten, und der
Zigeuner sa neben ihr und hielt ihre Hnde fest.

Kennt ihr mich? fragte der Zigeuner. Er lachte die Buben an, und wie
er so lachte, schaute Mathes flink zu Tante Eva hinber, auch sie
lachte, und wirklich, jetzt sah er's wieder, Tante Eva sah aus wie der
Zigeuner.

Das ist dein Bruder, rief Mathes, dem Huldas Erzhlung einfiel.

Aber ich bin doch ein Zigeuner!

Noi! Mathes schttelte heftig den Kopf, whrend Peter etwas zweifelnd
dreinsah, aber da schob sie Tante Eva schon beide zu dem Fremden hin und
sagte innig: Ja, er ist mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!

Der Zigeuner war wirklich der heimgekehrte Sohn des Hauses, Fritz von
Ringewald. Warum er inzwischen ein Zigeuner gewesen war, erfuhren Mathes
und Peter erst spter von Hulda. Die sa bei ihnen in ihrem Zimmer und
erzhlte ihnen, whrend sie schmausten, denn das muten sie allein tun;
drinnen wollte die Mutter mit ihren Kindern an diesem Abend allein sein.

bel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mhsam
durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es
anfing, ihm besser zu gehen, als er drben in Amerika eine Stellung
gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig ber ihn gekommen, da er es
nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen
wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu
treten. Arm und unberhmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.

Es ist ein rechtes Glck, da ihr gekommen seid, schlo Hulda ihre
Erzhlung. Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen
htte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann
se der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der
Messe, und meine arme, liebe gndige Frau grmte sich weiter. Na, ich
sage nichts mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen knnt ihr alle Ferien
kommen; mir soll's nur recht sein.

Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch
allerlei liebe und freundliche Worte, erzhlte von schnen Tagen, die
noch kommen sollten, von viel Ferienfreude fr Herz und Magen. Dann kam
auch noch Tante Eva, kte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben
Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinber, und
als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller
Freude dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte
sich Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate
so viel angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter
denken mssen.

Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an diesem
Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr auf,
knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel einfiel,
ihn trstete: Morgen kriegst du eine andere, da murrte er: Will
keine!

Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glckselig gewesen wre,
dann htte sie sich gergert. So redete sie noch freundlich zu dem
Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: Hast noch Hunger? Tut
dir was weh?

Noi -- ich will heim!

Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh zurckgetrieben
hatte, und sie strich dem betrbten Bble ber das heie Gesicht und
erzhlte ihm von der Heimreise und sagte: Aber wenn du fhrst, dann
weine ich.

Dies trstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er mte Hulda etwas
trsten; darum brummte er: Morgen fahr ich doch noch net, sei nur net
traurig!




                         Vierzehntes Kapitel.
                             Letzte Tage.


Die Sternbuben fuhren noch manchen Tag nicht heimwrts. Sie verlebten
noch helle Tage und auch etliche Regentage in dem groen Leipzig. Schn
waren sie alle, wie Tage es nur sein knnen in einem Haus, in das die
Freude eingekehrt ist. Und wenn eine Mutter sich freut ber die Heimkehr
eines verloren geglaubten Kindes, das ist dann eine ganz besondere
Freude, eine, die auch andere froh macht.

Hulda sagte am nchsten Morgen: Es ist heute wie Feiertag.

Ja, wie ein Osterfeiertag, antwortete Eva von Ringewald, ein
Ostertag, an dem man den Frhling schon auf allen Wegen kommen sieht und
meint, so hell habe die Sonne nie geglnzt und so kstlich haben die
Veilchen nie geduftet.

In den Herzen der Sternbuben bimmelten an diesem Tage auch kleine
Freudenglocken sehr lustig, und sie kamen aus dem Lachen und
Vergngtsein gar nicht heraus. Gleich am Morgen fing es an. Da sa der
Zigeuner am Frhstckstisch, und er war wieder blond und nicht mehr
schwarz, denn er hatte sich die Farbe aus den Haaren herausgewaschen. Er
wollte Onkel Fritz genannt sein und schlo mit den Buben gleich eine
feste, gute Freundschaft. Und dann sagte die Tante Pate, heute frh
mten die Buben das groe Denkmal sehen, sie wolle zu Hause bleiben.

Das will sie nur, weil der Herr Brummerjan kommt, sie will ihn erst
vershnen, murmelte Hulda. Sie dachte gewi, hren kann das kein
Mensch, aber Mathes und Peter hrten manchmal Dinge, die sie eigentlich
nicht hren sollten. Also verstanden sie auch Huldas Rede. Herrn
Brummerjan gingen sie gern aus dem Wege, doch Eva und Fritz von
Ringewald sagten beide: Heute gehen wir nicht. Aber dann kam gerade,
als die Buben in den Garten geschickt werden sollten, Annedore und bat,
sie sollten mit ihr in den Zoologischen Garten gehen.

Allein? Die alte und die junge Tante machten beide hchst bedenkliche
Gesichter, doch Annedore erklrte flink und froh, sie wrde schon auf
die Buben aufpassen und sie gut wieder heimbringen; man knne ganz ohne
Sorge sein.

Hoho! Onkel Fritz lachte dazu. Das sind mir Buben, mssen sich
beschtzen lassen! neckte er.

Mathes und Peter rgerten sich. Sie steckten beide trotzige Mienen auf
und wollten eben sagen: Wir knnen allein gehen, als Tante Eva
dazwischenredete. Sie sind doch fremd hier, und wenn ich fremd in einer
Stadt bin, dann lasse ich mich auch fhren.

Wir passen gegenseitig auf uns auf. Annedores freundliches Lachen
verscheuchte allen Bubenzorn. Mathes und Peter wurden wieder vergngt,
und beide sagten sie gndig: Wir passen auf dich auf.

In schnster Eintracht zogen sie von dannen. Unterwegs erzhlte
Annedore, bei Herta wre es gestern langweilig gewesen, furchtbar
langweilig. Die Buben bedauerten sie darob sehr, und in diesem
Augenblick kamen schwipp, schwapp! Herta und Irene wie zwei Bachstelzen
die Strae entlang gewippt.

Da kommen sie! rief Herta.

Wo? fragte Irene.

Sie sah die Strae entlang, doch von den drei guten Kameraden war nichts
mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstrae entlang, bogen um
eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden
Zierpppchen entwischt zu sein.

Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus
sehen. Peter behauptete khn: Die freuen sich, die kennen uns wieder.

Ob Lwen und Bren, Kamele und Elefanten die Breitenwerter Sternbuben
auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden, jedenfalls
waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich ein
Wunder, da sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaen. Hulda
redete gerade in der Kche von Zusptkommen, so was tten Buben meist,
als die Klingel ertnte. Die Buben waren da. Wascht euch gut und geht
hinein, es ist ein Gast da, flsterte Ida ihnen zu.

Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem
Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von
Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war
ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war manch
bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem Neffen
die Hand gegeben und gesagt: So geh denn deinen Weg! Ich hab' es
eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn
seines Herzens Sehnsucht treibt.

Er sagte nichts von dem groen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht
Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei
eine bittere Strafe fr den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner
verkleidet spielen zu mssen.

Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz
von Ringewald nchtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die
kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah,
dann dachte er doch, seine Strafe wre noch zu leicht gewesen fr all
das Leid der gtigen Mutter. Er fhlte, er mute ein sehr liebevoller
Sohn sein, um seine Schuld wieder gutzumachen.

Von den ernsten Gesprchen und Gedanken merkten Mathes und Peter nichts.
Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr Brummerjan
wre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er freilich nicht,
aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar, sie gingen
schon ins Gymnasium, whrend sie doch noch auf der Vorschule saen, auch
nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und das fanden
sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen, und als er
hrte, was sie alles schon gesehen hatten, erklrte er, dies wre zu
wenig, sie mten noch viel, viel mehr sehen.

Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht die
Ferientage davongelaufen wren wie Muse, wenn die Katze kommt.
Wirklich, die Tage purzelten beinahe ber ihre eigenen Beine vor
Eilfertigkeit. Es war nur gut, da die Tanten immer sagten: Ihr mt
bald wiederkommen, und damit meinten sie die Buben und die Ferientage
dazu.

Was gab es auch nicht alles zu sehen in der groen Stadt! Onkel Fritz
sagte: Einer groen Stadt mu man in das Herz sehen. Wenn man immer auf
die Messe luft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie
nicht. Er fhrte die Buben durch viele Straen, ber viele Pltze. Er
fhrte sie dahin, wo die Fabriken ihre groen roten und gelben
Fleifinger in die Luft streckten. Und die Buben hrten das schrille
Pfeifen in der Nhe, sie sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen
die Fabriken verlassen. Sie sahen auch Huser mit vielen, vielen
Fenstern; hinter denen bauschten sich nicht luftige weie Vorhnge, dort
arbeiteten von frh bis abends rastlos die fleiigen Mnner und Frauen.

In diesen Vororten, im Umkreis der Fabriken, hatten die Straen meist
lange, einreihige Huserreihen; wie das Breitenwrter Lwengle sah
keine aus. Und als die Buben seufzten und sich nach Grten umsahen,
guckten, ob nicht ein paar Bume hinter einem Muerlein schatteten, da
fhrten Tante Eva und Onkel Fritz sie in andere Straen. Da lagen still
und vertrumt Eigenhuser in schnen Grten; manch eins sah wie ein
kleines Schlo aus, und die Buben vergaen beinahe den Silbernen Stern
und wnschten sich, in einem solchen Haus zu wohnen. An der nchsten
Straenecke hatten sie dann freilich den Wunsch schon wieder vergessen,
weil Fritz von Ringewald versprach: Morgen fhr' ich euch zum Onkel,
dort werdet ihr ein Stck unserer Bcherstadt sehen.

Das Wort machte Mathes und Peter sehr neugierig, denn eine Bcherstadt
konnten sie sich nicht gut vorstellen. Sie fragten Hulda spter, was es
bedeute, und Hulda, die lieber kochte und strickte als las, sagte ein
bichen von oben herab: Ach, da sind eben die Huser mit Bchern
vollgestopft wie mein Wschesack mit Flickwsche!

In ganz Breitenwert gab es eine Buchhandlung, auerdem hatte der Onkel
Adam nur noch Schulbcher zu verkaufen, und als die Sternbuben am
nchsten Morgen in die Bcherstadt wanderten, dachten sie sich die wie
den Breitenwerter Buchladen. Es gab aber nur Huser und wieder Huser zu
sehen. Vor vielen standen Wagen, auf die groe Pakete geladen wurden,
und die Buben waren schon ein bissel enttuscht, als Tante Eva in eins
der groen Huser eintrat. Eine Treppe ging's hinauf, oben gab es ein
paar Tren mit allerlei Aufschriften; an einer klopfte Onkel Fritz, und
als er sie ffnete, sahen die Buben drinnen ein paar Herren sitzen, die
eifrig schrieben. Der Onkel war noch nicht zu sprechen, aber einer der
Herren fhrte die Besucher durch allerlei Rume. Zimmer neben Zimmer,
und in allen lagen Bcher hochaufgestapelt bis zur Decke.

Wenn ihr das alles lesen mtet! sagte Tante Eva neckend.

Mathes und Peter erschraken, und sie waren froh, als ein Frulein kam
und meldete, Herr Buchner htte jetzt keine Zeit, er schickte aber eine
Karte mit, dort sollten sich die Knaben umschauen.

Dann sehen wir uns also noch nach mehr Bchern um, sagte Tante Eva.

Noch mehr Bcher!

Gab es denn die?

Onkel Fritz lachte ber die erstaunten Gesichter der Buben. Ja, ja, wir
gehen in ein Haus, das ist vollgestopft mit Bilderbchern.

Aber Onkel Fritz hatte etwas geflunkert. Das Haus war eigentlich eine
Strae, und wie in einer Strae liefen die Menschen drin hin und her,
hinaus, herein; es hatten's alle eilig. Ein Mann stand an einem breiten
Fenster und gab immer Pakete hinaus; drinnen waren Bcher, nur Bcher.
Groe Ballen Bcher wurden verladen und ausgeladen. Bcher waren in
Slen aufgestapelt, und wenn Tausende von Bchern auf zwei Beinen
dahergelaufen wren, die Sternbuben htten sich nicht mehr gewundert.

Es war doch anders als im Breitenwerter Buchladen!

Onkel Fritz sagte: Wenn ihr beide nun alles lernen mtet, was in den
Bchern steht!

Schon vor dem Lesen hatten die Buben Angst gekriegt, aber nun auch noch
lernen, was in den Bchern stand! Jemine, das wre schrecklich!

Mathes seufzte tief. Doch pltzlich fiel ihm etwas ein, und er rief:
Ich werd' mal Wirt vom Silbernen Stern, und Mutter sagt, da braucht man
net so arg lange lernen.

Peter schwieg. Die vielen Bcher machten einen gewaltigen Eindruck auf
ihn, er wurde sehr still, es war ihm ordentlich ein bichen feierlich
zumute, und als er wieder auf die Strae trat, sah er sich
ehrfurchtsvoll nach dem groen Haus um. Ein Stckchen weiter ging's, da
stand wieder so ein Riesengebude, und Onkel Fritz erklrte: Dort innen
werden die Bcher gedruckt.

Er ging auf das Haus zu, gab seines Onkels Karte ab, und ein Mann fhrte
sie alle miteinander in einen groen Saal. Nur hier knnten sie
hineinsehen, sagte er, aber fr die Sternbuben war das schon genug. In
dem Saal surrten und sausten groe Maschinen, die arbeiteten flinker als
hundert Hnde. Weies Papier kam hinein, gedruckte Bogen kamen heraus,
klipp klapp! Sto um Sto. Die Maschinen sahen wie lebendig aus. Sie
redeten ganz emsig, schienen immer zu sagen: Flink, flink, flink! Sputet
euch, sputet euch! Und die Arbeiter und Arbeiterinnen, die daran
standen, sputeten sich auch. Es war gar nicht zu unterscheiden, wer in
dem Saal zur Arbeit antrieb, die Maschinen oder die Menschen.

Und doch waren es die Menschen. Auf einmal durchzitterte ein schriller
Klang den groen Raum und klapp, klapp! da standen die Maschinen stille.
Sie riefen nicht mehr Flink! und Sputet euch! sie waren stumm
geworden. Aber die Menschen redeten miteinander, ein paar lachten, viele
liefen eilig davon. Es war Mittagspause, und auch Fritz und Eva traten
den Heimweg an. Unterwegs fhrten sie die Buben noch in einen groen
Buchladen. Gegen den wre nun freilich der Breitenwerter Buchladen fast
wie ein Zwerg erschienen, wenn er sich daneben gesetzt htte. Tante Eva
kaufte ein Buch, bunte Bilder hatte es, und zur Kurzweil fr der Buben
Heimreise sollte es sein. Whrend sie kaufte, konnten sich Mathes und
Peter recht umschauen. Mathes seufzte wieder, die vielen Bcher wurden
ihm langweilig, sie ngstigten ihn, aber Peter bekam Kulleraugen. Er
dachte, es mte behaglich sein, in so einem groen Buchladen zu sitzen
und jedem, der kam, ein wunderfeines Bchlein zu verkaufen. Tante Eva
mute ihn dreimal rufen, ehe er sich zum Hinausgehen entschlo, und kaum
war er drauen, da rief er: So ein Ldle will ich mal haben; das
gefllt mir.

Fritz von Ringewald, der kein Buchhndler hatte werden wollen, weil er
seine Geige zu sehr liebte, sagte doch: Dann wirst du etwas Tchtiges,
Peter. Halt dran fest! Auf meiner Wanderschaft bin ich weit
herumgekommen; so viele Buchlden wie in Deutschland habe ich kaum
irgendwo gefunden. Das hat mich immer stolz gemacht, weil ich daran
erkannte, da wir vorangehen in der Welt. Und ganz leise, nur Eva
konnte es hren, fgte er hinzu: Dem Onkel hab' ich manch bitteres,
trotziges Wort im stillen abgebeten. Doch nun heim, und heute nachmittag
--

Das Denkmal sehen, fiel Eva ein, sonst fahren sie ab und haben es
nicht gesehen.

Es war schon beinahe eine Reise hinaus zum Vlkerschlachtdenkmal, das
weit drauen im Osten der Stadt liegt. Unterwegs erzhlte Eva den Buben
von der gewaltigen Schlacht der Vlker, von dem groen Befreiungskampf
gegen Napoleon. Und die Buben verrenkten sich bald die Hlse, um das
riesengroe Denkmal ja bald zu sehen. Sie dachten, bis zum Himmel mte
es reichen, und als sie dann ausstiegen und vor dem groen Steinkolo
standen, schwiegen sie muckstill.

Die junge Tante, die diesmal allein mit ihren Schtzlingen
hinausgefahren war, wartete auf etliche Ah- und Ohrufe, und als die
nicht kamen, fragte sie: Nun, was sagt ihr, gefllt es euch?

Da guckten die wunderfitzigen kleinen Buben aus dem Breitenwerter
Lwengle das groe Steindenkmal von oben bis unten an und riefen
geringschtzig: Arg gro ist das aber net, unser Kirchturm ist hher!

Und dabei blieben sie. Eva erstieg mit ihnen die hohen Steintreppen,
lie sie das Denkmal von innen und auen beschauen, und die Bbles
nickten und freuten sich, aber weil das Denkmal nicht bis zum Himmel
reichte, fanden sie es doch nicht so gro wie den Turm der Breitenwerter
Stadtkirche. Es war auch ein Tag, an dem die Ferne im feinen Nebeldunst
verschleiert lag, und dieser graue Schleier ber der Stadt gefiel den
Buben noch weniger. Eva war ganz rgerlich. Sie hatte erwartet, die
Buben wrden vergehen vor Staunen, und nun taten sie, als wre so ein
gewaltiges Denkmal ein Pappenstiel.

Auf dem Heimweg -- es dmmerte noch, als sie am Hause ankamen, -- trafen
sie Annedore mit Herta und Irene. Mit den beiden waren Mathes und Peter
noch nicht wieder zusammengekommen, und die Mdel rchten sich fr
Nichtbeachtung, taten hochmtig, und Herta fragte, als Eva in das Haus
hineingegangen war: Nun, ihr staunt wohl immer noch Leipzig an! Wo ward
ihr denn?

Beim Denkmal waren sie, rief Annedore. Nicht wahr, das ist fein? So
schrecklich gro!

Noi, sagte Mathes geringschtzig, so arg gro ist das doch net!

Unser Kirchturm ist viel, viel hher. Peter sah in die Luft, als
erblicke er oben neben den Wolken des Kirchturms Spitze.

Dies war den beiden kleinen Leipzigerinnen aber doch zu arg. Was, diese
Kleinstadtbuben wollten nicht ihr groes, berhmtes Denkmal anerkennen?
Das war zu frech! Sie fingen an, wie zwei Rohrsptzlein zu schelten und
zu streiten, nannten die Buben dumm und eingebildet und wer wei noch
was.

Doch Mathes und Peter blieben die Antwort nicht schuldig. Sie riefen
manches Wort, das von ihrem Freunde, dem Hausknecht im Silbernen Stern,
stammte. Immer heftiger wurde das Streiten. Annedore bat und schalt, sie
sollten Frieden halten, aber vergebens. Die Buben zischten wie ein paar
Dampfkessel, die Mdel kreischten wie die schnen bunten Papageien im
Zoologischen Garten, und pltzlich rannten Mdel und Buben fuchswild
auseinander. Die Gartenfreundschaft war fr immer vorbei.

Annedore stand allein auf der stillen Strae. Sie weinte und dachte
grollend: Die Jungen waren zu grob. Nun geh' ich auch nicht auf den
Bahnhof, wenn sie abfahren.

Am bernchsten Tag aber stand Annedore dann doch an dem Zug, in den die
Sternbbles stiegen, um heimzufahren, und der Abschied wurde ihr
bitterschwer. Den Buben auch. Trotzdem taten sie, als wre
Abschiednehmen eine hchst vergngliche Sache. Onkel Fritz hatte nmlich
gesagt: Buben weinen nicht auf Bahnhfen. Und weil Mathes und Peter
nicht weinen wollten, lachten sie; sie grinsten ganz frchterlich und
seufzten schwer, denn die dummen Trnen saen ihnen schon in den Augen
und wollten rinnen.

Tante Eva war ein bichen ngstlich, das Alleinreisen gefiel ihr nicht.
Sie gab allerlei Ermahnungen, aber zwei Buben, die vierzehn Tage in
einer groen Stadt waren, knnen doch allein wer wei wohin fahren!
Mathes und Peter hatten das Gefhl, ungeheuer klug und welterfahren zu
sein; sie kletterten in das Abteil hinein, wieder heraus, wieder hinein,
wie zwei, die jeden Tag eine Reise tun. Doch nun ertnte ein schriller
Pfiff. Der Schaffner schrie: Einsteigen!

Die Tren wurden zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung.

In diesem Augenblick erschien den Buben der Abschied doch eine
schreckliche Sache zu sein, sie heulten laut, winkten mit den
Taschentchern, und Eva lief erschrocken am Zuge entlang. Fallt nicht
heraus, fallt nicht heraus! mahnte sie.

Mathes und Peter fielen nicht heraus, sie hrten auch auf zu weinen, und
weil es ihnen aus Kummer sehr unbehaglich ums Herz war, fingen sie an zu
schmausen. Hulda hatte gut vorgesorgt, sie hatte gedacht, mit dem Vorrat
knnen die beiden wohl bis nach Amerika reisen. Doch es langte gerade
bis nach Breitenwert. Mathes schluckte just das letzte Krmchen
hinunter, als die Heimatstadt vor den Blicken der beiden auftauchte.

Aller Abschiedschmerz war lngst vergessen, sie freuten sich beide auf
die Ankunft. Wer wohl alles am Bahnhof war, um sie einzuholen? Die
Mutter sicher und Gundel dazu. Vielleicht kamen aber auch die Freunde
aus der Lwengasse, Alette Amhag und die Grills. Ja, vielleicht selbst
Frau Tippelmann und Herr Hferlein! Vielleicht stand der ganze Bahnsteig
voll Menschen, die alle die Sternbuben begren wollten, denn sicher
wuten es in Breitenwert alle: Heute kommen sie!

Und der Silberne Stern war sicher mit einem Kranzgewinde geschmckt, und
Mina hatte Kuchen gebacken, und wer nicht auf dem Bahnhof war, schaute
zum Fenster hinaus; vielleicht riefen sie auch: Hurra, sie kommen!

Da hielt der Zug, der Schaffner rief: Breitenwert! Doch wenn eine Dame
die Buben nicht ermahnt htte: Jetzt mt ihr aussteigen, schnell, es
ist nur eine Minute Zeit, die beiden wren vor lauter Ankunftsfreude
sitzen geblieben.

Sie kamen aber noch zur rechten Zeit aus dem Wagen, der Zug fuhr weiter,
und Mathes und Peter sahen sich um.

Es war niemand da!

Es war berhaupt ziemlich still auf dem Bahnhof. Die paar Leute, die
angekommen waren, eilten fort, und schlielich entschlossen sich die
Buben auch durch die Sperre zu gehen. Der Beamte nahm ihre Karten und
sagte -- nichts. Er wunderte sich nicht ber ihre Heimkehr, es wunderte
sich berhaupt niemand auf dem Bahnhof darber. Fragend blickten die
Buben jeden an; niemand fragte nach dem Woher und Wohin. Zu einer Frau,
die manchmal in den Silbernen Stern kam, sagten die Buben: Guten Tag!
Da nickte sie, sah auf ihr Kfferlein und fragte so nebenhin: Ihr holt
wohl Fremde ab?

Ganz verdattert machten sich die Buben auf den Heimweg. Es war still im
Stdtchen, ganz sonderbar kam es den beiden vor. Sie trafen nur wenig
Menschen auf der Gasse, und von diesen wunderte sich auch niemand ber
ihre Heimkehr, niemand fiel vor Erstaunen um, niemand sah die
Weitgereisten ehrfrchtig an. Nun bogen sie in die Lwengasse ein. Es
dmmerte schon, und auf der ganzen Gasse ging nur Bckermeister Herings
Hund spazieren. Aus der Linde und Rose kamen nicht die Kamerdles
herausgestrzt, Herr Hferlein trat nicht vor seine Ladentr, Frau
Tippelmann sah nicht zum Fenster hinaus. Und da war der Silberne Stern.

Kein Kranzgewinde schmckte sein groes, rundes Tor, ganz still lag das
stattliche alte Haus da. Die Buben setzten ihr Kfferlein ab und sahen
sich um; kam denn wirklich niemand, sie zu begren? Sie wollten rufen,
aber sie brachten kein Wort hervor.

Denn pltzlich erfate sie beide eine furchtbare Angst. Vielleicht waren
alle aus Breitenwert weggezogen, gestorben oder sonst etwas. Sie lieen
ihren Koffer stehen, rasten durch den Flur, rissen die Kchentre aus
und schrieen: Wir sind da!

Alle guten Geister! Unsere Bbles!

Mathes! Peter!

Da waren die Mutter und Gundel, Mina, Kthle -- alle waren da. Von einer
Bank hopsten Trinle und Kasperle Grill und Alette Amhag herab, Frau
Tippelmann stand auch mitten in der Kche, und alle miteinander fragten:
Aber wo kommt ihr denn auf einmal her, warum habt ihr nicht
geschrieben?

Nicht geschrieben?

Mathes griff erschrocken in seine Tasche. Da knisterte ein Brieflein;
vor drei Tagen hatte er es in Leipzig in den Kasten stecken sollen. In
dem Brieflein aber stand: Wir kommen Montag!

Es flog ein Gnslein ber den Rhein und kam als Gickgack wieder heim,
sagte Frau Tippelmann.

Zum Kuckuck, welcher Esel hat denn da drauen seinen Koffer auf der
Gasse stehen lassen! brllte Friedrich pltzlich im Flur. Er steckte
den Kopf zur Tre hinein. Herr Baldan ist eben darber hingefallen. So
'ne Dummheit!

Da sah er die Buben, und pltzlich ging ihm ein Lichtlein auf. Ihr seid
's gewesen! rief er. Na ja, man merkt's, gescheiter seid ihr net
heimgekommen!

Die Buben hrten es und hrten es nicht, denn die Mutter hielt sie fest
umschlungen, und Gundel zerrte an ihnen herum, und beide sagten: Gott
sei Dank, da ihr wieder da seid, wir haben uns schrecklich gebangt!

Wir auch! riefen die Kamerdles alle.

Ich auch! sagten Mina und Kthle. --

Das Heimkommen ist eben doch eine schne Sache, selbst wenn es keinen
feierlichen Empfang gibt!




Anmerkungen zur Transkription


Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 20]:
   ... Tasche unde Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber ...
   ... Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber ...

   [S. 99]:
   ... Huldas Trnen floen aufs neue. Unter Trnen ...
   ... Huldas Trnen flossen aufs neue. Unter Trnen ...

   [S. 140]:
   ... Augen, und sie sagte taurig: Nun habe ich mich wieder ...
   ... Augen, und sie sagte traurig: Nun habe ich mich wieder ...

   [S. 196]:
   ... mein Grovater Schurzelpurzelwuppdiwupp. Bei ...
   ... mein Grovater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei ...






End of Project Gutenberg's Die Sternbuben in der Grostadt, by Josephine Siebe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STERNBUBEN IN DER GROSTADT ***

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